The Project Gutenberg eBook, Deutsches Leben der Gegenwart, by Philipp
Witkop, Paul Bekker, Max Scheler, Arnold Sommerfeld, and Goetz Briefs,
Edited by D. Philipp Witkop


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Title: Deutsches Leben der Gegenwart
       Deutsche Dichtung der Gegenwart, von Prof. Dr. Philipp Witkop; Deutsche Musik der Gegenwart, von Paul Bekker; Deutsche Philosophie der Gegenwart, von Prof. Dr. Max Scheler; Relativittstheorie, von Prof. Dr. A. Sommerfeld; Deutsche Wirtschaftsprobleme der Gegenwart, von Prof. Dr. Goetz Briefs


Author: Philipp Witkop, Paul Bekker, Max Scheler, Arnold Sommerfeld, and
Goetz Briefs

Editor: D. Philipp Witkop

Release Date: July 11, 2005  [eBook #16264]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHES LEBEN DER GEGENWART***


E-text prepared by Martin C. Doege <mdoege@compuserve.com>



DEUTSCHES LEBEN DER GEGENWART

Herausgegeben Von Prof. D. Philipp Witkop

Mit 8 Abbildungen

PROF. DR. PHILIPP WITKOP
Deutsche Dichtung der Gegenwart

PAUL BEKKER
Deutsche Musik der Gegenwart

PROF. DR. MAX SCHELER
Deutsche Philosophie der Gegenwart

PROF. DR. A. SOMMERFELD
Relativittstheorie

PROF. DR. GOETZ BRIEFS
Deutsche Wirtschaftsprobleme der Gegenwart


Berlin 1922
Volksverband Der Bcherfreunde
Wegweiser Verlag G. M. B. H.







   Dieses Buch wurde als dritter
   Band der dritten Jahresreihe
   fr die Mitglieder des "Volksverbandes
   der Bcherfreunde" hergestellt und wird nur an
   diese abgegeben / Den Einband
   zeichnete A d o l f  P r o p p




VORWORT

Deutsches Leben der Gegenwart -- dem feindlichen Blick, der nur seine
Oberflche streift, mchte scheinen, da die Gegenwart wenig vom
deutschen Leben, mehr vom deutschen Sterben zu melden htte. Aber der
nachdenkliche Betrachter wei, da die grten geistigen Epochen
Deutschlands ber seinen politischen Niederlagen wuchsen, da gerade
die Zeiten nach dem Dreiigjhrigen Krieg, nach dem Zusammenbruch von
Jena zu den schpferischen des deutschen Lebens gehren. Und so wird
seinem geschrften Auge nicht entgehen, wie auch heute hinter der
zerstrten und zersetzten deutschen Auenwelt seelische und geistige
Krfte keimen -- in heiligem Trotz dem Elend und Leid der Gegenwart
entkeimen -- die eine Verjngung und Vertiefung, eine Erneuerung
Deutschlands verheien.

Von solchen Krften will dies Buch uns Kunde geben, auf da wir der
inneren deutschen Welt gewi und froh werden, wenn auch die uere noch
darniederliegt.

Und es ist bedeutsam, zu sehen, da diese Mchte durch den Krieg zwar
erst ganz befreit und gefrdert, aber nicht erst durch den Krieg
geweckt sind. Schon seit der Jahrhundertwende regen sich Krfte in
Deutschland, die es aus der europischen Epoche des Materialismus und
Rationalismus, des Technizismus und Kapitalismus hinausfhren wollen zu
geistigem und seelischem Urgrund.

In der Dichtung, Musik, Philosophie, der Naturwissenschaft und
Wirtschaft drngen junge, schicksalstiefere Krfte vor. Und so wenig
die Autoren dieses Buches einem bestimmten anderen Punkte sieht und
schafft, so leben und schaffen doch alle nicht im Gefhl eines Ausgangs
und Untergangs, sondern eines Anfangs und bergangs, einer Zeitenwende,
in der dem deutschen Volke vielleicht gerade um seiner greren Leiden
willen die grere, schwerere Aufgabe zugewiesen ist.

  F r e i b u r g  i. B., Neujahr 1922.

    Prof. Dr. Philipp Witkop.




DIE DEUTSCHE DICHTUNG DER GEGENWART
(IN IHREN GRUNDLINIEN)
VON PHILIPP WITKOP


DER ROMAN

Alle epische Dichtung, das Versepos wie der Roman, setzt sich als
hchstes Ziel, ihr ganzes Volk in ihrer Zeit darzustellen, in seinen
religisen, sittlichen, geistigen und wirtschaftlichen Grundformen.
Aber die Urzeit der Vlker, da diese Formen in ungeschiedener Einheit
das ganze Volk umfassen, hat selten ein Volk zum Bewutsein und zur
epischen Gestaltung seiner selbst gelangen lassen. Erst nachdem sich
aus der Einheit und Einfachheit des ganzen Volkes einzelne Stnde
herausgehoben und gesondert ihre Anlagen und Lebensformen entwickelt
haben, sind die groen Epen entstanden. Die Ilias wie die Nibelungen
stellen die Lebensformen einer ritterlichen Gesellschaft dar. Und wenn
de stndischen Volksgruppen sich kulturell und dichterisch entwickelt
haben, meist nacheinander, so bleiben sie in der epischen Dichtung
ihres Landes nebeneinander bestehen: fast alle groen neueren Romane
gestalten die Lebensformen eines bedeutenden Standes; so zerfllt der
Volksroman in den Ritter- oder Adelsroman, den Brgerroman, den
Bauernroman, den Arbeiterroman. Die jeweilige schpferische Bedeutung
dieser Stnde entscheidet zumeist auch ber die Bedeutung ihrer Romane.
Sind ihre Lebensformen, ihre religisen, sittlichen, geistigen,
wirtschaftlichen Grundkrfte gesund, klar, einig und schpferisch, so
drngen sie auch nach ihrem schpferischen Ausdruck, so geben sie einem
wesensverbundenen Epiker die innere Form zu einem epischen
Gesellschafts- und Volksbild, das sich in breitem Nach- und
Nebeneinander, in plastischer Gestaltenflle, in farbiger Sinnlichkeit
und Sichtbarkeit, in liebevoller Bejahung des Lebens entfaltet.

In Deutschland ist dies Wesen und Werden der epischen Dichtung von
fremden Krften durchkreuzt. Seine ritterliche Kultur hat zwar in
Gottfried von Straburgs "Tristan" und in Wolfram von Eschenbachs
"Parzival" vollen epischen Ausdruck gefunden. Aber schon im "Parzival",
dem eigentlich deutschen der beiden Gedichte, bricht jene deutsche
Eigenheit durch, die dem epischen Lebensgefhl widerspricht: die
deutsche Art schlgt das Auge eher nach innen denn nach auen auf, ist
mehr metaphysisch als physisch, mehr musikalisch als plastisch, sie
wei mehr von der inneren Einsamkeit der Persnlichkeit als von der
Gemeinsamkeit des Standes, Volkes und Staates, mehr von Kampf und
Tragik als von Frieden und Daseinsfreude. Schon die Nibelungen sind im
Grunde eine Tragdie, der grauenvolle Untergang eines ganzen Volkes.
Ein unendliches Wehklagen ist ihr Schlu und die dstere Erkenntnis,
"da alle Freude immer zuletzt in Leid sich kehrt". Und der erste der
groen deutschen Prosaromane, Grimmelshausens "Simplizissimus",
schildert die irrende deutsche Seele, die aus Mord und Getmmel des
Dreiigjhrigen Krieges auf eine einsame Insel, an das Herz ihres
Gottes flchtet. Die Entwicklung und Vollendung der Seele wird zum
Inhalt des deutschen Romans, nicht die Darstellung des ueren Lebens,
der Gesellschaft, des Volkes, der Kriege und Siege. Die groen
deutschen Epen und Romane sind Entwicklungsromane: "Parzival",
"Simplizissimus", "Wilhelm Meister", "Der grne Heinrich".

Diese deutsche Wesensart ist durch die Geschichte Deutschlands
bedeutsam verstrkt worden -- wobei vielleicht auch hier "Schicksal und
Gemt Namen e i n e s Begriffes sind" (Novalis). Whrend die romanische
und angelschsische Welt mit der Renaissance sich der Bewunderung,
Erforschung und Eroberung der Natur zuwandte, verlor sich Deutschland
in die metaphysischen Tiefen und Konflikte der Reformation, bis da es
in einem dreiigjhrigen Religionskriege fast zugrunde ging. Aber
whrend es politisch und wirtschaftlich so auf lange daniederlag, hob
es sich philosophisch und knstlerisch zu seiner grten Bedeutung. Zum
epischen Ausdruck dieser inneren Welt und Wesenheit wird der Roman der
deutschen Romantik (Hlderlin, Novalis, Jean Paul. Eichendorf, E. T. A.
Hoffmann), der durchaus musikalisch-metaphysisch bestimmt ist, aus der
Welt der Gestalten in die "unendliche Melodie" hinberdrngt.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts tritt Deutschland aus dem Reich der
Dichtung, Philosophie und Religion in das Reich der Industrie, Technik
und Politik hinaus. Aber die knstlerisch bedeutenden realistischen
Romane, die um diese Zeit entstehen (Immermanns "Mnchhausen", 1838,
Ludwigs "Heiteretei", 1853, Freytags "Soll und Haben", 1855, Reuters
"Ut mine Stromtid", 1862-64, Raabes "Der Hungerpastor", 1864),
begleiten diese Entwicklung kaum. Ihre Welt ist die des alten
Deutschlands, des Bauerntums, der Gutsbesitzer, des Kleinbrgertums
geblieben. Die deutsche Kultur vermag die neuen, industriellen und
politischen Krfte nicht schpferisch zu durchdringen und zu formen.

Es war das Verhngnis der deutschen Kultur, da die neue Entwicklung
die klassische Zeit des deutschen Idealismus nicht auf ihrer Hhe,
sondern im Niedergang antraf, da das philosophisch-dichterische und
das naturwissenschaftlich-technische Zeitalter sich nicht durchdrangen,
sondern einseitig ablsten. Als die idealistische deutsche
Weltanschauung schon in sich zersetzt, Hegels Philosophie bei Feuerbach
in ihr Gegenteil umgeschlagen war, da drangen Naturwissenschaften,
Technik und Industrie ein. Eine abgestorbene innere Welt stand einer
jungen ueren gegenber, die sich in unerhrter Jhe und Strke
entwickelte. Und die politischen Geschehnisse -- die wieder nicht aus
innerem Wachstum reiften, sondern von auen, durch Bismarcks Genius
heraufgefhrt wurden -- steigerten diese Entwicklung ins Hemmungslose.
So vermochten die alten brgerlichen Lebensformen sich nicht mehr
organisch fortzubilden; sie wurden gesprengt. Mit dem Aufstieg des
deutschen Brgertums zur ueren Macht beginnt seine innere Zersetzung.
Der Biedermeierstil ist der letzte Ausdruck einer brgerlichen
Lebensform in Deutschland.

Am Ende dieser brgerlichen Kultur steht Thomas Mann (geb. 1875). Seine
Vaterstadt Lbeck, die alte Hansastadt, vermochte ihre Lebensformen am
lngsten zu behaupten. Die "Buddenbrooks" (1901) sind der grte und
letzte brgerliche Roman in Deutschland.

Thomas Mann war -- wie sein Bruder Heinrich Mann -- der Sohn eines
Lbecker Senators. ber ein Jahrhundert hinweg sah er sein Geschlecht
in der sicheren Tradition, den festen brgerlichen Lebensformen der
Freien Hansastadt wurzeln und wirken. Und am Ende dieser Reihe standen
er und sein Bruder, unwillig, unfhig, diese Tradition fortzuleiten.
Der Dreiundzwanzigjhrige suchte nach einer Erklrung, einer
Rechtfertigung seines Andersseins. Und als Sohn eines naturalistischen
Zeitalters, das eben Darwin aufgenommen hatte, das Entwicklung und
Verfall der Arten, die geheimnisvolle Unbersehbarkeit der Erbgesetze
zu durchschauen meinte, sah er -- nicht ohne Einflu Zolas und seiner
Rougon-Macquart-Reihe -- sich als den Ausgang eines alten, immer mehr
verfeinerten Geschlechtes, das schlielich, durch Beimischung des
mtterlichen, romanischen Blutes dem ttigen Leben entfremdet, im
bloen Zuschauer, Kritiker und Gestalter des Lebens, im Knstler,
endete. Ein Entartungs-, ein Dekadenzproblem! Auf mehr denn tausend
Seiten schrieb der Jngling die Chronik des Niederganges:
"Buddenbrooks. Verfall einer Familie." Aber er war viel zu seelenhaft,
zu metaphysisch, zu musikalisch, als da er im naturalistischen Roman
steckengeblieben wre. Strker als Zola bestimmte ihn Richard Wagner,
dessen berwiegend epische Elemente ihm deutlich und nah waren, strker
als die Rougon-Macquart-Reihe der "Ring der Nibelungen". So wurde ihm
die Entartung zur Verinnerlichung: Vier Generationen schreiten den Weg
aus klarer, derber Lebenstchtigkeit in die allauflsende,
geheimnisdunkle, "unendliche Melodie". Durch die naturalistische
Darstellung bricht das Lebensgefhl der deutschen Romantik: "Sympathie
mit dem Tode".

Die vier Generationen schreiten den Weg nicht nur kraft einer
naturgesetzlich berechenbaren Zersetzung ihres Blutes und ihrer Nerven,
nicht nur Kern einer metaphysisch unbedingten Wesensgegebenheit, sie
schreiten ihn auch, weil die alten brgerlichen Lebensformen ihrer
Umwelt sie nicht mehr zu halten und binden vermgen. Auch hier sind, im
weiten epischen Sinne, "Schicksal und Gemt Namen Eines Begriffes"
(Novalis). Im "Verfall einer Familie" schildert der Epiker den Verfall
einer Welt, der Welt des alten deutschen Brgertums. Subjektiv
"flchtig und ohne da ich an diesem Gegentyp sonderlich teilgenommen
htte", objektiv aber notwendig und bedeutsam geht dem Abstieg der
Buddenbrooks der Aufstieg der Hagenstrms parallel, um in der bernahme
des Buddenbrookschen Hauses durch Hagenstrms zu gipfeln: Der Brger
wird abgelst durch den Bourgeois, patriarchalische, sittliche,
geheiligte Lebensformen, die ber den Personen und Generationen
standen, weichen der egoistischen, skrupellosen Willkr des
Individuums, das "frei von der hemmenden Fessel der Tradition und der
Piett auf seinen eigenen Fen stand" dem "alles Altmodische fremd"
war.

In vier Generationen umfat der Roman die Zeit von 1768, dem
Grndungsjahr der Firma (unmittelbar von 1835, dem Jahr des
Wohnungswechsels) bis nach 1880: die eigentliche Zeit des neuen
deutschen Brgertums, in Aufstieg, Glanz und Niedergang. Schon diese
uere Spannweite greift ber jeden deutschen Roman hinaus, nicht
minder die innere: der Beginn: rationalistische Behaglichkeit,
sinnlich-geruhige Lebensfreude und Lebensbejahung, das runde, rosig
berhauchte, wohlmeinende Gesicht, das schneewei gepuderte Haar, das
leise angedeutete Zpflein des alten Monsieur Johann Buddenbrook, ein
Diner von traditioneller Feinheit und Flle und epischer Dauer,
Schinken von sagenhaftem Umfang, Puddings von mythischer Schichtung und
Mischung, Weine von staubumsponnenem Alter, anakreontisch tndelnde
Verse: "Venus Anadyomne -- Und Vulcani flei'ge Hand", heiter-grazise
Fltentne und ein wenig schlpfrige Verslein im Billardsaal. Und das
Ende: der fnfzehnjhrige, lebensunwillige, leidverlorene Hanno
Buddenbrook mit den Augen des Wissenden, Einsamen, Heimatlosen, der so
mde des Daseins ist, der schlafen mchte und nichts mehr wissen: "man
sollte mich nur aufgeben; ich wre so dankbar dafr", der aus der
Sphre epischer Bejahung und Gegenstndlichkeit in verzweifeltem
Aufbruch sich hinberflchtet in das weltflchtige, weltverneinende,
jenseitige Reich einer an Wagner geschulten Musik: Hanno Buddenbrook
vor dem Flgel.

Zwischen diesen uersten Spannungsweiten dehnt sich die Handlung. In
einer epischen Gegenstndlichkeit, die keine Reflexion, keinen blassen
Bericht zult, die ganz sichtbare, farbige Gegenwart ist, folgen sich
die Gestalten und Generationen als feste Glieder in der Kette des
Geschlechts, der Firma, der brgerlichen Tradition. Dieser Zusammenhang
umfat ihre Weltanschauung. Ihr Unsterblichkeitsglaube ist der epische
des Geschlechts: "da er (Thomas Buddenbrook) in seinen Vorfahren
gelebt habe und in seinen Nachfahren leben werde. Dies hatte nicht
allein mit seinem Familiensinn, seinem Patrizierselbstbewutsein,
seiner geschichtlichem Piett bereingestimmt; es hatte ihn auch in
seiner Ttigkeit, seinem Ehrgeiz, seiner ganzen Lebensfhrung
untersttzt und bekrftigt." Die Bibel dieses Glaubens ist die
Familienchronik: die feierliche Darstellung des Werdens, Ringens und
Wachsens dieser Folge, der Menschen, der Generation und des Ideals, dem
sie unterstellt sind: der Firma.

Wie es die Lebensaufgabe der Frsten- und Knigshuser ist, ihren
berkommenen Machtbezirk taten- und ehrenvoll zu behaupten und zu
erweitern, so ist es die verantwortungsvolle Aufgabe des Brgerhauses,
die ererbte Firma zu immer weiterer Wirkung, immer reicherer Wrde zu
fhren. Eine berpersnliche, sittliche Aufgabe! Ihr opfert man seine
Ruhe, seine Liebe, sein Glck. "Wir sind nicht dafr geboren, was wir
mit kurzsichtigen Augen fr unser eigenes, kleines, persnliches Glck
halten, denn wir sind nicht lose, unabhngige und fr sich bestehende
Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir wren, so wie
wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns vorangingen
und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und, ohne
nach rechts oder links zu blicken, einer erprobten und ehrwrdigen
berlieferung folgten."

Die ersten beiden Generationen des Romans sind von diesem Lebensgefhl
noch bluthaft durchdrungen; in den beiden letzten zersetzt es sich. Nur
Toni Buddenbrook bleibt sein glubiger Trger. Ihm opfert sie ihre
Jugendliebe, um seinetwillen heiratet sie den erst widerwrtigen
Grnlich, um seinetwillen trennt sie sich von ihm, um seinetwillen geht
sie die neue We mit Permaneder ein. Und als alle mnnlichen Glieder der
Familie gestorben, die Firma aufgelst ist, da bleibt ihr Lebenstrost,
einmal in der Woche die weiblichen Verwandten zu sich zu laden: "Und
dann lesen wir in den Familienpapieren." Ihr Gegensatz ist ihr Bruder
Christian. Ihn vermgen die alten Lebensformen nicht mehr zu halten,
sie lassen ihn gehen, er lt sich gehen: "Wie satt ich das alles habe,
dies Taktgefhl und Feingefhl und Gleichgewicht, diese Haltung und
Wrde, wie sterbenssatt!" Die Firma, das berpersnliche Ideal der
Familie bedingt ihn nicht. Er zergeht in "ngstlicher, eitler und
neugieriger Beschftigung mit sich selbst". Sein Interesse fr Theater,
Variet und Zirkus ist das Interesse des formlos gewordenen Brgers fr
"die Fahrenden" die dem mittelalterlichen Brger als unehrlich galten.

Schlielich heiratet er seine Kurtisane; den alten, brgerlichen Formen
entglitten, unfhig, sich neue zu bilden, fllt er seelisch und
krperlich auseinander. Zwischen Toni und Christian steht Thomas
Buddenbrook. Die Gefahren Christians, der Hang zur Formlosigkeit und
Subjektivitt, ist ihm nicht fremd. Er bekmpft und berwindet sie. Er
wird zum Helden des sinkenden brgerlichen Ideals. Aber die alten
Lebensformen halten weniger ihn, als da er sie hlt. Der Held wird zum
Schauspieler des Ideals; er reprsentiert es, er verkrpert es nicht.
"Der gnzliche Mangel eines aufrichtig feurigen Interesses, das ihn in
Anspruch genommen htte, die Verarmung und Verdung seines Innern,
verbunden mit einer unerbittlichen inneren Verpflichtung und zhen
Enschlossenheit, um jeden Preis wrdig zu reprsentieren, seine
Hinflligkeit mit allen Mitteln zu verstecken und die Dehors zu wahren,
hatte dies aus seinem Dasein gemacht, hatte es knstlich, bewut,
gezwungen gemacht und bewirkt, da jedes Wort, jede Bewegung, jede
geringste Aktion unter Menschen zu einer anstrengenden und aufreibenden
Schauspielerei geworden war."

Diesem Schauspieler des Ideals wird als Sohn Hanno Buddenbrook, der
viel zu mde ist, um zu schauspielern, viel zu vornehm, um gleich
seinem Onkel Christian zum "Fahrenden" zu werden. Wenn er zur Kunst
flchtet, so sucht er nicht das Formlose im Leben, sondern das Formlose
jenseits des Lebens: die Musik, die vor und ber aller Erscheinung ist,
das Meer der unendlichen Melodie, das sein Tropfendasein erlsend
zurcknimmt. Von den alten brgerlichen Lebensformen verlassen, nach
neuen nicht begierig, ein Brger des Metaphysischen, das sich seinem
Vater nur in der Lesung Schopenhauers einmal blendend enthllt hat,
gibt er leidvoll und heimwehmde vor der Zeit das Leben preis.

Wie diese -- erst in Hanno ungehemmte -- "Sympathie mit dem Tode"
heimlich aus der brgerlichen Diesseitigkeit der Generationen
emporwchst, ist in weitgespannter, erschtternder Symbolik
dargestellt. Die ersten, eigentlich epischen, lebensbejahenden
Generationen verstehen den Tod nicht: "Kurios! Kurios!" murmelt der
alte Monsieur Buddenbrook am Sterbebett seiner Frau mit leisem,
erstauntem Kopfschtteln; mit einem letzten "Kurios" kehrt er selber
sich sterbend zur Wand. "Mit Furcht und einem offenkundigen, naiven
Ha" beobachtet die Konsulin Buddenbrook, "die ehemalige Weltdame, mit
ihrer stillen, natrlichen und dauerhaften Liebe zum Wohlleben und zum
Leben berhaupt" die Fortschritte ihrer Krankheit; sie kmpft mit dem
Tod in langer, verzweifelter Kraft. Thomas Buddenbrook aber, der Held
und Schauspieler des brgerlichen Ideals, ist lngst so vom Tode
unterhhlt, da ein Zahngeschwr gengt, um seine krampfhafte
Lebensbehauptung niederzureien. Mitten auf der Strae wirft es ihn um;
der so lang und gewissenhaft Wrde, Haltung, Form verteidigt, liegt im
Kot und Schneewasser des Fahrdamms. "Seine Hnde, in den weien
Glachandschuhen, lagen ausgestreckt in einer Pftze." Hanno aber
kmpft nicht mehr gegen den Tod; hemmungslos ersehnt und ruft er ihn
als den Freund und Erlser.

Mit hnlicher, weitgespannter Symbolik, mit gleicher Flle und Dauer
der inneren Beziehungen baut sich alles auf in diesem Roman. Von den
alten Epen ist das Leitmotiv bernommen und ber Richard Wagner her
musikalisch verinnerlicht, symbolisch vertieft. Gegenber der lockeren
Form des "Wilhelm Meister" und des "Grnen Heinrich" ist hier an
Geschlossenheit des epischen Aufbaus in Deutschland ein Hchstes
erreicht.

Die "Buddenbrooks" schreibt Thomas Mann, dreiundzwanzig bis
sechsundzwanzig Jahre alt, in Italien und Mnchen, so wie Gottfried
Keller seinen "Grnen Heinrich" in Berlin niederschrieb. Nicht er
allein schuf diesen Roman; durch ihn schuf und gestaltete sich sein
Geschlecht, sein Heimatstaat Lbeck, wie der Berner Stadt-Staat durch
Jeremias Gotthelf, Zrich durch Gottfried Keller, das alte Berlin durch
Theodor Fontane sich Gestalt erdrang. Aber Gottfried Keller kehrte aus
Berlin nach Zrich heim, wurde Staatsschreiber und Fhrer, nahm in
Anteil und Liebe neue Lebensbilder und -schicksale seines Volkes auf,
Grund und Gehalt zu neuen Schpfungen. Was blieb Thomas Mann, dem
Epiker, der seine eigene Welt zu Grabe getragen, der ihr das letzte
Zeichen seiner Liebe im Riesendenkmal seiner Dichtung geschaffen hatte?
Ein Lyriker hat die Natur, ein Dramatiker. die Idee, die seiner Kunst
Boden und Wachstum geben. Ein Epiker ist undenkbar ohne Volks- und
Heimatzusammenhang. Im Weh verfrhter Hellsicht stand der Einsame,
Zurckgebliebene, ein Knig ohne Land, ein Bildner ohne Stoff. Sollte
er zum bloen Zuschauer, Beobachter, Kritiker, zum weiteren Zersetzer
des Lebens werden? Sollte er das Leben verachten, das ihm nicht gem
war, und hochmtig sich in das Reich einer rein formalen Kunst, einer
l'art pour l'art, zurckziehen? Das Europisch-Intellektuelle seine
Wesens, das Romanische seines Blutes drngte zu diesem Entscheid. Der
Zwiespalt wurde zur Dichtung: In den "Buddenbrooks" hatte Thomas Mann
sich Rechenschaft ber das Problem seines Lebens gegeben, im "Tonio
Krger" gab er sich Rechenschaft ber seine Kunst.

Und er blieb dem Leben treu, obwohl es ihn allein gelassen hatte. ber
die Qual der Einsamkeit, den Hochmut der Form und Erkenntnis hinweg
bekannte, ja predigte er "die Brgerliebe zum Menschlichen, Lebendigen
und Gewhnlichen. Alle Wrme, alle Gte, aller Humor kommt aus ihr, und
fast will mir scheinen, als sei sie jene Liebe selbst, von der
geschrieben steht, da einer mit Menschen- und Engelszungen reden knne
und ohne sie doch nur ein tnendes Erz und eine klingende Schelle sei."
Er verspottete und geielte die Gefahren des Literaten- und
sthetentums -- seine Gefahren! -- im Schriftsteller Spinell. In
Leidverwandtschaft kehrte er sich den Enterbten des Lebens zu, sprach
er sein Leid in ihrem Leid, im Weltleid aus. Wie in den "Lamentationen"
Heines, den das Leben verwiesen und in die Matratzengruft geworfen
hatte, so ziehen die Verfolgten und Verratenen des Lebens -- Tobias
Mindernickel, der kleine Herr Friedemann, der Bajazzo, Rechtsanwalt
Jacoby, Friedrich Schiller, Baronin Anna, Lobgott Piepsam, Van der
Qualen, Hieronymus -- mit friedlosen, sehenden Augen an uns vorber.

Langsam erst ringt sich aus dieser Heimatlosigkeit und Sehnsucht ein
Hoffen, ein Ahnen, ein Wissen von neuer Verbundenheit: in Frau und
Kindern beginnt ihm das Leben neu, ein erstes Menschenpaar, eine junge
Welt. Durch sie fhlt er sich den Menschen wieder verbunden, nicht in
Sehnsucht mehr, in lebendigem Anteil. "Knigliche Hoheit" zeichnet die
Erlsung durch die Liebe von einem formalen, reprsentativen Dasein zur
Tat und Gemeinschaft, zum "strengen Glck". Ein Kunst- und Mrchenspiel
von romanischer Klarheit, Bewutheit, berlegenheit der Form, von
deutscher Innerlichkeit, Einsamkeit, Pflicht und Liebestiefe des
Gehalts. Der "Gesang vom Kindchen" gibt Geburt und Taufe eines
Tchterchens, Menschlich-Schlichtestes als Menschlich-Tiefstes, fast
ohne sthetische Form, nur als Ausdruck der formgewordenes,
harmonischen Persnlichkeit. Und das Prosaidyll "Herr und Hund" zieht
in Bauschan, dem Hhnerhund, auch das Tier in die Gemeinschaft des
Lebens und der Liebe ein.

Aus dieser wurzeltiefen Lebensgemeinschaft, dieser sittlichen
Zugehrigkeit und Entschlossenheit, dieser Wrme, Liebe und Gte formt
er die letzte, klassische Auseinandersetzung, die Absage an die
zersetzenden Krfte in sich und der Umwelt: an die auflsende
Erkenntnis, die Relativierung der Werte und -- tiefer und tragischer im
Konflikt seines Helden -- an die leere Schnheit, die bloe Form: "Der
tiefe Entschlu des Meister gewordenen Manns, das Wissen zu leugnen, es
abzulehnen, erhobenes Hauptes darber hinwegzugehen, sofern es den
Willen, die Tat, das Gefhl und selbst die Leidenschaft im geringsten
zu lhmen, zu entmutigen, zu entwrdigen geeignet ist, liegt hinter dem
Dichter Aschenbach, dem Helden der Meisternovelle 'Der Tod in Venedig'."
Im Kampfe zwischen Geist und Kunst hat er leidenschaftlich fr die
Kunst gefochten. Um der Kunst willen hat er dem Leben entsagt, an der
Einsamkeit seines Schreibtisches hat er gegen seinen schwchlichen
Krper in zhem, unermdlichem Ringen die reine Form seiner Werke
erkmpft, die ihm ebenso ethische wie sthetische Aufgabe war. Aber
hinter dieser Form, die den Spannungen seines Willens und Bewutseins
abgerungen, die nicht organischen Lebens- und Liebestiefen entwachsen
ist, droht stndig die Gefahr der Abspannung und Entfesselung, der
Zgellosigkeit und Vernichtung. Auf der Hhe seines Ruhmes verfhrt und
berwltigt sie ihn. Sie lockt ihn nach den Gestaden Venedigs, wo das
das Leben Schein und die Kunst Wirklichkeit ist. Sie entzndet in ihm
die Liebe zu Tadzio, dem schnen Polenknaben, eine zuchtlose
Ausschweifung seiner knstlerischen und sinnlichen Phantasie, sie sich
nicht an der Wirklichkeit beruhigen, berichtigen, gestalten kann noch
will, eine weglose Liebe zur reinen Form, die zur Unfruchtbarkeit
verdammt ist, die nicht zeugen kann im Geliebten, die widernatrlich
und tdlich ist. In tragischer Steigerung, in unentwirrbarer Mischung
des Heiligen und Verworfenen, jagt sie "den Meister, den wrdig
gewordenen Knstler", durch alle Leiden und Leidenschaften, alle
Verzckung und Erniedrigung zur "Unzucht und Raserei des Untergangs".
Nie sind die eingeborenen Gefahren der Kunst wrdiger und
erschtternder gestaltet, die Gefahren der Schnheit, die dem Geist wie
den Sinnen verknpft ist, die in jedem von ihnen zur Ausschweifung
neigt, sofern nicht beide in der hheren Einheit der Seele sich
organisch finden und binden.

Dann kam der Krieg. Und ber alle militrischen und politischen Kmpfe
erlebte ihn Thomas Mann als die unerbittliche Auseinandersetzung zweier
Weltanschauungen, jener Gegenstze, die er in sich selber erlitten und
entschieden hatte: das Germanische und das Romanische, das
Deutsch-Dichterische und das Europisch-Intellektuelle, Kunst und
Erkenntnis, Gehalt und Form, Kultur und Zivilisation. In seinem eigenen
Bruder war der Teil seines Wesens, den er abgelehnt und ausgemerzt
hatte, Wille und Angriff geworden. Gegen seinen Bruder mute er diesen
Kampf noch einmal aufnehmen und fr die deutsche Seele entscheiden.
Alle groen Epiker waren Gestalter ihres Volkes, nicht nur im
sthetischen, auch im ethischen Sinne: Deuter, Mahner, Erzieher:
Wolfram von Eschenbach im "Parzival", Grimmelshausen im
"Simplizissimus", Goethe im "Wilhelm Meister" Gottfried Keller im
"Grnen Heinrich" und "Martin Salander"; Jeremias Gotthilf in jedem
seiner schollentreuen Romane. Es brauchte des franzsischen Vorbildes,
Emil Zolas, nicht, das Heinrich Mann seinem Bruder entgegenstellte. Das
Bild, das sie formen wollten und muten aus dem Rohstoff ihres Volker:
das entschied ihre Bedeutung. Fr Heinrich Mann war der Mensch ein
soziales Lebewesen; er predigte den sozialen, franzsischen,
rationalistischen, optimistischen Menschen des 18. Jahrhunderts. Thomas
Mann sah im Menschen das metaphysische Lebewesen; er gestaltete und
verkndete den metaphysischen, deutschen und russischen, religisen, ja
mystischen, pessimistischen Menschen des 19. Jahrhunderts. Dem
Standbild Zolas hatte er sein Standbild Friedrichs des Groen
entgegengestellt, den geschwtzigen, optimistischen, rationalistischen
"Vier Evangelien" des Romanciers die Dmonie und herrische Pflichttreue
des gottgeschlagenen und gotterwhlten Knigs, der sich verzehrte in
Arbeit, Einsamkeit und endlosen Kriegen, da von ihm nichts brigblieb
wie ein abgemergelter, verschrumpfter Kinderleib, den ein Diener mit
einem seiner Hemden bekleiden mute, da "man kein heiles, sauberes Hemd
in seinen Schubladen fand".

Aus den metaphysischen Tiefen solcher Bereitschaft und Berufung ersehnt
und erweckt Thomas Mann seinem Volk jene Krfte, die imstande sind,
"die fortschreitende Zerstrung aller psychischen Wirklichkeit und
seelischen Form, die scheinbar unaufhaltsame Anarchisierung und
Barbarisierung der Menschenwelt durch den revolutionren Intellekt" zu
berwinden, "dem Leben, der Ganzheit und Harmonie des Menschen, dem
Wiederaufbau seelischer Form zu dienen" und so dem heimatlosen Epiker,
seinem Leben wie seiner Kunst, eine neue Welt zu schaffen.

Heinrich Mann aber, Thomas Manns Gefahr und Gegensatz, ist nicht nur in
und durch Thomas Mann berwunden, ist politisch an der Entwicklung der
Zeit, knstlerisch an seiner zersetzenden Subjektivitt und
Lieblosigkeit zergangen. Thomas Mann hatte sein Geschlecht und Volk
noch im Verfall umfat, hatte am Ende der Reihe, ein Zugehriger und
doch Auenstehender, in Liebe und Ironie zugleich ihm Gestalt gegeben.
In Sehnsucht hatte jedes seiner Werke vom Wiederaufbau, der neuen
Lebensform und Lebensgemeinschaft gehandelt. Im tiefsten Sinn war ihm,
dem wahren Epiker, Richard Dehmels Spruch Lebensgefhl gewesen: "Alles
Leid ist Einsamkeit -- alles Glck Gemeinsamkeit." Heinrich Mann hatte
sich stets wichtiger genommen als sein Geschlecht und sein Volk. Frh
und fremd hatte er Vaterstadt und Vaterland den Rcken gekehrt. Der
romanische Tropfen in seinem Blute trieb ihn nach Italien, das Thomas
erst sein tiefes Deutschtum deutlich machte. Eine Zeitlang glaubte
Heinrich Mann, dort "zu Hause zu sein. Aber ich war es auch dort nicht;
und seit ich dies sprte, begann ich etwas zu knnen. Das Alleinstehen
zwischen zwei Rassen strkt den Schwachen; es macht ihn rcksichtslos,
schwer beeinflubar, versessen darauf, sich selbst eine kleine Welt und
auch die Heimat hinzubauen, die er sonst nicht fnde. Da nirgends
Volksverwandte sind, entzieht man sich achselzuckend der blichen
Kontrolle. Da man nirgends eine ffentlichkeit wei mit vllig gleichen
Instinkten, gelangt man dahin, sein Wirkungsbedrfnis einzuengen, es an
einem einzigen auszulassen, wodurch es gewinnt an Heftigkeit. Man geht
grelle Wege, legt das Viehische neben das Vertrumte, Enthusiasmen
neben Satiren, koppelt Zrtlichkeit an Menschenfeindschaft. Nicht der
Kitzel der andern ist das Ziel: wo wren denn andere! Sondern man
schafft Sensationen fr einen einzigen. Man ist darauf aus, das eigene
Erleben reicher zu fhlen, die eigene Einsamkeit gewrzter zu
schmecken." Welch treffendes Selbstbildnis! Welch Zerrbild eines
Epikers! Ohne Wurzelboden, ohne Zusammenhang, ohne Liebe, im
Selbstgenu hochmtiger, berreizter Sensationen, zersetzender
Erkenntnisse, ehrgeiziger Spannungen. Ihm wird die Kunst zur
"widernatrlichen Ausschweifung". "Pippo Spano", das Gegenbild zum
"Tonio Krger", bekennt in leidender zuchtloser Lssigkeit: "Sie (die
Kunst) hhlt ihr Opfer so aus, da es unfhig bleibt auf immer zu einem
echten Gefhl, zu einer redlichen Hingabe. Bedenke, da mir die Welt
nur Stoff ist, um Stze daraus zu formen. Alles, was du siehst und
geniet: mir wre nicht an ihrem Genu gelegen, nur an der Phrase, die
ihn spiegelt. Jeder goldene Abend, jeder weinende Freund, alle meine
Gefhle und noch der Schmerz darber, da sie so verderbt sind -- es
ist Stoff zu Worten." Das ganze Leben und Schaffen Heinrich Manns ist
sthetischer Selbstgenu statt ethischer Selbstvollendung oder
-berwindung.

Welche epischen Werke knnen aus solcher Willkr wachsen? Das Hauptwerk
"Die Gttinnen oder die drei Romane der Herzogin von Assy" (1902-03)
wei der Wurzel- und Heimatlosigkeit seines Dichters keine andere
Heldin als die Balkanprinzessin der Operetten. Macht, Kunst und Liebe
werden -- in reinlichem Nacheinander! -- ihr Lebensinhalt. Der Balkan,
Venedig, Neapel sind die billigen Kulissen dieser Stationen. Da
Heinrich Mann nicht seine Literatur aus dem Leben, sondern sein Leben
aus der Literatur empfngt, sind alle Figuren und Leidenschaften aus
zweiter Hand, sthetische, durchsichtige, monumentalisierte Schemen,
nicht unergrndliche, blut- und seelenvolle Gestalten, nur der
papiernen Phantasie von Literaten und Grostdtern berzeugend. Was
ihnen an organischem Leben fehlt, ersetzen sie durch die berreiztheit
ihrer Gefhle und Gebrden, durch Rausch und Hysterie -- eine krampfige
Nachfolge d'Annunzios.

Neben solchen Orgien einer berreizten Literatenphantasie stehen die
satirischen Romane: "Im Schlaraffenland", "Professor Unrat", "Der
Untertan" usw. Sie sind Emil Zola nher, zumal ihr bester, "Im
Schlaraffenland" -- eine Schilderung des zersetzten Berlin W -- aber
ohne Zolas soziales Pathos. Auch die Satire bedarf der Liebe, um zeugen
und gebren zu knnen, der Liebe zur armen, irregehenden Menschheit
oder zum neuen, reineren Ideal. "Ich glaube nicht" -- sagt Thomas Mann
in den "Betrachtungen" -- "da ohne Sympathie berhaupt Gestalt werden
knne; die bloe Negation gibt flchige Karikatur." Auch hier scheint
die Literatur, nicht das Leben -- die Witzbltter scheinen Heinrich
Mann die Gestalten und Vorgnge zum "Professor Unrat" und "Untertan"
gegeben zu haben: so flchig und billig sind sie gezeichnet. Jede
lebendige Gestalt mu Monate unter dem Herzen getragen, mu mit Blut
genhrt sein.

Nur e i n Roman ist Heinrich Mann gelungen, dem Wurzelboden und
Atmosphre eigen: "Die kleine Stadt". Es ist bedeutsam, da er in
Italien spielt: "Eine Zeitlang glaubte ich (dort) zu Hause zu sein."
Einmal hat Heinrich Mann einen erlebten Gehalt und mit ihm eigene Form
gefunden: dem immer bewegten Vlkchen des Sdens, den flackernden
Leidenschaften entspricht ein bewegter, farbiger, flirrender
Impressionismus des Stils. Diese italienischen Kleinbrger, die sich
heibltig und beweglich an ihren Worten und Gebrden berauschen, alle
ein wenig Knstler, ein wenig Schauspieler, ein wenig d'Annunzio, sind
in ihrer Menschlichkeit und Kindlichkeit so liebenswrdig erlebt und
gestaltet, da sie und ihr Schicksal zu menschlich-symbolischer
Bedeutung wachsen. Ihre Instinkte glimmen unter der Asche der tglichen
Eintnigkeit. Da zieht eine Schauspielertruppe in die Stadt und weht
sie nach allen Seiten zu Flammen auf. Sinnlichkeit und Liebe,
Eifersucht und Ehrgeiz, vergessene und noch schlummernde Leidenschaften
wirbeln knisternd hoch. Der Kampf zwischen Priester und Advokat,
Reaktion und Fortschritt teilt und erregt die Massen. Die Glocken der
Kirche und die Melodien der Oper streiten miteinander. Doch aus dem
Feuer der Leiden und Leidenschaften glht die Blume der Vershnung,
der Verbrderung, der Liebe zu Volk und Menschheit auf: "Was sind
wir!" -- fragt der Advokat beim Abzug der Schauspieler. -- "Eine kleine
Stadt. Was haben uns jene gebracht? Ein wenig Musik. Und dennoch -- wir
haben uns begeistert, wir haben gekmpft, und wir sind ein Stck
vorwrtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit." Fr kurze Stunden,
fr eilende Seiten durchzuckt Heinrich Mann, den heimatlosen Literaten,
das Wesen und Glck des epischen Dichters: "Was macht diese Dinge
gro?" "Da ein Volk sie mitfhlt, ein Volk! das wir lieben!" "Ich habe
ein Volk gesehen! Ich wute es, wir seien nicht allein; ein Volk hre
uns! Wir wecken seine Seele, wir... Und es gibt sie uns!"

Thomas Mann, dem Verfallsepiker des Brgertums -- eines
patriarchalisch-aristokratischen Brgertums -- in der Grundstimmung
verwandt ist der Verfallsepiker des Adels: Eduard Graf von Keyserling
(1855-1918.). Wie Lbeck die brgerlichen Lebensformen, so hat Kurland,
Keyserlings Heimat, die Lebensformen des Adels am lngsten und reinsten
behauptet. Mehr als Keyserling vor dem grausigen Kriegsschicksal der
baltischen Provinzen ahnen konnte, steht auch er am Ende einer
Entwicklung, ein Zugehriger und Auenseiter. In Mnchen erlebt der
Alternde, krnklich, gelhmt, gekrmmt, zuletzt erblindet, vom
Krankenstuhl und -bett aus die Welt seiner Vter und seiner Jugend
wieder. Die tiefe Heimatliebe des Epikers und die melancholische,
gtige Erkenntnis des Ausgehenden zeichnen die Menschen, die
Schicksale, die Umwelt dieses stlichen Gutsadels in schmalen,
erwhlten, sicheren Linien, Er gibt keine breiten epischen Fresken,
keine weiten Geschlechterfolgen wie die Buddenbrooks, er gibt in seinen
Romanen "Beate und Mareile" "Dumala", "Wellen", "Abendliche Huser",
"Frstinnen" fast novellistische Einzelbilder; sie schlieen sich zu
einem Gesamtbild von epischer Bedeutung. Die Darstellung ist von klarer
Sichtbarkeit und Farbigkeit, aber durchzittert von der mden,
melancholischen Seelenmusik Hermann Bangs, dem sie Tiefstes verdankt.

Die Adelsgeschlechter Keyserlings haben lngst nicht mehr die
naiv-sicheren Lebensformen ihrer Vter, der "starken Leute, die das
Leben und die Arbeit liebten, roh mit den Weibern und andchtig mit den
Frauen umgingen und einen angeerbten Glauben und angeerbte Grundstze
hatten", die um ihre einmal gewhlte Fahne die Hnde schlossen: "Nun
vorwrts in Gottes oder des Teufels Namen!" Ihr Leben ist in Wissen und
Handeln zerfallen; sie haben die Relativitt ihrer Lebensformen und
-gesetze durchschaut. Die alten Ideale sind zersetzt, neue noch nicht
geschaffen: "An meiner ganzen Generation ist etwas versumt worden ",
sagt von Egloff in den "Abendlichen Husern", "unsere Vter waren
kolossal gut, sie nahmen alles sehr ernst und andchtig. Es war wohl
dein Vater, der gern von dem heiligen Beruf sprach, die Gter seiner
Vter zu verwalten und zu erhalten. Na, wir konnten mit dieser Andacht
nicht recht mit, nach einer neuen Andacht fr uns sah man sich nicht
um. Und so kam es denn, da wir nichts so recht ernst nahmen, ja selbst
die Vter nicht." Aber die adelige Gebundenheit ihres Blutes schreckt
zurck vor dieser Willkr, die ihnen zuchtlos scheint, vor dieser
Freiheit, die den Mden nicht zur schpferischen Erneuerung dienen
kann. Gegen ihre Hellsicht flchten sie in die Tradition ihrer Vter
zurck: "...Unsere Gesetze hier --" "Glauben Sie an diese Gesetze?"
"Ich glaube nicht an sie, aber ich gehorche ihnen." Wie Thomas
Buddenbrook werden sie zu den Helden und Schauspielern der alten Ideale.

Je weniger sie ihnen innerlich eins sind, desto sorgsamer unterstellen
sie sich ihnen. Haltung! Tenue! In allem inneren und ueren Leben die
Tradition wahren! Wohlgeordnet, festgefgt, bis in jede Tagesstunde
bestimmt! "Du und ich sind zu gut erzogen, um in ein Drama zu passen."

Aber an diese starre, unterhhlte Konvention klopft das Leben. Die
Natur, die aus der frhlingswilden, sommerschwlen Landschaft, den
Wldern und dem Meere, aus dem animalisch-vegetativen Leben der
Gutsdrfer steigt, treibt in den jungen Komtessen, die, "kleine
berauschte Gespenster, vor Verlangen zittern, drauen umzugehen, und
wenn sie hinauskommen, nicht atmen knnen," treibt in den jungen
Baronen, die das Erotische aus den schtzenden Konventionen in die
Kmpfe und Gefahren sinnlich-seelischer Abenteuer drngt. Keiner dringt
durch zur Freiheit, sie fallen oder flchten zurck. Das Leben wird zum
Schatten und Traum: "Man lebt hier, als ob man gleich erwachen mte,
um dann erst mit der Wirklichkeit zu beginnen." "Eine dunkle
Traurigkeit machte sie todmde. All das still zu Ende gehende Leben um
sie her schwchte auch ihr Blut, nahm ihr die Kraft, weiterzuleben; wir
sitzen still und warten, bis eins nach dem anderen abbrckelt."

Neben der adeligen und brgerlichen wird die Zersetzung der buerlichen
Formenwelt nur von der materiellen Seite episch bedeutsam gestaltet
durch Wilhelm von Polenz' "Bttnerbauern" (1895) und Peter Roseggers
"Jakob der Letzte". Diese uere Not der buerlichen Welt ist durch die
wirtschaftliche Entwicklung behoben, ihrer inneren Zersetzung, die da
und dort merkbar wird (vgl. Josef Ruederers Komdie "Die Fahnenweihe",
1895), begegnet der lebendig nahe Zusammenhang mit der Natur, der
Landschaft, den Jahreszeiten. Aus ihnen quellen jene Formenkrfte, die
das buerliche Leben immer wieder von Grund aus aufbauen und erneuern,
wie sie Knut Hamsun im grten modernen Bauernroman, einem wahrhaft
altepischen Werke, dargestellt hat, im "Segen der Erde". Unseren
Bauerndichtern ist die Strenge und Gre dieses Zusammenhanges kaum
deutlich geworden. Ganghofer ist oberflchlich und sentimental, auch
Rosegger ist in aller Volkstmlichkeit und Liebenswrdigkeit zu
unproblematisch im tieferen Sinne -- nur die "Schriften des
Waldschulmeisters" und "Des Gottsucher" ragen hervor --, Gustav
Frenssens einst so berhmte Romane ("Jrn Uhl", 1901) sind zwar voll
landschaftlicher Stimmungskunst, aber in der Weltanschauung des
liberalen protestantischen Pfarrers zwiespltig und verschwommen, in
der Charakterisierung der Hauptpersonen romanhaft, in der
Gesamtdarstellung lehr- und predigerhaft, ohne Kraft des Aufbaus, ohne
Einheit der inneren Form. Erdkrftiger wurzeln Ludwig Thomas
Bauernromane "Andreas Vst" und "Der Wittiber", sie bleiben aber
naturalistisch gebunden. Hermann Stehrs "Heiligenhof" fehlt zur
grbelnden Mystik seiner Bauern die natrliche Flle und plastische
Kraft; er ist -- wie alle Romane dieses Ringenden -- mehr reflektiert
als gewachsen.

ber die zersetzten brgerlichen und adeligen Formenwelten ist die
Entwicklung der deutschen Kultur und Epik noch nicht zu neuen
Lebensformen vorgedrungen. Die Grostdte sind ebenso formlos geblieben
wie die Grostadtromane. Max Kretzers Berliner, Michael Georg Conrads
Mnchener Romane sind nichts als Stoff und Tendenz. Arthur Schnitzlers
Versuch zu einem Wiener Roman groen Stiles, "Der Weg ins Freie", ist
in der episch bedeutungslosen Umwelt des Literaten- und Judentums
zergangen. Ein Arbeiterroman gleich der Bedeutung von Zolas "Germinal"
ist uns nicht geworden. Die Welt der Arbeiter wird sich ber Angriff
und Verneinung, ber die zerbrckelte, materialistische Weltanschauung
des Marxismus erst zur eigenen Form durchringen mssen.

Aus der modernen Frauenbewegung hat sich ein besonderer Frauenroman
entwickelt. Als Mutter und Gattin ist das Weib der Urgrund der epischen
Welt, aber die neue Zeit reit zahllose Frauen aus dem Frieden der
Familie und stt sie in den Kampf des persnlichen Schicksals. Auch
hier sind zersetzte Lebensformen zu berwinden und zu erneuern.
Gabriele Reuters (geb. 1859) Romane, "Aus guter Familie" (1895), "Ellen
von der Weiden", "Das Trnenhaus" zeugen davon, ohne die berzeugung
stets in Darstellung, die Tendenz in reine Menschlichkeit wandeln zu
knnen. Auch Helene Bhlaus (geb. 1859) polemische Frauenromane, wie
"Das Recht der Mutter" und "Halbtier", vermgen das nicht. Wo aber die
reine Weiblichkeit ihrer lebensvollen Natur durchbricht, da wachsen aus
der lichten Kindlichkeit ihrer Jugenderinnerungen die Weimarer
"Ratsmdelgeschichten", aus der leidgeluterten, warmen Mtterlichkeit
ihrer Reife "Der Rangierbahnhof" (1895), der voll tiefster Gte, voll
tragischer Schnheit ist.

Klara Viebig (geb. 1860) steht den Problemen des eigentlichen
Frauenromans fern; sie ist Naturalistin, die Schlerin Zolas.
Elementare Triebe und Gestalten, Massenleidenschaften und Massenszenen
sind ihr Feld. Die Eiffellandsthaft mit ihren wortkargen, dsteren
Menschen, die -- einmal geweckt in ihren Leidenschaften -- furchtbar
ausbrechen, gibt ihr die besten ihrer Romane: "Das Weiberdorf", "Vom
Mllerhannes", "Das Kreuz im Venn". Mit scharfer Beobachtung und
sicherer Technik packt sie ihre Gestalten und Probleme von auen, mehr
eine geschickte Schriftstellerin als formende Knstlerin.

Weit ber die Welt der Frauenromane, ber die Welt selber hinaus fhren
die Romane Ricarda Huchs (geb. 1864). Ein durchaus romantisches
Lebensgefhl, die Sehnsucht nach Unerreichbarem durchschimmert und
durchglht sie. Aber das Unerreichbare ist hier nicht das Unendliche,
sondern das Leben, das in all seiner Schnheit, Kraft und
Vollkommenheit doch ein unaufhaltsames, stetiges Vergehen ist. Obwohl
alle wissen, wie traurig und flchtig das Dasein ist, wie "es keinen
Sinn hat, die Dinge so fest ans Herz zu schlieen, die wir nach einem
bangen Augenblick wieder wegwerfen mssen und nie mehr sehen", bleibt
es doch aller "Bestimmung und Seligkeit, die himmelhohe Flamme des
Lebens mit dem Strahl ihres Wesens zu nhren". "O Leben, o Schnheit!"
singt es durch alle Dichtungen Ricarda Huchs. Die "schauerliche
Wollust, in der trumerisch splenden Lebensumflut mitzustrmen", ist
die Inbrunst all ihrer Gestalten. "Nimm uns Tote wieder, o Leben,"
singen die Toten. Der Tod selber singt dem Leben ein Liebeslied.

Eine romantische Natur -- so steht Ricarda Huch in Reflexion und
Bewutheit auerhalb der Wirklichkeit. Im Zeitalter der Romantik htte
sie sich sehnend dem Unendlichen zugewandt; im Zeitalter Nietzsches,
Bergsons, Simmels lodert ihr Wollen und Sehnen in metaphysischer Glut
zum Endlichen, zur Wirklichkeit, zum Leben zurck. Das Leben wird ihr
zum hchsten, zum einzigen Wert. Ihre Gestalten sind Kinder der
Reflexion und der Sehnsucht wie sie, oder ihr Wunsch und Gegenbild:
Kinder des Lebens.

Metaphysisch klingt -- nach den noch knospenhaften "Erinnerungen von
Ludolf Ursleu dem Jngeren" -- die Musik von der Schnheit und
Furchtbarkeit des Lebens in den Skizzen "Aus der Triumphgasse",
kosmisch klingt sie in "Von den Knigen und der Krone". ber diese
metaphysische und kosmische Gelstheit drngen die historischen Romane
zur Wirklichkeit, zum plastisch Greifbaren, Festbeharrenden. "Die
Geschichten von Garibaldi" gestalten den Befreier Italiens zur
herrlichsten Verkrperung, zum mystisch-gewaltigen Symbol des Lebens,
das alle Lebenssehnsucht der Dichterin strahlend aufnimmt. Wie "ein
tragisches Vorspiel" zur siegreichen Erhebung der Garibaldi-Romane
klingt "Das Leben des Grafen Frederigo Confalonieri", des dem Tode
verfallenen im Kerker begrabenen Helden und Mrtyrers. In jenen hatte
noch episch-plastischer und lyrisch-musikalischer Stil gewechselt, hier
durchdringen sich beide, rein, ruhig, ausgeglichen.

Bald aber drngt die Sehnsucht zur Wirklichkeit Ricarda Huch auch aus
dieser Gelstheit zum einseitigen, seelisch-herbsten Bericht der drei
Bnde: "Der Groe Krieg in Deutschland", die sie nicht mehr Roman,
sondern "Darstellung" nennt. Harte Gegenstndlichkeit, strengste
Unpersnlichkeit geben die unerschpfliche Flle des Dreiigjhrigen
Krieges, der Geschehnisse, der Vlker, der Generationen. Historisches,
Kulturgeschichtliches, Religionsgeschichtliches, Diplomatisches,
Strategisches, Biographisches treibt in endloser Bilderfolge, in
gleichgltigem epischem Strom vorber. Gestalten und Schicksale tauchen
auf und sinken unter, ruhelos, bergraut von einem lastenden Himmel,
der sich immer tiefer herabsenkt. Der Strom der Individuation selber
scheint an uns vorberzuziehen und uns in erdrckender Traurigkeit die
lhmende Frage Friedrich Spees zuzurauschen: "Das eine hatte er
erfahren: unermelich weit war die Erde von Gott; und wenn sie nun, so
fragte er sich zuweilen schaudernd, unerreichbar weit von ihm wre?"

Aus der Wirklichkeit, die sie hier endlich gefunden, klagt der
Dichterin das alte Lied ihrer Seele dunkel und erstarrt entgegen. --

In der Geschichte den tieferen Sinn des Lebens zu suchen, den die
zersetzte Gegenwart ihnen vorenthlt, ist die Ausflucht mehrerer Epiker
geworden, am bedeutsamsten fr Wilhelm Schfer (geb. 1868) im
"Lebenstag eines Menschenfreundes". Wie in diesem Pestalozzi-Roman die
Wanderung des unermdlichen Volks- und Menschenfreundes durch Suchen,
Irren, Leiden, Verspottung und Verrat zur neuen Menschlichkeit aufwrts
dringt, als Landwirt, "Armennarr" und Schriftsteller, als Waisenvater
und als Winkelschulmeister, bis endlich der Greis seinen Menschheitsweg
erkannt und erkmpft und der europischen Erziehung erschlossen hat,
das ist in ergreifender, reiner Menschlichkeit, in epischer
Schlichtheit und Klarheit dargestellt. Die Tapferkeit und Siegkraft
dieses einzelnen und Vergangenes wird Vorbild und Aufgabe allen
Knftigen.

-- -- -- Gegenber dem industrialisierten, von Grostdten zersetzten
Norden Deutschlands ist der Sden reicher an Unmittelbarkeit,
Menschlichkeit, Wurzelkraft geblieben. Emil Strau und Hermann Hesse
wachsen aus diesem Zusammenhang. Emil Strau (geb. 1866) hat sich
Heimat und Fremde, Baden und Brasilien, als Dichter, Bauer und Farmer
vertraut und eigen gemacht. Voll mnnlicher Klarheit und Tatkraft hat
er mit dem Leben gerungen, ohne durch Enttuschung, Leid und Krankheit
niedergeworfen oder ungerecht zu werden. In Freiheit, Liebe und Gte
blieb er der Sieger. Er sieht und zeichnet die Wirklichkeit in festen,
sicheren Linien und berglnzt sie doch mit dem berirdischen Schimmer
seines Humors. Im "Engelwirt" schildert er einen Schwaben, der das
Schicksal berlisten will, der -- da ihm die eigene Frau keinen Erben
schenkt -- sich in schlauer Ausflucht an die Magd heranmacht. Statt des
Buben kommt aber ein Mdel, und Spott und Lcherlichkeit umschwirren
ihn. Gekrnkt in seiner Schwabenschlauheit und -eitelkeit, geht er mit
der Magd und dem Kind heimlich davon nach Brasilien, um dort noch bler
genarrt, geprellt, geduckt zu werden. Als die Magd stirbt, kehrt er
kleinlaut und zerknirscht heim zur verlassenen Frau, die ihn ohne
Staunen, ohne Vorwurf, mit einem schlichten, lchelnden Gru empfngt,
ihm das Kind abnimmt und in selbstverstndlicher Frsorge sich ihm
widmet: eine reife, rstige, Gottfried Kellersche Frauengestalt, voll
Freiheit und Wrme. In "Kreuzungen" zeichnet Strau die Entwicklung
dreier junger Charaktere, de aus dem Zufall erster Anlagen und
Verhltnisse sich in tapferen Zwisten lsen, ihre Lebens- und
Wesensform selber schaffen und sich im Wirkungskreis der Menschheit
einen Platz erobern. Im "Nackten Mann" geht er in die Vergangenheit
seiner Heimat zurck, ohne die Bedenken gegen den historischen Roman zu
berwinden. In "Freund Hein" und im "Spiegel" aber kommt hinter der
herben Gegenstndlichkeit seiner Welt die tiefe Musik seiner Seele zum
klingenden Ausdruck. In "Freund Hein" zerbricht ein Gymnasiast, der in
der Welt seiner musikalischen Berufung lebt, an den unnachsichtigen
Forderungen einer wesensfremden Wirklichkeit. Im "Spiegel" tnen wie
eine zarte Kammermusik Erinnerungen aus dem Leben der Vorfahren auf,
eine Lebensmusik von ebensoviel Seelentiefe als Seelenklarheit.

Je nher Hermann Hesse (geb. 1877) der Natur verbunden ist, desto
weniger findet er sich in der zersetzten Formenwelt der Zivilisation
zurecht Er fhlt sich heimisch in der Naivitt des italienischen
Landvolkes, der Sorgen- und Selbstlosigkeit des Landstreichers Knulp,
der wie die Blumen. auf dem Felde Gott unmittelbar nahe ist. Aus der
Heimatlosigkeit der Welt flieht "Peter Camenaind" zu Boppi, dem armen
Krppel, der in seinem Fahrstuhl diesseits allen Lebenszwiespalts
geblieben, der in Krankheit, Einsamkeit Armut und Mihandlung nichts
als Liebt und Gte gelernt und "sich ohne Scham schwach zu fhlen und
in Gottes Hand zu geben". Und da Boppi stirbt, kehrt er von seinen
"paar Zickzackflgen im Reich des Geistes und der sogenannten Bildung"
in sein Heimatdorf, "den alten Winkel zwischen See und Bergen", zurck.
In seiner Lade liegen die Anfnge einer Dichtung: "Ich hatte den
Wunsch, in einer greren Dichtung den heutigen Menschen das grozgige
stumme Lebe der Natur nahezubringen und lieb zu machen. Ich wollte sie
lehren, auf den Herzschlag der Erde zu hren, am Leben des Ganzen
teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen Geschicke nicht zu vergessen,
da wir nicht Gtter und von uns selbst geschaffen, sondern Kinder und
Teile der Erde und des kosmischen Ganzen sind."

So spielen die ersten Bcher Hesses weniger zwischen Mensch und Mensch
als zwischen Mensch und Natur. Stimmung, Sehnsucht, Traum und
Allgefhl, Wehmut und Einsamkeit sind ihr Gehalt. Die weichen
Umrilinien der Gestalten verschwimmen. Aber ber "Gertrud" und
"Rohalde" wchst Hesse zum "Demian", der "die Geschichte seiner
Jugend" zum Symbol des gegenwrtigen, suchenden und ringenden
Menschenlebens gestaltet. "Die Wertlosigkeit der heutigen Ideale" die
Unwahrheit der heutigen Gemeinschaften, der Menschen, die alle "fhlen,
da ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen, da sie nach alten Tafeln
leben", wird nicht in breitem, epischem Fresko, aber in der
sehnschtigen Entwicklung eines Einzelnen dargestellt. "Diese Welt, wie
sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde gehen und sie wird es."
Aber aus ihrem Untergang, aus dem Getmmel und Grausen des Weltkrieges
keimt eine neue Gemeinsamkeit. "In der Tiefe war etwas im Werden. Etwas
wie eine neue Menschlichkeit. Denn viele konnte ich sehen, und mancher
von ihnen starb an meiner Seite -- denen war gefhlhaft die Einsicht
geworden, da Ha und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die
Objekte geknpft waren. Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele waren
ganz zufllig. Die Urgefhle, auch die wildesten, galten nicht dem
Feinde, ihr blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich
zerspaltenen Seele, welche rasen und tten, vernichten und sterben
wollte, um neu geboren werden zu knnen."




DAS DRAMA

Das Wort Drama bedeutet Handlung, insonderheit Kulthandlung. Denn das
Drama entwickelte sich im alten Griechenland wie in den christlichen
Staaten Europas aus den Tiefen der religisen Weltanschauung und des
Gottesdienstes. Sein letzter Grund ist die leid- und geheimnisvolle
Zweiheit, in die alles Leben zerspalten ist, in der es fremd, kmpfend
und doch sehnschtig sich gegenbersteht: der Gegensatz von Gott und
Welt, Geist und Natur, Idee und Sinnlichkeit, All und Ich. Nur ein
Gott, der vom Himmel herniedersteigt, der die Qual und Zerrissenheit
des Endlichen selber auf sich nimmt, Dionysos, Christus, vermag in
seinem Gottmenschentum diese Gegenstze zu einen und zu lsen. Sein
Leiden und sein Triumph wird zum Inhalt der ersten Dramen: aus den
dionysischen Dithyramben wchst die griechische Tragdie, aus der
Liturgie der katholischen Kirche das Weihnachts-, Passions- und
Osterspiel des Mittelalters. Mit der Renaissance wird an Stelle der
kirchlichen die philosophische Weltanschauung Unter- und Hintergrund
des europischen Dramas. Wie die geheimnisvolle Zweiheit und
Gegenstzlichkeit des Lebens in den groen Systemen der Philosophen
sich darstellt und deutet, wie bald dieser, bald jener der beiden
Lebensgegenstze entwertet, dem anderen untergeordnet, so die Einheit
erzwungen wird, dann aber wieder beide zur vollen Macht erstarken und
in unausweichlichem, unerbittlichem Kampf sich gegenberstehen: das
begleitet in unbewuter und bewuter Verbundenheit die
ideelle Entwicklung des deutschen Dramas. Lessings Dramen wachsen aus
Lebensgefhl und -deutung des Rationalismus, Schillers Dramen aus Kant,
Kleist teilt den Gegensatz der deutschen Gefhlsphilosophie gegen Kant,
um Hebbel braut die Atmosphre Hegels, Richard Wagner findet sich in
Schopenhauer. Dann folgt der Zusammenbruch der groen philosophischen
Systeme, der Vormarsch der naturwissenschaftlichen, materialistischen
Weltanschauung in Deutschland. ber die Nachfahren Schillers, ber die
Nachahmer des franzsischen Gesellschaftsstckes hebt sich seit 1888
Gerhart Hauptmann (geb. 1862) mit einem Drama neuen, eignen Stils. Aus
welchen weltanschaulichen Zusammenhngen, welchem Lebensgefhl war es
gewachsen?

Als 1885 die slich-leere Epigonenzeit unserer Dichtung durch die
literarische Revolution der Jungen abgelst wurde, glaubten diese im
"Naturalismus" eine neue Lebens- und Kunstanschauung gefunden zu haben.
Wilhelm Scherer verkndete: "Die Weltanschauungen sind in Mikredit
gekommen. ...Wir fragen: wo sind die Tatsachen? ...Wir verlangen
Einzeluntersuchungen, in denen die sicher erkannte Erscheinung auf die
wirkenden Krfte zurckgefhrt wird, die sie ins Dasein riefen. Diesen
Mastab haben wir von den Naturwissenschaften gelernt... Dieselbe
Macht, welche Eisenbahnen und Telegraphen zum Leben erweckte, dieselbe
Macht regiert auch unser geistiges Leben; sie rumt mit den Dogmen auf;
sie gestaltet die Wissenschaften um; sie drckt der Poesie ihren
Stempel auf. Die Naturwissenschaft zieht als Triumphator auf dem
Siegeswagen einher, an den wir alle gefesselt sind." Arno Holz und
Johannes Schlaf glaubten dieser Weltanschauung, im "konsequenten
Naturalismus" die entsprechende Kunstanschauung erobert zu haben: "Die
Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach
Magabe ihrer jeweiligen Reproduktionsbedingungen und deren
Handhabung." In den drei Skizzen des "Papa Hamlet", dem Drama "Die
Familie Selicke" schufen sie ihrer Lehre die Leistung. "Papa Hamlet"
erschien unter dem Decknamen "Bjarne P. Holmsen". Ihm hat Gerhart
Hauptmann sein erstes Drama "Vor Sonnenaufgang" (1889) zugeeignet, als
"dem konsequentesten Naturalisten, in freudiger Anerkennung der durch
sein Buch empfangenen, entscheidenden Anregung".

In Wirklichkeit war diese Anregung, war der ganze konsequente
Naturalismus weder fr Gerhart Hauptmann, noch fr irgendeinen Dichter
von "entscheidender" Bedeutung; seine Lebens- wie seine Kunstanschauung
war unhaltbar. Von einer rein beschreibenden Wissenschaft, wie der
Naturwissenschaft, kann man niemals zu einer Weltanschauung, zur Sinn-
und Wertsetzung, vom Sein niemals zum Sollen vordringen. Und
ebensowenig ist ein bloes Abkonterfeien des Lebens durch eine
naturalistische Kunst mglich; schon der Erkenntnisproze ist -- hat
Kant dargetan -- kein passives Abbilden, sondern ein Formen der
Wirklichkeit; alle Kunst ist die Umsetzung der natrlichen in eine von
Geist und Gefhl des Knstlers stilisierte Welt.

Mehr als die Formenwelt des Naturalismus, als seine unhaltbare
Kunstanschauung haben Anstze zu einer Lebensanschauung aus der
Stoffwelt des Naturalismus Gerhart Hauptmann den Weg zu sich selber
frei gemacht. Dem Naturalismus der Form hatte sich fast berall der
Sozialismus des Stoffs verbunden und in ihm die Keime eines neuen
Gehalts: des sozialen Mitgefhls. Zu den sthetischen waren ethische
Tendenzen getreten. Die Entwicklung der Industrie und der Grostadt,
die Einflsse Zolas, Ibsens, Tolstois hatte sie geweckt. Von der
erstarrten und zersetzten Ideen- und Formenwelt des dritten Standes,
des Brgertums, hatten sich die jungen Dichter in sozialem Mitleid zu
der ringenden formbedrftigen des vierten Standes, den Arbeitern,
gewandt. Und hier war der Weg, der Hauptmann in seine Tiefen fhrte.

Schon seine erste verffentlichte Dichtung, das Epos "Promethidenlos"
(1885), hatte sein soziales Verantwortungs- und Mitgefhl bekundet.
Ergriffen rief sie den Armen und Elenden zu: "So lat in eurem Schmutz
mich hocken -- Lat mich mit euch, mit euch im Elend sein." Und ein
Gedicht von 1888 sprach die heilige Leidverbundenheit des Knstlers und
Menschen aus:

    Ich bin ein Snger jenes dstren Tales,
    Wo alles Edle beim Ergreifen schwindet. -- -- --
    Ihr, die ihr weilt in Hhen und in Tiefen,
    Ich bin ihr selbst, ihr drft mich nicht beneiden!
    Auf mich zuerst trifft jeder eurer Pfeile.

Da diese Leidverbundenheit nicht nur sozialen, da sie greren:
metaphysischen Tiefen entwuchs, wurde der Urgrund des Dramatikers.
Obersalzbrunn, Hauptmanns Geburtsort, lag unweit der pietistischen
Urgemeinden Gnadenfrei und Herrnhut. Ihre christliche Innerlichkeit war
ihm daheim und mehr noch im Hause seines Oheims zu Striegau, das den
Sechzehnjhrigen aufgenommen, zum Lebensgefhl geworden. In ihr fhlte
er sich dem Rationalismus und Materialismus, der leeren Kultur des
technischen Zeitalters fremd. Aus der Schein- und Auenwelt zog es ihn
zur wahren, inneren Welt: zur Welt der Seele. Die aber offenbarte sich
ihm nicht bei den Satten, Besitzenden, Hochmtig-Klgelnden, sondern
bei den Armen im Geiste, den Ringenden und Leidenden. In ihnen glhte
der ewige Funke, und sie eroberten und behaupteten ihn im Sturm und
Streit ihres Schicksals, nicht mindere Helden in diesem metaphysischen
Kampf als die Heroen der groen Tragdie. Ihnen fhlte sich der
Dramatiker Hauptmann verbunden, nicht sozial nur, wie der Epiker Zola
seinen Gestalten, sondern metaphysisch. In ihrem Leid stellte er das
Weltleid, in ihrem Kampf den Zwiespalt alles Lebens dar.

Die Dramen, in denen so das Stoffliche des Naturalismus und Sozialismus
berwunden, in denen diese Weltanschauung Gestalt geworden ist, sind
"Die Weber" (1892), "Hanneles Himmelfahrt" (1893), "Fuhrmann Henschel"
(1898), "Rose Bernd" (1903).

Der Aufstand der Weber im Jahre 1844 war Hauptmann aus Erzhlungen des
eigenen Grovaters, der noch Weber gewesen, vertraut. Ein Buch Alfred
Zimmermanns "Blte und Verfall des Leinengewerbes in Schlesien" (1885)
gab den persnlichen Einzelheiten geschichtlichen Zusammenhang. Den
Antrieb gab die soziale Erregung der Zeit. Aber der Kampf der Weber
wurde Hauptmann zum erschtternden Abbild alles Menschheitskampfes.

Wie hier die Fabrikanten und die Kreaturen der Fabrikanten bis zum
jngsten Lehrling den hungernden, verhungernden Webern entgegenstehen,
hartherzig, hohnlachend, whrend die abgemergelten Kinder ohnmchtig zu
Boden schlagen, whrend die entkrfteten Greise verwirrt werden und in
Zungen reden, das bedeutet nicht mehr einen sozialen Zwiespalt, der mit
Geld und Brot geschlichtet werden knnte, es bedeutet die metaphysische
Einsamkeit alles Endlichen, das brckenlose Nichtverstehen und
Miverstehen von Mensch zu Mensch. Und wenn nach not- und arbeitdumpfem
Leben, am Rande des Grabes die alten Weber in weinendem, verzweifeltem
Ingrimm ihre Knochenarme emporrecken: "Das mu anderscher wer'n, mir
leiden's ni mehr!", so ist das nicht der Kampfruf sozialer Rebellion,
so ist das die Anklage Karl Moors: "Menschen haben Menschheit vor mir
verborgen, da ich an Menschheit appellierte," so ist das der tragische
Aufschrei der Rtliszene:

    Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht:
    Wenn der Gedrckte nirgend Recht kann finden,
    Wenn unertrglich wird die Last, greift er
    Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
    Und holt herunter seine ewigen Rechte...
    Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
    Wo Mensch dem Menschen gegenbersteht...
    Wie stehn fr unsre Weiber, unsre Kinder!

Den Unterdrckten Schillers wird wenigstens das Wort zur Befreiung, der
Gedanke zur Erlsung. Hin ist die Kreatur in der ganzen Dumpfheit und
Gebundenheit des Endlichen. Und wenn sie anmarschieren gegen ihre
Peiniger: "Am liebsten wr ich abgestiegen und htte glei jed'm a
Pulverle gegeben" -- erzhlt Chirurgus Schmidt, der vorberfuhr -- "Da
trottelt eener hinter'm andern her wie's graue Elend und verfiehren ein
Gesinge, da een' fermlich a Magen umwend't"; und wenn der greise
Baumert als Rebell erscheint, von den paar Tropfen ungewohnten Alkohols
unsicher, einen geschlachteten Hahn als hchste Siegestrophe
mitfhrend, und die Arme breitet: "Brie -- derle -- mir sein alle
Brieder!", so ist der trostlose Aufruhr der Menschheit gegen das
Schicksal, der tragische Sehnsuchts- und Liebesruf aller Einsamen und
Gehetzten niemals erschtternder symbolisiert.

Zur hchsten dramatisch-metaphysischen Gipfelung aber steigt der letzte
Akt. Da wendet sich der alte, fromme Hilse an seinen Sohn, der den
Aufrhrern zueilen will: nein, er wird sich nicht empren, auch am
Rande des Grabes nicht, er wei, da keine Hilfe und Erfllung mglich
ist in der Welt des Irdischen: "Du hast hier deine Parte -- ich drieben
in jener Welt. Und ich lass' mich vierteelen -- ich hab' ne Gewiheet.
Es ist uns verheien. Gericht wird gehalten, aber nich mir sein
Richter, sondern: mein ist die Rache, spricht der Herr unser Gott."
Gegen diesen Anwalt des Jenseits, der klaglos alle Leiden des Diesseits
auf sich nimmt, der -- wie je ein Schillerscher Held -- "durch eine
freie Aufhebung alles sinnlichen Interesses" die Tragik des Lebens
berwinden will, kehrt sich seine Schwiegertochter, die
unentwurzelbare, schicksalhafte Vertreterin des Diesseits: die Mutter.
Nie hat ein Held Schillers oder Hebbels die tragische Wucht und
Notwendigkeit seines Lebensgefhls gewaltiger dargetan: "Mit Euren
bigotten Rden... dadervon da is mir o noch nich amal a Kind satt
gewor'n. Derwegen ha'n se gelegen alle viere in Unflat und Lumpem. Da
wurde ooch noch nich amal a eenzichtes Winderle trocken. Ich will 'ne
Mutter sein; da d's weea! und deswegen, da 'd's weea, winsch ich a
Fabrikanten de Helle und de Pest in a Rachen 'nein. Ich bin ebens 'ne
Mutter. -- Erhlt ma' woll so a Wirml?! Ich hab' mehr geflennt wie Oden
geholt von dem Augenblicke an, wo aso a Hiperle uf de Welt kam, bis d'r
Tod und erbarmte sich drieber. Ihr babt euch an Teiwel geschert. Ihr
habt gebet't und gesungen, und ich hab' mir de Fiee bluttig gelaufen
nach ee'n eenzigten Neegl Puttermilch. Wie viel hundert Nchte hab ich
mir a Kopp zerklaubt, wie ich ok und ich keente so a Kindl ok a eenzicb
Mal um a Kirchhof 'rumpaschen. Was hat so a Kindl verbrochen, h? und
mu so a elendigliches Ende nehmen -- und drieben bei Dittrichen, da
wer'n se in Wein gebad't und mit Milch gewaschen. Nee, nee: wenn's hie
losgeht -- ni zehn Pferde soll'n mich zuricke halten. Und das sag ich:
stirmen se Dittrichcns Gebude -- ich bin de erschte -- und Gnade
jeden, der mich will abhalten."

Schiller hatte des berlieferten Stoffes und der berlieferten
dramatischen Form wegen im "Wilhelm Tell", seinem Drama der
Volkserhebung, drei Handlungen (Tell-, Rtli-, Rudenz-Handlung)
nebeneinander laufen lassen. Hauptmann wagt es, die Masse der Weber zum
dramatischen Helden zu machen und in einer gewaltigen Steigerung zum
Gipfel zu fhre. Im blichen Dramenbau wre dies die Hhe des dritten
Aktes. Die "Peripetie" fehlt. Aber in der Seele des Zuschauers drngen
sich die zwei letzten, ungeschriebenen Akte: sie sieht und leidet
voraus, wie dieses Huflein Menschheit umsonst gegen sein Schicksal
aufstand, wie es ein paar Stunden sich frei und erlst fhlen darf, um
dann nur um so grausamer i de dumpfe, leidvolle Gebundenheit alles
Endlichen zurckgeworfen zu werden.

Nur wenn Staub und Asche des Irdischen und Krperlichen verwehen, wird
der gttliche Funke der Seele frei: im Tode oder im Traume. Das
vierzehnjhrige "Hannele", das vor seinem verkommenen brutalen Vater in
den vereisten Dorfteich flchtet, das sich nur frchtet vor dem Leben,
das so gern in den Himmel kommen mchte zur Mutter und zum lieben Herrn
Jesus, das im gespenstig-grotesken Elend des Armenhauses in
Fiebertrumen sein Dasein erfllt, ehe es zu Ende geht, wird zum
erschtternden und erlsenden Bild der Menschenseele. Wenig Dichtungen
sind so innerst musikalisch wie diese Traumdichtung, die zwischen der
Welt der Seele und der Wirklichkeit hin und her geht, unbehindert und
schpferisch. Aus den gegebenen Elementen der kindlichen, drflichen
Seele, der Bibel, dem Mrchen, dem Vater, der Mutter, dem Lehrer, baut
sie eine Welt und Handlung auf, die alle tieferen Beziehungen, die den
metaphysischen Sinn des Lebens in sich schliet.

In "Fuhrmann Henschel" geht das Gefhl von der dunklen Macht der Umwelt
bis zur vollen Passivitt. Aber es ist nicht die Abhngigkeit vom
Einzelnen, Zuflligen -- wie im Schicksalsdrama alten Stils --, die den
Fuhrmann erdrckt, es ist die unentrinnbare tragische Verstrickung und
Zwiespltigkeit alles Endlichen, die er dumpf erfhlt, gegen die jeder
Widerstand unntz ist. Ein schlichter, hilfloser Mensch starrt durch
die Fenster seiner Kellerwohnung in den nchtlichen Himmel, grbelt
nach einer Schuld, die ihn zu Boden gerissen, und findet keine, grbelt
nach einem Sinn hinter den Geschehnissen, die ihn fortdrngen, und
findet keinen, und bumt sich nicht auf und rcht sich nicht und geht
still ins Dunkel: "Ane Schlinge ward mir gelegt, und in die Schlinge da
trat ich halt nein... Meinswegen kann icb auch schuld scin. Wer wee
's?! Ich htt't ja besser kenn'n Obacht geben. Der Teifel ist eben
gewitzter wie ich. Ich bin halt blo immer grad'aus gegangen."

Hauptmann hat den "Fuhrmann Henschel" in der ersten Sammlung seiner
Werke unter die "Sozialen Dramen" eingereiht, obwohl dieser Titel
eigentlich nur das erste, noch tendenzise seiner Dramen "Vor
Sonnenaufgang" trifft Henschel steht weder sozial sonderlich tief -- er
ist Fuhrwerksbesitzer und hat einen Knecht unter sich --, noch ist sein
Schicksal durch seine soziale Stellung bedingt. Auch "Rose Bernd" ist
kein soziales Drama, wenngleich es so eingestellt ist. Man mchte es in
die Reihen der brgerlichen Tragdien ordnen, zu Schillers "Kabale und
Liebe" und Hebbels "Maria Magdalene", zumal sich die Gestalt des Vaters
in allen verwandt geblieben. Und doch sprengt die tragische Gewalt des
Hauptmannschen Dramas auch die brgerliche Welt, ihre verhngnisvolle
In-sich-Gebundenheit, und bricht zu den letzten Tiefen des
Metaphysischen durch. Aus naturhafter Frische und Lebenslust wird ein
Bauernmdchen aufgescheucht von den Begierden der Mnner, "verfolgt und
gehetzt wie a Hund", in Schuld und Meineid gejagt, bis es das Leben
verneint und verflucht, bis es am Straenrande sein Kind in der Geburt
mit eigenen Hnden erwrgt, nicht aus Furcht vor Schande: "'s sullde ni
laba! Ich wullte 's ni!! 's sullde ni meinc Martern derleida! 's
sulldte duer bleib'n, wo's hiegehert." Die Natur, das Leben selber
verneint sich im tragisch-tdlichen Mitleid dieser Mutter. In
metaphysischer Einsamkeit und Gre ragt die Gefolterte gegen den
tragischen Himmel des Seins: "Das iis ane Welt... da sein Sie
versunka... da konn' Sie mer nischt nimeh antun dahier! O Jees, ei ee
kleen' Kmmerla lebt Ihr mit'nanderl Ihr wit nischt, was auern der
Kammer geschieht! Ich wi! ein Krmpfen hab ich's gelernt! Da is... ich
wee ni.. all's von mir gewichen... als wie Mauer um Mauer immerzu --
und da stand ich drau'n, im ganz'n Gewitter -- und nischt mehr war
unter und ieber mir."

Immer wieder bricht dieser tragische Aufschrei aus Hauptmanns Dramen.
"Warum bluten die Herzen und schlagen zugleich?" -- fragt Michael
Kramer am Sarge seines Sohnes. "Das kommt, weil sie lieben mssen. Das
drngt sich zur Einheit berall, und ber uns liegt doch der Fluch der
Zerstreuung.

Wir wollen uns nichts entgleiten lassen, und alles entgleitet doch, wie
es kommt!" Aber aus dem tragischen Leid wchst die tragische Liebe.
ber Grbern und Leichen finden sich schmerzverkrampfte Hnde. Der Tod
nimmt die Binde von den Augen, von den Herzen, ein milder Erlser, "der
ewigen Liebe Meisterstck".

Im "Glashttenmrchen", "Und Pippa tanzt" (1906) ist die Sehnsucht des
Endlichen Melodie geworden: ein Schimmer aus der Heimat Tizians, ein
Bltenkelch aus den Glasfen Venedigs, eine wehende Flamme: Schnheit!
Schnheit, nach der alle verlangend haschen, um die alle tanzen und
werben, die dumpf gebundene Kreatur, der alte Huhn, wie der wissende,
khl- und hochentrckte, der greise Wann. Dem sie zu eigen wird, Michel
Hellriegel ist der reisende Handwerksbursche des deutschen Mrchens,
der treuherzige, unbefangene, der Trumer und Dichter, eigen erst als
Schatten und Traum, ganz eigen erst dem Erblindeten, der die Augen nach
innen aufschlgt, unbeirrt vom Wirrsal der Welt.

Einmal nur, im "Armen Heinrich" (1902), scheint die Liebe nicht erst im
Tode zu siegen. In Wahrheit ist auch hier mit dem Leben gezahlt:
Ottegebe, sein klein Gemahl, hat es zum Opfer gegeben fr den Herrn und
Geliebten, ist zu Salern unter dem Messer des Arztes gelegen. Graf
Heinrich hat sein Leben dagegen gegeben, als er ihr Opfer zurckwies,
als er dem Messer des Arztes Einhalt bot. Da ist der reine, gerade,
ungebrochene Strom der Gottheit durch ihn hindurchgegangen, erlsend
und auflsend, hat im Wunder der Liebe den Aussatz des Lebens geheilt
und ihn aufgenommen "in das urewige Liebeselement".

Vor der metaphysischen Leidens- und Liebestiefe solcher Werke mssen
alle Versuche Hauptmanns, auch zur Gestaltung sinnlicher, heidnisch
bejahender Lebenskrfte vorzudringen, unzulnglich bleiben, vom
Rautendelein der "Versunkenen Glocke" zu Gerusind, "Kaiser Karls
Geisel", bis zum "Ketzer von Soana". Ein Christusroman "Emanuel Quint.
Der Narr in Christo" (1910) ist die natrliche Frucht dieses
Weltgefhls. Ein Armer im Geiste, eines trunkenen Tischlers Stiefsohn,
in dem Christus mchtig wird und wiederkehrt in die gegenwrtige Welt,
um aufs neue verfolgt, verraten und gemartert zu werden. Alles
leidvolle Wissen, alle heilige Liebeskraft Hauptmanns ist in dessen
Christusroman eingegangen, aber in der Dumpfheit seiner Umwelt entringt
er sich nicht dem Sektierer- und Qukerhaften, zur Hhe von
Dostojewskis "Idiot".

Wie aber Kleist von der tragischen Unbedingtheit seines Lebens und
Schaffens ausruht in der sinnlichen Lebens- und Listenflle des
Dorfrichters Adam, in der humorvollen Gestaltung eines parodistischen
Heldenkampfes, so ruht Hauptmann im freiem lchelnden Anteil an der
amoralischen, ungebundenen, ungebrochenen Natur der Waschfrau Wolff. An
Kraft und Geschlossenheit des Aufbaus steht die Diebskomdie "Der
Biberpelz" (1893) hinter dem "Zerbrochenen Krug" erheblich zurck; an
Kraft und Flle ihrer Hauptgestalt ist sie ihm nahe verwandt.

Mit "Pippa tanzt" (1906) beginnt die schpferische Kraft Hauptmanns zu
versiegen. Alle spteren Dramen muten -- wie auch die Erzhlung "Der
Ketzer von Soana" -- nicht mehr ursprnglich, sondern literarisch an.
Es ist bedeutsam, da "Pippa tanzt" zugleich das letzte Werk ist, das
aus dem Boden der schlesischen Heimat wchst. Nie war ein Dramatiker so
tief, so schicksaltief der seelischen und sinnlichen Atmosphre seiner
Heimat verbunden. Da er ihr entwchst in die Welt seiner literarischen
Erfolge und Interessen, der allgemeinen deutschen und europischen
Geistigkeit, sterben seine tiefsten Wnsche ab. Schon auf der Hhe
seiner Kraft war ein grogeplanter Versuch milungen, eine Tragdie
statt aus der Natur, der seelisch-sinnlichen Natur seiner Heimat, aus
der Geschichte aufzubauen: "Florian Geyer" (1896), die Tragdie des
Bauernkrieges war trotz gewaltiger Einzelszenen in der berflle des
Stoffs und der Studien steckengeblieben. Jetzt sucht Hauptmann in
frnkischen, italienischen, griechischen, peruanischen Sphren seine
verlorene Lebens- und Schaffenskraft wieder -- vergebens: er empfngt
nur Leben aus zweiter Hand.

Hauptmanns gerader weltanschaulicher Gegensatz ist Frank Wedekind
(1864-1918). Ist Hauptmann der Anwalt der unterdrckten Seele, so ist
Wedekind der Anwalt des unterdrckten Leibes und Fleisches. Er wendet
sich gegen "die Geringschtzung und Entwrdigung" des Fleisches, gegen
jene, denen "der Geist das hhere Element, der absolute Herrscher" ist,
"der jede selbstherrliche, revolutionre uerung des Fleisches aufs
unerbittlichste rcht und straft" ("ber Erotik"). In der
Kindertragdie: "Frhlings Erwachen" (1891) -- neunzehn locker
gereihten, kurzen Szenen im Stile Lenz' und Bchners -- gestaltet er
die dunklen Wirren und Leiden der Pubertt, der aufwachenden sinnlichen
Triebe, die von allen Seiten, von Eltern und Lehren, verleugnet,
verdchtigt und mileitet werden, Gymnasiasten und vierzehnjhrige
Schulmdel, die auf der gefhrlichen Grenzscheide zwischen Kindheit und
Reife weglos allein gelassen, aller Unruhe und allem Dunkel der neuen
Lebensmchte preisgegeben und in Verbitterung, Tod und Selbstmord
hinausgedrngt werden, Kmpfer, die an der Eingangspforte des Lebens
fallen. Im "Erdgeist" (1895) formt er dann die volle entfesselte Macht
der Triebe. In Lulu zeichnet er die "Urgestalt des Weibes" die schon in
der Bibel, im Leben der Kirchenvter und Heiligen immer wieder als das
dmonische, verfhrerische sinnliche Element des Lebens zerstrend
auftaucht, die Schlange, "das wahre Tier, das wilde, schne Tier". "Sie
ward geschaffen, Unheil anzustiften, -- Zu locken, zu verfhren, zu
vergiften, -- Zu morden, ohne da es einer sprt". Lulu nennt sie der
eine, Nellie, Eva, Mignon der andere; sie hat keinen Namen, wie sie
keinen Vater hat: sie ist das Urelement der Schpfung. Jeder sieht sie
anders, legt seine Sehnsucht, seine Seele in sie hinein, behngt sie
mit seinen Trumen und Phantasien. Sie aber bleibt "die seelenlose
Kreatur". Gleichgltig schreitet sie ber das Leben der Mnner hinweg,
die ihr zu Fen strzen, immer neue Opfer fordernd, in rastloser Gier
-- bis sie demselben Dmon verfllt, der sie getrieben, und (im 2. Teil
der "Bchse der Pandora") unter dem Messer Jack des Aufschlitzers endet.

Es war nicht leicht fr Wedekind, diesem weiblichen Urbild sinnlicher
Schnheit und Wildheit ein mnnliches zur Seite zu geben. Mit der
kulturellen Entwicklung ist die geistige Kraft zum eigentlichen Wesen
des Mannes geworden. Aber Wedekind ging in die Welt der Zirkusmenschen
und Hochstapler, der elastischen Abenteurer, die in zher Lebensgier
durch Strom und Strudel jagen, untertauchen, nie untersinken, immer
wieder in die Hhe kommen. "Der Marquis von Keith" (1900) ist Wedekinds
dramatisch strkste Gestaltung dieses Typus.

In all diesen Dramen kann der Trieb, das Fleisch, nie gegen den Geist
kmpfen, da er ihn nicht begreifen, nicht bersehen kann. Vertreter des
Geistes, die gegen das Fleisch auftreten -- wie Lehrer und Pfarrer in
"Frhlings Erwachen" --, sind bloe Karikaturen. Immer kmpfen Triebe
gegen Triebe. So kommt es nie zur Klrung und Lsung, sondern nur zur
Katastrophe. Der Aufstieg und Absturz des Ideendramas zerfllt hier
nach der Zahl der Akte in ebenso viele parallele Krisen und
Katastrophen. Auch die Szenen, die Dialoge entwickeln sich eher in
linearem Nebeneinander als in einem steigenden In- und Miteinander.
Denn diese triebhaften, "unbeseelten Kreaturen" sind ganz in sich
gebunden, in die Einsamkeit alles Sinnlichen. Sie reden nicht
zueinander, sie sprechen aneinander vorbei. Und so dunkelt ber dieser
lebensverlangenden, lebensbejahenden Triebwelt die heimliche
Melancholie der unerlsten Kreatur, eine Tragik, die tiefer grndet als
die ueren Kmpfe ihrer Instinkte.

Die Bejahung und Verherrlichung des Fleisches, die dem jungen Wedekind
quellende Natur ist, wird dem alternden zur Lehre, die er predig und
verteidigt. All seinen spten Gestalten gibt er sie in den Mund. Das
widerspricht aber dem Wesen dieser triebhaften Gestalten, die nicht
ber sich theoretisieren knnen. So zerfllt die durchaus
unnaturalistische, groumrissene, sinnenbunte Bildwelt Wedekinds in
graue fanatische Deklamationen.

Zwischen den polar bestimmten Werten und Welten Hauptmanns und
Wedekinds schwankt die ungewisse Welt Arthur Schnitzlers (geb. 1862).
Die Wiener Kultur, schon in Grillparzer voll unsicherer
Selbstreflexion, ist ganz Ausgangskultur geworden: ihre Ideenwelt hat
den zwingenden Gehalt verloren, nur ihre Formen sind geblieben. Mit
ihnen drapiert und maskiert man sich, man spielt mit ihnen. Das Leben
selber wird zum Spiel. In lchelnder Skepsis ist man sich dieses Spiels
bewut, sucht man es zu vervollkommnen und auszukosten. Aber die
Schwermut lauert ber jenen Augenblicken, wo man des Spielens mde ist,
wo man auf festem Ideen- und Lebensgrund ruhen mchte und nur erkennt:

    Es flieen ineinander Traum und Wachen,
    Wahrheit und Lge. Sicherheit ist nirgends.
    Wir wissen nichts von andern, nichts von uns.
    Wie spielen immer; wer es wei, ist klug.

In den sieben grazisen Dialogen des "Anatol" (1894) ist diese Skepsis
und Mdigkeit, diese Selbstreflexion und weiche Selbstverhtschelung
zum erstenmal Wort und Gestalt geworden. Anatol, der junge, verwhnte
Dichter, der "leichtsinnige Melancholiker" der in tndelnden
Abenteuern, in "zrtlicher Liebe ohne das Bedrfnis der Treue" sein
Leben vertrumt, der nur in Stimmungen lebt und so viel Mitleid mit
sich selbst hat -- keine moralische Forderung, kein Schicksal drfte an
diese Welt klopfen: sie wrde in Staub verwehen. Aber da sie ganz in
sich verbleibt, nehmen wir lchelnd Anteil an ihrem weichen, morbiden
Stimmungszauber, ihrer Liebenswrdigkeit und Gebrechlichkeit.

Die Melancholie, die aus dieser Welt steigt, kann sich nie zur wahren
Tragik hrten. Auch aus den frstelnden Schauern des "Einsamen Wegs":
"Und wenn uns ein Zug von Bacchanten begleitet -- den Weg hinab gehen
wir alle allein", weht weniger Lebenstragik als Lebemannstragik. Aber
wenn in diese Welt ein Vorstadtmdel gert mit der ganzen frischen
Innigkeit und Unbedingtheit seines Herzens, die Liebe gibt und sucht in
dieser Welt der "Liebelei", dann greift einfache Tragik ans Herz.
Christin', die blasse Violinspielerstochter, die ihre Seele hingibt an
den leichtsinnig-schwermtigen Menschen, der ihr auch in der tiefsten
Stunde wehrt: "Sprich nicht von Ewigkeit. Es gibt vielleicht
Augenblicke, die einen Duft von Ewigkeit um sich sprhen... Das ist die
einzige, die wir verstehen knnen, die einzige, die uns gehrt", wird
zu einem holden Urbild, zu einem unvergelichen Klang, daraus die
Innigkeit und Traurigkeit eines Volksliedes weht.

Die greren Kompositionen Schnitzlers lehnen sich an fremde Stile, an
Ibsen oder Shakespeare, lsen sich in epische Episoden oder zergehen in
dialektische Konversationszenen, deren geistreich-schwermutvolle
Feinheit die Menschen mehr verschleiert und verwischt als gestaltet.
Nur im "Grnen Kakadu" wird Schnitzler die Ausgangswelt, ja der
Ausgangstag des ancien rgime (der Tag des Bastillensturms) zum groen
historischen Spiegel des Wiener Ausgangs. Ein Irrspiel zwischen Sein
und Schein, das den Verfall aller Werte, die Zersetzung aller Seele in
grellen Blitzen gespenstig umleuchtet. In einer Pariser
Vorstadtspelunke improvisieren Schauspieler zur Aufpeitschung der
hochadligen Gste Verbrecherszenen, die gruselig Spiel und Wahrheit
mischen. Wie verfolgt strzt einer herein und berichtet von seinem
frische Taschendiebstahl, von einer Brandstiftung ein zweiter, einem
Morde ein dritter, bis Henri, der Genialste Truppe, vorstrmt und
aufschreit, er habe eben in der Garderobe den Herzog von Cadignan, den
Liebhaber seiner ihm gestern angetrauten Frau, niedergestochen. Die
Mitspieler halten es fr Wahrheit, die Zuschauer fr Komdie, einen
Augenblick glauben beide an Wahrheit -- whrend es jh darauf erst
Wahrheit werden soll: der Herzog tritt ein und Henri ttet ihn
wirklich. Und indes der Wirt wie allabendlich eben noch in aufreizendem
Spiel seine hochadligen Gste als Schurken und Schweine begrt hat,
die das Volk hoffentlich nchstens umbringen werde, dringen pltzlich
die Bastillenstrmer ein und lassen an der Leiche des Herzogs die
Freiheit leben. Hier ist das Lebensgefhl des Ausgangs: "Wir spielen
immer; wer es wei, ist klug", schicksalhaft vertieft, das
Schauspielertum des Lebens und der Bhne gespenstig gemischt. Mit
hchster knstlerischer Bewutheit sind die Schauer und Wechsel dieses
Irrspiels in die straffe Handlung eines Einakters gebannt.

Wenn fr Schnitzler die Bedeutungslosigkeit der berkommenen Formen
noch Lebensschicksal ist, fr Hugo von Hoffmannsthal (geb. 1874) ist
sie nur mehr literarisches Schicksal. Allein in den ersten Dramen "Der
Tor und der Tod", "Der Abenteurer und die Sngerin" schwingt noch ihr
Erlebnis: Schwermut und Sehnsucht. Das erste eine Dichtung des
Neunzehnjhrigen: ein junger Mensch, der das Leben zum erstenmal ahnt,
da er es lassen mu:

    Was wei ich denn vom Menschenleben?
    Bin freiliche scheinbar drin gestanden,
    Aber ich habe es hchstens verstanden,
    Konnte mich nie darein verweben...
    Stets schleppt ich den rtselhaften Fluch,
    Nie ganz bewut, nie vllig unbewut,
    Mit kleinem Leid und schaler Lust
    Mein Leben zu erleben wie ein Buch.

Aber, da er dem Tode, der ihn zu rufen kommt, entgegenhlt: "Ich habe
nicht gelebt!" zeigt der ihm, was an Leben und Liebe sein gewesen:
unter den Geigenklngen des Todes schweben die Schatten der Mutter, des
jungen Mdchens, des Freundes vorber, die einst in Sorge und Liebe
sich um ihn mhten, ohne da er ihrer geachtet. Er war der
"Ewigspielende", "der keinem etwas war und keiner ihm". Erst der Tod
lehrt ihn das Leben sehen -- die se Schwermut eines Frhlingsabends
webt um diese jungen, goethisierenden Verse; aus weich-verhangener
Ferne trumt Musik. Im "Abenteurer und die Sngerin" schimmern die
Farben und Wunder Venedigs auf. Auch hier eine ausgelebte Welt. Auch
hier ein Ewigspielender: Casanova. Fnfzehn Jahre nach einem seiner
vielen Liebesabenteuer kreuzt dieser flchtige Faltermensch die
Lagunenstadt und sieht die einst Geliebte, die er zum Leben erweckt,
die ihm glcklichste Stunden geschenkt, als Gattin eines anderen wieder
und neben ihr seinen Sohn. Wenige festliche Stunden, wenige in Traum,
Se, Wehmut und Erinnerung aufschimmernde Worte. Und darber die
Schatten des Alters und der Vergnglichkeit.

Je mehr in den spteren Dramen Hoffmannsthals der Lebensgehalt
versickert, desto ppiger wuchert ihre Form. Die leere Lebensform des
ausgehenden Wien wird zur leeren literarischen Form, einer ppigen
barocken Form, die Leben aus zweiter Hand, aus Sophokles, Otway,
Molire berrankt. Der sittliche Gehalt der Sophokleischen Elektra, das
tragische Rcheramt der Kinder an der eigenen Mutter, des Vaters
Mrderin, wird -- jenseits aller Weltanschauung -- zu einer
dekorativen, schwelgerischen, brandroten Orgie in Ha, Blut und Rache.
Bedeutsam bleiben -- wie bei d'Annunzio, dem er nahekommt -- die
artistischen Werte Hofmannsthals: sein Anteil an der Entwicklung
deutscher Sprachkunst.

Klingt bei Hofmannsthal Wortmusik, bei Richard Beer-Hofmann (geb.
1866), dem dritten und tiefsten der Wiener, klingt Seelenmusik. In
hinreiendem Adagio entquillt sie seinem ersten Drama, dem "Grafen von
Charolais" (1904), obgleich es einer alten englischen Vorlage
Massingers und Fields unglcklich verbunden ist, obgleich es daher in
zwei Teile zerbricht, obgleich die Requisiten des alten Stcks,
Leichen, Pfndung, Ehebruch, Mord, Selbstmord, sich peinlich hufen. Da
ist nicht mehr die Melancholie des stheten, da ist eine wehe Weisheit,
eine milde Gte, eine dunkel-goldene Traurigkeit, aus Tiefen, die seit
Gerhart Hauptmann keiner mehr durchmessen hat. Nur das Vorspiel zu
einem Dramenzyklus, zur "Historie von Knig David", ist seitdem
erschienen: "Jakobs Traum" (1918), eine symphonische Dichtung von
einer seelischen und religisen Gewalt, die sie hoch ber die Zeit
emportrgt. Die Wrde und Tragik der Berufung ist ihr Thema, Jakobs
Ringen mit Gott auf dem Berge Beth-El ihr biblischer Stoff. Wenn der
musikalischen und metaphysischen Gewalt dieses Vorspiels die Kraft der
Menschengestaltung in der Trilogie entspricht, so wird Beer-Hofmann in
schpferischer Erneuerung alttestamentlicher Symbole der deutschen
Dichtung das religise Drama erobern helfen.

Hauptmann und in minderem Grade auch Wedekind, Schnitzler, Beer-Hofmann
erleben die Welt unmittelbar in weltanschaulichen Gegenstzen und in
Gestalten, die sie verkrpern und ausfechten. Fast allen jngeren
Dramatikern ist dieses berpersnliche, weltgroe Erlebnis fremd; sie
erleben einseitig, subjektiv, nur vom Gefhl oder vom Intellekt aus,
und so kommt es nur zu lyrisch-balladesken oder dialektischen
Spannungen.

Herbert Eulenberg (geb. 1876) bleibt ganz in dumpfen Gefhl befangen.
Seine Helden sind immer die gleichen Typen und leben nur im Schwellen
und Ausschwingen ihrer Gefhlsdurchbrche. Er erlebt nur in einer
Richtung und nur in einem Menschen; die anderen Menschen sind ohne
eigene Lebens- und Gegenkraft fr Eulenberg wie fr seine Helden.
Einsam steht der Eulenbergsche Mensch im All; fremde Mchte werden in
ihm wach und jagen ihn in die dunkle Hlle seines Blutes und seiner
Trume; sie verfolgen und erfllen ihn, wachsen, rasen und toben in
ihm, bis sie seine Form zersprengen oder in vernichtenden Taten den
Ausweg suchen. Von auen her dringt nichts in diesen Vorgang ein. "Ich
hre nichts auer mir", sagt einer der Helden; "ich brenne in mir ab",
ein anderer. Die Gegenspieler sind keine ursprnglichen Gestalten, sind
nur Blutbilder des eigenen Innern. So wird kein Drama, so kommt es nur
zu monologischen, lyrisch-balladesken Wirkungen, zu Farben und
Stimmungen.

Der Gegenpol Eulenbergs ist Karl Sternheim (geb. 1881). Er geht ganz
vom Intellekt aus. Er erlebt nicht, er erkennt nur. Sein literarischer
Ehrgeiz will stilisieren, zu Typen vordringen. Aber einen Typus gewinnt
er nicht durch Flle und Verdichtung des Persnlichen, sondern durch
Konstruktion und Illustration eines Begriffs. Kurze Zeit wei seine
Beobachtung, seine literarische Erinnerung die Stilisierung
durchzufhren, dann entgleiten und brechen die Linien, die Personen
werden zu Karikaturen. Eine Komdie wie "Der Snob" ist in ihrer inneren
Unwahrheit, ihrer Literaten- und Theaterkunst, gar nicht so weit von
Blumenthal und Kadelburg; sie ist nur geistreicher und boshafter.
Seiner Menschen-wie seiner Weltanschauung fehlt der organische Anteil,
das Ethos, die Liebe. Es gengt nicht, die Welt lcherlich zu machen.
Humor, nicht Witz ist das Zeichen des Schpfers. Jede Anschauung will
im Zusammenhang einer Weltanschauung, jede Eigenschaft im Zusammenhang
einer Seele, jede Verzerrung im Zusammenhang eines Ideals gedeutet und
gestaltet werden. Auch der Satiriker lacht und spottet nicht aus dem
Gefhl billiger berlegenheit, sondern aus dem Gefhl der Verantwortung
und der Liebe.

ber Wedekind und Sternheim fhrt der Weg Georg Kaisers, (geb. 1878).
Auch er ist ein Intellektueller, ein ehrgeiziger Literat, ein
Formenknstler. Ohne ein ursprngliches Wesenszentrum berlt er sich
den wechselnden Strmungen der Zeit. Von der Verherrlichung des
Fleisches  la Wedekind ("Rektor Kleist", 1905) gelangt er zum ideal
platonisierten Denkdrama "Die Rettung des Alkibiades" (1919). "Knig
Hahnrei" und die "Jdische Witwe" stellen die tragischen Konflikte
Tristans oder Judiths in frecher Jongleurkunst auf den Kopf. "Die
Brger von Calais" wissen klug errechnete tragische Situationen
rhetorisch auszukosten. "Die Koralle" und "Gas" diskutieren die
sozialen Probleme der Gegenwart. An artistischem Knnen ist Kaiser
Sternheim bald voraus; er ist reicher, beweglicher, energischer. Aber
es ist die Hast der Nerven, die Psychologie des Intellekts, die Technik
des Films. In den sozialen Dramen -- der Sphre der Massen und
Maschinen -- werden der Bau mathematisch, die Menschen mechanisch, die
Sprache zum Telegramm. Ein Druck auf die Feder -- und das Werk luft
ab: Rede und Gegenrede, Bewegung und Gegenbewegung. Mit virtuoser
Technik wird die ganze soziale Stoffmasse in diesem Rdertreiben
zermahlen. -- Und schlielich fallen in der "Rettung des Alkibiades"
auch die Schemen dieser Gestalten; in Anlehnung an den platonischen
Dialog wird das Menschenspiel zum Denkspiel, die Dramatik zur Dialektik.

ber diese Artisten ragt Paul Ernst (geb. 1866) an Ethos der Kunst- und
Weltanschauung, aber ihre intellektuelle Gebundenheit wei er nur ins
Geistige, nicht ins Knstlerische zu lsen. Er kommt vom naiven
Naturalismus seines Freundes Holz und will mit Wilhelm von Scholz (geb.
1874), der von der Neuromantik und Mystik herkommt, einen
"neuklassischen" Stil im Drama begrnden. ber Shakespeares
individuelle Gestalten und Probleme will er zur reinen Typik der
Griechen zurck. Aber er ist ein Kunstdenker, kein Kunstschpfer; er
gibt geistige Grundrisse statt organischer Gestalten. Tiefer im
Lebensgrunde wurzelt Scholz, zumal in der zweiten Fassung seiner
Tragdie "Der Jude von Konstanz" (1913), die der Hauch Hebbelscher
Tragik durchweht.

Ein groes Drama wchst nur aus einer groen, ursprnglichen
Weltanschauung. Wie die Lebensformen der Mutterboden der epischen, so
sind die Weltanschauungsformen der Wurzelgrund der dramatischen Kunst.
Mit dem Weltkrieg brachen die Lebens- und Anschauungsformen des
materialistischen und rationalistischen Zeitalters zusammen. Aus seinem
Chaos schrie die gemarterte Seele nach ihrem Recht. Jnglinge ballten
ihren Aufschrei zum "expressionistischen" Drama, Walter Hasenclever im
"Sohn", Richard Goering in der "Seeschlacht", am strksten Fritz von
Unruh in "Ein Geschlecht". Lyrische Entladungen, Konfessionen,
Predigten und Prophetien gaben sich dramatisch. Des spten Strindbergs
unnachahmliches Traum- und Seelendrama ("Traumspiel", "Nach Damaskus")
wurde unbedenklich zum Vorbild genommen. ber den zerfallenen Formen
recke sich der befreite, von Urgefhlen trunkene Mensch empor, der
Mensch schlechthin, der sich eins wei mit seinen Brdern, nach Seele,
nach Gott, nach einer neuen wahren Gemeinschaft des Geistes. Aber
ekstatische Schreie, rauschvolle Aufrufe, die Auflsung aller
Lebensmchte in e i n trunkenes Urgefhl fhren hchstens zur lyrischen
Grundform. Dies neue Menschheitsgefhl will erst in der Wirklichkeit
erhrtet, vertieft und geklrt, in Zwieklang seiner Gegenmchte
begrenzt und behauptet und in ursprnglichen Gestalten objektiviert
sein, ehe es zu einem neuen Drama fruchtet.




DIE LYRIK

Die epische Dichtung hat bestimmte Lebensformen, die dramatische
bestimmte Weltanschauungsformen zum Unter- und Hintergrund. Der epische
Dichter kann die Lebensformen nicht selber schaffen -- sie sind die
Voraussetzung seiner Kunst --, der dramatische kann die
Weltanschauungsformen hchstens mitschaffen, aus den gesamten ideellen
Mchten seiner Zeit heraus. Die Form der lyrischen Dichtung ist die
Form der Persnlichkeit. Der Lyriker ist unabhngig in seinem
Schpferwillen, alles wird ihm Stoff zu sich selber, Welt und Leben
kristallisieren in seinem Ich. So kann in einer zersetzten Zeit, im
Kampf der Lebens- und Weltanschauungen der Lyriker zuerst zur reinen
Form gelangen, als der Vorposten der neuen Menschheit. Und dieses
Ringen um den neuen Menschen, um das Brgerrecht einer neuen Menschheit
stellt die deutsche Lyrik der letzten Jahrzehnte dar.

1885 erschienen die "Modernen Dichtercharaktere", eingefhrt von den
Aufstzen Hermann Conradis (1862-1890) "Unser Credo" und Karl Henckells
(geb. 1864) "Die neue Lyrik". Die Gedichtsammlung war die Absage an die
Epigonenlyrik Geibels und Heyses, an die "losen, leichtsinnigen
Schelmenlieder und unwahren Spielmannsweisen" Rudolf Baumbachs und
Julius Wolffs. Diese jungen Lyriker wollten "Hter und Heger, Fhrer
und Trster, Pfadfinder und Wegeleiter, rzte und Priester der
Menschen" werden. Hermann Conradi gibt 1887 in den "Liedern eines
Snders" sein lyrisches Bild. Er war der Innerlichste unter den
Jngeren, der Grende, haltlos Ringende. Er fhlte sich berufen, "die
Gegenstze der Zeit in ihrer ganzen tragischen Wucht und Flle, in
ihren herbsten uerungsmitteln zu empfinden" und "voll Inbrunst und
Hingebung die verschiedenen Stufen und Grade des Sichabfindens mit dem
ungeheueren Wirrwarr der Zeit schpferisch zum Ausdruck zu bringen".
bergang und Untergang sah er ringsum, sich selbst empfand und
gestaltete er in seinen Romanen "Phrasen" und "Adam Mensch" als den
Typus des bergangsmenschen, in den eigenen Krmpfen sprte er die
Krmpfe der Zeit, deren Krisis er 1889 in "Wilhelm II. und die junge
Generation" ahnend kndete: "Die Zukunft, vielleicht schon die nchste
Zukunft: sie wird uns mit Kriegen und Revolutionen berschtten. Und
dann? Wir wissen nur: die Intelligenz wird um die Kultur, und die
Armut, das Elend, sie werden um den Besitz ringen. Und dann? Wir wissen
es nicht. Vielleicht brechen dann die Tage herein, wo das alte,
eingeborene germanische Kulturideal sich zu erfllen beginnt. Vorher
jedoch wird diese Generation der bergangsmenschen, der Statistiker und
Objektssklaven, der Nchterlinge und Intelligenzplebejer, der Suchenden
und Ratlosen, der Verirrten und Verkommenen, der Unzufriedenen und
Unglcklichen -- vorher wird sie mit ihrem roten Blute die
Schlachtfelder der Zukunft gedngt haben -- und unser junger Kaiser hat
sie in den Tod gefhrt. Eines ist gewi: sie werden uns zu Hupten
ziehen in die geheimnisvollen Zonen dieser Zukunft hinein: die
Hohenzollern. Ob dann eine neue Zeit ihrer noch bedrfen wird? Das
wissen wir abermals nicht." Conradis Leben und Lyrik ist nie zur
persnlichen Form gedrungen. So tief er darum rang, die grenden,
brodelnden Elemente seines Wesens zur Einheit zu binden: "Und ob die
Sehnsucht mir die Brust zerbrennt: -- Auf irrer Spur -- Lt mich die
Stunde nur -- Am einzelnen verbluten."

Karl Henckell, der zweite Herausgeber der "Modernen Dichtercharaktere",
verlor sich vorlufig in die Stofflichkeiten des Naturalismus und
Sozialismus. Er sang "Das Lied des Steinklopfers", "Das Lied vom
Arbeiter", "Das Lied der Armen", besang "Das Blumenmdchen", "Die
Engelmacherin", "Die Nherin im Erker", "Die Dirne", "Die kranke
Proletarierin". Er zeichnete billige satirische Gegenbilder im
"Korpsbursch" im "Einjhrig-Freiwilligen Bopf", im "Leutnant Pump von
Pumpsack" im "Polizeikommissar Frchtegott Heinerich Unerbittlich". Er
feierte "das ideale Proletariat": "Heil dir Retterheld der Erde --
Siegfried Proletariat -- leuchtend in der Kraft des Schnen." Er
empfand sich als die "Nachtigall am Zukunftsmeer". Durch die
jugendliche Rhetorik und stoffliche Befangenheit brach die --
sozialistisch gefrbte -- berzeugung einer Zeitenwende, eines nahen
Zusammenbruchs, einer neuen Zukunft.

rger noch in diese Stofflichkeit, in die nchsten Bilder und Phrasen
der Zeit verstrickt blieb Arno Holz (geb. 1863) in seinem "Buch der
Zeit", "Lieder eines Modernen" (1885). Er glaubte sich schpferisch,
wenn er die Grostadt, das Grostadtelend, den Grostadtmorgen, den
Grostadtfrhling in wsserig strmende Reime und Strophen zwang. Der
"geheime Leierkasten", den er spter aus jeder Strophe zu hren
glaubte, klingt berlaut aus diesen jugendlichen Versifizierungen. Und
es ist persnlich begreiflich, da er 1899 schlielich in seiner
"Revolution der Lyrik" Reim, Strophe und festen Rhythmus grundstzlich
verwarf und eine Lyrik proklamierte, "die auf jede Musik durch Worte
als Selbstzweck verzichtet, und die, rein formal, lediglich durch einen
Rhythmus getragen wird, der nur durch d a s lebt, was durch ihn zum
Ausbruch ringt". Im "Phantasmus" schuf er dementsprechende,
eindringliche, duft- und farbenreiche Stimmungsbilder und -bildchen.

In Julius Hart, Bruno Wille, John Henri Mackay, dem Schler Stirners,
und Ludwig Scharf ergnzte und steigerte sich die soziale Lyrik.
Richard Dehmel (1863-1920) vertiefte und beseelte sie. Er war der
Freund Detlev von Liliencrons (1844-1909), des "Blutlebendigen,
Lebensbeglckten", Erdursprnglichen, der zwar durch den "Naturalismus"
erst ganz zu sich selbst befreit wurde, aber stets reine, sinnenhafte
Natur war und blieb, dem Kampf der neuen Ideen fremd, ein voller
Ausklang der alten lyrischen Linie, der Droste, Kellers, Storms.
Liliencron kam der Entwicklung von Dehmels sinnlicher Anschauung zur
Hilfe, wie Uhland einst dem jungen Hebbel. Dehmel zerbrach die
Kunstanschauung des "Naturalismus": Nie ahmt der Knstler die Natur
nach. "Weder die sogenannte uere Natur, die Welt der Dinge, noch auch
die innere, die Welt der Gefhle, will oder kann er zum zweitenmal, zum
immer wieder zweitenmal, in die bestehende Welt setzen, in diese Welt
der Wirklichkeiten. Er will berhaupt nicht nachahmen; er will
schaffen, immer wieder zum erstenmal. Er will einen Zuwachs an
Vorstellungen schaffen, Verknpfungen von Gefhlen und Dingen, die
vorher auseinander lagen, in der werdenden Welt unserer Einbildungen."
Aus "chaotischen Lebenseindrcken" will er einen "planvollen Kosmos"
schaffen, "nicht Abbilder des natrlichen, sondern Vorbilder
menschlichen Daseins und Wirkens," "berschauende Zeit-, Welt- und
Lebenssinnbilder". So wird in Richard Dehmel zuerst der moderne Lyriker
sich seiner Aufgabe bewut, der sinkenden, zersetzenden Zeit neue
Formen zu erobern, in der Form seiner Persnlichkeit und in heiliger
Wirkung und Wechselwirkung, in immer weiteren Ringen ber sie hinaus:
"Alle Kunstwirkung luft schlielich auf das Wunder der Liebe hinaus,
das sich begrifflich nur umschreiben lt als Ausgleichung des
Widerspruchs zwischen Ichgefhl und Allgefhl, Selbstbewutsein und
Selbstvergessenheit." Den Weg vom Ichgefhl, einem neuen, starken
Ichgefhl, zu neu bewuten und vertieften Allgefhl sucht Dehmels Leben
und Lyrik. Vom sozialen Gefhl der Zeit geht er aus. "Wie kann der
geistige Mensch zur Herrschaft kommen, wenn er umgeben bleibt von
Menschen, die nicht einmal der Pflege des Krpers freie Zeit genug
widmen knnen! Kann denn das geistige Dasein sich steigern, wenn
jedermanns Sinne voll geistiger Unlust sind? Und kann der Geist des
einzelnen wachsen, wenn kein geneinsamer Boden sich bildet, der seine
Seele zum Wachstum anreizt?" Aus dieser leidenden Bruderliebe, aus
diesem Wissen um das Verbundensein alles Volkslebens wachsen seine
sozialen Gedichte "Zu eng", "Vierter Klasse", "Der Mrtyrer", "Jesus
der Knstler", "Bergpsalm":

    Dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz!
    Es grollt ein Schrei von Millionen Zungen
    Nach Glck und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz!
    Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Brsten
    Wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell;
    Hier sthnt ein Volk nach Klarheit, wild und grell,
    Und du schwelgst noch in Wehmutslsten?

Die beiden klassischen sozialen Lieder formen sich: "Erntefeld" ("Es
steht ein goldnes Garbenfeld") und "Der Arbeitsmann" ("Wir haben ein
Bett, wir haben ein Kind"). ber die Lebens- und Liebeseinheit des
eigenen Volkes, durch die es "dem hunderttausendfachen Bann" der
Lebensnot und -niedrigkeit entwchst, drngt Dehmels Traum und
Leidenschaft zur Menschheitsstunde: "Bis auch die Vlker sich befrei'n
-- Zum Volk! -- m e i n  Volk, wann wirst du sein?" Und ber die
Menschheit hinaus strmt sein Lebenswille ins Weltall: "Wir Welt!" Das
ist das letzte Ziel, die Durchdringung von Eins und All. Den Weg fhrt
uns die Liebe: "Wer so ruht an einem Menschenherzen -- Ruht am Herzen
dieser ganzen Welt."

Dieses Mysterium kndet der "Roman in Romanzen: Zwei Menschen" dreimal
36 Gedichte und drei Vorsprche zu je zwlf Zeilen, die zusammen wieder
36 Zeilen ergeben. Alle Gedichte haben den gleichen Aufbau: eine
Naturschilderung als Einleitung, die Worte des Mannes, die Worte der
Frau, ein paar Schluzeiten, die in neuer Einheit die Seelenstimmung
zusammenfassen. Diese Strenge der Gliederung schafft architektonische
Schnheit, aber hemmt und verbaut auch. Es kommt weder zur reinen
epischen Erzhlung noch zum reinen lyrischen Ausstrmen. berhaupt
bleiben die epischen Elemente, die eigentliche Handlung, die Flle der
Schaupltze, bedenklich stofflich. Hinreiend ist der ekstatische
berschwung der Grundstimmung, der zwei Menschen aus ihrer Einzelhaft,
durch die Liebe, zur Verbundenheit mit der Natur, der Menschheit, dem
Weltall, zum "Weltglck" fhrt, bis selbst der Tod sie nicht mehr
schreckt:

    Wir sind so innig eins mit aller Welt,
    Da wir im Tod nur neues Leben finden.

So wchst Dehmels Ich-Bewutsein in immer weiteren Kreisen zum
Weltbewutsein, nicht nur im Gefhlsrausch des Lyrikers, sondern im
menschheitlichen Vorkampf. Die Harmonien zwischen Mann und Weib
offenbaren sich ihm nur darum so machtvoll, weil er abgrndige
Disharmonien durchlitten und durchschritten hat. Seelische Helle wchst
aus sinnlichem Dunkel. "Die Verwandlungen der Venus" zeichnen --
stofflich berlastet -- diesen Weg der Luterung: "Aus dumpfer Sucht
zur lichten Glut."

Alle Menschheitsbeziehungen werden in ihrem Doppelspiel von Ha und
Liebe, von Selbstbehauptung und Hingabe neu zur Frage gestellt. Wie
Mann und Weib sich gegenberstehen, so Vater und Sohn. Im Kampf der
Generationen, der alten und jungen Weltanschauung ruft er als Vater --
als erster Vater! -- seinem Sohne zu:

    Sei du! Sei du!
    Und wenn dereinst von Sohnespflicht,
    Mein Sohn, dein alter Vater spricht,
    Gehorch' ihm nicht! Gehorch' ihm nicht!

Als der Weltkrieg ausbrach, da war es Dehmel, dessen tapferer
Lebensglaube stets gewesen, durch die Zeit hindurch zur neuen Zeit und
Form sich vorzuringen, Pflicht und Bedrfnis, als
einundfnfzigjhriger, ungedienter, gemeiner Soldat in das Heer zu
treten und den Entscheidungskampf der neuen Menschheit mitzufechten:
"Die Begleitumstnde sind allerdings scheulich, aber das Hauptziel des
Kampfes ist herrlich und heilig; denn wir wollen den Frieden auf Erden
schaffen, a l l e n  Menschen zum Wohlgefallen... Etwas mehr
Himmelsluft wird sich doch nach diesem reinigenden Sturm ausbreiten,
bei uns selbst wie im ganzen Vlkerverkehr. Und was war der Hauptgrund,
warum ich alternder Mann zur Waffe griff, nicht blo aus
Vaterlandsliebe und Abenteurerlust; da mein Krper noch krftig genug
dazu ist, mu ich ihn einsetzen fr die geistige Zukunft." Als Soldat
der neuen Menschheit ist er gestorben, an einer Venenentzndung, die er
sich im Kriege zugezogen.

Das Kmpferpathos Dehmels, das anfangs dem jungen Schiller nah ist,
bevorzugt die charakteristische vor der musikalischen Form. Jeder
Gltte in Bild, Rhythmus und Strophe setzt er herbe Eigenheiten
entgegen. Der vierzeiligen Strophe gibt er eine fnfte Zeile mit, ohne
Reim, von besonderem Rhythmus. Bild und Versform wirken oft geschmiedet
und gehmmert. Auch seine "impressionistischen" Naturbilder sind keine
nachgiebige Eindruckskunst, sind Umwandlung blicher, erstarrter
Anschauungen in charakteristische, von innen bewegte Bilder.

In der Herbheit der inneren und ueren Form ist ihm Paul Zech (geb.
1881) verwandt. Soziales Ethos erfllt und durchbebt sein
buerisch-westflisches Blut. Einige seiner Vter schrften Kohle. Er
selber hat nach Vollendung seiner Studien in tiefster sozialer
Verbundenheit nicht nur als Dichter, sondern zwei Jahre auch als
Mensch, als Arbeiter, am Leben der Bergleute teilgenommen in Bottrop,
Radbod, Mons und Lens. In den Vers- und Novellenbchern "Das schwarze
Revier", "Die eiserne Brcke", "Der schwarze Baal" zieht sein Ethos die
Machthaber, die Harthrigen und Verblendeten vor Gericht, Gte und
Menschlichkeit fr alle zu fordern. Die Stoffwelt des jungen
Naturalismus kehrt wieder: Fabriken, Zechen, Sortiermdchen, Frser,
aber durchseelt von einem Ethos und Pathos, das aus religisen Tiefen,
aus Christi Herzen steigt und zur "Neuen Bergpredigt" berufen ist.
Dieser religisen Menschheitsverbundenheit mute der Weltkrieg, Weltha
und -gemetzel, die Zech als ungedienter gemeiner Soldat in den
furchtbaren Kmpfen (Verdun und Somme) miterlebte, zum apokalyptischen
Grauen, zur Snde wider den Heiligen Geist werden. Von den tausend
Kriegslyrikern hat Zech allein von Anfang an den Krieg in seiner
metaphysischen Bedeutung erlebt und gestaltet. Seine Gedichtbcher
"Golgatha" und "Das Terzett der Sterne" reien den Krieg aus den
historisch-politischen Verknpfungen vor das Angesicht Gottes.

    Ewig sind wir Kain. Unser Dasein heit: vernichten!
    Kme tausendmal noch Christi Wiederkehr:
    Immer stnden Henker da, ihn hinzurichten.
    Fluch der Welt ist, da uns Abel kindlos starb.

"Zweitausend Jahre noch nach Golgatha -- Gttliche Jugend blutig auf
der Bahre!" "Und immer neue Mtter stieen ihre Knaben -- In immer
helleren Scharen in das Feld -- Als wr vernarrt die ganze Welt -- Den
Mord hinfort als Hausaltar zu habe? -- ...Da du, Gekreuzigter, nicht
von dem Holz -- Herabsprangst und mit Geieln auf die Menge hiebst --
Und klein zurck auf ihren Ursprung triebst." "Seit jenen Tagen braust
durch das verfhrte -- Geschlecht ein schriller Ton -- Wie ihn schon
einmal ausstie der verlorene Sohn." Aber den wilden Lrm der
Schlachten berschwillt die Musik der Sterne, wenn im Dmmern der Nacht
Gott aus den Mauerflanken anderer Erden ein Orgelhaus erbaut; dann
lsen sich die erdengrauen Kmpfer aus Blut und Schlamm der
Schtzengrben ins Licht und Lied der Sterne und singen mit dem
Brderheer der Toten und den brausenden Stimmen der Wlder die groe
Schpferfuge:

    Zuletzt ist Gott nur noch alleine
    Zuckender Puls im All...
    Weit ber Wind und Wassern hmmert seine
    Urewigkeit wie Flgel von Metall.

Ist Zechs Menschenglaube und -liebe von alttestamentlichem,
prophetischem Eifer der Klage, des Zorns, der Forderung, so ist Franz
Werfels (geb. 1890), des Pragers, Liebe zur Welt und Menschheit
weicher, inniger, mystischer. Er stellt des Laotse Wort vor seine
Gedichte: "Das Allerweichste auf Erden berwindet das Allerhrteste auf
Erden" und Dostojewskis Wort: "Was ist die Hlle! Ich glaube, sie ist
der Schmerz darber, da man nicht mehr zu lieben vermag." Immer tiefer
und reicher sprechen seine Gedichtsammlungen "Der Weltfreund", "Wir
sind", "Einander" "Der Gerichtstag" die Lebens- und Liebesverbundenheit
aller Kreaturen aus. Nur als Erscheinung sind wir getrennt, im Wesen
sind wir eins, eins in Gott. Noch im rmlichsten Menschen, im
verachtetsten Tier und Ding ist Gott verborgen, ringt Gott nach
Offenbarung. Und diesen gttlichen Funken, diese gttliche Einheit
hinter aller getrennten Erscheinung, hinter Armut, Eiter und
Niedrigkeit zu suchen und zu lieben, ist unsere religise Aufgabe, ist
der Sinn unseres Lebens: "Wer sich noch nicht zerbrach -- Sich ffnend
jeder Schmach -- Ist Gottes noch nicht wach. -- Erst wenn der Mensch
zerging -- In jedem Tier und Ding -- Zu lieben er anfing."

So fleht der Dichter aus der Dumpfheit und Einsamkeit irdischer
Gebundenheit: "O Herr, zerreie mich!" so braust der Bittgesang der
neuen Menschheitsgemeinde:

    Komm, Heiliger Geist, du schpferisch!
    Den Marmor unserer Form zerbrich!
    Da nicht mehr Mauer krank und hart
    Den Brunnen dieser Welt umstarrt,
    Da wir gemeinsam und nach oben
    Wie Flammen ineinander toben!
    -- -- -- -- Da nicht mehr fern und unerreicht
    Ein Wesen um das andere schleicht,
    Da jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren
    Und in uns selbst dein Attribut erfahren.

Im Dichter wird dieses Gebet zuerst und zutiefst erfllt: "In dieser
Welt der Gesandte, der Mittler, der Verschmhte zu sein, ist dein
Schicksal," kndet ihm der Erzengel -- "Da dein Reich von dieser Welt
nicht von dieser Welt ist," diese Erkenntnis, "ist, o Dichter, dein
Geburtstag". Und so offenbart und erlst der Dichter hinter der Welt
der Erscheinung die wahre Welt. Von der Welt der Armen, der
Dienstboten, der Strflinge, der Droschkengule, der Nattern, Krten
und des Aases zieht er den tuschenden Schleier der Erscheinung und
offenbart das Geheimnis Gottes. Er will nichts sein als "Flug und
Botengang" des Ewigen, "eine streichelnde Hand", die allen
einsam-ngstenden Kreaturen von der gttlichen Wrme und Liebe
mitteilt. Nicht die "Eitelkeit des Worts" nur die Reinheit und Gte der
Seele gibt ihm die Macht zur Offenbarung und Erlsung: "Der gute
Mensch" ist der Befreier der Welt:

    Und wo er ist und sein Hnde breitet...
    Zerbricht das Ungerechte aller Schpfung,
    Und alle Dinge werden Gott und eins.

Nicht die Erscheinung zu fliehen und vor der Zeit abzustreifen, sondern
die Erscheinung zu durchseelen, zu vergttlichen, ist der Sinn der
Schpfung, nachdem sie einmal im Sndenfall der Vereinzelung von Gott
abgefallen ist. In der Welt will Gott offenbart und erlst werden.
Ergreifend spricht sich das im "Zwiegesprch an der Mauer des
Paradieses" aus, wo Adam, mde des Erscheinungswandels, zur alten
paradiesischen Einheit in Gott zurckverlangt und ihn anfleht: "Hre
auf, mich zu beginnen!", Gott aber weist ihn zurck in die Welt:

    Kind, wie ich dich mit meinem Blut erlste,
    So wart' ich weinend, da du mich erlst.

Werfel ist ursprnglich, innig, oft franziskanisch-kindlich in seiner
Religiositt; gerade, sicher und sehnend wchst seine Dichtung zum
Himmel auf, wie ein gotischer Turm (erst im "Gerichtstag" gewinnt die
Reflexion zersetzend Macht). Rainer Maria Rilkes, des lteren Pragers
(geb. 1875), religise Lyrik ist mehr die Zierart am Turm, die Flle
und Unruhe der gotischen Skulpturen, der Heiligen, Tiere und Ornamente.
Sie hat keine ursprngliche, eigenmchtige Strebe- und Baukraft. Rilke
ist der Ausgang eines alten Krntner Adelsgeschlechtes, verfeinert,
mde, heimatlos. In steten Reisen wechselte er zwischen Wien, Mnchen,
Berlin, Ruland, Paris, Italien. Er lebt wie seine Gestalten "am Leben
hin" nicht ins Leben hinein, durchs Leben hindurch. Die tiefsten
Offenbarungen gibt ihm nicht das unmittelbare Leben, sondern das
mittelbare: die Kunst. Erst in den Worpsweder Malern und ihrer
Atmosphre wird ihm die seelische Bedeutung der Landschaft, erst in der
Kunst und dem Knstler Rodin die religise Bedeutung des Menschen
Erlebnis. Rodin, bekennt er, habe ihn "alles gelehrt, was ich vorher
noch nicht wute, geffnet durch sein stilles, in unendlicher Tiefe vor
sich gehendes Dasein, durch seine sichere, durch nichts erschtterte
Einsamkeit, durch sein groes Versammeltsein um sich selbst". Sein Buch
ber Rodin ist wohl sein tiefstes und reichstes Werk. Wie Rodin, der
Gotiker unter dem Bildnern, den menschlichen Krper auflst in Seele,
so lst Rilkes "Stundenbuch" mit den drei Bchern "Vom mnchischen
Leben", "Von der Pilgerschaft" "Von der Armut und vom Tode" die Krper
und Dinge in Gott. "Es gab eine Zeit, wo die Menschen Gott im Himmel
begruben... Aber ein neuer Glaube begann... Der Gott, der uns aus den
Himmeln entfloh, aus der Erde wird er uns wiederkommen." So offenbart
Rilke Gott in den Kindern, den Mdchen, dem Volk, den Armen, den
Bauern, der Landschaft, und mehr als in den Menschen in den Dingen:
"Weil sie, die Gott am Herzen hingen -- Nicht von ihm fortgegangen
sind." Aber diese Offenbarung wchst nicht wie bei Werfel aus
unmittelbarem Lebensanteil und -zwiespalt und heiliger Gewiheit, sie
wchst aus der Sehnsucht des heimatlosen Zuschauers und Knstlers und
aus dem Wissen um viele religise Vorstellungen und Symbole. Ein
russischer Mnch ist der Trger und Schreiber des Stundenbuches, und
der ganze Stimmungsreichtum russischer Klster, Kuppeln, Ikone,
Gossudars wird genutzt. Anderen religisen Gedichtzyklen, wie den
"Engelliedern" und den "Liedern der Mdchen an Maria" werden
prraffaelitische Erinnerungen zu Stimmungstrgern. Und die "Neuen
Gedichte", die in der Flle ihrer Bilder die Beziehungen der
individuellen Erscheinungen zu den letzten Prozessen und Formen des
Daseins gestalten wollen, tun dies nicht aus der drngenden Einheit und
Tiefe eines ursprnglichen Weltgefhls, sondern im seelischen oder
gedanklichen Umkreisen eines Themas. Oft gestaltete, knstlerisch schon
reizvoll umspielte Themen locken Rilke besonders: Abisag, David vor
Saul, Pieta, Sankt Sebastian, Orpheus und Eurydike, Alkestis, Geburt
der Venus, Eranna an Sappho usw. In diesen Lebensbildern sucht und
schafft die Seele sich Heimat, der das Leben selber sich verschliet.
Und sie bringt ihnen all ihre menschliche und knstlerische
Feinfhligkeit und Bewutheit als Gastgeschenk. Frhzeitig hat Rilke
sich seinen Sprachstil geschaffen von solcher Eigenheit, da er die
Grenze der Manier streift. Unscheinbare Worte wei er neu zu beseelen,
verbrauchte Bilder auf ihren Ursinn zurckzufhren, Gleichnisse prezis
auszubauen. Durch Assonanz, Binnenreim und Hufung des Endreims wei er
der Sprache eine slawische Weichheit und Klangflle zu geben. Im
letzten Gedichtbuch, der "Neuen Gedichte zweiter Teil", gewinnt jedoch
das Artistische bedenklich Raum.

Die Neigung zur Mystik ist Gefahr und Flucht fr eine Zeit, die die
Form der Persnlichkeit wiedergewinnen, nicht aufgeben soll. Nicht
ichflchtig, sondern im tiefsten ichschtig mute der Lyriker werden,
der zur Form der neuen Lyrik: zur Form des neuen Menschen vordringen
wollte. Und wenn niemand durch die Zeit hindurch zu ihr drang, wenn
selbst Richard Dehmel, dem strksten Bildner, deren zersetzte Elemente
brckelnd in den Hnden blieben, so konnte nur der die reine Form der
Persnlichkeit, des neuen Menschen bilden, der es von Anfang an auer
der Zeit und gegen de Zeit unternahm. So ist die Persnlichkeit und
Dichtung Stefan Georges (geb. 1866) Form geworden.

Der Wille zur Form war das Wesengesetz Georges von frh auf. Er selbst
weist darauf hin, da ihm die Formkrfte des rmischen Imperiums, des
Katholizismus, der rheinischen Landschaft im Blute mitgegeben seien.
Zuerst wurde dieser Formwille sthetisch seiner bewut. Die "Bltter
fr die Kunst" die er 1892 gegrndet, frderten -- beeinflut von den
Prraffaeliten und von franzsischen Lyrikern, wie Baudelaire,
Verlaine, Mallarm, Villiers -- eine "Kunst fr die Kunst", sahen "in
jedem Ereignis, jedem Zeitalter nur ein Mittel knstlerischer
Erregung". Aber hinter diesem Willen zur sthetischen Form rang und
schuf bei George -- nicht bei seinen Mitlufern -- der Wille zu Lebens-
und Wesensformen. Und weil er diese in der eigenen Zeit nicht fand,
weil aus deren zersetzten Elementen auch keine reinen Formen zu bilden
waren, floh seine Seele "vorbergehend in andere Zeiten und
rtlichkeiten", um dort die Urformen des Menschentums in ihrer Reinheit
wieder zu suchen und bildhaft zu erneuern. In Algabal, dem rmischen
Priesterkaiser, fand er sein antikes Gegenbild: den Jngling, den es
verlangte, unabhngig von einer zergehenden Um- und Auenwelt ein Leben
und Reich reiner Schnheit, reiner Formen zu schaffen:

    Schpfung, wo nur er geweckt und verwaltet,
    Wo auer dem seinen keine Wille schaltet,
    Und so er dem Wind und dem Wetter gebeut.

Der Schatten Ludwigs II. weht durch diese Strophen. Aber an der
Vermessenheit des Einsam-berheblichen zerbricht diese Welt. Aus dem
Abseits und der Vereinzelung sptrmischen Herrschertums fliehen die
"Hirtengedichte" in die mythisch geluterten Urformen naturhaft schnen
und reinen Menschentums, wie sie die Griechen zuerst gewahrt und
gebildet haben. Hier beginnt die tiefe Wesensverwandtschaft Georges mit
der Antike deutlich zu wurden. Das Christentum hatte in seiner
Weltflchtigkeit, seiner metaphysischen Sehnsucht und Wertung
formsprengende Elemente in sich aufgenommen; nur im sdlichen und
rheinischen Katholizismus waren Himmel und Erde in Lebensfreude und
Bildhaftigkeit eins geblieben. Georges reinem Formenwillen konnte nur
eine antikische Weltanschauung genugtun, in der Gott und Welt, Seele
und Leib sich restlos durchdrangen, und in der Schnheit der Gestalt
zur vollkommenen Form gelangen. "Den Leib vergotten und den Gott
verleiben", das war ihm der Sinn alles Weltgeschehens, darin Natur und
Kunst sich trafen. Fr diese religise Aufgabe bedurfte die Dichtung
einer vollen Erneuerung ihrer Formsubstanz: der Sprache. Und von Anfang
an hatte George sich darum gemht, die epigonenhaft verbrauchten
Elemente der deutschen Sprache neu zu schaffen. Er war in den Geist und
Klang von sieben fremden Sprachen eingedrungen. In unermdlichen
bersetzungen hatte er die deutsche Sprache bereichert, durchglht und
gehmmert. Im "Algabal" war ihm die Sprache ganz zu eigen geworden; es
waren keine bernommenen und verbrauchten Elemente mehr in ihr, sie war
wieder ursprnglich, war imstande, seinen neuen reinen. Wesens- und
Lebensformen in reiner Sprachform Gehalt zu geben.

Nun war George stark genug, von seiner Flucht in die Welt der
Geschichte zurckzukehren, nicht mehr Urbilder vergangener Zeiten zu
erneuern, sondern Urkrfte zu bannen. Im "Jahr der Seele" (1897)
offenbart er Urformen der Natur.

Die Natur ist ihm kein Gegensatz zum Geist oder zur Seele, ist ihm die
Lebenseinheit beider, ursprnglich und ewig wie die Antike, die keine
entgtterte und entseelte Natur kannte. So erschienen im "Jahr der
Seele" die Urformen der Natur, die Jahreszeiten, in Bildern von
rumlicher Gegenstndlichkeit und Farbigkeit und zugleich tiefster
Seelenhaftigkeit. Die Seele sucht hier nicht -- wie bei Goethe -- die
Natur, um an ihr sich zu finden und auszusprechen; beide sprechen sich
in ursprnglicher, kosmischer Einheit aus. Urformen der Natur
offenbaren sich als Urformen der Seele, Urformen der Seele als Urformen
der Landschaft. So sind es keine Stimmungs-, sondern Schicksalsbilder,
die diese Gedichte schaffen. Die Flle des Herbsttags hebt an, die
reife Ernteruhe und -klarheit, der Friede der Erfllung, den doch der
Vers Hebbels schon ahnend durchschauert: "So weit im Leben ist zu nah
am Tod." Wie sind Seele und Landschaft eins in solchem Gedicht:

    Wir schreiten auf und ab im reichen Flitter
    Des Buchenganges beinah bis zum Tore
    Und sehen auen in dem Feld von Gitter
    Den Mandelbaum zum zweitenmal im Flore.

    Wir suchen nach den schattenfreien Bnken,
    Dort, wo uns niemals fremde Stimmen scheuchten,
    In Trumen unsre Arme sich verschrnken,
    Wir laben uns am langen, milden Leuchten.

    Wir fhlen dankbar, wie zu leisem Brausen
    Von Wipfeln Strahlenspuren aus uns tropfen,
    Und blicken nur und horchen, wenn in Pausen
    Die reifen Frchte an den Boden klopfen.

Erst nachdem George die Urformen der Geschichte und der Natur erlebt,
erneuert und gebannt, ist er gelutert und gesthlt zur Weihe der
Berufung. Jetzt erscheint ihm der Engel des "Vorspiels": "Das schne
Leben sendet mich an Dich -- Als Boten." Der Geist des Lebens erscheint
ihm jetzt, des "schnen Lebens", dem alles Dasein reine Einheit ist und
klare Form. Der hebt ihn zu sich auf die heilige Hhe der Sendung. Die
reinen Formen, die er bisher nur erfahren und erneuert -- jetzt darf er
sie am Urquell mit schauen und -schaffen; ein Leben der Weihe wartet
seiner, in dem jede Stunde sich sinnvoll einordnen, schpferisch
rechtfertigen will. Aber die Gnade der Berufung fordert das Opfer, die
Hingabe, den ausschlielichen Dienst des Berufenen. Aus irdischem Glck
und menschlicher Wrme schreitet er zur Gipfelhhe, Gipfeleinsamkeit,
Gipfeleisigkeit.

"Georges Vorspiel ist nur Gedicht, gehorsam demselben strengsten
Gehei, das den Zarathustra erzwang: dem Ich Gesetz und Heil des Lebens
zu schaffen in gottblinder und weltwirrer Zeit, doch nicht fr alle und
keinen, sondern aus dem einen. Ist ein Dichter mehr als blo ein Ich,
dann gilt es dadurch den anderen; und was ihn ruft, weckt auf die
Ohren, die ihn vernehmen. Soll er den Kreis fllen, so mu er die Mitte
und die Strahlen halten, nicht dem Umfang nachlaufen. S i c h
gestalten, sich erfllen, sich vollenden war Georges erstes Gebot, und
das empfing er nicht vom Fernen, sondern vom Nchsten, seinem eigenen
Herzen. Doch eben dies Gebot war die Antwort auf die Frage des
Lebens... und indem er sich erfllte, als Dichter, indem er seine Form
fand, seinen Streit ausfocht, sein Wort sagte, tat er, was an der Zeit
war. Dantes Gesetz hie: Schaue i Gott... Goethes: Werde Welt...
Georges: Gestalte Leben. Die Gefahren, Leiden, Wonnen und Pflichten
dieses Gesetzes hat er im Vorspiel verkndet, von der Einweihung bis
zur Vollendung." (Gundolf.)

Erst der also Geweihte vermag aus dem Geist des Lebens den "Teppich des
Lebens" (1900) zu zeichnen: die geistigen Urbilder des Menschentums in
Natur und Geschichte, "das Krftereich europisch-deutscher
Menschenbildung in einzelnen Schpfungsformen, von den erdgebundenen
Anfngen bis zum geistigen Tun und Wirken der Genius". (Gundolf.) Wie
"ein Epos des Erdgeistes" beginnt die Reihe mit dem mtterlichen Grunde
alles Menschentums, der "Urlandschaft", in der Mensch, Tier und Erde
noch unbewut und einig sind: "Erzvater grub, Erzmutter molk, -- Das
Schicksal nhrend fr ein ganzes Volk."

Zum erstenmal in dieser epischen Bilderfolge taucht in Georges Werk das
Volk als Urform des Menschentums auf und als Urform seines Menschentums
das deutsche Volk. Im Vorspiel hatte der Geist des Lebens ihn aus den
magischen Landschaften des Sdens zu "den einfachen Gefilden", der
"strengen Linienkunst" der heimischen, rheinischen Landschaft gefhrt:

    Schon lockt nicht mehr das Wunder der Lagunen,
    Das allumworbene, trmmergroe Rom,
    Wie herber Eichen Duft und Rebenblten,
    Wie sie, die deines Volkes Hort behten --
    Wie deine Wogen -- lebensgrner Strom!

Jetzt ist ihm das Volk als Urform deutlich geworden, die ihn selber
umfat, die Wesens- und Geschichtskrfte des deutschen Volkes. Seine
Sendung ist zur deutschen Sendung geworden: Indem er die reinen Krfte
des deutschen Volkes in sich zur Gestalt bildet, wird er auch der
Bildner seines Volkes sein. -- --

"Den Leib vergotten und den Gott verleiben": die Einheit von Welt und
Gott, Natur und Geist, Leib und Seele war Georges Weltanschauung und
-aufgabe. Sie sollte und mute er erleben, erschauen, erschaffen. Das
hchste Symbol dieser Einheit ist der Gott-Mensch. Und wenn je die
Menschheit dieses Symbols bedurfte zu ihrer Vollendung -- George konnte
sich nicht begngen, seine Weltanschauung in zerstreuten Bildern zu
schauen und zu schaffen; sie mute sich ihm in einer Gestalt
verdichten. Das war die hchste Mglichkeit seiner Weltanschauung. Und
seinem Formsehnen und -willen war die hchste Mglichkeit auch die
hchste Notwendigkeit. So schaute und schuf er in Maximin, der
geliebten Gestalt eines schnen, frh gestorbenen Jnglings und
Jngers, das Bild des Gott-Menschen, darin die Welt vollkommen ward.

"Wir gingen", heit es in Georges Maximin-Rede, "einer entstellten und
erkalteten Menschheit entgegen, die sich mit ihren vielspltigen
Eingenschaften und verstelten Empfindungen brstete, indessen die
groe Tat und die groe Liebe am Entschwinden war. Massen schufen Gebot
und Regel und erstickten mit dem Lug flacher Auslegung die Zungen der
Rufer, die ehemals der Mord gelinder beseitigte: unreine Hnde whlten
in eincm Haufen von Flitterstcken, worein die wahren Edelsteine
wahllos geworten wurden. Zerlegender Dnkel verdeckte ratlose Ohnmacht,
und dreistes Lachen verkndete den Untergang des Heiligtums." Da
erschien in Maximin der gttlich einfsch schne Mensch, "Einer, der von
den einfachen Geschehnissen ergriffen wurde und uns die Dinge zeigte,
wie die Augen der Gtter sie sehen." In ihm ward der erstarrten Zeit
der Erlser:

    Die starre Erde pocht,
    Neu durch ein heilig Herz.

Die Gedichte auf das Leben und den Tod Maximins, seine Feier,
Verklrung und Wirkung bilden die Gipfelhhe des "Siebenten Rings"
(1907). Von ihr aus sind die "Gestalten" geschaut, der zweite Zyklus
des Werkes, "der Aufruf der letzten gotteshaltigen oder
gottesmrderischen Urwesen zur Wende der Gesamtmenschheit". (Gundolf.)
Im Vor- und Aufblick zu ihr ist in den "Zeitgedichten" die Gegenwart zu
Gericht gerufen, verworfen in ihrer Fulnis und Finsternis, gesegnet in
den einsam ragenden Lichtgestalten, den Vorbildern: Nietzsche, Bcklin,
Leo XIII., denen Dante, Goethe, Karl August, die alten deutschen Kaiser
sich in ewiger Lebendigkeit zugesellen: Urformen hheren Menschentums,
wie Held und Herrscher, Priester, Seher und Dichter usw. Hier wird
George Gewissen und Stimme der Zeit.

Im "Stern des Bundes" (1914) wird die Zeitschau, die in den
"Zeitgedichten" nur aus der Ahnung des Gttlichen geschah, aus seinem
Schauen und Wissen gegeben. Hier wchst George zum gewaltigen Richter
und Propheten der Zeit empor. Ein paar Monate vor Beginn des
Weltkrieges hat er hier aus heiligen Hhen den chaotischen Untergang
der zersetzten Zeit gesichtet und gerichtet:

    Aus Purpurgluten sprach des Himmels Zorn:
    Mein Blick ist abgewandt von diesem Volk.
    Siech ist der Geist! Tot ist die Tat!

In einer ungeheuren Vision sieht und hrt er in gewitternden Lften
schreitende Scharen, klirrende Waffen, jubelnd drohende Rufe: den
"letzten Aufruf der Gtter ber diesem Land". Er sieht den ma- und
haltlosen Bau der Zeit wanken und zusammenstrzen. Er fhlt die
furchtbare Gewiheit:

    Zehntausend mu der heilige Wahnsinn schlagen,
    Zehntausend mu die heilige Sache raffen,
    Zehntausende der heilige Krieg.

Er hrt sein Prophetenwort, seinen Schrei zur Umkehr verhallen, als
wre nichts geschehen. Und im letzten, flammenden Gesicht sieht er den
Herrn des Gerichtes:

    Weltabend lohte...wieder ging der Herr
    Hinein zur reichen Stadt mit Tor und Tempel,
    Er arm, verlacht, der all dies strzen wird,
    Er wute: kein gefgter Stein darf stehn,
    Wenn nicht der Grund, das Ganze sinken soll.
    Die sich bestritten, nach dem Gleichen trachtend:
    Unzahl von Hnden rhrte sich und Unzahl
    Gewichtiger Worte fiel und eins war not.
    Weltabend lohte...rings war Spiel und Sang,
    Sie alle sahen rechts -- nur er sah links.

Und als die Vision Wahrheit geworden, das Weltverhngnis
niedergebrocben war, als immer noch "In beiden Lagern kein Gedanke --
Wittrung -- Um was es geht", als aller Augen immer noch nur das
strategische Hin und Her anstarrten, da kndete er in seinem Gedicht
"Der Krieg" (1917):

    Der alte Gott der Schlachten ist nicht mehr.
    Erkrankte Welten fiebern sich zu Ende
    In dem Getob.
    -- -- --
    Zu jubeln ziemt nicht: kein Triumpf wird sein.
    Nur viele Untergnge ohne Wrde.
    -- -- --
    Keiner, der heute ruft und meint zu fhren,
    Merkt, wie er tastet im Verhngnis, keiner
    Erspht ein blasses Glh'n vom Morgenrot.
    Weit minder wundert es, da so viel sterben,
    Als da so viel zu leben wagt.
    -- -- --
    Ein Volk ist tot, wenn seine Gtter tot sind.

Aber eben weil George von heiligen Hhen ber die Zeit hinwegsah, sah
er auch weiter, ber den Zerfall und Untergang hinaus, mndete sein
Kassandraruf in die heilig-liebende deutsche Verheiung:

    Doch endet nicht mit Fluch der Sang. Manch Ohr
    Verstand schon meinen Preis auf Stoff und Stamm,
    Auf Kern und Keim...schon seh' ich manche Hnde
    Entgegen mit gestreckt, sag' ich: O Land,
    Zu schn, als da ich dich fremder Tritt verheere:
    Wo Flte aus dem Weidicht tne, aus Halmen
    Windharfen rauschen, wo der Traum noch webt
    Untilgbar durch die jeweils trnnigen Erben...
    Wo die allbhende Mutter der verwildert
    Zerfallnen weien Art zuerst enthllte
    Ihr echtes Antlitz...Land, dem viel Verheiung
    Noch innewohnt -- das drum nicht untergeht, -- -- --
    Die ruft die Gtter auf.

Der "Geist der heiligen Jugend unseres Volkes", der -- in Maximin
gttliche Gestalt geworden -- schon im "Stern des Bundes" verkndet und
in Lehre und Liebe dort unterwiesen war, wird in Frommheit und Wrde,
Zucht und Opfer, Gre und Schne die zerfallene Welt erneuern.

Als einziger einer zersetzten Zeit hat Stefan George seine Wesenheit in
Leben und Lyrik zur reinen Form gelutert, urbildlich erhht und
vollkommen gestaltet. Mag das Gesetz seines Wesens wenigen gem sein
-- er ragt in die Zeit als Standbild des in sich Vollendeten, ein
Vorbild jedem, das Gesetz seines eigenen Wesens zu ergrnden, zu leben,
zu formen und im eigenen gttlichen Keim die Kraft Gottes im
entgtterten Europa zu befreien.




DEUTSCHE MUSIK DER GEGENWART
VON PAUL BEKKER

Was ist das: deutsche Musik? Fragt man einen Franzosen nach
franzsischer, einen Italiener nach italienischer, selbst den Englnder
nach englischer, den Amerikaner nach amerikanischer Musik, so wird die
Antwort ohne jegliches Zaudern und Besinnen folgen. Der Russe wird
vielleicht einige Unterscheidungen machen zwischen rein nationaler und
aus westeuropischen Quellen befruchteter Kunst, aber auch er wird
nicht zgern, etwa Tschaikowski trotz dessen Abhngigkeit von
auernationalen Anregungen als Vertreter russischer Musik anzusprechen.
Und nun stelle man vielleicht in einer deutschen Musikzeitschrift die
Frage: Was ist deutsche Musik, welches sind ihre Vertreter! Man wird
ebensoviel einander widersprechende Antworten erhalten, wie die Erde
Nationalitten zhlt. Unter den Lebenden zum mindesten ist kaum einer,
dessen Musik von allen Seiten als einwandfrei "deutsch" anerkannt
wrde. Strau, der den deutschen Namen am strksten nach auen getragen
hat, wird von den Bayreuther Siegelbewahrern in einem betrchtlichen
Teil seines Schaffens als "undeutsch" abgelehnt, Pfitzners Musik wurde
whrend des Krieges von Berlin aus als "undeutsch, weil zukunftsarm"
gekennzeichnet, Reger gilt als verworren, Mahler und Schnberg sind
Juden, also nicht diskussionsfhig, von Schreker in solchem
Zusammenhange auch nur zu sprechen, wre Lsterung. Jeder dieser
Komponisten hat seine eigene Anhngergruppe, ihre Hauptaufgabe ist, die
Minderwertigkeit der anderen ihrem Idol gegenber festzustellen, und
die Worte "deutsch" und "undeutsch" spielen dabei die ausschlaggebende
Rolle.

Man knnte sagen, da eine Nation, die nicht vermag, verschiedenartige
individuelle Eigenschaften ihrer eigenen Schpferpersnlichkeiten in
ihren Kulturbezirk einzuordnen, sehr enggefate Begriffe von ihren
eigenen Fhigkeiten haben mu. Man sieht schlielich, da auf diesem
Wege eine Erkenntnis berhaupt nicht mglich ist, da es sich vielmehr
bei solchen Streitereien um einen schmhlichen Mibrauch des Wortes und
Begriffes "deutsch" handelt. Eine Zusammenfassung, eine Einigung aller
verschiedenartigen, aus einem Stamme erwachsenen Erscheinungen sollte
es sein, ein trennendes Kampfmittel subjektiv kritischer Wertung ist es
gegenwrtig geworden. Gegen solche Mideutung eines kulturellen
Sammelbegriffes zu einseitig parteiischer Nutzanwendung ist von
vornherein Einspruch zu erheben, wenn ernsthaft und sachlich von
deutscher Musik gesprochen werden soll. Als deutsch gilt uns nicht
diese oder jene subjektive Eigenheit des Knstlers, diese oder jene
stilkritische Beschaffenheit des Werkes, auch nicht Gesinnung oder gar
Tendenz des Schaffens. Als deutsch gilt uns alles, was dem Kreise der
deutschen Kultur entwachsen ist, in ihm seinen geistigen Nhrboden
gefunden, ihm eigene Frchte zugetragen hat und so seiner Erscheinung
in der Welt neue Geltung, neue Form gewinnt. Dieser Begriff des
Deutschtums ist nichts unvernderlich Feststehendes, kein gegebenes
Ma, dem alles unterworfen wird. Es ist ein stetig Wechselndes. Eben an
dieser Fhigkeit des Wechselns der Erscheinung offenbart sich die
innere Produktionskraft der nationalen Kultur. Wie das Deutschtum
Luthers ein anderes war als das Goethes und dieses wieder ein anderes
als das Wagners oder Bismarcks, und jede dieser groen Kundgebungen
deutschen Geistes verzerrt wrde, wollte man sie mit dem Ma der
anderen messen, so gilt auch fr unsere Zeit keine Norm, sondern
zunchst nur der Wert der Erscheinungen. Erst aus aufmerksamer
Betrachtung ihrer Vielfltigkeit und vorurteilsfreier Zusammenfassung
aller Strmungen vermgen wir das Deutschtum der Gegenwart zu erkennen,
ber sein Wollen und Knnen Klarheit zu gewinnen.

Der Franzose, der Italiener, der Englnder wei dies, der Deutsche mu
es noch lernen. Da wir gegenwrtig gerade in der Musik im Kampfe
miteinander stehen um diese Grundkenntnis, ist ein bedeutsamer Zug
unseres kulturellen Lebens. Es mag hier unerrtert bleiben, wie weit
politische Erbitterung zu solcher Trennung der Geister beigetragen hat,
obschon die Tatsache, da politische Momente berhaupt auf
knstlerische Fragen Einflu gewinnen konnten, als Symptom bedeutsam
erscheint. In Wirklichkeit ist die politische Abirrung nur
Begleiterscheinung eines Kunstlebens, das nach irgendwelchen geistigen
Richtpunkten sucht, weil es sich von seinen natrlichen Nhrquellen
abgeschnitten fhlt, weil es den tiefen ethischen Antrieb des
Kunstwillens verloren hat. Dieser Antrieb kommt aus dem Volk, aus dem
Verlangen nach Formung der schpferischen Krfte des Volkes im Symbol
des Kunstwerkes. Solche Formung geschah, als Bach die Matthuspassion,
als Mozart die Zauberflte, als Beethoven seine Sinfonien schrieb. Aus
dem Wunsch nach solchem Einklang von Volk und Knstler trumte sich der
Romantiker Wagner in den Mythos der Vorzeit zurck, baute er Bayreuth,
um dort sein "Volk" zu sammeln. Dieses Bayreuth an sich war schon ein
Zeichen, da die Gesamtheit des Volkes nicht so auf den Knstler hrte,
wie er es wnschte, da es ihn in wesentlichem miverstand und er, um
sich nach seinem Willen vernehmbar zu machen, eine Auslese aufrufen
mute. Rastlose Sehnsucht und gewaltige Tatkraft ermglichten das
Gelingen, das Kunstwerk wurde noch einmal zur Darstellung strksten
geistigen Gemeinschaftslebens, nicht mehr aus naiver Unbewutheit, aber
doch in imposanter Willensspannung und ohne Inanspruchnahme
auerknstlerischer Mittel. Seit dieser letzten zusammenfassenden Tat
aber ist der Ri zwischen Volksgemeinschaft und Knstler scheinbar
unberbrckbar geworden. Die heutige Verwirrung der Geister, der Streit
um deutsche und undeutsche Musik, der Versuch, die Teilnahme an der
Kunst durch Entfachung politischer Leidenschaften zu steigern, ist
nichts als Bekenntnis der Ohnmacht, durch die Kunst selbst unmittelbar
an die Seele des Volkes zu gelangen. Statt des Volkes, statt der
Gemeinschaft bietet sich dem Musiker die ffentlichkeit. Sie ist nicht
imstande, aus sich heraus Impulse zu geben, sie ist nichts als eine
Verbrauchsgenossenschaft. Sie verlangt interessiert zu werden, die
Wertung besorgt eine eigens dafr bestellte Fachkritik in den
Sprechorganen der ffentlichkeit: den Zeitungen. So ist die Musik aus
einer Gemeinschafts-eine Fachangelegenheit geworden, fr die nur der
fachlich Interessierte verpflichtende Teilnahme hegt. So wird die
Basis, auf der das Werk des Knstlers ruht, verhngnisvoll eingeengt
und gleichzeitig das von seinen Musikern verlassene Volk zur
Befriedigung seines Musikverlangens dem Gassenhauer zugedrngt.

Man mu, um einen Blickpunkt fr das Gesamtbild der heutigen deutschen
Musik zu gewinnen, sich dieser Lage bewut werden. Es kommt zunchst
nicht darauf an, zu untersuchen, welche Ursachen dieses Ergebnis
herbeifhrten. Es kommt darauf an, den Sachverhalt selbst deutlich zu
erkennen. Erst von dieser Erkenntnis aus ist es mglich, die heut
ttigen Krfte richtig zu sehen und zu werten, ohne dabei dem
persnlichen Geschmacksurteil die Entscheidung zu berlassen. Dieses
ist hier Nebensache. Eine Bestandaufnahme der gegenwrtigen
schpferischen Krfte, eine Aussage ber "deutsche Musik der Gegenwart"
kann nicht die Aufzhlung einer Reihe subjektiver Meinungsuerungen
ber einzelne namhafte Komponisten erstreben. Sie mu fragen: Wie steht
die heutige Musik zu unserem Volkstum, welchen Beitrag bietet sie zum
Kulturleben der Nation und damit der Menschheit? Wo und wie lebt in der
Musikerschaft der Drang, ber die spezialisierte Fachkunst hinaus zur
prophetischen Erfassung und Deutung seelischer Grundkrfte, ber die
Wirkung auf die ffentlichkeit hinweg wieder zum Organ des Volkes, zur
Knderin von Gemeinschaftsideen emporzuwachsen?

Wie aber ist das Kriterium hierfr zu finden? Wollte man smtliche
deutsche Komponisten und Musiksthetiker der Gegenwart befragen, ob
ihnen nicht ein solches Ziel als erstrebenswert gilt und vorschwebt, so
wrde die Antwort zweifellos von allen Seiten bedingungslos bejahend
lauten. Und dies trotz der tiefgreifenden Wesensverschiedenheiten von
Menschen, die einander hassen, verfolgen, verchtlich machen. So
verheerend wirkt im Deutschen das Subjektivistische der romantischen
Lebens- und Weltidee, da kein Bewutsein der Zusammengehrigkeit,
keine Erkenntnis des Gemeinschaftszieles die Begrenztheit des
Individuellen zu berwinden, die Notwendigkeit verschieden gerichteter
Willenskrfte achten zu lehren vermag. In dieser Unfhigkeit, die
Mglichkeit mehrerer gleichzeitiger und doch gegenstzlicher Lsungen
einzusehen, liegt eine verhngnisvolle Erschwerung der Annherung von
Knstler und Volk. Sie treibt den Schaffenden naturgem zu immer
strkerer Betonung persnlicher Einseitigkeit, sie verengt seinen
Blick, sie lt ihn den Begriff des Volkes nicht in der vollen
Erfassung aller Krfte, aller Lebensenergien, sondern in bewut
einseitiger Betonung individueller Wnsche, in gewollt ausschlielicher
Hervorhebung besonderer Absichten suchen. Diese fanatische bertreibung
des Subjektivistischen, diese Verkennung der natrlichen Bedingtheiten
des Persnlichen ist die Hauptursache nicht nur der gegenwrtigen
Zersplitterung der Krfte, auch der Entfremdung der Kunst gegenber dem
Volke, ihrer allmhlichen Entwurzelung. Die Masse hat im Grunde kein
Verstndnis, sie hat -- mit Recht -- auch keine Teilnahme fr die
Kmpfe, die ausgefochten werden um Spezialfragen und ber die nur die
Studierten mitreden knnen. Das Volk fragt ebensowenig nach den
Prinzipien der Kunstauffassungen, wie es nach dogmatischen Einzelheiten
der Religionen fragt. Es hngt der Religion an, die ihm Botschaft
bringt vom bersinnlichen, es verlangt nach der Musik, die an seine
Seele greift und seinem Geiste Aufschwung gibt. Das Theologengeznk
aber der "Richtungen" ist ihm gleichgltig, und wenn solches bergreift
auf die Produktion, macht es ihm diese verchtlich. Was ntzt
demgegenber der gute Wille, die wohlmeinende Absicht der Knstler, die
bekehren und demonstrieren wollen, statt glauben zu machen! Ihr Eifer
ist nicht rein, denn es steht der Ehrgeiz der Propagandisten dahinter,
ihre Kunst ist nicht berzeugend, denn ihr fehlt die Naivitt des
Absichtslosen.

Diese Naivitt, diese Absichtslosigkeit, diese vorbehaltlose
berzeugungskraft des Naturnotwendigen ist das Kriterium fr die
Bedeutung des Kunstwerkes, fr die Echtheit des Schpferwillens. Erst
oberhalb solcher Voraussetzungen kann subjektive Wertung beginnen, die
dann Frage des Geschmackes ist, an die entscheidenden Grundbedingungen
aber nicht rhrt. Wenn wir die Krfte der Gegenwart erforschen wollen
auf ihr Verhltnis zum Volkstum, auf ihre Fhigkeit prophetischer
Deutung seelischer Grundkrfte, auf ihre Berufung zur Kndung von
Gemeinschaftsideen, so werden wir nicht nach ihrem sthetischen
Programm fragen, nicht nach ihren erzieherischen Tendenzen, auch nicht
nach ihren stilkritischen Kennzeichen. Wir werden fragen, wo und wie
sich ber diese persnlichen Merkmale hinaus ein schpferischer Urtrieb
bettigt, der, alles willensmig Bewute weit hinter sich lassend, aus
tiefstem Zwang des Mssens in absichtsloser Wahrhaftigkeit schafft und
dadurch zum Wecker elementarer Gefhlskrfte wird. Was solcher
Fragestellung standzuhalten vermag aus dem groen Bereich deutschen
Kulturgebiete, das ist deutsch, und das vermag entscheidende Auskunft
zu geben darber, wie sich deutscher Geist der Gegenwart in der Musik
darstellt.

Religise Grundlagen sind die einfachsten, fr die Erfassung
weitreichender Wirkungen sichersten Sttzen des Kunstwerkes. Sie
umspannen Ideenkomplexe, die jeder ernsthaften Natur vertraut und
zugnglich sind, mit denen zu beschftigen immer das Verlangen der
besten Menschen ist, und die zudem allen Graden persnlicher Bildung
zugnglich sind. Zeiten, in denen die Kirche den religisen Drang zu
befriedigen und in lebendige Kultformen zu fassen wute, sind daher fr
jede Kunst, insbesondere fr die Musik, stets Zeiten der Hochblte
gewesen. Der Gregorianische Choral, das Werk der Niederlnder, der
alten Italiener mit Palestrina, in Deutschland der protestantische
Choral, die Zeit der groen Kirchenkomponisten bis Bach sind Denkmler
dieses Zusammenwirkens von Kirche und Kunst. Die unabmebare Kraft der
Musik Bachs beruht zum nicht geringen Teil darauf, da in ihr kirchlich
religise Kultformen Grundri, Aufbau und innere Fhrung der
knstlerischen Schpfung mitbestimmt haben. Gewi ist es richtig, das
einzig das Genie Bachs eine solche Steigerung der gegebenen Kultformen
ermglicht hat, denn zahllose andere Musiker, die sich vor, neben und
nach ihm hnlich bettigten, sind heut vergessen. Gewi ist es
ebenfalls richtig, da wir heut auch Bachs kirchliche Musik nicht mehr
aus der Gefhlseinstellung der konfessionell glubigen Gemeinde
aufnehmen. Aber weder die Erkenntnis der Einzigartigkeit von Bachs
Genie, noch der Hinflligkeit der fr ihn grundlegenden Kultformen
verringert die Bedeutung der Tatsache, da hier Genie und Kultus in
gegenseitiger Durchdringung zu einem zeitlosen Ganzen emporgewachsen
sind. So unrichtig es wre, Bach in seinen Passionen, Kantaten, Messen,
Chorlen, Motetten etwa nur als Interpreten kirchlicher Formideen
anzusehen, so falsch wre es, die lebenspendende Kraft dieser Formen zu
unterschtzen und die Dauer dieser Werke ausschlielich als subjektive
Leistung Bachs anzusehen. Hier hatte ein starkes Gemeinschaftsgefhl
aus der Kultur einer Zeit Voraussetzungen geschaffen, die nun der groe
Knstler erst recht erkannte und bis auf ihre hchste Tragkraft zu
berbauen wute.

Den Menschen der nachfolgenden Zeit fehlte diese feste Bindung. Wohl
blieb das religise Verlangen, aber die vereinheitlichende
Zusammenfassung durch die Kirche, die lebendige kultische Form ging
verloren. An Stelle der kirchlich glubigen Erfassung religiser Werte
trat unter dem Doppeldruck der Aufklrung wie der idealistischen
Philosophie und Dichtung des ausgehenden 18. Jahrhunderts kritisch
gesinnte Ethik. Sie gab der Musik die neue Fhigkeit der Leidenschart,
des Sturmes, des individuellen Erlebens, der Beichte. Sie stellte sie
unter den Zwang der Gefhlskritik, gab ihr zur Aufgabe die
unerbittliche Auseinandersetzung mit menschlichstem Geschehen, setzte
als Ziel die Gewinnung und Erkennung des Menschen. Mozarts Opern zeigen
dieses Ziel in stofflicher Symbolisierung. Darber hinaus aber ist die
seelische Voraussetzung aller Musik dieser Zeit mit ihrer
Hauptschpfung: dem Formbau der Sonate Gestaltung kritischer
Gefhlsauseinandersetzung und -erkenntnis. In ihr liegt das religise
Grundmotiv des Idealismus. Beethovens Werke in ihrer Gesamtheit sind
musikalische Kulthandlungen. In den verinnerlichten Formen der
Kammermusik, in den ber die Kirche hinausstrebenden Messen, selbst in
der Oper, am strksten zusammenfassend aber in den Sinfonien lebt als
treibende Urkraft der ethische Erkenntnis- und Bekenntnisdrang des
deutschen Idealismus, die Religiositt, die nicht mehr Kirche, nicht
mehr Dogma ist, sondern die Offenbarung des Gttlichen nur aus der
Gefhlskraft der menschlichen Seele empfngt. Diese ethische
Religiositt war ebenso Eigentum aller geistigen Menschen des
ausgehenden 18. Jahrhunderts, wie Bachs kirchliche Glubigkeit das
seiner Zeitgenossen. Der Idealismus schuf seine musikalische Kultform
im Konzert mit allen Verschiedenheiten seiner Formgattungen, gab
gleichzeitig der bis dahin auf Luxus- oder niedrig volkstmliche
Wirkungen begrenzten Oper den weiten Horizont allmenschlichen
Geschehens. Aus vorher unbekannten Bezirken des Fhlens und Erlebens
hatten sich neue Gemeinschaften der Menschen geformt, der religise
Trieb hatte eine uerlich dem Kirchlichen schroff abgewandte, der
geistigen Schwungkraft nach aber hchster Glaubensfhigkeit ebenbrtige
Gestaltung gefunden.

Dieser emporflammende Auftrieb der entdogmatisierten und doch
tiefglubigen Seele brach zusammen in der Romantik. Es ist das
entscheidende Kennzeichen der den grten Teil des 19. Jahrhunderts
beherrschenden romantischen Bewegung, da sie sich nicht fhig erwies,
dem religisen Problem eine neue, eigenkrftige Gestaltung zu geben.
Der religise Impuls der Romantik uerte sich zunchst in einseitiger
Weiterfhrung des kritischen Elementes, dem gegenber der seelische
Anschwung des Idealismus mehr und mehr erlahmte. Das Ergebnis war teils
eine sich in Einzelheiten materialistischer Art zerfasernde
wissenschaftliche Empirie der Beobachtung, teils eine dieser
Nchternheit abgewandte, auf religise Symbole der Vergangenheit
zurckgreifende Mystik. Naturalismus und Mystizismus sind
dementsprechend die geistigen und seelischen Grundlagen auch der
romantischen Musik. Zu organischer Einheit zusammengefat erscheinen
sie im Gesamtwerk Richard Wagners, in dieser Kunst der Synthese, die
einer religionssuchenden, doch innerlich glaubensunfhigen Zeit statt
des Gemeinschaftserlebnisses den Gemeinschaftsrausch gibt und sich
dafr der Kultform des religisen Dramas in sthetischer Verkleidung
bedient. Der Romantik mit ihrem Mangel eigener Kraft des Schauens und
Bauens geht die Naivitt ursprnglichen Schpfertums verloren. In die
Vergangenheit zurcktaumelnd, greift sie deren absichtslos geformte
Symbole auf und verwendet sie in bewuter Reizsteigerung zu Mitteln
absichtsvoller, durch reflektive Kunst planmig gestalteter Wirkungen.
Was Nietzsche zuerst als das Dionysische, spter als das
Schauspielerische an Wagners Kunst empfand, war in Wahrheit ihr
Rauschhaftes, das ihn anfangs hinri, dann abstie. Aus der
instinktiven Abwehr gegen diesen Rauschtrank entsprang alle Opposition
gegen Wagner. Und doch war dieser Rausch der Wagnerschen Kunst nichts
von der lteren und gleichzeitigen Romantik grundstzlich
Verschiedenes, nur ihre uerste Steigerung. Alle romantische Kunst,
"Freischtz" nicht minder als "Tristan" ruht auf der Grundwirkung der
Hypnose, der Suggestion, auf der Idee des Traumes. Sie setzt die
Unwirklichkeit als Grundlage des Geschehens voraus, bedient sich aber
in der ueren Gestaltung mit nachdrcklicher Betonung einer
naturalistischen Logik des Geschehens. In solcher Auffassung der
knstlerischen Welt als einer Welt bewuten Scheines, absichtlicher
Sinnestuschung lag ein tiefer Widerspruch zur Kunst des Idealismus.
Fr diesen war die Kunst Steigerung, schwunghafte Erhhung des realen
Seins, kein Gegensatz, sondern durch geistige Hochspannung gewonnene
Sphre vervielfachter Lebensenergie. Die idealistische Kunstauffassung
war Ergebnis einer im tiefsten Grunde bejahenden, den Mchten des
Lebens innerlich berlegenen Weltanschauung. Der Romantik fehlt diese
berlegenheit. Sie ist pessimistisch, weil sie sich dem Leben nicht
gewachsen fhlt, sie bedarf des Traumes, um der Wirklichkeit zu
entfliehen. Die Kunst ist ihr das Narkotikum, das den Traum
heraufzaubert, und weil diese Kunst als Surrogat des Lebens dient, so
mu sie mit allen Mitteln der Sinnestuschung illusionistischen Zwecken
dienstbar gemacht werden. Illusionistisch ist die Bhne der Romantik,
ist die Faktur ihrer Technik. Die Psychologie wird in den Dienst des
Kunstwerks gestellt, das Prinzip des Leitmotives ist das strkste
Kunstmittel einer illusionistisch gerichteten Phantasie. Der
bestimmende Einflu poetisch programmatischer Vorstellungen auf das
sinfonische und instrumentale Schaffen beruht gleichfalls auf dem
Streben nach bertragung real glaubhafter Vorgnge in knstlerische
Wirkungen. Das Leben sinkt fr den Romantiker immer mehr zur Unterlage
der Kunst herab, diese selbst wird ihm zum Inbegriff eigentlichen
Lebens und damit auch zur Religion. Unvermgend, das reale Sein zu
zwingen, flchtet der romantische Knstler in die Traumwelt des
knstlerischen Scheins, gestaltet sie mit allen Mitteln der Kunst zum
Abbild einer gewnschten Wirklichkeit und gewinnt aus der Anbetung
dieses selbstgeschaffenen Idols Befriedigung seiner weltlichen und
berweltlichen Sehnsucht.

Damit hatte die Musik, namentlich die dramatische Musik, scheinbar ber
alles Frhere hinaus eine noch nie erreichte Steigerung religiser
Bedeutsamkeit erreicht. Sie war nicht nur, wie bei Bach, knstlerische
Verklrung gegebener Kultformen, sie stellte nicht nur, wie in der Zeit
des Idealismus, die bertragung ethischer Erkenntniskritik in
unkirchliche Formen beseelter Geistigkeit dar. Sie war jetzt selbst
Erkenntnis, selbst Religion geworden. Diese Steigerung war indessen nur
scheinbar. Was die Kunst an Selbstherrlichkeit gewann, bte sie an
umfassender Kraft und seelischer Wahrhaftigkeit ein. Diese zur bewuten
knstlerischen Wirkung sterilisierte Religiositt trug in sich weder
die berzeugende Ursprnglichkeit des menschlichen Glaubenserlebnisses
noch den emporreienden seelischen Aufschwung des entkirchlichten und
doch gottesahnenden Idealismus. Die romantische Religiositt war zu
einer Angelegenheit der sthetik geworden, ihre Abwendung vom Leben
entzog ihr die flieenden Krfte dieses Lebens. Wagner glaubte, das
Volk zu suchen, er fand den Bayreuther Patronatsverein. Er fand das
gebildete Publikum, da sich am Rausch seiner Ekstasen religis zu
erbauen meinte und nicht fhig war, zu erkennen, da hier Symbole einer
entseelten Religiositt zu dekorativer Schaustellung arrangiert waren.

Auf der deutschen Gegenwart lastet das Erbe der Romantik. Der
Rauschtrank der romantischen Kunst hat die Geister verwirrt und
seelisch niedergebrochen. Einige meinen, er msse immer wieder erneuert
werden, sie glauben in der Fortfhrung der Hypnose, in der
Aufrechterhaltung der Kunst als des Narkotikums den einzigen Weg zu
sehen. Sie teilen mit der Vergangenheit die Scheu vor dem Leben, die
Realitt erscheint ihnen sinnlos und schlecht. Es ist die Gruppe jener
Knstler, die neuerdings in Hans Pfitzner ihren Wortfhrer gefunden
hat. Man darf, will man die symptomatische Bedeutung solcher
Erscheinungen nicht verkennen und unterschtzen, ihren Worten nicht
unmittelbare Widerrede, ihren Taten keine absolute Kritik
entgegensetzen. Sie sind Opfer einer Vergangenheit, deren Blendkraft
Generationen getuscht und zermrbt hat. Ihre Hysterie ist ein Teil
unserer eigenen Schwche, weit entfernt, uns zu unfruchtbarem
Widerspruch aufzureizen, zeigt sie uns die zersetzende Nachwirkung der
romantischen Lge an dem erschtternden Beispiel entnervter Talente.
Ein heier Drang zum Glauben, ein bedingungsloser Fanatismus sucht
Erfllung von der Kraft einer Theatersonne, unfhig zu erkennen, da
dieses knstliche Licht nur geschaffen ist, um zu tuschen, eine Welt
des Scheines zu erhellen, eine Gemeinschaft der Lebensflchtlinge
anzulocken. Aber diese hingebungsvolle Bewunderung, diese
selbstvergessene Anbetung des groen Scheines, dieser Traum von der
Herrlichkeit des Vergangenen ist ein tiefer Wesenszug des deutschen
Charakters. Je rmer und reizloser die Kunst dieser Mnner wird, je
mehr sie sich in schemenhafte Phantasterei und mystischen Dunst
verliert, um so mehr erkennen wir hier ein ursprnglich werthaltiges
Gut deutscher Art: die Verehrung des erdhaft Heimischen, des
geschichtlichen Werdens. Es liegt ein religiser Zug verborgen in der
bedingunglosen Anbetung des Blutes, der Art, der Gesinnung, und so
wenig solche Verherrlichung des Gewesenen geeignet ist, Erkenntnis zu
schaffen, dem Blick die Kraft wahrhaften Durchdringens zu geben, so
wenig kann man sie aus dem Charakter des Deutschtums streichen. Als
Kunstbekenntnis ist sie der leichtesten Eingnglichkeit sicher, sie
erspart selbstndiges Denken, bietet nichts Eigenes, verlangt nur
Anerkennung des historisch Gegebenen. Diese Religion der Haus- und
Nationalgtter, deren Heiligkeit bedingt wird durch ihre Herkunft,
gehrt zu den populrsten Bekenntnissen im heutigen Deutschland und
zhlt eine groe Gemeinde. Es ist eine an sich durchaus unreligis
Religion, aber sie gibt den suchenden Menschen ein Etwas, an das sie
glauben knnen, sei dieses Etwas auch nur ein Fetisch.

Dieses Suchen, dieses Glaubenwollen, dieses starke Durchbrechen des
religisen Bedrfnisses ist das auffallendste Kennzeichen der Gegenwart
im Vergleich mit der unmittelbaren Vergangenheit. Es zeigt sich nicht
nur an dem Versuch, dem knstlerischen Nationalismus religise
Bedeutung zu geben, es zeigt sich auch an der Entwicklung anderer
Geistesrichtungen innerhalb der gegenwrtigen Musik. Aus der
illusionistischen Tendenz der romantischen Musikauffassung hatte sich
allmhlich ein intellektuell hochstehender Naturalismus entwickelt,
sein talentmig strkster Reprsentant ist Richard Strau, die
lebendigste und bewegungskrftigste deutsche Musikbegabung seit Wagner.
Bei Strau ist bis zu den Werken seiner besten Manneszeit,
"Heldenleben" "Domestika" und "Rosenkavalier", der Sinn nur auf
intellektuelle Gemeinschaft, auf die berzeugungskraft der richtigen
Beobachtung, auf die Freude an der Selbstsicherheit der
naturalistischen Darstellung gerichtet. Aus der Kraft des Wurfes, mit
der hier die materialistische Wirkung der Kunst erfat wurde, ergab
sich die Unmittelbarkeit des Eindruckes. Der Rausch kam nicht mehr, wie
bei der lteren Romantik Wagners, aus der Ekstase eines
Scheinerlebnisses. Er war lediglich Freude an der hinreienden
Beherrschung der illusionistischen Darstellungskunst, deren Objekt im
Hinblick auf seine Anregungskraft fr das Talent des Knstlers gewhlt
wurde.

Dieser Naturalismus, der mehr und mehr zur deskriptiven Virtuositt
herabsank, hat neuerdings versucht, sich durch Anlehnung an die
Symbolik des Idealismus einen ethischen Anschwung zu geben. Vom
"Rosenkavalier" an ber "Ariadne" und "Josefslegende" bis zur "Frau
ohne Schatten" tritt in Stoffwahl und knstlerischer Behandlung bei
Strau eine unverkennbare Bezugnahme auf Mozart zutage, eine
Bezugnahme, die freilich nirgends ber die Bedeutung der
archaisierenden Stilanlehnung hinausgelangt, weil die Strausche Kunst
ihrer An der Gefhlserfassung nach unlsbar verwurzelt ist in den Boden
der Romantik. Auch diese Lebensuerung deutschen Geistes in der
gegenwrtigen Musik ist nicht zu unterschtzen. Sie zeigt die
Beweglichkeit, den spekulativen Unternehmungssinn, die technische
Phantasie eines expansiv gerichteten, auf uere Aktivitt gestellten
Willens. Ihrer bekenntnismigen Bedeutung nach erscheint sie freilich
vorwiegend Ausdruck eines Materialismus, der seine religis ethische
Schwche unter dem Reichtum uerlich reizvoller Bilder zu verbergen
sucht und dabei doch mehr und mehr der Skepsis des sthetentumes
verfllt.

Der Traum als Mittel der Vergangenheitserinnerung war das Ziel auch
jener Kunst, die im Anschlu an die ltere Romantik durch Vertiefung
des gemtvoll Innigen, durch strengen Ernst und beschauliche Sammlung
der Gefhlskrfte das Rauschharte der theatralischen Gebrde Wagners zu
vermeiden suchte. Brahms ist die eigenkrftigste, durch Festigkeit und
herbe Geschlossenheit des Willens imposanteste Erscheinung dieser Art,
Reger ihr unruhvollst bewegter problematischer Ausklang. Es ergab sich
aus der inneren Willensrichtung dieser Kunst, da sie sich
ausschlielich konzertmigen Formen zuwenden und diese unter bewuter
Betonung ihres formalistischen Charakters einer gesteigerten Intimitt
des Gefhlslebens, damit zugleich einer Verengung ihres ueren
Wirkungskreises zufhren mute. Der Wesenscharakter dieser Kunst drng
zur Hausmusik. Er enthllt sich am freiesten in der Kammermusik und der
auf intern begrenzte Wirkungen berechneten Vokallyrik. Wo er dem
Monumentalen zustrebte, nherte er sich dem akademischen Formalismus,
der schematisch konstruierten, nicht frei gewachsenen Form. Das
Positive lag in der inneren Bezugnahme auf die wertvollen Krfte eines
konservativ beschaulichen Gefhlslebens, das sich nicht zu erweitern,
nur zu bewahren strebt. Die Schwche war bedingt durch bewut
rckschauende Tendenz, durch stille, aber hartnckige Abwehr gegenber
allen Versuchen, neue Grundlagen, neue Ausgangspunkte seelischen
Gemeinschaftslebens zu finden.

Solche neuen Grundlagen und neuen Ausgangspunkte des Seelischen treten
dagegen mit berraschender Bestimmtheit zutage in der Musik Anton
Bruckners. hnlich wie Brahms steht auch Bruckner in naher innerer
Beziehung zum Volkstum. Nur ruht diese Beziehung nicht auf bewuter
Archaisierung, traumhafter Zurckfhrung der Gefhlsart auf eine
innerlich als altertmlich empfundene Art der Ausdrucksgestaltung. Sie
ergibt sich aus natrlich freier, menschlich spontaner Unmittelbarkeit,
ist reines Erlebnis ohne irgendwelche stilistische Bewutheit. Als
individuelle Erscheinung ist Bruckner in seiner Weltfremdheit, seiner
Mischung von Bauer und Mnch eine fast mittelalterliche Natur, als
Knstler stellt er unter allen anderen Typen seiner Zeit die erste im
wahrhaften Sinne modern gerichtete Persnlichkeit dar. Er steht der
Wagner-Nachfolge sowohl in ihrem krampfhaften Verlangen nach
weltfeindlicher Hypnose wie in ihrer sthetenhaften Symbolspielerei
ebenso fern wie der versonnen rckblickenden Vergangenheitstrumerei
der formalistisch akademischen Romantik. Er ist ein glubiger Mensch,
dessen unkomplizierte Religiositt sich an dem weihevollen Glanz und
der Autoritt eines unkritisch empfangenen Katholizismus zur
Erhabenheit aufrichtet. Glubigkeit ist fr ihn kein Rausch, keine
Sehnsucht, kein Spiel, sie ist eine unerschtterliche, jenseits aller
Zweifel stehende Tatsache. Sie gibt ihm Naivitt und Kraft der groen
Form, gibt ihm die Fhigkeit der Gemeinschaftsbildung, die hier wieder
aus der Wucht des wahrhaftigen Erlebnisses erwchst. In Bruckners Musik
tritt zum erstenmal seit dem Verblassen des Idealismus der wirkliche
Mensch mit seinem Drang zur nicht knstlich vorgetuschten lebendigen
Wirklichkeit hervor. Der Traum als Ziel der Kunst wird berwunden, ein
starkes Gefhl ist wieder erwacht, das den Erscheinungen der Realitt
gewachsen und fhig ist, sie formend zu gestalten. Die Quellen dieses
Gefhles weisen wieder zurck auf die Kirche: Orgelklang,
Hochamtsfeier, liturgisches Zeremoniell sind die Grundlagen fr
Bruckners Phantasieleben. Man knnte an eine gewaltig hervorbrechende
Nachblte spezifisch katholischer Kunst denken. Aber hier tritt
gleichzeitig ein so kerniges, bei aller Gebundenheit persnlich
gerichtetes Menschentum zutage, da die kirchliche Bezugnahme nur
Fundament und innere Richtlinie bleibt fr eine khn und frei in die
Welt des Erdhaften hinausgebaute Kunst.

Was Bruckner von der Basis einer strengglubigen, durch inbrnstige
seelische Erfassung und urwchsige Einfalt bezwingenden volkstmlichen
Kirchlichkeit aus begann, das vollendete Mahler. Bruckner wie Mahler
entstammten dem Traumlande der Romantik, in ihnen vollzog sich das
Erwachen der Seele zu einer neuen Lebensgestaltung aus der Kraft eines
neuen Lebenswillens, eines positiv gerichteten Aktivittsdranges.
Empfing Bruckner noch die innere Anregung und Beschwingung seiner
Phantasie aus der frommen Erfassung katholischer Glaubenssymbole, so
drang Mahler aus der konfessionell umschriebenen Gedankenwelt vor in
die Sphre der reinen Naturanbetung. Das Blhen und Werden, das Keimen
und Vergehen alles Seienden, das Wunder der zeugenden und schaffenden
Liebe, das Geheimnis des Lebens und Sterbens der Natur, alles, was
gleichnishaft in den Symbolen der kirchlichen Lehre dargestellt war,
erschien jetzt wieder in unmittelbarer Anschauung gespiegelt, nur in
das Symbol des Kunstwerkes bersetzt. Eine Welt glaubenstiefer und doch
unkirchlicher Religiositt tat sich auf, hnlich wie einst bei den
Knstlern der idealististischen Zeit und doch ganz anders erschaut.
Nicht mehr Erkenntnis ist das Ziel, nicht mehr Kritik weist den Weg.
Der individualistische Hang, der Trieb zur Befreiung der Persnlichkeit
und ihrer Werte, der die individualistische Bewegung getragen und im
subjektivistischen Traumbild geendet hatte, ist erloschen. Jetzt
wechselt er in das Streben nach berwindung der individuellen
Begrenztheit, nach Eingliederung des einzelnen in das Ganze. Die Natur
in der unbemessenen Vielheit ihrer Erscheinungen wird zum hchsten
Sinnbild der Totalerfassung schpferischer Krfte. Der Mensch, nicht
mehr kritisches Geistwesen, sondern vegetabilisches Naturwesen, steht
inmitten dieses Ganzen, nur ein Teilchen davon, pflanzenhaft
erdgebunden und doch wieder Unsterbliches in sich tragend, hchste
Inkarnation gttlicher Urkraft, soweit er sich kosmisch zu empfinden
und zu erkennen vermag. Die Gemeinschaft wird auch knstlerisch wieder
zur Quelle einer neuen Formidee: die Gemeinschaft nicht der Glubigen,
nicht der Erkennenden, nicht der vom romantischen Zaubertraum
Berauschten, auch nicht der nationalistisch Gesinnten, sthetenhaft
Interessierten oder der Vergangenheitstrumer. Es ist eine hhere
Gemeinschaft, die alle: Glubige, Idealisten und Romantiker umfat, von
allen ein Teil in sich trgt und es mit den brigen zu neuer Gesamtheit
einigt. Es ist die Gemeinschaft der Menschen als Geschpfe einer
Gottheit der Liebe, aus deren ahnender Erfassung alles Problematische
sich lst, alles Individuelle verschwindet, alles Schicksalhafte
berwunden wird. In dieser Verkndung der Liebe als der hchsten
schaffenden Macht, in dieser Anschauung des Menschen nur als Teiles
eines sozial bedingten Ganzen lag die neue religise Botschaft, lag die
neue aktive Gestaltung tief drngenden Menschheitsverlangens, lag die
befreiende Tat, die aus der Traumsphre der Romantik hinausfhrte in
die Wirklichkeit lebendigen Lebens, sie bejahend und in der Kunst zu
formbewuter Gestaltung zwingend.

Es war ein deutscher Musiker, der diese Tat vollbrachte und damit der
deutschen Musik wieder ein hohes Ziel stellte, ihr einen neuen
Gefhlsgehalt gab. Neu freilich nur im Hinblick auf die innerer
Begrndung. Dem Ergebnis nach deckte sich diese kosmische Religiositt
mit der christlichen Gemeinschaftsidee wie mit der Menschheitsliebe der
idealistischen Humanittszeit. Alle drei sind Auseinandersetzungen mit
dem Gemeinschaftsproblem, verschiedenartig in der Begrndung,
bereinstimmend aber im Resultat der Bejahung des Lebens in der
Gemeinschaft, der berwindung des Individuellen, der ttigen
Zusammenfassung aller Krfte. Mit dem erneuten Durchbruch zu diesem
Ziel hatte die deutsche Musik wiederum ihre Berufung und Fhigkeit zur
Weltmacht erwiesen, ihre Stellung als Knderin hchster
Menschheitsideen besttigt.

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Zum zweitenmal wurde die sinfonische Form Gef der gestaltenden Idee,
jetzt nicht wie bei Beethoven vorwiegend auf die abstrakt instrumentale
Sprache beschrnkt, sondern stark durchsetzt, zum Teil beherrscht vom
vokalen Ausdruck. Die Sphre des Geschehens war dem sinnlich fabaren
Erlebnis nhergerckt, die Vorstellungswelt dieser Kunst lag mehr im
Bereich des irdisch Erkennbaren, Gleichnishaften. Dagegen war sie
ferngerckt dem Naturalismus und Illusionismus der Romantik, und darin
lag der tiefe Wesensunterschied sowohl gegenber der gleichzeitigen
Programmusik als auch der Oper. Die Oper war ihrem Ursprung nach dem
unbefangensten, kindlich buntesten Sinnenspiel zugewandt. Im Gegensatz
zu den auf andchtig religise Vereinigung gerichteten musikeigenen
Formen war sie der Verherrlichung der Freude gewidmet, das Fest des
Dionysos und des Eros. Knstliches Erzeugnis bewuten Luxustriebes, als
Formerscheinung abhngig von den Bedingtheiten verschiedenartigster,
organisch unverbundener Wirkungsmittel, unterworfen dem
gesellschaftlichen Einflu der Verbraucher, war sie die unrealste,
durch willkrliche Mischung der Gestaltungselemente zwitterhafteste
musikalische Kunstgattung. Sie hat in den verschiedenen Lndern
verschiedenartige Ausprgung erfahren, hat in Italien eine Entwicklung
nach der musikhaft sinnlichen, in Frankreich nach der schauspielhaft
bhnenmigen, in Deutschland nach der gedanklich dramatischen Seite
hin genommen. Aber sie ist stets Erzeugnis und Spiegelung des
Luxuswillens, der Laune, der phantastischen Willkr geblieben. Das
bedeutet keineswegs Verkennung oder Unterschtzung ihres Kunstwertes.
Man kann die Oper gewi nicht streichen aus der Geistesgeschichte der
letzten Jahrhunderte, sie ist die bezeichnendste Auswirkung des
Spieltriebes. Aber nur als solche kann sie erfat werden, im Gegensatz
zum gesprochenen Drama, dessen uere Form sie spielend nachahmt, wie
sie jede andere der an ihr beteiligten Knste: Gesang,
Instrumentalmusik, szenische und figrliche Darstellung gewissermaen
in eine absolut unlogische Sphre bertrgt. Je reiner sie diesen
Charakter des phantastisch parodistischen Spieles wahrt, um so
vollkommener wird sie als Kunstwerk wirken. Der unvergngliche Zauber
der Oper Mozarts ruht in der tiefen bereinstimmung, aus der hier
Sinnenfreude, Spieltrieb, jeglicher Realitt abgewandte Phantastik zur
tiefsten Erfassung menschlicher Lebenstriebe und Willenskrfte
gelangen. Die irrationale Form wird zur Spiegelung eines irrationalen
Seins auerhalb aller Bedingtheiten der Wirklichkeit. Nicht nur die
stofflichen Erscheinungen der Oper Mozarts: Handlung, Charaktere,
uere Aneinanderreihung der Begebenheiten sind dem illusionistisch
gerichteten Verstande unfabar. Die musikalische Formung vor allem: das
Ausstrmen des Gefhles durch die monodramatische Gesangsarie, das
gleichzeitige Ineinanderweben der Stimmen im Ensemble, die
vielgliedrigen, lediglich aus Kontrast- und Steigerungswirkung des
musikalischen Ausdruckes entwickelten Finalebauten -- dies alles
zusammen ergab eine Kunst, der gegenber jede rationalistische
Forderung zum Spott werden mute. Hier war denkbar hchste Freiheit des
gestaltenden Geistes, restlose berwindung der stofflichen Materie,
reine Anschauung des Spieles freier Phantasiekrfte, eine vollkommene
idealistische Welt als verklrtes Symbol der realen. So konnten hier
die groen bewegenden Ideen der damaligen Menschheit: die Probleme der
Befreiung der Persnlichkeit dargestellt werden an menschlichen
Elementartypen der Figaro-, Don-Juan-, Cosi fan tutte-Sphre. So konnte
in der Zauberflte im Rahmen eines Kinderspieles das Ziel aller
humanitren Kultur: die Menschheitsvereinigung durch Freundschaft,
Liebe und Weisheit zu herrlichster Erfllung in der Kunst gebracht
werden.

Die nachfolgende Zeit hat niemals die einzigartige Musikernatur Mozarts
verkannt. Niemand hat fr den Genius Mozart tieferes Gefhl und
Verehrung gehabt als Wagner. Aber die Form der Mozartschen Oper, diese
freieste Gestaltung des Unwirklichen, Unwahrscheinlichen, erschien ihm
unvollkommen, mute ihm unvollkommen erscheinen -- gerade der
Eigenschaften wegen, die ber die Wrdigung von Mozarts bloem
Musikertum hinaus die kulturelle Gre seiner Knstlerschaft bestimmen.
Die Romantik glaubt sich ber die Urbestimmung der Oper, ber die
artbestimmenden Grundlagen der Gattung hinwegsetzen zu knnen. Sie
versuchte der Oper das zu nehmen, worin ihr Wesen wurzelte: den
Charakter des Spieles. Sie versuchte, dieser auf heiterster
Sinnenspannung, auf lebhaftestem Reiz der Bilder, auf schmeichelnder
Phantastik der Gefhlserregung beruhenden Kunstform das zu geben, was
ihr niemals innerhalb ihres unmittelbaren Wirkungsbezirkes eigen
gewesen war: die religise Weihe des groen Dramas. Das Wesen der Oper
als dramatischer Erscheinung beruht auf bewuter Unwahrscheinlichkeit,
auf parodistischer Einstellung gegenber allen Realitten. Selbst die
Reformen Glucks, zu Unrecht als Vorarbeiten fr Wagner angesehen,
lieen den Grundcharakter der Oper als Gattung unberhrt. Sie bezogen
sich lediglich auf die strkere Hervorhebung der lyrisch musikalischen
Wirkungen gegenber gesanglich virtuosen Effekten. Ob ernste oder
heitere, ob tragische oder komische Oper, dies war gleichgltig fr die
Auffassung des Typs, aus dem die Oper Mozarts als ideale
Zusammenfassung aller Krfte hervorwuchs. Dieses lyrisch phantastische
Erosspiel war in allen Bedingtheiten seines Wesens Erzeugnis der
Renaissance, weitergebildet von Menschen, deren sinnlich empfindsame
und erfindungsreiche Natur hier ein neues Feld fr ihren
sensualistischen Spieltrieb fand. Der Versuch, von dieser Spielgattung
aus den Weg zu bahnen zum kultischen Drama der Antike, bedeutete nicht
nur eine neue Mideutung der Antike, entstellender noch als der
klassisch geglttete Antikenbegriff des Idealismus. Er bedeutete die
unwahrhaftige Theatralisierung kultischer Dinge, ihre Herabsetzung zu
Requisiten opernhafter Wirkungen und, damit verbunden, die falsche
berhhung einer in sich organisch geschlossenen Kunstgattung durch das
steigernde Pathos des dramatischen Affektes.

Die romantische Form des musikalischen Dramas, wie es sich in der
Theorie darstellt, ist im Hinblick auf das Wesen der Gattung, das
vollendet in der Oper Mozarts erscheint, eine Abirrung der Oper auf
Gebiete, die auerhalb des Charakters der Gattung liegen, und auf denen
sie nie Wurzel fassen konnte. Soweit Werke solcher Art in die Breite
wirken wie bei Wagner, beruht die Wirkung in Wahrheit doch auf dem
Spielcharakter der Oper. Er ist auch im musikalischen Drama nur
scheinbar berwunden und lebt da weiter, wo es die lebendige Wirkung
zeugt. Aber er lebt unter falschem Namen und falscher Einschtzung
seines Wesens. In dieser Vortuschung unwahrer Werte liegt die Gefahr
des Erbes der romantischen Oper fr die Gegenwart. Es gilt zunchst,
die Unmglichkeit der Oper als Form bewut kultischer Dramatik klar zu
erkennen. Es gilt gleichzeitig, die falsche Geringschtzung des
Spieltriebes als eines gleichsam im hheren Sinne nicht vollwertigen
Schaffensimpulses abzutun, zu erkennen, da dieser Spieltrieb, sofern
er vermeidet, sich aus falschem Ehrgeiz dramatisch zu maskieren, aus
sich selbst heraus zur Erreichung wahrhaftigerer Ziele befhigt ist,
als das hchstgeschraubte dramatische Pathos sie zugnglich macht. Es
gilt, formelhaft gesprochen, in der Oper Mozarts nicht nur die geniale
Musiker-, sondern gerade die geniale Knstlernatur zu erkennen. Nicht
nur in der Oper Mozarts, sondern in der Oper berhaupt die Idealgattung
des Phantasiespieles, das, frei von allen dogmatisch ethisierenden
Nebenabsichten, aus lebendigstem Widerschein buntester Lebensfarben und
Sinnesreize den ins Mrchenhafte berspiegelten Abglanz des Realen,
Bewuten, Gewollten gibt.

Es ist lehrreich, zu beobachten, wie sich andere Vlker mit diesem
Problem der Oper abgefunden haben. Der romantischen Rauschsuggestion,
der dramatisch zugespitzten Illusionsoper zunchst ebenso unterworfen
wie die Deutschen, haben Italiener und Franzosen die Gefahr einer
bewuten berbetonung der dramatischen Zweckhaftigkeit der Oper zu
vermeiden gewut. Bei beiden Nationen ist in der ueren Anlage,
namentlich des Textes, ein auffallend realistisch naturalistischer Zug
bemerkbar. Er beeinflut auch die Art der musikalischen
Gefhlseinstellung und normalen Faktur. Bizets "Carmen" ist das Muster
der psychologischen Oper, Verdis derbe Sinnlichkeit saugt sich fest an
der Unmittelbarkeit elementar erfater Bhnenvorgnge und bertrgt
diese Emotionen mit naiver Drastik in seine Musik. Bei beiden grten
Opernkomponisten ihrer Nationen aber bleibt die dramatische Einkleidung
stets Mittel zum Zwecke des Musizierens. Das Drama gewinnt weder in der
Theorie noch in der Praxis die Vorherrschaft. Der Musiktrieb als der
eigentliche und wahrhafte Spieltrieb dominiert, und selbst den
Nachfolgern Verdis ist die veristische Fassung des Dramas nur ein
Mittel, ihre kurzatmige Musikbegabung schnell und durchgreifend zur
Geltung zu bringen. Bei Gounod, Massenet, Saint Sans ist der normale
Sinn von vornherein in viel zu hohem Mae konventionell beeinflut, um
die Wahl zwischen Oper und musikalischem Drama je ernsthaft zweifelhaft
zu machen, und auch der ins bewut sthetenhafte abschweifenden
jungfranzsischen Schule ist trotz der literarischen
Geschmacksverfeinerung die Oper stets die primr musikalische Kunstform.

Nur in Deutschland hat sich unter der gewaltigen Nachwirkung von
Wagners Theorien eine seltsame moralsthetische Auffassung vom Wesen
des musikalischen Dramas herangebildet. Auf ihre tieferliegenden,
innerorganischen Ursachen betrachtet, ist sie das Zeichen nachlassenden
Produktionsvermgens. Als Lehre aber hat sie schweren Schaden gestiftet
durch Verkennung und Herabsetzung kunsteigener Grundwerte der Oper
zugunsten eingebildeter religis ethischer Qualitten des musikalischen
Dramas. Das eigentlich Belastende und Schdigende dieser Geistes- und
Urteilswendung lag nicht in der Tatsache, da eine groe Anzahl
schwacher oder mittlerer Talente sich getrieben fhlte, Musikdramen zu
schreiben. Es lag auch nicht nur in der sthetischen
Begriffsverwirrung, die den Blick fr wesentliche Vorzge der
Kunstgattung und damit fr die Schpfungen ganzer Epochen trbte, dafr
knstlerischen Belanglosigkeiten hohe sittliche Wertung angedeihen
lie. Dies wren zunchst Schdigungen gewesen, die nur die Kunst als
solche betrafen. Der verhngnisvollste, in die allgemeine Volkskultur
bergreifende Nachteil war, da hier die auf Tuschung, Spiel, Schein,
im sittlichen Sinne auf bewuter Unwahrhaftigkeit beruhende Welt des
Theaters als wahr, echt, lebendig, als Trgerin und Knderin der
hchsten ethischen Norm ausgegeben wurde. Das Gefhlsleben der Menschen
orientierte sich innerlich an diesen Erscheinungen einer
vorgespiegelten Lebenswahrheit. Es mute unecht, unwahrhaftig werden,
weil es sich zum Sklaven seines eigenen Phantasieerzeugnisses machte
und von diesem Gesetze empfing, statt, wie es der ursprngliche
Spielcharakter der Gattung forderte, sie ihm zu erteilen. Das
theatralisch Komdiantische, das so vielfach in der deutschen
ffentlichkeit der letzten fnfzig Jahre sich bemerkbar macht, die
Neigung zu falschem Pathos und schlechter Rhetorik sind nicht zum
mindesten Nachwirkungen einer Lebensauffassung, die ihre Gesetze aus
der Oper empfngt.

Wir stehen heut der Romantik fern genug, um die Gre ihrer
knstlerischen Leistungen unbefangen wrdigen zu knnen. Was uns von
ihr trennt und zur Kritik zwingt, ist nicht diese oder jene Einzelheit
im fachlich entwicklungsmigen Sinne, ist auch nicht Widerspruch gegen
individuelle Begabungen. Es ist grundstzlich die durchaus
entgegengesetzte Auffassung vom ethischen Charakter des Kunstwerkes.
Die Romantik bertrug ihn in den Stoff, in die Form, in das
knstlerische Sujet selbst. Mit allen Mitteln genialer Beharrlichkeit
und Tatkraft materialisierte sie ihn, unterwarf ihn dadurch allen
Hemmungen und Tuschungen der Materie, erhob ihn selbst zum bewuten
Trger der knstlerischen Idee. In diesem Gegensatz von absichtsvoller
Ethik des Stofflichen und zwanglos unbewutem Ethos des idealistischen
Spieles wurzelt der Kontrast Wagner-Mozart, wurzelt der Widerspruch der
heutigen Generation gegen die tendenzise Kunstauffassung und -lehre
Wagners, wurzelt die Abwendung vom kultischen Musikdrama, die erneute
Neigung zum Erosspiel der Oper.

Es gibt gegenwrtig drei deutsche Opernkomponisten, in deren Schaffen
der Widerstreit der Meinungen klar zutage tritt: Hans Pfitzner, Richard
Strau, Franz Schreker. Pfitzner ist der bedingungslose Anhnger von
Wagners Lehre, deren spekulative Zge er in seinen drei Musikdramen
"Der arme Heinrich", "Die Rose vom Liebesgarten" und "Palestrina" in
fanatischer Einseitigkeit zu den uersten Konsequenzen gefhrt hat.
Die Vorherrschaft der stofflichen Ethik, die bei dem groen
Bhnenpraktiker Wagner ungeachtet aller Theorien doch stets im Rahmen
des bhnensinnlich Wirksamen bleibt, greift bei Pfitzner schlielich
auch das organische Leben des Dramas an, das aus vorstzlicher Askese
immer theaterfremder wirkt. Es ist bezeichnend, da in "Palestrina"
keine einzige Frauenfigur erscheint. Das Mnchtum dieser Kunst geht bis
zur Verbannung des Eros von der Bhne. Unbemerkt bleibt der grausame
Widerspruch, da eine scheinbar alle profanen Bedingtheiten
berwindende Kunst sich der Mittel einer Gattung bedient, deren Wesen
der wechselvollsten Sinnlichkeit der Form unlsbar verhaftet ist.
Richard Strau ist sich der Theaternatur der Oper wohl bewut. Sein
Schaffen ist auf stilknstlerischen Ausgleich von Drama und Oper
gerichtet unter allmhlich immer strker betonter Annherung an den
lteren Formtyp. Soweit ein Problem dieser Art die Lsung auf
experimentellem Wege zulie, ist sie ihm in mehreren Fllen, nie
einheitlich, wohl aber fr betrchtliche Teile innerhalb eines Werkes,
geglckt. Das lebhafte, temperamentbeschwingte Musiziertalent
Strauens, seine hinreiende, aus starkem Augenblicksimpuls schpfende
berredungsgabe, die unmittelbare Gegenstndlichkeit seiner Tonsprache,
dies alles, verbunden mit auergewhnlicher, treffsicherer
Formgewandtheit, macht seine groen Erfolge erklrlich und berechtigt.
In einer Zeit allgemeiner Geschmacksunsicherheit und Talentarmut war er
der einzige, der sich mit unbekmmerter Frische und reflexionsloser
Begabungskraft dem musikalischen Naturalismus zuwandte und als echtes
Weltkind dem Geist der Zeit stets zu geben wute, was dieser bedurfte.
Solche in allem Technischen und Artistischen meisterliche
Anpassungsgabe konnte allerdings immer nur zu Augenblickslsungen, zu
Gegenwartserfolgen gelangen. Sie konnte in ihrer allerseits
verbindlichen Art niemals zu einer im Wesenhaften eigenen und neuen
Erfassung des Opernproblems gelangen. Die stilistischen
Verkleidungs- und Verwandlungsknste auch des strksten Formtalentes
waren gnstigstenfalls nur geeignet, zu erreichen, da die romantische
Auffassung der Oper als des kultischen Dramas keine Gefolgschaft mehr
fand, keine innere Werbekraft mehr bte, ohne da es gelungen wre, ihr
einen selbstndigen neuen Operntyp entgegenzustellen.

Erst mit dem Auftreten Franz Schrekers hat sich hier eine Wandlung
vollzogen. Das Bemerkenswerte der Erscheinung Schrekers liegt nicht in
Einzelzgen seiner Musikerbegabung, so sicher und stark sich diese aus
konventionellen Anfngen zur Erringung individueller Eigenwerte
durchzusetzen vermochte. Es liegt auch keineswegs in auffallenden
Besonderheiten stilistischer Art, an denen Bezugnahme auf die
jungromanische Kunst namentlich in Melodik und Harmonik auffllt,
gesteigert durch ppige koloristische Phantasie und grolinige
architektonische Gestaltungsgabe. Aber mit all diesen Eigenschaften
wre Schreker nur einer unter mehreren. Seine Ausnahmestellung ergibt
sich aus anderem. Zum erstenmal seit Jahrzehnten ist hier eine Reihe
von Werken geschaffen, die jenseits aller Tendenzmacherei und
spekulativen Theorie, jenseits auch jeglicher Stilknstelei und
jeglichen Formexperimentes steht. Erwachsen ist sie aus gnzlich
vorbehaltloser, naiver Erfassung der Oper als eines Spielstckes fr
eine ungebunden schweifende Phantasie, der als Richtlinie lediglich ein
khner, naturhaft elementarer Theaterinstinkt dient. Schreker sieht die
Bhne nicht als Kanzel, auch nicht als Ort geistreicher Unterhaltung.
Er sieht sie mit der Unbefangenheit des Kindes, dem sich hier eine Welt
zauberhaftester Unwahrscheinlichkeiten, unbegrenzter Mglichkeiten des
Unmglichen ffnet, die nur von Knstlers Gnaden ihr Sein empfangen und
um so strker reizen, je lebensferner sie sind. Schreker sieht die
Opernbhne wieder mit dem Auge des irrational empfindenden
Phantasiemenschen.

Aus dieser Grundeinstellung ergibt sich der Unterschied nicht nur
gegenber der doktrinren Ideenoper Pfitzners oder der intellektuell
bedingten Geschmackskunst Strauens. Auch andere zeitgenssische Kunst,
wie die Eugen d'Alberts oder neuerdings die Opernmusik des jungen Erich
Wolfgang Korngold steht im Gegensatz zur Theorie des Wagnerschen Dramas
und zielt auf den Theatereffekt. Aber hier ist dieser mit bewuter
Methodik als Wirkungsfaktor herangezogen. Es werden wieder
periodisierte Melodien und geschlossene Formen geschrieben, weil das
Prinzip des Leitmotives und des deklamatorischen Stiles verbraucht
erscheint. Schreker ist gegenber diesen auf das Praktische im Sinne
der Lebensklugheit und des Erfolges zielenden Begabungen eine
naturwchsige Kraft. Seine Beziehung zur Bhne ruht nicht auf
irgendwelchen Erwgungen der Zweckmigkeit, sie ist elementaren
Ursprunges. Seine vier Opern "Der ferne Klang", "Das Spielwerk", "Die
Gezeichneten", "Der Schatzgrber" sind Erfolge nicht nur im Sinne des
Kassenberichtes einer Spielzeit, sondern der geistigen Bewegung. Sie
geben der Musik auf der Bhne wieder ihr ursprngliches, durch
keinerlei Dienstbarkeit gegenber dramatischen Absichten behindertes
Recht des freien Phantasiespieles. Sie gewinnen ihr damit das im Laufe
des 19. Jahrhunderts verlorene Heimatgebiet zurck und fhren so die
Ausdrucksmittel der Oper wieder ihrer natrlichen Bestimmung zu. Es ist
denkbar und nicht unbegreiflich, da manche Menschen einer vorwiegend
auf kritisch intellektuelle Bildung erzogenen Generation solche Kunst
als fr ihre Begriffe von Kultur nicht ausreichend ablehnen. Damit wre
sachlich nichts bewiesen, nur die Zuverlssigkeit dieses
Kulturbegriffes in Frage gestellt. Vom Standpunkt einer abstinenten
Geschmacksbildung aus wird die Oper wegen der unorganischen Vielheit
ihrer Mittel stets ein nicht ganz vollwertiges Kunstgebilde sein.
Einheitlichkeit gewinnen kann sie nur durch den Musiker, der diese
Buntheit der Mittel als natrliche Quellen seiner Phantasie empfindet
und fruchtbar macht, nicht aber das Ganze durch

Prinzipien und Theorien regelt oder stilisiert. Solcherart ist
Schrekers Musik. Als dramatische Gebilde bedeuten seine Opern das
Gegenteil dessen, was etwa dem gesprochenen Drama notwendig und
wesenseigentmlich ist. Der Musik aber ffnen sie den Bezirk, auf dem
sie sich als Element der Bhnenwirkung entwickeln kann, ohne von ihrem
ureigenen Wesen etwas aufzugeben, ohne sich selbst zugunsten eines
anderen Zweckes opfern oder begrenzen zu mssen.

Dieses ureigene Wesen der Musik ist das Beziehungslose, das
verstandesmig Unfabare, nicht zu Greifende. Will man das Verhltnis
der Gegenwart zur unmittelbaren Vergangenheit, zum 19. Jahrhundert kurz
kennzeichnen, so kann man es nennen den Kampf gegen den Rationalismus
der Romantik. Der Rationalismus war bedingt durch das
Illusionsbedrfnis der Romantik und dieses wiederum durch ihre
Resignation gegenber dem Leben, aus der die Auffassung der Kunst als
des Gegensatzes zum Leben, als des groen Tuschungsmittels, als des
Lebenssurrogates erwuchs. Solche Auffassung mute notwendig in der
Theorie zur Kunstideologie, in der Praxis zur Wirklichkeits-Imitation
fhren. Das Unbeziehbare des klanglichen Erlebnisses wurde in allerlei
Beziehungen gesetzt: die Oper mute predigen, philosophieren,
moralisieren, zum mindesten psychologischen Anschauungsunterricht
geben. Die Sinfonie wurde der freien Poesie gewidmet, sie stellte dar,
wobei es im Wollen und Ergebnis gleichgltig war, ob das Dargestellte
ein direkt bezeichneter dichterischer Vorwurf war oder eine bewut
erfate formalistische Idee. Wie es aber der Oper und der Sinfonie
erging, so auch den intimeren Gestaltungsformen der Vokal- und
Instrumentalmusik: dem Lied, dem Chorgesang, der Solo- und Kammermusik
verschiedenster Art. Das Lied, durch Schubert aus zopfiger Beengtheit
zur freiesten Spiegelung individuell erfaten seelischen
Gemtsgeschehens erhoben, wurde durch Schumann, Jensen, Franz zur
Stimmungsschilderung abgeschwcht. Bei Brahms erscheint es unter
Neigung zu volkstmlich vereinfachender Formung, bei Hugo Wolf und
seinen neudeutschen Nachkommen wird es zur psychologischen Kleinstudie
-- ohne da Komponisten und Hrern die damit verbundene Entseelung des
Lyrischen zum Bewutsein gekommen wre. Das Vernunftgeme, auch in
knstlerischer Fassung stets irgendwie dem rein logischen Begreifen
Zugngliche war unausgesprochene Voraussetzung fr die Anerkennung des
Kunstwerkes. Dieses selbst blieb nur Dokument des Talentes, etwas durch
Musik auszudrcken, was dem Inhalt nach ein Andersbegabter ebenso oder
hnlich auf anderem Wege gesagt htte. So zerflo hier, wie in der
Sinfonie und der Oper, das Musikeigene. Das Interesse wurde fachlich
begrenzt, vorwiegend auf das Wie der Darstellung hingelenkt. Die
Kammermusik der Romantik einschlielich ihres gehaltvollsten Teiles:
der Brahmsschen Kammermusik besttigt dies. Formalistischer Bau, Faktur
des musikalischen Satzes, klanglich koloristische Fassung, Art und
Entwicklung der Gefhlsdarstellung sind gegeben durch die klassischen
Vorbilder, das uerlich Strukturelle vorwiegend durch Beethoven, das
lyrisch Empfindungsmige mehr durch Schubert. Dieses Erbe wird nun in
kleine Individualittsgebiete aufgeteilt. Die gegebenen Grundmae
sthetischer, musikalischer Art bedeuten gewissermaen ein festes,
geistiges Wirtschaftsgut, das nun aus dem Bereich des Urschpferischen,
wo jene groen Geister es gefunden, in die kleine, irdisch bewegte Welt
als fertige Tatsache bernommen und verarbeitet wird.

Entwicklungsmig gesehen ist solcher Verlauf natrlich und richtig,
sein Wert und seine Bedeutung liegt in der allmhlichen
Zugnglichmachung und Durchdringung der Ideen primr schaffender
Knstler. Wenn wir etwa die gesamte Kammermusik nach Beethoven bis zur
folgenden Jahrhundertwende auffassen als Mittel, durch variierende
Einzelausfhrung die gewaltige Masse der Hinterlassenschaft Beethovens
zunchst stofflich zu zerlegen und zu konsumieren, um dadurch den
Zugang zu ihrer hheren Geistessphre allmhlich zu gewinnen, so wre
mit solcher Auffassung etwa die geschichtliche Mission der romantischen
Kammermusik bezeichnet. Damit ist aber zugleich gesagt, da ihr selbst
die urzeugende Kraft abgeht, ja eigentlich mit Bewutsein auerhalb
ihres knstlerischen Wollens gehalten wird, und da sie, unter
Vermeidung eigener Stellungnahme und Auseinandersetzung mit den
Grundproblemen musikalisch schpferischer Gestaltung, den gegebenen
Darstellungsapparat materialisierte, ihn als Schema im technischen
Sinne behandelte und ausbaute. Auf diese Art konnte bei ausreichendem
Einfhlungs- und Anpassungstalent noch manches an sich recht
beachtliche Musikstck entstehen. Die Gebiete, die Beethoven und
Schubert in ihrem Ideenflug abgesteckt hatten, boten Raum genug fr
Sondersiedlungen. Aber das eigentlich Wertschaffende: die Kraft und der
elementare Zwang, aus dem heraus die idealistisch klassische Kunst
berhaupt erst die Regel ihrer Gestaltungsart gefunden hatte, mute bei
den Nachfolgenden notwendigerweise fehlen. Die Gesetzlichkeit einer
bestimmten Ausdruckstechnik, der der schpferische Gedanke noch vor
seiner Geburt untergeordnet war, die Einspannung des Gefhlsablaufes in
feste Normen unterstellt auch auf diesem Gebiet Gefhl und Phantasie
den Forderungen des Verstandes und des erklrungfordernden Bewutseins.
Bezeichnend dafr ist Pfitzners Schaffenstheorie. Nach ihr zerfllt die
Entstehung des Musikstckes in die Empfngnis des thematischen
Einfalles und in dessen handwerklich formale Verarbeitung. Solche
Theorie ist nur mglich bei Auffassung der Form als eines gegebenen
Schemas, bei Verkennung des organischen Eigenlebens der Form aus dem
Zwang selbstndigen Gestaltungstriebes, bei freiwilliger Beschrnkung
der Schaffensttigkeit auf individuelle Variierung als unvernderlich
genommener Typen. Das Primre der musikalischen Konzeption wird auf den
melodisch thematischen Brocken des Einfalles beschrnkt, der dann das
Objekt rationalistischer "Durchfhrung" bildet -- eine Auffassung des
Schaffensvorganges, die nicht nur Erzeugnis spekulativer Phantasie ist,
sondern wahrhaftige Charakteristik einer bis in die Gegenwart hinein
blichen und anerkannten Praxis.

Wie nun in der groen sinfonischen Form ein zeiteigenes religises
Gemeinschaftsgefhl als neue Grundlage gewonnen wurde, wie in der Oper
an Stelle bewuter ethisch dramatischer Tendenz der irrationale
Spieltrieb wieder hervordrngte, so hat dieser Zug zum
Auervernunftmigen, zum ursprnglich Musikhaften der Musik, zur
reinen Gefhlskundgebung auch die Elemente der Tonsprache ergriffen,
aus denen sich Vokal- und Kammermusik formen. Er hat hier, auf dem
geistigsten, intimsten Ausdrucksgebiet die radikalste Umwlzung
hervorgerufen, zeigt am schrfsten oppositionelle Haltung gegenber der
unmittelbaren Vergangenheit, ist in den Ergebnissen einstweilen
erheblich problematischer als in der Sinfonie und Oper. Er lt aber
gleichzeitig die entscheidenden Grundfragen der knstlerischen
Wesensrichtung in klarster Eindeutigkeit hervortreten und gibt damit
eigentlich die letzte Auskunft ber die Gegenstzlichkeit der
Anschauungen, den Wechsel der Zielsetzung. Sinfonie und Oper sind in
strkerem Mae stoffgebunden. Wirken auch in ihnen die gleichen
Probleme, so sind sie doch von der begrifflichen Seite her leichter zu
fassen. In der Kammermusik fallen alle Bindungen nach auen fort. Es
bleibt nur die Auseinandersetzung mit dem zu innerst Wesenhaften der
Musik, wie es hier in Klang, Stil und Form zutage tritt.

In diesen eigentlichen Elementen der Musik aber ist mehr und anderes
lebendig, als die Fachsthetik gemeinhin gelten lt. In ihnen wirkt
und aus ihnen spricht die geistige Grundkraft der Zeit berhaupt, der
sie angehren, und aus deren innerstem Gefhlstrieb sie ihre Gesetze
empfangen.

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                          *

Wenn wir die in den beiden letztvergangenen Jahrhunderten
zurckgelegten Wege der musikalischen Gestaltungsart berblicken, so
zeigen sich zwei groe, deutlich getrennte Entwicklungsgebiete: das des
polyphonen und das des homophonen Ausdruckes. Die Gegenstze sind dem
Prinzip nach nicht neu, sie waren schon im Mittelalter vorhanden, wenn
auch im einzelnen anders geformt. Allgemein gesprochen, ohne damit
bestimmte historische Umgrenzungen festlegen zu wollen, kann man sagen,
da Zeiten mit vorwiegend religis gerichtetem Geistesleben in der
Musik der Polyphonie, solche mit verweltlichter Interessenrichtung der
Homophonie zuneigen werden. Die letzte groe polyphone Kunst der
Neuzeit war die Musik Bachs. Die Polyphonie -- Vielstimmigkeit -- ist
eine Kunst der linear bewegten Flche. Das artistische Problem liegt in
der Vereinigung von organischer Selbstndigkeit der Einzelstimme mit
strenger Gebundenheit des Ganzen. An dieser zusammenfassenden Kraft, an
dieser Fhigkeit, die reichste Mannigfaltigkeit linearer Sonderbewegung
in einen groen Totalkomplex zu vereinen, bewhrt sich die polyphone
Kunst des Meisters. Was er schafft ist entstanden aus der Vorstellung
der Gesamtheitswirkung, ist bestimmt, ohne Verlust seiner Eigenheit
sich zu berindividueller Erscheinung zusammenzuschlieen. Der
Unterschied der stimmlichen Einzelwesen ist lediglich Unterschied der
Lage, des Klanges, der Bewegungsschnelligkeit, dem Charakter nach sind
alle gleich, gehren alle der gleichen Gefhlsdimension an, sind sie
Linien, die sich nach dem Gesetz des Bewegungsimpulses
ineinanderschlingen, schneiden, zum Ornament formen, ohne je die reale
Sinnlichkeit der Linie, die Festigkeit des individuellen Seins zu
verlieren. Als Sprachmittel ist die Orgel mit der reichgegliederten und
doch im Charakter gleichartigen Flle ihrer Klangschichtungen das
typische instrumentale, der vielstimmige Chor mit seinen artverwandten
Stimmindividuen das vokale Ausdruckselement der Polyphonie.

Die homophone Kunst, die schon zu Bachs Zeit und dann immer mchtiger
empordrngt, hebt die Gebundenheit der Vielheit, hebt die Wirkung durch
Zusammenwachsen der Organismen zur berindividuellen Erscheinung auf.
Alle Kraft, aller Wille, alles Leben konzentriert sich auf eine
Einzelstimme, die Fhrung nimmt, das Typenhafte abstreift und
subjektive Bestimmtheit erhlt. Die Flchenhaftigkeit der
nebeneinandergelagerten Linien verschwindet, da nur noch eine
dominiert. Unter dieser aber bildet sich ein magischer Raum, eine neue
Dimension der Tiefe, gewonnen durch Schichtung geheimnisvoll
beziehungsreicher Tonstufen: die Harmonie. Die mit jedem Ton
gleichzeitig erklingenden Obertne werden als seine Ergnzung empfunden
und festgehalten, diese vertikale Tonreihe gibt jetzt der gestaltenden
Phantasie entscheidende Anregung. Der Klang gliedert sich in Hauptton
und Nebentne, jener als Leitpunkt der Melodie, diese als begleitender
harmonischer Untergrund. An Stelle des geometrisch flchigen tritt das
akustisch rumliche Tonsystem, an Stelle der Linienbewegung die durch
Wechsel der Tiefenbewegung wirkende Harmonie. Mit dieser Vernderung
der Tonvorstellung zugleich vollzieht sich eine entsprechende
Umgestaltung des Klangempfindens. Der Unterschied von melodischem
Hauptton und harmonischen Begleittnen bedingt auch ein anderes System
der Klanggruppierung. Der farbige Reiz des Klanges kommt zu
selbstndiger Geltung. Gegenber dem Streben nach Zusammenfassung
mglichst gleichartiger Charaktere in der polyphonen Musik herrscht
jetzt der Drang nach Gleichzeitigkeit heterogener Klangelemente, deren
verschiedenartig abgestufte Lichtwirkungen die Vorstellung des
rumlichen bereinander steigern. In gleichem Mae und aus gleichem
Bedrfnis erhlt die bis dahin vorwiegend auf einfache, primitive
Kontraste gestellte Dynamik lebendig bewegte Durchbildung. Das
Orchester, diese Vielheit des Ungleichartigen, wird das wichtigste
Instrument der melodisch homophonen Kunst, soweit andere Sprachmittel
herangezogen werden, geschieht es stets unter Mischung
verschiedenartiger Klangcharaktere. Im Streichquartett, der reinsten
Klangeinheit der homophonen Kunst, ist zunchst die dominierende
Stellung der Oberstimme, die begleitende, lediglich harmonisch fllende
Funktion der brigen selbstverstndlich und wird erst in den spteren
Quartetten Beethovens zu gesteigerter Subjektivierung und klanglicher
Gegenstzlichkeit der Einzelstimmen umgewandelt.

Den Anfang dieser groen, mit den tiefsten Regungen der zeitlichen
Geistesgeschichte unmittelbar verbundenen Umwlzung bildet das
Generalba-Zeitalter, so genannt nach der Gewohnheit, nur die
melodische Linie und die Bastimme aufzuzeichnen, whrend die
erforderlichen harmonischen Fllstimmen durch Ziffern angedeutet und
bei der Auffhrung improvisatorisch hinzugesetzt wurden. Man kann diese
Methode, deren naive Praxis deutlich die Unterscheidung zwischen
Wichtigem und minder Wichtigem spiegelt, gewissermaen als Beginn der
musikalischen Aufklrung bezeichnen. Zeitlich ist sie schon vor Bach
vorhanden, wird auch von ihm selbst verwendet, erlangt aber
vorherrschende Bedeutung erst mit dem endgltigen Durchbruch des
homophonen Stiles, als Vorbereitung und bergang zur Gewinnung der
harmonischen Vorstellungsart. Diese ist das eigentliche Ausdrucksgebiet
der Zeit des klassischen Idealismus. Hier hat die melodische Oberstimme
unumschrnkte Freiheit, reichste Bewegungskraft, vollendeten
Persnlichkeitswert gewonnen. Keine Gebundenheit mehr, keine vorbewute
Bezugnahme auf ein berindividuelles Ganzes ist vorhanden die
typenhafte Einzelformung hat sich zu schrfster Subjektivierung
gesteigert. Es herrscht die Melodie, als unmittelbare Spiegelung des
Persnlichkeitsbewutseins, periodisch umgrenzt, physiognomisch von
uerster Bestimmtheit des Schnittes. Diese Melodie ist empfangen aus
dem Vorgefhl der Harmonie. Die innere Bewegung der Harmonie, ihr
gesetzmiger Ablauf gibt die inneren Richtpunkte fr die Melodie,
hnlich und doch ganz anders wie in der Polyphonie die konstruktive
Idee der Gesamtform den Wuchs des thematischen Gedankens beeinflute.
Dieser thematische Gedanke der polyphonen Musik war bei allem Eigenwert
ein Partialgedanke, die Melodie dagegen, namentlich der frhklassischen
Zeit bis zu Mozart, ist in sich geschlossen, fertig, ein lebendiges,
organisch gegliedertes, selbstndiges Wesen. So offenkundig ihre
Gestaltung aus der Einbeziehung des Harmoniegefhles mitbedingt ist, so
zweifellos ist doch der bestimmende Zug des rein melodischen Impulses,
die Unterordnung der Harmonie vorzugsweise zur Sttzung und
Bekrftigung der melodischen Erscheinung.

Melodie im Sinne der groen klassischen Kunst, wie sie am reinsten bei
Mozart, vorbereitend bei Haydn, abschlieend bei Beethoven und Schubert
erklingt, ist das musikalische Symbol der freien Persnlichkeit, die
knstlerische Formung hchsten Individualittsbewutseins. Man kann die
Gesetze. ihres Baues durchforschen, man kann sie stilistisch kopieren.
Aber keine noch so starke melodische Erfindungsgabe einer spteren Zeit
kann ihre Wirkung annhernd erreichen, weil ihr Geheimnis nicht in
spezifisch musikalischen Gesetzen liegt, sondern in der Gewalt des
Ethos, dem sie entsprungen ist. Dieses Ethos zwang die Harmonie zur
Dienstbarkeit gegenber der melodischen Individualitt. Sie blieb
Trgerin der Kraft, sie durchdrang in der Hochblte der klassischen
Kunst den harmonischen Unterbau bis in die feinsten Verstelungen, so
da in den spteren Quartetten Beethovens die harmonische Fgung der
Stimmen durch freieste melodische Auflockerung fast bis zur Polyphonie
gesteigert wird, ja teilweise zu deren Formenbau zurckkehrt: in
Mozarts Jupiter-Sinfonie und "Zauberflte"-Ouvertre, in Beethovens
Ouvertre "Weihe des Hauses" im Finale der Neunten Sinfonie, vor allem
in den drei groen B-Dur-Fugen: der Sonate op. 106, des Credo der
"Missa", des Streichquartetts op. 130. Doch ist diese bereinstimmung
der melodisch homophonen mit der polyphonen Kunst nur uerlich
stilistischer Art. Aus einer ins Grandiose gesteigerten melodischen
Phantasiekraft heraus wird die Linienkunst der alten Polyphonie hier
dem harmonischen Bewutsein dienstbar gemacht, aus der Flchendimension
in die Tiefendimension bertragen, auf solche Art diese mit
konstruktiver Klarheit fllend: Kundgebung hchstgesteigerter
Persnlichkeitskraft, deren melodischer Wille Hhe und Tiefe der
Klangwelt durchdringt und mit ttiger Schaffensenergie nach seinem
Bilde gestaltet.

Linear sich entfaltende Polyphonie mit dem Ziel flchenhafter
Ausbreitung und Zusammenfassung, melodische Homophonie, gesttzt auf
den imaginren Unterbau der harmonisch rumlichen Tiefe waren zwei in
sich grundverschiedene Arten der Klanggestaltung, schpferische
Kundgebungen zweier in sich selbstndiger, mit eigener Kraft des
Schauens und Formens begabter Zeitalter. Der Romantik fehlt diese
Fhigheit eigenschpferischen Bildens. Wie hinsichtlich der
Stoffbehandlung, wie hinsichtlich der geistigen Problemstellung, ist
sie auch in bezug auf spezifisch klangmusikalische Formung eine
Niederbruchserscheinung im Gefolge des Klassizismus. Die beherrschende
melodische Kunst, dieses Siegelzeichen der festen Persnlichkeit, geht
ihr verloren. Wohl bleibt ihr Musikempfinden melodisch orientiert, aber
die Melodie verliert die feste, in sich ruhende Geschlossenheit der
klassischen Melodik. Der Schwerpunkt sinkt unter die melodische
Oberflche in die Harmonik, diese trgt jetzt den Bewegungsantrieb in
sich. Bei den Klassikern erscheint das ganze musikalische Gebilde in
unmittelbarer plastischer Gegenstndlichkeit, Melodik als
formbestimmender Umri, Harmonik als fllende Krperhaftigkeit. Nun
wird die Harmonik zur innerlich fhrenden Kraft, und die Melodie zeigt
in ihrem Verlauf mehr und mehr nur den Wellenschlag der harmonischen
Innenbewegung, Wagners Begriff der "unendlichen Melodie", die "mit
einer einzigen harmonischen Wendung den Ausdruck auf das Ergreifendste
umstimmen kann," ist die natrliche und richtige Kennzeichnung einer
Musikempfindung, deren Zentrum in der Vorstellung und Betonung der
harmonischen Wirkung liegt, deren Melodik daher mehr und mehr zur
Verknpfung der Harmonien wird. Nicht nur bei Wagner und Liszt, auch
bei Schumann, Spohr, Marschner, Weber, selbst bei dem klassizistisch
eklektischen Mendelssohn ist diese Gestaltung der Melodie aus dem
Willen der Harmonie erkennbar. Sie steigert sich bei Brahms, den
Wagner- und Liszt-Epigonen bis zur vlligen Abhngigkeit des mehr und
mehr zur Andeutung verflchtigten melodischen Gedankens voll der
dominierenden harmonischen Konzeption. Es bedarf kaum des Hinweises,
da, gerade wie sich bei Bach in Einzelfllen bereits hufig Beispiele
melodischer Homophonie finden, so auch bei den Klassikern, namentlich
bei Beethoven und dem innerlich bereits stark romantisierten Schubert,
die Harmonie gelegentlich fhrend und ausdrucksbestimmend hervortritt.
Aber abgesehen davon, da solche Flle im Hinblick auf das Gesamtwerk
Ausnahmen bedeuten, zeigt sich auch bei genauer Betrachtung, da selbst
hier der bestimmende Grundimpuls melodischer Natur ist. Die
Klangvorstellung, aus der die Musiker des klassischen Idealismus
schpfen, lt sich bezeichnen als harmonisierte Melodik, die der
Romantiker als melodisierte Harmonik.

In solcher Gegenberstellung liegt zunchst keine Wertung. Sie ergibt
sich erst, wenn man Sinn und Folge dieser Wendung betrachtet. Der Sinn
war der gleiche wie in der romantischen Bewegung berhaupt: Abkehr von
der Realitt, von der Gegenstndlichkeit des Fhlens, wie sie sich in
der Formung der selbsteigenen, geschlossenen Melodie aussprach, Flucht
in die Unwirklichkeit, in die magische Phantastik des harmonischen
Raumes, dessen Unbestimmtheit durch die zu stndigem Wechsel,
pltzlicher Umstellung und berraschung fhrende Chromatik noch
gesteigert wurde. Die Harmonie, die sich nicht, wie in der polyphonen
Kunst, als sekundre Folge ergibt, auch nicht, wie in der klassischen
Homophonie, dienender Unterbau der melodischen Gestalt, sondern Herrin
und Fhrerin ist, bedeutet als sthetisches Phnomen die Verlegung des
Gefhlszentrums in eine spekulative Sphre. Belebt wurde sie durch eine
allmhlich bis ins kleinste sich erstreckende motivische Gliederung,
aus deren sinnvollem Ineinandergreifen sich ein knstlich organisches
Gegenbild der Wirklichkeit ergab. Wagner macht sich Schopenhauers
romantische Musiksthetik zu eigen: die Musik ist Spiegelung aller
Objektivierungen des Willens, von der niedersten bis zur hchsten
Stufe. Alles ist innerlich aufeinander bezogen durch die Harmonie, und
oben schwebt als letzte Bindung der einigende melodische Faden.
Schopenhauer exemplifiziert zwar nicht auf Wagner, auch nicht auf die
Klassiker, sondern auf Rossini. Seine Betonung der primren Bedeutung
der Melodie zeigt seine Herkunft vom Idealismus, in seiner Auffassung
vom Wesen der Harmonie aber ist er durchaus der an die Vorstellung des
imaginren musikalischen Raumes und seines innerorganischen Lebens
gebundene Romantiker.

Dies ist der Sinn der romantischen Wendung zur melodisierten Harmonik:
die Gewinnung der musikalischen Raumvorstellung zum Aufbau einer
illusionistisch bewegten Klangwelt als Widerspiel und Korrektiv der
Realitt. Die Folge war eine stndig zunehmende berschtzung des
Wesens und der Bedeutung der Harmonie, die fr den Romantiker
schlielich der Inbegriff des Wesens der Musik berhaupt wurde. In
seiner Schrift "Die neue sthetik der musikalischen Impotenz" gibt Hans
Pfitzner eine entwicklungsphilosophische musikgeschichtliche Skizze, in
der er eine scharfe Grenzlinie zieht zwischen der Zeit, wo Musik nur
Wissenschaft gewesen, und der Zeit, wo sie Kunst geworden sei. Als
Kennzeichen des bergangs von der Wissenschaft zur Kunst wird genannt
der Augenblick, in dem "der Geist der Musik endlich das so lange
vorenthaltene Kleinod" herausgab, "den Teil seines Wesens, in dessen
Besitz die Musik zum erstenmal in der Welt als selbstherrliche Kunst
auftreten konnte: die Welt der Harmonie". Es ist hinzuzusetzen, da
Pfitzner den Beginn der harmonischen Musikauffassung wesentlich frher
ansetzt, als es hier geschieht, nmlich schon im spten Mittelalter,
da er also Unterschiede zwischen polyphoner, melodisch homophoner und
harmonischer Musikempfindung nicht annimmt. Indessen handelt es sich
nicht darum, ber Notwendigkeit und Berechtigung dieser Abgrenzungen zu
sprechen. Bezeichnend ist lediglich die Tatsache, da der Epigone der
Romantik in der Harmonie schlechthin das Wesenhafte der Musik erblickt,
da es ihm "uerst schwer, wenn nicht unmglich ist, sich eine
wahrhafte homophone Tongestalt vorzustellen", da bei ihm eben
jegliches Musikempfinden an die bewut oder unbewut mitschwingende
Harmonie gebunden ist. Das ist als subjektives Bekenntnis zweifellos
wahr und richtig und erklrt alle weiteren Folgerungen, die Pfitzner
aus seiner sthetischen Grundanschauung zieht. Falsch daran ist nichts
als die These selbst von der Harmonie als dem Urwesen der Musik, falsch
in bezug auf die Bezeichnung der frhmittelalterlichen Musik als bloer
Wissenschaft und das Nichtvorstellbare einer homophonen Tongestalt:
gbe es kein anderes Denkmal der musikalischen Frhzeit als den
Gregorianischen Choral, so wre der unwiderlegliche Gegenbeweis
erbracht. Aber auch in der Neuzeit ist die harmonische Musikvorstellung
als richtunggebende Empfindungsart erst zuletzt mit allen Symptomen
einer Nachblte zur Geltung gekommen. Wer in ihr das Wesenhafte der
Musik berhaupt erkennt, der freilich mu unvermeidlich, selbst wenn es
heute keine andersgerichtete Musik gbe, wenn also eine Opposition gar
nicht in Frage kme, zur sthetischen Erkenntnis eines Unterganges
kommen. Denn wirklich: diese Welt der Harmonie, dieses kunstvolle,
praktisch und theoretisch zur vollkommensten Organik entwickelte
Phantom einer musikalischen Raumvorstellung, dieses Illusionsgebilde,
dessen imaginre Realitt Verstand und Spekulation zu denkbar hchster
rationaler Gesetzmigkeit ausgebaut haben -- es geht wahrhaft unter,
geradeso, wie die Romantik untergeht, deren merkwrdigste und
eigentmlichste Schpfung es ist.

Die Welt der Harmonie geht unter -- aber die Welt der Musik bleibt
bestehen. Beide sind nicht identisch, und die Zeit der harmonischen
Musikempfindung ist im Ablauf des geistigen Werdens nur eine Episode
der Musikgeschichte, nicht einmal eine selbstndige, sondern eine
Ableitung, eine Wucherung der melodisch homophonen Musik. Was sie der
Romantik innerlich zugehrend und konform erwies, war der starke
spekulative Anreiz, den ihr Ausbau dem Verstande bot, war der Grundzug
rationeller Vernnftigkeit, der ihr nicht nur uerlich, sondern rein
gefhlsmig aufgeprgt war und ebendarum schematisch formalistische
Bildungen auerordentlich begnstigte, ja ihnen noch den Charakter
besonderer Ehrwrdigkeit und Tugend gab. An und in diesen Bildungen ist
nun die Welt der Harmonie erstarrt. Sie vermag sich nicht mehr aus
ihnen zu lsen, weil sie in Wahrheit gar keine Welt ist oder war,
sondern nur eine Insel in der Welt, deren Umkreis nun erkannt ist und
deren Geheimnisse durchforscht sind. Auf dieser Insel stehen wir heut
und sphen in die Weite, um den Weg zu neuen Ksten und Lndern zu
erforschen. Der Kompa, der dahin fhren soll, ist das Bewutsein der
irrationalen Natur der Musik. Aus diesem Bewutsein erwchst die
Abwendung von der Harmonie als Grundlage der Klangempfindung. Diese
Harmonie hatte in ihrer Entwicklung die Verbindung mit dem
gefhlsmigen Quell musikalischen Lebens verloren, sie hatte sich zu
einer Massenhufung von "Systemen" verhrtet -- keine Art der
Klanganschauung hat eine solche, fast unbersehbare Menge von Systemen
hervorgebracht, hat die Denkart der Menschen derart auf dogmatische
Gebiete abgeleitet. Es gilt nun, diese lebendige Dogmatik der
Harmonielehren als Lehren nicht etwa nur des technischen Satzes,
sondern vor allem als Zwangsschienen des Empfindungsvermgens
abzustreifen. Es gilt, darber hinaus den Weg zu einer neuen, dem
Verlangen nach auervernunftmiger Klanganschauung und -gestaltung
entsprechenden Kunst zu finden.

Hier stehen wir gegenwrtig, und in der gekennzeichneten Aufgabe, der
Gewinnung einer im Wesen neuen Art der Musikanschauung berhaupt liegt
alles beschlossen, was die Musik an Teilproblemen anderer Art bietet.
Gemeinschaftsgefhl, religises Bewutsein, Symbolik des Spieles, alles
dies sind ins Begriffliche gewendete Ausstrahlungen des zutiefst
musikeigenen Problems unserer Gefhlsauffassung der Musik. Die Fragen
des Stiles, der Form, der klanglichen Fassung sind gleichfalls an sich
nicht primrer, entscheidender Art. Auch ihre Lsung ist bedingt durch
die Art, wie wir Musik als Phnomen an sich empfinden, aus welcher
Einstellung des Gefhles wir sie erfassen.

Wir sind Suchende. In dieser Tatsache des Suchens mag mancher im [sic]
Zeichen zeitlicher Schwche sehen. "Alles Neue und Originelle gebieret
sich von selbst, ohne da man danach suchet", hat Beethoven gesagt. Es
war zweifellos richtig -- fr Beethoven, und wir drfen, ohne uns zu
schmen, zugestehen, da unter uns gegenwrtig kein Beethoven lebt.
Aber wir drfen auch hinzusetzen, da Kolumbus Amerika nicht entdeckt
htte, ohne es zu suchen. Wir drfen sogar weiter sagen, da er
eigentlich etwas Ganz anderes suchte als Amerika, da er von diesem
Erdteil gar nichts wute, ja da er ihn in Wirklichkeit auch nicht
entdeckt hat, sondern einer Tuschung verfiel -- und da er doch die
khnste Entdeckernatur war, vor deren Namen und Tat die Geschichte
innehlt. Was ihn trieb, war der Zwang zur neuen Welt. In der Kraft,
mit der er dieses Mu des Zwanges zur Tat wandelte, lag das
Entscheidende seiner Gre, nicht im unmittelbaren realen Ergebnis. Wir
sind in der Lage der Kolumbuszeit.

Die Sfte der alten Welt sind vertrocknet, sie stirbt, ihre glubigen
Einwohner sagen es selbst, und wir mssen einsehen, da sie recht
haben. Aber wir hngen nicht so an ihr, wir fhlen uns ihr nicht so
verbunden, da wir mit ihr sterben wollen. Im Gegenteil, wir sind der
Meinung, da sie wohl tut, zu sterben, weil ihre Zeit um ist und wir
den Glauben haben an die neue Welt, obwohl wir sie noch nicht sehen. In
der Tatsache dieses Glaubens an das Unbekannte liegt etwas, das mehr
ist als lediglich negative Opposition gegen das Bestehende, etwas, das
der bisherigen Zeit fremd war, uns ihr berlegen macht und uns die
berzeugung gibt, da die Fahrt sein mu, weil eben der Glaube es
befiehlt. Ob wir nun Indien auf dem andern Wege um die Welt erreichen,
oder vielleicht ein ganz neues Land, das knnen wir nicht sagen. Wir
wissen nur, da wir fahren mssen, nicht aus Abenteurerlust, sondern
unter dem Gebot der inneren Verheiung. In der Erfllung dieses Gebotes
liegt unsere Sendung.

So verlassen wir die alte romantische Welt der Harmonie. Der Blick
wendet sich zurck auf das, was vor ihr war. Die schne Idealwelt des
Klassizismus erkennen und verehren wir in all ihrer Hoheit, die
Sinfonien Haydns, die Opern Mozarts, die Quartette Beethovens sind
Bestandteile unsres Menschentums, die wir nicht hergeben knnten, ohne
uns selbst zu vernichten. Aber diese Welt ist fertig. Sie hat die freie
Persnlichkeit, die groe Melodie der Menschen gebracht. Was darber
hinaus lebendig und triebkrftig an ihr war, hat auf eben den Weg
gefhrt, den wir jetzt verlassen. Der Mensch als Einzelwesen hat als
Objekt der Kunst alles gegeben, wag er zu geben vermochte, von der
reinen Zusammenfassung strkster Schwungkrfte des Geistes bis zur
leidvollen Selbstzersetzung. Psychische und akustische Vorgnge
entsprechen einander: die Harmonie, diese merkwrdige Auseinanderlegung
des Haupttones in die gleichzeitig klingenden Nebentne ist als
Klangphnomen eine Zersetzungserscheinung, die die plastische Kraft der
Melodik von innen her zerstrt. Dieser Zerstrungskeim lag in der
klassischen Kunst der melodischen Homophonie eingeschlossen, hnlich
wie die immer hher gesteigerte Individualbelebung schlielich zur
Auflsung der Polyphonie gefhrt hatte. Nun haben wir den Kreis des
Einzelwesens umschritten und ausgeforscht, das Individuum als solches
ist wieder einmal im Lauf der Menschheitsgeschichte erkannt. Es hat von
sich allein aus nicht mehr viel oder gar nichts mehr zu geben auf lange
Zeit hinaus, wir haben kein Interesse mehr an ihm, seinen Gesetzen,
seinen Intimitten. Die Gattung, der Typus, die Gesamtheit rckt wieder
vor, das menschlich Gemeinsame tritt an die Stelle des persnlich
Besonderen, die Wage des Gefhles senkt sich wieder nach der anderen
Seite: vom melodisch harmonischen Individualismus zum polyphonen
Kollektivismus. Freilich zielt diese Umschaltung nicht auf
Wiederaufnahme der alten polyphonen Kunst. In diesem Fall wre sie
nichts anderes als ebenfalls romantische Stilknstelei, die nur statt
auf Mozart auf Bach Bezug nimmt. Es handelt sich vielmehr um einen
neuen, elementar bedingten Durchbruch der polyphonen Musikauffassung,
die als solche der vorklassischen Zeit nhersteht als der klassischen,
im brigen ihrer stilgesetzlichen Besonderheit nach von der Polyphonie
Bachs mindestens ebenso weit entfernt ist wie diese etwa von der
polyphonen Kunst des Mittelalters. Die zwischen zwei derartigen
geistesartlich verwandten Epochen liegenden Erlebnisse und Ausblicke
sind Erfahrungen, die nicht vergessen werden knnen. So sicher der
subjektivistische Auflsungsproze der harmonischen Empfindungsart
nicht mehr im Mittelpunkt des musikalischen Fhlens steht, so bedeutsam
wirken doch seine Ergebnisse auf die sich neu heranbildende Art der
Musikauffassung nach.

Das hier angeschlagene Problem ist keines einer einzelnen Nation,
sondern der Menschheit. Die groe Krise, in der wir stehen, die
Erkenntnis der Notwendigkeit einer nderung unserer Gefhlseinstellung
gegenber allen Erscheinungen des Seins, der berwindung des
Individuums, der Erfassung von Leben und Welt aus einem Mittelpunkt
auerhalb unsrer selbst ist eine Aufgabe, die schon ihrer Natur nach
nicht auf nur ein Volk beschrnkt bleiben kann. Wir sehen auch berall
gerade in der Musik der Vlker alter und neuer Kultur Anstze zu einer
Entwicklung im angedeuteten Sinn. Wir sehen sie aber in der deutschen
Musik besonders auffallend. Sicherlich nicht nur, weil wir ihr am
nchsten stehen. Kein Volk hat das Erlebnis der Romantik mit so
starker, glubiger Intensitt in sich aufgenommen, keines ist so bis
auf die tiefsten Wurzeln seines Wesens davon ergriffen worden. Keines
hat dieser Entwicklung zum Individualismus und Subjektivismus so
mannigfaltige, reiche Frchte abgewonnen und -- bei keinem hat der
geistige Zersetzungsproze, die Krankheitserscheinung der Romantik so
verheerende Folgen gehabt. E ist begreiflich, da daher auch gerade aus
der deutschen Musik der erste und strkste Vorsto gegen die
romantische Kunst erfolgte, der ihn in gedanklichem Phantasiespiel
vorbereitete, ist der Deutsch-Italiener Busoni, der ihn fhrte, ist
Arnold Schnberg. Gleich Mahler und Schreker ist auch Schnberg ein
Abkmmling der Romantik, der in seinen Anfangswerken mit vollem
Bewutsein die vielleicht reichste, phantasievollste Harmoniewelt der
Epigonenzeit aufbaute. Aber eben diese Leichtigkeit der Weiterbildung
berkommener Gesetzmigkeiten hat in ihm frh den kritischen Trieb
geweckt, hat die Erkenntnis geschrft fr das konventionell Gebundene
dieser Kunst. Was Mahler durch seine vorwiegend ethisch religise,
Schreker durch die elementare Triebhaftigkeit seiner sinnlichen
Phantasie fand, das erreichte Schnberg durch die unerbittliche Schrfe
und fanatische Hrte seiner kritischen Fragestellung. Der khnste,
rcksichtsloseste Intellekt der Nachromantik erkannte die
intellektuelle Bedingtheit dieser Kunstart. Auf dem Gebiet
vernunftmig geregelten Musizierens floh er in das Bereich der
beziehungslosen, rein phantastisch bewegten Musik, die aus der
bersteigerung des Subjektivismus diesen berwindet, aus der
spekulativen Zerfaserung der Harmonie diese aufhebt, aus der
atomisierenden Auflsung des Einzelnen, Besonderen wieder zur Erfassung
des Allgemeingltigen, Typischen, Menschlichen gelangt. Es ist das, was
nach Abstreifung des Individuellen brigbleibt, im Gegensatz zu der
lteren Typenauffassung, vor der das Persnliche als eigenberechtigt
noch gar nicht bestand. Dementsprechend ist Schnbergs Musik im
Vergleich zu der visuell flchenhaft empfundenen, wuchtig klaren
Ornamentik der Bachschen Polyphonie auf Erfassung des seelisch
Essentiellen gerichtet, mehr Gefhlsvibration als -darstellung. Das
Polyphone an ihr ist mehr Mittel als Zweck. Es ergibt sich nicht aus
dem Willen des Zusammenschlusses, sondern des irregulren
Nebeneinander, das die Harmonie nicht mehr kennt und die Stimmen aus
der rumlichen Tiefe wieder in die lineare Parallele zu bringen sucht.
Das Ziel aber, die Idee der Einigung, ist nicht eigentlich
kollektivistischer Art, es ist nicht Vielstimmigkeit im Sinne der
alten, organisch gebauten Polyphonie. Es ist vielmehr eine
Einstimmigkeit im absoluten Sinne, entharmonisierte Melodik freiester
Art, Projizierung aller Bewegungskrfte des Gefhls in eine einzige
Linie, die polyphone Mannigfaltigkeit des Stimmklangs,
individualisierende melodische Geschlossenheit und harmonisches
Raumgefhl in einem vereinigt.

Die verwirrende, scheinbar mitnende Polyphonie des Schnbergischen
Satzes ist in Wahrheit nichts anderes als das Suchen nach dieser
Einstimmigkeit hchster Art, als der Versuch, den Klang immer mehr auf
das Urwesenhafte zu beschrnken, ihn aller einengenden Subjektivismen
zu entkleiden, ihn lediglich zum Symbol des auch formal im
Verstandessinne Unfabaren, des psychologisch nicht Deutbaren, des
Irrationalen zu machen. Damit gelangt die Musik durch das Mittel der
Polyphonie wieder zu einer Homophonie zurck, von der der romantische
Musiksthetiker meint, da man sie sich in Wahrheit berhaupt nicht
vorstellen knnte. Und doch liegt in der Aufgabe, diese
Vorstellungsgabe zu gewinnen, der Kern der musikalischen Probleme
unserer Zeit. Je mehr wir erkennen, da die Kurve der musikalischen
Bewegung tatschlich dauernd in absteigender Linie luft, da alles,
was uns das 19. Jahrhundert gebracht hat, Produkt stndig zunehmender
Materialisierung, Steigerung der Mittel unter Vergessen oder
theatralischer Vortuschung der seelischen Grundkrfte bedeutet, um so
strker wird der Drang nach Abstreifung all dieser artifiziellen
Auswchse, nach Vereinfachung, nach Rckgewinnung der ursprnglichen
Naturkraft des musikalischen Klanges. Solche Vereinfachung ist nicht zu
finden durch Reduzierung der blichen Mittel, nicht durch eigensinniges
Festhalten an einem gegebenen historischen Schema, auch nicht durch
stilistische Verkleidungsknste. Sie setzt voraus vllige Umstellung
der seelischen Grundkrfte, aus denen die Musik erwchst, Wille und
Fhigkeit, Musik berhaupt auerhalb aller Konvention als Formung
elementarer Gefhlskraft, als Naturlaut zu erkennen. Um zu solcher
reinen Homophonie zu gelangen, mssen wir fhig werden, die absolute
Linie nicht als Teilornament eines polyphonen Gewebes, nicht als
Fhrerin oder abgrenzende Umkleidung der harmonischen Bewegung, sondern
als selbstndige Ausdrucksgestaltung hchst potenzierter Kraft zu
empfinden. Dies ist wohl die Richtung, in die Schnbergs Schaffen
deutet. Wenn wir berhaupt an die Mglichkeit des Weiterlebens der
Musik oberhalb der blden Gewohnheit und des gedankenlosen Betriebes
glauben, so knnen wir es nur in der Richtung der prophetischen Kunst
Schnbergs fr denkbar halten.

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Man pflegt in Deutschland den Deutschen im allgemeinen als musikalisch
hervorragend begabt und das deutsche Volk als auf musikalischem Gebiet
vor allen anderen ausgezeichnet anzusehen. Wie weit solche Ansicht der
Wirklichkeit entspricht, wre genau wohl nur durch vergleichende
Statistik festzustellen. Zunchst ist die Tatsache unzweifelhaft, da
Franzosen und Italiener eine sehr hochstehende geschichtliche
Musikkultur, die Russen eine auerordentlich eigentmliche Kirchen- und
Volksmusik aufzuweisen haben, und da der Durchschnittstyp des
Italieners, Tschechen, Russen an natrlicher Musikalitt dem Deutschen
mindestens gleichkommt. Dem Talent und der produktiven Veranlagung nach
drfte es vielleicht schwerfallen, den Vorrang der Deutschen zu
beweisen. In einer Beziehung aber scheinen sie sich gegenber anderen,
hnlich begabten Vlkern hervorzutun: in der Art nmlich, wie ihre
Musik zum unmittelbaren Abbild ihrer Geistesgeschichte wird, wie sie
alle Wandlungen der Volksseele in sich aufnimmt, sie widerspiegelt, ja
aus ihnen eigentlich die Impulse ihres Seins empfngt. Die Musik
anderer Vlker ist wohl ebenfalls Wandlungen unterworfen, aber dies
sind Wandlungen des Geschmackes, und so mannigfache Verschiedenheiten
es etwa innerhalb der italienischen oder franzsischen Oper der beiden
letzten Jahrhunderte gibt, so sind dies im Grunde genommen nur
Unterschiede des Zeitstiles, der Einkleidung. Gleich bleibt sich stets
die durch nationales Temperament bedingte Auffassung der Musik als
unmittelbarer Sprache der Sinne, des Blutes, des Formwillens. Fr den
Deutschen dagegen ist die Musik angewandte Metaphysik. Dies gilt nicht
nur fr den betrachtenden Beobachter, es gilt fr den Schaffenden wie
fr den Aufnehmenden, es gilt fr jeden Deutschen. Diese metaphysische
Einstellung zur Musik ist eine der grundlegenden, logisch nicht zu
erklrenden Eigenschaften des Volkscharakters oder der Volksseele. Sie
wird ebenso offenbar am einfachsten Lied wie an der kompliziertesten
Kunstmusik, und sie ist es, nicht irgendwelche konventionelle Eigenheit
der Faktur, die der deutschen Musik ihr eigentmliches Geprge, ihre
Sonderstellung innerhalb der Kunst aller Vlker gibt. An sinnlicher
Wrme des Blutes wird uns stets der Italiener, an Klarheit und
logischer Beherrschtheit der Gestaltung stets der Franzose berlegen
sein. Das bersinnlich-Unaussprechbare, der Wille zum Transzendenten,
die Verwebung feinster Probleme des Geisteslebens mit den Gesetzen der
Klangformung, die Empfindung des Klanges berhaupt als metaphysischen
Symboles ist die bezeichnende Eigenheit der deutschen Musik.

Schon daraus ergibt sich ihr Angewiesensein auf Zuflsse von auen. Es
ist nie zu befrchten, da solche Zuflsse sie schdigen, ihrer
Originalitt berauben knnten. Abgesehen davon, da es eine schwache
Originalitt wre, die sich nur durch gewaltsame Absperrung zu halten
vermag, wird die deutsche Musik niemals ernstlich fhig sein,
fremdlndische Muster wirklich zu kopieren. Sie kann gar nicht anders,
als die ihr zugetragenen Gefhls- und Formanregungen aus der ihr
eigentmlichen metaphysischen Grundeinstellung erfassen, sie also in
eine vllig andersgeartete Vorstellungs- und Empfindungssphre
bertragen. Andererseits macht gerade diese Art der Grundeinstellung
steten Zuflu blut- und formgebender Krfte von auen her erforderlich.
Wir sind auch als musikalische Kulturtrger kein Volk der
Selbsterzeuger, wir sind ein Volk der Verarbeiter. Wo je im Lauf der
gesamten Geschichte die deutsche Musik einen Hhepunkt erreicht hat, da
hatte sie auf fremdvlkischem Material aufgebaut. Wegen dieses
auernationalen Ursprunges und wegen der metaphysischen
Steigerungskraft der deutschen Musik sind solche Hhepunkte zugleich
Hhepunkte der musikalischen Kunst berhaupt geworden. Wo aber die
deutsche Musik durch den Gang der Ereignisse nach auen abgeschlossen
wurde, da ist sie bla und schwach geworden, ihre Metaphysik hat der
Unterlage einer lebendigen Physis entbehrt.

So ist die deutsche Musik unmittelbar dem deutschen Geistesleben im
tiefsten Sinne verknpft und spiegelt dessen Wandlungen ihrer
metaphysischen Natur nach in unerbittlich genauer Schrfe. Zur Fhrung
berufen, der letzten Abklrung fhig und zugewandt, vermag sie zu
diesen hchsten Eigenschaften ihres Wesens nur im Durchgang durch
andere zu gelangen. National bedingt, ist sie nach Gesinnung und
Auswirkung eine europische Kunst, in ihr leben und kmpfen die
Probleme des europischen oder schlechthin des Menschentums berhaupt.
Der groe Niederbruch hat sie gepackt und mitgerissen wie kaum eine
andere Zeiterscheinung der Geistesgeschichte. Was im heutigen
musikalischen Leben Deutschlands vor sich geht, ist das getreue, im
einzelnen ins Groteske verzerrte Abbild unseres allgemeinen Lebens. Es
wird gekmpft nicht nur um berzeugungen und Urteile, es wird gekmpft
um Gesinnung und Macht, es wird gekmpft nicht mit Einsichten und
Grnden, sondern mit Terror und Lge, es wird gekmpft nicht um
sachliche Werte, sondern um persnliche Interessen, und das Was und Wie
all dieser Kmpfe ist eine grobe Karikatur der Dinge, deren reiner Name
mibraucht wird.

Aber in dieser Musik lebt hinter allen Trugmasken, heut noch fern dem
Tage, Erkenntnis der tiefsten Notwendigkeit geistiger Erneuerung. Es
lebt der Glaube an das Kommende, das andere, das mit Namen nicht zu
nennen ist, und dessen Dasein doch innerlichst ersprt wird. Es lebt
die Idee, da nicht nur Untergang, sondern auch Aufgang bevorsteht, es
lebt die Vorstellung des unbekannten Gottes. Gerade in der deutschen
Musik ist sie lebendig, zieht sie ihre starken Spuren, wirkt sie mit
wachsender prophetischer Kraft. Sie hat uns die Fhigkeit des Glaubens,
de berzeugung von der Notwendigkeit dieses Glaubens als seelischer
Voraussetzung aller Offenbarung gebracht. Das ist ihre strkste
Leistung. Der Erfllung mssen wir noch harren, bis wir selbst ihrer
fhig sind.




DIE DEUTSCHE PHILOSOPHIE DER GEGENWART
VON MAX SCHELER

Vom "Volksverband der Bcherfreunde" und dem Herausgeber aufgefordert,
auf engem Raum ein Bild zu geben von der gegenwrtigen deutschen
Philosophie, ist der Verfasser sich bewut, da der Gegenstand mehr wie
je als ein im Werden befindlicher betrachtet werden mu. Die Tendenz
auf Zersprengung vorhandener, lange bewhrter Formen, die in den
Sphren des sozialen Lebens, der Kunst (Expressionismus) und der
Wissenschaft (Relativittslehre) mit seltsamer Gleichzeitigkeit
auftritt, ist auch in der Philosophie der Gegenwart weit grer, als es
der erste Augenschein lehrt. Die besondere Absicht, die der sonst
solchen Zusammenfassungen wenig geneigte Verfasser mit diesen Zeilen
verbindet, ist, einem greren Bildungskreise die Mglichkeit zu geben,
sich durch eigene Gedankenarbeit in diejenigen Leistungen der
gegenwrtigen Philosophie tiefer einzuarbeiten, die er nach eigenem
philosophischen Urteil fr die triebkrftigsten und zukunftsreichsten
hlt. Die menschliche und nationale Selbstbesinnung nach dem
tiefgreifenden Zusammenbruch unseres Staates und unserer bisherigen
gesellschaftlichen Ordnungen vollzieht sich in der Philosophie in der
hchsten und durchgeistigtsten Form. Richtungen und Wege zu ihr mgen
daher indirekt auch auf diesen Blttern mitbezeichnet werden. Es wird
dem Verstndnis dienlich sein, wenn der Verfasser schon hier am Anfange
in vager Weise die formale Gestalt der Art von Philosophie bezeichnet,
auf die hin das Beste der gegenwrtigen Arbeit zielt. Insofern
behauptet er: Eine universale, durch die nationalen Mythen nicht
gebundene, mit traditionalistischen Schulstandpunkten und ihren
terminologischen Geheimsprachen prinzipiell brechende S a c h
philosophie, die auch die metaphysischen Weltanschauungsfragen in den
Grenzen, in denen es Philosophie im Unterschied zur Religion allein
vermag, in kritischer und vorsichtiger Weise wieder einer Lsung
zuzufhren sucht, beginnt sich unter der methodischen Leitung des
Satzes vom Primat des Seins vor dem Erkennen in der Gegenwart von den
verschiedensten Seiten her aufzuarbeiten. Der Subjektivismus,
erkenntnistheoretische Idealismus, Relativismus, Sensualismus,
Empirismus und Naturalismus wird im Aufbau dieser Philosophie langsam 
b e r w u n d e n, und es wird wie von selbst eine Wiederanknpfung der
Philosophie stattfinden an die groen Traditionen jenes objektiven
Ideenidealismus, der etwa bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts das
europisch-christliche Denken immer noch notdrftig zusammenhielt --
eine Wiederanknpfung, die um so wertvoller sein drfte, als sie
ungewollt und aus der schlichten Untersuchung der Sachprobleme der
Philosophie selbst sich ergibt: gleichzeitig aber das neue positive
Wissen, das die Einzelwissenschaften erarbeitet haben, in sich
aufnimmt. Diese Philosophie wird nicht sein wollen die D e s p o t i n
der Einzelwissenschaften, wie in der sogenannten "klassischen" Epoche
der deutschen Spekulation (z. B. Hegel), noch bloe D i e n e r i n
der Einzelwissenschaften (als Erkenntnistheorie und Methodologie),
sondern wird in dem daseinsfreien "W e s e n"  aller Seinsgebiete der
Welt einen selbstndigen, n u r der Philosophie zugnglichen G e g e n
s t a n d  besitzen, den sie mit eigenen Methoden zu erkennen
unternimmt.

Will man die Philosophie der Gegenwart verstehen, so wird man sie auf
den greren Hintergrund der Philosophie des 19. Jahrhunderts mit ihren
Phasen projizieren mssen. Die Merkmale der G e s a m t g e s t a l t
der Philosophie des 19. Jahrhunderts sind gegenber der Philosophie des
17. und 18. Jahrhunderts die folgenden:

Die Philosophie des 19. Jahrhunderts zeigt erstens eine weitgehende n a
t i o n a l e  Verengung. Der Denkverkehr der europischen Nationen,
wie er uns etwa in einer Figur wie Leibniz gegenwrtig ist, wird durch
die steigende Ausbildung des nationalen Selbstbewutseins und des
nationalen Mythos erheblich geschwcht. Besonders in Deutschland wird
mit Kant, obzwar dieser groe Geist sich selbst noch vollstndig als
Brger der kosmopolitischen Gelehrtenrepublik fhlt, eine Denkrichtung
angebahnt, die die deutsche Philosophie in starkem Mae aus der
christlich-europischen Tradition herauslst und ihr einen
national-partikularistischen Charakter auf viele Jahrzehnte hin erteilt.

Ein zweites Merkmal ist die wachsende V i e l h e i t  der
philosophischen Standpunkte, Schulen, Sekten. Indem die Philosophie in
der ersten Hlfte des 19. Jahrhunderts einen vorwiegend geschlossenen
S y s t e m charakter annimmt und damit weit mehr als frher persnlich
gebundener wird ("Romane der Denker" nannte es Sophie Germaine), in der
zweiten Hlfte aber umgekehrt sich in Einzelwissenschaften aufzulsen
oder als deren bloe Dienerin zu konstituieren suchte, geht beidemal
der Gedanke "einer" s e l b s t  n d i g e n Philosophie, an der
Generationen und Vlker g e m e i n s a m zu bauen haben, verloren.

Ein drittes Merkmal, das fr die  d e u t s c h e  Philosophie
besonders aufdringlich ist, ist die diskontinuierliche antithetische
Entwicklung. Whrend sich die Philosophie der Neuzeit bis zum 19.
Jahrhundert im groen Ganzen, um wenige Grundfragen bemht,
kontinuierlich entfaltete, ist das 19. Jahrhundert von Diskontinuitt,
Abbruch, pltzlicher Wiederanknpfung an ltere Gedankenrichtungen
durchzogen. Der Zusammenbruch der deutschen Spekulation nach Hegels
Tod, die zeitweise Herrschaft des Materialismus in den Jahren von 1840
bis 1860, die Wiederanknpfung an Kant (Neukantianismus), an Thomas von
Aquin (Neuthomismus), spter an Fichte und Hegel sind dafr nur die
sichtbarsten Beispiele dieser Diskontinuitt. Die Reaktions- und
Restaurationsphilosophie der Romantik versuchte mit ganz
subjektivistischen und unmittelalterlichen Methoden mittelalterliche
I n h a l t e  und  W e r t e  wiederzugewinnen, um auf diese Weise
rein antithetisch und reaktiv die gewaltige zusammenhngende Vernunfts-
und Menschheitskultur des 18. Jahrhunderts zu berwinden. Bis zu
Schopenhauer, Nietzsche, E. Rohde, J. Burckhardt, E. von Hartmann, ja
bis zu O. Spengler hat die romantische Bewegung einen tiefgehenden
Z w i e s p a l t  in das philosophische Denken des 19. Jahrhunderts
hineingelegt, der bis heute unberbrckt ist. Aller gegenwrtige
"Irrationalismus" (Bergson, Theosophie usw.) knpft wieder an sie an.
Aus der Verbindung von Auslufern der romantischen Bewegung mit der
durch die Kenntnis des Sanskrit (in Deutschland zuerst verbreitet durch
W. von Humboldt) erschlossenen Weisheit des Ostens (insbesondere
Indiens) ist auch das gegenber der Philosophie des 17. und 18.
Jahrhunderts gnzlich n e u e Element des metaphysischen, ethischen und
geschichtsphilosophischen P e s s i m i s m u s (Schopenhauer, E. von
Hartmann, Mainlnder, Spir, in anderer Richtung Nietzsche in seiner
ersten Phase) hervorgegangen. Auch der zuerst im Pessimismus erfolgende
Eintritt der Philosophie des O s t e n s  in die Geschichte des
europischen Denkens (in Deutschland besonders durch Paul Deuens
"Geschichte der indischen Philosophie" verbreitet), ist ein  s p e z i
f i s c h e s  Merkmal des 19. Jahrhunderts. Durch die im Krieg
erfolgte strkere Berhrung der deutschen Bevlkerung mit dem Osten ist
diese Bewegung noch gewaltig gefrdert worden (Neubuddhismus,
Theosophie, Anthroposophie); auch die berwindung des "Europismus" in
der Geschichtsauffassung (der Hegel und Comte noch gemeinsam ist), das
heit der Methode, an die ganze Entwicklung der Weltgeschichte
europische Mastbe und geschichtliche Bewegungsformen anzulegen, ist
in dieser Bewegung stark in Frage gesetzt worden. Indem die Romantik
ferner das Studium der positiven Religionen in die Sphre der
allgemeinen Bildung hineintrug, hat sie auch die konfessionellen
Bindungen des philosophischen Denkens gegenber dem 18. Jahrhundert
wieder bedeutend verstrkt. Sie hat ferner auf viele Jahrzehnte hin die
philosophische Arbeit so einseitig auf das Studium der Geschichte der
Philosophie hingerichtet, da ein Mann wie Kuno Fischer sagen konnte:
"Geschichte der Philosophie treiben heit selbst philosophieren."
Whrend Kant noch meinte, das "wre ein armseliger Kopf, dem die
Geschichte der Philosophie seine Philosophie ist", hat der historische
R e l a t i v i s m u s  in der Philosophie bis in die achtziger Jahre
des vorigen Jahrhunderts hinein die philosophische Arbeit aufs strkste
niedergehalten. Erst die Philosophie der letzten beiden Jahrzehnte ging
daran, diesen Historismus zu berwinden. Freilich nur in mavoller
Weise: denn auch in den Forschern, bei denen sich die Philosophie,
abgesehen von Erkenntnistheorie, in bloe Weltanschauungs l e h r e
auflst, d. h. in Typologie und Psychologie der Weltanschauung (W.
Dilthey, M. Weber, K. Jaspers, H. Gomperz, O. Spengler) ist der aus der
Romantik entsprungene Historismus noch stark gegenwrtig. Und nur in
anderer, naturalistischerer Form erscheint er wieder bei den
Neupositivisten (E. Mach, Levy-Brhl und anderen), die selbst die
Denkformen und Denkgesetze soziologisch aus Traditionen und Erblichkeit
herleiten wollen.

Ein letztes Merkmal der Philosophie des 19. Jahrhunderts ist es, da
sie aus Biologie, Geisteswissenschaften und der seit Fechner in die
Philosophie eingegangenen Disziplin der experimentellen Psychologie
weit strkere Antriebe empfangen hat als die Philosophie des 17. und
18. Jahrhunderts, deren Probleme beraus einseitig durch die
mathematischen Naturwissenschaften Galileis und Newtons gebunden und
bestimmt waren.

Auf diesem allgemeinen Hintergrund der Gestaltung der Philosophie des
19. Jahrhunderts berhaupt gewinnt die gegenwrtige Philosophie
Deutschlands ein um so greres Interesse, als ihre bedeutsamsten
Erscheinungen, obzwar weitgehend genhrt durch das gesamte Gedankengut
der Philosophie des 19. Jahrhunderts, sich in vieler Hinsicht in
scharfem Gegensatz zu dieser Gestaltung befinden. Die Philosophie der
Gegenwart strebt danach, den mehr oder weniger  a n a r c h i s c h e n
Zustand zu berwinden, der -- diese Merkmale zusammengeschaut -- das
allgemeinste unterscheidende Moment der Philosophie des 19.
Jahrhunderts ausmacht. Dies wird die folgende Darstellung genauer
erhellen.

Wir behandeln im folgenden nur die deutsche Philosophie der Gegenwart.
Um so mehr mssen wir uns klarmachen, da die deutsche Philosophie das
bergewicht, das sie vor hundert Jahren in der Welt besa, lngst
verloren hatte. Der grte internationale Einflu ist, wie K.
sterreich in Hinnebergs "Kultur der Gegenwart" I/6, 3. Auflage,
treffend bemerkt, von der franzsischen Philosophie in den letzten
Jahrzehnten ausgegangen. Der Einflu Bergsons und der Einflu W. James'
lt sich mit keinem Einflu eines Deutschen vergleichen. Andererseits
wirkt die ltere deutsche Spekulation, insbesondere Hegel, im Ausland
(besonders England, Amerika, Ruland, Italien) auch heute noch strker
als irgendein nachhegelscher deutscher Denker -- mit Ausnahme
vielleicht Nietzsches. Trotzdem waren die internationalen Beziehungen
der deutschen Philosophie zum Auslande vor dem Krieg in starker Zunahme
begriffen, und es ist aus manchen Anzeichen zu erhoffen, da sie sich
auch bald wiederherstellen werden.

Will man die gegenwrtige deutsche Philosophie zur ersten bersicht in
gewisse G r u p p e n  ordnen und zugleich einige ihrer allgemeinen
Charakterzge hervorheben, so sind es vor allem d r e i Gegenstze,
nach denen man diese Gruppierung vollziehen kann.

Der erste ist der hchst unerfreuliche Gegensatz einer nur engste
Kreise berhrenden streng wissenschaftlichen Fach- und
Universittsphilosophie und einer unmethodischen, wenig strengen, mehr
oder weniger aphoristischen, aber weiteste Bildungskreise suggestiv in
Bann haltenden "philosophischen Literatur". Im Gegensatz zur
Philosophie des 18. Jahrhunderts, zum Zeitalter Kants und Hegels, aber
auch noch im Gegensatz zum Zeitalter Fechners und Lotzes, vermochte die
akademische Philosophie das geistige Interesse grerer Bildungskreise
bis vor kurzem n i c h t  zu gewinnen. Um so mehr vermochte das aber
eine philosophierende Literatur, deren Hauptexponent und Vorbild
Nietzsche gewesen ist, eine Literatur, die ohne Verbindung mit der
strengen Wissenschaft unmethodisch und weit unter der Niveauhhe der
groen Philosophie der Vergangenheit, in subjektiv persnlicher Form
Meinungen und Werturteil ausspricht. Hierher gehren z. B.
Erscheinungen wie R. Steiner, Johannes Mller, O. Spengler, W.
Rathenau, Graf Keyserling, H. Blher, die philosophierenden Mitglieder
des George-Kreises und andere mehr. Dieser Z e r f a l l in zwei so
gnzlich verschiedenartige Gattungen von "Philosophie" steht in
scharfem Gegensatz zu allen philosophisch p r o d u k t i v e n
Zeiten, und er mu vor allem aufgehoben werden, wenn die deutsche
Philosophie sich aus der Anarchie des 19. Jahrhunderts wieder erheben
soll. Das ist nur mglich, wenn zwei Arten von akademischer Philosophie
langsam in den Hintergrund treten, die bisher an den deutschen
Universitten noch stark in Herrschaft sind.

1. Die traditionalistischen Standpunkts- und Schulphilosophien. Sie
machen sich alle dadurch kenntlich, da sie ihre eigene Namengebung mit
dem Worte "Neu" beginnen (z. B. Neukantianer, Neuthomisten,
Neufichteaner, Neuhegelianer), als wollten sie nach dem Gesetz: Lucus a
non lucendo damit sagen, da das, was sie lehren, etwas altes ist.
Eigen ist diesen philosophisch-akademischen Richtungen das, was das
Wesen jeder "Scholastik" ausmacht: da man sowohl in der Arbeit an den
Sachproblemen in bereinstimmung mit einer historischen A u t o r i t
 t (wenigstens im "wesentlichen") zu bleiben sucht, andererseits aber
die Meinung dieser Autoritt immer so interpretiert, da man noch sagen
kann, die eigenen Sachforschungen stimmten mit ihrer Meinung berein.
Diese fortgesetzte Angleichung von Sachforschung und
historisch-philologisch interpretierter Meinung eines Philosophen h i n
d e r t aber ebensowohl echte und reine Sacherkenntnis wie echtes
historisches Verstndnis. Am weitesten in dieser "scholastischen"
Methode sind heute merkwrdigerweise nicht die sogenannten
"Neuscholastiker" gegangen, sondern die Neukantianer, deren
Sachforschungen wie geschichtliche Leistungen (besonders H. Cohen, P.
Natorp, E. Cassirer) trotz ihrer mannigfachen Anregungskraft diesen
Charakterzug durchgehends verraten. Eng verbindet sich Schulerstarrung,
Anschauungs- und Wirklichkeitsfremdheit und eine geheime verzwickte
Terminologie (die alle groen Philosophen der Geschichte n i c h t
gekannt haben, und die schon von vornherein eine dicke Wand zwischen
Philosophie und Bildung setzt) mit dem bezeichneten "scholastischen"
Charakter. Erst mit Edm. Husserls "Logischen Untersuchungen" hat eine
standpunkt f r e i e, nicht traditionalistische S a c h philosophie
wieder in breiterem Mae eingesetzt, wenn auch Mnner wie Franz
Brentano, Rehmke, Driesch, B. Erdmann, Stumpf auch schon vor Husserls
Auftreten die Philosophie in diese Richtung geleitet haben.

Ein zweiter Grund fr das Auseinanderfallen der deutschen Philosophie
in methodisch strenge Sachphilosophie und "philosophische Literatur"
ist in der Tatsache zu sehen, da die gegenwrtige deutsche Philosophie
jahrzehntelang, wie Lotze sich ausdrckte, nur "die Messer zu wetzen
pflegte, ohne zu schneiden", da sie, herausgewachsen aus dem
sogenannten Neukantianismus (Otto Liebmann, Albert Lange, H. Cohen, P.
Natorp), der nach dem Zusammenbruch der deutschen Spekulation die
Philosophie zuerst wieder an deutschen Hochschulen mglich machte, sich
aufs einseitigste, auf Erkenntnistheorie und Methodologie beschrnkte
und sich dabei im Grunde nur als Dienerin der Einzelwissenschaften
fhlte. So bertrug sich der Fachcharakter auch auf die Philosophie,
deren Wesen es doch gerade ausschliet, ein "Fach" n e b e n anderen zu
sein. So gab sie nicht nur ihre zentralste und ihre wesentlichste
Disziplin, die Metaphysik, meist vllig preis, sondern hatte auerdem
zu dem brigen geistigen Leben der Nation, zu den Problemen des
Staates, der Gesellschaft, zu Kunst und Dichtung, zur Religion und zum
Problem der Gestaltung und Bildung der geistigen Persnlichkeit kaum
irgendeinen Zugang mehr. Die bernahme einer groen Anzahl von
Lehrsthlen durch Vertreter der "jungen experimentellen Psychologie"
befestigten diesen Zustand noch mehr, zumal diese junge und
verheiungsvolle neue Wissenschaft sich erst in den letzten Jahren
ihrer Entwicklung auch den hheren geistigen Funktionen zuwendete oder
doch durch gewisse, in ihr erwachsene Probleme, z. B. durch das
Gestaltproblem, wieder strkeren Anschlu an die philosophischen Fragen
gewann. Auf seiten der "philosophischen Literatur" aber wurde der
echten Philosophie nicht minder Abbruch getan: einmal dadurch, da man
in ganz unsachlicher und subjektivistischer Weise seinen Einfllen die
Zgel schieen lie, das Geistreiche und Blendende an die Stelle des
Wahren, die Suggestion an die Stelle der berzeugung im sokratischen
Sinne setzte; ferner dadurch, da man in mehr oder weniger gnostischer,
die Selbstndigkeit der Religion und der Mystik gegenber der
Philosophie total verkennender Weise die Philosophie von aller strengen
 W i s s e n s c h a f t  loslste und sie zu einer Sache von
S e k t e n machte, die, im Gegensatz zu den akademischen Schul- und
Standpunktsphilosophien, sich um das rein persnliche, echte oder
scheinbare Charisma einer starken Natur gruppierten. So entstanden
Sekten aller Art, die besonders zu nennen nicht notwendig ist. So ist
es auch verstndlich, da das im 19. Jahrhundert fast verloren
gegangene W e s e n der Philosophie in der Gegenwart erst wieder
aufgesucht werden mute (siehe E. Husserl: "Philosophie als strenge
Wissenschaft", Logos Bd. I, Heft I; siehe auch M. Scheler: "Vom Ewigen
im Menschen", Bd. I, "Vom Wesen der Philosophie").

Ein zweiter Gegensatz durchquert die gegenwrtige Philosophie in d e r
Richtung, ob sie in ihren Problemen mehr geistes- oder
naturwissenschaftlich orientiert ist. Das wird in der folgenden
Darstellung scharf hervortreten im Gegensatz sowohl der neukantischen
und der sdwestdeutschen Schule als in den Gegenstzen der einzelnen
selbstndigen Sachdenker. Auch dieser Gegensatz ist ein Zeichen dafr,
da wir eine  u n i v e r s a l e  Philosophie noch nicht besitzen:
denn eine solche mu b e i d e n groen Daseinsgebieten, und zwar durch
Vermittelung des selbstndigen Sachgebietes der inneren und ueren
B i o l o g i e, ihr gleichmiges Interesse zuwenden und darf sich
nicht als bloe "ancilla scientiae" zum einseitigen Vorspann e i n e r
dieser Teile der Wissenschaften machen. berhaupt ist nichts der
Philosophie abtrglicher als die bis vor kurzem in unserem Lande immer
wieder erneuten Versuche, von den Gegebenheiten und Grundbegriffen
einer Einzelwissenschaft her, das g a n z e Weltproblem lsen zu
wollen. Solches geschah z. B. im sogenannten Psychologismus durch eine
gnzlich unberechtigte Ausdehnung der Begriffe, "psychisch" oder
"Bewutsein": in der Energetik Ostwalds durch eine Verabsolutierung des
Energiebegriffes, im Empfindungsmonismus Ernst Machs durch eine falsche
Verabsolutierung des Empfindungsbegriffes; in gewissen Richtungen der
"Lebensphilosophie" in einer falschen Ausdehnung und Verabsolutierung
des Begriffes Leben, in der neukantischen Marburger Schule in einer
falschen Verengung des Erkenntnisbegriffes auf mathematische
Naturwissenschaft. Die Philosophie hat, von einer Lehre ber die
Grundarten der G e g e n s t  n d e ausgehend und von dem Satze, da
sich alle Methoden nach der Natur, der Gegenstnde zu richten haben
(und nicht die Gegenstnde nach Methoden), einen wahren Ausgleich
zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Interessenrichtungen und
methodischen Denkrichtungen herbeizufhren, die Wissenschaften auf dem
Boden einer selbstndigen philosophischen und allseitigen
Erkenntnistheorie zu ordnen und in gegenseitige fruchtbare Beziehung zu
setzen. Sie hat nach wie vor zwar nicht eine die Einzelwissenschaften
erdrckende Despotin wie zur Zeit Hegels zu sein, noch weniger aber
ihre Dienerin, sondern "Knigin" in jenem legitimen letzten Sinn, der
die wohlerworbenen Rechte der Fachwissenschaften von einem eigenen,
eben nur philosophischen Standpunkt aus s e l b s t  n d i g wrdigt
und achtet und sie fr das Ganze unseres Weltbegriffes und unserer
Weltanschauung fruchtbar macht. Die Philosophie des 17. und 18.
Jahrhunderts, die Philosophie des Descartes und Leibniz vermochte
gerade darum so hufig auch den Einzelwissenschaften R i c h t u n g zu
geben und ihnen fruchtbare Anregung zu erteilen, weil sie im engen
Konnex mit den Wissenschaften (und nicht losgelst von ihnen, wie
unsere Literatenphilosophie) sich nicht einseitig damit zufrieden gab,
blo zu formulieren, was die "Voraussetzungen der Einzelwissenschaften"
seien und welche Methoden sie selbst anwenden. Die gegenwrtige
berwindung der Galilei-Newtonschen Naturansicht durch die vier groen
naturwissenschaftlichen philosophischen Fermente unserer Zeit  die
Elektronentheorie, die Einsteinsche Relativittstheorie, die Plancksche
Quantentheorie und die positiv-wissenschaftlichen und neuvitalistischen
Versuche, den Organismus mit bermechanischen Agenzien zu erklren,
sollten J e d e m  zeigen, was aus einer Philosophie werden mu, die
nur objektiv logische Voraussetzungen einer flschlich verabsolutierten
Wissenschaftsstufe zu suchen pflegt. Sie hrt mit der berwindung
dieser Wissenschaftsstufe eben auf, irgendeine Bedeutung zu haben. Nur
dann, wenn die Philosophie einen e i g e n e n   G e g e n s t a n d
und eine e i g e  n e  Methode besitzt allen einzelnen Seinsgebieten
gegenber, die als solche auch die positiven Wissenschaften erforschen,
wird sie mehr sein knnen als die bloe Eule der Minerva der positiven
Wissenschaft; und nur, wenn sie die S a c h e n selbst, nicht nur die
Wissenschaft ber die Sachen als bloe "Erkenntnislehre" sich zum
Gegenstand setzt (freilich mit Einschrnkung auf ihr daseinsfreies
Wesen, ihre e s s e n t i a), kann sie der positiven Wissenschaft auch
geben, anstatt blo von ihr zu nehmen.

In Hinsicht auf einen dritten Gegensatz, der auch die gegenwrtige
Philosophie noch unabhngig von einzelnen Sachproblemen bestimmt,
nmlich dem Gegensatz der religisen Traditionen (katholische und
protestantische Philosophie), ist das Erfreuliche zu vermelden, da
dieser Gegensatz, der streng genommen in der Philosophie berhaupt
keinerlei Rolle zu spielen htte, auch tatschlich stark zurckgetreten
ist. Kant und seine von der Theologie ausgegangenen spekulativen
Nachfolger hatten der deutschen Philosophie einen, geschichtlich
gesehen, einseitigst protestantischen Charakter erteilt. Die
katholische Philosophie oder, besser gesagt, die Philosophie des
katholischen Kulturkreises ging, abgesehen von ganz wenigen
Erscheinungen der Romantik (z. B. Franz Baader, Deutinger,
Froschammer), ihre Wege vllig fr sich, und es bestand bis vor kurzem
keinerlei tiefere Berhrung zwischen den Forschergruppen beider
Konfessionen. Der von der Enzyklika "Aeterni patris" im Jahre 1897 von
Leo XIII. angeregte Neuthomismus, der durch die Lwener Schule des
belgischen. Kardinals Mercier auch eine fr die modernen
wissenschaftlichen Probleme etwas geffnetere Form erhielt, hat den
Gegensatz der philosophischen Richtungen beider Kulturkreise fr viele
Jahre hin noch erheblich gesteigert. Und je mehr die deutsche
Philosophie sich durch Kant einseitig bestimmt erwies und die Weisungen
Leos XIII. (der wohl an erster Stelle an eine einheitliche
philosophische Unterweisung der P r i e st e r gedacht hat und, wie er
selbst auf die Frage der Franziskaner versicherte, keineswegs das
thomistische System zur allverbindlichen Norm fr alle philosophischen
Studien erheben wollte) gegen die Absichten des groen Papstes wie eine
Art Dogmatisierung der thomistischen Philosophie interpretiert wurden,
desto schrfer und unberbrckbarer wurde der Gegensatz. Von den
lteren deutschen Philosophen vermochten nur H e r b a r t in seiner
Schule glubige Anhnger beider Konfessionen zu vereinigen (z. B. Otto
Willmann). Dieser Zustand hat sich in der Gegenwart weitgehend
verndert. Besonders durch die direkten und indirekten Einflsse Franz
Brentanos und des von E. Husserl wiederentdeckten groen Logikers
Bolzano, die beide noch in starker geistiger Kontinuitt mit den groen
Geistern der Scholastik philosophierten; ferner durch Husserl und die
von ihm angeregten Forscher; endlich auch durch den starken Abbau des
erkenntnistheoretischen Idealismus und durch das Wiedererwachen des
erkenntnistheoretischen Realismus ist ein erfreulicher Denkverkehr
zwischen den Philosophen der beiden Konfessionen in Gang gesetzt
worden. Auch der Einflu der sterreichischen Philosophie (besonders
Martys, Meinongs) auf die deutsche hat in den letzten Jahrzehnten stark
zugenommen. ber die strkere und lebendigere Berhrung der Philosophen
beider Konfessionen auf metaphysischem und religionsphilosophischem
Gebiet wird im einzelnen spter noch zu berichten sein. Dagegen hat der
Einflu der naturalistischen und freidenkerischen Weltanschauungsformen
auf die Philosophie (die ja nicht minder wie Katholizismus und
Protestantismus im 19. Jahrhundert lngst "Tradition" geworden sind) in
der Philosophie der Gegenwart stark abgenommen. Haeckels und seiner
Gesinnungsgenossen Philosophie hat in Deutschland nur in den M a s s
e n, nie unter den eigentlichen Philosophen irgendwelche Bedeutung
erlangt. Aber auch weit hher gerichtete und freiere Formen der
naturalistischen Philosophie haben heute an Bedeutung stark verloren.
Die Ostwaldsche Energetik, die in ihrem naturwissenschaftlichen Teile
durch die moderne Atomistik wieder vollstndig verdrngt ist, hatte fr
die theoretische Philosophie bedeutende Folgen nicht entwickelt. Der
Positivismus, der aus Frankreich und England in gewissen Auslufern
auch zu uns gekommen war (E. Mach, Avenarius, Ziehen), zhlt noch
einige Anhnger, auf die wir spter zurckkommen; er mute aber der
erkenntnistheoretischen realistischen Lehre und der dem Sensualismus
und der Assoziationspsychologie ganz entgegengesetzten
Entwicklungsrichtung der modernen Psychologie mehr und mehr weichen.

Die gegenwrtige Philosophie enthlt zu einem groen Teile die
Entwicklungsstadien des 19. Jahrhunderts noch als gegenwrtige
Schichten in sich. Das gilt an erster Stelle von den Nachwirkungen
lterer philosophischer S y s t e m e. Wir wollen, von den ltesten
Schichten beginnend, die gegenwrtige Philosophie nunmehr betrachten,
um, von ihnen fortschreitend, bei den neuesten Versuchen zu endigen.

Eines geringen Anhangs und einer steigend geringen Achtung auch bei der
heute philosophierenden Jugend erfreut sich der naturalistische
Monismus, der geschichtlich an die Zeit von Ludwig Bchners "Kraft und
Stoff" (das von 1854 bis 1904 21 Auflagen erlebte) anknpft. Gleichwohl
mu dieses System hier genannt werden, nicht um seiner inneren
Bedeutung willen, sondern weil es durch seine kaum abzuschtzende
Verbreitung weniger in der deutschen Arbeiterschaft als im kleinen
Mittelstand eine groe Wirkung auf das deutsche Geistesleben gehabt
hat. E r n s t H a e c k e l s  "Weltrtsel" waren bereits in den
Jahren 1899 bis 1914 in mehr als 300 000 Exemplaren verbreitet und in
24 Sprachen bersetzt. Der deutsche Geist war im Ausbau der
naturalistischen Philosophie zu allen Zeiten wenig produktiv; whrend
in Frankreich und England die naturalistische Philosophie mit
schrfstem Geist und der Form nach in strenger wissenschaftlicher
Methode von Mnnern vertreten wurde, die, meist auf der Hhe der
sozialen Stufenleiter stehend, sie in weltmnnischer Form und nicht
unbedeutendem Stil vertraten, ist der deutsche Materialismus und
Monismus meist beraus grob, borniert und unwissenschaftlich gewesen.
Seine Vertreter waren meist (wie schon Karl Marx bemerkt hat)
"kleinbrgerliche", in Stil und Lebensform untergeordnete,
philosophisch dilettierende rzte und Naturforscher, die ohne Kenntnis
der Geschichte des europischen Denkens und ohne berschau ber den
Kosmos der Wissenschaften, aus der Ecke ihrer zuflligen Interessen
herau sogenannte "Konsequenzen der Naturwissenschaft" zogen. Diese
Charakteristik gilt auch fr den wirksamsten Vertreter dieser Richtung,
Ernst Haeckel (geb. 1834). Seine "Weltrtsel" (1899) und seine
"Lebenswunder", zuletzt sein Buch ber Kristallseelen sind
philosophisch so gut wie wertlose Erzeugnisse. Mit Recht sagte Fr.
Paulsen in einer Rezension der "Weltrtsel", die in den "Preu.
Jahrbchern" erschien: "Ich habe mit brennender Scham dieses Buch
gelesen, mit Scham ber den Stand der allgemeinen Bildung und der
philosophischen Bildung unseres Volkes." Nicht minder scharf war das
Urteil, das E. Adikes mit den Worten fllte: "Haeckel ist eben durch
und durch Dogmatiker; darin steht er mit Bchner auf einer Stufe; als
Naturforscher berragt er ihn weit, als Philosophen sind beide vllige
Nullen." Der russische Physiker Chwolson zeigte in einer besonderen
Schrift, wie vllig unfhig Haeckel war, auch nur den Sinn der
einfachsten Grundstze der theoretischen Physik, wie z. B. des Satzes
von der Erhaltung der Energie oder gar des zweiten Wrmesatzes (den er
einfach "verwirft") zu verstehen. Der bekannte Ameisenforscher Wasmann
hat in einer besonderen Schrift, "Haeckel als Kulturgefahr", auch seine
entwicklungstheoretischen Leistungen gengsam gekennzeichnet.

ber den sachlichen Inhalt seiner Philosophie hier noch einmal zu
sprechen, fehlt jeder Anla[1].

  [1] Vgl. neben den genannten kritischen Werken O. Klpe:
      "Philosophie der Gegenwart", 6. Aufl., und A. Messner:
      "Philosophie der Gegenwart" (1918).

In Form eines Versuches der Zurckfhrung alles Wirklichen mit
Einschlu des organischen Lebens, des Seelenlebens und der geistigen
Ttigkeiten auf letzte qualitative Grundarten der E n e r g i e und
ihre Umwandlungsformen vertrat Wilhelm Ostwald (geb. 1855), Professor
der physikalischen Chemie, den naturalistischen Monismus. Seine
Vorlesungen ber "Naturphilosophie" waren, soweit es sich um die
Philosophie der anorganischen Natur handelt, beraus anregend. Ostwald
versuchte, den Begriff der Materie vllig auszuschalten. Die Masse der
Mechanik ist ihm nur ein Kapazittsfaktor der mechanischen Energie, der
gleichgeordnet eine Wrme, ein Licht, eine Gestalt, eine magnetische
und elektrische, eine chemische und psychische Energie zur Seite
stehen. Diese Energie a r t e n sind nicht, wie es die
atomistisch-mechanische Naturansicht wollte, aufeinander
zurckzufhren; sie sind hnlich wie in der qualitativen Elementarlehre
des Aristoteles letzte Gegebenheiten, die nur in formal quantitativen
Austauschbeziehungen zueinander stehen. "Alles, was wir Materie nennen,
ist Energie; denn sie erweist sich als ein Komplex von Schwereenergie,
Form und Volumenenergien, sowie chemischen Energien, denen Wrme- und
elektrische Energien in vernderlicher Weise anhaften." Trotzdem
verfiel Ostwald in den Irrtum, die Energie, einen bloen dynamisch
interpretierten Beziehungsbegriff, selbst zu einer Substanz zu
hypostasieren. Nicht minder war es vollstndig unbegrndet, auch das
Psychische in die Energiearten einzureihen, obgleich ihm die
Grundvoraussetzung, als natrliche Energieart zu gelten, die
Mebarkeit, fehlt und der ichartige monarchische Aufbau der
Bewutseinserscheinungen im Widerspruch zu dieser Auffassung steht.
Vllig ungelst blieb auch das Problem des organischen Lebens, ebenso
ungelst wie innerhalb der mechanischen Lebenslehre. Aber auch
innerhalb des Anorganischen bewhrte sich die Energetik auf die Dauer
nicht. Die Kritik, die insbesondere Boltzmann und W. Wundt an den
"Vorlesungen" gebt haben, ist durch die Entwicklung der
Naturwissenschaften, insbesondere durch den glnzenden Sieg der
Atomistik und der mechanischen Wrmelehre durchaus besttigt worden.
Ganz und gar unzureichend aber sind de Versuche Ostwalds gewesen (s.
bes. "Philosophie der Werte"), die Probleme der Ethik, der
Gesellschaft, der Zivilisation und Geschichte auf dem Boden der
"Energetik" zu verstehen. Da an die Stelle des kategorischen
Imperativs der [sic] energetische Imperativ: "Vergeude keine Energie,
verwerte sie" treten soll, mutet fast wie ein schlechter Scherz an. Und
nicht minder mutet so an eine Erklrung, die Ostwald auf dem Hamburger
Monistenkongre von 1911 gibt, in der es heit: "Denn alles, was die
Menschheit an Wnschen und Hoffnungen, an Zielen und Idealen in den
Begriff /Gott/ zusammengedrngt hatte, wird uns von der Wissenschaft
erfllt." Ostwalds rein technologische Betrachtung der Weltgeschichte,
die, der deutschen Organisationssucht ein philosophisches Mntelchen
umhngend, jede geschichtliche Aufgabe zu einer "Organisationsaufgabe"
macht, ist so kindlich, da sie eine Kritik kaum verdient; nicht minder
seine Meinung, das sthetische Gefhl und die Kunst htten nur soweit
Bedeutung, als sie der wissenschaftlichen Arbeit Pionierdienste
leisten, und es werde darum bei reifender Wissenschaft die Kunst einmal
vllig aus der Welt verschwinden. In der Soziologie hat Ostwald einen
ernsten Schler gehabt, de noch stark in die Gegenwart hineinwirkt. Es
ist der Wiener Soziologe und Vorsitzende des sterreichischen
Monistenbundes R u d o l f   G o l d s c h e i d. Sein Werk ber
"Hherentwicklung" und "Menschenkonomie" hat sowohl der
Bevlkerungslehre wie der Sozialpolitik reiche und wertvolle Anregungen
vermittelt, wenn auch sein einseitig durchgefhrter Versuch, den
Menschen selbst (hnlich wie in der Sklavenwirtschaft) rechnungsmig
als bloen Wirtschaftswert einzustellen und eine mglichst sparsame
Verwendung dieses "Wertes" zu fordern, soziologisch unhaltbar ist. Eine
Auflsung der Ethik in konomie hat Goldscheid nie versucht. Ein
bedeutender Vertreter des Monismus, der auch in der Grndung und
Entwicklung des Monistenbundes eine groe Rolle gespielt hat, war der
krzlich verstorbene Wiener Psychologe und Ethiker Friedrich Jodl.
Sowohl sein "Lehrbuch der Psychologie" wie vor allem seine
groangelegte "Geschichte der Ethik" sind wertvolle und anregende
Bcher, wenn sie auch in einseitiger Weise allen freidenkerischen und
antikirchlichen Bestrebungen einen ihnen auch wissenschaftlich nicht
zukommenden berragenden Wert beilegen. Wie sehr die ganze
philosophische Richtung des Monismus von  p o l i t i s c h e n, d. h.
auerphilosophischen Tendenzen beherrscht ist, beweist ihr am 1. Januar
1906 erfolgter Zusammenschlu zu der Organisation des "Deutschen
Monistenbundes". Ostwald schlo den ersten Hamburger Kongre mit dem
Satze: "Ich erffne das monistische Jahrhundert"; sein
Ehrenvorsitzender war E. Haeckel, sein Vorsitzender der Bremer Pastor
Albert Kalthoff, der, stark von Nietzsche angeregt, an den
Junghegelianer Bruno Bauer anknpfend, die historische Existenz Christi
in seinen Schriften geleugnet hatte, und in loser Berhrung mit den
linksliberalen Pastoren Jatho und Traub den christlichen Kirchen eine
scharfe Kampfansage stellte. Wider den Monismus grndete [sic] dann im
Jahre 1907 der Kieler Naturforscher J. Reinke und E. Dennert den
sogenannten "Keplerbund", der sich umgekehrt die Aufgabe setzte, die
Vereinbarkeit der modernen Naturwissenschaft mit der theistischen
Weltanschauung zu erweisen. Sehr mit Unrecht ist die Verbreitung der
monistischen Weltanschauung hufig der Sozialdemokratie und ihren
Fhrern zugeschrieben worden. Geistesgeschichtlich ist diese Auffassung
grundfalsch. Die Fhrer des Monismus standen politisch zumeist den
nationalliberalen Anschauungen sehr nahe (z. B. Haeckel selbst), und
bei vielen von ihnen findet sich sogar eine ausgeprgte alldeutsche
Tonart. Wie tief Karl Marx und Engels auf den Materialismus des
deutschen Kleinbrgertums herabblickten, ist aus ihren uerungen
genugsam bekannt.

Whrend die monistische naturalistische Denkrichtung eigentlich nur
kulturhistorisches und fr die deutsche Mentalitt vor dem Kriege
bestimmendes Interesse bietet, sind die anderen heute noch lebendigen
philosophischen Systeme auch rein philosophisch von Bedeutung. Das gilt
gleich sehr von der Wirkung Fichtes, Hegels und Schellings wie von
jener Lotzes, Fechners, E. von Hartmanns, R. Euckens und W. Wundts.
Diese Systeme knnen hier nicht geschildert werden: nur was sie fr die
 g e g e n w  r t i g e  Philosophie als mitbestimmende Momente noch
bedeuten, sei kurz erwhnt. Die geringste Wirkung von all den Genannten
hatte merkwrdigerweise in Deutschland der zeitlich nchste letzte
groe Systematiker der deutschen Philosophie, Wilhelm Wundt. Als
Darstellungen seines Systems sind empfehlenswert O. Klpe in der
"Philosophie der Gegenwart", E. Knig: "W. Wundt", 1909 und R. Eisler:
"Wundts Philosophie und Psychologie", 1902. Ein Grund fr die geringe
Wirkung des ausgezeichneten Forschers und Gelehrten in der Philosophie
mag darin gelegen sein, da seine Erkenntnistheorie und seine
Metaphysik beiderseits an groer Vagheit und Unbestimmtheit leiden, das
Ganze seiner Philosophie aber trotz seiner berladenheit mit
Gelehrsamkeit etwas beraus Farbloses und Blutloses besitzt. Auch ein
hufiges Schwanken (z. B. zwischen Idealismus und Realismus in der
Erkenntnistheorie, zwischen psychophysischem Parallelismus als
metaphysischer Hypothese und methodologischer Maxime, zwischen
Relativismus und Absolutismus in der Ethik, Theismus und
Willenspantheismus in der Lehre vom Weltgrund) mag gleichfalls zu
dieser Unwirksamkeit beigetragen haben.

R u d o l f   E u c k e n, der schon an der Grenze steht zwischen
wissenschaftlicher Philosophie und jener frher charakterisierten
philosophischen Erbauungsliteratur, hat eine weit strkere Wirkung als
Wundt entfaltet sowohl in Deutschland, wie im Auslande; ein deutliches
Zeichen davon ist in letzterer Hinsicht der Nobelpreis. Dieser Denker
ist von gleichbedeutenden Kritikern sehr verschieden beurteilt worden.
Die einen sehen in der Verbindung von Prediger, Metaphysiker und
Forscher, von homo religiosus und Denker, die Eucken darstellt, etwas
besonders Wertvolles und weisen hin auf den reichen intuitiven Gehalt
seines Werkes; die anderen beklagen den Mangel an Anatomie in seinen
Gedanken, die Unverbundenheit seiner Philosophie mit den
Wissenschaften, die unmethodische Art seines Denkens und die groe
Unbestimmtheit und Vagheit des eigenartigen persnlichen Stiles seiner
Darstellung. Mgen beide in gewissem Mae recht haben, so kommt Eucken
vor allem das entschiedene  V e r d i e n s t  zu, in einer Zeit, da
die Philosophie zu einer bloen Anmerkung zu den positiven
Fachwissenschaften zu werden drohte, ihre Ansprche festgehalten zu
haben, eine Metaphysik und gleichzeitig eine den Menschen formende
Lebensanschauung zu geben. Ausgegangen von F. A. Trendelenburg (gest.
1872), eine Zeitlang auch Schler Lotzes, hat Eucken mit starker
Anknpfung an Fichtes Tatidealismus seinen "Idealismus des
Geisteslebens" zu begrnden unternommem. Sein bedeutendstes Werk
(leider am wenigsten gelesen) ist das 1888 erschienene "Die Einheit des
Geisteslebens in Bewutsein und Tat der Menschheit" in dem er seine
personalistisch-theistische Philosophie nicht durch Sachuntersuchungen
der philosophischen Probleme, sondern aus einer Kritik des Panlogismus
Hegels und des Naturalismus hervorwachsen lt. In den
"Lebensanschauungen der groen Denker" und der "Geistigen Strmungen
der Gegenwart" (ursprnglich "Grundbegriffe der Gegenwart"), die der
wissenschaftlichen Philosophie noch am nchsten stehen, nimmt er aus
der Geschichte der Philosophie das wesentlich "Lebensanschauliche"
heraus und legt es im Sinne seiner Philosophie aus. Die Bcher "Der
Kampf um einen geistigen Lebensinhalt", "Der Wahrheitsgehalt der
Religion", "Erkenntnis und Leben" und "Grundlinien einer neuen
Lebensanschauung" wiederholen in immer neuen Wendungen dieselben
Grundgedanken. Das Wertvolle dieser Gedanken ist weniger in ihrer sehr
mangelhaften theoretischen Begrndung gelegen als in ihrer das
Bewutsein der Selbstndigkeit des Geistes trotz aller tiefempfundenen
und in der endlichen Erfahrung unlsbaren Konflikte des menschlichen
Daseins energisch aufweckenden Kraft. Eucken war in einem berwiegend
praktisch-materialistischen Zeitalter einer der strksten S e e l e n e
r w e c k e r, die Deutschland besessen hat. Reinsten germanischen
Blutes (Friese), besitzt er in seltener Weise Vorzge und Fehler des
germanischen Geistes: eine ahnungsvolle Intuition bersinnlicher
Realitten, ein energisches Festhalten dieser Realitten inmitten
tiefst empfundener Widerstnde der "Welt" gegen die Verwirklichung der
geistigen Forderungen; aber auch alle Vagheit und Nebelhaftigkeit,
Unbestimmtheit und Dunkelheit nordischen Geistes. Das "Geistesleben",
das bei ihm zwischen historischer Realitt und metaphysischer Potenz
eigenartig in der Mitte schwebt, wird von dem natrlichen Seelenleben,
das der Mensch mit dem Tiere teilen soll, scharf unterschieden. Es soll
in "noologischer Methode" (eine eigentmliche Erweiterung der Methode
Kants) nicht durch Introspektion, sondern an seinen W e r k e n und
Systemen des Lebens ("Syntagmen") studiert werden. Es soll nicht nur in
jeder Einzelseele, sondern auch in den groen kollektiven Gruppen der
Geschichte als selbstndig ttig aufgefat werden. Trotzdem soll es in
scharfem Gegensatz zum Hegelschen Panlogismus nur durch ttige
Ergreifung des Einzelmenschen diesen zur "Persnlichkeit" und zur
"Wesensbildung" erhben. So ist Eucken im letzten Grunde mehr
theistischer Personalist als Pantheist, obgleich eine starke
pantheistische Ader seine Philosophie durchzieht. Mit Methoden, die
denen Pascals in den "Penses" hnlich sind, sucht Eucken mit starker
Heranziehung dessen, was er fr den relativen Wahrheitsgehalt der
naturalistischen und pessimistischen Systeme hlt, zu zeigen, da
dieses "Geistesleben" in der Welt verloren und in letzter Linie
bedeutungslos ist, wenn es nicht aus einem geistigen W e l t g r u n
d e immer neu schpferisch herstrmend und in die Menschenseelen
einquellend verstanden und geschaut wird. Whrend die ltere
Philosophie die Vernunft des Menschen zum Reiche der "Natur" rechnete
und ihr das Reich der "bernatur", der "Gnade" entgegensetzte, wird die
zum Geistesleben erweiterte Vernunft des Menschen bei Eucken selbst
etwas "bernatrliches". Das macht den  g n o s t i s c h e n
Charakter der Euckenschen Philosophie aus, die Religion und Metaphysik
in einem fr sie beide unstatthaften Sinne vermischt.

Die Philosophie Fechners, der durch seine Begrndung der Psychophysik
neben Wundt als der eigentliche Begrnder der Experimentalpsychologie
gelten mu, hat auf die gegenwrtige Philosophie eine nur geringe
Wirkung ausgebt. Sein Versuch, die Empfindung als psychische Gre
nachzuweisen und sie durch die Einheit des eben merklichen
Empfindungsunterschiedes zu messen, ist sowohl nach seinen
methodologischen Voraussetzungen als nach seiner psychologischen
Voraussetzung hin (man knne die Empfindung unabhngig von den
Aufmerksamkeitsschwankungen berhaupt im Bewutsein vorfinden) fast
allgemein zurckgewiesen worden. Stark wirkte zeitweise seine Lehre vom
psychophysischen Parallelismus, die, wie wir noch sehen werden,
freilich in der Gegenwart gleichfalls an Einflu stark verloren hat.
Seine eigentliche Metaphysik der "Tagesansicht" und der Allbeseelung
hat leider lange nicht die Anregungskraft ausgebt, die ihr meines
Erachtens innewohnt. Auch die nchststehenden Forscher, wie Ebbinghaus
und Wundt, haben diese Seiten seiner Philosophie meist als bloe
"Poesie" und Begriffsdichtung abgelehnt. Was allein bis heute einen
Einflu ausbt, ist der auch von E. von Hartmann aufgenommene Gedanke
einer "induktiven Metaphysik". Sie beruht bei Fechner auf den beiden
Grundstzen, da, was in einem Teile der Welt als unauflsbare Grundart
des Seienden enthalten ist, auch im Ganzen enthalten sein msse
(Mikrokosmos- und Makrokosmoslehre), und da wir vermittels der Analogie
in der Lage seien, unser Wissen ber das unmittelbar und mittelbar in
der Erfahrung Gegebene kontinuierlich zu erweitern. Diesen Gedanken
haben auch viele moderne Metaphysiker, so Klpe, Driesch, Stern,
Becher, Scheler und andere, aufgenommen. Eine starke Wirkung hatte
Fechners teleologische Ganzheitsbetrachtung der E r d e als des
besonderen Leibes und Ausdrucksfeldes einer Erdseele in der modernen
Geographie. In diesem Sinne sind Ratzels Arbeiten und noch mehr die
gegenwrtigen Arbeiten des Wiener Kulturgeographen Hanslick stark von
Fechner beeinflut. Wie immer man ber Fechners Resultate urteilen mag,
es mu als eine recht unerfreuliche Tatsache bezeichnet werden, da die
stets tiefsinnigen und sinnreichen Betrachtungen dieses seltenen
Geistes, die dazu in Stil und Ausdruck fr weitere Kreise der
Gebildeten geschrieben sind, so sehr wenig gelesen werden. Da ein
Haeckel so viel und ein Fechner so wenig in Deutschland gelesen wurde,
ist eine fr die Mentalitt des deutschen Volkes vor dem Kriege recht
charakteristische Tatsache.

Hermann Lotze (1817-1881) wirkt in die Gegenwart insbesondere nach zwei
Richtungen herein: einmal durch seine "Logik" (auch in der
"Philosophischen Bibliothek" erschienen 1912), deren Kapitel "ber die
platonische Ideenlehre" auf die neukantischen Schulen und auch auf
Husserl stark gewirkt hat, und durch seine Lehre von der
psychophysischen Wechselwirkung. Auer diesen beiden Bestandteilen
seiner Philosophie und abgesehen von seinen Wirkungen auf die
Psychologie (besonders seine Theorie der Lokalzeichen) hat nur noch der
metaphysische Gedanke Lotzes eine strkere Wirkung geuert, da eine
Wechselwirkung zwischen einer Vielheit von Dingen nur mglich sei, wenn
ein und dasselbe ganze, aber von ihnen unterschiedene Seiende, in allen
gemeinsam ttig und von allen gemeinsam reizbar sei. Diesen Gedanken
hat z. B. auch Driesch in seine "Wirklichkeitslehre" aufgenommen.
Lotzes groes geschichtsphilosophisches Werk "Mikrokosmos" (5. Auflage
1909) hat wohl wegen seines allzu gewundenen ziselierten und koketten
Stiles nicht die Wirkung gebt, die ihm vermge seines Gedankengehaltes
zugekommen wre. Fr den Fortschritt einer Philosophie der Biologie
waren Lotzes Artikel ber "Lebenskraft" und ber "Seele und
Seelenleben" in Wagners "Handwrterbuch der Physiologie" in denen er
fr Physiologie und Biologie eine strenge Durchfhrung der
mechanistischen Methode fordert (um dann erst dem Ganzen des
Weltmechanismus hinterher eine ideale und teleologische Bedeutung zu
geben), nach meiner Ansicht starke Hindernisse. Sie gaben der in
unserem Lande besonders stark verbreiteten mechanistischen
Lebensauffassung, besonders bei den Naturforschern, ein gutes Gewissen
-- das eine aufrichtige und genaue Betrachtung der Tatsachen nicht im
entferntesten gerechtfertigt htte. Die stark kokette und sliche
Christlichkeit Lotzes konnte in religiser und theologischer Hinsicht
tiefere Geister nicht gewinnen. Immerhin haben insbesondere seine Lehre
von Wert und Werturteil auf die Ritschlsche Theologie und Dogmatik
stark eingewirkt, wenn sie sich freilich hier auch meist mit
neukantischen und positivistischen Voraussetzungen verbanden. In der
sthetik endlich wurde Lotze durch seine Lehre von der "Einfhlung"
auch auf die letzten bedeutenden Einfhlungssthetiker der Gegenwart,
auf Lipps und Volkelt, erheblich wirksam.

Die einzige Persnlichkeit, deren geistige Spannweite alle
philosophischen Antriebe des 19. Jahrhunderts umfate und dazu alle
Fortschritte der positiven Natur- und Geisteswissenschaften in ihr
System einzuordnen suchte, die einzige zugleich, die den tiefgehenden
inneren Bruch zwischen der deutschen Spekulation und der einseitigen
Herrschaft der Spezialwissenschaften nicht mitgemacht hat, war  E d u a
r d   v o n H a r t m a n n (1842-1906). Es ist eine der merkwrdigsten
Tatsachen in der deutschen Geistesgeschichte, da dieses reifste,
durchdachteste, alle Wissensgebiete und die Religion umfassendste
Gedankensystem, welches die zweite Hlfte des Jahrhunderts berhaupt
hervorbrachte, nach anfnglichem Tageserfolg der "Philosophie des
Unbewuten" (1869) auf die wissenschaftliche Philosophie zunchst kaum
eine Wirkung ausgebt hat. Der groe Denker versuchte vergebens, einen
Ruf an eine deutsche Universitt zu erhalten. Gewi besteht der Grund
nicht nur in der allgemeinen Metaphysikscheu der Zeit und der
einseitigen Herrschaft neukantischer und positivistischer Richtungen;
ein Teil der Grnde liegt auch in der Eigenart der Philosophie
Hartmanns und der Persnlichkeit ihres Urhebers selbst. Bei aller Kraft
logischer Organisation groer Stoffmassen, bei all seinem ungeheueren
Wissen und seiner Gelehrsamkeit gebrach dem Forscher ein unmittelbares
originres Verhltnis zur Welt. Seine Philosophie ist mehr eine beraus
kunstvolle Verbindung von philosophischen Gegebenheiten (Schelling,
Hegel, Schopenhauer, Lotze, moderne Naturwissenschaft und Psychologie)
als ein neues Wort. Darin bildet er den grten Gegensatz zu
Schopenhauer, der an logisch-synthetischer Kraft ihm weit unterlegen
ist, aber, wie er selbst an seinen Verleger schrieb, den unmittelbaren
"Eindruck", den die Welt auf ihn gemacht, in seiner Philosophie schon
als Jngling wiedergab. Auf Hartmanns System kann hier nicht
eingegangen werden. Sein in Karlsruhe lehrender Schler Arthur Drews
hat die beste Darstellung von ihm gegeben: die bekannten, von Hartmann
selbst verfaten "Grundrisse" fhren am besten in es ein. Um so
merkwrdiger ist es nun aber, da die g e g e n w  r t i g e
Philosophie begonnen hat, die groen Werte auszuschpfen, die in seinem
Werke zweifellos vorhanden sind. Abgesehen von den bedeutenden
Leistungen seines Schlers A. Drews und einigen Antrieben, die er dem
vielversprechenden Leopold Ziegler gegeben hat (vor kurzem hat sich
dieser freilich in einer kritischen Schrift, "Hartmanns Weltbild", ganz
von Hartmann abgewandt, indem er, ohne dem Denker gerecht zu werden,
seine Lehre sehr einseitig an den Ansichten Rickerts mit), hat sich W.
Windelband fr die Bedeutung Hartmanns eingesetzt. Besonders ist es
seine "K a t e g o r i e n l e h r e", sein subtilstes und gewaltigstes
Werk, das sowohl auf Windelband als auf Rickerts Schler, E. Lask,
stark gewirkt hat. Die Unterscheidung der "Reflexionskategorien" von
den "Spekulativen Kategorien" die Unterscheidung ferner der drei
Wirklichkeitssphren, der phnomenalen, objektiv realen und
metaphysischen Sphre, die Auffassung, da die Relationskategorie der
Ausgangspunkt der Ableitung a l l e r Kategorien sein msse, die
Ansicht, da die Kategorien die Ergebnisse unterbewuter synthetischer
Kategorialfunktionen seien, die nur in ihrem Ergebnis in das Bewutsein
hereinfallen (ihr hat sich auch G. Simmel in seinem Kantbuch
angeschlossen), hat stark auf die Kategorienlehre der Gegenwart
eingewirkt. Ferner erscheint Hartmann als einer der ersten Vorkmpfer
des nunmehr siegreich vordringenden erkenntnistheoretischen R e a l i s
m u s gegenber allen Formen des Bewutseinsidealismus. Hier war es
besonders J. Volkelt, der in seinen Arbeiten "ber Erfahrung und
Denken" und "Die Probleme menschlicher Gewiheit" die Hartmannsche
Auffassung bernommen hat, da unsere berall diskontinuierliche und
durchbrochene, rein passive Bewutseinswelt durch die Realsetzung einer
auerbewuten Natur und die Setzung unter- und unbewuter psychischer
Seins- und Wirksphren gedanklich ergnzt werden msse, um einen
rationellen Zusammenhang zu bilden. So wenig ich diese Richtung der
Begrndung des Realismus fr aussichtsreich halte, scheint mir der
gegenwrtige Gang zum Realismus doch von diesen Vorkmpfern stark
abhngig. Auf den heute ungemein wirksamen Denker Hans Driesch hat E.
von Hartmann in mehreren Richtungen eingewirkt: 1. mit durch Volkelts
Vermittlung in erkenntnistheoretischer Hinsicht; 2. in der Auffassung,
da es keine  b e w u  t e n "Akte und Ttigkeiten" gebe, diese
vielmehr zu dem rein passiven Bewutseinsinhalt erst hinzu erschlossen
seien (siehe Driesch: "Erkennen und Denken"); 3. in der Lsung des
Problems der mglichen Koexistenz der mechanischen Zentralkrfte und
Gesetze mit Gestalt und Richtung bestimmenden, mechanischen, unbewuten
Oberkrften, durch deren Annahme der gewhnliche Naturbegriff zwecks
Erklrung der Lebenserscheinungen eine Erweiterung erfhrt; 4. auch
Hartmanns Lehre, da es einen Parallelismus zwischen bewuten
seelischen Erscheinungen, erschlossenen seelischen Ttigkeiten und den
die organischen Formen und die Bewegungsreaktion der Organismen
bestimmenden Ttigkeiten der vitalen Oberkrfte gebe, ist von Driesch
und in einiger Modifikation auch von dem Referenten bernommen worden.
Auch die gegenwrtige starke Bewegung zu einer r e a l i s t i s c h e
n   P s y c h o l o g i e  im Unterschiede von bloer
Bewutseinspsychologie (Klpe, Scheler, M. Geiger, Driesch, in gewissem
Sinne auch S. Freud, W. Stern) ist zuerst in E. von Hartmanns Lehre in
die Erscheinung getreten. Wesentliches von Hartmann bernommen hat
ferner auch W. Stern in seinen originellen und zukunftsreichen Arbeiten
"Person und Sache" und "Die menschliche Persnlichkeit". Besonders in
der Annahme psychophysisch indifferenter zielttiger Kausalfaktoren,
die sich gleichzeitig in den physiologischen Vorgngen und Reaktionen,
wie in den Bewutseinsprozessen auswirken, steht Stern Hartmann nahe.
Die methodische Auffassung der Metaphysik als induktiver und nur
wahrscheinlichen Erkenntnis, die nur gradweise ber die Realsetzungen
der positiven Wissenschaften hinausgeht und das falsche Idol, gegen das
Kant kmpft, das Idol einer absolut gewissen und apriorischen
Begriffsmetaphysik, verwirft, hat unter den gegenwrtigen Metaphysikern
viele Anhnger. Die naturphilosophischen Lehren Hartmanns, besonders
soweit sie sich auf die anorganische Welt beziehen, sind dem heutigen
Wissensstande der Physik nicht mehr angepat; was aber nicht
ausschliet, da seine Kraftzentrenhypothese, nach der aller Stoff nur
eine bewutseinsideale Erscheinung ist, in modifizierter Form wieder zu
Ehren kommt. In der Religionsphilosophie hat Hartmann den sogenannten
"konkreten Monismus" vertreten, der dem substanzialen Weltgrund ein
logisches und alogisch-dynamisches Attribut zuschreibt, aus deren
Kooperation und Widerstreit der gesamte Weltproze erklrt werden soll.
Durch A. Drews sind diese Gedanken auch in die allgemeine m o n i s t i
s c h e Bewegung eingeflossen. Den Wert dieser pessimistischen, Hegel,
Schopenhauer und den spten Schelling verknpfenden Metaphysik knnen
wir ebensowenig als zukunftsreich erachten, als die willkrlichen
geschichtsphilosophischen Konstruktionen Hartmanns, nach denen Paulus
der Stifter des Christentums gewesen sei, und nicht in der
Persnlichkeit Christi, sondern in den pantheistisch ausgedeuteten I d
e e n  d e r Gottmenschheit und der Erlsung das eigentliche Wesen des
Christentums getroffen sei. A. Drews ist in seiner "Christusmythe" von
diesen Anregungen Hartmanns her dazu gekommen, das Christentum als eine
Schpfung der allgemeinen Religionsgeschichte verstehen zu wollen und
die historische Existenz Jesu ganz zu leugnen.

Die zweitlteste Schicht der gegenwrtigen Philosophie besteht in den
an K a n t anknpfenden erkenntnistheoretischen Denkrichtungen. So sehr
sich nach meiner Ansicht diese Denkrichtungen in unaufhaltsamem
Niedergang befinden, nehmen sie, dem Gesetz der historischen Trgheit
folgend, doch noch einen sehr erheblichen Raum in der deutschen
akademischen Philosophie ein. Mit Ausnahme der jngsten, der durch
Nelson erfolgten Wiedererweckung der Philosophie des Jenenser Physikers
und Philosophen Jakob-Friedrich Fries, stammen sie alle aus der Zeit,
da die deutsche Philosophie in den sechziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts durch den Rckgang auf Kant (zuerst O. Liebmann "Zurck zu
Kant") sich wieder ein akademisches Existenzrecht zu erwerben suchte.
Es sind v i e r Hauptgruppen kantianisierenden Denkens, die unter uns
noch lebendig sind. Der neukritizistische Realismus ist besonders von
Alois Riehl vertreten worden in seinem Werk "Der philosophische
Kritizismus" und in seiner schnen und klaren "Einleitung in die
Philosophie der Gegenwart". Das "Ding an sich", das die Marburger und
Badener Schule vollstndig ausscheiden, wird von Riehl als kausativer
Faktor, auf dem die Materie der Empfindung beruhen soll, festgehalten.
Unser Verstand erzeugt nicht das Sein der Gegenstnde, sondern gibt nur
ihrem Gegenstandsein die apriorische Form. Die logisch-synthetische
Einheit des Bewutseins ist nach Riehl die oberste Voraussetzung fr
die Gegenstnde der Erfahrung. Ihm entspricht das synthetische
Identittsprinzip, von dem auch die Kausalitt (hnlich wie bei Herbart
und Lipps) nur eine bestimmte Anwendung auf zeitliche Geschehnisse sein
soll. Die Zeit- und Raumlehre Kants sucht Riehl mit den modernen
empiristischen Theorien der Entstehung des Zeit und Raumbewutseins zu
vershnen. Die O r d n u n g e n des zeitlichen und rumlichen
Auseinander und Nacheinander werden nach ihm nicht durch die
Anschauungsformen von Raum und Zeit, sondern durch die Dinge an sich
selbst bestimmt.

Neben der theoretischen Philosophie, die hier ausschlielich auf
Erkenntnistheorie und Logik der exakten Wissenschaften beschrnkt
erscheint, gibt es noch eine Philosophie als "Weisheits- und
Weltbegriff" die dem Menschen ein sittliches Ideal vor die Seele
stellt. Aus der praktischen Philosophie Kants hebt Riehl ausschlielich
die Autonomie der Persnlichkeit hervor, verwirft aber den
kategorischen Imperativ; nicht minder verwirft er die gesamt religise
Glaubens- und Postulatentheorie Kants. Metaphysisch nennt sich auch
Riehl "Monist" (kritischer Monismus), indem er annimmt, da das
Psychische und Physische nur zwei Betrachtungsweisen ein und derselben
Wirklichkeit sind, die uns in ihrem Wesen unerkennbar ist und durch die
Religionen nur auf Grund verschiedener sittlicher Lebenserfahrungen
verschiedenartig ausgewertet wird. Riehl wirkt in der gegenwrtigen
Philosophie nur wenig mehr. Angeregt von ihm sind Hnigswald und E.
Spranger.

Die weitaus w i r k s a m s t e, an bedeutenden Persnlichkeiten
reichste und vielseitigste neukantische Richtung ist auch gegenwrtig
noch die von Hermann Cohen gegrndete Schule von Marburg. Hermann Cohen
(1842-1918) hat sich durch eine Reihe kanthistorischer und
kantphilologischer Schriften hindurch erst sehr langsam zu einem
eigenen, groangelegten System hindurchgearbeitet, mit dem er in seinen
drei Werken: "Logik der reinen Erkenntnis", "Ethik des reinen Willens"
und "sthetik des reinen Gefhls" wenige Jahre vor seinem Tode
hervorgetreten ist. Zweifellos ist Cohen der herrschende Geist der
Schule, freilich darum nicht auch derjenige, der am meisten in die
Breite gewirkt hat. Seltsame Vorzge und Fehler vereinigte er in sich.
Auf dem Hintergrund einer patriarchalischen, ehrfurchtgebietenden
Denkerwrde, durch die allein schon er den Schler leicht mit der
berzeugung erfllte, da der Weltlogos in ihm selber und in jedem, der
ihm folge, ttig sei, hebt sich sein philosophisches Werk ab.
Talmudischen Scharfsinn verbindet er mit einer seltsamen Dunkelheit, ja
hufigen Abstrusitt der Darstellung, auch in diesem Punkte dem stark
auf seine Auffassung des Ding-an-sich-Begriffes wirksamen Moses Maimon
nicht unhnlich. Aber diese beiden Eigenschaften sind nicht die
strksten und wesentlichsten seiner Natur. Was ihn vor allen anderen
Mitgliedern der Schule auszeichnete, das war eine freilich nur
stellenweise in Vortrag und Werken hervorbrechende, Kant wahrhaft
kongeniale Plastik des geistigen Schauens und der Darstellung; eben der
Zug an Kant, der Goethe bei Lektre der "Kritik der Urteilskraft"
veranlat haben mag, zu sagen, "man trete in ein helles Zimmer", wenn
man Kant lese. Dazu ging ein mchtiges, echtes und ernstes, sittliches
Pathos von ihm aus. Wenige erkannten so wie er die Niedergangszeichen
des Wilhelminischen Zeitalters, die Vergtzung von Macht und Geld, von
Nation und Staat. Die ganze Reinheit und Klarheit der Denkweise des
Kantianismus der Mnner der Befreiungskriege schien in ihm, lebendig
geworden und in seiner Person vor der Zeit anklagend zu stehen. Diese
Denkweise verband sich aber merkwrdigerweise bei ihm mit einem sehr
bewuten Judaismus. Freilich mit einem Judaismus, der, auf dem Ethos
der Propheten des Alten Bundes beruhend, nicht nur alle ritualistischen
und nomistischen Elemente des Judentums, nicht nur alle mystischen und
pantheisierenden kabbalistischen Elemente die sich ihm spter
ansetzten, sondern auch den historisch gegebenen Theismus von ihm
abstreiften. Die Gottesidee war Cohen nur der Garant der "Einheit der
Menschheit" und gleichzeitig ein notwendiges sittliches Vernunftideal.
Von Karl Marx und den deutschen sozialistischen Theoretikern hatte er,
hnlich wie schon A. Lange (s. s. "Arbeiterfrage"), eine Reihe
Grundstze in sein ethisches und soziales System aufgenommen; besonders
den von ihm aus dem Nationalen ins menschheitlich Abstrakte erhobenen
jdischen Messianismus, nach dem alles geschichtlich Gegebene nur von
einem sittlichen Zukunftsideal her aufgefat und beurteilt werden kann;
das verband ihn mit Marx, der diesen Messianismus nur unter seiner
dogmatischen konomischen Geschichtsauffassung verhllt hatte. Nur so
ist es zu verstehen, da auf dem Boden des Marburger Kantianismus auch
eine neue theoretische Fassung des Sozialismus erwuchs, die besonders
von Eduard Bernstein (Revisionismus), von Paul Natorp, von Vorlnder
und in manchen Kreisen der "Sozialistischen Monatshefte" vertreten
wurde. An H. Cohen schlo sich Paul Natorp an, der in seinen Schriften
die neukantische Lehre zwar weit klarer und fr eine philosophische
Schulbildung eindeutiger und systematisierter vertrat als der Meister,
aber weder dessen Tiefe noch dessen Schwung nahekam. Als dritter
bedeutendster Vertreter der Schule ist Ernst Cassirer zu nennen, der in
seinen geschichtlichen und systematischen Werken der neukantischen
Lehre vielleicht den schrfsten, przisesten und gegenwrtig
wirksamsten Ausdruck gegeben hat.

Der Marburger Kantianismus weicht von dem historischen Kant in sehr
weitgehendem Mae ab. Vollstndig wird verworfen die Realsetzung eines
Dinges an sich. Cohen interpretiert Kant dahin, das Ding an sich sei
bei Kant nur eine didaktische Anpassung an den naiven Realismus des
Lesers; in Wirklichkeit bedeute diese Wortverbindung nur einen
"Grenzbegriff unserer Erkenntnis" nmlich das Fernziel eines
unendlichen Erkenntnisprogresses. Diese Auffassung ist der von Maimon
sehr hnlich. Da sie historisch als Kantinterpretation falsch ist,
duldet heute keinen Zweifel. Indem so eine transzendente Wirklichkeit
nicht nur nach ihrer Erkennbarkeit, sondern auch nach ihrem Dasein
geleugnet wird, wird der Boden frei fr einen neuen E r k e n n t n i s-
und  W a h r h e i t s b e g r i f f, den nach der Marburger Lehre
Kant aufgestellt habe. Erkennen bedeute nicht Abbildung, aber auch
nicht zeichenartiges Bestimmen einer vorhandenen Gegenstndlichkeit und
Realitt, sondern es bedeutet ideales "Erzeugen und Formen des
Gegenstandes" selbst. Der Gegenstand sei nicht gegeben, sondern seine
Erzeugung sei unserem Verstande nach den ihm einwohnenden Gesetzen
aufgegeben. Die Naturgegenstndlichkeit ist hiernach also ein
ausschlieliches Werk, freilich ein endlich nie vollendbares Werk, des
denkenden Verstandes. Gegenstndlichsein und Realsein heie fr einen
Inhalt nichts anderes, als gesetzlich gedacht sein und im System der
Gedanken und ihrer Relationen eine bestimmte Stelle haben. Aber von
welcher Gegebenheit ausgehend, erzeugt so der Verstand die
Naturgegenstnde? Nach dem historischen Kant, auch nach Riehl und der
sdwestdeutschen Schule, ist ein anschaulicher Gehalt, die "Materie der
Empfindung", gegeben. Anders nach H. Cohen. Er erklrt: "Wir fangen mit
dem Denken an"; nichts darf dem Verstande gegeben sein, wenn er alles
durch sich selbst erst bestimmen und erzeugen soll. "Empfindung" sei
ein Ausdruck, der selbst erst mit Hilfe der Kausalrelation und des
Reizgedankens zu definieren sei als dasjenige, was an unserem
Wahrnehmungsgehalt reizbedingt sei; also knnen Empfindungen nicht
gegeben sein; auch sie sind ein gesuchtes X, ein "Problem des
Verstandes". Soll damit gesagt sein, da der Verstand, so etwa wie bei
Hegel, rein aus sich heraus die ganze Welt erzeuge? Das ist kaum die
Meinung H. Cohens. Einmal gibt auch er zu, da in der natrlichen
Weltanschauung Dinge, Ereignisse, Raum, Zeit und Kausalitt irgendwie
gegeben seien, und zwar als bewutseinsjenseitig; aber das macht das
Eigentmliche der neukantischen Lehre aus, da im Unterschiede zum
historischen Kant die Erfahrung der natrlichen Weltanschauung und die
wissenschaftliche Erfahrung s c h r o f f getrennt und
auseinandergerissen werden. Die Wissenschaft hat hiernach dem Gehalt
der natrlichen Weltanschauung gar nichts zu entnehmen, auch nicht die
Daseins f o r m e n und Strukturen dieser natrlichen Wirklichkeit,
geschweige ihren Gehalt. Umgekehrt mu vielmehr die natrliche
Weltanschauung und ihr Inhalt ihrerseits durch die Wissenschaft als
physiologisches, psychologisches resp. biologisch zweckmiges
Gesamtprodukt aus ursprnglichen Denksetzungen erklrt werden, die ihr
-- konsequent -- also nicht entnommen sein knnen. Ferner kommt es zu
dem zweideutigen Satze H. Cohens: "Nichts ist dem Denken gegeben," und
das Denken erzeuge erst im Urteil des infinitesimalen Ursprungs die
Realitt nur dadurch, da Cohen Existieren eines Gegenstandes,
Gegenstandsein eines Seienden, Gegebensein und Bestimmtsein einander
gleichsetzt. Das Apriori Kants soll, das wahr der ursprngliche
Wurzelpunkt der Marburger Lehre, nur im "transzendentalen" Sinne
genommen werden, d. h. hier freilich nicht nur als objektiv logische
Voraussetzung fr die Mglichkeit der mathematischen Naturwissenschaft
und ihrer Gegenstnde, sondern wenigstens nach der Auslegung des
spteren Systems auch als eine Grund l e g u n g, die unser Denken
immer neu zu legen ttig ist. Die "Grundlage" wird also hier zur
"Grundlegung". Auch die "Kategorien" sind nach der Marburger Lehre
nicht etwa feste, auf einer Tafel ein fr allemal zu bestimmende
Schienen, in denen unser Denken laufen mu, sondern sie selbst sind
eine prinzipiell unabgeschlossene Reihe reiner Denk e r z e u g u n g
e n  zum Ziele, je nach der gegebenen Problemlage, den unendlichen Proze
der Wissenschaft fortzufahren. Nicht nur Ding an sich und
Empfindungsgegebenheit fallen hier im Gegensatz zum historischen Kant
weg, sondern auch die "Anschauungsformen" sowie die kantische Scheidung
von formaler Logik, transzendentaler Logik und Theorie des
Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteils. Die Anschauungsformen von Raum und
Zeit werden fr Cohen und Natorp Denkkategorien; sie lsen sich in
einer an Leibnizer Lehre gemahnenden Weise in ein System idealer
Relationen auf, und die gesamte Mathematik soll, von Funktionentheorie
und Algebra angefangen bis zur Geometrie, streng kontinuierlich ohne
Heranziehung von intuitiven Minima, ausschlielich als strenges
apriorisches Denkerzeugnis betrachtet werden. Ferner fllt nach den
Lehren der Marburger Schule der Unterschied zwischen Realwissenschaften
und Idealwissenschaften vollstndig dahin. Auch die theoretische Physik
erscheint hier vollstndig formalisiert (nicht minder in anderer
Richtung Rechtsphilosophie und Kunstphilosophie). Der ganze
Erkenntnisproze der "Wissenschaft" -- ein Begriff, der hier aufs
einseitigste und noch einseitiger bei Kant an der mathematischen
Naturwissenschaft orientiert ist, und zwar an der mathematischen
Naturwissenschaft des newtonschen Zeitalters -- wird hier in
anschauungsfreies Denken, und zwar in erzeugendes Denken aufgelst.
Alle Gegenstands- und Seinsprobleme werden knstlich in M e t h o d e n
p r o b l e m e  verwandelt. So auch der Unterschied des Psychischen
und Physischen. Ein nicht zu bertreffender Scientivismus, der an die
Stelle der Weltbegreifung ausschlielich die Begreifung der einen
zusammenhngenden, den Kosmos aus dem Chaos erst e r z e u g e n d e n
Wissenschaft rckt, ist eines der Hauptmerkmale der Marburger
Philosophie. Die Rechtsphilosophie hat sich z. B. nicht direkt mit dem
Rechte, die Kunstphilosophie nicht direkt mit der Kunst zu
beschftigen, sondern mit der Mglichkeit der Rechts- und Kunst w i s s
e n s c h a f t. Die Wissenschaft selbst, die, wie Cohen sagt, in
"gedruckten Bchern" vorliegt, ist also allein das fr den Philosophen
Urgegebene; sie erscheint hier wie vom Himmel gefallen. Auf die Art,
wie von diesem Standpunkt aus das System der Kategorien hergeleitet
wird, kann hier nicht ein gegangen werden. Die genannten Cohenschen
Grundideen haben N a t o r p und C a s s i r e r sowie die brige groe
Schlerschaft weiterentwickelt. Ein zweifelhafter Vorzug der Schule ist
der Reichtum und die Vielseitigkeit ihrer Interessen. Sie bertrifft
hierin weit die brigen Kantschulen. Natorp hat die Idee Cohens,
zunchst in erkenntnistheoretischer Hinsicht, besonders in drei
Richtungen weiterentwickelt: 1. in bezug auf die Theorie der
mathematischen Naturwissenschaft, besonders in seinem Buche "Die
Grundlagen der exakten Naturwissenschaft"; 2. in seiner, einer
erkenntnistheoretischen Fundierung der Psychologie dienenden
"Allgemeine Psychologie"; 3. in der Richtung der Ethik und
Sozialpdagogik. Eine kurze geschickte Zusammenfassung seiner Ansichten
hat er gegeben in den "Wegen zur Philosophie" unter dem Titel
"Philosophie" 1918. Eine Art Geschichtsphilosophie des deutschen Volkes
entwickelte er whrend des Krieges in seinem Buche "Deutscher
Weltberuf". Ferner hat Natorp in seinem Werke ber Platon versucht, die
platonische Lehre mit Abstreifung alles dessen, was er bei Platon fr
"mythisch" hlt, so zu deuten, da an den "Ideen" Platons jeder
dingliche Charakter verschwindet und sie als bloe "Gesetze", die unser
denkender Geist selbst zur Grundlegung des Wirklichen hervorbringt,
erscheinen. Schon mit diesem Werke, aber in vielleicht noch hherem
Mae in den groen historischen Werken Ernst Cassirers ber Leibniz und
ber "Geschichte der neueren Erkenntnistheorie" (in 3 Bnden) hat die
Marburger Schule einen Weg beschritten, dessen fast einzigartig
konsequente Verfolgung zwar ihrem eigenen System einen mchtigen
geschichtlichen Halt zu geben scheint, der sich aber fr eine objektive
geschichtliche Auffassung der Philosophiegeschichte nach meiner Ansicht
als geradezu ruins erwiesen hat. Diese geschichtliche Auffassung der
Philosophiegeschichte ist geleitet von der an Hegel gemahnenden Idee,
da die Geschichte der philosophischen Ideen eine strenge logische K o
n t i n u i t  t und einen streng logischen Sachfortschritt darstelle,
bei dem die philosophierenden Personen, ihr ursprngliches
charakterologisches Verhltnis zur Welt, ferner Religion, soziale
Formen und Klassen, Interessen und Leidenschaften berhaupt keinerlei
Rolle spielen. Abgesehen von dieser rein fiktiven unerwiesenen
Voraussetzung werden in den geschichtlichen Werken der Marburger Schule
die behandelten Denker fast ausschlielich nach ihrer logischen und
erkenntnistheoretischen Seite hin gewrdigt. Dies tritt in Natorps
Platonbuch wie in Cassirers Leibnizbuch mit ganz unsagbarer
Einseitigkeit hervor. Die Leibnizsche Metaphysik, die genau so der
Ausgangspunkt seiner Logik, wie die Metaphysik des Aristoteles der
Ausgangspunkt des "Organon" gewesen ist, wird von ihm so gut wie
hinweginterpretiert. Und genau so ergeht z. B. Descartes in der
"Geschichte des Erkenntnisproblems". Mit vollem Recht hat jngst Ernst
von Aster in seiner krzlich erschienenen "Geschichte der
Erkenntnistheorie" (1921), die ein wahres und objektives Bild der Dinge
an Stelle der Marburger Konstruktionen zu geben sucht, diesen Marburger
Vergewaltigungsversuchen der Geschichte zugunsten ihres Systemes
scharfen Widerstand entgegengesetzt. Das erkenntnistheoretische
Hauptwerk Cassirers heit "Substanzbegriff und Funktionsbegriff"
(1910). Es enthlt eine Erkenntnistheorie der Mathematik, theoretischen
Physik und Chemie und soll zeigen, wie an Stelle der Herrschaft der
Substanzkategorie und der begrifflichen Umfangsverhltnisse in der
Entwicklung der neueren Wissenschaften mehr und mehr eine Denkweise
getreten sei, die alle Substanzen als bloe hypothetische und nie
endgltig zu bestimmende Ansatzpunkte zuerst erfater funktioneller
Abhngigkeiten ansieht und eine Logik der Relationen an Stelle der
Aristotelischen Subsumptionslogik setzt. Schne, zum Teil auch wahre
und tiefe allgemeine Bildungsbcher hat ferner Cassirer whrend des
Krieges uns geschenkt in seinen Arbeiten "Freiheit und Form" und "Idee
und Gestalt", in denen die Entwicklung der deutschen Dichtung in einige
ihrer Hauptgestalten (Goethe, Schiller, Hlderlin, Kleist) nach der
Einheit ihrer Struktur und Form mit der philosophischen Entwicklung des
deutschen Geistes betrachtet werden (siehe besonders den wertvollen
Aufsatz "Goethe und die mathematische Naturwissenschaft"). In der
Rechtsphilosophie hat R u d o l f   S t a m m l e r  in seinen Bchern
"Wirtschaft und Recht" und "Das richtige Recht" den neukantischen
Gedanken Ausdruck gegeben, ferner hat auch der sterreicher Jurist
Kelsen diese Philosophie zur Grundlage seiner Arbeiten gemacht. Eine
bekannte Kritik Max Webers von Stammlers Wirtschaft und Recht (siehe
"Zeitschrift fr Sozialpolitik") und ein eben erschienenes Buch des
Bonner Juristen Kaufmann haben die ungemeinen Schwchen dieser
Rechtstheorie treffend aufgedeckt (siehe E. Kaufmann, "Kritik der
neukantischen Rechtsphilosophie", 1921). Die Biologie suchte N.
Hartmann in einer Sonderschrift den neukantischen Grundstzen zu
unterwerfen, ein sehr zukunftsreicher Forscher, der sich aber
neuerdings von der Marburger Schule weit abgewandt und einer mehr
ontologischen Denkrichtung zugewendet hat, die er nicht ohne Einflu
der Phnomenologie genommen haben drfte.

Jnger unter den gegenwrtigen Kantschulen ist die "Badische" oder auch
"Sdwestdeutsche Schule". Sie ist begrndet von W. Windelband, fand
ihren grten und wirksamsten Systematiker in Heinrich Rickert, als
dessen wichtigster Schler, aber auch in gewissem Sinne schon
berwinder, der im Kriege zum Leide der deutschen Philosophie gefallene
zukunftsreiche Emil Lask gelten mu. Nahe stehen dieser Schule vermge
ihres gemeinsamen Ausgangspunktes von J. G. Fichte auch Paul Hensel und
der auch von Hegel stark beeinflute Jonas Cohn; in etwas weiterer
Entfernung aber der erheblich selbstndige, an der Harvard-Universitt
in Amerika lehrende, whrend des Krieges gestorbene Hugo Mnsterberg. Z
w e i Dinge unterscheiden diese Schule scharf von jener Marburgs.
Whrend die Marburger Schule sich aufs einseitigste an der
mathematischen Naturwissenschaft zu orientieren suchte, sind es die
historischen und Kulturwissenschaften, die den Interessenkreis dieser
Schule vor allem beherrschen. Die Geschichte ist Rickert das "Organon
der Philosophie". Zweitens ist es ein bereits durch J. G. Fichte
hindurchgesehener Kant, dessen Lehren hier weiterentwickelt werden. Das
erste Moment hat seinen Hauptgrund darin, da der Schpfer dieser
Schule, W. Windelband, an erster Stelle Philosophiehistoriker war. Auf
diesem Boden hatte Windelband bedeutende Leistungen aufzuweisen, die
freilich auch weitgehender Kritik offenstehen und ihr zum Teil auch
wirklich verfielen. In seinem Platonbuche z. B. gibt er nach meiner
Meinung dem Ideal des Guten bei Platon eine Deutung, die durchaus
fichteisch und kantisch und das gerade Gegenteil von platonisch ist.
Fast berall, wo er ber mittelalterliche Philosophie sprach, verfllt
er, wie Baeumker und seine Schler zeigten, tiefgreifenden Irrtmern.
Systematisch ist Windelband zuerst hervorgetreten mit seiner
Doktordissertation "ber den Zufall", ferner mit seiner Rektoratsrede
"ber nomothetische und ideographische Wissenschaften", die den
Ausgangspunkt fr Rickerts Geschichtstheorie in seinem Buche ber
"Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung" gebildet hat,
ferner in seinen zwei Bnden "Prludien" in seiner "Einleitung in die
Philosophie", in Arbeiten zur Kategorienlehre und in seinem Buche "ber
Willensfreiheit". In seiner Schrift ber den Zufall findet sich noch
der franzsische Philosoph und Mathematiker Cournot zitiert, der meines
Erachtens zuerst die Behauptung aufgebracht hat, da es objektives,
aber in gesetzmige Beziehungen unauflsbares Wirkliches gebe, das
zwar dem Kausalprinzip, sofern es konkrete Kausalitt fordere, nicht
aber dem Gesetzesprinzip unterworfen sei; ferner, da es die Geschichte
mit diesem, objektiv zuflligen Sein, im Unterschiede von allem
gesetzmigen Sein und Geschehen zu tun habe. Derselbe Gedanke findet
sich brigens v o r jener Rede Windelbands auch bereits bei Harms und
ferner in Hermann Pauls "Prinzipien der Sprachgeschichte". Streng
systematisch zu begrnden versuchte ihn aber erst H. Rickert in dem
obengenannten Werke. Rickert ging dabei aus von einer bestimmten
Theorie der Begriffsbildung, die er in kritischer Auseinandersetzung
mit dem Logiker Sigwart gewann. Diese Begriffstheorie ist streng
nominalistisch und hat mit jener der Positivisten, z. B. E. Machs, eine
groe hnlichkeit. Der Begriff soll sein eine "berwindung der
extensiven und intensiven unendlich reichen Mannigfaltigkeit", die
jeder noch so einfache Teil des unmittelbar erlebten Wirklichen
enthalte. Den auf diese Weise gebildeten Begriffen und nicht minder den
analog gebildeten Gesetztsrelationen, in die sich in letzter Linie auch
die Begriffe sollen auflsen lassen, kommt "Geltung" zu, nicht aber
Wirklichkeit oder Realitt. Neben dieser Betrachtungsart ein und
desselben, unter die Kategorie der "Gegebenheit" ursprnglich gefaten
formfreien "Stoffes der unmittelbaren Erlebnisse" soll es aber noch
eine prinzipiell entgegengesetzte Richtung der Betrachtung und des
Denkens geben. Sie sucht nicht die Mannigfaltigkeit durch
Allgemeinbegriffe zu berwinden, sondern diese Mannigfaltigkeit durch
Bildung von Individualbegriffen immer genauer als "Individuum" und als
Ganzes und Teil zu bestimmen. Individuum und Allgemeines sollen also
das Ergebnis von zwei entgegengesetzt gerichteten Formungen und
Betrachtungsweisen ein und derselben Materie der Erfahrung sein,
freilich so, da die kategoriale Form des Individuums (Rickert fhrt
sie als eine neue Kategorie in das Kategoriensystem Kants ein) "k o n s
t i t u t i v e" Bedeutung fr dc Wirklichkeit besitze, whrend der
Gesetzeskategorie nur "regulative" Bedeutung zukomme. Die letzte Wurzel
des Unterschiedes von Naturwissenschaften und Geschichtswissenschaften
soll nun ausschlielich in diesen zwei Betrachtungsweisen gelegen sein.
Man mu wohl beachten, da die Betrachtungsweisen nicht k o o r d i n i
e r t sind. Da die Kategorie des Individuums konstitutiv ist (und mit
ihr auch die Kategorie der konkreten Kausalitt), ist die
Weltwirklichkeit p r i m  r nicht "Natur", sondern "Geschichte". Und
was wir "Natur" nennen, ist in letzter Linie nur ein allgemein
abstrakter Auszug aus dieser konkreten einmaligen Wirklichkeit, der
nicht notwendig wre, wenn unser Geist so umfassend wre, a l l e s
individuell Wirkliche im g a n z e n Reichtum seiner Mannigfaltigkeit
erfassen zu knnen. Dadurch erhlt die Geschichtswissenschaft einen
metaphysischen Vorzug vor der Naturwissenschaft. Diese philosophisch
ganz unbegrndete Behauptung ist nur eine ganz willkrliche logische
Scheinrechtfertigung einer aus allen uerungen dieser Schule
hervorgehenden primren geringen Wertung der Naturwissenschaft und
insbesondere aller Natur p h i l o s o p h i e. Diesem Begriff der
Naturwissenschaft wird von Rickert auerdem die von ihm ganz unkritisch
rein mechanisch sensualistisch aufgefate Psychologie eingeordnet.

Ein zweites Merkmal des historischen Gegenstandes soll auer der
individualisierenden Betrachtung des Wirklichen nach Rickert die
Beziehung dieses Wirklichen auf ein System allgemein gltiger Werte
sein. Erst diese Beziehung soll aus der unermelichen Flle des
individuell Wirklichen dasjenige auswhlen, was -- sei es in positiver
oder in negativer Wertrichtung -- "kulturell bedeutsam" ist. Die
allgemeingltigen Werte werden durch die Philosophie festgestellt; ja,
die Philosophie wird bei Windelband und Rickert geradezu als die
"Wissenschaft von den allgemeingltigen Werten" definiert. Gegen diese
neue "Logik der Geschichte", an deren Erweiterung, Kritik und Ausbau
sich auch G. Simmel und H. Maier, ferner Troeltsch und Max Weber
beteiligt haben, sind die eingehendsten und meiner Meinung nach
treffendsten kritischen Einwnde von Erich Becher in seinem Buche
"Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften" (1921) erhoben worden.
Auch F. Krger hat in seinem wertvollen Buche "ber
Entwicklungspsychologie" (1915) viel Treffendes gegen Rickerts Begriff
der Psychologie gesagt. Beide angegebenen Merkmale knnen den
geschichtlichen Gegenstand nicht umgrenzen. Auch die Naturwissenschaft
mu, z. B. in der Geographie, in der Mondkunde, vor allem aber im
ganzen Gebiet der Naturkunde berhaupt, individualisierend vorgehen,
und auch in den verschiedenen geschichtlichen und historischen
Geisteswissenschaften gibt es weitgehend Gesetzlichkeit und typische
Entwicklungsabfolge von Erscheinungsreihen. Nur wenn man ferner mit
Rickert die mechanische Naturansicht mit Einschlu des Biologischen und
einer ausschlielichen sensualistischen Assoziationspsychologie als die
einzig wahre Naturwissenschaft bereits willkrlich voraussetzt, auf
geistesgeschichtlichem Boden aber alle Versuche, neben der verstehenden
Geschichte auch eine erklrende und zugleich phasengesetzliche
Geschichtserkenntnis zu geben, vllig verwirft, kann man auf Rickerts
Meinung kommen. Weder lt sich der ontische Gegensatz des
geistig-psychischen Seins und der ueren Naturtatsachen, der brigens
durch die e i g e n g e s e t z l i c h e n Erscheinungen des
organischen Lebens vermittelt wird, in einen bloen Unterschied von
"Betrachtungsweisen" verwandeln; noch lt sich mit Fug behaupten, die
Psychologie habe fr die Geschichte keine Bedeutung (siehe hierber
Krger). Auch die Wertbezogenheit ist nicht w e s e n t l i c h  fr
das geschichtlich "Bedeutsame"; es gengt dazu die Gre der
Wirkungsfhigkeit eines Tatbestandes. Die eigentlichen Probleme der
Geschichtserkenntnis, die Frage nach den mannigfaltigen Erkenntnisarten
und Realsetzungsgrnden fremden Bewutseins und das von W. Dilthey so
tief aufgenommene, von E. Spranger und von dem Schreiber dieser Zeilen
weitergefhrte Problem des geschichtlichen "Verstehens" sind durch
Rickert gar nicht ernstlich berhrt. Die Erkenntnistheorie der
Sdwestdeutschen Schule hat ihr Hauptwerk in Rickerts "Gegenstand der
Erkenntnis" (3. Auflage, Tbingen 1915). In ihrem Mittelpunkt steht ein
erkenntnistheoretischer Idealismus, der aber nicht extremer
Rationalismus und Logizismus wie jener der Marburger ist, sondern
zugleich die alogischen und arationalen Fundamente gegebener
Erlebniswirklichkeit anerkennt. Der erkenntnistheoretische Realismus
wird am Anfang mit den denkbar billigsten Mitteln in den drei Formen
des Kausalschlusses, des Interpolations- und des voluntativen Realismus
(Dilthey, Frischeisen-Khler) zu widerlegen gesucht. Alles Seiende und
Gegenstndliche soll seinen anschaulichen Fundamenten nach "Inhalt
eines Bewutseins berhaupt" sein, das Rickert durch ein negatives
Verfahren, durch das er den natrlichen Ichbegriff (pssychophysisches
Subjekt, psychologisches Subjekt, erkenntnistheoretisches Subjekt)
immer weiter zu beschrnken sucht, gewinnt. Die Fehler dieses
Verfahrens knnen hier nicht aufgewiesen werden; auch der Widersinn
nicht, ein sogenanntes "berindividuelles Ich", das weder eine
Auenwelt, noch ein Du, noch einen Leib sich gegenber hat, anzunehmen.
Der eigentliche "Gegenstand der Erkenntnis" soll nun weder bestehen in
einem bewutseinsjenseitigen Seienden noch in einem
bewutseinsimmanenten Gehalt der anschauenden Akte; vielmehr soll das,
was wir "Gegenstand" nennen, auf ein "transzendentes Sollen", d. h. auf
die Forderungen zurckgefhrt werden, ber das Bewutseinsgegebene
bestimmte Arten von U r t e i l e n  zu fllen und es in diesen Akten
mit kategorialen Formen zu umkleiden. Dieser Gedanke ist von Fichte
bernommen, der ja auch das "Sollen" dem Sein, das Gewissen dem Wissen,
die sittliche Forderung der theoretischen Erkenntnis vorhergehen lt.
In seinem letzten Werk "System der Philosophie" (1. Band) hat Rickert
nichts wesentlich Neues seinen frheren Arbeiten hinzugefgt.

bersieht man das Ganze dieser Schule, so kommt ihr gegenber der
Marburger Philosophie nur e i n zweifelloser Vorzug zu. Sie erkennt g e
g e b e n e Bestnde berhaupt an; sie macht nicht den Versuch, die
ganze Welt in reine Denkbestimmungen aufzulsen; aber sie tut dies
leider auch unter weitgehender Preisgabe der Rechte des Denkens und
verfllt so in einen "Nominalismus", der sich von dem Nominalismus etwa
E. Machs und der Positivisten nur der Frbung der Darstellung nach
unterscheidet. In jeder anderen Hinsicht ist die Schule der Marburger
Lehre weit unterlegen. An Stelle des ungemeinen Reichtums und einer
bewunderungswrdigen Vielseitigkeit der Marburger Gedankenwelt treten
hier einfrmige schematisierende Wiederholungen von ein paar beraus
rmlichen und drren Grundgedanken, die sich, verbunden mit der
aufgeblhten, von J. G. Fichte ererbten, Icharroganz dem gesamten
Universum gegenber vergeblich bemhen, eine ganze Philosophie zu
tragen. Der sogenannten "Kultur" (selbst die Religion wird hier auf ein
fadenscheiniges "Norm- und Kulturbewutsein" in letzter Linie
zurckgefhrt) wird eine Rolle und eine Bedeutung im Ganzen des
Weltgetriebes zugesprochen, sie ihr nicht im entferntesten zukommt.
Eine Naturphilosophie ernst zu nehmender Art, eine tiefere Fundierung
der Psychologie oder irgendwelche Leistungen auf diesem Gebiet besitzt
die Schule berhaupt nicht und kann sie gar nicht besitzen, da sie
ihren Jnger von vornherein mit tiefster Verachtung gegen die Wunder
der Natur erfllt. Natur ist hier genau wie bei Fichte im Grunde nur
"Material" fr ein leeres Kulturgetue, das seinen letzten Sinn haben
soll in frei in der Luft schwebenden rein formalen "Werten" und
"Geltungen". Die falsche Meinung, es liee sich der Wertbegriff auf ein
Sollen zurckfhren und "Wahr" und "Falsch" seien nur Werte n e b e n
anderen, ist von Meinong, dem Verfasser (siehe "Formalismus in der
Ethik", 2. Auflage), und zum Teil auch von E. Lask, der eben starb, als
er die grobmaschigen Schematismen seiner Lehrer zu berwinden anfing,
widerlegt worden. Es mu geradezu als ein kulturpsychologisches Problem
gelten, wie diese l e e r s t e der deutschen Kantschulen in unserem
Lande so starke Verbreitung finden konnte. Ich sehe seine Lsung vor
allem darin, da sie der herkmmlichen historischen Richtung in der
deutschen Geschichtswissenschaft das philosophische R e c h t ihrer
Existenz immer neu besttigte und jedes satte Gengen an den
herkmmlichen Methoden "philosophisch" rechtfertigte; ferner darin, da
die Aneignung jener paar Formeln ber Wert und Sein und
generalisierende und individualisierende Betrachtung mit Ausscheidung
aller echt philosophischen Probleme der Metaphysik, der
Naturphilosophie, der Psychologie, der Ethik und sthetik nur ein
Minimum von Denkarbeit kostete und doch gleichzeitig den Adepten mit
dem Bewutsein erfllte, nun ein ganzer Philosoph zu sein. (Vgl. auch
hierzu W. Windelband: "Die Philosophie im deutschen Geistesleben des
19. Jahrhunderts", 1909.) Weit tiefer fate die Probleme der Weltlehre
und der Erkenntnistheorie, der Psychologie und der
Geisteswissenschaften der gleichfalls von Fichte ausgegangene Hugo
Mnsterberg in seinen "Grundzgen der Psychologie" und in seiner
"Philosophie der Werte". Er versuchte aus rein erkenntnistheoretischen
und methodologischen Forderungen heraus (freilich berkonstruktiv und
mit fichteischer Gewaltttigkeit) eine strenge Assoziationspsychologie
zu vershnen mit der Anerkennung einer primr nur gewerteten
"Lebenswirklichkeit" (der eigentlichen metaphysischen Sphre), die nur
zu gewissen methodischen Zwecken technischer Daseinsbeherrschung in
einen ueren Naturmechanismus "umgedacht" werde. Von diesem
Mechanismus msse in der erklrenden Philosophie auch das Psychische
als abhngig gedacht werden. Von ihr verschieden ist jedoch eine
subjektivierende Aktpsychologie, die Grundlage der
Geisteswissenschaften sei.

In einem loseren Verbande mit beiden Kantschulen stand auch Georg
Simmel, der sich von einer anfnglich mehr positivistisch eingestellten
Denkrichtung ber die Problematik Kants hinweg schlielich zu einer
"Lebensphilosophie" durchrang, deren Ergebnis er in dem nach seinem
Tode im Nachla erschienenen Werke "Lebensanschauung, vier
metaphysische Kapitel" darstellte. Der Aufsatz "ber den Tod" ist das
Tiefste und Reifste, was dieser eigenartige und weit ber die deutschen
Grenzen hinaus anregende Denker geschrieben hat. Auch sein Aufsatz ber
"Das individuelle Gesetz", in dem er hnlich wie Schleiermacher und der
Verfasser in seiner "Ethik" neben "allgemeingltigen moralischen
Werten" auch "individualgltige", d. h. eine je individuell sittliche
Bestimmung des Menschen darzutun sucht, hat die Ethik bedeutend
gefrdert. Seiner durch Bergson angeregten letzten "Lebensphilosophie"
die dunkel, unbestimmt und verworren bleibt, kann ein gleicher Beifall
nicht gezollt werden.

Die vierte von Leonhard Nelson begrndete Kantschule, die einen reichen
Kreis von Forschern aller Disziplinen unter sich vereinigt, hat ihre
Ansichten besonders in den zahlreichen Werken ihres Begrnders und in
den "Abhandlungen zur friesischen Schule" dargelegt. In scharfem
Gegensatz zur "transzendentalen" Auffassung des kantischen Apriori, von
dem Cohen ausging, wird hier die Lehre vertreten, da wir nur auf dem
Wege anthropologischer Selbstbesinnung mit Hilfe eines Verfahrens der
Reduktion der gegebenen Wissenschaften die obersten Grundstze der
Vernunft feststellen knnen. Von einem "Vertrauen in die Vernunft"
ausgehend, das ein rein subjektiver Akt bleibt, mssen die obersten
evidenten Einsichten, nach denen wir das Gegebene in mittelbarem,
Denken bearbeiten, nicht "erzeugt", sondern nur als ursprnglicher
Besitz unseres Geistes enthllt werden. Die Voraussetzung dieser Schule
ist die Existenz einer unmittelbar anschauenden Vernunft, deren
Grundstze teils anschaulich (mathematische Grundstze), teils
unanschaulich (z. B. Kausalprinzip) evident sind, und die durch das
reduktive Verfahren weder "deduziert" noch "konstruiert" sondern allein
fr die Selbstbesinnung als evident enthllt werden mssen. So mu der
apriorische Besitz unseres Geistes nicht auf apriorische, sondern auf
aposteriorische Weise gefunden und entdeckt werden. Eine
"Erkenntnistheorie" im blichen Sinne, sofern sie die "Mglichkeit der
Erkenntnis" erst aufweisen will, ist nach Nelson ein sinnloses
Unternehmen; denn nur auf Grund schon gewonnener evidenter Erkenntnis
knnen wir anderweitige Erkenntnis einer Prfung und Kritik
unterwerfen. Von dieser an Fries anknpfenden theoretischen Basis aus
hat die Schule eine beraus rege und, wie auch derjenige, der ihr
fernesteht, sagen mu, s e h r wertvolle, sowohl positiv schpferische
als kritische Ttigkeit entfaltet. Sie hat die Theologie stark
befruchtet (siehe Bousset und vor allem Rudolf Otto, dessen
ausgezeichnetes Werk ber "Das Heilige" von der Schule stark bestimmt
ist). Sie hat auf dem Boden der Philosophie, der Mathematik und der
exakten Naturwissenschaft eine sehr rege Ttigkeit entfaltet; sie hat
in Kronfeld einen Vertreter gefunden, der nach ihren Grundstzen die
Erkenntnislehre der Psychiatrie eingehend bearbeitet und gefrdert hat.
Vor allem aber hat ihr charaktervoller und geradsinniger Urheber L.
Nelson auf dem Boden der Rechts- und Sozialphilosophie achtungswerte
Werke hervorgebracht (siehe besonders "Die Rechtswissenschaft ohne
Recht"). In beraus scharfsinniger, freilich allzusehr im Formalismus
Kants steckenbleibender Art und Weise wird hier mit Reinheit und Mut
die Majestt des Rechtsgedankens auf Grund evidenter Vernunfteinsichten
gegen alle Verdunkelungen durch Rechtspositivismus und der in der
Jurisprudenz stark herkmmlichen Machtlehre vertreten. Auch das groe
Werk Nelsons "Vorlesungen ber die Grundlagen der Ethik" ist besonders
in seinen kritischen Teilen von groem Scharfsinn. Gegenber Kant wird
neben dem "Pflichtgemen" ein "Verdienstliches" anerkannt, und die
Liebe und das Ideal der "schnen Seele" freilich mehr als sthetischer
denn ethischer Wert in die Grundkategorien des menschlich Wertvollen
eingefgt. In ihrer politischen Tendenz vertritt die Schule einen
radikalen Liberalismus der geistigen Individualitt, den sie gerne auch
an die konfuzianische Weisheit des chinesischen Ostens anzulehnen sucht.

berblickt man das Ganze dieser vier Kantschulen, wird man mit
Verwunderung vor der Tatsache stehen, die Kantianer immer noch ber den
Sinn der Lehre ihre Meisters streiten, und noch mehr darber, da so
grundverschiedene Geistesarten auf demselben Boden des Kantianismus
berhaupt mglich sind. Da aus der Starrheit dieser Schulkreise heraus
d i e Philosophie, wie wir sie oben als erstrebenswert bezeichnet
hatten, hervorwachsen werde, glauben wir bei allem Wertvollen, das
besonders die Marburger und die Friesschule geleistet haben, nicht. Die
ungeheuren Literaturmassen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit
Interpretation, Fortfhrung, Neugestaltung der kantischen Philosophie
beschftigt haben, stehen auf alle Flle zu den Frderungen, welche die
Philosophie durch sie erhielt, in gar keinem sinnvollen Verhltnis.
Wenn man dazu erwgt, da die Grundpositionen Kants (ich rechne dazu
seinen Ausgangspunkt von der newtonschen Naturlehre, seine Lehre, das
Gegebene sei nur ein "Chaos von Empfindungen" und alles, was Ordnung
und Beziehung, Einheitsform und Gestalt am Gegenstand der Erfahrung
sei, msse durch funktionsgesetzlich geregelte Verstandesttigkeiten in
den Gegenstand erst hineingekommen sein, ferner seine Annahme der
prinzipiellen Erklrbarkeit der Natur auf Grund der Prinzipe der
Mechanik) heute der schrfsten und nach meiner Meinung der strengsten
Widerlegung verfallen sind, so wird man nur von einer neuen
untradionalistischen S a c h philosophie -- einer Philosophie, die
nicht von einer historischen Autoritt ausgeht, sondern hchstens
retrospektiv auf Grund ihrer gewonnenen Erkenntnisse sich auch einer
philosophiegeschichtlichen Tradition eingeordnet wei, Wertvolles und
Dauerndes erwarten drfen.

Einen weit geringeren Einflu als die kantische Philosophie bt auf die
Philosophie der Gegenwart der Positivismus und sein neuester Ableger,
der von den Amerikanern Peirce und W. James und dem Englnder Schiller,
in gewissem Sinne auch von Fr. Nietzsche (siehe besonders "Der Wille
zur Macht") angeregte, fr das engere Gebiet der
naturwissenschaftlichen Erkenntnistheorie auch von Henri Bergson
angenommene sogenannte "Pragmatismus" aus[1]. Der

  [1] W. James: "Der Pragmatismus" (Philosophisch-Soziologische
      Bcherei Bd. 1): F. C. S. Schillers "Humanismus" (derselben
      Sammlung, Bd. 25); ferner W. James: "Das pluralistische
      Universum", bersetzt von J. Goldstein (Bd. 33).

europische Positivismus hat seinen Ursprung und Hauptsitz in
Westeuropa; Bacon, D. Hume, D'Alembert, Condorcet, A. Comte, J. St.
Mill, H. Spencer, Taine und Buckle waren seine bedeutendsten geistigen
Vter. In der gegenwrtigen deutschen Philosophie hat er so wenig wie
in der deutschen Philosophie berhaupt eine allseitige, alle Gebiete
der Philosophie umfassende Vertretung gefunden. Als strengere
Positivisten knnen unter den lteren fr die Erkenntnistheorie nur E.
Mach und Avenarius, in der unmittelbaren Gegenwart der aus der
Psychiatrie zur Philosophie gekommene selbstndige und originelle
Forscher Theodor Ziehen gelten. Eine grere Anzahl von Forschern sind
strker von ihm beeinflut, so z. B. der krzlich verstorbene Benno
Erdmann (siehe besonders seine "Logik", 1. Band, 2. Auflage). In seinen
lteren Arbeiten ist auch A. Riehl, ferner Hans Cornelius, der Humesche
und Machsche Gedankengnge mit Kants Erfahrungstheorie eigenartig
verquickt hat (siehe Cornelius: "Transzendentale Systematik", 1916),
vom Positivismus bestimmt. Als ein dem Pragmatismus, freilich mit mehr
Nietzschescher als angelschsischer Frbung, nherstehendes Werk mu
die "Philosophie des Als-ob" von H. Vaihinger angesehen werden. Unter
den jngsten Erkenntnistheoretikern steht Moritz Schlick ("Allgemeine
Erkenntnislehre", 1918) freilich mit realistischem Einschlag dem
Positivismus vermge seines extremen Nominalismus (Erkennen sei nur
"eindeutiges Bezeichnen und Ordnen der Gegenstnde") nahe. In der Ethik
und Religionsphilosophie lehrte Jodl einen monistisch modifizierten
Positivismus. In der Soziologie und Geschichtsphilosophie steht ihm
Mller-Lyer, L. von Wiese, W. Jerusalem (siehe "Die Phasen der Kultur",
"Einleitung in die Philosophie") und R. Goldscheid nahe. Wesentlichste
Basis des deutschen Positivismus ist eine sensualistische
Erkenntnistheorie und ein Versuch, die Denkkategorien psychologisch
oder soziologisch geschichtlich herzuleiten. Die Auffassung, da die
kategorialen Formen nicht Seinsformen, die Denkgesetze nicht
Seinsgesetze seien, teilt der Positivismus mit den Kantianern. Whrend
aber jene die apriorische Struktur unseres Denkens nur auffinden oder,
wie die Marburger, immer neu aus ursprnglicher Denkfunktion rein
erzeugen wollen, bemht sich der Positivismus nach humeschem Muster,
sie auf dem Boden einer beschreibenden (oder bei manchen selbst
genetischen) Psychologie und Soziologie zu verstehen. Die
sensualistische Auffassung, da der gesamte Inhalt der natrlichen und
wissenschaftlichen Erfahrung auf Sensationen und deren Residuen, resp.
auf die Verknpfung dieser Residuen nach den Assoziationsgesetzen
zurckfhrbar sei, das Denken aber auf Zeichengebung und Abfolge
hnlicher Vorstellungsbilder in letzter Linie beruhe, macht die
eigentliche erkenntnistheoretische These des Positivismus aus. Ihr
entspricht dann die F o r d e r u n g, aus der Wissenschaft alles das
auszuscheiden, was ber aufweisbare Empfindungselemente und ber die
Funktionalbeziehungen von deren Komplexen hinausgehe. Jeder asensuelle
und bersensuelle u r s p r  n g l  i c h e Bestand im Gegebenen der
Erfahrung, der nur durch ein ursprngliches, von Bildern nicht
ableitbares eigengesetzmiges D e n k e n (oder andere geistige
Funktionen, wie Intuition, kognitives Fhlen usw.) zu erfassen wre,
wird bestritten. Alle "Substanzen" und "Krfte" und alle sinnlich nicht
aufweisbaren Inhalte und Realsetzungen solcher mssen aus der
Wissenschaft in letzter Linie ausgeschieden werden: sofern man aber mit
Substanz- und Kraftbegriffen in ihr operiert, kommt diesen Operationen
genau so wie den in der Wissenschaft verwandten allgemeinen Begriffen
und Gesetzen nur die konomische Bedeutung zu, mit Bildvorstellungen zu
sparen ("Prinzip der Denkkonomie"). Mit dieser Auffassung verbindet
sich eine streng nominalistische Lehre vom begrifflichen Denken, die in
Deutschland am schrfsten durch H. Cornelius ("Einleitung in die
Psychologie"), E. von Aster und neuerdings von Schlich durchgefhrt
worden ist (zur Kritik dieser Lehre vergleiche E. Husserl: "Logische
Untersuchungen", Band 2). In der Realittsfrage hat sich der deutsche
Positivismus (mit Ausnahme von Schlick) im Unterschied von jenem
Spencers im wesentlichen ablehnend verhalten. Die Existenz der Welt ist
ihm nur der "geordnete Inbegriff ihrer Wahrnehmungsmglichkeiten".
Avenarius hatte die Gegenstnde, Bewutsein, Seele, Ich auf eine
ursprngliche Tuschung zurckgefhrt, die durch Introjektion eines
Umgebungsbestandteils (z. B. wahrgenommener Baum) in den Mitmenschen
(als "immaterielles Abbild" des Baumes) und erst sekundr auch in das
erkennende Ausgangssubjekt noch einmal "hineinverlegt" worden sei (s.
Avenarius: "Der natrliche Weltbegriff"). E. Mach, der mehr von
idealistischer Seite her kam, nahm letzte qualitative Seinselemente an
(blau, rot, hart, Ton usw.), die, wenn sie in ihrem gegenseitigen
Zusammenhang und in den Abhngigkeiten ihrer mglichen
Komplexvernderungen untereinander betrachtet werden, "Natur" heien;
"Empfindungen" aber, wenn sie und ihre Komplexnderungen betrachtet
werden in Abhngigheit von den physiologischen Vorgngen des
Organismus. Auch das "Ich" ist ihm nur ein solcher relativ konstanter
Komplex von Seinselementen. Eine vorzgliche Kritik dieser "Ich"-lehre
gibt K. sterreich in seinem Buch "Phnomenologie des Ich". Der
Unterschied von Psychisch und Physisch soll hiernach kein Unterschied
der Materie und der Gegenstnde sein, sondern nur ein Unterschied in
der Betrachtung der Abhngigkeitsverhltnisse zwischen den
Seinselementen. Mach hat diese Lehre in seinen groen Werken zur
Geschichte der Naturwissenschaft (Geschichte der Mechanik, des Satzes
von der Erhaltung der Arbeit, der Wrmelehre) und in seinem letzten,
sehr wertvollen und lehrreichen Werke "Erkenntnis und Irrtum" auch
geschichtlich zu unterbauen gesucht. Die moderne mechanische
Naturansicht hat nach seiner Meinung nur in dem historischen Z u
f a l l ihren Grund, da man die Bewegungserscheinungen fester Krper
zeitlich zuerst studierte (Galilei), um dann, nach dem Prinzip:
Erklren heie nur "relativ Unbekanntes auf zuvor Bekanntes"
zurckzufhren, auch die brigen Naturerscheinungen auf
Bewegungsgesetze fester Dinge zurckzufhren. Tatschlich aber bestehe
kein Seinsunterschied zwischen "primren" und "sekundren" Qualitten.
Besonders die Bedeutung denkkonomischer A n a l o g i e n  und Bilder
fr den wissenschaftlichen Fortschritt hob er nach dem Vorgang
englischer Physiker (Maxwell, Lord Kelorn, Clifford) in seinen
geschichtlichen Werken und in "Erkenntnis und Irrtum" stark hervor.
Aber alle diese "Bilder" mssen zugunsten strenger, rein mathematisch
formulierter Funktionsgesetze eines Tages wieder aus der Wissenschaft
ausgeschieden werden, wenn sie den neuen Beobachtungen nicht mehr
gengen. Auch der modernen Relativittstheorie Einsteins hat E. Mach
durch seine Kritik Newtons, besonders seiner Lehre von der absoluten
Bewegung vorgearbeitet (siehe Geschichte der Mechanik). Diese
Auffassung der Arbeit der Naturwissenschaft ist in neuester Zeit von
Planck ("Einheit des physikalischen Weltbildes"), Stumpf, Klpe, ferner
von allen realistischen und kantischen Schulen mit Recht scharf
bekmpft worden (siehe besonders C. Stumpfs Akademieabhandlung: "Zur
Einteilung der Wissenschaften", 1906). Vor allem aber war es Ed.
Husserl, der die nominalistischen Begriffstheorien des Positivismus in
den "Logischen Untersuchungen", Band 2, einer beraus einschneidenden
Kritik unterzog. Die ernstesten Versuche, die Gegner des Nominalismus
und Sensualismus, die heute den Positivismus immer mehr zurckgedrngt
haben, zu widerlegen, haben von diesem Standort aus Ziehen in seiner
"Psychophysiologichen Erkenntnistheorie" und seinem krzlich
erschienenen sehr wertvollen "Lehrbuch der Logik" (1920) und E. von
Aster unternommen. Da es ihnen aber geglckt sei, die positivistischen
Positionen zu halten, glaubten wir nicht. Der schrfste Gegner ist dem
Positivismus neuerdings entstanden in der "Phnomenologie", obzwar
diese Denkrichtung mit ihm das Gemeinsame hat, den Aufweis aller
Begriffe in letztfundierenden Anschauungsgegebenheiten zu fordern. Aber
eben dabei erwies es sich, da der Gehalt des originr Anschaubaren
unvergleichlich r e i c h e r  ist als dasjenige, was durch sensuelle
Inhalte und ihr Derivate (und deren fernere psychische Verarbeitung) an
ihm denkbar sein mag. Zu welchen gewagten Annahmen und immer
verwickelter werdenden Hypothesen der Positivismus greifen mu, um
seine Lehre durchzufhren, zeigt auch das letzte scharfsinnige Werk
Benno Erdmanns ber "Grundzge der Reproduktionspsychologie" (1920).

Wenn der Positivismus im Erkennen nur ein zweckmiges miges
Bezeichnen gegebener Sachen sieht, so geht der P r a g m a t i s m u s
von einer etwas anderen Auffassung aus. Er behauptet, da alles
Erkennen nur die Bedeutung habe, ein Bild der Dinge zu geben, so
geartet, da seine "Folgen" uns zu Handlungen fhren, die bestimmte
praktische Bedrfnisse befriedigen. Der "Sinn" eines Gedankens falle
zusammen mit dem Inbegriff aller mglichen praktischen
Verhaltungsweisen, die er "leiten" und "fhren" knne; und "wahr" sei
ein Gedankengebilde dann, wenn diese Reaktionen gattungsntzlich seien
und uns in der praktischen Beherrschung der Dinge weiterfhren. Peirces
"Erkenntnis" wird hier hnlich wie bei den Marburgern selbst zu einem
"Formen" und "Gestalten" einer zunchst vllig indifferenten
chaotischen Masse von Gegebenheiten (James, Schiller). Der letzte
Beweis z. B. fr den Wahrheitswert der Naturwissenschaft ist die M a c
h t, die sie uns ber die Natur gibt, also Technik und Industrie; die
Arbeit an den Dingen gehe berall der Erkenntnis vorher und die
Erkenntnis zeige in letzter Linie nur die R e g e l n auf, nach denen
unsere Bearbeitung der Welt praktisch ressiere. In Deutschland ist
diese vllig unhaltbare, allen Wahrheitsernst untergrabende
amerikanistische Theorie -- besonders widerlich, wenn sie zur
Rechtfertigung des Daseins Gottes und der Religion angewandt wird, wie
sie in W. James' "Mannigfaltigkeit der religisen Erfahrung" -- mit
einer eigenartigen Modifikation, die von Nietzsche herrhrt (siehe
besonders "Wille zur Macht"), von Hans Vaihinger vertreten wurde. Die
"Modifikation" besteht in folgendem: Whrend die angelschsische
Theorie des "Pragmatismus" die Lautverbindung "wahr" geradezu als
"praktisch brauchbar" definiert, hlt Vaihinger im Grunde den a l t e n
Wahrheitsbegriff fest, schrnkt aber das unmittelbar "Wahre" ein auf
das, was an einer Wortintention nur in reinen Empfindungen gedeckt ist.
Alles, was darber hinausragt -- seien es Kategorien, Grenzbegriffe (z.
B. ideales Gas, Adam Smiths "eigenschtiges Wirtschaftssubjekt" usw.),
seien es unanschauliche theoretische Setzungen (z. B. ther, aber auch
Gott, unsterbliche Seele), das heit das denkbar Verschiedenartigste
und logisch Verschiedenwertigste -- fat Vaihinger unter den Begriff
"Fiktion" zusammen; so ergibt sich in letzter Linie die Lehre, da die
F i k t i o n sozusagen der tragende Grund und Sinn der Welt selber
sei, und da zwischen Erkenntnis und Dichtung (Vaihinger war von A.
Lange ausgegangen und erweitert im Grunde nur dessen an Fr. Schillers
philosophischen Gedichten gewonnene "Begriffsdichtungs" gedanken von der
Metaphysik auch auf die exakte Wissenschaft) im letzten Grunde nur der
einzige Unterschied sei, da die e i n e Fiktion praktisch brauchbar
sei, die andere nicht und nur der Betrachtung und dem sthetischen
Genusse diene. Dazu trat, wie gesagt, der Einflu Nietzsches. Dies ist
der einzige konstatierbare Einflu, den Nietzsche, der ja auch den
"Wert der Wahrheit" in Frage gezogen hatte (siehe schon "Unzeitgeme
Betrachtungen") und im Willen zur Wahrheit nur eine Abart des "Willens
zur Macht" sah, auf die rein theoretische Philosophie in Deutschland
ausgebt hat. In einzelnen wissenschaftstheoretischen Ausfhrungen ist
Vaihingers Werk sehr anregend. Die Art, wie es die bekannten kantischen
Als-ob-Wendungen und insbesondere die religionsphilosophische
Postulatenlehre Kants interpretiert, halten wir mit W. Windelband fr
historisch grundirrig. Nach unserer Meinung haben diese Wendungen (z.
B. man solle auf den kategorischen Imperativ hren, "als ob" er ein
gttliches Gebot wre) nur den Sinn, die sittlich praktische M o t i v
i e r u n g  der Realsetzung Gottes von Motivierung durch theoretische
Begrndung scharf zu unterscheiden. Die Realsetzung selbst ist aber auf
diesem Wege bei Kant genau so ernst gemeint wie die Realsetzungen durch
theoretische Erkenntnis; ja noch ernster -- nmlich im Sinne von
metaphysischer, nicht nur empirischer Realitt; der Gedanke der
"Fiktion" oder gar bewuter Fiktion liegt unseres Erachtens Kant vllig
fern. Als Ganzes stellt nach unserer Meinung das Werk Vaihingers den
grten Migriff dar, den die deutsche Philosophie in den letzten
Jahrzehnten getan hat. Um so interessanter ist seine starke Verbreitung
-- ein wenig erfreulicher Ausdruck fr die Mentalitt weiter Kreise.

Den neukantischen und positivistischen Schulen hat sich in den letzten
Jahren eine im Wachsen befindliche r e a l i s t i s c h e
erkenntnistheoretische Richtung entgegengestellt, die zugleich den
bergang bildet zu einer Reihe hchst bedeutsamer Versuche der  W i e d
e r e r w  e c k u n g   d e r M e t a p h y s i k (siehe dazu Peter
Wust: "die Auferstehung der Metaphysik"). Diese Erscheinung ist nicht
nur auf Deutschland beschrnkt; auch in Frankreich, England und Amerika
sieht sich der erkenntnistheoretische Idealismus und der
positivistische Sensualismus immer mehr in den H i n t e r g r u n d
gedrngt. (Vgl. dazu K. Oesterreich [sic]: "Die philosophischen
Strmungen der Gegenwart".) Die neurealistischen Richtungen (einen
bergang zu ihnen bilden Riehl, Volkelt und E. v. Hartmann) gehen in
ihrer Art der Begrndung des Realismus freilich noch weit auseinander.
Im groen ganzen lassen sich unterscheiden die Formen des
altscholastischcn Realismus, des kritischen Realismus und des
intuitiven und voluntativen Realismus. Gerade die historisch lteste
dieser realistischen Formen, der scholastische Realismus, gewinnt in
gewissem Sinne gegenwrtig wieder neues Interesse. Wie ich schon sagte,
ist es ein eigentmliches Zeichen der letzten Philosophie, da
berhaupt die scholastische Philosophie in lebendigen Denkverkehr mit
der modernen Philosophie getreten ist. Ein Grund dafr ist, da die
moderne Philosophie auf ganz verschiedenen Punkten rein aus sich selbst
heraus auf manche scholastische Positionen gekommen ist. So gleicht zL.
B. der Versuch Bergsons, in seinem Buche "Gedchtnis und Materie" zu
zeigen, wie ein ursprnglich unmittelbar gegebenes S e i n in die
Menschenerfahrung erst eingeht, um in ihr nach einer Reihe von
Richtungen deformiert zu werden; gleichen ferner die amerikanischen
neurealistischen Versuche (F. J. E. Woodbridge, E. B. Mc Gilvary u. a.)
methodisch dem altscholastischen Vorgehen, die Erkenntnis ihrem Wesen
nach auf ein Seinsverhltnis, d. h. die Teilnahme eines Seienden an
einem anderen, zurckzufhren. Bergsons und anderer Versuche (auch
Meinong und H. Schwarz in seinem Buche "Die Umwlzung der
Wahrnehmungshypothesen" wren hier zu nennen), die Lehre von der O b j
e k t i v i t  t  der Sinnesqualitten wieder neu zu begrnden, haben
gleichfalls erkenntnistheoretisch in die Nhe der scholastischen
Positionen gefhrt. H. Driesch kam durch seine modifizierte
Wiedereinfhrung des aristotelischen Entelechiebegriffs in der
Bearbeitung der Probleme des organischen Lebens gleichfalls der
Scholastik weit entgegen. Andererseits hat die scholastische
Philosophie in den letzten Jahren auch in unserem Lande Vertreter
gefunden, die es wohl verstanden, sich der modernen Probleme von ihrem
Standort aus scharfsinnig zu bemchtigen. Abgesehen von den neuen
Erschlieungen und Interpretationen bisher unbekannter Teile der
mittelalterlichen Philosophie, die wir an erster Stelle Grabmann (siehe
besonders seine hchst wertvolle "Geschichte der scholastiscben
Methode" und seine Neueditionen) und den Forschungen Baeumkers und
Baumgartens und dieser beider Schler verdanken, sind auch
selbstndigere systematische Denker auf scholastischem Boden neuerdings
hervorgetreten, so z. B. der verdiente E. L. Fischer, ferner Lehmen und
besonders J. Geyser, der in seinen der Psychologie, der Logik, der
Erkenntnistheorie und der Metaphysik gewidmeten Arbeiten, ferner in
seinem Buche ber Husserl und eine Verknpfung ("Neue und alte Wege der
Philosophie") der scholastischen Lehre mit der modernen Philosophie
anstrebt. Das groe psychologische Sammelwerk von Frbes und die
Arbeiten des aus der Klpeschen Schule hervorgegangenen
Experimentalpsychologen Lindworsky (besonders "Das schlufolgernde
Denken", 1916, "Experimentelle Psychologie", 1921) haben ferner die
scholastischen Positionen mit der ganzen Experimentalpsychologie eng
verknpft. In erkenntnistheoretischer Hinsicht sind freilich die
Neuscholastiker in Deutschland mehr dem sogenannten "kritischen
Realismus", der eine reale Welt erst mittels schlieender Denkakte
gewinnen will, zugeneigt, als dem altscholastischen Standpunkt, der
schon in der Sinneswahrnehmung eine unmittelbare Erfassung realer
Gegenstnde erblickt und der berdies auf das Problem der modernen
Philosophie: "Wie kommen wir zu einer realen Auenwelt?" von seinem
Ausgangspunkte im Grunde gar nicht kommen kann, da er im Gegensatz zur
modernen Philosophie (seit Descartes) von der primren Gegebenheit
eines Seienden ausgeht und von ihm auch erst durch die Scheidung das
ens reale vom ens intentionale die Mglichkeit von Bewutsein und
Erkenntnis verstndlich machen mchte. Aber auch der altscholastische
Realismus hat gegenwrtig eine alle wesentlichen Tatsachen der
Sinnesphysiologie und Sinnespsychologie und alle bisher fr die
sogenannte sekundre Natur aller oder einiger Sinnesqualitten
vorgebrachten Argumente bercksichtigende, sehr scharfsinnige und
beachtenswerte Darstellung gefunden in Josef Gredts beiden Bchern: "De
cognitione sensuum externorum", Rom 1913, und in deutscher Sprache in
dem krzlich erschienenen "Unsere Auenwelt, eine Untersuchung ber den
gegenstndlichen Wert unserer Sinneserkenntnis" (1921). Der vom
Verfasser vertretenen realistisch gerichteten Phnomenolgie ist trotz
verschiedenen Ausgangspunktes der Standpunkt Gredts, nach dem auch der
kritische Realismus, wenn er einmal die Gegenstndlichkeit und Realitt
der unmittelbaren Sinneserkenntnis leugnet, notwendig in die
Konsequenzen des vollstndigen Idealismus getrieben werde, hnlicher
als der sogenannte "kritische Realismus" vieler Neuscholastiker (z. B.
Mercier, Hertling und Geyser). Schon Otto Liebmann hatte einmal
bemerkt, da alle Ergebnisse der Naturforschung im Begriffssystem der
aristotelischtn Metaphysik und Erkenntnislehre Platz htten. Und in der
Tat ist es ein groes Vorurteil, zu meinen, die Fortschritte einer
ihrer Grenzen eingedenken positiven Wissenschaft knnten o h n e
Zuhilfenahme rein philosophischer Wesenuntersuchungen ber
metaphysische und erkenntnistheoretische Fragen berhaupt etwas Letztes
entscheiden. Der ausgezeichnete franzsische mathematische Physiker und
Historiker der theoretischen Physik, Pierre Duhem (sein Werk:
"Geschichte der physikalischen Theorien", ist mit einer Vorrede von E.
Mach auch in deutscher Sprache erschienen), hat Liebmanns Gedanken
gewissermaen in groem Mastabe ausgefhrt. Duhem suchte zu zeigen,
da gerade bei einer strengen mathematischen Formalisierung der
theoretischen Physik die aristotelische Metaphysik mit der modernen
Physik wohl vereinbar sei. Er hat stark auf den auch philosophisch bei
uns wirksamen franzsischen Mathematiker H. Poincar gewirkt
("Wissenschaft und Hypothese", "Der Wert der Wissenschaft"), ist aber,
mit ihm verglichen, der weitaus tiefere erkenntnistheoretische Denker.

Den k r i t i s c h e n Realismus haben mit sehr verschiedenartiger
Begrndung in neuester Zeit eine groe Reihe von deutschen Forschern
neu zu begrnden gesucht. Es seien hier genannt B. Erdmann, Meinong,
Stumpf, Drr, Oesterreich [sic], Messer, Strring, Freytag, Schlick,
Becher, Troeltsch und vor allem O. Klpe in seinem zweibndigen (der
zweite Band ist 1920 aus dem Nachla von Messer herausgegeben worden)
Werke "Die Realisierung, ein Beitrag zur Grundlegung der
Realwissenschaften"; ein dritter Band steht noch in Aussicht. Der
Klpesche Versuch ist ohne Zweifel der ausgedehnteste, eingehendste und
strengste, der seitens der kritischen Realisten zur Begrndung ihrer
These unternommen worden ist. Klpe gliedert die Hauptfrage in vier
Unterfragen, deren Beantwortung er je einen Band widmen wollte: 1. Ist
eine Setzung von Realem mglich? 2. Wie ist eine Setzung von Realem
mglich? 3. Ist eine Bestimmung von Realem mglich? 4. Wie ist eine
Bestimmung von Realem mglich? Nach einer ausgezeichneten und
tiefdringenden kritischen Durchmusterung und Widerlegung der
verschiedenen Formen des erkenntnistheoretischen Idealismus und
positivistischen "Wirklichkeitsstandpunktes" im ersten Band untersucht
Klpe im zweiten Band die in der Wahrnehmung und die in rationalen
Grundstzen und ihrer denkenden Anwendung gelegenen Grnde und endlich
die "gemischten Grnde" fr die Setzung einer Realitt. De Prfung der
sechs rationalen Grnde ergibt deren Insuffizienz. Man kann weder von
der induktiven Regelmigkeitsvoraussetzung (wie z. B. Becher), noch
durch Schlu auf eine transzendente Ursache unserer Wahrnehmung, noch
vom Ich auf ein vermeintlich begrifflich notwendig dazugehriges
Nichtich, noch von der bloen (gegen Berkeley und W. Schuppe
festgehaltenen) Widerspruchslosigkeit des Gedankens einer
bewutseinsunabhngigen Welt, noch vor dem Transzendenzbewutsein
unserer Denkakte (z. B. auch Erinnerungsakte) aus (wie es W. Freytag
versuchte), noch von der konomischen Zweckmigkeit der Annahme einer
realen Auenwelt auf deren Existenz schlieen. Auch die in der
Wahrnehmung im Unterschiede zu den "Vorstellungen" gelegenen immanenten
Merkmale lassen nicht ohne weiteres eine reale Welt annehmen (wie es
der altscholastische Realismus will); erst die "gemischten Grnde"
sollen zum Ziel fhren. Die Auenwelt msse gesetzt werden: erstens als
"Bedingung des von dem psychophysischen Subjekt in der Wahrnehmung
Unabhngigen und als das Substrat der vorgefundenen selbstndigen
Gesetzlichkeit der Wahrnehmungen". Klpes Versuch bezieht sich nicht
nur auf die Realitt der Natursetzung, sondern umfat auch das Problem
einer von der Beschreibung der Bewutseinserlebnisse verschiedenen
Realpsychologie, ferner auch das Problem der Realitt des
Vergangenheits- und Fremdbewutseins und damit auch des
Realittsproblems in den Geisteswissenschaften. Wie immer man zu Klpes
Werk im einzelnen stehen mag (der Verfasser kann sich nicht berzeugen,
da, wenn w e d e r in der Wahrnehmung fr sich noch im Denken fr sich
Grnde zur Annahme einer realen Welt gelegen sind, sie in einer bloen
"Mischung" beider Momente gelegen sein knne), so verdient die
ausgezeichnete Arbeit des vortrefflichen, fr die Wissenschaft viel zu
frh heimgegangenen Forschers doch die allerernsteste Beachtung und
Wrdigung.

Der Richtung des intuitiven Realismus ist zuzuzhlen vor allem die auch
in Deutschland stark wirksame Philosophie H. Bergsons, ferner der in
dem Buche "Die Grundlegung des Intuitivismus" niedergelegte Standpunkt
des beachtenswerten russischen Philosophen Losskij. Obgleich der
Realismus in der Weise dieser beiden Forscher aus dem Grunde nicht
durchfhrbar sein drfte, da uns Intuition, soweit es eine solche neben
mittelbarem Denken und Sinneswahrnehmung gibt, nur d a s e i n s f r e
i e s   W e s e n (und Wesenszusammenhnge) geben kann, verdienen doch
auch ihre Lehren ernstlichste Beachtung. Fr die Existenz des fremden
Bewutseins berhaupt ohne Existenzsetzung eines bestimmten so oder
anders beschaffenen Ichs nahmen neuerdings auch Scheler (siehe
"Formalismus in der Ethik" und sein Buch "ber Sympathiegefhle",
Anhang) und in etwas anders gefrbter Weise J. Volkel (siehe sein Buch
"ber das sthetische Bewutsein") intuitive Evidenz in Anspruch. Fr
die Begrndung einer R e a l p y s c h o l o g i e traten auer Klpe
auch ein Scheler (siehe "Idole der Selbsterkenntnis" in "Abhandlungen
und Aufstze"), M. Geiger und H. Driesch ("Fragment ber den Begriff
des Unbewuten und die psychische Realitt", 1921).

Die Richtung des v o l u n t a t i v e  n   R e a l i s m u s  ist vor
allem -- ich sehe hier ab von ihren historischen Vorformen bei Maine de
Biran, Bouterweek und Schopenhauer -- in neuester Zeit in einer
Akademieabhandlung von Dilthey, Frischeisen-Khler (siehe "Wissenschaft
und Wirklichkeit", 1912), Scheler und E. Jaensch ("ber die Wahrnehmung
des Raumes", Anhang) vertreten worden. Nach dieser Auffassung fhrt
erst das unmittelbare Widerstandserlebnis irgendwelcher Gegenstnde als
wirklicher und mglicher "Widerstnde" zur Setzung einer Realitt
berhaupt. Erst die Zuweisung eines in seinem Sosein schon bestimmten
Gegenstandes in die zuvor schon gegebene S p h  r e   d e s   R  e a
l e n ist von der Einreihbarkeit des Gegenstandes in gesetzliche
Beziehungszusammenhnge (je nach dem Wesen der Gegenstnde
verschiedener Artung) abhngig. Analog sind nach Scheler die fnf
Sphren: "Auenwelt", "Innenwelt", "Leib", "Fremdbewutsein",
"Gottheit", in de ein bestimmtes Reales hineingesetzt wird, als Sphren
jedem endlichen Bewutsein "vor" jeder bestimmten Erfllung mit
Inhalten unmittelbar anschaulich gegeben.

Dem Denken kommt nur die Rolle zu, die Daseinsbestimmung einer
bestimmten Realitt vorzunehmen, soweit solche ber die unmittelbare
Erfahrung hinausgeht.

Viel zu wenig beachtet ist nach Meinung des Verfassers innerhalb der
engeren Philosophenkreise die ungemeine Befruchtung, die fr alle
Gebiete der Philosophie von der g e g e n w  r t i g e n  Psychologie
mit Einschlu der Experimentalpsychologie auszugehen vermchte, wenn
ein tieferes Verstndnis und eine grere gegenseitige Beachtung ihrer
Arbeiten zwischen Philosophen und Psychologen stattfnde. Dieselbe
Forderung stellten neuerdings E. Jaensch, Krger, Marbe, ferner die
Schulen von C. Stumpf und Klpe. Die moderne Psychologie begann ihr
Werk mit einseitiger Untersuchung der Empfindungstatsachen und mit
Problemen der Grenmessung. Da diese Art der lteren
Experimentalpsychologie sich bald eine Reihe philosophischer Lehrsthle
anzueignen wute, entstand in den engeren Philosophenkreisen ein
gewisser Arger und, damit verbunden, auch eine weitgehende
Nichtbeachtung ihrer Arbeiten. Man sagte: Diese neue Psychologie ist
eine Spezialdisziplin der Naturwissenschaft; sie sei der Medizin und
Sinnespsychologie zuzuweisen und habe mit Philosophie gar nichts zu tun
oder doch nicht mehr wie irgendeine andere Spezialwissenschaft; darum
gebhrten ihr auch keine philosophischen Lehrsthle. Am schrfsten und
im anmaendsten Tone haben die Vertreter der Sdwestdeutschen Schule
dieser Meinung hufig Ausdruck gegeben. (Vgl. hierzu die treffenden
Schilderungen dieser Dinge bei Fr. Krger, "ber
Entwicklungspsychologie", 1918.) Die zeitweise Herrschaft einer
sogenannten "Psychologie ohne Seele" und einer strengen
sensitivistischen und assoziationspsychologischen Auffassung der
seelischen Tatsachen (die z. B. noch wesentliche Grundlage ist den in
der Einzelbeobachtung ausgezeichneten Arbeiten ber "Das Gedchtnis"
von G. E. Mller in seinem groen Werke ber "Das Gedchtnis") schien
eine Zeitlang dieser Haltung neue Grnde zuzufhren. Dazu blieben die
langwierigen, philosophischen Streitigkeiten ber "psychophysischen
Parallelismus" und "Wechselwirkung", die nur von allgemeinsten
"Prinzipien", sei es der Erkenntnistheorie, sei es neugefundener
physikalischer Wahrheiten ausgingen, (z. B. Vereinbarkeit des seit den
Arbeiten von Rubner und Atwater auch fr den organischen Austausch von
Nahrung und Arbeit nachgewiesenen Satzes von der Erhaltung mit einer
psychophysischen Wechselwirkung) nicht nur beraus unfruchtbar,
sondern, was noch weit schlimmer war, ohne jeden fhlbaren Anschlu an
die T a t s a c h e n f o r s c h u n g der empirischen und
experimentellen Psychologie. Nun haben sich aber diese Verhltnisse mit
der Zeit so g r u n d s  t z l i c h und t i e f  gewandelt, da die
antipsychologische Haltung vieler Philosophen jeder sinnvollen
Grundlage entbehrt. Der sogenannte "Psychologismus", der fr die
Philosophie eine Zeitlang eine Gefahr scheinen mochte, ist beute
grundstzlich abgetan. Die Entwicklung zeigte ferner, da, wie auch B.
Erdmann in seiner "Reproduktionspsychologie" treffend betont hat, eine
wirklich vollstndige Ablsung der Psychologie von der Philosophie gar
nicht mglich ist. Selbst bei den elementarsten Untersuchungen ber
Empfindungstatsachen (siehe z. B. den besonders von Khler gefrderten
Streit ber die Existenz "unbemerkter Empfindungen"), ferner in allen
Fragen, welche nicht aufeinander zurckfhrbaren G r u n d a r t e n
s e e l i s c h e r   V e  r k n  p f u n g e n es berhaupt gebe,
lt sich die Philosophie gar nicht ausschalten. Auch die Meinung, es
liee sich eine empirische Psychologie errichten ohne bestimmte,
erkenntnistheoretische oder metaphysische berzeugungen ber das "Ich",
und sein reales Substrat hat sich gerade durch die Arbeiten der
gegenwrtigen Philosophie und Psychologie als ganz falsch erwiesen. Die
"Psychologie ohne Seele" gehrt heute bereits der Geschichte an und
nicht minder die Herrschaft der Meinung, die Psychologie knne sich mit
der Schilderung bloer Bewutseinserscheinungen begngen, und es knne
zwischen diesen selbst ein reales kausales Band aufgefunden werden. Da
ferner die moderne Psychologie sich lngst von der einseitigen
Empfindungsforschung abgewandt hat und mit unter Anregung der
Husserlschen logischen Arbeiten sich der experimentell untersttzten
systematischen Selbstbeobachtung (bei der nicht der Versuchsleiter,
sondern die psychologisch geschulte Versuchsperson die psychologische
Beobachtung und Erkenntnis vollzieht im Gegensatz etwa zu bloen
sogenannten Reaktionsversuchen) auch der hheren psychischen Funktionen
des Wollens (N. Ach, Lindvorsky) und des Denkens (Klpe, Bhler,
Strring, Lindworsky, Selz, Grnbaum) zugewandt hat, besteht nicht der
mindeste Grund mehr, die Experimentalpsychologie etwa der
Sinnespsychologie oder der Medizin oder berhaupt der
"Naturwissenschaft" zuzuweisen. Die von Dilthey, ferner von der
Phnomenologie und von K. Jaspers (siehe seine "Psychopathologie" und
sein neuestes Werk ber "Psychologie der Weltanschauungen") auch mit in
de Psychiatrie hineingetragene Frage, wie sich die "Sinnzusammenhnge"
des Seelenlebens von den "psychophysischen Kausalzusammenhngen"
unterscheiden, und welche der beiden Arten von Psychologie (verstehende
oder erklrende Psychologie) Grundlage fr die Geisteswissenschaften
sei, hat die Psychologie wieder in allerengste Verbindung mit der
Philosophie gefhrt. Die von Chr. Ehrenfels und Cornelius auf dem Boden
einer philosophischen Psychologie angeregten Probleme einer autonomen G
e s t a l t g e s e t z l i c h k e i t der ursprnglichsten
psychischen Gegebenheiten sind von Klpe, Bhler, Wertheimer, Koffka,
Benussi, Gelb, Khler und anderen in beraus wertvollen und fr de
Philosophie beraus wichtigen experimentellen Arbeiten so intensiv
gefrdert worden, da die Philosophie sehr bel daran tte, wollte sie
sich um diese Dinge nicht ernsthaft kmmern. Wie sehr die hier
neuaufgedeckten Tatsachen und Probleme auch fr die philosophische
Klrung des Problems von Krper und Seele wichtig sind, zeigt die auf
seinen Bewegungsarbeiten ursprnglich fuende neue Theorie von
Wertheimer, da als gehirnphysiologische Grundlage auch jeder
einfachsten Wahrnehmung (die stets durch einen Aufmerksamkeitsfaktor
mitbedingt und, nach ihrem Inhalt hin betrachtet, nie blo "reine
Empfindung", sondern immer schon "Gestalt" ist), ein sogenannter
"Querproze" zwischen den gereizten Nervenenden der Gehirnrinde
notwendig sei. Als eine neue sehr zu begrende Sammelstelle der neuen
gestaltpsychologischen Richtung erscheint jetzt die eben gegrndete
Zeitschrift "Psychologische Forschung" (Springer 1921), besonders von
Koffka, Khler, Wertheimer, Goldstein, Gruhle, Khler, der den Fragen
der Relations- und Gestalterfassung auch auf dem Boden der
Tierpsychologie in seinen auf der Station von Teneriffa gemachten
optischen Versuchen an Affen nachgegangen ist (Schriften der
Preuischen Akademie, Jahrgang 1915 und 1918 physik.-math. Klasse).
Khler hat durch sein neuestes Buch ber "Physische Gestalten" (1921)
das Wertheimersche Problem einem hchst bedeutsamen und fr die gesamte
Naturphilosophie wichtigen Zusammenhang eingereiht, indem er auch auf
rein physikalischem Boden (Elektrostatik) nach einer selbstndigen
Gestaltgesetzlichkeit (die sich in summenhafte Kausalitt nicht
auflsen lt) A n a l o g i e n  fr psychischen Gestalten aufsuchte.
Endlich ist seit Brentanos "Psychologie vom empirischen Standpunkt" das
insbesondere von E. Husserl und Karl Stumpf "Erscheinungen und
Funktionen" (1906) neu aufgegriffene Problem entstanden, ob und wie
weit A k t e u n d F u n k t i o n e n eine von "Erscheinungen"
unabhngige variable Natur und Gesetzmigkeit besitzen und eine ganz
neue Richtung der "Psychologie", die sogenannte Aktpsychologie, hat
sich an diese Arbeiten angeschlossen. T. Konstantin Oesterreich hat
sich in seinem grundlegenden Werke zur "Phnomenologie des Ich" ihr
angeschlossen. Es gibt nach meiner Meinung kein wichtigeres und
dringlicheres Desiderat fr die knftige Philosophie und Psychologie
als eine eingehende philosophische Durchleuchtung der durch die
Resultate der verschiedenen psychologischen Diszipline gewonnenen
Tatsachenerkenntnisse. Der Verfasser hat es sich mit zu einer
Hauptaufgabe gesetzt, in einer Arbeit, die er unter der Feder hat,
diese Dinge zu frdern. Endlich verdienen auch neue Z w e i g e, die in
den letzten Jahren aus der Psychologie hervorgewachsen sind, genaue
philosophische Beachtung. So die Pathopsychologie, die durch den Krieg
(Kopfschsse und Gehirnverletzungen) mchtig gefrdert wurde, die
neuere Tierpsychologie, die von W. Stern angebahnte differentielle
Psychologie, die zukunftsreiche "Entwicklungspsychologie" Krgers,
nicht minder auch die Religionspsychologie und die erst neuerdings
besonders von Oesterreich, Dessoir, Driesch endlich auch in Deutschland
aufgegriffenen Tatsachen und Probleme der Parapsychologie, d. h. der
Psychologie der sogenannten okkulten Phnomene (siehe dazu besonders
Oesterreich: "Probleme der Parapsychologie" und sein Buch ber
"Besessenheit", ferner Max Dessoir: "Das Jenseits der Seele"). Die
Forscher, die sich gegenwrtig in der Richtung auf eine philosophische
Durcharbeitung des neuen mchtig angewachsenen psychologischen
Erkenntnismaterials bewegen, sind vor allem E. Husserl, W. Stern, E.
Jaensch, Wertheimer, Khler, Grnbaum, Lindworsky, Scheler, Driesch,
Selz, Kronfeld, Koffka, Th. Haering. Wir sind berzeugt, da auf diesem
Wege sich eine weit tiefer gehende, freilich auch erheblich
kompliziertere abschlieende Theorie ber den Z u s a m  m e n h a n g
 v o n   L e i b u n d  S e e l e ergeben wird, als es durch die leeren
Prinzipienstreitigkeiten der Vergangenheit ber Wechselwirkung und
Parallelismus je der Fall sein konnte. Schon jetzt scheiden sich meines
Erachtens drei nicht weiter aufeinander zurckfhrbare Gruppen von
Verknpfungsarten und Gesetzen geistig psychischer Geschehnisse (resp.
Akte): 1. die mechanisch assoziativen, 2. die biopsychischen, bei denen
es allein konkrete zielmige Ganzkausalitt gibt, 3. die poetischen
Intentionalgesetzlichkeiten, denen berall parallele Gegenstands-(resp.
Wert-) gesetzlichkeiten entsprechen.

Wenden wir uns nun den jngsten Schichten der gegenwrtigen
Philosophie, die zum grten Teil erst im 20. Jahrhundert ihren
Ursprung haben oder doch in ihm ihre strkere Auswirkung fanden, zu, so
sind es weniger geschlossene S c h u l e n als einzelne
Persnlichkeiten, welche der Philosophie die Richtung auf einen neuen
Sachkontakt und gleichzeitig auf den Wiederaufbau der Metaphysik
gegeben haben. Einen bergang zu dieser neuen Artung von Philosophie
bildet Wilhelm Dilhey (1833-1912) und die Forschergruppe, die von ihm
ausgegangen ist. Dilthey selbst war zeit seines Wirkens von
geschichtlichen und philosophischen Interessen gleichzeitig bewegt.
Eine in manchen Zgen dem romantischen Geistestypus verwandte, ungemein
reiche, zarte, genialische, aber auch problematische Natur (selten
schlo er ein Werk ganz ab), schttelte er in seiner Entwicklung nur
langsam und nie vollstndig die Ketten des historischen Relativismus
von sich ab. Aber was er in seinen stets tiefdringenden, gelehrten und
vor hellen intuitiver Erkenntnisgesichten erfllten Abhandlungen gab,
das trug, gleichgltig, ob er sein Grundproblem, "die Kritik der
historischen Vernunft", ob er philosophiegeschichtliche oder
literatur- und kunstwissenschaftliche oder philosophiesystematische
Probleme behandelt, stets reiche Frucht. Auf sein bereits der
Geschichte angehriges Werk, das jetzt in seinen noch nicht ganz
herausgegebenen gesammelten Schriften vorliegt, kann hier nicht
eingegangen werden. Alle heutigen Versuche, eine "verstehende
Psychologie" aufzubauen (Jaspers, Spranger, Scheler, Nohl,
Schmied-Kowarcik und auch die hierhergehrigen Versuche der jngeren
Phnomenologen), wren ohne seine Wirksamkeit undenkbar gewesen. In
seinem Versuche, die Erkenntnistheorie von "der Totalitt des
menschlichen Wesens" her, nicht nur von dem "verdnnten Saft bloer
Denkttigkeit" aus aufzubauen und (hierin den Positivisten hnlich) die
Erkenntnistheorie eng zu verbinden mit einer historischen Phasen- und
einer Typenlehre der menschlichen Erkenntnis- und der
philosophisch-metaphysischen Weltanschauungsformen, hat er in
Frischeisen-Khler seinen Hauptschler gefunden. Sein Interesse an der
Typologie der geistigen G e s t a l t e n  des Menschentums, das er in
zahlreichen Aufstzen bekundet hat, und seine Ideen auf diesem Gebiet
haben besonders Eduard Spranger stark angeregt. Sprangers jetzt in
zweiter erheblich erweiterter Auflage erschienenes Buch ber
"Lebensformen" (1921) ist eine der reichsten und feinsinnigsten
Abhandlungen verstehender Psychologie und zugleich typologischer
angewandter Ethik, die wir auf diesem Gebiete besitzen. G. Wisch hat in
seiner "Geschichte der Selbstbiographie", die freilich noch unvollendet
ist, ein Problem ergriffen, das fr die Frage der Abhngigkeit der
Selbstauffassung des Menschen von seiner geschichtlichen Umwelt und den
in ihr herrschenden Wertstrukturen von groer Bedeutung ist. H. Nohl
hat Diltheys Ideen ber die Weltanschauungstypen in der Philosophie,
der dauernde Typenunterschiede des Menschentums entsprechen sollen und
die in der Geschichte sich gleichsam mit nur immer neuem
Erkenntnisstoff, der wachsenden Menschenerfahrung gem, ausfllen, mit
Glck auf das Gebiet des Studiums der knstlerischen Darstellungsformen
bertragen. Der Metaphysik gegenber verhielt sich Dilthey bis zu
seinem Lebensende skeptisch. Er hielt sie im Gegensatz zur positiven
Wissenschaft und zum religisen Bewutsein fr eine nur historische
Kategorie, die einmal vllig aus der Geschichte ausscheiden werde. Das
vor allem macht gleichzeitig seine Verwandtschaft und seinen Gegensatz
zum Positivismus aus, dessen geschichtsmethodische und philosophische
Anschauungen er mit den deutschen, aus der Romantik entsprungenen
Geschichtsauffassungen eigenartig zu verknpfen suchte (siehe besonders
"Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften",
1910). Allen seinen Schlern wute er mehr zu vermitteln als bloe
Lehre -- auch etwas von seiner eigenen bedeutenden geistigen Form und
Gestalt. Obgleich ihm Genauigkeit und Strenge in der Erkenntnistheorie
fehlte, wie berhaupt eine letzte klare Basis fr seine rein
philosophischen Bestrebungen, hat er die Theorie der
Geisteswissenschaften doch ungleich mehr befruchtet als die
Sdwestdeutsche Schule. Schon durch seine andersgeartete
Problemstellung, die nicht "Logik der Geisteswissenschaften" (es gibt
nur e i n e Logik), sondern die materialspendenden Quellen des
historischen Denkens, d. h. die verschiedenen Stufen und Arten des V e
r s t e h e n s fremden Erlebens, in den Mittelpunkt der Untersuchung
gerckt hat, ist sein Unternehmen dem der Badischen Schule weit
berlegen.

Die bedeutsamste und wirksamste philosophische Bewegung der Gegenwart
ist von der Jahrhundertwende ab in der sogenannten "P h  n o m e n o l
o g i e" aufgetreten. Das Wort darf vor allem nicht mit dem sogenannten
"Phnomenalismus" (d. h. der Lehre z. B. Kants, da wir nur
"Erscheinungen", nicht die Dinge selbst erkennen) in Beziehung gebracht
werden. Nicht der Gegensatz von "Wesen" und "Erscheinung", sondern der
schon in der Scholastik als "grundlegend erkannte Gegensatz" von
"existentia" und "essentia". "Wesen" und "Dasein" beherrscht das Denken
dieser Forschergruppe; ferner deutet das Wort "Phnomenologie" an, da
es sich bei der Aufsuchung der in der Welt realisierten Wesenheiten
(essentiae) vor allem um unmittelbar anschaulichen A u f w e i s
handeln soll. Den Ausgangspunkt fr diese Bewegung, die sich freilich
in ihrem schwer durchschaubaren und auch aus Raummangel nicht zu
schildernden Ablauf von beraus verschiedenen geschichtlichen
Einflssen genhrt hat, bildete das Werk Edmund Husserls "Logische
Untersuchungen", 2 Bnde (2. Aufl. 1921). Der erste Band dieses beraus
wirksamen Werkes galt einer Neubegrndung der Logik. Jede Art von
Empirismus, Psychologismus, Relativismus, Anthropologismus,
Subjektivismus, den die herkmmliche Logik in sich aufgenommen hatte,
wurde bis in seine letzten Schlupfwinkel verfolgt und aus der Logik zu
entfernen versucht. Die logischen Wahrheiten sind nach Husserl streng
evidente Gegenstandswahrheiten, die von aller Konstitution und etwaiger
Vernderung der menschlichen Natur u n a b h  n g i g sind. So war es
vor allem der siegreiche Kampf gegen den bei J. St. Mill, Sigwart,
Erdmann, Wundt und auch bei der sogenannten "normativen Logik" noch
vorliegenden "Psychologismus", dem das Werk seine groe Wirksamkeit
verdankte. Obgleich dieser Band an erster Stelle reine Sachuntersuchung
ist, hat er doch historische Anknpfungspunkte; sie liegen, wie
Grabmann gezeigt hat, schon in der Scholastik, soweit sie die
platonisierende Richtung einhlt (z. B. bei Bonaventura). Ferner haben
Leibniz und sein spter bis zu Husserls Wiederentdeckung vllig
unbekannter Schler, der groe Logiker und fruchtbare Mathematiker
Bolzano, der den Urteilsakt und den Satz "Ansich" als ideale
Seinseinheit unterschied, ferner auch Lotze in seinem Logikkapitel ber
die "Platonische Ideenlehre" und Herbart in seinen logischen
Bestrebungen analoge Ideen ausgesprochen. Die vollstndige
Vernachlssigung, ja der prinzipielle Ausschlu der Aktseite der
Denkgebilde, und die im 1. Band herrschende Vorstellung, es knne unser
Denken ohne Schaden fr die Logik sogar etwa rein
assoziationspsychologisch verstanden werden, lt sich freilich n i c h t
durchfhren. Husserl selbst hat schon in seinem zweiten Bande diese
Auffassung im Grunde stillschweigend zurckgenommen. Erst der zweite
Band des Werkes brachte Untersuchungen, die in die Richtung der
spteren Phnomenologie gefhrt haben, die indes hier noch mit
deskriptiver Psychologie des Denkers identifiziert wird. Die zwei
wichtigsten Bestandteile dieses zweiten Bandes bestehen in der
ausgezeichneten und strengen Widerlegung aller seit Locke, Hume und
Berkeley von einem groen Teil der modernen Philosophie bis zur
Gegenwart fast wie selbstverstndlich aufgenommenen nominalistischen
Bedeutungs- und Begriffstheorie und in der sechsten Untersuchung,
betitelt "Elemente einer phnomenologischen Aufklrung der Erkenntnis",
die in ihrem zweiten Abschnitt den wichtigsten Begriffsgegensatz der
"sinnlichen und kategorialen Anschauung" einfhrt, der nach meiner
Meinungen u n m i t t e l b a r s t e n  Ausgangspunkt fr die
Entstehung der Phnomenologie gebildet hat. Als der Verfasser im Jahre
1901 in einer Gesellschaft, die H. Vaihinger in Halle den Mitarbeitern
der "Kantstudien" gegeben hatte, Husserl zum erstenmal persnlich
kennenlernte, entspann sich ein philosophisches Gesprch, das den
Begriff der Anschauung und Wahrnehmung betraf. Der Verfasser,
unbefriedigt von der kantischen Philosophie, der er bis dahin nahestand
(er hatte eben schon ein halbgedrucktes Werk ber Logik aus diesem
Grunde aus dem Druck zurckgezogen), war zur berzeugung gekommen, da
der Gehalt des unserer Anschauung Gegebenen ursprnglich weit reicher
sei als das, was durch sinnliche Bestnde, ihre genetischen Derivate
und logische Einheitsformen an diesem Gehalt deckbar sei. Als er diese
Meinung Husserl gegenber uerte und bemerkte, er sehe in dieser
Einsicht ein neues fruchtbares Prinzip fr den Aufbau der theoretischen
Philosophie, bemerkte Husserl sofort, da auch er in seinem neuen,
demnchst erscheinenden Werke ber die Logik eine analoge Erweiterung
des Anschauungsbegriffes auf die sogenannte "kategoriale Anschauung"
vorgenommen habe. Von diesem Augenblick an rhrte die geistige
Verbindung her, die in Zukunft zwischen Husserl und dem Verfasser
bestand und fr den Verfasser so ungemein fruchtbar geworden ist. Einen
starken Zuwachs erfuhr die phnomenologische Bewegung in ihrer ersten
Werdezeit dadurch, da der ausgezeichnete und scharfsinnige Mnchener
Psychologe Th. Lipps durch die Einwirkung der "Logischen
Untersuchungen" einen weitgehenden Umschwung seines ganzen Denkens
erfuhr, der sich in seinen letzten Arbeiten klar kundtat. Diesen
Umschwung machten seine hervorragendsten Schler M. Geiger, A. Reinach,
Pfnder und die ihnen nahestehenden jngeren Forscher nicht nur mit,
sondern sie schlossen sich, ber Lipps berhaupt hinausgehend, den
Husserlschen Positionen weitgehend an. So kam es schlielich zur
Errichtung einer Sammelstelle fr die phnomenologische
Forschungsrichtung im "Jahrbuch fr Philosophie und phnomenologische
Forschung", von dem bisher fnf Bnde bei Niemeyer in Halle erschienen
sind.

Die Phnomenologie ist weniger eine abgegrenzte Wissenschaft als eine
neue philosophische E i n s t e l l u n g, mehr eine neue T e c h n e
d e s   s c h a u e n d e n   B e w u  t s e i n s als eine bestimmte
Methode des Denkens. Nur so wird es verstndlich, da die
phnomenologische Bewegung nicht im selben Sinne die Einheit einer S c
h u l e hervorgebracht hat, wie etwa die frher behandelten Kantschulen
solche darstellen. Aus dem gleichen Grunde kann Phnomenologie nicht im
selben Sinne als objektiver Wissensgehalt g e l e h r t werden, wie die
Gedanken dieser Schulen. Nur durch fortgesetzte  b u n g dieser
Bewutseinshaltung ist es mglich, in die Ergebnisse der Phnomenologie
tiefer einzudringen und selbst in ihr fortzuschreiten. Aus demselben
Grund gehen auch die einzelnen, von Husserl angeregten Forscher und
Forschergruppen in den R e s u l t a t e n viel weiter auseinander als
die Angehrigen jener genannten Schulen, ohne doch darum ihre fhlbare
Einheit, die eben in jener gemeinsamen neuen B e w u  t s e i n s h a
l t u n g  liegt, verlieren zu mssen. Husserl selbst spricht, diese
Bewutseinshaltung charakterisierend, von einer "phnomenologischen
Reduktion"; sie besteht darin, da auf der Gegenstandsseite aller
mglichen Gegenstnde (physischer, psychischer, mathematischer,
vitaler, geisteswissenschaftlicher Gegenstnde) von dem zuflligen h i
c   e t   n u n c   D a s e i n   d e r  G e g e n s t  n d e
abgesehen und auf ihr pures W a s, das heit ihr "W e s e n"
hingeblickt wird; da ferner analog der den Gegenstand erfassende
intentionale Akt, aus dem psychophysischen Lebenszusammenhang des
individuellen Menschen, der ihn vollzieht, gleichsam herausgelst und
gleichfalls nur nach seiner essentiellen Wasbestimmtheit
charakterisiert wird. Diesen wesenserfassenden Akt, den unser geistiges
Bewutsein von Etwas vollzieht, nennt Husserl "Wesenschau" und
behauptet, da alle mglichen Theorien ber das positive Wirkliche in
solchen Wesenseinsichten und in Einsichten in solche
Notwendigkeitsbeziehungen, die im G e h a l t e dieser "Wesen" selbst
fundiert sind, ihren letzten tragenden Grund besen. Alle
Wesenseinsichten, ob sie nun von psychischen oder von physischen oder
von mathematischen Gegenstnden handeln, sind, obgleich sie weder auf
"eingeborenen Ideen" beruhen noch (wie nach Kant) bloe
Funktionsgesetzlichkeiten der geistigen Akte, das heit
"Verstandsgesetze", ausdrcken gegenber allem zufllig Wirklichen
objektiv a priori gltig. Denn was immer von dem Wesen irgendwelcher
Gegenstandsbereiche wahr ist und gilt, das mu auch gelten fr alle
mglichen Gegenstnde dieses Wesens, soweit sie der zuflligen
Daseinssphre angehren. So begrndet die Phnomenologie einen n e u a
r t i g e n   A p r i o r i s m u s, der nicht nur die rein formalen
Stze der Logik und der Axiologie in ihren verschiedenen
Unterdisziplinen (Ethik, sthetik usw.) umfat, sondern auch materiale
Ontologien entwickelt. Die Sphre des apriorischen Wissens ist also in
der Phnomenologie unvergleichlich reicher als im formalen Apriorismus
Kants. Auch darin unterscheidet sich die Phnomenologie von Kants
Lehre, da sie das proton pseudos Kants verwirft, es msse alles, was
an Gegebenem n i c h t sensuell sei, erst durch eine hypothetisch
angenommene, synthetische konstruierende Ttigkeit des Verstandes oder
des Anschauens in den Erfahrungsgegenstand hineingekommen sein. Sie
sucht das "Gegebene" berall mglichst s c h l i c h t, v o r u r t e i
l s l o s und r e i n in mglichst dichte Anschauungsnhe zu bringen,
um es dann durch phnomenologische Reduktion in sein W e s e n zu
erheben. Das Apriori hat hier also keinen f u n k t i o n e l l e n
S i n n  mehr. (Freilich schwankt Husserl in seiner letzten Schrift
"Ideen zu einer phnomenologischen Philosophie" wieder ber diesen
fundamentalen Punkt.) Das Apriori ist, wie auch eine seiner Unterarten
die kategorialen Formen, vielmehr Gegenstandsbestimmtheit, die von u n
s e r e n Begriffen vom Apriori nicht genau zu unterscheiden ist.
Ferner stellt das Apriori nicht mehr ein geschlossenes S y st e m von
Einsichten dar, die sich voneinander herleiten lieen, sondern kann im
Laufe der Entwicklung des Wissens immer neu vermehrt werden. Auch der
Gegensatz von Erfahrung und Denken, um den die groen Richtungen der
neuzeitlichen Philosophie, "Rationalismus" und "Empirismus", kreisen,
ist hier von der Schwelle der Philosophie abgewiesen. Mit Recht hat
Husserl immer wieder hervorgehoben, da die Phnomenologie nicht nur
die Einlsung sei alles Wahren, was die kontinentale rationalistische
Richtung der Philosophie uns gegeben hat, sondern auch in gewissem
Sinne die Einlsung aller Ansprche des Positivismus. Auch das, was a
priori evident ist, verdankt einem e r f a h r e n d e n (die
Phnomenologie sagt hier "schauenden"), nicht einem schaffenden,
formenden, konstruierendem Verhalten des Subjektes seine Erkenntnis,
nur mit d e m Unterschied von aller Erkenntnis zuflliger (hic et nunc)
Wirklichkeiten, da das Ergebnis schauender Erfahrung durch die Q u a n
t i t  t der "Flle", an denen Erfahrung sich vollzieht, nicht
modifiziert werden kann. Nicht daher dem "Erfahren" berhaupt, sondern
nur der Methode der B e o b a c h t u n g und der i n d u k t i v e n
V e r a l l g e m e i n e r u n g an beobachtenden Fllen steht das
phnomenologische Erfahren und "Schauen" gegenber. Auch die
Phnomenologie setzt so der Philosophie die Aufgabe, fr alle ihre
Disziplinen die a p r i o r i s c h e n   W e s e n s - u n d   I d e e
n s t r u k t u r e n, die als objektiver Logos die gesamte
Weltwirklichkeit durchflechten und (im Sinne der Gltigkeit)
beherrschen, aufzudecken und alle positiven Wissenschaften und ihre
materialen Seinsbereiche in dieser Struktur gemeinsam zu verwurzeln.
Sie kann, geschichtlich gesehen, auch als eine Erneuerung eines i n t u
i t i v e n   P l a t o n i s m u s angesehen werden, freilich mit
vollstndiger Beseitigung der platonischen Ideenverdinglichung und
aller mythischen Beistze. Und es ist wohl verstndlich, da von dieser
ihrer Eigenart her die Phnomenologie neuerdings auch mit der gesamten
p l a t o n i s c h - a u g u s t i n i s c h e n  Philosophie der
patristischen und frhmittelalterlichen Philosophie, zum Teil aber auch
mit dem Aristotelismus, strkere Fhlung genommen hat. Freilich gehen
in der Beantwortung sehr wesentlicher philosophischer Fragen und nicht
weniger in der Auffassung und Methode der Phnomenologie selbst die ihr
nahestehenden Forscher oft weit auseinander. Abgesehen von den
Weltanschauungsgegenstzen unter den Phnomenologen, der zum Teil in
verschiedenen religisen Auffassungen gegrndet ist, treffen wir z. B.
eine mehr systematisch gerichtete und eine mehr auf
Einzeluntersuchungen gerichtete Tendenz in der Phnomenologie. So
wertvoll viele dieser Einzeluntersuchungen sind (besonders diejenigen
Alexander Pfnders), so mu sich die Phnomenologie doch hten, zu dem
zu werden, was ich andernorts "Bilderbuchphnomenologie" genannt habe;
ferner bestehen Gegenstze in der Auffassung jener, die, wie einst
Husserl selbst, die Phnomenologie der beschreibenden Psychologie zu
nahe rcken (z. B. Jaspers, Katz und Andere) oder hier doch nur ihre
Fruchtbarkeit sehen wollen und jenen, die sie vor allem als a p r i o r
i s c h e W e s e n s e r k e n n t n i s irgendwelcher -- auch nicht
bewutseinimmanenter -- Gegenstnde auffassen. Am tiefsten aber ist der
Gegensatz unter den Phnomenologen in den erkenntnistheoretischen
Fragen. Er ist dadurch besonders gesteigert worden, da E. Husserl in
seinem letzten Werk ber "Ideen" usw. sich dem erkenntnistheoretischen
Idealismus Berkeleys und Kants, sowie der Ichlehre Natorps wieder
bedeutend genhert hat und die Phnomenologie nur als Wesenslehre von
den B e w u  t s e i n s s t r u k t u r e n (die durch zufllige
Erfahrungen unwandelbar sind) auffat; gleichzeitig aber, hnlich wie
Kant, diese Bewutseinsstrukturen zu Voraussetzungen auch der
Gegenstnde der Erfahrung selber macht. Auch ihm werden so die Gesetze
der Erfahrung der Gegenstnde zugleich Gesetze der Gegenstnde aller
mglichen Erfahrung ("kopernikanische Wendung" Kants). Diese
eigenartige Wendung Husserls, nach der auch bei Aufhebung aller Dinge
ein "a b s o l u t e s   B e w u  t s e i n" erhalten bliebe, ist fast
von allen den von ihm angeregten Forschern a b g e l e h n t  worden
und sie ist zugleich ein Haupthindernis fr den Aufbau einer Metaphysik
auf wesenstheoretischer Basis. Die Einwirkung der Phnomenologie auf
die Philosophie der Gegenwart erstreckt sich auf alle philosophischen
Disziplinen. Auf Ethik, Wertlehre, Religionsphilosophie und verstehende
Psychologie hat die phnomenologische Einstellung in seinen Forschungen
auch der Verfasser angewandt (siehe "Der Formalismus in der Ethik",
"Phnomenologie der Sympathiegefhle", "Abhandlungen und Aufstze",
"Vom Ewigen im Menschen"); nach der Seite der Philosophie der
Mathematik und der Grundlegung der sthetik Moritz Geiger (siehe
Jahrbucharbeiten); nach der psychologischen und logischen Seite
Alexander Pfnder (siehe gleichfalls Jahrbuch); nach der
erkenntnistheoretischen und rechtsphilosophischen Adolf Reinach, ein
beraus tiefgrndiger und zukunftsreicher Forscher, der zum Schaden fr
die deutsche Wissenschaft im Kriege gefallen ist. (s. seine eben jetzt
bei Niemeyer in Halle erschienenen, in einem Band zusammengefaten
Abhandlungen). Aber weit ber diesen lteren und engeren Forscherkreis
hinaus hat die Phnomenologie nicht nur eine Anzahl hchst
zukunftsreicher jngerer Forscher in ihren Reihen (hier seien nur D.
von Hildebrand, Heidegger, Frau Connad-Martius, A. Koyr, W. Schapp,
Leyendecker, E. Stein genannt), sondern hat weit darber hinaus auch
auf die gesamte Wissenschaft unserer Zeit stark eingewirkt. Aus der
Sdwestdeutschen Schule hatte sich ihr E. Lask, von Marburg her hat
sich ihr N. Hartmann genhert. Brunswigg hat, von ihr ausgehend, ein
wertvolles Buch ber Psychologie der Relationen und eine fr die
Kantkritik wertvolle Schrift geschrieben. P. F. Linke hat die
Phnomenologie fr die Expenmcntalpsychologie fruchtbar zu machen
gewut (siehe "Grundfragen der Wahrnehmungslehre", 1918). Der
theoretische Physiker und Mathematiker Weyl hat sein ausgezeichnetes
Buch ber die Relativittstheorie Einsteins gleichfalls auf
phnomenologischer Basis aufgebaut. Auch die Diltheyschule hat sich
ihr, wie brigens Dilthey kurz vor seinem Tode selbst, in mannigfacher
Hinsicht genhert. Driesch ist in seiner "Ordnungslehre" weitgehend von
ihr beeinflut worden; auch auf de scholastische Philosophie blieb sie,
wie Geysers "Alte und neue Wege der Philosophie" zeigen, nicht ohne
Einflu. Obgleich viele fundamentale Fragen der Philosophie in ihr noch
ungeklrt sind, darf doch erhofft werden, da von der Phnomenologie
aus sich allmhlich ein E i n h e i t s b o d e n   d e r   B e t r a c
h t u n g   f  r   d i e   g a n z e P h i l o s o p h i e
entwickelt, von dem aus eine neue universale Sachphilosophie, wie wir
sie anfangs forderten, sich entfalten kann.

In Oesterreich kommt die Brentanoschule (Marty, Hfler, Meinong) aus
eigenen Antrieben einigen der phnomenologischen Tendenzen weitgehend
entgegen. Marty, der Brentano am nchsten steht, ist vor wenigen Jahren
gestorben; sein hchst wertvoller Nachla, besonders seine ausgedehnten
Untersuchungen zur Sprachphilosophie und eine die Probleme von Raum und
Zeit betreffende Arbeit ist vor kurzem bei Niemeyer (Halle) erschienen.
Meinong, dessen geistige Entwicklung und Leistung am besten durch sein
im Buch "die deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen"
gegebene, sehr schn geratene und jetzt nach seinem Tode besonders
wertvolle Selbstdarstellung kund wird, hat in seiner neubegrndeten
"Gegenstandstheorie" gleichfalls das Ideal einer daseinsfreien
aprioristischen Gegenstandserkenntnis entworfen, die seine Schler,
besonders Mally, weiter ausgebaut haben. Der Unterschied der
Gegenstandstheorie von der Phnomenologie bleibt gleichwohl tiefgehend.
Der Gegenstandstheorie fehlt vor allem der i n t u i t i v e   C h a r
a k t e r  der Phnomenologie. In seinem letzterschienenen Buche ber
"Emotionale Prsentation" hat sich Meinong in der in diesem Buche neu
behandelten Theorie der Werte und Wertungen dem Standpunkt erheblich
genhert, den der Verfasser in seiner Ethik vertreten hat.

Groe Verwandtschaft, besonders mit der erkenntnistheoretischen
realistisch gerichteten Phnomenologie weist ferner das Werk eines
Mannes auf, der, viel zu wenig beachtet, einer der grndlichsten und
originellsten Denker unter den gegenwrtigen Philosophen darstellt. Ich
meine Johannes Rehmke, der in seiner "Grundwissenschaft" in seiner
"Logik" und in seiner "Psychologie" gleichfalls von dem als "gegeben
Gehabten" ausgeht und eine Ontologie des Gegebenen und seiner
Grundformen zur Basis aller theoretischen Philosophie macht (siehe auch
seine Selbstdarstellung in dem obengenannten Werke). Freilich blieb
Rehmkes Einflu bisher auf kleine Kreise beschrnkt, so da sie die
Wrdigung, die sie verdient, noch lange nicht gefunden hat.

Unter den selbstndigen Einzelpersnlichkeiten, die in der
gegenwrtigen Philosophie hervorragen, sind besonders als W i e d e r e
r w e c k e r   d e r   M e t a p h y s i k  vier Namen zu nennen: W.
Stern, H. Driesch, H. Schwarz und E. Becher.

Alle Wiedererwecker der Metaphysik sind erkenntnistheoretische
Realisten; alle wollen sie keine Metaphysik "aus reinen Begriffen"
(Kant), sondern eine Metaphysik, die auf dem Boden der
Erfahrungswissenschaft ruht, aber gleichzeitig in einer apriorischen
Bedeutungslehre ein Sprungbrett besitzt, um mit Hilfe der Methode der
Analogie ber das direkt und indirekt Erfahrbare der positiven
Wissenschaften noch hinauszugehen. Die Richtung der modernen
metaphysischen Versuche geht im allgemeinen auf eine Neubegrndung des
T h e i s m u s  hinaus. Ohne bewute historische Anknpfung nhert
sich die Metaphysik so der deutschen Theistenschule der 50er und 60er
Jahre (Weie, Ulrici, H. Fichte, Lotze). So gehren Klpe, H. Schwarz,
Brentano, Ehrenfels, Scheler, Driesch, Oesterreich, Becher, Jellinek,
Stern unter den Vertretern der modernen Metaphysik der theistischen
Gedankenrichtung an, wie verschieden sie auch je ihren Theismus und
Personalismus begrnden. Es ist also ein besonderes Merkmal der
gegenwrtigen Metaphysik, da sie im scharfen Gegensatz zur Metaphysik
der klassischen Epoche (noch mit Einschlu E. von Hartmanns) auffllig
u n p a n t h e i s t i s c h und stark p e r s o n a l i s t i s c h
ist. Ich habe a.a.O. (siehe "Vom Ewigen im Menschen", Band 1) gezeigt,
wie der moderne Pantheismus sich einmal durch die Entwicklung vom
akosmistischen zum naturalistischen Pantheismus (Hegel bis zum modernen
Modernismus), sodann durch Aufnahme immer neuer i r r a t i o n a l e r
Faktoren in den Weltgrund (Schelling, Schopenhauer, von Hartmann,
Bergson) in immer grerem Mae selbst zersetzt hat. Auch ist es wohl
begreiflich, da in einer so chaotischen und leidenden Zeit wie der
unsrigen der Pantheismus (im Grunde eine Denkweise harmonisierend
gerichteter synthetischer und abschlieender Kulturzeitalter) keinerlei
s e e l i s c h e   A t m o s p h  r e  besitzt. Eine dritte Tendenz
der modernen Metaphysik ist die Aufnahme der biologischen Grundfragen
in das Zentrum der metaphysischen Probleme und eine gewisse, nach
meiner Meinung zu starke Neigung, die metaphysischen Fragen besonders
von dieser Seite her zu lsen (Bergson, Driesch, Stern).

Neben dem Gottesproblem ist von der modernen Metaphysik auch die
Seelenfrage und das Problem der Willensfreiheit eingehender behandelt
worden. Auch in der Seelenfrage hat die theistische und
antipantheistische Auffassung der Seele als selbstndiger, ttiger
Substanz wieder greren Anhang erhalten (Stern, Driesch, Oesterreich,
Klpe, Scheler, Becher). Vor allem aber ist die tiefgehende Wandlung
des modernen metaphysischen Denkens an der Stellungnahme fhrender
Forscher zum Problem der Willensfreiheit kenntlich. Whrend vor etwa
zehn Jahren die mannigfachen Formen des "Determinismus" in fast
ausschlielicher Herrschaft standen, treten gegenwrtig eine groe
Reihe bedeutender Forscher fr die Lehre von der F r e i h e i t  d e s
m e n s c h l i c h e n Willens ein. Es seien hier genannt James,
Bergson, K. Jol, dem wir ein besonders tiefgehendes Buch ber die
Frage verdanken, Driesch, H. Mnsterberg, Scheler, N. Ach, der in
seinem Buche "Der Wille und das Temperament" mit am meisten getan hat,
um die Willenstatsachen experimentell-psychologisch zu erklren, steht
gleichfalls der Lehre vom freien Willen nahe.

Unter den genannten Metaphysikern, die diese allgemeine Richtung
einhalten, drfte Stern, Becher und Driesch die grte Bedeutung
zukommen. William Stern, dessen Hauptwerk "Person und Sache" noch
unvollendet ist, versucht den Begriff der "Person" als ein
psychophysisch indifferentes, zielttiges Aktionszentrum zur Grundlage
der Metaphysik zu machen -- eine Auffassung, die manches mit der
Personlehre des Verfassers, wie er sie in seinem Buche ber Ethik
entwickelt hat, gemeinsam hat, in anderer Richtung aber an Driesch und
von Hartmanns konkreten Monismus erinnert. Das wertvolle Buch Sterns
enthlt auch eine sehr beachtenswerte Auseinandersetzung mit der
passivistischen und mechanistischen Biologie und der gleichsinnigen
Assoziationspsychologie, die einer scharfsinnigen und weittragenden
Kritik unterworfen werden. Sterns "teleomechanischer Parallelismus" der
alle formalmechanischen Beziehungen im Universum nur als M i t t e l
s y s t e m e  fr zweckttige unbewute Akte und Krfte fat, in denen
sich eine Hierarchie zweckttiger "Personen" verschiedener Seins- und
Wertstufen immanent auswirken, ist ein sehr beachtenswerter Gedanke.
Freilich erscheint uns Sterns Vorgehen bislang noch zu dogmatisch, auch
ist bei Stern bersehen der Wesensunterschied von "Geist" und "Leben",
der hier in einen blo graduellen Unterschied aufgelst wird. Erich
Becher, der von der Naturphilosophie herkommt, ragt hervor durch seine
wertvollen naturwissenschaftlich-synthetischen Arbeiten (siehe seine
"Naturphilosophie" in Hinnebergs "Kultur der Gegenwart"), die
allerdings eines selbstndigen philosophischen Ausgangspunktes
ermangeln und noch zu sehr der Methode des Positivismus huldigen,
naturwissenschaftliche Resultate blo nachtrglich in eine Synthese zu
bringen. In seinem Werk ber "Gehirn und Seele" und vor allem in seinem
Buche ber "Die fremddienliche Zweckdienlichkeit in der Natur" (die er
an den Gallenbildungen erlutert) hat er die Anfnge einer Metaphysik
entwickelt. Sie gewinnt ihren Abschlu in der Annahme eines
"berindividuellen Psychischen", das die Erfahrungen und funktionellen
Anpassungen des Organismus whrend seines Lebens verwertet und alle
jene Erscheinungen verstndlich machen soll, die auf eine E i n h e i t
des organischen Lebens in allen Arten und Gattungen hinweisen (neben
der fremddienlichen Zweckdienlichkeit, hnlichkeit von Organbildungen
bei stammesgeschichtlicher weitgehender Verschiedenheit, Tatsachen der
Sympathie, Erklrung all derjenigen Entwicklungserscheinungen, die
weder lamarckianistisch, n o c h darwinistisch erklrbar sind,
Erblichkeit funktionell erworbener Eigenschaften, die gleichwohl vom I
n d i v i d u u m als solchem nicht erworben sein knnen usw.). Zu
einem noch selbstndigeren, einheitlicheren und geschlosseneren Aufbau
einer Metaphysik, die gegenwrtig groen Einflu gewinnt, ist Hans
Driesch gelangt, Er hat jngst seine Gedanken im Aufsatz "Mein System
und sein Werdegang" (siehe "Philosophie der Gegenwart in
Selbstdarstellungen", Band 1) kurz zusammengefat. Driesch kam von der
Naturforschung aus (Entwicklungsmechanik) in die Philosophie; seine
Hauptleistung stellt auch heute noch dar seine "Philosophie des
Organischen" (die eben in zweiter Auflage erschienen ist, bedeutend
vermehrt und erweitert), ein Werk, das zweifellos die bedeutendste
naturphilosophische Leistung darstellt, welche die deutsche
gegenwrtige Philosophie besitzt. Driesch versucht hier aus einer an
der Hand der modernen Entwicklungsmechanik, die er selbst stark
frderte, gewonnenen Analyse der Formbildung des Organismus und einer
Analyse der Handlung des Organismus s t r e n g e   B e w e i s e  fr
seinen neuartigen "Vitalismus" zu erbringen. Bei aller Formbildung und
allen berreflexmigen "Handlungen" des Organismus msse ein Agens
ttig sein, dem ganz bestimmte Merkmale und eine ganz bestimmte
gesetzmige Wirksamkeit zugeschrieben werden. Es heit als
hypothetischer Wirkfaktor der Handlungen "Psychoid", als dynamischer
Wirkfaktor der Formbildungen "Entelechie" (was indes keine strenge
Identitt mit dem aristotelischen Entelechiebegriff bedeutet). In
seiner eigentlichen Metaphysik sucht nun aber Driesch zu zeigen, da
nicht nur das "Psychoid" mit der "Entelechie" in der metaphysischen
Wirklichkeitssphre identisch seien, sondern da auch die unserem
kontinuierlichen "Selbst" zugrunde zu legende, aus den passiven
Bewutseinserscheinungen erschlossene reale Seele mit dem durch rein
objektive Naturbetrachtung gewonnenen entelechialen und psychoidealen
Faktor identisch sei. Diesen Gedanken hat Driesch besonders in seinem
Werk "Leib und Seele", in dem er den psychomechanischen Parallelismus
(besonders durch eine Mannigfaltigkeitsbetrachtung) widerlegt,
ausgefhrt. Eine erkenntnistheoretische und logische Basis fr diese
Metaphysik hat Driesch entwickelt in seiner "Ordnungslehre" und in
seinem Buch "Erkennen und Denken"; die Gesamtheit seiner metaphysischen
Gedanken hat er zusammengefat in seinem Buche ber
"Wirklichkeitslehre". Ausgehend von einem "methodischen Solipsismus",
entwickelt er in einer besonderen "Selbstbesinnungslehre" zuerst ein
apriorisches System von Bedeutungen und d e n k m  g l i c h e n
Beziehungsformen. In der Art, wie dies geschieht, ist er durch Husserl
und Meinong stark beeinflut. Sein Gegenstandsbegriff ist von Meinong
bernommen. Die Schwche der Driesch'schen Metaphysik (von ihren
Mngeln, dem fast vollstndigen bergehen sowohl der sittlichen als der
geistig historisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit als Daten auch fr
die Metaphysik abgesehen) scheint mir weniger in seinen hchst
wertvollen biologischen Positionen als in seiner Naturphilosophie des
Anorganischen zu liegen, in der er einem Mechanismus, der einem
veralteten Stande der theoretischen Physik entspricht, huldigt. Ferner
kommt auch bei ihm, hnlich wie bei Stern, der Unterschied der
spezifisch g e i s t i g e n Akte und ihrer autonomen Gesetzlichkeit
gegenber dem biopsychischen Tatsachenbereich n i c h t  zu seinem
Rechte. Dadurch entsteht die Gefahr eines pantheistisch gefrbten
Allvitalismus, der durch seine neuesten Ausfhrungen in der
"Philosophie des Organischen" ber "Einheit und Pluralitt" der
Entelechien, in denen er stark der Einheitslehre zuneigt, noch grer
geworden ist. Jedoch kann bei diesem entwicklungsreichen und
grozgigen Denker ber die endgltige Gestaltung seiner Philosophie in
diesen Punkten noch nichts Sicheres ausgesagt werden.

Die unmittelbarste Einwirkung vielleicht, welche die groen
Weltereignisse auf den Gang der deutschen Philosophie ausgebt haben,
haben ohne Zweifel an erster Stelle die R e l i g i o n s p h i l o s o
p h i e und die P h i l o s o p h i e   d e r G e s c h i c h t e   u n
d   G e s e l l s c h a f t  erfat. Sowohl die gewaltige r e l i g i 
s e Bewegung unserer Tage wie der Hiatus der europischen Geschichte
(und die Gesamtheit von Bestrebungen zu sozialer Neuformung) muten
auch die Philosophie stark in ihren Bereich ziehen. Religise Bewegung
und religionsphilosophisches Denken stehen heute in strkster
Wechselwirkung. Auf die religisen oder gar kirchlichen Bewegungen
selbst knnen wir hier nicht eingehen (siehe hierzu meinen Aufsatz ber
"Friede unter den Konfessionen" im "Hochland" und mein Buch "Vom Ewigen
im Menschen", Band 1). Will man der gegenwrtigen religisen Bewegung
ein allgemeines Merkmal zuerteilen, so wird man vor allem von einer
Hypertrophie m y s t i s c h e r Tendenzen in allen Sonderarten der
religisen Bewegung und auf allen Gebieten (Philosophie, Kunst,
Dichtung) reden knnen. Diese Bewegung umfat sowohl den katholischen
und den protestantischen Kulturkreis als jene Kreise, die eine "neue
Religion" wollen. Die gesamte mystische Bewegung steht stark unter dem
Einflu des Ostens, so der groen russischen religisen Denker
(Tolstoi, Dostojewski, Mereschkowski, Solowjew), aber auch der
indischen und chinesischen alten Weisheitslehren (siehe z. B. die
Wirksamkeit R. Tagores), Die immer strker anwachsende
anthroposophische Bewegung R. Steiners, deren Ideen auch die
philosophisch von Driesch stark beeinfluten, in vieler Hinsicht sehr
wertvollen Gedanken des physikalischen Chemikers K. Jellinek in seinem
lesenswerten Buche "Das Weltengeheimnis" eigentmlich frben, steht
gleichfalls unter stlichem Einflu (z. B. Wiederverkrperungslehre,
der auch H. Driesch nahesteht). Die expressionistische Kunst der
Gegenwart, die im "Weien Reiter" auch einen vorwiegend katholischen
Ausdruck gefunden hat, steht gleichfalls stark unter diesen stlichen
Einflssen. Am befremdlichsten wirkt hierbei die mystische Bewegung
innerhalb des protestantischen Kulturkreises, um so mehr, als die
vorwiegende protestantische Theologie, besonders die Schule A.
Ritschls, vor den Kriege aller Mystik uerst abhold war und in ihr
berall "katholisierende Tendenzen" witterte. Der Ausspruch Harnacks:
"Ein Mystiker, der nicht katholisch wrde, sei ein Dilettant" ist fr
die ltere Stellung der protestantischen Theologie in schrfstem
Gegensatz zur Gegenwart charakteristisch. Sehr hufig verbindet sich
die stlich gefrbte Mystik unserer Tage, die man mit Recht in eine
geschichtliche Parallele einerseits mit dem unseren Zeitalter so
hnlichen Hellenismus der Sptantike, andererseits mit den
Nachwirkungen des Dreiigjhrigen Krieges in Deutschland (Auftreten des
Pietismus) gesetzt hat, auch mit einer stlichen Orientierung in der
Politik (siehe z. B. die Schriften des Heidelberger Philosophen H.
Ehrenberg und die Arbeiten E. Rosenstocks). Es ist noch fraglich, wie
weit die Gesamtheit dieser Erscheinungen als bloe Flucht der Seele aus
den Wirren der Zeit und wie weit sie als  p o s i t i v e
Ausgangspunkte einer neuen lebendigen Religiositt zu werten sind.
Bisher hat das Ganze noch einen stark chaotischen Charakter. Innerhalb
des katholischen Kulturkreises, in dem gegenwrtig eine groe geistige
Regsamkeit wahrzunehmen ist, stellen sich die mystischen Tendenzen noch
am geformtesten dar und werden auerdem durch eine ihnen in gewissem
Sinne entgegengesetzte Bewegung, die von den Benediktinern inaugurierte
"liturgische Bewegung" in Schranken gehalten. Hier bemht man sich vor
allem, "wahre und falsche Mystik" zu unterscheiden (siehe besonders die
Aufstze von A. Mager in der "Benediktinischen Monatschrift" und im
katholischen Sonderheft der "Tat"; fr die liturgische Bewegung siehe
vor allem die vom Abt J. Herwegen herausgegebene Schriftenreihe
"Ecclesia orans", besonders R. Guardini: "Vom Geist der Liturgie").
Trotz des tiefen inneren Gegensatzes der mystischen, mehr an das
Mittelalter und die Gotik anknpfenden Bewegungen und der liturgischen
a l t k i r c h l i c h e n  Bewegung gewinnen beide Tendenzen eine Art
Einigung wieder dadurch, da manche katholischen Denker auch in der
Philosophie und Theologie strker an die mystischer gefrbte
platonisch-augustinische Auffassung anknpfen, die mit den liturgischen
Bestrebungen ja auch den alt- und frhkirchlichen historischen
Grundcharakter teilen. In der Philosophie ist auf
religionsphilosophischem Boden dieser sich allenthalben wieder strker
regende A u g u s t i n i s m u s (freilich stark modifiziert) auch mit
der Phnomenologie (die, wie bemerkt, ja selber stark platonisch
orientiert ist) in Verbindung getreten durch das Werk des Verfassers
"Vom Ewigen im Menschen", Band 1, in dem versucht wurde, sowohl der
Metaphysik als der Religionsphilosophie (das letztere durch
Aufrechterhaltung eines selbstndig religisen und unmittelbaren
Faktors in der religisen Gotteserkenntnis) eine neue Selbstndigkeit
zu geben ("Konformittssystem von Glauben und Wissen"). Auf ganz
anderem philosophischen Boden (mit Anknpfung an die modernen
Kantschulen) hat J. Hessen den "augustinischen Gottesbeweis" wieder zu
Ehren zu bringen versucht, und auch Switalsky hat ihm in seinen
Arbeiten wieder ein greres Recht eingerumt, als die vorwiegend
thomistische Richtung ihm bisher gewhrte. Auch diese Tendenz ist wohl
verstndlich sowohl aus dem a l l g e m e i n e n Streben wieder
strker an frhkirchliche geistige Erscheinungen anzuknpfen, als vor
allem auch daraus, da es sich heute nicht darum handeln kann, so wie
zu Zeiten des Thomas von Aquin das relative R e c h t von Natur und
Vernunft gegenber einer stark im bernatrlichen versunkenen mchtigen
und einheitlichen christlich erfllten Welt sicherzustellen, sondern u
m g e k e h r t darum, eine ganz und gar in das Weltliche und
Materielle versunkene weltanschaulich tiefpartikularisierte
Gesellschaft Gott und die gttlichen Dinge wieder geistig
nahezubringen. An Stelle der bloen "ars demonstrandi", die
erfahrungsgem nur dort berzeugt, wo traditioneller Glaube den
Menschen bereits beherrscht, tritt hier eine "ars investigandi et
inveniendi" und gleichzeitig die alte anselmische Lehre, da das
religise Bewutsein und das Haben seines Gegenstandes (Gottesidee) dem
philosophisch-wissenschaftlichen Bewutsein und der ihr entsprechenden
Weltgegebenheit gesetzlich (wenn auch geschichtlich mit ganz variablem
Inhalt) vorhergeht (im Sinne des anselmischen "Credo, ut intelligam").
Auch mit H. Newman, dessen "Grammatik der Zustimmung" eben von Th.
Haecker neu bersetzt wurde, und dessen Schriften gegenwrtig auch in
katholischen Bildungskreisen stark gelesen werden, steht diese Bewegung
in mannigfacher Verbindung (vgl. auch die Zeitschrift "Brenner", in der
sich religise Gedanken verschiedener Konfessionen begegnen). Auch die
bemerkenswerten Reden des Tbinger Dogmatikers Adam ber "Glauben und
Wissen", "Religion und Gegenwart" verraten die geschilderten
Gedankenmomente. Ihr praktisches Gewicht und ihre soziale Parallele
erhlt diese neuere katholische Denkrichtung durch die sich in den
katholischen Bildungskreisen immer strker durchsetzende berzeugung,
da die Religion sich in einer Zeit, in der die gewaltigen Sttzen der
Kirche durch den Staat zusammengebrochen sind, und in der sich der
Glaube zu r e i n i g e n hat von allen stndischen und klassenmigen
Amalgamierungen, in die ihn die verflossene Geschichte gebracht hatte,
vor allem innere Selbstndigkeit und Unabhngigkeit von den
Interessenstrukturen der Politik und Wirtschaft gewinnen msse, um
wieder eine praktisch lebendige Kraft auf das Leben zu gewinnen. Aus
demselben Grunde sucht man in bezug auf geschichtliche Vorbilder
innerhalb des katholischen Kulturkreises an solche Zeiten und
Persnlichkeiten anzuknpfen, in denen die Religion aus ihrer eigenen
inneren Kraft heraus (ohne Sttze von irgendeiner anderen Macht) neue
soziale Bewegungen e i n g e l e i t e t oder doch mit ihrem Geiste
durchhaucht hat. Das von D. von Hildebrand herausgegebene Buch "Der
Geist des heiligen Franziskus" will in diesem Sinne die franziskanische
Bewegung nach allen in Betracht kommenden Richtungen charakterisieren.

Innerhalb des p r o t e s t a n t i s c h e n  Kulturkreises deuten
mehrere Erscheinungen gleichfalls auf den neuen religisen Geist der
Zeit hin. Der weitgehenden soziologischen Umformung der Behlter und
Wirkungsweisen des protestantischen Geistes (die keineswegs, wie man so
oft irrig meint, ein Nachlassen auch seiner K r a f t und seiner
Wirksamkeit zu bedeuten braucht) -- man kann sie kurz als Tendenz zu
Sekten, Kreis-Ordensbi1dungen um irgendeine charismatisch erscheinende
Persnlichkeit herum charakterisieren -- entspricht eine Reihe
religionsphilosophischer und theologischer Neuerscheinungen, welche
starke Beachtung verdienen. Hier sind vor allem die tiefgreifenden und
wirksamen Arbeiten von R. Otto (siehe "Das Heilige", 2. Auflage),
ferner von H. Scholz "Religionsphilosophie" (1921), die Arbeiten des
Hallenser Dogmatikers Heim, die mannigfachen Schriften Fr. Heilers
(siehe "Das Gebet" und "Buddistische Versenkungsstufen", "Das Wesen des
Katholizismus"), die mystische Wert- und Religionsphilosophie von H.
Schwarz "Das Ungegebene", Tbingen 1921, zu nennen. Auch die Arbeiten
von K. Oesterreich ber "Religionspsychologie" und die neue groe
Arbeit ber denselben Gegenstand von J. K. Girgensohn, ferner als
berkonfessionelle Sammelstelle religionspsychologischer Bestrebungen
die "Zeitschrift fr Religionspsychologie" mgen hier aufgefhrt sein,
obzwar diese Erscheinungen weniger religis als rein wissenschaftlich
bedeutsamen Charakter besitzen. Den grten Einflu von diesen Arbeiten
hatten ohne Zweifel die Schriften von Otto und Heiler. Otto betrachtet
die Werte des Heiligen und Gttlichen, die er in der ersten Hlfte
seines Buches rein phnomenologisch untersucht, auf ihre
Wesensbestandteile und scheidet sie in rationale (z. B. Gte, Wissen
usw.) und irrationale. Als irrationale Grundwerte, die sich nicht so,
wie die Kantschulen meinen, in "allgemeingltige Vernunftwerte" oder
deren Steigerung ins "Unendliche" oder "Vollkommene" auflsen lassen,
nennt Otto das "Numinose". Er zerlegt das ihm entsprechende Gefhl in
das "Kreaturgefhl" in das "mysterium tremendum" das dem Heiligen den
Charakter des Schauervollen, bermchtigen und Energischen verleiht, in
das Moment des geheimnisvollen "ganz anderen" und in das Moment des
magisch anziehenden "fascinosum". Er verfolgt alle diese dem Gttlichen
konstitutiv eigenen "irrationalen" Elemente durch das Alte und Neue
Testament und durch Luthers Schriften hindurch und gibt am Schlusse
eine Art religiser Erkenntnistheorie, die an die von Fries
modifizierte Kategorienlehre Kants anknpft. Eine Kritik seiner
Aufstellungen habe ich auch in meinem Buche "Vom Ewigen im Menschen"
gegeben (siehe auch E. Troeltsch in den "Kantstudien"). Die
Bestrebungen nach einer freien religisen Mystik sind innerhalb des
Protestantismus durch dieses Buch stark gesteigert worden. Heiler gab
in seinem Buche ber "Das Gebet" eine beraus grozgige, gelehrte und
auch phnomenologisch und psychologisch beraus anregende Studie, die
nur den Fehler hat, da sie mit Hilfe gewisser von der Ritschlschen
Theologie entlehnter Kategorien, besonders der Kategorie des
"prophetischen" und "mystischen Gebets" viele Erscheinungen des
religisen Lebens vergewaltigt. Das beste Buch Heilers ist das Buch
ber "Buddhistische Versenkungsstufen", in dem er diese Stufen
feinsinnig phnomenologisch errtert und nur ihre T e c h n i k noch zu
wenig beschreibt. Sei prinzipienlos und historisch nach rein
individuellen und subjektiven Eindrcken geschriebenes Buch ber das
"Wesen des Katholizismus", das zugleich eine erstaunliche
Verherrlichung der im "Gebet" gerade als "unevangelisch" verurteilten
katholischen Mystik und gleichzeitig eine herbe Anklage gegen die
gegenwrtige Kirche darstellt, sucht nach Harnacks Vorgang das Ganze
des Katholizismus als "Synkretismus" aus fnf Bestandteilen zu
erweisen; sie sollen bestehen im Evangelium, dem rmischen Reichs- und
Rechtsgedanken, dem jdischen Legalismus und seiner Kasuistik, den
paganisch-magischen Faktoren (Messe) und der nach Heiler auf den Orient
zurckgehenden hellenischen Philosophie und Mystik. Die Methode der
Betrachtung ist hier im wesentlichen diejenige Harnacks. Das religise,
bei Heiler vorherrschende, aber von seinen Stimmungen stark abhngige
"Ideal" soll gegeben sein in dem, was er in seiner Anlehnung an den
schwedischen Bischof Soederbloem die "Evangelische Katholizitt" nennt.
-- Die "Religionsphilosophie" von H. Scholz, die besonders in ihren
kritischen Partien ausgezeichnet geraten ist, will hnlich wie R. Otto
und in mancher Hinsicht auch hnlich wie der Verfasser in seinem Werke
"Vom Ewigen im Menschen" die Religion auf eine besondere F o r m   d e r
r e l i g i  s e n   E r f a h r u n g grnden, die aber nicht
allen Menschen zukommen soll. Auch dieses Werk nimmt seinen
Ausgangspunkt vor allem in dem Wesen der m y s t i s c h e n
Gotteserfahrung und sucht von hier aus die Religion mit dem Ganzen des
menschlichen Geisteslebens in innere Beziehung zu setzen. Auch K.
Oesterreich hat in seiner Schrift "ber die religise Erfahrung"
dieselbe Methode und denselben Ausgangspunkt wie die genannten
phnomenologischen vorgehenden Forscher. berblickt man diese und
andere hier aus Raummangel nicht genannten Erscheinungen der
protestantischen Religionsphilosophie und Theologie und vergleicht sie
mit den augustinisch gefrbten Arbeiten innerhalb des katholischen
Kulturkreises, so erffnet sich eine A u s s i c h t, die nach meiner
Meinung von grter Tragweite ist. Es ist die Aussicht auf eine mhlich
fortschreitende Einigung der Forscher verschiedener Konfessionen ber
die Grundfragen wenigstens der natrlichen Theologie und der
Religionsphilosophie. Solange auf der einen Seite einseitigster
Kantianismus, auf der anderen Seite ein ausschlielicher Thomismus
traditionalistisch herrschten, war auch der bloe V e r s u c h einer
solchen Einigung vllig ausgeschlossen (siehe dazu auch R. Eucken:
"Kant und Thomas, der Kampf zweier Welten"). Den W e r t einer solchen
Einigung aber wird man nicht gering anschlagen drfen, denn es wrde
dadurch der widersinnige Zustand, den ich a. a. O. als einen "Skandal
der Philosophie und Theologie zugleich" bezeichnet habe, aufgehoben,
da in der nicht auf positiver Offenbarung und Tradition beruhenden
sogenannten "natrlichen Gotteserkenntnis" (die jedem Menschen spontan
zugnglich sein soll) gerade am m e i s t e n  der bloe historische
Traditionalismus herrscht, und da die konfessionell verschiedenartigen
religisen Bildungskreise in der natrlichen Theologie und
Religionsbeurteilung eher n o c h w e i t e r auseinandergehen als in
den Fragen der positiven Theologie und der Glaubensbekenntnisse.

Auch innerhalb der theoretischen und praktischen Fhrerschaft der
deutschen Sozialdemokratie sind gegenwrtig Versuche bemerkenswert, das
religise Problem einer neuen Durchforschung zu unterziehen, die von
der marxistischen berkommenen Lehre, der gem die gttlichen Dinge
nur ein phantastisches "Aroma" sein sollen, das als
"Begleiterscheinungen" konomischer Herrschaftsverhltnisse aus der
"brgerlichen Gesellschaft" aufsteigt (Marx), prinzipiell abweichen.
Noch sehr fadenscheinig ist die Religion in Paul Ghres "Der unbekannte
Gott" gefat, dagegen haben Radbruch, Maurenbrecher, mehrere Freunde
der "Sozialistischen Monatshefte", die theoretischen Vertreter des
Bundes sogenannter "religiser Sozialisten" Ansichten geuert, die,
wie immer man sie beurteilen mag, eine neue Stellung auch der
sozialdemokratischen Arbeiterklasse zu den Problemen der Religion
ankndigen. Da nach unserer Meinung jeder religis nicht an das hchste
Gut und Gott glaubende Mensch, und jede Klasse solcher Menschen ein
nachweisbares S u r r o g a t des hchsten Gutes in Form eines zu einem
"Gtzen" gestempelten endlichen Wertes (heie er Geld, Nation,
Zukunftsstaat oder sonstwie) besitzen, wird der vermutlich bald
vollstndig einsetzende, schon heute (siehe das neue
sozialdemokratische Parteiprogramm) sehr weitgehende Verzicht auf die
Verwirklichung der Ideale des Kommunismus und des "Zukunftsstaates" (an
die ein gewaltiges Ma eschatologischer Religiositt gleichsam
festgebunden war) einen l e e r e n Raum in der Seele der
Arbeiterklasse schaffen, der ihre Disposition fr die Aufnahme echt
religiser Gter bedeutend steigern drfte. In diesem Sinne hat sich
auch Otto Baumgarten in seinem Buche "Der Aufbau der Volkskirche", das
die Mglichkeit des Aufbaus einer protestantischen Volkskirche an
Stelle einer bloen "Pastorenkirche" eingehend und feinsinnig erwgt,
ausgesprochen.

Nicht minder tief greifen, wie gesagt, die Wirkungen der Weltereignisse
auf die geschichtsphilosophischen und soziologischen
Neuorientierungsversuche der Gegenwart ein. Alle greren
geschichtsphilosophischen Versuche der europischen Geschichte, die wir
kennen, die Versuche Augustins und Johanns von Freising, die Versuche
Vicos, Bossuets, Hegels und Comtes haben ihren Ursprung in Zeitaltern,
die nach groen, die Verhltnisse tief umformenden Geschichtswendungen,
gleichsam eine Besinnung der Menschheit ber den bisherigen Verlauf
ihrer Geschichte anregen. Der Franzsischen Revolution wohnte in diesem
Sinne die mchtigste Anregungskraft fr geschichtsphilosophische
Besinnung ein, und so ist es kein Wunder, da gerade gegenwrtig die
geschichtsphilosophisch m a t e r i a l e B e t r a c h t u n g der
Dinge eine neue Auferstehung gefeiert hat. Zum Teil knpfen diese
Versuche an Gedanken an, die schon vor dem Kriege wieder eine Rolle zu
spielen begannen. Kaum ein geschichtsphilosophischer Versuch der
Gegenwart zeigt sich z. B. nicht irgendwie durch Nietzsches starke
Anregungen bedingt. Ferner fhlt man berall die Ideen Burckhardts, wie
er sie in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" entwickelt hat,
die Auffassungen von Dilthey, Troeltsch, Hegel und Hartmann noch
lebendig. Der grundlegende Gesichtspunkt, welcher der gegenwrtigen
Geschichtsphilosophie ihr b e s o n d e r e s Geprge verleiht, ist vor
allem der Gegensatz zwischen Dekadenz oder Erneuerungsmglichkeit der
europischen Menschheit und dazu die noch mgliche Aufgabe und Rolle
"Europas" im zuknftigen Weltgetriebe. Schon diese Frage fhrt wie von
selbst dazu, die E n g e und B e d i n g t h e i t der spezifisch
europischen Mastbe und europischen Denkformen in allen bisherigen
Geschichtsauffassungen und -beurteilungen immer tiefer zu erkennen.
Diesen Fragen gegenber sind heute die mehr formalen Probleme der
Geschichts e r k e n n t n i s weitgehend zurckgetreten. Oswald
Spengler hat dem auf alle Flle starken Wurfe seines "Untergang des
Abendlandes" in seinem Aufsatz ber "Pessimismus?" eine sehr
eigenartige Interpretation nachfolgenlassen (der zweite Band des
"Untergangs" wird demnchst erwartet). Seine D e k a d e n z l e h r e
ist in seinem "Untergang" weniger tiefgehend als sensationell
vertreten. Die ungeheure Wirkung dieses Buches und der aufregende
Neuheitseindruck, mit dem es entgegengenommen wurde, ist psychologisch
nur aus der N i e d e r l a g e Deutschlands im Kriege zu verstehen.
Aber auerdem ist er nur begreiflich daraus, da das groe Publikum
offenbar keine Ahnung davon hatte, wie sehr diese Dekadenzlehre bereits
durch anderweitige Forscher vorbereitet war. Graf Gobineau, J.
Burckhardt, Fr. Nietzsche, F. Tnnies, E. Hammacher (siehe sein Buch:
"Grundprobleme der modernen Kultur"), M. Scheler (siehe "Ressentiment
im Aufbau der Moralen"), W. Sombart -- sie alle hatten ja, wenn auch
mit weitgehend verschiedener Begrndung und Fundierung, im Grunde der
These gehuldigt, da sich das Abendland des 19. Jahrhunderts im
Niedergang befinde. Der Kreis Stefan Georges dachte in derselben
Richtung. E. von Hartmanns universaler Geschichtspessimismus zielte
gleichfalls auf eine geschichtsphilosophische Dekadenzlehre hin. Nur
das satte Behagen der deutschen Oberklassen whrend des Wilhelminischen
Zeitalters konnte diese warnenden Stimmen ber hren lassen und den
Schein erzeugen, da man ber Fortschritt und Aufstieg Europas so einig
sei, wie es etwa Hegel und in anderer Form und Art die Positivisten
Comte und Spencer gelehrt hatten. Freilich maten sich alle diese
genannten Denker n i c h t an, astronomisch voraussagen zu knnen, was
in Zukunft sein und geschehen werde, so wie es Spengler auf Grund
seiner vermeintlichen vagen Phasen- und Gleichzeitigkeitsgesetze getan
hat, nach denen z. B. Buddhismus, Stoizismus und Sozialismus innerhalb
der Phasenabfolge der indischen, rmischen und modernen Zivilisation
"gleichzeitig" sein sollen. Es gengte ihnen so wie es allein mglich
und sinnvoll ist, von Niedergangstendenzen zu reden, deren Realisierung
durch die ursprngliche Freiheit der menschlichen Persnlichkeit oder
doch durch arationale Geschichtsfaktoren auch prinzipiell umgebogen
werden knne. Eine solche "Freiheit" kennt Spengler nicht, er
betrachtet die groen Kulturen, die er an sich mit Recht als eine
ursprngliche Vielheit ansieht (siehe hierzu auch des Verfassers
Abschnitt "Die Einheit Europas" in seinem Buche "Genius des Krieges"),
wie Pflanzenvegetationen, die aus der "mtterlichen Landschaft"
herauswachsen, dann einen Proze des Aufblhens, Alterns und Sterbens
durchlaufen. Diese biologischen Analogien sind aber auf die Geschichte
unanwendbar. Wertvoll dagegen ist der Versuch Spenglers, a l l e
Sphren der geschichtlichen Gterwelt (Wissenschaft, Knste,
Staatsformen usw.) auf die Einheit einer "Kulturseele"
zurckzubeziehen, und ihre Strukturidentitt aufzuweisen. Die
Durchfhrung des Gedankens, den auch Dilthey, Duhem (siehe "Geschichte
der physikalischen Theorien"), Scheler und andere lngst aufgenommen
hatten, ist indes oft beraus spielerisch und willkrlich (vergleiche
dazu das Heft des "Logos" indem sich eine Reihe von Forschern mit
Spengler beschftigen). Zur Kritik Spenglers ist schon eine kleine
Literatur erschienen, aus der ich Th. Haerings "Die Struktur der
Weltgeschichte" (1921), die Schrift von H. Scholz "Zum Untergang des
Abendlandes" (1920) und Gtz Briefs "Untergang des Abendlandes,
Christentum und Sozialismus" (1920), Kurt Breysigs "Der Prophet des
Untergangs" hervorhebe. Ganz wesenlos, verworren, unbestimmt und
berdies aus den mannigfaltigsten verschwiegenen Anregungen
zusammengeflossen sind die philosophischen und erkenntnistheoretischen
V o r a u s s e t z u n g e n des Buches. Sie enthalten einen
Relativismus, der sich im tiefsten Gegenstze befindet zu aller
ernsthaften gegenwrtigen Philosophie, und sind nur ein letzter
Nachklang des romantischen Historismus der Vorkriegszeit und seiner
verantwortungslosen, sich in alles und jedes "einfhlenden"
schauspielerischen Verwandlungskunst -- Haltungen, von der heutigen J u
g e n d mit Recht scharf zurckgewiesen werden. Wenn wir nicht glauben,
da Spenglers Werk seinen Tageserfolg, stark mitbedingt durch die
psychischen Dispositionen eines geschlagenen Volkes, dessen
gegenwrtiges Elend und Niedergangsgefhl gleichsam wie von einem
gewissen "Troste" vergoldet scheint, wenn sich auch das Ganze des
Abendlandes, dessen Teil es ist, in einer absteigenden Richtung
befindet so da man gewissermaen sagen kann auch jetzt wieder:
"Deutschland in der Welt voran" -- wenn auch in absteigender Richtung
-- berdauern wird, so erhoffen wir um so Wertvolleres von anderen
wichtigen Erscheinungen der gegenwrtigen Soziologie und
Geschichtsphilosophie.

Das Grundbuch der deutschen Soziologie wird noch auf lange Zeit hinaus
Ferdinand Tnnies' "Gemeinschaft und Gesellschaft" bleiben, das erst
langsam seine volle Bedeutung auswirkt. Max Weber, dessen Werke jetzt
gesammelt erscheinen, hat uns noch kurz vor seinem Tode mit seinen
groangelegten religionssoziologischen Untersuchungen ber die
Religionsformen Chinas, Indiens und der verschiedenen kirchlichen
Bildungen des Christentums beschenkt, die sich seiner ungemein
wirksamen Untersuchung ber die Bedeutung der calvinistischen
Religiositt und systematischen Selbstkontrolle fr die Ausbildung des
"kapitalistischen Geistes" wrdig angereiht haben. Die Bedeutung der
Weltreligionen fr die soziale Struktur der Vlker und fr ihre
Wirtschaftsgesinnung ist in diesen Untersuchungen beraus groartig
hervorgetreten. Nimmt man noch hinzu die bekannten "Soziallehren der
christlichen Kirchen von E. Troeltsch und die Untersuchungen von P.
Honigsheim ber den Einflu des Jansenismus auf die franzsische
Sozial- und Wirtschaftsgeschichte" so ist in diesen Arbeiten ein
bedeutendes, zusammenhngendes Bild entstanden von der soziologischen
Bedeutung der Religion berhaupt (vgl. auch des Verfassers
"Abhandlungen und Aufstze"). In anderer Richtung hat Werner Sombart in
seinen Kapitalismusbchern und seinem "Bourgeois", vor allem aber in
der neuen Auflage seiner "Grundlagen des modernen Kapitalismus" nun
eine s y s t e m a t i s c h e  A n o r d n u n g aller Kausalfaktoren
fr die Entstehung der Phasen des modernen Kapitalismus gegeben, die
den lteren Einwnden gegen seine Aufstellungen weitgehend standhlt.
Sein zu erwartendes Buch ber die geistesgeschichtlichen Bedingungen
des modernen Sozialismus, zu dem er sein bekanntes "Sozialismus und
soziale Bewegung" umzuarbeiten im Begriffe ist, wird ber die
Entstehung besonders der marxistischen Theorien neues Licht verbreiten.
Die neuen, in den Schriften der Kantgesellschaften herausgekommenen
Untersuchungen von E. Troeltsch ber die bisherigen Formen der
Soziologie seit Comte und ber die dialektische Methode Hegels haben
gleichfalls ber die Entstehung des Gegensatzes unserer deutschen
Geschichtsauffassung von der bei den Westvlkern vorliegenden
Auffassung uns wichtige Einsichten erschlossen. Erwgt man dazu, da
die gesamte marxistische Soziologie (siehe dazu die neueren Arbeiten
von J. Plenge, Lederer, Cunow, Lensch, Schumpeter, Renner, R. Michels,
Max Adler und anderer) sich in der tiefgehendsten Krisis befindet, in
der sie sich seit der Auseinandersetzung von Lassalle und Marx befunden
hat, so wird man die langsam beginnende geschichtsphilosophische und
soziologische Auseinandersetzung der sozialistischen und brgerlichen
Soziologie und Geschichtsauffassungen nicht gering anschlagen drfen.
Was uns gegenwrtig vor allem notwendig ist, das wre eine neue, auf
der Gesamtheit der durch diese Literatur erschlossenen empirischen
Einsichten fuende  T h e o r i e d e r   h i s t o r i s c h e n
K a u s a l f a k t o r e n, die insbesondere die  O r d n u n g  ihrer
Wirksamkeit genau bestimmt und feststellt, und die zugleich mit allen
bisherigen Einseitigkeiten, vorwiegend spiritueller und
naturalistischer Geschichtsauffassungen, endgltig bricht. Der
Verfasser ist damit beschftigt, in einem demnchst erscheinenden Buche
ber die Gesellschafts- und Geschichtslehre des "Solidarismus" eine
solche Theorie zu entwickeln. --

Wenn man die ungemeine, nur noch mit dem Zeitalter Kants und Hegels
vergleichbare, g e i s t i g e   R e g s a m k e i t auf dem Boden der
Philosophie im gegenwrtigen Deutschland (von der diese Zeilen ein
schwaches, durch den Raum engbegrenztes Bild geboten haben) mit dem
vergleicht, was gegenwrtig in den Lndern der Sieger auf diesem Boden
geschieht, so ist -- wie alle, die vom Ausland zu dem Verfasser nach
Kln kommen, bezeugen -- der Abstand ein u n g e h e u e r   g r o  e
r. Dieser Eindruck ist, wenn man noch hinzunimmt, was trotz des neuen
Elends des Bibliothekswesens und der geringen Aufwendungen, die seitens
des Staates fr die Wissenschaft und ihre Institute heute allein
mglich sind, auch auf dem Boden der Naturwissenschaften und der
Erfindungen geleistet wird, so stark, da an ihm allein schon das
tiefgesunkene Selbstgefhl und Selbstwertgefhl der Nation s i c h
w i e d e r   a u f z u r i c h t e n   v e r m a g. Ein Volk, das im
grten Elend seiner politischen und konomischen Lage zu einer solchen
Flle geistiger Anstrengungen und Leistungen fhig ist, kann nicht
zugrunde gehen. Einem in gewissem Sinne tragischen Grundgesetze der
deutschen Geschichte gem (das man preisen oder beklagen mag) wird
auch diesmal die Nation; gerade aus ihren tiefsten Leiden und Nten
heraus, mit neuen und frischen Energien, die ihr aus der dunklen Tiefe
ihrer durch kein Geschick zerbrechlichen Seele zuflieen, mit neuem
Wagemut wieder zu den ewigen Sternen ihrer eigentlichen "Bestimmung"
greifen. Der Philosophie kommt dabei die nicht zu unterschtzende Rolle
zu, die einseitige Verfachlichung und Spezialisierung, in die das
deutsche Volk vor dem Kriege so sehr versunken war, da ihm die auch zu
einer gesunden und einheitlichen Politik und zur Fhrung des Krieges
notwendige spontane Einigungsbereitschaft und Einigungsbefhigung
weitgehend gebrach, allmhlich aufzulsen und damit beizutragen, eine
neue, einheitlichere geistige Bildungsgestalt dem deutschen Menschen
aufzuprgen.




RELATIVITTSTHEORIE
VON A. SOMMERFELD

VORTRAG, GEHALTEN IN EINEM ZYKLUS GEMEINVERSTNDLICHER EINZELVORTRGE,
VERANSTALTET VON DER UNIVERSITT MNCHEN, SOMMER 1921

Konrad Ferdinand Meyer lt im "Hutten" den alten Pfarrer von Ufenau
sagen:

    Erfahrt, da unter uns, die wir bemht
    Um die Natur sind, ein Geheimnis glht!
    Mit hat's ein fahr'nder Schler anvertraut.
    Neigt euch zu mir! Man sagt's nicht gerne laut.
    Ein Chorherr lebt in Thorn, der hat gewacht,
    Bis er die Rtsel deutete der Nacht.
    Herr Kpernick beweist mit bnd'gem Schlu,
    Da -- staunet -- unsre Erde wandern mu!

Dasselbe Staunen, das vor 400 Jahren die Menschheit bei der Kunde von
der Umwlzung des Kopernikus erfate, ist heute lebendig, wo es sich um
eine neue Umwlzung im Weltbilde handelt, vergleichbar der
kopernikanischen, ja vielleicht mit ihren erkenntnistheoretischen
Wurzeln noch tiefer reichend. Dasselbe geheimnisvolle Dunkel wie damals
-- "man sagt's nicht gerne laut" -- umweht die neue Theorie von Raum,
Zeit und Schwere. Wird es mir gelingen, das Dunkel in etwas zu lichten?
Ich wei nur zu gut, da dies ohne die sichere Leitschnur des
mathematischen Gedankens letzten Endes unmglich ist. Fr viele meiner
Behauptungen werde ich den Beweis schuldig bleiben mssen, da er sich
nur aus der vollen Kenntnis der physikalischen Tatsachen und zum guten
Teil nur mit den Hilfsmitteln der mathematischen Rechnung erbringen
liee. Ich mu zufrieden sein, wenn ich Ihnen eine Vorstellung von den
Problemen und von den Gedankengngen, die zu ihrer Lsung fhren, geben
kann. Etwas genauer mchte ich dann darauf eingehen, wie es mit der
erfahrungsmigen Prfung der neuen Lehre steht. Insbesondere werde ich
von der Sonnenfinsternis des Jahres 1919 zu sprechen haben. Whrend in
Fachkreisen das Interesse an der Relativittstheorie seit 15 Jahren
lebendig ist, datiert das allgemeine Aufsehen und die Popularitt der
Theorie erst von ihrer Besttigung durch diese Sonnenfinsternis.

    "Ihr meint, wie sitzen ruhig hier? Erlaubt,
    Wir schweben, wie von Adlerkraft geraubt" --

so fhrt der Pfarrer von Ufenau zu reden fort. "Wir sitzen ruhig hier."
Und doch drehen wir uns, so belehrt uns Kopernikus, um die Erdachse mit
einer Geschwindigkeit von einigen hundert Metern in der Sekunde;
gleichzeitig bewegt sich die Erde und wir mit ihr um die Sonne mit
einer Geschwindigkeit von 30 km in der Sekunde, also hundertmal
schneller, als der Schall die Luft durcheilt. Und die Sonne selbst
bewegt sich gegen die Fixsterne und fhrt die Erde und uns selbst "wie
mit Adlerkraft" fort. Von diesem ganzen zusammengesetzten
Bewegungsvorgang spren wir nichts, es sei denn, da wir mit genauen
Hilfsmitteln ausgerstet sind, um an den Sternen Beobachtungen zu
machen. Wir mssen daraus schlieen: Bewegung an sich ist nicht
beobachtbar, sie ist an sich nichts. Nur relative Bewegung knnen wir
konstatieren. Und weiter: Der Raum ist an sich nichts, das
Fortschreiten im Raum betrifft keine wirkliche Tatsache. Es gibt keinen
absoluten Raum. Der Raum existiert nur durch die in ihm enthaltenen
Krper und Energien. Ein Fortschreiten im Raum ist nur zu messen am
Rauminhalt und lt sich berhaupt nur denken relativ zu den
raumerfllenden Krpern und Energien.

Dies ist das Relativittsprinzip der klassischen Mechanik. Es bildet
seit 200 Jahren die Grundlage fr das Studium der himmlischen und
irdischen Bewegungen. Der genaue Ausdruck dieses ltesten
Relativittsprinzips lautet: Es ist unmglich, festzustellen, ob sich
ein System von Krpern als Ganzes in Ruhe oder in gleichfrmig
geradliniger Bewegung befindet, sofern wir nur innerhalb dieses
Krpersystems Erfahrungen anstellen und keine Merkmale auerhalb
desselben beobachten knnen. Wir knnen also nichts von der
fortschreitenden Bewegung der Erde bemerken, wenn wir keinen Ausblick
nach dem Fixsternhimmel haben. Mit der drehenden Bewegung der Erde ist
es allerdings zunchst anders, sie fllt nicht unter das
Relativittsprinzip der klassischen Mechanik, da bei ihr die Richtung
der Geschwindigkeit fortgesetzt wechselt. In der Tat knnen wir sie
durch Pendelbeobachtungen auf der Erde messen oder an der Abplattung
der Erde nachweisen. Wir werden hierauf zurckkommen, wenn wir das
allgemeine, ber die klassische Mechanik hinausgehende
Relativittsprinzip entwickelt haben werden.

Gehen wir von der Mechanik zur Optik ber. Die Erscheinungen des
Lichtes beruhen, wie wir heutzutage wissen, auf der Ausbreitung
elektromagnetischer Felder. Die Optik und Elektrodynamik glaubte einen
L i c h t  t h e r ntig zu haben, einen feinen materialisierten Raum,
in dem sich die Lichtwirkungen ausbreiten sollten. Hiernach wre es
denkbar, absolute Bewegung im Raum als Bewegung gegen den Lichtther
durch Lichtstrahlen nachzuweisen. Ein Lichtstrahl, der sich im Sinne
der Erdbewegung, diese berholend, fortpflanzt, sollte sich relativ zur
Erde langsamer fortpflanzen als ein Lichtstrahl, der senkrecht zur
Erdbewegung fortschreitet. Das Relativittsprinzip wre damit
durchbrochen und die absolute Bewegung der Erde im Raum nachweisbar.
Der Versuch ist mit auerordentlicher Schrfe von M i c h e l s o n
angestellt worden und lieferte kein Anzeichen der Erdbewegung. Es htte
keinen Zweck, wenn ich Ihnen den Michelsonschen Versuch nher schildern
wollte. Die berzeugung von seiner bindenden Kraft knnte ich Ihnen
doch nicht beibringen, ohne mich in experimentelle Einzelheiten zu
verlieren. Der Versuch ist so schwierig und verlangt so
auerordentliche Hilfsmittel, da er nur zweimal durchgefhrt worden
ist. Hier, wie in vielen anderen Punkten, mu ich auf Ihren guten
Glauben an die Zuverlssigkeit der physikalischen und astronomischen
Messungen rechnen knnen. Der Michelsonsche Versuch und andere weniger
genaue Erfahrungen zeigen also, da das Relativittsprinzip zu Recht
besteht, da absolute Bewegung auch nicht optisch als Bewegung gegen
den Lichtther nachgewiesen werden kann. Daraus folgt weiter, wie
Einstein hervorhob, da der Lichtther keine reale, beobachtbare
Existenz besitzt. Er ist nicht physikalisch, sondern metaphysisch, ein
verkappter absoluter Raum und als solcher irrefhrend.

Aber noch weiter: Die Lichtfortpflanzung findet statt in Raum und Zeit.
Sie hat, von der im Sonnensystem fortschreitenden Erde aus gemessen,
dieselbe Geschwindigkeit, wie sie von der Sonne aus gesehen werden
wrde, die doch an der Erdbewegung nicht teilnimmt. Wir nennen
allgemein B e z u g s s y s t e m ein physikalisches Laboratorium,
welches mit Mastben und Uhren zu Raum- und Zeitmessung ausgerstet
ist. Dieser Hrsaal ist ein Bezugssystem, da ich in ihm die jeweilige
Lage eines bewegten Krpers durch seine Abstnde von dreien seiner
Begrenzungsebenen und durch die Angaben einer Uhr bestimmen kann. Drei
solche Abstnde nennt man die R a u m k o r d i n a t e n des
betrachteten Punktes, die zugehrige Zeitangabe kann man seine
Zeitkoordinate nennen. Wir haben es hier mit einem irdischen
Bezugssystem zu tun. Wir knnen uns aber auch ein entsprechendes
Bezugssystem auf der Sonne oder auf einem gegen die Erde bewegten
Eisenbahnzuge denken. Die allgemeinen Tatsachen der Lichtfortpflanzung
zeigen nun, da sich das Licht in jedem Bezugssystem in gleicher Weise
ausbreitet, nmlich in Kugelwellen mit der gleichen
Lichtgeschwindigkeit, unabhngig von dem Bewegungszustande der
Lichtquelle gegen den Beobachter. Das scheint widerspruchsvoll zu sein.
Denn wenn wir eine Kugelwelle, die sich im irdischen Bezugssystem
ausbreitet, von der Sonne aus betrachten, so wrde auf der Vorderseite
(das sei diejenige Seite, nach der die augenblickliche Geschwindigkeit
des Erdkrpers gerichtet ist) zur Lichtgeschwindigkeit noch die
Erdgeschwindigkeit hinzukommen; auf der Rckseite der Welle wrde sich
die Erdgeschwindigkeit von der Lichtgeschwindigkeit abziehen. Die
Vorderseite der Welle wrde also, von der Sonne aus gesehen, schneller
fortschreiten als die Rckseite. Das widerspricht dem
Relativittsprinzip und den optischen Erfahrungen. Die Lichtwelle wei
nichts davon, ob sie zum Bezugssystem der Erde oder der Sonne gehrt.
Jedem Beobachter erscheint sie als Lichtwelle von der gleichen
Fortpflanzungsgeschwindigkeit.

Der Widerspruch lst sich dadurch, da wir auch die Zeit ihres
absoluten Charakters entkleiden. Jedes Bezugssystem hat seine eigene
Zeitskala. Es gibt keine absolute universale Zeit. Die Mechanik
leugnete den absoluten Raum, lie aber die absolute Zeit bestehen; sie
konnte es tun, ohne in Schwierigkeiten zu geraten, weil sie nicht ber
so exorbitante Geschwindigkeiten wie die Lichtgeschwindigkeit verfgt.
Die Optik und Elektrodynamik verlangen auch die Relativierung der Zeit.
Auch die Zeit ist an sich nichts. Sie besteht nur vermge der sich in
ihr abspielenden Ereignisse. Diese Ereignisse, z. B. eine Lichtwelle,
sind real und objektiv; die Beurteilung des zeitlichen Ablaufs aber
hngt vom Standpunkt des Beobachters, vom Bezugssystem ab. Daraus folgt
weiter: Es gibt keine absolute Gleichzeitigkeit. Zwei Ereignisse, die
in meinem Bezugssystem gleichzeitig sind, sind vom Standpunkte eines
relativ gegen mich bewegten Bezugssystems aus nicht gleichzeitig. Wenn
ich mir einmal erlaube (in Fig. 1), Zeit und Raum durch zwei Richtungen
in der Zeichenebene darzustellen,

[=== Abbildung 1 -- siehe figure1.png ===]

so sind die beiden Ereignisse A und B gleichzeitig im Bezugssystem
(Raum -- Zeit); A ist aber frher als B im Bezugssystem (Raum --
Zeit), welches durch die punktierten Achsen dargestellt wird. Diese
bildliche Darstellung, die hier nur als Gleichnis aufgefat werden
mge, gibt sogar den wirklichen Sachverhalt zahlenmig wieder, wenn
wir auf der Zeitachse mit einem im Verhltnis der Lichtgeschwindigkeit
vergrerten Mastab messen, wobei dann die in der Figur durch die
Strecke a b dargestellte Ungleichzeitigkeit nur als winzig kleine
Zeitdifferenz erscheint.

Ein anderes Beispiel: Von der Erde lst sich in einem bestimmten
Augenblick ein ihr gleiches Abbild los und entfernt sich von ihr mit
einer gewissen Geschwindigkeit. Zwei Zwillinge, A und B, werden in
diesem Augenblick geboren, A bleibt auf der Erde, B wird auf ihr Abbild
ausgesetzt. Sie entwickeln sich auf den beiden identischen Sternen bei
identischen Lebensverhltnissen in genau identischer Weise, aber in
verschiedenem Zeitma. Wenn A irgendwie Kunde von B erhlt, findet er,
da B langsamer lebt, da er in seinem Lebensalter und in seinen
Lebensschicksale immer etwas hinter A zurckbleibt. Dasselbe
konstatiert B von A; A ist jnger als B vom Standpunkte des B, B ist
jnger als A vom Standpunkte des A.

Es wurde krzlich vorgeschlagen, das Wort Relativittstheorie zu
ersetzen durch Standpunktslehre. Das Wort ist gut; es verdeutscht und
verdeutlicht den wesentlichen Inhalt der neuen Auffassung. Wenn wir den
Standpunkt wechseln, indem wir ihn von der Erde auf ihr Abbild verlegen
oder auf einen ber die Erde fahrenden Eisenbahnzug, sehen wir, was an
unserem Weltbilde vom Standpunkt abhngt, also gewissermaen subjektive
Zutat ist, und was vom Standpunkte unabhngig ist, also in den Dingen
liegt. Raum und Zeit sind vom Standpunkte abhngig oder relativ; auch
die Auffassung zweier Ereignisse als gleichzeitig ist es. Aber die
Ereignisse selbst sind wirklich, ebenso wie die Tatsache einer sich
ausbreitenden Lichtwelle oder wie ein Menschenleben. Dabei ist jeder
Standpunkt zulssig und gleichberechtigt mit jedem anderen. Es gibt
keinen bevorzugten therstandpunkt oder Erdstandpunkt oder
Sonnenstandpunkt: da die Erscheinungen von jedem Standpunkte gesehen
miteinander harmonieren, trotz mancher Paradoxien, und niemals in
wirkliche Widersprche geraten knnen, zeigt die mathematische
Ausfhrung der ganzen Lehre.

Man wolle den Sinn des Wortes Relativitt ja nicht so deuten, als ob
alles Geschehen vom Standpunkte des Beobachters abhinge, als ob alles
subjektiv wre. Gerade der Wechsel des Standpunktes lt erst das
Naturgesetz in seinem unvernderlichen Kern hervortreten. Die
Relativittstheorie hat nicht nur eine negative, wegrumende, sie hat
vor allem eine positive, aufbauende Seite. Als positive Aufgabe der
Standpunktslehre wollen wir ausdrcklich statuieren: Die
Gesetzmigkeit in der Natur als einen "Felsen aus Erz" aufzurichten,
der hinberragt ber die wechselnden Erscheinungsformen von Raum und
Zeit, der von allen Standpunkten aus zu sichten ist fr denjenigen,
dessen Auge mit dem Fernblick des mathematischen Organs ausgerstet
ist. Die Aufrumung alles metaphysischen, unbeobachtbaren Absoluten war
ein groes Verdienst der neuen Theorie. Aber die Aufrichtung des fr
alle Standpunkte und Bezugssysteme Gltigen, Bleibenden und
Unabhngigen war ihr greres Verdienst. Mathematisch erreicht die
Theorie dieses, indem sie die Unvernderlichkeit (Invarianz) der die
Naturgeschehnisse beschreibenden Gleichungen gegenber beliebigen
Transformationen derjenigen Hilfsgren (Koordinaten von Raum und Zeit,
Feldstrken, Energien) nachweist, durch die wir die Naturgeschehnisse
beschreiben.

Das ist gerade der Unterschied zwischen Mach und Einstein, dem
Vorarbeiter und dem Vollender des Relativittsgedankens. Bei Mach war
der Blick auf das Negative gerichtet. Er wollte das Gestrpp entfernen,
das den Ausblick auf die Wirklichkeit versperrt, das Vorurteil eines
absoluten Raumes und einer absoluten Zeit. Aber ihm entschwand bei
dieser ntzlichen Rodearbeit unter den Hnden der Glaube an die
Festigkeit der Naturgesetze. Er sagt einmal: "Die absolute Exaktheit,
die vollkommen genaue eindeutige Bestimmung der Folgen einer
Voraussetzung besteht nicht in der sinnlichen Wirklichkeit, sondern nur
in der Theorie." Die Naturgesetze werden ihm zu konomischen Manahmen,
zu Ordnungsschematen, in die sich die Mannigfaltigkeit der
Erscheinungen bequem unterbringen lt. Aber das ist es nicht, was wir
brauchen. Naturgesetze von so unbestimmter und formalistischer Art
wren kaum der Mhsal und Aufregung des Forschens wert. Der tastende
Naturforscher, der auf dunklen Wegen nach einem geahnten Ziel strebt,
braucht einen helleren Leitstern als die Machsche Lehre. Positivismus
heit diese Lehre bei seinen Nachfolgern, trotzdem ihr Verdienst
wesentlich in der Negation des Unbeobachtbaren liegt. Einstein denkt
anders. Das Negieren des Metaphysischen ist ihm nur das Mittel, um den
Weg frei zu bekommen zur hchsten Bejahung der Naturgesetze, zu ihrer
invarianten Gltigkeit, unabhngig von jedem Standpunkte. Es ist
charakteristisch, da die Positivisten den halben Einstein, den
abbauenden, begeistert loben, den anderen Einstein, den aufbauenden,
aber nicht anerkennen wollen. Ich hatte krzlich einen ausgiebigen
Briefwechsel mit einem geistvollen Vertreter des Positivismus, einen
Briefwechsel, der natrlich zu keiner Einigung fhrte. Zum Schlu
schrieb ich dem Kollegen: "Wenn Sie uns nicht die Exaktheit der
Naturgesetze lassen, kann es zwischen uns keinen wirklichen Frieden,
sondern nur eine achtungsvolle gegenseitige Duldung geben."

Wir sind mit unseren letzten uerungen schon hinbergeglitten von dem
Gedankenkreis der ursprnglichen, speziellen Relativittstheorie zu der
allgemeinen, voraussichtlich endgltigen Theorie; jene datierend von
1905, diese von 1915. Jene lie nur die gleichfrmig und geradlinig
bewegten Bezugssysteme als berechtigt zu, diese erkennt jeden
Standpunkt an und verwendet grundstzlich alle mglichen Bezugssysteme
zur Beschreibung der physikalischen Erscheinungen, also beliebig
gedrehte und beschleunigte Bezugssysteme, vernderliche Mastbe und
beliebig laufende Uhren. Sie behauptet, da die Naturgesetze ihre Form
beibehalten auch bei so allgemeiner Beschreibung, wenn wir nur von
Anfang an den richtigen, hinreichend verallgemeinerten mathematischen
Ausdruck der Naturgesetze whlen. Ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu
dieser allgemeinsten Auswirkung des Relativittsgedankens war M i n k o w
s k i s vierdimensionale Zusammenfassung von Raum und Zeit.

Die Zeit hat eine Ausdehnung, der Raum drei; beide zusammen haben vier
Dimensionen, das heit: zur Fixierung eines Raumzeitpunktes, zur
Beschreibung eines Ereignisses in Raum und Zeit sind vier unabhngige
Zahlen erforderlich, von denen drei die rumliche, eine die zeitliche
Lage angeben. Minkowski spricht von der v i e r d i m e n s i o n a l e n
W e l t als der Zusammenfassung von Raum und Zeit. Es lassen sich auf
diese vierdimensionale Welt die Gesetze der gewhnlichen
dreidimensionalen Geometrie bertragen, teils in zeichnerischer, teils
und besonders erfolgreich in rechnerischer Verallgemeinerung. Ich kann
von Ihnen nicht verlangen, da Sie sich eine vierdimensionale Welt
vorstellen sollen. Denn ich kann es selbst nicht. Aber wir knnen uns
leicht eine zweidimensionale Welt vorstellen. Nehmen Sie einmal an, da
Sie als denkendes Wesen mit all Ihren Erfahrungen und Sinnen in eine
Ebene gebannt wren. Dann gbe es fr Sie kein Oben und Unten, sondern
nur ein Nebeneinander. In dieser ebenen Welt knnen sich
Lichterregungen als Kreise, wie die Wellen auf einer Wasseroberflche,
fortpflanzen. Sie knnen in der Ebene Erfahrungen sammeln und sich eine
Geometrie aufbauen, die E u k l i d i s c h e   G e o m e t r i e der
Ebene, wie wir sie in der Schule gelernt haben. Aber Sie knnen niemals
zu der Vorstellung z. B. eines Wrfels gelangen. Sie knnen auf einer
Geraden Ihrer Ebene ein Lot innerhalb der Ebene errichten, aber Sie
knnen sich nicht anschauungsgem ein Lot auf der Ebene vorstellen,
weil es fr Sie nichts auerhalb Ihrer Ebene gibt. Wenn Sie aber als
Flchenwesen hinreichende mathematische Phantasie haben, so knnen Sie
doch begrifflich von Ihren zwei zu drei Dimensionen fortschreiten. Sie
brauchen nur statt Ihrer zwei Koordinaten in der Ebene drei Koordinaten
als Rechnungsgren einzufhren und knnen das Lot auf der Ebene durch
Gleichungen in diesen drei Koordinaten beschreiben, von denen Sie sich
allerdings nur zwei richtig vorstellen knnen. In demselben Verhltnis
wie diese Flchenwesen zur dreidimensionalen Euklidischen
Raumgeometrie, stehen wir zur vierdimensionalen Weltgeometrie. Wenn wir
sie uns auch nicht vorstellen knnen, so knnen wir doch in ihr denken
und rechnen. Insbesondere knnen wir uns ebene und rumliche
Ausschnitte aus dieser Welt konstruieren, die dann wieder unserer
Anschauung zugnglich sind.

Im dreidimensionalen Raum ist uns die Erscheinung der perspektivischen
Verkrzung gelufig. Diese Tischplatte erscheint mir von der Seite
gesehen schmler, als von oben gesehen. (Der Positivist, dem die
Empfindungen selbst das letzte und einzige sind, wrde sogar sagen: sie
ist von der Seite gesehen schmler als von oben gesehen.) Unter
dasselbe Bild der perspektivischen Verkrzung, wenn wir es auf die
vierdimensionale Welt bertragen, lassen sich alle die seltsamen
Folgerungen bringen, die die Relativittstheorie gezogen hat. Ein gegen
den Beobachter bewegter Krper erscheint in der Bewegungsrichtung
verkrzt (Lorentz-Kontraktion als einfachste Erklrung des
Michelson-Versuches). Der Zeitablauf in einem gegen den Beobachter
bewegten Bezugssystem erscheint diesem Beobachter verlangsamt
(Aufhebung der Gleichzeitigkeit, Verjngung eines unserer beiden
Zwillinge vom Standpunkte des anderen). Die Masse eines Krpers, z. B.
eines Elektrons, das sich gegen den Beobachter bewegt, erscheint diesem
vergrert, nmlich grer als einem Beobachter, der auf dem bewegten
Krper selbst seine Beobachtungsgerte aufstellt und die Masse des fr
ihn ruhenden Krpers mit. Dieses Gesetz von der Massenvernderlichkeit
des Elektrons wurde zum Prfstein der ursprnglichen speziellen
Relativittstheorie. Zuerst bestritten, hat es sich im Laufe der Jahre
mit immer grerer Genauigkeit als wahr herausgestellt, am schrfsten
in den Feinsten uerungen bewegter Elektronen, in den Spektren der
einfachsten Atome. Seitdem darf der Vorstellungskreis der speziellen
Relativittstheorie als experimentell gesichert gelten; seitdem haben
wir uns in der vierdimensionalen Minkowskischen Welt wohnlich
eingerichtet und wissen uns in ihren zum Teil paradox verzerrten
Anblicken zurechtzufinden.

Aber ich mu leider noch hhere Anforderungen an Ihre Abstraktion
stellen. Denn nun mu ich Ihnen zeigen, wie Einstein die alte
Rtselkraft der Gravitation in sein System eingearbeitet hat. Die
Gravitation war seit Newton in der Formel des Newtonschen Gesetzes:
"proportional den wirkenden Maen, umgekehrt proportional dem Quadrat
ihrer Entfernungen" erstarrt. Darber hinaus hatte sich aus unseren
tglichen Erfahrungen ber die Erdschwere oder aus den Beobachtungen
der Astronomen ber die Gravitationswirkungen zwischen den Gestirnen
nichts ber ihre Wirkungsweise ergeben. Unter allen Krften hatte sich
die Gravitation allein als momentane Fernwirkung behauptet. Erst
Einstein konnte ihr neue beobachtbare Seiten abgewinnen. Ich will Ihnen
nicht den Weg schildern, wie Einstein nach manchen Kreuz- und
Quergngen zum Ziel gekommen ist, sondern nur das Ziel selbst
schildern, zu dem er gelangt ist.

Stellen wir uns wieder auf den Standpunkt unseres Flchenwesens, aber
versetzen wir uns diesmal nicht in eine Ebene, sondern in eine
gekrmmte Flche, z. B. auf eine Kugel. Wir knnen uns nicht aus der
Kugeloberflche entfernen, wir knnen nichts auerhalb der
Kugeloberflche wahrnehmen, weder dringt irgendeine Kunde vom uern
noch vom Innern der Kugel zu uns. Es gibt auch jetzt fr uns kein Oben
und Unten, sondern nur ein Nebeneinander. Unsere Welt ist wie vorher
nur zweifach ausgedehnt. Sie ist in diesem Falle brigens nicht
unendlich gro, sondern sie schliet sich im Endlichen. Es gibt keine
Geraden in unserer Welt, sondern nur gewisse geradeste Linien. Das sind
im Falle der Kugel die grten Kreise, z. B. die Meridiane von
irgendeinem Pol aus, aber nicht die Parallelkreise. Stoen wir einen
Massenpunkt in der Ebene an, so luft er in einer geraden Linie. Stoen
wir ihn in gleicher Weise auf der Kugel an, so luft er, sich selbst
berlassen und von keinen ueren Krften beeinflut, in einer
geradesten Linie, in einem grten Kreise um die Kugel herum. Die
natrlichen krftefreien Bahnen sind in der gekrmmten Flche die
geradesten Linien, wie sie in der nicht gekrmmten Ebene die geraden
Linien sind. Konstruieren wir uns in der Kugelflche eine Geometrie, so
wird sie von der gewhnlichen Euklidischen Geometrie verschieden. Auf
der Kugeloberflche haben wir den einfachsten Fall der sogenannten
Nicht-Euklidischen Geometrie. Whrend es in der Euklidischen Geometrie
bekanntlich heit: Die Winkelsumme im Dreieck ist gleich zwei Rechten,
heit es in der Nicht-Euklidischen Kugelgeometrie: Die Winkelsumme im
Dreieck ist grer als zwei Rechte. Konstruieren wir z. B. ein Dreieck
aus lauter geradesten Linien auf folgende Weise: Wir gehen vom Nordpol
N auf einem Meridian bis zum quator, diesen entlang um ein Viertel
seines Umfanges und abermals auf

[=== Abbildung 2 -- siehe figure2.png ===]

einem Meridian zum Pol zurck, das letzte Stck im entgegengesetzten
Sinne zu den eingezeichneten Pfeilen, auf deren Bedeutung wir spter
zurckkommen. Jeder Winkel dieses Dreiecks ist ein Rechter (in der
Figur mit R bezeichnet), die Winkelsumme gleicht drei Rechten, also
grer als zwei Rechte, wie es unser Satz von der Winkelsumme in der
Nicht-Euklidischen Geometrie verlangt.

Alle diese Behauptungen sind bequem durch die Anschauung zu
kontrollieren. Aber nun kommt ein Schritt, zu dem eine gewisse
intellektuelle Unerschrockenheit gehrt. Unser Flchenwesen soll sich
im Anschlu an seine Kugelflche begrifflich einen dreifach
ausgedehnten Raum konstruieren, der dieselben Eigenschaften hat wie
seine Kugelflche, in dem z. B. der Nicht-Euklidische Satz von der
Winkelsumme allgemein gilt, und in dem alle geradesten Linien in sich
zurcklaufen, also keine geraden Linien sind. Einen solchen "gekrmmten
Raum" knnen wir uns nicht vorstellen; und doch mssen wir uns
begrifflich und rechnerisch in ihm orientieren. Und mehr noch, wir
mssen zu einer gekrmmten v i e r d i m e n s i o n a l e n   W e l t
fortschreiten und nicht nur zu einer gleichmig, nach Art der Kugel
gekrmmten Welt, sondern zu einer Welt von  w e c h s e l n d e n  K r
 m m u n g s v e r h  l t n i s s e n.

Was hat nun dieser seltsame geometrische Vorstellungskreis mit der
Gravitationstheorie zu tun? Gehen wir zunchst nochmals der besseren
bersicht wegen in unsere flache, nur zweifach ausgedehnte Welt zurck.
Die Flche sei zwar im allgemeinen und ungefhren eben, also nicht
gekrmmt; sie habe aber Buckel, gekrmmte Auswlbungen an solchen
Stellen, wo sich Massen befinden. Jede Materie ist Sitz mannigfacher
Energieformen, chemischer und physikalischer Energien, welche in der
Bindung der Atome untereinander und in dem Aufbau der Atome stecken.
Statt Materie knnen wir daher auch allgemeine Energie im weitesten
Sinne des Wortes sagen. berall, wo sich physikalische Ereignisse
abspielen und daher Energie lokalisiert ist, insbesondere in den
Stellen strkster Energiekonzentration, der greifbaren Materie, soll
unsere flache Welt ausgewlbt sein, mehr oder minder, je nachdem wir es
mit grerer oder geringerer Energiekonzentration zu tun haben.
Betrachten wir insbesondere zwei solcher Buckel: einen von
berwiegender Wlbung, den wir Sonne nennen, und einen kleinen Buckel,
den wir Planet nennen. Wir geben letzterem einen Ansto und lassen ihn
durch unsere Welt laufen. Wre der Sonnenbuckel nicht da und alles
eben, so wrde sich unser Planet auf gerader Bahn bewegen. Das
Vorhandensein des Sonnenbuckels hat zur Folge, da er sich statt dessen
auf einer geradesten Bahn bewegt. Diese weicht von der Geraden um so
mehr ab, je nher der Planet an die Sonne herankommt.

Sie sehen hiernach bereits, wie sich dieses zweidimensionale Gleichnis
zur Gravitationstheorie verhlt. An den Stellen groer
Energiekonzentration ist die Raumzeitstrukur eine singulre, gekrmmte.
die geradesten Bahnen in der Nhe solcher Stellen weichen weit ab von
den geraden Bahnen; sie verhalten sich annhernd so, wie wir es aus der
alten Gravitationstheorie her wissen, als Keplerellipsen. Dabei haben
wir nicht ntig, eine besondere Gravitationskraft einzufhren. Bahnen,
die lediglich unter dem Einflu der Gravitation durchlaufen werden,
sind krftefreie, geradeste Bahnen; ihre Krmmung spiegelt nur die
durch die Energieanhufung bewirkte Weltkrmmung wider. Der
Ausgangspunkt der Relativittstheorie bleibt dabei durchaus erhalten.
Raum und Zeit sind an sich nichts. Sie erhalten ihre Eigenschaften,
ihre Struktur erst durch die in ihnen enthaltenen physikalischen
Energien aufgeprgt.

[=== Abbildung 3 -- siehe figure3.png ===]

Die Bahnen sind nach dieser Gravitationstheorie angenhert
Keplerbahnen, aber nicht genau. Das Newtonsche Gesetz ergibt sich nur
in erster Nherung; bei genauerer Rechnung treten Abweichungen auf. Die
Ellipse ist keine geschlossene, sondern eine langsam sich drehende,
eine solche von fortschreitendem Perihel. (Perihel heit bekanntlich
der Punkt grter Sonnennhe auf der Planetenbahn.) Die Figur zeigt in
sehr bertriebenem Mastabe diesen Perihelfortschritt. Er ist um so
strker zu erwarten, je nher der Planet der Sonne kommt, also beim
Merkur, dem sonnennchsten der Planeten am strksten. Nach den
Beobachtungen und Rechnungen der Astronomen tritt nun in der Tat beim
Merkur eine Perihelbewegung auf, die sich nach der Newtonschen Theorie
nicht erklren lt. Sie betrgt hier 43 Bogensekunden im Jahrhundert;
das will sagen, da erst nach 30 000 Jahrhunderten die Merkurbahn in
ihre Anfangslage zurckgekehrt erscheint. Bei den sonnenferneren
Planeten, z. B. bei der Erde, ist das Fortschreiten des Perihels
dagegen unmebar klein.

Gerade diesen Wert von 43 Sekunden im Jahrhundert ergab nun die
Einsteinsche Rechnung auf Grund seiner neuen Auffassung der
Gravitation. Man beachte wohl: der Einsteinsche Gedankengang nahm
seinen Ausgang von erkenntnistheoretischen Forderungen, hatte nirgends
eine Unbestimmtheit oder Lcke, wute von Hause aus nichts vom
Merkurperihel und fhrte doch zwanglufig auf den astronomischen
Beobachtungswert.

Ich darf nicht verschweigen, da eine kritische berprfung der
astronomischen Angabe von 43 Sekunden, die Herr Kollege Gromann
krzlich durchgefhrt hat, diesen Wert unsicherer erscheinen lt, als
die Astronomen bisher annahmen. Der wahrscheinlichste Wert liegt nach
Herrn Gromann etwas tiefer als 43 Sekunden. Bis die Astronomen sich
hierber geeinigt haben werden, kann man also nur sagen, da die neue
Gravitationstheorie jedenfalls die Grenordnung der
Merkur-Perihelbewegung richtig wiedergibt.

[=== Abbildung 4 -- siehe figure4.png ===]

Wir kehren zu unserem Bilde des Sonnenbuckels in der zweidimensionalen
flachen Welt zurck. Statt eines Planeten jagen wir jetzt einen
Lichtstrahl an der Sonne vorbei. Auch dieser luft auf einer geradesten
Bahn; bei fehlender Weltkrmmung wrde er eine gerade Bahn beschreiben.
Auch hier wirkt, wie bei dem Planeten, die Krmmung des Raums in der
Sonnennhe so, als ob eine Anziehung von der Sonne auf den Lichtstrahl
ausgebt wrde, als ob der Lichtstrahl nach der Sonne hin fiele. Man
denke an die analogen, aber im Grunde doch wesensverschiedenen
Verhltnisse bei der atmosphrischen Strahlenbrechung, wo sich der
Lichtstrahl in der Erdatmosphre ebenfalls krmmt. Was wir hier zu
erwarten haben, zeigt die nchste Figur. Der Stern A, der sein Licht
hart an der Sonne vorbeischickt, erscheint dem Erdbeobachter nicht in
A, sondern wegen der gekrmmten Form des Lichtweges in der Verlngerung
des Strahlenendes, d. h. an der Stelle B des Himmelsgewlbes.
Sonnennahe Sterne zeigen also eine scheinbare Ablenkung vom Sonnenrande
fort. Natrlich lt sich diese Ablenkung nur bei einer t o t a l e n
S o n n e n f i n s t e r n i s beobachten, weil sonst das Sternlicht
vom Sonnenlicht berstrahlt wird.

[=== Abbildung 5 -- siehe figure5.png ===]

Am 29. Mai 1919 fand eine Sonnenfinsternis statt, die in Brasilien
total war. Deutschland war von ihrer Beobachtung ausgesperrt, England
rstete zwei Expeditionen aus. Die Ergebnisse sind mir zugeschickt
worden. Die Konstellation war besonders gnstig, weil 7 verhltnismig
helle Sterne in Sonnennhe standen. Unser Bild in Figur 5 stellt die
verdunkelte Sonne mit ihrem leuchtenden Strahlenkranze, der Korona,
dar. Die 7 Sterne sind durch kleine Kreise markiert.

Von den Sternen aus sind die Ablenkungen als gerade Strecken
aufgetragen, wie sie theoretisch nach Einstein sich errechnen; sie
verlaufen in radialer Richtung und sind fr die sonnennheren Sterne
grer als fr die sonnenferneren. Der Mastab ist dabei viele
tausendmal bertrieben. Am Sonnenrande ist die theoretische Ablenkung
nur 1,7 Bogensekunden, d. h. so klein, da wir sie in unserem Bilde gar
nicht einzeichnen knnen; im doppelten Abstande von der Sonnenmitte ist
die Ablenkung noch halbmal kleiner. In demselben bertriebenen Mastab
sind nun auch die beobachteten Ablenkungen als Striche mit einer
Pfeilspitze eingetragen. Die wirklichen Ablenkungen auf der
photographischen Platte sind nur unter dem Mikroskop auszumessen und
berhaupt nur indirekt festzustellen. Auer der
Sonnenfinsternisaufnahme selbst wurde eine Aufnahme einige Wochen nach
der Sonnenfinsternis gemacht, zu einer Zeit, wo sich die Sonne aus der
fraglichen Gegend des Fixsternhimmels entfernt hatte. berdies wurde
eine dritte Vergleichsplatte aufgenommen, die in das photographierende
Fernrohr verkehrt, d. h. mit der Glasseite nach auen, mit der
Schichtseite nach innen eingelegt war. Diese Vergleichsplatte konnte
dann mit den beiden Bebachtungsplatten, der bei der Sonnenfinsternis
und der nach derselben aufgenommenen, Schicht auf Schicht zur Deckung
gebracht werden. Die Ablenkungen der Sterne sind durch dieses indirekte
Verfahren unter dem Mikroskop ausgemessen und nach dem
Ausgleichsverfahren rechnerisch ermittelt worden. Wie unsere Figur
zeigt, stimmen die so gewonnenen empirischen Ablenkungen aufs
berraschendste mit den theoretischen berein. Sie zeigen nicht nur,
wie diese annhernd die radiale Richtung vom Sonnenmittelpunkte nach
auen hin (was zum Teil durch das angewandte Ausgleichsverfahren
bewirkt wird, also noch nicht ohne weiteres beweisend wre), sondern
sie zeigen auch durchweg fast dieselbe Gre und die von der Theorie
geforderte Grenabnahme bei zunehmender Entfernung des Sterns von der
Sonne.

[=== Abbildung 6 -- siehe figure6.png ===]

Dies wird besonders berzeugend im nchsten Bilde dargetan, welches dem
englischen Originalbericht entnommen ist. Nach oben hin sind die
Sternablenkungen, nach rechts hin die reziproken Abstnde vom
Sonnenmittelpunkte aufgetragen, mit denen die theoretischen Ablenkungen
proportional gehen. Die Abnahme der Ablenkung mit zunehmender
Entfernung von der Sonne wird theoretisch durch die stark ausgezogene
Gerade dargestellt. Die wirklichen Beobachtungspunkte (durch starke
Punkte wiedergegeben) liegen dieser Geraden uerst nahe, viel nher
als der punktierten Geraden, welche nach einer lteren, nicht
konsequenten Theorie Einsteins die Sternablenkung darstellen wrde. Man
wende nicht ein, da die Ablenkung des Sternortes durch die
Sonnenatmosphre bewirkt sein knnte. In so groen Entfernungen, wie
sie hier in Frage kommen, ist die Sonnenatmosphre einfach belanglos.
Die astronomischen Sachkundigen sind sich darber einig, da die
Beweiskraft der englischen Sonnenfinsternisaufnahmen bndig ist.

Das Ziel jeder Wissenschaft ist, nach einem schnen Worte des
Mathematikers Jacobi, die Ehre des menschlichen Geistes. Der 29. Mai
1919 wird fr alle Zeiten ein Ehrentag des menschlichen Geistes bleiben.

Neben dem Merkurperihel und den Sonnenfinsternisbeobachtungen gibt es
noch ein drittes Kriterium fr die Einsteinsche Gravitationstheorie:
die Rotverschiebung von Spektrallinien, die auf der Sonne entstehen,
gegenber den Spektrallinien des gleichen Stoffes, wenn sie unter
irdischen Verhltnissen hervorgerufen werden. Man kennt, seitdem es
eine Astrophysik gibt, die Erscheinung des sogenannten Dopplereffektes.
Sie besteht in der Verschiebung eines Spektrums nach der roten Seite
hin bei Sternen, die sich von der Erde entfernen, in einer Verschiebung
nach der violetten Seite bei Sternen, die auf die Erde zukommen. Die
Gre dieser Verschiebung entspricht der Geschwindigkeit, mit der sich
der betreffende Stern von uns fort oder auf uns zu bewegt. Man pflegt
daher auch die von Einstein vorhergesagte Rotverschiebung im
Sonnenspektrum durch eine Geschwindigkeit zu charakterisieren, die im
Dopplereffekt dieselbe Rotverschiebung bewirken wrde, und zwar betrgt
diese Geschwindigkeit 0,6 Kilometer in der Sekunde.

ber den physikalischen Grund dieser Rotverschiebung sei hier nur
soviel gesagt, da er natrlich nicht wie der gewhnliche Dopplereffekt
in einer relativen Bewegung der Sonne gegen die Erde, sondern in dem
Gravitationsfelde der Sonne liegt. Dieses ist auerordentlich viel
strker als das Schwerefeld der Erde. Die Rotverschiebung entspricht
direkt dem Unterschied der Schwere an der Sonnenoberflche und
Erdoberflche.

[=== Abbildung 7 -- siehe figure7.png ===]

Das geeignetste Versuchsobjekt zur Prfung dieses Effektes bilden
Linien der sogenannten Zyanbanden. Merkwrdigerweise konnten die mit
den besten Hilfsmitteln ausgestatteten amerikanischen Sternwarten keine
systematische Verschiebung dieser Linien nach der roten Seite
nachweisen. Die Bonner Physiker Grebe und Bachem haben aber erst
gezeigt, mit welcher Vorsicht man beim Vergleich der Sonnenlinien und
der Linien aus irdischen Lichtquellen vorgehen mu, um sichere
Resultate zu erhalten. Beide Spektren enthalten nicht nur die in Rede
stehenden Zyanlinien, sondern daneben ein Gewirr von Linien anderen
Ursprungs, die sich jenen berlagern. Photometriert man ein solches
Spektrum, d. h. stellt man die Lichtintensitt in ihrer Abhngigkeit
von der Wellenlnge durch ein Schaubild dar, so entsteht eine
Zackenkurve nach Art eines Gebirgskammes. Nur solche Linien sind
einwandfrei, die im Schaubild durch eine isolierte Zacke dargestellt
werden; wenn eine Erhebung fremden Ursprungs in der Nhe liegt, flscht
sie die Lage der Hauptzacke und macht sie zur Untersuchung der
Rotverschiebung ungeeignet. Bei diesem kritischen Vorgehen erwiesen
sich von 36 gemessenen Zyanlinien nur 9 als unverdchtig und brauchbar.
Nach R. T. Birge ist die Auswahl sogar noch weiter zu beschrnken auf
zwei von diesen Linien. Und siehe da: Wenn alle verdchtigen Linien
ausgeschaltet und nur die 9 bzw. 2 tadellosen benutzt werden, so ergibt
sich der richtige Betrag der Rotverschiebung, wie er von Einstein
vorhergesagt wurde, nmlich rund 0,6 Kilometer in der Sekunde.

[=== Abbildung 8 -- siehe figure8.png ===]

Ich mchte noch ein letztes Beispiel zur Sprache bringen, welches zwar
nicht als Prfstein der Einsteinschen Gravitationstheorie, wohl aber
als Mittel zu ihrer Veranschaulichung wertvoll ist. Wir wissen, da ein
Kreisel, der aufgezogen ist und keinen ueren Krften unterliegt,
bestrebt ist, seine Richtung im Raume beizubehalten. Unsere Erde ist
ein solcher Kreisel von gewaltigen Ausmessungen. Freischwebend im Raum
wrde er die Richtung seiner Drehachse nicht ndern. In Wirklichkeit
beschreibt die Erdachse in langsamstem Tempo einen Kegel um die Normale
zur Erdbahnebene (Ekliptik). Figur 8 zeigt die Erde mit eingezeichneter
Erdachse in ihrem Umlauf um die Sonne und deutet in ihrer Stellung am
weitesten rechts den Kegel an, den die Erdachse im Verlauf vieler
Umlufe beschreibt. Der Kegel wird erst in 26 000 Jahren vollstndig
durchlaufen, in jedem Jahr betrgt die Winkelverlagerung 50 Sekunden
(Przession der quinoktien). Nach der gewhnlichen Auffassung rhrt
diese Verlagerung der Erdachse von der Anziehung der Sonne auf den am
quator wulstfrmig aufgetriebenen Erdkrper her, also daher, da die
Erde kein krftefreier, sondern ein von der Sonnengravitation
beeinfluter Kreisel ist. In der Einsteinschen Theorie aber ist die
Gravitation keine uere Kraft; die Gravitationsbahnen der
fortschreitenden sowohl wie der drehenen Erdbewegung verlaufen
krftefrei als geradeste Bahnen im gekrmmten Raume; die Erdachse
sollte also im Schwerfelde sich selbst parallel bleiben. Was aber
heit: sich selbst parallel bleiben im Nicht-Euklidischen Sinne, bei
gekrmmter Raumstruktur?

Wir ziehen nochmals unsere Figur 2 zu Rate. Wir gehen jetzt vom Nordpol
aus zunchst auf unserem ersten Meridian quatorwrts und halten dabei
stets einen geraden Stab vor uns hin. Zweifellos bleibt er bei dieser
Wanderung sich selbst parallel, da er dabei ja dauernd in die Richtung
einer geradesten Bahn, in den Meridian, weist. Im quator angelangt,
steht er senkrecht zu diesem. Soll er sich selbst parallel bleiben, so
mu er dauernd senkrecht zum quator gehalten werden, solange wir den
quator abschreiten. Gehen wir auf dem zweiten Meridian zum Pole
zurck, so bleibt unser Stab wieder sich selbst parallel, wenn er
dauernd die Richtung dieses Meridians einhlt. Kommen wir in den Pol
zurck, so hat sich, wie unsere Figur zeigt, unser Stab um einen
rechten Winkel gedreht, trotzdem er dauernd mit sich parallel war!
Nehmen wir statt des Stabes einen Kreisel zur Hand, so stellt sich
dessen Drehachse selbst so ein, wie wir soeben die Stabachse richteten;
es gilt also fr den Kreisel das gleiche wie fr unseren Stab: Trotzdem
er mit sich parallel bleibt, schliet er nach beendetem Umgang einen
Winkel gegen seine Anfangslage ein. Der Grund liegt in der Krmmung der
Kugelflche. Bei einem Umgang in der Ebene, das heit: wenn wir ein
ebenes Dreieck mit einem Kreisel in der Hand umschreiten, wrde von
einer Winkelverlagerung des Kreisels keine Rede sein.

Die Anwendung auf das Problem der Erdachse ist unmittelbar
einleuchtend. Dem Umgang um das Kugeldreieck entspricht bei der Erde
ihr jhrlicher Umgang um die Sonne, der Kugelkrmmung die von der Sonne
bewirkte gekrmmte Raum-Zeit-Struktur. Indem die Erdachse nach einem
Umgang um die Sonne in den Frhlings-Tagundnachtgleichenpunkt
zurckkehrt, schliet sie einen Winkel mit sich ein. Dieser betrgt
zwar nicht, wie in unserem Beispiel, einen Rechten, sondern nur 50
Sekunden, hat aber dieselbe Bedeutung wie jener, er zeigt uns nmlich
an, da der umlaufene Flcheninhalt der Erdbahn nicht eben, sondern
gekrmmt war. Man sieht, wie schn und einfach sich die ltere
Auffassung, nach der die Gravitation als uere Kraft wirkt, in die
neuere Auffassung umsetzt, nach der sie sich nur auf dem Wege ber die
Verkrmmung der Welt uert. Beide Auffassungen sind im Ergebnis
gleich; nur insofern, als die neue Auffassung eine Korrektion am
Newtonschen Anziehungsgesetz mit sich bringt, eine Korrektion, die sich
z. B. in der Perihelbewegung des Merkur uerte, wird auch die nach
Einstein berechnete Winkelverlagerung der Erdachse bei ihrem jhrlichen
Umgang um die Sonne ein wenig verschieden von der nach Newton
berechneten ausfallen. Doch betrifft diese Verschiedenheit nur die
hheren Dezimalen der angegebenen Zahl von 50 Sekunden. Als Kriterium
fr oder wider Einsteins Gravitationstheorie wird also diese
Erscheinung nicht dienen knnen, insbesondere deshalb nicht, weil zu
ihrer praktischen Verwertung eine anderweitige Kenntnis der Mondmasse
erforderlich wre.

Hiernach kehren wir von Sonne, Mond und Sternen zu unserem Standpunkt
auf der rotierenden Erde zurck. Nach unserem Relativittsglauben ist
jeder Standpunkt berechtigt, auch derjenige auf einem rotierenden
Bewegungssystem. Die Naturgesetze gelten fr diesen Standpunkt ebenso
wie fr jeden anderen, wenn wir sie nur hinreichend allgemeingltig
gefat haben. Ja, es entsteht die Frage: Was heit berhaupt rotieren?
Hat es einen Sinn, von der rotierenden Erde zu reden, wenn Sonne und
Fixsterne nicht da Wren, an denen wir die Rotation der Erde doch erst
wahrnehmen knnen? Wrde es nicht wieder einen absoluten Raum oder
einen ther voraussetzen, gegen den die Drehung gedacht wird, wenn wir
von der Erddrehung schlechtweg, ohne Beziehung zum Sternhimmel,
sprechen wollten? Wie aber steht es dann mit den Folgen der Erddrehung,
den Fliehkrften, die wir bei der Drehung des Foucaultschen Pendels
oder die wir in der Abplattung der Erde beobachten? Wenn die Erddrehung
nur relativ zu den Gestirnen gedacht werden kann, nur durch
Vorhandensein uerer Massen ermglicht wird, so knnen auch die
Fliehkrfte der Erddrehung ihre Existenz nur dem Vorhandensein der
Gestirne verdanken, sie mssen als Wechselwirkungen zwischen diesen und
den Massen der Erde aufgefat werden.

Bis zu diesem fundamentalen Schlu war Mach gekommen. Durch ihn hat er
Einstein den Weg bereitet. Mach stellte eine Frage und Einstein
beantwortete sie. Er beantwortete sie zugleich mit seiner Antwort auf
die Rtselfrage der Gravitation. Die Gravitation erwies sich als eine
Scheinkraft, de ihren Grund in der Raumstruktur hat. Auch die
Fliehkrfte sind Scheinkrfte oder Trgheitskrfte, die nach Newton
ihren Grund in dem absoluten Charakter der Rotation haben wrden. D i e
s e n  Grund knnen wir nicht gelten lassen. Aber stellen wir uns auf
den Standpunkt des gedrehten Bezugssystems. Wenn uere Massen und
Geschehnisse vorhanden sind, die an der Drehung nicht teilnehmen, so
wandern diese gegen das Bezugssystem. Da sie ihrerseits eine Verzerrung
der Raumstruktur bedingen, de mit ihnen umluft, erscheint die
Raumkrmmung vom gedrehten System aus anders als ohne Drehung. Diese
vom Standpunkt abhngige nderung der Raumkrmmung bedingt
Scheinkrfte, die wir mit der Gravitation auf eine Stufe stellen
knnen. Diese Scheinkrfte sind die Fliehkrfte der Erdumdrehung. Wren
aber Massen und Geschehnisse auerhalb der Erde nicht vorhanden, so
knnten Fliehkrfte nicht auftreten; die im Raum isolierte Erde knnte
sich, physikalisch gesprochen, nicht drehen, das heit: sie knnte
keine beobachtbaren Anzeichen ihrer Umdrehung verraten.

Die Wesensgleichheit von Schwerkrften und Trgheitskrften, auf die
wir so gefhrt worden sind, findet ihre berzeugende Besttigung in der
Gleichheit von schwerer und trger Masse. Vor hundert Jahren durch
Bessels Pendelbeobachtungen bewiesen, hat diese Identitt zweier
scheinbar verschieden definierter Gren viel zu wenig Beachtung
gefunden. Erst jetzt sind uns die Augen geffnet, sie richtig zu sehen
und sie in Zusammenhang zu bringen mit der Erneuerung unserer
Zeit-Raum-Auffassung und mit der Vertiefung aller Naturgesetze. --

Was wrde nun unser Pfarrer von Ufenau zu dieser Wendung der Dinge
sagen, wenn sie ihm ein fahrender Schler des zwanzigsten Jahrhunderts
anvertrauen wrde? Wrde er glauben, da Herr Kpernick umsonst gewacht
hat? Sicherlich nicht. Der Wechsel des Standpunktes, den Kopernikus
vornahm, war der erste Schritt zur Wahrheit. Der Erdstandpunkt des
Ptolemischen Systems mute zuerst einmal aufgegeben und durch den
Sonnenstandpunkt des Kopernikanischen ersetzt werden. Indem Kopernikus
Sonne und Fixsterne stillstehen und die Erde wandern hie, erhielt er
ein vereinfachtes Weltbild. Die Raumkrmmung wird von diesem Standpunkt
aus so gering wie mglich, der Raum erscheint so euklidisch, als es
nach Lage der Sache sein kann. Deshalb wird der Kopernikanische
Standpunkt fr alle Zeiten dem rechnenden Astronomen und dem
beobachtenden Erdbewohner die besten Dienste leisten. Aber dieser
Standpunkt ist nicht mehr der einzig mgliche. Es ist zwar sehr
unpraktisch, aber nicht mehr falsch zu sagen: Die Erde ruht und die
Sonne wandert. -- Darber hinaus sehen wir mit E i n st e i n  den
wahren und endgltigen Standpunkt darin: alle Standpunkte souvern zu
umfassen, je nach der besonderen Aufgabe den Standpunkt besonders zu
whlen und zu der berzeugung vorzudtingen: Die Natur ist, unabhngig
von dem wechselnden menschlichen Standpunkte, immer gleich gro und
gleich gesetzmig.




GEGENWARTSFRAGEN DES DEUTSCHEN WIRTSCHAFTSLEBENS
VON UNIVERSITTSPROFESSOR DR. GOETZ BRIEFS (WRZBURG)

  Anmerkung: Der Aufsatz wurde Ende August 1921 abgeschlossen. G.B.

Wer dieses Thema liest, mchte leicht geneigt sein, es umzundern in:
die Fraglichkeit des deutschen Wirtschaftslebens. Und wer sich mit dem
vollen Ernst dieser Fraglichkeit erfllt hat und sieht, welche
Zusammenhnge heute von der Wirtschaft in alle anderen deutschen Lebens
gebiete bis in die Kultur, in die politische Freiheit und das
Volksleben ausstrahlen, mchte wohl von der Fraglichkeit des deutschen
Lebens im ganzen sprechen und die dstersten Zukunftsbefrchtungen
daran anschlieen.

Zu jh ist fr uns alle dieser Titanensturz, den Volk und Reich seit
jenen tragischen Juli- und Augusttagen 1914 erlebt haben. Wir sind wie
betubt vom Sturz. Wir wissen nur eines: Nicht am Boden liegen bleiben!
Sonst ist Ehre, Reich und Volk auf immer verloren. Wo standen wir? Wo
stehen wir? Das sind die festen Punkte, an denen wir Richtung nehmen,
um uns zunchst einmal mit der vollen Schwere dessen zu erfllen, was
geschehen ist, und um an ihnen zu ermessen, was nun geschehen soll.

Wo standen wir? Wir jngere Generation kennen aus eigenem Erlebnis der
Vorkriegszeit nur das starke, stolze Reich, das im Inneren Einigung und
Blte, nach auen schimmernde Wehr und hohe Geltung besa. Die
Reibungen unseres innerpolitischen und wirtschaftlich-sozialen Lebens
schienen uns Wachstumsschmerzen, die keinen verschonen, aber mit denen
man fertig wird. Unsere Weltgeltung stand auf der Strke einer
gewaltigen Kriegsmacht und einer Wirtschaftsmaschine von unerhrter
Leistungsfhigkeit, aber auch auf sozialen Kulturtaten und geistigen
Leistungen, die vorbildlich waren. Mit diesen Eindrcken von Macht,
Gre und Reichtum erfllte sich unsere Seele. Wer von uns drauen war,
sah auf allen Meeren, in allen Lndern die Zeichen eines aufstrebenden,
gewerbefleiigen, "in allen Knsten und Hantierungen geschickten"
Volkes, das im Herzen Europas sa und von dort aus das Reich seines
wirtschaftlichen und technischen Unternehmungsgeistes aufbaute. Das war
das Deutschland der jngsten Vorkriegsgeneration. Ihre Vter und
Grovter noch hatten das andere alte Deutschland gekannt, jenes
Deutschland, das weltpolitisch und weltwirtschaftlich nicht viel mehr
als ein geographischer Begriff, "Provinz" war; jenes Deutschland,
dessen Getreideausfuhr der Londoner Produktenbrse den Namen "Baltic"
gab, jenes buerlich-handwerkerliche Deutschland, das oft genug
auslaufende fremde Schiffe mit Sand als Ballast befrachten mute, weil
ihm Waren zur Ausfuhr fehlten, jenes Deutschland, dessen Vorstellung
fr Gladstone noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts verbunden war
mit rmlichkeit, Spiebrgertum, viel Militr und einem Bndel von
Kleinstaaten. Und greift man nun zurck auf die ersten Jahrzehnte des
19. Jahrhunderts, dann taucht man in die schwere Luft eines
kontinentalen buerlich-handwerkerlichen Volkstums ein, das politisch
nicht zu eigener Form kam, dessen Ohnmacht im Konzert der Vlker mit
seiner Zersplitterung wetteiferte, und das im ganzen mehr Objekt als
Subjekt der hohen Politik war. Wenn in jenen Zeiten der deutsche Name
in fremden Landen respektvoll genannt wurde, dann war es um der Werte
des G e i s t e s willen. Wer von den groen Geistern unserer
klassischen Zeit war Prophet und Seher genug, vorauszuschauen, was aus
diesem Volke im Laufe zweier oder dreier knapper Generationen werden
sollte! Wer von ihnen h o f f t e auch nur auf jene Wendungen in
unserem Geschick, die wir als Volk bald nahmen? Dem Briten die See, dem
Franzosen das Land, dem Deutschen das Reich des Geistes: das war jene
nicht etwa schmerzvoll den Tatsachen entnommene, sondern aus innerstem
Bewutsein gewertete Teilung der Erde, die Schiller in einem seiner
Gedichte vor Augen hat. Freilich: das konnte der Dichter wohl nicht
ahnen, da das "Luftreich der Gedanken" der Boden sein werde, auf dem
der beispiellose deutsche Aufstieg in der zweiten Hlfte des 19.
Jahrhunderts reifen wrde. Man mge in dem trefflichen Buche: "Die
deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" selbst nachlesen, was
Sombart mit groer Meisterschaft der Darstellung zu erzhlen wei von
dem Leben der dritten Generation vor uns, von ihrem Schaffen und Mhen,
von der Kleinheit -- und so schien uns wenigstens in den reichen Tagen
der Vorkriegszeit -- rmlichkeit dieses Lebens! "Eine an Drftigkeit
grenzende Einfachheit" allerorten, in Wirtschaft und Staat, im privaten
Leben und in der Gesellschaft!

Beengt, klein, drftig blieb im ganzen genommen das Dasein unseres
Volkes bis in hohe Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Gewi, es kamen
schon strkere Impulse; im Westen und Sden regte sich industrielles
Leben, das in Friedrich List den genialen Anwalt seiner Bedeutung fr
das ganze Volkstum fand. Aber der eigentliche Aufmarsch der deutschen
Wirtschaft zu jener Strke und Geltung, in deren Bewutsein wir
aufgewachsen sind, liegt sehr erheblich spter. Noch in den sechziger
Jahren hatten wir eine strkere Getreideausfuhr als Einfuhr; erst 1873
verschwand der letzte Getreideausfuhrberschu, der Weizenberschu. Es
war damals noch nicht die Konkurrenzunfhigkeit der deutschen
Landwirtschaft die Ursache der Einfuhrberschsse bei Getreide, sondern
die verstrkte Hinwendung der Landwirtschaft zum Kartoffel-,
Futtermittel- und Rbenbau. Aber diese Wendung leitete eine
wirtschaftliche Umwlzung ein: an der Zuckerrbe wurde eine der ersten
und blhendsten deutschen Industrien wach, auf den Kartoffelbden des
Ostens entstand eine landwirtschaftliche Nebenindustrie (Brennereien
und Strkefabriken) von groer Bedeutung. Im Westen und Sden
entwickelte sich im Anschlu an eine alte Tradition des Gewerbefleies
eine Industrie der Textilien, des Eisens und der Kohle; sie hatte
jahrzehntelang einen schweren Stand gegenber der hochentwickelten
englischen Industrie wie auch gegenber dem franzsischen und
belgischen Wettbewerb, der teilweise mit Ausfuhrprmien arbeitete.
Aufschwungsimpulse von grter Bedeutung waren die Reichseinigung, die
Kriegsentschdigung von 1870 und das gehobene Nationalgefhl, das nach
dem glorreichen Kriege durch das deutsche Volk ging. Die Bevlkerung
wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in starken Rhythmen, das industrielle
Leben entfaltete sich, wenn auch ber Wellentler von Depressionen weg,
so doch im ganzen stark und nachhaltig; die Schutzzollgesetzgebung von
1879 krftigte jenes Doppelfundament der deutschen Wirtschaft,
Industrie und Landwirtschaft gegen die vom Weltmarkt her drohenden
Erschtterungen. Wenn schon in den letzten Jahrzehnten des 19.
Jahrhunderts die deutsche Industrie- und Reichtumsentfaltung den
auslndischen Beobachtern so berraschend -- und gestehen wir auch das,
in mancher Hinsicht berstrzt und gewaltsam -- vorkam, so waren das
nur Auftakte zu jener ungeheuren, fast mchte man sagen: elementaren
Expansion, die mit dem neuen Jahrhundert einsetzte.

Drei Zge kennzeichnen diesen neuen Abschnitt der deutschen
Wirtschaftsentfaltung: das Aufschieen von Riesenbetrieben, zumal in
der Kohlen- und Eisenindustrie, in der chemischen und
Elektrizittsindustrie; weiterhin der Organisationsproze der deutschen
Wirtschaft in Gestalt von Betriebskombinationen, Kartellen, Syndikaten,
Interessengemeinschaften usw.; und drittens das Vordringen der
wissenschaftlich fundierten Industriewirtschaft, mit anderen Worten:
der wirtschaftlichen Auswertung naturwissenschaftlicher Forschungen
einerseits, andererseits des Aufbaues von Betrieben und Unternehmungen
nach Methoden, die wissenschaftlich auf ihre hchste Zweckmigkeit
ausgeklgelt sind. Whrend Grobetriebe, Kartelle und Truste Ergebnisse
von Tendenzen sind, die alle moderne Wirtschaft in fast allen Lndern
kennzeichnen, ist der Weg zur Wirtschaft ber die Wissenschaft ein
spezifisch deutscher Weg gewesen; seine geistigen und sittlichen
Voraussetzungen lagen nur hier in der Strke und Reinheit vor, die
ntig waren, ihn zu beschreiten und zu erobern. Jedenfalls ist das
Schrittma der deutschen Wirtschaftsentwicklung unter dem Antrieb jener
neuen Organisationsformen und Produktionsmethoden so schnell, da in
seinem Gefolge schwerwiegende Erscheinungen im Inneren des deutschen
Volkskrpers auftauchten. Noch schwerer wiegende nach auen!

Ein wachsendes Volk auf schmaler Rohstoffbasis! Was das wachsende Volk
an Nahrung und Kleidung brauchte, konnte der deutsche Boden allein
nicht hergeben; die Einfuhr mute ber eine Million Tonnen Brotgetreide
und fr eine Milliarde Mark (Goldmark!) Futtermittel zuschieen; dazu
Milliardenbeitrge fr Wolle, Baumwolle, Erze usw. Wir knnten diese
wenigen Angaben noch vermehren um den Hinweis auf den stark
anwachsenden Tonnengehalt unserer Handelsflotte, die Ausweise unserer
Banken, die deutsche Kapitalanlage im Auslande, unsere Steuerkraft und
vieles andere mehr. Doch genug der Zahlen! Sie sind heute schmerzvolle
Erinnerungen. Wer sich sinnfllig den Unterschied des damaligen und des
heutigen Deutschlands vergegenwrtigen will, berlege nur einen
Augenblick den Wert der Mark von heute gegenber dem der alten
Goldmark. Der Unterschied redet eine Sprache, die auch der Einfltige
versteht.

Und doch mssen wir noch einmal vom alten Deutschland reden, ehe wir
uns dem armen Deutschland unserer Tage zuwenden, und zwar nach einer
doppelten Hinsicht. Ein Volk, das keine Hoffnung mehr sieht und auf
Generationen hinaus Wstenwanderung vor sich hat, gibt sich auf. Haben
wir dazu Anla? Wir htten Anla dazu, wenn alle Wurzeln unserer
Vorkriegsblte verdorrt wren. Stellen wir fest, welches diese Wurzeln
waren. 1. La n d als Grundlage von Ackerbau und Viehzucht, Land als
Fundsttte von Rohstoffen und Kraftquellen, Land als rumliche
Grundlage von Leben und Wohnen. Nach allen drei Richtungen haben wir
schmerzvollste Verluste erlitten, aber keine, die nicht mehr oder
minder zu mildern wren. 2. Die natrliche Lebenskraft der N a t i o n:
Arbeitskraft, Geschlechtsverteilung, Altersaufbau, Gesundheit. Auch
hier sind schwere Einbuen zu verbuchen, aber wiederum keine, die nicht
auszugleichen oder zu ertragen wren. 3. K a p i t a l k r a f t,
Vermgensmacht, Reichtum, "Wohlstand": hier liegt die gewaltigste
Einbue vor, diejenige auch, die am wenigsten von heute auf morgen
ausgeglichen werden kann. Hier ist Anla, in der Tat von einer
hochgradigen Verarmung zu reden. Teils ist sie eine Folge der
Erschpfung unserer Reichtumsquellen durch den Krieg, teils der
Ausplnderung und Ausraubung durch den Frieden. Wenn es heute ein
"Proletariervolk" im Sinne eines Volkes, das in Drftigkeit von der
Hand in den Mund lebt, gibt, dann sind w i r  e s. Wir sind das
Proletariervolk, auf das fr Jahrzehnte hinaus ungeheuerliche
Verpflichtungen gelegt sind. Wir sind ein verarmtes, ausgeraubtes Volk,
das noch von seiner Hnde Arbeit und von seiner Armut Fabelsummen in
Gold ausgepret bekommt. Hier liegt der Punkt, wo die Wirtschaftslage
in das allgemeine Leben des ganzen Volkes auf Jahrzehnte hinaus
empfindlich einzuschneiden droht. Alle Kultur, alle Zivilisation, alle
Bildung des Geistes und des Herzens, alle soziale Frsorge, alle gute
Verwaltung, alle Schaffung von Recht und Sicherheit hngt mit tausend
Fden an der Wirtschaftsblte; sie entscheidet ber das Leben
ungeborener Geschlechter, und vor allem darber, ob der junge Aufwuchs
der Nation an Leib und Seele verkrppelt und verwildert aufwchst oder
nicht; sie entscheidet darber, ob Mitteleuropa zurcksinkt in die
stumpfe Dumpfheit und Stickigkeit einer geistig und physisch elenden
Volksmasse, und weiterhin darber, ob sich damit die Nachtschatten ber
ganz Europa senken. Denn man kann nicht das Mittelstck eines Kultur-
und Zivilisationszusammenhanges mit frevlen Hnden herausbrechen und
sich dabei einbilden, das knnte den Anschlustcken in Ost und West
von Vorteil sein. Die wirtschaftliche Erschpfung bei gleichzeitiger
berbrdung mit Verpflichtungen ist der Boden der schlimmsten
Gegenwartsbefrchtungen; an diesem Punkte kann a l l e s fraglich
werden. Ob die Befrchtungen sich verwirklichen, hngt ab von der
Freiheit, die man unserer Arbeitskraft, unserer Unternehmungslust und
unserem Erfindergeist im fremden Lande gewhren wird, und hngt nicht
zuletzt ab von der ttigen Hilfe in Gestalt von Krediten,
Rohstoffvorschssen und vor allem Verpflichtungserleichterungen, die
uns das Ausland gewhrt 4. S i t t l i c h e   E i g e n s c h a f t e n:
Arbeitswilligkeit, Arbeitsfreude, Arbeitsdisziplin, Sparsamkeit,
Gengsamkeit, Wille zum Vorwrtsstreben, Mut zum Leben. Wer will
behaupten, da diese Eigenschaften, die gewi zeitweise getrbt und in
manchen Einzelgruppen heute noch geschwcht sind, im ganzen
unertrglich gelitten htten? Nur interessierte Bswilligkeit oder
Unverstand kann derartiges behaupten. Festzustellen ist wohl, da das
Ma der Leistungen nicht so strmisch und ungezgelt ist wie frher.
Aber das hat seine besonderen Grnde in schlechter Lebenshaltung,
wirtschaftlichen Beengungen durch den Friedensvertrag und seine Folgen
und ist brigens zu einem Teil eine verstndliche Reaktionserscheinung
auf de ungeheueren Anforderungen der letztem sieben Jahre. 5. D e r
d e u t s c h e   S t a a t. Sicher war das alte Staatsgefge mit seiner
inneren Ordnung, seiner Strke und Macht nach auen ein gewichtiger
Hebel wirtschaftlichen Aufstiegs. Zweifellos hat die allgemeine
Heerespflicht Eigenschaften geweckt und gefrdert, Sachverhalte
geschaffen, die der Wirtschaft zugute kamen. Was ein starker, politisch
unabhngiger Kultur- und Machtstaat der Wirtschaft zu bieten vermag,
wei kein Volk besser als das deutsche. Wir mssen uns mit dem Gedanken
vertraut machen, da unser Staat von heute so schwer nach auen und
innen zu tragen hat, so berbrdet ist mit Aufgaben und toten Lasten,
da ihm die Wirtschaft eher helfen mu, als er der Wirtschaft helfen
kann. Das sind Folgen des Krieges und des Friedens, Folgen aber auch
der gerade in Deutschland so weit verbreiteten Neigung, in allen Nten
des Lebens nach dem Staate zu rufen. Und doch ist es nicht so, wie
mancher wohl gelegentlich denken mchte, als ob der Staat von heute nur
eine tote Last unserer Wirtschaft sei. Auch heute lebt die Wirtschaft
auf dem Boden des staatlich gesicherten Rechtes und der staatlich
gewhrleisteten Ordnung. Und vor jedem vorschnellen Urteil sollte man
bedenken: Das Staatsgefge in Deutschland hat eine ungeheuere
Anspannung und Probe ausgehalten, ohne unterzugehen! Gewi, es hat sich
neue Formen geschaffen; es ringt in manchen Hinsichten noch mit sich
selbst und den neuen Verhltnissen -- aber das Wesentliche ist
gesichert: im neuen Staate sind die Unterlagen des Wirtschaftslebens
und die Voraussetzungen eines wirtschaftlichen Aufbaues gegeben. Es ist
Aufgabe des Staates, auf seinem Gebiete der Wirtschaft aufzuhelfen; es
ist Aufgabe der Wirtschaft, mit ihren Mitteln den Staat zu sttzen. Die
Vorstellung, es knne eines von beiden o h ne e das andere gedeihen,
ist eine gefhrliche Illusion.

Das ist der e i n e Blick auf das alte Reich, ein Blick, der uns
vergegenwrtigen sollte, wieviel noch von den Pfeilern der alten Macht
und Gre steht und Tragkraft besitzt fr den Neubau. Und nun der
andere Blick auf das alte Reich: wieviel von den Nten, Sorgen und
Schwierigkeiten unserer Gegenwart lagen in ihm schon mit zugrunde! Aus
der Tiefe seiner Armut knnte es einem kommenden Geschlecht einmal
scheinen, als ob in den glanzvollen Jahrzehnten des Kaiserreiches eitel
Friede und Wohlfahrt in Deutschland geherrscht habe. Und ein
Geschlecht, das in seinen Tagen die Fehden blutdrstiger Matabelestmme
auf europischem, politisch zerkleinertem Boden zu erleben glauben
wird, knnte vielleicht einmal denken, der europische Friede vor dem
Kriege sei eitel Vlkerfreundschaft gewesen. Solche Auffassungen haben
mit der Wahrheit sehr wenig gemein. Das von jeher an Gegenstzen und
Spannungen so reiche deutsche Leben hat auch unter dem zweiten
Kaiserreiche den inneren Frieden nicht gefunden. Gewi trat der alte
Bruch zwischen Nord und Sd fr das Bewutsein der jungen Generationen
als eine praktisch erledigte Angelegenheit, deren gefhlsmige
Restbestnde allmhlich ganz erlschen werden, zurck; auch war nach
dem Einschwenken in der Kulturkampfpolitik der konfessionelle Gegensatz
kein auseinanderreiendes Element mehr, soviel Kraft er im brigen noch
verschlingen mochte. Aber dafr ging der Ri der w i r t s c h a f t
l i c h - s o z i a l e n   G e g e n s  t z e in Gestalt des
Klassenkampfes durch unser Volk. Wie die moderne Wirtschaftsverfassung,
zumal in ihrer hochgesteigerten deutschen Gestalt, Besitz und Verfgung
ber die Produktionsmittel von der Arbeit an ihnen trennt, so
schichteten sich auch politisch und sozial die Gruppen. Hier Besitz und
wirtschaftliche Machtverfgung, dort Nichtbesitz und ausfhrende
Arbeit; hier strkste soziale Geltung mit erhhten politischen Rechten
und Ansprchen, dort tatschliche soziale Mindergeltung und politische
Minderberechtigung; hier die relativ dnnen Schichten, die mit Stolz
Besitz und Bildung berufen konnten, dort die ungeheueren Massenheere
der Arbeiterschaft, besitzlos, hungrig nach Bildung und Wissen. Das war
der Sachverhalt, der den Ausgangspunkt gefhrlicher innerer Spannungen
abgab, der den Trennungsstrich zog durch das Volk, und der, so schien
es manchmal, zwei feindliche Vlker auf einem Boden und in einem
Staatsverbande zusammenhielt. Wenn schon festzustellen ist, da der
schrfste Radikalismus von beiden Seiten sich allmhlich abstumpfte,
und wenn schon zugegeben werden mu, da die staatliche Sozialpolitik
sehr viel zur Milderung der Konflikte tat, so traf doch noch der
pltzliche Kriegsausbruch in eine Spannung der Gegenstze, die nicht
unbedingte Sicherheit gab, da die Zusammenfassung aller Krfte nach
auen restlos gewhrleistet, der Burgfriede nach innen gewahrt sei. --
Und noch eine Frage der Vorkriegszeit ragt in unsere Gegenwart hinein,
doppelt und dreifach verschrft. Es ist Tatsache, da unser
Volkswachstum, getragen von dem gigantischen Aufschwung unserer
Wirtschaft, mit der Folge der berflgelung aller brigen europischen
Wirtschaften politisch unsere Lage erschwerte. Gegnerschaften, die das
alte Deutschland von vor 1870 nie herausgefordert hatte, forderte das
hochindustriell entwickelte Deutschland heraus. Verstndliche
Besorgnis, Machtgier und Racheinstinkte schlugen vor dem Bilde des
wirtschaftlich so gewaltig sich reckenden Deutschland zur verzehrenden
Flamme empor und fhrten Staaten zu feindlichem Bund zusammen, deren
Lebensinteressen an sich gegeneinanderstanden. Es wird sich zeigen, wie
die Wirtschaftslage auf die politische Konstellation heute unheilvoll
nachwirkt, teils infolge des Friedens und des Londoner Ultimatums,
teils als Folge unserer trotz Kriegsverlust uerlich scheinbar
intakten Wirtschaft.

Man hat gesagt, der Versailler Vertrag sei die Urkunde des neuen
Europas. Unser Volk wei und fhlt es Tag fr Tag, da er allerdings
die ha- und infamiegesttigte Urkunde s e i n e s Lebens ist. Seine
Einzelheiten wollen wir nicht betrachten; aber was er im grbsten fr
uns bedeutet, bedarf der Skizzierung. Er raubt uns ganze Lnder und
Provinzen. 6,7 Millionen Hektar Flche schneidet er in Ost und West aus
dem deutschen Gebietskrper heraus. Er nimmt uns alle Kolonien. Fast 6
Millionen Menschen, von denen die Mehrzahl Deutsche sind und deutsch
fhlen, spricht er mit oder ohne Abstimmung fremden Vlkern zu.
Auerdem werden 32 000 Quadratkilometer unseres Staatsgebietes
langjhriger Besetzung und feindlichen Eingriffen unterworfen, die
wiederum auf 6,5 Millionen Menschen ihr Zwangsjoch legen. Suchen wir
uns zu vergegenwrtigen, was nur diese wenigen Bestimmungen des
Friedensvertrages wirtschaftlich besagen. Eine Regierungsdenkschrift
hat berechnet, da ohne Bercksichtigung der Abstimmungsgebiete 14,9%
unserer Ackerflche durch die Abtretungen verloren gehen. Naturgem
bedeutet das strkste Einbue an landwirtschaftlichen Ertrgen, um so
mehr, als die verlorenen Ostgebiete geradezu die Korn- und
Kartoffelkammern des Reiches darstellten. Man hat berechnet, da 19%
der Roggenernte, je 20% der Gersten- und Kartoffelernte und teilweise
noch hhere Prozentzahlen bei anderen Produkten mit der Abtretung jener
Gebiete unserer Volksernhrung verloren gegangen sind. Also rund ein
Fnftel der deutschen Ernhrungsgrundlage! Dazu der Verlust an unserem
stark verminderten Viehstapel. Diese Einbuen verstrken sich dadurch,
da in jenen abgetretenen Gebieten nur 13,3% der deutschen Bevlkerung
wohnten. 3,6 Millionen Menschen durchschnittlich knnten von den  b e r
s c h  s s e n der verlorenen Provinzen ernhrt werden, wenn man
jene Mehl- und Kartoffelrationen zugrunde legt, die 1920 zugeteilt
wurden. Mit anderen Worten: Die Schwierigkeit der deutschen
Volkswirtschaft, ihre Menschen zu ernhren, ist heute, zur Zeit ihrer
allgemeinen Verarmung und Belastung, weitaus grer als in jenen
reichen Tagen der Vorkriegszeit! Um so mehr, als durch den Raubbau
whrend des Krieges die Ertrge der Bden und das Schlachtgewicht
unserer Viehstapel erschreckend zurckgegangen sind. Problem: bei
verminderter Flche und ab gewirtschafteten Bden die Bedarfsversorgung
einer nicht im gleichen Umfange zurckgegangenen Bevlkerung zu
gewhrleisten. Und wir mssen noch hinzufgen: den Bedarf einer
Bevlkerung, die teilweise entkrftet ist durch die mangelnde
Ernhrung, die 1,7 Millionen ihrer krftigsten Mnner verloren bat, die
1,5 Millionen ganz oder teilweise erwerbsunfhiger Kriegsbeschdigter
zu versorgen hat, und deren Kaufkraft fr die Erzeugnisse des Auslandes
ins Bodenlose zusammengefallen ist. Das ist eine Bergeslast, die der
Friedensvertrag auf uns wlzte; unsere landwirtschaftliche
Eigenversorgung ist vllig unzureichend; an ihr und an unserem
verbliebenen Wohlstand gemessen, sind wir ein bervlkertes Land.

Mancher mag geneigt sein, das nicht so tragisch zu nehmen. Er erinnert
an die wachsenden Millionen der Vorkriegszeit, fr die ja auch die
Eigenversorgung des deutschen Bodens nicht auslangte, und trstet sich
damit, unsere I n d u s t r i e msse den berschu an Menschen
ernhren. Doch so einfach liegen die Dinge nicht mehr. Zunchst ist die
Quote der heute auf die Industrie angewiesenen Menschen verhltnismig
grer als damals. Und weiterhin kann die Industrie die Menschen nur
dann ernhren, wenn sie 1. Ausfuhrmglichkeiten hat, die auf G e g e n
l e i s t u n g e n  beruhen, und 2. wenn ihre eigene Kraft nicht
gelhmt ist. Zum ersten Punkt sei in diesem Zusammenhange nur kurz
bemerken, da die geschmlerten Ausfuhrmglichkeiten der deutschen
Industrie von heute im grten Umfange o h n e Gegenleistung sind. Es
sind groenteils einseitige Leistungen, die direkt oder indirekt auf
Konto der Reparation laufen und in diesem Umfange tote Lasten unserer
Wirtschaft darstellen, fr die in Deutschland zwar Millionen fronden,
von denen aber keiner leben kann. Davon abgesehen aber hat der
Friedensvertrag auch die Grundlagen unserer Industrie erheblich
geschmlert. Schtzungsweise ein Viertel unserer deutschen
Kalifrderung ging mit Elsa-Lothringen verloren; wichtiger als der
Frderverlust ist der Verlust der Monopolstellung, die Deutschland auf
dem Kalimarkte hatte. 79% unserer vor dem Kriege gefrderten Eisenerze
-- das Rckgrat unserer Industrie und jeden industriellen Lebens --
sind durch den Verlust Lothringens und den Zollausschlu Luxemburgs
dahin; ungefhr 9% unserer Kohlenfrderung ist, wenigstens fr 15
Jahre, durch die Abtrennung des Saargebietes uns entzogen; ungefhr
zwei Fnftel unserer Kohlengesamtfrderung wre verloren, wenn
Oberschlesien an Polen fllt[1].

  [1] Das ist inzwischen geschehen, indem der Vlkerbund gerade
      die industriereichen Teile Oberschlesiens Polen zusprach.

Das Ruhr-, Wurm- und mitteldeutsche Kohlengebiet ist alles, was uns
verbleibt. Aber auch deren Frderung steht nicht zu unserer freien
Verfgung. Der Friedensvertrag belastet uns auf in Jahre mit
Lieferungen an die Entente, die sich auf ber 40 Millionen Tonnen
stellen. Das Spaaer Abkommen hat dann diese Phantasieforderung
ermigt. Da uns auch die freie Verfgung ber die oberschlesische
Kohle seit der Besetzung des Landes genommen ist, ruht die schwere Last
der Versorgung auf dem Ruhrrevier. Diesem Anfordern war weder die alte
Belegschaft gewachsen, noch langten die Frder- und
Verkehrseinrichtungen. Die Wirkung war eine doppelte: Es muten die
Belegschaften vermehrt und die Verkehrsmglichkeiten gesteigert werden
-- was nur mit ungeheueren Opfern seitens des Reiches zu machen war
(Wohnungsbauten, Lhne, Lebensmittelzuschsse) --, und es muten
deutsche Betriebe in ihrem Kohlenverbrauche sich beschrnken, oft genug
gar die Arbeiter entlassen und stillliegen, weil die
Zwangslieferungskohle vorgeht. Das waren zeitweise geradezu
katastrophale Zustnde, die an das Mark unseres industriellen Lebens
rhrten. Heute ist in der Tat die Rohstoffdecke zu knapp geworden, an
Kohle, an Zinkerzen, an Blei usw. Heute hat der deutsche Osten noch
weniger als bisher die Mglichkeit, seine Menschen festzuhalten,
whrend das Ruhrrevier schlimmer als je bisher mit Anforderungen fr
die deutsche Wirtschaft aller Provinzen belastet und fr deren
Erfllung mit Menschen unerwnscht dicht belegt werden mu. Das sind
Verschiebungen, die unsere industrielle Basis erschttern, uns
auerstande setzen, unsere Menschen selbst zu ernhren, und die
natrlich uns vorher zum Aussetzen unserer Vertragsleistungen an die
Entente zwingen -- mit der Wirkung umbersehbarer politischer Folgen!

Das sind nicht die einzigen Beschneidungen unseres Daseins durch den
Friedensvertrag. Der Vertrag raubt das deutsche Volk mit einer
Grndlichkeit und Schamlosigkeit nach allen Richtungen hin aus, in der
sich Ha, Brutalitt und Pharisertum zu einer widerlichen Fratze
verbinden. Kein Guthaben im Auslande, kein Schiffspark, kein Kabel,
keine Ansprche, Rechte und Privilegien, keine Patente und keine
Gebrauchsmuster werden bersehen. Und um die ganze Schamlosigkeit
dieses Raubzuges wird der Pharisermantel der vergeltenden
Gerechtigkeit gelegt. Alle gerechte Entrstung ndert nichts daran, da
die wertvollen Posten unserer Wirtschaft in Gestalt von
wirtschaftlichem, militrischem und maritimem Rstzeug allesamt
verloren sind, und da die Sieger sich auf deutschem Boden und in der
deutschen Wirtschaft Rechte zwangsmig usurpiert haben, die die an
sich schon schmale Basis des deutschen Bodens und der deutschen
Hoheitsrechte unerhrt verengen. In richtiger Erkenntnis der Sachlage
schrieb die englische Zeitschrift "Nation" vom 22. Mrz 1919: "Es gibt
Leute in und auer Europa, die, wenn sie vom Frieden sprechen,
Diebstahl meinen. Sie mchten Deutschland seine Bergwerke stehlen,
seine Kabel, Kanle, Kohlen, Land, Schiffe, Kredit, Industrien,
Patente, Handelsgeheimnisse; sie mchten seine Grenzsteine verschieben
und seine offene Brust allen Feinden an allen Ecken und Enden
preisgeben. Das wre das Ende von Europas Zivilisation."

Gerade die letzterwhnten Verluste mssen den Versuch, durch verstrkte
industrielle Ttigkeit wiederum zu Atem und Leben zu kommen, aufs
strkste gefhrden. Fnf Jahre war uns der Weltmarkt entfremdet. In
dieser Zeit reifte einerseits der amerikanische und japanische Weizen
im Welthandel, industrialisierten sich andererseits manche
Auslandsmrkte, um fr jetzt und in Zukunft unabhngig zu sein von
Versorgungsstrungen auf Grund europischer Verwicklungen. Typische
Beispiele: Holland und Dnemark legen sich Eisenhtten zu, Schweden
baut seine Htten- und Stahlwerke aus, Amerika entwickelt eine groe
Farbenindustrie, Argentinien und Brasilien bemhen sich um industrielle
Selbstversorgung auf wichtigen Gebieten. Whrend des Krieges wurde
gerade von England eine intensive Zerstrung aller deutschen
berseeinteressen vorgenommen, bis zur Vernichtung der Geschftsbcher,
der Aufstellung schwarzer Listen, des geistigen Diebstahls an deutschen
Patenten und Geschftsmethoden und vor allem bis zur Verzerrung des
deutschen Antlitzes vor der Welt zur Fratze, mittels einer Lge und
Verleumdung zu systematischen Kampfmitteln erhebenden beispiellosen
Hetzpropaganda. Wer will ermessen, welche Barren gerade der Raub des
deutschen guten Namens dem deutschen Handel und Gewerbeflei in der
ganzen Welt bereiten mu? Wer will auf Milliarden aufzhlen, was uns
die raffinierte Bearbeitung der ffentlichen Meinung in aller Herren
Lnder durch das feindliche Kabelmonopol gekostet hat und noch kostet?
Dieser Verlust des deutschen guten Namens vor aller Welt gehrt sicher
mit zu den schlimmsten Kriegsverlusten. Es wird unserer zhesten und
unermdlichsten Arbeit bedrfen, allmhlich durch diese Berge von
Verleumdung, Ha und Vorurteil zu dringen, die sich schlimmer als eine
Blockade um uns legen und uns das moralische Recht und das
wirtschaftliche Leben unertrglich schmlern. Hier hilft uns die doch
zu offensichtige Brutalitt und Ungerechtigkeit des Friedensvertrages,
hier hilft uns das allmhliche Wachwerden des Anstands- und
Wahrheitsempfindens in allen edlen Geistern aller Nationen. "Von nun an
mssen wir uns der Aufgabe widmen, diesen Schandfleck des Versailler
Vertrages von dem guten Namen Englands auszulschen." ("Daily Herald",
10. Mai 1919.)

Bis zum 1. Mai 1921 sollte nach Bestimmung des Friedensvertrages die
sogenannte Wiederherstellungssumme, die aber in der Art, wie sie
berechnet wird, tatschlich eine Kriegsentschdigung darstellt,
festgelegt werden. Es ist bekannt, da diese Summe durch das Londoner
Ultimatum diktiert und die deutsche Unterschrift unter sie erpret
wurde. Gefordert wurde vom deutschen Volke ein Gesamtbetrag von 132
Milliarden Goldmark, abzahlbar in jhrlichen Raten von 2 Milliarden,
zuzglich 26% des Wertes unserer Ausfuhr in Gold, dazu Leistungen auf
Grund von Ausgleichsforderungen und Besatzungskosten, deren Hhe nicht
festgelegt ist, aber in die Goldmilliarden geht. Die furchtbare Last
dieser jhrlichen Zahlungen erstreckt sich nach den festgesetzten
Verzinsungs- und Tilgungsgrundstzen auf weit mehr als ein
Menschenalter. Diese wenigen Daten umschlieen die Schuldknechtschaft
eines ganzen Volkes und sind von einer Hrte, wie sie in aller
Geschichte unerhrt ist.

An der Wiege solcher Friedensbedingungen hat weder die politische noch
die wirtschaftliche Vernunft gestanden. Das haben die leider so wenigen
Einsichtigen in allen Lndern deutlich ausgesprochen. Auf den inneren
Widersinn dieser Entschdigungsforderungen wies vor allem die englische
Zeitschrift "The Nation" hin, die das Problem ganz richtig fate:
entweder zahlt Deutschland jene Unsummen, dann nur, indem es uns die
Ausfuhrmrkte ruiniert und uns wirtschaftlich aufs uerste bedrngt;
oder wir unterbinden ihm unsere Mrkte, dann kann es nicht zahlen.
Durchaus zutreffend! Es wird ja niemand im Ernst glauben, aus dem
deutschen Boden selbst lieen sich jene Summen herausstampfen, sie sind
eben nur beschaffbar, wenn die deutsche Arbeit fr fremde Vlker sie
erst hereinholt und zur Verfgung stellt. Aber auch das ist richtig:
Werden de Forderungen nicht erfllt, dann drohen politische
Zwangsmittel in Gestalt von Neubesetzungen, Sanktionen, die unserer
politischen Selbstndigkeit den letzten Rest geben, die eine dauernde
Gefhrdung des europischen Friedens sind, und die mit dem Zerbruch des
Reiches enden knnten. Der Reichskanzler Wirth hat das zutreffend
formuliert: "Wir kmpfen mit unserer Arbeit um unsere Freiheit als Volk
und Staat."

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                             *

Das ist der furchtbare uere Rahmen unseres Daseins. Aus ihm heben
sich deutlich die Probleme heraus: Wie heilen wir im Lande selbst die
furchtbaren Wunden des Krieges? Wie bringen wir die Mittel auf zur
Erfllung der ungeheueren Verpflichtungen nach auen? Welche
wirtschaftlichen und sozialen Weiterwirkungen schlieen sich an die
Erfllung dieser Aufgaben bzw. an den Versuch ihrer Erfllung an?

Die Not im Lande selbst ist sehr vielgestaltig. Sie uert sich als
Gefhrdung der physischen Volkskraft und Volksgesundheit und tritt im
einzelnen in Erscheinung als mangelnde Ernhrung weiter Kreise, Mangel
an Kleidung und Wsche, fehlende Wohnungen, ungengende
Wohnungseinrichtungen. Ein Ausdruck dieser Not sind die
Sterblichkeitsstatistiken und die Ausweise der Krankenkassen. Die
Ursachen dieser Not sind die Erschpfung unseres Wohlstandes durch den
Krieg, die starke Herunterwirtschaftung unseres Sachkapitals, die
Aushungerung unserer Bden, die Aufzehrung der privaten Vorrte und
Ausstattungen, die Leistungen an die Entente auf Grund von
Waffenstillstand und Friedensvertrag, der Aufkaufshunger fr alle
mglichen, teilweise sehr gut entbehrlichen Auslandsgter nach dem
Kriege. Diese Aufzhlung wre ungenau, wenn sie an jenen Schdigungen
des Volksvermgens vorbeiginge, die mit der Gebietsbesetzung, mit
Streiks und Aussperrungen, mit bswilliger Wertvernichtung und Revolten
zusammenhngen. Unleugbar haben auch einige Bestimmungen des neuen
Arbeitsrechtes Schdigungen mit sich gebracht. Im groen Ganzen hat die
Volkswirtschaft noch nicht jene Umschichtung der Berufe und
Rckschichtung der Bevlkerung weg von den Stdten erreicht, die der
neuen Wirtschaftslage entsprechen: das sind weitere Quellen
vielgestaltiger Not. Im weiteren darf nicht bersehen werden, da die
Auflsung des alten Heeres, von Teilen der alten Brokratie, die
Rckwanderung Deutscher aus verlorenen Gebieten und die Vernichtung
vieler Rentner-, Mittelstands- und Kleinexistenzen des brgerlichen
Lebens durch Krieg und Kriegsfolgen die Schleusen der Not in weiteren
Schichten geffnet haben. Eine Denkschrift der Regierung, die fr die
Londoner Verhandlungen fertiggestellt wurde, beziffert das deutsche
Volkseinkommen gegenwrtig auf 234 Milliarden Papiermark == ungefhr
22-23 Milliarden Goldmark. Vor dem Krieg berechnete man das
Volkseinkommen auf 43 Milliarden Goldmark! Daraus ergibt sich die
gewaltige Senkung des Realeinkommens des Volkes -- und von diesem so
geminderten Realeinkommen sollen die Leistungen an die Entente und die
Steuern fr Reich, Lnder und Gemeinden aufgebracht werden!  Hier steht
die elementare Bedingung unseres Daseins als Volk und Staat vor uns:
wir mssen a l l e  Produktivkrfte aufs  u  e r s t e anspannen, um
das physische Leben und die politische Freiheit zu erhalten. Unsere
Existenz steht auf der Schneide der uersten Wirtschaftsergiebigkeit.
Daraus die Forderung, alle sachlichen und geistigen Voraussetzungen
gesteigerter Produktivitt anzuspannen, allen berflssigen Verbrauch
zu meiden.

Was brauchen wir zur Steigerung der Produktion? Zunchst natrlich
Rohstoffe. Als deren Quelle kommen in Betracht die natrlichen
Rohstofflagersttten und die Landwirtschaft. Erstere sind die Kohlen-
und Erzadern, die Gesteine und sonstige industriell verwertbaren Gter,
die das Bodeninnere birgt. Ihnen gegenber -- als den durch Abbau
erschpfbaren Gtern -- stehen die landwirtschaftlich in regelmiger
Wiederkehr erzeugten Gter. Nach beiden Richtungen hin haben wir
betrchtliche Einbuen erlitten durch Gebietsverluste, Raubbau und
Belastung mit Abgaben.

Mit dem Rest mu umso schonender umgegangen werden; denn die
Bodenschtze sind entweder berhaupt nicht knstlich vermehrbar, oder
nur durch Mehraufwand von Arbeit und Kapital. Abbau und Anbau stehen
auerdem auf der Spitze der Rentabilitt. Wenn wir schon vor dem Kriege
eine starke Einfuhr von Erzen, Kohle und len hatten, von
Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Textilien und Rohstoffen aller Art, so
knnen wir sie heute noch viel weniger entbehren. Wir brauchen die
Einfuhr, weil das Ausland vielfach ergiebigere Fundsttten und Bden
hat und daher billiger liefert. Wir brauchen sie, weil sie Bestandteil
neuer Ausfuhr werden, nachdem sie durch deutsche Arbeit zu fertigen
Produkten veredelt sind. Im Grade der Einfuhr verschulden wir uns; aber
diese Verschuldung ist so lange unbedenklich, als ihr deutsche
Gegenleistungen in Gestalt rentabler Ausfuhr gegenberstehen.
Unvermeidlich ist, da groe Einfuhrposten fr de Deckung des
notwendigen, seit dem Kriege so stark vernachlssigten Eigenbedarfs des
deutschen Volkes hereinkommen. Das bedeutet zunchst eine Belastung der
Zahlungsbilanz oder eine Verschuldung durch Kredite; in jedem Falle
mssen auch diese Betrge durch Ausfuhr oder durch andere geldwerte
Gegenleistungen gedeckt werden, entweder aus laufenden
Wirtschaftsertrgen oder aus der Substanz des Volksvermgens. Wenn
einsichtige Wirtschaftspolitiker schon vor dem Kriege den starken
Materialverbrauch beklagten, die Zerstrung lebendiger menschlicher
Arbeit durch ein unwirtschaftliches Vergeuden von Rohstoffen, so gilt
das heute natrlich zehnfach. Rohstoffe sind kristallisierte
Arbeitsstunden, Arbeit ist unser wertvollstes Kapital. Fahrlssigkeit,
Bswilligkeit und Unverstand zerstren nach einem Worte Friedrich
Naumanns mehr als Feuersbrunst und berschwemmung. Dieses Gebot
wirtschaftlichster Rohstoffverwertung hat zwei Seiten: das Haushalten
mit dem Material der M e n g e und der G  t e nach. Wer verwaltet
unsere Rohstoffe? Drei groe Stoffverbraucher kennen wir: die Betriebe
in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft, die Haushaltungen und die
ffentlichen Verbnde. Bezglich der Haushaltungen ist ohne weiteres
klar: vom Geschick vorwiegend der deutschen Hausfrau hngt es ab, wie
mit den Verbrauchsgtern gewirtschaftet wird. Das ist teilweise eine
Erziehungsfrage. Wie viele Hausfrauen haben sich je ber zweckmige
Stoffverwendung Gedanken gemacht? Tausende von Frauen, nicht nur aus
Arbeiterkreisen, verwirtschaften ohne Ahnung von den Folgen ihres
Ungeschickes Milliardenwerte. Das ist teilweise auch eine Folge der
Frauenberufsarbeit. Wer die Verhltnisse in den Arbeiterfamilien der
Industriereviere kennt, wei, da die erwerbsttige Frau die krzesten
Methoden der Haushaltsfhrung vorzieht und vielfach gerade wegen ihrer
Berufsttigkeit vorziehen mu. Neben den Schden, die die
Frauenberufsarbeit fr das Familienleben und die Erziehung mit sich
bringt, liegen in der unwirtschaftlichen Stoffverwendung bedenkliche
volkswirtschaftliche Seiten der Frauenberufsarbeit. Was die
Materialverwertung der ffentlichen Verbnde anlangt, so hat die
Kriegszeit dort in erschreckendem Mae gezeigt, wie wenig hier den
Anforderungen einer vernnftigen Bewirtschaftung Rechnung getragen
wurde. Die bureaumige Verwaltung von ffentlichen Betrieben und
Verbrauchseinrichtungen hat eben nicht jene Motive zum sparsamen
Haushalten und jene scharfen Kontrollmglichkeiten, die die
Privatunternehmung hat. Dem rein verwaltungsmig gerichteten Sinn
fehlt vielfach die Einsicht in die wirtschaftliche Bedeutung
sparsamster Materialverwertung. Aber selbst in der privaten
Unternehmung sind nicht ohne weiteres die Garantien fr sparsame und
zweckmige Rohstoffverwendung gegeben. Zwar drngt das Interesse der
Unternehmung am mglichst hohen Geldertrag auf uerste Zweckmigkeit
und Ergiebigkeit in der Verwendung aller Produktionselemente; aber hier
ist es wiederum eine Frage der Erziehung und der Einsicht der
Arbeitskrfte, ob sie mit den ihnen anvertrauten Wirtschaftsgtern
mglichst schonend umgehen. Keine Aufsicht kann das eigene
Mitbesorgtsein der Arbeiter ersetzen. Dieses Mitbesorgtsein zu wecken
und zu erhalten, ist groenteils eine Sache der Erziehung, des
Verantwortungs- und Gemeingefhls und der Einsicht. Hier mndet die
Aufgabe des Rohstoffschutzes unmittelbar in ethische und soziale
Voraussetzungen. Die zweckmige Rohstoffverwendung in der privaten
Unternehmung ist gleichzeitig eine Frage der Betriebsgre, der
Betriebsorganisation und der Produktionsweise. Die objektiv strkste
Mglichkeit wirtschaftlicher Produktion hat der kombinierte
Grobetrieb, der sich in der Produktion einstellt auf normalisierte und
typisierte Erzeugnisse. Wieviel nach dieser Richtung in Deutschland
noch fehlt, beweisen die Klagen fhrender Industrieller und znftiger
Volkswirte.

Rohstoffkonomie ist also Haushalten mit den Unterlagen unseres
Daseins. Neben der Verfgung unserer Sachgter ist die wichtigste
dieser Unterlagen die l e b e n d i g e   A r b e i t s k r a f t. Das
volkswirtschaftliche Ziel hat Rathenau in Anbetracht unserer Lage
einmal dahin zusammengefat: "Es ist ntig, ...den Wirkungsgrad
menschlicher Arbeit so zu steigern, da eine verdoppelte Produktion die
Belastung zu tragen vermag und dennoch ihre Hilfskrfte besser entlohnt
und versorgt werden." Das ist durchaus richtig. Wenn das Kapital, mit
dem wir neu anfangen, im wesentlichen unsere Arbeit ist, dann mu mit
dieser Arbeit sparsam umgegangen werden. Sie darf nicht vergeudet
werden durch Produktion von entbehrlichen Gtern, sie darf nicht durch
Raubbau abgewirtschaftet werden. Es mssen alle technischen,
organisatorischen und sozialen Voraussetzungen geschaffen werden, um
die mglichst groe Produktionssteigerung durch mglichst sparsamen
Arbeitsaufwand zu erreichen. Auch hier wieder die Voraussetzung:
Bildung und Erziehung der heranwachsenden Geschlechter, Erfllung mit
Einsicht in den Ernst der Verantwortung fr das Ganze, Abwehr aller
Neigung zu einem resignierten Versinken in die stumpfe Fron fr den
laufenden Tag.

Diese Aufrechterhaltung unserer Arbeitskultur und Wirtschaftshhe ist
wiederum gebunden an stoffliche Unterlagen, nmlich an den
ausreichenden S u b s i s t e n z f o n d s der Nation. Man spricht
gewhnlich davon, es msse gengend "Kapital" vorhanden sein, um die
Arbeits- und Wirtschaftskultur wie brigens die Gesamtkultur des ganzen
Volkes, die ja immer irgendwie an sachliche Unterlagen gebunden ist, zu
erhalten. Die Quelle dieses Kapitals aber ist die Differenz zwischen
Volkseinkommen und Verbrauch, mit anderen Worten: das nichtverbrauchte
"ersparte" Volkseinkommen. Von zwei Seiten her kann diese
Kapitalbildung gefrdert werden: von der Erhhung des Volkseinkommens
durch erhhte Produktion und von der Minderung des Verbrauches her.
Unsere Lage zwingt uns, beide Wege zu beschreiten: die Produktion aufs
uerste zu steigern, den Verbrauch an allem Entbehrlichen mglichst
zurckzudrngen. Das wird fr Jahrzehnte unser Schicksal sein, ein
Schicksal, dessen Hrte nur dadurch ertrglich ist, da es uns die
Aussicht gibt, die Einheit des Reiches und des Volkes durch alle
Fhrlichkeiten des verlorenen Krieges und des Friedens hindurch zu
retten. Die besondere Schwierigkeit unserer Kapitalneubildung liegt
darin, da sie mit ungewhnlichen Belastungen zu rechnen hat. Die
Belastungen bestehen in den geschilderten Zahlungsverpflichtungen
gegenber der Entente, in der gewaltigen Steuerlast, in der ungnstigen
Entwicklung des Auenhandels (der im vergangenen Jahre mit zweieinhalb
Goldmilliarden p a s s i v war!), ferner in der Ungunst der
Einkommensverteilung.

Bei sotanen Dingen ist alles, was unsere Wirtschaftsertrge erhht,
eine Daseinserleichterung, eine neue Gewhr unseres physischen und
kulturellen Lebens. Das gilt fr alle Seiten unserer Wirtschaft, fr
Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie und Verkehr. In der Landwirtschaft
zumal spielt es eine besondere Rolle. Hier sind die Ertrge gegenber
der Vorkriegszeit sehr stark gesunken, hier ist auerdem die Quelle
unseres dringendsten Bedarfes, der Ernhrung. Das landwirtschaftliche
Betriebskapital ist whrend des Krieges scharf heruntergewirtschaftet
worden, es bedarf jetzt der Erneuerung. Kredite mssen der
Landwirtschaft zuflieen, die sie im Kriege glaubte abstoen zu knnen
oder nicht mehr zu bentigen. Durch Dngemittel aller Art, durch
Meliorationen, durch Maschinen mssen die Bden wieder in den alten
hochgepflegten Zustand gebracht werden. Der Viehstapel mu ergnzt
werden. Das landwirtschaftliche Bildungswesen darf um keinen Preis
vernachlssigt werden. Was uns diese Forderungen erheben lt, ist die
einfache Tatsache, da der stark abgewirtschaftete Zustand der
Landwirtschaft im Interesse der Allgemeinheit, des Staates, des Volkes
in Stadt und Land und nicht zuletzt auch des Fiskus saniert werden mu,
ehe er wiederum ein tragender Pfeiler unserer Wirtschaftsblte werden
kann. Erst bei solcher Intensivierung der landwirtschaftlichen
Erzeugung besteht die Aussicht, da der Strom von Menschen, welcher im
Gefolge des Krieges den Stdten zugeflutet ist und dort die Not
vermehrt, wiederum vom Lande aufgenommen werden kann. Wie bedeutsam
eine solche Rckwanderung ist, ergibt sich ohne weiteres; sie entlastet
den Arbeitsmarkt, entlastet den Fiskus von der Erwerbslosenfrsorge,
sie entlastet die stdtische Frsorge, sie mildert die Schrfe unserer
sozialen Not und sie beseitigt jenes bel, das schon vor dem Kriege auf
dem Lande vielfach anzutreffen war, nmlich die Leutenot.

Wenn die wesentliche Aufgabe der deutschen Landwirtschaft darin
besteht, in mglichst weitem Umgange den Nahrungsbedarf unseres Volkes
zu erstellen, so hat die Industrie demgegenber eine verwickeltere
Aufgabe. Sie soll einesteils den starken Verbrauch an
Industrieerzeugnissen decken, den das Inland hat; sie soll aber
andererseits die Grundbedingung unseres Daseins gewhrleisten, nmlich
die aktive Zahlungsbilanz. Deren Hauptbestandteil war von jeher die
Handelsbilanz, das heit das Wertverhltnis der Wareneinfuhr zur
Warenausfuhr. Heute sind die anderen Bestandteile der deutschen
Zahlungsbilanz ungefhr auf den Nullpunkt reduziert; wir haben keine
Gewinne mehr aus Frachten fr das Ausland, unsere Ertrgnisse aus der
Kapitalanlage im Auslande sind mitsamt den Kapitalien fast ganz
verloren, unsere Gewinne aus Vermittlung und Versicherung fr fremde
Vlker sind dahin. Nach all diesen Richtungen haben wir nur noch
Passiva. Und trotzdem besteht unabweisbar das Ziel: Herstellung einer
aktiven Zahlungsbilanz! Die Handelsbilanz mu die dazu erforderlichen
Wertberschsse der Ausfuhr ber die Einfuhr erbringen. Wir mssen, ob
wir wollen oder nicht, Exportwirtschaft treiben. Unsere
landwirtschaftlichen Erzeugnisse brauchen wir selbst, also kann der
berschu der Ausfuhr ber die Einfuhr im groen ganzen nur industriell
erwirkt werden. Zwei Gesichtspunkte sind entscheidend: die
Ausfuhrfhigkeit unserer Industrie einerseits, die Aufnahmefhigkeit
und Aufnahmewilligkeit der fremden Mrkte andererseits. Was zunchst
die Ausfuhrfhigkeit unserer Industrie anlangt, so ist sie teils eine
Frage des Preiskurants, das heit: des billigeren deutschen Angebots,
teils ein Produktionsproblem: Haben wir Gter, die das Ausland
unbedingt erwerben will? Haben wir berschsse, die fr die
auslndische Nachfrage zu Gebote stehen? Bezglich der ersten Frage ist
festzustellen, da manche Tatsachen uns gnstige Aussichten im
Wettbewerb bieten. Der Wert des deutschen Geldes, gemessen am Gelde der
auslndischen magebenden Glubigerstaaten, steht sehr tief. Niedrige
Wechselkurse aber bedeuten eine Prmie und einen Anreiz fr die
Ausfuhr. Unsere Lebenshaltung ist relativ weniger reich und kostspielig
wie die der fremden Konkurrenzwirtschaften. Die Arbeitsfhigkeit und
Arbeitswilligkeit unserer Bevlkerung hat sich vergleichsweise
schneller erholt als die der meisten anderen Vlker. Auerdem waren
deutsche Waren im allgemeinen so wohl beleumundet in der ganzen Welt,
da Nachfrage nach ihnen ohne weiteres wahrscheinlich ist. Aber
bersehen wir nicht die Hemmungen unserer berlegenheit im Preisgebot!
Wir muten unsere Industrie viel eingreifender als die anderen
kriegfhrenden Nationen auf einen neuen Friedensstand umstellen;
technisch und organisatorisch ist diese Aufgabe schnell und glnzend
gelst worden, aber sie verschlang viele Arbeitskrfte und viele
Kapitalien. Manche Industrien hatten im Laufe des Krieges Schulden in
fremder Whrung aufgenommen; der rapide Fall des deutschen Geldwertes
steigerte den Belauf der Schulden ins Phantastische und bewirkte neue
Kosten der Abdeckung oder Umwandlung. Die rastlose Anstrengung der
Kriegsarbeit hat in vielen Industrien keine Krfte und keine Zeit frei
gelassen zu Reparaturen, Materialergnzungen, Erneuerung des
Sachkapitals; das mute alles nachgeholt werden. In den Zeiten der
Umwlzung nach dem Kriege hufen sich die Streiks, die
Wertzerstrungen, die Lohnforderungen; das Arbeitstempo lie nach; all
das erscheint als Produktionskosten wiederum im Warenpreis. Und nicht
zuletzt legt die Steuergesetzgebung der Industrie ungeheuere Lasten
auf, die natrlich Preissteigerungen im Gefolge haben. Der gewaltige
Anreiz zu groen Gewinnen, der nach dem Kriege im Abverkauf von
Betriebseinrichtungen und in der Angleichung der Inlandspreise an den
Weltmarkt lag, wirkte sich auch in den gestiegenen Preisen aus. Nicht
zuletzt bot der Warenmangel des erschpften Inlandsverbrauchs die
Mglichkeit, unter dem Anreiz des Dividendenhungers den Preisstand
scharf zu erhhen. Auch die Verteuerung der Produktion durch die
Einfuhr fremder Rohstoffe und durch das damit verbundene starke
Valutarisiko wirken in die Richtung steigender Preise. Nach einer
Periode grenzenloser Schleuderverkufe ins Ausland, die direkt nach dem
Kriege einsetzte, kam die Gegenwirkung: die Preishhe vieler deutscher
Industrieprodukte lag zeitweise ber den entsprechenden
Auslandspreisen. Die Folge davon war stockende Ausfuhr, das heit
Gefhrdung des Zieles der aktiven Handelsbilanz. Im ganzen hat der
Druck auf unsere Wechselkurse dafr gesorgt, da die Ausfuhrprmie
nicht verschwand. Aber wie prekr die Sachlage ist, zeigt sich
regelmig bei selbst geringfgigen Steigerungen unserer Wechselkurse:
es setzt in diesen Fllen eine Stockung der Ausfuhr und eine Steigerung
der Einfuhr ein, also ein ganz bedenklicher Sachverhalt. Der hin- und
hergehende Wertstand des deutschen Geldes gefhrdet fr den deutschen
Unternehmer alle Grundlagen der Kalkulation, bringt ein spekulatives
Moment in die ganze Wirtschaft hinein und wirft uns aus einer Periode
der Schleuderverkufe und der stockenden Rohstoffeinfuhr in die andere
stockender Ausfuhr und der berschwemmung mit Auslandsware. Das
Verlangen, den Urheber dieser Zustnde, nmlich den wilden Wechselkurs,
zu binden, ist ebensooft erhoben wie als zunchst aussichtslos
abgelehnt worden. Deutschland ist ohne Untersttzung der
kapitalsstarken Glubigerstaaten vllig auerstande, eine solche
Festlegung des Wechselkurses vorzunehmen. Nur mit Hilfe ganz gewaltiger
Kredite und einer vorlufig noch sehr unwahrscheinlichen vernnftigen
Gebahrung der Entente in der Reparationsfrage knnten stabile
Wechselkurse eingerichtet und durchgehalten werden.

So steht es um die Aussichten der deutschen Industrie im
internationalen Preiskampf! Eine andere Frage ist die, ob wir Gter
haben, die das Ausland unbekmmert um den Preis haben mu oder haben
will. Das gilt gewi bei einer Anzahl von hochwertigen Erzeugnissen,
zumal der chemischen, optischen und elektrotechnischen Industrie; es
gilt auch in einigem Umfang fr Kali. Aber auf eine Anzahl solcher
Erzeugnisse hat der Friedensvertrag die Hand gelegt und sie uns in
groen Mengen auf "Reparation" abgefordert. Andererseits sind manche
Erzeugnisse, fr die Deutschland vor dem Kriege einen unbestrittenen
Markt besa, in der Zwischenzeit von fremden Industrien aufgegriffen
und hergestellt worden. Immerhin hat auch heute noch ein gewisses
Marktgebiet starken Druck und starke Neigung zum Verbrauch deutscher
Produkte. Und nun die weitere Frage, haben wir berschsse frei fr die
Ausfuhr? Wir rechnen nicht in diese berschsse dasjenige hinein, was
auf Reparationsrechnung zwangsweise geliefert werden mu. Diese Posten
tragen zur Aktivierung der Handelsbilanz nichts bei, so betrchtlich
sie an Wert sein mgen. Im Gegenteil, sie verschlechtern unsere Bilanz,
denn soweit auslndische Rohstoffe und auslndische Arbeit direkt oder
indirekt in ihnen kristallisiert sind, mssen sie erst mit teuren
Kosten angeworben werden. Sehen wir also von dieser Art Ausfuhr ab, so
fllt zunchst auf, da bestimmte Industrien ihre Ausfuhrberschsse
verloren oder stark gemindert haben. Das gilt fr bedeutsame Industrien
landwirtschaftlicher Rohstoffverarbeitung, beispielsweise fr die
Zuckerindustrie, deren Ausfuhr frher mehrere hundert Millionen
Goldmark einbrachte; es gilt ebenso fr die Branntweinindustrie. Es
gilt aber auch fr die Kohlenausfuhr. In die gleiche Richtung wirkt das
zollpolitische "Loch im Westen", das uns den Warenberdruck der fremden
Mrkte vielfach auf Schleichwegen in unser Land pumpt, deutsche
Industrien, besonders im besetzten Gebiete, lahmlegt und uns mit einer
Sorte Einfuhrwaren beglckt, die nach dem Stande unserer Verarmung
besser drauen blieben. Der Verlust von Industrien im abgetretenen
Gebiet, die Materiallieferungen an die Entente auf Grund des
Waffenstillstandes und des Friedens, die starke Beschftigung fr den
Aufbau der Eigenwirtschaft und der Rckgang der Leistungen an Menge und
Gte, die Stillegung mancher Betriebe bringen erhebliche Minderungen
der berschsse mit sich. Die Ausfuhrabgaben, die Kontrolle der Ausfuhr
und die Unbersichtlichkeit der fremden Absatzgebiete infolge des
Abbruches alter eingefahrener Wirtschaftsbeziehungen wirken in die
gleiche Richtung.

So weit die Ausfuhrfhigkeit der deutschen Industrie. Und nun die
andere Seite: die A u f n a h m e f  h i g k e i t und A u f n a h m e
w i l l i g k e i t des Auslandes! Hier sind Anreizmomente fr den
Bezug deutscher Produkte vorhanden: ihre Billigkeit, ihre Gte, ihre
teilweise Monopolstellung. Aber lassen wir die Gegentendenzen nicht aus
dem Auge. Der Krieg wre fr England verloren, wenn er nicht mit einer
Zurckwerfung der deutschen Industrieausfuhr endigte. England hat im
Kriege Zeit gehabt, unsere Auslandsmrkte zu verwsten, viele Neutrale
haben sich auf den englischen und amerikanischen Lieferanten
umgestellt, haben sich auf einzelnen Marktgebieten unabhngig gemacht.
Die meisten Lnder haben ihre Zlle erhht, manche Lnder haben zum
Schutz ihrer eigenen Produktion zu sehr drastischen Abwehrmitteln gegen
die fremde Einfuhr gegriffen. In den ehemals feindlichen Lndern sorgt
der mit Leidenschaft geschrte Nationalismus dafr, da der deutschen
Ware die Wege weithin versperrt werden. Manche Rohstofflnder sind
whrend des Krieges zur Verarbeitung bergegangen und spren geringe
Neigung, ihre mit Opfern grogezogene Verarbeitungsindustrie durch
Ausfuhr von Rohstoffen der fremden Konkurrenz auszusetzen. Die ganze
Welt ist betrchtlich rmer geworden und hat ihren Verbrauch auf einen
tieferen Durchschnittsstand setzen mssen. Die Erwerbslosenheere sind
heute eine internationale Erscheinung und erschweren die Rckhehr in
die Bahnen des offenen, freien Welthandels, selbst wenn die magebenden
Kreise den Willen dazu htten. Die Neigung, nur solche Erzeugnisse
auszufhren, in denen hochwertige Arbeit verkrpert ist, hat starke
Antriebe erhalten mit der Wirkung, da unsere Waren, deren Gte und Art
geradezu auf der stark konzentrierten Arbeit aufgebaut war,
verschrftem Wettbewerb begegnen. So ist es erklrlich, da in der
Ausfuhr verhltnismig starke Rohstoff- und Halbfabrikatposten
anzutreffen sind. Die Gefahr lauert im Hintergrunde: ein Sinken unseres
gewerblichen Knnens, unserer Wirtschaftskraft dem Auslande gegenber,
sinkende Lebenshaltung, sinkende Kultur, sinkende politische Bedeutung.
Das scheint weit ausgeholt, ist aber drohender Ernst. Der Rckfall auf
vorwiegende Rohstoff- und Halbfabrikatausfuhr knnte uns auf ein enges
kontinentales Dasein zurckwerfen.

Man mu die groen Linien ins Auge fassen, um diesem Pessimismus nicht
zu erliegen. Gewi, wir vertrauen auf die unversiegliche Lebenskraft
unseres Volkes, auf seinen Unternehmungsmut, auf seine hohe
Geistigkeit. Aber ein Faktor von ebenso groer Bedeutung ist die
Herzlage Deutschlands inmitten des Kontinents. Wir sind die
Durchfahrtsstrae von Ost nach West, von der Atlantis zum Baltischen
Meer; wir sind das Zwischenglied zwischen Westeuropa und dem Osten, das
wirtschaftliche Glacis Englands und Amerikas, dessen industrielles
Leben immer noch im Osten, zur Atlantis staut, und nicht im Westen! --
nach Mittel- und Osteuropa. Man hat im Ha des Krieges und im Rausch
des Sieges geglaubt, uns durch neue Handelswege, deren Linien um uns
herum zu legen seien, aus dem grocn Zuge des internationalen Verkehrs
auskapseln zu knnen, ein Versuch, der keine geringere Bedeutung hat,
als uns wirtschaftspolitisch aus der Herzlage Europas an seinen Rand zu
drngen. Aber beim Versuch ist es geblieben. Wenn der Osten wieder fr
ruhige wirtschaftliche Entwicklung Sinn und Zeit hat -- und das wird
auch einmal wieder der Fall sein --, dann ist Deutschland das
Mittelstck Europas; und die vollen Vorteile dieser Lage werden ihm
zugute kommen u n t e r   d e r   V o r a u s s e t z u n g, da es
sich nicht selbst ausschaltet und da es politisch selbstndig bleibt.
Der industrielle Bedarf von Ost und Sdost stt irgendwie immer
zunchst auf uns, und den Valuten jener Lnder gegenber sind wir trotz
aller Hemmungen anderer Art leistungsfhiger als die valutastarken
Industrielnder. Hier im Osten und Sdosten erschlieen sich unserer
wirtschaftlichen Pionierttigkeit neue Kontinente, reiche
Rohstoffgebiete. Wenn sie mit Vernunft und in weitherziger
Bercksichtigung der Interessen jener Lnder und Vlker selbst
ausgebaut werden, so erffnet sich eine neue Zukunft fr die deutsche
Wirtschaft. Fr die Richtigkeit dieser Erwgungen spricht die Tatsache,
da fremde Kapitalien in groem Umfange die deutsche Industrie
befruchten, zeigt das handelspolitische Interesse, das allenthalben in
der Welt fr unsere Wirtschaft besteht. Sorgen wir dafr, da dieses
Interesse kein Interesse der "Pleitegeier" an der Ausschlachtung eines
alten soliden, ehemals blhenden Handelshauses wird! Das ist nur dann
mglich, wenn wir alle Krfte anspannen, die politische Freiheit und
die Einheit des Reiches zu bewahren. Wenn das Mittel dazu die
angestrengte Arbeit des ganzen Volkes ist, gut! so mssen wir sie auf
uns nehmen. Vor dem Kriege war es die freie, gesunde Kraft eines stark
wachsenden Volkes, wagender Kaufleute und Unternehmer, die uns den Weg
in die Weltwirtschaft gehen hie; heute ist es der Kampf um Freiheit
und Einheit!

Dieser Weg hat gewi seine Gefahren. Die Hoffnung der Entente auf bare
Zahlungen und Naturalleistungen hat uns wider alle wirtschaftliche
Vernunft in die Kette der Diktate geschlagen. Heute zeigen sich die
Folgen: Wenn wir zahlen wollen, mssen wir erst verdienen; wenn wir
aber verdienen wollen, mssen wir erst die fremden Mrkte aufsuchen.
Unsere Ausfuhr aber und die Devisenaufkufe zum Zwecke der Zahlung
beginnen heute schon, unseren Gegnern empfindliche Wirtschaftsstrungen
zu bereiten. Da taucht die Sphinx der Zukunft auf: Die Entente hat in
Hinsicht auf das Friedensdiktat ein zweiseitiges Interesse: ein
Glubigerinteresse und ein Produzenteninteresse. Diese beiden
Interessen stehen in Widerspruch. Beispielsweise: Wenn wir die im
Friedensvertrag auferlegten 200 000 Tonnen Schiffsraum fr England
bauen, dann liegen die englischen Werften still, und die Arbeitskrfte
mssen entlassen werden. Wenn wir die zwangsweise Kohlenlieferung
durchfhren, dann feiert der englische Bergarbeiter, oder er streikt,
weil der Rckgang der Kohlenpreise die englischen Bergherren zwingt,
die Lhne zu senken. Diese Gegenstze sind heute klar herausgearbeitet.
Man fat sie nur nicht grundstzlich an, sondern versucht mit einer
Politik der kleinen Mittel sich an ihnen vorbeizudrcken. Eines Tages
aber wird die Hrte der Gegenstze ihre Lsung verlangen. Entweder man
saugt uns aus durch bare Zahlungen, dann mssen wir die Mrkte mit
allen Mitteln erobern und das feindliche Produzenteninteresse
schdigen; oder man verwehrt uns die Mrkte, dann knnen wir nicht
zahlen, und das feindliche Glubigerinteresse ist getroffen. Auf diesem
Punkte laufen sich die Diktate tot an den wirtschaftlich
unausweichbaren Zusammenhngen. Was soll dann geschehen? Das strkere
Glubigerinteresse liegt bei Frankreich, das den geringeren
Industrialismus und den strksten Anteil an unseren Zwangszahlungen
(52%) hat; das strkere Produzenteninteresse liegt bei England, das den
gesteigerten Industrialismus und den geringeren Anteil (22%) an unseren
baren Leistungen hat. Welches Interesse wird durchdringen, das
franzsische Glubiger- (Rentner-) Interesse oder das englische
Produzenten- (Arbeiter-) Interesse? Hier erffnen sich Entscheidungen,
die fr unser Schicksal unerhrt wichtig sind. Zu einem Teil haben wir
es in der Hand, sie zu beeinflussen. Unser Interesse kann nicht mit
Frankreich gehen, solange Frankreich in uns ein Beutestck sieht, eine
politische Masse, deren Liquidation nicht brutal genug betrieben werden
kann. Wir stehen wieder an dem Kreuzungspunkt -- nur mit viel
schlechterem Einsatz --, an dem wir schon einmal standen, den wir
damals aber in seiner Tragweite nicht gengend begriffen: vor der
Steuerung des Kurses ins englisch-deutsche Einvernehmen, oder -- auf
noch weiteren Aspekt gestellt -- vor der Steuerung des Kurses in das
angloschsisch-deutsche Einvernehmen. Oder welcher andere Weg sollte
noch offen sein? Auf die russische Karte jetzt schon zu setzen,
erscheint verfrht; auerdem kann bei unserer Kapitalschwche und der
starken Interessierung der angloschsischen Wirtschaftsmacht an Ruland
diese russische Karte nur im Rahmen einer deutsch-angloschsischen
Verstndigung geschlagen werden.

Verschiedentlich muten wir darauf hinweisen, da unsere politische
Freiheit in den schmalen Resten, in denen sie berhaupt noch besteht,
auf der Schneide der Erfllung von Diktaten steht. Diese Erfllung aber
ist ein fiskalisches Problem, eine Frage des Steueraufkommens des
ganzen Volkes. Die Steuerleistung aber ist letzten Endes eine Frage der
Wirtschaftskraft. Das Elend der deutschen Wirtschaft aber spiegelt sich
im Elend der deutschen Finanzen. Das Elend der Finanzen ist nun nicht
erst eine Erscheinung von heute; seit 1876 hat das Reich so ziemlich
fortwhrend in Finanzverlegenheiten gelebt. Ein Hauptgrund dafr war
der Aufbau des Reichsfinanzwesens und hier besonders die Verteilung der
Steuerkompetenzen zwischen Reich und Bundesstaaten. Das Reich hat eine
Steuerdomne, die fast ausschlielich aus indirekten Abgaben und aus
Zllen bestand. Die direkten Steuern, das Rckgrat jeder gesunden
Finanzwirtschaft, lagen unter Verschlu der Einzelstaaten und wurden
von ihnen eiferschtig gehtet. Die Einknfte des Reiches aus
Betriebsverwaltungen waren recht geringfgig im Verhltnis zu dem, was
die groen Bundesstaaten aus ihrem Staatsbesitz zogen. Das war eine
verhngnisvolle Fehlkonstruktion der Reichsfinanzen. Im Frieden war sie
deswegen noch ertrglich, weil das Reich doch bekam, was es brauchte,
nur sehr umstndlich, unter groer Erregung der ffentlichen Meinung
und nicht immer sehr zweckmig.

Die v e r h e e r e n d e Wirkung dieser Fehlkonstruktion zeigte erst
der Krieg. Die Folge der Verteilung der Steuerkompetenzen nach der
alten Reichsverfassung war die, da das R e i c h, der Trger der
H a u p t l a s t des Krieges, die d  r f t i g s t e n und r  c k
l  u f i g s t e n   E i n n a h m e q u e l l e n besa, whrend die
Bundesstaaten, die die Last des Krieges ja gar nicht zu tragen hatten,
die ertragreichsten und stabilsten Steuerquellen unter Verschlu
hatten. Die Abneigung, eine entschlossene starke Kriegssteuerpolitik
nach englischem Muster einzurichten, lie nur den einen Ausweg: den
Krieg mit S c h u l d e n  zu fhren. Was an Kriegssteuern dann seit
1916 kam, kam zu spt und zu zaghaft. Man rechnete im Grunde immer nur
mit dem siegreichen Ausgang des Krieges, wollte auch die
Durchhaltestimmung im Volke nicht gefhrden, frchtete sich vor dem
Wachwerden alter Parteigegenstze; kurz und gut, man finanzierte den
Krieg mit Schulden. Das Resultat war: steigende Schulden des Reiches,
steigende Inflation, sinkende Wechselkurse, steigende Lhne und
Warenpreise, steigende Kosten der Kriegsfhrung, steigende
Reichsverschuldung, neues Sinken der Wechselkurse, neues Steigen der
Lhne und Warenpreise und so fort. Eine Schraube ohne Ende, oder
vielmehr eine Schraube mit einem sehr dicken Ende: Reichsberschuldung,
Wohlstandsvernichtung breitester Kreise, goldene Zeit fr alle
Schieber, schwerste Not in breitesten Kreisen, Verschrfung der
sozialen Gegenstze, schleichende Enteignung gerade der Kreise, die vor
und im Kriege dem Staate Kredit gegeben hatten. Eine beispiellose
Umschichtung der Vermgen ist vor sich gegangen, und die staatliche
Finanzpolitik hat ihr ebensowenig wie die Wuchergesetzgebung zu steuern
vermocht.

Zur Verdeutlichung des Bildes seien einige Zahlen angegeben. Die
Reichsschuld betrug vor dem Kriege 5,4 Milliarden Mark; sie bezifferte
sich September 1918 auf 133,4 Milliarden, September 1919 170,9
Milliarden, September 1920 283,7 Milliarden. Die schwebende Schuld des
Reiches betrug am 31. Juli 1914 300 Millionen Mark Schatzanweisungen;
sie stieg bis Dezember 1918 auf 55,1 Milliarden und endete am 30. Juni
1921 mit 214,2 Milliarden. Der Umlauf an Banknoten gravitierte vor dem
Kriege um 1,5 Milliarden, dazu kamen vergleichsweise geringe Betrge an
umlaufenden Reichskassenscheinen. Der Umlauf an Noten betrug nach dem
Ausweis vom 11. August 1921 77,6547 Milliarden; zu dieser ungeheueren
Papierzettelschuld kommt noch ein Umlauf an Darlehenskassenscheinen von
rund 8,22 Milliarden. Da zur selben Zeit der Wert des deutschen Geldes
gegenber dem auslndischen vollvaluten Geld ins Abgrundtiefe gestrzt
ist, ist nicht verwunderlich. Whrend vor dem Kriege 100 hollndische
Gulden rund 169 Mark kosteten, kosteten sie am 12. August 1921 rund
2560 Mark[1]. Diese Zahlen gengen zur Illustration. Sie erhalten erst
ihr volles Relief, wenn man die Zwangsleistungen an die Entente noch
hinzurechnet.

  [1] Seit Abschlu des Aufsatzes haben sich die Verhltnisse
      wesentlich ungnstiger entwickelt. Der Guldenkurs steht
      im Dezember 1921 nahe an 7000, der Umlauf an Geldzeichen
      hat die hundertste Milliarde lngst hinter sich
      gelassen!

Das ist die Sachlage, der sich der Fiskus gegenbersah. Sie erforderte
Finanzreformen allergrten Stiles. Wir befinden uns seit Kriegsende
zwar fortwhrend in den Reformen, aber deutlich heben sich zwei
gewaltige Reformperioden heraus: die grundlegende, heute abgeschlossene
Reform von 1919 bis 1920, und die zweite Reformetappe, deren
Vorbereitung und Anfnge eben sichtbar werden. Was bedeutet die Reform
von 1919/20? Sie schafft einen fiskalischen Unitarismus, der in seinen
politischen Folgen gemildert wird durch Artikel 8 der Reichsverfassung;
dieser verpflichtet das Reich, auf die Lebensfhigkeit der Lnder
Rcksicht zu nehmen. Sie schafft eine einheitliche
Reichssteuerverwaltung, sie gibt einheitliche Richtlinien der
Steuerveranlagung und -erhebung, deren Zweck es ist, die "Steuerinseln"
zu beseitigen und dadurch dem Grundsatz der steuerlichen Gerechtigkeit
zu dienen. Sie gibt dem Reiche das Gesamtsystem der ertragreichen und
anpassungsfhigen direkten Steuern. Sie lt den Lndern und Gemeinden
einige Ertragssteuern und beteiligt sie im brigen mit bestimmten
Anteilen am Ertrag der Reichseinkommensteuer, der
Reichserbschaftssteuer, der Umsatzsteuer, der Krperschaftssteuer und
der Grunderwerbssteuer. Entsprechend diesem Eingriff des Reiches in
alte Steuerrechte von Lndern und Gemeinden entlastete es die Lnder
und Gemeinden durch bernahme betrchtlicher Schuldverpflichtungen auf
sich selbst. Es gehrt zu den wesentlichen Verdiensten dieser
Reformperiode, da das alte Bismarcksche Projekt der Reichseisenbahnen
nun verwirklicht wurde.

Man mag zu den Einzelheiten dieser Reform stehen wie man will: das
ganze Reformwerk ist eine ungeheuere Leistung, deren volle Segnung erst
erkennbar wird, wenn unsere Wirtschaftslage sich einigermaen
erleichtert. Dr. Respondek stellt sie in seinem Buche "Die
Reichsfinanzen auf Grund der Reform von 1920" sogar in Parallele zu der
Stein-Hardenbergschen Reform. Ob diese Parallele treffend ist, mu die
Zukunft zeigen.

Versenken wir uns einen Augenblick in die Haushaltsrechnung des Jahres
1920! Der "Ist-Etat" des Reiches zeigte beim Abschlu des
Rechnungsjahres (31. Mrz 1921) folgendes Bild: Die Reichseinnahmen aus
Steuern, Abgaben, Gebhren, Zllen bezifferten sich auf 27,7
Milliarden. Die Ausgaben, betrugen netto 73,7 Milliarden. Dazu treten
an Schuldzinsen des Reiches 10,4 Milliarden, an Zuschssen des Reiches
in den Betriebsverwaltungen (Reichseisenbahn, Reichspost), 18,2
Milliarden. Mithin Totalausgabe 102,6 Milliarden. Die Differenz
zwischen Ausgaben und Einnahmen, 74,9 Milliarden, mute demnach auf
neue Schulden genommen werden. Die schwebende Schuld wuchs auf 184,127
Milliarden an. Der Voranschlag fr 1921 zeigt folgende Ziffern:
Einnahmen 46,9 Milliarden, einmalige Ausgaben 1,368 Milliarden,
fortdauernde Ausgaben 45,579 Milliarden. Dazu kam ein Nachtragsetat von
1,5 Milliarden. Es balanciert also der ordentliche Etat mit 48,459
Milliarden auf der Einnahme- und Ausgabeseite. Daneben auerordentliche
Ausgaben: 59,68 Milliarden; von diesen ungedeckt und auf schwebende
Schulden zu nehmen: 49,18 Milliarden. In dieser Summe von 59,68
Milliarden stecken nach Voranschlag rund 18,8 Milliarden Zuschsse fr
Betriebsverwaltungen (Eisenbahn, Post). In den erwhnten Summen des
ordentlichen Etats sind noch keine Aufwendungen fr Reparationen
eingeschlossen; ihre Gesamtsumme wurde bei der Beratung in der
Kommission des Reichstages mit 53 Papiermilliarden jhrlich
veranschlagt. Ein schwankender Posten von hohem Belauf sind die
Besatzungskosten; sie sind mit 8,5 Milliarden angesetzt. Alles in allem
ist der heute errechenbare Fehlbetrag 110 Milliarden Mark. Der
erschreckende Zug ist das Anwachsen der schwebenden Schuld. Das Reich
kontrahiert sie in Gestalt von Schatzanweisungen, die an die Reichsbank
begeben werden; diese schiet dem Reiche dafr Noten vor. Mit Noten
bezahlt das Reich seine Verpflichtungen an Schuldzinsen, an Gehltern,
Lhnen usw.; diese Noten kommen also als zustzliche nominelle
Kaufkraft in den Verkehr, nicht weil der Verkehr sie verlangt, sondern
weil das Reich zahlen soll und ungengende Einknfte hat. So senken sie
den Geldwert, steigern die Preise und Lhne, drcken die Valuta und
fhren alle die Risiken, Gefahren und Hemmungen des Wirtschaftslebens
mit herauf, die sich an solche Whrungszustnde anzuschlieen pflegen.

Diese Sachverhalte lassen eines ganz deutlich werden: die Notwendigkeit
n e u e r   R e f o r m e n. Das erste und ursprngliche Problem ist
dieses: Wie bringen wir laufende Einnahmen und laufende Ausgaben zur
Deckung? Die weitere Frage ist: Wie bringen wir die Reparationssummen
auf? Und die dritte Frage lautet: Wie strken und stabilisieren wir
unseren Geldwert? Wenn man diese Probleme an den oben entwickelten
Zahlen mit, sprt man Neigung, zu glauben, es bandele sich um die
Quadratur des Zirkels. Breite Strmungen im Volke, und was viel mehr
besagen will, ernste sachverstndige Kreise glauben nicht an die
Mglichkeit, diesen furchtbaren Anforderungen gerecht zu werden.
Grundstzlich ist zu sagen, da alles v e r s u c h t werden mu,
unseren Verpflichtungen nach auen und nach innen nachzukommen und die
Reichsfinanzwirtschaft zu sanieren. Die Gefhrlichkeit der Aufgabe
versteht an folgendem Beispiel auch der Laie. Das Reich knnte hohe
Milliardenausgaben sparen, wenn es die Lebensmittelzuschsse
beseitigte, wenn es die Zuschsse zu den Betriebsverwaltungen aufhebt,
wenn es hhere Kohlenpreise durch Erhhung der Kohlensteuer veranlat.
Aber was ist die Wirkung? In all diesen Fllen gewinnt das Reich auf
der einen Seite als F i s k u s, was es als B e t r i e b s v e r w a l
t u n g und als Lohn- und Gehaltszahler wiederum wenigstens zum groen
Teile drauflegen mu. Das ist der Punkt, an welchem sich zeigt, da mit
den blichen Mitteln der Steuererhhung schlechterdings nicht mehr
durchzukommen ist.

Mit dieser Erkenntnis sind die Voraussetzungen der zweiten groen
Reformetappe gegeben. Ihre magebenden Gesichtspunkte sind, soweit sich
das bisher beurteilen lt, die folgenden: Zunchst Entlastung des
Reiches von bestimmten Aufwendungen des auerordentlichen Haushaltes;
dahin rechnen die Zuschsse zur Verbilligung der Lebensmittel (8,6
Milliarden), zu den Betriebsverwaltungen (18,8 Milliarden), fr den Bau
von Bergmannswohnungen (1,5 Milliarden), eventuell fr
Erwerbslosenuntersttzung (1,3 Milliarden). Weiterhin eine Reform der
Einkommensteuer und die Veredelung des Notopfers in eine drei zu drei
Jahren zu erhebende Vermgenszuwachssteuer; die Erhhung einer Anzahl
indirekter Abgaben und Zlle liegt auf der Linie alter steuerlicher
Methoden. Neu ist der Gedanke, die Unterschiede zwischen Auslands- und
Inlandspreisen durch ein Erhhung der Kohlensteuer zu erfassen; neu --
wenigstens fr die deutsche Finazgeschichte -- der Gedanke, das Reich
durch eine Art Genuschein an den werbenden Sachwerten der Nation mit
zu beteiligen.

Dieser Vorschlag einer direkten Wirtschaftsbeteiligung des Reiches hat
vieles fr sich. Die papierene Blte unserer Wirtschaft hngt eng mit
der Finanznot des Reiches zusammen. Die Erzeugung ldt in weitem
Umfange auf die Preise ab, was sie an Lasten zu tragen hat. Das Reich
wird von diesen Preissteigerungen, deren wichtigste Ursache seine
Schuldenwirtschaft ist, in grtem Stile mit betroffen. Es half sich
bisher durch neue Schuldaufnahmen und neue Steuern, aber immer liefen
die Preise voraus, hinkte der Fiskus nach. Die Schwche des Fiskus und
die relative Strke der Wirtschaft stehen in gefhrlicher
Wechselbeziehung. Ganz zutreffend kennzeichnet die "Frankfurter
Zeitung" (Nr. 604 vom 16. August 1921) die Lage: Mittelstand und
Festbesoldete knnen durch keine nach der Leistungsfhigkeit abgestufte
Steueraktion so schwer geschdigt werden wie durch eine unzureichende
Reform. Das gilt in hohem Mae auch fr Handel und Industrie. Unsere
Wirtschaftskreise sollten heute, so paradox es klingt, vor zu hoher
Steuerbelastung weniger besorgt sein als vor zu geringer. Denn auf die
Dauer wird die Notenpresse sie immer noch unbarmherziger ausquetschen
als die Steuerschraube. Das Reich ist eben heute kein auerhalb der
Wirtschaft stehender "Zweckverband" mehr, an den geringe Summen
abgefhrt werden, damit er seine begrenzten Funktionen erflle, sondern
das Reich ist heute mit der Wirtschaft zu einem dichten einheitlichen
Krper verwachsen. Gibt man ihm nicht, was es braucht, so zerstren
seine Notauswege langsam aber sicher das Leben der Nation.

So ist es verstndlich, da das Reichswirtschaftsministerium sich
grundstzlich zum Steuerprogramm und zu den Reparationslasten uerte.
Nach den Angaben in der oben zitierten Nummer der "Frankfurter Zeitung"
betont eine neue Denkschrift des Reichswirtschaftsministeriums vor
allem die Notwendigkeit eines Gesamtprogramms, das die
Reparationsleistungen und ihre Aufbringung durch Ausfuhrberschsse und
Devisenkufe mit dem Ziel der Krftigung der Wirtschaft durch hchste
Rationalisierung, mit der inneren Finanzierung der Reparationslasten
und mit den notwendigen sozialpolitischen bergangsmanahmen in
organische Verbindung bringt. Das wirtschaftspolitische Ziel sei die
Aktivierung der Handelsbilanz, die Beschrnkung der Einfuhr an allem
Entbehrlichen, die Hereinholung der vollen Gegenwerte der Ausfuhr durch
Einstellung der wirklichen volkswirtschaftlichen Selbstkosten, die
Beseitigung der Reichszuschsse, der Abbau der Zwangswirtschaft, die
Tiefhaltung der Preise auf dem Kohlen- und Wohnungsmarkt. Damit wrden
die mhelosen Zwischengewinne verschwinden, die deutsche Wirtschaft
wrde auf dem Weltmarkt wettbewerbsfhig; hchste
Wirtschaftsleistungen, hchste Erzeugung und hchstwertige Ausfuhr
wrden gesichert. Die Umsatzsteuer, die Erhhung der Zlle und eine
Aufwandssteuer wrden den entbehrlichen Verbrauch beschrnken; die
Zwischengewinne, die bei der Anpassung an den Weltmarktpreis abfallen,
knnten fr die Zwecke der Reparation erfat werden. Die bergangszeit
erfordere sozialpolitische Manahmen: Planmige produktive Verwendung
der erwerbslosen und freiwerdenden Arbeitskrfte fr den Ausbau der
Verkehrsmittel, der Wasserkrfte und fr die Erfordernisse des
Baumarktes.

Die Denkschrift untersucht im weiteren die Frage, ob das Reich,
ntigenfalls zum Zwecke der Verpfndung an das Ausland, die Substanz
der Sachwerte erfassen soll. Der Ausbau des Notopfers knnte den
Fehlbetrag im Etat nicht decken. Die Erfassung der Substanzwerte in der
Wirtschaft erscheine deswegen zweckmig, weil sie tragkrftig, weniger
fluchtfhig und derart erfabar seien, da das Betriebskapital nicht
gefhrdet werde. Notwendig sei die dinghafte Sicherung des
Ertragsanteils und seine Kapitalisierung. Den Verfassern der
Denkschrift schwebt eine Beteiligung des Reiches mit 20% der
Substanzwerte der Wirtschaft vor, unter dinglicher Sicherung. Damit
werde die Deckung der Fehlbetrge im Etat fr de ersten Jahre
erleichtert und eine Grundlage fr Auslandskredite erzielt. So lange
sollten die deutschen Sachwerte bei organisierter Beleihung den
Fehlbetrag in der Goldbilanz des deutschen Auenhandels decken, bis die
deutsche Wirtschaft sie planmig durch erhhte Sachleistungen auf dem
Weltmarkte abdecken knne. Den Gesamtbetrag, den das Reich durch die
bernommenen Sachwerte fr seine Zwecke verfgbar machen knne,
berechnet die Denkschrift auf 382 Papiermilliarden. Der Erfolg dieser
Aktion wre eine Minderung der Inflation infolge der Ablsung der
Grundschulden mit allen daran anschlieenden gnstigen Weiterwirkungen
auf die Wechselkurse, die Preise und die Lhne; auch wrde die
Nachfrage des Reiches auf dem Devisenmarkte (fr Reparationszahlungen)
gemindert werden durch die Mglichkeit, auf der Basis der dem Reiche
verpfndeten Vermgenssubstanz Auslandskredite zu erlangen.

Ohne uns auf eine Kritik dieser Vorschlge im einzelnen einzulassen,
sei nur so viel bemerkt: Wenn diese Ideen sich durchsetzen, dann ist
eine Bahn beschritten, an deren Ende mglicherweise die
"Staatswirtschaft" steht. Oder um das vielgebrauchte, wenig eindeutige
Wort zu nennen: die Sozalisierung. "Beim ersten sind wir frei, beim
zweiten sind wir Knechte", das mu all denen gesagt werden, die den
vorgeschlagenen Weg der Reichswirtschaftsbeteiligung bejahen, aber
nicht seine Folgen in den Kauf nehmen wollen. Die Dinge haben ihre
eigene Logik, und hat man sie einmal zum Ausspielen ihrer Logik
gebracht, dann haben sie Durchschlagskraft und Beharrung gengend
gewonnen, ihren Weg selbst weiter zu suchen. Die Anhnger der liberalen
Wirtschaftsidee der wirtschaftlichen Freiheit der Privatinteressen, die
diese Entwicklung der Dinge mit hchstem Mitrauen betrachten,
bersehen allzuleicht, da auch in der f r e i e n Entwicklung der
Wirtschaft Tendenzen sich herausgebildet haben, die auf
"Wirtschaftsherrschaft" hinauslaufen und teilweise schon eine echte,
von privaten Wirtschaftsgewalten ausgebte Wirtschaftsherrschaft
darstellen. Rathenau sprach ganz zutreffend von der Herausbildung
"wirtschaftlicher Herzogtmer", deren Leiter die magebenden Kpfe der
Industrie, der hohen Bankwelt und des Handels sind. Die  B i n d u n g
der alten "elementaren" und liberalen Wirtschaftswelt ist aus sozialen
und weltwirtschaftspolitischen Grnden im Anzug. Der Proze verstrkt
sich mit seinem eigenen Wachstum. Es fragt sich blo, ob der Staat sich
in tatenlosem Zusehen vor Tatsachen stellen lassen will, oder ob er
eine Politik einschlgt, deren grundstzliches Motiv de Wahrung von
Allgemeininteressen ist. Bis jetzt steht die Sache so, da die
Wirtschaft in der organisierten und ins riesenhafte zusammengeballten
Form den inneren G e i s t   d e r   f r e i e n   K o n k u r r e n z
w i r t s c h a f t, nmlich die Abstellung auf private Interessen,
beibehalten hat. Das Interesse des Staates und des Volkes in seiner
Allgemeinheit ist meines Wissens noch von keinem der gewaltigen
Wirtschaftskonzerne ffentlich und grundstzlich als Richtschnur des
Handelns anerkannt worden. Wir haben den Glauben verloren, da das
freie Schaltenlassen von Privatinteressen durch irgendeinen mystischen
Zusammenhang "von selbst" zum Besten der Allgemeinheit und des Staates
tendiere. Wir sehen die Gefahren fr das politische und soziale
Gemeinwesen zu deutlich, als da wir diese Dinge getrost sich selbst
berlassen knnten. --

Aber was sollen wir tun, um die Dinge nicht sich selbst zu berlassen,
um sie herauszubringen aus dem Getriebe reiner Privatinteressen? Da
erhebt sich die Stimme, die wir seit drei Jahren so ausgiebig gehrt
haben: man sozialisiere, man tue es bald und grndlich!

Wer genau zuhrt, wird merken, da dieser Ruf die innere Sicherheit und
berzeugungswrme stark verloren hat, die ihn noch vor zwei-drei Jahren
auszeichnete. Das hat seine guten Grnde. Was St. Simon seinerzeit von
England sagte, dieses Land mache zum Nutzen aller Vlker einen
gewaltigen Versuch -- nmlich den Versuch der freien industriellen
Verkehrswirtschaft --, das knnen wir heute von Ruland sagen: Dieses
Land hat zur Lehre fr alle Vlker ein gewaltiges Experiment
angestellt, hat versucht, der marxistisch-soziaistischen Idee so, wie
seine Wortfhrer sie verstanden, den Leib der Wirklichkeit zu gehen.
Der Versuch hat eine alte Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung in
tausend Scherben geschlagen, hat eine neue aufgebaut, aber, wie sich
mehr und mehr herausstellt, keine Verfassung idealer Erfllung, sondern
der Gewalt, des Schreckens, der Wirtschafts- und Kulturvernichtung, der
Not und des Hungers. Vieles am Mierfolg ist auf spezifisch r u s s i
s c h e Rechnung zu setzen: auf die mangelnde Industrialisierung des
Landes, auf die schlechte Organisation der Verwaltung, auf die
Unbildung des Volkes, auf die Weite der Landrume, auf die bereilte
Gewaltsamkeit des Prozesses, auf die Miachtung geistiger und
sittlicher Vorbedingungen, auf die Direktion der Handlungen durch den
toten Buchstaben des orthodoxen Marxismus unter Vergewaltigung aller
Wirklichkeit. Vieles geht auf den verlorenen Krieg und auf die
Absperrung des weiten Reiches vom Auslande zurck. Wenn wir das alles
in gebhrende Rechnung stellen, bleibt ein unbeglichener Rest: und er
argumentiert g e g e n die Idee der Sozialisierung -- das Wort im
strengen Sinne einer berfhrung aller Produktionsmittel in ffentliche
Hand unter Zentralisierung der Wirtschaftsverfgung und Zuteilung der
Wirtschaftsertrge verstanden. Sein Argument lautet: Die Aufgabe ist zu
gro, um bureaukratisch und zentralistisch gelst zu werden; das
Wirtschaftsleben ist zu vielgestaltig, um auf den Leisten von
Verordnungen gespannt zu werden; es gibt zu viel natrliche
Unberechenbarkeiten in den Grundbedingungen aller Wirtschaft, die sich
den Paragraphen und noch mehr der Gewalt entziehen; und nicht zuletzt:
der primre Wirtschaftsfaktor Mensch ist zu sehr -- Mensch, um jenes
uerste an Pflichtgefhl, Verantwortung und Arbeit, das eine
ertragreiche Wirtschaft verlangt, aufzubringen, w e n n  er nicht den
Erfolg f  r   s i c h   s e l b s t  unmittelbar sieht. Das eigene
Interesse ist der strkste Hebel aller wirtschaftlichen Energien --
dieser Satz wurde vor 150 Jahren von Adam Smith ausgesprochen; er wird
so lange gelten, wie Menschen Menschen sind. Nur die besondere Fassung,
die Smith ihm gab, ist zu eng: dieses Eigeninteresse ist nicht
notwendig das unmittelbare Eigeninteresse jedes einzelnen. Es kann auch
weitergreifen, es kann Stnde, Krperschaften,
Selbstverwaltungsorganisationen erfassen. Es reicht so weit, wie
gewertete und erlebte Gemeinschaft reicht. Es hrt immer da auf, wo das
Fremde anfngt, dasjenige, was der einzelne nicht als unmittelbar --
sei es beruflich, sei es standesmig, sei es familienmig oder
freund-nachbarlich -- zu sich gehrig empfindet. Aber schon in diesem
Bereich finden sich leicht Abschwchungen der Verantwortungsfredigkeit
und des Pflichtgefhls. Man wendet ein, der Z w a n g knne die
Gemeinschaftsgesinnung ersetzen und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen
erzielen. Das ist ein Irrtum. Zwang und Gewalt sind keine Bindungen von
innen, sondern Grenzen von auen. Ihre Reichweite ist beschrnkt; wir
sehen es am russischen Beispiel, wir erlebten es am eigenen Leibe in
der Kriegswirtschaft. Eine Grenze von auen bedeutet immcr gleichzeitig
eine Prmie auf Grenzberschreitung, und deren Mglichkeit ist immer
gegeben. Sie unterhhlt das ganze Gefge, whrend die klappernde Mhle
von Verordnungen und Strafbestimmungen leeres Stroh drischt. Der
radikale Vcrsuch, mit G e w a l t die sozialistische Gesellscafts- und
Wirtshaftsidee durchzusetzen, fhrt notwendig zur Lhmung der
Wirtschaft durch Abdrosselung der Wirtschaftsenergien und zur
Erstickung aller Initiative durch Bureaukratie. Pflichtgefhl und
Verantwortung fr das Ganze hngen nicht an der Koppel du
Polizeidieners.

Mit dieser Ablehnung der allgemeinen und zentralistischen
Sozialisierung ist das Sozialisierungsproblem jedoch nicht erschpft.
Wir sahen bis jetzt nur seine Grenzen. Nur auf dem Boden einer
Gemeinschaftsgesinnung ist Gemeinschaftswirtschaft mglich. Diese
Gemeinschaftsgesinnung aber kommt nicht von oben, durch Verordnung,
sondern nur von unten, aus sittlichen Grundvorstellungen bei
Gemeinsamkeit des Lebens und Erlebens. Wir sahen das andere: Sachliche
Vorbedingungen sind unerllich; sie liegen aber von Gewerbe zu Gewerbe
verschieden und sind selbst innerhalb der einzelnen Gewerbe mannigfach
gelagert. Diese Verschiedenheit der sachlichen Vorbedingungen macht die
Forderung der allgemeinen Sozialisierung zu einer unmglichen, das
heit nach aller vernnftigen Erwgung fehlschlagenden Lsung. Sie
ntigt uns, ber die Herrschaft der Phrase und der wohlmeinenden, aber
unverstndigen Kpfe hinauszukommen, den vernnftigen Kern der
Sozialisierungsidee zu retten vor ihren eigenen schlecht beratenen
Freunden. Die ganze Sozialisierungsaktion lst sich auf in eine Flle
von schwierigen Einzelproblemen. Die erste und zweite
Sozialisierungskommission hat dieses Ergebnis gezeitigt und die
Schwierigkeit der ganzen Frage ins hellste Licht gerckt.
Sozialisierung ist aus einer marxistischen Verheiung und einem
sozialistischen Dogma eine Organisationsfrage der Wirtschaft geworden.

Heute ist man sich allenthalben darber klar, da unsere ueren und
inneren Daseinsbedingungen jene Formen und jene Verfassung der
Wirtschaft fordern, die technisch und wirtschaftlich die
leistungsfhigsten sind.

Damit taucht das Problem der wirtschaftlichen F o r m b i l d u n g
auf. Es ist unbegreiflich, da man drei kostbare Jahre hat verstreichen
lassen, ohne durch organisatorische Versuche brauchbare Formen der
Betriebsverfassung herauszufinden. Es macht einen kmmerlichen
Eindruck, zu sehen, wie festgerannt man auf diese oder jene Form der
Arbeits- und Betriebsverfassung ist. Man bersieht dabei, da reiche
Bauformen ntig und zweckmig sind. Eine Wirtschaftsverfassung ist
kein Militrrock, der auf jeden passen mu. Die Formen der
kapitalistischen Unternehmung sind sehr vielgestaltig, aber alle auf
ihre Art zweckmig. Warum will man nicht Grundtypen
gemeinwirtschaftlicher Unternehmungsform herauswachsen lassen? Wer
nicht die bornierte Auffassung hat, es knne nur diese oder jene
(natrlich gerade von ihm vertretene!) Form in Betracht kommen, wird
zugeben, da eine Vielgestalt der Verfassungen denkbar ist, die den
gemeinwirtschaftlichen Ansprchen gerecht wird ohne jene Energien zu
ersticken, die auf dem Boden der Selbstverantwortung gedeihen.

Das wird zumal derjenige zugeben, der in die inneren psychologischen
Antriebe des Sozialisierungsverlangens geschaut hat. Woher stammt
unsere Arbeiterbewegung, woher stammen ihre Wirtschaftsideale und
Gesellschaftsanschauungen? Unzweifelhaft aus der Abwehr gegen die
Arbeitsverfassung, die Arbeitsmethoden, die Ertragsverteilung und die
gesellschaftliche Stellung der Handarbeit in unserer modernen
Wirtschaft. Wer das nicht im Auge behlt, sieht das ganze Problem der
Sozialisierung und des Sozialismus falsch. Skizzieren wie die Punkte,
die die Arbeiterschaft veranlassen, die moderne Wirtschafts- und
Gesellschaftsverfassung mit so ungeheurem Nachdruck abzulehnen. Die
Arbeit ist im kapitalistischen Betrieb fremdbestimmte Arbeit an fremden
Arbeitsmitteln, fr fremden Ertrag, unter fremdem Kommando, gegen einen
Lohn, der die Besitzlosigkeit des Arbeiters und damit seine erzwungene
Einordnung in das kapitalistische Arbeitsverhltnis dauernd und erblich
macht. Sie ist mechanisierte Teilarbeit, die keine Persnlichkeitswerte
braucht und vertrgt. Sie ist weiterhin Arbeit von Massen, und zwar von
Betriebsmassen, wie auch Grostadtmassen. Die Arbeiterschaft als Ganzes
stand gesellschaftlich und staatsbrgerlich nicht in der Geltung und
Achtung, die sie nach ihrer Bedeutung fr Wirtschaft, Staat und
Gesellschaft beanspruchen zu knnen glaubte. Zu diesen objektiv
feststellbaren Quellen der Abneigung gegen die moderne
Wirtschaftsverfassung kommen als weitere die spezifisch proletarischen,
vom Marxismus formulierten und genhrten Klassen- und Wertgefhle der
Arbeiterschaft. Aus diesem Gesamtkomplex der Empfindungen und
Anschauungen flo die Sozialisierungsidee, der Zukunftsstaatgedanke,
die bewute und gewollte Gettohaftigkeit des Proletariats in
weltanschaulichen und sozialen Hinsichten. Der Grundgehalt des
Widerstandes gegen den Kapitalismus war die Revolte des lebendigen
Menschen dagegen, bloes Mittel zu sein fr privatwirtschaftliche
Zwecke und fr ein hchstes Produktionsideal.

Wer das bedenkt, sieht de notwendig zweiseitige Lsung des
Sozialisierungsproblems. Die eine Lsung ist die wirkliche und
wahrhaftige berfhrung dazu geeigneter Betriebe in de ffentliche Hand
oder in gemischtwirtschaftliche Betriebsform oder in
Selbstverwaltungskrperschaften -- alle drei unter Anteilnahme und
Mitbestimmung der Arbeiter; beziehungsweise die Beteiligung der
Arbeiter an den Ertrgen der Unternehmung in der einen oder anderen
Form -- Kleinaktie, Gewinnbeteiligung, auch arbeitergenossenschaftliche
Fhrung und bernahme von Betrieben. Die andere Lsung des
Sozialisierungsproblems ist unvermeidlich die: es mu die Stellung des
Arbeiters im Wirtschaftsproze selbst gendert werden. Er mu
Mitbestimmungsrecht in gewissem Rahmen haben; er mu mit dem Betriebe
enger verwachsen, als es bisher der Fall war; er mu gegen die
Konjunkturgefahren, gegen Betriebsunflle, gegen Alter und Invaliditt,
gegen Ausbeutung geschtzt werden. Die soziale und rechtliche Geltung
der Arbeiterschaft mu auf ihr richtiges Ma gebracht werden. All das,
damit er selbst lebendige Verantwortung fr den Betrieb und
Pflichtgefhl der Arbeit gegenber aufbringen knne! Das ist nicht nur
eine sozialpolitische Notwendigkeit, es ist vor allem ein
wirtschaftspolitisches Erfordernis. Nur so wecken wir Verantwortung und
Pflichtgefhl, nur so durchdringen wir die Wirtschaft bis in de
kleinsten Zellen mit diesen Eigenschaften.

Ein gewichtiger Teil der Gesetzgebung hat sich seit der Revolution mit
Reformen in dieser Richtung befat. Zunchst die Reichsverfassung
selbst. Sie stellt die Arbeitskraft unter den besonderen Schutz des
Reiches. Sie gewhrleistet das freie Vereinigungsrecht fr jedermann,
fr alle Berufe. Sie verspricht ein einheitliches Arbeitsrecht und
einen entschlossenen Ausbau der Sozialpolitik. Sie nhert sich dem
Gedanken des Rechtes auf Arbeit durch die Bestimmung, da es jedem
Deutschen ermglicht werden solle, durch wirtschaftliche Arbeit seinen
Unterhalt zu erwerben, und sichert fr die Notflle der
Arbeitslosigkeit den Unterhalt zu. Sie bringt allerdings auch zum
Ausdruck, da jeder Deutsche die sittliche Pflicht habe, seine
geistigen und krperlichen Krfte fr das Wohl der Gesamtheit
einzusetzen. Konkreter werden die Bestimmungen der Verfassung
hinsichtlich der Anerkennung der Gleichberechtigung von Arbeitern und
Angestellten bei der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein
Aufbau von Betriebsrten und Bezirksrten, sowie einige auf
Gemeinwirtschaft zielende Bestimmungen sind verfassungsrechtlich
festgelegt.

Diese verfassungsrechtlichen Ankndigungen haben teilweise bereits ihre
Verwirklichung erlebt. Wir erwhnen in diesem Zusammenhange das neue
Recht der Tarifvertrge und der Schiedsgerichte, und vor allem das
Betriebsrtegesetz.

Noch ehe die Reichsverfassung die Gedanken der Gemeinwirtschaft und die
Richtlinien der sozialen Befriedung festlegte, hatten die Verbnde der
Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich zusammengefunden, um auf einer neuen
Grundlage die kommenden Schwierigkeiten der Nachkriegszeit durch
gemeinsame Vereinbarungen zu bewltigen. Schon im November 1918
erschien die sogenannte "Vereinbarung"; in ihr anerkennen die Vertreter
der Arbeitgeberverbnde die Gewerkschaften als berufene Vertretung der
Arbeiterschaft, in ihr wird jede Beschrnkung der Koalitionsfreiheit
untersagt, und der Arbeitsfriede in Gestalt allgemeiner
tarifvertraglicher Regelung, der Arbeitsausschsse, der
Schlichtungs- und Einigungsmter grundgelegt. Auf diese Vereinbarung
erfolgte im Dezember 1918 die Errichtung der sogenannten
Arbeitsgemeinschaften. Man hat diese Vereinbarung nicht mit Unrecht die
Magna Charta der Arbeiterschaft im neuen Deutschland genannt. Sie
verwirklicht gewerkschaftliche Forderungen, um die jahrzehntelang
umsonst gekmpft worden ist. Sie fhrt Arbeitgeber- und
Arbeitnehmerverbnde zusammen zu parittischer Entscheidung all der
Fragen, die das Arbeitsverhltnis betreffen. Wenn auch heute schon
feststellbar ist, das [sic] lngst nicht alle Bltentrume gereift
sind, die an die Vereinbarung, die Arbeitsgemeinschaften und das
Betriebsrtegesetz anschlossen, so ist doch der eingeschlagene Weg
g r u n d s  t z l i c h   r i c h t i g  und wird sicher nicht mehr
aufgegeben werden fr das zweifelhafte Linsenmus wilder
Kampfauseinandersetzungen --, deren Last und Folgen wrden auf beide
Teile vernichtend zurckfallen. So knnen wir hoffen, nach Zeiten
strkster sozialer Konflikte und Spannungen allmhlich alte Gegenstze
abzubauen, den Weg zum sozialen Frieden zu finden. Was der Glanz der
deutschen Macht, der Stolz auf das nach auen einige Vaterland und der
Schimmer blendenden Reichtums nicht vermochten, das wird, so hoffen
wir, als ein Werk der deutschen N o t zustande kommen: die Einigung
Deutschlands nicht nur nach Verfassungsparagraphen, sondern aus der
Einheitsgesinnung und aus dem Einheitswillen des ganzen Volkes heraus!

Wir brauchen brauchen diesen unbeirrbaren Einheitswillen, um als Volk
und als Staat durch die trostlose Nacht des nationalen Unglcks
hindurchzukommen. Wir sind nicht mehr Herren im Lande, weder
staatsrechtlich -- das einzige Souvernittsrecht, das der
Friedensvertrag uns gelassen hat, ist nach den Worten van Calcers das
Recht, Krieg zu erklren; ein platonisches Recht fr ein Volk, das man
entwaffnet hat, und das nach allen Richtungen unter Kontrolle steht --
noch wirtschaftlich. Durch ungeheuere Verpflichtungen sind wir zum
Lohnarbeitervolk geworden; die Last der Reparationen, die
Ausgeschpftheit unseres Wohlstandes ntigen uns, die Betriebsmittel
unserer Lohnarbeit sogar noch vom valutastarken Ausland uns erstellen
zu lassen. Wir brauchen Aufbau- und Betriebskapitalien, unsere
Kapitalbildungskraft ist minimal, und so droht uns die Gefahr, da
unsere Industriewerte vom auslndischen Kapital "berfremdet" werden.
Milliardenbetrge an Mark, aufgenommen vom Ausland, strmen zurck;
Milliardenbetrge an Schatzanweisungen, Obligationen und Industriewesen
mssen ins Ausland verzinst werden. Der Dollar, das Pfund Sterling, der
Gulden und der Frank bemchtigen sich unserer Industriewerte, unserer
Huser, unseres Grundbesitzes, unserer Vorrte. Das ist ebenso
schmerzlich wie unabwendbar; wir brauchen das fremde Kapital. Es kommt
darauf an, es nicht der Menge nach, sondern seinem Macht- und
Verwaltungsanspruch nach zu begrenzen oder, wie Professor Schumacher
das neuerdings ausdrckte, es zu "entgiften", den Strom dieser
Kapitalien zu regulieren. Gewi wre es wnschenswert, wenn diese
auslndischen Kapitalien die wenigst bedenkliche Anlage in Deutschland
whlen wrden, wenn sie dem G r u n d b e s i t z zuflssen. Aber das
ist wenig wahrscheinlich. Die Anlage, die sie suchen, und in der die
meisten Gewinne locken sind eben die Industriewerte; und unsere
Regulierung dieser Kapitalzuwanderung ist damit beschrnkt auf das
Aushilfsmittel der Vorzugsaktie. Im brigen stehen wir dem Proze so
lange mit gebundenen Hnden gegenber, als die Reparationslast und die
Steuern unsere Sparkraft lhmen.

Aufkauf unserer Werte durch das valutastarke Ausland -- Abschpfung
unserer Arbeitsertrge durch Steuern zu Zwecken der Reparation: das
heit wirklich das Licht an zwei Enden anznden! Die Unhaltbarkeit
dieser Sachlage anerkennen selbst fhrende Wirtschaftspolitiker aus dem
Ententelager. Unter ihnen erwhnen wir Van der Lip und Keynes. Der
Englnder Keynes, der in seinem bedeutungsvollen Buche ber den
Versailler Vertrag ein groes Ma an ruhiger Vernunft bewies, uert
sich in neuerlichen Aufstzen in der "Industrie- und Handelszeitung"
ber die Fhigkeit Deutschlands, die ihm aufgelegten Lasten zu tragen.
Er kommt zu einem negativen Ergebnis. Er sieht im Londoner Diktat eine
provisorische Abmachung, die schon im nchsten Jahre ihre
Unzulnglichkeit zeigen werde. "An einem bestimmten Zeitpunkt, der
zwischen Februar und August 1922 liegt, mu Deutschland der
unvermeidlichen Zahlungsunfhigkeit erliegen. Nur bis dahin reicht die
Schonzeit, die gewhrt wird." Diese Ansicht sttzt Keynes auf eine
Untersuchung der Handelsbilanz, des deutschen Staatshaushalts und des
deutschen Volkseinkommens.

Diese Darlegungen, deren sachliche Richtigkeit nicht bestritten werden
kann, die hchstens die eine Frage offen lassen, ob der von Keynes
genannte Termin gerade der richtige ist, zeigen uns, in welch
gefhrlichem Fahrwasser das lecke Schiff der deutschen Wirtschaft
schwimmt. Das Echo, das sie in England und Frankreich vielfach gefunden
haben, beweist, wie machtvoll heute die Idee der Gewaltpolitik unter
Abweisung aller Vernunftserwgungen und aller sittlichen Begriffe in
den Kpfen der Sieger herrscht. Man sieht nur Goldmilliarden, die mit
dem Rechte Shylocks erpret werden mssen; aber man sieht nicht die
Abgrnde, die vor ihnen liegen. Die geistige und sittliche Einheit
Europas ist vor dem nationalen Machtrausch und vor der Habgier der
heute, zumal in Frankreich, fhrenden Schichten ein Schrei in die
Wste. Gerechtigkeit in der Behandlung groer, wehrloser Vlker ein
leerer Paradespruch fr Bankette, das Drapeau, mit dem Gewalttat und
Eroberungsgier zugedeckt werden. Der Geist Richelieus ist wieder
lebendig geworden, am Rhein und im Osten; nur ruft er heute keine
Trken herbei, sondern Schwarze und Braune aus allen Himmelsstrichen
und mobilisiert die slawische Welt gegen uns. Wir sind heute das
ungedeckte Glacis des elementar gegen Europa vordringenden Slawentums.
Drfen wir hoffen, da die unwiderlegliche Logik der Geschichte selbst
die Einsichtslosigkeit beheben, den verbrecherischen bermut dmpfen
wird? Mssen die Trostlosigkeiten dauernder politischer Unruhen und
chronischer wirtschaftlicher Verarmung erst die ganze Welt schtteln
und erschttern, ehe der Satz begriffen wird, da kein Volk auf die
Dauer davon leben kann, da es das andere unter die Fe tritt und
ausraubt! Wahrlich, wir haben unser gutes Gewissen wiederbekommen an
all den Furchtbarkeiten und Greueln, die man uns seit dem
Waffenstillstand zugefgt hat. Mit diesem guten Gewissen haben wir die
neue Pflicht fr das gequlte und leidende Europa bernommen, der
Gerechtigkeit und der Ansicht breite Tore in uns und allen zu ffnen,
die in Europa und in der Welt noch guten Willens sind. Das sei im
Dunkel der gegenwrtigen Stunde unser Trost, da wir nie zu so groer
Mission gelutert und berufen waren, wie wir heute sind!



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHES LEBEN DER GEGENWART***


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