The Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland
by Johanna Schopenhauer

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.net


Title: Reise durch England und Schottland

Author: Johanna Schopenhauer

Release Date: January 24, 2004 [EBook #10823]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH ENGLAND UND SCHOTTLAND ***




Produced by Tina Grwe






Reise durch England und Schottland

Johanna Schopenhauer



ENGLAND

VORLUFIGE BEMERKUNGEN BER ENGLAND




Es ist eigentlich recht erfreulich, in diesem Lande zu reisen.
Die schnsten Landschaftsgemlden hnlichen Parks, die Grten,
die zweckmige Einrichtung der Huser, der raffinierte Luxus,
die Nettigkeit der Ordnung berall, die selbst in dem unbedeutendsten
Hausgerte sich zeigende Eleganz und Bequemlichkeit, machen
Einen frohen Eindruck auf den Besuchenden. Man wnscht sich alle
diese Dinge nicht, weil man ihrer nicht gewohnt ist, oft nicht
einmal ihren Gebrauch kennt; aber man bekommt ein Gefhl von heiterem
Lebensgenusse. Nur den Wunsch, sich der Kunstwerke recht zu erfreuen,
sie zu studieren, vielleicht etwas zu kopieren, mu man nicht
aufkommen lassen; denn seine Erfllung ist in diesem Lande mit
so vielen Schwierigkeiten umgeben, dass sie fast undenkbar wird.

Von den Schnheiten des Landes und der Wege, von den bequemen
Gasthfen, die man auch in den abgelegensten Gegenden findet und
in welchen man nur einen wohlgefllten Beutel braucht, um gleich
so gut und vielleicht besser als zu Hause zu sein, von der trefflichen
Einrichtung des Postwesens ist berall viel gesagt und geschrieben,
und dennoch nicht zu viel, um dieses in seiner Art vollkommenste
Ganze gehrig zu loben.

Fr jetzt wollen wir uns aber darauf beschrnken, eine allgemeine
Idee eines englischen groen Landhauses mit seinen Umgebungen
aufzustellen und alsdann versuchen zu beschreiben, was wir auf
einer Reise von London durch das nrdliche England nach Schottland
zu sehen Gelegenheit hatten.


Ein englischer Park ist von dem, was man sich in Deutschland unter
diesem Namen denkt, merklich verschieden. Er umfasst die das Wohnhaus
oder Schlo zunchst umgebenden, eigentlich zu demselben gehrigen
Lndereien und ist gewhnlich von ziemlichen Umfange. cker und Wiesen,
mit lebendigen  Hecken zierlich eingefasst, durchschnitten von
wohlgehaltenen Kieswegen zum Gehen und Fahren, liegen in seinem Bezirk,
sowie auch einzelne Wirtschaftsgebude von geflliger, aber doch
ihre Bestimmung andeutender Form. berall hat man nach malerischen
Effekten gestrebt, und die sanften Anhhen und Vertiefungen dieses
Landes erleichtern dieses Streben; aber immer ist das Ntzliche
mit dem Schnen vereint.

Der hchste Schmuck dieses Parks sind die ppige Vegetation der
wohlbestellten cker, die unvergleichlich schnen grnen Wiesen und
die prchtigen Bume, grtenteils Eichen und Buchen, welche berall
in Gruppen verteilt stehen. In England haben die Bume das Eigne,
da sie mehr als in anderen Lndern gleich von der Wurzel an ausschlagen
und kleinere Zweige treiben. Enge, durch dichte Schatten und Gebsche
sich hinschlngelnde Gnge findet man in keinem Parke; auch Gehlze
sind, wie berall in England, selten. Man knnte sagen, es fehle
Schatten, wenn nicht gerade in diesem Lande, wo bei sehr milder Luft
dennoch die Sonne selten recht hei und hell scheint, der Schatten
entbehrlicher wre als anderswo. Die Kioske, Tempel, Einsiedeleien
unserer Parks fehlen dort ebenfalls; alle diese zur Zierde dienenden
Gebude sind in die vom Park ganz verschiedenen, das Haus nher
umgebenden Anlagen, in die sogenannten Pleasure-Grounds verwiesen.
Nur in sehr groen Parks, wie die von Blenheim oder Stowe, steht
hier und da ein Obelisk, eine Pyramide oder ein Turm, um vom Schlo
aus eine Ansicht zu gewhren.


An Wasser darf es nie fehlen. Knstliche Wasserflle kennt man nicht
Und noch weniger Springbrunnen. Fliet aber ein kleiner Flu oder
nur ein betrchtlicher Bach in der Nhe einer solchen Besitzung,
so mu er, wenn auch mit groen Kosten herbeigefhrt, sich in
mannigfaltigen Krmmungen hindurchschlngeln. Fehlt es an lebendigem
Wasser, so sucht man wenigstens einem stehenden Kanale den Schein
davon zu leihen. Man gibt ihm eine leichte, natrliche Krmmung,
verdeckt Anfang und Ende mit berhngendem Gebsche, wirft schne
Brcken darber und tuscht so das Auge, oder man verwandelt die Ufer
eines Teichs in die unregelmigen Umgebungen eines kleinen Sees.
berall strebt man nach dem Schnen und flieht das Gesuchte, Steife,
Pretise.

Die Staffage vollendet diese lebendige Landschaft. Hunderte von
halbzahmen Hirschen und Rehen weiden beinahe ganz furchtlos auf
den grnsten Wiesen der Welt; mit ihnen die schnsten Pferde, Khe
und Ziegen, besonders in der Nhe des Hauses, wo sich die Wiesen
rings umher wie ein Teppich auf das herrlichste ausbreiten. Die schnen
Gestalten dieser Tiere, ihre leichten freien Bewegungen, ihr Wohlsein
geben dem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz.

Immer liegt das Wohnhaus auf einer sanften Anhhe, alle Bume sind
aus seiner nchsten Nhe verbannt, damit Licht, Luft und Sonne
kein Hindernis finden. Dennoch ist es nicht hei in den Zimmern,
teils weil es berhaupt in England nicht hei ist, teils wegen
der wenigen Fenster, die aber so verstndig angebracht sind,
da jeder Teil des Gebudes sein hinlngliches Licht hat.

Die uere Ansicht der englischen Landhuser ist aus unzhligen
Kupferstichen bekannt genug. Selten herrscht ein ganz reiner Geschmack
darin, oft sind sie mit Verzierungen berladen. Die Hauptfassade ist
gewhnlich mit Sulen geziert. Sind gleich die Verhltnisse derselben
nicht immer die richtigsten, scheinen sie oft mig dazustehen, so
gewhren sie doch immer ein angenehmes, schattiges Pltzchen vor
dem Hause, von welchem man recht behaglich ins Freie ber den grnen
Wiesenplan hinaussieht. Unter und vor diesen Sulen stehen unzhlbare
fremde Gestruche und Blumen in Vasen, teils auf schnen Gestellen
bereinander getrmt, teils auf den Stufen des Eingang und den Gelndern
zierlich geordnet. Der Luxus, den man mit diesen Pflanzen treibt,
ist unglaublich. Tglich mssen die verblhten hinweggeschafft und
andere an ihre Stelle gesetzt werden.

Hchst reizend ist der Anblick dieser Shrubberies. Florens Schtze
werden aus allen Lndern der Welt hierher gezaubert. Doch auch ber
diese schnsten Kinder der Natur herrscht in England das eiserne Zepter
der Mode. In der Zeit, aus welcher diese Beschreibung stammt, hatte
sie gerade die Eriken oder Heidekruter ihrer besonderen Huld gewrdigt.
Man gab wohl fnfzig und mehr Guineen fr so ein geruch-, oft
farbenloses Kraut hin, wenn es nur aus einem recht entfernten Winkel
der Erde herstammte. Groe Orangerien sind in England, auer in den
kniglichen Grten, selten anzutreffen.

Die innere Einrichtung der Huser richtet sich hier, wie berall,
nach dem Reichtum und Geschmacke des Erbauers, des Bewohners und des
Zeitalters, in welchem sie entstand. Die meisten haben groe,
vollkommen erleuchtete und hohe Souterrains, in welchen sich die Kche,
die Gewlbe zur Bewahrung der Vorrte nebst den Bedientenzimmern befinden.
Letztere sind durchaus gut mbliert, ja die der Haushlterin und des
Haushofmeisters (in England Butler genannt) sogar elegant, hbsch
tapeziert, mit Mahagonimbeln und guten Futeppichen. Auch bei den
Bedienten wird die englische Sitte beobachtet, da sie auer ihren
Schlafzimmern noch Wohnzimmer und Speisezimmer haben.

Aus dem Garten tritt man gewhnlich zuerst in eine groe, hohe,
fters von oben beleuchtete Halle, die mit Gemlden oder Statuen,
Basreliefs oder Vasen geziert ist. Zu beiden Seiten liegen die
verschiedenen Putz- und Wohnzimmer; ein langes Zimmer enthlt die
Bibliothek, deren schne Schrnke und zierliche Einbnde sie zu
einem der elegantesten Zimmer des Schlosses machen. In vielen Husern
ist es Sitte, da die Familie sich zum Frhstck darin versammelt.
Sonst gibt es noch Frhstckszimmer, Arbeitszimmer, Musikzimmer,
Gesellschaftszimmer, (Drawingrooms), Wohnzimmer (Parlours),
Speisezimmer, Spielzimmer in Menge, doch selten von ausgezeichneter
Gre. berall einfache Pracht, Fubden, Treppen und Vorpltze
mit schnen Teppichen belegt.

In vielen Husern wechselt man im Sommer die warmen Winterteppiche
mit khlen, von gemalter Wachsleinwand, welche von betrchtlicher
Dicke eigens dazu fabriziert wird. Mahagoniholz sieht man meistens
nur an Treppengelndern, groen Etischen, Bettstellen; die Mbel
in den herrschaftlichen Zimmern sind von fremden kstlicheren oder
kunstreich lackierten Hlzern.

Man findet es brgerlich, unmodisch, lcherlich, die Mbel an den
Wnden hinzustellen, wie es in Deutschland gebruchlich ist; in den
Wohn- und Gesellschaftszimmern stehen alle in einem groen Kreis
umher, so da noch ein betrchtlicher Raum zum Spazieren zwischen
den Sthlen, Sofas, Tischen und den Wnden brig bleibt. Die
Schreibtische sowohl als die Pianofortes sind immer mitten im Zimmer,
wo eben das Licht am gnstigsten fllt und man nicht von der Hitze
nahe am Kamin oder vom Zug nahe am Fenster leidet. Noch mssen wir
der Kamine gedenken, die, knstlich in Marmor gearbeitet oder mit
brillantiertem Stahl geschmckt, eine der grten Zierden der Zimmer
ausmachen. Schne Vasen und prchtige Kandelaber prangen auf ihren
Gesimsen. Der zweite Stock enthlt die Schlafzimmer, welche indessen
den Fremden nur selten gezeigt werden. Diese, besonders die der
Damen, sind ein Heiligtum, in welches kein sterbliches Auge dringen
darf. Oft hrten wir Englnderinnen mit wahrem Grausen von der Sitte
der Franzsinnen sprechen, welche gerade ihre Schlafzimmer zum
Besuchszimmer vorzugsweise erwhlen.

So viel von der inneren Einrichtung der englischen Villen im allgemeinen.
Kehren wir jetzt zurck zu den nchsten ueren Umgebungen derselben.

Die Obst- und Gemsegrten, die Treibhuser liegen mit allen zur
inneren konomie gehrigen Gebuden ganz nahe am herrschaftlichen
Hause, werden aber durch mancherlei Vorkehrungen dem Auge entzogen.
Diese Bezirke sind es, was der Englnder eigentlich Grten (Gardens)
nennt. Der zur Fupromenade bestimmte Teil der Besitzung heit
Pleasure-Ground und liegt ganz nahe am Hause. Hier trifft man
hnlichkeit mit den deutschen Parks: Gnge, die sich bald durch
dichte Schatten, bald mehr im Freien hinschlngeln, Tempel, Sulen,
Denkmler, Ruhepltze und den ganzen architektonischen Reichtum
der neueren Gartenkunst. Alle Gebude sind von Stein, alle Gelnder
und Tren von schnem eisernen Gitterwerk. Hier blhen und grnen
die vielen einheimischen Gestruche, Bume und Blumen neben den
aus fremden Lndern herbergebrachten, die stark genug sind,
den Winter im Freien zu ertragen.

Viele Pflanzen, die wir in Deutschland sorgfltig vor der Klte
schtzen mssen, halten den durch Seeluft gemilderten englischen
Winter aus, zum Beispiel der Laurus Tinus, da Heliotropium und der
Jasmin (Jasminum officinale). Die beiden letzteren haben wir oft in
einer Hhe von sechs bis acht Fu sich an den Mauern hinziehen sehen.

Obstbume aller art werden aus diesen Anlagen verbannt. Die verstndige
Weise, mit welcher alle Bume mit Hinsicht auf Hhe, Wuchs und die
dunklere oder hellere Farbe ihres Laubes geordnet sind, gibt dem
Ganzen einen Zauber, den man fhlt, ohne sich ihn gleich erklren
zu knnen. Alles ist zur schnsten befriedigenden Einheit gebracht.
Das Auge wird sogar in Hinsicht der Entfernung eines Gegenstandes
oft getuscht. Die englischen Grtner sind wahre Landschaftsmaler
im Groen, ja wir mchten sie fast fr die einzigen eigentlichen
Knstler der Nation erklren. Jeden Vorteil, den Optik und die Regeln
der Perspektive ihnen darbieten,  wissen sie gar gut zu benutzen,
ohne doch ins Kleinliche zu fallen. Mit den Nadelhlzern aller Art,
den verschiedenen, uns zum Teil in Deutschland unbekannten,
immergrnen Stauden und Struchern, deren einige sogar bisweilen
im Dezember blhen, werden sehr schne Effekte hervorgebracht.
Gewhnlich sieht man davon in der Nhe des Hauses eine Art Wintergarten
an einem sonnigen Platz angelegt, in welchem man sich bei winterlichem
Sonnenschein ergehen und, von allen Seiten durch das Grn getuscht,
in den Frhling hineintrumen kann. Solche Anstalten sind auf jener Insel
notwendiger als bei uns: denn derselbe wunderliche Geist,
der die Einwohner dieses Landes die nacht zum Tage umzuschaffen bewog,
verwirrte auch den Lauf der Jahreszeiten. Der Winter herrscht in Hinsicht
auf Kleidung und Vergngen bis ber die Mitte des Junius hinaus.
Dann fngt der Frhling erst an, und so mu der Sommer und mit ihm
der Aufenthalt auf dem Lande, welcher in der Regel erst im August
und noch spter beginnt, bis nach Weihnachten verlngert werden,
damit jedem neben dem Unrecht auch sein Recht geschehe.

Der Haupteingang zum Park, ein oft sehr prchtiges Tor, hat zu beiden
Seiten zwei kleine Gebude, die Wohnung des Trhters und seiner
Familie, bei welchem sich jeder Einlabegehrende vermittelst einer
Glocke meldet. Dieses Tor mit seinen Gebuden, the Lodge genannt,
ist eine Hauptzierde des Parks. Die beiden Pavillons sind bald im
gotischen Geschmacke, bald im gyptischen; sie stellen Trme,
griechische Tempel oder auch nur artige, moderne Gartenhuschen vor,
je nachdem der Geschmack des Erbauers war. Immer hat der Trhter
eine freundliche, artige Wohnung darin, mit Kche und Keller und
allem, wessen er bedarf, wohl versehen, und manche angesehene Familie
in Deutschland wrde zufrieden sein, einen solchen Sommeraufenthalt
zu besitzen.



Woburn-Abbey


[Funote: Johanna trat die Reise nach lngerem Aufenthalt in London
mit ihrem Gatten am 30. Juni oder 31. Juli 1803 an]

Dieser Landsitz, der erste, welchen wir besuchten, ist das Eigentum
des Herzogs von Bedford, des reichsten Particuliers und zugleich des
grten konomen in England. Sein Bruder, der konomie mit noch
grerem Eifer ergeben, starb vor wenigen Jahren, sechsunddreiig
Jahre alt, und hinterlie dem jetzigen Besitzer, welcher sich dem
geistlichen Stande gewidmet hatte, das groe Vermgen.

Woburn liegt eine Tagesreise von London entfernt. Das erste, was man
uns hier zeigt, waren natrlicherweise die Wirtschaftsgebude, vor
allem die Viehstlle: denn der Herzog, wie seine Vorgnger, beschftigt
sich hauptschlich mit diesem Zweige der Landwirtschaft. Auch machen
die vierbeinigen Eleven aller Art ihrem Erzieher Freude und Ehre.
Sie tragen bei den in England gewhnlichen Preisbewerbungen in Hinsicht
der Gre, Schnheit und des Gedeihens gewhnlich ber alle anderen
Mitbewerber den Preis davon. Dafr wird auch alles getan, um ihr
Andenken nach ihrem leider fast immer gewaltsamen Tode zu verewigen.
Im Schlo wimmelt es von gemalten oder in Stein gehauenen hnlichen
Bildnissen der wohlgeratensten unter ihnen. Viele davon sind sogar in
Kupfer gestochen, und ihr Portrt prangt in den Londoner Kupferstichlden
neben anderen berhmten Portrts von groen Gelehrten oder Ministern.

So wenig wir auch vom Landhaus verstehen mochten, so war es uns doch
unmglich, die Ordnung berall und die zweckmigen Einrichtungen
ohne Vergngen und Bewunderung zu sehen. Man zeigte uns viele in
diesem Lande der Industrie erfundenen Maschinen, um die lndliche
Arbeit zu vereinfachen, zu erleichtern und eintrglicher zu machen.
Zum Beispiel eine Dreschmaschine; eine andere um das Getreide
abzuschlen, damit kein Mehl in den Kleien verlorengehe; noch eine,
womit man in der Mhle vier Sorten Mehl mit einem Mal durchbeutelt,
und noch manches andere von dieser Art.

In den Viehstllen herrscht eine unglaubliche Reinlichkeit, besonders
da, wo wir sie am wenigstens vermuten konnten, im Schweinestalle.
Die Bewohner dieses Orts hatten aber auch ein so gesegnetes Gedeihen,
waren so gro und von der Last ihres Fettes so niedergedrckt, da sie
uns vllig lebensmde erschienen. Noch zeigte man uns verschiedene
ihrer Schnheit wegen berhmte Stiere und einige indianische Khe.
Letztere haben einen geraderen Rcken und einen kleineren Kopf, brigens
sehen sie wie andere Khe aus.

Der Park mit seinen herrlichen Wiesen und den ehrwrdigen Bumen ist
von pittoresker Schnheit. Herden zahmer Hirsche und Rehe grasten darin
umher, zu achtzig Stck und mehrere zusammen, mitten unter ihnen die
schnsten, grten Schafe, einige asiatische mit dicken Fettschwnzen.
Die furchtlose Ruhe dieser Tiere von so verschiedenen Gattungen
erfreute uns jedes Mal, so oft wir den lieblichen Anblick auch sahen;
sie fhrte ein Bild der schnen goldenen Zeit vor die Seele.

Das an sich groe Schlo zeichnet sich vor andren weder durch besondere
Pracht noch groe Schnheit aus. Es ist zu neu, um ehrwrdig, zu alt,
um elegant zu erscheinen. Nur montags steht es Fremden offen; fr uns
traf es sich diesmal sehr glcklich. Wir durchliefen eine Menge Zimmer
voll Gemlden, grtenteils Portrts. Sechs groe wunderschne
van Dycks, ganze Gestalten in Lebensgre, fielen uns besonders auf.
Dann auch das Portrt des unglcklichen Grafen Essex, ebenfalls in
Lebensgre. Er hatte eine schlaue, hchst bedeutende Physiognomie
und einen ganz roten Bart. Ihm gegenber hngt das Portrt der Knigin
Elisabeth, im geschmacklosesten, bertriebensten Putz, ohne allen
weiblichen Reiz. Der historischen Gemlde und Landschaften, grtenteils
aus der niederlndischen Schule, sind eine groe Anzahl, und darunter
gewi Stcke von hohem Werte. Auch eine sehr elegante Bibliothek
befindet sich im Schlosse.

Das Orangeriehaus ist einfach prchtig. Acht groe Marmorsulen tragen
in der Mitte desselben eine von oben erleuchtete Kuppel und umgeben
eine groe, mit Basreliefs geschmckte antike Marmorvase, ber die man
ein ganzes Buch schreiben knnte und an der wir flchtig vorbereilen
muten.

Zu beiden Seiten der Orangerie ist eine oben bedeckte Promenade
angebracht: sie bildet einen halben Kreis und dient zum Spazierengehen
bei schlechtem Wetter und im Winter. Geiblatt, Rosen, echter Jasmin,
Heliotrop und viele andere hnliche Gewchse umranken die Pfeiler und
die auf ihnen ruhenden Bogen, welche die Bedachung tragen; unzhlige
seltene und schne Blumen und Gewchse stehen in Vasen, der Promenade
entlang.

Ganz in der Nhe ist das Reithaus, ein anderes Haus zum Ballschlagen
und eine Art von Pracht-Milchkammer, mit Fenstern von gemaltem Glase.
Alle zur Milcherei gehrigen Gefe sind darin von seltenem japanischen
und chinesischen Porzellan--Die eigentlichen Spaziergnge fanden wir,
im Vergleich mit den brigen, weder gro noch prchtig, aber
geschmackvoll angelegt.



Stowe's Garden

Landsitz des Marquis von Buckingham


Diese Grten werden mit Recht fr die schnsten und prchtigsten in
England gehalten und liegen in nicht gar groer Entfernung von Woburn.
Wir erreichten sie noch denselben Abend, nachdem wir nachmittags
Woburn verlassen hatten, und fanden in dem dicht daneben liegenden
Gasthofe sehr gute Bedienung.

Stowe's Garden enthlt einen Reichtum von Tempeln, Obelisken, Sulen,
Pavillons aller Art. In jedem beschrnkteren Platze ist freilich
weise Sparsamkeit mit solchen Verzierungen nicht genug zu empfehlen;
aber hier in diesem groen Raume fllt die Anzahl der Gebude nur auf,
weil man jedesmal die glckliche Wahl bewundern mu, mit der sie
angebracht sind, und zugleich den Reichtum, der die Mittel darbot,
auf eine so kostbare Weise eines der natrlich schnsten Pltzchen
der Erde noch zu verschnern. Unmglich ist's, diese Grten durch bloe
Worte darzustellen, man mu sie gesehen haben, um sie sich denken
zu knnen. Sie bilden die schnste, lieblichste Landschaft, die nur
eine Dichter-Phantasie erfinden konnte. Auch wandelt man hier auf
klassischem Boden. Lord Cobham, dem sie hauptschlich ihre Verschnerung
verdanken, lebte hier in der glnzendsten Zeit der englischen Literatur.
Die besten Kpfe Britanniens waren seine Freunde und teilten in diesem
reizenden Aufenthalte frohe Tage mit ihm.

Auch ist alles getan worden, um hier das Andenken jenes seltenen Vereins
zu erhalten. In einem der Freundschaft gewidmeten Tempel stehen
Cobhams und seiner Freunde Bsten in Marmor, eine Art halboffener
Rotunde enthlt die Bsten merkwrdiger Menschen, die zu verschiedenen
Zeiten sich um das Vaterland verdient gemacht haben. Knig Alfred,
Knigin Elisabeth, Pope, Newton, Franz Drake und mehrere andere,
durch Jahrhunderte voneinander getrennt, sieht man hier, wo nur das
allen gemeinsame Streben gilt, in geschwisterlichem Vereine.

Eine hohe Sule, welche Lord Cobham zu erbauen anfing, ist von seinem
Nachfolger Lord Temple vollendet und seinem Andenken gewidmet. Sie ist
inwendig hohl und enthlt eine hundertsiebzig Stufen hohe Wendeltreppe.
Man geniet oben einer vortrefflichen Aussicht nach Oxford zu.
Eine andere Sule steht hier zum Andenken des General Wolf; eine
kleinere, mit einem Globus verziert, zu Ehren des Weltumseglers
Kapitn Cook.

Noch mssen wir eines gotischen Tempels gedenken, mit Fenstern von
gefrbtem Glase, durch welche die Gegend umher sich wunderbar ausnimmt.
Diese Anlagen sind reich an schnen alten Bumen, besonders Eichen und
Zypressen; ein ungeheuer groer Taxusbaum zeichnet sich besonders aus.
Schattige Gnge ziehen sich um einen kleinen See. Einige natrliche
Wasserflle, schne malerische Brcken, alles ist hier vereint, was
einen solchen Platz nur zu verschnern vermag.

Das Haus besteht aus einem zwei Stock hohen Hauptgebude und zwei
Flgeln von einem Stock. Unter einer von Marmorsulen getragenen,
weit vorspringenden Attika blhen die seltensten Pflanzen in Blumentpfen.
Von hier tritt man in die prchtige, durch eine Kuppel von oben
erleuchtete Halle. Am Friese ist ein rmischer Triumphzug in Marmor
abgebildet. Marmorsulen zieren ringsumher diese Halle; zwischen ihnen
stehen marmorne Statuen.

Aus der Halle tritt man in einen kleineren, mit antiken Bsten verzierten
Saal, in dessen Mitte ein schner Apoll aufgestellt ist. Diese Statue
sowohl als der grte Teil der in der Halle befindlichen, sind Antiken.

Die nicht ganz modern dekorierten Zimmer enthalten einen Reichtum
an Gemlden, meist Niederlndern, namentlich Rembrandts, unter anderem
das eigene Portrt dieses Meisters, dessen Arbeiten in England besonders
hochgeschtzt werden. Ein Kabinett voller Portrts, grtenteils aus
dem merkwrdigen Kreise, den Lord Cobham hier um sich versammelte,
ist sehr sehenswert. Hier findet man Pope, Swift, Steele, Addison,
der ein hchst gutmtiges Gesicht hat, und viele andere; auch ein
Originalportrt der unglcklichen Maria Stuart. Sie ist in wunderlicher
Kleidung mit einem sehr hohen Halskragen dargestellt und erscheint
weit weniger schn, als man sie sich zu denken gewohnt ist; doch mag
auch wohl die nicht auerordentliche Kunst des Malers daran schuld sein.

Lady Buckingham und ihre Tochter beschftigen sich auch mit der Malerei.
Die Mutter malt in l, die Tochter Pastell; sie haben ein ganzes Zimmer
mit ihren Arbeiten dekoriert, von denen sich brigens nichts weiter
sagen lt, als da es von solchen Damen doch lobenswert ist, wenn
sie ihre Zeit auf diese Weise hinzubringen suchen.

Wir fuhren denselben Abend, an welchem wir uns in Stowe umgesehen
hatten, nach Woodstock, einem Stdtchen, das auf vielfache Weise bekannt
ist. Das prchtige Schlo Blenheim, welches die Knigin Anna ihrem
Lieblinge, dem Herzog von Marlborough [Funote: John Churchill
(1650-1722), Staatsmann und Feldherr, gewann vor allem durch den Einflu
seiner Frau Sarah auf die Knigin Anna, die letzte Herrscherin aus dem
Hause Stuart (1702-14), hchste politische Macht.], zum Dank fr seine
erfochtenen Siege schenkte und nach einem der glnzendsten benannte,
liegt ganz nahe daran. Auch werden hier die vorzglichsten, in ganz
England beliebten Stahlarbeiten nicht fabrikmig, sondern von einzelnen
Arbeitern in ihren Husern verfertigt. Wir besuchten einen der
geschicktesten, um einiges von ihm zu kaufen. Wie ein Maler, der sein
Lieblingsbild mit Gold weggeben mu, so betrachtete der gute Alte seine
besten Scheren und Messer mit wahrem Knstlerschmerz, ehe er sie uns
bergab und ermahnte uns noch beim Schneiden, sie ja gut zu bewahren und
zweimal des Tages mit Wolle abzureiben: denn ihm schienen sie das
Wichtigste, was uns beschftigen knnte.

In historischer Hinsicht ist Woodstock besonders merkwrdig. Auf einer
Wiese, die jetzt zum Park von Blenheim gezogen ist, stand einst ein
Landhaus, in welchem die Knigin Elisabeth in ihrer Jugend erzogen, ja
gleichsam gefangen gehalten ward. Sie konnte damals nicht hoffen, da
ihre Ansprche an die Krone von England einst geltend werden wrden;
und eben diese Ansprche, die sie gewi oft in jenen Zeiten bitter
beweinte, waren es, die ihr Freiheit, Umgang mit Menschen und jede
Jugendfreude raubten. Hier erwarb sie sich alle die Kenntnisse, die
Festigkeit, Klugheit, welche sie spterhin zur weisen, glcklichen
Regentin machten. Wie war es aber mglich, da diese frhere Erfahrung
des Unglcks, diese Einsamkeit, diese Bekanntschaft mit allen Guten
und Groen, was weise Mnner vor ihrer Zeit dachten und schrieben,
sie nur klug, nicht auch gut machten? Sie, die einst auch gefangen
war, wie konnte sie ihre unglckliche Schwester Leiden fhlen lassen,
welche sie selbst nur zu gut aus Erfahrung kannte und sie zuletzt
dem frchterlichen Tode auf dem Blutgerst weihen! Die Nachwelt ist
gerecht. Jeder Englnder spricht noch jetzt von Elisabeth, dem Weibe,
und der Name der unglcklichen Maria wird noch berall mit Liebe und
Mitleid genannt. Die Fehler der Stuart sind vergessen, aber ihr Unglck
und ihre Liebenswrdigkeit lebt noch in allen Herzen.



Blenheim


Als wir uns in Woodstock morgens frh anschickten, nach unserer
Gewohnheit vor's erste den Park zu durchwandern, sahen wir mit
Erstaunen, da ein himmelhoher Phaeton [Funote: leichter, eleganter
Wagen], mit zweien ziemlich unbndig scheinenden Schimmeln bespannt,
unser vor der Tr des Gasthofes harrte. Die Wirtin versicherte uns
mit der in solchen Fllen gebruchlichen Eloquenz, es wre geradezu
unmglich den Park zu Fue zu sehen. Wir fgten uns also
ihrer Einrichtung, bestiegen das so gefhrlich aussehende Fuhrwerk
und hatten alle Ursache, mit diesem Entschlusse zufrieden zu sein.
Der Park ist so gro, da kaum anderthalb Stunden zu der Fahrt
hinreichten. Die Schimmel waren weniger unbndig, als sie zuerst
schienen, und die groe Hhe des jetzt aus der Mode gekommenen
ganz unbedeckten Fuhrwerks erleichterte gar sehr das Umsehen
nach allen Seiten und den Genu der verschiedenen sich darbietenden
Aussichten.

brigens wird Blenheim auf eine noch umstndlichere und dadurch auch
kostspieligere Weise gezeigt, als es bei anderen Landsitzen gebruchlich
ist. Der Geist der stolzen Frau ihrer Zeit, der Lady Sarah, Marlboroughs
Gemahlin, scheint noch jetzt auf die in ihrem ehemaligen Wohnsitze
bliche Etikette Einflu zu haben.

Ein groes, prchtiges Tor mit zwei Nebengebuden, die Wohnung des
Trwrters, dient dem Park zum Haupteingange; eine Inschrift auf einer
darber angebrachten Marmorplatte belehrte uns, da Lady Sarah diese
Art von Triumphbogen ihrem verstorbenen Gemahl zu Ehren erbaute. Der
Trhter empfing uns mit einer wahrscheinlich fr diesen Zweck ein
fr allemal auswendig gelernten Anrede, ging ganz ernsthaft etwa
fnfzig Schritte neben dem Wagen her, dann lie er ihn halten.
"Dies ist die erste Aussicht", rief er uns zu; "da drben sehen Sie
ein Wasser mit einer schnen geraden Brcke; daneben rechts steht
ein hoher Obelisk, des Herzogs taten, die Schlachten, die er schlug
und gewann, sind daran zu lesen; seine Statue steht auf der Spitze
des Obelisks und ist zehn Fu hoch, so klein sie auch von hier aus
erscheint." So ging es eine feine Weile; uns ward langweilig zu Mute:
denn alles, was wir spter in der Nhe sehen sollten, ward hier von
weitem gezeigt, ohne da man uns Zeit gelassen htte, der wirklich
mannigfaltigen und lieblichen Aussicht uns zu erfreuen. Dennoch war
es unmglich, dem Strome dieser eingebten Rede Einhalt zu tun.

Endlich waren wir an dem Orte, wo der lstige Redner, nach der
hergebrachten Regel dieses Hauses, von uns scheiden mute. Er bergab
uns einem Frster, der uns zu Pferde begleitet, legte uns noch zum
Beschlu, trotz der herzglichen Livree, die er trug, den endlichen
Zweck aller seiner Redekunst, besonders an's Herz und schied, nachdem
er ihn erreicht hatte. Sein Nachfolger war zum Glck weniger beredt;
bescheidentlich ritt er neben uns her und sprach nur, wo es notwendig war.

Der Park ist einer der schnsten in England. Sanfte Anhhen, liebliche
Tler in freundlicher Abwechslung, bedeckt mit dem schnsten Grase,
werden von vielen hundert Rehen und Damhirschen belebt. Mehrere
schne steinerne Brcken fhren ber einen Kanal, welchem man sehr
tuschend das Ansehen eines sanft sich hinwindenden Stroms zu geben
wute. Einige zerstreut liegende Tempel und andere Gebude, der Obelisk
mit der Statue des groen Marlborough und unzhlige alte herrliche Bume
gaben ihm einen unbeschreiblichen Reiz. berall sind mannigfaltige
Aussichten auf das Schlo, das Wasser, die Brcken, die Gebude mit
Auswahl und bescheiden sich verhllter Kunst veranlat. Nachdem wir
alles gehrig bewundert und uns auch mit dem Frster abgefunden hatten,
bergab uns dieser dem Grtner, welcher uns in den das Schlo in der
Nhe umgebenden, zum Spazierengehen bestimmten Anlagen herumfhrte.
Auch diese sind sehr reizend und lieblich, aber bei weitem nicht so
prchtig als die von Stowe. Ihre zierliche Einfachheit mu zwar gefallen,
doch dnkte uns, sie wrde sich besser zu jenem kleineren, in
prunkloserem Stil erbauten Schlosse schicken, und dagegen die mit so
viel Reichtum ausgestatteten Grten von Stowe zum Prachtpalaste von
Blenheim. Eine wasserreiche, immer laufende Kaskade, ein lieblicher
Weg um einen kleinen See herum und viele vorzglich groe, schne
Bume bilden hier die schnsten Partien.

Als wir des nachmittags hingingen, das Schloss zu sehen, wurden wir
am Eingange des zweiten Hofes von einer alten Frau empfangen, die wir
anfangs fr die Haushlterin hielten, welche uns, wie das in England
gebruchlich ist, die Zimmer zeigen sollte. Sie machte, wie alle
Englnderinnen der unteren Klasse, einen kleinen wunderlichen Knicks
bei jedem Worte, das wir zu ihr sprachen, und fhrte uns mit groer
Redseligkeit bis an das Schlo. Hier nahm sie wieder mit unzhligen
Knicksen Abschied und belehrte uns, ihr Amt wre, die hohen Herrschaften
(the Quality nannte sie es) mit gebhrendem Respekt zu empfangen und
dahin zu sehen, da sie, wie es sich gehre, ber den Hof begleitet
wrden. Wir gaben ihr lachen ein paar Schilling und das Zeugnis,
da sie ihrem Amte trefflich vorstehe, und so schieden wir mit
wechselseitiger Zufriedenheit voneinander.

Das Schlo ist ein durch seine Gre imponierendes Gebude; brigens
schwer, bunt, kraus, mit einer Unzahl von Sulen, Vasen, Treppen,
Gelndern und Trmen verziert oder verunziert.

Die groe Halle, in welche man zuerst im Schlosse tritt, ist sehr hoch,
sehr gro und, wie die in Stowe, ebenfalls von oben erleuchtet. Sie
hat einen schn gemalten Plafond, den marmorne Sulen untersttzen,
schne, zum Teil antike Statuen stehen ringsumher. Die brigen Zimmer
sind von altmodischer Pracht, alles solid und kstlich, wie man es
an diesem Orte erwarten mu. Franzsische Hautelisse-Tapeten schmcken
mehrere Sle, alle stellen des groen Herzogs Siege vor, sind aber
leider sehr verblichen.

Die Gemldesammlung ist sehr gro; eine Magdalena von Tizian und eine
heilige Familie von Leonardo da Vinci, zwei Marattis, Bettelbuben
vorstellend, einige Portrts von van Dyck sind uns bei dem schnellen
Durchfliegen noch einigermaen im Gedchtnisse geblieben; Raffaele
zeigte man uns wenigstens ein halb Dutzend, von denen dieser groe Meister
selbst wahrscheinlich nie einen sah. Treffliche Niederlnder sind hier,
verschiedene Gemlde von Rubens, Bauernstuben voll Leben und Wahrheit
von Ostade, Steen und anderen. Gewaltsam muten wir uns von diesen,
in engen Banden gehaltenen Schtzen wegwenden. Ein groes Gemlde von
Sir Joshua Reynolds, den jetzigen Herzog und seine Familie vorstellend,
hngt auch hier; aber die Nachbarschaft sowohl als das Kostm tut
ihm Schaden.

Noch ein groer, hoher, von oben erleuchteter Saal, von la Guerre
mit vieler Wahrheit gemalt, dnkt uns des Erwhnens wert. Der Plafond
stellt den Herzog vor, wie Zeit und Friede ihn in seinem Triumphwagen
aufhalten. Die Wnde sind wie eine offene Halle gemalt; rundum luft
ein Gelnder, hinter welchem alle europischen Nationen mit
charakteristischer Physiognomie und Kleidung in verschiedenen Stellungen
stehen. Die Figuren, etwas ber Lebensgre, brigens von tuschender
Wahrheit, ragen halb ber das Gelnder vor.

Die Bibliothek, ein sehr langes schmales Zimmer, soll an siebzigtausend
Bnde enthalten. Am Ende derselben steht die marmorne Statue der
Knigin Anna in vlliger Staatstracht; mit dem Knigsmantel, dem langen,
ber einen oben schmalen, unten breiten Reifrock gespannten Kleide,
dem hohen Halskragen und der Krone auf dem Haupte, sieht sie wie eine
groe Weihnachtspuppe aus; Spitzen und Stickereien aber sind mit
bewundernswrdigem Fleie in den harten Stein gearbeitet. Auch in
der Bibliothek hngen viele Portrts; der groe Herzog und seine Sarah
sind hier abgebildet; sie hlt die herzogliche Krone recht fest und
schaut keck und bermtig in die Welt hinein.

In der Schlokapelle zeigte man uns das groe Grabmal, welches Lady Sarah
sich, ihrem Gemahl und ihren zwei Kindern noch bei Lebzeiten setzen lie.
Die Familie ist in Lebensgre darauf zu sehen, nebst einem ansehnlichen
Gefolge von Tugenden und Genien. Es ward in London gefertigt und sehr teuer
bezahlt; das ist alles, was wir davon zu sagen wissen; weder der Gedanke
noch die Ausfhrung zog uns an.

Des flchtigen Sehens berdrssig, ermdet von dem Stehen und Gehen
in den vielen groen Zimmern, eilten wir in unseren Gasthof zurck
und entsagten einer Sammlung von altem echten japanischen und
chinesischen Porzellan, die man uns als etwas sehr Merkwrdiges zu zeigen
sich erbot.



Birmingham und Soho


Wir reisten jetzt auf Birmingham [Funote: heute einer der grten
Industriestdte der Welt mit ber 1 Million Einwohnern, hatte zur Zeit
Johannas etwa 75 000] zu. Die Gegend verschnte sich mit
jeder Meile, Berge wechselten mit lachenden Tlern. Wir muten
zuweilen die Rder einhemmen, weil der Weg zu steil bergab fhrte.
Die Aussichten von der Hhe sind sehr reizend. In Birmingham selbst
erklommen wir noch einen steilen Berg, der uns lebhaft an den
Hradschin in Prag erinnerte, ehe wir zu dem groen eleganten Gasthofe
gelangten. Dieser heit noch immer "Zur Henne mit den Kchlein",
obgleich der Wirt in unseren, immer vornehmer werdenden Zeiten sich
alle Mhe gibt, ihn zu Lloyd's Hotel umzustempeln.

Birmingham ist durch seine Fabriken weit und breit berhmt, ja man
knnte fast behaupten, es gbe kein Dorf im kultivierten Europa,
vielleicht kein Haus, in welchem nicht irgendein Produkt der Industrie
dieser Stadt zu finden wre, sei es auch nur ein Knopf, eine Nadel
oder ein Bleistift. Die Stadt selbst ist schon durch ihre bergige Lage
nicht schn; der Rauch der vielen Fabriken und Werksttten, die hier
ihr Wesen treiben, gibt ihr ein dsteres, schmutziges Ansehen.
berall hrt man hmmern und pochen, alles luft am Tage geschftig
hin und wider, niemand hat Zeit, solange die Sonne leuchtet. Dafr
hallen des abends die Straen vom Geschrei und von Gesngen derer wider,
die sich den Tag ber unter der schweren Last des Lebens abarbeiteten.
In den wenigen Stunden, die sie dem alle Sinne lhmenden Schlafe
des ermdeten Arbeiters abstehlen knnen, suchen sie in Tavernen
und Spielhusern die Freude zu haschen, an die sie den Tag ber
nicht denken konnten.

Den Tag nach unserer Ankunft eilten wir, den merkwrdigsten Punkt
dieser Gegend, Soho, das zwei Meilen von Birmingham gelegene
Etablissement des Herrn Boulton [Funote: Matthew (1728-1809)
grndete mit James Watt die erst Dampfmaschinenfabrik der Welt;
die Fabrikanlagen in Soho grndete er 1762], zu besuchen.

Wir finden in ganz England, vielleicht in ganz Europa keinen
glnzenderen Beweis von dem, was Industrie, Flei und anhaltendes
Streben nach einem Ziele vermgen, als diesen kleinen freundlichen
Fleck. Herzlich freuten wir uns, seinen Schpfer, den achtzigjhrigen
Boulton, noch in vlliger Geisteslebendigkeit kennen zu lernen,
obgleich sein Krper der Krankheit, dem Alter und der unermdeten
Arbeit lngst unterlag. Wir fanden ihn durch Steinschmerzen vllig
gelhmt; im Hause lie er sich durch zwei rstige Bediente herumtragen;
im Freien fuhr er sich selbst in einem der kleinen bequemen Fuhrwerke,
die in England zum Troste der dort so hufigen Lahmen und Gebrechlichen
erfunden wurden. Alles dies hinderte ihn nicht, uns, die wir ihm
durch einen seiner Freunde empfohlen waren, berall selbst hinzubegleiten.
Sein dunkles Auge blitzte von Jugendfeuer, als er uns erzhlte,
wie er alle die vielen sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten
mutig bekmpfte und glcklich berwand. Freundlich erklrte und
zeigte er uns alles. Und als wir in die dortigen Anlagen traten,
die er mit Hilfe einer Dampfmaschine dem unfruchtbaren Sumpfe abgewann,
sprangen uns seine blhenden Enkel entgegen, spannten sich vor sein
Wgelchen und fuhren den glcklichen Greis wie im Triumph davon.

Achthundert Menschen finden in Soho tglich Arbeit und Brot.
Hier werden englische Kupfermnzen und auslndische, fr die
ostindische Compagnie, fr Amerika und manche fremde Hfe geprgt.
In Deutschland sagt das Gercht: Boulton lasse auch die vielen
falschen Mnzen fabrizieren, die von England aus Deutschland berschwemmen.
Dem ist aber nicht so, er hat an dem gesetzlichen Wege mehr Arbeit,
als er bestreiten kann, und ist zu rechtlich, zu reich, um sich einem
so gefhrlichen Handwerke zu unterziehen. Vor diesem war das Nachprgen
fremder Mnzen, wenn nicht erlaubt, doch in England toleriert;
sie wurden wie Rechenpfennige angesehen und in groer Menge, meistens
auf Bestellung spekulativer Kpfe in Deutschland und anderen Lndern,
ziemlich ffentlich fabriziert. Seitdem aber der Galgen so gut auf
diesen Zweig der Industrie gesetzt ist wie auf das Nachmachen
englischer Banknoten und Mnzen, wird dieses Geschft nur ganz heimlich
betrieben. Es soll indessen in Birmingham an dergleichen Fabriken,
welchen oft eine Knopffabrik zum Aushngeschild dient, nicht fehlen.

Auer der Mnze enthlt Soho noch eine groe Fabrik von plattierten
Waren aller Art, eine Glasfabrik und eine von Dampfmaschinen.

Die erstaunenswrdigste Erfindung der letzteren, bei dem Reichtum
an Steinkohlen fr England von unermelichem Wert, hat Boulton erst
auf den Gipfel von Vollkommenheit gebracht, auf welchem sie jetzt steht.
Er verfertigt Dampfmaschinen fr ganz Europa und Amerika, lt aber
diese Fabrik niemanden sehen, weil sich oft Leute bei ihm einschlichen,
die seine Gastfreundschaft mibrauchten und mhsam errungenen Vorteile
ihm abzusehen strebten, whrend er sie freundlich bei sich aufnahm.
Er sagte uns, wir wrden es unartig gefunden haben, da er in allen
Gasthfen, viele Meilen um Birmingham her, ein Avertissement
anschlagen lie, in welchem er bekanntmachte: da ohne besondere Empfehlung
an ihn keinem Fremden sein Etablissement gezeigt werden. Durch den
ewigen Zulauf von Fremden, der ihm oder doch einem seiner Associs
alle Zeit raubte und unter seinen Arbeitern ewige Strungen veranlate,
wurde er zu diesem Schritte gezwungen, den er hchst ungern tat.
"Nichts ist unertrglicher", sagte er, "als ein Haus zu besitzen,
das eine Sehenswrdigkeit ist (a rare show) oder gar selbst eine zu sein;
beides war mein Fall, denn jeder, der Soho gesehen hatte, glaubte schon
aus Hflichkeit dessen Stifter in Augenschein nehmen zu mssen,
und so wute ich mir am Ende nicht anders zu helfen, als auf diese
unfreundliche Weise."

Das Wohnhaus in Soho ist ein hbsches, bequemes und groes Gebude,
berall Sauberkeit und Eleganz, nirgends Pracht, nirgends ein Streben,
mit den prchtigen Villen der Groen des Landes zu wetteifern. Es liegt
sehr angenehm: aus den vorderen Zimmern bersieht man eine sehr schne,
reiche Gegend, im Vordergrunde die Stadt; fruchtbare angebaute Hgel
steigen ber ihr empor. Dicht vor dem Hause liegt ein hbscher Garten
voll Blumen und fremder Pflanzen und hinter dem Hause eine reizende
Promenade, lngs den Ufern eines kleinen Sees, welchen Boulton schuf,
indem er vermittelst der Dampfmaschine die alten Smpfe austrocknete
und das Wasser hier sammelte. In einer Ecke desselben ergiet sich ein
Wasserfall von einem mit schnen Blumen und Bumen gezierten Hgel.
Alles dieses war vor ungefhr zwanzig Jahren eine de, sumpfige Heide.

Die Fabrik von plattierten Sachen erschien uns besonders interessant.
Es ist unmglich, schnere Formen und bessere Politur zu sehen,
als dem Silber hier gegeben wird. Man kann das Plattierte von dem
ganz Silbernen durch's Auge allein nicht unterscheiden, und es gibt auch,
auf die Weise wie hier gearbeitet, dem Silber an Dauer wenig nach.

Auf ein Stck Kupfer, etwa eine halbe Elle lang und eine Achtelelle im
Durchmesser, werden Lngen aus zwei Platten von ganz reinem Silber, etwa
den zehnten Teil so dick als Kupfer ist, oben und unten aufgeschmolzen.
Dann wird es durch Walzen, von einer Dampfmaschine getrieben, zu Blech
ausgedehnt, so dnne man es bedarf. Das Silber bleibt dabei immer mit
dem Kupfer im nmlichen Verhltnisse. Dieses Blech braucht man zur
Verfertigung der Leuchter, Kannen und allen Silbergertes, welches eine
Flche bietet; zu den Henkeln, Fen und dergleichen nimmt man eine
runde, mit Silber belegte Stange Kupfer, die auf die nmliche Weise, wie
wir oben beschrieben, behandelt wird. Die ueren Ecken werden den
Gefen von massivem Silber angesetzt; auch sind die meisten
Verzierungen daran ganz Silber.

Die Glasschleiferei ist ebenfalls merkwrdig. In einem sehr langen Zimmer
sieht man eine Menge Schleifsteine unaufhrlich schnell sich drehen.
Eine lange hlzerne, am Boden horizontal liegende Walze, welche durch
eine unter dem Zimmer sich befindende Dampfmaschine getrieben wird,
setzt sie alle in Bewegung. Mit der grten anscheinenden Leichtigkeit
schleifen die Arbeiter die schnsten Muster auf die Glser mit einer
bewundernswrdigen Genauigkeit, ohne alle Vorzeichnung, indem sie
dieselben an die wie von Zauberei getriebenen Scheiben halten.
Von hier aus kommen grtenteils die schnen Girandolen, Lster,
Trinkglser und Prachtvasen, die glnzendste Zierde groer Tafeln,
welche wir oft in den, bei nchtlicher Beleuchtung einem Feenschlo
hnlichen, flimmernden Glaslden Londons nicht genug bewundern konnten.
Die letzte Politur wird dem Glase vermittelst einer hlzernen Scheibe,
statt des Schleifsteins, gegeben.

Die Mnze arbeitete gerade diesen Tag nicht. Herr Boulton lie aber
einige kleine Geldstcke prgen, um uns den Mechanismus zu zeigen.
Acht Prgstcke werden hier ebenfalls von einer Dampfmaschine getrieben;
jeder derselben prgt in einer Minute dreiig bis einhundertzwanzig
Stcke aus, je nachdem sie grer oder kleiner sind, und zwar auf
beiden Seiten zugleich. Bei jedem Stempel ist eine hchst sinnreich
erfundene Maschine angebracht, die mit Blitzesschnelle das eben
geprgte Stck fort und ein noch ungeprgtes an dessen Stelle einschiebt.
Alles dieses scheint wie von unsichtbaren Geistern getrieben.
Das Geprge der Mnzen ist durchgngig schn. Sie sind alle vollkommen
rund, von gleicher Gre und mglichst gleichem Werte.

In einem anderen Zimmer werden die Mnzen geschnitten, ehe sie
geprgt werden; noch in einem anderen nach dem Prgen gereinigt,
indem sie in langen leinenen Scken hin und her geschwungen werden.
Auch diese Operation wird durch die Dampfmaschine bewerkstelligt.

Zum Abschiede statteten wir noch der Dampfmaschine selbst einen Besuch
ab. Wir sahen in einem unterirdischen Gewlbe eine Pumpe durch den Dampf
des darunter in einem verschlossenen, eingemauerten Kessel kochenden
Wassers unaufhrlich in Bewegung gesetzt. Diese Pumpe trieb einige groe
Rder, diese Rder kommunizierten mit den vielen, in den oberen Zimmern
befindlichen mannigfaltigen Maschinen und brachten alle die Wunder
hervor, die uns oben in Erstaunen gesetzt hatten. Das ist alles, was wir
durch's bloe Anschauen von dieser bewundernswerten Erfindung begriffen.
Das Wasser mu das ganze Jahr im Kochen erhalten werden, damit die
Maschine nie stocke. Herr Boulton versicherte uns, es gehre weit
weniger Feuerung dazu, als man auf den ersten Augenblick glauben mchte.



Burton und Derby


Von Birmingham reisten wir ber Burton [Funote: Burton-upon-Trent,
berhmte Brauereistadt, die ihre Entstehung den braukundigen Mnchen der
Burton Abbey im 11. Jahrhundert verdankt. Die Gte dieses Bieres wird
auf die Qualitt des Wasser zurckgefhrt] nach Derby. Burton ist ein
freundliches Stdtchen, weltberhmt durch das Ale [Footnote: helles,
alkoholreiches, stark gehopftes Bier mit bitterem Geschmack und
krftigem Schaum], welches nirgends so gut gebraut wird als hier. In
Friedenszeiten gehen jhrlich groe Sendungen davon nach ganz Europa,
besonders nach Ruland. Auch nach Amerika ward viel davon verschifft. In
England trinkt man es, wenn es einige Jahre gelegen hat, in brgerlichen
Husern zum Dessert. Auch ist es dann durch die Zeit so stark, da es
sich mit jedem Wein an Geist messen kann und den Biergeschmack ganz
verliert.

Derby ist eine ziemlich groe, aber nicht schne Stadt. Sie enthlt
viele Fabriken, unter anderen eine Seidenspinnerei; am ausgezeichnetsten
ist die Porzellanfabrik. An Feinheit des Tons mag das hiesige Porzellan
wohl dem Meiner und Svres nachstehen; aber in Hinsicht auf Farben,
Vergoldung und Schnheit der Form in den verschiedenen Vasen und Geschirren
lt es nichts zu wnschen brig. Die Figuren von Biskuit bleiben weit
hinter den schsischen zurck, sowohl in der Erfindung als der Ausfhrung.
Auch hier sieht man deutlich, wie der englische Kunstsinn nur das gerade
Ntzliche und Bequeme hervorzubringen vermag; doch dieses auch in der
hchsten Vollkommenheit.

Zum erstenmal in England muten wir bei unserer Abreise auf Pferde warten,
und endlich erschienen um sechs Uhr abends zwei, die des Tages Last
reichlich getragen hatten. Wir wollten nach Matlock, einem siebzehn Meilen
von Derby im gebirgigen Derbyshire gelegenen Badeorte. Siebzehn Meilen
sind in England gewhnlich in zwei bis drei Stunden abgefahren; daher
achteten wir den heftigen Regen nicht, der uns ohnehin in unsere Zimmer
eingekerkert htte, und reisten ab. Die Pferde waren sehr mde: der
Postillon konnte sie ungeachtet allen Treibens kaum von der Stelle bringen;
langsam schlichen sie fort, Schritt vor Schritt. Uns war, als wren wir
auf irgendeiner Poststrae in der Mark. Wir frchteten, die armen Tiere
wrden zuletzt aus Ermdung ganz stille stehen. Der Regen strmte heftiger,
und die Nacht brach sehr finster herein, obgleich wir uns in der ersten
Hlfte des Junius-Monats befanden. Der Weg war sehr bergig, hohe Felsen
trmten sich vor uns auf; wir sahen ihre kolossalen Konturen nur schwach
durch die dunkle Nacht. Nah und fern flammten Feuer aus den
Ziegelbrennereien ringsumher, feurigen Gespenstern gleich, was uns die
Finsternis nur auffallender machte, ohne sie zu erleuchten. Die Pferde
scheuten sich einigemal davor. Wir fuhren steile Abhnge hinab und hinauf,
tief unten brausende Waldstrme lieen uns Abgrnde neben dem Wege ahnen.
Das Geklapper der vielen Mhlen, das Brausen der vom Wasser getriebenen
Rder aller Art in dieser fabrikreichen Gegend, das Sausen der Gewsser
ringsumher, der Wind, der Regen, die flammenden Limekilns (Kalkfen),
alles vereinte sich, diese Nacht zu einer der schauerlichsten zu machen.

Die Situation war romantisch, das ist nicht zu leugnen; wir freuten uns
indessen doch sehr, nach elf Uhr ihr Ende und das Ziel unserer Reise
erreicht zu haben. Im alten Bade in Matlock fanden wir allen Komfort,
den man nur in einem englischen Gasthofe erwarten kann, und die
abenteuerliche, ermdende Reise machte ihn uns doppelt angenehm.



Badeorte


Es wimmelte in England von Badeorten aller Art. Jeder am Ufer
des Meeres gelegene Ort, dessen Strand und andere Umgebungen es
erlauben, ist zum Bade eingerichtet. In allen findet man mehr oder
weniger, vornehmere oder geringere Gesellschaft, je nachdem die Mode
es gewollt hat. Zu diesen Badepltzen sowohl als zu den im Lande
gelegenen mineralischen Quellen flchtet jeder, der keine eigene Villa
besitzt, oder auf keiner eingeladen ist, und doch der Schande
entgehen will, im Sommer in London gesehen zu werden.

Bekanntlich ist dann die Stadt (so heit London vorzugsweise in ganz
England) leer, obgleich die Straen von Menschen wimmeln und der Fremde
diese angebliche de gar nicht bemerkt. Alle Leute, welche man vom
Anfang Julius bis gegen Weihnachten in London sieht, sind sogenannte
Niemands (Nobodies) und werden gar nicht gerechnet. Die feinere Welt,
die Migen, die Reichen, die Glcksritter, alles flchtet aufs Land
oder ins Bad. Die Seebder sind im ganzen die besuchtesten und
luxurisesten. Die mineralischen Quellen werden fter von der mittleren
Klasse besucht, welche dort mehr lndliche Freuden als rauschende
Ergtzlichkeiten sucht. Bath macht hiervon eine Ausnahme: im Sommer
besuchen es die wahrhaft Kranken, die Lahmen und Gichtbrchigen der
warmen Quellen wegen. Die eigentliche Saison aber fngt dort erst im
Dezember an und whrt bis zum Frhjahr. Alle Londoner Freuden sind
alsdann wohlfeiler und nach verjngtem Mastabe auch in Bath zu finden.
Deshalb eilen die dorthin, welche gern gro und vornehm leben mchten
und doch nicht reich genug sind, um dieses in London zu knnen. Viele
groe Familien bringen einige Winter in Bath zu, um durch diese konomie
ihren zerrtteten Finanzen wieder aufzuhelfen.

Nach Bristol hingegen treibt selten die Freude, fter die Not,
so ausgezeichnet schn auch die dortige Gegend ist. Man wei, wie viele
Opfer die Schwindsucht jhrlich in England hinwegrafft. Bristols Quelle
wird gewhnlich als der letzte Versuch der Rettung von den englischen
rzten angeraten. Da es wirklich oft der letzte sei, bezeigen
die vielen Denkmler auf dem dortigen Gottesacker.

An allen diesen Pltzen ist die Lebensweise sehr verschieden: in den
kleinen Bdern, wie in Matlock, lebt man still und ruhig, geselliger
zwar, wie es sonst in England unter Unbekannten gebruchlich ist, aber
dennoch weit weniger so als in Deutschland in hnlichen Verhltnissen.

In den groen, von den Vornehmen besuchtesten Bdern herrscht eine
strenge, wunderliche Etikette. Wir werden weiterhin Gelegenheit finden,
hiervon ausfhrlicher zu sprechen. Vorjetzt kommen wir zu Matlock und
seinen Umgebungen.



Matlock


Freundlich und dennoch erhaben, einsam und dennoch voll regen Lebens,
ist dieses liebliche Tal eines der schnsten Pltzchen Britanniens.

Sei es immer, da seine Heilquelle wenig wirksam ist, es braucht ihrer
nicht, um in dieser himmlischen Gegend neue Lebenskraft zu finden.
Auch sahen die fnfzig oder sechzig Badegste, die wir hier fanden,
gar nicht aus, als ob skulap sie mit seinem Schlangenstabe hierher
gebannt htte. Sie schienen sich vor dem wilden, unsteten Treiben
des Lebens hergeflchtet zu haben, um einmal ruhig Atem zu schpfen
und dann mit frischem Mute wieder an ihr Werk zu gehen.

Der eigentliche Badeort besteht nur aus drei schnen groen Gasthfen
und zwei Logierhusern. Das Dorf Matlock liegt etwa anderthalb Meilen
davon. Es ist unmglich, dies reizende Tal durch bloe Beschreibung
anschaulich darzustellen: so still, so heimlich liegt es da,
durchrauscht von der Derwent, umgeben von hohen, khnen Felsen, die bald
schroff und nackt gen Himmel starren, fter noch ihre mit den schnsten
Bumen gekrnten Gipfel freundlich erheben.

Wir schifften in einem Nachen auf der Derwent umher, so weit sie befahrbar
ist; freilich nur eine kleine Strecke; denn es ist ein wildes Bergwasser,
voll Fllen und Strudeln. Die Felswnde zogen sich enger zusammen, als
wollten sie uns den Weg versperren; die Strucher am Ufer bildeten Lauben
ber den Nachen, und drohend schauten die Felsspitzen von oben hinein.
Dann traten sie wieder zurck, und wir sahen freundliche Htten,
mit Grtchen und Wiesenpltzchen untermischt, an ihrer Seite hangen;
stattliche Huser, groe Fabrikgebude, zu ihren Fen liegen.
Kunstlose, wie von der Hand der Natur geschaffene Spaziergnge ziehen sich
an beiden Ufern zwischen Wald und Fels dahin, bis zurck zu unserem Gasthofe.

Ihm gegenber erhebt sich der hchste Fels dieser Gegend. Die Landleute
nennen ihn High Tor. Auf einem grtenteils schattigen, nicht sehr
beschwerlichen Wege stiegen wir hinauf. Wir erblickten oben von einer
Seite das enge Tal in der ganzen Pracht seiner ppigen Vegetation.
Mitten hindurch gaukelt der Strom; an dem gegenberstehenden,
waldbewachsenen Fels lehnen die netten Gebude des Bades und geben ein
freundliches Bild des bequemen, geselligen Lebens in dieser
Abgeschiedenheit. Von der entgegengesetzten Seite blickten wir in ein
zweites Tal. Als ob noch nie ein menschlicher Fu bis hierher gedrungen
wre, so heimlich in verborgener Stille liegt es da, rings umgeben von
grnen Bergen. Schne Herden weideten ohne Hirten im hohen Grase.
Nirgends sahen wir die wilde, einfache Schnheit der Natur glcklicher
mit hoher Kultur vereint als hier am Ufer der Derwent. Die Freuden der
Badegste beschrnken sich grtenteils auf den Genu dieser herrlichen
Natur; denn ein Bowling green [Funote: dazu Johanna in einer Anmerkung:
"Ein grner, solgfltig mit Walzen gegltteter Rasenplatz, zu einem nur
in England gebruchlichen Spiele mit Kugeln."] und einige Billard-Tafeln
sind alles, was die Kunst zu ihrem Ergtzen ihnen hier darzubieten wagt.
Getanzt wird selten und nur auf Veranlassung der Badegste selbst: denn
der Spekulationsgeist der hiesigen Wirte reicht nicht so weit. Dem
Wasser erzeigt man die Ehre, es warm zu nennen, wir fanden es kaum lau;
es schmeckt recht gut und ist sehr klar. Die Bder sind so bequem und
reinlich eingerichtet, wie man es nur in diesem Lande erwarten kann.

Fr den Geologen ist Matlock hchst interessant, die verschiedenen
Steinarten, Fluspate, Stalaktiten usw., welche Derbyshire hervorbringt,
sind allbekannt. In Matlock findet man sie in zwei eleganten Lden in
aller ihrer Mannigfaltigkeit zum Verkaufe und zum Anschauen ausgestellt,
zum Teil roh in sehr schnen Exemplaren fr den Liebhaber und Sammler,
der auch zu Kaminen, Urnen, Vasen, Schreibzeugen und unzhligen anderen
Dingen verarbeitet wird. Alle diese Sachen werden zu niedrigen Preisen
hier verkauft, sie sind vortrefflich poliert, von schner Form und sehen
ungemein glnzend und elegant aus. Leider ist es wegen ihrer
Zerbrechlichkeit schwer, sie weit zu verfhren.

Noch ist eine versteinernde Quelle [Funote: kalksinterhaltiges Wasser]
hier merkwrdig. Alles, was man hineinlegt, wird in kurzer Zeit inkrustiert,
und wenn es lnger liegt, ganz in Stein verwandelt. Der Wchter
dieser Quelle zeigte uns eine auf diese Weise verewigte Percke
und einen Haarbesen, die beide in dieser Gestalt gar wunderlich aussahen.

Jenseits der Derwent, dem Dorfe schrg gegenber, liegt Cromford Mill,
die Baumwollspinnerei des Sir Richard Arkwright [Funote: (1732-92),
ursprnglich Barbier, baute 1769 die erste brauchbare Spinnmaschine,
die wegen der Anwendung von Wasserkraft auch Wassermaschine genannt wurde],
die erste, welche er,der eigentliche Erfinder der in ihren Wirkungen ans
Wunderbare grenzenden Spinnmaschinen, erbaute. Dieser durch seine
mechanische Geschicklichkeit und seinen ausdauernden Mut so merkwrdige
Mann war ursprnglich ein Barbier; er hatte bei seinen Unternehmungen
Schwierigkeiten zu bekmpfen, denen ein gewhnlicher Mann unterlegen wre.
Er verdiente, mchtige Freunde zu finden, die ihm hilfreich beistnden,
und er fand sie; sein groes Unternehmen gelang, und er selbst lebte lange
genug, um im hohen Wohlstande sich dessen zu erfreuen. Noch heute ist diese
Fabrik, welche jetzt aus drei Spinnmaschinen besteht, im Besitz
der Familie Arkwright, welche die ganz nahe dabei gelegene schne
Villa Wellersley bewohnt. Das von weien Steinen massiv erbaute Wohnhaus
sowohl als die groen Fabrikgebude am Ufer des Stromes, beschirmt von
mchtigen Felsen, erhhen die Schnheit der Gegend. Noch erfreulicher aber
ist der Anblick des Wohlstands, der durch sie ringsumher unter den
Einwohnern des Tals verbreitet wird. Wir sahen mit wahrer Freude an
einem Sonntagabend die wohlgekleideten Arbeiter mit ihren geputzten Weibern
und Mdchen spazieren gehen, umspielt von schnen reinlichen Kindern.

Die englischen Bauernmdchen und jungen Weiber sind durchgngig
schne Gestalten, lter werden sie oft zu dick. In ihrem Putze sehen sie
gewissermaen vornehm und damenhaft aus. Ein feiner Strohhut, mitfarbigem
Bande geschmckt, auf einem kleinen schneeweien Hubchen, steht den
artigen bescheidenen Gesichtern sehr gut. Dazu groe, weie musselinene
Halstcher, ein Rock von durchgestepptem Zeug von eine hellen Farbe,
himmelblau oder rosenrot bei den Eleganten, und ein vorn offenen
kattunenes langes Kleid, hinten knstlich mit Nadeln aufgesteckt,
alles blendend rein bis auf die feinen weien gewebten Strmpfe [Funote:
dazu Johanna in einer Anmerkung: "Nur die rmsten Englnderinnen stricken;
diese Arbeit wird bei ihnen fr schimpflich gehalten].
Dies ist ihr Sonntagskostm, von welchem das der Wochentage nur durch
dunklere Farben und schlechteren Stoff abweicht.

Hinter dem Wohnhause von Wellersley strecken sich die dazu gehrigen
groen, wohlangelegten Promenaden hoch den Berg hinan. Die mannigfaltigen
Ansichten des Tales von oben herab sind wunderschn. Die Grten
enthalten Treibhuser und eine hbsche Orangerie. berall sieht man
die segensreichen Frchte des Fleies und der Industrie.

An einem frhen Morgen verlieen wir endlich ungern das freundliche
Matlock. Lange noch zog sich der Weg durch das Tal am Ufer der bald
ruhig hinflieenden, bald ber Felsstcke wild daherbrausenden Derwent.
Dann wand sich der hohe Berge hinan, deren Gipfel uns eine weite Aussicht
auf das fruchtbare, durch unzhlige Fabriken und Huser belebte Land
erffneten. Jetzt fhrte der Weg abwrts; im Morgenlicht schimmerte uns
ein prchtiges Gebude entgegen. Es war Chatsworth [Funote: das Schlo
wurde 1687-1706 vom Herzog von Devonshire in italienischem
Sptrenaissancestil erbaut, anstelle eines lteren Schlosses, in dem Maria
Stuart gefangen gehalten worden war; 1820 wurde der Nordflgel angebaut.
Das Zimmer, das Johanna hier beschreibt, ist also nicht das ursprngliche
Zimmer Marias gewesen.], seit zweihundert Jahren der Landsitz der edlen
Familie von Cavendish, jetzt ihrer Abkmmlinge, der Herzge von Devonshire.

Das Schlo liegt romantisch in einem weiten tiefen Tale. Hinter
demselben erhebt ein hoher Fels den stolzen, waldgekrnten Scheitel.
Vor dem Schlosse windet sich silbern die Derwent durch das lachende Grn,
eine sehr schne steinerne Brcke fhrt hinber. Wir fuhren durch
den Park; neugierig guckten seine Bewohner, die Hirsche und Rehe,
von beiden Seiten des Wegs in unsere Postchaise.



Chatsworth
Landsitz des Herzogs von Devonshire


Das in einem edlen Stil erbaute Haus ist von auen eines der grten
und prchtigsten in England und seine Front einhundertzweiundachtzig
Fu lang. Die auswrts stark vergoldeten Fensterrahmen, welche wir
sonst nirgends in England sahen, flimmerten im Sonnenstrahle und
gaben ihm ein wunderbares feenartiges Ansehen. Diese uere Pracht
sticht auffallend ab gegen die groe Stille und Einsamkeit der
wilden Gegend umher; es ist, als ob ein Zauberer dieses Schlo hier
zu eigenen Zwecken entstehen lie. Auch hatte es einst eine traurige
Bestimmung. Maria Stuart beweinte hier sechzehn Jahre lang ihre
Freiheit, jedes Glck des Lebens entbehrend. Ihre grausame Feindin
sandte sie zuerst nach Chatsworth in enge Gefangenschaft; nach
sechzehn Jahren brachte man sie dann nach Fotheringhay in Northumberland,
wo sie hingerichtet ward.

Die innere Einrichtung des Schlosses von Chatsworth enthlt wenig
Merkwrdiges. Seit Jahren von den Eigentmern nicht besucht, zeigt
es berall nur Spuren alter, allmhlich hinsinkender Pracht; dennoch
wird es im ganzen wohl unterhalten, nur nichts Neues hinzugefgt,
und so fehlt ihm die Frischheit, die sonst die englischen Landhuser
so angenehm macht. Fr uns hatte es dennoch ein hohes Interesse.
Im zweiten Stock des ltesten Teils des Schlosses findet man das Zimmer
der unglcklichen Maria Stuart, ganz so eingerichtet und mbliert,
wie sie es bewohnte. Es ist sehr gro und hoch; alte gewirkte Tapeten,
die ihm ein finsteres, schauerliches Ansehen geben, hngen an den Wnden.
Ein hoher Betstuhl steht in der Nhe eines Fensters, die Aussicht aus
demselben ist nicht erheiternd: man sieht ihn eine zwar schne,
aber hchst einsame, von Bergen eingeschlossene Gegend. Alle Mbel
im Zimmer, die hohen schweren Sthle mit kleinen Treppen davor,
die eichenen und nubaumenen unbeweglichen Tische versetzten uns
in jene trben Tage, welche die schnste und unglcklichste Frau
ihrer Zeit hier verlebte. Ihr Bette mit schweren rotsamtenen Gardinen,
die mit breiten silbernen Tressen besetzt sind, stand noch da;
uns war, als shen wir noch die Spuren der einsamen Trnen, die sie
hier verweinte.

Der Garten von Chatsworth ist sehr alt und in einem der jetzigen
Zeit fremden Geschmack angelegt. Man knnte ihn altfranzsisch nennen,
wenn er regelmiger wre, doch mag er dies wohl eher gewesen sein;
denn es ist sichtbar, da viele Anlagen, Alleen, Parterres, Berceaus
und dergleichen eingegangen sind. Was ihn im ganzen Lande berhmt macht,
sind die Wasserknste, die aber mit denen von St.-Cloud, von Herrenhausen
und der Wilhelmshhe bei Kassel keinen Vergleich aushalten. Nur da sie
die einzigen im Lande sind, macht ihren Ruhm aus. Eine knstliche,
zwei- bis dreihundert Fu hohe Kaskade mit Stufen, der es aber,
wie den meisten dieser Art, an hinlnglichem Wasser fehlt, wird zuerst
gezeigt. In einem anderen Bassin mu das Wasser die Gestalt einer
glsernen Glocke annehmen. Neben dieser Glocke steht noch ein dem
Ansehen nach verdorrter Baum; er ist aus Kupfer knstlich gebildet,
das Wasser spritzt schumend aus seinen Zweigen, er sieht dann
ganz artig aus, als ob er mit groen Eiszapfen und Schnee bedeckt wre,
kleine Wasserstrahlen steigen ringsumher aus der Erde empor.
Zwei andere Springbrunnen werfen den Wasserstrahl neunzig Fu hoch
gen Himmel und machen eine recht hbsche Wirkung. Die Englnder,
welche in den ringsumher liegenden Bdern hausen, wallfahrten fleiig
her, staunen das nie zuvor Gesehene an und erheben Chatsworth zu
einem Wunder der Welt.



Castleton

Voll von Mariens Schicksale und stolz, da unser Schiller den Briten
den Rang abgewann und ihrem Andenken das schnste Denkmal schuf,
verlieen wir das traurig schne Chatsworth. Nur kurze Zeit noch
und die zwar einsame, aber dennoch reiche Gegend verschwand.

Ein enges, schauerliches Tal empfing uns: kein Baum, keine Spur
von Vegetation, nur nackte und steile Felsen, zwischen denen wir uns
ngstlich hindurchwinden muten, die jeden Augenblick den Weg
zu versperren schienen. Zu Anfange sahen wir noch zwischendurch
ansehnliche Fabrikgebude von groem Umfange; auch diese deste,
schauerlichste Gegend in England, die Bleiminen von Derbyshire.
Es waren deren unzhlige von allen Seiten zu sehen, zwischendurch
die rmlichsten, aus Feldsteinen aufgetrmten Htten, vor ihnen
langsam wandelnde bleiche Gestalten, Bewohner dieser de, von der
schrecklichen Arbeit in den Bleiminen entkrftet.

Zu Mittage langten wir in Castleton an, einem so armen, kleinen Stdtchen,
wie wir noch keines in England sahen. Wir bestellten in dem rmlich
aussehenden Gasthofe unser Mittagessen und eilten nach der Peakshhle
mit einem Fhrer, der sich gleich beim Aussteigen aus dem Wagen
unserer bemchtigt hatte.



Die Peaks Hhle


Diese sehr berhmte Hhle liegt nahe vor der Stadt, der Eingang derselben
ist wahrhaft gro und imposant. Eine Reihe meist senkrecht steiler Felsen
von wunderbar zackiger Form erhebt die mit Bumen gekrnten Scheitel.
In einem derselben hat die Natur ein schauerliches, zweiundvierzig Fu
hohes und einhundertzwanzig Fu breites Tor gewlbt, durch welches man
in undurchdringliches Dunkel zu blicken whnt. Langsam fliet ein
schwarzes, ziemlich breites Wasser aus der Unterwelt an's Tageslicht
hervor. Vor der Wlbung hngen ungeheure, bizarr geformte Tropfsteine;
wildes Gestruch rankt dazwischen, Efeu umwindet sie und flattert
in leichten Krnzen darum her. Felsenstcke hngen herab, Untergang
drohend dem Haupte dessen, der vorwitzig in die Geheimnisse der
Unterwelt dringen will.

Wir traten in die Hhle, die dunkle Nacht war dem allmhlich sich
daran gewhnenden Auge zur Dmmerung. Bald unterschieden wir darin
eine Menge Weiber und Kinder, emsig spinnend, die rmlichsten Gestalten,
welche die Phantasie nur erdenken kann. Gnomen gleich hocken sie
in dieser kalten feuchten Dunkelheit und fristen kmmerlich ihr
armes leben; des nachts schlafen sie in kleinen bretternen Htten,
die sie sich in der Hhle erbauten und deren wir eine ziemliche Anzahl
umherstehen sahen. Ungestm bettelnd umgaben sie uns, sowie sie uns
gewahrten; wir waren froh, nach dem Rate der Wirtin in Castleton,
eine Menge Kupfergeld eingesteckt zu haben, um uns loszukaufen.
Dies ist die unterirdische Stadt, von der mancher Reisende gefabelt hat.
Die Wrme der Hhle im Winter, die ein eigentliches Haus entbehrlich
macht, der kleine Gewinn, den die neugierigen Fremden ihnen gewhren,
besonders aber die Freiheit von Abgaben, welche nur auf der Oberwelt,
im Sonnenlichte gefordert werden, bewegen diese Armen, eine so
unfreundliche Wohnung zu whlen.

Wie wir uns selbst erst von ihrem Ungestm losgekauft hatten,
kauften wir Lichter. Jeder von uns mute eins tragen, der Fhrer trug
deren zwei voraus, und so ging es denn weiter in den ganz finsteren
Hintergrund der Hhle. Der Fhrer machte uns auf einige ungeheuer groe
Tropfsteine aufmerksam, welchen er allerhand Namen gab, ohne da wir
die hnlichkeit mit den dadurch bezeichneten Dingen finden konnten.
Dann ffnete er eine schmale niedrige Tr, und wir standen in einem
groen Gewlbe, von dessen Decke groe Felsenstcke, drohender als je,
ber unsere Hupter herabhingen. Der Schimmer der flackernden Lichter
machte sie noch grausenvoller, sie schienen sich zu bewegen.

Jetzt ward das Gewlbe ganz niedrig. Gebckt, mit unsicherem Tritte
auf dem schlpfrigen unebenen Boden, muten wir uns lange durch
eine enge Felsenspalte winden; bald ging es steil in die Hhe,
bald ebenso hinunter. Wir stieen von allen Seiten an die vorragenden
Felsen; ein einsames Licht brannte hin und wieder und diente nur,
das Grabesdunkel noch sichtbarer zu machen; die Luft war schwer,
wir mchten sagen zhe, denn ihr Widerstand schien uns fhlbar.

Endlich konnten wir unsere Hupter erheben, wir befanden uns in einem
kleinen Gewlbe und bald am Ufer des unterirdischen Stroms, der hier,
wie der Styx, kalt und stumm in ewiger Nacht die schwarzen Wellen
langsam dahinwlzt. Wir fanden einen mit Stroh angefllten Kahn,
in welchem zwei Personen ausgestreckt nebeneinander liegen konnten.
Der Fhrer stieg ins Wasser, welches ihm fast bis an die Hfte ging,
so schob er den Kahn vor sich hin, in welchem wir auf dem Stroh
lagen und kaum zu atmen wagten. Es ging unter Felsen weg, die nur
eine Hand breit von unserem Haupte entfernt, alle Augenblicke
einzustrzen schien; von beiden Seiten war kein Zoll breit Ufer,
um darauf fuen zu knnen. Nie war uns die Idee eines lebendig
Begrabenen anschaulicher als hier in dem sarghnlichen Kahne
mit der schwarzen, schweren Felsendecke ber uns. Der Fhrer
mute ganz gebckt waten, ein Sto an einen der Felsen, der ihn
besinnungslos gemacht htte, und wir waren verloren auf die
entsetzlichste Weise. Mit diesen erbaulichen Gedanken beschftigt,
schwammen wir eine ziemliche Zeit, bis wir landen konnten, immer
das Licht in der Hand. Endlich stiegen wir aus unserem Sarge.
Schwindlig von der Fahrt, muten wir uns erst eine Weile erholen,
ehe wir um uns blicken konnten, und fast wren wir es beim ersten
Umherschauen von neuem geworden. In einem ungeheuren Dom, der nach
der Aussage des Fhrers einhundertzwanzig Fu hoch, zweihundertsiebzig
lang und zweihundertzehn breit war, funkelten eine Menge hin und wider
zerstreuter Lichter wie Sterne, die nicht leuchten. Hier ist der Tempel
des ewigen Schweigens, zu dem noch nie ein Strahl der sonnigen Oberwelt,
ein Laut der Freude drang. In dieser unabsehbaren Hhle war uns
noch bnglicher als in den engen kleinen; die Entfernung von allem
Leben war hier fhlbarer durch den Raum, der uns sichtbar davon trennte.

Mhsam kletterten wir ber abgerissene, rauhe Felsstcke und kamen
wieder an das Wasser; wir standen still, es war als ob Tne einer
sehr fernen Musik zu uns herberschlpften. Der Fhrer stieg abermals
ins Wasser und trug einen nach dem anderen eine ziemliche Strecke
auf den Schultern hindurch. In einer kleinen runden Hhle, in welcher
das Wasser tropfenweise von allen Seiten unaufhrlich niedersinkt,
und die deshalb Rogers Regenhaus heit, fanden wir eben in diesem
ewigen Trpfeln die Ursache jener Tne, die uns zuvor wie Musik
aus der Ferne schienen. Der Fuboden war mit tausend wunderlichen
Schnrkeln aus Tropfstein bedeckt, und das Gehen darauf hchst
beschwerlich, besonders da die ewige Nsse ihn schlpfrig macht.
Die Luft war hier noch unangenehmer kalt und feucht als zuvor.

So gut als es anging, eilten wir weiter, und in einer hheren,
gewlbten Abteilung der Hhle harrte unser eine sonderbare berraschung.
Ein Chor von Mnnern empfing uns mit einem langsamen, eintnigen Gesang.
Lichter in den Hnden haltend, die sie hin und her schwenkten,
standen sie fnfzig Fu hoch ber uns in einer Art von Nische,
welche die Natur in einer der Seitenwnde geschaffen hatte.
Ihr Gesang war rauh, aus wenig Tnen zusammengesetzt, wild und klagend,
aber dennoch nicht unangenehm.

Nach diesem wunderlichen Empfange ging es weiter. ngstlich gebckt
schlichen wir unter und ber Felsenmassen bis zu einem kleinen Gewlbe,
noch grausender und schauerlicher als alle brigen, und ein schwarzer
Abgrund, zu welchem wir schaudernd hinableuchteten, ghnte dicht
vor unseren Fen. Der Fhrer zeigte uns den steilen, furchtbaren
Fusteig, welcher ber schlpfrige Tropfsteine hinabfhrt. "Dies ist
der Teufelskeller", sagte er, und indem er pltzlich einen von uns
beim Arm ergriff: "Hier bin ich Herr", sprach er widerlich lachend,
"hier kann ich tun, was ich will; ich wollte, ich htte Napoleon hier!"--
Wir knnen's nicht leugnen, wir erschraken, denn er war nur zu sichtbar
Herr, und wir hatten es lngst gemerkt, da er uns fr Franzosen hielt.
Indessen faten wir uns bald und antworteten ihm, da wir ihm die
Erfllung dieses Wunsches gern gnnen wollten, wenn nur Napoleon
[Funote: zur Zeit von Johannas Reise stand England im Krieg mit
Frankreich] nicht die Gewohnheit htte, immer mit starker Begleitung zu
kommen; schon unsere Begleiter, die, wie er wohl wisse, drauen
geblieben wren, wrden ernstlich nachforschen, wenn uns hier ein
Unglck widerfhre. Dies Argument schien ihm deutlich und machte ihn
etwas hflicher. Unser Erschrecken ber das wunderliche Benehmen des
Fhrers wre indessen weit heftiger gewesen, wenn wir damals schon
gewut htten, was wir spter erfuhren, da vor mehreren Jahren ein Herr
und eine Dame in einem einspnnigen Whisky ohne andere Begleitung
ankamen, gerade vor die Hhle fuhren, das Pferd anbanden, hineingingen
und nie wieder gesehen wurden.

Der Fhrer leuchtete jetzt in den Abgrund vor uns hinab.
Die wenigsten Wanderer wagen sich den steilen Pfad hinunter,
der einhundertfnfzig Fu tiefer fhrt; sie lassen blo den Fhrer
mit einigen Lichtern hinabgehen und begngen sich mit dem schauerlichen
Anblicke von oben. Wir taten dies auch. Khne, bogenhnliche Vertiefungen,
emporstrebende Sulen, geformt von der Hand der Natur, sahen wir
im flimmernden Lichte, das Wasser pltscherte lebendiger im tiefsten Grunde.
Der Fhrer sagte uns, es wre dort von kristallener Helle.
Endlich stieg er wieder herauf, wir traten den Rckweg an,
ein ferner Schimmer des Tages, den unser, an die Dunkelheit gewhntes Auge
jetzt in der zweiten Hhle vom Eingang entdeckte, erfreute uns
unbeschreiblich.

Zwei Stunden waren wir in der Wohnung der Nacht und des ewigen Schweigens
geblieben. Wie wir nun wieder hinaustraten an's erfreuliche Sonnenlicht,
wie uns wieder die milde, schmeichelnde Sommerluft warm und lebendig
empfing, da war uns, als erwachten wir von einem bengstigenden Traume;
alles umher, die ganze Gegend in ihrer wilden Pracht erschien uns
in himmlischem Glanze. Es freue sich, riefen wir mit Schiller:

    Es freue sich, was da lebet im rosigen Licht!
    Dort unten aber ist's frchterlich
    Und der Mensch versuche die Gtter nicht.

Wir fuhren weiter nach Buxton, einem Badeorte, wo wir bernachten
wollten. Die Aussicht vom Gipfel eines hohen steilen Berges,
dicht hinter Castleton, ber welchen der Weg fhrt, ist des Verweilens
wert. Man erblickt das fruchtbare, bebaute Tal und von beiden Seiten
die wunderbar gestalteten Felsen, die es umschlieen.

Einer dieser Berge heit Win Hill, der andere Lose Hill, von einer
Schlacht, die hier in uralten Zeiten gefochten worden sein soll. Der
merkwrdigste unter ihnen ist der Mam Tor, auch der Shivering Hill, der
schaudernde Berg genannt. Die Sage geht, da seine Oberflche sich immer
auflse und wie Sand herabkrmle, ohne da er dadurch abnehme. Der
schaudernde heit er, weil das Herabrieseln des Sandes von weitem
aussieht, als ob er zusammenschaudre. Die Wahrheit ist, da Regen und
Wetter jhrlich grere und kleinere Fragmente von Mam Tor ablsen,
indem er ungewhnlich schroff und steil ist, aber auch, da er, genauen
Beobachtungen zufolge, allerdings kleiner dadurch wird. Die Landleute
bleiben indes bei ihrem alten Glauben und rechnen ihn zu einem der
sieben Wunder des Peaks Gebirge. ber unfruchtbare Felsen, de Heiden
ging es fort bis Buxton, welches wir noch zu guter Tageszeit erreicht.



Buxton


Ebenfalls ein Badeort, aber wie himmelweit verschieden vom zauberisch
schnen Matlock! Rund umgeben von kahlen Felsen, liegt es wie in
einem Kessel. Wild und traurig ist die ganze Gegend umher,
groe Schtze verbarg die Natur hier tief im Schoe der Erde,
aber dem Wanderer lchelt sie nicht freundlich entgegen.

Eine Meile von Buxton liegt die ebenfalls berhmte Pools Hhle;
man versicherte uns, sie wre nach der von Castleton kaum sehenswert
und berdies noch beschwerlicher zu besuchen. So viel bedurfte es
nicht einmal, um uns von dem Unternehmen, sie zu sehen, abzuschrecken.
Buxton, sonst ein unbedeutendes Dorf, ist durch seine warme Heilquelle,
welche die Rmer schon gekannt haben sollen, ein ziemlich ansehnlicher
Ort geworden. Das Wasser ist lauwarm, schmeckt nicht bel, und wird
sowohl zum Trinken als zum Baden gegen Gicht, Skorbut und viele
andere bel gebraucht.

Man lebt hier ziemlich einfach und langweilig. Der Morgen wird mit
Promenieren im Crescent, einer im Halbzirkel gebauten Reihe
zierlicher Huser, hingebracht. Letztere enthalten viele hbsche Wohnungen
fr die Brunnengste und ein paar elegante Gasthfe, in welchen sich
die zu Bllen und Assembleen bestimmten Sle befinden. Dessen ungeachtet
haben sie das Ansehen eines einzigen groen Prachtgebudes von mehr als
dreihundert Fenstern in der Front. Elegante Lden, ein paar
Leihbibliotheken, in welchen man nach englischem Badegebrauch von
der Promenade ausruht, und einige Kaffeezimmer erfllten das Erdgescho,
ringsumher luft ein oben bedeckter Sulengang fr die Spaziergnger,
zum Schutze bei dem hier sehr gewhnlichen Regenwetter. Das Brunnengebude
und die Bder liegen ganz in der Nhe. Nach der Morgenpromenade
wird die brige Zeit des Tages mit Spazierenfahren und Reiten zugebracht,
obgleich die Gegend eben nicht einladend ist.

Die Jagd macht hier fr die Herren eine Hauptergtzlichkeit aus.
Liebhaber davon knnen auf eine Koppel Jagdhunde, die dazu gehalten wird,
subskribieren. In England fehlt es berhaupt am Wilde, hier aber
in dieser den Wstenei gibt es noch bisweilen Hasen und Fchse,
auch wilde Enten und andere Wasservgel in Menge auf den nahegelegenen
Smpfen des Strmchens Wye. Des Abends ist Ball oder Spiel-Assemblee,
und dreimal die Woche Schauspiel in einer zu diesem Behufe ganz artig
aufgeputzten Scheune.

Die grte Merkwrdigkeit sind hier die prchtigen, vom Herzog
von Devonshire erbaute Pferdestlle; man hlt sie fr die schnsten
und in ihrer Art vollkommensten in Europa, und unseres Wissens mgen sie
diesen Ruhm wohl verdienen. Im Zirkel gebaut, umgeben von einer Kolonnade,
unter welcher die Pferde, geschtzt vor Wind und Regen, den ganzen Tag
nach englischer Weise gepflegt, geputzt und gestriegelt werden,
umschlieen sie eine sehr schne, bequeme Reitbahn. Ein Teil des Gebudes
enthlt Wagen-Remisen, und das Ganze ist von betrchtlicher Gre,
so da es aussieht, als ob die vierbeinigen Brunnengste hier die
Hauptpersonen wren. Ein daran hinflieender Bach dient dazu,
diese Prachtstlle reinlich zu halten und fast allen blen Geruch
zu verbannen.

Das Interessanteste fr uns war eine Fensterscheibe in der Halle,
dem ltesten Absteigequartier in Buxton, in welchem Maria Stuart
auf ihrer unglcklichen Reise von Schottland verweilte. Sie schrieb
mit prophetischem Sinn folgende Zeiten darauf:

    "Buxton! whose fame thy baths shall ever tell;
    which I perhaps shall see no more, farewell!"



Manchester


[Funote: eines der bedeutendsten Industriezentren Englands. Die
industrielle Umwlzung, die Johanna voll miterlebte, brachte der Stadt
einen ungeheuren Aufschwung. Die Bevlkerung stieg von 20 000 um
1750 auf 100 000 Einwohner im Jahre 1803]

Frhmorgens verlieen wir Buxton und erreichten gegen Mittag diese
berhmte, groe Fabrikstadt. Dunkel und vom Kohlendampfe eingeruchert,
sieht sie einer ungeheuren Schmiede oder sonst einer Werkstatt hnlich.
Arbeit, Erwerb, Geldbegier scheinen hier die einzige Idee zu sein,
berall hrt man das Geklapper der Baumwollspinnereien und der
Websthle, auf allen Gesichtern stehen Zahlen, nichts als Zahlen.

An Freude und Vergngen zu denken, hat das arbeitsame Vlkchen hier eben
nicht viel zeit, doch sind einige Anstalten dazu getroffen. Es gibt hier
ein Theater, einen Konzert- und einen Assembleesaal, in welchem sich
winters die Subskribenten zum Spiel, mitunter zum Tanze versammeln;
und damit der liebe Gott doch auch sein Teil bekomme, hat man ihm
ganz krzlich eine neumodische tempelartige Kirche erbaut, die aber
ziemlich schwerfllig geraten ist.

Im Ganzen blieb der feine Geist der Geselligkeit Manchester, wie anderen
blo von Fabriken lebenden Stdten, ziemlich fremd. Die Mnner erholen
sich in Tavernen bei der Bouteille von der ermdenden Arbeit, die Frauen
haben ihre Zirkel unter sich. Wie amsant aber solch eine Gesellschaft
von lauter Englnderinnen sein mag, wnschten wir lieber zu erraten,
als zu erfahren.

Die Gegend rings um Manchester hat wenig Einladendes. Die ffentliche
Promenade in der Stadt, eine Art von botanischem Garten, wre nicht
bel, fhrte sie nur nicht immer dicht am Kranken- und Irrenhause auf
und ab; so aber hrt man unaufhrlich das Geschrei und Geplapper der
armen Verrckten, sieht sie auch mitunter, wie sie gewaltsam in dem am
Irrenhause dahinflieenden Wasser zu ihrer Heilung gebadet werden. Dies
ist, wie man wohl denken kann, eben nicht ergtzlich; doch die Einwohner
von Manchester scheinen sich daran gewhnt zu haben und lassen sich
durch solche Kleinigkeiten nicht in ihrer Promenade stren.

Wir besuchten eine der grten Baumwollspinnereien. Eine im Souterrain
angebrachte Dampfmaschine setzte alle die fast unzhligen, in vielen
bereinander getrmten Stockwerken angebrachten Rder und Spindeln
in Bewegung. Uns schwindelte in diesen groen Slen bei dem Anblicke des
mechanischen Lebens ohne Ende. In jedem derselben sahen wir einige Weiber
beschftigt, die nur selten reienden Fden der unaufhrlich sich drehenden
Spindeln wieder anzuknpfen; Kinder wickelten und haspelten das
gesponnene Garn. In einem groen Saale reinigte man die noch ungesponnene
Baumwolle; in groen viereckigen, wattehnlichen Stcken lag sie
ausgebreitet auf groen Tischen; eine Menge Weiber und Mdchen,
in jeder Hand mit einem dnnen Stecken bewaffnet, prgelten lustig
darauf los; in einem anderen Saale ward sie durch eine einem ungeheuren
Kamme hnliche Maschine getrieben und glich nun einem uerst dnnen,
aber doch zusammenhngenden Gewebe; noch in einem anderen ward sie
zu einem lockeren, fast zwei Finger dicken Faden gesponnen, und so
durch viele Sle hindurch, immer feiner, bis zu der Feinheit eines Haares.

Alles wird hier auf die leichteste Weise durch Maschinen bewirkt, deren
jede uns ein Wunder der Industrie erschien. So sahen wir zum
Zusammendrehen und Einpacken der fertigen Stcke Garn ganz eigene
Vorrichtungen. Eine andere, einer Schnellwaage hnliche Maschine zeigte
vermittelst eines Zeigers die Nummer und zugleich den Grad der Feinheit
der daran gehngten Garnspule. Alles in der Fabrik, auch das Geringste,
geschieht mit bewundernswerter Genauigkeit und Zierlichkeit, dabei mit
Blitzesschnelle. Am Ende schien es uns, als wren alle diese Rder hier
das eigentlich Lebendige und die darum beschftigten Menschen die
Maschinen.

Betubt von den gesehenen Wundern verlieen wir das Haus und bestiegen
den Wagen, der uns zu einem anderen Wunder, dem vom Herzog von
Bridgewater angelegten Aqudukt [Funote: Bridgewater Kanal, verbindet
Manchester mit Liverpool und wurde 1758-71 von Brindley erbaut; nicht zu
verwechseln mit dem 1894 erffneten Manchester Schiffskanal, der die
Stadt direkt mit dem Meer verbindet], bringen sollte. Dieser Herzog hat
sich um sein Vaterland, besonders um Manchester, unsterblichen Verdienst
erworben, sowohl durch Anlegung der Kanle, die hier den Warentransport
so sehr erleichtern, als durch die Verbesserung und Bearbeitung der
benachbarten Kohlenminen, die denn doch die Seele des hier waltenden
mechanischen Lebens sind. Der Aqudukt, zu welchem wir jetzt fuhren, ist
des Herzogs hchster Triumph und erschien uns ein Werk, wrdig der
Zeiten der alten Rmer.

Der Anblick war in der Tat feenhaft. Wie in der Luft sahen wir ein
Kohleschiff mit vollen Segeln hinschweben, whrend ein anderes in
entgegengesetzter Richtung darunter hinfuhr. Dies seltene Schauspiel
traf durch den glcklichsten Zufall von der Welt grade mit dem Moment
unserer Ankunft bei dem Kanale zusammen. Nachdem die Wirkung des ersten
Erstaunens vorber war, besahen wir uns die Sache nher. Ein schiffbarer
Flu strmt zwischen hohen Ufern dahin; ein Kanal fhrt auf dem hheren
Lande in einer ihn gerade durchkreuzenden Richtung. ber den Flu ist
eine auf drei ungeheuren Bogen ruhende schnurgerade Brcke (anders
wissen wir es nicht zu nennen) gebaut. Diese, Gott wei wie? wasserdicht
gemacht, empfngt den Kanal in einem Bette, welches tief genug ist, um
nicht blo Khne, sondern auch Schiffe von ziemlicher Gre zu tragen.
Zu beiden Seiten des Kanals ist noch ein breiter Fusteig gelassen. Wenn
man oben wandelt und nicht gerade hinunter blickt, so ahnt man nicht das
Dasein der Brcke, sondern glaubt noch immer auf festem Lande zu sein.

Jetzt ging es zu den nicht gar weit entfernten, sehr betrchtlichen
Kohlenminen. Die wilden, in den Bergwerken sich ansammelnden Wasser, die
sonst dem Bergmann soviel Not machen, wurden auf Angabe des Herzogs in
einem, Meilen weit in das Innere der Erde sich erstreckenden, fr
ziemlich groe Khne schiffbaren Kanal gesammelt. Tief und weit unter
der Oberflche fhrt er in verschiedenen Richtungen hin, an einigen
Stellen breit genug fr zwei einander begegnende Kanle. ber ihm wlbt
sich die nicht gar hohe, teils gemauerte, teils in den Felsen gehauene
Decke. So wie er an's Licht des Tags kommt, ist er mit anderen das Land
durchkreuzenden Kanlen in Verbindung.

Der Eingang zu diesem Reiche der Unterwelt ist imposant: ein groes Tor,
in einen senkrecht steilen, majesttisch hohen Felsen eingehauen.
Wir bestiegen einen langen schmalen Kahn, der sonst zum Kohlentransporte
dient; mit Brettern und Kissen waren ziemlich bequeme Sitze fr uns
darin bereitet, am Rande und im Boote selbst kleine Leuchter mit
brennenden Lichtern angebracht; so schifften wir hinab auf der schwarzen,
stillen Flut. Unser Fhrer war ber die Maen redselig und wir merkten bald,
da er sich ein wenig zu sehr gegen die kalte unterirdische Luft
versehen hatte; doch war hier an keine Gefahr zu denken. Immerfort
perorierend bugsierte er uns langsam weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit
gegen die Wnde des Gewlbes stemmte. Nach einer Viertelstunde verschwand
jeder Schein des goldenen Tageslichts, kalt, dster, unheimlich war es
um uns her.

An der ersten Mine kletterten wir aus dem Kahne. Eine Menge gewlbter
Gnge in verschiedenen Richtungen durchkreuzten sich hier, alle so
niedrig, da man nur mit Mhe ganz gebckt durchkriechen kann. Die
Kohlen liegen ganz frei da und wurden von halbnackten, bald knienden,
bald auf dem Rcken liegenden Mnnern mit einer Bergmannshaue
losgebrochen. Die Arbeit schien uns hchst mhsam und beschwerlich, auch
ist sie nicht ohne Gefahr, und viele Menschen verlieren hier ihr Leben.
Giftige Dmpfe entstehen pltzlich und ersticken den Arbeiter, oder
entznden sich an seinem Grubenlichte und verbrennen ihn, wenn er sich
nicht mit dem Gesichte platt auf die Erde wirft, sobald er gewahr wird,
da die Flamme seines Lichts blau brennt. Der nchste Augenblick ist
gewhnlich schon zu spt.

Nachdem jedes von uns ein Stck Kohle heruntergeschlagen hatte,
was wir zum Wahrzeichen mitnehmen muten, waren wir nicht ferner begierig,
tiefer ins Innere der Erde zu dringen. Wir eilten zurck in unser
illuminiertes Boot, zu unserem noch besser illuminierten Fhrer
und erblickten bald darauf wieder das schne Licht der Sonne.

Auf dem Rckwege nach Manchester hielten wir uns noch in einer
ganz allein liegenden Bleistiftfabrik auf. Den Eignern schien unser Besuch
nicht viel Freude zu machen; doch lie man uns, auf die Frsprache
unseres Begleiters von Manchester, die ganze Verfahrensweise dabei
sehen. Ein Mann hobelte die kleinen, etwa eine halbe Elle langen
und breiten Brettchen von Zedernholz ganz glatt; ein anderer schnitt
sie in Streifen zu viereckigen Bleistiften und machte mit einem Instrument
die Spalte, welche das Blei aufnehmen sollte; ein dritter setzte
das Blei hinein. Es waren etwa vier Zoll lange und halb so breite Stcke,
gerade so dick, da sie in die Spalte paten. Vorher wurden sie
in eine schwrzliche Flssigkeit getaucht und, wenn sie in die Spalte
gefgt waren, mit einem sehr scharfen Messer dicht am Holze glatt
abgeschnitten. Ein vierter Arbeiter leimte kleine, dazu abgepate Spne
hinein, die das Blei bedeckten. Zuletzt ward der bis jetzt viereckige
Bleistift auf einer Maschine rund gemacht. Das Ganze ging blitzschnell
und war gar leicht und artig anzusehen.



Leeds


Den folgenden Morgen setzten wir unsere Reise fort nach Leeds in Yorkshire.
Traurig war die erste Hlfte des Weges, wieder muten wir steile,
himmelhohe Felsen erklimmen. Wie sehr irrt der Bewohner des festen Landes,
der sich gewhnlich ganz England als ein schnes, fruchtbares,
einem Garten hnliches Land denkt. de, unangebaut, ohne Spur
freudiger Vegetation war die Gegend umher; hier mssen, wie auf den
westflischen Steppen, durch die wir frher gekommen, die Jahreszeiten
ebenso unmerkbar fr die Bewohner hinschwinden: denn keine bringt
ihnen Gaben, womit sie glcklichere Erdstriche erfreuen. Kein Baum,
kein Kornfeld, keine lndlichen Grten, aber berall Blei- und Kohlenminen,
Steinbrche, Schmelzfen, Ziegelfabriken, unterbrochen von groen,
einzeln liegenden Baumwollspinnereien und anderen Manufakturgebuden.

Die Luft war schwarz und dick vom Kohlendampfe; berall sahen wir
den Armen arbeiten, um den Reichen noch reicher zu machen, whrend jener
selbst nur kmmerlich sein armes Leben dabei fristet. Ein Gemlde
menschlichen Fleies, doch nicht von der erfreulichen Seite.
Wie erheiternd ist doch der Anblick des rstigen Landmanns, der im
Schweie seines Angesichts der Erde sein Brot abgewinnt, indem er sie
schmckt! Wie traurig sieht dagegen der bleiche, schmutzige Bewohner
der Minen aus, der wie ein Maulwurf in ihr Inneres sich hinein whlen
mu, um nur wenige Jahre elend zu leben! Ein bengstigendes Gefhl
des Mitleids drngte sich uns unwillkrlich auf bei diesem Schauspiele,
das wir bis jetzt nur zu oft und zu lange gehabt hatten.

Bei Wakefield war die Gegend freundlicher und lndlicher; wir dachten
des guten Vikars, der uns allen aus Goldsmiths [Funote: Oliver (1728-
74) "The Vicar of Wakefield", 1766] gemtlicher Dichtung
bekannt ist, aber vergebens suchten wir hier sein Drfchen, sein
wirtliches Dach. Wakefield ist ein Stdtchen voll Fabriken.

Gegen Abend erreichten wir Leeds, eine ziemlich groe Stadt,
welche hauptschlich aus Tuchmanufakturen besteht. Unser Eintritt
war von einer hchst traurigen, herzzerreienden Szene begleitet.
Wir bemerkten mit Erstaunen, da der Wegegeldeinnehmer am Schlagbaum,
dicht vor der Stadt, heftig weinte; neben ihm stand seine Frau
mit der Gebrde trostloser Verzweiflung; zwei ganz kleine Mdchen
blickten stumm und verwundert auf Vater und Mutter. "Gute Leute,
was fehlt euch?" fragten wir mitleidig. "Unser einziger Sohn
ist eben ertrunken", antwortete der Mann mit halb erstickter Stimme.
Nun machte das verzweifelnde Mutterherz sich Luft, mit Hnderingen
rief sie: "Ach, er war der schnste Knabe im Ort, vierzehn Jahre alt,
immer gehorsam und fleiig; heute um vier Uhr kam er mit gutem Zeugnis
frhlich aus der Schule, und nun--." Wir fuhren mit schwerem Herzen
und nassen Augen weiter; denn wer von uns konnte es wagen,
hier trsten zu wollen?

Wunderbar ist's, da in England nicht unendlich viel Kinder verunglcken;
nirgends scheint der alte fromme Glaube, da jedes seinen eigenen
Engel habe, der es beschtzt, einheimischer als hier; denn nirgends
werden sie mehr ohne sichtbare Aufsicht sich selbst berlassen.
In den Stdten und Drfern, auf den volkreichsten Straen kriechen
kleine, kaum zweijhrige Suglinge in den Fahrwegen umher,
grere Kinder laufen ohne Furcht im Gewhle zwischen Rdern und
Pferden durch, und der Reisende sitzt ngstlich im pfeilschnell
rollenden Wagen und zrnt ber die unachtsamen Mtter.

Die Tuchfabrikanten machen den grten Teil der Einwohner von Leeds aus;
sie haben hier eine eigene Halle, in welcher jedem sein bestimmter,
mit seinem Namen bezeichnete Platz angewiesen ist, auf welchem er
an Markttagen seine Waren zur Schau legt und feil hlt. Diese Halle,
ein groes, ganz bedecktes Gebude, schliet einen gerumigen Hof
von allen vier Seiten ein und ist einer Brse nicht unhnlich.

Man macht sehr hbsche Teppiche in Leeds, sie werden auf
gewhnlichen Websthlen gearbeitet. Es war lustig zu sehen,
wie schnell die schnen Blumen und Muster in reicher Farbenpracht
vor unseren Augen entstanden. Bei den breiten Fudecken fr die Zimmer
arbeiten immer zwei Personen an einem Webstuhle; bei den schmalen
zu Treppen und Vorpltzen nur einer.


Studley Park. Fountain's Abbey. Hackfall

Ripon, ein freundliches, reinliches Landstdtchen, liegt in einer
zwar bergigen, aber angenehmen fruchtbaren Gegend. Es ist ein Borough
[Funote: ursprnglich Bezeichnung fr eine Burg oder eine befestigte
Stadt; Kreisstadt, die im Parlament vertreten ist: Parliamentary Borough]
und hat also das Recht, bei jeder Parlamentswahl ein Mitglied
zu whlen und nach London zu schicken. Nun gehren alle Huser
in Ripon einer alten achtzigjhrigen Dame, die unermelich reich,
auch die Besitzerin von Studley Park, Hackfall und mehrerer Gter
im fruchtbaren Yorkshire ist. Sie allein, als die einzige
Grundbesitzerin in Ripon, whlt also dies Mitglied, und das Gewicht,
welches sie hierdurch in der Nachbarschaft, ja im ganzen Knigreich
erhlt, ist fast nicht zu berechnen. Nach ihrem, wahrscheinlich
jetzt schon erfolgten Tode erbt eine Mi Lawrence alle ihre Reichtmer
und Rechte. Diese Dame, obgleich auch schon lngst ber die Jugendjahre
hinaus, wird, wie man leicht denken kann, von Anbetern und Freiern
umlagert, wie weiland Penelope, sie aber widersteht allen und
erklrt laut: sie wrde jetzt keinen heiraten, weil niemand sich
um sie bewarb, ehe sie die reiche Erbin war, welche sie erst
krzlich durch den unerwarteten Tod ihres Bruders wurde.
Mi Lawrence ward uns brigens als sehr gut und auch im uern
nicht unliebenswrdig geschildert.

Wir fuhren nach dem nicht weit entlegenen Studley Park: das Haus
enthlt nichts besonders Sehenswertes, auch die Auenseite desselben
zeichnet sich auf keine Weise aus. Die sehr weitlufigen Spaziergnge
gehren aber zu den schnsten in England.

Der Park hat einen, ihn von den gewhnlichen Parks unterscheidenden
ernsteren Charakter. Freie sonnige Partien, grne Rasenpltze
trifft man weniger, aber herrliche Schattengnge, unter dem Schutze
himmelhoher Buchen und Eichen, am Abhange der bewachsenen Felsen,
auf lachenden Hhen und in duftigen Tlern. Mit unbeschreiblichem
Vergngen wandelten wir hier und ahnten nicht, da die Krone
des Ganzen uns noch erst wunderbar berraschen sollte. Unser Fhrer,
ein alter vernnftiger, eisgrauer Grtner, seit mehr als vierzig Jahren
hier in Dienst, ffnete pltzlich eine kleine, unscheinbare Gartentr,
und wir erblickten in einem lieblichen grnen Tale die schnsten
gotischen Ruinen, die wir je sahen.

Vom Morgenstrahl gertet lagen sie da in stiller, feierlicher Pracht. Es
waren die berbleibsel von Fountains Abbey [Funote: in seinem Grundri
einer der gewaltigsten Klosterbauten Englands. Zisterziensergrndung:
1132. Die Anlage verfiel unter der Regierungszeit Heinrichs VIII.; die
Ruinen zhlen zu den eindrucksvollsten der Welt], einem im zwlften
Jahrhundert erbauten Kloster, nun schon seit zweihundertfnfzig Jahren
in Trmmern. Diese zeugen vom ehemaligen ungeheuren Umfange. Das Dach
fehlt gnzlich, die Seitenwnde grtenteils auch; aber noch stehen, wie
trauernde Geister auf dem Grabe der Vergangenheit, viele, reich mit
Skulptur gezierte Sulen, die weiland das Schiff der Kirche ausmachten;
feste Gewlbe, hohe Bogenfenster trotzen noch der Zerstrung, alles
bezeichnet ehemalige hohe geistliche Pracht. Einige alte steinerne Srge
stehen umher, gewaltsam ans Licht der Sonne gezogen. Deutlich zu
unterscheiden ist noch die Stelle, wo sonst der Hochaltar war, so auch
die Kreuzgnge, das Refektorium, der Versammlungssaal. Viele
unterirdische Gnge und Gewlbe sind fast noch unversehrt; auch erkennt
man eine Kche, und an dem die Wand schwrzenden Rauche die Stelle, wo
sonst der Herd stand.

Fountains Abbey ist ein groes Grab vergangener Zeiten, dennoch drngt
sich berall das frische Leben der ewig jungen Natur ppig hervor. Efeu
umschlingt die verwitternden Pfeiler und kleidet sie in die Farbe der
Hoffnung, junge Blumen und Struche nicken aus den hohen Bogenfenstern
und von den Kapitellen der Sulen. In der Kirche wandelt man unter dem
Schatten bejahrter Bume. berall neues Entstehen mitten unter den
Trmmern der Zerstrung, berall die Lehre, Menschenwerk ist
vergnglich, wie Menschenleben, aber der Geist der schaffenden Natur
waltet fort, kennt weder Vernichtung noch Grenzen.

Welche Verzierungen fr einen Park sind diese Ruinen, wie sinkt alles
so kleinlich dagegen zusammen, was selbst groe Frsten auf ihren
Landsitzen unternehmen, um nur etwas hnliches zu erknsteln! Der vorige
Besitzer von Studley Park erkaufte sie freilich fr eine groe Summe,
aber er gab seinen Besitztum dadurch einen hohen, einzigen Wert und
sicherte zugleich diese heiligen berreste zwar nicht gegen den langsam
zerstrenden Zahn der Zeit, aber doch gegen vernichtenden Mutwillen, der
leider berall dem Schnen droht.

Von Studley Park ging es nach Hackfall. Alle Parks, die wir bis jetzt
sahen, erschienen uns als freundliche Punkte unserer Reise,
an die wir noch nach Jahren gern zurckdenken werden; hier aber
fhlten wir das Trostlose des Geschicks des Reisenenden, nur flchtig
am Schnen vorberstreifen zu knnen und es nur im Bilde
davonzutragen. Hier wnschten wir Htten zu bauen. Wie schn
mu sich's in diesem heimliche verborgenen Tale wohnen! Grnend,
blhend liegt es zwischen malerisch geformten und bewachsenen Felsen.
Wege schlngeln sich bald in schwindelnder Hhe, bald tiefer
in lieblichen Schatten an den Bergen hin; ganz unten braust und
blinkt und wogt ein spiegelheller Flu, von allen Felsen rauschen
und gaukeln Bche zu ihm hinab, bald sprudelnd und schumend,
bald wie im leichten Tanz. Endlich gelangt man hinauf zur hchsten Hhe.
Ein Pavillon ziert sie. Von dort aus blickt man weit ins offene
fruchtbare Land. Da liegt die Welt vor uns und ihr unruhiges Treiben,
und zu unseren Fen das Tal mit seinem stillen Frieden. Zgernd,
wider Willen, verlieen wir abends diesen lieblichen Ort, ber
Berg und Tal rollten wir hin durch den schnen, fruchtbaren Teil
von Yorkshire, bis Catterick Bridge, einem groen, ganz isoliert
liegenden Gasthofe.


Englische Gasthfe

Die Annehmlichkeiten eines solchen Gasthofes in England kennt man
auf dem festen Lande nicht; darum erlauben wir uns hier einiges darber
zu sagen. Durchgngig, auch in den Stdten, sind die englischen Gasthfe
sehr lobenswert: Zimmer, Betten, Bedienung, Reinlichkeit bertreffen alles,
was man in anderen Lndern in dieser Art antrifft, aber wir mchten
fast behaupten, da die guten Gasthfe auf dem Lande wieder die in Stdten
in dem Mae bertreffen wie jene die deutschen.

Die Teuerung ist auch nicht so gro, als man denken mchte, wenn man nur
erst die Sitte kennt. Der Umstand, da man durchaus nicht portionsweise
speist, ist freilich unangenehm. Alle Vorrte des Hauses an Fleisch,
Fischen, Gemsen und dergleichen sind mit der hchsten Sauberkeit und
mit einer Art Eleganz in einem auf dem Flur befindlichen, mit
Glasfenstern versehenden Kabinett zur Schau gestellt. Hier trifft man
gewhnlich die Wirtin oder ihre Stellvertreterin an. Auer einigem
Backwerk findet man nichts fertig zubereitet; die Huser, in welchen die
ffentlichen Fuhrwerke zu bestimmten Stunden einkehren, machen jedoch
hiervon eine Ausnahme. In diesen ist mittags oder abends der Tisch
gedeckt, an welchem die ankommenden Reisenden um einen festgesetzten
Preis in Gesellschaft speisen knnen. Auer diesem aber mu der einzelne
Fremde in jenem Vorratsmagazine seine Mahlzeit und die Art der
Zubereitung selbst whlen und geduldig warten, bis sie fertig ist. Whlt
man nun einen Hammel- oder Rinderbraten oder sonst ein groes Stck, so
bekommt man es ganz auf den Tisch und mu es auch ganz bezahlen, wenn es
gleich kaum angeschnitten wieder abgetragen wrde. Dies ist freilich
nicht angenehm, aber der Landeskundige wei sich einzurichten und
bestellt kleinere, leichter zu bereitende Gerichte. Das Logis ist nicht
teuer. Fr das Zimmer, in welchem man speist und den Tag zubringt, wird,
auch bei lngerem Aufenthalt, gewhnlich nichts gerechnet, es sei denn,
da man nur im Hause wohne und immer auswrts speise. Im Schlafzimmer
bezahlt man nur das Bette, und dieses kostet selten mehr als einen
Schilling die Nacht. Und welch ein Bett! Die schnsten Matratzen, die
feinsten Bettcher und Decken. Schne Vorhnge umgeben das Bett, ein
hbscher kleiner Teppich liegt davor, eine feine weie Nachtmtze und
ein Paar Pantoffeln fehlen auch nie dabei, deren sich reisende
Englnder, die immer wenig Gepck mit sich fhren, ohne alle Scheu
bedienen.

Es ist uns immer aufgefallen, wie dieses Volk, bei aller Reinlichkeit,
tausend kleine Rcksichten nicht kennt, die dem Deutschen, noch mehr dem
Franzosen, zur Natur geworden sind. Kein Englnder, zum Beispiel, der
nicht zu den vornehmsten Klassen gehrt, wird sich weigern, mit andern
aus einem Glase oder Porterkruge zu trinken, oder mit Bekannten, auch
wohl Fremden, in einem Bette zu schlafen, wenn es im Hause an Raum
fehlt.

Auch in den Stdten erscheint der Wirt gleich, um den Fremden beim
Austritte aus dem Wagen zu empfangen, aber auf dem Lande ist's,
als kme man zu einem lngst erwarteten Besuch. Der Wirt ffnet selbst
den Schlag und hilft dem Reisenden heraus; in der Tr steht die Wirtin;
mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt knickst sie ein halbes Dutzend
Mal kurz hintereinander, bemchtigt sich der reisenden Damen sogleich,
fhrt sie in ein besonderes Zimmer und sorgt auf alle Weise fr
ihre Bequemlichkeit, whrend ihr Mann bei den Herren die Honneurs macht.
Wenn man auch nur die Pferde wechselt, ohne das geringste zu verzehren,
so bleibt diese Hflichkeit sich dennoch gleich: Wirt und Wirtin
begleiten die Reisenden an den Wagen, danken fr die erzeigte Ehre
und bitten, bald wieder zu kommen. Freilich haben die Wirte auf jeden Fall
einigen Nutzen von den Reisenden, da sie die Post fr eigene Rechnung
bedienen.

Je weiter man in's nrdliche England dringt und sich Schottland nhert,
je mehr nimmt diese Aufmerksamkeit der Wirte zu, verbunden mit
einer Art Kordialitt, die unangenehm auffllt. Der Wirt bringt immer
die erste Schssel auf den Tisch, sei sein Gasthof noch so gro
und ansehnlich; ihm folgt seine Frau, selbst alle Kinder des Hauses,
die nur einigermaen sich dazu schicken, folgen dem Alter nach
in Prozession, alle bringen etwas; oft sahen wir zuletzt so einen
kleinen goldlockigen Cherub von drei, vier Jahren geschftig mit
einem Pfefferbchsen dahergetrippelt kommen. Die Aufwrter, Waiters,
scheinen Flgel zu haben, so schnell kommen sie auf jeden Klingelzug,
und in allen Zimmern hngen gute, gangbare Klingeln, welche
der reisende Englnder nach Herzenslust handhabt.

So wie es keine aufmerksameren Wirte gibt, so gibt es auch keine
viel verlangerenden Gste als in England. Das Wirtschaftswesen
wird aber gewissermaen fabrikmig betrieben: jeder hat sein
Departement, und so geht alles in schneller Ordnung. Die Pferde
besorgt der Stallknecht, Hostler genannt, hat aber wohl im Stalle
seine Untergebenen zum eigentlichen Dienste, denn er selbst sieht
zu elegant dazu aus; er nimmt nur die Befehle der Fremden an
und fhrt die Pferde vor. Dann ist noch der Stiefelwichser; dieser,
gewhnlich der pfiffigste und gescheiteste vom ganzen dienenden Personal,
wird schlechtweg Boots, Stiefel, gerufen, und ist eine sehr
wichtige Person im Hause. Er besorgt gewissermaen die auswrtigen
Angelegenheiten, bestellt Kommissionen, fhrt die Fremden im Orte herum
und gibt von allem Rede und Antwort. Unaufhrlich hrt man in
einem ganz eigenen, hellklingenden Fistelton durchs ganze Haus
"Boots!" rufen, und immer ist er zur Hand.

Abends beim Zubettegehen wird jedesmal das Kammermdchen, Chambermaid,
gerufen, sie erscheint im feinen kattunenen Kleide, mit einer
schneeweien Musselinschrze, einem artigen Spitzenhubchen, kurz,
so nett und damenhaft gekleidet als mglich. Ihr Amt ist, den Fremden,
ohne Unterschied der Person und des Geschlechts, einen Nachttischleuchter
mit einem Wachslicht anzuznden, ihn in's Schlafzimmer zu fhren
und zuzusehen, da es ihm an keiner Bequemlichkeit mangle.
Dies geschieht jeden Abend, und wenn man Monate lang im Haus verweilte.

Beim Abschiede erscheinen dann Waiter und Hostler und Boots,
ganz zuletzt noch bittet die Chambermaid mit einem artigen Knicks,
ihrer nicht zu vergessen, don't forget the Chambermaid. Man gibt
diesen Leuten nicht viel, wenn man die Teuerung des Landes bedenkt,
und man gibt gern, denn man wurde gut bedient. Nach dieser Digression
kehren wir zurck nach Catterick Bridge.

Krankheitshalber muten wir einige Tage dort verweilen und wurden
gewartet und gepflegt, als wren wir unter Bekannten und Freunden.
Die Wirtin, Mistre Ferguson, wich nur aus dem Krankenzimmer,
wenn ihre Geschfte es notwendig machten; ihr Mann ritt selbst
nach dem vier Meilen entlegenen Stdtchen Richmond, um den Apotheker
des Orts zu holen, und der Sohn des Hauses, ein Landgeistlicher
aus der Nachbarschaft, schleppte seine halbe Bibliothek herbei,
um Kranken und Gesunden Unterhaltung zu verschaffen. Der Apotheker
war ein vernnftiger, guter Arzt, und das bel wich seinen
Heilmitteln bald.

In ganz England sind die Apotheker die am meisten gesuchten rzte;
man nennt sie auch Doktor. Besuche der eigentlichen rzte werden,
auer bei reichen vornehmen Kranken, nur bei sehr groer Gefahr gefordert.
Sie sind zu kostbar: weniger als eine Guinee dar man keinem
fr jede einzelne Visite bieten. Diese wird ihnen gewhnlich
jedes Mal beim Abschiednehmen in die Hand gedrckt. Eine Konsultation
des Arztes in seinem eigenen Hause kostet die Hlfte. Die Apotheker
werden ungefhr wie die rzte in groen deutschen Stdten bezahlt.
brigens wimmelt's nirgends so von Quacksalber wie in England;
dies bezeugen die ffentlichen Bltter, deren grte Hlfte
aus Ankndigungen von Arkanen besteht.



Richmond

Gnzlich hergestellt kamen wir nach Richmond, einer kleinen Landstadt,
am Abhange eines Felsens erbaut. Die Ruinen des uralten Schlosses
Richmond, von welchem die jetzigen Herzge von Richmond zwar
den Namen fhren, aber keine fnfzig Pfund Einnahme haben, stolzieren
hoch auf dem Gipfel desselben ber die Stadt. Letztere liegt
hchst malerisch, und die Ruinen der sie umgebenden alten ehemaligen
Wlle gewhren eine weite herrliche Aussicht. Wald, Wiese,
hbsche Landhuser, Grten, Drfer, kleine fruchtbare Anhhen wechseln
auf eine unbeschreibliche anmutige Weise ringsumher, und ein Strom,
ber den eine steinerne Brcke fhrt, belebt das Ganze. Jeder Schritt
entdeckt neue Schnheiten; der wilde Fels, auf dem Schlo und Stadt
erbaut sind, bildet einen wunderbaren Kontrast mit den lieblichen
Umgebungen. Die Ruinen, zwar in einem ganz anderen Geschmack und
weniger prchtig als die von Fountains Abbey, zeugen dennoch
von ehemaliger Gre und gesunkener Herrlichkeit. Sie werden gar nicht
unterhalten und drohen stndlichen Einsturz, zur groen Gefahr
fr die an ihrem Fue liegenden Wohnhuser. Ein einziger Turm
steht erhalten da, alles brige sind nur hohe, ppig mit Efeu bewachsene
Mauern. Die Abteilungen der Gemcher sieht man noch deutlich und
die hohen Bogenfenster, aber das Dach fehlt gnzlich; Regen und Wind
haben berall freien Zugang.



Aukland, Durham, Sunderland und Newcastle


Von Richmond nach Aukland kamen wir in wenigen Stunden; es ist der Sitz
des Bischofs von Durham. Sein Wohnhaus, ein groes gotisches Gebude,
zwar recht nett, aber doch ganz brgerlich und einfach mbliert,
zeigt keine Spur geistlicher Pracht, alles ist, so wie es sich eigentlich
fr einen solchen Oberhirten schickt. Der zu dem Hause gehrige Garten
ist in Hinsicht der darauf verwendeten Kunst kaum nennenswert,
aber von Natur eines der schnsten, lieblichsten Fleckchen der Erde.
Er vereinigt Fels und Wald; ein rauschender Flu strzt bald gaukelnd,
bald unwillig ber wildes Gestein, das sich ihm vergeblich in den Weg
wirft. Unendlich viel Schnes knnte hier mit Geld und Geschmack
hervorgebracht werden, und doch, wenn man diese ungeschminkte Natur sieht,
mu man unwillkrlich wnschen, da alles so bleibe, wie es ist.

Wir fuhren durch den groen, sehr angenehmen Park nach der Stadt Durham.
Sie ist eine der ltesten, wenngleich nicht der grten in England
und liegt sehr malerisch in einem reizenden, von fruchtbar angebauten
Bergen umgebenen Tale. Den folgenden Morgen gingen wir ber Sunderland
nach Newcastle.

Sunderland ist wegen einer eisernen Brcke, der grten in England,
sehr merkwrdig. Ein einziger ungeheurer Bogen wlbt sich hundert Fu hoch
ber die Flche des Wassers, so da ein Schiff, ohne die Masten umzulegen,
darunter hinsegeln kann. Nie sahen wir Zierlichkeit und Strke so vereint.
Wie ein Zauberwerk scheint die Brcke in der Luft zu schweben.
Nur der Bogen, auf welchem sie ruht, und die Gelnder, die sie an beiden
Seiten einfassen, sind von Eisen, sie selbst ist von Stein.

Auf einem bequemen Platze unter der Brcke konnten wir den Mechanismus
derselben recht betrachten. Sechs nebeneinander parallel hinlaufende
Bogen vereinigen sich zu einem Ganzen. Jeder dieser Bogen besteht
aus einer dicken eisernen Stange, die auf einer Menge nebeneinander
aufrecht gestellter, ebenfalls eisernern Ringe ruht, von welchen jeder
fnfzehn Fu im Diameter hlt. Diese Ringe ruhen unten wieder auf
einer der oberen hnlichen Stange; verschiedene Eisen sind symmetrisch
angebracht, um die sechs Bogen nebeneinander zu verbinden. Das Ganze
liegt an beiden Enden auf zwei mehr als armdicken eisernen Querstangen,
die aber inwendig hohl sind.

Der zierliche Anblick dieses Kunstwerks ist unbeschreiblich;
augenscheinlich sieht man, wie viel mehrere schwache Krfte vereinigt
tragen knnen. Wenn auch etwas an diesen Bogen durch Zeit oder Gewalt
zerstrt wrde, so bleibt doch immer genug brig, das Ganze zu erhalten,
und man mchte fast behaupten, es knne nie sehr baufllig werden,
weil man mit leichter Mhe jedem kleinen Schaden bald abhelfen kann.
Es wohnt hier ein eigener Wchter neben der Brcke, der darauf zu sehen hat,
da sie immer im Stande erhalten werde. Man hat einen auch in Deutschland
bekannten groen Kupferstich, welcher den Kunstbau dieser wahren Wunderbrcke
sehr gut und deutlich darstellt.

In Newcastle, wohin uns jetzt unser Weg fhrte, fanden wir nichts zu tun
als auszuschlafen. Die Stadt ist ziemlich gro, hat neben vielen
engen und winkligen auch einige hbsche Straen und ist, besonders
wegen  des Steinkohlenhandels, fr Grobritannien sehr wichtig.
Aber alles hat auch das Ansehen und den Geruch dieses Geschfts und
also fr den blo zum Vergngen Reisenden wenig Einladendes.



Alnwick Castle und Berwick


Alnwick, diesen alten Sitz der Herzge von Northumberland, erreichten wir
einige Stunden, nachdem wir Newcastle verlassen hatten. Der Anblick
dieses Schlosses aus der Ferne versetzte uns zurck in lngst
vergangene Tage, wir glaubten eine Burg aus jenen Zeiten vor uns
zu sehen, in welchen das Faustrecht noch galt, und jeder gegen
feindliche Nachbarn mit eigener Kraft sich zu schtzen suchen mute.
Die wunderbare Erhaltung dieses groen altertmlichen Gebudes,
an welchem durchaus nichts Verfallenes oder Ruinenartiges zu erblicken war,
fiel uns vor allem auf. Die durchaus altertmliche Burg mit
ihren runden Ecktrmen, ihren mit Schiescharten versehenen Ringmauern,
ihren Brustwehren, ihren Toren, ihren ber dem Schlograben fhrenden
Zugbrcken, schien wie durch ein Wunder der Gewalt der Elemente
wie der gegen sie anstrmenden Feinde Jahrhunderte lang auf unbegreifliche
Weise getrotzt zu haben.

Es war eine Tuschung, aber die gelungenste, die uns in dieser Art
jemals vorgekommen ist.

Alnwick Castle [Funote: eines der schnsten Feudalschlsser Englands,
letzte, weitgehende Restaurierung im 19. Jahrhundert; durchaus nicht
"ganz modernen Ursprungs", sondern nur oft und manchmal recht
unglcklich restauriert] ist ganz modernen Ursprungs und verdankt seine
altertmliche Gestalt nur der seltsamen Laune des Herzogs von Northumberland.
Auf den Zinnen der Mauer und der Trme stehen alte Krieger in
drohender Stellung, von Stein gehauen, in Lebensgre. So viel wir
von unten davon urteilen konnten, sind diese Figuren recht gut gearbeitet.
ber jedem Tor steht einer davon in gebckter Stellung, mit beiden Hnden
einen groen Stein haltend, als wre er im Begriff, den Eintretenden
damit zu zerschmettern. Die Idee kann man eben nicht gastfreundlich
nennen; aber diese ganze Verzierung, so wunderlich und einzig in ihrer Art
sie ist, macht einen groen Effekt. Von weitem glaubt man fast,
die Geister der alten Krieger, die einst hier hausten, wren zurckgekehrt
und wollten der Neugier den Eintritt in ihr Heiligtum wehren:
in so drohender mannigfaltiger Bewegung und Gebrde stehen sie da.
Auch sind sie nicht so harmlos, als man denken mchte. Mancher dieser Helden
kam schon ungerufen herunter, wenn es ihm oben zu windig ward,
und richtete auf der Erde Schaden und Unfug an.

Das Innere der Burg ist ebenfalls im Geist der Vorzeit gehalten:
hohe gewlbte Zimmer mit Bogenfenstern voll knstlicher gotischer Verzierungen
und Schnrkeln, ungeheure Pfeiler und Mauern, lange sich durchkreuzende
Galerien, dunkle, krumme Gnge wrden ein sehr schauerliches Ganzes
machen, wren die Zimmer nicht mit hellen Farben heiter und lustig
aufgemalt. Indessen glauben wir doch, da einer der englischen
Schauerromane, einsam um Mitternacht hier gelesen, seine Wirkung
nicht verfehlen wrde.

Wir eilten fort, hinaus in den freundlichen Sonnenschein, in den artigen,
die Burg umgebenden, ganz modernen Garten, zu den wohl angelegten
Treibhusern, in welchen wir uns zu unserer Freude, da der Herzog
nicht da war, mit Weintrauben und Melonen fr die Reise versorgen konnten.
Den Park, der sich eben durch nichts von anderen Parks auszeichnet,
sahen wir nur von weitem aus den Fenstern der Burg. Man wollte uns
nicht erlauben hindurchzufahren, was doch bei anderen Parks selten
Schwierigkeit findet.

Jetzt fhrte der Weg lngs der Kste des Meeres, das wir fast nie
aus dem Gesichte verloren, nach der uralten Stadt Berwick, an der
uersten Spitze Northumberlands.

In Northumberland, besonders in Berwick, der letzten englischen Stadt,
fiel uns die Sprache der Einwohner auf. Das wunderliche allgemeine
Schnarren, womit sie den Buchstaben R aussprechen, und die vielen
ganz unbekannten Provinzialausdrcke, welche sie einmischen, machten,
da wir Mhe hatten, sie zu verstehen. Schon nach Newcastle
spricht man das Englische sehr fehlerhaft, fast wie plattdeutsch aus.



SCHOTTLAND


Die Fahrt von Berwick nach Edinburgh, vierundfnfzig englische Meilen,
fast immer im Angesichte des Meeres, wre allein die Reise wert;
von so seltener, wunderbarer Schnheit ist die Gegend, aber deshalb
wohl umso unbeschreibbarer.

Bis dicht hinab an die Wellen der Kste bebaut wie ein Garten:
Kornfelder, Wiesen mit Herden bedeckt, Obst- und Gemsegrten
wechseln, alles in der Pracht der ppigsten Vegetation. Dazwischen
kleine Gehlze, duftende, blhende Hecken, und in ihrer Mitte Drfer,
die umso malerischer erscheinen, da sie schon ein lndlicheres
Ansehen haben und nicht, wie die englischen, kleinen Stdten hnlich
sind. Das Land ist nicht bergig, aber auch nicht flach; wellenfrmig
erhebt es sich zu kleinen Anhhen und sinkt wieder zu lieblichen
Grnden hinab. Freundliche, einzelne Landhuser liegen berall zerstreut,
ehrwrdige, efeubewachsenen Ruinen der Vorzeit erheben ihre alten Mauern
und zeugen von vergangener Gre. Und nun noch der Anblick des Meeres,
dieses ewig wechselnden Elements, das jeder Gegend, auch der desten,
Leben gibt!

Kleine Inseln mit Leuchttrmen, entfernte blaue Felsen, die zackig
und wild am Horizonte sichtbar werden, alles, alles vereint sich hier,
um ein Ganzes voll wunderbarer Schnheit zu bilden. Zwei Lager (Funote:
in England befrchtete man eine Invasion der Franzosen],
jedes von ungefhr dreitausend Mann, die eben hier die Kste bewachen,
kontrastieren mit der lndlichen Anmut rings umher. Der Anblick
dieser Krieger, ihre Zelte, ihre glnzenden Waffen und Uniformen,
brachten ein neues, fremdes Leben in diese entzckende Gegend.

Schon hier, so nahe an der englischen Grenze, fiel uns der Unterschied
zwischen dem englischen und schottischen Volke merklich auf.
Freundliches, gutmtiges Zuvorkommen, Treuherzigkeit, verbunden
mit groer, aber frhlicher Armut, erinnerte uns immer an die Bewohner
deutscher Gebirge. Schuhe und Strmpfe, ohne welche man in England
keinen Bettler erblickt, sind hier schon hoher Luxus. Die arbeitende
Klasse und der grte Teil der Kinder, selbst wohlhabender Eltern,
laufen Sommer und Winter barfu; vielleicht geschieht dies fast
ebenso oft aus Gewohnheit als aus Armut; aber es fllt sehr auf,
wenn man aus England kommt, wo dergleichen unerhrt ist.



Edinburgh


In keinem der vielen schnen Gasthfe dieser Stadt konnten wir unterkommen.
Es waren eben die letzten Tage der Woche, in welcher dort alljhrlich
Pferderennen gehalten werden. Wir fanden alles vollgepfropft von Fremden,
die teils jenes edle Vergngen, teils die es begleitenden Lustbarkeiten,
das Theater, die Blle, Konzerte und tausend andere Freuden
herbeigezogen hatten. Da wir bald eine artige Wohnung bei einem
Kupferstichhndler, einem der unzhligen Mackintoshes, fanden,
waren wir es wohl zufrieden, das Volk einmal in seiner Nationalfreude
zu sehen.

Die Stadt Edinburgh, von betrchtlicher Gre, ist eine der schnsten
und hlichsten Stdte zugleich und verdient in dieser Hinsicht
mit Marseille verglichen zu werden. Die Altstadt, ein grauen- und
ekelerregender Klumpen alter, schmutziger, den Einsturz drohender Huser,
die anscheinen ohne Ordnung in engen, winkligen Straen an- und
bereinandergeworfen zu sein scheinen; die neue Stadt dagegen wetteifernd
mit den schnsten Stdten Europas. Edinburghs ganze Lage ist einzig
in ihrer Art, von hoher romantischer Schnheit.

An den Seiten eines hohen Felsens, der sich an eine lange, majesttische
Reihe anderer Felsen anschliet, liegen die Huser der alten Stadt,
wie Schwalbennester angeklebt, unter- und bereinander; einige
dieser Huser haben, von einer Strae aus gesehen, zehn Stockwerke,
whrend sie von der anderen Seite deren nur zwei oder drei zhlen,
und man aus dem vierten oder fnften Stock der niedriger liegenden
Seite auf der hohen geraden Fues ins Freie in eine andere Strae geht.
Wie krumm, wie eng, wie winklig der grte Teil dieser Straen ist,
lt sich schwer beschreiben. Einige derselben fhren steile und
hohe Berge hinauf und hinab, auf die allerbeschwerlichste Weise.
Auf den hchsten Gipfel dieser Felsenkette thront die uralte Wohnung
der schottischen Knige, das Kastell, hoch ber den Husern
der brigen Einwohner. Eine tiefe Kluft, aus welcher jene Felsen steil,
fast senkrecht emporsteigen, trennt die alte Stadt von einer Anhhe,
auf welcher die neue Stadt erbaut ist. Einige schne steinerne Brcken
fhren hinber und vereinigen beide Stdte. Tief im Abgrunde
sieht man von einer dieser Brcke Straen, die dort unten liegen,
wie im Erebus, denen Sonne und Mond fast nie scheinen, und deren Dcher
noch lange nicht bis zu der Grundlage der Brcke hinaufreichen.
Die Menschen, die dort wandeln, erscheinen, von oben gesehen,
wie Gnomen. Es ist unbegreiflich, wie man im Angesichte der schnen,
neueren Stadt diese unfreundlichen Wohnungen ertragen kann.
Nur ein Teil dieser Kluft ist bebaut, der brige wird zum Teil
als Viehweide benutzt, zum Teil liegt er steinig und unfruchtbar da.

Die neue Stadt kann sich in Hinsicht der Regelmigkeit und Breite
der wohlgepflasterten, mit breiten Fuwegen auf beiden Seiten
versehenden Straen mit den schnsten Stdten Europas messen;
in Hinsicht der Schnheit, der Soliditt und des guten Geschmacks
der aus Quadersteinen erbauten Wohnhuser bertrifft sie solche vielleicht.

Wie in London gibt es auch hier groe Pltze, umgeben von schnen
Gebuden, und in ihrer Mitte einen mit eisernem Gelnder eingefaten
artigen Garten oder einen schnen Grasplatz. Fast alle Straen
bieten Aussicht auf's Meer. Dieses groe, ewig wechselnde, ewig neue
Schauspiel erhlt hier noch durch eine Menge kleiner, zerstreut
liegender Inseln neuen Reiz. Ferne, blaue Berge begrenzen von
der einen Seite die groe Perspektive, die von der anderen sich
in's Unendliche ausbreitet.

Unvergelich bleibt uns ein Abend, den wir in Princes Street bei einem
unserer Bekannten zubrachten. Diese, eine englische Meile lange Strae
besteht nur aus einer Reihe sehr schner Huser; gegenber begrenzt eine
eiserne Balustrade jene Kluft, welche die alte Stadt von der neuen
scheidet, und welche, gerade hier unbebaut, Khen und Ziegen zur Weide
dient. Senkrecht steigen daraus die ganz nackten Felsen empor, wild,
zackig, in schnen, wechselnden Formen. Hoch liegt die alte Knigsburg
und andere alte Gebude; ber ihnen droht, von blauen Nebeln umwoben,
Knig Arthurs Sitz, ein wunderbar geformter Fels, fast wie ein Thron
gestaltet. Von ihm erzhlt sich das Volk manche schauerliche Sage der
Vorzeit. In seiner Nhe erblickt man auf einem anderen Felsen die Ruine
eines alten Schlosses, in welchem die unglckliche Maria Stuart von
ihrem eigenen Volke gefangen gehalten ward, ehe sie nach England in den
Tod ging. Das Meer begrenzt die Aussicht am Ende der Strae. Hier sahen
wir die sinkende Sonne die Spitzen der Felsen rten, spter den Mond die
Wellen des Meeres versilbern, und schieden mit der berzeugung, da
nicht leicht eine andere groe, volkreiche Stadt uns ein hnliches
Schauspiel darbieten wird.

Die dritte Abteilung von Edinburgh ist Leith. Eigentlich eine Stadt
fr sich, aber, fast mit Edinburgh zusammenhngend, kann sie doch
dazugerechnet werden. Leith liegt in der Tiefe, hart am Hafen,
in einer niedrigen, etwas sumpfigen, unangenehmen Lage. Hier sind
die Schiffswerften, Magazine, Comptoire und die Wohnungen derer,
die mit allen diesen Dingen sich beschftigen. Hier gibt's des Drngens,
Stoens, Treibens genug. Leith ist nicht so bergig, aber fast so hlich
als die Altstadt Edinburgh; die Straen sind voll Gewhl und Getmmel;
wir waren froh, bald zu entkommen.

Das schnste Gebude in Edinburgh ist das Register Office; es dient
zu mannigfaltigen ffentlichen Zwecken. In einer durch eine Kuppel
von oben erleuchteten Rotunde sahen wir hier die marmorne Statue
des Knigs Georg des Dritten. Mrs. Damer, eine Dame von Stande
in London, hat sie der Stadt geschenkt, und, was das Merkwrdigste
dabei ist, sie hat sie selbst verfertigt. Man mu ihren guten Willen ehren,
die Statue selbst ist ein unfrmiges Machwerk.

Das Kastell ist ehrwrdig durch seine ehemalige Bestimmung, sein Alter
und seine imposante Lage, hoch auf dem Gipfel des Felsens. Holyrood House,
die Residenz des Knigs von Grobritannien, wenn er einmal nach Edinburgh
kommen sollte, ist ein groes, ganz gewhnliches altmodisches Schlo,
welches sich auf keine Weise auszeichnet, aber dennoch dem Palaste
von St. James in London vorzuziehen. Verschiedene Privatpersonen,
denen der Knig die Erlaubnis dazu gab, bewohnen es jetzt; auch war es
die Residenz des Grafen Artois, spterhin Knig Karl der Zehnte.
Die Wohnungen im Schlosse und dem es zunchst umgebenden Bezirke
haben das Vorrecht, da niemand schuldenhalber darin arretiert
werden kann. Sie werden deshalb sehr gesucht, besonders, wie man uns
versicherte, vom schottischen Adel.

Graf Artois [Funote: als Karl X. Knig von Frankreich (1824-30). Er
grndete nach dem Sturm auf die Bastille mit dem Prinzen Cond die
Emigration. In dieser Eigenschaft fhrte er mehrere Feindhandlungen
gegen Frankreich. Von 1795-1813 lebte er im englischen Exil von einer
Pension, die ihm das englische Parlament bewilligt hatte.] lebte hier,
soviel mglich wie weiland zu Versailles. Zweimal die Woche speiste er
ffentlich, allein, wie es die Etikette fordert. Dreimal die Woche hielt
er Lever vor einem Hofe von Emigranten, die er um sich versammelte. Wir
sahen seine Zimmer; sie sind so ganz brgerlich einfach, da sie ihn
doch oft an die Vergnglichkeit aller irdischen Dinge erinnert haben
mssen. Uns waren nur drei Gegenstnde darin merkwrdig: das Bildnis der
Tochter Ludwigs des Sechzehnten, das ihrer Tante, der Prinzessin
Elisabeth, und eine Aussicht auf Malta, welche diese unglckliche Dame
zu Paris im Temple [Funote: hier wurden die Mitglieder des Knigshauses
gefangengehalten] malte, und hoffentlich so, unterm Schutze der ewig
heiteren Kunst, wenigstens einige Stunden den groen Schmerz verga, der
schwer auf ihr lastete.

Bei aller romantischen Pracht und Schnheit eignet sich die Lage
Edinburghs dennoch wenig zu Spaziergngen. Es fehlt in der Nhe
an Schatten, an lndlicher Lieblichkeit; doch findet man auch diese,
wenn man sich nur die Mhe geben will, sie ein oder zwei Stunden
weit aufzusuchen.

Das Pferderennen, das man wohl den Karneval der Briten nennen darf,
erfllte whrend der ersten Tage unseres Aufenthalts daselbst die ganze
Stadt Edinburgh mit ungewhnlichem Leben. Die Vergngungen jagten
einander in dieser Woche. Sonst lebt man hier stiller, einfacher als in
London, mehr ein Familienleben auf deutsche Weise. Die Kinder werden
nicht, wie es dort durchaus gewhnlich ist, in Pensionen erzogen, sie
wachsen im Hause unter den Augen der Eltern heran.

Die uere Frmmigkeit und besonders die Feier des Sonntags wird hier
noch strenger beobachtet als dort. Einer unserer Bekannten, welcher uns
an einem Sonntagmorgen zu einer Spazierfahrt abholte, schlo sorgfltig
die Jalousien an seinem Wagen, solange wir in der Stadt fuhren; weil er
sich scheute, den Leuten, die in die Kirchen gingen, zu zeigen, da er
in einer Stunde spazieren fahre, welche eine so heilige Bestimmung hat.
Am Sonntagmorgen werden alle musikalischen Instrumente, alle Bcher, die
nicht religisen Inhalts sind, alle Spielkarten, alle Handarbeiten, auch
die unbedeutendsten, sorgfltig weggeschlossen, damit auch selbst ihr
Anblick nicht strend werde. Jedermann geht in die Kirche und hlt
Andachtsbungen zu Hause, wobei die Hausgenossen bis auf die geringsten
Bedienten erscheinen mssen. Jede Ergtzung ist hoch verpnt; den Herren
bleibt nur die Flasche, bei der sie an diesem Tage noch lnger als sonst
nach Tische verweilen, und den Damen der Teetisch.

Zuvorkommende, gutmtige Freundlichkeit und ein gewisses treuherzig-
frhliches Wesen unterscheiden den Schotten merklich vom Englnder.
Man achtet hier die Fremden mehr als in England, ist bekannter
mit ihren Sitten und Gebruchen; denn Armut zwingt den Schotten oft,
in der weiten Welt ein Fortkommen zu suchen, und er sucht es
lieber recht fern, als in England, wo man sein geliebtes Vaterland
mit ungerechter Verachtung betrachtet. Der grte Teil der
in Deutschland und anderen Lndern angesiedelten Briten sind
eigentlich Schotten.

Frmmigkeit, Ehrlichkeit, Arbeitsamkeit ist der Charakter des Volks
im allgemeinen; dazu eine ungemessene Liebe zu ihrem Lande,
zu ihrer vaterlndischen Literatur. Mit ihr, wie mit den Alten,
ist jeder bekannt, der nur auf Bildung einigen Anspruch macht.
Sie hegen hohe Ehrfurcht vor allem, was auf ihre ehemaligen besseren
Tage hindeutet. Maria Stuart hat hier noch unzhlige warme Verehrer,
und jede Reliquie, die von ihr brig ist, wird wie ein Heiligtum
betrachtet und sorgsam vor dem Untergang geschtzt.

Die bildende Kunst will unter britischem Himmel nicht recht gedeihen;
doch da sie wenigstens nicht immer dort nach Brote geht,
davon fanden wir den Beweis bei einem wirklich ausgezeichneten Knstler,
mit Namen Reaburn. Wir besuchten ihn in seinem eigenen, elegant
gebauten und mblierten Hause, in welchem er mit seiner Frau und
vier Kindern auf einem sehr angenehmen Fu lebt. Ein hnliches Landhaus
besitzt er vor der Stadt, und alles dieses erwarb ihm sein Pinsel,
denn er war ohne Vermgen. Freilich hat er einen Kunstzweig erwhlt,
der wohl nirgends so belohnt werden wrde als in Grobritannien;
er malt Pferde, aber so wunderschn, mit solcher Wahrheit, da selbst
ein nicht englisches Auge davon entzckt werden mu. Auch menschliche
Portrts gelingen ihm mit ziemlichem Glck, aber die Konterfeis
der vierfigen Lieblinge manches reichen Lords haben eigentlich
doch sein Glck und seinen Ruhm gegrndet. In einem groen,
von oben erleuchteten Saale, den er sich zu diesem Zwecke erbauen lie,
sahen wir viele seiner Gemlde im schnsten Lichte mit wahrer Freude.



Pferderennen


Das Pferderennen, welches so viel Fremde in Edinburgh versammelt hatte,
konnten wir nicht unbesucht lassen; wir wohnten noch den beiden
letzten und daher wichtigsten bei. Gewhnlich werden sie an anderen
Orten auf einer dazu eingerichteten groe Wiese gehalten, hier aber
hat man, wunderlich genug, das Ufer des Meeres bei Leith dazu erwhlt,
eigentlich die sandige Flche, von welcher sich das Meer zur Zeit
der Ebbe zurckzieht. Darum mu die Stunde genau abgepat werden.
Uns schien die Expedition nicht ganz ohne Gefahr. Sollte den
alten Poseidon einmal eine Laune anwandeln und er schickte seine Wogen
etwas frher zurck, so mchte wohl die Katastrophe des Knigs Pharao
im Roten Meere nochmals wiederholt werden, und Edinburgh wre mit
einem Male verdet, denn niemand bleibt bei diesem wichtigen Vorgange
zu Hause, wenn er nicht mu. Uns kann das ganze Vergngen etwas
wunderlich vor.

Auf dem nassen, pftzenreichen Sande, wo es unbegreiflich ist,
wie die Pferde festen Tritt haben knnen, und der noch obendrein
wie ein Fischmarkt riecht, ist ein Platz mit Schranken von Stricken
umgeben. Alte, invalide Soldaten stehen ringsumher und halten
auf Ordnung. An einem Ende dieses Platzes sitzen die Kampfrichter,
auf einem hohen, mit Fhnchen verzierten Gerste, gravittisch
wie Rhadamant mit seinen Kollegen; die Helden des Tags, die Pferde,
stehen daneben. Eine unzhlige Menge Menschen umgibt den Platz.
Auf die Dcher, an die Fenster der benachbarten Huser von Leith,
auf die Mauern, auf eigens dazu erbaute Gerste, auf den Quai
des Hafens, berall, wo nur ein Pltzchen zu finden ist, haben
neugierige Fugnger sich hingestellt. Diese bunte, frhliche Menge
gibt, vom Rennplatz aus gesehen, einen sehr hbschen Anblick.
Die Glcklichen, welche ber ein Fuhrwerk oder Pferd disponieren
knnen, tummeln sich, in Erwartung des groen Schauspiels, lustig
auf der Rennbahn herum und geben selbst dem Beobachter einen sehr
belustigenden Anblick. Prchtige, mit Wappen und Grafenkronen verzierte,
mit vier stolzen Pferden bespannte Equipagen und dann Karren
mit einem alten, lebensmden Gaul davor, Reiter und Reitpferde
jeder Art, alle mglichen Fuhrwerke, die Luxus und Lust zu fahren,
es sei auf welche Weise es wolle, nur erfinden konnten, fahren und
reiten untereinander herum im buntesten Gewhl. Alles patscht ohne
Zweck und Ziel die Kreuz und Quer im Schlamme und nassen Sande
lustig darauf los.

Whrend der Zeit wird alles ganz genau von den Kampfrichtern untersucht,
damit kein Betrug irgendeiner Art beim Rennen vorgehe. Die Jockeis,
welche schon geraume Zeit vorher sich durch strenge Dit auf diesen
groen Tag bereiten muten, werden sorgfltig gewogen; keiner darf
schwerer sein als der andere, deshalb wird dem leichteren das
fehlende Gewicht durch Blei in den Taschen ersetzt.

Die wettlustigen Zuschauer schlieen indessen ihre Wetten.
Ein Trommelschlag wirbelt durch die Luft, und alles eilt sich,
an den Seiten zu rangieren; jedes strebt, einen guten Platz zum Sehen
zu bekommen, viele Mnner steigen aus den Kutschen hinaus oben
auf die Imperiale, einige Frauenzimmer setzen sich auf den
hohen Kutschersitz neben ihren Kutscher; alles ist in der gespanntesten
Erwartung. Mit dem zweiten Trommelschlage laufen die Renner aus,
man hlt vor Begierde, sie zu sehen, den Atem an, man sieht sie fast
nur einen Moment mit Blitzesschnelle vorberrauschen und hernach,
auf der entgegengesetzten Seite, ganz in der Ferne. Sie nahen wieder,
rauschen zum zweiten Mal vorbei, sie nhern sich zum zweiten Mal
dem Ziele, und nun reiten alle alten und jungen John Bulls [Funote:
Spitzname fr den Englnder, entnommen einer Satire "History of
John Bull" von J. Arbuthnoth, 1712] auf die halsbrecherischste Weise,
ohne auf irgend etwas zu achten, wie wtend, hinterdrein, um bei
der Entscheidung gegenwrtig zu sein. Zweimal, ohne anzuhalten,
durchlaufen die Pferde im Kreise die Bahn, und das, welches
das zweite Mal zuerst am Ziele ist, hat gesiegt.

Der Weg, den die Renner so zurcklegen, betrgt, genau gemessen,
vier englische Meilen, von denen man fnfe auf eine deutsche rechnet;
die Zeit aber, die sie darauf zubringen, ist unglaublich kurz.
Sowie das erste Rennen vorber ist, fhrt und reitet alles wieder
auf dem Platze durcheinander wie zuvor, bis ein neuer Trommelschlag
verkndet, da andere Pferde zum Laufen bereit sind, und
die Zuschauer wieder zur Ordnung verweist. Jeden Morgen whrend
der Woche des Pferderennens werden drei solche Wettlufe gehalten.
Nach dem dritten eilt alles sehr befriedigt nach Hause.

Es ist nicht erfreulich, die Pferde am Ziel anlangen zu sehen;
ermattet, mit Schweie bedeckt, atmen sie kaum noch, das Blut
strmt aus ihren von den Sporen zerrissenen Seiten. Auch die Jockeis
sinken fast hin vor Ermattung; das pfeilschnelle Reiten benimmt
ihnen den Atem, sie mssen unaufhrlich mit der einen Hand vor
dem Munde die Luft zu zerteilen suchen, um nur nicht zu ersticken.

Die brige Zeit des Tages, welche Toilette und die Freunden
der Tafel freilassen, wird in dieser Woche auf mannigfache Weise
hingebracht. Anstalten genug gab es dazu. Wachsfiguren, Seiltnzer,
unsichtbare Mdchen und ein sehr interessantes Panorama von
Konstantinopel. Nchst dem wechseln abends Blle, Konzerte und
Assembleen in den, zu diesem Zwecke bestimmten, sehr schnen Slen.
Auch ein Vauxhall gibt es hier. Obgleich recht hbsch eingerichtet,
hlt es doch keinen Vergleich mit dem berhmten Vauxhall [Funote:
Londoner Stadtteil mit Vergngungspark] in London
aus, das wohl immer das einzige seiner Art bleiben wird.

Das Theater wird stark besucht und das Publikum darin ist laut, ungestm
und souvern herrschend wie in London; das Haus ist nicht gro, aber
sehr hbsch dekoriert, gut erleuchtet und zweckmig eingerichtet. Nur
die Schauspieler zeichnen sich auf keine Weise aus; keiner unter ihnen
erhebt sich ber die Mittelmigkeit, und die Schauspielerinnen bleiben
sogar noch weit unter ihr zurck.

In dem sehr hbschen Konzertsaale ward ein echt schottisches Konzert
vor einem sehr brillanten Auditorium gegeben. Es war als ein Vokalkonzert
angekndigt und bestand nur aus drei Singstimmen, begleitet
von einem Pianoforte. Die Snger gaben den ganzen Abend nur
leichte Romanzen, Lieder und dreistimmige Kanons, hier Glees genannt.
Diese Art Musik ist in England, noch mehr in Schottland, sehr beliebt.
Musik und Text waren ganz schottisch. Letzterer oft aus Ossian entlehnt,
erstere durchaus sanft und klagend, durch Molltne sich hinwindend.
Manche uralte Melodie ertnte hier und wurde mit heier Vaterlandsliebe
aufgenommen. Das Ganze wre fr eine Stunde etwa recht angenehm
gewesen; aber es hatte den Fehler aller Ergtzlichkeiten in Grobritannien,
es whrte zu lange. Das Auditorium war indessen sehr aufmerksam
bis ans Ende; nur einige ltliche Herren, die sich wahrscheinlich
bei Tische das Wohl der Nation zu sehr zu Herzen genommen hatten,
verfielen in sen Schlummer und schnarchten berlaut den Grundba
zu dem etwas mageren Akkompagnement des Pianoforte. Die Singstimmen
waren gut und sangen diese einfachen Melodien, wie dergleichen
gesungen werden mssen, schmucklos, richtig und ausdrucksvoll.

Die lrmende Woche war nun vorber, die Sehenswrdigkeiten wurden
eingepackt, die Assembleesle geschlossen, die Fremden reisten fort,
die Einheimischen zogen zum Teil auf ihre Landhuser, und alles
kehrte zur gewohnten Ordnung und Stille zurck.

Wir blieben noch einige Zeit, um Edinburgh auch in der Ruhe zu sehen
und zu genieen; dann kam auch der Tag unserer Abreise. Wie wir aus
der Tr unserer Wohnung traten, hatten wir einen in England ganz
ungewohnten Anblick: eine groe Anzahl Bettler umlagerte unseren Wagen
bis zur Haustr; wir muten unseren Weg von den Shnen und Tchtern
des Elends erkaufen. Endlich rollten wir fort. Die Morgensonne
rtete das alte Schlo, Knig Arthurs Sitz, und die Ruinen von
Mariens Gefngnis. Nochmals blickten wir zurck auf das spiegelhelle
Meer und eilten nun erwartungsvoll den Hochlanden zu.



Carron, Stirling

Rasch ging es vorwrts auf ebenem Wege, durch ein schn kultiviertes,
nicht sehr bergiges Land. Bald erblickten wir von weitem viele
groe Gebude, mit abenteuerlichen, hohen Schornsteinen. Dicke
schwarze Rauchwolken stiegen aus diesen empor und wlzten sich
verfinsternd ber die blhende Gegend; hoch aufsprhende Flammen
blitzten aus dem Dampfe gen Himmel.

Es waren die berhmten Eisengieereien von Carron, denen wir
uns nahten, vielleicht die grten in aller Welt. Hier werden
Kanonen, Mrser, groe Kessel und alles mgliche Eisenwerk gegossen.
Seit einigen Jahren wird Fremden der Eintritt in diese Kyklopenwohnung
nicht mehr gestattet, auch uns ward er verweigert. Wir waren
eben nicht unzufrieden darber, denn auf Reisen sieht man manches,
weil man einmal da ist, ohne Freude und Anteil, aus einer Art
von Pflichtgefhl, und wre zuweilen gern der Mhe berhoben.
Das ganze hat hier, bei aller ungeheuren Gre, dennoch wenig Einladendes.
Der Steinkohlendampf versetzte uns den Atem, betubendes Getse
und Gehmmer erscholl aus dem Innern der Gebude; ewige Dmmerung
herrscht in diesen Rauchwolken, die weit und breit mit Asche
und Ru Bume und Pflanzen bedecken und die Vegetation ins Gewand
der Trauer hllen.

Nicht weit von Carron sahen wir einen groen Kanal, der die
beiden Strme Clyde und Forth verbindet und fr den inneren Handel
von unbeschreiblichem Nutzen ist. Gegen Abend erreichten wir Stirling.

Diese ziemlich groe, lebhafte Stadt wird schon zu den Hochlanden
gerechnet. Jetzt war sie voller Soldaten, und Straen und Huser
umso lebendiger. Ihre Lage am Fue eines hohen Felsen ist sehr schn.
Einige Straen fhren gerade den Fels hinauf, auf dessen hchstem
Gipfel ein altes Schlo thront. Jetzt ist es zum Teil zu Kasernen,
zum Teil zu Offizierswohnungen eingerichtet.

Von der Terrasse vor dem Schlosse genossen wir einer wunderschnen
Aussicht. Ein breites, fruchtbares Tal lag vor uns in aller Pracht
der hchsten Kultur, der ppigsten Vegetation, mit einzelnen
Wohnungen, Drfern, stattlichen Bumen wie best. In den mannigfaltigsten
Krmmungen windet der Flu Forth sich durch die lachende Gegend;
bald geht er vorwrts, bald kehrt er auf lange Strecken zurck
und schleicht dann wieder zgernd weiter, als strube er sich,
dies Paradies zu verlassen. Eine schne, steinerne Brcke, dicht vor
der zu unseren Fen liegenden Stadt, macht die Landschaft noch
malerischer. In der Ferne sieht man die Rauchwolken von Carron
wie aus einem Vulkan emporsteigen. Schne blaudmmernde Berge
schlieen von zwei Seiten die Perspektive, geradeaus ist sie unbegrenzt.

Stirling besitzt viele Fabriken, sehr schne Teppiche aller Art
werden hier gemacht; auch das vielfarbige, gewrfelte Wollenzeuch,
worin die Bergschotten sich kleiden. Wir besahen eine dieser Fabriken
und waren aufs neue gezwungen, den erfindungsreichen Geist zu
bewundern, welcher in diesem Lande alle Arbeiten auf so mannigfaltige
Weise vereinfacht und erleichtert. Als zuvor noch nie gesehen
bemerkten wir hier eine Maschine, mit welcher ein Mdchen mehr
als fnfzig Spulen Wolle zugleich abhaspelte. Die Spulen waren
in einem groen Zirkel nebeneinander befestigt, und der Faden
jeder dieser Spulen an die darber stehende sehr groe Haspel
gebunden; das Mdchen setzte mittelst eines Rades die sehr einfache
Maschine auf das zweckmigste und mit der grten Leichtigkeit
in Bewegung.

Auch die Hunde werden hier zur Industrie gezwungen. Wir sahen
einen sehr schnen groen Hund, welcher in einem Rade herumsteigen
mute, wie ein Eichhrnchen, um eine Mhle zur Reibung der Farben
zu treiben. Diese Arbeit schien ihn aber nicht sonderlich zu amsieren,
er nahm seinen Augenblick wahr und entwischte mit unglaublicher
Behendigkeit, gerade wie er uns seine Knste vormachen mute.
Jung und alt lief mit groem Geschrei hinter ihm her, aber er entkam
glcklich seinen Verfolgern zu unserer groen Freude und zum
groen Leidwesen seines Herrn.

In Edinburgh wird die Nationaltracht der Bergschotten weit weniger
gesehen als hier in Stirling, wo dieses schon sehr hufig der Fall ist.
Die Mnner tragen enge, blaue Mtzen, oben mit einer roten Quaste,
bisweilen auch mit einer Feder geziert, mit einem Aufschlage
von rot und wei gewrfeltem Zeuch; eine ziemlich lange Jacke
und darunter ein nicht ganz bis zu den Knien reichendes, sehr
faltenreiches Rckchen oder Schurz von dem bekannten, bunt gewrfelten,
schottischen wollenen Zeuche. Ein Grtel, in welchem oft eine Art
von Dolch steckt, befestigt diesen Schurz um die Hften;
auch hngt ein lederner, mit Troddeln gezierter Beutel daran,
in welchem die Schotten Tabak und Geld verwahren. Ihre Fubekleidung
besteht in rot und wei gewrfelten, unten mit einer starken
ledernen Sohle versehenen Strmpfen, welche auch nur bis etwa
ber die Hlfte der Wade reichen; von da an bis ber das Knie
sind die Beine ganz blo. Diese Fubekleidung gibt den Schotten
etwas sehr Fremdartiges; sie sehen damit aus wie die rmischen Soldaten
in der Oper, und die roten Streifen in den Strmpfen haben
das Ansehen von bergeschnrten roten Bndern.

Das Hauptstck ihrer Kleidung, wir mchten sagen, ihres Mobiliars,
ist der Plaid, ein langes breites Stck von jenem gewrfelten
schottischen Zeuche, wie ein sehr groer Shawl. Den Plaid tragen sie
bei gutem Wetter wie ein Ordensband nachlssig von einer Schulter
zur Hfte vorn und hinten wieder herbergeworfen. Zuweilen wird er
auf der Schulter quer mit einer groen silbernen Nadel befestigt.
Diese Art Draperie sieht recht gut aus. Bei Regenwetter oder Klte
nehmen sie den Plaid ber den Kopf und hllen sich ganz hinein;
nachts dient er ihnen auf Reisen statt Htte und Bette, und auch
in ihren Wohnungen schlafen sie gewhnlich in dem Plaid gewickelt
ohne weiteres auf der Erde oder wo sie Platz finden.

Die Tracht der Weiber hat nichts Ausgezeichnetes. Auch sie bedienen
sich hufig jenes schottischen Zeuches, brigens gehen sie
sehr rmlich, schmutzig sogar, mit nackten Fen, oft in bloen,
kurz geschnittenen Haaren, ohne Haube oder Hut. Die Schottinnen
stehen im Ganzen in Hinsicht auf Schnheit nicht hinter den Englnderinnen
zurck. Sie bertreffen sie vielleicht; aber in Hinsicht
der Kleidung ist bei der geringeren Klasse, bei den Dienstmdchen
und den Dorfbewohnerinnen der Unterschied zwischen den Englnderinnen
und Schottinnen sehr gro. Keine langen Kleider, keine hbschen
Strohhte mehr, die man in England berall sieht. Bloe Fe,
schlechte, baumwollene Rcke, unfrmige, bis an die Knie reichende
weite Jacken, bisweilen unter der Brust mit einem Grtel gehalten,
fter noch lose hngend, weie Hauben, die tief ins Gesicht gehen
und bis auf die Schultern herabhngen: dies ist das Kostm der
rmeren Schottinnen in den Stdten und mit weniger Abweichung
auch auf dem Lande und in den Gebirgen.

Die Wohnungen, sowohl in den Drfern, durch die wir jetzt kamen,
als auch die einzeln zerstreut liegenden Htten, sehen hchst
rmlich aus. Oft sind sie nur aus aufgetrmten Feldsteinen und
Lehmerde wie zusammengeknetet und haben kaum das Ansehen
menschlicher Behausungen. Wie diese anscheinend groe Armut
mit der groen Fruchtbarkeit und Kultur dieses Landstrichs
sowohl als mit der Bildung der Einwohner zu vereinigen ist,
ist uns unbegreiflich.



Perth


Von Stirling gingen wir eine Tagereise weiter nach Perth. Diese Stadt
ist nicht klein, hat hbsche groe Huser und schne breite Straen
voll lebendigen Gewhls. Alles sieht wohlhabend aus, denn auch hier
blhen Handel und Fabrikwesen; besonders berhmt sind
die groen Bleichereien von Perth.

Wie wir aus Stirling abfuhren, erfreuten wir uns noch an mancher
schnen Aussicht dieser herrlichen Gegend. Allmhlich verlor nun
das Land an Reiz, doch blieb es noch immer sehr kultiviert und
fruchtbar. In blulichem Dufte breitete sich jetzt die Felsenkette
der Hochlande dster vor uns aus; mhselig erklommen wir ein paar
ziemlich hohe Berge, ber welchen noch hhere drohten. Der Weg
senkte sich wieder etwas, die Berge zogen sich zurck und
begrenzten ein liebliches Tal, belebt von dem schnen Strome Tay,
an dessen Ufern die Stadt Perth erbaut ist.

Wir machten von Perth aus eine kleine Ausflucht nach Scone Palace,
dem ehemaligen Sitz der schottischen Knige, wo sich auch
das Parlament versammelte; heutzutage eine Art Rattennest, eher
einer alten Scheune als einem Palaste hnlich.

Scone Palace gehrt dem Lord Mansfield, als ein Geschenk Knig Jacobs
des Zweiten an seine Familie. Der Besitzer wohnt hier immer noch
von Zeit zu Zeit, obgleich das Haus so schlecht ist, da mancher
Krmer oder Makler schwerlich zu einem Sommeraufenthalt damit
vorlieb nehmen wrde. Ein neues Wohnhaus wird jetzt neben
dem alten Gebude erbaut, dieses aber mit aller Sorgfalt unverndert
erhalten, die sein ehrwrdiges Alter und seine ehemalige
hohe Bestimmung verdienen.

Man zeigte uns noch manches uralte Zimmer darin, manche verblichenen
Reste ehemaliger kniglicher Pracht. Das Bette, in welchem Maria Stuart
whrend ihrer Gefangenschaft in jenem, jetzt in Trmmern liegenden
Schlosse bei Edinburgh wohl oft vergebene Ruhe und Vergessen
ihres Kummers suchte, wird hier wie ein Heiligtum aufbewahrt;
auch eine Stickerei, die sie dort sehr mhsam und fleiig verfertigte.
Mit Silber und Seide hat sie auf einem violett samtenen Vorhang
eine Menge zerstreuter, mannigfaltiger Blumen gestickt; das Dessin
ist steif, die Arbeit eine Art Kettenstich, sehr sauber und zierlich.

Eine lange, schmale, dstere Galerie diente dem schottischen
Parlamente zum Versammlungsorte; wenn man sie sieht, wird es schwer,
an ihre ehemalige groe Bestimmung zu glauben, so unscheinbar
ist sie. An der gewlbten, mit Holz bekleideten Decke bemerkt man
Spuren von Malerei, die auch in ihrem glnzendsten Zustande
sehr unbedeutend gewesen sein mu.

In einer alten, abgelegenen Kapelle im Garten, jetzt das Begrbnis
der Familie Mansfield, wurden sonst die Knige von Schottland gekrnt.

Die Gegend zwischen Perth und Scone Palace ist sehr angenehm
und reich. Auf dem Rckwege verweilten wir bei einer der groen
Bleichereien, deren es hier viele gibt. Der Besitzer derselben
war sehr willfhrig, uns berall herumzufhren. Hier braucht's
der Dampfmaschine nicht, um alle die verschiedenen Triebwerke
in Bewegung zu setzen; das Wasser vertritt ihre Stelle auf eine
weniger kostspielige Weise. Eine Baumwollspinnerei oben im Hause,
das Stampfen der Leinwand und das Gltten derselben wird durch Wasser
betrieben. Die letztere Behandlung des Leinenzeugs, besonders
des Tischzeugs, schien uns merkwrdig. Die Waren erhalten hier
einen Glanz, der alles hnliche, selbst den schnsten Atlas,
weit bertrifft. Diesen bringt man dadurch hervor, da das Stck
Leinwand vermittelst eines Treibwerkes von einer groen hlzernen
Walze auf die andere gerollt wird; diese zwei Walzen haben
eine kleinere von Zinn zwischen sich, an welche sie so eng
anschlieen, da die Leinwand nur mhsam beim Aufrollen sich
dazwischen durchdrngen kann, und diese Reibung ist es,
welche ihr den vorzglichen Glanz gibt.

Wir waren entschlossen, von Perth aus eine Tour durch einen Teil
der eigentlichen Hochlande zu machen. Die Wege in diesen sind,
wenn auch nicht so gut wie im brigen Knigreiche, dennoch
zum grten Teil fahrbar, seitdem man vor nicht langer Zeit
die sogenannten Militrstraen anlegte; aber Posten waren noch
nicht eingerichtet, Pferde berhaupt selten; deshalb mieteten wir
welche in Perth fr die ganze Strecke Weges und reisten
dem Gebirge zu.



Kenmore


Durch eine zuerst ziemlich flache, fruchtbare Gegend gelangten wir
in ein Tal von erhabener Schnheit. Hohe, wilde Felsen umgeben es
von beiden Seiten. So wie der Weg an ihrem Fue immer in einer
gewissen Hhe sich hinwindet, ffnen sich neue, entzckende Aussichten.
Tief unten rauscht und wogt der ziemlich breite Strom Tay.
Kleine Kornfelder und Baumgrtchen grnen und blhen an den Ufern,
zwischen ihnen zerstreuen sich einzelne Htten. In einem tieferen
Winkel, heimlich zwischen die Felsen gedrngt, sahen wir
ein Drfchen; Scharen frhlicher Kinder trieben darin ihr
lautes Spiel, die Mtter spannen in den Tren, die Mnner,
in ihrer romantischen Tracht, waren in den Feldern und Grten
beschftigt. Das ganze sah sehr fremd aus, und doch wieder so heimisch,
so ruhig und zufrieden. Nachdem wir in einer Fhre ber den Strom
gesetzt waren, erreichten wir Dunkeld, und fanden gegen unsere
Erwartung einen sehr guten Gasthof in diesem abgelegenen Winkel
der Welt.

Immer noch am romantischen Ufer des Stroms Tay fhrte unser Weg
nach Kenmore, einem Drfchen, arm und klein wie alles in diesem Lande.
Wir fuhren ber Berg und Tal, zuweilen dicht an Abgrnden hin,
die uns schaudern machten. Bald nherten wir uns ganz dem Gestade
des Stroms; bald sahen wir ihn vllig aus dem Gesichte; aber immer
fhrte uns der sich auf mannigfaltige Weise schlngelnde Weg
wieder in seine Nhe. Ein unnennbar freudiges Gefhl von Ruhe und
Frieden bemchtigte sich unser in dieser Stillen Abgeschiedenheit,
wo klare, lebendige Wasser durch fruchtbare angebaute Tler rieseln
und brausen, von hohen Bergen umfriedet. Diese starrten nicht,
wie die von Derbyshire, rauh und nackt uns entgegen, schne Waldungen
bekleiden sie, fast bis zum hchsten Gipfel hinaus, und winken freundlich
dem Wanderer in ihre erquickenden Schatten.

Der Anblick der armen Htten, die wir einzeln in den Tlern, am Fue der
Felsen oder in der Nhe des Stroms zerstreut liegen sahen, wrde uns
schmerzhaft berhrt haben, wenn die Bewohner mit ihrem klglichen Lose
weniger zufrieden geschienen htten. Wir sahen groe Armut, aber nicht
eigentliches Elend. Jede Htte hat ihr kleines Kartoffelfeld, das die
Einwohner nhrt, und einige Ziege und Schafe, von einer besonderen, sehr
kleinen Rasse, fast wie die Heideschnucken auf der Lneburger Heide,
welche ihnen Milch, Kse und die notwendige Kleidung gewhren.

Die Huser in den schottischen Hochlanden sind wohl die schlechtesten
menschlichen Wohnungen im kultivierten Europa; so enge, da man
nicht begreift, wie eine Familie darin Platz findet, aus rohen Steinen,
oft ohne allen Mrtel, nur zusammengetragen. Die Fugen sind mit Moos
und Lehmerde verstopft, Tren aus Brettern schlecht zusammengeschlagen,
ohne Schlo und Riegel (denn wer sollte hier Diebe frchten?), Fenster,
so klein, da man sie kaum bemerkt, oft sogar ohne Glas.
Die niedrigen Dcher von Schilf, Moos, Rasen, bisweilen auch
aus Holz und Schiefer, haben oft statt des Schornsteins nur eine ffnung,
durch welche der Rauch abzieht. Das Innere dieser Htten entspricht
dem ueren. Menschen und Tiere hausen unter dem nmlichen Dache
friedlich beisammen, nur durch einen schlechten bretternen Verschlag
voneinander getrennt. In dem einzigen Zimmer des Hauses sieht man
deutlich, bei dem fast gnzlichen Mangel allen Hausgerts, wie wenig
der Mensch zum Leben eigentlich braucht. Der Fuboden besteht aus
festgetretenem Lehm; der groe Feuerplatz, dicht auf der Erde,
ohne alle Erhhung dient zugleich zum Feuerherd und Kamin. Ein an
einer Kette hngender Kessel ber dem Feuer, einige hlzerne Schemel,
ein gro zusammengezimmerter Tisch und in der Ecke ein Lager von
Moos oder Stroh: das ist alles, was diese von aller Weichlichkeit
entfernten Menschen zu ihrer Bequemlichkeit haben.

Das Ansehen der Mnner ist wild, und ihre fremde Kleidung, die so sehr
von jeder anderen europischen abweicht, ist zum Teil schuld daran.
Im Umgange verliert sich der Eindruck gnzlich, den ihr erster Anblick
erregt. Ihr von Luft und harter Arbeit gebruntes Gesicht ist
ausdrucksvoll, seine Zge sind angenehm und regelmig. Stiller,
an Trauer grenzender Ernst scheint der Grundton ihres Wesens;
dennoch knnen sie sehr frhlich sein. Sie sind gebildeter,
als man vermuten mchte. Die Geschichte ihrer Vter und ihre
Heldengesnge sind keinem fremd. Fast in jeder Htte, in welcher
wir einkehrten, sahen wir eine Bibel, ein Gebetbuch, auch wohl
irgend eine alte Chronik, aus welchen der Hausvater sonntags die
Seinen erbaut. Winters mgen die Wege den Besuch der Kirchen sehr
erschweren, doch kann gewi nur die Unmglichkeit den frommen Bergschotten
davon abhalten, obgleich die meisten einen sehr weiten Weg dahin
zu machen haben.

"Wir beten und spinnen!" antwortete mir ein junges, schnes Mdchen
auf die Frage: "Was tut ihr denn winters, wenn Klte und Schnee
euch in euren Htten gefangen halten?"

In jedem Hause beinah hngt der Stammbaum der Familie, auf welchen
sie oft mit Stolz blickten; gewhnlich ist ein horizontal liegender
geharnischter Ritter darauf abgebildet, der oft den Namen
irgend eines alten schottischen, der Fabel halb verfallenen Knigs fhrt.
Aus seiner Brust spriet der Baum, der sich in unzhlige ste verbreitet.
Bekanntlich gibt's nur wenige, aber unendlich zahlreiche Familien
in Schottland, deren Glieder alle einen Namen fhren, sich in allen
drei Knigreichen, ja sogar in der ganzen Welt ausbreiten, aber
doch durch ein heiliges Band sich vereinigt fhlen und dies gewissenhaft
anerkennen, wo sie sich treffen, wenn sie sich treffen, wenn sie sich
auch vorher nie sahen.

In Kenmore nahm uns abermals ein guter Gasthof auf, umringt von etwa
zwanzig solcher Htten, wie wir oben beschrieben. Sie machten
das ganze Dorf aus. So klein sind alle Drfer, die einzelnen Wohnungen
liegen sehr zerstreut, oft meilenweit voneinander.



Killin


Eine sehr kleine Tagesreise von Kenmore liegt Killin. Von ersterem Orte
an wurden die Felsen immer hher und wilder. Wir fuhren an ihrer Seite
hin, fast immer im Angesichte des Stroms. Dieser ward nun zum See
Loch Tay. Drohende, starre Felsen erhoben sich furchtbar ber
unserem Haupte, immer hher und hher bereinander, whrend wir
den lngs dem Ufer des Sees sich hinwindenden Weg verfolgten.
Wolken in seltsamer Gestalt umlagerten die hchsten Gipfel der Berge
und wogten im Winde, kamen und schwanden, alles um uns war feierlich,
gro und einsam. Wir erstiegen, gefhrt von einem Einwohner des Tales,
den Gipfel eines Berges. Unsere Fhrer nannten ihn uns Ben Lawers.
[Funote: Johanna irrt hier; der hchste Berg Schottlands und damit
auch Englands ist der 1343m hohe Ben Nevis. Selbst Ben More ist
niedriger als der von Johanna erstiegene Ben Lawers.]
Die Aussicht oben war eine der einsamsten der Welt, wir erblickten
nur andere kahle, schauerliche Felsen und zwischen ihnen dunkle
einsame Tler. Ben More, der hchste Berg in Schottland, drohte aus
der Ferne, das Haupt in graue Nebel gehllt. Herden von jenen
kleinen Schafen, gefhrt von einem einsamen Knaben, belebten allein
die feierliche Wste.

Wir kehrten zurck zum Loch Tay und erreichten bald Killin, ein einsames,
ziemlich ansehnliches Haus, umgeben von einigen, hart am Ufer des Sees
erbauten Htten. Die Flsse Dochart und Lochay fallen hier in den
See und bilden in sanften Krmmungen kleine Halbinseln. Das Tal,
welches diesen einschliet, ist so grn, Bume und Strucher wachsen
in so ppiger Flle, wie wir es nimmer in diesem nrdlichen Winkel
der Welt erwarten konnten. Alles ist angebaut wie ein Garten,
kleine wogende Kornfelder wechseln mit Kartoffelbeeten, und
steinerne Einfassungen schtzen die Felder gegen Beschdigung durch Tiere
des Waldes und der berall weidenden Schafe. Hohe Felsen umgeben
dies liebliche Pltzchen, als wollten sie es wie ein schnes Geheimnis
den Augen der Welt verbergen. Lange hielt uns noch die herrliche Aussicht
auf Fels und Tal am groen Erkerfenster im Gasthofe zu Killin fest.
Sie ist als eine der schnsten in diesem Lande berhmt, wie unzhlige
Inschriften, in Prosa und in Versen, an diesem Fenster verknden,
und wahrlich, sie verdient diesen Ruhm.

Der See bildet gerade vor dem Hause eine kleine, wunderschne Bucht, ein
einsamer Kahn durchschnitt die silberne Flche in mannigfaltigen
Wendungen. Bume und Struche spiegelten sich im klaren Wasser, die
Felsen glhten ringsumher im Abendbrot, die Nebel, welche ewig ihre
Gipfel umwogen, glnzten wie Purpur und Gold, und aus dem Kahn zu uns
herber tnten die klagenden Mollakkorde eines schottischen Volksliedes
durch die feierliche Stille der sinkenden Nacht.

Whrend wir in stiller Freude an diesem Fenster verweilten, besorgten
unsre treuherzig freundlichen Wirte alles auf's Beste, wessen wir
bedurften. Bald dampfte eine kstliche Lachsforelle auf dem Tisch,
die Beute jenes Fischers, dessen einfaches Lied wir eben belauscht hatten.
Diese Bewohner der schottischen Seen sind von einer ganz eigenen Gattung;
sie verdienten wohl, da unsere modernen Gastronomen einzig um
ihretwillen Wallfahrten nach Schottland anstellten, denn selbst
die berhmten Forellen in der Schweiz werden an Vortrefflichkeit
von ihnen bertroffen.

Nahe bei Killin, auf dem Wege nach Tyndrum, kamen wir am folgenden Morgen
an einem Wasserfall vorbei. Von einer betrchtlichen Hhe eilt er
dem stillen Loch Tay zu, wild einherbrausend und schumend ber
abgerissene Felsentrmmer. Seit Jahrhunderten schon glnzen
seine Tropfen gleich Trnen auf den grnbemoosten Steinen eines
ganz nahen Heldengrabes der Vorzeit, und sein Rauschen ertnt wie
der Nachhall der Bardenlieder, die einst hier, mit ihm wetteifernd,
die Taten des Toten besangen und seinen Geist in die ewigen Hallen
der Vter geleiteten.

Weiterhin wurden die Felsen immer schroffer und hher, der und
einsamer die ganze Gegend umher. Wilde Bergwasser rieselten
von allen Bergen und strzten hinab ins Tal, durch welches bald
silberhell, bald wild tobend ein starker Bach sich wand. Nur selten
erinnerte uns in dieser Wildnis ein kleines Kornfeld, eine niedrige
Htte, da in dieser abgeschiedenen Einsamkeit noch Menschen leben.

Hier erscheint die Natur, wie Ossian [Funote: Sohn des Fingal,
Hauptheld eines irischen Sagenkreises. Durch die Mystifikation
des Schotten Macpherson ("Fingal" 1762), der seine eigenen Dichtungen
als angebliche bertragung alter glischer Lieder des Ossian herausgab,
gelangten diese Dichtungen zu groer und weitreichender dichtungs- und
geistesgeschichtlicher Bedeutung und hinterlieen auch in der deutschen
Klassik und Romantik ihre Spuren.] sie malte, die Strme, die Felsen,
die uralten einzelnen Eichen. Der Wind heulte ber die Heide,
die Distel wiegt ihr Haupt im Sturme am Grabe der alten Krieger.
Die vier grauen, bemoosten Steine erheben sich noch einsam am Hgel
der Helden und verknden stumm dem stillen Wanderer die Geschichte
vergangener Jahrhunderte. Viele solcher alten Denkmale sahen wir,
von den Urenkeln der Helden, deren Asche sie umschlieen, mit Ehrfurcht
geschont und bewahrt. Knig Fingal ruht, der Sage nach, in diesem Tale,
im tiefen, dunklen Bette, und die Einwohner glauben, die geheiligte
Sttte noch bezeichnen zu knnen. Ossians, seines Sohnes, Name
und Lieder sind zwischen diesen Felsen noch nicht verhallt, und die
Geister der Helden knnen noch immer von ihrem Wolkensitze der alten
wohlbekannten Tne sich erfreuen.

Wir erreichten Tyndrum, einen fast ganz allein liegenden Gasthof,
in einer schauerlich wilden Einde, auf der hchsten bewohnten Hhe
der schottischen Hochlande. Der Regen strzte jetzt in Strmen herab.
lange sahen wir zu, wie die schweren Wolken an den Bergen hinrollten,
einzelne Streifen von Sonnenlicht bisweilen auf Momente die nackten Gipfel
der Felsen verklrten und der Wind den Regen wild herumpeitschte.
Gegen Abend klrte sich das Wetter auf, wir erfreuten uns des
wunderbaren Spiels der Wolken, der Wirkung des schnell erscheinenden
und wieder verschwindenden Sonnenlichts an den Bergen. Im flachen Lande
kann man sich keinen Begriff von diesen magischen Erscheinungen machen.
Die schweren Regenwolken schienen wie eine dunkle Decke auf den
hchsten Gebirgen zu lasten, leichteres Gewlk zog sich wie ein
heller Schleier um andere, tiefere Berge, verdeckte sie in diesem
Momente ganz, rollte sich dann zusammen und verschwand im nchsten,
oder zog pfeilschnell dahin in wunderbaren Gestalten, im ewigen Kampfe
mit Sonnenlicht und Sturm, unendlich wechselnd mit Licht und Farbenspiel.



Dalmally


Der Weg von Tyndrum hierher war schlechter wie bisher, doch immer noch
fahrbar, die Wildnis noch schauerlicher und der. Nur das Rauschen
der von den kahlen Felsen schumenden herabstrzenden Bergstrme
tnte durch die leblose Stille der den Heide. Hie und da klommen
einige Schafe an den mit sprlichen Berggrsern und Heidekrutern
bekleideten Felsen, einsam und traurig blickte dann und wann
ein Hirtenknabe von den Hhen herab auf unseren Wagen, der ihm
eine seltene Erscheinung sein mochte; jede andere Spur des Lebens
war verschwunden.

Viele halb versunkene alte Grber zeigten, da sonst ein mchtigeres
Leben hier waltete. Am Himmel war geschftige Bewegung, Nebel und
Wolken und Sonne trieben immer noch ihr wunderbares Spiel.

Dalmally ist ein so kleines Dorf wie die anderen: es besteht aus
einer handvoll armer Htten und wieder aus einem fr diese abgelegene
Gegend sehr guten Gasthofe. Hier sahen wir die erste Kirche
in den Hochlanden. Kaum konnten wir sie von den brigen Htten
unterscheiden, so arm und klein ist sie. Der sie umgebende Gottesacker
entdeckte sie uns zuerst. Nur wenige Grabhgel erhoben sich
in dem kleinen Bezirke.

Man stirbt beinahe gar nicht in diesem Lande, diese einfachen Menschen
erreichen ein hohes, glckliches Alter. Mit sechzig Jahren dnken
sie sich noch gar nicht alt, sie gehen bis an das von der Natur
ihnen vorgeschriebene Ziel, und nur mit dem letzten Tropfen l
erlischt still und fast unbemerkt das Lebenslicht. Wir sahen
in diesem Dorfe einen Mann von hundertdrei Jahren, seine Nachbarn
gaben ihm sogar deren hundertelf und beschuldigten ihn, da er sich
jnger angebe, als er sei. In unseren kultivierten Lndern htte man
ihm deren hchstens sechzig zugetraut. Vor vierzehn Tagen hatte er
eine Frau von vierzig Jahren geheiratet, an seinem Ehrentage
ein Tnzchen gemacht und drei Lieder auf der Sackpfeife gespielt,
denn er galt noch immer fr einen der ersten Virtuosen auf diesem
Lieblingsinstrument der Schotten.

In diesem Dorfe wurden wir auf das lebhafteste an Ossian erinnert.
Ein Greis, in der Nationaltracht, sa auf einem Steine nahe
am Kirchhofe; sein langer, schneeweier Bart flog im Winde,
sein Ansehen war wild, ein Paar dunkle Augen glhten unter
einem hohen, kahlen Scheitel hervor; der Plaid hing phantastisch
von den Schultern herab, wie ein Mantel; zwischen den Knien hielt er
eine kleine Harfe, aus der er unzusammenhngende Akkorde wie mit Gewalt
einzeln hervorri. Mit starker, tiefer Stimme sang er dazu
alte Volksgesnge; sein Gesang war eintnig, fast mehr Deklamation
als Lied. Um ihn her war das ganze Dorf versammelt, unter ihnen
auch der hundertjhrige Greis; alles hrte feierlich aufmerksam zu.
Unser Nhertreten strte weder den Snger noch seine Zuhrer
im geringsten, nur machten sie uns mit natrlicher Hflichkeit Raum
in ihrem Kreise. Man sagte uns, der Greis sei ein Snger, der mit
seiner Harfe das Land durchziehe, ohne eigentliche Heimat,
aber berall ein willkommener Gast, wie sonst die alten Barden.
Leider konnten wir mit ihm nicht sprechen, denn er verstand nicht
Englisch. berhaupt trafen wir seit einigen Tagen selten jemanden,
der Englisch sprach oder es auch nur verstand, auer in den Gasthfen.



Inverary


ber steile, unwirtbare Berge ging es weiter. Pltzlich senkte sich
der Weg; ein groer silberner See breitete sich vor unseren
erstaunten Blicken aus; es war Loch Awe. Frische schne Bume,
kleine Grten vor den Htten des Landmanns und Getreidefelder
begrenzten seine Ufer.

Vierundzwanzig englische Meilen lang streckte er sich hin durch
das grnende Tal, viele kleine Inseln erheben aus seinen Fluten
die Felsenstirnen. Eine darunter zeichnet sich durch phantastisch
geformte hervorragende Massen aus. Von fern glichen sie berresten
alten Gemuers, selbst mehr in der Nhe konnten wir nicht entscheiden,
ob es Felsen oder Ruinen wren. Kein Kahn war in der Nhe,
uns hinberzubringen; auch schienen die Ufer zum Landen zu schroff.
Einige Einwohner, denen wir begegneten, verstanden unsere Sprache nicht.
Unbefriedigt ber diesen Punkt muten wir weiter, aber der Anblick
des Sees und seiner schnen Ufer erfreute uns umso lebhafter,
als wir mehrere Tage lang die Natur in ihrer furchtbaren Gre
angestaunt hatten. Im Gasthofe zu Inverary erfuhren wir spter,
da jene Felsenblcke wirkliche berbleibsel eines uralten,
zu den Besitzungen des Lord Breadalbane gehrenden Schlosses seien.
Nur bei sehr hohem Wasserstande, wie jetzt, erscheint der Fels,
den sie krnen, einer Insel gleich; sonst hngt mehr mit dem Ufer
zusammen.

Zu bald muten wir uns von dem herrlichen See wegwenden,
um steilere Felsen als zuvor zu erklimmen; alles um uns ward
wieder still, gro und schauerlich. Abermals senkte sich nun der Weg,
frisches Laubgehlz nahm uns auf in seine freundlichen Schatten;
bald sahen wir uns in einem schnen englischen Park, angestaunt
von zahmen Rehen, die am Wege standen. Mitten drinnen ein gotisches
Schlo mit vier runden Ecktrmen.

Wir befanden uns jetzt in einer wahrhaft paradiesischen Gegend.
Vor uns lag das schne groe Schlo Inverary, der Sitz des Herzogs
von Argyle, mitten in einem durch herrliche Bume und Bsche
verschnten fruchtbaren Tale. Lustpfade schlngeln sich
nach verschiedenen Richtungen hindurch, alle lockend und lieblich.
Im Hintergrunde erheben schne waldbewachsene Felsen das stolze Haupt,
seitwrts dem Schlosse winkt der eigentliche Garten voll blhender
Rosenbsche; die zahmen Rehe schleichen neugierig um das leichte
Gelnder, das ihn umgibt; auf der anderen Seite erhebt sich ein hoher,
schroffer Felsen von wunderbar drohender Gestalt. Seine Spitze
krnt ein Pavillon, zu welchem man ohne sehr groe Beschwerden
auf bequemen Pfaden steigt und dort eine Aussicht von unendlicher
Schnheit geniet, die alles vereint, was die Natur Erhabenes
und Freundliches darbietet. Kornfelder, Wiesen, Gebsch fllen
in der reizendsten Mannigfaltigkeit das brige Tal.

Vom Schlosse an erstreckt sich eine schne Wiese bis hinab an
den Loch Fyne. Dieser ist eigentlich ein schmaler Meerbusen,
der hier tief in das Land hineinluft. Eine schne Brcke wlbt sich
dicht am Schlosse ber ihn. Nahe und ferne Berge dehnen sich
an beiden Ufern hin. Die Lnge des Loch Fyne ist dem Auge unbersehbar,
das ferne Meer, dem er angehrt, begrenzt ihn; grn wie dieses
spiegelt seine dunkle Flche, kleine, weie Wellen hpfen
wie im Tanz und schaukeln lustig die Fischerboote, kleine Schiffe
und Barken, die darauf schwimmend der Szene neues frisches Leben
geben.

Dem Schlo seitwrts ber der Brcke liegt das Stdtchen Inverary,
mit dem kleinen Hafen voll Fahrzeugen mancher Art. Es hat ein
sehr zierliches, nettes Ansehen mit seinen geraden Straen und
den weien hbschen Husern, unter denen der Gasthof sich stattlich
erhebt. Alles sieht aus, als wre es erst gestern fertig geworden.
Und so ist's beinahe auch. Sonst lag die Stadt dem Schlosse gegenber,
aber der Herzog, dem sie an der Stelle die Aussicht zu verderben
schien, lie sie abtragen und an ihrem jetzigen Platze wieder
aufbauen. So etwas kann man denn doch wohl nur in Grobritannien
erleben.



Arrochar


Von Inverary bis Cairndow fuhren wir neun englische Meilen auf schnem
ebenen Wege durch ein fruchtbares, angebautes Tal, fast immer lngs dem
Ufer des Loch Fyne. Wir htten geglaubt, irre zu fahren, wenn das hier
mglich wre, wo nur eine fahrbare Strae durch das Gebirge fhrt: denn
der Kastellan im Schlo von Inverary hatte uns den Weg, welchen wir
jetzt nehmen muten, als den frchterlichsten im ganzen Lande
beschrieben; dunklere Klfte, steilere, de Felsenberge sollten wir noch
nicht gesehen haben, besonders sprach er viel von einem hohen Berge, er
nannte ihn rest and be thankful, ruht und dankt.

Gleich hinter Cairndow merkten wir indessen gar wohl, da wir uns
auf dem rechten Wege befanden. Das Steigen begann, der See,
das schne Tal und alle Anmut der Gegend verschwanden unserem Blicke.
Mehrere Stunden hindurch ging es immer hher und hher, ber nackte
Felsen, durch dunkle enge Klfte, zuweilen durch dstere Tler,
dann wieder hoch auf Bergen. Nur feines grnes Moos deckt wie ein Teppich
das Gestein, sonst keine Vegetation, kein Leben, Totenstille und
de Einsamkeit herrschten ringsumher. Kein laut ertnt in diese Wste
als das Brausen der Felsenbche, die hin und wieder hinabstrzen;
keine Spur menschlichen Daseins ist sichtbar, auer zuweilen
eine jener armen Htten, neben dem schumenden Bache in eine
Felsenecke gedrckt, einsam verloren. Diese traurigen Wohnungen
machen die Einsamkeit noch auffallender. Im Winter mssen ihre
Bewohner, ausgeschlossen von aller Mglichkeit, zu Menschen zu kommen,
ein Leben fhren wie auf einer wtenden Insel, und noch verlassener
hier in diesem Lande, wo der Himmel auch im Sommer nicht freundlich
lchelt. Dennoch verndern sie ihren Aufenthalt nie. Bei aller de
trgt diese Gegend aber auch den Charakter unbeschreiblich
erhabener Gre. Die mchtigen Felsen stehen ringsumher wie
anbetende Riesen, in schauerlichem Schweigen; die rote Blte
des Heidekrauts bedeckt ihre kolossalen Konturen mit einem Purpurmantel,
ohne sie zu verhllen; ihre Hupter sind umwogen von ewigen Nebeln,
die ihm Sonnenstrahl zur Glorie werden; ein leiser, feuchter Duft
schwebt ber Berg und Tal, mit magischem Schimmer alles harmonisch
vereinend.

Endlich hatten wir den steilsten Gipfel des Weges erreicht; rest and
be thankful lasen wir auf einen Stein gegraben und daneben die Namen
der Regimenter, welche unter der Leitung ihrer Obern diesen Weg
bahnten.

Hier begegneten wir dem einzigen Wanderer auf dem ganzen Wege
durch diese Wste, einem jungen, raschen, in seinen Plaid gehllten
Hochlnder. Er sprach ein wenig Englisch und half uns bereitwillig,
eine nahe Anhhe zu ersteigen, wo eine ausgebreitete Ansicht
sich uns erffnete.

Doch bersahen wir die imposanten Massen, die schwarzen zackigen
Kronen unzhliger anderer, von aller Vegetation entblter Berge;
die Wasserflle, die von ihrer Seite herabtanzen und sich in
dunklen Tiefen verlieren, ohne da wir ihr Brausen auf dieser Hhe
vernehmen konnten. Zwischen diese Felsen eingeklemmt liegt auch
das schauerliche Tal Glencoe [Funote: dieses Tag liegt am Ostende
des Loch Linnhe und ist von Johannas Standpunkt aus nicht zu sehen.
Am 13. Februar 1692 wurden viele Schotten vom Clan der Macdonalds
durch englische Soldaten erschlagen, denen sie Gastfreundschaft
gewhrt hatten], dessen Einwohner zu Ende des fnfzehnten Jahrhunderts
in einer Nacht unter dem meuchelmrderischen Schwerte der nach Rache
drstenden Englnder fielen, weil sie mit Treue dem Knige anhingen,
den sie als den einzigen rechtmigen Erben der schottischen Krone
anerkannten.

Wie Vogelnester erschienen von hier aus die wenigen kleinen Wohnungen
am Fue der Felsen oder am Eingange der schauerlichen, dsteren Tler,
die so enge sind, da sie, greren Felsspalten gleich, wohl nur
wenig Stunden des Tageslichts sich erfreuen. Hin und wieder sahen
wir auch in der Ferne Herden jener kleinen Schafe kmmerlich
die Spitzen der Heidekruter benagen. Nur auf einem Punkte schimmerte
uns dunkelblau ein Wasser und etwas Grn entgegen: es war Loch Long,
an dessen Ufer Arrochar liegt, das Ziel unserer heutigen Reise.
Nun ging es tief hinab, immerfort ber de Felsen, durch
dstere Klfte und enge Tler, bis zu den Ufern des Loch Long,
der wie ein Strom sich durch ein Felsental windet.

Dieser See ist eigentlich ein hier tief in das Land sich erstreckender
Arm des atlantischen Meeres. Steile Felsen steigen senkrecht
aus seinen salzigen Fluten und streuen ewig dunkle Schatten ber
sie hin, whrend auch im Sonnenscheine die Bergwasser glnzen,
die von hohen Gipfeln hinab von allen Seiten zueilen.

Arrochar, ein einzelner Gasthof, von wenigen Htten umgeben,
liegt hart am Ufer des Sees. In frheren Zeiten war dieses Haus
der Sitz einer edlen Familie, und noch immer erkennt man
in dessen Bauart die Spuren jener hheren Bestimmung.



Loch Lomond


Wenige Meilen von Arrochar gelangten wir durch Schluchten, welche sich
zwischen hohen Bergen eng hinwinden, an die Ufer dieses schnsten
und grten Sees in den Hochlanden. Lndliche Anmut und erhabene Gre
wechseln in seinen Umgebungen. Bald scheinen die prchtigen,
grtenteils waldbewachsenen Berge sich um ihn zu drngen, als wollten
sie sich in seinen klaren Fluten spiegeln; dann treten sie wieder
zurck, und Wiesen und Felder umgeben das glnzende Gewsser.

Zuerst empfing uns ein frischer, grner Wald am Ufer; unter hohen
Laubgewlben fuhren wir hin und freuten uns des Silberglanzes
im See und der mannigfaltigen Reflexe. Ein hoher Berg, einer der hchsten,
ber die wir bis jetzt gekommen waren, stellte sich uns in den Weg;
wir erreichten seinen Gipfel, der Weg senkte sich, und vor uns,
unabsehbar breit, in aller seiner hohen Pracht, lag der ganze,
herrliche See da, best mit kleinen und greren grnenden Inseln,
zwischen denen Fischerboote hindurchruderten. Millionen weie,
sich kruselnde Wellchen belebten die silberne Flche, aus der
auf der anderen Seite der mchtige Ben Lomond senkrecht emporsteigt,
bis zu den Wolken, die sein Haupt verhllen.

Die ganze Gegend ist von so wunderbarer Schnheit, da jeder Versuch,
sie zu beschreiben, vollkommen zwecklos wre; aber nie werden wir
den Tag vergessen, den wir an diesen Ufern verlebten.

Unsere Herberge in dem hart am See erbauten Drfchen Luss, leider
dem letzten Orte in den Hochlanden, durch den wir kamen, war indessen
gar nicht erfreulich. Eine Gesellschaft betrunkener Bergschotten
hatte sich in einem der unteren Zimmer einquartiert und tanzte
zu einer verstimmten Violine und einem Dudelsack, ganz unter sich,
ohne Frauenzimmer, auf's lustigste herum. Die Mdchen hatten
nicht bleiben wollen, das hinderte aber die Mnner nicht, dennoch
ihre Nationaltnze aufzufhren und sich vortrefflich dabei zu divertieren.
Das pferdemige Stampfen, das Freudengekreisch bei irgend einem
wohlgelungenen Sprunge wrde uns in's Freie getrieben haben,
wenn uns die himmlische Gegend nicht herausgelockt htte. Nur fr
die Nacht war uns bange, und nicht ohne Grund. Unser Wirt war
ebenfalls betrunken und dabei so gesellig, da wir ihn alle Augenblicke
aus dem Zimmer komplimentieren muten. Seine Tochter, ein sehr
hbsches Mdchen, erschien uns dabei recht interessant; sie gab sich
alle Mhe, den Vater zur Ruhe zu bringen, und doch mit so zarter Schonung,
immer strebend, das kindliche Verhltnis nicht zu verletzen,
und wieder wie beschmt, da wir, die Fremden, die so weit herkamen,
ihre Berge zu sehen, ihn in solchem Zustande treffen und dadurch
an Bequemlichkeit leiden muten.



Glasgow


Hinter Luss ward die Gegend allmhlich flacher, der Weg besser;
alles kndigte uns an, da wir das Land der Poesie verlassen und
zurckkehrten zum platten Lande mit seinem Alltagsleben. In Dumbarton
schieden wir von unserem Fuhrmanne und seinen vier treuen Rossen,
die uns ber so manchen hohen Berg, durch so manches friedliche Tal
gefhrt hatten. Wir nahmen Abschied von den Hochlanden, aber
die Erinnerung davon blieb uns. Sie reiht sich an so manche andere
schne Erinnerung aus der Schweiz und aus vaterlndischen Gebirgen,
von denen diese, die wir jetzt verlieen, sich indessen so merkwrdig
als merklich unterscheiden.

Die Gegend von Dumbarton ward als schn gerhmt; unsere Phantasie
war nur von der nchsten Vergangenheit noch zu sehr erfllt,
als da wir sie genau beachten konnten. Die Lage des Stdtchens
schien uns indessen sehr freundlich. Ein hoch darber emporragender Fels,
dessen steilen Gipfel ein festes Schlo krnt, nimmt sich malerisch aus
mitten in der wasserreichen Ebene, deren Horizont die dunklen Gebirge
umgrenzen, welche wir eben verlassen hatten. Mit Postpferden langten wir
gegen Abend in Glasgow an.

Die Stadt ist ziemlich gro; schne breite Straen und Pltze,
sehr hbsche, von Quadersteinen erbaute Huser erinnerten uns an Edinburgh.
Auch hier fanden wir wie dort in allen Husern breite steinerne Treppen,
mit eisernen Gelndern versehen; ein Luxus, auf welchen die Einwohner
sehr stolz sind und ihn bei jeder Gelegenheit als groen Vorzug
vor London preisen. Dort, meinen sie, knne man in einem oberen Stockwerke
keine Nacht ruhig schlafen, weil man, wenn Feuer im Hause auskme,
in der entsetzlichsten Gefahr wre, elendiglich umzukommen.

Gleich bei unserem Eintritte in den Gasthof erhielten wir eine
lustige Probe der hiesigen Industrie. Ein Gentleman lie uns auf
das dringendste um die Erlaubnis bitten, uns in unserem Zimmer
besuchen zu drfen. Da wir endlich nachgaben, erschien ein sehr hflicher
Herr mit ein paar dicken Bchern unter dem Arme und erbot sich,
als Sprachmeister uns Englisch zu lehren; er hatte vernommen,
da wir beim Aussteigen aus dem Wagen ein paar Worte Franzsisch
untereinander sprachen, und hielt uns folglich fr eine ausgewanderte
franzsische Familie, der er seine Hilfe notwendig anbieten msse.

Glasgow ist weit lebhafter als Edinburgh, denn Handel und Wandel sind
hier zu Hause; brigens aber konnte uns niemand, soviel wir uns auch
erkundigen mochten, irgend ein merkwrdiges Gebude oder sonst einen
Gegenstand angeben, welcher fr ein nicht kaufmnnisches Gemt nherer
Betrachtung wrdig gewesen wre. Wir ruhten also, im eigentlichsten
Sinne des Worts, die wenigen Tage, die wir hier zubrachten; denn die
Fabriken, die man uns zu zeigen sich erbot, wren doch nur
Wiederholungen des schon Gesehenen gewesen. Dazu regnete es unbarmherzig
die ganze Zeit ber, wir sahen es mit Vergngen regnen und dankten dem
Himmel, da er diese Sintflut nicht in den Hochlanden ber unsere
Hupter herabstrmen lie.

Unter den Einwohnern Glasgows war uns wohl: gastfrei, anstndig,
zwanglos im Umgange, gebildet, vereinigten sie die guten Eigenschaften,
die wir schon an ihren Landsleuten rhmten, mit der Wohlhabenheit und
allem vernnftigen Luxus, welchen der hier blhende Handel nur
gewhren kann.



Die Flle des Stromes Clyde


Durch eine der reizendsten Gegenden Schottlands reisten wir weiter
nach Lanark, um die berhmten Wasserflle des Clyde zu sehen.
Am Abhange hoher, zum Teil mit Wald bekleideter Felsen wand unser Weg
sich hin; wir blickten hinab auf ein fruchtbar angebautes Tal,
durchschlngelt vom schnen Strome Clyde; Gehlze, cker, Landsitze,
Drfer wechselten hchst anmutig.

An einer Stelle, wo dichtes Gehlz uns den Anblick des laut
brausenden Stromes verbarg, stiegen wir aus und gingen einen sehr
steilen und schlpfrigen Flupfad hinab bis an das Ufer des Stroms.
Ganz in Schaum verwandelt strzt er hier laut brausend von einer
betrchtlichen Hhe hinab, ber groe Felsstcke, und windet sich
dann zrnend und schumend weiter durch das liebliche Tal.
Die hohen, malerischen Felsen, bekrnzt mit schnem Gestruche
und hohen Bumen, von welchen wieder leichtere Efeukrnze hinflattern
in der vom donnernden Fall ewig bewegten Luft, die groe Wassermasse,
die hier herunterstrzt, der Kontrast des Schaumes, weier als Schnee,
mit dem dunklen, im ewigen Tau stets frischen Grn, die Millionen
Tropfen, die wie Diamanten im Abendstrahle blitzten, alles entzckte uns
und hielt uns lange fest. Wasserflle soll man aber nicht malen,
weder mit dem Pinsel noch mit der Feder; die Wahrheit dieser Bemerkung
fhlt man am lebhaftesten, wenn man den Versuch wagt.

Ziemlich spt langten wie in Lanark an. Den folgenden Morgen setzten
wir unsere Reise fort nach Douglasmill, zu den beiden anderen
greren Fllen des Stroms.

Die Gegend zwischen Lanark und Douglasmill gehrt zu den schnsten
im unteren Schottland. Eine Meile ging es ber Berg und Tal durch
frisches, dichtes Gehlz hin; nun erstiegen wir mhsam einen ziemlich
hohen Berg, hhere Felsen drohten ber ihm gen Himmel. Als wir oben
waren, erschreckte uns die frchterlich schnste Ansicht, die wir
jemals sahen: jeder Blick hinab war schwindelerregend, und doch
war's unmglich, nicht immer hinzusehen. Hart am Rande eines tiefen
steilen Abgrunds fuhr unser Wagen, keine Handbreit Raum zwischen uns
und dem schrecklichsten Untergange. Ein Fehltritt der Pferde,
der kleinste Unfall am Wagen wre unvermeidlicher Tod gewesen;
es war unmglich, den Wagen halten zu lassen, unmglich an der Felsenwand,
an welcher wir hinfuhren, auszusteigen; dennoch vergaen wir
alle Gefahr bei dem Anblicke des wunderschnen Tales, das uns
viele Klafter tief im Glanze der Morgensonne entgegenschimmerte,
durchstrmt vom Clyde, der zgernd zwischen den blhenden Grten
und fruchtbaren Feldern sich fortwand.

Eine kleine Stadt liegt mitten im Tale, nicht weit davon drei oder vier
groe ansehnliche Gebude mit schnen Grten. Es sind Baumwollspinnereien,
deren Maschinen hier wie in Perth vom Wasser getrieben werden.
Wir sahen die Rder behend sich drehen, die kleinen Flle, welche
durch diese veranlat werden, blitzten wie flssiges Silber;
aber wir hrten nicht ihr Gerusch, es war zu tief unter uns.

Jetzt senkte sich der Weg den Berg hinunter; dichtes Gehlz
empfing uns wieder in seine Schatten, laut hrten wir den Strom
donnern, und bald hielten wir vor einem Garten stille. Wir traten
hinein, erstiegen einen kleinen Hgel, und vor uns strzte der Strom,
weit wasserreicher und majesttischer als gestern, ber wilde
hohe Felsen; noch einige Schritte weiter hinauf, und wir sahen ihn
abermals ber noch hhere Felsen, in noch tiefere Abgrnde gewaltig
herabbrausen. Er fllt von einer so steilen Hhe, da er einen Bogen
bildet; wer es wagen will auf dem schlpfrigen Boden, kann zwischen
dem Felsen und der groen Wassermasse hingehen. Unten in dieser
kristallenen Grotte ist man wie im Nixenreiche; es mu ein
betubendes Gefhl sein, dazustehen und dieses ungeheure Toben und
Wogen ber seinem Haupte, vor seinen Augen zu haben, ja von allen Seiten
davon umgeben zu sein; aber selten nur wagt jemand sich hinab,
der bloe Anblick des Wagestcks schreckt zurck.

Als wir den Garten verlieen, fuhren wir an einem schnen Landhause
vorbei, zu welchem er zu gehren scheint; wir wnschten dem Besitzer
desselben Sinn fr sein Glck.

Nichts hinderte uns, des Gesehenen im Nachgenu uns zu erfreuen,
denn de und traurig war die Gegend bis Douglasmill, einem kleinen,
elenden Neste; ebenso bis Elvanfoot, einem noch elenderen Winkel,
und immer so weiter, bis wir gegen Abend in dem artigen Stdtchen
Moffat ankamen. Hier fanden wir eine freundliche Wirtin in einem
sehr guten Gasthofe und ruhten aus von den Freuden und Leiden
des vergangenen Tages.

Moffat ist ein kleiner, von den Schotten hufig besuchter Badeort;
die hiesigen Heilquellen werden fr sehr wirksam gehalten, nur konnten wir
nicht erfahren, fr welche Gattung von beln sie eigentlich gebraucht
werden. Fr die Langeweile wohl nicht, wie so manche andere Bder.
Die Lage des Ortes ist angenehm, und das Stdtchen selbst sieht
sehr freundlich aus; aber wir bemerkten keine Anstalten zu den
hergebrachten Badelustbarkeiten, weder zu Assembleen, noch zu Bllen,
noch zu Schauspielen, und schlossen daraus, da wohl nur Kranke
herkommen, denn fr krperlich Gesunde scheint nicht gesorgt zu sein.

ber Lockerbie kamen wir den folgenden Tag nach Gretna Green,
einem kleinen Dorfe, dem letzten auf der schottischen Grenze. Unbedeutend,
wie es aussieht, ist es dennoch ein Ort von groer Wichtigkeit.
Hunderte bereuen es lebenslang, sich einmal unbesonnen hingewagt zu haben.
Gretna Green ist der Schrecken aller Eltern, Vormnder, Onkel und Tanten
in England, die reiche oder schne Mdchen zu hten haben; der Trost
und die Hoffnung aller Misses, die in Pensionen sich Kopf und Herz
mit Romanlektre anfllen, der Hafen, nach welchem alle Glcksritter
zusteuern, die besonders aus Irland mit leerem Beutel und vakanten Herzen
nach Bristol, Bath, auch wohl nach London kommen, um mit Hilfe
des kleinen blinden Gottes und seines oft noch blinderen Bruders endlich
ein solides Glck zu machen.

In Gretna Green wohnt nmlich der alte berhmte Hufschmied, der die
unauflslichsten Ketten schmiedet. Er ist dort Friedensrichter,
und dies Amt macht ihn zu einer sehr wichtigen Person. Denn
in Schottland braucht es zu einer ganz legalen Trauung keines Aufgebots,
keiner Einwilligung der Eltern, keines Priesters. Das liebende Paar
geht zum ersten besten Friedensrichter, versichert, es sei frei und
ledig, auch nicht in verbotenem Grade verwandt, und wird von ihm
ohne weitere Umstnde getraut. Diese Trauung ist so gltig und vor allen
britischen Tribunalen so unauflslich, al wre sie von dem ersten Bischof
im Lande vollzogen. Wer also in England, wo andere Gesetze gelten,
ein von irgend einem widerwrtigen Argus bewachtes Liebchen hat,
der nimmt die erste Gelegenheit wahr, packt es in eine Chaise,
mit vier raschen Pferden bespannt, und galoppiert damit fort, nach
Gretna Green, dem nchsten schottischen Grenzorte, wo oben erwhnter
Hufschmied Tag und Nacht bereit ist, sein Amt um ein Billiges zu verwalten.

Im Gasthofe, wo wir abstiegen, wollte die Wirtin nicht gern von diesen
Dingen sprechen, kaum, da sie uns das Haus des Hufschmieds von weitem
zeigte; gern htte sie alles abgeleugnet, aber Mauern und Fenstern
sprachen von diesem Geheimnisse in ihrem Hause. Alles ist mit
Inschriften und Namenszgen glcklicher Paare angefllt, die ihrem
wonnevollen Herzen Luft machten und leblosen Gegenstnden ihre sen,
freudigen Gefhle anvertrauten.

Dem Hufschmiede war gar nicht Rede abzugewinnen; er sah wohl, bei uns
war nichts zu verdienen; von anderen Einwohnern aber hrten wir,
da Gretna Green ein gar gut besuchter Ort ist, und oft mehrere Paare
in einem Tag anlangen.

Auffallend war uns, die erste Tagesreise hinter Gretna Green
auf englischem Boden, da man uns nirgends anhielt, um Wegegeld
zu fordern; alle Schlagbume flogen gleich auf, und die Zllner kamen
sehr gefllig in die Gasthfe, wo wir Pferde wechselten, das Geld
zu holen. Alles scheint in dieser Gegend stillschweigend vereinigt,
den Flchtlingen [Funote: England hatte nach der Revolution
in Frankreich viele Flchtlinge aufgenommen] hilfreiche Hand zu leisten.



ENGLAND


Die Lakes


ber Carlisle, ein hbsches, lebhaftes Stdtchen, das erste wieder
auf englischem Boden, kamen wir nach Wigton, um von dort aus
die Landseen von Cumberland und Westmorland, eine der gepriesensten
Gegenden Englands, zu besuchen. Seit ungefhr zwanzig Jahren
ist es in London Mode geworden, hierher zu wallfahrten, um sich
von der schnsten Natur entzcken zu lassen. Die Londoner nennen
diese Gegenden die englischen Hochlande, so wie man in Deutschland
die Gegend bei Schandau die schsische Schweiz nennt, und auch
ungefhr mit dem nmlichen Rechte.

Von Wigton aus kamen wir durch eine rauhe, de Gegend, bis ganz nahe
vor Keswick. Hier ffnet sich ein angenehmes, bebautes, fruchtbares Tal;
ein kleiner See, Bassenthwaitewater, gibt ihm Reiz und Leben.
Die Gegend ist bergig, aber die Felsen haben weder die schnen Formen
noch die imposante Gre der schottischen.

Keswick ist ein kleines, freundliches Stdtchen mit sehr angenehmen
Umgebungen, die wir unstreitig sehr reizend gefunden htten, wren wir
nicht eben aus Schottland gekommen. Aber diese kahlen Felsenhgel
verschwinden gegen jene gigantisch bereinandergetrmten Kolosse;
diese Seen ziehen sich zu Fischteichen zusammen, wenn man an
Loch Lomond dabei denkt. Man sollte solche Vergleichungen nicht machen;
sie wurden uns indessen sowohl von den Einwohnern als durch
die Benennung der englischen Hochlande gleichsam aufgedrungen.

Hinter Keswick wird die Gegend romantisch schner, die Felsen werden
hher; nur vermiten wir die Wlder, die in Schottland die niedrigeren
Berge mit ihrem wechselnden Grn bekrnzen. Zuerst kamen wir wieder an
einen See, der, unregelmig, bald breiter, bald schmler, sich durch
das Tal windend, fast einem Strome gleicht. Er heit Derwentwater, und
gern begrten wir die freundlich Nymphe hier wieder, die Matlocks
Felsen besplt. Einige hbsche Landsitze liegen sehr angenehm an den
Ufern des Sees; Berge, Bume, Felder, umgeben ihn in reizender
Mannigfaltigkeit. Ein enges, rings von Felsen eingeschlossenes Tal
empfing uns, als wir den See verlieen, durchrauscht von einem
lebendigen Flchen, welches sich gegen die Mitte des Tales in einen
kleinen schmalen See verwandelt, der Thirlmere Lake heit. Einige
Brcken geben dem Ganzen ein recht pittoreskes Ansehen. Wir wurden hier
lebhaft an den Plauischen Grund bei Dresden erinnert; es war, als shen
wir ein Miniaturgemlde jener berhmten Gegenden.

Nahe bei Ambleside ffnen sich weit ausgebreitete Aussichten,
die durch den Kontrast mit dem engen Tale, durch welches wir vorher
uns wanden, umso reizender erscheinen. Freundlich und lachend lag hier
die Welt vor uns in mannigfaltiger Schnheit, verschiedene kleinere Seen
blitzten uns aus der Ferne entgegen, umgeben von aller Anmut
einer reichen Vegetation und hoher Kultur. Ambleside liegt hoch;
von allen Seiten bieten sich schne Aussichten auf die benachbarte
Landschaft dar; aber die schnste derselben erwartete uns jenseits
des freundlichen Stdtchens.

Ein groer spiegelheller See trat allmhlich zwischen Bergen und
Waldungen hervor. Zehn kleine Inseln von mannigfaltiger Gestalt
scheinen darauf zu schwimmen, alle mit freundlichem Grn bekleidet,
mit Gebsch und Bumen gekrnt. Auf der grten dieser Inseln
erhebt sich die elegante Villa eines reichen Gutsbesitzers,
umgeben von freundlichen Grten. Sie heit Curwens Insel,
nach dem Namen ihres Eigentmers. Zierliche, zu jener Villa
gehrige Gondeln wiegen sich auf den klaren Wellen, alles atmet
Freude und Lust.

Die Ufer des Sees sind von unbeschreiblicher, mannigfaltiger Schnheit:
rauhe, zackige Felsen, grne bebaute, zum Teil waldige Hgel,
prchtige, einzeln stehende Bume, Wiesen, Kornfelder, Drfer,
einzelne lndliche Wohnungen liegen umher in lieblichem Gemisch.
Die Berge von Keswick schieen die blulich dmmernde Ferne.
In Low Wood stiegen wir ab. Es ist dies ein sehr guter, einzelner
Gasthof, hart am Ufer des Sees, an einer der schnsten Stellen
erbaut. Der See heit Windermere; er enthlt mehrere Stunden
im Umfange und ist der grte in England.



Lancaster


Nachdem wir den See Windermere, die Krone dieser berhmten Gegend,
gesehen hatten, hielten wir es fr berflssig, auch die brigen
kleineren Seen der Reihe nach zu besuchen und setzten daher
unseren Weg weiter fort nach Lancaster. Das Land umher ist angebaut
wie ein Garten, die Stadt selbst ist weder gro, noch lebhaft,
noch hbsch. Viele Qukerfamilien [Funote: eine um die Mitte des
17. Jahrhunderts vom G. Fox gegrndete Religionsgemeinschaft.
Zu Beginn Verfolgungen ausgesetzt, gaben auch ihren Anhngern 1689
die Toleranzakte Wilhelm III. Religionsfreiheit. Heute vor allem
in den USA (Pennsylvania) noch verbreitet] bewohnen sie. Diese guten Leute
stellen sich jetzt im ueren mehr den Kindern der Welt gleich.
Selten nur hrt man noch das alte treuherzige "Du" aus ihrem Munde;
auch von der feierlichen Steifheit ihrer Bewegungen und Kleidung
haben sie vieles nachgelassen; dennoch bleibt immer genug, um sie
vor anderen auszuzeichnen.

Die Mdchen und Frauen von Lancashire sind unter den Namen der Hexen
von Lancaster, Lancaster Witches, als die schnsten in ganz England
berhmt, und wir trafen fast bei jedem Schritt in der Stadt Lancaster
auf Beweise, da sie dieses Ruhms vollkommen wrdig sind.
Reizenderes gibt es nicht als die hiesigen Qukermdchen in ihrer
anspruchslosen, bescheidenen Tracht. Die dunklen Farben, in welche sie
sich gewhnlich kleiden, die Schrze und das groe Halstuch
vom allerfeinsten Musselin, das schwarzseidene Htchen, alles ohne
die mindeste Verzierung, geben den frischen, blhenden Gesichtern
eine unendliche Lieblichkeit. Es ist etwas Klsterliches in ihrer
Erscheinung; aber da sie frisch und frei in Gottes Luft umherwandeln,
so erregen sie nicht das bengstigende Mitleid wie die Nonne;
auch ist ihre einfache, reinliche Kleidung dem Auge weit angenehmer,
als jene gotische entstellende Verhllung.

Wir reisten ber das sehr hbsche, freundliche Fabrikstdtchen Preston
nach Liverpool. Gleich hinter Preston glaubten wir uns wie durch
einen Zauberschlag aus England nach Holland versetzt. Das Land
so flach als mglich, unabsehbare Wiesen, von Kanlen durchkreuzt,
Grben voll Wasser an beiden Seiten der mit Steinen gepflasterten
Landstraen, alles genau wie in Holland, nur das nette, geschniegelte
Ansehen der hollndischen Landhuser fehlte. In England wird kein Haus
von auen gemalt oder abgeputzt; in wenigen Jahren bekommen daher
die Backsteine, aus welchen die meisten erbaut sind, ein altes,
rauchiges Ansehen, welches dem nicht daran gewhnten Auge mifllt.
Nichts ist dagegen hbscher und freundlicher als die lndlichen
Wohnungen in Holland; das Holzwerk wird dort regelmig alle Jahre
mit lfarbe angestrichen, die Ziegelsteine werden rot gefrbt,
die Fugen derselben wei gemacht; alles sieht daher immer neu aus
und gibt dem Ganzen ein unbeschreiblich frhliches und wohlhabendes
Aussehen.



Liverpool


Diese Stadt, nchst London die grte und bedeutendste in England,
steht dennoch, sowohl in Hinsicht der Schnheit als des Umfangs,
weit hinter Edinburgh zurck. Aber Handel und Betriebsamkeit
haben ber Liverpool ihr Fllhorn ausgeschttet, und Reichtum und
Luxus glnzen dem beobachtenden Fremden berall entgegen.

Die reichen Kaufleute wenden ihren berflu auf eine sehr zweckmige
Weise an, indem sie die an sich nicht schne Stadt mit vielen neuen,
prchtigen Gebuden verzieren. Vier neue palasthnliche Kaffeehuser,
Newshouses, Neuigkeitshuser hier genannt, sind seit kurzem
durch Subskription erbaut; ein schnes Theater, ein Konzertsaal,
ein groer Gasthof, viele mildttige Anstalten, welche der Menschheit
Ehre machen, verdanken den reichen Einwohnern ebenfalls ihr Dasein.
Das prchtigste und kostbarste Werk ihrer vereinten Krfte sind
aber die Docks.

In diesen knstlichen Hfen liegen die Schiffe sicher und bequem,
fast mitten in der Stadt zusammen, werden sogar da erbaut, ausgebessert,
aus- und eingeladen, und berdies sind die Ladungen vor Dieben
sichergestellt. Solche Docks kosten ungeheure Krfte, um sie
zustande zu bringen, sind aber auch fr den Handel vom grten Nutzen.

Die Promenade lngs ihren Ufern fanden wir nicht angenehm: das Gewhl,
das Schreien, das Drngen und Stoen ist betubend, der Seegeruch
unangenehm, aber der Anblick der offenen See ber die Docks hinaus
entschdigte uns; den am Ufer des Meeres Geborenen geht es damit
wie den Bergbewohnern mit ihren Bergen. Wir sehnen uns, wenn wir
es vermissen, und sein Wiedersehen erfreut wie das eines alten Freundes.
Das Meer verschnert jede Gegend, ja die traurigste Sandsteppe
erhlt dadurch einen unbeschreiblichen Reiz. Das Brausen der Wellen
tnt wie bekannte Stimmen aus unserem Jugendlande herber, und
wir horchen gern mit stiller Wehmut zu.

Wir haben schon bemerkt, da Liverpool keine eigentlich schne Stadt
sei; auch die Umgebungen derselben zeichnen sich nicht vor anderen
aus. Doch mssen wir die schnen Wohnungen verschiedener reicher
Kaufleute erwhnen, die ganz nahe vor der Stadt, etwas abgesondert
von dieser, auf einer migen Anhhe erbaut sind. Hchst elegant
eingerichtet, vereinigen sie alle Vorteile des Land- und Stadtlebens
auf die angenehmste Weise. Nur wird dieser Vorzug ihnen wohl
nicht mehr lange bleiben, da sich die Stadt tglich vergrert
und man schon jetzt berechnen kann, da im Verlauf von einigen Jahren
jene Huser mitten in ihr und in ihrem Gewhl liegen werden.

Der gesellschaftliche Ton ist in Liverpool vielleicht ein klein
wenig leichter als in London; doch fehlt es hier wie dort
an dem allgemeinen Interesse im Gesprch, welches die Fremden
bald einheimisch macht. Sind die gewhnlichen Redensarten, welche
in diesem Lande immer von der allgemein angenommen Etikette
herbeigefhrt werden, abgetan, hat man ber Wetter und Wohlbefinden
sich ausgesprochen, so ist man in der Regel bel daran, wenn man
von Handel und Politik nichts wei oder nichts wissen will.

Die Mnner dieser Stadt sind fast alle auf dem festen Lande gewesen,
sie kennen fremde Sitten und Gebruche; dies macht sie wenigstens
toleranter gegen Auslnder. Die Frauen aber sind echte Englnderinnen
im vollen Sinne des Worts, und im allgemeinen fehlt ihnen
die hhere Bildung, die denn doch in einer groen Stadt wie London
leichter zu erlangen ist als in einer Provinzstadt. Dafr haben sie
sich tausend Bedrfnisse und Zierereien angeschafft, die ihren Reichtum
und ihren guten Ton zugleich an den Tag legen sollen, dem daran
nicht Gewhnten aber hchst lstig und peinlich werden.

Die Liverpooler besitzen in hohem Grade die Tugend der Gastfreiheit,
die dem Englnder in Stdten sonst weder eigen ist noch seiner
Einrichtung nach sein kann; da aber die Langeweile an ihren
wohlbesetzten Tischen auch hier gewhnlich prsidiert, kann
nicht geleugnet werden, wenigstens ist dies der Fall, bis die Damen
aufbrechen und den Mnnern bei Wein und Politik freien Spielraum
lassen.

In Liverpool, wie in ganz Lancashire, leben viele Quker-Familien;
doch sind sie hier sehr ausgeartet und schmen sich ihrer alten
einfachen Sitte. Der neumodische Ton steht ihnen wunderlich;
besonders benehmen sich die jungen Herren, welche Elegants sein
wollen, ungemein link. Sie, deren Vter selbst vor dem Knige
nicht den Hut abnahmen, gren jetzt, zum Beispiel auf der
Promenade, fast jedermann, um zu zeigen, wie vorurteilsfrei
sie sind; ungefhr wie elegante Juden, die, um ihre vorurteilsfreie
Bildung an den Tag zu legen, sich an ffentlichen Orten mit
Schinkenessen Indigestionen zuziehen. In einigen Lden fanden wir
noch Qukerinnen in der einfachen, sauberen Kleidung, die ihre Religion
ihnen vorschreibt. Das "Du" klang in ihrem Munde so hflich und
bescheiden, da unser "Ihr" uns in dem Augenblicke recht lcherlich
schien. Es handelt sich sehr gut mit ihnen; ihre Waren sind immer
von vorzglicher Gte, sie berteuern niemand, und kein Feilschen
und Abdingen findet statt, das sie nur beleidigen wrde.

Das Theater ist nicht gro, aber sehr elegant und bequem eingerichtet.
Man hrt berall im ganzen Hause vollkommen gut; die Erleuchtung
ist vortrefflich, und die Dekorationen lassen nichts zu wnschen brig.
Wir besuchten hier die Vorstellungen einiger neuerer Schauspiele,
welche wir schon in London gesehen hatten, und waren im Ganzen
damit zufrieden, wenigstens mit den Schauspielern. Die Schauspielerinnen
freilich scheinen sich einander das Wort gegeben zu haben, nicht
ber die beschrnkteste Mittelmigkeit hinauszugehen.

Die Zuschauer waren weit weniger lrmend als in London; unter ihnen
bemerkten wir im Parterre die beiden betrunkensten Menschen,
die uns je vorgekommen sind. Beide, ganz elegant gekleidet,
saen leichenbla, starr und steif nebeneinander, wie Tote,
mit stieren, offenen Augen. Der eine fiel wie ein Stein vom Sitze
herunter, der andere blieb, ohne es zu bemerken, steif sitzen.
Einige Zuschauer im Parterre trugen sie hinaus, aber mit so
zarter Schonung, mit so viel Teilnahme, da man deutlich sah,
jeder dachte im stillen: "Heute dir, morgen mir!"

Wir haben schon oben der vielen menschenfreundlichen Anstalten
erwhnt, die hier der Wohlttigkeit und dem Reichtume der Einwohner
ihr Dasein verdanken. Eine davon, fr Blinde, besuchten wir
mit Freude und Rhrung. Der Fonds dieser Einrichtung ist noch
nicht hinreichend, um ein Haus zu erbauen, welches gerumig genug wre,
da all diese Unglcklichen darin wohnen knnen. Deshalb sind sie
in der Stadt in Privathusern eingemietet, aber sie versammeln sich
alle Tage in dem fr sie eingerichteten Gebude, Asylum genannt;
dort speisen sie zusammen, erhalten Unterricht in der Musik,
in den Handarbeiten, die sie bei ihrem traurigen Zustande verrichten
knnen, und bringen brigens den Tag nach Gefallen miteinander zu.
In zwei Zimmern stehen gute Pianoforten zu ihrem Gebrauch, im dritten
eine Orgel. Als wir in letzteres traten, sa ein junger Blinder
an der Orgel und akkompagnierte drei jungen Mdchen, seinen
Unglcksgefhrtinnen. Sie sangen dreistimmig eine rhrende Klage,
gemildert durch stille Ergebung und Hoffnung auf den Tag, der einst
ihre lange Nacht erhellen wird. Ihre Stimmen waren angenehm und rein,
sie bemerkten unseren Eintritt nicht und sangen ungestrt fort;
gerhrt standen wir am Eingange des Zimmers still und hteten uns
wohl, sie zu unterbrechen.

Im Ganzen sind diese Blinden wie fast alle ihre Unglcksgenossen
immer heiter und froh und gesprchig. In einem unteren Zimmer
fanden wir eine Menge spinnender Weiber und Mdchen, Rder und
Zungen schnurrten lustig um die Wette. In einem anderen Zimmer,
wo sich Mnner und Jnglinge mit Korbflechten beschftigten,
ging es nicht weniger munter her. Wir bewunderten die Feinheit
und zierliche Form der Krbchen, sie flochten sogar Muster
von grnen und roten Weiden hinein und wuten diese von den weien
durchs bloe Gefhl auf das genaueste zu unterscheiden.

Die Blinden machen auch sonst noch allerhand ntzliche Arbeiten,
welche unten im Hause in einem Laden zum Vorteile der Anstalt
verkauft werden; sie weben, machen Seile, ja es gibt sogar Schuhmacher
unter ihnen. Diese Anstalt gehrt wohl zu den zweckmigsten
und wohlttigsten ihrer Art. Entfernt von allen Scharlatanerien,
strebt sie nur den Unglcklichen wirkliche Hilfe zu leisten,
sie soweit mglich zu ntzlichen Mitgliedern der Gesellschaft
zu machen und ihren einsamen dunklen Pfad zu erheitern durch Arbeit
und Musik. Hier werden sie nicht mit tausend Kleinigkeiten geqult
wie in anderen hnlichen Anstalten, wo man das, was der Menschheit
das Ehrwrdigste sein wollte, das Unglck, zum Zeitvertreib
einer mig gaffenden schauspiellustigen Menge herabwrdigt.

Am Tage, ehe wir Liverpool verlieen, erscholl pltzlich
von allen Trmen ein betubendes Glockengelute, welches eine
ganze Stunde ununterbrochen fortwhrte; die Glocken erklangen lustig
bald die Oktave hinauf, bald herunter, bald Terzen, bald Quinten,
die ganze Skala durch, nach Gusto der Knstler. Jeder von diesen Herren
bimmelte nach Belieben der Nachbarschaft die Ohren voll, ohne sich
an seine Kollegen zu kehren. Wir glaubten, es sei die Nachricht
einer gewonnen Schlacht angekommen, oder der Geburtstag eines Mitglieds
der kniglichen Familie wrde gefeiert oder wenigstens eine groe,
vornehme Hochzeit in der Stadt; denn auch an blo huslichen
Freudentagen darf jeder Englnder mit allen Glocken luten lassen,
wenn er dafr bezahlen will. Aber nichts von alledem, sondern
eine alte, vor mehr als hundert Jahren verstorbene Jungfer war
die Ursache alles dieses Lrms. Diese hat in ihrem Testamente
smtlichen Liverpoolschen Knstlern eine gebratenen Hammelkeule
mit Gurkensalat und dem dazugehrigen Porter fr jeden Donnerstagabend
das ganze Jahr hindurch auf ewige Zeiten vermacht. Sie verzehren
dieses Gastmahl in Gesellschaft, mssen aber vorher mit ihren Glocken
einen furchtbaren Lrm machen, der die Nachbarn der Kirchen
in Verzweiflung bringt; alles zum Gedchtnis des Namens
der Erblasserin, und es fragt sich, ob diese Erfindung, eine Art
von Unsterblichkeit zu erhalten, nicht so gut und besser ist
als manche andere.

Die Gegend hinter Liverpool fanden wir ebenso hollndisch als die,
durch welche wir hereinkamen. Das Land so flach als mglich,
aber hchst kultiviert, durchschnitten von schiffbaren Kanlen.
ber Warrington, ein sehr freundliches Stdtchen, berhmt durch
Glasfabriken aller Art, kamen wir zum zweiten Male nach Manchester,
von dort auf sehr unebenem Wege nach Disley.

Die englischen Landstraen werden mit Recht im Durchschnitt
als hchst vortrefflich gepriesen. Aber in der Nhe groer Fabrikstdte,
wo schwerbeladene Wagen und Karren den ganzen Tag darauf hin und
her rollen, sind sie es weit weniger und mssen den Chausseen
um Dresden, im Dessauischen, im sterreichischen und anderen
in Deutschland den Vorrang einrumen.

Eine Unannehmlichkeit fr fremde Reisende in England besteht darin,
da es sehr schwer wird, frh auszureisen. Bei aller Vortrefflichkeit
der Gasthfe ist es dennoch unmglich, vor sieben Uhr morgens
das Frhstck zu erhalten: der Wirt und seine ersten Bedienten
schlafen bis spt in den Tag hinein; nur der Stiefelwichser
ist zu jeder Stunde bereit, aber seine Macht erstreckt sich
nicht weiter als hchstens zur Herbeischaffung der Pferde.
Diese Beschwerde fhlt indessen nur der Fremde, namentlich der Deutsche:
denn die Englnder sind in der Regel gewohnt, erst einige Stunden
nach dem Aufstehen zu frhstcken und reisen immer eine oder
ein paar Stationen, ehe sie ihren Tee mit gerstetem Butterbrote
verlangen. In Disley, wo wir dem englischen Gebrauch gezwungen
folgen wollten, fanden wir das Haus in so groer Unordnung und
Unsauberkeit, da es uns unmglich war, den Wagen zu verlassen.

Unsere Reise fiel gerade in die Zeit der allgemeinen Bewaffnung
der Nation gegen die gefrchtete Landung der berchtigten Bateaux plats.
Alt und jung spielte Soldaten; Comptoires, Werksttten, Lden
standen die Hlfte der Woche leer; jeder junge Mann suchte durch
schne Uniformen und Exerzieren bei heiterem Wetter im Angesichte
der Damen seinen Mut an den Tag zu legen; bei Regenwetter gingen sie
freilich wie die ppstlichen Soldaten mit Regenschirmen zur Parade.

Nach dem Exerzieren wurden in Gasthfen bei groen gemeinschaftlichen
Gastmhlern die durch diese patriotische Anstrengung erschpften Krfte
hinter der Flasche wieder ersetzt und die Nacht alsdann mit Tanz
und Spiel vollends hingebracht. Diese Lebensweise galt damals
durch ganz England, und die Chefs der darber leerstehenden Comptoires
und Fabriken wollten ob der groen Vaterlandsliebe der jungen Helden
schier verzweifeln.

In Disley war eben diese Nacht solch ein patriotisches Fest
gefeiert worden. Alles trug noch Spuren davon, welche, ziemlich
abschreckend, dem Eintretenden auf alle Weise entgegenkamen.
Hinter Disley war die Gegend zuerst recht freundlich, ganz englisch;
alles grn, ber und ber. Dann gerieten wir wieder zwischen
unfruchtbare hohe Felsen. Drftig mit Heidekraut bewachsen,
boten sie uns alles Unangenehme einer Gebirgsreise, ohne uns
durch erhabenen Schnheit dafr zu entschdigen. Kurz vor Middleton
kamen wir durch eine enge, zwischen Felsen von schnerer Form
sich hinwindende Schlucht; dann ging es weiter ber noch hhere
und freudenlosere Berge bis Sheffield.

Dies ist eine groe, aber nicht freundliche Manufakturstadt.
Kohlendampf, ble Luft, unbeschreiblicher Schmutz wie in einer Schmiede
berall. Die Straen hallen wider von wildem, wstem Geschrei
und Gehmmer, alles hat ein grobes, unangenehmes Handwerksansehen.
Es werden in Sheffield sehr viele und sehr schne Stahl- und
plattierte Waren verfertigt. Unseres Bleibens konnte aber dort
nicht lange sein; nichts zog uns an, wir eilten fort und freuten uns
in dem nicht weit entfernten Landsitze des Lord Fitzwilliam,
Wentworth House, wieder einmal frische Luft zu schpfen.



Wentworth House und Rotherham


Es ward uns erlaubt, durch den Park von Wentworth zu fahren.
Obgleich gro und angenehm, zeichnet er sich dennoch brigens
nicht aus; ebensowenig die Grten und Anlagen.

Das Merkwrdigste hier sind die prchtigen Stlle; sie gleichen
wahrlich mehr einem Palaste als der Wohnung von Pferden.
Sie umschlieen einen groen viereckigen Hof von allen Seiten.
Der eine Flgel des mit architektonischer Pracht verzierten Gebudes
ist zur Reitbahn eingerichtet; in den drei anderen sahen wir
eine Menge der schnsten Pferde, unter ihnen viele Jagdpferde,
meistens von arabischer Herkunft; auch verschiedene berhmte Renner,
welche bei manchem Wettrennen unsterbliche Lorbeeren errungen hatten.
Die Luft war in diesem Pferdestalle weit reiner als in der Stadt
Sheffield. Die Pferde stehen alle auf steinernem, zum Abzuge
der Feuchtigkeit hin und wieder durchbohrten Platten. Dies verhinderte
allen unangenehmen Geruch. ber dem Stande der vornehmsten Pferde,
der Jagdpferde und der Renner, war ihr Name, der Name ihrer
werten Eltern und bisweilen ein noch lngerer Stammbaum zierlich
geschrieben zu lesen. Einige Stuten hatten ziemlich groe Spiegel
vor sich, um zu bezwecken, da ihre Nachkmmlinge ihnen an Schnheit
gleich wrden.

In einem abgesonderten Teile des Hofes lief ein sehr hbsches
persisches Pferdchen umher. Man sagte uns, es wre ber zwanzig Jahre alt.
Zahm wie ein Hund und auch nicht viel grer, kam das zierliche Tier
auf jeden Ruf freundlich und schmeichelnd herbeigesprungen.

Mde und angegriffen vom Anschauen und Bewundern setzten wir
unseren Weg fort nach Rotherham, wo uns Merkwrdigkeiten anderer Art
erwarteten.

Hier waren wir wieder in Vulkans Wohnung, doch ging es uns diesmal
nicht wie in Carron; wir wurden eingelassen und freundlich empfangen.

Diese Eisengieerei, an Gre und Bedeutung die nchste jener nach Carron,
gehrt Herrn Walker. Obgleich auch hier Fremde ohne besondere
Empfehlung nicht eingelassen werden, und wir keine an Herrn Walker
hatten, so gengte ihm doch schon ein Blick auf einige offene
Adrebriefe, die wir von London aus fr andere Orte in England
mitgebracht hatten, und er gab Befehl, uns berall herumzufhren.
Eine ungeheure Menge Blech wird hier geschmiedet, gereinigt,
geschnitten, verzinnt und dann in Kisten gepackt in alle Welt
versendet, wo es unter tausenderlei Formen wichtige und angenehme
Dienste leistet. Das zu verarbeitende Eisen kommt alles aus Ruland,
teils roh, teils in langen Stangen.

Die Eisengieerei war uns besonders interessant. Einen schauderhaft
schnen Anblick geben die hochsprhenden Flammen und Funken,
die roten zischenden Feuerstrme, welche sich mit glhendem Schein
langsam hinwlzen, bis sie sich in die Form wie ein Grab versenken,
um dort auf immer zu erstarren. Ihn vermehren noch die schwarzen,
kolossalen Mnner, welche sich auf mannigfaltige Weise darum her
beschftigen. In Rotherham ward die groe eiserne Brcke gegossen,
die wir bei Sunderland bewunderten, und eine zweite, noch grere,
ward hier vor kurzem nach Jamaika versendet. Das Eisen wird hier
in unendlich verschiedene Gestalten gezwungen, von den kolossalen
Brcken an bis herab zum demtigen Pltteisen. Man verfertigt hier
auch viel schnes Gitterwerk, in geschmackvollen, meistens
der Antike nachgebildeten Mustern, und braucht es sehr hufig
zur Verzierung der Balkone, Fenster, Gartenpforten, Torwege und
Treppen. Es sieht sehr reich und elegant aus. Durch die Erfindung,
dergleichen Dinge zu gieen, statt sie zu hmmern, ist ihr Gebrauch
ungemein verbreitet worden. Geschlagenes Eisen ist zwar weit
dauerhafter als gegossenes, aber dieses kostet auch nur halb
so viel als jenes, und da es denn doch Eisen ist, so bleibt es
seiner Natur nach noch immer dauerhaft genug.

Das Glck wollte uns so wohl, da wir eine vierundzwanzigpfndige
Kanone gieen sehen konnten. Aus zwei fen flo brausend
das flssige Metall in zwei mit Sand und Erde eingedmmte Kanle,
die sich bald in einem einzigen vereinten, aus dem es gewaltsam
in die tief eingegrabene Form strzte. Dantes Hlle und der feurige
Phlegethon  [Funote: Unterweltstrom aus der griechischen Mythologie]
waren bei diesem Anblick die nchstverwandten Ideen.
Drei Tage braucht es, ehe die Kanone erkaltet ist, dann zerbricht man
die Form und bringt sie so heraus.

Wir sahen auch eine Kanone bohren; denn sie werden alle massiv gegossen.
Aus dieser Operation pflegte man sonst ein Geheimnis zu machen,
doch ward sie uns ohne viele Widerrede gezeigt, sobald wir den Wunsch
uerten, sie zu sehen. Die dazu ntige Maschine wird vom Wasser
getrieben. Eine lange, eiserne Stange, genauso dick als die Mndung
der Kanonen weit werden soll, steht in horizontaler Stellung fest.
Ein platter Stahl, ungefhr einen halben Zoll stark, mit scharfen
Ecken, in Form einer Zunge, befindet sich am Ende der brigens
ganz runden Stange. Die Kanone, mit undenkbarer Gewalt vom Wasser
getrieben, wird gezwungen, sich um diese Stange wie eine Axt
zu drehen und zu winden; die Zunge schneidet das Metall aus
der ffnung, und die Stange poliert von innen ganz glatt und eben.
Es ist unmglich, die Kraft ohne Staunen anzusehen, die hartes Metall
wie weiches Holz bearbeitet. Wie wenig vermag der Mensch
mit seiner Strke allein, und wie viel Erstaunenswertes bringt er
hervor mit Hilfe der Elemente, die er zur Dienstbarkeit zwingt,
die sich aber auch an dem ohnmchtigen Herrscher oft furchtbar
rchen, wenn sie die Fesseln zerbrechen, die er schlau ersann,
und in wilder Freiheit einhertoben, um in Momenten ganze Geschlechter
zu vernichten.



Nottingham


ber das artige Stdtchen Mansfield reisten wir nach Notthingham,
einer schnen, ansehnlichen Fabrikstadt, in welcher besonders viele
und groe Strumpfwebereien sich befinden. Von dort gingen wir nach Derby,
durch eine sehr reizende Gegend, dicht best mit Parks und
freundlichen, zum Teil schnen Landhusern, zwischen welchen
einige stolze Schlsser der Groen sich stattlich erheben.
Unser Postillon fiel vom Pferde, die Pferde nahmen reiaus; doch
auf diesen schnen und lebhaften Straen hat solch ein Vorfall
wenig zu sagen, obgleich er fast in allen englischen Romanen
als ein groes Motiv paradieren mu. Unsere flchtigen Pferde
wurden bald angehalten, und wir kamen, zwar ein wenig erschrocken,
doch wohlbehalten in Derby an. Hier waren die Pferderennen, auf die wir
uns gefreut hatten, eben vorbei; auf unserer vorigen Durchreise
war das Merkwrdigste, was Derby darbietet, schon bewundert;
deshalb setzten wir unseren Stab bald weiter und zogen gegen Warwick.

Von Warwick kamen wir nach Stratford-on-Avon. Der Ort ist klein,
arm und unbedeutend, aber ein heiliger Schimmer umgibt ihn:
denn hier erblickte Shakespeare [Funote: das Grab ist heute bekannt
und befindet sich im Chor der Holy Trinity Church. Das Fachwerk
des Geburtshauses stammt tatschlich aus der Zeit Shakespeares]
zuerst den Tag, hierher kehrte er zurck am Ende seiner groen Bahn,
und seine Gebeine liegen hier begraben. Niemand wei recht die Sttte,
aber in der Westminster Abtei, dort wo die Knige ruhen,
strahlt das Denkmal, welches die Nation ihm errichtete, deren Stolz er ist.

Wir lieen uns zu der Htte fahren, in welcher sein Vater,
ein wohlhabender Handschuhmacher, auch Wollkmmer, einst wohnte,
wo der groe Geist, seiner selbst nicht bewut, in der engen
Eingeschrnktheit ngstlich und beklommen sich fhlte, bis ins
sechzehnte Jahr, in stetem Kampfe mit der ihn einengenden Auenwelt,
an den Banden ri, die ihn einzwngten, und endlich, nach mancher
wilden, ungezgelten uerung, zu welcher Jugendmut und ungeleitete
Kraft ihn hinzogen, dem engen Leben wie dem kleinlichen Zwange entfloh
und frei seinem Genius folgte.

Die armen Lehnwnde des Hauses knnen sohl schwerlich schon vor
weit mehr als zweihundert Jahren gestanden haben, obgleich Stratfords
Einwohner es allgemein behaupten. In der Brandmauer am Feuerherde
aber ist ein alter hlzerner Lehnstuhl in einer Art von Nische
eingemauert; der Herd selbst sieht sehr alt aus, eine groe steinerne
Platte liegt davor; hier hat gewi Shakespeares Vater gesessen,
eifernd ber die wilden Jugendstreiche des Sohnes, der ihm bei
aller Blutsverwandtschaft dennoch ein Fremder war und ewig sein mute.

In einem oberen Zimmer zeigte man uns noch ein groes altes Bettgestell,
in welchem Shakespeares Mutter ihn zur Welt brachte; auch sein
Stammbaum hngt hier. Das Haus wird jetzt von einem Fleischer bewohnt,
der sehr arm zu sein scheint. Doch sorgsam wacht er ber diese
heilige Sttte: denn sie bringt ihm durch die Besuche der Fremden
bei seiner Drftigkeit eine sehr willkommene Hilfe.



Tewkesbury und Cheltenham


In dem kleinen freundlichen Landstdtchen Tewkesbury vernahmen wir,
da dort in einigen Tagen ein groes Pferderennen gehalten werden sollte.
Unter den Wlfen lernt man heulen, sagt das Sprichwort, unter den
Englndern wird man am Ende selbst eine Art John Bull. Wir beschlossen
also die Zeit bis dahin in dem benachbarten Bade Cheltenham zuzubringen,
dann an dem zu jenen Feste bestimmten Tage nach Tewkesbury zurckzukehren,
und reisten nach Cheltenham ab.

Dieser berhmte Brunnenort ist ein hbsches Stdtchen, in einem
angenehmen, von Hgeln umgebenen, breiten Tale. Alles darin sieht
neu aus. Die Stadt ist grtenteils whrend der letzten vergangenen
fnfzig Jahre erbaut, denn so lange ungefhr ist es, da die  dortige
Quelle bekannt und berhmt ward.

Cheltenham besteht aus einer einzigen, wenigstens eine englische Meile
langen Strae, an welche sich kleine Nebenstraen und einzelne Gebude
anschlieen. In dieser Hauptstrae mit den schnsten Gebuden,
den glnzendsten Lden, Leihbibliotheken und Kaffeehusern wogt
die schne Welt den Morgen ber langsam und, wie es uns schien,
auch langweilig auf und ab. Die Damen schleichen ghnend zu zweien
und dreien aus einem Laden in den anderen, whrend die Herren
mit Reiten, Trinken und Zeitungslesen die edle Zeit auf ihre Weise
hinzubringen suchen.

Der Geist geselliger Freude ist hier so wenig als sonst in England
heimisch; man treibt alles ernstlich, und so wird auch das Vergngen
zur Arbeit. Wenn der Morgen berstanden ist, so helfen Blle,
Assembleen, Konzerte und Theater, wie es eben die Reihe trifft,
die brigen Stunden hinzubringen; fr alles dies ist gesorgt,
wenn auch nach etwas verjngtem Mastabe. Whrend der Saison
prsidiert hier einer der Zeremonienmeister aus Bath, weil er den Sommer
ber dort mige Zeit hat. Von dieser und anderen Einrichtungen
der englischen Bder sowie auch von der allen gemeinsamen Lebensweise
behalten wir uns vor ausfhrlicher zu sprechen, wenn wir zur Beschreibung
von Bath, dieser Knigin aller englischen Badeorte, kommen.

Die Promenade, welche zu dem Brunnen von Cheltenham fhrt, wird
fr eine der schnsten in England gehalten; wahrscheinlich erwirbt ihr
in diesem Lande die groe Seltenheit gerader, von hohen Bumen eingefater
Alleen diesen Ruhm, denn hohe, schattige Ulmen umgeben hier
von beiden Seiten eine breite, schnurgerade, etwa neunhundert Fu
lange Allee. In ihrer Mitte befindet sich der Brunnen in einem etwas
schwerflligen Tempel eingeschlossen, daneben ein hbscher Saal
zum Gebrauch der Brunnengste bei schlechtem Wetter, und in diesem
ein Buch zu Subskriptionen fr die Erhaltung der Promenade, des Saals usw.
Jeder wohlerzogene Brunnengast unterzeichnet sich darinnen mit Namen
und Stand; im Unterlassungsfall wird er fr einen Nobody angesehen
und keine Notiz von ihm genommen, wie billig. Am Ende der Promenade
befindet sich noch eine gewhnliche englische Gartenanlage;
ein artiges, ebenfalls zur Belustigung der Badegste bestimmtes Gebude
schliet hier die Allee, und am anderen Ende derselben bildet
der ziemlich spitzige Kirchturm das Point de vue.

Es ist ein hbscher Anblick, wenn man morgens zwischen acht und zehn Uhr,
der gewhnlichen Brunnenzeit, die Badegesellschaft unter den
ehrwrdigen Bumen langsam auf und ab wandeln sieht. Der eigene Reiz,
welcher die Englnderinnen in ihrer Morgenkleidung umgibt, ist bekannt,
und hier, in diesem grnen Dmmerlichte, zeigen sich die wei gekleideten,
nymphenhaften Gestalten der meisten auf's Vorteilhafteste. Zwar hlt
diese Allee mit der von Pyrmont keinen Vergleich aus, die Englnder
sind indes stolz darauf und meinen, sie sei die schnste in der Welt.
Whrend man hier des Trinkens halber auf und ab spaziert, welches sehr
charakteristisch die Morgenparade genannt wird, musiziert eine Bande
Spielleute rasch darauf los, so gut es gehen will, und lt laut
ihr God save the King und Rule Britannia erschallen.

Eine wunderliche Einrichtung ist's, da man nicht anders als
ber den Kirchhof zur Promenade gelangen kann; dieser ist zwar
ganz artig, mit hbschen Linden, aber daneben auch mit vielen Leichensteinen
besetzt und mag wohl bei manchem zur Quelle wallfahrtenden Kranken
Ideen erwecken, die deren Heilkrfte schwchen knnten.

Das Wasser von Cheltenham wird hauptschlich gegen Hautschden, Skorbut
und hnliche bel gebraucht. Knig Georg der Dritte brachte durch
einige Besuche diese Quelle zuerst in Mode, doch bekam ihm dieses
sehr bel. Er wollte hier von einem unangenehmen, aber eingewurzelten,
vielleicht angeborenen Hautbel genesen; es gelang ihm, der Ausschlag
verging, aber der gute Georg geriet darber in den traurigen
Gemtszustand, in welchen er bis an seinen Tod verblieb.[Funote: Georg III.
regierender Monarch aus dem Hause Hannover zur Zeit von Johannas
Englandaufenthalt (1738-1820). Er litt seit 1788 wiederholt unter
Anfllen von Geistesgestrtheit, lebte seit 1801 in einem eigenartigen
Dmmerzustand, der nach einem vlligen Zusammenbruch 1811 die Regentschaft
des Prinzen von Wales erforderlich machte.]

Endlich brach der festliche Morgen an, der uns nach Tewkesbury rief;
ganz Cheltenham wanderte mit uns zugleich aus, eine lange bunte Reihe
zu Wagen und zu Ro.

Dort war alles in geschftiger Bewegung, alles hatte den Sonntagsrock
angezogen, hbsche Mdchen in weien Kleidern und gelben Nankingschuhen
liegen berall munter und frhlich umher. Eine Bande Seiltnzer
und zwei herumziehende Schauspielertruppen hatten hier fr den Abend
Thaliens und Terpsichorens Tempel aufgeschlagen, dazu war noch
fr die Nacht Ball und Assemblee. Man denke, was dies alles
im Stdtchen Tewkesbury fr Lrm machen mute, und wie die jungen,
dieser Herrlichkeit ungewohnten Herzen schon beim bloen Herrlichkeit
ungewohnten Herzen schon beim bloen Gedanken daran rascher schlugen.
Und noch dazu alle die glnzenden Herren und Damen aus Cheltenham,
die Equipagen, schnen Pferde, Bedienten und der brige Tro,
es war zum Entzcken! Glcklich, wer wie wir beizeiten fr Wohnung
und Mittagessen gesorgt hatte: denn ohne diese Vorsorge war in
dem Gewhle schwerlich ein Unterkommen zu finden.

Um zwlf Uhr zog alles, Mann und Ro und Wagen, hinaus zum Rennplatze.
Eine groe schne Wiese ist dazu eingerichtet, in einem halben Kreise
zieht sich die Stadt darum her, und ferne blaue Berge schlieen
rings die Aussicht. Das an sich schon recht hbsche Lokal, belebt von
mehreren tausend frhlichen Menschen jedes Standes, gewhrte
ein sehr interessantes Schauspiel. Die Seiltnzer hatten die mit
unzhligen Fhnchen recht bunt verzierten Gerste, auf welchen sie
den Abend ihre Knste zeigen wollten, mitten auf dem Platze errichtet;
dieses, die trkische Musik, welche ertnte, um die Neugierde
des Publikums zu erregen, und ihre leichte phantastische Tnzertracht,
in der sie teils mitten unter der Menge umherliefen, teils auf
ihren Gersten sich gruppierten, machten das bunte Ganze noch bunter
und lebendiger.

Auch die beiden rivalisierenden Schauspielertruppen strebten
bemerkt zu werden und einander den Rang abzugewinnen. Unermdet teilten
sie an alle Welt ihre Zettel aus, in die Kutschen flogen diese
Ankndigungen zu Dutzenden, und wenn einer eine Handvoll davon
zu einem Schlage hingeworfen hatte, so eilte gleich sein Nebenbuhler
durch den anderen Schlag ebenfalls das Lob seiner Gesellschaft zu
verbreiten. Alles war Leben und Lust, nur die Wettenden schienen,
mit Ernst und Eifer in ihren Zgen, das frhliche Treiben der brigen
verchtlich anzublicken.

Endlich tnte die Trommel, die Pferde liefen vortrefflich, es waren
einige berhmte Renner darunter. Das Ganze gefiel uns weit besser
als in Edinburgh und behagte uns in der Tat so gut, da wir,
wie der grte Teil der brigen Gesellschaft, nach Tische wieder
zum zweiten Rennen fuhren.

Aber nun war der Reiz der Neuheit vorbei, und ums uns nicht am Ende
eines frhlichen Tages zu langweilen, lieen wir Ball und Assembleen,
Kunstreiter, Othello und Konsorten im Stiche und warteten sogar
die Entscheidung des groen Streits nicht ab: ob Jenny Spinster eine
Viertelminute eher als Edgar am Ziele gewesen sei, oder ob beide
zugleich angekommen wren. Wir wnschten den guten Einwohnern
von Tewkesbury, die Shakespeare in einem seiner Meisterwerke als
vortrefflich Senffabrikanten verewigt hat, viel Vergngen fr
den heutigen Abend und den morgigen Tag, an welchem gleiche Freuden
sie erwarteten, bewunderten noch die schne gotische Kirche,
eine der grten und schnsten im Reiche, und fuhren frhlichen
Muts nach Gloucester.

Diese Stadt schien uns beim Durchfahren ziemlich bedeutend,
mit hbschen Husern und breiten Straen. brigens enthielt sie,
so viel wir erfahren konnten, nichts, was unsere nhere Aufmerksamkeit
auf sich zog.



Bristol


Die Reise von Gloucester nach Bristol ist eine der angenehmsten
und der Charakter der Gegend vllig von dem des brigen England
verschieden. Sie ist mannigfaltiger, sdlicher. Grn ist nicht mehr
so ganz die prdominierende Farbe, obgleich die Vegetation sich
auch hier in hchster Pracht darstellt. Schnere, grere Bume
als irgendwo, in gedrngten Gruppen, viele groe Pflanzungen
von Obstbumen, mit Mauern statt der gewhnlichen Hecken eingefat,
zeichnen sie vor allen anderen in Grobritannien aus.

Hier glht der Goldpepping [Funote: Goldreinette, Apfelsorte],
der Stolz Englands, zwischen dem hellgrnen Laube und seufzt im
Herbst unter der Presse, um spter als Cider [Funote: Apfelwein,
Most] die Herzen des Mittelstandes, der die teuren franzsischen
und portugiesischen Weine nicht bezahlen kann, zu erfreuen. Hier
reift die Birne auf hohen stattlichen Bumen und liefert den Perry
[Funote: Birnenwein, Most], der oft unter der Maske sprudelnden
Champagners von den Weinhndlern teuer verkauft wird.

Der schne Strom Avon belebt die herrliche Gegend, kleinere Schiffe
schweben auf seiner silbernen Flche. Nahe bei Bristol wird er
tief genug, um selbst groe Schiffe von vierzig bis fnfzig Kanonen
zu tragen; acht englische Meilen weiter hin, in einer der reizendsten
Gegenden, fllt er in den Severn See, eigentlich einen Meerbusen,
der hier tief ins Land geht. Bristols Umgebungen sind unstreitig
die schnsten in England; denn alles ist hier vereint: das Meer,
der schiffbare Strom und Berg und Tal, Feld und Wald in hchstem
Reichtume, den weiser Flei und ein vortrefflicher Boden nur
gewhren knnen.

Die Stadt schien uns grer als Edinburgh. Straen und Pltze
sind breit, wohlgepflastert, voll regen Lebens, umgeben mit
schnen Privathusern sowohl als ffentlichen Gebuden und Kirchen,
unter denen die Kathedrale und die von St. Mary Redcliffe
als ehrwrdige gotische Gebude sich auszeichnen. Das Theater
ist gro, bequem und elegant, so auch das in der Vorderseite
mit korinthischen Sulen verzierte Gebude, in welchem unter
der Aufsicht eines Zeremonienmeisters die Assembleen und Blle
whrend der hiesigen Badezeit statt haben.

Man vergleicht Bristol mit Rom; denn wie jene Knigin der Stdte
thront es ebenfalls auf sieben Hgeln, und einige davon gewhren
von ihren Gipfeln eine sehr schne Aussicht in das Land ringsumher.
Die Straen, die hinauffhren, sind aber grtenteils sehr steil.
Auer dem schiffbaren Avon strmt auch noch ein kleinerer Flu,
der Frome, durch die Stadt; hbsche steinerne Brcken fhren
ber beide Gewsser. Der Quai am Hafen ist prchtig, ein Meisterwerk
seiner Art; aber schaudernd wandten wir uns von seinem Anblick;
denn hier war der Ort, von welchem aus die unmenschlichste
Gewinnsucht Schiffe zum Sklavenhandel ausrstete, der Bristols
Einwohner bereicherte. Blut und Seufzer von Millionen Menschen
kleben an diesen Steinen. Indem wir dieses bedachten, wurde es
uns unmglich, heiteren Mutes die schnen Docks zu bewundern,
welche hier, wie in Liverpool, Schiffe aus allen Gegenden
der Welt sicher und bequem beherbergen.

Eine der schnsten Partien um Bristol gewhrt King's Weston,
der Landsitz des Lord Clifford. Die Fassade des Hauses ist
gro und stattlich, wenn auch etwas schwerfllig und mit
Verzierungen berladen; wir mochten uns aber mit nherer
Betrachtung desselben nicht aufhalten; sogar die schnen Anlagen
durchliefen wir nur flchtig, so mchtig zieht hier
die einfache Natur ringsumher von der ab, welche die Kunst
zu schmcken versuchte. King's Weston liegt auf einer betrchtlichen
Anhhe. Blickt man von oben herab, so bietet sich von
einer Seite dem Auge ein reizendes Tal dar, ausgestattet
mit allem dem Reichtum, aller der Kultur, welche England
zu einem der schnsten Lnder Europas machen, und liebliche Hgel,
mit aller Pracht der ppigsten Vegetation geschmckt,
scheiden diesen reizenden Punkt der Erde von der brigen Welt.
Von der anderen Seite der Anhhe von King's Weston sieht man
den hier mchtigen Avon sich majesttisch hinwinden durch
ein jenem Tale hnlichen Paradies. Schiffe aus allen Gegenden
der Welt, umtanzt von Gondeln und kleinen Schifferbarken,
schweben auf seiner silberblinkenden Flche. Lange verfolgt hier
der Blick den Lauf des Flusses, sieht ihn immer mchtiger,
immer breiter werden, sieht, wie die Felsen zu den Seiten
immer pittoreskere, immer romantischere Formen annehmen,
wie, ganz in blauer Ferne, das Meer zuletzt die Aussicht
und zugleich den Lauf des schnen Stroms begrenzt, indem es
ihn in seinen Scho aufnimmt und auf ewig mit sich vereinigt.
Lange waren wir in diesem bezaubernden Schauspiel verloren;
endlich nahmen wir unseren Weg durch den mit ehrwrdigen Bumen
besetzten Park des Lord Clifford zu einem noch hheren Hgel,
Penpole Point genannt. Noch einmal genossen wir hier dieselbe
Aussicht, nur von einem anderen Standpunkt aus gesehen und
noch reicher, noch ausgebreiteter, noch entzckender.

Ein sehr angenehmer Weg fhrt von da nach Clifton. Man nennt Clifton
ein Dorf, aber es ist ein Dorf, wir mchten sagen, aus Palsten
bestehend. Es liegt zerstreut, teils im Tale, teils auf
der sonnigen Seite eines Hgels. Die schnen groen Huser
stehen bald in der in England so beliebten Form des halben Mondes,
teils in langen Reihen auf Terrassen, teils einzeln, oder bilden
auch breite Straen und schne, regelmige Pltze. Alles
dieses ist durch Grten, Felder, steile, wilde Felsen und
sanfte Anhhen auf das Reizendste vermannigfaltigt.

Einige dieser Gebude werden fr immer oder auch nur den Sommer
hindurch von reichen, angesehen Familien bewohnt; der grere Teil
derselben ist zum Gebrauche der Badegste eingerichtet, deren
jhrlich eine groe Anzahl herkommt, in der Hoffnung, Heil und
Rettung in der lauwarmen Quelle zu finden, welche nicht weit
entfernt von Clifton fliet. Leider oft vergebens; denn
diese Quelle wird gewhnlich als letztes Mittel gegen
das traurigste aller bel, die unser kurzes Leben bedrohen,
gegen Schwindsucht und Auszehrung, angewandt.

Nirgends hufiger als in England wten diese Krankheiten,
die fast immer die jngsten und liebenswrdigsten Opfer sich erwhlten,
und sie verschnen und verklren, indem sie sie zerstren.
So blht die vom Wurm gestochene Rose oft um so frher und
schner auf. Es ist ein herzzerreiender Anblick, die jungen,
therischen Gestalten atemlos, halb schon Bewohner einer anderen Welt,
in diesen elysischen Gegenden ber den grnen Rasen hinwanken
zu sehen und dann einen Blick auf den nahen Kirchhof, die Ruhesttte
ihrer Vorgngerinnen, zu werfen, auf dessen Leichensteinen die Zahlen
von zwanzig und fnfundzwanzig Jahren in einer langen traurigen
Reihe fast ununterbrochen zu lesen sind.



Hotwells


Ein sehr steiler Weg fhrt den Berg hinab nach Hotwells, wo die Quelle
fliet und ebenfalls viele schne Wohnungen fr Badegste erbaut sind.
Nahe am Ufer des Avon rauscht sie mchtig hervor, aus einem der
Felsen, die in majesttischen Reihen sich von beiden Seiten lngs
dem Bette des Stroms hinziehen. Ein hbsches Gebude ist ber
der Quelle erbaut. Zuerst tritt man in einen Vorsaal, der den Trinkenden
zum Ausruhen und zur Konversation dient; hinter diesem liegt
das Brunnenzimmer. Ein artiges Mdchen personifiziert hier die Hebe
und schenkt das gar nicht bel schmeckende, wie Champagner
petillierende, lauwarme Wasser. Wenn es zuerst geschpft wird,
sieht es etwas trbe und weilich aus, wird aber ganz klar,
sowie es sich abkhlt.

Eine Menge artiger Kleinigkeiten, auch zum Teil seltene Konchylien,
Steine und Mineralien aus den benachbarten Gebirgen, stehen hier
zum Verkaufe, unter ihnen die bekannten Bristoler Steine, welche
in den Ritzen und Spalten der den Avon umschlieenden Felsen gefunden
werden und sowohl an Glanz als Hrte den wirklichen Diamanten sehr
hnlich sind.

Die Aussicht aus dem Fenster des Brunnensaals ist beschrnkt,
aber von ernster Schnheit; wild und hoch streckend die dunkelroten
Marmorfelsen von St. Vincent ihr majesttisches Haupt hinauf in
die blaue Luft. Der Avon drngt sich brausend durch das ihn einengende
Felsenbette; ihm gegenber, ebenso fruchtbar, in ebenso wilden Formen,
starren andere, ganz hnliche Gebirge; es ist, als htte der dunkle Strom
hier, um seinen Weg zu bahnen, den Fels gespalten oder ein Erdbeben,
mchtig seine Grundfeste erschtternd, ihn zersplittert. Verfolgt man
mit den Augen den Strom, der sich wohl anderthalb englische Meilen weit
zwischen diesen Kolossen hinwinden mu, so erblickt man am fernen Horizont
die schnen blauen Gebirge von Wales, welche die nicht ausgebreitete,
aber hchst romantische Aussicht schlieen.

Hinter dem Brunnenhause dient eine schne, mit Bumen besetzte Terrasse
am Ufer des Avon zur Promenade. Tausend Schiffe kommen dort und gehen;
kein Brunnenort hat wohl eine hnliche Promenade aufzuweisen.
Bei kaltem, regnerischem Wetter gehen die Gste unter einer in Form
eines halben Mondes erbauten Kolonnade auf und ab, welche auf einer Seite
von einer Reihe eleganter Lden begrenzt wird.

In Hinsicht der schnen Gebude erscheint Hotwells wie eine Fortsetzung
von Clifton; wie dort stehen sie hier einzeln und in schnen Reihen
und Straen vereinigt. Dazu kommen noch die mannigfaltigen Aussichten
auf See und Flu, Berg und Tal; es ist unmglich, mit der Feder
auszudrcken, wie berschwnglich reich sich hier die Natur bewies.
Aber auch fr andere Vergngungen ist gesorgt. In zwei schnen,
zur Aufnahme der Gesellschaft eingerichteten Gebuden werden jeden
Montag und Donnerstag Djeuners dansants auf Subskription gegeben.
Dienstags ist regelmig Ball, an den brigen Tagen fllen Assembleen
und Promenaden die mige Zeit aus.

Wie in den brigen greren Bdern prsidiert auch in Hotwells
ein Zeremonienmeister; seine Gesetze hngen in den Slen an der Wand
angeschlagen und werden pnktlich gehalten. Sie sind in Hinsicht
auf Kleidung etwas weniger streng als in Bath; in der brigen Etikette,
besonders des Ranges, sind beide einander gleich. Die ganze Einrichtung
von Hotwells gleicht der von Bath bis auf wenige Kleinigkeiten;
wir verweisen deshalb den freundlichen Leser auf den zunchst
folgenden Abschnitt.

Auer den allen Bdern gemeinen Vergngungen, welche regelmige
Promenaden, Assembleen, Blle, Lesebibliotheken und dergleichen gewhren,
erfreuen sich die glcklichen Bristoler Brunnengste noch viel
mannigfaltiger Freuden, wenn sie die herrliche Gegend ringsumher
durchstreifen; denn auer King's Weston gibt es noch in ganz miger
Entfernung viele Orte, die wohl eines mehrmals wiederholten Besuchs
wert wren.

Leider waltete ber uns das gewhnliche Schicksal der Reisenden,
wir konnten nicht alles Sehenswerte aufsuchen; aber wer Wochen,
vielleicht Monate lang hier verweilt, mu sich manchen hohen Genu
verschaffen knnen, und unter diesen ist es wohl keiner der geringsten,
auf dem silbernen Strome hinzuschiffen. Bisweilen unternimmt
die Gesellschaft solche Exkursionen, wo die wilden Felsen dann
widerhallen von Musik, welche die Boote begleitet.



Bath


Der Weg von Bristol nach Bath ist nur vierzehn englische Meilen lang.
Im unaufhrlichen Wechsel der reizendsten Aussichten fhrt man,
wie in einem Garten, auf den schnsten, ebenen Wegen, durch ein Land
von mannigfaltiger hoher Schnheit.

Die Jahreszeit war die gnstigste, um alles dies zu genieen,
aber nicht um das eigentmliche Leben kennenzulernen, welches diese Stadt
von den meisten anderen unterscheidet. Frher hatten wir im Winter
Gelegenheit dazu, und was wir whrend unseres ersten und zweiten
Aufenthalts in Bath bemerkten, finde vereint hier seinen Platz,
um unseren Lesern eine zusammengestellte, vollstndigere Ansicht
dieses merkwrdigen Orts zu geben. Vorher aber noch etwas im allgemeinen
von dem Leben der Englnder in Badeorten, weil es uns zur Verstndlichkeit
des Ganzen unentbehrlich dnkt.

Etikette ist in England berall an der Tagesordnung. Dem Briten
geht es mit ihr wie den Frauen mit ihrer Schnrbrust, wenn sie sich
von Jugend auf daran gewhnt haben. Sie fhlen sich unbehaglich,
wenn der gewohnte Zwang aufhrt, und wissen ohne ihn nicht zu leben.
Schon mit dem huslichen Leben ist dieser Zwang auf das engste verwebt;
in die heiligsten Bande, die Mann und Weib, Eltern und Kinder miteinander
verbinden, ist er unzertrennlich verflochten; wie sollte er in den Bdern
fehlen, wo der Brite, ganz wegen seiner Natur, unter Unbekannten lebt
und sich mit ihnen nach einem etwas von dem Gewhnlichen verschiedenen
Takte, in etwas anders vorgezeichneten Kreisen dreht, dies ist's allein,
wodurch das Badeleben vom Alltagsleben sich einigermaen unterscheidet.
Damit aber ja niemand von dem ihm ungewohnten Takt abweiche, die ihm
neuen Kreise aus Unbeholfenheit und Unwissenheit verletze, so ist
in jedem Brunnenorte ein eigener Zeremonienmeister angestellt; in Bath
gibt es deren sogar zwei. Dieser Zeremonienmeister sorgt fr alles,
er macht gleichsam den Wirt und kommt jedem hflich entgegen.
Bei den Bllen und berall hlt er auf strenge Beobachtung der von
der ganzen Gesellschaft fr gltig anerkannten Gesetze, in allem,
was die Ordnung der dem Vergngen gewidmeten Stunden, der Kleidung,
des Ranges und tausend anderer Zuflligkeiten betrifft. Diese Gesetze
sind in den Assemblee- und Ballslen angeschlagen, damit er sich
gleich darauf berufen knne. Tanzlustige Herren und Damen melden sich
bei ihm, wenn sie nicht vorher so klug waren, fr sich selbst zu sorgen,
und er verschafft ihnen Mittnzer, Partners, fr den ganzen Ballabend.
Jede Ursache zum Streit sucht er zu entfernen, jeden schon entstandenen
zu schlichten. Unermdet mu er fr Anstand und Sitte wachen.

Man sieht aus allem diesem, es ist nicht leicht, dort Zeremonienmeister
zu sein. Mnner, die sich und ihr Vermgen im groen Strudel der Welt
verloren, nun allein dastehen und aus dem allgemeinen Schiffbruche
nur furchtlose Dreistigkeit, eine imponierende Gestalt, Weltton
und einige vornehme Bekanntschaften gerettet haben, eignen sich
am besten zu solchen Stellen und erhalten sie nach dem Tode oder
der freiwilligen Resignation ihres Vorgngers durch die Stimmenmehrheit
der anwesenden Brunnengste. Das Leben, das sie fhren, ist sehr
ermdend, ihr Lohn dafr Achtung im ueren, der Ertrag einiger Blle,
die jede Badezeit zu ihrem Benefiz gegeben werden, und von jedem Badegaste
ein anstndiges Geschenk. Da sie berall freien Zutritt haben,
versteht sich von selbst. Eine goldene Medaille, welche sie an
einem Bande um den Hals oder im Knopfloch tragen, dient zur Bezeichnung
ihres Amtes.

Eine entfernte hnlichkeit mit den englischen Zeremonienmeistern
haben die Brunnenrzte in einigen der kleinen deutschen Bder,
wo sie auf Promenaden und an den ffentlichen Tischen Gesunde und Kranke
umflattern, alles anordnen, alles wissen, berall sind und nirgends.
Die eigentlichen Brunnenrzte fehlen in England gnzlich; man hlt sich
an die von Hause mitgebrachte Vorschrift seines eigenen Arztes,
und nur in ungewhnlichen Fllen zieht man einen aus dem Orte oder
der Nachbarschaft zu Rate.

Auch ffentliche Spiele gibt es dort nicht, sie werden nicht geduldet,
und man hat nicht wie in Deutschland schon vom frhen Morgen
den emprenden Anblick dieser auf Raub ausgehenden Hynen und ihrer
sinnlosen Beute zu ertragen.

Hat man sich gleich nach der Ankunft im Badeorte huslich und komfortabel
eingerichtet, welches in England sehr leicht und schnell abgetan ist,
hat man Karten an die Badegste geschickt, die man schon kennt
oder deren Bekanntschaft man zu machen wnscht, so bleibt nun weiter
nichts brig, als sich berall zu abonnieren, um berall Eintritt
zu haben. Zuerst in die Assemblee-Sle, dann zu den an festgesetzten Tagen
statthabenden Bllen, dann zu den Konzerten, die in den greren Bdern
auch regelmig gegeben werden; vor allen Dingen aber zu den
verschiedenen Leihbibliotheken, die man in jedem Badeorte in ziemlicher
Anzahl findet. Diese sind der Herzenstrost, die letzte Zuflucht aller,
welche mit dem allgemeinen Feinde, der Zeit, sonst nicht fertig
zu werden wissen.

Ist frh das Wasser getrunken, welches gewhnlich whrend der Promenade
in einem der Brunnensle geschieht, hat man gebadet, en famille
gefrhstckt (ffentliche Frhstcke sind selten), was fngt man
dann mit dem langen Vormittage an, bis die zweite Toilette vor Tische
beginnt? Reiten, fahren, gehen kann man nicht immer; die wenigen
Visiten, die Revue der Putzlden sind bald abgetan. Welche eine
Seligkeit, dann einen Zufluchtsort zu haben wie diese Leihbibliotheken!
Man trifft dort immer Gesellschaft; mit Bekannten wechselt man ein
paar Redensarten, die Unbekannten starrt man an und wird von ihnen
wieder angestarrt. Und nun noch die Menge Romane, die Zeitungen,
Journale, Broschren, auf's eleganteste ausgestellt, die man entweder
dort durchblttert oder mit nach Hause nimmt. Dies ist noch nicht
genug. Auer den geistigen Schtzen findet man in diesen Lden
noch deren von irdischerem Glanze. Eine Sammlung aller der zahlreichen
Kleinigkeiten aus kstlichen Metallen und Steinen, die der Modewelt
unentbehrlich dnken, und alles, was zum Schreiben und Zeichnen
dient, vom simplen Bogen Papier an bis zum kostbarsten Schreibzeug
oder Portefeuille. Von diesen immer zum Anschauen und zum Verkaufe
fertig stehenden Herrlichkeiten wird sehr oft eines oder das andere
lotteriemig verspielt und gewhrt so diesen Anstalten ein
neues Interesse.

Zu Mittag speist man etwas frher als in London, weil die
Abendvergngungen schon um sieben Uhr anfangen. Jede Familie besorgt
fr sich zu Hause ihre konomie selbst oder lt sie auer dem Hause
besorgen. Einzelne Herren machen sich ihre Partie im Gasthofe.
Hin und wieder gibt's auch Huser, wo die Gesellschaft, die im Hause
wohnt, sich zugleich in die Kost verdingt und gemeinschaftlich speist;
doch entschlieen sich nur wenige zu dieser Lebensweise, und sie ist
nichts weniger als modisch, oder, wie die Briten sagen, stylish.
ffentliche Tische lieben die Englnder nicht; nur in kleinen Bdern,
wo die Gesellschaft, an Zahl, Vermgen und Vergngungen beschrnkter,
mehr zusammenhalten mu, trifft man sie. Damen nehmen immer ungern
teil daran.

Nach Tische wird in den greren Bdern die dritte Toilette gemacht.
In der Regel hat jeder Abend der Woche seine feste Bestimmung.
Abendessen sind nicht gebruchlich; um Mitternacht geht alles zur Ruhe,
einige privilegierte Nachtschwrmer vielleicht ausgenommen.

Das Badeleben in England ist weit bestimmter als in Deutschland:
man wei jeden Tag genau, wie man ihn hinbringen kann, und des
zwecklosen Umhertreibens gibt es dort nicht so viel als in Pyrmont
oder Karlsbad. Nur der Sonntag ist ein frchterlicher Tag. Spiel,
Tanz, Musik, alles ist hoch verpnt alle Lden, alle Leihbibliotheken
sind geschlossen; da bleibt denn kein Trost als die Abendpromenade
im Salon bei einer Tasse Tee. Die Gesellschaft ist im Durchschnitt
sehr einfrmig, die Auslnder, die merkwrdigen Menschen fremder
Nationen, die unseren Bdern oft ein so hohes Interesse geben,
fehlen ganz. Einige wenige Ausnahmen abgerechnet, sieht man nur
Landeseinwohner. Ein Irlnder oder Schotte heit sogar schon ein Fremder.

In England mu nun einmal alles im Leben dem gewhnlichen Laufe
der Natur entgegenstreben. Der Sommer ward zum Winter, der Winter
zum Sommer umgeschaffen, den Abend machte man zum Mittag, die Nacht
zum Tage, und um diese allgemeine Vernderung aller Zeiten recht
vollkommen zu haben, beliebte man auch die Badezeit von Bath in den
Winter zu versetzen. Vom November bis zum Mai wimmelt es dort
von Badegsten, die sich im Kreise stets wiederkehrender Lustbarkeiten
bis zum Schwindel umherdrehen. Im Sommer ist's leer, die recht
bresthaften Kranken schleichen dann still, traurig und einsam
zur heilenden Quelle. Man sieht sie auf den Terrassen und Promenaden
an Krcken und auf Podagristenwgelchen die belebenden Strahlen
der Sonne aufsuchen.

Im Winter herrscht Leben und Freude da, wo im Sommer einsame Seufzer
traurig verhallen. Viele fhrt das Vergngen, einige auch wohl
eine leise Andeutung von Gicht und Podagra nach Bath; der grte Teil
der Badegste aber besteht aus einer eigenen Gattung von Kranken.
Wer ein wenig zu schnell und lustig in die Welt hineinlebte und
jetzt in ein paar etwas sparsamer verlebten Jahren seinen zerrtteten
Finanzen aufzuhelfen denkt, wer bei beschrnkten Mitteln den Freuden
der groen Welt nicht zu entsagen versteht, der flchtet hierher,
wo er sie alle findet; freilich in etwas verjngtem Mastabe
wie in London gehalten, aber dafr auch unendlich wohlfeiler.
Zwar ist es auch hier sehr teuer leben, aber doch immer viel weniger
als in London, wenn man in dieser Riesenstadt ein Haus machen mu.
Schon in dem Umstande, da die bergige Lage von Bath Pferde und
Wagen entbehrlich, ja ganz berflssig macht, liegt ein sehr
bedeutender Ersparnis. Nach einigen in Bath verlebten Wintern
ist man gewhnlich wieder zu Krften gekommen und kann sich von neuem
auf einer greren Laufbahn versuchen.

Da die Gesellschaft hier grtenteils aus Mitgliedern der migen
und eleganten Welt besteht, so ist der Ton derselben so verfeinert
und vornehm frivol als mglich. An Glcksrittern fehlt es dabei nicht;
diese tragen aber zur Erheiterung des Ganzen bei, wo sie erscheinen.
Vter und Vormnder reicher Erbinnen, welche diese bisweilen
hierher fhren, um sie zu ihrer Erscheinung auf einem greren
Theater vorzubereiten, mssen sich freilich in acht nehmen. Von Bath
aus ward schon manche Reise zum kunstreichen Schmied von Gretna Green
vorbereitet oder gar angetreten.

Bath liegt in einem lachenden Tale, rund umschlossen von betrchtlichen
Anhhen, die sich nur ffnen, um dem schnen Strom eben den Durchweg
zu gewhren. Langsam und majesttisch windet er sich, bis zu dem
zwlf englische Meilen entfernten Bristol schiffbar, durch Tal und
Stadt, erhebt die Schnheit der Gegend und gewhrt durch die leichte
Kommunikation mit jenem groen Seehafen betrchtliche Vorteile.
Von wunderbar einziger Schnheit ist der Anblick der Stadt. Bald
ward das Tal zu eng, und sie erhob sich auf die nchsten Anhhen,
hher und immer hher trmte sie Palste ber Palste, wetteifernd
untereinander an Schnheit und allem Schmucke der neueren Architektur.

Im sonderbaren Kontraste mit diesen leichten, luftigen Schpfungen
liegt unten im Tale am Ufer des Avon die alte Kathedrale [Funote:
Abbey Church. Die heutige Kirche ist die dritte an dieser Stelle
und im Stil der dekadenten Gotik im 16. Jh. erbaut.] zu welcher
Knig Osric schon im Jahre 676 den Grund gelegt haben soll.
Ernst steht sie da, in alter Majestt; ihre gotischen Trme streben
wie aus eigener Kraft seit Jahrhunderten ins Blaue des Himmels hinaus,
whrend die bunte neue Welt um sie her die Hgel erklettert und
sich gro dnkt.

Die Huser sind alle von schnen Quadersteinen erbaut, die man
ganz in der Nhe in Menge bricht. Alles sieht neu aus, als wre
es gestern erst fertig geworden. Squares, einzelne Reihen Huser,
mehrere Circus, halbe Monde, aus eleganten Husern bestehend,
die unter einem fortlaufenden Dache, ganz symmetrisch verziert,
das Ansehen eines einzigen Prachtgebudes haben, stehen zerstreut,
wo Laune der Erbauer oder Zufall sie hinsetzte, oft in sehr
betrchtlicher Hhe.

Regelmig zu einem Ganzen verbunden ist dies alles nun gar nicht,,
aber doch unbeschreiblich hbsch anzusehen; ausgezeichnet schn
der groe Platz, Queen's Square genannt, mit seinen prchtigen,
vielleicht ein wenig mit Zierart berladenen Husern, aus deren
Fenstern man sich einer schnen Aussicht erfreut. In der Mitte
dieses Platzes umschlieen eiserne Gelnder einen artigen Garten,
dessen sich die Bewohner der umliegenden Huser zum Spazieren
bedienen knnen; schade, da ein kleinlicher Obelisk ihn entstellt.

Von Queen's Square geht es sehr steil in die Hhe durch Gay Street
zum Royal Circus, einem groen runden Platze. Die ihn umgebenden
Huser sind mit dorischen, jonischen, korinthischen und allen
mglichen Sulen aller mglichen Ordnungen verziert oder verunziert.
Hinter ihm, noch viel hher, liegt der Royal Crescent; er besteht
aus dreiig sehr schnen Husern, die das Ansehen eines einzigen
haben. Sie bilden einen halben Kreis, einfach, im edelsten Stil
erbaut, mit einer einzigen Reihe jonischer Sulen. Vor ihnen hin
breitet sich ein herrlicher Wiesenteppich und luft hinab
gegen die Ufer des Avon. Eine diesem hnliche Reihe Huser,
Marlboroughsgebude genannt, liegt ganz in der Nhe. Der hchste
bewohnte Platz in Bath ist der Landsdown Crescent, ebenfalls
eine schne, im halben Monde sich hinstreckende Reihe Huser.
Sie liegen, gleichsam die Krone der schnen Stadt, in schwindelnder
Hhe.

Noch mehrere oder gar alle diesen hnliche Pltze und Straen
zu nennen, wrde ermdend werden, und vielleicht reicht
das hier Gesagte schon hin, um dem Leser eine Idee von dem zu geben,
was diese Stadt vor allen anderen so sehr auszeichnet. Es ist wahr,
ihre so sehr bergige Lage hat viel Unbequemes, aber das herrliche
Pflaster, die groe Reinlichkeit der Straen und nachts
die wunderschne Erleuchtung mildern diese Unbequemlichkeit gar sehr,
und die Polizei wacht auf die musterhafteste Weise ber alles,
was zur Bequemlichkeit und Ruhe der Brunnengste beizutragen vermag.

Am Fahren in der Stadt ist hier fast gar nicht zu denken. Mehrere
der schnsten Straen, Bond Street zum Beispiel, sind ganz
mit groen Quadersteinen gepflastert und gar nicht fr Equipagen
eingerichtet. Zu den Assembleeslen, zu beiden Promenaden,
die Nord- und Sdparade genannt, kann man durchaus nicht zu Wagen
gelangen. Doch befrchte man deshalb nicht, sich zu sehr zu ermden:
eine Anzahl von Portechaisen [Funote: Tragsthle] steht berall
bereit; auf den ersten Wink setzen diese sich in Bewegung und
transportieren im schnellsten Hundetrott ihre Last bis auf den
hchsten Gipfel der Berge. Sie stehen unter strenger Aufsicht
der Polizei, wie die Fiaker in London, sind alle numeriert und
einer ziemlich migen Taxe unterworfen, die sie nicht berschreiten
drfen.

Die ganze Stadt ist ein ungeheures Hotel garni. Alle die schnen
Gebude werden ganz oder teilweise an Badegste vermietet.
Der festgesetzte Preis eines mblierten Zimmers whrend der Badezeit
betrgt eine halbe Guinee die Woche; ein Bedientenzimmer kostet
die Hlfte. Unangenehm ist es, da man immer die ganze Reihe Zimmer
mieten und oft deren sieben oder acht bezahlen mu, whrend man
kaum die Hlfte davon braucht. Es gibt zwar Huser, welche zugleich
ihre Gste in die Kost nehmen, und in diesen ist man geflliger
und vermietet einzelne Zimmer; aber freilich mu man auch dort
weniger Ansprche auf Eleganz und Bequemlichkeit machen. Was man
auer der Wohnung noch ntig hat, ist ebenfalls zu vermieten:
Mbel aller Art, Betten, Porzellan, Kchengeschirr, Hausgerte
und Gemlde, Glser und Kronleuchter, Tisch- und Bettwsche,
alles wie man es verlangt, auf das Prchtigste oder zierlich
einfach. In der Zeit von zwei Stunden kann ein groes Haus
mit allem Ntigen und berflssigen versehen werden. berall
findet man die einladensten Bekanntmachungen angeschlagen,
berall, nach Londoner Sitte, alle Erfindungen des Luxus und
der Bequemlichkeitsliebe hinter groen Glasfenstern in schnen
Lden zum Verkauf und zur Miete auf das Zierlichste ausgestellt.

Das Wasser ist sehr hei. Drei Stunden mu es stehen, ehe man sich
hineinwagen darf. Es wird auch getrunken, doch mehr darin gebadet.
Der heien Quellen gibt es drei; man geht wie in Karlsbad
beim Trinken von der schwchsten zur strkeren allmhlich ber.
Die rzte empfehlen dabei die grte Vorsicht. Das Wasser ist klar
und schmeckt nicht unangenehm; Nervenbel, Lhmungen, Podagra
und Gicht sind die Krankheiten, gegen welche es hauptschlich
angewandt wird. Die Zeit des Trinkens ist morgens zwischen sechs
und zehn Uhr, und dann wieder einige Glser gegen Mittag. Gewhnlich
trinkt man in dem zur Quelle gehrigen Brunnensaale.

In der ersten Hlfte des vorigen Jahrhunderts herrschte in Bath
der ekelhafte Brauch, in groen gemeinschaftlichen Bdern
in Gesellschaft ohne Unterschied des Geschlechts zu baden.
Die Damen verzierten bei dieser Gelegenheit ihre aus dem Wasser
hervorragenden Kpfe auf das Modernste und Vorteilhafteste;
Zuschauer standen auf der das Bad umgebenden Galerie und machten
mit den unten Badenden Konversation, um ihnen die Zeit zu
vertreiben. Diese groen Bder existieren noch, vier an der Zahl,
aber nur die geringeren Klassen machen auf die oben beschriebene
Weise Gebrauch davon. Das erste dieser Bder, das Knigsbad genannt,
liegt dicht hinter dem groen Brunnensaale; eine Reihe dorischer
Sulen umgibt es; es ist fnfundsechzig Fu lang und vierzig breit,
das Wasser hier zwischen einhundert und einhundertdrei Grad
Fahrenheit hei. Neben diesem Bade liegt der Knigin Bad,
es enthlt nur fnfundzwanzig Fu im Geviert und ist etwas weniger
warm. Das Kreuzbad fhrt diesen Namen von einem Kreuze, welches
ehemals hier stand, und hat einen eigenen kleinen Brunnensaal.
Mit dieser Quelle, als der schwchsten, fngt man gewhnlich an
zu trinken. Das heie Bad hat einhundertsiebzehn Grad Wrme.
Privatbder, Dampfbder und hnliche Anstalten sind damit
in dem nmlichen Gebude vereint. Diese Quelle, als die strkste,
wird selten getrunken, der dazugehrige Brunnensaal ist dumpf
und dster.

Die erste Entdeckung der heien Quellen von Bath verliert sich
ins graueste Altertum. Die alten Briten kannten sie schon und
bauten hier eine Stadt, die sie Caer yun ennaint twymyn, die Stadt
der heien Bder, nannten. Spter gaben ihr die Rmer verschiedene
andere Namen: Thermae sudatae, Aquae calidae, die Angelsachsen
nannten sie Akemannus Ceaster, die Stadt der Gebrechlichen.
Im Sommer mchte sie noch so heien; wenn aber jetzt einer
jener alten Herren, die sie so nannten, im Winter aus der Ewigkeit
pltzlich in einen ihrer Ballsle versetzt wrde, er gbe ihr gewi
dann einen schneren Namen.



Salisbury und Stonehenge


Wir fuhren nun ber eine unabsehbare Ebene. Armseliges Heidekraut
spro kmmerlich hier und da, nirgends ein Gegenstand,
auf dem das Auge nur Momente haften knnte; die Lneburger Heide
ist ein Paradies dagegen.

Es war die berchtigte Ebene von Salisbury, auf der wir uns
jetzt befanden, ein ungeheurer Kirchhof, best mit uralten Grbern
lngst entschlafener Helden, deren Namen im Strome der Zeit untergingen.
Wogen gleich, kaum noch sichtbar, erheben sich diese groen,
abgerundeten Hgel nur wenig ber die graue, dstere Flche,
und blo an einigen entdeckt man die Spur eines sie einst
umgebenden Grabens. Der blaue Himmel wlbt sich lautlos darber hin,
kein Vogel singt in dieser Einde, denn nirgends steht ein Strauch,
auf dem er sich niederlassen knnte.

Wir rollten schnell vorwrts und merkten doch kaum, da wir
weiterkamen. Kein Gegenstand bezeichnete unseren Weg; die Stelle,
die wir verlieen, glich ganz genau der, auf welcher wir am nchsten
Momente anlangten. Da sahen wir es am Horizonte aufsteigen
wie Geistergestalten; grau, formlos, allem, was wir bis jetzt
erblickt hatten, unvergleichbar, stand es da in einem Zauberkreise;
wir kamen nher und nher, noch immer wuten wir nicht, was wir sahen;
jetzt hielt unser Wagen, und wir standen vor Stonhenge [Funote:
das bedeutendste Denkmal aus dem Megalithikum Europas. Ursprung
und Bedeutung konnten bis heute nicht eindeutig bestimmt werden;
sicher ist nur, da die Steine, man schtzt die Anlage auf 4000 Jahre,
in Verbindung zur Sonnenbeobachtung und Zeitmessung standen.],
dem ltesten Monumente der Vorzeit in England, vielleicht in ganz Europa.

Unfrmige, riesengroe Steine, sichtbar von Menschenhnden aufgestellt,
erheben sich in ungeheuren Massen auf einer migen, nur ganz allmhlich
emporsteigenden Anhhe. Hohen Sulen gleich, stehen sie in einem
der groen tempelhnlichen Kreise, immer zwei und zwei nher aneinander,
welche dann ein groer, hnlicher Stein, wie ein Querbalken
oder Gesims auf ihrer Spitze ruhend, miteinander verbindet. Einige
der Sulen sowohl als der Querbalken sind umgesunken, dennoch
bleibt die vollkommen runde Form des Ganzen deutlich. An den
umgefallenen Steinen nimmt man noch wahr, wie sie befestigt waren;
denn an jeder der Sulen ist oben eine Art Spitze oder Knopf ausgehauen,
freilich sehr roh und in ungeheuren Verhltnissen, und die quer darauf
liegenden Steine haben zwei runde Vertiefungen an beiden Enden,
welche genau auf jene Knpfe passen. So bildete und verband sie
die rohe, arme Kunst jener Zeiten fest und dauerhaft genug, um
Jahrtausenden zu trotzen. Auch die Sulen tragen Spuren des Meiels,
sie sind viereckig, aber, ohne alle Idee einer Verzierung, ganz roh
behauen, an Hhe und Strke einander nicht gleich, aber alle
von erstaunenswrdiger Gre und Schwere.

Schon vor tausend Jahren standen sie wie jetzt, und jede Spur
ihrer ersten Bestimmung, ihres Entstehens, war schon damals verschwunden.
Jetzt hlt man dies wunderbare Gebude fr die berreste eines alten
Druidentempels. Hier ward das Feuer angebetet und die wohlttige Sonne.
Man hat beim Nachgraben unter diesen Steinen Spuren verbrannter Opfer
gefunden, vielleicht bluteten sogar hier Menschen unter dem Opferstahle
ihrer verblendeten Brder.

Mitten in dem groen Kreise dieses alten Tempels entdeckte man
berbleibsel einer kleineren Abteilung, von niedrigeren Steinen
gebildet; einige derselben stehen noch; in ihrer Mitte liegt
ein groer, platter Stein, wahrscheinlich der Altar, und diese Abteilung
war das nur von Priestern betretene innere Heiligtum. Dieser Altarstein
ist von einem der ungeheuren herabgestrzten Quersteine des ueren
Kreises in drei Stcke zerschmettert. Seitwrts, auer dem Kreise,
liegt ein zweiter, dem Altarsteine hnlicher Stein von ungeheurer Gre.

Ungefhr dreiig Schritte vom groen Kreise stehen noch ein paar
der sulenartigen Steine aufgestellt, aber auch wohl dreiig Schritte
voneinander entfernt. Vielleicht bildeten sie hier einen noch greren
Kreis, der jenen engeren einschlo, eine Art Vorhalle des heiligen
Tempels; denn gewi ist das gigantische Werk, das wir anstaunten,
nur ein kleiner berrest von dem, was es Ungeheures war in
seiner Vollendung.

Wie diese gewaltigen Felsenmassen hergebracht wurden, welche fast
bermenschlichen Krfte sie aufrichteten, ist undenkbar; doch fast
ebenso unbegreiflich, wie sie zerstrt wurden. Vielleicht strzte
ein Erdbeben sie um, es ffnete sich die Erde und begrub zum Teil
wieder in ihrem Schoe die ihr entrissenen Felsstcke, welche
sonst den ganzen Kreis bilden halfen und jetzt verschwunden sind,
ohne da es doch glaublich scheint, man habe sie zu anderem Gebrauche
fortgefhrt. Welch ungeheure Kraft wre auch erforderlich gewesen
zum Transport dieser Riesenmassen!

Was das Wunderbare noch mehr erhht, die Steine bestehen aus
einer Art Granit, wie er mehr als dreiig englische Meilen in der Runde
nicht anzutreffen ist. Wie war es mglich, sie durch unwegsame Wlder,
ber Sumpf und Moor, Berg und Tal herzubringen? Wahrlich, wenn
man sie sieht, man fhlt sich sehr geneigt, der Tradition des Volks
Glauben beizumessen, welche sie fr das Werk einer frheren Riesenwelt
hlt, der mchtige Geister zu Hilfe kamen. Der Eindruck, den der Anblick
des Ganzen macht, lt sich nicht beschreiben. Ein stilles Grauen
ergriff uns in dieser den Wildnis beim Anschauen eines Werks,
dessen Urheber wir uns nicht deutlich zu denken vermochten und
das vor uns stand wie die Erscheinung aus einer anderen Welt.
Wir hatten Zeit, uns diesem Eindrucke zu berlassen; denn de und traurig
ging unser Weg ber die groe Ebene hin, die sich immer gleich blieb,
bis wir spt abends die alte Stadt Winchester erreichten.

Von Winchester aus hatten wir sehr bse Wege; denn durch unsere
Kreuz- und Querzge waren wir von der groen, gebahnten Strae abgekommen
und muten sie nun durch fast unfahrbare Land- und Nebenwege wieder
zu erreichen suchen. Oft stiegen wir aus und gingen die steilen Hgel,
ber welche unser Wagen mhsam hinrasselte, zu Fu hinab; reiche,
weit ausgebreitete Aussichten entschdigten uns zuweilen fr unsere Mhe.

Endlich erreichten wir das Stdtchen Chichester. Wir fanden
den ganzen Ort in einer Art von freudigem Tumult, als sollte es ein
Pferderennen geben. Alle Fenster waren mit geputzten Frauen und Mdchen
besetzt, die Strae voller Leute, Erwartung auf allen Gesichtern.
Das Regiment des damaligen Prinzen von Wales, welches hier in Garnison
liegt, paradierte im festlichen Schmucke, in zwei langen Reihen
aufmarschiert, dem Gasthofe gegenber. In letzterem hatte niemand Zeit;
Herr und Frau und Aufwrter liefen mit den Kpfen gegeneinander.
Nichts Kleines konnte all diesen Aufruhr veranlassen. Mrs. Fitzherbert
[Funote: seit 1785 heimliche Gattin des Prinzen von Wales,
des nachmaligen Georgs IV. Nach dem kniglichen Ehegesetz von 1772
jedoch illegal, da der Knig die Erlaubnis nicht gegeben hatte.
Die Verbindung berdauerte auch die Eheschlieung des Prinzen mit
Caroline von Braunschweig (1795) und ging erst zur Zeit Johannas
in die Brche.], die Freundin des Prinzen von Wales, war es;
sie wurde auf ihrem Wege nach Brighton in Chichester erwartet.
Nach zwei Stunden erschien sie, lie, ohne auszusteigen oder sich
umzusehen, die Pferde wechseln und rollte davon. Die groe Begebenheit
war vorber, die Soldaten marschierten ab, und alles beruhigte sich
nach und nach. Wir gingen ebenfalls weiter nach Arundel.

Der Herzog von Norfolk besitzt dort ein altes Schlo; es wurde eben
durch ein neues Hauptgebude und einen daran stoenden Flgel ergnzt
und vergrert; alles war voll Lrm, Staub und Unordnung, wie es
gewhnlich beim Bauen ist. Der Anblick des alten Schlosses wre berall
ehrwrdig und imposant, nur hier, auf einem nicht sehr gerumigen
Hofplatze, neben dem neuen, ganz modernen Gebuden, verliert es unendlich.
Einige mit Efeu bewachsene alte Mauern bewiesen, da das Schlo
von Arundel weit grer und betrchtlicher gewesen sein msse als jetzt.
Der noch brige Teil des Gebudes mit runden Trmen und einem schnen
Portal steht wie verwundert da neben der neuen, dicht dabei entstehenden
Schpfung. Schwerlich wird eines durch das andere gewinnen; isoliert,
unterm Schutze alter Bume, wren diese heiligen berreste vergangener
Gre zu dem Schnsten zu rechnen, was England in dieser Art
aufzuweisen hat, so reich es auch an Denkmlern der Vorzeit ist.

Wir waren diesen Tag bestimmt, in den Gasthfen alles in Bewegung und
Unruhe zu finden. In dem zu Arundel hielten die Volontrs, von denen
wir schon frher sprachen, im Saale neben dem uns angewiesenen Zimmer
ein groes Bankett. Das Gebude bebte vom Jubel der Helden
bei jedem ausgebrachten Toast; im Nebenzimmer machten die Oboisten
des Regiments eine Musik, welche Tote htte erwecken knnen;
die Aufwrter hatten alle Hnde voll Bouteillen und Korkzieher;
die Pfropfen knallten, Waldhrner und Trompeten schmetterten,
die Janitscharentrommel drohte die Grundfesten des Hauses zu erschttern,
zu alledem der Jubelruf der vom Geiste ergriffenen Freiwilligen
und die Anstalten, die wir zu einem Ball machen sahen. Das war zu viel,
es trieb uns hinaus. Ganz gegen die Sitte des Landes reisten wir
mit sinkender Nacht ab. Hart am Ufer des Meeres fuhren wir hin;
ein sanfter Wind kruselte kaum dessen vom Monde versilberte Flche,
die Wellen spielten und flsterten und blinkten geheimnisvoll
und leise; so kamen wir glcklich nach Brighton.



Brighton


Dieser Ort, noch vor zwanzig Jahren ein kleines, unbedeutendes Fischernest,
ist ein sprechender Beweis der Wunder, welche die Mode zu wirken vermag.
In seiner neuen Gestalt hat er sogar den schwerflligen Namen
Brighthelmstone verloren und heit viel eleganter und krzer Brighton.

Whrend der Sommermonate war Brighton der Lieblingsaufenthalt
des damaligen Prinzen von Wales, spterhin des jetzt schon bei seinen
Vtern ruhenden Knigs, Georgs des Vierten [Funote: geb. 1762,
1811 Regent, nominell Knig von 1820-50. Johanna brachte hier
in seinem Todesjahr fr die Herausgabe der "Smtlichen Werke"
ihre Reiseberichte auf den letzten Stand.]. Es liegt nur vierundfnfzig
englische Meilen von London entfernt. Dies ist kaum eine kleine Tagesreise
in diesem Lande, und wahrscheinlich bestimmte die Nhe der Hauptstadt
den englischen Thronerben, sich gerade das noch vor kurzem ganz
unbedeutende Fischerstdtchen zu erwhlen.

In Brighton bewirkten seine Gegenwart oder Entfernung jedesmal
eine wahre Ebbe und Flut unter den brigen Brunnengsten. War er abwesend,
so wurde alles de und leer, mit ihm kehrten Lust und Leben zurck.
Wie sehnschtig die Londoner elegante junge Welt nach Brighton blickte,
ist unbeschreiblich und erscheint dem, der dem Zauberstabe der Mode
nie unterworfen war, beim Anblicke des Orts sogar unglaublich.
Die Lage desselben, hart an der See, ist so wenig einladend,
da dessen eifrigste Verehrer, um ihre Vorliebe nur einigermaen
zu motivieren, gezwungen waren, die Luft als ungemein gesund anzupreisen
und zu behaupten, die Leute im Orte wrden ungewhnlich alt. Und in der Tat
ist das Klima hier sehr gemigt. Ein Amphitheater von leider ganz
kahlen Bergen schtzt die Stadt gegen Nord- und Ostwinde. Sie liegt,
trocken und gesund, auf einer migen Anhhe; Seelfte mildern
die zu groe Hitze im Sommer.

Die Stadt ist klein. Stattliche Huser aus der neuesten und unscheinbare
Htten aus der kaum verflossenen Zeit stehen wunderlich untereinander
gemischt und geben ihr ein buntscheckiges, nicht angenehmes uere.
Man baut hier von Kieseln, die mit Mrtel verbunden sind;
nur die Einfassungen der Fenster und Tren bestehen aus Ziegeln.
Man rhmt die Dauer solcher Mauern sehr, sie sehen aber schlecht aus,
besonders da es in England gar nicht gebruchlich ist, den Huser
von auen einen Tnch zu geben.

Ganze Reihen gerumiger, bequemer Huser fr Fremde, alle unter
einem Dache fortlaufend, haben das Ansehen eines einzigen Palastes.
Von dieser Art sind ein Crescent oder halber Mond, mit einer hbschen
Aussicht auf das Meer, verschiedene Terrassen und sogenannte Paraden
zum Spazierengehen, von einer Seite mit schnen Husern besetzt,
whrend man von der anderen ebenfalls der Aussicht auf das Meer
sich erfreut, alles nach dem Muster von Bath, nur in kleinerem Mastabe.

Die Promenaden sind von der Natur wenig begnstigt. Nackte Berge
umgeben von zwei Seiten die Stadt; gegen Westen erstrecken sich
groe Kornfluren; das Meer begrenzt alles dieses. Es ist hier zu flach,
als da groe Schiffe in der Nhe vorbeisegeln knnten; daher gewhrt
es einen ziemlich einfrmigen Anblick, den nur Fischerboote etwas
beleben.

Die Hauptpromenade, der Steine, ehemals eine zwischen den Bergen
sich hinziehende hbsche Wiese, ist jetzt fast ganz mit neuen Gebuden
bedeckt, denn die Terrassen, Paraden und einzelnen Fischerhuser
sind fast alle auf dem Steine angelegt.

Die Wohnung des Prinzen, der Marine Pavillon [Funote: Royal Pavillon],
liegt ebenfalls am Steine, ein hbsches, mit einer Kolonnade verziertes
Gebude; da es nicht von bedeutender Gre ist, erscheint es etwas
niedrig. Die innere Einrichtung desselben soll sehr prchtig gewesen
sein, aber niemand Fremdes wurde hineingelassen. Der Prinz versuchte
Grten anzulegen, doch kommen Bume und Strucher hier auf keine Weise
fort. Eine groe pechschwarze Negerfigur mitten im Hofe, welche
einen Sonnenzeiger trgt, nimmt sich wunderlich aus und spricht
nicht sehr gut fr den guten Geschmack der brigen Verzierungen.

Ein ebenfalls am Steine gelegenes Gebude enthlt die Bder. Man findet
dort deren kalte und warme, Schwitzbder, Schauerbder, kurz alles,
was je erfunden ward, um die bel, die unser armes Leben bedrohen,
fortzusplen. Zu allen diesen Bdern wird Seewasser genommen.
Bademaschinen, wie in anderen Seebdern, um damit sicher und ungesehen
in der freien See zu baden, gibt es in Brighton nicht, vermutlich
weil der Strand es nicht erlaubt; aber man badet doch bisweilen
im Freien. Zwei ganz voneinander abgesonderte Pltze, einer fr Herren,
der andere fr die Damen, sind dazu angewiesen, aber das freie Baden
hat hier, wie leicht zu erachten, manches Unbequeme: bei Nordostwinden,
wo dann die See stark anschwillt, ist es sogar nicht ohne Gefahr.

Der Steine vereinigt so ziemlich alles, woraus das Leben in Brighton
besteht; sehr unangenehm aber ist es, da auch die Fischer sich
in diesen glnzenden Kreis drngen, und gerade in der Gegend,
wo man am hufigsten spaziert, ihre Netze zum Trocknen ausbreiten
und die Luft verderben.

Die zweite, jedoch weniger besuchte Promenade ist ein Garten.
Ihn umgeben schattige Bume, die hier als eine Seltenheit verehrt werden,
obgleich man sie an anderen Orten kaum bemerken wrde. Er enthlt
auch einen hbschen Salon mit einem Orchester.

Die Versammlungssle befinden sich in zwei Tavernen oder Gasthfen,
der Kastelltaverne und der alten Schiffstaverne. In ersterer wird
gespielt; man findet noch ein Kaffeehaus, ein Billard und dergleichen
darin; in der zweiten ist dieselbe Einrichtung, doch knnen hier
auch noch Fremde wohnen. Wir fanden indessen die Aufnahme in derselben
weit weniger gut, als man es in England gewohnt ist. Die Sle
beider Huser bestehen wie die in Bath aus einem Tanzsaale und
einigen Nebenzimmern zum Spiele, Tee und Unterhaltung. Sie sind alle
artig und zweckmig verziert.

Bei unserer Abreise von Brighton blieben wir zwei Tage in dem auf halbem Wege
gelegenen Stdtchen Reigate, weil wir jemanden vorausschickten,
der unsere Wohnung in London zu unserem Empfange einrichten lassen sollte.
Wir freuten uns, nach langem Herumstreifen einmal Halt zu machen
und Atem zu schpfen, ehe wir auf's neue in den ewig kreisenden Strudel
der groen Hauptstadt gerieten. Aber in diesem kleinen Orte war wenig
an Ruhe und Stille zu denken: Postchaisen, Equipagen, ffentliche
Fuhrwerke aller Art rollten unablssig an unserer Wohnung vorber.
Es war, als ob alle Frauenzimmer aus London emigrieren wollten,
denn aus ihnen bestand bei weitem die Mehrzahl der Vorberreisenden.

Die Landkutschen fllten von innen und auen Weiber und Mdchen,
und stattliche Ladies in eleganten Postchaisen guckten kaum mit der Nase
ber Berge von Putzschachteln hinweg, welche die Zurstungen
zu knftigen Triumphen enthielten. Man trieb und jagte, um nur
keinen Auenblick zu verlieren; eifriger ward nie nach Loreto gepilgert
als hier nach Brighton, wohin alles zog.




RCKKUNFT NACH LONDON

Wir setzten unsere Reise weiter nach London [Funote: zur Zeit Johannas
zhlte die Stadt etwa 900 000 Einwohner] fort, wo wir glcklich
anlangten und uns in den gewohnten Umgebungen wieder etwas einheimischer
fhlten als auf der eben beendeten, nur durch wenige Ruhepunkte
unterbrochenen Reise.

Schwer ist's, in dieser ungeheuren Stadt sich ganz zu Hause zu finden.
Zwar lebt es sich zwischen den vertrauten vier Wnden hier wie berall
heimisch; doch kaum setzt man den Fu auf die Strae, so ist man
in einer unbekannten Welt, in der Fremde, und htte man auch
ein Menschenleben in London zugebracht. Das rastlose Treiben einer
Million Menschen, auf einem verhltnismig immer kleinen Punkte,
reit unaufhaltsam alles mit sich fort, indem es zugleich alles trennt.
Da wir uns indessen eine geraume Zeit in diesem groen Strudel
mit herumwirbeln lieen, so gelang es uns wenigstens manches aufzufassen
aus dem unendlichen Treiben und manches ganz Individuelle zu bemerken.



London

Von welcher Seite man auch diese Stadt betreten mag, immer glaubt man
schon lange in ihrer Mitte zu sein, ehe man noch ihre Grenzen erreichte.
Keine der grten Stdte Europas, nicht Wien, nicht Berlin,
selbst nicht Paris kndigt sich aus der Ferne so imposant an. Huser
reihen sich an Huser, durch fast unbemerkbare Zwischenrume in
verschiedene Flecken, Stdtchen und Drfer abgeteilt, alle scheinen
zu einem Ganzen vereint, alle vergrern ins Ungeheure die Stadt,
welche ohnehin in ihrem Bezirke, bei verhltnismiger Breite,
anderthalb deutsche Meilen lang ist. Zu ihr fhren von allen Seiten
schne breite Heerstraen, welche, auch auer den Stdten und Flecken,
mehrere Stunden weit von London mit Laternen besetzt sind. Ein ewiges
Gewhl von Wagen und Reitern verkndigt dem Fremden schon von ferne,
da er dem Wohnorte von fast einer Million Menschen sich nhere.

Von Shooter's Hill [Funote: Arthur Schopenhauer notierte zu diesem
Aussichtspunkt: "Mittwoch, 25. May. (Die Familie hatte am Vortage
die Insel betreten.) Wir fuhren diesen Morgen von Canterbury ab,
frhstckten in Rochester, und aen in Schooting-Hill zu Mittag.
Man hat von hier eine prchtige Aussicht auf London und die umliegende
Gegend, die wir aber eines starken Nebels wegen nicht sehen konnten.
Nachmittag kamen wir in London an.], einer sechsundzwanzig
englische Meilen von London entfernten Anhhe, erblickten wir
zum ersten Male die ungeheure Hauptstadt, lang sich hindehnend
an den Ufern der kniglichen, mit Schiffen bedeckten Themse.
Hoch in die Lfte sahen wir St. Pauls wunderbaren Dom sich erheben,
weiter zurck den schnen gotischen Doppelturm der Westminster Abtei,
daneben noch die Trme von weit ber hundert anderen Kirchen.
Es war ein schner, heiterer Tag; aber der aus so vielen Kaminen
aufsteigende Steinkohlendampf lie uns die Gegenstnde wie durch
einen Flor erblicken.

Schnell rollten wir hin auf dem prchtigen Wege und glaubten,
wie alle Fremden, schon lange am Ziele zu sein, ehe wir es erreichten.
Endlich sahen wir die Themse vor uns. Die schne Blackfriars Brcke
fhrte uns hinber, und nun erst waren wir in London. Betrubt
von dem Gewhle rund um uns her, erreichten wir das nicht weit
von der Brcke entlegene York Hotel, wo wir fr's erste abstiegen,
um spterhin mit Bequemlichkeit eine stillere Wohnung in einem
Privathause zu whlen. Fast alle Fremden, welche lngere Zeit
in London zu verweilen gedenken, tun dies.

Der Aufenthalt in den Londoner Gasthfen ist unglaublich teuer,
die Zahl derer, in welchen Fremde nicht nur essen und trinken,
sonder auch wohnen knnen, ist verhltnismig klein zu nennen,
und selbst von diesen sind nur sehr wenige so bequem eingerichtet,
als man es bei einem Aufenthalt von mehreren Wochen oder gar Monaten
verlangen mu, eben weil dieser Fall den Gastwirten nur selten
vorkommt.

Hingegen findet man mit leichter Mhe in allen Straen vollkommen
gute, gleich zu beziehende Wohnungen, mit Kche und Keller
und allen sonstigen Erfordernissen versehen; grer und kleiner,
elegant und einfach mbliert, wie man es wnscht, sogar ganze Huser
mit Stallung und allem Zubehr. Man braucht nur durch die Straen
des Quartiers zu gehen, in welchem man zu wohnen wnscht, berall
erblickt man angeschlagene Zettel an den Husern, welche Wohnungen
zur Miete ausbieten, so da blo die Wahl unter so vielen den Fremden
in Verlegenheit setzen kann.

Die Eigner dieser Wohnungen sind Leute aus dem Mittelstande,
angesehene Landhndler oder Handwerker, Witwen von beschrnktem
Einkommen. Alle beeifern sich auf das zuvorkommendste,
dem Fremden jede mgliche Bequemlichkeit zu verschaffen.
Gewhnlich bernimmt es auch die Haushlterin oder die Frau
vom Hause, fr Reinlichkeit der Zimmer und fr die Kche zu sorgen,
so da man sich wie zu Hause am eigenen Herd ganz heimisch
in seinen vier Pfhlen befindet.

London in aller seiner Gre, seiner Pracht und seiner Individualitt
ganz zu schildern, ist ein Unternehmen, dem wir uns nicht gewachsen
fhlen; auch wre es nach so vielen, zum Teil trefflichen Vorgngern
ein sehr berflssiges. Nur das, was wir whrend unseres Aufenthaltes
einzeln sahen und aufzeichneten, knnen wir dem Leser hier geben,
kleinere Zge zu dem groen Gemlde liefern, welches andere
vor uns schufen. Der Gegenstand ist bedeutend genug, um auch
in sonst weniger beachteten Details interessant zu erscheinen.



Ein Gang durch die Straen in London


[Funote: Johanna bewundert hier noch den Lichterglanz der Stadt
vor der Einfhrung der Gasbeleuchtung um 1807.]

Man erzhlt von einem der unzhligen kleinen vormaligen Souverne
des weiland Heiligen Rmischen Reichs: er habe, da er spt abends
in London seinen Einzug hielt, gemeint, die Stadt sei ihm zu Ehren
illuminiert. Wre er bei Tage durch die volkreichsten Straen
der City, etwa durch Ludgate Hill oder den Strang gekommen,
er htte ebenso leicht meinen knnen, ein allgemeiner gefhrlicher
Aufruhr setze die Einwohner alle in Bewegung.

Niemand, der es nicht mit seinen Augen sah, kann sich einen Begriff
machen von dem ewigen Rollen der Fuhrwerke aller Art in der Mitte
des Weges, von dem Wogen und Treiben der Fugnger auf den
an beiden Seiten der Straen hinlaufenden, etwas erhhten Trottoirs.
Nicht die Leipziger Ostermesse, nicht Wien, selbst nicht Paris
knnen hier zum Vergleiche dienen. Dennoch geht es sich nirgends besser
zu Fu als in London, sobald man sich in die Art und Weise
der Eingeborenen zu finden gelernt hat. Dies gewhrt den Fremden,
besonders den reisenden Damen, einen groen Vorteil, um alles zu sehen
und zu bemerken. Wenn man wie in anderen groen Stdten immer
in seinem Wagen festgebannt bleiben mu und keinen Schritt
gehen kann, lernt man den Ort kaum zur Hlfte kennen; auf den
schnen Quadersteinen der Londoner Trottoirs aber kommt man vortrefflich
fort, selbst wenn das Wetter auch nicht ganz gnstig wre.
In den Hauptstraen sind diese breit genug, um sechs, acht und
mehr Personen bequem nebeneinander hinwandeln zu lassen; in den engen
winkeligen Gassen der eigentlichen City ist's freilich nicht so bequem,
weil die Fupfade dort auch schmler sein mssen. Fremde kommen
indessen wenig in jenes, einem Ameisenhaufen hnlichen Stadtviertel,
wo Handel und Wandel so ganz im eigentlichen Ernst ihr Wesen treiben
und Mode und Luxus noch wenig Eingang fanden.

Die prchtigen Lden, die Ausstellungen aller Art trifft man
grtenteils in den breiten Straen, welche gleichsam das Mittel
halten zwischen der arbeitsamen City und dem vornehmeren,
nur genieenden Teile der Stadt. Die Gewohnheit der Englnder,
immer zur rechten Hand dem Entgegenkommenden auszuweichen,
erleichtert das Gehen sehr und verhindert fast alles Stoen und Drngen.
Den Damen und berhaupt den Respektspersonen lt man immer die Seite
nach den Husern zu, sie mag zur rechten oder linken Hand stehen.
Anfangs kommt es der Fremden wunderlich vor, wenn der sie fhrende
Londoner, so oft man eine Strae durchkreuzt hat, ihren Arm loslt
und hinter ihr weg auf die andere Seite tritt; doch gar bald
wird man von dem Nutzen dieser Nationalhflichkeit berzeugt.
Auf dem Mittelwege, wo Hunderte von Wagen sich ewig von allen Richtungen
her durcheinander drngen, ist freilich die Ordnung nicht so leicht
zu erhalten als auf den Fupfaden. So breit die Fahrwege auch
im Durchschnitt sind, so entsteht dennoch oft eine Stockung,
die mehrere Minuten dauert und durch die Mannigfaltigkeit der Wagen,
der Pferde, der Beweglichkeit des Ganzen einen recht interessanten Anblick
gewhrt; nur mu man dem Lrmen gelassen aus dem Fenster zusehen knnen.

Elfhundert Mietwagen stehen den ganzen Tag auf den dazu angewiesenen
Pltzen bereit, und dennoch ist's oft unmglich, einen zu finden,
wenn man ihn eben braucht. Die Italiener selbst frchten vielleicht
den Regen nicht so sehr als die Londoner; na werden ist ihnen
eine schreckliche Idee; sobald nur ein paar Tropfen vom Himmel fallen,
eilt alles, was keinen Regenschirm fhrt, sich in einer Kutsche
zu bergen. Im Hui sind dann alle Wagen verschwunden, und man findet
selbst jene groe Anzahl noch bei weitem nicht zulnglich.

Die Fiaker sehen im Durchschnitt recht anstndig aus und wrden
in Deutschland noch immer als stattliche Equipagen paradieren;
nur das Stroh, womit der Fuboden belegt ist, macht sie unangenehm.
Die Pferde sind in unbegreiflich gutem Zustande, wenn man bedenkt,
da sie tglich ber zwlf Stunden auf dem Pflaster bleiben.
Auch werden sie mglichst gut verpflegt; sowie sie einen
ruhigen Augenblick haben, bindet ihnen der sorgsame Kutscher
einen langen, schmalen, genau um den Kopf passenden Beutel voll Hafer
um, aus welchem sie sich gtlich tun. Die Polizei hlt strenge
Aufsicht ber die Fiaker; alle sind numeriert. Wehe dem Kutscher,
der sich beigehen liee, die festgesetzten, sehr billigen Preise
zu berschreiten, oder sonst auf irgend eine Weise sich gegen
die ihm vorgeschriebenen Gesetze aufzulehnen; jeder vorbergehende,
der Sache kundige Englnder wird dann sein Richter und hlt streng
auf die einmal festgesetzte Ordnung. Zu jeder Stunde der Nacht
kann man sich einem Fiaker sicher anvertrauen, wre man auch ganz
allein, und trge man auch noch so viel Geld oder Juwelen bei sich;
wenn nur jemand aus dem Hause, wo man einsteigt, die Nummer
des Wagens so bemerkt, da es der Kutscher gewahr wird.

Von der Pracht der Lden und Magazine ist schon vielleicht
zum berflu viel geschrieben. Wahr ist's, nichts setzt den Fremden
mehr in Erstaunen als der Reichtum und die Eleganz derselben.
Die kostbaren glnzenden Ausstellungen der Silberarbeiten,
die schnen Drapierungen, in welchen die Kaufleute, welche
mit Musselinen und anderen Zeuchen handelt, ihre Waren hinter groen
Spiegelfenstern dem Publikum zeigen, der feenhafte Schimmer
der Glasmagazine, alles blendet und reizt.

Aber auch viel geringere Gegenstnde werden auf eine dem Auge
gefllige Weise zum Verkaufe ausgestellt. Die Kerzengieer
zum Beispiel wissen ihre Lichter recht zierlich hinter den Fenstern
aufzuputzen. Die Apotheker, hier Chymisten genannt, verzieren
ihre Lden mit groen glsernen Vasen, angefllt mit Spiritus
oder Wassern in allen mglichen schnen und glnzenden Farben;
dazwischen prangen groe knstliche Blumenstrue. Abends,
wenn hinter allen diesen farbigen Glsern Lampen brennen,
schimmern diese Lden wie Aladins Zaubergrotte.

Nichts Lockenderes kann man sehen, als einen der vielen groen
Obstlden, in welchen die Frchte aller Jahreszeiten und Zonen, von der
kniglichen Ananas bis zum kleinen sibirischen Staudenapfel, in
zierlichen Krben, mit Blumen und Orangerien geschmckt, prangen. Die
Kuchenlden, in welchen es Ton ist, morgens einzusprechen und einige
kleine Trtchen, hei von der Pfanne weg, zum Frhstck einzunehmen,
prsentieren sich auch recht hbsch. Alles, was Kuchenbcker und
Konditoren nur erfanden, steht, lockend angerichtet, auf schneewei
behangenen Tischen, dazwischen Blumen, Gelees, Eis, Likre, Drages von
allen Farben und Arten in zierlichen Kristallvasen. Bald fesseln uns
wieder die Kupferstichlden, in welchen tglich neue Gegenstnde
dargeboten werden, oft wahre Kunstwerke, fter Ergu satirischer Laune
oder Portrts berhmter Menschen, auch wohl Tiere, wie es kommt. Immer
umlagert ein Kreis Neugieriger diese Fenster. Fast ist's unmglich,
vorbeizugehen, ohne wenigstens einige Augenblicke von der Schaulust
festgehalten zu werden. Die Magazine der Buchhndler gewhren ebenfalls
tglich neuen Genu. Bald sind es Neuigkeiten, bald schne
Prachtausgaben lterer Schriftsteller, bald kostbare Kupferwerke,
sogenannte Stationers, die mit allen mglichen, zum Schreiben und
Zeichnen brauchbaren Dingen handeln, zeigen tglich tausend neue Dinge,
uns Deutschen fast unbekannte Papparbeiten, Verzierungen, Kupferstiche,
Vergoldungen und dergleichen; wieder andere haben in ihren Lden
Brieftaschen, nichts als Brieftaschen, von der riesenmigsten Mappe an
bis zum winzig kleinen, zierlichen Necessaire. Dazwischen flimmern
Magazine, wo die herrlichsten Stahlarbeiten im Sonnenglanze das Auge
blenden. Die Miniaturmaler stellen ihre oft sehr schnen Arbeiten dem
Publikum vor's Auge; gewhnlich sind's sehr hnliche Portrts bekannter
Personen, Schauspieler und Redner, um die Lust zu erwecken, auch sein
eigenen wertes Ich so tuschen vervielfacht zu sehen.

Schon der Anblick der vielen Inschriften unterhlt, welche
an den Husern mit vollkommen schn gezogenen goldenen Buchstaben
glnzen. Welche Mengen Bedrfnisse, die der gengsame Deutsche
kaum kennt! Besonders fllt es auf, da die knigliche Familie
so viele Kaufleute und Handwerker beschftigt. Aber jeder derselben,
bei dem einmal zufllig fr ein Mitglied des kniglichen Hauses
gekauft wird, jeder Schuster oder Schneider, der einmal
so glcklich war, fr einen Prinzen einen Stich  zu tun, hat das Recht,
sich auf der Inschrift seines Hauses dessen zu rhmen und die Gunst
des Augenblicks fr dauerns auszugeben. So prangt denn auch der Name
eines mit allerhand Arkanen Handelnden auf der Inschrift seines Hauses
am Strand mit dem prchtigen Titel: Bugdestroyer to Her Majesty,
the Queen, Wanzentilger Ihrer Majestt der Knigin. Gewi ein Titel,
der noch auf keiner Hofliste gefunden ward!

Wunderbar abstechend ist der Kontrast, wenn man aus dem Gewhl
der City in den anderen Teil der Stadt tritt. Hier deutet alles
auf bequemes, ruhiges Genieen; kein rauschender Erwerb,
kein Gedrnge der arbeitenden Menge. Alles hat Zeit, alles scheint
einzig bedacht, diese auf das angenehmste hinzubringen.

Die Magazine und Lden bieten dar, was nur der raffinierteste Luxus
verlangt, weit teurer als in der City, aber auch schner, moderner,
eleganter. Der Schuhmacher in der City verkauft zum Beispiel
seine Waren im Laden, hbsch aufgeputzt, und nimmt in seiner
an denselben stoenden, reinlich mblierten Stube das Ma,
wenn's verlangt wird; in Bond Street aber wird man in ein elegantes,
mit Diwan, kstlichen Lampen und seidenen Gardinen geschmcktes
Boudoir zu diesem Zweck gefhrt, und schwerlich wrde der Artist
einen Fu berhren, der nicht aus einer Equipage gestiegen wre.
Dafr kostet aber auch sein Kunstwerk zwei Guineen. Nach diesem
Mastabe geht alles.

Nichts ist schner als die groen Pltze in diesem Teile von London;
zwar umgeben sie keine Palste, denn deren gibt's ohnehin hier wenige,
aber schne groe Huser, alles solid und prchtig. Dazu die
hbschen Boskette in der Mitte der Pltze, zu welchen jeder Bewohner
der umliegenden Huser fr eine Guinee einen Schlssel haben kann.

Glnzende Equipagen rollen, Mohren, bunte Livreen, geputzte Herren
und Damen beleben die Trottoirs, ohne Gedrnge, ohne Lrm
Der Fremde aber, dem es darum zu tun ist, das englische Volk
kennen zu lernen, kehrt bald gern zurck aus diesem vornehmen
Quartiere, wo es wie berall in der groen Welt zugeht,
und sucht das neue, sonst nirgends gesehene Leben der eigentlichen
Stadt London auf.



Bettler


Vom eigentlichen Bettler wird man in Londons Straen wenig gewahr,
dennoch wissen die Armen auf mannigfaltige Weise die Wohlttigkeit
anzuregen. So sahen wir oft zwei Matrosen: einem fehlte ein Bein,
dem anderen ein Arm; aufeinander gesttzt schwankten sie durch
die Straen, indem sie mit lauter Stimme nach einer wilden,
klagenden Melodie eine Art Ballade sangen, welche die Geschichte
ihrer Leiden enthielt. Mitleidig weilte John Bull bei ihrem Klageliede
und belohnte es gern mit einigen Pence.

An den Kreuzwegen, wo man, um in eine andere Strae zu gelangen,
die Trottoirs verlassen und ber den Fahrweg gehen mu,
stehen immer Leute, die geschftig einen reinlichen Fupfad kehren,
der freilich alle Augenblicke durch darber rollende Wagen wieder
zerstrt wird. Bescheiden wagen sie wohl zuweilen die Frage:
ob man nicht einige einzelne Pfennige fhre? Und auch ohne diese
gibt man ihnen gern.

An wenigen betretenen Pltzen, besonders im ruhigen Teile
der Stadt, sieht man oft Mnner, die mit Kreide auf den breiten
Quadersteinen der Trottoirs wunderschne kolossale Buchstaben
malen, Namen, Sentenzen, Sprche aus der Bibel. Der Vorbergehende
steht still, bewundert ihre Kunst und belohnt sie unaufgefordert
mit einer kleinen Gabe. Unbegreiflich war es uns immer, wie Leute,
die eine so schne Hand schreiben, so tief in Armut versinken knnen.
Auf dem festen Lande mte jeder dieser Bettler als Schreibmeister
oder Schreiber seine reichliche Existenz finden, denn es ist unmglich,
etwas Vollkommeneres in seiner Art zu sehen als diese Schrift.

Besonders merkwrdig aber erschien uns eine Bettlerin, der wir
tglich in den volkreichsten Straen der City begegneten.
Man hielt sie allgemein fr eine durch verschuldete oder unverschuldete
Unglcksflle so tief gesunkene Schwester der berhmten Schauspielerin
Siddons, wenigstens trug sie eine unverkennbare hnlichkeit mit dieser
in ihren Zgen. Dieselbe hohe, edle Gestalt, derselbe Adel in Blick
und Miene, nur lter, bla und wie versteinert durch lange Gewohnheit
des Unglcks. Niemand beschuldigte Mme. Siddons der Hrte gegen
ihre unglckliche Schwester, denn alle, welche diese Frau
fr solche ausgaben, fgten hinzu: sie nhme nichts von ihr an
und wolle nun einmal blo von fremdem Mitleid ihr Leben fristen.
Oft begegnete uns diese wunderbare Erscheinung. Sie trug immer
einen schwarzseidenen Hut, der nicht so tief in's Gesicht ging,
da man nicht dessen Zge htte bemerken knnen; ein grnwollenes Kleid,
eine schneeweie groe Schrze und ein ebensolches Halstuch.
Schweigend, mit stolzem Ernst wandelte sie, gesttzt auf zwei Krcken,
langsam und ungehindert durch die Menge. Jedermann wich ihr
mit einer Art Ehrfurcht aus und ehrte in ihr die Heiligkeit
eines groen, ungekannten Unglcks. Sie forderte nicht, sie bat nicht,
aber reichliche Gaben wurden ihr dennoch von allen Seiten geboten,
jeder fhlte sich gezwungen, getrieben, ihr zu geben. Es war,
als msse man ihr danken, da sie die gebotenen Gabe nur nahm.
Sie dankte nicht; mit dem Anstande einer Knigin nahm sie
das Dargebotenen und wandelte stumm weiter wie ein Geist. Die bildende Kunst
hat sich diese auffallende, groe Gestalt, diesen weiblichen Belisar,
mchten wir sagen, oft zum Vorbild gewhlt. In allen Kupferstichmagazinen,
bei allen Ausstellungen der Maler fand man ihr sprechend hnliches Bild,
denn diese Zge drckten sich leicht der Phantasie ein.



Wohnungen in London


Eigentlich wohnt man im Durchschnitt nicht sonderlich in London.
Da der Eigentmer eines Hauses sich hier groer Vorzge im brgerlichen
Leben zu erfreuen hat, so strebt jeder, eines zu besitzen. Daraus
entsteht dann, da London fast aus lauter kleinen Husern zusammengesetzt
ist. Wer auch kein eigenes Haus hat, will doch fr sich allein
wohnen; dies verengt den Platz ungemein.

In Paris, mchte man sagen, schweben vier Stdte bereinander;
in London macht jeder Anspruch auf sein Pltzchen auf Gottes Erdboden,
und nur Fremde, einzelne Familien oder in ihren Mitteln
sehr beschrnkte Personen bewohnen Etagen, die dann auch freilich
bei der Kleinheit der Huser wenig Bequemlichkeit darbieten.
An eine Suite mehrerer Zimmer ist in gewhnlichen brgerlichen Husern
nicht zu denken; selten, da man zwei aneinanderstoende findet,
selbst in denen der reichen Kaufleute; jedes Stockwerk enthlt
gewhnlich nur zwei Zimmer, eines nach der Strae, eines nach
dem oft engen Hofraum zu. berall enge Treppen, wenige und kleine Zimmer.
Die Kchen und Bedienstetenwohnungen sind in den Souterrains untergebracht,
die Tren alle auffallend enge und hoch, sowohl die Haustren als
die in den Zimmern. Jene sehen bei greren Gebuden oft nur wie
eine enge Spalte aus; in diesen findet man fast niemals Flgeltren.
Auch die Fenster sind schmal, die Spiegelwnde zwischen denselben
dagegen sehr breit. Die schnen Teppiche aber, die selbst
bei wohlhabenden Handwerkern nicht allein die Fubden der Zimmer,
sondern auch Treppen und Vorpltze von der Haustre an bedecken,
die zierlichen Mbel, das schne Mahagoniholz mit seinem bescheidenen
Glanze, die Reinlichkeit berall, geben diesen kleinen Wohnungen
einen eigenen Reiz. Alles sieht sauber, bequem, elegant aus und
ist es auch.

Die Kamine, die oft mit Marmor, Stahlarbeiten und dergleichen
geschmckt sind, dienen zu keiner geringen Zierde der Zimmer;
schne Vasen von Wedgwoods Fabrik [Funote: Josiah Wedgwood
(1730-95); Schpfer der englischen Tonwarenindustrie. Berhme
Manufaktur] und kristallene Kandelaber zieren den Sims;
der sthlerne Rost, in welchem das Feuer brannte, Zange, Schaufel
und alles Metallgert glnzen hell poliert; Kupferstiche schmcken
die Wnde, schne Vorhnge die Fenster. Nichts in der Welt ist
gemtlicher, als ein englisches Wohnzimmer.

Das Schlafzimmer kann selten viel mehr als ein Bett fassen.
Die englischen Bettstellen sind alle sehr gro. Drei Personen
fnden bequem darin Platz; auch ist's allgemein Sitte, nicht allein
zu schlafen; Schwestern, Freundinnen teilen ohne Umstnde das Bett
miteinander, und fast jede Frau nimmt in Abwesenheit ihres Mannes
eines ihrer Kinder oder im Notfall sogar das Dienstmdchen mit sich
zu Bette, denn die Englnderinnen frchten sich nachts allein
in einem Zimmer zu sein, weil sie von Jugend auf nicht daran
gewhnt wurden. Federdecken sind ganz unbekannt, nicht so Unterbetten
von Federn; seit einigen Jahren kommen diese sehr in Gebrauch,
doch sind Matratzen gewhnlicher. Betten ohne Gardinen, sowie
Zimmer ohne Teppiche kennt nur die bitterste Armut.



Lebensweise


Der grte, fleiigste Teil von Londons Bewohnern, die Handwerker
und Ladenhndler (beide werden hier zu einer Klasse gerechnet),
fhrt im Ganzen ein trauriges Leben. Die groen Abgaben, die Teuerung
aller Bedrfnisse, die durch den einmal herrschenden Luxus
in Kleidung und dergleichen ins Unendliche vermehrt sind,
zwingt sie zu einer groen Frugalitt, die in anderen Lndern
fast rmlichkeit heien wrde.

Ewig in den Laden und an die daran stoende, oft ziemlich dunkle
Hinterstube gebannt, mssen sie fast jedem Vergngen entsagen.
Die Theater sind ihnen zu entlegen, meistens zu kostbar, kaum
da die Frau eines wohlhabenden Kaufmanns dieser letzten Klasse
zweimal im Jahre hinkommt.

In's Freie kommen sie fast gar nicht; mehrere versicherten uns,
sie htten seit zehn Jahren keine anderen Bume als die von
St. James Park gesehen. Die Woche ber drfen sie von morgens
neun Uhr bis Mitternacht den Laden fast gar nicht verlassen;
dieser ist sehr oft das Departement der Frau, und der Mann sitzt
dann in dem oben erwhnten Hinterzimmer und fhrt die Rechnungen.
Sonntags sind freilich alle Lden geschlossen, aber die Theater auch,
und da alle Untergebenen an diesem Tage die Freiheit verlangen,
auszugehen, so mu die Frau vom Hause es hten.

Der grere, wirkliche Kaufmann fhrt ein nicht viel trstlicheres
Leben. Auch er mu in gesellschaftlichen und ffentlichen Vergngungen
weit hinter den reichen Kaufmannshusern von Hamburg oder Leipzig
zurckstehen. Doch liegt das wohl auch zum Teil an der Landesart.
Die Frauen lieben mehr husliche Zurckgezogenheit, sie sind
an das rauschende Leben, an die vielen groen Zirkel nicht gewhnt.
Sie wollen ihre Ruhe, Ordnung und Gleichfrmigkeit in ihrem Hause
nicht derangieren. Die Mnner hingegen suchen nach vollbrachten Geschften
die Freude gern auswrts, in Kaffeehusern und Tavernen.

Die Familien der meisten wohlhabenden Kaufleute wohnen den grten Teil
des Jahres, oft das ganze Jahr hindurch auf dem Lande, in sehr
zierlichen, greren und kleineren Landhusern, die sie Cottages,
Htten, nennen, obgleich sie wohl einen vornehmeren Namen verdienen.
Hier genieen Frauen und Kinder die freie Luft, halten gute Nachbarschaft
und erfreuen sich ganz gelassen und anstndig, vielleicht etwas
langweilig, des Lebens; whrend das Haupt der Familie den Tag in London
auf seinem Comptoir zubringt und sich dann abends in ein paar Stunden
auf den herrlichen Wegen, zu Pferde oder Wagen, zu den Seinigen begibt.

Von der Lebensweise der Groen und Vornehmen lt sich nichts sagen:
diese gehren in keinem Lande zur Nation, sondern sind sich berall
gleich, in Ruland wie in Frankreich, in England wie in Deutschland.
Auch ist von dem Luxus, den sie, besonders auf dieser Insel,
auf's hchste gesteigert haben, von der Art und Weise, wie sie
Jahres- und Tageszeiten durcheinander wirren, schon von anderen
so viel geschrieben, als man in unserem Vaterlande zu wissen braucht.
Wir wollen also jetzt davon schweigen und nur, wenn sich
die Gelegenheit dazu knftig darbietet, im Vorbergehen das vielleicht
Ntige erwhnen. Unser Streben auf Reisen ging immer dahin,
die Landessitte der eigentlichen Nation kennen zu lernen; diese mu
man aber weder zu hoch, noch zu tief suchen. Nur im Mittelstande
ist sie noch zu finden.



Ein Tag in London


Wer spt zu Bette geht, steht spt auf, das ist in der Regel;
daher hat die goldene Morgensonne nirgends weniger Verehrer
als in London, wo doch sonst das Gold nicht zu gering geachtet wird.
Vor neun bis zehn Uhr wird's nicht Tag. Anstndig gekleidet,
versammelt sich dann die Familie in dem zum Frhstck bestimmten
Zimmer, die Herren in Stiefeln und berrcken, die Damen
unbeschreiblich reizend gekleidet, schneewei verhllt bis ans Kinn,
mit zierlichen Hubchen. Das Neglig ist der Triumph der Englnderinnen;
mit der geschmackvollen Einfachheit vereinigt es die hchste Eleganz;
der volle Anzug hingegen fllt of steif und berladen aus.

Nichts Einladenderes gibt's in der Welt als ein englisches
Familienfrhstck, auch wird die dabei hingebrachte Stunde durchaus
fr die angenehmste des ganzen Tages gehalten, und man verlngert
sie gern. Auf dem hellpolierten, sthlernen Roste lodert die stille
Flamme des Steinkohlenfeuers, selbst im Sommer, wenn das Wetter
feucht ist. Das elegante Teegerte steht in zierlicher Ordnung
auf dem schneewei bedeckten Tische, daneben frische, ungesalzene,
in Wasser schwimmende Butter, das weieste Brot von der Welt,
Zwieback, hartgekochte Eier, auch wohl, nach schottischer Sitte,
Honig und Marmelade von Pomeranzen. Hotrolls, heie Rollen,
eine Art warmer, mit Butter bestrichener Semmeln, und Toasts,
Brotschnitten, welche, von beiden Seiten mit Butter bestrichen,
langsam am Feuer rsten, drfen nie fehlen; letztere stehen
in einem dazu verfertigten silbernen Gestell im Kamin, der Teekessel
braust und siedet gesellig daneben.

Mit allem diesem wre aber dennoch das Frhstck ohne die neuesten
Zeitungsbltter sehr unvollstndig, sie sind ein Hauptstck dabei.
Ein selten vermites Stck des deutschen Frhstcks, die Tabakspfeife,
ist, zum Lobe der Londoner sei's gesagt, bei ihnen ganz verbannt;
dies schmutzige Vergngen wird der letzten Klasse des Volks berlassen;
hchst ergtzt sich noch zuweilen ein alter, ausgedienter Seemann
oder ein kaum halbzivilisierter Landjunker in seinen einsamen
vier Pfhlen daran.

Die Dame des Hauses bereitet den Tee, zwar viel umstndlicher,
aber auch viel besser als wir. Die Tassen werden erst sorgfltig
mit heiem Wasser ausgewrmt, der Tee abgemessen, das heie Wasser
nach gewissen Regeln darauf gegossen, und um fr alle diese Mhe
den gehrigen Ruhm zu ernten, wird der Reihe nach gefragt: ob der Tee
nach jedes Wunsch geraten sei? Alles geschieht langsam und mit
einer feierlichen Ruhe, welche die Englnder gern ihren Mahlzeiten
geben: denn sie mgen dabei keine anderen Gedanken aufkommen lassen,
auer den des gegenwrtigen Genusses. Nur die Zeitungsbltter
machen beim Frhstck hiervon eine Ausnahme, und die Herren und
Damen beschftigen sich eifrig damit: denn nicht nur politische
Neuigkeiten werden darin aufgetischt, auch Theater- und
Familiennachrichten, und vor allem die neuesten Stadtgeschichten,
frohe und traurige, erbauliche und skandalse, wahre, halbwahre
und ganz erdichtete. Alles wird gelesen, alles wird besprochen.
Da bei solchen Fllen das Gesprch seltener stockt, als sonst
wohl geschieht, ist natrlich.

Nach dem Frhstck begeben sich die Mnner an ihr Geschft,
ins Comptoir, oder wohin ihr Beruf sie treibt. So viel mglich
wird den Vormittag ber alle Arbeit abgetan, und trotz des spten
Anfangs ist er lang genug dazu, da niemand vor fnf bis sechs Uhr
zu Mittag speist. Nach Tische feiert jeder gern, wenn ihn nicht
gerade ein hartes Schicksal zur Arbeit zwingt.

Viele Herren besuchen bald nach dem Frhstck ihr gewohntes Kaffeehaus,
wo sie einen groen Teil ihrer Geschfte abtun, eine Menge Briefe
aus der Stadt und andere Bestellungen harren dort schon ihrer;
dorthin verlegen sie auch gewhnlich ihre Zusammenknfte
mit Freunde, um ber wichtige Dinge sich mndlich zu besprechen
und Verabredungen zu treffen. Die Wirtin des Hauses nimmt
auf ihrem erhhten Sitz unten am Eingange alles an und bestellt
es mit pnktlicher Treue an ihre Kunden, die sie alle persnlich
kennt, weil sie es fast nie verfehlen, sich zur nmlichen Stunde
einzustellen.

Diese Gewohnheit, sich tglich an einem bestimmten Orte finden
zu lassen, ist in dieser ungeheuren Stadt von groem Nutzen;
eine Menge unntzer Gnge und viel sonst verlorene Zeit
werden dadurch erspart. Obendrein gewinnt der husliche Friede
dabei, denn nchst der fleckenlosen Reinheit des eigenen Anzugs
liegt einer Englnderin nichts so sehr am Herzen, als die
ihres Hauses, ihrer Treppen, ihrer Futeppiche, und wie sehr
ist fr alles dies dadurch gesorgt, da so manches auer
dem Hause gemacht wird, was sonst in demselben Unordnung
oder doch wenigstens Unruhe erregen mte!

Die Ladies gehen nun auch an ihr Geschft. Sie greifen zu
den Morgenhten, denn jede Tageszeit hat ihr eigenes Kostm,
und selbst im Wagen wrde es auffallend erscheinen, wenn sich
eine Dame in den Vormittagsstunden ohne Hut wollte sehen lassen.
Wre sie auch in siebenfache Schleier gehllt, alles wrde
sie anstarren, gleich etwas nie Gesehenes. Wollte sie es vollends
wagen, ohne Hut, selbst nur wenige Schritte zu Fu ber die Strae
zu gehen, sie wre ganz verloren; unbarmherzig wrde sie der Pbel
verfolgen, als htte sie die grte Unanstndigkeit begangen.

Wohlversehen also mit groen Hten, mit Halstchern, Shawls,
wandern wir nun aus, denn die Mode will, da man sich in den heien
Stunden des Tages am sorgfltigsten verhllt. Visiten haben wir
nicht viel zu machen, der Kreis unserer eigentlichen Bekannten
ist klein, man schrnkt sich zum nheren Umgange auf wenige Huser
ein, wie in allen groen Stdten. Das Visitenwesen wird in London
berdies fast immer mit Karten abgemacht. Indessen, einen Wochenbesuch
haben wir doch abzustatten, denn diese sind hier, wie berall,
unerllich; nur werden sie spter als bei uns angenommen.

Wir finden die Dame in dem glnzenden Schlafzimmer. Vor allem
prunkt das groe Bett. Die Kissen, die Decken sind mit Spitzen
und feiner Nharbeit verziert, mit grner Seide geftterte Draperie
vom thronartigen Baldachin herab, so da man die schnen Sulen
von Mahagoni- oder anderem, noch kostbarerem Holze frei erblickt.
Das Neglig der Dame ist ber und ber mit den teuersten Spitzen
geschmckt und bekruselt; alles ist fein und erlesen, alles
zeigt Reichtum.

Den Hauptgegenstand des Gesprchs gewhrt die auf einem Seitentisch
ausgestellte Garderobe des neuen Ankmmlings. Er selbst ist
nicht sichtbar, sondern in der Kinderstube mit seiner Amme,
denn das Selbststillen der vornehmeren Mtter ist in England
nicht so allgemein wie in Deutschland.

Es gibt hier bedeutende Lden, wo nichts anderes verkauft wird
als Kinderzeug, und zwar zu sehr hohen Preisen. Alle Waren
dieser Lden prunken dann in dem Wochenzimmer verschwenderisch
aufgehuft. Selbst ein groes Nadelkissen in der Mitte ist nicht
zu vergessen, auf welchem man mit Stecknadeln von allen Gren
knstliche Muster steckt, die einer schnen, reichen Silberstickerei
gleichen. Wahrscheinlich werden diese Dinge selten oder nie gebraucht,
denn sie sind ihrer Natur nach zu zart und vergnglich, sie dienen
nur zum Prunke.

Sind wir mit dem Besehen und Bewundern endlich fertig, so wandern wir
weiter a Shopping, dies heit: wir kehren in zwanzig Lden ein,
lassen uns tausend Dinge zeigen, an welchen uns nichts liegt,
kehren alles Unterste zu oberst und gehen vielleicht am Ende davon,
ohne etwas gekauft zu haben. Die Geduld, mit der die Kaufleute
sich dieses Unwesen gefallen lassen, kann nicht genug bewundert
werden; keinem fllt es ein, nur eine verdrieliche Miene darber
zu zeigen. Sehr vornehme Damen fahren a Shopping. Ohne sich
aus dem Wagen zu bemhen, lassen sie sich den halben Laden
in die Kutsche bringen, zur groen Beschwerde der Kaufleute sowohl
als der Vorbergehenden auf dem Trottoir. Man erzhlt, da ein Trupp
Matrosen, dem eine solche mit offenem Schlag dastehende Equipage
den Weg versperrte, ohne Umstnde einer nach dem anderen
hindurchspazierte, indem sie der darin sitzenden Dame hflich
guten Morgen boten.

Die mannigfaltigen Ausstellungen von Kunstwerken sowohl als von
Naturseltenheiten bieten uns angenehme Ruhepunkte, wenn wir
es endlich mde sind, die Kaufleute in Bewegung zu setzen.

Die Promenade im St. James Park knnte auch eine Abwechslung gewhren;
doch wird sie im Ganzen weniger besucht, so reizend sie auch ist.
Zwar fehlt es nie an Spaziergngern darin, aber nur bei sehr seltenen
Gelegenheiten findet man sie so bevlkert, wie es die Terrassen
der Tuilerien alle Tage sind. Es gibt der migen Mnner
weit weniger in London als in Paris. Die englischen Damen gehen
nicht so viel aus als die Pariserinnen, und wenn sie es tun, so ziehen
sie eine Shopping party allen anderen Promenaden vor.

Die Kuchenlden, deren wir frher gedachten, liegen, gleich anderen,
frei und offen unten an der Strae; daher knnen Damen recht
anstndig allein dort einkehren. Nur in dem berhmtesten aller
Etablissements, bei Mr. Birch, in der Nhe der Brse, geht dies
wohl nicht an; hier kann man sich nicht ohne mnnliche Begleitung
blicken lassen.

Das nicht sehr gerumige Frhstckszimmer befindet sich hinten
im Hause, am Ende eines langen Ganges. Kein Strahl des Tageslichts
wird darin geduldet, Wachskerzen erleuchten es, und wenn die Sonne
drauen noch so hell schiene; die brige Einrichtung des Zimmers
ist anstndig, ohne sich besonders auszuzeichnen. Immer findet man
Gesellschaften von Herren und Damen darin, die gewhnlich schweigend
ihre Schildkrtensuppe und ein paar warme kleine Pastetchen
verzehren. Weiter wird in diesem Hause nichts zubereitet;
aber die Pastetchen sollen die besten in der ganzen Welt sein,
und nun vollends die Schildkrtensuppe, darber geht nichts.
Nirgends wei man sie so zu bereiten wie hier, so behaupten die Londoner.
Uns aber kam die Gelassenheit, mit welcher die Herren und Damen
das von Madeirawein und Cayennepfeffer glhende, uns Zunge und Gaumen
verbrennende Gemengsel genossen, weit bewundernswerter vor
als die Suppe selbst.

Der vorige Besitzer dieses Hauses, Mr. Horton, brachte indessen
blo mit diesen Pastetchen und der Suppe in nicht gar langer Zeit
ein Vermgen von hunderttausend Pfund Sterling zusammen,
und sein letzter Nachfolger, Mr. Birch, ist auf gutem Wege,
es ihm nachzutun. Dennoch sind die Preise in diesem Hause sehr billig
und wie berall ein fr allemal festgesetzt. Was jeder verzehrt,
ist eine Kleinigkeit, aber die Menge der Verzehrenden gibt
eine ungeheure Einnahme.

Gegen fnf Uhr wird es Zeit, nach Hause und an die ntige Toilette
vor Tische zu denken. Heute sind wir zu einem Dinner geladen,
aber wenn wir auch ganz en famille den Tag zu Hause zubrchten,
so wre es doch hchst unschicklich und bei gesunden Tagen unerhrt,
im Morgenkleide zu bleiben. Selbst die Mnner ziehen den Brsen-Rock
aus und mit ihm alle Gedanken an Geschfte, um in einem eleganteren
Anzuge zu erscheinen.

Schn und etwas steif geputzt fahren wir nun um halb sieben
zum Mittagessen. Gastfrei sind die Londoner eben nicht, sie scheuen
nicht sowohl die groe Teuerung aller Dinge als vielmehr die hier
von allen geselligen Zusammenknften durchaus unzertrennliche Etikette,
welche einen solchen Tag fr die ohnehin Ruhe liebende Hausfrau
zu einer schweren Last macht. Daher werden gewhnlich solche Dinners
nur durch uere Anlsse herbeigefhrt, wie etwa die Gegenwart
von Fremden, denen man die Ehre antun zu mssen glaubt. Sonst
fhrt der Londoner seinen Freund lieber in eine Taverne, als da
er ihn bei sich aufnimmt, dort tte a tte, oder in einem greren,
doch immer geschlossenen Zirkel tun sie sich bei Wein, Politik
und lustigen Gesprchen gtlich. Zu Hause ngstigt sie die Gegenwart
der Frauen, denen man zwar die grte Hochachtung im ueren
aufweist, aber ihnen auch, wie allen Respektspersonen, eben deshalb
gern so viel mglich aus dem Wege geht.

Doch wieder zu unserem Dinner. In dem Besuchszimmer finden wir
die Gesellschaft versammelt; es fat hchstens zwlf bis vierzehn
Personen. Nach den herkmmlichen Begrungsformeln nehmen die Damen
zu beiden Seiten des Kamins in Lehnsthlen Platz, die Herren
wrmen sich am Feuer, und nicht immer auf die schicklichste Weise.
Schlfrig, einsilbig, langsam wankt die Konversation zwischen Leben
und Sterben, bis endlich der willkommene Ruf ins Speisezimmer
ertnt. Dies liegt oft eine Treppe hher oder niedriger als
das Besuchszimmer, weil, wie wir schon frher bemerkten, die Wohnungen,
selbst sehr reicher Leute, nichts weniger als gerumig und bequem sind.

Die Tafel steht fertig serviert da, bis auf die Glser. Servietten
gibt es jetzt an den englischen Tafeln, seit die Englnder so viel
reisen, wenigstens, wenn man ein Dinner gibt. Vor weniger Zeit
fand man sie nur in Husern, welche auf fremde Sitten Anspruch machten.
Das Tischtuch hing damals und hngt auch noch wohl jetzt, wenn man
en famille speist, bis auf den Erdboden herab, und jedermann
nahm es beim Niedersitzen auf's Knie und handhabte es wie bei uns
die Serviette. Die Dame vom Hause thront in einem Lehnstuhl am oberen
Ende der Tafel, ihr Gemahl sitzt ihr gegenber unten am Tisch,
die Gste nehmen auf gewhnlichen Sthlen zu beiden Seiten Platz,
so viel mglichst in bunter Reihe, nach der Ordnung, die ihnen
vom Herrn des Hauses vorgeschrieben wird. Alle Gerichte, welche
zum ersten Gange gehren, stehen auf der Tafel.

Die englische Kochkunst hat auch in Deutschland ihre Verehrer;
wir gehren nicht dazu, uns graute vor dem blutigen Fleisch,
vor den ohne alles Salz zubereiteten Fischen, vor dem in Wasser
halb gar gekochten Gemse, den Hasen und Rebhhnern, die, wie alle
anderen Braten, ungespickt, ohne alle Butter, blo in ihrer eigenen
Brhe zubereitet werden.

Die Dame serviert die reichlich mit Cayennepfeffer gewrzte,
brigens ziemlich dnne Suppe, nachdem sie jeden Tischgenossen
namentlich gefragt hat: ober er welche verlange? Des Fragens
von Seiten der Wirte und des Antwortens von Seiten der Gste
ist an einem englischen Tische kein Ende. Eine groe Verlegenheit
fr den fremden Gast, der, wenn er auch der englischen Sprache
sonst ziemlich mchtig ist, dennoch unmglich alle diese technischen
Ausdrcke wissen kann. Er mu Rede und Antwort von jeder Schssel
geben, ob er davon verlangt, ob viel oder wenig, mit Brhe oder
ohne Brhe, welchen Teil vom Geflgel, vom Fisch, ob er es gern
strker oder weniger gebraten hat, eine Frage, die besonders oft
die Fremden in Verlegenheit setzt; man sag: much done or little done,
wrtlich bersetzt heit das: viel getan oder wenig getan.

Diese Fragen ertnen von allen Seiten des Tisches zugleich,
denn ein paar Hausfreunde helfen dem Herrn und der Frau vom Hause
im Vorlegen der Schsseln. Alle werden nach der Suppe zugleich
serviert, nicht nach der Reihe wie in Deutschland. Sie bestehen
aus einem groen Seefisch, einem Lachs, Kabeljau, Steinbutt oder
dergleichen, der, beim Kochen gesalzen, vortrefflich wre,
so aber dem Fremden fast ungeniebar bleibt, aus Puddingen,
Gemsen, Tarts und allen Gattungen von Fleisch und Geflgel,
ohne Salz, Butter oder andere fremde Zutat in eigener Brhe gedmpft,
gerstet, gebraten oder gekocht, nur der Pfeffer ist nicht
daran gespart. Hat man ber eine solche Schssel einen dnnen,
trockenen Butterteig gelegt, so beehrt man sie mit dem Titel
einer Pastete.

Die halbrohen Gemse mssen ganz grn und frisch aussehen,
erst bei Tafel tut jeder auf seinem Teller nach Belieben
geschmolzene Butter daran. Kartoffeln fehlen bei keiner Mahlzeit,
sie sind vortrefflich, blo in Wasserdampf gekocht. Die Puddings
aller Art wren auch sehr gut, nur sind sie oft zu fett, fast nur
aus Ochsenmark und dergleichen zusammengesetzt. Die Tarts,
der Triumph der englischen Kochkunst, bestehen aus halbreifem Obst,
in Wasser gekocht und mit einem Deckel von trockenem Teige versehen.
Die Pickels, welche den Braten begleiten, eigentlich alle Arten Gemse,
Mais, unreife Walnsse, kleine Zwiebeln und dergleichen, mit starkem
Essig und vielem Gewrze eingemacht, sind vortrefflich.

Mit diesen sowie mit der Soja- und anderen pikanten Saucen,
die hier im Groen fabriziert und verkauft werden, treibt London
einen groen Handel durch die halbe Welt. Diese Saucen, Senf, l
und Essig stehen in zierlichen Plattmenagen zum Gebrauch der Gste da,
sowie auch immer fr zwei Personen ein Salzfa.

Der Salat wird von der Dame vom Hause ber Tische mit vieler
Umstndlichkeit bereitet und klein geschnitten; er besteht
aus einer sehr zarten, saftigen Art Lattich, dessen Bltter schmal,
aber wohl eine halbe Elle lang sind; auer England sahen wir
sie nirgends, dafr aber ist auch unser Kopfsalat dort unbekannt.
Unermdet bieten die Vorlegenden alle diese Dinge den Gsten an;
dafr mssen diese wieder alles pflichtschuldigst loben und
versichern, sie htten in ihrem Leben kein besser Kalb- oder
Hammelfleisch gesehen, und es wre auch alles ganz vortrefflich
zubereitet.

Das Zeremoniell beim Trinken ist, besonders den fremden Damen,
noch beschwerlicher und versetzt uns oft in wahre Not. Da sitzen
wir betubt und ngstlich von alledem wunderlichen Wesen;
pltzlich erhebt der Herr vom Hause seine Stimme und bittet
eine Dame, und aus Hflichkeit die Fremde zuerst, um die Erlaubnis,
ein Glas Wein mit ihr zu trinken, und zugleich zu bestimmen,
ob sie weien Lissaboner oder roten Portwein vorziehe?
Denn die franzsischen Weine sowie der Rheinwein kommen erst
zum Nachtisch. Verlegen trifft man die Wahl, und mit lauter Stimme
wird nun dem Bedienten befohlen, zwei Glser Wein von der bestimmten
Sorte zu bringen. Zierlich sich gegeneinander verneigend,
sprechen die beiden handelnden Personen wie im Chor: "Sir, Ihre
gute Gesundheit! Madam, Ihre gute Gesundheit!" trinken die Glser
aus und geben sie weg. Nach einer kleinen Weile tnt dieselbe
Aufforderung von einer anderen Stimme, dieselbe Zeremonie
wird wiederholt und immer wiederholt, bis jeder Herr mit jeder Dame
und jede Dame mit jedem Herrn wenigstens einmal die Reihe gemacht hat.
Keine kleine Aufgabe fr die, welche des starken Weins ungewohnt sind.
Abschlagen darf man es niemandem, das wre beleidigend;
obendrein mu man noch mit dem ersten Glase den Wunsch fr
die Gesundheit jeder einzelnen Person an der Tafel wenigstens
durch ein Kopfnicken andeuten und auch genau acht geben, ob jemand
der anderen Gste uns diese Ehre erzeigt. Es wre die hchste
Unschicklichkeit, wenn eine Dame unaufgefordert trinken wollte,
sie mu warten, wre sie auch noch so durstig, doch bleibt
die Aufforderung selten lange aus. Auch die Herren mssen sich
zu jedem Glas einen Gehilfen einladen, ein Dritter hat aber
die Erlaubnis, sich mit anzuschlieen, wenn er vorher geziemend
darum anhlt.

So hat man denn mit Antworten auf die Einladung zum Essen und Trinken,
mit Gesundheittrinken, und mit Achtgeben, ob niemand die unsere trinkt,
vollauf zu tun. Kein interessantes Tischgesprch kann aufkommen,
es wird sogar fr unschicklich gehalten, wenn jemand den Versuch macht,
eines aufzubringen; der Herr des Hauses fhrt gleich mit
der Bemerkung dazwischen: "Sir, Sie verlieren Ihr Mittagessen,
nach Tische wollen wir das abhandeln." Die Damen sprechen ohnehin
nur das Notwendigste aus lauter Bescheidenheit. Die Fremden knnen
sich nicht genug vor zu groer Lebhaftigkeit des Gesprchs hten;
es gehrt hier gar nicht viel dazu, um fr ungeheuer dreist,
monstrous bold, zu gelten.

Ist der erste beschwerliche Akt des Essens berstanden, so wird
der Tisch geleert, die Brotkrumen sorgfltig vom Tischtuch abgekehrt,
und es erscheinen verschiedene Arten von Kse, Butter, Radieschen
und wieder Salat. Letzterer wird ohne alle Zubereitung blo mit Salz
zum Kse gegessen.

Dieser Zwischenakt dauert nicht lange, er macht einem zweiten Platz.
Jeder Gast bekommt nun ein kleines, schn geschliffenes Kristallbecken
voll Wasser zum Splen der Zhne und zum Hndewaschen und eine
kleine Serviette; man verfhrt damit, als wre man fr sich allein
zu Hause. Die ganze so beschftigte Gesellschaft erinnerte uns oft
an einen Kreis Tritonen, wie man sie Wasser speiend um Fontnen
sitzen sieht. Die Damen ermangeln nicht, groe Zierlichkeit
im Abziehen der Ringe und Benetzen der Fingerspitzen anzubringen;
die Herren gehen schon etwas dreister zu Werke.

Nach dieser Reinigungszeremonie ndert sich die ganze Dekoration.
Das Tischtuch, mit allem was darauf stand, verschwindet, und
der schne, hellpolierte Tisch von Mahagoniholz glnzt uns entgegen.
Jetzt werden Flaschen und Glser vor den Herrn des Hauses hingestellt,
das Obst wird aufgetragen, und jeder Gast erhlt ein kleines Couvert
zum Dessert, ein Glas und ein kleines rotgewrfeltes oder ganz rotes,
viereckig zusammengelegtes Tuch. Letzteres aber darf man nicht
entfalten, man benutzt es nur, das Glas darauf zu stellen. Das Obst
wird nicht herumgereicht, sondern wie vorher die anderen Gerichte
vorgelegt und mit vielen Fragen ausgeboten. Es ist im Ganzen schlecht,
sauer und halbreif. Haselnsse, die Lieblingsfrucht der Englnder,
welche sie Jahr fr Jahr knacken, fehlen nie dabei, se Konfitren
und Bonbons sind wenig im Gebrauch.

Jetzt fangen die Flaschen an, die Hauptrolle zu spielen; jeder
schiebt sie seinem Nachbar zu, nachdem er sich etwas eingeschenkt hat,
viel oder wenig, wie man will, nur leer darf das Glas nicht bleiben,
und bei jedem Toast mu das Eingeschenkte ausgetrunken werden.
Den Damen sieht man indessen durch die Finger, wenn sie blo
ein wenig nippen. Der Wirt bringt nur einige Toasts aus,
er lt seine Freunde leben, die sich denn wieder durch
ein Gegenkompliment an ihm und der Dame vom Hause revanchieren;
die knigliche Familie wird nie bei dieser Gelegenheit vergessen.
Einige der Gste geben Sentiments zum besten, das heit, kurze Stze,
die zuweilen auf die Damen Bezug haben, zum Beispiel: merit to win
a heart and sense to keep it, Verdienst, ein Herz zu gewinnen,
und Verstand, um es zu behalten. Alle diese Gesundheiten werden
beim Trinken mit lauter Stimme von jedem wiederholt.

Diese Gesundheiten, Ermunterungen zum Trinken, Ermahnungen,
die Flasche weiterzuschieben, sind alles, was man jetzt hrt.
Bald nachdem man dem Knig die gebhrende Ehre erzeigt hat,
erhebt sich die Dame des Hauses aus ihrem Lehnsessel; mit einer
kleinen Verbeugung gibt sie den brigen Damen das Signal,
alle erheben sich und trippeln sittsamlich hinter ihrer Fhrerin
zur Tr hinaus. Sogar wenn Mann und Frau tte  tte allein essen,
geht Madame fort und lt den Eheherrn allein hinter der Flasche.
Ob er dann auch Toasts ausbringt, ist uns nicht bekannt.

Jetzt, da die Frauen fort sind, wird es den Herren leichter
um's Herz, aller Zwang ist nun verbannt, sie bleiben unter sich
allein, bei Wein, Politik und manchem derbem Spa, den sie
whrend unserer Gegenwart mhsam zurckhalten muten. Ihr lautes
Sprechen und Lachen verkndet dem ganzen Hause, da ihnen
gar wohl zu Mute sei. Wir aber, wir Armen, was wird aus uns?
Da sitzen wir wieder am Kamin und sehen uns an und ghnen mit
geschlossenem Munde. Nicht einmal Kaffee gibt es, um uns
einigermaen munter zu erhalten, Handarbeit in Gesellschaft
wre auch unerhrt, der gegenseitige Anzug ist leider zu bald
durchgemustert. In der trostlosesten Stimmung sitzen wir hier
und sind allesamt des Lebens herzlich mde. Wie gern schliefen
wir ein! Aber das schickt sich nicht.

Endlich ist eine Stunde so jmmerlich hingeschlichen. Wir haben
vom Wetter gesprochen, vom Theater; das ist hier aber kein so
gangbarer Artikel als in anderen Orten, denn man geht viel seltener
hin. Die Fremde ist zehnmal gefragt worden, wie ihr London gefllt,
und sie hat zehnmal pflichtschuldigst geantwortet: ganz ausnehmend
wohl; da macht dann endlich die Frau vom Hause dem Jammer
dadurch ein Ende, da sie die Herren zum Tee bitten lt.

Man sagt, die schnellere oder langsamere Befolgung dieses Winks
sei das sicherste Zeichen, wer im Hause herrsche, ob der Mann
oder die Frau. Indessen, wenn sie auch zgern, sie kommen doch,
die Herren, ein wenig heiter, ein wenig redselig; aber, zu ihrer Ehre
sei es gesagt, betrunken haben wir bei solchen Gelegenheiten
keinen gesehen.

Die Dame macht jetzt den Tee sehr umstndlich. Die Fragen,
wie man ihn findet, wie man ihn wnscht, ob s, ob mit viel Milch
oder wenig, werden auch hier nicht unterlassen. In einigen Husern
wird er drauen serviert und vom Bedienten herumgereicht;
doch dies sind Ausnahmen von der Regel; die englischen Ladies
lassen sich ungern den Platz am Teetisch nehmen, den sie so
ehrenvoll behaupten. Neben dem Tee wird auch sehr schlechter,
dnner Kaffee geboten.

Die Konversation geht nun ein klein wenig rascher, indessen
die Herren haben sich bei der Bouteille rein ausgesprochen,
die Damen sind mde und sprechen berhaupt wenig, es wird selten
ein munteres, erfreuliches Gesprch daraus. Nach dem Tee fhrt man
nach Hause, denn fr's Theater ist's zu spt, oder man bleibt
zum Spiel, je nachdem man eingeladen ist.

Whist ist das einzige bliche Spiel in Gesellschaft;
von unserer Art zu spielen weicht man darin ab, da man
nur Partie Simple oder Double zhlt, kein Tripel oder Quadrupel.
Auf diese Weise kann man hchstens sieben Points in einem Tobber
verlieren, deren man immer drei spielt, nie mehr, noch weniger.
Die Karten sind sehr teuer und gro, aber ungeschickt. Dies ist wohl
das einzige Fabrikat, in welchem die Englnder anderen Nationen
nachstehen. Kartengeld ist nicht gebruchlich, ebensowenig Trinkgeld
an die Bedienten.

Da die Englnder sehr gut, sehr ernst und schweigend dies
ihr Nationalspiel spielen, ist bekannt, nicht aber, da keineswegs
die Spielenden, sondern der Herr des Hauses zu bestimmen hat,
wie hoch seine Gste spielen sollen. Dieser Taxe mu man sich
ohne Widerrede unterwerfen, wenn man nicht beleidigen will.
Einige bestimmen aus Ostentation ein sehr hohes Spiel, andere,
die vernnftiger sind, tun das Gegenteil. Dem Fremden ist zu raten,
da er sich vorher nach der Sitte des Hauses erkundige, ehe er
zum Spiel geht, sonst kann er in unangenehme Verlegenheit geraten.

Nach dem Spiele setzt man sich noch zu einem kalten Abendessen
von Austern, Hummer, Tarts und dergleichen; dies wir sehr schnell
abgetan. Froh, das Vergngen des Tages berstanden zu haben,
fhrt man spt nach Mitternacht durch die noch immer von Menschen
wimmelnden Straen nach Hause. Alle Lden sind noch offen
und erleuchtet, die Straenlaternen brennen ohnehin immer, bis die Sonne
wieder scheint.

Es gibt noch eine Art geselliger Zusammenknfte, welche die erste Klasse
des Mittelstandes, von der wir hier sprechen, dem vornehmeren,
aus den ersten Familien des Reichs bestehenden Zirkel abgelernt hat.
Sie heien Routs, gleichbedeutend mit unseren Assembleen in Deutschland.
Mit dem Wort Assembly verbindet man in England immer die Idee
einer auf Unterzeichnung gegrndeten Zusammenkunft an einem
ffentlichen Orte.

Die Frau vom Hause macht die Honneurs dieser Routs und ladet dazu ein.
Schon mehrere Tage vorher werden allen Bekannten Karten zugeschickt,
und zwar ungefhr dreimal so vielen Personen, als das Lokal
gemchlich fassen kann. Es versteht sich von selbst, da man zu
einem solchen Feste eine bessere Wohnung als die gewhnlichen
haben mu, die doch wenigstens eine Art von Folgereihe mehrerer
Zimmer enthlt.

Um zehn Uhr, oft noch viel spter, fngt man an, sich zu versammeln,
drngt sich durch, um die Wirtin zu begren, die gewhnlich unfern
der ersten Tr im Zimmer Posto gefat hat, und nimmt dann Platz
an einem der vielen Spieltische, die dicht zusammengedrngt
den ganzen Raum erfllen. Tee und andere Erfrischungen werden
herumgereicht, solange die Bedienten durchkommen knnen. Wird es
zuletzt so voll, da niemand mehr atmen kann, da vor allgemeinem
Gerusch kein Wort mehr zu verstehen ist, da es an Sthlen und
Raum fehlt, welche zu stellen, ja, da die zuletzt Kommenden
auf Treppen und Vorpltzen stehen bleiben mssen, so hat das Vergngen
seinen Hhepunkt erreicht.

Um zwei, drei Uhr gegen Morgen entwickelt sich der Menschenknuel
langsam, wie er anschwoll. Man fhrt nach Hause und hat einen
delizisen Abend im groen Stil hingebracht. Die Dame vom Hause
zieht sich in ihr Zimmer zurck, zwar betubt vom Lrm,
wie zerschlagen an allen Gliedern von dem ewigen Stehen und
allen Begrungsformeln, aber doch mit dem stolzen Bewutsein,
die hchste Glorie des geselligen Lebens erreicht zu haben.



Sonntag


Welch ein Tag fr die arbeitende Klasse auf dem festen Lande!
Die Greise freuen sich schon sonnabends auf den Ruhepunkt,
wo sie nach sechs mhevollen Tagen die Ihrigen reinlich und festlich
gekleidet in Freude und Lust um sich sehen; die Kinder rechnen
schon Montag, wie lange es noch zum Sonntag sei, dann ist keine Schule,
dann knnen sie frei und frank herumlaufen und spielen nach
Herzensgefallen, und vollends den jungen Leuten ffnet sich
ein Himmelreich bei Musik und Tanz, unter der Linde und in der Schenke.

Von den Vornehmen in den Stdten haben freilich viele alle Tage
Sonntag, wenn sie wollen; dennoch ist fr alle Stnde der Tag
des Herrn nicht nur ein Ruhetag, sondern auch ein Tag der Freude,
geselligen Vergngens und vor allem Familienzusammenknften geweiht.
Wenige gibt es, die nicht diesem Tage, so oft er erscheint,
mit irgend einer frohen Hoffnung entgegensehen, und wre es nur die,
einmal ins Schauspiel zu gehen, nachdem man die ganze Woche
alle Abende bei der Arbeit war.

Ganz anders ist es in London: Musik und Tanz sind hoch verpnt,
an Theater ist gar nicht zu denken erlaubt, alle Lden,
alle Ausstellungen sind dicht verschlossen. Die fanatische Pedanterie,
mit der man hier fr die Heilighaltung des Sabbats wacht, bertrifft
noch die der Juden, welche doch nur die Arbeit untersagen,
aber das Vergngen erlauben.

Einige der vornehmsten Familien des Reichs wurden vor kurzer Zeit
fast namentlich in den Kirchen als Sabbatschnder und schreckliche
Snder abgekanzelt und in allen ffentlichen Blttern mit Schmhreden
berhuft, weil sie sonntags unter sich Liebhaberkonzerte gaben,
und weil es bisweilen vorkam, da die Gesellschaften, welche sie
sonnabends bei sich versammelten, bis nach Mitternacht bei Tanz
und Karten verweilten und dadurch den Tag des Herrn entheiligten,
ehe er noch recht erschienen war.

"Ist's wirklich wahr, da man in Deutschland am Sonntage Karten spielt?"
hrten wir eine Dame fragen. "Keinen Tag lieber als sonntags,
wo man doch nichts zu tun hat", war die Antwort. "Good Lord!"
seufzte die zweite Dame; "aber", setzte sie belehrend hinzu,
"man kann's ihnen nicht verdenken, sie werden nicht besser gelehrt",
und dabei blickte sie mitleidig auf uns Heiden. "Aber sie spielen
doch nicht um Geld?" fragte eine dritte. "Freilich um Geld, oft um
viel Geld!" Alle fuhren schaudernd zurck. "God bless us all",
Gott segne uns alle!, sagte die vierte, "ich habe einmal sonntags
(und um gar nichts) Karten gespielt, und ich kann's mir heute
nicht vergeben." Alle vier hatten zwei Minuten vorher bitterlich
ber den Sonntag geseufzt, der ihnen nicht erlaubte, einen Robber
zu machen; man war auf dem Lande bei abscheulichem Wetter und
hatte die schrecklichste Langeweile, whrend die Herren bei der Flasche
wie angemauert blieben.

Der echte Englnder teilt den Tag zwischen ffentlichem Gottesdienst,
huslicher Betstunde und der Flasche; seine Frau bringt die Zeit,
welche ihr die Andacht brig lt, mit irgendeiner Frau Gevatterin zu
und lt den lieben Nchsten eine etwas scharfe Revue passieren,
denn das ist sonntags erlaubt. Die Kinder sind gar bel daran,
seit man eigene Schulen fr die Sonntagabende errichtet hat,
in welche sie prozessionsweise getrieben werden, nachdem sie den Tag ber
zweimal in der Kirche und einmal zu Hause die sinn- und geistlose
Liturgie des englischen Gottesdienstes haben herbeten mssen.

Aber wie noch erbrmlicher geht's dem des Zwangs ungewohnten Fremden!
Sie ffnen das Klavier, die Wirtin knickst in's Zimmer herein
und bittet, den Tag des Herrn nicht zu vergessen. Sie ergreifen ein Buch,
da kommt ein Besuch, sieht, da Sie einer weltlichen Lektre sich
berlieen, und hlt Ihnen eine wohlgemeinte Ermahnungsrede.
rgerlich setzen Sie sich in's Fenster; ohne daran zu denken,
ergreifen Sie ein Strickzeug, da versammelt sich der Pbel vor dem Hause,
mit Schimpfen und Schelten zieht er Ihnen einen neuen Besuch der Wirtin zu,
welche im heiligen Eifer sich diesmal etwas weniger glimpflich ausdrckt,
als kurz vorher. Beschftigen Sie sich fern vom Fenster in Ihrem Zimmer,
so uern die Bedienten, so oft sie hereintreten, ihren heiligen Abscheu,
wenigstens durch Mienen, wenn nicht durch Worte. Wollen Sie
mit ihren Landsleuten eine Partie Whist in ihrem eigenen Zimmer machen,
so hat Ihr eigener Bedienter das Recht, Sie beim nchsten Friedensrichter
zu verklagen, und Sie entgehen sicher der Strafe nicht.

Was fngt man aber mit dem Tage an, der zweiundfnfzigmal im Jahre
wiederkommt? Man macht kleine Reisen, wenn die Jahreszeit und das Wetter
es erlauben, und achtet's nicht, da die Wegegelder am Sabbat doppelt
erlegt werden mssen, zur Ehre des Herrn. Im Winter, bei schlimmem Wetter,
fat man sich in Geduld, anderen Rat gibt's nicht.




FFENTLICHE VERGNGUNGEN



Theater


Nicht allein an der Sprache erkennt man die verschiedenen Nationen,
welche Europa bewohnen, auch am Gange, am Tone, an der Gebrde.
Jede derselben unterscheidet sich von der anderen durch schwer
zu bezeichnende, aber deshalb nicht weniger sichtbare und
untrgliche Kennzeichen.

Auch auf die bildende Kunst hat dieser angeborenen und
angeeignete Unterschied der Nationen groen Einflu. Kein Niederlnder
malt wie ein Italiener, kein Franzose wie beide; alle mssen
ihrer Nationalitt treu bleiben. Die Gestalten, die Gebrden,
der Himmel, die Beleuchtung, die wir von Jugend auf sehen,
prgen sich uns mit unauslschlichen Zgen ein. Wir knnen nur
wiedergeben, was wir in uns tragen, und der Unterschied der Schulen
liegt mehr an dem Himmel, unter dem sie entstanden, als an den Meistern,
die man fr ihre Stifter erkennt.

Bei der theatralischen Kunst blickt diese Nationalitt noch deutlicher
hervor, und wre es mglich, einem Schauspiel zuzusehen, ohne
da man ein Wort davon hrte, so mte doch der kundige Beobachter
gleich entscheiden knnen, ob er ein englisches, franzsisches oder
deutsches Theater vor sich she. Alle drei knnen in ihrer Art
vortrefflich sein und werden dennoch dem Fremden mifallen.
Denn dieser, mit der Individualitt der Nationen noch nicht bekannt
genug, will nach seinem eigenen, von hause mitgebrachten Mastabe
messen. Nur nach und nach wird er entdecken, da das, was ihm zuerst
widerwrtig, unnatrlich, bertrieben erschien, dennoch treu, wahr
und bewundernswrdig ist.

Betrachtet man eine theatralische Vorstellung als ein vollendetes,
abgerundetes Ganze, so haben wir Deutschen vor den anderen Nationen
keinen Vorzug, so viel vortreffliche einzelne Knstler wir auch
aufzuweisen haben. Das Weimarische Hoftheater, begnstigt durch
ein Zusammentreffen vieler seltener, auerordentlicher Umstnde,
war vielleicht das einzige in Deutschland, auf welchem man noch
zuweilen einzelne Darstellungen einiger Meisterwerke der vorzglichsten
Dichter erblickte, da sich, durch das Zusammenpassen jedes Teils
zum Ganzen, der Vollkommenheit nherten.

Da der deutsche Schauspieler allen alles sein mu, ist ein Unglck;
dadurch wird er verhindert, sein Talent auszubilden fr das
seiner Persnlichkeit am besten zusagende Fach. In Paris und London
ist das anders. Jeder widmet sich den Rollen, zu welchen seine
Individualitt ihn ruft. Mit dem Alter nimmt man es dort weit weniger
genau als bei uns. Gerechter als wir, bedenkt man: wieviel dazu
gehrt, eine hohe Stufe in irgend einer Kunst zu erringen.
Kein vollendeter Knstler ward geboren. Jahre voll Anstrengung
und Studium gehren dazu, um das groe Talent auszubilden;
oft ist die Jugend entflohen, wenn jenes erst in vollem Glanze strahlt.
In Frankreich und England erkennt man dies und lt sich lieber
willig durch Schminke, Kleidung, Beleuchtung tuschen, als da man
den hchsten Genu, den die Kunst gewhren kann, verschmhte,
weil der Knstler einige Jahre zuviel zhlt.

Der vorzgliche deutsche Schauspieler ist in Gebrde, Ton,
Deklamation und Stellung bei weitem der gemigste, weil Mahalten
und Ernst in der Natur des Deutschen liegen. Wir erscheinen
unseren Nachbarn kalt, aus demselben Grunde, aus welchem sie uns
bertrieben erscheinen. Ebenso wird der westflische Bauer gewi
glauben, der Provenzale oder Gascogner wolle ihn totschlagen,
wenn jener ihm blo nach seiner Landessitte einen guten Morgen bietet.

Nennt man ein nach festgesetzten Regeln genau gebildetes Ganzes
ein vollendetes Kunstwerk, so hat die franzsische Tragdie
vor allen anderen den Vorzug. Streng abgemessen sind Zeit und Ort.
Jeder Vers, jedes Wort findet im Parterre Richter, die keinen Versto
gegen einmal festgesetzte Regeln hingehen lassen. Gesetze des
sogenannten Wohlstandes, wie keine andere Nation sie kennt,
binden den Dichter wie den Schauspieler. Beide drfen sich nur
in scharf gezogenen Schranken bewegen. Das auf diese Weise mhevoll
hervorgebrachte Kunstwerk blendet, setzt in Erstaunen, erregt
Bewunderung; aber wir bleiben ohne Teilnahme dabei, und ein Frsteln,
das wir ungern Langeweile nennen mchten, bemchtigt sich unser.
Die Stellungen der berhmtesten Schauspieler, schn und kunstreich,
wie sie sind, erinnern doch immer an jene akademischen Figuren,
die wir auch auf den franzsischen Gemlden finden, und von denen
es auch ihren besten Meistern nicht gelingt, sich ganz zu befreien.
Der Geist der Tragdie ist nicht der Geist der Nation, die von jeher
alles leicht nahm, was das Schicksal auch immer ber Sterbliche
verhngen mag. Die Sprache selbst, ihr Mangel an Tonfall,
widerstrebt der hheren Poesie, widerstrebt jeder Deklamation.
Alles wird blo durch Kunst hervorgebracht, es ist, als hrte man
einen auf das kunstreichste gebildeten Snger, dem aber die Natur
eine sonore Stimme versagte. In der hheren Komdie hingegen
steht der Franzose auf der ersten Stufe. Da ist Geist, Leben,
Witz, Laune und der fein gebildete Konversationston zu treffen,
welcher ihn auch im gemeinen Leben vor allen Nationen auszeichnet.

Das englische Theater steht auf dem ganz entgegengesetzten Punkte.
Keine Regel beschrnkt den Dichter, keine den Schauspieler.
Ungebunden berlassen beide sich ihrem Genius. Alles steht
dem Dichter zu Gebot, Verse und Prosa, ewiger Wechsel der Szene,
Ausdehnung der Zeit ins Unendliche, alle mglichen Motive.
Wie schwer es sei, von dieser unbeschrnkten Gewalt den rechten Gebrauch
zu machen, lehrt der Mangel an guten neuen Tragdien; nur Shakespeares
Riesengeist konnte sie zum Rechten anwenden; noch immer steht er allein da,
das Volk verehrt ihn als seinen einzigen Dichter und drngt sich
unermdet zu seinen Meisterwerken.

Die englische Komdie gibt ein treues, oft etwas berladenes Bild
des huslichen und geselligen Lebens, der Fehler, der Tugenden,
der Lcherlichkeiten, die man in den verschiedenen Stnden trifft.
Die Eigenheiten der verschiedenen Provinzen, der Schotten und Iren,
besonders ihrer Dialekte, erhhen das Komische derselben und
werden mit vieler Treue dargestellt.

Charakter-Komdien, wie die Franzosen deren meisterhafte besitzen,
in denen sich alles um eine Rolle dreht, die dadurch bis ins kleinste
Detail herausgehoben wird, kennt der Englnder nicht. Dafr wimmeln
alle Stcke von Personen, die uns als Karikaturen erscheinen,
die es aber bei diesem originellen Volke nicht sind. Nur die strksten
Zge ein wenig verflacht und gemildert, und man trifft berall
im geselligen Leben die Urbilder dazu an.

Selbst bei den besseren der gezeichneten Karikaturen, an denen wir
uns auch zuweilen in Deutschland ergtzen, ist dieses schon der Fall;
hnlichkeit liegt immer zugrunde, und bei weitem nicht so
mit fremden Zgen berladen, als man im Auslande wohl glaubt.

So streng man sonst in England in allen Zirkeln, die aus Mnnern
und Frauen gemischt sind, auf Dezenz hlt, so nachsichtig ist man
in dieser Hinsicht auf dem Theater. Frauen, die im geselligen Leben
jedes nur von fern ihr Zartgefhl beleidigende Wort emprt,
sehen Szenen an, von denen jede Franzsin sich zrnend wegwenden wrde
und die gewi das Pariser Publikum mit dem entschiedensten Unwillen
aufnhme.

Der englische Tragiker spielt natrlicher als der franzsische,
feuriger als der deutsche. Zu treu kopiert er die Natur und berschreitet
oft die Grenze des Schnen. Der wtendste Ausdruck des Leidens,
selbst der laute Schrei krperlichen Schmerzes, alle Verzerrungen
des Wahnsinns, konvulsivisches Zucken des Sterbenden, nichts wird
dem Publikum erlassen, welches in diesem allem die hchste Kunst
zu sehen glaubt und mit gestrubtem Haare dann am lautesten in
Beifallsbezeugungen ausbricht, wenn es vor Schrecken schaudert.

Die Grte des Schauspielhauses zwingt die Schauspieler, berlaut
zu sprechen, denn der im entferntesten Winkel sitzende Matrose
will fr seine Sixpence so gut alles hren und vernehmen als die
vornehmste Lady in der ersten Loge. Deutliche Aussprache ist demnach
die erste Forderung, welche das englische Publikum an den Schauspieler
macht. Dieser mu daher mit der uersten Anstrengung jedes Wort,
jede Silbe abstoend betonen. Bei den mittelmigen Knstlern
bringt dies eine sehr unangenehme, oft lcherliche Wirkung hervor;
nur die besten von ihnen wissen mit unglaublicher Mhe diese Schwierigkeit
zu bekmpfen.

Aber auch die besseren Schauspieler heben gewissen Tiraden hervor,
welche auf Patriotismus, Freiheit und Nationalitt Bezug haben,
und von denen sie voraus wissen, da das Publikum sie jedes Mal beklatscht.
Diese Stellen werden ganz an dasselbe gerichtet, und die Mitspielenden
whrend einer solchen Hauptaktion gar nicht beachtet; ihre Zeit
tritt spter wieder ein. Periodenweise deklamiert der Schauspieler
seine Rede ab. Zwischen jedem Satze wird eine hinlngliche Pause
fr den Beifall gelassen, dann weitergesprochen, dann wieder geschwiegen,
so da das Ganze sich wie ein Melodram ausnimmt, zu welchem das Publikum
das Akkompagnement liefert.

Die englische Deklamation hat ohnehin einen eigenen singenden Ton,
ohne groe Modulation, etwas dem Fremden affektiert scheinendes
Pathetisches, das sich nicht beschreiben lt; bei etwas Aufmerksamkeit
aber findet man ihn im gemeinen Leben wieder, bei jedem durch Leidenschaft
gehobenen Gesprch. Es ist die der englischen Sprache eigene Melodie;
jede Sprache hat die ihrige.

Im Komischen, besonders im Possenspiel, bertreffen die Englnder
vielleicht alle anderen Nationen. Schon der bekannte, angeborene Ernst
dieses Volkes macht seine seltene Lustigkeit umso ergtzlicher.
Die Spe sind nicht immer die feinsten, oft ein wenig breit
und plump, aber sie reizen unwiderstehlich zum Lachen; einige
Schauspieler, zum Beispiel Munden [Funote: Joseph, beliebter
Komiker, von der zeitgenssischen Kritik jedoch als Grimassenschneider
einschrnkend beurteilt.], brauchen nur sich zu zeigen, und das Haus
erbebt bis in seinen tiefsten Grund von der rauschendsten, lautesten
Freude. Viel will dies sagen bei einer Nation, welche das Lachen
fr unanstndig hlt und dem Gebildeten hchstens nur ein Lcheln
erlaubt. Hier siegt die Natur, untersttzt von der Kunst, und Regel
und Zwang sind vergessen.

Opern werden selten gegeben, ein englisches Rezitativ ist undenkbar,
und der Englnder findet die Abwechslung von Rede und Gesang unnatrlich.
Das Volk liebt berhaupt die Musik wenig. Doch spielt man zuweilen
als Nachspiel irgend eine kleine Oper, und es fehlt nicht an
guten Sngern und Sngerinnen, um sie fr ein englisches Ohr
ganz angenehm aufzufhren.



Das englische Publikum im Theater


Dies verdient ein eigenes Kapitel, denn es ist einzig in der Welt.
Wie es despotisch ber die bretterne Welt herrscht, davon
hat man in ganz Europa keinen Begriff, auch in Frankreich nicht,
wo man doch noch weit von der Langmut der Deutschen entfernt ist.

Oft, wir gestehen es, wenn wir sahen, wieviel sich das deutsche
Publikum von seinen Lieblingen gefallen lt, wnschten wir
diese nur auf wenige Monate auf die englische Bhne, damit sie
erkennen lernten, wie wohl es ihnen zu Hause geht.

Im Ganzen lt sich das Verfahren dieser Insulaner durchaus
nicht rechtfertigen. Jedes zu leise gesprochene Wort, jede
Vernachlssigung, jedes Stocken wird unbarmherzig geahndet;
nur gegen Debtierende zeigt man groe Nachsicht und muntert sie
auf alle Weise auf. Daher kam es aber auch, da wir nie einen
Londoner Schauspieler sahen, der seine Rolle nicht gelernt htte.
Der Souffleur mit seinem alle Illusion vernichtenden Kasten
ist gnzlich von der Bhne verbannt; nur ganz dem Publikum verborgen,
stehen auf beiden Seiten in den Kulissen Einhelfer, die emsig
fr sich nachlesen und dem Schauspieler notdrftig zu Hilfe kommen,
wenn diesen einmal sein Gedchtnis verlt.

Wie berall, so hat auch hier der auf den hchsten Spitzen befindlichen
Teil des Publikums die lauteste Stimme; jedes Liedchen, jede Arie,
welche diesen Erhabenen gefllt, mu zweimal, oft dreimal
gesungen werden. Und ihnen gefllt vieles. Selbst die stolze Billington
mute in unserem Beisein sich gefallen lassen, eine Bravour-Arie
und ein Duett zweimal zu singen. Entsteht eine Unruhe, ein Streit
im Parterre oder auf der Galerie, wird jemand krank und mu weggebracht
werden, gleich erschallt von oben herab der Befehl an die Schauspieler,
inne zu halten, bis die Ruhe wieder hergestellt oder der Unruhestifter
hinausgeworfen ist. Bisweilen wird der Lrm so arg, da die
Schauspieler das Theater verlassen mssen, bei der Wiederkehr
werden sie mit Hndeklatschen empfangen, und genau, wo sie aufhrten,
fangen sie wieder an.

Wie es bei allem diesem um die Illusion stehe, darum kmmert sich
niemand; die Hauptsache ist, da jeder fr sein Geld alles sehe
und hre, was es zu sehen und zu hren gibt.

Zuweilen werden die Zuschauer Schauspieler. Ein Matrose kam,
wie wir eben im Theater waren, einst auf den Einfall, in einem
Zwischenakt ein Liedchen zu singen. Gleich wurde von oben herab
Stillschweigen geboten, und alles gehorchte. Der Matrose sang
fr das, was er war, gut genug und mit einer ganz ertrglichen Stimme,
dabei ganz furchtlos, obgleich sein Auditorium zum Teil
aus den Vornehmsten des Reichs bestand. Er fand vielen Beifall
und sollte noch einmal singen. Jetzt wollte er es aber zu schn machen,
berstieg sich ber seine Krfte und warf mitten in einer Roulade
frmlich um. Ein allgemeines Gelchter endigte fr diesmal
die Szene.



Einrichtungen der beiden groen Londoner Theater in Hinsicht
auf die Zuschauer


Um halb sieben Uhr soll jede Vorstellung anfangen, doch wird es
fast immer sieben Uhr, und auch diese Stunden ist noch zu frh
fr ein Publikum, das im Durchschnitt erst gegen sechs Uhr
und oft weit spter noch zu Mittag speist. Die Vorstellungen
dauern so lange, da jede nicht englische Geduld ermden mu.
Selten kommt man vor Mitternacht nach Hause. Kurz und gut ist nun
einmal nicht das Symbol der Englnder: berall lieben sie
lange Sitzungen, im Parlament, an der Tafel und auch im Theater.

Jeden Abend mssen zwei Stcke gegeben werden, eines von fnf Akten
und ein Nachspiel, welches auch oft zwei bis drei Aufzge hat.
Gewhnlich spielt man zuletzt irgend eine Posse, selten eine
kleine Oper, oft irgend ein den neuen englischen Romanen
nachgeformtes Unding voll Nacht und Graus. Ob brigens das Nachtspiel
zum ersten Stck passend gewhlt ist, ob es nicht mit den durch
jenes erregten Empfindungen auf das schreiendste kontrastiert -
dies kmmert niemanden; genug, der Zuschauer bekommt volles Ma
fr sein Geld.

Beide groen Theater von Drury Lane und Covent Garden sind
vom Monat September bis Ende Junius geffnet, dann werden sie
geschlossen und das kleinere Sommer-Theater zu Haymarket kommt
an die Reihe. Im Monat Mai und Junius werden die meisten
Benefiz-Vorstellungen fr die lteren und besseren Schauspieler
gegeben; sie gehren mit zu deren Gehalt. Dann whren diese
Vorstellungen oft bis nach ein Uhr; denn um das Publikum vollkommen gut
zu bewirten, schiebt man noch allerhand Schelchen in die Zwischenakte ein,
bald ein Liedchen, bald einen Tanz. Diese gefallen gewhnlich
den hohen Zuschauern, mssen zwei- bis dreimal wiederholt werden
und kosten viel Zeit.

Die Logen sind sehr gerumig und so gebaut, da man aus allen
gleich gut sehen kann. Sie enthalten smtlich mehrere Reihen Bnke,
die sich bereinander erheben; so ist's auch im Parterre, welches sich,
ohne Parkett oder Parterre noble, vom Orchester bis ans Ende
des Hauses erstreckt.

In allen Reihen Logen werden die Pltze gleich zu sechs Schilling
bezahlt, das Parterre kostet etwas ber die Hlfte. ber die Logen
erheben sich noch zwei Galerien, zu zwei und einem Schilling die Person,
und hoch ber der letzten Galerie ganz im Hintergrunde thronen,
wie unsichtbar, die respektablen Personen, die, wir wir eben erzhlten,
gewhnlich den Ton angeben. Niedrige Abteilungen trennen jede Loge
von ihren nchsten Nachbarn. Hell wie Tageslicht erleuchtet,
angefllt mit Zuschauern, gewhren sie einen bezaubernden Anblick.
Die Etikette will, da alle Damen im vollen Putz das Theater besuchen,
wenn sie auf die vordersten Sitze in den Logen Anspruch machen,
besonders in denen des ersten und zweiten Ranges. Keine Dame
wird mit einem tiefen Hut hineingelassen, ein kleiner, mit Federn
oder Blumen gezierter Putzhut ist erlaubt. Im Parterre dagegen
erscheint man in gewhnlicher Kleidung mit groen Hten, die aber
ohne Widerrede abgenommen werden mssen, wenn es verlangt wird.
Frauenzimmer des Mittelstandes und Herren jedes Standes besuchen
das Parterre. Es ist ein ganz anstndiger Platz, nur mu man frh,
oft vor ffnung des Hauses kommen, um eine gute Stelle zu finden;
denn kein Vorherbestellen findet dort statt.

In die beiden ersten Logenreihen wird zu Anfang keine Dame hineingelassen,
die nicht zuvor ihren Namen ins Logenbuch hat aufschreiben und dadurch
ihren Platz bestellen lassen. Dies geschieht, um die ffentlichen
Stadtnymphen von diesen Logen zu entfernen, welche fr die ersten
und unbescholtensten Familien des Reichs bestimmt sind. Jenen Damen
sind eigene Sitze im Hintergrund des Schauspielhauses angewiesen.

Mit dem Einschreiben des Namens gewinnt man das Recht, mehrere Pltze,
in welcher Reihe Bnke man will, bis zu Ende des ersten Aufzuges
fr sich aufbewahren zu lassen. Man kann seinen eigenen Bedienten
hinschicken, oder, was gewhnlicher ist, einen Shilling bezahlen.
Fr diesen Preis wird jemand von dem Logenwrter hineingestellt.
Bis Ende des ersten Aktes werden diese leeren Pltze freigelassen,
spter hat jeder das Recht, sich ihrer zu bemchtigten. Niemand
darf fr mehr Pltze bezahlen, als er braucht, und tte man es,
mietete man auch eine ganze Loge, es wrde nichts helfen.
Der Englnder behauptet: niemand drfe durch sein Geld einen anderen,
der auch bezahlt, vom Genusse eines ffentlichen Vergngens
ausschlieen, wenn es der Raum erlaubt. Deshalb findet auch
in den englischen Theatern kein Abonnement statt. Selbst
die knigliche Familie mu ihre Loge vorher bestellen, die sich
brigens durch nichts von den brigen unterscheidet und ohne Unterschied
wie die brigen besetzt wird, wenn niemand vom kniglichen Hause da ist.

Nach dem dritten Akt wird jedermann fr den halben Preis hineingelassen;
dieser Gebrauch ist sehr unangenehm fr den besseren Teil
der Gesellschaft. Mit groem Gerusche schwrmen dann jene Nachtvgel,
die man so gern aus diesem Kreise abhielte, herbei, und alle
Vorkehrungen dienten nur, sie von den ersten Reihen der Sitze
in den Logen zu vertreiben. Die schlechteste Gesellschaft, freilich
vorschriftsmig gekleidet, verbreitet sich dann durch's ganze Haus;
deshalb gehen auch Damen nie ohne mnnliche Begleitung ins Theater,
und kein Mann tritt einem hinter ihm sitzenden, ihm unbekannten
Frauenzimmer seinen Platz ab, aus Furcht, die neben ihm Sitzenden
in eine unpassende Nachbarschaft zu bringen. Dies ist einer
von den Fllen, in welchen ein Fremder, der diese Sitte nicht kennt,
aus groer Hflichkeit unhflich werden knnte.



Drury Lane


[Funote: Das Haus, das Johanna besuchte, stammte aus dem Jahre 1794
und brannte 1809 wieder ab. Die Grndung des Drury Lane Theaters
geht auf Thomas Killigrew zurck, der mit kniglichem Patent 1662
hier ein Theater gebaut hatte, das aber ebenfalls mehrmals restauriert
und umgebaut wurde. Das Patent besagte, da nur Drury Lane
und Covent Garden das Recht hatten, reine Schauspiele aufzufhren;
daher durch Jahrhunderte die Stellung dieser beiden Bhnen.
Seit 1802 hatte mit dem Abgang der Geschwister Kemble, Robert Kemble
und Sarah Siddons, Drury Lane die Fhrung gegenber Covent Garden
verloren, und sein besonders skrupelloser Direktor Sheridan
wirtschaftete das Haus auch finanziell ab. 1812 wurde ein neues Haus
erffnet, das in wenig vernderter Form bis heute besteht.]

Dieses Theater ist von innen eines der grten und schnsten
in der Welt; die Auenseite desselben sahen wir nicht vollendet.
In einem schwerflligen Stil erbaut, wie fast alle ffentlichen Gebude
Londons, scheint es trotz seiner Gre von einem ungewhnlich hohen
Dache fast erdrckt zu werden. Dies Dach ist indessen fr das Ganze
von unschtzbarem Nutzen, nicht allein wegen der Flugwerke
und brigen Maschinen, die darin angebracht sind, sondern weil es
einen eisernen Vorhang enthlt, der im Fall, da whrend der Vorstellung
Feuer auf dem Theater auskme, sogleich herabgelassen wird
und den Teil des Hauses, welchen die Zuschauer erfllen, vor aller Gefahr
sichert.

Von innen ist das Haus hell gemalt, geschmackvoll dekoriert; es enthlt
vier Reihen Logen, ohne die Galerien. Wenigstens fnfzig glnzende
kristallene Kronleuchter und noch viel mehr Spiegelwandleuchter
sind ringsum in zierlicher Ordnung angebracht, mehrere Hundert
von Wachslichtern brennen darauf, und doch schwindet ihr Glanz
gegen den des Theaters, sowie der Vorhang aufgeht. Erleuchtet
durch eine Unzahl von Lampen strahlt dieses wie im hellsten Sonnenscheine.

Die Dekorationen sind des Ganzen wrdig; der hintere Vorhang derselben
ist eigentlich kein Vorhang, er wird nicht aufgerollt, sondern
zerlegt sich in mehrere Teile, je nachdem der Gegenstand ist,
den er vorstellt; diese einzelnen Teile trennen sich wieder in kleinere,
schieben sich ineinander und werden so in die Hhe gezogen.
So steigen sie auch herab und entwickeln sich mit Zauberschnelle,
keine Spalte deutet ihre Zusammensetzung an. Diese Einrichtung hat
den Vorteil, da die Dekorationen durch das Aufrollen nicht beschdigt
werden, da sie keine Falten und Streifen zeigen und nie so in Bewegung
kommen wie unsere Vorhnge, die uns oft in den friedlichsten Szenen
ein Erdbeben vergegenwrtigen.

Die glnzendsten Sterne des theatralischen Himmels hatten sich,
wie wir in London waren, in Covent Garden vereint; doch blieb Drury Lane,
besonders im komischen Fach, noch reich genug, um durch sehr
ausgezeichnete Vorstellungen zu erfreuen. Vor allem glnzte Mme. Jordan
[Funote: Wilhelm, Herzog von Clarence, Knig Wilhelm IV. von 1830-37,
hatte Dorothy Jordan 1785 im Drury Lane zum ersten Mal auf der Bhne
gesehen und sich in die junge Frau verliebt. Sie lebten 20 Jahre
miteinander, hatten 10 Kinder; 5 andere, die aus einer Beziehung
vor Wilhelm bestanden, hatten sie in der Nachbarschaft untergebracht.
Zwischen ihren Geburten trat sie weiter auf. Ein Jahr nach Johannas
Aufenthalt kam es dann zum Bruch, da Wilhelm sich mit Heiratsabsichten
trug, Dorothy ging ins Ausland und starb in Frankreich in bitterster Not.]
hervor, die Geliebte, oder, wie einige behaupteten, die heimlich
angetraute Gemahlin des damaligen Herzogs von Clarence, des jetzigen
Knigs, der auch vor der Welt sie auf alle Weise ehrte und sie immer
in seiner Equipage mit seiner Livree ins Theater fahren lie.
Beim Anblick dieser wunderbar reizenden Frau mute man ganz vergessen,
da sie schon ziemlich weit ber die erste Blte der Jugend hinaus
und fr jugendliche Rollen etwas zu stark geworden war. Der frhlich
schalkhafte Ausdruck ihres sehr hbschen Gesichts, ihr angenehmes
sonores Organ, die naive Grazie und Wahrheit in jeder ihrer Bewegungen
bezauberten unwiderstehlich und lieen nichts vermissen.

Wir wollen hier einer Vorstellung in Drury Lane gedenken, die uns
vor allen gefiel. Man spielte Shakespeares "Much Ado about Nothing"
(Viel Lrm um nichts). In Deutschland sehen wir zuweilen
eine Verkrppelung dieses herrlichen Lustspiels unter dem Namen:
"Die Qulgeister" [Funote: von dem Mannheimer Schauspieler Beck.
Johanna besuchte diese Vorstellung bei ihrem ersten London-Aufenthalt,
am 30. Mai, wenige Tage nach ihrer Ankunft in England.], und
es unterhlt auch da noch, soviel Mhe sich dessen Verfasser gegeben hat,
es zur Mittelmigkeit herabzuziehen, so unbeholfen sich auch
Shakespeare in der engen Uniform eines modernen Leutnants oder
Hauptmanns bewegt. Welch ein ganz anderer Genu aber ist es,
dieses Stck mit wenigen Weglassungen, die unsere Sitten durchaus
notwendig machen, in seinem ursprnglichen Glanze zu sehen!
Madame Jordan als Beatrice und Mr. Bannister [Funote: John;
"den besten niederen Komiker auf der Bhne" nannte ihn Leigh Hunt
in seinen "Critical Essays", 1807.] als Benedickt waren ganz
an ihrem Orte. Die Szenen zwischen beiden, wo ein Witz den anderen
wie ein Wort das andere jagt, mu man von beiden gesehen haben,
um zu glauben, da etwas auswendig Gelerntes mit dieser Wahrheit
wiedergegeben werden kann. Die langsam pathetische Abstoung der Worte,
deren wir oben gedachten, war hier wie bei allen guten englischen
Komikern ganz verschwunden; alles ging Schlag auf Schlag, dennoch
verlor kein Zuhrer in dem ungeheuren Hause nur eine Silbe.
Freilich, sowie die Verse und mit ihnen der Ernst wieder eintreten,
erscheint auch wieder der feierliche Predigerton. ber alles ergtzlich
waren der Richter Dogberry und seine Gesellen mit ihrem breiten
Bauerndialekte. Das ganze groe Haus bebte vom unaufhaltsamen Gelchter
der Zuschauer; sowie sie erschienen, muten sie oft innehalten,
um nur gehrt zu werden.

Mme. Bland, eine kurze, dicke, ltliche Favoritin des Publikums,
die fr eine vortreffliche Sngerin galt, weil sie gewaltig schrie
und dabei deutlich aussprach, sang in einem Zwischenakt
eine englische Liebesromanze, "Poor crazy Jane" (die arme
wahnsinnige Hanna). Es sind die einfachen Klagen eines von
seinem Geliebten betrogenen und darber wahnsinnig gewordenen Mdchens.
Die Musik war nicht sonderlich; doch mute sie unter lautem Beifall
zweimal wiederholt werden. Hierzulande gilt der Text mehr als die Musik,
und solche Schilderungen des hchsten menschlichen Elends sind
einmal die grte Freude der Englnder. Mit ihrem Gefhl geht
es ihnen wir mit dem Cayennepfeffer: nur das mglichst Starke
vermag bei ihnen Herz und Magen zu reizen.

Den Beschlu machte fr diesen Abend, oder wie man hierzulande passender
sagt, fr diese Nacht, eine groe, meistenteils von Italienern
aufgefhrte Pantomime; ein Schauspiel, das wir in dieser Vollkommenheit
noch nirgends sahen. Ein Zauberer sa auf seinem Throne, umgeben von
dienenden Geistern aller Art. Im Hintergrunde, hinter einem eisernen
Gitter, erblickte man den alten Pantalon, Harlekin, Colombine und den
treuen Diener Pierrot, alle in Todesschlummer versunken, in Srgen
liegen. Der Zauberer mute notwendig verreisen, und alles kam darauf an,
da jemand einstweilen an seiner Stelle auf dem Throne se und das
Szepter aufrecht hielte, ohne einzuschlafen. Ein kleiner, neckischer
Kobold, unbertrefflich von einem Signor Grimaldi [Funote: der Clown
Grimaldi gehrte seit seiner Kindheit dem Haus an und war ein ber alle
Maen beliebter, aber auch von der Kritik gerhmter Pantomime.]gespielt,
wird zu diesem Ehrenamt erlesen und wei sich nicht wenig damit. Der
Zauberer ermahnt ihn auf's Dringendste, ja nicht einzuschlafen, und
fhrt ab in seinem Drachenwagen. Eine Weile geht es vortrefflich; der
kleine nrrische Kobold ist auer sich vor Freuden auf dem weiten
prchtigen Thron. Nun aber meldet sich der Schlaf, umsonst widersteht er
aus allen Krften, umsonst nimmt er aus einer ungeheuren Dose eine so
starke Prise, da er dreimal niesen mu, bei jedem Niesen wenigstens
drei Ellen hoch vom Sitze in die Hhe geschnellt wird, in der Luft sich
ein paar mal berschlgt und immer wieder auf den Sitz zurckplumpt. Die
Natur siegt, er schlft ein, das Zepter entsinkt einen Moment seiner
Hand, der Zauber ist zerstrt, und der bunteste Wirrwarr hebt an. Die
Schlafenden erstehen hoch erfreut aus ihren Srgen, alles verschwindet.
Harlekin und die Seinen sind nun auf ewiger Flucht, berall, in tausend
Abwechslungen, lassen sie sich huslich nieder und fangen an, ihr
lustiges Wesen zu treiben, berall verfolgt sie der Kobold. Ewiger
Szenenwechsel, Dekorationen, so prchtig man sie nur erdenken kann,
Verwandlungen, bei denen man verleitet wird, an Hexerei zu glauben,
folgen in der schnellsten Mannigfaltigkeit, da das Auge kaum Zeit hat,
alles zu bemerken. Die Mimiker waren alle vortrefflich, wie die
Dekorationen; ein echter komischer Zug jagte den andern. Das Haus
erscholl vom unaufhaltsamsten Gelchter; alles lachte, alles war
erfreut, aber gewi niemand imstande, zu Hause zu erzhlen, was er
gesehen hatte. Gegen ein Uhr endigte das Schauspiel.



Covent Garden


[Funote: Das Haus, das Johanna besuchte, war 1792 durch
den Architekten Henry Holland wesentlich vergrert worden
(3600 Pltze statt vorher 2000). Hauptattraktion war ein eiserner
Vorhang, der aber dennoch nicht verhindern konnte, da das Haus
1806 einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel; Neubau 1809.
Nach einem neuerlichen Brand erstand es 1858 in seiner modernen Gestalt
unter dem Namen Covent Garden Opera House.]

Das Haus, nicht vllig so gro als das von Drury Lane, aber nicht
weniger elegant dekoriert, erscheint fast noch blendender, noch prchtiger
als jenes, denn viele groe und kleinere angebrachte Spiegel
vervielfltigen die Menge der strahlenden Wachskerzen ins Unendliche.

Hier auf diesen Brettern sah man oft in einer einzigen Vorstellung die
berhmtesten Knstler vereint. Zuerst nennen wir Mme. Siddons die, seit
wir sie sahen, das Theater verlassen hatte. [Funote: Sarah (1755-1830),
geniale Tragdin. Garrick holte sie 1775 zum ersten Mal ans Drury Lane,
doch konnte sie sich nicht durchsetzen und kam 1782, nun schon berhmt,
ein zweites Mal an diese Bhne. Ihre Glanzrolle, die Lady Macbeth, hat
sie allein in London 139 Mal gespielt. Gerde in der Spielzeit 1804/05
verlor sie etwas das Publikumsinteresse, da sich dieses dem
dreizehnjhrigen Wunderknaben Master Betty zuwandte, der Hamlet und
Richard III. spielte. 1802-12 spielte sie im Covent Garden, zog sich
dann vom Theater zurck, trat aber noch mehrmals auf.] Sie war eine hohe
knigliche Gestalt. Als ob Melpomene, wie alte Meister sie uns
darstellen, das Piedestal verlassen htte, um unter den Lebenden zu
wandeln, so trat sie einher, gro, schn, im einfachen Ebenma. Ihr
ganzes Wesen war zur Tragdie geschaffen, der Ausdruck, die Form ihres
schnen Gesichts pate nur fr das Trauerspiel, unmglich konnte man sie
sich frhlich oder gar lachend denken. Unbeschreiblich melodisch war
ihre Stimme, sanft und durchdringend zugleich, sie hatte unnachahmlich
klagende Tne in ihrer Brust. Schon lange war sie nicht mehr jung, aber
die Zeit konnte ihr wenig rauben; bei diesen edlen regelmig schnen
Zgen vermite niemand den Glanz der Jugend; sie war ziemlich stark;
aber auch dies machte keinen belstand bei ihrer hohen Gestalt. Sie wre
ein Ideal gewesen, ber das hinaus man sich nichts denken konnte, htte
sie sich nicht zuweilen von der Lust, dem Publikum zu gefallen,
hinreien lassen, ihr groes Talent zu mibrauchen. So aber berschritt
sie oft die Grenzen des Schnen und ward frchterlich.

Als Isabella zum Beispiel in dem Trauerspiel: "The Fair Penitent"
(Die schne Bssende) [Funote: von Nicholas Rowe, seit der Urauffhrung
(1703) vielgespieltes Repertoirestck.], wo sie im fnften Akt
den Dolch sich ins Herz stt, verschied sie mit einem lauten,
konvulsivischen, herz- und nervenzerreienden Gelchter, das ziemlich
lange anhielt und den Zuschauern die Haare zu Berge strubte.
Aber so etwas will der Englnder, und halb London strmte ins Theater,
um Mme. Siddons lachen zu hren, obgleich die Damen Krmpfe und
Ohnmachten davontrugen.

Ihr wahrer Triumph aber war wohl die Rolle der Lady Macbeth: denn in
dieser hatte sie ein weites offenes Feld fr ihr groes Talent. In der
Szene des Nachtwandelns machte ihr bloer Anblick jeden Blutstropfen
erstarren.

Ihr Bruder Kemble verdiente ihr Bruder zu sein [Funote: John Philipp,
Bruder der Sarah Siddons, doch nicht von ihrer genialen Begabung.
Seine entscheidende Leistung lag auf dem Gebiete der Regie,
in seinem Bestreben, Kostm und Szenerie sinnvoll in den Gesamteindruck
einer Auffhrung einzugliedern, worauf man bis dahin wenig Wert legte.].
Seine Gestalt war noch sehr edel und schn, obgleich auch er
die Jugendjahre weit berschritten hatte. Zuweilen schien er vielleicht
ein wenig monoton, aber sein Spiel war immer durchdacht und motiviert,
und immer erkannte man darin seine Lehrerin.

Der junge Siddons, der noch obendrein seiner Mutter sprechend
hnlich sieht, und seine Frau, die mit Jugend und Schnheit
ein groes Talent fr sanfte, duldende, liebende Rollen vereint,
zeichneten sich ebenfalls aus, teils durch das, was sie schon damals
leisteten, teils durch die Hoffnungen, die sie, gebildet in dieser Schule,
fr die Zukunft gaben. Unmglich kann man die Rolle der Julia
lieblicher dargestellt sehen als von der jngeren Mme. Siddons.

Ein Meister anderer Art war Cooke. Die Natur versagte ihm eine schne
Gestalt; dafr gab sie ihm eine desto ausdrucksvollere Physiognomie,
besonders fr die Rollen, die er sich erwhlt hatte, Tyrannen,
Bsewichte; kalte, khne, trotzige Charaktere spielte er unbertrefflich.
Sein Triumph aber war Richard der Dritte. Nie war diese Rolle vor ihm so
dargestellt worden, nie wird sie nach ihm es werden; er machte darin
Epoche. Seine Feinde behaupteten sogar, er spiele sie immer, in allen
seinen anderen Rollen blicke immer Richard der Dritte hervor. Gestalt,
Ton, Blick, Gang, alles war in dieser Rolle Wahrheit an ihm. Wo er
unverhllt boshaft erschien, schauderte man vor seiner kalten
Besonnenheit, wo er heuchelte, bestach er selbst die Zuschauer Wenn er
mit kaltem Hohne alles, selbst seine eigene Hlichkeit bespttelte,
wenn er in wilder Verzweiflung "Ein Pferd! ein Pferd! Mein Knigreich
fr'n Pferd!" rief, wenn er mit heuchlerischer Demut das Herz der Lady
Anna am Sarge ihres Gemahls eroberte--immer war er sich gleich, immer
gro und wahr.

In Hinsicht der sonst hier gewhnlichen Pracht vernachlssigt man
oft die Shakespearschen Meisterwerke, die schon ihres inneren Werts
wegen immer ein geflltes Haus bringen, und verwendet den Flitter
lieber an neueren Darstellungen, die durch nichts anderes glnzen
knnen. Dennoch mu man jene Stcke gerade auf diesem Theater sehen,
um der groen Schauspieler willen, welche in den Hauptrollen
wahrhaft glnzen.

Die Nebenrollen fallen freilich umso unangenehmer auf. Das langsame,
einem Gebelle hnliche Perorieren der mittelmigen Schauspieler
wird erst lcherlich, dann unertrglich. Freilich mag es sehr
schwer sein, so laut zu sprechen und doch noch Modulation
in der Stimme zu behalten.

Leider spielt man fast alle Shakespearschen Stcke, die noch
gegeben werden, nach den Umarbeitungen Garricks der wie viele
seinesgleichen in dem Wahne stand, ein groer Schauspieler
msse auch ein guter Dichter sein, und deshalb sich mit dem
groen Meister ganz unerlaubte Freiheiten herausnahm [Funote:
David Garrick (1717-79), berhmter englischer Schauspieler,
Stckeschreiber und Theaterdirektor. Verkrperte eine neue
Schauspielkunst, die auf Schlichtheit und Natrlichkeit Wert legte.].
In "Romeo und Julia" zum Beispiel erwacht Julia, wie Romeo
noch sterbend ist; dies verursacht eine unaushaltbare Szene;
die Amme ist ganz gestrichen. "Hamlet" wird dem Originale ziemlich treu
gegeben, nur bleibt Fortinbras am Ende weg. Hamlet ist Kembles
Hauptrolle, er spielt sie bis in die kleinsten Details,
als htte er "Wilhelm Meister" gelesen.

Was Cooke und Kemble in der Tragdie, das waren Munden, Fawcett,
Lewis in der Komdie, vor allem Munden [Funote: William Lewis,
Inbegriff des jungen Gecken]. Dumme Bediente, alberne Jungen, wunderliche
alte Herren waren sein Hauptfach und Polonius im "Hamlet"
sein Triumph. brigens bertraf er in Gesichterschneiden
und nrrischen Stellungen alles, was wir je gesehen haben.
Strmisch geht es in Covent Garden her wie in Drury Lane.
Einst, bei einer Benefizvorstellung von "Menschenha und Reue"
[Funote: von August Kotzebue. Die erfolgreiche englische Fassung
hie "The Stranger or Misanthropy and Repentance"], welche in den
komischen Rollen besonders vortrefflich dargestellt ward,
trat im Zwischenakt ein junger Mann mit einem Hornpipe auf [Funote:
dazu fhrt Johanna in einer Funote an: "ein in Matrosenkleidung
getanztes Solo, wie man es auch zuweilen auf deutschen Bhnen sieht."].
Sehr unschuldigerweise gefiel er den hohen Gnnern, denn er tanzte
herrlich schlecht. Man forderte Wiederholung des Tanzes, aber
der junge Herr war so ungefllig, nicht zu erscheinen. Nun entstand
ein Lrmen, als sollte das Haus einstrzen wie weiland die Mauern
von Jericho vor dem Trompetenschalle. Wer solch einem Aufruhr
zum ersten Mal beiwohnt, kann sich in der Tat der Furcht nicht erwehren;
es bersteigt allen menschlichen Begriff. Ein Schauspieler stand
auf der Bhne und wartete, bis die Schreihlse einmal wrden pausieren
mssen. Der Moment kam endlich; mit tiefen Bcklingen trat er hervor
und erbat sich die Erlaubnis, ein Lied zu singen, dabei versicherte er,
der andere Gentleman wrde gleich darauf tanzen, er erhole sich
nur ein wenig. Jetzt war der Beifall ebenso rauschend als zuvor
der Tadel; der Snger sang ein nrrisches Lied von einem Yorkshireman
[Funote: ebenfalls Johanna: "Die Bewohner von Yorkshire sind wegen
ihrer schlauen Gewandtheit zum Sprichwort geworden. Man sagt von ihnen:
give him a saddle and he will find a horse, d.i. gebt ihm einen Sattel,
ein Pferd findet er schon."]; es hatte unendliche Verse,
mute aber dennoch zweimal wiederholt werden. Da der Snger sich
nicht lange darum bitten lie, versteht sich von selbst.
Sowie das Lied geendigt war, trat der Tnzer wieder auf, man lie ihn
gelassen tanzen und pfiff ihn hinterher aus.

Im folgenden Zwischenakt ahmte ein Schauspieler die bekanntesten
Mitglieder beider Theater auf's tuschendste nach; etwas,
das doch wohl bei keiner Bhne anderer Nationen geduldet werden wrde.
Gang, Sprache, Deklamation, alles war zum Verwechseln; mit lautem Beifall
rief das Publikum den Namen des jedes Mal dargestellten Schauspielers
aus. Sehr interessant war es, dieselbe Stelle einer Tragdie
mehrere Mal hintereinander auf ganz verschiedene Weise deklamieren
zu hren. Auf alles dieses folgte noch ein Nachspiel, ohne welches
das Publikum gewi nicht ruhig nach Hause gegangen wre, obgleich
schon fast der Tag wieder anbrach.

Den grten Lrm aber erlebten wir in Sheridans Umarbeitung von
"Rollas Tod", im "Pizarro". Bis jetzt hatte man dieses Stck
nur in Drury Lane, aber vielmal hintereinander gegeben, denn Sheridan
war bekanntlich Mitdirektor jenes Theaters. Jetzt ward es mit neuen
prchtigen Dekorationen auch im Covent Garden angekndigt. Mme. Siddons
sollte die Cora, Kemble den Rolla, Cooke den Pizarro spielen.
Alle Logen waren lngst auf diesen Tag vorbestellt, alles war voll
Erwartung.

Die Direktion von Drury Lane konnte den Triumph von Covent Garden
unmglich gleichgltig ansehen, und sie ergriff sonderbare Mittel
ihn zu vereiteln. Fr's erste kndigte sie dasselbe Stck fr
den nmlichen Abend an. Der Fall, da das nmliche Stck an einem Abend
in beiden Husern gegeben werden sollte, war damals nicht vorgekommen,
solange die Londoner Theater existierten. Sodann gab sie den Tag
vor der Vorstellung ein prchtiges Mittagessen, Herrn Cooke zu Ehren.
Da auf englische Weise dabei viel getrunken ward, da der Held
des Tags mit einem ziemlichen Rausche nach Hause gebracht werden mute,
war in der Regel. Abends darauf, als das Schauspiel anfing, fand sich
eine ungeheure Menge Zuschauer ein, die glnzendste Versammlung,
die man seit langer Zeit in Covent Garden gesehen hatte. Zu Anfang
ging alles vortrefflich, bis Cooke als Pizarro auftrat und--trotz
aller Anstrengung--nicht imstande war, auch nur ein lautes Wort
hervorzubringen. Er versuchte zwei, drei Mal zu reden, umsonst,
er mute verstummen. Nur zu gut hatten die Schauspieler von Drury Lane
die Schwche ihres ehemaligen Mitgenossen gekannt und berechnet,
denn jedes Mal war Cooke den Tag nach einem Rausche durchaus heiser,
so da er unmglich spielen konnte. Das bel dauerte nur den
einen Tag, deshalb hatte man ihn abends vorher so hoch fetiert.
Der Zorn, das Wten des Publikums berstieg nun alle Grenzen;
das vom wildesten Orkan aufgeregte Meer ist nur ein schwaches Bild
des unbeschreiblichen Tobens des Parterres und der Galerien.
In den Logen blieb man ziemlich ruhig, die Damen zitterten,
alle waren leichenbla, und einige wurden ohnmchtig hinausgebracht.
Alle Schauspieler muten auf dem Theater bleiben. Mme. Siddons,
Kemble, der in der indischen Tracht [Funote: indianische Federmntel]
wunderschn aussah, standen ngstlich verlegen dem entsetzlichen Lrm
gegenber, denn sowie sie nur Miene machten, das Theater zu verlassen,
drohte man es zu strmen. Cooke war wie vernichtet im Hintergrunde.
So lrmte man eine starke Stunde durch; unbegreiflich blieb es uns,
wie es die Lungen nur aushielten. Kemble versuchte endlich Cookes
pltzliche Krankheit und ein anderes Stck fr den heutigen Abend
anzukndigen, kaum lie man ihn zu Worte kommen. "Pizarro, Pizarro!"
riefen tausend Stimmen, "Cooke ist betrunken!" riefen andere
und achteten nicht darauf, da Kemble mit den demtigsten Gebrden
das Gegenteil versicherte. Das Toben nahm jeden Augenblick zu,
die Schauspieler schienen sich ngstlich untereinander um Rat zu fragen.
Nun trat Kemble wieder vor und fragte: ob das Publikum dem
jungen Siddons erlauben wolle, den Pizarro mit dem Buch in der Hand
zu spielen. Lauter Beifall erfolgte, der Sturm legte sich, Cooke
schlich sich von der Bhne fort, und das Stck wurde genau
von da an weitergespielt, wo man erst abgebrochen hatte.

Unbegreiflich war uns die Fassung, mit der alle, besonders
Mme. Siddons und Kemble, nach einem solchen Auftritt fortspielten;
sie bertrafen sich selbst, die Dekorationen waren wunderschn,
und auch Pizarro nahm sich trotz des Buchs besser aus als man
erwarten konnte. Alles war vergeben und vergessen, nur da Kemble
das Stck fr den folgenden Tag wieder ankndigte, rief man ihm
von allen Seiten zu: "Sagt Cooke, er solle sich nicht wieder betrinken!"



Die italienische Groe Oper


[Funote: das groe Theater am Haymarket, bis 1714 The Queen's,
nachher The King's Theatre genannt. 1789 abgebrannt, 1791 neu erffnet
(dieses Haus stand in seiner Gre kaum der Mailnder Scala nach),
1867 wieder abgebrannt und 1892 abgerissen, da niemand mehr Geldmittel
fr dieses kostspielige Theater aufbringen wollte.]

Von diesem groen Theater, dem Stolz der Nation, wenden wir uns jetzt
zur italienischen Oper.

Obgleich die Vornehmsten es beschtzten, so ist dieses Theater
dennoch dem Volke verhat, weil es auf alle Weise dem Nationalgeiste
entgegenstrebt. John Bull geht hchstens einmal hin, um sich hernach
zeitlebens darber lustig  zu machen. Die fremde Sprache, das ganze
auslndische Wesen, vor allem die franzsischen Tnzer erscheinen ihm
wie ebenso viele Entheiligungen des vaterlndischen Bodens. Lngst
wre die ganze Anstalt zugrunde gegangen, wenn nicht der Groen Eitelkeit,
Prachtliebe und Vorliebe fr das Auslndische sie erhielte;
deutlich sieht man, da sie hier nicht gedeihen kann und trotz
der groen Summen, die darauf verwendet werden, nur kmmerlich vegetiert.

Das Haus, noch grer als Drury Lane, enthlt auer dem Parterre
fnf Reihen Logen und zwei Galerien. ber und ber mit Malereien
berladen, schien es, ungeachtet der sehr glnzenden Erleuchtung,
dennoch dunkler als die anderen Schauspielhuser. Die Verzierungen
waren ziemlich geschmacklos, berall schwrmen Amoretten zwischen
tausend Schnrkeln und Girlanden auf dunklem Grunde; das Ganze
erschien bunt, aber nicht heiter.

Dieses Theater ist der glnzendste Vereinigungspunkt des hohen Adels,
dem es hauptschlich seine Erhaltung verdankt; wer sonst auch noch
auf feinen Ton, auf Bildung, auf hohen Stil Anspruch macht,
der tut wenigstens als besuche er es fleiig und sei jedes Mal entzckt,
wenn er auch noch so oft mit geschlossenem Munde whrend der Vorstellung
ghnen mute. Alle Logen von unten bis oben sind zu Preisen vermietet,
fr welche man in mancher Stadt des festen Landes ein ganzes Haus
nich allein mieten, sondern sogar kaufen knnte.

Vom Monat Dezember bis Ende Junius sieht man wchentlich zweimal,
dienstags und sonnabends, in diesen Logen die schnsten, berhmtesten,
reichsten und vornehmsten Damen des Reichs in ihrem prunkvollsten
Schmucke versammelt. Strahlend von Diamanten sitzen sie in langen Reihen
und gewhren einen Anblick, der das eigentliche Schauspiel weit bertrifft.
Wer nicht abonniert ist, mu ins Parterre, welches hier an Rang
den Logen gleichgehalten wird. Das Billett kostet eine halbe Guinee,
und die Etikette befiehlt auch hier in Gala zu erscheinen, die Herren
in Escarpines, den Dreieck unterm Arme, die Damen auf's schnste
geschmckt; sonst wird man auf die erste Galerie gewiesen, die halb soviel
kostet als das Parterre. Ob sich aber dort im sechsten Stockwerk
viel sehen und hren lt, mssen wir billig bezweifeln.

Unser Schicksal wollte, da wir die von Winter komponierte Oper
"Calypso" sehen sollten, denn an eine Wahl ist hier nicht zu denken
[Funote: Peter von Winter (1754-1825), einst international angesehener
Komponist, seit 1788 in Mnchen Hofkapellmeister. Schrieb ber 40 Opern,
ferner Oratorien, Messen, Kantaten und Kammermusik. Zur Einstudierung
seiner Oper "Calypso" weilte Winter 1803-05 in London.]. Mehrere Wochen
hindurch erscheint eine und dieselbe Oper, ein und dasselbe Ballett
ununterbrochen hintereinander fort, bis Snger und Tnzer es mde sind;
denn das Publikum in den Logen ermdet nicht, immer das nmliche zu
sehen und es vortrefflich zu finden. Kaum dreimal werden den Winter ber
die Vorstellungen gewechselt.

Die berhmte Billington erschien als Calypso wenig zu ihrem Vorteile.
[Funote: Elizabeth, geb. Weichsel; geboren in London als Tochter
eines deutschen Musikers, gestorben 1818. 1794-1801 weilte sie
in Italien, kehrte dann nach London zurck und blieb bis 1809 am Theater.]
Ihre reichlichen vierzig Jahre konnte man bersehen, wre sie nur nicht
so unerlaubt dick gewesen, wie wir noch nie eine weibliche Gestalt
auf dem Theater erblickten, htte sie sich nur bemht, durch Spiel
und Ausdruck Jugend und Gestalt zu ersetzen. Aber sie hielt es
unter ihrer Wrde, Schauspielerin zu sein; bewegungslos stand sie da
und sang, und glaubte damit schon ein briges getan zu haben.
Die Englnder hielten sie fr die erste Sngerin der Welt.
Ihre Stimme war in der Tat rein, voll und besonders in der Hhe
von groem Umfang, dabei kunstmig gebildet, aber Ausdruck und Vortrag
fehlten ihr ganz. Wie es ihr vorgeschrieben war, so sang sie alles richtig
hintereinander ab, gleich einem Uhrwerke; brachte hin und wieder Kadenzen
und Triller an, wobei dem Zuhrer der Atem verging, und glaubte so
die hchste Stufe der Kunst erreicht zu haben. So ein Triller von
einer Viertelstunde, darber geht dem Eglnder kein Gesang der Welt.

Alle brigen Snger und Sngerinnen, grtenteils Italiener,
waren fast noch weniger als mittelmig. Unter den schlechtesten
als die schlechteste zeichnete sich die zweite Sngerin aus, und man
sagte uns, die Direktion htte sie blo engagiert, weil ihr die Kleider
ihrer Vorgngerin wie angegossen paten.

Das Orchester war lobenswert, die Dekorationen recht hbsch, aber bei
weitem nicht mit denen der anderen Theater in London zu vergleichen. Die
ganze Anstalt schien uns mit einer Mesquinerie [Funote: Kleinlichkeit]
betrieben, die sowohl der groen Summen, welche darauf verwendet werden,
als des Publikums, das sich dort versammelt, unwrdig ist.

Sehr vergngt sahen wir den Signore Telemaco endlich seinen Luftsprung
machen und freuten uns auf das Ballett. Leider aber hatte auch dieses
drei Akte und schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Es war ein moralisches,
sentimentales Wesen. Mlle. Parisot, L'Arborie, dessen Frau und
noch einige, deren Namen uns nicht beifallen, waren vortrefflich.
Die Haupttnzer sind es immer; denn man engagiert alljhrlich
ausgezeichnete Knstler aus Paris fr die Saison um groe Preise.
Desto schlechter stechen aber die anderen Tnzer, noch mehr
die Figuranten dagegen ab, sowohl in Hinsicht der Kunst als der Kleidung;
nirgends eine Spur des Geistes, der uns im Pariser Ballett in eine
andere Welt versetzt.

Nach ein Uhr kamen wir ermdet, als htten wir mitgetanzt,
zu Hause an, um sieben Uhr waren wir schon hingefahren.



Vauxhall


[Funote: der Vergngungspark entstand um die Mitte des 17. Jahrhunderts
und wurde gegen 1830 aufgelassen. Vauxhall, ursprnglich der Name
eines Dorfes, heute ein Stadtteil von London, diente in der Zeite der Blte
des Vergngungsortes auch fr hnliche Anlagen in anderen Stdten,
so auch in Edinburgh, von dem Johanna berichtet.]

Reizender, blendender, feenhafter lt sich nichts denken als dieser,
in einer kleinen Entfernung von London am Ufer der Themse gelegene Garten,
besonders in sogenannten Galanchsten, wenn er zur Feier des Geburtstages
irgend eines Mitglieds der kniglichen Familie in doppelter Erleuchtung
prangt. Gegen fnfzehntausend wohlgekleidete Mnner und Frauen wandeln dann
im Schimmer unzhliger Lampen auf diesem magischen Flecken Erde
zwischen schnen Bumen und blhenden Struchern im frhlichsten Gedrnge
umher. Musik tnt durch die laue Sommernacht, alles atmet Lust und
Vergngen; es ist, als betrte man das Paradies der Mohammedaner.
Nirgends sieht man herrlichere Gestalten als hier, wo die in allen Farben
prangende sonnenhelle Beleuchtung jeden Reiz erhht.

Gleich der Eintritt in diesen Zauberort berrascht und blendet.
In der Mitte eines groen, ringsum mit schnen Bumen umgebenen Platzes
erhebt sich das Orchester hoch in die Luft. Aus tausendfarbigen Lampen
zusammengesetzt, strahlt es blitzend gegen den dunklen nchtlichen Himmel
wie ein aus Edelsteinen erbauter Feenpalast. Leicht und lustig steht
das phantastische Gebude da, und doch innerlich fest genug, um nahe
an hundert Personen sicher zu tragen.

Hinter den ebenfalls erleuchteten Bumen ziehen sich oben
bedeckte Arkaden hin, unter welchen mehrere hundert kleine Bogen
und Pavillons angebracht sind. Auch an diesen Arkaden reiht sich
Lampe an Lampe; oben, unten, an den Seiten, berall funkelndes Licht
und brennende Farbenpracht. Von diesem Platze aus laufen mehrere
hell erleuchtete Alleen neben einigen dunklen. Letztere betritt
die gute Gesellschaft nie. Transparente Gemlde endigen die
erleuchteten Alleen; Sle mit Statuen, Transparenten, Blumen und
kristallenen Girlanden geziert, bieten Schutz gegen Klte, Wind
und pltzlich einfallenden Regen. In einigen vom Orchester entlegenen
Slen spielen kleine Musikchre.

Mehr als hundert wohlgekleidete, gewandte Aufwrter stehen neben
den Bogen, welche den groen Platz umgeben. Jedes Winks bereit,
besetzen sie im Nu die darin fertig gedeckt stehenden Tische mit allem,
was man an einem solchen Orte von kalten Speisen und Getrnken
verlangen kann.

Das Orchester besteht grtenteils aus Blasinstrumenten. Wir hrten hier
unter anderen ein Konzert auf der Trompete in einer Vollkommenheit,
deren Mglichkeit wir nie getrumt htten. Ein im Dienste des Prinzen
von Wales stehender Knstler blies es.

Auch die beliebtesten englischen Theatersnger, einige wenige
der vornehmsten ausgenommen, lassen sich hier mit einzelnen Arien,
Volksliedern, Kanons und vielstimmigen Gesngen hren. Im Freien
klingt jede Musik gut, aber der Effekt, den diese aus dem
Feentempel erschallenden mchtigen Tne in der funkelnden,
schweigenden Nacht hervorbringen, ist unbeschreiblich;
denn trotz der groen Menschenmenge hrt man doch nirgends
wilden Lrm auf diesem Platze. Schweigend oder flsternd
wandelt alles umher und horcht der Musik, bis eine Glocke uns
in einen etwas abgelegenen Teil des Gartens ruft.

Dort sehen wir in einem groen, sich bewegenden Gemlde einen Wasserfall
auf das tuschendste dargestellt. Man hrt das wilde Rauschen
der Flut und sieht sie in stubendem Schaum sich verwandeln.
Die Szene belebt noch eine am Fue des Wasserfalls angebrachte Brcke,
ber welche mancherlei Fuhrwerke, Fugnger, Reiter und Tiere
passieren, alles auf's natrlichste und tuschendste dargeboten.

Von hier kehrt man zum Orchester zurck, von welchem um diese Zeit
gewhnlich eine groe Arie oder sonst ein ausgesuchtes Tonstck
erschallt; dann lustwandelt man in den hellen Alleen und besucht
die verschiedenen Sle. Pfeilschnell verfliegt die Zeit; ehe man
es erwartete, ist's Mitternacht. Eine zweite Glocke ruft uns
in einen anderen Teil des Gartens, zu einem artigen Feuerwerke,
bei welchem man aber freilich nicht an die Flammenpracht
im Wiener Prater denken mu. Nach dem Feuerwerke verteilt sich
der grte Teil der Gesellschaft in die Logen, wo man in kleinen,
selbstgewhlten Kreisen frhlich zu Abend it und dabei die drauen
umher wandelnde schne Welt die Musterung passieren lt.

Spterhin wird auf dem grnen Rasen in der Nhe des Orchesters
getanzt. Die Damen, welche hier tanzen, mgen freilich wohl nicht
die unbescholtensten sein. Schwerlich wrde sich in London
ein Mdchen von gutem Rufe zu einer solchen ffentlichen Ausstellung
verstehen; auch bemerkten wir fast immer dieselben Tnzerinnen
und schlieen daraus, da sie vom Unternehmer der Anstalt
hier zu tanzen engagiert sind. Indessen, sie tanzten mit
dem Ausdruck der Freude und dennoch anstndig, so da sie
eine vollkommene Illusion hervorbrachten. Alle waren schn, jung
und wohlgekleidet, und so fragte niemand danach: wer sie wohl
eigentlich sein mchten?

Gewhnlich bricht der Tag ber alle diese Freuden an, doch
pflegt die gute Gesellschaft sich vor zwei Uhr zu entfernen;
spter artet der Ton aus und wird zuweilen zu wild und baccantisch,
als da man gern dabei verweilen mchte.



Konzerte


Berhmte Virtuosen, welche in London binnen wenigen Jahren
ein Vermgen erwarben, das sie auf dem festen Lande whrend
einer ganzen Lebenszeit nicht erworben htten, wissen am besten,
wie man hier die Musik liebt.

Die Nation selbst ist eigentlich nicht musikalisch. Es fehlt ihr
nicht blo an Talent, sondern auch an Gehr und Geschmack.
Daher gibt's nichts Ungeflligeres, Monotoneres als die englische
Volksmusik. Wir haben schon frher bemerkt, da hier der Text
mehr gilt als die Melodie, deutliche Aussprache mehr als alle Kunst
des Sngers.

So ist's beim Volk und der mittleren Klasse; die Groen aber,
welche auf Reisen Gelegenheit hatten, das Bessere kennenzulernen,
nehmen auslndische Talente gern in Schutz und belohnen sie mehr
als frstlich. Viele von ihnen haben in ihren Husern zu bestimmten
Tagen musikalische Vereine, an welchen fremde berhmte Tonknstler
teilnehmen. Wohl dem, der mit einer einzigen Bekanntschaft
oder Adresse nach London kommt; sein Glck ist gemacht.

Verschiedene groe Subskriptionskonzerte existieren den Winter ber
in London, wo alle bedeutenden fremden und einheimischen Virtuosen
engagiert sind. Auch diese Konzerte, die ziemlich kostbar sind,
werden grtenteils von den Vornehmeren besucht und erhalten.
Das glnzendste derselben wird whrend der beiden letzten
sogenannten Wintermonate wchentlich einmal in Hanover Square,
in einem schnen, hochgewlbten Saale gegeben, an welchen
zwei brillante Konversationszimmer stoen. Es ist hauptschlich
der Vokalmusik geweiht. Nie hat uns ein Konzert mehr Vergngen
gewhrt als dies. Das sehr glnzende Auditorium war still und
aufmerksam. Londons beste Snger wetteiferten miteinander.
Mme. Billington, die uns im Konzerte weit besser gefiel als zuvor
in der Oper, Mme. Storace, Mme. Dusseck, die Frau des
berhmten Klavierspielers [Funote: Tochter Domenico Corris,
eines Opernkomponisten. Corri grndete 1797 mit seinem Schwiegersohn
Dusseck in London einen Musikverlag, der aber bald fallierte.
Johann Ladislaus Dusseck (geb. 1761 in Bhmen, gest. 1812 in Paris)
war ein bedeutender, vor allem aber sehr effektvoller Virtuose
am Pianoforte.], sangen sehr angenehm. Letztere lie sich auch
auf der Harfe hren, die sie meisterhaft spielte. Besonders
entzckte uns der Tenorist Braham [Funote: eigentlich Abraham, John;
(1774-1856). Bedeutender Snger, der zeit seines Lebens in London wirkte.
In Webers "Oberon", der fr London komponiert wurde, war er
der erste Hon.], welcher damals vielleicht die schnste Stimme hatte,
die existierte. Er ist eigentlich ein Israelit und heit Abraham.
Arien, Duette und vierstimmige Musikstcke wechselten miteinander ab,
manches mute wiederholt werden, denn der Englnder, hoch oder
niedrig, lt sich's nicht nehmen, fr sein Geld zu befehlen,
ohne Umstnde und Ansehen der Person. Die Knstler mssen gehorchen,
wenn's ihnen auch noch so schwer wird, und sich's am Ende
noch zur Ehre rechnen, wenn sie encored werden, wie man's
hierzulande nennt.

Am Ende des Konzerts sang ein siebenjhriger Knabe, der Sohn
des Unternehmers, ein italienisches Liedchen, gut genug fr sein Alter.
Die Gutmtigkeit des englischen Volks, die gern jedes aufkeimende
Talent aufmuntert, zeigte sich hier. Auch er wurde encored,
obgleich es schon Geduld erforderte, das kindliche Stimmchen
gleich nach Brahams mnnlich schnem Gesange auch nur einmal
anzuhren.



Palast von St. James. Die Parks von Kensington Gardens


Kein Frst, auch nicht der kleinste regierende Herr, dessen Besitzungen
kaum auf der Karte zu finden sind, hat eine schlechtere Residenz als der
Knig von England. Kaum traut man seinen Augen, wenn man das alte,
winkelige, rostige Gebude ansieht, das mit dem stolzen Titel: St. James
Palast prangt [Funote: nach dem Brand von Whitehall (1691) die stndige
Residenz der englischen Knige von Wilhelm III. bis Georg IV.; 1809
zerstrte ein Feuer den Ostflgel, so da wenig mehr vom alten Tudor
Palast brigblieb.]. Auch bewohnte Knig Georg der Dritte es
gelegentlich nicht, und nur zum Schein prunkte ein groes Bette mit
rotsamtenen Vorhngen im groen Leverzimmer.

Alle Hoffeierlichkeiten wurden zwar nach althergebrachter Weise
in diesem kniglichen Rattenneste gehalten; aber die hohen Herrschaften
begaben sich immer vorher incognito hin und wohnten eigentlich
im Palaste der Knigin, Buckingham House genannt [1703 von John Sheffield,
Herzog von Buckingham, erbaut, 1761 von Georg III. angekauft und
von Georg IV. 1825 nach Plnen von Nash umgebaut und spter
noch mehrmals ergnzt, zum letzten Mal 1913 von Aston Webb.
Seit dem Regierungsantritt der Knigin Victoria (1837) Residenz
der englischen Herrscher: Buckingham Palace.], einem etwas
moderneren Gebude, welches aber auch, weit entfernt von aller
kniglicher Pracht, weder sehr gro noch sehr schn aus bloen
Ziegelsteinen erbaut war. Es liegt in dem an den Palast von St. James
anstoenden St.James Park, der Lieblingspromenade der Londoner.

Dieser Park ist eigentlich nur eine sehr schne groe Wiese,
durchschnitten von angenehmen Fuwegen, belebt durch einen ihn
durchkreuzenden Kanal und geziert mit hin und wieder zerstreuten
Gruppen schner alter Bume. Alles darin ist einfach, aber
unaussprechlich angenehm durch den Kontrast dieser lndlichen Stille
mit dem Gerusche der groen Hauptstadt, aus welchem man
unmittelbar hineintritt.

Am westlichen Ende des Parks liegt Buckingham House mit seinen Grten.
Der Green Park zieht sich lngs diesen hin, ebenfalls eine
zur Promenade eingerichtete Wiese, mit wenigen Bumen besetzt.
Der Hyde Park begrenzt beide; grer als sie, geht er bis an
die Grten von Kensington; ein in mannigfaltigen Krmmungen
sich hindurchwindender silberheller Strom verschnt ihn;
Khe und schne Pferde weiden am Ufer, alles ist frisch und grn,
als wre man hundert Meilen von der Stadt.

Wenn man vom Hyde Park aus in die Grten von Kensington tritt,
whnt man am Eingange eines uralten heiligen Hains zu sein;
so majesttisch erheben die hohen, schnen Bume, der ausgezeichnetste
Schmuck jener Grten, ihr prchtiges Laubgewlbe. Diese Grten,
das gewhnliche Ziel der Spaziergnger, gehren ebenfalls dem Knige
und stehen, solange die schne Jahreszeit whrt, von acht Uhr morgens
bis acht Uhr abends dem wohlgekleideten Publikum offen.
Sie sind nicht im neuesten Geschmacke angelegt, man findet noch
nach alter Weise breite, nach der Schnur gezogene Alleen darin
und eine gewisse Symmetrie, von welcher die neue Gartenkunst
nichts wissen will; desto besser aber eignen sie sich zur Promenade
einer groen Hauptstadt. Angefllt mit Spaziergngern, die unter
diesen prchtigen Bumen lustwandeln, machten sie einen ebenso
reizenden als imposanten Eindruck.

Der zu diesen Grten gehrende Palast von Kensington verdient nur
wegen seines Eigentmers diesen prchtigen Namen. Die knigliche Familie
kommt nie hin, er wird von einigen Privatpersonen bewohnt,
welche vom Knig die Erlaubnis dazu erhielten.

Jeden Sonntag nachmittags bei schnem Wetter wimmelt im Sommer
der St. James Park von wohlgekleideten Spaziergngern, die zwar
Nobodies sind, sich aber doch ebenso gut ausnehmen, als wrden sie
wirklich mitgezhlt. Alles was die Woche hindurch sich in den
Ladengewlben und Arbeitszimmern der City abmhte und kein Haus
zu hten hat, eilt dann hinaus, um frische Luft zu schpfen,
grne Bume zu sehen und wohl auch seinen Sonntagsputz zu zeigen.

Der Anblick dieser wohlgekleideten Menge ist sehr angenehm;
weit interessanter aber noch der, den der Hyde Park im Frhling
gewhrt. An schnen Sonntagsmorgen, nach Londoner Rechnung
zwischen zwei und fnf Uhr nachmittags, fhrt, reitet und geht
dann die schne Welt dort spazieren. Eine unzhlbare Menge
der schnsten Equipagen, der herrlichsten Pferde bedecken
in dieser Zeit den durch Hyde Park fhrenden Fuhrweg bis Kensington;
kein Fiaker, kein ffentliches Fuhrwerk darf diesen Weg befahren;
nichts darf sich zeigen, was uns daran erinnern knnte,
da es auch Leute in der Welt gibt, die nicht reich und vornehm
sind. Der Anblick der vielen schnen Reiter und Pferde,
der tausend Equipagen von allen Formen und Gren, der schnen
Frauen und lieblichen Kinderkpfchen, die aus diesen herausgucken,
ist einer der prchtigsten, den nur irgendeine groe Hauptstadt
gewhren kann. Nichts gibt einen anschaulicheren Beweis
der Opulenz und Bevlkerung Londons.

Auch die Spaziergnge wimmeln von Spazierengehenden, die zum Teil
jene schimmernden Equipagen verlieen, um hier zu lustwandeln
und Bekannte zu treffen. Besonders brillant sind dann die Alleen
von Kensington; man hat berechnet, da an solchen Tagen bisweilen
hunderttausend Menschen zugleich sich in den Parks und den Grten
von Kensington des blauen Himmels und der schnen Erde freuen.

Auch im Winter versammeln sich oft viele tausend Menschen dort,
besonders, wenn bei starker Klte der Strom im Hyde Park mit Eis
bedeckt ist. Dann zeigen die Schlittschuhlufer ihre Knste,
man eilt hin, sie zu bewundern; fr Erfrischungen und Wrme
ist in dazu erbauten Pavillons gesorgt, und was noch besser ist,
fr Hilfe bei mglichen Unglcksfllen, durch eine sehr zweckmige,
an den Ufern des Stroms errichtete Rettungsanstalt.



Des Knigs Geburtstag


Dieser Tag, der vierte Junius, welchen auch der Nachfolger
Georges des Dritten als seinen Geburtstag angenommen hatte,
ist fr die Londoner feiner Welt der wichtigste im ganzen Jahre,
der Wendepunkt, welcher den Sommer von dem Winter scheidet,
er gibt fr die nchsten zwlf Monate den Ton an fr Moden, Equipagen;
alles wird fr diesen Tag und nach diesem Tag berechnet.
So war es wenigstens, solange des alten Knigs Gesundheit
ihm erlaubte, sich ffentlich sehen zu lassen. Sein spteres
anhaltendes belsein wird freilich in Hinsicht des an diesem Tage
blichen Zeremonielles manche nderung herbeigefhrt haben,
doch die Hauptsache blieb gewi, solange er lebte, und es wird
auch spter, solange es Knige von England gibt.

Schon Monate vorher sind alle Sattler, Wagenfabrikanten, Schneider,
Juweliere und Modehndler in groer, eilender Geschftigkeit;
neue Kleider, neuer Putz werden ersonnen und gemacht,
Juwelen umfat, Pracht-Equipagen und glnzende Livreen angeschafft,
alles wird aufgeboten, um an diesem Tage eine Stunde lang zu glnzen,
denn viel lnger whrt die ganze Herrlichkeit nicht. Die Zeitungen
tun freilich das ihrige nach besten Krften, um diesen Glanz,
soviel an ihnen liegt, zu verewigen. Sie fllen viele Tage hindurch
lange Kolonnen mit Beschreibungen desselben aus, jedes Qustchen
an den Damenkleidern, jeder Stickerei an den Galapercken der Herren
wird ehrenvoll darin gedacht, auch Wagen und Livreen werden
nicht vergessen; aber was hilft das alles? Solch eine papierene
Ewigkeit ist in unseren Tagen von gar kurzer Dauer.

Im Park von St.James bemerkten wir an diesem Tage um ein Uhr
viele Leute vor einer kleinen Hintertre des Palastes, die den Knig
dort aussteigen sehen wollten, wenn er vom Buckingham House kme.
Kanonendonner verkndete einstweilen die Feier des Tages;
Erwartung, Freude, Liebe strahlte von allen Gesichtern, denn das Volk
hing mit kindlicher Liebe an dem guten alten Georg, unter dessen
langer Regierung der grte Teil desselben geboren ward.
Wir warteten seine Ankunft nicht ab, um nicht zu sehr ins Gedrnge
zu geraten, sondern begaben uns in die schne und breite Strae
von St.James, welche gerade zum Haupteingange des Palastes fhrt.
Von dem Balkon eines Privathauses konnten wir dort den Zug
der Glckwnschenden bequem ansehen.

Es war ein schner, lebensfroher Anblick! Kein Fenster, kein Balkon
der ziemlich langen Strae blieb unbesetzt, frohe Gesichter
schauten aus allen herab; Kopf an Kopf, dicht gedrngt, sogar die Dcher
wimmelten von Zuschauern; eine unzhlbare Menge wohlgekleideter
Leute drngte sich auf der Strae weit ber den Fupfad hinaus,
so da in der Mitte kaum Platz fr die Wagen blieb. Eine Menge
Equipagen und Mietwagen bildeten an der einen Seite eine lange,
stillstehende Reihe. Fast lauter hbscher Frauen und Mdchen
blickten neben den reizendsten Kinderkpfchen neugierig
daraus hervor in das bunte Gewhl. Vor dem Schlosse paradierte
die schne knigliche Garde zu Pferd, reich gekleidete Hofbediente
standen am Tore desselben, auch die hundert Yeomen des Knigs
eigentlich eine Art Schweizergarde [Funote: King's Body Guard
Yeomen of the Guard, 1485 als Leibwache fr den Herrscher aufgestellt.
Nicht zu verwechseln mit den Yeomen Warders, die im Tower den Dienst
versehen und bedeutend frher gegrndet wurden.]. Ihre Kleidung
ist noch genau dieselbe, die sie im fnfzehnten Jahrhundert war,
bunt und wunderlich anzuschauen. Das Volk nennt diese Trabanten
des Knigs Ochsenfresser, the King's Beefeaters, und ihre
wohlgenhrten Figuren scheinen diesen Ehrentitel reichlich zu verdienen.
So sonderbar sie in der ber und ber mit Gold besetzten, scharlachroten
altenglischen Kleidung, mit den auf Brust und Rcken glnzenden
silbernen Schilden und dem flachen, mit bunten Schleifen
gezierten Barett auch aussehen, so gibt ihre Erscheinung
dem Feste doch etwas Feierliches, Altvterisches, das uns
in vergangene Zeiten versetzt. Dieser Eindruck wurde noch vermehrt,
als die lange Reihe der Leute von der Feuer-Assekuranz-Kompagnie
aus dem Palaste wo sie ihren Glckwunsch abgelegt hatten, in Prozessionen
nach einer Taverne zog, um dort auf des Knigs Gesundheit
feierlichst zu trinken. Auch diese erschienen in wunderlicher,
karmesinroter Kleidung. Vor ihnen her wurde das beliebte
God save the King geblasen [Funote: in dem zu jener Zeit stark
feuergefhrdeten London gab es keine stdtische Feuerwehr,
sondern die Phnix Versicherungsgesellschaft hielt sich
eine Truppe von Leuten, die eingesetzt wurden, wenn ein
bei der Gesellschaft versichertes Haus in Brand geriet.].

Durch alles dieses hindurch bewegte sich langsam die unabsehbare
Reihe Kutschen, in welchen die Gratulanten nach Hofe fuhren.
Diese gaben den reichsten und mannigfaltigsten Anblick.
Nirgends kann man prchtigere Kutschen von der neuesten, noch nie
zuvor gesehenen Form, nirgends schnere, stolzere Pferde erblicken.
Ein Schwarm reichgekleideter Livreebedienten umgab die Schritt
vor Schritt langsam fahrenden Wagen, ungeduldig schnoben die Pferde,
aber der mit einer groen, runden Percke versehene, auf dem
befransten Bocke majesttisch thronende Kutscher hielt sie in Respekt.
Wie in anderen Lndern Schnurrbrte, so sind in England solche
dicken runden Percken Abzeichen der Kutscher, und je vornehmer
der Herr, je grer sind die Percken.

Die reichgekleideten Herren und Damen in den Kutschen schienen sich
bei der langsamen Kavalkade ein wenig zu langweilen. Die Damen
nahmen sich von oben nicht sehr grazis aus in dem berladenen
Putze und der steifen, ngstlichen Stellung; fast wie die berfllte
umgestlpte Schachtel einer Modenhndlerin, ein formloser Berg
von Flor, Blumen, Federn und tausend schnen Sachen.

Der Lord Mayor und die Sheriffs der City in ihrer schwarzen Amtskleidung,
mit schweren goldenen Ketten geschmckt, fuhren in groen, ber und ber
vergoldeten altmodischen, doch neuen Staatswagen, an welchen berall
fast ebenso vergoldete Bediente mit groen Federhten hingen.
Zum Teil ziemlich rosige Hofkutschen (die uns an die Dresdner Fahrten
nach Pillnitz erinnerten) machten von Zeit zu Zeit von ihrem Vorrechte
Gebrauch, aus der Reihe hinaus allen anderen vorbeizufahren.

Die Herzge von York, von Glocester und andere Glieder der kniglichen
Familie saen in beinahe ganz glsernen Staatswagen, so da man sie
von allen Seiten deutliche sehen konnte.

In alle diese Pracht mischten sich ganz gewhnliche Fiaker
und behaupteten ihren Platz in der glnzenden Reihe so gut wie die anderen.
Grtenteils saen Offiziere und Geistliche darin, ja ein Spottvogel
neben uns wollte in einem derselben drei Bischfe erblicken, die so,
das Stck fr sechs Pence, an den Hof fuhren.

Zur Seite dieses langen Zuges trabten brillant gekleidete
Portechaisentrger ihren Hundstrott, mit schn aufgeputzten
Portechaisen, deren Deckel des hohen Standes der darin sitzenden
glnzenden Dame, und ein Schwarm reichgekleideter Livreebediensteten
begleitete jede derselben.

Von ein bis sechs Uhr whrte dieser Zug ununterbrochen fort,
ohne zu stocken; die Herren und Damen stiegen aus, sowie sie ankamen,
machten dem Knig und der Knigin ihr Kompliment, vielleicht ohne
im Gewhl der Menge einmal bemerkt zu werden, und fuhren dann wieder fort,
um anderen Neuankommenden Platz zu machen. Dies war die ganze Freude,
mit so vielem Aufwande an Geld, Zeit und Vorsorge errungen.

Nach der Cour gab die Knigin ein Familiendinner, das einzige im ganzen
Jahre; auf dieses folgte ein Konzert, zu welchem der dafr besoldete
Hofpoet jedesmal eine neue sogenannte Ode machen mu. Auch zum Konzert
werden nur wenige von den Vornehmsten auserwhlt und zugelassen. Sonst
pflegte diesem Konzerte noch ein Ball zu folgen, der hchstens zwei
Stunden whrte und bei welchem die strenge Rangordnung und Etikette den
Vorsitz hatte; seit einigen Jahren aber begngt man sich mit brigen
Freuden des Tages.

Abends waren einige ffentliche Gebude, die Theater und die Huser
der Kaufleute und Handwerker, welche den Hof bedienen, ziemlich hbsch
illuminiert, und damit endigte dieser wichtige Tag.



Pension fr Mdchen


[Funote: der fnfzehnjhrige Arthur notierte dazu: "Mittwoch
den 1sten Juny. Wir waren diesen Mittag bey Hrn. Harris, er wohnt
dicht vor London, hat aber von seinem Hause eine sehr schne Aussicht.
Wir fuhren diesen Abend mit ihm nach einer Pension (Boarding-School)
von jungen Mdchen, wo Hr. Harris auch zwey Tchter hatte.
Sie lernen hier auch tanzen, und hatten heute eine Art Ball,
wo sie alle in Gegenwart ihrer Eltern, und andrer, die als Zuschauer
hinkommen, tanzen. Es war ein allerliebster Anblick hier ber 40
junge Mdchen, von acht bis sechzehn Jahren, wirklich mit vielem
Anstand, unter sich, und alle gleich gekleidet, tanzen zu sehn.
Nachher wurden ein Paar Tnze getanzt in die sich auch Herren mengten,
und die ich auch mittanzte."]

Oft begegneten wir sonntags auf unseren kleinen Lustreisen in der Gegend
bei London einem Zuge von dreiig bis vierzig jungen Mdchen, auf dem
Fupfade neben der Landstrae andchtig zur Kirche wandelnd. Es war ein
lieblicher Anblick. Schneewei gekleidet, mit artigen Strohhten, gingen
sie paarweise hintereinander fort, einige in eben aufblhender
jugendlicher Schnheit, andere frisch und rot in knospender Kindheit.
Mehrere Aufseherinnen begleiteten sie, strenge wachend ber jeden Tritt,
jede Miene, damit ja kein Freudensprung, kein lautes Lachen ihnen auf
dem ernsten Wege entschlpfte. Zuweilen kam von der anderen Seite ein
hnlicher Zug Knaben daher, dem nmlichen Ziele zuwandelnd, begleitet
von seinen Lehrern. Die Aufseher und Aufseherinnen und grten sich wohl
als Bekannte, aber die Kinder schielten sich nur von der Seite ein wenig
an und wandelten mit gezwungenem Ernst weiter. Es waren die Zglinge aus
irgendeiner der vielen Pensionen, welche jeden Sonntag zweimal feierlich
zum Gottesdienste getrieben werden. Drfer und Flecken ringsumher
wimmeln von solchen Erziehungsanstalten, die alle gedeihen, da fast
niemand seine Kinder zu Hause erzieht, wo sie zu viel Unordnung und
Unruhe machen wrden. Sowie Knaben und Mdchen aus der Kinderstube
kommen, werden sie in jene Erziehungsanstalten gegeben und kehren erst
nach ganz vollendeter Erziehung, beinahe erwachsen, in das vterliche
Haus zurck.

Die Mdchen lernen in diesen Anstalten von allem etwas, aber wenig
Grndliches. Man lehrt sie Geschichte und Geographie; dennoch
wei eine Englnderin selten, wie es auer ihrem Vaterlande aussieht
und was dort in frheren Zeiten sich begeben hat. Auch in der
franzsischen und italienischen Sprache erhalten sie Unterricht,
aber dem Fremden, der nicht Englisch kann, ist damit nichts gebessert;
schwerlich wird er in der Gesellschaft eine Dame finden, die ihm
in einer fremden Sprache Rede stnde. Musik und Zeichnen
wird sehr oberflchlich und gewhnlich nur betrieben, um beides
spterhin so bald als mglich wieder zu vergessen. Die Mdchen
lernen sticken, Papierblumen machen, sie fabrizieren artige
Papparbeiten, Kstchen von vergoldetem Papier, Vasen von Eierschalen,
tausend zierliche Dinge; aber was man eigentlich fr's Haus braucht,
bleibt ihnen gewhnlich unbekannt. Der Hauptzweck des grten Teils
der Vorsteherinnen solcher Anstalten ist vor allen Dingen,
einmal im Jahre mit ihren Zglingen recht zu glnzen, wenn sich
die Eltern und Verwandten derselben bei dem groen Prfungsfeste
versammeln. Mehrere Monate vor diesem Feste hrt schon aller
ernstliche Unterricht auf, alles wird angewendet, um die Kinder
fr den wichtigen Tag zu dressieren. Musikstcke werden ihnen
eingelernt, die sie vor der entzckten Versammlung mechanisch
ableiern sollen, Zeichnungen werden mit Hilfe des Lehrmeisters
verfertigt und dergleichen mehr. Die Hauptsache aber bleibt,
sie fr den Ball, der abends gegeben wird, abzurichten, und
der Tanzmeister kommt mehrere Wochen lang kaum aus dem Hause.

Eine Dame unserer Bekanntschaft, deren Tchter in dem nahe bei London
gelegenen Flecken Southwark in Pension waren, fhrte uns
zu solch einem Fest dahin. Die Vorsteherin des sehr groen Hauses
empfing uns mit vieler Artigkeit. Wir wurden in einen groen Saal
gefhrt, an dessen einem Ende die hocherfreuten Mtter und brigen
Verwandten der jungen Mdchen saen; die Zglinge selbst waren
am entgegengesetzten Ende auf mehreren Reihen amphitheatralisch
bereinander sich erhebender Bnke wie zur Schau ausgestellt.
Auch gewhrten sie einen sehr reizenden Anblick. Man denke sich
fnfzig junge Mdchen von acht bis sechzehn Jahren, hbsch,
in blhender Gesundheit, einfach, aber geschmackvoll in die Uniform
des Hauses gekleidet, mit schneeweien kurzen Kleidern und
blauen Schuhen. Ein silbernes Netz um's Haar, eine silberne Schrpe
um den Leib war ihr ganzer Putz; so saen sie da, glhend
vor rascher jugendlicher Erwartung und Freude.

Unter Anleitung des Tanzmeisters begann endlich der Ball.
Die Mdchen tanzten unter sich lauter ganz bescheidenen Tnze;
keinen Walzer, keinen Shawltanz, keine knstlichen Sprnge,
sondern eine Art Menuette zu sechs bis acht Paaren, welche
der Tanzmeister fr sie eigens komponiert hatte und die wohl
sonst nirgends in der Welt getanzt werden als in Pensionsanstalten
wie dieser. Die geschickten Tnzerinnen hatten kleine Solos darin,
um sich recht zu zeigen. Nach Endigung jedes Tanzes wurden sie
von Mttern und Verwandten gelobt und geliebkost. Nur zwei
arme kleine Hollnderinnen standen traurig und unbemerkt
in einer Ecke allein, niemand bekmmerte sich um die Fremden,
die aus ihrem Vaterlande hierher zur Erziehung geschickt waren.
Wir, Fremdlinge wie sie, fhlten uns ihnen verwandt, riefen sie
zu uns, erzhlten ihnen, da wir unlngst aus ihrem Vaterlnde kmen,
und hatten bald den Trost, auch aus ihren kindlichen klaren Augen
die Freude leuchten zu sehen. Als die auf die Lnge etwas langweilige
Paradetnze abgetan waren, kamen einige englische und schottische
an die Reihe. Froh, des Zwangs entledigt zu sein, hpften
die lieblichen Kinder unbefangener umher, und einige junge
anwesende Vettern und Brder erhielten die Erlaubnis, sich mit ihnen
herumzudrehen.

Mit stiller Rhrung sahen wir ihre sorglose Freude. Tanzend bereiteten
sich die holden Geschpfe zu dem Leben, das sie jetzt, in dem Augenblick,
da wir dies niederschrieben, schon lngst mit seinem ganzen Ernste
ergriffen hat. Erwartungsvoll blickten damals so viele helle Augen
der Zukunft entgegen, als wre auch sie ein Tanz der Freude;
jetzt fllen sich diese Augen beim Andenken an jene unwiederbringlich
hingeschwundenen Tage wahrscheinlich mit Trnen der Sehnsucht.
Ahnend dachten wir damals ihrer Zukunft und verlieen sie,
noch mitten in der Freude, mit stillen Wnschen fr die Zukunft.



Pension fr Knaben


Gewhnlich sind es Landprediger, die irgend ein groes schnes Lokal,
unfern der Kirche, in welcher sie predigen, mieten oder kaufen
und neben ihren Berufsgeschften dieses Erziehungsgeschft treiben,
wobei sich die sehr ehrwrdigen Herren ungemein wohl befinden.
[Funote: dazu notierte Johanna in einer Funote. "Most reverend Sir,
sehr ehrwrdiger Herr, der Titel der englischen Geistlichen."]

Wir hatten Gelegenheit, die Erziehungsanstalt des Herrn Lancaster
in Wimbledon, acht englische Meilen von London, genau kennenzulernen.
Sie gilt fr eine der besten, selbst Lord Nelson lie zwei seiner Neffen
da erziehen [Funote: Admiral, Lord, lebte zu dieser Zeit zurckgezogen
mit Lady Hamilton in der Grafschaft Surry. Am 21. Oktober 1805
schlug die englische Flotte unter seinem Befehl die spanisch-franzsische
bei Trafalgar vernichtend. Er selbst kam dabei ums Leben.] Im Grunde
gleichen sich alle; nur die Zahl der Zglinge, die grere oder
beschrnktere Einrichtung des Ganzen unterscheidet sie voneinander.

Der sehr ehrwrdige Herr zu Wimbledon befate sich gar nicht mit
dem Unterrichte; unsichtbar fr seine Schler sa er den Tag ber
in seinem Studierzimmer, wo er eine Anzahl junger Fremder, die blo
als Kostgnger, nicht als Schler in seinem Hause lebten, im Englischen
unterrichtete. Nur mittags, nach vollendeten Schulstunden erschien er
auf einem Katheder im Schulzimmer, um sich von den Lehrern Rapport
abstatten zu lassen. Vier Lehrer, die im Hause wohnten und von denen
wechselweise einer jede Woche die Spezialaufsicht ber die Schler hatte,
gaben den notwendigen Unterricht, und zwar alle zugleich in dem
nmlichen groen Zimmer. Jeder steht auf einem kleinen Katheder,
und die Schler gehen wechselnd, pelotonweise von einem zum anderen.
Dies whrt vier Stunden lang ununterbrochen von acht bis zwlf.

Die Schule wird mit Gebet erffnet und geschlossen, ganz nach
der englischen Liturgie, wobei auch des Knigs, seines Hauses,
der Schwangeren und Sugenden usw. von den Knaben christlich gedacht
werden mu.

Die Knaben erhalten Unterricht in den alten Sprache, in Geographie,
Geschichte, Schreiben, Rechnen und der franzsischen Sprache.
Wer Fechten, Musik, Tanzen und Zeichnen lernen will, mu es besonders
bezahlen; die Lehrer dazu kommen wchentlich einige Male von London
herber; an alles brige Wissenswerte, was unsere Kinder in Deutschland
lernen, wird nicht gedacht.

Die Zglinge essen zusammen, ziemlich schlecht, unter Aufsicht
des die Woche habenden Lehrers, werden zu bestimmten Zeiten von ihm
auf der Gemeinhut des Dorfes spazieren getrieben, spielen unter
seiner Aufsicht auf dem groen Hofe und werden tglich in einem
groen Bassin gebadet, auch im Winter, wo dann erst das Eis aufgehauen
werden mu.

Alles, Lehre, Strafe, die ganze Behandlung der Kinder, wird nach
angenommenen Gesetzen mechanisch betrieben, ohne Rcksicht auf Alter,
Charakter und Fhigkeit. Wie knnte es anders sein, ihrer sind sechzig,
zwischen sechs und sechzehn Jahren; alle Wochen wechselt der
die Aufsicht habende Lehrer und dankt Gott, da er auf drei Wochen
die Last los ist und sich bei der sehr reichlich besetzten Tafel
des sehr ehrwrdigen Herrn mit den Kostgngern und der brigen
Gesellschaft, von der in der Woche ausgestandenen Not und Mangel
erholen kann. Kein Lehrer lernt die Kinder genauer kennen, da jeder sie
nur ungefhr zwlf Wochen im Jahre in so verschiedenen Zeitrumen
unter seiner Aufsicht hat.

Die Kostgnger haben dagegen ein herrliches Leben, denn sie bringen
dem ehrwrdigen Herrn dreimal soviel Guineen als die Schler.
Nur einige Schler, deren Eltern es zu bezahlen vermgen, gehren
auch dazu. Diese nehmen zwar an den Schulstunden teil, essen aber
an dem gut besetzten Tische, knnen nach Herzenswunsch im Lustgarten
und im Obstgarten ihr Wesen treiben, whrend ihre Kameraden
auf dem den Hofe bleiben mssen und entsetzlich geprgelt werden,
wenn sie sich einmal in jene verbotenen Reviere eingeschlichen haben.
So mssen die Kinder schon in der Jugend lernen, da dem Reichen
alles erlaubt, und Geld daher das hchste Ziel ist, wonach man
zu trachten hat.

Hat ein Knabe einen Fehler begangen, seine Lektion nicht gelernt
oder beim Spiel Unordnung gemacht, so wird ihm vom Lehrer zur Strafe
aufgegeben, eine Seite Griechisch oder Latein auswendig zu lernen.
Wenn er diese zur bestimmten Zeit nicht auswendig wei, so schreibt
der Lehrer seinen Namen auf und legt ihn auf's Katheder des Herrn
Lancaster. Abends werden dann die so Verklagten zu ihm ins Studierzimmer
gerufen, so viel ihrer sind, alle zugleich. Er redet sie mit Sir
oder Gentleman an und fragt, ohne fernere Untersuchung ihres Vergehens,
ob sie ihre Aufgabe gewut haben? Sie mssen natrlich mit "Nein"
antworten. Ohne sich auf etwas Weiteres einzulassen, fragt er:
was sie dafr verdient htten? Sie antworten: geprgelt zu werden,
und ohne Aufschub vollzieht der sehr ehrwrdige Herr an ihnen
dies Urteil mit eigener Hand, oft an sieben oder acht nacheinander,
ohne Rcksicht, ob der Knabe sechs oder sechzehn Jahre alt ist,
und dazu auf die beschimpfendste Weise.

Haben zwei Knaben miteinander Streit gehabt oder sich geschlagen, so
verklagt einer den anderen; wenn aber auch seine Klage noch so
sonnenklar wre, er bekommt kein Recht, solange der Beklagte leugnet.
Der Klger mu Zeugen mitbringen; sagen dagegen er und seine Zeugen noch
so augenscheinlich die Unwahrheit, der Beklagte wird bestraft, wenn er
nicht andere Zeugen beibringen kann, die seine Unschuld beweisen. Alles
wird nach der Form abgetan wie vor englischen Richtersthlen; den
Charakter der Kinder zu ergrnden, ihr Gefhl fr Recht und Unrecht im
hheren Sinn, ihre Liebe fr das eigentliche Wissen zu bilden, daran
denkt niemand.

Wir enthalten uns aller Bemerkungen ber eine solche Erziehungsmethode,
jeder macht sie gewi selbst und fhlt, welchen Vorzug auch in
dieser Rcksicht wir Deutsche vor jenen stolzen Insulanern haben,
und welche Resultate sich von einer solchen frhen Behandlung
erwarten lassen.

Sonntagmorgens werden die Schler im Schulzimmer versammelt.
Herr Lancaster ist nicht Prediger in Wimbledon, sondern Merton,
einem eine halbe Stunde weit entlegenen Dorfe; aber zu seiner bung
hlt er seinen Schlern die Predigt, die er mittags dort halten wird,
erst einmal in der Frhe. Damit verbindet er den in der englischen
Liturgie vorgeschriebenen Gottesdienst, so da das Ganze eine
starke Stunde whrt. Um elf Uhr werden sie in sauberen Sonntagskleidern
paarweise auf dem Hofe rangiert und treten dann in Begleitung
der vier Lehrer den Marsch nach der Wimbledoner Kirche an, wo sie
bei Predigt, Gesang und Litanei zwei Stunden verweilen mssen.
Nachmittags werden sie wieder auf die nmliche Weise zur Kirche getrieben,
und abends um acht Uhr wird abermals in der Schulstube groer Gottesdienst
gehalten, wobei wieder des Knigs und seines Hauses gedacht wird.
Zwischen allen diesen Andachtsbungen mssen sie in der Bibel lesen
und drfen in Begleitung der Lehrer einen Spaziergang machen; alle Spiele
aber und alle lauten Ausbrche der Freude sind hoch verpnt,
und werden streng bestraft.



Das Britische Museum


[Funote: grtes Nationalmuseum Grobritanniens (Geschichte, Archologie,
Kunst und Vlkerkunde) und Nationalbibliothek; die naturgeschichtlichen
Sammlungen sind heute in Kensington untergebracht. 1753 kam die Sammlung
des irischen Arztes Hans Sloane an das Museum, das im Montagu House
untergebracht wurde. Als die Erweiterung der Sammlungen den Raum
beschrnkt werden lie, erbauten die Brder Smirke in den Jahren
1823-55 das neue Museum.]

Diese reiche, in einem schnen Lokal aufgestellte Sammlung verdient,
der groen Nation anzugehren, deren Namen sie fhrt. Der unermdliche
Sammler, Sir Hans Sloane, legte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts
den Grund dazu, indem er sein eigenes, sehr bedeutendes Museum
der Nation vermachte. Mehrere groe Sammlungen wurden damit vereinigt,
und so erreichte das Ganze den Grad von Vollstndigkeit, auf welchem
es sich heute befindet.

Die prchtige Vasensammlung des Sir William Hamilton ist die schnste
Zierde desselben; [Funote: Altertumsforscher (1730-1803);
nahm als Gesandter in Neapel an der Entdeckung von Herculanum und Pompeji
teil; Gatte der durch Lord Nelson bekannt gewordenen Lady Hamilton.
Die Vasensammlung, die er dem Britischen Museum verkaufte, ist durch
die 240 Umrisse Tischbeins bekanntgeworden. Hamilton schrieb
ein grundlegendes Werk der Vasenkunde: "Antiquits trusques,
grcques et romaines", 4 Bde., Neapel 1966-67.] froh verweilten wir
im Anschauen dieser schnen Formen, welche, von den englischen Fabrikanten
glcklich bentzt, durch ganz Europa die bis dahin Mode gewesenen
hlichen, verkrppelten Formen verbannten und nach und nach
unserem Hausgerte die jetzt bliche schne, geschmackvolle Gestalt
gaben.

Alles, was uns an die goldene Zeit, an die schnen Jahrhunderte der Rmer
und Griechen erinnern konnte, fanden wir hier vereint. Mannigfaltiger
Schmuck, Siegelringe, Lampen, Hausgtter, unendliches kleines Gert,
aus den Grbern von Pompeji und Herkulaneum auf's Neue zum
freundlichen Tageslicht gefrdert, vergegenwrtigte uns das heitere,
gefllige Dasein der Alten; wir lebten mit ihnen, solange wir
in diesen Zimmern verweilten.

Schnell streiften wir hernach durch die Sle, welche das
Naturalienkabinett, die ausgestopften Tiere und Mineralien enthalten, so
auch durch das sehr betrchtliche Mnzkabinett. Wenn man in seiner Zeit
so beschrnkt ist, wie wir es hier waren, so mu man entbehrend zu
genieen wissen und lieber vieles aufopfern und nur etwas mit Mue
betrachten, um davon eine bestimmte interessante Erinnerung mit sich zu
nehmen. Momentanes Verweilen bei vielen Gegenstnden verwirrt und
ermdet ohne allen Nutzen.

Auch die von Kapitn Cook [Funote: James (1728-79), Forscher und
Weltumsegler. Seine Reisebeschreibungen, in Deutschland durch
G. Forster bearbeitet, haben ihn sehr bekannt gemacht.] aus dem
fnften Weltteile mitgebrachten Merkwrdigkeiten, die hier ein
ganzes Zimmer anfllen, betrachten wir nur im Vorbergehen.

Mehrere Zimmer enthalten in Schrnken, mit Drahtgittern versehen,
die groe, reichhaltige Bibliothek. Auer eine groen Zahl lterer,
zum Teil sehr seltener Bcher, fat sie beinahe alles, was bis auf
den heuten Tag in England herauskommt; denn von jedem mit Privilegium
gedruckten Buche mu ein Exemplar hier abgeliefert werden. Wir verweilten
nur einige Zeit in dem Zimmer, in welchem sich die Manuskripte befinden.

Nicht nur alte Handschriften aller Art, von den beschriebenen
Palmblttern und in Stein gehauenen gyptischen Hieroglyphen an bis auf
die krausen, bunten Schriftzge der Mnche des Mittelalters, werden hier
aufbewahrt, sondern auch zahllose Briefe und Manuskripte der
interessantesten und berhmtesten Menschen spterer Zeiten; eine
unendliche Fundgrube fr den Geschichtsforscher, dem ein freundliches
Geschick erlaubt, sie mit Mue und Auswahl zu benutzen. Und welch ein
Feld wrde sich hier dem Anekdotenjger und Zeitblttler erffnen, der
nach Willkr fouragieren knnte! Wie viele Bnde interessanter Briefe
knnten da ausgewhlt werden, zum Nutz und Frommen unseres lese- und
schreibschtigen Zeitalters, vor welchem kein Schreibtisch, kein
Portefeuille mehr sicher ist! Briefe vieler englischer Knige und
Kniginnen, vieler Mnner, die auf ihr Zeitalter wirkten, fllen,
wohlgeordnet in Mappen, eine Menge Schrnke.

Man war so gefllig, uns manches zu zeigen; unter anderem
einen ganzen Band eigenhndiger, mitunter ziemlich zweideutiger Briefe
der Knigin Elisabeth an ihren unglcklichen Liebling, Grafen Essex.
Ihre Handschrift ist merkwrdig. Diesen nicht schnen, aber mit Schnrkeln
berladenen, sehr groen Buchstaben sieht man es an, da sie langsam
und vorsichtig geformt wurden, und trotz aller Schmeichelworte,
die sie ihrem Geliebten hinzirkelte, mchte man in etwas verndertem
Sinne mit Schillers Maria Stuart ausrufen: "Aus diesen Zgen spricht
kein Herz!" Auch von dieser unglcklichen Nebenbuhlerin Elisabeths
werden hier viel Briefe aufbewahrt, grtenteils in franzsischer Sprache.
Besonders rhrend war uns der, welchen sie an Elisabeth liebend
und vertrauend schrieb, sowie sie die englische Grenze betreten hatte,
ohne die traurige Zukunft zu ahnen, die sie sich mit diesem Schritt
bereitete.

Man zeigte uns auch den Entwurf einer ziemlich langen Rede, welche
Wilhelm der Eroberer [Funote: I. (1066-87); geb. 1027 oder 1028
als Sohn Herzog Roberts II., des Teufels, von der Normandie.
1051-52 weilte er als Gast Knig Eduards des Bekenners in England,
der ihm die Krone versprochen haben soll. Sein Anspruch auf England--
er lie sich 1066 in Westminster krnen--stie das Land
in langwierige kriegerische Unruhen und Aufstnde; dennoch gelang es
ihm, ein autokratisches Knigtum in England zu errichten und ein
streng durchgefhrtes feudales Lehenssystem zu begrnden.]
an das englische Volk halten wollte. Sie ist durchaus von seiner Hand
in franzsischer Sprache geschrieben, ziemlich unorthographisch
und voll Korrekturen und ausgestrichener Stellen. Nach ihrem Inhalte
war er blo aus Liebe zu dem Volke herbergekommen, um dieses
glcklich zu machen.

Unter den neuen Manuskripten bemerkten wir Popes "Essay on Man",
so wie er ihn zuerst niederschrieb, ebenfalls voll Verbesserungen
und nderungen. Nicht ohne Grund nennt ihn einer seiner Zeitgenossen
den Papier sparenden Pope, paper sparing Pope. Das ganze Gedicht
ist auf kleinen Papierstcken sehr schlecht und unleserlich
niedergeschrieben, auf Briefkuverte, Visitenkarten, Einladungsbillette,
ja sogar auf den Rndern alter Zeitungsbltter, und dann mit Stecknadeln
und seidenen Fden bestmglichst zusammengeflickt.

Auf einem Pulte mitten in diesem Zimmer thront triumphierend
das Heiligtum der Englnder, die ursprngliche Magna Charta,
[Funote: liberatum, The Great Charter; Privileg fr die englischen Stnde,
am 15. VI1215 von Johann ohne Land unter Druck von Klerus,
Adel und Stdten erlassen; sie sichert Freiheit der Kirche, Feudalordnung,
Widerstandsrecht gegen willkrliche Bestrafung, persnliche Freiheit
und persnlichen Besitz.], unter Glas und Rahmen. Lange war sie
verloren und ward glcklicherweise in dem Moment entdeckt, in welchem
ein Schneider seine entheiligende Schere schon ansetzte, um Riemchen
zum Manehmen daraus zu schneiden. Jetzt wird sie hier, wenn auch
etwas verblichen, etwas zernagt vom Zahn der Zeit, dennoch sicher,
kommenden Jahrhunderten aufbewahrt und von jedem echten Briten
mit Ehrfurcht betrachtet.

Gern wren wir an einem anderen Tage ins Museum zurckgekehrt,
aber die bestehende Einrichtung erschwerte uns diesen zweiten Besuch.
Zuviel Fremde wnschten das Museum zu sehen, als da die nmlichen
fter als einmal dazu kommen knnten. Nur wenige Personen drfen
zugleich zugelassen werden, und man mu sich lange zuvor um die Erlaubnis
dazu anmelden. Donnerstag morgens wird es zwar ffentlich gezeigt,
aber es ist weder Freude noch Nutzen dabei, von ziemlich unwissenden
Aufsehern mit einer Menge von Leuten durch die Zimmer gedrngt
zu werden. Wer zu wissenschaftlichem Zwecke diese Sammlungen benutzen will,
kann auf gewisse Bedingungen die Erlaubnis dazu von den Vorstehern
erhalten. Ein mit Schreibmaterialien und allem Erforderlichen
wohlversehenes ruhiges Zimmer steht einige Stunden des Tages
den Arbeitenden offen.



Herrn Whitbreads Brauerei


Wieviel Anstalten zu einem Kruge Porter! Welch ein Treiben und Knarren
und Rasseln aller Maschinen! Biertonnen, grer wie ein Haus
in den Hochlanden! Khlfsser wie Meere!--Diese Brauerei verdiente
in Walhalla fr Odins Helden den strkenden Gerstentrank zu bereiten.

Ohne fernere Ausrufungen knnen wir versichern, da sie wenigstens
zu Londons ersten Sehenswrdigkeiten gehrt. Der alte Knig,
welcher sie einmal mit seiner ganzen Familie besuchte, nahm im Brauhause
ein Frhstck ein, das dem Eigentmer auf fnfzehnhundert Pfund Sterling
zu stehen kam, und der berhmte englische Dichter, Peter Pindar
[Funote: Pseudonym fr John Wolcot (1738-1819); Arzt und Geistlicher.
1778 kam er nach London und wurde ein gefrchteter Satiriker,
der weder vor der kniglichen Akademie noch vor dem Herrscherhaus
zurckschreckte.], war beflissen, diese merkwrdige Begebenheit
in wohlgesetzten Reimen auf die Nachwelt zu bringen. Unter anderem
fragte damals der Knig Herrn Whitbread: wie viel Fsser er besitze?
Die Antwort war: "Der Lnge nach dicht aneinandergelegt, mchten sie wohl
von London bis Windsor reichen." Bekanntlich liegt Windsor
zweiundzwanzig englische Meilen von London: sieht man aber diese
ungeheure Anstalt, so erscheint die Behauptung Herrn Whitbreads
gar nicht unwahrscheinlich.

Eine nicht groe, im Souterrain angebrachte Dampfmaschine
ist die Triebfeder des ganzen ungeheuren Werks, die sauberste, einfachste,
geruschloseste, die wir je sahen. Man hat berechnet, da sie
die Arbeit von siebzig, Tag und Nacht beschftigen Pferden verrichtet.
Sie schafft das ntige Wasser herbei, leitet den fertigen Porter
durch unterirdische Kanle quer ber die Strae in ein anderes Gebude,
wo er in Fsser gefllt wird, bringt die Fsser zum Aufladen
aus dem Keller herauf, mahlt das Malz, rhrt es in den zwanzig Fu
tiefen Malzkufen und windet es vermittelst einer schraubenartigen
Vorrichtung bis oben hinauf in die Spitze des Gebudes.

Dort sind auch die ungeheuer groen, aber nur sechs Zoll tiefen
Khlschiffe oder Zisternen zum Abkhlen des Porters; wahre Seen,
von denen man uns versicherte, sie wrden fnf englische Acker
Land bedecken; auch braucht der Porter nur sechs Stunden darin zu stehen,
um kalt zu werden. Alles in dieser groen Anstalt trgt das Geprge
der hchsten Reinlichkeit und Ordnung und geht mit anscheinender
Leichtigkeit vonstatten.

Tglich werden zur Verbesserung des schon so Vollkommenen neue
Erfindungen gemacht; besonders ist man auf Ersparung der Feuerung
bedacht, welche die drei groen Kessel, jeder zu fnfhundert Fu,
erfordern. Zweihundert Arbeiter werden tglich beschftig und
achtzig ungeheuer groe Pferde. Letztere sind vielleicht die grten Tiere
ihrer Rasse, die es gibt; denn die Hufeisen eines derselben,
welches krankheitshalber gettet werden mute, wogen vierundzwanzig
Pfund. Wahre Pferderiesen!

In einem Gebude, hoch und gro wie eine Kirche, stehen neunundvierzig
groe Fsser, in welchen der Porter aufbewahrt wird, bis man ihn
zum Gebrauch in kleinere abfllt. Dadurch, da er eine Zeitlang
in so groer Masse beisammenbleibt, soll er vorzglich verbessert werden.
Wre das Fa, welches Diogenes bewohnte, von solchem Kaliber gewesen,
so konnte der Philosoph fglich an einem runden Tische zwlf Personen
bewirten und noch ein artiges Boudoir fr sich behalten.
Das grte dieser Fsser hat oben eine Art Balkon, zu welchem
eine Treppe fhrt, es ist siebenundzwanzig Fu hoch und hlt
zweiundzwanzig Fu im Diameter; von oben bis unten ist es mit eisernen,
etwa vier Zoll voneinander entfernten Reifen beschlagen, unten
gegen den Boden liegt Reif an Reif. Alle sind von starkem Eichenholz,
mehrere enthalten dreitausendfnfhundert gewhnliche Fsser;
der Heidelberger Kollege [Funote: das bekannte "Groe Fa"
im Heidelberger Schlo] kme in dieser respektablen Gesellschaft
um seinen Ruhm.

Als wir das Haus verlieen, waren wir wie betrunken vom Geruche
des Porters; man mte in dieser Atmosphre schon von der Luft leben
knnen. Die darin beschftigten Arbeiter sahen indessen gar nicht aus,
als ob sie sich auf solche Experimente einlieen.



Greenwich


Mitten im Gerusche der in ewiger Arbeit emsig sich bewegenden City,
an der Londoner Brcke, schifften wir uns auf einem der Boote ein,
die, so wie die Fiaker in den Straen, auf der Themse numeriert
und unter polizeilicher Aufsicht dem Publikum zu Gebote stehen.

Diese Brcke, die lteste der drei, welche in London ber die Themse
fhren, war schon seit einiger Zeit bestimmt abgebrochen zu werden,
um einer auf einem einzigen Bogen ruhenden eisernen Platz zu machen.
Wie die Brcke jetzt dastand, waren ihre Bogen viel zu eng
fr den mchtigen Strom, den sie beherrscht. Ungestm drngt er sich
wild brausend hindurch und verschlingt jhrlich mehrere Opfer,
welche die Verwegenheit, trotz der augenscheinlichen Gefahr hier
durchzuschiffen, mit dem Leben bezahlen mssen.

Unabsehbar erstreckt sich in einer langen Reihe viele Meilen weit
der Wald von Masten, durch den wir schifften. Der Strom wimmelt
wie die befahrenste Landstrae von Barken und kleinen Fahrzeugen
aller Art; eben ankommende oder abgehende groe Schiffe bewegen sich
majesttisch durch sie hin, von allen Seiten ertnt das Rufen
des frhlichen Schiffsvolks, Lebewohl und Willkommen schallen
durcheinander; die mit Auf- und Abladen beschftigten Arbeiter
an den Schiffen, die Schiffswerften am Ufer, alles verkndigt hier
den Markt der Welt.

Sowie wir uns von London entfernten, boten die Ufer des Stromes
uns von beiden Seiten die mannigfaltigsten, lachendsten Aussichten.
Endlich, fnf englische Meilen von der Stadt, breitete sich
das Invalidenhospital von Greenwich [Funote: 1694 gegrndet
und in dem durch Christopher Wren fertiggestellten Bau untergebracht;
gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgelassen. Heute Marineschule.]
mit seiner schnen Terrasse und allen seinen reizenden Umgebungen
prchtig und gro vor unseren Augen aus.

Diese Freistatt, welche die Nation dem vom Kampfe mit den wilden
Elementen endlich ermdeten Helden darbietet, ist mit Recht ihr Stolz;
denn die Welt hat dessengleichen nicht. Eigentlich sind es vier
voneinander ganz abgesondert liegende Gebude, die aber,
von der Wasserseite gesehen, wie ein einziger groer Palast sich
ausnehmen, geziert mit Sulen, Balustraden und aller Pracht
der neueren Architektur. Eine groe Terrasse, die eine entzckende
Aussicht nach London zu bietet, zieht sich davor hin bis an den Strom,
zu welchem man auf breiten steinernen Treppen hinabsteigt. Hier bestieg
Georg der Erste [Funote: (1660-1727); Kurfrst von Hannover,
erster englischer Monarch aus dem Hause von Hannover, das mit dem Ableben
der Knigin Victoria 1901 erlosch. Georg I. betrat am 29. September 1714
hier zum ersten Mal englischen Boden.] zuerst das Land, ber welches
er herrschen sollte. Mit welchen Erwartungen mag er nach St. James
gefahren sein, wenn er vom Hospital auf die Residenz der Knige schlo!

Das ganze Gebude ist aus schnen Quadersteinen erbaut. Vorzglich
bewundert man die mit fast verschwenderischer Pracht geschmckte Kapelle.
Sie prangt mit Marmorsulen, einem gut gemalten Plafond und jeder
einem solchen Orte geziemenden Zierde. Einige schne groe Hallen
dienen den Invaliden zum Spazierengehen bei schlechtem Wetter,
besonders zeichnet sich die grte, mit einer Kuppel versehene Halle aus;
sie ist hundertsechs Fu lang und hat einen gut gemalten Plafond,
schne Sulen und Malereien. Ein angenehmer Park mit einer auf
einem Hgel erbauten Sternwarte umgibt das Gebude von der anderen Seite.

Es war ein schner, menschenfreundlicher Gedanke, diese Ruhesttte
am Ufer der Themse zu erbauen, im Angesichte aller ankommenden und
auslaufenden Schiffe. Die abgelebten Helden haben hier den Tummelplatz
ihres ehemaligen Lebens noch immer vor Augen; und dem in See
stechenden Schiffer gibt der Anblick dieses Ruhehafens Trost und Mut.
Nahe an dreitausend Veteranen ruhen hier von ihrem mhevollen Leben aus.
Sie wohnen frstlich, werden gut genhrt und gepflegt, alle zwei
Jahre neu, anstndig, bequem gekleidet und erhalten wchentlich
ein gar nicht unbedeutendes Taschengeld zu ihren kleinen Bedrfnissen
und Vergngungen. In Krankheiten werden sie mit Sorgfalt gewartet.
Sie sind nicht, wie in anderen Verpflegungsanstalten, von allem,
was ihr Leben bedeutend machte, geschieden, sie leben und weben noch
darin und kmpfen mit alten Kampfgenossen nochmals alle ihre gewonnenen
Schlachten in froher Erinnerung, vor Gemlden, welche diese vorstellen
und die Wnde ihrer Speise- und Wohnsle schmcken.

Besonders gut eingerichtet fanden wir die Schlafstellen.
In langen, hohen, luftigen Slen, welche zur Winterszeit von
mehreren groen Kaminen erwrmt werden, sind auf der den Fenstern
entgegengesetzten Seite eine Reihe Schiffskajten hnlicher Kabinette
dicht aneinander gebracht. Jedes derselben hat neben der nach
dem Saale ausgehenden Tr zwei Fenster und ist gro genug,
um ein nach englischer Art gerumiges Bett, einen Tisch, einen Stuhl
und einen Koffer zu enthalten. Es gibt nichts Netteres und Saubereres
als diese kleinen Zimmerchen; jedes hat einen Teppich, Fenster
und Bett sind mit reinlichen Vorhngen versehen, an den Wnden
auf dazu angebrachten Leisten stehen die zierlichen Tabaks- und
Teeksten, Glser, Tassen und dergleichen in geflliger Ordnung.
Kupferstiche zieren die Wnde. Jeder hngt daran nach Gefallen Bildnisse
des Knigs, der Knigin oder berhmter Seehelden auf; dazwischen
Seeschlachten, Hfen und auch wohl manche lustige Karikatur.

Hundertvierzig Witwen verdienter Seemnner wohnen ebenfalls im Hause,
sie verrichten darin alle weiblichen Arbeiten, pflegen die Kranken
und werden in aller Hinsichte ebenso gut gehalten als die Veteranen
selbst. Auch fr die Waisen der gebliebenen Seemnner ist hier
gesorgt; denn einige hundert Knaben werden in einem abgesonderten Teile
des Hauses zum Gewerbe ihrer verstorbenen Vter erzogen. Noch
dreitausend Invaliden, die im Hause nicht Platz fanden, erhalten
auer demselben Pensionen.



Die St. Paulskirche


[Funote: ein barockes Meisterwerk, von Christopher Wren zwischen
1675 und 1710 erbaut in Form eines lateinischen Kreuzes,
auf Anordnung Jakobs II. und gegen den Wunsch des Architekten,
dessen Plne ein griechisches Kreuz vorsahen. Dazu eine Anmerkung
Johannas: "Man zeigt noch in St. Paul ein Modell von dem ersten Plan
des Baumeisters Sir Christopher Wren. Die damaligen regierenden
Zeloten verwarfen ihn wegen seines heidnischen Ansehens, und
whlten dafr die jetzige Kreuzform." Die Behauptung Johannas,
die Kirche wre nach der Peterskirche in Rom die grte, ist irrig;
die Kathedralen von Mailand, Sevilla und Florenz sind ebenfalls
grer.]

Das uere von St. Paul ist durch Kupferstiche allbekannt.
Leider bersieht man auf diesen das ungeheure Ganze besser
als in der Wirklichkeit, in deren Umgebungen es nirgends einen guten
Standpunkt dafr gibt. Diese Kirche, nach der Peterskirche in Rom
die grte in Europa, liegt auf einem viel zu kleinen Kirchhof
eingeklemmt zwischen Husern, umgeben von engen Straen.
Auch im Innern findet sich keine Stelle, von der man sie ganz
bersehen knnte, berall drngt sich die Architektur vor und
verhindert eine reine bersicht.

Mit allen diesen Fehlern macht dieses wunderbare groe Gebude
dennoch einen imposanten Eindruck. Es scheint ganz leer,
denn leicht bersieht man einige wenige Statuen und eine kleine,
zum Gottesdienst eingerichtete Abteilung. Diese befindet sich
in einem der Flgel, welche die Kreuzform bilden, in der die Kirche
erbaut ist. berall herrscht ehrfurchtgebietende, schauerliche Stille
und Einsamkeit; nichts wird man von dem kleinlichen Gerte gewahr,
welches die Menschen ntig zu haben glauben, um sich mit dessen Hilfe
zur Gottheit zu erheben. Es ist ein Tempel im hchsten Sinne
des Worts. Ein feierliches Grauen, eine Art Bangigkeit,
die uns fast den Atem raubte, ergriff uns, als wir, mitten
in der Kirche stehend, da hinauf blickten, wo beinahe unabsehbar
der Dom sich wlbt, "ein zweiter Himmel in dem Himmel". Es war
kein erhebendes, es war mehr ein bengstigendes Gefhl.
Die wenigen Menschen um uns her schwanden fast vor unseren Blicken
und machten durch ihre Kleinheit die gewaltige Gre dieser
Steinmasse uns erst recht anschaulich.

Es wurde sehr schwer, sich von diesem ersten Eindrucke loszureien.
Solche Pygmen waren es doch auch, dachten wir endlich, welche
dies erstaunenswerte Werk durch vereinte Kraft emportrmten,
und ein einziger unter ihnen bildete es vor in seinem Geiste,
noch ehe es sich in die Lfte erhob. Ja, er dachte es sich noch
weit herrlicher, als es jetzt dasteht, er allein leitete die Krfte
der vielen Hunderte, die arbeiteten und sich abmhten und doch nicht
deutlich wuten, was sie taten. Jetzt ruhen der Werkmeister
und die Arbeiter; aber ihr Werk wird stehen, trotzend der mchtigen
Zeit, in herrlichen Ruinen, wenn die ganze volkreiche Stadt
lngst eine Wste ward wie Palmyra und Persepolis.

Beherzter blickten wir nun hinauf und wandelten in dem hohen Raume,
in welchem unserer Tritte feierlich widerhallten; wie lauter Donner
ertnte es durch das weite Gewlbe, als man oben auf der Galerie,
die am Fue des Doms rings um denselben hinluft, eine Tr zuwarf.
Wir stiegen hinauf zu dieser Galerie; wunderbar ist der Blick
von dort hinab und hinauf. In der Hhe glaubt man eine zweite Kirche
sich erheben zu sehen, so hoch ist noch immer von hier das Gewlbe
des Doms. In der Tiefe scheint der aus groen schwarzen und weien
Marmorquadern zusammengesetzte Fuboden wie feines Mosaik.
Die Galerie heit die Flstergalerie, Whispering Gallery, weil das
an die Mauer gelegte Ohr auf einer Stelle derselben alles deutlich
vernimmt, was auf der entgegengesetzten Seite ganz leise gegen
die Wand gesprochen wird.

Von dieser Galerie stiegen wir noch weiter, bis auen, wo auf
der hchsten Hhe des Doms sich die sogenannte Laterne erhebt.
Wir betraten die ihren Fu umgebende Galerie mit der Hoffnung,
aber der Steinkohlenrauch der vielen Feueressen verbarg uns
die Nhe und der dem englischen Himmel eigene nebelartige Duft
die Ferne.

Ein Trupp Matrosen, den wir mit groem Gerusche heraufsteigen
hrten, trieb uns hinunter.

Wie wir durch Ludgate Hill, eine dem Kirchhof zunchst gelegene
sehr volkreiche Strae nach Hause gingen, sahen wir alle Fugnger
still stehen und ngstlich nach dem von unten sehr klein
scheinenden Kreuze hinblicken, welches ber einer Kugel oben
auf der Laterne des Doms von St. Paul befestigt ist. Auch wir
sahen natrlicherweise hin und bemerkten etwas oben am uersten
Ende des Kreuzes sich Bewegendes. Mit Hilfe eines Glases
entdeckten wir endlich einen der Matrosen, die uns vorhin
in der Kirche begegneten. Er machte sich das halsbrechende
Vergngen, auf dieser entsetzlichen Hhe allerhand gefhrliche
Stellungen anzunehmen, den Hut zu schwenken, auf einem Beine
zu stehen, blo um die Zuschauer unten in ngstliche Bewunderung
zu versetzen. Ihm, der auf dem wilden Meere, oben im hohen
schwankenden Mastkorbe, gewi lngst jede Idee von Schwindel
verlernt hatte, mochte dieser doch immer unbewegliche Standpunkt
trotz seiner Hhe wohl gar nicht gefhrlich dnken, whrend
uns andere beim bloen Anblick banges Grausen ergriff.



Der Tower


[Funote: alte Stadtfestung und Gefngnis von London; ltester
Teil (White Tower) von Wilhelm dem Eroberer erbaut. Die Grben
wurden 1843 trocken gelegt. Der Tierpark wurde 1834 in den
zoologischen Garten in Regent's Park gebracht.]

Wir wollen die Lwen sehen, sagen die englischen Pchter- und
Landjunkerfamilien, wenn sie eine Wallfahrt nach der Hauptstadt
und ihren Merkwrdigkeiten unternehmen. Diese Lwen, eigentlich
die im Tower aufgewahrte knigliche Menagerie, dienen ihnen,
als die Hauptmerkwrdigkeiten der Stadt, zur Bezeichnung alles
Sehenswerten in derselben. Leider sind die edlen Tiere mitsamt
ihrer Residenz durch diese Popularitt etwas verrufen, und
ein Fremder von gutem Tone wagt es kaum, den Tower zu besuchen.
Wir gingen indessen doch hin, auf die Gefahr etwas gar Unmodisches,
mit dem hohen Stil ganz Unvertrgliches zu unternehmen,
und suchten den Tower mit seinen Lwen am uersten Ende der City auf,
wo er nahe am Ufer der Themse liegt.

Grmlich und dster blickt dieser uralte Schauplatz unzhliger
Greuel mit seinen grauen Trmen ber den ihn umgebenden Wassergraben.
In einem dicht ber demselben erbauten, ziemlich niedrigen Gewlbe
ist die Pforte angebracht, durch welche die Staatsverbrecher
hineingefhrt wurden. Sie heit das Tor der Verrter, Traitor's Gate;
man brachte die Unseligen von der Themse bis zu diesem Eingange,
der sich hinter ihnen oft fr immer verschlo.

Wir gingen durch das Tor des Haupteinganges hinein, welches zur Not
fr eine Kutsche Raum hat. Man machte uns aufmerksam auf die kleinen
vergitterten Fenster ber dem Tore. Sie befinden sich in dem Zimmer,
in welchem der entsetzliche Richard der Dritte die beiden jungen
Shne seines Bruders ersticken lie, als sie eben sanft und ruhig
im festen Schlummer der Kindheit dalagen und von keiner Gefahr trumten.
Uns gelstete nicht, das Mordzimmer zu betreten.

Eine alte Sage gibt Julius Csar fr den ersten Erbauer dieser Veste
an; die Geschichte aber sagt uns, da Wilhelm der Eroberer
in der Mitte des elften Jahrhunderts den Grund dazu legte, um seine
vielgeliebten Londoner im gehrigen Respekt zu erhalten. Man sieht
es dem sehr weitlufigen Ganzen an, da kein fester Plan bei dessen
Grndung vorwaltete, sondern whrend der Regierung mehrerer Knige
bald hier, bald da daran gebaut und zugesetzt ward.

Jetzt gleicht der Tower fast einer kleinen Stadt; er umschliet
in seinem Bezirke mehrere Straen, eine Kirche, Magazine, Kasernen
fr die Garnison, Huser fr die Offiziere, Zeughuser, die Mnze,
nebst Wohnungen fr die dabei beschftigten Offizianten und sonst
noch mancherlei Gebude. Ein breiter Wassergraben luft ringsumher,
und zwischen diesem Graben und der Themse befindet sich eine Art
Terrasse, auf welcher sechzig Kanonen stehen, die bei feierlichen
Gelegenheiten abgefeuert werden. Der Tower wird, wie es bei Festungen
Gebrauch ist, mit Sonnenuntergange geschlossen. Die Yeomen oder
Ochsenfresser haben die Wache darin und dienen zugleich den besuchenden
Fremden als Ciceronen. Hier sind sie ganz augenscheinlich am rechten
Platze; ihre Kleidung und ihr ganzes Ansehen trgt gleich am Eintritte
dazu bei, uns in frhe dunkle Jahrhunderte zu versetzen.

Die Mnze mit den dazugehrigen Gebuden nimmt ein gutes Drittel
des Towers ein. Sie wird nicht gezeigt. Uns blieb der weie Turm,
die Schatzkammer und die Lwen zu sehen. Letzteren machten wir
zuerst unseren Besuch.

Nicht nur Lwen werden hier in einer besonderen Abteilung
in starken Kfigen bewahrt, auch Panther, Leoparden, Tiger und
mehrere Arten wilder Bewohner der Wsten, grimmige stattliche Bestien,
denen man es ansieht, da sie gut gehalten werden. Nach englischer
Sitte hat jede derselben auer dem Schlafkabinette noch ein Wohnzimmer
in ihrem Kfig, wo sie Besuch annimmt. Alle prangen mit christlichen
Namen, besonders die Lwinnen; da findet man eine Mi Howe, Mi Jenny,
Mi Charlotte, Mi Nanny, als wre man auf einer englischen Assemblee.
Viele dieser Tiere wurden hier im Tower geboren und erzogen, und es
ist merkwrdig, da diese gerade die wildesten und unbndigsten sind.

Die Kronjuwelen [Funote: sie befinden sich im Wakefield Tower.],
welche ebenfalls der Tower aufbewahrt,
zeigt man auf eine wunderlich ngstliche Weise, die sehr
gegen die Liberalitt absticht, mit welcher Fremde im Dresdner
grnen Gewlbe herumgefhrt werden. Der uns leitende Ochsenfresser
ffnete uns eine kleine Tre, wir traten hinein und muten uns alle
in einer Reihe auf eine dastehende Bank setzen. Die Tr ward
hinter uns abgeschlossen, und wir befanden uns in einem kleinen
steinernen, ganz dunklen Gewlbe wie in einem Gefngnis.
Die unerwartete Finsternis blendete uns; es whrte lange,
ehe wir dicht vor uns ein starkes eisernes Gitter entdeckten und
hinter demselben eine alte Frau zwischen zwei Lichtern.

Dieser etwas drachenhnliche Hter unterirdischer Schtze zeigte uns
nun viele Kostbarkeiten. Manches Stck davon war wegen der alten,
mitunter sehr feinen Arbeit merkwrdig; zum Beispiel ein goldener
Adler, dessen Hals das heilige l zur Salbung der Knige enthlt;
der goldene Lffel, in welchen der Bischof bei der Krnung
dieses l giet, und vieles uralte Tischgerte von Gold und Silber.
Dann sahen wir auch das mit franzsischen Lilien verzierte Zepter,
den Reichsapfel, viele Kronen und mehr dergleichen Dinge,
die bei Krnungen und anderen festlichen Gelegenheiten noch
zum Teil gebraucht werden. Eine Perle von unschtzbarem Werte,
ein Smaragd, der im Umfange sieben Zoll gro ist, und ein
wunderschner Rubin schmcken die Krone, welche der Knig
im Parlamente auf dem Haupte trgt; die Krone des Prinzen von Wales
wird im Parlamente vor diesen hingesetzt, als ein Zeichen,
da er noch nicht berechtigt ist, sie zu tragen. Alle diese
Herrlichkeiten blitzen von kstlichen Edelsteinen. In der
dsteren Hhle sahen sie wie ein von bsen Geistern bewachter
Feenschatz aus; ihr Wert wird ber zwei Millionen Pfund Sterling
angegeben, ohne die seltenen Steine, deren Wert man gar nicht
bestimmen kann.

Von hier wandten wir uns zum weien Turme, der aber weder ein Turm
noch wei ist, sondern ein groes viereckiges Gebude mitten
in der Festung, alt, grau und rostig anzuschauen. Vier Wachttrme
krnen dessen Zinnen, von welchen einer zur Sternwarte eingerichtet ist.

Im ersten Stock sahen wir die der groen spanischen Armada
abgenommenen Trophen. Lauter alte, zum Teil recht sonderbar
erdachte Mordgewehre. Eine Menge Daumenschrauben befinden sich dabei;
die Spanier fhrten sie bei sich, um damit bei ihrer Landung
von den besiegten Englndern Auskunft ber etwa verborgenen Schtze
zu erpressen.

In diesem Saale ist eine lebensgroe Puppe zu schauen,
welche die Knigin Elisabeth vorstellt, wie sie eben im Begriffe ist,
einen weien Zelter zu besteigen. Sie trgt die Kleider,
welche Ihre Majestt trug, da sie nach diesem merkwrdigen Siege
zum Volke sprach [Funote: Untergang der spanischen Armada
im Kampf gegen die englische Flotte unter Sir Francis Drake 1588.].
Wir mchten aber keiner Schauspielerin raten, sich zur Rolle
der Elisabeth nach diesem Muster zu kostmieren. Die gute Dame
sieht schrecklich aus, besonders das zu einem hohen, breiten Turme
aufgekruselte Haar, welches gar nicht mehr wie Haar aussieht,
und die unendliche, spitzig zulaufende, in einen Harnisch
geprete Taille.

Hier sahen wir auch das Beil, unter welchem der Anna Boleyn
schnes Haupt fiel [Funote: zweite Gattin Heinrichs VIII.;
1536 enthauptet.], und mehr dergleichen traurige Merkwrdigkeiten,
von denen der Tower wimmelt.

Die Waffen neuerer Zeit sind in einem anderen sehr groen Saale
aufgestellt. Nimmer htten wir diesen Mordgewehren zugetraut,
da sie einen so hbschen Anblick gewhren knnten. Sie sind hier
auf's Zierlichste und mit einer Art Erfindungsgeist und Geschmack
geordnet; die Wnde blitzen von Bajonetten, Pistolen, Degen
und Sbeln, in tausend verschiedenen Formen gestellt; da sieht man
daraus zusammengesetzte Kirchenfenster, eine Orgel, Wappen,
Sterne, Schlangen; die Decke ruht auf Pfeilern von Musketen,
um welche zierliche Girlanden von Pistolen sich winden.

In einem anderen groen Saale sind alle Knige Englands, von
Wilhelm dem Eroberer an bis auf Georg den Zweiten in einer langen
stattlichen Reihe, zu Pferde, in voller Rstung zu schauen.
Die zum Teil sehr prchtigen Rstungen sind die nmlichen, welche
ihre Inhaber bei Lebzeiten trugen. Auch Georg der Zweite hat
eine ber und ber vergoldete Rstung an; der Ochsenfresser,
unser Cicerone, versicherte uns sehr naiv, dieser Herr habe solche
nie getragen. Der berhmte John of Gaunt, Sohn Eduards des Dritten,
mu ein Riese ohnegleichen gewesen sein; seine Rstung ist
sieben Fu hoch, Schwert und Lanze dem angemessen. Auch Heinrich
der Achte war gewi ein ansehnlicher Herr; die fr ihn in seinem
achtzehnten Jahre verfertigte Rstung gibt der des John of Gaunt
an Gre wenig nach.



Der Palast von Westminster


[Funote: Der Palast brannte 1834 ab. Im heutigen Parlamentsgebude
sind nur die Westminster Hall und die Krypta und der Kreuzgang
der St. Stephens Chapel aus der Zeit von Johannas Besuch.
Als Hauptgerichtshof diente die Hall bis 1883. Sie stammt vom
Palast Richards II. aus dem Jahre 1398.]

In diesen berbleibseln eines uralten, von Eduard dem Bekenner
erbauten Palastes thront jetzt die Gttin Themis [Funote: Gttin
der gttlichen und natrlichen Ordnung.]. Gleich den Knigen
von England ist auch sie schlecht logiert, und ihre Residenz
sieht von innen und auen sehr zerfallen aus. Neugierig,
den Schauplatz so vieler merkwrdiger Entscheidungen, den Tummelplatz
der berhmtesten Redner der Welt zu sehen, eilten wir eines Morgens hin.

Zuerst traten wir in die Westminster Halle. Es ist ein hoher,
gewlbter Saal, zweihundertfnfundsiebzig Fu land und vierundsiebzig
breit. Man hlt ihn in England fr den grten in Europa, dessen Decke
nicht auf Sulen ruht. Dies mgen wir nicht bestreiten, aber trotz
seiner Gre gewhrt er keinen brillanten Anblick. Die Wnde sind
ohne alle Verzierungen, und die knstlich geschnitzte Decke
von Eichenholz nimmt sich, von unten aus gesehen, schon wegen
der braunen Farbe des Holzes nicht besonders aus. In der Nhe
betrachtet, sollen diese Verzierungen im gotischen Geschmacke
nicht ohne Kunstwert sein.

In frheren Zeiten diente diese Halle bei groen Festen und
Schmausereien den Knigen zum Speisesaal. Richard der Zweite soll
darin auf einmal zehntausend Personen bewirtet haben. Oft ward hier
das Parlament versammelt, hier war der groe Gerichtshof,
in welchem der Knig persnlich prsidierte. Der unglckliche
Karl der Erste [Funote: wegen seiner absolutistischen Bestrebungen
stand er im Gegensatz zu Parlament und Cromwell. Als er mit
den Schotten zu paktieren suchte, wurde er wegen Hochverrats
vor ein auerordentliches Gericht gestellt, am 25. Januar 1649
zum Tode verurteilt und am 30. vor seinem Palast Whitehall
enthauptet.] ward in dieser Halle verhrt und verurteilt,
und noch jetzt versammeln sich hier die Richter bei wichtigen
seltenen Rechtsfllen, wenn ein Pair des Reichs oder irgendeine
andere sehr wichtige Person angeklagt wird. Gewhnlich aber dient
diese Halle den Advokaten und ihren Klienten zur Promenade,
bis die Reihe sie trifft, bei Gericht vorgelassen zu werden.

Wir sahen hier viele der ersteren in schwarzen Mnteln, mit groen,
weigepuderten Percken auf- und abwandeln. Sehr ungeniert
ging es brigens zu, jeder wandelte, wohin es ihm beliebte;
keine Wache, kein Trsteher, niemand, der auf Ordnung hielte,
war sichtbar. Auch wir eilten ungestrt umher, traten von ungefhr
hinter einen an der Seitenwand der Halle angebrachten Vorhang
und sahen uns pltzlich zu unserem Erstaunen in einem nicht groen,
nicht schnen, aber ziemlich dunklen Zimmer, das uns wie eine
Dorfkapelle vorkam. Auf einer kleinen Erhhung hinter einem Tische
sa ein schwarzbemntelter Herr mit einer gewaltig respektablen
Staatspercke. Es sprach sehr angelegentlich und eindringend;
wir aber verstanden kein Wort von dem, was er sagte, denn
eine Menge Leute gingen mit groen Gerusche aus und ein und
machten einen Lrm, als wren sie fr sich allein zu Hause.
Zuweilen rief wohl irgend jemand: "Silence!", aber niemand
kehrte sich sonderlich daran, der Lrm dauerte fort nach wie vor.
Rund um den Tisch saen dreiig bis vierzig andere Herren auf Bnken,
ebenfalls mit schwarzen Talaren und weien, obgleich etwas
kleineren Percken. Alle schienen emsig beflissen, dem Redner
zuzuhren, so gut es sich bei so bewandten Umstnden tun lie.
Zu unserem Erstaunen vernahmen wir, dies sei der hohe Gerichtshof,
High Court of Chancery, und der Herr obenan der Lordkanzler,
die anderen wren die Richter, welche in diesem unruhigen Winkel
sich versammelten, um sehr bedeutende Prozesse zu entscheiden.
Man kann indessen von ihrer Entscheidung noch an das Oberhaus
appellieren.

Verwundert ber die leichte Art, mit der hier die wichtigsten Dinge
betrieben werden, irrten wir eine Weile im alten Palaste umher,
durch viele uralte gewlbte Gnge, Treppen auf und ab, kreuz und
quer; zuletzt fanden wir uns wieder nahe an der groen Halle,
im Gerichtshofe von Kingsbench, Court of Kingsbench.

Hier sah es nicht besser aus als im hohen Gerichtshofe;
derselbe Lrm, dieselbe Unordnung. Zwei Herren, mit Percken
angetan, die auf einer greren Erhhung sich befanden, prsidierten;
einer von ihnen war der Oberrichter, Lord Ellenborough. Vor ihnen,
hinter Schranken, standen ein paar arme Teufel mit wahren
Armesndergesichtern, ber deren Haupt es eben herzugehen schien.

Vor dem Gerichtshofe von Kingsbench werden fast alle Kriminal- und
Polizeiverbrechen gerichtet; der berhmte Mr. Erskine [Funote: Thomas,
englischer Advokat und Staatsmann, seit 1805 Lord und Lordkanzler.
Verteidiger von Thomas Paine.] und sonst noch mehrere ausgezeichnete
Rechtsgelehrte treten hier oft als Verteidiger oder Klger
vor die Schranken. Hoffentlich gnnt man diesen Mnnern mehr
Aufmerksamkeit, als sonst hier gebruchlich ist. Nie und nirgends
sahen wir das, was doch erst das ernsteste Geschft der Welt ist,
die Entscheidung zwischen Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld,
Lohn und Strafe, Leben und Tod, auf eine so leichtsinnige Weise
betreiben. Keine Spur war zu erblicken von dem imponierenden Ernste,
der von jedem Richterstuhle unzertrennlich sein sollte.
Unbegreiflich ist es nur, wie Richter und Advokaten diesen Lrm
ertragen, ohne alle Aufmerksamkeit, fr ihr Geschft zu verlieren.
Wir eilten hinaus und resignierten gern darauf, noch zwei Gerichtshfe
zu sehen, die sich ebenfalls im Palaste von Westminster befinden
und in welchen es nicht besser hergeht als in den beiden,
welche wir besuchten.

Da das Parlament leider nicht versammelt war, so wollten wir doch
wenigstens das Lokal sehen, in welchem das Oberhaus zusammenkommt.
Dies ist ein alter, mittelmig groer, rucheriger Saal.
Verblichene gewirkte Tapeten, welche den Sieg ber die Armada
vorstellen, bekleiden die Wnde; man rhmt ihre Kunstwert,
aber die verheerende Zeit und der ihr treulich beistehende Staub
und Schmutz haben sie dermaen entstellt, da wenig mehr
von ihrem ehemaligen Glanze zu entdecken ist. Am oberen Ende
des Saals, auf einer Erhhung, steht der knigliche Thron,
der wie der Baldachin einer vom Trdel geholten, altmodischen,
rotdamastenen Himmelbettstelle sich ausnimmt. Daneben, zur rechten
Hand, stand ein ebenso alter und unscheinbarer Lehnstuhl fr
den Prinzen von Wales und zur Linken sechs Sthle fr die brigen
Prinzen. Mitten im Saal liegen vier groe viereckige, mit rotem
Zeuge bezogenen Wollscke fr die Lords, welche zugleich Richter
sind; die brigen Lords finden ihre Pltze auf einigen zu beiden
Seiten stehenden Reihen Bnken. Ein sehr groer Kamin vollendet
das Ganze; er ist mit einer Barriere von eisernem Gitterwerke
versehen, vermutlich damit niemand im Eifer des Debattierens
hineinfalle.

So sieht der Saal aus, in welchem oft das Schicksal von Millionen
entschieden wird, der Saal, in welchem die ersten und mchtigsten
Glieder einer Nation sich versammeln, welche gern dem ganzen Erdball
Gesetze gbe und noch nie fremde annahm. Vielleicht ist gerade
diese Unscheinbarkeit der sprechende Beweis des Stolzes, der,
auf innerem Bewutsein ruhend, allen ueren Glanz verachtet.

Im Unterhause sieht es nicht glnzender aus; nur der Thron
und die Wollscke fallen weg, sonst ist die Einrichtung des Saals
ungefhr die nmliche. Die Wnde sind mit braunem Holze getfelt,
und an einer Seite, oben, befindet sich eine Galerie fr die,
welche den Sitzungen als Zuschauer beiwohnen wollen. Keine Frauen
werden hier whrend derselben zugelassen. Auch mchten wenige es
ertragen knnen, sich zur Erhaltung eines guten Platzes schon
um neun oder zehn Uhr morgens einzufinden und dann oft bis
Mitternacht dort auszudauern. Indessen ist doch dafr gesorgt,
da man nicht verhungere; denn ein Gastwirt hlt in einem
unter dem nmlichen Dache befindlichen Kaffeezimmer Erfrischungen
fr die Mitglieder des Unterhauses bereit; auch Fremden
ist's erlaubt, sich in seiner Kche zu erquicken und zu strken.
Es ist Sitte, da man nach einer solchen Exkursion seinen Platz
in der Galerie unbesetzt wiederfindet.

Ursprnglich war der Saal des Unterhauses eine Kapelle, vom
Knige Stephan [Funote: Stephan von Blois, Enkel Wilhelm des Eroberers,
von 1135-1154 Knig von England.] dem Schutzheiligen seines Namens
gewidmet. Der prachtliebende Eduard der Dritte stellte sie
in der ersten Hlfte des vierzehnten Jahrhunderts wieder her.
Heinrich der Sechste gab ihr ihre jetzige Bestimmung, lie sie
dazu einrichten und durch mancherlei Abteilungen zu Gngen und
Nebenzimmern verkleinern. Leider ward dadurch eins der schnsten Werke
gotischer Kunst so gut als vernichtet. Vor mehreren Jahren ri man
einen Teil der Vertfelung, welche die Wnde bekleidet, herab,
um den Saal zu vergrern. Mit Erstaunen entdeckte man die berbleibsel
der reichen Verzierungen an der ursprnglichen Mauer und schlo
mit Bedauern aus diesem Wenigen auf die ehemalige Pracht des Ganzen.
Man fand unschtzbare Spuren der Kunst jener Zeiten, wunderknstliches
Schnitzwerk, Malereien und Vergoldungen, frisch und glnzend,
als wren sie von gestern; besonders am stlichen Ende der Kapelle,
wo man noch deutliche Spuren des Hochaltars sah. Seitenwnde
und Decke waren dort mit schnem Schnitzwerke und alten Wappenbildern
ganz bedeckt; dazwischen einige lebensgroe gemalte Figuren
und ein uraltes Gemlde, die Anbetung der Hirten vorstellend,
fr den Freund der Kunstgeschichte von unendlichem Werte.
Alles wurde barbarischerweise zerstrt und gnzlich vernichtet,
um dem jetzt existierenden traurigen Saale Platz zu machen,
als gbe es in ganz London keinen anderen Raum, in welchem
die Herren des Unterhauses sich versammeln knnten. Von aller
dieser Herrlichkeit blieb nur ein einziges schnes gotisches Fenster,
durch welches die Sonne jetzt trbe blickt, als vermisse sie
den ehemaligen Glanz.

Von auen sah das ganze Gebude traurig und verfallen aus, sowie auch
die schne, gegenberstehende, dazugehrige Kirche, die berhmte
Abtei von Westminster. Man wendete wenig Mhe und Kosten daran,
diese Denkmler frherer Zeiten zu erhalten, und sie schienen
allmhlich ihrem Untergange zusinken zu wollen.



Die Westminster Abtei


Diese Behausung berhmter Toter steht de und trauernd, selbst
einem groen Grabmale vergangener Jahrhunderte hnlich. Die alte
Herrlichkeit und Schnheit der in der gewhnlichen Kreuzform
erbauten gotischen Kirche kann man von auen nur ahnen;
denn hier so wenig wie bei St. Paul ist ein Standpunkt zu finden,
von welchem es mglich wre, das Ganze zu berblicken. Zwei schne
viereckige Trme krnen die hohe Zinne; jeder derselben ist nach
gotischer Art mit mehreren kleinen, leicht in die Luft sich
erhebenden Trmchen geziert; ein prchtiges Portal fhrt in
das innere Heiligtum.

Vom Eingange an der Westseite berblickt man den ganzen Plan desselben.
Einem versteinerten heiligen Haine gleich, steht es vor uns
in seiner ehrwrdigen erhabenen Pracht. Schlanke und doch
verhltnismig starke Pfeiler tragen das hohe, wie von Geisterhnden
khn geschaffene Gewlbe, an welchem Bogen ber Bogen sich leicht
und luftig erheben. Jeder dieser Pfeiler besteht aus eine Gruppe
von fnf Pfeilern, die sich zu einem einzigen vereinen. Das durch
die hohen bemalten Fenster verschleiert eindringende Sonnenlicht
verbreitet heilige Dmmerung ringsumher, ber alle die unzhligen,
mit unendlichem Kunstfleie gearbeiteten Verzierungen, welche
diesen ehrwrdigen Tempel schmcken.

Alles Alte darin ist gro, herzerhebend und erfreulich;
desto unangenehmer sticht alles Neuere dagegen ab. Besonders fremd
nimmt sich der moderne, von weiem Marmor im sogenannten
griechischen Geschmacke erbaute Altar in dem wunderherrlichen
alten Chor aus, in welchem die englischen Knige gekrnt werden.

Auch die unzhligen Momente, welche diese Kirche eigentlich berfllen,
zerstren die Einheit des Gebudes. Ohne Ordnung und Wahl stehen sie
durcheinander, als htte man sie vor irgendeinem Unfalle hierher
geflchtet und einstweilen hingestellt, wo eben ein freies
Pltzchen zu finden war. Obendrein scheinen die wenigsten,
wenn man sie als Kunstwerke betrachtet, diese Sorgfalt zu
verdienen. Viele sehen in dieser hohen Umgebung nur um so
kleinlicher aus; oft sind Mauern aufgefhrt, an die sie lehnen,
und obgleich es ein schner Gedanke ist, da eine groe Nation
hier in ihrem heiligsten Tempel, bei den Grbern ihrer Knige,
das Andenken groer, verdienter Mnner dankbar aufbewahrt,
so kann man sich doch nicht enthalten zu wnschen, da dieses
auf eine weniger strende Weise geschehen sein mchte.
Ein groer Teil der Ausfhrung des schnen Zwecks geht durch
die Art verloren, mit welcher alles unter- und bereinander
gestellt ist. Durch Staub, Schmutz und unzhlige Spinnweben
mu man sich drngen, um manches Monument in seinem engen Winkel
zu betrachten, und dabei den Kummer zu fhlen, das wahrhaft
Schne und Groe durch soviel Mittelmigkeit verdrngt und
entstellt zu sehen.

Eine Ecke in einem der krzeren Flgel ward dem hheren Talent
gewidmet. Sehr unpoetisch nennt man diese Abteilung den Poetenwinkel,
The Poets Corner. Hier finden wir Goldsmith, Hndel, Shakespeare,
Garrick, Chaucer, Buttler, Thomson, Gay, Johnson, Milton,
Dryden und viele andere, nur nach Swift, Sterne und Pope
suchen wir vergebens. Der Platz ist sehr enge, und mancher
hochgefeierte Name mu sich in diesem Pantheon aus Mangel
an Raum mit einem unscheinbaren Winkel behelfen. Ein Medaillon
mit dem Profil des durch Talent und Schicksal unserem Hlty
so nah verwandten Goldsmith ist ber der Tre angebracht.
Hndel sitzt schreibend und aufhorchend, als belausche er
die Melodie der Sphren und eile, sie auf dem Papiere festzuhalten.
Im kniglichen Schmucke tritt Garrick hinter einem Vorhange
hervor und schaut entzckt und geblendet die neue Szene.
Gedankenvoll lehnt Shakespeare an einem Postament und zeigt
auf eine herabhngende Pergamentrolle mit folgender Inschrift
aus seinem "Sturm:

    "So werden
    Die wolkenhohen Trme, die Palste,
    Die hehren Tempel, selbst der groe Ball,
    Ja, was daran nur Teil hat, untergehen,
    Spurlos verschwinden. Wir sind solcher Zeug
    Wie der zu trumen, und dies kleine Leben
    Umfat ein Schlaf."

Unter den im brigen Teil der Kirche zerstreuten Denkmler wird das dem
Lord Mansfield gewidmete und von den Englndern besonders hoch gehalten.
Es ist vom jngeren Flaxmann gearbeitet [Funote: John (1755-1826),
bekannter Bildhauer und Illustrator]. Dieses und das des Lords Chatham,
Vater des berhmten William Pitt [Funote: im Gegensatz zu seinem Vater
der jngere Pitt genannt (1759-1806). War zweimal Premierminister. Seine
grten Verdienste um das Staats- und Wirtschaftsleben Grobritanniens
waren die Ostindische Bill, die Verfassung Kanadas und die Union mit
Irland. Vorkmpfer gegen Napoleon.], wurden jedes mit sechstausend Pfund
Sterling bezahlt. Lord Mansfield, in der weiten, der plastischen Kunst
gar nicht vorteilhaften Tracht der englischen Richter, sitzt in ziemlich
ungraziser Stellung auf dem Richterstuhle; eine Hand sttzt sich auf's
Knie, die andere hlt eine Pergamentrolle. Neben seinem Sitze, etwas
niedriger, stehen Weisheit und Gerechtigkeit, hinter ihm der die Fackel
auslschende Tod, gewagt genug in der Gestalt einer schnen, nackten,
weiblichen Figur dargestellt.

Hoch auf dem Piedestal, in Rednerstellung, steht Lord Chatham;
viele Tugenden weinen zu seinen Fen und lassen es unentschieden,
ob seine Rede sie rhrt, oder ob er Dinge sagt, ber welche
die Tugend weinen mu.

Auch die traurigen Manen des unglcklichen Majors Andree, der im
amerikanischen Kriege vom erbitterten Feinde als Spion gehngt ward,
finden hier ein ehrenvolles, seinem Andenken geweihtes Monument.

Zwlf an die Kirche sich anschlieende Kapellen enthalten die Asche
der Knige und einiger sehr vornehmer Familien. Seit Elisabeths
Zeiten ward keinem Knige ein Monument hier errichtet, obgleich
alle hier begraben lieben.

Gern betrachteten wir jene alten Denkmler; fast alle sind groe,
viereckige Sarkophage, auf welchen die Statue des Verstorbenen
in vlliger Staatskleidung ausgestreckt daliegt, mit gefalteten
Hnden, ruhig wie im Schlummer. Keine Zerrbilder fanden wir
wie in Paris aux petits Augustins, wo Franz der Erste, Maria
von Medici und Karl der Neunte in den grlichsten Verzerrungen
des Sterbens, mit wild zerstreutem Haare, fast nackt, in
entsetzlichen Konvulsionen auf ihren Grbern abgebildet liegen.
Gerhrt standen wir hier am Grabe der Maria Stuart. Man hat sie
unweit ihrer Todfeindin und Mrderin gebettet; das Gesicht ihrer
Statue war durch die Zeit fast unkenntlich geworden.

Die lteste der zwlf Kapellen enthlt das Grab Eduards des
Bekenners [Funote: angelschsischer Knig (1042-66)
[Funote: Knig von England (1272-1307); er kehrte 1274 aus
dem Heiligen Land zurck, nachdem er mehrere Jahre dort gekmpft
hatte.); es war mit Mosaik von farbigen Steinen geziert,
welche leider grtenteils von ungezogenen Altertumsfreunden
ausgebrochen und mitgenommen wurden.

Eduard der Erste ruht ebenfalls hier; neben ihm seine Gemahlin,
Eleonore von Kastilien, dieses Muster ehelicher Lieber und
Treue bis in den Tod. Als ihr Gemahl noch Kronprinz war,
zog auch er 1274 zum frommen Kriege ins gelobte Land.
Eleonore begleitete ihn, achtete nicht der weiten, gefahrvollen
Reise, wollte lieber alles Ungemach dulden, als von dem
so hoch Geliebten entfernt lebten. Gestrkt durch ihren Anblick,
angefeuert durch ihren Mut, richtete er siegend unter den Sarazenen
bald groe Verwstungen an. Die Unglubigen rchten sich
aber frchterlich und tckisch. Sie sandten Meuchelmrder
gegen ihn aus, die ihn mit einem tdlich vergifteten Pfeile
am Arme verletzten. Die Mrder fielen zwar unter den rchenden
Schwertern seiner Getreuen, aber Eduard ward bewutlos
in sein Zelt getragen. Die rzte gaben ihn ohne Rettung verloren,
wenn nicht einer seiner Diener das Gift aus der Wunde zu saugen
und das Leben des Gebieters mit Aufopferung des eigenen Lebens
zu erhalten sich entschlsse. Starr und stumm standen all
um das Sterbebette ihres knftigen Knigs; sie hatten oft
dem Tode in seiner furchtbarsten Gestalt getrotzt, dennoch
konnte keiner zu diesem Opfer sich entschlieen. Da eilte Eleonore
herbei; niemand durfte es wagen, sie zu hindern; sie warf sich
auf den verwundeten Arm, und bald schlug der Gerettete die
Augen wieder auf. Mit welchem Gefhl er auf diese Weise sich
dem Leben wiedergeschenkt sah, wie sie, frchtend ihn auf's
neue zu vergiften, es nicht wagte, ihn zum letzten Mal
an die treue Brust zu drcken, und nur von ferne, zitternd
vor Freude, vor ihm stand, dafr haben wir keine Worte.
Konnte das Gift diesem engelreinen Wesen nicht schaden?
War es vielleicht nur bei einer ueren Verletzung tdlich?
Dies wissen wir nicht; genug, Eleonore lebte noch mehrere Jahre
ein glckliches, schnes Leben an der Seite ihres Gatten,
teilte bald darauf mit ihm den Thron und fand erst neunzehn Jahre
spter hier ihre letzte Ruhesttte.

So erzhlt die Sage, und zu schn, um ihre Wahrheit zu bezweifeln,
obschon einige berhmte Geschichtsschreiber diese rhrende
Begebenheit nicht erwhnen.

Auch auf diesem Sarkophage ist die Gestalt der darunter
Schlummernden abgebildet. Die Kunst war damals noch in der
Kindheit, aber diesmal fhrte ihr Genius den Meiel des Knstlers,
ein schtzender Engel wachte ber das Bild und barg es vor
der zerstrenden Zeit. Eleonorens Gesicht strahlt noch von
hoher Schnheit und wunderbarer Gte und Milde auf dieser
ihre Zge der Nachwelt aufbewahrenden, wohlerhaltenen Abbildung.

Die Grber Eduards des Dritten [Funote: Knig von England
[1327-77)] und Heinrichs des Dritten [Funote: Knig von England
(1216-72)] sind ebenfalls in dieser Kapelle.

Das Monument Heinrichs des Dritten, ein merkwrdiges Denkmal
alter Kunst, ist reich verziert mit Porphyr, Mosaik und
Vergoldungen; seine in Erz gegossene Statue ruht darauf.
Hier stehen auch die alten Sessel, auf welchen die Knige
bei der Krnung sitzen; in einen derselben ist der Stein eingefgt,
welcher den Knigen von Schottland zum Knigsthrone diente.
Eduard der Erste lie ihn von Scone, welches die Leser aus dem
ersten Teile dieser Erinnerungen kennen, hierher bringen.

Die dicht daran stoende Kapelle Heinrichs des Fnften
[Funote: Knig von England (1485-1509] ist wegen ihrer
altertmlichen Pracht eine der merkwrdigsten. Leider liegt der
gute Knig ohne Kopf auf seinem Grabmale, auch Reichsapfel und
Zepter sind seinen Hnden entrissen. Alles dies war, dem
solide Pracht liebenden Geschmack jener Zeit gem, ganz von
gediegenem Silber und konnte selbst in diesem Heiligtume
der schlauen Habsucht listiger Diebe nicht entgehen.

Neun andere Kapellen, verschiedenen Heiligen geweiht, deren
Namen sie noch fhren, enthalten viele fr den Altertumsforscher
hchst merkwrdige Gegenstnde, viele Belege zur Geschichte
des Kunstgeschmacks und der Lebensweise im Mittelalter;
selbst das uralte hlzerne Monument des schsischen Knigs Sebert,
welcher zuerst an diesem Orte eine Kirche erbaute.

Merkwrdig war uns das Grab eines Grafen Leicester wegen
seiner hnlichkeit und zugleich Unhnlichkeit mit dem berhmten
Bettstelle des Grafen von Gleichen. Gar stattlich ruht
der edle Graf im ritterlichen Schmucke, mitten auf dem
ungeheuer breiten Sarkophage, den er sich selbst errichten lie;
neben ihm, zur rechten Hand, in holder Bescheidenheit,
seine erste Gemahlin; aber der ziemlich weite Platz zur Linken
ist leer. Seine zweite Gemahlin konnte unmglich sich entschlieen,
ihrer wenn auch toten Nebenbuhlerin im Range zu weichen, sie wollte
durchaus nicht mit der linken Hand vorlieb nehmen, whrend
ihre Vorgngerin zur Rechten lge. Noch auf dem Totenbette
war es bis zum letzten Augenblicke die angelegentlichsten Sorge
der rangschtigen Frau, solche Unbilde zu verhindern. Sie erreichte
ihren Zweck, man begrub sie anderswohin; niemand wei, wo ihre
Gebeine ruhen. Das Andenken ihres Lebens wre lngst verschollen,
wenn nicht das ihrer Torheit auf dieser leeren Stelle kommenden
Jahrhunderten aufbewahrt worden wre.

Alle diese Kapellen sind mit der Westminster Abtei unter einem Dache,
nur die letzte und schnste, die Kapelle Heinrichs des Siebenten,
[Funote: Knig von England 1485-1509)] ist daran angebaut,
so da nur der Eingang dazu in der Kirche steht.

Dies Gebude ist eines der schnsten seiner Zeit, aber leider
sahen wir es in einem unverantwortlich vernachlssigten Zustande,
mehr noch als die Kirche selbst. Kaum wurde das Dach desselben
notdrftig unterhalten; htte man die langsam zerstrende Zeit
noch lnger ungehindert fortwten lassen, so wre bald alles
zu einer schnen Ruine zusammengesunken, die berall sich besser
ausgenommen haben wrde als an dieser, dem heiligen Andenken
groer Vorfahren geweihten Stelle. Von auen ist die Kapelle
mit aller Pracht der gotischen Baukunst geschmckt, das Ganze
im schnsten Ebenmae, leicht und erfreulich. Vierzehn schne
durchbrochene Trme sind die Hauptzierde. Zum Eingange, von der
Kirche aus, dient ein prchtiges, in Stein gehauenes Portal,
welches drei sehr knstlich gearbeitete Gittertren von
vergoldetem Eisen verschlieen. Die Decke ist ber und ber mit
schner Bildhauerarbeit von Stein geschmckt, schne, gewlbte
Bogen, untersttzt von Pfeilern im reinsten Ebenmae, prchtige
Fenster, herrliches Schnitzwerk, alle Pracht gotischer Architektur
ist hier zu finden. Unmglich kann man dieses schne berbleibsel
frherer Zeit zu hoch preisen, und wohl wre es wnschenswert,
da die Kapelle einen Freund und Verehrer fnde, wie der Dom
von Kln ihn an dem Herrn von Boissere fand, [Funote: Sulpiz
und Melchior, zwei Brder, gebrtige Klner, deutsche Kunstsammler
und -historiker, mit Goethe befreundet. Sulpiz (1783-1854)
vor allem war es, der durch eine Beschreibung die Vollendung
des Klner Doms anregte.

Zum blen Erhaltungszustand hat Johanna in der Ausgabe von 1830
in einer Anmerkung ergnzt: "Dieser Wunsch ist seit dem ersten
Erscheinen dieses Buches erfllt, und auch fr die bessere
Erhaltung der Westminsterabtei wird Sorge getragen."] welcher
der kommenden Zeit wenigstens im treuen Bilde ein Andenken
der sichtbar hinsinkenden Herrlichkeit aufbewahrte.

Mitten in der Kapelle steht das Grab Heinrichs des Siebenten
von schwarzem Basalt, verziert mit vergoldeter Bronze,
umgeben von einem ebensolchen, sehr prchtigen Gelnder.
Sechs Basisreliefs und vier Statuen von vergoldetem Erze
schmcken dies Werk des Florentiners Pietro Torregiano.

Auer diesen wirklich merkwrdigen und ehrwrdigen Kunstwerken
werden hier auch aufgewahrte Wachsbilder alter Knige und
Kniginnen in alten Glasschrnken gezeigt. Wahre Vogelscheuchen,
die dem Untergange lngst htten bergeben werden sollen.
Nur das leiht ihnen einiges Interesse, da sie mit den nmlichen
Kleidern angetan sind, welche die hohen Herrschaften bei Lebzeiten
trugen. Wte besonders die Knigin Elisabeth, welch ein
hliches Bild von ihr die Nachwelt hier anstaunt, so wrde
die ihr im Leben so eigen gewesene Eitelkeit ihr noch im Grabe
keine Ruhe lassen.



LONDONS UMGEBUNGEN


Windsor


[Funote: von Eduard dem Bekenner erstmals erbaut; Eduard III.
lie es niederreien und durch William of Wykeham im 14. Jahrhundert
ein neues Schlo bauen. Es wurde unter den folgenden Herrschern
mehrfach erweitert, zuletzt im 19. Jahrhundert unter Georg IV.,
und Knigin Victoria unter Leitung des Architekten Sir Jeffrey
Wyattville.]

An dem sdlichen Ufer der Themse, zweiundzwanzig englische Meilen
westlich von London, thront auf einer Anhhe das alte stattliche
Schlo von Windsor. Von dieser herab geniet man eine der
ausgebreitetsten Aussichten auf die schne, reiche Gegend umher.
Wunderbar kontrastiert diese mit dem ernsten Anblicke des Schlosses,
seinen alten Mauern und mit Efeu umrankten Trmen.

Wilhelm der Eroberer erbaute dieses Schlo, kurze Zeit nachdem er
sich zum Herrn von England gemacht hatte. Mit einer Mauer umgab
es Heinrich der Erste und vergrerte es. Spter erwhlte Eduard
der Erste Windsor zu seinem Lieblingsaufenthalte, und Eduard der
Dritte ward hier geboren. Vorliebe fr den Ort, an welchem seine
Wiege stand, bestimmte diesen, das Schlo, welches er zu seiner
Sommerwohnung whlte, nach einem neuen Plane prchtiger zu bauen.
Auch Knig Karl der Zweite wendete viel auf die Verschnerung
von Windsor, und seit seiner Zeit blieb es der Lieblingsaufenthalt
der Knige von England und ihre gewhnliche Sommerwohnung.
Unter der Regierung Georgs des Dritten ist ebenfalls manche
Vernderung und Verschnerung damit vorgenommen worden.
Der Schlograben ward ausgefllt, ein Hgel, welcher die Aussicht
gegen Morgen beschrnkte, wurde geebnet, Festungswerke wurden
abgetragen. Dennoch sieht das Schlo noch immer ehrwrdig und
altertmlich genug aus, obgleich es viel von seinem ersten
imponierenden Ansehen verloren haben mag.

Es hat zwei Hfe, den oberen und unteren; beide werden durch den
sogenannten runden Turm, die Wohnung des Kommandanten, voneinander
getrennt. An der Nordseite des oberen Hofes befinden sich die Staats-
und Audienz-Zimmer, an der Ostseite die Appartments der Prinzen
und gegen Sden die der vornehmsten Kronoffizianten. Der untere Hof
ist wegen der St. Georgen Kapelle bemerkenswert. Die verschiedenen
Sle und Staatszimmer zieren Tapeten und Malereien, bald von hherem,
bald von geringerem Werte. An allen ist die Wirkung der Zeit sichtbar,
und sie machen im Ganzen keinen heiteren Eindruck. Der merkwrdigste
unter den Slen ist der Georgen-Saal, der Kapitelsaal der Ritter
des Ordens vom Hosenbande [Funote: Order of the Garter; angesehenster
englischer Orden. Gestiftet von Eduard III. Der berlieferung zufolge
verlor Eduards Geliebte, die Grfin Salisbury, bei einem Tanz
ihr blaue Strumpfband. Der Knig hob mit dem Band auch den Rocksaum
der Grfin auf und entblte dabei ihre Beine. Bis in das 19. Jahrhundert
hinein war es zwar schicklich, die Bste mehr oder minder frei
zur Schau zu stellen, nicht jedoch irgend etwas von den Beinen
zu zeigen. Aus dieser Situation wird der Wahlspruch abgeleitet.].
Er ist einhundertacht Fu lang, am Ende desselben steht der
knigliche Thron, ber diesem sieht man das St. Georgen-Kreuz
in einer Glorie, umgeben mit dem von Amoretten getragenen Strumpfbande
und der bekannten Inschrift: Honny soit qui mal y pense.

Die Staatszimmer hngen voll Gemlden, welche man aus Mangel an Zeit
nur zu flchtig betrachten mu. Dem Anschauer werden im Vorbereilen
die Namen der grten Meister wie Tizian, Poussin, van Dyck, Holbein
und viele andere genannt. Auch eine heilige Familie von Raffael
und eine Anbetung von Paul Veronese zeigt man den Fremden als die Krone
der Versammlung.

Der schnste Punkt von Windsor Castle ist die groe, in ihrer Art
einzige Terrasse. Sie erstreckt sich lngs der stlichen und
eines Teils der nrdlichen Seite des Schlosses, ist
eintausendachthundertsiebzig Fu lang und von verhltnismiger Breite.
Die Aussicht auf die Themse, welche sich durch eine der reichsten
Landschaften hinschlngelt, auf die mannigfaltigen Landhuser,
Drfer und Flecken, die ihre Ufer beleben, auf den parkhnlichen Wald
von Windsor und die in der Nhe liegenden Grten, ist ber alle
Beschreibung schn und reizend.

Nicht im eigentlichen Schlosse von Windsor wohnte die knigliche
Familie Georgs des Dritten, sondern in einem modernen Gebude,
welches der sdlichen Terrasse gegenberliegt. Hinter diesem Gebude
erstreckt sich ein wohlangelegter Garten, den man von einem Winkel
der groen Terrasse bersieht. In ihm befindet sich ein zweites
Gebude, das die Prinzessinnen bewohnten.

Die Knigin besa nahe bei Windsor noch ein kleines, brgerlich
aussehendes Haus mit einem unbedeutenden Garten. Diese Besitzung,
welche sie sehr liebte, heit Frogmore. Hierher machte sie oft
Landpartien mit ihren Tchtern und einigen Lieblingen unter ihren
Damen. Kleine lndliche Feste an den Geburtstagen der Prinzessinnen,
Frhstcke und dergleichen wurden hier gegeben, in einem sehr
beschrnkten Familienzirkel.

In Windsor mute man vor der traurigen Krankheit Georgs des Dritten
die knigliche Familie sehen, um sich von ihrer Lebensweise uns
Persnlichkeit einen Begriff zu machen. Hier fielen die Schranken,
welche Etikette und strenge Eingezogenheit in London um sich zogen.
Dort hatte man kaum Gelegenheit, sie zu Gesichte zu bekommen,
wenn man sich nicht prsentieren lassen wollte. Im Theater
erschienen sie sehr selten, und beim Spazierenfahren oder Reiten
eilten sie zu schnell vorber, als da man die Gestalten auffassen
konnte.

Whrend ihres Aufenthaltes zu Windsor hingegen sah man sie alle
Sonntage morgens in bescheidenen Neglig, nach englischer Sitte,
beim Gottesdienst in der Georgen-Kapelle versammelt. War der Knig
gesund, so versumte er auch an Wochentagen nie, um sieben Uhr
des Morgens in der kniglichen Kapelle im oberen Hofe des Schlosses
seine Morgenandacht feierlich zu halten, wobei ebenfalls
jedermann zugelassen wurde. Spter traf man ihn vormittags oft
in den Wirtschaftsgebuden, in den Pferdestllen, berall.
Er trug dann einen einfachen, dunkelblauen Oberrock, mit einer
runden braunen Percke, die ihm vllig das Ansehen eines
wohlhabenden Pchters gab. Er pflegte es nicht ungern zu hren,
wenn man ihn Farmer George nannte; lndliche konomie war in
frheren Zeiten seine Lieblingsbeschftigung.

An jedem heiteren Sonntagabend promenierte die ganze Familie
auf der groen Terrasse, und dieses gewhrte dann einen
in seiner Art einzigen Anblick. Von der einen Seite die grauen
altertmlichen Mauern des Schlosses mit ihren Zinnen und Trmen,
von der anderen die oben erwhnte reiche Aussicht auf den Strom,
Feld und Wald im verklrenden Glanze der sinkenden Sonne,
und nun das bunte drngende Gewhl aller Stnde, jeden Alters,
beinahe jeder Nation; denn kein Fremder versumte es leicht,
Windsor wenigstens einmal von London aus an einem Sonntage
zu besuchen. Zu der Menge von Fremden gesellten sich die Bewohner
der umliegenden Gegend, vom vornehmen Gutsbesitzer bis zum
geringsten Landmann; zwischen ihnen bewegten sich schwerfllige
Bewohner der City mit ihren wohlbeleibten geputzten Ehehlften
und zierlichen trippelnden Misses.

Auch wir waren an einem Sonntage gleich den anderen Fremden
nach Windsor geflchtet und mischten uns unter die bunte Menge.
Auf und ab wogte das Gewhl, die groe Terrasse war fast
zu enge. Um sieben Uhr erschienen zwei Banden militrischer
Musik auf der Schlomauer an beiden Ecken der Terrasse.
[Funote: dazu Johanna: "In England sagt man immer eine Bande
Musiker. Uns dnkt dies recht charakteristisch."]. Beide
spielten gar lustig God save the King, ohne sich sonderlich
umeinander zu kmmern; die Entfernung und das Gerusch waren
auch zu gro, als da sie viel voneinander htten hren knnen.
Mit dieser beliebten Melodie fuhren sie ohne weitere Abwechslung
den ganzen Abend fort zu musizieren. Die knigliche Familie
erschien bald darauf; ein einziger Konstabler ging mit dem Stabe
voraus, um nur einigermaen Raum fr sie zu machen. Man drngte
sich von allen Seiten um sie her. Der Knig ging zuerst,
an seiner Seite die Knigin. Wo er einen Bekannten erblickte,
redete er ihn an oder nickte ihm einen freundlichen Gru zu,
ohne Unterschied von Rang und Stand. Neugierig forschte er
nach den Namen jeder ihm aufzufallenden Gestalt, und wir hrten
verschiedentlich, wie er nach seiner alten, durch Peter Pindar
so bekannt gewordenen Gewohnheit ein einsilbiges Wort oft
drei- bis viermal hintereinander wiederholte. Mit dem Astronomen
Herschel sprach er, so oft er ihm begegnete, einige Worte;
auch die Knigin war ausgezeichnet freundlich gegen diesen
ihren Landsmann. Die Promenade schien ihr viel weniger Freude
zu machen als ihrem Gemahl, an dessen Arm sie hing. Das Gehen
auf den hohen, spitzigen Abstzen, die sie noch immer trug,
wurde ihr sichtbar schwer; sie war sehr klein, und in dem
grautaftenen Kleide, welches sie hoch in die Hhe nahm,
mit einem altmodischen Mntelchen von weiem Taft, sah sie gar
nicht kniglich aus. Der Knig schien oft ganz zu vergessen, da er
sie fhrte, und ging, stand oder kehrte pltzlich um, wie es ihm
eben gefiel.

Hinter dem kniglichen Paare wandelten die beiden ltesten Prinzessinnen
am Arme einer Hofdame. Die zweite, Mary, hat ein interessantes Gesicht.
Jetzt folgte die Prinzessin Elisabeth, auf zwei Hofdamen gesttzt.
Nach der Prinzessin Elisabeth folgten die beiden jngeren Schwestern
am Arme ihres Bruders, des Herzogs von Cambridge. So zogen sie
in Prozession durch das Gewhl auf und ab; stand der Knig,
so standen alle, wendete er um, so folgten sie ihm.

In der Zeit von anderthalb Stunden begegneten wir ihnen
wenigstens zwanzigmal, denn so wie der Knig an einen etwas
menschenleeren Teil der Terrasse kam, kehrte er um. Diese Promenaden
machten ihm viel Vergngen; selten kehrte er vor der Dmmerung
nach Hause. Wir waren ihrer eher berdrssig als er, denn er
wandelte noch ganz munter umher, als wir die Terrasse verlieen.

Das Stdtchen Windsor hat wenig Ausgezeichnetes; es zieht sich
den ganz betrchtlichen Hgel hinan, auf welchem das Schlo liegt.
Die Straen sind folglich bergig und unbequem zum Fahren und
Gehen; auch die Gasthfe fanden wir weniger gut, als man es
in dieser Nhe des Hofes vermuten sollte.

Das Dorf Eton, bekannt durch die hohe Schule Eton College,
liegt am Fue des Hgels, jenseits der Themse, und wird nur
durch eine Brcke von der Stadt Windsor getrennt. Die Schulgebude
zeichnen sich nicht durch ihre Bauart aus; die Kapelle aber
ist ein schnes gotisches Gebude, welches die reiche Landschaft
noch mehr verschnert. Heinrich der Sechste stiftete und erbaute
diese Schule im Jahr 1440. Sechzig Pensionre werden dort
auf Kosten des Knigs erzogen, aber auch Shne guter Familien
fr Bezahlung darin aufgenommen. Die Schler sind in zwei Klassen
geteilt, deren jede noch drei Unterabteilungen hat. Die Erziehung
in diesen Anstalten, sowie auch das Studieren in Oxford und
Cambridge haben noch viel Strenges und Klsterliches, sogar
in der Kleidung. Im Monat August werden die Schler in Eton
examiniert und diejenigen ausgewhlt, welche nach Cambridge
gehen sollen, um ihre Studien fortzusetzen. Die zwlfe unter
diesen, die sich im Examen am besten auszeichnen, haben das Recht,
nach drei Jahren Mitglieder der Universitt Cambridge zu werden,
Fellows of the University, welches ehrenvoll und eintrglich ist.
Die Bibliothek in Eton ist bedeutend. Weitlufige, wohlunterhaltene
Grten umgeben die Schulgebude.



Die Grten von Kew


Durch den Hyde Park hindurch, vorber an den schnen Grten
von Kensington, fhrt der Weg zu diesen, besonders in botanischer
Hinsicht mit Recht berhmten kniglichen Grten.

Vier englische Meilen fhrt man von Kensington nach Kew zwischen
einer seltenen ungebrochenen Reihe eleganter, mit zierlichen
Graspltzen und Grten eingefater Landhuser. Grtenteils
sind diese der Aufenthalt wohlhabender Londoner Familien,
deren Hupter in der Stadt ihren Geschften nachgehen, whrend Frau
und Kinder, fern von der dunstigen Atmosphre der City, sich hier
einer reineren Luft und aller Annehmlichkeiten eines lndlichen
Aufenthalts in der schnen Gegend erfreuen. Oft schon erwhnten
wir in diese Blttern der unbeschreiblichen Reize, welche Sauberkeit,
Geschmack und augenscheinliche Wohlhabenheit diesen halb stdtischen,
halb lndlichen Wohnungen geben; beinahe ist es unmglich,
nicht immer in neue Lobsprche auszubrechen, so oft man ihrer gedenkt,
und sich dabei des Gefhls von huslicher Ruhe und behaglichen
Wohllebens erinnert, welches ihr bloer Anblick selbst dem
vorbereilenden Wanderer einflt.

Nur die Grten sind in Kew merkwrdig; das Haus des Knigs ist klein,
unbedeutend und dient ihm und seiner Familie bei den nicht seltenen
Morgenpromenaden zu diesem Lieblingsorte nur gelegentlich zum
Absteigequartier. Es wird nie von der kniglichen Familie bewohnt
und ist auch auf keine Weise solcher Bewohne wrdig. Indessen
war man whrend unseres dortigen Aufenthalts beschftigt,
ein groes massives Gebude zum knftigen Witwensitz der Knigin
zu erbauen [Funote: Caroline von Braunschweig, Gattin Georgs IV.,
1818 hier gestorben.]. Nie sahen wir etwas Ungeschickt-Schwerflligeres
als diese, im seinsollendgotischen, ganz verfehlten Geschmack
aufgetrmte Steinmasse. Ungeheuer dicke Mauern, kleine,
spaltenhnliche Fenster, dicke, unbeholfene Sulen geben ihr
eher das Ansehen eines Staatsgefngnisses als der Wohnung einer Knigin.

Die botanischen Grten von Kew vereinigen eine unzhlige
Mannigfaltigkeit von Pflanzen aller Weltteile, aller Zonen,
und gehren gewi zu den merkwrdigsten in Europa, wenn sie nicht
vielleicht alle brigen bertreffen. Die berall wehende englische
Flagge brachte von den entferntesten Ufern auf diesen kleinen Punkt
fast alles zusammen, was nur auf Erden wchst. Von der Zeder
des Libanons bis herab zum bescheidenen Heidekraut findet alles hier
Pflege, Boden und Klima, wie es sie bedarf, um nicht nur kmmerlich
zu vegetieren, sondern ppig zu wachsen, zu grnen und zu blhen.
Der Knig liebte die Botanik, er wandte viel Geld und Mhe
auf diese Grten und freute sich ihres Gedeihens. Der berhmte
Weltumsegler Sir Joseph Banks nahm sie unter seine spezielle Aufsicht,
und seine, in den entferntesten Weltgegenden mit unsglicher Mhe
und Gefahr erworbenen botanischen Kenntnisse fanden hier ein weites,
fruchtbares Feld. Auf diese Weise mute etwas sehr Vollkommenes
entstehen. Das durch die wrmende Seeluft unendlich gemilderte Klima,
der natrlich warme Boden Englands tragen das ihrige bei,
um der Anstalt das hchste Gedeihen zu geben. Hier, wo der Winter
den Wiesen ihren grnen Teppich nie raubt, wo die Herden das ganze Jahr
hindurch im Freien ihre Nahrung finden, wird jede aus einem milden
Klima hergebrachte Pflanze bald einheimisch. Sehr viele, welche
selbst im sdlichsten Teile von Deutschland den grten Teil des Jahres
im Hause gehalten werden mssen und nur whrend der Sommermonate dort
der Luft ausgesetzt werden drfen, wachsen hier ppig im Freien,
wie in ihrem Vaterlande, zum Beispiel die groblttrige Myrte,
der duftende Heliotrop und noch viele mehr.

Es ist eine groe Freude, auf den festgewalzten, bequemen Kieswegen
dieser Grten zwischen mannigfaltig geformten Blumenbeeten
zu wandeln und sich an dem freundlichen, ewig wechselnden Spiele
der Natur mit Farben und Formen zu ergtzen; dann in die groen
Treibhuser zu treten, in jedem derselben eine andere neue Welt
zu finden, in dem einen die seltensten Produkte des glhend heien
Afrika, im anderen alles zu bewundern, was im sdlichen Amerika
wchst; dann wieder sich an den Pflanzen milderer Zonen zu erfreuen,
und doch immer das auf einem Punkte vereinigt zu sehen, was
zusammengehrt und gleichsam ein fr sich bestehendes Ganzes ausmacht.

Auch die lebendigen Blumen der Lfte werden hier gepflegt.
Eine groe Volire vereinigt eine Menge der schnsten auslndischen
Vgel, die darin, wenigstens in scheinbarer Freiheit, ihr lustiges
Wesen treiben, als wren sie zu Hause. In einer greren Abteilung
des Gartens werden eine Menge der schnsten Gold- und Silberfasanen
gehalten, neben ihnen stolzieren prchtige, zum Teil seltene Pfauen
und mehrere andere Arten grerer fremder Vgel. Mitten in dieser
Abteilung des Gartens befindet sich ein Teich mit einer Insel,
auf welcher ein chinesischer Pavillon erbaut ist. Wasservgel
aller Art, mit langen und breiten Schnbeln, schwimmen auf den
silberhellen Wellen, oder wandeln auf langen Stelzbeinen
gravittisch am Ufer. Alles dieses fremde Volk ist froh und
lustig, als wre es im Vaterlande.

Auf einer groen grnen Wiese sahen wir ein anderes lustiges
Schauspiel; einige vierzig Knguruhs hpften darauf in vlliger
Freiheit umher.

Nichts Lcherliches gibt es in der Natur als diese wunderlichen
Tiere. Sie wandeln mit Hilfe ihrer langen Schwnze aufrecht und
machen dabei ganz gewaltige Stze. Die kurzen Vorderbeinchen,
die sie zum Gehen gar nicht brauchen knnen, halten sie auf eine
possierliche Art vor der Brust. So aufrecht haben sie wohl
Mannshhe. Neugierig gucken die Jungen aus dem Beutel, in welchem
die Mtter sie tragen, in die weite Welt. Macht die Mama einmal
zu arge Sprnge, so fllt wohl so ein liebes Kleines aus dem
Beutel heraus auf die Erde, wird aber gleich wieder sorgfltig
aufgehoben und eingesteckt. Bisweilen erzrnten sich ein paar
Mnnchen und fochten miteinander, indem sie, auf einem Hinterfue
und dem Schwanze stehend, sich mit dem langen scharfen Nagel
am anderen Hinterbeine gewaltige Hiebe versetzten. Lange sahen wir
dem argen, wilden Treiben dieses nrrischen Volkes zu, das uns
oft lautes Lachen abntigte.

Als wir die eigentlichen Lustgrten von Kew zu sehen wnschten,
ging unsere alte Not wieder an. Sie wurden nur sonntags gezeigt,
und wir waren an einem Wochentage da. Als kein Zureden, kein
Bitten, keine Vorstellungen etwas fruchteten, wurden wir
verdrielich und lieen unseren Unmut untereinander in gutem,
vernehmlichem Deutsch aus. Zu unserem Glck hrte dies ein in
der Nhe arbeitender deutscher Grtner. Der se Klang aus
dem Vaterlande bewegte sein Herz, und er nahm sich der Landsleute
so krftig an, da ihm endlich erlaubt wurde, unser Fhrer zu sein.

Wir fanden die Promenaden sehr angenehm, viel hohe, herrliche
Bume in einzelnen Gruppen; dichte Schattenpartien wechselten
mit lichten Gngen zwischen Gras, Blumen und kleinem Gestruch.
Besonders reizend erschien uns ein reich geschmckter Blumengarten
mit einem kleinen Wasserbassin, in welchem Goldfischchen spielten.
Nur ein wenig zu berladen mit Gebuden sind diese Grten.
Da gibt's Tempel in Menge, der Bellona, dem Pan, dem olus,
dem Frieden, der Einsamkeit und wem nicht noch sonst geweiht;
da ist ein Haus des Konfuz, eine Wildnis mit einem maurischen
Gebude, eine chinesisch seinsollende Pagode, eine Moschee,
rmische Ruinen, kurz - viel zu viel fr den guten Geschmack.
Keines dieser Gebude ist ausgezeichnet schn, aber auch keines
seines Platzes ganz unwert. Man kann sich indessen doch nicht
enthalten, manches davon wegzuwnschen; denn dieses bunte Allerlei
wird niemandem gefallen, der Gelegenheit hatte, die liebliche
Einfachheit der englischen Parks zu bewundern.



Richmond Hill


Ein hchst angenehmer Weg fhrt durch die Grten von Kew zu den
daran stoenden von Richmond. Viele Gebude, mit denen auch
diese unter der Regierung mehrerer Knige und Kniginnen berladen
wurden, sind glcklicherweise wie von selbst verschwunden.
Auch waren sie wohl nirgends schlechter angebracht als auf diesem
zauberisch schnen Flecke, wo die ganze Gegend ringsumher
einem groen herrlichen Garten gleicht.

Nur ein Landhaus der Knigin, welches diese oft mit ihrer Familie
besuchte, steht an einem der freundlichsten Pltzchen des Gartens,
einfach und anspruchslos; an einem andere Orte die vom Knige
erbaute Sternwarte. Sie soll besonders wegen mehrerer, vom Doktor
Herschel verfertigter Instrumente merkwrdig sein. Wir besuchten
sie nicht, die Erde erschien uns hier zu schn, um von ihr
weg den Blick zum Himmel zu wenden.

Schon von der hbschen steinernen Brcke aus, die nahe vor dem
berhmten Hgel von Richmond ber die Themse fhrt, geniet man
einer entzckenden Aussicht auf dem Strom, seine mit schnen Villen
geschmckten Ufer und den sich sanft zu keiner sehr betrchtlichen
Hhe erhebenden grnenden und blhenden Hgel. Weit schner noch
ist es, wenn man diese Anhhe ersteigt und nun aus dem Fenster
des darauf erbauten Gasthofs hinabblickt auf eines der
reizendsten Tler der Welt. Grere, ausgebreitetere, romantisch
schnere Aussichten gibt es viele, aber keine, welche an Anmut
diese bertrfe. Ein unaussprechlich ses Gefhl von Ruhe,
stillem Glck, Freude am Leben ergreift jeden mchtig, der von hier
aus den Blick herabsenkt. Alles grnt und blht in der herrlichsten,
ppigsten Vegetation. Die hchstmgliche Kultur schmckt das weite,
von einem der schnsten Srme belebte, von sanft anschwellenden,
waldgekrnten Hgeln umgebene Tal. Selbst England bietet keine
solche zweite Aussicht dar, und auer dieser Insel kann es keine
hnliche geben; wo fnde man noch dieses frische Grn in Wiese
und Garten, Feld und Wald?

In mannigfaltigen Biegungen und Krmmen durchstrmt die Themse
dies Paradies. Hier ist sie noch nicht der mchtige Strom,
der dort, nahe bei der Hauptstadt, sich prchtig weit ausbreitend,
die Schtze aller Weltteile auf seinem Rcken trgt.
Nur schiffbar fr kleinere Fahrzeuge, gleitet sie durch
die friedliche Landschaft, selbst das Bild eines schnen ttigen
Lebens in stillem Frieden. berall trgt sie die klaren Wellen hin,
verschnt, erfrischt, trnkt die Umgebungen und wandert dann
geruschlos weiter.

Das ppigste Gedeihen fllt Wald, Hhe und Tal, krnt die Ufer,
die schnen Hgel, so weit das Auge nur reicht. Weie Giebel
freundlicher Pchterwohnungen, schne Fassaden prchtiger
mit Sulen geschmckter Villen, Landhuser, umrankt von
Jelngerjelieber, Trme entfernterer Kirchen, stattliche Schlsser,
freundliche Drfer und Stdtchen blinken berall hervor aus Bumen
und Gebsch, in der Hhe und in der Tiefe, in der Nhe und in der
Ferne. Wohin das Auge sich wendet, erblickt es freundliche Gegenstnde,
berall ist Lebensgenu und Freude, nirgends Gerusch und ngstliches
Treiben. Am Ufer des schimmernden Stromes drngt sich alles dies
noch freundlicher zusammen und spiegelt sich in den klaren Wellen,
damit alles Schne und Herrliche verdoppelt erscheine. Aus der Ferne
schauen die ehrwrdigen grauen Trme von Windsor von ihrem Hgel
herber, unten, mehr in der Nhe, breitet sich stattlich das groe
knigliche Schlo Hampton Court aus; fast ganz im Vordergrunde,
nahe an der Themse, liegt das reizende Schlo Strawberry Hill;
dicht daran das aus lauter schnen Husern zusammengesetzte Dorf
Twickenham mit seiner hbschen Kirche. Hart am Strome zeichnet sich
die elegante, ehemals vom Dichter Pope bewohnte Villa aus.

Es wre sehr zwecklos, diese wunderbar reizende Gegend umstndlich
beschreiben zu wollen; nicht einmal der Pinsel, viel weniger die Feder
knnen ihren Zauber wiedergeben. Wer von unseren Lesern vielleicht
einst aus dem einen Eckfenster des kleinen Schlosses, auf der Hhe
von Dornburg bei Jena, hinab in das stille Saale-Tal, auf die sanft
sich hinwindende Saale blickte, der hat einen schwachen Abri,
ein Miniaturbild des Tales von Richmond gesehen. Uns ergriff
die hnlichkeit dieser Aussicht mit der von Richmond Hill beim
ersten Anblick. Nur da dort alles gro, mannigfaltig ausgebreitet
daliegt, was sich hier eng und klein zusammenschmiegt; auch
schmcken nicht unzhlige Trme und Gebude das stille, einsame
Saaleufer, wie sie dort die Ufer der stolzen Themse krnen.

Aus den Fenstern des auf Richmond Hill erbauten Gasthofs zum "Stern
und Strumpfband", Star and Garter, bersieht man all diese
Herrlichkeiten mit einem Blick. Nicht nur die einzig schne Lage,
sondern auch die vorzglich gute Einrichtung und Bedienung erheben
diesen Gasthof zu einem der ersten in England.

Ihm gegenber ist der Eingang zum Park, den man zu den grten
rechnet und dessen Umfang acht englische Meilen betrgt.
Bescheiden hat die Kunst hier nur fr die Bequemlichkeit der
Wandelnden gesorgt, ohne sich vorzudrngen. Zahme Hirsche und
Rehe weiden hier in groer Anzahl zwischen herrlichen Bumen.
Sie wurden von Hampton Court, wo sie sonst wohnten, hierher
gebracht, da der alte Knig dort selten hinkam. berall im
Park ffnen sich Aussichten auf einzelne Teile der groen
Landschaft, die man von Richmonds Hgel erblickt; in anderen
Zusammenstellungen,von einem anderen Standpunkte aus gesehen,
bilden sie hier neue Ansichten und vervielfltigen den Genu
ins Unendliche.



Staines. Slough. Oatlands


Wenige Meilen hinter Hampton Court, etwas entfernter von der
Themse, fuhren wir durch den schnen Park von Claremont,
alsdann durch das nahe daran gelegene freundliche Stdtchen
Chobham nach Painshill. Das Haus von Claremont Park wird
Fremden nicht gezeigt. Seine Auenseite verspricht nichts
Auerordentliches. Man lobt sehr dessen innere Einrichtung
und die vielen Gemlde und anderen Kunstwerke, die es verbirgt.

Die Grten von Painshill waren die ersten, welche wir vor
mehreren Jahren bei einem frheren Aufenthalte in London besuchten.
In der Nhe dieser Hauptstadt gibt es keinen Landsitz,
dessen Promenaden sie an Gre und Schnheit bertrfen.
Erwartungsvoll, als gingen wir einem alten Freunde entgegen,
langten wir an; aber der heutige Tag war ein Tag getuschter
Hoffnungen fr uns. Wir wurden nicht eingelassen. Painshill
war seit kurzem verkauft. Der jetzige Besitzer, ein reicher
Londoner Bankier, erlaubte niemandem mehr den Eintritt
in sein mit baren Guineen bezahltes Paradies. Traurig
sahen wir von weitem die schnen Bume, nach deren Schatten
wir uns sehnten, und wandten uns wieder zur Themse, nach dem
hart an ihren Ufern erbauten Stdtchen Staines, in dessen
Nachbarschaft es eben sehr lustig beim Pferderennen herging.

Das frohe, bunte Gewhl der Zuschauer ergtzte uns und zerstreute
schnell den Verdru ber unser Migeschick in Painshill und
Claremont Park. Er erinnerte uns von neuem auf das Lebhafteste
an die Jahrmrkte und Kirchmessen, welche in Deutschland
von Zeit zu Zeit Drfern und kleine Stdten Leben und Freude
bringen.

Dicht neben dem Gasthofe in Staines fhrt eine hoch und khn
gewlbte Brcke ber den Strom. Nicht ganz so gro als die
bei Sunderland, gleicht sie jener auf's Genaueste und verdient
allein, da man die kleine Reise von London hierher macht,
besonders wenn man nicht nach Newcastle und Sunderland zu reisen
Gelegenheit hat. Leicht und zierlich wie ein khner Sprung
wirft sie sich ber den Strom, und der Pont aux arts in Paris
lt sich trotz seiner mit Orangenbumen garnierten Gelnder
auf keine Weise mit diesem schnen, wie von Feenhnden
durch die Luft gezogenen Bogen vergleichen.

Von Staines fhrte uns ein sehr angenehmer Weg durch eine
hchst reizende, fruchtbare Gegend, fast immer im Angesicht
der Themse, ber Windsor nach dem nahe dabei gelegenen Salthill,
einem einzelnen Gasthofe, welcher alle Bequemlichkeit bietet,
die man nur wnschen kann. Von London aus werden oft Landpartien
dahin gemacht, besonders von Fremden, die mehrere Tage hier
verweilen, um alles Schne mit Mue zu genieen, was Windsor
und die mannigfaltigen Reize der Gegend ringsumher gewhren.

Ganz nahe an Salthill liegt das kleine Dorf Slough, in welchem
Doktor Herschel seit mehreren Jahren in einem nicht groen,
aber sehr hbschen, vom Knige ihm geschenkten Hause wohnt
[Funote: Sir William (1738-1822); entdeckte den Planeten Uranus
und ber 250 Nebel und Sternhaufen. Seine Schwester Karoline
(1750-1848) entdeckte mehrere Kometen.]. Wir hatten ein
Empfehlungsschreiben an unseren berhmten Landsmann. Freundlich
empfing er uns, er und seine ihm an Geist und Ausbildung
hnliche Schwester. Whrend diese die Aufsicht ber den Himmel
mit dem Bruder teilte, machte sie ihm zugleich das Leben
auf der Erde so angenehm als mglich und berhob ihn jeder
irdischen Sorge. Fast gleich aneinander an Jahren, beide
ganz demselben hohen Zwecke ergeben, genossen diese seltsamen
Geschwister in ruhiger, lndlicher Stille hier ein schnes,
glckliches Dasein.

Die knigliche Familie, unter deren besonderem Schutze sie einzig
ihrer Wissenschaft lebten, zeichnete sie auf alle Weise aus,
besonders whrend des Sommeraufenthaltes in Windsor. Die ganze
Nachbarschaft, Reiche und Arme, Vornehme und Geringe, ehrten
und liebten sie; berall war man ihres Lobes voll, sowie wir
nur ihren Namen nannten.

Trotz seines hohen Alters und der von seiner Wissenschaft
unzertrennlichen Beschwerden, die in den feuchten englischen
Nchten vielleicht zerstrerischer sind als irgendwo, erfreute
sich Doktor Herschel einer festen, dauerhaften Gesundheit.
Im Umgange war er heiter, anspruchslos und nahm auf's erste
Wort fr sich ein, so auch seine Schwester. Durch den langen
Aufenthalt in England hatten beide ihre Muttersprache verlernt,
wenigstens wurde es ihnen schwer, sich gelufig darin auszudrcken;
brigens aber waren sie Deutsche geblieben, und ihr ganzes
Wesen trug unverkennbar den Stempel unserer Nation.

Gefllig und freundlich zeigte uns Herschel seine astronomischen
Instrumente. Das groe Riesen-Teleskop in seinem Hofe betrachtete
er selbst mehr nur als eine Seltenheit und bediente sich fast
immer kleinerer Fernrohre. Er gestand, da er mit diesen alle
seine wichtigen Entdeckungen machte, und da nicht die Gre
der Glser, sondern unablssige Aufmerksamkeit, Flei und
Treue in seinen Beobachtungen ihn zu der Hhe brachten,
die er erreicht hatte.

Alles, was wir hier sahen, ist in Deutschland bekannter, als wir,
bei unserem Mangel an den dazugehrigen Kenntnissen, durch unsere
Beschreibung es machen knnten. Herschel erschien uns immer
selbst das Merkwrdigste unter allen seinen Umgebungen. Nach
dem bekannten Sprichworte lobt zwar das Werk den Meister,
aber uns dnkt doch, da der Meister immer ber sein Werk
erhaben bleibt.

Doktor Herschel gehrte zu den merkwrdigen Menschen, die ohne
uere Untersttzung, ohne da ihre Eltern sie durch eine, ihrem
Talent angemessene Erziehung auf das Leben vorbereiten konnten,
in die Welt treten, arm, freudlos, aber mit festem Willen,
hellem Blick und nie zu ermdendem Mute bei allen Strmen des
Lebens. Er ward 1738 im Hannoverischen geboren. Sein Vater,
ein armer Musiker, mit vielen Kindern, konnte wenig mehr fr ihn
tun, als da er ihm, so gut er es vermochte, in seiner eigenen
Kunst Unterricht erteilte. Doch fand der Knabe bald Gelegenheit,
Franzsisch zu lernen, und glcklicherweise war sein Lehrer auch
brigens ein unterrichteter Mann, der ihm einige logische und
mathematische Kenntnisse beibrachte, die den jungen Geist des
lernbegierigen Schlers auf das lebhafteste beschftigten.
Whrend des siebenjhrigen Krieges gingen Herschel und sein Vater
mit dem Musikchor eines hannoverischen Regiments nach England.
Der Vater kehrte nach einiger Zeit mit seinem Regiment zurck ins
Vaterland, whrend der Sohn sich entschlo, in London zu bleiben
und dort sein Glck zu versuchen. Aber sein Stern war noch nicht
aufgegangen. Verloren in der Menge, bersehen, zurckgestoen
berall, gehrte sein fester Geist dazu, um hier nicht den Mut
zu verlieren. Er verlie die glnzende Hauptstadt, die dem
schutzlosen unbekannten Fremdling sich so unfreundlich zeigte,
und wanderte ins nrdliche England. Auch hier irrte er eine
Zeitlang von Ort zu Ort, bis endlich in Halifax ihm eine bleibende
Sttte ward. Die Stelle eines Organisten war dort eben erledigt,
er meldete sich dazu, bestand in den Proben und ward angenommen.
Auer den Stunden, welche er seinem Amte widmen mute, und
einigen anderen, die er, um Geld zu verdienen, auf musikalischen
Unterricht verwendete, gab er alle seine brige Zeit jetzt dem
Sprachenstudium hin. Mit der italienischen Sprache fing er an,
dann lernte er mit vieler Anstrengung Latein, in welchem er groe
Fortschritte machte; das Griechische, was er auch zu studieren
anfing, gab er indessen bald wieder auf. Alle diese Studien
trieb er fr sich allein, ohne fremde Hilfe. Vom Studium
der Sprachen schritt er weiter zu noch ernsteren Kenntnissen,
immer allein und ohne Lehrer. Zuerst erwarb er sich eine
vollkommene bersicht des ihm zunchst gelegenen, der Theorie
der Harmonie, dann drang er weiter und immer weiter zur Mathematik
und allen ihr verwandten Wissenschaften.

So verflossen ihm in Halifax einige von ihm hchst ntzlich
verwandte Jahre auf das Angenehmste, dann ward er, ebenfalls
als Organist, nach Bath berufen. Hier fand er mehr Arbeit in seinem
einmal erwhlten Stande, er mute in den Assemblee-Slen spielen,
in Konzerten, im Theater, aber alles dieses hinderte ihn nicht,
in seinem eigentmlichen Berufe fortzufahren. Trotz der berhuften
Arbeit, trotz der Lockungen zu einem zerstreuten Leben in der
glnzenden Auenwelt, die ihn umgab, blieb er seinem Genius treu
und verwachte viele Nchte bei den abstraktesten Gegenstnden.

Astronomie und Optik beschftigten ihn jetzt fast ausschlieend.
Mit unbeschreiblichem Vergngen betrachtete er den gestirnten Himmel
durch ein von einem Freunde geliehenes Teleskop. Unwiderstehlich
erwachte in ihm der Wunsch, einen ganzen astronomischen Apparat
zu besitzen. Unbekannt mit den dazu erforderlichen Kosten,
schrieb er einem seiner Londoner Bekannten, er mge ihm fr's erste
ein greres Teleskop aus der Hauptstadt schicken. Dieser, verwundert
ber den dafr geforderten Preis, wagte den Einkauf nicht,
ohne Herschel vorher davon zu benachrichtigen. Auch dieser erschrak
nicht wenig darber, denn die verlangte Summe schien ihm
unerschwinglich. Statt sich aber dadurch niederschlagen zu lassen,
fate er jetzt den khnen Entschlu, selbst ein solches Instrument,
wie er es sich wnschte, zu verfertigen. Nach unendlichen
fehlgeschlagenen Versuchen mit den schlechtesten Hilfsmitteln,
immer angefeuert durch seinen strebenden Geist, gelang es ihm
endlich im Jahr 1774, den Himmel durch einen, von ihm selbst verfertigten,
fnffigen Newtonschen Reflektor zu betrachten. Jetzt strebte er
weiter und immer weiter, verfertigte Instrumente von einer zuvor
nie gesehenen Gre und hielt doch fest bei seinem einmal
angefangenen Berufe. Oft eilte er aus dem Theater, aus den glnzenden
Konzertslen, whrend der Pausen hinaus ins Freie zu seinen Sternen
und kehrte dann zur rechten Zeit zurck zum Notenpulte.

Von dieser Zeit an datieren sich seine weltbekannten astronomischen
Entdeckungen. Herschel ward berhmt und zuletzt drang sein Ruf
bis zum Knige. Im Jahr 1782 nahm ihn dieser ganz unter seinen
Schutz, befreite ihn von seinen beschwerlichen Berufsarbeiten,
gab ihm eine lebenslngliche Pension und rumte ihm die Wohnung
in Slough ein, wo wir so glcklich waren, den ehrenwerten Mann
persnlich kennenzulernen, und von wo aus er bis an seinen vor
einigen Jahren erfolgten Tod die Geheimnisse der Sphren belauschte.

Von Slough nahmen wir unseren Weg ber Oatlands zurck nach London.
Diese einsame lndliche Wohnung der seitdem auch verstorbenen
Prinzessin Friederike von Preuen [Funote: Gattin des Herzogs
von York, eines Bruders von Georg IV., den sie 1791 heiratete.
Wegen Kinderlosigkeit trennten sie sich nach sechsjhriger Ehe.
Die Wochenendgesellschaften in Oatlands waren berhmt, und auch
der Herzog besuchte sie bisweilen trotz ihrer Trennung.], Gemahlin
des Herzogs von York, liegt in geringer Entfernung von den Ufern
der Themse, fast am uersten Ende des schnen Tals, welches
der Blick von Richmonds Hgel aus beherrscht. Hier wohnte diese
Frstin, die Tochter Knig Friedrich Wilhelms des Zweiten, als Kind
schon der Liebling ihres groen Oheims, beinahe das ganze Jahr
hindurch in klsterlicher Eingezogenheit, umgeben von wenigen Damen.
Selten nur kam der Herzog mit einigen Freunden nach Oatlands und
brachte Abwechslung in ihr einfrmiges Leben. Ihre Hauptbeschftigung
waren wunderschne Stickereien, an welchen sie mit ihren Damen
bis tief in die Nacht arbeitete. Wenn der Morgen dmmerte, ging sie
gewhnlich erst zur Ruhe, und stand auf, wenn die Sonne wieder
zu sinken begann.

Der bse Genius, der uns vom Anfange dieser kleinen Reise
begleitete und uns so manche Erwartung vereitelte, schien uns
auch hier noch nicht verlassen zu wollen. Wir waren leider wieder
nicht an dem Tage dort, an welchem Fremden der Eintritt erlaubt
wird, und htten durchaus an einem Sonntage kommen sollen,
versicherte uns eine alte, ziemlich grmliche, korpulente Dame,
die Frau des Kastellans. Neben ihr stand ein ebenso wohlbeleibter
und verdrielicher Berliner Mops und wies uns knurrend die
weien Zhne. Trotz dieser trben Aspekte versuchten wir unsere
Redeknste und glcklicherweise nicht ohne Wirkung. Wir stellten
ihr vor, wie wir ausdrcklich aus Deutschland ber's Meer
hierher gekommen wren, um unseren Landsleuten hernach sagen zu knnen,
wie es in der Wohnung unserer Prinzessin ausshe und wie es ihr erginge?
Dies rhrte das Herz der alten Dame, zusehends wurde sie freundlicher,
der knurrende Mops ward auf sein Kissen verwiesen, sie schrieb
ein Billett an Madame Silvester, eine deutsche Favorite der Herzogin,
und machte zuletzt noch eine groe Toilette, um uns selbst
ins Schlo zu begleiten. Langsam wedelnd watschelte jetzt der Mops
gesellig neben uns her.

In dieser Begleitung durchwanderten wir zuerst einen schnen groen
Park, dann traten wir in einen Blumengarten, voll der schnsten
und seltensten Pflanzen. Eine Menge groer und kleiner, lang- und
kurzgeschwnzter Affen trieb darin ihr lustiges Wesen. Die Herzogin
liebte diese und alle Tiere, welche sich zur huslichen Geselligkeit
erziehen lassen. Fremde und einheimische Vgel, Papageien,
Hunde aller Art fanden wir in groer Anzahl berall in und um
ihre Wohnung.

Die grte Zierde des nicht gro, nicht prchtig, sondern
ganz einfach und fast brgerlich eingerichteten Schlosses waren
die knstlichen Stickereien der Frstin und ihrer Damen.
Die Spaziergnge fanden wir sehr angenehm, sehenswrdig allein
eine schne, mit seltenen Versteinerungen und Fossilien aus
Derbyshire etwas phantastisch verzierte Grotte, die ein marmornes
Bad enthlt. Rund um sie her lagen die mit Inschriften versehenen
Grber der verstorbenen Lieblingshunde und Affen der Frstin.
Diese erinnerten uns lebhaft an den Kirchhof, welchen Friedrich
der Groe in Sanssouci fr seine vierbeinigen Freunde einrichtete
und in dessen Mitte er einst, in einer trben Stunde, sein eigenes
Grab bereiten lie.



Westindische Docks. Knole, Landsitz des Herzogs von Dorset


Die nrdlichen Ufer der Themse in der Grafschaft Kent sind nahe
bei London mit unzhligen Magazinen, Schiffswerften und anderen
dem Seehandel unentbehrlichen Gebuden bedeckt. Hier auf der
befahrensten Strae zum "Markte der Welt" ist alles der rastlosesten
Ttigkeit geweiht, und die lndlichen Freuden fliehen von selbst
diesen ewigen Lrm, wo der Ambo und der laute Ruf einer zahllosen
Menge arbeitender Menschen unaufhrlich ertnt.

Nahe an der Stadt erblickt man ein Riesenwerk unserer Tage:
die dem westindischen Handel gewidmeten Docks. Eine Gesellschaft
Londoner Kaufleute erbaute sie vor nicht gar langer Zeit.
Sie kosteten die ungeheure Summe von sechshunderttausend Pfund
Sterling. Eine Abgabe von den hier abzuladenden Waren entschdigt
die Unternehmer fr ihre Auslage vollkommen, denn alle
Westindienfahrer mssen in diesem durch Kunst hervorgebrachten
Hafen ihre Waren ein- und ausladen. Er besteht aus zwei
ungeheuren Bassins, von welchen das kleinere blo zum Laden dient,
das grere zwei- bis dreihundert groe Schiffe beherbergen kann,
die darin sicher und bequem unter Schlo und Riegel liegen.

Man kann sich den imposanten Anblick des Ganzen kaum vorstellen.
Schne breite Quais, belebt von allem Gewhl des Seehandels,
umgeben die mit Schiffen bedeckten Bassins. Einer Reihe Palste
gleich, stehen die groen prchtigen Magazine die Quais entland;
kein Fleck ist unbenutzt, und trotz der Gre des Ganzen scheint
es oft noch an Raum zu fehlen. Diese Einrichtung gewhrt dem Handel
nicht zu berechnende Vorteile; denn die mit den kostbarsten Waren
beladenen Schiffe liegen hier gesichert gegen allen Diebstahl,
in einem ganz abgesonderten Raume, geschieden von den brigen
Fahrzeugen, welche den Hafen berfllen. Da die Westindienfahrer
gewhnlich in groen Flotten zugleich anlangen, so entstand
bei ihrer Ankunft sonst immer eine gewaltige Verwirrung,
ein frchterliches, unendliches Schaden und Verlust mit sich
bringende Gedrnge auf dem Strome. Dem ist nun vorgebeugt,
und alles geht mit Ruhe und Ordnung vonstatten.

Den prchtigen Docks gegenber breitet sich das stattliche
Greenwich aus, und man braucht nur in einem der immer bereit
liegenden Boote quer ber die Themse zu schiffen, so ist man
in diesem der Ruhe gewidmeten Asyl; nur einige Schritte weiter
in dem schnen Park von Greenwich und die friedlichste Stille
umgibt uns, kein Laut von jenem unruhigen Treiben der
gelderwerbenden Menge tnt mehr herber.

Hinter dem Park erstreckt sich die nicht groe, aber als
Haupttummelplatz englischer Straenruber berchtigte Heide
von Blackheath, welche jedoch in blerem Rufe steht, als sie es
verdient. Im Ganzen scheint die Zahl jener Unholde in England
ziemlich abgenommen zu haben, und manche Mordgeschichte,
die man in den englischen Blttern liest, wurde nur ersonnen,
um den Platz zu fllen, oder den brigen, oft faden Inhalt
der Neuigkeiten bekannter zu machen.

Von Blackheath aus machten wir eine kleine Lustreise durch
einen anderen Teil der Grafschaft Kent, als der war, welchen wir
auf der Reise von Dover nach London sahen.

Gleich anfangs erfreute uns, wenige Meilen von London, eine in
ihrer Art einzige, wunderherrliche Aussicht. Wir sahen die
mchtige Stadt, ihre unzhligen Trme und den Dom von St. Paul
ausgebreitet daliegen am Ufer des Stroms, der, bedeckt mit Masten,
wirklich im strengsten Sinne des Worts wie ein seiner Zweige
beraubter Wald sich zeigte. Gerade vor uns lag Greenwich, zur
linken Hand die nicht unbetrchtliche, fast einzig dem Schiffsbau
gewidmete Stadt Deptford mit ihrem Hafen, ihren Docks,
ihren gewhlvollen Schiffswerften, rechts die ihr hnliche Stadt
Woolwich, in welcher sich das ungeheure Arsenal der englischen
Seemacht nebst vielen dazugehrigen Schmieden, Magazinen und
Fabriken befindet. Das sanfthgelige Land ringsumher, belebt
durch unzhlige Drfer, trgt ganz den englischen Charakter;
alles ist grn, fruchtbar, angebaut und geschmckt mit
einzelnen Gruppen ehrwrdiger Eichen und Buchen.

Manchen schnen Park mit seiner Villa, manche reizende lndliche
Wohnung sahen wir im Vorbeifahren, bis zu dem vierzehn Meilen
von London entlegenen Landstdtchen Bromley. Hier drngen sich
indessen die Landsitze nicht so aneinander als in der Gegend
um Richmond herum, denn es fehlen die hheren Reize, die dort
der alles belebende Strom gewhrt, und berhaupt mangelt es
der Grafschaft Kent an Gewssern.

Nahe bei Bromley besuchten wir einen alten Freund, den wir vor
mehreren Jahren in einem kleinen Hause der City als einen
mittelmig wohlhabenden Kaufmann in seinem Comptoir verlieen
und hier als den reichen Besitzer von Tunbridge Park wiederfanden.
Ein schner Park, angenehme Grten und Spaziergnge umgeben die
elegante, von unserem Freunde ganz im italienischen Geschmacke
erbaute Villa. Der Tempel der Ceres nahe bei Rom diente der
Hauptfassade zum Modell.

Wenige Meilen weiter, nahe beim Stdtchen Sevenoaks, liegt Knole,
der uralte Sitz des Herzogs von Dorset. Bis hierher behlt
die Gegend denselben Charakter, hgelig, grn, angebaut wie
ein Garten.

Das durch sein Alter ehrwrdige Schlo liegt mitten in einem
weitlufigen Parke, dessen himmelanstrebende Eichen vielleicht
schon vor seiner Erbauung dastanden. Es ist ein dsteres,
weitlufiges Gebude, dessen innere Einrichtung aus einem
wunderlichen Gemisch von Altem und Neuem besteht. Einige Zimmer
sind ganz modern mbliert, andere, wie sie vor ein paar hundert
Jahren es waren; die brigen, gerade die am meisten bewohnt
zu werden schienen, enthalten Altes und Neues durcheinandergemischt
und nehmen sich eben nicht zum besten aus.

Besonders merkwrdig fr den Forscher nach alter Sitte sind
zwei Zimmer; das erste steht noch da, wie Knig Jakob der Erste
[Funote: Knig von Grobritannien und Irland (1603-25),
als Knig von Schottland Jakob IV. (1567-1625), Sohn Maria Stuarts.]
es verlie, der einmal eine Nacht darin zubrachte. In dem hohen
geschnitzten Bette knnten wenigsten sechs Personen bequem Platz
finden; an den Spiegeln ist mehr Schnitzwerk als Glas,
und die zentnerschweren Lehnsthle sind mit kleinen Treppen
zum Hinaufsteigen versehen.

Das andere Zimmer, dessen Einrichtung aus derselben Zeit stammt,
ist ein kostbares Denkmal der damaligen soliden Pracht. Die aus
Gold und Silber gewirkten Gardinen des Bettes, welches allein
zwanzigtausend Pfund Sterling gekostet hat, scheinen ihre
Entstehung eher dem Ambo und Hammer als dem Webstuhle zu
verdanken, so massiv sind sie, und die mit einer zolldicken
knstlichen goldenen Stickerei ber und ber verzierte Decke
desselben wrde jeden, der darunter schlafen wollte, durch ihre
Schwere erdrcken. Eine silberne Toilette von schner alter
getriebener Arbeit, ein groer silberner Tisch und ein geschnitzter
Schrank, gro wie ein Haus in den Hochlanden, ber und ber
besetzt mit silbernen Prunkvasen, machen das Ameublement
vollstndig.

Viele andere Zimmer enthalten eine Menge guter alter Gemlde.
Besonders merkwrdig in dieser Hinsicht ist eine lange Galerie
voll Familienportraits und Bildnissen ausgezeichneten Menschen
frherer Zeit. Manche wunderliche Karikatur, aber auch mancher
vortrefflich gemalter Kopf blickt hier von den Wnden auf uns herab.
Zu den letzteren gehrt besonders ein sehr charakteristisches
Portrt Cromwells, nchst dem Luthers, dessen bleichen Freundes
Melanchthon und Erasmus, gemalt von Lucas Cranach. Die Portrts
fast aller bekannten und berhmten Gelehrten und Dichter Englands
fllen ein besonderes Kabinett.

Weiterhin hinter Knoles erhebt sich die Gegen allmhlich;
hhere Berge gewhren dem Reisenden manche schne Aussicht; bald
zeigen wunderbar gestaltete Felsen ihre kahlen Scheitel;
weiter blick man hinab in die tiefen Schluchten eines sehr
pittoresken Steinbruchs; dann zeigt sich die schne Ruine eines
uralten Schlosses hoch auf einem Berge, der drohend auf das
and seinem Fue liegende Stdtchen Tunbridge hinabschaut. So geht es
fort bis zu dem einige Meilen weiterhin gelegenen freundlichen
Badeorte Tunbridge Wells.

Dieser wird sehr hufig besucht, da er nur sechsunddreiig Meilen
von der Hauptstadt entfernt ist und man den Weg dahin in wenigen
Stunden zurcklegt. Wir wrden indessen die Grenzen der nchsten
Umgebung berschreiten, wenn wir uns auf dessen nhere
Beschreibung hier einlieen; auch zeichnet er sich weder durch
seine innere Einrichtung noch durch seine Lage vor anderen
hnlichen Orten aus. Tunbridge sei also der Scheidepunkt, wo wir
dem Leser, der uns freundlich bisher begleitete, ein dankbares
Lebewohl sagen.






End of the Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland
by Johanna Schopenhauer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH ENGLAND UND SCHOTTLAND ***

***** This file should be named 10823-8.txt or 10823-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.net/1/0/8/2/10823/

Produced by Tina Grwe

Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.net/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.net

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.net),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
compressed (zipped), HTML and others.

Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
the old filename and etext number.  The replaced older file is renamed.
VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
new filenames and etext numbers.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
are filed in directories based on their release date.  If you want to
download any of these eBooks directly, rather than using the regular
search system you may utilize the following addresses and just
download by the etext year. For example:

     http://www.gutenberg.net/etext06

    (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
     98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)

EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
filed in a different way.  The year of a release date is no longer part
of the directory path.  The path is based on the etext number (which is
identical to the filename).  The path to the file is made up of single
digits corresponding to all but the last digit in the filename.  For
example an eBook of filename 10234 would be found at:

     http://www.gutenberg.net/1/0/2/3/10234

or filename 24689 would be found at:
     http://www.gutenberg.net/2/4/6/8/24689

An alternative method of locating eBooks:
     http://www.gutenberg.net/GUTINDEX.ALL


