Project Gutenberg's Aus meinem Leben - Zweiter Teil, by August Bebel

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Title: Aus meinem Leben - Zweiter Teil

Author: August Bebel

Release Date: October 10, 2004 [EBook #13690]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Aus meinem Leben


Von August Bebel


Zweiter Teil




Stuttgart 1911

Verlag von J.H.W. Dietz Nachf. G.m.b.H.




Inhaltsverzeichnis.


Geleitwort
Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen Arbeiterbewegung
  Jean Baptist v. Schweitzer
  "Der Sozialdemokrat"
  Schweitzer und die Konservativen
  Schweitzer im norddeutschen Reichstag
  Schweitzers Diktatur
  Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld
  Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
  Der Eisenacher Kongre
  Die Grndung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflsung
  des Verbandes der deutschen Arbeitervereine
  Nach Eisenach
  Schweitzers Ende
Beginn meiner parlamentarischen Ttigkeit
  Im konstituierenden norddeutschen Reichstag
  Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament
  Taktische Unstimmigkeiten
Der Deutsch-Franzsische Krieg
  Das Vorspiel zur Kriegserklrung
  Meinungsdifferenzen
  Erklrungen und Proklamationen
  Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses
  Annexionen und Kaiserkrone
  Unsere Verhaftung
Meine weitere parlamentarische Ttigkeit, der Leipziger Hochverratsproze
und anderes
  Die erste Session des deutschen Reichstags
  Der erste deutsche Webertag
  Weiteres aus Sachsen
  Der Dresdener Parteikongre
Die zweite Session des deutschen Reichstags
  Der Leipziger Hochverratsproze
  Die dritte Session des ersten deutschen Reichstags
  Mein Majesttsbeleidigungsproze
Unsere Festungshaft und was zwischendurch passierte
  Hubertusburg
  Knigstein
  Zwickau
Von 1871 bis zum Vereinigungskongre zu Gotha
  Die Regierungen und die Sozialdemokratie
  Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen
  Der Parteikongre zu Eisenach 1873
  Die erste Session des neuen Reichstags 1874
  Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung. Einigungsverhandlungen
Vom Vereinigungskongre zu Gotha bis zum Vorabend des Sozialistengesetzes
  Das Einigungswerk
  Nachwehen
  Reichstagsarbeit
  Meine Stellung zur Kommune
  Neue Verfolgungen
  Der Parteikongre zu Gotha 1876
  Der Wahlkampf 1876 bis 1877
  Der Reichstag 1877
  Der Kongre zu Gotha 1877
  Landtagswahl in Sachsen. "Die Zukunft"
  Wieder reif frs Gefngnis
  Innere Vorgnge
  Der Reichstag Frhjahr 1878
  Im Leipziger Gefngnis und was whrenddem geschah
  Das Hdel-Attentat und seine Folgen
  Das erste Ausnahmegesetz
  Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung
  Die Reichstagswahl von 1878




Geleitwort.


Frher, als ich selbst gehofft, ist es mir ermglicht worden, den
vorliegenden zweiten Band "Aus meinem Leben" fertigzustellen. Mein
Gesundheitszustand hat sich in den letzten anderthalb Jahren erheblich
gebessert und damit ist meine Leistungsfhigkeit gehoben worden. Leider
fiel in diese Zeit die lange, schwere Erkrankung meiner teuren,
unvergelichen Frau, mit deren Hinscheiden Ende November 1910 ihr Leiden
seinen Abschlu fand.

Der zweite Band ist weit strker geworden, als ich anfangs geahnt; er
wuchs mir unter den Hnden zu einer Art Geschichte der Partei, was
erklrlich ist bei der Stellung, die ich in der Partei erlangte. Auch
kamen mir noch Briefe und Aktenmaterial in die Hnde, das ich verloren
glaubte. Whrend dem ruhelosen, berarbeiteten Leben, das ich lnger als
ein Menschenalter fhrte, war vorsichtshalber manches beseitigt und
vergeben worden, das sich bei grndlichem Nachforschen wieder fand.
Auerdem gelangten, da ich als Miterbe des Friedrich Engelsschen
literarischen Nachlasses testamentarisch eingesetzt worden war, die
meisten meiner Briefe wieder in meinen Besitz, die ich im Laufe mehrerer
Jahrzehnte mit Friedrich Engels und Karl Marx gewechselt hatte. Den
Hauptinhalt dieser Briefe, die wesentlich in die Zeit des
Sozialistengesetzes fielen, werde ich im dritten Bande benutzen.

Dieser letztere wird, vorausgesetzt, da mir berhaupt das Leben und die
ntigen Krfte verbleiben, erst nach lngerer Zeit erscheinen. Die
Vorarbeiten befinden sich noch in den Anfngen. Mglicherweise mu ich
diesen dritten Band in zwei Teile zerlegen. Sein Inhalt wird die zwlf
Jahre Sozialistengesetz, die "Heroenzeit" der Partei, wie diese Periode
gern genannt wird, umfassen. Damit gedenke ich meine Verffentlichungen
greren Umfangs abzuschlieen.

Dem Schluband wird ein Namen- und Sachregister beigegeben werden.

Zrich, den 2. September 1911.

A. Bebel




Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen
Arbeiterbewegung.




Jean Baptist v. Schweitzer


Unter den Persnlichkeiten, die nach dem Tode Lassalles nacheinander die
Fhrung des von ihm gegrndeten Vereins bernahmen, steht J.B. v.
Schweitzer allen weit voran. In Schweitzer erhielt der Verein einen
Fhrer, der in hohem Grade eine Reihe Eigenschaften besa, die fr seine
Stellung von groem Werte waren. Er besa die ntige theoretische
Vorbildung, einen weiten politischen Blick und eine khle Ueberlegung.
Als Journalist und Agitator hatte er die Fhigkeit, die schwierigsten
Fragen und Themen dem einfachsten Arbeiter klar zu machen; er verstand
es wie wenige, die Massen zu fanatisieren, ja zu faszinieren. Er
verffentlichte im Laufe seiner journalistischen Ttigkeit in seinem
Blatte, dem "Sozialdemokrat", eine Reihe populrwissenschaftlicher
Abhandlungen, die mit zu dem Besten gehren, was die sozialistische
Literatur besitzt. So beispielsweise seine Kritik des Marxschen
"Kapital" und die spter als Broschre verffentlichte Abhandlung "Der
tote Schulze gegen den lebenden Lassalle", Arbeiten, die noch heute
ihren vollen Wert haben. Auch als Parlamentarier erwies er sich als sehr
geschickt und gewandt. Er erfate rasch eine gegebene Situation und
verstand sie auszunutzen. Endlich war er auch ein guter Redner von
groer Berechnung, der Eindruck auf die Massen und die Gegner machte.

Aber neben diesen guten, zum Teil glnzenden Eigenschaften besa
Schweitzer eine Reihe Untugenden, die ihn als Fhrer einer
_Arbeiterpartei_, die in den ersten Anfngen ihrer Entwicklung begriffen
war, dieser gefhrlich machten. Fr ihn war die Bewegung, der er sich
nach mancherlei Irrfahrten anschlo, nicht Selbstzweck, sondern Mittel
zum Zweck. Er trat in die Bewegung ein, sobald er sah, da ihm innerhalb
des Brgertums keine Zukunft blhte, da fr ihn, den durch seine
Lebensweise frh Deklassierten, nur die Hoffnung bestand, in der
Arbeiterbewegung die Rolle zu spielen, zu der sein Ehrgeiz wie seine
Fhigkeiten ihn sozusagen prdestinierten. Er wollte auch nicht blo der
Fhrer der Bewegung, sondern ihr Beherrscher sein, und trachtete sie fr
seine egoistischen Zwecke auszunutzen. Whrend einer Reihe von Jahren in
einem von Jesuiten geleiteten Institut in Aschaffenburg erzogen, spter
sich dem Studium der Jurisprudenz widmend, gewann er in der jesuitischen
Kasuistik und juristischen Rabulistik das geistige Rstzeug, das ihn,
der von Natur schon listig und verschlagen war, zu einem Politiker
machte, der skrupellos seinen Zweck zu erreichen suchte, Befriedigung
seines Ehrgeizes um jeden Preis und Befriedigung seiner groen,
lebemnnischen Bedrfnisse, was ohne auskmmliche materielle Mittel, die
er nicht besa, nicht mglich war. Es ist aber eine alte geschichtliche
Erfahrung, die in allen Volksbewegungen sich besttigt hat, da fhrende
Persnlichkeiten, die sybaritische Gewohnheiten haben, aber wegen Mangel
an Mitteln sie nicht zu befriedigen vermgen, leicht an sie
herantretenden Versuchungen unterliegen, namentlich wenn sie dabei auch
glauben, auer der Befriedigung ihres Ehrgeizes Scheinerfolge erringen
zu knnen.

Die diktatorische Stellung, welche die Organisation des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins dem Leiter des Vereins einrumte, begnstigte
die Schweitzerschen Bestrebungen ungemein. Es war aber auch ebenso
natrlich, da gegen die Gelste des Diktators ein stndiger Kampf der
selbstndiger denkenden Mitglieder im Verein entstand. Die Opposition,
zeitweilig durch seine brutale Rcksichtslosigkeit scheinbar
niedergeworfen und aus dem Verein hinausgedrngt, erhob sich in Krze in
anderen Personen und an anderen Orten wieder, und es begann der Kampf
von neuem gegen ihn. Seine Herrschaftsbestrebungen wurden noch dadurch
ungemein begnstigt, da das einzige Blatt, das der Verein besa--und
ein zweites neben diesem duldete er nicht--, "Der Sozialdemokrat", in
seinen Hnden war und von ihm geleitet wurde. Damit hatte er das Mittel
in der Hand und wandte es ohne Skrupel an, die geistige Beherrschung
der Mitglieder zu einer absoluten zu machen, wobei er jeden Widerspruch
und jede ihm unbequeme Meinungsuerung gewaltsam niederhielt. Die Art,
wie dabei wieder Schweitzer den Massen zu schmeicheln verstand, obgleich
er innerlich sie verachtete, ist mir nie mehr in hnlichem Mae
begegnet. Sich selbst stellte er als ihr Werkzeug hin, das nur dem
Willen des "souvernen Volkes" gehorche, dieses souvernen Volkes, das
nur seine Zeitung las und dem er seinen Willen suggerierte. Wer aber
wieder ihn zu lecken wagte, der wurde der niedersten Motive geziehen,
als eine Viertels- oder Achtelsintelligenz gebrandmarkt, die sich ber
die braven, ehrlichen Arbeiter erheben wolle, um sie im Interesse ihrer
Gegner zu mibrauchen.

Eine Rolle, wie Schweitzer sie allmhlich spielte, war allerdings nur in
den Jugendjahren der Bewegung mglich, und darin liegt die
Entschuldigung fr seine fanatisierten Anhnger. Wer heute die Rolle
eines Schweitzer in der Bewegung spielen wollte, wre in kurzer Zeit
unmglich, sei er wer er wolle.

Schweitzer war ein Demagog groen Stils, der an der Spitze eines Staates
sich als ein wrdiger Schler Machiavellis--fr dessen grundsatzlose
Theorien er schwrmte--erwiesen haben wrde. Die absolute Herrschaft,
die er durch die erwhnten Mittel sich auf Jahre in seinem Verein zu
sichern wute, lt sich nur vergleichen mit gewissen Erscheinungen in
der katholischen Kirche. Er hatte eben nicht umsonst bei den Jesuiten
Unterricht genommen.

Wessen wir--Liebknecht und ich--Schweitzer beschuldigten, war, da er
den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein--natrlich wider Wissen und
Wollen des weitaus grten Teiles seiner Mitglieder--im Interesse der
Bismarckschen Politik leite, _die wir nicht als eine deutsche, sondern
als eine gropreuische Politik betrachteten,_ eine Politik, betrieben
im Interesse der Hohenzollernschen Hausmacht, die bestrebt war, die
Herrschaft ber ganz Deutschland zu gewinnen und Deutschland mit
preuischem Geist und preuischen Regierungsgrundstzen--_die der
Todfeind aller Demokratie sind_--zu erfllen.

Wie damals die Dinge im allgemeinen lagen und bei dem schweren Kampfe,
in dem sich Bismarck mit der liberalen Bourgeoisie befand, benutzte er
jedes Mittel, auch das unscheinbarste, das seinen Zwecken dienen konnte.
Ich habe bereits im ersten Teil dieser Arbeit dargelegt, wie Bismarck
noch vor dem Auftreten Lassalles in dem Lackierer Eichler einen
gewandten Agenten besa, der fr seine Politik in den Arbeiterkreisen
Propaganda machte. Lassalle, der nicht als Dienender, sondern als
Gleichberechtigter, als Macht zu Macht mit Bismarck in Unterhandlungen
sich einlie, untersttzte mehr als er wohl selbst wollte diese
Bismarckschen Bestrebungen. Seine Verhandlungen mit Bismarck wurden zwar
offenbar mit dem Februar 1864 abgebrochen und bis zu seinem (Lassalles)
Tode nicht wieder aufgenommen, aber das Streben, die Arbeiterbewegung
der Bismarckschen Politik dienstbar zu machen, blieb bestehen und hatte
einen gewissen Erfolg, woran die scharfe Absage, die Karl Marx dem alter
ego Bismarcks, Lothar Bucher, gab, als dieser ihn zur Mitarbeit am
preuischen "Staatsanzeiger" einlud, nichts nderte.

Helene v. Rakowicza (Helene v. Dnniges), die ehemalige Geliebte
Lassalles, wegen der er in das Duell, das ihn das Leben kostete,
verwickelt wurde, erzhlt in ihrem Buche: "Von anderen und mir", Berlin
1909, da sie in einer Nachtunterhaltung Lassalle die Frage vorgelegt:
Ist's nun wahr? Hast du mit Bismarck allerlei Geheimes zu tun? Worauf
dieser geantwortet habe: "Was Bismarck anbelangt und was er von mir
gewollt hat und ich von ihm?--la dir's gengen, da es nicht zustande
kam, nicht zustande kommen konnte. Wir waren beide zu schlau--wir sahen
unsere beiderseitige Schlauheit und htten nur damit enden knnen, uns
(immer politisch gesprochen) ins Gesicht zu lachen. Dazu sind wir zu gut
erzogen--also blieb es bei den Besuchen und geistreichen Gesprchen."

Diese Darstellung klingt wahrscheinlich. Es hiee Lassalles Scharfsinn
und seine Einsicht beleidigen, sollte er anders gedacht haben, als hier
seine ehemalige Geliebte erzhlt. Ueberhaupt konnte kein scharfsinniger
und einsichtiger Mensch, und das war auch Schweitzer, sich tuschen
ber das, was ein Sozialdemokrat von Bismarck erlangen konnte, was
nicht, und da, wenn Bismarck auf irgendwelche Beziehungen mit
Sozialdemokraten sich einlie, es nur geschah, um sie in seinem
Interesse zu verwenden und nachher wie ausgeprete Zitronen beiseite zu
werfen. Oder ein anderes, da sie sich an ihn verkauften und ihm Dienste
leisteten, was bei Lassalle nicht in Frage kommen konnte.

Fr meine Auffassung spricht zunchst die Tatsache, da, als an des
Prsidenten Bernhardt Beckers Stelle F.W. Fritzsche Vizeprsident des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde, Dr. Dammer, der frhere
Vizeprsident des Vereins, Fritzsche empfahl, _er solle bei seinen
Agitationen im Knigreich Sachsen neben den sozialistischen Forderungen
fr die preuische Spitze eintreten und die ber diese Versammlungen
verffentlichten Zeitungsberichte direkt an Bismarck senden, auch diesem
ber die abgehaltenen Versammlungen direkt berichten._ Fritzsche selbst
hat mir diese Mitteilungen gemacht, als es sich im Herbst 1878 um die
Bekmpfung des Entwurfs des Sozialistengesetzes handelte. Diese
Mitteilungen habe ich damals im Reichstag in einer Rede gegen Bismarck
auch verwendet.

Die Versuche, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein fr die
Bismarcksche gropreuische Politik nutzbar zu machen, waren also sehr
frhzeitig vorhanden und dauernde. Es wird Sache meiner
Auseinandersetzungen sein, zu beweisen, da Schweitzer diesen
Bestrebungen Bismarcks bewut diente.

Wre Schweitzer ein Mann gewesen, der der Sache, die er uerlich
verfocht, innerlich ehrlich zugetan war, wre er ein Mann gewesen, von
dem jeder Parteigenosse berzeugt sein mute, da nur die Begeisterung
und das reinste Streben, der Arbeiterklasse zu dienen, bei ihm vorhanden
war, htte er die sehr bedenklichen Zweideutigkeiten, die in seinem
politischen Leben auftauchten, zu vermeiden gewut, wre mit einem Worte
sein ganzes Tun Vertrauen fordernd gewesen, er wre bis an sein
Lebensende unbestritten der Fhrer der Partei geblieben. Jeder Versuch,
ihn zu diskreditieren, wre an ihm abgeprallt, mochten solche Angriffe
ausgehen von welcher Seite immer. Statt dessen mute er sein stetig
sinkendes Ansehen verteidigen und erlebte schlielich, da nach der
Niederlegung seiner Prsidentschaft, als jeder wagen durfte, frei zu
sprechen, ohne Gefahr, von einem Bannstrahl getroffen zu werden, gerade
diejenigen die ehrenrhrigsten Anklagen gegen ihn erhoben, die ihn
einstmals gegen die Angriffe von unserer Seite fanatisch verteidigt
hatten. So kam es, da die Nachricht von seinem Tode jene kalt und
gleichgltig lie, die im anderen Falle ihn bis zur letzten Stunde als
ihren Fhrer anerkannt und seinem Andenken alle Ehren erwiesen haben
wrden.

       *       *       *       *       *

Jean Baptist v. Schweitzer wurde am 12. Juli 1834 zu Frankfurt am Main
geboren. Das Blut, das in seinen Adern flo, war, nach seinen Vorfahren
zu urteilen, eine Mischung von italienisch-franzsischem mit deutschem
Blute. Seine Familie, die im Jahre 1814 vom damaligen Knig von Bayern
geadelt wurde, gehrte zu den sogenannten Patrizierfamilien
Altfrankfurts.

Was der junge Schweitzer in seiner Familie sah und hrte, war nicht sehr
erhebend und von zweifelhaft erzieherischem Einflu. Der Vater, einst
Kammerjunker bei dem berchtigten Herzog Karl von Braunschweig, der 1830
eilig sein Land verlassen mute, wollte er nicht der Volkswut zum Opfer
fallen, war ein Ldrian, der als Verschwender lebte. Die Mutter, die
getrennt von ihrem Manne ein besonderes Haus fhrte, trieb es in der
gleichen Weise. Kein Wunder, da der junge Jean Baptist bei solcher
Abstammung und bei solchem Vorbild in die elterlichen Futapfen trat,
nur da ihm die Mittel fehlten, welche die Eltern verjubelt hatten,
worauf denn fr ihn das Schuldenmachen die notwendige Konsequenz war.

Gegen die Mitte der fnfziger Jahre fhrte ihn sein Studium auch nach
Berlin, wo er unter anderem im Hause Krummachers, dessen Frau eine
Verwandte seiner Gromutter war, verkehrte, und die fhrenden Mnner der
preuischen Reaktion, so zum Beispiel Friedrich Julius Stahl, kennen
lernte. Die spter in seinen Schriften hervortretende scharfe und
treffende Kritik der Natur des preuischen Staates drfte er bei seinem
Aufenthalt in Berlin und im Verkehr mit den magebenden
Gesellschaftskreisen gewonnen haben. Sein grodeutsch-sterreichischer
Standpunkt, der nicht nur der herrschende in seiner Familie, sondern
auch in den Brgerkreisen Altfrankfurts war, mochte seine
Beobachtungsgabe besonders schrfen. Er lernte jetzt den Staat in seinem
innersten Wesen kennen, der der Todfeind Oesterreichs war. Dieser sein
grodeutsch-sterreichischer Standpunkt kam auch in den politischen
Schriften zum Ausdruck, deren erste Schweitzer 1859 verffentlichte, und
zwar in Frankfurt, wo er sich 1857 als Rechtsanwalt niedergelassen
hatte, dem aber die Praxis fehlte. Diese Schrift, die whrend des
sterreichisch-italienisch-franzsischen Krieges verffentlicht wurde,
fhrte den bezeichnenden Titel "Oesterreichs Sache ist Deutschlands
Sache" und forderte das Eintreten von Gesamtdeutschland fr Oesterreich.
Die zweite Schrift mit gleicher Tendenz fhrte den Titel: "Widerlegung
von Karl Vogts Studien zur gegenwrtigen Lage Europas". Dieselbe
schliet: Oesterreichs Sache ist die Sache des europischen Rechtes und
der europischen Ordnung, die Sache der Kultur und Humanitt und vor
allem die _nationale Sache deutscher Ehre und deutscher Unabhngigkeit_.

In einer dritten Schrift, die 1860 erschien, betitelt "Der einzige Weg
zur nationalen Einheit", rckt er erheblich nach links. Er bekennt sich
als Republikaner und sieht nur in einer demokratischen Einheit
Deutschlands, die durch eine Revolution von unten herbeizufhren sei,
das Heil Deutschlands. Indes verfiel er spter wieder in seine
grodeutsch-sterreichischen Sympathien, bis er endlich nach seiner
persnlichen Bekanntschaft mit Lassalle ins kleindeutsche Lager
abschwenkte und in der Politik eines Bismarck die einzige Mglichkeit
zur Lsung der deutschen Frage sah.

Der Beginn der Volksbewegung und die Grndung des Nationalvereins im
Jahre 1859 mit seinen kleindeutschen Bestrebungen konnten Schweitzer
nicht gleichgltig lassen. Er trat, entsprechend seinem damaligen
Standpunkt, gegen den Nationalverein auf. Er meinte (Januar 1861), nur
wenn der Nationalverein sich fr die Republik, das hie also fr die
Revolution erklre, knne er auf die Hilfe der _Arbeiter_ rechnen.
Preuen sei nicht besser als Oesterreich; _beide mten zertrmmert
werden_, sollte die deutsche Einheit mglich sein.

Als dann im November 1861 in Frankfurt a.M. mit seiner Hilfe ein
Arbeiterbildungsverein gegrndet wurde, whlte man Schweitzer zu dessen
Vorsitzenden. Hier vertrat er die gleichen radikalen Ideen. Anfang 1862
erschien wiederum eine Schrift von ihm, "Zur deutschen Frage", in der er
sich abermals als unerbittlichen Gegner der hohenzollernschen
Hauspolitik und der preuischen Fhrerschaft in Deutschland bekannte und
die Jmmerlichkeit der Mittelparteien brandmarkte. Er trat jetzt als
Vielgeschftiger in der Politik hervor. So wurde er auch Vorsitzender
des Frankfurter Turnvereins; Vereine, die damals samt und sonders eine
eifrige politische Ttigkeit entfalteten, obgleich sie angeblich
unpolitische Vereine sein sollten. Das gleiche war mit der
Schtzenvereinsbewegung der Fall. Auch in dieser trat Schweitzer aktiv
hervor und wurde, als der deutsche Schtzenbund gegrndet wurde,
Mitglied des engeren Ausschusses desselben. Als dann Juli 1862 das erste
deutsche Schtzenfest in Frankfurt abgehalten wurde, war Schweitzer
Schriftfhrer des Zentralausschusses und Redakteur der Festzeitung. Der
intime Umgang, den er damals mit dem Herzog von Koburg, dem
"Schtzenherzog", pflog, an dessen Seite er sich hufig auf dem
Festplatze zeigte, stand freilich in Widerspruch zu seinem bisherigen
radikalen Verhalten und auch zu der radikalen Rede, die er am 22. Mai
1862 auf dem Arbeitertag des Maingaus in durchaus sozialistischem Sinne
gehalten hatte, wie ich das bereits im ersten Teil dieser meiner Arbeit
erwhnte.

Schweitzer hatte um diese Zeit gleichzeitig mehrere Eisen im Feuer. Aber
da brach das Verhngnis ber ihn herein. Er wurde kurz nach dem
Frankfurter Schtzenfest zweier Verfehlungen ffentlich beschuldigt, die
einen schwarzen Schatten auf sein spteres Leben warfen und als Merkmale
seines Charakters von Bedeutung sind.

Zunchst wurde er beschuldigt, 2600 Gulden fr die Kasse des
Frankfurter Schtzenfestes unterschlagen zu haben. Klage wurde von
seiten des Ausschusses nicht erhoben, und das gab wohl Veranlassung, da
die Tat berhaupt bestritten wurde. Demgegenber mchte ich feststellen,
da der Justizrat Sterzing in Gotha, der im Zentralausschu des
Schtzenfestes sa, mit seiner Namensunterschrift eine Erklrung in der
"Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung" in Koburg erlie, worin er die
Unterschlagung als Tatsache besttigte. Als dann einige Jahre spter im
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein die Opposition gegen Schweitzer
losbrach, schickte die Gothaer Mitgliedschaft einen ihrer Angehrigen zu
Justizrat Sterzing, um ihn zu fragen, ob die gegen Schweitzer erhobene
Beschuldigung der Unterschlagung wahr sei. Sterzing bettigte das.
Darauf wandte sich die Gothaer Mitgliedschaft an Schweitzer, teilte ihm
die Aeuerung Sterzings mit und ersuchte ihn, Sterzing zu verklagen.
Schweitzer lehnte ab. Er erklrte: das falle ihm nicht ein, da habe er
viel zu tun.

Ein anderer noch unliebsamerer Vorgang trug sich im August 1862 im
Schlogarten zu Mannheim zu. Schweitzer wurde beschuldigt, am Vormittag
des betreffenden Tages ein Sittenvergehen an einem Knaben begangen zu
haben. Er wurde mit vierzehn Tagen Gefngnis bestraft. Die Handlung wre
viel schwerer bestraft worden, htte man den betreffenden Knaben
feststellen knnen. Dieses gelang nicht. Wohl aber wurden andere Knaben
gefunden, denen Schweitzer das gleiche Ansinnen gemacht hatte. Daraufhin
fand seine Verurteilung statt. Im Eifer, Schweitzer reinzuwaschen, hat
man die Unschuld Schweitzers, die er natrlich selbst behauptete, zu
beweisen versucht. Im Interesse der historischen Wahrheit sollten solche
Versuche unterbleiben. Man mag ber die gleichgeschlechtliche Liebe noch
so frei denken, so war es unter allen Umstnden eine Ehrlosigkeit, die
Befriedigung derselben am hellen Tage in einem ffentlichen Park und an
einem schulpflichtigen Knaben zu versuchen. Bemerkt sei auch, da
Schweitzer sich htete, gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung
einzulegen, was sicher geschehen wre, wenn er sich unschuldig gefhlt
htte.

Diese beiden Vorkommnisse zwangen Schweitzer, auf einige Zeit Frankfurt
zu verlassen. In den Arbeiterkreisen erweckten sie natrlich eine starke
Animositt gegen ihn. Als daher im nchsten Jahre, nach Grndung des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Schweitzer die persnliche
Bekanntschaft Lassalles gemacht hatte und Mitglied des Vereins geworden
war, stellten die Frankfurter Mitglieder an Lassalle das Ersuchen, er
solle Schweitzer angehen, den Versammlungen des Vereins nicht mehr
beizuwohnen. Lassalle lehnte dieses Ersuchen als philistrs ab, das
Schweitzer zugeschriebene Vergehen habe mit seinem politischen Charakter
nichts zu tun. Die Knabenliebe sei in Griechenland allgemein
herrschender Brauch gewesen, dem der Staatsmann und der Dichter
gehuldigt habe. Im brigen zollte er den Fhigkeiten Schweitzers hohes
Lob. An Schweitzer selbst schrieb er, da die gergten Neigungen nicht
nach seinem Geschmack seien. Einen Zweifel, da Schweitzer diese nicht
besitze, drckte er nicht aus; er wute wohl warum.

Anfang 1863 verffentlichte Schweitzer eine neue Schrift bei Otto Wigand
in Leipzig, betitelt "Die sterreichische Spitze". Die Schrift widmete
er seinem Freunde Herrn v. Hofstetten, einem ehemaligen bayerischen
Offizier, "in Verehrung und Freundschaft"; die Vorrede ist von einer
schwlen Ueberschwenglichkeit, als rede Alkibiades zu einem seiner
Lieblinge. Der Inhalt der Schrift ist in mehr als einer Beziehung
interessant. Er schildert darin den Charakter des preuischen Staates
durchaus richtig und erklrt Preuen fr eine Einigung Deutschlands
durchaus _ungeeignet_. Im weiteren tritt er trotz aller demokratischen
Vorbehalte wieder fr die _sterreichische_ Spitze ein. Der preuische
Staat stehe der Gesamtheit Deutschlands gegenber, so fhrt er aus, auf
Grund seiner historischen Entwicklung ..., die ihn zwinge, sich weiter
in demselben Lande und durch dieselbe Bereicherungsart zu vergrern,
also auf Annexionen auszugehen. _Diese Mission Preuens sei aber keine
deutsche, sondern eine preuische._ Preuen msse nach seiner inneren
Natur darauf sehen, _da der alles einzelne mehr oder weniger
durchdringende Geist, der althistorische, spezifisch preuische,
wesentlich hohenzollernsche Charakter des Staates nicht verloren gehe_.

Gegen dieses Preuen macht er energisch Front, das mit einem _wirklichen
Gesamtdeutschland unvertrglich sei_. Er spricht sich dabei in folgender
programmatischer Weise aus, eine Auffassung, der wir spter in einer
anderen Situation wieder begegnen werden. Er sagt: "Wenn dem knftigen
Deutschen Reiche--sei es eine Republick oder ein Kaisertum--auch nur ein
einziges Dorf des jetzigen deutschen Bundesgebiets fehlt, _so ist dies
ein nationaler Skandal_. Die kleinste Htte im fernsten Dorfe, wo
deutsche Zunge klingt, hat das heilige Recht auf den Schutz der
Gesamtheit."

Diese feierliche Erklrung hielt ihn aber bald darauf nicht ab, die
Politik zu untersttzen, die den _nationalen Skandal_ herbeifhrte und
herbeifhren wollte, und nach seiner eigenen Auffassung herbeifhren
mute. Und es handelte sich dabei nicht blo um ein einzelnes Dorf oder
eine Htte, sondern um Lndergebiete mit zehn Millionen Deutscher, die
Jahrhundertelang frher zum Reiche gehrten als die Provinz Preuen,
deren Namen die Hohenzollern ihrem Knigreich gaben. Schlielich
forderte er die _sterreichische Spitze_ und den Eintritt
_Gesamtsterreichs_ in den Bund, wenn nicht anders, _so durch die
Zertrmmerung Preuens_. Demgem verlangte er, da die grodeutsche
Partei _energisch fr die sterreichische Spitze_ eintrete und nicht der
kleindeutschen Partei das Feld in der Agitation fr die preuische
Spitze berlasse.

So Schweitzer als schwarzgelber Grodeutscher noch Anfang 1863. In
wenigen Monaten war er ein anderer. Mittlerweile hatte er die
persnliche Bekanntschaft Lassalles gemacht. Er begriff rasch, da sich
hier eine Gelegenheit zu einer Stellung fr seine Zukunft bot, die
seinem Ehrgeiz entsprach, die ihm in der brgerlichen Welt nach den oben
geschilderten Vorgngen fr alle Zeit abgeschnitten war. In diesen
Kreisen galt er als ein Mensch, vor dem man die Tr schlieen msse.

Als im Frhjahr 1863 Lassalle nach Frankfurt kam, verstndigten sich
beide offenbar sehr bald. Gelegenheit dazu bot auch ein gemeinsamer
Ausflug in die Rheinpfalz, auf dem sich ein amsanter Vorgang mit
Lassalle zutrug. Auer Lassalle und Schweitzer nahmen an der Partie die
Grfin Hatzfeldt, Hans v. Blow und unser verstorbener Parteigenosse,
der damals jugendliche Wendelin _Weiheimer_ teil. Die Reise ging nach
Osthofen am Rhein, von wo aus der Ebernburg, bekanntlich einst der Sitz
Sickingens, ein Besuch gemacht werden sollte. Auf Betreiben Weiheimers
hatte sein Vater, der in Osthofen wohnte, die Gesellschaft zum
Mittagstisch geladen. Lassalle sa an der Tafel neben Frau Weiheimer.
Als diese im Laufe des Gesprchs, wibegierig wie Frauen nun einmal
sind, die Frage an Lassalle richtete: ob er glaube, da seine Plne
durchfhrbar seien, umarmte Lassalle sie und drckte ihr mit den Worten:
"Sie sind eine kstliche Frau" einen Ku auf die Lippen. Er schlo ihr
also buchstblich den Mund. Ueber diese Verhhnung aller
gesellschaftlichen Etikette geriet der alte Weiheimer dermaen in
Aufregung, da er einige Sekunden nach Atem schnappte, wohingegen die
brige Gesellschaft aus vollem Halse lachte.

Die Wandlung in der Gesinnung Schweitzers unter dem Einflu Lassalles
zeigte sich sofort deutlich in der Rede, die er am 13. Oktober 1863 in
Leipzig unter dem Titel hielt: "Die Partei des Fortschritts als Trgerin
des Stillstandes". Diese Rede bezeichnet eine vollstndige Umwandlung
seiner bisherigen Stellung zu Preuen, zugleich war sie eine
Rechtfertigung der Politik Lassalles und eine klare Stellungnahme gegen
den Liberalismus, _was zu jener Zeit hie_ eine Parteinahme fr Bismarck
und die Feudalen. In jener Rede fhrt er unter anderem aus:

  "Allein, meine Herren, wenn Sie meinem Vortrag gefolgt sind, so werden
  Sie erkannt haben, da zwar der moderne Absolutismus samt seinen
  Adels- und Priesterkoterien uns feindlich gegenbersteht, da er
  berhaupt von Neuerung nichts wissen will; allein, Sie werden zugleich
  erkannt haben, _da unser eigentlicher, hartnckiger und erbitterter
  Feind wo ganz anders steckt--nmlich in der Bourgeoispartei und ihren
  Vertretern_. Es mu durchaus einmal _offen und bestimmt ausgesprochen
  werden,_ da in der weitaus hchsten und wichtigsten Frage der Zeit
  _der wahre Sitz des Stillstandes in der sogenannten liberalen Partei
  liegt, da also unser, der sozialdemokratischen Partei Kampf in erster
  Linie gegen sie gerichtet sein mu_. Wenn Sie dies aber festhalten,
  meine Herren, dann werden Sie sich selbst sagen: _Warum htte Lassalle
  sich nicht an Bismarck wenden sollen?"_

Nach dieser Theorie waren also nicht die Feudalen, denen jeder
politische und soziale Fortschritt ein Greuel war, die, um modern zu
reden, die heftigsten Verteidiger der gottgewollten Abhngigkeiten sind,
der Hauptfeind der Arbeiter, das waren vielmehr die Liberalen, von denen
selbst der am weitesten rechtsstehende Anhnger doch immer noch ein
Vertreter der modernen Entwicklung, ein Anhnger eines gewissen
Kulturfortschrittes ist, ohne den die kapitalistische Ordnung nicht
bestehen kann, die dem Proletarier erst die Mglichkeit schafft, sich
zum freien Menschen emporzuarbeiten, die Unterdrckung des Menschen
durch den Menschen zu beseitigen. Schweitzer _wute_, da die von ihm
gepredigte Auffassung eine _grundreaktionre_ war, ein Verrat an den
Interessen des Arbeiters, aber er propagandierte sie, weil er glaubte,
sich dadurch nach oben zu empfehlen.

Es verstand sich von selbst, da Bismarck und die Feudalen eine solche
Hilfe von der uersten Linken mit Vergngen sich gefallen lieen und
den Vertreter einer solchen Auffassung eventuell auch untersttzten. War
doch dieses Spielen mit Sozialismus und Kommunismus--und kein
vernnftiger Mensch konnte annehmen, da es sich um mehr als um ein
Spielen handle--ein vortreffliches Mittel, die liberale Bourgeoisie, die
nie an einem Ueberma von Mut und Einsicht litt, ins Bockshorn zu jagen
und _sie dem Bismarckschen Zsarismus ins Garn zu treiben_. Je radikaler
dieser Sozialismus sich gegen die Bourgeoisie aufspielte, je mehr
erfllte er seinen Zweck. Daher auch die Aufforderung Buchers an
Marx--man mu dieses immer wiederholen--, im "Staatsanzeiger" selbst
kommunistisch zu schreiben.

Diese Politik war aber das gerade Gegenteil von Demokratie und
Sozialismus, was ich nicht erst zu beweisen ntig habe.




"Der Sozialdemokrat."


Schweitzer siedelte im Juli 1864 nach Berlin ber und lie sich dort
naturalisieren. Sein Zweck war, die Herausgabe eines Parteiorgans "Der
Sozialdemokrat" zu betreiben, wozu sein Freund v. Hofstetten, der mit
einer Grfin Strachwitz verheiratet war und einiges Vermgen besa, die
Mittel hergab. Auffallend ist, da Lassalle in seinem Testament keinen
Pfennig fr das von ihm gebilligte Unternehmen anwies.

Schweitzer war es gelungen, trotz des Mitrauens, das ein Teil der hier
Genannten gegen ihn hegte, auer Liebknecht Karl Marx, Friedrich Engels,
Oberst Rstow, Georg Herwegh, Jean Philipp Becker, Fr. Reusche, Moritz
He und Professor Wuttke als Mitarbeiter zu gewinnen, selbstverstndlich
auf ein radikales Programm, das Schweitzer entworfen hatte, das sich
durch Klarheit, Bestimmtheit und Krze auszeichnete. Dasselbe erschien
an der Spitze der Probenummer des "Sozialdemokrat" vom 15. Dezember 1864
und lautete:

  _Unser Programm._

  Drei groe Gesichtspunkte sind es, welche das Streben und die
  Ttigkeit unserer Partei bestimmen:

  Wir bekmpfen jene Gestaltungen des europischen Staatensystems,
  welche, unnatrlich die Vlker trennend und verbindend, aus dem
  feudalen Mittelalter in das neunzehnte Jahrhundert sich
  herbergeschleppt haben--wir wollen frdern die Solidaritt der
  Vlkerinteressen und der Volkssache durch die ganze Welt.

  Wir wollen nicht ein ohnmchtiges und zerrissenes Vaterland, machtlos
  nach auen und voll Willkr im Innern--_das ganze, gewaltige
  Deutschland wollen wir, den einen, freien Volksstaat_.

  Wir verwerfen die bisherige Beherrschung der Gesellschaft durch das
  Kapital--wir hoffen zu erkmpfen, da die Arbeit den Staat regiere.

  Diese drei groen auf gemeinsamer Grundlage beruhenden Gesichtspunkte
  _weisen uns in jeder mglichen Frage mit zwingender Notwendigkeit auf
  die Bahnen, die wir zu wandeln haben_.

  Unsere Prinzipien sind einfach und klar--_ihre Konsequenzen zu ziehen
  werden wir uns niemals scheuen_.

Kein Zweifel, wre dieses durchaus unanfechtbare, von allen magebenden
Personen in der Partei gebilligte Programm fortan die Richtschnur des
Blattes geblieben, eine Spaltung wre unmglich gewesen, eine Aera
gesunder Fortentwicklung wre eingetreten und htte eine ungeahnte
Ausbreitung der Partei schon in jungen Jahren hchst wahrscheinlich
gemacht.

Aber Schweitzer wollte es anders. Von Herrn v. Hofstetten, seinem
Associ und Miteigentmer des "Sozialdemokrat", rede ich nicht.
Hofstetten war ein schwacher Mann ohne tiefere Einsicht in das Wesen der
Dinge, der sich von Schweitzer treiben und mibrauchen lie, und den
dann Schweitzer wie eine ausgequetschte Zitrone nach einigen Jahren
beiseite warf, nachdem Hofstetten sein Vermgen bis zum letzten Rest fr
den "Sozialdemokrat" und fr Schweitzer, der ber Jahr und Tag auch an
seinem Tische sa, geopfert hatte.

Die korrekte Haltung des "Sozialdemokrat" whrte nicht lange.

Bereits in Nr. 6 des "Sozialdemokrat" waren in dem Artikel "Das
Ministerium Bismarck und die Regierungen der Mittel- und Kleinstaaten"
Wendungen enthalten, in denen Schweitzers Sympathie mit der Politik
Bismarcks, wenn auch noch sehr vorsichtig, zum Ausdruck kam. Mit der Nr.
14 des "Sozialdemokrat" vom 27. Januar 1865 beginnt dann jene Serie
Artikel "Das Ministerium Bismarck", in denen er die demokratische Maske
fallen lt, was die ffentliche Absage der meisten der eben erst
gewonnenen Mitarbeiter zur Folge hatte.

In dem ersten dieser Artikel wurde ausgefhrt:

  "Parlamentarismus heit Regiment der _Mittelmigkeit_, heit
  _machtloses Gerede_, whrend _Zsarismus_ doch wenigstens _khne
  Initiative, doch wenigstens bewltigende Tat heit_. 'Schmach den
  Renegaten, die jetzt der Reaktion dienen', rufe man. Sonderbar aber
  doch, da diese radikalen Renegaten (deren rasche Abwirtschaftung wir
  erlebt haben. A.B.) nicht bei Pfordten und Beust (selbstverstndlich
  nicht. A.B.), da diese radikalen Renegaten gerade bei Bismarck sind."

Die Renegaten, die er meinte, waren eben alles Leute, die keinen Beruf
zu einem revolutionren Vorgehen in sich versprten, die sich mit der
kapitalistischen Ordnung der Dinge--vorausgesetzt, da sie berhaupt je
deren Gegner waren--abgefunden hatten und sich sagten, da der
Kapitalismus unter der Aegide des mrkischen Junkers nicht zu kurz
kommen werde, worin sie sich nicht tuschten.

Im zweiten Artikel Schweitzers hie es in Betrachtung der Entwicklung
Preuens:

  "Von dieser Grundlage aus (dem Kurfrstentum) hat sich sodann der
  vergleichungsweise junge Staat, vorzugsweise durch _das mchtige Genie
  eines groen Knigs und gewaltigen Kriegshelden, eines in jeder
  Beziehung bewunderungswrdigen Mannes_, zu einem ausgedehnten und
  mchtigen Knigreich erweitert."

Nach dieser Verherrlichung Friedrichs des Groen, die ein Sybel oder
Treitschke tnender nicht betreiben konnte, spendet er auch der
Volkserhebung von 1813 ein Lob, die eine glnzende Ausnahme von der
Regel preuischer Geschichte sei. "Der Hauptsache nach und alles in
allem genommen, ist Preuen das, was es ist, durch die an seiner Spitze
stehende Dynastie geworden."

Alsdann charakterisiert er das Wesen des preuischen Royalismus.

  "Whrend ein solcher Geist in den einen deutschen Staaten zwar nicht
  ohne alle Begrndung sein mag, jedenfalls aber alles hheren
  politischen Ernstes und der tieferen Wrde entbehrt, in den anderen
  Staaten aber geradezu als Karikatur dessen erscheint, was man
  Royalismus nennt, ist _der knigliche Geist in Preuen eine
  wohlbegrndete politische Anschauungsweise und Richtung_. Denn die
  Dynastie und in ihr _der jedesmalige Regent knnen mit innerer
  Berechtigung als der Kulminationspunkt der aufsteigenden Skala_ der
  herkmmlichen Elemente, als der Schwerpunkt der in hergebrachten
  Bahnen rotierenden Krfte, als Herz und Gehirn des Organismus
  innerhalb eines Staatsganzen betrachtet werden, welches nur so und
  unter solcher Voraussetzung seine eigentmliche Wesenheit und seine
  dermalige Stellung erlangte und erlangen konnte."

Des weiteren meinte er noch, da der preuische Staat in seinem
dermaligen Zustand das offenbare Geprge des Unfertigen, einer noch
nicht abgeschlossenen geschichtlichen Entwicklung auf sich trage. Ein
Zustand also, _der nach Annexionen schreie_. Diese Mission, die Preuen
in Deutschland habe, sei aber keine deutsche, wie man uns glauben machen
wolle, sondern eine _preuische_.

Schweitzer kannte also die Natur des preuischen Staates, wie keiner sie
besser kennen konnte, seine Schlsse waren durchaus logisch. Aber um so
mehr drngt sich die Frage auf, wie konnte er dann eine Politik
untersttzen, die nach seinem eigenen Gestndnis _undeutsch_, weil nur
_gropreuisch_ war, und wenn siegreich, die _Niederlage der Demokratie
bedeutete_? Eine solche Politik durfte vom demokratischen Standpunkt aus
nicht untersttzt, _sie mute vielmehr auf Leben und Tod bekmpft
werden, denn es war der Todfeind der Demokratie, der diese Politik
betrieb._

Schweitzer schliet seinen zweiten Artikel also:

  "Ein _wahrhaft preuisches_ Ministerium, ein solches, welches die aus
  der Geschichte des preuischen Staates hervorgegangene Wesenheit
  desselben zu befestigen und weiterzuentwickeln strebt, kann weder in
  Gemheit bloen Schablonenkonservatismus _lediglich die stupide
  Aufrechterhaltung des gerade Vorhandenen beabsichtigen_, wie dies
  konservative Ministerien in Preuen lange getan, noch auch kann es die
  dem Staate von seiner Geschichte indizierte uere Politik _unter
  Aufhebung des inneren Charakters des Staates anstreben, wie dies die
  liberale Partei unter Verleugnung des Machtschwerpunktes von der Krone
  hinweg in das Abgeordnetenhaus beabsichtigte_."

Das heit also in klares Deutsch bersetzt: Die Eigenart des preuischen
Staates verbietet einer preuischen Regierung die Einfhrung eines
parlamentarischen Regimes, und wenn ihr Liberalen dennoch danach strebt,
so verlangt ihr etwas, was der Natur des preuischen Staates entgegen
ist. Begngt euch also, ein Ornament am Staatswagen zu sein. In der
Situation, in der damals die Kammer sich der Regierung gegenber befand,
bedeuteten solche Auslassungen einfach ein _In-den-Rcken-fallen_ der
Volksvertretung und eine _Untersttzung_ der Plne Bismarcks.

In seinem dritten Artikel fhrt er zunchst aus: Die Schlufolgerungen
seines zweiten Artikels und die Untersuchungen, die zu denselben
fhrten, seien _mehrfach miverstanden_ (!) worden. Er wird also jetzt
noch deutlicher. Er sagt:

  "Indem Preuen eine Politik verfolge, die zur Annexion der Herzogtmer
  (Schleswig-Holstein) fhren msse, setze es, _die glorreichen
  Traditionen preuischer Geschichte aus langem Schlummer weckend, an
  den innersten Kern des preuischen Staatsgeistes seine Hebel an._

  Es ist eine bedeutende Politik, die jetzt in Preuen gemacht wird! ...
  Wer Annexion anfngt, mu sie durchsetzen. Mehr noch.

  Eine preuische Regierung, die in der zweiten Hlfte des neunzehnten
  Jahrhunderts deutsches Land zu annektieren beginnt, eine preuische
  Regierung, die _angesichts der offenkundigen, von Kaiser, Knigen und
  Frsten feierlich proklamierten Unhaltbarkeit der politischen
  Verfassung Deutschlands die 'friedericianische Politik'_ (wie ein
  grodeutsches Blatt sich ausdrckte) _wieder aufnimmt, kann nicht
  stille stehen nach kleinem Sieg--weiter mu sie auf der betretenen
  Bahn--vorwrts, wenn ntig mit 'Blut und Eisen'._

  Denn anknpfen an die stolzesten Traditionen eines historisch
  erwachsenen Staates und dann feige zurckbeben vor entscheidender Tat,
  hiee den innersten Lebensnerv eines solchen Staates ertten.

  Man kann solche Traditionen ruhen lassen--_aber man kann sie nicht
  aufnehmen, um sie zu ruinieren!_

  Ein preuischer Minister, der _solche_ Politik fr Preuen machte--er
  verfiele unrettbar _den zrnenden Manen des groen Friedrich und dem
  Gelchter seiner Zeitgenossen._"

Wie mute bei dem Lesen solcher Artikel das Herz jedes guten Preuen
schlagen; war doch danach Preuen quasi von der Vorsehung vorher
bestimmt, der Beherrscher Deutschlands zu werden. Und wie muten die
Herzen der Feudalen einem Manne zugetan sein, der besser als sie alle
die "historische Mission" des preuischen Staates darzulegen und zu
verherrlichen verstand. Und das sollte unbeachtet und unbelohnt bleiben?

Was Schweitzer hier schrieb, war aber auch eine Verherrlichung der
weiteren Bismarckschen Politik, es war eine frmliche Anpeitschung
Bismarcks, auf dem betretenen Wege weiter zu gehen, wre eine solche
noch notwendig gewesen.

Im vierten Artikel kam Schweitzer auf den Bundestag und Oesterreich zu
sprechen. Hier hatte er mit seiner Kritik leichtes Spiel, denn dmmer
und dem Zeitbedrfnis widersprechender konnte nicht gehandelt werden,
als diese beiden Faktoren in der deutschen Frage gehandelt hatten. Im
brigen war die Haltung, die in diesem Artikel Schweitzer Oesterreich
gegenber einnahm, wie in seiner ganzen spteren Politik, das direkte
Gegenteil von dem, was er noch im Jahre 1863--also anderthalb Jahre
zuvor--in seiner Broschre "Die sterreichische Spitze" zur
Verherrlichung Oesterreichs gesagt hatte, und was das Programm besagte,
das angeblich der "Sozialdemokrat" vertreten sollte.

Der fnfte Artikel beschftigte sich mit der Stellung der Nation und der
deutschen Frage. Er kommt zu dem Resultat:

  "_Aktionsfhig in Deutschland sind nur noch zwei Faktoren: Preuen und
  die Nation, preuische Bajonette oder deutsche Proletarierfuste_--wir
  sehen kein drittes.

  ... _Das Preuentum ist der Feind des Deutschtums, aber es ist auch
  der Feind der bestehenden Gewalten Deutschlands._

  Die Nation steht fest auf ewigem Fundament--die Frstensthle
  Deutschlands aber mssen wanken, _wenn Preuen sich erinnert, da
  Friedrich der Groe sein Knig war._"

Und wie stand's mit dem preuischen Thron?

Der Leser wird zugeben, da raffinierter, demagogischer nicht zu
schreiben war. Wie ein Aal windet er sich vor einer klaren
Stellungnahme. Er lt nur ahnen, spricht aber nicht aus, was er will.
Klar ist, da das Lesepublikum, an das Schweitzer sich wandte, von
seinem Pldoyer fr Preuen gefangen genommen wurde, und das war sein
Zweck. Dazu kam, da der ganze politische Inhalt des "Sozialdemokrat"
von der Tendenz durchtrnkt war, welche die fnf Artikel erfllte.
Bismarck hatte in der ganzen deutschen Presse keine Feder, die
geschickter fr seine Politik Propaganda machte.

Kein Zweifel, diese Bismarckartikel standen mit dem Programm des
"Sozialdemokrat" in seiner ersten Nummer im schneidendsten Widerspruch.
Es ist auch ausgeschlossen, da der uerst scharfsinnige Schweitzer
nicht vorausgesehen habe, da er mit diesen Artikeln der groen Mehrzahl
der eben erst gewonnenen Mitarbeiter in grblichster Weise vor den Kopf
schlug. Es war eine Brskierung sondergleichen. Es war also
selbstverstndlich, da darauf Karl Marx, Friedrich Engels, W.
Liebknecht, Herwegh, Joh. Ph. Becker und Friedrich Reusche von dem
Blatte sich lossagten.

Schweitzer quittierte in einem Artikel in der Nr. 31 seines Blattes ber
die Rcktritte mit den Worten: Einige bornierte Kpfe hatten sich an
unseren Leitartikeln "Das Ministerium Bismarck" gestoen. Mit Genugtuung
konstatiere er, da zwei Hauptorgane des sterreichischen Liberalismus,
die "Presse" und die "Ostdeutsche Post", sich auf seine Seite gestellt
htten und brachte lngere Auszge aus denselben. Weiter zitierte er die
"Neue Frankfurter Zeitung", das Blatt Sonnemanns, die ausgefhrt hatte,
da die von Schweitzer befolgte Politik nichts als die Fortsetzung der
Lassalleschen Politik sei.

Das war richtig! Ohne Lassalles Verhalten wre es Schweitzer sehr schwer
geworden, die von ihm beliebte Politik im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein zur Geltung zu bringen. Aber doch war zwischen Lassalle
und ihm ein Unterschied. Lassalle, konomisch vollstndig unabhngig,
stand zu Bismarck wie Macht zu Macht, davon konnte bei Schweitzer, der
tief in Schulden steckte und nach seiner sonstigen Qualitt in alle Wege
keine Rede sein. Er erschien in seinem Auftreten als ein Werkzeug der
Bismarckschen Politik, als ein Mann, der den Vorteil des Lassalleschen
Scheins fr sich hatte und ihn geschickt ausnutzte.

Im weiteren erklrte Schweitzer gegen Marx und Engels, da sie sich vom
"Sozialdemokrat" zurckgezogen, sobald sie eingesehen htten, da sie
nicht die erste Rolle bei der Partei spielen konnten. Im Gegensatz zu
ihnen sei Lassalle nicht der Mann der unfruchtbaren Abstraktion,
sondern ein Politiker im strengen Sinne des Wortes, nicht ein
schriftstellerischer Doktrinr, sondern ein Mann der praktischen Tat
gewesen.

Wobei wieder nicht vergessen werden darf, da spter Schweitzer den
Mann der "unfruchtbaren Abstraktion", den "schriftstellerischen
Doktrinr" Karl Marx, umschmeichelte und fr sich zu gewinnen suchte.

Marx und Engels blieben die Antwort nicht schuldig. Unter dem 24.
Februar 1865 verffentlichten sie folgende Erklrung:

  "Die Unterzeichneten versprachen ihre Mitarbeit am 'Sozialdemokrat'
  und gestatteten ihre Nennung als Mitarbeiter unter dem ausdrcklichen
  Vorbehalt, da das Blatt im Geiste des ihnen _mitgeteilten_ kurzen
  Programms redigiert werde. Sie verkannten keinen Augenblick die
  schwierige Stellung des 'Sozialdemokrat' und machten daher keine fr
  den Meridian Berlin unpassenden Ansprche. Sie forderten aber
  wiederholt, _da dem Ministerium und der feudalabsolutistischen Partei
  gegenber eine wenigstens ebenso khne Sprache gefhrt werde wie
  gegenber den Fortschrittlern._ Die von dem 'Sozialdemokrat' befolgte
  Taktik schliet unsere weitere Beteiligung an demselben aus. Die
  Ansicht der Unterzeichneten _vom kniglich preuischen
  Regierungssozialismus_ und von der richtigen Stellung der
  Arbeiterpartei zu solchem Blendwerk findet sich bereits ausfhrlich
  entwickelt in Nr. 73 der 'Deutschen Brsseler Zeitung' vom 12.
  September 1847, in Antwort auf Nr. 206 des damals in Kln
  erscheinenden 'Rheinischen Beobachters', worin die Allianz des
  Proletariats und der Regierung gegen die liberale Bourgeosie
  vorgeschlagen war. Jedes Wort unserer damaligen Erklrung
  unterschreiben wir noch heute."

Die Erklrung in der "Deutschen Brsseler Zeitung", auf die hier Marx
und Engels sich bezogen, lautete:

  "Wenn eine gewisse Fraktion deutscher Sozialisten fortwhrend gegen
  die liberale Bourgeoisie gepoltert hat, und zwar in einer Weise, die
  niemandem Vorteil brachte als den deutschen _Regierungen_, wenn jetzt
  Regierungsbltter wie der 'Rheinische Beobachter', auf die Phrasen
  dieser Leute gesttzt, behaupten, _nicht die liberale Bourgeoisie,
  sondern die Regierung reprsentiere die Interessen des Proletariats,
  so haben die Kommunisten weder mit der ersteren noch mit der letzteren
  etwas gemein...._

  Das Volk oder, um an die Stelle dieses weitsichtigen, schwankenden
  Ausdrucks den bestimmten zu setzen, das Proletariat rsoniert ganz
  anders, als man im geistlichen Ministerium sich trumen lt. Das
  Proletariat fragt nicht, ob den Bourgeois das Volkswohl Nebensache
  oder Hauptsache sei, ob sie die Proletarier als Kanonenfutter
  gebrauchen werden oder nicht. Das Proletariat fragt nicht, was die
  Bourgeois blo _wollen, sondern was sie mssen_. Es fragt, ob der
  jetzige politische Zustand, die Herrschaft der Bureaukratie, _oder der
  von den Liberalen erstrebte, die Herrschaft der Bourgeoisie, ihm mehr
  Mittel bieten wird, seine eigenen Zwecke zu erreichen._ Dazu hat es
  nur ntig, die politische Stellung des Proletariats in England,
  Frankreich und Amerika mit der in Deutschland zu vergleichen, um zu
  sehen, _da die Herrschaft der Bourgeoisie dem Proletariat nicht nur
  ganz neue Waffen zum Kampfe gegen die Bourgeoisie in die Hand gibt,
  sondern ihm auch eine ganz andere Stellung, eine Stellung als
  anerkannte Partei verschafft._"

  Es heit weiter: "Das Volk kann sich nicht fr die _stndischen
  Rechte_ interessieren. Aber ein Landtag, der Geschworenengerichte,
  Gleichheit vor dem Gesetz, Aufhebung der Frondienste, Prefreiheit,
  Assoziationsfreiheit und eine wirkliche Reprsentation verlangt, _ein
  Landtag, der ein fr allemal mit der Vergangenheit gebrochen und seine
  Forderungen nach den Bedrfnissen der Zeit eingerichtet hat statt nach
  alten Gesetzen, solch ein Landtag kann auf die krftigste
  Untersttzung des Proletariats rechnen._"

Am 4. Mrz schlossen sich Georg Herwegh und Wilhelm Rstow der Erklrung
von Marx und Engels ausdrcklich an. Am 5. Mrz erklrte Fr. Reusche in
der "Rheinischen Zeitung" seinen Rcktritt von der Mitarbeiterschaft am
"Sozialdemokrat", wobei er unter anderem bemerkte, er habe wiederholt
die Redaktion aufgefordert, das Junkertum rcksichtslos zu bekmpfen.
Rstow habe Anfang Februar eine eingehende Kritik der Militrfrage an
die Redaktion gesandt; aber trotz der wiederholten Anfragen von Rstow
und ihm erschienen weder diese noch ein von ihm eingesandter Artikel
gegen den kniglich preuischen Regierungssozialismus. Bald habe es
geheien, es sei kein Raum vorhanden, bald, man wolle warten, bis die
Zeit geeignet wre. Am 11. Mrz erklrte Jean Philipp Becker in Genf im
Hamburger "Nordstern", dem Vorgehen von Marx und Engels sich
anzuschlieen. Liebknecht hatte sich gleichzeitig mit den letzteren von
Schweitzer und dem "Sozialdemokrat" losgesagt. Professor Wuttke in
Leipzig gab zwar keine ffentliche Erklrung ab, stellte aber seine
Mitarbeiterschaft am "Sozialdemokrat" ein. Der einzige, der von dem
ganzen Mitarbeiterstab einstweilen noch dem "Sozialdemokrat" verblieb,
war Moritz He in Paris. Er schied Ende 1866 aus. Eine zweite Erklrung
von Marx und Engels, datiert London den 15. Mrz und abgedruckt in der
Berliner "Reform" vom 19. Mrz 1865, richtete sich gegen einen Artikel,
den Schweitzer aus der "Neuen Frankfurter Zeitung" im "Sozialdemokrat"
abgedruckt hatte, in dem nachgewiesen werden sollte, "wie inkonsequent
und innerlich haltlos das Verfahren der Herren Marx und Engels dem
'Sozialdemokrat' gegenber ist". Marx konstatiert: Schweitzer habe am
11. November 1864 ihm das Erscheinen des "Sozialdemokrat" angezeigt und
habe bei dieser Gelegenheit geschrieben:

  "Wir haben uns an etwa sechs bis acht bewhrte Mitglieder der Partei
  oder derselben wenigstens nahestehende Mnner gewandt, um sie fr die
  Mitarbeiterschaft zu gewinnen.... Allein fr ungleich wichtiger halten
  wir es, da _Sie, der Begrnder der deutschen Arbeiterpartei und ihr
  erster Verfechter_, uns Ihre Mitwirkung angedeihen lassen. Wir hegen
  die Hoffnung, da Sie einem Verein, der, wenn auch nur indirekt, auf
  Ihre eigene Wirksamkeit zurckzufhren ist, nach dem groen Verlust,
  der ihn betroffen, in seinem schweren Kampfe zur Seite stehen werden."

In dem Prospekt habe der Name Lassalle nirgends gestanden. Der Prospekt
habe nur drei Punkte enthalten: "Solidaritt der Vlkerinteressen", "Das
ganze gewaltige Deutschland--ein freier Volksstaat", "Abschaffung der
Kapitalherrschaft". Daraufhin htten er und Engels ihre Mitarbeit
zugesagt.... Am 28. November habe Schweitzer ihm geschrieben, da seine
und Engels' Zusage in der Partei, soweit sie berhaupt eingeweiht sei,
die freudigste Sensation hervorgerufen.... Marx erzhlt weiter, wie er
im Laufe des Januar gegen die Taktik Schweitzers im "Sozialdemokrat"
protestierte und da, als trotz Schweitzers Beruhigungsschreiben die
Taktik im Blatte dieselbe geblieben, er aufs neue protestiert habe,
worauf Schweitzer ihm am 15. Februar folgendes geschrieben:

  "Wenn Sie mir wie im letzten Schreiben ber theoretische Fragen
  Aufklrung geben wollen, so wrde ich solche Belehrung von Ihrer Seite
  dankbar entgegennehmen. Was aber die praktischen Fragen momentaner
  Taktik betrifft, so bitte ich Sie, zu bedenken, da, um diese Dinge zu
  beurteilen, man im Mittelpunkt der Bewegung stehen mu. Sie tun uns
  daher unrecht, _wenn Sie irgendwo und irgendwie Ihre Unzufriedenheit
  mit unserer Taktik aussprechen_. Dies drfen Sie nur dann tun, wenn
  Sie die Verhltnisse genau kennen. Auch vergessen Sie nicht, da der
  Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ein konsolidierter Krper ist und
  bis zu einem gewissen Grade an seine Tradition gebunden bleibt. (Der
  Verein war damals kaum 22 Monate alt und hatte nur einige tausend
  Mitglieder. A.B.) Die Dinge in concreto schleppen eben immer irgend
  ein Fugewicht mit sich herum."

Es war also selbstverstndlich, da Marx, Engels und Genossen handeln
muten, wie sie gehandelt haben. Schweitzer scheint geglaubt zu haben,
da er seinen Mitarbeitern eine hnliche Rolle zumuten drfe, wie sie
Lothar Bucher im Einverstndnis mit Bismarck Marx im "Staatsanzeiger"
zugemutet hatte. Sie sollten Mitarbeiter sein, aber kein Recht haben,
ber die Taktik mitzusprechen, die mit dem Programm, auf Grund dessen
sie ihre Mitarbeiterschaft zugesagt hatten, im _schneidendsten
Widerspruch stand_. Schreibt so radikal wie mglich fr Sozialismus und
Kommunismus, je radikaler, desto besser; ihr seid dann die Flagge, unter
der ich meine Konterbande decke. So ungefhr mochte Schweitzer
rsonnieren. Es war daher eine Unverschmtheit, wenn er auf die
Beschwerde von Marx und Engels ber die Haltung des Blattes erklrte:
sie im Ausland knnten die Dinge in Deutschland nicht beurteilen. Diese
konnten aber selbst Personen durchaus richtig beurteilen, die den Marx
und Engels nicht das Wasser reichten. Eines konnte man damals Bismarck
nicht vorwerfen, da er seine Politik verschleierte und mit verdeckten
Karten spielte.

Bucher hat spter, im Herbst 1878, als anllich des bevorstehenden
Sozialistengesetzes seine Einladung von Marx, fr den "Staatsanzeiger"
zu schreiben, Gegenstand der ffentlichen Errterung wurde, die Marxsche
Darlegung dieser Einladung bestritten. Darauf antwortete Marx in der
"Daily News" unter anderem:

  Der Brief, worin mich Herr Bucher fr den "Staatsanzeiger" zu kirren
  suchte, datiert vom _8. Oktober 1865_. Es heit darin unter anderem:
  "In betreff des Inhaltes versteht es sich von selbst, da Sie nur
  Ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung folgen; jedoch wird die
  Rcksicht auf den Leserkreis--haute finance--, nicht auf die
  Redaktion, es ratsam machen, da Sie den innersten Kern nur eben fr
  den Sachverstndigen durchscheinen lassen." Dagegen besagt die
  "Berichtigung" des Herrn Bucher, da er bei "Herrn Marx anfrug, ob er
  die gewnschten Artikel liefern wolle, indem es auf eine objektive
  Behandlung ankme. Von des Herrn Marx 'eigenem wissenschaftlichen
  Standpunkt' steht nichts in meinem Briefe."

Ferner heit's in dem Briefe Buchers:

  "Der 'Staatsanzeiger' wnscht monatlich einen Bericht ber die
  Bewegungen des Geldmarktes (und natrlich auch des Warenmarktes,
  soweit beide nicht zu trennen). Ich wurde gefragt, ob ich nicht
  jemanden empfehlen knnte, und erwiderte, niemand wrde das besser
  machen als Sie. Ich bin infolgedessen ersucht worden, mich an Sie zu
  wenden."

Klassisch ist der Schlu der Bucherschen Einladung, die Marx in jener
Erklrung ebenfalls abdruckt:

  "Der Fortschritt (er meinte die liberale oder Fortschrittsbourgeoisie)
  wird sich noch oft huten, ehe er stirbt; wer also whrend seines
  Lebens noch innerhalb des Staates wirken will, der mu sich ralliieren
  um die Regierung."

Das war also der Grund, der Bucher Bismarck in die Arme trieb und der
ihn veranlate, bei anderen das gleiche zu versuchen.

Nach einer Erklrung, die Liebknecht am 24. Mrz in der "Rheinischen
Zeitung" verffentlichte, habe Schweitzer nach dem Tode Lassalles Marx
zum Prsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vorgeschlagen.
Marx habe abgelehnt, sich mit einer Bewegung zu identifizieren, deren
Taktik er fr grundverkehrt hielt, auch habe er keine Neigung gehabt,
unter den obwaltenden politischen Zustnden nach Deutschland
berzusiedeln. Schweitzer habe sich verpflichtet, da das neue Blatt die
Lassallesche Taktik nicht befolgen, jedes Kokettieren mit der Reaktion
vermeiden sollte, unter dieser Bedingung, und nur unter dieser, habe er
sich zur Mitarbeiterschaft bereit erklrt, vorausgesetzt, da auch Marx
und Engels sich beteiligen wrden. Beide htten sich schlielich nur mit
dem grten Widerstreben dazu verstanden, und nur auf seine wiederholte
Versicherung, da er an die Loyalitt Schweitzers--von dem er sehr
schlimme Dinge gehrt--glaube.

Die Politik des "Sozialdemokrat" trug rasch die gewnschten Frchte.
Bereits Anfang Februar 1865 hielt ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins, Peter Rex, in Kln eine Rede, worin er sagte: _ihm sei
die jetzige Regierung lieber als ein Fortschrittsministerium_. Der
"Sozialdemokrat" druckte ohne ein Wort der Kritik diese Aeuerungen ab.
Am 12. Mrz erklrte der Rheinisch-Westflische Arbeitertag zu Barmen
sich mit der Haltung des "Sozialdemokrat" einverstanden, auch sei es
durchaus zu billigen, die Vorschlge der preuischen Regierung, die bei
verschiedenen Gelegenheiten die Verbesserung der Lage der arbeitenden
Klassen durch die Gesetzgebung _versprochen_ habe, abzuwarten, bevor man
ber dieselbe aburteile, indem es keineswegs unmglich sei, _da
dieselbe das Dreiklassenwahlgesetz aufhebe und statt desselben das
allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht_, wie es das von
Lassalle, dem Begrnder der deutschen Arbeiterpartei, vorgezeichnete
nchste Ziel der jetzigen deutschen Arbeiterbewegung sei, _einfhre_.

Form und Inhalt dieser Resolution sprachen dafr, da Schweitzer sie
verfat hatte, auch empfahl der "Sozialdemokrat", berall dieselbe zur
Abstimmung zu bringen, ein Akt, der einem Vertrauensvotum fr die
preuische Regierung gleichkam.

Bereits begann aber auch die Opposition im Verein sich bemerkbar zu
machen. In seiner Nr. 38 polemisierte der "Sozialdemokrat" gegen die
offenen Feinde und falschen Freunde, die Zwietracht in die Partei zu
sen suchten. Und da die Opposition auch begann, gegen die
diktatorischen Organisationsbestimmungen im Vereinsstatut zu
polemisieren, so mute die Organisation als das ureigenste Werk
Lassalles mit einer Art _Glorienschein_ umgeben werden. Der
Lassallekultus wurde von jetzt ab systematisch gefrdert und jeder als
eine Art Schnder des Heiligsten gebrandmarkt, der andere Ansichten zu
hegen wagte. Es waren namentlich die Worte im Lassalleschen Testament:
"Dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein empfehle ich, den Frankfurter
Bevollmchtigten, Bernhard Becker, zu meinem Nachfolger zu whlen. _Er
soll an der Organisation festhalten; sie wird den Arbeiterstand zum
Siege fhren_", die das Schibolet wurden, das den echten von dem
falschen Lassalleaner unterschied. Und Schweitzer untersttzte diese
allmhlich ans Idiotenhafte grenzenden Anschauungen, die schlielich
eine Art religiser Glaubensstze wurden. Kam es doch im Laufe der Jahre
dahin, da das Thema "Christus und Lassalle" das Thema fr die
Tagesordnung zahlreicher Volksversammlungen wurde. F.W. Fritzsche
erhielt sogar 1868 in Berlin eine Anklage wegen eines Vortrags ber
dieses Thema, in dem der Staatsanwalt eine Gotteslsterung erblickte.
Fritzsche wurde nur freigesprochen, weil ihm der Dolus nicht
nachgewiesen werden konnte.

Wie Schweitzer innerlich ber dieses von ihm gefrderte Treiben dachte,
bedarf keiner Auseinandersetzung.

In einem merkwrdigen Gegensatz zu den Bismarckartikeln verffentlichte
der "Sozialdemokrat" in seiner Nr. 43 vom 5. April 1865 eine
Schlubetrachtung ber die sterreichischen Staatsverhltnisse, worin es
hie:

  "Die Deutsche Volkspartei ist, wie in allem, so auch in der deutschen
  Einheitssache radikal, das heit sie will die ganze und ausnahmslose
  Verwirklichung der als gut und richtig erkannten Idee.

  Die Deutsche Volkspartei also will das _ganze_ Deutschland zum freien
  Volksstaat vereinen.

  Das _ganze_ Deutschland! sagen wir. Nicht ein Dorf, nicht ein
  Meierhof, nicht die kleinste Htte im fernsten Winkel darf uns fehlen!

  Der kleindeutsche Gedanke eines 'einigen Deutschland' ohne die
  deutsch-sterreichischen Provinzen ist _ein Hochverrat an der Nation
  und ihrer Zukunft_. (Auch im Text gesperrt gedruckt.)

  Ein einiges Deutschland--_bedingungslos, ausnahmslos!_"

Das war eine der Doppelzngigkeiten, womit Schweitzer bezweckte, die
Opposition zum Schweigen zu bringen, die sich anllich der
Bismarckartikel innerhalb und auerhalb des Vereins geltend machte. Er
sah, da er sich zu weit vorgewagt hatte. Ein solches Manver
wiederholte er _regelmig_, sobald er wegen seines Verhaltens
ffentlich Angriffen ausgesetzt war. Alsdann warf er sich wieder auf die
linke Seite und schrieb mit einem Radikalismus, der nichts zu wnschen
brig lie. Er konnte so, aber auch anders.

Und er nicht allein, auch der eine und der andere seiner Anhnger. In
derselben Nummer des "Sozialdemokrat", in der der oben zitierte Artikel
ber Oesterreich stand, verffentlichte Tlcke einen spaltenlangen
Bericht ber eine _Knigsgeburtstagsfeier, welche die Mitglieder des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Iserlohn veranstaltet hatten
und in der Tlcke ein Hoch auf den Knig von Preuen ausgebracht hatte_.
In diesem Toast fhrte Tlcke aus, der Wille, den Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein vernichten zu wollen--wie das der Iserlohner
Brgermeister durch malos brutale Unterdrckungsmaregeln versucht
hatte--sei vergeblich.

  "Das gelingt nimmermehr, weil das preuische Ministerium den
  Bestrebungen des Vereins, mehr aus volkswirtschaftlichen als aus
  politischen Beweggrnden, augenscheinlich die groe Aufmerksamkeit
  schenkt--es gelingt endlich nimmermehr, weil Seine Majestt unser
  allverehrter Knig der Freund der Arbeiter ist."

Auf Tlckes Betreiben hatte man sogar den Knig durch eine
telegraphische Depesche zum Geburtstag beglckwnscht, worauf folgende
Antwort eingegangen war:

  "Dem Arbeiterverein Iserlohn. Seine Majestt dankt bestens fr Ihre
  Glckwnsche. Im allerhchsten Auftrag: Strubberg, Oberstleutnant und
  Flgeladjutant."

Die Verlesung dieser Depesche wurde, wie Tlcke weiter berichtete, mit
einem gewaltigen Hoch auf Seine Majestt aufgenommen. Im Festsaal war
ein Transparent angebracht: der preuische Adler stehend auf
verschlungenen Eichen- und Lorbeerzweigen, und darber die Inschrift:
Heil dem Knige, dem Beschtzer der Bedrngten!... Weithin schallten
patriotische Lieder. Ein Kriegerverein konnte nicht patriotischer
handeln.

Schweitzer druckte den spaltenlangen Bericht Tlckes im "Sozialdemokrat"
ab, ohne ein Wort des Tadels oder der Unzufriedenheit hinzuzufgen.
Tlcke handelte eben in den Intentionen Schweitzers. Das hinderte ihn
aber nicht, im "Sozialdemokrat" vom 20. September 1865 bei Besprechung
einer Depesche Lord Russells, worin dieser den Gasteiner Vertrag
zwischen Preuen und Oesterreich aufs schrfste verurteilte, zu sagen:
Was geht uns der Gasteiner Vertrag an?... Es ist nur eine Angelegenheit
der preuischen Regierung, deren Politik im offensten und
entschiedensten Widerspruch zum Willen des Volkes in Preuen steht. Und
gegen die "Kreuzzeitung" gewendet, die dem Volke mit dem Ausland drohte,
das sich in deutsche Angelegenheiten mischen werde, antwortete er: Nicht
in Frankreich, in Deutschland sitzen die Erbfeinde deutscher Nation. Wen
er darunter meinte, das berlie er dem Leser, sich zurechtzulegen. Wie
konnte der Arbeiter von damals in dieser Zweideutigkeit und
Doppelzngigkeit sich zurechtfinden? Er hatte nur das eine Gefhl, da
der Mann, der alles das schrieb, geistig turmhoch ber ihm stand und er
darum ihm folgen msse.

Die Verbreitung, die damals der "Sozialdemokrat" besa, war eine sehr
geringe. Er hatte nur _einige hundert Abonnenten_. Das Blatt erforderte
also _sehr erhebliche_ Zuschsse, und es konnte gar keine Rede davon
sein, da es seinen Redakteuren auch nur einen Pfennig Gehalt abwarf,
obgleich beide darauf angewiesen waren. Um so mehr mute auffallen, da
bei einem solch elenden finanziellen Stand dasselbe vom 1. Juli 1865 ab
sogar _tglich_ erschien, also sein Defizit fast verdoppelte, ohne jede
Aussicht, in absehbarer Zeit einen Abonnentenzuwachs zu erlangen, der
auch nur einen nennenswerten Teil der Kosten deckte. Die Frage war also
sehr natrlich: wo kommt das Geld her? denn ohne da erhebliche
Zuschsse von irgend einer Seite in Aussicht standen, war der Plan, das
Blatt tglich erscheinen zu lassen, der Plan von Irrenhuslern.

Der Verein hatte kein Bedrfnis nach einer solchen Vergrerung des
Blattes, wohl aber die _konservative Presse_, welche die scharfen
Angriffe, die der "Sozialdemokrat" unausgesetzt gegen die
Fortschrittspartei und ihre Politik fhrte, mit Behagen weiter
verbreitete und die liberale Presse zwang, dem "Sozialdemokrat"
ebenfalls grere Beachtung zu schenken. Auf diese Weise erlangte das
Blatt eine Bedeutung, die ganz auer Verhltnis zu seiner Verbreitung
stand. Die Frage: woher kommt das Geld? wurde auch fr die liberale
Presse aktuell, und so sahen sich Schweitzer und Hofstetten gentigt, in
der Nr. 77 des "Sozialdemokrat" vom 28. Juni 1865 eine Erklrung gegen
die "Rheinische Zeitung" zu verffentlichen, die in ihrer Nr. 139
erklrt hatte: _Der "Sozialdemokrat" stehe in nahen Beziehungen zu
Bismarck, und in ihrer Nr. 139 weiter die Beschuldigung aussprach, dem
"Sozialdemokrat" flssen aus hochkonservativen Kreisen die Mittel zu, um
statt dreimal wchentlich tglich zu erscheinen_. Die Erklrung
Schweitzers und Hofstettens gegen die "Rheinische Zeitung" lautete:

  "In diesen beiden Stellen hat die Redaktion der 'Rheinischen Zeitung',
  obwohl mit einiger Vorsicht (? A.B.) und in etwas gewundenen Phrasen
  (? A.B.), so doch im ganzen ziemlich unzweideutig uns, die Redakteure
  des 'Sozialdemokrat', der schmhlichsten und erbrmlichsten Haltung
  beschuldigt, die berhaupt in der Politik mglich ist: da nmlich
  wir, die berufen sind, die sozialdemokratische Partei in der Presse zu
  vertreten, uns an eine entgegenstehende Partei oder politische Macht
  verkauft htten.

  Wenn die Redaktion der 'Rheinischen Zeitung' nicht _sofort nach
  Kenntnisnahme dieser Erklrung ihre Verleumdung widerruft, werden wir
  gegen dieselbe, weiteres uns brigens vorbehaltend, bei dem
  zustndigen Gericht Klage erheben._"

Darauf antwortete die Redaktion der "Rheinischen Zeitung" bereits am
folgenden Tage, den 29. Juni:

  _"An die Redaktion des 'Sozialdemokrat', zu Hnden des Herrn v.
  Schweitzer, Berlin.

  Die Redaktion der 'Rheinischen Zeitung' sieht sich angesichts der ihr
  zugesandten Erklrung nicht veranlat, irgend etwas zu widerrufen, und
  berlt es der Redaktion des 'Sozialdemokrat', die angedrohte Klage
  zu erheben."_

Darauf antwortete Schweitzer:

  _"Demgem wird also die in Aussicht gestellte Klage stattfinden."_

Diese Klage fand aber nicht statt, Schweitzer lie die schweren
Beschuldigungen gleich anderen, die ihm schon gemacht worden waren, auf
sich sitzen. Das besagt genug.

Um diese Zeit und noch Jahre nachher machte sich ein Individuum in den
Berliner Arbeiterkreisen sehr bemerklich, das im Verdacht stand, im
Dienste der Regierung zu stehen. Es war dies der angebliche Arbeiter
Preu. Tatschlich war dieser fr ein Gehalt von 50 Taler monatlich
angestellt, und zwar stand er im direkten Dienst des _Geheimen
Regierungsrats Wagener_. Nebenher lieferte Preu fr eine Anzahl Bltter
die Polizeinachrichten, die ihm eine Extraeinnahme brachten. Preu war
es auch, der Liebknechts Anwesenheit in Berlin, Herbst 1866, wegen
Bannbruchs der Polizei denunzierte, worauf dieser, wie ich schon im
ersten Teil dieser Arbeit erzhlte, zu drei Monaten Gefngnis verurteilt
wurde. Preu besuchte mit Vorliebe die Versammlungen des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins, in denen er auch fter sprach. Liebknecht und
andere unserer damaligen Berliner Parteifreunde behaupteten mit
Bestimmtheit, da er den Mittelsmann zwischen Schweitzer und Wagener
abgebe, doch hatte Schweitzer wohl direktere Beziehungen zu Wagener.

Letzterer, der Geriebene, mit allen Wassern Gewaschene, war, wie
allbekannt, die rechte Hand Bismarcks in allen sozialpolitischen
Angelegenheiten, zugleich war er vortragender Rat und stand so in
engster tglicher Beziehung zu Bismarck und dem Knig. Die Kette
Schweitzer-Wagener-Bismarck war also ohne ein weiteres Verbindungsglied
geschlossen, was fr alle Teile sehr wichtig war. Da Schweitzer je mit
Bismarck persnlich verkehrte, betrachte ich als vollkommen
ausgeschlossen. Schweitzer war kein Lassalle. Unvergelich bleibt mir,
wie Bismarck eines Tages im Reichstag den Neugierigen spielte und mit
der Lorgnette vor den Augen den auf die Tribne zuschreitenden
Schweitzer vom Scheitel bis zu den Zehen ma, als wollte er sagen: also
du bist der, der mir an den Rockschen hngt?

Am Molkenmarkt mute man die Beziehungen Schweitzers zu Wagener und
hher hinauf kennen. Daher kam es wohl, da, wenn der "Doktor", wie
Schweitzer dort kurz und vertraulich genannt wurde, seine fteren
Besuche auf dem Prsidium machte, die Beamten und Offiziere ihn sehr
entgegenkommend behandelten, wie das der undankbare Tlcke nach einer
Reihe Jahre, als er mit Schweitzer gebrochen hatte, zugestand. Das
Berliner Polizeiprsidium hatte offenbar ein lebhaftes Interesse, auf
Grund seiner wenig sagenden Akten Schweitzer zu rehabilitieren und damit
auch Wagener und Bismarck wei zu waschen. Aus diesem Grunde geschah es
wohl, da, als Dr. Gustav Mayer sein Werk "Johann Baptist v. Schweitzer
und die Sozialdemokratie" schrieb (bei Gustav Fischer in Jena
erschienen), ihm das Berliner Polizeiprsidium bereitwilligst Einsicht
in seine Geheimakten ber Schweitzer nehmen lie. Schon fnfzehn Jahre
frher wurde Genosse Franz Mehring, als er seine Geschichte der
deutschen Sozialdemokratie verfate, vom Polizeiprsidium dieselbe
Offerte gemacht, die Mehring aber ablehnte.

       *       *       *       *       *

Die Grfin Hatzfeldt, der die Untersttzung der Bismarckschen Politik
durch Schweitzer noch nicht weit genug ging, hatte eine Rechtfertigung
dieser Politik schon gegen Ende 1864 in einem Briefe an die Frau
Herweghs versucht, in dem sie schrieb:

  "Es liegt ein frmlicher Abme (Abgrund) zwischen folgenden zwei
  Sachen: sich an einen Gegner zu verkaufen, fr ihn arbeiten, verdeckt
  oder unverdeckt, oder wie ein groer Politiker den Augenblick zu
  erfassen, um von den Fehlern des Gegners zu profitieren, einen Feind
  durch den anderen aufreiben zu lassen, ihn auf eine abschssige Bahn
  zu drngen und die dem Zwecke gnstige Konjunktur, sie mge
  hervorgebracht werden von wem sie wolle, zu benutzen. Die _bloen_
  ehrlichen Gesinnungen, diejenigen, die sich immer nur auf den idealen,
  in der Luft schwebenden Standpunkt der zuknftigen Dinge stellen und
  darauf nur das momentane Handeln bestimmen, mgen privatim als recht
  brave Menschen gelten, aber sie sind zu nichts zu brauchen, zu
  Handlungen, die auf die Ereignisse wirklich einwirken, ganz unfhig,
  kurz, sie knnen nur in der groen Masse dem Fhrer folgen, der besser
  wei."

Die Frau Grfin hatte sich hier ein Programm zurechtgelegt, das selbst
einen Lassalle zum Scheitern gebracht htte, weil vor allen Dingen die
Macht, die dazu gehrte, in der von ihr geschilderten Weise zu
politisieren, fehlte. Lassalle wre, das ist meine Ueberzeugung, wenn es
zum Kirschenessen mit Bismarck gekommen wre, gehrig hereingefallen;
sein Spiel htte mit einer gewaltigen Blamage geendet. Zu glauben, ein
Bismarck konnte oder wollte der Sozialdemokratie, also dem Todfeind der
brgerlichen Gesellschaft, ernsthafte Konzessionen machen, er, dem doch
allein daran liegen mute, mit der modernen Macht des Kapitalismus sich
zu verstndigen und der zu diesem Zwecke die Sozialdemokratie allenfalls
als _Mittel_ benutzte, htte von einer Verblendung gezeugt, die alles
andere, nur nicht Realpolitik gewesen wre. Auch ist die
Sozialdemokratie keine Schafherde, die gedankenlos hinter dem Fhrer
trottet und sich beliebig fhren und nasfhren lt. Das mochte die
Grfin Hatzfeldt zu ihrer Zeit und in der Atmosphre, in der sie lebte,
noch glauben, aber eine sozialdemokratische Politik ist auf die Dauer
nicht ohne die bewute Mitwirkung der Massen und das Betreten ehrlicher,
gerader Wege mglich. Die Massen lassen sich auf diplomatische Finessen
nicht ein; der Fhrer, der anders rechnet, wird bald erkennen, da er
sich verrechnet hat.

Der Sommer 1865 bot Schweitzer Gelegenheit, sich wieder als Radikaler
aufzuspielen, womit er die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen in den
Hintergrund zu drngen hoffen durfte. Es war das ebenfalls schon von mir
im ersten Bande erwhnte Abgeordnetenfest in Kln, dem gegenber
Bismarck den Gewaltmenschen spielte. Schweitzer mit seinem gewohnten
groen Geschick wendete sich in einer Reihe Artikel im "Sozialdemokrat"
gegen die Regierung. Und wenn er darin der Fortschrittspartei wegen
ihres feigen Verhaltens in der Klner Angelegenheit bel mitspielte, so
forderte er auch mit Nachdruck ein vllig freies Vereins- und
Versammlungsrecht fr Preuen. Trotz seiner eminenten journalistischen
Gewandtheit schrieb er jetzt mit einer Schrfe, da der "Sozialdemokrat"
eine lngere Reihe von Tagen _tglich konfisziert_ wurde. Diese
oppositionelle Haltung bertrug er auch auf die Kritik an der
auswrtigen Politik, als Bismarck im Oktober zu Napoleon nach Biarritz
reiste, um dessen Zustimmung zu seiner "nationalen" Politik zu erlangen,
Verhandlungen, bei denen, wie sich nach 1866 erwies, Napoleon der
Geprellte war. Gegen Schweitzer erhob die Staatsanwaltschaft Anklage
wegen verschiedener Prevergehen. Auch reizte die Opposition des
"Sozialdemokrat" die Staatsanwaltschaft noch zu weiterer Verfolgung. So
wurden durch Gerichtsbeschlu in Berlin und Magdeburg die
Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins unterdrckt,
weil sie als selbstndige politische Vereine anzusehen seien, die nach
dem  8 des preuischen Vereins- und Versammlungsgesetzes nicht
miteinander in Verbindung stehen durften.

Diese Verfolgungen verhinderten aber nicht, da im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein Schweitzer mit einer starken Opposition zu kmpfen hatte,
wobei die Grfin Hatzfeldt tapfer schrte, weil er dieser nicht den
verlangten Einflu auf den Verein und seine Politik einrumte. Es begann
ein wahres Tohuwabohu im Verein, es war der Kampf um die Macht. Lassalle
hatte kurz vor seinem Tode Schweitzer zum Vorstandsmitglied des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ernannt. Die Generalversammlung in
Dsseldorf lie ihn aber fr diesen Posten durchfallen. Bernhard Becker
war ebenfalls mit Schweitzer zerfallen und versuchte einen Haupttrumpf
gegen ihn auszuspielen, indem er die Generalversammlung des Vereins nach
Frankfurt a.M. einberief, den Ort, der Schweitzer nach seiner
Vergangenheit der allerunangenehmste sein mute. Indes war die
Opposition auch gegen den unfhigen Becker so stark, da dieser kurz
vor der Frankfurter Generalversammlung sein Amt niederlegte, worauf
Tlcke als sein Nachfolger gewhlt wurde. Bis aber dessen Wahl durch die
Urabstimmung in den Mitgliedschaften besttigt war, sollte
Hillmann-Elberfeld, der wieder Fritzsche als Vizeprsident ersetzt
hatte, die Leitung des Vereins bernehmen. Hillmann, der zu den
entschiedensten Gegnern Schweitzers gehrte, benutzte jetzt seine
Stellung, um den zwischen Becker und Schweitzer abgeschlossenen Vertrag,
wonach der "Sozialdemokrat" offizielles Vereinsorgan war, fr null und
nichtig zu erklren und ihm das Recht, sich Vereinsorgan zu nennen, zu
entziehen. Schweitzer und Hofstetten bezeichneten von da ab das Blatt
als "Organ der sozialdemokratischen Partei".

Mittlerweile war Schweitzer ins Gefngnis gewandert. Er war am 24.
November wegen verschiedener Prevergehen, darunter Majesttsbeleidigung
und Schmhung obrigkeitlicher Anordnungen, zu einem Jahre Gefngnis
verurteilt worden. Spter bekam er noch vier Monate dazu, auch wurden
ihm jetzt die Ehrenrechte aberkannt. Seine Verhaftung erfolgte kurz nach
seiner ersten Verurteilung. Schweitzers journalistische Ttigkeit wurde
aber durch die Haft in keiner Weise unterbrochen, wie er denn im
Gefngnis ein Ma von Freiheiten geno, das weder bis dahin noch spter
einem in Berlin zu Gefngnis verurteilten politischen Gefangenen zuteil
wurde. Er traf alle Anordnungen sowohl als Redakteur wie spter als
Prsident des Vereins aus dem Gefngnis. Seine Korrespondenz war
unbeschrnkt, Besuche empfing er hufig. Als er 1869 eine mehrmonatige
Gefngnisstrafe in Rummelsburg verbte, konnte er sich sogar dem
Vergngen des Kahnfahrens auf dem Rummelsburger See widmen.
Selbstbekstigung war ihm ebenfalls gestattet, die in den Berliner
Gefngnissen fr politische Gefangene erst in sehr viel spterer Zeit,
zu Ende des vorigen Jahrhunderts, erlangt wurde.

Man hat geltend gemacht, da die verschiedenen Gefngnisstrafen ein
Beweis gegen die Anklage seien, Schweitzer wre Bismarckscher Agent
gewesen. Diese Auffassung ist durchaus _falsch_. Die Beziehungen, die
eine Regierung zu ihren politischen Agenten zu haben pflegt, bindet sie
nicht den Staatsanwlten und Richtern auf die Nase. Eine zeitweilige
Verurteilung eines politischen Agenten wegen oppositioneller Handlungen
ist auch sehr geeignet, Mitrauen gegen den Betreffenden zu beseitigen
und das Vertrauen in ihn zu strken. Bekanntlich haben auch die Berliner
Gerichte zu derselben Zeit, in der Lassalle mit Bismarck seine
stundenlangen politischen Unterhaltungen als "angenehmer Gutsnachbar"
hatte, sich nicht gescheut, ihn zu einer Reihe harter Gefngnisstrafen
zu verurteilen, obgleich man damals in weiten Kreisen wute, wie
Bismarck und Lassalle zueinander standen. Lastete doch der Gedanke
schwer auf Lassalle, wie er bei seinem Gesundheitszustand die langen
Haftstrafen berstehen werde.

In den Monaten, welche der Kriegsentscheidung im Juni 1866 vorausgingen,
arbeitete der "Sozialdemokrat" weiter zugunsten der Bismarckschen
Politik, und zwar wie auch frher mit raffiniertem Geschick. Es muten
schon gebte Augen und ein scharfer Verstand sein, um aus all den
Verklausulierungen und Widersprchen herauszuschlen, da er eine
unehrliche Politik betrieb.

Gegen Ende Mrz 1866, also whrend er im Gefngnis sitzt, wird er im
"Sozialdemokrat" deutlicher: "Die Zerstrung der Bundesleiche zu
Frankfurt sollte die Auflsung der Nation bedeuten. Die Geburt der
Nation wrde von diesem Tage an datieren." Einer seiner Hamburger
Anhnger, Schallmeier, erklrte im "Sozialdemokrat", die Arbeiter wrden
fr den Krieg sein, gebe man denselben das allgemeine Wahlrecht.
Gleichzeitig erhebt der "Sozialdemokrat" unausgesetzt heftige
Angriffe gegen die Fortschrittspartei, den Nationalverein, den
Sechsunddreiiger-Ausschu. Daneben erschienen wieder einige Artikel,
worin ein Buch Rstows ber das Milizsystem gnstig besprochen und das
Milizheer als eine Einrichtung gepriesen wird, die am billigten die
meisten Streiter liefere.

Im Mrz noch hatte der "Sozialdemokrat" den preuischen
Bundesreformentwurf mit Geringschtzung behandelt, er werde "schtzbares
Material" bleiben. In der zweiten Hlfte April tritt er entschieden fr
die preuische Bundesreform ein. Jetzt war keine Rede mehr von den
frheren Versicherungen, dem neuen Deutschen Reiche drfe kein Dorf,
nicht der letzte Weiler fehlen. Er hatte auch vergessen, da er noch in
der zweiten Hlfte September 1865 geschrieben: Unser kstliches Kleinod
ist, da wir kein Oesterreich und kein Preuen, kein Bayern und kein
Hessen-Homburg, da wir nur ein Deutschland kennen, ein deutsches Volk
und eine deutsche Sprache.

In einer Artikelserie: Habsburg, Hohenzollern und die deutsche
Demokratie, die Ende April erschien, spricht er sich schlielich fr die
Vernichtung Oesterreichs aus; es msse reduziert werden auf die 12900000
Einwohner, die zum Bunde gehrten. Dann sei Deutschland konstituiert,
das heit dann hat Preuen das Feld.

Auf ein wiederholtes Gesuch wurde Schweitzer am 9. Mai 1866 angeblich
wegen gefhrdeter Gesundheit aus dem Gefngnis beurlaubt. Dagegen wre
nichts einzuwenden gewesen, entsprach der Grund des Urlaubs der
_Wahrheit_. Dieser Grund erwies sich aber als eine Lge. _Kaum aus dem
Gefngnis beurlaubt, entwickelte Schweitzer eine umfassende politische
Ttigkeit_, die nicht nur bewies, da die Ruhe des Gefngnisses ihm
wieder eine gute Gesundheit verschafft hatte, _sondern da auch die
magebenden Behrden gegen seine politische Ttigkeit nichts einzuwenden
hatten, obgleich sonst die Behrden bei Beurlaubungen politischer
Gefangener die selbstverstndliche Forderung stellen, da der Beurlaubte
nicht eine Ttigkeit betreibe, wegen der er in Strafe genommen worden
ist_.

Am 21. Mai erscheint Schweitzer in Hamburg, um dort "Ordnung zu
schaffen", am 11. Juni in Erfurt und am 18. Juni in Leipzig, woselbst er
in einer Rede fr die Bismarcksche Bundesreform eintritt. Dieses
Eintreten hatte aber nicht verhindert, da am 18. Mai der
"Sozialdemokrat" in einem Leitartikel sagte: Von einem liberalen Preuen
sprechen die Gothaer, das an die Spitze Deutschlands zu treten habe,
aber das hiee in Wahrheit sprechen: _von einem Preuen, das nicht
existiert und nicht existieren kann_.

Und dieser positiven durchaus richtigen Auffassung ber das Wesen
Preuens gegenber sagt Schweitzer am 16. Juni in Leipzig in einem
Vortrag "Ueber die gegenwrtigen Aufgaben der sozialdemokratischen
Partei Deutschlands" am Schlusse:

  "Wenn es aber gelingt, die preuische Regierung weiterzutreiben auf
  dem _Wege der Konzessionen an uns_ (sic! A.B.)..., dann werden wir
  soviel wir knnen das _Unsere tun_, da der Sieg nicht bei den Fahnen
  Oesterreichs, sondern bei den Fahnen Preuens, nicht bei den Fahnen
  Benedeks, sondern bei den Fahnen Bismarcks und Garibaldis sei."

Kann man widerspruchsvoller handeln?

Diese Auslassungen sind als Programmstze Schweitzers sehr
bemerkenswert, und sie fanden wohl an hoher Stelle in Berlin ihr Echo.
Was aber das Antreiben der preuischen Regierung zu Konzessionen an uns
(also an den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein) betraf, so war, ganz
abgesehen von dem Utopismus, auf Bismarcksche Konzessionen zu
hoffen--woran Schweitzer auch selbstverstndlich nicht glaubte--das
ganze Gerede eine _Aufschneiderei_, denn Schweitzer selbst hatte zuletzt
noch am 3. Juni, vierzehn Tage vor seiner Leipziger Rede, im
"Sozialdemokrat" geschrieben: _da die Wirren im Verein bis auf weiteres
denselben unfhig machten, in sozialpolitischen Dingen irgend etwas zu
leisten_.

Diesem Gedanken hatte er auch schon wiederholt vor dem 3. Juni im
"Sozialdemokrat" Ausdruck gegeben, wie denn in der Tat die Wirren im
Verein, an denen Schweitzer sein vollgerttelt Ma der Schuld trug, bis
in das Jahr 1867 hinein denselben in Zerrttung hielten.

In seltsamem Widerspruch zu diesen wiederholten Erklrungen Schweitzers
steht es, wenn noch in unseren Tagen die Behauptung aufgestellt wurde,
der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein habe zu jener Zeit einen
merkbaren Einflu auf die Neugestaltung der Dinge ausgebt, zum Beispiel
bei Erlangung des allgemeinen Wahlrechts. Bei dem Widerstand, den das
Bismarcksche Reformprojekt in den weitesten Kreisen fand, mute Bismarck
allerdings jede Untersttzung, war sie auch noch so unbedeutend, fr
sein Projekt willkommen sein. Da er das allgemeine Wahlrecht gewhrte,
geschah, weil er es gewhren mute. Das war so selbstverstndlich, da
es dazu keiner Einflsterungen und Anfeuerungen bedurfte. Hatte er doch
bereits Sommer 1863, also zu einer Zeit, in der der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein eben erst gegrndet worden war, gegenber dem
sterreichischen Reformentwurf, der das deutsche Parlament aus
Delegationen der einzelstaatlichen Landtage zusammensetzen wollte, ein
Parlament gefordert, das auf Grund des in der Paulskirche 1849
beschlossenen allgemeinen Wahlrechtes gewhlt werden sollte. Bismarck
hat die Grnde, weshalb er zu demselben griff und greifen mute, nicht
blo spter im norddeutschen Reichstag auseinandergesetzt; er schrieb
auch in einer Zirkulardepesche am 24. Mrz 1866, also drei Monate vor
dem Krieg:

  "Direkte Wahlen und allgemeines Stimmrecht halte ich fr grere
  Brgschaften einer konservativen Haltung als irgend ein knstliches,
  auf Erzielung gemachter Majoritten berechnetes Wahlgesetz. Nach
  unseren Erfahrungen sind die Massen ehrlicher bei der Erhaltung
  staatlicher Ordnung interessiert als die Fhrer derjenigen Massen, die
  man durch die Einfhrung irgendeines Zensus in der aktiven
  Wahlberechtigung privilegieren mchte."

Und an den Grafen Bernsdorf in London schrieb Bismarck unter dem 19.
April 1866:

  "Ich darf es wohl als eine auf langer Erfahrung begrndete
  Ueberzeugung aussprechen, da das knstliche System indirekter und
  Klassenwahlen ein viel gefhrlicheres ist, indem es die Berhrung der
  hchsten Gewalt mit den gesunden Elementen, die den Kern und die Masse
  des Volkes bilden, verhindert.... Die Trger der Revolution sind die
  Wahlmnnerkollegien, die der Umsturzpartei ein ber das Land
  verbreitetes und leicht zu handhabendes Netz gewhren, wie dies 1789
  die Pariser Elekteurs gezeigt haben. Ich stehe nicht an, indirekte
  Wahlen fr eines der wesentlichsten Hilfsmittel der Revolution zu
  erklren, und ich glaube, in diesen Dingen praktisch einige
  Erfahrungen gesammelt zu haben."

Zu diesen Grnden, die deutlich das Unbehagen verraten, das die
bisherigen Resultate der Wahlen nach dem Dreiklassenwahlsystem in
Preuen bei ihm erzeugten, kommen noch als besonders _entscheidende_,
da in dem Staatenkonglomerat, das der spter neugebackene Norddeutsche
Bund bildete, es keine gemeinsame Grundlage gab, auf der ein anderes
Wahlrecht als das allgemeine mglich war. Ferner gebot die Rcksicht auf
die Traditionen des ersten deutschen Parlaments in Frankfurt 1848/49,
da er das allgemeine Wahlrecht einfhrte, das allein die starken
Antipathien, die gegen die Grndung des Norddeutschen Bundes selbst in
weiten Kreisen der norddeutschen Bevlkerung vorhanden waren,
einigermaen berwinden konnte. Es mu weiter hinzugefgt und
_wiederholt_ daran erinnert werden, da in jenen Jahren der Gedanke, das
allgemeine Wahlrecht einzufhren, selbst in konservativen Kreisen im
Hinblick auf die Resultate des Dreiklassenwahlsystems sympathisch
aufgenommen wurde und der Geheime Regierungsrat Wagener schon im
Sptsommer 1862, also _ehe_ noch Lassalle ffentlich diese Forderung
erhoben hatte, die Einfhrung des allgemeinen Wahlrechts befrwortete.
Auch hatten schon zu Anfang 1862 die radikalen Leipziger Arbeiter diese
Forderung gestellt, und seit 1865 war es eine Programmforderung _der
gesamten deutschen Arbeiterklasse ohne Unterschied der Partei_. Im
Winter 1865/66 wurde diese Forderung in unzhligen Volksversammlungen
propagiert, noch ehe jemand an den Bismarckschen Reformentwurf denken
konnte, weil er fr die Oeffentlichkeit noch nicht existierte. Es war
also nach Lage der Dinge unmglich, da der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein als solcher merkbaren Einflu auf die Gewhrung des
allgemeinen Stimmrechts ausgebt hat.

Bismarck hatte am 9. Mai den Landtag nach Hause geschickt, weil er
frchtete, da er ihm, wie bei Gelegenheit der Schleswig-Holsteinschen
Frage, die Mittel zum Kriegfhren verweigern werde. Bismarck brauchte
aber Geld, und so gab er auf dem Verordnungswege, also ohne alles
gesetzliche Recht, 40 Millionen Taler Kassenscheine aus und ordnete die
Errichtung von Darlehenskassen an. Die gesamte liberale und
demokratische Presse spie mit Recht Feuer und Flamme ber diese
gesetzwidrige Handlung, aber _Schweitzer brachte es fertig, unter sehr
deplacierten Angriffen auf die Fortschrittspartei die Handlung
Bismarcks zu verteidigen_. Als dann Bismarck nach dem Kriege die
Grndung eines Staatsschatzes, der mit 20 Millionen Taler dotiert werden
sollte, verlangte, um ausgesprochenermaen im Kriegsfall zunchst von
einer Geldbewilligung der Kammer unabhngig zu sein, _fhrte Schweitzer
wieder eine Menge Grnde zugunsten desselben an, wagte aber nicht_, sich
rckhaltlos fr den Plan auszusprechen.

Der "Sozialdemokrat" mute mit dem 1. April 1866 sein sechsmaliges
Erscheinen einstellen; er erschien wieder nur dreimal wchentlich. Es
mochte niemand mehr ein Bedrfnis haben, angesichts der kommenden
kriegerischen Ereignisse weiter schwere Opfer fr ein sechsmaliges
Erscheinen zu tragen. _Denn er besa noch keine 500 Abonnenten_. Am 17.
Juni fand eine Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins in Leipzig statt, die nur von 12 Delegierten besucht
war, was zeigt, wie gering damals die Leistungsfhigkeit des Vereins
war. Angeblich sollten diese 12 Delegierten, unter denen sich auch
Schweitzer befand, 9400 Mitglieder vertreten. Bei der Prsidentenwahl
unterlag Hillmann-Elberfeld gegenber Perl-Hamburg, das war ein
indirekter Sieg Schweitzers. Im "Sozialdemokrat" wiederholte sich jetzt
das Spiel, das man nach seiner Leipziger Rede erwarten mute. Als
Oesterreich whrend der Waffenstillstandsverhandlungen Venetien an
Napoleon bergab, um es nicht an das verhate Italien abtreten zu
mssen, entdeckte Schweitzer hierin, gleich der liberalen Presse, einen
_Verrat_ Oesterreichs an Deutschland, und ging nun, diesen Vorwand
benutzend, mit fliegenden Fahnen in das Lager Preuens, dessen
"staunenswerte organisatorische Kraft" gezeigt, da Deutschland zu ihm
zu stehen habe. Von diesem seinem Standpunkt aus war es ihm
auerordentlich peinlich, als Ende August Johann Jacoby anllich der
Beratung einer Adresse an den Knig eine vorzgliche Rede im preuischen
Landtag hielt, in der er sich entschieden gegen das neue Gebilde,
den Norddeutschen Bund, aussprach, der die Ausschlieung
Deutsch-Oesterreichs und der sddeutschen Staaten zur Voraussetzung
gehabt habe. Im weiteren erklrte sich Jacoby gegen die Indemnitt, die
jetzt die Regierung fr ihre gesetzwidrigen Manahmen vor und whrend
des Krieges von dem Landtag forderte. Schweitzer zollte zwar dem Mute
und dem Idealismus Jacobys volles Lob, rechtfertigte aber durch
gewundene Ausfhrungen den neuen Stand der Dinge. Als dann am 20.
September die allgemeine Amnestie erschien, war niemand vorhanden, der
dieselbe mehr verdient htte als er fr die Dienste, die er vom 9. Mai
ab fr die Regierung geleistet hatte; sie brachte ihm den Nachla von
zehn Monaten seiner Haft.

Ende August 1866 machte der "Sozialdemokrat" in der Anwandlung einer
melancholischen Stimmung das Gestndnis: "So habe sich das deutsche Volk
die deutsche Einheit nicht vorgestellt." Was damals ber den Entwurf zur
knftigen Nordbundsverfassung verlautete, war allerdings zum
Melancholischwerden. Bismarck, der wirkliche Realpolitiker, der jetzt im
Zenith seiner Macht stand, schmiedete das Eisen, solange es warm war,
und schuf einen Verfassungsentwurf, der noch ein gut Stck hinter der
preuischen Verfassung an konstitutionellen Rechten zurckstand. Es
hiee den Scharfsinn Schweitzers beleidigen, wollte man annehmen, da er
ernstlich darber enttuscht war. Wer wie er das Wesen des jetzt alles
beherrschenden preuischen Staates und auch das Wesen und den Charakter
Bismarcks kannte, konnte nichts anderes erwarten. Aber wie wollte er
seine gropreuische Politik dem Verein gegenber rechtfertigen und
mundgerecht machen? Jetzt zeigte sich, was es mit seiner Behauptung, der
Verein sei eine Macht, so "da er ihm (Bismarck) Konzessionen abntigen
knne", auf sich hatte.

Wir waren nicht enttuscht, denn wir hatten uns keinen Illusionen
hingegeben. Indes spann Schweitzer den alten Faden weiter. Vor allem
setzte er auf der Generalversammlung in Erfurt, die fr den 27. Dezember
einberufen worden war, ein Wahlprogramm durch, dessen erster Punkt in
Berlin an magebender Stelle notwendig freundlich aufgenommen werden
mute. Dieser Punkt lautete: "Gnzliche Beseitigung jeder Fderation,
jedes Staatenbundes, unter welcher Form es auch sei. Vereinigung aller
deutschen Stmme zu einer innerlich und organisch durchaus
verschmolzenen Staatseinheit, durch welche allein das deutsche Volk
einer glorreichen nationalen Zukunft fhig werden kann: durch Einheit
zur Freiheit." Also auf dem Wege der Bismarckschen Politik zur Freiheit.
Das war die _gleiche_ Parole, welche die nationalliberale Partei
aufgestellt hatte, und bedeutete weitere Annexionen, die nicht ohne
einen neuen Krieg ausfhrbar waren. Der zweite Punkt des Programms
handelte von der Forderung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes mit
Ditenzahlung fr Reichstag und Landtage. Sicherung der Volksrechte. Die
Forderung nach allgemeiner Volksbewaffnung, die in dem von der Grfin
Hatzfeldt herrhrenden Programmentwurf stand, strich Schweitzer, denn
nach dem "Sozialdemokrat" hatte Preuen bewiesen, "da es allein durch
seine staunenerregende organisatorische Kraft zur Fhrung der deutschen
Wehrkraft berufen sei", und dem durfte man doch jetzt nicht mit der
allgemeinen Volksbewaffnung kommen. Der vierte Punkt verlangte Anbahnung
der Lsung der Arbeiterfrage durch freie Assoziationen mit Staatshilfe
nach den Prinzipien Ferdinand Lassalles. Also von Bismarcks Gnaden. Fr
Moritz He gab das Erfurter Programm endlich den Ansto, um als letzter
von den ersten Mitarbeitern dem "Sozialdemokrat" die Mitarbeiterschaft
aufzusagen.

Man vergleiche dieses Verhalten Schweitzers mit seinem Verhalten im
Frhjahr 1865, als er, durch die Opposition in seinem Verein bedrngt,
im "Sozialdemokrat" vom 5. April 1865 erklrte:

  "Die Deutsche Volkspartei _also will das ganze_ Deutschland zum freien
  Volksstaat vereinen. Das ganze Deutschland sagen wir. Nicht ein Dorf,
  nicht ein Meierhof, nicht die kleinste Htte im entferntesten Winkel
  darf uns fehlen. Der kleindeutsche Gedanke eines einigen Deutschland
  _ohne die deutsch-sterreichischen Provinzen ist ein Hochverrat an der
  Zukunft der Nation_."

So hatte der Schweitzer von 1865 dem Schweitzer von 1866 das Urteil
gesprochen. Aber was er 1865 geschrieben und beteuert hatte, hatten
seine Anhnger vergessen. Blieb nach einer anderen seiner frheren
Ausfhrungen nur die Wahl zwischen deutschen Proletarierfusten und
Preuen fr die Lsung der deutschen Frage, und waren damals die
deutschen Proletarierfuste zu schwach, die deutsche Frage im
demokratischen Sinne zu lsen, so war dies fr den Fhrer einer
Arbeiterpartei kein Grund, sich zum Werkzeug der Lsung im csarischen
Sinne herzugeben. Einmal die Ehrlichkeit Schweitzers fr einen
Augenblick vorausgesetzt, so wre selbst dann seine Taktik ein Verrat an
der Demokratie gewesen, weil er die Politik ihres gewaltttigsten und
grimmigsten Feindes untersttzte.




Schweitzer und die Konservativen.


Mit der Agitation fr die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen
Reichstag, die auf den 12. Februar 1867 angesetzt waren, beginnt die
zweite Periode der Ttigkeit Schweitzers. Die Haltung des
"Sozialdemokrat" lie keinen Zweifel, da Schweitzer es mit den
_Konservativen_ nicht verderben wollte. Er rechnete offenbar auf
Schachergeschfte mit diesen gegen die Liberalen, was auch im Wunsche
Bismarcks liegen mute. Schweitzer ging also wieder gegen die
Fortschrittspartei aufs schrfste ins Feuer, eine Taktik, die ihm der
alte Moritz He als Verrat anrechnete. Dieser meinte, es handle sich vor
allen Dingen doch darum, die _linke_ Seite des Parlamentes nach Krften
zu strken, um eine leidliche Verfassung zustande zu bringen, was ein
durchaus richtiger Standpunkt, aber nicht der Schweitzers war.

Schweitzer hatte unter den verschiedenen Kandidaturen, die ihm von
seinen Anhngern angeboten worden waren, sich fr Barmen-Elberfeld
entschieden, ein Wahlkreis, der ihm die meiste Aussicht auf Sieg bot.
Die Leipziger Lassalleaner wollten in Leipzig Liebknecht aufstellen, den
wir im neunzehnten schsischen Wahlkreis aufgestellt hatten, wo wir
hofften, ihn durchzubringen, was leider nicht gelang. Wir hatten in
Leipzig, nachdem Professor Romler abgelehnt hatte, Professor Wuttke
als Kandidat proklamiert. Schweitzer eiferte gegen Liebknechts
Kandidatur. Dieselbe gehe von einer Seite aus, der das Werk Lassalles
stets ein Dorn im Auge gewesen sei. Die Leute, die im Hintergrund von
Liebknechts Kandidatur stnden, seien im Zusammenhang mit
sterreichischen reaktionren Kreisen. Liebknecht habe noch vor zwei
Jahren Lassalle in ffentlichen Blttern geschmht. Wer Liebknecht
whle, sage sich offen von Lassalle und seinem Werke los. So spekulierte
er auf die blinde Voreingenommenheit seiner Anhnger fr Lassalles Werk.
Liebknecht zu whlen, war also ein Verbrechen an Lassalle. Wie
Schweitzer berhaupt die Dinge ansah, zeigt ein Ausruf "An meine Freunde
und Parteigenossen in Schlesien und im Rheinland", in dem es pathetisch
hie: "_Eine mildere Zeit, eine weisere Regierung ist gekommen!_" In
Barmen-Elberfeld, woselbst Schweitzer Ende Januar wieder eine seiner
geschickten Reden hielt, sprach er _mit keinem Worte ber seine Stellung
in der Politik und gegebenenfalls im Parlament_. Im "Sozialdemokrat"
wurden ungeschickterweise malose Hoffnungen ber den Ausfall der Wahlen
genhrt. So wurde zum Beispiel in der Nr. 15 vom 3. Februar angekndigt,
die gewhlten Vertreter wrden in Berlin einen gemeinsamen Haushalt
fhren. Man sprach von Ditenkommunismus usw. Schweitzer wurde sogar im
"Sozialdemokrat" als Sieger angesungen, noch ehe er gewhlt war. Er
hatte als Gegenkandidaten in Barmen-Elberfeld von konservativer Seite
Bismarck, von liberaler Herrn v. Forckenbeck. Der Wahltag brachte eine
schwere Enttuschung. Bismarck erhielt 6523, Forckenbeck 6123,
Schweitzer nur 4688 Stimmen. Er war nicht einmal in die engere Wahl
gekommen. Auch im brigen Deutschland war der Wahlausfall fr den
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein eine Enttuschung. In der engeren
Wahl in Barmen-Elberfeld hatten also die Sozialdemokraten den Ausschlag
zu geben. In einer groen Whlerversammlung am 26. Februar nimmt
Schweitzer zunchst das Wort, erklrt aber, keine Parole fr die engere
Wahl auszugeben, bevor er nicht die Meinung der Versammlung gehrt.
Schlielich ergreift er wieder das Wort, wobei er uerte:

  "Das vielfache Rufen des Namens Bismarck aus der Versammlung htte ihn
  erkennen lassen, _nach welcher Seite sich die Stimmung im allgemeinen
  gelenkt habe. Er knne dem einzelnen keine Vorschriften machen, fr
  wessen Wahl sich derselbe entscheiden solle, ein jeder solle dem Zuge
  seines Herzens folgen._"

Damit wute jeder, woran er war. Um aber das Komdienspiel zu vollenden,
lie er im Widerspruch mit seiner eigenen Rede eine Resolution annehmen,
in der sich die Versammlung fr _Stimmenthaltung_ aussprach. In der Tat
erhielt Bismarck bei der engeren Wahl _fast die gesamten Schweitzerschen
Stimmen. Er wurde mit 10196 gegen 6944, die Forckenbeck erhielt,
gewhlt._

Schweitzer suchte in einer Erklrung diese Abstimmung damit zu
rechtfertigen, da er ausfhrte:

  Man habe der liberalen Bourgeoisie eine Lehre geben wollen fr die
  gemeine Kampfweise, die sie im Wahlkampf gebt habe. "_Vielleicht
  auch, Arbeiter_," fuhr er fort, "_war eure Abstimmung eine Huldigung
  nicht zwar fr den Kandidaten der konservativen Partei, wohl aber fr
  den Minister, der aus eigenem Antrieb ein Volksrecht euch
  zurckgegeben, welch es die liberale Opposition fr euch zu fordern so
  hartnckig vergessen hatte._"

Der gute, volksfreundliche Bismarck!

Wenige Tage nach jener Elberfelder Bismarckwahl stand ich in engerer
Wahl im 17. schsischen Wahlkreis (Glauchau, Meerane usw.) gegen einen
nationalliberalen Kandidaten. Hier erklrte der Fhrer der
Lassalleaner--den Bericht verffentlichte der "Sozialdemokrat"--, _ein
reiner Lassalleaner drfe Bebel nicht whlen, der nach dem Standpunkte,
den sie, die Lassalleaner, einnhmen, ein Verrter an der Sache sei_.

_Bismarck der Wohltter der Arbeiter, Liebknecht und Bebel ihre
Verrter._ Das war das Resultat der Schweitzerschen Erziehungsmethode.
Wie schon frher gemeldet, wurde ich trotzdem gewhlt, die wenigen
hundert Stimmen der Lassalleaner gaben nicht den Ausschlag.

In Barmen-Elberfeld mute kurz darauf eine Neuwahl stattfinden, da
Bismarck, der doppelt gewhlt worden war, das Mandat fr
Barmen-Elberfeld niederlegte. Bei der darauf folgenden Neuwahl erhielt
Schweitzer 4919, der liberale Professor Gneist 4291, der konservative
von der Heidt 2594, Oberbrgermeister Bredt 1497 Stimmen. Es mute also
wieder engere Wahl stattfinden, und zwar diesmal zwischen Schweitzer und
Gneist. Der "Sozialdemokrat" buhlte jetzt offen um die Stimmen der
konservativen--Arbeiter. _Noch charakterloser und wrdeloser trieb
Schweitzer die Buhlerei in einer Versammlung am 17. Mrz, in der er die
Konservativen aufforderte, von zwei Uebeln das kleinere oder entferntere
zu whlen, und das sei er. Auf dem sozialen Boden knnte sich die
Arbeiterpartei mit den Konservativen ber manches die Hnde reichen._ Er
bezieht sich dafr auf _Reden des Geheimen Oberregierungsrats Wagener,_
auf Bischof Kettelers Buch, _auf Aeuerungen Bismarcks_.

  _"Die Konservativen mchten mitwirken, damit die Arbeiter durch ihn im
  Parlament zum Wort kmen. Als die Konservativen die Arbeiter
  riefen--einerlei aus welchem Grunde--, kamen diese mit ihrer ganzen
  Armee. Jetzt rufen die Arbeiter, und die Konservativen wrden eine
  moralische Verpflichtung nicht lsen, wenn nicht auch sie nun dem Rufe
  folgten. Sie mten kommen, wenn sie nicht die gerechtere Entrstung
  ber sich heraufbeschwren wollten."_

Dann stt er Drohungen gegen die Fortschrittspartei aus.

Aber fr diese Charakterlosigkeit und Wrdelosigkeit sondergleichen
blieb dennoch der Lohn aus. Schweitzer unterlag abermals, und zwar mit
7923 gegen 8019 Stimmen, die auf Gneist fielen.




Schweitzer im norddeutschen Reichstag.


Nachdem der konstituierende norddeutsche Reichstag die Verfassung des
Norddeutschen Bundes beraten hatte und diese verkndet worden war,
wurden die Wahlen fr die erste Legislaturperiode auf Ende August 1867
angesetzt. Schweitzer kandidierte wieder in Barmen-Elberfeld, diesmal
mit Erfolg. Schweitzer erhielt im ersten Wahlgang 6110, Dr. Lwe-Calbe
(Fortschritt) 3588, Professor v. Sybel-Dsseldorf 3478 Stimmen, es war
also engere Wahl zwischen Schweitzer und Lwe-Calbe ntig, in der
Schweitzer mit 8915 Stimmen gegen 6690 Stimmen, die auf Lwe-Calbe
fielen, siegte. _Diesmal hatte wieder der grte Teil der Konservativen
fr Schweitzer gestimmt._ Wie er in seiner Danksagung glaubte
hervorheben zu mssen, waren es die konservativen Arbeiter, die in
richtiger Erkenntnis der Sachlage dem Arbeiterkandidaten ihre Stimme
gegeben htten. Inwieweit das richtig war, zeigt die spter bekannt
gewordene Tatsache, _da der Fhrer der Konservativen, Herr v. Kusserow,
Schweitzer fr seine Wahl 400 Taler eingehndigt hatte._ Auf der
Berliner Generalversammlung stellte man, als diese Tatsache bekannt
wurde, das grausame Verlangen, Schweitzer solle das Geld zurckgeben.
Wie konnte man nur so naiv sein.

Aber Schweitzer glaubte noch ein briges tun zu mssen und den
Konservativen Zusicherungen fr sein Wohlverhalten im Reichstag geben zu
sollen, und so uerte er in seiner Erklrung vom 11. September weiter:

  "Mein sozialer Standpunkt wird von niemand in Zweifel gezogen; ich
  brauche daher in dieser Beziehung nichts zu sagen. In politischer
  Beziehung bemerke ich, da ich gem den Grundstzen der Partei, der
  ich angehre und die mich zu ihrem Fhrer erkoren, in Fragen der
  Freiheit und _des Volkswohls_ unwandelbar mit der uersten Linken
  (der Fortschrittspartei) stimmen werde. Sollten ernstliche Gefahren
  vom Ausland her das deutsche Vaterland bedrohen, so werde ich den
  Knig von Preuen, in dem jetzt die nationale Machtstellung
  Deutschlands gipfelt, und seine Regierung mit aller Kraft, die einem
  einzelnen zu Gebote stehen kann, in dem Parlament wie auerhalb
  desselben zu untersttzen bestrebt sein."

Schweitzers Wahl hatte begreiflicherweise unter seinen Anhngern groe
Begeisterung hervorgerufen, und er nutzte diese nun aus, indem er in
einem mit vier Schimmeln bespannten Wagen einen Triumphzug durch die
beiden Stdte Barmen-Elberfeld unternahm. Solche Triumphzge, die,
wollte sie heute ein Arbeiterfhrer arrangieren, ihn zum toten Manne
machten, liebte er. Solche Triumphzge, wobei stets die Schimmel eine
Rolle spielten, kamen wiederholt auch spter vor, so zum Beispiel in
Hamburg-Altona, nochmals in Barmen-Elberfeld und in Kassel. Damit aber
auch das ntige Volk auf der Strae war, unterbrach zum Beispiel
Schweitzer seine Reise von Berlin nach Kassel in Minden und fuhr von
dort mit einem Zug, der erst abends nach 7 Uhr in Kassel eintraf. Hier
benutzte er die mit Schimmeln bespannte Equipage auch whrend der
mehrtgigen Dauer der Generalversammlung des Arbeiterverbandes,
verlangte aber, da seine Anhnger die hohen Kosten dafr tragen
sollten. Dessen weigerten sie sich. Die Kosten des Triumphzugs vom
Bahnhof nach der Stadt wollten sie bezahlen, das andere msse Schweitzer
tragen. Dabei blieb es.

Mit Schweitzers Eintritt in den norddeutschen Reichstag, dem auer mir
nunmehr auch Liebknecht angehrte, kam es zeitweilig zwischen uns und
Schweitzer zu Auseinandersetzungen. Eine solche von besonderem Interesse
spielte sich in der Sitzung vom 17. Oktober 1867 ab, in der der
Gesetzentwurf betreffend die Verpflichtung zum Kriegsdienst auf der
Tagesordnung stand. Liebknecht sprach zunchst, und zwar in
auerordentlich scharfer Form unter hufigen heftigen Unterbrechungen
der Mehrheit und des Prsidenten. Namentlich griff er die Politik
Bismarcks schonungslos an und schlo seine Rede mit den Worten: "Die
Weltgeschichte wird hinwegschreiten ber diesen norddeutschen Reichstag,
der nichts ist als das Feigenblatt des Absolutismus." Nachher kam ich
zum Wort. Ich begrndete in aller Ruhe unseren Standpunkt als Vertreter
des Milizsystems. Mittlerweile hatte sich auch Schweitzer gemeldet, um
seinen entgegengesetzten Standpunkt zu markieren. Bei Einbringung eines
Schluantrags verlas der Prsident, wie es damals Vorschrift war, die
Namen der eingeschriebenen Redner fr und wider den Gesetzentwurf,
darunter Schweitzer als Gegner. _Dieser erklrte darauf zur
Geschftsordnung, er habe sich nicht wider, sondern fr den
Gesetzentwurf einschreiben lassen._

Schweitzer ergriff alsdann bei der Spezialdebatte das Wort und fhrte
aus: Nach dem Standpunkt, den Herr Liebknecht einnehme, mte auch die
allgemeine Wehrpflicht verworfen werden. Dabei hatten wir beide eine
Resolution einzubringen versucht, fr die wir aber nicht die ntigen
Unterschriften erhielten, in der die Einfhrung des Milizsystems, also
die Verwirklichung der allgemeinen Wehrpflicht nach dem Muster
Scharnhorsts und Gneisenaus gefordert wurde. Liebknecht wnsche, da der
Norddeutsche Bund berhaupt nicht existiere. Er und seine Freunde
wollten den Norddeutschen Bund freiheitlich gestalten, darin stnden sie
mit der _Fortschrittspartei_ auf einem Boden. Er berief sich also wieder
auf dieselbe Partei, die er seit 1863 als Trgerin des Rckschritts
bekmpft und fortgesetzt angegriffen hatte. Er, Schweitzer, wolle nicht
mit Herrn Liebknecht und seinen Freunden, den depossedierten Frsten und
dem Ausland, dahin trachten, Preuen und den Norddeutschen Bund zu
ruinieren und zu zerstren:

  "Wir haben erkannt, da der preuische Machtkern unser deutsches
  Vaterland, das so lange miachtet war, dem Ausland gegenber endlich
  zur Geltung und zu Ehren gebracht hat und dies auch knftig tun wird,
  und es liegt uns fern, mit jenen selbst diejenigen Eigenschaften an
  Preuen leugnen und bemkeln zu wollen, die im vorigen Jahre eine
  feindliche Welt bewundernd anerkennen mute."

Sie stnden innerhalb, wir auerhalb des neu sich bildenden Vaterlandes,
wollten auerhalb desselben stehen.

Liebknecht antwortete in einer persnlichen Bemerkung:

  "Der Abgeordnete v. Schweitzer hat mir einen groen Gefallen getan,
  denn er hat mir die Gelegenheit gegeben, die ich bis jetzt vergebens
  gesucht habe, zu erklren, _da ich allerdings mit dem Doppelgnger
  des Herrn Wagener nichts zu tun habe_."

Schweitzer schwieg und Wagener schwieg. Vor der Abstimmung ber den
entscheidenden  1 verlie Schweitzer den Saal. Er wagte nicht dafr zu
stimmen und wollte nicht dagegen stimmen.

Diese Vorgnge im Reichstag beschftigten kurz darauf zwei Versammlungen
der Berliner Mitgliedschaft des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
Schweitzer beantragte hier folgende Resolution:

  "Die Versammlung erkennt an, da die von Preuen geschaffene Macht die
  Mglichkeit der Herstellung der deutschen Einheit in sich trgt;
  zweitens ist sie _mit der Fortschrittspartei damit einverstanden_
  (weiter nach links wagte Schweitzer nicht mehr zu gehen. A.B.), da
  mit uerstem Nachdruck und ohne da man sich um Drohungen der
  preuischen Regierung kmmere, auf eine freiheitliche Gestaltung
  Preuens und des Norddeutschen Bundes gedrungen werden mu, da nur
  hierdurch eine ersprieliche endgltige Lsung der deutschen Sache
  mglich ist; drittens erklrt sie es fr verfehlt, in Gemeinschaft mit
  der Auffassung des mignstigen Auslandes das Vorgehen Preuens im
  vorigen Jahre zu beurteilen und demgem eine Zertrmmerung Preuens
  und des Norddeutschen Bundes zu erstreben und zu erhoffen."

Rckhaltloser konnte man fr die Bismarcksche Schpfung nicht eintreten.
Dieser Resolution gegenber beantragten nun _Theodor Metzner_ und
_Reimann_, zwei Opponenten von Schweitzer:

  "Die Versammlung beschliet, da Herr v. Schweitzer sowohl im
  Reichstag als durch seine Verdchtigung der radikalen Partei in der
  heutigen Versammlung _das wenige Vertrauen, das derselbe bisher bei
  den Berliner Arbeitern genossen, vollstndig verloren hat_."

Eine dritte Resolution brachte der fortschrittliche Maschinenbauer
Andreack ein, die forderte:

  _"Die Versammlung mge beschlieen, da sie in der deutschen Frage
  sich nur mit dem Standpunkt der Deutschen Fortschrittspartei
  einverstanden erklren kann."_

Und was geschah jetzt? Als Schweitzer merkte, da die scharfe
Opposition, die er fand, seine Resolution zu Fall bringen knnte, zog
er, feig wie er immer war, wenn ihm eine Niederlage drohte, _dieselbe
zurck und erklrte sich fr die fortschrittliche Resolution, die
dasselbe besage wie die seine_. Hofstetten, der den Vorsitz hatte, tat
Schweitzer den Gefallen, ber die Andreacksche Resolution zuerst
abzustimmen und sie fr angenommen zu erklren, was seitens der
Opposition einen Sturm der Entrstung hervorrief.




Schweitzers Diktatur.


Schweitzer hatte das dringendste Interesse, den Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein ganz in die Hand zu bekommen, also dessen Prsident zu
werden. Dieses Sehnen verwirklichte sich, als Perl-Hamburg, der
Prsidentschaft mde, erklrte, dieselbe niederlegen zu wollen. Es wurde
eine auerordentliche Generalversammlung auf den 19. und 20. Mai 1867
nach Braunschweig einberufen, die von 18 Delegierten, die 2500 Stimmen
hinter sich hatten, besucht war. Schweitzer vertrat Apolda mit 22 und
Limbach in Sachsen mit 30 Stimmen. Der Verein war sehr heruntergekommen.
Die bestndigen Zerwrfnisse, das Mitrauen gegen Schweitzer wegen
seiner Politik, der ungnstige Ausfall der Wahlen zum norddeutschen
Reichstag, trotz aller grosprecherischen Worte Schweitzers, die Krise
waren die Hauptursachen dieser Erscheinung. Die Erffnungsrede Perls war
der Ausdruck der vorhandenen Mutlosigkeit. Die Hoffnung, die man noch in
Leipzig gehegt, Ordnung in den Verein zu bringen, htte sich nicht
erfllt; die finanziellen Verhltnisse des Vereins seien sehr ungnstig,
nur wenige Orte zahlten Beitrge usw. Im weiteren Verlauf der
Verhandlungen bat Perl, von seiner Wiederwahl als Prsident abzustehen;
er knne die Opfer nicht mehr tragen, die ihm diese Stellung auferlege.
Schweitzer kritisierte Perls Geschftsfhrung, doch wolle er, wie er
sagte, ihm nicht persnlich zu nahe treten. Er erklrte, die
Generalversammlung sei entscheidend fr den Verein, nach Tlcke sollte
er sogar die Prsidentschaft _gefordert_ und gedroht haben, falls er
nicht gewhlt werde, liee er mit der nchsten Nummer den
"Sozialdemokrat" eingehen. Er versprach Garantien zu geben, da die
_Verwaltungsgeschfte_ korrekt erledigt wrden, da er wisse, da man ihm
mitraue. Die Versammlung war unschlssig, was sie tun sollte; so lie
man auf Vorschlag Brackes eine Pause eintreten, um sich zu verstndigen.
Nach dieser schlug Tlcke Schweitzer als Prsidenten vor. Es wurde
darauf mehrseitig wieder geltend gemacht, da gegen Schweitzer Mitrauen
vorhanden sei; auch sei es ein Unding, da der Prsident des Vereins und
der Redakteur des Vereinsorgans ein und dieselbe Person sei. Tlcke
suchte die Bedenken zu beschwichtigen. Schweitzer erklrte, er wisse,
da man Mitrauen gegen ihn habe; er werde das Amt nur annehmen, wenn
man ihm Vertrauen entgegenbringe. Er beantragte eine zweite Pause zur
Verstndigung. Nach dieser erklrten mehrere Delegierte, ihr Mitrauen
gegen Schweitzer fallen zu lassen. Er wurde alsdann, nachdem er auf
einen Vorhalt Tlckes noch mitgeteilt, _er werde sich selber whlen_,
mit 2385 gegen 97 Stimmen und 41 Enthaltungen Prsident des Vereins. Er
hatte, um sich Vertrauen zu erwerben, auf dieser Generalversammlung ein
radikales Programm vorgelegt und annehmen lassen. Jetzt gab er auch die
sogenannten Garantien fr sein ferneres Wohlverhalten, indem er durch
Handschlag smtlichen Delegierten gegenber sich feierlich
verpflichtete, alles zu tun, was in seinen Krften stehe, den Verein
vorwrtszubringen. Umgekehrt verpflichteten sich die Delegierten
ebenfalls durch Handschlag Schweitzer gegenber, treu zur Organisation
und zum Prsidenten zu stehen. Also eine Art Ballhausschwur, wie ihn die
franzsische Nationalversammlung 1789 leistete, nur mit dem Unterschied,
da der Regisseur der Schwurszene in Braunschweig, Schweitzer, wute,
da es sich um eine Posse handelte.--

Auf der Generalversammlung des Vereins in Berlin--23. bis 25. September
1867--wiederholte Schweitzer: _da in politischen Fragen der Verein mit
der Fortschrittspartei gehen knne_. Das verhinderte allerdings nicht,
da, als um dieselbe Zeit in Dsseldorf eine Nachwahl fr den Reichstag
stattzufinden hatte, bei der in der engeren Wahl der fortschrittliche
Kandidat, Redakteur der "Rheinischen Zeitung", Brgers, und ein
konservativ-nationalliberaler Kandidat sich gegenberstanden, Schweitzer
im "Sozialdemokrat" die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins aufforderte, fr den letzteren zu stimmen, worauf
Brgers durchfiel. Neben dem, da er damit Bismarck einen Gefallen
erwies, khlte er seine Rache wegen der Anklage der "Rheinischen
Zeitung", er habe aus hochkonservativen Kreisen Geld fr den
"Sozialdemokrat" genommen.

Ein anderer fr Schweitzer wenig ehrenvoller und seinen Charakter
beleuchtender Vorgang war die Auseinandersetzung mit seinem bisherigen
Freunde Hofstetten. Hofstetten hatte seine Mittel fr die Grndung des
"Sozialdemokrat" hergegeben. Diese Mittel waren Mitte 1867 verbraucht
und Hofstetten ein armer Mann. Anfang 1868 versuchte Schweitzer
Hofstetten nach Wien zu schieben, woselbst er ein sozialdemokratisches
Blatt grnden sollte. Hofstetten kam aber in Wien bel an und eilte nach
Berlin zurck. Jetzt verschlo Schweitzer ihm den Wiedereintritt in die
Redaktion des Blattes, er bestritt auch, da Hofstetten noch
irgendwelche Ansprche habe, und setzte ihn vor die Tr, wobei er sich
auf einen Vertrag sttzte, den er dem gutmtigen und nicht gerade
scharfsinnigen Hofstetten abgedrungen hatte. Als Hofstetten im Frhjahr
1869 auf der Generalversammlung des Vereins in Barmen-Elberfeld eine
lange Anklagerede gegen Schweitzers Verhalten ihm gegenber hielt,
entrsteten die mitgeteilten Tatsachen den Delegierten Heinrich
Vogel--der gegenwrtig noch in Charlottenburg lebt--so, da er erklrte,
Schweitzer habe Hofstetten gegenber wie ein ordinrer Bourgeois
gehandelt, eine Charakterisierung, die bei Schweitzers Anhngern einen
Sturm der Entrstung hervorrief und nachher Vogels Ausschlu aus dem
Verein zur Folge hatte. Hofstetten klagte auch Schweitzer an, da er das
Geld mit vollen Hnden zum Fenster hinausgeworfen habe; woher er es
erhielt, wisse er nicht. Als er Schweitzer wegen seiner
verschwenderischen Lebensweise Vorhalt gemacht, habe dieser geantwortet:
Darber sei er ihm keine Rechenschaft schuldig, er habe seine Schulden
nicht zu bezahlen. Darin hatte Schweitzer sicher recht, aber die
Tatsache an sich ist sehr beachtlich. Ende 1867 hatte das Blatt erst
1200 Abonnenten, deckte also bei weitem noch immer nicht seine Kosten;
es war also die Frage sehr wohl gerechtfertigt: Woher kommt das Geld fr
das Blatt und die verschwenderische Lebensweise Schweitzers? Das ewige
Schuldenmachen hatte doch seine Grenze. Auch wollten die Glubiger ab
und zu Geld sehen. Eine Erbschaft, die er nach dem Tode seines Vaters
Ende 1868 machte, war so geringfgig, da sie einen Tropfen auf einen
heien Stein bedeutete. Dabei hielt Schweitzer sich whrend des
Reichstags eine Equipage mit galonierten Dienern.

Gustav Mayer, dessen Buch ber Schweitzer ich oben erwhnte, hielt es
fr zweckdienlich, sich bei Paul Lindau, der nach Schweitzers Rcktritt
hufigen Verkehr mit ihm hatte, zu befragen, ob er Extravaganzen
Schweitzers wahrgenommen habe. Lindau habe das verneint. Mir ist Paul
Lindaus Urteil nicht magebend. Die lebemnnischen Gewohnheiten des
alten, heute noch lebenden Herrn waren immer groe und da legt er wohl
einen anderen Mastab an "Extravaganzen" als andere Menschenkinder. Auch
war Schweitzer, als er zu Lindau in Beziehungen trat, bereits krank und
hatte geheiratet, zwei Umstnde, die Extravaganzen erschwerten. Die
Informationen, die wir seinerzeit in Berlin ber Schweitzers Lebensweise
einzogen, lauteten anders. Danach war er ein Lebemann ersten Ranges, der
namentlich auch hufig bei Kroll und in den Berliner Nachtlokalen mit
der Demimonde verkehrte, womit er wahrscheinlich die "Treue" gegen seine
langjhrige Braut bettigte, die man ihm als Tugend nachrhmte. Auch
veranstaltete er zeitweilig Champagnergelage mit seinen intimsten
Anhngern. Schweitzer gehrte zu den Naturen, die stets mindestens
doppelt so viel Geld verbrauchen als sie einnehmen, deren Parole ist:
Die Bedrfnisse haben sich nicht nach den Einnahmen, sondern die
Einnahmen haben sich nach den Bedrfnissen zu richten, was bedingt, da
sie dann skrupellos das Geld nehmen, wo sie es finden. Hatte Schweitzer
1862 2600 Gulden aus der Schtzenfestkasse entnommen, so unterschlug er
spter, als er Prsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war
und als solcher ber die Kassengelder verfgte, von schlecht gelohnten
Arbeitern gesammelte Groschen, um seine Gelste zu befriedigen. Es
handelte sich hier nicht um groe Summen, aber das lag nicht an
Schweitzer, sondern an dem mageren Inhalt der Kasse. Diese Miwirtschaft
ist ihm auf verschiedenen Generalversammlungen des Vereins vorgeworfen
und nachgewiesen worden, und _Bracke_, der jahrelang Kassierer des
Vereins war und auf Schweitzers Anweisung die Gelder auszahlen mute,
hat ihn ffentlich dieser Schandtat bezichtigt, ohne da Schweitzer ein
Wort der Verteidigung wagte. Wer aber dergleichen fhig ist, von dem
soll man nicht behaupten, da er unfhig gewesen sei, sich politisch zu
verkaufen, was doch das einzige halbwegs lukrative Geschft fr ihn sein
konnte. Den Nachweis, wieviel gezahlt wurde, kann niemand erbringen,
denn dergleichen Geschfte werden nicht auf offenem Markte
abgeschlossen. Es kann sich hier nur um den Nachweis durch Indizien und
zahlreiche Tatsachen handeln, die sich anders nicht erklren lassen.
Hervorheben mchte ich hier, da Bismarck nach 1866 die Zinsen aus dem
48 Millionen Mark betragenden Privatvermgen des Knigs von Hannover zur
Verfgung standen, die er skrupellos fr ihm gutdnkende politische
Zwecke benutzte. Diesen Fonds, der unter dem Namen "Reptilienfonds"
berchtigt geworden ist, konnte Bismarck verwenden, ohne jemand darber
Rechenschaft abzulegen. Da ist's nun charakteristisch, da, whrend die
ganze Oppositionspresse gegen diesen Korruptionsfonds ankmpfte, der
"Sozialdemokrat" den Fonds niemals erwhnte.

Charakteristisch fr den Mann ist ferner, da, als wir Anfang 1868 das
"Demokratische Wochenblatt" herausgaben, er systematisch den Namen
desselben totschwieg und, wenn er nicht umhin konnte, gegen dasselbe zu
polemisieren, er immer nur von dem Blatte des Herrn Liebknecht sprach.
Er wollte mit dieser Taktik verhindern, da einer seiner Anhnger durch
Nennung des Namens des Blattes auf den Gedanken kommen knnte, das
"Demokratische Wochenblatt" zu abonnieren, wodurch der Leser vieles
erfahren konnte, was ihm, Schweitzer, unangenehm war. Das war eine
kleinliche und lcherliche Kampfesweise, aber er bte sie.

       *       *       *       *       *

Eine merkwrdige Wandlung stellte sich bei Schweitzer wieder im Frhjahr
1868 ein. Gleich dem "Demokratischen Wochenblatt" druckte jetzt der
"Sozialdemokrat", wenn er vom norddeutschen Reichstag sprach, diese
Worte in Gnsefchen ab. Auch hielt er im Reichstag--Mitte Juni
1868--eine Rede, in der er in einer Polemik gegen v. Kirchmann eine ganz
andere Auffassung als bisher vom Wert des allgemeinen Wahlrechts
entwickelte. Bisher hatte er damit eine Art Kultus getrieben und die
Wahl Bismarcks durch seine Anhnger in Barmen-Elberfeld bekanntlich
damit zu rechtfertigen gesucht, da sie dem Geber des allgemeinen
Stimmrechts ihre Dankbarkeit beweisen wollten, als sie ihn whlten.
Jetzt erklrte er:

"Ich mu im Interesse derjenigen, die mich gewhlt haben, und im
Interesse der demokratischen Sache konstatieren, da dieses Haus nur
scheinbar und nicht in Wirklichkeit aus allgemeinen Wahlen
hervorgegangen ist."

Er motivierte dieses damit, da Prefreiheit und volle Vereins-und
Versammlungsfreiheit fehlten. Diese fehlten aber von Anfang an, und doch
klang damals sein Urteil anders. Das Urteil, das er jetzt ber das
geltende Wahlrecht fllte, deckte sich mit dem, das das "Demokratische
Wochenblatt" lngst und wiederholt abgegeben hatte. Diese pltzliche
auffllige Meinungsnderung wurde offenbar wieder durch die zunehmende
Opposition in seinem Verein verursacht.

In Nr. 80 des "Sozialdemokrat" vom 19. Juli kndigt Schweitzer an, da
er eine _dreiwchige_ Haft in der Stadtvogtei antrete, die ihm wegen
eines Flugblattes vom Landgericht Elberfeld zuerkannt worden war. Er
ernannte W. Real in Dsseldorf zum Vizeprsidenten und Hasselmann zum
Leiter des Vereinsorgans, mit dessen Eintritt die Rpelhaftigkeit im Ton
des Blattes einkehrte. Der pathetische Schlu der Ansprache lautete:

"Indem ich meine Haft antrete, richte ich an alle Parteigenossen meinen
herzlichsten Abschiedsgru. Ich hoffe, den Verein in derselben Blte, in
der ich ihn verlasse, oder in noch gesteigertem Mae (nach ganzen _drei_
Wochen) wiederzufinden."

Im Sommer 1868 hatte Johann Jacoby eine Rede ber "Die soziale Frage"
gehalten, in der er stark nach links und weit ab von der
Fortschrittspartei rckte. Auf einem groen Volksfest, das auf der Asse
bei Braunschweig abgehalten wurde, hatte sich Bracke ber dieses
Auftreten Jacobys sehr gnstig ausgesprochen und es begrt. Bracke
stellte hier ber die Rede folgende Thesen auf: Erstens, das
demokratische Programm von Johann Jacoby verdient im hchsten Mae die
Beachtung des deutschen Volkes; zweitens, nach demselben gibt es in den
Zielen keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der entschiedenen
demokratischen Partei und der eigentlichen Arbeiterpartei; drittens,
beide Parteien mssen in dem von Jacoby aufgestellten Ziel: Umgestaltung
der bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Zustnde im Sinne der
Freiheit, gegrndet auf Gleichheit alles dessen was Menschengesicht
trgt, bereinstimmen. Darauf antwortete der "Sozialdemokrat" in einem
"Verwirrung" berschriebenen Artikel:

"Der von Jacoby aufgestellte Satz einer gerechten Verteilung des
Arbeitslohnes zwischen Kapital und Arbeit, die zu erstreben wre, ist
eine ber alle Maen verfehlte, alberne und hohle Phrase; es ist
traurig, da es Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
gibt, die an diesen elenden Brocken herumkauen. ... Wenn einer
behauptet, es seien beachtenswerte Gedanken in Jacobys Rede, wird es
hoffentlich von allen Seiten tnen: Nein! es ist albernes, hohles
Geschwtz eines wichtigtuenden Bourgeois."

Diese erregte, grobe Sprache zeigte, welche Aufregung es Schweitzer
verursachte, sobald Mitglieder des Vereins den Anschein erweckten, als
wollten sie mit Vertretern nahestehender Parteien Fhlung nehmen. Der
Verein mute nach auen mit einer Art chinesischer Mauer umgeben sein,
damit er ihn absolut beherrschen und nach seinem Willen lenken konnte.

Die nchste Generalversammlung des Vereins war auf den 22. bis 26.
August nach Hamburg einberufen. Waren auf der Braunschweiger
Generalversammlung nur 2508 Mitglieder vertreten, auf der Berliner 3102,
so jetzt 8192 durch 36 Delegierte. Der Verein war also wesentlich
strker geworden. Man hat diese Entwicklung ausschlielich der Ttigkeit
und der Leitung Schweitzers zugeschrieben. Mit Unrecht. Der Druck der
Krise, die sich als Folge des sechsundsechziger Krieges eingestellt
hatte, war gewichen, an deren Stelle brachte das Jahr 1868 eine
Prosperittsperiode. Damit hatte die Hoffnungsfreudigkeit und das
politische Leben in den Arbeiterkreisen von neuem eingesetzt, wovon
nicht nur der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, sondern auch der
Verband der Arbeitervereine profitierte, an dessen Spitze ich stand und
der damals ber 13000 Mitglieder zhlte, die freilich keine
programmatische Geschlossenheit wie der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein besaen. Schweitzer suchte jetzt Karl Marx fr sich zu
gewinnen. Er hatte Marx den Dank des Vorstandes fr sein Werk "Das
Kapital" votieren lassen, auch hatte er ihn zur Generalversammlung nach
Hamburg eingeladen, eine Einladung, die Marx wegen Ueberbrdung mit
Arbeit ablehnte. Auch erlaubte er, da Geib folgenden Antrag stellte:

  "Die Generalversammlung erklrt, da der Druck des Kapitals und der
  Reaktion in allen Kulturlndern aus im wesentlichen gleichen Ursachen
  auf der Arbeiterklasse lastet und da die Bestrebungen der Arbeiter nur
  dann erfolgreich sein knnen, wenn sie einheitlich zusammenhngend in
  allen Kulturlndern auftreten, ist es die Pflicht der deutschen
  Arbeiterpartei und der Arbeiterparteien aller Kulturlnder, die von
  denselben Prinzipien geleitet werden, gemeinsam vorzugehen."

Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Aber wie radikal sich
Schweitzer auch gebrdete, die Unzufriedenheit mit seiner Diktatur nahm
zu. So beantragten die Erfurter Mitglieder: Schweitzer solle
spezifizierte Rechnung ablegen ber die Gelder, die er seit dem 1.
Januar 1868 der Kasse entnommen habe. Der Vorstand solle die Abrechnung
prfen. Dsseldorf verlangte, da Prsidium und Redaktion des
Vereinsorgans getrennt wrden, die Einrichtung knne leicht zu
Despotismus fhren; sie htte bereits dazu gefhrt. Weiter waren
lebhafte Klagen auf den vermiedenen Generalversammlungen laut geworden,
da die Redaktion des "Sozialdemokrat" ihr mifallende Korrespondenzen
unterdrcke, andere willkrlich ndere, ja flsche. Ein Antrag, das
Organ von seiten des Vereins zu bernehmen, wurde auf der
Generalversammlung fr untunlich, die Trennung der Redaktion vom
Prsidium als unzweckmig erklrt. Dagegen wurde beschlossen, da der
vierundzwanzigkpfige Vorstand des Vereins, der in vielen Orten verteilt
wohnte, konzentriert werden solle. Er wurde nach Hamburg verlegt. Das
war der erste harte Schlag, der die Diktatur Schweitzers traf. Bei den
Errterungen hierber machte er eine Mitteilung, durch die er sich wider
Willen denunzierte. Er uerte: _"Dies wird unsere letzte
Generalversammlung sein. Die Feindseligkeit der preuischen Regierung
wird immer mehr hervortreten. Der Verein wird aufgelst werden."_ Und
siehe da, kaum drei Wochen spter lste die Leipziger Polizeibehrde, da
der Verein in Leipzig seinen Sitz hatte, den Verein wegen der rtlichen
Kassenverwaltungen auf, einer Einrichtung, die von Anfang an im Verein
bestanden hatte.

_Es ist ganz zweifellos, da Schweitzer vorher von dieser Auflsung
wute, ja da sie zwischen ihm und dem Berliner Polizeiprsidium
verabredet war und die Leipziger Polizei auf Wunsch von Berlin den
Verein auflste._ Natrlich unterlie unter so bewandten Umstnden
Schweitzer jede Beschwerde gegen das Vorgehen der Leipziger Polizei bei
Kreishauptmannschaft und Ministerium. Schweitzer schlo seinen
bezglichen Artikel, worin er die Auflsung besprach, mit den Worten:

  "Wir fgen uns einfach darum, weil es nach Lage der Dinge das
  Vernnftigste ist, was wir tun knnen. Daher erklre auch ich andurch:

  'Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hat sich aufzulsen...'
  Arbeiter in ganz Deutschland! Wir stehen heute am Grabe des
  Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.

  Aber der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein lebt unter uns fort.

  _So stehen wir auch am Grabe Lassalles; er selbst aber weilt noch
  unter uns._

  Da unser Verein aufgelst wurde, gereicht ihm, gereicht uns zur Ehre.
  Der Verein hat seine Schuldigkeit getan fr die Arbeitersache--darum
  wurde er aufgelst.

  Die alte Form ist gefallen--wir werden neue Formen fr die Bettigung
  unseres Strebens zu finden wissen."

Dann dankt er fr das ihm geschenkte Vertrauen.

  "Wir haben gemeinsam gekmpft und gelitten--wir werden auch in Zukunft
  gemeinsam kmpfen und leiden."

So auf die Rhrseligkeit spekulierend, rhrte er die Mitglieder zu
Trnen, und sie vertrauten ihm weiter.

Wre es die Feindseligkeit der preuischen Regierung gegen den Verein
gewesen, wie Schweitzer _wider besseres Wissen_ schrieb, dann war es
jetzt seine Pflicht und Schuldigkeit, den Verein dem Einflu der
preuischen Regierung nach Mglichkeit zu entziehen, zum Beispiel dessen
Sitz nach Hamburg zu verlegen, dessen Vereins- und Versammlungsgesetz
kein Verbindungsverbot kannte. Auerdem hatte der Verein in
Hamburg-Altona seine strkste Mitgliedschaft, die fr die Finanzen des
Vereins wie fr das Blatt das eigentliche Rckgrat bildete. Auch fehlte
es in Hamburg nicht an geistigen Krften. Statt dessen grndete
Schweitzer den neuen Verein _unter den Augen der Berliner Polizei_, und
_Berlin wurde dessen Sitz. In Preuen bestand aber das Verbindungsverbot
so gut wie in Sachsen, und auerdem verlangte das damalige preuische
Vereins- und Versammlungsgesetz, da die Mitgliederlisten des Vereins
aus ganz Deutschland bei dem Polizeiprsidium eingereicht werden
muten._ Und wiederum verriet er seine Beziehungen zum Berliner
Polizeiprsidium und sein Einverstndnis mit der Auflsung, indem er in
Nr. 119 des "Sozialdemokrat" sagte:

  _"Man habe Berlin als Sitz der Partei gewhlt, damit die Polizei
  fortwhrend Gelegenheit habe, sich davon zu berzeugen, da die Partei
  ihre Agitation auf Grund und in Gemheit der bestehenden Gesetze
  betreibe."_

Wie rhrend folgsam gegen die liebe Polizei von der Leitung einer
demokratischen Partei!

_Wenn je die innige Verbindung zwischen Schweitzer und dem Berliner
Polizeiprsidium nachgewiesen werden konnte, so jetzt._ Aber nicht
allein, da der Verein nunmehr unter die Kontrolle des Berliner
Polizeiprsidiums kam, Schweitzer benutzte auch die Neugrndung, _um die
ihm unbequemen Beschlsse der Hamburger Generalversammlung aus der Welt
zu schaffen und durch die neue Organisation seine Diktatur
unumschrnkter denn je zuvor zu befestigen._ Er verkndete den neuen
Plan mit den Worten:

  "Jedenfalls wird dafr gesorgt werden, da die Einheitlichkeit der
  Partei durch ganz Deutschland gewahrt werde. Denn diese
  Einheitlichkeit ist unser bestes Kleinod--sie ist der Grundgedanke der
  Lassalleschen Organisation, und von dieser werden wir niemals
  abgehen."

So mute also die bestndige Berufung auf Lassalle dazu dienen, seine
Autoritt aufrecht zu erhalten und den Mitgliedern Sand in die Augen zu
streuen.

Die neue Vereinsgrndung fand _unter Ausschlu der ffentlichkeit_ statt
in einem kleinen Kreise Auserwhlter, die mit ihm durch dick und dnn
gingen. Das neue Statut enthielt geradezu _ungeheuerliche_ Bestimmungen.
So sollte der Prsident _sechs Wochen vor der ordentlichen
Generalversammlung in Urabstimmung durch die Mitglieder des Vereins
gewhlt werden_, also ehe noch die Generalversammlung gesprochen und
dessen Geschftsfhrung geprft hatte. Ein Mitrauensvotum auf der
Generalversammlung war dann wirkungslos, ebenso eine unliebsame Kritik
seiner Ttigkeit. Ferner besagte 5 der Statuten:

  _"Wenn der Prsident es fr dringlich hlt, so kann er, vorbehaltlich
  der in drei Monaten einzuholenden Genehmigung des Vorstandes, alle
  Anordnungen treffen."_

Der Vorstand selbst sollte, im Gegensatz zu den Beschlssen der
Hamburger Generalversammlung, wieder ber ganz Deutschland verteilt
wohnen. Die Generalversammlung sollte eine Statutennderung nur dann
vornehmen knnen (7), wenn ein solcher Antrag von 60 Mitgliedern
unterzeichnet _und drei Monate vor der Generalversammlung beim Vorstand
eingereicht worden war_. Wo und wie der Verein aufs neue gegrndet
wurde, darber hat man nie Sicheres erfahren. Aber die Polizei mute
davon unterrichtet sein, sonst htte sie den Verein nicht anerkannt. Der
organisierte Arbeiter unserer Zeit wird sich bei dem Lesen solcher
Vorgnge fragen, wie denn dergleichen mglich gewesen sei und ob denn
nicht die ungeheure Mehrheit der Mitglieder des Vereins sich wie ein
Mann erhob und gegen solche Ungeheuerlichkeiten protestierte, den
Urheber derselben aber sofort von seinem Posten entfernte? Von alledem
keine Spur. Mit seinem Blatte beherrschte Schweitzer absolut den Verein;
jeder, der wagte aufzumucken, dessen Beschwerde flog in den Papierkorb,
und wer in einer Versammlung austrat, der wurde als Verrter an dem
Kleinod der Lassalleschen Organisation gebrandmarkt und mit dem Bann
belegt. Im Verein war er tot. Lie aber jemand sich merken, da er mit
Liebknecht und mir sympathisiere, so galt dieses selbst in den Augen der
meisten Mitglieder als ein Verbrechen, womglich grer als Blutschande
oder Mord. Das war die Folge der systematisch von ihm betriebenen
Verhetzung.

Doch die Umwandlung in den Anschauungen vollzog sich bei einem Teil der
Vereinsmitglieder rascher, als wir damals selbst fr wahrscheinlich
hielten.

Unter dem 26. November 1868 verffentlichte Schweitzer einen langen
Aufruf in dem mittlerweile seit dem 10. Oktober vergrerten
"Sozialdemokrat", der damals 3400 Abonnenten hatte, in welchem er seine
Ansicht ber die Finanzlage des Vereins darlegte, die durch das Wachstum
desselben eine wesentlich gnstigere geworden war. Zum Schlu kndigte
er an, da er auf drei Monate "in die Einsamkeit des Gefngnisses
wandere", die er wegen Verffentlichung einer Broschre, "Der
Arbeitslohn und der Kapitalgewinn", anzutreten hatte. Er schliet den
Artikel mit den Worten:

  "Lassalle sagt in betreff der Organisation, da alle Einzelkrfte
  zusammengeschmiedet werden mten zu einem einzigen Hammer. Die Partei
  war, als sie mich zu ihrem Fhrer erkor, der Meinung, da mein Arm
  krftig genug sei, diesen Hammer zu schwingen. Ich will hoffen, da
  mir diese Kraft niemals erlahmt."

An Selbstgefhl lieen diese Ausfhrungen nichts zu wnschen brig.

Anfang Dezember trat er seine Haft an, er wurde aber bereits gegen Ende
Dezember wieder aus dieser entlassen, weil sein Vater schwer erkrankte,
der noch vor Ende des Jahres starb. Schweitzer erhielt darauf eine Woche
Urlaub zur Ordnung von Familienangelegenheiten. Jetzt spielte sich aber
dasselbe ab, was sich 1866 abgespielt hatte, als er auf Urlaub
entlassen wurde. Aus der einen Woche wurden viele Wochen Urlaub, und nun
begann _Schweitzer abermals eine umfassende politische Ttigkeit, als
sei der Urlaub ihm nur zu diesem Zweck gewhrt worden_.

Am 1. Januar 1869 kndigte der "Sozialdemokrat" an, _der Prsident sei
noch auf Tage den Geschften der Parteileitung entzogen. Am 14. Januar
verffentlichte Schweitzer unter den Augen der Polizei im
"Sozialdemokrat" eine lange Ansprache an die Mitglieder des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins und berief die Generalversammlung des Vereins
auf den 27. bis 30. Mrz nach Barmen-Elberfeld._

Nach normalem Gang htte Schweitzer dieser Generalversammlung gar nicht
beiwohnen knnen, da um diese Zeit seine Haft noch nicht zu Ende war.
_Aber er wute bereits, da er die Freiheit dazu haben wrde._ Weiter
ordnete er an, da die Prsidentenwahl sechs Wochen vor der
Generalversammlung, zwischen dem 24. Januar und dem 7. Februar
stattzufinden habe, wie es die neue, von ihm oktroyierte Organisation
vorschrieb.

Ferner kndigte er die Einberufung einer Konferenz des Vorstandes in
einer Stadt Mitteldeutschlands an, in der ber die Agitation in
Sddeutschland und Sachsen beschlossen werden sollte. Gegen uns nahm der
"Sozialdemokrat" jetzt eine noch schrfere Stellung ein, da wir bewut
oder unbewut im Schlepptau der sterreichischen Politik uns befnden.
Bemerkt sei hier, da um diese Zeit Liebknecht wiederholt im
"Demokratischen Wochenblatt" Oesterreich gegenber eine Taktik
eingeschlagen hatte, die ich fr durchaus verfehlt hielt, was wiederholt
zwischen uns zu Meinungsverschiedenheiten fhrte. Liebknecht war eben
ein Mann des Extrems. Wie sein Ha gegen Bismarck und den Nordbund oft
die Grenze berschritt, so auch wieder seine Zuneigung zu Oesterreich,
dessen liberalem Brgerministerium er bermige Leistungen zutraute. Es
war nur natrlich, da Schweitzer diese Schwche Liebknechts ausnutzte,
wobei ich bemerken will, da es im Jahre 1867 auch fr Schweitzer eine
Periode gab, in der er dem Brgerministerium seine Untersttzung in
Aussicht stellte. Er wollte offenbar Hofstetten die Wege in Wien ebnen.

Im Januar 1869 setzten wir unseren schon frher gegen Schweitzer im
"Demokratischen Wochenblatt" und in Volksversammlungen aufgenommenen
Kampf mit aller Vehemenz und mit schwerstem Geschtz fort, dessen
vorlufiger Abschlu war, da wir zur Generalversammlung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins nach Elberfeld-Barmen eingeladen wurden, um
unsere Anklagen gegen Schweitzer zu erheben. Ich habe das Vorspiel zu
diesem Ereignis bereits im ersten Teil dieser Arbeit ausfhrlicher
geschildert.

       *       *       *       *       *

Sozusagen zwischenaktlich sei hier erwhnt, da Hasenclever infolge
einer Stichwahl in Duisburg Anfang 1869 ebenfalls in den Reichstag
gewhlt worden war. Da ich glaubte annehmen zu drfen, da Hasenclever
das Treiben Schweitzers mibillige und ehrlich eine Vereinigung wolle,
hatte ich 12 Taler gesammelt, die ich ihm zur Untersttzung seiner Wahl
schickte. Damals rechneten wir hben und drben bei Wahlen noch nicht
mit Tausenden und Zehntausenden Mark wie heute. Jeder Taler galt als
namhafter Beitrag. Ich machte darauf unter dem 13. Februar 1869 im
"Demokratischen Wochenblatt" bekannt, da Hasenclever seine groe Freude
und Genugtuung ber die Sympathie und Untersttzung, die ihm zuteil
geworden, ausspreche. Er bedauere die Spaltung, die unter den
verschiedenen Fraktionen der Arbeiterpartei ausgebrochen sei, und hoffe,
da die Differenzen, die wir mit anderen Fhrern seiner eigenen Partei
htten oder gehabt htten, und die doch nur persnlichen Ursprunges
seien, bald verschwinden wrden. Er lebe der vollsten Ueberzeugung, da
die Zeit nicht fern sei, wo smtliche Sozialdemokraten Deutschlands in
festgeschlossenen Reihen unter einem Banner kmpften.

An dieser Erklrung Hasenclevers ist bemerkenswert, da er von uns als
Sozialdemokraten spricht, ein Zugestndnis, das Schweitzer und der
"Sozialdemokrat" bis ans Ende der Wirksamkeit Schweitzers uns
versagten. Freilich hat es nachher, als Hasenclever Nachfolger
Schweitzers im Prsidium wurde, auch noch Jahre gedauert, ehe die
Einigung sich vollzog. Es scheint, da auch sozialdemokratische
Kronprinzen, wo solche vorhanden, liberaler sind, denn spter als
regierende Herren.

       *       *       *       *       *

Am 14. Februar verkndete Schweitzer das Wahlresultat; er war wieder mit
rund 5000 Stimmen gegen 54 zum Prsidenten gewhlt. Die Wahl war ein
moralisches Mitrauensvotum, wenn man bedenkt, da einige Wochen spter
auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld 12000 Mitglieder
vertreten waren; 40 Orte hatten gar keine Stimme abgegeben. Nachdem so
der politische Urlaub Schweitzers seinen Zweck erreicht hatte, ging er
am 18. Februar wieder ins Gefngnis, er wurde aber bereits am 4. Mrz,
_dem Tage vor dem Zusammentritt des Reichstags, aus der Haft entlassen._

_Diese Haftentlassung bewies aufs neue die intimen Beziehungen
Schweitzers zur Regierung._ Solange ein Reichstag besteht, also von 1867
bis heute, ist es nie vorgekommen, da ein Reichstagsabgeordneter, _auch
kein brgerlicher, whrend des Reichstags aus der Strafhaft entlassen
wurde_, um an den Verhandlungen desselben teilzunehmen. Sogar mitten in
der Session von 1909 bis 1910 mute ein elsssischer Abgeordneter seine
zweimonatige Strafhaft antreten. Die Regierungen, die preuische voran,
wie die Mehrheit des Reichstags, haben stets die Ansicht vertreten, da
der Artikel 31 der Verfassung, der von der Immunitt der Abgeordneten
handelt, die _Strafhaft nicht umfat_. Im Gegensatz zu dieser
jahrzehntelangen Uebung, die Preuen auch schon frher handhabte, _wurde
jetzt Schweitzer aus der Strafhaft beurlaubt, was nicht ohne
Einwilligung des zustndigen Ministers geschehen konnte, der dieses
nicht ohne die Zustimmung Bismarcks gewagt htte._

Wie letzterer im brigen in diesen Dingen dachte, zeigte plastisch die
Verhandlung, die der Reichstag am 28. April--also wenige Wochen nach
Schweitzers Beurlaubung aus der Strafhaft--hatte. Mende hatte in
Mnchen-Gladbach eine Versammlung abgehalten, nach der es zu
tumultuarischen Auftritten gekommen war, wobei er verhaftet wurde, weil
er angeblich diese Auftritte verursacht habe, was nicht der Fall war.
_Schweitzer_ stellte einen Antrag auf Haftentlassung Mendes. In der
Debatte nahm auch Bismarck das Wort und erklrte sich in seiner
peremptorischen Art _gegen_ die Haftentlassung. Der Reichstag mute aber
auf Grund der vorliegenden Tatsachen gegen Bismarck entscheiden. Darauf
rchte sich dieser dadurch, da er den Beamten, die die Verhaftung
Mendes angeordnet und vorgenommen hatten, Ordensauszeichnungen
zustellte. Und im Falle Mende handelte es sich um keine rechtskrftig
gewordene Strafhaft wie im Falle Schweitzer, sondern um eine
Untersuchungshaft.

Kurze Zeit vor jenem Vorgang war ich unfreiwilliger Zeuge einer
Begegnung zwischen Schweitzer und dem Prinzen Albrecht, Bruder des
Knigs, der Mitglied des Reichstags war. Ich kam einen Korridor entlang
und sah am Ende desselben den Prinzen Albrecht in Gesellschaft einiger
konservativer Abgeordneter stehen. Aus einem Seitenkorridor trat
Schweitzer. Sobald der Prinz seiner ansichtig wurde, winkte er
Schweitzer heran, reichte ihm die Hand, die er krftig schttelte und
fragte sehr leutselig: Mein lieber Schweitzer, wie geht es Ihnen?
Schweitzer: Danke, Knigliche Hoheit! Der Prinz: Warum waren Sie gestern
nicht in der Sitzung? Schweitzer: Doch, Knigliche Hoheit, ich war
zugegen! Der Prinz: Warum haben Sie denn nicht das Wort ergriffen? Man
hatte dieses erwartet.... Ich trat rasch in den Sitzungssaal, um nicht
als Horcher zu erscheinen. Die Unterhaltung zeigte, da Schweitzer mit
dem Prinzen schon fter verkehrt hatte, und sie zeigte weiter, da "man"
auf der rechten Seite des Reichstags genau wute, was selbst die
radikalsten Reden Schweitzers bedeuteten.




Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld.


Als wir am 27. Mrz gegen Abend in Barmen-Elberfeld ankamen, empfingen
uns eine Anzahl Gesinnungsgenossen, die smtlich der Internationale
angehrten. Ueber unsere Verhandlungen an jenem Abend schrieb ich noch
in der Nacht an Marx:

  "Liebknecht und ich sitzen eben hier in Elberfeld in einem kleinen
  Kreise von Gesinnungsgenossen, um den Feldzugsplan fr die morgige
  Schlacht vorzubereiten. Wir haben hier eine solche Flle von
  Schuftereien Schweitzers zu hren bekommen, da uns die Haare zu Berge
  stehen. Ebenso stellt sich zur Evidenz heraus, da Schweitzer das
  Programm der Internationale nur zu dem Zwecke vorschlgt, um einen
  Hauptcoup gegen uns zu fhren und ein gut Teil oppositioneller
  Elemente niederzuschlagen respektive zu sich herberzuziehen. Ich
  bitte Sie deshalb, zugleich im Namen Liebknechts und smtlicher
  hiesiger Freunde, eine etwaige Ratifikation des betreffenden
  Beschlusses der Generalversammlung durch Schweitzer vorlufig
  unbercksichtigt zu lassen oder wenigstens nur sehr vorsichtig zu
  beantworten.

  Nhere Mitteilungen folgen bald nach.

  Ueber den Ausgang der morgigen Disputation lt sich noch gar nichts
  sagen, nur das eine kann ich mitteilen, da Schweitzer mit allen
  Mitteln der Perfidie und Intrige gegen uns whlt, auf einen
  durchschlagenden Erfolg hoffen wir auf keinen Fall. Die Organisation,
  um jede Opposition aus der Mitte seines eigenen Vereins totzuschlagen,
  ist hier schon seit Wochen mit groem Geschick getroffen worden.
  Gestern abend beispielsweise hat Schweitzer bei seiner Ankunft einen
  wahren Triumphzug durch Elberfeld-Barmen gehabt. (In einer mit
  Schimmeln bespannten Equipage.) Damit schliee ich fr heute."

Schweitzer hatte im "Sozialdemokrat" angekndigt, da die Feinde schon
bis in die Nhe des Prsidenten (also der allerhchsten Person)
gedrungen seien und die Generalversammlung wohl strenger und
entschiedener als bisher alle Angriffe auf die Organisation, das heit
auf die von ihm oktroyierte, zurckweisen msse.

In der Vorversammlung war gegen die Ansicht Schweitzers--der die
Begegnung mit uns hinausschieben, wenn nicht ganz verhindern wollte--mit
30 gegen 27 Stimmen unsere sofortige Zulassung beschlossen worden. Am
nchsten Nachmittag traten wir in den berfllten Saal, von wtenden
Blicken der fanatisierten Anhnger Schweitzers empfangen. Liebknecht
sprach zuerst, etwa anderthalb Stunden, ich folgte und sprach wesentlich
krzer. Unsere Anklagen enthielten zusammengedrngt, was ich bisher
hier gegen Schweitzer vorgebracht habe. Mehrere Male erfolgten heftige
Unterbrechungen, namentlich als ich Schweitzer als Regierungsagent
bezeichnete. Ich solle das Wort zurcknehmen. Dessen weigerte ich mich.
Ich glaubte, das Recht zu haben, meine Meinung frei aussprechen zu
drfen, sie, die Zuhrer, brauchten mir ja nicht zu glauben.

Der "Sozialdemokrat" brachte einen sehr verstmmelten, zum Teil
geflschten Bericht unserer Reden, der irrefhrend wirkte. Liebknecht
bertrieb die Loyalitt. Er unterlie jede Berichterstattung und
begngte sich, im "Demokratischen Wochenblatt" mitzuteilen, da wir auf
der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gewesen
und unsere Anklagen gegen Schweitzer vorgebracht htten. Schweitzer habe
mit 6500 Stimmen gegen 4500, deren Vertreter sich der Abstimmung
enthalten htten, ein Vertrauensvotum erhalten. Doch da wir begrndete
Aussicht auf Verstndigung, wenn auch nicht auf Vereinigung der
vermiedenen sozialdemokratischen Fraktionen htten, werde das
"Demokratische Wochenblatt" keine Angriffe auf Schweitzer mehr
verffentlichen, wobei wir voraussetzten, da von der Gegenseite
dieselbe Taktik innegehalten werde. Das geschah aber nicht, vielmehr
setzte der "Sozialdemokrat" seine Angriffe auf uns fort.

Schweitzer, der whrend unserer Reden auf dem Podium hinter uns sa,
erwiderte kein Wort. So verlieen wir den Saal, wobei einige Delegierte
vor und hinter uns gingen, um uns vor Ttlichkeiten der fanatisierten
Anhnger Schweitzers zu schtzen. Aber Schmeichelworte wie Schufte,
Verrter, Lumpe, euch sollte man die Knochen im Leibe zerschlagen usw.,
bekamen wir bei dem Gange durch das lebende Spalier in Menge zu hren.
Auch machte einer der Anwesenden den Versuch, mich beim Heruntersteigen
vom Podium durch einen Sto in die Kniekehle zu Fall zu bringen. Vor der
Tr nahmen uns unsere Freunde in Empfang, um uns als Schutzgarde nach
unserem Hotel zu geleiten.

Schweitzer verlangte von den Delegierten ein Vertrauensvotum. Nach
erregter Debatte wurde ihm dasselbe mit der oben mitgeteilten
Stimmenzahl erteilt. Die Delegierten, die sich der Abstimmung
enthielten, waren: Bracke, Bruer, Rudolph-Hannover, v. Daake, Geib,
Hirsch, Perl, Raspe-Essen, Schrader, Louis Schumann-Berlin, Spier,
Heinrich Vogel, Wilke und York.

Die Genannten muten schwer ben, da sie das Vertrauensvotum
verweigert hatten; im "Sozialdemokrat" fielen die Angriffe hageldicht
auf sie nieder. Das beschlossene Vertrauensvotum lautete:

"In Erwgung, da in den Ausfhrungen der Herren Bebel und Liebknecht
nichts Neues und Erhebliches enthalten ist, erklrt die
Generalversammlung, da der Vereinsprsident nach wie vor das volle
Vertrauen der deutschen Arbeiterpartei besitzt."

Die Elberfelder Generalversammlung bedeutete fr Schweitzer eine Reihe
schwarzer Tage. Was er im Herbste nach der Auflsung des Vereins durch
die Leipziger Polizei an diktatorischen Bestimmungen in die neue
Organisation gebracht hatte, fiel jetzt den Beschlssen der
Generalversammlung zum Opfer. Zunchst wurde beschlossen, da die
Leitung des Vereins aus einem Vorstand von 15 Personen statt wie bisher
von 25 bestehen solle. Auer dem Prsidenten, Kassierer und Sekretr
muten die brigen 12 Mitglieder an einem Orte wohnen, damit sie in
bestndiger Fhlung miteinander waren und jeden Augenblick eine Sitzung
einberufen konnten. Die Sitzungen des Vorstandes sollte dessen
Vorsitzender berufen, nicht wie bisher der Prsident. Der letztere
sollte auch nicht sechs Wochen _vor_ der Generalversammlung, sondern
erst _nach_ derselben durch direkte Wahl seitens der Vereinsmitglieder
gewhlt werden, nachdem das Protokoll verffentlicht worden sei, damit
die Mitglieder wuten, was auf der Generalversammlung geschehen sei. Die
Befugnis des Prsidenten, fr von ihm getroffene Anordnungen erst binnen
drei Monaten die Genehmigung des Vorstandes einzuholen, wurde auf acht
Tage beschrnkt, machte also die Befugnis gegenstandslos. Auerdem
sollte der Vorstand mit einfacher Mehrheit ber die innere Organisation,
den Geschftsgang, die Frderungsmittel des Vereins, das Schreib- und
Kassenwesen beschlieen. Ferner sollte der Vorstand auch das Recht
haben, in Fllen einer _politischen Unredlichkeit oder grober
Kassenvergehen ihn vom Amte zu suspendieren und die endgltige
Entscheidung durch eine sofort zu berufende Generalversammlung oder
durch Urabstimmung herbeifhren._ Durch diese und noch eine Reihe
anderer Bestimmungen wurden die Machtbefugnisse Schweitzers sehr
bedeutend eingeschrnkt. Die Beschlsse legten Zeugnis ab _von einem
sehr intensiven Mitrauen, das gegen ihn herrschte,_ und bemerkenswert
ist, da die wichtigsten Bestimmungen angenommen wurden, obgleich er
opponierte. Weiter wurde eine Ueberwachungs- und Beschwerdekommission
von drei Berliner Mitgliedern eingesetzt, die alle Beschwerden gegen die
Redaktion entgegennehmen und darber entscheiden sollte. Durch diese
Beschlsse war der Verein auf eine durchaus _demokratische Basis_
gestellt. Schweitzer war durch die Einschrnkung seiner Allmacht so
deprimiert, da er, nach Berlin zurckgekehrt, Annherungsversuche an
uns machte. Unter dem 8. April sandte ich meiner Frau einen Brief, in
dem es hie:

"Schweitzer hatte, obgleich ich ihn anfangs ignorierte, sich an mich
herangeschlngelt, als ich mit einem anderen Kollegen eine Unterhaltung
hatte. Beim Schlu der Sitzung hat er mich eingeladen, mit ihm,
Fritzsche und Hasenclever zu speisen. Diese Einladung auszuschlagen war
unmglich, ohne grob zu erscheinen. Schweitzer lie darauf seine
elegante Equipage mit Livreebedienten vorfahren und fuhr mit uns nach
dem Lokal, in dem wir speisten. (Wir aen bei Olbrich, damals ein
bayerisches Bierlokal, auf der Leipzigerstrae in der Nhe der Linden.)
Nach dem Essen lie er es sich nicht nehmen, mich mit der Equipage nach
dem Anhalter Bahnhof zu fahren, woselbst ich Liebknecht abholen wollte."
Nebenbei bemerkt, sein Essen zahlte jeder selbst.

Whrend des Essens wurde ber Waffenstillstandsbedingungen verhandelt.
Ich erklrte mich zu solchen bereit, knnte mich aber auf nichts
Bestimmtes einlassen, bevor nicht Liebknecht mit dabei sei. Mit dreien
gegen mich allein zu verhandeln, war mir bedenklich. Die folgenden Tage
setzten wir die Verhandlungen im Reichstag fort. Schweitzer verlangte,
da nicht nur die gegenseitigen Angriffe in den Blttern und
Versammlungen eingestellt wrden, sondern da auch die Mitglieder der
beiden Parteien nicht miteinander politisch verkehren oder gemeinsame
Aktionen unternehmen drften. Das letztere lehnten wir ab, wie wir denn
berhaupt wiederholt sehr heftig aneinander gerieten und Schweitzer
nichts schenkten. Es sei eine Beleidigung fr uns und auch eine solche
fr die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, sich
gegenseitig wie Feinde anzusehen. Da weder die Personen noch die
Organisationen gegenseitig angegriffen werden drften, sei
selbstverstndlich. Auch kamen wir berein, knftig im Reichstag die von
der einen oder anderen Partei gestellten Antrge gegenseitig zu
untersttzen. Darauf verffentlichte der "Sozialdemokrat" in der Nummer
45 vom 16. April die Ankndigung, wonach er von jetzt ab weder Angriffe
gegen Liebknecht und mich, noch gegen unsere Partei bringen wrde, und
forderte die Vereinsmitglieder auf, im gleichen Sinne zu handeln.
Umgekehrt verffentlichten wir im "Demokratischen Wochenblatt" eine
hnlich lautende Erklrung.

So schien alles in schnster Harmonie zu sein. Aber Schweitzer konnte
sich der neuen Ordnung nicht fgen; eine demokratische Organisation, wie
sie die Barmen-Elberfelder Generalversammlung geschaffen hatte, war fr
ihn der politische Tod. Dieselbe legte ihm in einer Weise Fesseln an,
da die bisher gebte politische Zweideutigkeit fr knftig unmglich
wurde. Auerordentlich bezeichnend fr sein damaliges Verhalten ist
auch, da er das ausfhrliche Protokoll, das ber die Elberfelder
Verhandlungen erschienen war, unterschlug und verschwinden lie, wie er
das gleichfalls mit dem Protokoll der Hamburger Generalversammlung aus
dem vorhergehenden Sommer getan hatte. Es sollte nichts, was ihn
kompromittierte, den Vereinsmitgliedern bekannt werden und in die
Oeffentlichkeit dringen.

Da erschien wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Proklamation in
Nummer 70 des "Sozialdemokrat" vom 18. Juni, berschrieben:
_Wiederherstellung der Einheit der Lassalleschen Partei_, und
unterzeichnet von Schweitzer und Mende. Wiederholt sei hier, da seit
Anfang 1867 sich ein Teil der Mitglieder vom Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein unter dem Einflu der Grfin Hatzfeldt losgelst und
unter dem Namen "Lassallescher Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein"
organisiert hatte, dessen Prsident Mende war. Das Organ des letzteren
Vereins war die "Freie Zeitung". Die beiden Vereine lagen sich seitdem
gegenseitig in den Haaren. Jetzt hatten sich die feindlichen Brder,
soweit ihre Prsidenten und die Grfin Hatzfeldt in Frage kamen, auf
einmal gefunden und traten Hand in Hand vor ihre Anhnger.

Der verffentlichte Aufruf war ein ungemein phrasenreiches Schriftstck,
das mit einer Verherrlichung Lassalles begann. Wieder wurde das Wort
Lassalles: "Ihr sollt die Organisation aufrechterhalten, sie wird euch
zum Siege fhren", zitiert. Weiter hie es in hochtrabenden Worten:

  "Die erwhlten Fhrer der beiden Vereine sind von dieser Erkenntnis
  durchdrungen; mit gehobenem Gefhl treten sie heute vor die Mitglieder
  der beiden Vereine und fordern sie auf, ein stolzes Werk ihnen bauen
  zu helfen, ... einen wahrhaft Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein,
  mchtig ber ganz Deutschland.... Unseren Vorschlag unterbreiten wir
  den gesamten Mitgliedschaften beider Vereine, das heit dem
  _souvernen Volk selbst unmittelbar zur sofortigen Entscheidung_.
  (Auch im Original gesperrt.)

  _Das alte Lassallesche Statut ist es_, unter dem wir dereinst einig
  waren und zu dem wir zurckkehren mssen, _um diesmal in einheitlicher
  Entwicklung_, von diesem Boden aus gemeinsam voranzuschreiten...."

Dann wurde gefordert, da bis zum 22. ds. Mts.--der Ausruf, vom 16.
datiert, erschien am 18. Juni im "Sozialdemokrat" und gelangte erst am
19. oder 20. in die Hnde der meisten Mitglieder--ber ihren Vorschlag
abgestimmt werden solle und am 23. _das Abstimmungsresultat in Berlin
angelangt sein msse_.

Des weiteren wurde erklrt, da, wenn die Abstimmung zugunsten des
Mende-Schweitzerschen Vorschlags ausfalle--in berechnender
Bescheidenheit trat Schweitzer hinter den stupiden Mende zurck--,
sollten am 24. Juni beide Vereine _aufgelst_ werden, worauf noch _an
demselben Tage einige Parteifreunde zusammentreten und die
Wiederherstellung des ursprnglichen Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins unter dem alten Lassalleschen Statut beschlieen
sollten_. Die Prsidentenwahl sollte am 30. Juni stattfinden und am 3.
Juli das Resultat verkndet werden. Bis zur Wahl des Prsidenten sollte
Mende als Prsident, Tlcke als Sekretr, Bracke als Kassierer
fungieren. Der Aufruf schlo:

  "Macht es mglich, Parteigenossen, da, wenn der Todestag Lassalles
  wiederkehrt, wir alle, alle ber seinem Grabe uns die Hnde reichen
  und uns sagen knnen: _Wir haben uns des Meisters wrdig gezeigt._"

Dieses Vorgehen der beiden Prsidenten war der _Staatsstreich_. Damit
war die demokratische Organisation, welche die Elberfelder
Generalversammlung dem Schweitzerschen Verein gegeben hatte, mit einem
Schlage vernichtet. Schweitzer hatte die ihm angelegten Fesseln mit
einem Ruck zerrissen und war wieder unumschrnkter Herr und Diktator. Um
den befrchteten Widerstand des in Hamburg domizilierten Vorstandes zu
brechen, schickte Schweitzer seinen Vertrauensmann Tlcke nach dort, dem
die Ueberredung des Vorstandes gelang. Geib telegraphierte: "Vorstand
befrwortet einstimmig nach Erwgung der ihm von Tlcke vorgetragenen
Grnde Wiedervereinigung. Mitgliederversammlung stimmte zu."

Aber nun galt es auch die zwischen Schweitzer, Fritzsche, Hasenclever
und uns getroffenen Vereinbarungen aufzuheben. Zu diesem Zwecke erklrte
Schweitzer in der Nummer 72 des "Sozialdemokrat" vom 22. Juni: Wir
htten diese Abmachungen gebrochen, _indem wir erneut wissentlich und in
bswilliger Weise einen Eingriff in die von uns gehate Organisation des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins versuchten_. Damit htten wir die
getroffenen Vereinbarungen gelst, und nun hielten auch sie sich nicht
mehr daran gebunden.

Das begangene "Verbrechen" fiel zunchst auf mein Haupt. Ich hatte im
Laufe des Juni in zwlf thringischen Stdten Versammlungen abgehalten,
darunter auch in Apolda, Erfurt und Gotha. Hier hatten die Mitglieder
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, indem sie mich dazu einluden,
Versammlungen einberufen, und deren Bevollmchtigte fhrten darin den
Vorsitz. Alle Versammlungen waren berfllt und verliefen ausgezeichnet.
In jenen Versammlungen war eine Resolution angenommen worden, dahin
lautend, da nur die sozialdemokratischen Prinzipien es seien, welche
die Lage der arbeitenden Klassen verbessern knnten, und da eine
Einigung der sozialdemokratischen Arbeiterfraktionen herbeigefhrt
werden msse.

Den Schlu meiner Agitationsreise bildete eine Konferenz in Eisenach, an
der auer unseren Anhngern auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins und Mitglieder der Demokratischen Partei teilnahmen. Es
sei hier erluternd bemerkt, da zu jener Zeit eine Anzahl brgerlicher
Demokraten in Thringen vorhanden waren, die smtlich auf dem Standpunkt
Jacobys standen, so Professor Abbe und sein Schwiegervater Professor
Snell, weiter Dr. Sy in Jena, der spter der Partei sich anschlo,
Rechtsanwalt Creuznacher in Eisenach usw. Ferner zhlte diese Partei
Anhnger in Weimar, Gotha und Altenburg. In Eisenach war in einer
Resolution erklrt worden:

  "Zur gemeinsamen Arbeit fr die Lsung der sozialen Frage ist es nicht
  nur erforderlich, da die Spaltung unter den verschiedenen Fraktionen
  der Demokratischen Arbeiterpartei aufhrt, sondern auch, da die
  demokratischen Arbeitervereine mit der gesamten demokratischen Partei
  geeint seien, da namentlich bei gemeinsamen politischen
  Angelegenheiten, insbesondere bei Wahlen, die demokratische Partei und
  die sozialdemokratischen Arbeitervereine zusammengehen."

Das war also das Verbrechen, das Schweitzer zu seinem Vorgehen gegen uns
veranlate.

Das Agitieren machte mir brigens trotz aller Erfolge und
Beifallsbezeigungen wenig Vergngen. Am 7. Juni hatte ich meiner Frau
von Ronneburg aus geschrieben: "Bei aller Liebe und Freundschaft, die
einem die Leute erweisen, ist das Agitieren kein angenehmes Geschft."
Und wie lange habe ich es nachher noch betrieben. Die Pflicht gebot es,
das gengte.




Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein.


Schweitzers und Mendes Staatsstreich machte in weiten Kreisen des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bses Blut. Ein Teil der
intelligenteren Mitglieder sah ein, da es kein Auskommen mehr mit
Schweitzer gebe und er das Hindernis einer Einigung sei. Bracke lie
durch Vermittlung von Bremer-Magdeburg Liebknecht und mich wissen: sie
wnschten eine Zusammenkunft mit uns. Auf diesen Wunsch gingen wir
bereitwillig ein. Am 22. Juni abends trafen wir uns--Bracke, Bremer,
Spier-Wolfenbttel, York-Harburg, Liebknecht und ich--in einem Gasthaus
dritter Gte in Magdeburg. Die Verhandlungen zogen sich in die Lnge.
Bracke und Bremer waren fr sofortiges Losschlagen gegen Schweitzer und
Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Spier und York
hatten groe Bedenken. Man msse versuchen, den Verein von "innen
heraus" zu reformieren, meinten sie; worauf wir antworteten, da gerade
die Vorgnge von Barmen-Elberfeld zeigten, wie es mit einer Reformierung
von innen heraus aussehe. Solange Schweitzer Prsident sei und den
"Sozialdemokrat" in der Hand habe, sei es unmglich. Schlielich wurden
wir einig. Es war Mitternacht, als der prchtige Bracke sich ber das in
der Wirtsstube stehende Billard streckte, um auf demselben den Aufruf
niederzuschreiben, fr den alsdann Unterschriften fr die Einberufung
eines Kongresses gesammelt werden sollten. Nachdem wir den Aufruf
nochmals grndlich durchberaten, gingen wir gegen 3 Uhr zu Bette. Aber,
o weh! Wir waren in ein Wanzennest geraten. Keiner von uns konnte
schlafen. Bereits um 4 Uhr erhoben wir uns und fuhren mit den ersten
Frhzgen nach unseren Heimatorten zurck. Beschlossen war worden, einen
Kongre nach einer mitteldeutschen Stadt--Gotha oder Eisenach--zu
berufen und zur Beschickung desselben auch die deutsch-sterreichischen
und die deutschen Arbeitervereine der Schweiz einzuladen, ebenso die
deutsche Abteilung der Internationale um eine Vertretung zu ersuchen.

Wegen seiner historischen Bedeutung bringe ich den Aufruf von Bracke
und Genossen wrtlich zum Abdruck:

  _An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins._

  Parteigenossen! Unter einer Menge von heuchlerischen Redensarten hat
  der Prsident unseres Vereins eine Maregel getroffen, welche jedes
  denkende Mitglied mit Entrstung erfllen mu. In derjenigen Eile,
  welche diese Vorgnge geboten--weshalb denn auch niemand sich ber
  Zurcksetzung beklagen wolle--, sind die Unterzeichneten
  zusammengetreten und haben sich ber einen Schritt geeinigt, der von
  den weittragendsten Folgen fr die Partei sein wird. Wir bitten Euch,
  Parteigenossen, aufmerksam und vorurteilsfrei unsere Meinung zu
  prfen.

  Whrend noch vor kurzem die Herren Schweitzer und Mende, die sich in
  der heftigsten Weise gegenseitig beschuldigten, Sldlinge der Reaktion
  zu sein, von einer Verschmelzung der verschiedenen Fraktionen der
  Arbeiterpartei nichts wissen wollten, treten sie pltzlich heute (im
  Einverstndnis mit der Grfin Hatzfeldt) mit rhrenden Worten vor die
  Mitglieder ihrer Vereine, um dieselben aufzufordern, eine Einheit
  lediglich dieser beiden Fraktionen der Partei herbeizufhren--wobei
  denn von der Einigung der gesamten sozialdemokratischen Partei keine
  Rede ist--, und dies alles unter Bedingungen, welche ein Hohn sind auf
  die Rechte des sogenannten "souvernen Volkes". Nicht allein ist die
  Frist der Abstimmung so kurz, da es unmglich erscheinen mu, da die
  Mitglieder sich ber die Frage wirklich ein Urteil bilden knnen, so
  da alles wie die reinste Ueberrumpelung erscheint; nicht allein ist
  die Form der Abstimmung, bei der man den Mitgliedern einfach die
  Pistole auf die Brust setzt mit der Aufforderung, ja oder nein zu
  sagen, also entweder sich in die schmachvollsten Bedingungen zu fgen
  oder auf die sehnlichst gewnschte, wenn auch nur stckweise Einigung
  zu verzichten; nicht allein ist diese Form der Abstimmung eine
  demokratisch gesinnter Mnner unwrdige, sondern es ist auch der
  Prsident so eigenmchtig bei dem allen vorgegangen, wie es fast ohne
  Beispiel ist. Nie ist ber amerikanische Sklaven in willkrlicherer
  Weise verfgt worden, als hier ber die Mitglieder des Allgemeinen
  Deutschen Arbeitervereins. Wozu auch vorher, ehe man solche im
  hchsten Grade wichtige Schritte tut, die Mitglieder oder den Vorstand
  um ihre Meinung fragen?! Wenn die Tatsachen fertig sind, wird die
  "freie" Zustimmung der Mitglieder durch einige Redensarten erpret.
  Wenn Herr v. Schweitzer diktiert, haben die Mitglieder einfach zu
  gehorchen, und dann nennt man dieselben noch das "souverne Volk". Ein
  grerer Hohn war nie einem Menschen geboten. Wenn Herr v. Schweitzer
  es fr gut hlt, wird den Mitgliedern zugemutet, mit eigener Hand und
  mit einem Schlage das mhsam in einer Reihe von Jahren aufgebaute
  Reformwerk zu vernichten und ohne weiteres ein Statut anzunehmen, das
  frher zu dem erbittertsten Zwiespalt Veranlassung gegeben hat; ein
  Statut, nach welchem der Prsident die unumschrnkteste Gewalt in
  seinen Hnden und der Vorstand nicht den allergeringsten Einflu hat,
  und das zu alledem dahin ausgelegt werden kann, da auf volle drei
  Jahre hinaus jede Aenderung an demselben unmglich ist! Das Vorgehen
  des Prsidenten in diesem Falle--ein Staatsstreich im kleinen--erhebt
  den schon seit langer Zeit von vielen Mitgliedern des Vereins gehegten
  Argwohn zur Gewiheit, da Herr v. Schweitzer den Verein lediglich zur
  Befriedigung seines Ehrgeizes benutzt und ihn zum Werkzeug einer
  arbeiterfeindlichen reaktionren Politik herabwrdigen will; sonst
  wrde derselbe jetzt die Einigung der gesamten sozialdemokratischen
  Arbeiter Deutschlands suchen. Wer die Einigung eines Teils der
  sozialdemokratischen Arbeiter empfiehlt, ohne dabei mit aller Energie
  auf die Einigung der gesamten Partei zu wirken, welche ihr allein
  Macht und Einflu verschaffen kann, wer durch Einigung eines Teiles in
  diesen Formen die Einigung aller Teile unmglich macht, und wer dies
  tut mit rhrenden, von Bruderliebe berflieenden Worten, der ist ein
  elender Heuchler; und wer dann diejenigen, welche sich den gestellten
  schmachvollen Bedingungen nicht fgen, sondern etwas Greres, etwas
  Erhabeneres erstreben, als Gegner der Einigung berhaupt brandmarken
  will, ist ein Jesuit ohnegleichen.

  Die Einigung der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands
  herbeizufhren, mu das Streben jedes ehrlichen Sozialdemokraten sein.
  Angesichts der immer mchtiger sich ausbreitenden Wogen der Bewegung,
  angesichts der Vorzeichen, welche in allen Kulturstaaten der Welt auf
  eine baldige mchtige Umgestaltung der politischen und sozialen
  Verhltnisse hindeuten, ist ein Verschleppen dieser Einigung Verrat.

  Diese Einigung kann aber nur das Werk sein des wirklich souvernen
  Volkes selbst, und Ihr, Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
  Arbeitervereins, werdet Euch nicht verschachern lassen nach der Laune
  einiger Fhrer wie eine Herde Schafe, sondern Ihr werdet wie Mnner
  Eures eigenen Geschickes Schmiede sein!

  Wir haben eingesehen, da eine Organisation, in welcher der Wille
  eines Einzelnen sich hinwegsetzen kann ber alle Errungenschaften des
  Vereins, ja den Verein selber in jedem Augenblicke in Frage stellen,
  denselben jeden Augenblick auflsen und in anderer ihm passenderer
  Form wieder ins Leben rufen kann, in welcher dieser Einzelne die
  Pfennige der Arbeiter gebraucht, um elende Lumpen zu bestechen, da
  eine solche Organisation keine Faser von demokratischem Geiste in sich
  hat. In einer solchen Organisation ferner zu wirken, wre schmhliche
  Verschwendung unserer besten Krfte; wir verzichten darauf!

  Geleitet von dem Gedanken, da nur von der Partei selbst ber ihre
  Organisation beschlossen werden kann, und ferner geleitet von dem
  Gedanken, die Einigung der sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands,
  auch was die Gewerkschaften betrifft, herbeizufhren, haben wir den
  Entschlu gefat, in krzester Zeit einen allgemeinen Kongre der
  gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands zu berufen, auf
  welchem der Grund einer wirklich demokratischen Organisation der
  Partei, im Anschlu an die internationale Bewegung, gelegt werden
  kann. Parteigenossen, wir rechnen auf Eure Untersttzung! Die
  sozialdemokratischen Arbeiter, welche nie anders als von einem
  knstlich erregten Ha gegeneinander erfllt gewesen sind, werden sich
  zu einigen und sich eine Organisation zu geben wissen, welche den
  Geist ihrer Prinzipien mit der Zusammenfassung aller ihrer Krfte
  vereint.

  Parteigenossen, Ihr werdet Euch nicht verblenden lassen von den
  heuchlerischen Redensarten von Leuten, denen die Einigung der Partei
  nie am Herzen gelegen hat; Ihr werdet Euch eine Behandlung nicht
  gefallen lassen, welche man nur ehrlosen oder gedankenlosen Menschen
  zu bieten wagen kann; Ihr werdet Euch als das zeigen, was Ihr
  seid--nicht als die willenlosen Sklaven eines launischen Herrschers--,
  sondern als das wirklich und wahrhaft souverne Volk, das allein ber
  die Gestaltung seiner Geschicke zu entscheiden hat. Wagt einmal im
  Interesse unserer Prinzipien, im Interesse der Demokratie und des
  Sozialismus eine khne Tat! Lat uns die Fahne, auf welcher die
  Einigung der gesamten Partei geschrieben steht, nicht vergebens
  erhoben haben! Einig nur sind die Arbeiter eine Macht! Zersplittert
  sind wir ewig das Gesptt unserer Gegner, aber einheitlich und
  wahrhaft demokratisch organisiert sind wir unberwindlich.

  Wenn Ihr uns zustimmt--und wir hoffen sehr, da Ihr dies tun
  werdet--, so sendet Eure Zustimmung an einen der Unterzeichneten ein,
  damit wir gemeinsam die Einberufung des Kongre betreiben knnen.

  Aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein werden wir --es ist uns
  schwer geworden, den Entschlu zu fassen--austreten. Der Allgemeine
  Deutsche Arbeiterverein war uns ans Herz gewachsen, aber im Interesse
  der Sache mu man das schwerste Opfer zu bringen verstehen; und anders
  ist keine Rettung!

  Vorwrts denn, Parteigenossen, auf der neuen Bahn in heiligem Kampfe
  fr unsere groe und erhabene Sache! Begeisterung und Ausdauer
  verbrgen den Sieg.

  Den 22. Juni 1869.

  I. Bremer in Magdeburg. Hoffmann in Neustadt-Magdeburg. W. Klees in
  Buckau bei Magdeburg. Th. Borck in Harburg. C. Mller, S. Spier und A.
  Viewieg in Wolfenbttel. W. Bracke junior, H. Ehlers, E. Ldecke und
  A. Schrader in Braunschweig. Friedrich Ellner in Frankfurt a.M.

In derselben Nummer des "Demokratischen Wochenblatts" vom 26. Juni, in
der wir den vorstehenden Ausruf verffentlichten, erschien auch eine
Erklrung von uns an die Parteigenossen, in der die Beschuldigung
Schweitzers, wir htten die mit ihm getroffenen Abmachungen gebrochen,
zurckgewiesen wurde. Alsdann unterzogen wir die Einigungskomdie der
Mende-Hatzfeldt-Schweitzer einer scharfen Kritik. Wir erklrten: "Wir
werden den Kampf aufnehmen und mit aller Kraft und Zuversicht ihn
fhren, Hand in Hand mit den klarblickenden Mitgliedern des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins." Wir schlossen:

  "Es wird sich zeigen, ob die Korruption, die Gemeinheit, die
  Bestechlichkeit auf jener Seite, oder die Ehrlichkeit und die Reinheit
  der Absichten auf unserer den Sieg davontrgt.

  Unsere Losung sei: Nieder mit der Sektiererei! Nieder mit dem
  Personenkultus! Nieder mit den Jesuiten, die unser Prinzip in Worten
  anerkennen, in Handlungen es verraten! Hoch lebe die Sozialdemokratie,
  hoch die Internationale Arbeiterassoziation!"

Da wir in dieser Erklrung und spter wiederholt die Ehrlichkeit
unserer Absichten gegen die unehrlichen Schweitzers ins Feld fhrten,
brachte nachher der neu gegrndeten Partei von der Gegenseite den
Spitznamen "Die Ehrlichen" ein.

Auf meinen Antrag beschlo der Vorortsvorstand einstimmig, sich dem
Aufruf von Bracke und Genossen zur Einberufung eines allgemeinen
deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongresses anzuschlieen und die
Vorstnde der Arbeitervereine aufzufordern, ein gleiches zu tun. Ein am
28. Juni von mir hinausgesandtes Zirkular verlangte Antwort bis
sptestens den 1. Juli mittags, eventuell telegraphisch. Auch schrieb
ich an Joh. Phil. Becker in Genf, der Zentralrat der deutschen Sektion
der Internationale mge ebenfalls eine zustimmende Erklrung zu dem
Einigungswerk einsenden. Ich hoffte, diesesmal gelinge uns ein
Hauptschlag. Am 26. Juni hatten auch Geib, Praast und Ockelmann-Hamburg
ihren Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein erklrt und
sich Bracke und Genossen angeschlossen.

Der "Sozialdemokrat" beobachtete jetzt die Taktik, stndig zu verknden,
unser Anhang bestehe nicht aus Arbeitern, sondern aus Literaten,
Schulmeistern und sonstigen Bourgeois.

Schweitzer suchte weiter mit dem Geschick, das er besa, die Mitglieder
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins an der von ihm systematisch
gepflegten schwachen Seite zu fassen. In einem Artikel schrieb er mit
Bezug auf die Opposition:

  "Ein einziger Punkt entscheidet alles. Seid ihr Demokraten oder nicht?
  Ihr behauptet: Ja? Wit ihr oder wit ihr nicht, da der Demokrat sich
  der Mehrheit zu fgen hat--doppelt zu fgen hat, wenn diese Mehrheit
  an Einstimmigkeit grenzt? Nun denn! Der Allgemeine Deutsche
  Arbeiterverein-beide bisherigen Vereine--habe nahezu einstimmig mit Ja
  gestimmt. Unterwerft ihr euch jetzt dem Volkswillen? O nein! In eurer
  Eitelkeit, ihr 'Demokraten', erklrt ihr das Volk fr eine Herde
  Schafe und eure Meinung fr unfehlbar. Geht doch, ihr aufgeblasenen
  Heuchler, _die ihr euch weiser dnkt als das ganze Volk und als
  Ferdinand Lassalle!_

  Weiser als Ferdinand Lassalle, euer riesenhafter Lehrer und
  Meister--ja ja. Denn der Stein des Anstoes liegt euch darin, da die
  Lassallesche Organisation in ihrem ganzen Umfang wieder hergestellt
  wurde ..."

Das Spiel mit der Lassalleschen Organisation ging spaltenlang und fast
Nummer um Nummer weiter.

Auf der anderen Seite brachte das "Demokratische Wochenblatt" Nummer fr
Nummer Erklrungen gegen Schweitzer aus der Mitte des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins. So aus Gotha, Hamburg, Hildesheim, Erfurt,
Hannover, Solingen, Wiesbaden, Elberfeld, Chemnitz (letztere gegen
Mende). Auch H. Roller, der bisherige Sekretr des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins, erklrte sich ebenfalls gegen Schweitzer.

Von den Gewerkschaftsfhrern sagten sich Fritzsche, Prsident des
Zigarren- und Tabakarbeitervereins, L. Schumann, Prsident des
Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Th. Bork, Prsident des
Gewerkvereins deutscher Holzarbeiter, und Schob, Prsident des
Allgemeinen Deutschen Schneidervereins, von Schweitzer los.

Unter dem 5. Juli teilte Mende im "Sozialdemokrat" mit, da Schweitzer
mit absoluter Mehrheit zum Prsidenten gewhlt sei. Eine starke
Minoritt sei auf ihn (Mende) gefallen, trotzdem er wiederholt erklrt
habe, er nehme eine Wahl nicht an. Zahlen wurden nicht mitgeteilt. Die
Beteiligung an der Wahl war weit hinter den Erwartungen zurckgeblieben.
In der schwlstigen Ansprache, mit der Mende die Wahl Schweitzers zum
Prsidenten verkndete, hie es:

  "Wie Marat, der grte Revolutionr seiner Zeit, es so treffend
  bezeichnet: Als Diktator mit der Kugel am Bein soll der Prsident den
  Verein leiten, und diese Kugel soll sein: _Prinzip und Organisation_."

Bekanntlich erwies sich diese Kugel als Attrappe. Und wiederum zitierte
Mende:

  "Haltet treu und fest an der Organisation, sie mu uns zum Siege
  fhren", und schlo: "Es lebe Ferdinand Lassalle! Es lebe der von ihm
  gestiftete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein! Es lebe die
  Organisation!"

Schweitzer dankte fr seine Wahl in einer Ansprache, die ebenso
schwlstig und emphatisch war wie jene Mendes. Der Schlu lautet:

  "Wohlan denn! Namens des hingegangenen Meisters, der euch alle, ihr
  Arbeiter, aus dem Schlummer geweckt--namens des _souvernen Volkes
  unserer Partei_, das mich zum Fhrer erkoren--_namens_ eurer leidenden
  _Brder auf der ganzen Erde, entfalte ich die Fahne und trage sie
  voran_. Festgeschlossen in Reih' und Glied, ihr Arbeiterbataillone,
  folget dem erwhlten Fhrer.

  Hoch die Manen Lassalles! Hoch die sozialdemokratische Agitation!"

So die beiden Auguren, beide, wie sich nachher sehr bald herausstellte,
betrogene Betrger. Darauf ordnete unter dem 10. Juli Schweitzer die
Wahl der vierundzwanzig Vorstandsmitglieder an, fr die er die
Kandidatenliste vorschlug. Der Vorstand wurde wieder in frherer Weise,
ber Deutschland verteilt wohnend, gewhlt.

Im "Sozialdemokrat" vom 14. Juli machte Schweitzer bekannt, der
Allgemeine Deutsche Arbeiterverein werde sich auf dem von uns berufenen
sozialdemokratischen Kongre vertreten lassen und verffentlichte eine
Reihe von Resolutionen, die seine Anhnger auf dem Kongre zur Annahme
vorschlagen sollten. Hinter unserem Kongre, hie es in der betreffenden
Nummer, stehe die ganze liberale Bourgeoisie in allen ihren
Schattierungen. Von straffer, einheitlicher Organisation knne natrlich
bei uns unter einem Regiment von Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten
usw. keine Rede sein. Jeder dieser Leute msse Gelegenheit haben, sich
recht wichtig zu machen. Die gesamte Bourgeoispresse stehe uns zu Gebot,
log er weiter. Er werde dafr sorgen, da eine entsprechende Anzahl
Delegierter auf den Eisenacher Kongre komme, aber keine Literaten und
Bourgeois, sondern wirkliche Arbeiter.

Von den Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten usw., aus denen allein
unsere Partei bestehen sollte, sprach er von jetzt ab nicht anders als
von Achtels- und Viertelsintelligenzen.

Unter dem 17. Juli forderte das _"Demokratische Wochenblatt" Schweitzer
auf, nicht nur seine Werkzeuge nach Eisenach zu schicken, sondern selbst
zu kommen_. Ein Wort bei der Berliner Polizei, und der Urlaub werde ihm
bewilligt, falls Herr v. Schweitzer sich berhaupt noch anstandshalber
sollte einsperren lassen.

Das letztere zog Schweitzer vor. Er verffentlichte, datiert vom 17.
Juli, einen langen Aufruf "An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins", worin er noch einmal einen Ueberblick ber die
vorhandenen Wirren gab und eine Anzahl Versprechungen machte, die er
nach seiner Freilassung aus der Haft erfllen wolle. Er schlo den
Aufruf mit den Worten:

"Behaltet mich in gutem Andenken, wie auch ich _inmitten meiner
Kerkermauern eurer gern gedenken werde_. Ich scheide von euch mit dem
Rufe: Auf frohes Wiedersehen bei der alten Fahne! Es lebe der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein!"

Der Rest der Haft, den er jetzt "hinter Kerkermauern" verben sollte,
betrug noch acht Wochen, die er in Rummelsburg mit Kahnfahrten auf dem
See und anderen Annehmlichkeiten verbrachte.

Man vergegenwrtige sich jetzt folgendes. Ende November ging Schweitzer
zur Verbung einer dreimonatigen Haft ins Gefngnis. Gegen Ende
Dezember wird er wegen Ordnung von Familienverhltnissen infolge seines
Vaters Tod auf acht Tage beurlaubt; er bleibt aber _sieben Wochen frei,
betreibt in dieser Zeit unter den Augen der Polizei und der Behrden
eine intensive politische Agitation und tritt erst am 18. Februar wieder
die Haft an_. Am 4. Mrz erweist ihm die Regierung abermals den Dienst,
ihn wegen Erffnung der Reichstagssession aus der Haft zu beurlauben.
Die Session wird am 22. Juni geschlossen, aber Schweitzer bleibt wieder
frei und betreibt abermals bis zum 19. Juli unter den Augen von Polizei
und Behrden eine intensive politische Agitation. Alsdann beliebt es
ihm, die Haft wieder anzutreten.

Dergleichen war weder vor noch nach Schweitzer in Preuen je mglich.
Als zum Beispiel 1868 Dr. _Guido Wei_ wegen Prevergehen zu 14 Tagen
Gefngnis verurteilt wurde, berfielen ihn einige Polizisten morgens 6
Uhr im Bett und transportierten ihn ins Gefngnis. Diese brutale
Methode, politisch Verurteilte in frhester Stunde aus dem Bette zu
holen und ins Gefngnis zu schleppen, war _jahrzehntelang Sitte bei der
Berliner Polizei_. Es sind noch nicht viele Jahre her, da diese Sitte
verlassen wurde. Schweitzer hatte sich _nie_ ber solche oder hnliche
Mihandlungen zu beklagen. Er ging ins Gefngnis und verlie dasselbe,
als wenn er ins Hotel ging und dasselbe verlie. Und jeden gewnschten
Besuch konnte er empfangen. Das Mitrauen gegen ihn war also zehnfach
gerechtfertigt.

       *       *       *       *       *

Kurz vor dem Eisenacher Kongre glaubte Tlcke mir eine Stinkbombe an
den Kopf werfen zu mssen, in der Hoffnung, mir politisch zu schaden. Er
erklrte in Nummer 87 des "Sozialdemokrat" vom 28. Juli, ich beziehe vom
Exknig von Hannover eine jhrliche Besoldung von 600 Talern. Die
Beschuldigung war blde, aber es gab Leute im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein, die daran glaubten. So beschlo ich, Tlcke wegen
verleumderischer Beleidigung zu verklagen. Ich bat den Parteigenossen
Wilhelm Eichhoff in Berlin, mit Rechtsanwalt Hirsemenzel, damals der
erste Rechtsanwalt Berlins, zu reden und ihn zu fragen, ob er den Proze
annehmen werde. Hirsemenzel lehnte ab, und zwar weil bei dem Proze
nichts herauskomme. Der Richter werde in der Behauptung, da ich im
Solde eines Frsten stehen solle, nichts Ehrenkrnkendes finden und eine
Beweiserhebung darber ablehnen. Tlcke wrde also hchstens wegen
Beleidigung verurteilt, womit mir nicht gedient sein knne. Weiter
machte Hirsemenzel geltend, liee ich den Grafen Platen, den
Hausminister des Exknigs von Hannover, als Zeugen darber vernehmen, ob
die Behauptung Tlckes wahr sei, so werde dieser _schon der Konsequenzen
halber_ das Zeugnis verweigern und dadurch erhalte die Behauptung
Tlckes einen Schein von Berechtigung. Eichhoff richtete darauf zweimal
ein Schreiben an Tlcke mit der Aufforderung, im "Sozialdemokrat" die
Beweise zu verffentlichen, da er behauptete, ich stnde
"erwiesenermaen" im Dienste des Exknigs. Tlcke schwieg; ich richtete
darauf ebenfalls eine Aufforderung an ihn, die Beweise zu
verffentlichen. Statt dessen wiederholte er seine Beschuldigung und
forderte mich auf, ihn zu verklagen. Ich nannte ihn darauf einen
gemeinen Verleumder und ersuchte ihn, mich vor dem Leipziger Gericht zu
belangen, da der Ausgang des Prozesses in Berlin kein Resultat
verspreche. Die Sache ging aus wie das Hornberger Schieen. Bracke
gegenber erklrte Tlcke, er selbst habe keine Beweise fr seine
Behauptung, aber ein Regierungsrat(!) habe die Behauptung aufgestellt
und den knne er nur bei einer gerichtlichen Klage meinerseits als
Zeugen zum Beweis seiner Angaben zwingen.--




Der Eisenacher Kongre.




Die Grndung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflsung
des Verbandes der deutschen Arbeitervereine.


Nachdem wir uns verstndigt hatten, den Kongre auf den 7. August nach
Eisenach einzuberufen, erschien im "Demokratischen Wochenblatt" vom 17.
Juli der Ausruf, der unterzeichnet war von 66 ehemaligen Mitgliedern des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins aus verschiedenen Orten, 114
Mitgliedern des Verbandes der deutschen Arbeitervereine--worunter
ebenfalls eine Anzahl ehemaliger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins waren--, einer Anzahl ehemaliger Mitglieder des
Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, vom Zentralkomitee
der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, vom Deutsch-Republikanischen
Verein in Zrich; fr die Arbeiter Oesterreichs von H. Oberwinder, H.
Hartung, B. Beschan, A. Macher, A. Straer-Graz, und fr die deutsche
Abteilung der Internationale in Genf von Joh. Phil. Becker. Der Ausruf
lautete:

  _An die deutschen Sozialdemokraten!_

  Parteigenossen! In der jngsten Zeit haben sich im Schoe unserer
  Partei Ereignisse vollzogen, die jeden ehrlichen Sozialdemokraten mit
  Freude erfllen mssen. Der Bann, welcher bisher auf der
  sozialdemokratischen Arbeiterbewegung lastete, ist gebrochen; die
  Selbstsucht einzelner, welche sich wie ein spaltender Keil in das
  Mark, in das Herz unserer Partei geschoben, ist entlarvt und
  niedergeschmettert, und es gilt nun, rasch zu handeln, damit die
  Frchte des Sieges uns nicht wieder entrissen werden und damit aus der
  heilsamen Revolution, welche sich soeben vollzogen hat, die
  Prinzipienreinheit und die einheitliche Organisation hervorgehen
  mgen, ohne die unsere Partei den ihr gebhrenden Einflu nicht
  ausben, die ihr innewohnende Kraft nicht entfalten kann.

  Lange, leider zu lange, war es dem Egoismus und der Bosheit einzelner
  mglich, die Partei in sich zu verfeinden. Doch eine neue Zeit ist
  angebrochen; mit ehernem Finger zeigt sie uns auf die Notwendigkeit
  hin, die Partei der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter
  Deutschlands in sich zu einigen und dieselbe in die richtige, einzig
  zum Siege fhrende Bahn der auf internationaler Grundlage beruhenden,
  groen Arbeiterbewegung hinberzuleiten.

  Wer, der ein aufrichtig denkender Sozialdemokrat ist, sollte sich
  dieser Notwendigkeit verschlieen knnen? Wer sollte die
  unberechenbaren Vorteile fr unsere Partei nicht ahnen, die sich aus
  einer derartigen Einigung auf Grund einer gemeinsamen Organisation,
  eines gemeinsamen Programms, eines gemeinsamen Auftretens in der
  politisch-sozialen Welt ergeben?--Wir zweifeln keinen Augenblick
  daran, da die groe, die berwltigende Mehrheit unserer
  Parteigenossen der besseren Erkenntnis huldigt, da sie gern und
  freudig die Hand zu dem stolzen Werke bietet, das endlich unsere
  Partei zur groartigen und wirksamen Machtentfaltung befhigt!

  Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, haben wir uns auf einer in
  Braunschweig am 6. Juli dieses Jahres stattgehabten Konferenz ber die
  hierzu zunchst erforderlichen Schritte vllig verstndigt und berufen
  hiermit in Gemheit des dort gefaten Beschlusses einen _allgemeinen
  deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongre_ auf Sonnabend den 7.
  August, Sonntag den 8. August und Montag den 9. August nach Eisenach.

  Auf die Tagesordnung des Kongresses sind, unbeschadet weiterer
  Antrge, folgende Punkte gesetzt: l. Die Organisation der Partei. 2.
  Das Parteiprogramm. 3. Das Verhltnis zur Internationalen
  Arbeiterassoziation. 4. Das Parteiorgan (Blatt). 5. Die Vereinigung
  der Gewerkschaften (Gewerksgenossenschaften).

  Die auf diese fnf Punkte der Tagesordnung sich beziehenden
  spezielleren Antrge, zum Beispiel Vorlage betreffs der
  Parteiorganisation usw., werden ihrem Wortlaut nach sptestens Ende
  dieses Monats gedruckt versandt werden.

  Die Delegierten (Abgeordneten) zum Arbeiterkongre haben sich durch
  ein Mandat (Vollmacht), worin der Ort, fr den sie abgeordnet sind,
  sowie die Zahl ihrer Whler, die sie vertreten, angegeben sein mu, zu
  legitimieren. Es kann solche Legitimation erfolgen entweder durch
  Mandate, welche im Namen von Vereinen oder deren Mitgliedschaften,
  oder welche auch im Auftrag von zum Zwecke der Beschickung des
  Kongresses stattgehabten Volksversammlungen ausgestellt sind, oder
  endlich auch Mandate, welche mit den Unterschriften der an einem Orte
  anwesenden Parteigenossen versehen sind. Mehrere Orte, denen es zu
  schwer wird, je einen Delegierten zu senden, mgen zusammentreten, um
  mindestens gemeinsam einen Delegierten abzuordnen.

  Es ist dringend notwendig, da der Kongre schon am Sonnabend den 7.
  August, abends 8 Uhr, erffnet wird, damit die Wahl des Bureaus und
  die Feststellung der Geschftsordnung erfolgen kann, weshalb denn auch
  die Delegierten noch an diesem Tage (7. August) in Eisenach eintreffen
  wollen.

  Wir geben uns der frohen Hoffnung hin, da von allen Orten des groen
  Gesamtdeutschlands, wo die Arbeit im Kampfe mit der Kapitalmacht, wo
  der Volkswille gegen die staatliche Reaktion tagtglich im Ringen nach
  Freiheit begriffen ist, Vertreter zum Kongre abgeordnet werden--wir
  hoffen es zum Wohle und Wachstum der Partei, welche die politischen
  und sozialen Rechte des gedrckten Volkes mit Flammenschrift auf ihre
  Fahne schrieb.

  Auf, Parteigenossen, zu wirken fr den allgemeinen deutschen
  Arbeiterkongre, zu wirken durch ihn fr die Gre und Einheit der
  Partei!

Im weiteren berief ich im Auftrag des Vorortsvorstandes als Vorsitzender
desselben fr Montag den 9. August einen Vereinstag der deutschen
Arbeitervereine nach Eisenach mit der Tagesordnung: 1. Bericht des
Vorstandes. 2. Beratung ber die Frage: Welche Stellung soll der Verband
zu der neuen Organisation der sozialdemokratischen Partei einnehmen?
Eventuell Auflsung des Verbandes.

Von den Einberufern des Kongresses erhielt ich den Auftrag, die ntigen
Vorkehrungen fr den Kongre in Eisenach zu treffen, ferner einen
Programm- und einen Organisationsentwurf auszuarbeiten und zur
gemeinsamen Beratung vorzulegen. Bracke und Geib meinten, es sei an uns,
die fr passend erachteten Vorschlge zu machen. Liebknecht war mit der
Redaktion des "Demokratischen Wochenblattes" und der Polemik gegen den
"Sozialdemokrat" beschftigt, so fiel mir die erwhnte Arbeit zu.

Ich betrachte noch heute mit einiger Heiterkeit die Schriftstcke, worin
sowohl die kniglich schsische Staatsbahnverwaltung wie das Direktorium
der damals privaten Thringischen Eisenbahngesellschaft auf meine
Gesuche mir anzeigten, da sie die blichen Fahrpreisermigungen fr
Besucher von Kongressen auch den Besuchern des in Eisenach
stattfindenden sozialdemokratischen Kongresses gewhrten. Heute geschhe
dergleichen nicht mehr.

       *       *       *       *       *

In eine kleine Verlegenheit brachte mich ein Artikel, in dem Joh. Phil.
Becker im "Vorboten" seine Ansichten ber die Organisation der neuen
Partei entwickelte. Der alte Jean Philipp war ein prchtiger Kerl,
opferbereit, hingebend, unermdlich bei Tag und Nacht, ein Haudegen, der
wie 1848 und 1849 in der badischen Revolution als Oberst eines
Freischarenregiments jetzt wieder bereit gewesen wre, zu Pferde zu
steigen. Auch wute er aus seinem sehr bewegten Leben eine Menge
Geschichten, Schnurren und Anekdoten zu erzhlen, die er in uerst
lebendiger Weise zum Vortrag brachte. Ich habe mich fter stundenlang
ber seine Erzhlungen amsiert. Aber von einer Parteiorganisation
verstand er nicht allzuviel, und seine lange Abwesenheit aus Deutschland
hatten ihn den deutschen Verhltnissen entfremdet. Statt einer
geschlossenen, mglichst zentralisierten, aber demokratisch
organisierten Partei, die fhig zu krftigem Handeln war, wollte Becker
eine Verbindung, die wohl die Propagierung der sozialdemokratischen
Grundstze betreibe, aber keine feste Parteiorganisation habe; sie msse
sich, wie er es nannte, einen stets wandelbaren und entwicklungsfhigen
Charakter bewahren, und diese Verbindung sollte von Genf abhngen. Einen
bezglichen Entwurf hatte er im "Vorboten" verffentlicht und hoffte,
da der Eisenacher Kongre ihm zustimmen werde. Dieser Artikel Beckers
veranlate Marx, mir zu schreiben, da sie mit demselben nichts zu tun
htten und die Ansichten desselben nicht teilten. Darauf antwortete ich
Marx unter dem 30. Juli:

  "Ihr werter Brief, den ich soeben empfangen, hat mir viel Freude
  gemacht. Ich habe die Vorschlge Beckers im 'Vorboten' ebenfalls
  gelesen und mu gestehen, da sie mich etwas unbehaglich stimmten,
  weil ich daraus zu ersehen glaubte, da es Becker darum zu tun sei,
  die Leitung fr Deutschland in bezug auf die Internationale in die
  Hnde zu bekommen. Mein Entschlu war denn auch, auf dem Kongre das
  unpraktische, ja unausfhrbare, Zeit und Geld kostende Projekt zu
  bekmpfen. Es freut mich nun, an dem Generalrat der Internationale
  selbst eine Sttze gefunden zu haben. Frchten Sie deshalb nicht, da
  ich Sie oder den Generalrat irgendwie nutzloser Weise in die Debatte
  hereinziehen werde; ich werde sogar versuchen, wenn Becker selbst oder
  ein anderer Vertreter aus Genf kommt, ihm privatim die Grnde
  auseinanderzusetzen. Auch knnen Sie im voraus versichert sein, da
  Beckers Vorschlag weder von unserer Seite, noch von seiten der
  Opposition des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, noch von den
  schweizer oder sterreichischen Vertretern untersttzt wird, ich mte
  denn die Stimmung sehr schlecht kennen. Wie wir uns unser Verhltnis
  zur Internationale gedacht, werden Sie aus dem von mir entworfenen und
  von Braunschweig und Hamburg mitberatenen Organisationsentwurf, den
  das "Demokratische Wochenblatt" diese Woche bringt, ersehen. Ich
  glaube, es ist die einzig richtige und mgliche Form."

An I. Ph. Becker schrieb ich einen Brief im gleichen Sinne, in dem ich
unter anderem auch ein Urteil ber Schweitzer abgab, und zwar schrieb
ich Becker mit Bezugnahme auf Schweitzers Plan, Delegierte zum
Eisenacher Kongre senden zu wollen:

  "Es ist bei aller Pfiffigkeit Schweitzers doch eine groe Dummheit,
  da er seinen Coup selber verrt. Ich habe berhaupt im Zusammensein
  mit ihm, sowohl in Barmen-Elberfeld wie in Berlin, die Beobachtung
  gemacht, da er, namentlich wenn man ihm persnlich gegenbertritt,
  sehr leicht den Kopf verliert und Dummheiten macht. Das bse Gewissen
  ist's, das ihm jederzeit die Besinnung raubt, sobald ihn einer an der
  Kehle packt."

Ich mchte hier auch einige Worte ber Schweitzers Aeuere verlieren.
Schweitzer war von hoher, schlanker Gestalt und hatte bleiche, verlebte
Gesichtszge. Das braune Haar war dnn, ebenso die Bartkoteletten und
der verzwirbelte Schnurrbart. Die Nase war ziemlich lang und gegen ihr
Ende gebogen und spitz; hinter der Brille sahen ein paar kalte,
glitzernde Augen hervor. Wenn er stand oder ging, legte er stets die
Hnde auf den Rcken und zog den Kopf zwischen die Schultern. Er mute
sehr blutarm sein, denn als ich ihm nach der Barmen-Elberfelder Affre
einmal in Berlin die Hand reichte, schauerte ich ein wenig zusammen. Es
war, als htte ich die kalte, feuchte Hand einer Leiche erfat.

       *       *       *       *       *

Der Kongre war von einer stattlichen Zahl von Delegierten besucht. Es
waren 262 Abgeordnete anwesend, die 193 Orte vertraten. Darunter Johann
Philipp Becker-Genf, Greulich und Dr. Ladendorf-Zrich, Oberwinder und
Andreas Scheu-Wien, Hofstetten-Berlin. Sonnemann-Frankfurt war ebenfalls
zugegen, er beteiligte sich auch einigemal an der Debatte. Von jetzt ab
besuchte er aber keinen Arbeiterkongre mehr; seine Hoffnungen, es knne
noch zwischen der Arbeiterpartei und der Volkspartei zu einer
Verstndigung kommen, erfllten sich nicht. Der Klassencharakter der
Partei stie ihn ab. Die "Schweitzerianer", wie wir die Delegierten des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins jetzt nannten, waren ganz
bedeutend schwcher vertreten, nicht halb so stark. Dieselben
versammelten sich im "Schiff", unsere Delegierten im "Goldenen Bren".
Da von den verschiedensten Seiten Mitteilungen gemacht wurden, da die
Schweitzerianer den Kongre mit Gewalt sprengen wollten, begab ich mich
zum Oberbrgermeister und zur Polizei, um zu hren, wie diese die
Situation betrachteten, denn es lag uns selbstverstndlich alles daran,
den Kongre abhalten zu knnen, sollten nicht die enormen Opfer umsonst
gebracht worden sein. Die Erklrung lautete, da wir die Versammlungen
ganz nach Belieben wo und wie abhalten knnten. In Sachsen-Weimar gebe
es kein Vereins- und Versammlungsgesetz, die Versammlungsfreiheit war
also eine absolute. Weiter wurde mir versichert, da die Polizei, falls
die von uns getroffenen Anordnungen mit Gewalt gestrt werden sollten,
bereit sei, einzugreifen. Eine Aufforderung an die Schweitzerianer im
"Schiff", ihre Mandate abzugeben und dieselben gegen rote
Legitimationskarten einzutauschen, verweigerten sie. Abends gegen 7 Uhr
rckten sie dann ber hundert Mann stark, unter Fhrung des Riesen
Tlcke, in den "Goldenen Bren". Ueber seine damalige Mission schrieb
Tlcke spter in seiner Schrift "Zweck, Mittel und Organisation des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins":

  "Es war berhaupt eine beliebte Manier des Herrn v. Schweitzer,
  _berallhin, wo es galt, in heiem Kampfe einen Strau anzufechten,
  andere zu senden_ und diesen die Verantwortlichkeit der Partei
  gegenber fr ein etwaiges Milingen aufzubrden."

Das war vollkommen zutreffend; Tapferkeit war nicht die Strke
Schweitzers, dagegen lie sich damals Tlcke zu allem gebrauchen, wozu
Schweitzer ihn benutzen wollte.

Als die Schweitzerianer in den "Goldenen Bren" einrckten, fanden sie
die Treppe von uns so stark besetzt, da sie es vorzogen, ihre Mandate
abzugeben. Am Nachmittag waren in einer Vorversammlung Geib und ich zu
Vorsitzenden, Oberwinder und Quick-Genf zu Stellvertretern in Aussicht
genommen worden. Es war weiter auf meinen Vorschlag zwischen uns
vereinbart worden, da, falls die Versammlung am Abend tumultuarisch
verlaufe, Geib den Kongre schlieen solle. Alsdann solle ein neuer
Kongre auf Sonntag vormittag einberufen werden, zu dem nur Delegierte
mit gelben Eintrittskarten Zutritt htten.

Wie vorausgesehen, so kam es. Bei der Bureauwahl entstanden bereits die
strmischsten Szenen. Wir hatten, da die Beleuchtung eine elende war, am
Bureautisch ein halbes Dutzend Flaschen, in deren Hlse wir
Stearinlichter gesteckt, aufgestellt. Diese waren in bestndiger Gefahr,
umzufallen, und muten mit den Hnden gehalten werden. Schlielich nahm
der Tumult so zu, da Geib den Kongre schlo und anzeigte, da er einen
neuen Kongre fr nchsten Vormittag 10 Uhr in den "Mohren" berufe, an
dem nur Delegierte mit gelben Legitimationskarten teilnehmen knnten.

Unser Coup war gelungen. Whrend der Nacht sichteten wir (Bracke, Geib
und ich) die Mandate, suchten die der Schweitzerianer heraus, und Geib
bersandte sie am frhen Morgen an Tlcke mit dem Ersuchen, er mge sie
den betreffenden Delegierten aushndigen. Der Kongre verlief alsdann
ohne jede Strung.

Zu Berichterstattern ber Programm und Organisation waren ich und Bracke
bestimmt. J.Ph. Becker hatte es sich trotz all meiner Gegengrnde nicht
nehmen lassen, einen langen Antrag einzubringen, wonach die Partei sich
"Allgemeiner deutscher sozialistisch-demokratischer Arbeiterverein,
Bestandteil der internationalen Arbeiterassoziation" nennen solle. Der
Antrag fand keine Zustimmung. Programm und Organisation wurden mit
geringen Aenderungen in der von den Einberufern vorgeschlagenen Fassung
angenommen. Die neue Partei erhielt den Namen "_Sozialdemokratische
Arbeiterpartei_". Das angenommene Programm lautete:

  _Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei._

  I. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei erstrebt die Errichtung des
  freien Volksstaats.

  II. Jedes Mitglied der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
  verpflichtet sich, mit ganzer Kraft einzutreten fr folgende
  Grundstze:

  1. Die heutigen politischen und sozialen Zustnde sind im hchsten
  Grade ungerecht und daher mit der grten Energie zu bekmpfen.

  2. Der Kampf fr die Befreiung der arbeitenden Klassen ist nicht ein
  Kampf fr Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern fr gleiche Rechte
  und gleiche Pflichten und fr die Abschaffung aller Klassenherrschaft.

  3. Die konomische Abhngigkeit des Arbeiters von dem Kapitalisten
  bildet die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, und es erstrebt
  deshalb die sozialdemokratische Partei unter Abschaffung der jetzigen
  Produktionsweise (Lohnsystem) durch genossenschaftliche Arbeit den
  vollen Arbeitsertrag fr jeden Arbeiter.

  4. Die politische Freiheit ist die unentbehrliche Vorbedingung zur
  konomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist
  mithin untrennbar von der politischen, ihre Lsung durch diese bedingt
  und nur mglich im demokratischen Staat.

  5. In Erwgung, da die politische und konomische Befreiung der
  Arbeiterklasse nur mglich ist, wenn diese gemeinsam und einheitlich
  den Kampf fhrt, gibt sich die sozialdemokratische Arbeiterpartei eine
  einheitliche Organisation, welche es aber auch jedem einzelnen
  ermglicht, seinen Einflu fr das Wohl der Gesamtheit geltend zu
  machen.

  6. In Erwgung, da die Befreiung der Arbeit weder eine lokale noch
  nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Lnder, in
  denen es moderne Gesellschaft gibt, umfat, betrachtet sich die
  sozialdemokratische Arbeiterpartei, soweit es die Vereinsgesetze
  gestatten, als Zweig der Internationalen Arbeiterassoziation, sich
  deren Bestrebungen anschlieend.

  III. Als die nchsten Forderungen in der Agitation der
  sozialdemokratischen Arbeiterpartei sind geltend zu machen:

  1. Erteilung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen
  Wahlrechtes an alle Mnner vom 20. Lebensjahr an zur Wahl fr das
  Parlament, die Landtage der Einzelstaaten, die Provinzial- und
  Gemeindevertretungen wie alle brigen Vertretungskrper. Den gewhlten
  Vertretern sind gengende Diten zu gewhren.

  2. Einfhrung der direkten Gesetzgebung (das heit Vorschlags- und
  Verwerfungsrecht) durch das Volk.

  3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, des Besitzes, der Geburt und
  Konfession.

  4. Errichtung der Volkswehr an Stelle der stehenden Heere.

  5. Trennung der Kirche vom Staat und Trennung der Schule von der
  Kirche.

  6. Obligatorischer Unterricht in Volksschulen und unentgeltlicher
  Unterricht in allen ffentlichen Bildungsanstalten.

  7. Unabhngigkeit der Gerichte, Einfhrung der Geschworenen- und
  Fachgewerbegerichte, Einfhrung des ffentlichen und mndlichen
  Gerichtsverfahrens und unentgeltliche Rechtspflege.

  8. Abschaffung aller Pre-, Vereins- und Koalitionsgesetze; Einfhrung
  des Normalarbeitstags; Einschrnkung der Frauen- und Verbot der
  Kinderarbeit.

  9. Abschaffung aller indirekten Steuern und Einfhrung einer einzigen
  direkten progressiven Einkommensteuer und Erbschaftssteuer.

  10. Staatliche Frderung des Genossenschaftswesens und Staatskredit
  fr freie Produktivgenossenschaften unter demokratischen Garantien.

  IV. Jedes Mitglied der Partei hat einen monatlichen Beitrag von 1
  Groschen (3-1/2 Kreuzer sddeutsch, 5 Kreuzer sterreichisch, 12
  Centimes) fr Parteizwecke zu entrichten. Die Parteigenossen, welche
  auf das Parteiorgan abonnieren und dies glaubhaft nachweisen, sind
  whrend der Dauer des Abonnements ihrer Beitragspflicht enthoben.
  Sache des Ausschusses ist es, einzelnen Orten den Beitrag zu
  ermigen.

  V. Der Beitrag ist monatlich franko an den Parteiausschu abzuliefern.

  VI. Wer drei Monate lang seine Pflichten gegen die Partei nicht
  erfllt, wird als Parteimitglied nicht mehr betrachtet.

  VII. Mindestens einmal im Jahre findet ein Parteikongre statt, auf
  dem ber alle die Partei berhrende Fragen beraten und beschlossen,
  der Vorort der Partei sowie der Sitz der Kontrollkommission und der
  Ort fr den nchsten Parteikongre bestimmt wird.--Die Entschdigung
  fr den Ausschu respektive einzelne seiner Mitglieder setzt der
  Kongre fest.

  VIII. Auerordentliche Kongresse finden statt, wenn der Ausschu oder
  die Kontrollkommission mit absoluter Majoritt dies beschliet oder
  wenn ein Sechstel smtlicher Parteimitglieder darauf antrgt.

  IX. Zu jedem Kongre ist die vorlufige Tagesordnung mindestens sechs
  Wochen vorher durch den Ausschu im Parteiorgan bekanntzumachen. Die
  innerhalb der nchsten zehn Tage nach erfolgter Bekanntmachung von
  seiten der Parteigenossen einlaufenden Antrge sind alsdann mindestens
  vierzehn Tage vor dem Kongre als definitive Tagesordnung zu
  verffentlichen. Auf dem Kongre gestellte selbstndige Antrge kommen
  nur dann zur Verhandlung, wenn sich mindestens ein Drittel der
  Delegierten dafr erklrt.

  X. Jeder Delegierte hat eine Stimme. Die Parteimitglieder, welche sich
  an einem Orte an den Wahlen der Delegierten beteiligen, drfen nicht
  mehr als fnf stimmberechtigte Abgeordnete zum Kongre senden.
  Parteimitglieder, welche nicht Delegierte sind, haben nur beratende
  Stimme.

  XI. Sptestens drei Wochen nach dem Kongre mu das Kongreprotokoll
  allen Mitgliedern zum Kostenpreise zugnglich gemacht werden. Alle
  Kongrebeschlsse, welche eine Abnderung des Statuts, die Grundstze
  und die politische Stellung der Partei oder die Besteuerung derselben
  betreffen, mssen innerhalb sechs Wochen nach dem Kongre der
  Urabstimmung aller Parteimitglieder unterbreitet werden. Einfache
  Majoritt der Abstimmenden entscheidet. Das Resultat der Abstimmung
  wird im Parteiorgan verffentlicht.

  XII. Die Leitung der Parteigeschfte ist einem Ausschu von fnf
  Personen, als einem Vorsitzenden und dessen Stellvertreter, einem
  Schriftfhrer, einem Kassierer, der eine entsprechende Kaution zu
  leisten hat, und einem Beisitzer bertragen. Smtliche
  Ausschumitglieder mssen an _einem_ Orte oder in dessen einmeiligem
  Umkreis wohnhaft sein und werden von den am Vorort der Partei
  wohnhaften Parteimitgliedern in besonderen Wahlgngen durch
  Stimmzettel mit absoluter Majoritt gewhlt. Weder ein Mitglied der
  Redaktion noch der Expedition des Parteiorgans darf im Ausschu sein.
  Treten im Laufe des Jahres im Ausschu Vakanzen ein, so hat der
  Vorort--mit Ausnahme des in  VII erwhnten Falles--nach demselben
  Wahlmodus die Ergnzungswahlen vorzunehmen.

  XIII. Der Ausschu mu innerhalb vierzehn Tagen nach stattgehabtem
  Kongre gewhlt sein; bis zu dieser Wahl verbleibt dem bisherigen
  Ausschu, falls der Kongre nicht anders verfgt, die
  Geschftsfhrung.

  XIV. Der Ausschu fat alle Beschlsse gemeinsam und ist nur dann
  beschlufhig, wenn in einer ordentlich einberufenen Sitzung
  wenigstens drei Mitglieder anwesend sind; derselbe gibt sich, soweit
  nicht der Kongre darber bestimmt, selbst eine Geschftsordnung.

  Der Ausschu ist dem Parteikongre fr alle seine Handlungen
  verantwortlich.

  XV. Um Eigenmchtigkeiten des Ausschusses mglichst zu vermeiden,
  konstituiert die Partei eine Kontrollkommission von elf Personen, an
  die alle von dem Ausschu unbercksichtigt gelassenen Beschwerden zu
  richten sind, und die zugleich die Geschftsfhrung des Ausschusses zu
  kontrollieren hat.

  XVI. Die Kontrollkommission whlen die Parteimitglieder desjenigen
  Ortes und seines einmeiligen Umkreises, welcher von dem Parteikongre
  als Sitz der Kontrollkommission bestimmt worden ist. Die Wahl erfolgt
  durch Stimmzettel und hat sptestens vierzehn Tage nach dem Kongre
  stattzufinden.

  XVII. Die Kontrollkommission ist verpflichtet, die Geschftsfhrung,
  Akten, Bcher, Kasse usw. des Ausschusses mindestens einmal
  vierteljhrlich zu prfen und zu untersuchen, und ist berechtigt,
  falls sie begrndete Ursache hat und der Ausschu die Abhilfe der
  Unregelmigkeiten verweigert, einzelne Mitglieder wie den gesamten
  Ausschu zu suspendieren sowie die ntigen Schritte fr provisorische
  Weiterfhrung der Geschfte zu tun. Es mssen solche Beschlsse mit
  Zweidrittelmajoritt der Kontrollkommission gefat werden und ist,
  wenn mehr als die Hlfte der Ausschumitglieder suspendiert wird,
  innerhalb vier Wochen ein Parteikongre einzuberufen, der endgltig in
  der Sache entscheidet.

  XVIII. Die Partei grndet eine Zeitung als Organ unter dem Namen "Der
  Volksstaat", Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Das Organ
  erscheint in Leipzig und ist Eigentum der Partei. Personen und Gehalt
  des Redaktions- und Expeditionspersonals, des Druckers, Preis des
  Blattes wird durch den Ausschu bestimmt. Streitigkeiten hierber
  entscheidet die Kontrollkommission, in letzter Instanz der
  Parteikongre. Die Haltung des Blattes ist streng dem Parteiprogramm
  anzupassen. Einsendungen von Parteigenossen, welche demselben
  entsprechen, sind--soweit der Raum des Blattes
  ausreicht--unentgeltlich aufzunehmen. Beschwerden ber Nichtaufnahme
  oder tendenzise Frbung der Einsendungen sind bei dem Ausschu, in
  zweiter Instanz bei der Kontrollkommission anzubringen, welcher die
  endgltige Entscheidung zusteht.

  XIX. Die Parteimitglieder verpflichten sich, berall auf Grund des
  Parteiprogramms die Grndung sozialdemokratischer Arbeitervereine in
  die Hand zu nehmen.

Im Laufe der Verhandlungen teilte ich mit, da mir aus dem
Revolutionsfonds in Zrich von den Verwaltern desselben, Dr. Ladendorf
und Genossen, 900 Taler zur Agitation bewilligt worden seien. Das sei
die Geldquelle, die Tlcke und Genossen soviel Schmerzen verursachte,
und die sie dem Hitzinger, dem Knig von Hannover, zuschrieben.

Zum Parteiorgan wurde das "Demokratische Wochenblatt" bestimmt, das
nunmehr vom 1. Oktober ab wchentlich zweimal unter dem Titel "Der
Volksstaat", Organ der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der
internationalen Gewerkschaftsgenossenschaften, erschien. Als Sitz des
Ausschusses wurde _Braunschweig-Wolfenbttel_, als Sitz der
Kontrollkommission _Wien_ gewhlt. Man hatte anfangs die Absicht,
Leipzig zum Sitze des Ausschusses zu bestimmen. Ich riet entschieden ab.
Unsere Propaganda im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei weit
leichter, wenn ein Ort wie Braunschweig Sitz der Parteileitung werde,
woselbst ausschlielich frhere Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins in Frage kmen. Unser Einflu in der neuen Partei bleibe
uns gesichert, wir wrden uns mit dem Ausschu zu stellen wissen. So
geschah es. Als nchster Kongreort wurde Stuttgart bestimmt. Die
Vertretung auf dem Kongre der Internationale, der Anfang September in
Basel stattfand, wurde Liebknecht bertragen, dem sich spter
Spier-Wolfenbttel als Delegierter des Ausschusses anschlo.

Der glnzende Verlauf des Kongresses hatte im Schweitzerschen Lager
einen sehr unangenehmen Eindruck erzeugt. Nachdem wir die nach Eisenach
entsandten Delegierten Schweitzers von unserem Kongre ausgeschlossen
hatten, tagten diese im "Schiff", woselbst sie eine Reihe Resolutionen
gegen uns faten. So lautete eine derselben, die sich gegen Liebknecht
und mich persnlich richtete: "In Erwgung der gehrten Tatsachen
beschliet der Kongre, da die Herren Liebknecht und Bebel unwrdig
sind, da der Kongre sich weiter mit ihnen befat." Tlcke
verffentlichte im "Sozialdemokrat" vom 15. August einen "Aufruf an die
Parteigenossen", der mit den Worten begann: "Der Kongre zu Eisenach ist
vorber. Mit Stolz und mit voller Zuversicht auf die Zukunft der Partei
knnen wir auf den Verlauf und das Resultat desselben zurckblicken."

       *       *       *       *       *

Nach dem Schlusse des Kongresses hielt der Verband der deutschen
Arbeitervereine seinen Vereinstag ab. Zum Vorsitzenden wurde ich,
Brger-Gppingen zum Stellvertreter, Motteler zum Schriftfhrer gewhlt.
Crimmitschau erhielt den Auftrag, die Geschftsfhrung des Vorortes zu
prfen und im Parteiorgan Bericht zu erstatten. Aus dem von mir
erstatteten Bericht ging hervor, da infolge der Spaltung in Nrnberg
der Verband auf 72 Vereine gesunken war, da im Laufe des Jahres weitere
5 ausschieden, aber 42 Vereine sich neu anschlossen, so da schlielich
zum Verband 109 Vereine mit rund 10000 Mitgliedern gehrten. Die
Einnahmen betrugen 470 Taler, die Ausgaben 457 Taler, der
Revolutionsfonds hatte 934 Taler gesteuert, von denen 800 Taler fr
Untersttzung des "Demokratischen Wochenblatts" und fr Agitation
ausgegeben worden waren. Alsdann beschlo die Versammlung einstimmig die
Auslsung des Verbandes nach sechsjhrigem Bestehen und Anschlu an die
Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Der vorhandene Kassenbestand wurde
der letzteren berwiesen, das vorhandene Inventar (Akten, Briefe,
Protokolle) wurde mir zur Aufbewahrung berlassen. Nach einem warmen
Danke an den Vorortsvorstand fr dessen Mhewaltung trennte man sich mit
dem Wunsche auf Wiedersehen in Stuttgart.




Nach Eisenach.


Wie man sich leicht vorstellen kann, entbrannte nunmehr heftiger als je
der Kampf zwischen den beiden sozialistischen Fraktionen. Erklrungen
flogen herber und hinber, und die Szenen, die sich in zahlreichen
Versammlungen abspielten, spotteten jeder Beschreibung. Insbesondere
waren es die Gewerkschaften, die unter der gegenseitigen Zerfleischung
schwer litten. So kam zum Beispiel in der Metallarbeiterschaft die Wahl
eines Prsidenten nicht zustande, weil eine vollstndige Zersplitterung
der Stimmen eintrat, auerdem wurde die Wahl nur bei 23 Abstimmungen
anerkannt, bei 17 wurde sie verworfen.

Von jetzt ab schlug der "Sozialdemokrat" einen Ton an, wie er bisher nur
selten vorkam, und flschte Tatsachen und Berichte in einer Weise, da
die Leser derselben ein vollstndig falsches Bild von der Bewegung auf
unserer Seite bekommen muten.

Am 10. September verlie Schweitzer das Gefngnis. Am 12. September
kndigte er in einem lngeren Ausruf eine Rundreise durch Deutschland
an, wobei er hinter verschlossenen Tren vor seinen Anhngern erschien,
"um berall Ordnung und strenges Recht zu schaffen".... "Frchten werden
meine Gegenwart," hie es in dem Ausruf, "alle diejenigen, welche sich
einer bsen Absicht oder einer Verletzung der Arbeitersache schuldig
wissen; mit Freuden begren werden mich diejenigen, welche als
Bevollmchtigte, Agitatoren oder in sonstiger Eigenschaft treu zur Fahne
gehalten haben."

Glaubt man nicht einen gewissen Jesu zu hren, der ein Gericht ber die
Guten und die Bsen ankndigt, wobei die Bcke von den Schafen gesondert
werden sollen?

Auf dieser Tour beobachtete Schweitzer die alte Taktik, da berall, wo
er ber die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen interpelliert wurde, er
entweder schwieg oder mit spttischen Bemerkungen darber hinwegging.

Dem "Volksstaat" gegenber nahm er dieselbe Taktik ein wie gegenber dem
"Demokratischen Wochenblatt". Niemals wurde der Name des "Volksstaat"
genannt, und von der Partei sprach er nicht anders als von der
Eisenacher Volkspartei.

In Augsburg, wohin er ebenfalls auf seiner Rundreise kam, verlangte er
von den dortigen Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
das Eingehen des von ihnen gegrndeten Wochenblatts "Der Proletarier".
Als diese sich weigerten, seinem Verlangen nachzukommen, drohte er, da
er alles aufbieten werde, das Blatt zugrunde zu richten, sollte darber
die Bewegung in Bayern um fnf Jahre zurckgeworfen werden. Ein kleines
Blttchen, "Der Agitator", den Schweitzer dann zu Neujahr 1871 ins Leben
rief, das vierteljhrlich nur 15 Pfennig kostete, sollte in erster Linie
bestimmt sein, massenhaft in Bayern verbreitet zu werden, um dort die
obstinaten Elemente im Zaume zu halten.

Von seiner Rundreise zurckgekehrt, erklrte er, "da die Partei niemals
strker, niemals einiger und zahlreicher gewesen sei als in diesem
Augenblick". Die Unwahrheit dieser Behauptung wurde dadurch bewiesen,
da zwischen ihm und Mende-Hatzfeldt von neuem der Zank ausbrach. Mende
berief eine Generalversammlung nach Halle, die sich gegen Schweitzer
erklrte, und verffentlichte eine Broschre, in der er Schweitzer aller
mglichen Schandtaten zieh. Da es so kommen wrde, war vorauszusehen.
Whrend aber Schweitzer ankndigte, da mit dem 1. Januar 1870 der
"Sozialdemokrat" in vergrertem Format erscheinen werde--es waren die
Anstrengungen eines Schwindschtigen, der sich den Anschein von Kraft
gibt--, mute Mende ankndigen, da, falls nicht bis zum 15. Januar fr
sein Organ, die "Freie Zeitung", 1000 neue Abonnenten herbeigeschafft
wrden, er dasselbe werde eingehen lassen. Die grere Macht war also
auf Schweitzers Seite. Die Generalversammlung seines Vereins berief
Schweitzer auf den 5. Januar 1870 und die folgenden Tage nach Berlin.

Vorher, am 7. November, war es in Berlin zu einer groen
Auseinandersetzung zwischen der Fortschrittspartei und den Lassalleanern
gekommen. Der Abgeordnete Professor Virchow hatte im preuischen
Abgeordnetenhaus einen Abrstungsantrag gestellt, der nachher von der
Mehrheit des Abgeordnetenhauses verworfen worden war. Die
Fortschrittspartei wollte diesen Antrag durch das moralische Gewicht
einer Volksversammlung untersttzen lassen, die auf den erwhnten Tag
einberufen worden war. Eine Verhandlung wurde aber unmglich gemacht
durch die Lassalleaner, die massenhaft erschienen waren und den Vorsitz
in der Versammlung beanspruchten. Als nun ein groer Tumult ausbrach,
schlo der Abgeordnete Lwe-Galbe die Versammlung. Darauf erffnete
Tlcke sofort dieselbe aufs neue. Er hatte in der Voraussicht, da die
fortschrittliche Versammlung gesprengt werde, eine zweite Versammlung in
dasselbe Lokal polizeilich angemeldet, und die Polizei hatte diese
gleichzeitige doppelte Anmeldung zu einer Versammlung in ein und
dasselbe Lokal angenommen. Wider alle bisherige Gepflogenheit waren auch
die Versammlungen polizeilich nicht berwacht. Tlcke prsidierte,
Schweitzer sprach. In der vorgeschlagenen Resolution war kein Wort gegen
die Regierung enthalten, dagegen wurde die Fortschrittspartei als
Gegnerin des allgemeinen, gleichen Wahlrechts und Gegnerin des
Normalarbeitstags verurteilt und die Abschaffung der stehenden Heere und
die Einfhrung der Volkswehr, gegrndet auf militrische
Jugenderziehung, verlangt.

Schweitzer suchte also wieder einmal den Standpunkt vergessen zu machen,
den er in Militrfragen vorher wiederholt eingenommen hatte.

Nebenbei bemerkt: In der schsischen Zweiten Kammer wurde um jene Zeit
ein Abrstungsantrag mit 55 gegen 21 Stimmen angenommen.

Auf dem am 9. September begonnenen _Internationalen Arbeiterkongre in
Basel_ bildete den Hauptpunkt der Verhandlungen die Haltung der
Sozialisten zur Grund- und Bodenfrage. Die Debatte hierber fllte
mehrere Sitzungen. Schlielich stimmten von 75 Delegierten 54, darunter
Liebknecht und Spier, fr folgende Resolution:

  "Der Kongre erklrt, da die Gesellschaft das Recht hat, das
  individuelle Eigentum an Grund und Boden abzuschaffen und _den Grund
  und Boden in Gemeineigentum zu verwandeln_."

Ebenso stimmten die beiden dem zweiten Teil der Resolution zu, der
lautete:

  "Der Kongre erklrt auch, da es _notwendig_ ist, den Grund und Boden
  zum Kollektiveigentum zu machen."

Diese Beschlsse riefen in Deutschland groes Aufsehen hervor,
insbesondere fiel die volksparteilich-demokratische Presse ber diese
Beschlsse her, die sie als eine Ungeheuerlichkeit bezeichnete. Statt
da nun Liebknecht den Beschlu des Kongresses gegen die Angriffe
verteidigte, erklrte er in der letzten Nummer des "Demokratischen
Wochenblatts", die erschien:

  "Man hat gefragt: Welche Stellung nimmt die Sozialdemokratische
  Arbeiterpartei zu dem Beschlu ber das Grundeigentum?

  Antwort: Gar keine! Jedes einzelne Parteimitglied kann und soll
  Stellung nehmen, der Partei als solcher steht das nicht zu, weil sie
  nach keiner Seite an den Beschlu gebunden ist--ebensowenig _wie die
  Internationale Arbeiterassoziation selbst_."

Dieses salomonische Urteil wurde in der Partei mit sehr gemischten
Gefhlen aufgenommen. Es brachte der Partei keine Verbesserung, sondern
eine Verschlimmerung ihrer Lage, denn nunmehr nutzte Schweitzer die
Situation aus, indem er triumphierend auf die Halbheit der Eisenacher
hinwies, die in einer Haupt- und Kardinalfrage des Sozialismus versagten
und von Rcksichten auf die Bourgeois in ihren Reihen sich bestimmen
lieen; das sei der beste Beweis, da wir keine sozialdemokratische
Partei seien. Unsere Stellung als Partei zu dem Baseler Beschlu wurde
nicht klarer, als es in Nr. 4 des mittlerweile erschienenen
"_Volksstaat_" auf einmal hie: "Ueber die Zweckmigkeit oder
Unzweckmigkeit des Baseler Beschlusses, betreffend das Grundeigentum,
mgen innerhalb unserer Partei verschiedene Meinungen obwalten. _Nachdem
er aber einmal gefat ist, kann die Partei als solche ihn nicht
verleugnen, ohne ihre Grundprinzipien zu verleugnen._" Diese Erklrung
war korrekter als die erste, sie stand aber im _Widerspruch_ zu jener.
Es war deshalb notwendig, da die Partei klare Stellung nahm, und so
schlug ich vor, die Frage auf dem nchstjhrigen Parteikongre zu
errtern, ein Vorschlag, dem auch der Ausschu zustimmte. Und da ich fr
Anfang November eine groe Agitationsreise nach Sddeutschland geplant
hatte, nahm ich mir vor, den Baseler Beschlu zu verteidigen, wo die
Gelegenheit dieses notwendig mache. Ich trat meine Reise am 8. November
an und beendete sie am 28. Ich hielt in dieser Zeit achtzehn
Volksversammlungen und an zwei Orten, Erlangen und Mnchen, private
Besprechungen ab. Ich besuchte nacheinander: Koburg, Bamberg, Nrnberg,
Frth, Erlangen, Regensburg, Mnchen, Augsburg, Ravensburg, Tuttlingen,
Reutlingen, Metzingen, Stuttgart, Elingen, Gppingen, Aalen,
Heidenheim, Giengen, Schwbisch Hall und Heilbronn. Opposition fand ich
in nur vier Versammlungen. Der Erfolg war in allen Versammlungen ein
sehr zufriedenstellender.

In Stuttgart, woselbst in der Versammlung der ganze Stab der Volkspartei
und der Herausgeber der "Demokratischen Korrespondenz", Julius Freese,
anwesend waren, kam es zwischen mir und dem Mitglied der Volkspartei
Hausmeister zu prinzipiellen Auseinandersetzungen, bei denen
selbstverstndlich mein Gegner den krzeren zog. Den Abend vorher hatte
ich in einer geselligen Zusammenkunft, bei welcher der damalige Fhrer
der Volkspartei, Karl Maier, mich fragte, wie die Partei zu dem Baseler
Beschlu stehe, erklrt: Die Partei werde auf dem nchsten Kongre in
Stuttgart Stellung nehmen und zweifellos sich im Sinne der Baseler
Beschlsse aussprechen. Trstend hatte ich hinzugesetzt: Aber man
brauche deshalb nicht aus der Haut zu fahren, denn die Ausfhrung des
Beschlusses sei doch erst mglich, wenn die ffentliche Meinung dafr
gewonnen sei. Mit dieser Verzuckerung schluckte man die Pille. In der
Versammlung am nchsten Tage trat mir auch der Lassalleaner Leickhardt
entgegen, der mich wegen unserer Stellung zu Schweitzer interpellierte,
worauf ich grndlich antwortete. Alles in allem hatte ich an drei
Stunden sprechen mssen.

Freese und einem greren Teil der Volkspartei waren aber meine
Auseinandersetzungen in die Glieder gefahren, und so sah Freese sich
veranlat, in vier Artikeln in der "Demokratischen Korrespondenz" gegen
mich zu polemisieren. Ich beantwortete dieselben durch eine Reihe
Artikel im "Volksstaat", die zusammengestellt als Broschre unter dem
Titel "Unsere Ziele" bis heute erschienen sind. In diesen Aufstzen
verteidigte ich natrlich auch den Baseler Beschlu. Freese, dem, wie
wohl allen Schwelgern (Sybariten), es keine allzu groen
Gewissensskrupel bereitete, seine Grundstze zu opfern, sobald er seine
lebemnnischen Bedrfnisse durch die Vertretung seiner Grundstze nicht
mehr befriedigen konnte, ging spter in die Dienste des sterreichischen
Reichskanzlers, des Herrn v. Beust.

Nach meiner Rckkehr aus Sddeutschland trat ich meine mittlerweile
rechtskrftig gewordene dreiwchige Gefngnisstrafe an, die, wie schon
erwhnt, Liebknecht und mir wegen Verbreitung staatsgefhrlicher Lehren
aus Anla der Adresse "An das spanische Volk" zuerkannt worden war.

       *       *       *       *       *

Wir muten nunmehr dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegenber
groe Anstrengungen machen, um neue Mitglieder zu gewinnen. Was immer an
Krften und Mitteln aufgebracht werden konnte, wurde fr diesen Zweck
bentzt. In erster Linie kam hier York als Agitator in Frage. Der Erfolg
seiner Reisen war nicht immer ein zufriedenstellender. So klagte er mir
Ende 1869 ber die Erfolglosigkeit einer Agitationsreise, die er nach
dem Rheinland unternommen hatte. Er war darber in recht pessimistischer
Stimmung. Agitator zu sein, schrieb er mir, sei eine traurige Existenz,
was um so richtiger war, als die finanzielle Entschdigung, die der
Agitator zu jener Zeit erhielt, eine geradezu erbrmliche genannt
werden mute. Er denke wieder daran, als Arbeiter bei einem Meister
Stellung zu nehmen. York war Tischler. Htte er keine Familie, lge die
Sache anders, allein knnte er sich durchschlagen. Indes war sein
Opfermut und seine Hingabe an die Sache doch zu gro, als da er die
Drohung ausgefhrt htte.

Liebknecht und ich benutzten unsere Anwesenheit whrend des Reichstags
in Berlin, um dort immer mehr Anhnger zu gewinnen. Wir sprachen
namentlich fter in einer Reihe Branchenversammlungen mit bestem Erfolg.

Eine bestndige Klage des Braunschweiger Ausschusses war der schlechte
Eingang der Mitgliederbeitrge. Diese Klage war vollauf berechtigt. An
eine regelmige monatliche Zahlung an den Ausschu nach Braunschweig
gewhnten sich namentlich schwer die ehemaligen Mitglieder des
Arbeitervereinsverbandes, die das Hauptgewicht auf die Verwendung ihrer
Mittel fr die lokalen Bedrfnisse zu legen gewohnt waren.

Zwischen dem Ausschu in Braunschweig und uns in Leipzig entwickelte
sich ein auerordentlich lebhafter Briefverkehr, in den auch August Geib
in Hamburg, der dort als Buchhndler etabliert war, hereingezogen wurde,
als die Kontrollkommission durch Beschlu des Stuttgarter Kongresses von
Wien nach Hamburg verlegt worden war. Lebhafte Beschwerde fhrten Bracke
und der Ausschu ber die Redaktion des "Volksstaat", die zu viel
Politik und zu wenig Sozialismus bringe. Eine Beschwerde, die vielfach
in der Partei laut wurde.

Sehr aufgebracht war ich darber, da wir in der Person Rdts, der seine
Universittsstudien unterbrochen hatte und in die Partei als Agitator
eingetreten war, durch den Beschlu des Eisenacher Kongresses einen
Redakteur erhalten hatten, der seine Pflichten stark vernachlssigte,
aber mit dem Honorar, das freilich nicht hoch war, bestndig im Vorschu
sich befand. Das ging gegen meine Auffassung von Leistung und
Gegenleistung. Ich habe es allezeit, und zwar bis auf den heutigen Tag,
als schlimmste Schdigung der Partei und als eine unverzeihliche
Gewissenlosigkeit angesehen, die in einer Arbeiterpartei doppelt gergt
werden msse, wenn Personen ein Amt bernehmen, aber vergessen, die
damit bernommenen Pflichten gewissenhaft zu erfllen, das Gehalt
einstreichen, aber nicht entsprechend dafr leisten. Ein Sozialdemokrat,
der eine Brotstellung in der Partei annimmt, hat damit nach meiner
Auffassung eine Art Ideal erreicht. Er kann nach seiner Ueberzeugung
ttig sein, er hat Maregelung nicht zu frchten und findet die volle
Anerkennung seiner Parteigenossen, wenn er seine Schuldigkeit tut.

Als ich eines Tages mich bei Bracke bitter ber Rdt beschwerte--der
betreffende Brief spielte nachher im Leipziger Hochverratsproze eine
Rolle und ist im Bericht darber abgedruckt--, antwortete mir Bracke
unter dem 17. Oktober:

  "Rdt ist nicht schlecht, wenigstens glaube ich es nicht. Ich habe
  einen intimen Freund, der ebenso ist wie Rdt, und er ist ein braver
  Kerl. Diese Art Menschen sind das Gegenteil eines Philisters, aber in
  ihrer Einseitigkeit verfahren sie sich oft, bis sie durch lngere,
  meist bittere Erfahrungen klug werden. Je weniger ich selbst solchem
  Charakter hnele (ich komme mir oft selbst wie ein Philister vor, wenn
  ich meinen 'Lebenswandel' betrachte), um so mehr liebe ich diesen
  Charakter bei anderen. Ich will allerdings gestehen, da ich Rdt zu
  wenig kenne, um behaupten zu knnen, er sei so wie mein Freund. Aber
  ich vermute es. Hast Du die Biographie von Lessing gelesen? Was war
  der eine lngere Zeit leichtsinnig! Ich habe oft Sehnsucht, auch
  einmal leichtsinnig zu sein, aber werde es wohl schwerlich werden. Die
  Verhltnisse fesseln mich an mein arbeitsames, ernstes, ja
  philistrses Dasein! Von Natur heiteren Temperamentes, bin ich es in
  Wirklichkeit so selten."

Ich wei heute nicht mehr, was ich Bracke auf diesen Brief antwortete,
aber eine Zustimmung zu seinem Urteil ber Rdt war die Antwort sicher
nicht.

Bracke, der einer wohlhabenden Familie angehrte und aus dem hchsten
Idealismus sich der Partei der Enterbten angeschlossen hatte, war damals
in groen Nten. Er hatte sich durch Fritzsche bestimmen lassen, fr die
Produktivgenossenschaft der Tabak- und Zigarrenarbeiter Brgschaften zu
bernehmen, und kam nach dem Konkurs der Genossenschaft in die hchst
fatale Lage, sehr erhebliche Summen bezahlen zu mssen. Bracke klagte
mir in zahlreichen Briefen sein Leid, wie wir denn beide kurz nach
unserer Bekanntschaft uns eng aneinandergeschlossen und keine
Geheimnisse voreinander hatten. Der Aermste hat viele Jahre zu kmpfen
gehabt, um aus den Verlegenheiten herauszukommen, in die er sich durch
seine Gutherzigkeit und Opferwilligkeit gestrzt hatte. Als ihn der Tod
ereilte--er starb allzu jung im Jahre 1879, kaum 38 Jahre alt--, wurde
sein Verlust in der ganzen Partei als ein unersetzlicher angesehen.

Im Oktober 1869 war Karl Marx mehrere Wochen bei seinem Freunde Dr.
Kugelmann in Hannover auf Besuch. Bracke und Bonhorst, der Sekretr des
Ausschusses, fuhren hinber nach Hannover, um Marx kennen zu lernen und
zu begren. Bracke war von der Begegnung mit Marx aufs hchste
entzckt; er sei, schrieb er mir, "ein lieber Mensch", sie htten sich
beide sehr gut verstndigt. Ich lernte Marx und zugleich auch Engels
persnlich erst 1880 in London kennen anllich eines "Kanossaganges",
den ich mit Bernstein unternahm. Darber spter.

Im Dezember 1869 spielte uns die sterreichische Regierung einen
unangenehmen Streich; sie entzog dem "Volksstaat" den Postdebit. Der
"Volksstaat" stand damals so, da er keinen Abonnenten entbehren konnte.
Der Akt war aber der beste Beweis, was es mit der Verleumdung des
"Sozialdemokrat" auf sich hatte, Liebknecht stehe im Dienste der
sterreichischen Regierung.

       *       *       *       *       *

Gegen Ende des Jahres brach in Waldenburg in Schlesien ein groer
Bergarbeiterstreik aus, der grte Streik, den Deutschland bis dahin
gesehen hatte. Das Bemerkenswerteste an diesem war, da er in einem
Gebiet und unter Arbeitern ausbrach, die, soweit sie organisiert waren,
den Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen angehrten, und zwar verlangten
die Bergherren den Austritt der Arbeiter aus dem Gewerkverein. Die Lehre
der Hirsch-Duncker von der Harmonie der Interessen zwischen Kapital und
Arbeit erhielt damit einen argen Sto. Beide sozialdemokratische
Fraktionen traten energisch fr die Bergarbeiter ein und untersttzten
sie. Ich wollte in Leipzig ein Plakat anschlagen lassen, in dem ich zu
Sammlungen fr die Streikenden aufforderte, aber die Polizei verbot den
Anschlag des Plakats und die Sammlung, die die Genehmigung der Polizei
erfordere, weil auf Grund der Armenordnung von 1842 Sammlungen fr
"Notleidende" dieser Genehmigung bedrften. Ich appellierte wegen dieser
sonderbaren Auslegung der Armenordnung bis an das Ministerium, aber Herr
v. Nostitz-Wallwitz, der damals bereits Minister des Innern war,
billigte die Entscheidung der Leipziger Polizei.

Mangels gengender Mittel ging der Waldenburger Streik verloren.

       *       *       *       *       *

Im Frhjahr 1870 fiel mir eine Aufgabe zu, die zu erfllen Pflicht eines
Fortschrittsmannes oder brgerlichen Demokraten gewesen wre. In Leipzig
starb Rechtsanwalt Tzschirner, der whrend des Dresdener Maiaufstandes
1849 mit Heubner und Tod Mitglied der provisorischen Regierung gewesen
war. Nach Niederwerfung des Aufstandes floh Tzschirner nach der Schweiz,
kehrte aber infolge der schsischen Amnestie von 1865 als gebrochener
Mann nach Leipzig zurck. Er mute untersttzt werden, und ich selbst
veranlagte eine Sammlung zu seinen Gunsten, deren Ertrag ich an
Tzschirners Parteigenossen Rechtsanwalt Schaffrat in Dresden gelangen
lie.

Als nun Tzschirner im Frhjahr 1870 in Leipzig starb, war kein einziger
seiner alten Parteigenossen, auch Schaffrat nicht, bereit, dem Manne die
Grabrede zu halten; man schmte oder scheute sich offenbar, ffentlich
als ehemaliger Parteigenosse des Revolutionrs zu erscheinen. So mute
ich die Rede bernehmen, obgleich ich den Mann persnlich nicht gekannt
hatte und von seiner Ttigkeit nur vom Hrensagen wute. Die deutsche
Demokratie hat frhzeitig aufgehrt, Mannesmut zu zeigen.

       *       *       *       *       *

Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins fr
1870 begann am 5. Januar. Schweitzer war nicht in rosiger Stimmung.
Nachdem man ihn darber interpelliert, ob er seinerzeit einen geheimen
Vertrag mit Mende bei der sogenannten Vereinigung abgeschlossen habe,
was er bestritt, stellte man ihn wegen der Kassenfhrung zur Rede. Er
habe Gelder des Vereins fr den "Sozialdemokrat" verwendet, wozu er kein
Recht habe, da das Blatt sein Privateigentum sei. Es wurde sogar ein
Beschlu herbeigefhrt, wodurch ihm dieses ausdrcklich verboten wurde.
Schweitzer war durch diesen Beschlu und die an der Redaktion des
"Sozialdemokrat" gebte Kritik sehr aufgebracht. Er antwortete: Was das
Vertrauen anlange, _so msse er nach den in der Generalversammlung
gefallenen Aeuerungen annehmen, da er das Vertrauen der
Generalversammlung nicht besitze_; jedenfalls habe er groenteils das
Vertrauen auf die Delegierten verloren.... Man scheine nicht zu wissen,
was der "Sozialdemokrat" sei. _Nicht die Partei habe den
"Sozialdemokrat" gemacht, sondern der "Sozialdemokrat" die Partei._...
Zu verlangen, da ein Redakteur fr den Inhalt des Blattes eintreten
msse, sei leicht, wenn man selbst den Rcken frei habe und nicht einmal
die Strafgelder bewilligte. Er habe es satt, sich in dieser Weise erst
mit den Vereinsgegnern und dann mit den Vereinsmitgliedern
herumzurgern. Gegenber dem Verlangen, da in Geldangelegenheiten der
Vorstand beschlieen solle und nicht wie bisher der Prsident, erklrte
er, dann sei es gleich besser, einen Ausschu zu whlen, aber keinen
Prsidenten. Die Generalversammlung nahm alsdann eine genaue Prfung der
Kassenausgaben vor. Ein Antrag: Die Generalversammlung erklrt sich mit
der diesjhrigen Kassenabrechnung vollstndig zufrieden und weist alle
Angriffe der Gegner unserer Partei als ungerechtfertigt zurck und
spricht den Wunsch aus, da die Kassenangelegenheit fr alle Zeiten so
bleiben mge, wurde mit 5097 gegen 3409 Stimmen angenommen.

Eine Aeuerung Schweitzers, da es die Aristokratie des Vereins sei, die
Agitatoren und Delegierten, von denen immer die Wirren im Verein
ausgingen, fhrte zu gereizten Auseinandersetzungen. Ein Antrag
Richter-Wandsbeck, dem Prsidenten die _Mibilligung_ auszusprechen,
weil er auf Antrag von Hamburger Mitgliedern wider alles Recht die
Mitglieder, die gleichzeitig dem Allgemeinen Tabak- und
Zigarrenarbeiterverein angehrten, bis zur Berliner Generalversammlung
ihrer Mitgliedsrechte fr verlustig erklrt hatte, wurde mit 24 gegen 12
Stimmen bei zwei Enthaltungen abgelehnt. Diese Vorgnge lieen es
Schweitzer wieder einmal geraten erscheinen, den radikalen Demokraten
hervorzukehren. Am 9. Januar fand eine von 2000 Personen besuchte
ffentliche Sitzung statt, in der das Thema "Der Militarismus" auf der
Tagesordnung stand. Hatte Schweitzer am 17. Oktober 1867 im deutschen
Reichstag sich fr die Militrgesetzvorlage einschreiben lassen und
hatte er damals in seiner Rede ausgefhrt, da es ihm fernliege, jene
Eigenschaften an Preuen leugnen und bemkeln zu wollen, welche im
vorigen Jahre eine feindliche Welt bewundernd anerkennen mute, so lie
er jetzt folgende Resolution zur Annahme vorschlagen:

  "Die Generalversammlung erklrt: Die stehenden Heere sind die
  Hauptsttzen der heutigen reaktionren Regierungen und zugleich der
  gesellschaftlichen Ausbeutung; das demokratische Prinzip verlangt, da
  berall an Stelle der stehenden Heere die allgemeine Volksbewaffnung
  trete."

Also ganz wie in unserem ehemaligen Chemnitzer und jetzt im Eisenacher
Programm. Nach lngerer Debatte, an der Schweitzer sich nicht
beteiligte, wurde die Resolution einstimmig angenommen. Im weiteren
erklrte sich die Generalversammlung fr den Uebergang des Grund und
Bodens in Gemeineigentum der Gesellschaft. Mit einer sehr radikalen Rede
schlo Schweitzer diese Sitzung.

Im weiteren Verlauf der Verhandlungen wurde ein Antrag, den
"Sozialdemokrat" als Parteieigentum zu erwerben, mit 6492 gegen 2585
Stimmen abgelehnt. Schweitzer hatte im Laufe der Debatte geuert: Der
"Sozialdemokrat" habe whrend der sieben Jahre seines Bestehens enorme
Summen verschlungen _und erfordere auch jetzt noch Opfer_. Woher diese
enormen Summen kamen, erfuhr man nicht. Er sei bereit, das
Eigentumsrecht abzutreten, wenn die Partei einen geringen Teil der auf
das Blatt verwendeten Summen zurckzahle. Ein Redner uerte die
Besorgnis, Schweitzer werde ein neues Blatt grnden, falls es zu
Differenzen komme. Die Mehrheit sah nach dieser Erklrung die Uebernahme
des Blattes als ein Danaergeschenk an. Schweitzer teilte weiter mit, da
vom 1. Januar ab Hasenclever neben Hasselmann in die Redaktion
eingetreten sei. Eine ganze Reihe Mitgliedschaften beantragte
ausfhrliche und _wahrheitsgeme_ Abfassung der Protokolle der
Generalversammlungen.

Eine lngere und heftige Debatte entspann sich ber verschiedene
Antrge; zum Beispiel der Prsident solle, wie es im Statut stehe, durch
die Generalversammlung gewhlt werden, wohingegen namentlich Schweitzer
mit aller Entschiedenheit fr die Wahl durch "das Volk" eintrat, das er
durch sein Blatt in der Hand hatte. Er drang mit seiner Ansicht durch.
Das mehrfache Verlangen, die Redaktion durch eine Beschwerdekommission
zu kontrollieren, wurde durch den Beschlu erledigt, da alle
Beschwerden ber die Redaktion des Vereinsorgans an den Prsidenten zu
richten seien. Die oberste Kontrolle ber die Wirksamkeit der Redaktion
und die des Prsidenten in seiner Eigenschaft als Kontrolleur habe der
Vorstand zu vollfhren und knne derselbe etwa ntige Anordnungen
treffen. In der betreffenden Debatte uerte Pfannkuch, da durch die
bisherige Handhabung der Redaktion viele brave Mitglieder aus dem Verein
hinausgestoen worden seien.

Bei der Wahl zum Prsidenten, die am 12. Februar stattfand, wurde
Schweitzer wieder mit 4744 gegen 249 Stimmen gewhlt, eine Stimmenzahl,
die man auch nicht als besonderes Vertrauensvotum gegenber den 9000
Mitgliedern, die auf der Berliner Generalversammlung vertreten waren,
ansehen kann.

       *       *       *       *       *

Zu den drei vorhandenen sozialdemokratischen Organisationen trat Anfang
1870 eine vierte, die allerdings nur unbedeutend war und eine kurze
Lebensdauer hatte. Die hartnckige Gegnerschaft, die Schweitzer dem in
Augsburg erscheinenden "Proletarier" und seinen Hintermnnern erwies,
erregte diese aufs uerste. Und als nunmehr auch die Berliner
Generalversammlung sich gegen die Bayern erklrte, beschlossen diese
den Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und beriefen
auf Ende Januar einen sozialdemokratischen Kongre nach Augsburg. An der
Spitze dieser Separatbildung standen Franz, Neff und Tauscher; alle drei
Schriftsetzer. Franz hat spter eine vorzgliche Broschre geschrieben:
"Herr Bhmert und seine Flschungen der Wissenschaft. Von einem
Arbeiter. 1873." Franz starb vor wenig Jahren in Amerika. Neff starb
weit frher, Tauscher lebt noch heute als Parteigenosse in Stuttgart.
Von seiten des Braunschweiger Ausschusses wurde ich nach Augsburg
delegiert, um den Anschlu der bayerischen Genossen an unsere Partei
herbeizufhren und die Grndung einer vierten Fraktion zu verhten. Auf
dem Kongre waren nur neun Delegierte anwesend. Der Standpunkt, den ich
vertrat, war folgender:

  Die Bildung einer neuen Fraktion werde nur den Gegnern der
  Arbeitersache ntzen. Dieselben wrden aufs neue ber diese Spaltung
  jubeln und darauf hinweisen, da die Arbeiter zur Leitung ihrer
  Angelegenheiten unfhig, als Partei ungefhrlich seien, da sie trotz
  aller prinzipiellen Uebereinstimmung sich nicht einigen knnten,
  sondern rein formeller und persnlicher Bedenken wegen sich
  gegenseitig zerfleischten. Ein weiterer zwingender Grund fr die
  Einigung sei die Verhtung der Zersplitterung der geistigen und
  materiellen Krfte der Arbeiter. An beiden litten die Arbeiter keinen
  Ueberflu. Je mehr Fraktionen, je mehr Verwaltungen mten geschaffen
  werden. Diese kosteten Geld, und so wrden die sauer erworbenen
  Groschen der Arbeiter allein durch diesen Verwaltungsapparat
  aufgezehrt. Statt die Gelder zur Bekmpfung der Bourgeoisie und der
  Reaktion zu verwenden, bekmpfe man sich gegenseitig, die nicht im
  Ueberflu vorhandenen geistigen Krfte wrden in diesem selben Kampfe
  verbraucht und aufgerieben, ohne Nutzen fr die Gesamtheit. Wohl sei
  mir bewut, da man hauptschlich zwei Bedenken gegen die
  Verschmelzung habe. Das eine sei unser angebliches Bndnis, wohl gar
  Verquickung mit der Volkspartei, das andere unsere Organisation, die
  man als eine zu wenig einheitliche ansehe. Beide Einwnde beruhten auf
  Vorurteilen, durch diejenigen geschickt verbreitet und in die Massen
  eingepflanzt, welche aus einer Berhrung der Arbeiter mit dem
  demokratischen Brgertum fr ihre eigene Stellung frchteten
  (Schweitzer, Mende) und unter der Firma: "Kampf gegen die radikale
  Bourgeoisie", ihr Einverstndnis mit der Reaktion verbergen wollten.
  Volkspartei und sozialdemokratische Arbeiterpartei seien zwei
  vollstndig getrennte Parteien, jede habe ihr eigenes Programm und
  ihre eigene Organisation. Was das Programm unserer Partei betreffe, so
  brauchte ich es nicht weiter zu entwickeln, da man es ja nahezu
  wrtlich auch diesem Kongre zugrunde gelegt, unser Programm gehe aber
  in seinem ersten Teile noch weiter, indem es das internationale
  Programm in schrfster Fassung enthalte und klar und scharf seine
  Stellung auch zum bestehenden Staate formuliere. Die "Volkspartei" sei
  insofern mit uns einverstanden, als sie unsere politischen Forderungen
  und auch einige unserer sozialen (Normalarbeitstag, Verbot der
  Kinderarbeit) in ihrem Programm habe, also ein gewisses Stck Weg
  neben uns hergehe. Sie in den Punkten zu bekmpfen, in denen sie
  gleicher Meinung mit uns sei, sei Torheit; selbstverstndlich wrden
  wir ihr aber berall da entgegentreten, wo Differenzen zwischen ihr
  und uns bestnden, also vorzugsweise auf dem sozialen Gebiet. Die
  Volkspartei sei, das wten wir genauer als jeder andere, eine Partei,
  die aus vermiedenen Elementen zusammengesetzt sei. Sie bestehe aus
  grodeutschen konstitutionellen Monarchisten, brgerlichen
  Republikanern und einer kleinen Zahl von Leuten, welche im
  wesentlichen auch unser soziales Programm anerkennten, letztere seien
  indes sehr in der Minderheit. Einig sei die Volkspartei in dem Kampfe
  gegen die gropreuischen Tendenzen, den Militarismus und Zsarismus
  und bekmpfe von diesem Standpunkt aus mit uns auch die uns feindlich
  gesinnte Fortschritts- und nationalliberale Partei. Wir stnden also
  zur Volkspartei in keinem anderen Verhltnis, als es sich aus der
  Natur der beiderseitigen Standpunkte von selbst ergebe. Habe doch
  Lassalle dasselbe der Arbeiterpartei gegenber der Fortschrittspartei
  im Jahre 1863 angeraten, ja Lassalle habe sogar an mehreren Stellen
  seiner Schriften ber "Verfassungswesen" sich selbst als Mann der
  Volkspartei bezeichnet. Ebenso haltlos wie die bestndigen Vorwrfe
  ber unser Verhalten zur Volkspartei seien die Einwendungen gegen
  unsere Organisation. Lebten wir in Deutschland in einem freien Staat,
  dann verstnde sich von selbst, da wir nur praktische Grnde bei
  Entwerfung einer Organisation im Auge zu behalten htten. Deutschland
  sei aber kein Freistaat, sondern bestehe aus Staaten, die zum grten
  Teil sehr reaktionr seien, und in denen die Macht der Gesetze sich
  unliebsamen Volksorganisationen sehr fhlbar mache. Die Auflsung des
  Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Sachsen, die Schlieung der
  vielen Gemeinden in Preuen, der Beschlu des preuischen
  Obertribunals gegen den schleswig-holsteinischen Wahlverein, der eine
  hnliche Organisation gehabt habe wie der Allgemeine Deutsche
  Arbeiterverein, die neuesten Vorgnge in Bayern bewiesen, wie das
  Gesetz jederzeit die Organisation vernichten knne. Htte Schweitzer
  die Urteile der Untergerichte ber seinen Verein durch alle
  Appellinstanzen verfolgt, das Obertribunal htte zweifellos die
  Organisation als ungesetzlich anerkannt und wre damit das Verbot des
  Vereins fr Preuen ausgesprochen worden. Schweitzer habe sich davor
  gehtet, und wenn sein Verein dennoch existiere, dann habe er dies
  einzig und allein der Gunst zu verdanken, deren er sich notorisch von
  seiten des Berliner Polizeiprsidiums und der Regierung zu erfreuen
  habe. Wir mten eine Organisation schaffen, die mit der
  Einheitlichkeit zugleich die formelle Unabhngigkeit der
  Parteimitglieder an den einzelnen Orten vor dem Gesetz mglich mache.
  Die Einheitlichkeit der Partei sei gewahrt in dem von der Partei
  gewhlten und in seinen Machtbefugnissen scharf begrenzten und
  zugleich kontrollierbaren Parteiausschu, wodurch jede "Fhrerschaft"
  beseitigt und der Herrschaft einer einzelnen Person ein fr alle Mal
  ein Ende gemacht sei; ferner in regelmigen Steuern, die monatlich
  jedes Parteimitglied leistet; und endlich in dem Parteiorgan, das
  Eigentum der Partei sei, zu Privatzwecken also nicht benutzt werden
  knne. Durch diese Einrichtungen sei also die Mglichkeit einer
  krftigen Agitation zur Verbreitung der Partei und die Geltendmachung
  des Parteiwillens in allen Fragen gegeben. In den Lokalvereinen
  knnten die Parteigenossen die Parteiangelegenheiten in der
  ungehindertsten Weise besprechen und die lokale Agitation betreiben,
  ohne da das Gesetz eingreifen knne. Da die von uns angenommene
  Organisation wirklich und nicht blo in der Einbildung gut sei,
  beweise, da trotz aller Verfolgungen, welche die Partei vom ersten
  Tage ihres Bestehens zu erdulden gehabt habe, die Organisation noch
  nicht angetastet worden sei, weil man es einfach nicht knne. Mit
  einer Organisation, wie sie der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein
  habe, wrden wir lngst zugrunde gerichtet worden sein.

  Habe die Polizei das Urteil des Obertribunals auf den Allgemeinen
  Deutschen Arbeiterverein nicht angewandt, so kennzeichne das mehr als
  alles andere das gute Einvernehmen des Chefs des Allgemeinen
  Deutschen Arbeitervereins mit der preuischen Polizei. Wir htten uns
  einer solchen Gnnerschaft nicht zu erfreuen, wollten sie auch nicht
  haben, mten also unsere Organisation so einrichten, da sie gegen
  polizeiliche Uebergriffe sicher sei. Die Form sei brigens fr uns
  Nebensache, die Hauptsache sei das Prinzip und seine Anwendung. Wir
  gehrten nicht zu denen, die als Orthodoxe die uere Form ber die
  Sache setzten, wir hielten die Organisation keineswegs fr
  unverbesserlich. Jedes Mitglied der Partei knne seinen Einflu fr
  Aenderung derselben geltend machen, und gelnge es ihm, die Majoritt
  hierfr zu gewinnen, dann sei der Wille derselben entscheidend; die
  ganze Verfassung der Partei sei mit einem Worte demokratisch.

Ich hatte mit meinen Ausfhrungen kein Glck. Die Einberufer stieen
sich an unserer Stellung zur Volkspartei, die man, gerade weil sie ein
radikales Programm habe, als gefhrlich am schrfsten bekmpfen msse.
Auch passe ihnen unsere Organisation nicht.

In dem Bericht, den ich in Nr. 10 des "Volksstaat" von 1870
verffentlichte, fhrte ich noch aus:

  Ich ergriff wiederholt das Wort und widerlegte die aufgestellten
  Bedenken, sah aber sehr bald ein, da alles Reden unntz sei, da man
  einmal fest entschlossen war, eine vierte Arbeiterfraktion mit dem
  ganzen bureaukratischen Apparat einer solchen zu konstituieren. Ich
  erklrte darauf, da ich mein Mandat als erledigt betrachte und an den
  ffentlichen Verhandlungen nur insofern noch teilnehmen wrde, um eine
  Erklrung ber meine Stellung zu dem Kongre abzugeben.

  Als kurz darauf die ffentliche Versammlung wieder aufgenommen wurde,
  legte ich die Grnde dar, die mich verhinderten, weiter an den
  Verhandlungen mich zu beteiligen. Zugleich benutzte ich diese
  Gelegenheit, um nochmals ffentlich die Vorurteile entschieden
  zurckzuweisen, die noch als Erbstck Schweitzerscher Erziehung gegen
  unsere Partei in der Versammlung vorhanden sein mchten. Nachdem ich
  geendet, zog ich mein Mandat zurck und verlie mit unseren
  Parteigenossen den Saal.

  War die mir offiziell bertragene Mission auch als gescheitert zu
  betrachten, so habe ich dennoch die moralische Ueberzeugung von
  Augsburg mitgenommen, da die Masse der Arbeiter es mde ist, sich
  kleinlicher persnlicher oder formeller Bedenken wegen gegenseitig in
  die Haare zu geraten. Die Arbeiter begreifen, da nur in festem
  Zusammenhalten, in der Vereinigung aller Krfte die Gewhr des Sieges
  fr sie liegt, und ich mte mich sehr tuschen, wenn nicht trotz der
  jetzt konstituierten vierten sozialdemokratischen Fraktion der
  Zeitpunkt sehr nahe herangekommen wre, wo der vollstndige Eintritt
  in die sozialdemokratische Arbeiterpartei stattfinden wird.

Die hier ausgesprochene Hoffnung erfllte sich rasch. Bereits im Juni
fand auf dem Stuttgarter Kongre eine Verstndigung und der Uebertritt
der bayerischen Fraktion in unsere Partei statt. Auf meiner Rckreise
von Augsburg hielt ich in Mnchen eine Volksversammlung ab, in der als
Zuhrer der damals zwanzigjhrige Georg v. Vollmar anwesend war, wie er
mir gelegentlich erzhlte.

Der Monat Januar 1870 war fr mich noch insofern von besonderem
Interesse, als der Rat der Stadt Leipzig beschlo, dem
Arbeiterbildungsverein den Rest der stdtischen Untersttzung von 200
Taler jhrlich zu entziehen, weil der Verein sich fr das Eisenacher
Programm erklrt hatte. Die Stadtverordneten beschlossen wenige Tage
darauf nach einer heftigen Debatte mit 27 gegen 16 Stimmen, dem Beschlu
des Rats beizutreten. An demselben Abend whlte mich der Verein wieder
mit 121 gegen 20 Stimmen zu seinem Vorsitzenden.

       *       *       *       *       *

Die Agitation zur Ausbreitung der Partei wurde seit Eisenach von uns in
ganz Deutschland mit allen Krften betrieben. Unter den zahlreichen
Versammlungen, die auch ich abhielt, waren zwei in Plauen im Vogtland
gegen Dr. Max Hirsch dadurch von besonderem Interesse, da der Inhalt
meiner Reden zu einer neuen Anklage gegen mich wegen Verbreitung
staatsgefhrlicher Lehren Veranlassung gab. Als dann noch vor Erledigung
dieser Anklage das Strafgesetzbuch fr den Norddeutschen Bund Geltung
erlangte, das diese Bestimmung des schsischen Strafgesetzes nicht
enthielt, wurde das Material in dem nachher eingeleiteten
Hochverratsproze wider mich verwertet. Diese Versammlungen, die an zwei
Abenden hintereinander stattfanden, weil in der ersten die Debatte nicht
zu Ende kam, endeten mit einer vollstndigen Niederlage Dr. Max
Hirschs, der damals Vertreter fr den Plauener Wahlkreis im
norddeutschen Reichstag war. Zwei Jahre zuvor war ich Dr. Max Hirsch
auch in seiner Vaterstadt Magdeburg entgegengetreten und hatte ihm hier
ebenfalls eine groe Niederlage beigebracht. In einer spteren
Magdeburger Versammlung, in der ich Schweitzers Treiben scharf
kritisierte, warf ein fanatischer Zimmerer ein Bierglas nach mir, das
hart an meinem Kopf vorbeiflog und an der Wand zerschellte. Wre ich
getroffen worden, so wrde ich hchst wahrscheinlich einen Schdelbruch
davongetragen haben. Diese Zeilen wren dann wohl nicht geschrieben
worden. Das waren eben Liebenswrdigkeiten, mit denen sich damals die
feindlichen Brder traktierten.

       *       *       *       *       *

Der Stuttgarter Kongre der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war von
uns auf den 4. bis 7. Juni einberufen worden. Anwesend waren 74
Delegierte. Unter den Gsten befand sich auch Eduard Vaillant mit seinem
Freunde Dr. Mlberger, deren Bekanntschaft ich damals machte. Nach den
Bestimmungen der norddeutschen Bundesverfassung muten Ende August 1870
die Neuwahlen zum Reichstag stattfinden--die nachher der Ausbruch des
Deutsch-Franzsischen Krieges verhinderte--und so war die Frage der
Taktik bei den Wahlen ein Hauptthema in den Verhandlungen. Liebknecht
und ich, die wir ber die praktische Beteiligung im Parlament in
Meinungsverschiedenheiten geraten waren, worber ich noch an anderer
Stelle berichte, hatten uns auf folgende Resolution verstndigt:

  "Die sozialdemokratische Arbeiterpartei beteiligt sich an den Reichs-
  und Zollparlamentswahlen lediglich aus agitatorischen Grnden. Die
  Vertreter der Partei im Reichstag und Zollparlament haben, soweit es
  mglich, im Interesse der arbeitenden Klasse zu wirken, im groen und
  ganzen aber sich negierend zu verhalten und jede Gelegenheit zu
  benutzen, die Verhandlungen beider Krperschaften in ihrer ganzen
  Nichtigkeit zu zeigen und als Komdienspiel zu entlarven.

  Die sozialdemokratische Arbeiterpartei geht mit keiner anderen Partei
  Allianzen oder Kompromisse ein, dagegen empfiehlt der Kongre bei den
  Wahlen zum Reichstag und Zollparlament da, wo die Partei einen eigenen
  Kandidaten nicht aufstellt, solchen Kandidaten ihre Stimmen zu geben,
  die wenigstens in politischer Hinsicht wesentlich unseren Standpunkt
  einnehmen. Namentlich empfiehlt der Kongre in den Bezirken, wo die
  Partei von Aufstellung eigener Kandidaten absieht, von anderen
  Parteien aufgestellte wirkliche Arbeiterkandidaten zu untersttzen."

Werth-Barmen beantragte, die Nichtbeteiligung an den Wahlen
auszusprechen; die Resolution sei inkonsequent. Dieser Antrag wurde
abgelehnt und unsere Resolution angenommen.

Darauf kam die Grund- und Bodenfrage zur Verhandlung, fr die ich
Berichterstatter war. Die von mir vorgeschlagene Resolution lautete:

  "In Erwgung, da die Erfordernisse der Produktion wie die Anwendung
  der Gesetze der Agronomie--wissenschaftlichen Bewirtschaftung des
  Bodens--den Grobetrieb beim Ackerbau erheischen und, hnlich wie in
  der modernen Industrie, die Einfhrung von Maschinen und die
  Organisation der lndlichen Arbeitskraft notwendig machen, und da im
  allgemeinen die moderne konomische Entwicklung den Grobetrieb im
  Ackerbau erstrebt;--in Erwgung, da demgem bei dem Ackerbau wie bei
  der Groindustrie die allmhliche Verdrngung der kleinen und
  mittleren Eigentmer durch die Grobesitzer vor sich geht, das Elend
  und das Abhngigkeitsverhltnis der weitaus grten Mehrzahl der
  Ackerbaubevlkerung zugunsten einer kleinen Minoritt stetig zunimmt
  und dies den Gesetzen der Humanitt und Gerechtigkeit
  zuwiderluft;--in Erwgung, da die produktiven Eigenschaften des
  Bodens, die keine Arbeit erheischen, das Material aller Produkte und
  aller brauchbaren Dinge bilden: spricht der Kongre die Ansicht aus,
  da die konomische Entwicklung der modernen Gesellschaft es zu einer
  gesellschaftlichen Notwendigkeit machen wird, das Ackerland in
  gemeinschaftliches Eigentum zu verwandeln und den Boden von Staats
  wegen an Ackerbaugenossenschaften zu verpachten, welche verpflichtet
  sind, das Land in wissenschaftlicher Weise auszubeuten und den Ertrag
  der Arbeit nach kontraktlich geregelter Uebereinkunft unter die
  Genossenschafter zu verteilen. Um die vernnftige und
  wissenschaftliche Ausbeutung des Grund und Bodens zu ermglichen, hat
  der Staat die Pflicht, durch Einrichtung entsprechender
  Bildungsanstalten die ntigen Kenntnisse unter der ackerbautreibenden
  Bevlkerung zu verbreiten.

  Als Uebergangsstadium von der Privatbewirtschaftung des Ackerlandes
  zur genossenschaftlichen Bewirtschaftung fordert der Kongre, mit den
  Staatsdomnen, Schatullengtern, Fideikommissen, Kirchengtern,
  Gemeindelndereien, Bergwerken, Eisenbahnen usw. zu beginnen, und
  erklrt sich deshalb gegen jede Verwandlung des oben angefhrten
  Staats- und Gemeinbesitzes in Privatbesitz."

Der Schlusatz der Resolution wurde mehrfach angefochten, man solle
nicht ins Detail gehen. Schlielich aber wurde der Resolution
zugestimmt.

Da um jene Zeit in Wien der Hochverratsproze gegen die Fhrer der
sterreichischen Arbeiter, Oberwinder, Andreas Scheu, Johann Most usw.
bevorstand, ferner die sterreichische Regierung die Fhrer der
Arbeiterbewegung mit fanatischem Ha verfolgte und der "Sozialdemokrat"
fortfuhr, Liebknecht als Agenten der sterreichischen Regierung
anzugreifen, schlug folgende Resolution vor:

  "Der Kongre erklrt, da die sterreichische Regierung durch ihre
  Haltung gegenber der Arbeiterbewegung und durch die aller
  Menschlichkeit hohnsprechende Behandlung der eingekerkerten Arbeiter
  sich den Ha und die Verachtung der Arbeiter aller Nationen erworben
  hat."

Die Resolution wurde unter strmischem Beifall des Kongresses
angenommen.

Als Kongreort fr das Jahr 1871 wurde Dresden gewhlt.




Schweitzers Ende.


Whrend die geschilderten Vorgnge sich zutrugen, setzte der
"Sozialdemokrat" seine Angriffe mit ungeschwchten Krften und ohne
Bedenken ber die Wahl der Kampfmittel gegen uns fort. So war es zum
Beispiel jetzt bei ihm Sitte geworden, da er bestndig Artikel aus dem
nationalliberalen _"Frankfurter Journal"_, das ein Organ unserer Partei
sei, abdruckte und gegen uns verwertete. Die Verlogenheit konnte kaum
weitergetrieben werden. Aber es kam noch besser.

Unter dem Datum des 3. Juli verffentlichte der "Volksstaat" einen
Aufruf des Braunschweiger Ausschusses, worin dieser aufforderte, die
Vorbereitungen zu den Reichstags- und Zollparlamentswahlen zu treffen,
wobei er entsprechend den Beschlssen des Stuttgarter Kongresses darauf
hinwies, da in Wahlkreisen, in denen wir selbst keinen Kandidaten
aufstellten, zu erwgen sei, ob nicht dem Kandidaten einer anderen
Arbeiterpartei mit unseren Stimmen zum Siege verholfen werden knne. Der
Braunschweiger Ausschu ahnte damals nicht, da schon am Tage vorher,
den 2. Juli, in einer Vorstandssitzung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins in Hannover Schweitzer Antrge eingebracht hatte, denen
der Vorstand seine Zustimmung erteilt hatte, die folgendermaen
lauteten:

  "1. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionr (Konservativen) und
  einem Liberalen: Stimmabgabe fr den Liberalen.

  2. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionr und einem
  Volksparteiler (Ehrlichen, womit er uns meinte): _Stimmenthaltung_.

  3. Bei der engeren Wahl zwischen zwei Liberalen: Stimmabgabe fr den
  weitergehenden Kandidaten.

  4. Bei der engeren Wahl zwischen einem Liberalen und einem
  _Volksparteiler (Ehrlichen): Stimmabgabe fr den Liberalen_."

Die ersten drei Punkte waren einstimmig, der vierte gegen vier Stimmen
angenommen worden.

Man kann sich die Emprung vorstellen, die uns ergriff, als wir diesen
Beschlu lasen, den wir als eine _Infamie ersten Ranges_ ansahen. Es war
klar, da Schweitzer und Tlcke den fanatischen Ha der
Vorstandsmitglieder gegen uns benutzt hatten, um diesen infamen
Beschlu, der die der Bismarckschen Politik am feindlichsten
gegenberstehende Partei traf, durchzusetzen. Richter-Wandsbeck hat
spter erklrt, _er habe gegen den Antrag gestimmt, weil er gewut, da
Schweitzer ihn im Auftrag der Regierung gestellt habe_. Ich lasse das
dahingestellt sein. Zweifellos entsprach aber dieser Beschlu _den
Wnschen Bismarcks_, und das gengte.

Sobald der Beschlu in unseren Reihen bekannt wurde, erlie der
Braunschweiger Parteiausschu unterm 11. Juli einen Aufruf, in dem es
hie: "da ungeachtet jenes Beschlusses unsere Parteigenossen, wo dies
im Interesse der Arbeitersache liege, _den Kandidaten des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins untersttzen sollten, treu dem Gedanken, da
die Organisation dazu da sein solle, die Einigung aller
sozialdemokratischen Arbeiter zu ermglichen"._ Im weiteren hie es
alsdann:

  "Dem Herrn v. Schweitzer aber, der in der gehssigsten und
  verwerflichsten Weise Arbeiter gegen Arbeiter, Sozialdemokraten gegen
  Sozialdemokraten zu hetzen sucht, sind wir um der Arbeitersache
  verpflichtet, mit aller Energie entgegenzutreten. Daher fordern wir
  die _Parteigenossen in Barmen-Elberfeld_, dem klassischen Boden fr
  diesen Kampf, auf, die ntigen Schritte in dieser Richtung ohne Sumen
  zu tun; _die Partei ist schuldig und verbunden, die allgemeine
  Bewegung von einem Menschen zu subern, der, unter dem Deckmantel
  einer radikalen Gesinnung, bisher im Interesse der preuischen
  Staatsregierung alles getan hat, dieser Bewegung zu schaden._ Die
  Partei wird den Genossen in Barmen-Elberfeld zur Seite stehen. Nun
  krftig vorwrts!"

Am 13. Juli mute der "Sozialdemokrat" bekanntmachen, da sein Format
verkleinert werden msse, weil die verlangten 500 neuen Abonnenten nicht
gekommen seien. Das war die Antwort auf die prahlerische Ankndigung am
Schlusse des Vorjahres, das Format des Blattes zu vergrern. Die Zahl
habe sich kaum um 100 vermehrt. Bald darauf mute aber sowohl der
"Sozialdemokrat" wie der "Volksstaat", der Ende Mrz 1870 2000
Abonnenten hatte, weitere Raumbeschrnkungen eintreten lassen. Es brach
pltzlich der Deutsch-Franzsische Krieg aus, der von beiden Fraktionen
zahlreiche Parteigenossen unter die Waffen rief, andere durch
hereinbrechende Arbeitslosigkeit brotlos machte.

Auf die Ursachen und die Entwicklung dieses Krieges komme ich in anderem
Zusammenhang zu sprechen. Liebknecht und ich betrachteten denselben als
einen solchen, an dem Napoleon und Bismarck gleichmig schuldig seien,
und enthielten uns bei der verlangten Kriegsanleihe der Abstimmung, was
wir durch eine Erklrung zu den Akten des Reichstags motivierten. Anders
Schweitzer und Genossen. Nach Schweitzer war der Krieg nicht nur ein
Krieg gegen das deutsche Volk, _sondern gegen den Sozialismus._ Und
jeder Deutsche, der sich dem Friedensbrecher entgegenwerfe, kmpfe nicht
nur frs Vaterland, _sondern auch gegen den Hauptfeind der Ideen der
Zukunft, fr Freiheit, Gleichheit und Brderlichkeit._

Den Sozialismus mit dem Kriege in Verbindung zu bringen, war zwar
grandioser Bldsinn, aber in jener aufgeregten Zeit, in der der grte
Unsinn geglaubt wurde, wenn er sich gegen uns richtete, lag Methode in
diesem Verhalten.

Mitten in die Kriegswirren traf die Nachricht aus Wien ein, da
Oberwinder, Andreas Scheu, Most und Papst wegen Hochverrats, ersterer zu
sechs Jahren, die anderen zu fnf bis drei Jahren Zuchthaus, verschrft
fr jeden durch einen Fasttag im Monat, verurteilt worden seien.
Auerdem wurde fr Oberwinder und Most die Ausweisung aus den
sterreichischen Lndern nach verbter Strafe ausgesprochen. Die
brigen Angeklagten wurden zu geringeren Strafen verurteilt. Ein
Hauptanklagepunkt war die Beteiligung am Eisenacher Kongre (Oberwinder
und Scheu) und die Anerkennung des Eisenacher Programms, das nur durch
Gewalt durchgesetzt werden knne.

An der Hatz, die jetzt gegen uns seitens fast der gesamten Presse wegen
unseres Verhaltens im Reichstag inszeniert wurde, beteiligte sich der
"Sozialdemokrat" in hervorragendem Mae, der uns "Landesverrter" und
hnliche schne Titel anhngte. Damit nicht genug, sandte Schweitzer
verschiedene seiner Agitatoren nach Leipzig, die dort die Massen gegen
uns aufhetzen sollten. Zunchst kam Hasenclever, dessen Versammlung
durch ein Plakat angekndigt wurde, in dem es hie: "Smtliche Arbeiter,
Brger und Bewohner der Stadt werden zu dieser Versammlung freundlichst
eingeladen. Whrend unsere Truppen im Felde stehen, scheint eine
ffentliche Kundgebung des echt deutschen Sinnes unserer Einwohnerschaft
einzelnen undeutschen Elementen gegenber, die sich auch hier bemerklich
machen, dringend geboten. Der Bevollmchtigte des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins."

Hasenclever machte aber schlechte Geschfte; wir hatten die Mehrheit in
der Versammlung, und so wurde die von uns vorgeschlagene Resolution
angenommen. Weit schlimmer ging es in der Versammlung zu, in der nach
ihm Wolf-Hamburg und Armborst-Stettin sprechen sollten. Hier kam es
sofort zu tumultuarischen Szenen, die bald in ein Handgemenge
ausarteten, dem der erschreckte Wirt durch Ausdrehen der Gasflammen ein
Ende bereitete. Als wir nach der Versammlung in unserem Vereinslokal uns
zusammenfanden, kam die Kunde, die Schweitzerianer seien nach
Liebknechts Wohnung gezogen, um diesem die Fenster einzuwerfen. Im
Sturmschritt eilten wir auf dem krzesten Wege nach Liebknechts Wohnung,
kamen aber leider einige Minuten zu spt. In der Tat waren Liebknecht
eine Anzahl Fensterscheiben eingeworfen worden, und war dadurch Frau
Liebknecht, die ahnungslos in der Stube sa und ihrem ersten Sprling
die Brust reichte, aufs tiefste erschreckt worden. Voll Zorn eilten wir
den Attenttern nach und erreichten sie in der Nhe der inneren Stadt,
worauf sie regelrecht verprgelt wurden. Kurz darauf meldete der
"Sozialdemokrat" die Heldentat seiner Anhnger mit den Worten:

  "Der Volkszorn gegen das landesverrterische Treiben der Volkspartei
  hat einen Ausbruch gefunden. Liebknecht sind die Fenster eingeworfen
  worden."

Einige Tage spter hatten mir eine Anzahl Studenten eine hnliche
Ovation zugedacht. Zu dem Fenstereinwurf sollte noch eine Katzenmusik
kommen. Zum Glck wohnte ich hinten im Hofe im Hause eines
Grokaufmanns. Sobald der Hauswart erfuhr, was die eines Abends
heranziehenden Studenten beabsichtigten, schlo er rasch das Tor; so
muten sie unverrichteter Sache abziehen.

Alle diese Hetzereien, die weiter aufzuzhlen sich nicht lohnt, erregten
derart meine Whler, da diese, meist arme Teufel, sich veranlat sahen,
mir einen silbernen Lorbeerkranz, begleitet von einem Uhlandschen
Sinngedicht, zu berreichen. Wrde ich von dieser Absicht eine Ahnung
gehabt haben, ich htte ihre Ausfhrung verhindert.

Ende August 1870 machte Tlcke im "Iserlohner Kreisblatt" bekannt, da
er vorlufig die Politik an den Nagel gehangen und sich als Volksanwalt
niedergelassen habe. Damit war eine der festesten Sulen Schweitzers
geborsten. Aber jetzt trat auch im "Sozialdemokrat" pltzlich eine
Schwenkung ein, der Draht nach oben war offenbar zerrissen. Der Krieg
mit seinen ununterbrochenen Siegen der deutschen Waffen fhrte
Sddeutschland und fast das gesamte Brgertum Norddeutschlands zu den
Fen Bismarcks. Selbst in den Kreisen der sddeutschen Volkspartei
feierte der Chauvinismus wahre Orgien. Jetzt konnte ein Schweitzer
Bismarck mehr schaden als ntzen; es hatte keinen Zweck mehr, ihn zu
halten.

Am 31. August wendete sich der "Sozialdemokrat" gegen eine gewaltsame
Annexion von Elsa-Lothringen. Anfang September, nach der Gefangennahme
Napoleons, sprach er sich fr Abschlu eines Waffenstillstandes und
gegen den Gedanken einer Wiedereinsetzung Napoleons aus. Genau also wie
wir im "Volksstaat". Am 14. September verffentlichte der
"Sozialdemokrat" einen Leitartikel, in dem er sich gegen die stehenden
Heere aussprach und sich dabei auf Gneisenau berief.

Als er die Verhaftung August Geibs in Hamburg meldete, der das Schicksal
des Braunschweiger Ausschusses teilte, dessen Mitglieder man mit Ketten
gefesselt nach der Festung Ltzen geschleppt hatte, bemerkte er
ingrimmig: Liebknecht und Bebel, die andere fr sich die Kastanien aus
dem Feuer holen lieen, befnden sich als Haupthetzer in Sicherheit. Er
brauchte nicht allzulange zu warten, und seine Sehnsucht nach unserer
Verhaftung wurde gestillt. Als dann auch Johann Jacoby und
Herbig-Knigsberg verhaftet und ebenfalls nach Ltzen geschleppt wurden,
wendete sich jetzt der "Sozialdemokrat" gegen diese Verhaftung. Anfang
November 1870 meldete das Blatt, da Petzold-Leipzig, einer seiner
fanatischsten Anhnger, aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins ausgetreten sei. Er wollte von Schweitzer nichts mehr
wissen.

Fr den 24. November war der Reichstag wieder einberufen worden, um
unter anderem ber eine neue Geldbewilligung fr Fortsetzung des Krieges
zu beschlieen. Jetzt kndigte der "Sozialdemokrat" an, da diesmal die
Abgeordneten der Partei gegen die Geldbewilligung stimmen wrden. Der
Krieg, der anfangs ein Verteidigungskrieg gewesen, sei jetzt zu einem
Eroberungskrieg geworden. Er war also nunmehr auch hierin auf unserem
Standpunkt. Bei den auerordentlich heftigen Debatten, die Liebknecht
und ich bestndig im Reichstag provozierten, verhielten sich Schweitzer
und Genossen vollkommen schweigsam, sie griffen mit keinem Worte in die
Debatte ein. Nur als Liebknecht in einer Rede sich gegen die
Unterstellung wandte, wir seien mehr die Freunde Frankreichs als
Deutschlands, und bemerkte: Ich will lieber der gute Bruder des
franzsischen Volkes als der gute Bruder des Schurken Napoleon sein,
rief Schweitzer ein lautes Bravo! Bravo! dazwischen. Das war die einzige
Aeuerung, die er in den Kriegsdebatten machte.

Am 17. Dezember wurden Liebknecht, Hepner (der Mitredakteur des
"Volksstaat") und ich in unseren Wohnungen polizeilich berfallen, und
nachdem eine Durchsuchung unserer Wohnungen stattgefunden hatte, wurden
wir fr verhaftet erklrt und in Untersuchungshaft abgefhrt. Wir waren
also, da die Untersuchungshaft bis Ende Mrz 1871 dauerte, whrend des
Wahlkampfes, der nach Neujahr einsetzte, vollstndig lahmgelegt, das
verhinderte aber Herrn v. Schweitzer nicht, am 8. Januar im
"Sozialdemokrat" nochmals die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins darauf hinzuweisen, da der Beschlu des
Vereinsvorstandes vom 2. Juli des verflossenen Jahres betreffend ihr
Verhalten bei engeren Wahlen sich gegen uns, die Eisenacher Ehrlichen,
richte. Das brachte dieser Mensch fertig, whrend wir in strengster
Einzelhaft hinter Schlo und Riegel saen und Staatsanwalt und Richter
einen Hochverratsproze gegen uns zusammenbrauten.

Aber die Leipziger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
besaen zuviel Ehrgefhl und Klassenbewutsein, um diesem Winke zu
folgen; sie machten mit unseren Parteigenossen gemeinsame Sache, indem
sie mich als Kandidaten fr Leipzig aufstellten. Auch weigerte sich eine
Anzahl Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, eine
Erklrung zu unterschreiben, worin sie sich in ihrer Taktik bei einer
engeren Wahl gegen uns festlegen sollten. Herr v. Schweitzer hatte
wieder einmal den Bogen berspannt.

Am 3. Mrz 1871, dem Tage des Friedensschlusses, der mit Berechnung als
Wahltag gewhlt worden war, verffentlichte der "Sozialdemokrat" einen
Leitartikel, der die grte Siegeszuversicht atmete. Aber am Abend jenes
Tages wurde gemeldet, da nirgends ein Sieg erfochten worden war und
Schweitzer in Barmen-Elberfeld mit dem Kandidaten der Konservativen,
Herrn v. Kusserow, in engere Wahl komme. Es war dieses derselbe Herr v.
Kusserow, der im Herbst 1867 an Schweitzer 400 Taler zahlte als
Wahlkostenbeitrag der Konservativen fr seine Wahl. In der engeren Wahl
unterlag Schweitzer mit 8477 gegen 9540 Stimmen. _Diese Niederlage
brachte bei ihm den Entschlu zur Reife, sich vom ffentlichen Leben
zurckzuziehen,_ was wohl am deutlichsten fr seinen Charakter spricht.
In einer langen Ansprache im "Sozialdemokrat" vom 26. Mrz "An die
Partei" kndigt er an: _er knne die Leitung fortan nicht beibehalten,_
sein Entschlu sei unwiderruflich. Indem er auf das Wahlergebnis
hinweist, bemerkt er, da dasselbe zwar nicht die Ursache seines
Rcktritts sei, aber es gebe ihm allerdings Gelegenheit, den lngst
beabsichtigten Rcktritt zu verwirklichen. Zahlreiche Parteigenossen in
seiner Umgebung knnten bezeugen, da er schon seit einem Jahre hierzu
entschlossen sei. Er werde sein Amt bis zur nchsten Generalversammlung
beibehalten, und nachdem die Partei ihn von seiner Geschftsgebarung
entlastet habe, die Gewalt in die Hnde der hchsten Behrde der Partei
niederlegen.

Der eigentliche Grund seines Rcktritts sei: er habe lange Jahre
hindurch Zeit, Arbeitskraft, Seelenruhe und Geld fr die Arbeiterpartei
geopfert. Niemand knne ihm zumuten, diese Opfer weiter fortzusetzen....
Er habe das Seinige getan, habe lange genug auf dem Posten gestanden, um
verlangen zu drfen, da Ablsung stattfinde.

Diese Ankndigung war fr den Verein wie fr die Gegner Schweitzers eine
Ueberraschung. Bisher hatte sein Gebaren nicht gezeigt, da er es satt
habe, auf dem Posten weiter zu stehen, auf den der Verein ihn gestellt.
Alle seine Manahmen bewiesen das Gegenteil. Es mag zugegeben werden,
da er sich seit einem Jahre mit dem Gedanken eines eventuellen
Rcktritts trug und ihn auch diesem oder jenem aus seiner Umgebung
gegenber uerte. Aber ernsthaft daran geglaubt hat wohl niemand. Was
seinen Entschlu zunchst hervorgerufen haben mochte, waren wohl die
Erfahrungen in Barmen-Elberfeld und der Verlauf der Berliner
Generalversammlung im Januar 1870, die ihm beweisen muten, da es ihm
nie gelingen werde, das volle Vertrauen des Vereins zu erwerben, ja da
im Gegenteil das Mitrauen und die Unzufriedenheit mit seiner Leitung
und seinem Verhalten wuchs. Er hatte doch zu viel Anklagematerial
geliefert, zu sehr durch zahlreiche Handlungen Kopfschtteln und
Mifallen erregt, als da man schlielich es noch fertig brachte, wegen
der glnzenden Eigenschaften, die er als Parteifhrer besa, ber das
Vorgekommene hinwegzusehen, wie das bisher geschehen war. Diesen
Eigenschaften zuliebe hatte man ihm vieles verziehen, was der Verein
unter anderen Umstnden sich niemals wrde haben bieten lassen. Aber
dieses Ma von Nachsicht ging auf die Neige. Andererseits erkannte er,
_da er auf die Dauer den Krieg gegen uns mit Aussicht auf Erfolg nicht
fortfhren konnte_. Trotz aller Mngel, die damals unsere Partei noch
aufwies in ihrer Organisation und im festen Zusammenschlu ihrer
Glieder, die Partei wuchs bestndig, und ihr moralisches Ansehen war in
den Augen ihrer Gegner unbestritten. Es konnte also bald der Tag fr ihn
kommen, an dem er einen Friedensschlu mit uns suchen mute, was einer
Verurteilung seines ganzen bisherigen Verhaltens gleichkam. Diesem Gang
unter das kaudinische Joch, als das er ihm erschien, wollte er sich
nicht unterwerfen. Dieser Mglichkeit zog er die Preisgabe seiner
Stellung im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein vor, die auch nach oben
hin haltlos geworden war.

Schweitzer hatte auch bereits die Fhler fr die Gewinnung einer
brgerlichen Stellung ausgestreckt. Im Januar 1871 war ein dreiaktiges
Drama von ihm, betitelt "Kanossa", ber eine der Berliner Bhnen
gegangen, wodurch er zeigte, da bei ihm dramatisches Geschick vorhanden
war. Auf diesem Gebiet arbeitete er nunmehr weiter.

       *       *       *       *       *

Am 30. April hatte ein Teil des _Lassalle_schen Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins seine Auflsung und seinen Uebertritt in unsere Partei
beschlossen. Auch August Khn, damals in Bremen, trat in einem "Offenen
Brief" fr eine Einigung der verschiedenen Fraktionen ein, die
namentlich hinsichtlich der gewerkschaftlichen Bewegung eine absolute
Notwendigkeit sei.

Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war vom
30. April auf den 19. Mai vertagt worden. Aber Ende April lie
Schweitzer den "Sozialdemokrat" eingehen, so da nunmehr der Verein ohne
Organ war.

Auf dieser Generalversammlung nahmen namentlich die Verhandlungen ber
die Kassenzustnde einen sehr weiten Raum ein; sie endeten damit, da
ein Antrag Frohmes einstimmig angenommen wurde, lautend, "_dem
Prsidenten eine Rge zu erteilen_ wegen der teilweise hchst
unzweckmigen Verwendung der Gelder fr die Agitation". Im Laufe der
weiteren Verhandlungen setzte Schweitzer auseinander, da finanzielle
Grnde ihn gezwungen htten, den "Sozialdemokrat" Ende April eingehen zu
lassen. Er hob dabei hervor, _da der "Sozialdemokrat" zu keiner Zeit
seine Kosten gedeckt habe,_ also auch kein Redaktionsgehalt ihm
einbringen konnte. Ein Delegierter gab an, da vom 1. Oktober 1870 bis
1. Januar 1871 der "Sozialdemokrat" zirka 1700 Abonnenten verlor. Der
"Volksstaat" verlor in der gleichen Zeit 300. Die Generalversammlung
beschlo, den "Sozialdemokrat" in der alten Form wieder erscheinen zu
lassen, und zwar als Vereinseigentum. Das Blatt erschien unter dem Titel
"Neuer Sozialdemokrat" vom 1. Juli ab. Ferner wurde beschlossen, eine
Verwaltungs-und Beschwerdekommission von drei Mitgliedern einzusetzen.
An Stelle Schweitzers wurde Hasenclever zum Vereinsprsidenten gewhlt,
Hasselmann wurde erster Redakteur, Derossi Sekretr. Der Prsident wurde
von jetzt ab mit 50 Talern monatlich honoriert.

Schlielich sprach die Generalversammlung _einstimmig Schweitzer ihren
herzlichen Dank aus fr seine tatkrftige Leitung der Partei und
bedauerte, ihn nicht lnger auf diesem Posten und an ihrer Spitze zu
haben._ Offenbar wollte man ihm eine goldene Brcke bauen und die
Genugtuung verbergen, die sein Rcktritt bei vielen seiner frheren
Anhnger hervorrief.

Zu diesem einstimmigen Vertrauensvotum standen die Verhandlungen im
_grellen Widerspruch_, die im nchsten Jahr auf der Generalversammlung
des Vereins zu Berlin vom 22. bis 25. Mai 1872 gepflogen wurden. Auf
dieser wurde das Protokoll der Vorstandssitzung in Hannover vom 3. Mrz
1872 verlesen, auf der Tlcke, der frhere Vertrauensmann Schweitzers,
ausgefhrt hatte:

  _"Wenn man die Geschichte des Vereins betrachte, so falle es einem in
  die Augen, da jedesmal, wenn derselbe in die Hhe ging, irgend ein
  Experimentchen gemacht wurde, das ihn wieder herunterbrachte."_

Worauf ihm mit Recht geantwortet wurde, da er diese Experimente
mitgemacht, aber bisher geschwiegen habe. Weiter uerte Tlcke:

  "Schweitzer habe keine Vereinskarten drucken lassen, weil er das
  einkommende Geld sofort selbst konsumierte. Er (Tlcke) habe den
  Agitatoren das doch nicht schreiben knnen, dann wren immer neue
  Risse in der Partei entstanden. Aurin habe damals gesagt, die
  _Verbandskasse_ sei nicht in Ordnung; das sei richtig gewesen, _da
  Schweitzer 500 Taler aus der Verbandskasse genommen_ und zu seinem
  Bankier getragen habe. Man habe in Rcksicht auf die Partei darber
  geschwiegen."

Weiter erzhlte Tlcke:

  _"Schweitzer stehe mit dem Polizeiprsidium in Verbindung und
  hinterbringe demselben alles, was passiere. Schweitzer habe ihm kurz
  vor dem Antritt seiner Haft in Rummelsburg gesagt, da er (Redner)
  sich zu jeder Zeit, wenn etwas passiere, an das Polizeiprsidium
  wenden knne; er sei auch mit ihm dorthin gegangen und habe ihn
  daselbst vorgestellt, wobei Schweitzer eine groe Kenntnis der
  Rumlichkeiten dort entwickelte. Nachher sei er mit ihm um den ganzen
  Hof herum gegangen, wo smtliche Hauptleute usw. aufgepflanzt waren
  und den Doktor freundlich grten. Dann sagte ihm Schweitzer auch, da
  er (Redner) jederzeit zum Minister des Innern kommen knne."_

Hierauf wurde Tlcke abermals mit Recht erwidert, _er_ habe die Partei
immer im Dunkeln tappen lassen, noch auf der vorigen Generalversammlung
habe er Schweitzer verteidigt. Ein anderer Redner meinte: Nach seinen
eigenen Angaben sei Tlcke ein weit _schlimmerer Verrter_ als
Schweitzer. Ein dritter Redner uerte:

  "_Er bemerke die Anwesenheit Doktor Schweitzers und frage an, ob auch
  Nichtmitglieder anwesend sein drfen. Knne sich Schweitzer weder als
  Mitglied noch als berwachender Polizeibeamter ausweisen, so habe er
  ohne weiteres das Lokal zu verlassen._"

Es wird konstatiert, da Schweitzer seit seinem Rcktritt vom Prsidium
keine Beitrge mehr bezahlte, also kein Mitglied des Vereins mehr sei.
Schweitzer verlie hierauf das Lokal.

_Lingner beantragte alsdann, einen Beschlu zu fassen, da Schweitzer
nicht mehr in den Verein aufgenommen werden drfe, er wolle ihn
ausgeschlossen wissen._

Bei der Abstimmung wurde der Antrag, _da Schweitzer nicht mehr in den
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein aufgenommen werden knne, mit 5595
gegen 1177 Stimmen bei 1209 Enthaltungen angenommen._

So endete Schweitzers politische Laufbahn. Er war preisgegeben und
verurteilt selbst von denen, die ihm viele Jahre ein fast unbegrenztes
Vertrauen schenkten oder wie Tlcke seine Helfershelfer waren. Mayer
meint in seinem von mir mehrfach zitierten Buche ber Schweitzer, es
wren die literarischen Geflligkeiten gegen den konservativen
Sozialpolitiker Rudolf Meyer gewesen, die Schweitzers Ausschlu aus dem
Verein herbeigefhrt htten. Das ist ein Irrtum, _so_ empfindlich war
man in jener Zeit im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein nicht. Auch
htte alsdann _Hasenclever_ ausgeschlossen werden mssen, der, wie
_allbekannt_ war, damals ebenfalls mit Rudolf Meyer im Verkehr stand.
Dieser Verkehr wre aber auch kein Grund zu einem Ausschlu aus der
Partei gewesen. Haben doch auch Fr. Engels und ich spter zu Rudolf
Meyer in persnlichen Beziehungen gestanden, der 1893 in Prag unser
Fhrer durch die Stadt war. Ich meine, an den gewichtigsten Grnden fr
den betreffenden Beschlu gegen Schweitzer mangelte es dem Verein nicht,
man brauchte nicht nach anderen zu suchen.

Mit Schweitzer schied eine Persnlichkeit aus dem politischen Leben,
die, wenn sie zu ihren sonstigen Eigenschaften auch die Eigenschaften
gehabt htte, _die der Fhrer einer Arbeiterpartei unbedingt haben mu,_
Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit und volle Hingabe an die zu vertretende
Sache, unbestreitbar der erste Fhrer der Partei bis an sein Lebensende
geblieben wre, wie ich das schon hervorhob. Man mag diese groen Fehler
seiner Persnlichkeit bedauern, bersehen durfte man sie nicht. Unter
den damaligen Verhltnissen wre er der gegebene Mann gewesen. Viele
Jahre erbitterter Kmpfe, in denen Zeit, Kraft, Gesundheit und Geld zur
Freude der gemeinsamen Gegner verschwendet und verpufft wurden, was
wieder ungezhlte Krfte abhielt, sich der Bewegung anzuschlieen, wren
unmglich gewesen. Die Saat, die Schweitzer gest, trug auch weiter ihre
Frchte. Wohl hatte er die Ideen des Sozialismus in seltener Klarheit
und Lebendigkeit den Massen beizubringen verstanden--das war sein
Verdienst, und diese Ttigkeit stand mit der zweideutigen politischen
Rolle, die er spielte, durchaus nicht im Widerspruch--, aber politisch
hatte er Unheil gest, den Fanatismus grogezogen und durch den Apfel
der Zwietracht eine dauernde Spaltung und damit die Schwchung der
Arbeiterbewegung aufrecht zu erhalten versucht.

Dieses war nach meiner Ueberzeugung seine eigentliche Aufgabe. Die
Richtigkeit derselben wird besttigt durch die bereits zitierte
Aeuerung Tlckes auf der Berliner Generalversammlung, "da bei einem
Blick auf die Geschichte des Vereins es in die Augen falle, da, sobald
derselbe in die Hhe ging, irgend ein Experiment gemacht worden sei, das
ihn wieder herunterbrachte". Dafr liefert die Geschichte des Vereins
zahlreiche Beispiele. Genau so ging es mit den Gewerkschaften. Nachdem
ihre Grndung, weil im Zuge der Zeit liegend, unumgnglich war, mute
eine mglichst widersinnige Organisation ihre Entwicklung hemmen. Wenn
hier Schweitzer seinen Zweck nicht erreichte, so, weil die Bewegung viel
zu gesund war, um sich in spanische Stiefel schnren zu lassen, sie
wuchs ihm ber den Kopf.

Der eigentliche Zweck seiner Ttigkeit, und in Bismarcks Augen ihr
Hauptzweck, war, _eine der Regierung politisch gefgige Arbeiterbewegung
zu schaffen._ Darum wurde als Grenzlinie fr ihre Opposition der
Standpunkt der Fortschrittspartei festgehalten, jener Partei, die nach
Schweitzers Diktum in sozialen Dingen die Partei des Rckschritts war.
Da Schweitzer nach alledem, was ich hier an Tatsachen zusammengestellt
habe, im Dienste Bismarcks stand, kann nicht dem geringsten Zweifel mehr
unterliegen. Da man die Summen nicht kennt, die er fr seine Rolle
bezog, beweist nichts. Dergleichen wird nicht, wie ich wiederhole, auf
offenem Markte abgemacht, und da bei einem Manne wie Schweitzer auch
nicht subalterne Beamte damit zu tun hatten, ist sicher. Nach meiner
Ueberzeugung wute nicht einmal der Berliner Polizeiprsident darber
Genaueres.

Gegen seine Bestechung spricht auch nicht, da er bestndig und bis an
sein Lebensende sich mit Glubigern herumschlagen mute. In der ersten
Zeit des Bismarckschen Preuen waren die Summen nicht allzu hoch, die
man fr Dienste zahlte, wie Schweitzer sie leistete. Spter stand
Bismarck der Reptilienfonds zur absoluten Verfgung. Ueber diesen, der
von der ganzen Oppositionspresse angegriffen wurde, schrieb und sprach
bezeichnenderweise Schweitzer nie ein Wort. Er gehrte andererseits mit
seinen sybaritischen Neigungen zu den Leuten, die selbst mit einem
Bankdirektoreneinkommen leicht fertig werden. Mglich ist auch, da er
hoffte, und sein Ehrgeiz sprach dafr, zu gelegener Zeit mit einer
entsprechenden Stellung in einem der Ministerien oder Reichsmter etwa
als Geheimrat fr Sozialpolitik angestellt zu werden, von der nach
Bismarcks Gestndnis seine damaligen Geheimrte nichts verstanden.

Fr die Rolle, die Schweitzer spielte, war aber auch unumgnglich
notwendig, da er frei und unabhngig nach eigenem Gutdnken mit dem
Verein schalten und walten konnte, an dessen Spitze er stand. _Dazu
gehrte die Diktatur._ Die Diktatur, die ihn jeder Kontrolle entzog, die
ihm erlaubte, ganz nach eigenem Gutdnken zu handeln, ohne da er ntig
hatte, andere in seine Machenschaften einzuweihen oder gar ihre
Zustimmung einholen zu mssen. Das wre der Tod der Diktatur gewesen und
htte ihm seine Rolle _unmglich_ gemacht. Daher die bestndigen kleinen
und groen Staatsstreiche, durch die er die Fesseln wieder abstreifte,
die eben eine Generalversammlung ihm angelegt hatte. Und da Lassalle
infolge seines eigenen Diktatorengelstes eine Organisation geschaffen
hatte, die dem Fhrer eine diktatorische Gewalt einrumte, mute _diese
Organisation zu einer Pflanze Rhrmichnichtan gemacht und Angriffe auf
sie zu einer Art Staatsverbrechen gestempelt werden. Die absolute Gewalt
des Prsidenten mute unangetastet bleiben._ Dazu mute weiter der
bestndige Kultus mit Lassalle und der von ihm geschaffenen Organisation
dienen, ein Kultus, ber den der Zyniker heimlich lachte und seine
Verachtung gegen diejenigen steigerte, die sich von ihm fhren lieen.

Schweitzer hat wie an anderer Stelle so auch Rudolf Meyer gegenber
geklagt ber die "Undankbarkeit" der Arbeiter. Diese Klage pat ganz zu
dem Bilde, das er uns zeigt. Er kam eben mit einer ganz falschen
Auffassung von seiner Stellung in die Bewegung. Der Fhrer einer Partei
wird wirklicher Fhrer nur durch das, was er nach seinen Krften und
Fhigkeiten der Partei als ehrlicher Mann leistet. Das Hchste zu
leisten, was er vermag, ist die Pflicht und Schuldigkeit eines jeden,
der in einer demokratischen Bewegung steht und zu ihr gehrt. Durch
seine Leistung erwirbt er sich das Vertrauen der Masse, und diese stellt
ihn deshalb als Fhrer an ihre Spitze. Aber nur _als ihren ersten
Vertrauensmann, nicht als ihren Herrn, dem sie blindlings zu gehorchen
habe. Er ist der erwhlte Verfechter ihrer Forderungen, der Dolmetsch
ihrer Sehnsucht, ihrer Hoffnungen und Wnsche. Solange der Fhrer dieser
Aufgabe gerecht wird, ist er der Vertrauensmann einer Partei; sieht
diese aber, da getuscht und betrogen und auf Irrwege gefhrt werden
soll, dann ist es nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht, dem Fhrer
die Fhrerschaft zu entreien und ihm ihr Vertrauen zu nehmen._ Eine
Partei ist nicht der Fhrer wegen da, sondern die Fhrer der Partei
wegen. _Und da jede Machtstellung in sich die Gefahr des Mibrauchs
enthlt, hat die Partei die Pflicht, die Handlungen ihrer Fhrer unter
scharfe Kontrolle zu nehmen._

_Schweitzer sah aber die Dinge umgekehrt an, als er sie ansehen mute._
Er fhlte sich als eine Art _Wohltter_, er sah in der Partei nur das
Fugestell, auf dem er emporstieg, das Mittel, seinen Ehrgeiz, und die
Mglichkeit, seine Genusucht zu befriedigen. Und als ihm dieses Spiel
milang, klagte er ber Undankbarkeit. Die Massen sind aber nie
undankbar, vorausgesetzt, solange sie an die Ehrlichkeit ihrer Fhrer
glauben. Und sie sind schwer zu berzeugen, da sie betrogen werden,
wenn sie erst jemand ihr Vertrauen schenkten. Dafr gibt es eine Menge
Beispiele. Wer ber Undankbarkeit der Massen klagt, klage sich selber
an. Die Schuld liegt an ihm.

Nachdem Schweitzer das Spiel verloren geben mute, glaubte er auf einmal
seinen Anhngern empfehlen zu sollen, was er, solange er im Besitz
seiner Stellung war, aus Leibeskrften verhindert hatte. In einem
Flugblatt, betitelt: "An meine persnlichen Freunde im Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein", das er unter dem 2. November 1872
verffentlichte, trat er mit aller Entschiedenheit _fr eine Vereinigung
der beiden Parteien_ ein. Natrlich konnte er dieses nicht, ohne zuvor
zu versuchen, sein frheres Verhalten gegen uns zu rechtfertigen. Nach
ihm war jetzt gar kein Zweifel mehr, da wir eine sozialdemokratische
Partei seien, wozu uns aber erst der Uebertritt zahlreicher rhriger
Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gemacht, die er
aber vordem mit uns in einen Topf geworfen und als Literaten,
Schulmeister, Kaufleute, Viertels- und Achtelsintelligenzen bezeichnet
hatte. Weiter wandte er sich gegen den Beschlu der letzten
Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wonach er
nicht mehr Mitglied des Vereins werden drfe, dessen gefeierter
Prsident er jahrelang gewesen sei. Er sah in diesem Beschlu einen
unlsbaren Widerspruch zu dem das Jahr vorher ihm von der
Generalversammlung erteilten Vertrauensvotum. Er versicherte pathetisch
seinen redlichen Willen, mit dem er der Partei gedient habe. Er setzte
dann die Nachteile auseinander, die fr beide Teile die Spaltung und
gegenseitige Bekmpfung mit sich bringe, und forderte zu einem
gemeinsamen Kongre auf, der eine zentralistische Organisation, die nach
seiner jetzigen Auffassung das eigentliche Wesen der Lassalleschen
Organisation sei, zu schaffen habe. Er fordert, die Einigung zu schaffen
"mit den Fhrern, wenn diese wollen, _ohne sie,_ wenn sie unttig
bleiben, _trotz_ ihnen, wenn sie widerstreben". Man sieht, er konnte
auch so.

Schweitzer hatte anfangs den Versuch gemacht, sein Flugblatt im
"Volksstaat" zu verffentlichen. Dieses wurde abgelehnt, nicht weil der
Gedanke der Einigung unseren Widerspruch fand, sondern weil namentlich
Liebknecht Schweitzer nicht traute. Er sah in dem Flugblatt eine Falle.
Mir machte der Vorschlag den Eindruck, da Schweitzer seine Nachfolger
damit rgern und in Verlegenheit bringen wollte. Im Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein versagte die Schweitzersche Aufforderung zur
Vereinigung vollstndig. Er bekam jetzt in gewissem Sinne am eigenen
Leibe zu spren, was er durch jahrelange Verhetzung gegen uns gest. Es
muten erst weitere Jahre ins Land gehen, bis unter dem Zwange innerer
und uerer Umstnde die Einigung der deutschen Sozialdemokratie
verwirklicht wurde.

Schlielich mu ich noch einige Handlungen Schweitzers erwhnen, die
weiter dazu dienen, seinen Charakter in das richtige Licht zu stellen.
Die Vorgnge, die sich auf der Generalversammlung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins zugetragen, wurden natrlich auch der
brgerlichen Presse bekannt, und diese erging sich nunmehr in allerlei
Glossen ber die Schweitzer bewiesene Undankbarkeit. Darauf
verffentlichte er in der "Berliner Brsenzeitung" eine Erklrung, an
deren Schlu es hie:

  "Ich stimme Ihnen daher vollstndig zu, wenn Sie sagen, da der
  Vorgang bezeichnend sei. Die Formfrage war diesen versammelten
  'Fhrern' und 'Agitatoren' nur Vorwand. Derartige immer wiederkehrende
  Beweise von Undankbarkeit sind jedoch sehr erklrlich bei Leuten, von
  denen leider nur ein sehr kleiner Teil durch die Begeisterung fr eine
  neue Idee bewegt wird, _whrend weitaus die meisten, wie ich zu meiner
  Betrbnis beobachten mute, nur durch den Neid gegen die hheren
  Gesellschaftsklassen_ (den niemand heftiger als er geschrt hatte.
  A.B.) _oder durch andere unschne Motive angetrieben werden. Nimmt man
  dazu den beschrnkten Horizont und man wird sich ber Erscheinungen
  des Undankes oder des Bldsinnes nicht weiter wundern."_

Der "Berliner Volkszeitung" schrieb er auf einen Artikel hin, da er
sich seit seinem Rcktritt von der Prsidentur des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins in keiner Weise aktiv um sozialdemokratische
Angelegenheiten gekmmert habe und auch in Zukunft nichts damit zu
schaffen haben wolle. Er habe es grndlich satt bekommen. Grndlicher
konnte sich Schweitzer selbst nicht blostellen, als es durch solche
Erklrungen geschah.

Damit hatte er aber seiner Feindseligkeit gegen die Trger der von ihm
so viele Jahre geleiteten Bewegung noch nicht genug getan. Fast zu der
gleichen Zeit, in der er sein Flugblatt "An meine Freunde im Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein" verffentlichte, erschien auf einer Berliner
Bhne ein von ihm verfates Stck, betitelt "Unser groer Mitbrger",
Originalposse mit Gesang in drei Akten und sieben Bildern. In diesem
verhhnte und verspottete er aufs blutigste die Agitatoren des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, deren Erzieher doch er war.
Selbst in der brgerlichen Presse wurde diese Handlung als
Charakterlosigkeit gergt und verurteilt.

Schweitzer litt jahrelang an Tuberkulose, schlielich suchte er in der
Schweiz Heilung seines Leidens. Vergeblich. Am 28. Juli 1875 verschied
er an einer Lungenentzndung im zweiundvierzigsten Lebensjahr. Am 7.
Oktober desselben Jahres wurde seine Leiche, wie Gustav Mayer erzhlt,
in der Familiengruft in Frankfurt a.M. beigesetzt. Das Geleite bildeten
ausschlielich seine Familienangehrigen und ein katholischer
Geistlicher. Von seinen einstigen Anhngern und Bewunderern im
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein folgte keiner dem Sarge. Fr die
Sozialdemokratie war er tot, noch ehe er gestorben war. Eine Grabrede
von ihrer Seite htte keine Lobrede sein knnen. Auch war dazu die
Leichengruft der Familie nicht der Ort. Auch kein Nachruf zeugt davon,
da man des ehemaligen Fhrers gedachte. So endete einer der
bedeutendsten Fhrer der deutschen Arbeiterbewegung, der sein Schicksal
selbst verschuldet hatte.




Beginn meiner parlamentarischen Ttigkeit.




Im konstituierenden norddeutschen Reichstag.


Sobald ich die offizielle Anzeige meiner Wahl zum Reichstag in der
Tasche hatte, reiste ich mit einigem Herzklopfen am 5. Mrz 1867 nach
Berlin. Der Reichstag war bereits am 24. Februar erffnet worden. Ich
ging einer ganz neuen politischen Ttigkeit entgegen. Bis jetzt war mir
das parlamentarische Leben noch gnzlich fremd; jemand, der mich htte
ber dasselbe unterrichten knnen, kannte ich nicht. Rechtsanwalt
Schraps, der mit mir von der gleichen Partei gewhlt worden war, wute
davon so viel wie ich. Doch hinein ins Wasser. Als ich eben die Tr zum
alten Herrenhaus in der Leipzigerstrae, in dem der Reichstag tagte,
ffnen wollte, wurde dieselbe von innen geffnet und heraus trat der
Prinz Friedrich Karl, der ebenfalls Mitglied des Reichstags war. Da
begegnet der auf der sozialen Stufenleiter Hchste dem Niedersten,
dachte ich. Nachdem ich mich auf dem Bureau angemeldet hatte, begab ich
mich in die Wohnung von Rechtsanwalt Schaffrath und Professor Wigard, an
die ich ein Empfehlungsschreiben Professor Romlers hatte, die ich
aber beide persnlich noch nicht kannte, um zu hren, wie es im
Reichstag stehe. Beide klagten ber ihre preuischen Gesinnungsgenossen,
die Fortschrittler, unter denen auch der Beste sich nicht auf einen
wirklich freien, demokratischen Standpunkt erheben knne. Auch die
partikularistischen Sachsen, Geheimrat v. Wchter und Genossen, htten
sich bereits durch Bismarck ins Bockshorn jagen lassen und wagten nicht
mehr ihren konstitutionellen Standpunkt zu vertreten.

Bemerken will ich, da _damals_ die konservativen Sachsen, Hannoveraner
usw., die schon ein weit lngeres Verfassungsleben hinter sich hatten
als die Preuen, konstitutionellen Anschauungen huldigten und in ihrem
Lande verwirklicht hatten, die selbst liberale Preuen nicht zu
vertreten wagten.

Ich war der ersten Abteilung zugewiesen worden. Fr Laien sei bemerkt,
da die Mitglieder des Reichstags durch das Los sieben Abteilungen
zugewiesen werden, welche damals noch die Wahlprfungen endgltig
vorzunehmen hatten und wie heute die Fachkommissionen whlen. Aus diesem
Grunde mu die Zahl der Kommissionsmitglieder stets durch sieben teilbar
sein.

Meiner Frau schrieb ich unter dem 8. Mrz: Schraps und ich bildeten die
uerste Linke und wir sen dementsprechend. Weiter nach links zu
rcken, verhindere uns die Wand, die wollten wir aber doch nicht mit dem
Kopfe einrennen.

Unter den Abgeordneten befand sich damals die Elite der
norddeutschen Politiker und parlamentarischen Koryphen. Da sah ich
wieder v. Bennigsen, der im Vorjahr dem Abgeordnetentag in
Frankfurt a.M. prsidiert hatte; weiter Dr. Karl Braun-Wiesbaden, der
Parlamentsspamacher wurde und die beste Weinzunge im Reichstag gehabt
haben soll; den roten Becker, dessen Bekanntschaft aus dem Jahre 1863
ich erneuerte; Max Duncker, der auf seine Lwenmhne stolz war; v.
Forckenbeck, der spter Nachfolger Simsons und der parteiischste
Prsident wurde, den den Reichstag je hatte; Gustav Freytag, der
bekannte Romanschriftsteller; Rudolf Gneist, dem nachher eines Tages der
Kriegsminister v. Roon vor dem ganzen Hause das Kompliment machte, er
sei ein Mann, der alles beweisen knnte; den kleinen Lasker, der mit
seinen kurzen Beinchen wie ein Wiesel lief, wenn er zur Tribne eilte,
was hufig vorkam; das ehemalige Mitglied des Kommunistenbundes Miguel,
ein feiner Kopf und Redner; Dr. Planck, nachmals Hauptmitarbeiter am
Brgerlichen Gesetzbuch und Kommentator desselben; Eugen Richter, der
noch ebenso frostig dreinsah wie 1863, als ich ihn in Frankfurt a.M.
kennen lernte; Dr. Simson, einst einer der Prsidenten des Frankfurter
Parlaments, dem man jetzt dieses Amt im Reichstag bertragen hatte;
wegen der wrdevollen Art, mit der er prsidierte und die Glocke
schwang, wurde er scherzweise Jupiter Tonans genannt; Schwerin-Putzar,
frher Minister in der "liberalen Aera", setzte spter durch, da der
Reichstag fr die Beratung der Initiativantrge seiner Mitglieder einen
bestimmten Tag in der Woche, in der Regel den Mittwoch, bestimmte;
daher werden diese Tage noch heute im Parlamentsjargon Schwerinstage
genannt. Schulze-Delitzsch, Twesten, besonders bekannt geworden durch
sein Duell mit Herrn v. Manteuffel; v. Unruh, ein liberaler Reaktionr;
Waldeck, der eigentliche Fhrer der Fortschrittspartei; die beiden
Mecklenburger Gebrder Wiggers, beide ehemalige Revolutionre, von denen
der eine zu den Nationalliberalen, der andere zur Fortschrittspartei
gehrte. In der bundesstaatlich-konstitutionellen Fraktion ragte vor
allen neben Windthorst Malinckrodt hervor, der mit der feinste Kopf des
spteren Zentrums war. In der Fraktion des Zentrums, das damals aus
Altliberalen bestand, sa Georg v. Vincke, der Schrecken der
Stenographen. Er war der schnellste Redner des Reichstags. Endlich
befand sich auf der uersten Rechten und als ihr eigentlicher Fhrer
der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, eine hohe, hagere
Bureaukratengestalt, mit einem knochigen, unsympathischen Gesicht und
einem unangenehmen Organ.

Eine gewichtige Person war Karl Mayer v. Rothschild, den das annektierte
Frankfurt mit Untersttzung der "Frankfurter Zeitung" in den Reichstag
geschickt hatte. Rothschild war eine untersetzte, breitschulterige
Persnlichkeit mit wohlgepflegtem pechschwarzen Haar und Bart; er trug
eine schwere goldene Kette ber dem ziemlich stattlichen Bauch und war
immer hchst elegant gekleidet. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick,
ohne je ein Bild von ihm gesehen zu haben. Aehnlich erging es mir im
nchsten Reichstag mit Schweitzer. Auch gehrten dem Reichstag die
Generale Vogel v. Falckenstein und v. Steinmetz an; sie waren gewhlt
worden wegen ihrer Kriegstaten im vorhergehenden Jahre.

Mehr aber als alle die Genannten interessierte mich Bismarck, den ich
vordem noch nicht gesehen hatte. Er erschien damals im Reichstag fast
immer im schwarzen Gehrock, schwarzer Weste und hoher schwarzer
Geheimratskrawatte, aus der die weien Spitzen der Vatermrder
hervorfahen. Das Haar, soweit er solches noch besa, war dunkel, ebenso
der kurzgeschnittene Schnurrbart. Nach den drei Haaren, die nach Angabe
aller seiner Karikaturenzeichner auf dem im brigen kahlen Schdel
stehen sollten, wie drei Pappeln auf weiter Flur, hielt ich vergebens
Ausschau. Entweder waren sie nur in der Phantasie der Zeichner vorhanden
gewesen, oder er hatte sie im Verfassungskampf als Trophe in den Hnden
seiner Gegner lassen mssen. Ich war sehr begierig, ihn sprechen zu
hren, aber nicht wenig enttuscht, als der Hne sich erhob und, statt
mit einer Lwen- oder Stentorstimme, mit einer Diskantstimme zum Hause
sprach. Er prgte lange, sehr verwickelte Stze, stockte auch zeitweilig
ein wenig, sprach aber stets interessant. Was er sagte, hatte Hand und
Fu.

Bismarck hatte sich zwar mit der groen Mehrheit der Liberalen,
namentlich den Nationalliberalen ausgeshnt, aber er war immer noch
mitrauisch gegen sie und frchtete, da sie in die alten Fehler der
Sucht nach parlamentarischer Macht verfallen und ihm das Leben wieder
sauer machen mchten. Den Verfassungsentwurf hatte er deshalb auf seinen
eigenen Leib zugeschnitten, aber diesen Entwurf konnten die Liberalen,
so sehr sie auch sich zu bescheiden bereit waren, doch nicht ohne einige
nicht unerhebliche Aenderungen akzeptieren. Schlielich machte er ihnen
eine Anzahl Konzessionen, aber in zwei Hauptpunkten, dem eisernen
Militretat und der Verweigerung der Diten, gaben sie ihm nach.
Letztere htte er sicher auch gewhrt, wie er spter einmal zugestand,
wren die Liberalen, die in der ersten Abstimmung mit erheblichem Mehr
die Diten durchgesetzt hatten, festgeblieben. Aber schon damals wurde
das Umfallen, namentlich den Nationalliberalen, zur sen Gewohnheit. Es
wre undenkbar gewesen, da Bismarck, wie er drohte, die Verfassung ins
Wasser fallen lie, falls die Diten in derselben blieben. Diese Blamage
konnte er sich vor der Welt nicht zufgen. Im konstituierenden Reichstag
bezogen brigens die Abgeordneten smtlicher Staaten, mit Ausnahme jener
von Preuen, Mecklenburg und Reu jngerer Linie, Diten, so zum
Beispiel wir schsischen Abgeordneten vier Taler pro Tag, die aus der
Landesstaatskasse gezahlt wurden.

Dagegen mute Bismarck in der Sitzung am 28. Mrz, in der der Artikel
ber das knftige Wahlrecht fr den Reichstag zur Beratung stand,
dieses verteidigen. Die rechtsnationalliberalen Abgeordneten v. Sybel,
Grumbrecht-Harburg und Dr. Meier-Thorn und verschiedene Redner der
Rechten hatten Bedenken gegen dasselbe geuert. Sybel sah in ihm "die
Diktatur der Demokratie". Darauf erklrte Bismarck: Das allgemeine
Wahlrecht ist uns gewissermaen als ein Erbteil der deutschen
Einheitsbestrebungen berkommen; wir haben es in der Reichsverfassung
gehabt, wie sie in Frankfurt entworfen wurde; wir haben es im Jahre 1863
den damaligen Bestrebungen Oesterreichs in Frankfurt entgegengesetzt,
und ich kann nur sagen: _Ich kenne wenigstens kein besseres Wahlgesetz._

Er setzte dann auseinander, wie es ganz unmglich gewesen sei, in dem zu
grndenden Bunde von einundzwanzig Staaten eine andere gemeinsame
Basis fr ein Wahlrecht zu finden. Oder wolle man etwa das
Dreiklassenwahlsystem? "Ja, wer dessen Wirkung und Konstellationen, die
es im Lande schafft, etwas in der Nhe beobachtet hat, mu sagen, _ein
elenderes, ein widersinnigeres Wahlgesetz ist nicht in irgend einem
Staate ausgedacht worden_." Er warf diesem Gesetz Willkr und Hrte vor.
Der Erfinder desselben wrde es nie gemacht haben, htte er sich die
praktische Wirkung desselben vergegenwrtigt. Er finde es natrlich,
_da jeder sich als Helot, als politisch tot ansehe, der durch dieses
Gesetz in eine untere Whlerklasse gestellt werde._

Meine erste parlamentarische Handlung bestand darin, da ich den
Reichstag zu einer Ungesetzlichkeit verleitete. Da diese Tat noch nicht
in die Tafeln der Geschichte eingegraben worden ist, sei sie hier in
Krze erzhlt. Als ich der ersten Abteilungssitzung beiwohnte, stand
zufllig die Wahl des Abgeordneten Professor v. Wchter fr Leipzig auf
der Tagesordnung. Wchter war in engerer Wahl mit 5434 gegen 4403
Stimmen gewhlt worden. Der Leipziger Magistrat hatte aber den groben
Fehler begangen, da er nicht, wie 7 des Wahlreglements vorschreibt,
den Wahlkreis in Wahlbezirke, von denen keiner ber 3500 Einwohner haben
darf, einteilte, sondern da er die Namen der gesamten Whlerschaft der
Stadt, nach dem _Alphabet geordnet_, auf acht Wahlorte verteilte, die
im Mittelpunkt der Stadt lagen. Es entschied also nicht der Wahlbezirk,
sondern die alphabetische Ordnung der Namen der Whler, wo ein solcher
zu whlen hatte. Der Berichterstatter Graf Bethusy-Hue trug den Fall
vor, der nach seinem eigenen Gestndnis sehr kritisch lag. In der
Debatte, die ber die Gltigkeit der Wahl entstand, ergriff auch ich das
Wort und fhrte aus: Ich wohnte seit sechs Jahren in Leipzig, wre mit
den politischen Verhltnissen der Stadt genau bekannt und knnte danach
bestimmt behaupten, wenn der Wahlkreis nach der gesetzlichen Vorschrift
eingeteilt worden wre, wrde das Wahlresultat auch kein anderes gewesen
sein. Diese Auffassung, nach der ich die gesetzliche Vorschrift
vollstndig ignorierte, schlug durch. Die Kommission beschlo mit 14
gegen 11 Stimmen die Gltigkeit der Wahl, und das Plenum schlo sich dem
Antrag _ohne Debatte_ einstimmig an.

Ich hatte also den Leipziger Magistrat vor einer groen Blamage bewahrt,
der er verfallen wre, wenn die Wahl fr ungltig erklrt worden wre.
Ich hatte aber auch der Stadt die Vertretung gerettet, denn da der
Reichstag bereits am 17. April geschlossen wurde, htte eine Nachwahl,
fr die eine neue Whlerliste aufgestellt werden mute, nicht mehr
rechtzeitig stattfinden knnen. Da so beschlossen wurde, war allerdings
nur in ungefestigten Verhltnissen mglich, wie sie in der ersten
Session dieses neuen Reichstags vorhanden waren.

Ich habe oben den Namen des Grafen Bethusy-Hue genannt. Dieser Herr war
einer der oberflchlichen Vielredner jener Zeit und liebte es besonders,
in gewagten Bildern zu sprechen. So uerte er zum Beispiel eines Tages:
"man msse den Strom der Zeit an der Stirnlocke fassen"; ein andermal
sagte er mit Beziehung auf die Abgeordneten: "sie seien von der
Sehnsucht erfllt, heimzukommen zu ihren vterlichen Ochsen", ein Satz,
der die strmische Heiterkeit des ganzen Hauses hervorrief.

Einmal Mitglied des Reichstags, hatte ich das Bedrfnis, eine grere
Rede im Plenum zu halten. In meinem Wahlkreis wartete man sehnlichst
darauf und richtete dementsprechende Anfragen an mich. Aber die
Schluantrge waren sehr hufig, und in der Generaldebatte ber den
Verfassungsentwurf war mir das Wort abgeschnitten worden. Endlich
gelangte ich bei Artikel 14, Verhltnis der sddeutschen Staaten zum
Norddeutschen Bund, zum Worte. Ich fhrte aus:

  Ich sei berzeugt, da es Preuen bei der Grndung des Norddeutschen
  Bundes keineswegs um eine Einigung Deutschlands zu tun gewesen sei
  (lebhafter Widerspruch rechts), man habe im Gegenteil ein spezifisch
  preuisches Interesse, die Strkung der hohenzollernschen Hausmacht,
  im Auge gehabt. (Lebhafter Widerspruch rechts. Der Prsident forderte
  zur Ruhe auf, man solle mich nachher widerlegen.) Betrachte man den
  Bund nher, so ergebe sich ein ganz abnormes Verhltnis der brigen
  Staaten zu Preuen. Der Bund sei nur ein Gro-Preuen, umgeben von
  Vasallenstaaten, deren Regierungen nichts weiter als
  Generalgouverneure der Krone Preuen seien. (Lebhafter Widerspruch
  rechts.)

Ich fhrte weiter aus:

  Wenn Preuen die sddeutschen Staaten in das Bundesbndnis htte mit
  aufnehmen wollen, htte es das gekonnt. Die Behauptung, da Frankreich
  dem entgegengetreten sein wrde, liee ich nicht gelten, denn durch
  die Militrkonventionen mit den sddeutschen Staaten sei die
  militrische Macht Deutschlands im Falle eines Krieges in der Hand
  Preuens vereinigt. Frankreich wrde sich also gehtet haben, sich
  gegen die Aufnahme Sddeutschlands in den Nordbund zu erklren. Eine
  Einmischung von seiner Seite in die inneren Angelegenheiten
  Deutschlands wrde zur Folge gehabt haben, da ganz Deutschland sich
  wie Ein Mann gegen Frankreich erhoben htte.

  Wenn der Prager Friedensvertrag nur eine _international_ geregelte
  Einigung zwischen Nord- und Sddeutschland zulasse, dann sei damit
  bewiesen, wie Preuen in der Frage denke, denn Preuen habe den Prager
  Friedensvertrag diktiert, und wrde die preuische Regierung finden,
  da dieser Vertrag ihr schdlich sei, so werde sie nicht anstehen,
  denselben zu zerreien. (Oh! Oh! rechts.) Ich sei auch berzeugt, da
  Oesterreich dasselbe tun werde, sobald es die Niederlage und Blamage
  des vorigen Jahres auswetzen knne. Die preuische Regierung wolle die
  sddeutschen Staaten nicht in den Nordbund aufnehmen, weil alsdann
  Preuen eine Majorisierung frchten msse. Preuen werde sich also
  begngen, da es durch die Militrkonventionen die militrische
  Gewalt in die Hnde bekommen habe, im brigen werde man durch
  Zollvertrge die vorhandene Kluft zu berbrcken trachten, aber
  ausfllen werde man sie nicht. Eine solche Politik untersttzten wir
  nicht. Ich protestierte dagegen, da man eine solche Politik eine
  deutsche nenne, und ich protestierte gegen einen Bund, der nicht die
  Einheit, sondern die _Zerreiung_ Deutschlands proklamiere, gegen
  einen Bund, der Deutschland _zu einer groen Kaserne mache_ (lebhafter
  Widerspruch) und den letzten Rest von Freiheit und Volksrecht
  vernichte.

Der nationalliberale Abgeordnete Weber-Stade fand, da durch meine Rede
ein Miton in die Versammlung geworfen worden sei, er hoffe aber, da
mit dem Aussprechen solcher Mitne die Gelegenheit zur Auflsung
derselben in Harmonie gegeben sei.

Der Abgeordnete _Miquel_ polemisierte ebenfalls gegen mich. Ich htte
bedauert, da der Norddeutsche Bund den Rechten der kleinen Frsten
einen _so_ gewaltigen Abbruch tue, da sie sich in der beklagenswerten
Stellung von Generalgouverneuren befnden. Das war eine Verdrehung
meiner Worte, da ich mit dem Gleichnis nur dartun wollte, was fr ein
sonderbares Gebilde dieser Norddeutsche Bund sei. Wren damals smtliche
Klein- und Mittelstaaten annektiert worden, ich htte keinen Finger
dagegen gerhrt. Ein weiteres Diktum von Miquel war: Der preuische
Staat ist _kein_ Militrstaat, sondern ein Staat der Kultur.... Es sei
wunderbar, welche Koalition von Gegnern dem neuen Staatsgebilde
entgegentrete. Auf der einen Seite die _entschiedensten Demokraten,_
deren Tendenzen doch nicht darauf hinausliefen, sich besonders fr die
Machtvollkommenheit der kleinen Frsten zu interessieren, und verbunden
mit ihnen sei die ultramontane Partei, die, wenn man offen sein wolle,
unser Vaterland nirgends anderswo als in Rom sehe.

Man sieht, da vom ersten Augenblick unseres parlamentarischen Lebens
bereits die Denunziation auftauchte, wir seien Verbndete der
ultramontanen Partei, die damals im norddeutschen Reichstag noch keine
organisierte Vertretung hatte. Miquel ist also der Vater dieser
Denunziation, die bis heute von seinen Gesinnungsgenossen uns gegenber
praktiziert wird. Im weiteren sprach er die Hoffnung aus, der Knig von
Preuen werde mit Gegnern wie Bebel fertig werden. Bis heute hat sich
diese Hoffnung nicht erfllt, so wenig wie die andere, die drei
Jahrzehnte spter geuert wurde: die Sozialdemokratie sei nur eine
vorbergehende Erscheinung.

Natrlich konnte auch Lasker, die parlamentarische Anstandsdame, auf
meine Rede nicht schweigen. Er sei nicht wenig erstaunt gewesen, da der
erste Redner (ich) mit so heftigen Angriffen gegen den Leiter unserer
Politik auftrat. So viel er wte, gehrte ich zu einer Partei, die in
Elberfeld-Barmen die Wahl des Herrn Ministerprsidenten sehr krftig
untersttzt habe. (Er meinte die Wahl Bismarcks.) Im brigen msse er
mir allerdings das Zugestndnis machen, da ich die Gesprche, die man
in Bierstuben zu fhren pflege, hier klar abgespiegelt habe. Hier
unterbrach ihn der Prsident mit dem Bemerken, da es ihm (Lasker) nicht
zustehe, eine solche Kritik an der Rede eines Kollegen zu ben. In einer
persnlichen Bemerkung antwortete ich Lasker: Es sei mir sehr angenehm,
durch seine Angriffe auf meine Parteistellung eine Erklrung abgeben zu
knnen. Ich gehrte nicht zu der Partei, die in Barmen-Elberfeld
geholfen habe, den Grafen v. Bismarck durchzubringen, das heie der
Lassalleschen Partei. Er (Lasker) htte dies schon aus der Tatsache
entnehmen knnen, da ich hier gegen die Politik des Grafen v. Bismarck
aufgetreten sei. Ich gehrte nicht der Lassalleschen, sondern der
radikaldemokratischen, oder wenn man wolle, der Volkspartei an. Auf
seine persnlichen Angriffe htte ich keine Veranlassung mehr
zurckzukommen, nachdem der Prsident ihm eine Rge erteilt habe.

Meine Rede hatte erhebliches Aufsehen auch auerhalb des Hauses und
namentlich bei meinen Whlern groe Befriedigung hervorgerufen. Dagegen
gab das liberale "Glauchauer Tageblatt" seinem Aerger dadurch Ausdruck,
da es schrieb: "Der jugendliche Drechslermeister Bebel aus Leipzig hat
seine wohleinstudierte Jungfernrede glcklich vom Stapel gelassen,
infolgedessen schlgt das Schweinefleisch um drei Pfennig ab." Darauf
antwortete nchsten Tages eine Annonce im "Schnburger Anzeiger", der
ebenfalls in Glauchau erschien: "Der erwartete Abschlag des
Schweinefleisches ist nicht erfolgt, wohl aber steht infolge groen
Andranges von ostpreuischem Rindvieh (Anspielung auf den Verfasser) ein
bedeutender Abschlag des Ochsenfleisches bevor."

Meine Jungfernrede hatte noch zwei weitere Nachspiele. Die "Gartenlaube"
verffentlichte zu jener Zeit eine Reihe Artikel, in der das Auftreten
markanter Persnlichkeiten im Reichstag besprochen wurde. Mir wurde die
Ehre zuteil, ebenfalls in diesen Artikeln genannt zu werden. Der
Verfasser fhrte aus, als ich meine Rede gehalten, sei es gewesen, als
rausche der Sturmvogel der Revolution durch das Haus. Das schien dem
Verleger der "Gartenlaube", Ernst Keil, mit dem ich frher persnlich
wiederholt wegen politischer Dinge Verkehr gehabt hatte, ein zu groes
Lob zu sein. Der Druck der betreffenden Nummer wurde unterbrochen und
der Satz gendert.

Einige Wochen spter, als ich wieder zu Hause war, traten eines Tages
zwei aristokratisch aussehende Herren in meine Werkstatt, in der ich
eben am Schraubstock stand und Bffelhrner zersgte. Der eine der
Herren fragte nach dem Drechslermeister Bebel. Der bin ich, gab ich zur
Antwort. Darauf sah mich der Frager etwas betroffen an und uerte: Ich
meine den Reichstagsabgeordneten Bebel. Etwas pikiert antwortete ich: Ja
ja, der bin ich! Erstaunt sah er an mir vom Kopf bis zu den Fen
herunter und stellte sich als Freiherr v. Friesen auf Rtha vor. Er war
der Bruder des Ministers. Er habe meine Reichstagsrede gelesen und sich
ber eine Anzahl Stellen in derselben gefreut. Ich verneigte mich fr
das Kompliment. Dann fragte er, wer der Dr. Johann Jacoby sei, der im
preuischen Landtag eine so gute Rede gegen die Annexionen und die von
Bismarck geforderte Indemnitt gehalten habe. Ich gab ihm die gewnschte
Aufklrung. Dann entfernten sich die beiden.

Unsere Partikularisten waren zu jener Zeit von einem unbndigen Ha
gegen Bismarck beseelt; sie htten mit dem Teufel ein Bndnis
geschlossen, um ihn zu vernichten. Whrend des Reichstags sa der grte
Teil der schsischen Abgeordneten im Leipziger Garten, der vis--vis dem
Herrenhaus sich befand. Wir hatten mit dem Wirt ein Abkommen getroffen,
wonach er fr uns jeden Tag nach Schlu der Sitzung ein gemeinsames
Mittagessen bereit hielt. Eines Tages sa ich neben dem Abgeordneten
Haberkorn, der Brgermeister von Zittau und Prsident der Zweiten
schsischen Kammer war. Im Laufe der Unterhaltung kam das Gesprch auch
auf Bismarck, der in der Sitzung am Vormittag wieder eine seiner
heftigen Reden gehalten hatte. Haberkorn war darber so erregt, da er
sich in den denkbar strksten Ausdrcken wider ihn erging.

Gegen Ende der Session hatte der Knig den gesamten Reichstag zu Tisch
ins Schlo geladen. Ich und einige andere Abgeordnete nahmen an diesem
Essen nicht teil. Am nchsten Vormittag nach jenem Tage stie ich im
Reichstag auf den roten Becker, mit dem ich gut Freund geworden war.
Becker war noch in weinseliger Stimmung und trug auf dem breit
ausgelegten Chemisette Spuren des genossenen Weines. Becker war damals
Junggeselle. "Nun Becker," fragte ich ihn, "wie war es denn gestern bei
Wilhelms?" Darauf stellte er sich breit vor mich hin, legte beide Hnde
auf meine Schultern, schttelte mich ein wenig und antwortete:
"Bebelchen, es war groartig, Wilhelm hat delizise Weinchen," dabei
schnalzte er mit der Zunge, "und hinter mir stand so'n Kerl, der immer
einschenkte, wenn mein Glas leer war." Ich lachte und fragte: "Da werden
Sie wohl auch knftigen Einladungen ins Schlo folgen?" worauf er
ebenfalls lachend erwiderte: "Mein Lieber, das knnen Sie sich denken."

In Becker und Miquel besa der norddeutsche Reichstag zwei Mitglieder
des ehemaligen Kommunistenbundes, von denen jeder in seiner Art Karriere
machte. Becker wurde Oberbrgermeister von Dortmund und spter von Kln,
in welcher Eigenschaft er auch Mitglied des Herrenhauses wurde. Miquel
stieg noch einige Stufen hher. Er wurde zunchst Oberbrgermeister von
Osnabrck, dann von Frankfurt a.M. und starb bekanntlich als geadelter
pensionierter preuischer Finanzminister und Liebling der Agrarier.

Eine Anzahl Mitglieder des ehemaligen Kommunistenbundes hatte berhaupt
eine besondere Entwicklung genommen. So neben Becker und Miquel der
ehemalige Schriftsetzer Wallau, der als Oberbrgermeister von Mainz
starb, ferner Brgers, der lngere Zeit Chefredakteur der "Rheinischen
Zeitung" war und whrend einer Legislaturperiode Mitglied des Deutschen
Reichstags wurde. Er gehrte wie damals Becker zur Fortschrittspartei.

Am 16. April fand die namentliche Abstimmung ber die Verfassung des
Norddeutschen Bundes statt. Von 283 anwesenden Mitgliedern--der
Reichstag zhlte 297--stimmten 230 dafr und 53 dagegen. Auer Schraps
und mir _die gesamte Fortschrittspartei,_ die Polen, Windthorst,
Wchter, Haberkorn und mehrere Hannoveraner. Nach Ansicht der damaligen
Fortschrittspartei war die norddeutsche Bundesverfassung ein Werk, das
nicht die Rechte enthielt, auf deren Gewhrung eine konstitutionelle
Volksvertretung bestehen mute. Keine Grundrechte, kein
Steuerbewilligungsrecht, keine Ministerverantwortlichkeit, keine Diten.
Dafr den eisernen Militretat und eine groe Machtstellung des
Bundeskanzlers. Reichskanzler heit er von 1871 ab. Am 17. April wurde
der Reichstag geschlossen; er hatte fnfunddreiig Sitzungen abgehalten.

       *       *       *       *       *

Ich hatte gegen Schlu der Session meine Frau nach Berlin kommen lassen,
um ihr die Stadt zu zeigen. Das damalige Berlin kann sich mit dem
heutigen in nichts vergleichen. Die schmucklosen Fassaden der Huser an
den langen geraden Straen lieen es langweilig und eintnig erscheinen.
Die Huser standen gleichmig nebeneinander wie ein Regiment Soldaten,
aber ohne anregende Farbe. Der Verkehr war im Vergleich zu heute gering.
Ab und zu humpelte ein Omnibus mit zwei mden Gulen ber das Pflaster.
Droschken sah man selten, deren Benutzung war dem Berliner jener Zeit zu
teuer. Das einzige moderne Verkehrsmittel war die Pferdebahn, die vom
Kupfergraben nach Charlottenburg fhrte. Mit den hygienischen Zustnden
war es bel bestellt. Eine Kanalisation war noch nicht vorhanden. In den
Rinnsteinen, die lngs der Brgersteige hinliefen, sammelten sich die
Abwsser der Huser und verbreiteten an warmen Tagen mephitische
Gerche. Bedrfnisanstalten auf den Straen oder Pltzen gab es nicht.
Fremde und namentlich Frauen gerieten in Verzweiflung, bedurften sie
einer solchen. In den Husern selbst waren diese Einrichtungen meist
unglaublich primitiv. Eines Abends besuchte ich mit meiner Frau das
Knigliche Schauspielhaus. Ich war entsetzt, als ich in einem
Zwischenakt in den Raum trat, der fr die Befriedigung kleiner
Bedrfnisse der Mnner bestimmt war. Mitten in dem Raum stand ein
Riesenbottich, lngs den Wnden standen einige Dutzend Pots de Chambre,
von denen man den benutzten hchst eigenhndig in den groen
Kommunebottich zu entleeren hatte. Es war recht gemtlich und ganz
demokratisch. Berlin als Grostadt ist wirklich erst nach dem Jahre 1870
aus dem Zustand der Barbarei in den der Zivilisation getreten.

       *       *       *       *       *

Ich hatte die Gewohnheit angenommen, nach jeder Session des Reichstags
in meinen Wahlkreis zu reisen und in den Hauptorten eine Anzahl
Whlerversammlungen abzuhalten, in denen ich ber die Verhandlungen des
Reichstags und meine Ttigkeit Bericht erstattete. Da wir berall groe
Sle zur Verfgung hatten, konnte ich auf Massenbesuch rechnen, und es
war mir besonders interessant, da von Anfang meiner Agitation an die
Frauen ein nicht unerhebliches Kontingent zu den Versammlungsbesuchern
stellten, die nachher eifrige Agitatorinnen fr uns wurden. Da wir keine
Presse besaen und die paar im Kreise verbreiteten Parteibltter nur von
wenigen gelesen wurden, die gegnerische Presse aber unausgesetzt sich
namentlich mit mir beschftigte, waren diese Versammlungen ntig. Es
bildete sich allmhlich zwischen mir und meinen Whlern ein
Vertrauensverhltnis heraus, das nichts zu wnschen brig lie. Die
Gegner machten bei den verschiedenen Wahlen vergebliche Anstrengungen,
mich aus dem Sattel zu heben. Es fiel mir sehr schwer, als ich nach zehn
Jahren (1877) doppelt gewhlt wurde, den Wahlkreis aufzugeben;
andernfalls wre der neugewonnene Wahlkreis (Altstadt-Dresden) der
Partei wieder verloren gegangen.




Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament.


Die erste Session der ersten Legislaturperiode des norddeutschen
Reichstags wurde am 10. September 1867 erffnet. Unter den
Abgeordneten, die neugewhlt waren, ragten besonders hervor Freiherr
v. Hoverbeck, Franz Ziegler und v. Kirchmann. Alle drei gehrten zur
Fortschrittspartei! Kirchmann hatte wie Ziegler eine lngere
demokratische Vergangenheit hinter sich. So gehrte er in der
preuischen Nationalversammlung im Jahre 1848 zu den Steuerverweigerern.
Er war aber auch einer der am meisten verfolgten preuischen Richter,
gegen den sich die Reaktion die nichtswrdigsten Mittel erlaubte.
Schlielich wurde er seines Amtes als Vizeprsident des
Appellationsgerichts in Ratibor ohne Pension entsetzt, weil er einen
Vortrag gehalten hatte ber den Kommunismus in der Natur, in dem er fr
eine Einschrnkung der Bevlkerungsvermehrung eintrat, und zwar im
Interesse einer hheren Kulturentwicklung und der Beseitigung der
wirtschaftlichen Ungleichheit. Er hatte darin vor seinen Zuhrern
ausgefhrt: "Das Ideal einer fortschreitenden Gleichheit aller Menschen
im Glck und Wohlbefinden liegt so tief in der Brust eines jeden, da
man nicht zu verzagen braucht. Die Bewegung, die Annherung zu diesem
Ziele wird vorschreiten, des seien Sie gewi. Wenn viertausend Jahre
dazu gehrten, um nur die Gleichheit des Rechts in einem hohen Grade zu
gewinnen, so drfen wir nicht den Mut verlieren, weil die Gleichheit der
Glcksgter, diese viel schwerere Aufgabe, innerhalb zweier Generationen
nicht hat erreicht werden knnen." Dieser Vortrag sollte "unsittlich"
sein und einen so unsittlichen hheren Richter konnte der allezeit so
fromme und sittliche preuische Staat nicht gebrauchen. Kirchmann war
wohl der philosophisch gebildetste Kopf im Reichstag, jedenfalls stand
er an Bildung und Wissen hoch ber den Mitgliedern des Gerichtshofs, die
ihm seine Stellung aberkannten. Auer den drei Genannten war auch
Feldmarschall v. Moltke Mitglied des Hauses geworden. Ferner gehrte dem
Hause der spter berchtigt gewordene Strousberg an, der es meisterhaft
verstand, zahlreiche Vertreter des preuischen Hochadels als Lockvgel
fr seine Grndungen zu gewinnen, deren Unterschriften denn auch unter
seinen Prospekten prangten. Das schien um so unbegreiflicher, als
Strousbergs Aeueres schon den Eindruck eines hchst unsympathischen
Emporkmmlings machte. Sein Auftreten war protzenhaft. Die Feste, die er
veranstaltete, machten in dem Berlin jener Zeit groes Aufsehen. Die
Berliner Presse verffentlichte lange Berichte ber dieselben. So
verschwenderisch wie er hatte bis dahin in Berlin kein Privatmann
gewirtschaftet. Es war die Aera des Grokapitalismus, die Strousberg
einlutete. Aristokratie und Plutokratie verschwgerten sich.

Meine erste Rede in der neuen Session hielt ich anllich einer
Adredebatte am 24. September. Ich legte Verwahrung dagegen ein, da in
der Adresse an das Bundesoberhaupt--den Knig von Preuen--sich der
Reichstag als die Vertretung der deutschen Nation bezeichne. Der
Prsident unterbrach mich, es gebe keine andere Vertretung der Nation.
Darauf antwortete ich, der Reichstag vertrete nur einen Teil der Nation.
Man habe 18 Millionen Deutsche preisgegeben--10 Millionen
Deutsch-Oesterreicher, 8 Millionen Sddeutsche--und Luxemburg, das
ebenfalls aus dem Bunde geschieden sei. Auerdem bestehe auf Grund
Artikel 4 des Prager Friedensvertrags die Gefahr, da wir eines Tages
die nordschleswigschen Distrikte an Dnemark abtreten mten. Das sei
keine nationale Politik.

Darauf nahm Bismarck das Wort. Er wolle mir nicht persnlich
entgegnen--bemerkte er etwas malizis--, sondern weil ich mich zum
Mundstck eines weitverbreiteten Irrtums gemacht htte. Luxemburg sei
nicht preisgegeben, was er durch eine Reihe Sophismen zu beweisen
versuchte. Oder ob ich etwa wnschte, da man wegen Luxemburg habe einen
Krieg machen sollen? Das fiel mir selbstverstndlich nicht ein, ich
wollte nur konstatieren, da die alten Beziehungen des Landes zu
Deutschland infolge Bismarcks "nationaler" Politik gelst werden muten,
und zwar auf Verlangen _Napoleons_. Luxemburg war vordem deutscher
Bundesstaat, es hatte Sitz und Stimme im Bundestag in Frankfurt, und die
Stadt Luxemburg war deutsche Bundesfestung, und da der Groherzog von
Luxemburg der Knig von Holland war, so waren Hollands Interessen in
hohem Grade an die Deutschlands gekettet, was bei internationalen
Verwicklungen ein Vorteil war.

Am 17. Oktober hielt ich meine zweite Rede bei der Beratung des
Entwurfes betreffend die Wehrpflicht. Der Gesetzentwurf fordere nur
scheinbar die allgemeine Wehrpflicht, denn alle Wehrfhigen
wehrpflichtig zu machen, sei bei der langen Dienstzeit unmglich. Alle
Wehrfhigen militrisch auszubilden, sei aber ein Akt der Gerechtigkeit
und eine Wohltat fr das Land. Das sei nur bei einem Wehrsystem mglich,
wie es infolge der Militrreorganisation von Scharnhorst und Gneisenau
in Preuen von 1809 bis 1813 bestanden habe. Da man mit krzerer
Dienstzeit ebenfalls kriegstchtige Mannschaften liefern knne, habe
1866 auch Sachsen gezeigt, dessen weitaus grte Zahl der Mannschaften
nicht ber neun Monate bei den Fahnen gewesen sei. Auch das in Preuen
bestehende Einjhrig-Freiwilligensystem beweise es.

In groer Erregung trat mir Hans Blum entgegen, der sehr ausfallend
gegen mich wurde. Woher ich die Stirne zu einer solchen Rede nehme?
(Rge des Prsidenten.) In persnlicher Bemerkung antwortete ich Blum,
ich htte die Stirne hergenommen, wo sein Vater sie 1848 hergenommen
habe, als er fr hnliche Forderungen wie ich im Frankfurter Parlament
eintrat. Liebknechts und meine Reden bei diesem Gesetzentwurf
hatten nach auen Aufsehen erregt. Wir erhielten ber dreiig
Zustimmungsadressen, fast alle aus preuischen Stdten. Die Leipziger
Parteigenossen schickten uns als Anerkennung einen neun Pfund schweren
Schinken, der uns als ditenlosen Abgeordneten, die wir jetzt waren,
willkommen war.

Bei der Beratung des Pagesetzes stellten Liebknecht und ich einen
Antrag, wonach die Polizei kein Recht zu Ausweisungen haben solle. Zum
Freizgigkeitsgesetz stellten wir Antrge, wonach die Polizei niemand
Aufenthaltsbeschrnkungen unterwerfen drfe, solche sollten nur infolge
eines richterlichen Urteils ausgesprochen werden knnen. Alle bisher
erfolgten Ausweisungen sollten mit Inkrafttreten des Gesetzes aufgehoben
sein. In der Rede, mit der Liebknecht den Antrag begrndete, kam er auf
die Vorgnge zu sprechen, die 1865 zu seiner Ausweisung aus Preuen und
Herbst 1866 zu seiner Verurteilung wegen Bannbruch fhrten. Natrlich
wurden die Antrge abgelehnt.

Die Session ging bereits am 26. November zu Ende.

       *       *       *       *       *

Im Frhjahr 1868 wurde die Session des Reichstags, die am 23. Mrz
erffnet worden war, unterbrochen; es sollte nach den Osterferien das
Zollparlament zusammentreten, das fr den 27. April nach Berlin berufen
worden war. Dessen Sitzungen wurden im Sitzungssaal des preuischen
Landtags--damals am Dnhofsplatz--abgehalten, weil fr die um rund
hundert grere Abgeordnetenzahl der Saal des Herrenhauses nicht
reichte. Die Arrangeure fr die Verteilung der Pltze begingen dabei die
kleine Bosheit, da sie Rothschild neben Liebknecht placierten. Alles
lachte. Der Frankfurter Weltbankier hielt es aber in der gefhrlichen
Nachbarschaft nicht lange aus, er lie sich einen anderen Platz
anweisen.

Unter den sddeutschen Zollparlamentsmitgliedern befanden sich eine
Anzahl, die bereits eine politische Rolle hinter sich hatten, so Ludwig
Bamberger, der Staatsrechtslehrer Professor Bluntschli, der katholische
Sozialpolitiker Jrg, der Statistiker Dr. Kolb, Frst zu
Hohenlohe-Schillingsfrst, der sptere Reichskanzler, Professor
Marquardsen, Rechtsanwalt Metz-Darmstadt, Moritz v. Mohl, Rechtsanwalt
Oesterlen-Stuttgart, der gewesene Minister v. Roggenbach, Professor
Schffle, Professor Sepp, Freiherr v. Stauffenberg, Dr. Tafel-Stuttgart,
Minister v. Varnbhler, Rechtsanwalt Vlck--die Frhlingslerche--und
andere.

Da ich bei der Erffnungssitzung des Zollparlaments zugegen war, wurde
ich neben den Abgeordneten Hans Blum, v. Watzdorf und Tobias
Jugendschriftfhrer. Damals bestand noch in der Geschftsordnung des
Reichstags die Bestimmung, da die bei der Erffnungssitzung anwesenden
vier jngsten Mitglieder neben dem Altersprsidenten das provisorische
Bureau bildeten. Aus Aerger, da auf diese Weise Sozialdemokraten in
das Bureau kommen konnten, nderte man spter die Geschftsordnung.
Jetzt whlt der Altersprsident die vier Schriftfhrer des
provisorischen Bureaus. An Kleinlichkeit der Auffassung der Opposition
gegenber hat es dem Reichstag nie gefehlt.

Unter den sddeutschen Abgeordneten befanden sich eine Anzahl, mit denen
Liebknecht und ich in nhere Beziehungen traten: Ammermller,
Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schffle, Tafel usw. Mehrere derselben,
wie Kolb und Tafel, gehrten zur Demokratie. Der grte Teil der
sddeutschen Abgeordneten fand sich nur sehr schwer in die neue Ordnung
der Dinge. Das Zollparlament war eine der Frchte des zwei Jahre vorher
stattgehabten Bruderkriegs, dessen Wunden in Sddeutschland noch nicht
vernarbt waren. Man fhlte sich immer noch als Besiegte. Zudem war das
Zollparlament eine politische Zangengeburt, ein Verlegenheitsprodukt,
nicht Fisch, noch Fleisch. Die Liberalen, als Vertreter der modernen
kapitalistischen Entwicklung, wollten aus dem Zollparlament ein
Vollparlament machen; dem widerstrebte nicht nur Bismarck, aus
politischen Rcksichten auf Frankreich und die Stimmung in
Sddeutschland, dem widerstrebten auch die Vertreter aller anderen
Parteien in Sddeutschland, die in dem Nordbund, seiner Verfassung und
seinen Einrichtungen kein politisches Ideal sahen. Nimmt man hinzu, da
zu jener Zeit noch ein besonders scharfer Gegensatz in der
Volksgesinnung zwischen Sd und Nord bestand, auf Grund dessen man in
Sddeutschland besser Wien und Paris als Berlin kannte, das Sddeutsche
zu jener Zeit selten besuchten, so begreift man, da die Geister scharf
aufeinanderplatzten, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Doch
zeigte sich auch hier, da die Sddeutschen an Zhigkeit hinter den
Norddeutschen zurckstanden. Liebknecht und ich hatten manchmal Mhe,
dem uns nher stehenden Teil der sddeutschen Abgeordneten den Rcken zu
steifen.

Der Versuch der Nationalliberalen, eine Adresse an den Knig von Preuen
durchzusetzen, fiel nach heftiger Debatte mit 186 gegen 150 Stimmen, ein
Resultat, das die Antragsteller ganz perplex machte. Ich nahm in dieser
Session zu zwei lngeren Ausfhrungen das Wort. Das erstemal sprach ich
gegen den Entwurf eines Gesetzes, wonach der Tabak besteuert werden
sollte, das zweitemal zu dem Zollvertrag zwischen dem Zollverein und
Oesterreich. Ich stie bei dieser Debatte scharf mit dem Abgeordneten
Lasker zusammen. Derselbe hatte sich wieder einmal allerlei
schulmeisterliche Bemerkungen gegen uns erlaubt und die Zustnde in den
Kleinstaaten in bertriebenster Weise angegriffen. Ich wies seine
schulmeisterlichen Bemerkungen energisch zurck und uerte wegen seiner
Angriffe auf die Kleinstaaten, da mich diese aus seinem Munde um so
mehr wunderten, da er einem Kleinstaat (Meiningen) sein Mandat verdanke,
eine Bemerkung, durch die ich die Lacher auf meiner Seite hatte.

       *       *       *       *       *

Auf den 14. Mai war eine Volksversammlung von Berliner Demokraten und
Parteigenossen nach dem Konzerthaus berufen worden, und zwar saen unter
anderem im Komitee: Buchhndler Jonas, der nachher wegen geschftlicher
Misere nach den Vereinigten Staaten auswanderte und dort die New Yorker
Volkszeitung mitbegrndete, deren Chefredakteur er wurde, Ludwig Lwe,
Paul Singer, Fr. Stephani, Tlde usw. Von den sddeutschen Abgeordneten
waren Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schffle und Tafel, ferner
Liebknecht, Dr. Reinke, der vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein in
Lennep-Mettmann gewhlt worden war, und ich anwesend. Liebknecht griff
die Politik der Fortschrittspartei und speziell Waldeck und Genossen
heftig an, auch sprach er so scharf gegen den Nordbund, da es einem
Teil der Komiteemitglieder angst und bange wurde. Ich fhrte aus: Was
jetzt unter den Formen der deutschen Einheit vorgenommen werde, sei nie
und nimmer das einige Deutschland. Wir hegten die Erwartung, da in
einem Deutschland, das durch den Gesamtwillen der Bevlkerung getragen
werde und an dessen Spitze eine Regierung stehe, die aus dem freien
Willen des Volkes hervorgegangen sei, allein das wirkliche Heil fr die
Bevlkerung, insbesondere fr die arbeitende Bevlkerung zu erwarten
sei. Ich kritisierte weiter die Zustnde im Norddeutschen Bund mit Bezug
auf die Entwicklung des Militarismus: nicht Verminderung, sondern
Vergrerung der Lasten werde die Folge sein.

Dr. Max Hirsch, der mit seinem Anhang erschienen war, versuchte Lrm
hervorzurufen; das Tischtuch sei zwischen uns zerschnitten. Das war es
lngst; sein lrmender Anhang wurde zur Ruhe verwiesen.

       *       *       *       *       *

An einem Maisonntag waren Liebknecht und ich zu einem Fest des Berliner
Schneidervereins geladen. Wir nahmen auf ihren Wunsch die Abgeordneten
Oesterlen, Schffle und Tafel zu demselben mit. Bei dem Ball kam es zu
einem sogenannten Damenengagement. Die Damen strzten sich auf uns fnf.
Jede wollte mit einem von uns tanzen. Die vier Kollegen erklrten aber,
nicht tanzen zu knnen. Nun fielen die Damen ber mich Unglcklichen
her. Vier Engagements hatte ich glcklich hinter mir, beim fnften
versagten mir Kopf und Magen. Mir wurde bel, ich mute in den Garten
flchten. Nchsten Vormittag kam eine Damendeputation zu mir in meine
Wohnung, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich konnte ihr die
beruhigende Versicherung geben, da ich die Strapazen glcklich
berwunden htte. Als wir in jener Nacht nach Hause gingen, uerte sich
Schffle hchst berrascht ber den guten Ton und die ganze Haltung der
Ballgesellschaft, die nicht besser htte sein knnen. Er glaube, in
Sddeutschland sei dergleichen auf einem Ballfest der Arbeiter
unmglich, dort wrde es zu Prgeleien kommen. Ich protestierte gegen
diese Auffassung. Ich sei zwar noch auf keinem Ballfest sddeutscher
Arbeiter gewesen, sei aber fest berzeugt, da dergleichen auf einem
Fest organisierter Arbeiter nicht vorkomme.

Fr den 20. Mai hatte die Berliner Kaufmannschaft die Mitglieder des
Zollparlaments zu einem Festessen geladen, bei dem das Kuvert 25 Taler
kostete. Ich nahm an demselben nicht teil. Kollegen, die daran
teilgenommen hatten, versicherten mir nchsten Tages, die Arrangements
seien so mangelhaft gewesen, da eine Anzahl Gste sich nicht einmal
habe satt essen knnen.

Die meisten Sddeutschen waren froh, als sie nach vierwchiger
ditenloser Anwesenheit in Berlin wieder zu ihren Penaten zurckkehren
konnten. Im brigen waren die Sitzungen meist so schlecht besucht, da
die Berliner den Witz machten: Zollparlament bedeutet Leerparlament. An
den Schluberatungen der unterbrochenen Reichstagssession beteiligte ich
mich nicht.

       *       *       *       *       *

Die nchste Session des norddeutschen Reichstags begann den 4. Mrz
1869. Hauptgegenstand seiner Beratung war der Gesetzentwurf fr eine
Gewerbeordnung. Ich trat erst in der 10. Sitzung in das Haus und nahm
gleich zur Generaldebatte ber den Gesetzentwurf das Wort. Ich
polemisierte unter anderem gegen den Geheimen Regierungsrat Wagener, den
ich wegen seines Auftretens in der Debatte als kniglich preuischen
Hofsozialisten bezeichnete. Im weiteren wandte ich mich gegen den
Freiherrn v. Stumm, der uns heftig angegriffen hatte. Ich rechtfertigte
unsere Agitation und Organisation. Organisierten die Arbeiter sich
international, was er ihnen zum Vorwurf gemacht hatte, so sei dieses die
notwendige Konsequenz gegenber der Internationalitt des Kapitalismus.
Gegen den Abgeordneten Miquel trat ich ebenfalls polemisch in die
Schranken, der behauptet hatte, wir in Deutschland seien in sozialen
Dingen weiter als England und Frankreich. Ich antwortete: Jedenfalls
streite man sich in England und Frankreich nicht mehr wochenlang wie wir
um Gewerbefreiheit und Freizgigkeit. Ich fhrte ferner aus: Der
Abgeordnete Wagener habe dem Abgeordneten Schulze-Delitzsch gegenber
gesagt: was er (Schulze) fordere, sei ihm (Wagener) insofern angenehm,
als es gelte, die letzten Konsequenzen des Wirtschaftssystems zu ziehen,
das fhre dann zur Reaktion. Ich sei der Meinung, er (Wagener) habe sich
in der Schlufolgerung geirrt, nicht die Reaktion, sondern die
Revolution werde schlielich kommen und kommen mssen.

Ich hatte mich in meiner Rede gegen eine Kommissionsberatung des
Gesetzentwurfes erklrt, da das Haus doch keinen von uns in die
Kommission whle. Das hatte die Wirkung, da man mich in die Kommission
schickte.

Ich mchte hier die Bemerkung einschalten, da die Teilnahme an den
Reichstags- und Zollparlamentsverhandlungen fr Liebknecht und mich ein
groes Opfer war. Zwar taten unsere Wahlkreise, und namentlich der
meine, was sie konnten, um uns finanziell zu untersttzen. Es war aber
doch ein peinliches Gefhl fr uns beide, von einer Whlerschaft
finanzielle Hilfe annehmen zu sollen, die mit zur rmsten in Deutschland
gehrte. Eine Parteiuntersttzung gab es damals noch nicht, fr Diten
war kein Geld vorhanden. Die Ditenzahlung durch die Partei trat erst
vom Jahre 1874 ab ein, die mager genug ausfiel. Auch muten wir die
Reisen nach und von Berlin aus eigener Tasche bezahlen. So fehlten wir
hufig in den Sitzungen, manchmal sogar, wenn unser Parteiinteresse
gebot anwesend zu sein. Schweitzer und Genossen hatten es darin besser.
Sie wohnten in Berlin, mit Ausnahme von Reinke, der aber bereits 1868
sein Mandat niederlegte, worauf Fritzsche an seine Stelle trat; sie
konnten ohne Mhe und grere Opfer jeder wichtigen Sitzung beiwohnen.
Doch waren wir bei weitem nicht die einzigen, die schwnzten. Die groe
Mehrzahl der Gesetze wurde von beschluunfhigen Husern angenommen. So
blieb es bekanntlich bis zur Einfhrung der Diten im Frhjahr 1906.

       *       *       *       *       *

Bei der zweiten Beratung der Gewerbeordnung stellten wir eine Anzahl
Antrge, mit denen wir aber nur vereinzelt Glck hatten. Wir beantragten
Bestimmungen, nach denen die Streitigkeiten betreffend Kndigungsfristen
usw. Gewerbegerichten berwiesen werden sollten; wir forderten ferner
das Verbot des Trucksystems; obligatorische Fabrikordnungen fr alle
Betriebe mit mehr als zehn Arbeitern, wobei die Arbeiter gutachtlich zu
hren seien; weiter beantragten wir Bestimmungen ber den Lehrvertrag,
Aufhebung der Arbeitsbcher, Verbot der Kinderarbeit fr Kinder unter
vierzehn Jahren in Fabriken. Weiter verlangten wir das Verbot der
Sonntagsarbeit, einen zehnstndigen Normalarbeitstag fr Betriebe mit
mehr als zehn Lohnarbeitern, volle Vereinigungsfreiheit fr die
Gewerkschaftsorganisationen, Einfhrung von Fabrikinspektoren. Meist
hatten Schweitzer und Genossen dasselbe beantragt.

Einen unerwarteten Erfolg hatte ich mit meinem Antrag, die Arbeitsbcher
abzuschaffen. Das kam so. Das Leipziger Polizeiamt hatte eine
Verordnung erlassen, in der es hie: Wirte, bei denen einwandernde
Gewerbsgehilfen einkehrten, seien verbunden, ihnen sogleich nach ihrer
Ankunft ihre Wanderlegitimationen abzufordern und solche an das
Fremdenbureau abzugeben. Diejenigen Gesellen aber, welche eine
Wanderlegitimation vorzuzeigen nicht vermchten, ohne Verzug dem
Fremdenbureau zuzufhren. Ueberdies sollten die Wirte darauf sehen, da
zugewanderte oder arbeitslos gewordene Gewerbsgehilfen ohne polizeiliche
Erlaubnis nicht ber vierundzwanzig Stunden in Leipzig verweilten.

Diese Verordnung stand in schneidendem Widerspruch mit dem Pagesetz,
das den Legitimationszwang fr das Inland aufgehoben hatte. Die
bezglichen Bestimmungen der schsischen Gewerbeordnung, die die
Arbeitsbcher vorschrieben, seien, so fhrte ich aus, durch das
Pagesetz gegenstandslos geworden. Lasker untersttzte meinen Antrag,
und so wurde derselbe angenommen. Zehn Jahre spter wurden bei einer
Revision der Gewerbeordnung von der konservativ-ultramontanen Mehrheit
die Arbeitsbcher fr Personen unter 21 Jahren wieder eingefhrt.

Die Annahme meines Antrags auf Beseitigung der Arbeitsbcher
verschnupfte in den Kreisen der selbstndigen Handwerker. Das ganze
Raffinement, mit dem ich bei Stellung dieses Antrags zu Werke gegangen
sein sollte, beschrieb Dr. C. Roscher, der Sohn des bekannten
verstorbenen Nationalkonomen W. Roscher--dem Marx und Lassalle bel
mitspielten--, in einem Artikel berschrieben: Wie der deutsche
Gewerbsstand die Arbeitsbcher verlor. Fragment aus einem sozialen
Roman. Nach C. Roscher, der heute noch in einem hohen Amt in der
schsischen Regierung sitzt, hatte ich meinen schlau erdachten Plan
meinem "Freund Tbicke"--der Mann hat wohl nie gelebt--entwickelt, als
er mich eines Abends "in meinem den Zimmer" aufsucht, wo ich eben
meine--nebenbei bemerkt--sehr kurze Rede zu meinem Antrag entwarf. Ich
lasse mich nun--immer nach Roscher--mit Tbicke in ein Gesprch ein,
wobei ich ihm auseinandersetze, wie ich morgen den Reichstag dpieren
wrde, damit er fr meinen Antrag stimme. Ich war nicht wenig stolz, zu
lesen, welche Schlauheit mir Roscher zuschrieb, um meine verehrten
Kollegen ber den Lffel zu barbieren. Natrlich gelang der Streich
genau so, wie ich den Plan entworfen haben sollte. Als der Prsident
verkndete, der Antrag habe die Mehrheit, hrte man auf der Tribne ein
unterdrcktes Kichern. Es war mein Freund Tbicke, der sich ber das
Gelingen meines Planes diebisch freute. Ich bin berzeugt, mancher, der
diese Schilderung las, nahm sie ernst und sagte sich: Der Bebel ist doch
ein verfluchter Kerl! Aber geschichtliche Wahrheit enthielt die
Schilderung nicht. So wird aber oft Geschichte gemacht.

Ein zweiter, minder wertvoller Antrag, den ich durchsetzte, war, da
berall, wo es im Gesetz "Mue" hie, "Pause" gesetzt wurde. Die
Regierung sah selbst ein, da das Wort "Mue" unpassend sei, und
akzeptierte meinen Vorschlag. Dagegen wurden alle unsere anderen Antrge
abgelehnt.

In derselben Session wurde auch das Wahlgesetz fr den Reichstag
festgestellt. Schweitzer und Hasenclever beantragten, statt
fnfundzwanzig Jahre zwanzig zu setzen, und der Wahltag msse ein
Sonntag sein. Ich beantragte, da die Wahlen am gleichen Tage im ganzen
Bundesgebiet stattfinden und der Wahltag ein Sonn- oder Feiertag sein
msse. Ferner verlangte ich, die Bestimmung zu streichen, wonach
Personen das Wahlrecht verlieren sollten, die eine Armenuntersttzung
aus ffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen oder im letzten Jahre vor
der Wahl bezogen haben.

Es ist berflssig zu sagen, da trotz aller unserer Reden diese Antrge
ebenfalls abgelehnt wurden. Auch verloren jetzt die _unter der Fahne
stehenden Militrpersonen das aktive Wahlrecht_. Es waren die
Nationalliberalen, die hierfr eifrig eintraten. Die Regierungen hatten
diese Forderung _nicht_ gestellt.

Bei der Debatte ber den Haushaltsetat--24. April--hatte sich der
Abgeordnete v. Hoverbeck fr eine Entwaffnung ausgesprochen. Darauf
antwortete ich: Ich sei der Ansicht, da, wie gegenwrtig die Dinge in
Europa stnden, wo der Zsarismus hben und der Zsarismus drben das
Ruder fhre, ernstlich eine Entwaffnung fr mglich zu halten eine
Torheit sei. Ich hielte es fr unmglich, da unsere Zsaren, von denen
jeder nach der Gelegenheit hasche, ber den anderen herzufallen und ihn
niederzuschlagen, sich einfallen lieen, eine noch so mige Entwaffnung
eintreten zu lassen. Es geschehe eben hier, was von den beiden Lwen der
Fabel erzhlt werde, sie fielen ber sich her und fraen sich bis auf
die Schwnze auf. Dabei knnten wir nur profitieren.

Am 13. Mai hielt ich eine Rede gegen das Privileg der Portofreiheit der
Frsten. Ich wurde wiederholt heftig unterbrochen. Meine Ausfhrungen
hatten die "loyalen Gefhle" eines Teils der Mitglieder verletzt. Dafr
erhielt ich aus der Whlerschaft viele Zustimmungen.

Am 3. Juni wurde das Zollparlament wieder erffnet, aber bereits am 22.
Juni geschlossen. Ich beteiligte mich nicht an den Debatten, die fr
mich keine besondere Bedeutung hatten; auerdem erforderte mein Geschft
meine Anwesenheit in Leipzig.

       *       *       *       *       *

In der Frhjahrssession des norddeutschen Reichstags von 1870 war der
Hauptberatungsgegenstand der Strafgesetzentwurf fr den Norddeutschen
Bund. Ich nahm bei dessen Beratung nur einmal das Wort, und zwar in
dritter Lesung bei Beratung der Todesstrafe. Der Reichstag, der in der
zweiten Lesung mit erheblicher Mehrheit sich gegen die Todesstrafe
ausgesprochen hatte--das im Jahre 1868 erlassene schsische
Strafgesetzbuch hatte sie abgeschafft, ebenso war sie in Baden
abgeschafft worden--, stimmte jetzt auf Drngen und Drohen Bismarcks
_fr_ dieselbe, und zwar mit 127 gegen 110 Stimmen. Der _einzige_
schsische Abgeordnete, der _fr_ die Todesstrafe eintrat, war Dr. Hans
Blum, der Sohn des im Herbst 1848 in der Brigittenau bei Wien
erschossenen Robert Blum. Als Blum sein Ja fr die Todesstrafe abgab,
antworteten wir auf der uersten Linken mit einem krftigen Pfui!

Hans Blum gehrte zu den schmutzigsten und perfidesten Gegnern der
Sozialdemokratie; um uns zu bekmpfen, war ihm _jedes_ Mittel recht.
Selbstverstndlich war er ein begeisterter Verehrer Bismarcks, und
dieser wollte ihm wohl. Aber er konnte ihn vor schimpflichem Untergang
nicht retten. Blum wurde wegen ehrloser Handlungen die Advokatur
entzogen. Er ging alsdann nach der Schweiz, woselbst er eine
Zigarrenfabrik betrieb. Er starb 1909 als wohlhabender Mann.

In einer zweiten Rede in der Frhjahrssession 1870 trat ich fr einen
Antrag Lasker ein, der eine Revision des Militrstrafrechtes verlangte.
Der Antrag wurde mit 117 gegen 73 Stimmen angenommen.

Die Zollparlamentssession von 1870 war wiederum sehr kurz, sie whrte
nur gegen drei Wochen. Vor Beginn derselben hatte der Abgeordnete Dr.
Kolb-Bayern sein Mandat fr das Zollparlament niedergelegt. Das
Zollparlament sei ein Werk der Tuschung und des Truges, das nur fr die
Machtstellung Preuens zu arbeiten habe. Es ist bemerkenswert, wie
kampfunlustig die brgerliche Demokratie wurde. Damit erhlt man aber
keine Partei am Leben, geschweige, da man sie strker macht. Die
Klgeren sahen eben schon damals, da bei der Entwicklung, die die
Sozialdemokratie nahm, die brgerliche Demokratie keine Zukunft mehr
habe. Die wachsenden Klassengegenstze schieden immer mehr die Geister.

Die Frhjahrssession 1870 war die letzte des Zollparlaments, denn wenige
Monate nachher begann die groe Tragdie, die auch die politischen
Verhltnisse Deutschlands sehr wesentlich nderte und das Zollparlament
berflssig machte.




Taktische Unstimmigkeiten.


Bevor ich auf die Tragdie des Deutsch-Franzsischen Krieges eingehe,
mu ich in Krze auf die taktischen Unstimmigkeiten zu sprechen kommen,
die sich zwischen Liebknecht und mir wegen unserer parlamentarischen
Stellung herausgebildet hatten.

Liebknecht hatte schon zur Zeit, als der Bismarcksche Bundesreformantrag
zur Diskussion stand--Frhjahr 1866--, sich gegen das Whlen zu einem
solchen Parlament ausgesprochen, und zwar im Mannheimer "Deutschen
Wochenblatt". Dieses wurde aber in unseren Kreisen fast nicht gelesen,
und da Liebknecht, soweit ich mich dessen entsinne, weder im Leipziger
Arbeiterbildungsverein, noch im Demokratischen Verein, noch in einer
anderen Versammlung seinen negierenden Standpunkt zur Geltung zu
bringen suchte, kam es infolgedessen zu keiner Diskussion. Als wir dann
Weihnachten 1866 auf unserer Landesversammlung zu Glauchau ohne jeden
Widerspruch die Wahlbeteiligung als selbstverstndlich beschlossen und
Liebknecht, der damals drei Monate Gefngnis in der Berliner
Stadtpolizei verbte, mit als Kandidaten fr den 19. schsischen
Wahlkreis aufstellten, akzeptierte er diese Aufstellung ohne jeden
Vorbehalt. Bei seiner zweiten Kandidatur, Hochsommer 1867, wurde er auch
gewhlt. Anfangs stellte er selbst Antrge zu Gesetzentwrfen, aber bald
kam die alte Abneigung gegen den Parlamentarismus wieder bei ihm zum
Durchbruch und uerte sich in lebhaften Auseinandersetzungen zwischen
uns ber die Taktik, die wir im Reichstag einnahmen sollten.

Liebknecht sah in dem Norddeutschen Bunde ein Gebilde, das mit allen
Mitteln bis zur Vernichtung bekmpft werden msse. An dessen Parlament
sich anders als negierend und protestierend zu beteiligen, war nach
seiner Meinung eine Preisgabe des revolutionren Standpunktes. Daher
kein Paktieren, kein Kompromisseln, das heit kein Versuch, die
Gesetzgebung in unserem Sinne zu beeinflussen.

Zu dieser Auffassung unseres revolutionren Standpunktes konnte ich mich
nicht bekennen. Protestieren und negieren, wo es am Platze war, also vor
allen Dingen gegen alles Schlechte und Verderbliche, aber zugleich auch
agitieren in positivem Sinne, indem wir berall unsere Antrge zu den
einzelnen Gesetzentwrfen stellten und damit zeigten, wie wir uns die
Gestaltung der Dinge dachten. Indem wir diese Antrge stellten und Reden
zu ihren Gunsten hielten, die, wenn auch noch so verstmmelt, in den
Berichten der Zeitungen von Millionen gelesen wurden, wrden wir im
hchsten Grade agitatorisch und propagandistisch wirken.

Diese Meinungsverschiedenheiten kamen zwischen uns am lebhaftesten zum
Ausdruck, als ich zahlreiche Antrge zur Gewerbeordnung und anderen
Gesetzentwrfen stellte, zu denen Liebknecht seine Stimme nur ungern
hergab. Er hielt es schlielich fr zweckmig, seinen abweichenden
Standpunkt in einem Vortrag darzulegen, den er am 31. Mai 1869 im
Berliner Demokratischen Arbeiterverein hielt. Der Vortrag ist nachher in
einer Broschre erschienen, betitelt: Die politische Stellung der
Sozialdemokratie, insbesondere mit bezug auf den Reichstag.

Liebknecht uerte darin: Die soziale Bewegung ist ein revolutionrer
Umgestaltungsproze, der sich nicht ber Nacht vollziehen kann ... Aber
die neue Gesellschaft steht in unvershnlichem Gegensatz mit dem alten
Staat ... Was die neue Gesellschaft will, hat daher vor allem auf
Vernichtung des alten Staates hinzuwirken ... Fr die soziale Praxis mu
sich die Sozialdemokratie erst den staatlichen Boden schaffen ... Der
Kampf im Reichstag sei blo ein Scheinkampf, blo eine Komdie ...
Verhandeln knne man nur, wo eine gemeinsame Grundlage bestehe ...
Prinzipien seien unteilbar, man msse sie ganz bewahren oder ganz opfern
... Den im Reichstag fast ausschlielich vertretenen herrschenden
Klassen gegenber sei der Sozialismus keine Frage der Theorie mehr,
sondern einfach eine Machtfrage, die in keinem Parlament, die nur auf
der Strae, auf dem Schlachtfeld zu lsen sei, gleich jeder anderen
Machtfrage ... Alles, was von dem Werte der Reden im Reichstag gesagt
werde, sei hinfllig. Ob man glaube, den Reichstag durch Reden bekehren
zu knnen? Dieses Reden sei zwecklos, und zwecklos zu reden, sei ein
Vergngen der Toren.

Er wendete sich dann gegen die Ueberschtzung des Wahlrechts im
absolutistischen Staat; losgelst von staatsbrgerlicher Freiheit, ohne
Prefreiheit, ohne Vereinsrecht knne das allgemeine Stimmrecht nur
Spiel und Werkzeug des Absolutismus sein.

Der Reichstag habe auch keine Macht; eine Kompagnie Soldaten jage,
selbst wenn wir die Mehrheit darin htten, diese Mehrheit zum Tempel
hinaus ... Revolutionen wrden nicht mit hoher obrigkeitlicher
Bewilligung gemacht; die sozialistische Idee knne nicht innerhalb des
heutigen Staates verwirklicht werden; sie msse ihn strzen, um ins
Leben treten zu knnen. "Kein Friede mit dem heutigen Staat."

Diese rein negierende Stellung Liebknechts ist fr die Partei nie
magebend geworden, so oft er auch dafr kmpfte. Als aber in den
achtziger Jahren unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes der
Anarchismus in Deutschland hier und da Boden fand, benutzten
selbstverstndlich die Anarchisten die Broschre Liebknechts, um gegen
uns als "parlamentarische Partei" zu kmpfen. Es war ein unhaltbarer
Zustand, da eine Rede des ersten Fhrers der Partei stndig gegen die
Wirksamkeit der Partei ausgenutzt wurde. Darauf machte ich ihn in einer
Fraktionssitzung Mitte der achtziger Jahre aufmerksam. Liebknecht gab
die Berechtigung meiner Auffassung ohne weiteres zu, und so erschien die
neue Auflage mit einem Vorwort, in dem er darauf hinwies, da sein in
der Broschre vertretener Standpunkt sich nur auf die Periode vor
Grndung des Reiches beziehe. Im weiteren hat dann auch Liebknecht auf
dem St. Galler Kongre--Oktober 1887--offen und rckhaltlos erklrt, er
sei nunmehr zu der Ansicht gekommen, da die praktische Ttigkeit in den
Parlamenten eine Notwendigkeit und von groem Vorteil fr die Partei
sei. Damit waren die Meinungsverschiedenheiten zwischen uns ber die
parlamentarische Taktik beseitigt.

Die Liebknechtsche Rede hatte ein gerichtliches Nachspiel. Das Berliner
Stadtgericht verurteilte ihn in contumaciam, da er auf Vorladung nicht
erschienen war, wegen Schmhung obrigkeitlicher Anordnungen zu drei
Monaten Gefngnis. Das Berliner Stadtgericht forderte darauf die
Auslieferung Liebknechts--man halte fest, da es damals noch kein
gemeinsames Strafrecht und kein gemeinsames Prozeverfahren gab--auf
Grund des Gesetzes ber die gegenseitige Rechtshilfe. Diese Auslieferung
wurde von den schsischen Gerichten _verweigert_, weil es nach dem neuen
schsischen Strafrecht kein Vergehen gab wie jenes, auf das hin
Liebknecht in Berlin verurteilt worden war. Nun verlangte die preuische
Regierung bei der schsischen die Verfolgung Liebknechts wegen Schmhung
von Bundesinstitutionen. Die schsische Regierung machte auch Miene, dem
Verlangen stattzugeben. Die Sache zog sich aber in die Lnge, und
schlielich erging es Liebknecht mit seiner Berliner wie mir mit meinen
Plauener Reden, sie wanderten als schtzbares Anklagematerial in die
Akten unseres kommenden Hochverratsprozesses.




Der Deutsch-Franzsische Krieg.




Das Vorspiel zur Kriegserklrung.


Die Haltung, die Liebknecht und ich bei Ausbruch und whrend der Dauer
jenes Krieges in und auerhalb des Reichstags einnahmen, ist
jahrzehntelang Gegenstand der Errterung und heftiger Angriffe gewesen.
Anfangs auch in der Partei. Aber nur kurze Zeit, dann gab man uns recht.
Ich bekenne, da ich unsere damalige Haltung in keiner Weise bedaure und
da, wenn wir bei Ausbruch des Krieges bereits gewut htten, was wir im
Laufe der nchsten Jahre auf Grund amtlicher und aueramtlicher
Verffentlichungen kennen lernten, unsere Haltung vom ersten Augenblick
an eine noch schroffere gewesen sein wrde. Wir htten uns nicht, wie es
geschah, bei der ersten Geldforderung fr den Krieg der Abstimmung
enthalten, wir htten direkt gegen dieselbe stimmen mssen.

Heute kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, da der Krieg von 1870
von _Bismarck gewollt_ und durch ihn von langer Hand vorbereitet worden
ist. Wenn er mit seinen Versuchen, anllich der Kriege von 1864 und
1866 sich als den Unschuldigen und dazu Gereizten hinzustellen, wenig
Glck hatte, so ist ihm dieses in bezug auf den Krieg von 1870/71
glnzend gelungen. Mit Ausnahme eines kleinen Kreises Eingeweihter, der
wute, da Bismarck mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auf den
Krieg mit Frankreich hinarbeitete--zu dem der damalige Knig und sptere
Kaiser Wilhelm I. nicht gehrte--, hat Bismarck alle Welt dpiert und
den Glauben zu erwecken verstanden, da Napoleon den Krieg provozierte
und er, der friedliebende Bismarck, sich mit seiner Politik in der Rolle
des Angegriffenen befand. Und die offizielle und offizise
Geschichtschreibung hat diesen Glauben, wonach Frankreich der Angreifer,
Deutschland der Angegriffene war, bis heute in der groen Masse der
Bevlkerung aufrechtzuerhalten verstanden.

Allerdings hat Napoleon formell den Krieg erklrt, aber das
Bewundernswerte in der Bismarckschen Politik lag darin, da er die
Karten so geschickt gemischt hatte, da Napoleon mit der Kriegserklrung
austrumpfen _mute_, er mochte wollen oder nicht, und so als der
Friedensbrecher erschien.

Haben doch kurze Zeit selbst Mnner wie Marx und Engels die Anschauung
gehabt und ffentlich zum Ausdruck gebracht, Napoleon sei der
Friedensbrecher gewesen, obgleich die Warte, auf der sie standen, fr
die Beurteilung der europischen Politik eine weit hhere war als die
unsere. Die Vorgnge bis zur Kriegserklrung waren so irrefhrend und
verblffend, da man ganz die Tatsache bersah, da Frankreich, das den
Krieg erklrte, mit seiner Armee auf keinen Krieg vorbereitet war,
wohingegen in Deutschland, das als der zum Kriege provozierte Teil
erschien, die Kriegsvorbereitungen _bis auf den letzten Lafettennagel
fertig waren_ und die Mobilmachung wie am Schnrchen sich vollzog.

Die ffentliche Anklage, da Bismarck der Urheber des
Deutsch-Franzsischen Krieges sei, habe ich meines Erinnerns in der
Partei zuerst in zwei Artikeln des "Volksstaat", und zwar in den Nummern
73 und 74 vom Jahre 1873 erhoben, die die Ueberschrift trugen: "Zum
zweiten September." Liebknecht, dem ich die beiden Artikel vorlegte, hat
nur einige kleine formale Aenderungen daran vorgenommen und hat sie
beide an der Spitze seiner spter erschienenen Broschre: "Die Emser
Depesche oder wie Kriege gemacht werden", abgedruckt.

Der Krieg mit Frankreich lag lange in der Luft. Sobald die Lsung der
deutschen Frage durch die Kabinette und nicht durch die Volksmassen in
die Hand genommen wurde, war bei der Situation in Deutschland und
Europa, die der Wiener Kongre von 1815 geschaffen hatte, auch die
Einmischung des Auslandes zu befrchten, in erster Linie die
Frankreichs, dessen damaliger Herrscher Napoleon sich eine Art
Schiedsrichterrolle in Europa anzumaen verstanden hatte. Der
Antagonismus zwischen Oesterreich und Preuen, wie das ganze Gebilde des
damaligen deutschen Bundes, erleichterte ihm diese Rolle. Bismarck trug
dieser Rolle ebenfalls Rechnung, indem er von 1864 bis 1866 sich auf
allerlei bedenkliche Unterhandlungen mit Napoleon einlie, bei denen die
Abtretung gewisser Teile Deutschlands als Kompensation fr Annexionen
deutscher Staaten durch Preuen in Frage kam. Ich habe schon im ersten
Teil meiner Arbeit darauf Bezug genommen.

Bismarck war es gelungen, sowohl 1864 wie 1866 Napoleon zu prellen; er
ging bei der Umgestaltung der deutschen Verhltnisse zugunsten Preuens
leer aus. Aber seine Einmischung in die Friedensverhandlungen des
Krieges von 1866 hatte doch gengt, um Preuen die geplante Annexion
Sachsens unmglich zu machen; auch war Napoleons Einflu die Bestimmung
des Artikel 4 des Prager Friedensvertrags zu verdanken, wonach eine
Abtretung des dnisch sprechenden Teiles Nordschleswigs an Dnemark in
Aussicht genommen wurde; ferner mute Preuen auf Annexionen sdlich der
Mainlinie verzichten. Napoleons Einflu war weiter geschuldet die Lsung
der Luxemburger Frage im folgenden Jahre zuungunsten Deutschlands.

Es liegt auf der Hand, da diese Strung von Bismarcks Zirkeln durch
Napoleon bei Bismarck Rache- und Vergeltungsgedanken aufkommen lieen
und er danach gierte, die berragende Stellung Napoleons und Frankreichs
in Europa zu brechen. Einen Krieg gegen Frankreich zu beginnen, sobald
eine gnstige Gelegenheit sich dazu biete, war von 1866 ab das Ziel der
neupreuisch-deutschen Politik. Auf dieses Ziel wurde die militrische
Reorganisation und Armeeerweiterung mit fieberhafter Eile betrieben; es
wurden alle Manahmen bis ins kleinste getroffen, um, wenn der Moment
komme, mit Frankreich anbinden zu knnen.

Da der nchste Krieg ein Krieg mit Frankreich sein werde, war seit 1866
die Ueberzeugung aller Politiker. Auch in der Armee sah man dieses als
selbstverstndlich an und sehnte sich nach demselben. Wir klagten
deshalb die Bismarcksche Politik an, da sie einen Zustand fr
Deutschland geschaffen hatte, wie er seit 1815 nicht vorhanden gewesen
sei. Das gespannte Verhltnis zu Oesterreich, das der Ausgang des
Krieges von 1866 zur Folge hatte, mache die Frage fr Deutschland
doppelt gefhrlich, weil befrchtet werden msse, da Oesterreich zu
einer Revanche fr 1866 mit Frankreich im Bunde bereit sein werde.
Tatschlich wurden auch bezgliche Verhandlungen zwischen Frankreich und
Oesterreich gepflogen, die aber keinen Erfolg hatten, weil der
unerwartet rasche Ausbruch des Krieges und die siegreichen Schlge, mit
der die franzsische Armee von der deutschen niedergeworfen wurde, es
Oesterreich klger erscheinen lieen, von einer Einmischung abzusehen.
Aus dieser Situation heraus sah man im Volke einem Kriege zwischen
Deutschland und Frankreich mit groem Unbehagen entgegen, um so mehr, da
man in weiten Volkskreisen noch an eine Unbesiegbarkeit Frankreichs
glaubte. Andererseits stand allerdings fest, da der Mangel an positivem
Gewinn, den Napoleon aus seiner Einmischungsrolle heimgebracht, sein
Ansehen im eigenen Lande tief heruntergesetzt und der brgerlichen
Opposition groen Anhang verschafft hatte. Diese Stimmung kam deutlich
zum Ausdruck bei den Wahlen im Mai 1869, bei welchen auf die Kandidaten
der Regierung nur rund 4469000 Stimmen, auf die der Opposition 3259000
Stimmen fielen. Ueber diesen Wahlausfall schrieb man damals der
"Frankfurter Zeitung" aus Paris: "Nicht allein die moralischen, auch die
materiellen Interessen Europas lassen die republikanische Staatsform als
unerllich fr die Regeneration unserer Verhltnisse erscheinen."

Die Opposition in der Kammer war auf 116 Kpfe gestiegen. Das veranlate
Napoleon Anfang Januar 1870, das Mitglied der Opposition, Olivier, zum
Prsidenten eines gemigt liberalen Kabinetts zu ernennen und zur
Untersttzung seiner Politik am 8. Mai ein sogenanntes Plebiszit
(allgemeine Volksabstimmung) vorzunehmen, wobei er fr sein Regiment
zwar 7350000 Ja gegen 1500000 Nein erzielte, aber was sehr bedenklich
war, die Armee und Marine hatten 50000 Nein in die Urne geworfen.
Auerdem hatten zahlreiche Stdte, voran Paris, ein erhebliches Mehr
gegen ihn ergeben.

Die feindselige Stimmung gegen Napoleon war in Paris schon im Januar
zutage getreten bei der Beerdigung des Schriftstellers Victor Noir, den
der Prinz Pierre Napoleon bei einem persnlichen Streit meuchlings
niedergeschossen hatte. Eine ungeheure Menschenmenge begleitete
demonstrativ die Leiche Victor Noirs. Es fehlte nicht viel, und es wre
dabei zu einem revolutionren Ausbruch gekommen.

Alle diese Vorgnge wirkten niederdrckend auf Napoleon, der damals
schon an einem schmerzhaften Blasensteinleiden litt, dem er schlielich
auch erlag. Dieses Leiden raubte ihm Energie und Tatkraft.

Aber auch die militrischen Verhltnisse Frankreichs waren solche, die
einen Krieg mit einer starken Macht fr gefhrlich erscheinen lieen.
Wenn Preuen-Deutschland seit 1866 mit aller Kraft und Energie an der
Vermehrung und Ausbildung der Armee arbeitete, so geschah gleiches nicht
in Frankreich. Napoleon harte zwar in dem Oberst Stoffel einen
Militrattach in Berlin, der offene Augen und Ohren hatte und
fortgesetzt Berichte einschickte, worin er ber die gewaltigen
Fortschritte in der militrischen Entwicklung Preuens Bericht
erstattete und zu hnlichem Vorgehen antrieb, aber alles war vergebens.
Oberst Stoffel predigte tauben Ohren. Einige Urteile Stoffels, weil von
historischer Bedeutung, mgen hier Platz finden. So schrieb er unter dem
22. Juli 1868: "Nach meiner Meinung lebt man in Frankreich in der
tiefsten Unwissenheit von alledem, was Preuen angeht, sowohl die
preuische Nation als die preuische Armee." Am 12. August 1869 schrieb
er prophetisch: "Preuen hat Scharfblick genug, um zu erkennen, da der
Krieg, den es nicht wnscht, doch ausbrechen wird, und es hat alle
Anstrengungen gemacht, um vorbereitet zu sein fr diese Eventualitt,
da irgend ein Zwischenfall den Krieg herbeifhrt." Ein andermal bemerkt
er: "Das ist der Hauptgegenstand meiner Befrchtung, dieser schlagende
Kontrast zwischen der Voraussicht Preuens und der Verblendung
Frankreichs." Wtend ist er ber Thiers, der 1848 verhindert habe, da
die allgemeine Wehrpflicht in Frankreich eingefhrt wurde. _"Dieser
Mensch war fr unser Land ein schlimmeres Verhngnis als zwanzig
Niederlagen."_ Und bei Ausbruch des Kriegs bezeichnet er denselben von
franzsischer Seite als den Krieg der Voraussehungslosigkeit, der
Unwissenheit und der Albernheit gegenber der Voraussicht, Bildung und
Intelligenz. Napoleon sei krank, _die Revolution stehe vor der Tr_, und
dazu komme die Dummheit der Kaiserin.

In Paris glaubte kein Mensch an einen Krieg mit Deutschland. _Noch
Anfang Juli 1870, also vierzehn Tage vor Ausbruch des Kriegs, beschlo
die franzsische Deputiertenkammer die Herabsetzung des
Rekrutenkontingents von 100000 auf 90000 Mann._ Der Kriegsminister
Leboeuf erklrte, da, _wenn er der Herabsetzung zustimme, es geschehe,
weil er einen Beweis der Friedfertigkeit des Ministeriums geben wolle_.
Und der Ministerprsident Olivier erklrte auf eine Anfrage des
Abgeordneten Jules Favre, _da zu keiner Zeit die Erhaltung des Friedens
mehr gesichert sei als gegenwrtig. Nirgends gebe es eine aufregende
Frage._

Und doch kam ber Nacht der Krieg.

"Fern im Sd das schne Spanien" gab ungewollt die Gelegenheit dazu.
Seit Herbst 1868 war Spanien Republik, aber die herrschenden Klassen
sehnten sich nach der Monarchie. So gingen sie auf die Knigsuche. Wie
nachtrglich bekannt geworden ist, wurde bereits im September 1869 der
Frst Karl Anton von Hohenzollern davon unterrichtet, da man seinen
Sohn Leopold, der damals als Leutnant in einem preuischen Garderegiment
stand, zum Knig von Spanien wnsche. Der preuische Gesandte in
Mnchen, Freiherr v. Werthern, hatte dabei seine Hand im Spiele. Ob mit
oder ohne Wissen Bismarcks? Bismarck leugnete, da er davon etwas gewut
habe, aber wer glaubt es ihm? Ein Hohenzollernprinz als Kandidat fr den
spanischen Knigsthron war eine Sache von grter politischer Bedeutung,
sowohl fr die Hohenzollern wie fr Napoleon. Napoleon und Frankreich
fhlten sich in ihren Interessen aufs strkste gefhrdet, wenn neben dem
Hohenzollern an der Ostgrenze ein Hohenzoller auf der Sdgrenze als
Regent eines groen Staates hinzukam. Im Fall eines Kriegs mit
Deutschland mute alsdann Frankreich sich gegen einen Ueberfall von
Sden schtzen, was eine starke militrische Schwchung bedeutete.

Knig Wilhelm hatte bezeichnenderweise von einem ernsthaften Plan,
einen Hohenzollernprinzen auf den spanischen Knigsthron zu erheben,
_keine Ahnung_. Er erhielt die Nachricht darber erst Ende Februar 1870
und schrieb darauf unter dem 26. an Bismarck:

  "Die Einlage fllt mir wie ein Blitz aus heiterer Luft auf den Leib!
  Wieder ein hohenzollerischer Thronkandidat, und zwar fr Spanien. Ich
  ahndete kein Wort und spate neulich mit dem Erbprinzen ber die
  frhere Nennung seines Namens und beide verwarfen die Idee unter
  gleichem Spa! Da Sie vom Frsten Details erhalten haben, so mssen
  wir konferieren, obgleich ich von Haus gegen die Sache bin. Ihr W."

Bismarck lie sich aber durch diese Ansicht des Knigs nicht irre
machen, er verfolgte konsequent seinen Plan und erreichte schlielich
doch, da in einer Beratung unter dem Vorsitz des Knigs, an welcher der
Kronprinz, der Frst von Hohenzollern, er und Moltke teilnahmen, der
Kandidatur des Prinzen Leopold zugestimmt wurde.

Napoleon soll anfangs die Nachricht von der Kandidatur des
Hohenzollernprinzen ohne besonderen Widerspruch hingenommen haben, was
fr seine Apathie und sein Ruhebedrfnis sprche. Als aber Anfang Juli
die provisorische Regierung Spaniens sich fr die Kandidatur des
Hohenzollern aussprach und dieser Beschlu in Frankreich bekannt wurde,
begann der grte Teil der franzsischen Presse zu toben wegen der
Gefahr, die ein Hohenzoller auf dem spanischen Knigsthron fr
Frankreich bedeute. Jetzt mute auch Napoleon sich rhren. Er sandte
seinen Botschafter Benedetti um Aufklrung zu Bismarck. Dieser gab zur
Antwort, das _Ministerium_ wisse nichts von der Sache. So stellt er
selbst in "Gedanken und Erinnerungen" die Sache dar. Dort erklrt er im
zweiten Bande auf Seite 80: Politisch habe er der Frage ziemlich
gleichgltig gegenber gestanden. Auf der folgenden Seite aber uert er
bereits: "Wenn der Herzog von Gramont (in einer 1872 erschienenen
Broschre) sich bemht, den Beweis zu fhren, da ich der spanischen
Anregung gegenber mich nicht ablehnend verhalten htte, so finde ich
keinen Grund, dem zu widersprechen."

Einer seiner Verehrer hat recht, wenn er schreibt: "Indem Bismarck
Geschichte schreibt, macht er Geschichte", das heit er dreht die Dinge
so, wie sie ihm passen.

Dem Lrm in der franzsischen Presse folgte der Lrm in der deutschen.
Aber zunchst nicht berall. Noch am 12. Juli sprach die "Klnische
Zeitung" sich sehr entschieden gegen die Hohenzollern-Kandidatur aus im
Interesse der Ruhe Europas. Und wie man in jenen Tagen in Brgerkreisen
ber den Militarismus dachte, darber legt Zeugnis ab ein Beschlu einer
Vertrauensmnnerversammlung der Fortschrittspartei fr Rheinpreuen am
10. Juli in Kln. Jene Versammlung resolvierte:

  "Wir erwarten und fordern von den zu whlenden Abgeordneten zum
  Reichstag, da sie in der nchsten Session des Reichstags insbesondere
  fr die Verminderung der Militrlast durch Verminderung der
  Friedensarmee und Verkrzung der Dienstzeit eintreten und fr den
  Fall, _da diese Forderung abgelehnt wird, in Ausbung ihres
  verfassungsmigen Rechtes jedwede Bewilligung von Geldmitteln fr das
  Militr dem Bundesprsidium verweigern_."

Wer denkt in den brgerlichen Parteien heute noch an dergleichen
Schritte, obgleich mittlerweile die militrischen Rstungen zu Wasser
und zu Lande einen Umfang angenommen haben, den zu jener Zeit _niemand
fr mglich_ hielt.

Da kam der 13. Juli, der die Entscheidung brachte. Nach der offiziellen
und offizisen Darstellung der Begegnung des Grafen Benedetti mit Knig
Wilhelm in Ems sollte Benedetti in brsker Weise vom Knig gefordert
haben, zu erklren, da er nie wieder eine Hohenzollernkandidatur fr
den spanischen Thron zulassen werde, nachdem an demselben Tage auf
Betreiben des Knigs Wilhelm der Hohenzollernprinz seine Kandidatur
_zurckgezogen_ hatte. Der Knig hatte durch einen Adjutanten an
Benedetti diesem mitgeteilt, da er die Verzichtleistung approbiert
habe. Auf einen nochmaligen Wunsch Benedettis, den Knig zu sprechen,
lie dieser, wie sein Generaladjutant Prinz Radziwill nachher in einer
Erklrung mitteilte, "dem Grafen Benedetti durch mich zum dritten Male
nach Tisch, etwa um 6 Uhr, erwidern, Seine Majestt msse es entschieden
ablehnen, in betreff der bindenden Erklrungen fr die Zukunft sich in
weitere Diskussionen einzulassen. Was er heute morgen gesagt, wre sein
letztes Wort in dieser Sache, und er knne sich lediglich darauf
berufen. Hierauf erklrte Benedetti, sich seinerseits bei dieser
Erklrung beruhigen zu wollen." Damit war tatschlich der Zwischenfall
erledigt. Aber nicht fr Bismarck, dessen Plne auf einen Konflikt mit
Frankreich durch die Erklrung des Knigs durchkreuzt waren. Er erzhlt
selbst in "Gedanken und Erinnerungen", da, als er an jenem Tage mit
Moltke und Roon gemeinsam speiste, diese ber die Nachricht von der
Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron
im hchsten Grade deprimiert waren. Bismarck selbst war so aufgebracht,
da er seine Demission geben wollte. Bald darauf lief aus Ems eine lange
Depesche ein, in der Abeken im Auftrag des Knigs den Verlauf der
letzten Zusammenkunft desselben mit Benedetti schilderte, deren Inhalt
die letzte Hoffnung auf einen Konflikt mit Frankreich zerstrte. Roon
und Moltke legten tief betroffen Gabel und Messer hin, erzhlt Bismarck;
da die Aussicht auf Krieg geschwunden war, hatte ihnen den Appetit
verdorben. Darauf setzte sich Bismarck--immer nach seiner eigenen
Darstellung--an einen Nebentisch, nahm den Stift und strich die Depesche
so zusammen, da dieselbe einen vllig vernderten Charakter bekam. Als
er sie in seiner Fassung Moltke und Roon vorlas, leuchteten beider
Augen, und Moltke, der Schweiger, rief: "So, das hat einen anderen
Klang, vorher war es eine Schamade, jetzt ist es eine Fanfare." Alsdann
setzten sich alle drei frhlich zu Tisch und aen mit bestem Appetit
weiter. Der Krieg war gesichert.

Die Depesche ging in die Welt und wurde offiziell an alle fremden
Kabinette mit Ausnahme des Pariser verschickt, was die schwerste
Beleidigung fr die franzsische Regierung war. In der redigierten
Fassung lautete die Depesche:

  "Ems, 13. Juli 1870. Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des
  Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlich franzsischen Regierung von
  der kniglich spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der
  franzsische Botschafter in Ems an Seine Majestt noch die Forderung
  gestellt, ihn zu autorisieren, da Seine Majestt der Knig fr alle
  Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn
  die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurckkommen sollten.
  _Seine Majestt der Knig hat es darauf abgelehnt, den franzsischen
  Botschafter zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst
  sagen lassen, da Seine Majestt dem Botschafter nichts weiter
  mitzuteilen habe."_

Diese Bismarcksche Depesche hatte die gewnschte Wirkung. Sobald sie
bekannt wurde, war die Aufregung in Frankreich und Deutschland und weit
ber diese Lnder hinaus eine ungeheure. Ich bekam Kenntnis von
derselben, als ich am Nachmittag des 14. Juli im Vorderhause bei meinem
Friseur war und die damals von Professor Dr. Karl Biedermann redigierte
"Allgemeine Deutsche Zeitung" hereingebracht wurde, die jene Depesche
enthielt. Als ich sie gelesen, warf ich das Blatt mit den Worten auf den
Tisch: Da haben wir den Krieg! Der Friseur erschrak ber diese Aeuerung
aufs hchste, ich mute ihm auseinandersetzen, warum die Depesche diese
Bedeutung habe.

Wie vorauszusehen, erfolgte am 19. Juli die Kriegserklrung Frankreichs
an Deutschland, nachdem die franzsische Kammer bereits am 15. Juli eine
Kriegsanleihe in Hhe von 700 Millionen Franken gegen eine kleine
Minoritt bewilligt hatte.




Meinungsdifferenzen.


Die geschilderten Vorgnge hatten zwischen Liebknecht und mir abermals
eine Meinungsverschiedenheit hervorgerufen. Liebknecht hatte die
Ansicht, Napoleon wolle den Krieg, Bismarck habe aber nicht den Mut, den
hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. So schrieb er am 13. Juli im
"Volksstaat": "Das Frankreich des Bonaparte hat dem Preuen des Bismarck
die Kriegsfrage gestellt, und wenn letzteres sich nicht zu einem
schimpflichen Rckzug entschliet, ist der Krieg unvermeidlich." Am 16.
Juli schrieb er: "Der Mutige weicht zurck--vor dem Strkeren. Die
Hohenzollernkandidatur ist gegenber der drohenden Haltung Bonapartes
zurckgezogen worden; es bleibt Friede, und der gromchtige
Norddeutsche Bund, der Deutschland Achtung im Ausland verschaffen
sollte, hat mit derselben Demut, wie weiland in der Luxemburger Affre,
vor dem franzsischen Kaiserreich die Segel gestrichen."

Ich vertrat den entgegengesetzten Standpunkt. Wohl habe Napoleon den
Krieg erklrt, aber er sei nach meinem Gefhl in eine Falle getappt, die
Bismarck ihm gestellt; _letzterer_ wolle den Krieg, und er habe sein
Ziel erreicht. Ich war ber die Auffassung des "Volksstaat" im hchsten
Grade erregt, es kam zu lebhaften Errterungen zwischen Liebknecht und
mir, und erst auf eine Intervention Geibs kam es zu einer Verstndigung
zwischen uns. Vom 20. Juli ab vertrat der "Volksstaat" eine Auffassung,
die auch ich durchaus teilte.

Ohne Ahnung, da ein Krieg ausbrechen werde, hatten wir zum 17. Juli
eine Landesversammlung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei nach
Chemnitz einberufen. Natrlich muten wir nunmehr zur Kriegsfrage
Stellung nehmen. Dieses geschah durch folgende Resolution, die
Liebknecht und ich vorschlugen und die einstimmig angenommen wurde.

  "Die Landesversammlung protestiert gegen jeden nicht im Interesse der
  Freiheit und Humanitt gefhrten Krieg, als einen Hohn auf die moderne
  Kultur. Die Landesversammlung protestiert gegen einen Krieg, der nur
  im dynastischen Interesse gefhrt wird und das Leben von
  Hunderttausenden, den Wohlstand von Millionen auf das Spiel setzt, um
  den Ehrgeiz einiger Machthaber zu befriedigen. Die Versammlung begrt
  mit Freuden die Haltung der franzsischen Demokratie und insbesondere
  der sozialistischen Arbeiter, sie erklrt sich mit deren Bestrebungen
  gegen den Krieg vollstndig einverstanden und erwartet, da auch die
  deutsche Demokratie und die deutschen Arbeiter in diesem Sinne ihre
  Stimme erheben."

Die Pariser Arbeiter hatten schon vor uns sich gegen den Krieg
ausgesprochen. In hnlichem Sinne wie wir erklrten sich die Arbeiter
vieler Stdte in ffentlichen Versammlungen, so unter anderen in Barmen,
Berlin, Nrnberg, Mnchen, Knigsberg, Frth, Krefeld.

Anders dachte der Braunschweiger Parteiausschu, der zum 16. Juli eine
Volksversammlung einberufen hatte, in der er eine Resolution annehmen
lie, in der die Versammelten sich auf den Standpunkt stellten, da
Napoleon und die Majoritt der Volksvertreter Frankreichs die frivolen
Friedensbrecher und Ruhestrer Europas seien. Die deutsche Nation
dagegen sei die beschimpfte, die angegriffene, deshalb msse die
Versammlung den Verteidigungskrieg als unvermeidliches Uebel anerkennen,
sie fordere jedoch das gesamte Volk auf, mit allen Mitteln dahin zu
wirken, da dem Volke selbst die Entscheidung zwischen Krieg und
Frieden, wie berhaupt die vollste Selbstbestimmung werde. Dieser
Auffassung des Parteiausschusses schlossen sich eine groe Zahl
Parteiorte, namentlich in Norddeutschland, an. Es war also eine starke
Meinungsverschiedenheit in der Partei vorhanden.

       *       *       *       *       *

Der Reichstag war zum 19. Juli einberufen worden. Als Liebknecht und ich
am 18. von Chemnitz abreisten, waren bereits die Bahnen durch die
Militrtransporte so in Anspruch genommen, da wir auf dem Gnitzer
Bahnhof mehrere Stunden warten muten, ehe wir weiterfahren konnten.
Hier besprachen wir unsere im Reichstag zu beobachtende Taktik.
Liebknecht war der Ansicht, wir mten die Geldforderung strikte
ablehnen, da beide Teile am Kriege schuld seien und wir fr keinen Teil
Partei ergreifen drften. Ich erklrte dieses fr einen Fehler. Nach
Lage der Sache knnten wir allerdings fr keinen der streitenden Teile
Partei ergreifen. Dieser Eindruck wrde aber gerade dann, und zwar
zugunsten Napoleons, hervorgerufen, wenn wir gegen die Anleihe stimmten;
es bliebe uns kein anderer Weg, als uns der Abstimmung zu enthalten.
Schlielich ersuchte mich Liebknecht, den Entwurf einer Erklrung
auszuarbeiten und am nchsten Tage mit nach Berlin zu bringen. Dies
geschah. Nach einigen kleinen Aenderungen stimmte Liebknecht meinem
Entwurf zu, auch sollte ich die Erklrung im Reichstag abgeben. In der
Sitzung vom 21. Juli nahm ich das Wort: "Da, wie wir vernommen, es der
Wunsch ist, die Tagesordnung ohne Debatte zu erledigen, so sind wir
bereingekommen, keine Debatte zu provozieren, obgleich wir mit der
Ansicht des Hauses in keiner Weise einverstanden sind. Wir sind
entschlossen, in der vorliegenden Frage uns der Abstimmung zu
enthalten, und werden unsere Motive in einer schriftlichen Erklrung zu
den Akten des Hauses niederlegen."

Simson als Prsident meinte: Das zu tun, knne er uns nicht hindern. Die
Motivierung unseres Standpunktes lautete:

  "Der gegenwrtige Krieg ist ein dynastischer Krieg, unternommen im
  Interesse der Dynastie Bonaparte, wie der Krieg von 1866 im Interesse
  der Dynastie Hohenzollern.

  Die zur Fhrung des Krieges dem Reichstag abverlangten Geldmittel
  knnen wir nicht bewilligen, weil dies ein Vertrauensvotum fr die
  preuische Regierung wre, die durch ihr Vorgehen im Jahre 1866 den
  gegenwrtigen Krieg vorbereitet hat.

  Ebensowenig knnen wir die geforderten Geldmittel verweigern; denn es
  knnte dies als Billigung der frevelhaften und verbrecherischen
  Politik Bonapartes aufgefat werden.

  Als prinzipielle Gegner jedes dynastischen Krieges, als
  Sozialrepublikaner und Mitglieder der Internationalen
  Arbeiterassoziation, die ohne Unterschied der Nationalitt alle
  Unterdrcker bekmpft, alle Unterdrckten zu einem groen Bruderbund
  zu vereinigen sucht, knnen wir uns weder direkt noch indirekt fr den
  gegenwrtigen Krieg erklren und enthalten uns daher der Abstimmung,
  indem wir die zuversichtliche Hoffnung aussprechen, da die Vlker
  Europas, durch die jetzigen unheilvollen Ereignisse belehrt, alles
  aufbieten werden, um sich ihr Selbstbestimmungsrecht zu erobern und
  die heutige Sbel- und Klassenherrschaft, als die Ursache aller
  staatlichen und gesellschaftlichen Uebel, zu beseitigen."

Die geforderten 120 Millionen Taler Kriegsanleihe wurden vom Reichstag
bewilligt. Fritzsche, Hasenclever, Mende und Schweitzer stimmten dafr,
Frsterling hatte im Frhjahr sein Mandat fr Chemnitz niedergelegt. In
der Nachwahl war der Kreis den Hatzfeldtianern verloren gegangen. Als
aber die Anleihe zur Zeichnung aufgelegt wurde, gab die deutsche
Kapitalistenklasse der Welt ein trauriges Schauspiel. Obgleich das Geld
mit 5 Prozent verzinst werden sollte und der Glubiger fr 100 Taler nur
88 zu geben brauchte, fr die er aber nachher 100 Taler erhielt, wurden
nur 68 Millionen Taler gezeichnet. Das war eine ungeheure Blamage.
Anders in Frankreich. Dort wurden die geforderten 700 Millionen Franken
voll gezeichnet, und zwar zu dem gleichen Zins, den Deutschland bot.

       *       *       *       *       *

Unser Verhalten im Reichstag hatte die Differenzen zwischen uns und dem
Parteiausschu erweitert. Es kam zu sehr gereizten brieflichen
Auseinandersetzungen, namentlich zwischen Liebknecht und dem Ausschu,
da Liebknecht nicht im Sinne des Ausschusses den "Volksstaat" redigieren
wollte. Vergebens mahnte Liebknecht zur Vernunft. Unter dem 26. Juli
schrieb er an Bracke unter anderem: "Ich nehme Euch Euren patriotischen
Eifer nicht bel. Aber seid auch Eurerseits tolerant. Wenn Ihr mit
Bebels und meinem Verhalten auf dem Reichstag nicht einverstanden seid,
so mu dieser Zwist jetzt um jeden Preis beigelegt oder wenigstens ein
offener Ausbruch vermieden werden. Es darf in einem Moment, wie dem
jetzigen, in der Partei nichts vorkommen, was wie Uneinigkeit ausshe,
und ich beschwre Euch, alles zu unterlassen, was die Differenzen
verschrfen knnte."

Diese Bitte war vergeblich. Schlielich war Liebknecht so verrgert, da
er drohte auszuwandern, die Wirtschaft und der nationale Paroxismus ekle
ihn an. Auch mir wurden die Nrgeleien der Braunschweiger zu arg. Am 13.
August schrieb ich nach dort: "Wenn der Ausschu gegen Liebknecht
vorgeht, verzichten wir auf jede fernere Mitarbeit am 'Volksstaat'. Nach
Eurem Briefe (der an Liebknecht gerichtet war und Drohungen gegen ihn
enthielt) scheint Ihr in eine Art von nationalem Paroxismus verfallen zu
sein, scheint Ihr den Skandal und den Bruch in der Partei um jeden Preis
zu wollen. Einen Versto gegen die Parteiprinzipien knnt Ihr in unserem
Verhalten auf dem Reichstag nicht nachweisen. Statt Euch damit zu
begngen, da keine Verschrfung des Konflikts eintritt, verlangt Ihr
von Leuten, die eine feste Meinung haben, die Aenderung, die Verleugnung
dieser Ansicht. Der 'Volksstaat' hat sich gerade in den letzten Wochen
streng als Parteiorgan gezeigt. Beweis: das einstimmige Wutgeheul
unserer Gegner. Wollt Ihr auch in dieses nationalliberale Geheul mit
einstimmen? Ihr sprecht von schsischem Partikularismus. Und doch sind
wir gerade in Sachsen gut _sozialrepublikanisch_, und wir betrachten
alle den Krieg als einen dynastischen. Marx hat sich auch fr uns
erklrt."

Am 1. September schrieb Liebknecht auf einen Brief von Bracke: "Nicht
aus Furcht vor den Strebern habe ich Lust, wegzugehen, sondern aus Ekel
vor dem patriotischen Dusel. Diese Krankheit mu ihren Verlauf nehmen,
und whrend derselben bin ich hier sehr berflssig, kann aber
anderwrts sehr ntzlich sein, zum Beispiel in Amerika. Doch es wird
nicht so schlimm kommen, und ich werde nicht zu gehen brauchen."

August Geib-Hamburg suchte abermals zu vermitteln. Aber erfolgreicher
als alle Vermittlung wirkte der Gang der Ereignisse, der uns bald wieder
in die gleiche Schlachtlinie trieb.




Erklrungen und Proklamationen.


Am 17. Juli fand in Berlin ein groer Kriegsrat statt. Wie es mit den
Kriegsaussichten fr Preuen-Deutschland stand, zeigt eine Erklrung
Moltkes, die dieser zugleich im Namen Roons abgab: "_Preuen sei noch
nie in der Lage gewesen, hinsichtlich seiner Heeresverfassung,
Ausrstung, Hilfsmittel usw. mit solchen Aussichten auf Erfolg einen
Krieg anzunehmen wie gegenwrtig_. Er sei _sehr genau_ ber den
Fortschritt (er htte sagen knnen die Zurckgebliebenheit. A.B.) der
franzsischen Rstungen informiert, und _danach sei eine militrische
Ueberrumpelung seitens Frankreichs nicht zu frchten_." Die Richtigkeit
dieser Ansicht besttigte sich sofort. In Deutschland glaubte man
allgemein, der Kriegserklrung Napoleons werde ohne Verzug ein Einbruch
der franzsischen Armee in deutsches Gebiet folgen. Man wartete
vergebens. In Frankreich hatte die Kriegserklrung ein vollstndiges
Durcheinander hervorgerufen, kein einziges Armeekorps war auf Kriegsfu,
die Kopflosigkeit herrschte von oben bis unten. Anfang August standen
bereits 380000 Deutsche 250000 Franzosen gegenber. Und wie man in
deutschliberalen Kreisen die Situation ansah, bewies ein Toast des
Professor Biedermann in Leipzig auf einem studentischen Fest, in dem er
bereits _Ende Juli_ ausfhrte: Wir werden die franzsische Nation
daniederwerfen, da sie in einem Menschenalter nicht mehr an Krieg
denken kann. Wir werden das tun, indem wir dafr Sorge tragen, _da der
Leib Frankreichs etwas schmler wird_.

Hier wurde also bereits auf eine Annexion angespielt, noch ehe eine
Schlacht geschlagen war. Man rechnete also absolut sicher mit dem Siege.
In den offiziellen Aktenstcken lautete es um diese Zeit ganz anders! So
wurde in der Thronrede, mit der der Reichstag am 19. Juli erffnet
worden war, gesagt, "da man die Volkskraft zum Schutze unserer
Unabhngigkeit aufrufe", "Deutschland trage in sich selbst den Willen
und die Kraft der Abwehr erneuter franzsischer Gewalttat", man wende
sich getrosten Mutes "an die Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit des
deutschen Volkes mit dem Aufruf _zur Verteidigung seiner Ehre und seiner
Unabhngigkeit_". "Wir werden nach dem Beispiel unserer Vter"--so
lautete der Schlu--"_fr unsere Freiheit und fr unser Recht gegen die
Gewalttat fremder Eroberer kmpfen_, und in diesem Kampfe, _in dem wir
kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern,
wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vtern war_."

Nach dieser feierlichen Erklrung--deren Verfasser Lothar Bucher
war--handelte es sich also um einen _Verteidigungs-_, nicht um einen
_Eroberungskrieg_, mit dem Zweck, fr knftig den Frieden zu sichern.

Einen interessanten Satz enthielt aber noch die Thronrede; der Satz
lautete:

  "Das deutsche wie das franzsische Volk, beide die Segnungen
  christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes genieend und
  begehrend, sind zu einem heilsameren Wettkampf berufen als zu dem
  blutigen der Waffen."

Bezeichnend fr die Stimmung in den offiziellen Kreisen war auch die
Proklamation des Knigs von Preuen vom 11. August 1870, worin er
anzeigte, da er in Frankreich eingerckt sei und den Oberbefehl
bernommen habe: "Ich fhre Krieg mit den franzsischen _Soldaten_ und
nicht mit den _Brgern Frankreichs_."

Eine sehr gnstige Beurteilung in unseren Kreisen fand die Proklamation
des Prinzen Friedrich Karl:

  "An die Soldaten der zweiten Armee!

  Ihr betretet franzsischen Boden. Der Kaiser Napoleon hat ohne allen
  Grund an Deutschland den Krieg erklrt, er und seine Armee sind unsere
  Feinde. Das franzsische Volk ist nicht gefragt worden, ob es mit
  seinen deutschen Nachbarn einen blutigen Krieg fhren wolle, ein Grund
  zur Feindschaft ist nicht vorhanden. Seid dessen eingedenk den
  friedlichen Bewohnern Frankreichs gegenber, zeigt ihnen, da in
  unserem Jahrhundert zwei Kulturvlker selbst im Kriege untereinander
  die Gebote der Menschlichkeit nicht vergessen, denkt stets daran, wie
  eure Eltern in der Heimat es empfinden wrden, wenn ein Feind, was
  Gott verhte, unsere Provinzen berschwemmte. Zeigt den Franzosen, da
  das deutsche Volk nicht nur gro und tapfer, sondern auch gesittet und
  edelmtig dem Feinde gegenbersteht."

Und bereits am 25. Juli hatte der Knig auf die laut gewordenen
Kundgebungen ein Dankschreiben verffentlicht, in dem es hie:

  "Die Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande, die einmtige Erhebung der
  deutschen Stmme und ihrer Frsten hat alle Unterschiede und
  Gegenstze in sich beschlossen und vershnt, und einig, wie kaum
  jemals zuvor, darf Deutschland in seiner Einmtigkeit, in seinem Recht
  die Brgschaft finden, da der Krieg ihm den dauernden Frieden bringen
  und da aus der blutigen Saat eine von Gott gesegnete Ernte deutscher
  Freiheit und Einheit sprieen werde."

Es ist zu beachten, wie in diesem Dankschreiben am Schlu die Freiheit
vor die Einheit gesetzt ist. Das sollte mir spter verhngnisvoll
werden, als ich an dieses Versprechen in mehreren ffentlichen
Versammlungen erinnerte.




Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses.


Im "Volksstaat" vom 30. Juli verffentlichte der Parteiausschu einen
Aufruf, in dem der abweichende Standpunkt, der ihn damals von uns noch
trennte, zum Ausdruck kam. Nachdem er die Partei zu energischer
Ttigkeit aufgefordert, fuhr er fort: "Unsere Aufgabe ist es, bei der
Geburt dieses, wie wir hoffen, ganz Deutschland umfassenden Staates
_bestimmend mitzuwirken_, damit, wenn es mglich ist, _nicht der
dynastische Staat_, sondern der _sozialdemokratische Volksstaat_ (!!!
A.B.) ins Dasein tritt; unsere Aufgabe ist es--mag der gewordene neue
Staat bei der Geburt noch dynastische Frbung tragen--, ihm in ernstem,
schwerem Kampfe den Stempel _unserer_ Ideen aufzudrcken." Er hoffe, da
unsere Brder mit Begeisterung und Mut uns bald zum Siege in Frankreich
fhrten, doch solle man sich nicht vom Siegestaumel beherrschen lassen.
Man msse den Bruderkampf zwischen zwei Vlkern bedauern, aber
Deutschland sei unschuldig an dem Kriege; den Schuldigen werde die
Strafe ereilen, dann aber gelte es, uns krftig zu erhalten fr den
glorreicheren gemeinsamen Kampf aller Unterdrckten der Erde. Sei
Napoleon besiegt, werde das franzsische Volk freier aufatmen, und wir
htten alsdann unsere Machthaber daran zu erinnern, was dem Volke von
Gottes und Rechts wegen gebhre und was zu fordern die unendlichen Opfer
und Qualen des Krieges es doppelt und dreifach berechtigten.

Der Ausschu ahnte in seinem Optimismus damals nicht, da er das erste
Opfer sein werde, das die Herrlichkeit des Sieges zu kosten bekommen
werde. Die Armeen des Kaiserreichs wurden in rasch aufeinanderfolgenden
Schlgen zu Boden geworfen, Deutschland sah ganze Armeen franzsischer
Gefangener in seinen Gauen, deren Unterbringung und Verpflegung bald
eine unbequeme Last wurde. Es kam die Schlacht bei Sedan, die Napoleon
unter Umstnden annahm, da man fast glauben sollte, er habe absichtlich
so manvriert, um als Gefangener nach Deutschland, nicht als
geschlagener Kaiser nach Frankreich zu kommen. Als die Nachricht von
seiner Gefangenschaft nach Deutschland kam, jubelte alles, wir mit. Alle
Welt erhoffte das Ende des Krieges, dessen Schlachten mit ihren
ungeheuren Verlusten an Menschenleben schon den Ueberdru am Kriege
erzeugt hatten. "Ich scheue mich, nach den Verlusten zu fragen", schrieb
der Knig von Preuen nach den Schlachten um Metz an die Knigin. An den
Knig von Wrttemberg telegraphierte er: "Die Verluste der letzten
Schlacht (am 19. August) wie der vorhergehenden sind so bedeutend, da
die Siegesfreude sehr getrbt wird." Und die von Guido Wei redigierte
Berliner "Zukunft" schrieb: "Vor dem bleichen Purpur des Todes beugen
sich auch die im Purpur Geborenen. Eine Furcht berkommt selbst die
Furchtlosen: Zu weit ausgegriffen hat die Sichel, zu reichlich gedngt
ist das Blachfeld."

Doch der Krieg wtete weiter. Die Gefangennahme Napoleons bei Sedan
beantwortete Paris mit der Erklrung der Republik, ein Ereignis, das
namentlich im deutschen Hauptquartier sehr unangenehm berhrte. Um
Frankreich zu einer Republik zu machen, dafr hatte man den Krieg nicht
begonnen. Man frchtete das bse Beispiel, wie sich gezeigt hat, ohne
Grund. Als die Nachricht von der Verkndung der Republik nach
Deutschland kam, strzte Liebknecht in grter Aufregung und mit Trnen
in den Augen zu mir in meine Werkstatt, um mir das Ereignis zu
verknden. Er war frappiert ber die Khle, mit der ich die Nachricht
aufnahm. Aber auch im Braunschweiger Ausschu hatte die Nachricht wie
eine Bombe eingeschlagen und einen starken Gesinnungswechsel
hervorgerufen. Jetzt waren mit einem Schlage alle Differenzen zwischen
uns beseitigt. Sofortiger Friedensschlu mit der franzsischen Republik,
Ersatz aller Kriegskosten, aber Verzicht auf jede Annexion waren die
Forderungen, die wir jetzt gemeinsam erhoben. Aus dem Verteidigungskrieg
war mittlerweile der Eroberungskrieg geworden. Was Biedermann schon Ende
Juli angedeutet, wurde nach den vielen und raschen Siegen allgemeine
Forderung der liberalen und konservativen Presse.

In einem Manifest, das der Generalrat der Internationalen
Arbeiterassoziation mit Bezug auf den Krieg erlie und der "Volksstaat"
am 7. August verffentlichte, hie es: "Das Kriegskomplott vom Juli 1870
ist nur eine verbesserte Auflage des Staatsstreichs vom Dezember 1851."
Der Krieg habe so aberwitzig geschienen, da Frankreich nicht daran
glauben wollte, selbst die brgerliche Opposition habe die Geldmittel
verweigert. Die der Internationale angehrenden franzsischen Arbeiter
htten den Krieg als einen _dynastischen_ Krieg verurteilt. "Welchen
Verlauf auch immer der Krieg Louis Bonapartes mit Preuen nimmt, die
Totenglocke des zweiten Kaiserreichs hat bereits in Paris gelutet. Es
wird enden, wie es begonnen, mit einer Parodie." Auf deutscher Seite
sei der Krieg ein Verteidigungskrieg, "aber welche Politik habe
verschuldet, da Deutschland in diese Lage komme?" Die Kritik der
Bismarckschen Politik, die hier folgte, mute der "Volksstaat"
unterdrcken. "Wenn die deutschen Arbeiter es erlauben, da der
gegenwrtige Krieg seinen streng defensiven Charakter verliert und in
einen Krieg gegen das franzsische Volk ausartet, wird Sieg oder
Niederlage sich gleich verhngnisvoll erweisen." Der Generalrat weist
alsdann darauf hin, da in einem solchen Falle Ruland den Vorteil habe.

Im Sinne des Manifestes des Generalrats handelte jetzt der
Braunschweiger Ausschu, als er, datiert vom 5. September, einen Aufruf
"An alle deutschen Arbeiter" erlie. Mit Hinweis auf die neuesten
Ereignisse in Frankreich erwarte er, da die neue republikanische
Regierung den Frieden mit Deutschland zu erreichen suche. Darin mten
die deutschen Arbeiter die Absichten der republikanischen Regierung
untersttzen und einen ehrenvollen Frieden mit dem franzsischen Volke
fordern, fr den sie in Masse ihre Stimmen erheben sollten.

Der Ausschu zitiert dann aus einem Briefe von Karl Marx--dessen Name
aber nicht genannt wurde--, was folgen werde und folgen msse, wenn man
auf der Annexion von Elsa-Lothringen bestehen bleibe. Das Zitat lautet:

  "Wer nicht ganz vom Geschrei des Augenblicks bertubt ist oder ein
  Interesse daran hat, das deutsche Volk zu bertuben, mu einsehen,
  da der Krieg von 1870 ganz so notwendig einen Krieg zwischen
  Deutschland und Ruland im Schoe trgt, wie der Krieg von 1866 den
  von 1870.... Durch den Verlauf des jetzigen Krieges _sei der
  Schwerpunkt der kontinentalen Arbeiterbewegung von Frankreich nach
  Deutschland verlegt_. Damit hafte grere Verantwortlichkeit auf der
  deutschen Arbeiterklasse."

Der Ausschu akzeptierte diese Auffassung, forderte zu Kundgebungen auf
gegen die Annexion von Elsa-Lothringen und fr einen ehrenvollen
Frieden mit der franzsischen Republik. Der Aufruf schlo:

  "Wenn wir jetzt sehen, wie wieder ein groes Volk seine Geschicke in
  seine Hnde genommen, wenn wir heute die Republik nicht allein mehr
  sehen in der Schweiz und jenseits der Meere, sondern auch faktisch
  Republik in Spanien, Republik in Frankreich, so lasset uns ausbrechen
  in den Ruf, der, wenn es auch heute noch nicht sein kann, auch fr
  Deutschland einst die Morgenrte der Freiheit verknden wird, in den
  Jubelruf: Es lebe die Republik!"

Am 11. September hatte der "Volksstaat" den hier erwhnten Ausruf
abgedruckt, in der nchsten Nummer am 14. muten bereits Liebknecht und
ich eine Ansprache an die Parteigenossen verffentlichen, in der wir
anzeigten, da der General Vogel v. Falckenstein in Hannover--wie sich
herausstellte wider Recht und Gesetz--Befehl gegeben hatte, den
Parteiausschu, und zwar Bracke, Bonhorst, Spier, Khn und den
Buchdruckereibesitzer Sievers, mit Ketten gefesselt und unter starker
militrischer Bedeckung nach der Festung Ltzen in Ostpreuen zu
transportieren und dort zu internieren. Die den Verhafteten widerfahrene
Behandlung war eine hchst brutale, um nicht zu sagen grausame; sie
brauchten allein 36 Stunden, um nach Knigsberg zu gelangen. Auf der
Reise hielt man sie berall von seiten des Publikums fr gefangene
Landesverrter und behandelte sie danach. Wir forderten auf, da bis auf
weitere Anordnung der Kontrollkommission Briefe und Gelder an
Geib-Hamburg gesandt werden sollten. Der Schlu lautete:

  "Parteigenossen! Es ist ein schwerer Schlag, der die Partei getroffen,
  und es werden ihm vielleicht andere folgen.

  Steht fest und unverzagt; in der Gefahr zeigt sich die echte
  Ueberzeugung, bewhrt sich der rechte Mann.

  Arbeitet krftig fr die Ausbreitung der Partei und unserer
  Prinzipien, aber seid vorsichtig im Reden, vorsichtig auch im
  Schreiben--die uns feindliche Gewalt sucht alles gegen uns zu
  benutzen.

  Wirkt krftig fr Verbreitung des Parteiorgans, denn in ihm liegt in
  diesem Moment des geistigen Kampfes unsere Macht und unsere Strke.

  Es lebe der internationale Kampf des Proletariats! Hoch die
  sozialdemokratische Organisation!"

Die Nennung von Geibs Namen in unserer Ansprache gengte fr Vogel v.
Falckenstein, um auch diesen nach Ltzen schaffen zu lassen. Dasselbe
Schicksal traf Johann Jacoby wegen einer Rede in Knigsberg gegen die
Annexion, und Gutsbesitzer Herbig, der Vorsitzender jener Versammlung
gewesen war. Vogel v. Falckenstein handelte als Oberstkommandierender in
Norddeutschland, das er gegen eine eventuelle Landung der Franzosen an
den Nordksten verteidigen sollte. In Ermanglung kriegerischer Taten
verfiel er auf Polizeimaregeln.

Die Verhaftung Jacobys und Herbigs machte in der liberalen Presse einen
unangenehmen Eindruck. Ein linksliberales Blatt meinte: "Diese
Handlungen paten schlecht zu den groen Siegen und veranlaten die
Frage aufzuwerfen: _ob nicht dem deutschen Volk an innerer Freiheit
verloren gehe, was es an uerem Ruhm gewonnen."_

Wir sahen das Tun und Treiben der Machthaber als selbstverstndlich an.
Es war eben eine Illusion des Parteiausschusses, da er an eine
freiheitliche Gestaltung in der neuen Ordnung glaubte, die derselbe Mann
gewhren sollte, der sich bis dahin als der grte Feind jeder
freiheitlichen, ich sage nicht einmal demokratischen Entwicklung gezeigt
hatte, und der jetzt als Sieger dem neuen Reich den Krassierstiefel in
den Nacken setzte.

In Harburg wurden auch Bock und mehrere Genossen und in Halberstadt
Naters verhaftet und ins Gefngnis gesetzt, um ihnen einen Proze wegen
Verbreitung des Manifestes des Parteiausschusses zu machen. In Sachsen
erlie das Generalgouvernement fr das 12. Armeekorps Ende September
eine Verordnung, wonach alle Volksversammlungen mit Rcksicht auf die
Endziele des Kriegs verboten wurden. Ein Lichtblick in dieser Zeit war,
da in Kirchberg und in Mittweida (beide in Sachsen) die
Stadtverordnetenwahlen fr unsere Partei glnzend ausfielen. Auch war
trotz des Krieges am 1. August in Crimmitschau ein tglich erscheinendes
Parteiblatt, "Der Brger- und Bauernfreund", den Karl Hirsch redigierte,
erschienen, und am nchsten 1. Februar folgte die "Chemnitzer Freie
Presse", die ebenfalls tglich herauskam. Der Unterschied zwischen uns
und dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein bestand auch darin, da wir
Neugrndungen von Parteiblttern kein Hindernis in den Weg legten.

Anfang Oktober bedauerte die offizise "Norddeutsche Allgemeine
Zeitung", da man Liebknecht und mich nicht ebenfalls in Haft genommen
habe wie den Braunschweiger Ausschu, Johann Jacoby usw. Ihr Wunsch fand
bald Erfllung.

Die Kontrollkommission hatte den provisorischen neuen Ausschu nach
Dresden verlegt. Er wurde von den Genossen Knieling, Khler und Otto
Walster gebildet. Da wir wuten, da bei der Verhaftung des
Braunschweiger Ausschusses eine groe Menge Briefschaften beschlagnahmt
worden waren, schrieb ich an Walster, der Sekretr im neuen Ausschu
war, er mge sich den Braunschweiger Vorgang als Warnung dienen lassen
und keinen der Briefe aufheben. Aber wer diesen guten Rat _nicht_
befolgte, war Walster. Als spter--wie vorauszusehen war--auch bei ihm
Durchsuchung stattfand, fiel sogar mein Warnungsbrief der Polizei in die
Hnde, der dann in die Akten des bevorstehenden Hochverratsprozesses
wanderte.

       *       *       *       *       *

Ein eigenartiges Intermezzo erlebten Liebknecht und ich Ende Oktober.
Der 31. Oktober, der Reformationstag, an dem Luther seine 95 Thesen an
die Tr der Wittenberger Schlokirche schlug, ist in Sachsen ein
Feiertag. Zwei Tage vor demselben erhielt ich einen eingeschriebenen
Brief, worin Liebknecht und ich dringend ersucht wurden, in einer
hochwichtigen Sache am 31. Oktober nach Mittweida zu kommen. Wir folgten
der Einladung. Am Bahnhof wurden wir geheimnisvoll in Empfang genommen
und um die halbe Stadt nach einer Restauration gefhrt, woselbst wir zu
unserer Ueberraschung die gesamten Vertrauensmnner des oberen und
unteren Erzgebirges versammelt fanden. Darauf wurde von einem Redner an
uns die Frage gestellt, warum wir die Hnde in den Scho legten und
nicht zum Losschlagen aufforderten, die Armee sei doch auerhalb des
Landes, was im Lande sei, knne leicht berwltigt werden. Wir
schttelten ber diese Naivitt den Kopf. Ich nahm zunchst das Wort und
bewies dem Redner das Unsinnige seines Verlangens. Liebknecht sprach
sich selbstverstndlich im gleichen Sinne aus. Es kostete uns keine
Mhe, den Anwesenden die Richtigkeit unseres Standpunktes zu machen.
Die Anwesenden waren gleich uns auf Einladung von zwei Parteigenossen
nach Mittweida gekommen ohne Ahnung dessen, was man hier wollte.

Um dieselbe Zeit hielten die Zricher Parteigenossen eine ffentliche
Versammlung ab, in der der damalige _Staatsanwalt_ Parteigenosse
_Forrer_ eine Rede hielt, in der er folgende Resolutionen begrndete:

  "1. Unsere Sympathien gehren der franzsischen Republik! Mge es
  derselben gelingen, durch energischen Widerstand die Militrmacht
  Hohenzollern so zu schwchen, da ihr ein baldiger Friede angeboten
  werden mu.

  2. Wir sprechen unseren Parteigenossen in Deutschland und England
  (Marx und Engels) die wrmste Anerkennung aus.

  Namentlich seid Ihr, Brder in Deutschland, trotz Verfolgung und
  Unterdrckung, trotz Kerker und Ketten als Mnner fr Eure Prinzipien
  eingestanden, und wir haben das feste Vertrauen auf Euch, Ihr werdet
  Eure Schuldigkeit tun und Euch der weltgeschichtlichen Aufgabe der
  Sozialdemokratie wrdig erzeigen."

Uns bereitete damals diese Anerkennung unserer Zricher Genossen eine
groe Genugtuung, und ich empfinde sie noch heute. Gegenwrtig ist der
damalige Redner und Parteigenosse _Forrer_ Mitglied des schweizerischen
Bundesrats in Bern und war zeitweilig dessen Prsident.
Selbstverstndlich konnte er zu dieser Wrde nicht als Sozialdemokrat
gelangen. So weit ist man auch in der Schweiz noch nicht. Er rckte eben
mit der Zeit, wie so mancher andere, von links nach rechts und kam
dadurch zu Wrden und Ehren.




Annexionen und Kaiserkrone.


Der Krieg mit Frankreich wurde nach Sedan mit ungeschwchten Krften
weitergefhrt. Die kaiserliche Armee war zwar vernichtet oder gefangen,
aber jetzt hatte die Regierung der nationalen Verteidigung, an deren
Spitze Gambetta und Freycinet standen, die Organisation neuer Armeen in
die Hand genommen. Diese wurden mitten im Kriege sozusagen aus dem Boden
gestampft. Ein interessantes Buch ber diese groartige Leistung ist
"Lon Gambetta und seine Armee" von Freiherrn von der Goltz, Berlin
1877. Das Hauptverdienst fiel aber nicht Gambetta, sondern Freycinet,
dem ehemaligen Ingenieur, zu. Hatte der Krieg gegen das Kaiserreich
keine sechs Wochen gedauert, so jetzt gegen die Republik noch nahezu
sechs Monate. Die neue Regierung hatte zwar Versuche gemacht, Frieden zu
schlieen, allein diese scheiterten an dem Verlangen Bismarcks nach
Annexionen. Auch erklrte Bismarck, der immer noch an die
Wiedereinsetzung Napoleons dachte, die Regierung der Landesverteidigung
sei keine stabile Regierung, mit der man unterhandeln knne. Schlielich
mute man aber dennoch mit dieser Frieden schlieen.

Ende Oktober bergab Bazaine Metz mit 150000 Mann Besatzung und enormen
Kriegsvorrten, was ein Glck fr die deutsche Armeeleitung war, die
alle Krfte gegen die neugebildete franzsische Loire- und Nordarmee
brauchte.

Am 26. Oktober wurden Jacoby, Bonhorst und Herbig aus Ltzen entlassen.
Es standen die preuischen Landtagswahlen bevor, und da konnte man die
wider Recht und Gesetz verhafteten Landesangehrigen nicht in Haft
behalten. Einige Wochen spter, am 14. November, wurden die Mitglieder
des Braunschweiger Ausschusses wiederum in Ketten gefesselt von Ltzen
nach Braunschweig zurcktransportiert. Es sollte hier ein
Hochverratsproze gegen sie inszeniert werden. Endlich wurde Anfang
Dezember auch Geib aus Ltzen entlassen, und zwar auf Betreiben des
Hamburger Senats. Anklagematerial lag gegen ihn nicht vor.

       *       *       *       *       *

Auf den 24. November war der norddeutsche Reichstag zu einer
auerordentlichen Session einberufen worden, die zwar kurz, aber sehr
erregt war. Es handelte sich um eine weitere Bewilligung von Geldmitteln
fr die Fortfhrung des Krieges und um die Beratung der Versailler
Vertrge mit den sddeutschen Staaten und die neue Reichsverfassung.

Was bis dahin ber die Versailler Vertrge bekannt geworden war, hatte
in den liberalen Kreisen groe Verstimmung hervorgerufen. Danach waren
den sddeutschen Staaten, insbesondere Bayern, sogenannte Reservatrechte
eingerumt worden, die die Reichseinheit nur komplizierten. Die
norddeutsche Bundesverfassung sollte mit den unumgnglich ntigen
Aenderungen, die die Versailler Vertrge bedingten, Reichsverfassung
werden. Die Freiheit, die Ende Juli in seinem Dankschreiben der Knig in
Aussicht gestellt hatte, blieb wo sie war, in der Kaserne. Nicht einmal
die Diten wurden bewilligt. War schon durch diese Vorgnge die Stimmung
eine gedrckte, so noch mehr durch die Tatsache, da der Krieg sich in
die Lnge zog, ungeheure Opfer aller Art kostete und sich ein Ende nicht
absehen lie. Anfang September hatte Moltke an seinen Bruder
geschrieben, er hoffe Ende Oktober in Creisau (seinem Gute in Schlesien)
zu sein und Hasen zu schieen. Diese blieben aber unbehelligt von der
Moltkeschen Flinte.

Im Reichstag herrschte ber die Nachrichten vom Kriegsschauplatz eine
sehr gedrckte Stimmung. So hatte man sich den Gang der Dinge nicht
vorgestellt. Der Kriegsberichterstatter der "Klnischen Zeitung", ein
Herr v. Wickede, schrieb noch Ende Dezember:

  "Dieser entsetzliche Krieg, der mit Streitermassen gefhrt wird, wie
  solche die Geschichte aller Zeiten und Vlker noch niemals in dem
  Umfang gehabt hat, spottet in der Tat aller und jeglicher Berechnung.
  Man glaubte endlich am Ende desselben zu sein, und nun stellt sich
  heraus, da man am Ende des Monats genau so weit ist wie am Anfang
  desselben. Wir schlagen fort und fort die Franzosen, tten und
  verwunden ihnen Tausende von Soldaten ... und immer von neuem und
  wieder von neuem sammeln sich ihre geschlagenen Scharen ... und werfen
  sich uns sehr hufig mit dem wilden Mut der uersten Verzweiflung
  entgegen.... Es herrscht jetzt schon in manchen von unseren Gruppen
  besonders ausgesogenen Gegenden eine entsetzliche Hungersnot, die
  Leute fallen wie die Fliegen im Hochsommer zu Dutzenden um, und dieser
  Zustand wird sich im Laufe des strengen Winters in noch furchtbarerer
  Weise steigern."

Die Thronrede, mit welcher der Reichstag erffnet wurde, verlas der
Prsident des Bundeskanzleramts, Delbrck; es hie darin, die jetzigen
Machthaber Frankreichs zgen es vor, die Krfte einer edlen Nation einem
aussichtslosen Kampfe zu opfern. In einem gewissen Widerspruch hiermit
wurde bemerkt: Frankreich habe keine Regierung, mit der man
unterhandeln knne; es seien auch durch die Haltung der Bevlkerung die
Hoffnungen auf dauernden Frieden vernichtet worden. Sobald Frankreich
sich erholt oder durch Bndnisse sich stark genug fhle, sei eine
Wiederaufnahme des Krieges zu erwarten. Man sah also ein, wohin das
Verlangen nach Annexionen die knftige Entwicklung treiben werde.

Am 26. November stand die Forderung der weiteren Geldbewilligung (100
Millionen Taler) auf der Tagesordnung. Ich nahm zu dieser Forderung das
Wort. Vor mir hatte der Abgeordnete Reichensperger sich fr die
Bewilligung ausgesprochen. Meine Rede war nicht lang, aber sie erweckte
einen Sturm, wie ich ihn seitdem nie wieder mit einer Rede hervorrief.
Ich fhrte aus: Ich glaubte ein so guter Deutscher zu sein wie der
Vorredner, trotzdem kme ich bei Prfung der Sache zu dem
entgegengesetzten Resultat. Ich gab eine kurze historische Uebersicht
bis zum Sturze des Kaiserreichs und wies nach, da mit der Gefangennahme
Napoleons die eigentliche Kriegsursache beseitigt sei. Dabei sttzte ich
mich auf die Thronrede vom 19. Juli und die Proklamation des Knigs von
Preuen vom 11. August. Meine Ausfhrungen riefen groe Unruhe und
heftigen Widerspruch hervor. Die Behauptung, Frankreich besitze keine
Regierung, mit der man unterhandeln knne, sei falsch. Ich wies dieses
in meinen Ausfhrungen nach. Was den Friedensschlu unmglich mache, sei
die Forderung der Annexionen. Ich verurteilte dann scharf, da man uns
verbiete, in ffentlichen Versammlungen unseren Standpunkt ber die
Annexionen darzulegen. Diesen unseren Standpunkt begrndete ich nher.
Wiederum regnete es Unterbrechungen. Als ich dann auf die traurige Rolle
hinwies, die die deutsche Kapitalistenklasse bei der ersten
Kriegsanleihe gespielt und wie ganz anders sich dagegen die franzsische
Bourgeoisie im gleichen Falle benommen habe, brach vollends der Sturm
los. Ein groer Teil des Hauses hatte einen frmlichen Tobsuchtsanfall;
man berschttete uns mit Schimpfworten der grbsten Art, Dutzende von
Mitgliedern drangen mit erhobenen Fusten auf uns ein und drohten uns
hinauszuwerfen. Viele Minuten lang konnte ich nicht zum Worte kommen;
zum Schlu empfahl ich die Annahme des Antrags, den Liebknecht und ich
gestellt hatten. Dieser Antrag lautete:

  "Der Reichstag wolle beschlieen:

  Den Gesetzentwurf betreffend _den ferneren Geldbedarf fr die
  Kriegfhrung abzulehnen_ und folgendem Antrag seine Zustimmung zu
  geben:

  In Erwgung, da der am 19. Juli von Louis Bonaparte, damals Kaiser
  der Franzosen, erklrte Krieg durch die Gefangennahme Louis Bonapartes
  und die Niederwerfung des franzsischen Kaiserreichs tatschlich sein
  Ende erreicht hat;

  in Erwgung, da nach den eigenen Erklrungen des Knigs von Preuen
  in der Thronrede am 19. Juli und der Proklamation an das franzsische
  Volk vom 11. August der Krieg deutscherseits nur ein
  Verteidigungskrieg und kein Krieg gegen das franzsische Volk sei;

  in Erwgung, da der Krieg, welcher trotzdem seit dem 4. September
  gefhrt wird, in schroffstem Widerspruch mit dem kniglichen Wort,
  nicht ein Krieg gegen die kaiserliche Regierung und die kaiserliche
  Armee, welche nicht mehr existieren, sondern ein Krieg gegen das
  franzsische Volk ist, nicht ein Verteidigungskrieg, sondern ein
  Eroberungskrieg, nicht ein Krieg fr die Unabhngigkeit Deutschlands,
  sondern ein Krieg fr die Unterdrckung der edlen franzsischen
  Nation, die nach den Worten der Thronrede vom 19. Juli berufen ist,
  'die Segnungen christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes
  gleichmig zu genieen und zu begehren und zu einem heilsameren
  Wettkampf als zu dem blutigen der Waffen',

  beschliet der Reichstag, die verlangte Geldbewilligung fr die
  Kriegfhrung _abzulehnen,_ und fordert den Bundeskanzler auf, dahin zu
  wirken, _da unter Verzichtleistung auf jede Annexion franzsischen
  Gebiets mit der franzsischen Republik schleunigst Frieden geschlossen
  werde_."

Nach mir kam der Abgeordnete Lasker zum Wort, der sich in den Tnen
hchster sittlicher Entrstung ber uns und das franzsische Volk
erging. Kstlich war, wie er die Finanzwelt gegen meine Vorwrfe in
Schutz nahm. "Es ist wahr," fhrte er aus, "da die groe Finanzwelt
sich nicht erheblich beteiligt hat; es stand kein Gewinn in Aussicht (im
Falle des Sieges sogar ein recht groer. A.B.), und es ist die Weise
der Geschftsleute, wie dies in der Natur des Geschftslebens liegt,
sich nicht als Geschftsleute zu beteiligen, wenn eben ein Gewinn nicht
sichtbar ist. Nun, auch dort die Mnner--auf uns zeigend--, die ber den
Gewinn und die Belohnung lachen, ben doch ihre ideale Ttigkeit gegen
Entgelt aus (Heiterkeit), und ihre Leitungen, welche sie als
apostolische bezeichnen, erfolgen gegen Diten. (Heiterkeit. Sehr gut!)
Welche Verwirrung der Begriffe, wenn diese Herren, welche nach der Natur
ihrer Leistungen vielleicht mit geringeren Summen sich begngen mssen
(das Haus schttelt sich vor Lachen), ber die Lust am Gewinn die Nase
rmpfen. Also, die hhere Finanzwelt hat die Gelegenheit nicht fr
geeignet gehalten, gewinnbringende Geschfte zu machen."

Oeder und widerspruchsvoller konnte wirklich nicht die deutsche
Kapitalistenklasse zu rechtfertigen versucht werden. (In einer zweiten
Rede antwortete ich gebhrend Lasker.) Nach Lasker folgte
Braun-Wiesbaden, diesem Liebknecht. Dieser ging den liberalen Vorrednern
krftigst zu Leibe. Wiederum heftige Unterbrechungen, Ordnungsruf des
Prsidenten.

Liebknecht fhrte unter anderem aus:

  "Die Regierung, die im Juli den Krieg erklrt hat, ist beseitigt und
  ihr Fhrer sitzt auf Wilhelmshhe und ist der gute Bruder des Knigs
  von Preuen; er schwelgt in kaiserlichem Luxus, whrend die deutschen
  Krieger drauen ihr Blut vergieen und die furchtbarsten Strapazen
  erdulden mssen im Kampfe gegen das franzsische Volk, welches unser
  Brudervolk trotz alledem und alledem ist, und welches den Frieden mit
  uns will. (Unruhe, Zurufe) Es ist wahrlich ehrenhafter, der Bruder des
  franzsischen Volkes und der franzsischen Arbeiter zu sein, als der
  liebe Bruder des Schurken auf Wilhelmshhe. (Abgeordneter Dr. v.
  Schweitzer: Bravo, bravo!)"

Liebknecht schlo:

  "Die Anleihe, die man von uns fordert, ist fr die Durchfhrung der
  Annexion bestimmt, wie das ja auch aus dem Wortlaut der Thronrede
  hervorgeht. Die Annexion aber bringt uns nicht den Frieden, sondern
  den Krieg. Indem sie auch nach dem Frieden eine bestndige
  Kriegsgefahr schafft, befestigt sie in Deutschland die
  Militrdiktatur.... Aus diesen Grnden bin ich natrlich gegen die
  Kriegsbeile und habe mit meinem Freunde Bebel den Antrag auf
  Verweigerung derselben gestellt."

Dieser Antrag wurde gegen fnf Stimmen abgelehnt.

In der Sitzung vom 28. November, in der die dritte Lesung der
Kriegsanleihe auf der Tagesordnung stand, nahm der von unserer Partei
gewhlte Dr. Gtz-Lindenau, der im Mrz desselben Jahres noch die
Kandidatur Johann Jacobys fr den Reichstag befrwortet hatte, das Wort,
um sich fr die Kriegsanleihe auszusprechen, obgleich ihm dieses, wie er
versicherte, "blutessigsauer" werde, und obgleich er aus der Thronrede
entnommen, da der Krieg nicht den Frieden bringe und auch keine
Verminderung der Militrlasten zu hoffen sei. Die Rede war ungemein
konfus. Bezeichnend war, da, als wir in dieser Sitzung gegen Angriffe
durch Zwischenrufe uns wehrten, Lasker die Frage an den Prsidenten
richtete, ob nicht durch sofortige Aenderung der Geschftsordnung diesem
"Unfug" ein Ende gemacht werden knne. Liebknecht antwortete, indem er
auf die beleidigenden Zurufe und Reden hinwies, die wir in der Sitzung
am 26. November zu hren bekommen hatten. Als Liebknecht dann bei dem 1
des Gesetzentwurfes ber die Kriegsanleihe auf die gehrten Angriffe
antworten wollte, unterbrach ihn der Prsident, er knne nicht auf die
allgemeine Debatte zurckgreifen. Als Liebknecht mit vollem Recht diesen
Standpunkt nicht anerkannte, denn der 1 enthielt die Geldforderung fr
Fortsetzung des Krieges, entzog ihm das Haus auf Anfrage des Prsidenten
das Wort. Gegen die Kriegsanleihe stimmten in dritter Lesung Dr. Ewald
(Hannoveraner), Fritzsche, Hasenclever, Liebknecht, Mende, Schraps,
Schweitzer und ich.

Einige Tage spter stand eine Interpellation des Abgeordneten Duncker
und Genossen, betreffend die Handhabung der Verfassungsbestimmungen
whrend des Kriegszustandes, auf der Tagesordnung. Dieselbe richtete
sich gegen die Manahmen des Generals Vogel v. Falckenstein. Uns war
eine solche Interpellation einzubringen nicht mglich, weil wir nicht
die ntigen dreiig Unterschriften bekamen. Wenn man in brgerlichen
Kreisen den Gewaltakt gegen unseren Parteiausschu sich gefallen lie,
so hatte die Verhaftung Johann Jacobys viel bses Blut gemacht; sie
pate schlecht zu dem, was man von der neuen Reichsgrndung erwartete.
Jacoby harte sich nach seiner Verhaftung direkt beschwerdefhrend an
Bismarck im Versailler Hauptquartier gewandt und dessen Intervention fr
seine Freilassung verlangt, da seine Verhaftung ungesetzlicherweise
erfolgt sei. Bismarck gab in seiner Antwort an Jacoby indirekt diesem
recht, er tat aber nichts zu seiner Freilassung, offenbar wollte er es
mit den Militrs im Hauptquartier, mit denen er auf sehr gespanntem Fue
stand, nicht noch mehr verderben. Aber nach der Niederschrift
seines Leibjournalisten Moritz Busch, der ber die Herd- und
Tischunterhaltungen Bismarcks getreulich Bericht erstattete, uerte er
am 20. Oktober, als das Gesprch auf die Verhaftung Jacobys kam: "Ich
freue mich darber ganz und gar nicht; der Parteimann mag das tun, weil
seine Rachegefhle dadurch befriedigt werden; der politische Mann, die
Politik kennt solche Gefhle nicht; die fragt nur, ob es ntzt, wenn
politische Gegner mihandelt werden." Und als am 24. November, also
wenige Tage vor der Interpellation im Reichstag, das Gesprch wieder auf
das Thema kam, uerte Bismarck--nach derselben Quelle--, die Militrs
befragten ihn zu selten um seine Meinung. "So war's auch mit der
Ernennung Vogel v. Falckensteins, der jetzt den Jacoby gemaregelt hat.
Wenn ich mich vor dem Reichstag darber aussprechen mte, wrde ich
meine Hnde in Unschuld waschen; man htte mir nichts Unangenehmeres
einbrocken knnen. Ich bin militrfromm in den Krieg gekommen, knftig
gehe ich mit den Parlamentarischen, und wenn sie mich weiter rgern,
lasse ich mir einen Stuhl auf die uerste Linke stellen."

Schade, da er diese Drohung nicht wahr machte, ich wrde mich sehr
gefreut haben, wenn ich ihn in der nchsten Session, in der ich allein
die uerste Linke markierte, als Kampfgenossen an meiner Seite gehabt
htte.

Die Verhandlung, die am 3. Dezember stattfand, war sehr erregt. Duncker
wies nach, da Jacoby und Herbig zu unrecht verhaftet worden seien,
dasselbe gestand er auch unseren nach Ltzen geschleppten
Braunschweiger Genossen zu. Er verlangte--da mittlerweile, wie schon
bemerkt, die gefangenen preuischen Staatsangehrigen in Rcksicht auf
die bevorstehenden preuischen Landtagswahlen freigekommen waren--, da
Aehnliches knftig unterbleibe. Der Prsident des Bundeskanzleramtes,
Delbrck, nahm als Vertreter Bismarcks das Wort und versuchte die
Maregeln zu rechtfertigen. Ihm antwortete Windthorst, der ihm scharf zu
Leibe ging und unter anderem bissig bemerkte, da nach dem, was er heute
vom Prsidenten des Bundeskanzleramtes gehrt, er nicht recht daran
glaube, da es nunmehr gelingen werde, was zu Anfang des Krieges
versprochen worden war, "da der deutsche Staat ein Staat der
Gottesfurcht, der guten Sitten und der wahren Freiheit werde". Er
empfahl hhnisch, in die Friedensbedingungen mit Frankreich die
Bestimmung aufzunehmen, da es uns auch Cayenne und Lambessa abtrete,
damit man geeignete Orte habe, um unbequeme Persnlichkeiten
unterzubringen. Im weiteren beschwerte sich Windthorst bitter ber die
Mihandlungen, die Vogel v. Falckenstein gefangen gesetzten
Hannoveranern habe zuteil werden lassen. Im Laufe der Debatte nahm auch
ich das Wort, um die Behandlung zu schildern, die unseren gefangen
gesetzten Genossen auf der Reise nach und von Ltzen und whrend ihrer
Haft in Ltzen widerfahren sei. Auch beschwerte ich mich ber das
generelle Versammlungsverbot in Sachsen. Die Maregeln seien ein Hohn
auf Recht und Gesetz. Miquel billigte, wie nicht anders von ihm zu
erwarten war, nicht nur die Maregeln Vogel v. Falckensteins, er
behauptete sogar, da durch unsere Haltung in Deutschland Frankreich in
seinem Widerstand bestrkt worden sei, eine Behauptung, deren Unwahrheit
ich ihm sofort nachwies. Bekanntlich gehen in der Regel Interpellationen
aus wie das berhmte Hornberger Schieen, so auch diesmal.

In einer der folgenden Sitzungen standen die Vertrge mit Baden, Hessen,
Wrttemberg und Bayern zur Beratung. Ich erklrte mich sowohl gegen
diese wie gegen die neue Verfassung berhaupt. Das Volk werde in Blde
zur Einsicht darber kommen, wie es mit der deutschen Freiheit und
Einheit aussehe. Die drei Kriege, die Deutschland seit zehn Jahren
durchzufhren gehabt habe, htten es in freiheitlicher Beziehung nur
zurckgebracht. Doch das Volk werde einst sein Selbstbestimmungsrecht
fordern und erlangen und dann eine Verfassung sich selber schaffen, die
nur die Republik zum Ziele haben knne.

Nach mir nahm der Geheime Regierungsrat Wagener das Wort und erzhlte zu
Liebknechts und meiner groen Ueberraschung, da wir, wie er aus der ihm
soeben bermittelten "Brsenzeitung" ersehen habe, von dem
_franzsischen Konsul_ in Wien, Lefaivre, den Dank der franzsischen
Republik fr unser Auftreten im Reichstag empfangen htten. (Lebhafte
Zurufe: Hrt! Hrt! und Pfui!) Ich konnte darauf in einer persnlichen
Bemerkung nur antworten, da bis zu diesem Augenblick weder Liebknecht
noch mir ein solcher Brief zugegangen sei, was mir um so unbegreiflicher
wre, da, wie ich eben gehrt, auch die "Norddeutsche Allgemeine
Zeitung" den Brief abgedruckt habe. Ich sei der Meinung, da der Brief
eine elende Modifikation sei, die vom preuischen Pressebureau ausgehe,
um mich und Liebknecht zu diskreditieren. In der folgenden Sitzung hielt
Wagener seine Behauptung aufrecht. Der Brief, der an meine Adresse
geschickt worden, sei echt. Ich antwortete am Schlusse der Sitzung, da
ich bis zu diesem Augenblick den fraglichen Brief nicht erhalten habe,
also bei meiner ersten _Erklrung verbleiben_ msse. Schlielich erhielt
ich ihn aber dennoch; er war an Liebknecht und mich gerichtet. Der Brief
existierte also, er war vom 2. Dezember datiert und hatte sechs Tage
gebraucht, bis er in meine Hnde gelangte. Er lautete:

  "Meine Herren! Im Namen der franzsischen Republik, deren Regierung
  mich zu ihrem speziellen Vertreter bei der Demokratie Deutschlands
  bestellt hat, erachte ich es fr meine Pflicht, Ihnen fr die edlen
  Worte, die Sie im Berliner Parlament inmitten einer durch den Geist
  der Eroberung und der Trunkenheit des Militarismus fanatisierten
  Versammlung gesprochen haben, meinen Dank auszudrucken. Der Mut, den
  Sie bei dieser Gelegenheit bewiesen, hat die Aufmerksamkeit von ganz
  Europa auf Sie gelenkt und Ihnen einen ruhmvollen Platz in der Reihe
  der Streiter fr Freiheit erobert. Der freisinnige und humanitre
  Geist Deutschlands erleidet in diesem Augenblick, wie Sie, meine
  Herren, es so beredt dargetan haben, eine jener Verfinsterungen, die
  wir selbst whrend der Periode unseres ersten Kaiserreichs
  durchgemacht haben, und geht denselben Enttuschungen entgegen. Eine
  Sucht nach brutaler Herrschaft hat sich der erleuchteten Geister
  bemchtigt. Jene Denker, die noch vor kurzem solche Lichtstrahlen ber
  die Welt aussandten, sind heute unter der Eingebung des Herrn v.
  Bismarck zu Aposteln des Mordes und der Vernichtung einer ganzen
  Nation geworden. Sie, meine Herren, sind es und Ihre Partei, welche
  bei diesem allgemeinen Abfall die groe deutsche Tradition aufrecht
  erhalten.--In unseren Augen sind Sie die groen Vertreter einer
  deutschen Nation, die wir mit einer wahrhaft brderlichen Liebe
  umfassen und die wir zu lieben nicht aufgehrt haben. Frankreich
  begrt Sie, meine Herren, und dankt Ihnen, denn es erblickt in Ihnen
  die Zukunft Deutschlands und die Hoffnung auf eine Vershnung zwischen
  den beiden Vlkern."

Der Brief mochte gut gemeint sein, aber in jenem Augenblick bedeutete er
eine groe Taktlosigkeit. Wer ihn verffentlichte, haben wir nie
erfahren. Ich vermute, der Konsul wurde zu dem Briefe von einer Seite
animiert, die ein Interesse daran hatte, uns zu schaden.--

Whrend der Verfassungsberatung kam es zu einer heiteren Szene. Es war
bekannt geworden, da der Knig Ludwig II. von Bayern nach langem
Drngen und Unterhandeln sich bereit erklrt hatte, die deutschen
Bundesfrsten und freien Stdte zu ersuchen, dem Knig von Preuen die
deutsche Kaiserkrone anzutragen. Die Mitteilung dieses Ereignisses
sollte mit einer gewissen feierlichen Ueberraschung im Reichstag
erfolgen. In der betreffenden Sitzung erhob sich der Abgeordnete
Friedenthal und stellte eine diesbezgliche Anfrage. Darauf erhob sich
feierlich der Prsident des Bundeskanzleramtes, Delbrck, um das
betreffende Schriftstck vorzulesen. Aber er wute nicht, in welche
Tasche er es gesteckt hatte. In hchster Aufregung durchsuchte er
krampfhaft alle Taschen, ein Schauspiel, das im Hause ungeheure
Heiterkeit hervorrief. Schlielich fand er den Brief, aber die Wirkung
war verpufft. Delbrck war ein sehr tchtiger Beamter, aber die
trockenste Bureaukratennatur, die man sich vorstellen konnte. Eine
feierliche Manifestation zu inszenieren, dazu war er ganz und gar nicht
der Mann. Bismarck brauste auf, als er in Versailles von der
milungenen Manifestation hrte.

In dieser Debatte erregte eine Rede Liebknechts ber die neue Verfassung
und das neue Kaisertum Strme der Entrstung. Er warf einen Rckblick
auf die deutschen Einheitsbestrebungen, die eine ganz andere Einheit
Deutschlands als Ziel gehabt htten, als jene, die jetzt geschaffen
werde. Diese sei ein Gewaltwerk von oben, ber die sich die Frsten
verstndigt htten und zu dem der Reichstag einfach Ja sagen solle und
msse. Die Verfassung zeige, da sie im Heerlager zu Versailles ihren
Ursprung habe. Die dort abgeschlossenen Vertrge mit den sddeutschen
Staaten zeigten aber auch, da es sich nicht einmal um eine uere
Einheit handle. Das Hindernis einer wirklichen Einheit Deutschlands
bilde das Haus Hohenzollern, dessen Interessen im Gegensatz zu denen des
deutschen Volkes stnden. Die Krnung des neuen Kaisers solle man auf
dem (Berliner) Gendarmenmarkt vornehmen, der das geeignete Symbol
hierfr sei. Denn dieses Kaisertum knne nur durch den Gendarmen
aufrecht erhalten werden. Mehrere Ordnungsrufe und eine Reihe von
Zurechtweisungen durch den Prsidenten gaben der Rede die Weihe.

Am 10. Dezember wurde eine Deputation gewhlt, die dem Knig die
beschlossene Adresse mit den Glckwnschen des Reichstags zur
Kaiserwrde nach Versailles berbringen sollte. Die Fortschrittspartei,
die mit uns zum greren Teil gegen das Verfassungswerk stimmte, hatte
dem Bureau mitgeteilt, da sie auf Beteiligung an der Deputation
verzichte. Die Mitglieder sollten durch das Los bestimmt werden. Wir
schwiegen und lieen es darauf ankommen, ob einer von uns durch das Los
fr die Deputation bestimmt wrde. Selbstverstndlich htte er nicht
angenommen. Aber das Glck blieb uns fern. Als der Name Rothschilds aus
der Urne gezogen wurde, ging Windthorst feierlich auf diesen zu,
schttelte ihm krftig die Hand und gratulierte ihm zur Wahl. Das ganze
Haus brach in strmische Heiterkeit aus.

Die Deputation war von ihrer von vielen Hindernissen begleiteten Reise
und von dem Empfang im Versailler Hauptquartier nicht entzckt. Der
Empfang stand so gar nicht im Einklang mit den Vorstellungen, die sich
die Deputation von ihrer "hehren Mission" gemacht hatte. Der Knig
selbst stand der Kaisermache so gleichgltig gegenber, da er ganz
berrascht war, als der Kronprinz ihm mitteilte, die anwesenden Frsten
und Generale htten den Wunsch, bei Ueberreichung der Reichstagsadresse
durch die Deputation anwesend zu sein. Die trockene Antwort des Knigs
lautete: Wenn wirklich jemand von den Genannten dabei zu sein Lust habe,
habe er nichts dawider. Seine Stimmung wre wohl eine der neuen Wrde
gnstigere gewesen, htte die Deputation ihm in Aussicht stellen knnen,
da im Falle der Annexion von Elsa-Lothringen dieses Preuen
angegliedert werden solle. Es war der erste groe Krieg, den ein
Hohenzoller siegreich fhrte, der ohne Landeserwerb fr Preuen endete.
Das konnte ein Hohenzoller nur schwer verwinden.

Es ist also wie so vieles andere eine Geschichtslegende, zu behaupten,
der damalige Knig habe die deutsche Kaiserwrde als das Ziel seines
Sehnens angesehen. Daher entspricht auch die Darstellung, die der Kaiser
Wilhelm II. am 26. Februar 1894 in einer Rede bei dem Festessen des
Provinziallandtags der Provinz Brandenburg gab, nicht den gerichtlichen
Tatsachen. Damals fhrte Wilhelm II. mit Hinweis auf die Einigung
Deutschlands aus:

  "Das alte Deutsche Reich wurde verfolgt von auen, von seinen
  Nachbarn, und von innen, durch seine Parteiungen. Der einzige, dem es
  gelang, gewissermaen das Land einmal zusammenzufassen, das war der
  Kaiser Friedrich Barbarossa. Ihm dankt das deutsche Volk noch heute
  dafr. Seit der Zeit verfiel unser Vaterland, und es schien, als ob
  niemals der Mann kommen sollte, der imstande wre, dasselbe wieder
  zusammenzufgen. Die Vorsehung schuf sich dieses Instrument und suchte
  sich aus den Herrn, den wir als den ersten groen Kaiser des neuen
  Deutschen Reiches begren konnten. Wir knnen ihn verfolgen, wie er
  langsam heranreifte von der schweren Zeit der Prfung bis zu dem
  Zeitpunkt, wo er als fertiger Mann, dem Greisenalter nahe, zur Arbeit
  berufen wurde, sich jahrelang auf seinen Beruf vorbereitend, die
  groen Gedanken bereits in seinem Haupte fertig, die es ihm
  ermglichen sollten, das Reich wieder erstehen zu lassen. Wir sehen,
  wie er zuerst sein Heer stellt und aus dinghaften Bauernshnen seiner
  Provinzen sie zusammenreiht zu einer krftigen, waffenglnzenden
  Schar; wir sehen, wie es ihm gelingt, mit dem Heer allmhlich eine
  Vormacht in Deutschland zu werden und Brandenburg-Preuen an die
  fhrende Stelle zu setzen. Und als dies erreicht war, kam der Moment,
  wo er das gesamte Vaterland aufrief und auf dem Schlachtfeld der
  Gegner Einigung herbeifhrte."

In Wahrheit lagen die Dinge so, da nicht der alte Wilhelm, sondern sein
Sohn, der Kronprinz--der sptere Kaiser Friedrich--, Sehnsucht nach der
Kaiserwrde empfand und damals in Versailles alles aufbot, um dieselbe
durchzusetzen. Sein Freund, der bekannte Schriftsteller Gustav Freitag,
behauptete sogar, da dem Kronprinzen allein die Erlangung der
Kaiserwrde fr die Hohenzollern zu danken sei. Sicher ist, da neben
dem Kronprinzen auch Bismarck alles aufbot, um die Kaiserwrde fr die
Hohenzollern zu erlangen. Bismarck, der sicher hier der kompetenteste
Beurteiler ist, schreibt ber die Stellung des Knigs zur Kaiserwrde in
seinen "Gedanken und Erinnerungen":

  Die Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines bertragenen modernen
  Amtes, dessen Autoritt von Friedrich dem Groen bekmpft war, den
  groen Kurfrsten bedrckt hatte. Bei den ersten Errterungen sagte
  er: "Was soll mir der Charakter-Major?" worauf ich unter anderem
  erwiderte: "Euer Majestt wollen doch nicht ewig ein Neutrum
  bleiben,'das Prsidium'? In dem Ausdruck 'Prsidium' liegt eine
  Abstraktion, in dem Worte 'Kaiser' eine groe Schwungkraft."

Ausfhrlich und sehr lehrreich wird die Kaiserfrage in des Kronprinzen
Friedrich Tagebuch errtert, das der Geheimrat Geffken nach dem Tode
Friedrichs in der "Deutschen Rundschau", Oktoberheft 1888, zum grten
Aerger Bismarcks verffentlichte. Dort schreibt Friedrich unter dem 30.
September 1870:

  "Ich rede Seine Majestt auf die Kaiserfrage an, die im Anrcken
  begriffen; er betrachtet sie als gar nicht in Aussicht stehend; beruft
  sich auf du Bois-Reymonds Aeuerung, der Imperialismus liege zu Boden,
  so da es in Deutschland knftig nur einen Knig von Preuen, Herzog
  der Deutschen, geben knne. Ich zeige dagegen, da die drei Knige
  uns ntigen, den Supremat durch den Kaiser zu ergreifen, da die
  tausendjhrige Kaiser- oder Knigskrone nichts mit dem modernen
  Imperialismus zu tun habe, schlielich wird sein Widerspruch
  schwcher."

Und am 17. Januar, dem Tage vor der Ausrufung des Knigs zum deutschen
Kaiser, schreibt Friedrich:

  "Die Reichsfarben machen wenig Bedenken, _die, wie der Knig sagt,
  sind nicht aus dem Straenschmutz gestiegen; doch werde er die Kokarde
  nur neben der preuischen dulden, er verbat sich die Zumutung, von
  einem kaiserlichen Heere zu hren,_ die Marine aber mge kaiserlich
  genannt werden; _man sah, wie schwer es ihm wurde, morgen von dem
  alten Preuen, an dem er so festhlt, Abschied nehmen zu mssen._ Als
  ich auf die Hausgeschichte hinwies, wie wir vom Burggrafen zum
  Kurfrsten und dann zum Knig gestiegen seien, wie auch Friedrich I.
  ein Scheinknigtum gebt und dasselbe doch so mchtig geworden, da
  uns jetzt die Kaiserwrde zufalle, erwiderte er: Mein Sohn ist mit
  ganzer Seele bei dem neuen Stand der Dinge, whrend ich mir nicht ein
  Haar breit daraus mache und nur zu Preuen halte."

Am 11. Dezember, nach Schlu des Reichstags, reisten Liebknecht und ich
nach Leipzig zurck. Am 15. referierten wir in einer ffentlichen
Versammlung des sozialdemokratischen Arbeitervereins ber die
Verhandlungen des Reichstags. Die Versammlung war so massenhaft besucht,
da sie zur Volksversammlung wurde. Unter den Zuhrern befanden sich
eine Menge franzsischer Offiziere in Zivil, die als Kriegsgefangene in
Leipzig interniert waren. Die Versammlung verlief ausgezeichnet;
dieselbe nahm mit groer Begeisterung eine Resolution an, in der uns fr
unsere Haltung im Reichstag gedankt wurde. Zustimmungen zu unserer
Haltung waren uns auch aus einer Reihe anderer Orte zugegangen. Es war
auf lngere Zeit die letzte Versammlung, die wir abhalten sollten. Am
17. traf uns der Schlag, den wir lngst erwartet hatten. Ich hatte
bereits in einem Briefe vom 1. Dezember an den Parteigenossen F.A. Sorge
in Hoboken geschrieben: Die Wut der "patriotischen" Kreise gegen uns ist
grenzenlos; wenn man uns nchstens packen kann, dann geschieht's sicher
und fest.




Unsere Verhaftung.


An der Spitze des "Volksstaat" vom 7. September hatten wir mitgeteilt,
wir htten aus sicherster Quelle in Erfahrung gebracht, da auf
entschiedenes Verlangen im deutschen Hauptquartier, speziell des Grafen
v. Bismarck, die schsische Regierung entschlossen sei, gegen unsere
Partei mit allem Nachdruck vorzugehen. Haussuchungen und Verhaftungen
sollten bevorstehen. Wie auf Kommando ging fast die gesamte Presse, die
liberale voran, in Hetzartikeln gegen uns los. Man trieb die
Unverschmtheit so weit, da man uns des Landesverrats zugunsten
Frankreichs bezichtigte. Als dann im Dezember die damals erscheinende
offizise "Zeidlersche Korrespondenz" aus den bei dem Braunschweiger
Parteiausschu beschlagnahmten Briefen von Liebknecht und mir tendenzis
herausgerissene Bruchstcke verffentlichte, um ihre Denunziationen
gegen uns gerechtfertigt erscheinen zu lassen, schickte ich der Berliner
"Zukunft" folgende Erklrung zur Verffentlichung:

  "Die unter der Mitwirkung des Herrn Wagener auf Dummerwitz
  erscheinende 'Zeidlersche Korrespondenz' hat, wie ich aus hiesigen
  Lokalblttern ersehe, Bruchstcke aus Briefen von Liebknecht und mir,
  die bei Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses gefunden wurden,
  abgedruckt, um ihre Denunziantenmission daran zu ben. Obgleich ich
  der Meinung bin, da nur _durch Bruch des Amtseids eines Beamten_ die
  'Zeidlersche Korrespondenz' in der Lage ist, jene Bruchstcke zu
  verffentlichen, mu ich dennoch den Wunsch aussprechen, da sie statt
  der Bruchstcke den ganzen Inhalt meiner Briefe der ffentlichkeit
  bergebe.

  Ich habe alle Ursache zu glauben, da durch eine _solche_
  Verffentlichung klar und zweifellos festgestellt wird, wie Herr
  Zeidler und Konsorten die bruchstckweise Verffentlichung von
  Privatbriefen, die ihnen nur _von einem gewissenlosen Beamten_
  zugesteckt sein knnen, deshalb betreiben, weil sie dadurch ihr
  schwarzes Handwerk mit grerer Wirkung auf das leichtglubige
  Publikum ausben knnen.

  Mich wundert dieses Treiben nicht. Die offizise Premeute tut eben,
  was Natur und Amt ihr vorschreiben.

  Leipzig, den 16. Dezember 1870. A. Bebel."

Am 17. Dezember morgens arbeitete ich in meiner Werkstatt, als
pltzlich meine Frau totenbleich hereinstrzte und mir mitteilte, da
oben in unserer Wohnung ein Polizeibeamter sei, der mich zu sprechen
wnsche. Ich wute woran ich war. Ich eile die Hintertreppe hinauf und
treffe in unserer Wohnstube den mir bekannten Beamten, zugleich aber
auch einen Soldaten in kriegsmiger Ausrstung. Auf meine Frage, was
das bedeute, antwortete mir meine Frau, der Mann sei soeben als
Einquartierung eingetroffen. Alsdann teilte mir der Beamte mit, er habe
Auftrag, meine Papiere zu beschlagnahmen. Das war rasch geschehen, ich
hatte fr reinen Tisch gesorgt. Der Beamte erklrte weiter, er habe auch
Auftrag, mich zu verhaften. Ich kleidete mich rasch um, nahm Abschied
von Frau und Kind, mit der Vertrstung, ich wrde bald zurckkommen, und
stieg in die vor dem Hause wartende Droschke, die mich zunchst nach dem
Polizeiamt, von dort nach dem Bezirksgericht fhrte. Hier wurde mir im
Bezirksgerichtsgefngnis eine Zelle angewiesen. Ich mache kein Hehl
daraus, da, nachdem der Beamte das groe Schlo und die beiden eisernen
Riegel, womit nach alter Vter Weise die Tr versehen war, hinter mir
abgeschlossen hatte, ich wtend in der Zelle auf und ab lief und meinen
Feinden fluchte. Aber was half es? Der Kluge gibt nach. Am
nchsten Morgen (Sonntag) traten der Staatsanwalt und der
Bezirksgerichtsdirektor, der die Oberaufsicht ber das Gefngnis hatte,
herein und fragten: ob ich Wnsche htte. Ich bat, da ich mir Bcher
drfe kommen lassen und um Licht bis abends 10 Uhr. Der Direktor sagte
beides zu, Licht aber nur bis abends 8 Uhr. Der Staatsanwalt teilte mir
mit, da es sich bei der Untersuchung um meine gesamte agitatorische
Ttigkeit handeln werde, die man als staatsgefhrlich und
hochverrterisch ansehe. Die Untersuchung werde lngere Zeit whren, da
auch Recherchen nach auswrts ntig seien. Ich wrde morgen vor dem
Untersuchungsrichter mein erstes Verhr haben. Meine Spannung war gro.
Der Untersuchungsrichter, Landgerichtsrat Ahnert, dem ich vorgefhrt
wurde, empfing mich mit strenger Miene und groer Zurckhaltung. Es
werde gegen mich, Liebknecht und Hepner, die beide ebenfalls verhaftet
seien, was ich erst jetzt erfuhr, die Anklage auf Versuch und
Vorbereitung zum Hochverrat erhoben werden. Da Liebknecht mit mir
gepackt war, fand ich natrlich, aber auch der Unglckswurm Hepner, der
erst kurze Zeit zweiter Redakteur am "Volksstaat" war? Der war doch so
unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Weiter teilte mir zu meiner nicht
geringen Ueberraschung und Enttuschung der Richter mit, da er die
Untersuchung noch nicht weiter fhren knne, _weil der Hauptteil des
Untersuchungsmaterials noch in Braunschweig sei_. Er hoffe aber, da
dasselbe noch vor Neujahr eintreffe, worauf er alsdann mit allem Flei
an die Arbeit gehen werde. Man hatte uns also, streng genommen, ohne
gesetzlichen Grund verhaftet, denn weder der Richter noch der
Staatsanwalt kannten das Anklagematerial, auf Grund dessen wir angeklagt
werden sollten. Es war also offenbar der Wunsch des Hauptquartiers, uns
mglichst rasch unschdlich zu machen, fr unsere Verhaftung magebend
gewesen.

Ich war sehr rgerlich, als ich in meine Zelle zurckkehrte; ich hatte
jetzt reichlich Zeit, mich zunchst mit dieser zu beschftigen. Die
Zelle hatte gengend Raum, denn sie war fast leer. In einer Ecke an der
Tr stand ein groer, verdeckter hlzerner Kbel, ber dessen Zweck ich
kein Wort zu verlieren ntig habe. An der einen Wand war ein kleines
Regal angebracht, auf dem ein Wasserkrug stand und ein Gesangbuch und
das Neue Testament lagen. An der anderen Wand war eine drei Fu lange
schmale Bank befestigt, so da man sie nicht wegrcken konnte, und vor
derselben hatte man mir, als besondere Vergnstigung, ein kleines
Tischchen aufgestellt, so gro, da wenn ich einen Band Gartenlaube
darauf ausbreitete, die Tischplatte bedeckt war; ein Bett war nicht
vorhanden, die Matratze, die abends auf den Fuboden gelegt wurde,
wanderte am nchsten Morgen auf den Korridor auf einen Berg anderer
Matratzen. Unten vor meinem Fenster, das fest vergittert war und nur
durch Besteigen des Tischchens erreicht werden konnte, hrte ich Tag und
Nacht ein eigentmliches Gerusch. Als ich an das Fenster stieg, sah
ich, da unten in einem Garten sechs groe Kaffeerstmaschinen
aufgestellt waren, in denen groe Quantitten Kaffee fr die im Felde
stehenden Truppen gerstet wurden. Der Winter 1870/71 war wohl der
strengste, den wir in vielen Jahrzehnten hatten. Die armen Teufel im
Felde--Deutsche wie Franzosen--litten frchterlich unter Klte, Eis und
Schnee. Das Unwetter hatte frh eingesetzt und hrte erst spt auf. Aber
auch in meiner Zelle war es scheulich kalt. Der alte vorsintflutliche
eiserne Ofen, der morgens um 5 Uhr mit einer Handvoll Kohlen geheizt
wurde, gab keine besondere Wrme ab. Auerdem mute ich doch frische
Luft haben. Oeffnete ich also morgens die Fensterklappe, so war das
bichen Wrme im Nu verflogen. Ich fror hundemig. Um mich zu erwrmen,
setzte ich mich auf das Tischchen, sttzte die Fe auf die Bank und
umwickelte die Beine mit einer weien wollenen Decke, die ich als
Bettdecke erhalten hatte. Trotzdem bekam ich einen Blasenkatarrh. Zum
Unglck lag meine Zelle auch noch nach Norden. Liebknecht, als dem
ltesten unter uns, hatte man ein Zimmer, das damals fr sogenannte
Wechselgefangene reserviert war, eingerumt. Dies erfuhr ich bei einem
Besuche meiner Frau, die wchentlich einmal in Gegenwart des
Untersuchungsrichters mich kurze Zeit sprechen durfte. Auch wurde mir
die Korrespondenz mit ihr unter Kontrolle des Richters gestattet.

Sehr rasch entdeckte ich aber zu meinem groen Unbehagen, da ich die
Zelle nicht allein bewohnte; dieselbe wimmelte von Ungeziefer. Nun, ich
hatte Zeit zur Jagd, und ich war dabei erfolgreicher als Moltke mit
seiner Hoffnung auf die Greisauer Hasen. Die weie Wolldecke wurde zur
Falle. Ich hatte bald eine Rekordziffer erreicht. Ich ttete an einem
Tage, meine Leserinnen mgen nicht erschrecken, einundachtzig der
braunen Kerle, die man Flhe nennt. Allmhlich brachte ich die Zelle
rein, auch ohne Insektenpulver, das mir meine Frau auf mein Verlangen
ein paarmal sandte, das ich aber nie erhielt, weil es die Aufseher fr
sich verbrauchten. Ich hatte auch durchgesetzt, da meine Matratze in
der Zelle blieb, die vordem jedesmal am Abend voll Ungeziefer wieder zu
mir hereingebracht wurde. Kaum hatte ich aber mein "Heim" rein, so wurde
ich auf Anordnung des Arztes nach der Westseite umquartiert. Ich erhielt
jetzt eine Zelle, in der vor mir eine Kindsmrderin zugebracht hatte,
wie mir mein Aufseher in liebenswrdiger Weise mitteilte. Nun hatte ich
die Arbeit des Reinigens von neuem vorzunehmen.

Eine Untersuchungshaft wie die unsere ist die scheulichste aller
Haftarten. In strenger Einzelhaft hinter Schlo und Riegel sitzen
mssen, ohne zu wissen, wie lange die Haft whrt und welches
Anklagematerial vorliegt, wirkt ungemein aufregend und nervenzerrttend.
Endlich wurde ich Anfang Januar wieder dem Untersuchungsrichter
vorgefhrt. Als ich in das Zimmer des Richters trat, fiel mein Blick auf
ein stattliches Bndel blauer Papiere, die auf der breiten Fensterbank
lagen. Es waren meine Briefe an den Parteiausschu, die dieser mit den
Briefen von Liebknecht, Marx und Engels ganz besonders sorgfltig und
liebevoll aufbewahrt hatte. Ich wei nicht, was ich getan, htte ich in
diesem Augenblick unseren Parteisekretr Bonhorst zwischen den Fingern
gehabt. Bald ergab sich aber, da ich keine Ursache hatte, mich ber die
beschlagnahmten Briefe zu rgern. Der Untersuchungsrichter teilte mir
mit, da er erst vor ein paar Tagen das Anklagematerial erhalten habe,
da er aber gewillt sei, nach Mglichkeit die Untersuchung zu
beschleunigen. Und er hielt Wort. Mit jedem neuen Verhr wurde der
Richter zugnglicher. Selbstverstndlich waren unsere Briefe das erste
Material, was er durchstudierte. Und da nun diese fast alle streng
vertraulicher Natur waren, so hatten wir darin uns gegenseitig nicht nur
unsere Parteischmerzen, sondern auch unsere groen und kleinen
Privatschmerzen mitgeteilt, und dabei stellte sich heraus, da keiner
von uns auf Rosen gebettet war. Wohl zu seiner eigenen Ueberraschung
entdeckte der Untersuchungsrichter, da wir keine Landesverrter und
Knigsmrder seien, sondern Menschen, die von den besten Absichten
beseelt waren und warmes Herzblut in den Adern hatten. Ende Februar
hatte der Untersuchungsrichter das Riesenmaterial, das quantativ sehr
gro war--es waren allein gegen 2000 Briefe vorhanden--, durchgearbeitet
und die Untersuchung geschlossen. Der Untersuchungsrichter hatte, und er
war ein sehr intelligenter und gewissenhafter Mann, wie wir spter durch
unseren Rechtsanwalt Otto Freytag erfuhren, die Ueberzeugung gewonnen,
da wir nicht nur nicht wegen Versuchs, sondern auch nicht wegen
Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt werden knnten. Er stellte
demgem den Antrag auf unsere Haftentlassung, dem aber die
Staatsanwaltschaft widersprach.

Als Ende Februar 1871 in Oesterreich das Ministerium Graf
Hohenwart-Schffle ans Ruder kam und durch eine Amnestie die Wiener
Hochverrter Oberwinder, A. Scheu, Most usw. aus dem Zuchthaus entlassen
wurden, legte mir eines Abends gelegentlich eines Verhrs der
Untersuchungsrichter schweigend die "Leipziger Zeitung" vor, in der die
Depesche ber die Amnestie enthalten war. Ich konnte mich nicht
enthalten zu bemerken, dergleichen wrde uns nicht blhen; und ich
behielt recht. Ich hatte die feste Ueberzeugung, da wir verurteilt
wrden, nicht weil ich mich schuldig fhlte, sondern weil ich wegen der
Hatz, die namentlich auch whrend unserer Haft gegen uns fortgesetzt
betrieben wurde, der Stimmung der Geschworenen nicht traute. Auerdem
sagte ich mir auch, da die Regierung alles aufbieten werde, unsere
Verurteilung herbeizufhren. Andernfalls wre der Proze eine Blamage
fr sie geworden. Ich hatte sogar in einem Brief an einen Freund, den
ich meiner Frau zur Uebermittlung schickte, ausgesprochen, wir wrden
wohl mit zwei Jahren Festung hngen bleiben. Darber war namentlich Frau
Liebknecht, der meine Frau meine Ansicht mitgeteilt hatte, ganz
entsetzt. Aber meine Prophezeiung traf wieder einmal ein.

       *       *       *       *       *

Nachdem wir in Haft genommen waren, beriefen die Leipziger
Parteigenossen Karl Hirsch, der damals Redakteur am "Crimmitschauer
Brger- und Bauernfreund" war, nach Leipzig, um die Redaktion des
"Volksstaat" zu bernehmen. Karl Hirsch sprang bereitwillig ein und
verdiente sich durch die Art, wie er das Blatt in schwerster Zeit
redigierte, den Dank der Partei. In der Nummer 102 des "Volksstaat" vom
21. Dezember kndigte er an, da er die Redaktion auf unseren Wunsch
bernommen habe, und fuhr dann fort:

  "Die gegen unsere Freunde eingeleitete Untersuchung wird, wie ich
  hoffe, nicht von langer Dauer sein und, wie ich berzeugt bin, die
  Schuldlosigkeit derselben zum Ergebnis haben. _Einstweilen werde ich
  mir die edle, khne und nicht 'landesverrterische', sondern im
  Gegenteil wahrhaft patriotische Haltung, die der 'Volksstaat' unter
  seiner bisherigen Leitung eingenommen hat, bei meiner Redaktion zum
  Vorbild nehmen._

  An der Tendenz und am Erscheinen des Blattes wird nichts gendert, die
  gegnerischerseits gehegte Hoffnung, der Schlag, der unser Organ
  betroffen, werde die Partei mundtot machen, wird zuschanden werden."

Kaum war Hirsch in die Redaktion des "Volksstaat" eingetreten, so begann
Professor Biedermann in der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" auch gegen
ihn zu denunzieren. Im gleichen Sinne arbeitete die "Zeidlersche
Korrespondenz", die, wie sie von uns Briefe tendenzis stckweise
verffentlichte, dasselbe mit Briefen von Hirsch machte, die in
Braunschweig beschlagnahmt worden waren. Hirsch schttelte die
Denunzianten krftig ab. Weiter antwortete Hirsch damit, da er an der
Spitze des "Volksstaat" vom 1. Januar 1871 Freiligraths Gedicht "Die
Schlacht am Birkenbaum" zum Abdruck brachte.

Im Januar wurden die Wahlen zum Reichstag ausgeschrieben; sie sollten am
3. Mrz vorgenommen werden. Eine Landesversammlung der Partei hatte uns
wieder in unseren alten Wahlkreisen aufgestellt. In Leipzig vereinigten
sich die Lassalleaner mit unseren Genossen auf meine Kandidatur. Ich
lie das Komitee wissen, da ich im Interesse der Konzentration der
Mittel und Krfte auf die aussichtsreichen Wahlkreise eine Kandidatur
fr Leipzig nicht annehmen knne. Es blieb aber dabei. In brgerlichen
Kreisen veranstaltete man Geldsammlungen, um Liebknechts und meine Wahl
zu verhindern. In meinem Wahlkreis--Glauchau-Meerane-Hohenstein--hatten
die Gegner sich auf die Kandidatur von _Schulze-Delitzsch_ gegen mich
vereinigt. Schulze nahm die Kandidatur an, er weigerte sich aber,
Whlerversammlungen abzuhalten, da ich an der Abhaltung solcher
verhindert sei; dieselben wren ihm wahrscheinlich schlecht bekommen.
Ende Januar legte der provisorische Parteiausschu in Dresden sein
Mandat nieder; es galt, die Krfte zu konzentrieren, und so wurde auf
Anordnung der Kontrollkommission in Hamburg Leipzig Sitz des
provisorischen Ausschusses. Die Geldmittel waren natrlich sehr knapp.
Die Parteigenossen von heute ahnen nicht, mit wie wenig Geld damals die
Wahlen betrieben wurden. Ueber 500 bis 600 Mark gingen die Wahlkosten
kaum irgendwo hinaus.

Die Wahlen verliefen ungnstig; sie fanden statt unter Glockengelute
und Kanonendonner, da am 3. Mrz der Prliminarfriede in Versailles
unterzeichnet wurde. Die einzigen Sieger waren Schraps und ich im 17.
und 18. schsischen Wahlkreis. Ich hatte mit 7344 Stimmen gegen
Schulze-Delitzsch mit 4679 Stimmen gesiegt. Schraps, der streng genommen
nicht mehr zur Partei gehrte und an dessen Stelle von Rechts wegen
Julius Motteler htte aufgestellt werden sollen, siegte mit 5875 gegen
5706 Stimmen. Liebknecht unterlag im 19. schsischen Wahlkreis mit 3981
gegen 5134 Stimmen. Spier war in Mittweida-Frankenberg in engere Wahl
gekommen, er unterlag aber mit 4017 gegen 5430 Stimmen, die auf
Professor Biedermann fielen. In Leipzig hatte ich 2576, mein
Gegenkandidat Brgermeister Dr. Stephani 7312 Stimmen erhalten. Das
Resultat galt als sehr gnstig; im Herbst 1867 erhielten wir nur 900
Stimmen. In Leipzig-Land war Johann Jacoby aufgestellt worden, der mit
2877 gegen 5718 Stimmen seinem Gegner unterlag. Bracke wurde in Chemnitz
und im 22. schsischen Wahlkreis aufgestellt und erhielt 2972 bezw. 3477
Stimmen. Wir hatten in Sachsen ber 39000 Stimmen auf unsere Kandidaten
vereinigt. In manchen Wahlkreisen, wie Bielefeld, hatten unsere
Parteigenossen den Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
(Pfannkuch) untersttzt, in Mittel- und Sddeutschland hatten sie fast
berall von der Aufstellung eigener Kandidaten abgesehen. Der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein hatte im ganzen 63000 Stimmen auf seine
Kandidaten vereinigt.

Wie die angefhrten Zahlen zeigen, war die Beteiligung an der Wahl eine
schwache, nirgends herrschte Begeisterung fr das neue Reich. Der
schwere Druck, der auf Handel und Wandel lastete, die Arbeitslosigkeit,
alles Folgen des Krieges, dazu der lange und harte Winter, der den
Massen ebenfalls schwere Opfer auferlegte, schufen eine sehr gedrckte
Stimmung.

Sobald ich die offizielle Nachricht von meiner Wahl erhalten hatte,
schickte ich aus dem Gefngnis meinem Wahlkomitee folgende Danksagung
zur Verffentlichung:

  "An meine Whler! Parteigenossen! Ihr habt mir aufs neue einen
  glnzenden Beweis Eures Vertrauens gegeben, indem Ihr mich nunmehr zum
  dritten Male zum Vertreter des 17. Wahlkreises in den Reichstag
  erwhltet.

  Ihr habt mir Euer Vertrauen erhalten, obgleich ich nicht in Eurer
  Mitte erscheinen konnte, um meinen Standpunkt gegenber der neuen
  Sachlage der Dinge darzutun. Ebensowenig habt Ihr Euch auch beirren
  lassen durch die heftige und niedrige Kampfweise, womit die Gegner den
  Wahlkampf fhrten.

  Dies, verbunden mit der Tatsache, da der unterlegene Gegner als die
  gefeiertste Gre des Liberalismus und Kapitalismus gilt, macht die
  diesmalige Wahl fr mich doppelt ehrenvoll. Nehmt dafr meinen
  wrmsten und innigsten Dank entgegen und das Versprechen, da ich tun
  werde, was in meinen Krften steht, Euer Vertrauen zu rechtfertigen.

  Es lebe die Sozialdemokratie! Das sei der Ruf, mit dem wir neuen
  Kmpfen entgegengehen.

  Leipzig, Bezirksgerichtsgefngnis, den 13. Mrz 1871.

  Mit sozialdemokratischem Gru

  Euer A. Bebel."

Ich habe in meinem Leben oft das Glck gehabt, angesungen zu werden, und
zwar im guten wie im schlimmen Sinne. Auch in dem jetzt verflossenen
Wahlkampf spielte die Poesie eine, wenn auch zweifelhafte Rolle. So
verffentlichte der Brgermeister Hohensteins, natrlich anonym,
folgendes Gedicht:

  _Napoleon und Bebel._

  Er sitzt auf Wilhelmshhe,
  Er im Bezirksgericht.
  Er hat sie in der Zehe
  Und er im Kopf die Gicht.

Im "Meeraner Wochenblatt" hhnte ein anderer Anonymus ber mich:

  "_Der Wilhelmshher an Bebel_.

  Mein lieber Bebel!

  Lassen Sie uns ein vernnftiges Wort miteinander reden! Sehen Sie, ich
  bin ein alter Praktikus und habe das alles schon durchgemacht, was Sie
  noch vor sich haben. Ach, Bebel, wenn mir auch der Schlummerkopf vom
  "New-York-Herald" neulich wieder einige Hoffnung gemacht hat--ich
  frcht', ich frchte doch sehr, es wird mit mir nichts mehr werden.
  Mir fehlen die Mittel, noch einmal von vorn wieder anzufangen.

  Aber Sie, Bebel, Sie haben ohne Frage eine Zukunft. Sie sind noch
  jung, haben ein gewinnendes Aeueres, einen guten Appetit, eine edle
  Dreistigkeit, eine formidable Sprache und ein harmloses Wesen. Kommt
  dazu noch die Gunst der Weiber und die Freundschaft der Kirche, so
  haben wir alle Eigenschaften beisammen, deren ein junger Mann bedarf,
  um en gros sein Glck zu machen.

  Jetzt, Bebel, will ich Ihnen ein wichtiges Wort ber die Republik
  sagen. Die Republik ist eine sehr gute Einrichtung, wenn
  man--Prsident derselben ist. Ist man es nicht, so ist die Republik
  eine ebenso mangelhafte Staatsform wie alle anderen, das Papsttum mit
  einbegriffen. Wie man Prsident wird, Bebel, das will ich Ihnen einmal
  unter vier Augen sagen. Das aber kann ich Ihnen gleich ganz offen
  sagen, da von der Prsidentschaft bis zur Kaiserkrone nur ein Schritt
  ist." Und so weiter.

In Leipzig hatte man, und das ist von einem gewissen kulturhistorischen
Interesse, die Verhhnung unserer Personen whrend unserer Haft noch
weiter getrieben. So wurde in einem Tingeltangel eine Posse aufgefhrt,
betitelt: "Nebel und Piepknecht"; in einem anderen greren Lokal der
Stadt wurde eine Posse aufgefhrt, betitelt: "Bebel oder der erleuchtete
Schuster mit seinem Jungen." In dieser Weise machten die "Patrioten"
ihrem Zorn wider uns Luft.

Ein Teil der liberalen Presse war ber meine Wahl hchlich aufgebracht
und agitierte dafr, da der Reichstag bei seinem Zusammentritt sich
gegen meine Freilassung aus der Untersuchungshaft aussprechen sollte.
Die "Magdeburger Zeitung" war von Leipzig aus im gleichen Sinne
inspiriert worden. Darauf verffentlichte unser Anwalt Otto Freytag eine
Erklrung, in der er ausfhrte, die Behauptung, wir wrden wegen
Landesverrat oder Vorbereitung zum Landesverrat angeklagt, sei eine
Unwahrheit. Wir wrden wegen _Vorbereitung zum Hochverrat_, begangen
durch unsere Agitation, angeklagt. _Liebknechts und mein Verhalten in
der Kriegsfrage spiele auch nicht einmal nebenschlich eine Rolle._ Es
sei auch eine dreiste Unwahrheit, wenn behauptet werde, Staatsanwalt und
Untersuchungsrichter wrden sich einer Haftentlassung widersetzen. Im
Gegenteil, ihm habe der Untersuchungsrichter erklrt, da gegen eine
Haftentlassung, nachdem die Untersuchung beendet sei, nicht das
geringste Bedenken vorliege. Ebenso werde der Staatsanwalt _keine_
Bedenken gegen die Freilassung erheben.

Am 27. Mrz stellte Schraps, untersttzt von den Mitgliedern der
Fortschrittspartei, im Reichstag den Antrag auf meine Freilassung. Im
Gegensatz hierzu beantragten die Abgeordneten Dr. Stephani-Leipzig und
Professor Biedermann, den Reichskanzler um Auskunft ber den Stand der
Sache zu ersuchen. In ihrem blinden Ha fhlten sie nicht das Kleinliche
und Verchtliche ihrer Handlungsweise. Am 29. Mrz wollte der Prsident
die beiden Antrge auf die Tagesordnung der Sitzung vom 30. Mrz setzen.
Darauf erklrte der Abgeordnete Schraps zur Geschftsordnung: _Er habe
die Nachricht erhalten, da wir am gestrigen Tage aus der Haft entlassen
worden seien._

So war es in der Tat. Die schsische Regierung wollte die Debatte im
Reichstag umgehen, so ordnete sie unsere Freilassung an. Am Nachmittag
des 28. Mrz gegen 4 Uhr wurden pltzlich mit besonderer Hast Schlo und
Riegel an meiner Tr geffnet, und herein strzte der Aufseher mit dem
Ruf: Ich glaube, Sie kommen frei! Als ich aus der Zelle trat, standen
Liebknecht und Hepner bereits auf dem Korridor. Ohne ein Wort zu sagen,
strzten wir uns alle drei in die Arme. Wir hatten uns seit jener
ominsen Versammlung am 15. Dezember mit keinem Auge gesehen. Vor den
Untersuchungsrichter gefhrt, erklrte dieser, wir seien aus der Haft
entlassen, doch mten wir durch Handschlag versichern, keinen
Fluchtversuch zu unternehmen und den Bezirk, Stadt- und
Amtshauptmannschaft Leipzig, nicht ohne seine Zustimmung zu
berschreiten. Nachdem wir unsere Siebensachen zur Abholung bereit
gestellt, eilten wir fort nach Hause, wo es ein frohes Wiedersehen gab.
Mein Tchterchen sprang mir mit einem Freudenschrei an den Hals.

Zwei Tage danach, am 30. Mrz, wurde auch der Braunschweiger Ausschu
aus der Haft entlassen. Das Obergericht zu Wolfenbttel hatte die
Erhebung einer Anklage wegen _Hoch-und Landesverrat abgelehnt_. Die
Braunschweiger hatten 200, wir 101 Tage in der Haft zugebracht.
Optimisten nahmen an, da nunmehr auch wider uns die Anklage auf
Hochverrat fallen wrde.

Der Braunschweiger Ausschu wurde darauf im Herbst 1871 von dem
Kreisgericht in Braunschweig wegen einer Reihe Verste wider
verschiedene Paragraphen des Strafgesetzes verurteilt, und zwar Bracke
und Bonhorst zu 16 Monaten, Spier zu 14 Monaten, Khn zu 5 Monaten
Gefngnis. Auf erhobene Nichtigkeitsbeschwerde hob das Obergericht zu
Wolfenbttel das erste Urteil auf und verurteilte die Genannten wegen
Verstoes gegen das Vereinsgesetz: Bracke und Bonhorst zu 3 Monaten,
Spier zu 2 Monaten Gefngnis und Khn zu einer 6wchigen Haft. Die
Strafen wurden durch die Untersuchungshaft als verbt erachtet.




Meine weitere parlamentarische Ttigkeit, der Leipziger
Hochverratsproze und anderes.




Die erste Session des deutschen Reichstags.


Am 2. April 1871 fuhr ich zur Ausbung meines Mandats nach Berlin. Der
Reichstag, der diesmal in besonders feierlicher Weise durch den Kaiser
unter Anwesenheit der gesamten deutschen Frsten und Vertreter der
freien Stdte am 23. Mrz erffnet worden war, tagte im preuischen
Abgeordnetenhaus am Dnhofplatz.

Zunchst besuchte ich meine frhere Wirtin, um zu hren, ob ich wieder
Wohnung bei ihr bekommen knne. Sie erklrte, da sie zu ihrem groen
Bedauern mich nicht in Wohnung nehmen drfe. Nachdem Liebknecht und ich
im Dezember abgereist seien, _sei die Polizei zu ihr gekommen und habe
ihr heftige Vorwrfe gemacht, da sie uns Wohnung gegeben habe_. Wir
waren in jener Session auf Schritt und Tritt durch Geheimpolizisten
berwacht worden, als seien wir Verbrecher. Wie uns erging es den Polen.
Kleinlichkeit und Gehssigkeit, mit einem Wort Unanstndigkeit ist das
Charakteristikum der politischen Polizei, sobald es sich um die
Verfolgung von Gegnern der Staatsgewalt handelt. Das lernten wir spter
auch als schsische Landtagsabgeordnete in Dresden kennen.

Als ich in den Reichstag trat, waren die Pltze auf der Linken besetzt,
nur auf der uersten Rechten waren noch solche frei. Dorthin begab ich
mich, obgleich mir die Nachbarschaft der ehrenwerten Herren der
uersten Rechten nicht sehr sympathisch war. Aber sie begriffen mein
Unglck und lieen mich nicht entgelten, da ich als Saul unter die
Propheten geraten war. Sie benahmen sich durchaus als Gentlemen,
obgleich auch ihnen meine Nachbarschaft sicher unangenehm war. Manchmal
entstand im Hause Heiterkeit, wenn die Linke gegen die Rechte stimmte
und ich auf der uersten Rechten mich mit der Linken erhob. Unter
Larven die einzig fhlende Brust.

Die Generaldebatte ber die Reichsverfassung, die nunmehr nach den
ntigen redaktionellen Aenderungen auch der deutsche Reichstag
gutzuheien hatte, wurde bereits zu einer Kulturkampfdebatte. Die
Unfehlbarkeitserklrung des Papstes auf dem vatikanischen Konzil zum Rom
im Jahre 1870 hatte die Geister wach gerufen, und namentlich brannten
die Liberalen darauf, das, was sie an brgerlicher Freiheit preiszugeben
bereit waren, durch hochtnende Kulturkampfpauken (die Bezeichnung
Kulturkampf hatte der Abgeordnete Professor Virchow erfunden) vergessen
zu machen. Die katholische Partei hatte sich als Zentrum konstituiert
unter Fhrung von Windthorst und Malinckrodt. Unter den Kulturkmpfern
ragte namentlich Kiefer-Baden hervor, der eine hohe Richterstelle
bekleidete. Als ich am 3. April zum Wort kam, sprach ich meine
Verwunderung aus ber den religisen Charakter, den die Debatten
angenommen htten. Es scheine, da im neuen Deutschen Reich die
religisen Debatten alles andere verdrngen sollten. Jemanden, der wie
ich in den zwei Sitzungen, denen ich bis jetzt beigewohnt, auer
Religion kaum etwas anderes zu hren bekommen und mit den religisen
Dogmen vollstndig gebrochen habe, koste es eine gewisse
Selbstberwindung, diesen Verhandlungen lnger zuzuhren. (Heiterkeit.)
Ich griff darauf die Nationalliberalen an, deren Redner, Professor v.
Treitschke, erklrt hatte, Grundrechte fr eine Verfassung zu fordern,
gehre in die Zeit der politischen Kinderjahre. Ich stimmte ihm zu, denn
politische Kinderei sei es gewesen, wenn man 1849 dem Knig von Preuen
zugemutet habe, eine Verfassung anzunehmen, die volle Prefreiheit,
volle Vereins- und Versammlungsfreiheit, Trennung der Kirche vom Staate,
Gewhrleistung der persnlichen Freiheit und andere schne Dinge
verlangte. Es sei allerdings kindlich, das einem Hohenzollern zuzumuten.
Ich kritisierte weiter die Liberalen, die lieber alle Freiheiten
preisgben, als sich mit einer Partei, die als revolutionr gelte,
einzulassen. Indessen hoffte ich, da, ehe das neunzehnte Jahrhundert zu
Ende gegangen sei, wir alle unsere Forderungen verwirklicht htten.
(Groe Unruhe.) Diese Ansicht war, wie sich inzwischen gezeigt hat, sehr
optimistisch.

Nach mir sprach Miguel, der meinte, er werde nicht mit mir diskutieren,
vorlufig sei mein Partei noch keine Gefahr. Das sei anders mit den
Herren vor ihm (dem Zentrum), gegen die er losdonnerte. Zum Schlu der
Sitzung nahm ich das Wort zu einer persnlichen Bemerkung gegen Miguel.
Er habe sich etwas wegwerfend ber meine Partei ausgelassen. Ich
wunderte mich darber nicht, ich wolle aber doch konstatieren, da der
Abgeordnete Miguel--allerdings zu einer Zeit, wo er weder Bankdirektor
noch Oberbrgermeister gewesen sei--zu derselben Partei gehrt htte,
die er heute bekmpfte, _nmlich zur kommunistischen_. Das Haus war ber
diese Enthllung verdutzt. Miguel schwieg. Nach der Sitzung traten eine
ganze Anzahl Abgeordnete an mich heran, um zu hren, inwiefern der
erhobene Vorwurf wahr sei! Der Abgeordnete Miguel behandelte mich von
jetzt ab mit einer gewissen Hochachtung.

Kaum hatte man die Verfassungsberatung hinter sich, so kamen
Schulze-Delitzsch und Genossen und beantragten die Aenderung des
Artikels 32 der Verfassung zwecks Einfhrung der Diten. Bei der
Verfassungsberatung hatte man diesen Antrag nicht gestellt, obgleich er
dort am Platze war. In einer Rede, die ich dazu hielt, fhrte ich aus,
da nur die Angst vor der Sozialdemokratie die Herren abhielt, die
Diten durchzusetzen, die in allen anderen Vertretungskrpern eingefhrt
seien. Bismarck verhhnte die Antragsteller. Er wolle nicht mit voller
Sicherheit entscheiden, ob die Versammlung in ihrer Zusammensetzung nach
der Einfhrung der Diten noch dieselbe sei. Aber er wolle den Versuch
nicht machen, es wre ihm zu schmerzlich, wenn er sich vergeblich nach
der liebgewonnenen Versammlung zurcksehnen solle. (Groe Heiterkeit.)
Das Herrenhaus, das keine Diten erhalte, habe immer die Neigung, die
Sitzungen abzukrzen, bei dem Abgeordnetenhaus, das Diten erhalte, sei
das Gegenteil der Fall.

Am 24. April stand die Beschaffung weiterer Geldmittel zur Bestreitung
der durch den Krieg veranlaten auerordentlichen Ausgaben auf der
Tagesordnung. Die franzsische Nationalversammlung hatte zwar am 26.
Februar dem Prliminar-Friedensvertrag ihre Zustimmung gegeben, aber die
Frage der Kriegskostenzahlung war noch nicht endgltig erledigt. Man
brauchte fr die groe Armee in Frankreich weiter Geld. Bismarck nahm
zunchst das Wort, um die Notwendigkeit der Vorlage zu begrnden. Bis
jetzt habe Frankreich seine Zahlungsverpflichtungen nicht einhalten
knnen. Man knne ja in die inneren Verhltnisse Frankreichs eingreifen,
aber das wolle man nicht, es sei daher wnschbar, Frankreich Zeit zu
lassen, sich zu rangieren. Ich nahm nach Bismarck das Wort. Seine
Erklrung zeige, da er mit seiner Politik in der Klemme sei. Ich legte
dann noch einmal unseren Standpunkt in der Kriegsfrage dar. Htte man
nicht auf der Annexion bestanden, so wre der Friede schon seit vielen
Monaten geschlossen worden. Ungeheure Verluste an Menschen und Geld
wren uns erspart geblieben, und die Lage Deutschlands wre eine viel
gnstigere geworden, als sie jetzt sei. Zwei Milliarden damals seien
mehr wert gewesen, als heute fnf. Auerdem werde keine Regierung in
Frankreich, heie sie wie sie wolle, den Verlust von Elsa-Lothringen
vergessen drfen. Frankreich werde nach Bndnissen suchen, und Ruland
werde knftig anders zu der Frage stehen. Da es dem Reichskanzler
gelingen werde, Ruland ebenso ber den Lffel zu barbieren, wie ihm das
mit Napoleon gelungen sei, bezweifelte ich sehr. (Strmische
Heiterkeit.) _Sicher sei, da wir knftig ein viel hheres Militrbudget
aufzubringen haben wrden, als dieses bei einer vernnftigen
Verstndigung mit Frankreich unter Verzicht auf die Annexionen der Fall
wre._ Wie Napoleon in Frankreich, so werde der Reichskanzler in
Deutschland in seiner Politik durch die Bourgeoisie untersttzt. Es
seien nur die Arbeiter hben und drben gewesen, die allein fr den
Frieden eingetreten seien. Man sehe jetzt wieder, wie die so viel
angegriffene und verleumdete Kommune mit der grten Migung vorgehe.
(Groe, anhaltende Heiterkeit.)--Die Kommune war seit dem 18. Mrz in
Paris proklamiert worden.--Ich sei durchaus nicht mit allen Maregeln,
die die Kommune ergriffen, einverstanden, aber sie sei zum Beispiel der
groen Finanz gegenber mit einer Migung verfahren, die wir vielleicht
in einem hnlichen Falle in Deutschland schwerlich anwenden wrden.
(Heiterkeit.) Herr v. Kardorff nahm mir gegenber das Wort, um
festzustellen, da ganz Deutschland _ohne_ Annexion den Frieden nicht
gewollt habe, was ich durch heftigen Widerspruch bestritt.

In dieser Session wurde auch der Gesetzentwurf betreffend die
Verpflichtung zum Schadenersatz (Haftpflichtgesetzentwurf) bei Unfllen
beraten. Ich nahm bei der dritten Lesung das Wort und hob hervor, da
die Hoffnungen, die man in Arbeiterkreisen an das Gesetz geknpft,
einmal schon durch den Regierungsentwurf, nachher aber noch mehr durch
die Beschlsse des Reichstags zunichte gemacht worden seien. Ich wies
dieses in lngeren Ausfhrungen nach. Insbesondere kritisierte ich
scharf den 4, den Lasker in den Entwurf gebracht hatte, wonach der
ganze Betrag der Leitungen aus Versicherungsanstalten, Knappschafts-,
Untersttzungs-, Kranken-oder hnlichen Kassen, wenn zu der
Versicherungssumme der Unternehmer mindestens ein Drittel zahle, auf die
Gesamtentschdigung einzurechnen sei. Der Unternehmer, der den Nutzen
aus der Arbeit des Arbeiters ziehe, sei auch allein verpflichtet, ihn im
Falle des Unfalls voll zu entschdigen.

Schlielich verlangte ich, da bei Feststellung der Entschdigungen aus
den Kreisen der beiden beteiligten Parteien Sachverstndige in der Form
von Geschworenen oder Schffen hinzugezogen wrden, und zwar Unternehmer
und Arbeiter in gleicher Strke. So wie der Gesetzentwurf jetzt
vorliege, vermchte ich nicht fr denselben zu stimmen.

Da ich im Reichstag allein stand, Schraps zhlte ernsthaft nicht mit,
war ich gezwungen, hufiger als sonst in Berlin zu sein, um den
Sitzungen beizuwohnen. Nun verlangte aber auch mein Geschft dringend
meine Anwesenheit. Das Unbehagliche dieser Zwitterstellung lastete
schwer auf mir und kam in einem Briefe vom 10. Mai an meine Frau zum
Ausdruck, der ich schrieb:

  "Es ist eine unsglich langweilige Wirtschaft hier und meine Stellung
  mir deshalb im hchsten Grade unangenehm. Dieser Widerspruch zwischen
  meiner Stellung und der Notwendigkeit, im Geschft auf dem Platze sein
  zu mssen und zu wollen, ist es, was die schlimme Stimmung erzeugt,
  die Du und andere an mir bemerkt haben."

Diejenigen, die mich damals wegen meiner Ttigkeit im Reichstag
bejubelten, ahnten nicht, wie mir zumute war.

Am 25. Mai mute ich wieder ins Feuer. Auf der Tagesordnung stand der
Gesetzentwurf betreffend die Vereinigung von Elsa-Lothringen mit dem
Reiche; zugleich sollte, zunchst bis zum 1. Januar 1873, die Diktatur
in Elsa-Lothringen aufrechterhalten werden. Wiederum ging ich auf den
Verlauf des Krieges ein und auf die Versicherung des Knigs von Preuen,
da der Krieg ein Verteidigungskrieg sei. Die Annexion widerspreche
dieser Versicherung. Die Annexion bedeute nur eine Strkung der
Hohenzollernschen Hausmacht. In Elsa-Lothringen werde nur so regiert
werden, wie der Kaiser es wolle. Was aber die Diktatur bedeute, htten
wir seinerzeit nach der Annexion von Hannover erlebt, wie ich an
Beispielen nachwies. Man habe hier von der franzsischen
Prfektenwirtschaft gesprochen, von der angeblich die Elsa-Lothringer
erlst werden sollten; die preuische Landratswirtschaft sei aber um
kein Haar besser, eher schlimmer. Habe man doch krzlich einem in
Solingen zum Brgermeister Gewhlten die Bettigung versagt, weil er als
Beamter die Aktenschwnze nicht in Ordnung gehalten habe. (Groe
Heiterkeit.) Der Reichskanzler habe neulich in einer Sitzung, der ich
nicht beiwohnen konnte, davon gesprochen, man msse Elsa-Lothringen die
preuische Stdtefreiheit bringen. Ja, er habe sogar gesagt, da die
Bestrebungen der Kommune im Grunde darauf hinausliefen, die preuische
Stdteordnung in Paris einzufhren. Dafr aber zu kmpfen, lohnte nicht
die Mhe, denn diese sei keinen Schu Pulver wert. Habe aber der
Reichskanzler recht, dann begriffe ich nicht, wie er in dem
Friedensvertrag--der am 10. Mai in Frankfurt beiderseitig ratifiziert
worden war--die Bestimmung aufnehmen konnte, wonach der franzsischen
Regierung die gefangenen Armeen zur Niederwerfung der Kommune zur
Verfgung gestellt werden sollten. Auch habe er in demselben
Friedensvertrag festgesetzt, da dreiig Tage nach dem Falle der Kommune
Frankreich die ersten 500 Millionen Franken Kriegsentschdigung zu
zahlen habe. Das sei doch eine seltsame Art, wie er die Kmpfer fr die
preuische Stdteordnung in Paris behandle. Werde aber so von deutscher
Seite die Kommune bekmpft, so wolle ich meinerseits erklren, da das
europische Proletariat hoffnungsvoll auf Paris sehe. Der Kampf in Paris
sei nur ein kleines Vorpostengefecht, und ehe wenige Jahrzehnte ins Land
gegangen seien, werde der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg
den Palsten, Friede den Htten, Tod der Not und dem Miggang! der
Schlachtruf des europischen Proletariats sein. Ich schlo meine Rede,
indem ich der Hoffnung Ausdruck gab, die elsa-lothringische Bevlkerung
werde, ihrer freiheitlichen Mission bewut, den freiheitlichen Kampf mit
uns in Deutschland aufnehmen, damit endlich die Zeit komme, wo die
europischen Bevlkerungen ihr volles Selbstbestimmungsrecht erlangten,
das sie aber nur erreichen knnten, wenn die Vlker Europas in der
republikanischen Staatsform das Ziel ihrer Begebungen erblicken wrden.
(Unruhe.)

Frst Bismarck uerte im Herbst 1878 bei der Beratung des
Sozialistengesetzes, es sei diese meine Rede gewesen, die ihm die
Gefhrlichkeit des Sozialismus vor Augen fhrte. Davon war an jenem
Tage, an dem ich diese Rede hielt, nichts zu bemerken. Frst Bismarck
nahm unmittelbar nach mir das Wort und begann: Befrchten Sie nicht, da
ich dem Herrn Vorredner antworte; Sie werden alle mit mir das Gefhl
teilen, da seine Rede in diesem Saale einer Antwort nicht bedarf.
(Zustimmung.) Das war alles, was er gegen mich uerte. Auch die
folgenden Redner machten es sehr gndig mit mir, sie erwhnten mich
kaum. Dafr ging drauen in der Presse der Lrm um so rger gegen mich
los. Darauf erklrte Liebknecht im "Volksstaat" kategorisch: Was Bebel
gesagt, hat er sagen mssen; es war seine Pflicht, fr die Kommune
einzutreten! Mitten in dem Toben gegen mich erschien eine
Sonntagsplauderei in der "Berliner Brsen-Zeitung", die in einem ganz
anderen, und zwar viel harmloseren Ton gehalten war. Offenbar rhrte sie
von Stettenheim her, der damals Redakteur der "Berliner Wespen" war. Ich
hatte Stettenheim im Verein "Berliner Presse" kennen gelernt, den ich
manchmal auf Einladung von Robert Schweichel besuchte. Dieses ist auch
der Verein, von dem Stettenheim in der Plauderei spricht. Darin hie es,
soweit sie sich auf mich bezieht:

  "Berlin ist ruhig!

  Die Schsse, welche man dann und wann hrt, bedeuten nicht die
  Hinrichtung von Insurgenten, es sind Aeuerungen des artilleristischen
  Examens in Tegel, und der Qualm, welcher den Horizont einhllt, ist
  nicht der Rauch flammender Palste, es ist der Kongre der
  verschiedenen Sorten Staubes, welcher aus allen Ecken unserer
  geliebten Stadt aufsteigt und die Luft von Tauben, Spatzen und anderem
  Gefieder reinigt.

  Wir teilen dies in aller Eile und aus bester Quelle mit, um ngstliche
  Gemter, deren Berlin sehr viele zhlt, zu beruhigen....

  ... In der 'Kreuzzeitung' taucht sogar eine Mutter von acht Shnen
  auf, welche alle Mitmtter Berlins auffordert, den Kaiser zu bitten,
  zur Verhtung eines gleich schrecklichen Strafgerichts wie des Pariser
  alles vernichten und zerstren zu lassen, was Berlin an Anstalten,
  Auffhrungen, Bildern, Bchern usw. besitzt, welche der Moralitt
  unserer Kinder schdlich sein knnten....

  ... So hat die Rede Bebels gewirkt!

  Wir halten es fr unsere Pflicht, Oel in die aufgeregten Wogen der
  Phantasie zu gieen, welche eine Mutter von acht Shnen an die
  Inseratengestade der 'Kreuzzeitung' schleudert.

  Die Rede Bebels war allerdings etwas heftiger Art. Sie unterscheidet
  sich von gewhnlichen Tischreden durch Drohungen und Betrachtungen,
  welche furchtsame Ohren erzittern machen. 'Krieg den Palsten!' klingt
  etwas ungewhnlich. Bei einem solchen Ausruf wird bekanntlich
  vorzugsweise jeder unruhig, der kein Palais besitzt, sondern zur Miete
  wohnt. Der Palastbewohner von Berlin pflegt sich auf seinen Portier zu
  verlassen, der sich im Falle mit verdchtigen Besuchern herumbalgt,
  bis der Schutzmann erscheint und die Uebelwollenden zur Wache fhrt.

  Bebel rief: Krieg den Palsten! Er setzte allerdings hinzu: Friede den
  Htten! Das aber ist kein Balsam fr das blutende Herz einer Mutter
  von acht Shnen.... Friede den Htten! Was will das sagen?

  Es gibt vor allen Dingen gar keine Htten mehr. Man baut nur noch
  drei-, vierstckige Huser. Wo steht in Berlin eine Htte? Mit
  Httenfrieden ist wenigen gedient, und Bebel kann ihn versprechen,
  wie er auch allen, welche Sandalen tragen, Steuerfreiheit versprechen
  knnte. Steuerfreiheit ist nicht bel, aber wer trgt heute Sandalen?

  Mittags hatte Bebel seine Brandfackel zu Protokoll gegeben, abends
  trafen wir ihn in einem Verein.

  Dieser Verein treibt keine Politik, sondern anderen Unsinn. Man krzt
  sich die Zeit mit allerlei Gesprchen und Bieren.

  Man denke sich einen robusten Mann mit rtlichem Haar und
  energietrchtiger Nase--das ist Bebel nicht!

  Bebel ist eine zierliche Erscheinung. Aus einem hbschen Gesicht
  strahlen Augen, welche gewi schon viele Frauenherzen auf dem Gewissen
  haben. Aber Bebel ist kein Don Juan. Er ist solide, sogar philistrs,
  am allerwenigsten kokett, hauptschlich bescheiden. Wir haben bemerkt,
  da er das Feuerzeug weit wegschob, weil ihn der Schwefelgeruch
  augenscheinlich belstigte.

  Und nun fragen wir jede Mutter, ohne von jeder acht Shne zu
  beanspruchen, wir fragen jeden Berliner Junggesellen, Verlobte, Vter,
  Grovter: Sieht Bebel, welchen man nach seiner Rede fr den deutschen
  Haus- und Gebude-Nero halten mchte, wie seine Rede aus? Wir boten
  Bebel eine Zigarre an.

  Ich rauche nicht! sagte Bebel elegant abwehrend.

  Sollen wir noch etwas zur Beruhigung der Haupt- und Residenzstadt
  anfhren? Bebel raucht nicht. Bebel zndet keine Zigarre an--und er
  sollte Palste anznden?

  Wir haben leider vergessen, ihn zu fragen, ob er abends Oel oder Gas
  brennt. Wir sind berzeugt davon, da Bebel kein Petroleum im Hause
  hat. Und ein solcher Mann sollte----?

  Nein! Bebels Seele ist frei von Petroleum!

  Zum Ueberflu verwickelten wir ihn noch in ein Gesprch ber die
  Palste und hnliche Gebude in Berlin, die er nicht einmal alle
  kannte, und wiesen vorsichtshalber darauf hin, da Berlin recht arm an
  Palsten sei, so da es gar nicht die Mhe lohnte, einen Krieg gegen
  sie zu unternehmen. Bebel fiel es augenscheinlich nicht einmal ein,
  da wir mit Bezug auf seine Rede also sprachen, das 'Krieg den
  Palsten' war ihm ohne Zweifel nur so herausgefahren. 'Was nun die
  Berliner Htten betrifft,' fuhren wir fort, 'so ist in erster Linie
  der Eisbock zu nennen, hinter welchem reichlich unschnen Bauwerk alle
  anderen Htten zurckstehen. Wrde er verschwinden, so drfte Berlin
  kaum bestrzt sein.' Bebel hatte hflich zugehrt, aber er begriff
  kaum unsere Andeutung, da ein 'Krieg den Htten' uns am Ende, und
  zwar auf eine einzige beschrnkt, viel willkommener wre als irgend
  eine andere Demolierung, worin er uns recht zu geben schien, denn ihm
  gefiel der Eisbock ebensowenig wie irgend einem anderen Sterblichen.

  So haben wir also Bebel von seiner Rede zu trennen. In unseren
  Parlamenten wird manches gesprochen, was sich besser, respektive
  schrecklicher liest, als es sich einfach ausgefhrt denken lt.
  Erinnern sich unsere geehrten Leser geflligst der Dreizackrede des
  Abgeordneten Ziegler: 'Der Kultusminister mu fort von seinem Platz!'
  Herr v. Mhler sa dabei und zuckte die Achsel. Heute noch sitzt er
  'aufrecht auf der Matte'.

  Bebel ist der Ziegler der Palste!

  Ziegler ist der Bebel des Kultusministers."

Die Ausfhrungen, die ich in den hier von mir zitierten Reden ber die
Pariser Kommune machte, werden einem sehr erheblichen Teile meiner Leser
unverstndlich sein. Ein Teil derselben wei berhaupt nicht, was die
Kommune war, ein anderer Teil ist in Vorurteilen befangen durch das, was
er gegen die Kommune las, nur der kleinste Teil kennt die Geschichte der
Kommune. Unsere Stellung zu derselben spielte aber in den
Kmpfen--insbesondere in den Wahlkmpfen der siebziger und achtziger
Jahre--eine groe Rolle. Ich mute sogar noch in den neunziger Jahren
unsere Stellung zur Kommune im Reichstag verteidigen.

Im Mrz 1876 hatte ich in Leipzig eine groe Disputation mit dem
Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen Bruno Sparig, auf die ich
an geeigneter Stelle zurckkommen und meine damaligen Ausfhrungen ber
die Kommune zum Abdruck bringen werde.

       *       *       *       *       *

Der Reichstag wurde gegen Ende Mai 1871 geschlossen. Zu Hause
angekommen, machte ich die Bekanntschaft von _Johann Most_, der nach
seiner Amnestierung aus Oesterreich ausgewiesen worden und nach Leipzig
gekommen war. Nach seiner Haftentlassung wurde sein Brief bekannt, den
er an seinen Vater geschrieben hatte, der in Augsburg, irre ich nicht,
Beamter bei einer Kirchenstiftung war. Der Vater hatte versucht, den
Sohn von seinen "Irrwegen" abzubringen.

Most hatte darauf am 13. Januar 1871 unter anderem geantwortet:

  "Ich versichere es Ihnen: Wenn Sie mir eine Stelle mit einem
  Monatsgehalt von 1000 Gulden offerierten und ich einer mir
  gesinnungsfeindlichen Partei dienen sollte, und wenn mir andererseits
  von seiten meiner Parteigenossen nur trockenes Brot entgegengehalten
  wrde, so wrde ich, ohne mich zu besinnen, nach dem trockenen Brote
  greifen."

Dieser Brief spricht sehr zugunsten von Mosts Charakter. Was er schrieb,
war seine ehrliche Ueberzeugung, denn Most war im Grunde eine
vortrefflich angelegte Natur. Wenn er spter unter dem Sozialistengesetz
immer mehr auf Abwege geriet, Anarchist und Vertreter der Propaganda der
Tat wurde, ja schlielich sogar, er, der immer ein Muster von
Enthaltsamkeit war, als Trunkenbold in den Vereinigten Staaten
endete, so legte den Grund zu dieser schlimmen Entwicklung das
Sozialistengesetz, das ihn wie so viele andere auer Landes trieb. Wre
Most unter dem Einflu von Mnnern geblieben, die ihn zu leiten und
seine Leidenschaftlichkeit zu zgeln verbanden, die Partei htte in ihm
einen ihrer eifrigsten, opferwilligsten und unermdlichen Kmpfer
behalten. Er hat spter als Redakteur der von ihm gegrndeten
"Freiheit"--die erst in London, nachher in New York erschien--mich oft
heftig angegriffen. Noch schlimmer als mich behandelte er Ignaz Auer und
Liebknecht. Aber dennoch ist mir leid, da er, der gut Veranlagte, so
elend zugrunde ging.

Most wurde in Leipzig nach wenigen Tagen seiner Anwesenheit ebenfalls
ausgewiesen. Er ging nach Chemnitz, woselbst er Redakteur der
"Chemnitzer Freie Presse" wurde und den groen Metallarbeiterstreik
leitete, der im Hochsommer 1871 zum Ausbruch kam.

       *       *       *       *       *

Die Partei hatte sich von den Wirkungen der Kriegszeit rasch erholt. Die
glnzende industrielle Prosperittsperiode, die jetzt begann, kam der
Bewegung zustatten. Da die deutsche Frage einen Abschlu erlangt hatte,
der, wenn er auch uns nicht gefiel, zunchst keine Aussicht auf
Aenderung bot, beseitigte verschiedene Differenzpunkte, die bisher
zwischen den streitenden Arbeiterparteien bestanden. Das Schlachtfeld
wurde bersichtlicher und vereinfachter. In der Eisenacher Partei, wie
unsere Partei kurz genannt wurde, erschienen in Blde eine Anzahl
Parteiorgane. So neben den Blttern in Crimmitschau und Chemnitz solche
in Braunschweig, wo der unermdliche, immer opferbereite Bracke den
"Volksfreund" ins Leben rief und eine eigene Druckerei grndete, ferner
in Hamburg-Altona, Dresden, Nrnberg, Hof, spter in Mnchen und Mainz.
Dagegen ging der "Proletarier" in Augsburg Mitte Juni ein.




Der erste deutsche Webertag.


Die Prosperittsepoche, die nach dem Deutsch-Franzsischen Krieg
einsetzte, stimulierte die Arbeiterkreise zur Grndung neuer und
Ausdehnung der vorhandenen gewerkschaftlichen Organisationen. Ein
solches Bedrfnis machte sich auch unter der Weberbevlkerung geltend,
deren Lage eine besonders gedrckte war. Aus meinem Wahlkreis wurde die
Anregung zu einem deutschen Webertag gegeben, der vom 28. bis 30. Mai
1871 in Glauchau tagte. Derselbe war von 147 Delegierten besucht, die
134 Mandate aus 85 Orten zu vertreten hatten. Unter den Delegierten
befand sich auch der sptere Reichstagsabgeordnete Harm-Elberfeld, der
damals im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein stand. An Stelle von
Motteler, der eine notwendige Geschftsreise zu unternehmen hatte, war
mir das Referat ber die drei Fragen bertragen worden: 1. Wie ist es
gekommen, da in der Weberei die Lhne so gedrckt sind? 2. Wie sind sie
zu heben? 3. Wie sind sie den Zeitverhltnissen entsprechend zu
erhalten? Im Laufe des Vortrags wies ich darauf hin, da durch die
Annexion von Elsa-Lothringen mit seiner hochentwickelten
Baumwollspinnerei und -weberei den gleichen deutschen Industriezweigen
eine gewaltige Konkurrenz erwachsen drfte, die zweifellos auch eine
revolutionierende Wirkung auf die Art der bisherigen Produktionsweise in
Deutschland (weite Verbreitung der Hausweberei) ausben werde.
Glauchauer Kaufleute, die als Zuhrer anwesend waren und damals durch
ihre Faktoren in der Hausweberei arbeiten lieen, hrten diese
Ausfhrungen mit Kopfschtteln an. Als ich aber nach langer Haft im
Jahre 1875 in meinen Wahlkreis zurckkehrte, wurde mir allseitig die
Richtigkeit meiner Ausfhrungen besttigt. Davon berzeugte mich auch
der Anblick der Stdte in meinem Wahlkreis, in denen in wenig Jahren die
Fabriken wie Pilze aus dem Boden gewachsen waren. Ich empfahl, mit den
elsa-lothringischen Webereiarbeitern Fhlung zu nehmen. Weiter
beantragte ich Resolutionen, die ein Verbot der Kinderarbeit in den
Fabriken und die gesetzliche Einfhrung eines zehnstndigen
Normalarbeitstags verlangten, die einstimmig angenommen wurden. Ferner
wurde gegen zwei Stimmen die Abschaffung der Sonntagsarbeit zu fordern
beschlossen. Eine andere von mir eingebrachte Resolution, die nach
lebhaften Errterungen ebenfalls Zustimmung fand, betraf die
Arbeitseinstellungen, und lautete:

  "Der allgemeine deutsche Webertag empfiehlt allen Fachgenossen, bei
  Organisierung von Streiks mit der grten Vorsicht vorzugehen und
  unter keinen Umstnden eine Arbeitseinstellung vorzunehmen, wenn nicht
  die Gewiheit vorhanden ist, da durch gengende Mittel und
  Untersttzung der Erfolg gesichert ist."

Bezglich der Schiedsgerichte schlug ich folgende Resolution vor:

  "Der erste allgemeine deutsche Webertag erachtet es fr wnschenswert,
  da sich Schiedsgerichte bilden, die zu gleichen Teilen aus Arbeitern
  und Arbeitgebern bestehen, um Differenzen, durch die ein Streik droht,
  auf gtlichem Wege auszugleichen."

Schlielich wurde ein Komitee von fnf Personen niedergesetzt (Sitz
Glauchau), das die Agitation und Organisation der Fachgenossen in die
Hand nehmen und regelmig Zirkulare herausgeben sollte mit
fachgenssischen Mitteilungen. Es fand auch ein zweiter Webertag in
Berlin statt, und eine Anzahl Zirkulare wurden ebenfalls herausgegeben,
dann aber brach die Bewegung wieder zusammen.




Weiteres aus Sachsen.


Zum 14. Juni 1871 hatten wir in Leipzig eine Volksversammlung einberufen
mit der Tagesordnung: "Die hohen Kommunalsteuern und die stdtische
Verwaltung". Leipzig hatte seit 1848 keine solche Beteiligung gesehen
wie bei dieser Versammlung. Eine wahre Vlkerwanderung begann nach dem
Versammlungslokal, das, obgleich es 5000 Kpfe fate, kaum den dritten
Teil der Besucher aufnehmen konnte. Die Versammlung war eine Antwort auf
die heftigen Angriffe, welche die Leipziger Presse gegen unsere Partei
und speziell gegen mich wegen meines Auftretens im Reichstag inszeniert
hatte. Ich ging mit der Stadtverwaltung streng ins Gericht. Die von mir
vorgeschlagenen Resolutionen tadelten das _Steuersystem_, das die
kleinen Leute zugunsten der Wohlhabenden ungerecht belaste, sie tadelten
ferner die _Verwendung_ der Gemeindesteuern, die hauptschlich im
Interesse der besitzenden Klasse erfolge, und forderten, da diese
Wirtschaftsweise nur durch das begehende Klassenwahlgesetz mglich sei,
die Einfhrung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten
Wahlrechts. Die Versammlung nahm unter strmischem Beifall meine
Vorschlge gegen drei Stimmen an. Die liberale Presse tobte.

Jetzt begann auch die Aera der Verfolgungen in Sachsen. Im Juli wurde
Vahlteich, der als Stellvertreter fr Hirsch am "Crimmitschauer Brger-
und Bauernfreund" eingetreten war, als letzterer die Redaktion des
"Volksstaat" bernahm, wegen Majesttsbeleidigung durch die Presse zu
drei Monaten Festungshaft verurteilt. Kurz darauf erhielt Karl Hirsch
wegen desselben Deliktes vier Monate Festungshaft.

Den 3. August erffnete die Staatsanwaltschaft Liebknecht, Hepner und
mir, da sie gegen uns die Anklage auf Vorbereitung zum Hochverrat
erheben werde, auerdem gegen Liebknecht wegen Majesttsbeleidigung. Am
27. September beschlo die Anklagekammer, dem Antrag der
Staatsanwaltschaft stattzugeben. Die von uns hiergegen eingelegte
Nichtigkeitsbeschwerde bei dem Oberappellationsgericht in Dresden wurde
am 10. November _verworfen_.




Der Dresdener Parteikongre.


Derselbe war auf den 12. bis 14. August 1871 berufen worden. Er war von
56 Delegierten besucht, die 6220 Parteigenossen aus 75 Orten zu
vertreten hatten. Ich wurde erster, Bracke zweiter Vorsitzender. Die
Tagesordnung war interessant und die Verhandlungen wurden sehr lebhafte.
In der Erffnungsrede konstatierte ich mit Genugtuung, da der Kongre
in der Hauptstadt desjenigen Landes tage, in dem die Sozialdemokratie am
heftigsten verfolgt wrde, was ihr keinen Schaden tun werde. Die
"Berliner Volkszeitung", die zu jener Zeit unter ihrem Redakteur
Bernstein der Partei besonders feindlich gesinnt war, fhrte Klage
darber, da der Leipziger Untersuchungsrichter uns (Liebknecht, Hepner
und mir) die Beteiligung am Kongre nicht verboten habe, was er nicht
konnte. Bork war Referent ber den gesetzlichen Normalarbeitstag. Er
hielt eine gute Rede und befrwortete eine Resolution, in der ein
gesetzlicher Normalarbeitstag von hchstens zehn Stunden gefordert
wurde. Ich referierte ber die Forderung der Einfhrung des allgemeinen,
gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts fr die Landtags- und
Gemeindewahlen, Bracke ber das neue Haftpflichtgesetz. Er schlug eine
Resolution vor, durch die der Reichstag getadelt wurde, der das Gesetz
in durchaus unbefriedigender Weise verabschiedet habe. Ueber die
politische Stellung der Sozialdemokratie referierte an Liebknechts
Stelle, der vorlufig abgehalten war zu kommen, Most. Die Verhandlungen
hierber fhrten zu heftigen Szenen. Der berwachende Polizeikommissar
verlangte im Namen seiner vorgesetzten Behrde, ich solle dem Referenten
mitteilen, da er sich aller und jeder Abschweifung auf die Pariser
Kommune zu enthalten habe. Das lehnte ich ab. Fr Most war dieser
Zwischenfall Wasser auf die Mhle. Er sprach zwar kurz, dafr aber um so
schrfer. Man mache den Versuch, uerte er, ihm einen moralischen
Maulkorb vorzuhngen. Dinge, die in der ganzen Welt, selbst bei den
Chinesen, diskutiert wrden, wolle man uns verbieten zu errtern. Dabei
seien wir fortgesetzt wegen unserer Haltung Gegenstand der heftigsten
Angriffe und der niedrigsten Verleumdungen. Und nachdem wir so von allen
Seiten mit Schmutz besudelt und mit Steinen beworfen wrden, wolle man
uns verwehren, unseren Standpunkt darzulegen. (Strmischer Beifall.) Der
Kommissar suchte geltend zu machen, da sich das Verbot nur auf
Aeuerungen ber die Kommune beziehe. Das war aber fr uns der Punkt,
auf den es uns ankam, wir wollten unseren Standpunkt gegenber der
Kommune darlegen.

Nach Most nahm ich das Wort. Mir scheine, da die Art, wie die Behrden
sich in unsere Verhandlungen einmischten und sie zu beeinflussen
suchten, eines sozialdemokratischen Kongresses unwrdig sei.
(Strmischer, minutenlanger Beifall.) Mir sei nicht bewut, da Urteile
ber die Pariser Kommune abzugeben ungesetzlich sein sollte. Indes
wten ja die Anwesenden alle, wie wir zur Kommune stnden. Wir seien
leider dem Vorgehen der Behrden gegenber machtlos, wir knnten nur
dagegen protestieren. Ich schlage vor, da es unserer unwrdig sei, unter
den uns auferlegten Beschrnkungen zu debattieren, da der Referent auf
das Wort verzichte und wir ohne Debatte ber die vorgelegte Resolution
abstimmten. Es sei ein trauriges Zeichen der Zeit, da jetzt, nachdem
die offiziellen Aktenstcke ber die Kommune bekannt geworden und
festgestellt sei, da das seit Monaten gegen die Kommune Gesagte Lge,
Verleumdung, Unwahrheit sei (Strmischer Beifall), man uns verbieten
wolle, diese Kampfweise an den Pranger zu stellen.

Most erklrte, er wre um so mehr mit meinem Vorschlag einverstanden, da
die Zeit schon weit vorgeschritten sei. Er nehme an, da alle mit ihm
einverstanden seien, wenn er erklre: _Wenn die Reaktion sich
international verbindet, dann mu sich selbstverstndlich die Revolution
ebenfalls international verbinden_. (Strmischer Beifall.) Er schlo:

  "Seht wie von Osten hin nach West
  So hell die Flamme loht;
  Wir halten treu, wir halten fest,
  Denn unsre Fahn' ist rot."

Strmischer, langanhaltender Beifall folgte seinen Worten. Dann lie ich
ber die Resolution abstimmen, die lautete:

  "Der Kongre erklrt seine volle Zustimmung zu der Haltung des
  Parteiorgans 'Volksstaat' gegenber den politischen und sozialen
  Fragen des vergangenen Jahres. Insbesondere billigt der Kongre den
  durch den 'Volksstaat' unterhaltenen geistigen Zusammenhang der
  deutschen Sozialdemokratie mit der Internationalen
  Arbeiterassoziation."

Die Resolution fand einmtige Zustimmung. Die weiteren Verhandlungen des
Kongresses beschftigten sich mit den inneren Angelegenheiten der
Partei: Bericht des provisorischen Parteiausschusses und der
Kontrollkommission, Antrge ber Statutennderung usw. Der Bericht ber
den "Volksstaat" ergab, da derselbe 4020 Abonnenten und eine Schuld von
1675 Taler hatte. Hierbei ist zu beachten, da die Grndung der
Lokalbltter an den Orten mit der besten Parteiorganisation notwendig
der Verbreitung des "Volksstaat" sehr hinderlich war. Von diesem
Gesichtspunkt aus betrachtet war der Stand des Blattes ein erfreulicher.
Heinrich Scheu, der in Stuttgart seinen Wohnsitz genommen hatte, dann
aber aus ganz Wrttemberg ausgewiesen worden war, tadelte scharf die
Liebugelei unserer Parteigenossen in Wrttemberg mit der Volkspartei,
was den schlechten Ausfall der Reichstagswahlen fr unsere Partei dort
verschuldet habe und berhaupt die Unklarheit in der Partei frdere. Es
wurde ein Antrag der Ronsdorfer Parteigenossen angenommen, lautend: "Bei
den Reichstagswahlen sind nur solche Kandidaten zu untersttzen, die als
Mitglieder unserer Partei eventuell den anderen sozialdemokratischen
Parteien angehren." Weiter wurde auf Antrag Metzner und Josewicz
beschlossen: Der Pariser Kommune unsere Anerkennung ohne Debatte durch
Erheben von den Pltzen auszusprechen. Schlielich beschftigte man sich
mit der Frage, wie am zweckmigsten die Agitation und Organisation
unter den Landarbeitern betrieben werden knne. Auf meinen Antrag
beschlo der Kongre die Grndung einer Genossenschaftsdruckerei in
Leipzig auf Grund des schsischen Genossenschaftsgesetzes, das die
beschrnkte Hast zulie. Als Sitz des Parteiausschusses wurde Hamburg,
als Sitz der Kontrollkommission Berlin, als nchster Kongreort Mainz
gewhlt. Nach einem Dank an das Bureau des Kongresses und das Dresdner
Lokalkomitee wurde der in hchst befriedigender Weise verlaufene Kongre
geschlossen.

Kurz nach dem Dresdener Kongre wurden die ersten Frauenversammlungen
in Leipzig, Chemnitz usw. abgehalten und bildete sich in Chemnitz die
erste Frauenorganisation. In Berlin gingen Anhnger des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins in der gleichen Richtung vor.




Die zweite Session des deutschen Reichstags.


Die Session begann im Oktober 1871. Ende desselben stand die erste
Lesung ber den Etat fr 1872 auf der Tagesordnung. Das Etatsjahr begann
damals mit dem 1. Januar. Die Abgeordneten Lasker und Richter hatten vor
mir gesprochen. Ich polemisierte gegen beide. Der Abgeordnete Lasker
habe frher einmal gegen mich ausgefhrt, eine starke Regierung brauche
nicht notwendig reaktionr zu sein. Der Beweis dafr sei aber in
Deutschland geliefert, wo die Regierung stark, das Parlament aber
schwach sei. Alle Beschlsse des Reichstags, die dem Reichskanzler nicht
paten, wanderten in den Papierkorb, und seien diese Beschlsse auch
noch so berechtigt. So werde es auch mit dem Verlangen des Abgeordneten
Richter gehen, der die Abschaffung der Salzsteuer fordere, sobald
Frankreich seine letzte halbe Milliarde Kriegskosten bezahlt habe. Das
werde nach dem Friedensvertrag in zwei Jahren der Fall sein.
Mittlerweile werde aber der Reichskanzler wieder aufs neue dilatorische
Verhandlungen begonnen haben und wir stnden vor einem neuen
Kriege.--Tatschlich standen wir 1875 nahe vor einem solchen.--Die
Salzsteuer werde nicht abgeschafft werden, weder jetzt noch in zwei
Jahren. Auch werde die gewnschte Ermigung des Militretats nicht
eintreten. Der Abgeordnete Lasker habe unrecht, dem Abgeordneten Greil
vorzuwerfen, es sei eine falsche Auffassung seinerseits, da man im
Volke geglaubt habe, nach der Grndung des Reiches wrden die
Militrlasten vermindert werden. Dieser Glaube sei allerdings vorhanden
gewesen und er sei durch die Liberalen vertreten worden. Diesen
Glauben htte ich allerdings nie geteilt. Schon die wachsenden
Klassengegenstze, die aus der zunehmenden kapitalistischen Entwicklung
resultierten, wrden es verhindern, die stehende Armee zu vermindern,
und darber htten auch die Ausfhrungen des Abgeordneten Lasker keinen
Zweifel gelassen. Es sei aber irrig, wenn Lasker glaube, die stehende
Armee unter allen Umstnden als Sttze der bestehenden Ordnung der Dinge
ansehen zu knnen. Frankreich habe auch eine groe Armee gehabt, aber
die Entstehung der Kommune habe diese nicht verhindert. Auerdem
vermehre sich das Proletariat weit rascher, als die stehende Armee
vermehrt werden knne, und auerdem steige mit der Vermehrung der Armee
auch das sozialistische Element in derselben, da das industrielle
Proletariat einen immer greren Bruchteil derselben bilde. Trotz
alledem wrden die Liberalen ihre Hoffnung auf die Armee setzen und jede
Forderung fr dieselbe bewilligen.

Am 8. November wurde ber einen Antrag Bsing in dritter Lesung
verhandelt, der verlangte, da in jedem Bundesstaat eine aus Wahlen
hervorgegangene Volksvertretung bestehen msse. Dieser Antrag war in
zweiter Lesung angenommen worden. Ich erklrte zu demselben, da ich
heute mit den Konservativen und dem Zentrum gegen den Antrag stimmen
wrde, auf die Gefahr hin, da man wieder von einer Kooperation der
Schwarzen mit den Roten spreche. Frher htten wir uns gegen
Kompetenzerweiterungen des Bundes ausgesprochen, in der Hoffnung, in den
Mittel- und Kleinstaaten werde man sich etwas freier bewegen knnen. Das
sei eine Tuschung gewesen, was man zum Beispiel gegen uns in Sachsen
leiste, knnte nicht leicht berboten werden. Wenn daher der
Reichskanzler die gesamten Mittel- und Kleinstaaten in die Tasche
stecken wollte, htten wir nichts dagegen, mit dem einen wrden wir
nachher auch fertig. (Gelchter.) Ich stimmte gegen den Antrag, weil er
inhaltlos sei. Was heie das: in jedem Bundesstaat msse eine aus Wahlen
hervorgegangene Vertretung bestehen. Aus welchen Wahlen? Etwa nach dem
Dreiklassenwahlsystem in Preuen? Von den heutigen einzelstaatlichen
Vertretungen als _Volksvertretungen_ zu reden, sei Schwindel. (Gelchter
und groe Unruhe.) Man habe davon gesprochen, der Reichskanzler sei seit
1866 konstitutioneller geworden. Das sei nicht wahr. Die liberalen
Parteien seien _nachgiebiger_ geworden, das sei des Pudels Kern. (Groe
Unruhe.) Man habe eine Reichsverfassung geschaffen, wie sie reaktionrer
nicht sein knne. (Gelchter.) Das sei Scheinkonstitutionalismus,
nackter Csarismus. Der Prsident Simson, der schon lange nervs
geworden war, unterbrach mich und drohte, wenn ich so fortfahren wrde,
sich vom Hause autorisieren zu lassen, da er mir die Fortsetzung der
Rede untersage. (Lebhafte Zustimmung.) Dazu hatte er nach der
Geschftsordnung keinen Funken Recht. Ich protestierte also gegen seine
Drohung und fuhr fort, auszufhren, da wenn die mecklenburgische
Verfassung etwa ebenso schlecht sein sollte.... Abermalige Unterbrechung
durch den Prsidenten. Er habe die Grenzen der Redefreiheit weit
gezogen, aber gegen eine Verfassung, unter der wir lebten, so zu reden
wie ich, berschreite alle Grenzen. Er drohte abermals mit der
Wortentziehung. Ich protestierte aufs neue und berief mich darauf, da
die Opposition--zu der damals auch Simson gehrte--in der preuischen
Konfliktszeit viel schrfer geredet habe als ich heute. Der Prsident
erwiderte, was damals geschehen sei, gehe ihn nichts an, was jetzt
gesagt werden drfe, bestimme er.

Abermaliger Protest von meiner Seite. Ich charakterisierte dann den
Humbug des Scheinkonstitutionalismus, was eine solche Verfassung fr
einen Wert habe? Ich htte keine Neigung, den paar Dutzend Verfassungen
in Deutschland, die nicht das Papier wert wren, auf dem sie geschrieben
stnden, noch eine neue hinzuzufgen.

Der Prsident geriet abermals in Aufregung. Ob ich mit dieser
Charakterisierung auch die Reichsverfassung gemeint habe? Ich htte
nicht ntig gehabt, auf diese Frage zu antworten, dennoch erklrte ich,
da ich allerdings auch die Reichsverfassung mit darunter verstanden
habe. (Groe Unruhe.) Darauf erbat sich der Prsident die Ermchtigung
vom Hause, mir das Wort zu entziehen. Die Mehrheit stimmte zu.

Nach mir kam die Parlamentsanstandsdame, der Abgeordnete Lasker, zum
Worte. Ihm zufolge hatten wir im Reichstag und im Reiche das denkbar
hchste Ma von Rede- und Prefreiheit. Das sei uns alles nicht genug,
wir wollten mit roher Gewalt alles durchsetzen und uns ber die Gesetze
stellen. (Ich unterbrach den Redner durch Zurufe, der Prsident verwies
mich zur Ordnung.) Ich sollte nur nicht glauben, da man eine Armee von
400000 Mann hielte, um meine Bestrebungen zurckzuweisen. Das wrden die
Brger allein besorgen. Er hatte hier hinzugefgt: indem sie uns mit
Knppeln totschlgen. Diesen Satz hatte er nachher im Stenogramm
gestrichen. Der deutsche Brger sei weit mutiger als der franzsische,
ich sei ein Phantast, zu glauben, da wir unser Ziel erreichen knnten.

Ich nahm am Schlusse der Sitzung zu einer persnlichen Bemerkung das
Wort, um darauf hinzuweisen, da der Prsident die Beleidigung, ich sei
ein Phantast, nicht gergt habe. Ich glaubte, der Abgeordnete Lasker sei
mehr Phantast als ich. Geprahlt htte ich auch nicht, da das deutsche
Volk hinter uns stehe. Ich wte, da wir noch eine kleine Minderheit
seien, stnde das Volk hinter uns, dann sen der Abgeordnete Lasker und
seine Freunde nicht in diesem Hause. (Groe Heiterkeit.) Des weiteren
habe der Abgeordnete Lasker sich gegen meine Partei Denunziationen
erlaubt. Was er ber die Kommune gesagt, darber wrde ich mich mit ihm
ein anderes Mal auseinandersetzen. Der Abgeordnete Wiggers hatte
ebenfalls gegen mich polemisiert. Mit meiner Ablehnung ihres Antrags
sprche ich mich fr den bestehenden Zustand in Mecklenburg aus. Ich
antwortete, das sei ein Irrtum, er habe berhrt, da ich mich fr die
Annexion von Mecklenburg an Preuen ausgesprochen habe, da sei doch ihm
und seinen Mecklenburger Parteigenossen auf einmal geholfen.
(Heiterkeit.)

Am folgenden Tage nahm ich vor Eintritt in die Tagesordnung zu einer
Erklrung das Wort. Das Haus habe mir gestern auf Verlangen des
Prsidenten im Namen der Ordnung das Wort entzogen. Das Haus habe aber
selbst die Ordnung aufs schwerste verletzt. Ich wies dieses an dem
Wortlaut der Geschftsordnung nach. Mir htte nur das Wort entzogen
werden knnen, nachdem der Prsident mich ausdrcklich zweimal zur
Ordnung gerufen habe. Das sei nicht geschehen. Die vorgekommenen
Unterbrechungen meiner Rede durch den Prsidenten seien keine
Ordnungsrufe gewesen. Er htte mir deutlich sagen mssen: Ich rufe Sie
zur Ordnung! Nachdem der Prsident die vorgeschriebene Regel nicht
beobachtet habe, sei auch der Beschlu des Hauses vollstndig
unberechtigt und deshalb nichtig.

Den Prsidenten brachte mein Einspruch aus dem Gleichgewicht, er wute
genau, da er und das Haus ein Unrecht an mir begangen hatten. Er
spitzte jetzt die Frage darauf zu, ob er bei einem Ordnungsruf die
Formel gebrauchen msse: Ich rufe den Redner zur Ordnung. Er sei nicht
dieser Meinung; sei ich anderer Ansicht, so wolle er den Fall der
Geschftsordnungskommission berweisen.

Darauf erklrte ich, da ich meine Auffassung ber das Verfahren des
Prsidenten und des Hauses aufrechterhalten msse. Es lge kein
Ordnungsruf vor, da eine bloe Unterbrechung des Redners durch den
Prsidenten nie als Ordnungsruf gegolten habe. Er mchte die Frage der
Geschftsordnungskommission berweisen. Dazu erklrte sich Simson
bereit.

Diese Vorgnge hatten groes Aufsehen hervorgerufen und fast die gesamte
Presse trat auf meine Seite. Der Prsident und der Reichstag htten mir
unrecht getan. Der Reichstag werde nervs und verliere die sachliche
Urteilsfhigkeit, sobald ich sprche, uerte ein liberales Blatt. Die
"Elberfelder Zeitung" hatte einige Tage vorher geschrieben: Der
Vertretungskrper des deutschen Volks habe bei all seinen Vorzgen doch
die Schwche, den fremden Tropfen Blut in seinen Adern mit allzu wenig
Geduld zu ertragen. Man solle die Spektakelsucht einzelner
Reichstagsmitglieder durch die engsten gesetzlichen Schranken eindmmen,
aber ber die Grenzlinie des gesetzlich Erlaubten soll man nicht ein
Haar breit gehen.... Am Mittwoch seien aber die gesetzlichen Formen ohne
allen Zweifel vom Prsidenten und vom Hause selbst verletzt worden, und
auch heute sei Lasker im Unrecht gewesen.

Als dann der stenographische Bericht ber die Sitzung vom 8. November
vorlag, nahm ich abermals vor der Tagesordnung das Wort. Der Abgeordnete
Lasker wollte laut stenographischem Bericht in jener Sitzung gesagt
haben, so wrde der redliche und besitzende Brger mit eigener Macht
sie (uns) niederschlagen. Diese Stelle sei eine Flschung der Rede; er
habe gesagt: _mit Knppeln sie totschlagen._ Er, Lasker, werde sich zwar
sehr hten, an die Spitze der redlichen Brger, mit einem Knppel
bewaffnet, sich zu stellen, aber die Aeuerung sei gerade fr ihn
interessant, der sich mir gegenber stets, und auch wieder in der
erwhnten Sitzung, als Vertreter von Anstand und Sitte hingestellt und
im Namen der Zivilisation gegen mich gesprochen habe. Da der
Vizeprsident, der Frst zu Hohenlohe-Schillingsfrst--der sptere
Reichskanzler--, mich unterbrach und mich nicht weiterreden lassen
wollte, kam ich auch mit diesem in Konflikt.

Lasker nahm alsdann das Wort, um in einer Rede voll sittlicher
Entrstung mich als Ausbund alles Schlechten hinzustellen, gab aber zu,
da es ihm darum zu tun gewesen sei, seine Worte abzuschwchen. Ich
antwortete, es komme nicht darauf an, was er (Lasker) habe sagen
_wollen,_ sondern was er gesagt _habe,_ und das msse unter allen
Umstnden in den stenographischen Bericht. Ich wandte mich dann gegen
seine Ausfhrungen ber die Kommune, auf die er wieder zu sprechen
gekommen war. Ich verteidigte die Kommune und wies darauf hin, da jetzt
selbst die liberale Presse eine ganze Reihe angeblicher Schandtaten habe
richtig stellen mssen, deren sie vorher die Kommune beschuldigt habe.
Das Haus wurde wieder nervs, man unterbrach mich und gebrauchte die
strksten Schimpfworte gegen mich, ohne da der Prsident ein Wort des
Tadels hatte.

Am 22. November war endlich der groe Tag, an dem die Streitfrage
zwischen dem Prsidenten und mir ihre Erledigung finden sollte. Die
Geschftsordnungskommission hatte sich ihre Aufgabe sehr leicht gemacht.
Der Prsident hatte ihr die Frage unterbreitet, ob er bei einem
Ordnungsruf sagen msse: ich rufe den Redner zur Ordnung. Der Prsident
hatte auch mich fr diese Formel einfangen wollen, indem er mir seinen
Antrag zur Mitunterschrift unterbreiten lie. Ich verweigerte die
Unterschrift. Die Fragestellung war eine total falsche und ebenso die
Antwort der Kommission, denn der Prsident brauchte nicht gerade die
erwhnte Formel zu gebrauchen, um einen Redner zur Ordnung zu rufen.
Das Mitglied der Fortschrittspartei Klotz-Berlin war Berichterstatter
der Kommission. Gegen die grundfalsche Stellung derselben nahm zunchst
der Zentrumsabgeordnete Greil-Passau das Wort und stellte sich auf meine
Seite. Nach ihm kam der schsische Generalstaatsanwalt Dr. v. Schwarze
und verteidigte den Beschlu der Kommission. Alsdann kam ich zum Wort.
Ich zerpflckte unbarmherzig den Kommissionsbeschlu. Ich htte nicht
behauptet, der Prsident msse unter allen Umstnden bei einem
Ordnungsruf die Worte gebrauchen: Ich rufe den Redner zur Ordnung! Er
knne auch sagen: Ich sehe mich gentigt, den Abgeordneten Soundso zur
Ordnung zu rufen! Und so gebe es noch viele Formen. Entscheidend sei,
_da der Redner und das Haus wisse,_ da der Ordnungsruf erteilt wurde.
Das sei bei mir nicht der Fall gewesen. Dann zitierte ich aus einer Rede
Simsons vom 10. Februar 1866. Er habe damals geuert: da die Freiheit
der Rede gemibraucht werden knne und hufig gemibraucht werde, _da
vielleicht nicht viele unter uns seien, die sich von einem solchen
Vorwurf freisprechen knnten--was ndere das?_ Habe nicht Niebuhr die
Wahrheit ausgesprochen: _Was nicht gemibraucht werden kann, das taugt
nichts?_ Simson habe in jener Rede die Regierung also angeklagt: _Die
Regierung sei schlechterdings unvertrglich mit allem, was der Freiheit
auch nur entfernt hnlich sehe; sie knnte nicht mit einer freien Presse
regieren; sie knnte nicht regieren ohne Einflu auf die Zusammensetzung
der Gerichte und sollte dadurch das Ansehen der Justiz im Lande
untergraben werden; sie knnte nicht regieren ohne Beeinflussung der
Wahlen und sollte das Wahlresultat das Gegenteil von dem sein, was im
Volke an Ueberzeugungen lebe; sie knnte nicht regieren mit einer freien
Kommunalverwaltung; sie knnte schlielich nicht regieren mit einem
Hause, in dem durch den Artikel 84 die Redefreiheit walte!_

Ich fragte, wie der Prsident sein Verhalten mir gegenber mit seiner
Rede vom 10. Februar 1866 in Einklang bringen wolle. Bismarck habe
einmal geuert: Man mu den Parlamentarismus durch den Parlamentarismus
tot machen. Das Haus sei auf dem besten Wege, durch sein Verhalten mir
gegenber dieses Wort wahr zu machen. Nach mir kam der Diplomat
Windthorst zum Wort, der einen seiner berhmten Eiertnze auffhrte. Die
Geschftsordnung sei angeblich nicht klar genug; schlielich beantragte
er die Zurckweisung der Angelegenheit an die Kommission, um die
betreffenden Vorschriften einer Revision zu unterziehen. Er schlo: Ich
stimme weder fr noch gegen Simson, noch fr oder gegen Bebel. Auch die
Redner der Fortschrittspartei, Freiherr v. Hoverbeck und Franz Duncker,
waren weder warm noch kalt. Duncker sprach sich fr den Windthorstschen
Antrag aus, Hoverbeck dagegen; er glaubte nichts Besseres tun zu knnen,
als Steine auf mich zu werfen. Der Antrag Windthorst wurde schlielich
angenommen. Der alte Ziegler war tief ergrimmt ber das Schauspiel, das
der Reichstag und speziell seine Partei bot. Sobald der Beschlu gefat
worden war, kam Ziegler bebend vor Zorn zu mir an meinen Platz und
sagte: _"Hren Sie, Bebel, wir sind allesamt Sch----, bekommen Sie die
Gewalt in die Hand, so hngen Sie uns samt und sonders an die Laterne."_
Ich versprach ihm mit lachendem Munde, gegebenen Falles seinen
freundlichen Rat zu befolgen. Den Beschlu des Reichstags fate Simson
als ein Mitrauensvotum auf. Er legte das Prsidium nieder. Natrlich
wurde er wiedergewhlt.

Diese Vorgnge wie berhaupt mein Verhalten in den letzten drei
Sessionen hatten mir eine groe Popularitt in den Arbeiter- und den
demokratischen Brgerkreisen verschafft. Letztere gab es damals noch. Es
war zum Beispiel in Berlin eine ziemlich starke Gruppe meist gut
gestellter Brger, die in Johann Jacoby ihr Ideal sahen und mit uns
sympathisierten. Sie gruppierten sich um Dr. Guido Wei, den Redakteur
der von ihm vorzglich geleiteten "Zukunft", eines groen demokratischen
Tageblatts, das die vermgenden Jakobyten--wie wir die speziellen
Anhnger Jacobys kurz nannten--im Jahre 1867 gegrndet hatten, aber
wegen zu groer Opfer, die das Blatt erforderte, im Frhjahr 1871
eingehen lassen muten. Zugehrige dieser Gruppe waren William
Spindler, der Sohn des Grnders des groen Frbereigeschfts W.
Spindler, van der Leeden, Dr. G. Friedlnder, Morten Levy, Dr.
Meierstein, Boas, Dr. Stephani, spter Chefredakteur der "Vossischen
Zeitung", und andere. Auch der damals noch sehr junge Franz Mehring, den
ich durch Robert Schweichel hatte kennen gelernt, gehrte zu diesem
Kreis. Blieben Liebknecht und ich ber Sonntag in Berlin, so trafen wir
in der Regel mit mehreren der Genannten, unter denen sich auch fter
Paul Singer befand, in einer Weinstube zusammen. Nach stillschweigender
Uebereinkunft tranken alle einen billigen Moselwein, sogenannten
Kutscher, den Schoppen zu 50 Pfennig. Nachher ging es nicht selten noch
in ein Bierhaus. Meine Leistung im Trinken war allezeit eine minimale,
aber Schweichel, Liebknecht, Guido Wei, Mehring waren trinkfeste
Mannen. Mehr als einmal gingen wir, doch stets aufrechten Hauptes, nach
Hause, als schon die Sonne hell leuchtend am Himmel stand.

Eine Folge meiner Popularitt war, da ich hofiert und fetiert wurde und
fter Einladungen zu solennen Mittag- oder Abendessen bei Familien der
Bekannten erhielt. Aber ich war kein groer Freund solcher Einladungen
und ging ihnen so viel als mglich aus dem Wege. So schrieb ich unter
dem 19. November 1871 an meine Frau:

  "Fr heute Sonntag habe ich mir alle Einladungen vom Halse geschafft,
  indem ich rund heraus erklrte, ich sei schon eingeladen, obgleich es
  nicht wahr war. Man ist froh, ein paar Stunden wieder Mensch sein zu
  knnen, indem man sich selbst angehrt.... Uebrigens hoffe ich, hier
  bald loskommen zu knnen, ich habe das Leben hier sehr satt und sehne
  mich zu Euch und nach meiner Huslichkeit.... Wenn vom Essen und
  Trinken das menschliche Glck abhinge, mte ich hier sehr glcklich
  sein, aber ich bin es  nicht."--

Die Vorgnge im Reichstag schlugen noch lngere Zeit in der Presse ihre
Wellen. So verffentlichte die "Augsburger Allgemeine Zeitung"
Uebersichten ber die Verhandlungen, in denen es in bezug auf meine
Stellung zum Antrag Bsing sehr wohlwollend hie:

  "Bebel gab wieder Proben seines glnzenden Rednertalents und davon,
  da er ein ganzer Mann ist. Schon weil es wenig bekannt ist, verdient
  hervorgehoben zu werden, da der junge Drechslermeister von Leipzig
  sich, obgleich er vllig allein steht, und seine weitgehenden
  Ansichten fast einstimmig verdammt und bedauert werden, im Reichstag
  eine ganz exzeptionelle Stellung, und bei der Mehrzahl, namentlich
  auch bei den Hochkonservativen, achtungsvolle Anerkennung erworben
  hat, welche dadurch, da er seine Muestunden in Berlin dazu benutzt,
  durch Arbeit bei einem Handwerksgenossen den Unterhalt fr seine
  Familie zu verdienen, nur vermehrt und durch die teilweise ungerechten
  Angriffe Laskers nicht beeintrchtigt werden konnte. Bebel bietet
  zugleich ein Beispiel der wunderbaren Fgungen der Vorsehung. Wre er
  nicht als Knabe beraus schwchlich gewesen, so wrde er als Sohn
  eines preuischen Unteroffiziers unzweifelhaft in einem preuischen
  Militrwaisenhause erzogen worden und jetzt voraussichtlich
  wohldisziplinierter Wachtmeister sein. Nun aber erhielt er seine
  Erziehung durch die Wincklersche Stiftung in Wetzlar, und seine
  angeborene Begabung und eigener Flei machten ihn zum Fhrer einer,
  trotz ihrer beschrnkten Zahl nicht ungefhrlichen Volkspartei und zu
  einem hervorragenden Redner im deutschen Parlament."

Es war selbstverstndlich eine _Legende,_ wenn der Berichterstatter mich
in Berlin bei einem Handwerksgenossen den Unterhalt fr meine Familie
verdienen lie. Das war denn doch ein Ding der Unmglichkeit. Aber diese
Legende machte Schule; ich begegnete ihr eine Reihe Jahre spter wieder
in einem Buche ber die Sozialdemokratie. So wird oft Geschichte
gemacht. Ich erhielt spter noch hnliche Proben.

       *       *       *       *       *

In der Partei ging in dieser Periode die Entwicklung ganz nach Wunsch.
Die gegen die Partei inszenierten Verfolgungen, die schon krftig
eingesetzt hatten, schadeten ihr nicht, sie ntzten ihr. Fr jeden, der
im Kampfe unfhig gemacht wurde, traten drei andere an seine Stelle. Zu
den Wundern jener Zeit mu es gerechnet werden, da die Leipziger
Kreishauptmannschaft die Ausweisung Mosts durch die Leipziger Polizei
aufhob, weil die Begrndung fr diese Maregel nicht genge. Keine
angenehme Sache war es fr mich, in den Versammlungen, die ich whrend
meiner Anwesenheit in Berlin abhielt, in der Regel mich mit einer Anzahl
Agitatoren des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins herumzuschlagen.
Das Verhltnis zwischen uns war trotz des Rcktritts Schweitzers vom
Prsidium unter dessen Nachfolger Hasenclever nicht besser geworden.
Namentlich schlug Hasselmann im "Neuen Sozialdemokrat" einen sehr rohen
Ton an. Als ich im November im Streikverein der Sattler einen Vortrag
hielt, wobei ich zum erstenmal Ignaz Auer kennen lernte, trat unter
Fhrung Hasselmanns eine ganze Kolonne Redner gegen mich auf, um mich
moralisch zu vernichten. Der Versuch bekam ihnen bel. Als ich dann nach
Schlu der Versammlung mehreren meiner Gegner im Privatgesprch Vorwrfe
machte wegen ihrer perfiden Kampfweise, gaben zwei derselben, Zielowsky
und Finn, wie aus einem Munde zur Antwort: _Sie mten uns bekmpfen;
denn werde heute eine Einigung der Sozialdemokratie hergestellt,
schreite morgen die Regierung mit aller Macht ein, um die Partei zu
unterdrcken!_ Die beiden waren ahnungsvolle Engel, denn so ungefhr kam
es nachher, als die Einigung verwirklicht wurde. Hasenclever gefiel sich
anfangs als Prsident auch in der Pose Schweitzers. So lie er sich in
Altona in einer mit zwei Schimmeln bespannten Kutsche eine Ovation
bringen. Er fand aber bald, da er kein Schweitzer war und zu einer
solchen Rolle nicht pate.

Im Dezember lste der Polizeidirektor Rder den sozialdemokratischen
Arbeiterverein in Leipzig wegen Verletzung des Verbindungsverbots auf.
Das Verbot fand anderwrts Nachahmung. Um dieselbe Zeit verffentlichten
unsere Nrnberger Parteigenossen unter Fhrung Anton Memmingers einen
Aufruf zur Untersttzung des Philosophen _Feuerbach_, der in groer
Notlage in der Nhe Nrnbergs lebte. Memminger, der infolge lokaler
Streitigkeiten in Nrnberg unmglich wurde, ist spter ganz nach rechts
marschiert; er wurde eine Leuchte des bayerischen Bauernbundes und einer
seiner fanatischsten und geschicktesten Vertreter in der Presse und im
bayerischen Landtag.--

In Sachsen hatten die polizeilichen und gerichtlichen Verfolgungen, die
mit der Grndung bes Deutschen Reiches eine nie vorher gekannte Schrfe
erlangte, eine ganz vortreffliche Stimmung in der Partei hervorgerufen.
Als wir am 9. Januar 1872 in Chemnitz in einer Landesversammlung
zusammentraten, musterten wir 120 Delegierte. Das ganze Land war bis in
die letzten Bezirke vertreten. Ich fhrte den Vorsitz, Most war
Schriftfhrer. Beschlossen wurde, fr eine grndliche Umgestaltung des
Vereins- und Versammlungsrechtes zu wirken; das allgemeine, gleiche,
direkte und geheime Wahlrecht solle fr die Landtags- und Gemeindewahlen
gefordert werden; die Armenuntersttzung solle reichsgesetzlich geordnet
und die Kosten durch eine progressive Einkommensteuer aufgebracht
werden. Den gemaregelten Vereinen und Gewerkschaften wurde empfohlen,
ihre Beschwerden bis in die letzte Instanz zu verfolgen und, falls diese
resultatlos seien, Lokalvereine zu grnden. Ferner wurde die Aufhebung
der Dienstbotenordnung verlangt und den Parteigenossen, die mit
religisen Ueberzeugungen gebrochen htten, der Austritt aus der
Landeskirche empfohlen.--

Am 1. Februar 1872 trat Vahlteich seine Festungshaft in Hubertusburg an;
spter folgte ihm Karl Hirsch. Mittlerweile wurden aber auch die brigen
Gefngnisse mit verurteilten Sozialdemokraten besetzt. Einzelne Genossen
waren mit sehr harten Gefngnisstrafen bedacht worden.




Der Leipziger Hochverratsproze.


Bei der Erffnungsfeier des ersten deutschen Reichstags am 23. Mrz 1871
im sogenannten Weien Saale des kniglichen Schlosses zu Berlin trat
Frst Bismarck an den Abgeordneten v. Schwarze heran mit den Worten:
"Nun, Herr Generalstaatsanwalt, was wird denn aus dem Proze Bebel und
Genossen?" Der Angeredete zuckte die Achseln und erwiderte: "Gar nichts
wird.", worauf Bismarck unwillig antwortete: "Dann htte man die Leute
auch nicht einstecken sollen; jetzt fllt das Odium des Prozesses auf
uns." Wenige Augenblicke nach jenem Vorgang wandte sich der schsische
Finanzminister v. Friesen, der die Unterhaltung zwischen Bismarck und
Schwarze angehrt hatte, an den Abgeordneten Professor Birnbaum,
Vertreter fr Leipzig-Land, mit den Worten: "Da hat unser Schwarze eine
groe Dummheit gemacht!"

Herr v. Schwarze hatte aber keine Dummheit gemacht, er hatte nur gesagt,
was er als Jurist nach genauer Kenntnis des Inhaltes der Akten sagen
mute. Schwarze hielt ebenso wie unser Untersuchungsrichter eine
Verurteilung fr unmglich, und Bismarck hatte ganz vergessen, da
unsere Verhaftung am 17. Dezember 1870 nicht erfolgt war, weil man
irgendwelche Beweise fr unsere angebliche Vorbereitung zum Hochverrat
hatte, sondern weil man die Tatsache der Beschlagnahme unserer Briefe
bei dem Braunschweiger Ausschu benutzen wollte, uns hinter Schlo und
Riegel zu bringen. Uns war sogar mitgeteilt worden, da Bismarck selbst
vom Hauptquartier aus die Anregung zu unserer Verhaftung gegeben habe.

Die Frhjahrssession des Leipziger Schwurgerichtes war fr unsere
Aburteilung bestimmt worden. Der Proze sollte Montag den 11. Mrz
seinen Anfang nehmen. Die Aufregung in Leipzig war gro. Seitens der
Behrden rechnete man mit Unruhen. Das veranlate uns, an der Spitze des
"Volksstaat" vom 6. und 9. Mrz folgende Aufforderung zu
verffentlichen:

  "_An unsere Parteigenossen!_

  Wie Ihr wit, beginnen Montag den 11. Mrz die
  Schwurgerichtsverhandlungen in dem Hochverratsproze gegen uns. Viele
  von Euch werden denselben beiwohnen wollen. Dies veranlat uns, die
  dringende Aufforderung an Euch zu richten, weder durch Zeichen des
  Beifalls noch des Mifallens die Verhandlungen zu unterbrechen.
  Geschehe was da wolle, verhaltet Euch ruhig. Mag unsere Gegnerschaft
  durch bbische Hetzartikel oder durch bezahlte Agents provocateurs
  Euch zu reizen suchen, macht diese perfiden Machinationen zuschanden.
  Die Abrechnung wird nicht ausbleiben.

  Leipzig, den 3. Mrz 1872.

  Bebel, Liebknecht, Hepner."

Diese Mahnung war nicht berflssig. In der Furcht, es werde unsere
Verurteilung milingen, hielten es die Brockhaussche "Deutsche
Allgemeine Zeitung", das "Leipziger Tageblatt" und die von Dr. Hans Blum
redigierten "Grenzboten" fr ihre vornehmste Aufgabe, durch Hetzartikel,
die man den Geschworenen zustellte, diese gegen uns einzunehmen. Ebenso
wurde in den verschiedensten Formen persnlich auf diese eingewirkt.

Es kann nicht meine Aufgabe sein, den Verlauf des Prozesses, der
vierzehn Verhandlungstage in Anspruch nahm, in seinen Einzelheiten
darzulegen. Das Anklagematerial bildete unsere gesamte agitatorische
Ttigkeit in Vereinen, Versammlungen, Artikeln und Broschren nebst
einer Anzahl Briefe, die bei dem Braunschweiger Ausschu gefunden worden
waren. Auerdem wurde aber auch fast die ganze bis dahin in deutscher
Sprache erschienene sozialistische Broschrenliteratur als belastend
herangezogen, auch wenn wir an deren Verfasserschaft und Verbreitung gar
nicht beteiligt waren, wie zum Beispiel bei dem Kommunistischen
Manifest. Auch eine Broschre des brgerlichen Republikaners Karl
Heinzen, betitelt: "Ein europischer Soldat an seine Kameraden", mute
als Belastungsmaterial dienen, obgleich bis zur Prozeverhandlung keiner
von uns von der Existenz der Broschre etwas wute. Dieselbe war im
Archiv des Parteiausschusses in einem Exemplar gefunden worden. Das
Belastungsmaterial lie also an _Quantitt_ nichts zu wnschen brig, um
so schlimmer stand es mit der _Qualitt,_ wie wir das wiederholt whrend
der Verhandlungen hervorhoben.

Unsere Reichstagsreden konnten auf Grund der Verfassung nicht unter
Anklage gestellt werden, es sorgte aber die Leipziger liberale Presse
dafr, da die schrfsten Stellen aus denselben den Geschworenen bekannt
wurden.

Als Belastungszeugen hatte die Staatsanwaltschaft eine Anzahl Herren aus
Plauen im Vogtland geladen, die in den beiden Versammlungen anwesend
gewesen waren, die ich Frhjahr 1870 dort gegen Dr. Max Hirsch
abgehalten hatte. Der Inhalt jener Reden, die damals wegen Inkrafttreten
des deutschen Strafgesetzbuchs nicht mehr verfolgt werden konnten, und
ebenso die Liebknechtsche Rede "Ueber die politische Stellung der
Sozialdemokratie", wegen deren er 1869 in Berlin _in contumaciam_ zu
mehreren Monaten Gefngnis verurteilt worden war, wurden jetzt ebenfalls
als Material fr den Hochverratsproze verwendet. Die Belastungszeugen
waren der Obergendarm aus Plauen, der meine Versammlungen berwacht
hatte, ferner der Vorsitzende einer derselben, Rechtsanwalt Kirbach, ein
Redakteur, ein Oberlehrer und der Einberufer der Versammlungen. Als
Entlastungszeugen hatten wir Bracke und Spier laden lassen, die alsdann
dem Proze bis zu seinem Schluakt beiwohnten.

Prsident des Schwurgerichts war ein Herr v. Mcke,
Bezirksgerichtsdirektor in Bautzen. Herr v. Mcke war im Gegensatz zu
seinem Namen ein herkulisch gebauter Mann, der Hnde wie ein Fleischer
und eine so niedere Stirne besa, da man sich erstaunt fragte, wo in
jenem Kopf das Gehirn sitze. Offenbar hatte der Justizminister Abeken
sich als Prsident des Schwurgerichts den beschrnktesten Kopf
ausgesucht, den es unter den Gerichtsdirektoren in Sachsen gab. Will man
in einem politischen Proze um jeden Preis eine Verurteilung
herbeifhren, so empfiehlt sich, als Leiter eines solchen entweder einen
gewissenlosen Streber--ein solcher scheint zu jener Zeit in Sachsen
nicht vorhanden gewesen zu sein--oder einen beschrnkten Kopf
auszuwhlen, der sich leicht beeinflussen lt. Herr v. Mcke war seiner
Aufgabe in keiner Weise gewachsen, weder beherrschte er das sehr
umfngliche Aktenmaterial, noch besa er das Ma von Unparteilichkeit
und Ruhe, das erste Voraussetzung fr den Leiter einer solchen
Verhandlung ist. Auch war ihm bis dahin offenbar der Sozialismus ein mit
sieben Siegeln verschlossenes Buch. Es stimmte oft sehr heiter und
blamierte ihn grndlich, wenn er ber unsere Ausfhrungen ganz aufgeregt
wurde, Sinn und Tragweite derselben nicht verstehen konnte und dann in
die Rolle fiel, uns widerlegen zu wollen, wozu er ganz und gar unfhig
war und auch kein Recht hatte. Man konnte ihn naiv bis zur
Bewutlosigkeit nennen.

Unsere Verteidigung hatten die Rechtsanwlte Otto und Bernhard Freytag
bernommen, die bei ihnen in den besten Hnden lag. Beide machten durch
ihre Kreuz- und Querfragen dem Prsidenten, der diese Fragen oft nicht
verstand oder ihre Tragweite nicht bersah, das Leben sauer.

Unter den Geschworenen waren sechs Kaufleute, davon drei aus Leipzig,
ein Rittergutsbesitzer, ein Oberfrster und einige Gutsbesitzer. Die
Verhandlungen waren fr Leipzig eine Sensation. Tag fr Tag war der
gerumige Verhandlungssaal berfllt mit Zuhrern aus allen Stnden.
Mehrere Male waren auch der Justizminister und der Generalstaatsanwalt
anwesend. Und da alle greren Bltter Deutschlands ausfhrliche
Berichte brachten und ihre Leser jetzt zum erstenmal zu hren bekamen,
was der Sozialismus sei und was die Sozialisten erstrebten--soweit dies
bei Zeitungsberichten mglich ist--, wirkten die Verhandlungen eminent
agitatorisch. Dafr sorgten natrlich auch wir durch unsere Haltung,
namentlich Liebknecht, der der eigentliche Fhrer des Prozesses wurde.
An allerlei kleinen dramatischen Szenen fehlte es auch nicht. So wenn
der Prsident durch ungeschickte Fragen und Bemerkungen von Liebknecht
gehrig auf den Sand gesetzt wurde, oder ich bei der Frage, was ich zu
dem Kommunistischen Manifest zu sagen habe, antwortete: ich sei damals,
als dasselbe erschienen sei, kaum acht Jahre alt gewesen, oder Hepner
wiederholt antworten mute: er sei berhaupt noch nicht geboren gewesen,
als dieses oder jenes Aktenstck erschien.

Die Beeinflussung der Geschworenen wurde Tag fr Tag von unseren Gegnern
dadurch versucht, da sie dieselben in der Restauration aufsuchten, in
der die meisten von ihnen allabendlich zusammenkamen. Alsdann wurden die
Vorgnge des Tages besprochen und entsprechend auszunutzen versucht. So
uerte zum Beispiel eines Abends ein Appellationsgerichtsrat Mller:
"Denken Sie sich, meine Herren, mir trumte verflossene Nacht, Bebel sei
freigesprochen worden, da habe ich mich aber gergert." Er schien
anzunehmen, man wolle nur Liebknecht verurteilen. Fr die Qualitt
einzelner Geschworener war auch folgender Vorgang bezeichnend: Eines
Tages trifft einer unserer Rechtsanwlte einen der Geschworenen auf der
Strae und fragt ihn, ob er sich wohl ein klares Bild von dem Inhalt
der vorgetragenen Aktenstcke machen knne? Worauf dieser antwortete:
"Herr Advokat, offen gesagt, wenn ich nicht zeitweilig eine Prise nhm',
schlief' ich ein." Nun wurden wir schlielich mit acht gegen vier
Stimmen verurteilt, mehr als sieben Stimmen verlangte das Gesetz fr
einen Schuldigspruch, und es war die Stimme dieses Herrn, die das
Schuldig bewirkte.

Am dreizehnten Verhandlungstag begannen unter enormem Zudrang des
Publikums die Pldoyers, nachdem die Fragen fr die Geschworenen
formuliert worden waren. Der ffentliche Anklger schlo seine Rede mit
den Worten: Wenn Sie die beiden Angeklagten nicht verurteilen--von
Hepner sprach er nicht, er gab ihn preis--, dann sanktionieren Sie fr
immer den Hochverrat!

Zunchst antwortete Rechtsanwalt Otto Freytag, der damit begann, zu
erklren, er habe trotz einer dreiviertelstndigen Pause, die zwischen
der Anklagerede des Staatsanwaltes und seiner Rede lag, sich noch immer
nicht von dem Erstaunen erholt, das bei ihm die Begrndung der Anklage
hervorgerufen habe. Nach einer mehrstndigen vorzglichen Rede, in der
er die Anklage grndlich zerzauste, beantragte er unsere Freisprechung.
Am nchsten Morgen nahm Rechtsanwalt Bernhard Freytag das Wort. Auch er
blieb an oratorischer und juristischer Gewandtheit nicht hinter seinem
Bruder zurck. Nach zirka drei Stunden schlo er mit den Worten an die
Geschworenen: Bejahen Sie die Fragen, so schaffen und sanktionieren Sie
in Sachsen einen rechtlosen Zustand. Wegen dieser Worte kam es zwischen
ihm und dem Prsidenten zu einer heftigen Auseinandersetzung. Der
Prsident hatte diese Worte gergt.

Nach dem Schluwort des Staatsanwaltes nahm noch einmal Otto Freytag das
Wort, dagegen erklrte sein Bruder, da, nachdem der Staatsanwalt auf
seine Frage: worin "das bestimmte Unternehmen" bestehe, dessen er uns
anklage, nicht geantwortet habe, er bei der eigentmlichen Disziplin,
die in diesem Saale herrsche, auf weitere Auseinandersetzungen
verzichte. Eine Erklrung, der wir uns anschlossen. So ging die
Verhandlung einen Tag frher zu Ende, als erwartet worden war. Bei der
"Rechtsbelehrung" der Geschworenen durch den Prsidenten kam es
abermals zwischen diesem und unseren Verteidigern zu lebhaften
Auseinandersetzungen; sie wollten die "Rechtsbelehrung" desselben, weil
von falschen Voraussetzungen ausgehend, nicht gelten lassen. Beide
meldeten schon im voraus die Nichtigkeitsbeschwerde an.

Nach mehr als zweieinhalbstndiger Beratung verkndeten die
Geschworenen, da sie Liebknecht und mich der Vorbereitung zum
Hochverrat schuldig befunden, Hepner freigesprochen htten. Der
Staatsanwalt beantragte hierauf gegen uns eine Hchststrafe von zwei
Jahren Festung, weil die Vorbereitungshandlungen noch entfernte gewesen
seien, gegen Hepner beantragte er Freisprechung. Der Gerichtshof
erkannte demgem gegen Liebknecht und mich unter Anrechnung von zwei
Monaten Untersuchungshaft.

Unsere Parteigenossen waren ber das Urteil hchst aufgebracht. Mich
packte der Galgenhumor: "Wit ihr was", uerte ich zu den Verteidigern
und Mitangeklagten nach Schlu der Verhandlung, "wir gehen heute abend
dem Urteil zum Trotz in Auerbachs Keller (berhmt geworden durch die
Kellerszene in Goethes Faust) und trinken eine Flasche Wein." "Das tun
wir", erklrte Otto Freytag, "und wir (er und sein Bruder) bezahlen die
Zeche."

Unsere Frauen, die uns mit lautem Weinen empfingen, waren freilich von
diesem Vorschlag sehr wenig erbaut. Es sei eine Frivolitt, dergleichen
zu tun, wir seien schreckliche Mnner. Aber sie waren tapfer und gingen
schlielich mit. Auch Bracke mit seiner jungen, liebenswrdigen Frau,
die ihn nach Leipzig begleitet hatte, und Spier waren bei der Partie.
Meine Frau war noch vor der Verurteilung durch unseren Hausarzt in etwas
eigentmlicher Weise getrstet worden. "Frau Bebel", hatte er zu ihr
gesagt, "wird Ihr Mann zu einem Jahre Festung verurteilt, so seien Sie
froh, er braucht sehr dringend Ruhe."

Am 27. Mrz, dem Tage, an dem wir die Entscheidungsgrnde des
Gerichtshofs erhalten hatten, erlieen Liebknecht und ich im
"Volksstaat" eine kurze Ansprache "An die Parteigenossen", in der wir
sie aufforderten, tapfer zur Sache zu stehen und namentlich fr die
Verbreitung des "Volksstaat" zu sorgen, der jetzt 5500 Abonnenten hatte.
An demselben Tage verffentlichten wir eine zweite Erklrung im
"Volksstaat" "Zu unserer Verurteilung", in der es hie:

  "Der Wahrspruch der Herren Geschworenen ist _nicht wahr_. Was wir
  gewollt und getan, haben wir ohne Hehl bekannt; ein hochverrterisches
  Unternehmen im Sinne des Strafgesetzbuchs haben wir _nicht
  vorbereitet_. Wenn wir schuldig sind, ist jede Partei schuldig, die
  nicht gerade am Ruder ist. Indem man uns verurteilt, chtet man die
  freie Meinungsuerung.

  Durch Ihren Wahrspruch, meine Herren Geschworenen, haben Sie im Namen
  der besitzenden Klasse die Gewalttat von Ltzen sanktioniert und der
  Reaktion einen Freibrief in blanco ausgestellt. Uns persnlich ist das
  Resultat gleichgltig. Dieser Proze hat so unendlich viel fr die
  Verbreitung unserer Prinzipien gewirkt, da wir gern die paar Jahre
  Gefngnis hinnehmen, die--falls Rechtskraft eintritt--ber uns
  verhngt werden knnen. _Die Sozialdemokratie steht ber dem Bereich
  eines Schwurgerichtes_. Unsere Partei wird leben, wachsen und siegen.
  Wohl aber haben Sie, meine Herren Geschworenen, durch Ihr Verdikt das
  Todesurteil gefllt ber das Institut der heutigen Schwurgerichte,
  die, ausschlielich aus der besitzenden Klasse gebildet, nichts sind
  als Mittel der Klassenherrschaft und Klassenunterdrckung."

Die ganze demokratische und linksliberale Presse, die damals noch
Bedeutung hatte, stand auf unserer Seite, mit Ausnahme der "Berliner
Volkszeitung". Diese folgerte: Das Schwurgericht ist Volkesstimme,
Volkesstimme ist Gottesstimme, ergo, ... Auch der frhere
Appellationsgerichtsprsident Temme, einer der aufrechtesten Mnner, die
der preuische Richterstand je gehabt hat, der aber der Reaktion im
Anfang der fnfziger Jahre zum Opfer gefallen war, verffentlichte in
einem Wiener Blatte einen scharfen Artikel wegen unserer Verurteilung.
Ich hatte das Glck, Temme noch kurz vor seinem Ableben 1882 in Zrich
kennen zu lernen, wohin er sich zurckgezogen hatte; er war eine uerst
sympathische Persnlichkeit.

Herr v. Mcke und der Staatsanwalt Hoffmann wurden fr
ihre staatsretterische Ttigkeit durch Orden belohnt.
Der Generalstaatsanwalt v. Schwarze, der bei der Anklage
Geburtshelferdienste geleistet hatte, war schon zuvor belohnt worden.
Als Antwort auf das Urteil erklrte Johann Jacoby am 2. April seinen
Beitritt zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Dem Vorgehen desselben
schlo sich der Berliner Demokratische Verein--nicht zu verwechseln mit
dem Demokratischen Arbeiterverein--insofern an, als er mit groer
Mehrheit dem Eisenacher Programm zustimmte.

Unsere Parteigenossen legten in der Parteipresse und in zahlreichen
Volksversammlungen schrfsten Protest gegen das Urteil ein, was freilich
zur Folge hatte, da eine ganze Anzahl derselben gerichtlich verurteilt
wurde.

Kurz nach Schlu des Prozesses befiel mich eine sehr schmerzhafte
Brustfellentzndung, die mich mehrere Wochen ans Bett fesselte. Auch
hatten Agitation, parlamentarische Ttigkeit, Untersuchungshaft und
Proze, wozu noch angestrengte Ttigkeit in meinem Geschft kam, das
meine Krfte ebenfalls in hohem Grade in Anspruch nahm und mich zu
Erweiterungen meines kleinen Betriebs ntigte, meine Nerven zerrttet.
Ich litt neben heftigen Schmerzen an groer Schlaflosigkeit. In den
Nchten, in denen ich mich schlaflos im Bette wlzte, dachte ich fter
an Bismarck, der damals insofern mein Leidensgefhrte war, als er nach
den Berichten der Zeitungen ebenfalls an Schlaflosigkeit und
neuralgischen Schmerzen litt. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.




Die dritte Generation des ersten deutschen Reichstags.


Ende April 1872 war der Reichstag wieder zusammengetreten. Eben genesen,
reiste ich nach Berlin und hielt am 1. Mai eine Rede zu dem Antrag
Hoverbeck und Genossen, betreffend die Abschaffung der Salzsteuer. Ich
wendete mich in der Rede gegen die gesamten indirekten Steuern auf
notwendige Lebensbedrfnisse. Die besitzenden Klassen suchten in ihrem
Klasseninteresse dieses System aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen;
sie suchten sich den Staatslasten, wo sie knnten, zu entziehen, aber
sie machten die direkten Steuern zum Mastab der politischen Rechte. Ob
das Haus glaube, da solche Zustnde die Vershnung der verschiedenen
Klassen herbeifhrten? Das Gegenteil werde erreicht; da drfe sich die
Bourgeoisie nicht wundern, wenn ihr alsdann von uns gesagt werde, was
Tell ber Geler sagte: Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt, fort
mut du, deine Uhr ist abgelaufen. (Strmisches Gelchter.) Eugen
Richter erklrte: Er wolle mir nicht antworten, das hiee meiner Person
und meiner Doktrin eine Bedeutung beimessen, die sie nicht habe. Ich
polemisierte darauf gegen Richter in einer persnlichen Bemerkung; seine
geringschtzende Bemerkung gegen mich solle nur verdecken, da ihm die
Grnde zu meiner Widerlegung fehlten. Richter antwortete: Er hielt mich
durchaus nicht fr so unbedeutend, da es sich nicht lohne, mir zu
antworten, aber er hielt mich, wenigstens zurzeit noch nicht, fr so
bedeutend wie den Reichskanzler (Heiterkeit), darum habe er keine Zeit
gehabt, mir zu antworten.--

Im Jahre 1872 ging der "Kulturkampf" seinem Hhepunkt entgegen, jener
"Kulturkampf", der der grte politische Fehler war, den Bismarck in der
inneren Politik machte, und der der innerpolitischen Entwicklung
Deutschlands eine hchst verderbliche Richtung gab. Bismarck hatte das
Jesuitenausweisungsgesetz dem Reichstag vorgelegt, um das ein heftiger
Kampf entbrannte. Bei der dritten Lesung am 19. Juni kam ich zum Worte.
Ich fhrte aus: Der englische Kulturhistoriker Buckle bemesse den
Kulturgrad eines Volkes nach der Bedeutung, die religise Streitigkeiten
bei demselben fnden. An diesem Mastab gemessen, mten wir in
Deutschland auf einem tiefen Kulturgrad stehen. Keiner Frage werde seit
lngerer Zeit so viel Aufmerksamkeit geschenkt als der religisen Frage.
Freilich, die religisen Auffassungen stnden in inniger Verbindung mit
dem sozialen und politischen Zustand eines Volkes. Sei das Zentrum im
Hause so stark vertreten, so nicht etwa blo seiner religisen
Anschauungen wegen, sondern namentlich auch wegen der sozialen und
politischen Interessen, die es vertrete. Die rckstndigen konomischen
Schichten im katholischen Volke schlssen sich mit Vorliebe dem Zentrum
an, die anderen kapitalistischen Schichten den Liberalen. Der
Protestantismus, einfach, schlicht, hausbacken, gewissermaen die
Religion in Schlafrock und Pantoffeln, sei die Religion des modernen
Brgertums. Der ganze Kampf sei, soweit die Religion in Frage komme, nur
ein Scheinkampf, in Wahrheit bedeute er den Kampf um die Herrschaft im
Staate. Wolle die liberale Bourgeoisie ehrlich den Fortschritt, msse
sie mit der Kirche brechen, denn die Bourgeoisie habe in Wahrheit keine
Religion. Fr sie sei die Religion nur Mittel zum Zweck, um die
Autoritt zu sttzen, die sie brauche, und um in den Arbeitern willige
Ausbeutungsobjekte zu erziehen.

Man sage, der Jesuitismus habe mit dem Katholizismus nichts zu tun. Das
sei falsch. Der Jesuitismus sei die festeste Sttze des Katholizismus,
und insofern habe das Zentrum recht, wenn es sage, der Kampf gegen den
Jesuitismus sei ein Kampf gegen den Katholizismus. Die Verteidiger der
Vorlage behaupteten, sie wollten durch dieselbe den Frieden herstellen;
das Gegenteil werde erreicht; sie wrden nicht den Frieden bekommen,
sondern den Krieg.

Man sage ferner, das Dogma von der Unfehlbarkeit sei staatsgefhrlich.
Das knnte ich nicht einsehen. Schlielich stnden alle Dogmen mit der
Wissenschaft und der gesunden Vernunft in Widerspruch und seien von
diesem Gesichtspunkt aus ebenfalls staatsgefhrlich. (Heiterkeit.) Je
ungeheuerlicher ein Dogma ist, und das sei das von der Unfehlbarkeit des
Papstes, um so mehr Widerspruch finde es bei allen Denkenden. Man
behaupte auch, der Jesuitismus sei unmoralisch. Der Staat habe aber
allezeit verdammt wenig nach der Moral gefragt, und der Reichskanzler
sei der letzte, dem diese Sorge mache. Was den Reichskanzler rgere,
sei, da man ihn in seiner Politik nicht fr unfehlbar halte.
(Heiterkeit.) Wrden die Jesuiten und die Herren im Zentrum sich bereit
erklren, seine Politik zu untersttzen, so knnten sie auf kirchlichem
Gebiete tun, was sie wollten. (Sehr richtig.) Je reaktionrer dann der
Jesuitismus sei, um so lieber wrde es dem Reichskanzler sein. Er wolle
nichts weiter, als da die ultramontane Partei sein Werkzeug werde. Da
man es wage, dem Reichstag einen solchen Gesetzentwurf vorzulegen, sei
ein Zeichen dafr, wie tief man ihn einschtze. (Unruhe.) Die Liberalen
suchten durch den Kampf gegen den Jesuitismus nur wieder zu gewinnen,
was sie an Kredit bei dem Volk durch Preisgabe aller Volksrechte
eingebt htten. Man bekmpfe den Jesuitismus mit einem Ausnahmegesetz,
_und die Folge werde sein, da sein Anhang grer werde, als er je
gewesen._ Die Masse der Menschen sympathisiere mit dem Verfolgten. Es
gehe nicht an, ein Gesetz zu erlassen, wonach man einen Menschen
heimatlos machen und wie ein wildes Tier von einem Orte zum andern jagen
knne. Wir htten Unterdrckungsgesetze in Deutschland genug, wofr ich
Beispiele anfhrte; wir brauchten keine neuen. Wer habe denn den
Jesuitismus gezchtet? Der Staat. Statt jhrlich viele hundert Millionen
fr Mordwerkzeuge auszugeben, verwende man diese Mittel _auf die Bildung
des Volkes,_ das werde dem Jesuitismus mehr schaden als alle
Ausnahmegesetze. Man errichte ein auf der Hhe der Zeit stehendes
Bildungssystem, man trenne den Staat von der Kirche, man verweise die
Kirche aus der Schule, und ehe zehn Jahre vergingen, wrde es mit den
pfffischen Whlereien zu Ende sein. Die Herren knnten dann in Gottes
Namen in der Kirche predigen, hin gehe niemand mehr. (Heiterkeit.) Doch
das wolle man nicht, sie alle brauchten Autoritten, deren Hauptsttze
die Kirche sei. Man wisse, hre die himmlische Autoritt auf, dann falle
auch die irdische. Man frchte, es wrde alsdann auf dem politischen
Gebiet die Republik, auf dem sozialen der Sozialismus und auf dem
religisen der Atheismus zur Geltung kommen. Ich wrde gegen das Gesetz
stimmen, mte aber die Behauptung, Ultramontanismus und Sozialismus
seien Verbndete, als eine infame Verleumdung zurckweisen. Es wrde dem
Ultramontanismus und dem Liberalismus gleich schlecht gehen, wenn wir am
Ruder wren. (Unruhe.)

Im Verlauf der Debatte sprach auch Graf Ballestrem, der sptere
Prsident des Reichstags. Mit Hinweis auf meine Ausfhrungen meinte er,
wohin man mit Annahme des Gesetzentwurfes steuere, habe meine Rede
gezeigt. Verliere das Volk erst den Glauben an das Paradies im Himmel,
dann werde es das Paradies auf der Erde verlangen, und das verspreche
ihm die Internationale. Ich unterstrich diese Worte, indem ich krftig
"sehr richtig" rief.

Kurze Zeit danach erzhlte man sich im Reichstag einen amsanten
Vorgang. Einige Herren vom Zentrum unterhielten sich in einer
Restauration ber den katholischen Kirchengelehrten Dllinger und das
neue Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Dllinger war heftiger
Gegner der Unfehlbarkeitserklrung. Darauf uerte ein geistlicher Herr,
Abgeordneter fr Mnchen: Glaubt der alte Esel an so viel Unsinn, konnte
er auch an diesen glauben. Diese Aeuerung wurde im Reichstag bekannt
und viel belacht.




Mein Majesttsbeleidigungsproze.


Die Anklage gegen Liebknecht auf Majesttsbeleidigung war auf Beschlu
der Anklagekammer von der Anklage wegen Vorbereitung auf Hochverrat
getrennt und vor das Leipziger Bezirksgericht verwiesen worden. Hier
wurde Liebknecht Anfang April freigesprochen. Ende Mai 1872 verwarf das
Oberappellationsgericht in Dresden unsere Nichtigkeitsbeschwerde, es war
somit das Urteil des Schwurgerichtes rechtskrftig geworden. Liebknecht
trat Mitte Juni seine Haft in Hubertusburg an. Ich hatte nach Schlu des
Reichstags auch noch eine Anklage zu erledigen. Ich war ebenfalls auf
Majesttsbeleidigung, begangen durch Reden in zwei Volksversammlungen im
Bezirk der Leipziger Amtshauptmannschaft, angeklagt worden. Ich hatte
anknpfend an das Dankschreiben des Knigs von Preuen vom 25. Juli
1870, das mit den Worten schlo: er hoffe, da die _Freiheit_ und
Einheit Deutschlands das Ergebnis des Krieges sein werde, allerlei
kritische Bemerkungen gemacht. Ich hatte ausgefhrt, da wir zwar die
Einheit bekommen htten, die Freiheit sei aber ausgeblieben; es sei in
dieser Beziehung sogar schlimmer als frher, was ich durch Tatsachen
bewies. Es sei eben die alte Geschichte. Seien die Knige in der
Verlegenheit, so fehle es nicht an schnen Versprechungen, habe aber das
Volk die Opfer gebracht und die Knige gerettet, dann wrden die
gemachten Versprechen vergessen und nicht eingelst. In diesen
Ausfhrungen sah die Staatsanwaltschaft eine Majesttsbeleidigung, und
der Gerichtshof schlo sich ihr in der Verhandlung am 6. Juli 1872 an,
in der ich mich selbst verteidigte. Der Staatsanwalt hatte eine
Zusatzstrafe zu der bereits erkannten Festungshaft beantragt. Das
Gericht ging ber diesen Antrag hinaus und verurteilte mich zu _neun
Monaten Gefngnis_. Da es sich um eine andere Strafart als die mir
bereits zuerkannte handelte, fiel die Zusatzstrafe; sonst wrden, wenn
es bei neun Monaten Festung geblieben wre, diese mit der schon
erkannten Festungshaft wahrscheinlich auf achtundzwanzig Monate
zusammengezogen worden sein. Auerdem ging der Gerichtshof noch in einem
zweiten Punkte ber den Antrag des Staatsanwaltes hinaus, _er erkannte
mir das Reichstagsmandat ab_.

Dieser letztere Beschlu war ein groer politischer Fehler von seiner
Seite, denn da er mir nicht auch die Whlbarkeit aberkennen konnte,
mute er sich sagen, sein Beschlu werde wirkungslos bleiben, indem
meine Parteigenossen mich in meinem bisherigen Wahlkreis wieder
aufstellen und mich sicher whlen wrden. So geschah es. Meine
Wiederwahl wurde fr den Gerichtshof eine schallende Ohrfeige. Darber
spter.




Unsere Festungshaft und was zwischenzeitlich passierte.




Hubertusburg.


Am 1. Juli 1872 schrieb mir Bracke einen Abschiedsbrief, dem er uerte:
"Wenn Eure Familien nicht wren, knnte ich fast triumphieren ber die
Einfalt unserer Feinde! Du zum Beispiel wirst Dich krperlich erholen
und viel lernen; dann bist Du ein verdammt gefhrlicher Kerl, und
schlielich wird Deine liebe Frau auch, trotz des harten Loses der
Trennung, zufrieden sein, wenn Du auf diese Weise eine Kurzeit
durchmachst, die Dich wieder krftigt frs ganze Leben." Am 8. Juli, dem
Tage meines Haftantritts, verffentlichte ich folgende Erklrung:

  "_An meine Whler im 17. schsischen Wahlkreis!_

  Freunde und Gesinnungsgenossen! Das Knigliche Bezirksgericht zu
  Leipzig hat die Gewogenheit gehabt, mir wegen 'Majesttsbeleidigung'
  neben einer neunmonatigen Gefngnisstrafe auch 'den Verlust der
  bekleideten ffentlichen Aemter sowie der aus Wahlen hervorgegangenen
  Rechte' abzuerkennen.

  Durch dieses Erkenntnis bin ich des mir von euch verliehenen Mandats
  _verlustig_ geworden.

  Freunde und Gesinnungsgenossen! Der Schlag soll nicht nur mich, er
  soll auch euch, deren _Vertreter_ ich bisher war, er soll die _Partei_
  treffen, der wir angehren. _Zeigen wir, da der gefhrte Schlag ein
  Schlag ins Wasser ist_. Ihr seid vor die Alternative einer Neuwahl
  gestellt. _Ich biete mich euch fr dieselbe aufs neue als Kandidat
  an_. Habe ich nach eurer Meinung das in mich gesetzte Vertrauen
  gerechtfertigt, _dann whlt mich wieder_.

  Seid versichert, die erhaltenen 'Strafen' machen mich nicht mrbe.
  Festung und Gefngnis sind nicht die Mittel, mir bessere Begriffe ber
  unsere faulen Gesellschaftszustnde beizubringen. Die Gesellschaft,
  die zu solchen Mitteln der Belehrung greifen mu, verdient, da sie
  aufhrt zu existieren.

  Fhren wir also den Krieg fort mit aller uns zu Gebote stehenden
  Kraft und mit aller Fhigkeit; gebt mir durch die _Neuwahl_ das Mittel
  in die Hand, da ich auch fr die nchsten Jahre mich an diesem Kampfe
  beteiligen kann. Der Tag kommt, wo auch _unsere_ Stunde schlgt.

  Lebt wohl! Auf Wiedersehen zu neuem Kampf und Sieg!"

Am Nachmittag desselben Tages reiste ich nach Hubertusburg. Am Bahnhof
hatten sich eine groe Zahl Mnner und Frauen eingefunden, um sich von
mir zu verabschieden. Meine Frau hatte ich gebeten, mit unserem
Tchterchen zu Hause zu bleiben. Unter dem Gepck, das ich mitnahm,
befand sich auch ein groer Vogelbauer mit einem prchtigen
Kanarienhahn, den mir ein Dresdener Freund als Gesellschafter fr meine
Zelle geschickt hatte. Er wurde, nachdem ich ihm zu einem Weibchen
verholfen, der Stammvater einer Kinder- und Enkelschar, die ich in
Hubertusburg zchtete. An der Station Dahlen, an der ich ansteigen
mute, um von dort zu Wagen nach Hubertusburg zu fahren, brachte man mir
eine eigenartige Ovation. Als ich ausstieg, standen smtliche Schaffner
an dem langen Personenzug vor ihren Wagen und salutierten, indem sie die
Hand an die Mtze legten. Der Lokomotivfhrer schwenkte die Mtze,
ebenso schwenkte ein groer Teil der Passagiere, der in den Fenstern
lag, Hte und Mtzen und rief mir Lebewohl zu. Ich war sehr gerhrt ber
diese Zeichen der Sympathie.

Als ich in Hubertusburg ankam und mit Liebknecht zusammentraf, lachte er
mich aus, da ich mir noch neun Monate Gefngnis geholt. Da sei er doch
klger gewesen. Er hatte gut lachen. Er hat nachher fr die Artikel, die
er heimlich aus Hubertusburg an den "Volksstaat" schrieb, weit mehr als
neun Monate Gefngnis den verantwortlichen Redakteuren aufbrummen
helfen. Und wie vorsichtig glaubte er zu sein. Hatte er einen solchen
Artikel auf der Pfanne und hegte er Bedenken gegen seine Fassung, so zog
er mich zu Rate. Er las mir alsdann die betreffende Stelle vor. Warnte
ich ihn, eine mir bedenklich scheinende Stelle im Artikel zu lassen, so
versuchte er mir nachzuweisen, da und warum sie nicht gefhrlich sei.
Er erhielt alsdann regelmig von mir die Antwort: Du wrdest recht
haben, dchten Staatsanwalt und Richter so wie du. Er kaute alsdann an
einem Fingernagel und berlegte sich die neue Fassung. Manchmal war
diese aber noch schrfer als die frhere. Er trennte sich sehr ungern
von einem Gedanken, mit dessen Verffentlichung er den Gegner rgern
konnte.

Auer Liebknecht war noch Karl Hirsch und ein Chemnitzer Parteigenosse
in der Festungshaft. Vahlteichs Haft war bereits zu Ende, doch sorgten
die Gerichte stets fr Ersatz. Wir waren meist fnf bis sechs Genossen,
darunter zeitweilig auch irgend ein Student, der wegen Duellgeschichten
zu kurzer Festungshaft verurteilt worden war. Erst als meine Haft zu
Ende ging, war ich der letzte der Mohikaner, den Hubertusburg beherbergt
hatte.

Es fiel uns auf, da wir unsere Haft auf Hubertusburg statt auf der
schsischen Festung Knigstein zu verben hatten. Der Grund war, da
auf Knigstein sich keine Rume fr Zivilgefangene befanden, diese
muten erst erstellt werden.

Hubertusburg ist weiteren Kreisen bekannt geworden durch den 1763 hier
abgeschlossenen Friedensvertrag, der den siebenjhrigen Krieg beendete.
Das Schlo ist ein stattlicher Bau im Zopfstil. Vor demselben dehnt sich
ein groer Hof aus, der durch pavillonartige ein- und zweistockige
Gebude eingeschlossen ist, die frher den Hofbeamten und Bediensteten
zur Wohnung dienten. Zu unserer Zeit wohnten dort die Beamten der in
Hubertusburg vereinigten Anstalten und hatten daselbst ihre Bureaus.
Lngere Zeit waren Teile der Gebude als Landesgefngnis benutzt worden.
Fr uns Festungsgefangene war ein Flgel dieser Bauten reserviert, in
dem man sieben oder acht Zellen eingerichtet hatte. Mit Hubertusburg
verbunden war ein Siechenhaus und eine Irrenanstalt fr Frauen, und eine
Pflegeanstalt fr blinde und bldsinnige Kinder. Die Insassen dieser
Anstalten bekamen wir aber nicht zu sehen. Unsere Zellen besaen hohe
Fenster, die mit Eisenstben versehen waren. Wir blickten aus den
Fenstern in den groen Wirtschaftsgarten, in dem wir unsere Spaziergnge
zu machen hatten, und ber dessen Mauern hinaus auf Wald und Flur und
das in der Ferne liegende kleine Stdtchen Mutzschen.

Die Reinigung unserer Zellen besorgte ein sogenannter Kalfakter. Fr
deren Reinigung und Miete--der Staat gibt auch den Gefngnisraum nicht
umsonst--hatten wir monatlich fnf Taler zu zahlen. Unser Essen bezogen
wir aus einem Gasthaus des an Hubertusburg grenzenden Wermsdorf. Unsere
Tagesordnung war folgende: Morgens 7 Uhr muten wir angekleidet sein,
alsdann wurden die Zellen zwecks der Reinigung geffnet. Whrend dieser
Zeit frhstckten wir auf dem breiten Korridor, der vor den Zellen
hinlief. Diese Pause benutzte Karl Hirsch, um mit einem Zivilgefangenen
eine Partie Schach zu spielen, wobei sich die beiden zu unserem grten
Ergtzen regelmig in die Haare gerieten. Um 8 Uhr wurden wir wieder
eingeschlossen bis 10 Uhr, zu welcher Zeit wir unseren Spaziermarsch im
Garten unternahmen. Um 12 Uhr wieder Einschlieung bis 3 Uhr im Winter,
4 Uhr im Sommer, dann zweiter Spaziergang, von 5 beziehungsweise 6 Uhr
ab wieder Einschlieung bis nchsten Morgen. Da wir das Recht hatten,
bis 10 Uhr abends Licht brennen zu drfen, waren diese Stunden meine
Hauptarbeitszeit. Nach einigen Monaten erlangte ich, da Liebknecht den
Vormittag von 8 bis 10 Uhr in meine Zelle mit eingeschlossen wurde, um
mir englischen und franzsischen Unterricht zu geben. Bei dieser
Gelegenheit wurden dann auch die Interna der Partei und die politischen
Vorgnge errtert. Die Korrespondenz fr mein Geschft erledigte ich auf
Grund der Unterlagen, die mir tglich meine Frau sandte.

Liebknecht und ich waren passionierte Teetrinker. Tee konnten wir aber
nicht erhalten, und das Selbstkochen war der Feuersgefahr wegen
verboten. Aber Verbote sind da, um bertreten zu werden. Ich verschaffte
mir also heimlich eine Teemaschine und die ntigen Ingredienzien. Sobald
am Abend der Aufseher die Zelle abgeschlossen und sich entfernt hatte,
begann ich Tee zu brauen. Um aber auch Liebknecht den Genu desselben zu
ermglichen, hatte ich mir im Garten einen etwa zwei Meter langen Stock
zurechtgeschnitten. An dessen Ende befestigte ich eine Schnur, die mit
einem von mir geflochtenen Netz versehen war, in das ich das gefllte
Glas stellen konnte. War der Tee fertig, klopfte ich Liebknecht, dessen
Zelle neben der meinen lag, damit er ans Fenster trete. Alsdann
streckte ich den Stock mit dem Teeglas zum Fenster hinaus, beschrieb mit
demselben einen Bogen nach Liebknechts Fenster, worauf dieser, sobald er
das Glas in Hnden hatte, mit einem: "Ich hab's, danke!" den Empfang
anzeigte. Aehnlich machten wir's mit dem Austausch der Zeitungen, die
jeder sobald als mglich lesen wollte. Wir hatten vor den Fenstern der
Zellen, lngs der Eisenstbe, eine Schnur ohne Ende angebracht. Wer mit
dem Lesen seiner Zeitung fertig war, befestigte diese mit einem Haken an
die Schnur, darauf klopfte er dem Nachbar, der alsdann ans Fenster trat
und das Zeitungspckchen zu sich heranlotste.

Kaum hatte ich mich in meiner Zelle huslich eingerichtet, als ich wie
ein Taschenmesser zusammenklappte. Die groen Anstrengungen und
Aufregungen der letzten Jahre hatten mir nicht zum Bewutsein kommen
lassen, wie sehr meine Krfte heruntergekommen waren. Jetzt, wo ich
gewaltsam zur Ruhe verwiesen worden war und die Spannung nachlie, brach
ich zusammen. Die Erschpfung war so gro, da ich wochenlang keine
ernste Arbeit vornehmen konnte. Aber absolute Ruhe und frische Luft
brachten mich allmhlich wieder auf die Fe. Mein Hausarzt hatte recht,
als er meine Frau trstete, ein Jahr Festung werde meiner Gesundheit
ntzlich sein. Spter stellte sich bei einer genauen rztlichen
Untersuchung auch heraus, da mein linker Lungenflgel stark tuberkuls
angegriffen war und eine Kaverne aufwies, die auf der Festung ausheilte.
Freunde, die das erfuhren, meinten lachend, da sei ich ja dem Staate
Dank schuldig, da er mich auf die Festung geschickt. Ich antwortete:
Dank wrde ich ihm schulden, htte er mich zu meiner Gesundung zu
Festung verurteilen lassen. Ich hatte wieder einmal, wie so oft im
Leben, "Schwein" gehabt. Was mein Verderben sein konnte, schlug zum
Guten aus.

Nachdem unabnderlich feststand, da ich fr einunddreiig Monate meine
Freiheit eingebt hatte, entschlo ich mich, diese Zeit mit aller Kraft
zu verwenden, um die Lcken meines Wissens einigermaen auszufllen.
Sobald ich also wieder arbeitsfhig war, strzte ich mich mit aller
Energie in die Arbeit, das beste Mittel, ber eine unangenehme Situation
hinwegzukommen. Ich studierte hauptschlich Nationalkonomie und
Geschichte. Zum zweitenmal studierte ich Marx' "Kapital", dessen erster
Band damals nur vorlag, Engels' "Lage der arbeitenden Klassen in
England", Lassalles "System der erworbenen Rechte", Stuart Mills
"Politische Oekonomie", Dhrings und Careys Werke, Lavelayes
"Ureigentum", Lorenz Steins "Geschichte des franzsischen Sozialismus
und Kommunismus", Platos "Staat", Aristoteles' "Politik", Machiavellis
"Der Frst", Thomas Morus' "Utopia", v. Thnens "Der isolierte Staat".
Von den Geschichtswerken, die ich las, fesselten mich besonders Buckles
"Geschichte der englischen Zivilisation" und Wilhelm Zimmermanns
"Geschichte des Deutschen Bauernkriegs". Letztere gab mir die Anregung,
eine populre Abhandlung zu schreiben unter dem Titel "Der Deutsche
Bauernkrieg mit Bercksichtigung der hauptschlichsten sozialen
Bewegungen des Mittelalters". Das Buch erschien bei W. Bracke in
Braunschweig; spter, unter dem Sozialistengesetz, wurde seine
Verbreitung verboten. Eine zweite Auflage, die eine Neubearbeitung
erforderte, gab ich wegen Zeitmangel nicht mehr heraus. Auch die
Naturwissenschaften vernachlssigte ich nicht. Ich las Darwins "Die
Entstehung der Arten", Hckels "Natrliche Schpfungsgeschichte", L.
Bchners "Kraft und Stoff" und "Die Stellung des Menschen in der Natur",
Liebigs "Chemische Briefe" usw. Ebenso widmete ich dem Lesen der
Klassiker einen Teil meiner Zeit. Ich war von einer wahren Lern- und
Arbeitsgier befallen.

Ferner bersetzte ich whrend der Haft _"Etude sur le doctrines sociales
du Christianisme"_ von Ives Guyot und Sigismond Lacroix, eine
Uebersetzung, die unter dem Titel "Die wahre Gestalt des Christentums"
bis heute erscheint. Dazu verfate ich eine Gegenschrift unter dem Titel
"Glossen zu Ives Guyots und Sigismond Lacroix' Die wahre Gestalt des
Christentums, nebst einem Anhang ber die gegenwrtige und zuknftige
Stellung der Frau". Der letztere Aufsatz war, glaube ich, die erste
parteigenssische Abhandlung ber die Stellung der Frau vom
sozialistischen Standpunkt aus. Die Anregung zu dieser Abhandlung hatte
mir das Studium der franzsischen sozialistischen und kommunistischen
Utopisten gegeben. Auch machte ich whrend dieser Haft die Vorstudien zu
meinem Buche "Die Frau", das zuerst im Jahre 1879 unter dem Titel "Die
Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" erschien und trotz des
Verbreitungsverbots unter dem Sozialistengesetz acht Auflagen erlebte.
Im Jahre 1910 erschien die 50. und 51. Auflage.

Es war schn und ntzlich, da ich die Zeit meiner Gefangenschaft zu
meinem eigenen Besten verwenden konnte, nichtsdestoweniger atmete ich
auf und begrte den Tag, an dem ich meine Freiheit wieder erlangte. Da
aber jeder Gefangene, der seiner baldigen Befreiung entgegensieht, von
groer Unruhe und Ungeduld gepackt wird und Tage und Stunden zhlt,
suchte ich dieselbe dadurch zu meistern, da ich mir vornahm, noch ein
Pensum Arbeit zu erledigen, das nur unter uerster Aufbietung der
Krfte bewltigt werden konnte. Nach dieser Methode verfuhr ich auch bei
spteren Freiheitsentziehungen; ich fand sie probat.

Unsere Familien besuchten uns alle drei bis vier Wochen einmal.
Wir setzten schlielich durch, da sie die Gltigkeit der
Rckfahrkarten--drei Tage--ausnutzen durften. Sie wohnten whrend der
Zeit im Dorfe. Jede der Frauen brachte ein Kind mit; Frau Liebknecht
ihren Aeltesten, der etwas jnger war als meine Tochter. Die Reise war
beschwerlich, namentlich in der ungnstigen Jahreszeit. Die Frauen und
Kinder muten schon frh vor 7 Uhr von Hause fort; Geld fr eine
Droschke auszugeben, htte jede der Frauen als ein Verbrechen angesehen.
Von vormittags 10 bis abends 7 Uhr durften sie in unserer Zelle
bleiben, auch den Spaziergang im Garten mitmachen. Das war fr uns eine
groe Erleichterung der Haft.

Ich hatte ein groes Bedrfnis zu krperlicher Arbeit. So kam ich auch
auf den Gedanken, wir sollten uns zu diesem Zweck im Garten einige Beete
anlegen. Unser Gesuch, uns dazu ein Stckchen Land zu berweisen, wurde
abgelehnt, wir knnten aber von dem mehrere Meter breiten Rain, der sich
lngs der Gartenmauer hinziehe, in Betrieb nehmen, so viel wir wollten.
So geschah es. Mit dem ntigen Werkzeug ausgerstet, gingen wir an die
Arbeit. Liebknecht, der damals seine Abhandlung ber die Grund- und
Bodenfrage schrieb, betrachtete sich als agrarischen Sachverstndigen.
Er versicherte, wir htten an dem Rain einen vorzglichen Humusboden zu
bearbeiten. Als wir aber die Spaten in den Boden stieen, antwortete ein
Mark und Bein durchdringendes Aechzen. Wir stieen bei jedem Spatenstich
auf Steine. Liebknecht machte bei diesem Resultat ein langes Gesicht,
wir lachten unbndig. Statt aus Humus bestand der Boden aus magerem
Lehm, den wir, wie unser Aufseher versicherte, dngen mten, wenn wir
ernten wollten. Liebknecht und ich nahmen also einen groen Korb und
zogen nach einem Komposthaufen, der in einer Ecke des Gartens angelegt
war. Wer einen solchen Komposthaufen kennt, wei, da, wenn man ihn
ansticht, ihm Dfte entstrmen, die alle Wohlgerche Indiens und
Arabiens nicht berwinden knnen. Aber wir gingen mit wahrer
Todesverachtung ans Werk, und nachdem wir den Korb gefllt, steckten wir
durch die Henkel zwei Stangen und trabten, Liebknecht vorn, ich hinten,
nach unserem Beet. Die im Garten arbeitenden Frauen lachten aus vollem
Halse, als sie unser Tun sahen. Ich habe damals und spter fter
geuert: Mutete der Staat uns eine solche Arbeit zu, wir htten sie mit
hchster Emprung zurckgewiesen. Das ist der Unterschied zwischen Zwang
und freiem Willen.

Wir hatten unser Beet mit Radieschensamen bestellt und warteten
sehnschtig auf die Ernte. Der Same ging prachtvoll auf, das Kraut scho
mchtig in die Hhe, aber die ersehnten Radieschen zeigten sich nicht.
Jeden Vormittag, sobald wir unseren Spaziergang antraten, veranstalteten
wir ein Wettrennen nach dem Radieschenbeet, denn jeder wollte die ersten
Frchte ernten. Vergebens. Als wir nun eines Tages kopfschttelnd um
unser Beet standen und tiefsinnige Betrachtungen ber die
fehlgeschlagene Ernte anstellten, lachte unser Aufseher, der in einiger
Entfernung unserer Unterhaltung zugehrt hatte, und sagte: "Warum Sie
keine Radieschen bekommen, meine Herren, das will ich Ihnen sagen, Sie
haben zu fett gedngt." Tableau! So war also alle unsere Mhe vergeblich
gewesen.

       *       *       *       *       *

In den ersten Monaten des Jahres 1873 sollte wieder der Reichstag
zusammentreten, und so mute die schsische Regierung wohl oder bel
eine Neuwahl fr den von mir innegehabten Wahlkreis anordnen. Der
Wahltag wurde auf den 20. Januar festgesetzt. Die ganze Partei
betrachtete es als eine Ehrensache, nicht blo das Mandat fr mich
wiederzuerobern, sondern auch mit hherer Stimmenzahl. Was an
agitatorischen Krften zur Verfgung stand, eilte in den Wahlkreis.
Auer, Motteler, Vahlteich, Wilhelm Stolle, Walster, York usw.
gingen an die Arbeit. Als Gegenkandidat hatten die Gegner den
Bezirksgerichtsdirektor Petzoldt in Glauchau aufgestellt, ein wegen
seines leutseligen Wesens im Wahlkreis sehr beliebter Herr. Aber das
half ihnen nichts. Am Abend des Wahltags wurden fr mich 10740, fr
meinen Gegner 4240 Stimmen gezhlt. Ich brauche nicht zu versichern, da
dieses Wahlresultat im Wahlkreis wie in der ganzen Partei strmischen
Jubel hervorrief. Das Resultat war eine klatschende Ohrfeige fr den
Gerichtshof, der mir das Mandat aberkannt hatte. Ich hatte fast 4000
Stimmen mehr erhalten als am 3. Mrz 1871. Und damit nicht genug. Einige
Tage nach der Wahl verffentlichte mein besiegter Gegner in der Presse
des Wahlkreises seinen Dank an die Partei, die den Wahlkampf gegen ihn
in so anstndiger Weise gefhrt habe.

Auer und York kamen nach der Wahl, nachdem sie zuvor meine Frau in
Leipzig besucht und sie beglckwnscht hatten, zu mir nach Hubertusburg,
um mir ebenfalls zu gratulieren. Es war ein frhliches Wiedersehen.

Als dann die Session des Reichstags begann, machte ich den Versuch, von
der schsischen Regierung fr die Teilnahme an dessen Sitzungen Urlaub
zu erhalten. Wie ich vorausgesehen, ohne Erfolg. Nunmehr stellte
Schraps, untersttzt von einer Anzahl liberaler Abgeordneter, den
Antrag, mich fr die Dauer der Session aus der Strafhaft zu entlassen.
Dieser Antrag wurde mit groer Mehrheit abgelehnt. Der Abgeordnete v.
Mallinckrodt erklrte, er bedauere, da ich an den Sitzungen des
Reichstags nicht teilnehmen knne, aber der  31 der Reichsverfassung
erstrecke die Immunitt der Abgeordneten nicht auf die Strafhaft.

Ich bekenne, da ich diesen Beschlu nicht bedauerte. Wre ich
freigekommen, so mute ich um die Urlaubszeit lnger im Gefngnis
zubringen. Und da mich dieses Schicksal whrend drei bis vier Sessionen
getroffen haben wrde, wre statt im Frhjahr 1875 frhestens Sommer
1876 meine Haft zu Ende gewesen.

In einem konstitutionellen Staate sollte es eine selbstverstndliche
Sache sein, da ein Abgeordneter, der in Strafhaft sich befindet, bei
Beginn einer Session sofort aus der Haft entlassen wird, um seine
Pflichten als Abgeordneter erfllen zu knnen. Davon will man in
Deutschland nichts wissen. Und doch ist fr einen Abgeordneten, der wie
ich mehrere Jahre Strafhaft zu verben hatte, die regelmige
Beurlaubung whrend einer Session keineswegs eine Annehmlichkeit, wie
irrtmlicherweise allgemein angenommen wird. Ich wenigstens wrde sie
als eine _Verschrfung_ meiner Haft angesehen haben, weil sie vor allem
meine wirtschaftliche Existenz noch schwerer geschdigt haben wrde.

Liebknecht und ich hatten selbstverstndlich das Bedrfnis, wenigstens
mit den fhrenden Genossen drauen in mglichster Fhlung zu bleiben.
Das war allerdings nur in beschrnktem Mae mglich. Konnten wir auch
fter Briefe heimlich hinausbringen, die Gefahr bestand, da durch eine
ungeschickte Antwort dieser Verkehr dem Anstaltsdirektor verraten wurde,
und das htte fr uns unangenehme Folgen gehabt. Es galt also,
vorsichtig zu sein. So schrieben wir nach Mglichkeit direkt, obgleich
diese Korrespondenz der amtlichen Kontrolle unterlag. Ab und zu nahm
dieselbe auch einen humoristischen Charakter an. Einen Brief, den ich
von Most als Antwort auf einen solchen von mir aus dem Zwickauer
Landesgefngnis erhielt, woselbst er wegen verschiedener Pre- und
Redevergehen ber ein Jahr zu verben hatte, bringe ich hier zum
Abdruck, weil er zugleich die Persnlichkeit Mosts am besten
charakterisiert. Most antwortete mir:

  Zwickau, den 21.4.73.

  Mein lieber Bebel!

  Aus Deinem Schreiben, das wie ein lichter Blitzstrahl aus dsterem
  Himmel in meine Einsiedelei fuhr, ersehe ich und freue mich darber,
  da es Euch ruchlosen Bsewichtern, die Ihr mittels Stahlfedern und
  Tintentpfen den Staat in Gefahr gebracht hattet, ganz vortrefflich
  ergeht.--Ihr wollt nun auch wissen, wie es mit mir steht; glaub's
  gern, da ich mir denken kann, da es Euch gerade so ergehen wird, wie
  es mir erging, ehe ich hier meinen Einzug hielt, da Ihr nmlich bei
  dem Namen Zwickau stets an ein Zwicken denkt und ein "Au"schreien zu
  vernehmen whnt. Ich mu gestehen, da es mir trotz meiner zhen
  Katzennatur und meines Galgenhumors--ohne mich gerade einer
  Angstmichelei hinzugeben--nicht ganz so wohl war, wie den bekannten
  500 Suen, wenn ich vor meiner Hieherkunft an dieselbe dachte, jetzt
  aber, wo ich da bin, hat die Sache ein ganz anderes
  Gesicht.--Natrlich solch ein Jagdschloleben wie Ihr fhre ich nicht,
  sondern eher ein Karthusermnchsdasein, allein Langeweile habe ich
  desungeachtet auch nicht, da ich ja noch gar vieles nachzuholen habe
  und jetzt daher die Gelegenheit zu fleiigem Studieren bentze. Zur
  Zerstreuung dienen mir die Zeitungen, welche ich erhalte, und alle
  meine leiblichen Bedrfnisse befriedige ich _in gewohnheitsmiger
  Weise_ (Kost, Kleidung usw.). Ueberhaupt erdulde ich nur eine
  Freiheits-, nicht aber auch eine Leibesstrafe, wofr ich alles halte,
  was dem Gefangenen auer der Entziehung seiner Freiheit angetan wird.
  Bequemlichkeiten habe ich, von einem zu schriftlichen Arbeiten
  geeigneten Tische abgesehen, nicht. Nach einem eigenen Bette empfinde
  ich kein Bedrfnis, whrend ich aber mein eigenes Kopfkissen bentze.
  Die Zelle ist eben eine solche, wie sie Vahlteich schilderte (der
  ebenfalls lngere Zeit im Landesgefngnis zu Zwickau war); andere gibt
  es hier nicht; man gewhnt sich indes bald daran, zumal diese Zellen
  trotz des hochgelegenen Fensters sehr hell sind. Spazieren gehe ich
  pro Tag 2 Stunden in einem Raume, welcher ein Mittelding zwischen Hof
  und Garten ist, und zwar allein. Besuche macht mir niemand, weshalb
  ich natrlich auch keine annehmen kann. Dir wird es seinerzeit nicht
  verwehrt werden, da Du mit Deinen Familiengliedern verkehrst. Ebenso
  wird man Dir so wenig wie mir den Bart abnehmen wollen. Licht brenne
  ich bis 10 Uhr. So, das wre das Wesentlichste, was ich Dir von meiner
  Sozialistenklause aus berichten kann. Betreffs der Studien seid Ihr
  freilich schn heraus, da Ihr gleich Euren Professor bei Euch habt.
  Ich fhle es besonders bei Sprachstudien, wie sehr da ein Lehrer
  mangelt, zumal ja die Konversation ohne einen solchen gar nicht
  gepflogen werden kann. Apropos! Was fr ein Lehrbuch bentztest Du
  frs Franzsische? Mir hat Vahlteich auf meinen Wunsch nach einer
  franzsischen Grammatik einen ganz antiken, unbrauchbaren,
  unausstehlich-umstndlichen und verkehrten Schunken (Hirzel)
  bermittelt, den ich schon manchmal vor Zorn am liebsten mitten
  entzwei gerissen htte.--Was Du von Thiers schreibst, ist klar. Dieser
  Knirps ist der grte Intrigant Frankreichs, der lebendig gewordene
  Geldsack und zugleich die einzige Person, welche die Sache der
  Monarchie zu frdern verstand, freilich ohne Erfolg, allein der Plan
  war wenigstens nicht schlecht angelegt: den Status quo so lange wie
  mglich aufrecht zu erhalten und so schn langsam, gleichsam
  unmerklich die Republik erblassen und die Monarchie erscheinen zu
  lassen. Jeder andere Monarchist wrde an seiner Stelle lngst einen
  Staatsstreich gemacht haben und--dabei das Genick gebrochen, wie
  berhaupt der Monarchie den letzten Rest gegeben haben. In
  Spanien--ist man zu glauben versucht--haben die regierenden
  Tratschweiber vor lauter Schwtzen ihr bichen Verstand verloren,
  sonst knnte es doch wahrhaftig nicht mglich sein, da sie mit der
  Handvoll karlistischer Mordbrenner nicht fertig werden. Nun,
  hoffentlich wird da, wie in Frankreich, bald energisch
  ausgemistet.--Du staunst ber die Fortschritte, die unsere Sache in
  der jngsten Zeit gemacht hat; nun, die Ursachen sind zahlreich genug,
  um solche Wirkungen zu erzeugen. Ich sage Dir: nur 1000 Mann wie Du,
  oder selbst nur wie ich (ohne Selbstberhebung)--und Europa, nicht
  blo Deutschland, ist binnen 5 Jahren sozialistisch. Es erstehen zwar
  neue Krfte genug, und wenn die Feigheit nicht so gro wre, zeigte
  sich noch mancher, aber es sind viel zu wenig. Man sollte glauben, die
  meisten Menschen fallen bei der Geburt auf den Kopf oder gar auf den
  Mund, weil sie nicht imstande sind, den letzteren ordentlich
  aufzumachen. Und wir brauchen weiter nichts, als blo Leute, die Mund
  und Herz am rechten Flecke haben.--Wenn ich mich schon in keinen
  groen Hoffnungen wiege, so freue ich mich immerhin gewaltig auf die
  nchste Wahlkampagne. Wenigstens wird agitatorisch gefletscht werden,
  da die Funken sprhen. Die Situation ist fr uns wie geschaffen.
  Fortschritts-Bankrott, Siegestaumel-Katzenjammer, Invalidenfrage,
  Wohnungsfrage, Schulfrage, Milliardenfrage, Friedensfrage,
  Grnderfrage, "Kulturkampf"-Angelegenheit, Fabrikantenbnde,
  Maregelungen, Verfolgungen, Schubsereien usw. werden ihr Schrflein
  zu unsern Gunsten beitragen. Somit konserviere ich meine Lungenflgel
  und wetze meinen Schnabel, um dereinst mit wahrer Wollust, wenn die
  Wahlschlacht tobt, so manchen politischen Sumpfpiraten in den Grund
  bohren zu knnen.--In Sachsen freilich werde ich direkt nicht
  lospauken knnen, allein es gibt anderwrts auch viele Leute, denen
  man die Bretter loslsen mu, welche vor ihre Hirnksten genagelt
  sind. Aus Sachsen wurde ich nmlich polizeilich ausgewiesen, wiewohl
  sich die hheren Instanzen noch nicht darber ausgelassen haben, ob
  dieses Ding der gesetzlichen Unmglichkeit auch durchgefhrt werden
  soll, allein ich erwarte nichts Gutes, es ist mir aber auch ganz
  "schnuppe", wie die Sache abluft. Weniger "schnuppe", ja geradezu
  unbegreiflich ist es mir, da zu diesem Akt ...[1] der sanfte
  Julius[2] bisher nicht zu bewegen war, einen Kommentar zu liefern.
  Richtig, das Schnste htte ich bald vergeben: im Falle ich trotz
  Ausweisung wieder in Sachsen mich zeigen sollte, wurde mir aktenmig
  bedeutet, _steckt man mich in ein Korrektionshaus!!_--Und auch darber
  wird geschwiegen.--Nun, wenn ich wieder frei bin, ist auch noch
  Gelegenheit zum------.

  Im allgemeinen befinde ich mich sehr wohl und bin bei ausgezeichnetem
  Humor. Jetzt lebe wohl, gre alle Insassen des Sozialistenseminars
  und sei auch Du bestens gegrt von Deinem

  Joh. Most.

Einen anderen Charakter wie der Mostsche Brief hatte ein solcher von
Kokosky an uns. Dieser, der 1871 in Knigsberg die "Demokratischen
Bltter" herausgab, mute diese bald eingehen lassen und trat Ende 1872
auf Einladung von Bracke in die Redaktion des "Braunschweiger
Volksfreund". Kokosky hatte eine sehr humoristische Ader, wovon die
Kneipabende der damaligen Parteitage zu erzhlen wissen. Auch er verfiel
dem Schicksal der Parteiredakteure jener Zeit. Es whrte nicht lange,
und er hatte so und so viele Monate Haft auf dem Rcken. Diese verdarben
ihm aber nicht den Humor, wie folgender Brief zeigt:

  Braunschweig, den 14. Mai 1873

  Werte Freunde! Sie haben es gut; vorsorglich hat der vterliche Staat
  Sie in sein Gewahrsam genommen, damit Sie in beschaulicher Stille die
  Segnungen einer guten Regierung kennen lernen. Haben die drei Mnner
  im feurigen Ofen Loblieder singen knnen, warum sollt Ihr es nicht,
  wenn es anders die Festungsordnung nicht verbietet, hinter den Mauern
  von Hubertusburg knnen?

  Auch mir hat eine gtige Vorsehung drei Monate Festungshaft gewhrt,
  damit ich wenigstens fr einige Zeit den Schreckruf nicht zu hren
  brauche: Herr Kokosky, es fehlt Manuskript! Schon der Gedanke hat
  etwas Beruhigendes, da etwaige Briefe, die man empfngt, erst vorher
  die Zensur passieren mssen, so da unangenehme und aufregende
  Mitteilungen fern gehalten werden. So enthalte ich mich auch aller
  revolutionren Mitteilungen, so gern ich Euch auch ber den Stand der
  Rstungen, ber die uerst gelungene Anfertigung der Handgranaten und
  Nitroglyzerinbomben, die wahrhaft Wunder verrichten, aufklren mchte.
  Nur das eine:

  Hamburg, 27. Mai. Petroleum fester; loco R.-M. 16,20-80, per Mai
  16,20, Aug.-Dez. 17 B., 16,90 G.

  Die Bourgeoisie fngt bereits an, Sie zu beneiden. Als neulich in
  einer Bourgeois-Gesellschaft auf die Sozialdemokraten losgezogen
  wurde, meinte ein fr sehr fein, ja fr oberfein gehaltener Brsier:
  "Bei den heutigen Brsennachrichten geht mir der Kopf so mit Grundeis,
  da ich Bebel beneiden mchte, da er ruhig kann sitzen in
  Hubertusburg und braucht sich nicht zu kmmern um die Schwankungen der
  Kurse. Man gebe so einem Sozialdemokraten so fr 30000 Taler
  Wechslerbank zu 130 und lasse sie dann fallen auf 85, oder Louise
  Tiefbau mit 15 Prozent ber Pari, und ich kann Ihnen sagen, sie sind
  gestraft genug." So, von dieser Seite mt Ihr die Sache betrachten
  lernen, dann wird das grende Drachengift sich wieder in die Milch der
  frommen Denkungsart verwandeln, mit welcher und mit den herzlichsten
  Gren--ich schliee, da der Brief zur Post gebracht werden soll--ich
  bleibe

  Euer treuer Freund und Parteigenosse

  S. Kokosky.

       *       *       *       *       *

Am 29. Oktober 1873 starb der Knig Johann von Sachsen, und sein Sohn
Albert trat an seine Stelle. Da in der Regel ein solcher Thronwechsel
mit einer Amnestie verbunden ist, hofften auch unsere Frauen auf eine
solche. Man konnte ihnen das nicht verargen, denn sie litten am
hrtesten unter unserer Verurteilung und Haft, die wir als eine nicht zu
vermeidende Konsequenz unserer Ttigkeit ansahen. Sobald wir aber von
den erweckten Hoffnungen erfuhren, schrieben wir ihnen, sie mchten
sich nicht mit falschen Hoffnungen tragen. Eine Amnestie werde kommen,
aber nicht fr uns. In dem Briefe an meine Frau bemerkte ich: der neue
Knig werde eher alle Zuchthusler Sachsens begnadigen als uns. Die
Amnestie fiel sehr mig aus, von den zahlreichen gefangenen
Parteigenossen in den verschiedenen schsischen Gefngnissen wurde nach
meiner Erinnerung nicht einer getroffen. Und das war gut so. Die
allgemeinen Reichstagswahlen, die Anfang 1874 stattfanden, weil damals
der Reichstag nur eine dreijhrige Legislaturperiode hatte, zeigten eine
Stimmung, die durch Amnestien nicht htte verdorben werden drfen.

Mir kam der Gedanke, da ich mich auch als Gefangener in sehr ntzlicher
Weise an der Wahlagitation beteiligen knnte durch Abfassung einer
Broschre ber die bisherige Ttigkeit des Reichstags, die den
Kandidaten und Agitatoren der Partei das ntige Material liefere.
Gedacht, getan. Die Broschre erschien rechtzeitig unter dem Titel: Die
parlamentarische Ttigkeit des Reichstags und der Landtage und die
Sozialdemokratie von 1871 bis 1873. Als Anhang hatte ich derselben
die wichtigsten Bestimmungen des Reichswahlgesetzes, der
Wahlgesetzverordnung, der einschlgigen Bestimmungen des
Reichsstrafgesetzbuchs, der Vereinsgesetze und Winke fr die Agitation
angefgt. Die Broschre, die anonym erscheinen mute, wurde von der
Partei mit groer Genugtuung begrt. Zwei Jahrzehnte spter machte mir
sogar der Abgeordnete Eugen Richter ein Kompliment darber, als wir uns
eines Tages auf einer Reise nach Hamburg in einem Wagenabteil
begegneten. Wir hatten bis dahin, obgleich wir damals bereits ber
fnfundzwanzig Jahre Kollegen im Reichstag gewesen waren, nie
miteinander eine Privatunterhaltung gepflogen. Diese kam jetzt in Flu.
Im Laufe der Unterhaltung erzhlte mir Richter, er habe in den siebziger
Jahren in einer thringischen Stadt einen Vortrag in einer
Volksversammlung gehalten, wobei in der darauf stattgefundenen Debatte
ihm ein Parteigenosse von mir eine Reihe Snden vorgehalten, die er zum
Teil lngst vergessen gehabt habe. Da er bemerkte, da der Redner die
Vorwrfe aus einer Broschre zitierte, habe er einen seiner
Parteigenossen gebeten, sich an den Redner heranzuschlngeln, um
festzustellen, was fr eine Broschre es sei, aus der er zitiere. Er
habe alsdann sich dieselbe beschafft und aus dem Inhalt ersehen, da die
der Broschre zugrunde liegende Idee eine sehr gute sei. Darauf habe er
sich entschlossen, den Gedanken, wenn auch in anderer Form, ebenfalls
fr seine Partei zur Durchfhrung zu bringen. So sei sein bekanntes
politisches Abcbuch entstanden. Ich war in diesem Augenblick ein wenig
stolz, meinem vielgerhmten politischen Gegner als Lehrmeister gegenber
zusitzen. Spter haben bekanntlich auch die anderen Parteien, unserem
Beispiel folgend, derartige politische Leitfden herausgegeben.

Eine andere Wirkung meiner Broschre war, da ein Kaplan Hohoff aus
Hffe in Westfalen sich veranlat sah, in mehreren Artikeln, die der
"Volksstaat" verffentlichte, gegen meine Auffassung des Christentums
und des Kulturkampfes zu polemisieren. Ich antwortete in einer Reihe
Artikel, die nachher als Broschre unter dem Titel "Christentum und
Sozialismus" erschienen sind und bis heute eine grere Zahl Auflagen
erlebten.

Die Wahlen waren auf den 10. Januar 1874 angesetzt worden. Das
Wahlresultat war fr uns sehr befriedigend. Wir hatten auf den
ersten Hieb sechs Abgeordnete durchgebracht--Seib-Freiberg,
Liebknecht-Stollberg-Schneeberg, Most-Chemnitz,
Vahlteich-Mittweida-Burgstdt, Motteler-Crimmitschau-Zwickau und mich in
meinem alten Kreise Glauchau-Meerane. Im 13. Wahlkreis Leipzig-Land war
Johann Jacoby in Stichwahl gekommen. Der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein hatte zwei seiner Kandidaten durchgebracht. Hasenclever
in Altona und Reimer im schleswig-holsteinschen Wahlkreis Seegeberg.
Hasselmann kam in Barmen-Elberfeld zur Stichwahl und siegte. Auch Johann
Jacoby siegte mit 7577 gegen 6674 Stimmen, aber zur allgemeinen und
unangenehmen Ueberraschung der Partei lehnte er das Mandat ab. Es war
richtig, er hatte bei der Befragung, ob er eine Kandidatur annehme,
nicht auch die Zusage gemacht, da er eine Wahl annehmen werde. Er hatte
in seinem Briefe ausgefhrt: Den Parteigenossen sei seine Ansicht ber
das preuisch-deutsche Kaisertum bekannt; sie mchten hiernach
ermessen, wie wenig Verlangen er trage, an den unersprielichen
Reichstagsverhandlungen sich zu beteiligen. Sollte--aus taktischen
Grnden--die Partei fr gut befinden, ihn als Kandidaten aufzustellen,
so habe er nichts dagegen, er msse jedoch im voraus bemerken, da
er--im Falle der Wahl--die freie Entscheidung ber Annahme oder
Ablehnung des Mandats sich vorbehalte. In dem Ablehnungsbrief bemerkte
er, er habe seine Kandidatur nur als Protestkandidatur aufgefat, denn
wie er ber die neue Ordnung der Dinge in Deutschland denke, habe er
schon am 6. Mai 1867 im preuischen Abgeordnetenhaus ausgesprochen. Er
glaube nicht daran, da man auf parlamentarischem Wege einen
Militrstaat in einen Volksstaat verwandeln knne.

Der Fehler lag beim Wahlkomitee, das auf seinen ersten Brief keine klipp
und klare Antwort verlangte. Die Aufregung ber den Schritt Jacobys
wurde in der Partei noch grer, als bei der Nachwahl unser Kandidat
Wilhelm Bracke mit 5676 gegen nahe an 8000 Stimmen, die auf den Gegner
fielen, unterlag. Ich selbst war ber den Vorgang so aufgebracht, da
ich einen heftigen Brief an Dr. Guido Wei, den Freund Jacobys, schrieb,
worin ich die Ablehnung der Wahl tadelte.

Die beiden Fraktionen der Sozialdemokratie waren also nunmehr durch 9
Abgeordnete im Reichstag vertreten. Die Stimmenzahl, die auf ihre
Kandidaten fiel, betrug 351670, davon kamen auf die Kandidaten des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 180319, auf die Kandidaten der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 171351. Beide Fraktionen musterten
also eine fast gleich starke Anhngerzahl; die Gesamtstimmenzahl war
gegen 1871 um 200 Prozent, im ganzen um 236000 Stimmen gestiegen.

Dieser glnzende Wahlausfall hatte in den hheren Regionen wie in den
brgerlichen Kreisen stark verschnupft. Ein solches Resultat hatte man
nicht erwartet. Es zeigte sich, da allen Verfolgungen und Schikanen zum
Trotz die Partei stndig wuchs, und so verdichteten sich die schon
vorhandenen Gedanken in den magebenden Kreisen mehr und mehr, der
Partei mit Ausnahmemaregeln auf den Leib zu rcken.

       *       *       *       *       *

Das tgliche Einerlei unserer Haft wurde Ende Februar 1874 durch einen
Besuch von Gustav Rasch in amsanter Weise unterbrochen. Rasch war ein
wenig Sensationsschriftsteller, er liebte es, in seinen Arbeiten die
Farben etwas dick aufzutragen. Er hatte sich dadurch einen Namen
gemacht, da er Ende der fnfziger und in der ersten Hlfte der
sechziger Jahre in der "Gartenlaube" und mehreren groen liberalen
Zeitungen zahlreiche Artikel verffentlichte ber die Schandwirtschaft
der Oesterreicher in Venetien und die "Tyrannenherrschaft" der Dnen in
Schleswig-Holstein, die groes Aufsehen erregten. Liebknecht und ich
hatten ihn in Berlin kennen gelernt. Jetzt kam er hauptschlich wohl zu
einem Besuch, weil er hoffte, Material fr einen Artikel zu erhalten.
Solche Besuche fanden auf dem Bureau in Gegenwart eines Beamten statt
und sollten nicht ber eine Stunde whren. Das pate aber Rasch nicht.
Er verlangte vom Direktor, mit uns unter vier Augen sprechen zu drfen,
auch wnschte er unsere Zellen zu sehen. Der Direktor lehnte dieses
Ansinnen mit den Worten ab: Er (Rasch) solle sich doch in seine Lage
denken, um einzusehen, da das nicht gehe; wre er (Rasch) Direktor,
knnte er auch nicht anders handeln, worauf Rasch mit seiner gttlichen
Unverfrorenheit antwortete: O, wenn er Direktor wre, er erlaubte es
sicher! Eine Antwort, die uns alle zu schallendem Gelchter veranlate.


FUSSNOTEN:

[1] Die Stelle wurde durch den Kontrollbeamten gestrichen.

[2] Vahlteich. Most beschuldigte Vahlteich, da er seine Kandidatur fr
den Reichstag unmglich zu machen suche und die Verffentlichung
verschiedener Mitteilungen fr die "Chemnitzer Freie Presse"
unterdrckte.




Knigstein.


Im Laufe des Mrz wurde uns offiziell mitgeteilt, wir wrden am 1. April
nach der Festung Knigstein berfhrt werden. Die Nachricht war uns
nicht angenehm. Liebknechts Haft ging Mitte April, die meine Mitte Mai
zu Ende und da kam uns ein Umzug mit unseren Bchern und Skripturen und
verschiedenen Mbelstcken sehr ungelegen. Im letzten Moment wurde aber
die Uebersiedlung verschoben, und so konnte Liebknecht am 15. April von
Hubertusburg nach Leipzig reisen. Ich aber mute am 23. April 1874 die
Reise nach dem Knigstein in Begleitung eines Beamten in Zivil
unternehmen. Als ich mich am Tage vor der Abreise vom Direktor
verabschiedete und ihm fr sein Entgegenkommen in so mancher
Angelegenheit dankte, war er sehr gerhrt. Er drckte mir zum Abschied
warm die Hand und entlie mich mit den Worten: Gehen Sie mit Gott! Der
beste Wunsch, den er von seinem Standpunkt aus wohl glaubte mir mitgeben
zu knnen. Als ich dann am nchsten Morgen 5 Uhr die Reise antrat, war
auch die ganze Familie des Aufsehers versammelt, um sich von mir zu
verabschieden. Dieser wurde nunmehr nach dem Waldheimer Zuchthaus
versetzt; ich glaube, die Zeit, in der er uns unter seiner Obhut hatte,
war die schnste seines Lebens. Er starb bald nachher.

Der 23. April war ein herrlicher Tag, das ganze Elbtal grnte und blhte
in voller Frhlingspracht. Beim Aufstieg auf die Festung begegneten wir
dem Gouverneur der Festung, Generalleutnant v. Leonhardti, dem ich durch
meinen Begleiter vorgestellt wurde. Whrend wir nun selbander den Weg
nach oben zurcklegten, lie sich der General in eine Unterhaltung mit
mir ein. Er wnschte zu wissen, wie die Tagesordnung und die Behandlung
in Hubertusburg gewesen sei. Nachdem ich ihm die gewnschte Auskunft
gegeben, meinte er: Na, schlechter sollen Sie es bei mir nicht haben.

Als Aufenthalt wurde mir ein altes, nach frheren Begriffen bombenfestes
Gebude angewiesen, das vordem Zeughaus war. Auf dem Korridor standen
zur Sttze des Daches Balken von einer Dicke, wie man sie nur noch auf
den Bden alter Kirchendcher sieht. Die Stube war gerumig und hatte
zwei schieschartenartige Fenster, die mit dicken Eisenstben versehen
waren, als gelte es, Mrder und Mordbrenner in Gewahrsam zu halten. An
der einen Wand stand ein riesiger Kachelofen, in dem die fnf Pfund
Kohlen, die mir als tgliches Deputat der Staat gewhrte--denn es war
trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit und dem prchtigen Frhlingswetter
in dem Raum bitter kalt--, verschwanden. Ich mute mir auf eigene Kosten
noch Feuerungsmaterial beschaffen, wollte ich nicht frieren. Htten wir
unsere ganze Haft dort oben verbringen mssen, wir htten ein kleines
Vermgen fr Feuerungsmaterial zugesetzt.

Eine interessante Persnlichkeit war mein Wrter. Dieser, ein
siebzigjhriger Mann, leistete schon seit 36 Jahren auf der Festung
Dienst und hatte 1849 zwei Mitglieder der provisorischen Regierung
Sachsens, Tod und Heubner, ferner August Rckel und einen der Leiter des
Dresdener Maiaufstandes, Michael Bakunin, den spter nach den einen
berhmt, nach den anderen berchtigt gewordenen Fhrer der Anarchisten,
in seiner Obhut. Die Genannten befanden sich auf der Festung in
Untersuchungshaft.

Sehr beschrnkt war der Raum fr meinen Spaziergang, der sich auf einen
einzigen kurzen Weg in dem kleinen Park der Festung erstreckte und bei
dem regelmig ein Posten Wache stand, um die zahlreichen Besucher des
Knigsteins mir fern zu halten. Das einzig Zufriedenstellende war die
Kost, die ich aus einer kleinen Wirtschaft auf der Festung bezog. Der
Wirt schien mich in sein Herz geschlossen zu haben; das Essen war nicht
nur sehr gut und billig, sondern auch sehr reichlich. Ich war
verwundert, als ich am ersten Tage die fr mich bestimmte Portion sah,
war aber hchlich berrascht, als ich sie ganz verzehrte. Die Hhenluft
tat ihre Wirkung. Die Soldaten der kleinen Besatzung klagten, da sie
hier oben nie satt wrden und froh seien, wenn sie abgelst wrden, was
alle drei Monate geschah.

Endlich kam der 14. Mai, der Tag der vorlufigen Befreiung. Unter denen,
die mich zu Hause begrten, befand sich auch Eduard Bernstein, der
extra zu diesem Zweck von Berlin nach Leipzig gekommen war. Ich hatte
Bernstein bereits 1871 in Berlin kennen gelernt. Durch Vermittlung
meines Rechtsanwalts Otto Freytag hatte sich das Ministerium
herbeigelassen, mir bis zum Antritt der neunmonatigen Haft im
Landesgefngnis in Zwickau eine sechswchige Frist zu gewhren. Da in
diese Pause Pfingsten fiel, machte ich mit meiner Frau und Tochter und
einigen Freunden einen Ausflug nach der schsischen Schweiz und dem
Knigstein. Hier machte es mir groes Vergngen, da die Zelle, in der
ich drei Wochen kampiert hatte, mittlerweile zu den Sehenswrdigkeiten
der Festung avanciert war. Der Fremdenfhrer machte auf die Fenster der
Zelle, die mich damals beherbergte, aufmerksam. Spter ist ihm das
verboten worden. Fr die Dresdener Parteigenossen hie der Knigstein
lngere Zeit scherzweise die Bebelburg.




Zwickau.


Nachdem ich vor meinem Haftantritt dem Direktor des Landesgefngnisses
einen Besuch abgestattet, um zu erfahren, welche Erleichterungen er mir
als politischer Gefangener whrend der Haft gewhren wollte, rckte ich
am 1. Juli 1874 dort ein. Die Einrichtungen des Gefngnisses und die
Erleichterungen, die den meisten politischen Gefangenen gewhrt wurden,
sind bereits in dem Mostschen Brief an mich erwhnt. Ich kann hier
darauf Bezug nehmen. Den Besuch der Familie sollte ich monatlich einmal
auf eine Stunde unter Aufsicht eines Beamten genieen knnen. Nachdem
meine Frau einen solchen im dritten Monat meiner Haft gemacht hatte,
verzichteten wir beiderseitig darauf, den Besuch zu erneuern. Zu den
Kosten der Reise auch noch die Beamtenkontrolle ber jedes Wort, das man
miteinander sprach, in den Kauf nehmen zu sollen, das war ein zu groes
Opfer. Anderweite Besuche empfing ich auch nur vereinzelt, ich sehnte
mich nicht danach.

Ich strzte mich nunmehr wieder mit allem Eifer in die Arbeit. Sehr
aufregend wirkte auf mich, als von meiner Frau Berichte einliefen ber
den schweren Stand, den wir geschftlich hatten, denn mittlerweile war
die groe Industriekrise mit aller Wucht hereingebrochen und machte sich
obendrein fr uns die ruinse Konkurrenz eines neu errichteten
Fabrikbetriebs geltend. Wer eine solche Situation nie durchgemacht hat,
ahnt nicht, wie niederdrckend das Bewutsein vollstndiger
Hilflosigkeit auf den Gefangenen wirkt. Meine Hauptgefngnisarbeit war
die schon erwhnte Geschichte des deutschen Bauernkriegs--die lngst
vergriffen ist--, die aber schon aus dem Grunde kein Meisterwerk werden
konnte, weil mir die ntigen Hilfsmittel fehlten. Ich schrieb das Buch,
weil mir der groe deutsche Bauernkrieg von 1525 und die ihm unmittelbar
vorhergehenden revolutionren Bauernaufstnde mit das wichtigste
Ereignis der neueren deutschen Geschichte zu sein dnkt, das die
offizielle Geschichtschreibung zu schildern schmhlich vernachlssigte.

Am 1. Januar 1875 erhielt ich durch Motteler eine Depesche, da am
Vorabend York gestorben sei. York war ein knorriger und eigenwilliger
Charakter, aber auch ein Mann von unermdlicher Ttigkeit und hchster
Opferwilligkeit. Dabei war er uerst bescheiden. Er begngte sich in
den ersten Jahren als Parteisekretr mit einem Gehalt, das ihm nicht
einmal erlaubte, wie er mir mal schrieb, sich eine neue Hose
anzuschaffen. Er starb arm wie eine Kirchenmaus, die Partei dankte ihm
dadurch, da sie die Sorge fr seine Frau und Kinder bernahm. An Yorks
Stelle war schon den Herbst zuvor Auer als Parteisekretr eingetreten.

Endlich waren auch die neun Monate Zwickau berstanden. Am 1. April
1875--dem 60. Geburtstag Bismarcks--wurde ich entlassen. Der Abschied
zwischen dem Direktor und mir war auch hier ein warmer. Ich habe
allezeit den Grundsatz befolgt, sich in Unvermeidliches, das man nicht
zu ndern vermag, nach Mglichkeit zu fgen und den Dingen die beste
Seite abzugewinnen. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, bin ich, ohne
mir dabei das geringste zu vergeben, den Gefngnisbeamten bei Ausbung
ihres schweren Amtes mglichst entgegengekommen, indem ich mich in die
vorgeschriebene Ordnung fgte. Dafr waren sie stets dankbar. In den
greren Gefngnissen haben es die Beamten mit so viel sozial
bedenklichen und verkommenen Elementen zu tun--den traurigen Produkten
unserer famosen sozialen Ordnung--, da ihr Dienst einer der schwersten
ist, den es gibt; sie sind glcklich, wenn sie Leute unter ihre Obhut
bekommen, mit denen sie menschlich verkehren knnen.

Die Zwickauer Genossen hatten sich am Tage meiner Entlassung zu einer
Ovation vereinigt; sie berreichten mir und meiner Frau ein paar feine,
mit einer Widmung versehene Kaffeetassen. Wir sollten das schsische
Nationalgetrnk knftig noch recht lange in voller Ruhe und Mue und
ungetrennt genieen. Der Wunsch war gut gemeint, aber in Erfllung ging
er nicht.

Unter den zahlreichen Gratulanten, die mir ihre Glckwnsche zu meiner
Befreiung bermittelten, befand sich auch die damals noch demokratische
"Frankfurter Zeitung", die unter anderem mit Hinweis auf Bismarcks
Geburtstag schrieb:

  "... Unser Glckwunsch sucht an einem anderen Orte einen anderen Mann.
  Er gilt dem schlichten Brger und Arbeiter, der morgen nach fast
  ununterbrochener dreijhriger Haft das Gefngnis verlt mit demselben
  fleckenlosen Rufe, mit dem er es nach einem Richterspruch, ber den,
  soweit es von der Mitwelt noch nicht geschehen ist, die Nachwelt
  richten wird, betreten hat, geliebt von seinen Parteigenossen,
  gefrchtet und geachtet von seinen Gegnern. Wir zhlen nicht zu diesen
  noch zu jenen, aber wir schtzen, wo wir sie finden,
  Ueberzeugungstreue und ehrliches, uneigenntziges Streben, und es
  erfllt uns die strkste Sympathie fr jeden, der um ihrer willen
  leiden mu.... Gru und Glckwunsch darum dem Reichstagsabgeordneten
  August Bebel."

Einige Monate zuvor hatte mir der Hauptbesitzer der "Frankfurter
Zeitung", Leopold Sonnemann, zwanzig Flaschen Wein ins Gefngnis
geschickt; ich lie sie nach Hause wandern, da im Gefngnis solche
Gensse nicht gestattet werden. Ich trank sie nachher in Gemeinschaft
mit meiner Frau und Freunden. Zu meiner Freilassung am 1. April sandte
mir dann Sonnemann noch einen brieflichen Glckwunsch, worin er
bemerkte: "Ich hoffe, da nunmehr Dein Martyrium auf lngere Zeit ein
Ende hat." Wir duzten uns seit 1866.

       *       *       *       *       *

Kurze Zeit nach meiner Entladung aus Zwickau erhielt ich einen Brief von
Professor Schffle aus Stuttgart. Schffle hatte nach seinem Rcktritt
aus dem Ministerium Hohenwart in Wien sich nach Stuttgart zurckgezogen,
woselbst er seinen Studien lebte. 1874 war von ihm eine Broschre,
betitelt "Die Quintessenz des Sozialismus", erschienen, die durch die
objektive Beurteilung, die er darin dem Sozialismus zuteil werden lie,
groes Aufsehen machte. Jetzt sandte er mir den ersten Band seines
dreibndigen Werkes "Bau und Leben des sozialen Krpers" nebst einem
Brief mit folgendem Inhalt:

Er wisse nicht, ob ich mich seiner noch vom Zollparlament her erinnere.
Gesehen htten wir uns seitdem nicht mehr, aber wohl fter voneinander
gehrt. Gingen wir auch in vielem in unseren Lebensauffassungen
auseinander, so sei doch wohl das Interesse an den sozialen Fragen bei
uns gleich stark geblieben. Er sei daher so frei, mir ein Exemplar
seines neuen Buches, in dem mich wohl manche Ausfhrung interessieren
drfte, zu bersenden. Es wrde ihn freuen, wenn ich das Buch, das ihm
viel Gedankenarbeit verursacht habe, als ein Zeichen der Erinnerung
entgegennehmen wolle.

Ich antwortete entsprechend und dankte ihm nachtrglich noch besonders
dafr, da er bei seinem Eintritt ins Ministerium Hohenwart die Amnestie
fr die verurteilten "Hochverrter" Scheu, Most, Oberwinder usw. erlangt
habe.

Im Sommer 1877 besuchte mich Schffle in Leipzig. Wir unterhielten uns
lngere Zeit. Hauptthema unserer Unterhaltung bildete die Entwicklung
der sozialdemokratischen Partei und der Zeitpunkt, wann der Sozialismus
zum Siege kommen werde. Ich als Optimist sah diesen Zeitpunkt sehr nahe,
er dagegen meinte, das werde mindestens noch zweihundert Jahre dauern.
Darber stritten wir uns. 1880 machte ich ihm einen Gegenbesuch in
Stuttgart, wo wir ebenfalls wieder eine lngere Unterhaltung hatten, die
zeigte, da er uns nach wie vor freundlich gegenberstand. In den
nchsten Jahren vollzog sich aber bei ihm eine vollstndige Wandlung.
Nachdem Bismarck die soziale Versicherungsgesetzgebung inaugurierte, von
der, wie er meinte, seine Geheimrte zu wenig verstnden, wurde seine
Aufmerksamkeit auf Schffle gelenkt. Schffle war geneigt, eine Stellung
im deutschen Reichsdienst anzunehmen. Damit aber keinerlei ungnstiges
Vorurteil gegen ihn bestehen bleibe, verfate er jetzt eine Schrift,
betitelt "Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie", die das
Gegenteil von seinen frheren Auffassungen bekundete. Hermann Bahr, der
in seinen jungen Jahren ebenfalls sozialistische Hosen trug wie so viele
unserer Intellektuellen, verfate darauf eine Broschre, betitelt "Die
Einsichtslosigkeit des Herrn Schffle", in der er in geschickter und
humoristischer Weise Schffle und seine Schrift verspottete. Meine
Beziehungen zu Schffle hrten mit dem Jahre achtzig auf. Bekanntlich
erfllte sich seine Hoffnung, in den Reichsdienst gezogen zu werden,
nicht.




Von 1871 bis zum Vereinigungskongre zu Gotha.




Die Regierungen und die Sozialdemokratie.


Die Pariser Kommune hatte in den regierenden Kreisen groe Besorgnisse
vor der sozialistischen Bewegung hervorgerufen. Die Sympathien, die die
Kommune in allen Lndern mit sozialistischer Bewegung bei den Arbeitern
fand, wurden auf das unangenehmste vermerkt und steigerten das
Mibehagen. Dazu kamen die bertriebenen, um nicht zu sagen lcherlichen
Vorstellungen, die sich Bourgeoisie und Regierungen von der Macht der
Internationale machten. So sollte zum Beispiel die Internationale der
Pariser Kommune zwei Millionen Franken, viele tausend Gewehre, Munition
usw. geliefert haben, obgleich der Kommune sowohl die Mittel der Bank
von Frankreich zur Verfgung standen wie die Arsenale von Paris mit
ihren Munitions- und Waffenvorrten. Ueberdies war die allgemeine
Volksbewaffnung bereits seit Beginn September, seit der drohenden
Einschlieung von Paris durch die Deutschen, also noch unter der
brgerlichen Regierung, durchgefhrt worden. In Deutschland wurden
ebenfalls zahlreiche Stimmen laut, die ein scharfes Vorgehen gegen die
sozialistische Bewegung forderten, ein Verlangen, dem Polizei,
Staatsanwlte und Gerichte bereitwillig entgegenkamen. In dieser
Situation benahm sich Garibaldi sehr anstndig, der in einem Briefe an
den Redakteur der "Romagnole"--Caprera, August 1871--schrieb: Die
Internationale vertrete einen zahlreichen Teil der Gesellschaft, welcher
um weniger Privilegierter willen leide. Folglich mten sie fr die
Internationale sein, und wenn in ihren Einrichtungen Fehler seien, mte
man sie verbessern.

Obgleich um diese Zeit die sozialistische Bewegung in Oesterreich von
geringer Bedeutung war und das Ministerium Hohenwart-Schffle nicht die
geringste Neigung zu Verfolgungsmaregeln zeigte, folgte dennoch der
Reichskanzler Graf v. Beust einer Einladung Bismarcks zu einer Konferenz
der beiden Kaiser und ihrer Kanzler in Gastein, um dort ber Maregeln
gegen die Internationale zu beraten. Schffle hatte von dieser Konferenz
abgeraten, aber er und Beust standen auf gespanntem Fue, auch mochte es
Beust darum zu tun sein, mit seinem langjhrigen intimen Feinde einmal
zusammenzukommen, wohingegen Bismarck von einer Zusammenkunft mit seinem
Gegner von 1866 eine Annherung erhoffte fr seine sptere uere
Politik. Soweit bekannt wurde, kam man bezglich der Internationale
berein, zunchst die soziale Lage zu "studieren".

Dagegen sah sich Anfang Februar 1872 die _spanische_ Regierung
veranlat--Spanien hatte mittlerweile in der Person des Prinzen Amadeo
von Italien einen Knig erhalten--, in einer Zirkulardepesche an die
Mchte einen Notschrei ber die Internationale auszustoen, die mit
ihren Bestrebungen allen Ueberlieferungen der Menschheit ins Gesicht
schlage, Gott aus dem Geiste auslsche, Familie und Erbnachfolge aus dem
Leben streiche und durch ihre furchtbare Organisation eine Gefahr bilde,
deren Gre nicht berschtzt werden knne. Die spanische Regierung
wnsche deshalb, da eine der Gromchte die Angelegenheit gegen die
Internationale in die Hand nehme. Mit diesem Verlangen kam sie bei der
englischen Regierung bel an. Der Leiter der englischen auswrtigen
Politik, Lord Granville, antwortete ihr in einer Note, die ihr jedes
weitere Vorgehen verleidete. Er erklrte: obgleich die Internationale
ein Mittelpunkt fr die Verbindung von Arbeitern und Gewerkschaften in
den verschiedenen Teilen der Welt geworden sei, beschrnke sie sich in
Grobritannien darauf, hauptschlich Ratschlge in Sachen von
Arbeitseinstellungen zu geben. _Auch habe sie sehr wenig Geld_. Nach den
bestehenden Gesetzen Grobritanniens htten alle Auslnder das
unumschrnkte Recht, dieses Land zu betreten und sich hier aufzuhalten,
und whrend sie in diesem Lande seien, _stnden sie im gleichen Grade
wie die britischen Untertanen unter dem Schutz der Gesetze. Auch knnten
sie nicht anders bestraft werden als fr einen Versto gegen das Gesetz
und kraft des Urteilsspruchs der ordentlichen Gerichtstribunale nach
einer ffentlichen Prozedur und nach einem Erkenntnis, das sich auf die
in offenem Gerichtsverfahren beigebrachten Beweise sttze._ Kein
Auslnder knne als solcher des Landes verwiesen werden, mit Ausnahme
derer, die auf Vertrge mit anderen Staaten hin behufs wechselseitiger
Auslieferung von Kriminalverbrechern weggeschafft wrden. Schlielich
uerte Granville, es liege bis jetzt kein Grund vor, Aenderungen der
bestehenden Gesetzgebung ber den Aufenthalt von Auslndern in
Grobritannien vorzunehmen.

Durch diese Haltung der englischen Regierung war jede Mglichkeit zu
internationalen Vereinbarungen gegen die Internationale ausgeschlossen.
Endlich zeigte auch der Ausgang des Kongresses der Internationale im
Haag im September 1872, der mit einer Spaltung zwischen Sozialisten und
Anarchisten--dort Marx, hier Bakunin--endete, auch der ngstlichsten
Regierung, da vorlufig die befrchteten Gefahren nicht eintreten
wrden. Und indem die Internationale den Sitz des Generalrats von London
nach Newyork verlegte, war der Beweis geliefert, da sie selbst ihre
Reorganisation fr eine Notwendigkeit hielt.

War so die Aussicht auf eine internationale Verfolgung der Sozialisten
geschwunden, so hielt Bismarck um so nachdrcklicher an der Verfolgung
der Arbeiterbewegung durch Ausnahmemaregeln in Deutschland fest. Dieses
zeigte seine Rede, die er Ende April 1873 im Herrenhaus hielt, worin er
die Notwendigkeit scharfer Gesetze gegen die Partei der
Internationale--wie er uns nannte--fr ebenso notwendig erklrte wie
gegen die Partei der weltlichen Priesterherrschaft, das Zentrum.

Dieser Ankndigung folgte die Tat auf dem Fue. Anfang Juni 1873 lie er
dem Reichstag einen Pregesetzentwurf zugehen, in dem der  20 also
lautete: Wer in einer Druckschrift die Familie, das Eigentum, die
allgemeine Wehrpflicht oder sonstige Grundlagen der staatlichen Ordnung
in einer die Sittlichkeit, den Rechtssinn oder die Vaterlandsliebe
_untergrabenden_ Weise angreift, oder Handlungen, welche das Gesetz als
strafbar bezeichnet, als nachahmungswert, verdienstlich oder
pflichtmig darstellt, oder Verhltnisse der brgerlichen Gesellschaft
in einer den ffentlichen Frieden gefhrdenden Weise errtert, wird mit
Gefngnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren bestraft. Wer die im 
166 des Strafgesetzbuchs fr das Deutsche Reich (Vergehen wider die
Religion) vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verbt, wird mit
Gefngnis nicht unter drei Monaten _bis vier Jahren_ bestraft. Nach  21
sollte der verantwortliche Redakteur einer periodischen Druckschrift mit
der Strafe des Tters belegt werden.

Diese diabolischen Bestimmungen, die eine Aenderung des Strafgesetzes in
wichtigen Materien enthielten, die jede wissenschaftliche Errterung der
mit Strafe bedrohten Fragen unmglich machten und auerdem gegen alle
Parteien Anwendung finden konnten, waren denn doch nebst anderen
Bestimmungen der Mehrheit des Reichstags zu bedenklich. Der Entwurf
fiel.

Mit seinem Pregesetzentwurf hatte aber Bismarck nicht genug. Er
beantragte in derselben Session auch eine Abnderung und Verschrfung
des  153 der Gewerbeordnung, wonach unter Umstnden statt der
bisherigen Maximalstrafe von drei Monaten Gefngnis eine solche bis zu
sechs Monaten, eventuell bis zu einem Jahre erkannt werden konnte.
Ferner schlug er eine Aenderung des  108 der Gewerbeordnung vor, wonach
die Streitigkeiten zwischen Unternehmern und den von ihnen beschftigten
Arbeitern durch Gewerbegerichte entschieden werden sollten, deren
Vorsitzender von der obersten Justizaufsichtsbehrde des betreffenden
Bundesstaats, deren Beisitzer durch die _Gemeindevertretungen_ gewhlt
werden sollten. Wegen Schlu der Session blieben die Gesetzentwrfe
unerledigt.

Im folgenden Jahre folgte der Entwurf eines Kontraktbruchgesetzes und
ein neuer Pregesetzentwurf, und in der Session von 1875/76 ein Entwurf
fr die Abnderung des Strafgesetzbuches, und endlich nach den
Attentaten des Frhjahres 1878 das Ausnahmegesetz gegen die
Sozialdemokratie. Da vom Jahre 1874 ab die Sozialdemokratie wieder durch
ihre Vertreter im Reichstag zum Worte kam, komme ich noch auf die
Behandlung dieser Vorlagen ausfhrlicher zu sprechen.




Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen.


Der Charakter, den die Verfolgungen seit 1872 gegen beide Fraktionen der
Sozialdemokratie annahmen, htte bei ihnen das Bedrfnis nach festem
Zusammenhalten und nach Vereinigung hervorrufen sollen. Davon war aber
vorlufig wenig zu merken. In den Jahren 1872 und 1873 waren sogar die
gegenseitigen Angriffe in der Presse der beiden Fraktionen heftiger als
je zuvor, und der Ton in der Presse bertrug sich auf die Versammlungen.
Da um jene Zeit _Auer_ neben York unser eifrigster und sehr wirksamer
Agitator war, bekamen sie die Folgen dieser Kampfmethode besonders zu
genieen, _Auer_ noch speziell in seiner Agitation in Berlin, worber
sich beide fter in Briefen, die sie an mich nach Hubertusburg
richteten, beschwerten. Auer sprach nur noch von den Schlern Tlckes
und von Tlckianern. Aus diesen Vorgngen erklrt sich der bittere Ton,
den Auer einige Male auf den Parteikongressen anschlug, sobald die
Einigungsfrage zur Errterung kam, und sein Verhalten auf dem
Einigungskongre in Gotha. Das schlo aber nicht aus, da er ehrlich die
Vereinigung wollte, und als sie endlich unter seiner Mithilfe kam,
keiner mehr als er bemht war, die mancherlei persnlichen Gegenstze,
deren Vorhandensein nach jahrelanger erbitterter Bekmpfung nur
natrlich war, auszugleichen.

Die Frage der Vereinigung wurde zum ersten Male offiziell auf der
Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu Berlin
(22. bis 25. Mai 1872) errtert, auf der das Mitglied Harm, der sich
schon auf dem allgemeinen deutschen Webertag sehr vershnlich gezeigt
hatte, im Namen seiner Elberfelder Genossen den Antrag stellte: "Die
Generalversammlung mge Mittel und Wege suchen, um die verschiedenen
Fraktionen der deutschen Arbeiterpartei zu vereinigen." Dieser Antrag
wurde heftig bekmpft unter starken Ausfllen gegen unsere Partei und
schlielich Uebergang zur Tagesordnung beschlossen.

       *       *       *       *       *

Vom 7. bis 11. September 1872 hielt die sozialdemokratische
Arbeiterpartei ihren vierten Kongre in Mainz ab. Den Vorsitz fhrten
Motteler und Vahlteich. Unter den Gsten befand sich Hartung-Wien, der
jetzt die schweizer Gewerkschaften vertrat. Hartung war es 1869
gelungen, sich der Verhaftung zur Einleitung des Wiener
Hochverratsprozesses auch wider ihn durch die Flucht zu entziehen. Er
war eine Reihe von Jahren in Zrich und der schweizer Bewegung ttig,
zog sich aber dann zurck und wurde als Inhaber einer groen Schreinerei
in Zrich ein wohlhabender Mann. Der mit Hartung eng befreundete
Oberwinder verblieb in Oesterreich und war Redakteur des "Volkswille".
Die gegen ihn ausgesprochene Ausweisung war zurckgenommen worden. Die
Rolle, die er aber jetzt in der sterreichischen Arbeiterbewegung
spielte, wurde immer mehr eine zweideutige und fhrte schlielich zur
Spaltung. Aber auch seines Bleibens war auf die Dauer nicht in
Oesterreich. In der Zeit des Sozialistengesetzes lebte er in Paris und
kam hier bei unseren Parteigenossen in den Verdacht, im Dienste der
preuischen Polizei zu stehen. Der Partei hatte er Valet gesagt. Spter
kehrte er nach Deutschland zurck und bernahm die Chefredaktion des
"Dresdener Anzeigers", eines magistratlichen Amtsblattes. Oberwinder
setzte sich im Jahre 1911 in seiner Heimat Weilburg an der Lahn zur
Ruhe.

Ich erwhne dieses hier im Anschlu an meine Bemerkungen ber Hartung,
nachdem ich in dieser meiner Arbeit Oberwinders wiederholt gedachte.
Andreas Scheu, auch einer der Fhrer der damaligen sterreichischen
Bewegung, der mit Oberwinder in Konflikt geriet, ging nach schweren
Verfolgungen auer Landes, und zwar nach England.

Unter den 51 Delegierten auf dem Mainzer Kongre befand sich zum ersten
Male der junge Karl Grillenberger, der sich um jene Zeit die ersten
Sporen in der Nrnberger Arbeiterbewegung erworben hatte und deshalb in
der Cramer-Klettschen Fabrik, in der er als Schlosser arbeitete,
gemaregelt worden war.

In den Verhandlungen des Kongresses kam auch die Vereinigungsfrage zur
Errterung. Es lag zunchst ein langer Antrag von Bruno Geiser vor, der
die Redaktion des "Volksstaat" scharf tadelte wegen ihrer Polemik gegen
den "Neuen Sozialdemokrat". Er verlangte, da die Redaktion des
"Volksstaat" unverzglich die Polemik einstelle und eine solche nur
dann aufnehme, wenn der Parteiausschu eine solche billige. Dieser
Antrag wurde abgelehnt. Es standen dann weiter drei Antrge zur
Verhandlung, die smtlich die Vereinigung befrworteten. Schlielich
fand folgender Antrag Annahme, wodurch die anderen Antrge erledigt
waren:

  "Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ist seinen sozialistischen
  Prinzipien gem der einzige natrliche Bundesgenosse der
  sozialdemokratischen Arbeiterpartei; der Kongre beauftragt demgem
  den Ausschu, ein prinzipielles Zusammengehen mit dem Allgemeinen
  Deutschen Arbeiterverein immer von neuem zu versuchen; ferner dafr
  Sorge zu tragen, da die Haltung aller dem Allgemeinen Deutschen
  Arbeiterverein abgeneigten Mitgliedschaften eine vershnliche werde
  und die Redaktion des 'Volksstaat' unverzglich jede Polemik gegen den
  Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und seine Leiter einzustellen,
  sowie etwa neu eintretenden Anfeindungen von seiten des letzteren mit
  Schweigen zu beantworten, falls der Ausschu nicht ausnahmsweise eine
  sachgeme Erwiderung fr unbedingt geboten erachtet."

Kurze Zeit darauf, am 20. September 1872, verffentlichte der "Neue
Sozialdemokrat" einen Artikel mit der Ueberschrift: "Ein ernstes Wort an
die Arbeiter der Eisenacher Partei", eine Anrede, in der er seiner
stndigen Taktik uns gegenber den Namen der Partei verschwieg und einen
Gegensatz zwischen den Arbeitern und Nichtarbeitern in der Partei
konstruierte. In dieser Ansprache, die der "Volksstaat" wrtlich
abdruckte, fhrte er bittere Beschwerde ber angebliche Angriffe, die
der "Volksstaat" und einzelne Mitglieder der Partei trotz jener in Mainz
beschlossenen Resolution gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
richteten. Auf seiner Seite habe man stets nur in der Verteidigung
gestanden, wohingegen der "Volksstaat" der Angreifer gewesen sei.
Daraufhin erwiderte der "Volksstaat" unter dem 28. September in einem
Artikel mit der Ueberschrift "Eine Antwort" und unterzeichnet "Die
Redaktion", in der jene Angriffe zurckgewiesen wurden. Am Schlusse des
Artikels, den Liebknecht und ich auf Hubertusburg verfat und der
Redaktion zugesandt hatten, hie es: "Wir wollen von nun an alle Polemik
gegen den 'Neuen Sozialdemokrat' einstellen unter der Bedingung, da er
1. unsere Partei ausdrcklich und unzweideutig als eine
sozialdemokratische anerkennt und sie, wenn er von ihr spricht, stets
bei ihrem richtigen Namen nennt, und 2. da er die Angriffe gegen die
Internationale Arbeiterassoziation unterlt.

Wir unsererseits erklren, wie wir das schon des fteren getan haben, 1.
da wir die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins als
unsere Parteigenossen ansehen, was nicht ausschliet, da wir gegen
gewisse Persnlichkeiten im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein so
lange ein entschiedenes Mitrauen hegen werden, bis die von unserer
Seite geltend gemachten Verdachtsgrnde konklusiv widerlegt sind; 2.
erklren wir uns bereit, einen Vorschlag zu untersttzen, der dahin
ginge, einen gemeinschaftlichen Kongre der beiden Fraktionen
einzuberufen, auf welchem die Differenzpunkte behufs einer Einigung
besprochen werden. Sollte eine Einigung respektive Verschmelzung nicht
mglich sein, dann mte wenigstens ein gemeinsames Programm aufgestellt
und die Formen festgesetzt werden, innerhalb denen eine gemeinsame
Aktion (bei Wahlen, der Agitation usw.) sich zu bewegen htte. Ein von
beiden Teilen gleichmig zu whlender Ausschu htte die Ausfhrung der
vereinbarten Punkte zu berwachen. Ferner mchten wir noch die
Niedersetzung eines aus beiden Fraktionen gleichmig zu whlenden
Schiedsgerichts befrworten, das die gegen verschiedene Mitglieder einer
der beiden Fraktionen von der anderen Seite erhobenen Anklagen zu
untersuchen und zu richten hat. Bemerken wollen wir, da hnliche
Vorschlge, wie die soeben angedeuteten, privatim schon wiederholentlich
Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins von uns
unterbreitet und von diesen auch gebilligt worden sind."

Auf dem Mainzer Kongre habe die sozialdemokratische Arbeiterpartei
offiziell in feierlichster Form ihrer vershnlichen Stimmung Ausdruck
gegeben; am Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei es jetzt, die
dargebotene Hand zu ergreifen und der deutschen Arbeiterwelt den Frieden
zu geben.

Auf diesen Vorschlag antwortete der "Neue Sozialdemokrat" durch
nichtssagende Ausflchte. Als dann kurze Zeit darauf die Lassalleaner
eine Versammlung unserer Parteigenossen in Berlin gewaltsam sprengten,
verffentlichte der "Volksstaat" eine Art Kriegserklrung gegen den
"Neuen Sozialdemokrat", die mit den Worten schlo: "Die offenbaren
Verrter der Arbeitersache mssen unschdlich gemacht werden."

Damit war der Kampf zwischen den beiden Fraktionen aufs neue entbrannt,
man scho in den beiden fhrenden Blttern herber und hinber und
klagte sich gegenseitig mit einer Heftigkeit an, da es schien, als
stehe eine Vereinigung weiter denn je im Felde. Schlielich mute es als
ein Fortschritt in der Stellung der beiden Fraktionen zueinander
angesehen werden, als der "Neue Sozialdemokrat" anllich der Wahl am
20. Januar 1873 im 17. schsischen Wahlkreis seine Parteigenossen dort
aufforderte, nichts gegen meine Wiederwahl zu unternehmen.

Einen sehr unangenehmen Eindruck machte es auf unserer Seite, da F.W.
Fritzsche, der 1869 die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Eisenach
mit gegrndet hatte, jetzt pltzlich wieder auf die andere Seite
schwenkte und Stellung gegen uns nahm.

In diesem gegenseitigen Kampfe glaubte die Kontrollkommission, die in
Breslau ihren Sitz hatte, unter Fhrung Geisers einen Rffel der
Redaktion des "Volksstaat" erteilen zu sollen, da sie auf eigene Faust
Vershnungsvorschlge gemacht und dabei den Kampf wider den "Neuen
Sozialdemokrat" abermals aufgenommen habe.

Die Antwort gab der Kontrollkommission die nchste Generalversammlung
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.

       *       *       *       *       *

Bei den polizeilichen Verfolgungen, die in jener Zeit in Betracht kamen,
suchte der Leipziger Polizeidirektor seine Kollegen im brigen
Deutschland in den Schatten zu stellen. Der Auflsungs- und
Ausweisungswut fgte er ein Verbot des Besuchs des Internationalen
Arbeiterkongresses im Haag hinzu mit Androhung von vier Wochen Gefngnis
im Falle der Zuwiderhandlung. Ebenso verbot er die Mitgliedschaft, die
Anwerbung von Mitgliedern und die Geldsammlung fr die Internationale.
Als dann Hepner trotz des Erlasses eines Verbots den Haager Kongre
besuchte, erreichte ihn das angedrohte Geschick. Er bekam seine vier
Wochen Gefngnis und wurde im nchsten Frhjahr auf Grund dieser
Bestrafung aus Leipzig ausgewiesen, eine Maregelung, die ihm nachher in
der Umgebung Leipzigs wiederholt widerfuhr. Da er aber auch mit dem
Parteiausschu in Konflikt gekommen war, entschlo er sich, nach Breslau
zu bersiedeln und dort einen Buchverlag zu grnden.

Die Animositt, die Hepner gegen den Parteiausschu und speziell gegen
York als Parteisekretr empfand, in dem er nur den verbissenen
Lassalleaner, den bsen Geist in der Partei sah, veranlaten ihn, an
Marx und Engels Mitteilungen gelangen zu lassen, wonach es in der Partei
sehr trbe aussehen sollte. Bei dem bertriebenen Mitrauen, das Marx
und Engels gegen alles Lassallesche empfanden, gengten diese
Hepnerschen Schilderungen, um Engels zugleich im Namen von Marx zu einem
Warnungsbrief an Liebknecht zu veranlassen. Da mir Liebknecht den Inhalt
dieses Briefes mitteilte, nahm ich Veranlassung, an Marx folgendes zu
schreiben:

  "Hubertusburg, den 19. Mai 1873.

  Geehrter Freund!

  ... Es sind mehr als 5 Jahre, da ich Ihnen zum letztenmal geschrieben
  und jener Brief betraf Schweitzer. Dieser ist nun glcklich gestrzt
  und vieles andere seit jener Zeit ebenfalls. Unsere Partei hingegen
  hat einen mchtigen Aufschwung genommen und ich hoffe in weiteren 5
  Jahren ist sie so weit, da sie ein ernsthaftes Wrtchen mitreden
  kann. Hepner hat allem Anschein nach Ihnen und Freund Engels unsere
  Parteiverhltnisse sehr dster gemalt, sehr mit Unrecht. Ich habe
  darber Freund Engels ausfhrlicher geschrieben, der Ihnen Mitteilung
  davon machen wird. Im groen und ganzen halte ich die
  Parteiverhltnisse fr durchaus zufriedenstellend; was noch mangelhaft
  ist, wird in nicht allzulanger Zeit sich beseitigen lassen, allerdings
  ist da auch notwendig, da man sich leidlich vertrglich hlt und
  nicht mit Gewalt Krakeel haben will. Was mich zu dieser
  Vertrglichkeit bestimmt, ist, da ich genau wei, da der beste und
  ehrlichste Wille fr das Wohl der Partei auch bei den Andersmeinenden
  vorhanden ist. In einem solchen Falle halte ich es fr unrecht,
  Meinungsverschiedenheiten schroff zu behandeln und zum Bruch zu
  reizen. Glauben Sie aber nicht, da wir deshalb die Vertrglichkeit
  zur Schwche treiben, es gibt eine Grenze, wo sie aufhrt; die Mittel
  und die Macht fehlen dann auch nicht, um unseren Willen durchzusetzen
  ...

  Dem Wunsche Liebknechts, da Sie Lassalles Schriften mal zum
  Gegenstand einer kritischen Abhandlung machen mchten, schliee ich
  mich vollkommen an. Eine solche ist durchaus notwendig, und damit sie
  die ntige Wirkung erzielt, mten Sie und kein anderer sie
  verffentlichen. Eine solche Kritik wrde der Partei in Deutschland
  nach verschiedenen Seiten hin den Boden ebnen.

  Mit Liebknecht habe ich schon mehrere Male gesprochen wegen neuer
  Herausgabe des Kommunistischen Manifestes; wir knnen es aber in
  Rcksicht auf den Schlu nicht riskieren. Dieser wrde uns sofort
  einen Hochverratsproze auf den Hals laden. Das Manifest ist zwar in
  einem Heft des Leipziger Hochverratsprozesses als Aktenstck
  abgedruckt, es sind auch einige Separatabzge gemacht worden, aber das
  gengt nicht, es mte nachdrcklich empfohlen und ffentlich verkauft
  werden knnen. Diese Schrift, mit einem passenden Vorwort verbunden,
  wrde vielen die Augen ffnen, sie wrde beweisen, wie unendlich
  schwchlich die Lassalleschen Vorschlge sind. Ueberlegen Sie sich die
  Sache einmal.

  Mit freundlichem Gru        Ihr       Bebel."

In meinem Brief an Engels lauteten die entscheidenden Stellen:

  "Ihr Brief, den Sie am 17. v. M. an Liebknecht sandten und von dessen
  Inhalt ich Kenntnis genommen, gibt mir Veranlassung, ebenfalls einige
  Zeilen an Sie zu richten. Hepner hat augenscheinlich die Farben ber
  den Stand unserer Parteiverhltnisse sehr dick aufgetragen und
  namentlich den Einflu und die Absichten Yorks recht schwarz gemalt.
  Wundern tut mich das von Hepner nicht, er ist ein durchaus braver und
  treuer Genosse, aber leicht verbissen, und gegen den Ausschu und
  speziell gegen York hat er infolge einer ganzen Reihe von
  Streitigkeiten einen solchen Zorn, da er das Schlechteste von ihnen
  glaubt und jedes Wort aufs strengste auslegt."

Ich setzte dann im Detail auseinander, warum Hepner und York verbissene
Gegner seien, und fuhr fort:

  "Neben den schlimmen hat York auch entschieden gute Eigenschaften,
  dahin gehrt, da er mit groem Eifer die Agitation und regelmige
  Steuerzahlung betreibt, zwei Dinge, die sehr notwendig sind und die
  seit den Wirren des Jahres 1870--Verhaftung des Braunschweiger
  Ausschusses--im argen gelegen haben. Hier ist sein Feld und hier hat
  er allerdings auch Verdienste aufzuweisen.

  Ein zweiter Punkt ist unsere Stellung zu Lassalle und dem
  Lassalleanismus. Da sind Sie wie Hepner entschieden im _Unrecht_, wenn
  sie meinen, wir knnten rcksichtslos vorgehen, ohne erheblichen
  Schaden in der Partei zu haben. Der Lassallekultus mu ausgerottet
  werden, damit bin ich ganz einverstanden, auch die falschen Ansichten
  Lassalles mssen bekmpft werden, aber mit Vorsicht. Sie knnen von
  dort aus unmglich unsere Verhltnisse genau beurteilen, und Hepner
  ist zu wenig praktisch.

  Sie drfen nicht vergessen, da die Lassalleschen Schriften
  tatschlich--das lt sich nicht wegdiskutieren--durch ihre populre
  Sprache die Grundlage der sozialistischen Anschauung der Massen
  bilden. Sie sind zehnfach, zwanzigfach mehr wie irgend eine andere
  sozialistische Schrift in Deutschland verbreitet, Lassalle geniet so
  eine bedeutende Popularitt. Diese Popularitt ist durch die Ihnen
  hinlnglich bekannten Mittel der Grfin Hatzfeldt, Schweitzers und
  anderer zum _Kultus_ potenziert worden, und wenn letzterer auch, dank
  dem gesunden Gefhl der Massen und unserer eigenen Ttigkeit, schon
  _bedeutend_ abgenommen hat und tglich mehr abnimmt, so wre es doch
  unklug, durch rcksichtsloses Vorgehen diese Gefhle zu verletzen.

  In unserer eigenen Partei ist der Lassallekultus so gut wie
  verschwunden, aber immerhin gibt es einige Gegenden, wie das Rheinland
  und Schlesien, in denen er Anhnger zhlt, und, was uns namentlich
  veranlassen mu, nicht allzu schroff vorzugehen, ist, da sehr viele
  Arbeiter im frheren Hatzfeldtschen Lager und im Allgemeinen Deutschen
  Arbeiterverein sich mehr und mehr uns nhern und teilweise schon
  angeschlossen haben. Da je der Lassalleanismus in Deutschland wieder
  Oberwasser bekommt, daran ist nicht entfernt zu denken; lassen wir
  also den Dingen ruhig ihren Lauf und wo sich Gelegenheit bietet, dem
  spezifischen Lassalleanismus einen Klaps zu versetzen, da wird es
  geschehen. Das hat, glaube ich, auch der "Volksstaat" bisher getan,
  und wenn darber York und einige andere sich ereifern, so lt man sie
  eben gewhren.

  Ein vernichtender Schlag fr den Lassallekultus wrde es sein, wenn
  Freund Marx dem Wunsche Liebknechts--den ich vollstndig
  teile--nachkme und in einigen objektiv gehaltenen Artikeln im
  "Volksstaat" wissenschaftlich die Fehler und Mngel der Lassalleschen
  Theorien nachwies. Marx' wissenschaftliche Autoritt auf konomischem
  Gebiet ist so unbestritten, da die Wirkung einer solchen Arbeit eine
  kolossale sein wrde. Helfen Sie uns, da Freund Marx diesen Dienst
  der Partei leistet.

  Das oben Gesagte kurz resumiert, steht die Sache also so: Yorks
  Einflu ist unbedeutend, er selbst nichts weniger als gefhrlich, der
  Lassalleanismus in der Partei ist ebenfalls wenig verbreitet, Schonung
  nur in Rcksicht auf zahlreiche ehrliche, aber mileitete Arbeiter,
  die bei geschickter Behandlung uns sicher sind, geboten.

  Ich hoffe, da nach diesen Auseinandersetzungen Sie nicht anstehen
  werden, Ihre Mitarbeiterschaft dem "Volksstaat" zu erhalten. Eine
  Zurckziehung (womit Engels gedroht) wre das Allerverkehrteste, was
  Sie tun knnten, dadurch wrden Sie dem oppositionellen Element eine
  Bedeutung beilegen, die es absolut nicht hat, und die Partei
  schdigen....

  Mit freundlichem Gru         Ihr          Bebel."

An Hepners Stelle trat Wilhelm Blos als leitender Redakteur. Blos war
zuvor an mehreren sddeutschen demokratischen Blttern Redakteur
gewesen, dann wurde er Mitarbeiter an unserem Parteiblatt, dem "Frther
demokratischen Wochenblatt", dessen Hauptleserkreis aber in Nrnberg
war. Blos war 1872 der Partei wie der Internationale beigetreten und
wurde an Stelle des verhafteten Kokosky Redakteur des "Braunschweiger
Volksfreund", alsdann des "Volksstaat", den er, nachdem Liebknecht
freigekommen war, Herbst 1874 verlie, um auf dessen Wunsch die
Redaktion der Mainzer "Sddeutschen Volksstimme" zu bernehmen.

In jenen Jahren waren die gerichtlichen Verfolgungen gegen den
"Volksstaat" so nachdrcklich, da bestndig zwei, manchmal drei seiner
verantwortlichen Redakteure im Gefngnis zubrachten. Aehnlich erging es
den meisten anderen unserer Parteiorgane, zu denen damals auer dem
"Volksstaat" der "Braunschweiger Volksfreund", der "Dresdener
Volksbote", die "Chemnitzer freie Presse", der "Crimmitschauer Brger-
und Bauernfreund", das "Frther demokratische Wochenblatt", der
"Mnchner Zeitgeist", die "Hofer Zeitung", die Mainzer "Sddeutsche
Volksstimme" und der "Thringer Volksbote" zhlten.

Die fhrenden Persnlichkeiten jener Zeit hatten mit wenigen Ausnahmen
alle mehr oder weniger oft mit dem Gefngnis Bekanntschaft gemacht. In
Sachsen fgte man hierzu noch die Ausweisungen aus Orten und ganzen
Bezirken, von der neben Most und Hepner unter anderem Auer, Daschner,
Lyser, Muth, Rdt, Ufert, spter auch Max Kayser betroffen wurden.




Der Parteikongre zu Eisenach 1873.


Zu jener Zeit marschierte auch Bayern in den Reihen der Reaktion. Der
Parteiausschu hatte fr den 24. August 1873 und die folgenden Tage den
Parteikongre nach Nrnberg einberufen. Am 31. Juli erfolgte durch den
kniglichen Kommissar der Stadt Nrnberg das Verbot des Kongresses
mit Hinweis auf Artikel 17 des bayerischen Vereins- und
Versammlungsgesetzes. Auch sei zu befrchten, da die  110, 130, 131
und 360 Ziffer 11 des Reichsstrafgesetzbuches durch die Abhaltung des
Kongresses verletzt wrden. Eine Beschwerde gegen dieses merkwrdige
Verbot wurde nicht erhoben, weil der Ausschu sofort den Kongre nach
_Eisenach_ einberief. Nun glaubte der Leipziger Polizeidirektor Rder
hinter dem Nrnberger Kommissar nicht zurckgehen zu sollen. Er verbot
nunmehr auch den Besuch des Eisenacher Kongresses bei Strafe von vier
Wochen Gefngnis im Falle der Zuwiderhandlung. In der Tat blieb infolge
dieses Verbots Leipzig auf dem Eisenacher Kongre unvertreten.

Auf diesem waren 71 Delegierte anwesend, die 9224 Mitglieder aus 132
Orten hinter sich hatten. Demselben prsidierten Geib und Motteler. Im
Laufe der Verhandlungen kam auch die leidige Angelegenheit _Memminger,_
die schon jahrelang die Nrnberg-Frther Parteigenossen zerklftet
hatte, zur Sprache. Auf der Seite Memmingers stand _Grillenberger,_
gegen ihn _Auer_ und _Lwenstein_. Mit groem Mehr beschlo der Kongre,
da Memminger sich ein parteischdigendes Verhalten habe zuschulden
kommen lassen und durch eine Reihe von Handlungen sich _auerhalb_ der
Partei gestellt habe.

Die Verhandlungen ber die Einigungsfrage, die ebenfalls auf der
Tagesordnung stand, wurden sehr ungnstig beeinflut durch die Haltung,
die der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein auf seiner Generalversammlung
im vorhergehenden Mai in Berlin eingenommen hatte. Auf dieser hatten
sich Frohme, Hasenclever, Hasselmann und andere Redner sehr
entschieden _gegen_ einen Antrag, der die Vereinigung forderte,
ausgesprochen. Schlielich war mit allen gegen 3 Stimmen ein Antrag
_Richter_-Wandsbeck, den _Tlcke,_ Harm-Elberfeld, Dasbach-Hanau usw.
unterzeichnet hatten, angenommen worden, der lautete:

  "In Erwgung: 1. da die sogenannte 'Sozialdemokratische
  Arbeiterpartei' ursprnglich auf dem Verbandstag der
  Schulze-Delitzschen Arbeiterbildungsvereine zu Nrnberg im Jahre 1868,
  beziehentlich auf dem Kongre zu Eisenach im Jahre 1869, _lediglich in
  der Absicht gegrndet worden ist, die Arbeiterbewegung in Deutschland
  zu schdigen_ dadurch, da neben dem _Allgemeinen Deutschen
  Arbeiterverein eine zweite_ angeblich sozialdemokratische Fraktion
  geschaffen wurde, welche nur deshalb ein anscheinend mehr
  politisch-revolutionres Programm aufstellte, um durch dasselbe die
  Arbeiter anzuziehen und so die Spaltung der deutschen Arbeiter
  herbeizufhren;

  in Erwgung: 2. da das jetzige _Zusammenwirken des Herrn v.
  Schweitzer_ mit den Fhrern der sogenannten 'Sozialdemokratischen
  Arbeiterpartei' zum gemeinsamen Unterwhlen und zur Beseitigung der
  Organisation des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins den
  schlagendsten Beweis liefert, da die Vernichtung des Allgemeinen
  Deutschen Arbeitervereins der Hauptzweck der Fhrer der
  Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ist, die sich nicht scheuen, sich
  zur Erreichung dieses Zweckes mit unstreitig reaktionren Elementen zu
  verbinden;

  in Erwgung: 3. da das Programm, die Organisation und die Taktik der
  Sozialdemokratischen Arbeiterpartei durchaus unvereinbar sind mit dem
  Programm und der Organisation des Allgemeinen Deutschen
  Arbeitervereins,

  tritt die Generalversammlung dem Beschlu des Vorstandes des
  Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vom 5. Januar d.J. bei, welcher
  also lautet:

  In Erwgung, da fr die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
  Arbeitervereins in prinzipieller und formeller Beziehung durchaus
  keine Veranlagung vorliegt, an der Organisation des Allgemeinen
  Deutschen Arbeitervereins zum Zwecke einer Vereinigung mit der
  Eisenacher Partei eine Aenderung vorzunehmen, in fernerer Erwgung,
  da es den Mitgliedern jener Partei freisteht, in Gemheit des
  Statuts des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in diesen
  einzutreten, welcher eben durch seine starke Organisation sowie durch
  seine viel bedeutendere Mitgliederzahl die beste Grundlage zur
  Einigkeit der Arbeiter bietet,

  geht der Vorstand ber die sogenannten Einigungsvorschlge der
  Eisenacher Partei zur Tagesordnung ber."

Dem Kongre lagen eine Anzahl Antrge, die Vereinigungsfrage betreffend,
vor, die sich teils fr, teils gegen eine solche aussprachen, teils
unter bestimmten Bedingungen Kandidaten des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins bei den bevorstehenden Reichstagswahlen untersttzen
wollten.

In der Debatte nahm auch _Auer_ das Wort. Er fhrte aus: Nach den
gemachten Erfahrungen wre es unserer Partei unwrdig, noch Kompromisse
mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein einzugehen. In demselben
Sinne sprach sich _Blos_ aus, der weiter verlangte, da man auch mit der
Volkspartei sich auf kein Kompromi einlassen solle, von der im
umgekehrten Falle kein Mitglied fr einen Arbeiterkandidaten stimme.
Schlielich zog Auer einen Berliner Antrag zugunsten eines Antrags
Albert-Glauchau zurck, der lautete:

  "Die Sozialdemokratische Partei betrachtet die Reichstagswahl nur als
  Agitationsmittel und als Prfung fr die Verbreitung ihrer Prinzipien,
  jeden Kompromi mit anderen Parteien ablehnend."

Dieser Antrag wurde nebst einem Antrag der Ronsdorfer Genossen
angenommen, der aussprach:

  "Da von seiten unserer Partei bereits Schritte zur Einigung der
  gesamten deutschen Sozialdemokratie gemacht wurden, von der
  diesjhrigen Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
  Arbeitervereins aber fast einstimmig zurckgewiesen worden sind,
  erklrt der Kongre, jedweden Versuch mit obiger Fraktion, sei er auf
  die Einigung der Partei oder auf Wahlen gerichtet, einzustellen."

Als dann infolge dieses Beschlusses unsere Parteigenossen mich in Altona
gegenber Hasenclever als Kandidat zur Reichstagswahl aufstellten und
der "Neue Sozialdemokrat" sich darber beschwerte, verhhnte ihn _Auer_
in einer Korrespondenz aus Dresden in Nr. 123 des "Volksstaat", die mit
den Worten endete: "Ich schliee, indem ich dem Herrn Hasselmarat und
Strohpuppe Hasenclever das Sprchlein zu bedenken gebe: Vorgetan und
nachbedacht, hat manchen in gro' Leid gebracht." Das ist zugleich eine
Probe, wie damals zeitweilig polemisiert wurde.

Ueber den Ausfall der Wahlen vom 10. Januar 1874 habe ich schon
berichtet. Von Interesse drfte sein, mit welch finanziellen Mitteln zu
jener Zeit eine Reichstagswahl von unserer Seite gemacht wurde. Die
Ausgaben der Parteikasse fr ganz Deutschland betrugen 1300 Taler. Das
schsische Landeskomitee hatte fr die 91000 Stimmen, die in Sachsen auf
unsere Kandidaten fielen, eine Ausgabe von 780 Taler. Die Wahlen in
Leipzig Stadt und Land, einschlielich der Nachwahl in Leipzig Land,
erforderten 733 Taler, die Chemnitzer Wahl 345 Taler, Freiburg-Oederan
(Geibs Wahlkreis) 165 Taler, Stollberg-Schneeberg (Liebknechts
Wahlkreis) 350 Taler. Das sind Betrge, die im Vergleich zu den heutigen
Ausgaben fr die gleichen Zwecke winzig genannt werden mssen. Zwischen
damals und jetzt besteht aber ein Unterschied. Jetzt opfern die
Parteigenossen mehr Geld und bezahlen die Wahlarbeit. Damals opferten
die Parteigenossen weniger Geld--weil sie weniger hatten und auch gegen
heute gering an Zahl waren--, aber sie leisteten die Wahlarbeit meist
umsonst. Der einzelne mute damals durchschnittlich weit grere
persnliche Opfer bringen als heute, sollten Resultate erzielt werden.
Uebersehen darf allerdings nicht werden, da gegenwrtig die
Wahlagitation in Deutschland namentlich auch seitens der Gegner in ganz
anderem Mae betrieben wird wie frher und schon deshalb unsererseits
weit grere Anstrengungen und Aufwendungen erfordert.




Die erste Session des neuen Reichstags 1874.


Diese wurde im Februar 1874 erffnet. Seitens unserer Vertreter wurde
den Vertretern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der Vorschlag
gemacht, eine Fraktion zu bilden. Das lehnten diese ab. Dagegen kam man
berein, sich gegenseitig bei Stellung von Antrgen zu untersttzen,
auch wolle man dahin wirken, da in der Presse und in den Versammlungen
die gegenseitigen Angriffe unterblieben. Das war nicht viel, aber das
andere mute folgen. Eine groe Anzahl Parteigenossen auf beiden Seiten
hatte allmhlich die gegenseitige Bekmpfung, die nur den Gegnern
zustatten kam, satt und wnschte, wenn eine Vereinigung noch nicht
mglich sein sollte, eine Verstndigung zu gemeinsamem Vorgehen.

In unserer Partei war man mit der Haltung der gewhlten Vertreter
unzufrieden. Man fand, da sie zu selten das Wort ergriffen und dann
nicht scharf genug geredet hatten. Der Unmut darber kam auch mehrfach
in der Parteipresse zum Ausdruck. Liebknecht wohnte keiner Sitzung mehr
bei, da die Session kurz nach seiner Freilassung geschlossen wurde. Ich
erhielt von den verschiedensten Seiten Zuschriften, worin die Verfasser
sich ber die Haltung der Parlamentsgenossen beklagten. So schrieb mir
nach Schlu der Session Robert Schweichel, der seit seiner Uebersiedlung
nach Berlin die Redaktion der "Romanzeitung" bernommen hatte und daher
ffentlich politisch nicht ttig sein konnte: die Haltung der
sozialdemokratischen Abgeordneten habe allgemein enttuscht. Nach dem
glnzenden Ausfall der Wahlen habe man eine andere Haltung erwartet.
Diese frdere die Partei nicht. Rbner, der Expedient der "Chemnitzer
Freien Presse", schrieb mir: "Die Vertreter des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins haben unseren Genossen im Reichstag geschickt den Rang
abgelaufen. Darber sind unsere Leute wtend." Die Abgeordneten selbst
beschwerten sich lebhaft darber, da der Prsident bei Wortmeldungen
die Vertreter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bevorzugt habe.
An dieser Behauptung war etwas Wahres. An Simsons Stelle war Forckenbeck
getreten, der, wie ich schon einmal erwhnte, der parteiischste
Prsident war, den der Reichstag je gehabt hat. Erleichtert wurde ihm
diese Parteilichkeit durch die Abschaffung der Rednerliste, die erfolgt
war, um die sozialdemokratischen Abgeordneten mglichst am Redenhalten
hindern zu knnen. Die Abgeordneten muten von jetzt ab durch ein
Zeichen dem Prsidenten bekunden, da sie das Wort zu haben wnschten,
ungefhr so wie die Kinder in der Schule, wenn sie dem Lehrer
bemerklich machen wollen, da sie eine Antwort auf eine Frage geben
knnen. Damit lag es in der Willkr des Prsidenten, ob er eine solche
Wortmeldung sehen und ob und wann er sie bercksichtigen wollte. Und
Forckenbeck machte von seiner Vollmacht rcksichtslos Gebrauch. Das
veranlate spter Windthorst und seine Freunde, den Antrag zu stellen,
die Rednerliste wieder einzufhren. Der Antrag, zu dem von unserer Seite
Vahlteich sprach, wurde abgelehnt. Darauf sah sich Most veranlat, noch
kurz vor Schlu der Session die Parteilichkeit des Prsidenten
ffentlich im Reichstag zu denunzieren. Er habe trotz zahlreicher
Meldungen das Wort nur einmal erhalten. Ihm gegenber lag allem Anschein
nach ein Racheakt vor. Most hatte sich verleiten lassen, bei Beginn der
Session, bevor er nach Berlin reiste, in der "Chemnitzer Freien Presse",
deren Redakteur er war, eine Art Kriegserklrung an den Reichstag zu
verffentlichen, in der er demselben den Kampf bis aufs Messer ansagte.
Dafr mute er offenbar jetzt ben. Die einzige Rede, die er halten
konnte, betraf den Entwurf zum Impfgesetz, und diese miglckte ihm. Er
schlo die kurze Rede mit den Worten: "Vorlufig verlangen wir die
ffentlichen Badeanstalten, und wenn wir diese haben, werden wir auch
mit dem Normalarbeitstag kommen." Kein Wunder, da dieser Schlu in
Mosts Munde die Heiterkeit der Gegner hervorrief.

Aber es machte sich von dieser Session ab noch ein anderer Unfug mit
Forckenbecks Untersttzung breit, der spter immer schlimmer wurde. Es
fand sich in einem Mitglied der nationalliberalen Partei, dem
Abgeordneten fr Hildburghausen, Valentin, der seines Zeichens
Rechtsanwalt gewesen war, ein stets bereiter Schluantragsteller. Sobald
Forckenbeck den Schlu der Debatte wnschte, gab er Valentin das
verabredete Zeichen, worauf dieser gehorsam den Schluantrag stellte,
dem alsdann wie auf Kommando die Mehrheit--Nationalliberale und
Konservative--Folge leistete. Fr diese Methode der Wortabschneidung
bildete sich im Reichstag die Bezeichnung: der redenwollende Abgeordnete
sei valentiniert, das heit geistig guillotiniert worden. Dieser Unfug
ging schlielich so weit, da auf dem Bureau Valentinsche Schluantrge
_auf Vorrat_ lagen, deren sich der Prsident nach Belieben bediente.
Valentin wurde fr seine Ttigkeit von seiner Fraktion dadurch geehrt,
da diese ihm, wie im Reichstag erzhlt wurde, zu seinem Geburtstag ein
Kistchen mit gedruckten Schluantrgen schenkte.

Bezeichnend fr die damalige Situation im Reichstag war auch, da der
Abgeordnete Bamberger es wagen konnte, die sozialistischen Abgeordneten
als geduldete Gste zu bezeichnen, denen man das Hausrecht verweigern
knne. Kleinlich war auch, da man Liebknecht und mich whrend unserer
Haft bei namentlichen Abstimmungen stets als "unentschuldigt" in den
Listen gefhrt, ein Unfug, der erst auf eine energische Beschwerde
Vahlteichs in ffentlicher Sitzung ein Ende nahm.

Unter den Vorlagen, die den Reichstag beschftigten, befanden sich
mehrere von besonderer Wichtigkeit. So eine neue Militrvorlage, die
eine erhebliche Erhhung der Prsenzziffer, auf ber 401000 Mann,
ausschlielich der Einjhrig-Freiwilligen, forderte, und zwar fr die
Dauer von sieben Jahren. Damals hatten die Liberalen einschlielich der
Nationalliberalen noch konstitutionelle Bedenken gegen eine derartige
Festlegung auf viele Jahre. Es kam zu scharfen Debatten, aber
schlielich fgten sich die Nationalliberalen und nahmen an, nachdem
Bismarck mit Niederlegung seines Amtes drohte. In der ersten Lesung nahm
Hasenclever, in der Generaldebatte der dritten Lesung Motteler das Wort.
Beide forderten die Miliz. In diesen Debatten uerte Moltke zur
Verteidigung der Vorlage die spter oft zitierten Worte:

  "Was wir in einem halben Jahre mit den Waffen in der Hand errungen
  haben, das mgen wir ein halbes Jahrhundert mit den Waffen schtzen,
  damit es uns nicht wieder entrissen wird. Darber, meine Herren,
  drfen wir uns keiner Tuschung hingeben: wir haben seit unseren
  glcklichen Kriegen an Achtung berall, an Liebe nirgends gewonnen."

Damit wurde besttigt, was wir wiederholt in den Jahren 1870/71
vorausgesagt hatten. Nicht der Krieg an sich, aber seine Folgen, die
Annexion von Elsa-Lothringen, hatte in Europa eine Situation
geschaffen, die die Lage immer gespannter machte, Ruland eine
dominierende Stellung verschaffte und immer neue Rstungen hervorrief.
Zu unseren Milizvorschlgen uerte Moltke: Meine Herren! Die Gewehre
sind bald ausgeteilt, aber schwer wieder zurckzubekommen! (Heiterkeit.)

Der Abgeordnete Malinckrodt hatte den Antrag auf zweijhrige Dienstzeit
gestellt, dafr stimmte Vahlteich, dagegen Geib, der Abstimmung
enthielten sich Most und Motteler. Hasenclever, Hasselmann und Reimer
hatten den Antrag gestellt, 540000 Mann fr zwei Monate und 18000 Mann
fr die weiteren zehn Monate zu bewilligen, ferner sollte die
militrische Jugenderziehung vom 14. bis 20. Jahre eingefhrt werden.
Fr diesen Antrag stimmten nur die Antragsteller. Diese Abstimmungen
gaben kein erhebendes Bild von der Ttigkeit der sozialdemokratischen
Abgeordneten.

Eine zweite fr die Arbeiterklasse wichtige Vorlage war eine Novelle zur
Gewerbeordnung, die in etwas abgenderter Form die Vorlage aus der
vorigen Session wiederbrachte. Man begngte sich diesmal, den  153
dahin zu verschrfen, da Verletzung desselben statt wie bisher mit
hchstens drei Monaten knftig mit bis zu sechs Monaten Gefngnis
bestraft werden sollte. Dagegen hatte man in einem neuen  153a die
Bestrafung des Kontraktbruchs vorgeschlagen, dieser sollte mit
Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder Haft geahndet werden. Die Streiks,
die in den Grnderjahren hufig unter Kontraktbruch vorkamen
und nach ausgebrochener Krise wegen Lohnherabsetzungen und
Arbeitszeitverlngerungen Abwehrstreiks unter Nichtbeachtung der
Kndigungsfristen hervorriefen, hatten das Unternehmertum in die hchste
Aufregung versetzt. Es inszenierte einen Petitionssturm an die
verbndeten Regierungen und den Reichstag, um die kriminelle Bestrafung
des Kontraktbruchs zu erlangen. Diesem Verlangen waren die verbndeten
Regierungen durch den Vorschlag des  153a nachgekommen. Im weiteren
wurden die frher schon vorgeschlagenen Bestimmungen betreffend die
gewerblichen Schiedsgerichte wieder in Vorschlag gebracht mit der
kleinen Abnderung, da die hhere Verwaltungsbehrde bestimmen knne,
ob eine Wahl der Beisitzer durch die beteiligten Arbeiter und
Arbeitgeber erfolgen solle. Zu dem Gesetzentwurf hielt Hasselmann eine
gute Rede. In die Kommission wurde von unserer Seite Motteler gesandt,
der sich aber an den Verhandlungen nicht beteiligte, sondern stummer
Zuhrer blieb, was ihm von verschiedenen Seiten verdacht wurde. Die
Kommission strich den Kontraktbruchparagraphen, ebenso wurde die
Verschrfung des  153 abgelehnt; sie beschlo ferner, da die Wahl der
Beisitzer in den Gewerbegerichten nur durch allgemeine Wahlen der
Interessenten zu erfolgen habe. Der Entwurf wurde indes im Plenum nicht
zu Ende beraten. Man war vorlufig seitens der Mehrheit des Reichstags
zu Ausnahmebestimmungen oder Verschrfung der bestehenden Gesetze noch
nicht geneigt.

Die dritte wichtige Vorlage war der Entwurf eines Pregesetzes. In
diesem hatte der vorjhrige  20 folgenden Wortlaut erhalten:

  "Wer mittels der Presse den Ungehorsam gegen die Gesetze oder die
  Verletzung von Gesetzen als etwas Erlaubtes oder Verdienstliches
  darstellt, wird mit Gefngnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren
  bestraft. Wer die im  166 des Strafgesetzbuchs fr das Deutsche Reich
  vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verbt, wird mit Gefngnis
  nicht unter drei Monaten und bis zu vier Jahren bestraft."

Auch zu diesem Gesetzentwurf hielt _Hasselmann_ eine gute Rede, auer
ihm sprach _Geib_. Der  20 fiel in der Kommission und im Plenum. Im
brigen beseitigte das Gesetz die Kautionen und verbot die
Zeitungsstempel und die Inseratenabgaben, wo solche noch bestanden.
Wirkliche Verbesserungen gegen den bisherigen Zustand brachte das Gesetz
nur Preuen, Braunschweig und den beiden Mecklenburg, fr Sachsen, die
mitteldeutschen und sddeutschen Staaten schuf es hingegen verschiedene
zum Teil erhebliche Verschlechterungen, so da seine Annahme anfangs
zweifelhaft war. Es ging hier wie bei allen wichtigen Gesetzen des
Reichs, den Verbesserungen standen _stets_ Verschlechterungen gegenber;
zu einem politischen Gesetz, das fr alle eine wesentliche Besserung
bedeutete, konnte sich der Reichstag nicht erheben, stets gab er dem
Druck der Regierungen, das heit Preuen nach, dem Stimmfhrer fr alles
Rckschrittliche.

Erwhnt sei, da bei Beginn der Session auch wieder der Antrag auf
meine Freilassung fr die Dauer der Session gestellt worden war, jedoch
mit demselben negativen Erfolg wie frher. Redner fr den Antrag waren
Vahlteich und Hasenclever. Die Fortschrittspartei verweigerte die
Untersttzung des Antrags, weil es zwecklos sei, ihn zu stellen.

       *       *       *       *       *

Die Tatsache, da die Vertreter der beiden sozialdemokratischen
Fraktionen im Reichstag gentigt wurden, fter gemeinsame Sache bei den
Beratungen zu machen, war fr alle jene, die eine Vereinigung wnschten,
ein neuer Ansto zum Handeln. Der erste Schritt hierzu wurde auf der
Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
unternommen, die vom 26. Mai bis 5. Juni 1874 in Hannover tagte. F.W.
Fritzsche, Hartmann-Hamburg, Meister-Hannover und andere stellten den
Antrag, zu erklren: Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins hlt die Vereinigung aller sozialdemokratischen Arbeiter
Deutschlands fr erforderlich, um die Endziele der Sozialdemokratie zu
erreichen, und empfiehlt, um eine solche Vereinigung anzubahnen, da
dieselben in allen ffentlichen Versammlungen sowie in der Parteipresse
sich nicht mehr bekmpfen und anfeinden. Bestimmte Vorschlge zur
Vereinigung knnen nicht eher gemacht und diskutiert werden, bevor der
Kongre der Eisenacher konstatiert, da auch er eine Einigung aufrichtig
anstrebt.

Der Antrag wurde zwar nach lngerer Debatte mit 50 gegen 19 Stimmen
_abgelehnt_, aber die Debatte wurde in einem merklich anderen Tone als
bei frheren hnlichen Gelegenheiten gefhrt.

Die Sozialdemokratie Arbeiterpartei hielt ihren Kongre im folgenden
Monat, vom 18. bis 21. Juli, in Koburg ab, auf dem seit 1871 zum
erstenmal Liebknecht wieder auf einem Parteikongre erschien. Die
Vereinigungsfrage kam hier ebenfalls zur Verhandlung, zu der
verschiedene Antrge gestellt worden waren. In dem Bericht, den _Geib_
im Namen des Ausschusses erstattete, hatte dieser bereits ausgefhrt:
"Wenn wir schlielich noch unsere Stellung zum Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein erwhnen, so geschieht es nur, um zu konstatieren, da
seit der Reichstagswahl der alte Hader im Wanken begriffen ist. Viel
trgt dazu die Tatsache bei, da der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein
jetzt von oben herab mit gleichem Mae gemessen wird wie unsere Partei.
Da die Stellung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins tatschlich
doch noch eine zurckhaltende ist, geht aus der Abstimmung ber den auf
der Generalversammlung dieses Vereins gestellten Einigungsantrag, fr
welchen unter 69 Delegierten nur 19 stimmten, deutlich hervor. Wir haben
uns demgem zu reservieren und vor allem auf die prinzipielle Haltung
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu achten, da hierin ein
wesentliches, wenn nicht das wesentlichste Moment zur Richtschnur
unserer Einigungstaktik zu suchen ist." In der spter folgenden Debatte
ber die Einigungsantrge nahm auch _Auer_ das Wort, der noch immer der
Frage khl gegenberstand und pessimistisch uerte: Im groen und
ganzen sind wir alle mit der Einigung einverstanden, aber solange auf
beiden Seiten die prinzipiellen Unterschiede ins Gewicht fallen, kann an
eine wirkliche Einigung nicht gedacht werden. Die Aussichten, die uns in
dieser Hinsicht der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein erffnet, sind
gering, dies zeigt schon sein neuester Entschlu, sich sektenmig
"_Lassalleaner_" zu nennen. Unser Vershnungsdusel hat bis jetzt wenig
geholfen. Das einzige Mittel zur Einigung heit: die Lassalleaner unsere
Macht fhlen lassen und uns strken. Stellen wir uns auf den Standpunkt
der Einigungsvorschlge, die vor zwei Jahren im "Volksstaat"
verffentlicht wurden. (Siehe Seite 289 und 290.) Mag ein allgemeiner
Kongre zur Beratung der Einigungsfrage berufen werden. _Bernstein_
stand der Frage optimistischer gegenber als Auer. Im Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein seien bereits viele Mitglieder fr eine
Vereinigung. Der Verlauf der Generalversammlung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins besttige seine Auffassung. Er erklrte sich
ebenfalls fr einen Kongre behufs Verstndigung. _Liebknecht_ sprach
sich in lngerer Rede dafr aus, da, wenn zunchst die Vereinigung
nicht mglich sei, die Einigung erstrebt werden msse, die Vereinigung
werde nachher von selbst kommen, dafr sorge Herr Tessendorf und die
Logik der Tatsachen, wenn nicht mit, dann den Fhrern zum Trotz.
_Motteler_ berichtete ber Besprechungen, die in Berlin zwischen
Hasenclever und Hasselmann auf der einen und unseren Vertretern auf der
anderen Seite stattgefunden hatten. Hasenclever und Hasselmann htten
erklrt: _an eine Vereinigung sei nicht zu denken_, da der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein unbedingt die bessere Organisation habe. Ein
friedliches Nebeneinandergehen in Presse und Versammlungen sei ja
vereinbart. Zum Schlusse wurde mit groer Mehrheit ein Antrag Geibs
angenommen, lautend:

  "Der Kongre erklrt, der Einigung der beiden deutschen
  Arbeiterfraktionen geneigt zu sein. Ueber den Modus einer solchen
  Einigung werden zum nchsten Kongre seitens des Ausschusses und den
  der Partei angehrigen Reichstagsmitgliedern Vorschlge erwartet. Im
  brigen geht der Kongre zur Tagesordnung ber."

       *       *       *       *       *

Auf dem Koburger Kongre kam es auch zu lebhaften Debatten ber den oft
unzeitigen Eifer der Parteigenossen, in den greren Orten Lokalbltter
zu grnden, die ungengend finanziell fundiert, alsdann der Partei groe
Verlegenheiten bereiteten, weil sie nunmehr um jeden Preis am Leben
erhalten werden sollten. Klagen, die sich bekanntlich bis in die Neuzeit
wiederholten. Nicht wenige dieser Bltter fhrten eine prekre Existenz
und machten der Parteileitung schwere Sorge. Es war fast fr das eine
und das andere eine Wohltat, unter dem Sozialistengesetz totgeschlagen
zu werden; sie starben wenigstens auf dem Felde der Ehre, im Kampfe mit
einem bermchtigen Gegner.

Auch die Frage der Programmnderung beschftigte den Koburger Kongre.
Es lagen fr dieselbe, unter anderen auch von Bracke, eine Anzahl
Antrge vor. Nach lngerer Debatte fand alsdann ein Antrag
Kokosky-Grillenberger und Genossen Annahme, wonach der Kongre die
Reformbedrftigkeit des Programms anerkannte, jedoch in der Erwgung,
da die Frage im Augenblick noch nicht spruchreif sei, die Aenderung
des Programms bis zum nchsten Kongre vertage. Die Programmnderung
solle in der Presse zur Diskussion gestellt werden.

Des weiteren wurden ffentliche Vortrge veranstaltet, wobei Liebknecht
und Motteler ber die politische Stellung der Sozialdemokratie, York und
Grillenberger ber die industrielle und lndliche Arbeiterfrage
sprachen. Grillenberger, der ber das letztere Thema sprach, hielt zu
dieser Frage eine gute instruktive Rede.




Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung.




Einigungsverhandlungen.


Geib und Liebknecht hatten recht, als sie ausfhrten, die Neigung zu
einer Vereinigung mit uns werde im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
gefrdert werden durch die Behandlung, die ihm jetzt gleich uns von oben
zuteil wurde. Als vornehmster Trger dieser Verfolgungen erwies sich
Staatsanwalt Tessendorf, der im Sommer 1873 von Magdeburg an das
Berliner Stadtgericht berufen wurde. Er fand in der siebenten Deputation
des Berliner Stadtgerichtes in den Herren Reich als Vorsitzender, v.
Ossowsky und Giersch als Beisitzer drei kongeniale Geister, die seinen
staatsretterischen Eifer nach jeder Richtung untersttzten und in einer
lngeren Reihe von Jahren in den Prozessen gegen eine groe Anzahl
Parteigenossen als wahre Blutrichter sich erwiesen.

Tessendorf hatte sich seinen Ruf als Sozialistentter schon in Magdeburg
erworben, allerdings mit der Wirkung, da die von ihm verfolgte und
gehate Partei nach jedem Schlage, den er gegen sie fhrte, immer
strker und krftiger wurde. Er war einer der schlimmsten Streber in
unserer an Strebern so reichen Zeit. Tessendorf zeigte schon im Jahre
1871, wie unglcklich er darber war, da er in unseren
Hochverratsproze nichts hineinzureden hatte. Dafr zeugt folgender
Vorfall, den ich etwas ausfhrlicher erwhne, weil er diesen
fanatischsten aller Sozialistenfresser im rechten Lichte zeigt. Die
"Magdeburger Zeitung" hatte damals wiederholt in Leipziger
Korrespondenzen uns, die wir hinter Schlo und Riegel saen und uns
nicht wehren konnten, in unqualifizierbarer Weise beschimpft. Als es
dann in Zrich im Mrz 1871 zu einem groen Krawall gekommen war
anllich einer Siegesfeier, welche die in Zrich lebenden Deutschen in
der dortigen Tonhalle veranstaltet hatten, sollten wir nach der
Leipziger Korrespondenz in der "Magdeburger Zeitung" die Urheber jenes
Krawalls sein und unsere Zricher Parteigenossen die Tter. Nebenbei
bemerkt, wurde spter gerichtlich festgestellt, da unsere Zricher
Parteigenossen zu jenem Krawall in gar keiner Beziehung standen. Unser
Anwalt Otto Freytag sah sich darauf veranlat, bei dem Magdeburger
Stadt- und Kreisgericht einen Strafantrag gegen die "Magdeburger
Zeitung" zu stellen. Zu seiner nicht geringen Verwunderung meldete sich
in einem langen Schreiben der Staatsanwalt Tessendorf, der es ablehnte,
gegen die "Magdeburger Zeitung" vom Amts wegen einzuschreiten. Dabei
erging er sich in langen und gehssigen politischen Betrachtungen ber
unser Tun und Lassen. Freytag antwortete: es sei ihm nicht eingefallen,
die Hilfe einer kniglich preuischen Staatsanwaltschaft fr uns
anzurufen, wie der Wortlaut seines Strafantrags beweise. Im brigen
msse er seine, Tessendorfs, Einmischung in politische Angelegenheiten,
_die ihn nichts angingen_, als eine Anmaung zurckweisen. Nach Verlauf
eines Monats kam Tessendorf abermals in einem Schreiben an Freytag auf
den Vorgang zurck, worin er das taktlose Gestndnis machte, _da er bis
jetzt vergeblich auf die Verffentlichung seines Schreibens im
"Volksstaat" gewartet habe. Sollte die Verffentlichung in Rcksicht auf
seine Person unterblieben sein, so wolle er mitteilen, da man diese
Rcksicht nicht zu nehmen brauche._ Freytag erteilte ihm unter dem 28.
April eine gepfefferte Antwort, deren Schlustze lauteten:

  "Ihr ganzes Verhalten in der vorliegenden Sache gibt mir den Beweis,
  da _Sie Ihre Karriere als kniglich preuischer Staatsanwalt und
  Polizeimann machen werden, auch wenn Ihr strammes Auftreten gegen die
  Herren Bebel und Liebknecht nicht an die Glocke der Oeffentlichkeit
  gehngt wird. Vielleicht finden Sie noch einen anderen Weg, Ihre
  Zufertigung gedruckt zu sehen._"

Und Tessendorf machte Karriere. Er wurde schlielich Oberreichsanwalt
bei dem Reichsgericht zu Leipzig. Er starb aber, ohne seine Hoffnung und
seine Sehnsucht, preuischer Justizminister zu werden, erfllt zu sehen.
Ein anderer streberischer Staatsanwalt lebte zu jener Zeit in Bielefeld,
der unter dem 26. April 1871 sogar eine ffentliche Warnung an die
Bevlkerung ergehen lie, auf den "Volksstaat" zu abonnieren. Eine
Unverschmtheit sondergleichen.

Tessendorf entsprach in vollem Mae den Erwartungen, die seine
Vorgesetzten und speziell Bismarck auf ihn gesetzt hatten. Die Zahl der
Verurteilungen, die in den nchsten Jahren in Berlin auf seinen Antrag
durch die berchtigte siebente Deputation vorkamen, ist Legion, und die
Urteile wurden immer hrter und grausamer. Aber mit der Verfolgung wuchs
auch der Widerstand der Parteigenossen, und wenn Tessendorf und die
Richter der siebenten Deputation am Ende ihres Lebens sich ehrlich
Rechenschaft ber ihr Tun und Treiben abgelegt haben, muten sie sich
sagen: _wir arbeiteten ohne Erfolg;_ wir haben viele Existenzen
vernichtet, viel Familienglck zerstrt und manchen durch harte
Verurteilung in ein frhzeitiges Grab gebracht, aber die Bewegung, die
wir meistern wollten, meisterte uns. Wir sind die Unterlegenen. Die wir
vernichten wollten, blieben Sieger.

Im Jahre 1874 wurde von der erwhnten Deputation Most in Berlin wegen
einer Rede ber die Pariser Kommune mit anderthalb Jahren Gefngnis
bedacht. Der Schriftsetzer Genosse Heinsch, einer der besten
Organisatoren Berlins, wurde wegen Abdrucks eines Gedichtes zu einem
Jahre Gefngnis verurteilt. A. Kapell vom Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein erhielt neun Monate, die das Kammergericht auf drei
Monate reduzierte, Frohme erhielt ebenfalls neun Monate, die das
Kammergericht auf sechs herabsetzte. Eine ganze Reihe anderer
Parteigenossen wurde mit gleich hohen und zum Teil noch hheren Strafen
belegt, und in fast allen diesen Prozessen handelte es sich um
Nichtigkeiten, die vor einem anderen Gericht mit wenigen Wochen
Gefngnis oder einer Geldstrafe bedacht worden wren. Die Nervositt
nahm in gewissen Kreisen immer mehr zu. In ganz Preuen wurden im Jahre
1874 in 104 Prozessen 87 Lassalleaner zu 211 Monaten und 3 Wochen
Gefngnis verurteilt. Aehnlich war es in Sachsen, in dem ebenfalls die
Urteile immer hrter wurden. Wo sonst Monate gengten, wurden jetzt
Jahre verhngt. Das Hauptkontingent der Verurteilten stellte unsere
Partei.

Mit den gerichtlichen Verurteilungen gingen die polizeilichen
Maregelungen und Auflsungen Hand in Hand. In Berlin wurde Ende Juni
der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein polizeilich geschlossen. Als dann
Hasenclever, als Prsident des Vereins, den Sitz desselben nach Bremen
verlegte, wurde er wegen Verletzung des Vereinsgesetzes zu zwei Monaten
Gefngnis verurteilt. Weiter verfielen in Berlin der Auslsung die
Mitgliedschaft der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der
Arbeitermdchen- und -frauenverein, der Allgemeine Deutsche
Schuhmacherverein, der Allgemeine Deutsche Tischlerverein und der
Allgemeine Deutsche Maurerverein. In Frankfurt a.M. folgte die Polizei
ihrer Berliner Kollegin und lste gleichfalls die meisten der dort
bestehenden Arbeiterorganisationen auf. Auch in Hannover, Knigsberg i.
Pr. und an anderen Orten verfielen sowohl der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein wie die Mitgliedschaften der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei der polizeilichen Auflsung. Sachsen und Bayern blieben
hinter dem preuischen Beispiel nicht zurck. So fielen die
Arbeiterorganisationen in Mnchen, Nrnberg, Erlangen, Hof. In Mnchen
wurde gleichzeitig eine Reihe gewerkschaftlicher Organisationen
aufgelst, so der Allgemeine Deutsche Schneiderverein, die Gewerkschaft
der Maler, Lackierer und Vergolder, der Allgemeine Deutsche
Metallarbeiter- und der Allgemeine Deutsche Holzarbeiterverein.

Alle diese Vorgnge trugen sehr wesentlich dazu bei, selbst den
widerstrebendsten Elementen klarzumachen, da diesen Gewaltmaregeln
gegenber, die beide Fraktionen ohne Unterschied trafen, erhhter
Widerstand nur in der Vereinigung gefunden werden knne.

Da, am 11. Oktober 1874, schrieb mir Liebknecht nach dem Zwickauer
Landesgefngnis einen Brief, in dem es hie:

  "Gestern war Tlcke hier; er will Vereinigung mit uns. Im selben Sinne
  schrieb mir heute Fritzsche. Auch Reimer und Hasselmann wollen, so
  schreibt Fritzsche, mindestens Verbndung; Verschmelzung sei noch
  unmglich. Mehr mndlich--acht Tage vor Erffnung des Reichstags
  besuche ich Dich. Nur so viel! Feststeht, da die Deutschen
  Allgemeinen vollstndig _en deroute_ (in Auflsung) sind; Tlcke--das
  Zusammentreffen mit ihm war zum Malen--gab zerknirscht zu, da die
  heilige Organisation sich nicht bewhrt habe.... Da wir nicht gleich
  einen Einigungskongre auf den 15. November berufen wollten, war ihm
  eine bittere Enttuschung und noch mehr meine Erklrung, da wir
  unmglich den Rckschritt zu dem Lassalleschen Programm, auch einem
  reformierten, machen knnten. Tlcke meinte, man brauche ja Lassalle
  gar nicht zu nennen, berhaupt sei der Lassallekultus rein aus
  taktischen Grnden getrieben worden usw. usw. Tlcke kam im Auftrag
  Hasenclevers--der in Zeitz sitzt--und im Einverstndnis mit Wode. Das
  ist die eine Clique--die andere ist Hasselmann-Reimer. Dazwischen als
  _would be_ (sogenannter) Schiedsrichter Fritzsche. Tlcke hat eine
  furchtbare Wut auf Hasselmann. Auf meine Frage, ob Hasselmann mit
  seinem, Tlckes, Schritt einverstanden sei, erwiderte er: Nein, aber
  er mu! Und auf meinen Einwurf: Wenn Ihr gegen Hasselmann, der den
  'Neuen Sozialdemokrat' hat, vorgeht, werdet Ihr einfach in die Luft
  gesprengt, hnlich wie Schweitzer es seinerzeit mit der Opposition
  tat, antwortete Tlcke: Hasselmann knne nichts machen, juristischer
  Eigentmer des Blattes sei Hasenclever."

Liebknecht schrieb weiter, er habe Tlcke erklrt, Definitives knnten
wir in Leipzig nicht abmachen, er solle zunchst nach Hamburg, dem Sitz
des Parteivorstandes, reisen und dort mit Geib, Auer usw. Rcksprache
nehmen. Vor Weihnachten sei ein Kongre unmglich, auch msse vorher
erst eine Konferenz stattfinden, doch msse man vorsichtig sein. "An
Verschmelzung ist nicht zu denken," schrieb Liebknecht zum Schlusse;
aber einmal A gesagt, treiben die Dinge weiter.

In Hamburg kam man berein, vorzuschlagen, zu gleichen Teilen eine
Kommission aus beiden Fraktionen zusammenzusetzen, die die Bedingungen
einer Einigung beraten und formulierte Vorschlge machen sollte. In
unserer Partei wurden diese Einigungsversuche, sobald sie bekannt
wurden, allgemein begrt. Als der Genosse Dotzauer-Zwickau mir am 15.
Oktober ins Gefngnis schrieb, er habe gehrt, es seien
Vereinigungsverhandlungen im Gange, antwortete ich: Das sei mir bekannt.
Es freue mich, da jetzt die Leute vom Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein an uns herankmen und die Hand zur Vershnung reichten.
Er (Dotzauer) sei falsch unterrichtet, wenn er angebe, Liebknecht solle
den Antrag "kurzerhand" abgelehnt haben, seine Schritte in Hamburg
bewiesen das Gegenteil. Dieses Friedensanerbieten htten Liebknecht und
ich mit Genugtuung begrt. "Der Kampf, der acht Jahre gedauert, hat
mich ein gut Teil meiner besten Krfte, sehr viel Zeit und andere Opfer
gekostet. Gut, da er ein fr allemal und siegreich zu Ende ist."

Ueber die Treibereien von Hasselmann und Reimer schrieb Tlcke an das
Vorstandsmitglied Wode--der whrend der Haft Hasenclevers Vizeprsident
des Vereins war--unter dem 22. Oktober 1874 aus Iserlohn einen Brief, in
dem es hie:

  "Nach Annoncen im 'Volksstaat' gehen die 'Eisenacher' mit der
  Besprechung des Einigungsprojekts flott vorwrts. Wenn wir nicht von
  ihnen berflgelt werden wollen, dann ist auch bei uns--zumal mit
  Rcksicht _auf die Abneigung der Herren Hasselmann und Reimer_--die
  rastloseste Ttigkeit erforderlich. Ich mache Dich darauf besonders
  aufmerksam, da Hasselmann und Reimer durch ihre Ansprache in Nr. 119
  des 'Neuen Sozialdemokrat' offenbar die Absicht kundgeben, in betreff
  der Agitation durchaus selbstndig vorgehen zu wollen, ohne sich um
  die Vereinsleitung irgendwie zu kmmern; fr die Herren scheint der
  Vizeprsident gar nicht zu existieren.

  Es ist also nach allen Seiten hin ein rasches Handeln unerllich und
  halte ich es deshalb fr notwendig, da wir in folgender Weise
  vorgehen:

  1. Weil nach der Ansicht Hasenclevers weder von ihm, noch von Dir oder
  von Vorstandsmitgliedern in der Angelegenheit _amtlich_ Schritte getan
  werden knnen, und weil man allerwrts _von mir_ Benachrichtigung ber
  den Erfolg meiner Reise erwartet, wird es zweckmig sein, da ich auf
  unserer Seite die Korrespondenz wegen des Zusammentritts der
  gemischten Kommission und bis zu deren Zusammenkunft fhre....

  2. Um gewisse Gegenagitationen unschdlich zu machen, mu ich
  schleunigst eine Konferenz smtlicher Bevollmchtigter in Rheinland
  und Westfalen ins Wuppertal einberufen...."

Tlcke schlug dann eine solche auch fr den Sden einschlielich Kassel
vor und erbot sich, die Reisen nach Frankfurt, Offenbach, Hanau und
Kassel zu bernehmen. Er fuhr dann fort in seinem Briefe:

  "Mit dem Leitartikel in der gestrigen Nummer des 'Neuen
  Sozialdemokrat', besonders am Schlu desselben, hat Hasselmann seine
  Agitation _gegen_ den Kongre bereits begonnen."

Tlcke schlo seinen Brief mit dem Ersuchen um sofortiges und rastloses
Handeln.

Hasenclever war mit dem Vorgehen Tlckes einverstanden, doch wurde in
einer Besprechung, die er mit Liebknecht und einigen anderen bei sich im
Gefngnis zu Zeitz hatte, vereinbart, mit weiterem Vorgehen bis zu
seiner Entlassung, die anfangs Dezember erfolgte, zu warten. Alsdann
traten Vertreter der beiden Fraktionen in Berlin zusammen, um weitere
Schritte zu beraten. Dort beschlo man, da jede Fraktion eine gleiche
Zahl Mitglieder whle, und jede Fraktion ihrerseits einen Programm-und
Organisationsvorschlag ausarbeiten sollte. Nachher sollten die Vertreter
der beiden Fraktionen zusammentreten und auf Grund der beiden Entwrfe
einen solchen ausarbeiten, der dann dem Kongre als Grundlage der
Beratung zu unterbreiten sei.

Die erste Kunde von den im Gange befindlichen Vereinigungsbestrebungen
erhielt die weitere Oeffentlichkeit durch eine Bekanntmachung
Hasenclevers an die Mitglieder seines Vereins, die er unter dem 11.
Dezember 1874 im "Neuen Sozialdemokrat" verffentlichte und die der
"Volksstaat" abdruckte. Er teilte darin mit, da, nachdem er wisse, da
die groe Mehrheit der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins fr die Vereinigung sei, die Unterhandlungen mit der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die ebenfalls den Wunsch einer
Vereinigung hege, aufgenommen worden seien. Der Wunsch der Lassalleaner,
da die Anschauungen und Forderungen Lassalles in das gemeinsame
Programm aufgenommen werden sollten und eine einheitliche straffe
Organisation geschaffen werde, wrden Berechtigung finden, doch solle
keine Ueberstrzung der Beratungen stattfinden, darin seien die
Vertreter der beiden Parteien einig.

Die erste Massenkundgebung fr die Vereinigung sah Berlin. In der
betreffenden Versammlung waren die sieben auf freiem Fue befindlichen
Reichstagsabgeordneten anwesend. Eine Einigungsresolution wurde
einstimmig angenommen, auch beschlossen, Most in Pltzensee und mich in
Zwickau von dem Vorgang zu unterrichten.

Zu einer zweiten Einigungsdemonstration wurde die Leichenfeier Borks in
Hamburg, der, wie ich schon berichtete, in der Nacht auf den 1. Januar
1875 gestorben war. Fnftausend Arbeiter beider Fraktionen folgten mit
zwanzig Fahnen dem Sarge des Mannes, der sowohl einer der Grnder
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wie spter der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war und mit Leib und Seele der
Bewegung gedient hatte.

Am 19. Januar schrieb mir Eduard Bernstein einen Brief, worin er sich
entschuldigte, da er als Schriftfhrer der groen Volksversammlung, die
in Berlin tagte und ihn beauftragte, Most und mir die herzlichste
Sympathie der Versammlung zu bermitteln, erst jetzt nachkomme:

  "Ich wei nicht, wie Sie ber die Einigung denken, doch glaube ich,
  da wir insoweit einverstanden sind, da die Idee einer solchen so
  lange als mglich festzuhalten ist. Illusionen mache ich mir gar
  nicht, doch wei ich, da das Einigungsbedrfnis auch unter den
  Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gro ist. Leider
  sind die Leute so verstockte Lassalleaner, da wir in dieser Hinsicht
  Konzessionen machen mssen."

Die niedergesetzte Kommission bestand aus je acht Mitgliedern jeder
Fraktion. Die Lassalleaner hatten Hasenclever, Hasselmann, R. und O.
Kapell, Wode, Reinders, Hartmann und Walther, die Eisenacher Auer,
Bernstein, Bock-Gotha, Geib, Liebknecht, Motteler, Ramm und Vahlteich
delegiert. Am 14. und 15. Februar 1875 trat alsdann die Kommission in
Gotha zusammen, um aus den beiden stark abweichenden Programm- und
Organisationsentwrfen einen einzigen zu schmieden. Die Arbeit war keine
leichte, schlielich wurden Geib, Hasenclever, Hasselmann und Liebknecht
als Redaktionskommission niedergesetzt. Die Kommission konnte alsdann
verknden, da das Werk zur vollstndigen Zufriedenheit der Teilnehmer
ausgefallen sei. Das war in der Partei nicht berall der Fall. Als
Liebknecht mir am 5. Mrz den Programmentwurf ins Gefngnis sandte mit
dem Bemerken, mehr sei nicht zu erreichen gewesen, war ich wie aus den
Wolken gefallen. Bemerken mu ich, da ich bereits wochenlang in groer
Aufregung und rgerlicher Stimmung darber war, da weder Liebknecht,
wie er versprochen, sich bei mir hatte sehen lassen, noch weder er noch
Motteler es der Mhe wert erachtet hatten, mir irgendwelche Mitteilungen
ber den Gang der Verhandlungen zu machen. Das glaubte ich erwarten zu
drfen. Ich setzte mich nunmehr hin, schrieb einen mehrere Bogen langen,
sehr gereizten Brief, in dem ich das Programm scharf kritisierte und
einen Gegenentwurf machte, der allerdings bermig lang und detailliert
ausfiel. Ich hatte wieder einmal eine Probe geliefert, wie die
Abgeschlossenheit von der Auenwelt das Spintisieren begnstigt.
Liebknecht entschuldigte sich, da er mich nicht besucht und Rcksprache
mit mir genommen habe. Aber er sei mit Arbeit berlastet, auerdem habe
er sich gesagt, da eine Unterhaltung ber heikle Dinge in Gegenwart
eines Beamten keine angenehme Sache sei. Das war richtig. Aber der
Gefangene, der wei, da drauen ber Dinge verhandelt wird, die sein
ganzes Denken und Fhlen umfassen, sehnt sich nach einer Aussprache und
sei sie noch so beengt. Liebknecht hatte meinen Brief an den
Parteiausschu nach Hamburg gesandt, wo er natrlich ebenfalls eine
ablehnende Aufnahme fand. Wenn ich schlielich meine eigenen Vorschlge
preisgab, so war damit meine Unzufriedenheit mit dem Programmentwurf
nicht beseitigt. Auer mir befand sich auch Bracke in heftiger
Opposition gegen den Entwurf. Als er mich zu meiner endlichen Befreiung
am 1. April beglckwnschte, sprach er sich in der erregtesten Weise
gegen das Programm aus. Bracke war in den letzten Jahren gezwungen
worden, sich eine gewisse Zurckhaltung aufzuerlegen. Er krnkelte
unausgesetzt und mute wiederholt Erholungsreisen unternehmen.
Andererseits zwangen ihn geschftliche Rcksichten--er war der Leiter
des vterlichen Geschfts und hatte mit der Grndung eines Druckerei-
und Verlagsunternehmens sich so schwere finanzielle Lasten auferlegt,
da nur die umsichtigste Ttigkeit ihn vor schweren Verlusten schtzen
konnte--, manchem wichtigen Vorgang in der Partei fern zu bleiben. So
war es gekommen, da Bracke nicht zu der Vereinigungskommission gehrte,
was lebhaft zu bedauern war. Er teilte mir mit, er habe unter anderem
Geib geschrieben, das Programm sei in III geradezu unsinnig. Es sei ein
Skandal, die Parteigenossen mit diesem Bldsinn zu infizieren, den
Widerspruch dagegen aus den Parteikreisen zu verbannen und die
Parteimitgliedschaft von der Zustimmung zu demselben abhngig zu machen
usw. Es entspann sich zwischen uns eine Korrespondenz, in der Bracke mir
am 19. April schrieb:

  "Diesmal ist das Entschuldigen auf meiner Seite. Aber auch ich habe
  eben so wenig Zeit und mu gestehen, da dieser ... Entwurf mir alle
  Freudigkeit genommen hat, fr den Gegenstand einmal mit Gewalt eine
  Stunde herauszureien.

  Ich bin ganz Deiner Meinung, da dieser Entwurf gar nicht verbessert
  werden kann, sondern ein ganz neuer Entwurf gemacht werden mte; ich
  bin nun gern bereit, mit Dir in Magdeburg zusammenzutreffen, werde
  aber schwerlich einen Entwurf machen knnen, denn woher die Zeit
  nehmen?"

Schlielich meinte er, da wir keine Zeit zu grndlicher Beratung htten
und keiner auch die Zeit, einen Entwurf zu machen, es sich empfehle, den
Kommissionsentwurf als provisorisches Programm anzunehmen, nachdem man
durch Kritik denselben mglichst erschttert habe. Mit der Detailmalerei
in meinem Entwurf knne er sich auch nicht einverstanden erklren, das
gehre in eine Broschre. Auer mit mir stand Bracke mit Marx und Engels
wegen des Programm-Entwurfs in Korrespondenz und veranlate Marx, seine
bekannte Kritik zu schreiben, die im Band IX, Seite 385 der "Neuen Zeit"
verffentlicht wurde.

Ich hatte Veranlassung genommen, in einem Privatbrief an Engels unter
dem 23. Februar 1875 zu fragen: Was sagen Sie und Marx zu der
Einigungsfrage? Ich habe kein vollgltiges Urteil, denn ich bin auer
aller Kenntnis, ich wei nur, was die Zeitungen berichteten. Ich bin
gespannt, zu hren und zu sehen, wie die Dinge liegen, wenn ich den 1.
April frei komme. Darauf antwortete mir Engels folgendes:

  "London, 18./28. Mrz 1875.

  Lieber Bebel!

  Ich habe Ihren Brief vom 23. Februar erhalten und freue mich, da es
  Ihnen krperlich so gut geht.

  Sie fragen mich, was wir von der Einigungsgeschichte halten? Leider
  ist es uns ganz gegangen wie Ihnen. Weder Liebknecht noch sonst jemand
  hat uns irgendwelche Mitteilung gemacht, und auch wir wissen daher
  nur, was in den Blttern steht, und da stand nichts, bis vor zirka
  acht Tagen der Programmentwurf kam. Der hat uns allerdings nicht wenig
  in Erstaunen gesetzt.

  Unsere Partei hatte so oft den Lassalleanern die Hand zur Vershnung
  oder doch wenigstens zum Kartell geboten und war von den Hasenclever,
  Hasselmann und Tlckes so oft und so schnde zurckgewiesen worden,
  da daraus jedes Kind den Schlu ziehen mute: wenn diese Herren jetzt
  selbst kommen und Vershnung bieten, so mssen sie in einer verdammten
  Klemme sein. Bei dem wohlbekannten Charakter dieser Leute ist es aber
  unsere Schuldigkeit, diese Klemme zu benutzen, um uns alle und jede
  mgliche Garantien auszubedingen, damit nicht jene Leute auf Kosten
  unserer Partei in der ffentlichen Arbeitermeinung ihre erschtterte
  Stellung wieder befestigen. Man mute sie uerst khl und mitrauisch
  empfangen, die Vereinigung abhngig machen von dem Grade ihrer
  Bereitwilligkeit, ihre Sektenstichworte und ihre Staatshilfe fallen zu
  laufen und im wesentlichen das Eisenacher Programm von 1869 oder eine
  fr den heutigen Zeitpunkt angemessene verbesserte Ausgabe desselben
  anzunehmen. Unsere Partei htte von den Lassalleanern in theoretischer
  Beziehung, also in dem, was frs Programm entscheidend ist, _absolut
  nichts zu lernen,_ die Lassalleaner aber wohl von ihr; die erste
  Bedingung der Vereinigung war, da sie aufhrten, Sektierer,
  Lassalleaner zu sein, da sie also vor allem das Allerweltsheilmittel
  der Staatshilfe wo nicht ganz aufgaben, doch als eine untergeordnete
  Uebergangsmaregel unter und neben vielen mglichen anderen
  anerkannten. Der Programmentwurf beweist, da unsere Leute theoretisch
  den Lassalleanerfhrern hundertmal berlegen--ihnen an politischer
  Schlauheit ebensowenig gewachsen sind; die "Ehrlichen" sind einmal
  wieder von den Nichtehrlichen grausam ber den Lffel barbiert.

  Zuerst nimmt man die grotnende, aber historisch falsche Lassallesche
  Phrase an: gegenber der Arbeiterklasse seien alle anderen Klassen nur
  eine reaktionre Masse. Dieser Satz ist nur in einzelnen
  Ausnahmefllen wahr, zum Beispiel in einer Revolution des
  Proletariats, wie die Kommune, oder in einem Land, wo nicht nur die
  Bourgeoisie Staat und Gesellschaft nach ihrem Bilde gestaltet hat,
  sondern auch schon nach ihr das demokratische Kleinbrgertum diese
  Umbildung bis auf ihre letzten Konsequenzen durchgefhrt hat. Wenn zum
  Beispiel in Deutschland das demokratische Kleinbrgertum zu dieser
  reaktionren Masse gehrte, wie konnte da die sozialdemokratische
  Arbeiterpartei jahrelang mit ihm, mit der Volkspartei Hand in Hand
  gehen? Wie kann der "Volksstaat" fast seinen ganzen politischen Inhalt
  aus der kleinbrgerlich-demokratischen "Frankfurter Zeitung" nehmen?
  Und wie kann man nicht weniger als sieben Forderungen in dies selbe
  Programm aufnehmen, die direkt und wrtlich bereinstimmen mit dem
  Programm der Volkspartei und kleinbrgerlichen Demokratie? Ich meine,
  die sieben politischen Forderungen 1 bis 5 und 1 bis 2, von denen
  keine einzige, die nicht _brgerlich_-demokratisch.

  Zweitens wird das Prinzip der Internationalitt der Arbeiterbewegung
  praktisch fr die Gegenwart vollstndig verleugnet, und das von den
  Leuten, die fnf Jahre lang und unter den schwierigsten Umstnden dies
  Prinzip auf die ruhmvollste Weise hochgehalten. Die Stellung der
  deutschen Arbeiter an der Spitze der europischen Bewegung beruht
  _wesentlich_ auf ihrer echt internationalen Haltung whrend des
  Kriegs; kein anderes Proletariat htte sich so gut benommen. Und jetzt
  soll dies Prinzip von ihnen verleugnet werden im Moment, wo berall im
  Ausland die Arbeiter es in demselben Ma betonen, in dem die
  Regierungen jeden Versuch seiner Bettigung in einer Organisation zu
  unterdrcken streben. Und was bleibt allein von Internationalismus der
  Arbeiterbewegung brig? Die blasse Aussicht--nicht einmal auf ein
  spteres Zusammenwirken der europischen Arbeiter zu ihrer
  Befreiung--nein, auf eine knftige "internationale
  Vlkerverbrderung"--auf die "Vereinigten Staaten von Europa" der
  Bourgeois von der Friedensliga!

  Es war natrlich gar nicht ntig, von der Internationale als solche zu
  sprechen. Aber das mindeste war doch, keinen Rckschritt gegen das
  Programm von 1869 zu tun und etwa zu sagen: obgleich die deutsche
  Arbeiterpartei _zunchst_ innerhalb der ihr gesetzten Staatsgrenzen
  wirkt (sie hat kein Recht, im Namen des europischen Proletariats zu
  sprechen, besonders nicht etwas Falsches zu sagen), so ist sie sich
  ihrer Solidaritt bewut mit den Arbeitern aller Lnder, und wird
  stets bereit sein, wie bisher auch fernerhin die ihr durch diese
  Solidaritt aufgelegten Verpflichtungen zu erfllen. Derartige
  Verpflichtungen bestehen auch ohne da man gerade sich als Teil der
  "Internationale" proklamiert oder ansieht, zum Beispiel Hilfe,
  Abhalten von Zuzug bei Streiks, Sorge dafr, da die Parteiorgane die
  deutschen Arbeiter von der auslndischen Bewegung unterrichtet halten,
  Agitation gegen drohende oder ausbrechende Kabinettskriege, Verhalten
  whrend solcher wie 1870 und 1871 mustergltig durchgefhrt usw.

  Drittens haben sich unsere Leute das Lassallesche "eherne Lohngesetz"
  aufoktroyieren lassen, das auf einer ganz veralteten konomischen
  Ansicht beruht, nmlich da der Arbeiter im Durchschnitt nur das
  _Minimum_ des Arbeitslohnes erhlt, und zwar deshalb, weil nach
  Malthusscher Bevlkerungstheorie immer zuviel Arbeiter da sind (dies
  war Lassalles Beweisfhrung). Nun hat Marx im "Kapital" ausfhrlich
  nachgewiesen, da die Gesetze, die den Arbeitslohn regulieren, sehr
  kompliziert sind, da je nach den Verhltnissen bald dieses, bald
  jenes vorwiegt, da sie also keineswegs ehern, sondern im Gegenteil
  sehr elastisch sind, und da die Sache gar nicht so mit ein paar
  Worten abzumachen ist, wie Lassalle sich einbildete. Die Malthussche
  Begrndung des von Lassalle ihm und Ricardo (unter Verflschung des
  letzteren) abgeschriebenen Gesetzes, wie sie sich zum Beispiel
  "Arbeiterlesebuch" Seite 5 aus einer anderen Broschre Lassalles
  zitiert findet, ist von Marx in dem Abschnitt ber
  "Akkumulationsproze des Kapitals" ausfhrlich widerlegt. Man bekennt
  sich also durch Adoptierung des Lassalleschen "ehernen Gesetzes" zu
  einem falschen Satz und einer falschen Begrndung desselben.

  Viertens stellt das Programm als _einzige soziale_ Forderung auf--die
  Lassallesche Staatshilfe in ihrer nacktesten Gestalt, wie Lassalle sie
  von Buchez gestohlen hatte. Und das, nachdem Bracke diese Forderung
  sehr gut in ihrer ganzen Nichtigkeit aufgewiesen; nachdem fast alle,
  wo nicht alle Redner unserer Partei im Kampf mit den Lassalleanern
  gentigt gewesen sind, gegen diese "Staatshilfe" aufzutreten! Tiefer
  konnte unsere Partei sich nicht demtigen. Der Internationalismus
  heruntergekommen auf Amand Ggg, der Sozialismus auf den
  Bourgeoisrepublikaner Buchez, der diese Forderung _gegenber den
  Sozialisten_ stellte, um sie auszustechen!

  Im besten Fall aber ist die "Staatshilfe" im Lassalleschen Sinne doch
  nur eine einzige Maregel unter vielen anderen, um das Ziel zu
  erreichen, was hier mit den lahmen Worten bezeichnet wird: "um die
  Lsung der sozialen Frage anzubahnen", als ob es fr uns noch eine
  theoretisch _ungelste_ soziale _Frage_ gbe! Wenn man also sagt: Die
  deutsche Arbeiterpartei erstrebt die Abschaffung der Lohnarbeit und
  damit der Klassenunterschiede vermittels der Durchfhrung der
  genossenschaftlichen Produktion in Industrie und Ackerbau und auf
  nationalem Mastab; sie tritt ein fr jede Maregel, welche geeignet
  ist, dieses Ziel zu erreichen!--so kann kein Lassalleaner etwas
  dagegen haben.

  Fnftens ist von der Organisation der Arbeiterklasse als Klasse
  vermittels der Gewerksgenossenschaften gar keine Rede. Und das ist ein
  sehr wesentlicher Punkt, denn dies ist die eigentliche
  Klassenorganisation des Proletariats, in der es seine tglichen Kmpfe
  mit dem Kapital durchficht, in der es sich schult, und die heutzutage
  bei der schlimmsten Reaktion (wie jetzt in Paris) platterdings nicht
  mehr kaput zu machen ist. Bei der Wichtigkeit, die diese Organisation
  auch in Deutschland erreicht, wre es unserer Ansicht nach unbedingt
  notwendig, ihrer im Programm zu gedenken und ihr womglich einen Platz
  in der Organisation der Partei offen zu lassen.

  Das alles haben unsere Leute den Lassalleanern zu Gefallen getan. Und
  was haben die anderen nachgegeben? Da ein Haufen ziemlich verworrener
  _rein demokratischer Forderungen_ im Programm figurieren, von denen
  manche reine Modesache sind, wie zum Beispiel die "Gesetzgebung durch
  das Volk", die in der Schweiz besteht und mehr Schaden als Nutzen
  anrichtet, wenn sie berhaupt was anrichtet. Verwaltung durch das
  Volk, das wre noch etwas. Ebenso fehlt die erste Bedingung aller
  Freiheit: da alle Beamte fr alle ihre Amtshandlungen jedem Brger
  gegenber vor den gewhnlichen Gerichten und nach gemeinem Recht
  verantwortlich sind. Davon, da solche Forderungen wie: Freiheit der
  Wissenschaft--Gewissensfreiheit, in jedem liberalen Bourgeoisprogramm
  figurieren und sich hier etwas befremdend ausnehmen, davon will ich
  weiter nicht sprechen.

  Der freie Volksstaat ist in den freien Staat verwandelt.
  Grammatikalisch genommen ist ein freier Staat ein solcher, wo der
  Staat frei gegenber seinen Brgern ist, also ein Staat mit
  despotischer Regierung. Man sollte das ganze Gerede vom Staat fallen
  lassen, besonders seit der Kommune, die schon kein Staat im
  eigentlichen Sinne mehr war. Der "_Volksstaat_" ist uns von den
  Anarchisten bis zum Ueberdru in die Zhne geworfen worden, obwohl
  schon die Schrift Marx' gegen Proudhon und nachher das Kommunistische
  Manifest direkt sagen, da mit Einfhrung der sozialistischen
  Gesellschaftsordnung der Staat sich von selbst auflst und
  verschwindet. Da nun der Staat doch nur eine vorbergehende
  Einrichtung ist, deren man sich im Kampf, in der Revolution bedient,
  um seine Gegner gewaltsam niederzuhalten, so ist ist es purer Unsinn,
  von freiem Volksstaat zu sprechen: solange das Proletariat den Staat
  noch _gebraucht_, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit,
  sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die
  Rede sein kann, hrt der Staat als solcher auf, zu bestehen. Wir
  wrden daher vorschlagen, berall statt _Staat_ "Gemeinwesen" zu
  setzen, ein gutes altes deutsches Wort, das das franzsische "Kommune"
  sehr gut vertreten kann.

  "Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit" ist auch
  eine sehr bedenkliche Phrase statt: "Aufhebung aller
  Klassenunterschiede". Von Land zu Land, von Provinz zu Provinz, von
  Ort zu Ort sogar wird immer eine _gewisse_ Ungleichheit der
  Lebensbedingungen bestehen, die man auf ein Minimum reduzieren, aber
  nie ganz beseitigen knnen wird. Alpenbewohner werden immer andere
  Lebensbedingungen haben als Leute des flachen Landes. Die Vorstellung
  der sozialistischen Gesellschaft als des Reiches der _Gleichheit_ ist
  eine einseitige franzsische Vorstellung, anlehnend an das alte
  "Freiheit, Gleichheit, Brderlichkeit", eine Vorstellung, die _als
  Entwicklungsstufe_ ihrer Zeit und ihres Ortes berechtigt war, die
  aber, wie alle die Einseitigkeiten der frheren sozialistischen
  Schulen, jetzt berwunden sein sollten, da sie nur Verwirrung in den
  Kpfen anrichten, und przisere Darstellungsweisen der Sache gefunden
  sind.

  Ich hre auf, obwohl fast jedes Wort in diesem dabei saft- und
  kraftlos redigierten Programm zu kritisieren wre. Es ist der Art,
  da, falls es angenommen wird, Marx und ich uns _nie_ zu der auf
  dieser Grundlage errichteten _neuen_ Partei bekennen knnen und uns
  sehr ernstlich werden berlegen mssen, welche Stellung wir--auch
  ffentlich--ihr gegenber zu nehmen haben. Bedenken Sie, da man _uns_
  im Auslande fr alle und jede Aeuerungen und Handlungen der deutschen
  sozialdemokratischen Arbeiterpartei verantwortlich macht. So Bakunin
  in seiner Schrift "Politik und Anarchie", wo wir einstehen mssen fr
  jedes unberlegte Wort, das Liebknecht seit Stiftung des
  "Demokratischen Wochenblattes" gesagt und geschrieben. Die Leute
  bilden sich eben ein, wir kommandierten von hier aus die ganze
  Geschichte, whrend Sie so gut wie ich wissen, da wir uns fast nie im
  geringsten in die inneren Parteiangelegenheiten gemischt, und auch
  dann nur, um Bcke, die nach unserer Ansicht geschossen worden, und
  zwar _nur theoretische_, wieder nach Mglichkeit gutzumachen. Sie
  werden aber selbst einsehen, da dies Programm einen Wendepunkt
  bildet, der uns sehr leicht zwingen knnte, alle und jede
  Verantwortlichkeit mit der Partei, die es anerkennt, abzulehnen.

  Im allgemeinen kommt es weniger auf das offizielle Programm einer
  Partei an, als auf das, was sie tut. Aber ein _neues_ Programm ist
  doch immer eine ffentlich aufgepflanzte Fahne, und die Auenwelt
  beurteilt danach die Partei. Es sollte daher keinenfalls einen
  Rckschritt enthalten, wie dies gegenber dem Eisenacher. Man sollte
  doch auch bedenken, was die Arbeiter anderer Lnder zu diesem Programm
  sagen werden; welchen Eindruck diese Kniebeugung des gesamten
  deutschen sozialen Proletariats vor dem Lassalleanismus machen wird.

  Dabei bin ich berzeugt, da eine Einigung auf _dieser_ Basis kein
  Jahr dauern wird. Die besten Kpfe unserer Partei sollten sich dazu
  hergeben, auswendig gelernte Lassallesche Stze vom ehernen Lohngesetz
  und der Staatshilfe abzuleiern? Ich mchte zum Beispiel Sie dabei
  sehen! Und tten sie es, ihre Zuhrer wrden sie auszischen. Und ich
  bin sicher, die Lassalleaner bestehen gerade auf _diesen_ Stcken des
  Programms wie der Jude Shylock auf seinem Pfund Fleisch. Die Trennung
  wird kommen; aber wir werden Hasselmann, Hasenclever und Tlcke und
  Konsorten wieder "ehrlich gemacht" haben; wir werden schwcher und die
  Lassalleaner strker aus der Trennung hervorgehen; unsere Partei wird
  ihre politische Jungferschaft verloren haben und wird nie wieder gegen
  Lassallephrasen, die sie eine Zeitlang selbst auf die Fahne
  geschrieben, herzhaft auftreten knnen; und wenn die Lassalleaner dann
  wieder sagen: sie seien die eigentlichste und einzige Arbeiterpartei,
  unsere Leute seien Bourgeois, so ist das Programm da, um es zu
  beweisen. Alle sozialistischen Maregeln darin sind _ihre_, und
  _unsere_ Partei hat nichts hineingesetzt als Forderungen der
  kleinbrgerlichen Demokratie, die doch _auch von ihr_ in denselben
  Programm als Teil der "reaktionren Masse" bezeichnet ist!

  Ich hatte diesen Brief liegen lassen, da Sie doch erst am 1. April zu
  Ehren von Bismarcks Geburtstag frei kommen und ich ihn nicht der
  Chance des Abfassens bei einem Schmuggelversuch aussetzen wollte. Da
  kommt nun gerade ein Brief von Bracke, der auch wegen des Programms
  seine schweren Bedenken hat und unsere Meinung wissen will. Ich
  schicke ihn daher zur Befrderung an ihn, damit er ihn lese und ich
  den ganzen Kram nicht noch einmal zu schreiben brauche. Uebrigens habe
  ich Ramm ebenfalls klaren Wein eingeschenkt, an Liebknecht schrieb ich
  nur kurz. Ich verzeihe ihm nicht, da er uns von der ganzen Sache kein
  Wort mitgeteilt (whrend Ramm und andere glaubten, er habe uns genau
  unterrichtet), bis es sozusagen zu spt war. Das hat er zwar von jeher
  so gemacht--und daher die viele unangenehme Korrespondenz, die wir,
  Marx sowohl wie ich, mit ihm hatten--aber diesmal ist es doch zu arg,
  und _wir gehen entschieden nicht mit_.

  Sehen Sie, da Sie es einrichten, im Sommer herzukommen, Sie wohnen
  natrlich bei mir, und wenn das Wetter gut, knnen wir ein paar Tage
  seebaden gehen, das wird Ihnen nach dem langen Brummen recht ntzlich
  sein.

  Freundlichst Ihr

  F.E.

  Marx ist eben ausgezogen, er wohnt 41 Maitland Park Crescent NW,
  London."

Unter dem 10. Mai schrieb alsdann Bracke an Marx mit Bezug auf meine
nunmehrige Stellung:

  "Ich hatte erst geglaubt, Bebel wrde zu einem entschiedenen Vorgehen
  geneigt sein, aber einesteils seine angegriffene Gesundheit und die
  notwendige geschftliche Rehabilitierungsarbeit, anderenteils
  dringende Bitten von Liebknecht scheinen ihn abgehalten zu haben."

Es waren nicht allein Liebknechts Bitten, die mich veranlaten, meiner
Unzufriedenheit ber den Programmentwurf keinen ffentlichen Ausdruck zu
geben, es war das Drngen von allen Seiten: ich mge durch mein
Auftreten es nicht zu einem Eklat treiben und damit vielleicht die
Vereinigung unmglich machen.

Diesem Verlangen gab ich nach, denn die Vereinigung lag auch mir am
Herzen. Ueberdies war das Drngen nach Vereinigung in der Partei so
stark, da alle Rcksichten auf programmatische Bedenken schweigen
muten. Schlielich konnten die gemachten Fehler spter repariert
werden.

       *       *       *       *       *

Die Einigungsbestrebungen unter der Fhrerschaft wurden wesentlich
gefrdert durch den Wiederzusammentritt des Reichstags, der die lngere
Anwesenheit der Abgeordneten in Berlin gebot. Die Session wurde am 29.
Oktober 1874 erffnet, aber schon am 30. Januar geschlossen. Die
Beteiligung unserer Vertreter an den Verhandlungen war keine lebhafte.
Die Verhandlungen ber die Einigung der Partei nahmen das Interesse der
Abgeordneten mehr in Anspruch als die Beratungen des Reichstags,
obgleich denselben wichtige Vorlagen beschftigten. So war unter anderen
der Entwurf eines Gerichtsverfassungsgesetzes, einer Straf- und einer
Zivilprozeordnung vorgelegt worden und ein Gesetzentwurf ber den
Landsturm, zu dem spter Liebknecht und Hasselmann das Wort nahmen.

Selbstverstndlich wurde wieder der Antrag auf unsere Beurlaubung aus
der Haft whrend der Dauer der Session eingebracht, der diesmal
Hasenclever, Most und mich umfate. Zu der Begrndung des Antrags nahm
Liebknecht das Wort, der sich die Gelegenheit nicht entgehen lie, die
Prozesse, die unsere Verurteilung herbeigefhrt, unter die Lupe zu
nehmen und die Urteile grndlich zu zerzausen. Besonders nachdrcklich
sprach er sich ber die unwrdige Behandlung aus, die damals Most in
Pltzensee zuteil wurde.

Nach Liebknecht nahm Windthorst das Wort, der sich ebenfalls lebhaft
ber die Behandlung politischer Gefangener aus dem Lager der
Althannoveraner beklagte. Dem Antrag auf unsere Freilassung knne er
aber in Rcksicht auf den Inhalt des Artikel 31 der Verfassung nicht
zustimmen, er wnsche aber, da, wenn ein in Gefangenschaft befindlicher
Abgeordneter einen Antrag auf seine Beurlaubung stelle, die Regierungen
auf einen solchen Antrag bereitwillig eingingen und der Herr
Reichskanzler dafr eintrete. Bismarck nahm darauf das Wort und bemerkte
spttisch, der "Herr Reichskanzler" werde im vorliegen den Falle dafr
eintreten, da der Verhaftete beurlaubt werde, wenn er darum bitte, denn
Reden wie die der beiden Vorredner habe man lange nicht im Reichstag
gehrt, sie seien auerordentlich lehrreich und fehlten uns seit langem.
(Heiterkeit.) Der Reichstag ahnte nicht, da er auf Grund des
ablehnenden Beschlusses, den er, hnlich wie frher, fate, in Blde in
eine unangenehme Situation gebracht wurde. Die Verhandlungen ber den
Antrag Liebknecht und Genossen waren am 21. November gewesen, aber
bereits am 12. Dezember sah sich der Abgeordnete Lasker, untersttzt
durch die Abgeordneten v. Bennigsen, Schenk v. Stauffenberg, v.
Forckenbeck, Dr. Hnel, Windthorst, v. Denzin, Dr. Schwarze und Frst
Hohenlohe-Langenburg--also den Vertretern smtlicher brgerlichen
Parteien--, gentigt, den Antrag zu stellen:

  "Mit Rcksicht darauf, da die am gestrigen Tage erfolgte Verhaftung
  des Reichstagsmitglieds Herrn Majunke infolge eines rechtskrftigen
  Strafurteils glaubhaft berichtet wird, die Geschftsordnungskommission
  mit schleuniger Berichterstattung darber zu beauftragen: 1. Ob nach
  Artikel 31 der deutschen Reichsverfassung die Verhaftung eines
  Reichstagsmitglieds _whrend der Session des Reichstags ohne
  Zustimmung_ des letzteren verfassungsmig zulssig ist; 2. ob und
  welche Schritte zu veranlassen sind, um einer Verhaftung von
  Mitgliedern des Reichstags infolge eines rechtskrftigen Strafurteils
  _whrend der Session_ des Reichstags ohne Zustimmung desselben
  vorzubeugen."

Der Antrag, in dessen Beratung das Haus sofort eintrat, war lcherlich.
War, wie das Haus wiederholt und zuletzt erst am 21. November
entschieden hatte, der Artikel 31 der Verfassung auf die _Strafhaft_ von
Abgeordneten nicht anwendbar, dann hatten die zustndigen Behrden auch
das unbestreitbare Recht, einen Abgeordneten _whrend der Session_ in
Strafhaft zu nehmen. Nun hatte der Fall des Abgeordneten Majunke, der
als Redakteur der "Germania" zu einem Jahr Gefngnis verurteilt worden
war, ungeheures Aufsehen erregt. Es war auch unzweifelhaft, da seine
Verhaftung kurz vor Beginn einer Reichstagssitzung nicht ohne Bismarcks
Zustimmung erfolgte. Denn tatschlich war das Urteil schon seit dem 23.
September rechtskrftig, man konnte also mit der Verhaftung Majunkes
ohne Schaden fr die Rechtspflege auch bis zum Schlu der Session, Ende
Januar, warten, nachdem man es unterlassen, ihn vor Beginn der Session
in Haft zu nehmen. Aber das wollte Bismarck nicht. Er wollte offenbar
dem Zentrum fr die Debatte am 4. Dezember einen Denkzettel geben; da
damit auch der Reichstag moralisch geohrfeigt wurde, der sich diesen
Streich auf Grund seiner eigenen Beschlsse gefallen lassen mute, war
ihm sehr gleichgltig. Er fand es auch nicht einmal der Mhe wert, sich
zur Verhandlung einzustellen. Der Antrag Lasker wurde also der
Geschftsordnungskommission berwiesen, die aber, wie vorauszusehen war,
sich ber keinen Antrag zu einigen vermochte und in einigen Tagen mit
leeren Hnden vor das Haus trat. Hier nahm die Debatte denselben
klglichen Verlauf. Eine Reihe Antrge, die gestellt wurden, lehnte
stets irgend eine Mehrheit ab. Der Ausgang der Sache war fr den
Reichstag so blamabel wie mglich.

Ich erwhnte die Debatte vom 4. Dezember als Grund fr den Racheakt
Bismarcks gegen Majunke. In jener Sitzung hielt der katholische
Sozialpolitiker Jrg eine Rede ber Bismarcks auswrtige Politik und die
Nichteinberufung des Bundesratsausschusses fr die Kontrolle dieser
Politik. Bismarck, erbittert ber einen Hirtenbrief der franzsischen
Bischfe, von denen mehrere zu jener Zeit auch elsa-lothringische
Reichsangehrige zu ihren Dizesanen zhlten, worin die Bischfe sich
ber die deutschen Kulturkampfmaregeln mibilligend uerten, hatte
eine Zirkulardepesche an die Gesandten des Reiches versendet, in der er
ausfhrte: Sollte sich herausstellen, da es fr das Deutsche Reich
nicht mglich sei, mit dem westlichen Nachbarn in einem dauernden
Frieden zu leben, dann werde man nicht abwarten, bis die Franzosen
vollkommen zum Losschlagen gerstet seien, sondern werde den geeigneten
Moment selbst whlen und die Initiative ergreifen. Das war eine Drohung
mit Krieg, die groe Beunruhigung hervorrief. Nach einem Bismarckschen
Wort in der "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" erhielt die Depesche die
historische Bezeichnung: die Kaltwasserstrahldepesche. Jrg sah in
diesem Vorgehen Bismarcks eine unverantwortliche Handlungsweise, die
leichtherzig das Reich groen Gefahren aussetzte. Auch beschwerte er
sich darber, da man das Zentrum fr das Attentat Kullmanns, das dieser
an Bismarck im verflossenen Sommer in Kissingen begangen hatte,
verantwortlich mache. Jrg bezeichnete Kullmann als einen
Halbverrckten, fr den das Zentrum keine Verantwortung bernehme.
Bismarck ging darauf in einer sehr aggressiven Rede gegen das Zentrum
los. Mit Hinweis auf das Gestndnis, das Kullmann ihm, Bismarck, im
Gefngnis gemacht, da er durch Lesen der Zentrumspresse zu dem Attentat
bestimmt worden sei, erhob er die Beschuldigung, das Zentrum trage an
dem Attentat die Mitschuld, Kullmann hnge ihm an den Rockschen. Diese
Worte riefen einen ungeheuren Lrm hervor, aus dem wiederholte
Pfuis ertnten, die man aus der Mitte des Zentrums Bismarck
entgegenschleuderte. Der Hauptrufer im Streit war der sptere Prsident
des Reichstags, Graf Ballestrem.

Diesen Vorgang hatte Bismarck nicht vergessen, denn eine
Haupteigenschaft seiner Berserkernatur war, ein guter Hasser zu sein.
Mit seinem Hasse hat er mir immer imponiert, dagegen mifiel mir im
hchsten Grade die kleinliche und gehssige Art, wie er seinem Hasse
Befriedigung verschaffte. Hier war ihm jedes Mittel recht.

In dieser Session trugen wir unerwartet einen Erfolg davon. Most hatte
sich in einer Petition beschwerdefhrend ber seine Behandlung in
Pltzensee an den Reichstag gewendet und eine gesetzliche Regelung der
Strafhaft beantragt. Die Petitionskommission, die darber Bericht zu
erstatten hatte, konnte sich der Berechtigung der Mostschen Klagen nicht
entziehen. Bei der Verhandlung im Plenum, in der Liebknecht ebenfalls
das Wort nahm, wurde der folgende Antrag der Kommission mit groer
Mehrheit angenommen:

  "Die Petition dem Herrn Reichskanzler mit der Aufforderung zu
  berweisen, dahin zu wirken, da in denjenigen Bundesstaaten, in
  welchen die Strafvollstreckung bislang nicht durch Gesetz geregelt
  ist, insbesondere im Knigreich Preuen, von den Bundesregierungen
  schleunigst der Strafvollzug und das Gefngniswesen in einer Weise
  geordnet wird, da dadurch der Vollzug der Strafen, namentlich der
  Gefngnisstrafen, im Sinne des Strafgesetzbuchs, insbesondere des  16
  desselben, sichergestellt wird;

  den Herrn Reichskanzler ferner zu ersuchen, bei der kniglich
  preuischen Regierung dahin zu wirken, da der  23 der Instruktion
  vom 24. Oktober 1837, der Justizministerialerla vom 24. November
  1851 (5c) und  37 der Hausordnung fr das Strafgefngnis bei Berlin,
  als mit dem  16, Alinea 2, des Strafgesetzbuchs in Widerspruch
  stehend beseitigt werden."

Meine Freilassung am 1. April 1875--dem Geburtstag Bismarcks--nach
einunddreiigmonatiger Haft, war nicht nur ein Freudentag fr meine
Familie und mich. Es gingen mir von allen Seiten aus der Partei eine
solche Menge Glckwnsche in Briefen und Depeschen zu, da ich sagen
darf, auch ein groer Teil der Partei betrachtete den Tag als einen
Freudentag.

Fr den 11. April hatte mein Wahlkreis eine groe Empfangsfeier in
Glauchau veranstaltet, die ich mit meiner Familie besuchte. In der Rede,
die ich hielt, sagte ich mit Bezug auf die bevorstehende Vereinigung:
"Ich begre mit voller Freude die Mitglieder der anderen Fraktion, die
uns oft von dieser Stelle aus als Gegner gegenberstanden; wir gehen
fortan nicht nur friedlich nebeneinander, wir kmpfen jetzt schon
gemeinsam miteinander fr das hohe Ziel, dem wir zustreben. In Blde
werden wir aber vereinigt sein in einem gemeinsamen Verband. So heftig
wir uns frher bekmpft, nunmehr werden wir um so gestrkter, mutiger
und furchtloser gegen den gemeinsamen Feind vorgehen. Der Erfolg wird
nicht ausbleiben." Die Stimmung auf dem Feste war die denkbar beste,
alle waren im Hinblick auf die stattgehabte Vershnung wie von einem Alp
befreit. Im Juli folgten die Meeraner Genossen ebenfalls mit einem
groen Feste und spter Hohenstein-Ernstthal.

Moritz He erlebte die Vereinigung nicht mehr. Er starb im April in
Paris. Karl Hirsch hielt die Leichenrede. In demselben Monat starb auch
Georg Herwegh, der sich seit Lassalles Tod der Partei ferngehalten
hatte, und zwar in Baden-Baden. In demselben Jahre sah sich die
"Frankfurter Zeitung" veranlat, eine Sammlung fr den ehemaligen
"Zuchthusler" August Rckel zu veranstalten, der in grter Not in Wien
lebte.




Vom Vereinigungskongre zu Gotha bis zum Vorabend des
Sozialistengesetzes.




Das Einigungswerk


Der Vereinigungskongre war auf den 25. Mai 1875 und die folgenden Tage
von dem vorberatenden Komitee einberufen worden. Nach jahrelangen
gegenseitigen erbitterten Kmpfen standen sich jetzt die bisher
feindlichen Brder zu gemeinsamem Werke Auge in Auge gegenber. Da man
sich nicht gleich brderlich umarmte, sondern zum Teil noch immer
mitrauisch betrachtete, wer wird sich darber wundern? Es bedurfte noch
groer gegenseitiger Rcksichtnahme und gegenseitig einer Behandlung,
als habe man es mit rohen Eiern zu tun, sollte es nicht zum
Aufeinanderplatzen der noch vorhandenen persnlichen und sachlichen
Gegenstze kommen. Neugierig und gespannt blickten unsere gemeinsamen
Gegner in jenen Tagen nach Gotha, ob das Vereinigungswerk gelinge. Und
es gelang nach einigen kleinen Reibereien ber Erwarten und trug seine
Frchte.

Auf dem Kongre waren 25659 Parteigenossen durch 127 Delegierte
vertreten. Davon entfielen auf den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
16538 Mitglieder mit 71 Delegierten, auf die Sozialdemokratische
Arbeiterpartei 9121 Mitglieder mit 56 Delegierten.

Die Versammlung erffnete W. Bock-Gotha im Namen des Lokalkomitees und
begrte die Anwesenden. Bock war einer der Mitbegrnder der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach, und nun legte er zum
zweiten Male mit Hand ans Werk zur Grndung der neuen, greren Partei.

Zu Vorsitzenden des Kongresses wurden Geib und Hasenclever gewhlt. Bei
der Mandatprfung erklrte ich mich fr die Zulassung einer kleinen
Vereinigung von Lassalleanern in Leipzig, die sich vom Hauptverein
abgesplittert hatte. Solle Vereinigung sein, so ganze. Auer
widersprach. Mein Antrag fiel, doch lie man den Vertreter der Sekte mit
beratender Stimme zu. Ich hatte also halb gesiegt. Weiter war von
Breslau der Antrag gestellt, die beiden Fraktionen sollten vor Eintritt
des Gesamtkongresses in die Beratung ihre Separatkongresse abhalten, um
ihre inneren Angelegenheiten zu ordnen. Dagegen erklrte sich Auer.
Diese knnten ebensogut nach dem allgemeinen Kongre abgehalten werden.
Die Eisenacher brauchten dazu einen Tag. Deren Abrechnungen stimmten,
wie die anwesenden Delegierten bezeugen wrden. Der Kongre finde nach
getroffenen Vereinbarungen der Vertreter der beiden Parteien statt.
Hintergedanken habe niemand gehabt. Bei den Eisenachern gelte die
Parole: Wir sind arm, aber ehrlich. Wir knnten den Kongre nicht in die
Lnge ziehen, daher seien wir gegen den Breslauer Antrag. Diese
Ausfhrungen Auers verletzten erklrlicherweise die andere Seite, und so
nahm _Fritzsche_ am folgenden Tage das Wort, um sich ber die Aeuerung
Auers: "Wir sind arm, aber ehrlich", zu beschweren. Diese Worte
erweckten den Verdacht, als gehe es im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein unehrlich zu. _Geib_ beruhigte Fritzsche. Auer erklrte:
Er halte die Aeuerung unter den gegebenen Verhltnissen fr
gerechtfertigt. Die Lassalleaner htten selbst solche Angriffe erhoben
und dabei von "beiden Seiten" gesprochen.

Dieses war der einzige ernstliche Miton, der in den Verhandlungen zum
Vorschein kam.

In der Programmfrage war _Liebknecht_ Referent. Im Programm war der Satz
enthalten: Die Befreiung der Arbeiter mu das Werk der Arbeiterklasse
sein, "der gegenber alle anderen Klassen nur eine reaktionre Masse
sind". Ich beantragte, an Stelle des letzten Satzes zu sagen: Der
gegenber alle anderen Klagen reaktionr sind. Vahlteich ging weiter und
beantragte die Streichung des ganzen Abschnittes. Sein Antrag wurde mit
12 gegen 111 Stimmen, der meine mit 58 gegen 50 Stimmen abgelehnt. Bei
der Spezialberatung der nchsten Forderungen beantragte ich, das
Wahlrecht fr Staatsangehrige beiderlei Geschlechts zu fordern.
_Hasselmann_ erklrte sich gegen, _Auer_ fr meinen Antrag. Derselbe
wurde mit 55 gegen 62 Stimmen abgelehnt. Nachtrglich gab _Hasenclever_
die Erklrung ab: Viele Delegierte htten gegen meinen Antrag gestimmt,
weil sie die Forderung durch den Ausdruck Staatsangehrigen gedeckt
hielten; hnlich uerte sich Liebknecht, er habe aus stilistischen
Grnden (beiderlei Geschlechts) gegen meinen Antrag gestimmt, in der
Sache selbst sei er mit mir einverstanden. Es wurden alsdann noch eine
Reihe kleinerer Verbesserungsantrge, die wir gestellt, angenommen. In
der Endabstimmung fand das Programm einstimmig Annahme. In seinen
prinzipiellen Stzen lautete nunmehr dasselbe:

  1. Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da
  allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die Gesellschaft mglich ist,
  so gehrt der Gesellschaft, das heit allen ihren Gliedern, das
  gesamte Arbeitsprodukt, bei allgemeiner Arbeitspflicht, nach gleichem
  Recht, jedem nach seinen vernunftgemen Bedrfnissen.

  In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der
  Kapitalistenklasse; die hierdurch bedingte Abhngigkeit der
  Arbeiterklasse ist die Ursache des Elends und der Knechtschaft in
  allen Formen.

  Die Befreiung der Arbeit erfordert die Verwandlung der Arbeitsmittel
  in Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der
  Gesamtarbeit mit gemeinntziger Verwendung und gerechter Verteilung
  des Arbeitsertrags.

  Die Befreiung der Arbeit mu das Werk der Arbeiterklasse sein, der
  gegenber alle anderen Klassen nur eine reaktionre Masse sind.

  2. Von diesen Grundstzen ausgehend, erstrebt die Sozialistische
  Arbeiterpartei Deutschlands mit allen gesetzlichen Mitteln den freien
  Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung des ehernen
  Lohngesetzes durch Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die
  Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Beseitigung aller
  sozialen und politischen Ungleichheit.

  Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, obgleich zunchst im
  nationalen Rahmen wirkend, ist sich des internationalen Charakters der
  Arbeiterbewegung bewut und entschlossen, alle Pflichten, welche
  dieselbe den Arbeitern auferlegt, zu erfllen, um die Verbrderung
  aller Menschen zur Wahrheit zu machen.

  3. Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert, um die
  Lsung der sozialen Frage anzubahnen, die Errichtung von
  sozialistischen Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der
  demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes. Die
  Produktivgenossenschaften sind fr Industrie und Ackerbau in solchem
  Umfang ins Leben zu rufen, da aus ihnen die sozialistische
  Organisation der Gesamtarbeit entsteht.
Im weiteren folgten die Forderungen fr die Demokratisierung des Staates
und die nchsten sozialen Forderungen.

Wie aus dem Programm hervorgeht, war der Name der vereinigten Partei:
"Sozialistische Arbeiterpartei." Ueber die vorgeschlagene Organisation
berichtete _Hasenclever_, die mit einigen Aenderungen ebenfalls nach der
Vorlage einstimmig angenommen wurde. Danach stand an der Spitze der
Partei ein Vorstand aus fnf Personen, die der Kongre whlte. Fr die
Kontrolle der Geschftsfhrung des Vorstandes wurde eine
Kontrollkommission aus sieben Personen eingesetzt, deren Sitz der
Kongre bestimmte und deren Wahl durch die Mitglieder der Partei an dem
Sitz der Kontrollkommission vorgenommen wurde. Auerdem wurde ein
Ausschu von achtzehn Personen, ber Deutschland verteilt wohnend,
gewhlt, der als vorlufig richtende Instanz ber den Parteivorstand zu
entscheiden hatte und bei besonders wichtigen Vorgngen zur Beratung von
seiten des Vorstandes eingeladen werden sollte. Die Leitung der
rtlichen Geschfte wurde einem Agenten bertragen, den auf Vorschlag
der Mitglieder eines Ortes der Parteivorstand einsetzte. Man hoffte
damit einer Anklage wegen gesetzwidriger Verbindung von Vereinen aus dem
Wege zu gehen. Wie sich bald ergab, vergeblich.

Als Sitz des Parteivorstandes wurde auf meinen Vorschlag Hamburg
bestimmt. Weiter wurden die von mir vorgeschlagenen Gehlter fr die
fnf Vorstandsmitglieder angenommen, wonach der geschftsfhrende
Vorsitzende monatlich 65 Taler, sein Stellvertreter 15 Taler, die beiden
Schriftfhrer je 50 Taler, der Kassierer 35 Taler erhalten sollten.
Diese Stze waren vorher unter uns vereinbart worden; ebenso schlug ich
im Namen der Eisenacher vor, in den neuen Vorstand drei Lassalleaner und
zwei Eisenacher zu whlen, was ebenfalls Annahme fand. Darauf wurden
_Hasenclever_ als erster, _Hartmann_-Hamburg als zweiter Vorsitzender,
_Auer_ und _Derossi_ als Schriftfhrer, _Geib_ als Kassierer gewhlt.
Sitz der Kontrollkommission wurde Leipzig und ich deren Vorsitzender.

Offizielle Organe der Partei wurden der "Neue Sozialdemokrat" in Berlin
und der Leipziger "Volksstaat". Beide Bltter gingen in Parteieigentum
ber.

Am 27. Mai abends halb 12 Uhr waren die Beratungen zu Ende und wurde der
Kongre mit einem Hoch auf die Arbeiter aller Kulturstaaten und
nachfolgendem Gesang der Arbeitermarseillaise geschlossen.

       *       *       *       *       *

Bracke, der dem Kongre aus Gesundheitsrcksichten fernbleiben mute,
war am Schlusse desselben durch die erzielten Resultate in gnstigerer
Stimmung. So schrieb er am 27. Mai an Engels:

  "Ich persnlich kann Ihnen noch keine Mitteilung sagen, da man das,
  was beschlossen ist, erst vor sich haben mu, ehe man urteilt. Sind
  diese Beschlsse nicht unsinnig, werden wir auch keinen Unsinn machen.
  (Anspielung auf einen Brief Liebknechts an Bracke.) Jedenfalls war bei
  Liebknecht, Geib usw. der ernste Wille vorhanden, den begangenen
  Fehler wieder gutzumachen. Der Verlauf des Kongresses hat gezeigt, da
  die Konzessionen des Entwurfes weit weniger wegen der Arbeiter ntig
  waren als aus persnlicher Rcksicht gegen Hasenclever usw. _Soweit
  bis jetzt ein Urteil mglich ist, bin ich mit dem Kongre zufrieden,_
  denn derselbe hat gezeigt, da die Arbeiter tatschlich viel weiter
  sind als ich glaubte."

Ich kam erst im Herbst dazu, Engels auf seinen Brief von Ende Mrz zu
antworten. Ich schrieb:

  "Leipzig, den 21. Sept. 1875.

  Lieber Engels!

  Ich mu recht sehr um Entschuldigung bitten, da ich Sie auf Ihren
  Brief von Ende Mrz ohne alle Antwort gelassen. Ich kann Ihnen aber
  versichern, da ich in den ersten drei bis vier Monaten nach meiner
  Freilassung keine ruhige Stunde gehabt, in der ich den Brief htte
  beantworten knnen, und selbst heute fllt es mir schwer, die ntige
  Mue aufzutreiben.

  Mit dem Urteil, das Sie ber die Programmvorlage fllten, stimme ich,
  wie das auch Briefe von mir an Bracke beweisen, vollkommen berein.
  Ich habe auch Liebknecht ber seine Nachgiebigkeit heftige Vorwrfe
  gemacht, aber nachdem einmal das Malheur geschehen war, galt es, sich
  so gut als mglich herauszuziehen. Was der Kongre beschlossen, war
  das Aeuerste, was zu erreichen war. Es zeigte sich auf der anderen
  Seite eine entsetzliche Borniertheit und teilweise Verbissenheit, man
  mute mit den Leuten wie mit Porzellanpppchen umgehen, wollte man
  nicht, da der mit soviel Lrm in Szene gesetzte Einigungskongre zum
  Jubel der Gegner und zur grten Blamage der Partei resultatlos
  auseinanderging. Schlielich gelang es aber dennoch, namentlich in der
  Personenfrage, derart zu operieren, da _wir mit dem Resultat
  zufrieden sein konnten._ Es wird allerdings noch manchen Kampf gegen
  die Borniertheit und den persnlichen Egoismus zu kmpfen geben, aber
  ich zweifle nicht, da auch diese Kmpfe, wenn wir geschickt
  operieren, ohne Schaden fr das Ganze ausgefochten werden, und da in
  zwei Jahren ein ganz anderer Geist die jetzt teilweise noch
  widerhaarigen Elemente durchdringt.

  Das Ganze ist eine Erziehungsfrage. Nachdem die Leute acht bis neun
  Jahre in Lassalle-Schweitzerschem Geiste erzogen worden sind, wollen
  sie sich nicht _sofort_ an die andere Methode gewhnen, hier gilt's,
  Geduld haben.

  Die von mir bezeichnete Erziehungsmethode wrde sich vielleicht
  erheblich abkrzen lassen, wenn wir hier den von allen Seiten
  herbeistrmenden Einladungen zu Versammlungen und Festreden gengen
  knnten. Im persnlichen Verkehr mit den Leuten lieen sich Vorurteile
  und Voreingenommenheiten rascher beseitigen, aber wir knnen nicht
  entfernt leisten, was verlangt wird.

  Ich speziell bin durch mein Geschft ganz bedeutend lahm gelegt, und
  der Durchkrach bei der Landtagswahl hat niemand mehr gefreut als mich.
  Liebknecht und Motteler geht es, trotzdem sie in der Partei ihre ganze
  Stellung haben, nicht viel besser; denn ihre laufende Arbeit vertrgt
  sich schlecht mit dem vagabundierenden Agitatorenleben, und dann haben
  wir in diesem Punkte auch schon zuviel geleistet, um noch groe
  Sehnsucht danach zu empfinden. Lunge und Stimmorgane sprechen ja auch
  ein Wrtchen mit.

  _Im allgemeinen knnen wir mit dem Gang der Partei sehr zufrieden
  sein,_ jetzt sieht man erst, wie die frhere Bekmpfung die Krfte
  zersplitterte, die Partei ist jetzt finanziell so gestellt, wie nie
  zuvor, und die Steuern gehen, trotz der schlechten Geschftszeit, sehr
  pnktlich und regelmig ein.

  Ihrer freundlichen Einladung nach London konnte ich natrlich unter
  den oben geschilderten Umstnden nicht nachkommen; ich mchte gerne
  einmal hinber nach Old-England, aber vorlufig ist nicht daran zu
  denken. Vielleicht mu ich nchstes Jahr nach dem Rheinland, eventuell
  nach Holland in Geschften, und dann ist der Weg zu Ihnen nicht mehr
  allzuweit.

  Wie ich gehrt, ist Marx in Karlsbad, wahrscheinlich werde ich ihn
  aber nicht zu sehen bekommen; wie mir Liebknecht sagte, will er durch
  Bayern zurck. In ungefhr 14 Tagen werde ich nach Karlsbad kommen,
  ich will eine Geschftstour nach Bhmen machen, dann wird er aber
  nicht mehr dort sein. Gren Sie Marx, wenn er zurckkehrt. Wollen Sie
  denn nicht Deutschland mal heimsuchen? Sie sitzen in England wie
  eingerostet.

  Freundschaftlichst grt Ihr ergebener

  Bebel."

Die Antwort, die ich von Engels erhielt, bewies, da er und Marx meinen
Brief in einem Sinne aufgefat hatten, der mit dem Inhalt desselben
nicht recht in Einklang zu bringen war. Engels schrieb:

  "London, 12. Oktober 1875.

  Lieber Bebel!

  Ihr Brief besttigt ganz unsere Ansicht, da die Einigung unsererseits
  berstrzt ist und den Keim knftigen Zwiespalts in sich trgt. Wenn
  es gelingt, diesen Zwiespalt bis ber die nchsten Reichstagswahlen
  hinauszuschieben, wre es schon gut....

  Das Programm, wie es jetzt ist, besteht aus drei Teilen:

  1. Den Lassalleschen Stzen und Stichworten, die aufgenommen zu haben
  eine Schmach unserer Partei bleibt. Wenn zwei Fraktionen sich ber ein
  gemeinsames Programm einigen, so setzen sie das hinein, worber sie
  einig und berhren nicht das, worber sie uneinig sind. Die
  Lassallesche Staatshilfe stand zwar im Eisenacher Programm, aber als
  eine aus vielen _Uebergangsmaregeln,_ und nach allem, was ich gehrt
  habe, war sie, ohne die Einigung, ziemlich sicher, im diesjhrigen
  Kongre auf Brackes Antrag an die Luft gesetzt zu werden. Jetzt
  figuriert sie als das eine unfehlbare und ausschlieliche Heilmittel
  fr alle sozialen Gebrechen. Das "eherne Lohngesetz" und andere
  Lassallesche Phrasen sich aufoktroyieren zu lassen, war fr unsere
  Partei eine kolossale moralische Niederlage. Sie bekehrte sich zum
  Lassalleschen Glaubensbekenntnis. Das ist nun einmal nicht
  wegzuleugnen. Dieser Teil des Programms ist das kaudinische Joch,
  unter dem unsere Partei zum greren Ruhm des heiligen Lassalle
  durchgekrochen ist;

  2. aus demokratischen Forderungen, die ganz im Sinn und im Stil der
  Volkspartei ausgesetzt sind;

  3. aus Forderungen an den "_heutigen_ Staat" (wobei man nicht wei, an
  wen denn die brigen "Forderungen" gestellt werden), die sehr konfus
  und unlogisch sind;

  4. aus allgemeinen Stzen, meist dem Kommunistischen Manifeste und den
  Statuten der Internationale entlehnt, die aber so umredigiert sind,
  da sie entweder total _Falsches_ enthalten oder aber _reinen
  Bldsinn_, wie Marx das in dem Ihnen bekannten Aufsatz im einzelnen
  nachgewiesen.

  Das Ganze ist im hchsten Grad unordentlich, konfus,
  unzusammenhngend, unlogisch und blamabel. Wenn unter der
  Bourgeoispresse ein einziger kritischer Kopf wre, er htte dies
  Programm Satz fr Satz durchgenommen, jeden Satz auf seinen wirklichen
  Inhalt hin untersucht, den Unsinn recht handgreiflich
  auseinandergelegt, die Widersprche und konomischen Schnitzer (zum
  Beispiel: da die Arbeitsmittel heute "Monopol der Kapitalistenklasse"
  sind, als ob es keine Grundbesitzer gbe, das Gerede von "Befreiung
  der _Arbeit_" statt der Arbeiterklasse, die Arbeit selbst ist
  heutzutage ja gerade _viel zu frei_!) entwickelt und unsere ganze
  Partei greulich lcherlich gemacht. Statt dessen haben die Esel von
  Bourgeoisblttern dies Programm ganz ernsthaft genommen,
  hineingelesen, was nicht darin steht und es kommunistisch gedeutet.
  Die Arbeiter scheinen dasselbe zu tun. Es ist _dieser Umstand allein_,
  der es Marx und mir mglich gemacht hat, uns nicht ffentlich von
  einem solchen Programm loszusagen. Solange unsere Gegner und ebenso
  die Arbeiter diesem Programm unsere Ansichten unterschieben, ist es
  uns erlaubt, darber zu schweigen.

  Wenn Sie mit dem Resultat in der Personenfrage zufrieden sind, so
  mssen die Ansprche auf unserer Seite ziemlich tief gesunken sein.
  Zwei von den Unseren und drei Lassalleaner! Also auch hier die Unseren
  nicht gleichberechtigte Alliierte, sondern Besiegte und von vornherein
  berstimmt. Die Aktion des Ausschusses, soweit wir sie kennen, ist
  auch nicht erbaulich: 1. Beschlu, Brackes und B. Beckers zwei
  Schriften ber Lassallesches nicht auf die Parteischriftenliste zu
  setzen; wenn dies zurckgenommen, so ist es nicht die Schuld des
  Ausschusses und auch nicht Liebknechts; 2. Verbot an Vahlteich, die
  ihm von Sonnemann angetragene Korrespondenz fr die Frankfurter
  Zeitung anzunehmen. Dies hat Sonnemann dem durchreisenden Marx selbst
  erzhlt. Was mich noch mehr dabei wundert als die Arroganz des
  Ausschusses und die Bereitwilligkeit, womit Vahlteich sich gefgt hat,
  statt dem Ausschu etwas zu pfeifen, ist die kolossale Dummheit dieses
  Beschlusses. Der Ausschu sollte doch lieber dafr sorgen, da ein
  Blatt, wie die Frankfurter, von allen Orten aus _nur_ durch unsere
  Leute bedient wird.--

  ... Da die ganze Sache ein Erziehungsexperiment ist, das auch unter
  diesen Umstnden einen sehr gnstigen Erfolg verspricht, darin haben
  Sie ganz recht. Die Einigung als solche ist ein groer Erfolg, wenn
  sie sich zwei Jahre hlt. Aber sie war unzweifelhaft weit billiger zu
  haben."

Man sieht, es war kein leichtes Stck, mit den beiden Alten in London
sich zu verstndigen. Was bei uns kluge Berechnung, geschickte Taktik
war, das sahen sie als Schwche und unverantwortliche Nachgiebigkeit an,
schlielich war doch die Tatsache der Einigung die Hauptsache. Diese
trug logisch die Weiterentwicklung in sich selbst, dafr sorgten auch
nach wie vor unsere Freunde, die Feinde. Daran konnten auch
Beschrnktheiten und Engherzigkeiten, wie sie der Parteivorstand in den
von Engels gergten Fllen sich zuschulden kommen lie, nichts ndern.
Erwhnt mu werden, da damals die "Frankfurter Zeitung" der von uns
vertretenen Richtung freundlich gegenberstand, dagegen hatte der
Allgemeine Deutsche Arbeiterverein mit Sonnemann manchen Span
auszufechten gehabt. Daher war auf dieser Seite die Animositt gegen ihn
und seine Zeitung erklrlicherweise eine sehr starke.




Nachwehen.


So glatt, wie ich in meinem Briefe an Engels die Sachlage dargestellt
hatte, verlief indes die Einigung nicht berall. Namentlich platzten in
Hamburg, wo Hasselmann und Richter-Wandsbeck und ihr Anhang schrten,
die Geister oft heftig aufeinander. Auer, der als Parteisekretr in
Hamburg wohnte, sah diese Vorgnge als ziemlich bedenklich an. So
schrieb er mir am 15. September 1875: In der Parteimitgliedschaft sei
nach wie vor groe Uneinigkeit, es sei fraglich, ob aus all dem
Teufelsquark nicht noch eine Spaltung hervorgehe. Und in einem Briefe
vom 25. September an mich wiederholte er seine Klagen. Auf dem
Parteikongre 1876 wurde dann Richter-Wandsbeck wegen seines
parteischdigenden Treibens aus der Partei ausgestoen.

       *       *       *       *       *

In Leipzig hatte der zum Reichstag gewhlte Abgeordnete Dr. Stephani im
Frhjahr 1875 sein Mandat niedergelegt. Es kam zu einer Nachwahl, bei
der ich wieder als Kandidat der Partei aufgestellt worden war. Bei der
Wahl am 11. Mai erhielt ich 4018 Stimmen, 367 mehr als das Jahr zuvor
bei den allgemeinen Wahlen, mein nationalliberaler Gegner erhielt ber
1000 Stimmen weniger, die auf einen Konservativen fielen. Ich war auch
als Landtagskandidat fr den schsischen Landtagswahlkreis
Meerane-Hohenstein-Ernstthal aufgestellt worden. Ich unterlag hier
gleichfalls, und zwar mit 694 gegen 899 Stimmen, die mein
nationalliberaler Gegner erhielt. Ich war ber diese Niederlage, wie ich
in meinem oben abgedruckten Briefe an Engels bereits andeutete, sehr
zufrieden. Die Partei hatte sich um jene Zeit noch wenig mit den
Landtagswahlen befat. Das Wahlgesetz war zwar im Vergleich zu dem heute
bestehenden ein sehr gnstiges, es forderte fr den Whler einen Zensus
von 3 Mark direkter Staatssteuer, die schsische Staatsangehrigkeit und
ein Alter von 25 Jahren. Fr das Recht, als Abgeordneter gewhlt zu
werden, das sogenannte passive Wahlrecht, wurde ein Zensus direkter
Staatssteuer von mindestens 30 Mark, ein Alter von 30 Jahren und
dreijhrige Staatsangehrigkeit verlangt. Trotzdem war die Zahl unserer
Whler gering, da zu jener Zeit viele Arbeiter die Staatssteuer von 3
Mark, die mit einem Jahreseinkommen von 600 Mark verknpft war, nicht
bezahlten. Erst mit der Einfhrung eines neuen Einkommensteuergesetzes
im Jahre 1876 nderte sich dieses zu unseren Gunsten infolge der hheren
Einkommeneinschtzung. Von jetzt ab begannen wir mit Erfolg uns an den
Wahlen zum Landtag zu beteiligen.

Um die stattgehabte Vereinigung immer mehr in Fleisch und Blut der
frher feindlichen Brder berzuleiten, kamen wir berein, da die
bekanntesten Persnlichkeiten aus den ehemaligen beiden Lagern
hauptschlich in den Bezirken Versammlungen abhalten sollten, die ihnen
frher mehr oder weniger unzugnglich waren. So gingen Liebknecht und
Motteler nach Norden und Westen, Hasenclever, Dreesbach und andere nach
dem Sden und nach Sachsen, ich nach Altona-Hamburg, woselbst meine
Versammlungen ungemein stark besucht wurden, ebenso in Berlin, woselbst
ich im Tivoli eine Riesenversammlung abhielt. In Hamburg, Altona und
Umgegend erhielt die Bewegung einen neuen Sttzpunkt in der Grndung des
"Hamburg-Altonaer Volksblattes", das mit dem 1. Oktober 1875 ins Leben
trat. Hasenclever zog es jetzt vor, aus dem Vorstand aus-und in die
Redaktion des "Hamburg-Altonaer Volksblattes" einzutreten.

       *       *       *       *       *

Fr mich persnlich war damals die Situation keine angenehme. Unter dem
Widerspruch der Interessen zwischen Geschft und Partei litt ich schwer,
darber klagte auch Bracke in einem Briefe an mich Ende August. Es sei
schrecklich, Sklave eines Geschftes zu sein. Aber wie loskommen? Er
trage sich mit dem Gedanken, sein Druck- und Verlagsgeschft an die
Leipziger Genossenschaftsdruckerei zu verkaufen, aber andererseits habe
er wieder Bedenken. Er habe erdrckende Arbeit und ein schweres Defizit
zu tragen, das ihm Verlag und Druckerei verursache. Ich bewunderte bei
ihm die Heiterkeit des Gemts, die er trotz aller Sorgen behielt. Da ich
um jene Zeit meinen spteren Associ gewonnen hatte, eine Verbindung,
die erst im nchsten Herbste durchgefhrt werden konnte, wovon aber
Nachricht sich blitzschnell in Leipzig verbreitet hatte, entstand das
von den Gegnern genhrte Gercht, ich werde mich alsdann aus dem
Parteileben zurckziehen. Die erste Nachricht von diesem Geschwtz
erhielt ich durch einen Altenburger Genossen, der mir am 30. August
schrieb: Er habe bei seiner krzlichen Anwesenheit in Leipzig von
verschiedenen Seiten gehrt, da ich einen Kompagnon erhielte,
Groindustrieller wrde und dann mich langsam aus der Partei
zurckziehen wolle. Das habe er bei einem Arbeiterfest in Schmlln auch
Meeraner und Gnitzer Genossen mitgeteilt und ihnen gesagt, sie mten
diesen schmerzlichen Schlag, den sie von mir erhielten, berwinden. Da
sei es aber rhrend gewesen, mit welch felsenfestem Vertrauen die
betreffenden Genossen geantwortet, das glaubten sie nicht, das hielten
sie fr unmglich. Mittlerweile habe er auch vernommen, da es nicht
wahr sei. Er habe ihnen aber versprechen mssen, an mich wegen der Sache
zu schreiben, er bitte wegen seiner Zudringlichkeit um Verzeihung, ich
mchte aber dem Gercht _ffentlich_ entgegentreten, ein Verlangen, das
zu erfllen ich meiner unwrdig hielt.

Um diese Zeit--September 1875--befand sich Most noch immer im Gefngnis
zu Pltzensee. Ich schrieb ihm zur Trstung einen lngeren Brief und
erkundigte mich, wie es ihm gehe. Da seine Behandlung gegen frher eine
anstndigere geworden war, hatte ich vernommen. Darauf schrieb er mir am
27. September:

  "Lieber Bebel! Wenn ich Dir sage, da ich oft monatelang weder von der
  Partei noch von Parteigenossen ein Sterbenswrtchen hre, so kannst Du
  Dir denken, da mich Dein Brief freute. Du mut Dir meinethalben keine
  Sorge machen, es steht zwar (_lediglich_ wegen meiner krglichen
  Lebensweise) faul genug mit mir, aber flten gehe ich deshalb doch
  nicht. Mir geht es von Kindheit an, namentlich aber seit den letzten
  sieben Jahren, so nichtswrdig, da ich immerhin ungemein viel
  aushalten kann.... Alle Nachrichten, die Du mir betreffend unsere
  Partei bermittelst, beweisen mir aufs neue, da alle gegen uns
  inszenierten Verfolgungen fruchtlos waren und sind. Komme ich erst
  heraus, hoffe ich meine Freude zu haben. Und was meine Stimmbnder
  betrifft, so werden sie wohl noch ein Weilchen aushalten.... Was ich
  tue? Nun, ich ochse! Erstens schreibe ich fr Geib, zweitens bffle
  ich franzsische Uebersetzungen und drittens lffle ich tchtig
  Materialismus.... Man mu ja heutzutage entsetzlich viel gelesen
  haben, will man nicht als Schafskopf gelten.... Die Zeit vergeht mir
  verhltnismig sehr rasch. Geib meint, ich solle beantragen, da man
  mich vorlufig entlasse, aber dieses habe ich nun schon dreimal
  abgelehnt, da solche Betteleien prinzip- und zwecklos sind."




Reichstagsarbeit.


Ende Oktober 1875 wurde die neue Session des Reichstags erffnet. Nach
einer Pause von fast dreieinhalb Jahren nahm ich zum erstenmal wieder an
dessen Beratungen teil. Es war auch die erste Session, in der die
Vertretung der Partei als die der geeinigten Partei vor die
Oeffentlichkeit trat. Das Auftreten der Fraktion war denn auch sofort
lebhafter, selbstbewuter und energischer als in irgend einer frheren
Session. Die Natur des Beratungsstoffs trug ebenfalls zu einem
lebhafteren Eingreifen bei.

Dem Reichstag war ein Gesetzentwurf zugegangen betreffend die Abnderung
des Titels 8 der Gewerbeordnung in Verbindung mit einem Gesetzentwurf
ber die gegenseitigen Hilfskassen. Die Debatte ber den Gesetzentwurf
in den verschiedenen Stadien seiner Beratung wurde von uns mit allem
Nachdruck gefhrt. Fast die gesamten Mitglieder der Fraktion beteiligten
sich zum Teil wiederholt an den Debatten und begrndeten auch eine
grere Zahl Antrge zu den verschiedenen Paragraphen. In der
Arbeiterwelt hatte der Entwurf lebhafte Mistimmung erzeugt und eine
Anzahl Petitionen hervorgerufen, unter denen namentlich die Petition der
Kommission der Krankenkassenvorstnde _Berlins_ sehr ausfhrlich auf die
einzelnen Bestimmungen des Gesetzentwurfes einging.

Seitens der Fraktion war ich zum Redner in der Generaldebatte bestimmt
worden. Die Verhandlungen begannen am 6. November und wurden noch an
demselben Tage zu Ende gefhrt. Die Mehrheit liebte es, mglichst wenig
zu diskutieren und raschen Schlu zu machen. Ich nahm gegen den Entwurf
in der vorliegenden Fassung entschieden Stellung. Fraktion und Partei
standen damals auf dem Standpunkt, da die Krankenkassen
_ausschlielich_ den Arbeitern gehrten, da sie allein die Beitrge
zahlen und die _volle_ Selbstverwaltung besitzen sollten. Die
Haftpflicht beziehungsweise Unfallpflicht in allen ihren Konsequenzen
sei _ausschlielich_ den Unternehmern zu bertragen. Die Invaliditts-
und Altersversicherung sei auf die Beitrge _beider_ Teile zu begrnden.
Ich fhrte aus: Der Entwurf stelle die Arbeiter unter die Vormundschaft
der Behrden und der Unternehmer. Er verweigere den Arbeitern das Recht,
das jede andere Klasse fr die Verwaltung ihres eigenen Vermgens
besitze, das Recht der unumschrnkten Selbstverwaltung. Was
wrde der Reichstag sagen, machten wir in einem Aktien- oder
Genossenschaftsgesetz solche bevormundende Vorschriften! Statt von
groen des Reiches wrdigen Gesichtspunkten sei man von kleinlichen und
kleinlichsten Gesichtspunkten ausgegangen. Namentlich in Verbindung mit
dem  4 des Haftpflichtgesetzes sei der Entwurf sehr bedenklich, da er
den Arbeitern in den Hilfskassen Lasten auferlege, die die
Haftpflichtversicherung der Unternehmer zu tragen habe. Behalte der
Gesetzentwurf im wesentlichen seinen jetzigen Charakter, werde er statt
Zufriedenheit groe Unzufriedenheit in der Arbeiterwelt hervorrufen,
also das Gegenteil von dem, was er bezwecken solle. Der Entwurf wurde an
eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen. Nachdem dieser Beschlu
gefat war, trat der Abgeordnete Miguel an mich heran und stellte die
Frage, ob ich bereit wre, Mitglied der Kommission zu werden. Nach
erfolgter Umfrage bei den Fraktionsgenossen erklrte ich mich dazu
bereit. Als aber die Wahl erfolgen sollte, kam Miguel abermals zu mir:
er msse zu seinem Bedauern mir mitteilen, da die groe Mehrheit seiner
Fraktion meine Wahl nicht wnsche. Er riet mir, mich mit dem Zentrum zu
verstndigen. Ich lehnte dieses ab; es sei unserer unwrdig, bei einer
anderen Fraktion um einen Sitz in einer Kommission zu petitionieren. Der
Seniorenkonvent bestand damals schon, der die Verteilung der Mitglieder
der Kommissionen nach der Strke der Fraktionen vornahm. Wir mit unseren
neun Mitgliedern wurden aber als Fraktion nicht anerkannt, dazu waren
mindestens fnfzehn erforderlich. So unterblieb meine Teilnahme an der
Kommission. Wir stimmten schlielich gegen das Gesetz, da wir mit
unseren Verbesserungsantrgen kein Glck hatten; sie wurden smtlich
abgelehnt.

Eine zweite Vorlage, die unsere Beteiligung an den Verhandlungen
herausforderte, war die Strafgesetznovelle, durch die nicht weniger als
53 Paragraphen des Strafgesetzes, das erst fnf Jahre in Wirksamkeit
war, gendert oder neu eingefhrt werden sollten. Die verbndeten
Regierungen wollten mit der Vorlage 14 neuen Vergehen die
strafrechtliche Verfolgung sichern. Bismarck war allezeit ein
Gewaltmensch; jede ihm unbequeme oder unangenehme Zeitstrmung glaubte
er durch Anwendung von staatlichen Gewaltmitteln aus der Welt schaffen
zu knnen. So die katholische, die Polen-, die sozialistische Bewegung.
Und er ist von dieser Auffassung auch nicht bekehrt worden, obgleich am
Ende seines Lebens das grndliche Fiasko dieser Politik auf der flachen
Hand lag und er der Besiegte und nicht der Sieger war. Die
Strafgesetznovelle sollte im groen zuwege bringen, was bisher durch
Polizei und Richter milungen war. Es waren also insbesondere die
sogenannten politischen Paragraphen des Strafgesetzbuches, zum Beispiel
die  95, 103, 110, 111, 113, 114, 117, 128, 130, 130a, 131 usw., die
entsprechend verschrft werden sollten. So sollte der  130 folgende
Fassung erhalten: Wer in einer den ffentlichen Frieden gefhrdenden
Weise verschiedene Klassen der Bevlkerung gegen einander ffentlich
aufreizt, oder wer in gleicher Weise die Institute der Ehe, der Familie,
des Eigentums ffentlich durch Rede oder Schrift angreift, wird mit
Gefngnis bestraft. Aehnlich erweitert wurde der  131. Es wurde an
seine Stelle etwas modifiziert der berchtigte ehemalige preuische Ha-
und Verachtungsparagraph vorgeschlagen. Wir beobachteten die Taktik, uns
zunchst zurckzuhalten und den Liberalen, die mit dem Regierungsentwurf
sehr unzufrieden waren, den Vortritt zu lassen. Diese Taktik erwies sich
als richtig. Nicht nur Dr. _Hnel_ von der Fortschrittspartei, sondern
selbst die Nationalliberalen _Bamberger_ und _Lasker_ entwickelten
Anschauungen ber die Freiheit der ffentlichen Meinung, denen wir
nichts hinzuzusetzen brauchten, die aber sehr abstachen
gegen die Haltung, die sie einige Jahre spter dem zweiten
Sozialistengesetzentwurf gegenber einnahmen. Ein Teil der Vorlage ging
an eine Kommission, der andere sollte im Plenum beraten werden. Unsere
eigentliche Beteiligung begann mit der Beratung des  130, der am 27.
Januar 1876 auf der Tagesordnung stand. Graf Eulenburg, der Minister des
Innern fr Preuen, begann seine Rede mit den Worten: Meine Herren, der
 130 ist gegen die Sozialdemokratie gerichtet. Der brige Inhalt seiner
Rede bestand vorzugsweise in langen Zitaten aus dem "Sozialdemokrat" und
"Volksstaat" und aus einer Lassalleschen Rede aus dem Jahre 1863,
wodurch er unsere Staatsgefhrlichkeit nachzuweisen suchte. Schlielich
bat er, den verbndeten Regierungen die geforderten Machtmittel gegen
uns zu bewilligen, sonst msse man sich mit den jetzigen unzulnglichen
Gesetzesparagraphen begngen, "_bis die Flinte schiet und der Sbel
haut_". Die Rede verlief vollstndig eindruckslos, und so hatte es
_Hasselmann_, der nach Eulenburg sprach, leicht, ihn zu widerlegen. Die
Regierung stehe verstndnislos der sozialdemokratischen Bewegung
gegenber, die doch nur die naturgeme Frucht der bestehenden
wirtschaftlichen Mistnde sei. Die Forderungen im sozialdemokratischen
Programm seien die Heilmittel, die wir gegen die vorhandenen Uebel in
Vorschlag brchten. Auf die Anklage, wir reizten die Arbeiter in den
Volksversammlungen auf, stellte er die Frage, warum man nicht in diese
Versammlungen komme, um uns zu widerlegen? Den Klassenkampf htten die
Gegner begonnen, und wie grausam und blutig sie ihn eventuell fhrten,
habe die Pariser Kommune gezeigt. Er erklrte schlielich, wir wrden
den Kampf auf gesetzlichem Boden weiterfhren, mge er noch so schwere
Opfer kosten. Das Ende der Debatte war, da, nachdem ein Amendement der
Konservativen abgelehnt worden war, sich _keine_ Stimme fr den Antrag
der Regierung erklrte, was groe Heiterkeit hervorrief.

Die Parteipresse beantwortete die Rede Eulenburgs durch Abstattung ihres
Dankes fr die agitatorische Wirkung derselben zugunsten der Partei, und
der Parteivorstand beschlo ihre Massenverbreitung. Auch der  131 fand
in der neuen vorgeschlagenen Fassung im Reichstag keine Gegenliebe und
flog ebenfalls sang- und klanglos in den Orkus. Zum sogenannten
Arnimparagraph ( 353a) hielt _Liebknecht_ eine kurze, aber sehr
wirkungsvolle Rede, die den lebhaften Widerspruch der Mehrheit des
Reichstags hervorrief.

Bei der dritten Lesung der Novelle empfand Bismarck das Bedrfnis, noch
einmal zum  130 der Vorlage zu sprechen. Da dieser aber nicht mehr
existierte, nahm der Abgeordnete Freiherr von Nordeck zur Rabenau den
Antrag wieder auf. Bismarck ging darauf sofort aufs schrfste gegen uns
los. Er verlange, da man den sozialistischen Agitationen auch im
Reichstag gebhrend entgegentrete. Spreche im Hause ein sozialistischer
Abgeordneter, so sei es hergebracht, ihm zuzuhren, als spreche er aus
einer anderen Welt, mit der sich der Reichstag nicht zu befassen habe.
Man msse den Gegengrnden gegen den utopistischen Unsinn der
Sozialisten die weiteste Verbreitung geben; sei es doch so weit
gekommen, da die Mrder und Mordbrenner der Pariser Kommune hier im
Reichstag eine ffentliche Lobeserhebung bekommen htten, ohne da eine
entgegengesetzte Ansicht ausgesprochen worden sei. Es seien das Gebilde,
die von den Verfhrten nur im Dunkel der Blendlaterne der Verfhrer
gesehen wrden; wenn sie aber hinreichend an die Luft und Sonne gebracht
wrden, so mten sie in ihrer Unausfhrbarkeit und verbrecherischen
Torheit erkannt werden.

Diese Bismarckschen Anklagen richteten sich zweifellos gegen meine Rede
in der Session von 1871 zur Verteidigung der Kommune, denn seitdem waren
Reden ber die Kommune im Reichstag nicht gehalten worden, und so
meldete ich mich zum Wort. Nachdem dann Windthorst und Bismarck noch
einmal gesprochen, zog der Freiherr v. Nordeck zur Rabenau seinen Antrag
mit der Motivierung zurck, Frst Bismarck, der bei der zweiten Lesung
habe fehlen mssen, sei jetzt zum Worte gekommen, damit sei der Zweck
seines Antrags erreicht. Als Windthorst auf der Fortsetzung der Debatte
bestand, bestritt Simson, der kurze Zeit als Prsident den verhinderten
Forckenbeck vertrat, da dieses mglich sei, und als nunmehr Sonnemann,
um mich zu Worte kommen zu lassen, den Antrag v. Nordecks zur Rabenau
wieder aufnahm, erklrte Simson, alsdann habe der Abgeordnete Valentin
den Schlu der Debatte beantragt. Ein Schluantrag Valentins lag also
bereits wieder einmal auf dem Bureau zu geeigneter Verwendung vorrtig
vor. So schnitt man mir das Wort zur Entgegnung auf die Angriffe
Bismarcks ab. Ich versuchte nunmehr, in einer persnlichen Bemerkung
mich zu verteidigen. Ich tadelte, da man mir nach den heftigen
Angriffen des Reichskanzlers auf meine Person das Wort zur Entgegnung
verweigert habe. (Wiederholte Zwischenrufe.) Es sei kein Zweifel, da
die Angriffe des Reichskanzlers sich gegen mich persnlich richteten,
wie ich das mit Hinweis auf meine Reden im Jahre 1871 nachwies. Der
Reichskanzler habe sich ber die hufigen Beleidigungen seiner Person
beschwert, da htte er den guten Rat, den er dem Hause gab, zunchst mir
und meiner Partei gegenber befolgen sollen. Seine Anklage, ich htte
Mrder und Mordbrenner verteidigt, wies ich als eine mir zugefgte
Beleidigung zurck. Ich htte die Mnner der Kommune verteidigt, weil
sie nicht als Mrder und Mordbrenner angesehen werden knnten, sondern
als Mnner, denen man bitter unrecht getan habe. Da sie keine Mrder
und Mordbrenner gewesen seien, dafr spreche, da drei hochangesehene
Regierungen, der Schweizer Bundesrat, die belgische und die englische
Regierung, verweigert htten, die Flchtlinge der Pariser Kommune, weil
sie keine Verbrecher seien, auszuliefern. Hier unterbrach mich der
Prsident: Meine Ausfhrungen seien nicht mehr persnlich, ich machte
sachliche Ausfhrungen, und da stnde Ansicht gegen Ansicht, das gehe
aber nicht innerhalb des Rahmens einer persnlichen Bemerkung. So mute
ich auf weitere Ausfhrungen verzichten. Ich revanchierte mich aber in
einer Versammlung in Leipzig, in der ich meinem Herzen Luft machte.

Auch die Verhaftungsfrage der Abgeordneten kam durch einen
fortschrittlichen Antrag wieder zur Verhandlung, dem wir, da er eine
Halbheit war, einen weitergehenden korrekten Antrag gegenberstellten.
Unser Antrag, den ich motivierte, fiel, aber auch der fortschrittliche
Antrag wurde mit 142 gegen 127 Stimmen abgelehnt. _Lasker_, der nach
seiner Haltung in der vorigen Session fr den Antrag htte stimmen
_mssen_, enthielt sich der Abstimmung, _v. Bennigsen_ fehlte als
entschuldigt.

Ein Vorgang, der auf dem nchsten Parteikongre zur Sprache kam und
angegriffen wurde, betraf unsere Abstimmung ber den Antrag von
Schulze-Delitzsch und Genossen, betreffend Zahlung von Diten.
Liebknecht und ich hatten uns bei der zweiten Lesung ber diesen Antrag
der Abstimmung enthalten, Hasenclever hatte dafr gestimmt und die
brigen Kollegen, von denen Most in Hast war, waren bei der Abstimmung
nicht anwesend. Bei der dritten Lesung nahm ich im Namen der
_Gesamtheit_ das Wort und erklrte, da wir uns smtlich der Abstimmung
enthalten wrden. Wir htten es satt, bestndig fr den Papierkorb des
Bundesrats zu arbeiten, der Reichstag nehme jede Session mit stets
steigender Mehrheit den Antrag auf Ditenzahlung an, der Bundesrat werfe
ihn ebenso regelmig in den Papierkorb. Meine es der Reichstag ernst
mit der Ditenzahlung, dann solle er auch die ihm zu Gebote stehenden
Machtmittel anwenden, um sie zu erlangen. Er solle alsdann zunchst dem
Reichskanzler das Gehalt verweigern. Es sei eine Schande, dem Reichstag
zu verweigern, was alle anderen Parlamente in Deutschland erhielten. Wir
wollten dieses Spiel nicht weiter mitmachen und wrden uns der
Abstimmung enthalten, da wir gegen den Antrag nicht stimmen knnten. Die
kurze Rede brachte mir zwei Ordnungsrufe ein. Den 10. Februar wurde die
Session geschlossen.




Meine Stellung zur Kommune.


Am 10. Mrz 1876 hatte ich in Leipzig eine Disputation mit Bruno Sparig,
einem Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen, der in seiner Rede
ber meine Stellung zur Kommune alle die Angriffe vorbrachte, die man
damals gegen die Kommune machte. Jene Versammlung war von beiden
Parteien gemeinsam einberufen, jede Partei bekam gleichviel
Eintrittskarten zur Verteilung, jede Partei whlte auch einen
Vorsitzenden, der den Vorsitz fhrte, whrend der Gegner redete. Von
unserer Seite war Julius Motteler dieser Vorsitzende, von seiten der
Gegner ein Direktor Peucker.

Ich erweise manchem meiner Leser einen Dienst, wenn ich meine damalige
Leipziger Rede, wenn auch gekrzt, hier zum Abdruck bringe:

  Direktor _Peucker_: Herr Bebel hat jetzt das Wort. (Der Redner wird
  beim Betreten der Tribne mit strmischem Beifall empfangen.)

  _Bebel_: Ich knpfe an die letzten Worte des Herrn Sparig an.
  (Unruhe.) Herr Sparig erklrte, er habe noch so viel Tatsachen gegen
  die Kommune anzufhren, da er noch zehn Abende damit zubringen
  knnte. (Unruhe.) Meine Herren, ich habe Herrn Sparig gleich anfangs
  die Offerte gemacht, da, wenn die Disputation an einem Abende nicht
  beendigt sei, sie am nchsten oder an einem spteren Tage fortgesetzt
  werden solle. Wir knnten also morgen oder nchsten Montag die Debatte
  fortsetzen, wozu ich bereit bin. (Groe Unruhe, Zischen.) Herr Sparig
  hat aber erklrt, es sei an einem Abende genug, die Sache wrde dabei
  zum Austrag gebracht werden. (Bravo! Zischen.)

  Meine Herren, zunchst eine persnliche Erklrung meinen
  Parteigenossen gegenber, die mir zum Teil heftige Vorwrfe gemacht
  haben, da ich auf die Bedingung eingegangen bin, da zu dieser
  Versammlung Karten ausgegeben wurden, weil dies gegen das Prinzip der
  Volksversammlungen verstt. Meine Herren, ich wrde nimmer auf diesen
  Vorschlag eingegangen sein, wenn ich nicht berzeugt gewesen wre, da
  im anderen Falle die Versammlung gar nicht stattgefunden htte. Ich
  bin einzig und allein aus diesem Grunde darauf eingegangen, ich werde
  aber ein zweites Mal nicht darauf eingehen, weil, obgleich bei unserer
  Abmachung Herr Sparig sagte, man wolle, um nicht "unanstndig" zu
  erscheinen, bei dem Eingang nicht sammeln, um kein Geldgeschft daraus
  werden zu lassen, dennoch von seiten des Herrn Sparig das Versprechen
  nicht gehalten, sondern der Vertrag verletzt und die Karten gegen Geld
  ausgeboten wurden. (Groe Unruhe. Rufe: Das ist nicht wahr!) _Bebel_:
  Wie knnen Sie da rufen, das ist nicht wahr? (Bravo! Zurufe.)

  Meine Herren! Zunchst bitte ich vor allem meine Parteigenossen, mich
  nicht durch Beifallsbezeigungen zu unterbrechen, aus dem einfachen
  Grunde, weil mir diese zu viel Zeit wegnehmen. Ich habe nur anderthalb
  Stunden Zeit. (Unterbrechung, Zischen.)

  Vorsitzender Direktor _Peucker_: Meine Herren, ich mu Sie ersuchen,
  alle derartigen Ausrufe wie "Das ist nicht wahr" usw. zu unterlassen.
  Herr Bebel hat laut eingegangenem Kontrakt das Wort. Ich ersuche beide
  Parteien, Herrn Bebel ruhig reden zu lassen.

  _Bebel_: Meine Parteigenossen haben Herrn Sparig mit der grten Ruhe
  angehrt, obgleich sie hufig Ursache gehabt hatten, ihr Mifallen
  kund zu geben. (Fortgesetzte Unruhe seitens der Liberalen.)

  Ich glaube, meine Herren, wir haben der liberalen Partei heute den
  Beweis geliefert, da ihre Behauptung unwahr ist, da ein Gegner in
  einer sozialdemokratischen Versammlung nicht sprechen knne; Herr
  Sparig hat im Gegenteil ganz ruhig sprechen knnen, whrend
  Sie--(Groe Unruhe. Rufe: Raus! Lrm seitens der Liberalen.)

  _Bebel_: Meine Herren! Ich hoffe, da die Herren Gegner nicht
  provozieren wollen, da die Versammlung polizeilich aufgelst werde.
  Fast komme ich zu dieser Ueberzeugung. Herr Sparig hat ausgefhrt, da
  wir uns ber die Mundtotmachung im Reichstag beschwert htten, und er
  hat weiter erklrt, er nhme es den Reichsboten nicht bel, wenn sie
  nicht immer wieder die sozialdemokratischen Phrasen anhren wollten.

  Wir sind im Reichstage Volksvertreter so gut wie jeder andere, der
  dort sitzt, und wir haben nicht blo das Recht, sondern auch die
  Pflicht, unsere Parteianschauungen dort zu vertreten, wo sich die
  Gelegenheit bietet. Sind wir einmal in einer Sitzung des Reichstags
  nicht zugegen, dann fhrt die liberale Presse und besonders das
  "Leipziger Tageblatt" gewissenhaft Buch und man liest am nchsten
  Tage: Bei der und der Abstimmung haben die und die
  sozialdemokratischen Abgeordneten gefehlt. Reden die
  sozialdemokratischen Abgeordneten, dann heit es: Sie sind
  unverschmt! Und schneidet man uns das Wort ab, auch wenn wir zum
  Reden herausgefordert wurden, so heit die liberale Presse und Herr
  Sparig ein solch nichtswrdiges Verfahren gut....

  Herr Sparig ist dann auf die Verhandlungen des deutschen Reichstags im
  Jahre 1871 eingegangen und erwhnte dabei zuerst die Sitzung vom 25.
  Mai, in der es sich um die Annexion von Elsa und Lothringen handelte.
  Hier hat nun Herr Sparig einen chronologischen Schnitzer begangen: er
  lt meine Rede vom 10. April hinter der Rede vom 25. Mai kommen. In
  der Rede vom 10. April war es, wo ich erklrte, da ich die Handlungen
  der Kommune zwar nicht in allen Stcken billige, und zwar aus
  Zweckmigkeitsgrnden, da ich aber nichtsdestoweniger die Kommune
  verteidige, und da ich mich dazu um so mehr fr verpflichtet halte,
  als selbst die liberale Presse, nachdem sie zuvor gewisse Handlungen
  der Kommune als Gewalttaten gebrandmarkt harte, nach wenig Tagen ihre
  Beschuldigungen als unwahr zurcknehmen mute....

  ... Herr Sparig hat die Ttigkeit der Kommune als eine lange,
  ununterbrochene Kette von Verbrechen und Scheulichkeiten hinzustellen
  versucht. Als Hauptschandtaten fhrte Herr Sparig die Erschieung der
  Generale Klement Thomas und Lecomte an, ferner die Erschieung der
  Geiseln und den Befehl zur Inbrandsetzung des Finanzministeriums, den
  er Ferr imputiert. Sonstige "Schandtaten" hat er nicht anzugeben
  vermocht.

  Wie steht es aber nun mit diesen angeblichen Schandtaten? Am 18. Mrz,
  dem Tag der Erschieung der Generale Klement Thomas und Lecomte, hat
  die Kommune, nach dem eigenen Gestndnis des Herrn Sparig, noch nicht
  bestanden. Man kann sie also dafr unmglich verantwortlich machen.

  An dem Tage, an dem die Geiseln erschossen worden sind--als welchen
  Tag Herr Sparig selbst den 24. Mai angibt--, hat die Kommune offiziell
  nicht mehr bestanden; der Kommunerat hat am 22. Mai die letzte sehr
  schwach besuchte Versammlung abgehalten, was Herr Sparig gleichfalls
  besttigte. Wenn wirklich, wie Herr Sparig behauptet, was aber nicht
  erwiesen ist, Ferr und Raoul Rigault am 24. den Befehl zur
  Erschieung der Geiseln gegeben htten, so wrde es sich also nur um
  zwei Personen von 90 handeln, welche den Kommunerat bildeten, und
  diese zwei, nicht aber die Kommune, knnten verantwortlich gemacht
  werden.

  (Redner gibt hierauf einen kurzen geschichtlichen Abri des Entstehens
  der Kommune, der Belagerung von Paris, des Mitrauens der Bevlkerung
  gegen Trochu, der Uebergabe von Paris, des Ausschreibens der Wahlen
  zur Nationalversammlung, welche den Frieden ratifizieren sollte.)

  Die Wahlen wurden ausgeschrieben in einem Moment, wo zwei Drittel von
  Frankreich von den Deutschen besetzt waren, wo ein groer Teil des
  Landes im Belagerungszustand war, wo bei der Krze der Frist von einer
  Verstndigung ber die zu Whlenden keine Rede sein konnte, wo endlich
  der grte Teil der bonapartistischen Prfekten und Beamten, die
  mehrere Jahrzehnte die niedertrchtigste Wahlkorruption betrieben
  hatten und darauf eingebt waren, noch im Amte sa. Unter solchen
  Umstnden konnte unmglich von freien Wahlen die Rede sein.

  Die Wahlen fielen auch danach aus. War auch die Majoritt nicht
  bonapartistisch gesinnt, so war sie doch royalistisch und der Republik
  feindlich. Die Folge war, da Gambetta zurcktrat und Herr Thiers an
  die Spitze der Regierung kam. Die Nationalversammlung, die damals
  bekanntlich in Bordeaux tagte und die ausdrcklich nur zu dem Zweck
  gewhlt worden war, ber die Friedensbedingungen zu beschlieen, mate
  sich jetzt an, ber das Geschick Frankreichs zu entscheiden, und
  beging damit eine schwere Verletzung ihres Mandats. Die Regierung war
  jmmerlich genug, auf solche Anmaungen einzugehen. Ja es kam in
  kurzer Zeit so weit, da selbst die blauen Republikaner wie Jules
  Favre und Konsorten gnzlich aus der Regierung verdrngt wurden.

  Mit dieser Haltung der Versammlung in Bordeaux gingen weitere Schritte
  der Regierung gegen Paris Hand in Hand. Die Regierung verlangte von
  der Pariser Nationalgarde, und zwar im Widerspruch mit den
  Stipulationen des Friedensvertrags, da sie die Waffen ausliefere. Der
  Belagerungszustand, der seit der Revolution vom 4. September in Paris
  aufgehoben war, wurde wieder eingefhrt. Der als ein Feind der
  Republik bekannte Jesuiten-General d'Aurelles de Paladine wurde zum
  Oberkommandanten der Nationalgarde, der verhate bonapartistische
  General Vinoy zum Gouverneur von Paris ernannt. Diesen gegen Paris
  feindseligen Schritten schlossen sich eine Reihe anderer an. Infolge
  der Belagerung von Paris und des vollstndigen Daniederliegens von
  Geschften und Verkehr war frher eine Aufschiebung der flligen
  Wechselzahlungen ausgesprochen worden. Die Regierung, die mittlerweile
  von Bordeaux nach Versailles bergesiedelt war, bestimmte jetzt, da,
  obgleich Handel und Wandel noch gleich sehr daniederlagen, alle
  flligen Wechselzahlungen sofort bezahlt werden mten. Es wurde
  ferner befohlen, da die flligen Mieten--die bis dahin ebenfalls
  gestundet worden waren--sofort bezahlt werden mten. Gleichzeitig
  wurde eine Stempelsteuer von 2 Centimes auf jedes Zeitungsblatt
  eingefhrt. Die Folge von allem diesem war, da nicht nur die
  Sozialisten, sondern da der grte Teil der Pariser Bevlkerung, die
  kleinen Kaufleute, die Krmer, die Handwerker mit den revolutionren
  Elementen gemeinsame Sache machten. Sie erklrten, unter keinen
  Umstnden auf die Bedingungen und Zumutungen eingehen zu knnen,
  welche die gegenwrtige Regierung stelle. Als die Regierung die
  Stimmung in Paris sah, wurde ein Handstreich von ihr versucht. Man
  wollte sich Paris mit Gewalt bemchtigen. In der Nacht vom 17. auf den
  18. Mrz rckte der General Lecomte auf Befehl des Generals d'Aurelles
  de Paladine mit einer Anzahl Linienbataillone gegen den Montmartre, um
  sich der dorthin gebrachten mehreren hundert Geschtze, welche sich
  die Nationalgarde aus eigenen Mitteln whrend der Belagerung beschafft
  hatte, zu bemchtigen. Die Nationalgarde hatte tags zuvor von diesem
  Plane Kunde erhalten, sie war infolgedessen auf dem Posten. Als die
  Truppen heranrckten, fanden sie alle Zugnge sorgfltig besetzt.
  Lecomte sah die Unmglichkeit ein, die Kanonen, wie er gehofft, ohne
  Schwertstreich wegzunehmen; er kommandierte Feuer. Wie es bei solchen
  Gelegenheiten geht, hatten sich neben der Nationalgarde auch eine
  Menge Volks, Mnner, Frauen und Kinder, eingefunden, die bei dem
  Feuern notwendig wren mitgetroffen worden. Da erklrte die Linie: Wir
  schieen nicht. Statt das Gewehr auf die Nationalgarde zu richten,
  wandte sie die Gewehrkolben nach oben und fraternisierte mit dem Volk.
  Viermal forderte der General zum Feuern auf und viermal verweigerten
  die Soldaten den Gehorsam.

  Jetzt begann der General wtend zu schimpfen. Dies erbitterte seine
  Soldaten, und darauf wurde er von seinen eigenen Leuten verhaftet und
  im Laufe des Nachmittags erschossen. Dabei war kein Mitglied des
  Zentralkomitees der Nationalgarde zugegen, und die Kommune wurde erst
  wenige Tage spter proklamiert.

  In diese Affre mengte sich nun der General Klement Thomas, der in
  Zivilkleidern als Spion sich unter das Volk gemischt hatte und, als er
  auf das Benehmen der Soldaten schimpfte, erkannt wurde. Herr Sparig
  sagt, Klement Thomas sei ein Republikaner gewesen.

  Meine Herren! Es gibt in Frankreich eine Menge Leute, die sich
  Republikaner nennen, im Grunde aber nichts anderes sind wie bei uns
  die Nationalliberalen. Klement Thomas war einer von dieser
  verwsserten republikanischen Richtung. Frher Offizier, der den
  Dienst quittiert hatte, war er anfangs 1848 bei dem Journal "National"
  als Sitzredakteur beschftigt, dem zugleich die Stelle des Duellanten
  bei den Streitigkeiten mit den Redakteuren anderer Bltter zufiel. Von
  der Februarregierung wieder in die Armee eingereiht und zum General
  erhoben, spielte er vor und whrend der Junischlacht 1848 die infamste
  Henkerrolle und setzte sich durch seine Barbarei gegen die Arbeiter
  ein trauriges Denkmal.

  Dieser selbe General wurde von Trochu zum Kommandanten der Pariser
  Nationalgarde ernannt, als der General Tamisier im November 1870 wegen
  des nicht gehaltenen Versprechens, da Paris seine Kommuneregierung
  whlen solle, das Kommando niederlegte. Das war eine direkte
  Provokation. Klement Thomas hatte nach Antritt seines Kommandos nichts
  Eiligeres zu tun, als in allen seinen Handlungen die offenbarste
  Feindschaft gegen die Nationalgarden aus den Arbeiterquartieren zu
  zeigen. Und in dem Moment, wo die Aufregung ber das Benehmen des
  Generals Lecomte aufs Hchste gestiegen war, erschien der verhate
  Mann auf der Bhne und nahm fr Lecomte Partei. Er wurde festgenommen
  und gleich Lecomte von den ergrimmten Soldaten erschossen.

  Meine Herren! Das war eine Gewalttat, und ich bin weit entfernt, sie
  gut zu heien; aber man mu sich die Lage vergegenwrtigen, und wenn
  man dies tut, wird man diese Handlungen entschieden entschuldigen
  mssen. Es sind von seiten der Reaktion ganz andere und grere
  Grausamkeiten begangen worden, und zwar nicht in einer Zeit der
  Aufregung und Leidenschaft, unter welcher die Kommune existierte,
  sondern man hat sie in ruhiger Zeit und mit kaltem Blute begangen. Man
  denke nur an die entsetzliche Behandlung der Kommunedeportierten in
  Neukaledonien, welche alles bisher Dagewesene an Grausamkeit
  bertrifft, und Jahre lang nach dem Kampfe fortgesetzt wurde. Solche
  Greuel fordern die Emprung und Verurteilung jedes Menschenfreundes
  heraus.

  Als die in Paris anwesenden Regierungsbehrden am 18. Mrz sahen, wie
  die Stimmung der Stadt und der Soldaten war, fanden sie es fr gut,
  sich eiligst aus dem Staube zu machen. Das Zentralkomitee der
  Nationalgarde nahm jetzt die Leitung der Verwaltung in die Hand.

  Herr Sparig glaubt der Versailler Regierung den Vorwurf machen zu
  mssen, da sie am 18. Mrz nicht zuverlssige Truppen nach Paris
  gesandt. Es gab aber fr die Regierung berhaupt keine zuverlssigen
  Truppen. Die ganze franzsische Armee, soweit sie im Lande war, war
  emprt ber die Haltung der Regierung und sympathisierte mit dem Volk.
  Die einzig zuverlssigen Truppen: die Garden Napoleons, die Zuaven und
  Turkos und die ultramontanen bretonischen Regimenter, befanden sich in
  der deutschen Gefangenschaft. Und erst als Herr Thiers und Herr von
  Bismarck sich verstndigt hatten, erwies der letztere dem ersteren die
  Geflligkeit, ihm mehr als 80000 Mann der bezeichneten Truppen zur
  Verfgung zu stellen, welche jetzt wie Bestien und als wollten sie die
  Niederlage, die sie von den Deutschen erlitten, an ihren Landsleuten
  rchen, ber Paris herfielen und in ihrer schauerlichen Blutarbeit
  ber 30000 Menschen niedermetzelten. Diese Truppen haben sich fr ewig
  gebrandmarkt, und sie haben spter von ihren Kameraden in der Armee
  hufig es anhren mssen, da es eine Schande und eine Schmach fr sie
  sei, sich zu Wrgern und Henkern des Pariser Volks hergegeben zu
  haben.

  Veranlat durch das Zentralwahlkomitee der Nationalgarde, whlte das
  Pariser Volk am 25. Mrz die Kommune. Herr Sparig erklrte, es habe
  dabei eine groe Wahlenthaltung stattgefunden, und scheint daraus
  schlieen zu drfen, da alle, die nicht gewhlt, Gegner der Kommune
  gewesen seien.

  In bezug auf die Wahl der Kommune kann ich mich auf einen Gewhrsmann
  berufen, der ein wtender Sozialistenfeind ist, nmlich auf Herrn
  Johannes Scherr, der gegenwrtig in der "Gartenlaube" eine Reihe von
  Artikeln verffentlicht, die an Schimpfereien gegen die Kommune
  wahrhaftig nichts zu wnschen brig lassen.

  Nun, in diesen Artikeln teilt Herr Scherr mit, da von 490000 Whlern
  am 25. Mrz 277300 zur Urne kamen und fr die Kommune stimmten. Das
  sind 57 Prozent. Haben wir etwa eine solche Wahlbeteiligung in Leipzig
  einmal bei der Reichstagswahl oder gar bei der Stadtverordnetenwahl
  gehabt? Bei der letzteren haben bei der neuesten Wahl kaum 33 Prozent
  gewhlt. Und was wrde Herr Sparig sagen, wenn wir seine Logik
  akzeptieren wollten und erklrten, die brigen 67 Prozent, die sich
  der Wahl enthielten, sind Sozialdemokraten? Er wrde uns auslachen und
  mit vollem Recht. Dasselbe aber gebhrt ihm mit seinem Urteil ber die
  Kommune.

  Es ist eine Tatsache, da die groe Mehrheit der Bevlkerung von Paris
  sich fr die Kommune erklrt hat; ja Herr Scherr geht sogar so weit,
  zu erklren, da die Kommunewahl am 25. Mrz mit einer Einmtigkeit,
  mit einer Freudigkeit ohne gleichen seitens der Bevlkerung begangen
  wurde, da der Tag zu den schnsten gerechnet werden msse, die Paris
  gesehen. Das Volk von Paris habe sich an diesem Tage in seinem vollen
  Glanze und von seiner besten Seite gezeigt, wie kaum bei einem anderen
  historischen Ereignis. So mu ein Gegner der Sozialdemokratie ber die
  Kommune urteilen!

  Herr Sparig hat weiterhin die "Gesetzesmacherei" der Kommune
  kritisiert. Er sagte, da ein Dekret das andere gejagt, das eine das
  andere wieder aufgehoben oder verschrft habe.

  Aber war denn das anders mglich, wenn man einen solchen Augiasstall
  auszumisten hatte, wie es das kaiserliche Paris war? (Heiterkeit.) Da
  hatte man allerdings sehr viel zu dekretieren. Und es versteht sich
  von selbst, da in einer solchen Situation nicht alles wie am
  Schnrchen geht. Der Krieg von 1870 war seitens der Deutschen sicher
  sehr gut vorbereitet, fragen Sie aber einmal den Generalstbler
  Moltke, ob alles so glatt gegangen ist, und er wird Ihnen sagen, da
  es da und dort gehapert hat. Wie viel mehr mu dies der Fall sein,
  wenn es sich um eine revolutionre Bewegung handelt, wenn an Stelle
  des alten ein neuer Staat geschaffen werden soll, inmitten von
  Hunderttausenden von Feinden--der deutschen Armee und der Versailler,
  die mit aller Kraft und all ihren Mitteln darauf hinarbeiteten, der
  neuen Institution den Garaus zu machen.

  Die Dekrete aber, die Herr Sparig anfhrte, war er selber nicht
  imstande, als solche zu qualifizieren, die geeignet wren, die Kommune
  zu kompromittieren. Wenn er beispielsweise bezglich des Dekrets der
  Kommune, betreffend die Nachtarbeit der Bcker, sagt: er glaube nicht,
  da auch die Sozialisten geneigt wren, morgens zum Kaffee mit einem
  altbackenen Dreierbrtchen vorlieb zu nehmen, so ist das ein so
  flacher Witz, da ich es unterlasse, nher darauf einzugehen. Es
  handelte sich bei dieser Maregel nicht darum, ob der verwhnte Gaumen
  der Bourgeoisie ein Bedrfnis befriedigen konnte oder nicht, sondern
  darum, ob eine zahlreiche Klasse von Arbeitern permanent der
  aufreibenden und ruinierenden Nachtarbeit ausgesetzt sein sollte oder
  nicht. Jeder, der sich mit diesen Dingen einigermaen beschftigt hat,
  wei, da die Bckergesellen infolge der Nachtarbeit und der ungemein
  langen Arbeitszeit berhaupt, die hufig 16, ja 18 Stunden betrgt,
  meist einem frhen Tode entgegengehen.

  Die Kommune hat nun allerdings auf solche Zustnde ihr Augenmerk
  gerichtet, und das gereicht ihr zur Ehre. (Zustimmung.)

  Weiter fhrt Herr Sparig an, da die Kommune zwar die Todesstrafe
  abgeschafft habe, aber das Erschieen eingefhrt, und er bezog sich
  dabei auf ein Dekret, welches die Strafe des Erschieens allen denen
  androhte, die sich dem Dienste in der Nationalgarde, also der
  Verteidigung der Stadt entzgen.

  Die Kommune, von der Anschauung ausgehend, da jedes stehende Heer ein
  Werkzeug in den Hnden der Regierung sei, um das Volk zu unterdrcken,
  verlangte die Abschaffung des stehenden Heeres und fhrte die
  allgemeine Volksbewaffnung ein. Es war demgem jeder waffenfhige
  Mann verpflichtet zur Verteidigung der Stadt.

  Das benachteiligte keinen und war fr alle gerecht, was von unserem
  Wehrsystem, das trotz der Phrasen von allgemeiner Wehrpflicht nur
  einen Teil des Volkes bewaffnet, allerdings nicht gesagt werden kann.
  Nun gab es freilich einen Teil, der fr die Kommune nicht eintreten
  wollte, obgleich sie ringsum von Feinden umgeben war, die mit allen
  ihr zu Gebote stehenden Mitteln sie vernichten wollten.

  Die Kommune, von allen Seiten angegriffen und zum Kriegfhren
  gezwungen, mute in dieser Lage diejenigen Mittel anwenden, die in
  einem solchen Falle jeder kriegfhrenden Partei zu Gebote stehen und
  stehen mssen. Sie bedrohte jeden mit dem Tod durch Erschieen, der
  sich weigerte, die Waffen zur Verteidigung zu tragen.

  Es hat Tausende meiner Parteigenossen 1870 gegeben, die mit dem Kriege
  nicht einverstanden waren und die man nicht frug, ob sie mitgehen
  wollten. Sie muten mitgehen und sie wrden, im Falle der Weigerung,
  vor ein Kriegsgericht gestellt und ohne Gnade erschossen worden sein.

  Herr Sparig verwechselt also die Abschaffung der Todesstrafe in
  Zivilstrafrechtsfllen mit der militrischen Todesstrafe im Falle
  eines Krieges, was doch ein himmelweiter Unterschied ist. Die
  Todesstrafe zur Aufrechterhaltung der Disziplin im Kriege wird es
  geben, solange es Krieg gibt.

  Herr Sparig hat weiter ein Kommunedekret hervorgehoben, wonach
  diejenigen Werksttten und Fabriken, die seitens der Arbeitgeber
  verlassen worden waren, von der Kommune in Beschlag genommen und
  denjenigen Arbeitern, welche bisher darin gearbeitet, zum Betrieb
  bergeben werden sollten. Ferner, da eine Kommission gewhlt werden
  sollte, um die Werksttten abzuschtzen, damit die frheren Besitzer
  entschdigt werden knnten. Er hat sehr richtig hervorgehoben, da die
  Kommune dies allgemein durchgesetzt haben wrde, wenn sie die Macht
  dazu gehabt htte. Ja, er hat auch recht, wenn er vermutet, da wir
  allerwrts hnlich vorgehen wrden, wenn wir knnten. Wir wollen den
  Gegensatz zwischen Arbeitern und Arbeitgebern ausgleichen, da die
  Interessen von Arbeitern und Arbeitgebern sich heute feindlich
  gegenberstehen. Die Arbeitgeber wollen mglichst geringen Lohn zahlen
  und mglichst lange arbeiten lassen; der Arbeiter will mglichst hohen
  Lohn bei mglichst geringer Arbeitszeit. Mit jeder Maschine, die
  erfunden wird, mit jeder neuen Fabrik wird dieser Klassengegensatz
  schrfer. Jede Bahn, die gebaut, jeder Telegraphendraht, der gelegt
  wird, trgt die Erkenntnis in weitere Kreise, verschafft uns neue
  Anhnger. Jeder Schritt zur Konzentration des Kapitals, zur
  Vernichtung der kleinen Unternehmer vermehrt die Spaltung und drngt
  zur Lsung, indem Produktion und Distribution assoziativ betrieben
  werden, das heit alle Werksttten, alle Fabriken, alle Arbeitsmittel
  mssen in den Hnden der Gesellschaft sein und von dieser im Interesse
  und bei Gleichberechtigung aller Staatsbrger verwaltet werden. Jeder
  mu arbeiten und jeder hat seinen vollen Anteil am Gewinn, wie
  selbstverstndlich auch am Verlust. An Stelle der Privatindustrie, an
  Stelle der wilden, unorganisierten Produktionsweise--die uns die
  gegenwrtige Krise auf den Hals gebracht hat--soll eine sozialistisch,
  das heit gesellschaftlich organisierte Produktionsweise treten, wo
  einer fr alle und alle fr einen einstehen. Dazu hat die Kommune den
  ersten Schritt getan, und er war ein solcher, wobei die in Frage
  kommenden Arbeitgeber durchaus reinen Nachteil hatten, denn sie
  sollten den vollen Wert fr ihre Werksttten und Fabriken vergtet
  erhalten.

  Nach unserer Auffassung hat die Gesellschaft die Pflicht, sich so zu
  organisieren, da fr das Wohl aller ihrer Mitglieder gleichmig
  gesorgt ist, da jedes ihrer Mitglieder in immer hherem Grade an den
  Errungenschaften der Kultur und Zivilisation auf allen Gebieten des
  menschlichen Lebens teilnehmen kann. Die Gegner behaupten zwar, dem
  Fortschritt zu huldigen, aber sobald es sich um eine Besserstellung
  der Gesamtheit handelt, schreien die, die im Fette sitzen und die
  Macht in Hnden haben: Wir leben in der besten der Welten, es ist ein
  Verbrechen, wenn diese umgestaltet werden soll.

  Mit allen Mitteln verteidigen sie die Vorrechtsstellung, die sie inne
  haben, und dies geht so weit, da Mnner, die bei einem ganz
  untergeordneten Gesetz, das mit dem Sozialismus gar nichts zu tun hat,
  wie zum Beispiel das Hilfskassengesetz, sich herausnehmen zu sagen,
  da das Gesetz gegen die Arbeitgeber ein Unrecht sei, und wer dafr
  ist, sich den Vorwurf entgegenschleudern lassen mu--denn als Vorwurf
  betrachtet man es--, du bist Sozialist. Wir haben das erst heute im
  "Tageblatt" gelesen. Damit wird aufs deutlichste ausgesprochen: Wir
  sind nicht geneigt, den Unterdrckten auch nur die geringsten
  Konzessionen zu machen.

  Wenn berall, im kleinen wie im groen, in der Gesetzgebung wie im
  sozialen Leben dieser Klassengegensatz hervortritt, so versteht es
  sich von selbst, da Revolutionen entstehen, wie in Paris. Und es ist
  meine feste Ueberzeugung--wie ich dieses auch in der hier angezogenen
  Reichstagsrede ausgesprochen habe--, da, ehe wenig Jahrzehnte
  vergehen, alles was in Paris geschah, sich in ganz Europa wiederholt.
  An der Gesellschaft ist es, zur Einsicht zu kommen und sich zu
  bemhen, auf dem Wege der Gesetzgebung die vorhandenen
  Klassengegenstze auszugleichen.

  Was hat nun die Kommune weiter getan? Sie hat eine alte liberale
  Forderung, die seit Jahrzehnten im Programm der liberalen Partei
  gestanden, aber seitdem sie zur Herrschaft gelangt ist, in die
  Rumpelkammer geworfen wurde, verwirklicht. Die Kommune hat die
  Trennung der Kirche von Schule und Staat beschlossen und
  durchgefhrt, und sie hat weiter beschlossen, das Kircheneigentum zu
  konfiszieren.

  Mich wundert nur, da Herr Sparig dieses nicht erwhnt und eine
  Anklage auf Verletzung des Eigentums erhoben hat. Zum Vorwurf hat man
  es der Kommune vielfach gemacht. Da es Herr Sparig nicht erwhnte, so
  erwhne ich's, um ihn zu ergnzen. (Heiterkeit.)

  Schade nur, da das, was die Kommune getan, andere lngst vor ihr
  getan haben. Wenn in der Reformation, die 1517 begann, viele Frsten
  auf die Seite Luthers traten, so geschah das nicht aus idealem
  Interesse, sondern weil sie sich mit dem reichen Kircheneigentum ihre
  groen Taschen fllen konnten. (Heiterkeit, Beifall.)

  Und als in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vor 15 Jahren der
  groe Krieg zwischen dem Sden und dem Norden ausbrach und schlielich
  der Norden die Sklaverei abschaffte, so war das ein solcher Eingriff
  in das Eigentum der Sklavenhalter, wie man sich ihn rger nicht denken
  kann. Unsere Gegner finden, das, was ihnen ntzt, sei recht und
  billig; tut es aber das Volk zu seinen Gunsten, dann ist es Verbrechen
  und Diebstahl.

  Dieselbe Partei, welche gegen die Kommune wegen Antastung des
  Eigentums die Anklage erhebt, hat noch zu Anfang der 60er Jahre, als
  sie auf Oesterreich noch gut zu sprechen war, ihm den Rat gegeben, die
  Kirchengter zu konfiszieren, um seine kolossale Schuldenlast zu
  decken, und sie hat jubelnd Beifall geklatscht, als Italien in dieser
  Richtung vorging. Nun, die kirchlichen Korporationen haben ihr
  Eigentum auf Grund derselben Rechtstitel erworben, wie irgend ein
  Bourgeois sein Haus oder sein Grundstck. Wo bleibt da die Konsequenz?
  Nachdem die Kommune die Trennung der Kirche vom Staat und von der
  Schule ausgesprochen, dekretierte sie den obligatorischen und
  unentgeltlichen Unterricht, und nicht blo in bezug auf das Schulgeld,
  sondern auch in bezug auf die Lehrmittel. Arme und Reiche sollten
  gleiche Erziehung genieen, und dadurch, da der Staat fr alle in
  gleicher Weise eintrat, sollte vermieden werden, da der Neid und der
  Ha zwischen arm und reich schon in die jugendlichen Herzen gepflanzt
  werde. Zeigen Sie mir doch einen liberalen Staat, der auch nur
  entfernt etwas Aehnliches geleistet. (Beifall.)

  Herr Sparig hat sich weiter hmische Bemerkungen darber erlaubt, da
  die Kommune erklrt, ihre Politik und ihre Bestrebungen beruhten auf
  Wissenschaft. Die Kommune hat damit sagen wollen, da sie alle
  Errungenschaften der modernen Wissenschaft in bezug auf
  Nationalkonomie, in bezug auf Rechtspflege und Volkswohlfahrt
  berhaupt fr die Gesetzgebung mglichst allgemein ntzlich zu
  verwenden gedenke und sich nicht an bestimmte Theorien und Axiome
  binde. Sie hat sich damit allerdings auf den Standpunkt der modernen
  Wissenschaft gestellt, auf jenen Standpunkt, der nicht von bestimmten
  Voraussetzungen und vorgefaten Meinungen ausgeht, sondern an der Hand
  der Prfung und Erfahrung das Beste ausfindig zu machen sucht.

  Wenn die Kommune nur Stckwerk geleistet hat, so erklrt sich das aus
  der Lage und aus den Verhltnissen, in denen sie sich befand. Bedenken
  Sie, da die Kommune whrend ihrer ganzen Dauer nicht einen ruhigen
  Augenblick gehabt, da sie fortwhrend im Kriegszustand und Kampf sich
  befand--wie konnte es anders sein?

  Herr Sparig hat der Kommune einen besonderen Vorwurf daraus gemacht,
  da sie, die angeblich die vollste Prefreiheit gewollt habe, die
  Prefreiheit aufhob, indem sie gegnerische Journale unterdrckte. Auch
  diese Handlungsweise erklrt sich sehr leicht aus der Zwangslage, in
  welcher sich die Kommune befand. Von allen Seiten angegriffen, mitten
  im Kampfe und in der Revolution, gebot ihr die Not, neben dem vor den
  Toren stehenden Feind nicht auch noch den Feind in den eigenen Mauern
  zu dulden. Sie mute Journale unterdrcken, die Tag fr Tag die
  heftigsten Angriffe und Verleumdungen gegen sie schleuderten, die mit
  dem vor den Toren stehenden Feind in Verbindung standen und auf ihren
  Sturz hinarbeiteten.

  Als 1870 der Krieg ausbrach, wurde in Deutschland in allen Provinzen,
  die man fr gefhrdet hielt, der Kriegszustand proklamiert. Die
  oppositionellen Bltter wurden unterdrckt und alle Persnlichkeiten,
  von denen man glaubte, da sie dem Kriege feindlich seien, gefangen
  gesetzt. Wohlan, dasselbe Recht nehmen wir auch fr die Kommune in
  Anspruch.

  Auch findet es Herr Sparig absurd, da sich die Kommune ber die
  Wegnahme des Oktrois seitens des Herrn Thiers beschwerte, sie, die
  doch eine Feindin der indirekten Steuern htte sein wollen. Zu dieser
  Beschwerde hatte sie ein Recht. Das Oktroi gehrte der Stadt, und die
  Kommune war nicht in der Lage, mitten im Kampf ein neues Steuersystem
  einzufhren. Das Oktroi bildete die einzige regelmig flieende
  Steuerquelle, und sie mute diese benutzen, wenn sie die Verteidigung
  und die Verwaltung im Gang erhalten wollte.

  Da Herr Thiers der Kommune die Steuern wegnahm, mute sie zu Anleihen
  bei der Bank von Frankreich und bei Rothschild ihre Zuflucht nehmen,
  um ihre Bedrfnisse zu decken, und diese Anleihen wurden
  unbeanstandet, und zwar mit Zustimmung des Herrn Thiers, gewhrt. Eins
  aber ist bei der Finanzverwaltung der Kommune zutage getreten, was
  auch Herr Sparig nicht anzugreifen vermochte. Das ist die groe
  Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit der Kommune, der selbst aus
  gegnerischem Munde die grte Anerkennung gezollt worden ist.

  Mit vollem Recht konnte der Finanzminister der Kommune, Jourde, vor
  seinen Versailler Richtern sagen. "Ich habe rmer das
  Finanzministerium verlassen, als ich es betreten habe!" (Hrt!) Man
  zeige mir doch die monarchischen Finanzminister, die gleiches von sich
  sagen knnen! (Heiterkeit, Zustimmung.) Herr Thiers, der 1830 als
  armer Advokat und Schriftsteller unter Louis Philippe ins Ministerium
  trat, verlie es 1836 als Millionr.

  Der erste Schritt der Kommune war, die hohen Gehlter abzuschaffen,
  ihre Mitglieder sollten fr gute Arbeitslhne arbeiten. Der erste
  Beamte sollte nicht mehr als jhrlich 6000 Franken, das sind 4800
  Mark, erhalten. Der erste Brgermeister von Leipzig bekommt jhrlich
  15000 Mark. (Heiterkeit, hrt!) Der erste General der Kommune erhielt
  ebenfalls nur 6000 Franken, aber als Herr Thiers kaum Prsident
  geworden war, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als sich eine
  Zivilliste von 3 Millionen Franken auswerfen zu lassen. (Hrt!)

  Die Kommune hat ein Beispiel von Sparsamkeit gegeben, das allen
  Regierungen als Muster dienen knnte. Das hat sogar der
  Sozialistenfeind Herr Scherr anerkannt. Herr Sparig hat das freilich
  nicht erwhnt, drum erwhne ich's. (Heiterkeit.)

  Ich komme nun auf die Erschieung der Geiseln und die Brandstiftungen.
  Herr Sparig bemerkte in bezug auf letztere, er sei vierzehn Tage nach
  dem Fall der Kommune in Paris gewesen und habe die Verwstungen mit
  eigenen Augen gesehen. Er hat uns sogar von einem Privathaus erzhlt,
  das man habe anznden wollen und das nicht in der Verteidigungslinie
  gelegen. Er hat uns nun freilich nicht gesagt, da man das Haus
  wirklich angezndet hat. Und wie kann er, der whrend des Kampfes
  nicht dort war, berhaupt beurteilen, was zur Verteidigung ntig war
  oder nicht? Er beruft sich auf mndliche Versicherungen, die ihm
  geworden. Diese gelten in meinen Augen gar nichts. Die Verfolgungswut
  der Versailler und ihr bestialisches Wten war so gro, da nicht
  blo Wochen, sondern noch Monate und Jahre lang nach dem Fall der
  Kommune jeder verfolgt wurde, der ein Wort der Sympathie fr sie
  hatte. Die Furcht war so gro, da nicht nur niemand sie in Schutz zu
  nehmen wagte, sondern viele auf sie schimpften, um jeden Verdacht von
  sich abzulenken. Und dabei zeigte sich die Erbrmlichkeit der
  Bourgeoisie im vollsten Lichte. Binnen wenig Tagen nach dem Fall der
  Kommune sind bei den Versaillern nicht weniger als 370000
  Denunziationen eingereicht worden. Die Pariser Bourgeoisie hat sich
  damals gerade so nichtswrdig benommen, wie 1866 die Leipziger
  Bourgeoisie, die damals bei dem preuischen General so viele
  Denunziationen vorbrachte, da dieser voll Ekel erklrte, er wolle
  davon nichts mehr wissen.

  Und wenn Herr Sparig hier nun kommt mit einem angeblich von Ferr
  unterzeichneten Brandbriefe, der das Siegel des Kriegsministers trgt,
  das ebensogut der Kriegsminister des Herrn Thiers darauf gesetzt haben
  kann, so ist dies in meinen Augen ein Wisch, der verdient, da ich ihn
  zerreie. (Redner zerreit das Papier. Bravo. Unruhe.) Meine Herren,
  es sind eine Menge von Aktenstcken, betreffend die Brandstiftungen,
  die Erschieung von Geiseln, die angebliche Wegnahme von Eigentum usw.
  als Flschungen vor Gericht konstatiert worden.

  Ferr, der Inbrandlegung des Finanzministeriums auf Grund des hier
  vorgezeigten Aktenstcks angeklagt, hat die Echtheit desselben bis zum
  letzten Augenblick bestritten; er hat an gewissen Buchstaben
  nachzuweisen gesucht, da dasselbe geflscht sei; aber da der seitens
  der Versailler angestellte Handschriftenvergleicher die Echtheit
  behauptete, wurde Ferr verurteilt. Ebenso wurde Ferr der Erschieung
  der Geiseln angeklagt. Er selbst sagt aus, da er nicht den Befehl zu
  deren Erschieung, sondern zu deren _Freilassung_ gegeben habe. Damit
  stimmen auch andere Berichte, namentlich der eines englischen Arztes,
  berein, und ebenso ist festgestellt, da Geistliche, die als Geiseln
  verhaftet waren, spter vor Gericht zeugten, also nicht erschossen
  sein konnten. Wohl ist ein Teil der 60 Geiseln erschossen worden, aber
  es wird behauptet, erst in dem Moment, wo dieselben das Gefngnis
  verlieen und, von den Barrikadenmnnern zur Untersttzung der
  Verteidigung aufgefordert, sich dessen weigerten. Da habe man sie mit
  Flintenschssen verfolgt. Auch Raoul Rigault ist der Erschieung der
  Geiseln angeklagt worden. Nun, Raoul Rigault ist tot, er hat wie ein
  Mann gekmpft und ist mitten im Kampfe wie ein Mann gestorben; ihn
  kann man leicht anklagen, er ist tot und kann nicht antworten.

  Was haben die Geiseln fr einen Zweck? Die Deutschen haben 1870 in
  Frankreich viele Geiseln genommen, und zwar weil die Franktireurs oder
  sonstige Bewohner Frankreichs den Deutschen auf Weg und Steg Abbruch
  zu tun bestrebt waren, indem sie die Proviantkolonnen berfielen, die
  Eisenbahnen, Brcken und Straen zerstrten, einzelne Posten
  berfielen und niedermachten, kurz, schadeten, wo sie konnten. Die
  Franktireurs taten damit, was 1813 der preuische Landsturm gegenber
  den Franzosen tat, und zwar bin ich in der Lage, Ihnen die damaligen
  Landsturmverordnungen vorlesen zu knnen, die vorschrieben, dem Feinde
  zu schaden und ihn zu vernichten, wie und wo sich die Gelegenheit
  biete.

  Die Deutschen wollten diese Kriegfhrung nicht als kriegsrechtlich
  anerkennen und alle Offiziere bekamen den Befehl, wo Soldaten auf die
  bezeichnete Weise geschdigt wrden, Geiseln zu nehmen und diese ohne
  Gnade zu erschieen, wenn man die Schuldigen nicht ausfindig machen
  knne. Es sollten ferner von den Bewohnern der Dorfschaften
  Kontributionen erhoben, die Huser oder die Drfer, aus denen Schsse
  auf die Gruppen gefallen, ohne Rcksicht auf Schuldige oder
  Unschuldige niedergebrannt werden. Diese Befehle sind oft vollzogen
  worden. Hunderte und aber Hunderte sind so ums Leben gekommen, Huser
  und ganze Ortschaften wurden angezndet, ich habe darber in der
  liberalen Presse keinen Tadel, sondern nur Billigung gefunden.

  Die Kommune befand sich den Versaillern gegenber in einer hnlichen
  Lage, und mindestens ebenso im Recht, wie die Deutschen gegenber der
  irregulren Kriegfhrung der Franktireurs. Die Versailler haben
  whrend des wochenlangen Kampfes gegen Paris die ihnen in die Hnde
  fallenden Gefangenen wider alles Kriegsrecht niedergemetzelt. Auf
  solche Weise sind die Kommune-Generale Duval und Flourens und viele
  andere Offiziere ums Leben gekommen. Ja, die Versailler haben sich
  nicht entbldet, auf die Verbandpltze zu schieen und die gefangenen
  Krankenpflegerinnen, nachdem sie dieselben geschndet, zu fsilieren.
  Das konnten nur Bestien tun, wie sie Herrn Thiers durch die Hilfe der
  Deutschen in den gefangenen Soldaten zur Verfgung gestellt wurden.

  Auf diese Schandtaten hin beschlo die Kommune, Geiseln zu nehmen und
  fr jeden Nationalgardisten, der niedergemacht wrde, drei Geiseln zu
  erschieen. Aber es blieb bei dem Beschlu, und als die Geiseln zum
  Teil schlielich erschossen wurden, da bestand, wie Herr Sparig selber
  zugegeben hat, die Kommune nicht mehr, sie kann also dafr auch nicht
  verantwortlich sein.

  Als nun die Versailler durch die Untersttzung der Deutschen, die
  ihnen den Weg dazu frei gaben, in Paris eindrangen--was ihnen ohne
  diese Hilfe kaum gelungen wre--, da begannen sie in den Straen der
  Stadt ein Gemetzel und ein Blutbad, wie es in der Geschichte fast
  unerhrt ist. Alles, was den Versaillern in die Hnde fiel, Mnner,
  Weiber und Kinder, wurde niedergemacht, die Gefangenen wurden zu
  Hunderten, wie auf dem Kirchhof Pre Lachaise, in Reihen aufgestellt,
  mit Mitrailleusen niederschmettert und die noch zuckenden Leichname,
  mit Kalk und Petroleum begossen, in die Gruben geworfen.

  Wie die Versailler gewtet, beweist die Tatsache, da keine
  Verwundeten vorhanden waren. So kamen in wenig Tagen nach
  bereinstimmenden Aussagen 15-20000 Menschen ums Leben.

  In einer solchen Lage gab es fr die Kommune kein Mittel, als sich auf
  jede mgliche Art ihrer Haut zu wehren; da man durchaus berechtigte
  Handlungen der Besiegten als Schandtaten hinstellt, daran sind wir
  gewhnt. Lesen Sie einmal das Buch Rckels ber seine Gefangenschaft
  in Waldheim, worin er auch den Dresdener Maiaufstand von 1849
  schildert, dort werden Sie finden, da man den Maikmpfern genau
  dieselben Verleumdungen seitens der Reaktion nachsagte, die man heute
  der Kommune nachsagt, nur war die Mairevolution in Dresden eine
  _brgerliche_ Revolution. Und lesen Sie weiter die Geschichte des
  Wiener Oktoberaufstands von 1848, nach dessen Niederwerfung Robert
  Blum erschossen wurde; die Proklamation, die damals Frst
  Windischgrtz ber die Zustnde in Wien in die Welt sandte, sie
  gleicht auf ein Haar jener, welche die Versailler ber die Zustnde in
  Paris whrend der Kommune der Welt vekndeten.

  Ich habe hier aus Blums Feder einen Aufsatz, worin er sich in der
  entschiedensten Weise ber jene Proklamation des Windischgrtz
  ausspricht und entrstet ausruft. "Was mu die Welt ber Wien denken,
  von dem sie nichts erfahren kann, wenn man uns, die wir die Dinge
  kennen, solches zu sagen wagt!"

  Hierbei will ich aber auch erwhnen, wie Blum zu jener Zeit die
  Revolution auffate und wie er in einer Rede in der Aula erklrte:
  "Bleiben wir nicht auf halbem Wege stehen, fhren wir den Kampf gegen
  unsere Gegner bis zu Ende und ohne Erbarmen." Und heute noch wird das
  Andenken Robert Blums von den Liberalen gefeiert, und mit Recht.

  Ganz wie damals in Wien Brgertum und Reaktion, so standen sich in
  Paris die Kommune und die Versailler gegenber. Die Kommune mute bis
  zum letzten Atemzuge kmpfen, und sie hat heldenmtig gekmpft. Das
  knnen ihre grimmigsten Gegner nicht bestreiten. Und wie man 1848 und
  49 unsere besten Mnner in Wien, Rastatt und Mannheim standrechtlich
  erschossen hat, so fielen auch die Mnner der Kommune, die meisten mit
  dem Rufe: "Es lebe die Republik! Es lebe die Kommune!"

  Jetzt komme ich zu den Brandlegungen.

  Die Versailler haben den Kampf gegen Paris viele Wochen lang gefhrt
  und sie haben nicht mit Zuckererbsen geschossen; da es dabei
  Verwstungen absetzt, ist selbstverstndlich. Aber whrend der letzten
  8 Tage, als sie mit Hilfe der Deutschen den Montmartre mit 50 schweren
  Geschtzen besetzen konnten, haben sie mit glhenden Kugeln und selbst
  mit Petroleumbomben auf die Huser geschossen und, wie nicht anders zu
  erwarten, viele davon in Brand gesteckt. So sind die meisten Brnde
  durch die Versailler entstanden, die sie der Kommune in die Schuhe
  schieben. Als nun der Kampf in den Straen entbrannte und seitens der
  Versailler mit wilder Grausamkeit gefhrt wurde, war die Kommune
  gentigt, einzelne Gebude zu Verteidigungszwecken anzuznden, um die
  Versailler fr eine Weile zurckzuhalten. Ist denn diese
  Handlungsweise so ungerecht und unerhrt, da man sie als
  Mordbrennerei bezeichnen darf? Die Deutschen haben bei der Belagerung
  von Straburg 500 bis 600 Huser demoliert, nur um die Stadt zur
  Uebergabe zu zwingen, obgleich sie mit der Zivilbevlkerung keinen
  Krieg fhrten. Als die Festung Soissons bergeben wurde, bettigten
  die verschiedensten Berichterstatter, da fast kein Haus in der Stadt
  unversehrt sei, da ganze Straen vernichtet, fast alle Dcher
  zerschossen, aber die Wlle der Festung intakt seien. Man bescho die
  Privathuser und verwundete und ttete die Bevlkerung, damit diese in
  ihrer Not die Offiziere zur Uebergabe zwang. Ich habe nicht gelesen,
  da die liberale Presse diese Art der Kriegfhrung mibilligt htte.
  Und wie die Deutschen gegen die Festungen, so handelte Thiers gegen
  Paris, und da will man es der Kommune als Verbrechen anrechnen, wenn
  sie sich, so gut es ging, wehrte! Bei dem Aufstand 1849 in Dresden
  verlangte Herr von Beust von den zu Hilfe gerufenen Preuen, sie
  sollten die Stadt in Brand schieen, und das wre geschehen, wenn
  nicht der kommandierende Graf von Waldersee erklrte, er hoffe auch
  ohne das mit den Insurgenten fertig zu werden. Allerdings hat man es
  aber dann an anderen Barbareien nicht fehlen lassen. So hat man zum
  Beispiel eine Anzahl Gefangene von der groen Elbbrcke in das Wasser
  gestrzt, und wenn sie versuchten, sich an dem Gelnder festzuhalten,
  hackte man ihnen mit Sbeln die Finger ab. Aehnliche und schlimmere
  Grausamkeiten begingen die Versailler Ordnungsbanditen wochenlang in
  Paris.

  Der grte Teil der Brnde entstand also durch die Beschieung von
  Paris seitens der Versailler, wie das auch ein Augenzeuge, der eben in
  jener Zeit in Paris war und sich schon seit 20 Jahren dort aufhielt,
  der italienische Abgeordnete Patrucelli della Gattinea, in der
  "Gazetta d'Italia" ffentlich erklrt hat. Derselbe schrieb, man msse
  annehmen, da von zehn in Brand geratenen Husern sicher neun durch
  die Versailler Bomben in Brand geschossen worden seien. Die
  Brandstiftungen der Kommune seien zu Verteidigungszwecken geschehen.
  Da nun die Zahl der angezndeten und niedergebrannten Huser sich auf
  zirka zweihundert belief, so trfe hiernach die Kommune ein
  verhltnismig geringer Teil.

  Meine Herren, die Zeit, die mir gewhrt ist, ist bereits weit
  vorgeschritten, ich habe nur noch wenige Minuten, ich werde aber die
  Belege fr das von mir Angefhrte entweder in der Duplik oder in einer
  zweiten Versammlung, die abzuhalten ntig sein wird, beibringen. Ich
  kann alles, was ich gesagt, durch gegnerische Aussagen als wahr
  beweisen....

Ich kam dann nochmals auf die Erschieung der Geiseln, die angeblich
Ferr veranlat habe, zu sprechen und fuhr fort:

  Die Kommune hat gehandelt, wie sie nach Lage der Dinge handeln mute,
  und wer ihr Verfahren nicht billigt, wird es wenigstens erklrlich
  finden und entschuldigen.

  Mit der Anklage gegen Ferr schlo Herr Sparig, ich mu jetzt
  ebenfalls schlieen. Sicher steht fest, da die Kommune nichts getan
  hat--und ich hoffe, noch Gelegenheit zu haben, dies weiter zu
  beweisen--, dessen sie sich zu schmen brauchte, und da sie an
  Gewalttaten nichts begangen hat, was nicht in Europa die monarchischen
  Regierungen in hnlichen Momenten hundert- und tausendmal rger getan
  haben. (Strmischer, lang anhaltender Beifall.)

  Vorsitzender _Motteler:_ Meine Herren, wir mssen die Sache kurz
  machen; soeben hat mir der Herr Polizeidirektor mitgeteilt, da er nur
  bis 12 Uhr die Versammlung tagen lassen knne.

Nachdem dann Sparig kurz, aber vllig belanglos geantwortet, nahm ich
nochmals das Wort:

  Meine Herren, Herr Sparig hat auf meine Rede nicht geantwortet, er hat
  sich auch nicht bereit erklrt, eine zweite Versammlung abzuhalten,
  obgleich wir bei der vorgeschrittenen Zeit heute nicht fertig werden
  knnen. Ich bin nun gentigt, auf einige der letzten Bemerkungen des
  Herrn Sparig kurz einzugehen. Herr Sparig hat seinen eigenen Mut
  gepriesen, da er uns entgegen getreten ist. Ob ein groer Mut
  dazugehrt, einer Partei entgegenzutreten, von der man behauptet, da
  sie nur aus einem Huflein phantastischer Kpfe besteht, will ich
  dahingestellt sein lassen.

  Herr Sparig hat dann die Hoffnung ausgesprochen, da die heutige
  Versammlung zu einer lebhafteren Beteiligung bei den Wahlen beitragen
  werde; das hoffen auch wir. (Heiterkeit.) Wir werden dabei keinen
  Schaden haben. (Zustimmung.) Bisher hat jeder Wahlkampf gezeigt, da
  wir einige hundert Stimmen mehr erhielten als vorher, und ich hoffe,
  die heutige Versammlung hat dazu beigetragen, da dies bei der
  nchsten Reichstagswahl erst recht der Fall sein wird. (Heiterkeit,
  Bravo!)

  Herr Sparig hat sich auch fr verpflichtet erachtet, im Namen der
  Nachkommen Blums dagegen zu protestieren, da ich denselben in
  Verbindung mit der Kommune gebracht. Ich wei nicht, woher Herr Sparig
  die Vollmacht hat, gegen etwas zu protestieren, was nicht geschehen
  ist. (Heiterkeit.) Ich wei so gut wie irgend jemand, da Robert Blum
  kein Sozialist war, aber er war ein guter Demokrat und ein echter
  Republikaner, und das ist mehr, als Herr Sparig ist. (Beifall. Herr
  Sparig verneigt sich. Strmische Heiterkeit.) Ich habe nur erklrt,
  da die Kommune sich in einer hnlichen Lage befand, wie 1848 in den
  Oktobertagen Wien. Und da Robert Blum, der damals in Wien war, sich
  mit einer Entschiedenheit fr die Fortsetzung der Revolution
  ausgesprochen, wie das seitens der Kommune nicht entschiedener
  geschehen konnte. Und da ich vorhin auf eine Rede von Robert Blum aus
  jenen Tagen Bezug nahm, so will ich hier bemerken, da dieselbe sich
  in einem Buche befindet, das ein Herr Artur Frey zu Ehren Blums
  herausgegeben hat und in welchem er sich bemht, Robert Blum als
  Mensch, Schriftsteller und Politiker darzustellen. Die betreffende
  Stelle der Rede lautet:

  "Keine halbe Revolution! Fortschreiten, wenn auch blutiges, auf der
  eingeschlagenen Bahn, vor allem--keine Schonung gegen die Anhnger des
  alten Systems, die Ruhe aus selbstschtigen Absichten begehren; gegen
  diese werde ein Vernichtungskrieg gefhrt."

  Kann der entschiedenste Sozialist sich entschiedener ausdrcken, als
  es hier von Robert Blum gegen die Gegner der Revolution geschah?
  (Beifall.)

  Und nun hren Sie auch eine Stelle aus der Proklamation, welche
  Windischgrtz an die Wiener erlie:

  "Die Stadt ist befleckt worden durch Greueltaten, welche die Brust
  jedes Ehrenmannes mit Entsetzen erfllen! ... Wien befindet sich in
  der Gewalt einer kleinen, aber verwegenen, vor keiner Schandtat
  zurckschaudernden Faktion; Leben und Eigentum sind einer Handvoll
  Verbrecher preisgegeben!"

Stimmt das nicht bis aufs Wort mit den Erklrungen berein, die Herr
Thiers ber Paris und die Kommune erlie? (Zustimmung)

Herr Sparig hat weiter gesagt: solange die Sozialdemokratie der
Phantasie des Internationalismus huldige, knne sie seitens seiner
Partei keine Beachtung finden. Auf das letztere verzichten wir.
(Heiterkeit.) Aber ist denn die Idee der Internationalitt wirklich
etwas Phantastisches? Aus der Familie wurde der Stamm, aus mehreren
Stmmmen der Staat und die Nation, und schlielich entwickelt sich aus
der engen Verbindung der Nationen die Internationalitt. Das ist der
historische Verlauf. Und indem der Sozialismus sich auf den Standpunkt
der allgemeinen Menschenliebe und Brderlichkeit stellt, indem er dafr
kmpft, da die nationalen Kriege und Verhetzungen aufhren, da die
Nationen in friedlicher Arbeit und Kulturfrderung zusammengehen,
vertritt die Sozialdemokratie die hchste Kulturidee, die berhaupt
denkbar ist. (Beifall.)

Indem man nun unsere Partei, weil sie den engherzigen nationalen
Standpunkt bekmpft, weil sie gegen die Rassenkmpfe Front macht und die
Idee der Vlkerverbrderung vertritt, beschimpft, verleumdet und
verfolgt, geschieht ihr nur, was zu allen Zeiten den Vorankmpfenden
geschah. Meine Herren! Gehen Sie beispielsweise heute noch in ein gut
katholisches Land und hren Sie einmal, mit welcher Unkenntnis ber
Luther geurteilt wird! So ist es allen Parteien in der Welt gegangen,
die den Fortschritt vertraten, und so erging es auch der liberalen.
Heute, wo die liberale Partei am Ruder ist und die Herrschaft hat,
betrachtet sie ihre Welt fr die beste der Welten, und wir, die wir dies
nicht anerkennen wollen, wir werden von ihr heute behandelt, wie sie
selbst von der feudalen Partei vor kaum zwanzig Jahren behandelt wurde.
Ganz natrlich das!

Wir lassen uns durch solche Anschuldigungen nicht beirren, wir wissen,
da unsere Zeit kommt, da die Verhltnisse uns in die Hnde arbeiten,
da mit der Zunahme des Klassengegensatzes, mit dem Verschwinden der
Mittelschicht, des Kleinbrgertums, das in die Reihen der Lohnarbeiter
geschleudert wird, die Sozialdemokratie immer strker wird, bis sie
endlich die Macht in Hnden hat. (Lebhafter Beifall.)

Herr Sparig hat sich gefreut, da bei der letzten Landtagswahl in
Chemnitz kein Sozialdemokrat in den Landtag gekommen ist. Die Freude
drfte ihm bald zu Wasser werden. (Heiterkeit.) Es ist aber bezeichnend
fr ihn, da er damit sein Wohlgefallen an einem Wahlgesetz kundgibt,
das nur durch seine reaktionren Bestimmungen eine Volkswahl verhindert.
(Beifall.) Indes der Sozialdemokrat wird doch in den Landtag kommen,
wenn auch dieses Jahr nicht, so im nchsten Jahre gewi (Bravo,
Heiterkeit), und htte der Chemnitzer Stadtrat die Wahlliste ebenso
gefhrt, wie er die Steuerliste fhrt--zwei Dinge, die bekanntlich auch
in Leipzig nicht harmonieren--, so wre er schon drinnen. (Groe
Heiterkeit und Beifall.)

Endlich hat Herr Sparig, indem er sich an die hier anwesenden Vertreter
der konservativen Presse wandte, gemeint, die konservative Presse werde
jetzt wohl einsehen, da die Nationalliberalen mit der Sozialdemokratie
nichts zu schaffen haben. Das hat sicherlich noch kein Mensch wirklich
geglaubt, und die, welche es geschrieben haben, am allerwenigsten.
(Heiterkeit.)

Tatsache ist, da der Streit zwischen Konservativen und
Nationalliberalen nur als ein Streit wie zwischen zwei unzufriedenen
Eheleuten betrachtet werden kann. Mischt sich ein dritter hinein, so
sind sie einig. (Heiterkeit.) ... Vor einigen Wochen stand im "Leipziger
Tageblatt" ein Artikel, in dem allen Gegnern der Sozialdemokratie
zugerufen wurde: "Bilden wir allesamt eine einzige groe
Ordnungspartei." Nun, wir gratulieren Ihnen dazu, Sie werden's ntig
haben. (Heiterkeit.) Wir haben es auch krzlich in Chemnitz gesehen.
Anfangs lagen sich dort Konservative und Nationalliberale in den Haaren
und beide Parteien wollten einen Kandidaten aufstellen, weil keine der
anderen das Feld gnnte, doch als es hie, ein Sozialist wrde
aufgestellt, da hrte der Streit auf, da hie es. "Alle gegen Bebel."
(Groe Heiterkeit und Beifall.)

Mit meinen Ausfhrungen schlo die glnzend verlaufene Versammlung.




Neue Verfolgungen.


Anfang Januar 1876 hielten die schsischen Parteigenossen eine sehr gut
besuchte Landesversammlung in Chemnitz ab, in der man sich bereits mit
der Aufstellung der Kandidaten fr die nchste Reichstagswahl
beschftigte, die man Januar 1877 erwartete. Die Stimmung war trotz
aller Verfolgungen vorzglich. Mit Beginn des Jahres hatten die Berliner
Genossen in der "Berliner freien Presse" sich ein Lokalblatt geschaffen,
das sich allmhlich eine bei Freund und Feind angesehene Stellung
eroberte. Jetzt wurden auch die ersten Zeichen einer Wandlung der
gesamten Politik des Reiches bemerkbar. Mit der Entlassung des
Prsidenten des Reichskanzleramtes Delbrck, die Ende April erfolgte,
wurde die offizielle Schwenkung nach der schutzzllnerischen Seite
eingeleitet. Der preuische Handelsminister v. Camphausen, der noch kurz
zuvor im Reichstag die Lohnherabsetzungen durch die Unternehmer als
Mittel, aus der Krise herauszukommen, gerechtfertigt hatte und dafr von
Eugen Richter das Lob erntete: Alle Hochachtung vor einem Minister, der
es wagt, so unpopulre Wahrheiten auszusprechen, folgte ihm spter in
die Wste nach. Unterdessen nahmen die Verfolgungen gegen die
Parteigenossen ununterbrochen ihren Fortgang, ganz besonders wegen
Beleidigungen des Reichskanzlers. Bismarck hatte die Gewohnheit
angenommen, da er seine Strafantrge _en masse_ hektographieren lie
und denjenigen Staatsanwlten zur Anklageerhebung zusandte, die ihm
einen Beleidiger namhaft gemacht hatten.

Diese Strafantrge wurden von ihm unausgesetzt bis zum Ende seines
Amtes--Februar 1890--gestellt. Dieselben gingen in die Tausende, und die
Verurteilten halfen die Gefngnisse bevlkern. Von Charaktergre legte
dieses Verfahren kein Zeugnis ab, es wurde selbst von vielen seiner
Verehrer mibilligt.

Getreu den Intentionen Bismarcks setzte ferner Tessendorf seine
Verfolgungen der Arbeiterorganisationen fort. Hatte er bei seiner
Anklage gegen die Leiter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wegen
Vergehens gegen das preuische Vereinsgesetz Mrz 1875 den Antrag auf
dessen Unterdrckung mit den Worten begrndet: "Zerstren wir die
sozialistische Organisation, und es existiert keine sozialistische
Partei mehr", Worte, die sein ganzes Unverstndnis der Bewegung
bewiesen, so sah er sich jetzt zu weiteren hnlichen Maregeln
veranlat. Die Unterdrckung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
war durch die Grndung der Sozialistischen Arbeiterpartei in Gotha
wettgemacht worden. Diese sollte jetzt an die Reihe kommen. Es gelang
ihm auch, bei der Ratskammer des Berliner Stadtgerichtes einen Beschlu
zu erlangen, wonach sowohl die Berliner Mitgliedschaft der Partei wie
die Partei selbst fr ganz Preuen fr vorlufig geschlossen erklrt
wurden. Der Parteivorstand antwortete auf diesen Beschlu mit einer
Ansprache an die Parteigenossen, sie sollten unbekmmert um denselben in
die Agitation fr die nchsten Reichstagswahlen eintreten. Die Partei
solle zeigen, da sie sich durch Beschlsse, wie jenen der Ratskammer
des Berliner Stadtgerichtes, nicht einschchtern lasse. Es sei nunmehr
erst recht notwendig, da jeder einzelne Genosse seine volle
Schuldigkeit fr die Partei tue. Dem Trumpf Tessendorfs "Vernichtung der
Sozialdemokratie" msse durch den Gegentrumpf "Es lebe die
Sozialdemokratie" geantwortet werden. Nunmehr wurden berall in Preuen
an Stelle der aufgelsten Parteiorganisation lokale Organisationen ins
Leben gerufen, die allerdings jeden Schein einer Verbindung mit der fr
das brige Deutschland fortbestehenden Zentralorganisation vermeiden
muten. Das Vorgehen Tessendorfs erwies sich buchstblich als ein Schlag
ins Wasser, denn fr die Anwerbung von Parteigenossen, die Verbreitung
der Parteipresse und die Sammlung von Geldmitteln leisteten diese
Lokalorganisationen mindestens so viel wie die aufgelste
Zentralorganisation.

Freilich war unter diesen Verhltnissen ein Parteikongre im frheren
Sinne nicht mehr mglich. Da wir aber einen solchen nicht entbehren
wollten und konnten, traten Reichstagsfraktion und Parteivorstand
zusammen, um zu beraten, was geschehen solle. Man einigte sich sehr
rasch auf den von mir gemachten Vorschlag, da die Reichstagsfraktion
einen allgemeinen Sozialistenkongre einberufen solle, und zwar fr die
Tage vom 20. bis 23. August nach Gotha, wozu die Delegierten in
ffentlichen Versammlungen gewhlt werden sollten. Um andererseits den
preuischen Parteigenossen die Leistung von Parteibeitrgen in
unanfechtbarer Form zu ermglichen, wurde beschlossen, monatlich ein
ungefhr handgroes Blttchen unter dem Titel "Der Whler"
herauszugeben, das zum Preise von 20 Pfennig sich eines guten Absatzes
erfreute.

Tessendorfs Verfolgungseifer begngte sich aber nicht mit der Auflsung
der Parteiorganisation in Preuen. Er ging alsbald auch gegen eine
Anzahl Zentralverbnde der Gewerkschaften vor, um diesen als
"politischen Organisationen" das Schicksal der Partei zu bereiten. Das
gelang ihm auch bei vier derselben. Die aufgelsten Zentralleitungen
siedelten nunmehr nach Hamburg ber, dessen Vereinsgesetz ein
Verbindungsverbot fr politische Vereine nicht kannte.

       *       *       *       *       *

Am 28. Juni war Most endlich nach 26 Monaten Haft aus Pltzensee
entlassen worden. An demselben Tage kndigte Bracke ffentlich das
Erscheinen einer von Most verfaten Broschre an, betitelt: "Die
Bastille am Pltzensee", in der er seine Erlebnisse erzhlte und die Art
und Weise schilderte, wie er und andere hinter dem Rcken der Beamten
sich allerlei Vorteile beschafft und die Beamten hinter das Licht
gefhrt hatten. Diese Verffentlichung war eine Unklugheit. Kaum war die
Schrift erschienen, so verlangte der Minister des Innern von dem nichts
ahnenden Direktor des Gefngnisses Pltzensee Auskunft ber die
geschilderten Vorgnge. Das Resultat war, da mehrere Beamte bestraft
und entlassen wurden und von jetzt ab eine weit strengere Handhabung der
Gefngnisordnung Platz griff. Auch wurden von jetzt ab--mit mir machte
man, als ich ebenfalls in Pltzensee Quartier beziehen mute, worber
weiter unten mehr, noch eine Ausnahme--die meisten politischen
Gefangenen im sogenannten Maskenflgel interniert. Als Most im Jahre
1878 abermals auf sechs Monate in Pltzensee seinen Einzug halten mute,
vergalt man ihm seine Indiskretionen. Er wurde jetzt in strenge
Isolierhaft genommen, und so oft er die Zelle verlie, mute er, wie
die anderen Insassen des Zellenhauses, eine schwarze Maske vorlegen,
damit ihn niemand erkenne.

Entsprechend den um jene Zeit einen immer aggressiveren Charakter
annehmenden Verfolgungen der Partei wurden auch die verhngten Strafen
bemessen. Wo man vordem Wochen oder wenige Monate verhngte, erhielt
jetzt der Verurteilte eine drei- und vierfach hhere Strafe zuerkannt.
Urteile, die zwlf, fnfzehn, achtzehn und mehr Monate diktierten,
wurden Regel. Einzelne Parteibltter, wie der "Vorwrts" und die
"Berliner Freie Presse", hatten stndig mehrere Redakteure in Haft. So
erhielt zum Beispiel Saeweke-Chemnitz wegen Majesttsbeleidigung und was
man als Gotteslsterung ansah zwei Jahre Gefngnis; vom Augsburger
Schwurgericht wurden wegen verschiedener Prevergehen R. Franz zu drei,
E. Rottmanner und E. Kber zu je zwei Jahren Gefngnis verurteilt, eine
Verurteilung, die in der ganzen Partei einen Sturm der Entrstung
hervorrief. In anderen Prozessen wurde Thomas-Augsburg zu zwei Jahren,
Loof-Chemnitz zu einem Jahre vier Monaten verurteilt. Vahlteich erhielt
im folgenden Jahre wegen verschiedener Prevergehen achtzehn Monate
Gefngnis, und zu der gleichen Strafe wurde im nchstfolgenden Jahre
G.v.Vollmar, der Redakteur der "Dresdener Volkszeitung" war, verurteilt.
Diese Verurteilungen erregten schlielich in der Partei kaum noch
Aufsehen; wer Redakteur oder Agitator war, mute mit dem Gefngnis als
einem unumgnglichen Attribut seiner Stellung rechnen. Mit Vollmar war
ich infolge seiner Stellung als Redakteur der "Dresdener Volkszeitung"
in lebhafteren brieflichen Verkehr gekommen. Die verschiedenen
Prevergehen, in die er verwickelt war, legten ihm die Frage nahe, ob
bei einer Verurteilung ihm die Pension, die er als schwer verwundeter
Teilnehmer im Deutsch-Franzsischen Kriege bezog, nicht entzogen werden
knne, und er ersuchte mich darber um meine Meinung. Darauf antwortete
ich ihm unter dem 17. Juni 1877 unter anderem:

  "...Bezglich Ihrer Pensionsangelegenheit habe ich mit Freytag noch
  nicht sprechen knnen, glaube auch kaum, da er Ihnen mehr als ich
  wird sagen knnen.

  Ich habe mir die Reichstagsverhandlungen angesehen.  32 des
  Gesetzes, die Pensionierung und Versorgung der Militrpersonen,
  bestimmt unter b), da durch rechtskrftige gerichtliche Verurteilung
  der Pensionsverlust herbeigefhrt werden knne, und bestimmt dann
  weiter:

  Die Pensionserhhungen knnen jedoch durch gerichtliches Erkenntnis
  nicht entzogen werden.

  Aus den Verhandlungen ergibt sich nun mit keinem Wort, in welchem
  Falle ein solches Aberkenntnis eintreten drfe. Es wurde bei der
  Beratung darauf aufmerksam gemacht, da im Reichsstrafgesetzbuch, das
  ja auch fr Bayern gilt, alle Bestimmungen gestrichen wurden, wonach
  die Pension aberkannt werden knne. Im Gegensatz hierzu besteht aber
  das alte preuische Militrstrafgesetzbuch aus dem Jahre 1845, das
  solche Bestimmungen enthlt. Da dieses aber meines Wissens fr Bayern
  nicht gilt, so fragt es sich, welche bezglichen Bestimmungen das
  bayerische Militrstrafgesetz enthlt, diese kommen alsdann in
  Betracht und dieses Gesetz werden Sie sich wohl leicht verschaffen
  knnen.

  Ich empfehle Ihnen uerste Vorsicht in der Schreibweise, ich frchte,
  man lt Sie tchtig hereinfallen. Da aber die Verurteilung auf keinen
  Fall den Verlust der Ehrenrechte nach sich ziehen kann, so fragt es
  sich, ob diese Entziehung nicht eine Bedingung fr die Aberkennung der
  Pension ist, in welchem Falle Sie gedeckt wren. Da gegen Sie als
  einen "Apostaten" die herrschende Gewalt eine besondere Animositt
  besitzt, ist sicher..."

Groe Genugtuung rief es hervor, als um jene Zeit in der Partei bekannt
wurde, da der oberste Gerichtshof im Herzogtum Braunschweig den General
Vogel v. Falckenstein wegen der Ltzener Affre verurteilt habe, an die
Herbst 1870 von ihm gefangen gesetzten Genossen Entschdigung zu zahlen,
und zwar an Bracke 2100 Mark, an Gralle 108 Mark, an Bonhorst 105 Mark,
an Ehlers als selbstndigen Gewerbetreibenden pro Tag 7,50 Mark, an Khn
als Arbeiter pro Tag 3 Mark.




Der Parteikongre in Gotha 1876.


Fr den Parteikongre in Gotha--19. bis 23. August--hatten wir als
Tagesordnung festgesetzt:

  "1. Die Ttigkeit der sozialistischen Abgeordneten; 2. Gang und Stand
  der sozialistischen Organisation in Deutschland; 3. die
  bevorstehenden Reichstagswahlen; 4. Feststellung der sozialistischen
  Kandidaturen; 5. die sozialistische Organisation in Deutschland; 6.
  die Parteipresse."

Die offizise "Norddeutsche Allgemeine Zeitung" lrmte gewaltig ber
diese Veranstaltung und drohte, man werde festzustellen suchen, ob
dieser Kongre nicht eine Gesetzesumgehung mit Hinblick auf die
erfolgten Schlieungen und Auflsungen sei. Indes an diese Drohungen
kehrten wir uns nicht. Wir muten zeigen, da wir uns nicht
einschchtern lieen und entschlossen waren, jedes Mittel zu benutzen,
das die Umstnde uns zu ergreifen ermglichten, um die gegen uns
gerichteten Schlge zu parieren.

_Geib_ und _Hasenclever_ fhrten auf dem Kongre wieder den Vorsitz.
Anwesend waren 98 Delegierte, die aus 291 Orten 38254 Mandanten zu
vertreten hatten. Liebknecht und ich konnten aus privaten Grnden erst
am zweiten Tage der Verhandlungen erscheinen. Aus dem von _Auer_
vorgetragenen Bericht ging hervor, da die Einnahmen der Parteileitung
vom 8. Juni 1875 bis 19. August 1876 sich auf 53973 Mark beliefen, denen
eine Ausgabe von 54432 Mark gegenberstand. Es war also ein kleines
Defizit vorhanden, das durch den Ueberschu des "Whler" in Hhe von
4330 Mark gedeckt wurde. Die Partei besa zu jener Zeit 23 politische
Organe und das neu gegrndete Unterhaltungsblatt "Die Neue Welt". Von
den Organen erschienen acht sechsmal, acht drei-, vier zwei- und drei
einmal wchentlich. Zum erstenmal liefen auf einem deutschen
Parteikongre eine Reihe Zuschriften von sozialistischen Organisationen
des Auslandes ein, in denen die Partei wegen ihrer tapferen Haltung
beglckwnscht wurde. Ich war in der Lage, die Gre einer
internationalen Konferenz in Bern zu berbringen, der ich gelegentlich
einer Geschftsreise in der Schweiz beigewohnt hatte. Zum Zeichen
brderlicher internationaler Solidaritt wurde beschlossen, fr die in
groer Not befindlichen Kommunards in geeigneter Weise Geld
aufzubringen. Karl Hirsch erschien als Delegierter Pariser Arbeiter auf
dem Kongre. Ueber die Ttigkeit der Fraktion im Reichstag berichtete
_Hasenclever_. Ich ergriff die Gelegenheit, um unsere Stimmenthaltung
in der Ditenfrage zu rechtfertigen, die mehrfach angegriffen worden
war. _Molkenbuhr_, der namens der Gegner unserer Abstimmung das Wort
ergriff, behauptete, die Abstimmung habe uns in der Agitation geschadet,
diese Taktik habe bei den Parteigenossen befremdend gewirkt. Die
Fraktion msse stets klare Stellung nehmen fr oder gegen eine Vorlage
und geschlossen stimmen. Nach lngerer Debatte brachten A. Kapell und
Dreesbach einen Antrag ein, wonach unsere Abstimmung in der Ditenfrage
als unpraktisch erklrt werden sollte. Dieser Antrag wurde abgelehnt.
Dagegen wurde ein Antrag Lwenstein angenommen, der vorschlug, ber die
Frage zur Tagesordnung berzugehen, denn es sei selbstverstndlich, da
die sozialistischen Abgeordneten fr Ditenzahlung seien und in
vorliegendem Falle mit der Stimmenthaltung nur der Schwindel htte
konstatiert werden sollen, dessen sich ein Teil der liberalen
Abgeordneten schuldig machte.

Die weiteren Verhandlungen zeigten, da noch starke persnliche und
sachliche Gegenstze in der neu geeinten Partei vorhanden waren, die
jetzt zum Ausbruch kamen. So rief Frohme dadurch eine heftige Diskussion
hervor, da er die Anschuldigung erhob, verschiedene Parteibltter und
ebenso Liebknecht und ich htten von Sonnemann-Frankfurt
Gelduntersttzungen bezogen. Es wurde festgestellt, da kein Blatt
genannt werden konnte, das von Sonnemann Gelduntersttzung erhalten
hatte, das gleiche galt von Liebknecht. Ich teilte mit, da Sonnemann,
der whrend meiner Haft sich wiederholt bereit erklrt habe, mir mit
einem Darlehen zu helfen, falls ich solches fr die Rehabilitierung
meines Geschfts nach meiner Haftentlassung bedrfe, mir ein solches in
Hhe von 600 Taler gewhrt habe, das ich mit 5 Prozent verzinste und in
Raten zurckzahlte. Das sei um so unbedenklicher, da ich seit 1865 mit
Sonnemann befreundet und die ganze Angelegenheit eine rein private sei.
Sonnemann selbst hatte durch eine Indiskretion gegen einen Frankfurter
Genossen den Fall in weitere Kreise getragen. Das Endresultat der
Debatte war, da ein Antrag von Bracke--der zum erstenmal seit Jahren
wieder einen Kongre besuchte--mit allen gegen sieben Stimmen angenommen
wurde, der das gegen mich beliebte Vorgehen tadelte. Ich nahm
Veranlassung, noch im Laufe des Jahres das Darlehen an Sonnemann
zurckzuzahlen.

Eine weitere Debatte, die zeitweilig ebenfalls einen heftigen Charakter
annahm, wurde durch die Frage herbeigefhrt, ob fernerweit zwei
offizielle Organe ("Der Neue Sozialdemokrat" in Berlin und "Der
Volksstaat" in Leipzig) bestehen sollten oder eines und welches dazu
ernannt werden sollte. Schlielich wurden 49 Stimmen fr Leipzig und 38
Stimmen fr Berlin abgegeben, 6 Delegierte enthielten sich der
Abstimmung. Darauf wurde weiter beschlossen, das Zentralorgan solle vom
1. Oktober ab unter dem Namen "Vorwrts" erscheinen, und zwar dreimal
wchentlich. Lebhafte Errterung rief alsdann die Wahl der beiden
Redakteure hervor. _Hasselmann_, der der Vereinigung nie grn war,
erklrte, unter keinen Umstnden nach Leipzig berzusiedeln und
verzichtete auf eine Redakteurstelle. Auf Vorschlag _Geibs_ erklrte
sich _Hasenclever_ bereit, neben _Liebknecht_ die Redaktion zu
bernehmen. Des weiteren kam man berein, nachdem die Partei in Preuen
aufgelst war, an Stelle des Parteivorstandes in Hamburg ein
Zentralkomitee zu setzen, in das _Auer, Brasch, Derossi, Geib_ und
_Hartmann_ eintraten. Auf meinen Antrag wurde das Gehalt des Sekretrs
auf 150 Mark, des Kassiers auf 105 Mark und der beiden Beisitzer auf je
45 Mark monatlich festgesetzt.

Im weiteren beschftigte sich zum erstenmal ein Parteikongre mit der
Stellungnahme zu wirtschaftlichen Tagesfragen. Die industrielle Krise,
die mit dem Jahre 1874 einsetzte und sich mit jedem Jahre mehr
verschrfte, hatte einen vollstndigen Umschwung in den Kreisen der
Industriellen ber die Frage: Schutzzoll oder Freihandel? herbeigefhrt
und schlielich auch in den landwirtschaftlichen Kreisen, die seit
Jahrzehnten die Hauptsttzen des Freihandelssystems bildeten, Anhang
gefunden. In erster Linie waren es die Eisenindustriellen, die ber die
beschlossene Aufhebung der Eisenzlle, die vom 1. Januar 1877 ab
eintreten sollte, schon Jahre zuvor in Aufregung gerieten und dagegen
kmpften. Ihnen schlossen sich andere Industrielle, namentlich die
Baumwollindustriellen an. Und da durch die jetzt sich immer bemerkbarer
machende amerikanische Getreidekonkurrenz auch die Getreidepreise nicht
die erwnschte Hhe behielten, sondern sanken, schwenkten die
ostelbischen Getreideproduzenten, die ihren Absatz nach dem Ausland
unter der amerikanischen Konkurrenz immer mehr einbten und diese
Konkurrenz selbst im eigenen Lande versprten, ins schutzzllnerische
Lager ab. Diese Umwandlung in den Anschauungen weiter Kreise ber
Freihandel und Schutzzoll mute notwendig auch in den Parteikreisen
Beachtung finden. So erklrten sich im Laufe der Jahre namentlich
_Auer_, _Fritzsche_ und _Max Kayser_ fr eine mehr oder weniger
ausgeprgte Schutzzollpolitik. Der Kongre konnte also nicht umhin, zu
der vernderten Strmung Stellung zu nehmen; er tat dies allerdings in
einer Weise, die unbefriedigend war und eine gewisse Unklarheit verriet.
Auf Antrag von Bracke, Frick, Fritzsche, Grillenberger, Hasselmann,
Liebknecht und Most nahm der Kongre ohne jede Debatte eine Resolution
an, in der es hie: Die Sozialisten Deutschlands stehen dem innerhalb
der besitzenden Klassen ausgebrochenen Kampfe zwischen Schutzzoll und
Freihandel _fremd gegenber_; die Frage, ob Schutzzoll oder nicht, ist
nur eine praktische Frage, die in jedem einzelnen Falle entschieden
werden mu; die Not der arbeitenden Klassen wurzelt in den allgemeinen
wirtschaftlichen Zustnden, doch sind die bestehenden Handelsvertrge
seitens der Reichsregierung ungnstig fr die deutsche Industrie
abgeschlossen und erheischen eine Aenderung. Die Parteipresse wurde
aufgefordert, die Arbeiter davor zu warnen, fr die unter dem Verlangen
nach Schutzzoll eine Staatshilfe erstrebende Bourgeoisie die Kastanien
aus dem Feuer zu holen. Und da zu jener Zeit auch die Frage aufgetaucht
war, ob Privat- oder Staatseisenbahnen, und Bismarck die Monopolisierung
der Bahnen durch das Reich erstrebte, nahmen die beantragten
Resolutionen auch zu dieser Frage Stellung. Der Kongre sprach sich fr
die Verstaatlichung der Eisenbahnen aus, aber _gegen_ das
Reichseisenbahnprojekt, weil dieses letztere bestimmt sei, die
Interessen des Klassen- und Militrstaats zu frdern, und die Einnahmen
zu unproduktiven Zwecken verwendet werden sollten, wodurch das Reich
ein neues Gewicht im volksfeindlichen Sinne erlangte und den
Brsenjobbern groe Summen vom Volkseigentum zugespielt wrden.

Ueber den Verlauf des Kongresses schrieb der weiche und gemtvolle
_Bracke_, der die mancherlei Unbill, die man ihm nach seinem Austritt
aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein von jener Seite hatte
angetan, noch nicht vergessen konnte, in einem Briefe vom 31. August an
Friedrich Engels:

  "Die Verhandlungen waren famos, die Angelegenheit Frohme-Sonnemann,
  dann die Abstimmung ber die Diten, dann die Frage, ob das
  Zentralorgan nach Berlin oder Leipzig kommen solle, das waren die drei
  Hauptpositionen; die Lassalleaner hatten ernstlich geglaubt, die
  Bewegung in ihre Hnde zu bekommen, jedenfalls waren sie ihres Sieges
  in der Organisation sicher. Und dazu hatten sie allen Grund. Auf einer
  in Berlin stattgehabten Konferenz hatte _Ramm_-Leipzig (der Leiter der
  Leipziger Parteibuchdruckerei. A.B.) der Verlegung nach Berlin
  zugestimmt, und _Geib_, der sich allein sah, machte dann keine
  Opposition mehr. _Bebel_ aber und ich, sowie _Auer_ erklrten die
  Verlegung fr ganz unmglich, wir fanden auch viele Zustimmung und
  erweckten _Liebknecht_ und _Geib_ und andere zu neuem Leben. Die
  Schlacht wurde dann auch glorreich geschlagen. Nachdem in der
  Angelegenheit Sonnemann und in der bezglich der Diten der Sieg auf
  unserer Seite gewesen, setzten die Lassalleaner, denen nun doch das
  wirtschaftliche Interesse des Berliner Unternehmens zu Hilfe kam,
  alles daran. Die Erregung auf beiden Seiten war gro; es wurde eine
  regelmige parlamentarische Schlacht geschlagen. Zuerst waren 42
  Redner eingezeichnet, voran auer Bebel lauter Berliner. Wir brachten
  durch passende Antrge diese Liste zu Fall, kamen, da die Gegner das
  nicht erwartet, dann unsererseits zuerst auf die Liste und konnten nun
  gromtig sein, wobei uns schlielich Richter-Wandsbeck noch einen
  groen Dienst leistete. Die Erregung war auerordentlich, jedes Mittel
  wurde von beiden Seiten benutzt. Die Gegner aber lieen sich von ihrer
  Erregung hinreien, polterten hitzig hervor, um die fnfminutige
  Redezeit auszunutzen, whrend wir ruhig blieben und durchweg langsam
  und gemessen sprachen. Das Resultat ist Ihnen begannt. Liebknecht und
  Bebel waren famos.

  Da Hasenclever sich schlielich von Geib breitschlagen lie, ans
  Zentralblatt nach Leipzig zu gehen, vollendete den Sieg, da man sonst
  mit Frick-Bremen gesagt habe wrde: Das neue Blatt ist nur das Organ
  der Herren Bebel und Liebknecht. Damit ist die Einheit besiegelt...."

_Hasselmann_ gab zum 1. Oktober 1876 seine Stellung an der "Berliner
Freien Presse" auf und zog sich nach Barmen-Elberfeld zurck, woselbst
er die Redaktion der "Bergischen Volksstimme" bernahm und ein neues
Organ, "Die rote Fahne", das angeblich nur als Flugblatt erscheinen
sollte, ins Leben rief. Es zeigte sich aber bald, da _Hasselmann_ mit
der Grndung dieses Blattes separatistische Ziele verfolgte, was ihn in
eine schiefe Stellung zur Partei und zum Zentralwahlkomitee brachte und
auf dem nchstjhrigen Parteikongre wieder zu unerquicklichen Debatten
fhrte.




Der Wahlkampf 1876 bis 1877


Mit einem Aufruf, datiert vom 12. Oktober 1876, erffnete das
Zentralwahlkomitee den Wahlkampf. Auf seinen und vieler Genossen Wunsch
hatte ich wiederum eine Broschre, betitelt: "Die parlamentarische
Ttigkeit des deutschen Reichstags und der Landtage von 1874 bis 1876",
verfat. Die Schrift erschien diesmal unter meinem Namen in der
Genossenschaftsbuchdruckerei zu Berlin, also unter den Augen
Tessendorfs, der diesen Umstand, wie ich bald genug zu meinem Schaden
erfuhr, gebhrend ausntzte.

Am 30. Oktober trat der Reichstag zu seiner letzten Session zusammen.
Diese konnte aber nur kurz sein, und da Gesetzentwrfe von besonderem
Interesse fr uns nicht vorlagen, befaten wir uns mit den
parlamentarischen Verhandlungen nur wenig, aber um so mehr mit der
Wahlagitation, die mich in jenen Wochen von Leipzig nach Kln, von dort
nach Knigsberg i.Pr. und von hier nach Breslau usw. fhrte. In
Knigsberg mute ich an zwei Abenden in berfllten Versammlungen
sprechen, weil die Diskussion, die mein Vortrag hervorgerufen hatte,
erst am zweiten Abend zu Ende gefhrt werden konnte. In der ersten
Versammlung war auch Johann Jacoby anwesend, den man zum
Ehrenvorsitzenden der Versammlung ernannt hatte. Ich lernte erst jetzt
Jacoby persnlich kennen. Der kaum mittelgroe Mann, der offensichtlich
in seinem ganzen Wesen zurckhaltender Natur war und nur durch die
Verhltnisse gezwungen sich zu einem demonstrativen Eingreifen in die
ffentlichen Angelegenheiten herbeilie, machte auf mich einen ungemein
gnstigen Eindruck. Ich hatte ihn vor der ersten Versammlung in seiner
Wohnung besucht, wobei er mich in seinem sehr gerumigen Arbeitszimmer
empfing, dessen Regale und Schrnke bis an die Decke mit Bchern
vollgepfropft waren. Ich beneidete ihn um diesen ideal ausgestatteten
Raum, der in seiner behaglichen Einrichtung zum Arbeiten geradezu
einlud. Jacoby starb im nchsten Frhjahr infolge einer Steinoperation;
im Oktober des vorhergehenden Jahres war ihm Franz Ziegler im Tode
vorausgegangen.

       *       *       *       *       *

Nach Leipzig zurckgekehrt, lie ich eine Volksversammlung einberufen
mit der Tagesordnung: "Die Stellung der Frau im heutigen Staat und zum
Sozialismus." Obgleich wir den grten Saal Leipzigs zur Verfgung
hatten, fate er nicht die Masse der herbeistrmenden Zuhrer, von denen
viele wieder wegen Mangel an Raum umkehren muten. Die Frauen waren sehr
zahlreich vertreten. Ich setzte ihnen unter anderem auseinander, welch
lebhaftes Interesse auch sie an den bevorstehenden Reichstagswahlen
nehmen mten; da sie aber vorlufig kein Wahlrecht besen, sei es ihre
Aufgabe, agitatorisch in den Wahlkampf einzugreifen und ihre Mnner und
wahlberechtigten mnnlichen Verwandten fr die Beteiligung an der Wahl
anzutreiben, und zwar zugunsten der Sozialdemokratie, die fr ihre volle
politische und soziale Gleichberechtigung eintrete. Die Versammlung
verlief nach Wunsch; es war die erste Versammlung, in der die Frauen zur
politischen Beteiligung bei einer Wahl aufgefordert wurden.

Von Leipzig eilte ich nach Dresden zur Agitation, woselbst ich als
Kandidat der Partei aufgestellt worden war. Die organisierten Genossen
im 17. schsischen Wahlkreis Glauchau-Meerane, in dem ich ebenfalls
wieder kandidierte, hatten bereits im voraus erklrt, sollte ich auch in
einem zweiten Wahlkreis gewhlt werden, so seien sie zu einer Neuwahl
an meiner Stelle bereit, denn da sie im 17. Wahlkreis wieder siegen
wrden, sah alle Welt als selbstverstndlich an. Und so geschah es.

In Dresden erhielt ich zunchst die relative Mehrheit unter den
aufgestellten drei Kandidaten. Ich kam mit dem Kandidaten der Liberalen,
Professor Maihoff, in engere Wahl und siegte ber diesen mit 10837 gegen
9920 Stimmen. Als mir am Tage nach der Wahl die Depesche, die meinen
Sieg meldete, zuging--ich hatte gebeten, am Wahltagabend mir das
Wahlresultat nicht zu telegraphieren--, fragte ich meine Frau, ob wir
noch eine Flasche Wein im Keller htten, und als sie dies bejahte,
uerte ich: Gut, dann wollen wir sie heute mittag auf das Wohl meiner
Dresdener Whler trinken. Darauf meinte mein Tchterchen, das dieser
Unterhaltung beigewohnt hatte: Papa, wird Herr Professor Maihoff heute
mittag auch eine Flasche Wein trinken? Ich gab lachend zur Antwort: Das
wte ich nicht, ich kennte nicht den Geschmack des Herrn Professors. An
meine Stelle im 17. Wahlkreis wurde nunmehr Wilhelm Bracke gewhlt.

Der Ausfall der Wahlen war fr uns ein sehr gnstiger. _Hasselmann_ war
zwar in Barmen-Elberfeld mit 14245 gegen 14485 Stimmen unterlegen, aber
der benachbarte Solinger Kreis schickte _Rittinghausen_ mit 10636 gegen
7453 Stimmen in den Reichstag, und beinahe wre auch _Grillenberger_ in
Nrnberg gewhlt worden, der mit 12089 gegen 12625 Stimmen seinem Gegner
unterlag. Die Partei war bei 24 Stichwahlen beteiligt. Gewhlt wurden 12
Abgeordnete: Auer, Blos, Bracke, der Hofbaurat Demmler-Schwerin im 13.
schsischen Wahlkreis Leipzig-Land, Fritzsche, Hasenclever, A. Kapell,
Liebknecht, Most, Motteler, Rittinghausen und ich.

Wie der alte Demmler uns gelegentlich erzhlte, hatte er die
Gepflogenheit, wenn er auf lngere Zeit Schwerin verlie, sich bei dem
Groherzog von Mecklenburg, als dessen ehemaliger Hofbaumeister er das
prachtvolle Schweriner Schlo gebaut hatte, zu verabschieden. So auch
dieses Mal, als er die Reise nach Berlin zum Reichstag antrat. Bei
dieser Gelegenheit hatte der Groherzog geuert: "Ich wnsche Ihnen
glckliche Reise, aber lieber Demmler--und dabei erhob er lchelnd
drohend den Finger--, machen Sie es in Berlin nur nicht zu arg." Hier
sei bemerkt: Demmler hatte den Schweriner Schlobau ohne Meister allein
durch Vertrag mit den Arbeitern gebaut und war mit dem erzielten
Resultat sehr zufrieden.

Am 2. Februar schrieb ich an den Parteigenossen Schlter in Dresden, der
Expedient unseres dortigen Parteiorgans war, da ich dem Wahlkommissar
die Annahme der Dresdener Wahl mitgeteilt htte, und bemerkte dazu:

  "Es amsiert mich, da es gerade neunzehn Jahre waren, seitdem ich als
  Handwerksbursche in die Fremde ging, natrlich ohne eine Ahnung, da
  ich neunzehn Jahre spter auf denselben Tag an einen Wahlkommissar
  meine Erklrung fr die Annahme des Reichstagsmandats fr die
  schsische Residenz abschicken wrde. Der alte Napoleon uerte
  einmal, jeder Soldat hat den Marschallstab im Tornister, heute knnte
  man sagen: jeder Handwerksbursche trgt ein Reichstagsmandat im
  Berliner. Es geht vorwrts. Unsere Freunde, die Feinde, sollen leben."

Und die letzteren machten zu dem Wahlausfall bse Gesichter, denn weit
mehr als die paar gewonnenen Mandate lag ihnen das starke Wachstum der
gewonnenen Stimmen in den Gliedern. Die Stimmenzahl der Partei war von
351670 im Jahre 1874 auf 493447 gestiegen, die wir jetzt im Januar 1877
auf unsere Kandidaten vereinigten. Das war ein Mehr von 141777 Stimmen
gleich 36 Prozent. In Sachsen hatten wir die relative Mehrheit der
Stimmen erhalten, 124600 von 318740.

Das System Tessendorf, das allmhlich ber die Grenzen Preuens hinaus
in den meisten Mittel- und Kleinstaaten Schule gemacht hatte, war also,
wie der Wahlausfall zeigte, elend zusammengebrochen. Und wenn nunmehr
auch das Wten gegen die sozialdemokratische Presse und die
sozialdemokratischen Organisationen von neuem losging und gegen die
Vertreter der Partei Urteile gefllt wurden eins drakonischer als das
andere, auch das half nicht. Es half auch nichts, als Bismarck, vom
Glck begnstigt, endlich erhielt, wonach er lange gelechzt, ein
schneidiges Ausnahmegesetz gegen die ihm verhate und doch so
gefrchtete Partei.




Der Reichstag 1877.


In der am 22. Februar erffneten Reichstagssession spielten die sozialen
Fragen eine hervorragende Rolle. Das stndige Steigen der
sozialdemokratischen Stimmen hatte namentlich das Zentrum beunruhigt,
das jetzt zum ersten Male unter der Firma des Grafen Galen und Genossen
einen Gesetzentwurf einbrachte, der ganz dem sozialpolitischen Eiertanz
entsprach, dem von jetzt ab das Zentrum in immer strkerem Mae
huldigte. _Bisher hatte sich das Zentrum den sozialen Fragen gegenber
durchaus zurckhaltend benommen._ Der Gesetzentwurf sollte sowohl den
Kleingewerbetreibenden wie den Arbeitern eine Verbesserung ihrer Lage
bringen. Fritzsche und ich hatten diesem gegenber einen Gesetzentwurf
ausgearbeitet, der eine Aenderung wichtiger Bestimmungen in den Titeln
1, 2, 7, 9 und 10 der Gewerbeordnung zugunsten der Arbeiter verlangte,
dem die Fraktion ihre Zustimmung erteilte. Der Gesetzentwurf forderte
eine Regelung der Gefngnisarbeit, wonach diese auf Arbeiten fr den
Staat beschrnkt werden sollte. Weiter wurde gefordert: Verbot der
industriellen Sonntagsarbeit; wo ein solches Verbot unmglich sei,
sollte dem Arbeitspersonal ein freier Tag in der Woche gewhrt werden
mssen; ein Normalarbeitstag von neun Stunden; fr Arbeiterinnen,
Arbeiter unter achtzehn Jahren und Lehrlinge ein solcher von acht
Stunden; Verbot der Nachtarbeit; wo solches durch die Natur des Betriebs
unmglich sei, solle ein achtstndiger Schichtwechsel eingefhrt werden.
Die Schonzeit der Schwangeren und der Wchnerinnen sollte entsprechend
verlngert werden. Fr jede Arbeitssttte sollte eine Arbeitsordnung
eingefhrt werden, deren Bestimmungen zwischen Unternehmern und
Arbeitern zu vereinbaren seien. Ferner wurde gefordert: die Aufhebung
der Arbeitsbcher auch fr die Bergarbeiter; die Ausfllung von
Zeugnissen sollte nur auf Verlangen des Arbeiters erfolgen knnen;
Festsetzung gleicher Kndigungsfristen fr beide Teile, Truckverbot,
strengere Schutzmaregeln fr Arbeiterinnen und Lehrlinge; die
Einfhrung von Gewerbekammern und Gewerbegerichten; eine
Reichsarbeitsinspektion sollte unter Leitung und Kontrolle des
Reichsgesundheitsamts eingefhrt werden. Endlich verlangten wir
Sicherung und Erweiterung des Koalitionsrechts.

Die Debatte ber die gleichzeitig zur Beratung gestellten Gesetzentwrfe
des Zentrums und unserer Partei leitete von seiten der Fraktion
Fritzsche ein. Die Debatte wuchs sich zu einer Sozialistendebatte aus,
die mir Gelegenheit gab, die erhobenen Vorwrfe mit aller Schrfe
zurckzuweisen und die von den Zentrumsrednern vertretene sogenannte
christliche Weltanschauung gebhrend zu kritisieren. Meine Rede machte
groen Eindruck. Der Leipziger Buchdruckergehilfenverein lie mir in
einem besonderen Abdruck ein Exemplar derselben in einem feinen Einband
berreichen.

Ein praktisches Resultat hatte die Beratung der Antrge nicht.

In der Sitzung vom 24. April erklrte der Reichstag Hasenclevers Wahl im
sechsten Berliner Wahlkreis, die mit dreiig Stimmen Mehrheit erfolgt
war, fr ungltig, weil seltsamerweise eine Whlerliste aus Versehen in
einem Wahlbezirk verheftet gewesen sei, so da eine Anzahl Whler nicht
htten whlen knnen. Die Fortschrittspartei hoffte bei einer Nachwahl
den sechsten Wahlkreis wieder erobern zu knnen; sie tuschte sich. Wir
warfen uns mit aller Energie in die Wahlagitation, und so siegte jetzt
Hasenclever mit einem Mehr von ber tausend Stimmen.

Bei einer Verhandlung ber die Eisenzollfrage hielt Bracke eine gute
Rede ber Schutzzoll und Freihandel, als es aber zur Abstimmung kam,
stimmte die Fraktion geteilt, eine Minoritt stimmte fr den Zoll.

Der Versuch, eine andere Fassung des  46 der Geschftsordnung
herbeizufhren, um der fortdauernden Willkr bei der Stellung von
Schluantrgen ein Ende zu machen, milang. Der Antrag kam nicht mehr
zur Verhandlung. Dagegen genehmigte der Reichstag den Antrag auf
Einstellung _eines Strafverfahrens_ gegen mich. Tessendorf hatte bei dem
Berliner Stadtgericht wegen meiner Reichstagsbroschre die Erhebung der
Anklage gegen mich beantragt, und zwar wegen mehrfacher Beleidigung des
Reichskanzlers und Verletzung des  131 des Strafgesetzbuches. Dieser
Paragraph lautet: "Wer erdichtete oder entstellte Tatsachen, wissend,
da sie erdichtet oder entstellt sind, ffentlich behauptet oder
verbreitet, um dadurch Staatseinrichtungen oder Anordnungen der
Obrigkeit verchtlich zu machen, wird mit Geldstrafe bis zu 600 Mark
oder mit Gefngnis bis zu zwei Jahren bestraft." Bei einer Haussuchung,
die auf Antrag Tessendorfs am 12. Januar in der Expedition der "Berliner
freien Presse" vorgenommen wurde, waren nur noch 12 Exemplare meiner
Schrift gefunden worden, die beschlagnahmt wurden.




Der Kongre in Gotha 1877.


Wie schon im vorhergehenden Jahre, so berief auch fr das Jahr 1877 die
Reichstagsfraktion einen allgemeinen deutschen Sozialistenkongre fr
den 27. bis 30. Mai nach Gotha. Auf der Tagesordnung stand: 1. Bericht
der Reichstagsabgeordneten ber ihre Ttigkeit; 2. Bericht ber Gang und
Stand der sozialistischen Bewegung in Deutschland; 3. Die sozialistische
Organisation in Deutschland; 4. Die Parteipresse; 5. Das Parteiprogramm.

Aus dem wieder von Auer erstatteten Bericht ging hervor, da die Partei
in 175 Wahlkreisen von 397 eigene Kandidaten aufgestellt hatte. Die Zahl
der Parteibltter war auf 41 gestiegen. Es bestanden weiter vierzehn
Parteidruckereien. Die Parteieinnahmen ergaben 54217 Mark, die Ausgaben
betrugen 50635 Mark.

Den Bericht ber die Ttigkeit der Fraktion erstattete an Stelle von
Liebknecht, der wegen Krankheit in der Familie noch nicht eingetroffen
war, Fritzsche. Ich traf wegen geschftlicher Behinderung mit Liebknecht
erst am 28. Mai in Gotha ein.

Ueber die Organisationsfrage berichtete Tlcke, der im Namen der
gewhlten Organisationskommission beantragte, folgender Resolution die
Zustimmung zu geben:

  "Mit Rcksicht auf die von preuischen Behrden mit unerhrter
  Dreistigkeit frmlich proklamierte vllige Rechtlosigkeit
  sozialistischer Vereine in Preuen nimmt der Kongre von der
  Herstellung einer Organisation der Partei Abstand, auf welche die in
  Deutschland, besonders in Preuen bestehenden Vereinsgesetze
  angewendet werden knnen; der Kongre berlt es den Parteigenossen
  in den einzelnen Orten, sich je nach den rtlichen Verhltnissen und
  Bedrfnissen zu organisieren."

Diese Resolution wurde ohne Diskussion einstimmig angenommen.
Hervorgehoben zu werden verdient, da damals fast die gesamte liberale
Presse, die fortschrittliche nicht ausgenommen, den Scherereien,
Plackereien und Gewaltttigkeiten der Behrden gegen die sozialistischen
Organisationen mit stoischem Gleichmut zusah und selten ein Wort der
Kritik hren lie. Darin sahen natrlich die Behrden nur eine
Ermutigung ihres ungesetzlichen und gewaltttigen Vorgehens.

Eine unerquickliche Debatte rief wieder das Verhalten _Hasselmanns_
hervor. Hasselmann hatte das von ihm mit Zustimmung des
Zentralwahlkomitees Januar 1877 herausgegebene Blatt unter dem Titel
"Die Rote Fahne" nur als Flugblatt fr die Untersttzung der Wahlen
erscheinen lassen wollen. Dagegen war nichts einzuwenden. Er hatte aber
dasselbe frmlich hinter dem Rcken des Zentralwahlkomitees als
regelrecht erscheinendes Wochenblatt behrdlich angemeldet, und nun
benutzten seine Anhnger dasselbe berall, um den "Vorwrts" zu
verdrngen. Es konnte kein Zweifel bestehen, da _Hasselmann_ auf
Spaltung der Partei hinarbeitete. Das kam auch in der Debatte durch die
Mehrzahl der Redner zum Ausdruck. Schlielich wurde ein Antrag von mir
gegen fnf Stimmen angenommen, dahin lautend: Der Kongre ersucht den
Genossen Hasselmann, die "Rote Fahne" eingehen zu lassen, sobald die
"Bergisch-Mrkische Volksstimme"--deren Redakteur er war--sich deckt.
Aber er mute bereits Anfang Oktober das Eingehen der "Roten Fahne"
ankndigen. Das Blatt deckte nicht seine Kosten, und so war ihm seine
Fortfhrung unmglich.

Nicht minder unerquicklich wie die Debatte ber Hasselmann war die
Debatte, die Most ber Friedrich Engels' Artikelserie im "Vorwrts" ber
Professor Dhring hervorrief. Dhring war es gelungen, fast die gesamten
Fhrer der Berliner Bewegung fr seine Theorien einzunehmen. Auch ich
war der Ansicht, da jede schriftstellerische Leistung, die, wie die
Dhringschen Arbeiten, dem bestehenden Sozialzustand scharf zu Leibe
ging und sich fr den Kommunismus erklrte, aus agitatorischen Grnden
untersttzt und fr uns ausgenutzt werden msse. Von diesem Standpunkt
aus hatte ich schon 1874 von der Festung aus zwei Artikel unter der
Ueberschrift "Ein neuer Kommunist" im "Volksstaat" verffentlicht, in
denen ich Dhrings Arbeiten besprach. Die betreffenden Bcher hatte mir
Eduard Bernstein zugesandt, der damals mit Most, Fritzsche und anderen
zu Dhrings begeisterten Anhngern gehrte. Da Dhring bald darauf
wegen seiner Lehren mit den Staats- und Universittsbehrden in Konflikt
kam, ein Konflikt, der im Juni 1877 zu seiner Maregelung an der
Berliner Universitt fhrte, erhhte noch sein Ansehen in den Augen
seiner Anhnger. Das alles veranlate Most, auf dem Kongre eine
Resolution einzubringen, lautend:

  "Der Kongre erklrt, Artikel, wie beispielsweise die in den letzten
  Monaten von Engels gegen Dhring verffentlichten Kritiken, die fr
  die weitaus grte Mehrheit der Leser des 'Vorwrts' vllig ohne
  Interesse oder gar hchst anstoerregend sind, haben knftighin aus
  dem Zentralorgan fernzubleiben."

Das Ansehen Dhrings erlitt allerdings nicht lange nachher in den Augen
seiner sozialistischen Anhnger grndlich Schiffbruch. Das Benehmen des
Mannes wurde so autokratisch und an Grenwahn grenzend, da sich einer
nach dem anderen von ihm zurckzog.

Auf demselben Kongre wurde von Vollmar--der damals zum erstenmal auf
einem Parteikongre erschien--der Antrag gestellt und angenommen:

  "Um der Solidaritt der Sozialisten aller Lnder Ausdruck zu geben,
  beschliet der Kongre, den diesjhrigen internationalen
  Sozialistenkongre zu Gent durch einen Delegierten zu beschicken. Das
  Zentral-Wahlkomitee bestimmt den Delegierten."

Grillenberger untersttzte den Antrag, dagegen mahnte Liebknecht
zur Vorsicht im Hinblick auf die in Belgien vorhandene
bakunistisch-anarchistische Strmung, die versuchen werde, den Kongre
zu beherrschen.

Ob der Kongre zustande kam, ist mir nicht erinnerlich, jedenfalls
wurde er von uns nicht beschickt; der Partei erwuchsen mittlerweile im
Innern ernstere und kostspieligere Aufgaben.




Landtagswahl in Sachsen.--"Die Zukunft."


Im September 1877 gelang es uns in einem der Landtagswahlkreise
Leipzig-Land--36. lndlicher Wahlkreis--, Liebknecht zum Abgeordneten zu
whlen. Die Parteigenossen hatten zunchst mir die Kandidatur angeboten,
ich lehnte aber ab, da ich unmglich meinem Associ und meinem Geschft
zumuten konnte, neben dem Reichstagsmandat auch ein Landtagsmandat zu
bernehmen. Bei der Prfung der Wahl durch den Wahlkommissar stellte
sich heraus, da Liebknecht noch nicht drei Jahre schsischer
Staatsangehriger war und somit zum Abgeordneten nicht gewhlt werden
konnte. Die Wahl wurde fr ungltig erklrt. Darauf stellten die
Parteigenossen des Wahlkreises den Parteigenossen Rechtsanwalt Otto
Freytag in Leipzig auf, der auch gewhlt wurde.--

Den 1. September trat Vahlteich seine achtzehnmonatige Haft in Zwickau
an, dem im nchsten Jahre Vollmar folgte. Am 1. Oktober erschien in
Berlin eine Monatschrift unter dem Titel "Die Zukunft", zu deren
Erscheinen _Karl Hchberg_, der Sohn eines Frankfurter Bankiers, die
Mittel hergab. Hchberg hatte sich, ich mchte sagen aus
gefhlsphilosophischen Beweggrnden der Bewegung angeschlossen; sein
Privatsekretr wurde Eduard Bernstein, der infolgedessen seine Stellung
in einem Berliner Bankgeschft aufgab. Die unklare Stellung, die die
Zeitschrift sowohl in Anbetracht der Anschauungen ihres Grnders und des
Kreises ihrer Mitarbeiter, in dem alle Richtungen in der Bewegung
vertreten waren, zum wissenschaftlichen Sozialismus, wie ihn Marx und
Engels begrndet hatten, einnahm, hatten von vornherein das Mitrauen
der beiden Alten in London geweckt, ein Mitrauen, das um so lebhafter
wurde, als der Gang der Ereignisse und die finanzielle Not, in die dabei
die Partei geriet, die finanzielle Opferwilligkeit Hchbergs nach
vermiedenen Richtungen in hohem Grade in Anspruch nahm. Marx und
Engels, die die Dinge nur aus der Ferne sahen, Personen und Verhltnisse
nicht nher kannten, sahen in dieser Opferwilligkeit Hchbergs schlaue
Berechnung, einen kaltbltig ausgeheckten Plan, die Partei auf Abwege zu
bringen, sie ihrer Aufgabe zu entfremden.

Das war eine durchaus irrige Auffassung. Hchberg hat nie den Versuch
gemacht, seine finanziellen Mittel im Sinne der befrchteten
Bestrebungen anzuwenden oder die Untersttzung derselben zur Bedingung
seiner Hilfsleistungen zu machen. Er gab aus gutem Herzen und aus
Interesse fr die Sache, und nie, ohne mich oder andere Freunde, Geib,
Liebknecht usw., zu Rate zu ziehen. Aber der Versuch, das Mitrauen
gegen Hchberg bei den Londonern zu beseitigen, gelang erst, als ich
mich entschlo, mit Bernstein nachmals den in der Partei berhmt
gewordenen "Kanossagang" im Sptherbst 1880 anzutreten, um Marx und
Engels klaren Wein einzuschenken. Darber im nchsten Bande.

Ich selbst schrieb mehrere Artikel fr die "Zukunft", so einen ber das
Proportionalwahlrecht, eine Frage, die damals in der Partei noch wenig
errtert worden war. Die fr mich selbstverstndliche Art, wie dieses
Wahlsystem ausgefhrt werden msse und tatschlich auch nachher in der
Praxis angewendet wurde, fand anfangs bei dem Hauptvertreter dieses
Wahlsystems in der Schweiz, unserem altbewhrten Genossen Karl Brkli,
einigen Widerspruch. Aber als ich mich im Herbst 1901 nach einem
Mittagessen bei Professor Dodel in Zrich von ihm verabschiedete,
uerte Brkli: Bebel, wir werden uns nicht mehr wiedersehen--er ging
ins 79. Lebensjahr--, aber eins will ich Ihnen noch sagen, Ihr
Vorschlag, den Sie seinerzeit in der "Zukunft" machten ber die
Ausfhrung des Proportionalwahlrechts, ist der richtige. Wenige Monate
spter starb Brkli; er hatte sein baldiges Ende richtig vorausgesehen.




Wieder reif frs Gefngnis.


Am 12. Juni 1877 stand endlich auch ich vor der berchtigten siebenten
Deputation des Stadtgerichts in Berlin als Angeklagter. Tessendorf hatte
in meiner Broschre nicht weniger als drei Bismarckbeleidigungen
entdeckt, auerdem, wie ich schon erwhnte, eine Verletzung des  131
des Strafgesetzbuchs gefunden. Bismarck hatte bereitwillig den
Strafantrag gestellt. Es war richtig, ich hatte den Reichskanzler etwas
unsanft angefat. Als ich die Broschre schrieb, wurmte mich noch immer
die beleidigende Rede, die er mir Anfang 1876 im Reichstag ins Gesicht
geschleudert hatte, auf die zu antworten mich die Mehrheit durch
Annahme eines Schluantrags verhindert hatte. Wre ich damals
ausfhrlich zum Wort gekommen, hchst wahrscheinlich wre mir die
Reichskanzlerbeleidigung erspart geblieben, denn es waren die Vorgnge
im Reichstag, auf die ich in den Angriffen auf Bismarck in meiner
Broschre Bezug nahm. Auerdem hatte ich in einem Angriff auf die
Nationalliberalen diese gehhnt, da sie sich vom Reichskanzler
hausknechtmig behandeln lieen, und dachte gar nicht daran, damit eine
Beleidigung Bismarcks begehen zu wollen. Es war eben die Zeit, in der
der Abgeordnete Bamberger in einem Augenblick anerkennenswerter
Selbsterkenntnis wegen seiner und seiner Freunde Behandlung durch den
Reichskanzler das Wort geprgt hatte: _Hunde sind wir ja doch_!

Die Verletzung des  131 des Strafgesetzbuchs wurde in der scharfen
Kritik gefunden, die ich dem Militarismus hatte angedeihen lassen, die
aber ganz den von uns vertretenen Anschauungen entsprach. Ich empfand es
als eine persnliche Beleidigung, da man mich anklagte, erdichtete oder
entstellte Tatsachen, wissend, da sie erdichtet oder entstellt sind,
ffentlich behauptet und verbreitet zu haben, um damit die Einrichtungen
des Militarismus verchtlich zu machen; denn was ich geschrieben hatte,
entsprach meinem Standpunkt und meiner Ueberzeugung.

Tessendorf als ffentlicher Anklger machte sich sein Amt sehr leicht,
er kannte ja gengend die siebente Deputation. Nonchalant, als pflege er
eine private Unterhaltung, stand er vor dem Gerichtshof, die eine Hand
in der Tasche einer hellgestreiften Sommerhose--die heute bliche
Amtskleidung wurde erst spter eingefhrt--, angetan mit einem schbigen
schwarzen Frack, und beantragte nach einer kaum fnf Minuten langen Rede
9 Monate wegen Beleidigung des Reichskanzlers und 5 Monate wegen der
Verletzung des  131 des Strafgesetzbuchs, also 14 Monate Gefngnis, die
er auf ein Jahr Gefngnis zusammenzuziehen vorschlug.

Die Art, wie Tessendorf die Sache behandelte, brachte mich noch mehr in
Erregung, als es ohnedem schon der Fall war. Ich verteidigte mich
selbst. In anderthalbstndiger Rede suchte ich die Anklage Punkt fr
Punkt zu widerlegen. Wolle man aus meiner Broschre eine Beleidigung des
Reichskanzlers herauslesen, dann mten die Umstnde bercksichtigt
werden, unter denen ich zu meinen Ausfhrungen gekommen sei, und in
Anbetracht dieser sei das beantragte Strafma viel zu hoch. Eine
Verletzung des  131 liege aber in allewege nicht vor. Ich betrachtete
es als unerhrt, mich auf diesen Paragraphen hin anzuklagen, da es doch
gerichtsnotorisch sein msse, da die obendrein mit Tatsachen und
Zitaten wissenschaftlicher und militrischer Autoritten begrndeten
Ausfhrungen nur meinem Parteistandpunkt und meiner Ueberzeugung
entsprchen.

Ich glaube, ich hielt eine sehr gute Rede, aber sie wrde auch keinen
Eindruck auf die Richter gemacht haben, wenn deren Aufmerksamkeit nicht
durch ein ausgebrochenes Hagelwetter, dessen Krner gegen die
Fensterscheiben trommelten, in Anspruch genommen gewesen wre. Die
Frage, in welchem Augenblick wohl die Fensterscheiben durch die
Hagelkrner zertrmmert wrden, war den Richtern offenbar wichtiger als
meine schnen Ausfhrungen. Der Gerichtshof zog sich zurck, da
Tessendorf es nicht der Mhe wert fand, mir zu antworten, und verkndete
nach kurzer Beratung in allen Fllen meine Verurteilung zu neun Monaten
Gefngnis.

Ich appellierte, und die Sache kam am 28. Oktober vor dem Kammergericht
zur Verhandlung. Hier fhrte Staatsanwalt Groschuff die Anklage. Im
Laufe seiner Rede machte er geltend, da ich schon wegen meiner
Vorstrafen keine milde Verurteilung verdiente; er beantragte Besttigung
des Urteils der ersten Instanz.

Ich verteidigte mich wiederum selbst. In einstndiger Rede wendete ich
mich gegen die Ausfhrungen des Staatsanwalts. Seine Bemerkung, da ich
quasi wegen Rckflligkeit hrter bestraft werden mte, hatte mich
besonders gereizt. Ich protestierte, da man einen Angeklagten, der im
Kampfe fr seine Ueberzeugungen wiederholt mit dem Strafrichter
Bekanntschaft gemacht habe, mit einem gemeinen Verbrecher--einem Diebe
oder Betrger im Rckfalle--auf gleiche Stufe stelle. Der gemeine
Verbrecher handle gegen das Gesetz, um einen persnlichen Vorteil zu
erlangen, also aus _Eigennutz_, der politische "Verbrecher", der,
geschehe es in Verteidigung oder Propagierung seiner Ansichten, gegen
das Gesetz verstoe, handle aus _Idealismus_. Ihm gebhre fr die
unentwegte Vertretung seiner Anschauungen nicht verschrfte Strafe,
sondern Anerkennung. Kein politischer "Verbrecher" werde wegen der
Vertretung seiner Ueberzeugungen, die ihn mit dem Strafgesetz in
Konflikt brchten, gesellschaftlich miachtet, wie das mit dem gemeinen
Verbrecher wohl die Regel sei. Der politische Verbrecher gewinne sogar
an Ansehen in den Augen seiner Gesinnungsgenossen.

In meiner weiteren Rede legte ich den Schwerpunkt auf die Anklage wegen
Verletzung des  131 des Strafgesetzbuchs. Ich erreichte damit, da der
Vorsitzende des Gerichtshof sieben Seiten meiner Schrift, die Urteile
ber den Militarismus enthielten, vorlesen lie. Das Endresultat war:
ich wurde von der Anklage, den  131 verletzt zu haben, freigesprochen,
aber wegen Beleidigung Bismarcks zu sechs Monaten Gefngnis verurteilt.

Hinzufgen mchte ich hier, da, als einige Monate spter, im Dezember,
der konservative Sozialpolitiker Dr. Rudolf Meier ebenfalls wegen
Bismarckbeleidigung von dem Kammergericht zu einem Jahre Gefngnis
verurteilt wurde, derselbe Staatsanwalt Groschuff, der die Anklage auch
gegen mich gefhrt hatte, jetzt uerte: _er hege den Wunsch, dieses
mge der letzte Bismarckbeleidigungsproze sein_. Diese hrten aber erst
auf, als Bismarck aufhrte, Reichskanzler zu sein, das heit dreizehn
Jahre spter.

Da es mir sehr darum zu tun war, in Rcksicht auf meine Familie und mein
Geschft, meine Haft in Leipzig zu verben, hier aber nach den
ministeriellen Vorschriften nur Haftstrafen bis zum Hchstma von fnf
Monaten erledigt werden konnten, wandte ich mich an die zustndige
Stelle mit der Frage: ob ich eventuell fr die Verbung einer
fnfmonatigen Haft im Leipziger Gefngnis zugelassen wrde. Nachdem
dieses bejaht worden war, begab ich mich nach Berlin zu dem Vorsitzenden
der siebenten Deputation, Reich, und ersuchte diesen, zu gestatten, da
ich nach Verbung einer einmonatigen Haft in Pltzensee die restlichen
fnf Monate im Leipziger Bezirksgerichtsgefngnis verbringen knne. Zu
meiner nicht geringen Verwunderung empfing er mich mit ausgesuchter
Hflichkeit und erklrte seine Zustimmung zu meinem Antrag.

Darauf trat ich am 23. November meine Haft in Pltzensee an. Die
Prozedur der Aufnahme war eine sehr umstndliche und widerwrtige. Als
ich dem Arbeitsinspektor vorgefhrt wurde, empfing mich dieser mit den
Worten: Nun, Herr Bebel, wie es in der Bastille am Pltzensee aussieht,
werden Sie aus Mosts Schrift ersehen haben. Ich antwortete: Ich htte
zwar die Schrift gelesen, aber das sei schon lngere Zeit her, ich bte
ihn, mich zu informieren. Nun brach bei ihm der offenbar schon lange
verhaltene Grimm gegen Most los. Er verstehe, da der Gefangene in den
Beamten seine Feinde sehe und sich hinter deren Rcken an Vorteilen zu
verschaffen suche, was ihm mglich sei, aber dann sich nachher auf den
Markt zu stellen und auszuschreien, wie man die Beamten hintergangen
oder diese zu Konzessionen verleitet habe, sei eine Gemeinheit und eine
Dummheit. Er erzhlte alsdann, welche Wirkung und welche Folgen die
Mostsche Schrift nach ihrer Verffentlichung unter den Beamten in
Pltzensee hervorgerufen habe. Er schlo seine erregten
Auseinandersetzungen mit den Worten: Most soll uns nur mal wieder
zwischen die Finger kommen, dem wollen wir seine Indiskretionen
eintrnken.

Und er kam ihnen bald genug wieder zwischen die Finger, und sie habend
ihm tchtig eingetrnkt. Einen Vorgeschmack bekam Most von dem, was ihn
gegebenenfalls erwartete, da, als er mir in Pltzensee einen Besuch
machen wollte, er kurzerhand abgewiesen wurde.

Ich erlangte das Recht, mich literarisch beschftigen zu drfen und bis
abends 10 Uhr Licht zu brennen. Marx' "Kapital" und verschiedene andere
sozialistische Schriften wurden mir fortgenommen, als wenn an mir noch
etwas zu verderben gewesen wre. Und da der Arbeitsinspektor absolut
verlangte, da ich mich nicht blo mit dem Studium von Bchern abgeben
drfe, sondern auch irgendeine literarische Arbeit vorzeigen msse,
setzte ich mich hin und schrieb ein kleines Broschrchen, das unter dem
Titel erschien: "Frankreich im achtzehnten Jahrhundert."

Selbstbekstigung gab es nicht, die war Brsenjobbern, die wegen
Gaunereien in Pltzensee Quartier bezogen hatten, gewhrt worden,
politischen Gefangenen nicht. Was aber dem Gefangenen die magere Kost
noch besonders verleidete, um nicht zu sagen verekelte, war der
feststehende Kchenzettel, das heit die in einer Woche morgens, mittags
und abends verabreichte Kost kehrte fast in derselben Reihenfolge Woche
fr Woche, Tag fr Tag wieder. Ich verlor in den nahezu zwei Monaten,
die ich in Pltzensee verbrachte, erheblich an Gewicht. Ich begriff
nicht, wie Anstaltsrzte eine solche Verpflegungsordnung zulassen
konnten. Auf meinen Antrag bewilligte mir der Arzt die sogenannte
Krankenkost. Danach erhielt ich dreimal in der Woche zu Mittag einen
Teller wirklich gute Fleischbrhsuppe, einen Sperling Fleisch, das auf
ein spitzes Holzstbchen gespiet war, da man Messer und Gabel dem
Gefangenen nicht anvertraut, und Kartoffeln und Gemse. Die Bezeichnung
Sperling rhrte daher, da das Stckchen Fleisch nach Form und Gre
einem gerupften Sperling hnlich sah.

Ich hatte darauf gerechnet, unmittelbar vor Weihnachten von Pltzensee
nach Leipzig bersiedeln und alsdann die Weihnachtsfeiertage bei meiner
Familie verbringen zu knnen. Von den acht Weihnachtsfesten, die bis
dahin mein Tchterchen erlebt hatte, hatte ich vier in den Gefngnissen
zugebracht. Ich hoffte, nicht das fnfte Mal die Weihnachtsfeier im
Gefngnis verbringen zu mssen. Es kam aber doch so. Auf meine
Anfrage bei der Leipziger Gefngnisverwaltung, ob ich nach den
Weihnachtsfeiertagen die Haft dort antreten knne, kam die Antwort, da
dieses vorlufig nicht mglich sei, die Rume seien alle besetzt. Erst
am 18. Januar 1878 konnte ich nach Leipzig bersiedeln.

Whrend meiner Haft in Pltzensee besuchte mich wiederholt der
Gefngnisgeistliche, um sich mit mir ber die politischen Vorgnge zu
unterhalten. Mir war das Halten der "Vossischen Zeitung" bewilligt
worden, deren smtliche Tagesnummern ich aber regelmig erst am Ende
der Woche, am Sonntag, zugestellt erhielt. Most hatte um jene Zeit mit
der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Temperaments eine ffentliche
Agitation fr den Austritt aus der Landeskirche begonnen. Die von
ihm veranlaten Volksversammlungen waren berfllt und von
leidenschaftlicher Erregung getragen. Diese wuchs, als jetzt die neu
erstandene christlich-soziale Partei unter Fhrung des Hofpredigers
_Stcker_ ebenfalls Versammlungen abhielt und Redner dieser Partei auch
in den Mostschen Versammlungen erschienen, dort aber, wie vorauszusehen
war, unter dem Jubel der Massen den krzeren zogen. Diese Agitation rief
bei den Frommen im Lande eine ungeheure Aufregung hervor, die auch den
Gefngnisgeistlichen ergriffen hatte. Selbst der alte Kaiser sah sich
veranlat, als ihm zu seinem Geburtstag im Mrz 1878 das Prsidium des
Landtags gratulierte, in seiner Antwort zu betonen: Die Religion mu dem
_Volke_ erhalten werden.




Innere Vorgnge.


Whrend ich hinter den Gefngnismauern Zeit zu allerlei Betrachtungen
hatte, spielten sich in und auerhalb der Partei eine Reihe Vorgnge ab,
die von besonderer Bedeutung waren. Im November hatten die Berliner
Genossen an Stelle der aufgelsten Organisationen einen Verein zur
Wahrung der Interessen der werkttigen Bevlkerung gegrndet. Die
christlich-konservativen Staatssozialisten grndeten eine Wochenschrift,
"Der Staatssozialist", an der als Mitarbeiter Professor Schffle,
Professor v. Scheel, Bankier Samter, Professor Ad. Wagner, Pastor Tod,
Dr. Petermann-Dresden und andere ttig sein sollten. Die evangelischen
Sozialpolitiker wollten den katholischen nicht allein das Feld
berlassen, sondern unter den evangelischen Arbeitern vor der
Sozialdemokratie retten, was noch zu retten war.

Auch in der groen Politik schienen Vernderungen bevorzustehen. Die
fortgesetzt steigenden Ausgaben des Reiches erforderten neue Einnahmen.
Die wachsenden Matrikularumlagen, durch die die Einzelstaaten das
Reichsdefizit zu decken hatten, wurde diesen angesichts des eigenen
steigenden Geldbedarfes fr ihre innere Verwaltung immer lstiger. Die
gesteigerten Ausgaben aber auf dem Wege direkter Besteuerung zu decken,
davon wollte Bismarck am wenigsten wissen. Er hate die direkten Steuern
und suchte sich persnlich nach Mglichkeit der Zahlung derselben zu
entziehen. Er hatte schon am 22. November 1876 im Reichstag sein
_Steuerideal_ entwickelt, wobei er ausfhrte:

  "Ich erklre mich von Hause aus wesentlich fr Aufbringung _aller_
  Mittel nach Mglichkeit fr _indirekte_ Steuern, und halte die
  direkten Steuern fr einen harten und plumpen _Notbehelf_, nach
  Aehnlichkeit der Matrikularumlagen, mit alleiniger Ausnahme, ich
  mchte sagen einer _Anstandssteuer_, die ich von der direkten Steuer
  immer aufrecht erhalten wrde; das ist die Einkommensteuer der reichen
  Leute ... wohlverstanden, der wirklich reichen Leute.... Ich kann die
  Zeit kaum erwarten, da der Tabak hhere Summen steuere, so sehr ich
  jedem Raucher das Vergngen gnne. Analog steht es auch mit dem Bier,
  dem Branntwein, dem Zucker, dem Petroleum und allen diesen groen
  Verzehrungsgegenstnden, gewissermaen den _Luxusgegenstnden_ der
  groen Masse."

Ein groer Teil der Liberalen war geneigt, auf dem gleichen Wege die
Deckung der Mehrausgaben zu suchen. Da Bismarck um jene Zeit mit einem
Teil der konservativen Partei ein starkes Zerwrfnis hatte, andererseits
mit dem Zentrum noch immer in Fehde lebte, kam er auf den Gedanken, die
Nationalliberalen, die damals noch mit ihren nchsten Affiliierten die
strkste Partei im Reichstag bildeten, dadurch an seine Politik zu
ketten, da er mit ihrem Fhrer Herrn v. Bennigsen wegen dessen Eintritt
in das preuische Ministerium in Unterhandlungen trat. Bennigsen war
dazu geneigt, aber er hielt die Zustimmung der fhrenden Parteigenossen
zu diesem Schritt fr notwendig. Unter dem Einflu Laskers kam man
berein, dem Eintritt Bennigsens in das Ministerium nur zuzustimmen,
wenn neben Bennigsen auch der Bayer Freiherr v. Stauffenberg und Herr
v. Forckenbeck in das Ministerium Aufnahme fnden. Bennigsen allein
wrde der wachsenden reaktionren und schutzzllnerischen Strmung
gegenber nicht gewachsen sein. Bismarck brachten diese Bedingungen
namentlich gegen Lasker in hellen Zorn, dem er vorwarf, ihm einmal
wieder in die Suppe gespuckt zu haben. Als dann der alte Kaiser von der
Kombination mit Bennigsen hrte, in dem er wegen seiner Haltung im Jahre
1866 gegen das hannoversche Herrscherhaus einen halben Hochverrter sah
und sich entschieden gegen Bennigsen als preuischen Minister erklrte,
fiel der ganze Plan ins Wasser. Bismarck verga den Nationalliberalen
nicht, was sie nach seiner Meinung gegen ihn gesndigt hatten, er nahm
bald darauf Rache an ihnen.

       *       *       *       *       *

Ende des Jahres 1877 siedelte _Auer_ von Hamburg nach Berlin ber, um
neben Most und anderen in die Redaktion der "Berliner Freien Presse"
einzutreten. August Geib bemhte sich, an Auers Stelle Julius _Motteler_
zum Eintritt als Sekretr in das Zentralwahlkomitee zu gewinnen.
Motteler, der aus privaten Grnden 1876 aus der Leitung der Leipziger
Genossenschaftsbuchdruckerei ausgetreten war, lehnte aber ab.

Bald darauf erlebte Berlin zwei Vorgnge, die die gesamte
Oeffentlichkeit in Spannung versetzten. Am 7. Mrz 1878 starb der Faktor
der Berliner Assoziationsbuchdruckerei August Heinsch und wurde am 10.
Mrz beerdigt. Heinsch war kein Redner, aber er war ein vorzglicher
Organisator, in dessen Hnden alle Fden der Berliner Bewegung
zusammenliefen, und er hatte sich wegen seiner Unermdlichkeit, trotz
seines leidenden Zustandes--er starb an der Schwindsucht--zu helfen und
zu raten, wo er konnte, die allgemeinste Sympathie der Berliner Arbeiter
erworben. Das Leichenbegngnis gestaltete sich zu einer groen
sozialdemokratischen Demonstration, wie sie bis dahin Berlin noch nicht
gesehen hatte. Der Polizeiprsident bewies sein Verstndnis fr die
Bewegung dadurch, da er die Mitnahme von Fahnen im Zuge, auch wenn sie
verhllt waren, verbot.

Die Demonstration hatte durch die Ruhe und Ordnung, mit der sie
verlief, den Gegnern so imponiert, da der "Kladderadatsch" sich zu
folgendem Gedicht verstieg.

  "_Fr die Sozialdemokratie._
  Da neulich Zucht und Ordnung sie gehalten
  Bei ihrem Aufzug, lat es uns gestehn.
  Ein gleicher Geist der Ordnung mge walten
  Bei uns, wenn wir in solchen Massen gehn!
  Wir wollen gern den Beifall ihnen zollen,
  Der ungerecht nur scheint den Toren.
    Es sind verloren,
  Die nicht vom Gegner lernen wollen."

Wenige Wochen spter sah Berlin ein zweites, womglich noch greres
Leichenbegngnis. Paul Dentler, der verantwortliche Redakteur der
"Berliner Freien Presse", war ebenfalls an der Schwindsucht, aber unter
so emprenden Umstnden gestorben, da ein Sturm der Entrstung die
Partei in Berlin und in ganz Deutschland ergriff. Dentler war wie
Heinsch ein noch junger Mann, der mir in meiner Prozeangelegenheit
bereitwilligst eine Reihe kleiner Dienste erwiesen hatte. Eine hoch
aufgeschossene schlanke Gestalt mit der bleichen Gesichtsfarbe und der
zarten durchsichtigen Haut, wie sie Schwindschtige fter zu haben
pflegen, war er in seinem ganzen Wesen die personifizierte
Liebenswrdigkeit und Geflligkeit.

Dentler war am 18. Januar unter der Anklage, mehrere
Majesttsbeleidigungen und sonstige Vergehen in der "Berliner Freien
Presse" begangen zu haben, in schwer krankem Zustand in
Untersuchungshaft genommen und am 7. Februar von der siebten Deputation
zu 21 Monaten Gefngnis verurteilt worden, wogegen er die Berufung
anmeldete. Dentler beantragte alsdann mit Hinweis auf seinen schwer
kranken Zustand seine Entlassung aus der Untersuchungshaft, die infolge
der Berufung fortdauerte. Das Gericht forderte den Gefngnisarzt zur
Begutachtung des Falles auf. Woche um Woche verging; Dr. Lewin, so hie
der Ehrenmann, lie sich ab und zu einmal in der Zelle sehen, fragte
Dentler, wie es ihm gehe, und verschwand wieder. Alles, was Dentler
schlielich erreichte, war, da er kurz vor seinem Tode aus der
Stadtvogtei in die Gefangenenabteilung der Charit gebracht wurde.

Von hier schrieb _Dentler_ der Redaktion der "Berliner Freien Presse":

  "Mein Zustand verschlimmert sich jeden Tag, nach Verlauf einer Woche
  erinnere ich (an den Antrag auf Entlassung)--vergebens. Eine zweite
  Woche bricht an, geht zu Ende und am letzten Tage derselben--vierzehn
  Tage nach meinem Antrage--erscheint der Medizinalrat Wolff.... Nach
  einer sehr sorgfltigen Untersuchung geht Herr Wolff, nachdem er sich
  sehr bedenklich ber meinen Zustand ausgesprochen hat.--Seit jener
  Untersuchung sind wiederum volle acht Tage verflossen, ich bin nach
  wie vor im unklaren ber mein Schicksal, die siebte Deputation hat
  seitdem drei Sitzungen gehalten und ich--nun ich habe heute nachmittag
  in der Spazierstunde Blut gespien, nach meinen bisherigen Erfahrungen
  ein Vorbote starker, in kurzer Zeit darauf folgender Lungenblutungen.
  Da ich jetzt eine Lungenblutung vom Schlage der beiden erlebten
  berstehen wrde, halte ich einfach fr unmglich."

Und der vorausgesagte Blutsturz kam. Am 24. April war _Dentler_ eine
Leiche. Am 28. April fand seine Bestattung unter immenser Beteiligung
statt; sie war ein flammender Protest gegen die ihm widerfahrene
Behandlung. Wiederum war das Brgertum erstaunt und erschreckt ber die
Massen, die Dentler zu Grabe geleiteten. Dieser Ueberraschung gab jetzt
die "Magdeburger Zeitung" mit den Worten Ausdruck:

  "Wer spricht noch von Arbeiterbataillonen Berlins angesichts dieses
  Leichenaufgebots? Das sind Regimenter, Brigaden, Divisionen, ja mehr,
  das sind ganze Armeekorps, welche ihrem sicherlich um die Sache
  hochverdienten Toten die letzte Ehre erwiesen."

Seitdem hat Berlin noch manchen sozialdemokratischen Leichenzug gesehen,
grer als jenen der Heinsch und Dentler, die der brgerlichen Welt ein
_mene tekel upharsin_ zuriefen.




Der Reichstag Frhjahr 1878.


Mittlerweile war der Reichstag zum 6. April 1878 einberufen worden. Ich
war durch meine Haft wieder von seinen Beratungen ausgeschlossen. Ein
Antrag auf meine Beurlaubung hatte wie frher einen negativen Erfolg.

Die Fraktion war sehr fleiig in der Stellung von Antrgen. Sie
beantragte die Abnderung des Artikels 31 der Verfassung--Freilassung
der Abgeordneten auch aus der Strafhaft--, Aenderung des
Reichstagswahlgesetzes: Einfhrung der Kuverts, Wahltag am Sonntag,
gesetzliche Festlegung der Zahl und des Umfanges der Wahlkreise nach
jeder Volkszhlung, Aenderung der Bestimmungen des Strafgesetzbuchs in
bezug auf Wahlbeeinflussungen; einen Gesetzentwurf betreffend das
Vereins- und Versammlungsrecht, Antrag auf Aenderung des
Freizgigkeitsgesetzes--Einschrnkung der Ausweisungen--, Antrge zu dem
Bericht der Kommission ber die Einfhrung der Gewerbegerichte, Antrge
zu dem von den Regierungen eingebrachten Gesetzentwurf betreffend
Aenderung der Gewerbeordnung.

Bei einer der in jener Zeit fter vorkommenden Sozialistendebatten
erlaubte sich Bismarck den Scherz: er wolle mir einen polnischen Bezirk
zum Musterversuch fr sozialistische Experimente berlassen. Da ich
hinter Schlo und Riegel sa, konnte ich ihm auf diesen Scherz nicht
gebhrend antworten.

Als ich vernahm, da Motteler zur Frage der Fabrikarbeit der Kinder
sprechen wolle, schrieb ich ihm am 12. Februar:

  "Gestern sagte mir Dr. Glattstern, da Du ihn wegen Beschaffung von
  Material in bezug auf Kindersterblichkeit angegangen habest. Wenn Du
  dies in Rcksicht auf die Einschrnkung der Kinderarbeit durch die
  Gewerbeordnungsnovelle getan, drfte es sich empfehlen, von
  Zahlenmaterial, da es meines Wissens in brauchbarer Weise nicht
  vorhanden ist, abzusehen. Die groe Kindersterblichkeit ist notorisch,
  auch in den spteren Jahren, aber es mu beachtet werden, da neben
  der Fabrikarbeit auch elende Wohnung, elende Nahrung und elende Pflege
  whrend der Krankheiten sehr ins Gewicht fallende Faktoren sind.
  Willst Du dagegen die groe Kindersterblichkeit in den ersten
  Lebensjahren auf die Beschftigung der Mtter in den Fabriken mit
  zurckfhren, so ist das unzweifelhaft gut und hierfr kein besseres
  Beispiel anzufhren als die Zeit der Baumwollenkrise in England,
  whrend des amerikanischen Brgerkriegs, in der die Kinder bedeutend
  weniger starben, weil sie jetzt infolge der mangelnden Arbeit fr die
  Mtter die Mutterbrust erhalten konnten (siehe Marx' Kapital).

  Ich glaube, Du tust am besten, hier einfach auf die physischen und
  moralischen Nachteile dieser Arbeit an und fr sich und in Verbindung
  damit auf die Zerrttung des Familienlebens hinzuweisen, das die
  Fabrikarbeit der Mtter hervorruft, und appellierst an das Gefhl der
  Gegner, was sie sagen wrden, wenn ihren Frauen und Kindern solche
  Zumutungen gemacht wrden. Daneben wre die perfide Art, wie die
  Reichsregierung im Interesse der Fabrikanten die grere Ausbeutung
  ermglicht, gebhrend zu brandmarken.

  Hierbei wre aber ein neuer guter Gedanke in aller Form zum Austrag zu
  bringen. Mache das gnzliche Verbot der Kinder- und eine wesentliche
  Einschrnkung der Frauenarbeit den Fabrikanten die Konkurrenz des
  Auslandes schwer, so solle das Mittel ergriffen werden, das die
  Regierung auch schon auf anderen Gebieten mit Erfolg ergriffen hat,
  _der Abschlu bezglicher internationaler Vertrge_. Sie wrde hierbei
  nicht nur die ffentliche Meinung Deutschlands wie in kaum einer
  anderen Frage auf ihrer Seite haben, sondern auch die Sympathien der
  arbeitenden Klassen des Auslandes. Der moralische Druck eines solchen
  Vorgehens wrde so gro, da jede Regierung gezwungen wrde, auf
  solche Vorschlge einzugehen.

  Ich glaube, mit diesem Trumpf knnten wir sehr viel gewinnen.

  Ihr knntet zu dem Antrag von Schulze-Delitzsch, Nr. 11 der
  Drucksachen, betreffend das Genossenschaftsgesetz, einige weitere
  Antrge bringen, zum Beispiel auf Einfhrung der beschrnkten
  Haftpflicht, analog dem frheren schsischen Genossenschaftsgesetz.
  Auch mssen einige Schulzesche Antrge entschieden bekmpft werden.
  Ich stelle mein Exemplar des Berichts zur Verfgung, worin ich zu den
  Materien die Bemerkungen, die weiter ausgesponnen werden knnten,
  angebracht habe. _Auer_ oder wer sonst Lust hat, knnte dieses Kapitel
  bernehmen.

  Ich werde gelegentlich den Bericht (Aktenstck Nr. 11) hinausgeben,
  bitte aber mir ihn aufzubewahren und zurckzugeben."




Im Leipziger Gefngnis und was whrenddem geschah.


Die Mue im Gefngnis benutzte ich, um unter anderem im "Vorwrts" einen
Artikel fr die Grndung einer allgemeinen Parteibibliothek (Archiv)
Stimmung zu machen. Die Ereignisse der nchsten Monate verhinderten, den
Plan weiter zu verfolgen. Ich habe dann den Gedanken spter im Zricher
"Sozialdemokrat" aufs neue angeregt und jetzt nahm sich der
Parteigenosse Schlter, der in der Buchhandlung des "Sozialdemokrat"
beschftigt war, der Ausfhrung des Gedankens an. Die Grndung des
Parteiarchivs erfolgte.

Des weiteren arbeitete ich an der Vollendung meines Buches "Die Frau und
der Sozialismus", das im folgenden Jahre in der ersten Auflage
erscheinen konnte. Auch schrieb ich ein Broschrchen "Das
Reichsgesundheitsamt und sein Programm", in dem ich die
sozialhygienischen Aufgaben errterte, die nach meiner Ansicht das
Reichsgesundheitsamt lsen msse, wolle es seinem Namen und seiner
Stellung gerecht werden.

Meine diesmalige Leipziger Haft gab mir auch die Gelegenheit, einem Teil
meiner Mitgefangenen zu einer kleinen Verbesserung ihrer Lage zu
verhelfen. Zu jener Zeit hatte noch die Oberleitung im Gefngnis ein
alter Inspektor, von dem die Sage ging, da er in seiner Stellung ein
reicher Mann geworden sei dadurch, da er den Gefangenen, die im Besitz
von Geld waren, Ewaren und Getrnke zu einem Preise verkaufte, der ihm
einen hohen Nutzen abwarf. Weiter erfuhr ich in der Privatunterhaltung
mit meinem Aufseher, der froh war, wenn ich mit ihm eine Weile
plauderte, da der Inspektor auch nach anderer Richtung sich an den
Gefangenen verging. So sparte er an Handtchern und Seife, mit denen die
Gefangenen doppelt so lange aushalten muten, als vorgeschrieben war.
Die Gefangenen erhielten ihr Mittagessen in Steinkrgen. Da ab und zu
einer derselben zerbrach, war selbstverstndlich. Der Inspektor sorgte
aber nicht fr Ersatz, sondern ein Teil der Gefangenen mute warten bis
der andere Teil gegessen hatte, und dann wurde die mittlerweile kalt
gewordene Speise in den unausgewaschenen Krgen dem anderen Teil
berreicht.

Diese Mitteilungen erregten meinen Zorn. Ich fate nunmehr einen Plan,
um dem Inspektor sein Treiben zu legen. Ich setzte mich hin und schrieb
eine Beschwerde an den Direktor des Gerichts, dem damals die
Oberaufsicht ber das Gefngnis oblag, worin ich die ganzen ungehrigen
Vorgnge schilderte, aber in der Rolle eines Mannes, der eben als
Gefangener das Gefngnis verlassen und die Ungehrigkeiten des
Inspektors am eigenen Leibe zu spren bekommen habe, denn ich wurde ja
davon nicht betroffen. Natrlich mute dieses Schreiben anonym abgehen.

Als meine Frau mir ihren nchsten Besuch machte, der nur in Gegenwart
des Inspektors stattfinden konnte, drckte ich ihr heimlich einen Zettel
in die Hand, in der ich sie bat, an einem bestimmten Abend Punkt 1/2-10
Uhr durch die Strae zu gehen, nach der mein Zellenfenster mndete, ich
wrde ihr alsdann einen Brief hinunterwerfen, den sie von unbekannter
Hand solle abschreiben lassen und an den Gerichtsdirektor senden. So
geschah es. Als meine Frau mit ihrem Tchterchen auf der Strae
erschien, warf ich ihr aus dem dritten Stock das ziemlich stark
gewordene Briefpaket hinunter, das bei der Stille in der Strae mit
groem Gerusch auf das Pflaster klatschte. Meine Frau hob eilig das
Paket auf und eilte fluchtartig mit ihrem Tchterchen von dannen, sie
glaubten einen Mann hinter sich kommen zu hren und befrchteten, sie
wrden verfolgt. Einige Tage spter strzte der Aufseher in groer
Aufregung in meine Zelle und erzhlte: den Vormittag habe es zwischen
dem Direktor und dem Inspektor einen heftigen Auftritt gegeben. Der
Alte--wie er den Inspektor bezeichnete--sei zum Direktor befohlen worden
und dieser habe ihm aus einem Briefe, den ein entlassener Gefangener
geschrieben habe, alle seine Snden vorgerckt und ihm furchtbar den
Marsch geblasen. Der Alte sei ganz aufgeregt zu ihnen, den Aufsehern,
gekommen und habe sofort Order fr Abstellung der Uebelstnde gegeben.
Der Aufseher erzhlte mir das mit groer Genugtuung, selbstverstndlich
htete ich mich, ihn merken zu lassen, wer der Briefschreiber gewesen
war.

       *       *       *       *       *

Anfang Mai verffentlichte das Zentralwahlkomitee einen Ausruf fr die
Abhaltung eines Sozialistenkongresses, der in der Zeit vom 15. bis 18.
Juni abermals in Gotha stattfinden sollte. Unter den Punkten der
Tagesordnung befand sich als Punkt 3: Beratung ber die Stellung der
Sozialdemokratie zum Staats- und Gemeindebetrieb, fr den ich mit
Rittinghausen als Berichterstatter angemeldet wurde. Den Ansto zu
diesem Beratungspunkt gab der Bismarcksche Plan, die Eisenbahnen in
Reichsbesitz zu bringen, ferner das Tabakmonopol einzufhren, ein Plan,
der damals zwar noch nicht ffentlich errtert worden war, aber es war
durchgesickert, da in den Verhandlungen Bismarcks mit Herrn v.
Bennigsen das Tabakmonopol eine Rolle gespielt habe. Auch hatte unser
Parteigenosse Rittinghausen sich fr die Verstaatlichung des
Versicherungswesens ffentlich ausgesprochen und damit in der Partei
nicht berall Zustimmung gefunden.

Der geplante Kongre kam aber nicht mehr zur Ausfhrung, die
eintretenden Ereignisse machten ihn unmglich.




Das Hdel-Attentat und seine Folgen.


Am 12. Mai wurde mir in meine Zelle die Nachricht, die mich im hchsten
Grad berraschte, berbracht, da am Tage zuvor, nachmittags 3 Uhr, ein
gewisser Hdel aus Leipzig, der Sozialdemokrat wre, ein Attentat auf
den alten Kaiser gemacht habe, der aber unverwundet geblieben sei. Mir
erschien der Vorgang zunchst unerklrlich. Der Name Hdel _alias_
Lehmann war mir bekannt. Hdel war das Jahr zuvor in Leipzig in der
Partei aufgetaucht. Persnlich kannte ich ihn nicht. Da er keine Arbeit
hatte, vielleicht auch keine nehmen wollte--er hatte als Klempner
gelernt--, hatte er sich mit der Verbreitung unseres Leipziger
Lokalorgans, "Die Fackel", und mit dem Verkauf sozialistischer Schriften
beschftigt. Aber er erwies sich bald als Schwindler. Er unterschlug die
eingenommenen Gelder, was die Expedition der "Fackel" schon am 5. April
veranlate, bekannt zu machen, da Hdel der Vertrieb des Blattes
entzogen worden sei. Ferner hatte einige Tage spter die Leipziger
Parteimitgliedschaft beschlossen, Hdels Ausschlieung aus der Partei zu
beantragen, und in der Tat hatte das Zentralwahlkomitee den Ausschlu
Hdels aus der Partei am 9. Mai, also zwei Tage vor seinem Attentat,
ffentlich im "Vorwrts" bekannt gemacht.

Hdel hatte sich alsdann, nachdem er bei uns unmglich geworden war, an
den nationalliberalen Agitator Sparig und die Redaktion des
nationalliberalen "Leipziger Tageblatts" gewendet und lieferte diesen
fr Geld eine Reihe unwahrer und bertriebener Anklagen gegen die
Partei, die das "Leipziger Tageblatt" gegen uns ausschlachten versuchte.
Nachdem er in Leipzig seine Mission gegen die Partei erfllt hatte,
suchten ihn Sparig und Konsorten los zu werden; sie gaben ihm das Geld
zur Reise nach Berlin. Hier angekommen, hielt er es mit beiden Lagern.
Er trat in einen sozialdemokratischen Verein und gleichzeitig in die
christlichsoziale Partei des Hofpredigers Stcker ein, um den sich
damals eine groe Zahl katilinarischer Existenzen aus den
verschiedensten Schichten gesammelt hatte. So auch der Schneider
Grneberg, der zwei Jahre zuvor in Stuttgart und Mnchen von der
sozialdemokratischen Partei wegen Betrgereien ausgeschlossen worden
war. Grneberg, der spter auch von Stcker gegangen wurde, verriet, da
neben Hdel auch Dr. Nobiling, der sptere zweite Attentter auf den
Kaiser, Mitglied der christlichsozialen Partei gewesen war. Er,
Grneberg, habe auf Gehei des Hofpredigers eine neue Mitgliederliste
anfertigen mssen, in der der Name Nobilings fehlte. In Berlin hatte
Hdel sowohl sozialdemokratische wie christlichsoziale Bltter und
Schriften, so den "Staatssozialist" und ein Flugblatt "Ueber die Liebe
zu Knig und Vaterland" verbreitet. Als er verhaftet wurde, fand man
auch Photographien von Liebknecht, Most und mir bei ihm, mit denen er
handelte. Ueber die moralische Qualifikation dieses Menschen konnte wohl
kein Zweifel bestehen.

Sobald Bismarck die Nachricht von dem Hdelattentat in Friedrichsruh
erhielt, telegraphierte er nach Berlin: _Ausnahmegesetz gegen die
Sozialdemokratie_, woraus ersichtlich war, wie gierig er auf irgend eine
Gelegenheit wartete, der verhaten Partei womglich den Todessto zu
versetzen. Anfangs nahmen die Oeffentlichkeit und die Presse die
Nachricht von dem Attentat ziemlich khl auf. Als einzelne Bltter den
Versuch machten, die Sozialdemokratie fr das Attentat verantwortlich zu
machen, wies der offizise Hamburger Korrespondent in einem Artikel
nach, da binnen 78 Jahren 35 Meuchelmorde und Meuchelmordversuche gegen
hervorragende politische Peinlichkeiten vorgekommen seien, und zwar von
Angehrigen der verschiedensten Parteien. Die Anklage, der politische
Meuchelmord sei am Holze der Sozialdemokratie gewachsen, sei unhaltbar.
Auch im Reichstag fate man den Vorgang zunchst noch so khl auf, da
ein Antrag von uns auf Einstellung eines Strafverfahrens gegen Most am
14. Mai ohne jede Debatte angenommen wurde.

Bei seiner ersten Vernehmung bestritt Hdel, da er auf den Kaiser habe
schieen wollen, er habe vielmehr die Absicht gehabt, Selbstmord zu
begehen als Zeichen der Erbrmlichkeit unserer Zustnde, die ihn dazu
gentigt htten. Dafr sprach, da, als er verhaftet wurde, er keinen
Pfennig in der Tasche hatte und da der Revolver, den er benutzte, ein
elendes Ding war, der, wie der Bchsenmacher, der ihn untersuchte,
feststellte, auf wenige Schritte sein Ziel verfehlen mute. Es wurde
weiter festgestellt, da Hdel als uneheliches Kind seiner Mutter, die
einen Lehmann geheiratet hatte, weshalb er sich auch zeitweilig Lehmann
nannte, eine schlechte Erziehung genossen hatte. Man hatte ihm zwar das
Hirn mit Katechismus- und Bibelsprchen vollgepfropft, aber er konnte
keinen Satz richtig schreiben. Auerdem wurde eine venerische
Verseuchung bei ihm festgestellt. Als er zur Gerichtsverhandlung gefhrt
wurde, betrat er blde lachend den Gerichtssaal, und mit demselben
Lachen verlie er ihn nach seiner Verurteilung. Einen Brief, den er an
seine Eltern schrieb, unterzeichnete er: Max Hdel, Attentter Sr.
Majestt des Deutschen Kaisers. Festgestellt war auch worden, da er von
Jugend auf ein Lgner und Dieb war. Das ganze Benehmen des Mannes war,
wie der Gerichtshof, der ihn nichtsdestoweniger zum Tode verurteilte,
feststellte, das eines _geistig und krperlich zerrtteten Menschen_.
Und wegen der Tat eines solchen Menschen sollte die deutsche
Sozialdemokratie ans Kreuz geschlagen werden.

Hdel hatte den Rechtsanwalt Otto Freitag in Leipzig als Verteidiger
gewnscht. Freitag erklrte sich auch bereit, die Verteidigung zu
bernehmen, er verlangte aber die Zusendung der Akten und eine
achttgige Frist zum Studium derselben und zur Vorbereitung der
Verteidigung. Bezeichnenderweise wurde ihm beides _abgeschlagen_. Man
hatte es sehr eilig mit Hdels Proze und Hinrichtung. Hdel erhielt
jetzt einen Offizialverteidiger, der nichts Besseres zu tun wute, als
sich vor Gericht zu entschuldigen, da ihn das Los getroffen habe, die
Verteidigung eines Hochverrters bernehmen zu mssen. Hdels Kopf fiel
unter dem Beil des Henkers. Als Professor Virchow bat, ihm den Kopf
Hdels zur anatomischen Untersuchung zu berlassen, _wurde ihm dieses
verweigert_.

Die Hinrichtungsurkunde mute der Kronprinz Friedrich unterzeichnen, der
die Stellvertretung des Kaisers bernommen hatte, nachdem dieser
mittlerweile durch das am 2. Juni erfolgte Nobilingsche Attentat schwer
verwundet worden war. Der Kronprinz hat dann whrend seiner Regentschaft
kein einziges Todesurteil mehr unterzeichnet, obgleich sich unter den
Verurteilten ein Doppelmrder befand. Auch noch andere Symptome sprachen
dafr, wie anders er die ganzen Vorgnge auffate.




Das erste Ausnahmegesetz.


Das Verlangen Bismarcks nach einem Ausnahmegesetzentwurf gegen die
Sozialdemokratie wurde bald erfllt. Bereits am 12. Mai traf Bismarcks
_Entwurf_ fr ein Ausnahmegesetz in Berlin ein, den 14. Mai war derselbe
von seiner Kanzlei fertig gestellt worden und fand seine Zustimmung.
Bereits am 16. wurde derselbe vom Bundesrat genehmigt--am eifrigsten
pldierte die schsische Regierung dafr--und am 20. Mai kam er mit den
Motiven an den Reichstag, der ihn schon am 23. auf seine Tagesordnung
setzte.

Den Nationalliberalen war bei diesen ganzen Vorgngen nicht wohl zumute;
sie fhlten instinktiv, da Bismarck noch andere Plne im Hintergrund
habe, die sich gegen sie selbst richteten. In der preuischen Regierung
waren Wandlungen vor sich gegangen, die nichts Gutes ahnen lieen. Statt
des Eintritts von Bennigsen und Forckenbeck in das Ministerium, waren
zwei Hochkonservative, der Graf Botho zu Eulenburg und der Graf Udo zu
Stolberg-Wernigerode, derselbe, der 1909 als Prsident des Reichstags
starb, berufen worden. Der freihndlerische liberale Finanzminister v.
Camphausen hatte ebenfalls seinen Abschied nehmen mssen und kam an
seine Stelle der charakterschwache nationalliberale Hobrecht. Ebenso
mute der liberale Kultusminister Falk, der Verfasser der Maigesetze
gegen das Zentrum und des einzig liberalen Gesetzes aus dem Kulturkampf,
des Gesetzes ber die Einfhrung der Zivilstandsregister, das Feld
rumen, was eine groe Konzession an das Zentrum bedeutete. Die
Nationalliberalen hatten also alle Ursache zum Mitrauen.

Nach der sechs Paragraphen umfassenden Sozialistengesetzvorlage konnten
Drucksachen und Vereine, welche die Ziele der Sozialdemokratie
verfolgten, vom Bundesrat verboten werden. Dem Reichstag mute, sobald
derselbe versammelt war, Mitteilung von den Verboten gemacht werden. Ein
Verbot mute auer Kraft gesetzt werden, wenn der Reichstag dies
verlangte. Die Polizeibehrden konnten die Verbreitung von
Druckschriften auf ffentlichen Wegen, Straen, Pltzen oder anderen
ffentlichen Orten vorlufig verbieten. Das Verbot sollte erlschen,
wenn nicht innerhalb vier Wochen die Druckschrift seitens des Bundesrats
verboten wurde. Das Verbot und die Auflsung von Versammlungen war ganz
und gar in die Hnde der Polizei gelegt. Berufung sollte es hiergegen
nicht geben. Die Zuwiderhandlungen gegen die Verbote sollten mit
Gefngnis bis zu fnf Jahren bestraft werden. Die Beschlagnahme einer
Druckschrift sollte ohne richterliche Anordnung vorgenommen werden
knnen. Vorsteher von verbotenen Vereinen, Unternehmer und Leiter von
verbotenen Versammlungen und diejenigen, die ein Lokal fr einen
verbotenen Verein oder eine verbotene Versammlung hergaben, sollten mit
einer Mindeststrafe von nicht unter drei Monaten belegt werden. Das
Gesetz sollte fr einen Zeitraum von drei Jahren Gltigkeit haben.

In der Annahme, die Fraktion werde bei Beratung der Vorlage durch einen
ihrer Redner gegen dieselbe scharf ins Zeug gehen, schrieb ich Motteler
unter dem 20. Mai aus dem Gefngnis:

  "Da die Einbringung der Ausnahmemaregel Tatsache ist, so mag
  derjenige, der von unserer Seite dazu zum Wort kommt, nicht vergessen,
  da seine Rede in einigen hunderttausend Exemplaren verbreitet werden
  mu. Auch ist zu beachten, da im Falle der Ablehnung der Vorlage der
  Reichstag ausgelst wird, wir also vor einer Wahlkampagne stehen und
  dann diese Rede ihre Dienste leisten mu. Also vor allen Dingen alles,
  was auf den Tter Bezgliches in unseren Hnden ist, Punkt fr Punkt
  errtert.

  Das Sonntag-Morgenblatt der Frankfurter Zeitung bringt einen guten
  Leitartikel, den ich Euch zur Beachtung empfehle. Der Gesetzentwurf
  grenzt an Wahnsinn."

Die Fraktion hatte aber nach lngerer Beratung beschlossen, durch
Liebknecht eine Erklrung abgeben zu lassen und sich an den weiteren
Verhandlungen nicht zu beteiligen.

Die Beratung im Reichstag wurde eingeleitet mit einer kurzen Rede des
Grafen zu Eulenburg. Dann erhielt Liebknecht das Wort zu folgender
Erklrung:

  "Der Versuch, die Tat eines Wahnwitzigen, noch ehe die gerichtliche
  Untersuchung geschlossen ist, zur Ausfhrung eines lang vorbereiteten
  Reaktionsstreichs zu benutzen und die "moralische Urheberschaft" des
  noch unerwiesenen Mordattentats auf den deutschen Kaiser einer Partei
  aufzuwalzen, welche den Mord in jeder Form verurteilt und die
  wirtschaftliche und politische Entwicklung als von dem Willen
  einzelner Personen ganz unabhngig auffat, richtet sich selbst so
  vollstndig in den Augen jedes vorurteilslosen Menschen, da wir, die
  Vertreter der sozialdemokratischen Whler Deutschlands, uns zu der
  Erklrung gedrungen fhlen:

  Wir erachten es mit unserer Wrde nicht vereinbar, an der Diskussion
  des dem Reichstage heute vorliegenden Ausnahmegesetzes teilzunehmen
  und werden uns durch keine Provokationen, von welcher Seite sie auch
  kommen mgen, in diesem Beschlu erschttern lassen. Wohl aber werden
  wir uns an der Abstimmung beteiligen, weil wir es fr unsere Pflicht
  halten, zur Verhtung eines beispiellosen Attentats auf die
  Volksfreiheit das Unserige beizutragen, indem wir unsere Stimmen in
  die Wagschale werfen.

  Falle die Entscheidung des Reichstags aus wie sie wolle--die deutsche
  Sozialdemokratie, an Kampf und Verfolgungen gewhnt, blickt weiteren
  Kmpfen und Verfolgungen mit jener zuversichtlichen Ruhe entgegen, die
  das Bewutsein einer guten und unbesiegbaren Sache verleiht."

Nach Liebknecht nahm Bennigsen das Wort. Er hielt eine Rede, die ich fr
die beste ansehe, die er bis dahin gehalten hatte; sie zeigte, da er
auch anders konnte und da er vermochte, die Dinge auch von einem
hheren Standpunkt, als er bisher bei den nationalliberalen Rednern zur
Geltung kam, zu beurteilen. Es sei die Ansicht laut geworden, fhrte er
unter anderem aus, die Regierung habe die Vorlage eingebracht, obgleich
sie wisse, da sie abgelehnt werde. Er erwarte, da diese Ansicht
dementiert werde. Er wies auf die Unsicherheit und die schwankenden
Verhltnisse in der Regierung hin, die niemals so schlimm gewesen seien
wie jetzt. _In Preuen sei die Ministerkrise in Permanenz._ Wolle man
diktatorische Gewalt, msse man vor allen Dingen wissen: wer bt sie
aus? Seine Partei knne kein Ausnahmegesetz wie das verlangte
bewilligen, die Geschichte zeige, wohin diese fhrten und da sie nichts
ntzten. Er machte darber lngere historische Betrachtungen. Weiter
sprach er sich im Laufe der Rede fr das Aufhren des Kulturkampfes aus.
Das war der mde Mann, der einen Kampf beendigt zu sehen wnschte, bei
dem bisher die sogenannten Kulturkmpfer keine Seide gesponnen hatten,
obgleich einstmals er und seine Freunde diesen Kampf unter Fhrung
Bismarcks mit Jubel begrt und durchgefochten hatten. Schlielich erbot
er sich, auf dem Boden des gemeinen Rechtes im nchsten Jahre eine
Vorlage durchbringen zu helfen, die die brgerliche Freiheit mit
gesetzlicher Ordnung und fester Autoritt im ffentlichen Leben fr alle
Klassen vereinige.

Er erbot sich also jetzt zu dem, was er und seine Freunde zwei Jahre
frher mit guten Grnden abgelehnt hatten. Das war wieder ganz
nationalliberal. Aber die Ereignisse schritten ber diese Vorstze
hinweg und zwangen Bennigsen und seine Freunde, doch zu tun, was sie
augenblicklich ablehnten.

Nach zweitgiger Verhandlung wurde  1 der Vorlage mit 243 gegen 60
Stimmen bei 6 Enthaltungen abgelehnt. Noch stimmte das Zentrum
geschlossen gegen die Vorlage; von den Nationalliberalen erklrten sich
die Professoren Beseler, Gneist und v. Treitschke dafr. Nach diesem
Resultat zog die Regierung die Vorlage zurck.

War das Ausnahmegesetz einstweilen gefallen, so veranlate nunmehr Graf
zu Eulenburg durch einen Erla vom 1. Juni an die Polizeibehrden diese
zu scharfem Einschreiten gegen die Partei. "Es sei Pflicht, der
sozialdemokratischen Agitation entschieden entgegenzutreten und zu
diesem Zwecke von den zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln, unter
sorgfltiger Einhaltung der durch die Gesetze gezogenen Schranken,
innerhalb derselben aber bis an die Grenze des Zulssigen Gebrauch zu
machen."

Einer solchen Aufforderung bedurfte es nicht erst. Die Polizei zeigte
berall den grten Eifer fr ihre staatsretterische Ttigkeit und
Staatsanwlte und Richter nicht minder.




Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung.


Ich war Ende Mai aus der Haft entlassen worden. Am 2. Juni, einem
Sonntag, machte ich mit Frau und Kind einen Spaziergang, von dem wir
nach 7 Uhr abends zurckkehrten. Kaum waren wir zu Hause angekommen, so
trat die Schwester des Rechtsanwalts Freytag in groer Eile in unsere
Wohnung und fragte aufgeregt, ob wir nicht wten, was passiert sei? Wir
wohnten in der ueren Stadt, wohin Nachrichten, namentlich am Sonntag,
nicht rasch drangen. Ich verneinte die Frage. Darauf stellte Frulein
Freytag weiter die Frage: "Kennen Sie einen Dr. Nobiling? Derselbe hat
heute nachmittag auf den Kaiser geschossen und ihn schwer verwundet."
Ich war sprachlos, wie vom Blitz getroffen. Ich antwortete, der Name
Nobiling sei mir nicht bekannt, ich hielt fr ausgeschlossen, da er zur
Partei gehre. Beruhigt entfernte sich die junge Dame.

Am nchsten Morgen eilte ich auf die Redaktion des "Vorwrts", um zu
hren, was man dort wisse und wie man den Fall beurteile. Ein ffentlich
angeschlagenes Telegramm enthielt kein Wort davon, da Nobiling der
Sozialdemokratie angehre. Erleichtert atmete ich auf und trat in die
Redaktion mit den Worten ein: "Na, den knnen sie uns nicht an die
Rocksche hngen." Liebknecht, Hasenclever und alle brigen Anwesenden
waren mit mir der gleichen Ansicht, niemand kannte den Attentter,
keiner hatte vorher auch nur seinen Namen gehrt. In beruhigter Stimmung
verlie ich die Redaktion, mute aber nach wenigen Minuten wieder
umkehren, weil mittlerweile ein zweites Telegramm verffentlicht worden
war, in dem es hie: Nobiling habe in seiner ersten Vernehmung bekannt,
er sei Sozialdemokrat und habe Mitschuldige. Wir alle waren sprachlos.

Diese Angaben des Wolffschen Telegraphenbureaus erwiesen sich nachher,
wie viele andere Nachrichten gleicher Art, die damals mit grter
Geflissentlichkeit verbreitet wurden, als grobe Unwahrheiten und
Flschungen. Aber sie erreichten im vollsten Mae ihren Zweck. Die
ffentliche Meinung, die schon durch die am 1. Juni eingetroffene
Nachricht aufs hchste erregt worden war, da der "Groe Kurfrst",
eines der grten Schiffe der damaligen deutschen Flotte, bei hellem
Tage infolge einer Kollision mit einem anderen Schiffe mit fast
fnfhundert Kpfen Besatzung angesichts der englischen Kste
untergegangen sei, geriet ber das zweite Attentat in Siedehitze.

Als bei Bismarck die Nachricht eintraf, rief er frohlockend: Jetzt habe
ich die Kerle--die Nationalliberalen--, jetzt drcke ich sie an die
Wand, da sie quietschen; dann erst erkundigte er sich nach dem Befinden
des durch die Nobilingsche Schrotflinte schwer verwundeten Kaisers. Die
Auflsung des Reichstags und infolgedessen Neuwahlen standen nunmehr in
sicherer Aussicht, durch die er eine Mehrheit zusammenzubekommen hoffen
durfte, die ihm sowohl ein Ausnahmegesetz gegen uns wie neue Einnahmen
durch die einzufhrende Schutzzollpolitik gewhrte.

Nobiling hatte den Schu auf den Kaiser aus dem Fenster eines Hauses
Unter den Linden, woselbst er sich eingemietet hatte, abgegeben. Er
selbst hatte danach durch zwei Fehlschsse einen Selbstmordversuch
gemacht. Ein Offizier, der sich unter den Personen befand, die nach dem
Schu auf den Kaiser in Nobilings Wohnung eindrangen, hatte ihm mit
einem Sbelhieb eine schwere Kopfwunde beigebracht. Nobiling war
zunchst besinnungslos und vollkommen vernehmungsunfhig. Festgestellt
wurde, da er vor Jahren Landwirtschaft in Leipzig studiert hatte und
dort im Seminar des Professors Birnbaum, eines unserer schlimmsten
Gegner, sich bei den Debatten als heftiger Widersacher unserer Partei
gezeigt hatte. Von Leipzig war er nach Dresden gegangen, wo er das
Seminar des Professors Bhmert besuchte, der gleichfalls ein eifriger
Gegner der Sozialdemokratie war. In Dresden zeigte sich Nobiling
wiederholt in Versammlungen, in denen er als Gegner unserer Partei Reden
hielt, wodurch ihn unsere Parteigenossen dort, wie Vollmar, Schlter,
Paschky usw., kennen lernten. Diese machten nachher in der Untersuchung
wider Nobiling Zeugenaussagen, nach denen er ein unbedeutender Mensch
und groer Wirrkopf war. Er hatte mit der Partei noch weniger zu tun
gehabt als Hdel. Mehrfach wurden Stimmen laut, die die Ansicht
vertraten, da Nobiling zu seiner Tat erst angeregt worden sei durch die
Art, wie ein groer Teil der Presse sich mit der Person Hdels
beschftigte, dessen Portrt zum Beispiel von einem Familienblatt in
einem Prachtholzschnitt dargestellt wurde. Die Meinung, da man es auch
in Nobiling mit einem geistig kranken Menschen zu tun habe, war weit
verbreitet. So schrieb selbst die freikonservative "Post", allezeit eine
der gehssigsten Gegnerinnen der Sozialdemokratie: Bei allen Antworten,
die Nobiling gebe, umspiele ein eigentmliches Lcheln seine Lippen, das
auf Geistesstrung schlieen liee. Und dem Redakteur der "Germania",
Majunke, gegenber hatte der Untersuchungsrichter Nobilings geuert:
"Das Bild, das die Zeitungen ber Nobiling ausmalen, ist ganz und gar
unzutreffend, er ist nichts weniger als intelligent, er ist noch dmmer
als Hdel." Als Nobiling am 10. September im Gefngnis starb, war nicht
der geringste Beweis erbracht, da die Sozialdemokratie direkt oder
indirekt mit dem Attentter in Verbindung gestanden oder sein Handeln
beeinflut hatte.

Fr die Hetzer, die um jeden Preis die beiden Attentate fr ein
Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie ausnutzen wollten, waren alle
diese Feststellungen nicht vorhanden. Bismarck mibrauchte den
gewaltigen Einflu, den er mit Hilfe des Reptilienfonds auf einen groen
Teil der Presse ausbte, um die Bevlkerung zum fanatischsten Hasse
gegen die Sozialdemokratie aufzupeitschen. Und dieser Presse schlossen
sich alle an, die an einer Niederlage der Sozialdemokratie ein Interesse
hatten, insbesondere ein groer Teil der Unternehmerschaft. Die Partei
hie im gegnerischen Lager nur noch die Partei der Meuchelmrder, der
Allesruinierer, die der Masse den Glauben an Gott, Knigtum, Familie,
Ehe und Eigentum raube. Diese Partei zu bekmpfen und sie, wenn mglich,
zu vernichten, erschien diesen Gegnern als die glorreichste Tat.
Tausende und aber Tausende von Arbeitern, die als Sozialdemokraten
bekannt waren, wurden auf die Strae geworfen. In den Annoncenteilen der
Zeitungen erschienen Erklrungen, wodurch die Arbeiter sich
verpflichteten, fernerweit weder einer sozialdemokratischen Organisation
anzugehren, noch sozialdemokratische Bltter zu halten und zu lesen,
noch Geld fr sozialdemokratische Bestrebungen zu opfern. Dieser
Unternehmerterrorismus war so stark, da unsere Parteizeitungen die
Anhnger der Partei aufforderten, sie sollten jede gewnschte Erklrung
unterzeichnen, sie knnten nachher doch tun, was sie wollten, einem
solchen Terrorismus gegenber gebe es kein Worthalten. Der Terrorismus
und der damit verbundene Boykott gingen noch weiter: Patriotische
Hausherren kndigten ihren sozialdemokratischen Mietern, Wirte, die
jahrelang froh waren, Sozialdemokraten zu ihren Kunden zu zhlen,
forderten jetzt diese auf, ihre Lokalitten zu meiden. In Leipzig hatten
die Redakteure des "Vorwrts" und der "Neuen Welt"--Liebknecht,
Hasenclever, Geiser--die Gewohnheit, nach Schlu der Redaktion am
Nachmittag in einem bestimmten Lokal einen "Frhschoppen" zu trinken.
Der Wirt lie ihnen nunmehr sagen, da er auf ihren Besuch gern
verzichte. Aehnliche Vorgnge wiederholten sich auch gegenber den
Redakteuren der "Berliner Freien Presse" und anderwrts.

In Schwerin warf man dem alten Demmler an zwei Nchten hintereinander
die Fenster ein, was den vierundsiebzigjhrigen Mann so aufregte, da er
auf einige Zeit Schwerin verlie und die weitere Annahme einer
Kandidatur fr den Reichstag ablehnte. Alle diese Ausbrche fanatischer
Roheit und politischen Wahnsinns gengten aber den "Patrioten" noch
nicht, um ihre Verfolgungswut zu befriedigen. Es entstand eine
Sintflut von Denunziationen wegen wirklichen und angeblichen
Majesttsbeleidigungen. In zahlreichen Fllen wurde gerichtlich
konstatiert, da gemeine Rachsucht wegen verletzter Privatinteressen die
Denunzianten zu ihrem Vorgehen leitete. Das hinderte aber nicht, da die
hrtesten Bestrafungen ausgesprochen wurden. Ein groer Teil der Richter
war ebenfalls vom Verfolgungsparoxysmus befallen, und so verkndeten sie
Strafen von ein, zwei, drei bis zu fnf Jahren Gefngnis, der
Maximalstrafe, die das Gesetz zulie. Aeuerungen, die vordem keinen
Staatsanwalt auch nur einen Augenblick aus seiner Ruhe aufgescheucht
haben wrden, wurden jetzt als Kardinalverbrechen angesehen und aufs
hrteste bestraft.

Anfang Juli schrieb die fortschrittliche "Vossische Zeitung": "Nachdem
wir ber die auswrtigen Verurteilungen (wegen Majesttsbeleidigung) in
einer Gesamthhe der erkannten Strafen von 500 bis 600 Jahren berichtet
haben, _widerstrebt es uns, die traurige Liste weiterzufhren_." Was
sollte man aber zu Richtern sagen, die ganz und gar vergessen hatten,
was sie ihrem Amte schuldig waren? _In zwei Monaten wurden 521 Personen
zu rund 812 Jahren Gefngnis verurteilt._ Nur ein kleiner Teil der
Verurteilten war sozialdemokratisch gesinnt. Auch die Polizeibehrden
waren, wie immer bei solchen Gelegenheiten, wie von Sinnen und
veranstalteten Haussuchungen und veranlaten Verhaftungen auf jede vage
Vermutung hin. Die allermeisten der Verhafteten muten nach kurzer Zeit
wieder entlassen werden.

Hatte bereits im Mai der Senat zu Hamburg die Abhaltung eines
allgemeinen deutschen Gewerkschaftskongresses untersagt, so verbot
Anfang Juni der Stadtrat zu Gotha die Abhaltung des deutschen
Sozialistenkongresses, und hnlich verfuhren die Behrden vielfach gegen
Vereine und Versammlungen. Wiederholt wurden uns Aeuerungen aus
magebenden Kreisen zugetragen, wie die: Die Sozialdemokratie msse so
geknebelt und an die Wand gedrckt werden, da sie aufmucke und man
schieen knne. Das veranlate die "Berliner Freie Presse" zu der
Ankndigung: "Seid vorsichtig und habt acht, man will schieen." Trotz
alledem kndigten eine Anzahl Parteibltter ihre Vergrerung mit dem 1.
Juli an. Die Zahl der Abonnenten der "Berliner Freien Presse" war seit
Neujahr von 10000 auf 14000 gewachsen. Ende September 1878 hatte aber
auch die "Berliner Freie Presse" sechs Redakteure hinter Schlo und
Riegel, darunter Richard Fischer, der als junges Kerlchen die Aufnahme
in den Bund der Gechteten mit sieben Monaten Gefngnis zu bezahlen
hatte.

       *       *       *       *       *

Fr mich und unser Geschft hatte die allgemeine Hetze ganz besonders
miliche Folgen. Ich war gentigt, nach meiner lngeren Haft endlich
eine Geschftsreise zu unternehmen. Dieselbe sollte nach
Nordwestdeutschland und dem Unterrhein vor sich gehen, Lnderstrecken,
die ich bisher zum grten Teil geschftlich noch nicht besucht hatte.
Das war im gewissen Sinne mein Glck. Ich war in jenen Gegenden
persnlich nur sehr wenig bekannt und konnte es so riskieren, in den
Hotels unter angenommenem Namen zu wohnen, da ich unter meinem eigenen
Namen _nirgends_ als Gast geduldet worden wre. Tag fr Tag war ich an
der Wirtstafel Augen- und Ohrenzeuge, wie die Gste in Ausdrcken
grenzenlosen Hasses sich gegen die Partei und speziell auch gegen meine
Person ergingen. Wre ich erkannt worden, es wre zu den schlimmsten
Szenen gekommen. Aehnlich erging es mir aber auch bei dem Besuch der
Geschftsleute, denen ich unsere Fabrikate zum Kauf anbot. Den ersten
Besuch machte ich bei einem Kaufmann in Halle a.S. Demselben gefielen
unsere Artikel und er gab mir einen namhaften Auftrag. Sobald ich ihm
aber unsere Geschftskarte berreichte und er den Namen der Firma las,
erklrte er schroff: Mit dieser Firma arbeite ich nicht, annullieren Sie
meine Bestellung. Und so erging es mir hufig. Andere wieder lehnten,
ohne irgendeine Bemerkung zu machen, eine Bestellung zu geben ab. Ich
machte so schlechte Geschfte, da, als ich nach sechs Wochen nach Hause
zurckkehrte, froh war, das Erlebte hinter mir zu haben, da ich aus den
Verkufen unserer Artikel nicht einmal die Reisespesen gedeckt hatte,
obgleich ich diese aufs niedrigste zu halten suchte und zu diesem Zwecke
in den einzelnen Orten selbst meinen neun Kilo schweren Musterkoffer
Strae auf, Strae ab bei Regen und glhendem Sonnenschein trug, um
keinen Trgerlohn ausgeben zu mssen.




Die Reichstagswahl von 1878.


Wieder nach Hause gekommen, strzte ich mich in die Wahlagitation.
Bismarck, der es auch hier wieder verstand, das Eisen zu rechter Zeit zu
schmieden, und den die Attentate aus allerlei inneren Wirrnissen befreit
hatten, hatte im Bundesrat den Antrag auf Auflsung des Reichstags
gestellt, dem der Bundesrat am 12. Juni Folge leistete. Die Wahlen
wurden auf den 30. Juli 1878 angesetzt.

Wenn es Bismarck nur um ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie zu
tun gewesen wre, so htte er dieses auch ohne Auflsung des Reichstags
bekommen. Nach dem Nobilingattentat versicherte die gesamte
nationalliberale Presse und bei den verschiedensten Gelegenheiten auch
die Abgeordneten der Partei, da sie jetzt bereit seien, ein scharfes
Ausnahmegesetz gegen uns zu bewilligen.

Damit war aber Bismarck allein nicht mehr gedient. Er war entschlossen,
die Macht der Nationalliberalen zu brechen; ihren Ansprchen, erklrte
er, knne keine Regierung gerecht werden. Und wie bescheiden waren diese
Ansprche doch immer gewesen. Er veranlate die Verffentlichung einer
frmlichen Programmerklrung, in der er mit der herrschenden, angeblich
dem Freihandel dienenden Wirtschaftsordnung vollstndig brach. Das
bisherige Vorherrschen von Juristen, Beamten und Gelehrten, von Leuten
ohne produktive Beschftigung htten dem Parlament eine unpraktische
Richtung gegeben. Der Parteiha, der Machtstreit der Fraktionen, der
Ehrgeiz ihrer Fhrer veranlasse, da die Zeit mit oratorischen
Schaustellungen vergeudet werde. Die Mehrzahl habe keinen produktiven
Beruf, sie treibe weder ein Gewerbe noch Handel, weder Industrie noch
Landwirtschaft. Die Vertretung der wirtschaftlichen Interessen lge in
den Hnden solcher, die von Gehalt, Honorar, von Diten (die damals der
Reichstag noch nicht erhielt. A.B.), vom Pregewerbe oder von
zinstragenden Papieren lebe. Usw.

Die Philippika lie an Deutlichkeit, aber auch an Grobheit nichts zu
wnschen brig. Die Beamten, die den Wahlkampf beeinflussen konnten,
wuten nun, woran sie waren, und handelten danach.

Der Wahlkampf entbrannte mit einer bisher nicht gekannten Heftigkeit.
Die Bismarcksche Wahlparole verhinderte nicht, da alle brgerlichen
Parteien den Kampf gegen uns als ihre vornehmste Pflicht ansahen. "Die
Sozialdemokratie mu aus dem Reichstag hinaus. Kein Sozialdemokrat darf
mehr gewhlt werden", wurde die Losung auch in der fortschrittlichen
Presse. Und obgleich fr jeden sichtbar war, was Bismarck im Schilde
fhrte, und er nicht blo unsere Vernichtung, sondern auch die
Schwchung der Liberalen erstrebte, brachte es der Fhrer der
Fortschrittspartei, _Eugen Richter_, fertig, als im Erfurter Wahlkreis
der sozialdemokratische mit dem konservativen Kandidaten in engerer Wahl
stand, seinen Parteigenossen die Wahlparole zu telegraphieren: Lieber
Lucius (konservativ) als Kapell (der Sozialdemokrat). Sein Ha gegen uns
machte ihn gegen die selbstverstndlichsten Regeln der Wahltaktik blind,
denn der Sozialdemokrat war so gut wie die Liberalen Gegner der
Bismarckschen Wirtschaftspolitik, und der Zukunftsstaat stand nicht in
Frage.

Ich kandidierte wieder in Dresden und in Leipzig. Mir gegenber standen
in Dresden der Freiherr v. Friesen, Minister a.D., und ein
fortschrittlicher Kandidat. Ich erhielt im ersten Wahlgang 9855, v.
Friesen 7266, Walther (Fortschrittler) 5410 Stimmen. Es kam zur engeren
Wahl zwischen mir und v. Friesen, die der Wahlkommissr auf den 9.
August, an welchem v. Friesen seinen siebzigsten Geburtstag feierte,
ansetzte. Offenbar rechnete man mit meiner sicheren Niederlage. Aber ich
siegte, und zwar mit 11616 ber 10702 Stimmen. In Leipzig erhielt ich
5822 Stimmen, 600 mehr als bei der vorhergehenden Wahl. Auer mir waren
schlielich von der Partei gewhlt: Bracke-Glauchau-Meerane,
Fritzsche-Berlin, Hasselmann-Barmen-Elberfeld, Kayser-Oederan-Freiberg
(Sachsen), Liebknecht-Stollberg-Lugau, Reinders-Breslau,
Vahlteich-Mittweida-Limbach, Wiemer-Annaberg-Zschopau (Sachsen). Also
neun Abgeordnete, von denen nur zwei, Bracke und Liebknecht, in der
Hauptwahl gewhlt worden waren.

Mit dem Hinauswurf der Sozialdemokratie aus dem Reichstag war es also
nichts. Aber auch in bezug auf die Stimmenzahl schnitten wir gnstiger
ab, als wir nach der furchtbaren Hetze gegen uns hoffen durften, denn in
einer Anzahl Wahlkreise war der gegnerische Terrorismus so stark, da
wir keine Agitation betreiben konnten. Es wurden bei der Hauptwahl fr
die Partei 437158 Stimmen abgegeben, gegen 493447 bei der Wahl im
Januar 1877. Das war ein Verlust von 56389 Stimmen und drei Mandaten.
Die Gegner waren sehr unzufrieden mit diesem Resultat.

Das Gesamtresultat der Wahlen war, wie vorauszusehen, ein Sieg
Bismarcks. Die Nationalliberalen sanken von 137 auf 106 Mandate, die
Fortschrittspartei von 39 auf 26. Die Konservativen hatten ihre Mandate
entsprechend vermehrt, das Zentrum erhielt ebenfalls einige Mandate
mehr.

Bismarck hatte jetzt fr seine Politik zwei Mehrheiten zur Verfgung.
Eine nationalliberal-konservative Mehrheit fr ein Ausnahmegesetz gegen
uns und eine Mehrheit aus Konservativen und Zentrum, der sich der rechte
Flgel der Nationalliberalen anschlo, fr seine Zollpolitik. Die neue
Aera mit der politischen Entrechtung der klassenbewuten Arbeiter und
der Belastung der Massen durch die Zollpolitik konnte nunmehr in Szene
gesetzt werden. Der neue Reichstag wurde zur Beschlufassung ber das
Sozialistengesetz auf den 9. September nach Berlin berufen.

Das Spiel konnte seinen Anfang nehmen. Es sollte eine Tragdie werden,
in der die Sozialdemokratie fr die monarchisch-kapitalistischen
Interessen als Opferstier bestimmt war, um den todsicheren Keulenschlag
zu erhalten. Aber es kam auch diesmal, wie so oft schon, anders. Der
Herkules, der uns mit seiner Keule erschlagen sollte, fiel selbst nach
zwlf Jahren eines fr ihn ruhmlosen Kampfes mit dem verhaten Gegner
und deckte mit seiner Leiche das Blachfeld.





End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben - Zweiter Teil, by August Bebel

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN - ZWEITER TEIL ***

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

*** END: FULL LICENSE ***

