The Project Gutenberg eBook, Der Mann im Nebel, by Gustav Falke


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Title: Der Mann im Nebel

Author: Gustav Falke

Release Date: February 13, 2004  [eBook #11075]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM NEBEL***


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Der Mann im Nebel

Roman

von

Gustav Falke

Hamburg 1916





Seinen lieben Freunden
Karl Ernst Knodt
und
Frau Kthe
herzlichst zugeeignet




Erstes Buch




1.


Liebster Doktor!

Wie vermisse ich Sie, Sie Ausreisser. Nach wie vor fhrt mich mein
Berufsweg zweimal in der Woche an Ihrem alten Heim vorber, und ich
werfe betrbte Blicke nach dem Eckfenster hinauf. Wie schn war's da
oben: ich auf Ihrem breiten etwas eingesessenen Sofa, Sie mir gegenber
auf dem Stuhl, zwischen uns auf dem bcherbeladenen Tisch eine Tasse
Kaffee, ein Glas Bier oder ein Aquavit. Und dann ging's los, ber
Literatur, Kunst und tausend Sachen.

Und Ihre alte Wirtin, die Frau Obersteuerkontrolleurswitwe, der man
diesen imponierenden Titel nicht ansah, mit ihrem roten Gesicht, ihrer
etwas waschfrauenmssigen Hausuniform und ihrer hastigen, stossenden
Sprechweise.

Und das einzige Likrglas, das kleine blaue Henkelglas, worin sie einer
ganzen Korona Aquavit kredenzte, von Mund zu Mund:

"Is nich'n hbsches Glas? Is aus Travemnde. Hab ich selbst mitgebracht.
Hbsches Glas. Ist es nich? Aus Travemnde. Hab'n Schwester da, wissen
Sie. Ja, 'n Schwester."

Sie lsst bestens grssen. Sie hat jetzt ihre beiden Zimmer an einen
Zllner vermietet, einen jungen "soliden" Menschen. Sie wissen, die Frau
Kontrolleur gibt viel auf das Solide.

Na, in Punkto Soliditt. Unsolide waren wir nicht. Aber der Zllner wird
uns ber sein.

Ich vegetiere nun schon eine ganze Zeit lang so hin. Kein Vers, keine
Zeile. Lyrisch alles tot. Was Sie ber meinen letzten Roman schrieben,
hat mich sehr erfreut. Ja, es steckt viel Beobachtung darin. Aber es ist
doch nichts mit diesem nchternen Realismus. Ich mchte nun endlich mal
schreiben, was Sie meinen Pan-Roman nennen.

Mich auch mal lyrisch ausgeben. Stimmung. Psychologie. Alles mgliche.
Solche Dreiecksnatur, Sie brauchten den Ausdruck einmal, so ein Portrt
von Ihnen, Liebwertester, ein Individuum, das sich zwischen den drei
Punkten Weib, Kunst und Natur aufreibt, seine Ringkmpfe mit sich
auffhrt. Ihre gefhrlichen Anlagen potenziert, so dass ein Ungeheuer
daraus wird.

Aber geben Sie mir einen freundschaftlichen Stoss, dass ich kopfber in
die Tinte schiesse, sonst wird's doch wieder nichts damit, und es
bleibt alles beim guten--Willen darf ich's gar nicht mal nennen, denn
wie gesagt, es sind tote Tage bei mir, Nebeldruck, Mdigkeit,
Stumpfsinn, wie immer, wenn ich eine Arbeit hinter mir habe und eine
neue sich erst heimlich vorbereitet wie das Saatkorn unter der
Wintererde.

Pan, ja Pan! Sie sitzen nun mitten drin, haben alles, was ich ersehne,
liegen auf dem Rcken und hren die Mittagsmusik des bocksbeinigen
Gottes, whrend ich hier Staub schlucke, Federn kaue und Kindergeschrei
anhre.

Hier etwas, was ich aus dem Papierkorb fr Sie wieder ausgrub, weil es
gerade hierherpasst. Etwas Bcklin-Nietzsche mit einem Stich ins
Scheerbartsche. Nichts Urgeborenes, also der Vernichtung gehrig.

Herzlichst

Ihr Gerd Gerdsen.

       *       *       *       *       *


Tanz.

Pan blst. Lass uns tanzen, du und ich. Auf der Sommerwiese, in der
Morgensonne lass uns tanzen, wo die weichen Winde sich deines wehenden
Blondhaares freuen werden.

Komm auf die Wiese!

Blumen werden sich unter unsere Fsse drngen und aufgescheuchte
Schmetterlinge unsern Tanz umtanzen, weisse und gelbe Schmetterlinge,
leuchtend in der Helligkeit des wachsenden Lichtes. Pan lockt.

Wir wollen tanzen zu diesen Tnen. Und die Wiese tanzt, und der Wald
tanzt, die schwarzen Fichten mit dem roten Morgenkleid aus Sonne und die
brutlichen Birken mit den jungfrulichen Gewndern aus Silberseide.

Und die weissen Lmmer auf der blauen Himmelswiese werden hpfen,
umeinander hpfen, leichtwolliges Sommervolk, zu der Flte des Hirten.

Und die Sonne wird tanzen, die lachende Sonne, dass ihre Strahlen
auseinander wirbeln, uns umwirbeln, ein flimmernder, blitzender,
glitzernder Schleier, in dem wir uns im Kreise drehen, du und ich in
unserer nackten Schnheit und in unserer nackten Freude.

Komm, komm! Pan blst.

Die Bocksfsse bereinandergeschlagen, hockt er im Fichtenschatten,
Zottelbart, Waldschreck den Furchtsamen.

Wir aber tanzen vor ihm, nackt, ber Blumen, zwei weisse Schmetterlinge,
trunken in Lust, trunken in nackter Lust.




2.


Lieber Gerdsen!

Herzlichen Dank fr Ihren liebenswrdigen Brief. Ja, schreiben Sie, Ihr
Plan ist vorzglich. Ich stelle mich Ihnen ganz zur Verfgung,
Eigentlich Pan-Roman, wie ich es meinte, wird es vielleicht nicht. Aber
einerlei. Sie haben recht: ab von dem Realismus Ihres letzten Romans.
Sie wissen, wie sehr ich ihn schtze, hochwerte, diesen Realismus:
knstlerisch, aufrichtig, schlicht, ohne weitere Absichten als die des
treuen Bildners und Darstellers. Und dann der Humor, den Sie haben, und
ohne den es nicht gehen wrde. Aber selbst dieser Humor macht diese
misera plebs, diese Kellerleute, Ksekrmer und Ladenmdchen nicht auf
die Dauer geniessbar. Lassen Sie diese Nullen, die kein Genie zu Zahlen
machen kann. Natur! Natur! Aristokratie!! Hhenmenschen. Was wollen Sie
Dnger karren, statt uns Edelgewchse zu ziehen.

Knnt ich's nur, wie Sie. Aber bei mir ist alles nur Wollen,
ohnmchtiges Wollen. So muss ich mich denn mit der Natur begngen, dem
einzigen, was Ersatz fr mangelnde Produktivitt gibt, die Natur, die
uns erhebt, indem sie uns vernichtet. Die grosse Natur, die Herrscherin,
die Zerstrerin, die am grssten ist, wenn sie ttet. Das ist es, was
ich an der Natur so liebe: ihre Grausamkeit! Oder besser ihre
Gleichgltigkeit! ihre vllige Verachtung des Menschen!

Das Meer! Nordsee! Sylt! Skagen! Nach Skagen mssen wir mal zusammen.

Hier ist es mir zu friedlich. Diese ewigen Wald- und Kornlandschaften,
diese sanften Hgel. Alles riecht hier nach Arbeit, nach Schweiss. Unser
tglich Brot gib uns heute. Amen.

Ich will die Natur gross, frei, und den freien Menschen darin, nicht den
Sklaven. Brot, Speck und Gotteswort. Und ber allem der Gendarm.

Und doch kann ich hier nicht wegfinden, liege hier so in einer Art
Halbschlaf, der alle Energie lahmt und keine Entschlsse aufkommen
lsst, Hans der Trumer!

Nette, liebe, einfache Leute hier, fromm und bieder. _Landvolk_! Nicht
dieser ekelhafte Stadtpbel, keine de Sozialdemokraterei, diese
Weltanschauung aus Frechheit, Hunger, Halbbildung und Borniertheit
zusammengeschweisst. Eine Weltanschauung, die riecht.

Ich gehe mit dem Plan um, Einsiedler zu werden. Ich brauche nicht viel;
was ich von meiner Grosstante geerbt habe, reicht aus fr zehn, zwanzig
Jahre; so lange wird die Maschine wohl aushalten. Hlt sie lnger vor
als das l, so muss man sie zerschlagen. Das ist das beste am Leben,
dass wir's wegwerfen knnen.

Sie kennen mein Ideal: einige Jahre Blockhauseinsamkeit am Meer,
zwischen den Schren Norwegens, am Amazonas oder irgendwo insulares
Sdseeparadies. Und ein Weib, das Chopin spielt und Saint Sans. Danse
macabre. Und draussen orgelt der Sturm und die Mven schreien, oder die
Affen.

Schreiben sie bald, meine Adresse ist bis auf weiteres die hiesige.

Ihr Randers.




3.


Acht Tage war Randers schon in diesem Waldwinkel, statt an die See zu
gehen, wie es seine Absicht war. Wenn ihm jemand vorhergesagt htte, er
wrde eine ganze Woche zwischen Feld und Wald in einem einsamen
Schulhause leben, wrde er ihn ausgelacht haben. Er war kein Idylliker.
Er liebte weite Horizonte, Grsse, Erhabenheit in der Natur. Er liebte
das Meer.

Was hielt ihn nur hier fest unter dem langgestreckten Ziegeldach des
niedrigen Schulhauses mit dem kleinen buerischen Vorgarten voll greller
Astern und plumper Georginen? Das sah ja von der Landstrasse aus ganz
traulich und anheimelnd aus. Aber auf die Dauer war doch alles so eng,
kleinlich, so muffig. Dazu die zwei langen Blitzableiter auf dem Dach,
die dem ganzen so einen offiziellen Anstrich gaben: Dies ist eine
Schule.

Und dann die Familie des Lehrers!

Doch die gefiel ihm, er hatte wirklich nichts gegen sie. Gute, brave,
einfache Leute, und voller Aufmerksamkeit gegen ihren Sommergast. Sie
hatten einen solchen gesucht. Er hatte es unterwegs im Provinzboten
gelesen. Dann war er ihnen gleich vor die Tr gefahren. Auf ein paar
Tage. Sie hatten ihn erst auf so kurze Zeit nicht aufnehmen wollen. Aber
er versprach zu rumen, wenn sie das Quartier besser vermieten knnten.

Mit weicher Neugier hatten sie ihn ausgefragt. Nicht auf einmal, aber so
nach und nach. Sie mussten doch wissen, was er eigentlich war.

Ja, was war er? Eigentlich nichts.

Aber das htten sie nicht verstanden, er fhlte instinktiv, dass diese
Leute von seiner Jugend irgend eine ntzliche Ttigkeit verlangen
wrden. Freilich, er war ihnen ja keine Rechenschaft schuldig. Aber es
genierte ihn doch. Und so wollte er sich denn als Journalist vorstellen,
besann sich aber und sagte Schriftsteller.

"Sie schreiben wohl fr Bltter?"

"Ja, fr Bltter."

Alle sahn ihn mit unverhohlener Neugier an, nicht ohne Misstrauen. Und
der Lehrer sagte nochmal:

"So, f--ff--fr die Bltter."

Er hatte eine ungelenke Zunge. Er umging das Stottern, indem er die
widerspenstigen Laute vorsichtig anfasste und bedchtig zgernd wieder
entliess.

Randers hatte schon am dritten Tag den Koffer wieder packen wollen,
hatte es einen Tag aufgeschoben, weil es gerade regnete, einen andern,
weil es zu heiss war und er sich mde und unlustig fhlte. Und nun war
er immer noch hier, hatte sich unmerklich eingewhnt und liess es gehen,
wie es ging.

Tagsber lag er auf dem Rcken im Waldmoos, eingelullt von dem leisen
Rauschen des Buchenlaubes, dem einzigen Gerusch, das ihm einigermassen
den eintnigen Gesang des Meeres ersetzen konnte, oder er drngte sich
mit seiner langen, hageren Figur durch das dichte Unterholz, auf
schmalen, verwilderten Fusssteigen, wo es ihm besser gefiel als unter
den hohen Buchen, die er freilich nirgends so prchtig gefunden hatte
wie hier, ausgenommen natrlich in Dnemark, seinem geliebten Dnemark.
Aber das niedere Dickicht hatte es ihm angetan. So ganz eingeschlossen
in der grnen Wildnis, die ihn in Kopfhhe berdachte, in unmittelbarer
Berhrung mit diesem Gewirr von Zweigen und Blattwerk, so ganz in dieser
grnen Enge eingeschlossen war es ihm erst wohl.

Einmal in diesen acht Tagen hatte ihn seine Sehnsucht an die Ostsee
gefhrt, die ein paar Stunden von hier ihre schlfrigen Wellen auf den
Sand des flachen, langweiligen Strandes warf.

Da hatte er ein Bad genommen und hatte dann fast zwei Stunden lang auf
dem Rcken im warmen Sand gelegen, die khle Seeluft geatmet, Verse
gemacht und an ein kleines Mdchen in rotem Wollkleid gedacht. Gedanken,
die nicht tief herkamen, die aber hartnckig waren.

Es war eigentlich nur das rote Wollkleid gewesen, das ihn beschftigt
hatte. Diese grelle, rote Farbe, die wie ein Fleck auf allem lag, wohin
er sah, auf dem Wasser, auf dem gelben Sand, und in der hellen
zitternden Luft tanzte.

Ja, ja, das kam noch auf das bewusste Konto. Hallucinationen. Er hatte
auch gar zu wst gelebt, den ganzen Winter. Aber er sollte ja auch nur
darber hinweg kommen. So ein Abschied fr immer ist keine Kleinigkeit.
Und es hatte doch tiefer bei ihm gesessen. Schliesslich geht's auf die
Nerven. Erst dies Verhltnis, dann der Alkohol, Kopfschmerz,
Schlaflosigkeit, Gespenster. Es war nicht mehr zum aushalten gewesen. Er
hatte zuletzt mit dem Arzt sprechen mssen. Der untersuchte ihn
grndlich; kerngesund. Aber hier oben, mein Lieber, diese Knoten auf dem
Kopf da. Sehen sie sich vor. Etwas weniger Spirituosen. Es ist weiter
nichts als das. Gehen Sie ein paar Wochen an die See. Immer draussen.
Oder machen Sie eine Fusstour. Aber wie gesagt: hchstens zwei Glas!

Das war's, was ihn seinen Koffer hatte packen lassen. Der Arzt hatte
recht, es ging wirklich nicht so weiter, wollte er noch ein paar Jahre
leben. Und das wollte er. Sein Leben lag doch noch vor ihm, das Leben,
das seiner Natur gemss wre. Und das war ja sein einziges Streben, sich
mal ausleben zu knnen, ein paar Jahre nur, ganz souvern, keinem willig
und gehorsam als nur den Geboten seiner Natur. Und dazu bedurfte er der
Gesundheit. Es kme ja sonst nicht darauf an, ein paar Jahre frher oder
spter abzutreten. Aber nur jetzt noch nicht, jetzt, wo er endlich die
Mittel hatte, sich sein Leben nach seinen Wnschen einzurichten. Zehn
Jahre wrde sein kleines Kapital ausreichen, zehn Jahre ungebundenen
Sichauslebens. Die wollte er geniessen. Und dann? Er war nicht der Mann
sich mit dem zu beschftigen, was nach zehn Jahren sein knnte.




4.


Randers sass in halbliegender Stellung auf der Bank unter den alten
Buchen, die dem Schulhause gegenber ihre hohen teilweise abgestorbenen
Kronen allen Winden aussetzten. Diese Buchen, einen gerumigen Rundplatz
einfassend, bildeten gleichsam das Portal zu dem Unterholz, das sich an
dem ausgefahrenen Landweg hinzog und sich in einer Tiefe von einer
Viertelstunde Wegs vor dem hgeligen Hochwald lagerte.

Die Moosdecke dieses Platzes war schadhaft und zeigte Spuren von
Kinderspielen. Um die Bank herum war jede Vegetation von den Fssen
niedergetreten. Das nackte Erdreich bildete eine harte Tenne. Da lagen
Papierfetzen und allerlei Abfall umher, der anzeigte, dass die
weiblichen Mitglieder der Lehrerfamilie hier oft ihren Aufenthalt nahmen
und einen Teil der huslichen Ttigkeit hierherverlegten.

Randers rgerte sich ber diese Verunzierung des hbschen Waldplatzes,
diese "Besudelung der Natur" mit menschlichem Krimskram. Einen
grellbunten Fetzen eines schottischen Kleiderstoffes, der ihn besonders
erboste, hatte er wtend mit der Spitze seines Spazierstockes hinter
sich geschleudert. Er wehte lustig, ein bunter Wimpel, in den Zweigen
eines jungen weissstmmigen Birkenbumchens. Randers htte das Fhnlein
gerne da heruntergeholt, aber es war ihm zu mhsam, darum aufzustehen.

Er hatte gelesen, oder vielmehr zu lesen versucht: Storms "Waldwinkel".
Aber die unruhigen Schatten des leicht bewegten Laubes, die auf den
Blttern des Buches einen Zittertanz auffhrten und die Buchstaben mit
hineinrissen, und das leise Laubgelispel um ihn her strten ihn. Auch
das Schwrmen der Bienen belstigte ihn. Es war ein ununterbrochenes
Summen um ihn. Aus den Stcken des Lehrers kamen sie, ber die Blumen
des Gartens und die Honigtrger am Grabenrand der Landstrasse her, nach
dem breiten Waldsteig, wo Bienensaug, Brombeerblte und hundert andere
ssse Schsseln lockten.

Und dann war noch ein andres, was ihn ablenkte. Seine Gedanken kehrten
immer wieder zu Gerd Gerdsens Brief zurck, den er heute morgen
beantwortet hatte.

Ja das knnte etwas werden! Das wrde ihm Spass machen. Spass? Nein,
durchaus ernst wollte er es nehmen. Was gab es da nicht alles zu
berichten und zu--beichten. Er geriet in ein Grbeln ber sich und sein
Schicksal, und ging hier einen Weg zurck und da einen anderen, um auf
die Anfnge dieser und jener Richtung in seinem Charakter zu stossen.
Und die Wege fhrten ihn zurck in die Kindheit, in das kleine
Fischerdorf an der Ostsee. Er sah das vterliche Pfarrhaus vor sich, mit
den wilden Rosen um Tr und Fenster, mit dem kleinen Blumengarten vorn
und dem grossen Kchengarten hinten, der an den Deich stiess. Er sah das
bunte, rote Laub der Weinlaube, die weissen und lila Sterne der Astern,
den ganzen farbigen Herbstgarten.

Warum er nur die Heimat immer im Herbstschmuck sah? Weil da die pfel
reif waren? Oder waren es nicht die pfel, sondern nur die Aussicht auf
die See, die er auf dem luftigen Sitz im Apfelbaum genoss, was ihm diese
Erinnerung so wert machte?

Die Kronen der alten krummstigen Bume ragten ber den niedrigen Deich
hinber, und es war lustig, da oben zu sitzen und mit den Blicken den
Segeln draussen zu folgen. Aber lustiger noch war es auf der alten
Pappel, lustiger und hher. Wie er das erstemal da hinauf geklettert war
und so hoch ber der Erde, ganz den Blicken entzogen, auf die weite See
hinaussah, war ihm zum ersten Mal das Gefhl romantischer Einsamkeit mit
sssen Schauern aufgegangen.

Wie oft hatte er da oben gesessen und sich seinen Trumen berlassen,
Trumen, die ihn hinaustrugen auf das weite Meer, in fremde Lnder, auf
einsame Inseln, durch Sturm und Gefahren.

Ja, da oben war er zu dem geworden, was er war, da oben hatte er diese
Liebe zur Freiheit eingesogen, den Drang, sich abzusondern, immer in
Pappelhhe ber der Menge. Was konnte er von da oben nicht alles
bersehen! Den kleinen Fischerhafen, die kleine Flotte der
Fischerkutter. Er kannte jedes Fahrzeug, jedes Segel. Da lag auch des
alten Jnksen Boot, des alten Schweden, von dem er den ersten Schluck
Branntwein bekam, und da lag, wenn er sich auf seinem hohen Sitz
umdrehte, die Htte des alten Jnksen, nur durch zwei andere Htten vom
Pastorat getrennt. Man konnte von dem hinteren Pfarrgarten ber die
kleinen Nachbargrten hinweg in Jnksens Garten sehen, wo immer Wsche
hing, Wsche, fr die Randers ein besonderes Interesse hatte, denn sie
war von Inge Jnksen da hingehngt. Inge, die fnfzehnjhrige Inge
Jnksen! Das war seine erste Liebe gewesen.

Ach, die Romantik dieser ersten Liebe, die ihre junge Brust dem Meerwind
bot, und sich auf den Wellen schaukelte, oder klopfenden Herzens hinter
dem Zaun des vterlichen Gartens stand und hinberlugte, wo Inges
blonder Zopf schwankte und ihre braunen Arme sich hoben und senkten und
grobe blaue Wollhemden, dicke graue Strmpfe, und verwaschene Schrzen,
alles vielfach gepflickt und gestopft, ber die Wscheleine klammerten.

Aber am schnsten war es doch, wenn sie zusammen in ihres Vaters Boot
hinausfuhren und sich unter das braune Segel duckten, wenn der Alte den
Kurs nderte und das breite Tuch klatschend herumschlug. Wie lustig das
war! Wie die Inge lachen konnte! Und wobei gibt es wohl mehr zu lachen,
als wenn zwei junge Menschenkinder, die sich gerne haben, gezwungen
werden, schnell die Kpfe zusammenzustecken. "Achtung! Kopf weg!"

O, was konnte er Gerd Gerdsen alles von Inge und dieser schnen Zeit
erzhlen. Daraus konnte der allein einen rechtschaffenen Roman zimmern.
Wie lebendig stand alles vor ihm, die ganze Idylle seiner glcklichen
Jugend in dem kleinen Fischerhafen. Er wollte das festhalten fr Gerd
Gerdsen, heute nachmittag noch. Und er wollte alles unterstreichen fr
den Chronisten seines Lebens, was einen Keim trug zu seiner spteren
Entwickelung. Die See mit ihrem Einfluss, das fromme, aber nicht strenge
Leben im Elternhaus, das ungebundene Treiben mit den Dorfkindern, die
Pappel; ja die vor allem! Merkwrdig, er sah immer diese Pappel vor
sich, als wre sie der Mittelpunkt seiner ganzen Jugendzeit, der Mast,
um den sich dieses ganze lustige Karussell drehte.

Und dann die Schnapsflasche des alten Jnksen. Brrr! Er erinnerte sich
noch des ersten Schluckes und seiner hllischen Wirkung. Auch diese
Schnapsflasche durfte er seinem Chronisten nicht unterschlagen, sie
gehrte mit zu den "Quellen". Und darauf kam es ja an, alle Quellen
bloss zu legen, aus denen sein Leben sich speiste, alle Bche und
Bchlein, die zusammenflossen zu dem einen rtselhaften Gewsser voller
Klippen und Untiefen, das sich der Charakter des Doktors der Philosophie
Henning Randers nannte.

Ja, es sollte dem Freund nicht an Daten und Dokumenten fehlen. Er wollte
ihm sitzen geduldig und nackt, ohne Schleier. Und dann wrde es etwas
werden, wovor jeder die Augen aufreissen wrde, und er selbst wollte mit
einer wehmtigen Lust vor seinem Bilde stehn, und mit einer diabolischen
Freude ber diese Selbstprostituierung.

Dieser Gedanke machte ihn mit einmal lebendig. Er steckte das Buch zu
sich und ging mit dem Ausdruck eines Menschen, der in einer wichtigen
Sache einen guten Entschluss gefasst hat, leicht und schnell den Waldweg
hinauf. Einen Augenblick zgerte er beim ersten Jgersteig, der in das
Buschwerk abbog und dessen dunkle ffnung ihn so einladend ansah, aber
er blieb diesmal auf dem breiten Weg, dem Holz, und Wildfuhren tiefe
Furchen eingegraben hatten.

Der Weg war sonnig. Das niedre Seitenholz warf seinen Schatten um diese
vorgerckte Morgenstunde kaum einen Fuss breit. Da gab es Bienensaug und
gelben Lwenzahn, und roten und weissen Klee, und Mnnertreu und wilde
Stiefmtterchen. Hin und wieder an feuchten Grabenstellen
Vergissmeinnicht, in grossen Mengen bei einander. Und berall am
Waldrand hin Farren und Feldschachtelhalm. Und berall Bienen und
Schmetterlinge.

Um einen Brombeerstrauch, der an seinem schattigen Platz etwas
zurckgeblieben war und fast noch ganz in Blte stand, gaukelte ein
Schwarm Kohlweisslinge, darunter zwei himmelblaue Zwergfalter. Randers
blieb stehen und sah eine Weile diesen leuchtenden, flimmernden,
lautlosen Schmetterlingsspielen zu. Es unterhielt ihn, belustigte ihn,
wie sich Schmetterlinge und Bienen die sssen Tropfen streitig machten.
Es war ein hnliches Behagen, wie das, womit er zusah, wenn sich zwei
Jungen balgten. Wer ist der strkere? Ha! Bravo! Der sitzt! Recht so,
zeig's ihm!

So stand er und sah lchelnd in diese Flgelschlacht.

Es war ein bestndiges Kommen und Fliehen und das Gezitter und Gefchel
aller dieser weissen Flgel ber den weissen Blten in der hellen
weissen Sonne blendete ihn zuletzt.

Es war ganz still. Man hrte nichts als das anheimelnde Summen der
Bienen. Hin und wieder das Gerusch knackender Zweige, wenn ein
Tannenzapfen zu Boden fiel, oder ein Taubengurren, und von den
entfernten Weiden her das gedmpfte Brllen der Rinder.




5.


Am Lohteich traf Randers auf Claus Mumm, den Holzfller.

Der Lohteich war ein kleiner Waldsee, ganz von hohen Buchen umgeben,
deren weitberhngende Zweige sich nach den weissen Wasserrosen zu
sehnen schienen, die in ihrem Schatten auf dem stillen Wasserspiegel
schwammen. Im Schilfgrtel standen ein paar hohe gelbe Schwertlilien,
leuchtend in dem saftigen Grn um sie her.

Randers kmpfte mit der Lust eine besonders prchtige Lilie zu pflcken,
als Claus Mumm heranschlrfte und seine Aufmerksamkeit ablenkte.

Der Alte ging gebckt unter einer Last drren Zweigholzes und gesttzt
auf einem derben Knppel, den er irgendwo aufgelesen haben mochte. Er
rckte mit der Hand etwas an seiner grauen Wollmtze und sah mit scheuem
Blick aus den kleinen, trben, rotumrnderten Augen zu Randers auf. Ein
stummer unterwrfiger Gruss, in dem viel Druck lag. Der Alte seufzte
unter mehr als unter der Last des seinem mrben Rcken aufgeladenen
Holzes.

"Dag Mumm, wo geit?"

Der Alte blieb stehen.

"Na, woans is dat? hebben Se noch nix hrt?"

"Ne Herr! He sitt ja nu erst."

Er sah kaum auf beim Sprechen, seine Stimme klang engbrstig, pfeifend.
Eine traurige, gedrckte Stimme, die zu den scheuen, traurigen, kranken
Augen passte.

"Hebben Se denn Hoffnung?" fragte Randers

Ein kurzer Aufblick der mden Augen war die ganze Antwort. Dann setzten
sich die alten Beine in schlrfende Bewegung. Es lag etwas
Hoffnungsloses in diesem stummen Abbrechen.

"Adjs Mumm," rief Randers ihm nach. "Laten Se man den Mood nicht
sinken."

Petersen, der Lehrer, hatte ihm von dem Alten erzhlt, dessen einziger
Sohn wegen Mordes in Untersuchungshaft sass. Es war nur eine halbe
Erzhlung geworden, durch Dazwischenkunft anderer gestrt. Nachher waren
sie nicht wieder darauf zurckgekommen. Jetzt war Randersens Neugier
durch diese Begegnung wieder rege geworden. Den Alten selbst hatte er
nicht ausfragen mgen.

Es war ein Mdchenmord, an der eigenen Geliebten begangen, die
unverstndliche Tat eines berall beliebten, unbescholtenen Burschen.
Ein Rtsel. Um eine ltere Verpflichtung gegen eine andere, die ein Kind
von ihm trug, erfllen zu knnen, hatte er den Mord begangen. Warum
ttete er nicht die ungeliebte, unbequeme Mahnerin?

Randers dachte sich in die Seele dieses einfachen Knechtes hinein. Der
Fall interessierte ihn. Es war etwas fr seinen psychologischen
Sprsinn. Und nun kombinierte er sich so eine Bauernpsyche nach seinem
Bilde, und es lag ihm alles so klar auf der Hand, und er wollte eine
Novelle daraus machen, er oder Gerd Gerdsen. So eine moderne
Bauernnovelle fr die Feinschmecker.

Er lachte bitter auf bei dem Gedanken. Da wollte er mal wieder etwas.
Was wollte er nicht alles. Er wrde auch diesmal nicht ber den Plan
hinauskommen, er der grosse Woller und Nichtsknner. Aber einerlei,
vielleicht glckte es diesmal. Hier war ein bestimmter Fall, hier lagen
Tatsachen vor, Dokumente. Petersen musste noch mal heran. Der erzhlte
so nett umstndlich, mit allem Drum und Dran, was einen andern zur
Verzweiflung bringen musste, aber fr den Psychologen gerade das rechte
war, weil es ihm Fden in die Hand gab.

Auf hgeligen Wegen hatte Randers allmhlich auch den Hochwald
durchquert. Der schmale Waldstieg mndete durch einen Wallausschnitt in
einen sanftabfallenden Landweg. Reifender Roggen dehnte sich weit aus,
ein gelbes, unbewegtes Feld, dahinter ein Schlag noch graugrnen Hafers,
dann, aus einer Talmulde heraus, Strohdcher, ein ganzes Dorf. Ganz
hinten Wald, lang ausgestreckt.

Randers erkletterte den buschigen Wall, um besser Rundschau halten zu
knnen.

"Ob man weiter geht?" sagte er laut.

Eine heisse Luft lag ber den Feldern, ein flimmernder Dunst. Der Himmel
spannte sich wolkenlos darber.

Randers stand regungslos und sah in die sonnige Landschaft hinein, wie
hypnotisiert von dem Meer von Licht da draussen.

"Die Sonne bei der Arbeit," sprach er halblaut. "Die Sonne beim
Brutgeschft. Diese grosse Mutterttigkeit." Es lag ein leiser
Widerwille im Ton.

"Diese ewige Zeugung, dieses unendliche Gebren. Sinnlos, zwecklos.
Wozu? Diese ekelhafte Geilheit der Natur."

Nein, er wollte da nicht hinein in diese Bruthitze. Er wollte zurck in
den Wald. Da draussen war ein Schweissduft ber der ppigen
Kornlandschaft. Mhseliges Sichabrackern ums tgliche Brot.

Im Wald roch er wenigstens den Menschen nicht.

Er wandte sich ab und sprang mit geschlossenen Beinen, etwas steif von
dem Wall herunter, dass das trockene Bodenlaub unter seinen Fssen
aufraschelte und die drren Zweigabflle knackten.

Er ging ziellos durchs Unterholz und traf auf einen Himbeerstand.

Er erinnerte sich, dass Schullehrers Christine ihm von einem solchen
gesprochen hatte. In der Nhe des Lohteiches sollte er sein.

Es war ein ganzes Himbeerfeld, mehr ein kleiner Himbeerwald. Busch an
Busch, voller roter, reifer Frchte. Er naschte. Er gab nicht viel um
dergleichen Schmaus. Aber er konnte die Dinger doch nicht hngen sehen,
ohne zu pflcken, wahllos, wie sie ihm am nchsten hingen.

Dann bekam er es satt und legte sich auf den Rcken. Der Boden war
stellenweise glatt und sauber, zum Ruhelager wohl geeignet. Es standen
nur wenige grosse Bume hier, und er hatte einen freien Blick auf ein
grosses Stck Himmel. Es hing nur ein einziges Wlkchen da oben, wie
vergessen. Eine weisse, duftige Feder, zierlich geschweift, ein Flaum.




6.


Randers lag im Schatten, die Arme unter dem Genick verschrnkt, und
starrte in die Sonne hinaus. Und da waren gleich wieder die roten
Flocken, tanzten vor seinen Augen. Das rote Rckchen von Schullehrers
Christine.

Sie hatte gestern hier Himbeeren geholt. Ob sie heute wieder pflcken
wrde? Und er sah sie vor sich, in ihrem roten, etwas kurzen Kleid, aus
dem die Fnfzehnjhrige herausgewachsen war, mit ihren zwei schweren,
schwarzen Zpfen, und der adretten, etwas kecken Haltung, frisch,
kernig, gesund.

Sie war ihm gleich aufgefallen, und er mochte das hbsche Ding leiden.
Das Kind! Und er hatte es sie unverhohlen merken lassen, indem er sie
mit etwas onkelhafter Gte behandelte.

Aber neulich, vor drei Tagen, als sie in spter Abendstunde neben ihm
vor der Haustr stand, ein Gewitter hatte sie lnger wach gehalten, da
hatte sie so eigen mit ihren grossen schwarzbraunen Augen zu ihm
aufgesehn und auf seine Reden immer nur verschmte wortkarge Gegenrede
gewusst.

Auch jetzt sah er diese grossen, dunklen Kinderaugen mit diesem
wunderlichen halb scheuen halb fragenden Ausdruck so aus dem Leeren auf
sich gerichtet. Dann schoss das andere so zusammen, und zuletzt htte er
sie zeichnen knnen, so deutlich sah er sie vor sich: das rote Rckchen
mit dem verschmten Flicken unten am Saum, die etwas grossen Fsse in
den Holzpantoffeln, die grauen, groben Strmpfe um die vollen festen
Waden.

Als er so an sie dachte, kam sie, kam wie gerufen. Er erstaunte nicht
mal darber. Nur ein flchtiges Lcheln, ein leises vergngtes
Schmunzeln ging ber sein Gesicht, und den Kopf ein wenig erhoben, um
besser sehen zu knnen, nickte er wie zur Besttigung eines
unausgesprochenen Gedankens.

Sie war ohne Hut, ganz wie sie im Hause, in der Wirtschaft ging, aber in
Stiefeln, statt in Pantoffeln. Sie trug einen grossen, braunen
Henkelkrug, aus dem sie naschte. Sie mochte schon unterwegs Beeren
gepflckt haben, sie standen berall reichlich, freilich nirgend so wie
hier.

Sie sah ihn nicht und fing gleich an zu pflcken.

Ob er sie anrief? Es machte ihm Spass, sie so heimlich zu beobachten.
Alle Augenblicke warf sie eine der vollen Flechten ber die Schulter
zurck. Immer, wenn sie sich tiefer bckte, fiel wieder eine nach vorne.
Zuletzt liess sie sie hngen, wie sie wollten.

Er lag ganz still und freute sich des Augenblicks, wo sie ihn gewahr
wrde und einen Schrecken bekme. Aber seine Geduld wurde auf eine harte
Probe gestellt. Die Kleine suchte grndlich Busch fr Busch ab und
entfernte sich dabei immer mehr von ihm. Zuletzt hielt er's nicht mehr
aus und klatschte laut in die Hnde.

Erschrocken fuhr sie mit dem Kopf herum, sah nach allen Seiten, mit
grossen neugierigen Augen, aber durchaus nicht ngstlich. Sie war
augenscheinlich das einsame Umherstreifen gewohnt und kannte keine
Furcht.

Wenn nun ein andrer hier lge?

Sie war doch schon in dem Alter.

Und dann gingen ihm flchtig allerlei Gedanken an Mord und Verbrechen
durch den Kopf und die Geschichte mit dem jungen Mumm.

Er klatschte noch einmal, richtete sich halb auf und lachte ihr hell ins
Gesicht.

"Nein, aber Gott doch, was haben Sie mich erschreckt," rief sie, lachte
aber vergngt ber den Spass und kam gleich zu ihm hin.

"Sehen Sie mal, so viele."

Sie hielt ihm mit kindlicher Freude den schon halbgefllten Topf hin. Er
fuhr mit der Hand hinein, so dass sie mit einem kleinen Aufschrei das
Gefss zurckzog.

"Die gehn ja alle kaputt," schalt sie.

Dann liess sie sich ungeniert vor ihm aufs Knie nieder und hielt ihm den
Topf bequem, leicht schttelnd, dass ihm die losen Beeren in die
geffneten Hnde rollten.

"Noch'n paar," drngte sie, aber er wollte nicht mehr.

"Nun setz dich erst mal'n bisschen hierher," sagte er.

Sie war gerade aufgestanden und sah ihn etwas verschmt an. Aber sie
lachte dabei, und ihre Augen verrieten, dass sie wohl Lust htte. Er
rckte ein wenig beiseite, und diese stumme Aufforderung gengte. Sie
setzte sich zu ihm in schrittweiter Entfernung, fing auch frischweg an
zu plaudern, kindlich ungeniert: wie heiss es heute wre, und ob er
schon lange hier lge, und ob er ber den Fuchsberg gekommen wre oder
am Lohteich lngs.

Als sie den Fuchsberg nannte, wollte er fragen, wo der sei, er hatte ihn
neulich vergeblich gesucht. Aber die Erwhnung des Lohteichs brachte ihn
wieder davon ab und auf den alten Mumm.

"Sag mal," fragte er, "was ist das eigentlich mit dem Mumm fr eine
Mordgeschichte?"

"Nicht wahr, wie schrecklich?" sagte sie.

"Der hat seine Braut ermordet, was?"

"Ja, die eine."

"Die eine?" fragte er.

Er musste lachen.

"Hat er denn mehr gehabt?"

Sie wurde ganz rot, halb aus Verlegenheit, weil sie aus seinem Lachen
entnahm, dass sie wohl eine Dummheit gesagt hatte, halb aus Scham, der
Sache wegen.

"Ist das hier passiert, in diesem Holz?" fragte er.

"Etwas weiter lngs."

Sie zeigte mit der Hand nach links:

"Im Schreiberholz; wissen Sie?"

Er wusste.

"Ob sie ihm nun wohl was tun?" meinte sie.

"Wenn er es getan hat."

"Mchten Sie das wohl sehen?"

"Mchtest du das?"

Sie besann sich einen Augenblick, whrend ihre Augen sich vergrsserten.

"Gitt e gitt," rief sie affektiert und wandte sich wie vor etwas
Entsetzlichem ab. Aber ihre Augen straften sie Lgen. Er merkte es wohl.
Aber das "Gitt e gitt" kam so komisch heraus, dass er lachen musste.

Sie lachte ganz lustig mit, aus Lust am Lachen. Das war ihm gerade
recht. Was sprach er auch mit ihr von Mord und Hinrichtung. War das eine
Unterhaltung fr sie?

Er wlzte sich mit einer Schwenkung nher und lag jetzt auf dem Bauche,
die Ellenbogen aufgesttzt und, die Hnde gefaltet.

Sie hatte einen Himbeerfleck auf der Schrze, und er machte sie darauf
aufmerksam.

Sie verzog den Mund etwas.

"Das macht nichts."

"Und genascht hast du auch," fuhr er fort. "Da sieht man's."

Er zeigte mit dem Finger nach einem Fruchtfleck auf ihrer linken Backe.
Sie bog sich zurck und schlug nach seiner Hand.

"Wo?" fragte sie und machte einen vergeblichen Schielversuch nach dem
Fleck. Er tupfte nochmal mit dem Finger nach ihrem Gesicht, und da sie
es nicht dulden wollte, fing er ihre Hnde ein, hielt sie mit einer Hand
umklammert, richtete sich halb auf und berhrte etwas unsanft mit dem
Zeigefinger die Stelle auf ihrer runden, weichen Wange.

Sie kreischte auf und rang mit ihm.

"Du Racker."

Er hatte wirklich Mhe sie zu halten. Er lag auf den Knieen vor ihr. Auf
einmal riss er sie fest an sich und ksste sie.

Sie schrie auf und schnellte zurck, als er sie los liess. Sie war mehr
erschrocken als gekrnkt, und sah mit einem etwas dmmlichen Lachen auf
ihre Schrze.

Ihre Schulmdchenhaftigkeit machte ihn vor sich selbst lcherlich. Wie
kam er dazu, dieses Kind zu kssen. Er fhlte das Bedrfnis, sich vor
sich selbst zu entschuldigen.

"Siehst du, das ist die Strafe," sagte er aufstehend.

"Wofr?" fragte sie patzig.

"Fr das Naschen."

"Ach Sie!"

Sie machte eine eigensinnige Schulterbewegung und rieb mit dem
Schrzenzipfel, den sie unbedenklich mit der Zunge befeuchtete, den
Fruchtflecken auf ihrer Backe.

"Na, adieu Kind," sagte er und reichte ihr die Hand. "Nun pflck auch
fleissig."

"Wollen Sie schon gehen?"

Er sah in ihren Blicken, dass sie gerne gesehen htte, wenn er noch bei
ihr bliebe. Aber er nickte ihr freundlich zu und ging.

Verdutzt sah sie ihm nach. Enttuschung malte sich auf dem hbschen
Kindergesicht, Unmut und bellaunigkeit. Und die Spitze des rechten
Daumens zwischen die festen weissen Zhne geklemmt, stand sie noch eine
ganze Weile fast regungslos und sah mit grossen Augen in die Richtung,
wo er verschwand.




7.


Mutter Petersen stand vor der Haustr und trieb Randers mit
Hndeklatschen zur Eile an. Er hatte sich versptet, sie warteten schon
auf ihn, die Suppe stand auf dem Tisch.

Whrend des Tischgebetes, das jeder leise vor sich hinsprach, sah er in
seinen Teller. Er hatte schon lange kein Tischgebet mehr gesprochen. Es
war ihm schon im Elternhause, wo es die Reihe herumging, zu einer leeren
Form geworden.

  "Liebster Jesu! sei unser Gast
  Und segne, was du bescheret hast
             Amen!"

Gesegnete Mahlzeit! Auch so eine Redensart.

Spter war es ihm geradezu gegen den Geschmack. Es war ihm wrdelos,
unanstndig, der unpassendste Augenblick, Gottes Wort oder nur seinen
Namen in den Mund zu nehmen, wenn in diesem Mund schon das Wasser
zusammenlief nach dem Braten, und der dampfende Kohl die Nase kitzelte.

Aber anfangs hatte es ihn doch angeheimelt, das erste Mal und einige
Tage lang, als sie hier alle die Kpfe senkten und andachtsvoll auf die
gefalteten Hnde in den Schoss sahen, bevor sie mit dem Lffel in die
Suppe fuhren. Das war so patriarchalisch, schlicht und einfltig. Er
tauchte in diese einfltige Frmmigkeit mit unter, es kam ein Gefhl des
Geborgenseins und des Vertrauens ber ihn, wie im Elternhaus, und er
empfand einen grossen Respekt vor diesen einfachen Leuten. Aber zuletzt
war es ihm doch wieder komisch vorgekommen, dieses beinahe
marionettenhafte stumme Beten.

Er hatte verstohlen beobachtet. Der Schullehrer machte es einfach,
still, fast demtig. Es lag eine gewisse Wrde in seinem Tun. Aber
Mutter Petersen machte es mit einer gewissen Ostentation, ruckweise, mit
strammen, kurzen Bewegungen, gleichsam taktmssig, im Paradeschritt vor
ihrem Herrn und Heiland. War sie fertig, griff sie sofort munter zum
Lffel, whrend ihr Eheherr auch darin eine gemessene Wrde bewahrte,
langsam, zgernd nach dem Lffel langte, als schme er sich, Profanes
und Heiliges so unvermittelt an einander zu koppeln.

Christine machte es nach Kinderart, grndlich, als sagte sie alle Gebete
her, die sie wusste. Aber ihre Augen gingen dabei verstohlen von einem
zum andern, und nie hrte sie vor den Eltern zu beten auf.

Heute sass sie verlegen vor ihrem Teller.

Randers wusste warum.

"Es war sehr jungshaft von dir," dachte er. "Wie konntest du dieses
Gnschen da kssen." Er schmte sich.

Nach Tisch lag er wieder auf der Bank unter den Buchen. Da lag er
lange, erst im Halbschlaf, die Stimmen der Schulkinder hrend und das
Geklapper ihrer Holzpantoffeln. Der Lehrer klatschte in die Hnde, das
Signal, womit er den Anfang der Schulstunde verkndete und die Sumigen
von der Landstrasse und dem Spielplatz hinter dem Schulhause in die
Klasse rief. Randers versuchte etwas zu lesen, fiel aber wieder in den
dumpfen Zustand zwischen Wachen und Trumen zurck, bis er sich
gewaltsam aufraffte und die Mdigkeit abschttelte.

Er steckte sich eine Cigarre an und begann in sein Notizbuch zu
kritzeln, Verse, die er den ganzen Morgen mit sich herumgetragen:

  Umzwitschert rings von muntern Vogelscharen,
  Steht mir vor Augen einer Laube Blhen,
  Und vor dem Tische unter goldnen Haaren
  Seh flutentief ein Auge ich erglhen.
  Was trieb es mich, mit Glck und Stern zu sparen
  Und mich zu weihen trichtem Bemhen?
  Nun schre ich in Aschen, die vor Jahren
  Geglht, und seh sie in die Winde sprhen.

Er hatte wieder die Sicilianenwut. Eine ganze Reihe von diesen Dingern
hatte er in der letzten Woche hingekritzelt, mit Blei, in kaum lesbarer
Schrift. Es stand alles bunt durcheinander! Einflle ber Kunst und
Literatur, Schuldenberechnungen, Wschenotizen, und allerlei
gleichgltige Aufzeichnungen fr den Tag. Manchmal war ein krftiges
Urteil quer darber geschrieben, wie: Unsinn! Bldsinn! Gewsch!

Randers hatte eigentlich Notizen fr Gerd Gerdsen machen wollen an
diesem Nachmittag. Aufzeichnungen aus seiner Jugendzeit. Aber er wollte
es nun lieber bis morgen lassen. Es trumte sich so nett hier.

Vom SchlhauseSchulhauselangen abgerissene Tne eines Kirchenliedes,
helle Kinderstimmen, und ab und an der harte, heisere Bass des Lehrers.




8.


Abends kam ein Gewitter. Es war schnell heraufgezogen. Aus der alten
Wetterecke hinter dem Schulhause und dem Lehreracker, wo die Wildkoppel
und das Frstenholz in einem stumpfen Winkel zusammenstiessen, kam es
her, eine schwarze Wand, die sich gleichmssig vorschob. Eben hatte noch
die Sonne hinter dem Frstenberg ein rotes Feuer angezndet, und jetzt
war alles finster. Eine unheimliche Stille. Kein Blatt rhrte sich.
Alles war wie verstummt und erstarrt vor Angst. Dann ein dumpfes
Grollen, einmal, langhinrollend, dann Tropfen, zgernd, schwer
auffallend, gleichsam versuchsweise.

Randers lag in seinem Zimmer auf dem Sofa und sah durch das offene
Fenster auf die dunkle Landstrasse. Draussen zerrte der Schullehrer
seine beiden Khe hinter sich her. Die Ketten klirrten und die schweren
Holzpflcke schleiften ber den Kies des Gartens.

Dann kam der erste Blitz und ein heller, knatternder Donner. Und die
Holunderbsche im Garten legten sich fast ganz auf die Seite und die
Fensterflgel rttelten in den Angeln und eine Tr schlug zu.

Und dann rauschte der Regen herab. War das ein Platschen und Klatschen,
und Spritzen und Tropfen, von allen Zweigen, von der Dachrinne, vom
Gesimse. Drben warf der Wind die Kronen der hohen Buchen hin und her.

"Wie ein Schiff im Sturm," sagte Randers. Und er sah dieses Schiff, sah
es ganz deutlich. Es war ein grosser Dampfer. Die Wellen strzten aufs
Deck. Die Masten krachten, er sah die entsetzten Passagiere, hrte ihr
Schreien. Und er sah den Kampf um die Rettungsgrtel.

Aber das alles verlor sich, verwirrte sich ihm in ein undeutliches
Gewimmel. Klar sah er nur den Kapitn auf der Brcke. Der ist blass bis
unter die Mtze, die mit dem Sturmband unterm Kinn befestigt ist. Aber
wie aus Erz steht der Mann da, festgeklammert mit der Eisenfaust an dem
Gelnder der Kommandobrcke. Jetzt beugt er sich nieder. Er kritzelt
etwas auf ein Blatt Papier, reicht es dem Lotsen. Der winkt ihm mit
heftigen, berredenden Gebrden. Er schttelt den Kopf, er will nicht
weichen. Nicht vom Platz!

"Der Held! Der Held der!"

Randers rief es ganz laut. Er glhte vor Aufregung. Knnte er da oben
stehen. Sein Leben dafr!

Bis zum letzten Atemzuge da oben, einen letzten Gruss an Weib und Kind,
und hinein in den brllenden, schumenden, herrlichen Mannestod.

Randers sass aufrecht auf dem Sofa und starrte wie geistesabwesend in
die Blitze und auf die sturmgepeitschten Bume, als Mutter Petersen ins
Zimmer strzte und um Christine jammerte. Sie sei nach Schnfelde
gegangen, um etwas vom Krmer zu holen. Nun sei sie gewiss bei dem
Unwetter unterwegs.

"So'n Gr is ja zu dumm!"

Randers sprang auf, er wollte der Kleinen entgegen. Mutter Petersen
wollte das nicht dulden.

"Nein, mein Mann soll. Aber wo is er nur? Er wird bei's Vieh sein!"

Aber Randers war schon draussen. Sie lief ihm nach, ob er denn keinen
Schirm mitnehmen wolle. Aber er hrte nicht, er lief nur immer darauf
los.

Was hatte er auch da auf dem Sofa zu liegen. Warum war er nicht gleich
hinausgelaufen?

Er atmete in tiefen Zgen die feuchte Luft, liess sich den Regen auf die
feuchten Wangen klatschen und den Wind um die Ohren sausen.

Welch ein, chzen und Knarren und Sausen und Donnern in den alten Buchen
und Eichen, Ja, das war Musik, die er liebte. Er vergass vor lauter
Lustgefhl beinah, weshalb er eigentlich hier bei dem Unwetter die
Landstrasse entlang lief, beinahe wirklich lief, als glte es ein
Unglck zu verhten. Er strmte nur immer gerade aus und dachte nichts
anderes als: wie kstlich, wie ganz kstlich!

Bis er auf Christine traf. Na, ja, das war's ja! Die Kleine war also
doch unterwegs. Aber sie hatte sich unter ein Nussgebsch geflchtet.
Sie hatte den roten Rock von hinten ber den Kopf genommen, und vorne
aufgehoben und ihre Krmerpakete hineingewickelt, um sie vor dem Regen
zu schtzen. So machte sie eine wunderliche Figur in dem groben, grauen
Wollunterrckchen, Ihr erhitztes Gesicht lugte nur eben aus der
knstlichen Kapuze hervor, so sehr hatte sie sich eingemummelt.

Ihre grossen schwarzen Augen blitzten auf, als sie Randers gewahrte.

"Nein, aber, wo wollen Sie denn hin in diesem Wetter? Sie werden ja
ganz nass!"

"Ich will dich holen, sie ngstigen sich schon um dich."

"Was 'n Unsinn!"

Er stand neben ihr, triefend.

Was nun? Er htte doch lieber einen Schirm mitnehmen sollen. Jetzt
wurden zwei nass. Aber sie hatte doch Begleitung, Schutz. Wovor? Sie sah
nicht aus, als ob sie sich frchtete.

Sie sagte nichts weiter, sie schien noch immer in der Erinnerung an die
kleine Geschichte vom Vormittag verlegen zu sein.

"Wir knnen hier doch nicht stehen bleiben," meinte er.

"Aber es regnet ja noch so."

Da fiel ihm ein, dass er sie mit unter seinen Regenrock nehmen knnte;
sie reichte ihm gerade bis zur Achselhhle. Das kam ihm so lustig vor.
Er sagte es ihr. Sie wollte nicht, sie zierte sich, obwohl sie Lust dazu
hatte. Das sah er ihr an.

"Dummes Zeug! komm! Du wirst ja bis auf die Haut nass. So. Nimm meinen
Arm."

Sie wehrte auch nicht lnger ab, sondern lachte herzlich ber diesen
Spass.

"Aber Sie machen so lange Schritte," sagte sie, bemht, mit ihm Takt zu
halten.

Er passte sich ihren Trippelschritten an, und so stapften sie etwas
unsicher unter einem Mantel auf der nassen Landstrasse hin. Sie sprach
vom Wetter, wie schrecklich es regnete, wie schn die Blitze seien, und
wenn ein besonders lauter, krachender Donner folgte, meinte sie: das hat
gewiss eingeschlagen.

Ihm war es wunderlich zu Mut mit dem jungen Ding allein auf der
strmischen Landstrasse. Er hatte der Bequemlichkeit wegen seinen
rechten Arm um ihren Nacken gelegt. Er fhlte jede Bewegung des jungen,
lebenswarmen Krpers. Eine keusche Zrtlichkeit berkam ihn. Er war
jetzt ihr Beschtzer.

"Geht's so? Gehst du auch trocken?"

"Wunderschn!"

Er fhrte sie vorsichtig um jede Pftze herum, so dass sie ber seine
ngstliche Vorsorge lachte.

"Ich hab doch schon nasse Fsse."

"Das geht aber nicht."

"Das macht mir nichts."

Ihr hbsches Gesichtchen lachte aus seinem schwarzen Gummimantel heraus.

"Kiek! Seh ich nicht gelungen aus?"

Ob sie gar nicht mehr an den Kuss dachte?

So brachte er sie leidlich trocken nach Haus.

Nachher konnte er nicht einschlafen, trotzdem die Fenster offen standen
und die khle, nach dem Gewitter erquicklich erfrischte Luft ins Zimmer
Hessen.

Ihm war sonderbar schwl zu Mute.

Als er endlich einschlief, ngsteten ihn wirre Trume.

Er sieht immer Christinens schwarze Augen mit einem seltsamen Ausdruck
auf sich gerichtet. Immer starren sie ihn an, zum Verrcktwerden! Er
schlgt danach, er strzt sich auf sie. Er packt sie am Hals, sie
lchelt, er wrgt sie wie wahnsinnig und empfindet dabei eine namenlose
Angst.

Und dann ist es nicht Christine, die er gewrgt hat, sondern die graue
Dame vom Steg, sein Gespenst! Sie liegt ganz blass vor ihm, mit
geschlossenen Augen, wie eine Wachspuppe. Er dreht sie um wie einen
leblosen Gegenstand; sie hat lederne Beine und lederne Arme. Es ist die
Puppe seiner Schwester.

Und dazu blitzt es unaufhrlich.

Und dann tritt jemand zu ihm und sagt ihm, er msse jetzt nach oben
kommen, es wre hchste Zeit, das Schiff wrde gleich sinken. Und er
strzt nach oben, stsst die Knie an den harten messingbeschlagenen
Stufen der schmalen Kajtentreppe. Und oben steht der Kapitn auf der
Kommandobrcke und schreit ihm etwas zu, schreit wie wild und zeigt
immer mit hastigen Stssen nach seinen Hnden. Randers sieht seine
Hnde an, die sind ganz rot, ganz rot von Blut. Er erschrickt. Nun
stecken sie dich ein.

Und das alte blde Gesicht Vater Mumms taucht vor ihm auf und sieht ihn
mit den halberloschenen Augen so traurig und vorwurfsvoll an.

Und eine entsetzliche Angst packt ihn, eine wahnsinnige Angst. Er will
fliehen und kann nicht. Jemand hlt seine Beine umklammert.

In Schweiss gebadet wachte Randers auf, Der Mond stand noch fast auf
derselben Stelle ber dem Buchenportal. Randers konnte nicht lange
geschlafen haben, keine Viertelstunde.

Diese wsten Trume. Wie sich das alles durcheinanderwirrte!

Und nun gar dieser Mord! Welche wahnsinnige, boshafte Freude hatte er
dabei empfunden, als er diesen weissen Hals wrgte, dass diese dummen,
glotzenden schwarzen Augen weit aus ihren Hhlen traten.

Ihm schauderte. Lag das wirklich in ihm? Knnen Trume etwas in uns
hineintragen, holen sie nicht nur aus uns heraus?

War es nur die Mummsche Geschichte, die diesen Traum auslste?

Auslste?

Also mussten Mordgelste in ihm verborgen sein!

Er meinte nicht auslsen, er meinte es anders. Es war natrlich nichts
als ein Erinnerungsbild. Aber er hatte doch etwas empfunden dabei, und
so intensiv wie kaum je beim Wachen.

Es liegt in uns allen, wir haben alle diese Mordgelste in uns. Und er
glaubte jetzt auch zu verstehen, warum der junge Mumm seine Geliebte
ermordet hatte. Wenigstens verstand er die Mglichkeit, wenn auch noch
nicht das Motiv.

Und er lag und grbelte weiter nach, verbohrte sich hartnckig darin.

Und zuletzt kam es ihm doch wieder zu rtselhaft vor.

Oder konnte Liebe in pltzliche Mordlust umschlagen? Ja, gewiss! Ein
ganz bestimmtes Gefhl bejahte das in ihm. Aber die Fden bloss legen,
wie sich das zusammenspinnt. Die allmhlichen bergnge. Es geschieht da
nichts sprungweise.

Ein Weib aus Liebe zu Tode peinigen!

Er schlief zuletzt wieder ein ber diese Grbeleien.




9.


Am folgenden Tage waren alle Wege aufgeweicht. Auf der Landstrasse
standen grosse Pftzen, und im Garten, gerade vor der Haustr, hatte
sich ein kleiner See gebildet.

Als Randers, halb angezogen, durchs offene Fenster die erquickende
Morgenluft einatmete, sah er Christine vor diesem See stehen und ihren
Holzpantoffel mit der Spitze des Fusses wie einen Kahn bers Wasser
lenken. Sie war ganz vertieft in diese kindliche Unterhaltung, so dass
sie das Kommen der Mutter nicht hrte. Auf einmal hatte sie eine
krftige Ohrfeige weg. Es war Randers, als htte er sie selbst bekommen.

"Verdammte Deern, das sag ich aber Vater. Das is doch rein zu arg!"

Randers trat bei diesen Scheltworten vom Fenster zurck. Dann hrte er
Weinen und das Klappern sich entfernender Holzpantoffel.

Wie konnte man ein so grosses Mdchen noch schlagen. Er war erbost
darber.

Am Kaffeetisch war er wortkarg vor rger. Christine nahm nicht teil am
Frhstck, sie erhielt ihre Milch und ihr Brot wie immer in der Kche.

Nachher traf er sie auf dem Hofplatz. Sie stand hochaufgeschrzt, mit
blossen Armen, und scheuerte die Milcheimer mit einem kurzen Reisbesen.
Sie war heiss von der Arbeit und ihre Backen glhten. Sie grsste ihn
sehr verlegen und sah kaum auf von ihrer Arbeit.

Er hatte den wunderlichen Gedanken, auf welche Backe sie wohl den
Schlag empfangen htte.

Ein richtiges Ohrfeigengesicht, dachte er.

Sie kam ihm so "tumpig" vor, wie sie so verschmt dastand. Und er
empfand gar nichts fr sie.

Den Vormittag benutzte er zum Briefschreiben. So sehr er das feuchte
Wetter liebte, diese Wege waren ihm doch zu kotig. Vielleicht war's am
Nachmittag besser, wenn die Sonne ihre Arbeit getan hatte. Sie stand
hell am Himmel und trank die Feuchtigkeit der Luft. Ein leichter Dampf
lag ber dem Lehrersacker, ber der Waldwiese, die mit einem Zipfel den
Landweg berhrte, und ber der feuchten, schwarzen Gartenerde, den
Reseda-, Astern- und Stiefmtterchenbeeten.




10.

(Tagebuchbltter.)


Heute an Gerdsen geschrieben, wegen des Romans. Eigentlich eine
schnurrige Idee.

       *       *       *       *       *

Mit Petersen beim Lehrer in Sssen gewesen. Unterwegs der jungen
Komtesse von Rixdorf begegnet. Lenkte selbst ihre Ponies. Sah leider
nur ihren Rcken.

Wer auch so fahren knnte!

In Sssen Kaffee und Kuchen. Junge, leidlich hbsche Frau, sauber,
appetitlich.

War auch ein "Gemeinderat" da, ein Ziegeleibesitzer und Hufner, ein
gutmtiger Riese. Streit ber das neue Gesangbuch. Die Lehrer waren
dafr.

Der Sssener war fr die neuen, frischeren Melodieen. Er spielte ein
paar auf dem Klavier. Eine klang wie ein Jgerlied. Der Koloss polterte
dagegen. Die Bauern wollten kein neues Gesangbuch, wollten sich das alte
nicht nehmen lassen. Es ist so lange gut gewesen, in Freud und Leid, ist
ein Stck ihrer Seele geworden. Woraus ihre Eltern und Grosseltern und
Urgrosseltern Trost und Erbauung geholt, auf einmal sollte das nicht
mehr gelten?

"Ne min Gesangbook lat ik mi nich nehmen. Ik lat mi nich vrschriewen,
wat ik singen und beeden schall. Doran lat ik mi nich rgen. Dat is min
Religion. Wat wr dat fr'n Religion, de man so quantswies alle fif Johr
mal nnert warden knnt! Hw ik recht?"

Ich hatte den Mann lieb in seinem beschrnkten Eifer. Ja, daran soll man
nicht rhren, oder es fllt alles zusammen. So was muss alt sein,
ehrwrdig, durch jahrhundertlange Tradition geheiligt. Das Neue ist den
Leuten nichts. Bibel und Gesangbuch mssen auch usserlich alt sein,
abgegriffen, blank von vielem Gebrauch, stockfleckig und gesttigt mit
dem Parfm von Familien- und Krankenstuben.

       *       *       *       *       *

Bin ich nicht eigentlich ein Erzreaktionr? Adel und Kirche. Obgleich
ich im tiefsten Grunde (lge nicht, Randers!) an diese frommen Dinge
nicht glaube. Aber man ist heute so hbsch isoliert damit, so hbsch in
der Minoritt. Und Minoritt ist vornehm, ist aristokratisch. Majoritt
ist der Pbel.

Ich knnte aus Opposition gegen den Pbel in das letzte Kloster gehen.

In andern Zeiten wrde ich wahrscheinlich Freigeist sein, aus
Opposition, aus angeborenem Bedrfnis, mich von der Masse abzusondern,
aus aristokratischen Instinkten. Ich knnte Demokrat werden aus
Aristokratismus. Unsinn! Na!

       *       *       *       *       *

Heute Nacht von Berta getrumt. Ich habe sie doch lieb gehabt. Es war
nicht nur, weil sie sich schick zu kleiden wusste und ein so damenhaftes
Benehmen hatte. Sie war so durch und durch anstndig und so rhrend in
ihrem tapfern Kampf. Eine junge, hbsche Direktrice mit krglichem
Gehalt, ohne Familienanschluss, in einer Stadt wie Hamburg. Man weiss,
was das sagen will. Und sie war in einem jdischen Geschft angestellt.
Nicht, dass sie jemals geklagt htte. Im Gegenteil. Aber ich habe nun
mal diese Animositt gegen Israel. Sie lachte mich oft deswegen aus.

Sie war eine vornehme Natur und ein Labsal nach all diesen Paulas und
Ellas und Friedas, bei denen ich meine Gefhle fr das Weib "an den Mann
zu bringen" suchte.

Sie hatte sogar Mssigkeitseinfluss auf mich. Es war meine
Temperenzlerperiode. Aber da ich sie nicht heiraten konnte, verlangte
sie zuletzt Schluss. Entweder, oder! Und ich konnte sie nicht heiraten.
Es wre ein Hungerleben geworden. Eine der Ehen, die nichts sind, als
ein langsameres oder schnelleres, aber immer sicheres und qualvolles
Hinsiechen der Liebe.

Sie sah das ein. Ohne Vorwurf, ohne Klage reiste sie ab. Ein Charakter,
eine vornehme Seele. Eine Aristokratin!

Dieses Denkmal hast du verdient, Berta!

       *       *       *       *       *

Wie wohl fhl ich mich allmhlich in diesen einfachen Verhltnissen
hier, und tglich wird mir klar, was mir in der Stadt wie ein Strick um
den Hals lag und schnrte und schnrte. Es ist die ganze widerliche Lge
jenes Lebens und Treibens.

Hier ist alles auf Wahrheit gegrndet, auf Natur. Nichts ohne Zweck, und
der Zweck ehrwrdig, weil notwendig und natrlich. Hier hat jeder noch
ein Verhltnis zu seiner Arbeit, ist mit ihr verwachsen. Was hat der
Kaufmann, der Krmer, fr ein Verhltnis zu seiner Ware? Sie ist ihm nur
Mittel Geld zu machen; bringt ihm die schlechte mehr ein, ist sie ihm
lieber als die gute.

Und diese ganze Vermittlergesellschaft, die ihr Brot durch Laufen und
Schwatzen verdient. Diese ganze, hohle, windige Gesellschaft. Wie lob
ich mir den Handwerker, der mit seiner Arbeit, seinem Topf, seinem
Schmiedewerk, seinem Stuhl, ein Stck seines Ichs hingibt, des
erhaltenen Lohnes wrdig! Da hngt Schweiss daran, Liebe, Freude, Ehre.

Und hier der Bauer! Welche Tchtigkeit, welche Natrlichkeit, welche
innere urheilige Notwendigkeit in all seinem Tun. Der Adel der Arbeit!

Und dann sind hier keine Juden.

Juden und Sozialdemokraten, die haben jetzt das grosse Wort.
Scheidewasser! Zersetzende Elemente. Ohne Produktivitt. Wre Gott ein
Jude, wre die Welt nicht. Ein Jude kann kein Gott sein. Der Jude hat
Witz, ein Gott nie. Ein witziger Gott! Ein gttlicher Witz! Widerspruch
in sich.

       *       *       *       *       *

Ihr verdreht dem Volk nur die Kpfe. Bildung in die Menge bringen! Eure
Art "Bildung". Die Menge kann immer nur halbgebildet sein, und
Halbbildung ist gar keine Bildung, ist schlimmer als Unbildung. Die
Halbbildung glaubt alles zu verstehen, ist dnkelhaft. Und sind wir
nicht ganz zerfressen von dieser "Bildung". berall, in Literatur Kunst,
Gesellschaft? Jeder schwtzt ber jedes! Wo ist Ehrfurcht, Schweigen,
Bewunderung, Freude?

Alles, das Hchste und Grsste wird auf das Allerweltsniveau von Mller
und Schultze herabgeschwtzt, und der Ladenjngling spricht von Darwin
und Ibsen mit derselben Zungengelufigkeit wie von der neuesten Mode und
dem grossen Preis von Hamburg.

Wie kocht es in mir, hr ich so ein Dmchen ber die neueste Richtung
rsonieren, oder so einen Krmerkommis ber die moderne Malerei. Rede
einmal so dumm weg ber ihre Ware, ihre Stiefel, ihre Seidenstrmpfe,
gleich verklagen sie dich beim Staatsanwalt, dass du sie diskreditierst,
ihr Geschftchen schdigst. Aber die Kunst, die Literatur, die sind
vogelfrei, da kann jeder Hans Narr seinen Mist darauf werfen, dem
Dichter, dem Maler, dem Musiker seinen guten Namen nehmen, seinen Ruf,
sein Brot.

Und sie wagen sich an alles, diese "Gebildeten!"

Es gibt berhaupt gar keine Bildung mehr. Es gibt nur Vielwisser,
Halbwisser und--Alleswisser natrlich. Ausserdem die Dummheit. Und nur
unter den "Dummen" trifft man ab und an mal ein paar Gebildete.

       *       *       *       *       *

Gestern rote Grtze, heute rote Grtze, morgen rote Grtze, rote Grtze
in alle Ewigkeit. Amen!

Das Leben geht hier seinen hllisch gleichmssigen Gang.

       *       *       *       *       *

"Wat schall all dat Lihren, Herr. Wenn se sik man fr't Fer wohren und
sik man in acht nhmen, dat se nich int' Water lopen, wat brukt se mehr
to weten. All knt wie doch nich klook waren."

Hest recht, oll Jrs. Wat schall all dat Lihren.

       *       *       *       *       *

Petersen bat mich, keine Pfennige wieder in die "Grabbel" zu werfen.

"Das v--v--verdirbt die Kinder nur."

Er hat recht. Aber ich hatte diabolisches Vergngen daran, wie sie sich
balgten, bereinanderkollerten, Buben und Mdel im Staub der
Landstrasse. Wie die Hunde um einen Knochen.

Vor zwei Jahren--ich warf mal Bonbons vom Wagen herab, unter die
Dorfjugend. Kstlich! Aus dem Staub, dem Schmutz in den Mund. Brrr!

Mssen wir nicht alle unsere kleinen Freuden und Sssigkeiten aus dem
Schmutz klauben? Und die grsste Sssigkeit (?), die Liebe, ist sie
nicht eine Sumpfpflanze?--

Gott muss keinen Ekel kennen.

       *       *       *       *       *

Petersen fragte mich heute zum drittenmal, ob ich noch nicht auf dem
Aussichtsturm gewesen sei, auf dem Frstenberg. Aber zum Teufel, ich
will da nicht hinauf. Ich hasse Aussichtstrme und jede Art Kletterei,
um mglichst viel auf einmal zu sehen.

Wenn es noch ein Leuchtturm wre. Oder meine alte Pappel zu Hause.

Aber da ist es nicht der Aussicht wegen, weshalb ich da hinaufsteige.
Die Poesie des Leuchtturms, wenn draussen der Sturm tobt und die Vgel
gegen die Laterne stossen. Was soll ich hier sehen? Wald und Feld und
wieder Wald und Feld, Khe, Schnitter, Erntewagen. Immer dasselbe. Von
einem Knick zum andern. Und das ganze luft nur darauf hinaus, dass man
so weit sehen kann, so weit, bis nach Lbeck hin. Und dann die Herzen
und Pfeile, und die Mllers und Lehmanns. Vielleicht noch gar ein
Fremdenbuch mit albernen Versen.

       *       *       *       *       *

Ich sehne mich ein Bad zu nehmen, in der offenen See. Darber geht doch
nichts. Nackt dem Element hingeben. Direktestes Naturgefhl, Einsgefhl
mit der Natur!

       *       *       *       *       *

Diese dumme Ksserei! Es kam so ber mich. Und so tolpatschig, wie nur
ich bei solchen Sachen bin. Eine ganz unschuldige Regung der
Zrtlichkeit.

Mancher ksst im Vorbeigehen jedes Mdel, das ihm gerade gefllt, und
sie lachen beide und denken sich weiter nichts dabei. Es ist alles so
naiv, harmlos, wie Blumenpflcken. Bei mir wird immer eine Haupt- und
Staatsaktion daraus. Ich bin zu schwerfllig, nicht leichtherzig, nicht
leichtsinnig genug.

Meine onkelhaftesten Regungen und Handlungen unterliegen der
Missdeutung.

Htte ich brigens geahnt, dass die Kleine auf einen Kuss so
reagierte--und ihr Platz auf der Schulbank ist noch warm.

       *       *       *       *       *

Ich kann brigens jetzt an sie denken, ohne dass mir diese roten Flecken
vor den Augen schimmern. Sollte das doch tiefer gelegen haben? Eine
etwas umstndliche Art, mich zum Kuss zu bringen. Die Natur whlt sonst
krzere Wege, um zu ihrem Willen zu kommen.

       *       *       *       *       *

Heute Nacht wieder diese wsten Trume. Es rhrt doch daher. Naturam
expellas furca ...

Ich habe zu lange gefastet!

brigens die Mummsche Geschichte--alles schon dagewesen! Er wollte sie
keinem andern mehr gnnen. Es war genug, dass er mit der andern
unglcklich war. Auch das noch ertragen, die Geliebte im Besitz eines
anderen zu wissen, eines Glcklicheren, das ging ber sein Vermgen.

Es ist doch etwas Herrliches um solche Kraft und Leidenschaft! Wir
zahmen, moralischen Schwchlinge resignieren lieber, ehe wir auch nur
einen Tropfen Blutes vergiessen.

O, nur einmal einer solchen Leidenschaft fhig sein: Aber das wird uns
nur einmal im Traum beschert.

Meine graue Dame vom Steg habe ich hoffentlich fr immer abgewrgt.
Diese Empfindung, als ich ihren Hals zwischen meinen Fingern hatte. Ein
Kuss ist nur ein Glas Wasser dagegen, und jede andere Art Wollust.

Armer Mumm!

Man muss den Gespenstern nur ber den Hals kommen, allen Arten
Gespenstern. Sie sind schliesslich alle nur Puppen, mit Sgespnen
ausgestopft, und wenn man sie um den Leib fasst, quietschen sie.

       *       *       *       *       *

brigens zur Notiz fr Gerdsen:

Ich sah bei einem bergang ber einen schmalen Wassergraben eine Dame
auf dem Steg stehen. Ganz in Grau gekleidet. Sie starrte ins Wasser ohne
mich zu bemerken. Es war ein trber, nebliger Novembernachmittag. Das
Bild prgte sich mir wunderlicher Weise so ein, dass es mich schlafend
und wachend verfolgte. Seltsamste Hallucination. Oft, in aufgeregtem
Zustand, oder in Traumstimmung, zur Dmmerzeit sah ich sie manchmal vor
mir, zum greifen; ich habe mich in das Gespenst verliebt, mit einer Art
Grberliebe, Gruselliebe.

Sie hatte mich brigens lange nicht besucht. Heute Nacht war sie wieder
da.

Ob sie nun tot ist?




11.


Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen
liess ihm keine Ruhe mit dem "verdammten" Turm.

Der Waldhter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues
hatte, bewahrte die Schlssel. Der Mann stand vor der Tr und klopfte
einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein
hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefhrtin und
schnupperte, als wnsche er an den Liebkosungen teilzunehmen.

"Der Graf ist oben," sagte Petersen.

"Darf man denn hinauf?" fragte Randers.

"Ei gewiss!"

Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. Der
Damensattel auf der Stute kndigte auch die Anwesenheit der Komtesse an.

Randers nahm unwillkrlich eine strammere Haltung an, knpfte seinen
Rock zu und rckte nervs an seinem Kneifer.

"Wollen Sie mich bitte vorstellen," bat er.

"Liebenswrdiger Mann, gar nicht hoch--m--m--mtig," sagte Petersen.

Oben trafen sie einen Herrn von ungefhr fnfzig Jahren, in leichtem
hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die
Landschaft und wandte sich nur lssig, kaum das Glas von den Augen
absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform
betraten.

"Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle," dachte Randers und musterte die
schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten
Blicken.

Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel!

Die letzte kuppelartige Krnung des Turmes, zugleich die Bedachung der
Treppe, berragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse
verdecken. Oder war sie berhaupt nicht mit hinaufgestiegen?

Der Lehrer trat mit einem tiefen Bckling an den Grafen heran.

"Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute."

Er kam ohne Anstoss ber die Anrede hinweg.

"Ah, Sie sind es, mein Lieber."

Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichte
Verbeugung.

"Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute," sagte er. "Die
Feuchtigkeit, der Dunst in der Luft."

"Ja, ja, zu f--feucht, Herr Graf, zu dicke Luft," beeilte sich Petersen
zuzustimmen.

"Mein Name ist Randers," schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich
gegen den Grafen.

"Herr Dr. Randers," wiederholte Petersen hastig, als htte er ein
wichtiges Versumnis gut zu machen.

"Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehrt zu
haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?"

"Sehr schn, sehr schn," fuhr er mit einer gewissen, gleichgltigen
Lebhaftigkeit fort.

"Wie gefllt es Ihnen bei uns? Schnes fruchtbares Land."

Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete
keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den
Horizont ab.

Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers;
so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe,
immer reserviert.

Aber wo blieb denn die Dame?

Er blickte sich bestndig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst.

Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung.

Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird
sie schon zum Vorschein kommen.

Aber Petersen zupfte ihn am Arm.

"Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?"

"Ja," sagte Randers, sah aber nichts.

"Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad ber meinen Stock."

"Ja, ja, ich sehe," log Randers.

Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch
einen Damensattel.

"Papa!" rief mit einmal eine volle, tiefe Mdchenstimme. Eine schlanke
Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz
herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt.

"Die Komtesse," belehrte Petersen.

Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen.

Was hatte dieses Mdchen fr eine Stimme!

Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen,
aber durch Randers gestrt, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein
flchtiger, musternder Blick.

Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an.

Wirst du mich vorstellen?

Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt
zurck: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei.

Er musste wirklich vorbergehen, musste wieder um den Turm herumgehen
und sich von Petersen die Lbecker Trme zeigen lassen. Nicht ein Wort
war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung htte anknpfen knnen.
Da er dem Grafen vorgestellt war, htte er es ungezwungen wagen drfen.
Aber was sollte er diesen Augen gegenber sagen? Augen, die zu dieser
Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein
norwegisches Berglied.

"Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen," sagte er zu
Petersen.

Der Lehrer sah ihn verstndnislos an und lchelte:

"Norwegische Augen?"

"Ja, Fjordaugen," erklrte Randers.

In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und
der norwegischen Stimme an ihnen vorber. Der Graf folgte und nickte,
seinen Hut lftend, freundlich Abschied.

Und Randers hrte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen
hinabrauschen, hrte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle,
riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag
der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal
klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo
Steine liegen.

Randers stand, weit ber die Brstung gelehnt, und sah hinab. Er konnte
nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er
konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur,
da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, grnen
Zelt leuchten zwei schne, tiefe klare Augen.

Fjordaugen!

Aber vier schnelle Fsse fhren sie in die Ferne. Dort hinten, weit
hinten, hinter den Hgeln lag Rixdorf.

Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess
sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von
einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem grngoldigen Leuchten
darber.

Fjordaugen!

Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Fssen liegt das
Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau
mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Mwenschwinge zuckt hell
darber hin.

Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht!

Ein mrchenhaftes Grauen berfllt ihn.

Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den
Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie
zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Hhe,
unergrndlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gbe es keine
Strme.

Und jetzt pltzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied.
Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klnge, tief
und feierlich wie das ruhige Meer.

"Es w--w--wird w--wohl Zeit," meinte Petersen.

Randers schreckte auf.

"Ja, ja," sagte er hastig.

Unten musste Randers durchaus etwas trinken.

Er hatte Durst. Der Waldhter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nur
Schnaps und Bier.

Randers bestellte beides, fr drei Personen. Sie stiessen an. Randers
trank hastig.

"Snd woll lang nich hier wesen," fragte Petersen den Waldhter.

"Ne, dat is't erste Mal in dssen Sommer. Sss kmen se fter mal."

"Ist es weit bis Rixdorf?" fragte Randers.

"Anderthalb Stunden," sagte Petersen.

"Zu Pferde?"

"Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht," sagte der Waldhter.

Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihm
Bescheid tun.

Nach dem dritten Glas sagte er:

"Verdammt hbsches Frauenzimmer! Noch jung, was?"

"Na, wo olt mag se sin?" fragte der Waldhter den Lehrer. "So negentein,
twintig."

"Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all."

"Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt," bat Randers. Petersen lachte ihn an, und
Randers lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt.

"Das ist doch das Wahre," sagte er, das frische, schumende Glas prfend
gegen das Licht haltend. "Vornehm, souvern, aristokratisch."

Er nahm eine hochmtige Miene an und nselte wie ein Gardeleutnant.

"h, ich lach auf die Welt!"

Der Waldhter sah ihn belustigt an: Wat bst du fr een?

"Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer," eiferte Randers.
"Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her."

"Ja, es hat was f--f--f--fr sich," stotterte Petersen.

Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhter sah ihn an, wie
einen, dem nicht zu trauen ist.

"Sagen Sie selbst, meine Herren," rief Randers wieder aufschnellend,
"hab ich nicht recht?"

"Ach wat," brummte der Waldhter rgerlich. "So'n Le mten sin, un
anner Le mten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek."

"Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht," rief Randers. "Das ist ja aber
eine Sache fr sich."

"Ja Mau, du v--v--versteihst den Herrn f--f--f--falsch," legte sich der
Lehrer ins Mittel.

"Dat mag sin, ik meen aber man. Ik bn man 'n schlichten eenfachen Kirl,
dat heet, min Geschft hw ik ook liert, da kann mi nms nich watt in
seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Le--na ja, du versteihst mi,
Petersen."

Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte
an ihm herum.

"Zweimalhundertausend Mark jhrlich zu verzehren," stiess er nach einer
Pause heraus. "So viel muss man haben, um anstndig leben zu knnen."

Nun lachte der Waldhter aus vollem Hals.

"Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um de
Botter dorbi to hebben."

Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort
zu kommen.

"Herr Doktor!" rief er, "Herr Doktor! W--w--wissen Sie--Herr
Doktor--w--w--w--". Aber er kam nicht zustande damit.

Als aber das Gelchter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an:

"Herr Doktor, wissen Sie, was ich m--m--mir dann kaufte? Die W--w--welt
kaufte ich m--mir! Die W--welt, Herr Doktor!"

       *       *       *       *       *




Zweites Buch




1.


Randers war eines Tages in Rosenhagen aufgetaucht. Rosenhagen gehrte zu
Rixdorf, beide bildeten eigentlich ein Dorf, waren nur fnf Minuten von
einander entfernt.

Rosenhagen bestand nur aus dem Krug und einigen Tagelhnerkaten. In
Rixdorf gab es kein Wirtshaus. So hatte Randers im Krug Quartier
genommen. Der Wirt war nicht auf Logierbesuch eingerichtet und hatte
sich gestrubt. Aber Randers hatte ihn berredet, mit Worten und mit
Geld.

Die Rosenhagener wunderten sich und die Rixdorfer wunderten sich. Was
wollte er hier bei ihnen?

Seeluft geniessen und baden, sagte Randers.

Das konnte er hier ja haben, aus erster Hand, reine unverflschte
Seeluft. Baden msse er freilich so, von freiem Strand aus. Badekarren
gbe es hier nicht. Nur die eine herrschaftliche.

Bisher war noch kein Mensch auf den Einfall gekommen, die Seeluft gerade
in Rosenhagen geniessen zu wollen. Dazu waren doch die vielen Bder da,
lngs der ganzen Kste.

Von Rosenhagen fhrte ein schmaler Feldweg bis hart ans hochgelegene
Ufer, schlngelte sich eine Strecke daran hin und fhrte dann allmhlich
zum flachen Strand hinab. Randers benutzte diesen Weg nicht oft, er
machte gewhnlich den Umweg ber Rixdorf, ging durch den Park, wozu er
sich die Erlaubnis erbeten hatte, verfolgte den Fusssteig durch das
grosse, zum Schlossgut gehrende Roggenfeld bis zum kleinen
Aussichtspavillon, den der Graf auf der hier steil abfallenden Uferhhe
erbaut hatte, und stieg dann eine bequeme Treppe zum Strand hinab.

Jeden Morgen, mit Sonnenaufgang, nahm Randers ein Bad. Er hatte sich
eine schne, steinfreie Stelle ausgesucht. Er musste freilich etwas weit
waten, bis ihm das Wasser zum Schwimmen reichte. Aber dann war es
herrlich! So ganz allein im weiten Umkreis, hchstens in der Ferne ein
weisses Segel, das die See mit ihm teilte. Nur die Wellen entbehrte er,
die rollenden Nordseewellen, diese erfrischenden Sturzbder. Und dies
reine absolute Naturgefhl, sich so den spielenden Wellen berlassen zu
knnen, Welle mit den Wellen sein, oder der sthlende Kampf mit ihnen.
Hier war es meistens ruhig und glatt, nur bei anhaltendem Ostwind gab
es einmal etwas Wellengang. Doch der Ostwind wollte sich nicht
einstellen. Aber erquicklich war es doch, dieses frhe Morgenbad, wenn
die See in der ersten Sonne flimmerte und glitzerte.

Tagsber ging er viel spazieren, gewhnlich in der Richtung durch den
Rixdorfer Park. Der Weg war so viel hbscher als nach der Rosenhagener
Seite hinaus; und er musste doch die Komtesse einmal sehen!

"Uns Frulein" sagten die Leute und "uns Herr". Das berhrte ihn so
patriarchalisch.

Abends sass Randers mit den Tagelhnern im Krug. Er hatte gleich in den
ersten Tagen in alle Katen gesehen, kannte alle Frauen, alle Kinder und
hatte sein Vergngen daran, die Hunde zu necken. Alle Leute waren einig,
dass es mit ihm nicht ganz richtig sein knne.

"He is ja bi Verstand, sin richtigen Verstand htt he ja. Aber wat will
he hier?" sagten sie. Aber sie kamen gut mit ihm aus. Er war nicht
hochmtig, er verstand sie, er trank mit ihnen und hatte mal ein
Zehnpfennigstck fr die Kinder brig.

Randers hatte lange nicht so viel getrunken wie in Rosenhagen. Die Leute
hatten es gerne, wenn man sich mit ihnen abgab. Was sollte er da machen?
Er musste wohl trinken. Und sie merkten bald, dass er etwas vertragen
konnte.

Eines Abends wurde es aber doch zu viel. Er hatte zum erstenmal Fides
im Park gesehen, sie ber breite Maisrabatten hinweg ehrfurchtsvoll
begrsst und hatte einen verwunderten Gruss zurckerhalten.

Nachher hatten die Kinder und die Hunde einen guten Tag, diese liess er
in Frieden und jene beschenkte er reichlich. Und abends tat er den
Ktnern im Krug mehr Bescheid als sonst und gab zwei Runden Schnaps aus;
ging auch nachher, statt ins Bett, in die Felder hinaus.

Und da stand er mitten im Roggen, singend und mit beiden Armen
gestikulierend, so dass er sich von fern gespenstisch ausnahm in der
Dunkelheit, wie ein Vogel, der vergebliche Flugversuche macht, oder wie
eine Windmhle, die in stossweisem Winde alle Augenblicke ein paar
Drehungen macht und dann wieder stillsteht. Ein paar Schritte torkelte
er vorwrts, dann stand er wieder still, warf sich in die Brust und sang
mit lauter Stimme und tiefer Inbrunst eine heldenhafte Phrase aus einem
alten dnischen Liede. Immer dieselbe Phrase, unermdlich und mit einer
tiefen knurrenden Kadenz auf der Schlussnote, gleich dem heiseren,
ingrimmigen Brllen eines gereizten Stieres. Am Morgen hatte er
Kopfschmerzen.

Aber das ging nicht, er sah das ein. Er durfte nicht soviel trinken, vor
allem keinen Schnaps. Wollte er wieder krank werden? Freilich lief er
ja den ganzen Tag da draussen herum, "verarbeitete" es wieder. Aber er
musste doch vorsichtig sein.

Randers war acht Tage in Rosenhagen, hatte whrend der Zeit Fides
zweimal gesehen, den Grafen aber noch nicht zu Gesicht bekommen. Er
hielt es jetzt an der Zeit und fr seine Pflicht, seinen Besuch im
Schloss zu machen. Was mssen sie denken, dass du dich hier lngere Zeit
aufhltst, auf ihrem Grund und Boden, um Erlaubnis nachsuchst, den Park
betreten zu drfen, und es nicht einmal fr der Mhe wert hltst, deine
Aufwartung zu machen. Und obendrein bist du dem Grafen schon mal
vorgestellt. Man wird dich fr einen Flegel halten.

Er schob aber den Besuch trotzdem noch etwas auf, von einem Tag zum
andern. Aber eines Vormittags zog er seine Handschuhe an, graue
Zwirnhandschuhe; der eine hatte eine geplatzte Daumennaht, und er nahm
ihn deshalb in die Hand.

Sein wichtiges Vorhaben prgte sich in seiner ganzen Haltung aus. Die
Frauen in den Katentren sahen ihm lnger nach als sonst, die Kinder
hrten auf zu spielen, und die Hunde liefen nur ein paar Schritte hinter
ihm her und blafften. Er hatte heute keine Zeit fr sie.

Nachmittags sah man ihn mit dem Grafen durchs Dorf gehen, im eifrigen
Gesprch, mit einer hufigen ehrfurchtsvollen Halbwendung nach seinem
Begleiter. Und er sprach sehr laut und etwas durch die Nase.

Die Leute auf den Feldern sahen sie und die Melkmdchen auf der Koppel.

Abends im Krug wollte die Unterhaltung nicht so recht in Gang kommen.
Sie sprachen nicht so laut wie sonst, und Randers hatte das Gefhl, als
ob er sie geniere.




2.


Randers an Gerdsen.

Dank fr Ihre lustige Postkarte. Aber bitte, bis auf weiteres nichts
mehr auf Karte. Wie Sie sehen, bin ich nicht mehr im Schulhaus zu
Grashof. Wie ich hierherkam? Durch Zufall und Frechheit! Nchstens
davon.

Feudales Weib! Hocharistokratisch, Dnenblut! Die ganze Familie
_hocharistokratisch_, immens reich.

Bruckner-Rixdorf, Seitenlinie in Dnemark verzweigt.

Es ist nichts mit den Direktricen. berhaupt alle anderen
Weiber--Imitation! Rasse, Vornehmheit, das ist es. Edelzucht, von
Geschlechtern her.

Augen wie ein Mrchen. Nordseeaugen! Das macht das Dnische.

Herrgott, was fr ein betrunkener Brief!

Nchstens mehr von Ihrem

R.




3.


Gerd Gerdsen an Randers.

Liebster Doktor!

Hat Ihr Dmon Sie endlich in die Arme einer Aristokratin gefhrt? Der
Mensch entgeht seinem Schicksal nicht, und Sie sind auf den Adel
zugeschnitten. Vielleicht auch auf den russischen Staatsrat. Alle Ihre
Talente weisen auf den Baron hin, den Lebemann--im feinsten Sinne.

Sie fhren doch Tagebuch in Rixdorf? Ich brauche Dokumente. Der Roman
des Herrn Dr. phil. Henning Randers wird geschrieben, ein Spiegel fr
ihn, ein Kuriosittenkabinett fr den Leser und eine Kurzweil fr seinen
Verfasser. Aber Dokumente, Dokumente! Meine Imagination, meine
Psychologie allein reicht Ihnen gegenber nicht aus, Sie mssen mir
helfen, Sie zu greifen. Sie lasen mir mal Verse vor. Haben Sie noch
davon? Haben Sie sonst etwas Schriftliches? Confessions?

brigens, was den russischen Staatsrat anbelangt, erinnern Sie sich noch
unseres Gesprchs vor Ihrer Abreise? Sie wollten einen Artikel ber
Alexander den Dritten schreiben und sahen in der Ferne einen Orden. Es
war ein klein wenig Ernst bei dem Scherz. Sie hatten Sympathieen fr den
unglcklichen Autokraten, und nicht nur fr den Gemahl der dnischen
Dagmar. Wie eintrchtig stand auf Ihrem Schreibtisch die Photographie
der kaiserlichen Familie, Alexander an seinem Arbeitstisch, im
Vordergrund die Kaiserin und ihre Schwester, wie eintrchtig stand
dieses Bild neben dem Portrt der--Dolgorucki!

Sie _mssen_ einen Tropfen Dnenblut in Ihren Adern beherbergen und auch
einmal etwas mit der Zunge eines Ihrer Urahnen sich an Talglichtern
delektiert haben. Dnischen Frauenzimmern und russischer Musik gegenber
sind Sie Wachs. Und was das Russische anbelangt, Ihre Instinkte gehen
auf die Knute. Das heisst, Sie wrden vor der Anwendung zurckschrecken,
aber im Prinzip haben Sie nichts dagegen. So ein herzlicher
Patriarchismus mit dem Recht der Knute, da wo es ntig wre, und
sonntags abwechselnd Gottesdienst und--nihilistische Vorlesungen.

Lachen Sie? Ich auch! Aber zu einem solchen Bilde kommt man, wenn man
versucht, sich eines von Ihnen zu machen. Es sind so viele Fden, die
ich alle einzeln in der Hand habe. Aber es wird kein rechtes Gewebe
daraus.

Also Dokumente, Dokumente! Sonst werden Sie am Ende in meinem Roman zu
einem Kirgisen oder Tataren.

Mit der Liebe, die der Gelehrte fr den Schmetterling hat, den er fr
seine Sammlung aufspiesst, bin ich

Ihr getreuer

Gerd Gerdsen.




4.


Fides sass vor einem Stickrahmen in der offenen Verandatr. Draussen
band der Grtner einen Zweig prchtiger Marchal Niel, der sich unter
der Last der Blten tief herabbeugte, an den Stock. Ein paar Tauben
liefen auf dem weissen Kiesplatz vor der dreistufigen Steintreppe, die
in den Garten hinabfhrte, jagten sich, scharrten und warfen sich in die
Brust und gurrten.

Alles lag in warmer, heller Sonne. Breit flutete ein Streifen goldenen
Lichtes durch die offene, weinumrankte Veranda ins Zimmer hinein,
machte die Silberschnallen auf Fides kleinen Bronzeschuhen blitzen und
funkeln, die Ringe an ihrer schlanken, etwas grossen Hand, und den
Silberpfeil, der den schweren Knoten des vollen blonden Haares hielt.
Auch dieses weiche seidenweiche Blondhaar leuchtete, und die kleinen
Ringel- und Krusellckchen ber der Stirne sahen ganz goldig aus. Und
die bunte Seide in ihrem Krbchen, die fast vollendete Stickerei im
Rahmen, leuchteten und schillerten in tausend Nuancen.

Der ssse Duft der Rosen drang durch die offene Tr und erfllte den
ganzen Raum, bis zu Randers, der am Flgel sass und phantasierte.

Ganz in sich zusammengesunken, das Kinn auf die Brust gesenkt, mit
starrem Blick auf die Tasten, als wollte er sie auch mit den Blicken
bndigen, sass er da; die Hnde waren in rastloser Bewegung, eine
eigenartige, steigende Bewegung, storchartig.

Schon eine halbe Stunde sass er am Instrument. Monotone, chaotische
Phantasieen wie das endlose Auf- und Abwogen einer kochenden, glhenden
Flssigkeit. Eine dumpfe, verhaltene Leidenschaftlichkeit, die sich in
wirren Selbstgesprchen verzehrte.

Fides wagte nicht, ihn zu unterbrechen, Sie konnte diesem Spiel nicht
mehr folgen. Ihre Aufmerksamkeit war in ein verwundertes Staunen
bergegangen, dann hatte sie leise gelchelt. Ihr verwhntes, geschultes
Ohr konnte wohl eine Zeitlang an diesem Sturm und Drang einer
naturalistischen Musikbegabung ein erstauntes Gefallen finden, dann aber
ermdete sie. Die Formlosigkeit dieser wild durch einandertaumelnden,
schlpfenden und kriechenden Tonfiguren, und das gleichmssige Forte
heftiger, bser Akkorde, die grollten und schalten und um sich bissen,
tat ihr weh. Aber sie mochte ihn nicht stren, ihn nicht krnken. Es war
das erste Mal, dass er sich unaufgefordert an den Flgel gesetzt hatte
und seine Versicherung, er knne nicht spielen, Lgen strafte. Er hatte
sich bisher immer nur begngt, ihr zuzuhren, im Schaukelstuhl liegend,
die Beine lang von sich gestreckt, und mit geschlossenen Augen sich
gegen die Aussenwelt absperrend.

Fides stand jetzt leise auf, stellte den Stickrahmen beiseite und trat
in die Veranda hinaus. Sofort hrte er auf. Er hatte ihren Schatten
durchs Zimmer gleiten sehen. Er fhlte es, dass sie ging, fhlte es
krperlich.

Fides wollte die Stufen in den Garten hinuntergehen, als sie ihn hinter
sich hrte. Sie wandte sich um, mit lchelndem, fragenden Blick.

"Sie spotten," sagte er, "ich habe Sie geqult mit meinem Unsinn."

"Sie spielen also doch," sagte sie ausweichend. Er lachte gutmtig,
etwas verlegen.

"Nicht der Rede wert, gndigste Komtesse. Was haben Sie nur von mir
gedacht. Aber ich finde nie ein Ende, verliere mich so leicht."

"In alle Tiefen," scherzte sie.

Sie gingen in den Garten hinab. Sie standen vor den Rosen, und Fides bog
einen vollen Zweig zu sich herab und sog den sssen Duft ein. Die Zweige
schmiegten sich ihr an Stirn und Wangen, legten sich mit ppigen gelben
Kelchen und zarten schimmernden Knospen auf das helle Gold ihres blonden
Scheitels, das in der Sonne einen rtlichen Glanz annahm und ihn an das
Familienportrt im Speisesaal erinnerte. Dasselbe rote Goldblond,
derselbe weisse durchsichtige Teint, der doch nichts Krankhaftes hatte.
Nur ernster, stolzer war das Gesicht der Mutter; etwas nordisch Strenges
war in den Zgen der dnischen Baronin, die dem Grafen eine Tochter
schenkte und starb.

In dieser schlanken Mdchengestalt vor ihm war das Strenge und Stolze
durch die Anmut der Jugend gemildert. Wie entzckend sah sie in dem
leichten, hellblauen Kleid aus. Der rmel war leicht zurckgefallen, als
sie die Hand nach den Rosen ausstreckte, und der weisse Sammet ihres bei
aller Flle doch schlanken Armes leuchtete mit warmem, matten Glanz.

Fides bat ihn, ihren Gartenhut zu holen. Ob sie nicht einen Spaziergang
machen wollten.

Er ging, den Hut zu holen, der auf dem Esstisch lag. Er zgerte drinnen
einen Augenblick und verschlang vom Fenster aus ihre Gestalt mit den
Blicken.

In der Veranda fand er seine Mtze, eine schon etwas mitgenommene, einst
weisse Strandmtze. Er befestigte das schmale lederne Sturmband unterm
Kinn, obgleich das schnste Wetter war und nur ein ganz schwaches
Lftchen wehte.

"Warum tragen Sie eigentlich immer dieses Sturmband?" fragte sie. "Ich
finde es hsslich."

"O," sagte er leicht errtend. "Mgen Sie es nicht? Ich finde, es sieht
so--mnnlich aus."

Er fand nicht gleich einen andern Ausdruck.

Sie lachte.

"Was ist denn da mnnliches dabei?"

"Das hat mir als Kind schon immer so imponiert," erklrte er. "Bei den
Kapitnen und nachher bei den Militrs. Ich denke dabei immer an einen
Mann im Sturm. Es ist gleichsam, als ssse nun mit der Mtze auch der
Kopf fester. So, nun kommt her, ich biete euch die Stirn!"

Sie lachte wieder.

"Frchten Sie, so leicht den Kopf zu verlieren?" "Aber im Sturm."

"Aber es weht ja gar nicht."

"Das macht ja nichts."

"Aber es sieht so komisch aus, jetzt bei Sonnenschein und ruhigem
Wetter. Und ich mag nichts am Manne, was nach Affektation aussieht."

"So drfen Sie es nicht nennen," verteidigte er sich, obgleich er sich
getroffen fhlte.

Es war wirklich ein wenig der Wunsch gewesen, ihr zu imponieren, der ihm
das Band unters Kinn gezogen hatte.

"Sehen Sie, es steckt ein Seemann in mir, und der macht sich in so
kleinen usserlichkeiten Luft. Der unterdrckte Seemann in mir."

Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte wirklich nichts Seemnnisches,
wie er so neben ihr herstieg; diese eckige, hagere, hohe Figur, und das
Pincenez!

Aber er erzhlte ihr, dass es sein grsster Wunsch gewesen wre, zur See
zu gehen, Kapitn zu werden, aber dass ihn die Umstnde, vor allem seine
Kurzsichtigkeit, auf eine andere Bahn gedrngt htten.

"Ein bebrillter Seemann, wie lcherlich!" rief er aus.

Aber dann entwarf er ein glnzendes Bild von dem Leben eines Seemannes,
von seiner Freiheit, seinem Mut, seinem Heldentum, und er berauschte
sich an seinen grossen Worten.

"Sie, als Aristokratin, mssen mir das nachempfinden knnen, Komtesse,"
eiferte er. "Gibt es einen aristokratischeren Beruf als den des
Kapitns."

Ihre Augen leuchteten ihn an. War das in ihm? Er hatte bisher keinen
heldenhaften Eindruck auf sie gemacht. Jetzt sprach er wie ein alter
Wikinger von Sturm und Kampf, und sie hrte aus dem Klang seiner Stimme
den Ton echter Leidenschaft und Sehnsucht.

Er hatte das Sturmband nicht gelst. Sie freute sich darber. Er war
wenigstens nicht eitel. Und er hatte Charakter, liess sich seine kleinen
Eigenheiten und Liebhabereien nicht einfach von einer absprechenden
Kritik wegblasen.

Und wie er so neben ihr ging, das scharfe Profil mit der etwas langen,
geraden Nase und dem runden festen Kinn halb von dem Mtzenschirm
beschattet, die breiten knochigen Schultern etwas hinaufgezogen, als
stemmten sie sich gegen eine unsichtbare Last, fand sie auf einmal, dass
er doch mnnlicher aussehe, als wie er ihr bisher vorgekommen war. Sie
konnte sich ihn trotz der Brille recht gut auf der Kommandobrcke
denken, den Sdwester auf, oder die goldbordierte Mtze des Kommandeurs,
natrlich mit dem Sturmband unterm Kinn.

Aber was daran so aristokratisch wre, fragte sie.

"Vor allem die Exklusivitt seiner Stellung, seine absolute
Souvernitt. Er ist Herr ber Leben und Tod. Alle Verantwortung trgt
er allein. Welch ein Gefhl fr einen Mann! Welch ein Kraft- und
Machtbewusstsein, welch ein Lebensbewusstsein! Und nehmen Sie dazu das
Meer. Im Sturm! Der Kampf der Elemente! Er zittert nicht, er beherrscht
das Meer, er frchtet es nicht. Und wenn er unterliegt in diesem Kampf,
wie weiss er zu sterben. Ein Held. Bis zum letzten Atemzug auf seinem
Posten. Sehen Sie, das ist der Mann in seiner ganzen Mnnlichkeit, in
seiner Grsse, der heldische Mann, die aristokratische Natur!"

Sie lchelte ber seinen Eifer, aber sie hrte ihm aufmerksam zu und
streifte ihn wieder mit einem bewundernden Blick.

Aber er hatte ihr Lcheln bemerkt und lachte nun auch, lachte laut und
gutmtig.

Da war er mal wieder in Feuer gekommen! Aber er hatte doch recht, und er
wollte es von ihr besttigt haben. Und sie sagte: "Ja, ja. Sie wissen
das so wunderhbsch zu sagen. Man wird ganz warm dabei. Es ist wie ein
Gedicht. Es ist wirklich schade, dass Sie kein Seemann geworden sind."

Sie hatten den Park verlassen und gingen auf dem schmalen Fusssteig
durchs Roggenfeld. Die See wurde sichtbar. Ein Segel schien an dem
Horizont festgeklebt. Die See glitzerte und flimmerte, das Segel
leuchtete. Ein Paar Mwen kreisten bis bers Feld.

Randers, der jetzt hinter Fides ging, rupfte eine hre nach der andern
und zerpflckte sie.

Und dann fing er wieder von der See an, von der Nordsee.

"Was meinen Sie zu einem Blockhaus an der See, in den Dnen, oder oben
in den norwegischen Schren?"

"Was Sie fr Einflle haben. Warum gerade ein Blockhaus?"

"Weil es sich der Natur anschmiegen muss. Einsam, versteckt, grau in
grauer Wildnis. Aber innen muss es natrlich behaglich sein."

"Kienruss und Tran, und gedrrte Fische an den Wnden," spottete sie.

Er lachte.

"Warum nicht auch so? Aber ich dachte es mir doch anders. Comfortable.
Mit Teppichen. Und ein Bechstein darf nicht fehlen. Und Sie spielen
Chopin."

"Ich?"

"Ja, wre das nicht schn? So ganz weltfern, nur die Einsamkeit, die
Natur. Musik, Bcher--"

"Sie sind ja der reinste Romantiker," unterbrach sie ihn.

"Aber denken Sie sich mal da hinein. Diese wundersamen Spaziergnge in
den Dnen, am Abendstrand."

"Und wenn wir heimkommen, schlen wir gemeinschaftlich Kartoffel, rsten
einen Seehund am Spiess und kochen Tee."

"Sie spotten wieder."

Er war wirklich etwas gereizt.

Sie lachte hell heraus.

"Das empfinden Sie nun als Spott, wenn ich praktisch an das Ntigste
denke. Sie wren imstande, ein Haus ohne Speisekammer zu bauen."

"Die soll ja auch da sein."

"Dann hrt sich's schon anders an. Also nicht nur Musik und Sentiments.
Ja, ich will es mir doch berlegen. Es wre mal etwas anderes. Am Ende
fnden sich noch welche, die sich anschlssen."

"Um Gottes Willen! Keinen dritten! Das ist ja gerade die Hauptsache, nur
zu zweien."

"Nur wir beide?"

Er sagte nicht ja. Er lachte nur. Welcher Einfall, ihr das alles zu
sagen. Und empfindlich zu sein, dass sie es nicht ernst nahm!




5.


Randers berlegte, ob es nicht besser wre, er reiste ab. Wollte er
warten, bis er sich wirklich in sie verliebt hatte? Heiraten konnte er
sie doch nicht.

Er wrde sie auch nicht heiraten, selbst wenn er sicher wre, keinen
Korb zu bekommen. Er hatte seinen Stolz, und er hatte seine ganz
besonderen Ansichten ber Mesalliancen. Er hatte Grundstze, die eine
Ehe mit ihr ausschlossen.

Also nur ihr nachlaufen, wie ein verliebter Gymnasiast? Er dankte.

Vorlufig war das ja auch noch keine Liebe, nur sthetisches Gefallen,
Hochachtung und alles andere. Aber die Gefahr hatte um die Ecke gesehen.

Gestern, zwischen den hren, als sie vor ihm herging, ganz in Sonne
getaucht, von Zeit zu Zeit den Kopf nach ihm wendend, dass er den
warmen, leuchtenden Sammet ihrer weichen Wangen sah, die grazise
Biegung des Halses--er hatte eine hre nach der andern gerupft und die
Krner durch die Finger gleiten lassen, um die Regung zu unterdrcken.

Ja, er wollte weg. Die ganze Geschichte hatte keinen Zweck.

Aber in ein paar Tagen sollte die Jagd erffnet werden, der Graf hatte
ihn dazu eingeladen, und er hatte sich so darauf gefreut.

"Kindisch," wie er zu Fides gesagt hatte. Wenn er nun so pltzlich
abreiste, welchen Grund sollte er angeben? Nun, hundert Grnde. Da gab
es allerlei, was ihn abrufen konnte. Aber vielleicht sah es doch nach
Flucht aus, oder nach Gleichgltigkeit. Also noch ein paar Tage, ein
paar Jagdtage. Dann aber weg von hier!

Er hatte nun doch ernstlich Sehnsucht nach der Nordsee. Dies alles lag
ja so gar nicht in seinem Plan. Ein paar Wochen hatte er schon in
Grashof verloren.

Und schliesslich musste sie doch denken, es sei nur ihretwegen. Denn war
es nicht Wahnsinn, sich ohne vernnftigen Grund in diesen Krug
einzupferchen?




6.


Im Schloss war Besuch angekommen. Randers hrte es unterwegs von den
Leuten auf dem Felde. Besuch in einem Segelboot.

Ob er hinginge? Er war doch neugierig. Besuch, der in einem Segelboot
kam. Das war doch interessant. Er interessierte sich so fr das Segeln.
Und wer mag das sein, der hier ein Segelboot hat.

Er traf nur Fides im Salon und eine fremde Dame, eine kleine, lebhafte,
unscheinbare Person mit vollen Formen, ganz hbschen, braunen Augen und
einem etwas groben und lebhaften Teint.

"Sieht die gesund aus," dachte er.

"Frulein Krger," stellte Fides vor.

Also nichts Adeliges.

Eine leise Enttuschung.

Das Frulein sah ihn mit unverhohlener Neugier an. Er las deutlich aus
ihren Blicken: "Also das ist er?"

"Ich habe Frulein Krger von Ihnen erzhlt," sagte Fides gleich.

Randers verbeugte sich.

"Sie halten sich zu Ihrer Gesundheit hier auf, Herr Doktor?" fragte das
Frulein.

"Das nicht gerade."

"Ich meinte das."

Sie sah Fides fragend an.

"Allerdings," sagte er schnell. Wenn Fides so gesagt hatte, wollte er
nicht anders sagen. "Ich reise berhaupt zu meiner Erholung oder
Zerstreuung, was ja oft dasselbe ist."

"Der Herr Doktor schwrmt fr die See," sagte Fides.

"Die haben Sie ja erster Hand hier," meinte das Frulein.

Wie gewhnlich sie sich ausdrckt, dachte Randers. Und ihre Stimme
klingt wie eine verrostete Schiffsglocke.

"Sie sind mit dem Segelboot gekommen, gndiges Frulein?"

"Ja, haben Sie es gesehen?"

"Ich hrte es von den Leuten. Mit Ihrem Herrn Gemahl?"

"Mein Bruder."

Beide Damen unterdrckten mhsam ein Lcheln. Er nannte sie Frulein und
fragte nach ihrem Herrn Gemahl.

"Ach so! Pardon," entschuldigte er sich und wurde ber und ber rot.

"Der Herr Doktor ist ein grosser Seemann," sagte Fides. "Es ist ein
Kapitn an ihm verloren gegangen."

War das Spott?

Er lchelte etwas gezwungen.

"Da werden Sie sich gewiss unsre Jacht ansehen; sie ist ganz neu, ein
ausgezeichnetes Seeboot," sagte die Schiffsglocke.

"Wenn Sie erlauben, es wrde mich sehr interessieren."

"Vielleicht machen Sie mal eine Fahrt mit Herrn Krger?" fragte Fides.
"Er wrde sich gewiss freuen, er ist so stolz auf seine Jacht und hrt
sie gerne loben."

"Ja, das ist seine schwache Seite," bekrftigte das Frulein.

"Ich wollte eigentlich morgen abreisen," sagte Randers. Er war durchaus
noch nicht entschlossen, aber es kam pltzlich ber ihn, er musste es
sagen, er wollte sehen, wie sie es aufnhme. "So pltzlich?" rief Fides.
Sie schien ernstlich berrascht.

"Aber warum so schnell? Gefllt es Ihnen nicht mehr bei uns? Ich meinte,
Sie wollten die Jagd mitmachen?"

"Ja so, daran dachte ich nicht," sagte er.

"Sehen Sie," rief sie triumphierend.

Es lag ihr also an seinem Bleiben. Und sie machte daraus kein Hehl,
selbst in der Gegenwart der Fremden.

"Papa hat brigens Ihr Wort," sagte Fides.

"Dann freilich."

Nachher besahen sie alle zusammen die Jacht. Randers bewunderte den
jungen Gutsbesitzer, einen grossen schnen Mann, schlank, muskuls, mit
gutmtigem, wettergebrunten Gesicht. Er sah ganz aus wie ein Seemann.
Ein buschiger, dunkelblonder Schnurrbart verdeckte etwas das einzig
Unschne in diesem Gesicht, den grossen Mund. Der junge Mann lachte oft
und laut, wie seine Schwester, und dann zeigte er zwei prchtige Reihen
weisser, fester Zhne.

Der kann ein Segeltau durchbeissen, dachte Randers. Jedesmal, wenn der
junge Mann lachte, kam ihm die Vorstellung:

"Er kann ein Segeltau durchbeissen."

"Was meinen Sie?" fragte Fides.

Randers erschrak und wurde rot.

Hatte er es denn laut gesagt?

"Ich meine, ob man wohl ein Segeltau durchbeissen kann."

Sie sah ihn erstaunt an, lachte kurz auf und sagte:

"Was Sie fr sonderbare Einflle haben."

Die Jacht war wirklich sehr hbsch. Sie war ganz weiss angestrichen,
hatte eine kleine Kajte an Bord, trug am Mast einen langen, rotseidenen
Wimpel. Am Spiegel stand mit goldenen Buchstaben: Seeschwalbe.

"Ein hbscher Name," sagte Randers.

"Es ist das schnellste Boot hier herum," erklrte Herr Krger. "Es luft
seine zwlf bis dreizehn Meilen in der Stunde."

Er sprach hauptschlich zu Randers und schien ihn fr einen grossen
Kenner zu halten. Randers musste sehr vorsichtig sein, wenn er sich
nicht blossstellen wollte.

Einmal wollte er sagen: "Ich verstehe so viel nicht davon." Und er htte
es auch gesagt, wenn Fides nicht dabei gewesen. Aber jetzt sagte er es
nicht, sondern nickte nur immer mit dem Kopf, wenn der andre wieder
einen technischen Ausdruck gebrauchte, den er nicht verstand.

Sie hatten beide gleiche Mtzen auf, weisse Schirmmtzen, und sie hatten
beide das Sturmband unterm Kinn.

Ob Fides darauf achtete?

Der Graf fragte Randers, was er in den letzten beiden Tagen getrieben
htte, er htte sich ja gar nicht sehen lassen. Ja, was hatte er
getrieben? Er hatte einige Stunden am Strand gelegen und auf die See
hinausgetrumt, und war ein paar Stunden spazieren gelaufen.

"Bis nach Grossenbrode."

"Da htten Sie ja gleich zu uns herber kommen knnen," meinte Frulein
Krger. "Waren Sie schon auf Fehmarn?"

"Nein."

"Aber kommen Sie doch mal," lud der junge Mann ein. "Ich bringe Sie mit
dem Boot zurck. Ich hole Sie auch ab."

"Sie sollten das tun," redete der Graf zu. "Sie lernen zugleich im
Sassnitzer Gut eine Musterwirtschaft kennen."

Herr Krger lachte gutmtig, halb geschmeichelt, halb bescheiden
abweisend.

"Lassen Sie gut sein, lieber Krger. Alles was recht ist. Durchaus
musterhaft," sagte der Graf.

Also ein Mustermensch, dachte Randers, und ein hbscher Kerl. Was hat
er fr Zhne! Und obendrein hat er eine Jacht!

Randers bekam mit einmal Lust, ihm ein Schiffstau zwischen die Zhne zu
schieben. Was er wohl fr ein Gesicht machen wrde?

Randers musste lachen.

Der Einfall war zu albern, aber er konnte ihn nicht wieder los werden.
Er musste immer an das Gesicht des jungen Mannes denken, wenn er ihm ein
Schiffstau zwischen die Zhne schieben wrde. Er durfte ihn zuletzt gar
nicht mehr ansehen.

Als die Gesellschaft sich wieder ins Schloss begab, empfahl Randers
sich. Die Geschwister lachten ihm zu viel. Und er mochte keine
Mustermenschen leiden.

Niemand bat ihn zu bleiben, auch Fides nicht. Er war also berflssig.
Mochten sie unter sich bleiben!




7.


Als die Jacht zwei Stunden spter gegen den Wind weit in die See
hinauslief, lag Randers am Strand und sah ihr nach.

Es war eine stramme Nordostbrise, die auf das Segel drckte. Wie ein
Pfeil schoss das weisse Fahrzeug durch die Wellen. Es leuchtete auf dem
tiefen Blau des Wassers. Wenn Randers die Augen zusammenkniff, machte es
ihm den Eindruck eines grossen, weissen Vogels, der dicht ber die
Wellen hin pfeilte. Die Jacht lag ganz nach rechts.

Wenn sie umschlge?

Ob sie schwimmen knnten?

Bei diesem Wellengang wrde es ihnen nichts ntzen und in dieser
Entfernung. Der junge Mann war sicher ein guter Schwimmer, aber es wrde
ihm nichts ntzen, er wrde hinunter mssen.

"Dann kann er Fides nicht heiraten."

Randers sagte das ganz laut.

Er verfolgte jede Bewegung der Jacht.

Jetzt legten sie um.

"Brillant!" rief er und richtete sich halb auf.

Wie ein Pfeil schoss die Seeschwalbe wieder auf die Rosenhagener Ufer
zu.

Da sass er nun am Steuerruder, lachte und zeigte die grossen, weissen
Zhne. Lachte vielleicht ber ihn, ber eine Bemerkung der rostigen
Schiffsglocke ber ihn. Vielleicht sprachen sie auch ber Fides. Sie
waren sehr vertraut mit Fides gewesen, kamen gewiss oft von Sassnitz
herber. brigens kein bler Geschmack von dem jungen Mann.

Aber zum Teufel! Was waren das fr Gedanken? War er denn eiferschtig?
Wollte er, Henning Randers, denn Fides Bruckner heiraten?

Und dann, wie lcherlich! Die schnen Zhne und die Musterwirtschaft
machten den jungen Mann noch nicht ebenbrtig.

Komtesse Fides Bruckner und Herr Krger, Gutsbesitzer auf Fehmarn.

Die Jacht lief jetzt wieder seewrts. Randers kletterte die steile
Uferhhe hinan. Er wollte dem Musterwirt nicht lnger nachgaffen.

"Morgen gehst du. Das ist ja alles Unsinn!" sagte er laut.

Er war an ein grosses Brachfeld gekommen, ging quer hinber, kletterte
ber ein Hecktor und verfolgte einen schmalen Fusssteig lngs einer
Weide, wo ein paar Ktnerkhe lagen und wiederkuten. Wie dumm die Tiere
glotzten.

Er stellte sich vor sie, glotzte sie wieder an und ahmte ihr Kauen nach.

Sie liessen sich nicht irre machen, kauten und bewegten die Ohren.

"Glckliches Rind," sagte Randers laut. "Ewiger Gleichmut, satte
Zufriedenheit."

Aus dem Knick sprang ein kleiner, barfssiger Bengel, den das laute
Sprechen anlockte.

"Sind dat din Kh?" fragte Randers.

"Nee."

"Hrt de to 'n Haf?"

"Nee."

"Wen hrt se denn?"

"Peemller sin."

"Wat deihst du hier denn?"

Der Junge wandte sich verlegen ab.

"Muggst du woll gern 'n Groschen hebben?"

Das Gesicht des Kleinen strahlte, aber er schwieg.

Randers schenkte ihm ein Zehnpfennigstck und ging weiter.

Als er auf die Landstrasse hinaus kam, zgerte er.

Das Dach des Rixdorfer Herrenhauses leuchtete in der Abendsonne zwischen
den hohen Parkbumen herber.

Er fhlte ein Verlangen nach Fides, ein eiferschtiges Verlangen, mit
ihr ber die Sassnitzer zu sprechen.

Aber es gab keinen Vorwand, der einen zweiten Besuch an diesem Tage
entschuldigt htte.

Er ging in den Krug, trank einen Schnaps und setzte sich in die kleine
Laube hinter dem Hause.

Es roch hier nach dem Schweinestall, und die Hhner kamen und bettelten.

Sch, sch, jagte er sie.

Sie blieben in einiger Entfernung stehen, auf einem Bein, drehten die
Hlse und blinzelten ihn an.

Aber er hatte nichts fr sie brig. Er kritzelte in sein Tagebuch.




8.


Ein paar warme, weiche Regentage kamen, und Randers war in bester Laune.
Es war, als htte ihm nur dieser Regen gefehlt.

Der Himmel war gleichmssig bewlkt, alles Laub feucht und glnzend.
Bestndig trpfelte es von den Bumen, von den Hecken, hing in tausend
blitzenden Perlen an den Grsern, an den hren, die noch ungeschnitten
auf den Feldern standen, und an den hren, die schon in Garben
zusammengehockt waren. Und die Rosen im Park wussten nicht, wohin mit
all dem Nass, neigten sich und liessen es in grossen, schweren Tropfen
auf die schwarzen Beete fallen. Und von dem vorspringenden Dach der
Veranda trpfelte es in ungleichem Rhythmus auf die Steinstufen der
Gartentreppe, gluckste in der Regentraufe und pltscherte aus der Traufe
in die grosse Tonne.

Randers hatte seinen Stuhl dicht an die Treppe gerckt, sass vornber
gebeugt, die Hnde zwischen den Knieen gefaltet, und trank diese weiche
Regenmusik mit entzcktem Ohr. Er war ganz glcklich in einer sanften,
zufriedenen, dankbaren Stimmung.

Er war nun schon zwei Tage im Schloss. Sie hatten ihn bei diesem Wetter
durchaus nicht in seiner armseligen Behausung lassen wollen. Er hatte
endlich die Einladung wenigstens fr einen Tag angenommen und war dann
doch fr die Nacht geblieben. Und welch eine Nacht.

Er hatte sie halb am offenen Fenster vertrumt, voll von den Gesprchen
des Abends, voll von den Glockenlauten ihrer Stimme und erhellt von dem
Lichte ihrer Augen.

Sie hatten ber die Krgers gesprochen, ber den Segelsport, und er war
wieder in seine nautische Schwrmerei verfallen und war wieder auf seine
Kapitnsaristokratie im besonderen und auf den Adel im allgemeinen
gekommen. Er hatte eine Lanze gebrochen fr die Geschlechter gegen die
plebejische Masse, gegen diesen Mischmasch der Allzuvielen, ohne
Tradition, ohne Erziehung, ohne Kultur. Er war heftig und ungerecht
geworden, so dass sie ihm wiedersprachen. Warum er aristokratischer als
sie selbst sein wolle?

Der Graf hatte dem Geistesadel seine Reverenz gemacht. Nur der Geldadel
kam bei ihnen allen gleich schlecht weg. Randers aber kam hartnckig
immer wieder auf den Geburtsadel zurck.

"Da ist die lange Tradition, die Zucht von Geschlechtern her, da sind
die feinsten, hchsten Krfte der Familie, des Stammes, der Rasse bis
zur Blte getrieben."

"Bis zur berkultur!" warf der Graf ironisch ein.

Aber Randers liess sich nicht irre machen.

"Da ist Harmonie nach innen und aussen," fuhr er fort. "Die Ruhe, die
vornehme Sicherheit, die Standesbewusstsein, Machtbewusstsein und Besitz
verleihen. Mit einem Wort Kultur. Und der Adel sollte diese seine
hchsten Gter nicht preisgeben, seine Exklusivitt bewahren. Da darf
sich nichts eindrngen, was nicht hineingehrt, nichts Fremdes,
Zerstrendes, Nivellierendes."

"Sie plaidieren fr standesgemsse Verbindung," warf Fides etwas
spttisch ein.

Ihr Spott krnkte und reizte ihn.

"Ja," sagte er.

"Auch bis zur letzten Konsequenz?"

"Ja, wie so?"

"Sie wrden selbst unter keinen Umstnden eine Aristokratin heiraten?"

"Nein."

Randers erinnerte sich nicht genau mehr aller Worte, aber es war sehr
beredt gewesen, schroff und unerbittlich. Es war ihm jetzt ganz leicht
ums Herz. Er hatte nun einen Schutzwall aufgerichtet zwischen sich und
ihr; sie wusste jetzt, wie sie mit ihm daran war, dass er sich durchaus
nicht mit lcherlichen Absichten und berhebenden Hoffnungen trug. Jetzt
konnte er ihr auch ruhig sagen, dass sie Fjordaugen habe und die Stimme
einer norwegischen Hirtin.

Und er sagte es ihr, sich halb nach ihr umwendend, ganz unvermittelt.

"Ich habe alle diese Zeit darber nachgedacht. Sie haben Fjordaugen,
Komtesse."

Fides sass mit ihrer Handarbeit neben ihm, ein wenig zurck, um von den
Tropfen, die von dem Verandadach fielen, nicht bespritzt zu werden.

"Fjordaugen?" fragte sie und lachte. "Was ist nun das wieder?"

"Sie waren nie in Norwegen?"

"Nein."

"Dann kennen Sie auch nicht diesen wunderbaren Wasserspiegel zwischen
den Schren. Klar und blank, und blau, als lge der Himmel zu ihren
Fssen, und doch von einer Tiefe, von einer dunklen, schwarzen Tiefe,
die wundersame, bengstigende Geheimnisse zu bergen scheint. Und ber
dieser Tiefe das goldige, grngoldige Flimmern der Sonne, und in diesem
Spiegel die Felsen, die Wlder, die Wolken. Und mitten dazwischen ein
kleines Boot, das sich wiegt, wie zwischen zwei Himmeln. Und dann die
Stille, die grosse feierliche Stille umher. Ich kann es Ihnen nicht so
sagen, wie es ist."

"Und das alles finden Sie in meines Augen?"

Sie lchelte und sie errtete.

"Und in Ihrer Stimme," sagte er.

"Das wird immer wunderlicher. Was Sie fr Einfalle haben."

Randers lachte. Sein gutmtiges, berlegenes Lachen.

Dann nach einer Pause:

"Ich habe einmal hnliche Augen gesehen."

Also doch, dachte Fides.

"Die erinnerten mich an die Kirche von Drontheim."

"Also Kirchenaugen," lachte sie.

"Ja, Kirchenaugen."

Der Ausdruck gefiel ihm.

"Haben Sie die Dolgorucki gehrt?" fragte er.

"Die Dolgorucki? Die--(sie suchte nach einem Ausdruck) die Musikantin?
Nein, ich hatte nicht die Ehre."

"Warum sprechen Sie so verchtlich von ihr?"

"Nun, ich bitte!"

Er runzelte die Stirn und sah auf seine Stiefelspitzen.

"Warum verurteilen Sie sie? Hat es nicht etwas Imponierendes, dieses
stolze Sichhinwegsetzen ber Familie und Gesellschaft, ber alle
Vorurteile ihres Standes und ihrer Geburt? Nur der Kunst zu Liebe. Liegt
darin nicht auch wieder etwas echt Aristokratisches?"

"Sie scheinen diesen Begriff sehr weit zu dehnen," sagte sie.

"Sie vergessen die Knstlerin."

"Wenn es nur das wre."

"Etwas Trotz, abenteuerlicher Sinn--"

"Also."

Eine lange Pause entstand. Er fhlte, dass sich das alles nicht so ganz
mit seinen gestrigen Auseinandersetzungen vereinigte.

"Sie vergessen die Knstlerin," wiederholte er.

Sie lchelte ber seine Hartnckigkeit.

"Und diese Knstlerin hatte die Kirchenaugen?" fragte sie.

"Ich konnte diese Augen nicht sehen, ohne an die Kirche von Drontheim zu
denken. Das heisst, nur wenn die Frstin spielte. Dann war ein
wunderbares, geniales Feuer in diesen Augen; sie waren ganz leuchtend
blau, und ich hatte denselben Eindruck wie bei meinem ersten Eintritt in
diese Kirche, die ganz aus blulichem Stein erbaut ist. Die blauen
Pfeiler, die blaue Wlbung, es ist, als ob Sie den Himmel sehen."

"Mir scheint, es steckt ein Dichter in Ihnen. Ich habe Sie in Verdacht,
Verse zu machen," sagte Fides.




9.


Es war der dritte Regentag. Aber es regnete nicht mehr so anhaltend. Nur
hin und wieder fielen kurze Regenschauer. Aber es war khl und windig,
und zerrissene Wolkenfetzen jagten am Himmel hin, wie Flchtlinge eines
zersprengten Heeres.

"Was ist das Leben? All dieses Leben nach aussen hin, welche
Befriedigung gewhrt es zuletzt?" sagte Randers. "Ist nicht alles so
verzweifelt farblos, de, wenn wir nicht etwas Farbe hinzutun--aus
unsern innern Farbtpfen, etwas Goldschaum dran wenden, einen bunten
Schleier darber decken?"

Fides sass am Flgel, die Hnde in dem Schoss, mit dem Rcken gegen das
Instrument.

"Die Philosophie eines Trumers, die nur Traumfrchte pflcken wird. Wie
wollen Sie sich ein Leben zimmern, ein Haus bauen? In Luftschlssern
kann man doch nicht wohnen."

"Oho, gewiss kann man das! Leben wir nicht alle in Luftschlssern? Unser
eigenstes, hchstes und feinstes Leben--"

"Ich bin praktischer," unterbrach sie ihn lachend, "ich halte es mit
der Wirklichkeit. Ich lobe mir die Realitten. Wnsche und Trume haben
wir ja alle. Aber wir suchen und wollen doch ihre Verwirklichung."

"Wenn sie sich aber nicht verwirklichen lassen?"

"Dann resigniert man eben."

"Oder begngt sich mit dem Traum der Erfllung."

"Das versteh ich nicht."

"Was Sie nicht in der Wirklichkeit besitzen knnen Sie doch im Traum
besitzen, in der Einbildung."

"Um nachher doppelt enttuscht zu werden?"

Er zuckte die Achseln.

"Man muss Philosoph oder Dichter sein, um leben zu knnen," sagte er.

"Oder Eroberer."

Er sah sie gross an.

"Wenn einem aber hierzu die Kraft fehlt?"

"Dann muss man nicht auf Eroberungen ausgehen und sich an der
Philosophie gengen lassen."

"Also."

Eine Pause, die sie mit ein paar Lufen ausfllte.

"Im Besitz liegt das Glck doch nicht," stiess er hervor.

"Aber man will doch schliesslich besitzen."

"Glck ist Sehnsucht, Erfllung ist Tod."

"Ist das von Ihnen?"

"Wie so?"

"Das klingt wie aus einem Gedicht."

"Wie ist es zum Beispiel mit der Liebe?" rief er, warm geworden und auf
ihre Bemerkung nicht eingehend.

"Sie meinen, die hrt mit dem Besitz auf?" fragte sie.

"Ja."

"Sprechen Sie aus Erfahrung?"

Sie lachte ein wenig spttisch und berlegen, als wsste sie das besser.
Und er lachte auch. Was sollte er darauf antworten?

"Ausnahmen gebe ich ja zu," sagte er.

"Also doch."

"Die Liebe kennt berhaupt keine Regeln, sie kennt nur Ausnahmen."

"Also Streit um des Kaisers Bart."

"Sie haben recht. Spielen Sie mir lieber noch etwas Chopin. Oder den
Totentanz."

"Ihr ewiger Totentanz."

Sie prludierte ein paar kurze Takte und spielte Webers "Aufforderung
zum Tanz".

Er schttelte missbilligend den Kopf.

Er liebte diese Musik nicht. Er erhob sich leise und trat in die offene
Verandatr und sah in den windbewegten Park hinaus.

Ob sie es gemerkt hatte?

Sie hielt mitten im Stck auf.

"Es ist nichts," sagte sie. "Ich mag heute nicht spielen."




10.


Der nchste Tag war ein Sonntag.

Ob er mit in die Kirche wolle?

Ja.

Er sah, dass seine Bereitwilligkeit sie etwas in Erstaunen setzte,
obgleich sie kein Wort darber verlor.

Sie musste ihn natrlich fr einen Freigeist halten, fr einen
Religionsverchter. Darber musste er sie doch gelegentlich aufklren.
Da machte sie sich ein ganz falsches Bild von ihm. Glaubte sie, er wre
aus so grobem Stoff, wie diese "aufgeklrten" Leute, die an dem
Einmaleins und der Entdeckung der Bazillen genug haben, und glauben, sie
htten jetzt den lieben Gott aus der Welt hinausgerechnet und
hinausexperimentiert?

Den Weg zum Christentum freilich fnde er wohl nicht wieder zurck. Aber
das Gttliche vermochte er doch nicht zu leugnen. Was ihm, dem Doktor
Philosophiae Henning Randers, ausreichte, gengte deshalb noch lange
nicht fr Claus Piepenbrink. Claus musste etwas Greifbares in die Hand
bekommen, ein Seil, woran er sich lngs tasten konnte. Und dieses Seil
war die christliche Religion, dieses Seil drehte ihm die Kirche. Und nun
gar ein Weib ohne Religion! Natrlich liebte er nicht die Betschwestern.
Aber er hasste diese "aufgeklrten," wissenschaftlichen, bebrillten
Blaustrmpfe.

Und das war seine innerste Ansicht von der Sache und seine
festgegrndete berzeugung, nicht etwa eine augenblickliche,
sentimentale Wallung, veranlasst durch die Tatsache, dass Fides die
Kirche besuchte.

Er war durchaus unabhngig von Fides, wenn er auch die Wahrheit seiner
Ansichten nie so empfunden hatte, wie jetzt, wo sie neben ihm im
Kirchenstuhl sass, mit gleichmssiger, stiller Aufmerksamkeit der
Predigt folgte und unbekmmert um seine Anwesenheit laut und innig die
Chorle mitsang.

Sie schob ihm dabei ihr Gesangbuch etwas zu, und er mischte schchtern
seine harte, modulationslose Stimme in ihre tiefen Glocken. Und es war
ihm, als trge sie ihn, wie ihre Stimme seine Stimme trug. Als htte sie
ihn an der Hand gefasst, als fhlte er eine treue, sichere Hand, die ihn
einen ruhigen, sonntglich schnen Weg fhrte, dorthin, wo Friede war
und Glck und Wunschlosigkeit und Dankbarkeit, das kindliche Gefhl der
Geborgenheit. Und er sang zuletzt ganz laut und tapfer die schlichten,
innigen Verse des alten Paul Fleming mit.

  Lass dich nur ja nichts dauern
    Mit Trauern!
    Sei stille!
  Wie Gott es fgt,
  So sei vergngt,
    Mein Wille.

  Was willst du heute sorgen
    Auf morgen?
    Der Eine
  Steht allem fr;
  Der gibt auch dir
    Das deine.

  Sei nur in allem Handeln
    Ohn Wandeln,
    Steh feste!
  Was Gott beschleusst,
  Das ist und heisst
    Das Beste.

Und als sie aufsahen und ihre Blicke sich trafen, wunderte er sich, dass
diese junge Dame neben ihm die Komtesse Fides Bruckner war. Ihm war, als
htte er sie schon jahrelang gekannt, so nah waren sie sich durch diesen
gemeinsamen Gesang gekommen. Es war ein ruhiges Gefhl der
Zugehrigkeit, wie zwischen Bruder und Schwester.

Dies war der schnste Tag, der ihm seit Jahren geschenkt worden war. Er
trug nachher ihr Gesangbuch und behielt es auch whrend der ganzen
Rckfahrt, und er hielt es zrtlich wie einen geliebten Gegenstand.

Das war der schnste Tag!




11.


Randers wollte abreisen und blieb, wollte wieder abreisen und blieb, bis
es ihm eines Tages schwer aufs Herz fiel: Wie wirst du dich von all
diesem trennen knnen?

Das ist es, was du dir unter einer Ehe denkst, dies harmonische
Nebeneinander, Miteinander, ohne Verpflichtungen. Aber auf die Dauer
geht so etwas nicht ohne Standesamt. Und das ist eine Unmglichkeit!

Es kamen Briefe aus Hamburg, die ihn neckten und welche, die ihn
beneideten. Und er antwortete mit ernsthaften und langen
Auseinandersetzungen ber die Ehe, eine Ehe, auf die sich nur ein ganz
vorurteilsloses, aristokratisches Weib einlassen wrde. Er glaube dieses
Weib in Fides gefunden zu haben, aber er dchte zu aristokratisch, um
ihr eine Mesalliance zuzumuten. Und so wie sich eine wirkliche Gefahr
zeige, wrde er abreisen.

Und Gerdsen schrieb:

"Die Ehe, die Sie wollen, ist keine Ehe, liebster Doktor. Ich wrde noch
mehr Worte darber verlieren, wenn mir irgendwie ber den Ausgang Ihrer
jetzigen kleinen 'Episode' bange wre. brigens wissen Sie, dass ich
Ihre Aristokratismen nicht teile. Ein bisschen brgerliche Auffrischung
kann dem Adel nur gut sein. Aber ob Sie der sind, von dem eine
Auffrischung zu erwarten ist, daran darf ich wohl in aller Freundschaft
zweifeln.

"Ich wnsche Ihnen ein gesundes Verhltnis mit einem Bauernmdel. Ich
wrde Sie gerne auf lange Zeit in irgend eine lndliche, urbuerliche
Einsamkeit verbannen, oder meinetwegen zwischen Ihre geliebten
norwegischen Schren, damit die Natur Sie einmal derb beim Wickel nhme
und Ihre ganze platonische Phantasieerotik mit krftigem Besen
auskehrte.

"Nichts fr ungut. Aber ich musste es mal sagen, obgleich es nichts
ntzt. Sie mssen nun so verbraucht werden."

"Sie haben recht," schrieb Randers zurck, "Es ist alles Unsinn! Ich
werde berhaupt nicht heiraten."




12.


"Was haben Sie denn da?" fragte Fides, als Randers mit einigen
beschriebenen Blttern in der Hand eintrat, froh, Fides allein zu
finden.

"Sie haben mich neulich mit meinem Blockhaus ausgelacht," sagte er.
"Hier ist es."

"Das da?"

"Ja, ich habe es heute Nacht aufgezimmert, und ich bin neugierig, wie es
Ihnen gefallen wird."

"Da bin ich doch auch neugierig."

"Ich finde es brigens gar nicht hbsch von Ihnen," setzte sie scherzend
hinzu, "dass Sie immer noch an Ihrem Blockhaus festhalten. Es gefllt
Ihnen hier bei uns also nicht so gut, dass Sie es vergessen knnten."

"Oh," sagte er betroffen. "Doch! ich bitte! Es ist so schn bei Ihnen.
Und dann ist es ja nur eine Idee, eine fixe Idee. Es wird ja nie etwas
daraus werden."

"Ich gnnte es Ihnen schon, damit Sie grndlich von Ihrer Romantik
geheilt wrden."

Er lachte.

Und dann bat er sie, in sein Blockhaus einzutreten, und sie legte sich
mit einem gespannten Ausdruck, halb neugierig, halb belustigt, in ihren
Stuhl zurck und hrte ihm zu.

"Ein Blockhaus, halb vergraben unter den Sandwehen des Novembersturmes,
in dem wilden Lister Dnengebirge."

Der Grossstadt entronnen, fallen mit mir drei phantastisch wilde
Gesellen in die hellerleuchtete Htte ein, und wir richten uns bei
berfliessendem Nord-Nordgrog in der Winterwildnis ein.

Und ich bin der Herr im Hause!

Und schliesslich werfe ich sie alle hinaus. Denn ich erwarte andern
Besuch. Eine Knstlerin, nicht dem Beruf nach, sondern in ihrer
eigensten, inneren Natur.

Der usseren Konvenienz fragt sie nicht nach; aber die trennende
Schranke schafft sie sich durch die eigenstolze Natur.

Der Bechsteinsche Flgel steht schon bereit; unsere drei Zimmer sind mit
dichten Damastdecken ausgelegt; kein Schritt ist auf den dunklen
Teppichen hrbar. Mattes Ampellicht. Ich habe einen Samowar besorgt; die
Behaglichkeit des dampfenden Kessels soll uns nicht fehlen.

Was werden wir lesen? Ich habe Turgenjeff verschrieben: sie erinnert in
ihrer stolzen Selbstherrlichkeit an russische Frauengestalten! Und dann
spielen und singen wir! Keine Miniaturlieder. Sentimentalitten sind
verbannt! Franz Schubert, einiges wenige von Schumann, die Norweger,
Grieg vor allem, und dann Lwes unvergleichliche Balladen "Herr Olaf"
und "Edward". Wie das wohl ber die Heide klingen wird:

  Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,
  Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,
          Edward! Edward!

Und dazu die messerscharfen, schneidenden Akkorde der Verzweiflung, die
jagende Sechzehntelfigur der Begleitung, die sich schliesslich immer
mehr verdichtet, bis sie wie zu einem hllischen Furientanze
zusammenwchst.

Das sind Lieder, wie sie der novembersturmgepeitschten Nordseewelle
gemss sind.

Wir lesen, wir spielen, wir wandern, wir schweigen auch viel, schweigen,
und ich greife hin und wieder einen halbverlorenen phantastischen
Akkord.

Der Sturmwind heult und rttelt an den verschlossenen Lden.

Jeweilig ist das Schweigen so sonderbar zwischen uns, so beredt, zu
beredt fast, so dass wir zu reden beginnen.

Wie denken Sie ber Rebekka West? So hat sie ihr langes Zusammenleben
mit Rosmer doch zur Liebe gefhrt!

Ihre Lippen zucken verchtlich.

Dass Rebekka liebt, dass sie zu lieben vermeint, ist nichts weiter, wie
das Gefhl der Schuld, das Rosmer gegenber auf ihr lastet! Von dem
Gefhl der frheren Gewissenlosigkeit gepeinigt, tuscht sie sich ber
sich selbst. Ein Glck, dass sie in den Mhlgraben gehen kann. Sonst
wrde sie bald erkennen, dass sie ihre eigenste, bessere Natur verloren!
Und dann ginge sie auch in den Mhlgraben.

Ihre Lippen haben wieder den strengen, sibyllinischen Zug! Ich schweige
lange!

Und ihr Lieblingsschriftsteller Jens Peter Jakobsen!

Was sagen Sie zu Edele Lyhne?

Ich habe sie einmal mit Edele verglichen. Sie liebt die Anspielung
nicht.

Sie wissen, dass ich mir Anzglichkeiten verbitte. Dass der Dichter
schliesslich von Edele nichts besseres weiss, als eine Backfischliebe,
die sie schweigend mit sich herumgetragen, dafr kann nicht Edele, dafr
kann nur der Dichter, nur die Mnner, jmmerliche, sentimentale
Schwchlinge, die ihr seid! Und nun Sie! Was reden Sie hier von Liebe!

Und ihre Lippen begannen herbe und spttisch zu lcheln.

Und Sie wollen der Schnheit des Meeres als einem Fluch anheim gefallen
sein! Hat Sie das Meer noch nicht gelehrt, schwachmtige
Sentimentalitten als das zu betrachten, was sie sind? Sie rmster Sie!

Und sie reicht mir halb bedauernd die Hand, und ich Tor schlage ein.

Und lassen Sie Ihre albernen Gedanken und kommen Sie rasch zur Dne
herauf.

Wir klimmen mit Mhe gegen den Sturmwind, um uns stieben
schneesturmgleich die Sandwehen. Finster leuchtet das Schwarz der
ungefgen Wolkengebilde, ein mattfahler Schwefelstreifen leckt an ihnen
empor; geisterhaft verschumt die tobende Brandung. Ein verlorner
Mwenschrei!

Der Sturmwind presst uns nahe aneinander; ich fhle ihre Schulter an
meiner Brust. Ihre Zge sind schner als je, aber unbeweglich, und
geisterhaft weiss wie Marmorstein!

Und ihre Zhne pressen leise die Unterlippe.

Weltverschollen, in engster Nhe, und doch klfteweit getrennt!

Und dann schreiten wir stumm hernieder.

Und das Licht brennt noch lange bei mir, whrend das Dunkel schon
stundenlang in ihrem Zimmer wob!

Heute ist ihr Geburtstag! ich habe Rosen bestellt! Dunkelblutrot und
schneeweiss. Zwei Krbe duften vor mir. Wahllos streue ich aus dem einen
Korb hierhin und dorthin. Sie liebt diese verschwenderische Flle. Den
andern Korb schicke ich ihr hinauf.

Eine halbe Stunde spter ist sie unten.

Sie Bser, wie gut Sie sind.

Und ihre wunderbaren Augen sprechen, und sie reicht mir beide Hnde.

Wie gut Sie sind!

Und wir sitzen am Kaffeetisch. Sie sorgt mit hausmtterlichem Eifer. Sie
spricht dieses und jenes und fast, als ob sie ein Gefhl der Schuld
bedrcke.

Und schliesslich sttzt sie ihren Kopf in die Hand und sieht mich an!
und nickt mir leise zu, und dann liegt ihre Hand einen Augenblick weich
auf der meinen.

Und nun, Lieber, wollen wir hinaus!

Ich habe brigens noch eine Neuigkeit fr Sie. Mein Freund kommt zu
Besuch. Sie wissen, dessen Gedichte ich Ihnen neulich vorlas. Sie
wollten ihn gerne kennen lernen, Jolanthe.

Sie schweigt!

Nun, was sagen Sie?

Warum ein dritter in unserm Beisammensein?

Und ihre Augen leuchten weich.

Nun, wie Sie wollen!

Und ihre Stimme klingt pltzlich hart.

Und sie wendet sich und geht, um sich zum Spaziergang fertig zu machen.

Ich weiss nicht, was sie will!

Aber nchstes Jahr berlasse ich ihr mein Haus. Mag sie mit einem
andern Freunde hausen; sie hat recht, das Meer soll mich nicht lieben
lehren! Ich gehe nach Fan! Mag sie sehen! Und ich stampfe entschlossen
mit dem Fusse und greife nach der Rose, die ihrer Hand entfallen."

"Die arme Jolanthe," sagte Fides mit einem Ton spttischen Bedauerns,
als Randers schloss.

Er lachte und zuckte die Achseln.

"Hoffentlich nimmt sie Ihr Blockhaus fr das nchste Jahr nicht an,"
sagte Fides. "Sie wird an dieser Erfahrung genug haben."

"Ja, aber er will ja eben nicht heiraten, sich nicht sentimental
binden."

"Er ist eben ein Phantast," erwiderte sie mit besonderer Betonung, "der
sich unmgliche Verhltnisse ertrumt."

"Sagen Sie das nicht."

"Aber ich bitte Sie! brigens wissen Sie das wunderschn auszumalen."

"Ist es nicht schn?"

"Sie sind ein Dichter."

"Nicht doch!"

"Sie knnen einem ordentlich den Mund wssern machen."

"Sehen Sie!"




13.


Randers hatte Rosen auf seinem Zimmer gefunden.

Er lief durch die Felder und dachte an diese Rosen. Wie kommt sie dazu,
dir Rosen zu schicken? Hat sie dich denn nicht verstanden? Glaubt sie,
du meinst es nicht ernst? Du wrdest nicht nach Fan gehen und Jolanthe
einem andern berlassen?

Ganz gewiss, meine Gndigste, ich will Jolanthe nicht heiraten, und Sie
nicht, und keine andere! Oder wollten Sie mir mit den Rosen Ihre
Anerkennung fr meine Standhaftigkeit bezeigen?

Eine Tugendrose?

Er pflckte einen grossen Feldstrauss, allerlei Grser und letzte
Sommerblumen, reifende Haselnsse und einen Zweig fast schon schwarzer
Brombeeren und brachte ihn Fides.

"Fr die Rosen," sagte er.

"Wie schn! Ich danke Ihnen."




14.

(Tagebuchbltter.)


Der Doktor hat recht gehabt. Es waren nur die paar berzhligen Cognacs
und Pschorrs und Kaffees. Ich fhle mich jetzt ganz wohl. In Grashof
kam es noch hin und wieder, dieser Druck auf dem Kopf, als trge man
einen Stein mit sich herum. Und die Hallucinationen und wsten Trume.

Etwas macht auch ihre Nhe. Etwas? Vielleicht alles?

Es ist ein ganz eigenartiger Zustand, ein ganz eigenartiges Verhltnis.
So ohne jede Aufregung und Abspannung und jedes qulende Begehren. In
der Abwesenheit ein Gefhl stiller Freude, dass sie in der Nhe ist, in
erreichbarer Nhe, eine sanfte Sehnsucht, durchaus nichts Heftiges,
Treibendes. Wie man an etwas denkt, das man sicher besitzt. Und in ihrer
Gegenwart ein ganz ruhiges Geniessen ihrer Wohlgestalt, ihres
harmonischen Wesens, ihrer vornehmen Einfachheit. Keine Spur von Liebe.
Eine Art herzlichen Freundschaftsgefhls. Freude.

Sie ist Musik fr mich.

       *       *       *       *       *

Eine Ehe auf solcher Basis. Das wre etwas fr mich. Aber es wrde
schliesslich gar keine rechte Ehe sein. Ich finde kein sinnliches
Verhltnis zu ihr. Der Gedanke allein an diese Dinge erniedrigt sie mir
schon. Ich bin zu sthetisch fr diese Art Liebe. Also auch fr die Ehe.

       *       *       *       *       *

Wenn sie spielt, ist es nicht die Musik allein, sondern das
Bewusstsein, dass sie es ist, die spielt. Ich habe eigentlich gar kein
Urteil ber ihre Musik. Ich hre alles hinein.

Sie kann gar nicht Schumann spielen, sie ist durchaus keine
Schumannnatur. Und doch bilde ich mir ein, Schumann nie so schn gehrt
zu haben.

Aber ich darf sie nicht ansehen dabei, ich muss die Augen schliessen.
Sehe ich sie an, merke ich gleich, dass sie Schumann nur spielt.

Bei Chopin darf ich ihr schon zusehen. Da ist diese vornehme Grazie des
aristokratischen Salons, die zu ihr gehrt. Und nun gar Weber oder
Liszt. Da sitzt sie im Sattel. Und wie reitet sie!

       *       *       *       *       *

Es ist eigentlich beleidigend, dieses Vertrauen, das der Graf mir
schenkt. Aber nach meiner neulichen grossen Pauke fr die Aristokratie
und meiner kategorischen Erklrung, dass eine Mesalliance gegen meine
Grundstze wre, muss er mich natrlich fr ungefhrlich halten.

Sie knnen ruhig schlafen, Herr Graf.

       *       *       *       *       *

Ein Zeichen, dass ich nicht verliebt bin: ich habe mit ihr ber die
Liebe philosophiert. Sie benahm sich eigen dabei. Etwas spttisch. Sie
ist zu gesund fr meine Philosophie.

(Bedenkliches Postskriptum: Du machst dir klar, dass du nicht verliebt
bist. Hm!)

(PS. II. Du machst bedenkliche Bemerkungen, folglich bist du nicht
verliebt.

Der Beweis ist geglckt, was mir sehr lieb ist, denn ich will mich nicht
in sie verlieben.)

       *       *       *       *       *

Dass auch ich gerade diesen aristokratischen Tick haben muss, ich, der
vielmehr zu den Bauern, zu den Fischern gehrt. Ob wirklich etwas dran
ist, dass mein Urgrossvater mtterlicherseits von Adel war, alter
kurlndischer Adel? Die Sache ist sehr zweifelhaft, eine alte
Familiensage. Ohne Dokumente. Aber vielleicht bin ich der lebendige
Beweis, vielleicht rollt ein versprengter Tropfen Adelsblut in meinen
Adern.

Dickes Bauernblut, von irgendwoher ein paar Tropfen Knstlerblut,
Zigeunerblut, und in dieser trben Mischung, mitgeschwemmt, dies eine
aristokratische Blutkgelchen.

Das ganze etwas mit Alkohol versetzt. Ein famoser Lebenssaft. Ich htte
wohl Lust, mich einmal grndlich zur Ader zu lassen.

       *       *       *       *       *

               Traum, Schaum.
  Trume sind Schume, hier wie dort
  Hrt man solch berkluges Wort,
  Aber dem Leben farbleuchtenden Saum
  Leiht nur goldener Traum wie Schaum.

  Trume sind Schume!
  O jugendlich Schumen.
  Schume sind Trume!
  O jugendlich Trumen.
  Schumendes Krfteberfliessen,
  Trumendes Seele in Seele sich giessen.

  Trume sind Schume,
  Wen sie verlassen,
  Dem msste das Leben farblos erblassen.
  Nur, wem das Leben wie Schaum und Traum,
  Bricht sich goldene Frucht vom Baum.

       *       *       *       *       *

Ob ich nicht doch besser in meiner Krugkammer geblieben wre? Nicht aus
irgend welchen besonderen Grnden, sondern einzig, weil ich nicht zur
Dankbarkeit verpflichtet sein mag. Und dies ist schon mehr Nassauerei!

Aber warum reise ich nicht ab?

ber den Musterwirt bin ich ja beruhigt, der ist schon halbwegs verlobt,
mit einer Brgerlichen. Ich htte es ihr auch nie vergeben. Frau Krger
oder gar Madam Krger.--

Ich will es nur eingestehen, ich war ganz regelrecht eiferschtig, ohne
verliebt zu sein. Wie muss einem Liebenden erst zu Mute sein, der
eiferschtig ist.

       *       *       *       *       *

Als sie sich die Rose in den Grtel steckte und auf den Stuhl stieg, um
sich besser im Spiegel sehen zu knnen.

Diese ganz entzckende Naivitt, diese natrlichste, kindlichste,
unschuldigste Eitelkeit!

Welche Dame steigt in der Gegenwart eines Herrn auf einen Stuhl. Sie
darf es, eine wirklich vornehme Dame darf alles.--

Ich hielt ihre Hand lnger als schicklich in meiner, als ich ihr
herunter half. Sie wurde weder verlegen noch abweisend, sie bersah es
einfach.

       *       *       *       *       *

La rose d'amour.

  An ihrem Kleid blht eine dunkle Rose,
  Entschrzt den Schoss zu wundersamem Duft,
  Dass taumelnd so ihr Leben sie verkose,
  Die weisse Mdchenbrust zur weichen Gruft.
  O sei ihr Bild zum Bilde meinem Lose,
  Dass ich, wenn gartentief der Sprosser ruft,
  Von Mund zu Mund, fern jeglichem Getose,
  Verkssen mge Leben, Licht und Luft.

(Wre ich verliebt, wrde ich dieses Gedicht nicht haben machen knnen.
Obgleich es schlecht genug ist und eigentlich nur mit Liebe notdrftig
entschuldigt werden knnte.)

       *       *       *       *       *

Gehrt nicht eine gewisse Klte des Herzens dazu, um Dichter sein zu
knnen?

Unsinn!

Ob Leute von grosser Phantasie nicht eine gewisse mittlere Temperatur
des Herzens haben, nur soviel Feuer als ntig, um der Phantasie warme
Fsse zu machen?

Gibt es eine Phantasie des Herzens?

Warum nicht, wenn es eine Liebe des Kopfes gibt. Kommt auch beides
zusammen vor, wie bei einem gewissen Herrn.

       *       *       *       *       *

Ich muss Gerdsen wieder einige "Dokumente" schicken. Ich habe ja schon
wieder genug zusammengekritzelt. Wenn er nicht schliesslich doch noch
abschnappt. Zu unsinnige Idee, meinen Roman von einem andern schreiben
zu lassen. Wie der arme Kerl sich wohl abrackert. Aber er kriegt es
fertig, das heisst, er kriegt einen Roman fertig, aber einen
Surrogatroman. Was weiss er am Ende von Henning Randers, und was knnen
ihm die paar Zettel sagen, die ich ihm als Materialien liefere. Es wird
ihm doch alles nur nebelhaft bleiben, Schattenspuk.

brigens, was ist das ganze Leben anders als Schattenspiel. Oder ein
Suchen im Nebel. Blindekuh! Nur dass einem die Binde nie abgenommen
wird. Oder doch mal? Da drben?

Wenn man dann sehend wird, zurckblicken kann--Herrgott! Alle diese
Irrgnge im dicken Erdennebel. Und dann sehen, da httest du den Weg
gehen sollen, und sieh, der Graben da, und der Baum, an dem du dir den
Kopf zerbeultest--ein paar Zoll breit weiter links, und du wrst heil
durchs Leben gekommen.

       *       *       *       *       *

Da bin ich nun wirklich in der Kirche gewesen, fein fromm und andchtig.

Sie sass neben mir, ihr Buch lag zwischen uns, und unsere Augen nahmen
denselben Weg, von Vers zu Vers, trafen sich auf den frommen Worten.

Kssten sich.

Wir selbst sassen ganz ehrbar und zchtiglich neben einander, und ich
meckerte in ihren schnen Alt hinein.

Sie hatte die Fhrung, ich folgte wie ein Lmmlein der Hirtin.

Die Orgel. Die "liebe Gemeinde" (es war eine wirklich hbsche
Sopranstimme da, die ber diesem misstnigen Gemecker, Gebrumm und
Gepfeife schwebte, wie eine weisse Mwe ber ein schmutziges
missfarbiges Stoppelfeld), die weissen schmucklosen Wnde, die Sonne
draussen und die Sonne drinnen, in langen, breiten Streifen ber diesen
alten und jungen Kpfen. Das schwarze Brett mit den grossen weissen
Nummern der Chorle. Die kleine, schwarze Kanzel mit dem kleinen,
weisshaarigen Pastor Weidenbusch.--

Mir wurde ganz heimatlich. Wie lange bin ich nicht in einer Dorfkirche
gewesen.

       *       *       *       *       *

Man sage nicht, dass in unserer protestantischen Kirche die Poesie
keinen Platz hat. In den kalten grossen Stadtkirchen mit ihrem
nchternen Prunk, ja, da ist sie erfroren, elendiglich erfroren. Aber
unsere Dorfkirchen. Selbst diese kahlen, getnchten Wnde atmen Poesie,
diese alten rohen Balken, von Schwalbenschmutz gefleckt und mit einem
vergessenen Spinngewebe in irgend einem Winkel.

Was ist Poesie? Sie geht nicht von den Dingen aus, sie geht von den
Menschen aus. Und welche Poesie sollte von dem stdtischen
Kirchenpublikum (ja Publikum!) ausgehen?

Aber hier, diese schlichten einfachen Ackerbrger, diese abgerackerten
Tagelhner, Mnner und Weiber, die ihres Herzens Einfalt und Bedrfnis
hierher fhrt, Sonntag fr Sonntag; diese ganze Atmosphre von Arbeit,
Gengsamkeit, Einfalt und Himmelshoffnung, das ist es, das teilt sich
diesen schmucklosen Wnden mit und leiht ihnen einen rhrenden Glanz.
Die Poesie kommt mit den Leuten in die Kirche, fhlt sich wohl hier und
bleibt, auch wenn der Kster abschliesst.

       *       *       *       *       *

Auf dem Lande verstehe ich, wie man fromm sein kann, es wieder werden
kann. Auch auf dem Meere verstehe ich es. Auch im Kriege. Aber da ist
die Zeit oft zu kurz dazu.

Und auf dem Sterbebett.

       *       *       *       *       *

So hoch stehen, dass man religis wird!

Auf Erden ist keiner, vor dem man sich zu beugen ntig hat. Da beugt man
sich vor Gott. Um sein Gewissen zu beruhigen, um sich zu salvieren.

Oder Einsamkeitsgefhl? Grauen vor der Einsamkeit?

       *       *       *       *       *

Ich liebe sie doch! Jeg elsker dig!

       *       *       *       *       *

Es war khn, ihr meine Blockhausphantasie vorzulesen. Aber sie weiss
nun, wie ich es meine. Es wre Wahnsinn, zu glauben, sie knne sich auf
so was einlassen. Die Knstlernatur ist sie nicht. Zu wenig Bohmienne.
Und das gehrt dazu. Aber sie ist schon das Weib, mit dem ich es
aushalten wrde.

       *       *       *       *       *

Jetzt weiss ich, wie ich mit ihr daran bin. Es war unvorsichtig von ihr,
mir die Rosen aufs Zimmer zu stellen, am selben Tag noch. Und
unvorsichtig war es von dir, zu errten, als da ihr den Feldstrauss
brachtest!

Aber ich will nicht!




15.


Eines Vormittags spazierten Randers und Fides nach dem Seepavillon. Es
war ein letzter Septembertag mit Wind und Wolken. Aber die Sonne war
auch da und sie wrmte noch.

Der Wind kam von der See und trieb die Wolken ins Land. Grosse Schatten
segelten ber das Stoppelfeld. Der Roggen, der hier gestanden hatte, war
lngst im Speicher. Ein paar Krhen hpften auf den kahlen Schollen,
flogen auf und liessen sich in Steinwurfweite wieder nieder.

Sie konnten bequem nebeneinander gehen, brauchten sich nicht auf dem
schmalen Fusssteig zu halten. Randers musste sich ein paar Mal bcken,
ihr Kleid von den Stoppeln zu befreien, bis sie es lachend aufraffte. Er
hatte seinen Rock zugeknpft und das Sturmband unters Kinn gezogen, so
scharf wehte hier der Wind. Manchmal blieben sie stehen und drehten den
Rcken gegen den Wind, um sich besser verstehen zu knnen.

Fides frstelte ein wenig, wie sie sagte; wenn sich die Schatten ber
das Feld legten, war schon ein herbstlicher Ton in der Luft.

Beim Pavillon war es sehr zugig, und sie gingen hinein. Sie waren lange
nicht dort gewesen. Eine warme, etwas stickige Luft herrschte in dem
Raum, aber des Windes wegen mussten sie die Tr schliessen. Zwei
vertrocknete Waldmeisterkrnze hingen an einem Nagel, und der welke Duft
machte die Atmosphre noch schwerer und beklemmender. Die bunten Fenster
liessen nur ein gedmpftes Licht herein und verstrkten das Gefhl der
Abgeschlossenheit.

Fides hatte ein Vergngen daran, von Fenster zu Fenster zu gehen und die
See einmal blutrot, einmal ockergelb und einmal ganz grn zu sehen. Sie
wollte das alles noch einmal geniessen, denn es war das letzte Mal,
dass sie es in diesem Jahre sah. Der Herbst war da und mit ihm der Umzug
in die Stadt.

Sie freue sich gar nicht so darauf wie sonst, sagte sie. So gerne wre
sie noch nie auf dem Lande gewesen, wie in diesem Sommer.

"Warum bleiben Sie nicht einmal einen Winter ber?" meinte Randers. "Ich
denke mir das so schn."

"Meinen Sie? Ich habe es einmal getan. Es ist gar zu einsam."

"Das ist doch schn."

"Aber auf die Dauer? Wenn noch Besuch kme. Aber es ist ja gar nichts
Gescheites in der Nhe, kein Umgang, der einem zusagte."

"Sie sollten mit nach Sylt kommen."

"Ja, das wre was. Aber Papa tut's nicht."

"Auf ein paar Wochen nur."

"Kommen Sie doch mit in die Stadt," sagte sie. "Aber Sie haben ja solche
Sehnsucht nach dem Meere," setzte sie schnell hinzu. "Ich kann mir
denken, wie Sie sich wegsehnen von hier."

Er erwiderte nicht gleich etwas darauf. Allerlei Gedanken und Bilder
gingen ihm durch den Kopf. Er besuchte mit ihr die Museen, die Konzerte,
die Kirchen, sah sich von ihr in eine hhere Geselligkeit eingefhrt, in
die Gesellschaft; tausend verlockende Aussichten erffneten sich ihm,
wenn er mit ihr in die Stadt ginge. Und dass sie es wnschte! Dass sie
es wnschte und aussprach! Das machte ihn ganz glcklich.

"Wie gerne wrde ich mit in die Stadt gehen," sagte er.

"Aber?" fragte sie, da er zgerte.

"Diese Idee kommt zu pltzlich, so berraschend," sagte er langsam und
unsicher, und vermied dabei, sie anzusehen.

"Nein, es geht nicht," sagte er mit einem pltzlichen Entschluss. "Das
ist ja alles--aber nein, es darf nicht sein!"

Und er fing an, hin und herzugehen, unruhig und nervs, und verzweifelte
Blicke nach den Fenstern werfend, als wre es ihm zu schwl hier.

Fides sass auf dem roten Plschkissen, auf der einzigen langen,
lehnelosen Bank, und trommelte ganz sachte mit den Fingern auf dem
kleinen Borkentisch.

"Ich hatte mir das so schn gedacht," sagte sie. "Aber wenn es nicht
sein kann--" Es klang weich, fast wie ein Seufzer.

Sie hatte das gedacht? Schon frher daran gedacht? Hatte es sich
ausgemalt? Es war nicht nur ein augenblicklicher Einfall?

"Ja, aber meine liebe gndigste Komtesse, ich tte es so gerne, schon
allein, da Sie es wnschen--"

"Aber ich bitte Sie, meine Wnsche! Sie sollen durchaus nicht das
geringste Opfer bringen. Sie haben sich alle diese Wochen nach Sylt
gesehnt--"

"Aber ich bitte, von Opfer kann ja gar keine Rede sein. Wenn Sie
wssten, wie schwer--es waren so--ich werde diese Wochen nie vergessen,
die ich hier verlebte."

"Ja, es war recht hbsch. Aber es wird doch jetzt schon recht
unfreundlich hier. Ich freue mich doch auf die Stadt."

Sie sagte das in einem ganz andern Ton. Ein pltzliches Umschlagen der
Stimmung.

"Ihr ewiges Hin- und Herlaufen macht mich ganz nervs," sagte sie und
stand auf. "Was haben Sie fr eine Unruhe! Sie knnen gewiss die Zeit
nicht erwarten, wo es auf und davon geht, Sie alter Meermensch."

Es sollte scherzhaft klingen, aber es war eine leise Gereiztheit im Ton.

"Sie missverstehen mich, Komtesse," sagte Randers.

"Wie so?"

Die Frage klang wirklich naiv und machte ihn einen Augenblick irre,
verwirrte ihn. Er versuchte sich mit einem Lcheln herauszuhelfen, aber
es misslang.

"Ich brauche ja das Meer, die Einsamkeit--es ist ja nur eine Flucht--vor
mir selbst--vor all diesen--diesen Unmglichkeiten."

Er rannte wieder auf und ab, whrend sie angelegentlich durch das rote
Fenster auf die See sah, die Augen mit der Hand beschattend, dicht an
die Scheibe gedrngt.

Er wartete, dass sie etwas erwidern sollte.

"Aber ich habe Ihnen das ja alles schon gesagt," fuhr er fort, als sie
schwieg, und es klang fast verzweifelt.

Er sah sie an, aber sie rhrte sich immer noch nicht.

Als sie sich jedoch nach einer peinlichen Pause umwandte, erschrak er
ber die Blsse ihres Gesichts und den fast harten Ausdruck der Augen.

Und pltzlich--war es unter seinen besorgten, fragenden Blicken?--eine
tiefe Rte berflutete sie, ihre Blicke wurden unsicher, hilflos; sie
schlug die Hnde vors Gesicht, und mit gepresster Stimme sagte sie
leise:

"Warum qulen Sie mich so?"

"Fides!" rief er.

Aber sie eilte an ihm vorber, liess sich auf die Bank fallen, legte den
Kopf auf den Tisch, und das Gesicht in beide Hnde drckend, weinte sie
krampfhaft.

"Fides!"

Er kniete neben ihr, zitternd, bebend vor Erregung, suchte ihre Hand,
erhob sich wieder und sprach, ber sie hingebeugt, auf sie ein.

"Nein, nein, o nicht," stammelte er. "Was ist dies alles--Komtesse.
Aber nein--Fides, liebe, liebe Fides."

Und wieder lag er vor ihr auf den Knien.




16.


Es regnete, regnete immer strker, der ganze Himmel schien sich auflsen
zu wollen. Das angewelkte Laub konnte sich unter diesem bestndigen
Angriff der Wassermassen nicht halten, lste sich und fiel auf die
aufgeweichte Erde, in den Kot der Wege und in die hundert kleinen und
grossen Pftzen.

Es war, als wollte dieser Tag die letzten Reste des Sommers
wegschwemmen.

Randers lief immer gerade aus, eine Stunde lang, zwei Stunden. Das Nass
rann in Strmen und kleinen Bchen von seinem Regenrock, sammelte sich
auf seiner weissen, durchweichten Mtze, rieselte ber deren schwarzen
Schirm, spritzte von unten bei jedem Schritt an ihm hinauf, dass Stiefel
und Beinkleider ganz kotig waren.

Aber er lief immer drauf los.

War das nicht der Weg nach Sssen?

Aber es war ja gleichgltig. Er wollte ja nur seinem "Glck" entlaufen,
diesem wunderlichen Glck, das ihn qulte, ihn ngstigte, sich wie eine
eiserne Klammer um sein Herz legte, wie ein glhender Nagel sich ihm ins
Hirn bohrte. O, wie er glcklich war!

Warum jauchzte er nicht laut auf? Hatte er nicht eine reizende Braut?
Und eine kstliche Zukunft?

Schwiegersohn des Grafen Bruckner!

Was wrden sie alle fr Augen machen. Also doch eine Adelige. Ja, ja der
Randers!

Nein, und tausendmal nein! Er konnte dieses Opfer nicht von ihr
annehmen. Frau Doktor Randers! Was konnte er ihr dafr bieten? Aus
eigenem? Eine grosse, dauernde Leidenschaft, eine bestndige, alles
wettmachende Liebe?

Wrde er nicht nur ihr Geliebter sein, von ihrer Liebe leben? Der
Geheiratete sein? Sie hatte sich mal diesen Luxus erlauben knnen, einen
simpeln Brgerlichen ohne Stellung und Vermgen zu nehmen, weil er ihr
gefiel.

Sie wrde ihn lieb haben und fttern!

Hatte er denn gar keinen Stolz mehr?

Aber wie es ihr sagen? Wie es ihr sagen? Er war ihr ja so gut, er knnte
es nicht bers Herz bringen, ihr weh zu tun. Aber es musste sein, ohne
Aufschub, bevor die Anzeige dieser Verlobung in alle Welt ging. Dann war
er gebunden, dann durfte er sie nicht kompromittieren.

In der Theorie wusste er ja mit all diesen verzwickten Dingen leicht
fertig zu werden. Man lebt nebeneinander hin, und nachher trennt man
sich, gutwillig. Oder richtet sich ein. Aber in der Praxis ist es denn
doch etwas anders. Da spricht das gute Herz mit, Ehrgefhl, Anstand,
Dankbarkeit, tausend Stimmen reden auf einen ein und verderben das
theoretische Konzept.

Und nun gar eine Verlobung eingehen mit der Absicht, sie wieder zu
lsen. Pfui Teufel, wie gemein!

Also es ihr sagen, noch hier, heute noch!

Der Wagen stand sozusagen schon vor der Tr, morgen wollten sie zusammen
abfahren, sich in Hamburg trennen, wo er einige Tage verweilen wollte,
um seine Angelegenheiten zu ordnen, um ihnen dann nach Berlin zu folgen.

So in der letzten Stunde, den Koffer in der Hand--nein das ging nicht!
Warum kam das alles auch im letzten Augenblick! Acht Wochen waren sie
nun zusammen gewesen.

Am besten wre es, er schriebe es ihr von Hamburg aus.

Und so lange sollte er schauspielern? Lgen?

Mde und abgespannt, durchnsst und beschmutzt kam er wieder im Schloss
an.

Fides war in ihrem Zimmer, beschftigt, mit der Zofe die letzten Koffer
und Schachteln zu packen, der Graf in seinem Arbeitskabinett zu einer
letzten geschftlichen Unterredung mit dem Verwalter.

Randers ging, von niemand gesehen, auf sein Zimmer. Am liebsten htte
er sich aufs Bett gelegt, zu einem langen, langen Schlaf. Aber es war
noch frh, kaum sechs Uhr.

In den nassen Kleidern konnte er auch nicht bleiben. Er zog sich um und
ging in den Salon hinunter.

Ein graues, trbes DmmeDmmerlichtschte darin.

Der Regen schlug gegen die Fenster. Ein paar welke Ahornbltter klebten
an den nassem Scheiben.

Vom Tisch waren alle Mappen und Bcher abgerumt, die schweren
Silberleuchter unterm Wandspiegel waren schon weggeschlossen. Es lag
schon ein Hauch von Unwohnlichkeit ber dem halbdunklen Raum. Nur die
grosse japanesische Vase, die der Grtner erst gestern mit frischen
Chrysanthemen gefllt hatte, stand noch auf ihrer Ebenholzsule, und die
grossen gefiederten gelben und weissen und lila Blumensterne standen wie
verbannte Schnheiten auf einer einsamen den Insel.

Der Blthner war geffnet.

Ob Fides gespielt hatte?

Richtig, da lag noch ihr Armband auf dem Leuchterbrett, ein schmaler
Silberreif, den sie der vielen Anhngsel wegen beim Spielen ablegte.

Er nahm ihn mechanisch in die Hand, legte ihn aber schnell wieder hin.

Mechanisch suchte seine Hand die Tasten. Er erschrak beinah, als sie
nachgaben und ein paar leise Diskanttne wie klagend durchs Zimmer
klangen.

Er lchelte, musste lcheln.

Wie nervs er war!

Aber er musste sich beherrschen, heute noch, morgen noch.

Er rckte sich den Sessel zurecht und fing an zu spielen. Ganz unten im
Bass, leise, unrhythmisch. Die Tne rannen, krochen durcheinander, wie
brauender Nebel. Diese dunklen, dumpfen Tne taten ihm wohl. Er konnte
sich nicht genug tun, da unten herumzuwhlen. Aber allmhlich lste sich
ein Thema ab, eine Melodie. Takte aus Chopins C-moll-Polonaise kamen ihm
unter die Finger, und wieder biss er sich in diesem Gedanken fest,
hetzte ihn, peitschte ihn durch alle Oktaven, berrollte ihn mit
strmischen Passagenwogen, dass er elendiglich darin zu ertrinken
schien, aber er tauchte immer wieder auf, und schrie, schrie frmlich:
lass mich los, lass mich los!

Pltzlich legte sich eine weiche Hand auf Randers' Schulter. Er schrak
zusammen, fuhr wie aus einem Traum auf.

Fides?

Er starrte sie an, wie eine Erscheinung.

Sie lachte laut auf.

"Der arme Flgel. Ist das dein Abschied von ihm?"

Er lachte gezwungen.

"Es war wohl wst?"

"Aber sehr. Alle Wnde zittern vor Angst."

Er stand etwas beschmt auf, und sie schloss schnell das Instrument.

"Der hat genug fr dieses Jahr," scherzte sie.

"Armes Tierchen, hat er dir wieder wehe getan?"

Wie gut gelaunt sie war, wie drollig. Und wie reizend sie aussah. Ihre
Wangen glhten noch infolge der eifrigen Reisevorbereitungen.

"Wie ungemtlich ist es hier schon," sagte sie.

"Und dieses Wetter heute. Wren wir nur erst weg. Ich habe jetzt gar
keine Ruhe mehr."

Und sie zog ihn mit sich ins kleine Nebenzimmer, wo es noch einen
gemtlichen Eckplatz gab, und erzhlte ihm von ihren Kasten und Koffern,
und wie ungeschickt sich die Zofe beim Einpacken benommen htte, und
plauderte von Berlin, und was sie alles in diesem Winter unternehmen
wollten. Ob er sich auch so darauf freue.

"Ja," sagte er und hielt ihre Hand und drckte sie ganz leise.

Es war so dunkel jetzt, dass sie sich kaum erkennen konnten.

Aber er wnschte, es wre noch dunkler. Er hatte gelogen, hatte sie
belogen! Es war ihm pltzlich, als ob etwas in ihm kalt wrde. Eine
Leere. Es war nicht Scham, nicht Reue, oder Schmerz. Nur ein
wunderliches Gefhl der Starre, wie ein eisiger Hauch.

Es war etwas in ihm tot, er hatte es selbst gettet.

Es war aus. Er fhlte es.

Leise liess er ihre Hand los.

Es war aus.




17.


Es war fnf Uhr morgens. Randers ffnete das Fenster. Es war noch alles
dunkel draussen, die Sonne noch nicht aufgegangen. Aber von den
Wirtschaftsgebuden her kndigten verschiedene Gerusche an, dass die
Leute schon an die Arbeit gingen. Er sah Licht im Kuhstall, und ein
Knecht ging mit einer Laterne ber den Hof.

Es war ein khler, nebliger Morgen. Der Regen hatte schon whrend der
Nacht aufgehrt. Aber von den Bumen und Bschen tropfte es noch in
schweren grossen Tropfen, und ein feuchter, modriger Dunst stieg von dem
durchweichten Erdreich auf.

Randers war blass und berwacht. Er hatte die ganze Nacht hindurch
geschrieben. Er brauchte sich nicht anzukleiden, er war nicht aus den
Kleidern gekommen. Er khlte sich Stirn und Augen mit einem nassen
Schwamm, trank hastig ein paar Glser Wasser und stand dann mitten im
Zimmer, regungslos, die Hand im Nacken, und starrte auf den Fussboden.

Mit einem Ruck ermannte er sich.

"Es geht nicht anders. Es ist das Beste so. Bei Nacht und Nebel."

Er lachte. Ein bitteres, hssliches Lachen. Er nahm Hut und Stock und
den kleinen Koffer und ging leise die Treppe hinunter.

Ein Hausmdchen sah ihm verwundert nach. Sie waren gewohnt, dass er frh
aufstand, mit Sonnenaufgang schon in die Felder lief oder an die See
hinunter.

Aber heute war es doch reichlich frh.

Er fand die Hintertr geffnet und kam ungesehen ins Freie.

Fides' Fenster lagen nach vorne hinaus.

Er konnte sie nicht sehen.

Ob sie wohl schon wachte?

Ungesehen kam er vom Hof auf die Landstrasse. Er ging nicht durchs Dorf,
sondern auf einem Wiesenweg hinten herum.

Aber in Rosenhagen sprach er im Krug vor, trank zwei Schnpse, um sich
zu erwrmen, und gab einen Brief frs Schloss ab, mit dem Befehl, ihn in
einer Stunde, sowie es hell wrde, abzuliefern.

Auf die verwunderten Fragen des Wirtes antwortete er ausweichend.

Dann ging er nach Sssen, wo er elend ankam. Er bestellte einen Cognac
und ein Glas Wasser, goss das Wasser hastig hinab und liess den Cognac
stehen. Es ekelte ihn davor. Er erkundigte sich, wann das Dampfboot von
Heiligenhafen nach Kiel fhre, und nahm einen Wagen. Er konnte das Boot
gerade noch erreichen.

       *       *       *       *       *




Drittes Buch




1.


Randers an Gerdsen.

Ich halte es nicht mehr aus, lieber Freund! Sie werden verstehen, dass
ich nach dem Rixdorfer Erlebnis der Zerstreuung bedarf, eines
Gegengewichtes. Wie tief es noch bei mir sitzt, knnen Sie daraus
ersehen, dass die Zerstreuungen und Erholungen der Kunst nicht
ausreichten. Es mussten _Betubungen_ sein. Alkohol!

Ich entfliehe der Gefahr. Es gibt nur eins, was mich befreit, mich
reinigt: Die Natur. Die See.

Sie empfehlen mir die Arbeit. Aber was kann sie mir anders sein, als ein
Betubungsmittel? Meine Art Arbeit, die nicht produktiv sein kann.
Frdert mich diese Arbeit, bringt sie mich eine Stufe hher, eine Stufe
hinaus aus meinem Gefngnis? Ist sie nicht nur Gefngnisarbeit eines
Sklaven, der sich ntzlich erweisen soll und zugleich an seiner Pflicht
ein Betubungsmittel hat?

Aber ich will mich nicht betuben. Das ist so feige, so philistrs, so
dumm, so unwrdig. Warum denn nicht gleich die Pistole? Die betubt
alles und auf das vortrefflichste. Soll ich Mittel brauchen, die mir das
Leben ertrglich machen, so mssen es Rauschmittel sein. Sie kennen
diese meine Mittel, die das Leben steigern, es aufreizen, verdoppeln!
Musik, Poesie, jede Art Kunst, das Weib und vor allem die Natur.

Sie geben in Ihrer Arbeit Ihr Ich. Bei Ihnen ist Arbeiten erhhtes
Leben, bei mir Bekmpfung des Lebens. Warum denn nicht mit der Pistole?
Puff, weg damit! Aber knnen Sie mir ernstlich empfehlen, das Leben
tglich zu foltern, es auf Hungerration zu setzen, ihm die Kehle bis auf
das allernotwendigste Quentchen Luft zuzuschnren, ihm einen Stein auf
den Kopf zu legen, damit es die Stirne nicht zu hoch trgt und nicht zu
sehr wchst, ihm die Fsse zu binden, damit es nicht auf den Einfall
kommt, zu tanzen? Pfui Teufel, wie gemein! Qult man so sein Leben?

Nein, lassen Sie mich meine Wege gehen, Weg und Ziel sind mir ganz klar.
Es gibt fr mich nichts mehr als ein paar Jahre Einsamkeit, die,
langsamer oder schneller, in die letzte grosse Einsamkeit einmnden.

Ich habe allerlei fr Sie niedergeschrieben, lasse Ihnen ein
versiegeltes Paket zurck. Suchen Sie sich damit abzufinden, wenn Sie
berhaupt noch an dem Roman festhalten. Ich fr meine Person entbinde
Sie davon. Wir mssten eigentlich tglich zusammen arbeiten, und das
widerstrebt mir. Ich mag nicht so darin whlen, es bringt doch auch so
seine Schmerzen mit sich. Macht man's selbst, allein, so ist schon die
mechanische Arbeit des Schreibens eine Art Medizin, ein beruhigendes
Pulver. Aber mndlich, wo man einmal zu intim wird, ein andermal wieder
vor Scham das Wichtigste nur eben berhrt, das ist, als sollte man sich
in Gegenwart eines andern nackt ausziehen.

Legen Sie bei Ihrem Helden besonders Gewicht auf den aristokratischen
Tick. Und auf die Natur! Erklren Sie beides aus seinem sthetischen
Genusstrieb heraus. Die Kunst erst in dritter Linie, es fehlt ihm dazu
an innerer Berufung. Er ist nur sthetischer Genssling. Der Natur
gegenber reicht das ja aus, daher fhlt er sich bei ihr am wohlsten.
Beim Weibe ist es damit nicht getan, das Weib verlangt "produktive
Talente" vom Manne. Daher sein Fiasko beim Weibe, beim vornehmen Weibe,
das ihn allein sthetisch reizt, allein fr ihn in Betracht kommt. Na,
Sie werden es schon machen.

Ich gehe morgen nach Sylt. Meine dortige Adresse wissen Sie noch von
frher. Es braucht sonst niemand zu wissen, wo ich bin! Also Diskretion!

Adieu, bester Freund! Ich halt es einfach nicht mehr aus.

Ihr Randers.

P.S. Ich lege Ihnen hier noch ein paar Verse bei, die meine
augenblickliche Seelenverfassung spiegeln, und ein lteres
Stimmungsstck, das ich unter meinen Papieren fand, eine Stilbung,
die Sie vielleicht als Beweisstck fr meine unzureichende
Produktionsbegabung und als ein Charakteristikum nach der sentimentalen
Seite hin brauchen knnen. brigens meine Verse! Ich wollte Sie immer
bitten, ihnen etwas auf die Beine zu helfen, sie sind gar zu
dilettantisch unbeholfen. Aber ich hab's mir jetzt berlegt, ndern
lassen Sie nichts daran; so wie sie sind, haben sie ja allein Wert als
"Dokumente", als Belege fr mein Halb- oder Garnichtsknnen. Wenn Sie
sie nicht lieber ganz weglassen. Mir auch recht!

       *       *       *       *       *

  Was fr ein Traum doch war's, der sich mir spann bei Nacht,
  Dass ich in meinen Trnen bin erwacht?
      Was fr ein Traum doch war's?
  Ist's nicht dein Bild, das sich mir hat gestellt,
  Das Haupt von lichten Locken dicht umwellt?
      Ist's nicht dein Bild?
  Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei, die Hand
  Zur Abwehr streng entgegen mir gewandt?
      Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei?
  Zerriss es denn auf ewig, jenes Band,
  Das dich und mich zu schnstem Bund umwand?
      Zerriss es ganz?
  So bleibt mir nichts von dir als heisse Glut,
  Ein einsam Kissen, feucht von meiner Trnenflut?
      So bleibt mir nichts?

       *       *       *       *       *

Friedenstraum.

  In stillen, tagesabgeschiednen Nchten,
  Wenn Stern an Stern zu goldnem Kranz sich flicht,
  Und wenn, wo Ginster sich und Weissdorn flechten,
  Gespenstisch Flstern ob der Heide spricht,
  Dann hr ich auf, zu hadern und zu rechten,
  Wenn goldner Friede sternhernieder bricht,
  Dann blinkt in meines Herzens dunklen Schchten
  Endlich ein trautes, stilles Dmmerlicht.

       *       *       *       *       *

Vogelknigtum.

  Vogel, du bist der Knig der Welt,
  Fern bleibt kein Platz dir, der dir gefllt.
  Fliegst in die freien Lfte,
  Fliegst ber Berg, ber Meer, ber Feld,
  Vogel du freier, du Herrscher der Welt.

  berall darf der Himmel dir blauen,
  berall darfst du die Welt erschauen,
  berall lsst du die Woge dich grssen,
  Himmelentstrzt dir die Brust von ihr kssen;
  Tglich eroberst du neu dir, ein Held,
  Vogel, du freier, zu eigen die Welt.

       *       *       *       *       *

Wie es sein sollte!

  Was ist das Glck? Ein niedres kleines Haus,
  Weit ab der Welt und ihrem argen Treiben;
  Zum Fenster lehnt ein liebes Haupt heraus,
  Und Hnde winken, lassen mich nicht bleiben;
  Vom Strande tnt der Nordsee dumpf Gebraus,
  Die Sonne blinkert golden in den Scheiben,
  Wir sind im Zimmer einsam und zu zwein,
  Wir sind mit unsrem goldnen Glck allein.

       *       *       *       *       *

Einsame Weihnachten.


Gestern berkam mich die Weihnachtsstimmung mit bermchtiger Gewalt.
"Stille Nacht, heilige Nacht," so klang es von der Strasse herauf;
Strassenmusikanten. Was machte mir heute ihr sonst so grssliches Getute
ertrglich? War es nur diese unverwstliche Melodie, dieses schnste
aller Weihnachtslieder? Und das, was unter dem Zauber dieses Liedes
erwachte? Ich war selbst wieder Kind geworden, meiner Mutter am Klavier
geschmiegt, und "Stille Nacht, heilige Nacht" klang es von meinen
Lippen.

Nun will heute der heilige Abend kommen. Die weihnchtige Stimmung ist
mir getreu geblieben, und ich muss mir schon an ihr gengen lassen, denn
ich wrde einsame Weihnachten feiern; ich lebe, ein Fremder, in der
fremden Stadt, einsam inmitten des hastenden Getriebes. Heute bin ich
ihm entflohen; ich bin weit hinausgewandert in die schweigende,
glitzernde Einsamkeit der lndlichen Umgegend.

Um mich das Spiel der weissen Flocken! Nicht in dichten Wolken wallt es
hernieder; in glitzernden Sternen stubt es fein, so fein herab. Will
sich ein Geheimnis, beglckend, beseligend, auf die Erde betten? Leise
Klnge klingen mit. Oder ist's Tuschung? Klingt der Schnee in
herniederrieselnden Tnen unhrbar fast und doch so deutlich, weich, so
wunderweich dem Ohr, wie sich auf die Stirne eine mrchenweisse, schmale
Frauenhand herniederlastet?

Der Himmel will sich verstecken und sendet doch seine Botschaft.
Zwischen den langausgesponnenen Schneefden dringt es wie von
schimmernder Klarheit, fast als ob in jedem Augenblick der feine
Nebelflor aufwehen und ein holdes Geheimnis enthllen mchte.

Es ist drei Uhr nachmittags. Die Dmmerung hat begonnen. Ich bin weit
hinausgeschritten, fern, so fern der Stadt. Nicht wie sonst am
verdsterten Fluss. Was soll mir die rollende Welle? Was soll mir am
Weihnachtsabend trbe und ewig novemberhaft der dunkle Strom?

Wenige Schritte noch und ich bin im Walde! Breit dehnt sich die
Fahrstrasse, einem gefrorenen, schneeblitzenden Flusse gleich, den, aus
Tannen aufgebaut, jh strzendes Steilufer dunkel von beiden Seiten
umengt. Eine Viertelstunde hinaus kann ich die schnurgerade
verlaufenden, dunkelgrnen Wnde berblicken. Stille, lautlose Stille,
umfngt mich. Nur leisestes Wehen der Wipfel; einmal ein heiserer
Krhenschrei! Die Wagenspuren die einzigen Zeichen menschlichen Lebens,
aber auch sie fast hinweggewischt durch den fallenden Schnee.

Aber da saust es pltzlich zwischen den Stmmen heran! Ein schwaches
Klingelgelute! Strker und strker! Zwei Pferde! Scharf gezeichnet
steigt aus ihren Nstern der Atem in die Winterluft empor. Eine grosse,
krftige Mnnergestalt im Vordersitze; hinter ihr der peitschenknallende
Kutscher. Ein verwunderter Blick auf den einsamen Wanderer! Sausendes
Schlittendrhnen!

Vorbei!

Wohin wohl? Vielleicht auf ein benachbartes Gut zum Besuch auf den
heiligen Abend? Der Schlitten mit Geschenken vollgepackt.

Wie wohl die Kinder warten werden. Bei jedem Haustrklingeln eine
strzende Schar, und immer wieder die Enttuschung. Aber endlich ist er
angekommen! Ein Stampfen auf der Treppe; das Fusseisen klingt an den
scharrenden Abstzen; in der geffneten Tr heisst eine schne Frau den
Schwager willkommen; die Kinder umdrngen den Onkel mit freudigem Lrm,
und das Jubeln will kein Ende nehmen.

Und wieder lutende Glocken! Aber nicht aus der Ferne! "Aus des Herzens
tiefem, tiefem Grunde" lutet die Vergangenheit empor. Immer mchtiger
fluten und berschwemmen mich die Klnge. Und da wandelt sie mir nah
zur Seite und nickt mir mit vertrautem Auge, die Jugend, die frhliche,
selige Kinderzeit.

Die Weihnachtsferien sind da! Meine Eltern wohnen auf einem grossen
Kirchdorf, kaum eine halbe Meile von der Stadt, deren Gymnasium wir drei
Brder besuchen. Schon sitzen wir im Schlitten. Bald grsst uns aus der
Ferne das elterliche Heim, ein freundliches Pfarrhaus, um das im Sommer
ein dichter Garten seine grnen Krnze schlingt. Endlich sind wir daheim
bei Vater und Mutter. Es weihnachtet berall. Von Kuchen und Marzipan,
von Pfeffernssen, Tannennadeln und Weihnachtskerzen strmt ein wrziger
Weihrauch durch das ganze Haus. Vor den leichtberfrorenen Fenstern
hasten die Mdchen mit grossen eisernen Kuchenplatten vorbei.

Aber lange duldet es uns Kinder nicht an einer Stelle. Die Backen
brennen vor ungeduldiger Erwartung. Schneckengleich schleicht die Zeit.
Wollen denn die Grosseltern gar nicht kommen? Endlich hlt das Gefhrt.
Wir Kinder alle draussen; die Kleinsten patschen mit ihren Hndchen an
den Grosseltern empor.

Schliesslich ist auch die letzte Stunde der Erwartung dahingegangen.
Meine Mutter sitzt am Klavier und spielt den Weihnachtschoral. Auch das
Stimmchen meiner kleinsten Schwester tippt schchtern mit im Chor. Und
dann tun sich die Tren weit auf, und vor uns flutet und flimmert der
schimmernde Kerzenglanz! O du selige, o du frhliche Weihnachtszeit;
frhlich und selig, wenn man ein Kind ist, bei Vater und Mutter daheim!

Ich habe mich in lichte Trume verloren; aber ich wehre ihnen, denn ich
weiss nur zu wohl, dass sie sich trber und trber spinnen werden.
Wollen nicht schon einsame, schweigende Grber aus der Ferne
herberwinken? Ich reisse mich los; ich bin zur Gegenwart erwacht.

Es schneit nicht mehr, aber der Wald ist noch immer mein Begleiter:
dunkler druen die Tannen, geisterhafter glitzert zwischen Stmmen der
Schnee, denn die Dmmerung ist vollends gewichen, und die Nacht hat
ihren sternenbesteckten Mantel ber die stille Erde ausgebreitet. Und
doch kein Dunkel. Sternenglanz und flimmernder Schnee weben ihre
geheimen Strahlen ineinander; und mit ihnen fhrt noch etwas anderes,
Unsagbares, heute in der Weihnacht geheime Zwiesprache. Was ist's? Ist
es ausser oder in uns? Und wir legen es nur in die Natur hinein? Ist es
der Klang der Weihnachtsglocken? In einem fernen Dorfe luten sie den
heiligen Abend ein, der Wind verweht mit leisem Schwellen den Schall und
trgt ihn ber den schweigenden Wald. Und ich vermag mein Ohr gegen
diese Tne nicht zu verschliessen; zu gewaltig ist ihr Weiheklang.
Alles grblerische Denken erlischt; nur ein beglcktes Empfinden, nur
der heimliche Zauber des Waldes und der gestirnten Weihnacht besteht.

Hat ihn je ein Dichter voll auszuschpfen vermocht, so dass allein sein
Wort den mchtigen Zauber ans Licht beschwor?

Das Weihnachtsevangelium fllt mir bei; nicht der Bericht des Lucas, von
der Geburt des Kindleins selbst; zu real, so wundersam rhrend auch die
herzenseinfltigen Worte lauten. Aber die herrlichste Poesie folgt: "Und
es waren Hirten beisammen auf dem Felde, die hteten ihre Herde bei
Nacht. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn
umleuchtete sie."

Die schweigende Einsamkeit des Feldes, die einfachen Hirten, die Nacht,
die himmlische Klarheit, das ist's! In diesen Worten steckt der ganze
Zauber der Weihnacht, an sie reicht nichts heran als Hndels ebenso
einfache wie grossartige Musik. Die Worte wollen mich nicht mehr
loslassen, ich spreche sie immer und immer wieder, ich summe sie in
Tnen, indes ein leisester Windhauch den Tannen an ihre Wipfel rhrt,
und aus der Hhe herniedersuselt, wie eine Botschaft des Friedens, wie
der Friede selbst, der nicht von dieser Welt ist, der sich nur einmal
im Jahre in der stillen, in der heiligen Nacht auf die Erde
herniedersenkt. Und die Tannen erbeben und streuen Weihrauch auf und
knistern--von Gold? Und schimmernd entbrennen viel tausend heimliche
Kerzen, und unter ihnen liegt das Christkind gebettet, mit golden
blickenden Augen--ein Weihnachtsmrchen in der Weihenacht unter den
Tannen--und die Klarheit des Herrn umleuchtet sie.

Und mir--mir rinnen die Trnen von den Wangen herab--aber himmlische,
heimliche Klarheit umleuchtet auch mich--die Klarheit des Herrn in der
Weihnacht.




2.


Auf der Wattenseite, auf halbem Wege zwischen Rantum und Hrnum lag im
Schutz des mchtigen Dnenwalles ein kleines einstckiges Blockhaus. Ein
leidenschaftlicher Seehundsjger hatte es sich dahinbauen lassen. Seit
Jahren stand es unbenutzt.

Das war etwas fr Randers. Er erhielt das Huschen fr einen Spottpreis.
Es war auch rmlich genug fr einen lngeren Aufenthalt, nur fr einen
anspruchslosen Jger auf einige Wochen ein Unterschlupf. Unten war ein
grosser Raum mit einer kleinen Kammer daneben, oben, auf einer schmalen
Holzstiege erreichbar, noch eine gerumige Kammer unter dem spitzen
Giebel und etwas, anscheinend nie benutzter Bodenraum. Aber es befand
sich doch eine Kochstelle im Erdgeschoss, ein primitiver Herd, worauf
der alte "Seehund" sich seinen Grog gebraut haben mochte.

Randers liess alles instandsetzen, liess sich aus Westerland einen
Tischler kommen und richtete sich ein. Das untere Hauptgelass war
gerumig genug. Da fand ein grosser Schreibtisch aus Tannenholz Platz,
vor dem Fenster, das auf die Watten hinaussah. Ein Chaiselongue, vier
Sthle, ein kleiner runder Tisch, was brauchte er mehr? Ihm fiel zuerst
nichts weiter ein. In die Kammer kam ein Bett und ein Waschgestell aus
Draht. Auch ein paar neue Fensterscheiben waren ntig. Die alten waren
ganz erblindet und rissig.

In die Giebelkammer liess er ein zweites Bett stellen. Er verwandte fast
mehr Sorgfalt auf dieses "Fremdenzimmer" als auf seinen eigenen
Wohnraum. Es kam ein solider Waschtisch herein, eine Kommode, eine
Garderobe und nachtrglich noch ein Spiegel. Er liess den ganzen
Fussboden mit einem weichen Teppich belegen und das Fenster mit
Vorhngen versehen.

Als er seinen Einzug hielt, hatte er einen Augenblick den Gedanken, die
erste Nacht unter seinem Dache dort oben zu schlafen. Aber er
unterdrckte diese Anwandlung. Doch ging er noch einmal mit einem Licht
hinauf und stellte ein paar Herbstblumen, die er sich aus Westerland vom
Grtner geholt, in ein Wasserglas auf den kleinen dreibeinigen
Wandtisch, den er in der Wirtschaft des Rantumer Strandvogts fr ein
geringes erstanden hatte.

Er dachte lange, bis er endlich einschlief, an die einsamen Astern oben
im Giebelzimmer und belebte den Raum mit allerlei Traumgestalten. Am
Morgen aber lachte er ber die Blumen und warf sie zum Fenster hinaus.




3.


Randers fhlte sich geborgen. Vorlufig, vielleicht, dass es mit der
Zeit ihm auch hier nicht mehr einsam genug wre. Nun, dann war ja
Norwegen da, die Schren und Fjords. Und immer so weiter, bis in die
letzte grosse Einsamkeit. Auf diesem Rckzug war er ja doch.

Das mit Fides hatte ihm doch den Rest gegeben. Er bereute es nicht, er
wrde es zum zweitenmal wieder so machen. Und das gerade war es, was
ihn so aus dem Geleise wart. Seine eigenste Natur hatte ihm diesen
Streich gespielt. Er hatte das Glck in Hnden gehabt und hatte es von
sich geworfen, weil es ihm in diesem Augenblick kein Glck mehr war.

Seine Natur war auf das Unmgliche gestellt. Er trug sich mit Idealen,
die verwirklicht, ihn unglcklich machen mssten. Weil er halb war,
grossmulich im Wollen, kleinmtig im Ausfhren.

Ach ja, seine schnen Theorieen!

Dass alles Halbe ausgerottet werden msste, dass die Halben mit Gewalt
expediert werden mssten, wenn sie sich nicht selbst aus der Welt
bringen wollten. Das war auch so eine von seinen Theorieen, aber eine,
die sich verwirklichen liess. Und da wrde er seinen Mann stellen. Ja,
es war geradezu das Ziel, worauf er jetzt lossteuerte. Und da er ganz
sicher wusste, dass er einmal dort anlangte, warum sollte er sich
beeilen? Warum nicht in aller Ruhe und Gleichmtigkeit diesen Todesgang
gehen?

Das war ja gerade das Kstliche, gab ja gerade dem Leben diesen
seltenen, schaurigen Reiz: dieses Tanzen ber dem Grabe, dieses letzte
Geniessen, mit dem Bewusstsein, es ist das letzte; mit jedem Tropfen,
den du schlrfst, kommst du dem Nichts nher.

Aber ausleben, nicht absterben!

Randers war den Rantumern schon von frher bekannt. Er war oft auf Sylt
gewesen. Auf der ganzen Insel, von Hrnum bis List hinauf, kannte man
den "langen Doktor".

Die Leute freuten sich seiner Anhnglichkeit an ihre Insel und freuten
sich, dass er jetzt ganz bei ihnen bleiben wollte. Freilich lachten sie
auch ber ihn. Er war doch noch immer der alte verrckte Kerl. Und
Randers lachte mit. Er wusste, die Leute waren im Grunde einem gesunden
"Sparren" nicht gram, wussten ihn zu schtzen. Und dass er anders war
als andere, das machte ihm ja selbst den grssten Spass, das war ja sein
Stolz. Er war ja berall der Andere gewesen. berall "deplaciert". Hier
war jeder der Andere, der Eigene, Sonderliche. Jeder ein Original. Aus
der Natur herausgewachsen, ohne Drill und Schliff. Das waren die Leute,
die ihm gefielen. Er fuhr mit ihnen aufs Meer, lernte wieder das Segel
handhaben. Er freute sich kindisch, als er den ersten Seehund geschossen
hatte. Auch eine Mwe holte er herunter, nur um den Leuten zu zeigen,
dass er's konnte. Nachher tat er's nie wieder. Er liebte die Mwen.

Auch von den Seehundjagden kam er oft ohne Beute zurck. Dann waren ihm
die guten dummen Tiere leid gewesen, und er hatte nur darber
weggeknallt und sich an ihrem Erstaunen belustigt.

Er sah braun aus, wie der lteste Rantumer, schon nach drei Wochen; war
er doch stndlich draussen, im feuchten Salzwind, das Sturmband unterm
Kinn. Bald hier, bald da tauchte seine weisse Mtze wie eine
aufgescheuchte Mwe aus den Dnen auf. Von Hrnum bis List hatte er alte
Bekanntschaft erneuert und "begossen." Und der Salzwind liess keine
"Gespenster" aufkommen, wehte sie weg, schneller als den Nebel, der
pltzlich aus Watt und See aufstieg und alles in einen geheimnisvollen
Schleier hllte.




4.


So war es Winter geworden und war wieder Frhling geworden. Das einsame
Fremdenzimmer hatte nie wieder Blumen gesehen. Hatten die Strme, die
ber die Insel gebraust, die "Eulennester in seinem Schdel", wie
Randers sagte, weggeblasen? Hatte der tgliche Verkehr mit den gesunden
Insulanern, denen er sich in der langen Winterde immer mehr
angeschlossen hatte, wohltuend auf ihn gewirkt? Oder war es Moiken, die
flachsblonde Kellnerin beim Rantumer Wirt und Strandvogt Brork Hansen,
die ihn vernnftig gemacht hatte?

Abend fr Abend hatte er whrend des langen Winters in der Rantumer
Wirtsstube gesessen und sich gut und schlecht von Moiken behandeln
lassen, wie ihr gerade der Sinn stand. Er machte ihr den Hof, machte ihr
kleine Geschenke, gab reichlich Trinkgeld, und sie liess sich, wenn sie
allein waren, dafr mal von ihm kssen. Weiter ging's nicht. Er hatte
seinen Spass daran, und ihr brachte es etwas ein.

Um die Weihnachtszeit war er wieder melancholisch geworden, wie immer,
wenn andere Leute den Christbaum anznden. Und er hatte sich ein
Bumchen verschafft, hatte es mit ein paar Lichtern geschmckt und ins
Fremdenzimmer gestellt. Das sollte ihm nun Abend fr Abend bis in die
Neujahrsnacht leuchten.

Moiken war gekommen und hatte seinen Baum bewundert. Sie hatte sich auf
den Bettrand gesetzt, ihm zwischen die Kerzen hindurch in die Augen
geblitzt. Aber er hatte sie pltzlich weggejagt, sie versume gewiss was
in der Wirtschaft.

"Durchaus nicht."

"Ja, doch! Geh."

Und er schob sie fast zur Tr hinaus.

Nein, das wre doch. Unterm Tannenbaum!

Er strich das Bett glatt, wo sie gesessen hatte, lschte die Lichter
und ging in sein Zimmer hinunter.

Nachts trumte er von Moiken.




5.


Randers hatte sich seit Monaten nicht nach Briefen umgesehen. Die
Weihnachtsstimmung weckte ihm das Bedrfnis danach. Er war etwas
enttuscht, beim Leuchtturmwrter nur zwei Briefe vorzufinden, beide von
Gerdsen. Aber wer sollte ihm auch schreiben. Er hatte sich ja von allen
zurckgezogen, er wollte es ja so.




6.


Gerdsen an Randers.

Sie sind also doch auf und davon, lieber Freund. Htten Sie doch noch
drei Tage gewartet. Ich kam frher zurck, als ich dachte. Schade! Nun
folg ich einstweilen Ihren Anweisungen, adressiere diesen Brief nach
List und warte neugierig, was Sie mir aus Ihrer Einsamkeit melden
werden. Wenn Sie Ihr Blockhaus unter Dach haben, versumen Sie nicht,
mir rechtzeitig Bescheid zu geben, damit ich an der Richtfeier mit einem
stillen Trunk teilnehmen kann. Die Seltenheit des Falles drfte Sekt
rechtfertigen.

Ihr Gerdsen.


Gerdsen an Randers.

Acht Wochen haben Sie mich ohne Nachricht gelassen. Ich bin unruhig. Wo
stecken Sie? An oder in der See? Unter den Trmmern Ihres Blockhauses?
Als zappelnder Fisch in den Netzen einer blonden Keitumerin? Ich hoffe,
Sie leben noch und arbeiten auf irgend eine Weise an unserm Roman. Es
wre mir doch sehr lieb, wenn ich an dem Faden ihrer Erlebnisse mich
weitertasten knnte und nicht mit dem Schluss ganz auf meine Phantasie
angewiesen wre. Als "Fachmann" msste mir nun freilich schon klar sein,
wie das Gebude zu krnen ist. Aus dem, was ich habe, msste ich schon
als guter Psychologe, wenn auch unbewusster, wie es der Dichter meistens
ist, die Konsequenzen ziehen knnen. Ja, ich msste jetzt Ihnen Ihre
knftigen Wege zeigen knnen. Aber ich will's Ihnen allein berlassen
und aus der Rolle des getreuen, nachtappenden Chronisten nicht
heraustreten.

Die Wirklichkeit straft ja so oft alle Berechnung und Psychologie
Lgen. Also leben Sie fleissig  la Randers und fhren Ihr Tagebuch fr
mich weiter.

Neugierig bin ich, welche Friesenmaid die weiblichen Figuren des Romans
vermehren wird. Mich wrd's schon freuen, wenn Ihre Liebe nun zur
Abwechselung einmal aus den aristokratischen Kalbsledernen in die
friesischen Holzpantoffeln fhre.

Adieu! Melden Sie mir wenigstens den Empfang dieses Briefes, wenn Sie
sonst auch keinen Stoff zu einem Brief haben. Habe ich in vier Wochen
keine Antwort, rechne ich Sie zu den Verschollenen und beende den Roman
ohne Sie und verheirate Sie zur Strafe zuletzt mit einer ltlichen
Gouvernante, die Sie jeden Sonntag in die Kirche fhrt. Also!

Ihr Gerdsen.



7.


Randers an Gerdsen.

Dank fr Ihre beiden Briefe. Mein Blockhaus ist fertig, ich auch: mit
der Welt. Hier ist's gut. Keine Weiber. Nur Moiken, die Kellnerin oder
"Sttze" im Rantumer Krug, die ich "poussiere". Aber das ist des
Zeitvertreibs wegen und um dem Mdel einen Spass zu machen. Gengt Ihnen
das fr den letzten Teil des Romans, meinetwegen! Lassen Sie Ihren
"Helden" irgendwo verbauern, sich um eine Dorfdirne die Knochen
zerschlagen, oder--es ist mir wirklich so gleichgltig geworden. Tten
Sie mir nicht leid um Ihrer undankbaren Arbeit willen, ich wrde Sie
bitten, das ganze Manuskript in den Ofen zu stecken. Aber so weit wie es
jetzt gediehen ist, hab ich kein Recht mehr daran. Sie haben freie Hand.
Und damit viel Glck! Mcht's Ihnen Ruhm und Geld eintragen.

Vor einem Vierteljahr bekommen Sie keinen Brief wieder. Trotzdem immer

Ihr getreuer

Randers.




8.

(Tagebuchbltter.)


Dass Beethoven das Meer nicht kennen gelernt hat. Sein Atem ist wie der
des Ozeans. Dieser grosszgige Wellengang seiner Melodie. Der htte uns
eine Ozeansymphonie schenken mssen.

Dass alle unsere Grssten dem Meer so fremd waren! Goethe, Schiller,
Beethoven.

Byron, der kannte das Meer!

Und Bcklin kennt es!

       *       *       *       *       *

Wie organisch die Phantasiegebilde Bcklins sind, sehe ich an Thoma,
diesem lieben, stillen, deutschen Meister. Dem gelingen seine Bockfsser
nicht immer, Menschen mit Ziegenbeinen. Aber ein Bcklinscher Faun, der
ist echt.

       *       *       *       *       *

Ich sehe die Natur bcklinisch, d.h. in vielen guten Augenblicken. Das
macht, Bcklin ist so wahr wie die Natur selbst, er hat sie erfasst, hat
sie in ihren Muttertiefen belauscht. Die Natur ist bcklinisch. Nie
erinnert sie mich an Klinger, so gross der ist, so sehr ich ihn verehre.
Aber Bcklin liebe ich. Und es ist nicht nur das Meer, die Nhe des
Meeres. Neulich auf der Dorfstrasse, die dunklen Lindenwipfeln gegen den
Abendhimmel--Farbe, Stimmung, Musik: alles Bcklin. Oder die kleinen
schwarzen Steine, die aus den Watten herausgucken, wenn die Flut leise
heransplt, eine Mwe ruhte sich auf dem grssten Stein: Klinger
zeichnet so was auch, ganz kstlich. Aber die Natur erinnert mich nie
an ihn. Das macht, er ist viel zu sehr Klinger.

Bcklin: Monolog! Klinger: Dialog!

Bei dem einen redet nur die Natur, dem Zauberstab des grossen Knstlers
gehorsam. Beim andern wird eine Unterhaltung draus, ein Zwiegesprch.
Der Knstler hat geistreiche Antworten, Einwnde, auch mal einen Witz.
Er ist nicht--rein. Wohlverstanden!

       *       *       *       *       *

Welcher Bldsinn: Moderne Kunst! Echte Kunst steht ber allen Zeiten,
ist _immer_ und _nie_ modern.

       *       *       *       *       *

Nordsee.

  Ein frischer Nordnordwest mit wilden Rufen,
  Er packt das Meer und zerrt es an den Mhnen.
  Da schirrt es sich; da stampft's von tausend Hufen,
  Viel tausend Rosse blecken mit den Zhnen;
  und lauter klatscht von seinen Wolkenstufen
  Der Gott hernieder seine Peitschenstrhnen;
  Drauf seh, als Sporn und Stacheln Eile schufen,
  Den Griesbart greinend ich hintberlehnen.

       *       *       *       *       *

Non est.

  In dieser grenzenlosen Einsamkeit
  Blht neu in mir ein reineres Gefhl,
  Und aus dem Zwang der innern Qual befreit,
  Lausch ich der Wellen pltscherndem Gesphl;
  Und vor mir fliegt ein weisses Mdchenkleid,
  Es drngt der Locken wirrendes Gewhl,
  Und wie das Sternenlicht im Schaum versprht,
  Seh ich ein Augenpaar, das mir erglht.

       *       *       *       *       *

Ob Gerdsen sich noch mit dem Roman qult? Mir ist diese ganze Idee mit
dem Roman schon albern geworden. Er soll sich nicht weiter bemhen, oder
es deichseln, wie er will. Wenn er seinen Helden (sic!) mit der Komtesse
Bruckner kopuliert, werden es ihm die Leserinnen danken und der Verleger
auch.

       *       *       *       *       *

Moiken. Aber nein!

Moiken hat so was dummes, so was--sachliches. Ein Stck Mensch. Isst,
trinkt, schlft und ist da. Sag ich komm! kommt sie, geh! so geht sie.
Daran knnte sich eigentlich der Mann gengen lassen. Aber da hapert's.
Der "Nichts als Mann", ja! Aber wenn man sich Blockhuser baut, Blumen
in ein leeres Zimmer stellt und Verse macht--ist man da eigentlich noch
Mann?

       *       *       *       *       *

Ein Kork, der den tiefen Drang in sich sprt, sich zu ersufen! Ich kann
mich selbst manchmal nur ironisch nehmen. Diese verdammte Neigung ber
sich selbst zu grbeln. Nicht Neigung, sondern Zwang, Verhngnis!

       *       *       *       *       *

Des Leuchtturmwrters Frau mit ihrem Heimweh. Sie verbittert ihm die
Einsamkeit, die ihm Lebensbedrfnis ist. Er war frher Musiker bei der
Matrosenkapelle. Ein Sonderling, verrckt! Natrlich! Ich aber verstehe
ihn. Die Frau versteh ich freilich auch. Er wird ihr eines Tags
nachgeben und seinen Posten quittieren, wieder unter die Leute gehen. Es
ist immer die Frau, die den Mann sich nicht ausleben lsst, so oder so.
Sie tut mir brigens leid.

       *       *       *       *       *

Die Musik, vor allem die nordische, kann einen so weit bringen,
Leuchtturmwchter zu werden. Musik, diese Allerweltssprache, die jeder
versteht; sie sollte also verbinden, ausgleichen. Mich aber isoliert
sie. Ein Beethovensches Adagio isoliert mich, fhrt mich ganz auf mich
selbst zurck. Ich mchte nach jeder Musik, die mich vllig ergriffen
hat, in die Einsamkeit.

       *       *       *       *       *

Das Schauspiel der intelligenten, geistvollen Schriftsteller, die gerne
Dichter sein wollen. Aber das ist ihnen versagt. So ein reines einfaches
Gemt, das an intellektuellem Besitz nicht den zehnten Teil in die
Wagschale zu werfen hat, findet Tne, die einen den ganzen Geistreichtum
der andren vergessen lassen, als etwas von dieser Welt. Jene Tne aber
stammen aus einer Welt, fr deren Seligkeiten alle Ppste und Knige
dieser Welt ihre Kronen und Throne geben wrden.

       *       *       *       *       *

Dichter und Propheten, ihnen ist der Himmel offen.

       *       *       *       *       *

Schaffenslust und Schaffensqualen. Ja, aber so aus dem Vollen schaffen
knnen, diese gttliche Freude, diese frhliche Gttlichkeit, wiegt das
nicht alle Qualen auf? Aber dagegen die Qualen der Halben, die nur ein
versprengter Tropfen des heiligen ls traf. Wollen, wollen und nicht
knnen. Glhen, aber es wollen keine Flammen werden.

       *       *       *       *       *

Das denk ich mir die grsste Vaterfreude: einen Sohn haben, in dem das,
was in einem glhte, Flamme ward. In dem hellen leuchtenden Tag seine
Nchte und Trume wiedererkennen, seine gebrenden, schmerzlichen
Nchte.

       *       *       *       *       *

Wenn ich von Fides trume, ist es immer dieselbe Situation. Wir gehen
zusammen durch ein reifes Kornfeld. Der Himmel glht in einem sanften
Abendrot. Wir sprechen nicht, gehen nur stumm nebeneinander, bis sie
allmhlich wie ein Schatten vor mir entschwebt, nach der Seite hin
wegrckt. Wie die Entfernung wchst, ihre Gestalt undeutlicher wird,
wchst eine seltsame Angst in mir; ich will ihr zurufen, aber die Stimme
versagt. Schon drei- oder viermal hatte ich diesen Traum. Nur einmal
vermischte sie sich mit Moikens Bild, und ich trank ihre Ksse von
Moikens Lippen.




9.


Im Rantumer Krug waren Gste eingekehrt. Moiken hatte alle Hnde voll zu
tun, als auch Randers nach einer langen Dnenwanderung etwas ermdet
eintrat. Im Gastzimmer sassen ein paar Mnner von Rantum beim
Kaffeepunsch; im Hinterzimmer, der guten Stube mit den weichen
Polstermbeln, sass eine Dame vor einem Teller mit Spiegeleiern.

Randersens erster Gedanke war: Spiegeleier? Sieh, darauf httest du auch
Appetit.

Aber dann nahm ihn natrlich die Dame ganz in Anspruch. Eine Fremde? Um
diese Zeit?

Er stand ein paar Sekunden unschlssig in der Tr, zwischen den beiden
Zimmern. Er sah sich nach den Kaffeepunschtrinkern um.

Das war ja Jens Petersen Dirks.

"Tag, Herr Dirks!"

Er sagte das so laut, dass die Dame, die nach einem flchtigen Blick auf
ihn ihre ganze Aufmerksamkeit wieder den Eiern zugewandt hatte, ihn
verwundert ansah.

Moiken kam aus der Kche mit einem Teller voll Butterbrot fr die
Rantumer.

"Sagen Sie mal, kann man Spiegeleier bekommen?" fragte er, lauter als
notwendig war.

Er ging hndereibend auf sie zu und trat auf, als ob er kalte Fsse
htte.

Er setzte sich an einen freien Tisch, stand aber gleich wieder auf.

"Wollen Sie mir's da hineinbringen, Moiken?"

Er ging ins andere Zimmer.

"Gndiges Frulein erlauben?"

Er schnarrte wie ein Leutnant, machte zwei kurze schnelle Verbeugungen
und liess sich an einem Nebentisch nieder.

Die Dame sagte nichts, warf nur einen kurzen, forschenden Blick zu ihm
hinber.

"Warm heute draussen, gndiges Frulein."

Es klang beinah hastig.

Sie hatte gerad ein Stckchen Brot in den Mund geschoben und konnte
nicht gleich antworten, als Moiken hereintrat und ihm etwas ins Ohr
sagte.

Randers sprang sofort auf.

"Ach, ich bitte um Entschuldigung. Das wusste ich nicht," schnarrte er.

"Bitte sehr, ich habe kein Recht, Sie hier zu vertreiben," sagte die
Fremde.

Aber Randers zog sich mit einer Verbeugung ins andere Zimmer zurck.

"Wer ist denn das?" fragte er Moiken.

Moiken setzte sich einen Augenblick ihm gegenber.

Sie zuckte mit den Achseln.

"Von Wenningstedt. Sie sagte, ob wir nicht ein Zimmer htten, wo sie
allein essen knnte."

"Schon lange hier?"

"Halbe Stunde vielleicht."

"Will sie noch weiter?"

Moiken wusste das nicht.

Randers ass seine Eier und horchte auf jedes Gerusch im Nebenzimmer.
Jetzt legte sie die Gabel hin. Jetzt klirrte etwas an ihr Glas. Sie
schenkte sich ein.--

Ich habe nicht das Recht, Sie zu vertreiben. Eine Stimme hatte das
Frauenzimmer. Er war ein Narr, dass er nicht geblieben war.

Wenn er sich den Ton ihrer Worte zurckrief, so schien ihm etwas von
einer versteckten Aufforderung zum Bleiben darin zu liegen.

Er winkte Moiken heran.

"Wo wohnt sie in Wenningstedt?"

Moiken wusste von nichts.

"Knnen Sie nicht mal fragen?"

Moiken antwortete nicht darauf.

Randers begann eine laute Unterhaltung mit den Rantumern. Sie schrieen
sich an, als sssen sie weit getrennt.

Nach fnf Minuten wurde vom andern Zimmer aus die Tr zugemacht. Die
Rantumer achteten nicht darauf, aber Randers lief rot an. Es war ihm die
ganze Zeit schon selbst aufgefallen, wie laut er sich benahm, aber ein
gewisser Trotz, oder war es Nervositt, hatte ihn dabei beharren lassen.

Jetzt rgerte er sich. Was wird sie von dir denken?

Aber dann lchelte er.

Was liegt dir daran? Wer ist sie? Hatte sie ein graues Kleid an oder ein
braunes? Hatte sie eigentlich einen Hut auf? Du weisst gar nichts von
ihr, nicht einmal ob sie hbsche Augen hat. Nur die Tatsache, dass sie
Dame ist, eine Fremde, etwas in einem Sinne also Geheimnisvolles,
gengt, dich so aufzuregen.

"Moiken, soll ich eine Zigarre haben," schrie er von seinem Sitze aus in
die Kche hinein, deren Tr Moiken immer offen liess.

"Ja, gleich, nehmen Sie man," klang es zurck.

Er ging an das Bffet, nahm eine Zigarre aus dem Kistchen, von den
leichten; er brauchte drei Streichhlzchen, bis sie endlich brannte.

Die Rantumer erhoben sich geruschvoll und gingen.

Gott sei Dank! Nun war er allein. Ob sie auch bald gehen wrde? Das
wollte er abwarten, auf jeden Fall, und wenn er eine Stunde warten
sollte.

Auf einmal hatte er einen Einfall. Er ging mit der brennenden Zigarre
ins Nebenzimmer.

"Gndiges Frulein gestatten?"

Sie war ein klein wenig verwirrt in die Hhe gefahren. Vielleicht hatte
sie geruht; in der Sofaecke? Gelesen? Geschlummert?

Sie hatte grosse dunkle Augen und war blond.

Das sah Randers flchtig, als er an die grosse Wandkarte vom alten Sylt,
die hier aufgehngt war, herantrat. Er tat, als suche er etwas auf der
Karte, whrend hinter ihm mit dem Zeitungsblatt geknittert wurde;
ungeduldig, nervs, wie es ihm schien.

Er hatte Zeit. Aber er konnte doch nicht eine Viertelstunde vor der
Karte stehen bleiben.

"Die Unterhaltung wurde Ihnen wohl zu lrmend, gndiges Frulein," sagte
er, sich umwendend. "Die Leute sind es hier nicht anders gewohnt. Man
spricht sehr laut hier."

"Ja, das merkte ich schon."

"Gndiges Frulein sind schon lange auf der Insel?"

"Seit ein paar Tagen."

"Gndiges Frulein gestatten?"

Er zog einen Stuhl heran.

Sie sagte nicht ja und nicht nein, und er setzte sich.

"Sie wohnen in Westerland?"

"Westerland? Nein."

Sie war verdammt einsilbig, und ihre Blicke gingen wiederholt nach der
Tr. Jetzt schlug sie gar mit der Gabel laut ans Glas.

"Sie befehlen?"

Er sprang auf. Aber Moiken trat schon ein.

"Was bin ich schuldig?" fragte die Fremde.

Randers war taktvoll genug, sich wieder an die Wandkarte
zurckzuziehen.

Er war blutrot und rgerte sich.

Er war gehrig abgeblitzt.

Was jetzt?

Er musste bleiben, bis sie ging. Er konnte doch nicht jetzt aus dem
Zimmer gehen. Er setzte sich an den Nebentisch und sah in die Zeitung.

Die Fremde hatte sich erhoben und liess sich von Moiken den Regenmantel
umlegen.

"Famose Figur," dachte Randers, ber die Zeitung hinwegsehend.
"Donnerwetter! Und diese stolze Anmut, diese Sicherheit."

Moiken, die ihm gerade bis an die Schulter reichte, reichte der Fremden
eben bis an die Nasenspitze.

Randers stand auf.

Mit diesem kniglichen Wuchs musste er sich messen.

Er ging hart hinter ihr vorbei ans Fenster. Sie war fast so gross wie
er. Ein ganz leichter Blumenduft ging von ihr aus. War es Veilchen oder
Maiblume?

Ihr Haar, im Nacken leicht gekruselt, war ganz goldig, da gerade die
Sonne drauf fiel.

Draussen auf dem Holzhaufen im Hof spielten ein paar junge Ktzchen.
Immer lag das weisse nach kurzem Kampfe auf dem Rcken. Das gefleckte
kugelte es mit einem Schlag seines kleinen Pftchens in den Sand. Dem
konnte Randers sonst lange zusehen. Auch jetzt amsierten ihn die
Ktzchen, trotzdem er mit seinen Gedanken nur bei der schnen Fremden
war, deren Regenmantel hinter seinem Rcken rauschte.

Als die Fremde ging, mit einer stummen, kaum merklichen Neigung des
Kopfes, folgte er ihr nicht gleich vor die Tr. Er sah ihr einen
Augenblick aus dem Fenster des Gastzimmers nach, wie sie langsam den
Wiesenweg an die Watten herunterging und rechts um das Haus hin
verschwand.

Dann erst trat er vor die Haustre, ging denselben Weg, blieb stehen,
sah ihr nach, kehrte langsam wieder um und schlug den Weg in die Dnen
ein.




10.


Randers ging am Aussenstrand.

Ob sie nach der Bake will? Dann triffst du sie.

Oder auch nicht.

Eigentlich htte er ihr nachgehen sollen. Sie hatte doch nicht allein
das Recht, an der Wattenseite zu gehen.

Warum war er ihr nicht nachgegangen? Er war doch sonst nicht nglichst
in solchen Sachen. Warum gerade jetzt?

Er kletterte zweimal auf die Dnen hinauf und hielt Rundschau. Aber
keine Spur von einer Dame. Ein paar Dnenschafe jagte er auf, das war
alles.

Du bist ein Narr!

Vielleicht ist sie lngst wieder auf dem Rckweg.

Aber er lief doch bis Hrnum Odde, ganz bis an die usserste Spitze. Er
war tatschlich schon im Laufen. Der glatte Strandsand bot whrend der
Ebbe dem Fussgnger keine Schwierigkeit. Aber Randers wurde doch warm.
Er nahm seine Mtze ab und sah dabei, dass sie schon recht schmutzig
war; sie war so schn weiss gewesen, leuchtend.

"Das geht doch nicht," sagte er laut. Er setzte die Mtze wieder auf,
schob sie ganz in den Nacken und stapfte weiter.

Der Sand ward tiefer, und Randers musste "storchen", dabei schlenkerte
er mit seinen langen Armen, als wre er besonders unternehmungslustig.
Er dachte aber nur, ob er sich nicht heute Nachmittag schon in
Westerland eine neue Mtze kaufen solle. Ja, das wollte er!

Der Entschluss schien ihn zu beruhigen. Er schlenkerte nicht mehr so
heftig mit den Armen. Und dann begann er zu singen.

"Winterstrme wichen dem Wonnemond."

Als er nach Rantum zurckkehrte, hrte er, die Dame sei nach einer
halben Stunde wieder vorbei gekommen, in die Dnen hineingegangen und
wre wahrscheinlich am Strand nach Wenningstedt zurckgegangen.

Randers lchelte kaum merklich. Dumm, dachte er. Aber er war doch nicht
so sehr rgerlich. Nur etwas mde war er geworden und beschloss
infolgedessen, die Mtze erst morgen zu kaufen.

Er betrachtete die alte noch einmal, zeigte sie Moiken und meinte:

"Was sagen Sie zu der Mtze?"

Moiken wusste nicht, was er wollte.

"Ist sie nicht schon recht schmutzig?" fragte er.

"Die ist noch lange gut," meinte Moiken.

Randers setzte die Mtze auf, zog das Sturmband unters Kinn und trat vor
den kleinen Wandspiegel. Er drehte den Kopf wie ein eitles Frauenzimmer.

"Ach nee," sagte er, "das geht nicht!"

Er warf die Mtze auf den Tisch und setzte sich vor die Suppe, die
Moiken ihm aufgetragen hatte. Er ass in der Regel im Krug zu Mittag.

Moiken setzte sich zu ihm. Sie roch nach Kaffeepunsch, den ihr ein Gast
gespendet hatte.

Randers war heute empfindlich, mochte diesen Kaffeepunschatem nicht. Ihr
breites, gutes Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen kam ihm
gewhnlicher als sonst vor:

"Willst du dich nicht 'n bisschen schlafen legen?" fragte er.

Er duzte sie oft.

"Schlafen?" fragte sie verwundert.

"Du hast ja Punsch getrunken."

Sie lachte laut auf.

"Ach, das tut mir nichts."

"Du trinkst wohl oft mal so einen heimlichen?"

"Sie glauben auch wohl."

"Na, na!"

"Aber was ich sage!"

Sie war wirklich entrstet.

Er lachte gutmtig.

"Lass gut sein. Ich scherz ja nur."

Nach dem Essen konnte er sich nicht enthalten, ihr rundes Gesicht, das
wirklich ein wenig glhte, zwischen beide Hnde zu nehmen.

Sie wehrte sich, aber es half ihr nichts, ihr Kopf sass wie zwischen dem
Schraubstock.

"Wie 'n Backofen," sagte er und bog ihr den widerstrebenden Kopf nach
hinten.

"Jetzt bekommst du einen Kuss, Moiken," sagte er.

Aber es wurden zwei.




11.


Ausleben, nicht absterben!

Randers kaufte beim Grtner in Westerland ein paar rote Astern und
stellte sie wieder oben hinauf, ins Fremdenzimmer. Er lchelte dabei,
ein wenig spttisch:

"Ob sie wohl kommen wird?"

Aber es ward aus dem Lcheln doch zuletzt ein befriedigtes Schmunzeln.

Es war ja auch auf seinem Programm. Das Bauer war fertig, den Vogel
musste er noch fangen. Aber einen Wildvogel. Ein verstecktes Dnennest,
und der Sturm darber hin. Und ab und zu ein Ausflug zu zweien.

Auf seinen einsamen Wanderungen durch die Dnenwildnis ging sie neben
ihm, das Weib seiner Sehnsucht. Im Sand des umschumten Strandes lag sie
an seiner Seite, und ihre Gedanken waren seine Gedanken. Und wenn er
sich abends mde in das Dunkel seines Blockhauses hineintappte, und dann
die Lampe aufflammte, ward er wieder munter in der Stille dieser vier
einsamen Wnde, die ihm mit der Eindringlichkeit stummen Fragens immer
auf das eine zurckwiesen: Wo bleibt sie?

War es denn wirklich nur Freiheitsdrang, Einsamkeitsliebe, was ihn in
die Wildnis getrieben hatte? War es nicht vielleicht eine besondere Art
Verrcktheit von Erotomanie, die ihn dieses ganze Phantasiegebude von
Dnen- und Blockhausromantik um das "Weib" hatte aufbauen lassen, das
Weib, wie er es trumte, und wie es nicht da war auf dieser Welt?




12.


Der Himmel war wolkenlos, nur am Horizont war eine leichte, milchige
Trbung. Das Meer war stahlblau und nur schwach bewegt. Es war vllige
Windstille. Ruhig, in breiten, schaumlosen Wellen hob sich die Flut.
Erst dicht vor dem Strand setzten die Wellen ihre weissen Mtzen auf,
ohne die sie ihm nie einen Besuch machten.

Es war gegen Mittag, Randers lag auf der Terrasse des roten Kliffs und
war rgerlich, trotz der schnen neuen weissen Mtze. Etwas auch gerade
infolge dieser Mtze. Er log sich nie auf die Dauer etwas vor, gestand
sich mit der Zeit alle seine Schwchen ein. Er wusste auch jetzt ganz
gut, dass er ohne jene spiegeleieressende Fremde noch heute mit der
alten schmutzigen Mtze herumliefe.

Und nun hatte er wieder dieser Fremden wegen einen weiten Weg vergeblich
gemacht.

Nein, das konnte er nicht sagen. Ganz vergeblich nicht. Er hatte in
Wenningstedt erfahren, wo sie wohnte, wie sie hiess, woher sie war, und
wohin sie heute morgen gegangen war.

Und vor allem--sie hatte auf unbestimmte Zeit Wohnung genommen und
durchblicken lassen, dass sich ihr Aufenthalt mglicherweise bis Mai
oder gar Juni verlngern knne. Sie wolle nach ihrem Gefallen leben und
frei sein. Daher war sie vor der Saison gekommen. Auf vier Wochen hatte
sie erst einmal fest gemietet.

So viel Grund hatte Randers, zufrieden zu sein, aber der eine Umstand,
dass er ihr nach Kmpen, bis zum Leuchtturm, nachgelaufen war und sie
wieder verfehlt hatte, stimmte ihn augenblicklich rgerlich. Die Insel
war doch verdammt gross, wenn es galt, jemand "zufllig" zu treffen. Es
knnte ganz gut ein Vierteljahr vergehen, whrend dessen sie immer
zwischen den Dnen hinter einander herliefen, um einander herum, nur
durch einen Sandhgel getrennt, ohne sich zu treffen. Beide strten
vielleicht dieselbe Schafherde aus ihrer Verdauungsruhe. Der Hase, den
er aufscheuchte, jagte ihr vielleicht hinter der nchsten Dne einen
Schrecken ein. Ja, das war alles mglich.

Der Gedanke machte ihn ganz nervs. Er wrde sie nie treffen, wenn er
nicht heute in Wenningstedt bliebe, in ihrem Hotel bernachtete und sich
ihr morgen beim Frhstckskaffee vorstellte.

Frulein Lorenzen aus Tnning. Randers war in Tnning bekannt. Da war
der reiche Weinhndler Lorenzen. Aber der hatte nur verheiratete
Tchter. Vielleicht eine Nichte von ihm. Der Weinhndler hatte einen
Bruder in Hamburg, einen Reeder.

Randers war geneigt, die Dame fr Frulein Lorenzen aus Hamburg zu
halten. Jedenfalls reiche Reederstochter, Senatorstochter.
Patrizierblut. Alter Hanseatenadel.

Randers lag in der Sonne und rgerte sich. Er lag auf dem Rcken, die
Mtze bers Gesicht gezogen, so dass er nur eben unter dem Schirm auf
den rtlich flammenden Sand blinzeln konnte. Alle Augenblicke nahm er
eine Handvoll Sand und warf sie ber den Rand der Terrasse in die Luft.
Dann wlzte er sich auf die Seite, liess den feinen blitzenden Sand
durch die hohle Rechte auf den Rcken der linken Hand rieseln, mit
unendlicher Ausdauer und finsteren Mienen. Pltzlich nahm er ganze
Hnde voll Sand und warf sie ber die Terrasse in die Tiefe, immer mehr,
immer schneller, der grosse Junge, der er war.




13.


Randers hatte im Hotel zu Mittag gegessen und schlrfte seinen Kaffee
auf der Veranda, als er hinter sich im Speisesaal ihre Stimme hrte. Sie
beklagte sich beim Wirt halb rgerlich, halb belustigt, dass sie sich
umkleiden msse. Irgend jemand htte sie vom rotem Kliff herab mit Sand
frmlich berschttet.

Randers war betrbt, entsetzt. Er unterdrckte einen Fluch.

Er horchte, aber er verstand nichts weiter. Gut. Sie ging wenigstens.

Er wollte den Wirt rufen und zahlen. Aber der wrde ihm natrlich die
grosse Neuigkeit erzhlen. Frulein Lorenzen mit Sand bombardiert! Was
sollte er dazu sagen, fr ein Gesicht machen? Er wrde sich verraten,
sie erfhre es, und es wre aus, alles aus! Adieu!

Er schwang sich ber die niedere Brstung der Veranda und lief in die
Heide hinaus.




14.


Randers hatte nach Wenningstedt wollen. Er musste die Sache mit dem Wirt
ordnen. So davon zu laufen, ohne zu zahlen. Aber Randers konnte an
diesem Nachmittag nicht nach Wenningstedt. Der Nebel wollte es nicht,
der leichte, ziehende Nebel, der sich ganz pltzlich erhoben hatte! Der
Himmel war noch klar, aber Strand, Watten, See, alles war in diesem
weisslichen Nebelmeer ertrunken.

Dumm! sagte Randers laut.

Ob er in den Krug ginge? Dahin fnde er auch durch den Nebel.

Am Ende war es ein ganz netter Schreib- und Leseabend. Er knnte auch zu
Hause bleiben. Die neuen Maeterlincks lagen noch unaufgeschnitten da und
der letzte d'Annunzio, "Triumph des Todes."

Er warf einen Blick in den Roman, schlug achtlos eine Seite auf:

"Sein Herz schwoll vor verworrener Sehnsucht nach physischer Kraft, nach
siegreicher Gesundheit, nach einem Leben voll fast wilden Genusses, nach
einfacher unverbildeter Liebe, nach der grossen, ursprnglichen
Freiheit. Er empfand wie ein augenblickliches Bedrfnis, die alte Hlle,
die ihn bedrckte, zu zerbrechen und ihr als ein gnzlich neuer Mensch
zu entsteigen, frei von allen Nebeln, die ihn betrbt, von allen
Gebrechen, die ihn behindert hatten. Er hatte die verfhrerische Vision
eines zuknftigen Daseins, in dem er, erlst von allen verhngnisvollen
Eigenschaften, von aller usseren Tyrannei, von jedem traurigen Irrtum,
die Dinge sah, als ob er sie zum erstenmale she und vor sich das ganze
weite Weltall hatte, offen wie ein menschliches Angesicht. Konnte denn
das Wunder nicht von diesem jungen Weibe kommen, das an dem Steintisch
unter der stillen Eiche das neue Brot gebrochen und mit ihm geteilt
hatte? konnte es denn nicht an diesem Tage beginnen, das neue Leben?"

Das hielt ihn.

Randers steckte die Lampe an. Er wollte lesen.

Das neue Leben von diesem Weibe?

Er wollte gerade die Fensterlden schliessen als es draussen klopfte.
Der wackelige Trgriff klirrte, und die Tr knarrte, als wrde sie
zgernd geffnet.

Randers trat mit der Lampe in der Hand auf den Flur hinaus und sah
erstaunt in das ebenso erstaunte Gesicht Frulein Lorenzens.

"Verzeihen Sie," sagte sie, "ich sah hier pltzlich ein Licht
aufleuchten. Man sieht keine Hand vor Augen draussen. Ich finde mich
nicht zurecht."

"Sie sind dicht vor Rantum," sagte er, immer noch verwirrt.

Sie lachte.

"Hchst erfreulich. Aber ich sehe es nicht."

Sie war seiner Einladung ins Zimmer gefolgt. Sie war ganz durchnsst vom
Nebel, und er sah an ihrem Kleid Spuren von feuchtem Sand. Sie musste
gefallen sein.

"Sie entschuldigen diesen Aufzug," sagte sie, "ich bin wohl sechsmal
gestolpert."

"Sie haben sich doch nicht verletzt?"

Sie besah ihre Hnde, die ohne Handschuhe waren.

"Ein paar Schrammen," lachte sie.

"Ich hole Ihnen Wasser. Darf ich Ihnen irgend etwas geben? Sie knnen in
dem Nebel nicht weiter."

"O danke, bemhen Sie sich nicht. Wenn ich nur bis Rantum komme."

"Es klrt sich gewiss noch auf. Aber ich bringe Sie noch hin."

"Wenn es sich noch aufklrt, und Sie erlauben, dass ich verweile?"

Sie liess sich auf dem angebotenen Sofaplatz nieder.

Er sah, dass sie verwundert war, eine solche Behausung hier zu treffen.

"Mein Blockhaus," sagte er.

"Das ist ja mrchenhaft. Sie wohnen hier?"

"Seit dem Herbst."

"Das muss kstlich sein."

"Wenn man Einsamkeit liebt."

Sie sah ihn forschend an. Er wurde rot unter diesen Blicken. Seine Snde
vom roten Kliff fiel ihm pltzlich ein.

"Ich bin auch hierhergekommen, um die Einsamkeit zu suchen," sagte sie,
"ich habe sie ja auch in Wenningstedt, jetzt noch, so lange keine
Badegste kommen."

"Ja, die Badegste!"

"Aber dies ist wirklich beneidenswert. Und Sie werden lnger hier
hausen?"

"So lange es mir gefllt."

"Und ganz allein?"

Er zuckte die Achseln.

"Was soll man machen? Die schnste Einsamkeit ist freilich die zu
zweien."

"Meinen Sie?"

Er lchelte etwas verlegen.

"Einsamkeit will sprechen," sagte er.

Sie hatte gedankenlos mit dem Roman gespielt und warf jetzt einen
flchtigen Blick auf den Titel.

"Mgen Sie den?" fragte sie.

"Sie nicht?"

"Nein. Er qult mich. Er fttert einem zu Tode. Zu masslos. Man schenkt
eine Rose, einen Strauss, aber man schttet einem nicht einen Waschkorb
voll Rosen ber den Kopf, wenn man nicht die Absicht hat, einen
angenehm zu ersticken."

Er lachte.

"Sie haben nicht unrecht."

Sie wurde wieder unruhig, sah nach der Uhr und warf einen Blick nach dem
Fenster.

"Wie soll ich nach Wenningstedt kommen, wenn der Nebel nicht nachlsst?"

"bernachten Sie in Rantum."

"Kann man denn das?"

"Gewiss!"

Er stiess den Laden auf. Sie sahen beide ins Graue; ein dicker,
undurchdringlicher Nebel.

"Er ist strker geworden," sagte er.

Sie schwieg und sah ratlos in die graue Dunstmasse.

"Es ist nicht weit bis Rantum?"

"Eine halbe Stunde. Freilich, in diesem Nebel geht's nicht so schnell."

"Entsetzlich!"

Es kam aus tiefstem Herzen, aber sie lachte doch dabei.

"Wollen Sie durchaus nach Rantum, bringe ich sie hin," sagte er, "aber
wenn ich Ihnen dienen darf, ich habe oben ein freies Zimmer, ein
Fremdenzimmer, ganz komfortable."

Er war ganz rot.

"Aber nein," rief sie unglubig aus.

"Aber doch! Es hat's noch niemand benutzt. Wenn Sie ihm die die Weihe
geben wollen. Es ist alles vorhanden, dessen Sie bedrfen knnten,
wenigstens fr eine Nacht."

Sie wurde etwas verlegen. Aber dann sagte sie nach kurzem Besinnen "ja".

"Welch ein Abenteuer!"

"Eine Nacht in Nebelheim," scherzte er.




15.

(Tagebuchbltter.)


Der Strandvogt, dieser Hne, scheint mir ein wenig unter dem Pantoffel
seiner Frau zu stehen. Wenigstens berlsst er ihr das Regiment. Die
schwerfllige Kraft rumt der rhrigen, feineren Intelligenz freiwillig
das Feld. Aber sie muss ihn zu nehmen wissen und ihn sanft leiten. Bei
einem ernsten Zusammenstoss zieht sie trotz allem den krzeren, denn
seinen Kopf hat er auch und nicht nur die Fuste ihn durchzusetzen.
Eigentlich ein sehr glckliches Verhltnis.

       *       *       *       *       *

War das ein Sturm gestern Abend. Der Schwede mit seiner Schieferladung
sitzt da gut. Ordentlich eingerammt in den Sand! Muss doch mal wieder
nachsehen, was noch zusammenhlt von dem Kasten. Wie die Scke rutschten
die Kerle an dem Rettungstau durch die Brandung. Der eine hatte sich
alle Finger bis auf die Knochen durchgeschnitten. Der Schiffsjunge war
halb tot. Armer Bengel! Es war seine erste Reise von Muttern weg.

Da muss man den Strandvogt sehen. Ruhig, umsichtig, den strksten Sturm
mit der Gewalt seiner Lungen berbrllend. Es ist doch etwas herrliches
um die physische Manneskraft, wenn sie mit Mut und Unerschrockenheit
verbunden ist. Nur kein Athletenkram, keine Krafthuberei. Der strkste
Mann der Welt! Preisochse!

       *       *       *       *       *

Die See geht noch immer hoch. Aber es ist ein prchtiger, himmelblauer
Tag. Die See gleisst. Ganz kstlicher Anblick, diese gleissende See, ein
flssiges Metall. Von Hrnum Odde aus die Brandung gesehen, weit hinten
in der See, wie sie ber die Sandbank schumt.

Bcklinsche Meerweiber natrlich darin, weisse Leiber, in der Sonne
leuchtend, triefende Arme, Gelchter, wie wenn Wellen ber Muscheln
spielen. An den feuchten Haaren reissen sie sich einander zurck, balgen
sich, toll ausgelassen.

O hinein, hinein unter diese brandenden Leiber, ein tollender Triton,
urfrische Sinnesfreude.

       *       *       *       *       *

Famoses Weib. Muss doch aufspren, wo sie sich eingenistet hat. Diese
Figur, diese imponierende Zurckhaltung. Einfach abgewimmelt. Nach allen
Regeln.

       *       *       *       *       *

Ganzen Tag auf der Suche. Bin ich in Hrnum, sitzt sie natrlich in
List. Muss sie direkt in Wenningstedt abwarten.

       *       *       *       *       *

Frulein Lorenzen aus Tnning. Sie will bleiben, so lange es ihr
gefllt, will Einsamkeit. Frulein Lorenzen aus Tnning, ich suche Sie,
wir gehren zusammen.

       *       *       *       *       *

Natrlich, so muss es sein. Sie sitzt da unten, und ich bombardiere sie
nichtsahnend mit Sand. Und diese alberne Flucht aus dem Hotel, wie ein
Dieb bern Zaun.--

Ich schlafe nicht, ich wache nicht, ich trume nur, und nur von ihr. Es
ist auch zu einsam hier, man muss etwas haben, was einen beschftigt,
einen ausfllt. Der Mensch muss immer hinter etwas her sein, soll er
das Leben ertragen, hinter einem Weib, einem Ideal, einem Orden, einem
Lotteriegewinn.

       *       *       *       *       *

Wenn man so im Dnensand liegt, der Wind geht ber einen weg, und um
einen herum rieselt's, rieselt's, rieselt's so ganz sachte, alle die
tausend feinen Krnchen in Bewegung. Und man liegt und liegt und denkt
nichts, als dass man so liegt und nichts denkt, und dass der Himmel so
blau ist, und dass das die Brandung ist, was so monoton ins Ohr schlgt.
Und pltzlich fngt der Magen an zu knurren, will nicht lnger so
liegen, hat Hunger. Aber man hlt's eine Weile aus, man liegt gerade so
schn, und dann steht man endlich doch auf, weil der Hunger gar zu gross
wird--das ist eine sehr gesunde Art, den Tag hinzubringen.

       *       *       *       *       *

Da bauen sie Buhnen ins Meer, das ganze Jahr hindurch flicken sie daran
herum. Immer der Reihe nach wieder von vorn an. Der blanke Hans schlgt
die Zhne hinein, hat immer Hunger. Da schieben sie ihm so eine Buhne in
den Rachen, da, knabbere dran. Inzwischen schwemmt's an, weht's an, der
Strandhafer hlt's fest, das Land wchst, die Dnen wachsen, und der
Hans knurrt dazu. Knurr nur. Hilft dir nichts. Aber dann wird er mal
wild, brllt, springt ans Land, fuchtelt mit den Armen, und sein langer
weisser Bart weht ber den Dnenkamm.

Trutz blanker Hans!

       *       *       *       *       *

Also doch! klopft bei mir an, mein Gast. Ich wlze mich schlaflos, steh
auf, wandere umher, horche hinauf. Und oben schlft Frulein Helga
Lorenzen aus Tnning. Und draussen kichern die Sterne, ein richtiges
Kichern.

Bis neun Uhr hielt der Nebel an, der gesegnete Nebel. Da war's zu spt
fr Wenningstedt. Gott sei Dank!

Sie machte den Abendtee, kochte den Morgenkaffee, und war so ganz
unbefangen. Diese schnen Hnde. Helle Holstenaugen, klar und klug. Aber
manchmal zittert's so eigen darin, als wollte was aus der Tiefe der
Seele aufsteigen.

Also nicht Tnning, sondern aus Bremen. Nur Verwandte in Tnning. Reiche
Zigarrenfabrikantentochter aus Bremen. Heirat mit einem schneidigen
Assessor aus dem Weg gegangen. Gouvernante, Schauspielerin, jetzt
berufslos. Sie muss also Geld haben. Gage erspart. brigens ist sie
mndig und wird ber Vermgen zu verfgen haben. Gefllt mir ausnehmend,
dieser Bruch mit der Tabaksfamilie. Dem Assessor davongegangen. Auf
eigenen Fssen, Ibsenweib.

       *       *       *       *       *

Frulein Helga gesehen. Wir sehen uns jetzt tglich. Ist das ein
Mdchen! Sie hat Vermgen und will vorlufig "ohne Engagement" leben;
Freiheit, die auch ich meine. Reisen, Einsamkeit, Reisen. Nchstes Jahr
will sie nach Schottland. Wenn sie will, geh ich mit.




16.


Randers sass auf dem Schwedenwrack, und Helga lag zu seinen Fssen im
Sand. berall lagen die Scherben der gestrandeten Schieferplatten umher.

Helga hatte mit einem Stckchen Muschelkalk Randers Profil auf ein
grsseres Schieferstck mehr gekratzt als gezeichnet.

"Getroffen?"

Sie hielt's ihm hin, und er beugte sich zu ihr hinab.

Er lachte.

"Aber nein!"

Sie lachte mit und schleuderte den Schieferscherben mit krftigem Wurf
nach den Wellen. Er kam freilich nur halb hin.

"Warum zeichnen Sie garnicht mehr?" fragte er. "Sie haben mir Ihr
Skizzenbuch noch nicht wieder gezeigt."

"Ich bin dieser Dilettanterei satt. Was soll ich hier zeichnen? Das
Meer? Man schmt sich hier seiner Unzulnglichkeiten mehr als anderswo."

"Es ist so," sagte Randers und dachte an die Verse, die er gestern
gemacht hatte und die er gerne vorgelesen htte. Jetzt verging ihm der
Mut dazu.

"Wollen Sie nie wieder zum Theater zurck?" fragte er.

"Nein, es ist nicht mein Beruf."

"Sollten Sie sich nicht tuschen? Ihre Hedda Gabler gestern--"

"Die habe ich gespielt, mich ganz hineingespielt, und so las ich sie
Ihnen gestern berzeugend. Die liegt mir auch, Ibsen berhaupt. Aber
sehen Sie, es treibt mich nicht, hlt mich nicht. Ich habe mir selbst
den Beweis geben wollen, dass ich etwas knne, etwas war es auch Trotz
gegen meine Familie. Aber ich habe kein Theaterblut. Und der Kunst muss
man ganz gehren, mit allen Fasern, wenn man ihr dienen und sich nicht
dabei verlieren will."

Er schwieg einen Augenblick.

"Aber Sie sind doch eine Knstlernatur," sagte er dann.

"Weil ich eine Seele habe?"

"Sie haben doch auch Talent."

"Ja, ein paar Talente. Ich singe, schauspielere. Und weil ich eine
lebendige Seele habe, kommt auch etwas dabei heraus. Andere wrden
zufrieden damit sein und sich ein bescheidenes Huschen mit allerlei
Ruhmesflitter daraus aufbauen. Ich aber will kein Huschen, ich will ein
Haus mit einem stolzen Turm darauf. Und dazu reicht's nicht."

"Sie sind zu bescheiden."

"Ich kenne mich und richte mich ein.--Und dann hab ich's ja nicht
ntig," setzte sie leiser hinzu.

"Aber Naturen wie Sie mssen doch einen Beruf haben, eine Aufgabe!"

"Das sagen Sie?"

Es klang wie Spott.

Er errtete.

"Ach ich. Ich bin verfehlt, verpfuscht."

"Und wer trgt die Schuld?"

"Ich selbst natrlich."

Sie sagte nichts und malte mit der Hand Kreise in den Sand.

"Etwas natrlich auch die Verhltnisse," setzte er hinzu.

"Die muss man meistern."

"Das geht nicht immer."

"Man muss wissen, was man will und was man kann.

"Und wenn man was will, was man nicht kann?"

"Das ist ja ein grosses Unglck."

"Man kann nichts dafr."

"Na--"

Sie brach kurz ab.

"Sie meinen doch?" fragte er.

"Ja, mit der Zeit muss man doch zur Erkenntnis kommen. Einsehen, was man
ist, wer man ist. Und dann heisst's, seinen Pflock einschlagen, so, hier
wirkst du, hier ist dein Land."

"Wenn aber diese Erkenntnis zu spt kommt?"

"Was nennen Sie zu spt?"

"Nun, so in meinen Jahren."

"Freilich, im Greisenalter."

Sie lachte spttisch, und er stimmte herzlich ein.

"Also zur Erkenntnis sind Sie doch schon gekommen?" sagte sie etwas
boshaft.

"Dass ich nicht kann, was ich mchte? Ja."

"Was mchten Sie denn?"

Er besann sich einen Augenblick und sagte dann wie im Scherz:

"Heiraten."

Sie lachte laut auf.

"Und warum knnen Sie es nicht?"

"Weil ich keine Frau finde."

"Die Ihrer wert ist?"

"Die zu mir passt."

"Und, wie muss dies begnadete Wesen geschaffen sein?"

"Ja wenn ich das nur wsste."




17.


Randers an Gerdsen.

Lieber Freund, wie steht's mit unserm Roman? Fr heute nur diese
Anfrage. Ein neues Kapitel fngt an!!




18.


Gerd Gerdsen an Randers.

Lassen Sie endlich von sich hren? Ihr Schweigen war mir rtselhaft.

Also wieder im Netz? Ich glaube, Sie leben ein wenig unserm Roman
zuliebe und strzen sich deswegen in Unkosten. Wie soll ich rmster das
alles bewltigen! Kaum glaube ich, Sie gefasst zu haben, verwandeln Sie
sich proteusartig; oder vielmehr lassen sich verwandeln von irgend einer
Circe. Oder sind Sie konsequent in der Entwickelung? Ist es die
Knstlerin, die Ihnen nach der Aristokratin noch fehlte? Nur dann wrde
ich mir weitere Materialien erbitten.

Ich hatte mir schon vorgenommen, Sie im November zu besuchen,
"studienhalber". Sie sollten mir wenigstens die Stelle zeigen, wo Sie
Ihr Blockhaus bauen wrden, und ich wollte wenigstens die aufgebrachten
Wellen sehen, die zuletzt ihre Leiche dem erschtterten Leser vor die
Fsse werfen sollen. Eine Blockhausgefhrtin aus Fleisch und Bein zu
sehen, darauf hatte ich schon Verzicht geleistet. Und nun ist sie doch
Wirklichkeit geworden.

Lassen Sie mich jetzt aber auch mehr hren. Der Roman stockt. Ich
brauche Dampf. Lassen Sie mich im Stich, muss ich's auf meine Weise
deichseln. Und ob Sie dann zufrieden sein werden?

Kraus genug wird das Ding. Mehr Materialien zu einem Lebensbild als
Roman. Aber Warum muss es denn gerade ein Roman sein? Es wird ein buntes
Buch, und wir wollen zufrieden sein, wenn der Leser gestehen muss, dass
er schon schlechtere Bcher gelesen hat. In Zukunft bin ich brigens
vorsichtiger in der Wahl meiner Modelle. Ihr Fall wre etwas fr das
Genie eines Cervantes oder fr die Psychologie eines Dostojewsky.

Mit Herz und Hirn Ihr

G. Gerdsen.




19.


Randers an Gerdsen.

Nur ein paar Dankeszeilen fr Ihren Brief, lieber Freund, der meine
wunderliche Stimmung noch bunter macht.

Alle Erklrungen nchstens. Halten Sie mich nicht fr den
oberflchlichen Don Juan, als der ich Ihnen erscheinen muss. Es sieht
wunderlich in mir aus. Den Don Quijote will ich Ihnen zugeben! Sie
spielten mit dem Cervantes so freundschaftlich darauf an. Aber vergessen
Sie nicht, dass der edle Ritter sich selbst verzweifelt ernst nahm. Die
Tragik eines solchen Charakters!

Was ist berhaupt das Leben anders, als ein bestndiger Kampf gegen
Windmhlen.

brigens, sie kam im Nebel zu mir, verirrt. Mein Blockhaus wurde ihre
Rettung. Soll man nicht an hhere Lenkung glauben? Diese "verrckte"
Blockhausidee (wie oft werden Sie sie so gescholten haben) rettete ihr
das Leben. Kennen Sie den Nebel? Ein Irrgang im Wattennebel?

Adieu! Ich muss Helga treffen. Helga heisst sie, ich heisse Henning.
Klingt das nicht hbsch zusammen, was?

Herzlichst

Ihr Randers.




20.


Das ganze Blockhaus duftete nach Veilchen. Randers hatte zu Helgas
Geburtstag aus Hamburg Veilchen bestellt. Zwei grosse Krbe voll. Er
hatte den einen auf ihr Zimmer gestellt, den Inhalt, des anderen unten
in der Wohnstube verstreut, ber alle Mbel, und ber den Fussboden.

Helga teilte seit ein paar Tagen das Blockhaus mit ihm. Warum nicht? Der
Leute wegen? der Rantumer?

"Wir wollen gute Kameraden sein." Damit hatte sie seine Einladung
angenommen.

Als sie zum Morgenkaffee herunterkam, auch hier Veilchen sah, zu ihren
Fssen, nicht zutreten mochte und dann, als er sie erwartungsvoll ansah,
mit einem glcklichen, gerhrten Lcheln auf ihn zukam, der Veilchen
nicht achtend--da sagte Randers zum erstenmal leise:

"Wie lieb habe ich Sie."

Ein flammendes Rot berflog sie, verging aber schnell.

Sie lchelte.

"Wie gut Sie sind."

"Weil ich Sie so liebe?"

Sie legte den Finger auf den Mund.

"Seien Sie nicht tricht," sagte sie. "Wir wollen gute Kameraden sein."

Er ksste ihr die Hand.

Nachher gingen sie auf die Dnen hinauf.

Es wehte stark. Helgas Kleid klatschte im Wind. Sie atmete tief und
musste auf dem Dnenkamm einen Augenblick stehen bleiben. So wehte es.

Da gab er ihr seinen Arm.

Sie standen und sahen auf die unruhige See, die ganz stahlblau aussah.

Die Mwen pfeilten vorm Wind, kreisten furchtlos in ihrer Nhe.

"Da drben liegt Schottland," sagte Helga.

"Lassen Sie Schottland jetzt," sagte er.

Sein Herz war voll. Er sprte den Veilchenduft, der von ihrem Grtel
aufstieg, von dem Strusschen, das sie dort befestigt hatte.

Er htte sie an sich reissen mgen.

Drben liegt Schottland.

Er verstand sie wohl.

"Wir wollen gute Kameraden sein."

Am Abend las er Helga seine Blockhausphantasie vor.

"Wie denken Sie ber Jolanthe?" fragte er.

"Die rmste," sagte Helga.

"Er kann sie doch nicht heiraten," meinte Randers.

"Nein. Er ist ein Phantast. Er bleibt auch besser davon," sagte sie
leichthin.




21.


Es war der Jahrestag von Helgas erstem Auftreten als Hedda Gabler.
Randers stiess mit ihr an.

"In Schnheit sterben," sagte er.

"In Schnheit leben," antwortete sie.

"Aber dann in Schnheit sterben," beharrte er.

"Wie's kommt."

"Das sagen Sie, Hedda Gabler?"

"Ich bin keine Hedda Gabler."

"Aber mchten Sie denn nicht--"

"In Schnheit sterben?"

Sie lachte.

"Wissen Sie, was Hedda dem Eilert so hoch anrechnet, dass er den Mut
gehabt hat, sein Leben nach seinem eigenen Sinn zu leben und dann die
Kraft, den Willen hatte, vom Gastmahl des Lebens aufzubrechen--es kommt
doch immer auf das Leben an, das geendet wird. Ein verpfuschtes Leben
mit der Pistole abzuschliessen, was ist da Schnes dabei? Kraft und
Willen zu neuem Leben haben, das wre schn. Das andere ist am Ende nur
ein billiger Ausweg aus der Klemme, eine Tat der Ohnmacht, der
Verzweiflung."

"Unter Umstnden--"

"Ach lassen wir das. Warum vom Sterben reden. Ich halt's mit dem Willen
zum Leben und mit der Kraft, aus sich herauszukommen, nicht einfach
sich wegzublasen."

"Aber wenn die Kraft nicht mehr da ist."

"Dann mag der Abgewirtschaftete sich aus dem Weg rumen. Ich billige das
sogar. Aber wir wollen da nicht von Schnheit reden. Er erleichtert
sich, und Sie wollen sich hinstellen und ihn bewundern, den Mut
bewundern, der sich eines unbequem gewordenen Rockes entledigt."

"Ich glaube, Sie sind denn doch nicht ganz gerecht."

Sie zuckte die Achseln.

"Ich denke nun einmal so. Aber lassen wir das. Nichts vom Sterben."

Es war ein kstlicher, sonniger Tag, und sie liessen das Thema vom
Sterben ruhen. Sie gingen in die Dnen und waren still und froh
miteinander.

Und wenn Randers sie ansah, dachte er immer: "In Schnheit leben!" Ja,
mit ihr, an ihrer Seite. Und er sagte es ihr, und sie lchelte. Sie
liebte jede Art Tapferkeit, und er sagte es so tapfer, so ganz
berzeugt, dass es ihm mglich sei. Und er lachte so laut und frhlich
und warf die Arme und trug den Kopf hoch und schob die Mtze in den
Nacken, dass die ganze, hohe, gebrunte Stirn frei wurde.

Im Sand lagen sie und sprachen wieder von Hedda Gabler, und dann kamen
sie auf Nora.

"Sie wollten mir noch tanzen," bat Randers.

"Wollt ich?"

"Sie versprachen's. Ich bin so begierig, Sie tanzen zu sehen. Wie werden
Sie als Nora tanzen, diesen Tanz mit der Verzweiflung im Herzen. Und
hier ist die Heide so glatt und hart. Die reinste Tenne. Und der Wind
wird Ihren Schal fangen, und die Mwen werden Ihren Pas folgen, der Tanz
ber dem Tanz. Und ich werde klatschen und dankbar sein."

So bat er, beredt und von ihrer Schnheit in einen Rausch versetzt, der
ihn zum Dichter machte.

Und Helga erhob sich zum Tanz.

"Nun spiel mir auf. Nun will ich tanzen," rief sie mit Nora.

Aber das war keine Nora, die da tanzte, kein gequltes Weib, das
Betubung suchte. Es war ein wirbelndes, leidenschaftliches Kreisen und
Gleiten und Auf- und Niederschnellen.

Sie ist zu gross fr Nora, dachte Randers.

"Mir fehlt ein Tambourin," rief Helga.

"Es geht doch nicht auf dem Heideboden," entschuldigte Randers.

"O doch, es liegt an mir. Ich bin nicht Nora heute. Aber was ich Ihnen
tanzen mchte. Haben Sie die Sorma als Salome gesehen? Das mchte ich
Ihnen tanzen knnen."

Und sie versuchte es, machte ein paar Schritte ber die Heide, kam in
Feuer, ward geschmeidig, verjngte sich vor seinen Augen, tanzte um den
Kopf des Tufers. Und ein Wolkenschatten hllte sie ein. Und der Wind
wehte frischer und rang mit ihr und lste eine ihrer schweren blonden
Flechten.

Und Randers starrte sie, halb aufgerichtet, an.

Und die Wolke zog vorber, und die Sonne liess Helgas Schatten ber die
Heide tanzen. Und eine Mwe wiegte sich, leuchtend, ber Salome,
umkreiste sie und schoss pltzlich wie ein zuckender Blitz davon.

"Bravo! Bravo!" rief Randers, klatschte in die Hnde, sprang auf und auf
die ihm entgegen Taumelnde zu.

Helga glhte, lchelte, und wehrte ab. Sie sank ins weiche Dnenbett und
fchelte sich Khlung zu.

"Es ist nichts, ich kann's nicht," stiess sie hervor. "Aber ich mcht's
knnen. Mit Genie tanzen."

"Sie knnen's," rief er warm.

"Nein, nein. Es ist nichts."

"Vielleicht, wenn ich um einen Kopf tanzte," setzte sie lchelnd hinzu.

"Meiner steht Ihnen zur Verfgung," sagte Randers.

"Sie sind kein Johannis."

Er lachte, aber er suchte einen Hintergedanken darin, fhlte sich
verwundet.

"Was wollten Sie mit Johannis?" meinte er.

"Was wollte Salome mit ihm?"

"Sie liebte ihn."

"Nun also. Aber ich msste diese Liebe empfinden, nicht nur
schauspielern. Die Liebe ist das einzige, was bei uns Frauen das Genie
ersetzt."

"Und waren Sie nie--"

"Genial?" fiel sie ihm ins Wort. "Nein, lieber Freund."

Er sah sie forschend an.

Sprach sie die Wahrheit?

"Und wie msste der Mann sein, um dessen Kopf Sie--"

"Mnnlich!"

"Ja, wie?"

"Stark, klug, klar und tapfer. Mit Willen zum Leben. Fest auf den Fssen
und Herr ber sich."

Randers wurde rot, glhte vor Scham.

"Der ideale Mann," sagte er.

Sie sah sein Errten, und ein warmes Gefhl fr ihn stieg in ihr auf.

"Ideal?" sagte sie. "Solche Mnner gibt es genug. In allen Stnden, Gott
sei Dank!"

"Aber Sie wollen doch auch etwas hheres, geistigeres. Der brave Mann an
sich--"

"Der brave Mann an sich!" fiel sie ihm lachend ins Wort. "Kstlich!
Nein, Liebster, der brave Mann allein tut's natrlich nicht. Sonst
knnte man sich unter zehn braven Mnnern nicht gerade in den einen
verlieben."

"Da ist's also doch noch etwas anderes."

"Nun ja, freilich. Und vielleicht ist's gerade der Dmmste von den zehn.

"Nun werden Sie flach."

"Liebe ist blind."

"Auch eine Flachheit."

"Liebe hat tausend Augen, wenn Sie's so lieber wollen."

"Sie sagten ja vorhin selbst, Liebe wre Genie."

"Nun ja, schlafwandelnd auf Spinnenfden, wach im Traum und immer
nrrisch."




22.


Randers an Gerdsen.

Lieber Freund!

Nun ist wieder alles aus. Alle Gespenster wachen wieder auf.

Mir ist es, wie die Witterung eines Verhngnisses. Und hier, wo ich
gesunden wollte!

Ja, ich liebe sie, das ist ohne Zweifel! Aber gerade darum. Keine Ehe!
Kein Mord dieser Liebe.

Sie _mssen_ sie kennen lernen.

Dieses wunderbare Weib, ganz Weib! Und doch von einer Grsse,
einer Strenge. Rhr mich nicht an! Geist und Verstand. Gte.
Schnheitsbedrfnis. Einsame Natur, also Stolz und Menschenverachtung.

Sie hat wunderbar schne Hnde, gross und voll, aber weich, und hat
einen so warmen festen Druck. Hnde zum Festhalten: Du bist mein!

Ihre Altstimme. Sie spricht ruhig, still hin, berlegt, aber es zittert
immer so ein tiefer Seelenton mit. Sie spricht, wie sie blickt; diese
klaren, klugen Augen, in denen aber auch etwas Verhaltenes, Tiefes
zittert.

Sie teilt sans gne mein Blockhaus, als guter Kamerad. Alle meine Trume
haben sich erfllt.

O, diese Stunden am Strand, in den Dnen. Und zu Hause, wenn wir lesen.
Sie liest, na, eben als Knstlerin, geborene Ibsendolmetscherin. Hedda
Gabler, Rebekka West, Nora. Sie wrde keine unwahre Ehe ertragen.
Einfach davongehen, wie sie dem Assessor davonging, den man ihr
aufzwingen wollte.

Und eine Ehe mit diesem Weibe! Raten Sie mir!

Ich habe ein Klavier aus Hamburg bestellt. Sie mssen sie Grieg singen
hren. Jeder Ton Leidenschaft.

Ihr Randers.




23.

(Tagebuchbltter.)


Strandbegehren.

  In stiller, milder Dneneinsamkeit
  Bin spt am Abend ich dahingegangen,
  Vom Duft berauscht aus deinem Haar und Kleid,
  Und sss im Herzen brannte das Verlangen.
  Und wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit,
  So rief ich dich, nur dich, ohn Tand und Spangen.
  Da fand ich dich. Da ward in Ewigkeit
  Ich dir, in Ewigkeit du mir gefangen.

       *       *       *       *       *

  Es flammt mein Blut zu dir die Sehnsuchtsklage,
  Und Antwort gibt dein Mund mit heissen Kssen.

       *       *       *       *       *

So hat Desdemona zu den Fssen des Mohren gesessen und seinen Abenteuern
gelauscht. Meine Seehundsjagdgeschichten, meine Wikingerfahrten zwischen
Sylt und Amrum und meine Wattenwaghalsigkeiten. Kann ihr das wirklich
imponieren? Ihr, die aussieht, als wrde sie das Khnste mit mir teilen?

Desdemona ist in jedem Weibe. Das Heldische imponiert ihnen, sie suchen
es und nehmen schliesslich ihre Phantasie zu Hilfe, Und so wird man zum
Mohren von Venedig.

       *       *       *       *       *

Moiken ist doch eine ganz schlampige Person. Und ich hatte Ksse fr
sie. Und nun nach Moiken Helga? Diese stolzen, strengen Lippen. Ob sie
es versteht, diese Keuschheit der wahren, tiefsten Liebe, die die
Geliebte wie etwas Heiliges scheut, zurckgeschreckt vor jeder unreinen
Berhrung, jedem Gedanken daran. Und wenn sie sich einmal vergisst, sich
qult, in Reue qult und etwas in sich zerstrt fhlt--ob sie es
versteht? Ob einem Weibe mit solcher Liebe gedient ist?

       *       *       *       *       *

Ob sie mich liebt? Wer wird aus den Weibern klug. Sie sind uns darin
berlegen. Sie interessiert sich fr mich. Vielleicht, wenn ich auch
noch schwarz wre wie Desdemonas Mohr--

       *       *       *       *       *

Weder Hansen, noch seine Frau, noch Moiken haben irgend eine Bemerkung
ber unser Zusammenleben gemacht. Denken mgen sie ihr Teil und unter
sich reden. Aber sie haben Respekt vor ihr und lassen sich nichts
merken. Nur er "griente" einmal so kurz auf, als Mutter Hansen meinte:
"ist sie denn garnicht ngstlich, so allein in dem alten Haus? Es ist
doch so ganz einsam und weit weg."

Ob er Hintergedanken hatte?

Mannsleute haben immer Hintergedanken.

       *       *       *       *       *

Ach, lge dir nichts vor. Mit allen Sinnen begehrst du sie. Gerade weil
sie so gar nicht hingebend ist, so abweisend, so ganz erobert, erkmpft
sein will.

Ich werde nicht klug aus ihr. Diese Klarheit, ja Nchternheit des
Verstandes. Ohne Phantasterei, ohne Sentimentalitt. Und doch dies
Knstlerblut in ihr. Wenn sie spricht, sollte man manchmal glauben, sie
wrde sich in einem Kreis moralfester Predigerstchter wohl fhlen
knnen. Und dann tanzt sie Salome. Es war nicht Salome, wie es nicht
Nora war, es war Helga, es war das Wunderbare in ihr, was sie von irgend
woher hat, das zurckgedmmt, gefangen gehalten wird von der
Tabaksfabrikantennchternheit vterlicherseits in ihr.




24.


Das Klavier aus Hamburg war gekommen. Den ganzen Tag hatten sie
musiziert. Abends musste Helga noch einmal singen, Griegs "Ich liebe
dich!" Er konnte dieses Lied immer und immer wieder hren.

Ihm klang noch diese leidenschaftliche Melodie im Ohr, als sie Seite an
Seite durch die Abenddnen gingen, um noch einen letzten Blick auf die
See zu werfen.

Und hier bat er sie, es noch einmal zu singen.

"Bitte! Hier in den Dnen, von den Dnen herab. Da oben, aufs Meer
hinaus. Sehen Sie, wie die Sterne funkeln. Die See hat sich vom Mond
einen silbernen Grtel geliehen."

"Es ist schn."

Sie stiegen langsam auf den hchsten Kamm.

"Hier," bat er.

Helga lchelte.

Sie stand im vollen Mondlicht und sang. Er hatte sich zu ihren Fssen
geworfen und sah aufs Meer hinaus.

Wie das klang. Wie sie sang. Diese Sehnsucht, dieses heisse, heisse
Herzblut:

Ich liebe dich!

Er hatte ihre Kniee umschlungen, richtete sich auf.

Sie stand zitternd, wollte wehren.

Aber er umschlang sie, riss sie an sich, ksste sie. Seine ganze
Leidenschaft wachte auf. Und sie, berrascht, berwltigt, unter der
Glut seiner Ksse, ward schwach, widerstandslos. War doch auch ihre
Seele bewegt, unter dem Einfluss des Liedes, noch im Wellengang der
Griegschen Rhythmen. Zwei fremde Kreise trafen sich, zitterten
aneinander, einten sich.

Und sie kssten sich, umschlangen sich in einem seltsamen Rausch, der
wie eine grosse, meerestiefe Musik ihr Blut und ihre Seele in Wallung
brachte.

Angesichts der keuschen, silbernen Mondnacht erglhten sie aneinander
und kssten sich.

Die Wellen rauschten leise an den Strand, breiteten die weissen Arme aus
und betteten sich zum Schlaf, zum Sterben; kamen, kssten den Strand und
starben, kssten und starben.




25.


Randers strmte nach einer schlaflosen Nacht in den kalten Morgen
hinaus.

Er hatte hinaufgehorcht, ob sie schon wach sei, wach wie er. Konnte sie
schlafen nach diesem Abend?

Aber es war oben alles still gewesen.

Se schlief, schlief noch.

Schlief doch.

Aber ihn trieb es hinaus.

Diese Unruhe. Sie wiederzusehen nach diesem ersten Liebesrausch, sie,
die jetzt sein war, die er nicht lassen wrde, nicht wieder von sich
lassen. Endlich das Glck, das grosse Glck!

Er dachte nicht an die Zukunft, hatte kein Bedenken und keine Gedanken.
Nur das eine selige Gefhl, sie ist dein, sie liebt dich, dein Glck,
deine Rettung, dein Hafen, dein Grund, auf dem du bauen musst.

In Schnheit leben!

Ja, mit ihr in Schnheit!

Und herrliche Traumbilder gaukelten vor ihm, ein Wandelpanorama
erhabener Natur, starre, schweigende Bergde, Palmenwlder, rauschende
Meere, ach, die ganze herrliche Welt. Und sie beide unter allen Menschen
allein, Seite an Seite, Hand in Hand, Herz mit Herz und Seele mit Seele.
Geniessend, verstehend. Es war alles wie ein Schaum in ihm. Bunte,
schillernde Blasen. Aufleuchtend, zerplatzend. Darber, alles
umspannend, der glnzende Regenbogen eines unbestimmten weichen Gefhls,
trnenfeucht, wie die Luft nach dem Regen weich und feucht ist. Das war
alles das Glck, das endliche grosse Glck.

Randers war mitten in den Watten. Er war nur so geradeausgestrmt. Diese
kstliche Salzluft. Diese erwachende Lust, aus all den kleinen feuchten
Rillen mit glnzenden Augen aufschauend. Diese kleinen zitternden
Wellen in den flachen Rillen, wie erschauernd in der Morgenkhle, aber
doch glnzend in Erwartung des Tages.

Wie wohl das alles tat, diese herbe, frische, schauernde
Morgenschnheit. Es kam eine Kraft ber ihn, eine Frhlichkeit und ein
Stolz.

Und er lief dem Meer entgegen, das dort hinten seine Wellen ber die
Sandbank schumte, lief mit ausgebreiteten Armen, den frischen Hauch des
Meeres in seinen offenen Kleidern auffangend.

Es zwang ihn etwas, dem er nicht widerstehen konnte. Er musste dahin, wo
die Wellen jauchzten, sein Glck ans Meer tragen, es hinausrufen, dem
dicken Tritonen zu, der da auf dem Muschelhorn den Tag eintutet, und den
hundert Meermdchen, die sich da lachend ihre nchtlichen Meertrume
erzhlten und mit den weissen Armen nach den Mwen griffen, die mit
ihren raschen Schwingen durch ihren Morgentanz huschten.

Und nun flogen sie auf, eine ganze Schar, dieser stillen, grauen
weichflugigen Seevgel, kamen ihm entgegen, liessen sich vor ihm nieder,
flogen auf vor seinem eiligen Fuss und sanken hinter ihm wieder
geruschlos auf den Sand.

Und nun kam auch das Meer ihm entgegen, legte seine Wellen ihm vor die
Fsse, rauschte, rollte. Und war alles Schaum, weisser glnzender Schaum
lngs des ganzen Wattenrandes.

Und die Sonne kam.

Und es wurden tausend Farben, jedes einzelne Blschen schillernd und
sprhend und dann zerplatzend. Und Randers riss sich die Mtze vom Kopf
und bot die Stirn dem Wind, der sich erhob.

Und dann fing er an zu singen, jenes alte dnische Heldenlied, das er
damals auf den nchtlichen Feldern von Rixdorf gesungen hatte. Und
singend wich er vor den Wellen zurck, sang und freute sich der
heranrollenden Flut und sang und wich vor ihr zurck. Bis es ihn
pltzlich berfiel--die Flut, und er sich wandte, und er die Mwen sah,
die unruhig wurden und ins Watt zurckzogen. Und er erschrak.

Und im ersten Schrecken fing er sofort an zu laufen. Und da war auch
schon ein Priel im Wege, das sich mit Wasser gefllt hatte, ganz rot
glhte es in der Sonne, und die Wellchen zitterten wie in grosser
Erregung. Er wandte sich seitwrts. Er musste auf dem nchsten Weg den
Strand erreichen. Aber er kannte das Terrain nicht genau. Und an der
heranrollenden Flut lngs laufen? Nein, er musste vor ihr her. Es half
nichts.

Er zog Schuh und Strmpfe aus, zog die Beinkleider ber die Knie hinauf
und watete durchs Priel; das Wasser ging ihm bis ber die Knchel. Es
war eiskalt. Randers lief nicht, um nicht ausser Atem zu kommen.
Vielleicht musste er nachher noch laufen.

Es war jetzt ganz ruhig, ganz klar. Er kannte die Gefahr und wusste,
dass nur grsste Kaltbltigkeit und Umsicht ihn retten wrde. Und es war
ja Tag. Kein Nebel zeigte sich. Man wrde vom Strand aus ihn sehen. Und
zuletzt, er war ein guter Schwimmer.

Um ihn gluckste, quirlte und rieselte es, alle kleinen Rillen fllten
sich mit Wasser, das wie aus dem Boden gedrungen auf einmal da war.

Hinter ihm war ein dumpfes murrendes Getn. Das Meer kam, um wieder
Besitz von seinem Eigentum zu nehmen: ihm gehrte das Watt. Es drang in
die Priele, griff mit blanken, gierigen Armen nach den Sandbnken,
umklammerte sie, und legte sich auf sie mit seinem mchtigen,
schillernden Leib.

Randers lief an einem breiten Priel lngs und konnte keine Furt finden.
Er lief zurck, nach der andern Seite. Ein tiefer breiter Strom wlzte
sich vor ihm. Er sah sich um, sah die weisse Brandung, sah dem blanken
Hans in die gierigen Zhne.

Er warf den Rock ab, entkleidete sich und durchwatete das Priel. Bis
ber die Hften ging ihm das Wasser, und der Strom warf ihn beinah.

Drben lief er weiter, nackt, um erst einen gehrigen Vorsprung zu
gewinnen. Er schtzte die Entfernung bis zum Ufer.

Eine Viertelstunde noch.

"Du holst es," sagte er laut, atmete schnell und ruhte einen Augenblick
aus. Der Strand lag nah und deutlich vor ihm, in heller Sonne.

Alles sah so frhlich und friedlich aus. Die blanken Watten, das
rieselnde blitzende Wasser, die funkelnden kleinen Rillen.

Aber er lief hier ums Leben, floh durch all die Sonne vor der schwarzen
Nacht, die nicht endet.

Und doch, diese Sonne milderte die Schrecken, nahm dem Watt das
Unheimliche.

Aber das Wasser konnte sie nicht aufhalten. Das strmte von allen Seiten
zusammen, berholte den Laufenden, schloss ihn auf einer Sandbank ein,
warf sich zwischen ihn und den Strand und blitzte ihm in dem hellen
Glanz des wachsenden Tages triumphierend entgegen.

Randers blieb ruhig. Das Terrain lngs der Kste kannte er. Es war da
noch einmal tief. Das Wasser wrde ihm vielleicht bis an den Hals gehen,
er wrde schwimmen mssen.

Schwimmen bei der Flut?

Einerlei, sich ihr anvertrauen. Es wird ihn ein bisschen herumwirbeln
und werfen. Aber seine Arme waren gebt, und irgendwo wrde er festen
Fuss fassen.

Aber er getraute sich's nachher doch nicht, lief an dem reissenden,
rollenden Strom hin, suchte eine seichtere Stelle. Und zuletzt musste
er's wagen.

Alles ab! Ganz nackt, die Zhne zusammen, jede Muskel krampfhaft
gespannt, warf er sich in die Wellen, tauchte auf, wurde fortgerissen,
strandlngs, und wieder zurck, wieder abseits, sah die Entfernung
zwischen sich und dem Strand wachsen.

Er warf sich auf den Rcken, schpfte Atem, warf sich wieder herum und
begann den Kampf aufs neue.

Und es gelang ihm. Er fhlte festen Boden unter den Fssen, taumelte
mechanisch weiter, fhlte sich ohnmchtig werden und fiel kraftlos
vornber.

Eine blaugrne, schaumgekrnte, wogende See rollte ber dem Watt. Die
Mwen kreisten darber und leuchteten in der Sonne, schossen herab,
neigten ihre grossen Schwingen und stiegen mit einem leisen, pfeifenden
Laut wieder auf.

Moiken fand Randers im Schlick. Er lag auf der Seite, der Kopf hing
schlaff herab, und mit den Fssen spielte noch die Flut und warf sie hin
und her.

Moiken zog ihn vollends aufs Trockene. Er atmete noch. Schreiend lief
sie nach Hlfe.




26.


Randers war noch sehr elend nach den Fiebernchten, mit denen er Helga
erschreckt hatte. Es war ein kraftloser Druck, mit dem er ihre Hand
umschloss. Sie liess ihm diese kalte Hand; sie war so kalt, dass es ihn
bis ans Herz fror.

"Sie drfen nicht gehen," sagte er.

"Ich muss. Sie wissen es. Ihr Herz ist nicht frei, ist an die
Vergangenheit gebunden. Ich will nicht, dass Sie einst bereuen."

"Fiebertrume," rief er.

"Qulen Sie mich nicht so," sagte sie leise.

Da liess er ihre Hand los.

"Ich habe Sie so sehr, sehr lieb, Helga," sagte er vom Fenster her.

Eine heisse Welle berflutete fr einen Augenblick ihr Gesicht.

"Sie hatten auch Fides sehr lieb. Und Sie werden noch manche sehr lieb
haben."

"Nie."

"Kennen Sie sich so schlecht?"

"Helga, nun qulen Sie mich."

"Es ist so oft das Los der Liebe, dass sie qulen muss, wo sie beglcken
mchte."

"Helga."

Er lag zu ihren Fssen.

"Henning. Nicht. Stehen Sie auf."

Er umklammerte ihre beiden Hnde und ksste sie.

"So lieb hab ich dich, so lieb," stammelte er.

Sie lste sich von ihm, strich mit der Linken sanft, wie trstend ber
seinen Scheitel.

Dann beugte sie sich zu ihm und ksste seine Stirne.

"Und nun stehen Sie auf, Henning, seien Sie Mann."

"Es ist Ihr letztes?"

"Nach Ihrer gestrigen Beichte, ja. Es kann nicht sein. Ich habe diese
ganze Nacht damit gerungen. Es ist besser so. Wir drfen nicht einem
Rausch folgen. Waren Sie stark genug, Fides aufzugeben, lassen Sie uns
jetzt auch stark sein."

Er erhob sich, schwankte zu seinem Fenstersitz zurck und begrub das
Gesicht in die Hnde.

Leise ging Helga hinaus.




27.


Gerd Gerdsen an Randers.

Lieber Freund!

Ein Gestndnis aus melancholischem Herzen. Whrend ich an Ihrem Roman
arbeite und mich mit Ihren Amouren abqule, stecke ich selbst darin,
bin selbst verliebt. Verliebt--armseliges Wort. Eine wunderliche,
versptete Leidenschaft, so tief und keusch, wie ich vordem nie
empfunden habe. Ein Kind, eine Schlerin, mir in ein paar Jahren
heimlich ans Herz gewachsen, ins Herz gewachsen, Saiten in meiner Seele
zum Klingen bringend, die bisher ruhten.

Diese Verse geben Ihnen meine Stimmung. Bewahren Sie dies Gestndnis in
treuem Herzen.


Mrchen.

  In deiner lieben Nhe
  Bin ich so glcklich. Ich mein,
  Ich msste wieder der wilde
  Selige Knabe sein.

  Das macht deiner sssen Jugend
  Sonniger Frhlingshauch,
  Ich hab dich so lieb, und draussen
  Blhen die Rosen ja auch.

  O Traum der goldenen Tage.
  Herz, es war einmal.--
  Abendwolken wandern
  ber mein Jugendtal.

       *       *       *       *       *

Fromm.

  Der Mond scheint auf mein Lager,
  Ich schlafe nicht,
  Meine gefalteten Hnde ruhen
  In seinem Licht.
  Meine Seele ist still. Sie kehrte
  Von Gott zurck.
  Und mein Herz hat nur einen Gedanken:
  Dich und dein Glck.

       *       *       *       *       *

Ja, mein tgliches Gebet geht dahin: alle Rosen des Glcks auf den
blonden Scheitel dieses lieben siebzehnjhrigen Kindes! Und das
Kstlichste:

       *       *       *       *       *

  Ein treues Herz,
  Das ihr nur schlgt,
  Und dem auch sie,
  Herz an Herz,
  Entgegenglht,
  In Liebe entgegen:
  Mein!
  Mein Glck!

Sie wissen, wie ich Frau und Kinder lieb habe. Sie verstehen aber auch,
wie man trotzdem--es ist Schicksal, man kann nichts dagegen machen.
Dulden und berwinden.

Ihnen aber, der Sie frei sind, wnsche ich von Herzen, dass Sie einmal
die Ruhe in der Liebe finden, das ber alle Leidenschaft herausgehobene
Glck: Du bist mein und ich bin dein! Vielleicht sind Sie ja schon auf
dem Weg, und das letzte Kapitel unseres Romans wird ein frhlicher
Festgesang.

Inzwischen erhebe uns Gobinaus Wort, nach dem die Grsse der Seele darin
besteht, dass sie nicht zerbricht.

Und so tapfer durch den Tag bis ans Ende. Jede Schuld vergrssere und
strke unsere Sehnsucht nach Licht und Gte. Jede Niederlage werde uns
eine Stufe zum Sieg.

Ihr Gerd Gerdsen.




28.


"berwinden."

Randers lchelte mde.

Wenn man seine Kunst hat, wie Gerdsen, Frau und Kinder hat.

Und doch, du hast recht, alter Freund. berwinden.

Er schrieb einen Brief an Gerdsen und zerriss ihn wieder.

Auf der Fensterbank lag der Revolver. Er nahm ihn, fast mechanisch. Er
presste den kalten Stahl ein paarmal gegen die Stirne. Das tat ihm wohl.

Dann ging er hinauf, die Waffe in der Hand, und stand unschlssig vor
Helgas Zimmer, die Hand auf dem Trgriff.

"Leer," sagte er leise, "alles leer.--Nein, ich will nicht--das
nicht.--"

Er ging wieder hinunter, lief ins Watt hinaus, kehrte um und ging in die
Dnen.

Es war kalt und feucht. Der Nebel stieg aus der See und kroch an den
Strand, stieg aus den feuchten Dnentlern, wallte wie ein leichter
Rauch ber die dunkle Heide, verschleierte die kleinen Lachen und
Tmpel.

Randers achtete nicht darauf. Ihn frstelte, ein Fieberschauer
schttelte ihn. Aber er ging weiter.

Wohin?

Der Nebel wuchs. Von oben fiel ein bleiches Licht in diesen weisslichen,
wehenden Dunst, in dem Randers ziellos umherirrte. Sein Schatten
begleitete ihn, ein Gespenst, wuchs pltzlich wie aus der Erde neben ihm
auf, dehnte sich auf einer Nebelwand zu grotesker Grosse hinauf, fuhr
pltzlich zusammen, als erschrecke er vor etwas und wollte sich in sich
selbst verkriechen.

"Schatten! Gespenster!"

Randers sagte es ganz laut.

"Das bist du. Dein eigentliches Ich, das dich hhnt. Ein Nichts. Ein
Spuk. Ein Nebel."

Was war das?

Gesang?

Deutlich hrte er es. Tiefe, orgelartige Tne.

Die Brandung. Der Wind.

Es wuchs.

Das waren nicht Wind und Wellen.

Er steckte sich die Finger in beide Ohren.

Es sang, sauste und brauste.

"Du bist krank."

Er sagte es laut, ruhig.

Das Wort befreite ihn.

Krank!

Er lachte, lachte laut und hart auf.

"Krank! Warst du je gesund?"

Und dann fiel er, schlug lang hin, war ber irgend etwas gestolpert.

Wie nass die Heide war. Es quatschte und quirlte ordentlich, als er
aufschlug. Er legte die nasse Hand auf die Stirn. Wie khl. Wie kstlich
khl.

Helgas Hand.

Ihr Kuss.

Wie kalt ihre Hand war; eiskalt.

"Was qulen Sie mich so."

Das hatte auch Fides gesagt. Seltsam. Nein, nicht seltsam. Er war eine
Qual fr andere.

Ach, er war ein elender Mensch, ein armer, elender Mensch. Qulend und
geqult.

Er erhob sich, taumelte weiter und wre beinahe wieder hingestolpert.

Der Nebel war so dicht, ganz dicht, ganz verfilzt.

Randers stand still. Er wusste nicht mehr wohin. Er getraute sich nicht
weiter zu gehen. Es waren hier sumpfige Stellen, tiefere Tmpel, in
denen er schon ersticken konnte, wenn er so hineinschlug, mit dem
Gesicht, wie vorhin ins Kraut. So mit dem Gesicht in das schmutzige,
schlammige Wasser.

Dann wrde er ersticken.

Elendig zu Grunde gehen.

Er erinnerte sich mit einmal eines Tmpels hier in den Dnen, worauf er
eine kranke Wildente schwimmen gefunden hatte. Er scheuchte sie damals
mit dem Stock, aber sie hielt sich ngstlich in der Mitte des Tmpels,
er konnte sie nicht erreichen.

Zu Hause der Ententeich, im Heimatsdorf. Der grosse graue Erpel, den er
als Kind immer so geneckt hatte. Er hatte immer gerne die Tiere geneckt.
Vor allem die Hunde.

Inge Jnksen, wie kam er pltzlich auf Inge Jnksen?

Er sah sie die Wsche aufhngen, in dem kleinen Garten hinter dem Haus.
Und die Pappel. Die hohe Pappel, von der aus er so lustige Rundschau
hielt.

Und jetzt ward alles lebendig, jagte alles in rasendem Tanz an ihm
vorber. Eine wilde Jagd von Bildern und Erinnerungen.

Sein ganzes, verpfuschtes Leben.

Fides, seine Flucht aus Rixdorf.

Warum qulen Sie mich so.--

Sie, sie htte ihn gerettet.

Verworfen, gerichtet. Wie du mir, so ich dir.

Stark sein, Mann sein, in Schnheit leben.

Zu leicht befunden. Nicht einmal in Schnheit sterben. Nein, erbrmlich,
jmmerlich davonlaufen.

Fides!

Er sah sie vor sich, deutlich, wie sie schluchzend ber dem kleinen
Tisch des Pavillons lag.

Und er fiel nieder, kniete in das nasse Heidekraut, lag zu ihren Fssen,
umklammerte ihre Kniee, fasste ihre Hnde, ihre beiden Hnde.

Wie kalt sie waren.

Eiskalt.

       *       *       *       *       *

Randers lag mit dem Gesicht in dem nassen Dnenkraut. Aus der rechten
Schlfe sickerte Blut.

Der Nebel, von dem Schuss in Bewegung gesetzt, legte sich wieder ber
ihn. Ein gespenstisches Leben war in diesen Dunstmassen.

Weisse Arme streckten sich langsam aus, tasteten an den Dnen hinauf
und zogen sich langsam wieder zurck. Lange, feuchte Haare flatterten.
Todblasse Gesichter ffneten grosse traurige Augen, erzitterten,
verzerrten sich zu Fratzen und zerrannen in Nichts.

Aber ber dem Nebel war der Himmel klar, und Stern stand an Stern.

Ende.



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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
compressed (zipped), HTML and others.

Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
the old filename and etext number.  The replaced older file is renamed.
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Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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