The Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen
Zchtling, by Joseph M. Hgele

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.net


Title: Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Zchtling
       Zweiter Theil

Author: Joseph M. Hgele

Commentator: Alban Stolz

Release Date: July 13, 2005 [EBook #16279]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUCHTHAUSGESCHICHTEN ***




Produced by Robert Kropf and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net





_ Kursiv / italic
# Fett / bold
% Antiqua / antiqua
[] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos



  Zuchthausgeschichten

          von

einem ehemaligen Zchtling


       *       *       *       *       *


    Mit einem Vorwort

          von

    #DR. ALBAN STOLZ#


Professor an der Universitt zu Freiburg.


       *       *       *       *       *


#ZWEITER  THEIL#


       *       *       *       *       *


Mnster, 1853.


#Der Duckmuser#


Wir befinden uns im Krankensaale des Zuchthauses zu Freiburg. Es ist ein
helles, freundliches, trauliches Gemach; die reinlichen Betten mit ihren
Tfelchen oben an der Wand, die einfachen, doch stets blank gescheuerten
Nachttische, der lange Tisch mitten in der Stube, dort an der Sule die
Schwarzwlderuhr mit ihrem bunten Zifferblatte und schwerflligem,
regelmigen Picken, der groe Kachelofen dort neben der Thre, dessen gelb
glasirte Kacheln mit dem mattgrnen Wandanstriche harmoniren, der
Ordinationskasten mit seinen Flaschen, Glsern, Schsseln und Dten
obendrauf, all dieses zusammen macht einen gemthlichen, wohlthuenden
Eindruck und das geschftige Hin- und Hereilen des Krankenwrters, das
freundlich stille Benehmen des Aufsehers, das menschenfreundliche des
Arztes und der Beamten bei ihren Besuchen lassen Einen schier vergessen,
da man ein Zuchthusler, ein Gefangener sei und dies um so mehr, weil die
Tracht der Strflinge durch die langen weien Rcke der Genesenden in
Vergessenheit gebracht und der Lrm der Arbeitssle nur von weitem zu hren
ist.

Dort an einem Fenster sitzt ein bleicher, hohlugiger Bursche, hstelt
zuweilen und schaut mit seinen groen Augen, aus welchen bereits der
Lichtschimmer einer andern Welt leuchtet, schwermthig und sehnschtig in
die herrliche Landschaft hinaus. Das nahe Gebirge mit seinen bunten
Wldern, langen Kmmen und Felsenwnden, die Hgel mit ihren Kapellen,
Schlssern, Hfen, Obstgrten, Weinbergen und wogenden Saatfeldern, das
weite sonnige Rheinthal mit seinen blitzenden Quellen und Bchen,
unbersehbaren Matten und Feldern, Alleen und kleinen Wldchen, aus denen
die Kirchthrme vieler Drfer herberwinken, im Hintergrunde eine lange im
Duft verschwindende Waldlinie, weiter hinten eine Hgelkette voll Drfern,
gleichsam mitten in einem ungeheuern Garten stehend, vom dunkeln, den
Gebirgszug abschlieenden Walde umzumt; zuletzt hinter diesem mchtigen
Zaune das mchtige, wie eine dunkle Wolkenmasse in das gartenhnliche
Rheinthal herberstarrende Vogesen-Gebirge, auf welches sich das tiefe Blau
des Himmelsdomes zu sttzen scheint--all dieses gewhrt einen Anblick,
dessen entzckende Schnheit der roheste Strfling tief empfindet, wenn er
auch seine Empfindung niemals auszusprechen und noch weniger mit dem Messer
des Verstandes anatomisch zu zergliedern versteht.

Und wenn erst die leuchtende Knigin des Tages hinabtaucht in einem
Gluthmeere voll unaussprechlicher Farbe, ihre halbe Scheibe hinter den
dunkeln Vogesen vollends versinkt, ihre letzten Strahlen aus hundert
Fenstern und Quellen blitzen und zucken, das weite Rheinthal, die Hhen des
Schwarzwaldes mit einem rosigen Verklrungsschimmer bergieen, der mehr
und mehr, die Ebene dem Sohne der Nacht, dem Schatten berlassend die Hhen
emporfliet, von den hchsten Gipfeln noch einen Scheideblick in das
dmmernde Thal hinabwirft und dann zum Himmel zurckkehrt--ach, man glaubt
Gott ber das Land schreiten zu sehen, in ein versinkendes Paradies
hineinzuschauen! ...

Im kranken Gefangenen wird der Verbrecher vergessen, wenn er nicht selbst
daran erinnert, das Damoklesschwert der Hausordnung hngt minder drohend
ber seinem Haupte, an die Stelle unerbittlicher Beamten tritt der heilende
Arzt.

Der Gefangene nhert sich einigermaen dem Zustande der Freiheit, die
Krankenstube verbindet ihn durch die Aussicht in den Marktlrm des
Stadtlebens mit der Gesellschaft, durch die Aussicht in die wunderliebliche
Landschaft mit der Natur, durch beides mit Gott etwa? Selten! ...

Alle Vortheile, aber auch alle Nachtheile der Krankenstuben ordentlicher
Spitler finden sich in diesem Saale des Zuchthauses vereiniget.

Gegenwrtig liegen nur wenige Kranke in den Betten, mehrere sitzen auf dem
Rande derselben oder auf einfachen Sthlen, andere am langen Tische, um
Kaffeebohnen auszulesen oder Dten zu fabriziren.

Mild und freundlich schaut die Sonne herein, der ergraute Aufseher macht
ein Schlfchen, wer wollte es ihm verbeln? Tausende von Nchten hat er in
einer langen Reihe von Jahren treulich durchwacht, schon seit zwlf Uhr
Nachts ist er wieder auf den alten Beinen, die Natur berwltiget ihn, er
mag immerhin duseln und trumen von einer bessern Besoldung! ...

Mehrere Gestalten sind uns bekannt.

Auf jenem Bette liegt halbaufgerichtet der Mordbrenner aus der Baar, sttzt
das Bulldoggengesicht in die schwielenharte Faust und starrt finster und
trotzig durch die hellen Scheiben in das freundliche Himmelsblau.

In jenem Winkel lehnt der Exfourier, blttert in einem alten,
halbzerrissenen Gebetbuche und das hhnische Zucken der Mundwinkel zeigt
schon, da er nicht betet, sondern critisirt, wenn er auch nicht von Zeit
zu Zeit ber "den Thurm Davids, das elfenbeinerne Gef und goldene Haus"
seine Kasernenwitze losliee.

Neben ihm liegt Martin der Wirthssohn, das Gespenst des frheren
Schlosserlehrlings mit verzweiflungvoller Resignation lchelnd, wenn er zu
fhlen vermeint, wie der Tod langsam zu seinem Herzen steige.

Das Murmelthier fehlt auch nicht, sondern schnarcht den Faden des Lebens
weiter, whrend im weien Nachtrocke und Pantoffeln leise eine Gestalt mit
gebrunter, von tiefen Leidenschaften durchwhltem Gesichte auf und ab
wandelt--der Spaniol, der vor kurzer Zeit mit dem betrogenen und als Ruber
zum zweitenmal verurtheilten Zuckerhannes hier zusammentraf. Von Zeit zu
Zeit steht der Spaniol dster sinnend an einem Fenster, welches in das
Straenleben der Stadt hinabsehen lt und ein wilder Schmerz arbeitet in
seinen Zgen. Drauen Revolution, der erste Kanonendonner der "groen
Zukunft" und er--mit seinen himmelstrmenden Ansichten, seiner verzehrenden
Thatkraft und seinem brennenden Ehrgeize ein Strfling, ein ohnmchtiger
Gefangener, ein gemeiner Verbrecher! ...

Kein Wunder, da er heute nicht predigt; sein Stolz lt ihm keine laute
Klage zu, aber er herrscht auch hier und wrde nicht nur der Liebling der
meisten Beamten und Aufseher, sondern wohl auch der meisten Mitgefangenen
sein, wenn nur der kropfige Zuckerhannes nicht da wre und geplaudert
htte.

Doch diesen blutarmen Menschen um die sauerersparten Pfenninge betrgen,
das ist eine That, welche auch im Zuchthause nicht immer Vergebung findet
und weil der Betrogene den Spaniolen als Vater seines ganzen Unglcks
betrachtet, nichts von der Rechtfertigung desselben hren mochte und bei
der Mehrzahl der Strflinge in der ersten Zeit vollen Glauben fand, dehalb
neigte sich der Spaniol bisher mehr den Htern als den Gehteten zu und
soll neulich den rgsten Aufseher im Eifer fr die Hausordnung berboten
haben.

Wenn er naht, verstummen die Meisten, aus ihren Blicken kann er Vieles
lesen, heute mag er nicht predigen! ...

Der Zuckerhannes selbst liegt im Bette, athmet zuweilen schwer auf und
hustet krampfhaft, horcht auf die Reden einer kleinen Gruppe seiner nhern
Freunde, welche ganz in seiner Nhe sich niedergelassen hat.

Da finden wir den einst so frhlichen und lebendigen, jetzt immer dstern
und schwermthigen Blsi, aus der Pfalz, diesen unglcklichen Dragoner, den
das Schicksal so hart vom Gaule geworfen.

Neben ihm sitzt der Patrik von Hotzenwald, dieser rohe, ungehobelte, doch
gutmthige und witzige Spitzbube, der immerhin noch mehr werth ist, denn
sein Nachbar, der Donat, dessen Geschichte deutlich zeigt, was aus einem
Menschen ohne Erziehung, Geld und Religion werden kann, wenn der Stachel
der Genusucht tief im Fleische mit seinen lsternen Schwingungen steckt.

Diese Leute hren dem Duckmuser zu, welcher keine Gelegenheit fand, dem
Zuckerhannes Gutmachgeld zu senden und sich jetzt nach Bruchsal gemeldet
hat, weil er voraussieht, sein einziger Freund werde nicht mehr mit dem
Leben davonkommen. Den langwierigen Todeskampf des Unglcklichen darf und
mag er nicht ansehen, mag nicht erleben, da eines Tages ihm das Glcklein
verkndiget, der Heguer habe ausgelitten und die letzte Freude des
lebenslnglich Verurteilten habe ein Ende. Lieber will er allein, ganz
allein in einer Zelle leben, denn er hat zwar als Bube betrogen und
gestohlen, bei den Soldaten bse Streiche gemacht und zuletzt seinen Vater
ermordet, doch ein grundverdorbener Mensch ist er bei alledem _nicht_
und wer seine tragische Geschichte kennt, wie der Zuckerhannes dieselbe aus
seinem eigenen Munde hrte oder dazu noch schwarz auf wei von seiner
eigenen Hand besa, der kann diesen Unglcklichen nicht mehr verachten, er
mu ihn bemitleiden und begreift, da ein solcher Mensch mitten unter
Strflingen jahrelang vereinsamt lebte und Sehnsucht nach der Zelle
empfindet.

Was er jetzt dem verunglckten Dragoner, dem ungeschlachten Patrik und dem
leichtsinnigen Donatle erzhlt, sind nur Bruchstcke und der Zuckerhannes
knnte Manches dagegen einwenden, weil er den am Hochmuth laborirenden
Duckmuser auswendig und inwendig sammt der ganzen Geschichte desselben zu
kennen vermeint und findet, derselbe wasche sich viel weier als er sei ...
Man mag sagen, was man will, _der Mensch_ ist _ein geborner
Aristokrat_, denn Jeder will schner, reicher, gescheider [gescheidter],
vornehmer und besser sein, wie der Andere, jeder sucht bei Andern soviel
als mglich zu gelten und vertuscht, heuchelt, lgt, mag er Bettler oder
Graf oder noch mehr sein; die Strflinge bleiben auch hierin Menschen und
die Wenigen, die es dahin gebracht haben, mit Snden, Lastern und
Verbrechen gro zu thun, sind eigentlich verkehrte Menschen,
_Unmenschen_! ... Der Vatermrder ist kein Unmensch; schon die
Erzhlung, welche er seinen Kameraden zum Besten gibt, verrth dem
Eingeweihten die Sucht, nicht schlecht sondern so gut als mglich zu
erscheinen, und wir glauben, die wahre Geschichte desselben beweise, der
arme Tropf sei wirklich unserer Achtung und noch mehr unserer Theilnahme
wrdig, seine Geschichte eine sehr lehrreiche Alltagsgeschichte aus den
niederen Volksklassen.




#DER DUCKMUSER ALS SCHULBUBE.#


Wer sich einen Bauersmann vorstellt, der unter seinem Nebelspalter etwas
finster hervorschaut und dessen eckiges Gesicht die Sorgen des Lebens
tchtig durchfurcht haben, obwohl sie nicht im Stande waren, einen Zug
ernsten Trotzes in unterthnigst kriechende Demuth vor jedem bessern Rocke
zu verwandeln, der hat das Gesicht des Vaters unseres Helden gesehen und
wird den abgetragenen Kittel, die Lederhosen, deren ursprnglich gelbe, die
Weste, deren ehemals rothe in eine von den Malern bisher unentdeckte Farbe
bergegangen ist, nicht vergessen und noch weniger die knorrigen
Eichenfuste und die breitgetretenen Fe des Mannes. Wer sich nher nach
ihm erkundigte, wrde berall erfahren haben, der Jakob sei ein nicht ganz
armer Mann mit sechs lebendigen Kindern, habe niemals recht lesen lernen,
folglich auch den "hflichen Schler" niemals studirt und sei eine
grundehrliche Haut, welche Gott und den Amtmann frchte, mit seinem Weibe
glcklich lebe und von jedem Nachbarn geliebt werde, obwohl er ein bischen
hart, unbeugsam und auffahrend dazu sein knne.

Sein Weib, die Theres, mag in ihrer Jugend nicht hlich gewesen sein, aber
auf dem Lande wird die Schnheit gar rasch verschwitzt und wenn eine Frau
ihre zwlf Kindbetten durchgemacht hat, wirds schlimm aussehen, wenn hinter
der Leibesruine nicht ein treues, frommes Herz schlgt. Doch unter dem
Mieder der Theres sah es gut aus und dehalb lebte sie auch mit ihrem Alten
recht glcklich, insofern festes Vertrauen auf Gott alle Sorgen und
Drangsale des Tages ohne viel nutzloses Klagen und Weinen berstehen lt.

Jakob hatte auf dem Felde, in Wald, Stall und Scheune, die Theres an all
diesen Orten, in der Kche, am Waschzuber, in allen Winkeln des Hauses und
im Garten dazu vom Anbruch des Tages bis zur sinkenden Nacht alle Hnde
voll zu thun, so da die Beiden auer an Sonn- und Feiertagen wenig mit
einander plaudern, geschweige zanken konnten. Wenn es so kalt wurde, da
der Jakob seine 5- bis 8pfndigen Schuhe anziehen mute, dann wurde er
etwas brummig, denn das war Zeitverlust und wenn der Mond schien, war er im
Stande, noch in der Sommer-Nacht zartes Laub und dergleichen fr seine
Khe, Geisen und Schweine zu holen und es war gut, da seine Hnde nichts
davon wuten, die Brombeeren und Schlehen htten auch Dornen, und da er
mit bloen Fen im Verhau herumstolperte, ohne von spitzen Dornen, Steinen
und dergleichen mehr als eine Ahnung zu besitzen. In der Nacht bekam er
seine Ruhe, wenn nicht gerade eine Kuh kalbern wollte, das Geschrei der
Kinder beirrte ihn wenig; wenn er die ganze Woche tchtig gearbeitet hatte
und am Sonntagmorgen vor der Kirche so glatt und freundlich wie ein
Schuljunge hinter dem Ofen hervortrat, wo er sich ohne Spiegel und Seife
musterhaft rasirte, dann pflegte er zu sagen: "Theres, die Arbeit ist
gethan, heute wird zum Herrgott gebetet und Mittags im Hirzen drben ein
Hlbsle getrunken, wenn auch der Bettelvogt noch zehnmal schellt von wegen
der Herrensteuer!" ...

Die Theres freute sich auch auf den Sonntag, denn wenn es fr sie auch
keinen Hirzen gab, so gab es doch eine Kirche und eine rechte Predigt und
ordentlicher Gottesdienst erquickt ein frommes Weibergemth mehr, denn ein
Flein Burgunder oder gar Capwein. Die Woche ber kam die Theres kaum zum
Athemholen und in der Nacht, wenn der Jakob schnarchte trotz der grten
Bageige, fing die Plage erst recht an, denn die eisgraue Gromutter konnte
die Kinder in der Nacht nicht alle pflegen und schweigen und trocken legen,
und wenn eines zahnte oder sonst krankte, schlossen die beiden armen Weiber
oft kein Auge.

Am Sonntag aber wars so traulich in dem aufgeputzten Huslein, als ob die
Leute die Kirche aus dem Gottesdienste mit sich genommen htten und Mittags
stand auch Fleisch auf dem Tische, an hohen Festtagen Wein aus dem hintern
Flein, wo der Alte und Gute lter und besser wurde, whrend der
Gewhnliche vom Essig wenig sich unterschied.

Nachmittags nach der Vesper zog dann Jakob seinen blauen Rock ohne Kragen
mit tellergroen Metallknpfen an, stopfte sein Pfeiflein, drckte den
Nebelspalter ein bischen aufs linke Ohr und machte mit dem Liebhardt,
Fidele, Michel oder Bassi einen Gang durch die Fluren und dann in den
Hirzen, um bis zum Abend an seinem Hlbsle zu trinken, whrend das junge
Volk kegelte, auf der Strae spielte, in Rdlein beisammen stand oder Arm
in Arm kettenweise singend durch das Drflein auf und ab zog. Es mochte
zweifelhaft sein, ob der Jakob an seinen Aeckern und Khen grere Freude
hatte, denn an seinen Kindern, mindestens pflegte er jene zrtlich, whrend
er diese nach Herzenslust herumkrabbeln, fallen und heulen lie, ohne sich
gro umzusehen, dagegen bleibt es sicher, da die alte Hanne ganz vernarrt
in ihre Enkel und die Theres in den Benedikt am vernarrtesten war.

Der Benedikt, ihr erstes Kind hie ihr "Augpfelchen" und man darf ihr
solche Vorliebe verzeihen, obwohl sich dieselbe nicht nur in Blicken und
Reden kund gab. Der Benedikt mit seinen schwarzen Haaren, den runden
Apfelbcklein, kohlschwarzen Augen und dem freundlichen Munde war wirklich
ein herzallerliebstes Bblein und dabei so munter und gescheid, wie keins
im Dorfe gefunden wurde.

Die Leute hatten keine eigene Kirche, nicht einmal eine Kapelle, muten im
Leben und Tod ihrem Herrgott die Besuche im nchsten Orte abstatten und als
der Benedikt die ersten Hslein an hatte und vom Vater am rechten von der
Mutter am linken Hndlein zum ersten Mal in die Kirche gefhrt wurde,
blieben alle Leute stehen und gab es eine ganze Prozession von schweigenden
und redenden Bewunderern, das Herz der Eltern bebte vor Freude und daheim
konnte Theres der alten Hanne nicht genug erzhlen, welche Ehre sie mit dem
"Augpfelchen" eingeerndtet, wie brav er in der Kirche gewesen, die
Hndlein gefaltet und bei der Wandlung mit Kreuzmachen und Brustklopfen gar
nicht mehr aufgehrt habe. Das Bblein holte bereits Alles beim Krmer,
besorgte alle Auftrge pnktlich, griff alles geschickt an, es mochte sein,
was es wollte und lachte vor Vergngen laut auf, wenn man es nur lobte. Mit
Lob lie sich der Benedikt durchs Feuer treiben.

Besa das Drflein keine eigene Kirche und keinen Pfarrer, so besa es doch
eine eigene Schule und einen Schulmeister. Zwar hatte dieser nirgends
besonders studirt, war eine gefallene Gre, nmlich ein groer Maurer, der
von einem Dachsparren herabgefallen und ein Bein gebrochen hatte, dabei ein
guter, braver Mann und wute Alles den Kindern beizubringen, was diese in
der Welt brauchen, vor allem den Katechismus.

Der Benedikt sa keine sechs Wochen in der Schulstube, so wurde auch der
alte Lehrer gnzlich in ihn vernarrt und es dauerte keine zwei Jahre, so
kannten die Kinder Einen Ihresgleichen als Unterlehrer, nmlich des Jakoben
Benedikt.

Was Andere in einem Jahre lernen, lernte unser Held ohne groe Mhe in vier
Wochen und was der Mathes, der acht volle Jahre stets im Eselsbnklein sa
und spter dennoch ein tchtiger Bauer und braver Mann geworden ist, in
seinem Leben niemals begreifen wird, begriff der Benedikt rascher und
leichter als die gescheideste [gescheidteste] Schulkamerdin, nmlich die
Susanna.

Eine andere Uhr denn eine Sonnenuhr besa weder die Schule noch der
Schulmeister und vom achten Jahre an war der kleine Schulmeister auch
"Zeitverwalter" mit einer kleinen Unterbrechung gegen das Ende der
Schuljahre, wo der Muthwille, der in ihm steckte, den alten Lehrer einige
Wochen in Verzweiflung setzte.

Das Augpfelchen der Theres wurde das Augpfelchen des Lehrers, aller Buben
und Mgdlein und vieler Erwachsenen und vielleicht haben die
Weihrauchwolken dazu beigetragen, auch seine Gestalt in die Lnge und
Breite zu treiben.

Mit den Buben stand er gut, weil er der Strkste, bei allen Spielen und
lustigen Streichen, die sich mit seiner Unterlehrersehre vertrugen, voran,
dabei unpartheisch und freundlich gegen alle war und bei den Mdlen stand
er besser als jeder Andere angeschrieben, weil er eine merkwrdige Vorliebe
fr sie hegte, sie zart und schonend behandelte, gegen Schimpf und Schlge
schtzte, ihnen in der Schule einsagte, beim Singen eines Liedes den
rechten Ton anstimmte und die leidigen Schulaufgaben gegen ein bischen Lob
oder auch gegen ein Schmtzlein machen half.

Um nicht weitlufig zu werden und dennoch einen rechten Begriff von dem
kleinen Benedikt zu bekommen, der ein ganz anderer Kerl war, denn der
verachtete, blutarme und arg vernachligte Zuckerhannes, wollen wir nur
drei Thatsachen aufmerken.

An einem Frhlingstage wird in der Schule biblische Geschichte gelesen und
die Kinder schauen sehnschtig durch die Scheiben in die grnende und
blhende Welt und rcken unruhig hin und her, denn das stundenlange Sitzen
und Schwitzen ohne Unterbrechung ist die Folter der Kinderjahre. Auf einmal
zupft ein Mdle das Andere und ein Bube den Andern und wer den Grund
entdeckt, hlt die Hand vor den Mund oder kichert laut. Wehalb? Der
"Unterlehrer" hat aus einem Stcklein Holz und vier beinernen Knpfen ein
Wgelein gezimmert, einen kleinen Kiesel als Fracht darauf gelegt und vier
stattliche Maienkfer, an eine Deichsel gebunden, ziehen das Ganze ber die
Sitzbnke. Der Lehrer merkt's, zieht die Stirne kraus und ruft den Benedikt
auf, im Lesen fortzufahren. Wer beim letzten Wort weiter fhrt, ohne eine
Miene zu verziehen, ist der Benedict. Der Lehrer wei, welchen Kopf und
welche Kenntnisse der muthwillige Unterlehrer besitze, meint, derselbe sage
einige Satze auswendig her und werde bald stecken bleiben, doch der
Benedict liest und liest, ohne nur einmal zu stottern, ohne eine Silbe zu
verfehlen.

Dessen verwundert sich der Lehrer, steht auf, greift nach Benedicts Buch
und siehe--dieser hat Alles auswendig hergesagt, denn lesen konnte er schon
dehalb nichts, weil er das Buch, wie der Lehrer auch seither geglaubt,
verkehrt in der Hand hielt.

Dieser Streich und hundert hnliche dazu verschafften dem Benedict den
Beinamen "Leichtsinn" und mit den Jahren wuchs sein Leichtsinn wirklich,
wie er denn einmal, als ein Schuldschein geschrieben werden sollte, dem
Lehrer keinen andern machte als folgenden:

"Ich heie Leichtsinn, bin der Leichtsinnigste und habe in diesem Zustande
geschrieben!"

Wenn er wollte, brachte er stets die besten Aufstze, doch schien er immer
weniger zu wollen, der Lehrer sagte wenig dazu, verschonte ihn fernerhin
auch mit Schlgen und wute warum.

War eine Schulaufgabe zu machen oder gar die Sonntagspredigt
nachzuschreiben, so gings wie eine Prozession zu Jacobens Haus, denn hier
sa der Benedict, trug die Predigt Wort fr Wort im Kopfe und dictirte
Jedem der zu ihm kam und Jedem verschieden, je nachdem er den Hansjrg mit
seinem harten Hirnkasten, den Mathes, diesen privilegirten und getreuen
Eselsbankdrcker oder einen Gescheidtern vor sich bekam. Die besten
Aufstze jedoch dictirte er den Mdlen, lief stundenlang von Haus zu Haus
und bevor die Sabin insbesondere das Flieblatt ins Heft gelegt hatte,
dachte er nicht ans Ballspielen oder an etwas Anderes.

An einem Winterabend zogen alle Buben ihre Schlitten lange vor der Betzeit
heim und mit vielen Erwachsenen dem Rindhofe zu und Niemand fragte, was es
gebe, weil Jeder wute, es werde alldort Comdie gespielt. Die Mdchen
saen schon in der Scheune, Sabinens Gesicht glnzte vor Freude; sie sa
mit der Mutter Theres und Hanne auf der vordersten Bank, der Jacob fehlte
auch nicht und sah heute nicht sorgenschwer und finster drein, sondern
koste mit zweien seiner jngern Kinder; die Bnke fllten sich rasch und
Alles schaute gespannt und ungeduldig nach einem Vorhange, der aus vier
zusammengenhten Leintchern gebildet war. Endlich kommt auch der alte
Lehrer, eine Schelle lrmt, der Vorhang geht auf und mit einem Ah! der
Bewunderung betrachten Alle--das Marionettentheater und wissen, da heute
der Benedict den "verlornen Sohn" spielen wird.

Hat der Benedict dem Landstreicher Kranich nicht lngst alle Possen
abgespickt? Macht er ihm nicht alle Zauberstcke nach und hat er nicht die
Herzen der Dorfbewohner schon durch den "Todessprung des Ritters, den
Doktor Faust, die Genofeva von Brabant, die drei Mllerstchter, die
Hirlanda, schne Magelona" und Anderes erfreut? Sind nicht Einzelne aus den
nahen Drfern und einmal sogar der Herr Pfarrer gekommen? Hat der Benedict
nicht seine Herzkfer, die Sabin, Euphrosin, Susann, Margreth, Thekla,
Line, Affer, Lisbeth und Andere geplagt, bis alle Puppen da waren? Hat er
nicht den Hanswurst selbst gemacht und dazu ein Stck Hosenleder
verschnitten, welches dem Mtterchen auf Ostern Schuhe htte geben sollen?

Heute bat er sichs sauer werden lassen, um den "verlornen Sohn" prchtig
auszustatten. Jetzt sieht man den Alten in seinem Ruhesessel, der lteste
Sohn steht trotzig vor ihm und fordert sein Erbtheil. Dann geht er fort ins
fremde Land, ein Reisender kommt zu der Mutter und sagt derselben, aus
ihrem Sohne sei etwas Groes geworden, er kommandire eine ganze Armee.
Richtig kommt der Sohn mit seiner groen Armee, diese jauchzt, johlt und
jodelt wie nach dem grten Siege selten eine und so geht das Ding fort bis
ans Ende, wo der Benedict ein bischen heiser wird.

Wer aber beschreibt das Entzcken des Publikums? Wann hat der vielgebte
Kranich jemals den weichherzigsten Mdlen Thrnen entlockt? Der Benedict
tritt hervor, ist umringt von nassen Augen, der Lehrer wird zum Wortfhrer
des Lobes der Zuschauer, der Benedict verlebt eine der seligsten Stunden
seines Daseins, die Mutter desselben schwimmt mit der Sabin' und andern
Mdchen in Freudenthrnen, von ihrem Augapfel, ihrem Liebling entlockt.

Jetzt drngt sich das mehr als 80jhrige Bbele mit seinen schneeweien
Haaren aus dem Hintergrunde hervor; war doch der Benedict auch ihr Liebling
und sie mu ihm auch ihre Huldigung darbringen. Sie thut es, doch thut sie
noch mehr, denn das Morgenroth einer hhern Welt leuchtet durch ihre
Wangen, die Augen schauen prophetisch in die Zukunft und zu dem Volke sich
wendend, spricht sie das inhaltsschwere Wort. "_Glaubt nur, ihr Leut',
aus dem Benedict wird entweder ein groer Herr oder ein groer
Spitzbube,_ in unserm Geleise bleibt er nicht!" Wie oft hat der
"Duckmuser" in bangen Kerkernchten, in der erschtternden Einsamkeit der
Zelle an diese Worte gedacht! Bbeles Gebeine sind lngst vermodert, ihr
Name ist verschollen, doch ihr prophetisches Wort hat sich erfllt und
zittert durch das Herz eines Lebendigbegrabenen!

Lngst haben sich die einzelnen Kameradschaften der Buben und Mdchen alle
bemht, den Benedict an sich zu fesseln, lngst war er der Mittelpunkt, um
den sich die Dorfjugend sammelte; in die "Kunkelstube", wo er gerade zu
finden war, dahin kamen auch Mnner und Frauen, denn er erzhlte Legenden
der Heiligen, Rittergeschichten und Anderes so schn und lebendig, da man
Alles zu sehen und zu hren glaubte und in seinem Drflein war noch alte
Sitte und Zucht vorherrschend und man htte einen Menschen, der ber die
Heiligen spottete oder die Unschuld errthen machte, aus den meisten
Kunkelstuben einfach hinausgeworfen.

Seit dem Abend, an welchem der verlorne Sohn gespielt worden, schaute der
Jacob seinen Benedict respectvoller an, derselbe war ihm und Andern lngst
ber den Kopf hinausgewachsen, der Held der Dorfjugend und sein Name in
allen umliegenden Drfern mit Ehren genannt.

Wurde ihm noch nicht die Welt zu enge, so war dies allmhlig doch mit der
Schulstube der Fall. Lernen konnte er hier nichts mehr und wute er sich
die Langeweile auch zu vertreiben, so wnschte er doch sehnlichst, Mutter
Theres mchte die Zgel ein bischen lnger machen und dies war nicht der
Fall, so lange der Benedict zur Schule ging.

Die ganze Weisheit des Vaters bestand in dem Stzlein: Bete und arbeite! Er
ging mit Beispiel voran, hielt mit eiserner Strenge darauf, da die
Seinigen es auch thaten und wenn die Mutter nicht Alles ber ihn vermocht',
wie der Benedict Alles ber die Mutter, so wrde es wohl mit dem Heldenthum
klglich ausgesehen haben! ... Auf dem Lande ist das Geld von je als die
theuerste Sache betrachtet worden, wo wenig Geld und 6 unerzogene Kinder zu
finden sind, gibts zu arbeiten; gar oft mute der gute Benedict die
Kunkelstube meiden und bis um Mitternacht selbst spinnen; freilich spann
das Mtterchen auch mit, denn der Winter vergeht rasch und die Leinwand mu
zeitig auf die Bleiche, doch Mtterchen fing an, dem geistvollen und
gelehrten Benedict mit ihren endlosen Rosenkrnzen allgemach langweilig zu
werden. Er wnschte oft, die Gromutter mge vom Kirchhofe kommen und sich
wieder statt seiner mindestens an die Kunkel setzen; die Hanne kam jedoch
nie wieder, sie hatte auf Erden genug gesponnen und der Faden ihrer
Pilgerfahrt war im letzten Sptjahr leise und sanft abgerissen worden.

Der Communionunterricht beginnt, Benedict fat freudige Hoffnungen, wiewohl
er erst im Sommer 14 Jahre alt wird, der Mittwoch vor dem Palmensonntag
macht dieselben zu Schanden, denn an diesem Tage werden die Namen derer
verlesen, welche zum erstenmale zum Tische des Herrn gehen und aus der
Schule entlassen werden. Zitternd vor Erwartung sitzt er da, jeder Name
zuckt wie ein Schwert durch seine Seele, zuletzt wird noch dem Mathes die
Erlsung vom Eselsbnklein angekndiget, dann kommen die Namen der Mdchen,
er kanns kaum glauben, dennoch ist's richtig--sein eigener Name fehlt, der
Lehrer mag den Unterlehrer nicht vor der Zeit verlieren. Noch mehr, die
Seraphin, einer seiner Herzkfer, der auch erst im Heumonat 14 Jahre alt
wird, darf als "die feinste, fleiigste und sittsamste" communiciren und
die ganze Schule hrt an, wie der Lehrer erklrt, der Benedict msse als
der "Leichtsinnigste von Allen" noch ein Jahr da bleiben.

Jetzt war Feuer unter dem Dache und brannte ein volles Jahr! ... Besa die
Seraphin das gehrige Alter? Nein; wem hatte sie ihren Ehrenplatz zu
verdanken? Zum guten Theil dem Benedict, der ihr einsagte und alle
Schulaufgaben machte. Sa derselbe nicht an einem _verdienten_
Ehrenplatz? Und jetzt sollte jene "die Feinste, Fleiigste und Sittsamste"
und er dagegen "der Leichtsinnigste von Allen" sein?

Zunchst ward der Seraphin der Krieg erklrt und bald hie das arme Mdchen
allenthalben nur "die Feinste, Fleiigste und Sittsamste" und getraute sich
nicht mehr, irgendwo hinzugehen aus Furcht vor Spott und Hohn. Hat das
Mdchen dem Lehrer _nur_ Milch und nichts Anderes schmeichelnd ins
Haus getragen? Waren die Susanna und Margreth nicht zweimal in der Nhe,
als Seraphins Mutter den weien Korb mit einem noch weiern Tchlein deckte
und der Tochter empfahl, den Herrn Pfarrer drben doch recht instndig zu
bitten, da sie aus der Schule komme und vorzustellen, was die alternde
Mutter alles zu thun habe? Wrde der Benedict, wenn er Solches vorher
gewut htte, nicht dem Vater eine Kuh aus dem Stalle gezogen und dem
Schulmeister gebracht haben statt vergnglicher Milch und dies nur, um aus
der Schule zu kommen? ... Dem Pfarrer legte Benedict nichts in den Weg, er
besa den Muth nicht dazu; desto schlimmer kochte er es dem Schulmeister;--
statt des gehofften Unterlehrers besa dieser jetzt einen unbeugsam
trotzigen, saumseligen und muthwilligen Schler mehr, bei welchem Milde und
Gte, Bitten und Betteln so wenig fruchtete als Drohungen und Schlge.

Schulaufgaben machte er fr seine Herzkfer, fr sich selbst niemals oder
in der Art, wie jenen frher erwhnten Schuldschein. Fragte ihn der Lehrer
Etwas, so antwortete er trocken, er wisse es nicht oder machte die
Mitschler zu lachen, bat ihn der Lehrer, ihn ein bischen abzulsen, so
ermahnte er denselben, sich an die "Feinste, Fleiigste und Sittsamste" und
nicht an den "Leichtsinnigsten von Allen" zu wenden. Einmal mute er
hinaus, um die Sonnenuhr zu richten, was Keiner besser verstand; er that's,
verschwieg jedoch eine ganze Stunde und der Lehrer machte fort, bis Weiber
und Bursche kamen, um die Kinder zum Mittagsessen aus der Schule
fortzuholen; ein andermal richtete er die Sonnenuhr so, da der Lehrer die
Schule fast um eine Stunde zu frh schlo. Von jetzt ab mute jedoch der
Max aus dem Rindhof die Sonnenuhr richten lernen, und weil der Lehrer sah,
Hopfen und Malz seien am Benedict verloren, kmmerte er sich auch allmlig
wenig darum, ob derselbe schwnze oder nicht und wenn er erschien, mute er
neben Mathesens Ersatzmann, dem dummen Hansjrg sitzen, der genug
schmunzelte, auf seinem Katzenbnklein einen so trefflichen Einblser neben
sich zu haben! ... Endlich naht die letzte Schulprfung, diesmal wird der
Benedict kein Lob und keinen Preis davontragen!

Einige Buben mssen die "verhexte Kuh und rothe Milch", einige Mdchen den
"feurigen Drachen" zusammen declamiren lernen und wenn der Philipp, der
jetzt neben dem Rindhofmax auf dem Ehrenplatze sitzt, Einen htte, der die
Rolle des belehrenden Herrn Pfarrers in den "Feuermnnern" ausfllte, wrde
der Lehrer hoffen, auch dieses Jahr beim Dekan Ehre zu erndten. Demthig
bittet der arme Mann den Benedict, ihm den einzigen und letzten Gefallen zu
erweisen und bei der Prfung die Rolle des Belehrers in den "Feuermnnern"
zu bernehmen, doch der Benedict lacht ihm schadenfroh ins Gesicht und
meint: "Ich und der Hansjrg fhren auf dem Katzenbnklein die Declamation
der Stummen mit einander auf, gelt Hansjrg?"--Der Hansjrg grinzt und
nickt bejahend, die Schler lachen, der tief gekrnkte Lehrer sagt dem
Benedict, er mge ganz von der Prfung wegbleiben und schliet die Schule
sogleich vor Wehmuth.

Am vorletzten Tag vor der Prfung geht der Lehrer in die Schulstube und wer
exerzirt die Prfungshelden nach Mienen, Stellungen und Reden in die
"verhexte Kuh und rothe Milch" ein? Wer denn anders als der Benedict!

Der Erstaunte bleibt an der Thre stehen, bis das Ding fertig ist, dann
eilt der arme Mann, der statt Geister stets vor der Prfung lauter
Schwarzrcke sieht, begeistert auf den Benedict zu, drckt krampfhaft
dessen Hand vor lauter Freude und bittet denselben ffentlich vor allen
Schlern um Verzeihung ob der bisherigen Zurcksetzung. Unser Held weint
auch beinahe vor Freude ber solche Befriedigung des Ehrgeizes, doch trotz
den Ermahnungen des Lehrers und der Schler setzt er sich keineswegs auf
den Ehrenplatz, sondern auf das Eselsbnklein neben dem einfltigen
Hansjrg.

Die Prfung naht, kommt, ist bei den kleinen Schlern vorber, sie drngen
hinaus, die andern hinein, doch--der Benedict fehlt, mit Todesangst
schielt der arme Lehrer nach der Thre und sucht ein Taschentuch, um einige
aufsteigende Angsttropfen abzuwischen.

Endlich geht die Thre auf, der Ersehnte tritt herein, schreitet stolz am
Eselsbnklein vorber und setzt sich auf den Ehrenplatz; der verlassene
Hansjrg hat ein gar wehmthiges Gesicht dazu gemacht! Noch niemals
zeichnete sich der Benedict bei einer Prfung so aus, wie diesmal; auch die
Rolle des belehrenden Pfarrers in den "Feuermnnern" spielt er meisterhaft
und wie Alles vorber ist, tritt er vor die 15 oder 18 gegenwrtigen
Herren, verbeugt sich ehrerbietigst und beginnt das schne, lehrreiche
Gedicht: "Der Holzhacker"--auf eigene Faust zu declamiren und bi bei den
Worten:

  "Und bi, o Graus, am goldnen Brcklein die Zhne sich aus!"

so ernsthaft und natrlich zu, da smmtliche Herren nachbeien zu wollen
schienen.

Der Declamation folgte ein langes Beifallsgeklatsche und ffentliche
Belobung des ber den Benedict ganz entzckten Dekans als Abschied aus den
Kinderjahren.

Ob unser Held den Leib Jesu Christi beim erstenmal auch wrdig empfangen
und gewut habe, was er eigentlich thue, ist ihm heute zweifelhaft, doch
meint er, der Unterricht sei ein bischen arg mangelhaft und schlecht
gewesen und ein Bube knne nicht Alles aus dem kleinen Finger saugen, wenn
er auch ein Benedict sei.




#DORFGESCHICHTEN.#


Wenn mans genau und eine Landkarte dazu in die Hand nimmt, lassen sich die
Einwohner des Badnerlandes in lauter Schwarzwlder und Odenwlder
eintheilen. Die schwbische Hochebene und rauhe Alp sind wohl geognostische
Kinder des Schwarzwaldes und das Rheinthal von Basel bis Mannheim
eigentlich nur ein Bergkessel zwischen dem Schwarzwalde und den Vogesen.

Freilich gedeihen auf den Hhen des Schwarzwaldes nur Nadelhlzer; selbst
diese verkrppeln und verschwinden am Feldberge und wenn auf den Vorhgeln
des Rheinthales drunten Mandeln verblht sind, Kastanien blhen und die
Rebe ihre Schlinge treibt, sind die rechten Schwarzwlder froh, wenn ihr
Hafer angeset und ihre Kartoffeln gestupft werden knnen und thun, als ob
sie heuer gerathen wollten. Doch die rechten Schwarzwlder bewohnen nur ein
kleines Gebiet; jedes Thal hat wieder sein Besonderes in Sprache, Tracht
und Sitte und wer das Murgthal bis Freudenstadt und Rothweil, das
Kinzigthal von Offenburg bis Schenkenzell und Alpirsbach, das
Simonswlderthal, Hllenthal und viele andere Thler von der
wrtembergischen Grenze bis zum Rheine besucht hat, wei am Ende nicht mehr
recht, wo er den Schwarzwald eigentlich suchen soll, nicht weil Land und
Leute einen cosmopolitischen Brei bilden, sondern weil man kaum recht Athem
holen kann, um Verschiedenheiten in der Natur und unter den Menschen zu
finden.

Steigt er vom Schluchsen [Schluchsee] oder Titisen [Titisee], wo Schlehen,
Preiselbeeren und andere Kinder des Nordens allein noch zu finden sind, in
die Seitenthler herab, wo Obstbume die Strohhtten beschatten und wogende
Saatfelder die saftiggrnen Wiesen mit ihren sprudelnden Quellen allgemach
ersetzen, die gelben Strohhte und kurzen, faltenreichen Rcke allmlig
verschwinden und tritt er aus den Vorhgeln mit ihren Weinbergen in das
Rheinthal hinaus und wandert vom Wiesenthale abwrts bis zur Murg und zum
Neckar, so befindet er sich allerdings nicht mehr in der Gebirgswelt,
sondern in einer gartenhnlichen Ebene, doch das Gebirge kommt ihm weder
aus den Augen noch aus dem Sinn, die Ebene liefert ihm auch alle
Augenblicke etwas Anderes und wenn er aus den zahllosen Mannigfaltigkeiten
die Einheiten heraussucht, theilt er die Menschen am Ende in zwei groe
Partheien, nmlich in Dorfmenschen und Stadtmenschen; im Gebirge herrschen
die Dorfmenschen, in der Ebene die Stadtmenschen vor und der Unterschied
der Dorfmenschen unter sich ist bei weitem nicht so gro, wie ihr
Unterschied von den Stadtmenschen.

Wer das Leben und Treiben der Schwarzwlder im engern Sinne genau kennen
lernen will, mu den "Kalender fr Zeit und Ewigkeit" oder "Spindlers
herzige Erzhlungen aus neuerer Zeit" zur Hand nehmen, denn Berthold
Auerbachs Dorfgeschichten, so anmuthig, hinreiend und herrlich sie auch
uns und vielen tausend Andern vorkommen, sind eben doch keine eigentlichen
"Schwarzwlder" Dorfgeschichten, sondern laufen fast ohne Schwarzwlder
Lokalfarben auf die Gegenstze zwischen Stadt und Land hinaus.

Im Gebirge verschlingt das Dorfleben das Stadtleben, in der Ebene gehts
umgekehrt zu und wie das Stadtleben allmlig auch in den Seitenthlern und
auf den Hhen des Gebirgs zur Herrschaft kommen will, zeigt unter Andern
die Geschichte des Duckmusers.

Das Heimathdrflein desselben liegt an der Mndung eines Thales, das einen
allmligen Uebergang vom Schwarzwalde zur Rheinebene bildet und zwar nicht
blos der Natur, sondern auch des Charakters der Bewohner. Land und Leute
wachsen immer und berall wundersam zusammen und fr ein gebtes Auge ist
jede Gegend ein Buch, aus dem es die Geschichte, das Leben und Treiben
ihrer Bewohner so im Allgemeinen herausliest!

Kehren wir nach diesem kurzen Ausfluge zu unserm Benedict zurck, der aus
der Schule entlassen, bereis ein bischen grer und vom Mtterlein ein
bischen weniger gezgelt wurde.

Sein Vater, der finstere, doch grundehrliche Jacob arbeitet noch immer den
ganzen Tag, rasirt sich am Sonntag hinter dem Ofen und trgt Nachmittags
nach der Vesper seinen Nebelspalter in den Hirzen. So lange der Benedict in
der Schule war, durfte er nicht ins Wirthshaus und nicht einmal den grern
Burschen den Kegelbuben machen, doch jetzt hilft er dem Vater tchtig
arbeiten, stolzirt am Sonntage mit Etwas herum, was bei uns fast so viel
bedeutet, als die %toga virilis% bei den alten Rmern, nmlich mit
einer Tabakspfeife und wenn es ihm beifllt, auch ein Schpplein im Hirzen
zu trinken, so sieht's der Jacob nicht gerne, doch der Sohn will thun wie
andere auch und noch mehr, weil er der Held in 5 Drfern ist. Der Vater
hrt denselben doch lieber herausstreichen als schimpfen und mu eben
nachgeben, wie andere redliche Vter auch nachgeben.

Abends mag der Benedict nicht mehr beim Mtterlein spinnen, die kleine
Hanne kanns thun, wird dieselbe doch mit jedem Tage grer und der Bruder
geht in die Kunkelstube, um seinen Erzhlerruhm aufrecht zu erhalten. Alle
einzelnen Kameradschaften der Bursche und Mgdlein buhlen um seine Gunst,
wo die Margareth ist, welche er am liebsten zu haben scheint, sitzt die
Ofenbank voll und wenn er kommt, kommt Freude und Leben und jedem der
Feierabend zu frhe.

Alle Huser besucht er, jeden Abend ein anderes, in jedem ist er beliebt
und bekannt und Niemand wei, welchem er den Vorrang gebe! Uebrigens darf
man nicht glauben, da die Buben und Mgdlein unziemliche Kurzweil trieben
an den langen Abenden, mindestens geschah dies nirgends, wo der Benedict
hinkam und dieser wute einen wsten Gast derb abzutrumpfen und
heimzuschicken.

Der Liebling der Jungen wollte auch der Liebling der Alten sein, zudem dem
Mtterchen eher Ehre denn Schande machen und so wurde in den Kunkelstuben
nur Ehrbares und oft Heiliges erzhlt und nichts Unziemliches geschwatzt
oder gar getrieben. Der Benedict hielt viel auf Ehre und htte es sich
nicht nachsagen lassen, da ein unehrbares Wort aus seinem Munde gekommen
und dehalb liebten ihn auch alle Mdchen und ihre Eltern hatten nichts
dagegen, wenn dieselben mit ihrer Kunkel und dem Rosenkranz nach dem
Nachtessen in das Haus wanderten, in welchem der Benedict gerade zu finden
war.

Eines Abends sitzt so eine trauliche Gesellschaft im Vaterhause des
Hansjrgen und der Benedict erzhlt bis gegen 10 Uhr, da den Zuhrern bald
die Thrnen in die Augen schieen, bald die Gnsehaut aufsteigt. Jetzt
stellt die Margareth ihre Kunkel weg, streicht die braunen Haare aus der
Stirn, steht auf und sagt gar holdselig: "Benedict, 's ist bald Zeit, wir
wollen noch Eins tanzen, damit wirs lernen bis Fastnacht!"--Alle Buben und
Mgdlein sind dabei; der Benedict hat seine Klarinette bei sich, denn auch
ein Musikus ist er geworden, der blinde Hans hat ihm die Griffe und Pfiffe
gezeigt, er spielte bereits die schnsten Hopser, Lndler, Walzer und
dergleichen aus dem ff heraus und jetzt sucht er den Ton, whrend Tisch und
Bnke in eine Ecke gestellt werden und der Hansjrg vor Freuden mit der
Zunge schnalzt und Sprnge macht wie ein Tiroler.

In diesem Augenblick tritt jedoch die Ursula, Hansjrgens Mutter in die
Stube und sagt zum Benedict: "He, Benedict, wollt Ihr tanzen? Weit wohl,
da ich nichts dagegen habe, wenns Zeit ist, doch ist heute nicht Freitag
Abend? Was fllt dir auch ein, an einem solchen Abend blasen zu wollen?
Kommt am Sonntag oder an einem Tage in der nchsten Woche!"

Der Benedict wird feuerroth, steckt die Klarinette ein, geht mit dem jungen
Volke fort und sagt auf dem Heimwege zu den Mdlen, er wisse gar nicht, was
er darum gbe, wenn er heute nur nicht in Ursulas Haus gewesen wre! ...
Die Ursula war eine Gevatterin seiner Mutter und Gotte dreier seiner
jngern Geschwister, hatte ihn von Kindesbeinen an geliebt und geehrt, doch
wer ihr Haus mit keinem Schritte mehr betrat und ihr auf der Strae fortan
auswich, das war er, und zwar dehalb, weil er meinte, sie hielte ihn in
ihrem Herzen fr einen religionsfeindlichen Menschen, der sich nichts
daraus mache, am Freitag zu tanzen und aufzuspielen!

Hatte es frher schon schlechte und verrufene Leute im Dorfe gegeben, so
gab es allmlig auch Aufgeklrte, denn mancher, der als frommer, zchtiger
Rekrut fortgegangen war und auf Urlaub heimkam, hatte die Welt in der Stadt
und in der Kaserne mit neuen Augen betrachten gelernt und der reiche Max
aus dem Rindhofe wanderte jetzt fleiig in die nahe Stadt, wo er in jeder
Bierkneipe gescheidte Leute und genug kirchenfeindliche Zeitungen fand. Der
arme Benedict regierte die Jungen im Dorfe, der reiche Max sah dies nicht
gern, suchte und bekam auch Anhang und da der vielgepriesene "Zeitgeist"
auch in diesem Drflein zu rumoren anfange, zeigte sich vor dem
Frohnleichnamsfeste. Seit urdenklichen Zeiten saen jedes Jahr am Tage vor
dem Frohnleichnamsfeste die Mdchen in der Schulstube und arbeiteten oft
bis Mitternacht, um das Kreuz und den Altar, zu welchem die Prozession
morgen aus dem Pfarrdorfe herberzog, mit den stattlichsten Krnzen und
Blumen zu schmcken. Sie htten es sich um keinen Preis nachsagen lassen,
der Herrgott am Kreuz und das ganze Kreuz sammt dem Altare seien nicht mit
Krnzen, Blumen und Bndern aufs reichlichste ausstaffirt gewesen. Die
Bnder wurden von den Mdchen und deren Mttern geliefert und heuer
kommandirt der Benedict den ganzen Tag im Schulhause, macht den
stattlichsten Kranz, der die Dornenkrone bedecken sollte und verspricht
Abends beim Fortgehen, er werde der erste sein, welcher morgen frh den
ersten Kranz ans Kreuz hefte.

Dem schwlen Tage folgte eine Regennacht, welche zu strmisch war, als da
man htte frchten mgen, die Prozession werde darunter leiden und noch um
11 Uhr saen einige Mdchen in der Schulstube, um beim Licht die letzten
Zurstungen zu treffen. Der Benedict liegt im Bett und will sich eben vom
Rauschen des Sturmes in den Baumwipfeln und vom Pltschern des Regens in
Schlaf lullen lassen, als es leise an seinem Fensterlein klopft und ruft.
Er springt auf, denn er kennt diese freundliche Stimme und verwundert sich
ber den seltsamen Ton derselben.

"Hr', Benedict, _jetzt_ sind wir Mdchen zu Schanden gemacht,"
berichtet die Margareth, welche den hbschen Kopf in das Kammerfensterlein
hineinstreckt, damit das Wasser vom Dache sie nicht ersufe.

"Verlassen und verrathen sind wir, alle Mhe war umsonst, denn die Buben
haben keine Maien geholt!" besttigt die Susanne. "Was? keine Maien?" sagt
der Benedict erschrocken und Margareth sammt der Jutta und dem Vefele, die
auch herbeieilen, erzhlen, der Max habe die Buben aufgehetzt, heuer keine
Maien im Walde zu holen und gesagt, es sei eine Schande fr so groe Esel,
sich noch mit solchen "Kindereien" abzugeben. Da der Max nicht umsonst
redete, whrend der Benedict im Schulhause sa, stellte sich um Mitternacht
sonnenklar heraus. Die Maien sind jedoch gleichsam die Rahmen, welche das
Kreuz und den Altar liebend umfassen und wie armselig sieht ein Bild ohne
Rahmen drein? Je grer, schner und frischer die Maien, desto grer die
Ehre fr die Mdchen, an den Maien erkannten die Leute aller benachbarten
Drfer, wie Buben und Mdchen in diesem Jahre zusammen standen, seit
Menschengedenken hatten die Maien nie gefehlt, drum that es den Mdchen
heuer desto weher, sie sahen nicht nur den Herrgott vernachlssigt, sondern
sich selbst beschimpft.

Rathlos steht der Benedict, ngstlich stehen seine Herzkfer vor dem
Fensterlein, der Regen strzt wie aus Kbeln vom dunkeln Nachthimmel und ob
den Vogesen, dem Rheinthale und Schwarzwalde zugleich flammen Blitze und
kanonirt hundertstimmiger Donner.

"Geht heim, ihr Lieben, Maien mssen her, ich verlasse Euch nicht!" sagt
endlich der Benedict, reicht den Mdchen die Hand, schliet das Fensterlein
und schleicht zu den Eltern. Die Mutter hat all ihre Seiden- und
Taffetbnder ins Schulhaus geschickt, sie wei, da sich die Mdchen heuer
ganz besonders abmhten, jetzt erzhlt er, wie schimpflich die Buben
gehandelt und die Mutter stt ihren Alten aus dem Schlafe. "Wr der
Werktag nicht schon vorbei und der Fronleichnamstag angebrochen, so ginge
ich wahrlich trotz Sturm und Wetter in den Wald!" meint der Benedict
zgernd, um den Eltern an den Puls zu fhlen.

"Was an Sonn- und Feiertagen zu Gottes Ehre gearbeitet wird, ist keine
Snd! antwortet die Mutter."

"Aber woher Maien? Die Weidenstcke am Bach sind abgehauen, ... das
Unwetter ist grausig, ich mte eben junge Birklein holen, s ist fast eine
Stunde in den Wald und wenn mich der Cyriak, der Waldhter erwischte, gbe
es theure Maien!" meint der Benedict. "Ah bah! Cyriak hin oder her, wenns
dir Ernst wre, wrdest du nicht darnach fragen, ob es theure oder
wohlfeile Maien gbe! Warum haben denn die Buben keine geholt, he?" sagt
der Vater.

"Weils der Max, der Willibald und noch ein paar so schne es fr eine
Schande erklrten und Alle, welche holen wollten, so verspotteten, da sie
es bleiben lieen!"

"Eine ewige Schande ists fr euch, Buben, euch von dem ungerathenen Max,
der unserm Herrgott und dem eigenen Vater, dem herzensguten Fidele nur
Schande macht, in _der_ Art verhetzen zu lassen! Gehst du nicht, so
stehe ich wahrhaftig auf, wecke den Fidele und wir alte Kracher bringen
gewi Maien!" fhrt der Jacob auf, wirft die Schlafkappe weg und richtet
sich aufgebracht im Bette empor.

Fnf Minuten spter eilt der Benedict mit einem Beil und Stricken durch die
Sturmnacht, kein Faden an ihm bleibt trocken, bis er in den Wald kommt;
hier ist's stockfinster, doch seine Hnde wissen glatte Birkenrinde von der
der jungen Erlen gut zu unterscheiden und bald hat er vier stattliche junge
Birklein vor den Wald auf die nassen Wiesen herausgeschleppt. Das Aergste
ist, da er kaum zwei auf einmal zu tragen vermag; mu er den Weg doppelt
machen, so kommt der Tag, ehe alles an Ort und Stelle und die Freude der
Mdchen fertig ist. Was thut der Benedict? Er springt mit zwei Birklein
eine Strecke weit, springt zurck, um die beiden andern nachzuholen, macht
auf diese Weise fort und die ersten Strahlen des Tages sehen die letzten
zwei Birklein am Altare. Der Regen hat aufgehrt, die Schwalben zwitschern
und die Rothkelchen singen auf den Dachfirsten, der Benedict tropfna und
heidenmig schwitzend, springt ins Schulhaus, dann zum Altare zurck,
heftet richtig, wie ers versprochen, auch den ersten Kranz ans Kreuz und
dann geht er heim, um noch ein Stndlein zu ruhen.

Sehr frh kommen einige Bauern zum Altare, um bei der Verzierung des
Kreuzes zu helfen, alle bewundern die herrlichen Birklein, der Cyriak kommt
aber auch dazu und sagt:

"Diesen Vier hab' ichs gestern Abend spt noch vermacht, da sie heute da
gesehen werden! ... Am Werktag sind sie nicht geholt worden und diesen
Morgen auch nicht! ... wer die geholt hat, mu gesalzen werden! ich bring
ihn heraus, gebt Acht, 's wird theure Maien geben!" brummt er zum Xaver,
betrachtet rgerlich die schnen Bumlein und macht eine Faust.

"Sie stehen besser hier, als in deinem Revier!" lacht der Xaver.

"Heut' sind die Birklein noch schner als gestern, gelt Cyriak?" scherzt
der alte Liebhardt.

"Sollen auch schn Geld kosten, ich bringe den Buben heraus!" versichert
der Cyriak und geht mit starken Schritten das Dorf hinauf.

Die Ehre der Mdchen war in den Augen aller Einheimischen und Fremden durch
die Verzierungen und durch die vier prchtigen Birklein herrlich gerettet,
dafr wurde auch der Benedict von den Mdchen schier in den Himmel erhoben
und erklrt, er allein sei treu gegen Gott und Menschen, er verdiene, da
sie ihn zeitlebens auf den Hnden trgen.

Das Wunderbarste bei der Sache blieb, da kein Mdchen den Waldfrevler
verrieth. Um Mittag wurde das Vefele, das heute Nacht bei demselben
gefensterlet, von ihrem Vater, dem Cyriak, ins strengste Verhr genommen,
doch sie wei nichts und ihr Bruder, der Mathes, versichert, er wisse auch
nicht, wer die Birklein geholt, wenn ihn der Vater auch mit dem Waldbeil
vor das Hirn schlge. Wie ein Feuerreiter eilt der Cyriak von Haus zu Haus,
von Mdchen zu Mdchen, doch die Birklein blieben abgehauen und--was keine
Erdichtung, sondern blanke Thatsache ist und ein Licht auf die angebliche
Schwatzhaftigkeit der Mdchen wirft--der Benedict unverrathen, mindestens
fr das laufende Jahr.

Vom Max und dessen Anhange mute er dagegen Spottreden genug hren, doch
kmmerte er sich wenig um diese "neumodische Schwitt", wie der Max mit
seinen Kameraden hieen, welche auch allgemach an Werktagen und am Sonntag
unter dem Gottesdienst im Wirthshause zu sehen waren. Liberalseinsollende
Zeitungen und bse Bcher bten wohl nur Einflu auf diese Bursche, weil
Aufklrer in jedem Wirthshause saen; sie selbst waren keine groen Freunde
vom Kopfzerbrechen und Lesen und ihre Weisheit flo in einem unter dem
Landvolke allmlig weit verbreiteten Sprichwrtlein zusammen, welches
heit: _Predigen und Bchermachen ist das Handwerk der Pfaffen und
G'studirten!_ Woher solches Sprichwort stamme und welche Leute es am
liebsten im Munde fhrten, darauf sah die "neumodische Schwitt" nicht,
sondern schlo mit ihrem gesunden Bauernverstande ruhig weiter: "Ist der
Pfaff ein Handwerker, so ist die Kirche seine Werksttte, Gottesdienst und
Predigt aber sind Stcke seiner Arbeit. Bei jedem Handwerker hat man die
Auswahl unter seinen Arbeiten, daher whlt man aus der Predigt gerade das,
was Einem am besten gefllt und gefllt Einem nichts (was bei steigender
Aufklrung bald der Fall sein mu), nun, dann lt man dem Pfaffen seine
ganze Arbeit und geht am Ende gar nicht mehr in die Werksttte desselben!"

Die Eltern der "neumodischen Schwitt" sammt den meisten bejahrtern
Einwohnern betrachteten die Kirche als das Haus Gottes, den Geistlichen als
Diener Gottes, thaten, wie ihre Urahnen, hielten Sonn- und Feiertage
heilig, beteten zu Hause, in der Kirche, im Felde bei Prozessionen und
Bittgngen, zierten das Kreuz vor dem Dorfe und schliefen nicht ein, wenn
der Benedict Legenden erzhlte. Sie waren der Religion treu geblieben;
Protestanten, welche ber die Jungfrau Maria, die Heiligen, die
Ohrenbeichte, das Abendmahl, die Ehelosigkeit des Pfarrers witzelten, gab
es keine und dies aus dem einfachen Grunde, weil es berhaupt im Drflein
des Benedict und in der Umgegend weder Protestanten noch Hebrer gab.

Es lebte da ein gutes, glckliches Vlklein und wenn auch die Protestanten
von ihm als eine Art Heiden betrachtet wurden und die kleinen Kinder davon
liefen, wenn ein Hebrer auf der Strae zu sehen war, so geschah doch
Niemanden etwas zu Leide um des fremdartigen Glaubens willen. Was zum alten
Eisen gehrte, blieb der Aufklrung unzugnglich; der Jacob pflegte zu
sagen, die "neuen Lehren" seien von "alten Lumpen" lngst gepredigt worden
und dafr wute er Namen zu nennen. Doch die Aufklrung in religisen und
politischen Dingen kam auch in dieses Dorf und ihre erste Frucht war
Zwiespalt unter dem jungen Volke beiderlei Geschlechtes.

Der Max sa mit dem Willibald und Andern fleiig im Wirthshause, der Fidele
und die Eltern der Uebrigen schlugen die Hnde ber dem Kopf zusammen,
ermahnten, baten, weinten, zankten, fluchten und wetterten, doch gab dies
keinen Zwiespalt unter der Dorfjugend, denn hier zwitscherten die Jungen
nicht, wie die alten sangen, sondern die Alten mochten sagen, klagen und
thun, was sie wollten, die "neumodische Schwitt" lie sich dadurch wenig
Galle aufrhren und noch weniger graue Haare wachsen.

Zuerst begngte sie sich, im Wirthshaus zu sitzen statt in der Werksttte
des Pfarrers; bald spotteten sie ber Jene, welche beim Alten bleiben
wollten und in demselben Jahr, in welchem der Max aus der Sonntagsschule
entlassen wurde, hatte er auch die Magdalene zum Extraschatz, ein armes,
doch hbsches Mgdlein voll Leben und Feuer.

Weil sie einige Sommersprossen im Gesichte und rothe Haare hatte, dehalb
hie sie auch "die Rothe" oder das "Fegfeuer" und wegen ihres lebhaften
ungestmen Wesens zuweilen "der Feuerteufel."

Unter den Burschen war der Max der Reichste, doch der Benedict der
Gescheidteste und Angesehenste und letzteres zeigte sich, als jener seine
Macht erprobte und einen Vorschlag machte, welcher so recht zu der
"neumodischen Schwitt" pate.

Uralte Sitte und patriarchalisches Leben herrschten in diesem Drflein noch
und so bestand auch der Gebrauch, da die Buben den Mdchen insgesammt am
Neujahr und bei andern Gelegenheiten Geschenke machten, ohne dabei Gedanken
an nhere Liebschaften zu haben.

Nun meinte der Max, welcher vielleicht etwas von der Zehntablsungsfrage
aufgeschnappt hatte, man mge knftig den Mdchen nur noch am Neujahr Etwas
geben und zwar keine Ringe oder ein Konstanzer Gesangbuch und hnliches
Zeug, sondern baares Geld. Er stand gerade unter der alten Linde, welche
die Jugend so vieler Geschlechter beschattete und die Sache wurde noch an
demselben Abend in allen Kunkelstuben verhandelt. Die "Rothe" und einige
andere Mdlen wren mit dem Geldgeschenk zufrieden gewesen, doch wurde viel
gestritten, der Max und der Bendict [Benedict] redeten sich fr und gegen
die neue Mode schier Lunge und Leber heraus.

Am Ostermontag kam die Angelegenheit bei den Buben und Mdchen zur
Berathung und Entscheidung, der Max hatte gotteslsterlich viele Worte,
Flaschen und Versprechungen aufgeboten, Benedict in den letzten Tagen so
geschwiegen, da der Max ihn auf seine Seite zu bringen hoffte, doch jetzt
trat derselbe fr die alte Sitte und seine jungen Herzkfer auf und siehe
da, die meisten Buben fielen ihm zu.

Wthend zog Max mit den Seinigen von der Linde in den Hirzen; von diesem
Tage an brachte er dem Benedict den diesmal sehr unverdienten Namen, "der
Duckmuser" auf; der Zwiespalt des jungen Volkes offenbarte sich noch an
demselben Tage darin, da die Neumodischen sich im Wirthshause abgesondert
von den Altmodischen setzten, doch geschah keine feierliche
Kriegserklrung, es wurden einstweilen nur neue Namen aufs Tapet gebracht.

Benedict hie fortan "der Duckmuser" und sein Anhang "die schwarze
Schwitt", Maxens Roche gab den Anla, dessen Schwitt die "roche" zu taufen
und von "lewatisch gewordenen Schaufelstudenten" und "Knierutschern" war
beiderseitig viel Munkelns und ingrimmigen Hhnens.

Viele Buben und Mdchen wuten noch nicht recht, zu welcher Schwitt sie
halten sollten und am andern Sonntage stehen und sitzen sie nach der Vesper
um die Linde herum, plaudern und scherzen, singen und lachen, doch will die
Freude nicht recht in Gang kommen, denn der Benedict fehlt und vergeblich
luft bald die Susanne, bald die Margaret mit ihren Kameradinnen ins
Oberdorf, um den Herzkfer herbeizuholen. Im Hirzen sitzt der Jacob vor
seinem Hlbsle, daheim steht die Theres im Garten und ihr Waldburgele hlt
sie immer an der Schrze, das Besele und das Ktherle folgen der Mutter wie
die Kchlein der Henne, doch weder der Jacob noch die Theres wissen, wo der
Benedict steckt und die kleinen Schwestern wissen auch nichts, als da er
ihnen ein Rad am Wgelein flickte, worauf sie ihre "Doggenbaben" spaziren
fhren, dann die Kappe genommen, den Kittel ber das rothe Wamms angezogen
habe und fortgegangen sei, nachdem er in der Kche beim Anznden der
Tabakspfeife sich noch ein bisle verbrannt habe! ... Auf einmal geht der
Ersehnte mit dem Gregor, seinem liebsten Kameraden vom Unterdorf herauf und
langsam auf die Linden zu, die Susann' und die Margareth, das Vefele und
die Apel, die Affer, Sabin' und Andere laufen ihm entgegen.

"Sag uns doch, warum bist du bs auf uns?"--"He, ich bin mit Euch durchaus
nicht bs!"--"Ja, warum kommst heute nicht?"--"Ei, bin ich jetzt nicht
bei Euch?"--"Du bist bs mit uns, wenn du's auch verhehlst!"--"Ich bin
nicht bs, gelt Gregor nit?" "Aber", sagt der Duckmuser jetzt laut und
vernehmlich und steht mitten unter dem Haufen, "ich und der Gregor und der
Mathes bleiben jetzt fr uns Herr, und Alle, welche am Frohnleichnamstag
Maien geholt haben, drfen nicht mehr zu mir kommen!"--"Und die, welche
keine Maien geholt, sollen _uns_ vom Leibe bleiben!" rufen die
Mdchen.--"Ich gehe ber Feld, wer will mit?"--"Ich, ich, ich auch,
wohin?" rufen und lrmen die Buben.--"Ja, es drfen keine Andern mit mir
als solche, die den Mdlen keine Maien geholt haben!" ruft der Duckmuser.

Der Stich wurde verstanden, die Buben sonderten sich in zwei Heere, das
grere sagt: "Benedict, wir sind bei dir!"--["]Wollt Ihr altmodisch
bleiben?" fragt der Benedict und Alle antworten. "Ja!" Einer rennt in den
Hirzen, mit feuerrothem Kopfe kommen der Max, der Willibald und Andere; der
Max scheidet zuerst seine Rothe von den andern Mdlen ab, die Buben alle
thun dasselbe, die Scheidung der Lmmer und Bcke, der schwarzen und rothen
Schwitt ist in wenigen Minuten entschieden, die rothe Schwitt verlt mit
ihren Mdchen die Linde, am nchsten Sonntage soll sichs zeigen, ob die
rothe oder schwarze Schwitt ihren Mdlen grere Freuden zu bereiten
verstehe!" [verstehe!]

"Lauter Markgrfler mu auf den Tisch", schwrt der Max, "kein Mdle darf
an den Wnden herumstehen, wenn's auch keinen besondern Schatz hat, bei uns
gilt die Eine was die Andere, wir bringen Anderes auf's Tapet, als
Blumenzutragen, Maienholen, den Eckpfosten am Schulhaus verzieren und das
verwitterte Kreuz, wo der Herrgott bald einen Schnurres von Moos bekommt!"
Was ist das fr ein Munkeln und Gerede die ganze Woche, wie gespannt sind
die Alten und Jungen, doch ruhig bleiben die Mdlen der schwarzen Schwitt,
denn ihr Herzkfer hat gesagt: "Der Max und ich stehen einander gleich dick
gegenber am Sonntag, obgleich er der einzige Sohn des reichen Fidele ist
und ich der des fast armen Jacob; ihr Mdlen sollt nicht zu Schanden
werden!" Am Sonntag nach der Vesper sitzen die beiden Schwitten mit ihren
Mdchen im groen Saal beim Hirzenwirth einander gegenber; dem Duckmuser
thut nichts weher, als da der Hansjrg und dessen Schwester, zwei stille,
harmlose, einfltige Seelen auch bei der rothen Schwitt sitzen. Die Beiden
halten den Duckmuser fr ihren Todfeind seit dem Freitag, an welchem ihre
Mutter demselben das Tanzen und Klarinettblasen verbot, obwohl er ihnen
kein bses Wort gegeben. Der Max bekommt gar keine Zeit zum Sitzen vor
lauter Einschenken und Zubringen des Markgrflers an seine "Gemeinmdlen",
und feurige Wangen und blitzende Augen gibts unter der rothen Schwitt, bis
endlich der Max seinen Wamms auszieht, das Halstuch locker knpft, das
Schnupftuch in einem Knopfloche seiner rothen Weste festbindet, seine Rothe
am Kopfe nimmt und sagt: "Auf Alte, wir tanzen jetzt Eins!"

Jetzt wird getanzt, gesoffen und gefressen, da es erst eine rechte Art
bekommt. Unter dem Tisch der rothen Schwitt liegen die Scherben aller
geleerten Flaschen, vom Tische herab regnet der Zwlfer, kein Glas darf vom
Munde, ehe es ganz geleert ist, nur der Hansjrg und dessen Schwester sind
von diesem Gesetze ausgenommen; die Pyramiden von Wecken und Bretzeln,
welche vor den Mdchen gestanden, waren zum guten Theil wieder Teig
geworden, die rothe Schwitt tanzt, stampft und jauchzt, da der Boden
zittert und die Scheiben klirren.

"Franz", schreit der Max dem Aufwrter zu, der mit seiner weien Schrze
schwitzend umherfliegt, "Franz, einen Kbel voll vom Allerbesten, vom alten
Rothen!"

"Jo, s'ischt anfangs nthig, da Ihr's in Kbeln fordert, d'Butelle sind bi
Gott alle z'sammeng'schlage!" brummt der Franz.

"Franz, hol ihnen den Brunnentrog im Hof, sie knnen die Kpf hineinhngen,
da sie blder voll werden!" ruft der Duckmuser vom Tisch seiner Schwitt
herber und der Willibald schaut ihn giftig an.

Schon um 5 Uhr trinkt der Max nicht mehr, hrt auch nichts von der schnen
Musik, denn er liegt schwerbetrunken hinter dem Holzschoppen des
Hirzenwirths und seine Rothe mag auch irgendwo so ein Pltzlein gefunden
haben; um 6 Uhr ist von der rothen Schwitt nichts mehr zu sehen als eine im
Markgrfler gebadete und von Flaschen zerhmmerte Tischplatte voll Scherben
und Teig; die Gste wurden theilweise fortgetragen, theilweise taumelten
sie hinaus, um im Freien sich zu lagern, nur der Hansjrg und dessen
Schwester sitzen noch da und diese fhrt der Duckmuser jetzt an die lange
und dicht besetzte Tafel der schwarzen Schwitt.

Die Mdlen der rothen Schwitt haben sich theilweise fortgeschlichen,
theilweise buhlen sie um Aufnahme bei der schwarzen, heute wird aber nichts
daraus.

Der Duckmuser hat auch Pyramiden von Wecken und Bretzeln aufstellen
lassen, doch nichts durfte verdorben werden; er hat stets denselben Wein
kommen lassen wie der Max, doch blieb die Tischplatte sauber und Niemand
wurde zum Saufen gezwungen; Alle sind nchtern und in Ehren frhlich, der
Duckmuser sitzt stolz zwischen seiner Margareth und der Marzell.

Den Mdlen der schwarzen Schwitt gefiel's gar wohl, keinen "Batzenvierer",
sondern denselben Wein wie die der rothen trinken zu drfen; nunmehr ist
die rothe Schwitt fort, die Mdlen meinen, man knne jetzt mit dem Zwlfer
aufhren, weil das Prahlen und Wettzechen vorber sei, doch jetzt lt der
Duckmuser erst vom Dickrothen ausstellen, bringts der heigeliebten
Margareth zu und lacht:

"He, Ihr glaubt, der Benedict habe einen schwindschtigen Geldbeutel, weil
sein Alter das Knieschlottern bekommt, wenn er ihm einen Batzen geben mu?
Seid getrost, der Dorfhanswurst hat noch Spne!" Alles Zureden und Lobreden
der Mdchen half nichts, gab nur zu zrtlichen Wortgefechten Anla und alle
Mdlen gelobten, der altmodischen Schwitt treu zu sein, alle Buben
schwuren, wie ehrliche Brder zusammenzuhalten und die Mdlen in Ehren hoch
zu halten. Erst Abends zehn Uhr schied die schwarze Schwitt vom Hirzen und
vom Dickrothen, doch kein Betrunkener war zu hren oder zu sehen und den
ganzen Sommer redeten Alt und Jung vom Ehrentage, welchen der Benedict
seinen Herzkfern bereitete.

Am nchsten Sonntage legt der Duckmuser der Susanne, die mit ihren
Kameradinnen aus der Kirche kommt, die Hand auf die Achsel, schaut sie gar
ernsthaft an und fragt. "Habt ihr recht andchtig gebetet, Mdlen?"--"Ja!"
--"Auch fr mich?"--"Wir beten Alle fr dich!" rufen die Mdlen treuherzig
und dem Duckmuser wirds wohler ums Herz.

Er hat sich nichts merken lassen, doch bang und schwle ist's ihm seit dem
letzten Sonntag und finstere Ahnungen, als ob ihm etwas Groes, Ungeheures
bevorstehe, schnren seine Brust zusammen; jetzt thut ihm das Gestndni
der lieben Kameradinnen gar wohl und giet Muth in seine Seele!" [Seele!]
... Daheim hat der jngere Bruder schon das Papier gerichtet und die Feder
gespitzt, damit ihm der Benedict die Predigt dictire; der Benedict kommt
und dictirt, doch guckt er wieder in Einem fort in eine Ecke und der Bruder
mu heute gar zu oft fragen: "was kommt jetzt, was soll ich jetzt
schreiben" und meint, er habe heute nicht recht aufgepat, sonst mte er
nicht so lange studiren.

Pltzlich fragt der Vater drauen mit einer Stimme nach dem Benedict,
welche diesen zittern macht; rasch ffnet er die Kammerthre und ruft: "Was
ist's, was gibts?" Die Frage ist noch nicht recht heraus, fhlt sich der
Benedict am Titus gefat, hageldichte Schlge versetzt ihm der Jacob mit
einem vierfachen, reichlich mit Knpfen versehenen Seilstumpen und brllt.
"Wo hast du Geld geliehen?" "Hab' keines geliehen!" heult der Benedict,
krmmt sich unter den Eichenfusten des Vaters und immer wthender haut
dieser zu und haut zu, wie der Sohn schon auf dem Boden liegt, denn Weste
und Wamms hatte dieser ausgezogen und trug nur ein Hemd und dnne
Sommerhslein, so da kein Hieb verloren ging. "Ach, Vater, sechs Kreuzer
habe ich geliehen!"--"Bei wem, Schlingel!"--"Beim Aloys!"--"Wo hast noch
geliehen?"--"Beim Bernhard!"--"Wieviel?"--"Nur zwlf Kreuzer!"--"Wo hast
noch geliehen?"--"Beim Stoffel!"--"Wieviel?"--"Achtzehn Kreuzer!"--"Und wo
noch?"--"O Jesus, Maria und Joseph, lat mich gehen, beim Bernhardt!"--
"Wieviel?"--"Einen Sechsbtzner!"

Auf solche Weise ging das Examen fort, der Jacob bebte vor Zorn und Wuth,
doch seine Krfte gaben nach von lauter Zuschlgen, der Benedict aber war
Eine Beule von oben bis unten und sein Blut rann ihm ber das Gesicht und
den zerfleischten Leib. Athemlos und keuchend steht der Jacob, vermag kaum
den Seilstumpen mehr in der Hand zu halten, mit heiserer Stimme gibt der
Benedict die letzte Antwort: "Ach, beim Liebhardt hab' ich zwei Gulden
geliehen!"--und aufs neue schlgt der Vater zu, da sich der Sohn wie ein
Wurm auf dem Boden krmmt, schreckensbleich steht der Bruder, die
Schwestern weinen vor Mitleid, die Theres bringt vor Angst und Schrecken
kein Wort hervor und hat den Muth zum Abwehren verloren, denn sie kennt
ihren Alten und wei, wozu ihn die Wuth bringen kann.

Das Blut Benedicts, der keine Stimme und keine Thrnen mehr zum Weinen hat,
gibt ihr endlich den Muth, in den Augenblicke, wo alle Kinder um Hlfe fr
den Bruder schreien, aus der Kche zu springen, dem Vater, der mit beiden
Hnden seinen Strick hlt und zuhaut, unter den Streich zu fahren,
denselben am Arme zu packen und zur Menschlichkeit zu ermahnen. "Spring
fort, spring fort, Benedict!" rufen angstvoll die Geschwister und der
Benedict springt nicht fort, doch wankt er zur Thre und zur Hinterthre
hinaus in den Obstgarten und von da ber den Zaun ins Feld.

Ohne Kappe, ohne Halstuch, ohne Wamms und Weste, ohne Schuhe und Strmpfe
und dazu ohne Geld wankt der Mihandelte von Wenigen gesehen und von Keinem
erkannt, dem Weidengebsche am Mhlenbache zu.

Dies waren Folgen des Ehrentages der schwarzen Schwitt.

Der Vater hatte nicht gewut, da sein Sohn die Zeche bezahlte; diesen
Morgen wandelt der Liebhard mit ihm und andern Nachbarn aus der Kirche, das
Gesprch kommt auf den Benedict, Alle loben denselben und der Liebhardt
sagt: "Darfst glauben, Jacob, da ich deinem Buben die zwei Gulden nicht
geliehen htte, wenn er ein liederlicher Mensch wre!"--"Was? zwei Gulden
hat er bei dir geliehen?" fhrt der Jacob auf und macht Augen wie
Pflugrder.--"Htte ich das Maul gehalten!" denkt der Liebhardt, der jetzt
erst merkt, der Jacob wisse nichts um die Sache, doch kann er nicht als
Lgner dastehen, erzhlt die Sache ausfhrlich und der _grundehrliche_
Jacob schmt sich in den Boden hinein, der _finstere_ Jacob aber eilt
heim, flicht Knoten am Seilstumpen und ist gerade fertig geworden, als sein
Opfer den Kopf zur Kammerthre herausstreckte.

Der Duckmuser hatte nicht nur beim Liebhardt, sondern noch bei vielen
Andern, welche keine Buben oder Mdlen bei den Schwitten hatten, Geld
geliehen, wute nicht, da der Vater nur vom Liebhardt etwas wisse, gestand
zuerst den kleinsten, dann grere, allmlig alle Posten ein und mit den
Zahlen wuchs so der Grimm des Vaters. Als dieser der Theres Alles erzhlt,
steht die gute, grundehrliche Frau gleich einer Bildsule da und wrde
ihren Mann zum erstenmal einen Lgner gescholten haben, wenn sie die
Gestndnisse ihres "Augapfels" theilweise in der Kche drauen nicht selbst
gehrt htte. Beim Mittagessen erschien kein Benedict, in der Vesper fehlte
er auch und den ganzen Tag bis in die tiefe Nacht hinein war ein Gelufe
der Buben und Mdlen der schwarzen Schwitt zum Elternhause ihres
"Herzkfers", doch vom Benedict wute Niemand ein Sterbenswrtlein, seine
Eltern und Geschwister verriethen aber auch nicht, wie er geschlagen worden
sei und warum.

Noch um zehn Uhr Abends geht die Margareth mit der Susanne, Marzell und
Anderen durch das Oberdorf, sie reden lauter Liebes und Gutes vom
Duckmuser, eine dunkle Gestalt schleicht hinter ihnen eine Weile her und
dann verschwindet sie zwischen den Gartenzunen.

Es ist der Benedict, der seiner Wohnung zutrollt, die beiden kleinern
Schwestern stehen noch im Hofe, eilen freudig auf ihn zu und berichten auf
seine leise Frage, der Vater liege im Bett, die Mutter jedoch sei noch auf,
sie habe immer geweint und gefrchtet, er werde sich den Tod anthun, doch
wisse kein Mensch, was der Vater gethan habe.

Die letzte Versicherung trstet den Duckmuser, wenns nur Niemand wei,
dann steht alles gut! wie lieb ihn die Mdlen haben und wie hoch ihn die
Buben der schwarzen Schwitt in Ehren halten, das hat er auf dem Heimwege
erfahren!

Am Bache hat er seine schwarzblauen Beulen und blutigen Striemen wehmthig
betrachtet, sich dann ins Wasser gelegt und an den Wunden gerieben,
hoffend, dieselben wrden eher unsichtbar werden, dann legte er sich
zwischen den Weiden nieder und schlief mit hungrigen Magen bis zum Abend,
wo er noch sitzen blieb, bis es recht finster wurde und dann fortschlich,
um zu sehen, wie es im Dorfe und daheim aussehe.

"Gang, Hannesle, lang mer jetzt die Kleider zum Kammerfenster heraus und
bring mein Geld; es liegt hinter dem Getchtrog in einem dunkeln Lumpen
eingewickelt!" sagt der Duckmuser; der Hannesle geht, berichtet der
Mutter, der Bruder sei Gottlob wieder gekommen, das Mtterchen bringt das
Geld selbst und fragt, wozu er so viel geliehen.

Ihr gesteht er Alles und sie sieht ein, da der Augapfel Geld lieh, um die
Altmodischen der schwarzen Schwitt im Dorfe gegen die liederlichen und
allgemach verrufenen Rothschwittler in Oberhand zu halten, vergit ihre
Schaam und wrde die Beulen ihres Augapfels gerne nicht nur aus dessen
Gesicht, sondern von seinem ganzen Leibe mit ihren Zhren abgewaschen
haben. Sie will ihm Essen holen, er will nichts und sagt, er verdinge sich
noch heute Nacht in der Stadt oder sonst wo und nur das feierliche
Versprechen der Mutter, beim Vater ganz gutes Wetter zu machen, bringt ihn
davon ab, doch bleibt er nicht daheim, sondern geht wieder fort.

Eine halbe Stunde spter kommt der Duckmuser zum Dorfe, torgelt und
taumelt und redet mit sich selber wie ein Schwerbetrunkener und findet aber
doch den Weg zu den Linden, wo noch Buben und Mdchen der schwarzen Schwitt
stehen, denn das Verschwinden ihres Herzkfers hat Alle in schwere Unruhe
und Besorgni versetzt und Mehrere suchen in den umliegenden Ortschaften
ihr Haupt.

Der Mond steigt ber den dunkeln Bergen des Schwarzwaldes auf und leuchtet
ins Thal, die Susanne erkennt den Duckmuser, Alle springen ihm fragend
entgegen und sehen seine Beulen und Striemen; er spiele die Rolle des
Betrunkenen, wiewohl er im Pfarrdorfe drben nur zwei Schpplein schnell
hinabstrzte; sie glauben, da er heute fortgewesen, im Rausche unbesonnen
gewesen sei, Hndel angefangen und "Pumpes" bekommen habe.

Dies war's, was er wollte, denn da ihn seine Eltern so wenig verriethen,
als die, von welchen er Geld geliehen, wenn er nmlich dieses Geld rasch
zurckgebe, dessen war er gewi.

Der theuern Margareth, der holdseligen Marzell und dem herzensguten Vefele
erzhlte er die Sache vom Liebhardt selbst, doch wollte er auf dem Markte,
wohin er jeden Donnerstag mit einem Korb voll Eier, Butter und dergleichen
geschickt wurde, ein groes Unglck gehabt und die zwei Gulden gebraucht
haben, um den Schaden vor dem strengen Vater zu verbergen!

Er konnte als armer Bursche mit den paar rothen Batzen, welche die Mutter
dem Vater fr ihn abschwatzte, seine Anfhrersrollen nicht spielen, der Max
wrde ihn mit seinen Kronenthalern arg zu Schanden gemacht haben. Heimliche
Schulden drckten den Benedict und seitdem er so grndlich erfahren, was
der Vater von Schulden halte, wars ihm desto unlieber, weil die Mutter gar
zu scharfe Augen machte, wenn sie den Marktkorb zursten half.

Ohne dem Augapfel ein Freudlein in Ehren zu mignnen, blieb sie sehr
sparsam und huslich; seit der Geldgeschichte schien ihr auch ein Licht
darber aufgegangen, wehalb der Benedict seit einiger Zeit manchmal in
"Brandpeterle's" Haus schlich, welches im Punkte der Ehrlichkeit und in
einigen andern dazu nicht im besten Geruche stand. Sie pate gewaltig auf,
wenn derselbe seinen Marktkorb auf den Kopf nahm und in die nahe Stadt
marschirte, suchte zuweilen hinter dem Getchtrog und in andern Winkeln und
schttelte den ergrauenden Kopf, obwohl sie niemals etwas Verdchtiges
fand.

Man munkelte im Dorfe hie und da von Schulden des Benedict, die rothe
Schwitt meinte, "er habe es dick hinter den Ohren und sei halt der
Duckmuser", doch die Leute wurden nach und nach bezahlt und der rothen
Schwitt das bse Maul gestopft.

An einem Dienstag Abend sitzt der Benedict bei den Mdlen unter den Linden,
da sagt die Marzell: "Gelt, du hast heute ein Pfund Butter bei der krummen
Lisbeth fr s' Baschi's Wittfrau gekauft?"--"Ja, warum sagst du's?"--"He,
die Lisbeth hat dich bei einer ganzen Heerd Weiber ausgerichtet, habest ihr
kein Geld fr die Butter gegeben und nachher doch behauptet, du httest sie
bezahlt!"--"Wart'! der Lisbeth will ichs morgen sagen! Hab' ich je in
meinem Leben um einen halben Kreuzer _betrogen?_" fhrt der Benedict
auf und geht bald ein bischen verstimmt heim.

Am nchsten Markttage steht die krumme Lisbeth mit andern Weibern und
Mdlen des Drfleins auf dem Wochenmarkte und just neben einer
Obsthndlerin. Auf einmal kommt der Benedict, kauft fr zwlf Kreuzer Obst,
gibt der Frau das Geld und geht.

Eine Viertelstunde spter kehrt er eilfertig zurck und fragt die Obstfrau
schon von weitem: "Nicht wahr, bei Euch habe ich fr zwlf Kreuzer Obst
gekauft?"--"Ja, das habt Ihr!"--"Ich habe Euch ja 's Geld nicht gegeben?"--
"Doch, doch, Ihr habts mir in die Hand gelegt!"--"Oh, das kann gar nicht
sein, ich wei es von meinem Gelde, die zwlf Kreuzer fehlen mir nicht!"

Wer keine doppelte Bezahlung will, ist die blutarme Obstfrau, wer darob ein
tchtiges Geschrei anfngt, der Benedict und whrend alle Weiber recht
aufpassen, sagt er und schaut auf die krumme Lisbeth hinber. "So ist's!
Die Eine will ihre Waare gar nicht, die Andere dagegen doppelt bezahlt
haben! ... Fr die halbe Stadt mu ich einkaufen; gehe ich nun auch einmal
fort und vergesse in Gedanken das Bezahlen, so finde ich bald, wo es fehlt,
wenn ich die Rechnung ber mein Geld stelle! ... Doch zweimal, wie es
vorgestern Eine mit ihrem Pfund Butter haben wollte, zahle ich nicht gern!"

"Da sieht man wieder, wie man den Leuten Unrecht thut!" lieen sich die
Weiber vernehmen und schauten auf die Lisbeth.

"Ich hab's vorgestern gleich nicht geglaubt, der Benedict geht jetzt schon
lange auf den Markt und hat sich noch nie etwas zu Schulden kommen
lassen!["] meint die Apel.

Abends hrt der Duckmuser von seinen Herzkfern lauter Liebes und Gutes
und einer ganzen Heerde Weiber hat die Lisbeth eingestanden, es sei leicht
mglich, da sie Benedicts Geld fr die Butter verloren habe; ein Loch sei
nicht in ihrem Rocke, doch habe sie das Geld in der Eile nicht in den
Beutel gethan und vielleicht mit dem Schnupftuche weggeworfen.

Sauer, blutsauer lie sich's unser Held werden, bis die rgsten Glubiger
zufrieden gestellt waren, Angst und Noth stand er genug dabei aus und fand,
der Erwerb auf krummen Wegen gewhre dem Menschen sehr wenig Freude; er
wrde sich gern mit den paar Batzen begngt haben, welche die Mutter ihm
zusteckte, doch sollte er _jetzt_ vor dem Max zurcktreten, aufhren,
an der Spitze der schwarzen Schwitt zu stehen und so die "Neumodischen"
Herren im Drflein werden lassen?

Der Max besa Geld wie Heu; nicht blos an hohen Feiertagen und besondern
Gelegenheiten, sondern jeden Abend, den Gott gab, lebte die rothe Schwitt
herrlich und in Freuden, sei es im Hirzen oder in Kunkelstuben, und wenn
die schwarze Schwitt auch nicht gro thun, prahlen und unmig sein wollte,
so gab es doch von Zeit zu Zeit Gelegenheiten zum Geldausgeben und der
Benedict htte es nicht sehen knnen, wie Maxens Rothe, Willibalds Luzie
und Andere mit Geschenken berhuft wurden, whrend die braven, treuen und
lieben Mdlen der schwarzen Schwitt leer ausgingen.

Wenn er jetzt zuweilen mit einem kleinen Marktkorbe auf dem Kopfe zum Ort
hinausging, so wuchs der Korb merkwrdig in die Hhe, ehe er durch das
Stadtthor keuchte und einige Weiber wollten wissen, das Wunder gehe ganz
natrlich zu; gewi war, da der Benedict unterwegs seinen kleinen Korb
abstellte, seitwrts vom Wege in das Weidengebsch des Mhlenbaches trug
und weit schwerer bepackt wieder hervorkam, sich vorher nach allen Seiten
umsah, ob kein Unrechter in der Nhe sei und dann rascher als vorher der
Stadt zulief. Die krumme Lisbeth mit ihren scharfen Augen bemerkte es wohl,
andere Weiber wutens bald; sie zogen den Benedict auf wegen seines
Abstellens bei den Weiden und dieser merkte, da Mutter Theres sammt andern
ihres Geschlechtes und manchen Mnnern dazu seine Ehrlichkeit und
Redlichkeit stark bezweifelten.

Der Liebhardt war nicht allein beim Jacob gewesen, als die Geldanleihe zur
Sprache kam, Andere mochten die Sache herum gesagt haben, Benedicts Eltern
zahlten alle ihnen bekannten Glubiger aus, diese merkten auch etwas, das
Pfund Butter war auch noch nicht vergessen und das Drflein lag nicht in
einer Gegend, wo man gestohlen haben mute, um fr unehrlich zu gelten;
eine wackere Lge reichte dazu hin und der Marktkorb machte die Mutter so
mitrauisch, da sich der Held der schwarzen Schwitt nicht mehr zu helfen
wute. Zuweilen kam jetzt wohl die Schwindsucht an sein Geldbeutelein, doch
von Zeit zu Zeit besa er Geld und so vorsichtig er mit dem Ausgeben
desselben war, schttelten doch manche den Kopf und meinten, der Max habe
mit dem Namen "Duckmuser" keinen blen Einfall gehabt.

       *       *       *       *       *




#DUCKMUSERS GLCKSSTERN ERBLEICHT.#


       *       *       *       *       *

An einem Sonntagmorgen tritt der Benedict aus der Kammer in die Stube, der
Vater rasirt sich gerade hinter dem Ofen und tritt diesmal nicht so glatt
und sauber wie sonst hervor, denn er hat sich im Eifer geschnitten oder vor
innerer Bewegung gezittert, seine Stirn ist gefaltet und der Blick so
finster, da der Sohn bereut, durch das Lffelgeklirre der Mutter in die
Stube gelockt worden zu sein.

"Bist du gestern Nacht nicht wieder in Brandpeterles Haus gewesen?" fragt
der Jacob und der Mund zuckt bei dieser Frage gar seltsam.--"Ja, ich war
ein Viertelstndle dort und hab' geschwind die Geschichte vom Fortunatus
mit dem Sckel und Wnschhtlein erzhlen! mssen!" meint der Benedict
kleinlaut.--"Woher hast du denn diese schne silberne Uhr, die heute Nacht
aus deinem Sacke rutschte?" fragt der Alte mit blitzenden Augen und
zitternden Lippen und zieht die Uhr aus dem Kasten--"Ho, ich habe sie
gefunden!"--"So was findet man nicht so am Wege! Kerl, was fngst Du fr
ein Leben an? Gib Acht, gib Acht, da ich nicht hinter dich komme, 's geht
dann anders als wegen dem Liebhardt!" donnert der Vater und schlgt die
Eichenfaust auf den Tisch, da die blechernen Lffel und zinnernen Teller
in die Hhe springen und die jngern Kinder ngstlich zusammenfahren.--
"Alter, denk' an unsere Verabredung!" ermahnt die Theres, welche eine
Schssel voll gebratener Erdpfel neben die dampfende Suppe stellt.--"Wo
hast du die Uhr gefunden?" forscht der Jacob weit sanfter.--"Da und da."--
"Bah, bah, wehalb hast du sie denn verborgen? Wehalb mute ihr Picken
erst dein Glck verknden? Soll man das Maul halten, wenn man Etwas
gefunden hat? Meinst du, es werde Niemand nach der Uhr fragen? Kerl, Kerl,
nimm dich in Acht, heute gehst du mir nicht zum Hause hinaus, hast's
gehrt?["]--"Ja, ja!" versichert der zitternde Benedict und die Mutter
wirft ihm einen Blick unaussprechlicher Angst und Bekmmerni zu, denn sie
ahnt, wie ihr Augapfel zu der schnen Uhr gekommen sein mge. Aus der
Kirche bringt der Vater die Hiobspost, gestern Abend sei dem Melchior die
Silberuhr, welche er an der Wand hngen hatte--weggefunden worden, der
Benedict glaubt sein Todesurtheil zu vernehmen, doch flicht der Vater
diesmal keinen Seilstumpen und versetzt dem Bueb nur gelegentlich einen
Sto, da derselbe der Lnge nach zu Boden strzt und will einen Futritt
oben drauf setzen, den die herbeieilende Mutter jedoch verhindert.

Bei Nacht und Nebel trgt der Jacob die Uhr wieder dahin, woher sie
genommen wurde, kommt unbeschrieen wieder heim, kann kein Wort reden vor
Schmerz und Schaam, die Theres aber nimmt den Benedict in die Kammer, fllt
vor ihm auf die Kniee und bittet ihn unter strmenden Thrnen und mit
aufgehobenen Hnden, sich zu bessern und von dem Wege abzulassen, den er
eingeschlagen.

Bei allem, was dem Christenmenschen und Kindesherzen heilig ist, beschwrt
sie ihn, vor Gott und den Menschen ehrlich und rechtschaffen zu wandeln und
bringt ihn zum Schwure, wieder ordentlich zu werden.

Sie versprt an Eiern, Butter und dergleichen, da es dem Duckmuser
diesmal Ernst sei; sie kennt ihn inwendig wie auswendig und will Alles
thun, um ihn auf dem rechten Wege festzuhalten. Sie wei, es gbe Eine im
Drflein, welche mehr ber den Benedict vermge, denn alle Geistlichen,
Vater und Muster zusammengenommen, diese Eine hie Margareth und zu dieser
geht die tiefbekmmerte Theres, erzhlt ihr, wie alle Ermahnungen,
Warnungen, Schlge und andere Mittel den Buben nicht von Brandpeterles
wegbringen knnten und wie es mit Melchiors Uhr zugegangen sei.

Ob der unerwarteten und nie geahnten Nachricht erschrak die Margareth so
sehr, da sie den Benedict, fr welchen sie freudig ihr Leben gelassen
htte, von dieser Stunde an nicht mehr liebte, sondern eher frchtete, und
spter frchtete wie selten ein Mensch gefrchtet wird. Sie verrieth
Theresens Vertrauen mit keiner Silbe, blieb gegen dieselbe eine zrtliche
Freundin und liebende Tochter, doch die Liebe fr den Benedict war aus
ihrem reinen, blutenden Herzen verschwunden, jeder Blick und jedes Wort und
die Scheu vor dem verdchtigen Geliebten verrieth es jetzt schon.

Am dritten Abend darauf rstet der Benedict seinen Marktkorb, die Mutter
sieht ihm mit nassen Augen zu, denn er sieht gar bleich und zerstrt aus,
thut wie Einer, der nicht mehr bei sich selbst ist und hrt stumm die
Auftrge herzhlen, welche er morgen befolgen soll; schon um 3 Uhr will er
wie gewhnlich fortgehen und um diese Zeit pflegt die Mutter noch ein
bischen zu schlafen.

Der Marktkorb ist gepackt, der Benedict setzt die Kappe auf und nimmt die
Pfeife von der Wand. "Wohin willst du noch?" fragt die Mutter.--"Zu den
Andern!" brummt der Sohn kurz und grob.--"Nein, du gehst jetzt nicht zu den
Andern, sondern bleibst da! ... Wenn gute Worte nichts ntzen, dann will
ich auch anders mit dir anfangen!" ruft die schwergekrnkte, erzrnte
Mutter.

Der Vater sitzt am Tische, sucht in einem alten Kalender den Tag, an
welchem die kleine Ammerey zur Welt kam, doch jetzt steht er auf und langt
nach den Stricken, die neben dem groen Legendenbuch am Kasten herabhngen,
der Duckmuser jedoch schiet wie eine Kugel aus dem Rohr zur Thre hinaus
in die stockfinstere Nacht hinein.

Einige Minuten spter geht er in das Haus des Brandpeterle, in welchem die
rothe Schwitt jetzt ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat. Der Brandpeterle
sitzt nicht in der Stube, denn er liegt schon lngst drben auf dem
Kirchhofe, doch dessen verrufene Wittwe setzt eben zwei Krge Wein auf den
Tisch, ihre hbsche, doch leichtsinnige Tochter, die Hanne, sitzt auf dem
Schooe des Willibald, der mit fnf andern Buben und fnf Mdlen der rothen
Schwitt just vom Duckmuser redet, denn dieser wird erwartet. An diesem
Abend wird das bisherige Haupt der schwarzen Schwitt vollends zum Haupte
der rothen ernannt, die Hanne zur "ehelichen Geliebten" desselben gemacht
und der erste Beschlu des Neubekehrten heit: Brandpeterles Haus bleibt
Hauptquartier der rothen Schwitt, die ganze Jungfrauschaft der schwarzen
ist im Bann!

Etwa um die Zeit, wo Benedict sonst den Marktkorb auf den Kopf zu nehmen
pflegte, tritt er aus Brandpeterles Haus und geht nicht heim, um den Korb
zu holen, sondern zum Drflein hinaus und am Kreuze vorber, wohin er vor
drei Jahren in der Frohnleichnamsnacht die Maien gebracht.

Er zieht die Kappe nicht herab, sondern schaut nach der andern Seite.

Es wird Abend, wird wieder Tag, wird Sonntag, Dienstag und noch einmal
Dienstag, vom Benedict ist nichts zu sehen und zu hren, die Hanne mit der
rothen Schwitt wartet so vergeblich wie die schwarze. Am folgenden Sonntag,
whrend Alles in der Kirche ist, was nicht ganz notwendig in der Kche oder
bei der Wiege oder im Krankenbette bleiben mu, tritt der Duckmuser wieder
ber die Schwelle seines Vaterhauses, die Mutter steht am Heerde und kehrt
sich um, doch sie fhrt erschrocken zusammen und findet keinen Gru.

Ohne ein Wort zu sprechen, geht er in die Kammer, zieht ein frisches Hemd
und die Sonntagskleider wieder an, nimmt einen schweren Geldbeutel aus dem
Sacke der alten Hosen, steckt denselben ein und geht mit einem barschen
"Adje" wieder zum Hause hinaus.

Kein Kundschafter erfuhr, wohin der Benedict gegangen, doch wie es dunkel
wird, kommt er mit Zweien von der rothen Schwitt das Dorf herauf zur Linde,
die Mdchen der schwarzen Schwitt drngen sich nicht um ihn herum, wie dies
sonst immer der Fall war. "Wo ist d Margareth?" fragt er--"Wir wissens
nicht! ... sie wird daheim sein!" antworten Einige--"Und Ihr, was thut Ihr
da? Ihr knntet auch daheim sein!" sagt er und geht dann das Dorf weiter
hinauf.

Im Hofe des Brandpeterle sitzen die Dorothea, Klara, die Sabine, welche aus
der "Feinsten, Fleiigsten und Sittsamsten" auch eine Helden der rothen
Schwitt geworden ist, vielleicht aus Scheu vor dem Oberhaupte der
Schwarzen.

Der Duckmuser will mit den Mdchen scherzen, die Gefhrten dagegen halten
ihn eiferschtig ab. "_Diese_ gehen _dir_ nichts an, dir gehrt
die Hanne, la diese sitzen, wo sie sitzen!"--"Was? Ihr habt mir nichts zu
befehlen, ich kann hingehen, wohin ich will und Ihr, wohin Ihr wollt!"

Mit diesen Worten kehrt der Benedict den Rcken und zu der Linde zurck, wo
Mdlen der schwarzen Schwitt einsilbig beisammensitzen und kein Lied
anstimmen.

"Guten, guten Abend, ihr Lieben! Was macht ihr Lieben?"--"Ach, was machen
wir! ... was denkst du aber auch! ... la jetzt den Karren rennen, wohin er
rennt!"--"Was sagt denn die Margareth?"--"Ach, was sagt sie! ... was wir
halt auch sagen, da Solches kein Mensch von dir geglaubt htte! ... wo
bist denn gewesen die ganze Zeit?"--"Wei es selber nicht!" "Bleibst jetzt
wieder da?"--"Dableiben? bei wem?"--"He, bei wem? bei deinen Leuten!"--
"Heute und morgen noch nicht!"--"Ach, thue es doch der Margareth und uns zu
lieb und folge deinen Leuten!"--"Der Margareth? Wit Ihr nicht, da sie mir
den Abschied gegeben hat? da ich jetzt ein Rothschwitter bin und die Hanne
meine Herzige ist?"--Die Mdchen bleiben stumm, einige fahren mit der
Schrze ber die Augen, andere weinen laut.

"Wenn Ihr zu der Margareth kommt, so sagt ihr, _sie_ habe mich zum
Herrn ins Brandpeterles Haus gemacht, gute Nacht!" sagt der Benedict mit
bebender Stimme, ein ingrimmiger Schmerz whlt in seinem Herzen und droht
ihn zu erwrgen, er vermag kaum das "gute Nacht" noch herauszubringen,
kehrt sich ab und geht. "Benedict hre, ich mu dir noch Etwas sagen!" ruft
ihm die Susanne nach.--"Was weit noch?" fragt er mit unsicherer Stimme.--
"Ich wills dir allein sagen!"--"Gut, Susanne, ich komme noch einmal zu dir
heute Abend!"

Um 11 Uhr klopft Einer am Kammerfensterlein der Susanne, diese ffnet und
der Benedict fragt, was sie ihm denn zu sagen habe.

Dieses schwache, einfltige Mdchen sagt in einer stundenlangen Rede Alles,
was Verstand, Ehre, Rechtschaffenheit und Gottesfurcht dem Zuhrer zu sagen
vermochten; jedes ihrer Worte dringt tief, schmerzlich tief in seine Seele,
sie fhlt, wie seine Hand in der ihrigen bebt und nimmermehr wrde die
Predigt des begeistertsten Kanzelredners, nimmermehr die Thrnen der Mutter
solch erschtternden Eindruck auf ihn gemacht haben, wie die Rede des
einfachen Bauernmdchens, in dessen unansehnlichem Krper eine edle,
herrliche Seele wohnte.

Stumm hrt er die Susanne an, zuletzt schliet diese mit den Worten. "Wir
Mdlen sind _alle_ bei deiner Mutter gewesen und sie hat uns
versprochen, dir solle nicht das geringste Leid widerfahren, wenn du nur
ihr und dem Vater wieder folgen wollest! ... Jetzt sage mir was du thun
willst!"

"Liebe Susann, ich kann nicht mehr hier bleiben, ich bin vom ganzen Dorfe
verachtet!" meint der Benedict dster.

"Nein, du bist nicht verachtet, Alle haben Mitleid mit dir und von dem, was
deine Mutter der Margareth, gesagt hat, wissen nur wir vier: ich, das
Besele, die Marzell' und die Margareth! Wir haben nirgends ein Wrtlein
gesagt und werden keines sagen, du weit, da wir dir treu sind!"

"Aber die Margareth?"

"Auch sie vergit dir Alles und ist nicht mehr bse, wenn du jetzt folgen
willst! ... Sie ist die ganze Zeit nicht aus dem Hause gekommen, hat nur
geweint und wenn du noch jetzt zu ihr gehst, wird sie dir das Nmliche
sagen, wie ich!"

Verzweiflungsvoll starrt der Benedict zu Boden und schweigt, die Susanne
bittet noch einmal, Besserung zu versprechen und ermahnt ihn jetzt
heimzugehen und wieder redlich zu werden, sie wolle immer fr ihn beten.

"Susanne, ich will dir folgen, will heute Nacht noch heimgehen und meine
Leute um Verzeihung bitten, aber--es ntzt nichts, _es ist zu spt!_
... Gott behte dich liebe Freundin!"

Verzweiflungsvoll schaut der Benedict zum sternenreichen Nachthimmel empor,
wischt zwei groe Thrnen ab und geht, geht jedoch nicht heim, sondern
zuerst vor das Kammerfensterlein des Besele, dann vor das der Marzell, hrt
bei Beiden dasselbe, was die Susanne gesagt und ppperlet mit bangem
klopfenden Herzen endlich noch bei der Margareth an.

Diese benimmt sich ganz so, wie ihre besten Freundinnen es vorausgesagt
haben, vershnt sich mit ihm und schliet ihre Predigt also:

"Wie oft, wie oft, Benedict, hat das schneeweie Bbele selig von dir
gesagt, es sei nicht alles Gold, was glnze! ... Sei aber fortan jetzt brav
und redlich, ich bitte dich um Gotteswillen, Allerliebster! ... Denk jetzt
an unsern Herrgott, bete und arbeite, wie dein Vater, der brave Jacob sagt
und thut! ... La solche Sachen bleiben, dadurch wird kein Mensch
glcklich, wie du ja selbst schon oft gesagt hast!"

Schon bricht der Tag an, die Schwalben zwitschern, es ist Zeit, den
Marktkorb endlich zu holen, er geht heim, Vater und Mutter sprechen mit
ihm, als ob gar nichts vorgefallen wre, Benedicts Entschlu zur Besserung
steht fest, ist aufrichtig, aber--zu spt!

Drei Tage frher und der Duckmuser htte wohl den armen, stets
verachteten, ungeliebten und durch die Lieblosigkeit der Menschen zumeist
verderbten Zuckerhannes niemals kennen lernen!

Wunderbar ist die Macht, welche von einer unschuldigen, tugendhaften,
christlich gesinnten Jungfrau nicht nur auf das Gemth eines unverderbten,
sondern auch eines verderbten, ja lasterhaften Jnglings ausgebt wird. Die
hohe Verehrung, welche chte Katholiken der Jungfrau Maria zollen, wurzelt
im tiefsten Geheimni des menschlichen Herzens und wer die Liebe der
jungfrulichen Mutter nicht versteht, lernt nur schwer die Liebe des
Gottessohnes zum Menschengeschlechte verstehen. Ein Verchter Marias ist
gewhnlich ein schlechter oder mindestens sehr befangener Christ und wer
die Jungfrauen nicht achtet, ein roher und noch hufiger ein schlechter
Mensch. Schade, da heutzutage christlich gesinnte Jungfrauen nicht
hufiger sind! Hat Satan nicht zuerst die Eva und dann erst, als diese
gesndigt hatte, durch sie den Adam verfhrt? Hat die Susanne, welche noch
lebt und ber den universellen Sieg der rothen Schwitt im Drflein trauert,
nicht den grenzenlosen Leichtsinn und tief eingewurzelten Hochmuth des
Benedict in Einer Stunde gebrochen? Wie wre er sonst unter das Fensterlein
der Margareth und nach Hause gekommen? ... Mit dem Marktkorbe auf dem Kopfe
wandert Benedict wiederum der Stadt zu, zuerst holt ihn das Besele, dann
die Marzell und zuletzt auch die Susanne auf dem Wege ein, alle drei
sprechen leise und angelegentlich mit ihm und stumm hrt er ihre Reden an,
antwortet zuweilen nur mit einem schmerzlichen: Ach, ich!--

Die "Alltagsmarktweiber" des Wochenmarktes stecken ihre Kpfe zusammen und
verwundern sich ebenso sehr ber die fremdgewordene Erscheinung des
Benedict als ber das nachdenkliche Gesicht und zerstreute Wesen desselben,
denn heute bringt er auch nicht einen seiner sonstigen Marktwitze und
frhlichen Spe vor.

Auf dem Wege waren ihm noch frher als das Besele drei Gensdarmen begegnet;
diese gingen seinem Drflein zu, ein schwles, banges, unheimlichem Ahnen
erfllte seine Seele, er sah immer nur die drei Gensdarmen, welche dem
Hause seiner Eltern zugingen und hrte nur immer, wie dieselben nach ihm
fragten!

Er verkaufte den Marktkram und ging dann in die Apotheke, um Arznei fr
sein krankes Brderlein zu holen. Ihm folgt jedoch einer der drei fatalen
Gensdarmen und als Beweis, da derselbe bereits wieder aus dem Drflein
komme, folgt auch der kleinere Bruder, der Hannesle deutet bleich und
zitternd auf den Aeltesten und sagt: das ist unser Benedict! ... Der
Hannesle wartet auf die Arznei, der Verhaftete bergibt demselben den Korb
sammt dem Marktgelde und wird vom Gensdarmen in das Amtsgefngni gefhrt.
Man fand nicht mehr bei ihm, was man suchte, doch er dachte an die
verflossene Nacht, gestand seine ganze Schuld dem Assessor, welchem er
vorgefhrt wurde und kehrte noch am Abend desselben Tages in sein Drflein
zurck.

Der Jacob schmierte gerade ein Pflugrad, als er seinen Ungerathenen kommen
sah, eilte zum Hause, stellte sich neben die Theres und beide erklrten
einstimmig, _er_ habe kein Elternhaus mehr, sei fr immer von ihnen
verstoen und sie wollten vergessen, jemals einen Sohn gehabt zu haben, der
Benedict heie.

Diese furchtbare Erklrung brachte den Duckmuser nicht auer sich, er
behauptete, derjenige gar nicht zu sein, welchen die 3 Gensdarmen gesucht
htten; seine Unschuld sei gleich erkannt und dehalb sei er auch gleich
wieder freigelassen worden nach dem ersten Verhre. Auf solche Weise
_erschlich_ er den Eintritt ins Elternhaus.

Viele Bewohner des Drfleins jedoch glaubten nicht an seine Unschuld,
brdeten ihm zehnmal mehr auf, als er jemals gethan hatte und so wenig sich
die Mehrzahl scheute, Ehre zu geben wem Ehre gebhrt, so wenig scheute sich
dieselbe, ihren Argwohn und ihre Verachtung dem Benedict ins Gesicht hinein
zu werfen.

Als ihm die Mutter ebenfalls den Markt und die huslichen Arbeiten abnahm
und dem Gregor bergab, zugleich nirgends einen Schlssel mehr stecken
lie, wo etwas zu holen war, da entleidete dem Benedict das Leben im
Elternhause und er wre fortgegangen, wenn die Mdchen ihm nicht in dieser
Zeit Proben wahrer Freundschaft und Liebe gegeben htten. Diese scheuten
weder Muthmaungen noch Sticheleien und bse Nachreden, theilten ruhig und
freudig seine Verachtung, gingen offen mit ihm um, kamen zur Mutter Theres,
um diese zu trsten, zu beruhigen und derselben eine freudenvollere Zukunft
zu versprechen, insofern solche von ihrem Aeltesten abhnge. Der Duckmuser
hatte die arglosen, unschuldigen Mdchen leicht von seiner Schuldlosigkeit
berzeugt und sie glaubten an seinen guten Willen zur Besserung. Er hielt
sich mglichst fern von den Leuten, seufzte im Stillen, denn Ruhe blieb
seinem Herzen fremd. Bses erwiederte er nicht mit Bsem, nahm Alles in
Demuth hin, betete viel und nach einiger Zeit gab es auch Stunden, wo er
selbst an eine bessere Zukunft glaubte. Was thut, hofft, frchtet ein
junger Mensch nicht in arger Bedrngni?

Die treuen Mdchen, welche zur altmodischen Schwitt gehrten, standen mit
ihrer Treue vereinzelt, denn die meisten Buben und Mdlen ihrer Parthei
hielten das stille, ruhige, demthige Benehmen des auer Kredit gekommenen
Oberhauptes meist nur fr einen Akt neuer Verstellung. Dagegen begegnete
die rothe Schwitt dem Duckmuser so freundlich, zuvorkommend und
wohlwollend wie noch nie, denn sie glaubte, jetzt oder nie sei der rechte
Augenblick da, um ihn ganz an sie zu fesseln.

"Wie lange werden die treuen Mdchen der alten Schwitt noch zu dir halten?
Wie lange wird es dauern, bis der letzte und rgste Schlag im Hause
geschieht? Bis du von den Besten unter den Guten verachtet, verlassen, aus
dem Elternhause verstoen sein wirst? Sind dann alle Deine Anstrengungen
nicht vergeblich gewesen? Sei pfiffig, Benedict, bei der rothen Schwitt
winkt Freude und Genu, _gerade jetzt_ ist es die rechte Zeit zum
festen Anschlu an dieselbe! Leben die Buben und Mgdlein der rothen
Schwitt nicht auch im heimathlichen Drflein? Haben sie nicht ihre Eltern
hier, Verwandte und Gesinnungsgenossen genug in den umliegenden Drfern?
Stelle dich an die Spitze der rothen Schwitt, mache das Leben derselben zur
Mode, dann wird die allgemeine Verachtung aufhren, sie mu aufhren!" Also
flstert in bangen, schlaflosen Nchten der Versucher dem Benedict ins
Herz, mchtig kmpft die Erinnerung an die Nacht des Fensterleins, mit
letzter Kraft die Liebe zur Margareth und deren Freundinnen gegen jene
Stimme an--er erlebte grausam qualvolle Stunden, der unglckliche
Duckmuser! ... "Fort, fort von hier, das ist meine einzige Rettung!" sagt
er an einem Sonntagmorgen zu sich selbst und geht.

Nach der Vesper steht er jedoch mit dem Willibald, der ihn eine Stunde vom
Drflein traf und zur Umkehr bewog, unter der Linde und sein letztes Wort
heit: Ihr drft auf mich zhlen, Willibald, ich komme bestimmt!

Nach dem Abendessen schleicht er ohne Wamms und Kappe zur Thre hinaus in
den Garten; hier hngt Wamms und Kappe an einem Rosenstocke, er zieht sich
an, setzt die Kappe recht aufs linke Ohr und nach einigen Minuten steht er
in der Mitte der rothen Schwitt, welche insgesammt im Hauptquartier beim
Brandpeterle sitzt und ihn jubelnd bewillkommt.

Die Hanne mit glhenden Bcklein holt sogleich einen Hafen voll vom Alten,
ihre Mutter berreicht ihm die Schlssel zum Keller und zum Speicher, zur
Fleischkammer und zum Geldkasten, erklrt ihn zu ihrem Eidam und spricht:

"Hab's schon oft der Hanne gesagt, sag's tglich, Dich und sonst keinen
Andern will ich im Haus haben, denn Keiner ist im ganzen Revier, der dir
gleicht! ... Hast ganz Recht gehabt, ganz Recht gehabt, wenn du nur einen
ganzen Maltersack voll, Maltersack voll bei so einem reichen Geizhals
erwischt httest! ... Man mu nicht so dumm sein, nicht so dumm sein, wenn
man dazu kommen kann! ... Ich hab' eben lauter Esel, der Sepp, der Sepp, er
mu bei dir lernen!"

Toll und bunt geht es zu beim Brandpeterle, die rothe Schwitt rast vor
Freuden ber das neue Oberhaupt, selbst der Max hat allen Groll vergessen,
doch schon um halb neun steht der Benedict auf, um fortzugehen.

Alle erklren sich dagegen, er bleibt fest und die Alte meint: "Was, du
willst fort? fort von deiner Schwiegermutter? Willst halt noch zu deiner
Schlferin, gelt? ... Mcht' nur auch wissen, was du denkst! ... Du der
lustigste Bueb im Dorf, im Dorf, magst mit einem so todten Mdle gehen, wie
die Margreth eines ist, whrend die vornehmsten Mdlen, wie meine Hanne,
die Hanne dort, die Finger nach dir lecken!"

Vergeblich jedoch beschwrt die Schwiegermutter den Eidam zum Dableiben,
vergeblich ruft sie:

"Hanne, schenke ihm ein, er darf nicht fort! ... Du behlst ihn bei dir
heute Nacht und wenn seine fromme Mutter auch allen Heiligen die Fe
abrutscht!"

Doch der Duckmuser geht, findet die fromme Mutter mit seinen treuen
Freundinnen auf der Staffel des Hauses sitzend; sie fragen ihn, wo er
gewesen sei, er gibt eine ausweichende Antwort, doch die Dasitzenden
errathen die Wahrheit, ohne ihren Gedanken zu offenbaren, er redet wenig
und legt sich bald zu Bette.

Von nun an schwankt er haltlos hin und her, nirgends hat er sein Bleiben,
auch bei der rothen Schwitt bleibt er nie lange und kommt nur, wenn er die
bsen Geister, welche ihn plagen, im Wein und bei der Hanne ersufen will,
sucht dann in der Hlle Ruhe und Frieden und findet stets das Gegentheil
davon.

Der Mutter und den treuen Mdlen entgeht seine Haltlosigkeit nicht, sie
bieten alle Macht ihrer Zrtlichkeit und Liebe auf und bringen ihn wirklich
dazu, das Haus des Brandpeterle zu meiden, der Hanne und der ganzen rothen
Schwitt mit Verachtung entgegen zu kommen. Aus dem leichtsinnigen Benedict
scheint ein ernster, rechtschaffener Mann werden zu wollen, die Mutter und
die Margareth glauben ihren Herzkfer Gott und der Tugend gerettet zu
haben, doch an einem Freitag Morgen tritt ein Zweifarbiger, nmlich der
Amtsdiener in die Stube und meldet, der Benedict habe morgen frh um 9 Uhr
vor Amt zu erscheinen.

Derselbe stand gerade beim Hirzenwirth im Taglohn, erfuhr von der Einladung
nichts, bis er Abends spt nach Hause kam.

Da geht das Donnerwetter los, die Eltern meinten, er habe wieder irgendwo
einen schlechten Streich gemacht und es fehlte nicht viel, so wrden sie
ihn noch in dieser Nacht fortgejagt haben.

Mit bangem Herzen geht der Duckmuser am folgenden Morgen vor Amt in die
Stadt und macht den Rckweg erst wieder nach vier Wochen, weil der
Gefngniwrter nichts vom Heimgehen wissen will, bevor die Strafe
erstanden sei.

Whrend dieser Zeit sa die Mutter oft gar traurig und niedergeschlagen am
Abend mit der Margareth, dem Vefele, der Marzell und der Susanne auf den
Staffeln und gegen alle Trstungen unzugnglich, sagte sie hundertmal:

"Er hrt nicht auf zu lgen, hierin liegt der sicherste Beweis, da er sich
nicht ndern will! Er hat ber unser Haus jetzt eine Schmach gebracht,
welche nie wieder hinwegkommt, so lange er darin ist, darum soll er auch
nie wieder in dieses Haus treten, wenigstens so lange ich am Leben bin!"

Die Mdchen meinten, Benedicts Strafe sei ja nur eine Folge des gewi
abgelegten Leichtsinnes, die Mutter habe ihm nach der Rckkehr von der
mehrtgigen Wanderung Alles verziehen und drfe also nicht so hart sein,
wenn sie gerecht handeln wolle, doch Alles half nichts und wenn Theres
nichts mehr zu erwidern wute, begann sie zu seufzen oder zu schimpfen.

An einem Mittwoch Morgen kommt der Benedict durch den Garten auf das Haus
zu und steht auf der Schwelle der Hinterthre; die Mutter stand am Heerde,
jetzt wendet sie sich um, ihre Augen sprhen Feuer, sie eilt ihm entgegen
und ehe er sich's versieht, spritzt das Blut aus einer Wunde an der Stirn
und dann schlgt sie die Thre vor ihm zu mit den vernichtenden Worten:

"Du, Galgenstrick, kommst nimmer ber die Schwelle dieses Hauses, so lange
ich noch schnaufe! Wirst genug haben an diesem Willkomm, kannst damit
hingehen, wohin du willst, mich _aber nenne nie mehr deine Mutter!"_

Sie hat ihrem Sohne den Abschied mit einem scharfkantigen Holzscheite
gegeben und er wird die Spuren der Wunde inwendig und auswendig ins Grab
nehmen.--




#JUNGES GLCK UND ALTER HOCHMUTH.#


Es gibt nichts Lieblicheres und Wohltuenderes als die sonnenreichen, milden
Tage, welche von Maria Geburt bis Allerheiligen und manchmal bis in den
Dezember hinein der Herbst in das badische Land bringt. Oft schaut der
Schnee von den hchsten Bergen des Schwarzwaldes dem paradiesischen
Frhling und Sommer des Rheinthales tief ins Auge und der Blick in die
Schweizeralpen gibt ihm Muth zum Dableiben und mu er sich endlich in die
schattenreichsten Klfte flchten, zuletzt auch diese Schlupfwinkel meiden
und als neutrales Gebiet zurcklassen, wo weder der Winter noch der Sommer
herrscht und nur der Frhling sein neckisches Knabenspiel ein bischen
treibt, so kehrt der Winter von seinem Besuche bei den Schweizerbergen doch
frhzeitig wieder zurck und versucht es, seinen Schneemantel wieder ber
die Hhen des Schwarzwaldes zu werfen. Entdeckt der September einige Zipfel
des Schneemantels, so lacht er darob und jagt den Winter mindestens in
seine Klfte mit einer etwas stark verbrauchten Sonnenstrahlenruthe zurck;
der Oktober lacht auch noch, doch heult, lrmt und weint er immer mehr
dazwischen, denn der Winter redet von seinen Burgen herab schon ein
ernsthafteres Wrtlein und sendet wohl zuweilen seinen Spion, den Frost in
das Land des Herbstes; dieser gibt den Gedanken an Eroberung der Burgen
immer mehr auf, begngt sich, in den stillen, heimlichen Thlern des
Schwarzwaldes am Tage herumzuwandern und bekommt endlich genug zu thun, um
sich den vom Gebirge herabstrzenden Vortrab des Winters vom Leibe zu
halten; wenn der November endlich auf den Kampfplatz tritt, mit seinem
wahren Diplomatengewissen und ebenso geneigt, mit dem Sommer und dem Winter
zu unterhandeln und beide an der Nase herumzufhren, so schaut dieser
manchmal griesgrmig und finster drein, wenn ihm der Oktober keinen guten
Neuen credenzt und tchtig einschenkt. Ist der Wein gut und ein bischen
viel, dann bringts der November wohl noch dem Dezember zu und mehr als ein
sonnenhelles Lcheln zuckt ber das kahle, verwitterte Gesicht des sonst so
kalten und menschenfeindlichen Alten, er lftet wohl seinen Schneemantel
oder schlendert denselben lustig auf die Schwarzwlderberge zurck und
stirbt als treuloser Knecht des Winters in der sen Trunkenheit, welche
der Oktober, ein rstiger lebensfroher Fnfziger und der grauwerdende
November mit seinem abgelebten Intriguantengesichte ber ihn gebracht
haben.

Am Tage, an welchem der Duckmuser mit blutiger Stirn und blutendem Herzen
dem Elternhaufe den Rcken kehren mute, hatte der Oktober just scharfe
Hndel mit dem Winter bekommen, denn jener hatte den Schneemantel des
letztern bereits auf den mittlern Bergen entdeckt und frchtete fr seine
Vorhgel, wo der Wein noch vollends anszukochen war; beide lrmten und
tobten, da alle Bume Reiaus nehmen wollten und weinten vor Zorn und
Wuth, da die Mutter Erde ob dem Verderben ihres zersetzten Unterrockes
auch pltschernd schimpfte und kein trockener Faden an unserm Wanderer
blieb.

Seine Werktagskleider hatte der Benedict im Thurme ein bischen stark
abgerutscht, war neben andern auch mit Flickergedanken heimgegangen, jetzt
besa er nichts auf der weiten Welt, denn zerrissene Kleider, ein
zerrissenes Herz und einen magern Geldbeutel, und weil er doch nicht wute,
wohin er sollte, lie er sich vom Sturm auf's Gerathewohl vorwrts treiben
und trunken von Schmerz, gleichgltig gegen das Leben, fhlt er wenig vom
wilden Kampfe der Jahreszeiten und noch weniger von Hunger und Durst.

Wrde ihm ein Gensdarme begegnen, so wrde er nichts sagen ber Wer, Woher
und Wohin und liee sich geduldig in irgend ein Gefngni fhren.

Gegen Abend kommt er in ein fremdes Dorf und der Leuenwirth nimmt ihn auf,
weil er demselben einiges Geld zeigen kann. Er it und trinkt wenig, weint
jedoch viele bittere Thrnen in sein Kopfkissen, weils ihm wird, als ob die
Margareth, das Vefele, die Susanne sammt der Marzell in der Kammer wren
und gar wehmthig und traurig in das Bett des Verstoenen hineinschauten,
der nicht einmal Abschied von diesen lieben Seelen genommen hatte. Er weint
und betet, redet im unsglichen Wehe mit sich selber, da fhrt ein Gedanke
durch seine Seele, wie ein falber Blitz durch die strmische Wetternacht.

Lebt nicht einige Stunden von hier, in einem Dorfe in der Nhe des Rheines
ein alter, guter Freund? Ist dieser Freund nicht wohlbestallter
Schweinehirt seines Dorfes? Braucht ein solcher nicht einen Knecht, wenn
die Zahl der unartigen, grunzenden Pflegebefohlenen ein bischen gro ist?
Heit der Freund nicht auch Mathes, wie neben dem Gregor der beste Freund,
welchen der Benedict bei der schwarzen Schwitt besa? Ist jener Mathes kein
"gttlicher Sauhirte", so ist er doch ein gutmthiger, lustiger Kamerad und
ein Musikant dazu. Wie oft lie er den Brummba schnurren an Kirchweihen
und an der Fastnacht, bei Hochzeiten und sogar bei einigen Festen der
schwarzen Schwitt und sa er nicht auf der Musikantenbank in der Nhe des
Benedict, wenn dieser mit seiner Klarinette die schnsten Walzer und Hopser
in den Tumult und in die Staubwolke des Tanzsaales hineinblies? Hatte er
nicht manches Glas mit dem Benedict getrunken, diesen seinen
"Herzgepoppelten" genannt, ihm von den Freuden des einsamen, stillen Waldes
und des Lebens unter den Schweinen erzhlt? Kannte der Mathes nicht die
Margareth und die Marzelle und Alle, welche dem Duckmuser jemals lieb und
werth gewesen? Wo sollte in dieser Zeit sonst ein Pltzlein gefunden
werden, wo der verstoene Bueb berwintern konnte?

Ganz beruhigt schlft Benedict ein, erwacht sehr frhe und lauscht, bis ein
Getrabe im Wirthshause entsteht, darf nicht lange darauf warten, lt sich
den Weg ein bischen sagen und dieser ist nicht schwer aufzufinden. Die
Sterne stehen noch ber den finstern Hhen des Gebirges, als er sich auf
den Weg macht und es wird nicht Mittag, so findet der Benedict den
schweinetreibenden Mathes mitten unter seiner Heerde im Eichwald.

Der Hirtenhund des Mathes wrdigt den Gast keines Blickes, denn er erkennt
in demselben kein rechtes Schwein und was nicht Schwein heit, existirt fr
ihn gar nicht auf dieser Welt; dagegen hrt der Trffelhund des Mathes mit
Scharren auf, bellt lustig und rennt dem Ankmmling entgegen, sein Herr
thut dasselbe und nach 3 Minuten wei der Benedict, da er zu keiner
gelegneren Zeit htte kommen knnen.

Der Mathes erkennt im Unglcke des Freundes eine Schickung des Himmels,
welcher sich auch eines geplagten Schweinehirten erbarmt; gerade gestern
ist der Knecht entlaufen, "'s war ein Ueberrheiner, ein Spitzbube", sagt
der Hirt und installirt sofort durch Ueberreichung des Hrnleins den
Benedict als neuen Knecht.

Wie der schmucke Benedict, der trotz des armseligen Gewandes ein hbscher
Bursche blieb und durch das Tuch um den Kopf etwas Rhrendes und
Malerisches gewann, am andern Morgen mit seinem Horn die Ringelschwnze des
Rheindorfes zusammenblst, grt ihn von manchem Hofthor herber manch
liebliches und freundliches Gesicht, und es kommt ihm vor, die Leute seien
hier wohl besser als daheim im Drflein.

An den letzten Husern blst er noch einmal recht herzhaft und freudig und
wre das Hrnlein eine Klapptrompete gewesen, so wrde er in langgezogenen
Tnen und raschen Tonlufen der neuen Heimath einen feierlichen und
jubelnden Morgengru zugeblasen haben. Jetzt treibt ein gar reinlich
gekleidetes und nettes Mdle mit brennend schwarzen Augen, zarten rothen
Wangen und freundlichem Munde ein Mutterschwein sammt drei Ferkeln zur
grunzenden Armee, blickt auf, steht wie versteinert, geht auf den Benedict
zu, nennt ihn beim Namen, fat dessen Hand, begrt ihn als Freund und
ladet ihn dringend ein, doch so bald als mglich in ihr Haus zu kommen.

Gewi hat noch kein Feldherr sein siegreiches Heer mit seligeren
Empfindungen in die Heimath zurckgefhrt, als jetzt der Duckmuser seine
Ringelschwnzlein zum Walde trieb.

Er hat Brod, hat einen Freund, hat eine liebe Freundin, was will der Mensch
mehr? Bis zum Abend mu er im Walde bleiben, der Mathes ist ein
kurzweiliger Gesell, doch von zarten Gefhlen und schwrmerischen
Empfindungen versteht er nichts, dem Knechte kommt es vor, als ob der
kurze, trbe Oktobertag mit seinen dampfenden Bergwldern ein endloser
Junitag voll Blthenduft und Sonnenlicht und herrlicher, doch gar zu
langsam reifender Frchte sei und kaum sind seine Pflegebefohlenen freudig
grunzend und lustig schreiend heimgesprungen, kaum sind die letzten von den
Buerinnen unten im Dorfe in die Stlle gelockt worden, so steht der
Benedict vor der Schulkamerdin und Landsmnnin, der freundlichen Rosa; ihr
Pflegevater, der alte Straenbasche, ein ehemaliger Unteroffizier, jetzt
ein zufriedener Bauer und fleiiger Straenknecht dazu, ladet ihn zum
Nachtessen ein und die Pflegmutter springt fort, um bei der Scheckenburin
drben die versprochenen Trauben und beim Adlerwirth eine Flasche
Ueberrheiner zu holen.--Lange Jahre haben sich Rosa und Benedict nicht mehr
gesehen; sie kam fort, ehe die beiden Schwitten im Werden waren und ihre
Geschichte ist eine in jeder Hinsicht zu wahrhaftige Dorfgeschichte, die
Rosa spielt fortan eine zu erhebliche Rolle, als da wir nichts Nheres
erzhlen sollten.

Rosas Eltern wohnten einst nicht weit vom Schulhause, in welchem der
Benedict als Unterlehrer und als "der Leichtsinnigste von Allen"
Knabenlorbeern pflckte. Sie liebte den Unterlehrer, denn er sagte auch ihr
ein, machte auch ihre Aufstze, beschtzte auch sie beim Schuckballen und
Ziehen auf der Wiese gegen den Unverstand und die Rohheit des Max,
Willibald und anderer gar frh keimender Lmmel der rothen Schwitt, welche
Freude daran fanden, die Mdchen zu necken, zum Weinen zu bringen, ihre
Kleider zu zerreien und in den Kinderhimmel derselben hineinzubengeln, bis
sie sich schchtern mit Zusehen begngten oder schreiend heimsprangen. Die
Freundlichkeit, Gte und Liebe des starken Benedict gegen die schwachen
Mdlen war auch der Rosa unvergelich geblieben, deren Geschick sich minder
freundlich gestaltete, als das der Kameradinnen, so da sie ohne Gottes
besondern Schutz leicht ein weiblicher Zuckerhannes htte werden mgen,
deren es jhrlich mehr im Badischen wie anderwrts gibt. Rosas Eltern waren
weder reiche noch arme, sondern mittelbegterte, dabei grundehrliche,
gottesfrchtige Leute vom alten Schlage.

War Benedicts Vater ein bischen zu finster und in Geldangelegenheiten oft
karg und hart, so war der Vater Rosas fast zu leutselig, zu gut und
barmherzig, schenkte Jedem gleich sein Zutrauen und litt an der
Schwachheit, niemals eine Bitte abschlagen zu knnen, wo das Helfen
irgendwie in seiner Macht stand.

Kommt eines Tages ein naher Vetter zum Klaus, wie Rosas Vater hie, der
berall der "ehrliche Klaus" genannt wurde und dessen Wort mehr galt als
heutzutage doppelte gerichtliche Versicherung; der Vetter aber klagte
erbrmlich, denn er hat Schulden, die Glubiger wollen entweder bezahlt
sein oder einen guten Brgen haben. Klaus redet mit seiner Alten, leistet
richtig Brgschaft und sein bloes Versprechen, im Nothfalle Selbstzahler
werden zu wollen, beruhigte und befriedigt die Glubiger des Vetters.
Dieser jedoch gehrt zu den vielen gewissenlosen Schuften, die gar stolz
und eingebildet im Bauernrock und Herrenmantel an Zuchthusern
vorberwandeln und sich darber freuen, da man in der Welt gemeiniglich
nur die kleinen Spitzbuben hngt, die groen dagegen laufen lt. Er
bentzt Klausens gutmthige Schwachheit noch weiter, nimmt auf dessen
Brgschaft hin ein ordentliches Kapital auf, macht im Stillen Haus und Hof
zu Geld und eines schnen Morgens verschwindet er aus dem Dorfe und kommt
nicht wieder; nach einigen Monaten wandern die Seinigen ihm nach und zwar
nach Amerika, wo allmlig alle Spitzbuben und Schurken der Welt sich gerne
ein Stelldichein geben und den ehrlichen Leuten das Spiel verderben.

Jetzt kommen einige Glubiger des saubern Vetters zum Klaus, doch ihre
Hoffnungen sind schwach, denn der Klaus ist kein reicher Mann, hat ein Weib
und vier unschuldige, unerzogene Kindlein, zudem besitzen sie nicht Schwarz
auf Wei und das Ja, welches ehemals aus Klausens Lippen tnte, verhallt
gewi unter dem Nein aller Grnde, welche Klugheit, Selbstliebe und
Pflichtgefhl eines Familienvaters einzugeben vermgen.

Einige Glubiger klopfen gar nicht an, sie wollen den biedern, ehrlichen
Mann nicht einmal durch eine Frage ngstigen.

Zu den Andern dagegen spricht der Mann wrtlich:

"Mit all dem Geld, fr welches ich gutstand, knnte ich meine Ehre und die
Reinheit meines Gewissens nicht erkaufen. Ich hab' Euch mein Wort gegeben
und bin jetzt schuldig mein Wort zu halten, werde es thun, so gut ich's
eben vermag!"

Einige Wochen spter wird Klausens Huslein sammt Allem, was darin und
daran ist, versteigert; er hat dehalb mit seiner Alten keinen Streit
bekommen und mit ihr und den Kindlein beim Rindhofbauern, dem Fidele und
allzuschwachen Vater des schlimmen Max, vorlufig ein Kmmerlein und Brod
bekommen, doch am dritten Tage nach der Steigerung ist dem Klaus das Herz
gebrochen, er legt sich ins Bett und stirbt nach wenigen Stunden, whrend
er wrtlich also betet. Herr, du hast mich arm gemacht, darum komm' ich
jetzt zu dir und bergebe dir die Sorge fr mein Weib und meine Waislein!

Gott hat das Gebet erhrt; acht Tage spter bricht auch dem Weibe das Herz
und sie folgt ihrem Klaus nach in ein Land, wo es keine Schuldgesetze,
keine Brgschaften und keine Versteigerungen gibt.

Jetzt werden die vier Kindlein verloost und getrennt, sind noch viel zu
jung zum Arbeiten, das lteste zhlt kaum 10 Jahre, das jngste kaum einige
Wochen. Die siebenjhrige Rosa wandert in das Haus eines wegen seines
Unverstandes und seiner Rohheit gefrchteten und berchtigten reichen
Hofbauern, der nur darauf sinnt, wie das Kind sein elendes Bettlein und die
Dienstbotenkost mit Zinsen vergten knne.

Rosa sollte noch lange zur Schule, doch tglich mu sie den schweren
Milchkorb auf den Kopf nehmen und stundenweit in die Stadt marschiren,
sobald der Morgen graut.

Bei uns fehlt der Schnee gar oft im Dezember und Januar; am Tage regnet's
und in der Nacht gefrierts, so da auf allen Wegen und noch mehr auf dem
Straenpflaster das Glatteis am Morgen die Wanderer zum Fallen bringt.

Ein Fehltritt, dann ist's geschehen und so ging es einmal dem Rosele,
diesem schwachen Kinde; sein Fu gleitete aus und der Milchkorb lag auf der
Strae. Wie hat das Kind vor Angst und Schrecken gezittert und gebebt, als
die Scherben der Milchtpfe klapperten! Mit weinenden Augen schaut es zu,
wie die bluliche Milch in gefrorene Futapfen und Wagengeleise rinnt,
fhlt schon den Seilstumpen sammt dem Farrenwedel des Pflegherrn auf dem
Rcken, wei nicht mehr, was es thut, liest endlich einige Kohlkpfe und
Scherben zusammen, in welchen noch ein wenig Milch zurckblieb und luft
still weinend und schluchzend der Stadt zu.

Vom Korbe herab trpfelt die Milch noch immer ber das grne Biberkleidlein
und das Kind sieht bald aus, als ob es einmal Milch geregnet habe, in
seiner Todesangst hat es die Sache erst auf dem Wochenmarkte wahrgenommen.

Hier begegnet es seinem ehemaligen Unterlehrer, dem Benedict, denn der
Hofbauer, bei welchem Rosa lebt, wohnt nicht im Drflein, sondern gehrt
nur noch zur Gemeinde desselben. Beide sehen sich sonst blutwenig, jetzt
aber sieht er seine alte Schlerin wieder und hrt die schlimmen
Prophezeiungen der Weiber, welche den unmenschlichen Hofbauern kennen.
Benedicts Geheimkasse hinter dem groen Getchtrog ist gerade in Floribus,
er schenkt dem Rofele gerade so viel als es heimbringen soll, kauft dazu
neue Milchtpfe, tauscht dieselben gegen alte aus und weil ein Milchtopf
ziemlich wie der andere aussieht, geht das vor Freuden weinende Mgdlein
mit dem Gelde und der vollen Anzahl seiner Tpfe aus der Stadt getrost
wieder heim.

Der Hofbauer erfuhr niemals etwas von der Milchgeschichte und das Rofele
zhlte zwlf Jahre, als es von dem Unmenschen erlst und in demselben
Rheindorfe beim Sraenbasche ein Unterkommen fand, in welchem jetzt der
verstoene Duckmuser als Knecht des "Saumathes" lebt.

Der Straenbasche ist, wie gesagt, ein alter pensionirter Unteroffizier,
hat in den napoleonischen Kriegen groe und kleine Kugeln tausendweise
summen, singen und pfeifen hren und brachte er es im Felde bei aller
Pflichttreue und Tapferkeit nicht weiter als zum Sergeanten, so brachte er
es im Frieden und in der Ehe nicht einmal zum Vater. Er war von Hause aus
ein armer Teufel, doch sein ehemals fuchsrother Schnurrbart zndete ein
Flmmlein im Herzen eines braven und bemittelten Mdchens an, sein
grundehrliches, biederes Soldatenherz brannte schon vorher ein bischen, der
Pfarrer schlo den altmodischen Dorfroman mit einer Trauung und beiden
Leutchen fehlte bei ihrem christlichen, gengsamen und dehalb sorgenfreien
Leben nichts zum Glcke auer einem Kinde.

Gott, welcher den Seufzer des sterbenden Klaus gehrt, lieferte dem
Straenbasche und dessen bravem Weibe das arme Rosele in Hnde und Haus und
vom zwlften Jahre ihres Alters lebte das Mdchen nicht als Magd, sondern
als erklrte Tochter und knftige Erbin des ganzen Hauswesens beim
Straenbasche. Gar oft hatten die Pflegeeltern die Milchhafengeschichte
gehrt und mit der Erzhlerin gewnscht, den edelmthigen Helfer in der
Noth kennen zu lernen, jetzt sitzt die seit sechs Jahren zur blhenden
Jungfrau herangewachsene lteste Tochter des ehrlichen Klaus mit
freudestrahlendem Gesichte dem Benedict gegenber und dieser liest aus
ihren Augen einen ganzen Himmel heraus.

Der Straenbasche kt wahrhaftig in seiner Begeisterung ob der
Milchgeschichte die Hand des armen Gastes, er und seine Frau betrachten den
Liebesdienst, als ob er ihnen erwiesen worden wre, die Rosa hat heute
wieder Alles lang und breit erzhlt, der Benedict fngt bereits an stolz zu
werden, doch pltzlich fngt die Rosa auch an, in Gegenwart der
Pflegeeltern dem Staunenden alle Streiche, welche er daheim ausgebt, von A
bis Z herzuzhlen; an jeden Streich knpft sie sammt dem Straenbasche gar
zrtliche Mahnungen und liebreiche Warnungen und schliet endlich die lange
Strafpredigt mit den Worten:

["]Ueberlege, Benedict, berlege nur, was ein Gottloser stiften kann. Du
hast meine Eltern gekannt und weit, da wir Kinder noch glcklich in ihren
Armen leben knnten, wenn nicht ein schlechter Mensch gemacht htte, da
beide fast mit einander gesunden Leibes ins Grab sanken. Gott gebe ihnen
ewige Ruhe und ihrem Mrder den Frieden, mir aber Segen, dich fr die
Rechtschaffenheit zu gewinnen. Meinst du, ich htte dich und jenen
Marktmorgen je vergessen? Einen leichtsinnigen Streich nach dem andern
mute ich von dir hren und das krnkte mich tief in die Seele hinein! ...
Darfst es glauben!"

Sie konnte vor Weinen nicht mehr reden, dem Straenbasche rannen auch die
hellen Thrnen in den halbrothen Bart, sein Weib, die weichherzige Klara
schlo die fromme Pflegetochter in die Arme, kte dieselbe und konnte nur
die Worte hervorbringen: Oh Rosele, mein Kind, mein liebes Kind!

Regungslos hat der Duckmuser bisher am Tische gesessen, jetzt steht er
tief erschttert auf, um die Hand der Schulkameradin zu kssen und
feierlich zu geloben, ihr zu folgen, den Leichtsinn und Hochmuth von heute
an ganz fahren zu lassen und ein Christ in Wahrheit zu werden.

Spt geht er vom Straenbasche weg und dieser sammt der Klara haben ihm
herrliche Aussichten in ein friedsames, lndliches Stillleben mit der
Pflegetochter, ihrem einzigen Kinde gemacht, wenn er sich nur bessern
wolle.

Der Benedict fhrte sich brav und klaglos auf. Er besa keine Kleider auer
den elenden Lumpen, mit welchen er gekommen war, getraute sich nicht, von
seinen neuen Eltern bessere zu fordern, doch schon vor Neujahr war er vom
Kopf bis zu den Fen neu gekleidet, konnte vier nagelneue weie Hemden
aufzeigen, dazu einige Sechsbtzner, um der Rosa einen Neujahrskram zu
kaufen und was das Vornehmste dabei war, er durfte sich zum erstenmal in
seinem Leben sagen, nur auf ganz ehrlichem Wege zu all diesen
Herrlichkeiten gekommen zu sein.

Den ganzen Tag war er mit dem Mathes im Walde bei der Armee; die viele
freie Zeit benutzte er, um Birkenreiser zu schneiden und Besen daraus zu
machen, die Besen aber sendete er auf den Markt. Einmal bekam er auch
Gelegenheit, einem schnen Hasen, der mit offenen Augen hinter einem
Pfriemenstocke schlief, das Peitschenholz zwischen die Lffel zu legen und
verkaufe das kleine Vieh an den Adlerwirth. Wenn er Morgens seine
Ringelschwnzlein zusammenblies, kam manchmal auch eine Burin und schenkte
dem treuen, braven Hirten einige Kreuzer und zu all diesem kamen zwei
Hochzeiten, wobei der "Saumathes" den Brummba wieder schnurren lie, sein
Knecht neben ihm die Klarinette blies, da es fast die franzsischen
Zollwchter drben hrten.

Bei diesen Hochzeiten trank er auch wieder ein Schpplein, doch keinen
Rausch nach Musikantenart; vorher und nachher sah er das Innere einer
Wirthsstube nicht bis zum Neujahrstage, wo er zum erstenmal mit seiner Rosa
in den Adler hinberging, der Straenbasche mit der Klara kamen spter
auch, ein Freudlein in Ehren kann niemand verwehren!

Wie daheim, luden ihn die Leute unaufhrlich in ihre Kunkelstuben ein, doch
er blieb weg, denn entweder hatte er mit seinen Besen zu thun oder er sa
im stillen, frommen Kreise beim Straenbasche. Noch in den letzten Tagen
des alten Jahres bemerkte der Benedict beim Ausfahren, welche Augen und
Geberden eine Katharin machte und wie sie mit Schauen, Gren und Reden
nicht fertig werden will, am Neujahrstag sagt ihm im Adler die Tochter des
Mathes: "Kther will Dir fnf Kronenthaler geben, wenn Du sie ins
Wirthshaus nimmst!"--"Soll sie nur einem Andern geben, ich habe schon
soviel, als ich und das Rsele brauchen!"--"Bist aber doch recht dumm, wenn
mans so haben kann!"--"La mich dumm sein, Frnz, und bleibe Du gescheidt!"

Richtig sitzt er am Neujahr neben dem Rsele im Adler und die Wirthin hat
ihn glcklich gepriesen, wiewohl das Prlein den ganzen Abend nur zwei
Flaschen Batzenvierer trank.

Hatte er doch in kurzer Zeit nicht nur die innige Liebe der alten
Schulkameradin, sondern auch die volle Zuneigung des braven Basche und
dessen Weibes errungen, war wohlgelitten bei Jung und Alt und verlebte hier
die seligsten Tage seines Lebens!

Weil er in keine Kunkelstube ging, kamen allmhlig und besonders nach
Neujahr Buben und Mdlen, Weiber und Mannen zu ihm in die Behausung des
"Saumathes," dessen Stube bald zu klein wurde, wenn der Knecht darin zu
finden war.

Am Neujahr htte dieser den Schweinhirtendienst aufgeben knnen und wurde
arg von den Leuten im Adler geplagt, sich bei ihnen zu verdingen und der
Basche selbst redet ihm scheinbar ernstlich zu, doch der Benedict meint:
"Bah, bah, 's ist nichts; ein Wirthshaus, das wre gerade der Platz fr
mich, um bald wieder in den alten Werktagshosen zu stecken!"--"Gelt, Du
traust gewi der Magd des Adlerwirths nicht?" lacht der Basche--"Nein,
nein, ich traue mir nicht!" erwiederte der Benedict und gar wohlgefllig
streicht der Alte den halbrothen Schnurrbart.

Schon seit jenem Tage, an welchem der Duckmuser bei der ersten der beiden
Hochzeiten, welche seit Oktober im Adler gehalten wurden, lief sich der
blinde Michel fast die Fe aus dem Leib, weil er Klarinettblasen lernen
wollte, der Vater desselben kam auch oft, bat instndig und machte groe
Versprechungen, doch Alles ntzt nichts, denn der leiblich blinde Michel
hat einen geistig blinden Vater und das Haus desselben ist gerade
dasjenige, in welchem sich die Rothschwittler des Rheindorfes hufig sehen
lassen. Zwar geht der Basche selbst zuweilen zum Nachbar hinber, andere
ehrbare Leute thun es auch, doch der Duckmuser glaubt, Gelegenheit zu
meiden sei mindestens fr ihn das Ersprielichste, die Leute, welche ihm in
die Stube des "Saumathes" nachrennen, bringen ohnehin Anfechtungen und
Versuchungen genug. Endlich bittet ihn das Rsele, sich des blinden Michels
zu erbarmen und demselben in der Stube der Pflegeeltern das Klarinettblasen
zu lehren und jetzt thut er es wirklich.

Als freundlicher, gefalliger, hbscher Bursche und Geschichtenerzhler
steht der Duckmuser lngst in hohem Rufe, jetzt wird der Straenbasche ob
dem "musikalischen Scheine" desselben schier ein Narr und rth ihm eines
Abends, zum Militr zu gehen und "Hobist" zu werden und meint, bis zum
Kapellmeister knne er's leicht bringen. Dieses Wort zndete, denn Hobist
zu werden, war einer seiner alten Jugendtrume und der Gedanke an Erfllung
dieses Traumes lie ihm Tag und Nacht keine Ruhe mehr.

Wem dies am wenigsten gefiel, war das Rsele und am dritten Abend, wo der
Basche wieder vom Hobistwerden spricht und der Benedict sich streckt, als
ob er just unters Maa stehen wolle, meint sie. "Die Kasern' ist fr den
Benedict noch gefhrlicher als der Adler, lieber will ich ihn zeitlebens
beim Mathes sehen denn beim Regiment!"--Das heit den alten Unteroffizier
ein bischen an der Ehre angreifen und er sagt: "Wer liederlich sein und
bleiben will, kanns bei der Sauheerd' so gut und wohl noch besser als beim
Regiment; 's gibt schlechte, gottvergessene Sauhirten und brave
gottesfrchtige Soldaten!"--"Wohl, doch kommt Alles auf die Anlage an, die
Einer hat!"--"O nrrisches Kind, gerade der Anlagen wegen sollte der
Benedict Hobist werden; 's hat schon Mancher sein Glck beim Militr
gemacht und er machts auch, das wei ich zum Voraus!"--"Ja, wenn er nur
lauter gute Anlagen htt', doch hat er auch Anlagen, die bei den Soldaten
reichlich ... ich will gar nichts weiter sagen!"--"Bist viel zu ngstlich,
Rsele; bei den Soldaten ist eine Zucht, wo diese Anlagen, welche dir bange
machen, zurckweichen mssen; haut er ber die Schnur, mein! wie wird er da
gezchtiget! ... brigens ist er kein Spieler, kein Wirthshaushocker und
Vieles Andere nicht, es lt sich nur Gutes hoffen! ... Ich machte mir ein
Gewissen daraus, gegen sein Glck zu sein!"--"O Vetter," sagt die Rosa sehr
ernst und wehmthig, "wenn der Benedict beim Regiment einmal gezchtigt
wird, dann ist's zu spt! ... er ist freilich kein Spieler und kein
Wirthshaushocker, das ist wahr, doch ist er stolz, leichtsinnig und dabei
der gute Jockel selbst, das habe ich als Kind auf dem Wochenmarkte schon
erfahren!"--"Bah, baperlapap, unser Herrgott lebt auch noch!" meint der
alte Unteroffizier und langt nach seinem Nasenwrmer, welcher unter der
Tafel hngt, die seinen Abschied und das Dienstzeichen einrahmt.--"Ich will
jetzt nichts mehr sagen, meint die Rosa, doch so lange ich ihn beim
"Saumathes" sehe, habe ich fr ihn gute Hoffnung, es ist der geeignetste
Platz, um seine ... Anlagen niederzuhalten; dagegen gebe ich alle Hoffnung
auf und spreche ihm alle Hoffnung ab, wenn er zu den Soldaten geht! ... Ihr
werdet einmal an mich denken, Vetter!"

Schweigend hat der Duckmuser Alles angehrt; Rosas letzte Worte wirkten
auf sein Herz, wie Hagelschlag in Blthenwldern, das Blut drang ihm zu
Kopfe und er mute sich Gewalt anthun, um seinen Unmuth nicht zu uern.
Beim Fortgehen begleitet ihn die Rosa hinaus und unter der Hausthre fngt
sie noch einmal von der Sache an.

Rsele wiederholt Alles, was sie drinnen gesagt hat, der Benedict entgegnet
"Denk' doch auch an den Vetter, den Straenbasche! Ist dieser nicht von
frher Jugend bis ins gesetzte Alter Soldat gewesen und hat er Etwas zu
bereuen?["]--"Wohl wahr, doch bevor er zu den Soldaten kam, hatte er auch
nicht zu bereuen, was du bereuen mut. Frag' ihn, ob er auch je so
grenzenlos leichtsinnig gewesen sei, wie Du? Und ob er sich auch soviel
eingebildet hat, wie Du? Wirst ganz andere Dinge hren, als man von Dir
hren kann!"--"Hoh, Rsele, sei doch nicht so hart, was kannst Du mir denn
seit Oktober vorwerfen und ist's nicht bald ein halbes Jahr?["]--"Liebster,
ich sehe und hre wohl, da Du der alte "Leichtsinn" noch bist und mit
Gewalt deinen Leib und deine Seele verderben willst. _Jetzt_ stehst Du
auf deinem Eigenthum, in deinem eigenen Hause und dies so lange, als Du
hier bleibst, wenn Du aber in eine Stadt gehst, dann" ...--"Dann nimmst
einmal einen Andern statt meiner ins Haus, he?" fragt der Benedict etwas
verhofft.--"Nein, ich nehme keinen Andern, aber ebenso wenig Dich, wenn Du
nicht vom Regiment wegbleibst."--"Rsele, lieb Rsele, sei doch nicht so
ngstlich, wirst sehen, da ich halte, was ich Gott und Dir und deinen
Leuten versprochen habe. Der Vater hat schon gesagt, ich komme hinber nach
Freiburg, dann kann ich gar oft zu Dir kommen und siehst doch lieber Einen
mit dem Sbel an der Seite und dem Kriegshute auf dem Kopfe, als wenn ich
immer und ewig mit der Geisel und dem Hrnle im Dorf und Wald bei den Sauen
herumtrummle!"--"Ja gerade das ist's, was mir so bange macht; ich sehe
wohl, da Du dich des Dienstes beim Saumathis schmst und knntest Dich
nicht schmen, wenn Du deine Umstnde nur ein wenig zu Herzen nhmest!"--
"Gute Nacht, lieb' Rsele, bleib mir nur treu und gut, dann wird Alles
recht werden!"

In den letzten Tagen des Mrzmonats wandert der Straenbasche mit dem
Benedict nach Freiburg; der Benedict kann die schne groe, vierstckige
Kaserne und die Offiziere, Unteroffiziere, Hobisten und Soldaten, welche
blank und stolz aus dem Thore strmen, nicht genug anschauen; sein Herz
bebt vor Freude und Bangigkeit, wie er mit seinem Begleiter die steinernen
Stufen des der Kaserne gegenber liegenden Kommandantenhauses hinaufsteigt.

Der Oberst verzieht das ernste Gesicht mit dem grauen Schnurrbarte zu einem
freundlichen Lcheln, denn der Straenbasche hat als Unteroffizier unter
ihm gedient, die Beiden haben Pulver genug mit einander gerochen und kennen
sich noch recht gut; wenn der Basche ein Geschft in Freiburg hat, mu er
zuweilen seinen ehemaligen Hauptmann heimsuchen, 's kostet dem jetzigen
Obersten nur ein Schpplein vom Guten und er lt sich's gar gerne kosten.

Die Beiden werden also gar herablassend und freundlich empfangen, der
Straenbasche rapportirt, was ihm wegen des Duckmusers auf dem Herzen
liegt, der Oberst betrachtet den Rekruten und meint, die Sache habe gar
keinen Anstand, wenn der Junge nur von den Aerzten fr tauglich erklrt
werde und ein gutes Sittenzeugni aus seiner Heimath mitbringe.

Wie der arme Benedict vom Sittenzeugni hrt, werden alle Luftschlsser zu
Wasser, das Herz fllt ihm in die Hosen, er bekommt so ziemlich den
Knieschlotterer und weil der Straenbasche auf dem Heimwege auch einen
bedenklichen Kopf macht und die Neuerungen mit den Sittenzeugnissen
verflucht, verliert der Rekrut fast alle Hoffnung, jemals in seinem Leben
Hobist zu werden.

"Sechs Jhrlein Soldatenstand machte den Benedict zu einem Prachtskerl fr
das Rsele, wenn er nur angenommen wird! Gottlob, da der Oberst mein alter
Kriegskamerad war!" sagt der Straenbasche daheim und der Benedict mu
gleich um ein Sittenzeugni schreiben.

Wer sich ob der Betrbni des Benedict am meisten freut, ist auer der
Mutter Klara natrlich das Rsele, welches laut darber jubelt, weil der
Himmel bereits ihr Flehen erhrt habe.

Am vorletzten Tag des Mrzmonats sitzt die Rosa mit der Walburg und Lisi am
Tische, sie nhen und spinnen und plaudern, die Mutter hat ihr altes
Gliederreien und ist gleich nach dem Nachtessen ins Bett gegangen, der
Vater dagegen sitzt beim runden franzsischen Ofen, stopft den Nasenwrmer
mit Dreimnnerknaster, reicht dann das Pckle dem Benedict, dieser stopft
seinen Mohrenkopf auch, zndet dann einen Fidibus an und hlt ihn auf die
Pfeife des Vaters. Der Straenbasche thut jedoch gerade, was er
allabendlich thut, nmlich er erzhlt von seinen Feldzgen und diesmal von
einem Gefechte in Spanien; statt tchtig am Mundspitz zu ziehen, damit der
Knaster anbrenne, erzhlt er immer weiter, der Fidibus brennt beinahe ab
und wie der Benedict daran erinnert, lacht der Straenbasche und meint, ein
Soldat msse Feuer und Schwert ertragen knnen, sonst sei er ein Tropf. Auf
dieses Wort hin hebt der Duckmuser den eben weggeworfen flammenden Fidibus
wieder auf, hlt denselben wiederum auf den Nasenwrmer und zwischen den
Fingern fest, bis er gnzlich verbrannt ist.

Die Mdlen am Tische lachen sich schier krank ob solcher "Dummheit" und die
Rosa meint sehr offenherzig: "Wenn Dir nur die Finger abgebrannt wren,
dann wrdest Du froh sein, Sauhirt bleiben zu knnen! ... Vielleicht wr'
es in anderm Betracht auch noch gut gewesen! ... was kann man sagen!"----

Der zweite Fidibus entzndet den Nasenwrmer des Straenbasche und dieser
beginnt, dem Benedict Verhaltungsregeln fr den Militrstand herzuzhlen,
denn schon morgen mu der zweite und entscheidende Gang nach Freiburg
gemacht werden, vielleicht liegt das Zeugni des Rekruten bereits beim
Kommando und--Probiren geht ber Studiren.

Der Vater kommt eben recht in Zug, da meint das Rsele unwillig: "Das ist
nichts, Vetter, Ihr braucht ihm nicht noch zu sagen, wie er sich zu
verhalten habe! ... Wit Ihr, was er braucht? ... er braucht Etwas, das hat
niemand, niemand kann ihm's geben... er bleibt bei mir!"--


       *       *       *       *       *




#DER DUCKMUSER WIRD SOLDAT, SUCHT UND FINDET IN DER KASERNE VORBILDER#


Am 31. Mrz 183.----es war wiederum an einem Freitag, und Mittwoche mit
Freitagen spielen im Leben unsers Helden eine merkwrdige Rolle--steht der
Benedict im paradiesischen Zustande vor den Regimentsrzten der Freiburger
Garnison und die Herren machen ein bischen seltsame Augen, Einer davon sagt
den Grund: "Fe wie zwei Sicheln, Rcken wie das Grammische
Bierkellergewlbe, vom Kinn bis zu den Kncheln Eine Dicke, mein Gott, was
soll denn aus dieser Figur gemacht werden?" ... "Wenn wir noch Einen dieser
Art htten, besen wir ein hbsches Gestell fr die groe Trommel!" sagt
trocken ein grauer Chirurg, der bei Leipzig die Sge drei Tage lang nicht
aus den Hnden gebracht hat.--"Was hat denn der Mann bis jetzt gearbeitet?"
fragt der Kritiker wieder.--"Ich bin ein Bauer!" stottert der Benedict und
schnappt nach Luft.--"Ach, da ist der Rckenkorb viel getragen worden, man
sieht's dem Rcken, den Fen, dem ganzen Mann an!"--"Nein, meine Herrn!
doch auf dem Kopfe habe ich viel und schwer getragen."--"Das sieht man
wohl, 's ist eine Terrasse, worauf ein Ball arrangirt werden knnte!" meint
der trockene Chirurg.--Nun, trstet der Oberarzt, die Fe werden sich
schon wieder strecken, der Tornister wird sich auch Platz machen, der Mann
sieht gut aus, hat eine starke, ausdauernde Brust, er kann gut werden!--
"Aber der kann doch den groen Bombardon noch nicht erspannen?" fragt der
Graue.--"Wei nicht, er hat ... lange Finger, er ist tauglich!" lchelt der
Oberarzt, Eine Viertelstunde spter mit der Compagnieschneider im Zimmer
der Staabscompagnie dem Benedict Rock und Hosen an und prophezeit, er werde
die Montur meisterhaft machen, doch koste es ein Maa Bier.

Am ersten April sitzt er auf dem Gang des Hintergebudes der Kaserne, wo
die Hobisten hausen, und ein entsetzlich langer Tambour stutzt ihn mit Kamm
und Scheere um ein Schnpschen zu einem vollkommenen Hobisten um, hlt ihm
dann den kleinen Spiegel vor und der Rekrut kann sich in seiner nagelneuen
Montur nicht genug bewundern.

Schade, da er nicht sofort zur Sbelkuppel greifen und zum Rsele ins
Rheindorf hinber marschiren darf; der Weg ist doch etwas weit und die
Rekruten mssen zuerst Honneurs machen lernen, bevor sie zum Gitter
hinauskommen.

Am zweiten Sonntag nach dem ersten April sagt der Straenbasche beim
Mittagessen. "Rsele, am nchsten Samstag gehen wir wieder einmal auf den
Wochenmarkt, nach Freiburg hinber und wollen sehen, was er macht!"--"Ja,
ich mag gar nichts mehr hren!"--"Sei doch nicht so einfltig, hast
verweinte Augen und ganz umsonst; er ist ja kein Kind mehr und sieht an
Andern, wie weit er mit dem Leichtsinn kommt."--In diesem Augenblicke
springt des Nachbars kleine Johanne athemlos zur Thre herein und keucht
und sagt: "Rosa, dein junger Vetter ist wieder beim "Sanmathis!"... er ist
kein Sauhirt mehr! ... hat einen Sbel! ... Soldat ist er!" "Was? ... Beim
Hirt ist er? ... wirst nicht recht gesehen haben, Hanne!"--"Ho, er hat mir
ja einen Wecken gegeben, da guckt, den Wecken hat er mir gegeben!"

Der Straenbasche sieht auf und will zur Thre hinaus, im gleichen
Augenblick ffnet sich diese und in der Stube steht ein schmucker Hobist,
der militrisch grt und wohlgefllig lchelt.

"Aber Rfele, kennst ihn noch? jetzt sag' nur nichts mehr, sonst--..." "O
Vetter, ich bitt' Euch! ... will gern nichts mehr sagen, wenn einmal dort
neben Eurem Abschied ein hnlicher von ihm an der Wand hngt!"--

Schon eilen Nachbarn und Freunde herein, Alle wollen den Hobisten sehen,
sprechen, ihm gratuliren, sogar der blinde Michel tappt herein und greift
an ihm herum, greift gleich einen Offizier heraus; Alles lobt, bewundert
den Benedict, tadelt die unerbittliche Rosa und diese mu zuletzt, um den
Straenbasche nicht zu erzrnen, auch ein Wrtlein des Wohlgefallens von
sich geben.

Wie die Leute wieder fort sind, fragt der Alte: "Wie ist's mit dem Zeugni
vom Amt und Brgermeister gegangen?"--["]Gar nichts wei ich davon;
entweder ist's vergessen worden oder die Offiziere haben es gar nicht oder
im Wirthshause gelesen! Gewi bleibt, da zwei Andere fortgeschickt wurden,
weil ihre Zeugnisse ein paar Tage ausblieben!"--"Ho, der Oberst hat eben
deine Jugend in Anschlag genommen, er ist ein guter Herr, Alles vergit
sich leicht, wenn Du brav bleibst!"--"Ja, brav ist der Oberst! Gestern auf
der Parade meldete ich mich und bat fr heute um Urlaub, um
Kleinmonturstcke zu holen. Da hat er mich ein wenig finster angeschaut und
gefragt, ob ich denn eine Kaserne von einem Taubenschlage zu unterscheiden
wisse. In der Todesangst nannte ich ihm Euern Namen, da strich er den
groen Schnauz und gab mir Urlaub!"--"Wie lange?"--"Morgen frh bei der
Tagreveille mu ich unterm Kasernenthor sein!"--"Ja, das sieht ihm gleich,
er ist noch der alte Fuchser, bis er wei, wen er vor sich hat!" lachte der
Unteroffizier.

Am andern Morgen oder vielmehr kurz nach Mitternacht eilt der Benedict mit
einem ordentlichen Pcklein Freiburg zu. Mutter Klara und Rsele haben
feine, blendendweie Leinwand, woran brigens im gesegneten Breisgau kein
Mangel ist, hergegeben, damit der bierdrstende Compagnieschneider 2 paar
Sommerhosen daraus mache; die Mutter des blinden Michel sorgte fr Leinwand
zu Unterhosen und Kamaschen, die Mutter des Saumathes brachte Hemden und
Schuhe, der Straenbasche und Andere schwitzten etwas Geld, das Rsele
legte 3 baare Gulden dazu; noch nach Mitternacht geben einige Buben dem
Benedict das Ehrengeleite eine gute Strecke weit und kehren erst auf sein
wiederholtes Gehei singend und jodelnd ins Dorf zurck.--Das Rsele hat
ihm mit weinenden Augen so dringend empfohlen, Gott vor Augen zu haben und
sich an brave, erfahrene Kameraden zu halten, der Duckmuser mu Vorbilder
suchen und diese sich zu Freunden machen, hat bereits seine Augen prfend
umhergeworfen.

Montags nach der Austheilung der Menage mit ihm der _Feucht_, der
Compagnieschneider die Sommerhosen an und whrend der Operation fllt es
dem Benedict bei, dieser Schneider sei das erbaulichste Muster eines
stillen, frommen, gottesfrchtigen Soldaten. Wehalb? Er hat die Maa Bier,
welche der Benedict ihm wegen der Montur zahlte, noch nicht getrunken, ist
ein alter Soldat, der schon zum vierten Mal fr Andere einstund, ein
ruhiger gesetzter Mann, welcher den ganzen Tag bei seiner Arbeit sitzt,
sehr wenig redet, mit Keinem umgeht, sich in seinem Arbeitseifer ungern
stren lt; die einzige Gelegenheit, bei welcher er zornig wird und in
seiner Seehasensprache furchtbare, niegehrte Flche zum Besten gibt, ist
die, wenn Einer ihn necken will oder ihm Wachs, Zwirn, die Scheere, Maae
und dergleichen verlegt oder wegstipitzt oder nach seinem Ausdrucke "Dreck
schwtzen" will.

So lange der Benedict unter den Zweifarbigen steckt, hat sich Meister
Feucht noch nicht herausgewichst, nicht einmal den ungeheuern rothen
Schnurrbart gekmmt und wozu htte er es thun sollen? An Werktagen wie an
Sonntagen arbeitet der Schneider und kommt kaum zur Stubenthre, geschweige
zur Kaserne hinaus.

Solch Muster der Eingezogenheit und Soliditt htte Benedict nicht unter
den Hobisten gesucht; diese sind ein ziemlich lustiges und leichtes
Vlklein und der Feucht beinahe der Einzige, an welchen er sich getrost
anschlieen mchte.

Doch jedes Wort, was der Straenbasche vorgepredigt, klingt fort in unserm
Rekruten und so oft er sich dem Compagnieschneider nhern will, glaubt er
aus dem ernsten, strengen Gesichte desselben folgende Worte des
Straenbasche zu lesen:

"Ein Rekrut soll sich vor allen lngerdienenden Leuten stets in
ehrerbiethiger Stellung und Entfernung halten, sich nicht vorwitzig oder
gar frech in deren Reden mischen und Vorgesetzten jedes Ranges nur wenn er
von diesen Etwas gefragt wird, anstndig, bescheiden, kurz und wahrhaftig
antworten!"

Unter solchen Umstnden mute sich der Duckmuser einstweilen begngen, den
Meister Feucht aus naher Ferne zu bewundern und mit dem Spruche trsten:
Kommt Zeit, kommt Rath, dann folgt die That!--

Am 5. Mai steht der Schneider in aller Frhe auf, brstet mit der
Silbergltte die rothgewordenen Messingknpfe seines Monturfrackes, den
Sbel, die Bataillenbnder des Tschako's, klopft dann drunten im
Kasernenhofe Rock und Hosen aus, kleidet sich an und geht zum ersten Mal
seit 5 Wochen im vollen Staate zur Thre hinaus.

Der Benedict besitzt nicht den Muth, Einen um Erklrung des so rthselhaft
gewordenen Betragens seines Vorgesetzten zu bitten, denn er ist der Jngste
von Allen und diesmal sicher auch der Gespannteste. Um 8 Uhr geht der
Schneider zum Rapport, wird unsichtbar bis um 9 Uhr, wo derselbe mit
gerthetem Kopfe zur Probe kommt. Letztere ist beendigt, Meister Feucht
nhert sich seinem Bette, doch zieht er den Frack nicht aus, sondern kmmt
nur seinen feuerrothen Schnurrbart recht sorgfltig und eilt dann abermals
raschen Schrittes zur Thre hinaus.

Der Schneiderstuhl bleibt heute den ganzen Tag unbesetzt, nicht Eine Nadel
fdelt dessen Inhaber ein, weil er sich weder beim Mittagessen, noch beim
Verlesen sehen lt.

Abends macht der Duckmuser einen Spaziergang; kurz vor dem Zapfenstreich
kehrt er zurck, die Tambours spannen ihre Trommeln, beim Kasernenthor aber
hlt ein Bauer mit einem Mistwagen; er trgt einen Tschako in der einen,
die Geisel in der andern Hand, auf dem Mistwagen aber liegt lang
ausgestreckt ein Soldat, ein Hobist, sthnend, chzend und unverstndlich
fluchend. Der Benedict erschrickt nicht wenig, wie er in diesem Hobisten
sein nachahmungswrdiges Muster, nmlich den Compagnieschneider Feucht
erkennt. Doch, wem ein Unglck begegnet ist, pflegt nicht Versuche zum
Singen zu machen, der ganzen Welt Brderschaft anzubieten und vor der
Kaserne in seligem Entzcken zu jauchzen. Der gute Feucht ist schwer
betrunken; der Bauer mu ihn abladen, singend legt er sich sofort auf den
Boden, zwei Soldaten tragen und schleppen ihn zunchst auf die Stockwache,
von da in den Dunkelarrest fr Unteroffiziere und hier mag er nach etwa 36
Stunden aus berirdischen Sphren wieder zum Bewutsein seines soldaschen
Schneiderthumes gelangen.

Benedict erzhlt den Musikanten, was ihrem Schneider begegnet sei, doch
Keiner verwundert sich darob und der Nachbar zhlt kurz Meister Feuchtens
Erlebnisse auf. Nach drei Tagen wird dieser wiederum erscheinen, sich ruhig
auf den Schneiderstuhl setzen, genau sechs Wochen lang die Nadel und das
Bgeleisen schwingen, schweigsam, unermdlich, ruhelos, denn sechs Wochen
hat er Kasernenarrest und nur so lange der Schneider von diesem
festgehalten wird, ist Hoffnung da, da die Hosen und Rcke der Hobisten
geflickt werden. Heute ber 6 Wochen wird Feucht sich wieder putzen, um 8
Uhr zum Rapport gehen, um sich als freier Mann zu melden, um 9 Uhr mit
rothem Kopfe, doch taktfest die Deckel schlagen, um 10 Uhr verschwinden,
Abends kurz vor dem Zapfenstreich von einem Bauer vom Mistwagen geladen,
von zwei Soldaten der Kasernenwache in den Dunkelarrest fr Unteroffiziere
geschleppt werden und so fort bis in ferne Zeiten.

Also hat's der Compagnieschneider Feucht vom Bodensee seit vielen Jahren
gehalten; alle Obersten und Generale Europas wrden ihn nicht dazu bringen,
frei und freiwillig eine Nadel zu berhren, im Arrest dagegen ist er
anerkannt der eifrigste und beste Schneider des ganzen Regimentes und
dereinst wird er im Arrest oder im Rausche Abschied von der Welt nehmen und
diese wird um ein Original rmer geworden sein.

Der Duckmuser hrte auf, den Compagnieschneider als sein Vorbild zu
betrachten, er dachte an Rosa und seufzte.

Unter 30 bis 40 Mann sollte es keinen braven und frommen geben? Nein, unter
den Musikanten des Regimentes gibt es nachahmungswrdige, wackere und
geschickte Leute, vorzglich unter den Hobisten erster Klasse, doch diese
sind verheirathete Mnner, wohnen gar nicht in der Kaserne, lassen sich
nicht zu einem jungen Menschen herab, kommen nur Morgens mit dem
Kapellmeister zur Probe und der Benedict darf ihnen hchstens die
Sbelkuppel anstreichen, die Knpfe und Anderes recht glnzend putzen.--

Im Zimmer befindet sich ein junger Mann, auf welchen das Auge des
Enttuschten fllt. Derselbe spricht fast noch weniger als Meister Feucht,
geht auch mit Niemanden um, er liest bestndig. Er liest vor und nach der
Probe, liest whrend des Mittagsessen, liest den ganzen Nachmittag und wenn
er Abends zuweilen ausgeht, nimmt er jedesmal einen Pack Bcher mit und
bringt einen andern zurck. Schon lange htte ihn der Duckmuser gerne um
eines seiner interessanten Bcher gebeten, doch er getraute sich dessen
nicht, Straenbasche's Ordre kommt ihm nicht aus dem Sinn; bald eilt ein
glckliches Ohngefhr dem Schchternen zu Hlfe. Eines Morgens steht der
Lesefreund sehr frhe auf, setzt sich ans Fenster, liest und vergit vor
lauter Lesen das Morgenessen, liest fort, bis der Kapellmeister erscheint.

Jetzt steht er auf, schleppt seine groe Trommel an ihren Platz, haut
whrend der Probe ingrimmig auf das Kalbsfell hinein, schlgt einigemal
fehl und erhlt dafr 2 Tage Zimmerarrest, um die Gedanken zu sammeln.
Mittags kommt er zum Benedict, ersucht denselben, ihm einen Pack Bcher in
die Leihbibliothek Waizeneggers zu tragen und alle zu bringen, deren
Nummern auf dem beigelegten Zettel stnden. Freudig geht der von
Kindesbeinen an dienstfertige Duckmuser mit den Bchern fort, luft jedoch
nicht die Kaiserstrae, sondern den Lwenrempart hinauf; auf diesem kleinen
Umwege ist er sicherer vor honneurswthigen Unteroffizieren und Offizieren
und kann ein bischen in die Bcher hineinschauen. Ein leidenschaftlicher
Geschichtenerzhler ist der Duckmuser von jeher gewesen, die Titel dieser
Bcher erffnen ihm eine neue Welt, er begreift die Lesewuth des groen
Trommelschlgers, indem er liest: Bruckbru oder der baierische Hiesel
geschildert als Wildschtz, Ruberhauptmann, und landesverrufener
Erzbsewicht--Simon Tanger der furchtbare Seeruber--die sechs schlafenden
Jungfrauen, eine Ritter- und Geistergeschichte--Ritterkraft und
Mnchslist.--Die Grafen von Lwenhaupt--Tausend und Eine Ausschweifung.

Zitternd vor Freude, denn jetzt hat unser Rekrut gefunden, an was er sich
halten soll, was ihn vor aller Gefahr wahrte und damit sein zeitliches und
ewiges Glck feststellt, tritt er in die Bibliothek und die langen Reihen
aufgestellter Bnde entflammen vollends die lngst gehegte Sehnsucht nach
recht vielen Bchern zur Leidenschaft. Bisher hatte er leidenschaftlich
Musik getrieben, denn in der Kaserne hatte er am ersten Tage den gewaltigen
Unterschied zwischen der Dorfkirchweihenmusik und der Musik einer
militarischen Musikbande entdeckt, unter welcher wahre Knstler und
Virtuosen steckten; die Regimentsmusik, versetzte ihn in trunkenes
Entzcken und kein Hobist bte sich fleiiger auf seinem Instrumente, denn
der Duckmuser. Doch Clarinettblasen konnte er auch nicht den ganzen Tag
und weil er stets dachte, alle Gelegenheit meiden sei das Beste und fast
immer zu Hause blieb, so fhlte er oft herzliche Langweile.

Nunmehr wollte er seine ganze Zeit theilen zwischen der Clarinette und den
Bchern und er thats. Bald unterschied er sich vom groen Trommelschlger
nur noch dadurch, da er durch seinen Eifer fr Musik sich die ganze
Achtung und Liebe seines Kapellmeisters erwarb, bald keiner Belehrung mehr
bedurfte, Alles vom Blatte wegblies und ein ordentlicher Knstler wurde.

Er htte einen wirklichen Virtuosen abgeben und zugleich mehrere
Instrumente erlernen knnen, doch dazu reichte die Zeit nicht hin, denn
wenn er gerade mit einem rechten Bcherhelden zu thun hatte, verga er oft
Essen, Trinken und Schlafen, bis er Alles wute, was derselbe gethan und
welches Frulein er beglckt oder welchen Tod er erlitten habe.

Die Clarinette und der Katolog Waizeneggers verschlangen ber ein Jahr
eines stillen, glcklichen, genureichen Lebens, lieen ihn alle
Bierschenken, Wirthshuser und Stadtmamsellen vergessen; alle Vorgesetzten
achteten und liebten ihn, die Spttereien und Neckereien leichtfertiger
Vgel berhrten ihn wenig, er gewann durch seine Freundlichkeit und
Dienstfertigkeit die meisten Kameraden fr sich, ohne ihre Einladung zum
Ausgehen anzunehmen. An Samstagen fehlte er niemals auf dem Mnsterplatze,
wenn er glauben durfte, die Rosa zu treffen, Abends schrieb er zuweilen
Briefe voll Gluth, Inbrunst und Tugendsinn und wenn er Urlaub bekommen
konnte, eilte er ins Rheindorf hinber.

Von Zeit zu Zeit brachte er seinem Rsele kleine Geschenke, verga niemals,
dem Straenbasche einige Pcklein chten Portorikos, der kleinen Johanna
und andern Kindern Milchbrdlein mitzubringen. Der alte Unteroffizier
wute, was ein stets ordentlich gefllter Geldbeutel bei einem Soldaten und
insbesondere bei einem Hobisten zu bedeuten habe, sah das gesunde Aussehen
und die Nchternheit des knftigen Schwiegersohnes, hrte, wie begeistert
derselbe von seinem Stillleben in der Kaserne sprach und wie fremd ihm die
Stadt blieb, er jubelte vor Freuden und die vornehmsten Brger des Ortes
sammt dem alten, ehrwrdigen Geistlichen eilten in das Haus des
Straenbasche, wenn es hie, der Zweifarbige sei im Dorfe wieder gesehen
worden.

Als noch im nchsten Frhling die Hobisten der Rosa auf dem Wochenmarkte
dasselbe besttigten, was sie im vorigen Sommer schon gesagt, da nmlich
der Benedict sicherlich durch sein ewiges Lesen noch ein "Pfaffe" werde und
in ein Kloster wandere, da verloren sich auch ihre Besorgnisse, sie glaubte
an die vollkommene Besserung ihres Geliebten und fhlte sich glcklich.--

Eines Tages sitzt der Duckmuser mit dem Leibe auf dem wieder einmal
verwaisten Schneiderstuhle des Meister Feucht, mit den Gedanken jedoch
schwrmt er in berirdischen Regionen und mittelalterlichen Zeiten.

Whrend der Hobist an einem Stcke Komibrod kaut, hlt der Romanleser just
auf einem glnzend schwarzen Streitrosse, den Leib mit einer silbernen
Rstung bedeckt, auf dem Haupte einen goldenen Helm mit wehendem
Federbusche und hinaufgezogenem Visir als Sieger beim Turnier auf der
Todesklippe vor dem Balkon der Ritterfruleins. Die Knigin aller
Schnheit, die bezaubernde 17jhrige Grfin Etietta, um welche sich binnen
kurzer Zeit 700 Ritter, 300 Grafen, 90 Herzoge und 11 kaiserliche und
knigliche Prinzen bereits todtgeschlagen, reicht ihm eine mit Gold und
Edelsteinen reich geschmckte himmelblaue Schrpe und heftet zum Zeichen,
da sie ihn unter Allen einzig und allein liebe, eine rothe Schleife an
seine Lanze. Eben will er in die Schranken zu den Rittern zurcksprengen,
als ein dickkpfiger Fselier zur Stube herein und gerade auf ihn losgeht,
um zu melden, Hobist Benedict werde im Mnster von 2 Frauen erwartet.

Er plumpt in die schaale, prosaische Wirklichkeit zurck, doch bang und
freudig zugleich schlgt sein Herz fort, denn augenblicklich denkt er an
Etwas, dessen Mangel einzig und allein die Seligkeit seines Kasernenlebens
strt.

"Der Eltern Segen baut den Kindern Huser, ihr Fluch reit sie darnieder!"
hat er als Unterlehrer viele hundertmal gehrt, gelesen und geschrieben und
das furchtbare Wort "Nenne mich nie mehr Deine Mutter!" tnt wie Todtensang
und Eulenschrei in den sonnenhaften Himmel der Gegenwart hinein.

In aller Eile putzt er sich, eilt zur Kaserne hinaus, doch luft er weit
langsamer, wie er bei der Post aus der Kaiserstrae auf den Mnsterplatz
einlenkt, er mu sich erinnern, da er vor kurzem Sieger im groen Turnier
bei der Todesklippe gewesen sei und als Hobist mindestens so vielen Muth
besitzen msse, um im Nothfalle vor einer alten Frau zu erscheinen.

Durch eine Seitenthre tritt er in den herrlichen Tempel, wandert durch den
Sulengang emsig umhersphend hinauf und entdeckt endlich die Rosa, welche
betend vor einem Nebenaltare kniet. Dieselbe ist allein; doch nein! Die
gigantische Sule hat Rosas Nachbarin verborgen, er kennt dieselbe nicht
recht, doch sieht er soviel, da es ein altes Mtterchen und sein pochendes
Herz sagt ihm, wer es sei. Er bleibt stehen, hustet ein wenig, Rosa schaut
um, steht auf, nimmt das ebenfalls sich erhebende Mtterchen bei der Hand,
beide kommen auf den Hobisten zu--das Mtterchen ist Mutter Theres.

Welch Zusammentreffen, welch Wiedersehen!

"Das ist Euer Sohn, mein geliebtester Freund!["] sagt die tiefbewegte Rosa;
laut weinend wankt das Mtterlein heran, sieht vor Thrnen die Hand nicht,
welche ihr der Sohn entgegenstreckt und erst als er fragt: "Mutter, seid
Ihr mir noch immer bse" spricht sie leise schluchzend: "Nein, Benedict, Du
bist wieder mein Kind!" und reicht ihm die verwelkte Hand.

"Gott sei Lob und Dank!" jubelt der Hobist und tritt in einen Kirchenstuhl,
um fr die Erfllung seines einzigen Wunsches zu danken, die Mutter und
Rosa thun das Gleiche.

Alle Drei gehen in die Kaserne, der Benedict freut sich, den Weibern, die
vom Inwendigen einer Kaserne gar wunderliche Vorstellungen herumtragen,
Alles zeigen und erklren zu drfen und ermangelt nicht, die Freude
derselben durch Vorzeigung einiger seiner lieben Bcher vollstndig zu
machen. Aus der Kaserne geht's in den Lwen hinber, ein guter Markgrfler
wird aufgestellt, der Hobist wei schon, da Mutter und Geliebte nicht alle
Jahre zu einem Glslein vom Besten kommen.

Das Aussehen und die schne, ehrende Kleidung sammt den Reden und Benehmen
des Duckmusers versetzten im Bunde mit dem Glslein dessen Mtterlein in
den siebenten Himmel, sie reicht ihm alle Augenblicke die Hand, ihr Auge
ruht unbeweglich auf ihm und sie kann ihn nicht oft genug ihrer Liebe
versichern und um Verzeihung bitten.

Mutter und Geliebte begleiten den Helden um 5 Uhr Abends zum Verlesen, der
alten Frau schieen Zhren in die Augen, wie sie ihren verlornen und
wiedergefundenen Sohn so blhend und stattlich im geschlossenen Gliede
stehen sieht und wie dessen Name verlesen wird, meint sie, die ganze
trkische Musik mit den lieben Engelein im hohen Himmel msse einen
Freudentusch darauf folgen lassen und vergit alle Schmerzensthrnen,
welche er ihr schon ausgepret hat.

Abends sagt sie beim Abschied mit weinenden Augen: "Schau' Benedict, schon
lange und viel tausendmal habe ich gewnscht, sterben zu knnen, mein Jakob
hat's ebenso gehabt, nun aber wnsche ich mir, noch lange zu leben, denn
ich bin wieder eine glckliche Mutter; viel Thrnen hab' ich vergossen um
deinetwillen, diese aber, die jetzt ber meine alten Backen flieen, sind
s, es sind Freudenthrnen!"

Mutter und Sohn sind glcklich, am glcklichsten ist das Rsele, welches
bald mit ihr vor Freuden weint, bald ihn wie ein Engel anlchelt und sich
von diesem Tage kindlich an Mutter Theres anschmiegt.

Am nchsten Morgen trennen sich alle Drei, sie versprechen bald mglichst
wieder zusammenzukommen, die Mutter hat fahren sollen, doch es durchaus
nicht gethan, der Sohn hat zuerst dem Rsele ein kleines, dann der Mutter
ein groes Geleit gegeben und kehrte glcklicher als je in die Kaserne zur
Klarinette und zu den Bchern zurck, welche der groe Trommelschlger
indessen fr ihn ausgelesen hat.

Wo und wie kamen Mutter Theres und das Rsele zusammen?

Auf dem Wege von Freiburg nach Sanct Georgen steht bis zur Stunde links an
der Landstrae ein winziges Kapellchen; die Rosa war vom Straenbasche nach
Freiburg geschickt worden und hrte in diesem Kapellchen weinen und beten.
Sie trat hinein und kniete neben der Mutter Theres, jedoch ohne dieselbe zu
kennen, denn erstens ist das Kapellchen winzig wie die Neuzeit und
dmmerungsreich wie das Mittelalter und zweitens ist's schon eine schne
Zeit, seitdem der ehrliche Klaus am Herzbruch starb, weil er keinen
Wortbruch begehen wollte, das Rsele sammt den Geschwistern ist aus dem
Drflein fortgezogen und ein groes, stattliches "Maidle" geworden.

Tief und schwer seufzt, bitterlich weint das Mtterchen und aus ihren Reden
entnimmt Rosa, da schwerer Kummer um eines Ungerathenen willen ihr Herz
drckt und da sie eine Landsmnnin vor sich habe, welche im Begriffe
stehe, eine Wallfahrt nach Marien Einsiedeln zu machen, was bei einer so
alten, gebrechlichen Frau schon Etwas heien will. Nach wenigen Fragen wei
das Mdchen, Benedicts Mutter stehe neben ihr, das liebende Herz wallt auf
und fragt, ob das Mtterlein schon lange nichts mehr vom Sohne gehrt habe
der Benedict heie. Doch die Frage wirkt arg, das Mtterlein schreit auf
und bricht fast zusammen, fleht unter Thrnen, diesen Namen nicht mehr zu
nennen, kein Wort mehr von dem Sohne zu reden.

Daheim im Drflein schmten sich die Eltern des Duckmusers so sehr, da
sie um keinen Preis nach demselben gefragt oder auch nur dessen Namen
genannt htten. Die Dorfbewohner wuten dies, schonten dehalb die
unglcklichen Leute, doch wuten diese von der Margareth, da der Benedict
am Rheine drben die Schweine hte, denn der "Saumathis" sagte es bei einem
Besuche der Verwandten, welche er im Drflein besa. Kein Mensch wute
jedoch, da der Schweinhirt zum Hobisten geworden und in der Kaserne zu
Freiburg sei, Mutter Theres hatte sich ihr banges und doch halbfreudiges
Ahnen beim Durchmarsche durch Freiburg auch nicht erklren knnen. Jetzt
sagte das Rsele, was und wo der Benedict zu finden, gab sich selbst zu
erkennen und suchte die Alte zu bewegen, mit ihr in die Stadt
zurckzugehen. Lange und harnckig bleibt die Mutter dabei, den Sohn nicht
sehen zu wollen, aber das Rsele hrt mit guten Versicherungen, Bitten und
Betteln nicht auf und so kam es zuletzt doch, da die Beiden zusammen durch
das Breisacherthor in die schne, freundliche Kaiserstrae und beim Museum
hinber in das Mnster wandelten, in welchem Bernhard von Clairvaux den
Kreuzzug gegen die Unglubigen im fernen Morgenlande, heuer die Jesuiten
wahrhaft zeitgem den Kreuzzug gegen den Unglauben im Herzen der Zuhrer
predigen.

Ein Soldat schlgt einem hbschen Mdchen selten oder niemals eine
freundliche Bitte ab und so geschah es, da ein dicker Fselier, der auf
dem Mnsterplatze stand, die Zhne am Winde trocknete und am wunderbar
schnen, durchbrochenen Mnsterthurm schwindelnd und staunend hinaufsah,
auf Rosas Gehei eiligst zur Kaserne trabte und den Hobisten Benedict
mitten im Siege von der Grfin Etietta weg ins Mnster zum armen Mtterlein
und zur Pflegetochter des Straenbasche zauberte.

       *       *       *       *       *




# DIE KIRCHWEIHE#


Vater Jakob zhlt dem Hannesle just aus dem ledernen, eingeschrumpften
Opferbeutel vier rothe Batzen als Kirchweihgeld auf den Tisch, dieser hlt
jeden sorgfltig zum Licht, um etwas hchst Ueberflssiges zu untersuchen,
nmlich ob es auf dieser Erde auch Falschmnzer gebe, welche auf den
Einfall gerathen sein knnten, falsche Schweizerbatzen zu machen; das
Vefele sitzt mit der kleinern Schwester auf der Ofenbank und redet mit
Benedicts Schwestern, die Susanne nennt alle Buben, mit welchen sie auf der
Kirchweih tanzen und nicht tanzen werde, Mutter Theres sitzt am
Spinnrdlein und netzt den Faden, da--klopft es leise und bescheiden an der
Thre. Die Mutter denkt an einen muthwilligen Buben, am allerwenigsten an
ihren Sohn, von dessen Wiedersehen sie einzig und allein ihrem Alten gesagt
hat; sie wei, derselbe sei nicht mehr in Freiburg, sondern mit seinem
Regimente in Carlsruhe drunten und gegenwrtig mache derselbe die groe
Reve mit. Sie sagt dehalb nicht "Herein," sondern: ["]d'Herren sind
drauen, d'Bettelleut drinnen!" und die Susann' ruft mit ihrer
glockenhellen Stimme: "Wir sind nit grn klopft!"

Aber die Thre geht auf, auer der Mutter erschrecken Alle gewaltig, denn
ein groer, glnzend geputzter Soldat mit Tschako und nachlig
berhngendem grauem Mantel steht mitten in der Stube und lchelt, da der
keimende kohlschwarze Schnurrbart betrchtlich in die Lnge wchst.

Der Hannesle macht Augen wie Pflugrder, die kleinern Kinder schleichen
schchtern hinter dem Ofen, der Jakob steht befremdet auf, doch die Susanne
schreit mit dem Vefele aus Einem Munde: "Ohje 's isch jo Euer Duckmuser!"

Er ist's richtig, denn der Oberst hat ihm nach der Reve Urlaub auf 14 Tage
gegeben, obwohl er diesmal nicht zum Straenbasche wollte. Nach der Reve
nehmen ja die meisten Hobisten Urlaub und htte der Benedict nach
jahrelangem Besinnen sich nicht wieder einmal im Drflein sehen lassen
sollen? ...

Jetzt fngt das Hndedrcken, Kssen, Gren und Fragen an, der finstere
Jakob thaut ordentlich auf, die beiden Mdchen wissen nicht, was sie vor
Freuden thun sollen, denn sie mchten ebenso gern bleiben als die
unverhoffte Ankunft des alten Herzkfers den Kammerdinnen ansagen. Endlich
rennt das Vefele ins Unterdorf, die Susanne ins Oberdorf und ehe eine halbe
Stunde vergeht, hat Benedict all den alten Lieblingen in die klaren
Aeuglein geschaut und herzinnige Freude ber seine Ankunft darin
herausgelesen. Allen? Wir irren, denn zwei fehlen, erstens Maxens Rothe und
zweitens die Sabine. Die Rothe ist in Folge ihres unordentlichen Lebens bei
ihrer Schwitt nach langer, schmerzlicher Krankheit schon im 18. Jahre
gestorben, die Sabine, zur rothen Schwitt desertirt, trgt eine Frucht
ihres aufgeklrten Lebens auf den Armen und verbirgt sich gleich einer
Eule, weil sie noch nicht so weit gekommen, gleich 5 Kameradinnen, welche
zur alten Garde der rothen Schwitt gehren und mit ihren Verdiensten um
Vermehrung des Menschengeschlechts stolz thun.

Die Meisten jedoch stehen und sitzen frhlich und freudig in Jakobs Stube,
erst nach Mitternacht bringen sie es ber sich, dieselbe zu verlassen, doch
keine schliet daheim ein Auge, jede hat's am andern Morgen gestanden.

Am andern Tage wandelt an der Hand des alten Lehrers der Benedict der
Kirche zu; der rothe fliegende Haarbusch auf seinem glnzenden Tschako
scheint die Oriflamme zu sein, welcher das ganze Drflein in Einem Truppe
folgt, mehr als ein bejahrter Mann und mehr als Einer wird lediglich durch
das Gedrnge verhindert, dem ehemaligen Dorfhanswurst, welchen sie als
kleines pausbackiges Bblein mit schwarzen Augen voll Leben und
Beweglichkeit gesehen und geliebt, ffentlich einen Ku zu geben.

Nur die Buben der rothen Schwitt lieen sich nicht herbei und die Mdlen
derselben thaten gleich verscheuchten Hhnern.

Whrend der langen Abwesenheit des Duckmusers hatte die rothe Schwitt im
Drflein groe Siege gefeiert, denn es gab keinen Burschen, welcher dem
reichen, wsten und wilden Max herzhaft und beharrlich mit Glck
entgegentrat, die schwarze Schwitt hatte ihr Haupt verloren und zerfiel.
Mancher Bube und manches Mgdlein trat zur rothen Schwitt ber, weil sie
auch ein Vergngen oder mindestens ihre Ruhe haben wollten. Seit 2 Jahren
gebot der Marx auf allen Tanzbden und in allen Wirthshusern, ber alle
Vergngungen der Dorfjugend, schlo alle "Altmodischen" davon ab und weil
die rothe Schwitt auch in den umliegenden Ortschaften ihre Anhnger und
Verbndeten zhlte, welche ebenfalls emporkamen, so wurden diejenigen,
welche hartnckig altmodisch bleiben wollten, nicht nur von allen Freuden
und Festen ausgeschlossen, sondern auch noch auf alle mglichen Weisen
verfolgt und gekrnkt. Max sah immer noch die verhate schwarze Schwitt
fortbestehen, so lange nicht _alle_ Buben und Mdlen ihm anhingen und
wirklich gab es Viele, welche beharrlich von allen Festen wegblieben und
Alles erduldeten, denn Solches thaten.

Die Treuesten unter den Altmodischen waren Shne und Tchter recht
christlich gesinnter Eltern, denn wie konnten diese ihre Kinder bei einer
Gesellschaft sehen, deren Anfhrer der Max vom Rindhofe war? Zog sich der
Max durch sein abscheuliches, gottloses Leben nicht einen Leibschaden zu,
so da er auch leiblich verkrppelte? Bezeugte nicht der eigene Vater
desselben, sein Einziger werde mit jedem Jahre liederlicher und bringe ihn
frhzeitig in die Grube? Weinte der herzensgute Fidele nicht oft bei seinen
Nachbarn die bittersten Thrnen ber den ausgearteten Sohn und lie sich
nur dadurch trsten, weil er demselben weder durch Rede noch That jemals
ein bses Beispiel gegeben habe? Lagen die Gesinnungen der rothen Schwitt
nicht in tglich sich hufenden Werken offen und erschreckend zu Tage?

Alles dies bewirkte, da trotz dem Zerfallen und Zusammenschmelzen der
schwarzen Schwitt nach Benedicts Abfall stets ein kleines Huflein braver
Buben und Mdlen altmodisch blieb, man mochte gegen sie unternehmen was man
wollte.

In der letzten Maiennacht zeigten die Rothschwittler so recht ihre Bosheit
und lieen dieselbe an der armen Margareth und deren Schwestern aus, deren
Wohnhaus mit mehr als 500 Maien ganz umstellt wurde. Nahe am Kammerfenster
entdeckte man am Morgen des ersten Mai einen Strohmann von abscheulicher
Gestalt, einen Besen, mit Dnger bestrichen und mit einem Rosenkranze
behngt, eine Ofengabel mit Salbhfelein; da einen Stab mit einem alten
Kochhafen, dort einen mit einigen Rinderschuhen, viele andere mit
Ochsenohren, Hahnenkmmen, Gansschnbeln, Schwnzen von Katzen und Hunden,
der Eierschaalen, Nachttpfe, Schlapphte, weiblichen Zwilchrcke und
dergleichen gar nicht zu gedenken.

Heuer an der Kirchweih wollte der Max das Oberkommando in zwei Drfern
fhren und, da er als Krppel doch den Willibald Tanzknig sein lassen
wollte, vor Allem dafr sorgen, da die "Altmodischen" zu keinem Freudlein
gelangten--die pltzliche Erscheinung des Duckmusers am Kirchweihsonntage
machte jedoch einen gewaltigen Strich durch seine Rechnung und er merkte
gleich, die meisten der ehemaligen Schwarzen seien eben doch keine rechten
Rothen geworden.

Begleitet von Alten und Jungen, von Altmodischen, deren Gesichter vor
Freude strahlen und von Neumodischen, die den Stiel rasch umkehren, weil
sie keine aufrichtigen Rothschwittler sind, tritt der Benedict in die
Kirche; die beurlaubten und alten Soldaten aber weisen ihm den ersten Platz
im Soldatenstuhle an und versprechen, aus allen Drfern des Stabes ihm zu
Gefallen auf die Kirchweihe seines Drfleins zu kommen. Kaum ist der
Nachmittagsgottesdienst beendet, so beginnen 6 Musikanten im Hirzen
Strauische Walzer zu spielen, das Wirthshaus und der Tanzsaal wimmelt von
Infanteristen, Dragonern und himmelhohen Kanoniren, welche der Benedict aus
der Kirche mitgebracht hat, andere fremde Buben und Mdlen kommen auch und
die Rosa ist verabredetermaen bereits seit Mittag nach langen Jahren
wieder einmal im Heimathdrflein und hat das Grab der rechtschaffenen
Eltern bereits besucht; das ganze Drflein ist voll Leben und Freude und
die seit zwei Jahren von jeder Lustbarkeit ausgeschlossenen Getreuen der
ehemaligen schwarzen Schwitt werden die Heldinnen dieser Kirchweihe, mit
Ehrenbezeugungen und Lobreden von den achtbarsten Brgern, geschweige von
den Jungen, berschttet.

Kein rechter Rothschwittler durfte sich diesmal im Tanzsaale blicken lassen
und ihre entehrten Mdlen, welche sonst die vornehmste Rolle zu spielen
pflegten, drfen sich nicht einmal dem Hirzen nhern.

Einige reiche Bauern, wie der Fidele, Maxens Vater und der Liebhardt,
legten einige Kronenthaler zusammen, um den getreuesten Mdlen der
schwarzen Schwitt, welche rasch wieder auflebt, eine Freude zu machen, am
Kirchweihmontag wurden schne Halstcher gekauft und dieselben am Dienstag
ausgetanzt.

Schon am Montag traten einige rechtschaffene Mnner, denen das Treiben beim
Brandpeterle und Andern lngst ein Gruel gewesen, im Hirzen in den Bund
der schwarzen Schwitt und gelobten auf Benedicts Zusprache ffentlich und
feierlich, fortan ber die Sitten der christlichen Jugend des Drfleins zu
wachen, die ehr- und schamlosen Maxianer zu vertilgen.

Dies und noch weit Aergeres mu der Max mit anhren, der mit dem Willibald
und zwei Anderen in einem Winkel der Wirthsstube wrfelt.

"Dort hinten, sagt der tiefbewegte Fidele und deutet auf den Max, dort
hinten hockt mein Schner, den ich wohl noch am Galgen sehen mu!" ... Zum
Vater des Duckmusers, zum Jacob gewendet, der heut mehr als ein Hlbsle
schluckt, sagt er weinend:

"Euer Sohn hat Euch viel Kummer gemacht und manche Thrne ausgepret, denn
er war leichtsinnig, aber doch nie so liederlich und so bis ins Innerste
verdorben, wie mein Einziger dort hinten! ... Dieser macht Euch jetzt
wieder Ehre, Freude und Trost, der meinige wird mir Kummer bereiten bis zum
Grab und mein einziger Trost bleibt, da Gott und Ihr wisset, wie ich meine
Pflicht als christlicher Vater erfllte! ... Hab Alles gethan, ihn an Leib
und Seele gesund zu erhalten, jetzt ist er doch an Leib und Seele ein
Krppel!"

Der Max schttelt in seinem Winkel den Wrfelbecher sehr lebhaft und thut,
als ob er den Vater gar nicht hre; solch Benehmen emprt alle Anwesenden,
der Benedict stachelt den Hansjrg, mit dem er einst auf dem Katzenbnklein
gesessen und Andere auf, nach zwei Minuten fliegt der Max zum Hirzen hinaus
in den Straenkoth, der Willibald und die Andern schleichen eiligst davon.

Von dieser Stunde an hat der Max den Benedict tdtlich und schon am Abend
wird letzterer gewarnt, sich wohl in Acht zu nehmen, weil der Max mit
geladener Pistole auf ihn lauere, doch Jener fragt wenig darnach und
gebraucht blos die Vorsicht, whrend der Urlaubszeit Abends nie ohne Sbel
auszugehen.

Am glcklichsten fhlten sich whrend dieser Kirchweihe die alten Herzkfer
des Duckmusers, die geehrten und beschenkten Jungfrauen der schwarzen
Schwitt und nur Eine bekennt, da sie nicht so glcklich sei, wie dies der
Fall sein knnte. Diese Eine ist Margareth, Benedicts alte Geliebte, welche
die Rosa an dessen Hand sieht. Die Rosa merkt dies wohl, spricht mit dem
Benedict und sogar mit der Margareth selbst hierber und erklrt, sie wre
bereit, fr den Duckmuser das Leben zu opfern, doch wenn er der lteren
und damit mehr berechtigten Freundschaft gedenken wolle, so wolle sie
entsagen.

Die Margareth jedoch meint, nicht sie, sondern das Rosele habe den Benedict
vor gnzlichem Verderben gerettet, die Entsagung mte dem Rosele schwer
fallen und knne ihr nicht zugemuthet werden. Beide Mdchen meinten es
aufrichtig und wohlwollend mit einander und ebenso mit dem Benedict, ihr
liebreicher Streit gab den sehr zahlreich anwesenden Gsten Anla zu einem
Gesprche, wie es wohl in einer Stadt sehr selten vorkommen mag.

Die Meisten kannten den Duckmuser von Kindesbeinen an, sie wollten den
Schiedsrichter zwischen der Margareth und dem Rosele machen und bei dieser
Gelegenheit wurden alle Streiche, welche der Gegenstand ihres Streites
jemals begangen, ffentlich besprochen; er erfuhr, da die Wnde Ohren
haben; gar Vieles kam jetzt erst zur allgemeinen Kenntni und er selbst war
gescheidt und edel genug, bei der Aufdeckung seiner unsaubern Stcklein
selbst mitzuwirken; dafr redeten Viele auch vom Guten, was er an sich trug
und vollbracht hatte.

Endlich erhebt sich der lteste und ehrwrdigste Mann der Gemeinde, der
eisgraue Korbhannes, welcher seit mehr als zwanzig Jahren kein Wirthshaus
inwendig gesehen hat, heute seinem Liebling zu Ehren kam und seinen Sitz
zwischen dem alten Schulmeister und dem Stabhalter nehmen und sich von
diesen zechfrei halten lassen mute. Er nimmt langsam die Zipfelkappe herab
vom zitternden Haupte, es wird so still in der dichtgedrngten Stube des
Hirzenwirths, da man htte knnen eine Stecknadel fallen hren und dann
spricht der Greis, whrend er mit glnzenden Augen umherschaut:

"Ich wei, da ich von Gott und der Welt geliebt und geehrt werde; von
Gott--dies beweist mein alter grauer Schdel,--von der Welt--dies sehe ich
mit meinen Augen in diesem Augenblicke ... Heute ist noch ein Freudentag
fr mich vor meinem Tode, an welchem ich wie ein Jngling mit Euch und dem
lieben Herrgott Gesundheit trinken werde! Es ist ein glcklicher Tag, denn
ein Verlorner unseres Drfleins ist ja wieder gefunden--das allein macht
mich heute so jugendlich und ist ja auch die einzige Ursache, da der Vater
Steffen dort und die Mutter Ursula dort drben in ihrem hohen Alter noch
einmal zu der ledigen Jugend auf der Kirchweihe sich gestellten! ... Es ist
der grte Schmerz fr rechtschaffene Eltern, ein ungerathenes Kind zu
haben, aber auch der seligste Augenblick, wo ein verirrtes Kind wieder in
ihre Elternarme zurckkehrt. Davon haben wir heute einen sprechenden
Beweis, denn wer knnte wohl theilnahmlos bleiben an der Freude der Theres
und des Jacob? ... Mge Gott dem Benedict auch ferner Seine Barmherzigkeit
erzeigen, da wir einst so wie jetzt hier voll Freuden in der Ewigkeit
beisammensitzen drfen! ... Gott wei es, wie ich den Benedict liebte,
seitdem er die ersten Hosen an hatte und diese Liebe ist nicht
verschwunden, als er, mit Schande und Fluch bedeckt, sich aus dem Drflein
entfernte! ... Heute, da wir ihn als Mann und Christ wieder unter uns
haben, brennt mein Herz recht fr ihn und wird ewig brennen! Ich sage:
ewig, denn gar bald wird mich Gott zu sich nehmen und daher glaube ich auch
vor Euch Allen ein Vorrecht zu haben, dem Benedict zu rathen, wie er
glcklich bleiben wird!"

Sich zum Duckmuser wendend, fahrt der Alte fort:

"Dir rathe ich nun, frchte Gott und halte Wort, dann kannst du einst mit
derselben Ruhe und Freude in die Ewigkeit schauen, wie du es an mir siehst
und nun, was diese zwei Mdlen betrifft, die dich mit gleicher Liebe
lieben, so entscheide du selbst, denn Eine nur kanns sein!"

Nach dieser Rede setzte sich der Greis, kein Beifallsgeklatsche lie sich
hren, doch in mehr als Einem Augenpaar standen Thrnen, der Benedict
jedoch betrachtet arg verlegen bald die Margareth, bald die Rosa und dann
wieder seine Mutter, welche neben Margarethens Gromutter, der alten Ursula
sitzt.

Er wei nicht, was er reden soll, hofft, Mutter Theres werde entscheiden,
doch diese ist zu gewaltig erschttert von der Rede des Korbhannes und dem
Edelmuth der beiden Mdlen, es entsteht eine lange, peinliche Pause, bis
sich endlich gar die bereits 81jahrige Ursula erhebt und redet:

"Wie der Korbhannes vorhin gesagt hat, so mu ich auch sagen: ich habe den
Benedict da von seiner Kindheit bis jetzt mtterlich geliebt und er allein
ists, der mich, eine 80jhrige Gromutter, noch einmal aus der stillen
Stube in den Hirzen brachte und mir vor meinem Tode den Vorgeschmack ewiger
Seligkeit kosten lt;--aber ich bin der Meinung, er sei noch lange nicht
aus allen Gefahren! ... Ich will mit diesen Worten den Ernst seiner
Besserung nicht bezweifeln, allein er ist noch zu jung und unerfahren, um
sich an fremden Orten unter fremden Leuten stets auf dem ebenen Wege
halten zu knnen. Wir knnen noch wohl Ursache bekommen und besonders ihr
Jngern, ber ihn so zu trauern und ihn so zu beklagen, wie wir uns heute
ber ihn freuen; er ist noch nicht gewonnen, so lange er von Fremden
umgeben ist. Darum aber bin ich der Meinung, es sei am besten, er bleibe
seiner einstweiligen Retterin, wie ich das brave Rosel nennen mu,
anvertraut! ... Dieses Mdchen, von der uns oft unbegreiflichen Vorsehung
gar frh in die fremde Welt hinausgeschleudert und der rohesten Behandlung
preisgegeben, hat sich trotz allen widrigen Umstnden gar lieblich, Gott
und Menschen wohlgefllig entfaltet! ... Das Rosele bekam von Gott die
Gnade, zu bewirken, was wir alle sehnlichst zu wirken wnschten und doch
nicht vermochten! ... Alle unsere Ermahnungen, Warnungen und Strafen
blieben fruchtlos bei diesem Verirrten, das Rosele aber hat ihn durch ihren
Blick wieder zu einem Christenmenschen gemacht, dessen wir uns heute alle
freuen! ... Dies scheint mir ein Beweis zu sein, da er fr keine andere
als fr das Rosele und das Rosele fr keinen andern als fr ihn geboren
sei! ... Wohl mag ihr durch den Benedict noch Bitteres genug zustoen, doch
sie ist wie keine andere von Allen, die hier sitzen, so fr Ausdauer in
Leiden und Widerwrtigkeiten gemacht, da sie ihn wohl zum zweiten und
drittenmal retten knnte, wenn's, was Gott verhte, die Noth erfordere! ...
Gewi bleibt, da dem Rosele eine Kraft und Gnade innewohnt, um seine Seele
zu bewahren, da dieselbe nicht ganz fr Religion erkalte und ersterbe! ...
Die Hoffnung und das Zutrauen auf dieses Mdle kann mir Niemand nehmen und
darum sag' ich: unsere Margreth soll dem Rosele nicht in den Weg treten!"

Alles stimmte bei, die Margareth verzichtet mit einem Kusse, welchen sie
der Rosa gibt und wobei ihr doch Thrnen in die Augen schieen, die sie
mannhaft zurckdrngt, die Rosa aber hat whrend Ursulas Rede oft die
Gesichtsfarbe gewechselt und spter dem Benedict, welcher sie deshalb
befragte, gesagt, erstens habe sie bei der Aufzhlung seiner alten Fehler
einen groen Schmerz empfunden und sich denken knnen, wie wehe es ihm
thue, zweitens habe die Gromutter alle bangen Ahnungen vom Soldatenleben,
welche sie gewaltsam unterdrckte, wieder auferweckt, es sei ihr gar
seltsam und unheimlich ums Herz.

Der Duckmuser sagt, bei der Aufzhlung seiner Snden sei es ihm gewesen,
als ob man Alles nur sage, um Andere zu warnen und vor Schaden zu behten
und beruhigt die Geliebte ein wenig, so da sich dieselbe zur Mutter Theres
setzt und mit dieser sich unterhlt.

Der Benedict nimmt dann die 80jahrige Ursula in den Tanzsaal und noch heute
redet man davon, wie er zuerst mit der alten Prophetin und nachher mit der
schwchlichen Mutter Theres tanzte und wie gewaltig die Freude diese beiden
Frauen verjngte und krftigte, so da sie es zur Verwunderung aller
Anwesenden aushielten bis zum letzten Ton, wiewohl von keinem bedchtigen
Menuett, sondern von einem Bauernwalzer die Rede gewesen ist.

Freilich war der Hobist auch der beste Tnzer der Gemeinde und trug die
zwei Alten fast immer schwebend im Kreise herum. Nach drei Kirchweihtagen
wute er wieder einmal, Tanzen sei auch eine Arbeit und das Rosele pries
sich glcklich, weil er mindestens nicht bei ihr seine Mdigkeit und
Abgeschlagenheit aller Glieder geholt hatte; die alten Herzkfer der
schwarzen Schwitt dagegen meinten, er habe ihnen unsglich viel Ehre
angethan, doch htte er mit Jeder noch ein bischen mehr walzen knnen!

Auf groe Freud' folgt groes Leid! heit ein altes Sprichwort und da es
gar oft ein wahres werde, erfuhr der Held der herrlichen Kirchweihe bald,
ja das Leid trieb ihn aus dem Drflein in die Garnison zurck, noch ehe
sein Urlaubspa abgelaufen war.

Er sitzt eines Abends, wo das Rosele wieder daheim beim Straenbasche
sitzen und diesem von der seit urdenklichen Zeiten unerhrten Kirchweihe
ihres Geburtsortes erzhlen mag, mit Vater, Mutter und einigen Hausfreunden
am Tische; das Gesprch kommt auf die Leichenbegngnisse und das Leidtragen
der Soldaten. Der Duckmuser erklrt, jeder Soldat, welcher Leid tragen
wolle, trage einen schwarzen Flor am Arme oder auch nur eine schwarze
Schleife auf der Brust, je nachdem ihm an der verstorbenen Person mehr oder
weniger gelegen sei.

Darauf fragt die Mutter:

"Nun, wenn ich einmal sterbe, dann wirst du gewi einen recht groen Flor
tragen?"

Rasch und lcheld [lchelnd] meint der Benedict:

_"Wenn Ihr einmal sterbet, dann stecke ich einen weien Federbusch auf
meinen Kriegshut!"_

Hat jemals Einer Grund bekommen, einen unbesonnenen Scherz bitterlich zu
bereuen, so ist dieser Eine der arme Hobist.

Kaum ist das Wort aus seinem Munde, so wendet ihm die Mutter den Rcken zu
und unfhig, ein Wort zu reden, beginnt sie so heftig und laut zu weinen,
da alle Dasitzenden erschrecken. Was half es, da Alle die Weinende zu
beruhigen suchten und ihr den Scherz erklrten? Da der Benedict endlich
selbst mitweinte und sich anbot, unter ihren Hnden augenblicklich zu
sterben, wenn er damit beweisen knne, wie aufrichtig er sie liebe?

Das von unsglicher Liebe erfllte Mutterherz scheint in Einem Augenblicke
gnzlich versteinert zu sein; sie hrt spter mit Weinen auf, doch bleibt
sie unerbittlich, kein gutes Wort kommt mehr gegen ihn aus dem Munde, sie
mag und will ihn nicht mehr sehen, er mu aus dem Hause, soll es bei ihren
Lebzeiten nicht mehr betreten.--Der Wunsch ging in Erfllung.

       *       *       *       *       *




#WIE EINER FAST OHNE SCHULD DES TEUFELS WERDEN KANN#


Von Allen, welche ihn liebten und fruchtlos versucht hatten, den Duckmuser
mit der Mutter auszushnen, tief bedauert, kehrte derselbe in die Garnison
zurck.

Das Erste, was er erfhrt ist, da sein Regiment nach Freiburg zurck
verlegt wird. Rasch schreibt er diese frohe Nachricht seiner Rosa und
bittet dieselbe, ihn doch um Gotteswillen mit der Mutter auszushnen, auf
ihr ruhe hierin noch seine einzige Hoffnung.

Der Abmarsch nach Freiburg wird so rasch angetreten, da er Gelegenheit
bekommt, die Antwort auf den Brief selbst zu holen, weil dieselbe doch
etwas lange ausgeblieben ist.

Freudig wird er vom Straenbasche, Saumathis, vom Rosele und allen
Bekannten empfangen, doch--Roseles Antwort lautet untrstlich genug. Was
er, der Vater, die Geschwister, die Mdlen der schwarzen Schwitt, der
Korbhannes sammt der Ursula und vielen Andern nicht vermocht hatten, setzte
auch das Rosele nicht durch, im Gegentheil erging es ihr am schlechtesten.

In ihrer Unschuld und Liebe bat sie am eindringlichten, versicherte, nicht
weichen zu wollen, bis ihrem Benedict der bel angebrachte, doch arglose
Scherz verziehen sei, dafr fiel auch sie bei Mutter Theres in volle
Ungnade und diese wies sie aus ihrem Hause, um niemals wieder ber die
Schwelle desselben zu treten.

Solche Krnkung schmerzte, emprte, allein die Liebe duldet Alles und das
Mdchen bedauerte nur, da auch seine Bemhungen vergeblich gewesen, der
Straenbasche mit seinem Weibe schttelt den Kopf und meint, die Weiber
seien ein wunderliches, unergrndliches Volk.

Kaum ist der Benedict wieder in die Garnison zurck, so entdeckt er den
Nebelspalter des Vaters und richtig steht dieser bald vor ihm und erzhlt,
die Mutter habe ihn hergeschickt, damit er dem Herrn Kapellmeister
empfehle, den Hobisten Benedict recht strenge zu halten und niemals wieder
zu beurlauben.

"Abschlagen hab ichs der Mutter nicht knnen; seit jenem Abend redet und
deutet sie wenig, nimmt grausig ab und ist krnklich, bin halt zum Herrn
Kapellmeister gegangen und hab ihn zuerst gefragt, wie du dich
auffhrtest. Er hat dich sehr herausgestrichen, dehalb habe ich meinen
Auftrag auch nicht ausgerichtet, s wr eine Ungerechtigkeit. Halte dich
nur brav, die Mutter wird auch wieder anders werden!"

So sprach der Vater, als er vom Sohne Abschied nahm.

Das Mtterlein wurde jedoch nicht anders, sondern sandte an der Stelle
ihres Alten die Salome zum Herrn Kapellmeister. Salome war ein lediges,
jedoch mit fnf lebendigen Kindern gesegnetes Weibsbild, trug Gebetbuch,
Rosenkranz, den Loosungsgroschen und die Karte zum Kartenschlagen stets in
Einer Tasche, bernahm Wallfahrtsgnge fr die halbe Welt, dehalb auch die
Wallfahrt zum Herrn Kapellmeister, zumal Mutter Theres ihr ordentlich
spendirt und noch mehr versprochen hatte, wenn sie etwas ausrichte.

Die Salome wute gar ehrbare und erbauliche Gesichter zu schneiden, Alles
gut einzufdeln, was sie einfdeln wollte und es war ihr ein Leichtes, den
Kapellmeister, einen wackern, offenen Soldaten, der nicht gerne an
Verstellung glaubte, weil er selbst aller Verstellung fremd war, gegen den
Duckmuser einzunehmen.

Zuerst beschrieb sie demselben den answendigen, dann den inwendigen
Benedict von der Geburt bis zur letzten Kirchweihe, erzhlte alle Streiche
desselben, wute den unseligen Scherz mit dem Traueranlegen als Verbrechen
darzustellen, beschrieb dann auch die Rosa als ein verdorbenes,
gottvergessenes und heuchlerisches Geschpf und schlo, indem sie den
Kapellmeister im Namen der tief bekmmerten und gekrnkten Mutter des
Benedict bat, diesem keinen Urlaub mehr zu geben und ganz besonders auch
die Ausflge ins Rheindorf zum Rosele zu untersagen.

Wer schon bei der nchsten Probe dem staunenden und betretenen Duckmuser
in Gegenwart aller Hobisten sein ganzes frheres Leben, seine "ganze
verfluchte Duckmuserei" und die schndliche Rede gegen die alte Mutter
vordonnerte und ihm ffentlich aufs strengste verbot, jemals wieder einen
Fu zu der "liederlichen Fuchtel" ins Rheindorf zu setzen, das war der Herr
Kapellmeister.

Wie verchtlich betrachteten die ltern Hobisten jetzt den Benedict, wie
schadenfroh lachten die jngern und besonders die leichtsinnigsten ber den
"Klosterbruder!"

Einen Brief nach dem andern, einer rhrender als der andere, schrieb
derselbe an die Mutter, um ihr Herz zu erweichen; nie erhielt er eine
Antwort und weil er nicht mehr zum Rosele hinber durfte, kam dieses mit
und ohne den Straenbasche zuweilen herber.

Solches wird dem Kapellmeister gesteckt, einem Hagestolz, der als Todfeind
aller Bekanntschaften seiner Untergebenen, besonders der jngern bekannt
ist und jetzt den Umgeher seines Verbotes recht zu fuchsen sich vornimmt.

Wo fehlen beim Militr jemals Gelegenheiten zum Strafen, wenn ein
Vorgesetzter darauf ausgeht, Einem das Leben zu entleiden?

Selten fand eine Probe statt, bei welcher der Kapellmeister den Hobisten
Benedict nicht andonnerte oder strafte, dieser gewann bald Aehnlichkeit mit
seinem ersten Vorbilde, dem Compagnieschneider, insofern auch er bereits
immer Zimmerarrest hatte.

Von der Kirchweihe bis zur Fastnacht hielt der Duckmuser aus und machte
seine Sache durch sein heies Blut nicht schlimmer; das Romanlesen verlieh
ihm Gleichgltigkeit und Erhabenheit gegen die Qulereien prosaischer
Seelen und Genu, weil er sich selbst fr einen von Schicksalstcke arg
Verfolgten halten mute.

An Fastnacht bekamen alle Hobisten, sogar Meister Feucht fr 3 Tage Urlaub,
Benedict sollte beim Adlerwirth im Rheindorfe drben aufspielen--der
Kapellmeister jedoch gab ihm an der Stelle des Urlaubes drei Tage
Zimmerarrest.

Am Fastnachtsonntag sa er mutterseelenallein im Zimmer, hatte dehalb auch
die Zimmertour und weil's gerade ein Brodtag war, so fate er das Brod fr
die Hobisten und legte jedem seine zwei Laibe auf das Bett. Gegen Abend
hielt ers nicht mehr aus, sah nur immer das weinende Rosele vor sich, nahm
sich Urlaub aus dem eigenen Tornister, trat Abends zehn Uhr halberfroren in
Straenbasches Haus, verlebte im Rheindorfe zwei lustige Tage und kehrte am
Aschermittwoch in die Kaserne zurck.

Beim Eintritt in die Stube kommt ein Hobist auf ihn zu und klagt, weil ihm
ein Laib Brod fehle; der Duckmuser behauptet, jedem beide Laibe auf das
Bett gelegt zu haben und wie er noch redet, wird er arretirt und wegen
eigenmchtigen Urlaubes zum erstenmal ins Dunkle gesetzt.

Kaum tritt er aus dem Arreste, so kommt der Oberlieutenant, fragt nach dem
Laibe Brod, welcher dem Hobisten fehlte; der Benedict schwrt hoch und
theuer, das Brod richtig gefat und richtig ausgegeben zu haben, eine
Untersuchung wird eingeleitet und der Duckmuser wegen Unterschlagung eines
Brodlaibes im Werthe von 7 Kreuzern standgerichtlich zu drei Tagen Arrest
verurtheilt; ein standgerichtliches Urtheil hat aber stets die Entziehung
der Einstandserlaubni zur Folge und dies setzt den Bestraften in arge
Betrbni.

Kaum ist er frei, so findet sich der Brodlaib; Alles beruhte auf einer
Verwechslung mit dem Brode eines andern Hobisten, der Benedict fordert
beide Hobisten dringend auf, seine Unschuld an den Tag zu legen; sie wollen
ihn insgeheim mit einer kleinen Vergtung zum Schweigen bringen, doch er
will nichts als seine Ehrenrettung, dazu lassen sie sich nicht bewegen, er
verflucht und verwnscht Beide und--merkwrdig! beide starben noch in jenem
Jahre, der eine ertrank, der andere bekam einen Blutsturz nach dem andern
und starb gleichfalls.

Benedict gedachte der bangen Ahnungen des Rosele; eine schne Gelegenheit
zur Erlernung des Schreinerhandwerkes bietet sich ihm an, er fat ein Herz,
geht zum Oberst und fordert seinen Abschied. Der grundehrliche, brave,
jedoch barsche und rauhe Soldat nimmt den Degen, schlgt das Hobistlein
nach Noten herum und poltert: "Ich will dir den Abschied auf den Rcken
schreiben, du Hundsftter, du! ... Wir mssen dich fuchteln, sonst stirbst
du im Zuchthause, du verstellte, heimtckische Bestie!"

Brav durchgewalkt kehrt der Verzweifelnde in sein Compagniezimmer zurck,
welches er drei Frhlingsmonate nicht mehr verlassen darf. Er vergeht fast
vor Schmerz, doch hlt er immer ritterlicher aus, denn seine Romane
verleihen ihm Trost, Muth, Heldenkraft. Zum Musiciren sprt er wenig Lust
mehr, liest wie der groe Trommelschlger den ganzen, lieben langen Tag,
denkt und lebt sich ganz in seine Bcher hinein und ist fest entschlossen,
nach dem Muster der heldenmigsten Ritter allen Flohstichen und
Keulenschlgen eines widrigen Geschicks mannhaften Trotz zu bieten!

Whrend der Verbannung im Compagniezimmer kam ein schwarz versiegelter
Brief vom jngern Bruder, vom Hannesle, welcher ihm meldete, die Mutter sei
gestorben und habe ihm in ihrer letzten Stunde Verzeihung angedeihen
lassen.

Seit jenem Abende, an welchem Benedict harmlos scherzte, er werde fr sie
mit einem weien Federbusche auf dem Kriegshute trauern, gab sich Mutter
Theres einer Schwermuth hin, welche nicht mehr wich; sie wurde still und in
sich gekehrt, suchte immer die Einsamkeit, aller Trost und alles Gerede
blieben von ihr ungehrt und den Namen ihres Sohnes durfte Niemand nennen,
wer sie nicht in die furchtbarste Aufregung versetzen wollte. Von Tag zu
Tag nahmen ihre Krfte sichtbar ab, sie wurde bettlgerig, ihr Zustand
verschlimmerte sich und die Aerzte mit ihrer Weisheit standen rathlos am
Krankenbette.

Schon zur Zeit der Fastnacht, an welcher die rothen und schwarzen
Schwittler sich endlich in die Haare geriethen und barbarisch prgelten,
wie dies im weinreichen Baden gar oft der Fall zu sein pflegt, erwartete
man das Ende der Mutter Theres und die herrliche Margareth wich fast nicht
mehr von deren Bette.

Schwankend zwischen Leben und Tod lag die Dulderin viele Wochen; in ihren
letzten Tagen nannte sie hufig den Namen ihres Sohnes, doch so oft man
fragte, ob man denselben herbeiholen sollte, schttelte sie verneinend den
Kopf. Pltzlich schien sie von Neuem aufzuleben, die Krankheit gewichen zu
sein, sie vermochte wieder deutlich zu sprechen, bat, den Benedict
herbeizuholen, sie wolle und msse demselben Alles verzeihen, wenn sie
selbst Verzeihung bei Gott erlangen wolle, _denn Alles habe sie dereinst
an ihrer eigenen Mutter verschuldet._

Halb aufgerichtet im Bette legte sie vor allen Anwesenden das Bekenntni
ihrer Schuld ab und kaum war solches geschehen, so sank sie tod [todt] in
ihr Kopfkissen zurck!

Es gibt unzhlige Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon sich die
Philosophen gar nichts oder nicht gerne trumen lassen, weil jeder Luftzug
aus einer berirdischen Welt ihre gar emsig und kunstreich gewobenen
Spinnengewebe zu zerreien im Stande ist.

Werke sind besser als Worte, _Thatsachen_ lehren eindringlicher denn
alle Spitzfindigkeiten der verstndig gewordenen Vernunft, dehalb mag die
Jugendgeschichte der Mutter Theres das rthselhafte Benehmen whrend der
letzten Zeit ihres Lebend erklren oder doch einigermaen aufklren.

Ihr Vater, ein vermglicher und braver Mann starb sehr frhe, von einem
zweiten Manne bekam ihre Mutter noch einen Sohn und zwei Tchter. Dem
letzten Willen des Vaters gem sollte Theres, sein einziges Kind, die
Hlfte seiner Hinterlassenschaft in Empfang nehmen, sobald sie das
achtzehnte Jahr erreicht haben wrde, die andere Hlfte jedoch erst nach
dem Tode der Frnz, ihrer Mutter. Theresens Stiefvater war ein roher,
wster, leidenschaftlicher Mann, mit welchem Mutter Frnz recht unglcklich
lebte und welcher sich immer mehr dem Trunke ergab. Geduldig ertrug Therese
alle Unbilden und Mihandlungen, welche ihr Stiefvater sammt den
Stiefgeschwistern ihr alltglich anthaten, wurde 18, 20, 22 und 24 Jahre
alt, blieb bei der Mutter, deren einziger Trost sie war und dachte nicht an
die Herausgabe des halben Vermgens.

Armuth und Elend nahmen jhrlich im Hause zu, der Stiefvater verkaufte, was
ihm beliebte; von allen Seiten wurde Therese gewarnt, ihr Eigenthum zu
retten und in ihrem 26. Jahre verlie sie endlich das Haus der Mutter und
heirathete den Jacob.

Bei dieser Gelegenheit kommt die schlechte, gewissenlose Wirthschaft des
Stiefvaters an den Tag, Frnz schaut jammernd in die Zukunft und bittet die
Obrigkeit um Hlfe, der Trunkenbold wird endlich mundtod [mundtodt]
gemacht, mihandelt die Frnz rger als je, bis sich der Himmel erbarmt
und die Arme von ihrem Qulgeiste erlst.

Theres hauste mit dem Jacob, ihre Stiefschwestern heiratheten auch kurz
nach einander, die Frnz lebte jetzt allein mit ihrem Sohne, dem Paul.
Dieser schlug seinem rohen, wsten, trinklustigen Vater in Allem nach, doch
war er noch jung und wurde vorlufig nur von Neid und Migunst verzehrt,
weil er sehen mute, wie die Therese, seine Stiefschwester, die schnsten
Grundstcke und Hausgerthe und Anderes dem Jacob in die Ehe brachte. Am
meisten schmerzten ihn die beiden Rappen, seine Lieblinge, welcher der
Schwager aus dem Stalle holte und wenn der Paul gar daran dachte, die
Stiefschwester werde nach dem Tode der Mutter Frnz die andere Hlfte ihres
vterlichen Vermgens beanspruchen, dann wute er sich fast nicht mehr zu
helfen vor Neid und Ha, zumal der eigene Vater mit all seiner Habe fertig
und auf Unkosten der Frnz beerdiget worden war.

Mutter Frnz mute dem Paul ihre Vorliebe schenken, ob sie wollte oder
nicht und dieser war kaum volljhrig, so suchte er eine reiche Frau zu
bekommen. Im Dorfe und in der Umgegend nicht sonderlich gut angeschrieben,
durfte er nicht an jeder Thre anklopfen, zuletzt erschlich er sich die
Liebe eines sechszehnjhrigen Mdchens, der hbschen, muntern und
vermglichen Christine und die Mutter derselben gab die Heirath zu, weil
die ltere Tochter sich hatte verfhren lassen und weil sie frchtete,
gleiche Schande an der jngern erleben zu mssen. Der Vogt, ein
unumschrnkter Dorfmonarch und vielgeltender reicher Mann, war Christinens
Vetter, hatte deren Heirath mit dem Paul ungerne gesehen, doch als diese
nicht mehr verhindert werden konnte und geschehen war, nahm er sich des
Paares gewaltig an.

Bald redete Paul mit dem vielvermgenden Vetter, auf welche Weise die
Therese um ihre halbe Erbschaft gebracht werden knnte; der Vogt versprach
Alles zu thun und hielt Wort, bald entspann sich eine Dorfintrigue, worin
Mutter Frnz, ihre Kinder aus zweiter Ehe und ihre Tochtermnner
Hauptrollen spielten. Die Leute munkelten und redeten viel von diesen
Intriguen, Jacob und Therese bekmmerten sich anfangs wenig darum, weil sie
auf ihr geschriebenes und gltiges Recht pochten, doch wie endlich
allgemein und laut gesagt wird, Frnz habe ihre lteste Tochter verstoen
und von der halben Erbschaft ausgeschlossen, geht Therese zur Mutter, um
dieselbe ber das Geschwtz zu befragen. Mutter Frnz erschrickt sichtbar,
kann der Tochter nicht in die Augen schauen, gibt lauter ausweichende
Antworten und dies beunruhigt natrlich diese gewaltig.

Am andern Morgen langt Jacob seinen langen Rock aus dem Kasten, setzt den
Nebelspalter auf und begleitet sein Weib zum Hofe des Dorfmonarchen.

Der Vogt hrt Alles ruhig an, dann donnert er los:

"Du, Theres, bist eine eigensinnige, bsartige Tochter gewesen, kannst es
vor Gott nicht verantworten! ... Thut deine Mutter wirklich also, wie du da
klagst und fragst, so hat sie Recht, du hast's tausendfltig an ihr
verdient! ... Als deine Mutter im grten Elende bei ihrem liederlichen
Manne schmachtete, bist du fortgelaufen, hast einen Mann genommen, die arme
Frau wie eine Ruberin ausgeplndert! ... Wre ich damals Vogt gewesen oder
htte mich's angegangen, ich wrde dir einen Strick um den Hals gelegt
haben, du unbarmherziges Thier!"--Die Ungerechtigkeit der Mutter und
Stiefgeschwister krnkte die schuldlose Therese zehnmal mehr, denn der
Verlust der halben Erbschaft, doch vertraut sie auf ihr gutes Recht und
Gott, und htet sich, den Anklagen des Dorfmonarchen durch ein bses Wort
gegen die Mutter eine Handhabe zu geben.

Sie htet sich nicht wochen-, sondern _jahrelang_ und es scheint Gras
ber die Angelegenheit gewachsen zu sein, ber welche erst der Tod der
Mutter Frnz Aufschlu und volle Gewiheit zu geben vermag.

Eines Morgens kommt der mrrische, versoffene Paul zur Therese und fordert
einen ausgehauenen Schweinstrog, welcher in Jacobs Hof steht, von ihr
zurck, weil der Schweinstrog nicht ihrem, sondern seinem Vater zugehrt
habe. Therese lacht dem Paul ins Gesicht und gibt zu verstehen, sie sei im
Stande, ganz andere Forderungen zu machen, wenn das Betragen der
Stiefgeschwister es erheische.

Jetzt fhrt der Stiefbruder auf, schreit ingrimmig:

"Was _du_ zu erwarten hast, das hast du schon und darfst dich
glcklich schtzen, wenn du nichts herauszahlen mut!" und poltert zur
Stube hinaus, deren Thre er zuschlgt, da das ganze Haus und Therese vor
Zorn und Entrstung zittert. Wenige Minuten spter kommt Mutter Frnz, wei
nichts von dem Vorgefallenen, klagt ber Unwohlsein und die noch unwillige
und aufgeregte Therese meint:

"Sterbet in Gottes Namen, Ihr knnt nichts Besseres thun! ... _Nur sagt
es mir zuvor, da ich mir ein weies Kleid kaufe zum Leidtragen fr
Euch!"_

Diese Aeuerung krnkte Mutter Frnz bitter, sie verlie die Stube, kam nie
wieder zurck, verfiel in eine langwierige Krankheit und lie der ltesten
Tochter erst wenige Minuten vor dem Tode Vergebung angedeihen. Mehrere
Wochen sa diese Tag und Nacht beim Krankenbette der Mutter, die 3
Stiefkinder kmmerten sich nicht im mindesten um die Sterbende, denn sie
hatten, was sie wollten, nmlich ein schriftliches Testament, nach dessen
Wortlaut Therese auch nicht Einen Kreuzer erhielt.

Sterbend verlangt Mutter Frnz das Testament, welches gleich nach der
ersten und letzten Beleidigung von Seite Theresens geschrieben worden,
zurck, um es zu vernichten, doch ein Tochtermann hatte es in Verwahrung
und war ber Feld gegangen, der Vogt wird herbeigeholt und hrt das letzte
Wort der Mutter Frnz: "das Testament ist ungltig, un--" Kaum ist diese
eine Leiche, so kommt der Tochtermann von der Reise zurck, zeigt das
Testament, der Vogt erklrt, der Widerruf gelte nichts, weil die Sterbende
nicht mehr bei Besinnung gewesen, Theresens halbes Erbe bleibt verloren,
denn diese fngt keinen Proze an, sondern betrachtet die Enterbung als
eine Strafe des Himmels.

Mutter Theres war eine fromme, gottesfrchtige Frau; eine freudlose und
leidenreiche Jugend hatte sie vorbereitet, mit dem finstern, strengen, doch
dabei fleiigen, grundehrlichen und gerechten Jacob glcklich zu leben. Der
Benedict war es, der ihr zumeist Sorge und Kummer bereitete, sie an alte
Zeiten erinnerte und am Ende glauben machte, er sei von der Vorsehung
bestimmt, an ihr die Verwnschungen zu erfllen, welche Mutter Frnz nach
dem erwhnten Auftritte gegen sie ausgestoen hatte.--Der Besuch in der
Kaserne und die Kirchweihe hatten ihre aberglubischen (wenn man's so
nennen will!) Befrchtungen zerstreut; der, welchen sie von je am
zrtlichsten geliebt und welcher sie am tiefsten betrbt hatte, war
wiedergefunden. Sie liebte denselben von jeher mehr als eine gewhnliche
Mutter, mehr als alle andern ihrer Kinder, _warum_--wute sie selbst
nicht; die Kirchweihe weckte die ganze Gluth ihrer zrtlichsten und
sicherlich nicht durch Romanlesen verminderten oder gesteigerten wahrhaftig
leidenschaftlichen Liebe,--Der unglckselige Scherz, welchen der Hobist
machte, in derselben Stube, in welcher vor vielen Jahren Mutter Frnz ihre
Tochter verfluchte und in einer Stunde machte, wo das Licht noch nicht
angezndet war, so da sie nur die verhngnivollen Worte vom _weien
Leidtragen_ hrte, die Miene des Sohnes jedoch nicht sah; dies
berzeugte sie von Neuem, _der Fluch des Himmels laste noch auf ihr und
ihr ltester, geliebtester Sohn sei geboren, um diesen Fluch zu
erfllen._

Gewi war sie selbst berzeugt, derselbe habe es mit den paar Worten nicht
bse gemeint, doch diese paar Worte sprach nicht der Benedict, sondern
sprach nach ihrer Ueberzeugung der zrnende Gott zu ihr.

Sie hat den Sohn verflucht als ein Werkzeug des Fluches, hat ihm verziehen,
weil der Tod sich ihrer nicht erbarmen wollte--wird der Fluch oder die
Verzeihung sich als leitender Gedanke durch die fernere Lebensgeschichte
ihres Sohnes ziehen?--

Der Duckmuser ward durch den Tod und die Verzeihung der Mutter nicht
sonderlich ergriffen; er erblickte in diesem Vorfalle nur einen neuen
Beweis fr die aus seinen Romanen geschpfte Ueberzeugung, zu einem
abenteuerlichen Leben bestimmt zu sein.

Ein von der Vorsehung zu wunderbaren Dingen ausgersteter Mann seiner Art
lt sich durch alle Anfechtungen der prosaischen Auenwelt wenig berhren,
lebt in andern Zeiten und hhern Regionen und begngt sich, prosaischen
Vorgesetzten tiefe Verachtung und ritterlichen Trotz entgegenzusetzen und
diesem "Gewrme", welches auf der Keule des Herkules herumkriecht,
thatschlich zu beweisen, da man nach seinen kleinlichen und winzigen
Chikanen so wenig frage, als nach den Ansichten und der Ordnung der
gegenwrtigen prosaischen Welt berhaupt.

Der Oberst hatte den Hobisten in den Zimmerarrest und damit in die ohnehin
geliebte Romanenwelt hineingeprgelt, drei Monate lang lebte der Hobist dem
Obersten zum Trutz sehr glcklich in Burgen, bei Turnieren, focht wacker
gegen Sarazenen, befreite mehr als Ein Ritterfrulein mit blauen Augen und
hochwallendem Busen, oder zog sich als weitgefrchteter Ruberhauptmann in
unzugngliche Felsburgen zurck.

Kaum whrend der Probe wute der Glckselige Etwas von der prosaischen
Wirklichkeit und mehr als einmal redete er bei seinen Erbsen und Kartoffeln
laut genug von fehdelustigen Rittern, treuen Knappen und Fruleins, welche
ihm statt Gnseweines Nektar kredenzten. Wie die Hobisten von je den groen
Trommelschlger verlacht und verspottet hatten, so verspotteten und
verlachten sie jetzt auch den Benedict--hatte sich jener wenig daraus
gemacht, so bewirkten sie bei diesem das Gegentheil. Mehr als einmal kamen
gutmeinende Vorgesetzte und Offiziere, um dem Hobisten Benedict
zuzusprechen, damit er nicht in Doctor Rollers Hnde falle, allein Gte und
Ernst prallten an ihm ab.

Die drei Monate des Zimmerarrestes waren beinahe zu Ende, da tritt ein sehr
beliebter, gebildeter und braver Adjutant in das Hobistenzimmer und macht
dem Bedict [Benedict], der stets mit Rittern und Fruleins redet, ganz
ruhige, vernnftige und menschenfreundliche Vorstellungen. Doch dieser hrt
ihn kaum und wie der Adjutant ihm das Narrenhaus prophezeit, streckt er die
Hand aus und spricht wrtlich also:

"Du bist nicht als ein Apostel berufen und hast einem so unerschrockenen
Ritter meiner Art durchaus keinen Vorwurf zu machen, dehalb schweige, wenn
ich dir nicht den Fehdehandschuh vor die Fe werfen und dir meine Kraft
fhlen lassen soll!"--

Die Antwort des Adjutanten lautete auf 3 Tage Dunkelarrest, der
Dunkelarrest machte den Kopf des Duckmusers nicht heller! ... Endlich sind
die 3 Monate des Zimmerarrestes verflossen, beim Beginne derselben war der
Frhling kaum im Werden, jetzt findet der Befreite Leben, Bewegung, Freude,
Liebe und Schnheit allenthalben; Alles, was er sonst gleichgltig
betrachtete, hat fr ihn hohes Interesse, er fhlt sich gleichsam
neugeboren und ein schneres, hheres Leben ist in ihm wach geworden!--

       *       *       *       *       *




Lesefrchte


Es steht zu vermuten, da der Straenbasche ein oder auch zweimal die
Treppen des Commandantenhauses hinanstieg, um den Herrn Obersten, seinen
alten Kriegsgefhrten zu besuchen, die angetastete Ehre seines Rosele zu
retten und fr den Benedict ein gutes Wort einzulegen. Eines Tages nmlich
sprach der Oberst zum Kapellmeister:

"Hren Sie, Ihr Hobist, der Benedict, ist kein schlechter Kerl, aber er
wird durch seine verfluchte Leserei ein grerer Narr, denn der groe
Trommelschlger! ... Der Kerl hockt noch im Zimmerarrest, dauert mich halb
und halb und wenn zuweilen sein Schatz vom Rheine herberkommt, um ihn zu
besuchen, so wollen wir nichts dagegen haben. Es soll ein verstndiges,
braves Mdchen sein und ganz geeignet, den Kerl vor dem Narrenhaus zu
bewahren!"

Der Kapellmeister schrieb sich diese Ordre hinter die Ohren und wendete
nichts dagegen ein, wenn Straenbasches Pflegetochter an Sonntagen zuweilen
in die Kaserne kam, um den gefangenen Trumer zu besuchen, wurde jedoch
diesem nicht grner.

Die Vernderung, welche in diesem vorging, blieb der Rosa nicht verborgen,
denn er sprach jetzt hufig in einem himmelhohen Style, welchen sie nicht
verstand und die einst so demthigen, bescheidenen und ergebenen Reden
desselben nahmen allmlig ein Ende. Sie ermahnte ihn gar zu
lehrmeisterisch, den Obern zu gehorchen und brav zu werden, langweilte ihn
mit ihren prosaischen Predigten und obwohl er in ihrer Gegenwart die
lichtesten Augenblicke hatte und niemals verga, hundertmal "auf Ritterwort
und Handschlag" Gehorsam zu geloben, so hegte sie doch wenig Hoffnungen und
kehrte jedesmal nachdenklicher zum Straenbasche zurck.

Jetzt stolzirt der Benedict an schnen Sommerabenden als freier Mann in der
Gegend herum, die Gestalten seiner Romane steigen von den Burgruinen herab
in die Ebene, wandeln um ihn herum und er entdeckt gar viel Ritterliches
und Fruleinhaftes in den schngeputzten Stdtern und Stdterinnen.

Auer den Mdlen der beiden Schwitten und der Rosa mit ihren Kamerdinnen
hat er noch keine Weiber kennen gelernt, doch wei er jetzt, jene seien
prosaische, gefhllose, ungebildete "Bauerndtsche" in Zwilchrcken, mit
sonnenverbrannten Gesichtern, braunen Armen und abgearbeiteten, rauhen
Hnden. Wie niedlich und zierlich sind dagegen die Stdterinnen gekleidet,
wie zart, von Liebesgram gebleicht oder von beglckter Minne verklrt die
Wangen, wie grazienhaft der Gang, wie fein und tugendsam ihr Benehmen!
Tglich sieht er Hunderte, fr die er sofort Lanzen haufenweise brechen
wrde und tglich Eine, welche auf milchweiem Rosse mit fliegendem
Schleier auf ihrem Zelter sitzt, neben ihm den steilen Burgweg
hinaufreitet, der Burgwart stt gewaltig ins Horn, die Knappen schwingen
jubelnd ihre schartigen Flamberge, der alte Kuno macht seine Meldungen, der
Ritter fhrt die Ritterin in den hohen Rittersaal und getheilt zwischen
Minne und Kampf verlebt er in der neugebauten Burg seiner Vter endlose
Jahre voll Seligkeit--bis in Freiburg der Tambour seine Kameraden zum
Zapfenstreich herausschlgt und der zum Hobisten degradirte Ritter auf des
Schusters bescheidenem Rappen in den prosaischen Kasernennothstall
zurcksprengen mu! ... Der Straenbasche trgt nichts Ritterliches und
Knappenhaftes an sich, die Rosa bleibt ein ehrliches, gutes, doch plumpes
und grobfhlendes Landmdchen, nur der groe Trommelschlger versteht
vollkommen Benedicts Seufzen, Fhlen und Denken, theilt dessen romantischen
Weltschmerz; noch mehr, der Trommelschlger hat viele Bekanntschaften in
der hhern Frauenwelt der Stdte gemacht und versichert, neben zahllosen,
prosaischen, abgeschmackten Kltzen gebe es unter den Dienstmgden und
Brgertchtern zarte, empfindsame Seelen, der treuesten Minne wrdig und
von der anmuthigsten Hingebung!

Geht der Duckmuser ber den Karlsplatz oder in den romantischeren
Alleegarten, wo die Ritterfruleins mit zarten Frchten der Minne sitzen
und wandeln, dann richtet er sich stolz empor, nimmt das Schwert unter den
Arm, schreitet mit Ritterschritten eines Niebesiegten an denselben vorber,
nicht ohne ihnen zchtige und minnigliche Blicke zuzuwerfen und ist voll
Liebessehnen und Seligkeit! ... Wie oft steht er auf dem Schloberge mit
dem groen Trommelschlger und beide verfluchen die schaale Wirklichkeit,
in %specie% den Klotz im Kommandantenhause und die Kltze in der
Kaserne oder sie trumen von jener Zeit, wo der riesenhafte Mnster noch
nicht gebaut war, auf dem Kippfelsen drben wohl mancher Lindwurm hauste
und in der Ebene mannhafte Ritter prosaischen Pfahlbrgern ihren Kram
abnahmen, dieselben zur Unterhaltung todtschlugen oder in schauerliche
Burgverliee schleppten! Manchmal wandelt der groe Trommelschlger mit
einer Nymphe des Schwarzwaldes oder der Stadt durch die Auen, neben ihm der
Duckmuser mit klopfendem Herzen, unsglichem Wonnegefhl und tiefer
Wehmuth! Im Sptsommer bekommt Letzterer wieder einmal Urlaub, fliegt mit
Ritterfruleins liebestrunken in das Rheindorf, dessen schaale Wirklichkeit
ihn ein bischen stark langweilt und bald zieht er durch das Land, um wo
mglich irgend eine Burg und Abenteuer aufzutreiben.

Er wandelt zwar allein herum fr prosaische Augen, doch neben sich hat er
stets die lustige, minnigliche "Itania." Alle Augenblicke breitet diese
ihre Schwanenarme nach ihm aus, er drckt sie an den Ritterbusen, erklrt
ihr die Schnheiten der Landschaften und redet von seinen und seiner Gegner
Burgen, deren hohe Thrme sich in den Silberwellen der Flsse spiegeln.

Jeder verwitterte Steinhaufen und jeder epheuumrankte Thurm ist ein Magnet,
welcher den Hobisten unwiderstehlich die steilsten Berge hinaufzieht und je
hher er steigt, desto prachtvoller und einladender steht die Burg da im
alten Glanze, desto lebhafter wird das Freudengetmmel im Schlohofe und
jede Distel scheint eine Trompete zu sein, welche dem Lngstersehnten, von
einer bsen Fee Verwunschenen, den Morgengru einer neuen Zeit
entgegenschmettert.

Allenthalben und berall sucht er seinem Ritterthume Ehre zu machen; es
kann nicht fehlen, der stattliche Bursche in der glnzenden Uniform erobert
durch sein galantes, edles Benehmen, durch seine gebildet klingenden
hochtrabenden Reden und durch Schilderungen seiner edeln Abstammung und
Gter im Sturmschritte das Herz eines Fruleins und dafr, da er an keine
Dulzinea von Tobosa gerth, ist schon gesorgt, weil er nicht in Andalusien
oder Estremadura, sondern im Groherzogthum Baden und in einem Herbstnebel
des 19. Jahrhunderts herumfhrt! ... Die Erkorene ist freilich kein
anerkanntes, sondern ein verwunschenes Frulein, wie deren sogar an den
Brunnen zu Freiburg und anderswo angetroffen werden, doch wohnt sie nicht
nur auf einem Berge, sondern bei einer Burg, kann mindestens als Tochter
eines Burgwartes gelten, der fr anlangende Gste zu sorgen hat und sucht
sich allseitig ber die Wirklichkeit zu erheben. Ist es unmglich, die
namenlosen Reize Itanias zu beschreiben, so begngen wir uns mit der
Angabe, das Tchterlein des Burgwartes sei ein recht hbsches und lebhaftes
Kind von 16 Jahren, in Benedicts Augen natrlich die "engelgleiche Itania"
von Kopf bis zu den Fen geworden.

Ein hflicher Vater, eine fr Ritterlichkeit zugngliche Mutter, ein
holdes, schuldloses, zutrauliches und plapperschtiges Frulein,
vortrefflicher Wein, eine Burg vor Augen, ein Feenland am Fue des Berges--
was konnte unserm Ritter zur Glckseligkeit fehlen? Nichts, hchstens ein
etwas lngerer Urlaubspa.

Drei Tage voll Seligkeit verlebte er hier; die Seligkeit ward nur Eine
Stunde gestrt, weil ein Hornist seines Regimentes, welcher den Abschied
genommen und im Heimathsorte am Fue des Berges sich huslich
niedergelassen hatte, gleich einem Gespenst in das Paradies seiner Trume
hineinstolperte und aus purem Neid ber das Minneglck sogar schlechte
Witze ber die Arreste und Zimmerarreste des ehemaligen Kameraden ri.

Am letzten Abend sah der Mond ein liebendes Paar innerhalb der zerfallenden
Burgruine, frchterliche Schwre ritterlicher Treue hrte die Nachtluft,
perlende Thrnen im Augenpaar Itanias kte der trauernde Benedict hinweg,
denn morgen mute er in die Welt hinaus, den Kampf mit den Tcken des
Schicksals von Neuem aufzunehmen und nur die Gewiheit, die edelste Perle
des Landes dereinst zu besitzen, gibt ihm Muth zum Scheiden, Trost im
furchtbarsten Schmerze.

Itania lebte auf dem Lande, doch schon ihr Wohnhaus hob sie hoch ber die
prosaische Alltagswelt empor; aus einem "Pensionate" krzlich
zurckgekehrt, trug sie noch Hut und Schleier, war ein zartgebautes,
schlankes und belesenes Mdchen, liebte und verstand Ritterromane, kannte
die Welt nur durch diese, denn zwei langweilige Religionsstunden
wchentlich geben weder Gottes- noch Weltkenntni; auf diese Weise wird der
kleine Roman des Hobisten begreiflich und das Unglck lag nur darin, da er
es weit ernstlicher mit diesem Romane meinte, als die 16jhrige Itania
selbst und da es ihm gelang, sich rasch die Gunst der Eltern zu gewinnen.

Auf dem Rckwege eilt er in sein Heimathdrflein, jedoch nicht, um das Grab
der Mutter oder die Herzkfer der alten Schwitt zu besuchen, sondern um den
Vater zu drngen, damit ihm dieser augenblicklich 50 Gulden vom
mtterlichen Vermgen herausgebe, welche er binnen einem Jahre
zurckzuzahlen schwrt. Jacob macht ein gar bedenkliches Gesicht, will
wissen, wozu das Geld dienen solle und zudem hat er fast keines im Hause,
doch der Duckmuser wei den Alten so zu tuschen und zu bereden, da
dieser noch in der Nacht den schweren Gang zum alten Liebhardt macht, die
Summe holt und dem Sohne gibt.

Kaum graut der Morgen, so eilt Benedict aus dem Drflein, macht zuweilen
Stze wie ein Hirsch und kommt richtig wieder in seine Kaserne, wo er kaum
erwarten kann, bis der groe Trommelschlger aus dem Arrest erlst wird, um
diesen in das Geheimni seines Glckes einzuweihen.

Auer dem Kapellmeister und Benedict haben nmlich gerade alle Musikanten
des Regimentes Strafen auf dem Hals, weil sie bei einem gemeinsamen
Ausfluge Gelegenheit bekamen, ohnentgeldlich gut zu essen und beliebig zu
trinken, des Guten zu viel thaten und dehalb von der Ironie des Schicksals
dahin gebracht wurden, sich auf dem Heimwege gegenseitig mit Fusten und
Sbeln zu belehren.

Die innere Seligkeit treibt den Duckmuser in das Gewhl des Wochenmarktes
und wider Erwarten findet er hier das Rosele, welches ihm einen
freundlichen Morgengru entgegensendet, der von ihm gar khl und betreten
erwiedert wird.

"Wehalb so trotzig heut'? Bist bs mit mir oder was ist mit dir?"

"Mu ich dir Alles sagen? Bin ich unter deiner Oberherrschaft, so da ich
ber mein Verhalten Rechenschaft abzulegen habe?"--"Ei, ei, so gefllst du
mir, wenn du auf diese Weise anfngst? Womit habe ich denn das verdient?"

Benedict kehrt dem armen Mdchen den Rcken, plaudert mit der
Sergeantenfrau, welche ihm die Hemden wscht, kauft dann in Rosas Nhe
einige Rettige und verschwindet im Gewhle.

Am folgenden Tage Abende bringt ihm eine Frau einen Brief vom Rosele voll
zrtlicher dringender Bitten um Aufschlu ber sein befremdendes und
krnkendes Benehmen, voll liebreicher Mahnungen und gutgemeinter Warnungen.
Benedict sagt der Ueberbringerin einen Ort, wohin er am Sonntage kommen und
die Antwort mitbringen werde.

Richtig kommen Beide zusammen, er gibt dem Rosele einen Brief, sagt Adje,
kehrt eilig um und rennt fort, ohne auf das Nachrufen des staunenden
Mdchens zu hren, welches den Brief sofort erbricht, liest und mit
zitternden Knieen beinahe zusammenbricht.

Er lautet also:

"Rosa! Du weit, wie man mich seit Langem hier gehalten hat und nun habe
ich die sicherste Nachricht erlangt, da Du und nur Du die einzige und
alleinige Schuld daran bist. Will ich mein Loos ndern, so mu ich Dich fr
immer meiden, was ich um so lieber thue, weil ich glauben darf, Du seiest
nicht die bisher vermeinte fromme Rosa, sondern eine Schmeichlerin voll
Falschheit und Trug. Besuche mich nicht, ich werde Dir fortan nur mit
tiefer Verachtung begegnen. Glaubst Du Forderungen an mich zu haben, so
schreibe Alles genau auf und schicke mir die Rechnung, ein anderes
Schreiben werde ich nicht annehmen oder ungelesen zerreien.

  Hobist Benedict."

Die edle Rosa ist des Schreibers Schutzgeist gewesen; noch vor acht Tagen
war sie mit dem Straenbasche beim Oberst und Kapellmeister und legte ein
gutes Wrtlein fr den wahrhaft Geliebten ein, sie hat ihn aus einem
liederlichen Sauhirten zu einem Menschen gemacht, mit Gte und Wohlthaten
berhuft und--dann den Lohn der Welt empfangen, der sie vernichten wrde,
wenn sie nicht um Gottes und der unsterblichen Seele des Benedict willen
gehandelt htte.

Gott meinte es wohl mit Rosa, als Benedict es bse meinte.

Er opferte seinen Schutzengel einem Trugbilde und that es auf eine Weise,
welche uns vollkommen an ihm irre machen mte, wenn nicht ein geheimer
besonderer Beweggrund ihn bei Abfassung des Schreibens geleitet htte.

Dieses war jedoch der Fall.

Von Kindesbeinen an strebte er nach der Gunst der schnern und bessern
Hlfte des menschlichen Geschlechts, das heit, nach der Gunst der Mdchen
und Frauen, mit welchen ihn sein Leben in Berhrung brachte. Als Schulknabe
und Unterlehrer beschtzte er die Kamerdinnen gegen Rohheiten, half
denselben in der Schule und bei Schularbeiten, that Alles, um sie angenehm
zu unterhalten und fr sich einzunehmen. Was der Knabe erstrebt und
gewonnen, wollte der Jngling nicht einben, sondern erhalten und
vermehren und hieraus erklren sich groentheils seine Tugenden und
Verirrungen, jedenfalls seine Nchternheit, Migkeit, Scheu vor
Geldspielen und die Sucht, Geld auf alle Weisen und durch alle Mittel zu
erhalten. Er sparte, betrog, stahl, um seine Rolle als Haupt der
altmodischen Schwitt behaupten und den Anhngerinnen derselben kleine
Geschenke und frohe Stunden machen zu knnen. Wie viele seiner Herzkfer
hat er in einer Reihe von Jahren erfreut, welche Opfer hat er oft gebracht,
um der Margareth, dem Vefele, der Marzell oder einer Andern ein kleines
Geschenk machen zu knnen! ...

Seitdem er in der Montur steckt, ist es die Rosa, welcher er Geschenke
aufdrngt, um ihr seine Liebe, dem Pflegvater seine Sparsamkeit zu
beweisen. Er wandelt auf ehrlichen Wegen, mu sich Alles am eigenen Munde
absparen und wenn die Geschenke auch nur lauter Kreuzer kosteten, so machen
60 Kreuzer bereits einen Gulden und ein Gulden ist fr einen Hobisten schon
ein Smmchen.

Jetzt hat sich der demthige Hobist zu einem stolzen, mannhaften Ritter
gruduirt [graduirt], welcher jedem Adjutanten den Fehdehandschuh khn vor
die Fe wirft; der Ritter hat bitterlich gespart, um eine Ritterfahrt
unternehmen zu knnen, auf dieser Fahrt fand er das Idol, wornach sein
berhirnter Verstand und sein fieberhaft pochendes Herz drstete. Die
holdselige 16jhrige Itania winkt im langen Kleide und mit fliegendem
Schleier von der Burg herab Tag und Nacht dem armen Hobisten in seiner
Kasernenstube zu. Groartig ist ihm die Einzige entgegengetreten, groartig
hat der Ritter sich gezeigt, groartig mu das erste Geschenk sein, welches
er seiner Gebieterin zu Fen legen will.

Der Hobist log sehr unritterlich beim Vater, um 50 Gulden zu erhalten, er
handelte mehr als unritterlich an Rosa, um sich desto ritterlicher gegen
Itania zeigen zu knnen. _Die Geschenke an Rosa mssen aufhren!_--
hierin liegt der Schlssel zu dem herzlosen, lgnerischen und
niedertrchtigen Abschiedsbriefe, welchen er derselben in die Hand drckte
und dann vom bsen Gewissen getrieben fortrannte.

Die bisherige Geliebte mu wissen, _wehalb_ er ihr keine Geschenke
mehr macht; ein allmliges Abbrechen und Sparsamwerden wrde ihm bei ihr
und dem Straenbasche nichts ntzen und viel schaden, geschweige da die
himmelanstrebende Itania keinen knickischen und knausigen halbgetreuen
Ritter zu ihren therischen Fen sehen will! ...

Die 50 Gulden reichen noch zu keinem groartigen Geschenke hin, die
Ersparnisse bei Rosa machen wenig aus, das ritterliche Einkommen mu durch
Sparsamkeit und Arbeit vermehrt werden, denn um Unverlornes mit "khnem
Griffe zu finden," dazu ist der Benedict doch allzu ritterlich gesinnt und
allzu prosaisch gewitziget worden.

Bisher bekam der Tabaksverkufer monatlich 40 Kreuzer fr Tabak, der
Apotheker 12 fr Pomade, die Leihbibliothek 48 fr Entzckungen und
Verzckungen, die Wirthshuser nur 36 bis 40 Kreuzer, endlich trug er auch
dem kleinen Liebling der Rosa, nmlich der Johanna und dem Schwesterlein
des blinden Michel Milchbrdlein und dergleichen Geschenke zu.--Itania
winkt vom hohen Sller herab und die bisherige Monatsrechnung des Hobisten
reducirt sich auf Null.

Der groe Trommelschlger ist noch immer ein lesender Narr, der Duckmuser
hat den Rubikon zwischen Idee und Wirklichkeit berschritten und ist zum
_handelnden_ Narren geworden.

Er verkauft seine beiden Tabakspfeifen, thut alles, um ja Niemanden zu
begegnen, mit dem er anstandshalber einen Schoppen Bier trinken mte,
unterrichtet mit allem Eifer zwei Damen der Stadt, die seidenrauschende und
juwelenstrahlende Tochter eines halbverzweifelten Bierbrauers und die den
hohen Adel durch ihren Aufputz beschmende Primadonna des stdtischen
Theaters auf der Guitarre, musizirt im Orchester des Theaters, wodurch ihm
die Leihbibliothek mehr als ersetzt wird, endlich schreibt er in jedem
freien Augenblicke Noten fr Damen und Offiziere ab und vermehrt dadurch
sein Einkommen ganz gewaltig.

Doch noch nicht genug--der Benedict verzehrt monatlich nur einen einzigen
Laib prosaischen Komibrodes, verkauft 14 andere monatlich um 3 Gulden 30
Kreuzer; fr das Fleisch erhlt er jeden Mittag einen Groschen, endlich
schnrte der Held seinen widerspenstig knurrenden Magen mit einer vom
Meister Feucht zur guten Stunde erbettelten Binde immer fester zusammen und
trumt allnchtlich von vollen Humpen und Wildschweinkpfen, welche ihm
Itania kredenzt und vortrefflich zubereitet.

Der groe Trommelschlger bleibt der Einzige, welcher den Ritter Benedict
lobt, bewundert, trstet, die andern Musikanten spotten und lachen oder
schimpfen beide "Bchernarren" brav aus.

In der Stadt wurde er von seinen Zglingen oft eingeladen, Etwas zu
genieen--doch ein Ritter ist kein Schmarotzer, lt sich nur so weit
herab, zu nippen oder einen einzigen Bissen zu genieen, um den Anstand und
Ruf zu wahren und sprengt dann hungrig weiter.

Meister Feucht vom Bodensee a wie ein Lwe und soff alle sechs Wochen
trotz einem Urgermanen, blieb dabei spindeldrr und schttelte jetzt
unaufhrlich den Kopf, weil Ritter Benedict nicht aufhrte, ganz ordentlich
und blhend auszusehen.

Groe Affekte und Leidenschaften sttigen auch den Leib, wenn sie Kinder
des Glckes sind, davon wute Meister Feucht sammt seinen Kameraden wenig
oder dachte nicht daran.

Benedict hielt mondenlang aus, machte sogar eine groe Reve mit und dankte
Gott, der ihm schon als Knabe die Fhigkeit gegeben zu hungern, um den
Mdlen Geschenke machen zu knnen.

Die Reve ntzte seinem Magen, schadete jedoch seinen Finanzen so gewaltig,
da er sich selbst in seinem letzten und wohlfeilen Vergngen
beeintrchtigte. Bisher war die Dmmerungszeit sein gewesen; er hatte neben
dem groen Trommelschlger tiefergreifende, sehnsuchts- und wehmuthsvolle
Septimen- und Mollakkorde den Lften anvertraut, um sie der angebeteten
Itania melodisch zuzuflstern--jetzt bernahm er es, zwischen Licht und
Dunkel Monturstcke, Waffen und anderes Zeug fr den Regimentsfourier und
Verwaltungsfourier zu putzen und erhielt von jedem derselben monatlich
anderthalb Gulden.

Nebst einem herzbrechenden und hochbegeisterten Briefe hat er fr mehr denn
fnfzig Gulden Schmuckwaaren an Itanien gesendet, die Antwort voll
Liebesgluth blieb nicht lange aus, dehalb nahm er die Gelegenheit wahr,
kaufte fr 36 Gulden Zeug zu einem fruleinhaften Gewande und sandte es mit
einem bogenlangen Briefe ab. Er wartet mit fieberhafter Spannung auf
Antwort, hungert und spart, spart und hungert, denn im Frhling will er die
Burg besuchen und sich im vollen Glanze eines begterten Ritters zeigen.

       *       *       *       *       *




#ITANIA, DAS KASERNENHSCHEN, DER DESERTEUR.#


Der Duckmuser erhielt wirklich manchen Brief, in welchem Itania mit den
schnsten zrtlichsten und wohlgesetztesten Worten ihre innigste Liebe und
unverbrchlichste Treue gegen ihn ausdrckte. Hundertmal des Tages zog er
diese Briefe aus der Brusttasche, kte und las sie und las sie noch
einmal, bevor sie eingesteckt wurden. Der groe Trommelschlger las
Itaniens Briefe auch und wenn er von Itanien anfing, dann hafteten
Benedicts Augen auf ihm, wie die eines Schwerkranken auf dem Arzte und
beide berlegen, welche Geschenke an Neujahr der Huldgttin zu Fen gelegt
werden sollten.

Eines Morgens kommt der Glckliche vom Exerzierplatze heim, da erscheint
der Brieftrger, um ihm zu sagen, es sei ein Pcklein fr ihn da und er
mge es in seiner Wohnung holen. Eiligst geht er mit, erkennt Itanias Hand
auf der Adresse, unterschreibt den richtigen Empfang, fliegt zurck ins
Compagniezimmer und ffnet das Pcklein mit zitternder Hand, denn er
erwartet das wohlgetroffene Bildni wohleingewickelt zu finden, um welches
er das Burgfrulein zu bitten wagte, und ein artiges Gegengeschenk.

Doch--schreckensstarr und todtenbla steht er da, denn all' seine Geschenke
sieht er wohlgeordnet vor seinen Augen, glaubt zu trumen und aus seinem
berirdischen Frhling pltzlich in den trostlosesten badischen
Altweibersommer hineingeworfen zu werden! ...

Meister Feucht streicht seinen Fuchsbart und lacht wie ein Spitzbube, der
erste Fagotist schleicht hinter den schier zusammensinkenden Benedict und
schaut hinter dessen Rcken in folgende Hiobspost hinein:

"Freunt! Vergebe sie mer, wenn ich ihne mit diesem Schreiben und dem
Zurikgeben des Bagets duschieren sollte. Sie seind mir lieb und werth, aber
ich will, kann und darf Nix von Ihne wisse, meine Ehre erlaubt es nicht,
denn wir wissen Alle sehr genau, da Sie wegen schlechter Auffhrung
ffentlich bekannt geworden, muten aus dieser Ursach das elterlich haus
verlassen und stehen beim Regimend auch nicht in guter Haltung. So seind
unsere genauesten Erfahrnisse. Ich bitte daher, kommen Sie mir zu Liebe ihr
Lebtag nicht mehr auf die Burg, denn ich gebe mich durchaus in keiner
Beziehung mit einem so schlechten Basaschier ab und schme mich genug, nur
Wohlgefallen an ihne gehabt zu haben.--Das Present aber (Gott was haben wir
fr Angst gehabt, bis es wieder aus unserm Haus), so groe Freid ich daran
hatte, knnte ich nicht behalten, weil ich befirchten mute, da es
gestolenes Gut sei. Nehme Sie es daher wieder und geben Sie es Einer, die
mit ihne gleich gesinnt ist, sonst schlagt mich der Vater tod, was brigens
nicht nthig ist.

Mit durchdolchter Liebe und bleibender Achtung bin ich in Eile

  ihnige ehemalige treue Itania."

Der Duckmuser zittert vor Schrecken, Wuth und Schmerz, vermag weder zu
reden, noch zu denken und zu handeln, sitzt wie ein Sterbender auf seinem
Bett, bleibt etwa eine Stunde sitzen, dann zerreit er den Brief in hundert
Fetzen und zermalmt (der groe Trommelschlger hat denselben abgeschrieben,
um der staunenden Nachwelt einen Beweis der Herzlosigkeit unseres
tintenkleksenden Saeculums zu geben!) die Fetzen zu Staub, ballt die Fuste
und knirscht. _"Warte, Karnali, du sollst's ben!"_ Mit diesen Worten
dachte er an Rosele, denn er glaubte, diese habe aus Rachsucht nach der
Burg geschrieben und Alles verrathen.

Der Seidenstoff war unter Itanias zarten Hnden bereits zu einem
Weiberrocke geworden, der Hobist packt denselben zusammen, um ihn einer
Ntherin zu verkaufen. Hier trifft er mehrere junge Mdchen, schmt sich,
ein Kleid auszukramen, geht unverrichteter Sache wieder fort, tritt in ein
Bierhaus und die Kellnerin, ein etwas verblhtes doch hbsches Mdchen
meint:

"Das ist ein Wunder, da Sie allein kommen und dazu noch an einem Werktage.
Haben Sie sich heute verirrt?"--"Ich denke, es wird noch Mancher bei
Straburg ber die Brcke gehen, ohne von Ihnen gesehen zu werden!"--"Um
Vergebung, habe ich _den Herrn Ritter_ etwa beleidiget?"--"Nein,
durchaus nicht, gndiges Frulein, ich bin nicht so leicht zu beleidigen!"

Das Wort "Herr Ritter" hat die Gemthsstimmung des Duckmusers pltzlich
verndert, er fngt ein langes freundliches Gesprch an, trinkt Bier dazu,
berzeugt sich, da die Kellnerin Agatha eine ganz gewaltige Romanenleserin
gewesen sein mu, sich trotz dem duftendsten Ritterfrulein zu benehmen
wei und--schon am andern Tage bringt er derselben Itanias Gewand und alle
Kostbarkeiten dazu als Weihnachtsgeschenk, beredet sie, das prosaische
Bierhaus aufzugeben und einen gemchlichen Dienst zu suchen, dabei weniger
auf Lohn, denn "auf gute Behandlung" zu sehen.

Der groe Trommelschlger war berzeugt, Itanias Brief sei ein Blendwerk
der Hlle, ein Zwangsbrief und der Ritter knne durch einen neuen Brief
wieder zu Ehren kommen, die Geliebte vielleicht aus unsglichen Gefahren
befreien, doch Agatha versteht es, den Benedict zu bezaubern und zu
fesseln, in jeder Hinsicht die Seinige zu werden!

Alles Arbeiten und Sparen hrte pltzlich auf, der Held war wenig mehr in
der Kaserne, verlor Zeit, Geld und noch weit mehr bei der Agatha und diese
benutzte die Gelegenheit vortrefflich, ihn in jeder Beziehung auszusaugen.
Itanias Gewand und Schmuck taugte nicht zu ihren bescheideneren Kleidern,
schne Worte und Liebkosungen bewogen den Ritter, sie als Burgfrulein
vollstndig und standesgem zu equipiren, sein Geld flog weg wie Spreu,
zum Arbeiten bekam er keine Zeit mehr und verlegte sich in der Raserei
seiner durch die bestndig gereitzte Sinnlichkeit aufgestachelten
Leidenschaft auf--khne Griffe, wobei ihn das Glck auerordentlich
begnstigte, so da es wieder Sptjahr wurde, ohne da er
Unannehmlichkeiten bekam.

Uebrigens mute Vater Jacob nicht nur erleben, da die 50 Gulden, die er
von Liebhardt geliehen, nicht mehr zurckkamen, sondern auch, da sein
ritterlicher Sohn hufig in der Nacht ins Drflein kam und am Morgen mit
einem Theile des mtterlichen Vermgens von dannen zog, dabei den
Sbelgriff selten aus der Hand lie.

Nach der groen Reve machte Ritter Benedict eine Luftfahrt mit Frulein
Agatha, verschwendete in 3 Tagen 20 Kronenthaler theils auf Rechnung seines
Vermgens, theils auf Regimentsunkosten.

Ein sogenannter Zufall lie ihn whrend der Luftfahrt entdecken, die
Tieffhlende und Hochpoetische habe schon vor Jahren als zartsinnige
Jungfrau der badischen Regierung ganz unberufen zwei kleine Unterthanen
geschenkt und sei unter dem Namen "Kasernenhschen" bekannt gewesen. Solche
unromantische Enttuschung bewirkte, da in grimmem Zorne der Ritter der
bisher Angebeteten den Fehdehandschuh ins Gesicht schleuderte, ohne die
Hand vorher aus dem Handschuhe herauszuziehen und dieselbe auf dem Wege
verlie.

Sein Urlaub lautete auf 8 Tage und weil nach 3 Tagen sein Geldbeutel leer
geworden, htte er in die Garnison zurckkehren sollen.

Er that es nicht aus drei triftigen Grnden, nmlich erstens aus
Liebesschmerz, zweitens aus Furcht vor einem Wauwau beim Regimente, der ihm
gar bange Ahnungen machte und drittens aus Furcht vor der Zukunft, weil
eine Hauptquelle seines Einkommens, sein mtterliches Vermgen, vom
hartnckigen Vater Jacob verstopft worden war.

Nachts kommt er in das Rheindrflein, wo Rosa wohnt und wo er als Knecht
des Saumathis so glcklich gelebt hat; er will in den Adler, da begegnet
ihm sein alter Freund und Gutthter, der Straenbasche, packt ihn am Arm
und zwingt ihn, mit ihm zu gehen. "Was hat's Rosele verbrochen, da Du sie
so verchtlich von Dir stieest?--Warum kannst Du so gegen uns sein, was
haben wir Dir zu Leide gethan?--Bist Du denn nicht mehr unser Freund? Mein,
wenn Du wtest, was alle Leute sagen!"--fragt und klagt der alte
Unteroffizier, doch hartnckig bleibt der Duckmuser dabei, Rosa sei an
allem Unheil Schuld, was ihm beim Regimente zustie und wodurch jetzt sein
Glck fr immer zerstrt sei!

Mutter Clara wei gar nicht, was sie fr ein Gesicht machen, geschweige was
sie reden soll, das Rosele sitzt neben ihr auf der Ofenbank, bringt vor
Schluchzen und Weinen keine Silbe hervor, endlich geht er zur Thre hinaus,
lt jedoch seine Kappe auf der Bank liegen. Rosa steht jetzt auf, geht ihm
nach und hlt ihn fest:

"Wo willst jetzt hin?" fragt sie seufzend und schluchzend.

"Fort, so weit als die Welt offen steht, um Dir aus den Augen zu kommen!"
schnauzt er und will sich trotzig losreien; sie hlt ihn aus Leibeskrften
fest und weil er alle Fragen unbeantwortet lt, will sie nur das Einzige
wissen, was er denn Schlechtes von ihr gehrt habe, er mge es ihr
unverhehlt ins Gesicht sagen.

Er bleibt stumm, sie erinnert an das Leben im Heimathsdrflein, an
Jugendzeit und Schuljahre, an die Zeit seines ersten Jahres bei den
Soldaten, an die Kirchweihe und will Alles thun, um ihn von Neuem zu
bessern, will ihm all ihr Geld freudig geben und zwar eine Summe, welche
ihn mehr als gerettet htte, doch er brummt: "Hab Deine paar Groschen nicht
nthig, behalte Du sie nur, Du wirst sie einmal nthiger brauchen knnen!"
reit sich von seinem weinenden Schutzengel los und verschwindet in der
finstern Nacht.

Weil sein Urlaubspa noch gltig war, hinderten die Zollwchter seine Fahrt
ber den Rhein nicht, zumal im nchsten franzsischen Dorfe gerade die
Kirchweihe gefeiert wurde, wobei badische Gste selten fehlen.

Wir finden den Deserteur am andern Abend todesmde vom Umherirren im
"grnen Baum" zu "Wanzenau," einem etwa zwei Stunden von Straburg
entfernten Dorfe.

Der Wirth, ein braver, als Elssserfranzmann gegen "Deutschlnder"
pflichtgem ein bischen eingenommener Mann, hat nicht nur den Deserteur
gern ins Haus aufgenommen, sondern sich von dem Schlaukopfe auch einen
stattlichen Bren auf die Nase binden lassen.

Der Hobist behauptete, auf den Rath seiner Angehrigen desertirt zu sein,
um dadurch 50 Rohrhieben und dem sichern Tode zu entgehen, was ihm Alles
wegen eines zerbrochenen Sbels drohe. Er habe nmlich bei einer Kirchweihe
in einem badischen Dorfe aufgespielt, sein Sbel hatte an der Wand
gehangen, die Tnzer htten vorigen Dienstag eine schwere Schlgerei
angefangen, sich seines Sbels bemchtiget, Verwundungen damit angerichtet
und zur guten Letzt die Waffe gar zerbrochen. Am Mittwoch htten die
verhafteten Bursche von keinem Sbel Etwas wissen wollen, der Wirth habe
geradezu gelugnet, vom Benedict einen solchen zum Aufheben bekommen zu
haben, somit bleibe die "ganze Schmier" an ihm hngen und seine einzige
Rettung, in Frankreichs gromthigen Armen Schutz zu suchen! ...

Den Wirth zum grnen Baum, zugleich Maire des wohlhabenden Ortes hat das
Klarinettblasen des Duckmusers dermaen entzckt, da dieser sein und gar
rasch der Liebling der ganzen Dorfjugend geworden ist. Am Tage arbeitet er
auf dem Felde, es kommt ihm sauer genug an, nachdem er so lange nur auf
Kasernenbrettern herumrutschte, doch vergibt er dem deutschen Flei nichts
gegenber der franzsischen Landeskraft, Abends macht er in einem groen
Saale, worin unter Tags die hbschen Elssserinnen mit ihren hellen
Aeuglein Welschkorn abschleizen, Musik und verdient schweres Geld.

Alles geht vortrefflich, er lt sich gerne neckend "Schwob" oder
"Gelbfler" nennen und denkt nicht ans Heimgehen, sondern an eine groe
Hochzeit, welche einer der reichsten Bursche des Departements (die
Stadtherren freilich ausgenommen) hier feiert. Diese Hochzeit lockt sehr
zahlreiche Gste herbei, whrt drei Tage, der klarinettblasende Ritter
htte sich in Wein und Bier ersufen knnen, wenn er gewollt htte, doch er
will dies nicht und aus guten Grnden. Der "groe Maier," ein Schuster des
Dorfes, der krzlich von seinem Cuirassierobersten beurlaubt wurde, will
dem armen Deserteur zeigen, da er sich jetzt unter Franzosen befinde und
veranstaltet eine Collecte, welche so bedeutend ausfllt, da der Benedict
ganz leicht ins Badische htte zurckgehen und als ehrlicher Mann auftreten
knnen, wenn er nur gescheidt gewesen wre.

Doch sein Hochmuth lt's ihm nicht zu; bereits vor der Hochzeit haben ihn
der groe Maier, der Allis, der Stegenklemens, der Rappenschorsch und
Andere liebgewonnen und wenn das Schwitzen auf den Aeckern nicht wre,
wrde er wohl beim Wirth zum grnen Baum sein Lebenlang bleiben knnen!

Whrend der Hochzeit wimmelt es im Wirthshause vom Dache bis zum Keller von
Gsten, das ganze Rathhaus ebenso, die 5 Musikanten kommen gar nicht mehr
zum Athmen, der lederne Instrumentenbeutel voll Franken und
Fnffrankenthalern bleibt ihr einziger Trost, der Benedict aber macht der
deutschen Musik unglaubliche Ehre.

Man mu franzsische Musik mit deutscher verglichen haben, um dies leicht
zu begreifen, denn Musikanten und Snger sind die Franzosen nicht, lieben
jedoch Musik und Gesang enthusiastisch und--Elssser wollen in Allem
Franzosen sein.

Ein Friedensrichter wurde durch die "dtschen Walser" des Deserteurs
dermaen begeistert, da er sofort mit dem Wirthe ausmacht, er soll den
"Schwob" nach der Hochzeit zu ihm senden, er werde dann denselben nach Metz
bringen und mit Hlfe seines Bruders, des Majors zu einem Hauptmusikanten
des 35. Regimentes machen.

Doch Alles sollte anders kommen, der Duckmuser in keine franzsische
Uniform, sondern in einen germanischen Zuchthauskittel schlpfen!

Am 4. Tage machten die Buben und Mdlen die blichen Hochzeitspossen und
Umzge, die Musikanten muten berall voranschreiten, die Lustigkeit whrte
tief in die Nacht und der dienstfertige Benedict suchte dieselbe auch auf
andere Weise denn durch seine Klarinette zu erhhen.

Er hatte in der Heimath einmal zugesehen, wie der Max in einer Scheune
seiner rothen Schwitt eine katholische Messe las und unternahm jetzt
dasselbe vor einem groen Haufen junger Leute. Still und lautlos sahen ihm
Alle zu bis zur Communion, wo er bei Nachffung des kelchtrinkenden
Priesters beinahe erstickte. Jetzt erhob sich ein frchterliches Toben,
Lrmen und hundert Stimmen riefen: "Meinst, wir seien lutherisch, Du
Schwob!--Schlagt den Schwob tod!"[tod!]--Nieder mit dem Ketzer!"

Der lange Maier streckt den Dorfhanswurst mit einer einzigen Ohrfeige der
Lnge nach auf den Boden, die Zunchststehenden fallen ber ihn her, sie
hindern sich gegenseitig durch ihre Anzahl im Zuschlagen und er wrde
sicher nicht lebendig davon gekommen sein, wenn nicht der alte Geistliche
sammt dem hochgeachteten Notar des Ortes zu seiner Hlfe herbeigeeilt
wren. Sie nahmen sich seiner barmherzig und krftig an, die Fuste lieen
ihn los, die Bursche und Mnner tobten und lrmten nur noch bunt
durcheinander.

Zu dem bleichen, zitternden Deserteur sagt der Adjunkt von Killstett. "Wir
wissen wohl, da bei Euch drben die Geistlichen nur Vormittags eine Stunde
geistlich, die brige Zeit des Tages aber weltlich sind und da ihr
Gelbfler alle lutherisch seid, doch bei uns kommt ihr mit solchen Spen
nicht an!"

Alle Freundlichkeit und Liebe gegen den Duckmuser hat ein Ende, das
Brautpaar lt den Hochzeitgsten und Musikanten sagen, sie mchten den
"gottlosen Schwob" ja nicht mehr ins Hochzeitshaus bringen, Gott knnte
ihnen keinen Segen schenken, wenn sie einen solchen Menschen wissentlich
unterhielten. Der groe Maier macht bereits wieder Augen wie Pflugrder,
die Gesichter Anderer verkndigen einen neuen Sturm, der ehrwrdige Pfarrer
mu die Aergsten abermals beschwichtigen, Benedict sucht ngstlich
Gelegenheit zum Fortkommen, findet solche und kommt mit einigen Tritten und
Sten glcklich ins Freie.

Doch eilt er nicht sofort aus Wanzenau weg; der volle Instrumentenbeutel
hlt ihn fest, er getraut sich nicht zurckzukehren und seinen Antheil zu
fordern, weil er im Dunkeln oder beim Wiedererscheinen gar zu leicht den
verdienten Lohn fr sein Messelesen ernten knnte; die Theilung des Geldes
unter den Musikanten sollte erst am Ende der Hochzeit vorgenommen werden,
somit befindet er sich in einer recht milichen Lage und klettert zunchst
auf einen Baum, wo er sicher vor Entdeckung und im Stande ist, seine
Gedanken zu sammeln. Er wartet bis die meisten Leute wieder zum Rathhause
zurckgekehrt sind, klettert alsdann vom Baume herab, pat eine gute
Gelegenheit ab, schleicht trotz einiger nachlig gewordener und theilweise
betrunkener Aufpasser ins Haus zurck, erobert in der Geschwindigkeit nicht
blos seinen Lohn, sondern den ganzen schwergefllten Instrumentenbeutel und
macht sich dann eiligst aus dem Staube.

Jedoch noch nicht ber die letzten Grten und Huser des Dorfes
hinausgekommen, vernimmt er bereits Allarm, hrt auf allen Seiten schreien
und hinter sich einige Verfolger, darunter den groen Cuirassier, der
ungeheure Stze macht und seinen Sarras unter schrecklichen franzsischen
und elsssischen Flchen schwingt.

Hat ein Romanenheld jemals den Silberschein des Mondes in die unterste
Hlle verflucht, so ist dieser der Benedict gewesen, whrend der
nchtlichen Galoppfahrt aus Wanzenau. Gleich einem Riesen der fabelhaften
Vorzeit schreitet der groe Maier mit blitzendem Pallasch brllend durch
die Mondnacht, hinter ihm quicken die gewhnlichen, diesmal auergewhnlich
erbosten Menschenkinder, jede Sekunde erhht die Todesangst des
galloppirenden Benedict, denn jede Secunde bringt die Feinde nher und
vermehrt deren Zahl, schon hrt er die schweren Athemzge des keuchenden
Riesen, schon schwingt dieser die furchtbare Waffe und gebietet dem
"Spitzbuben" Halt auf Leben und Tod--im entscheidenden Augenblicke lt
Benedict den schweren Instrumentenbeutel klirrend fallen, der Riese bleibt
stehen, der Verfolgte jedoch strzt sich verzweifelnd in die Brisch, welche
breit und tief genug ist, um mit Dampfschiffen befahren zu werden, die
Todesangst verzehnfacht seine Kraft und glcklich erreicht er das
jenseitige Ufer.

Drben stehen die Verfolger, der groe Maier ist im Besitze des
Instrumentenbeutels, man findet es nicht mehr der Mhe werth, den Deserteur
anders denn durch Schimpfnamen und Verwnschungen zu verfolgen, von denen
dieser bald nichts mehr hrt, weil er triefend doch wohlgemuther auf's
Gerathewohl vom Flusse ins Land einwrts luft.

Mit Tagesanbruch kommt er in ein Drflein, sein Geldbeutel ist auch ohne
den Instrumentenbeutel ordentlich gespickt, im Wirthshause legt er sich
sofort ins Bett, schlft volle 36 Stunden; seine Kleider sind indessen
getrocknet, Nthiges schafft er an, wandert nach Straburg "der
wunderschnen Stadt," meldet sich auf der Mairie nach Algier, wird von da
auf die Praefektur, von hier zum Rekrutirungskapitain, von diesem mit einem
Schreiben zu einem Komissaire beim Metzgerthor geschickt. Das Schreiben mu
ein Uriasbrief gewesen sein, denn der Komissaire lie den verwunderten
Duckmuser in den Neuthurm fhren und hier volle 23 Tage Betrachtungen ber
die Artigkeit und Zuneigung franzsischer Behrden gegen deutsche
Deserteurs anstellen.

Nach dieser Frist ward unserm Helden erffnet, bis auf weitere Ordre werde
Niemand nach Algier angeworben, somit mte er die Reise nach Afrika
aufgeben; verstehe er jedoch ein Handwerk, so erhalte er einen fr ganz
Frankreich gltigen Pa, widrigenfalls nur einen Pa in die Schweiz oder
ber die Kehlerbrcke.

Weil er kein Gewerbe erlernt hatte, begngte er sich seufzend mit einem
Passe nach der Schweiz, wurde freigelassen, ging in den rothen Lwen und
setzte sich etwas tiefsinnig hinter ein "Knnle" Bier.

Hier zieht er seinen Pa hervor, studirt vergeblich an dem franzsischen
Geschreibsel herum, mchte es ums Leben gern verdeutschen, flucht im besten
Deutsch leise vor sich hin, bis ein Herr, der in der Nhe sitzt und sich
nicht schmt, ein deutsches Wort zu sprechen, welche Schaam bei manchem
Philister der guten alten Reichsstadt Straburg gefunden wird, ihm endlich
aus der Noth hilft. Dieser Herr setzt einen Nasenklemmer auf die nach
altdeutscher Sitte riechende Kupfernase, steckt dieselbe tief und grndlich
in den Pa und erffnet dem erschreckenden Hobisten, da er mit diesem
Passe nicht weiter als bis Basel komme, von dort aber nach Deutschland
ausgeliefert werde, weil in dem Passe bemerkt wre, er sei ein Deserteur.

Solch' chtwlsche Hinterlist emprt den aufrichtigen Duckmuser ganz
gewaltig; er beschliet im Zorn, sich den Weg nach Basel zu ersparen und
gleich ber die Kehlerbrcke zu spazieren, wo ein Huflein alter
Waffengefhrten stets zu finden, doch der Herr bemerkt, es sei noch nicht
aller Tage Abend und etwa um 20 Frnkchen liee sich wohl auch noch ein
anderer Pa auftreiben.

Der Duckmuser geht den Handel ein, zahlt die 20 Franken in der Freude
seines Herzens, macht aus dem alten Uriasbrief Fidibus und dmpft ein
halbes Dutzend klnische Pfeifen, whrend er die Rckkehr des Herrn mit dem
neuen Passe erwartet. Erst als Abends die Lichter im rothen Lwen
angezndet werden, geht unserm Helden auch ein Licht auf, doch ein ziemlich
dsteres; er stolpert durch die Stadt und Wlle bis zum Denkmal des wackern
Generals Defaix und wei nicht, ob er sich in den "freien, deutschen Rhein"
strzen und dadurch allen Verfolgungen und Gefahren des Erdenpilgerlebens
entgehen oder ber die Brcke wandern und gute Miene zum bsen Spiel machen
soll.

Nachdenklich setzt er sich auf einen Stein, schaut nach dem fernen
Schwarzwalde hinber und trumt melancholisch von Itanien, bis ihn ein
kleiner Mann anredet und seinem Geschicke eine neue Wendung gibt; leider
schlgt dieselbe abermals zum Unheile und diesmal zum grten alles
erdenkbaren Unheiles aus.--

Bis hieher mag unsere Erzahlung gehen, den weitern Verlauf mag der Held
derselben selbst erzhlen, weil wir jetzt doch wissen knnen, wen wir vor
uns haben und in das Zuchthaus zurckkehren mssen.


       *       *       *       *       *


Die Nacht hat ihren sternbeseten Schleier ber die wunderliebliche
Landschaft ausgebreitet, durch welche das Auge manches kranken Gefangenen,
der sich an einem der Fenster des Krankensaales der warmen Sonnenstrahlen
freute, sehnschtig und trumerisch hinschweifte.

Im Krankensaale, worin heute der Duckmuser einzelne Abschnitte seiner
Geschichte mit vielen Verbesserungen und Verzierungen einigen Mitgefangenen
zum Besten gegeben, brennt nunmehr eine Laterne und vertheilt Licht und
Schatten ohne alle Rcksicht auf Kranke und Hausordnungen ziemlich
unzweckmig.

Von der Auenwelt vernimmt das Ohr nur noch den regelmigen Schritt der
Hofwachen, zuweilen ein fern vorberfliehendes Rollen der Kutschen oder die
muntern Lieder der Fidelen, welche in der nchsten Brauerei des Lebens
Unverstand mit und ohne Wehmuth genieen und wacker Bier dazu kneipen.

Im Krankensaale dagegen hat die Nacht manche Unterbrechung der tiefen
Stille zu verdoppeln. Das Murmelthier schnarcht seinen kellertiefen
Grundba, der Seeruber versucht von Zeit zu Zeit mit einem
ohrenzerreienden Tenor einzufallen, der Exfourier flucht zuweilen leise
zuweilen laut ber die Strenfriede, welche ihn nicht einmal an seine
Braune denken, geschweige einschlafen lassen, der Wirthssohn beneidet die
tiefen, schweren Athemzge einiger genesenden Nachbarn und wlzt sich
ruhelos im Bette hin und her, die Auszehrenden hsteln und chzen, ein
Fieberkranker phantasirt von einem Amtmanne mit krummer Nase und scharfen
Klauen, der Patrik vom Hotzenwald droht von Zeit zu Zeit am Husten zu
ersticken, der glckselige Donatle lacht im Traume laut auf, der brave
unermdliche Krankenwrter spazirt auf Socken aus und ein, denn in der
nchsten Stube liegt Einer, dessen Laufpa in die ewige Heimath beinahe
unterschrieben ist und zum Ganzen gibt der Pendel der Schwarzwlderuhr den
schwerflligen, melancholischen Takt.

Der Duckmuser schlft auch noch nicht, denn er mu dem Zuckerhannes,
welchem er Hoffnung auf Genesung und Befreiung eingeredet hat, seine
Geschichte vollends erzhlen.

Dieser glaubt nicht, den Todeskeim aufgeblht in der leidenden Brust zu
tragen, sondern an Genesung und Befreiung und fr letztere mindestens
scheint dem Unerfahrenen kein Strohhalm, sondern eine Schiffsladung von
Hoffnung vorhanden zu sein.

Ist nicht am ersten Montage des laufenden Monats als am blichen Besuchtage
die Emmerenz vom Hegu herabgekommen und wie ein rettender Engel vor dem
Drathgitterfenster des Flechtwaarenmagazins gestanden und hat dem
ehemaligen Schatz Trost und Muth eingeredet? Erzhlte sie nicht voll
Freuden, der Fesenbauer sei ins Drflein und zu ihr gekommen und habe
merken lassen, er bereue die Snden, welche er gegen die Brigitte begangen
und das Unglck, welches er ber den Hannesle gebracht? Hat besagter
Fesenbauer nicht geschworen, er gbe gerne seinen kleinen Finger, wenn er
damit dem Hannesle aus dem Zuchthause verhelfen knnte? Hat ein reicher
Bauer kein Gewicht beim Amt, bei der Regierung, den Landstnden und beim
Groherzog und wird das einmal rege Gewissen des Michel wieder verstummen?
Wird dieser nicht Alles thun, um eine neue Untersuchung einzuleiten und
wird fr seinen Sohn dieselbe nicht gewaltige Verminderung der Strafzeit,
baldige Begnadigung oder gar sofortige Freilassung zur Folge haben?

Also sprach die Emmerenz am Besuchtage, ebenso heute morgen wieder der
Duckmuser, welcher aufrichtig an die Mglichkeit der Befreiung,
zweifelhaft jedoch an das Wiederaufkommen seines Freundes glaubt und wie
sehr haben die hoffnungsreichen Reden der Beiden das kranke Herz des
kranken Zuckerhannes erquickt!

Hoffnung und Freude sind fr Kranke oft die wirksamsten Arzneien, der
Zuckerhannes hat's erfahren; er kann vor Aufregung nicht schlafen und hrt
dem Duckmuser zu, welcher ihm den Rest seiner Geschichte in die Ohren
flstert, nmlich seiner auswendigen Geschichte, welche mit dem Eintritte
ins Zuchthaus schliet, whrend die inwendige noch nicht in den rechten
Gang gekommen ist und erst in der Zelle zu Bruchsal dazu kommen wird.

Jetzt erzhlt er vom rothen Lwen zu Straburg, vom Steine beim Denkmal des
Generals Defaix, wir spitzen die Ohren und hren weiter Folgendes erzhlen:

"Wie ich so verlassen ohne Pa dahocke und recht betrbt an die Itania
denke, von der mich sichtbare und unsichtbare Berge trennen, kommt ein
klein, klein Mnnle auf mich zu und fragt gar sanft, was ich denn da
mache?["]--"Ho Nichts!"--"Nichts? wenn der Mensch nichts macht so sndigt
er!"--"Ja und wenn er Etwas macht, so kommt er in des Teufels Kche, wie
ist da zu helfen?"--"Was haben Sie fr eine Religion?"--"Ho, ich bin
katholisch!"--"Katholisch? ... armer Mensch!"--"Ja, ein armer Teufel bin
ich, doch nicht weil ich katholisch, sondern hier fremd bin!"--"Hier fremd
und dort fremd, armer, armer Bruder!"--

Kurz, das Mnnlein fngt ein Gesprch mit mir an, ich merke, da es sehr
fromm ist, thue auch fromm, erfahre, er sei kein Straburger, sondern habe
blos einen kleinen Spazirgang gemacht, weil er vor lauter Liebe zum Lamme
oft nicht mehr recht schnaufen knne, wohne mehrere Stunden oberhalb
Straburg, heie Meister Mrz und sei ein vom Herrn mit zeitlichen Gtern
reichgesegneter Mann, der in diesen Zeiten babylonischer Verwirrung seinen
Brdern, welche die "Diener am Worte" und den Herrn Jesum Christum hoch
hielten, gerne unter die Arme greife, aus zeitlichem Elend und dem ewigen
Hllenpfuhl errette.

Natrlich stellte ich mich immer frmmer, Meister Mrz entdeckte mir bald,
er sei am 5. October 1831 Abends zwischen 5 und 6 Uhr in dem an zeitlichen
Gtern und gottseligen Seelen so reichen Basel bei Mariot in den Stand der
Gnade gekommen. So Etwas sollte mir passiren, ich knnte den Gnadenstand
brauchen! meinte ich und wer mich beredete, nach Straburg zurckzugehen,
um zu bernachten und morgen mit ihm heimzufahren, der war mein Meister
Mrz.

Derselbe logirte bei einer gottseligen Wittwe in der Nhe des
Kleberplatzes; ich bernachtete in einem Wirthshause... ich glaube, es hie
zum goldenen Apfel! ... und am andern Morgen holte mich Meister Mrz ab und
freute sich sehr, weil ich just in einer groen Bibel las, die der kleine
Wicht mir schon am Abend nebst vielen abscheulich langweiligen Trakttlein
verehrt hatte.

Er fhrte ein Wgelchen bei sich und ich sah auf den ersten Blick, da er
ein gutes Mnnlein sei gegen Gleichgesinnte und das Gute oder Schlimme an
sich trug, alle Leute gleichgesinnt machen zu wollen. Die gottselige Wittwe
hat ihm viele Bibeln und ganze Pcke erbaulicher Flugschriften mitgegeben,
auf der Landstrae verschenkte er seine Bibeln an Handwerksbursche,
Marktweiber, Bauern und Bettler und als ich beim Ausstreuen und Vertheilen
der Trakttlein half, lchelte er gar lieblich... Stelle dir ein
hellbraunes Mnnlein vor, mit zarten Lcklein vor jedem Ohre, das Kpfchen
etwas zur Seite geneigt, die Augen den ganzen Tag voll Wasser und
Freundlichkeit, mit bleichen Wangen, einer lschhornartigen Nase, fromm
verzogenen und selig lchelndem Munde, im ganzen Gesichte kein Hrlein
auer etwa 10 bis 12, welche einen Backenbart vorstellen sollten, ganz
einfache doch hbsche Kleider und du hast den Meister Mrz, dessen feine
zarte Hndlein eher einem Schulmeisterlein, denn einem Schreiner
anzugehren scheinen.

Er redete lauter gottselige Dinge von Zion, Babel, den Freuden des
Lmmleins, von der Sndhaftigkeit des Menschengeschlechtes, vom Gnadenstand
der Anhnger des "lieben, einfltigen Evangeliums," vom "treuen
Gottesmanne" Martinus Luther, vom Antichrist und von der babylonischen Hure
und ehe ich mit ihm heimkam, wute ich schon, die Offenbarung Johannis
werde von uns fleischlichgesinnten Papisten seit 18 Jahrhunderten
_nicht_ verstanden, doch _er_, der Meister Mrz und andere
gottselige Leute, bei denen der heilige Geist tglich sein Absteigequatier
nehme, wten, da das tausendjhrige Reich und die Zerstrung des
rmischen Babel in ganz naher Aussicht stnden und da der Teufel jeden am
Schopfe nehmen werde, welcher es zulie, da die katholische Abgtterei
"die Geister gedmpft" habe.

Er beredete mich unterwegs einen falschen Namen anzunehmen und mich fr
einen von den "rmischen Geistlichen schwer verfolgten Freund der Diener am
Worte" auszugeben, welcher wegen Verbreitung von Schriften der Anhnger des
lieben einfltigen Evangeliums um sein Brod gekommen sei. Zunchst
versprach er dagegen, mich in seinem Hause aufzunehmen, das
Schreinergewerbe, zu welchem ich stets Freude hatte, lernen zu lassen und
mit allem auszursten, was zu einem behbigen und wohlanstndigen Leben in
Gottseligkeit gehrt, wenn ich etwa als einen "Praedestinirten" mich
erwiese!

Kannst Dir leicht denken, da mich Meister Mrz arg langweilte, doch habe
ich mich stets nach den Leuten gerichtet, diesmal befand ich mich in der
hchsten Noth, er versprach mir Alles, was ich brauche und der Wein sammt
dem Likr, welchen er neben seinen Bibeln in der Truhe des Wagensitzes
hatte und gegen Abend so wacker geno, da ich an den Compagnieschneider
Feucht dachte, setzten mich so ins Feuer, da ich schon auf dem Wege ein
geistliches Lied von ihm erlernte, welches er abwechselnd unter Weinen und
Lachen sang und dessen Melodie ich auf der Klarinette nachspielte. Meine
Geschicklichkeit entzckte ihn dermaen, da er laut weinte, mir die Zgel
um den Arm band, auf die Knie sank und mit gefalteten Hnden die ersten
Strophen seines Lieblingsliedes sang.

Es war gut, da es Nacht war und uns Niemand begegnete, ich blies so
rhrend als mglich und er sang unter Thrnen:

  Was ist ein Kreuz-Luft-Hhnelein?
  Lat's auch nur Kreuz-Luft-Putchen sein:
  Ein Thierlein, das die Henne reucht,
  Mit welcher sich das Lamm vergleicht
  Dort bei Jerusalem! ...

... Auf dem Wege sprach Meister Mrz in keinem Wirthshause ein, doch
beinahe in jedem Dorfe sa eine gottselige "Schwester", welche mit ihm in
die Nebenkammer ging, um dem Lamme fr die glckliche Ankunft des Bruders
zu danken und uns dann besser bewirthete, als es der Grnbaumwirth in
Wanzenau bei allem Reichthum htte thun knnen.

Spt in der Nacht kamen wir im Wohnorte und Hause des Meisters Mrz an;
eine Schaar andchtiger Frauen und gottseliger Mnner sammt zwei jungen,
uerst bleich und fromm aussehenden "Dienern am Worte" waren in einem
Hintergebude des Hauses noch in Gebet und Betrachtungen versunken, Meister
Mrz stellte mich denselben vor und ich sah, wie groe Augen alle machten
und zusammenschauderten, als sie hrten, ich sei ein "Papist aus
Dtschland."

Einige liebliche Mdlen und gottselige Wittwen versprachen, fr mich, den
in den Banden des Irrthums, der Ungnade und des Satans gefangenen Mitbruder
inbrnstig zu bitten und ihre Liebe rhrte mich dermaen, da ich helle
Thrnen vergo!

Du weit, Zuckerhannes, da ich wohl der geschickteste Schreiner des
Zuchthauses bin, ich habe als Gefangener dieses schne Gewerbe in einer
Reihe von Jahren vom Fundamente aus gelernt, doch den ersten Grund dazu
legte ich bei Meister Mrz.

Meister Mrz arbeitete nicht selbst; er fhrte mit einem Gehlfen und
Obergesellen das Geschft und betete, machte Besuche und Reisen, hielt in
der groen Werksttte Versammlungen, gab mir Essen, Trinken, Kleider, lie
mich nicht als Lehrjungen, sondern als Bruder behandeln, betete stndlich
um meinen Gnadenstand und suchte mich auf jede Weise zu berreden, der
"rmischen Abgtterei" zu entsagen.

Er hielt viel auf meinen gescheidten Kopf und meine frommen Gesinnungen und
ich darf wohl behaupten, da ich jetzt einer der reichsten Schreiner des
Elsasses und leicht der Schwager meines Meisters wre, wenn ich es nur ber
mich gebracht htte, meinen Glauben abzuschwren!

Nach und nach erzhlte ich ihm viele Streiche und Verirrungen meines
Lebens, aber er lie dehalb nicht nach mit Zudringlichkeit und meinte, der
Mensch sei unfhig ein gottgeflliges Werk zu vollbringen, die Werke des
Menschen seien ohne Bedeutung und der Glaube allein mache selig, ich aber
msse noch zum Glauben und Gnadenstand gelangen, das habe ihm eine
wunderbare Erscheinung schon in Straburg angekndiget und er sei das
Werkzeug, welches mich aus einem heidnischen Gefe des Zornes zu einem
christlichen Gefe der Gnade mache.

Mein Meister hatte schon manche Seele fr "das Wort" gewonnen, bei mir
machte er sammt seiner arg verliebten Schwester groe Versprechungen, kam
doch nicht rasch genug zum Ziele und merkte, da es mir nur darum zu thun
sei, geschwind ein Schreiner zu werden und dann in die sndige Welt
hinauszuwandern, in Paris statt in Zion Arbeit zu suchen! ... An der
katholischen Religion liegt mir in der That wenig; man vergit dergleichen
Dinge in der Kaserne, wo Evangelische und Juden darber spotten und im
Zuchthause ist es ebenso, aber ich brachte es nicht ber mich, meinen alten
Glauben abzuschwren, wiewohl ich mit den Lutherischen in ihre Conventikel
und Predigten ging, aus Klugheit und zur Unterhaltung die Schriften von
Jung-Stilling und Anderen las, auch das alte Testament fast auswendig
lernte und Mariotts wsserige Trakttlein fleiig vertheilte.

Daheim im Drflein hat meine Mutter von den Lutheranern mir frh viel Arges
erzhlt; ich verabscheute dieselben beinahe, wie ich die Juden frchtete,
hielt sie fr bse Geister, aus welchen einmal der Antichrist erzeugt werde
und konnte mich von dem Aberglauben nicht losreien, ein abgefallener
Katholik sei ewig ein Kind der Hlle und des Teufels. Vieles, was ich im
Hause meines Meisters sah und hrte, bestrkte mich im Aberglauben der
Mutter; Hochmuth und Wollust spielen bei den Muckern eine wste und
unertrgliche Rolle und so oft ich auch versprach, meinen katholischen
Glauben fahren zu lassen, wenn man mir noch ein wenig Frist lasse, ebenso
oft trat ich zurck, wenn die Frist vorber war.

Eines Abends, wo der Meister mich schon recht khl und bissig behandelte,
so da ich gerne fortgelaufen wre, wenn ich nur einen Pa und Geld gehabt
htte, spottete ich ber die Frmmigkeit einer Betschwester, die ich bei
einem Andern als ihrem Manne ertappte.

Am andern Morgen kommt der Mann der Betschwester, verflucht meine bse
Zunge und babylonische Herzensverwirrung, der Meister Mrz seufzt, verdreht
die Augen und lispelt: ["]Benedict, du bist und bleibst ein abgttischer
Papist, entweder nimmst du noch heute meinen Glauben an oder gehst aus dem
Hause, denn mein Gewissen duldet es nicht, mich mit einem Unmenschen deiner
Art abzugeben, der eine fromme Schwester verlumdet!" Ich antworte patzig,
das fromme Mnnlein wird ganz wthend, verdammt mich in die unterste Hlle,
ich gehe den Bndel zu schnren und wenn Meister Mrzens Schwester mir
nicht gesagt htte, mich augenblicklich aus dem Staube zu machen und ihrer
angenehmen Nchstenliebe eingedenk zu bleiben, so wrde mich der Gensdarm
erwischt haben, denn dieser war keine zehn Schritte mehr vom Hause, als ich
zur Hinterthre hinausschlich.

Ohne Pa und Kleider, besa ich nichts auer einem Fnflivre, den Mamsell
Mrz mir in der Eile zugesteckt hatte, lief gleich einem Feuerreiter Tag
und Nacht und kam halbtod [halbtodt] wieder nach beinahe vierteljhriger
Abwesenheit in Straburg an.

Hier blieb ich ber Nacht, spazirte bei Kehl ber die Brcke und schlug den
Weg nach meinem Heimathdrflein ein, um den Rest meines mtterlichen
Vermgens oder doch einige Napoleons zu holen und mich damit in die Schweiz
zu machen. Glaubst du es, mein lieber Zuckerhannes?

... Schlfst du? ... Nun, s'ist gleich aus; ich reiste zu meinem Vater auf
hnliche Weise, wie du, hungerte am Tage, lief bei Nacht und fand auch eine
khle, bse Aufnahme! Du weit es! Alles im Drflein ist todtenstill, wie
ich hinkomme, nur einige Hofhunde bellten in die Nacht hinaus, zu Hause lag
Alles wie der Vater im Schlafe; ich klopfe, er steht auf, schaut zum
Fenster heraus, erkennt mich, rennt fort, um die Flinte zu holen und droht,
mich elenden Spitzbuben ber den Haufen zu schieen, wenn ich nicht
augenblicklich fortgehe.

Die Verzweiflung macht mich rasend, der Teufel zeigt mir einen Bengel, der
mitten im Hofe lag, ich packe denselben und schlage so wthend auf die
Thre los, da alle Geschwister und die Nachbarn wach werden und laut
rufen.

Pltzlich ffnet der Vater die Thre, drckt die Flinte auf mich ab, die
Kugel streift aber blos die Achsel ["]... schau da, Zuckerhannes, dies
Wundmal ist die ewige Erinnerung an jenen frchterlichen Augenblick! ...
ich haue in blinder, besinnungsloser Wuth mit dem langen, knorrigen Bengel
in den dunkeln Hausgang hinein und ehe ich den dritten Schlag thue, packen
mich des Liebhardts Knecht und der Hansjrg, der mit mir so lange auf dem
Katzenbnklein gesessen, von hinten, der Hannesle strzt mit dem Lichte und
einem alten Sbel aus der Thre und ... ich schaudere, wenn ich daran
denke, du magst dir alles Andere selbst denken!" ... Schaudernd kehrt sich
der Duckmuser ab, schlpft mit dem Kopfe unter den Teppich und es bleibt
ungewi, ob er weine oder schlafe.

Der altersgraue, finstere und allzuharte, doch sonst brave Jacob lag
blutend damals in der Hausflur, der Kopf war ihm auf einer Seite ganz
zerschmettert, er sthnte und rchelte nur noch wenige Augenblicke und
verschied, ehe irgend eine Hlfe kommen konnte.

Sein Sohn, der ehemalige Unterlehrer, Dorfhanswurst, Anfhrer der
Altmodischen, Schweinehirt, Hobist und Schreiner ist ein _Vatermrder_
geworden und sitzt als solcher jetzt schon lange Jahre im Zuchthause. Er
ist gelassen, gleichmthig, folgsam, arbeitsam, doch _gebessert_ ist
er nicht, schiebt die Schuld seines Unglckes nur auf Andere und wenn er
auch zugibt, der Teufel habe ihn schlecht und verbrecherisch gemacht, so
wei er doch nicht, auf welche Weise er der Herrschaft des Teufels zu
entrinnen vermchte.


       *       *       *       *       *



#DER DUCKMUSER LT SICH ETWAS ERZHLEN.#


Der Duckmuser liegt im Schlafsaale und flstert zum Kameraden hinber:

"Schau, es geht jetzt ins 10. Jahr--bis Peter und Paule wird's just zehn,
da mich die Gensdarmen geholt haben und darfst glauben, da ich wenig
Freuden erlebte und nur so mitmachte von einem Tag zum andern und war froh,
wenn ich recht ermdet im Schlafsaal lag. Der Zuckerhannes blieb der Erste
und Letzte, mit Dem ich mich nher einlie und ihm meine wahre Geschichte
erzhlte. Er ist ein guter, armer Kerl, hat's auch im Zuchthaus besser
gefunden als drauen und sie wrden ihn schon wieder gekriegt haben, davor
bin ich nicht bange! ... Ist Einer _einmal_ da gewesen, so geht's das
zweite Mal viel leichter bei den Rechtsverdrehern und bei denen, die sie
schon in den Klauen gehabt haben! ... 'S ist gut, da er tod ist!"

"Ja, wei Gott, seufzt der Donat, 'n armer Teufel hockt geschwinder im
Zuchthaus, als man eine Hand umkehrt. Bin jetzt das erste Mal da, aber ich
hab' meine Sach in Amtslchern und Correctionshusern schon mitgemacht und
es ist mir wunderlich gegangen, knnte ein Buch davon schreiben!"

"Ei, drauen kannst du doch Einem aus dem Wege gehen, der dir nicht gefllt
oder ihm Eins hinter die Ohren schlagen, aber hier? ... Seit der Teufel den
Spaniolen hereingebracht hat, ist's mit meiner Ruhe aus; wenn ich den
drren Halunken mit seinen falschen Augen, die eine halbe Stunde weit im
Kopf drinnen liegen, nur ansehe, ist mir das Leben verleidet und ich
zittere an allen Gliedern und er regiert Alles, leitet Alles, kann's mit
den Aufsehern, da es ein Schade ist. Fnf Jahre war ich nie im Arrest,
jetzt komme ich alle Augenblicke hinein und Alles ob dem Spitzbuben!

"Der Spaniol ist ein Teufelskerl und ich meine immer, ich htte ihn auch
schon gesehen in Donaueschingen oder in der Neustadt ... nein es war in
Lengkirch, wo er 3 oder 4 verschlossene Wagen mit fremden Thieren
commandirte und auf die Freiburgermesse zog... Er mahnt mich an Einen, dem
ich auch gerne mit der Holzaxt winkte!"

"Verdammt, ich kann heut nicht schlafen, 's geht mir jedesmal so, wenn ich
Beize kochen mu, das Geschft ist zu leicht fr mich! brummte der
Duckmuser;--weit Du was, Donat, erzhle mir deine Geschichte, ich erfahre
dann wieder, wie's drauen bei ordentlichen Leuten zugeht und lerne Dich
kennen!"

"Kann auch nicht schlafen, Du hast mir Deine Sache auch ausfhrlich
erzhlt, eine Ehre ist der andern werth! ... Wer hat heute Nacht die
Wache?"

"Der alte Moritz, der sieht nichts und hrt nichts und wenn er kommt,
rieche ich ihn von weiten."

"Riechen? ich habe noch nichts gerochen! meinte der Donat."

"Hoho, warte nur, bis Du ein, zwei, drei, fnf Jhrle hockst, dann wirst Du
Schnaps oder Tabak auf hundert Schritte riechen durch allen Gestank
hindurch! ... Fange nur ruhig an, wir stecken die Kpfe unter den Teppich
und ich halte die Ohren zu Dir, wie der Pfarrer, wenn er Beichte hrte!"

"Ja, Du mut mir aber _mehr_ glauben als er, er glaubt Keinem mehr,
weil die Meisten ihn anlgen, und die vor Allem, die Begnadigung wollen.
Der Stoffel hat mir erst gestern gesagt, er habe im Beichtstuhle mehr Gutes
als Bses gebeichtet und zwar so, da bei seinen Gutthaten jedesmal ein
kleines Hkchen war, da sie halb und halb wie eine Snde aussehen! ... Er
spielt den heiligen Crispin, der den Reichen Leder stahl, um den Armen
Stiefel zu machen; es war gut, da dieser nicht im Badischen lebte, wo sie
allgemach das Almosengeben bei drei Gulden Strafe verbieten, wenn man sein
eigen Sach' herschenkt!"

"Nur zu, das gibt Rekruten frs Zuchthaus! lachte der Duckmuser. Wenn's
Bettele verboten wird, wird das Stehlen erlaubter! ... Doch, fange an,
kannst schon ein bischen laut reden, das Murmelthier schnarcht wie
besessen, da man sein eigen Wort kaum hrt!"

"Das Beste ist, da man Gedanken nicht einsperren kann, ich hocke da, doch
meine Gedanken streifen den ganzen Tag herum, und am liebsten nach dem
Unterland oder das Hllenthal hinauf gegen Lenzkirch, denn dort ist meine
Heimath, nmlich in jener Gegend, die fr so rauh und wst verschrieen wird
und mir doch hundert Mal besser gefllt, als der Breisgau mit allem Wein
und Obst und Kesten und der groen, schnen Stadt Freiburg dazu. Ich sehe
wahrhaftig mein niederes Strohdach und die langen braunen, hlzernen Wnde,
den Milchbrunnen, den Misthaufen beim Hause und die Halde worauf es still
und heimelig steht und hinabschaut in das Thal mit den zerstreuten Husern.
Ringsum lauter Tannenwald und dunkle Hhen, statt Trauben Tannenzapfen,
statt Aprikosen und Kesten, Schlehen und Elzbeeren und statt Welschkorn und
Tabak einzelne Hafer- und Kartoffelfelder, die selten gut ausgeben. Aber
wie schn ist's, wenn der haushohe Schnee schmilzt, die wrzige
Frhlingsluft aus den Tannenwldern herberweht und die blitzenden Bchlein
durch die Matten eilen, mit ihrem wrzigen Grn, den gelben, rothen und
weien Blumen! ... Holz, Vieh, Milch und Schmalz gibt's bei uns auf dem
Walde und kunstfertige Leute dazu und in so mancher Strohhtte steckt mehr
Geld und Gut und vielleicht auch Bravheit, als hier wohl in manchem
Herrenhause."

"Wenn Du so anfngst, dann werden wir vor Morgen nicht fertig; rede nicht
lang von der Heimath, sonst mu ich an meine denken, nein, _die_ ist
schn! ... Der Mensch ist halt auch wie das Vieh, er gerth am besten, wo
er daheim ist und ist ihm dort am wohlsten, wenn's in Sibirien wre!--O
Gott!"--

"Sibirien? Ja, das badische Sibirien nennt man meine Gegend und noch mehr
die rechts gegen den Schluchsen und Feldberg zu. Meinethalben, ich mchte
doch mein Lebenlang gern als der rmste Holzschlger oder Kohlenbrenner
dort leben! Jetzt will ich erzhlen, wie Du es wnschest, aber wie
wnschest Du es? Ich kann halt nicht viel besser reden, als mir das Maul
gewachsen ist und man kriegt so wunderliche Gedanken!"

"Thatsachen will ich, lauter Thatsachen!" flsterte der Duckmuser.

"Aha, Thatsachen! wei was das ist, wer ins Zuchthaus soll, erfhrts!
Herrgott, wie haben sie mich mit den verdammten "Thatsachen" geqult, die
Leuteschinder und am Ende doch wegen Etwas verurtheilt, was gar keine
Thatsache ist! ... will also mit Dir reden, wie es der Asessor haben
wollte, lauter Thatsachen! pa auf!"

Gerade wie der Zuckerhannes hatte ich auch keinen Vater, da heit, der
Halunke wollte nichts von mir wissen. Meine Mutter war bei Lenzkirch daheim
und diente in Freiburg in der Salzgasse und spter in der Egelgasse. Sie
soll ein hbsches "Mensch" gewesen sein und ich glaube es, denn ihre
schwarzen Augen und Haare und ihr kurzer stmmiger Leib blieb, als die
rothen Backen lngst verschwunden und der Mund nicht viel mehr lchelte.
Die Studenten, Offiziere und andere Herren waren ihr sehr auf den Fersen,
sie wute davon zu erzhlen, aber sie wollte lange gar keinen Liebhaber und
am Ende doch lieber Einen, der sich offen mit ihr sehen lie, als so einen
Vornehmen, der nur ins geheim lockt und schmeichelt und jede Gans wei,
wohinaus das Ding will. Am Ende bekam sie ein Unteroffizier am Bndel, der
ihr ganze Packe Briefe und Gedichte schrieb, in der Dmmerung niemals im
Hausgange fehlte, lauter Liebes, Gutes und Ses gelobte und nicht ruhte,
bis ich da war. Er gab um Heirathserlaubni ein, sagte und schwur es
wenigstens, doch war er noch kein Einstnder und als das Regiment nach
Carlsruhe kam, war meine Alte petschirt und heulte sich fast die Augen aus
dem Kopf. Sie that mich zu meiner Gromutter im Haus auf der Halde, das ich
Dir beschrieb und ich verlebte dort meine besten Tage. Die Zeit, wo ich den
ganzen Tag eine Rotznase hatte und im bloen Hemd herumklunkerte, ist die
schnste gewesen und ich wollte nur, da ich wieder ein "Hemmetklunker"
wre! ... Ich ging ins achte Jahr und hatte schon einigemal die Schule
besucht, wenn der Weg nicht verschneit war und auch die Mutter oft gesehen,
die mir jedesmal die Nase alle Augenblicke putzte und mir Gutseln oder
Butterwecken brachte, was ich um mein Leben gern a, da legte sich die
Gromutter hin und starb. Ich durfte nicht mehr in der Hinterstube bleiben,
wo ich wie im Himmel gelebt, denn die andern Leute auf der Halde htten
mich zwar behalten, allein die Mutter war unten im Dorfe verheirathet und
nahm mich zu sich.

Der Gang von der Halde war der Gang in mein Unglck.

Meine Mutter hatte einen Wittwer geheirathet, der fr einen Uhrenmacher in
Lenzkirch arbeitete, jedoch nicht in Lenzkirch sondern daheim.

Dieser Wittwer besa eine durstige Gurgel, einen Humor, wie ihn der Teufel
nicht besser haben kann und 3 Kinder von der frhern Frau, die er unter den
Boden gebracht hatte mit Schimpfen und Schlagen.

Er zeigte mir, was es heie, einen Stiefvater zu besitzen und plagte mich
sammt der Mutter um die Wette, prgelte seine eigenen Kinder dazu und wer
von Allen geschimpft, geschlagen, gestoen wurde und kaum mehr als ein
Kreuzschnabel zu fressen bekam, der war ich ... Meine Mutter mute es vom
frhen Morgen bis tief in die Nacht hren, da sie ein Soldatenmensch und
ich ein Bankert sei und wenn der Stiefvater besoffen von Lenzkirch kam, gab
es oft die ganze Nacht keine Ruhe.

Die Mutter schlug mich nie, aber tausend Mal sagte sie, um meinetwillen
allein msse sie leben wie ein Hund und es gereue sie, mich nicht in die
Dreisam geworfen oder erwrgt zu haben, bevor ich recht auf der Welt war!
Dafr mag der Teufel dem Unteroffizier danken!

Die Leute im Dorfe waren nicht so arg wie die Landleute des Zuckerhannes,
ich bekam es besser und trieb mich die meiste Zeit in andern Husern herum,
wo ich zu essen genug bekam, weil man wute, wie mich der Stiefvater
behandelte und mich sammt der Mutter bedauerte, die sich tagaus tagein
schinden und plagen mute und das ganze Jahr keine gute Stunde dafr bekam.
Der Pfarrer sah das Elend und sprach sie von dem wsten Kerl weg, der aber
konnte mit dem Hauswesen und den 3 Kindern nicht allein fertig werden und
weil meine Mutter sich doch nicht ganz scheiden lassen konnte, lie sie
sich durch seine Bitten und Versprechungen bethren und zog wieder mit mir
zu ihm. Bald fing der alte Tanz wieder an, meine Mutter bekam auch ein Kind
und dann gleich noch eines und seitdem konnte auch sie mich nicht mehr
leiden und ich irrte Tag und Nacht aus einem Hause ins andere, wo man mir
einen Platz am Ofen gnnte und etwas Warmes gab. Solches war auch nicht
berall der Fall, ich mute auch von fremden Leuten bittere Dinge hren und
Schlge hinnehmen, doch hatte ich meine bestimmten Huser und suchte mich
wohl daran zu machen durch Viehhten oder Botengnge nach Lenzkirch oder in
die Neustadt oder was man mich sonst hie.

Ich besuchte auch die Schule und betete fleiig, denn oft genug sagte die
Mutter "Donatle, bete und denke an Gott, du hast sonst Niemanden auf der
Welt, ich kann Deine Mutter nicht sein, das siehst Du!"

Gottlob, da sie unter dem Boden ist, meine Kette da brchte sie sonst
hinab; sie ist schon lange todt und habe ihren Leichenzug nicht gesehen,
Gott schenke ihr die ewige Ruhe und Glckseligkeit! Auf der Welt hat sie
wenig Gutes gehabt und war doch keine bse Frau, nur zu gut fr den
schlechten Stiefvater!

Ich war bald 14 Jahre alt, da wurde unser Pfarrer versetzt und _den_
Tag, wo der neue zum ersten Mal in die Schule kam, vergesse ich in meinem
Leben nicht! Das fortwhrende Schimpfiren und Verlstern der Geistlichen
ist nicht schn und recht, es gibt gute Herren unter ihnen und der neue war
Einer davon.

Er betrachtete mich genau, weil ich gar elend dreinsah und keinen Fetzen an
mir trug, den ein Lumpenmann htte nehmen mgen, fragte mich, wer und woher
und dies und das und heit mich am andern Tage ... es war just ein
Donnerstag und wir hatten "Vacanz"... in den Pfarrhof kommen.

Kannst Dir denken, da ich den Tag kaum abwarten konnte und hoffte, Etwas
zu kriegen. Als ich zu ihm hineintrat, fragt er mich, ob ich den Weg nach
Bonndorf wisse, ich sage: ja; dann fragt er, ob ich einen Brief an den
Herrn Stadtpfarrer in Bonndorf besorgen wolle und ich sage: gern! Da mute
ich mich in ein anderes Zimmer setzen, die Kchin brachte mir Etwas zu
essen und ein Glas Wein, da ich meinte, jetzt auch einmal ein groer Herr
zu sein. Nachher gab mir der Pfarrer noch einen Sechser und meinte, ich
solle in Bonndorf etwas essen, doch ich hatte gegessen, einen Sechser in
meinem Leben noch nicht gehabt und der Wein gab mir Kraft und Muth, da ich
gar nicht sprte, was fr ein Wind von Sankt Blasien herpiff [herpfiff] und
da ich baarfu herumzottelte. Ich flog wahrhaftig, denn in Bonndorf
glaubte ich wieder Etwas zu bekommen, bekam auch einen Zwlfer und einen
Brief retour. Als ich den Brief abgab, fragt der Herr, ob ich meinen
Sechser gebraucht habe, ich zeigte ihm den Fetzen Papier, den ich zwischen
Lenzkirch und Bonndorf gefunden, worin ich mein Geld eingewickelt hatte und
streckte es hin, damit er es wieder nehme. Doch lie er mir nicht nur das
Geld, sondern schenkte mir auch einen Rock, ein paar Hosen und bezahlte den
Schneider, der mir eine prchtige Montur daraus zuwege machte; kurz, der
Pfarrer wurde mein Vater, ihm zu Liebe lernte ich besser in der Schule und
es war ein groes Unglck, da der gute Herr sehr bald aus der Gegend
fortkam, denn er hat mir oft gesagt, ich mte eine gute Profession lernen
und wenn dieses geschehen wre, lge ich nicht in einer Kette hier!

Kann's nicht beschreiben, wie gut der Mann gegen mich elendes Kind gewesen
ist, Gott wirds ihm entgelten und ich will froh sein, wenn er nichts von
mir erfhrt!

Ich mchte noch Vieles sagen, lauter Thatsachen, Duckmuser, knnte die
halbe Nacht allein vom Pfarrer erzhlen und thte es lieber als das Andere,
denn der Weg, den ich jetzt betrat, war kein guter. Aus der Schule
entlassen, trieb ich mich einige Jahre in der Gegend herum, und trieb bald
Dieses, bald Jenes, um leben zu knnen und den Stiefvater nicht um Etwas
ansprechen zu mssen. Es ging mir gerade, wie den Hasen des Frsten von
Donn'schingen im Winter, nmlich es war Winter und ich hatte nichts zu
beien und zu nagen, da kamen ein Mann und eine Frau aus einem Zinken nicht
weit von meinem Orte--ich traf sie in der Sonne zu Neustadt, nein, es war
in der Post, ich sehe noch immer den dicken Posthalter mit der groen
rothen Nase, wie er mit dem Schoppen herwatschelt und jedesmal sagt:
"Gesegne's Gott, 's ist chtes Breisgauergewchs!"--Also die Beiden
brachten mir's zu und sagten nach lngerem Hin- und Hergerede: "Weit du
was, Donatle? 'S ist Winter, hast Uebel Zeit, dein Stiefvater ist ein Lump,
du hast erfahren genug wie er uns anfeindet, aber du bist ein nstelliger
[anstelliger] Bursche, kein Mensch will sich Deiner erbarmen, komm zu uns,
bis es besser wird. Du arbeitest, was es zu arbeiten gibt, viel ist's
jedenfalls nicht und wenn Du auch Nichts kriegst, hast Du doch zu essen und
ein Obdach!"

Das kannst Du glauben, da ich mich nicht lange besann, sondern einschlug;
es war besser als Holzmachen oder Schneeschaufeln oder Leiternmachen, was
ich schon thun mute. Ich ging auf der Stelle mit dem Glasjakob und seiner
alten Frnz, mit der ich ein Stck biblische Geschichte durch machte, blo
da die Sache einen unbiblischen Ausgang nahm.

Die Frnz hatte 48 Jahre auf dem Buckel, graue Haare und Runzeln genug,
keine drei ganze Zhne mehr und eine Nase wie ein Ulmerkopf, kurz es war
ein altes, wstes, ungattiges Thier und hatte auer dem ltesten Sohne, der
2 Jahre lter als ich war und lngst mit dem Reff auf dem Buckel als
Glashndler im Unterland hausirte, noch 5 Kinder und die beste Seele von
der Welt zum Manne.

Sie konnte recht gut meine Mutter sein, doch bald machte sie es wie
Putiphars Frau und weil ich nicht der Joseph, sondern der Donat bin, hing
sie mir bald am Halse und ich wurde bis ber die Ohren in sie verliebt.

Du magst es glauben oder nicht, so ein armer Tropf wie ich kommt nicht
leicht zu einem Weibsbilde und hat doch auch sein Fleisch wie Andere, die
Frnz war die Erste, mit der ich zu thun bekam. Sie wurde ganz und gar
hirnverrckt und wthend, und ich ein vollkommener Narr! ... Item sie
schafft Rath, beredet ihren guten blinden Jakob, ihr einen Heimathschein
ausfertigen zu lassen, lgt ihm vor, sie wolle ihre Freundschaft besuchen
und in ihrer Heimath eine kleine Erbschaft holen, die sie gemacht habe, der
Mann ist voller Freuden, sie geht, in Lenzkirch finden wir uns und reisen
nicht gegen Bonndorf sondern durch das Hllenthal nach Freiburg und wutsch
dich! saen wir ber dem Rhein, arbeiteten in einer Fabrik in Mhlhausen
drben und lebten wie Vgel im Hanfsaamen!

Nach einigen Monaten hatte ich das Elsa und die Fabrik und die Frnz genug
und wollte sie mir vom Halse schaffen. Aber sie hngte sich an mich wie
eine Klette, als sie den Butzen merkte und ich verlie sie bei Nacht und
Nebel. 'S freut mich noch, wenn ich mir vorstelle, wie sie am Morgen
aufwachte, nach mir griff und nichts fand als das leere Nest, was mag
_Die_ fr Augen gemacht, geschimpft und geflucht haben!--Ich hatte
mich mit Kleidern gehrig ausstaffirt, trug ein wlsches Hemd oder eine
Blouse, wie mans dort drben nennt und ziemlich Geld in der Tasche, denn
haushlterisch war die Frnz stets gewesen, das mu ich ihr nachsagen! Ich
glaube wahrhaftig, da ihre Verfluchungen mich verfolgten, denn geliebt hat
sie den Donat, sonst wrde sie nicht Mann und Kinder verlassen und mir
angehangen haben!

Also ich laufe einige Tage, da begegnet mir be- [bei] Karlsruhe drunten ein
Mann, fragt woher, wohin und was und da er hrt, ich suche einen Dienst,
gleichviel was fr einen, angagirt er mich als Knecht, das heit, ich mute
immer Fische nach Karlsruhe schleppen und Fischhuser hten. Mir gefiel
Alles auer dem frhen Aufstehen, aber die Herrlichkeit dauerte nur kurze
Zeit.

Mu ich just an des Groherzogs Geburtstag zu einem Wirth nach Karlsruhe
und ihm sagen, er mge zu meinem Herrn fahren und die Fische holen, die
bestellt worden seien; dieser lt den Knecht einspannen und der
Mathubesle, also hie der Knecht, ein fuchsrother Kerl voll Sommerflecken
im Gesichte, der am Titisee daheim war, meint: Landsmann, fahr mit! ... Wir
sitzen auf dem Wagenbrett, der Mathubesle will zufahren, da fngt ein ganz
verfluchtes Kanoniren an, der Gaul wird scheu, der Mathubesle kann's nicht
mehr halten, springt ber die Leitern hinab, ich will unten durch, bleibe
hngen und das wthende Ro schleppt das Wgele sammt mir einige hundert
Schritte weit, wo endlich einige Dragoner stehen und ihm den Weg
versperren.

Kannst Dir denken, wie ich zugerichtet war; halbtodt wurde ich in ein
frnehmes Spital getragen. Keinen Fleck am ganzen Leib gabs, der mir nicht
wehe that, ich war nur Eine Wunde und Ein Pflaster, lag viele Wochen
elendiglich darnieder und wre wohl nicht davon gekommen, wenn die
Karlsruher Aerzte mich armen Kerl nicht so fleiig und sorgfltig besucht
und fr mich gesorgt htten, als ob ich nicht der Donatle vom Schwarzwald,
sondern ein Prinz wre.

Die halbe Kost fing just an, mir recht zu schmecken, da wurde ich aus dem
Spital entlassen und durfte nicht mehr zum Fischhndler, sondern wurde
heimgewiesen mit dem Zeugni, da ich arbeitsunfhig sei und mich zuerst
erholen msse. Eines Theils war es mir nicht recht, denn der Fischhndler
hatte ein Prachtsweib und dieses war zu mir in den ersten Tagen in die
Kammer gekommen und hatte Dinge geredet, die mir klrlich zeigten, ein
junger, starker Schwarzwlder sei ihr weit lieber als so ein alter,
abgelebter Stockfisch, der ihr Mann hie. Sie htte mich gut gehalten, die
Arbeit war ohnehin nicht weit her und groe Lust zum Arbeiten hat mich mein
Leben nie geplagt, wenn es nicht sein mute. Anderseits gefiel mir aber
auch das Herumziehen und als ich beim Sternen die Steig hinausging und mich
wieder von meinen Bergen umschlossen sah, freute es mich gewaltig, doch
dachte ich wieder ans Fortgehen nach einigen Wochen und die Sache kam so,
da ich bald gern ging von wegen der Frnz.

"Wie ist's denn der alten Schachtel gegangen?" fragt der Duckmuser
begierig.

"Besser als sie's verdiente!["] ... Nachdem ich sie verlassen, zog sie
einige Tage im Breisgau herum, wurde mit dem lngst abgelaufenen
Heimathsschein erwischt, heimtransportirt und zunchst zur Abkhlung 8 Tage
in Schatten gesetzt. Dann wurde der Jacob in die Neustadt citirt, befragt,
ob er sein entlaufenes Weib wieder wolle, er sagte Ja und sie ging mit ihm
heim. Da sie alle Schuld auf mich geschoben hatte, bekam ich bei der
Heimkunft auch meinen Theil und mute 14 Tage sitzen. Zum Jacob wollte und
durfte ich nicht mehr, wollte auch nichts mehr von der Frnz wissen. Geld
hatte ich keines, Schaffen wollte ich nicht so schwer, essen und trinken
hlt Leib und Seele zusammen und um Etwas zu bekommen, langte ich zu, wo
war, anfangs mit erschrockenem Herzen, bald kecker. Die Mutter war todt,
der Stiefvater warf mich aus dem Hause, ein Handwerk konnte ich nicht,
Taglhnern kostet Armschmalz, ich zog in der Gegend herum, wurde auf dem
Michaelimarkt in der Neustadt arretirt und auf 2 Jahre zu den Blaukitteln
nach Bruchsal geschickt. Dies war schlimm, doch schlimmer war's, als ich
nach 16 Monaten begnadiget wurde und mit Laufpa heim mute. Ein paar
Zwilchhosen, ein Wamms von Sommerzeug, ein grobes Hemd, welches mir die
Strafanstalt gab nebst einem paar Schuhen und einer Kappe, die ich einmal
einem Besoffenen vom Schdel gerissen, war nebst 42 Kreuzern Alles, was ich
auf Erden besa, wie ich heimkam.

Wie konnte ich in solchem Aufzuge Arbeit suchen, mich vor den Leuten sehen
lassen oder auch nur in die Kirche gehen? Die Frnz, kein Mensch wollte
Etwas von mir wissen und doch war mir die Lust am Stehlen vergangen. Es
gehrt Spitzbubenglck dazu, ich hatte keine Fiduz und keine Courage mehr,
um gleich wieder zuzugreifen. Ich ging hinber in die Neustadt, trank mit
den letzten 12 Kreuzern Muth und begab mich gerade zu auf das Amt, um zu
melden: "ich _wolle_ nicht mehr stehlen, aber ich _msse_ es,
wenn ich keinen Heimathschein und keine Kleider sammt einigen Batzen
bekme, um _anderswo_ Arbeit zu suchen; im Grunde wr's mir lieber
hier, aber niemand wolle mich beschftigen." Ein Herr vom Amte zog
mitleidig den Geldbeutel, der Amtmann gab mir einen Rock, denn ich heulte
wie ein Schlohund und um Martini darf man auf dem Swarzwalde
[Schwarzwalde] kein Zwilchwamms und sonst nichts tragen, wenn man nicht
erfrieren will. Ein Schreiben an den Brgermeister verschaffte mir Alles,
was ich brauchte, sogar mehr, nmlich Grobheiten, weil ich nicht zuerst zum
Brgermeister, sondern gleich vor die rechte Schmiede gegangen war. Ich
kannte den Vogt schon, er war ein unmenschlicher "Packer," der ja wute,
woran ich war und doch kein Zeichen that, als ob er mir helfen wolle.

Mit dem Heimathschein und einigen Batzen Geld zog ich ab, verkaufte in
Freiburg den Rock des Amtmanns, weil ich ihn doch nicht ohne gehrige Hosen
tragen und auch nicht zurecht machen lassen konnte und zog jmmerlich bis
hinab nach Ettlingen, denn dort war Arbeit genug zu finden, weil eben die
groe Spinnerei gebaut wurde. Weil meine Papiere richtig waren, kmmerte
sich die Polizei nicht um meinen Anzug und leeren Geldbeutel, denn Arbeit
hatte ich auf der Stelle. Eine Wohnung zu finden, war keine Kleinigkeit,
ich wurde an vielen Orten abgewiesen und wie eben die Armen am liebsten den
Armen helfen, fand ich zuletzt bei blutarmen Leuten auch eine Wohnung. Kost
konnten sie mir nicht geben, wollte auch keine, denn Kleider waren vor
Allem nthig; Kleider kosten Geld und mein Taglohn war nicht gar gro. Ja,
der Donat _kann_ arbeiten und hungern, _wenn er mu_; drei
geschlagene Monate sah ich kein Stcklein Fleisch und keinen Tropfen Wein,
sondern erhielt mich fast nur bei Brod und Milch, schlief dabei recht gut
und konnte das schnste Weibsbild ansehen, als ob ich ein Klotz geworden
wre! ... Nach drei Monaten hatte ich aber nicht nur Kleider, sondern auch
das ganze Wohlwollen der Werkmeister und insbesondere das der Tochter
meiner Hausleute, ohne da ich letzteres wute, weil sie nie ein Brselein
davon verlauten lie, wenn sie aus ihrem Dienst von Karlsruhe auf Besuch
herberkam. Als die Fabrik so weit fertig und Maschinen eingerichtet waren,
sa ich einmal recht bekmmert nach 12 Uhr bei einem der letzten Sandhaufen
in der Sonne und dachte an die Zukunft, da kommt auf einmal der Director
der Spinnerei auf mich los, ein braver Herr, der mich oft im Auge gehabt,
jetzt aber just fast das erstemal mit mir redete und sagte: "Donat, weil Er
als Fremd so lang und fleiig hier gearbeit hat, will ick Ihn in die
Spinnerei nehmen als Lehrlink. In 3 Mond kann Er die Sack, kriegt tglich
36 Kreuzer. Wenn Er keine dumme Deutsch ist, bekommt Er dann ein Maschin
und verdient schn Geld! Was sagt er zu der Sack?"

Kannst Dir einbilden, Duckmuser, da ich da stand wie aus dem Himmel
gefallen und zehnmal in Einem Brumm "Ja" sagte; ich mu roth und recht
einfltig dreingesehen haben, denn der Herr lachte und meinte:

"Nehm' er nix fr ungut, ich bin ein Franzos und sprecke etwas heroisch,
bin hitzig, aber ick fresse keine Deutsch und meine es nit so bse!"

Der Herr Director wurde mein zweiter Schutzengel, wie der Pfarrer mein
erster gewesen; sein Auge blieb stets auf mich gerichtet, er gab mir viele
Ermahnungen und hielt mich von Vielem ab, denn der Teufel juckte wieder
hollops in mir. Die Spinnerei wollte mir nicht gefallen, die Lehrmeister
waren lauter Franzosen und neidisch, einen Deutschen zu lehren. Der Herr
Director machte, da ich als Zuschlger in die Schmiede kam, wo ich einen
andern Director und tglich einen Gulden erhielt. Konnte es nicht lange
aushalten, bekam Blutspeien und wurde fremd. Eben stand ich in meiner
Kammer, um das Bndele zu schnren, da lie mich der alte Director kommen
und machte mich herunter, weil ich so mir nichts dir nichts davonlaufen
wollte, ohne ihm ein Brsele zu sagen und fuhr mich dann an:

"Gestern hab' ick die Mann, der an das laufende Maschin war, entlassen. Er
liebt die Sauf und soll nit unglcklick werden. Will Er sick besser halten,
als der Vorgnger, so thu' ick Ihn an seine Stell. Er bekam taglik einen
Gulden zwlf Kreuzer, Ihm geb' ick acht und vierzig Kreuzer tglik, aber
nock eine Gehilf, will Er?"

Kannst denken, wie froh ich war und es kam noch besser, denn die Kth, also
hie die Tochter der Hausleute, kam nach Hause, weil sie krank gewesen war
und den Dienst bei der Herrschaft verloren hatte, bei der sie 6 Jahre in
Einem Zug gedient hatte. Sie hatte die "Durchschlechten" gehabt, war noch
sehr schwach, doch ein braveres Mdle wchst im ganzen Unterland nicht; ich
wurde in sie ganz anders verliebt als in die Frnz, betrachtete die Kth
wie eine Heilige, sie und der Herr Director haben mich vor Vielem bewahrt!
--Vier Monate spter fhrt der Satan den rothen Mathubesle auch nach
Ettlingen und dieser leichtsinnige Passagir wurde mein Freund, weil er mein
Landsmann war, zog mich zum Saufen und Spielen, so oft er konnte und war
mit den Weibsleuten nicht heikel! ... Untreu wurde ich der Kth nicht oft,
aber nach 6 Monaten verfehlten wir uns und ich wre ein schlechter Kerl,
wenn ich sagte, _sie_ sei schuld daran gewesen. Sie hat mich oft genug
davor gewarnt und mir die Leviten gelesen, aber die Beste hat schwache
Stunden und ich war in diesem Punkte kein Held wie Du, wenn's wahr ist!

Als die Eltern die Sache merkten, sollte ich auf einmal aus dem Hause und
ging auch, weil ich das Heulen und Schimpfiren nicht mehr sehen konnte.
Alle Sonntage traf ich mit der Kth in Busenbach zusammen, doch die Eltern
waren ihr auf den Socken und wollten auch dies nicht mehr leiden.

Eines schnen Morgens mu ich vor Amt, der Asessor schnauzt und bellt mich
an, ich msse binnen 3 Tagen die Fabrik und den ganzen Amtsbezirk
verlassen, wo nicht, so mte mich der Gensd'arme holen. Ganz vertattert
frage ich warum und da sagt er mir, ich htte ein Mdchen mit einem Kind
und sei auch schon in Bruchsal gesessen.

"Ja, das ist wahr, sage ich, aber darf ein Mensch, der seine Strafe
erstanden und sich ehrlich und redlich ernhren will, nirgends mehr
arbeiten?"--"Er kann arbeiten, wo Er will, aber in diesem Amtsbezirk ist's
mit Ihm Mathi am Letzten!"--Jetzt sage ich, der Asessor soll mir in den
Heimathschein schreiben, wehalb ich nicht mehr hier arbeiten drfte, er
aber sagt, ich habe es gehrt, was zu thun sei und soll mich packen!

Ich besann mich auf dem Heimwege und blieb in der Fabrik.

Acht Tage spter werde ich richtig auf die Wachtstube gerufen, sind da 2
Gensd'arme, fhren mich vor Amt und der Asessor sagt, ich msse jetzt 24
Stunden ins Loch und wenn ich in 8 Tagen nicht fort sei, lasse er mich
heimtransportiren.

Bei der Rckkehr in die Fabrik nahm mich der Herr Director ins Verhr, wo
ich gewesen sei und weil ich fr ihn durchs Feuer gegangen wre, entdecke
ich ihm Alles haarklein und erfuhr wieder, was das fr ein braver Mann war.
Er spricht mir Muth ein, meint, wenn es Jedem der 1400 Menschen, die in der
Fabrik arbeiteten, an der Stirne geschrieben stnde, was er schon gethan
habe, mte er Manchen fortschicken. Ich soll ihm und der Kth folgen und
brav fr mein Kind sorgen. Die acht Tage verstrichen und kein Mensch dachte
daran, mich auf den Wald zu jagen.

Gehe ich an einem Sonntage Mittag von Busenbach nach Ettlingen, die Kth
ist bei mir und hat unser Kind auf dem Arm, kommt uns just der Asessor mit
2 Herren entgegen, stellt mich auf dem Wege, thut aber ganz leutselig,
erzhlt Alles den andern Herren und sagt zu mir: "Er wisse, da ich immer
Kostgeld fr mein Kind zahle, habe auch ein gutes Lob von den Herrn in der
Fabrik, solle nur brav bleiben und fr mein Kind sorgen und so fortmachen!"

Solche Rede gefiel mir sehr wohl und wenn ich alles berlege, mu ich
sagen, da ich mein Glck selbst mit Fen getreten habe und ein Narr
gewesen bin, mehr auf den rothen Mathubesle, als auf den Herrn Director
und andere Leute gehrt zu haben, die es gut mit mir meinten. Ich hatte
eine neue Heimath gefunden und wenn ich gescheidter gewesen wre, wrde ich
darnach gestrebt haben, die Kth zu heirathen, die lngst wieder in einer
Kche zu Karlsruhe stand. Fr mein Kind zahlte ich immer redlich das
Kostgeld, aber statt bei meinem schnen Verdienst zu sparen, zog ich mit
dem rothen Kaiben und Fabrikmenschern herum und habe mehr als Eine Nacht
ganz durchgesoffen und gespielt und allgemach Schulden bekommen.

Wenn das Fabrikglckle zur Arbeit rief, war ich oft voller Schlaf und
halbbesoffen dazu und htte einmal leicht bei meiner Maschine das Leben
verloren, wenn nicht der Herr Director mich im letzten Augenblicke gepackt
und irgendwo hingelegt htte, um den Rausch auszuschlafen. Die Kth kam an
Sonntagen, so oft sie konnte, hielt mich vom Saufen ab, wir Beide sollten
nur Einen Schoppen trinken, gab mir die besten Vermahnungen, ich plrrte
oft vor Rhrung und fluchte oft wie ein Trke, denn ein Hitzkopf bin ich,
Duckmuser! ... He, schlfst Du?"

"Warum nicht gar, doch mach's kurz, in der Stadt drauen brummelt die
Lumpenglocke und bis halb Fnfe ist's dann nimmer so lang!"

"Auch gut, wills kurz verlesen!["] ... Mein Mdchen predigte umsonst, der
Herr Director stellte mir Himmel und Hlle vor, aber der rothe Mathubesle
und Andere bekamen immer mehr Gewalt ber mich, ich triebs immer rger und
rger und wurde endlich entlassen. Die Kth weinte sich schier die Augen
aus dem Kopf, die Eltern schimpften kannibalisch, aber jetzt war Hopfen und
Malz verloren, der Asessor schnitt ein bses Gesicht, that fuchsteufelswild
und ich zottelte eben wieder in den Schwarzwald hinauf.

Daheim bekam ich Arbeit beim Frsten als Holzschlger und hielt's ein
Vierteljahr mit dem Waldleben recht gut aus, obwohl die Arbeit ganz anders
war als in der Fabrik, wo eigentlich der Arbeiter nur Befehlerles spielt
bei der Maschine. In meinem Ort lobten mich die Leute sehr, weil ich so
lange fort war, gut gethan und rechtes G'hs mitgebracht habe und als ich
das Saufen wieder anfing, htte mich ein Vorfall belehren knnen, da ein
armer Tropf schon dehalb nicht versaufen sollte, was er auf und anbringt,
weil man gleich glaubt, er habe das Geld dazu gestohlen.

Kommt eines Abends--es war just beim Nachtessen und ich spedirte die
Kartoffel Nro. Dreiig ins Unterquatier!--kommt so ein Gensd'arm, schaut
mich an, fragt wer und was, sieht meine Uhr an der Wand und nimmt sie weg,
mu ihm mein Trchle ffnen; er nimmt einen Rock, zwei paar Hosen, ein paar
nagelneue Stiefel, drei Hemder, einen Hut, Schirm, endlich einen Stutzen
und zuletzt mein Geld, es waren 18 Gulden 12 Kreuzer--und die Hausleute
hattens in Verwahrung, weil ich das Trchle nicht gut schlieen konnte.
Auch der Donat selbst gefiel ihm so, da ich im Amtsgefngnisse
bernachtete und zwar 6 mal. Man hatte dem Accisor unseres Ortes 50 Gulden
gestohlen und 100 dabei liegen lassen und ich stand im Verdachte, wieder
"gekratzt" zu haben. Aber ich konnte nachweisen, woher all' meine
arretirten Sachen waren, es stellte sich heraus, da der eigene Schwager
des Accisors die 50 Gulden weggekratzt habe--es war auch ein Lediger, der
gern ein Mlein lupfte, wie ich und ein Spezel von mir, ein vllig
g'scheidter Kerl und nicht so schlecht, wie der rothe Mathubesle, der doch
nie im Zuchthaus war!--kurz, ich wurde nach sechs Tagen wieder frei, der
Amtmann sagte gleich, ich htte beim Accisor nicht gestohlen, denn ich
wrde die 100 Gulden auch eingesackt haben und ich glaube, er htte Recht
gehabt, wenn mir nicht die rechte Spitzbubencourage berhaupt mangelte.

Auf dem Heimwege--am Tage Mari Geburt wars!--traf ich ein Weibsbild, das
ich schon frher gekannt hatte und nicht viele Flausen machte. Diese
Apollon war viel jnger und netter als die Frnz, dafr aber schlimmer,
wollte berall sein, wo es lustig zuging, vertrieb mir die Lust zur Arbeit,
machte mich leichtsinnig und allgemach ging alles Geld fort, ich verkaufte
alle meine Sachen, verga die Kth sammt meinem Kinde ganz und gar!

Hre Duckmuser, Du hast Recht, es ist nicht das Aergste, da Du den Alten
umbrachtest, ich begreife, da die Hannette oder Hindania oder wie das
wlsche Mensch hie, Dir weit mehr Gedanken macht!

Die Kth kam aus dem Unterland herauf, um mich zu besuchen, es wurde mir
gesagt und ich ging so lange fort, bis ich glaubte, da sie die
Hllensteige wieder hinab sei.

Sie hinterlie mir bei der Adlerwirthin Wnsche fr mein Glck und was ich
suche, das werde ich schon finden, soll nur das Kostgeld fr das arme Kind
nicht ganz vergessen, sie bringe es nicht auf und ich kennte ja die Armuth
ihrer Eltern!--Will's mir doch das Herz zersprengen, wenn ich jetzt in
meinen Ketten an die Kth denke! ... Wie verlassen war _ich_ an Vater
und Mutter, wie oft und viel habe _ich_ dehalb schon geplrrt und
jetzt mache ich's gerade wie der schlechte Unteroffizier!--Gottlob, da der
Vater der Kthe keiner ist, wie mein versoffener Stiefvater, der jetzt von
seinen Buben in den alten Tagen gehauen wird trotz einem Tanzbren!--
Kthe's Kind hat einen guten Grovater, er trug es immer auf den Armen
herum, ohne da er mich je leiden konnte und habe ihm doch mein Lebenlang
nicht ein Augvoll Bses gethan! ... Ich fand bald, was ich suchte, nmlich
das Zuchthaus, wohin mich eine That brachte, zu welcher ich von der
erzliederlichen Apollon in der Besoffenheit beredet wurde. Wurde wegen Raub
verurtheilt, Gott wei, da ich nie an Raub dachte, obwohl ich vielleicht
bald wieder zum Stehlen gebracht worden wre. Man hat mir nicht geglaubt,
doch Du wirst mir glauben, Duckmuser, denn wozu sollte ich hier lgen, wo
Stehlen und Rauben fast Ehrensache sind? Verurtheilt bin ich, kann nichts
daran ndern und denke eben, ich hab' die schwere Strafe an der Kth
verdient und an meinem Kind, an denen ich schlecht genug handelte... Wegen
Raub bin ich verurtheilt, doch hre, wie Alles zuging, pure Thatsachen!

Am 13. Juni heuer, es war an einem Sonntagmorgen und wunderschnes Wetter,
beredet mich die Apollon sie zu begleiten, sie wolle nach Aha 'nauf, um
eine alte Kamerdin zu besuchen. Wir gehen; der Himmel wlbte sich wie ein
seidenes Sonnendach ber die Berge, alle Matten prangten mit Millionen
Blumen, der Titisee glnzte wie ein Metallspiegel, die alten braunen Htten
mit ihren Strohdchern sahen aus, wie gromchtige Aschenhaufen, wo die
Buben und Mdle, der neumodischen steinernen kalten Palste Johannisfeuer
angezndet hatten, die Luft wehte mild und frisch aus den noch dampfenden
Thlern am Feldberge, man hrte nichts als den Klang der Glocken, der durch
die Tannenwlder zitterte, zuweilen einen Vogel oder einen Schu oder einen
Peitschenknall und htte die Gegend fr ausgestorben halten knnen, wenn
nicht die stmmigen Mdle mit den gelben Strohhten und altfrnkischen
Juppen mit ihren Burschen und das Herrenvolk aus Lenzkirch auf der Strae
hin- und hergewandelt und aus allen Kirchen die Anhhen hinauf und ins Thal
hinab heimgegangen wren. Ich rauche gemthlich das Pfeifle, betrachte
Alles und sage endlich zu der Apel, die in Einem Zug fortschwtzt, ohne da
ich auf sie hrte: "Apel, ich glaubte, es ginge in eine Kirche; mir ist's,
als ob meine Mutter auferstanden wre, dort zwischen den Weitannen immer
herberschaute und sagte: "Donatle, denk an Gott und bete, hast Niemanden
auf der Welt!"["]

Die Apel lacht laut auf und sagt: Hab's schon gemerkt, da ein halber Narr
neben mir wandelt. Du weit, da ich geschworen habe, erst wieder in
d'Kilch zu gehen, wenn ich die Granatenhalsschnur habe, nach der du mir das
Maul schon hundertmal wsserig gemacht hast. Gehe meinethalben in die Kilch
oder zu der bucklichen Hanne, du Tropf und la mich mit Frieden, hast mich
doch nicht gerne!

"Apel sage ich--du kriegst die Halsschnur, sobald ich Geld habe. Aber wir
htten nach der Kirche auch noch den Weg nach Aha gefunden!"

Jetzt wird sie ernstlich bse, geht auf die andere Straenseite, sagt:
"Geh' in die Schweiz und werde Kapuziner, du Lalle! Ist da drauen nicht
auch die Kilch? Bin ich schlechter als die Andern, die den ganzen Tag den
Rosenkranz drillen? Na, na, die wste "Unterlndersau" steckt dir im Kopf,
hast die Apel satt und willst anderes Futter, du schlechter, ehrloser
Kerl!"

Sie sagt kein Wort mehr, ich habe nicht bel Lust, ihr von wegen der
"Unterlndersau" den Hals zuzuschnren, da ihr die Llle zum bsen Rachen
heraushngt, aber sie springt voraus, nachher reuts mich wieder und mache
gutes Wetter. Ich sah wohl, da die Apel mein Unglck sei, doch ich habe
Niemanden auf der Welt und ein Weibsbild _mu_ ich haben!--Wir laufen
und laufen wieder selbander und kommen bald zum Rle, wo es die Steig
hinabgeht und links ber die sumpfigen Matten durch Hinterzarten den Wald
hinein, bergauf bergab nach Aha 'nauf. Sie wollte haben, da ich mit ihr in
den Sternen hinabginge und dort Forellen bezahlte, denn die Forellen der
Posthalterin sind im ganzen Land berhmt und das Herrenvolk, das mit dem
Eilwagen fhrt, frit im Sternen Forellen und sauft Markgrfler dazu, da
ihm der Ranzen zerspringen mchte. Die Apel that gar gern wie
Herrenmenschen thun, war auch in der Hoffnung, wo man den Weibern nichts
abschlagen soll, aber _ich_ ging dennoch nicht in den Sternen, der
Teufle fhrte mich in das Rle ob der Steig und die Apel blieb nicht
drauen und lief nicht allein weiter, wie sie gedroht hatte.

Wir fressen einen Kalbsbraten, 's war ein Stck so gro wie ein Rokopf,
dazu ein Scheffel Salat; der Wein ist ganz gut, die Apel und ich brsten,
da es eine Art hat, obwohl wir nicht mehr einen Brabanter im Vermgen
besitzen.

Auf einmal geht die Apel hinaus, steht vor dem Rle, hlt die Hand ber
die Augen, stiert immer auf den Weg, der von Hinterzarten durch die Matten
fhrt, kommt herein und thut wie ein Narr, da ich bezahle und mit ihr
fortgehe.

"Komm, Donat, geschwind, wir gehen nicht nach Aha, es thut's ein andermal
auch, wollen zurck gegen Lenzkirch!" drngt sie. Ganz verwundert zieht sie
mich an der Lafette vorbei, wo der Wirth gerade aus dem Fenster schaut und
wahrscheinlich ob unsern rothen Gesichtern lacht. Hinter dem Bren schlagen
wir die Strae nach Lenzkirch ein, im nchsten Wldchen steht sie still und
sagt gar freundlich:

"Donat, _jetzt_ will ich den grten Beweis von Liebe, den du mir
geben kannst und wenn du's _nicht_ thust, adje Parthie!"

Ich htte damals dem Teufel den Schwanz ausgerissen, wenn die liebe Apel
gewunken htte und schwre ihr Alles zu thun, auer Stehlen und Umbringen.

"Komm ein bischen hinter die Tannen, wir wollen passen. Es ist hoher
Mittag, weit und breit kein Mensch, doch kommt in einigen Minuten ein
Maidle von Hinterzarten, das mich schwer erzrnt hat am Georgentag, wo ich
auch nach Aha ging und in Hinterzarten einkehrte. Sie hat mir vor einer
Stube voll Leut alle erdenklichen Schandnamen gesagt und gemacht, da ich
fort mute. _Die_ packst du an, schleppst sie in den Wald, im
Nothfalle bin ich auch da, sie kennt dich nicht, aber mich, dehalb komme
ich nur im Nothfalle. Ist gar stolz auf ihre Larve; du sollst sie recht
demthigen, das bermthige Ding; es kommt nichts heraus und zu nehmen
brauchst du ihr weiter nichts! ... Hat sie ihren Theil, so lassen wir sie
wieder springen, willst du, Herzensdontle?["]

Ich war stark benebelt, die Sache kam mir recht spahaft vor, richtig da
kommt das Mdle und sieht aus, wie der Tag im Vergleich zu der Apel. Ich
schlich hinter ihm her, die Apel blieb abseits im Walde, das Herz klopfte
mir, da ich fast keinen Athem mehr bekam, die Apel winkt immer wie
besessen, endlich fasse ich ein Herz, packe das Maidle und zerre es den
Straengraben hinab in den Wald. Es schrie wie ein Dachmarder, wehrte sich
aus allen Krften, ich ri ihm unversehens eine Granatenschnur mit einem
goldnen Kreuze weg, was spter im Grase gefunden wurde und warf es zu
Boden!--Ihr vermaledeites Geschrei fhrte zwei Bauernbursche her, die von
Lenzkirch die Hhe rasch heraufgestiegen waren. Diese halfen dem Maidle,
prgelten mich kreuzlahm, banden mir dann die Hnde mit meinen eigenen
Hosentrgern und schleppten mich nach Lenzkirch!"--Das ist meine Geschichte
und jetzt urtheile du, ob ich einen Raub begangen habe und gerecht oder
ungerecht leiden mu! Ich erzhlte Alles haarklein, wie es gegangen war,
doch mute halt ein Ruber sein, da half Alles nichts mehr. Mich reut's bis
auf's Blut, da ich nur ein Brsele gestanden habe."

"Nein, bist kein Ruber, armer Tschole, bist halt auch ein Unglckskind!--
Was htte es dem Maidle geschadet, wenn du zum Ziele gekommen wrest? ...
Aber mit der Apel, wie gings da?" fragt der Benedict verchtlich und
spttisch zugleich.

"Ja, die Apel, die Apel! Diese wurde nicht entdeckt und war _vor mir_
in der Neustadt, um mich bei Amt anzugeben. Sie beschwur, da ich
_sie_ bereden wollte, an der Sache Theil zu nehmen; sie habe solches
nicht ber s'Gewissen gebracht, mich nicht abhalten knnen, zumal in ihren
Umstnden und mich dehalb angezeigt. Ich sei ein schndlicher Kerl und
wenn _sie_ nicht gewesen wre, wrde ich schon mehr als hundert
Weibsbilder unglcklich gemacht haben. Ist solche Falschheit nicht
himmelschreiend? ... Ich wei woher das kommt!"

"Ei, die Apel trug eben keine Lust, nach Bruchsal zu kommen" meinte der
Duckmuser.

"Wohl, doch der Hauptgrund ist, weil das liederliche Weibsbild wieder mit
einem alten Schatz liebugelte, der fast der zweite Spaniol war."

"War der Donatle, so lange ich Geld und Sachen zu verkaufen hatte, im Rle
blieben mir noch 10 Batzen brig, 5 davon gab ich ihr und sie wute, da
meine Herrlichkeit ein Ende hatte und ich das Hemd vom Leibe verkaufen
mute! Der Kilian von Prechthalen, ein Wittmann, mit dem sie einmal einige
Jahre im Lande herumgezogen, hatte einen Brief geschickt und ihr angeboten,
mit ihm zu hausen. Die Apollon sagte mir selbst, sie sei entschlossen, ins
Prechthal zu wandern, sobald sie ihr Kind der Gemeinde abgeliefert habe.
Geben konnte ich nichts mehr, drum verlie sie mich. O die Menschen sind
falsch, grundfalsch, Duckmuser, es gibt keine Ehrlichkeit mehr auf der
Welt und der Ehrlichste wird am meisten angeschmiert! Falsch wie Galgenholz
hat die Apel, der ich Alles anhing, an mir gehandelt! ... Es mge ihr in
der Hlle zehntausend Jahr auf der Seele brennen!"

"Wie lang bist du denn mit der Apel umgegangen?" fragte der Benedict. "Hoh,
sieben Monate mindestens zottelte ich aus einem Wirthshaus und einem Orte
in den andern."

"Und arbeitetest nicht?"

"Der Frst wollte keinen Holzschlger meiner Art lautete der Bericht des
Frsters. Dieser konnte mich anfangs leiden, doch wurde ich bei ihm
angeschwrzt, da ihm die Augen berliefen. Unsereins soll eben kein
Freudele haben und wird gleich Alles krumm genommen!" seufzt der Donatle.

"Hast mir auch schon erzhlt, wie du den Bauern Schinken aus dem Kamin und
Schmalzhfen aus dem Trog geholt hast, mich wunderts nur, da du soviel auf
deine Ehrlichkeit gibst!" ... lchelte der Vatermrder. "Oh du Daps,
entgegnet der Donatle, vertragen sich solche "G'sp" nicht mit der
Ehrlichkeit? Dann wren alle Leute Spitzbuben! Was schadet so ein Beinle
oder Hsele einem Packer oder Holzhndler oder Wirth? Zudem hat die Apel
das Meiste geholt, sie konnte es mit den Weibern und noch mehr mit den
Knechten und theilte Alles redlich mit mir!"

"Sauberes Leben das, du ehrlicher Donatle!" meint der Benedict.

"Spotte du nur ber mein Unglck, hast's auch nicht besser gemacht! ... Bin
eben schief in die Welt gerutscht, die Frnz, der rothe, verdammte
Mathubesle und die Apel, lauter Leute zehnmal nichtsnutziger als ich sind
eben an meinem ganzen Unglck Schuld! ... Hab erst am vorigen Sonntage
daran gedacht. Ich las in der Kirche, wie sich Ludwig der kleine
Auswanderer von einem Schmetterling und Kukuk verfhren lie und im Walde
verirrte und dachte gleich, Frnz und Apel und die Fabrikthierer im
Unterland seien _meine_ Schmetterlinge, der rothe Mathubesle mit
seinen wsten Reden und Liedlein _mein_ Kukuk gewesen, die Amtsleute
aber _meine_ Sperber und Weihe und so ist's! ... Htte ich _dein_
Vermgen und _deine_ Mdlen, deine Mutter und den Meister Mrz dazu
gehabt, dann wr' der Donatle nicht neben dir, weit du's? Ich bin kein
Spitzbube, aber _du_ bist Einer und ein Mrder dazu!" ... flsterte
der zornig werdende schuldlose Donat. Mit einer sehr unzierlichen Redensart
kehrt sich der Duckmuser um und beginnt zu schnarchen.

Der Schwarzwlder brummt noch einige Redensarten, sieht, da der Patrik mit
hellen, offenen Augen zu ihm hinberstarrt und den Kautabak lustig von
einem Backen in den andern wirft, von Zeit zu Zeit in eine Dte spuckend,
die er im Schreinermagazin gefunden haben mag. "Iech ha der's gs'ait, ma
cha nt mitem Duckmser ha, s'isch e Chalb wia der Amtma vu Instetten!"
sagt der Patrik, dessen scharfe Ohren Alles gehrt hatten.

Der Patrik ist nach Geburt und Art ein "Hotzenwlder" neuern Schlages, bei
dem auerordentlich viel Ungeschlachtheit und ungezhmte Leidenschaft sich
mit Mutterwitz vermhlen, whrend von biederer Frmmigkeit und
Rechtschaffenheit der ehrwrdigen Altvordern bei ihm blutwenig versprt
wird. Pauperismus und Sittenverwilderung fanden sammt der Aufklrung den
Weg auch in die Thler der ehemaligen Grafschaft Hauenstein, welche in
neuester Zeit das Calabrien des badischen Oberlandes zu werden droht;
mindestens steht eine Diebsbande dieser Gegend nach der andern vor den
Geschwornen in Freiburg, an Brand, Mord und Todtschlag hat es schon frher
nicht gemangelt und mit der uralten, schnen malerischen Tracht scheint
auch die uralte Einfachheit des Lebens, der Sitte und die fromme Gesinnung
tglich mehr zu verschwinden.

Der Patrik stolperte aus seinen Bergen in das wohlhabende fruchtbare
Hgelland des Kleckgaues, diente an verschiedenen Orten, am lngsten beim
Posthalter in Instetten, wo er als Hausknecht sich unmig in den guten
Rothen verliebte und zuletzt fortgejagt werden mute, weil er soff, da er
manchmal einen Gterwagen fr eine Bageige hielt und mit dem theuern Hafer
umging, als ob er vom Himmel herabregne. Er lungerte dann einige Zeit im
"Zribieth" herum, trieb Alles, was der Brief vermochte und kam zuletzt mit
den Landjgern in eine so schiefe Stellung, da er gerathen fand, sein
Glck wiederum "im Dtschland" zu probiren. Leider jedoch ereilte diesen
Sohn Teuts, dem die Treue zum Rothen nicht nur aus den Augen blitzte,
sondern auch aus der Kupfernase schimmerte und die Liebe zur Trgheit
unsglich tief im Herzen sa, nicht das Glck, sondern das Unglck und
jetzt erzhlt er dem Donatle, was er im Zuchthause schon hundertmal erzhlt
hat, nmlich die "wahrhaftige und kurze" Geschichte seiner "unsglichen
Schuldlosigkeit."

Rauh und eckig wie die tosenden Waldbche und Felsen seiner Heimath ist
Patriks Sprache; man glaubt eine Sgemhle krchzen zu hren und ein Pommer
oder Mecklenburger wrde keine Silbe davon verstehen, wenn er nicht etwa
Hebels allemannische Gedichte an springenden und singenden Theeabenden mit
wthenden Beifall radebrechte; dabei flucht der Patrik trotz dem derbsten
Hochbootsmann und braucht Bilder, vor denen selbst der Idyllendichter Vo
von Heidelberg bis Eutin fortgaloppirt wre.

In wie vielen schattenreichen Gebuden der gute Hotze schon herumwanderte,
ehe er in den grauen Kittel schlpfte, verschweigt er dem Donatle klglich;
es ist spt, er macht die Sache kurz und sein vom Brummba des
Murmelthieres beschtztes Geflster liee sich etwa bersetzen wie folgt:

"Man htte mich auf den Grund schlagen sollen neun Monate vor meinem
Geburtstage, nmlich in der Gestalt meines Vaters, der die Dummheit beging,
einen Kerl auf die Welt zu setzen, welchem das Unglck wie der eigene
Schatten folgt. Die Mutter hat's mir oft prophezeit, ich sei fr das Kreuz
geboren und habe ein grausiges Kreuz auf dem Hirnschdel gehabt und im
Meerfrulein zu Laufenburg hat einmal ein Kshndler mit dem Vater
gewettet, da ich noch lange vor ihm am Galgen oder im Zuchthause strbe ob
schuldig oder unschuldig, denn die Constellation der Gestirne--davon
versteht ein Kalb deiner Art freilich nichts!--sei bei meiner Geburt die
schlimmste von allen erdenkbaren Constellationen gewesen. Bin jetzt 27
Jahre und 13 Herbstmonate auf der Welt und wei, da der Teufel morgen
allen Leuten die Fe abschlge, wenn ich heute Schuster wrde, drum ist
mir auch alles Eins und der Vater hat mich nichts lernen lassen ... Hr'
nur Einen Spuk, Donatle, dann hast genug und wirst dich nicht mehr
verwundern, wehalb ich auch hier alle Schick ins "schwarze Loch" komme.
Sitze also im Engel zu Lottstetten und versaufe den letzten Rappen, damit
er mir nicht aus dem Sack fllt und schlendere dann wohlgemuth auf der
Strae nach Instetten ... der Fuweg ber die Wiesen war so schmierig wie
das fnfte Element im Polakenland!--weiter und denke an meinen alten
Schatz, mit der ich in der Weihnachtsnacht hinter der Klosterkirche von
Rheinau zum erstenmal zusammentraf. Ganz in Gedanken versunken laufe ich
den Berg hinan, merke gar nicht, da ich einem leeren Gterwagen begegnete,
bis ich hinter mir rufen hrte. Hrt ein gescheidter Mensch in einer
Gegend, wo auf der einen Seite Wald und weit und breit kein Mensch zu sehen
ist, hinter sich Halt brllen, so schaut er sich nicht um und springt, da
ihm die Schrittstecken wackeln. Wiewohl ich nun der dmmste Gedanke meines
Vaters bin, war ich doch gescheidt genug, diesmal zu springen und erreiche
das Hchste ganz athemlos, weil mein Verfolger immer fort brllt und auch
springt. Doch was geschieht? Mir entgegen kommt gerade ein Gensd'arme, der
mich im Verdachte hatte, da ich ihm einmal in Instetten im Finstern Eins
aufs Dach gab ... es war Einer, der mich frher ins Brgerstble brachte
und von dort in den Thurm von wegen einer Trudel, der ich Nachts in die
Kammer gestiegen bin! Unser Gensd'arme sieht mich kaum, nimmt er's Gewehr
von der Achsel, macht am Hangriemen herum und schreit ebenfalls Halt!--
Auer den beiden Haltschreiern sah ich weit und breit nur mich, denke an
die Prophezeiung meiner Mutter selig, springe ber die Strae links in die
Felder und sehe im Umschauen, da der verdammte Grnrock mir nichts dir
nichts auf mich anlegt, als ob ich ein Hase wre. Ganz verwundert bleibe
ich stehen, denke: Patrik, aha, die Constellation ist wieder da! Der
Gensd'arme kommt und brllt: Halt Spitzbube, Ihr seid arretirt. Gleich
darauf keucht ein schwbischer Fuhrmann, den ich auch nicht leiden mochte,
weil er nie in der Post zu Instetten, sondern im Engel zu Lottstetten
einstellte, auf mich los und schreit ebenfalls: Hab' ich dich Spitzbube,
liederlicher!

"Hrt, Ihr Hagelsketzer, ich bin kein Spitzbube!" sage ich mit der grten
Migung und war mir schon nicht wohl dabei, weil ich meinen Heimathschein
in Blach drben liegen gelassen hatte.

"Erzspitzbube, Halunke!" antworten die Beiden ganz besessen, sind keine
drei Schritte mehr vom Leibe und whrend ich vor Erstaunen die Hnde ber
dem Kopfe zusammenschlage, klirrt eine Kette, ich reie die Augen auf und
was meinst, Donat, was mir Unglcksmenschen passirt war? Im Vorbeistreifen
am Gterwagen blieb eine Wagenkette an mir hngen und vor lauter Gedanken
an die Rheinauerei und spter vor Angst und Schrecken hatte ich den Butzen
gar nicht bemerkt. Es war eine schne schwere Kette und habe nachher alle
Sterne vom Himmel herabgeflucht, weil der Kaib von Fuhrmann nicht schlief,
whrend sonst Gterfuhrleute oft von einem Wirthshaus zum andern fahren,
ohne ein Auge aufzumachen. Dieser heillose Streich war noch das Geringste;
der heimtckische Schwabe hatte auch noch seine Brieftasche und die
silberbeschlagene Tabakspfeife in die Tasche meines Manchesterkittels
gesteckt, whrend ich sinnend an ihm vorberstreifte. Der Gensd'arme und
der Schwabe konnten mich nicht leiden, 's war offenbar ein abgekartetes
Spiel, um mich ins Elend zu bringen, ich zeigte mich bereit, dies
hundertfach zu beschwren, doch der Amtmann half den Beiden und ich, armer,
armer Tropf, der ich gehofft hatte, im Adler zu Instetten"--

"Jetzt ist's genug, ihr Waschweiber, ich will meine Ruhe, ich bin nicht im
Zuchthaus, um euer Sumsen zu hren!" ... schrie das Murmelthier mit
zornrothem Antlitz, stand im Hemde im Hintergrund des Saales gleich dem
Rachegeist der Hausordnung und trommelte wthend auf dem
zusammengeschrumpften Schmeerbauche herum.

"Ob _Ihr_ auf der Stelle in Euer Nest geht? Ob ich kommen soll? Wartet
nur, das wird Euch eingetrnkt! Die Ruhe auf solche Weise stren, Nachts um
Zwlfe krakehlen, als ob Ihr der Gockler in diesem Saale wret?!["]

Ob dieser Philippika streckte Mancher den Kopf in die Hhe, der Aufseher,
der alte Moritz stand mit rothem Kopfe unter dem Guckfenster, sein grauer
Schnurrbart richtete sich in die Hhe, wie die Stacheln eines
Stachelschweines, das seinen Feind erschieen will. Das erschrockene
Murmelthier, ein wahres Bierfa auf zwei wandelnden ungeschlten Stecken
rannte mit einem Harrassprunge in das Bett, die Bretter brachen zusammen
und jammervoll sa der Edle auf den Trmmern seines Glckes, nachdem er
dreimal von oben nach unten gekugelt!

"Herr Moritz entschuldigen, _nicht_ mein College da war der
Ruhestrer, sondern _die_ dort hinten, vor Allem der Duckmuser, der
nicht eine Minute schweigt und all meine Warnungen verachtet, weil er mich
nicht als legitimirten Aufseher des Schlafsaales anerkennt. Er hat den
Donat zum Plaudern verfhrt und dann den Patrik! ... Offenheit ist meine
Sache, der Wahrheit die Ehre, an Zeugen wird's nicht fehlen! ... Es wird
ruhig sein, ich garantire Ihnen, mein Herr!" Diese Rede des Spaniolen
besnftigt den alten Moritz, der sich mit der ernsten Mahnung ans Strafbuch
in den Gang zurckzieht.

"Oh, wre ich in einer Zelle, der Kerl wird sonst noch kalt durch mich!"
murmelt der Duckmuser und knirscht mit den Zhnen.

"Der Spaniol ist rger als die Apel, der Teufel soll ihm heute Nacht noch
das Genick brechen!" sagt der Donat leise vor sich hin.

"Siehst du, Donat, die Constellation? Morgen gehts wieder ins schwarze Loch
mit Hungerkost und Gnsewein, Alles von wegen der
Strohlshagelsconstellation!" ... "O Vater, du Hornvieh, ich mchte dich
noch unterm Boden auf den Grund schlagen, du bist schuld an Allem!"...
seufzt der Patrik und kehrt sich auf die andere Seite.

"Wann, o wann hrt der Lrm und Gestank dieser Marterhhle fr mich auf!"
flstert Martin der Wirthssohn leise vor sich hin und lt einen tiefen
Seufzer fahren, whrend die Augen trostlos durch die vergitterten Scheiben
in die sternenleere, schwarze, traurige Regennacht hinausstarren.

Von jetzt an vernimmt man nur noch das Schnarchen des Murmelthieres aus dem
Abgrunde der zerbrochenen Bettlade sammt dem Geschnarche eines halben
Dutzends Anderer, die schwer gearbeitet oder den Schnupfen haben. Einige
reden im Schlafe, weinen, fluchen, schlagen um sich und der schwere,
schwle Dunst dieses Saales tragt wohl dazu bei, auch die Traumwelt der
Gefangenen mit wilden, dstern Gestalten und Bildern zu bevlkern. Aus
jenem Verschlag im Hintergrunde, dem von Zeit zu Zeit Einer zuschleicht,
wehen Moderdfte ber die Schlfer.




#BRUCHSAL.#


Wer auf der Eisenbahn zwischen der altberhmten Musenstadt Heidelberg und
dem schnen Karlsruhe fhrt, wird selten ermangeln, bei der Station
Bruchsal nach einem groen Bau hinberzuschauen, welcher gleichzeitig an
die Pracht und an das Elend unseres Jahrhunderts mahnt.

Er sieht einige freundliche Huser durch einen baumlosen Garten geschieden,
in gleichen Abstnden hinter einander stehend, an eine hohe graue Ringmauer
sich anlehnend, die mit Thrmen besetzt ist, zwischen denen Schildwachen
auf und abgehen. Vom Thore fhrt ein mit Schieferplatten gedecktes Gebude
einem Thurme zu, von dessen hohen Zinnen der Blick weithin durch die
Rheinebene bis Mainz schweifen mag und von diesem Thurme mit seinen im
Sonnenglanz blitzenden groen Fensterscheiben strahlen vier lange, aus
rthlichen Sandstein errichtete Gebude aus, alle gleich hoch, alle mit
derselben Anzahl lnglicher, vergitterter Fenster und Stockwerke versehen.
Das Ganze erinnert an eine mittelalterliche Burg oder noch eher an die aus
dem Revolutionskrater des Jahres 1789 verjngt erstandene Bastille, welche
aus dem Vlkerbienenstock und Wespennest Paris in das stille,
idillischschne Rheinthal wanderte. Es lehnt sich an einen niedern
Hhenzug, von welchem Weinberge, Obstbume, Felder und Matten starr
hinabschauen in das fremdartige, geheimnivolle Leben, welches sich in den
Hfen still und einfrmig hin und her bewegt.

Diese mit groen Kosten, aber auch fr Jahrhunderte errichtete Masse von
Gebuden, gleichsam den Anfang einer neuen und groartigen Vorstadt
Bruchsals abgebend, bildet ein Ganzes, dessen Beschreibung uns um so mehr
berzeugte, da wir ein zu Stein gewordenes Abbild der Idee der
Zweckmigkeit vor uns haben, je mehr jene ins Einzelnste einginge.

Hier ist wohl der _einzige_ Platz in Deutschland. _wo die
Einzelnhaft mit jener Folgerichtigkeit durchgefhrt wird, welche die Hrten
des amerikanischen Systems vermeidet, ohne den Grundgedanken der
vollkommenen Trennung der Gefangenen zu beeintrchtigen._

Es ist ein Wunderbau und ein groer, fruchtbarer Gedanke in ihm lebendig
geworden, der Gedanke, _die Gesellschaft nicht nur vor ihren Feinden zu
bewahren, sondern diese oft weit mehr unglcklichen als verbrecherischen
Feinde zu bestndigen Freunden der Menschheit und Gottheit zu machen._

Die ersten unvollkommenen Anfnge eines derartigen Baues entstanden in der
Qukerstadt jenseits des Meeres; die Ersten, welche das einzigrichtige
Mittel ergriffen, um die fr die Gesellschaft und die Verbrecher gleich
groen Gefahren des gemeinschaftlichen Zusammenlebens der Strflinge
abzuwenden, waren Mnner, welche noch heute zu den Edelsten unseres
Geschlechts gezhlt werden und deren Ruhm in einem bessern Jahrhundert den
zweideutigen Ruhm der meisten Kriegshelden so hoch berfliegen wird, als
der vlkerbeglckende Geist christlicher Liebe ber der finstern
Gewaltthtigkeit thierischer Rohheit und Selbstsucht steht.

Noch niemals gab es eine groe Erfindung, niemals blitzte ein ins
Vlkerleben eingreifender neuer Gedanke auf, wogegen sich nicht zahllose
Widersacher erhoben htten. Jede neue Erfindung und Einrichtung ist eine
Kriegserklrung gegen diejenigen, welchen dadurch ins Handwerk gegriffen
wird, deren Nutzen, Eitelkeit, Denkfaulheit, bequeme Gewohnheiten bedroht
erscheinen. Ungefhrlich werden die Liebhaber des alten Schlendrians, je
mehr die Zeit eine neue Erfindung oder Einrichtung bewhrt. Je weniger
Brgschaften fr solche Bewhrung vorliegen, desto schwankender,
zweifelhafter, unentschiedener werden dann auch diejenigen sich verhalten,
deren Besonnenheit und weitschauender Blick sich nicht damit vertrgt, das
schadhafte Alte mit ungeprftem Neuen zu vertauschen, insbesondere wenn das
Alte noch verbesserlich erscheint und das Neue nur mit groen Opfern und
Gefahren eingefhrt zu werden vermag.

In Amerika ist die Verwerfung gemeinsamer Haft lngst entschieden und der
Streit dreht sich dort nur noch um die Frage, ob die _scheinbare_ und
_halbe_ Trennung der Gefangenen durch das sogenannte Schweigsystem
oder die _wirkliche_ und _vollstndige_ durch das System
absoluter Vereinzelung rthlicher und fruchtbringender sei, eine Frage,
welche auffallend erscheinen wrde, wenn man nicht wte, da die Erfahrung
viele Bedenken, Vorurtheile und Gefahren der einsamen Haft wirklich oder
scheinbar besttigte.

Einerseits wurden die Forderungen und Erwartungen zu hoch gespannt,
anderseits die Leistungen zu gering befunden, weil eben die Lsung der
Frage der einsamen Haft nur durch Versuche allmhlig geschehen und dabei
nicht leicht vermieden werden kann, da verkehrte Maregeln und untaugliche
Leute den Vielen Waffen in die Hand geben, die das Kind gerne mit dem Bade
ausschtten.

England und Frankreich mit andern Lndern, in Deutschland Preuen voran
scheinen von der Unverbesserlichkeit der gemeinsamen Haft lngst berzeugt;
jenes sendet seine Verbrecher mit altgewohntem Krmergeiste baldmglichst
nach Australien, um jene einst so glcklichen Eilande mit dem Gifte
europischer Verdorbenheit zu beglcken und sich selbst das zweibeinige
Ungeziefer weit vom Leibe zu schaffen; die Franzosen ergriffen den Gedanken
der einsamen Haft mit gewohnter Lebendigkeit und fhrten ihn an manchen
Orten ins Leben, doch einerseits wrde die allgemeine Einfhrung der
Zellenhaft viele Millionen verschlingen und anderseits tobte die
federnmordende Feldschlacht zwischen Liebhabern des Schweigsystems und der
Zelle, wobei sich die Anhnger des Alten und Bestehenden vergnglich die
Hnde rieben und sich hinter das Flicken machten.

In Preuen zunchst, wo die Regierung auch im Gefngniwesen Groes leistet
und wacker fr Vereine fr entlassene Gefangene kmpfte, hat der edle
Julius insbesondere eifrig gewirkt fr einsame Haft. Es wurden
Zellengefngnisse nach englischem Muster gebaut, die folgerichtige
Durchfhrung der einsamen Haft leider auch nach englischem Muster
aufgegeben. Einzelne in andern Lndern redeten und schrieben Vieles von
bisher unentdeckten Verbesserungen der gemeinsamen und noch weit mehr von
der abscheulichen Kostspieligkeit und der menschenmrderischen
Abscheulichkeit der Einzelhaft.

In allen Lndern Europas erhoben sich die edelsten und gelehrtesten Mnner
_fr_ seltener auch _gegen_ die Einrichtung, gegen deren
Einfhrung der Kostenpunkt die einleuchtendste und beliebteste Einwendung
blieb.

Da in einer so wichtigen Frage nicht nur die Vernunft, sondern manchmal
auch die Leidenschaft im Humanittsmantel das Wort ergriff, viel Sinnloses,
Unwahres und Lcherliches zu Tage gefrdert, Mcken zu Elephanten gemacht
und die altberhmten Hochschulen des Lasters, nmlich die alten Zuchthuser
als wahre Tugendschulen angerhmt wurden, versteht sich von selbst und mehr
als Einer brtete ein sogenanntes "System" aus, das auf den Gedanken
hinauslief: "wenn _alle_ Gefngnibeamte _meine_ Erfahrung und
_meinen_ Geist htten, um _meine_ Klassen unfehlbar
durchzufhren, dann wre aller Noth ein Ende gemacht!" Htten doch diese
"Systematiker" ins eigene oder ins nchste beste Eheleben hineingeschaut,
wo die _Gewohnheit des Umganges_ gegen Schattenseiten der Gatten und
Kinder _abstumpft_, dann bedacht, da ihre Pfleglinge Leute voll
Irrthmer, Fehler, Leidenschaften und Laster, das vom Gesetz erzwungene
Beisammenleben ein vielkpfiges, leidenvolles und verdrieliches, jedes
gute Beispiel von vornherein ein zweideutiges sei, sie wrden endlich doch
den eigentlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, die _unabwendbare
mehr oder minder vllige Abstumpfung gegen Recht, Sitte und Religion_
gemerkt und endlich eingesehen haben, da die Besserung nicht aus Tabellen
der Rckflligen bewiesen werde, fr schlechte Gesellschaft kein Krutlein
gewachsen sei und ein schlechter Kerl der Gesellschaft schweren Schaden
bringen knne, ohne dehalb wiederum den Mnnern des Rechts in die Haare zu
gerathen.

Nicht zweideutige Listen von Rckflligen, sondern getreue und
gewissenhafte Berichte ber das Leben und Treiben aller Entlassenen mchten
entscheiden, ob die Besserung in gemeinsamer Haft kein Unding und in
einsamer kein schner Traum gutmthiger Menschenfreunde sei! ...

In Preuen wie in Baden sind die Strafanstalten, in welchen gemeinsame Haft
besteht, wohl so gut eingerichtet und verwaltet, als in Baiern oder
anderswo, in manchen Dingen vielleicht noch weit besser, obgleich kein
groes Geschrei damit gemacht wird--doch die uralten Erbschden jener
Haftart lassen sich nie und nimmermehr beseitigen. Was unser Baden
insbesondere betrifft, so lese man den vortrefflichen Commissionsbericht
Welkers, die Verhandlungen in den Kammern der Landstnde, die Schriften der
Herren Mittermaier, v. Jagemann, Diez und Anderer, um sich zu berzeugen,
da die badische Regierung sich ein Verdienst um die deutschen Lande, um
die Menschheit und bei Gott erwarb, als sie das Zellengefngni in Bruchsal
erbaute und einrichtete, welches jetzt ber 5 Jahre Gefangene beherbergt
und die einsame Haft, wie dieselbe in Deutschland sich durchfhren lt,
unter den milichsten Umstnden zu Ehren bringt.

Bestnde die Besserung darin, da die Gefangenen sich nicht beim
Uebertreten der Hausordnung erwischen lassen und fleiig arbeiten, dann
wre es unnthig gewesen, ein kostbares Zellengefngni nach dem Muster von
Pentonville aufzubauen, weil Folgsamkeit und Flei bei der berwiegenden
Mehrzahl der Gefangenen jeder nicht ganz unmenschlich und hirnlos
geleiteten andern Anstalt angetroffen werden.

Der groartige Bau zu Bruchsal hat groartige Summen gekostet, die
Unterhaltung der Anstalt bleibt kostspieliger als diejenige eines andern
Zuchthauses, wiewohl der Gewerbebetrieb in einer Weise blht, wie nirgends,
dehalb wird die Frage entstehen, ob die Frchte solcher Opfer werth seien?

Die Thatsache, da es Rckfllige gibt, mchte verleiten, die Frage mit
Nein zu beantworten und vom Versuchen mit der einsamen Haft abschrecken,
allein nicht die Thatsache an sich, sondern die Ursachen derselben werden
entscheiden und je weniger einerseits diese Ursachen in einem notwendigen
Zusammenhange mit dem Grundsatze des Einzelsystems stehen, je unlugbarer
anderseits die erfreulichen Folgen des Systems vorwiegen, desto mehr wird
man obige Frage mit Ja beantworten mssen.

Wehalb?

Kehren wir zu unsern Geschichten zurck.

Ein kalter, nebliger Herbstmorgen schaut ber das Rheinthal, die Thurmuhren
von Bruchsal schlagen halb fnf Uhr und lange Reihen erleuchteter
Fensterchen leuchten in die nchtliche Gegend hinaus und erregen wehmthige
Gefhle dem Menschenfreunde, der die dunkeln Umrisse des Zellengefngnisses
bei der Wanderung aus Bruchsal gen Ubstadt erkennt oder den langgedehnten
Ruf der Schildwachen vernimmt, der klagend von der hohen Ringmauer
herabtnt. Hinter jedem dieser vergitterten Fenster lebt ein menschliches
Wesen, ein Lebendigbegrabener und bt viele Monde, viele Jahre, vielleicht
sein ganzes Leben lang eine That, der Du Dich vielleicht unter gleichen
oder auch nur hnlichen Lebensverhltnissen ebenfalls schuldig gemacht
httest. Er lebt einsam und wie viel liegt in dem Worte einsam!

Auch Du liebst zuweilen die Einsamkeit, hast wohl Zimmermanns schnes Buch
ber dieselbe gelesen, doch vor gezwungener bestndiger Einsamkeit
schauderst Du zurck, denn Du weit ohne den Hugo Grotius jemals gelesen zu
haben, der Mensch sei keineswegs fr ertdtende Einsamkeit, sondern fr die
Gesellschaft geboren, er werde nicht durch Vereinzelung sondern durch
Mithlfe seiner Nebenmenschen Mensch.

Kurzsichtiges Wohlwollen macht Dich geneigt, den Gegnern der einsamen Haft
beizustimmen, wenn dieselben predigen, solche Haftart sei "unseres
Jahrhunderts und der Menschheit unwrdig!"

Fr Jeden, der niemals selbst gefangen war, bleibt es schwer, sich in die
Lage eines Gefangenen und vor Allem eines Zellengefangenen vollstndig
hineinzudenken; in dieser Schwierigkeit finden wir den vornehmsten Grund,
wehalb es zahlreiche Gegner der Einzelhaft gibt und wehalb manche
Wortfhrer derselben mit den aberwitzigsten Behauptungen und krassesten
Vorurtheilen Anklang bei hochgebildeten, religisgesinnten und
einflureichen Leuten, geschweige beim gewhnlichen Volke finden.

Die Durchfhrung der einsamen Haft ist eine Aufgabe, deren Lsung nur
_allmhlig_ geschehen und je nach den Eigenthmlichkeiten eines Landes
und Volkes sich mehr oder minder eigenthmlich gestalten wird.

_Sklavische Nachahmung auslndischer Gefngnisse_ mgen in Verbindung
mit der _sorglosen Wahl der Beamten und Aufseher_ der guten Sache der
Einzelhaft bisher wohl den meisten Eintrag gethan und in Preuen vielleicht
den hauptschlichsten Anla zur Verpfuschung des Systems abgegeben haben.

Das Zellengefngni zu Bruchsal wurde bekanntlich nach dem Muster von
Pentonville erbaut und eingerichtet, doch sahen wir mit eigenen Augen, wie
sehr alle gemachten und reifenden Erfahrungen benutzt und allmhlige
Verbesserungen eingefhrt wurden, welche namhafte Verschiedenheiten
zwischen dem englischen Muster und dem deutschen Abbilde begrnden.

Der Duckmuser lebt seit 4 Monden in einer Zelle, sein Ha gegen den
Spaniolen fhrte den Anla zur Versetzung dieses langjhrigen Gefangenen
herbei; mit dstern Ahnungen sah er die eiserne Thr der Bruchsaler
"Bastille" hinter sich schlieen, doch seine Ahnungen haben sich diesmal
nicht erfllt, vielmehr hat die einsame Haft einen Schimmer von Glck ber
das Stillleben dieses Unglcklichen verbreitet. ...

Schlag halb 5 Uhr erwachte er aus einem erquickenden Schlafe, sprang aus
dem Bette, dessen Seegrasmatratze ihm trotz der Hrte ganz anders mundet,
als das ebenfalls harte und bald zerriebene Stroh seiner altgewohnten
Lagersttte.

Whrend er sich bemht, Kopfpolster, Leintcher und Teppich in die
vorgeschriebene Ordnung zu legen, vernimmt er den Wiederhall der
Wasserkrge, welche der Hausschnzer drauen auf dem Gange auf die
steinernen Platten stellt, das sich stets wiederholende Rauschen des
Brunnens, die Schritte des Aufsehers, der eine Zelle nach der andern
aufschliet.

Jetzt ffnet sich die Thre von Nro. 110, der Aufseher tritt mit der Lampe
herein, zndet das Licht an, welches auf dem eichenen Tische steht,
ergreift die vordere Stange des in starken Riemen hngenden Bettes,
schliet dasselbe an die Wand, wodurch der Raum der Zelle um ein Namhaftes
vergrert wird und entfernt sich mit dem Wasserkruge des Gefangenen.

Dieser schliet zunchst den aus 2 Tafeln bestehenden Tisch--die vordere
dieser Tafeln ist mit schwarzem Firni berzogen und man sieht darauf die
Figuren des pythagorischen Lehrsatzes sammt den halbverwischten Zahlen
einer Rechnung--ebenfalls an die Wand, thut Gleiches mit dem Bnkchen,
welches ziemlich unzweckmig unsern Benedict zwingt, dem durch das Fenster
herabdringenden Lichte den Rcken zu kehren und whrend er einige
Augenblicke in den sternenlosen Nebelmorgen hinausblickt, bentzen wir die
Zeit, um uns ein bischen in diesem Raume umzuschauen.

Die Zelle ist hoch und bildet ein lngliches Viereck, dessen gewlbte Decke
gut geweielt, dessen Wnde mit hellem Grn angestrichen sind und dem
Bewohner gestatten, 8-9 Schritte in die Lnge und 4 in die Breite zu thun,
wenn es denselben beliebt, in gerader Richtung zu gehen anstatt durch die
schrge den Weg zu verlngern. Rechts von der Thre ist das Bett an die
Wand angeklappt, weiter hinten befindet sich ein Kleiderrechen, dort hngt
am Nagel ein langer Stock, vermittelst dessen der Gefangene in den Stand
gesetzt wird, den obern Flgel seines Fensters beliebig zu ffnen. Die
Fensterscheiben sind gut verbleit, die obern hell und rein, die untern hie
und da von geripptem oder geblendetem Glase.

Ein Schrank steht auf der entgegengesetzten Seite links von der starken,
rothbraun angestrichenen Thre, an der sich ein Glockenzug, oben die
eingeklammerte Nummer der Zelle, unten eine Vorrichtung befindet, welche
Jedem gestattet, die ganze Zelle von Auen zu berschauen, whrend der
Gefangene nichts davon bemerkt, sich folglich in jedem Augenblicke
beobachtet glauben darf. Der Schalter in der Thre bleibt geschlossen, wenn
der Aufseher nicht etwa Essen und Trinken oder Werkzeuge hereingibt und die
Thre selbst kann nur von Auen geffnet werden. Oben auf dem genannten
Schranke stehen Schreibmaterialien und Bcher, im obersten Gesimse
desselben der Wasserkrug, an welchem gleichfalls die Zellennummer hngt,
unten ein kleiner Verschlag, in welchem die Egerthe sammt dem Brode
verschlossen werden, unten dran steht eine blecherne Waschschssel; Seife
und Kamm liegen neben Aufputzlumpen und zur Seite hngt ein Kehrwisch sammt
Schufelchen. Hinter dem aufgeklappten Tische und Bnkchen steht eine
Hobelbank und der brige Theil der Zelle wird durch Bretter, Kltze,
Werkzeuge und angefangene Arbeiten aller Art ausgefllt. Erwhnen wir noch,
da die Hausordnung an der Wand durch einen grnen Lichtschirm theilweise
bedeckt wird und unter derselben ein biblischer Kalender sammt einem
Stundenplan fr Schule und Kirche hngt, so haben wir so ziemlich alle
Gegenstnde beschrieben, die sich im Bereiche des Duckmusers befinden,
wenn wir die mit Draht eng bersponnenen Oeffnungen fr frische und
erwrmte Luft nicht vergessen, welch' letztere Oeffnung durch einen
Schieber von Eisenblech beliebig geffnet und geschlossen werden kann.

Numero Hundertzehn, wie der Vatermrder fortan heien soll, hat sich
gewaschen, vielleicht ein leises Gebet dazu gemurmelt und hngt das
Handtuch an den Rechen, als der Aufseher den Schalter ffnet und den
gefllten Wasserkrug hereingibt. Jetzt wird die bekannte Stimme eines
Obermeisters im Gange hrbar, der Gefangene spitzt die Ohren und ergreift
einen Hobel oder eine Sge oder den Polierlumpen, um an seine Arbeit zu
gehen.

Um 6 Uhr rufen die Schildwachen auf der Ringmauer abermals ihr eintniges
Wer da; drauen wird es heller und heller, die Spatzen jagen sich bereits
aus ihren Nestern, zwitschern vor dem Fenster ihren Morgengru herein; das
Oeffnen schwerer Thren, das Fahren eines Wagens, die Frhmeglocken
gewhren dem Ohre des Gefangenen hinreichende Beschftigung, abgesehen vom
Gerusche der Arbeit, den Schritten des ber dem Kopfe weggehenden
Mitgefangenen, dem Lrm im Gange, dem zeitweiligen Geschelle, welches die
Gefangenen eines andern Flgels oder Stockwerkes in den Spazierhof
einladet.

Abermals ffnet sich der Schalter, der Aufseher reicht ein halbes Laiblein
gutgebackenen, schmackhaften Brodes herein, Nro. 110 langt aus dem
Verschlage ein stumpfes Messer sammt Salzbchse, beginnt zu essen und
whrend er kaut, lscht er die Lampe aus, in welcher eine Mischung von
entwssertem Spiritus und Terpentin den Brennstoff bildet, betrachtet den
Kalender und streicht ruhig den gestrigen Tag durch--der lebenslnglich
Verurtheilte trumt von dereinstiger Befreiung und hat seine Gefngnitage
zhlen gelernt, er glaubt, da ihn jeder Strich im Kalender der schon 10
Jahre entbehrten Freiheit nher bringe:

  Die Welt wird alt und wieder jung!
  Der Mensch hofft immer Verbesserung!

Jetzt lutet's auch hier in den Hof. Nro. 110 schliet den Schieber der
Luftheizung, ffnet das Fenster, zieht den Zwilchkittel an ber das wollene
Unterwammes, ergreift die blecherne Nummer ob der Thre, hngt dieselbe in
ein Knopfloch und setzt eine blauwollene Mtze auf, deren mit 2
Augenlchern verzierter Schild herabgelassen werden mu und den grten
Theil des Gesichtes bedeckt, so da kein Gefangener das Angesicht des
Andern zu sehen im Stande ist. Diese Mtze macht unstreitig einen
peinlichen Eindruck auf fremde Besucher und in der ersten Zeit auch auf den
Gefangenen, doch ist letzterer bald daran gewhnt und whrend der Schaden
nicht zu finden ist, welchen diese Mtze bringt, lt sich ihr Nutzen desto
besser absehen und wozu ohne Noth Etwas beseitigen, was fr den Grundsatz
der _vollkommenen Trennung der Gefangenen_ wesentlich ist? Man hat
zwar noch niemals erlebt, da die Leute einander durch ihr bloes
flchtiges Anschauen mit ihren Fehlern anstecken und lt sich nicht
lugnen, da ein Zellenbewohner den vor ihm Hergehenden mglicherweise
trotz der Maske am Gange und den Umrissen der Gestalt erkennt, allein
Dreierlei lt sich ebenfalls nicht lugnen, nmlich da erstens die Maske
jedenfalls dazu beitrgt, Anknpfung von Bekanntschaften zu erschweren,
ferner den Gefangenen vor den Blicken neugieriger Besucher der Anstalt
beschtzt und endlich den groen Vortheil bietet, da er nach der
Entlassung nicht leicht Zuchthausbrder trifft, welche ihn erkennen und in
unangenehme oder gefhrliche Lagen versetzen.

Zudem trgt der Gefangene die vielbeschrieene Maske, die von Dickens
berschwnglicher Einbildungskraft seltsam genug ein "Grabhemd" genannt
wird, nur auf dem Wege in Hof, Badzellen, Schule oder Kirche, somit selten
lnger als einige Minuten.

Jetzt ffnet sich die Thre von Nro. 110, Nro. 109 ist bereits 10-15
Schritte voraus und 110 folgt ihm in der Art, da der Abstand vom
Hintermann 111 ebensoviele Schritte betrgt.

Lauernd steht der Aufseher des dritten Stockwerkes an einem Platze, von wo
aus ihm nicht die leiseste Bewegung der in den Spazierhof gehenden Bewohner
des ersten Stockwerkes zu entgehen vermag und wenn Einer seine Schritte
nicht gehrig beschleunigt oder gar Lust zum Umherschauen zeigt, verweist
ihn die Stimme des Aufpassers augenblicklich in die Schranken der
Hausordnung.

Nro. 110 eilt durch den Gang die Treppe hinab in den Hof. Eine frische
Morgenluft weht von den Hgeln herber, dessen Bume mit ihren vielfarbigen
Blttern, dessen Weinberge und blumenlose Wiesen ihn an die Herbstmorgen
auf dem Lande mahnen. Krchzend eilen einige Raben dem Walde zu, er hrt
das Krhen einiger Hhne in der Nachbarschaft, das unaufhrliche Geznke
zahlreicher Vgel im Hofe und auf dem Dache. Die Bume, Strucher und
Blumen, die Holzste und Fadaubenpyramiden im Hofe dieses Flgels--
dieser ganze Anblick gewhrt einen Schimmer von Freiheit.

Schon ist Nro. 110 in das runde Huschen eingetreten, von welchem die
zahlreichen, etwa 10 hohen Mauern der Spazierhfe ausstrahlen, welche
vielleicht mit einer versteinerten Sonnenblume verglichen werden knnen,
deren meiste Bltter in regelmigen Zwischenrumen herausgerissen wurden.

Nro. 110 eilt in den bereits offenstehenden, fr ihn bestimmten Spazierhof,
dessen eine Mauer mit einem ziemlich langen Regendache von Eisen, dessen
beide Mauern an ihrer Mndung durch ein hohes eisernes Gitter verbunden
sind und dessen Boden mit gelblichem Sande aufgefllt ist.

Eifrig eilt er zwischen dem Gitter und dem geschlossenen Thrchen hin und
her, schaut zuweilen nach den Wolken, die grau und schwerfllig gegen
Westen ziehen, nach der Schildwache, die in ihren Mantel gehllt still und
stumm von der Ringmauer herabschaut, um den visitirenden Korporal oder die
Ablsung zu erwarten oder nach dem Zellenflgel, dessen Fenster im matten
Scheine des ber die Berge schauenden Morgenrothes schimmern oder er
verfolgt den trgen Gang der Spinne, eines andern Insectes, welches an der
Mauer herumkriecht.

Oben in seinem Huschen hrt er den Aufseher hin- und hergehen, der alle
Spazierhfe und Spaziergnger mit Einem Blicke oder Einer Wendung
berschaut, hrt die eiligen Schritte der Nebenmnner und diese Art von
Mittheilung ist wohl die einzige, welche in den Spazierhfen stattfindet.

Die Wnde zu verschreiben, Zettel in den nchsten Hof zu werfen, ein Duett
im Husten anzustimmen sind Dinge, welche so wenig ungeahndet bleiben, als
wenn Einer von seinem Zellenfenster in den Hof herabschaut.

Jetzt wird geschellt, die halbe Stunde des Spazierganges ist vorber, in
derselben Ordnung, wie die Gefangenen gekommen, gehen sie auch wieder in
ihre Zellen zurck.

Nro. 110 hat Fenster und Thre offengelassen, die Zelle ist vollstndig
gelftet, er schlgt die Thre zu und geht daran, den Boden zu reinigen,
der aus Ziegelplatten besteht. Durch das viele Gehen lst sich von diesen
Ziegelplatten ein feiner Staub ab, der jedoch nur dann sehr ungesund werden
mag, wenn der Zellenbewohner ein unreinlicher Bursche ist, was bei den
Falkenblicken des Obermeisters und Aufsehers nicht wohl angeht.

Unser Gefangener reinigt die Zelle, schliet das Fenster, ffnet den
Schieber der Luftheitzungsffnung aus welcher eine wohlthuende Wrme
herausstrmt und geht dann wieder an seine Arbeit.

Abermaliges Schellen, das Zuschlagen der Schalter der Zellenthren
verkndiget die Austheilung der Morgensuppe; Nro. 110 rstet sein
Schsselchen, der Aufseher ffnet den Schalter, fllt dasselbe und schlgt
rasch wieder zu, um weiter zu gehen.

Der Zellenbewohner it und arbeitet dann mehrere Stunden; von Zeit zu Zeit
tritt ein Werkmeister oder Aufseher herein und bleibt einige Augenblicke,
um Etwas anzuordnen oder nachzuschauen.

Um 10 Uhr ffnet sich die Thre, der Director mit seinem freundlichen,
wohlwollenden Gesichte tritt herein.

Jene Art von Besuchen, wie sie in England gang und gbe sind, wo der
Aufseher die Thre aufreit, der Beamte sein stereotypes: %"is all
right?"% herabschnurrt und sofort weiter geht, wenn der Gefangene nicht
ein besonderes Anliegen vorzubringen hat--solche Besuche, welche lediglich
einer polizeilichen Controlle entsprechen, sind fr den Gefangenen fast
werthlos, fr den Beamten sehr bequem, in Bruchsal glcklicher Weise
unbekannt.

Besuche der Beamten tragen hier den Charakter einer Wohlthat an sich, sind
ein mchtiges Mittel der Erholung, geistigen Anregung, Bildung, Vershnung
mit der Strenge des Schicksals und der Gesetze, der Besserung. Tglich in
viele Zellen eilen, welche die verschiedenartigsten Menschen beherbergen,
die verschiedenartigsten Gemthsstimmungen antreffen, sich Lunge und Leber
herausreden, aus verschiedenartig erwrmten Zellen in die eisige Zugluft
der Gnge hinaustreten, Gerche aller Art und Staub ebenfalls einathmen--es
ist ein Geschft, das im Laufe weniger Jahre die Gesundheit des krftigsten
Mannes erschttert, ein Geschft, welchem sich schwerlich Einer unterzge,
der nicht eine bedeutende Portion ursprnglicher Menschenliebe im Herzen
hat.

Was bei andern Gefangenen selten oder nie der Fall sein wird, ist bei
Zellenbewohnern der Fall: die ins Einzelnste gehende Controlle jedes
Einzelnen, das Lesen seiner Untersuchungsakten, Briefe und Besuche unter
vier Augen gewhren dem einsichtsvollen Beamten eine mehr oder minder
vollstndige Kenntni jedes einzelnen Gefangenen.

Dieser mte ein Heuchler erster Gre sein, wenn er mondenlang, jahrelang
eine falsche Rolle spielen, sich nicht _unwillkrlich_ in seinen
Reden, Geberden, Handlungen als derjenige zeigen sollte, welcher er
wirklich ist. Er wird offen, vertraulich, manchmal bis zur Unverschmtheit
offen und vertraulich gegen die Beamten aus dem ganz einfachen und
einleuchtenden Grunde, _weil er keine andere Gesellschaft hat._ Wo
Strflinge beisammen leben, kann der Beamte sich nicht leicht mit Einzelnen
besonders abgeben, mu Einen wie den Andern behandeln und der Gefangene
findet gar keinen Grund, wehalb er einem Beamten Blicke in sein Innerstes
gestatten, sich dadurch in den Augen desselben herabsetzen sollte, zumal
das natrliche Interesse ihn auffordert, nur seine Lichtseiten leuchten zu
lassen, um sich Wohlwollen zu erwerben. So gewhnlich Verstellung und
Heuchelei in gemeinsamer Haft sind, so leicht eine mehr oder minder falsche
Rolle hier mit Glck gespielt werden mag, weil der in der Heuchelei
liegende Zwang nur ein sehr vorbergehender ist--so selten mag in
Zellengefngnissen in die Lnge und mit Glck geheuchelt werden. Es wird
fr den Zellenbewohner zur psychologischen und moralischen Nothwendigkeit,
sich so zu geben, wie er ist und dieses setzt die Beamten in Stand,
_Jeden nach seiner eigenthmlichen Art und Weise zu behandeln._ Je
mehr aber Einer nach seiner Art und Weise behandelt wird, desto mehr wird
er uns seine Zuneigung und sein Vertrauen zeigen.

Durch nachlige, taktlose oder unmenschliche Behandlung der Zellenbewohner
von Seite der Beamten und Angestellten mag wohl die gute Wirkung des
Einzelsystems sich hufig genug in das Gegentheil verkehrt haben und man
brdete dem System die Schuld untauglicher Angestellten und Beamten auf,
nicht zu vergessen des Wahnes, man bedrfe keiner besondern Bildung, um als
Beamter unter Strflingen zu wirken, knne jeden Schreiber und Tabellenheld
dazu brauchen ... Ein geistreicher und berhmter Rechtsgelehrter sagte uns
vor einiger Zeit, die einsame Haft sei eine "Pferdekur;" wir stellen
Solches keineswegs in Abrede, meinen jedoch, bei Menschen, welche mehr oder
weniger Thierisches und Unterthierisches an sich tragen, schade eine
Pferdekur wenig und der Schmerz derselben werde um so ertrglicher und
fruchtbringender, heilsamer, je geschickter der Arzt sei!

Der Duckmuser ist heute verstimmt, der Morgen ist so trb und
unfreundlich, Wind und Wetter, die verschiedenen Zeiten des Tages und der
Nacht, des Jahres, manchmal auch der Wechsel des Mondes ben einen so
groen Einflu auf das Gemth Einsamlebender aus!

Er thut heute, was er als alter Gefangener selten oder niemals zu thun
pflegt, fngt nmlich an, nachdem er eine kleine Abhandlung ber eingelegte
Schreinerarbeit zum Besten gegeben, ber die lange Dauer seiner
Gefangenschaft zu reden und von der Wahrscheinlichkeit, da er wohl hier
sterben msse.

Die Hausordnung gibt jedem andern Gefangenen Hoffnung auf Bercksichtigung
von Gnadengesuchen, wenn die Hlfte der zuerkannten Strafe berstanden ist
--doch was geht dies einen Gefangenen an, dessen Todesstrafe in
_lebenswieriges_ Gefngni umgewandelt wurde? Fr ihn ist die Zelle in
der That ein Sarg, er ist ein Lebendigbegrabener und dennoch bleibt er ein
Mitglied der menschlichen Gesellschaft, denkt lieber an die Erde als an den
Himmel und findet in den Besprechungen dieses einen Ersatz fr die
Entbehrung der Gensse, welche jedem Bettler zu Gebote stehen.

Die Einsamkeit vermehrt den Alpdruck des vernichtenden Wortes:
"lebenswierige Gefangenschaft", er hat die Bedeutung dieses schauerlichen
Wortes erst in neuerer Zeit recht fhlen gelernt!

Was soll der Director thun? Dem Unglcklichen den Schein jeder Hoffnung
nehmen und die dstere Stimmung desselben vermehren? Nein, er redet von der
_Mglichkeit_ dereinstiger Befreiung, von Auswanderung nach Amerika
und scheidet aus der Zelle, einen Glcklichen hinter sich zurckzulassen.

Numero Hundertzehn schaut ihm gerhrt nach; ist dieser auch nicht im
Stande, ihn dereinst zu befreien, so wnscht er doch, dieses thun zu
knnen; Theilnahme und Wohlwollen eines Freien und Glcklichen sind aber
fr den Gefangenen unschtzbare Gter und die Hoffnung stirbt erst mit ihm.

Er steht vor dem Kalender, trgt nicht bel Lust, den heutigen Tag roth
anzustreichen, doch lt er es bleiben und greift frischer und muthiger als
je nach seinem Hobel und je nher die Einbildungskraft das Jahr der
Befreiung herbeizaubert, desto rger hobelt er darauf los!

Abermaliges Schellen, Aufschlieen der Zellenthren, Herausmarschiren
vieler Gefangenen. Es ist eilf Uhr, heute wird Religionsunterricht fr
Katholiken ertheilt, die Religionsstunde der Evangelischen ist bereits
vorber. Bald kommt die Reihe des Marsches an Numero 110; noch einige
eilige Hobelste, dann rstet er sich wieder aus, wie zum Gange in den
Hof, jetzt ffnet sich die Thre abermals und 110 eilt 109 nach durch den
Gang, viele scharfbewachte Stiegen hinauf in die Kirche.

Die amphitheatralisch gebaute Kirche des Zellengefngnisses zu Bruchsal zu
beschreiben, wre zu weitlufig; es gengt zu wissen, da jeder Gefangene
seinen besondern Verschlag hat, eine Art Miniaturzelle, welche ihm das
Sitzen, Knieen und Stehen gestattet und so eingerichtet ist, da Keiner den
Andern, Jeder den Altar, die Kanzel, den Priester, einzelne Aufseher zu
sehen vermag, denen keine seiner Bewegungen entgeht.

Numero 110 hngt die Zellennummer an ihrem bestimmten Platze auf und bald
erscheint der Geistliche auf der Kanzel, um den Religionsunterricht zu
beginnen.

Derselbe pflegt gewhnlich in einer Reihe zusammenhngender Vortrge dieses
oder jenes Buch des neuen Testamentes zu erklren, doch seit einiger Zeit
belehrt er ber die heiligen Sakramente der Bue und des Abendmahles und
macht den klaren, schnen Vortrag durch das Einmischen von Stellen aus den
Werken namhafter Gottesgelehrten noch anziehender, nicht ohne die
Einwendungen und Angriffe der hauptschlichsten Gegner der katholischen
Lehre zu berhren und mit jener eindringlichen Ruhe abzuweisen, welche die
Frucht eigener tiefer Ueberzeugung ist.

Heute behandelt er insbesondere die wahrhafte, wirkliche und wesentliche
Gegenwart Christi im Abendmahle, eine Lehre, welche Allen, die die Liebe
nicht vollkommen verstehen oder die Wirkungen dieses hochheiligen
Sakramentes nicht an sich selbst empfunden haben, unbegreiflich, sinnlos,
ja als eine Herabsetzung und Entwrdigung Gottes erscheint, whrend die
Andern den Triumpf der Religion in ihr vollendet sehen.

"Will gar nicht verlangen, da Gott mit mir Eins und ich selbst dadurch
gotthnlich werde, drfte ich nur menschenhnlich sein und beim
Straenbasche als der rmste Taglhner leben! ... Um mich hat sich Gott
niemals bekmmert, Seine Liebe und der Fluch meines Lebens reimen sich
nicht zusammen! ... Wenn der Pfarrer wieder kommt, soll er eine harte Nu
zum Aufbeien haben!" ... denkt der Benedict, whrend der Geistliche
verschwindet, die Verschlge nach einander wiederum geffnet werden und er
die Schneckenstiegen hinab in den Gang und in seine Zelle marschirt.

Der Geistliche eines Zellengefngnisses hat besondere Vortheile vor andern
Gefngnigeistlichen. Erstens kann er die ganze Religionsstunde seinem
Vortrage widmen und den Stoff desselben verdoppeln und verdreifachen;
zweitens kommt er zu jedem einzelnen Gefangenen, spricht mit diesem unter
vier Augen und kann sich vom Eindrucke berzeugen, welchen sein Vortrag
machte, denselben wiederholen, ergnzen, vertheidigen, bei Neueingetretenen
mit Frherm vermitteln; drittens endlich ist er keinen Verdchtigungen und
Verleumdungen ausgesetzt, whrend der Strfling so wenig von Hohn und Spott
als von falscher Schaam wei, dazu Zeit und Gelegenheit besitzt, Etwas fr
seine religise Ausbildung zu thun und zudem die Gedanken, welche sich ihm
whrend der Religionsstunde aufdrngten, in der Einsamkeit nicht anhaltend
zu verscheuchen vermag.

Bei Leuten, welche nur fr kurze Zeit verurtheilt sind, mgen
Gleichgltigkeit oder Leichtsinn die Oberhand behalten, bei Solchen,
welchen die Liederlichkeit und Gottverlassenheit zur zweiten Natur
geworden, mag die Religion der Liebe manchmal als Religion des Schreckens
wirken und mancher alte Strfling mag bleiben, was er lngst geworden oder
stets gewesen ist.

Von der Stadt herber luten die Mittagsglocken, die ablsende
Wachmannschaft eilt gemessenen Schrittes ber die Ringmauer. Schon beim
Gang aus der Kirche stieg ein vielversprechender Duft aus der Kche des
Mittelgebudes, jetzt ertnt ein mehrstimmiges Schellen, dann das Klirren
der Ekessel und Schpflffel und der eilige Schritt der Aufseher, welche
sich in der Kche sammeln, um die Portionen fr ihre Pflegbefohlenen
abzuholen. Heute ist kein Fleischtag.

Jeden andern Tag prangt ein winziges Stcklein Fleisch in der zinnernen
Schssel, ein Spatz vermchte es bequem im Schnabel fortzutragen und doch
bleibt Etwas immer besser als Nichts.

"Suppe!" Der Benedict hebt sein Schsselchen unter den Schalter, der
Aufseher schpft ihm seine Portion aus dem Kessel, schlgt den Schalter zu
und geht weiter.

Die Suppe, eine gute schmackhafte Reissuppe, ist noch sehr hei, aber sie
mu schnell gegessen werden, denn der Aufseher wird gleich mit der
Hauptspeise da sein.

Heies Essen schadet den Zhnen, Zuwarten kann dem Magen schaden, unter
zwei Uebeln whlt ein gescheidter Mensch das kleinere, dehalb it der
Benedict die heie Suppe.

"Hersch!--Hersch!" rufts im Gange.

"O jerum!" jammert unser Esser und wei wehalb. Der "Hersch" ist nichts
anderes als Hirsebrei, eine im badischen Unterlande gewhnliche Speise der
Armen, im Zuchthause zu Freiburg wie berhaupt im Oberlande unbekannt und
der Benedict mag nun einmal den fatalen "Hersch" nicht.

"Hersch!" ruft der Aufseher vor dem Schalter und bald ist das Schsselchen
gefllt. Auch diese Speise ist noch hei, allein sie hat keinen Nachfolger
mehr und was der Benedict morgen nicht thun wird, weil er morgen Kndel
bekommt, vor denen brigens ein guter Baier das Kreuz machte, das thut er
heute, stellt nmlich das Schsselchen auf den Schrank, um den Brei kalt
werden zu lassen und spter zu essen.

Bevor die Anstalt Bruchsal die Kost fr Gefangene, Kranke und Aufseher
selbst bereitete, war sie fr die erstere manchmal herzlich schlecht und
zudem bekam der Zellengefangene Ursache, besonders nach den schnen
Brodlaiben Freiburgs zu seufzen.

Dort wird jetzt die Kost und hier noch immer das Brod von der Anstalt
unmittelbar bereitet, in beiden Fllen profitirt der Staat sammt den
Gefangenen.

Wie mancher Kostgeber ist schon durch augenlose Gefngnisuppen reich
geworden, wie unzuverlssig ist die strengste Controlle, wenn Beamte und
Angestellte nicht zuverlssig und gewissenhaft sind!--

Numero 110 klappt den Tisch an die Wand, das Vorderblatt desselben ist eine
schwarz lakirte Schultafel, er greift zur Kreide, vertieft sich in den
pythagorischen Lehrsatz und berechnet alsdann, wieviel Kubikzoll die
Commode enthalten werde, welche unter seiner kunstfertigen Hand entstehen
soll.

Todtenstille herrscht minutenlang ringsum, die meisten Aufseher sind den
Beamten zum Essen nachgeeilt, aber wenn Jemand im Mittelbau eine Schssel
fallen lt oder sich nur herzhaft schnuzt, knnen es smmtliche Bewohner
der vier groen Flgel und die Nchsten so deutlich als die Fernsten
vernehmen. Wenn der Spruch: Wnde haben Ohren--irgendwo gltig und die
Allwissenheit der Beamten irgendwo mehr als Redensart ist, so wird dies
sicher in einem Zellengefngnisse der Fall sein. Auf ihren Bureaus
vernehmen die Beamten jedes laute Wort und jedes auffallende Gerusch,
selbst wenn es von den uersten Enden der Zellenflgel ausgeht.

Jetzt scheinen selbst die sonst so geschwtzigen, znkischen Spatzen Siesta
zu halten, selten flattert einer vor dem Gitterfenster von Numero 110
vorber und noch seltener sitzt einer vor dem Fenster, um sein graues
Rcklein zu putzen oder dem Gefangenen einen bessern Appetit
zuzuzwitschern.

Letzteres ist auch nicht nthig, denn obwohl der Duckmuser den Hirsebrei
nicht liebt, so hat er doch den Hunger noch weit mehr, folglich hat der
Brei bereits das Ziel seiner Bestimmung erreicht.

Die Zellenbewohner haben ihre Ruhestunde, dieselbe wird ihnen nicht zur
Stunde des Verderbnisses, sondern sie lesen, schreiben, rechnen, zeichnen,
machen freiwillig an ihrer Arbeit fort, wenn dieselbe kein Gerusch
verursacht, oder gehen acht Schritte vorwrts und acht rckwrts und wer in
einem der Hfe steht, mag auch manches langgedehnte Ghnen, zuweilen ein
schweres Aufseufzen, ein lautes Selbstgesprch, vielleicht einen Versuch,
zu singen oder zu pfeifen, gleich darauf das Aufgehen einer Thre, das
anklagende Gebrumme eines zweibeinigen Stckes der fleischgewordenen
Hausordnung und dazwischen das Hohngelchter des vorberrauschenden
Eisenbahnzuges zu Ohren bekommen.

Der Benedict hat den Magen mit "Hersch", den Verstand mit Zahlen und
geometrischen Figuren angefllt, doch sein Gemth blieb unbefriediget und
was der Director mit seinem Besuche gut machte, hat der Pfarrer mit seinem
Vortrage verdorben und besonders Eine Aeuerung desselben ist tief in
Benedicts Seele gedrungen und fllt ihm stets von Neuem bei, er mag
anfangen was er will:

"Wer _unwrdig_ meinen Leib it und mein Blut trinkt, der it und
trinkt sich selbst das Gericht!"

Wie oft nahte er sich aus Gewohnheit, um seines Rufes willen oder um die
Worte der Mutter zu erfllen, dem Tische des Herrn!

In der Kaserne hatte er sich allgemach von diesem Gebrauche emancipirt, er
wurde ihm lstig, das Aufgeben desselben brachte ihm eher Ansehen als
Schaden, bei Meister Mrz fate er vollends einen Ekel gegen die demthige
Aufgeblasenheit und den weinerlichen Ingrimm der "Diener am Worte" und
deren Lmmlein, aber im Zuchthause hatte er sich regelmig zum Beichten
und Communiciren verstanden, um nicht in den obern Regionen in Micredit zu
kommen.

Den Spruch, welchen der Geistliche heute vorbrachte, hrte er schon frher
hundertmal, doch niemals schlug er ihm so in die Seele, er greift nach
seiner Bibel und wundert sich selbst, wehalb ein einziger Vers ihn so
unheimlich auf einmal berhren und zu beschftigen vermge.

Er blttert und sinnt, bis die Schritte der Aufseher wiederum im Gange
wiederhallen und die Gangschelle verkndiget, da er den zweiten Theil des
Tages mit dem zweiten Spaziergange beginnen msse.

Rasch und mimuthig luft er lngs den Mauern seines Spazierhofes hin und
wieder. Er hatte sich schon manchen Tag mit gleichgltiger Ruhe in der
Zelle befunden, weil es ihm gelang, sich in die Ueberzeugung
hineinzubannen, er sei ein Todter, besitze keinen Anspruch mehr auf das
Leben und bleibe ein wandelnder Schatten mit vermodertem Herzen, so lange
es einer Macht gefalle, die er nicht kannte und von der er nichts forderte.

Alte Gefangene huldigen gewhnlich bewut oder unbewut solchem Fatalismus,
ihr Herz und ihr Benehmen strafen denselben oft Lgen, doch im Ganzen
scheint er ihnen ihr trauriges Loos ertrglicher zu machen, wofr die
Hauptursache freilich darin zu suchen sein mchte, da das Mitansehen des
Unglckes Anderer, die Zerstreuungen der Gesellschaft, die Verbindung, in
welcher sie durch dieselbe bei dem tglichen Wechsel der
Gefngnibevlkerung mit der Auenwelt bleiben, ihre eigene Verinnerlichung
hindert.

Der Benedict hat dem Himmel den Scheidebrief des Glckes geschrieben, als
er die Thre der Strafanstalt zum erstenmal hinter sich schlieen hrte; er
war ein lebenslnglich Verurtheilter, alles Fhlen, Denken, Wollen und
Streben seiner Person sollte fortan fr die Welt verloren sein, blos sein
Leichnam dereinst noch einmal dieselbe Strae wandern, durch welche er
gerade gekommen.

Er hegte nur Einen Wunsch: Ruhe und forderte diese Ruhe vom Tode, glaubte
auch, derselbe werde sie ihm gewhren.

Die Jahre hatten ihn gegen die Leiden der Gefangenschaft und gegen das
Leben berhaupt abgestumpft, er glaubte dem Tode um einen starken Schritt
nher zu kommen, wenn er in die Zelle versetzt wrde und--hatte sich
getuscht.

Im Gegentheil lebte der Mensch von ehemals in ihm wieder auf, das
versteinert geglaubte Herz begann von Neuem zu hmmern und zu pochen, das
Kind und der Jngling, der verirrte Halbmann und der elende Strfling
hielten aufregende Gesprche in ihm, durch die Freuden- und Sturmglocken
der Erinnerung tnten leise zuweilen andere, fremdgewordene Glockentne und
die Mglichkeiten, welche htten eintreffen knnen, wenn er diese oder jene
Handlung vollbracht oder unterlassen htte, bot allgemach dem Duckmuser
Stoff zu langen, schwermthigen Betrachtungen.

Er hatte geglaubt, von Gott gnzlich verlassen und verstoen zu sein und
vom Tode doch jedenfalls Ruhe fordern zu drfen, eher als viele minder
schwer Verurtheilte.

Wehalb?

Ei, er war freilich als Vatermrder verurtheilt und menschliche Richter
waren nicht im Stande, ihn milder zu verurtheilen, als sie dies gethan
hatten. Er vermochte die Richter nicht anzuklagen, doch klagte er Gott
desto herber an und zwar dehalb, weil Gott seine Gesinnungen kennen mute
und Miturheber seines Unglckes zu sein schien. Trug denn Benedict jemals
den leisesten Vorsatz im Herzen, das grliche, todeswrdige Verbrechen des
Vatermordes zu begehen? Nein, niemals einen Augenblick, nach der That
schauderte er vor sich selbst zurck und begriff nicht, wie er dazu
gekommen!--Tdtete er seinen Vater im Affect? Auch dies war wiederum nicht
zur Hlfte wahr und Gott mute wissen, da er zwar im Schrecken mit einem
mchtigen Prgel in den dunkeln Hausgang hineinschlug, jedoch nicht, um den
Vater zu treffen, sondern lediglich, um ihm die Flinte wegzuschlagen und
ihn vom Kindermord abzuhalten. Wute er nicht, da eine Doppelflinte ob dem
Bette des Vaters hing und mute er nicht glauben, da dem ersten Schusse
ein zweiter folgen werde? Selbst die Richter erfuhren genug von Jacobs
harter, leidenschaftlicher Gemtsart, von seinem Hasse gegen den Hobisten
und vergaen nicht, die Flinte sammt dem Schu ernstlich in Erwgung zu
ziehen, sonst wre Benedict unfehlbar um den Kopf krzer gemacht worden.

Viele andere Umstnde lieen sich nur dadurch erklren, da man dieselben
dem blinden Zufalle oder--dem allwissenden Gott in die Schuhe schob und
dieser Gott sollte ein allliebender und allbarmherziger sein? Gegen tausend
Andere wohl, gegen mich war er ein Tyrann! sagte der Benedict hundertmal,
wenn der Schmerz ob dem verlornen Lebensglcke zuweilen gewaltig in ihm
aufzuckte und die Trauergeschichte vom weien Federbusch bestrkte ihn in
der Meinung, ein von Gott Verstoener oder zum Unglcke Erkorner zu sein.

In der Zelle erwachten mit den Jugenderinnerungen auch die Erinnerungen an
das vielfache Kreuz und Elend, welches er den Eltern bereitete und er
gelangte zur Einsicht, ein Kind, welches seinen Eltern groen Kummer
verursache, dadurch ihre Freude am Leben zerstre und sie vor der Zeit ins
Grab strze, sei eigentlich auch ein Elternmrder und der Tod der Eltern
eigentlich auch ein gewaltsamer.

Von diesem Standpunkte aus fhlte er sich des Mordes beider Eltern
schuldig.

Allein gibt es nicht Kinder seiner Art genug und keine Seele denkt daran,
sie dehalb ins Zuchthaus zu stecken?

Er begriff sein Schicksal so wenig als die heimlichen Qualen seines
Herzens, hoffte vom Tode Ruhe, gegen diese Hoffnung erhob sich fortwhrend
die Religion und heute wurden Hoffnung und Ruhe durch die Worte:

"Wer meinen Leib _unwrdig_ it und mein Blut _unwrdig_ trinkt,
der it und trinkt sich selbst das Gericht!" abermals heftig erschttert.

Wenn diese Worte keine leere Drohung enthielten, wre ich nicht schon
hienieden ein gerecht Gerichteter? Wenn der Tod das, was in mir lebt, nicht
zerstrte, wie wrde es mit mir im Jenseits aussehen? Hienieden
vieljhriges Kerkerleiden bis zum Tode, dort endlose, ewige Qual,
schauderhafter Gedanke!

Diese Fragen beschftigen den Spaziergnger, in die Zelle zurckgekehrt,
schneidet er ellenlange Hobelspne, arbeitet darauf los, da groe Tropfen
von seiner Stirne rinnen, wird wirklich seiner wunderlichen Grillen Herr
und ist im Stande, beinahe zu lcheln, wie er die Gangschelle zur Schule
rufen hrt. Eilig schlpft er in den grauen Kittel, greift nach Mtze und
Nummer, Schiefertafel und Schreibzeug und kaum ffnet der Aufseher die
Thre, so ist er bereits dem Mittelbau nahe und klimmt die Wendeltreppen
hinan.

Er darf eilen, denn der Gang ist ziemlich leer, die meisten seiner Nachbarn
mgen einer andern der 6 Klassen angehren, mit welchen sich zwei Lehrer
beschftigen oder auch das 36ste Lebensjahr zurckgelegt haben, in welchem
Falle sie zur Altersklasse gezhlt werden, die einigemal wchentlich in der
Kirche versammelt und durch Vorlesen aus einem gewhlten Buche fr den
Schulunterricht einigermaen entschdiget wird.

Das "Grabhemd" auf dem Kopfe tritt Numero 110 in die Schulstube und in
seinen besondern Verschlag, hngt die Nummer auf, lt sich einschlieen,
setzt sich und harrt mit stiller Sehnsucht, bis der Aufseher commandirt:

"Kappen herunter!"

In demselben Augenblicke wird der Oberlehrer den hohen Catheder besteigen,
die Schler seiner obersten Klasse werden ihn freundlich begren, er wird
den Gru freundlich erwiedern, die Nummern herablesen und den Unterricht
beginnen.

Wie in der Kirche sieht auch in der Schule kein Gefangener den Andern,
dagegen Jeder den Lehrer, die Aufseher, Rechentafel, Landkarten u.s.w.
Freilich hrt hier Jeder die Stimme der aufgerufenen Nummern und mag aus
der Mundart den Seehasen vom Pflzer, den Schwarzwlder vom Odenwlder, das
Stadtkind vom Dorflmmel leicht unterscheiden, ja der Benedict hat sogar in
der vorigen Stunde die Stimme des Exfouriers und des Spaniolen vernommen,
erkannt und im Gedchtnisse behalten, jener sei Nro. 349 und dieser Nro.
27, aber was kann solche Entdeckung ntzen oder schaden? Nro. 110 wei
nicht genau, wo Nro. 349 in der Schulstube oder in welcher Zelle er sitzt,
was er treibt und wenn er es auch wte, ja wenn beide Nachbarn wren und
es ihnen gelnge sich Zeichen gegenseitigen Erkennens zu geben--Gefhle und
Gedanken tauschen sie innerhalb dieser Anstalt nicht aus, der erste Versuch
dazu wrde auch zum letzten und mte von groem Glcke begleitet sein, um
erst nach dem Gelingen entdeckt zu werden, in jenem Austausche aber liegt
die Hauptgefahr der Strflingsgesellschaft.

Mag Einer sich dem Nachbarn auch durch Trommeln an die dicke Wand bemerkbar
machen, lange dauert solches Trommeln gewi nicht, auch ist noch niemals
gehrt worden, da dadurch die Abschreckung oder Besserung eines Gefangenen
beeintrchtiget wurde und die Versuche, mit einander zu reden, haben vllig
ein Ende, seitdem die Oeffnungen der Luftkanle vergittert wurden.

Der Wachtstubenwitze reiende und halbgelehrte Spttereien ber alles Hohe
und Heilige zu Markt tragende Exfourier, der sozialdemocratische,
selbstschtige Spaniol vermchten dem Benedict nur noch zu schaden, weil er
mit Beiden einst zusammenlebte und ein treues Gedchtni besitzt--
jedenfalls ist die Schule des Zellengefngisses der letzte Ort, wo die
Hausordnung oder gar Religion und Sittlichkeit irgendwie Gefahr zu laufen
vermchten.

Der achteckige, thurmartige Mittelbau, von welchem die vier Flgel
ausstrahlen, erscheint uns berhaupt als ein Sinnbild der Ordnung, welche
nicht nur im Zellengefngnisse zu Bruchsal, sondern im groen Zuchthause
der Welt herrschend sein sollte.

Im untersten Raume findet sich die Kche, ob derselben Stuben der
Werkmeister, Oberaufseher, noch hher die Zimmer der Beamten, welche
allgemach zu den Schullokalen emporsteigen, zu oberst aber steht die
Kirche, whrend die bewaffnete Macht drauen an den Ringmauern, den
uersten Grnzen des Reiches verweilt und die Gehteten nicht bestndig an
das Mitrauen der Regierenden mahnt.--

Bereits steht der Oberlehrer auf dem Catheder, kritisirt die eingelieferten
Aufstze und lt zwei derselben laut vorlesen.

Beide sind ziemlich lang gerathen, man erkennt bald, da die Verfasser
ihren Kopf beisammen hatten und beide zeigen einen Reichthum der Gedanken,
einen dichterischen Schwung der Sprache, die wir bei Zellengefangenen
ebenso hufig als auffallend finden.

Der erste Aufsatz ist von Nro. 62 und behandelt die Frage, wehalb der
Reichthum nicht nothwendig zum Glcke gehre, den zweiten hat Nro. 205
geliefert, dieser sucht den Begriff vom Glck und Unglck festzustellen und
findet, da es fr einen Menschen, der Religion nicht nur _besitze_,
sondern _religis sei_, kein eigentliches Unglck gebe, somit in der
religisen Durchdrungenheit das Geheimni des wahren Glckes zu suchen sei.
Nro. 62 ist ein blutarmer und, wie sich dies bei seinem Gewerbe fast von
selbst verstehen soll, fast immer betrunkener Postillon gewesen, der so
wenig daran dachte, durch seinen Jhzorn jemals in ein Zuchthaus zu
gerathen, als daran, in diesem bitterbsen Hause ein meisterhafter Schuster
und ein Mensch zu werden, der Geschriebenes und Gedrucktes gelufig lesen
und noch viel Schnes und Ntzliches dazu lerne. Nro. 205 ist ein
ehemaliger Soldat, der mit seinen Schulmeistern ein besonderes Schicksal
hatte. Der erste derselben war ein alter, braver Mann, der die
weitschichtige Gelehrsamkeit der neuen Schulmeister nicht mehr fate und
alle Neuerungen, gute und schlimme, hate. Dafr wurde auch er gehat,
verfolgt und verspottet. Wie die Alten sangen, so zwitscherten die Jungen
und als der Mann starb, kam ein junger Lehrer, der sich ganz nach dem
Willen der Mehrheit seiner Schler richtete und dehalb die halbe Zeit
keinen Unterricht gab oder die Stunden mit Geschichtlein tdtete. Nro. 205
war als einer der strksten und grten Buben im Anfeinden des alten mit im
Verherrlichen des neuen Lehrers ein Anfhrer gewesen und wurde aus der
Schule entlassen, ohne da ihn ein schwerer Schulsack drckte. Erst im
Zuchthause hat er den Schaden erkannt und verbessert.

Nro. 62 wie 205 sa frher in gemeinsamer Haft, beide preisen sich
glcklich, von ihrer alten Kameradschaft erlst zu sein und wenn ihnen
irgend ein Gelehrter vom Glcke der Strflingsgesellschaft vorpredigte,
wrden sie es in ihrer Einfalt fr Scherz oder Spott halten; beide gehren
zu den fleiigsten und besten Schlern, whrend sie gleichzeitig zu den
fleiigsten und besten Arbeitern gehren, von den Werkmeistern noch niemals
wegen Saumseligkeit oder gar wegen Nichtfertigung des ganzen Tagwerkes
verklagt wurden. Nachdem das Vorlesen der Aufstze beendiget, kommen die
Rechnungsaufgaben an die Reihe.

Der Duckmuser hat den Cubikinhalt eines cylindrischen Gefes berechnet,
welches doppelt so hoch als weit ist und ganz gefllt 2 Pfund Wasser
aufnimmt.

Nro. 70 lste die Frage richtig, wie gro eine Seite eines Wrfels von Gold
sei, welcher 24 Loth wiege.

Dagegen brachte 401 die folgende Rechnung nicht ganz ins Reine, nmlich:
"Ein Brunnentrog aus Sandstein hat die Form einer Halbkugel, deren ganzer
Durchmesser 4'3" betrgt, wahrend die Steinmasse selbst 4" dick ist.
Wieviel (badische) Maa Wasser fat dieser Trog und welchen Cubikinhalt hat
die Steinmasse?"

Nro. 401 beging bei der Lsung der zweiten Frage einen Fehler, die meisten
Mitschler stimmen in ihrer Lsung berein und diese ist auch die richtige.
Jener entdeckt und entschuldigt seinen Irrthum, seine Stimme und Rede
zeigt, er sei dem Weinen nahe, um diesen alten Weiner zu trsten, darf er
die Lsung der letzten der heutigen Aufgaben nennen und liest mit ruhigere
Stimme:

"Nach der Angabe v. Humboldt's soll eine der gyptischen Pyramiden 800'
Hhe und an der Grundflche, welche ein Quadrat ist, ebensoviel Breite
haben. Wieviel Cubikfu betrgt der Inhalt und wieviel Zentner etwa das
Gewicht dieser Pyramide, wenn man obiges Maa als badisches betrachtet und
das spezifische Gewicht des Marmors, aus welchem sie bestehen soll, zu
2,736 annimmt?"

Die Lsung, welche Nro. 401 gibt, ist richtig, fnf Hauptrechner bezeugen
es, der Oberlehrer thut dasselbe und beginnt dann eine kleine Prfung ber
die Lehre der drei Arten von Hebeln, gewhnlichen und festen Rollen und
Flaschenzgen.

Nro. 349 hat diesen Mittag fr sich in der Zelle berechnet, ein Rammklotz
von 60 Zentnern, der etwa bei Wasserbauten angewendet wrde, und 15' hoch
herabfalle, wirke mit der Kraft von 18,000 Zentnern, welche nur Einen Schuh
fallen. Der etwas hartkpfige Nro. 334 erbittet und erhlt eine Erklrung
des "Rades an der Welle" und der Benedict erlutert schlielich den
Potenzflaschenzug.

Dann geht der vortreffliche Oberlehrer, welcher mit Pestalozzi Bibel und
Kalender fr die wichtigsten Urkunden des Menschengeschlechtes hlt, daran,
den Sonntagsbuchstaben zu erklren, durch den sich der Wochentag eines
geschichtlichen Ereignisses sicher bestimmen lt und ist noch nicht
fertig, wie die Glocke ertnt und anzeigt die Lieblingsstunde vieler
Zellenbewohner sei wiederum vorber. Der Lehrer verschwindet, die Schler
setzen das "Grabhemd" wiederum auf, die Aufseher ffnen einen Verschlag
nach dem Andern in der Ordnung, da kein Gefangener dem Andern auf dem Fue
folgt oder gar entgegenluft, Einer nach dem Andern steuert der Thre zu,
welche in seinen Flgel fhrt und nach wenigen Minuten steht Nro. 110
wiederum vor der Hobelbank.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei der Schule.

Die Strflingsschule des Zellengefngnisses zu Bruchsal erregt besonders
die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Besucher, weil die Strflinge einen
Grad von intellectueller Bildung und Bildungsfhigkeit entwickeln, den man
in den besteingerichteten Gefngnissen anderer Art vergeblich suchen wrde.

Die Regierung verdient sich den Dank der Menschheit, indem dieselbe Vieles
fr die Anstalt berhaupt und deren Schule insbesondere thut, tchtige
Lehrer, indem dieselben unermdlich und im engen Vereine mit den
Geistlichen beider Confessionen dahin arbeiten, aus unwissenden und rohen
oder halbgebildeten und eingebildeten Gefangenen Menschen und Christen zu
machen und vor geistiger Verdumpfung zu bewahren.

Die Schler dagegen empfinden auch das ganze Gewicht der Wohlthaten, welche
ihnen durch Unterricht gespendet werden und beweisen es durch ihre
Anhnglichkeit fr die Geistlichen und Lehrer, durch ihren Eifer fr die
Schule und vor Allem durch die Fortschritte.

Wer nur immer anerkennt, da in der Bildung an und fr sich eine Macht
liege, welche die schwer zerstrbare Selbstsucht des Menschen mindestens
verfeinern, ihm soviel Klugheit, Ehrgefhl und Selbstbeherrschung gewhre,
um nicht leicht ein Verbrechen zu begehen, der wird sich entschieden fr
eine Strflingsschule der Art aussprechen, wie dieselbe hier besteht und
blht.

Wir kennen auch keinen Fall, da ein Gefangener, welcher diese Schule
lngere Zeit besuchte, wiederum rckfllig geworden wre und wenn in dieser
Anstalt vorherrschend jugendliche Verbrecher untergebracht und ihres
Unterrichtes theilhaftig gemacht wrden, so wrde die Erfahrung lehren, da
die Zahl der Rckflle sich ansehnlich verminderte.

_Aber leidet der Gewerbsbetrieb nicht durch die Schule Noth?_

Die beste Antwort liegt in der Thatsache, da der Gewerbsbetrieb des
Zellengefngnisses trotz milicher Zeitverhltnisse und eigenthmlicher
Hindereisse [Hindernisse] mehr blht, als der jeder andern Strafanstalt des
Landes und da die Blthe des Gewerbsbetriebes zunchst vom Fleie und der
Geschicklichkeit der Strflinge abhnge, wird wohl kein Gegner der einsamen
Haft lugnen.

Der Zellenbewohner besucht nicht mehr Unterrichtsstunden als andere
Strflinge, dagegen ist es richtig, da er Besuche vom Lehrer in der Zelle
und bei dieser Gelegenheit besondern Unterricht erhlt. Doch Besuche mu er
berhaupt eine bestimmte Anzahl empfangen, wenn er nicht zu Grunde gehen
soll und da kein Besuchender, folglich auch kein Lehrer zu lange bei Einem
verweile, dafr ist schon durch die Vorschrift gesorgt, da jeder Beamte
tglich eine verhltnimig groe Anzahl von Besuchen abzustatten hat.

Das Geheimni der berraschenden Fortschritte, welche viele Zellenbewohner
in Schulkenntnissen machen, liegt hauptschlich in ihrer eigenthmlichen
Lage. Die Einsamkeit verinnerlicht den Menschen, der Mangel an Gesellschaft
treibt ihn, sich in arbeitsfreien Stunden selbst zu unterhalten und weil
ihm Gelegenheit fr schlechte Unterhaltung abgeschnitten, dagegen
Gelegenheit zur guten reichlich geboten ist, so greift er eben nach
letzterer.

Die Ruhestunden, die arbeitsfreien Tage, manche schlaflose Stunde der
Nacht, in welcher das Denken eine Zerstreuung und Wohlthat zugleich wird,
werden zumeist der Schule gewidmet und gerade der verhltnimige Mangel
an Eindrcken, welche er von der Auenwelt empfngt, strkt sein Gedchtni
wunderbar fr Alles, was in der Schule vorkommt, welche er besucht oder in
den Bchern, welche er gelesen.

Sind wir berzeugt, der Gewerbsbetrieb wrde wenig oder nichts gewinnen,
wenn man die Schulen gesellschaftlich lebender Gefangenen wiederum aufhbe,
so sind wir noch weit mehr davon berzeugt, da er in Zellengefngnissen
bedeutend Noth litte. Gar viele Handwerker bedrfen einiger Kenntnisse im
Zeichnen, in Mathematik und Geometrie, Chemie und andern Wissenschaften und
je mehr sie davon erringen, desto besser ist es fr ihr Gewerbe. Ferner
liee sich mglicherweise das vollstndige Fertigen eines Tagwerkes durch
Hungerkuren erzwingen, lange jedoch ginge dies nicht an und zum Fertigen
guter und vortrefflicher Arbeit gehrt eben auch im Zuchthause ein
Arbeiter, der gut oder vortrefflich arbeiten kann und--will. Die Schule
wird von Strflingen als eine Wohlthat und Belohnung allgemein anerkannt,
ihre Beeintrchtigung oder gar ihre Beseitigung wrde gerade bei den
Talentvollen den guten Willen zur Arbeit beeintrchtigen oder beseitigen
oder derselbe mte auf eine Weise angeregt werden, welche mehr kostete als
die Schule.

_Aber werden die Spitzbuben durch die Bildung, welche sie empfangen,
nicht gerade raffinirter und fhrt die Schule nicht zur Halbwisserei?_

Den ersten Theil dieses Einwurfes wrden wir gar nicht beantworten, wenn er
nicht schon von mehr als einer Seite gemacht worden wre.

Wir haben einen Tag in einem gemeinsamen Zuchthause zugebracht und
vermieden, pikante Spitzbubenhistrchen aufzuzeichnen, wenn man nicht etwa
die maalose und keineswegs seltene Unverschmtheit des Patrik vom
Hotzenwalde pikant finden will.

In gemeinsamer Haft geben die Meister der Greiferkunde Privatcollegien aus
ungewaschenen Mulern, die Blthe des Gaunerthums erfreut sich dort einigen
Ansehens und fruchtbarer Wirksamkeit, allein keine Strflingsschule irgend
einer Art befat sich mittelbar oder gar unmittelbar mit Ausbildung der
Spitzbberei. Freilich lehrt die Physik und noch mehr die Chemie Manches,
was sich ein Langfingeriger fr die Zukunft hinter die Ohren schreiben
knnte, aber jedem Lehrer wird man soviel Verstand und Besonnenheit
zutrauen, da er seinen Stoff zu whlen versteht.

Erheblicher ist die Halbwisserei.

Unter Halbwisserei verstehen wir das _religionslose_ Wissen, somit
ziemlich dasselbe, was schon Plato darunter verstanden und worber er als
einer unheilbringenden Erbrmlichkeit geklagt hat. Vom Vorwurfe der
Halbwisserei sind bei uns jedenfalls die Strflingsschulen freizusprechen,
denn Geistliche und Lehrer gehen eintrchtig zusammen, Einer arbeitet dem
Andern in die Hnde, die Schule ist nicht nur ein Mittel allgemeiner
Bildung, sondern auch allgemeiner religiser Erhebung.

Eine bereits auf einige tausend Bnde angewachsene Bibliothek, deren Bcher
vor Allem mit Rcksicht auf lbliche Tendenzen gewhlt und mit Rcksicht
auf die verschiedenen Confessionen unter die Gefangenen vertheilt werden,
untersttzt mchtig die Bemhungen der geistlichen und weltlichen Beamten.

Die sichtbaren Wunder der Natur, die weltbeherrschenden Gesetze der Physik,
die einfachen, erhabenen und allbeherrschenden Gesetze der Bewegung der
Weltkrper, lauter Dinge, welche jedem Schulknaben, geschweige einem
Erwachsenen klar und deutlich gemacht werden knnen, wie sehr sind diese
geeignet, den Menschen zum Herrn und Vater dieser Gesetze zu erheben? Und
Abrisse aus der Geschichte, in welcher Gott den lohnenden Vater oder
rchenden Amtmann spielt, eine Unthat unter dem Gewichte ihrer Folgen den
Schuldigen und die Mitschuldigen begrbt, ohne vorher nach Stammbaum oder
Taufschein zu fragen, wie sehr sind diese geeignet, den Verbrecher zum
Nachdenken ber das eigene Schicksal zu bringen? Jedenfalls mehr als die
eigens fr Gefangene und Verbrecher geschriebenen Bcher, unter denen wir
und viele Andere auer dem von Suringar wenig Ertrgliches und
Ersprieliches entdeckten. Strflinge sind schwer vom Glauben abzubringen,
da man die kleinen Spitzbuben fange, die groen dagegen laufen lasse,
wissen recht gut, wie es mit dem Werthe Vieler steht, welche frank und frei
herumlaufen und ebenso, da sie keine unartigen Kindlein sind, denen man
Religion und Jesusliebe als Brei einreichen knnte, dehalb geben sie auch
nichts auf Bcher, die aus gutmeinenden, aber unklugen oder unerfahrenen
Federn zur angeblichen Erbauung von Gefangenen geflossen sind. Im
Gegentheil werden Schriften dieser Art Religionslosigkeit und
Verstockung eher vermehren als vermindern und besonders in gemeinsamer Haft
nicht lange ungerupft bleiben.

Sie [Die] Schule vor Allem erweitert den geistigen Gesichtshorizont und je
mehr sich dieser erweitert, desto kleiner fhlt sich der Mensch berhaupt,
der Verbrecher insbesondere und wiederum desto grer, weil der Herr und
Meister der Welt sich mit ihm abgibt.

_Wehalb eine ungewhnliche Ausdehnung des Unterrichtes bei
Zellenbewohnern?_

Vom Buchstabenmalen und Zahlen zusammenzhlen steigert sich Alles bis zum
Auflsen von Gleichungen, Berechnungen des Kreises und Lsungen von
Aufgaben, welche einige physikalische, chemische und sogar astronomische
Einsichten voraussetzen. Weil Zellenbewohner aus innerm Antriebe gerne
lernen und im Lernen so ziemlich ihre einzige Erholung finden, deshalb
schreiten Viele auch rasch und sicher fort und sollen sie dafr mit
Stillstand bestraft werden, fr den sich nirgends ein Grund auftreiben
liee?

Wehalb sollen Schwerverurtheilte, deren jugendliches Alter vielmaligen
Schulbesuch gesetzlich sanctionirt, ohne ihre Schuld und noch mehr wider
ihren Willen in den Mitteln des Fortschreitens zur Bildung und Besserung
verkrzt werden? Die in der That ganz vortreffliche Hausordnung von
Bruchsal ermuntert und belohnt sogar den Schulflei, erkennt in der Schule
berhaupt ein mchtiges Mittel gegen geistige Verknpfung und Versumpfung
und da es in ihr nicht gar zu hochgelehrt hergehe, dafr ist schon
gesorgt, weil die meisten Strflinge einen ziemlich armseligen und manche
gar keinen Schulsack in die Zelle bringen.

Die Lehrer haben mit dem ABCschtzen und Dummen berflssig genug zu thun
und sollen sie nun auch mit den weiter Fortgeschrittenen und Talentvollen
dazu verurtheilt werden, Papageienrollen zu spielen und in diesem Jahre
durchaus dasselbe zu schreien, was sie im vorigen Jahre geschrieen?

Wenn ein entlassener Zellenbewohner ungefhr wei, was jeder ordentliche
Realschler zu wissen vermag, so wei er noch lange nicht zuviel und wird
durch das Gewicht seines Wissens schwerlich in den Pfuhl des Lasters und
der Verbrechen hinabgedrckt!--

Whrend wir diesen etwas langgerathenen Gedankenspaziergang machten,
arbeitete Nro. 110 in seiner Zelle rstig fort und zuweilen tritt ein
Werkmeister oder Aufseher herein, nicht sowohl um die Arbeit zu
besichtigen, denn der Benedict arbeitet zu vortrefflich, als da viele
Besichtigung nthig wre, sondern um Etwas zu fragen oder die Leimpfanne zu
bringen.

Der Flei der Gefangenen wird in der Zelle leichter und besser controllirt,
als in jedem Strflingssaale und zwar auf eine Weise, da der
Zellenbewohner nichts davon wei. Der Controllirende tritt zur Thre, hebt
einen kleinen Schieber in die Hhe und berschaut mit Einem Blicke die
ganze Zelle, wahrend Nro. 110 vergeblich sich abmhen wrde, durch dasselbe
Fensterchen auf den Gang hinauszusehen. Nicht Eine Minute des Tages oder
der Nacht ist er sicher, unbeobachtet zu sein und das Peinliche dieser Lage
wird gerade dadurch gemildert fr den Bessern und geschrft fr den
Schlechtern, weil er niemals Gewiheit davon hat.

Ein gefangener Taglhner hat sein Zellenleben in ergtzlichen Reimen
beschrieben, von denen einige charactristische hier ein Pltzlein finden
mgen:

  --Einmal ist der Obermeister kommen:
  "Du willst nicht sputen hab' ich vernommen?
  Httest groe machen sollen
  Dich soll gleich der Kukuk holen!"--
  "Ich will lieber machen kleine
  Das ist die Rede, die ich meine!"--
  "Du hast hier kein Recht,
  Seist du Meister oder Knecht,
  Mut jetzt thun, was ich Dir sag'
  Oder hast gehabt zu Mittag,
  Und zu Nacht wirst auch nichts kriegen,
  Kannst noch in den Turm hinabfliegen!
  Dort kannst Du sitzen oder stehen
  Und wie es Dir noch sonst wird gehen.
  Dann thut man Dich in den Zwangstuhl schnallen
  Das wird Dir auch nicht gut gefallen!"
  Ich sah auf mein Spulrad hin
  Und dachte: "wenn nur dieser Mann wieder ging!"
  Aber er lie sich nicht vertreiben
  Und lie auch das Druen nicht bleiben.
  "Wenn ich noch eine einzige Klage hr',
  Dann komme ich wieder zu Dir hieher!"
  Das ist sein letztes Wort,
  Dann ist er fort.
  Ich dacht: Nun ist er doch einmal gangen,
  Das war ja mein einzig Verlangen!
  Hab mich wieder zum Rad gesetzt
  Und gespult, da ich hab' geschwitzt.
  Hrte ich nur laufen im Gang,
  So glaubte ich: jetzt kommt der saure Mann!--
  Einmal hab' ich gesungen,
  Da kam er gleich gesprungen:
  "Hr' ich dies noch einmal hier,
  Dann gibt man nicht zu essen Dir!"
  Darauf sah ich ihn im Hof in seinem grauen Rock
  Und eilte was ich konnte in den zweiten Stock,
  Mache die Thre eilends zu,
  Da ich hab' vor diesem Manne Ruh.
  Er hat mir schon zu schwer gedrut,
  Ihn zu sehen, ist mir keine Freud'!
  Allein ich hab' vor ihm recht Respekt,
  Doch bin ich gern von ihm weit weg;
  Doch hat er mir noch nichts zu leid gethan
  Er kann doch sein ein guter Mann!

In diesem Augenblicke ffnet sich die Thre von Nro. 110 und einer der
beiden Obermeister steht vor Benedict. Er ist nicht mehr der alte Druer,
ber welchen der Taglhner klagte, sondern ein ganz freundlicher
ordentlicher Mann, der mit Blicken mehr ausrichtet als Andere mit vielem
Lrm. Die Arme ber die Brust gekreuzt, den rechten Fu vorgestellt steht
er ganz ruhig da und redet mit unserm Schreiner vom Wetter und den
Rheinschnaken, diesen Moskitos der Rheinebene, deren Stich eben keine
angenehme Empfindungen, wohl aber kleine Beulen erzeugt und die den Weg
durch alle Kleider und die dicksten Teppiche hindurch zu finden wissen,
whrend ihr Gesumme in Schlaf lullt.

Tabaksqualm verscheucht diese kleinen, blutgierigen Ungeheuer, aber der
Gefangene darf nicht rauchen und mu sich begngen, die Schnaken
todzuschlagen [todtzuschlagen], wenn sie angefllt von Blut trge an den
Wnden sitzen und nicht weit zu fliegen vermgen. Wahrend der Obermeister
den Anklger der Schnaken anhrt, berschaut er mit einigen Seitenblicken
Alles und wenn Etwas am unrechten Nagel hngt, nicht vorschriftsmig
aufgestellt oder hingelegt ist, darf der Zellenbewohner einer Ermahnung
gewi sein, wenn aber gar irgend ein _Versto gegen die Reinlichkeit_
aufzutreiben ist, dann bleibt eine Zurechtweisung nicht aus.

Wieviel Schwei und Aerger haben die kleinen Ziegelplatten des Zellenbodens
den Benedict schon gekostet, den feinen, ungesunden Staub abgerechnet, der
sich von denselben ablt!

Jetzt versteht er sein Geschft besser, der Obermeister vermag nichts zu
entdecken, was der Reinlichkeit widersprche, denn es fehlt zwar nicht an
Sgspnen, Hobelspnen, Gerchen des Holzes und der Politur, zumal das
obere Fenster geschlossen ist, aber in welcher Schreinerwerksttte der Welt
fehlt es an diesen Dingen? Oder wo gibt es irgend eine Schusterboutique,
aus welcher der Geruch von Leder und Pech verbannt ist oder einen Webstuhl,
in dessen Nhe es nicht von Zeit zu Zeit nach Schlichte riecht?

Arme und reiche Handwerker sind an solche Dinge gewhnt, die sich nicht
vermeiden lassen, Gewohnheit stumpft gegen den schlimmen Einflu derselben
ab, wehalb soll und wie soll der Zellenbewohner dagegen geschtzt werden?

Tadeln ist in allen Dingen leicht, Verbessern hufig schwer.

Frische Luft und Reinlichkeit sind fr die Gesundheit des Gefangenen
wichtige Artikel, in Bruchsal ist in dieser Hinsicht das Mglichste
geleistet, die Ziegelplatten der Zellenbden mchten freilich nicht viel
taugen, aber sie sind nun einmal da, lassen sich nicht ber Nacht
wegbringen und leicht ohne groe Kosten durch etwas Besseres ersetzen,
dagegen lt sich die Reinlichkeit jedes Einzelnen leicht controlliren.

Der Oberaufseher wnscht freundlich guten Abend und eilt zu Nro. 109
hinber. Ein Herbsttag geht rasch vorber, ehe man sichs versieht, ist die
Dmmerung da. Die verschiedenen Zeiten des Jahres und Tages, die Wechsel
der Witterung ben auf den Menschen Einflu aus und wenn dieser Einflu bei
vielen Zellenbewohnern noch bemerkbarer wird als bei andern Gefangenen, so
rhrt dies wohl daher, weil ihr ueres Leben ein ziemlich armes und
einfrmiges ist. Ein kurzer, trber Herbsttag stimmte den Benedikt trbe
und melancholisch, der Abend brachte ihm gar schwermthige Gedanken. Er
dachte an das Abendluten, Lichteranznden und an die Heimgrten im fernen
Drflein und war froh, als der Aufseher den Schalter ffnete, um den
Wasserkrug zum letztenmal fr heute in Empfang zu nehmen und das Licht
anzuznden.

Er griff wiederum zum Hobel, um die Grillen durch Arbeit zu verscheuchen,
doch wollte es ihm nicht recht gelingen und zuweilen tief aufseufzend
blickte er durch die Gitter zum dunkeln, sternenleeren Nachthimmel empor.

Abermals ffnet sich die Thre und der Arzt tritt herein.

Dieser mu nicht nur seine Kranken, sondern auch alle Gesunden fleiig
besuchen und fast noch mehr Seelenarzt als Leibesarzt sein.

Weil die Einzelhaft eine neue und aus fernen Landen zu uns gekommenne
[gekommene] Einrichtung ist, welche je nach Clima, Lebensweise und
Charakter eines Volkes Verschiedenheiten der Durchfhrung erheischt, ber
deren Art und Zweckmigkeit lediglich die Erfahrung allmhlige Belehrung
zu geben vermag, mu besonders auch der Gefngnivorstand ein denkender und
mit vielseitiger Bildung ausgersteter Mann und nicht etwa ein alter
ausgedienter Soldat sein, wie dies manchmal in England stattfindet.
Gediente Soldaten geben gute Oberaufseher und Aufseher; wo die Ordre
anfngt, hrt gemeiniglich ihr Denken auf, je nach der Ordre hauen sie den
Gefangenen ebenso bereitwillig in Krautstcke als sie denselben noch als
menschenhnliches Wesen passiren lassen und so vortrefflich solche
Eigenschaft untergeordneten Werkzeugen ansteht, so miliche Folgen wrde
sie nach sich ziehen, wenn der Vorstand einer _Besserungsanstalt_ ein
abdecretirter Schnurrbart wre, der Menschen jeder Art als Maschinen
betrachtete und bald im Vollgefhle seiner Unwissenheit und Ohnmacht Fnfe
gerad sein liee oder blind und brutal in Alles hineinblitzte und
hineindonnerte, was nicht ganz nach seinem Kopfe ginge.

Weil Menschen und die allseitigen Wirkungen von Einrichtungen bis ins
Kleinste studirt, Alles auf bestimmte Zwecke gerichtet und alle Zwecke
Einem groen Zwecke untergeordnet werden mssen, dehalb mu der Vorstand
ein organisirender Kopf und weil ein Arzt jedenfalls am meisten Gelegenheit
besitzt, sich theoretische und praktische Kenntnisse ber den Menschen und
das Volk, Krankheiten des Leibes und der Seele und unserer
gesellschaftlichen Zustnde zu erwerben, endlich weil Zellenbewohner in
mancher Beziehung Ausnahmsmenschen werden und Einem Arzte sehr viel zu
schaffen machen, wenn auch der Krankenstand ganz unbedeutend bleibt,
dehalb mchte es gut und zweckmig sein, wenn auch der Gefngnivorstand
ein Arzt ist.

Die Verhltnisse eines Zellengefngnisses drngen von selbst darauf hin,
da entweder der Doctor vielfach zum thatschlichen Vorstande und der
Vorstand zu seinem Figuranten wrde oder da Beide sich in die Haare
gerieten, wobei der Staat und die Gefangenen am Schlechtesten bestnden,
wenn der Vorstand ein alter Soldat oder ein einseitiger Fachmensch
berhaupt wre.

Ein ehemaliger Offizier, der ein bischen vom Rechnungsfache verstnde,
mchte sich zum Vorstande einer Anstalt mit gemeinsamer Haft vortrefflich
eignen, schwerlich dagegen zum Leiter eines Zellengefngnisses.

Nro. 110 gehrt zu jenen vielen Zellenbewohnern, welche ihren leiblichen
Zustnden groe, oft arg bertriebene Aufmerksamkeit zuwenden und denen ein
bischen Mattigkeit in den Gliedern oder Reien im Kopfe leicht Gedanken an
schwere Krankheiten und das gefrchtete Brett der Anatomie erregte. Sie
plagen und qulen den armen Doctor mit ihren Einfllen und Fragen und wenn
er nicht darauf einzugehen Grund findet oder gar darob lchelt, dann halten
sie ihn fr einen halben Unmenschen, geht er darauf ein, fr einen ganzen
Dummkopf und macht er die Sache mit einem Thee oder einer Arznei statt mit
Krankenkost ab, fr einen vollendeten Tyrannen.

Heute wei der gute Benedict sehr viel von Magenknurren zu erzhlen und
weil der Doctor ihn mit den violetten Kndeln trstet, welche morgen
aufgetischt werden, wird er melancholisch und redet von Todesahnungen,
welche ihm jener wiederum auszureden sucht.

Kaum ist der Arzt fort, so tritt der Aufseher herein und lt das Bett von
der Wand ab. Unser Gefangener arbeitet noch einige Zeit und bringt es ber
das Tagwerk hinaus, dann lutet es wiederum in allen Flgeln auf einmal,
wiederum klirren die Ekessel, wiederum eilen die Aufseher der Kche zu,
Benedict hrt, wie sein Aufseher von Zelle zu Zelle geht, die Schalter
zuschlgt und gute Nacht wnscht, bald fliegt auch sein Schalter auf, sein
Schsselchen wird gefllt, der Schalter fhrt zu und Benedict betrachtet
wehmthigen Blickes die Knigin der Zuchthaussuppen, eine braune, ihm gar
fad vorkommende "Wasserschnalle."

Doch--in der Kaserne bekam er Abends gewhnlich Nichts, jetzt ist er
hungrig, dort drinnen im braunen Schrnklein findet er Salz, er salzt und
it die Suppe. Nicht lange darnach tritt der Werkmeister zum letztenmal fr
heute herein, er nimmt die schneidenden Instrumente aus der Zelle weg, der
Korb mit Hobelspnen wird in den Gang hinausgestellt, man sagt sich gute
Nacht. Bald verhallen die Schritte der forteilenden Werkmeister und
Aufseher drauen im Gange, alsdann herrscht Todtenstille, hchstens die
fallenden Tropfen einer Brunnenrhre, die Schritte eines Nachbars, das
starke Husten oder Aufseufzen desselben unterbricht diese Stille.

Leise und unhrbar schleichen die Aufseher in Filzschuhen oder in Socken
durch die Gnge, kein Mensch sondern die Einsamkeit will mit dem Benedict
eine ernste, schwermthige Unterhaltung beginnen, eilig greift er nach dem
reichhaltigen Lesebuch von Dll, dann nach der belehrenden "Menagerie" von
Drugulin und liet, dort ber die Gasarten, was bermorgen in der Schule
verhandelt werden soll, hier ber die Wildschweinjagd mit Wurfspieen im
fernen Indien.

Pltzlich lrmt die Hausschelle durch die Todtenstille und befiehlt, da
alle Lichter gelscht werden, alle Gefangenen sich zu Bette legen mssen.
Eilig legt Benedict sein Buch weg, klappt Tisch und Bank wiederum an die
Wand und lscht die Lampe aus.

Sinnend steht er noch einige Augenblicke in der Zelle und blickt zum
vergitterten Fensterlein empor, die sechs dicken Eisenstbe grnzen sich
scharf gegen den Nachthimmel mit seinen dunkeln, fliegenden Wolken ab,
durch welche zuweilen das weie oder rthliche Licht eines Sternes scheint
oder flimmert und dieses traurige Haus wie die dunkeln Hhen des
Schwarzwaldes, das Heimathdrflein, die Stdte und Kasernen des Rheinthales
berschaut und vielleicht in die Scheiben einer Hinterstube leuchtet, in
welcher Meister Mrz mit seinen Gottseligen conventikelt. Benedikt soll
halblaut beten, die Hausordnung will es, doch er will nicht und murmelt
sehnschtige Wnsche vor sich hin.

Dann legt er den Strohteppich zum Schutze gegen den kalten Boden vor das
Bett und legt sich nieder, um zu schlafen.

Er hat den Tag ber streng gearbeitet und befindet sich bald auf der Brcke
zwischen Wachen und Schlafen, doch das langgedehnte Gebrlle einer
gedankenlosen oder auch boshaften Schildwache lat ihn einstweilen die
Gedanken ans Einschlafen vergessen.

Man mag ein Zurufen der nicht weit von einander stehenden Schildwachen fr
zweckmig erklren, doch welchen Zweck soll ein mehr als viehisches
Brllen und absichtliches Wiehern haben, welches manche Soldaten
allnchtlich auf den Ringmauern zum Besten geben?

Weit entfernt vom Militr kleiner Lnder den Geist und die Haltung der
Soldaten einer groen Armee und damit viel zu viel zu verlangen, mchte
doch nicht zuviel verlangt sein mit der Forderung, da die Wachkommandanten
des Zellengefngnisses hufiger zur Einsicht kmen, gewaltsame Strung des
Schlafes vieler Kranken und Gefangenen sei nicht nur etwas Unnthiges,
sondern auch etwas Unzweckmiges und Unwrdiges.--

Seufzend wickelt sich der Duckmuser fester in seinen Teppich, kehrt sich
gegen die Wand und der Bibelvers, welcher ihn heute so sehr beschftigte,
kommt abermals und immer wieder ihm in den Sinn. Er schliet die Augen
gewaltsam und zhlt so lange von Eins bis Hundert rckwrts, bis endlich
der Schlaf dem Zhlen ein Ende macht, ein Schlaf ohne Erquickung und Ruhe,
denn was sich in seinem Gemthe regt, lebt auch im Schlafe fort und die
Gedanken, welche er heute gehabt, spinnen sich in die Traumwelt weiter.
Wovon soll ein Zellenbewohner trumen? Von den kleinen Ereignissen der
Gegenwart? Sie biethen ihm zu wenig Interesse dar, als da sie sich hufig
in seine Trume verweben sollten. Hchstens die Schule beschftigt den
Trumenden, er setzt manchmal Rechnungen fort oder sieht in lebendigen
wunderlichen Gestalten vor seinen Augen vorgehen, was er dort gehrt.
Meistens trumt er von der Vergangenheit, von den Hauptereignissen seines
Lebens, vom Prozesse, der ihn vernichtet oder auch von der Zukunft, einer
bessern, freudevollern Zukunft, von einer Welt voll ser Tuschungen,
welche der Klang der Hausschelle am frhen Morgen wegzaubert.

Selten im Strflingssaale, hufig bereits in der Zelle hat der Benedict
getrumt vom Heimathdrflein, von den beiden Schwitten, von den Herzkfern,
dem Saumathis und Straenbasche und vom Kasernenleben und manchmal ist er
entsetzt aufgefahren, wenn die todte Mutter oder der Vater mit dem
zerschmetterten Haupte oder dem ledernen Beutel, aus welchem er 50 Gulden
herauszhlte, vor ihm stand.

Sechs Jahre mu ein Zellenbewohner in der Zelle bleiben, wenn die Strafzeit
9 oder mehr Jahre betrgt. Sechs Jahre sind ber 2190 Tage und ebensoviel
Nchte eines eintnigen Lebens und eine solche Zahl sollte nicht
ausreichen, um den alten Adam abzulegen?--


       *       *       *       *       *


Mehrere Jahre sind verflossen, seitdem der Benedict das Inwendige eines
Strflingssaales zum letztenmale gesehen. Er sitzt noch immer in der Zelle,
ist noch immer hineingebannt in den unerbittlichen Gang des Lebens, welches
Jahr fr Jahr und Tag fr Tag so ziemlich in derselben Weise eintnig
vorberschleicht, wie wir es beschrieben. Aber der leichtsinnige Hobist ist
indessen ein stiller, nachdenklicher, ein besserer und im Ganzen
glcklicher Mensch geworden, der nicht mehr seine Freilassung fr das
Hchste hlt, weil er aufhrte, die Erde als das Hchste zu betrachten.

Rasch und leicht ging solche Umwandlung keineswegs von Statten. Sie kostete
bittere Thrnen, schwere Kmpfe, verzweiflungsvolle Nchte, schonungslose
Selbstanklagen, tausend vergebliche Vorstze und mute Schritt fr Schritt
mit dem strksten, unermdlichsten und grimmigsten Feinde, welchen der
Mensch hat, nmlich mit der Selbstsucht im Kampfe liegen.

Als nakte Selbstsucht besiegt, kleidete sie sich in das Gewand der Tugend
und Religion, mit Hlfe des Geistlichen entlarvt, mute der Kampf von Neuem
aufgenommen werden. Jetzt ist sie gebunden, gedemthiget, aber noch nicht
getdtet, erst der Tod wird sie vollkommen tdten.

Geht nicht eine alte Sage unter dem Volke, die zertretene Schlange vermge
nicht zu sterben, bevor die Sonne untergegangen?--

Der Duckmuser ist noch jung und stark, er gehrt zu den Gebesserten,
insofern man Mienen, Gebrden, Reden, Benehmen, Eifer in Schule und Kirche,
das gleichmthige und heitere Ertragen aller Entbehrungen und Leiden eines
einsamen Zellenbewohners, das unbedingte Anheimstellen des eigenen
Schicksals in den Willen Gottes, die lebendigen Aeuerungen eines tiefen
Bewutseins der ehemaligen Unwrdigkeit, der gegenwrtigen Schwche und
einer dankbaren Anerkennung der erbarmenden Liebe des Erlsers gegen ihn
als Zeichen von Besserung ansehen darf.

Er lebt so, als ob er nicht mehr allein in der Zelle sei, sondern als ob
die friedlichen, beseligenden Gestalten des Himmels bei ihm ein und
answandelten und als ob der Allmchtige den Fluch der bsen Thaten, die der
Benedict verbt, von dessen Haupte hinweggenommen habe.

Aber so wenig wir auf eine Besserung halten, welche erst auf dem Todbette
erfolgt oder deren Verdienst dem zunehmenden Alter, der wachsenden Einsicht
in das Eitle und Nichtige alles Irdischen, der erkaltenden Begierde,
gnstiger gewordenen Lebensverhltnissen und andern Umstnden hauptschlich
zugeschrieben werden knnen, so zweifelhaft und jedenfalls fr die
menschliche Gesellschaft fast unfruchtbar bleibt auch die geistige
Wiedergeburt eines Zellenbewohners, so lange derselbe in der Zelle lebt.

Wehalb?

Er kann in der That gebessert sein, mag in der sittlichen Erstarkung auch
groe Fortschritte gemacht haben und aufrichtig beschwren, ja auch den
Schwur nach der Entlassung treulich erfllen, da er niemals wieder in eine
Strafanstalt zurckkehre--aber seine Besserung kann immerhin vorherrschend
als eine Besserung fr das Zuchthaus und nicht als eine fr die Welt
betrachtet werden.

Zeit und Gewohnheit sind fr jeden Leidenden ein Balsam, der Zellenbewohner
entbehrt desselben nicht, aber er entbehrt vieler Gelegenheiten und
Versuchungen zu Snden, Lastern und Verbrechen, welche die Welt darbietet.

Man hat die Zellenbewohner schon mit Klosterbewohnern verglichen und
dadurch einen hinkenden Vergleich mehr zu Papier gebracht.

Ein Zellenbewohner kann zwar so weit gelangen, da er seine Strafe
gleichsam aus freiem Entschlusse auf sich nimmt, doch kein freier
Entschlu, den Versuchungen der Welt zu entfliehen, sondern ein Verbrechen
hat ihn in die Einsamkeit getrieben, der Spielraum seiner Freiheit ist
geringer, als der jedes Bruders eines jeglichen Ordens, seine Lage ist
vielfach schwieriger als die des Trappisten und der Austritt aus der Zelle
steht in keiner Weise in seiner Macht.


So wenig wir denen beistimmen, welche whnen, ein Zellengefangener besitze
keine Gelegenheit Beweise seiner Besserung abzulegen, so geben wir doch zu,
da die _vollstndige Besserung_ eines Zellenbewohners sich _erst
nach der Entlassung_ zu bewhren vermge.

Ein gebesserter Strfling soll aber nicht blos kein neues, von wandelbaren
Gesetzen verpntes Vergehen sich mehr zu Schulden kommen lassen, sondern
berhaupt ein guter Mensch, treuer Familienvater und rechtschaffener Brger
sein.

Saufen, Spielen, Verschwenden, Betrgen, Ehebrechen, Faulenzen, Weib und
Kinder und Mitmenschen mihandeln soll er als trauriges Privilegium jenen
Vielen berlassen, welche mit und ohne Glachandschuhe erhobenen Hauptes an
Strafanstalten vorberwandeln und gleich jenem Phariser jubeln: "Herrgott,
was bin ich fr ein prchtiger, vortrefflicher Kerl!--Noch niemals habe ich
ein gemeines Verbrechen begangen, welches mich in eine Strafanstalt
fhrte!"

Will eine Regierung sich vollkommen berzeugen, ob Zellenbewohner auf eine
Weise gebessert werden, da die menschliche Gesellschaft wirklichen Nutzen
davon hat, so mu sie nach unseren Ansichten genaue Nachrichten ber das
Leben und Treiben aller Entlassenen von Zeit zu Zeit einziehen. Freilich,
wo Leute erst dann in die Zelle gelangen, wenn sie im Laster bereits alt
wurden, auch in diesem Falle oft nur kurze Zeit zu bleiben haben oder durch
Hungerkost und Dunkelarrest fr die nchste Zeit von Verbrechen
abgeschreckt, dagegen der Besserung weit schwerer zugnglich gemacht
werden, da lt sich nicht allzuviel hoffen, doch jedenfalls wrde sich
herausstellen, da jugendliche Verbrecher, welche 2 bis 3 Jahre in einer
Zelle zubrachten, nicht wieder in eine Strafanstalt zurckkehrten und durch
ihr Leben keinen Grund zur Befrchtung baldiger Rckkehr darbieten.

Damit wre aber die Einzelhaft als eine fr den Staat und die Gefangenen
gleich wohlthtige Einrichtung gerettet, insofern von Besserung im
strengsten Sinne des Wortes die Rede ist.

Ruhig und friedlich lebt der Benedict nunmehr in seiner Zelle und schaut
wohlgemuth auf Alles zurck, was er in ihr durchgemacht hat.

In der ersten Zeit berraschte ihn die Neuheit seiner Lage, er hatte sich
Alles viel frchterlicher vorgestellt, als er es fand und dem leiblichen
Tode wrde er gleichmthig ins Auge geschaut haben.

Es ist ein gewaltiger Irrthum, zu glauben, der Tod komme Verbrecher schwer
an. Viele sterben ganz ruhig, weil auch der nahende Tod ihnen die tiefe
Ueberzeugung nicht nimmt, da sie weit eher Mrtyrer als Verbrecher seien
und zehnmal eher den Himmel als die Hlle oder auch Keines von Beiden zu
erwarten hatten. Eine Hauptkrankheit aller Gefangenen ist die Schwindsucht,
Schwindschtige sind bekanntlich die Letzten, welche an die Nhe ihres
Todes glauben und haben auch keinen schmerzhaften Tod.

Ganz schn und leicht und ohne alle Gewissensscrupeln war der Zuckerhannes
gestorben, einen hnlichen Tod wnschte sich auch der Benedict.

Doch nicht der Tod, sondern ein neues Leben sollte ihm in der Zelle werden.
In den ersten Monden der Zellenhaft gerieth er, gleich einem frisch
eingefangenen, erwachsenen Thiere, das in einen engen Kfig gesperrt wird,
in einen Zustand groer Empfindlichkeit und Reizbarkeit, den er mit
unsglicher Mhe beherrschte, um sich nicht bei den Vorgesetzten von
vornherein das Spiel zu verderben. Er suchte sich beliebt zu machen und es
gelang ihm, wie es ihm noch berall gelungen. Sein chronisches Seelenbel,
Eitelkeit und Selbstgeflligkeit, fand jedoch nicht Pflege und Nahrung
genug, dem Spiele einer lebhaften Phantasie berlassen, gerieth der
vielbelesene Kopf zuweilen mit der rauhen Wirklichkeit in Fehde und weil er
stets den Krzern zog, machte sich die wachsende Reizbarkeit zuweilen Luft.

Das kurze Wort, der scharfe Blick eines Aufsehers konnte ihn in solcher
Gemthsstimmung beben machen und was Beamte und Geistliche der Anstalt, in
der er frher gewesen, niemals gehrt hatten, hrten die des
Zellengefngnisses: schwere Anklagen gegen Gott und Welt, Gesetze, Richter,
Zeugen, alle Menschen, welche ihm jemals etwas Bses zugefgt haben
sollten.

Ein so entschuldbarer und schon so lange mihandelter Mensch seiner Art
gehrte freigelassen, das verstand sich von selbst--er machte
Bittschriften und die Beamten muten dieselben wohl entgegennehmen, wenn
sie Schlimmes nicht schlimmer machen wollten. Natrlich lautete die Antwort
kurz und gut, man fhle sich in keiner Weise veranlat, seine Begnadigung
derzeit zu befrworten.

"In keiner Weise!"--["]also haben die Beamten und der Geistliche nicht fr
mich geredet! ... Verderben ihnen!" dachte der enttuschte Benedict und
schwor ingrimmig, keines Menschen Wort und Mienen mehr zu vertrauen. Er
suchte sich in die ehemalige Gleichgltigkeit hineinzulgen, den Besuchern
mit kalter Hflichkeit und schlauer Berechnung entgegen zu kommen, doch
seine Jugend- und Lebenserinnerungen leisteten ihm bestndig Gesellschaft,
alle Gestalten derselben lebten und wandelten drauen herum, diesen
gegenber mochte er nicht gleichgltig bleiben und wenn er die Eisenbahn
pfeifen hrte, welche glckliche Menschen seiner Heimath zutrug oder an
stillen Sonntagen die Parademusik hrte, weinte er oft Thrnen stiller
Verzweiflung.

Ein unbedachtsamer Hitzkopf war er sonst nie besonders gewesen, aber jetzt
wurde er es, weil er das Feuer, das in ihm zehrte, nicht zu bemeistern
vermochte. Er redete, was er fhlte, ohne sich lange zu besinnen und gar
Manches, was er in ruhigeren Stunden verdammte.

Endlich versank er in einen Zustand stiller Trauer und hoffnungsloser
Schwermuth. Er wrde sich vielleicht aufgehngt haben, wenn das Hngen
nicht ein gar zu gemeiner Tod und der Selbstmord berhaupt kein Akt
tapferer Feigheit wre. Er hatte angefangen, ernster und grndlicher als je
in sich selbst hineinzuschauen und der Ich, welcher aus ihm heraus ihm
selbst entgegengrinste, zeigte eine so schreckliche Gestalt, da der
Benedict nahe daran war, an Gott und an sich selbst zu verzweifeln.

Aus dem Trbsinn ri ihn der wrdige Geistliche.

Er lie sich das ganze Leben des Gefangenen erzhlen, zeigte ihm, was er
gewollt und gethan, anderseits was Gott gewollt und gethan habe und verwies
auf die Trstungen der Religion.

Ein erklrter Feind der Religion, Geistlichen und rechtschaffener Menschen
war Nro. 110 niemals gewesen, kannte die Lehren der katholischen Kirche und
wute, wie tief die Wurzeln liegen, welche dieselbe mindestens noch beim
Volke getrieben. Die uern Gebruche hatte er als Gefangener niemals
vernachliget, aber religis gesinnt konnte er nicht werden unter
Menschen, die Mangel an Religion fr die hchste Tugend erklrten. Ohne da
er es merkte und wollte, bten die Religionssptter doch Einflu auf ihn,
als Betbruder zu gelten, duchte ihm eine Unklugheit und halbe Schande.

Nachdem er in der Zelle genug geflucht, gewthet und sich den Tod
gewnscht, begann er zu beten.

Schule, Kirche, gute religise und andere Schriften machten einen
wohlthtigen Eindruck auf ihn, eine herzhafte Generalbeichte wurde der
Anfang zur Besserung.

Langsam und allmhlig, wie der Benedict hochmthig, leichtsinnig, diebisch
und liederlich geworden, lernte er Demuth kennen und ben, die Snden
zuerst als eine unpraktische Dummheit und dann erst recht als eine
Beleidigung der Majestt Gottes kennen, die Sehnsucht nach irdischen
Gtern, Genssen und Ehren minderte sich, je mehr sich ihm die Gestalten
des Himmels offenbarten und auf dem Pfade zur Vershnung mit sich selbst,
der Welt und Gott ward ihm mannigfache Hlfe.

Hat er nicht einen Briefwechsel mit seinen Geschwistern angefangen, an
welche er lange Jahre nicht geschrieben? Wurden die Antworten nicht eine
reiche Quelle des Trostes und der Ermunterung fr ihn? Erfuhr er nicht
unter andern, der Vater habe noch einige Stunden gelebt und Zeichen der
Verzeihung gegen das Bild an der Wand gemacht, welches den Benedict als
Hobisten darstellte? Schpfte der Unglckliche nicht daraus den Trost, der
Vater habe ihn noch bei Lebzeiten nicht fr seinen absichtlichen Mrder
gehalten?

Am ersten Montage des Septembers 185... wurde Nro. 110 unvermuthet ins
Besuchzimmer abgeholt. Er schrak ganz zusammen und die Kniee zitterten ihm,
als er durch die khlen Gange gefhrt wurde und erinnerte sich, auf diesem
Wege sei er in die Anstalt hereingekommen.

Richtig liegt auch das Besuchzimmer im Vorderbau beim Eingange und der
Gefangene, welcher Besuch empfngt, sieht die Thre, die ins groe
Zuchthaus hinausfhrt.

Das Besuchzimmer des Zellengefngnisses ist so eingerichtet, da der
Gefangene nicht das Mindeste von den Besuchern in Empfang zu nehmen
vermchte, wenn auch gar keine Aussicht vorhanden wre. Die Leute sehen
einander mit Mhe, geschweige da sie sich die Hand zu geben vermchten und
die Stimme ist wohl das Hauptschlichste, woran sie sich gegenseitig
erkennen. Hausordnungswidrig darf sich auch keine Stimme vernehmen lassen,
denn zwischen den bis zur Decke eng verpallisadirten Kfigen der
Besuchenden und des Besuchten steht ein Aufseher, so lange sie zusammen
reden und diese Aufseher sind ausgewhlte, pflichttreue Diener, wie man sie
wohl selten in einer Strafanstalt beisammen trifft.

Fr die bertrieben scheinende und in der That harte Einrichtung des
Besuchzimmers finden wir nur Einen haltbaren Grund: man will die
Angehrigen, Freunde und Bekannten der Zellenbewohner von Besuchen
_abschrecken_.

Dieser Grund ist allerdings haltbar, weil ein Zellenbewohner wahrend seiner
ganzen Haft mehr oder minder in einem empfindsamen, leicht erregbaren
Zustande sich befindet und durch nichts leichter als durch Besuche in eine
gewaltige und manchmal unheilbringende Aufregung versetzt wird.

Wer wei, welchen Eindruck der jetzige Besuch auf den Benedict gemacht
htte, wenn er nicht bereits zum religisen Halt in sich gelangt gewesen
wre!----

Er hat am Besuchzimmer spter nichts ausgesetzt, denn er fhlte sich
unwrdig, den beiden Lieben, welche ihn besuchten, nher zu treten und die
Hand zu reichen und mute sich im ersten Augenblicke an einer Pallisade
halten, um nicht zusammenzubrechen. Standen doch ihm gegenber der lteste
Bruder, der Johannesle, welcher Zeuge der allerersten Arretirung in der
Apotheke gewesen und neben ihm----das Rosele!

Stumm, von seltsamen Gefhlen bewegt, schauten sich diese drei Menschen an,
so gut es mglich war, dann brachen sie in ein lautes Weinen und Schluchzen
aus und endlich begannen sie zu reden, anfangs ohne recht zu wissen was und
wovon. Der Benedict fate noch zuerst Muth und Besinnung und erzhlte ihnen
sehr Trstliches von seinem Zellenleben, was die Beiden ruhig machte.

Wie gro und mannhaft ist der Johannesle geworden und jetzt verheirathet,
wie sehr hat das Rosele gealtert und wie manche Thrne mag ber diese
braunen, gefurchten Wangen geflossen sein! Das Weib des Straenbasche ist
todt, doch der alte Mann lebt noch, sie pflegt ihn und ist ledig geblieben
bis zur Stunde. Der Mensch liebt nur einmal recht in seinem Leben, alles
Spterkommende ist mit Lumperei vermischt!--

Daheim im Drflein hat das Jahr 1848 die rothe Schwitt vollstndig ans
Ruder gebracht und der Willibald ist Obmann des Sicherheitsausschusses
gewesen. Es gab nur Demokraten, welche soffen und schrieen und Einige,
welche in Winkeln herumkrochen, das Maul hielten und erst nach der Ankunft
der Preuen auf die frhern "Maulhelden," um deretwillen doch eine Armee
ins Land rckte und das Pulver nicht sparte, tapfer schimpften. Dafr
wurden diese Brgermeister und Gemeinderthe; nur Einer ging leer aus und
meinte, er htte es eher als Alle verdient. Dieser Eine war der Sohn des
alten, lngst vermoderten Fidele, der Max vom Rindhofe, der Taufpathe der
rothen Schwitt.

Dieser Taugenichts, an welchem brigens ein Heli von Vater, eine dem
positiven Christenthum bereits entfremdete Schule und vor Allem schlechtes
Beispiel Vieles versndiget, hatte die Zukunft der rothen Schwitt als
Anfhrer derselben anticipirt, bevor die Februarrevolution ausbrach und
alle Rothschwittler und Rothschwittlerinnen des Landes zu Ehren brachte.

Den gewhnlichen Weg vom leichtsinnigen Mignger zum genuwthigen
Lumpen, von diesem zum kleinen und allgemach zum groen Verbrecher und
entschiedenen Feinde Gottes und der Menschen durchmachend, lernte Max das
Innere vieler Wirthshuser, Spitler und Gefngnisse kennen und benahm sich
im Heimathdrflein so, da selbst die rgsten Rothschwittler nicht gerne
mehr mit ihm sich abgaben.

Seit den Mrztagen fhrte der Willibald das groe Wort im Drflein, das
sich wie an den meisten Orten in drei Parteien theilte, nmlich in eine
lrmende und herrschende, in eine feigherzig schweigende und unentschlossen
abwartende und endlich in die Windfahnenpartei, welche sich heute zu dieser
morgen zu jener neigte, heute das einige Deutschland und den Groherzog,
morgen die Republik hochleben lie.

Mit Max hielten es nur einige Schnapslumpen und Solche, welche auch bereits
aus Erfahrung wuten, wie Gefngnisuppen und Zuchthausbrod schmecken. Das
Drflein hat whrend der langen Abwesenheit des Benedict traurige
Fortschritte in Liederlichkeit und Verarmung gemacht, trotz den
Anstrengungen derer vom alten Schrot und Korn und der Jungen der schwarzen
Schwitt seinen guten Ruf jhrlich mehr eingebt und ist das Haus des
Brandpeterle nebst einigen andern aus einer Schule der Laster zur
Verbrecherschule geworden.

Was man wenig berlegt und selten gelten lassen will, nmlich die Mitschuld
der Gesellschaft an den Verbrechen der Einzelnen liee sich gelegentlich
dieses Drfleins bis ins Einzelnste nachweisen, mit Namen, Thatsachen und
sogar mit Zahlen belegen und spielte der Name eines Pfarrverwesers der
Nachbarschaft dabei leider eine ebenso erhebliche als unlugbare Rolle. Wir
knnen uns hier nicht nher darauf einlassen und melden zunchst nur, da
die Lumpen und Schlechten begreiflicherweise der Gesellschaft und dem
Staate nicht einige Mitschuld, sondern bertreibend die Hauptschuld an
ihren Lumpereien, schlechten Streichen und Verbrechen aufbrdeten und beim
Ausbruche des Lrmes freudenroth und blutigroth schillerten und redeten,
weil sie vermeinten, nunmehr sei das goldene Zeitalter der "Brger" Schurk
und Compagnie vor der Thre und bereit waren, Alles zu thun, was ihren
alten Gegnern zuwider und arg und ihren Wnschen entsprechend war.

Doch der Willibald trat sogleich an die Spitze der Liberalen, die in einer
Woche zu vollbltigen "Demokratern" wurden und statt mit dem Max und dessen
engern Freundeskreis zu fraternisiren, warf man ihm die bittere Wahrheit
haufenweise ins Gesicht und durfte in Gegenwart der alten Freunde kaum ein
Glslein im Hirzen trinken, ohne in Gefahr und wegen seines bsen Maules
manchmal in den Fall zu gerathen, eine unfreiwillige Reise durch die Luft
zu machen. Der Max, darob erbost, liebugelte einige Zeit mit den alten
Freunden seines Vaters, welche aus ruhigen Brgern zu heillosen
"Aristokraten" geworden. Diese machten es ihm gerade wie die Windfahnen;
sie scheuten sich, ihm und seiner Sippschaft offen entgegenzutreten und
lieen sich nur durch die Unverschmtheit, mit welcher er Jeden mit "Du"
und "Brger" anredete, in die Huser eindrang und schmarotzte, zuweilen
bewegen, ihm nicht mit schweigender Verachtung zu begegnen, sondern gleich
den Demokratern mit Dreschflegeln zu winken.

Kurz und gut, der redegewandte Max mit den Seinigen gelangte zu keinem
Einflu, fand Alle gegen sich und schimpfte heidenmig auf Alle. Als im
Sptjahr 1848 die Nachricht kam, wie Struve im Interesse der Freiheit,
Bildung und des Wohlstandes _Aller_ im Oberland die _Einzelnen_
traktire, Beamte in Ketten schlage, ganzen Drfern mit Brand und Mord
drohe, Einzelne fange, Gelder des Staates einskle und zahmgewordenen
Kammerlwen mit dem Sarras winke, um sie zu patriotischen Liebesgaben an
die soziale Republik aufzumuntern, da schwoll dem Max das Herz in
freudigbanger Erwartung, seine Sippe steckte die Kpfe zusammen, die
Demokrater kratzten hinter den Ohren, die Aristokrater lieen schwere
Seufzer fahren und gruben Nachts Lcher im Keller, die Windfahnen
vertilgten mehr Wein, Bier und Schnaps als je, um beim etwaigen Einzuge des
"Statthalters und der Statthalterin" dauerhafte Gurgeln zum
Vivathochschreien zu haben.

Leider machte ein regnischer Sonntag im September den frhlingshaften
Ahnungen der Rothen, Rthern und Rthesten des Lndleins durch die
"Schlacht" bei Staufen ein Ende und als der Max gar erfuhr, da Struve in
der Nacht mit der Eisenbahn als Gefangener durch die erste Provinz seines
Reiches gesaust, da rief er in tiefem Schmerz:

"Mit Deutschlands Einheit ist's Mathi am Letzten. Das Parlament lt nicht
hngen und kpfen, der deutsche Michel lt seine besten Mnner besiegen,
die Elssser halten uns mit ihren Pralereien zum Narren, rchen wir uns an
der schwarzen Schwitt, denn diese trgt an allem Schuld!"----

Gesagt, gethan. Er stand mit einigen Kameraden dem Willibald als einem
Abtrnnigen und "Aristokrater" auf den Weg, sie schlugen denselben halbtodt
und nahmen sich das Trinkgeld dafr aus seiner Tasche. Schon einige Stunden
spter saen Alle im Amtsthurme, doch der Rdelsfhrer frhlich und guter
Dinge, denn erstens war die Kerkerkost besser als in friedlichen Zeiten,
zweitens hegte er keinen Zweifel als politischer Verbrecher behandelt,
beurtheilt und, amnestirt zu werden und drittens dann als politischer
Mrtyrer etwas eintrglichere Geschfte als bisher machen zu knnen.

Die Untersuchung whrte sehr lange; die Richter empfanden damals groe
Scheu, irgend einem Sohne des souvernen Volkes Unrecht anzuthun und
beliebugelten das Individuum im Spiegel der Allgemeinheit. Doch nach der
Mairevolution erwachte der alte Heldenmuth und eine niegesehene Rhrigkeit
im Verurtheilen und der Max spazirte als Ruber dahin, wohin er gehrte.

"Er hat's noch nicht abgesessen und lebt unter Einem Dache mit Dir!" schlo
der Johannesle; siedendhei fuhr es dem Benedict durch die Glieder, denn
der alte Schwarzschwittler regte sich in ihm und konnte es nicht lassen,
mit dem Haupte der rothen Schwitt am gleichen Ziel angekommen zu sein und
unter Einem Dache zu leben.--

Nach vielen Herzkfern und Schulkameraden, deren Stolz und Freude er
dereinst gewesen, wagte er gar nicht zu fragen, denn der Johannesle besa
keinen Funken jenes Taktes, mit welchem Besucher mit Zellengefangenen reden
mssen, wenn sie denselben keine schweren Stunden und schlaflose Nchte
bereiten wollen und das Rosele war etwas schweigsam und kurz.

"Hab' oft fr Dich gebetet, Benedict und will fr Dich jetzt tglich in die
Frhmesse gehen. Was ich nicht ber Dich vermochte, vermag am Ende dieses
wunderliche Haus noch am besten!--Sei getrost, der alte Herrgott lebt noch
und wei, was fr Dich gut ist und die groen Herren sind besser als die
kleinen. Betrbe Dich nicht zu sehr, weil Du da sitzest, denn daheim und im
Lande sieht es so aus und geht es so zu, da auch ordentliche Leute
manchmal fast froh wren, hier oder doch tausend Stunden vom Rhein weg zu
sein und Maxes alte Kameraden erzhlen genug, wie man im Zuchthaus
ungeschorener und besser lebe als in der Freiheit!"--

"Viele, die selbst mitmachten, sind jetzt die rgsten Anzeiger und
Leuteschinder; wenn man's sieht, wie das Land ausgefressen und ausgesogen,
dem Armen das letzte Leintuch unter dem Leibe weggerissen wird, weil der
"Vollstrecker" oder der Staat Geld braucht und wie nirgends Zutrauen und
Verdienst zurckkehren wollen, da wunderts Einen nicht, wehalb Tausende
jetzt auswandern nach Amerika. Am Ende kommst Du auch noch hinein,
Benedict, denn seitdem die Gemeinden und der Staat Solche, die im Zuchthaus
gewesen wegen Stehlen und Rauben, mit den Politischen nach Amerika
spediren, geht das Gerede, alle Zuchthuser wrden allgemach geleert und
der Befehlshaber von Amerika habe herausgeschrieben, man solle ihm doch
alle Arrestanten schicken, weil es an Hnden fehle zum--Arbeiten!"

Benedict schttelte etwas unglubig den Kopf und meinte:

"Fr mich gibts keine irdische Hoffnung mehr!--Ich habe schon an Dir,
Rosele, mein Loos verdient, weil ich Deine einst so treue Liebe so
miachtete und mihandelte!--Ich mchte nicht einmal wieder unter die
Menschen, denn was habe ich zu erwarten? Gutes wenig, sei es im Badischen
oder in Amerika. Lebewohl, Liebe, bete fr mich und denke, da ich endlich
doch hier ein anderer Mensch werde!"

Rosele fuhr mit der Schrze ber die Augen, winkte dem Unglcklichen noch
einmal mit der Hand und wandte sich nach der Thre, whrend Johannes einen
Besuch im nchsten Jahr nach der Erndte versprach, falls diese gut ausfalle
und ziemlich khl Behtegott sagte.

Der Benedict hat sich eine Minute an den Pallisaden gehalten, als die
Beiden gingen, hat gezittert und sich schier die Lippen wund gebissen, um
nicht laut aufzuschreien. Doch ist er seiner selbst Meister geworden und
still in seine Zelle zurckgekehrt, wo er auf die Kniee fiel und Gott ein
heiliges Gelbde machte.

Seitdem ist er allgemach zu einem rechten Christenmenschen geworden, hat
tief in sich hineingeschaut wie selten Einer und ernsthaft an seiner innern
Luterung gearbeitet, so da er nunmehr alle Leiden um Christi willen
freudig trgt.

Und wenn heute der herzensgute Fidele vom Grabe auferstnde und seinen
Einzigen im grauen Kittel in der Zelle she, so wrde sein Schmerz durch
die Freude berwogen, in diesem zwar einen Verbrecher, aber einen
_gebesserten_ Verbrecher zu finden.

Der Max vom Rindhofe hat in der Zelle auch Gelegenheit erhalten, ber sich
selbst lange und ernstlich nachzudenken und sich selbst grndlich kennen zu
lernen. Selbsterkenntni aber ist und bleibt der Anfang aller Weisheit.
Knnte man alle Menschen gleich den Zellenbewohnern zum Nachdenken
_zwingen_--die Erde hrte auf, ein groes Zuchthaus zu sein und der
Streit, ob man Mitmenschen pennsylvanisch, auburnisch oder nach der alten
Methode drangsaliren msse, damit die Gesellschaft sicher sei, wrde als
Kennzeichen einer rohen und barbarischen Zeit betrauert werden.


       *       *       *       *       *




#AUS DEN BRIEFEN DES SPANIOLEN.#


       *       *       *       *       *




#VORBERICHT.#


Der Spaniol ist ein alter Bekannter aus dem ersten Theil und hat vielleicht
mancher Leser schon zu erfahren gewnscht, wer und woher er wohl und wie es
ihm bisher ergangen sein mge. Einerseits Revolutionr als Grundsatz,
gehrt er anderseits schon vermge seiner hhern Ausbildung und gewaltig
hohen Verbildung den hhern Volksklassen an.

So unrichtig es wre, denselben als eine erdichtete Person zu betrachten,
so sehr bitten wir auch, in ihm den Ausdruck einer groen Klasse von
Menschen zu sehen, welche mehr oder minder bewut und weitgehend dem
Spaniolenthum huldigen. Seine Geschichte ist eine lange, lehrreiche und
traurige. Statt ihrer geben wir nur Auszge und dazu noch
_umgearbeitete_ Auszge aus Briefen des Helden.

Warum?

_Erstens_ erfordert eine _lange_ Geschichte viel Druckpapier,
noch mehr Schreibseligkeit und am meisten Geduld beim Leser. Der Herr
Verleger besitzt zweifelsohne Papier genug, aber die Zuchthausgeschichten
sind schon ihrem Inhalte nach etwas dick und sollen mindestens der Form
nach nicht allzudick werden, damit sie sich leichter Platz machen in der
elenden Zeit. Ferner hat mglicherweise schon Mancher gedacht, der
Verfasser msse ein recht schreibseliger Mensch sein, zumal er sich
zuweilen wiederholt, allein Ein Beweis vom Gegentheil wird durch groartige
Beschneidung der Geschichte des Spaniolen geliefert und manche Wiederholung
mit der Furcht entschuldigt, da der Leser diese Schrift als eine
vorzugsweise fr Unterhaltung berechnete ansehe, mit der Erfahrung, da
Kopfzerbrechen und Nachdenken keine Lieblingsleidenschaft des Publikums
sei, mit der Gewiheit, da man gewisse Dinge nicht oft genug sagen knne
und vor Allem mit Vertrauen auf die berhmte deutsche Tugend der Geduld.

_Zweitens_wre die Darstellung der innern Entwicklung und uern
Schicksale des Spaniolen sehr lehrreich und wohl auch unterhaltend, allein
der genauem Verffentlichung stehen grere Bedenken entgegen als bei allen
brigen in dieser Schrift vorkommenden Geschichten. Da wir es dadurch mit
Rezensenten, Schn-, Schwarm- und Rottengeistern der Gelehrtenrepublik, ja
mindestens mit drei Viertheilen der Welt verdrben, wre noch leicht zu
verdauen. Wir fragen so wenig nach allen Interessen unserer Person als nur
immer mglich und weil es auf dem unvermeidlichen Totenbette doch Eins ist,
ob man sein Lebenlang Champagner oder Batzenvierer getrunken,
Havannahcigarren oder Pflzerkneller geraucht und auf Eiderdunen oder auf
einem Spreuersack Nachts schnarchte, so wrden wir uns nicht einmal
sonderlich grmen, wenn man uns eines schnen Tages zum zweitenmal, aber
diemal um einer _guten heiligen_ Sache willen an der Cravatte packte;
wenn diese dadurch gefrdert wrde, knnte die winzige Person darob ganz
frhlich zu Grunde gehen.

Allein nicht unsere Person, sondern die des Spaniolen mssen wir
verschleiern und diese auch weniger um ihretwillen, sondern wegen anderer
Leute. Wir mten nolens volens Vieles dichten, drften Namen von Orten und
Personen, Zahlen und manche Thatsachen nicht laut werden lassen, ohne
Ansto und Schaden zu verursachen und mten dieselben doch laut werden
lassen, um gehrige Lichtfunken in die dunkle Geburtssttte des
Spaniolenthums zu werfen. Solcher Widerspruch ist schwer zu lsen.

Dagegen bietet die Geschichte unseres Helden Anknpfungspunkte und
Thatsachen in Menge, um mindestens nachzuweisen, wie weit die
Entchristlichung aller ffentlichen und gesellschaftlichen Zustnde, die
Protestantisirung des katholischen Volkes gedieh und wie namentlich das
katholische Erziehungswesen kaum Spuren von christlichem geschweige
kirchlichem Geiste an sich trug in einer Zeit--welche in manchen Gegenden
noch nicht zur Vergangenheit geworden. Gegenwrtig, wo es Tausenden
einleuchtet, wohin die Entchristlichung der Vlker und die
Protestantisirung katholischer Christen fhre und wo aus den Denkschriften
der Oberhirten der oberrheinischen Kirchenprovinz ein Wchterruf des
Himmels an smmtliche Dusler unter dem Monde erklingt, da wird es Pflicht,
alle Kraft aufzubieten, um einer bessern Zukunft eine Gasse machen zu
helfen.

Die Geschichte des Spaniolen enthlt Thatsachen genug dafr, wie es lange
Jahre namenlich mit dem _Erziehungswesen_ in einem Lande aussah, von
dessen Bewohnern zwei Drittheile katholisch getauft worden. Wir whlen
diejenigen heraus, fr welche wir im Nothfalle einstehen knnen, sei es,
da wir mit Andern Aehnliches oder ganz Gleiches erlebten oder Beweise
beizubringen vermgen. Erkenntni der Fehler ist der Anfang zum
Besserwerden. Nebenbei soll Anderes, wenn auch nur flchtig berhrt werden,
was darauf hinzielt, dem Staate und der Kirche mindestens mit gutem Willen
beizuspringen und wenn dieser oder jener Punkt katholisch getaufte
Museumslazzaroni, Gnsekielimperatoren, Sbelbedienstete, Volksbildner und
Kleinbubenprofessoren, Kammerzeuse und andere Giganten der Aufklrung und
Bildung rgert oder in gelinde Wuth versetzt, so wissen wir keinen bessern
Rath, als da diese Herren das Buch mit fachgemer Entrstung an die Wand
werfen, den Spaniolen fr einen pechschwarzen Demokraten und seinen
Briefsteller fr alles Mgliche halten, was ihnen just einfllt und
beliebt.

Heilsamen Verdru unter Namenchristen zu erregen, halten wir fr groes
Verdienst.

_Drittens_ endlich ist die Geschichte des Spaniolen eine sehr
_traurige_. Nun kann man zwar dem Schmerz eine Schellenkappe aufsetzen
und in Trauermusik recht freundliche und lustige Stellen einflechten, zudem
hat der Held ber seine eigene Geschichte genug gelacht und es dauerte
gewaltig lange, bis er zur Einsicht kam, seine Geschichte sei Eine zum
Weinen--doch es gibt Schmerzen und Musiken, die sich mit Schellenkappen
nicht vertragen und wo aus dem lustigen Aufjauchzen das tiefe innere Wehe
nur noch herber heraustnt und der Spaniol ist ein ernster Christenmensch
geworden, der nur mit einer ernsten Lebensbeschreibung zufrieden sein
knnte. Damit nun vorliegende Briefe und der Schlu der
Zuchthausgeschichten nicht gar zu traurig ausfallen, sind dieselben aus der
Zeit genommen, wo der Held derselben nicht mehr in der Zelle zu B. und
nicht mehr in dem engen, schwlen Kerker unglubigen Aberglaubens seufzte,
sondern wiederum den Wanderstab ergriffen hatte und wenn nicht im Himmel
des Kinderglaubens, doch im Vorparadiese eines durch Nachdenken und Gebet
neuerrungenen Glaubens an Christum den Gottessohn und die
menschheiterlsende Mission der Weltkirche Jesu Christi weilte. Was den
Inhalt der Briefe betrifft, so verhalten wir uns zu denselben wie ein guter
Rathsherr zu den Ansichten seines Brgermeisters. Wir nicken abwechselnd Ja
und rufen: Einverstanden!

       *       *       *       *       *

#I.#

       *       *       *       *       *

--Es ist ein sonderbares Gefhl, wenn man eine lange Reihe von Monden
keinen Schritt ohne Ordre und Wchter thun darf, eingezwngt in den
eintnigen Gang einer unerbittlichen Hausordnung und in den kleinen Raum
von 8 Schritten Lnge und 4 Schritten Breite, welchen eine Zelle einnimmt.
Freilich gewhnt sich der Mensch daran, eine Art Maschine zu werden und das
eigene Wollen mehr oder minder aufzugeben; die anfangs beengende Zelle
erweitert sich allmhlig und wird aus einem den Behlter zum freundlichen
Stbchen, in welchem man sehr glckliche Stunden zu leben vermag--doch wie
viele dstere und wildbewegte Tage, wie viele bange und verzweiflungsvolle
Nchte mu man durchleben, bis es so weit kommt, einen Schimmer uern
Glckes zu genieen! Wie Alpdruck lastet die Einsamkeit auf dem Gemthe und
erdrckt jede frohe Regung in den ersten Monden der Haft. Spter kommt das
Nachsinnen und Nachbrten, die Zelle bevlkert sich mit alten Gestalten der
Vergangenheit, sie weisen die Schuld unserer Leiden von sich ab und auf uns
selbst, der Teufel und der Engel in uns beginnen ihre geheimnivolle
Zwiesprache und diese Zwiesprache steigert sich zum folternden,
herzzerreienden Streit und verzweiflungsvollen Kampfe. Unentschieden wogte
in mir der Kampf und Streit, erst am Ende des zweiten Jahres wurden die
Stunden seltener, in denen der Bse mir grliche Gedanken, finstere
Entschlsse, blutige Hoffnungen in die Ohren flsterte und ich tagelang der
Gesellschaft Jenes mich erfreute, der Allen Alles werden kann und soll und
im Grunde der einzige wahre Freund bleibt, welchen der Mensch auf dieser
Welt zu erwerben vermag.

Wo Er weilt, herrscht Friede und Seligkeit, wo Er fehlt, Unruhe und Qual.
Dies ist in allen Menschenwohnungen der Fall, doch der Zellengefangene
empfindet es lebhafter als jeder Andere, weil ihm die zahllosen
Zerstreuungen fehlen, durch welche die Freien das bange Herz in se
Gedankenlosigkeit einwiegen.

Die Freien, welche Ironie!--Die uere Freiheit bleibt fr den Herrn des
grten Thrones und fr den Brger der freiesten Republik leerer Schein,
hohle Redensart, wo die innere fehlt. Es gab und gibt wohl noch Knige,
abhngiger und elender als der verlassenste Bettler ihres Reiches, und
Gefangene, freier und glcklicher als die Gesetzgeber des freiesten
Staates. Innere Freiheit ist die Quelle der uern. Ein Volk, unter welchem
viele innerlich Freie sich befinden, kann keine schlechte Regierung haben
und von vornherein niemals in die scheinbare oder wirkliche Notwendigkeit
versetzt werden, sich gegen dieselbe aufzulehnen und zu empren.
Revolutionen sind Zeugnisse fr tiefgehende Krankheiten der Vlker und
Folgen unbehaglicher Zustnde, welche durch die Krankheiten ins Leben
gerufen wurden.

Und krank, sterbenskrank ist unsere Zeit; sie liegt darnieder am Mangel an
innerer Freiheit, nher am Mangel an positiver Religion und am Ueberflusse
an einem Heidenthum, das weit rger ist als das alte, weil man es kein
unbewutes und argloses nennen darf. Es strebt den ganzen Organismus des
Staatslebens und der Gesellschaft zu vergiften und htte denselben seit 300
Jahren schon mehr als dreimal vergiftet und ertdtet, wenn nicht die Kirche
gegen alle Angriffe und Verfolgungen kirchlicher und politischer
Revolutionen Stand gehalten htte.

Doch--ich gerathe wieder auf Dinge, von welchen ich mindestens diesmal
nicht reden wollte. Es ergeht mir wie alten Soldaten und den meisten
Fachmenschen, welche jahraus jahrein von ihren Feldzgen und Geschften
reden und unwillkrlich immer wieder darauf gerathen, ob sie wollen oder
nicht. Sollte ich mich entschuldigen, so wte ich nichts anzufhren, als
da ich eben leider ein entschiedener und im Kampfe nicht unerfahrener
Soldat des Heidenthums gewesen und dadurch zum Verbrecher geworden bin.

Mein Herz zittert, sobald ich lnger bei diesen Erinnerungen verweile. Sie
liegen hinter mir als ein langer, banger Fiebertraum voll von grlichen
Gestalten, drohenden Gefahren und niederschmetternden Erinnerungen. Ich
wei, da du mir verzeihest und Dank weit, wenn ich spter ber die
Nachtseiten meines Lebens rasch hinwegeile. Es geschieht nicht, weil ich
mich des Bekenntnisses, sondern weil ich mich meiner Verirrungen und Snden
schme--mich selbst verachten und Gottes Barmherzigkeit anstaunen mu, der
einen Unhold meiner Art zu sich rufen und aus einer Art moralischem
Ungeheuer, dessen grte Tugend im Stolze auf seine Ungeheuerlichkeit
bestand, wiederum zu einem Menschen, zu einem Christen werden lie. Er
wrde es wohl nicht gethan und als gerechter Gott mich den Folgen meiner
Unthaten berlassen haben, wenn nicht Er am besten gewut htte, da
weniger Selbstsucht als verwundete und verkehrte Liebe fr meine
Mitmenschen und nicht Bosheit, sondern frhgenhrte Eitelkeit des Herzens
mich auf einem Wege forttrieben, auf welchen ich mich nicht selbst brachte,
sondern als Kind darauf gebracht wurde.

--Ja, einen groen Theil meiner Schuld schiebe ich keineswegs mit dem
hflichen Dichter den Gestirnen zu, sondern mu und darf meine Eltern,
Lehrer und die Gesellschaft berhaupt dafr verantwortlich machen. Dabei
vergesse ich nicht, da Eltern unter allen Umstnden Eltern bleiben und da
die meinigen hinsichtlich ihrer natrlichen Gaben und thtigen Liebe fr
uns Kinder vortreffliche Menschen waren. Ich mu dieselben mit mir beklagen
und nicht minder meine Lehrer, welche als Shne und Trger der Bildung
einer dem positiven Christenthum abholden und feindseligen Zeit eben auch
zu dem gemacht worden waren, was sie aus mir und meinen Mitschlern
machten: _Namenkatholiken, Unchristen, Heiden._

Man sollte vermeinen, Eltern und Lehrer in christlichen Staaten erachteten
es fr die erste Pflicht, junge Seelen Christum kennen und lieben zu
lehren, die Glaubensstze und Gebruche der Kirche so grndlich als mglich
zu erklren und denselben handelnde Christen in ihrer Person zu zeigen.
Solch heilige Pflicht wre nicht allzuschwer zu erfllen. Das Kind fat
Christum, weil sein Gemth reine Liebe begreift und die natrliche Liebe,
welche es fr seine Ernhrer und Lehrer empfindet, bildet die
Uebergangsbrcke der bernatrlichen Liebe zum Himmlischen und Gttlichen.
Ferner wren dogmatische Auseinandersetzungen fr Kinder zwar unntz, denn
das Kind zweifelt nicht, sondern glaubt und vertraut und der erstarkende
Verstand entwickelt mit der Zeit aus dem lebendigen Glauben an den
Gottessohn alle Glaubensstze als bloe Folgerungen aus jenem Glauben von
selbst, doch eine oft wiederholte Erklrung aller Gebruche der Kirche, in
deren kleinsten eine unendlich tiefe Bedeutung liegt, sollte eben so sehr
zur Obliegenheit der Eltern als der Lehrer werden. Endlich sind die meisten
Erzhlungen vom Leben der einzigchten Helden der Menschheit, der Helden
des sittlichen Willens, nmlich der Heiligen fr jedes Kinderherz so
verstndlich, anziehend und rhrend, da in keinem Hause eine
Legendensammlung fehlen und nirgends dieselbe bestubt in einem Winkel
liegen sollte. Zuletzt liegt in der Befolgung der Vorschriften unserer
Religion der chte Stein der Weisen, das Geheimni des zeitlichen und
ewigen Glckes und wenn Eltern und Lehrer nicht einmal an ihre Kinder und
Schler, sondern nur an sich selbst und ihren handgreiflichen Nutzen, nicht
an das Jenseits, sondern nur an den Augenblick und das Irdische dchten,
wrden sie darnach _streben_, ihren Kindern handelnde Christenmenschen
zu zeigen, durch eigenes Beispiel zur Nachahmung reizen und an das Gute
gewhnen.

Zu all diesem gehrt keine besondere Gelehrsamkeit, es kostet nicht viele
Zeit und wrde eher zu Ersparnissen als zu Ausgaben verhelfen.

Allein wie sieht es in protestantischen und katholischen Familien und
Schulen mit der Pflege des Christenthums aus?

Gibst du nur den einzigen Satz zu, da ein Christenthum ohne einen
Gottessohn ein leeres Gerede sei, hinter welchem sich ein mit christlich
klingenden Redensarten verbrmtes Heidenthum breit macht, so wird den Satz
Niemand umstoen knnen, da bei weitem in den meisten Husern und
Schulstuben das heranwachsende Geschlecht zu Heiden statt zu Christen und
weit eher fr Wirthshuser, Spitler, Irrenanstalten und Gefngnisse denn
fr ein glckliches Familienleben, weil fr die Kirche und den Himmel
herangezogen werde.

Ich bin ein trauriges Beispiel dafr geworden. So wenig meine Erziehung in
Haus und Schule einigen Antheil am Verdienste meiner Rckkehr zum Glauben
besitzt, ebensowenig verhindert sie bei vielen Tausenden, da diese werden,
was aus mir, dem Liebling der Eltern und Lehrer, geworden.

Piett verbietet mir, meine leiblichen Eltern von einer ungnstigen Seite
zu schildern. Kinder ihrer Zeit und Opfer der Weisheit der Zeit, trug
Alles, was angeborne Herzensgte des Vaters und Sanftmuth der Mutter,
gnstige Lebensverhltnisse und erfahrne Weltklugheit bei ihnen vermochten,
nicht genug zu einem dauerhaften huslichen Glcke, wenig zum Gedeihen der
menschlichen Gesellschaft und noch weniger dazu bei, denselben in der
Todesstunde Trost und in den Augen Gottes besonderes Ansehen zu
verschaffen. Und meine Eltern gehrten nicht nur zu den angesehensten und
gebildetsten, sondern in der That zu den edelsten Persnlichkeiten meiner
Vaterstadt, wie meine Lehrer zu den kenntnivollsten und besten des Landes.

Der Vater war Arzt; ein religis gesinnter Arzt ist wohl heute noch so
selten denn ein glubiger Jurist, ein frommer Lieutenant oder ein
gottbegeisterter Handlungsreisender. Er besuchte die Kirche nur am
Geburtsfeste des Landesherrn und galt als feiner, aufgeklrter Kopf, der
wenig redete und mindestens vor uns Kindern niemals gegen die Religion und
selten genen [gegen] diesen oder jenen Geistlichen zu Felde zog. Er
berlie das Beten, Kirchengehen und die religise Erziehung seiner Kinder
der Mutter und den Lehrern. Diese glaubte aufrichtig an einen _Gott_,
aber weder an den Jehova des alten noch an den dreieinigen des neuen
Bundes, sondern an den Gott innerhalb der Grenzen der Vernunft, an den des
Zeitgeistes, der seine Bibel in den "Stunden der Andacht" gefunden. Er
spielt in der Geschichte unseres Geschlechtes und im Leben des einzelnen
Menschen genau dieselbe Rolle, wie ein gutherziger Onkel oder schwacher
Vater irgend eines Theaterstckes, worin ein leichtsinniger Sohn oder Neffe
einen dummen und schlechten Streich nach dem andern macht, den guten Alten
auf jede beliebige Weise rgert und qult und am Ende von allerlei Noth
getrieben liebend und vertrauend in die stets ausgebreiteten Arme des
Gerhrten sinkt.

Man knnte diesen Gott den absoluten Heli nennen, der so oft vom Stuhle
fllt und stirbt als es dem Menschen beliebt gegen den Willen desselben zu
handeln.

Meine Mutter glaubte auch an _Christum_ und wrde Strauens mythische
Nebelgestalt oder gar Daumers Menschenfresser mit Abscheu zurckgewiesen
haben--aber _ihr_ Christus war nur ein liebenswrdiger, groer
Wohlthter des Menschengeschlechts, den die gottlosen Juden peinigten und
kreuzigten, weil eben Juden nichts von Weisheit, sondern nur das Geldzhlen
und Dukatenbeschneiden verstanden und schon damals Jeden der Ihrigen
verfolgten, der fr die benachbarten Gojims ein zu lautes Wort einlegte.
Da das Menschengeschlecht wegen des unschuldigen Apfelbisses in Ungnade
gefallen, blieb ihr so unbegreiflich als die Nothwendigkeit, da sich ein
Schuldloser fr das Menschengeschlecht mit Erfolg opferte.

Der Gedanke, da Gottes eigener Sohn auf dieses armselige, winzige
Erdenpnktlein herabgestiegen sei, um sich zum Schlusse eines armseligen
und verfolgten Lebens als ohnmchtiger Mensch kreuzigen zu lassen, erschien
ihr bald lcherlich bald emprend, je nachdem sie gerade gestimmt war. Es
lt sich begreifen, da von einem _heiligen Geist_, der einst als
einfltige Taube am Jordan herumgeflogen, bei meiner Mutter so wenig die
Rede sein konnte als von der wahrhaften, wirklichen und wesentlichen
Gegenwart Christi im heiligen Abendmahl. Sie fand wohl Geist in den
Gedichten Schillers und Anderer, am wenigsten aber in geistlosen
Catechismen und das heilige Abendmahl galt ihr als eine Art von Zweckessen,
als Erinnerungsfeier an einen tchtigen Volksmann. Natrlich vermochte sie
in der katholischen Kirche, der sie mit Leib und Seele anzugehren
vermeinte, weder eine vom heiligen Geist geleitete gttliche Einrichtung
noch den fortgesetzten Christus zu erblicken. Die Kirche galt ihr einfach
als menschliche, politisch ntzliche und kluge Einrichtung und an die
Stellvertretung Gottes im Priesterstand glaubte sie um so weniger, je mehr
Bcher ber die Gruel des Mittelalters sie verschlang und je mehr
Erzhlungen vom starkmenschlichen Wandel vieler Geistlichen im Schwange
gingen.

Sie betete und ging zur Kirche sowohl aus Bedrfni als aus Gewohnheit. Das
Bedrfni war genau dasselbe, welches jeden geistig Gesunden ohne
Unterschied des Glaubens zum Beten und zur Verehrung eines hchsten Wesens
antreibt und ber die Grnde ihrer Gewohnheit reiflich nachzudenken, dazu
mangelte Anla, Lust und Zeit oder Alles zugleich. Aber--hrte sie am
Sonntage nicht _positives_ Christenthum von der Kanzel herab
verkndigen? Wurden nicht katholische Handlungen vor ihren Augen fast
tglich vorgenommen? Mit dem Predigen des positiven Christenthums war es in
einer Zeit, wo noch kein Hirscher und Andere den tiefen und innigen
Zusammenhang zwischen Dogmatik und Moral auseinandergesetzt hatten, bei der
Bevlkerung mancher Pfarrei bel bestellt. Auch in unserer Stadt gab es
Geistliche, welche Alles, nur kein _positives_ Christenthum von der
Kanzel herab verkndigten. Einzelne predigten im Laufe vieler Jahre
immerhin zuweilen auch Glaubenslehren und meine Mutter wute den
Catechismus besser auswendig als ich, denn sie hrte den Kindern manchen
Morgen nach dem Frhstck noch geschwind die Lektion des
Religionsunterrichtes ab. Allein es stand vollkommmen [vollkommen] im
Einklange mit ihren Grundanschauungen, da sie die Glaubenslehren der
katholischen Kirche nur als todte Gedchtnisache inne hatte und den
Unterschied zwischen Katholiken, Protestanten und wohl auch den Juden als
Etwas betrachtete, was honetten und _gebildeten Leuten_ unwesentlich,
zufllig und gleichgltig erscheinen msse.

Als ob es eine doppelte Wahrheit geben knne, unterschied sie nmlich eine
Religion fr Gebildete, welche ber allen mittelalterlichen Aberglauben
hinaus sein sollten und eine Religion fr das gemeine Volk, dessen
Leidenschaften durch die zwei grten Beweger des menschlichen Herzens:
Furcht und Hoffnung, nher durch die Angst vor Hlle und Fegfeuer und die
Aussicht auf die Freuden des Himmels in Schach gehalten werden mten. Nach
ihrer Meinung machten alle Geistlichen insgeheim und in Gegenwart von
Honoratioren denselben Unterschied, schwiegen jedoch aus Klugheit auf der
Kanzel davon, weil ja gemeines Volk und Gebildete in Einer Kirche saen.
Ersteres mute glubig erhalten werden, die Honoratioren wuten schon,
woran sie mit dem Geistlichen waren und whlten aus dem Vortrage heraus,
was ihren Ansichten entsprach und ihrer Person gerade mundete.

Meine Mutter war eine gute, gescheide Frau, hielt sich ganz ehrlich fr
eine vortreffliche Katholikin und wurde in der ganzen Stadt dafr gehalten,
weil eben in der ganzen Stadt das ewige Evangelium durch das Evangelium der
Zeit, der Katholizismus durch den Protestantismus thatschlich verdrngt
worden war.

Ob es heutzutage schon um Vieles hierin besser geworden, wei ich nicht.
Ich wei nur, da die Missionen keine fruchtlose Sache, die Jesuiten
vortreffliche Prediger sind und da der Zug der angsterfllten Zeit bei den
Bessern ein lebendiges Wechselverhltni zwischen Gott und Mensch verlangt,
welches nur durch die positive Religion vermittelt wird.

Aus dem Vorhergehenden ist dir nun sicher klar, da meine und meiner
Geschwister frheste religise Erziehung uns mit einer fr das Leben
unfruchtbaren Ehrfurcht vor dem Schpfer Himmels und der Erde, mit einer
nur sinnlichen Liebe fr das hbsche Jesuskindlein, mit dem Geiste der Zeit
und mit Gleichgltigkeit und frhzeitig genug mit Mitrauen gegen unsere
Kirche erfllte.

Es wre gut, versuchte Einer einmal die Schilderung des Lebens in einer
honetten und gebildeten Familie, deren Mitglieder gleich uns dem
Zeitevangelium huldigten und einer nicht minder honetten und gebildeten
Familie, welche Jesum Christum kennt und liebt und in der katholischen
Kirche ihn sinnlich schaut. Meine berreiche Erfahrung bte ihm Stoff
genug, um alle Dichtung entbehren zu knnen und das Schriftlein wrde
vielleicht Einiges beitragen, die groe und gefhrliche Lge der Zeit, als
ob positive Religion keinen positiven Einflu auf das Handeln ausbe und
dehalb fr das Leben gleichgltig sei, todtschlagen zu helfen. Der
Katholizismus hat auf den Trmmern der Rmerwelt eine neue und bessere Welt
erbaut, aus Barbaren Menschen und aus Brgern Christen gemacht und wie oder
warum oder wann sollte diese weltumgestaltende Religion allen Einflu auf
das Leben eingebt haben? Freilich sind durch zahllose Bcher und
zeitgeme Staatsschulden Millionen Katholiken zu inwendigen Protestanten
geworden und der Glaube der meisten Protestanten ist von dem der gebildeten
Griechen und Rmer oder auch der naturwchsigen Germanen nicht sonderlich
verschieden--aber ist _dieser_ Glaube Christenthum? Klingt es nicht
wie baarer Unsinn, wenn Heiden uns belehren wollen, das Christenthum be
keinen Einflu auf _ihr_ Handeln und Leben aus?--

Doch ich schweife bereits wieder ab.

Was das Haus bel macht, soll zunchst von der _Volksschule_
verbessert werden. Wir Kinder wurden daheim zu Helden gemacht; wenn es
nicht der Fall gewesen wre, so wrde die von mir besuchte Volksschule ganz
dasselbe bewirkt haben.

Ein gescheidter Mann hat einmal geschrieben. "Katholische Jugend in die
Hnde eines Lehrers geben, der nicht aufrichtig katholisch ist, ist fast
ebenso thricht als den Katholiken in ihrer Kirche durch einen reformirten
Geistlichen oder den Juden durch einen Bischof predigen lassen." Keine
Behauptung ist einleuchtender als diese. Aber wie stand es mit den
Volksschulen berhaupt? Man sollte vermeinen, da in christlichen
Volksschulen alle Lehrgegenstnde soviel als nur immer mglich mit dem
fleischgewordenen Gottessohn und der Kirche in Beziehung gebracht wrden.
Nur dann hatte die Vielwisserei, womit man seit einigen Jahrzehnten die
Kinder in Stadt und Land vollzustopfen trachtet, auch einigen Sinn und
Nutzen. Die Schule wre eine Ergnzung und Vervollstndigung der Kirche und
ein Hlfsmittel mehr, dem Volke eine klare, allseitige christliche Welt-
und Lebensanschauung beizubringen. Freilich ist das Einmaleins und die
Rechenkunst weder christlich noch katholisch, eine vortreffliche
Handschrift bleibt etwas Gutes, wenn der Schreiber auch noch so wenig taugt
und die Kinderqulerei mit Sprachlehren bliebe eine solche, wenn auch
gelegentlich der Satzbildungen, Sprachbung und des Aussatzmachens der
Lehrer alle Beispiele aus dem Gebiete des kirchlichen und religisen Lebens
whlte und whlen liee. Aber wenn einst die Jesuiten es verstanden, jungen
Chinesen durch die Geometrie christliche Glaubensstze wie den der
Dreieinigkeit beizubringen, so liee sich am Ende auch nachweisen, es sei
fr einen christlichgesinnten Volksschullehrer nichts Schweres, selbst dem
Unterrichte im Rechnen und in der Mekunst eine gewisse religise Weihe zu
geben. Auch ist unlugbar, da die Schreibbcher der Schler keineswegs
verunstaltet wrden, wenn man neben den Sittensprchen, Beschreibungen von
Thieren und Pflanzen und hnlichen Dingen etwas positiv Christliches und in
katholischen Schulen spezifisch Katholisches fnde. Was die Sprachlehren,
Naturlehren, Abrisse aus der Geschichte und andere Zweige des Unterrichts
betrifft, welche in den Lesebchern der Volksschulen vorkommen, so verweise
ich einfach auf smmtliche Lehr- und Lesebcher, welche seit der Entstehung
unseres Landes in Volksschulen und hhern Brgerschulen eingefhrt waren
und frage: wie viele dieser Bcher sind durchweht vom Geiste Christi oder
gar von dem der katholischen Kirche?

Du wirst vielleicht nicht ein Einziges finden, dessen Inhalt nicht ganz und
gar durchsuert wre vom Geiste jener zeitgemen Religion, der meine
Mutter huldigte und vielleicht mehr als Eines, welches darauf hinarbeitete,
Gleichgltigkeit, Mitrauen und Ha gegen die katholische Kirche,
namentlich durch entstellte Geschichte in die Herzen der Jugend zu sen.

Lebte die Gesinnung chter Katholiken in den Herzen der Volksschullehrer
und wren Bcher wie das Lesebuch von Bumller und Schuster schon zu meiner
Zeit in den Hnden der Kinder des Volkes gewesen--Frsten und Regierungen
wrden sich wohl einen groen Theil jener grausamen Demtigungen, die
Vlker aber viele Leiden erspart haben, womit sie von Gott besonders seit
1848 heimgesucht wurden.

Leider dauerte die Entchristlichung der Protestanten und die
Protestantisirung der Katholiken mehrere Menschenalter bereits in den
Volksschulen. Wer aber am allerwenigsten dafr verantwortlich gemacht
werden sollte, das ist der Stand der Volksschullehrer, welchem ich selbst
lngere Zeit angehrte.

Es ist eine wohlfeile Sache, ber die Verkommenheit und Haltlosigkeit der
"Volksbildner" mancher Gegend zu schimpfen und den "Schulmeisterhochmuth"
zu geieln. Alles hat seine hinreichende Ursache und wer der Quelle
nachforscht, aus welchen die Verkommenheit mancher, die Haltlosigkeit
vieler und der Hochmuth der meisten Volksschullehrer meiner naheliegenden
Zeit entsprang, wird geneigt sein, dieselben weit mehr zu bedauern als
anzuklagen. Die Quelle aber ist dieselbe, aus welcher das Unheil der
Gegenwart berhaupt geflossen. Mangel an positiver Religion oder, was
zuletzt auf Eins herauskommt, an grndlichem Wissen.

Ich mu bei dir den Schulmeisterton anstimmen und in jenen Pedantismus des
Schulmeisterthums gerathen, womit Viele grndlich nachzuweisen suchen, da
das Wasser na und das Feuer hei sei.

Du weit so gut als ich, da groe Schulmeister auch einmal kleine Buben
gewesen und getaufte Heiden zunchst in Schulbnken fr den Zeitgeist
herandressirt werden. Schon der Umstand, da Katholiken, Protestanten und
Juden gar oft in Einer Schulbank sitzen, mu den Lehrer nothwendig
abhalten, seinem Unterrichte die Frbung eines Glaubensbekenntnisses zu
geben. "_Ueber den confessionellen Gegenstzen zu stehen_," ist sein
Verdienst und ein Ziel seiner Ausbildung. Hand aufs Herz gelegt, gestehst
du mit mir, das "Stehen ber den confessionellen Gegenstzen" sei nichts
als eine sinnlose Redensart, insofern man dabei noch von Christenthum und
sogar von kirchlicher Gesinnung redet und nicht minder erlogen wohl das
Leibsprchlein der Zeit, da "die Liebe" keine Unterschiede des Glaubens
mache und der Mensch ber dem Christen stehe.

Wo ist der Geschichtschreiber oder Staatsmann, von welchem sich sagen
liee, da er wahrhaftig ber allen kirchlichen und religisen Partheien
gestanden, alle gleichmig behandelt und sich nicht mehr oder minder
entschieden _fr_ Eine derselben und _gegen_ alle brigen
jedenfalls thatschlich erklrt habe? Und wieviel Aufgeklrte hat es von
jeher gegeben und gibt es heute, denen die "christliche Liebe" mglich
macht, gegen politische und kirchliche Gegner gerecht zu sein und in
denselben den gleichberechtigten Menschen zu achten, geschweige zu lieben?

Nein, so wenig es ein Christenthum ohne lebendigen Glauben an Christum den
Gottessohn und ohne die von Ihm gestiftete Kirche gibt, so wenig hat auch
die "christliche Liebe" diejenigen, welche _ber_ allen religisen und
kirchlichen Partheien zu stehen vermeinten, davor bewahrt, glubige
Protestanten und absonderlich die katholische Kirche heidnisch zu hassen
und zu verfolgen.

Ist's aber hochgelehrten Professoren und erleuchteten Staatsmnnern
unmglich, _ber_ der katholischen Kirche zu stehen, ohne zugleich
_auerhalb_ und ihr mehr oder minder feindlich _gegenber_ zu
stehen, so sollte man es bei uns dem Lehrerstande nicht allzusehr verbeln,
wenn die meisten Mitglieder desselben das positive Christenthum als etwas
Geringfgiges betrachten und alles "Pfaffenthum" verabscheuen. Erstens
nmlich wurden sie von ihren Eltern oder Lehrern oder von Beiden zugleich
von Kindesbeinen an mehr oder minder fr das "reine Menschenthum" erzogen;
zweitens mu solche Erziehung mit der Zeit oft sehr reichliche Frchte
eines unreinen Heidenthums tragen, weil ein Lehrer auch Fleisch hat und bei
uns nur zwei Jahre studirt, spter wenig Zeit und Gelegenheit und selten
Anleitung bekommt, ein Christenmensch zu werden und sich eine grndliche
Bildung anzueignen. Er bleibt jedenfalls in der Hauptsache bei dem stehen,
was ihm im Seminar beigebracht wurde und wenn es nun die Religion des
Zeitgeistes war, womit ihn die Lehrer beglckten, zu deren Fen er
treuglubig und bewunderungsvoll sa, wer kann es ihm verargen, wenn er den
Mangel an positiven Glauben fr das sicherste Kennzeichen eines gebildeten
Mannes hlt? Drittens endlich fhrt ein Volksschullehrer ein an
Entbehrungen, Mhsalen und Leiden immer reiches Leben und wenn man das
Treiben manches Pfarramtslazzaroni genauer in Augenschein nimmt und mit dem
Loose des unter ihm stehenden Lehrers vergleicht, wird man sehr geneigt,
die Behauptung, da die Lehrer zu wenig und die Geistlichen zuviel
Einkommen htten, nicht sowohl demokratisch und revolutionr als richtig
und vernnftig zu finden.

Bedenkt man nun, da der Lehrer im Seminar und durch Schriften mit einer
hchst bertriebenen Ansicht von der menschheiterlsenden Bedeutung und der
weltbeglckenden Wrde seines Berufes, mit Gleichgltigkeit gegen das
positive Christenthum und Mitrauen gegen alles "Pfaffenthum" erfllt wird,
vergit man nicht, da manche Pfarrmter und Dekanate sich ihre Langweile
damit versen, den unchristlich und unkirchlich erzogenen und
vielgeplagten Schulmeister kleinlich und boshaft zu schulmeistern und zu
qulen, so mag man sich ber die Leichtigkeit nicht mehr wundern, womit der
Staat im Interesse des "religisen Friedens" d. h. der Knechtung der Kirche
die Schule seit Langem beherrschte und die Jugend fr die Staatsreligion,
d. h. zunchst fr Gleichgltigkeit gegen das positive Christenthum erzog--
ohne in ihr die Sugame [Sugamme] des Heidenthums zu ahnen. Ich wei ein
einsames Grab, das an Allerseelen von keiner liebenden Hand geschmckt
wird. Darunter liegt ein Schulmeister, der sich eine Kugel durch den Kopf
gejagt und einen Zettel zurckgelassen hat, worin er erklrte, er schiee
sich todt, weil die "Pfaffen" ihm das Leben unertrglich machten und
schiee sich im Himmel abermals todt, sobald er dort seine Qulgeister
wiederum treffe. Solche Erklrung charakterisirt den tiefeingewurzelten
Ha, welchen Volksschullehrer hufig gegen Geistliche empfinden und ich
meine, Schler dieses Lehrers, welche ihn liebten, seien schwerlich groe
Freunde der Geistlichkeit geworden.--

--Das Kind denkt mehr mit dem Herzen, als mit dem Kopfe, der Grundton
seines Wesens ist Liebe und dehalb bleibt es auch ein Leichtes, Kindern
die Religion der Liebe beizubringen. Doch so wenig ich daheim zum Christen
erzogen wurde, so wenig thaten meine Lehrer dafr und am wenigsten der
_Religionslehrer_.

Damals gab es nicht viele Jnglinge, welche innerer Beruf zum geistlichen
Stande trieb. Unter den Studirenden widmeten zumeist Solche sich dem
Dienste der Kirche, welche zu arm, zu talentlos oder auch zu faul und
liederlich waren, um etwas Anderes zu werden. Die geistlichen Professoren
der Hochschulen gingen hufig damit um, eine zeitgeme Theologie zu
erfinden, Gottes Wort und Werk nicht sowohl gegen den Witz und Aberwitz der
Zeit zu vertheidigen als demselben zu unterwerfen. Die Stellung, in welche
die Kirche zum Staate gerathen, zahlreiche Schriften aus den ersten
Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, das langdauernde Geschrei um Aufhebung der
Ehelosigkeit katholischer Geistlicher, skandalse Vorflle verschiedener
Art, vor Allem die gruliche Unwissenheit in kirchlichen, die weitgediehene
Verkommenheit in sittlichen Angelegenheiten, ber deren Vorhandensein bei
den untern und mittlern Stnden kein Zweifel mehr herrscht--dies Alles legt
Zeugni ab, welche Eroberungen der glaubensfeindliche Geist der Zeit auch
unter dem Klerus gemacht.

Ich mit den meisten meiner Mitschler darf mich ein Opfer solcher Zustnde
nennen, insofern wir kaum Einen Religionslehrer kannten, der mit
Begeisterung, Liebe und Eifer unsere jungen Seelen fr Christum zu gewinnen
und uns einiges Verstndni der Lehren, Gebruche und Einrichtungen der
katholischen Kirche beizubringen trachtete. Die einzige Errungenschaft,
welche ich aus dem Religionsunterrichte der Volksschule gerettet,
beschrnkt sich auf die Erinnerung, wie sauer es mir wurde, die
unverstandenen Lehren des Catechismus auswendig zu lernen, welch
schreckliche Langeweile wir oft in der Kirche und whrend der
Religionsstunde empfanden und mit welcher Angst und Unwissenheit ich zum
erstenmal in den Beichtstuhl trat. Mit Angst--weil die Mutter mich
berredet hatte, der Beichtvater sehe es Jedem an, der eine Snde
verschweige oder gar lge und trage ein scharfes Federmesser bei sich, mit
welchem er Einem die Zunge stutze. Ich schmte mich meiner Snden nicht,
doch frchtete ich Eine zu vergessen und ein Stck meiner Zunge im
Beichtstuhle zurckzulassen. Mit Unwissenheit--insofern ich der Gnade des
Glaubens eigentlich niemals theilhaftig geworden und durch viele Reden der
Erwachsenen sowie durch die Wahrnehmung, da bei meinen ltern Kameraden
die Besserung darauf beschrnkt blieb, sich einige Tage nach der Beicht vor
den Lieblingssnden zu hten, bereits zum Mitrauen und Unglauben an diesem
heiligen Sakramente gekommen war, bevor ich ber das Leben und Treiben der
Erwachsenen reiflicher nachdachte. Frhzeitig wurde ich an religisen und
kirchlichen Dingen irre und einer meiner Lehrer hat Namhaftes dazu
beigetragen. Mein lterer Bruder nmlich wollte geistlich werden, ein
stiller, gemthlicher Mensch, den die Eltern und wir nur "das Pffflein"
nannten. Er ging lngere Zeit zu einem Vikar, um Latein zu lernen und ich
bald mit ihm, denn der Vater hielt groe Stcke auf mich, behauptete, ich
werde meinem Alter vorauseilen, den Bruder und Alle berflgeln und msse
frhzeitig mit Allem anfangen, was zum Brodkorb fhre. Das Versprechen,
mich aus der Volksschule wegzunehmen, wenn ich meine lateinischen Regeln
und Unregelmigkeiten fleiig erlerne, bewirkte Wunder bei mir und bald
war ich der ausgemachte Liebling des Vikars. Manchmal unterbrachen
Gesprche den Unterricht und einige derselben sind mir unvergelich
geblieben. Die Behauptungen: es sei besser ein Schuster als ein
katholischer Geistlicher zu werden, Rom wolle keine Menschen, sondern
Sklaven, Christus sei ein groer Weiser gewesen, aber die Finsterlinge
htten Seine Lehren verunstaltet--tnen mir noch jetzt in den Ohren. Sie
fielen mir auf, weil ein Geistlicher sie aussprach. Ich liebte diesen
Seelenmrder, der heute noch lebt und zur Rongezeit ein Weib genommen
hat.--

Ziemlich einfrmig und glcklich verlebte ich meine Kinderjahre, whrend
deren eine im mildesten Ausdrucke hchst mangelhafte religise Erziehung
den Grund zu Dem legte, was spter aus mir geworden ist und wogegen mich
ein strmisches Temperament, ein brennender Ehrgeiz, herbe Erfahrungen und
alle Bitterkeiten des Lebens nicht zu bewahren vermochten.

Es ist wahr, meine Geschwister sind so wenig Verbrecher geworden als die
meisten meiner Schulkameraden. Doch an meiner Stelle wrden sehr Viele ein
ganz anderes Schicksal gehabt haben, als dessen sie sich erfreuen. Und ist
Einer schon ein brauchbares und ntzliches Mitglied der menschlichen
Gesellschaft, wenn er kein von den Gesetzen verpntes Verbrechen begeht?
Und erfllt Einer dann schon seine _ewige_ Bestimmung, wenn er seine
irdische erfllt?

Ich will von meinen Geschwistern nichts sagen. Die Art und Weise, wie
dieselben gegen mich handelten, hat mir schon lange vor der Freilassung
jeden Zweifel benommen, wie es mit ihrer Ehrenhaftigkeit und ihrer
christlichen Liebe aussieht. Freilich habe ich wenig gethan, um mir ihre
Achtung und Liebe zu erhalten, doch Verfolgung lt sich kein Christ gegen
einen ohnehin gebeugten, armen und wehrlosen Mitmenschen zu Schulden
kommen. Schweigen wir darber, mir wirds, als ob tausend glhende Dolche
mein Herz durchbohrten und ohne Halt in Gott mte ich aufs Neue an den
Menschen verzweifeln. Doch Eines noch. Ich stelle an keinen Menschen das
Ansinnen, als _vollendeter_ Christ zu handeln, ein _Heiliger_ zu
sein, weil ich wei, wie weit ich noch im Befolgen aller Lehren unseres
Herrn und Meisters zurck und wie sehr ich noch im Kampfe mit dem alten,
sndhaften Menschen in mir befangen bin. Allein ich glaube in christlichen
Landen vom Staate wie von den Einzelnen _aufrichtiges Streben_, die
Grundstze des Christenthums ins Leben einzufhren, verlangen zu drfen.
Wie es mit diesem Streben im Staate bestellt sei, darber belehrt schon
seine Stellung zur Kirche. Was aber die Christen betrifft, welche ihrem
Glauben gem zu leben und zu handeln streben, so habe ich in kurzer Zeit
genug erfahren, um befrchten zu mssen, ihre Anzahl sei trotz des
religisen Aufschwunges der jngsten Jahre noch viel zu gering, um
groartigen Einflu auf Umgestaltung ffentlicher Zustnde auszuben und
damit jene Gefahr einer furchtbaren sozialen Revolution zu beseitigen,
welche wie ein Damoklesschwerdt ber unserm Welttheil hngt.




#II.#


--Du meinst, weil ich selbst ein Schulmeister gewesen, so sei es
verzeihlich und begreiflich, da ich diesen Stand in Schutz nehme,
zweifelst jedoch daran, da in katholischen Lehrerseminaren das
_Heidenthum_ gepflegt und gehegt worden sei. Freilich bin ich mit dem
Ausdrucke: Heidenthum freigebig, allein wo ich kein _positives_
Christenthum zu entdecken vermag, da kann ich nur Heidenthum erblicken,
zumal jener Mischmasch von Religion, als dessen Reprsentantin ich meine
Mutter nannte, bei genauer Untersuchung eben doch nur verlarvtes und gerade
debalb [dehalb] sehr verfhrerisches und gefhrliches Heidenthum bleibt.
Willst du einen schnern Namen dafr, so magst du derartigen Mischmasch
etwas sinnlos, doch hflich "Zeitchristenthum" taufen.

Zunchst will ich aber meine Behauptung rechtfertigen, denn einerseits mag
ich keine Entschuldigungen fr meine Verirrungen beibringen, welche nicht
vollkommen gegrndet sind und anderseits ffentlichen Anstalten und
Mnnern, denen das Land des Guten viel verdankt, keine Beschuldigung
zuschleudern, welche ich nicht verantworten knnte:

Du weit, da ich mein Schulmeisterhandwerk unter der Leitung eines
katholischen Geistlichen erlernte, gegen dessen wissenschaftliche
Tchtigkeit und ehrenhaften Charakter niemals der leiseste Zweifel
obwaltete. Er ist todt und schon die Vorschrift, ber Todte nur Gutes zu
reden, wrde mich bewahren, seine _Person_ unter dem Boden anklagen
und verunehren zu wollen, wenn ich ihm auch nicht sehr viel Gutes zu danken
htte.

Sein Andenken ist noch heute Jedem seiner zahlreichen Schler theuer und
ich bin der Letzte, der seine Person verunglimpft. Aber gefhrlich und
folgenschwer waren die Ansichten und Grundstze des gefeierten Mannes und
nicht mit seiner Person, sondern mit Ansichten und Grundstzen, von denen
er sich beherrschen lie, habe ich es zu thun.

Wir liebten und verehrten ihn Alle; weil dies der Fall war, so galt uns
auch jedes seiner Worte als Evangelium, wir sogen seine Lehren begierig
ein, trugen sie nach zwei Jahren in alle Gegenden des Landes und strebten
mit Feuereifer darnach, die Herzen des Volkes damit zu erfllen.

Viele hingeworfene Reden und Winke haften noch jetzt in meinem
Gedchtnisse, doch nur einen einzigen Wink will ich hier erwhnen, weil er
meines Bednkens die Ansichten und Grundstze meines Meisters vortrefflich
characterisirt.

Einer von uns stellte einmal die verfngliche Frage, ob denn Christus im
heiligen Abendmahl wahrhaft, wesentlich und wirklich gegenwrtig sei und
nach einigem Ruspern erfolgte die Antwort:

"Hm, hm! ... _Wers glaubt, fr den ist Er gegenwrtig, wers nicht glaubt,
fr den wird Er wohl auch #NICHT# gegenwrtig sein!_--"

Was sagst du zu dieser Einen Aeuerung unseres dem _katholischen_
Klerus angehrigen Seminardirectors?--

Er war unser Religionslehrer und die meisten seiner ehemaligen Zuhrer
werden noch im Besitze des Heftes sein, welches er als _"Einleitung in
die Religionslehre"_ zu dictiren pflegte. Du hast Gelegenheit, ein
solches Heft dir jeden Tag zu verschaffen und es ist mir sehr lieb, wenn du
dir ein solches bald verschaffst, um dich zu berzeugen, da Einiges, was
ich hierhersetze, keineswegs entstellt, verflscht oder dem Zusammenhange
entrissen wurde, sondern da die mit sonnenklaren, drren Worten
ausgesprochenen Ansichten meines Meisters darin enthalten seien.

Er lugnet einen persnlichen Gott; Gott ist ihm ein "allen Geschpfen
innewohnendes, gestaltloses, raumfreies, zeitloses, somit unendliches,
allgegenwrtiges ewiges Wesen, dessen Wirksamkeit keine Grenzen kennt." Der
Sndenfall wird auf eine Weise erklrt, welche sich nicht mit dem
christlichen, geschweige mit dem katholischen Bewutsein vereinbaren lt
und vom Teufel wissen und lehren die Menschen Nichts, bis sie der Gegensatz
ntzlicher und schdlicher Geschpfe auf den Gedanken einer bsen, _durch
Opfer zu vershnenden_ Gottheit bringt, Erlsung ist Rckkehr zu Gott
und "vollkommen zurckgekehrt zu Gott war _Christus_, in welchem Gott
dem Geiste nach wiedergeboren und welcher der Urheber des neuen Lebens der
Menschen in Gott wurde." Christi Reich ist das der Liebe und "das volle
Gegentheil dessen, was Menschenrecht und Menschensatzungen gegrndet
haben." In ihm ist gar _keine uere Macht_, kein Zwang, keine Furcht
und Knechtschaft.

Die Bibel hat den hohen Werth, "da wir unser Leben mit dem der ersten
Christen vergleichen knnen; zudem erfllen uns die Schriften der Bibel wie
andere gute Bcher mit ihrem Leben."

Hinsichtlich der _Dreieinigkeit_ Gottes wird ausdrcklich
hervorgehoben, "da wir die Offenbarungen Gottes in den Geschpfen auf
dreifache Weise wahrnehmen und dadurch angeleitet werden, Gott bald den
Vater, bald den Sohn, bald den Geist zu nennen. Das gemeinsame Wesen aller
Geschpfe ist das Wesen Gottes. Insofern wir Gott als Wesen in uns und in
allen anderen Geschpfen betrachten, so nennen wir ihn Gott den
_Sohn_. Insofern Er uns durch die Stimme des Gewissens und durch
andere Geschpfe die rechte Erkenntni wiederum einflt, so nennen wir ihn
Gott _den Geist_.["]--Je mehr der Mensch auf die angenehmen Gefhle
verzichtet, welche der Genu des Irdischen gewhrt, desto mehr bestimmt
Gott die Dinge durch ihn und desto vollkommener und herrlicher entfaltet
sich sein innerstes Wesen; der Tod fhrt die Lebendigen zur
Selbststndigkeit, indem Kinder nach dem Tode der Eltern und Lehrer sich
selbst berlassen sind und schon vorher wissen, da Eltern und Lehrer
sterben mssen, somit auf ihre knftige Lage sich vorbereiten knnen; das
Wesen der Eltern und Lehrer aber lebt und wirkt in den Ueberlebenden fort,
der Tod bringt in den Menschen die Erkenntni hervor, da der Mensch aus
einem irdischen und vergnglichen und aus einem geistigen und fortwirkenden
Wesen bestehe und endlich, da der Geist viel strker auf Andere einwirke,
wenn die Einwirkung nicht mehr durch den Leib, sondern unmittelbar
geschieht. Dies Alles gibt Hoffnung auf Unsterblichkeit.--Von Jesu Gottheit
wurden die Jnger berzeugt, weil er erstens durch den Ausdruck seines
Willens aus Nichts Etwas, aus dem Tode Leben erschuf, zweitens durch sein
Thun und Lassen den sndigen Menschen ein ganz neues Leben offenbarte, vor
Allem durch sittliches, reinmenschliches Leben das Reich Gottes begrndete
und die ewigen Gesetze dieses Reiches ffentlich lehrte, drittens endlich,
weil er Geist und Leben in die Erstorbenheit der uern, besonders der
religisen Gebruche zu bringen suchte und unverbesserliche Gebruche
unterlie, um anzuzeigen, das Reich Gottes gehe nicht von Werken des
Gesetzes, sondern vom Geist der Wahrheit und Liebe aus.--
Todtenerscheinungen sind das Ergebni lebhafter Erinnerungen an
Verstorbene, besonders an Solche, denen wir Unrecht gethan haben.
Erinnerung und Besinnung knnen so lebhaft werden, da wir die Bilder in
uns in die wirklichen Gegenstnde hineindenken. Weil Erinnerung und
Besinnung nur theilweise von unserm Willen abhngen, sind
Todtenerscheinungen "auch dann ein Werk Gottes, wenn sie von einer
krankhaften Phantasie herkommen, denn Krankheiten sind ja auch Gottes Werk.
Allein welche Einwirkungen Todtenerscheinungen auch in unserm Geiste
hervorbringen, so haben sie doch keine zwingende Macht ber unsern
Willen!"--

Nachdem statt ber Christi Auferstehung ber Todtenerscheinungen belehrt
worden, wird gezweifelt, ob die Erde zu einer bestimmten Zeit erschaffen
wurde und gezeigt, da die Welt kein Ende haben knne, weil Gott in ihr
lebt. "Wie das Bild der Sonne in Millionen Tropfen glnzt und wir das
Gemeinsame einer Gattung in allen Arten und Individuen wahrnehmen, so
schauen wir Gott in allen Dingen."--Gottes Wesen offenbart sich in allen
Wesen, alle haben Antheil daran und dehalb ist auch jedes Einzelwesen
unvergnglich, d. h. ["]Gottes Wesen offenbart sich in jedem einzelnen
Geschpfe durch unendliche Entwicklung desselben, wenngleich auf
eigenthmliche Weise, doch ganz und ungetrbt."--Wir haben eine Entfaltung
ins Unendliche, wobei unser Wesen fortbesteht, whrend die Gestalt sich
fortwhrend verwandelt. Der Mensch scheint vor der Geburt ein ganz anderer
zu sein als nach derselben, auffallend ist der Unterschied in der
Entwicklung des Menschen, ehe und wann er sprechen kann und "hnlich wird
der Mensch durch den Tod zu einem dem irdischen Dasein vollkommen
entgegengesetzten Leben geboren."--Alle Geschpfe nehmen an der Ewigkeit
Gottes Antheil, insofern sie unsterblich sind d. h. ins Unendliche sich
fortentwickeln.

--Das Christenthum will alles nicht von Gott Stammende zerstren und ist
nicht gekommen den Frieden, sondern Entzweiung und Kampf mit der
Selbstsucht zu bringen. "Es baut keine Altre und Tempel aus Stein, kennt
nur Einen Altar. Des Menschen Herz und sein Tempel ist dort, wo Menschen
sind und einander Liebe erweisen."--Ich will es abermals Dir berlassen zu
beurtheilen, ob durch eine solche Einleitung in die Religionslehre die
knftigen Lehrer des katholischen Volkes fr ihren Glauben und ihre Kirche
begeistert wurden oder ob mein Vorwurf ein gerechter gewesen.

Da der mndliche Unterricht minder abgemessen und vorsichtig mit
Redensarten und Winken gewesen, versteht sich wohl selbst. Die
Religionsstunde berzeugte uns davon, da wir recht eigentlich kleine
Gtter, Bruchtheile des gttlichen Wesens seien und welchen Eindruck solche
Erleuchtung auf Jnglinge machte, bei denen Ehrgeiz und Weltschmerz schon
in Folge uerer Lebensverhltnisse zum Grundton des Gemthes werden
muten, ist keineswegs schwer abzusehen.

Wir bekamen Ideale, es ist wahr, doch wir bekamen sie auf Kosten unserer
Zufriedenheit mit Gott, Welt und Menschen, weil keine christliche
Weltanschauung uns mit der tiefen Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit
vershnte, kein lebendiger Glaube uns mit jener Ruhe und Geduld ausrstete,
mit welcher die unideellen Verhltnisse des Lebens der Vlker und die des
Lehrerstandes insbesondere hingenommen werden mssen.

Man machte uns zu Knigen und Bettlern, Titanen und Zwergen zugleich und
wenn beschrnkte Kpfe und manche altkluge Jungen unter uns zu nchternen
Ehrenmnnern, d.h. zu Philistern wurden, welche auer ihrem persnlichen
Vortheil nichts Hheres kannten, so blieben gerade die fhigern Kpfe und
feurigen Charaktere vielerlei Verirrungen am meisten ausgesetzt.

Soll ich Namen und Thatsachen bringen?

Du hast seit vielen Jahren Gelegenheit, viele Stdte und Drfer zu besuchen
und der Einwohner Sinn zu erkunden, hast ferner zur Rongezeit und whrend
der Revolution eine ziemlich unpartheiische Brille aufgehabt und kennst
sehr viele Volksschullehrer persnlich, dehalb brauche ich keine Namen und
Thatsachen, zumal Namen wenig zur Sache thun und sprechende Thatsachen
genug bekannt sind.

In der Regel wird der Jngling das, was man aus ihm macht und lange Zeit
hat man Alles gethan, um statt bescheidenen und glcklichen Lehrern der
Kinderwelt innerlich zerrissene und unglckliche Hochmuthsnarren in die
Schulstuben des Landes zu entsenden.

Beweise!--

Dieselben liegen schon in der Einleitung zur Religionslehre, Du sollst
jedoch noch bessere haben, nmlich die Ansichten unseres Seminardirectors
ber die unnahbare Wrde und welterleuchtende Bestimmung des
Schulmeisterthums. Damit Du abermals siehst, da ich gewissenhaft handele,
sende ich Dir beiliegenden Aufsatz meines Meisters, welcher "der Schule
Wesen und Gliederung" erklrt und seiner Zeit durch Guttenbergs Kunst der
Vergessenheit entrissen wurde.

[Der] "Der Zweck der Erziehung ist Entfaltung derjenigen Krfte, welche den
Menschen in Stand setzen, in allen Richtungen des Lebens sich selbst zu
beherrschen und zum Handeln zu bestimmen. Sie soll den Menschen zum
Ebenbild Gottes machen. Die Ebenbildlichkeit mit Gott besteht aber darin,
1) da er ein einfaches, untheilbares, unvernderliches, aus und fr sich
begehendes Wesen ist, "_das sich aus sich selbst hervorbringt wie Gott
die Welt aus Nichts, d.h. aus sich selbst erschaffen hat._" 2) Da
insbesondere das aus ihm Hervorgebrachte in demselben Verhltnisse zu ihm
stehe, in dem er sich zu Gott befindet. 3) Endlich da der Mensch Alles,
was er Wahres, Schnes und Gutes hat, nur als eine gttliche Geschichte und
als etwas Geschichtliches habe.--Von Pestalozzi wird gesagt. "Das Erlsende
und Heiligende seiner Methode stammt nicht von seinem Fleische, es ist eine
Offenbarung Gottes, die ihm geworden und sein Verdienst, da er uns
dieselbe nicht als sein sondern als Gottes Werk gab. Die Schulmeister vor
Pestalozzi sndigten zumeist dadurch, da sie in ihren Systemen und
Lehrmeinungen nur sich seldst [selbst] gaben und uns nicht zu Gott, sondern
zu sich selbst zu erheben trachteten, Pestalozzi dagegen zeigte uns nicht
seine Person, sondern die Wahrheit.--Wie die Gttlichkeit der Lehre Jesu
nur von deren Befolgern laut Joh. 7,17 erkannt wird, so Pestalozzis Methode
nur von dem, dessen Geist durch sie gebildet wurde.--Wie die Phariser auf
dem Stuhle Mosis streng nach dem Gesetze lehrten und das Gesetz nicht
selbst erfllten sondern bertnchten, so lehrt der
_Sinnlichgesinnte_, da wir aus Liebe zum Vater unsern Brdern auch
nicht im Innern zrnen und schon den unreinen Begierden widerstehen sollen,
whrend er im eigenen Busen voll Zorn die Verknder der Offenbarung des
Geistes, der Alles durchschaut (I. Kor. 2,10) zum Ingrimm und zur
Verfolgung gegen die aufreizt, welche Gott als lebendige Werkzeuge erkiesen
hat, Zeugni von seinem eigenen Sohne zu geben."--Den Sinnlichgesinnten,
welche sich vermessen, Feindesliebe und Widerstand gegen bse Begierden zu
predigen, werden noch mehrere Bibelstellen entgegengeschleudert, dann die
Entstehung der Sprache u.s.w. erklrt und das fnffache Leben des Einzelnen
und der Gesammtheit zusammengestellt. Um der Krze willen soll diese
Zusammenstellung hier stehen:

      _Einzelleben     =        Gesammtleben_
       Individuum      =           Familie
   Leib--Person--Seele = Gewerbstand--Staat--Kirche
          Geist        =            Schule

Erluternd heit es: "Wir bezeichnen mit den Worten Seele und Geist zwei
durchaus verschiedene Wesen, Geist bedeutet uns nicht blo ein hheres
Seelenleben, sondern Seele und Geist sind zwei einander entgegengesetzte
Offenbarungen des einen Lebens. Unter Seele verstehen wir diejenigen
Lebensfunctionen, durch welche das Individuum nach seiner Schpfung mit
Gott verbunden ist und ewig verbunden d. h. von ihm abhngig bleibt. Ueber
die Art und Weise der Verbindung gibt der Begriff von Idee Aufschlu,
welche vor unsern Augen Factum wird und der von Gattung, der den Millionen
Individuen ungetrbt innewohnt und zwischen ihnen Wechselwirkung und
Verbindung mglich macht. Die Seele ist Gott im Menschen, jedoch so, da
Gott vollkommen und ohne Vernderung seines Wesens auer dem Menschen und
fr sich besteht." Folgt nun eine Abweisung jener kalten und finstern
Religionslehre, welche Gottes selbststndiges Dasein nicht erkennt und, da
ihr Alles Eins ist, jeden hhern Aufschwung unmglich macht und als
wissenschaftliches System die Jugend zu der Vermessenheit verleitet, Alles,
was Andere auf andern Wegen wissen und glauben nur als Irrthum, Tuschung,
Verstandesschwche, sowie alles Leben und alle Vernderung als leeren
Schein und diesen selbst als eiserne Nothwendigkeit zu erklren.

Welche kalte und finstere Religion unter diesem "Pantheismus" gemeint sei,
darber blieb uns jungen Leuten, die wir Nichts von Philosophie verstanden
und manches dicke Buch ber die Gruel des Mittelalters gelesen, um so
weniger ein Zweifel, weil unser Direktor die vorgeblichen Verderber der
Religion der Liebe nicht--liebte.

Weil die Kirche die Seele, die Schule aber den Geist reprsentirt, mag
Folgendes Dir im Gedchtnisse bleiben: "Auch das Wesen von Geist und Person
ist nicht scharf bestimmt und gesondert. Wir halten die Person nicht fr
etwas Vergngliches, sondern fr den Hhepunkt des Lebens der Einzelnen.
Person ist der sich selbst erkennende und bestimmende Geist, der in sich
gekehrte Geist, wodurch der Mensch erst Mittelpunkt und Bestand aus und
durch sich selbst erlangt. Der Person ist unmittelbar der Geist und
_durch diesen_ Leib, _Seele_ und Individuum untergeordnet. In der
Person vollendet sich die Offenbarung Gottes im Menschen. Daher lernt der
Mensch Gott nur von Innen kennen und nur durch diese Kenntni entsteht das
Bestreben, durch ins Unendliche fortlaufende Vervollkommnung Gott immer
hnlicher zu werden."

Die Schule soll dem Vermgen des Menschen, das Vervollkommnende in sich
aufzunehmen, die Erkenntni geben und den fnferlei Gegenstnden der
Erkenntni--individuelles Leben, Leib, Seele, Geist, persnliches Leben
entsprechen fnferlei Schulen, nmlich Volksschule, Industrieschule,
Gelehrtenschule, Akademie mit gelehrten Gesellschaften, endlich der
Erziehungs- oder Schulrath oder das _Kulturministerium_, welches, das
persnliche Leben des Einzelnen und der Gesammtheit erkennend, das
_Dominium_ ber die andern Schulen ausbt. Die _Volksschule_ soll
die Individualitt des Geistes entfalten und hat 3 Stufen, nmlich die
Kleinkinderschule, Elementar- und Realschule.

Die Elementarschule "soll wie alle Schulen vorzglich den Geist in Anspruch
nehmen und die brigen Richtungen des Lebens ihren Zwecken unterordnen."
Ihre Lehrgegenstnde sind Sprachlehre und Gesang, Formen-, Gren-,
Zeichnungs-, Schreib- und Leselehre und Kenntni der Zahlenlehre.

Die Realschule bringt dem Geiste sein Selbst zum Bewutsein und die
Industrieschule sammt den 3 Stufen der Gelehrtenschule (Gymnasium, Lyzeum,
Hoch- oder Berufsschule) soll vor Allem das _Ntzliche_ ins Auge
fassen, wozu die Religion nicht gezhlt wird, die erst in der theologischen
Fakultt ein eben nicht behagliches Pltzlein findet.

Die Hoch- oder Berufsschule nmlich zhlt fnf Fakultten, deren jede ihre
eigene Literatur und Geschichte derselben hat.

Die erste Fakultt ist die allen Gelehrtenstnden gemeinsame, etwa der
philosophischen unserer Universitten entsprechend und die zweite die
medizinische, welcher nachgerhmt wird, da "sie sich am meisten ihrer Idee
gem gestaltet habe."

Die _theologische Fakultt_ hat das _Seelenleben_ zu ihrem
Gegenstande und folgende Disciplinen: a) Lehre vom Wesen und der
natrlichen Entwicklung der Seele, b) von der Pflege und Bildung der Seele,
c) Lehre von der Entstehung und den Arten der Seelenkrankheiten nebst d)
der Heilung derselben, theoretisch und praktisch. e) Lehre vom Einflu der
4 andern Lebenserscheinungen auf das Seelenleben und vom Verhltni der
theologischen zu den brigen Wissenschaften, endlich f) Lehre von der
Bestimmung des Theologen und vom Verhltni des geistlichen Standes zu den
brigen Stnden. Findet man dieses von einem katholischen Geistlichen
gehegte und den knftigen Lehrern des Volkes eingeimpfte Idol einer
theologischen Fakultt merkwrdig, sobald man nicht etwa auf dem
Standpunkte Feuerbachs steht, so fanden wir herzstrkend und begeisternd
Alles, was ber die vierte und wohl auch ber die fnfte Fakultt gesagt
wurde. Die _vierte_ nmlich ist keine andere als die Kulturfakultt
und hat nichts Anderes denn das _Leben des Geistes_ zum Vorwurfe.

Wesen, Entwicklung, Pflege, Bildung, Erforschung und Heilung der
Krankheiten des Geistes, die Einwirkung des Geistes auf die 4 andern
Offenbarungen des Lebens und der Einflu dieser auf den Geist, die
Culturwissenschaft und ihr Verhltni zu den brigen Wissenschaften,
endlich die Lehre vom Berufe des Lehrers und von seinem Verhltnisse zu den
brigen Stnden--dies sind die der Culturfakultt eigenthmlichen
Disciplinen.

Dann wird bemerkt: "Auch die Seminarien der Volksschullehrer sind ein
Bestandtheil der Kulturfakultt und inwiefern die Trennung dieser Anstalten
von der Fakultt vortheilhaft oder nachtheilig sei, knnen wir hier nicht
auseinandersetzen. Jedenfalls mu der Direktor eines solchen Seminars ein
wissenschaftlich gebildeter Mann sein, der die Gelehrtenschulen
zurcklegte, zumal es ja Ein und derselbe Geist ist, welcher von der
Kleinkinderschule an bis zur Hochschule inbegriffen entfaltet werden soll."

Da die Einwohner der Stadt die Zglinge des Seminars, welche nur fr zwei
Jahre kamen und hufig gar magere Geldbeutelein mitbrachten, nicht als
Mitglieder der Kulturfakultt genugsam berucherten, da die Schler der
Gelehrtenschule den Umgang mit uns hochmthig vermieden und uns als
"Elephanten" bei jeder Gelegenheit hhnten und verfolgen, whrend wir doch
der Idee nach Hochschler waren, solches schmerzte uns fast tiefer als die
Aussicht in eine jedenfalls entbehrungsreiche und vielgeplagte Zukunft und
gab Anla zu mancherlei Partheiungen, Zwistigkeiten und Hndeln. Da aber
gar geistliche Herren, deren "Handwerk" schon der Idee nach tief unter dem
unserigen stand, deren Fakultt laut allen Berichten ganz ideenwidrig
eingerichtet, deren Treiben laut den hinreienden Erzhlungen berhmter
Geschichten- und Romanenschreiber der Menschheit, dem armen Volke, von
jeher zum Fluche gereicht, da diese "schwarzen Vgel" wie wir sie hieen,
uns, Trger der Kultur des Volkes und selbstbewute Funken der Gottheit
dereinst zu Dienern herabwrdigen und ungestraft kuranzen sollten--dieser
Gedanke machte die Heibltigen unter uns manchmal rasend und nur die
Hoffnung auf eine bessere Zukunft, der mannhafte Entschlu, fr diese aus
allen Krften zu arbeiten, gewhrte uns einige Erleichterung und Trost. Die
Edeln des Menschengeschlechts trumten von jeher von bessern Tagen, unser
Direktor that dasselbe, wovon schon seine Idee von der fnften Fakultt der
Hochschule, der _staatswissenschaftlichen_ mnniglich berzeugen mu.

Diese hat das _Leben des Volkes_ zum Gegenstande und beschftigt sich
nher mit der Lehre vom Wesen des Volkes und seiner Entwicklung zum Staate,
mit der Bildung und Pflege des Volkslebens, ferner mit der Lehre von der
krankhaften Entwicklung desselben, so wie mit dem Verderbnisse der Staaten,
den Arten dieses Verderbnisses und mit der Heilung dieser Mistnde,
zuletzt auch mit der Lehre vom Berufe des Staatsmannes und dessen
Verhltni zu den brigen Stnden.--

Sehr naiv wird bemerkt: "Sind die Disciplinen nicht mit den gewhnlichen
Namen benannt, so ist dies nicht Folge der Unkenntni oder Miachtung,
sondern des Strebens, die Idee zum Bewutsein zu bringen, aus der die
Schulen berhaupt und insbesondere die Fakultten der Gelehrtenschule
hervorgegangen sind.["]

Das Kulturministerium mu auf den Zinnen moderner Bildung stehen und
tglich Strme von Geist, Licht und Geld in die untern Regionen entsenden.
Es soll "fr das Leben des Geistes sein, was die Person fr den einzelnen
Menschen oder der Staat fr das Gesammtleben, soll das Leben der
Wissenschaft und Kunst von der Volksschule an bis zur Akademie beleben,
frdern und regeln. Insbesondere hat es fr den Zusammenhang der Schule,
Bildung der Lehrer, fr Lehrmittel und Aufsichtsbehrden Sorge zu tragen
und darf dehalb nur solche Mnner enthalten, welche auer
wissenschaftlicher Bildung Beweise von Regierungstchtigkeit gegeben
haben."

Doch genug!

Suche Dir die Einleitung in die Religionslehre und andere Hefte zu
verschaffen, lies den gedruckten Aufsatz ber "der Schule Wesen und
Gliederung" und dann habe die Gte, mir auf folgende Fragen zu antworten:

Habe ich Falschmnzerei mit den Aufstzen und Schriften eines Mannes
getrieben, den ich als Mensch, Lehrer und Wohlthter verehre? Sind die
Ansichten, Grundstze und Ideen meines Seminardirektors positiv christliche
und katholische gewesen? Ist Dir der "Schulmeisterhochmuth" noch ein
Rthsel sammt der Abneigung gegen den geistlichen Stand und den meist so
ideenwidrigen Bestand des Bestehenden? War ich im Unrecht als ich meinen
Lehrern Mitschuld meiner Verirrungen und Verbrechen aufbrdete?--Ich glaube
deine Antwort zu hren!--




#III.#


Je mehr ich mich durch das Wohlwollen und die Theilnahme beglckt fhle,
welche meine Briefe an Herrn N. mir erwarben, desto mehr will ich eilen
Ihren Wunsch zu erfllen und Ihnen die hauptschlichsten Grnde des
Unglaubens und der Unzufriedenheit des Lehrerstandes meiner nahe liegenden
Zeit sowie meine Ansicht ber _Gelehrtenschulen_ mittheilen.

Die Auszge aus den ungedruckten und gedruckten Heften meines alten
Seminardirektors haben Ihnen berraschend gezeigt, wie Vieles geschah, um
die Lehrer des Volkes zu eigentlichen Trgern und Aposteln der
Hauptkrankheit unserer Zeit, nmlich des Mangels an lebendigem
Christusglauben und des Ueberflusses an Unkenntni und Verkennung der
katholischen Kirche zu machen.

Der oft gehrten Behauptung, unser Lehrerstand sei im Ganzen noch weit
besser und ertrglicher als die Erziehung erwarten liee, stimme ich gerne
bei. Es gibt tchtige, brave Mnner unter unsern Lehrern mit einem Herzen
voll Liebe fr die Menschheit und ihren Beruf. Edle Anlagen und gnstige
uere Verhltnisse Einzelner, ganz besonders die abkhlende Wirkung,
welche mehr oder minder das Berufsleben auf jeden ausbt, mgen jedoch das
Meiste dafr thun, wenn nicht die Mehrzahl unserer Lehrer aus ganz und gar
blinden Fanatikern des Unglaubens und offenen oder heimlichen
Revolutionren besteht.

Abgesehen von meiner einst so unseligen Person waren nicht die Schlechtern
oder Unfhigeren meiner Kameraden der Gefahr am meisten ausgesetzt,
Fanatiker des Unglaubens und arge Revolutionrs zu werden, sondern gerade
begabte, strebsame Kpfe und feurige thatkrftige Charaktere.

Diese sendeten Ideale, welche sie aus den Schulbnken getragen, keineswegs
leicht in die Himmel oder in das Druck- und Lschpapier zurck, von wannen
sie gekommen, sondern suchten dieselben mit mehr oder minder Beharrlichkeit
im Leben zu verwirklichen. Damit waren Gefahren verknpft, von denen ich
Ihnen zwei nennen will, welche ich fr die grten halte, vielleicht weil
ich denselben erlag. Zum Ersten mute Ausbildung ein Loosungswort fr Alle
sein, welche wrdige Mitglieder der welterobernden _Culturfakultt_
werden wollten und die argen Lcken ihres Wissens fhlten. Das Bemhen,
diese Lcken durch Selbstbildung auszufllen, bleibt aber stets gefhrlich,
wenn die Erziehung uns zu wenig Vorkenntnisse, unserm Denken keinen Halt in
der christlichen Weltanschauung und damit kein festes Urtheil ber die
Bcher gegeben, aus denen wir Weisheit zu schpfen vermeinen.

Viele von uns kamen bereits unfhig, katholische Schriften zu lesen,
geschweige zu lieben und am weitesten verirrten sich nach den Seminarjahren
diejenigen, welche Schngeister, Historiker oder gar Philosophen und
Vielwisser werden wollten.

Wir griffen fleiig nach Conversationslexika, Realencyclopdieen und
hnlichen _Bibeln des Zeitgeistes_, verloren und vertieften uns immer
mehr in die moderne Bcherwelt, worin bekanntlich wenig Christliches und
noch weniger Katholisches, dagegen desto mehr Vernunftbetubendes,
Heidnisches und Diabolisches zu finden ist.

Die Meisten lasen wohl weit mehr mit dem Herzen als mit dem Kopfe und je
mehr Einer las, desto mehr wuchsen Einbildung und Unfhigkeit, Christliches
fr etwas Zeitgemes, Vernnftiges und Heilbringendes zu halten. Zum
Andern traten wir mit den Riesenansprchen begeisterter Jnglinge in das
Leben hinaus und dieses kam den Meisten nicht nur mit Zwergleistungen,
sondern mit ungeahnten Schwierigkeiten und Leiden aller Art entgegen,
welche uns entmuthigten, gegen Gott, Welt, Volk und Schicksal erbitterten.
Ich knnte Ihnen Vieles von arg gequlten Schullehrern und vielerlei Arten
von Qulgeistern derselben, namentlich auch von partheiischen und
ungerechten Behrden, unchristlichen Geistlichen und der Dummheit des
Volkes erzhlen, aber ich will kurz sein und mit der Bitte, nicht zu
vergessen, da der Beste unter uns seine schlimmen Neigungen und
Gewohnheitssnden hat, nur auf Eines aufmerksam machen. Das Erdenloos eines
Schulmeisters heit: Leiste und trage Vieles, nimm wenig Dank und noch
weniger Geld dafr ein!--In Staaten, wo _der bewaffnete Friede_
Tausende von Arbeitskrften und den grern Theil des Staatseinkommens
verschlingt, weil wir vom Christenthum ab und in das Heidenthum, aus dem
Reiche der Liebe in das der Gewalt hinein gerathen, da mute wohl das
Kirchengut so weit als nur immer thunlich in den Dienst des Heidenthums
gezogen und dann das Schulmeisterthum so karg als nur immer thunlich fr
die saure Mhe abgefunden werden, womit es im Interesse der Staatsallmacht
das Volk "aufklrt."

Ich mchte beinahe sagen, unsere Schulmnner seien fr ihr Wirken, wie
dasselbe seit dem Beginne des Jahrhunderts sich gestaltet, noch weniger
Lohnes werth als sie bekommen--allein ich schweige, weil ich an gewisse
Klassen privilegirter Faullenzer und geschftiger Mssiggnger denke und
bleibe dabei, die Bezahlung der Schullehrer sei in den meisten christlichen
Staaten heidnisch klein, so da sie sich kaum mit den Bedrfnissen des
gengsamsten, geschweige mit den Ansprchen des selbstbewuten Mitgliedes
der Kulturfakultt vertrage.

Freilich sind die Armen im Geiste glcklich; Christus lehrt Entbehrungen
und Leiden der Armuth geduldig, muthig und freudig ertragen; Er ist
zugleich der grte aller Finanzmnner und Nationalkonomen und in der
Befolgung seiner Lehre liegt das Geheimni verborgen, nach welchem das
Jahrhundert immer ngstlicher seufzt und immer durstiger lechzt: die
_Kunst wohlfeil zu leben und wohlhabend zu sterben_. Leider hat die
Erziehung seit Jahrzehnten Vieles gethan, um beizuhelfen, da das Volk arm
an Geld und Gut und arm _am_ Geiste, nicht aber, da es arm _im_
Geiste werde. Wenn in den untersten Stnden der Bettelsack der
eindringlichste und gefhrlichste Prophet des Kommunismus bleibt, so darf
man sich nicht wundern, wenn aus dem bellenden Magen oder der durstigen
Gurgel manches Schulmeisterleins ein unzufriedener Mensch und arger Demagog
herauswchst!

Der Bauch ist ja im Laufe einiger Jahrhunderte zu einem Weltregenten und
heutzutage zum unerbittlichen Gesetzgeber und dmonischen Tirannen der
"christlichen Staaten" geworden.

Ein Urtheil ber _Gelehrtenschulen_ ist meines Erachtens schier
berflssig, seitdem die Revolution mit ihren Blttern, Kammern und
Parlamenten das Babel aller religisen, sittlichen, politischen und
sozialen Begriffe offenbarte, welches in den Kpfen und Herzen der
gelehrtesten und gefeiertesten Mnner spukt, vom besitzenden Brger,
verarmenden Handwerker, dem geistigen Proletarier, Sklaven der Fabrikanten
und Auswurf der Gesellschaft zu schweigen. "An den Frchten sollt ihr sie
erkennen!"--sagt die Schrift und die Revolution gab Gelegenheit, die
geistigen Errungenschaften sammt der sittlichen Tchtigkeit von Tausenden
und aber Tausenden zu beweinen, welche in gelehrten Anstalten grogezogen
worden.

Bei Vertretern _aller_ politischen Partheien und _aller_ Stnde
hat es sich gezeigt, da Wissen ohne Glauben leeres Scheinwissen, alles
Gerede von Charakter ohne positive Religion eine Lge des Hochmuthes sei.
Wissen ohne Glauben und Sittlichkeit ohne Christenthum waren aber seit
langer Zeit die Idole, welchen unsere Erziehungsknstler nachjagten!--

Doch ich will nicht in den Schulmeisterton verfallen, sondern Ihnen nur
sagen, da ich mehrere Jahre, bis mein Vater starb und uere Verhltnisse
mich in das Lehrerseminar trieben, an Gelehrtenschulen lebte.

Dieselben waren geeignet, gelehrte Handwerker, genuwthige
Ntzlichkeitsmenschen oder Leute meiner Art heranzudressiren, nimmermehr
jedoch chte Leuchten und rechte Fhrer des Volkes zu erziehen. Keine
chten Leuchten, weil die wissenschaftliche und keine rechten Fhrer, weil
die religise Erziehung mangelte.

Zunchst ein kurzes Wort vom gelehrten Handwerkerthum, alsdann ein lngeres
vom getauften Heidenthum der Pdagogien, Gymnasien und Lyzeen meiner
naheliegenden Zeit.

Es haben Viele laut und lngst sich verwundert, wehalb aus unsern Schulen
selten ein tchtiger Mann hervorgeht, whrend es in einem Nachbarstaate von
Dichtern, Philosophen, Historikern, Staatsmnnern, Theologen und Andern
wimmelte, welche hochberhmte Namen erwarben und doch lediglich die
gelehrten Anstalten ihrer Heimath besuchten. Man hat den Grund darin
gefunden, da die ganze Erziehung bei uns darauf hinausluft, Einen im
Laufe von 12 bis 15 und mehr Jahren soweit zu bringen, da er im Siebe des
Staatsexamens hngen bleibt und gleichzeitig mit so unnthigen und
vielerlei Forderungen zu berladen, da er alle Kraft nothwendig
zersplittert und fast ebenso nothwendig im Examen durchfllt, wenn ihm
nicht das Glck besonders lchelt.

Wer das Programm einer Gelehrtenschule zur Hand nimmt, staunt ob der Flle
von Kenntnissen, womit die Zglinge vollgestopft und zur Hochschule
entlassen werden und wer ffentlichen Prfungen beiwohnt, ohne die
Prfungsdressur zu kennen, mu Lnder selig preisen vor allen Lndern, fr
welche Diener des Staates und der Kirche von so umfassender Gelehrsamkeit
und edler Begeisterung fr alles Groe und Schne herangezogen werden, wie
dies in manchen Gegenden der Fall zu sein scheint. In Wirklichkeit verhielt
sich die Sache zu meiner Zeit ganz anders. Man htte ruhig seinen Kopf
darauf verwetten drfen, da von 100 angehenden Hochschlern keine 10 im
Stande seien, nach 8-9jhrigem Studiren ohne Beihlfe aller Art einen
leichten lateinischen oder griechischen Schriftsteller ordentlich zu
bersetzen, geschweige zu verstehen oder gar aus dem Zusammenhange mit
seiner Zeit und seinem Volke zu erklren.

Sicher waren von 100 keine 5 aufzutreiben gewesen, welche Geschmack und
Freude an ihren Qulgeistern, den Alten, gefunden und doch galten alte
Sprachen von der ersten bis zur letzten Klasse als Hauptgegenstnde des
Unterrichts, auf welche am meisten Zeit und Mhe verwendet wurden.

Von mathematischen, geographischen, geschichtlichen oder
naturwissenschaftlichen Kenntnissen war bei Einzelnen Manches hngen
geblieben, doch die Mehrzahl hatte Grund genug, den Sokrates als Heiligen
zu ehren, weil dieser die Weisheit in das _Nichtswissen_, somit in die
starke Seite unserer geplagten Gelehrtenschler, setzte.

Von philosophischer Vorbildung will ich schweigen. Ich meine nur, da davon
bei Leuten keine Rede sein konnte, welche von der Weltanschauung des
Alterthums keine gengende Kenntni und von der des Christenthums im besten
Falle nicht mehr als eine ganz dunkle Ahnung besaen.

Von der Unwissenheit vieler "Gebildeten" ber Alles, was sich ber und
unter dem Monde befindet und nicht genau mit ihrem Handwerke zusammenhngt,
sind Sie berzeugt oder haben doch Gelegenheit, sich jeden Abend das Licht
hierber in Museen, Kaffeehusern, Weinschenken, Bierkneipen und andern
Orten zu verschaffen.--

Die weitgehende Unwissenheit hngt enge mit dem hochmthigen Heidenthum der
Schulen meiner Zeit zusammen.

Wissen Sie, auf welche Weise ich zum erstenmal zum Tische des Herrn kam?
Nicht an Ostern, sondern im hohen Sommer, nicht im feierlichen
Gottesdienste, sondern in einer stillen, wenig besuchten Frhmesse und
beinahe ohne allen Vorunterricht, so da wir kaum eine Ahnung von der
Bedeutung der uns abentheuerlich dnkenden Feier besaen. Wir beichteten,
aber unser liebster Beichtvater war ein Professor, der allgemeine Beichten
nicht nur annahm sondern forderte. Drngten sich zu Viele um den
Beichtstuhl dieses Kirchenlichtes, so pflegte ich einen Zettel zu
entlehnen, worauf ein Anderer passende Snden aufgezeichnet, las denselben
ab und bergab ihn nach der Lossprechung meinem Nachbar.--Einer der besten
unserer Religionslehrer schlief jahraus jahrein und berlie es uns,
Lectionen aus dem Katechismus gemchlich herauszulesen. Wieviele von uns
nicht einmal das Vaterunser, geschweige das katholische Glaubensbekenntni
oder gar die Gebote der Kirche ordentlich herzusagen wuten, dafr lieen
sich Namen nennen, worunter der meinige nicht fehlte [Funote: Der meinige
leider auch nicht. D.V.]

Wer wollte sich wundern, da gerade der Religionsunterricht als der
langweiligste und widerlichste Lehrgegenstand, das Kirchengehen besonders
zur Winterszeit als das leidigste und unntzeste Geschft erschien?

Die Klage, da von Oben herab die Pflege des positiven Christenthums im
mildesten Sinne nicht gefrdert wurde, soll weniger durch die Unfhigkeit
aller meiner Religionslehrer als durch den Umstand untersttzt werden, da
es an hochbelobten Lehrern wie an Schulbchern nicht mangelte, welche uns
die eigene Kirche verchtlich und lcherlich machten und unser Gemth mit
aufrichtigem Hasse gegen alles "Pfaffenthum" erfllten.

Von Gewissen will ich aus gewissen Grnden schweigen, aber durchgehen Sie
die gedruckten Programme unserer gelehrten Anstalten, um sich zu
berzeugen, aus wievielen _Schulbchern_ wir alle Irrthmer und den
Kirchenha des Protestantismus in uns aufnahmen. Da nebenbei Bibliotheken
der Anstalten und Professoren uns reichlich mit Hilfsmitteln der Aufklrung
versorgten, versteht sich von selbst und da Viele von uns Alles, nur
nichts Gutes aus dem Kram der Leihbibliotheken schpften, ist eben so
begreiflich als verzeihlich.

Geistliche und weltliche Lehrer hatten genug zu schaffen gehabt, uns gegen
den Einflu einer durchaus unkatholischen Literatur und gegen die Gefahren
der Jugend durch das Einpflanzen christlicher Gesinnungen zu schtzen. Doch
geschah von Allem das Gegentheil. Obwohl von Gott, Christus und Kirche
manchmal die Rede war, so lernte man doch nur das zeit- und staatsmig
zugeschnittene Christenthum meiner Mutter kennen und wurde mit einem nicht
minder zeit- und staatsmigen Hasse und Mitrauen gegen das positive und
kirchliche Christenthum erfllt.

Nicht Christenthum, sondern "_Humanitt_" hie bei uns die Loosung,
reden wir also auch von ihr!--

Die Zeit, in welcher dem Jngling sein natrlicher Zusammenhang mit dem
Geschlechte offenbar wird, fllt mit derjenigen zusammen, in welcher er
seinen geistigen und sittlichen Zusammenhang mit demselben mindestens ahnt,
wenn auch seine Schulmeister sich als noch so elende Hebammen seines Wesens
bewhren.

Der Mensch wird zum Herkules am Scheidewege. Ideale von Freundschaft,
Vaterlandsliebe, Seelengre und Tugend gehen ihm auf, und enger, inniger
als bisher schliet er sich an Seinesgleichen an, um hhere Lebenszwecke
als die bisherigen zu verfolgen. Jetzt bedarf er vor Allem der Fhrung der
Religion oder doch der Leitung erfahrener Mnner, die er achtet und liebt,
denn diese Zeit ist nicht nur die schnste, sondern auch die gefhrlichste
des Lebens. Wie waren wir daran?

Die alltglichen Redensarten eines gefeierten Humanisten klingen mir noch
in den Ohren und ich gebe einige als Proben, mit welchem Takte dieser Mann
16 bis 20-jhrige Vaterlandshoffnungen behandelte.

"Er steht da, als ob er die chinesische Mauer vor der Nase htte, er
verzwickter Schafskopf, %non plus ultra% der Rindviehdummheit, elender
Botier!--Er kann sich als Preistrger des landwirthschaftlichen Vereines
melden--Fahr Er Mist, dazu ist Er dumm genug, so rindviehmig dumm, da Er
nicht einmal zum Schustersjungen taugt--Er Urkalb, Generalassekuranzesel,
halte Er sein Maul zum H--!--Geborenes und erzogenes Rindvieh, Er steht
unter dem Niveau eines Hundes!--Ein gescheidter Pudel ist intelligenter als
ihr Bestien!--Erlst mich bald in Gottes oder des Teufels Namen!--Hat er
Pech am H--? Was will Er denn werden? Theologe! Da sich Gott erbarme!--Da
mchte ich doch lieber in der tollsten Kneipe unter Proletariern sitzen und
ihren physischen Dunst einathmen, als euern geistigen Gestank riechen--Setz
dich, dein Name ist Rindvieh, man knnte dich zum Prsidenten einer
Eselsrepublik machen--Werd' Er Schuster, Barbier oder Leinweber, Er
hyperbestialisches Rindvieh--Der Ochse wird nur einmal vors Hirn gehauen,
er hats demnach besser als Ihr, denen man tglich vor den Kopf schlgt,
ohne da Ihr Etwas sprt--Ist noch keine Artillerie- oder Bierbrauerstelle
fr Ihn frei geworden? Er ist verballhornter als ein Esel in der zweiten
Potenz--Setz' Er sich auf seine Klauen, Mondkalb! Nicht einmal ein Hund
hebt sein Bein auf vor so verthierten Geschpfen wie Ihr seid!--"

Ich will Sie mit noch derbern und ekelhaftern Redensarten dieses
gepriesenen Directors verschonen. Wir haben Sammlungen davon veranstaltet
und viele Freude daran gehabt, wenn er uns Gelegenheit gab, dieselbe durch
neue zu bereichern.

Die Schulgesetze zu verhhnen und zu bertreten, galt als Heldenthat.

Vieles liee sich hier ber frappante Aehnlichkeiten zwischen Zuchthusern
und Schulhusern anknpfen.

Von pedantischen Schulgesetzen und heimlichen Gesellschaften, von
erfolglosen Ermahnungsphilippiken und schlechten Streichen, von
ffentlichen Berucherungen und heimlichen oder auch offen getriebenen
Lastern liee sich Langes und Breites erzhlen und hieraus mancher Beleg
fr die alte und doch niemals genug beherzigte Wahrheit schmieden: _da
Snden, Laster und Verbrechen von kleinen Anfngen ausgehen und gleich
schleichenden Krankheiten erst recht offenbar und auffallend werden, wenn
sie schwer oder gar nicht mehr heilbar sind._

Blicke ich zurck auf meine Jugendgefhrten, was ist aus so Vielen
derselben geworden? Ach, mehr als Einer ist gleich mir gemeiner, geschweige
"politischer" Verbrecher, gar Mancher hat sich durch Ausschweifungen in ein
frhes Grab gestrzt, Viele beweinen ein verfehltes Leben und die Meisten
haben es nicht ihrer Erziehung, sondern glcklichen Naturanlagen und einem
freundlichen Geschicke zu verdanken, da ihre Geschichte keine
Zuchthausgeschichte geworden--denn Religion haben die Meisten noch heute
keine!--Man sage dagegen was man will: alle Wissenschaft und Bildung gibt
keine Sittlichkeit, verfeinert hchstens die selbstschtigen Triebe des
Menschen oder lehrt ihn die innere Roheit und Gemeinheit mit einem
uerlich glnzenden Firni bertnchen, durch den der wahre wste Mensch
doch tglich hervorbricht. Sittlich sein heit in Gott leben und in Gott
vermag nur der zu leben, welchem in Christo die Kraft geworden, den
geistigen Menschen ber den natrlichen zur Herrschaft zu bringen.

Was soll man nun von einem Schulwesen halten, welches katholische Kinder
von der Volksschule an bis hinauf zur Hochschule mit Geringschtzung gegen
positive Religion und noch mehr mit Ha und Mitrauen gegen die eigene
Kirche erfllt?--

Freilich, wo Katholiken, Protestanten und Juden in Einer Schulbank sitzen,
darf auer der Religionsstunde von positiver Religion keine Rede sein und
wenn die Religionslehrer meiner Zeit wahre Apostel gewesen wren, so wrde
der _Geschichtsunterricht_ nicht ermangelt haben, uns fr die
Reformation und deren Helden ebenso blind zu begeistern als gegen die
katholische Kirche einzunehmen und in unheilbarer Unwissenheit ber
Geschichte, Einrichtungen und Gebruche derselben zu erhalten.--

Ein Beweis fr die Geringschtzung und Verachtung gegen unsere Kirche liegt
vielleicht darin, da ich mich auch nicht Eines Beispiels entsinne, wo
Einer von uns auf den Gedanken gerathen wre, irgend einen Heiligen zu
seinem Vorbilde zu whlen und diesen Entschlu auszusprechen.

Und sind die Heiligen als Helden des sittlichen Willens kleiner denn jene
Helden, welchen eine befangene Geschichtschreibung Weihrauch streut, weil
es groartige Ruberhauptleute, siegreiche Menschenschlchter, glckliche
Erfinder oder ohne ihr Zuthun mit hohen Geistesgaben ausgerstete Mnner
gewesen?--Wenn einmal jene Zeit da sein wird, wo Christus als lebendiger
Mittelpunkt der Geschichte der Christenheit und Menschheit erfat wird,
dann wird auch der geringste Heilige mehr gelten denn ein lasterhafter
Alexander, selbstschtiger Napoleon, liederlicher Maler, Geiger oder
Komdiant.--

Ein weiterer Beweis, wie weit die Protestantisirung der Katholiken in
parittischen Lndern gediehen, liegt in der Thatsache, da zu meiner Zeit
nicht sowohl die Kenntnivollsten oder Besten, sondern weit eher
mittelmige Kpfe, Feiglinge, welche nicht den Muth besaen, Entbehrungen
und Leiden der Armuth zu ertragen, niedrig denkende Bursche, welche von
vornherein an die Nichterfllung gewisser beschworener Pflichten ihres
knftigen Standes dachten, sich dem Dienste der Weltkirche Jesu Christi
widmeten.

Begreiflich!--erinnere ich mich doch mehr als eines aufgeklrten
Professors, der sehr verchtlich in Gegenwart der Schler vom Stande
katholischer Geistlichen redete und offen aussprach, der Dmmste sei
immerhin noch gescheidt genug, um fr die Kirche gesalbt zu werden!--

Soll ich lnger noch bei dem heimtckischen, verkappten Kriege mich
aufhalten, der mit schlauer Berechnung gegen Katholizismus und Kirche
gefhrt wurde, whrend man von Oben herab und Unten herauf von Erhaltung
religisen Friedens, Gleichberechtigung der Confessionen und andern schnen
Schelchen laut genug log und durch Lgen das Gewissen der Hirten der
Kirche in sen Halbschlummer und verderbenbringende Betubung lullte?--

So lange katholische Lehrer inwendige Protestanten sind, die Schulen nicht
zu Confessionsschulen und alle mit der christkatholischen Weltanschauung in
nherer Berhrung stehenden Unterrichtszweige nicht aus katholischen
Bchern erlernt werden, so lange wird auch ein neuer und besserer Geist das
Volk nicht erneuern und beleben, sondern das schleichende Gift des
Heidenthums wird weiter fressen und zuletzt den Organismus der alten,
kranken Gesellschaft zerstren!--

Einige Jahre verlor ich an Gelehrtenschulen, an denen keine grndliche
Bildung zu holen und das bischen Christenthum, welches manche Kameraden aus
der Heimath mitgebracht, bald verloren war. Der schnell erfolgte Tod meines
Vaters fiel als Hagelschlag in meine reichlich blhenden Hoffnungen auf
eine ehrenvolle, glnzende Zukunft. Es stellte sich heraus, das Vermgen
sei bei weitem nicht so gro als man sich allgemein vorgestellt und eine
ziemlich sorglose Haushaltung hatte Vieles beigetragen, dasselbe zu
zerrtten. Auer dem ltern Bruder Anton und mir waren noch mehrere
Schwestern vorhanden. Anton war lter als ich, noch immer derselbe ruhige,
stille Mensch, welcher er von jeher gewesen und noch immer entschlossen,
ein Geistlicher zu werden. Er wollte dies nicht, weil er etwa mehr Glauben
oder Kenntnisse in religisen und kirchlichen Dingen besa als ich, sondern
weil ihm die Aussicht auf das friedliche Leben eines Landpfarrers behagte.
Es war der Seelenwunsch der Mutter, da er seinem Plane getreu bleibe, doch
stellte der Tod des Vaters der Ausfhrung desselben Hindernisse entgegen.
Die Untersttzung irgend einer Art anzunehmen, das armselige Leben eines
Bettelstudentleins zu fhren, dies waren Gedanken, welche die etwas stolze
Mutter so wenig als Anton zu ertragen vermochten. Der Stand des Vermgens
war jedoch so, da Einer von uns Brdern dem Studiren entsagen mute, wenn
soviel brig bleiben sollte, um den vier Schwestern eine angemessene
Erziehung und einige Aussicht auf zeitliche Versorgung zu geben. Anton war
um zwei Jahre vor mir, ich liebte die Mutter und wute bereits, da Geld
die Welt regiere, folglich meine Schwestern ohne einiges Geld schwerlich
jemals zur Regierung eines Hauswesens gelangten. Nicht ohne Kampf, doch
voll Freude ber den Sieg verzichtete ich auf das Leben eines Studirten.
Meine Neigung Soldat zu werden, ward von der Mutter aus allen Krften
bekmpft. Ich begann Musik zu treiben und trat kaum ein Jahr nach dem Tode
des Vaters ins Lehrerseminar.

Sie begreifen, da ich ohne religisen Glauben, folglich auch ohne
sittlichen Halt in dasselbe trat und beim Eifer meines Studirens sowie bei
der Lebhaftigkeit meines Temperaments als vollendeter Feind des
Pfaffenthums und voll Begeisterung fr ein aufgeklrtes, freies,
glckliches Volk aus demselben herauskam, whrend mich gewisse Vorflle und
Erfahrungen, die ich seit dem Tode des Vaters gemacht, gegen "honette und
gebildete" Leute stark eingenommen hatten.

Ich war einige Jahre Schulmeister und habe whrend dieser Zeit Vieles
durchgemacht, zumal die huslichen Verhltnisse der Meinigen sich
verschlimmerten. Mein Ehrgeiz drohte unter der Wucht drckender
Lebensverhltnisse zu erliegen und leider mit ihm lblichere Eigenschaften.
--Jetzt begreife ich, wehalb die Behrden mich zurcksetzten und meine
Vorgesetzten mir keine Ruhe lieen, doch damals sah ich nur
Ungerechtigkeit, Partheilichkeit, Pfaffenha, Weiberintriguen und machte
mich selbst zum Unseligsten aller Menschen.--Nicht die Religion, sondern
die Liebe fr eine Sonntagsschlerin war es, welche meinem schwankenden,
ruhelosen, unseligen Wesen wiederum Halt, Friede, jenen Schimmer der
Seligkeit gewhrt, welcher Jedem die Erinnerung an die erste Liebe
unvergelich macht.

Ich erfuhr nicht, da Liebe der Lange Irrthum Eines Betrogenen Esels sei,
wie Saphir herb genug witzelt, aber ich war ein Schwrmer, ein Romanenheld,
die Geliebte dagegen ein verstndiges, treuherziges, einfaches Landmdchen.
... Es verstand mich nicht, Eltern und Verwandte erklrten sich gegen mich
--Doch, ich will Sie mit meiner Liebesgeschichte nicht langweilen.

Sie modert lngst im Grabe und in demselben Grabe mein besserer Mensch. Ich
verlor sie keineswegs durch den Tod, denn sie starb erst, whrend ich in
Frankreich lebte. Sie lie sich halb und halb zu einer Heirath zwingen und
war zu edel, um ein Verhltni fortzusetzen, welches ihren Pflichten htte
gefhrlich werden mssen. Ihr Verlust war fr mich der Anfang einer
Sittenverwilderung, deren Schilderung Sie mir gewi gerne erlassen. Ich
sank von Stufe zu Stufe und strzte mich in Schulden, aus denen mich die
Meinigen weder herauszureien vermochten, noch den Willen dazu hatten. Die
Meinigen verfluchten, die Behrden bedrohten, die Glubiger verfolgten,
alle Bessern verachteten mich und ich, ich glaubte--ein noch immer
vortrefflicher Mensch und verdienter Lehrer zu sein und ein Recht zu
besitzen, der ganzen Welt zu trotzen.

Nur mit Schauder denke ich an jenen Sonntag zurck, an welchem ich im
Hochamte whrend der Wandlung auf der Orgel das Bnkelsngerlied:

  _Schnapps, Schnapps, Schnapps, du edeles Getrnke_

anstimmte. Ich mute fast augenblicklich fliehen und floh ohne Geld, ohne
Schriften, ohne Gepck, ohne Ziel und Plan und lie hinter mir die Heimath,
die Ehre, den Frieden meiner Seele.

Ich floh nach Frankreich und zwar nicht als fortgejagter Schulmeister,
sondern auch als Deserteur, da ich ein Jahr Kasernenleben mitgemacht und
auf meinen Abschied noch lange zu warten hatte. In Straburg lie ich mich
anwerben. Wenn ich meine Erlebnisse in Algier, Spanien, in Frankreich,
besonders in Paris und Lyon erzhlen und mich nher mit dem politischen und
sozialistischen Theile meiner Geschichte befassen wollte, so wrde dieser
ohnehin wohl zu lang gerathene Brief vor einem bis zwei Jahren schwerlich
ein Ende finden.




#IV.#


----Du, theuerster Anton, hast Deinem Bruder das Reisegeld gegeben und in
zwei Wochen segle ich Amerika zu, um dort nach Krften gut zu machen, was
ich an der alten Welt, an dem Vaterlande, an meiner Familie und mir selbst
gesndiget. Htte ich nicht das Kleid eines gemeinen Verbrechers getragen,
so wrde ich in ein Kloster gehen, nicht sowohl um meine Schande zu
verbergen, sondern um die Gnaden zu offenbaren, welche Gott auch dem
Unwrdigsten noch zukommen lt, wenn derselbe sich an Ihn wendet.

Es scheint mir ntzlich und nothwendig zu sein, da in den Tagen wachsender
Armuth, unersttlicher Genusucht und malosen Hochmuthes Menschen durch
Thaten den Mitmenschen beweisen, wie wenig Einer braucht, um zu leben, wie
wenig sinnliche Gensse zum Glcke gehren und wie wenig Demuth und
Selbstverlugnung uns erniedrigen. Klster sind eine Forderung der Zeit.

Ach, ich mchte die Zahl Derer so gerne um Einen vermehren, welche laut und
offen verkndigen, da der moderne Staat wiederum ein christlicher werden
msse und da Kaiser, Knige, Frsten und Grafen bis herab zum Bettler
hinter dem Zaune Eine Pflicht und Eine Bestimmung haben, weil Christus fr
Alle gestorben, Tod und Gericht Allen gemeinsam sind.

Leider sind jene Tage vorber, wo auch groe Verbrecher in stillen
Klostermauern Aufnahme fanden, um Bue zu thun und durch Wort und Beispiel
die Vergangenheit zu shnen.

In zwei Welttheilen lebte ich als Seelenverderber, im dritten will ich als
Seelenretter ausharren bis zum Ende und als ein in Christo Freigewordener,
noch weit weniger als frher ein Gewicht auf die Warnung legen, welche
Faust dem Wagner gibt:

  Wer darf das Kind beim wahren Namen nennen?
  Die wenigen, die was davon erkannt,
  Die thricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
  Dem Pbel ihr Gefhl, ihr Schauen offenbarten,
  hat man von je gekreuzigt und verbrannt!

Ich suche in Amerika kein Eldorado und wei, welche Entbehrungen und
Schwierigkeiten meiner harren, nachdem ich mich entschlossen, die Wilden
der Urwlder aufzusuchen, unter denselben als Vorarbeiter und Gehlfe der
Missionre zu wirken und an ihnen gut zu machen, was ich an Andern
gesndiget.

Doch ich will Deinen Wunsch erfllen, theuerster Bruder und Dir Nheres von
meinem Zuchthausleben erzhlen, namentlich insofern dasselbe zu meiner
sittlich-religisen Wiedergeburt beitrug.

Es war im Sptjahr 1847. Ich wute genauer als mancher Andere, da
Frankreich am Vorabend einer Revolution stehe. Da dieselbe jedoch schon im
Februar 1848 losbrechen und nicht nur die Julimonarchie strzen, sondern
die Monarchie berhaupt zertrmmern und Sozialisten zu Fhrern Frankreichs
machen wrde, das ahnte ich nicht, weil es meine khnsten Hoffnungen
berflgelte.

Htte ich eine Ahnung davon gehabt, so wrde ich die geheime Mission nach
Deutschland nicht bernommen, eine verhngnivolle Brieftasche mit
Banknoten nicht--gefunden und das Inwendige des Zuchthauses wohl nimmermehr
gesehen haben.

Ich lag im Gefngni, als die Februartage kamen. Sie machten mich rasend;
ich konnte Tag und Nacht keine Ruhe finden und wundere mich nur, da ich
nicht geisteskrank wurde. An Fluchtversuche dachte ich nicht, weil ich
stndlich Befreiung auf andere Weise hoffte und erwartete und als diese
ausblieb, hatte ich es durch meine Reden und mein Benehmen dahin gebracht,
da man ein scharfes Auge auf mich bekam und mich in ein besser verwahrtes
Gemach brachte, wo ich einsame Stunden fieberhafter Spannung verlebte.

Es war zu erwarten, da Berlin ein bischen Prosit rufe, wenn Paris niee,
aber da Berlin Prosit schreie und die gute alte Stadt Wien zum "Paris in
Knabenschuhen" wrde, hattte [hatte] ich auch nicht geahnt und als es
dennoch so kam, verwnschte ich bereits im Strflingskittel das
Migeschick, welches langjhrige Hoffnungen verhhnte, indem es mich, den
Sohn der Freiheit und Soldaten der Revolution zu einem Staatssklaven und
Opfer tdlich verachteter und gehater Gesetze machte. Das rgste war, da
ich keineswegs umstrahlt von der Glorie eines politischen Mrtyrers,
sondern in der Eigenschaft eines gemeinen Spitzbuben in die Strafanstalt
trat und hier zum Ueberflu noch Leute fand, welche mich frher und leider
nicht auf vorteilhafte Weise kennen gelernt.

Beamte und Aufseher behandelten mich gleich jedem Andern; ich fhlte, da
gleiche Behandlung Aller groe Ungleichheiten zur Folge habe, sogar das
Beisammensein mit Dieben emprte meinen Stolz und ich that Alles, um mich
bei den Bessern der Strflingsbevlkerung in Ansehen zu setzen. Doch ein
alter, einugiger durchtriebener Gauner, mit welchem ich frher einmal im
Amtsgefngnisse zu N. gesessen, redete zu meinen Gunsten in einer Weise,
welche mir die Achtung der Bessern verscherzen mute und eine Migestalt
von Bauernknecht, welchen ich in demselben Amtsgefngni gewissenlos um
seine Ersparnisse gebracht und der nunmehr wieder unter Einem Dache mit mir
lebte, erzhlte Alles, was er Schlimmes von mir wute.

Drauen Revolution, der Kanonendonner und Freudenjubel der groen Zukunft,
in der Strafanstalt elende Handarbeit, schmale Kost und schlechter Trunk,
dabei noch Verachtung von Seite vieler Mitgefangenen, welche mich gerade
dehalb um so herber drckte, weil sie von Strflingen kam--wie zermalmte
mich solche Verschrfung meiner Strafe!

Der Gedanke, da ich von meinen Freunden auerhalb der Gefngnimauern
verlassen und vergessen sei, beunruhigte mich so sehr als die Ungewiheit
ber die Lage der Dinge und ich glaube ich htte damals einen Finger fr
eine Nummer der Augsburger Allgemeinen Zeitung gegeben.

Die verworrenen und sich widersprechenden Gerchte, welche durch
Plaudereien der Zuchtmeister, Schildwachen, Besuche und neu eintretenden
Strflinge verbreitet wurden, dienten im Ganzen nur dazu, meine Neugierde
zu erhhen, die Qual der Ungewiheit bis zur Verzweiflung zu steigern und
meine Ansichten ber die Ereignisse vollstndig zu verwirren.

Du erfassest das Elend solcher Qualen, im Vergleich zu welchen die Qual der
Gefangenschaft an sich geringfgig erscheint, nicht. Wer einen Gott hat und
einen Himmel kennt, der trgt unzerstrbaren Frieden in sich und betrachtet
das wechselnde irdische Leben ruhig.

Der Mai hatte einige Soldaten zu uns gebracht, die fr eine zahme Republik
gekmpft haben sollten und doch nicht wuten, was eine Republik sei. Es
waren gutmthige, brave Bursche und ich suchte mich denselben zu nhern,
allein sie blieben gegen mich wie gegen die "Spitzbuben" zurckhaltend und
sprde.

Sie sahen ein, da es fr Soldaten eine unverzeihliche Dummheit sei, zur
Zeit einer Emeute eine Ausnahme vom Verhalten der Mehrzahl der Kameraden zu
machen und nicht ihre harte Strafe, sondern ihr Zusammengeworfenwerden mit
gemeinen Verbrechern war's, was sie nicht zu verschmerzen vermochten und
ihren Rachedurst entflammte. Ich gewann sie leicht fr meine Ansichten,
nachdem sie einmal an ihre neue Gesellschaft besser gewhnt waren und
einiges Vertrauen zu mir gefat hatten. Unvergelich bleibt mir die
Demthigung, welche mir einer derselben bereitete. Ich erzhlte nmlich von
Robespierre und lobte vor Allem die Uneigenntzigkeit dieses Helden der
Revolution, den ich als eines meiner Vorbilder erklrte. Da meinte Jener
trocken, wenn Uneigenntzigkeit fr einen rechten Volksfhrer unentbehrlich
sei, so werde ich niemals einen solchen abgeben!--Aus dieser Rede wie aus
den Blicken und dem Gelchter der Umsitzenden erkannte ich, da alle genau
wuten, wehalb ich verurtheilt worden. Glaubst du, da ich Nchte hindurch
mich ruhelos auf meinem Strohsacke herumwlzte voll Aufregung ber solche
Gewiheit?--

Mit der Zeit bekam ich Gewiheit, da man in der Welt auch ohne mich fertig
werde und mich "den Spitzbuben" vllig vergessen habe--eine schmerzliche
Gewiheit fr einen mit der Gromannssucht behafteten Menschen meiner Art!
Der Juniaufstand wurde durch einen Zufall bereits am folgenden Morgen nach
dem Ausbruche unter uns Gefangenen bekannt.

Wiederum war fr lngere Zeit meine Gemthsverfassung die einer
Tigermutter, welche von Todfeinden ihre Jungen qulen und zerfleischen
sieht, ohne mehr zu vermgen als den grimmigen Zorn und Schmerz durch
Gebrlle zu mildern. Kaum fing ich an, mich an meine Lage zu gewhnen und
in ihren Zerstreuungen einen Schein von Ruhe zu gewinnen, als ich in eine
Zelle versetzt wurde. Es war im Sptherbst 1848.

Nach einigen Tagen stiller Ergebung berauschte mich allgemach die
Einsamkeit. Zuweilen verlebte ich ruhige, sogar heitere Stunden, doch in
andern, besonders in der Todesstille der Nacht und bei schlechtem Wetter
empfand ich alle die unbeschreiblichen Qualen meiner Lage.

Ich mchte dieselben mit denen des angeschmiedeten Prometheus vergleichen,
doch hinkt solcher Vergleich vielfach, namentlich hatte ich dem Himmel mein
Feuer nicht gestohlen, sondern von der Hlle entlehnt.

Arbeiten und Bcher gewhrten mir einige Unterhaltung und Trost. Ich
arbeitete, um mich selbst zu vergessen und einige Stunden des Schlafes,
dieses kstlichsten aller Gter eines Gefangenen, zu genieen. Meine Liebe
zum Lesen wre leicht in Lesesucht ausgeartet, wenn ich mich der
Hausordnung htte entziehen knnen. Doch welcher Sterbliche vermag sich in
einem Zellenbau der strengsten Beobachtung bei Tag und Nacht zu entziehen?
Geistliche, Beamte und Aufseher besuchten mich nach ihrer Vorschrift, doch
gewhrten mir ihre Besuche wenig Unterhaltung und ihnen kein Vergngen.

Mein Bestreben war darauf gerichtet, dieselben auf eine Weise zu krnken
und zu beleidigen, fr welche sie mich nicht zu bestrafen vermochten.

Uebrigens ist ihre Strafgewalt so beschrnkt, da man wenig mehr nach
Strafen fragt, wenn man die blichen einmal gekostet und nachdem mir eine
Uebertretung der Hausordnung einigemal kleine Strafen zugezogen, ertrug ich
Strafen gerne, wenn ich mir nur einbilden durfte, die Beamten recht
gergert zu haben. Nur Einer kam mit mir aus. Es war ein Hauslehrer, der
von Zeit zu Zeit mit Heckerhut, Hahnenfeder und Schleppsbel in meine Zelle
trat, um sich nach dem Befinden des "Brger Gefangenen" zu erkundigen.
Nachdem er wute, wie lange und wo ich in Frankreich und andern Lndern
gelebt und welcher Parthei ich lange Zeit angehrte, fhrten wir viele
wunderliche Gesprche mit einander. Bei ihm konnte ich meinem Grimme gegen
Gott, Welt und Menschen freien Lauf lassen, denn auch er gehrte zu Jenen,
welche von ergriffenen Prinzipien zu den uersten Folgerungen derselben
muthig fortschreiten.

Von ihm erfuhr ich, was drauen in der Welt gespielt wurde und meine
Hoffnung auf Befreiung ward so lebhaft, da ich mich am Morgen jedes Tages
fragte: Wirst du die Hausschelle heute Abend noch hren?--Noch vor Mai 1849
verlor ich den Edlen, im Mai erfuhr ich die Befreiung der politischen
Gefangenen und erwartete die meinige--vergeblich. Jetzt brtete ich
wiederum dstere Plane unersttlicher Rache, schwelgte in entmenschten
Trumen blutigen Hasses und fand darin die einzige Unterhaltung, weil ich
in der Kirche nicht zum Hren zwischen den kahlen Zellenwnden nicht zum
Lesen und Nachts nicht zum Schlafen gelangte.

Ich hatte Schreibzeug, noch einiges Papier und begann zu dichten. Eine
Sammlung. _"Rothe Lieder"_ sollte mir meine Lage ertrglicher und nach
meiner Befreiung meinen Namen der Welt bekannt machen.

Whrend der Arbeit schmiedete ich Verse und schrieb einen nach dem andern
geschwind auf eine neben mir liegende Schiefertafel. Kam Jemand, so lschte
ich das Geschriebene schleunig aus, andernfalls schrieb ich es am frhen
Morgen oder whrend der Mittagsstunde auf Papierstreifen, die ich in den
Schuhen bei mir trug.

Eines mag als Probe meiner damaligen Seelenstimmung hier stehen und Dir
zeigen, wie weit ich noch nach etwa 10monatlicher Einzelhaft von Besserung
entfernt war:

  Ein Sklavenvolk mag vor Molochen kriechen,
  Vor schlauen Bonzen wahnerfllt sich beugen,
  Sein Glck mit Fen treten im Unsinnsreigen
  Und Seligkeit aus Triererrcken riechen!

  Doch ewig soll das Volk an Dummheit siechen?--
  O nein! die Wahrheit wird und mu sich zeigen,
  Mu glhendroth aus Tempelasche steigen
  Sobald der Wahn des Christenthums gewichen!

  Drum frisch, ihr Freien, lat nie trg euch finden,
  Wetzt gegen Bonzentrug die schrfsten Klingen,
  Es gilt, der freien Menschheit Reich zu grnden!

  Der Weltgeist leiht euch riesenstarke Schwingen,
  Kein Adler kann im Sonnenlicht erblinden,
  Der Menschheitsgott lohnt euer khnes Ringen!--

Im Juni setzten mich Kanonendonner und Kriegslrm aller Art in fieberhafte
Bewegung. Jeden Schritt, der auf den Steinplatten des Ganges drhnte, hielt
ich fr den meines Befreiers.

Ich hoffte, da alle Gefngnisse ihre bleichen Bewohner ausspeien wrden
und war gesonnen, aus denselben ein in die graue Tracht des Strflings
gekleidetes Corps zu bilden, um dasselbe als Vorkmpfer beim Kampfe gegen
die alte Gesellschaft zum Siege zu fhren.

Freiheit und Kampf, Sieg und blutige Rache, Tod und Ruhe war meine Loosung
und ich verga dieselbe sogar in meinen nchtlichen Trumen nicht.

Eines Abends marschirten preuische Fseliere ber die Ringmauern der
Anstalt, bald nachher stand auf der Mauer meines Spatzierhfchens
geschrieben; "Die Freischaaren sind aus dem Schwarzwalde in die Schweiz,
Alles ist aus.--Die Franzosen wollen wieder Einen haben und der Strfling
von Ham soll auf der Liste zu oberst stehen. Lauter Lumperei!--"

Dies war zuviel.

Seit vielen Jahren eines ins Aeuerliche versenkten Lebens hatte mich Gott
das Rcheramt an mir selbst verwalten lassen. Eine bestndige qualvolle
Unruhe, eine tiefe geheime Unzufriedenheit mit mir selbst jagte mich aus
einer Stunde in die andere wie den ewigen Juden und lie mir nicht Einen
vollkommen sorgenlosen Genu. Aus jedem Freudenbecher stiegen Dmonen und
setzten sich als unertrglich schwere Alpe auf mich, whrend Springfedern
in mir zu sein schienen, die beim leisesten Drucke von Auen mich fernen,
unbekannten Zielen zutrieben.

Whrend meiner Gefangenschaft war ich bereits so weit gekommen, die Ochsen
und Khe zu beneiden, welche den Brodwagen in den Hof der Anstalt
schleppten. Ich wrde gerne geglaubt haben, das elendeste Thier sei ein
glcklicheres Wesen als der Mensch, wenn nicht ruhige, freundliche,
glckliche Menschen, hinter denen mein scharfgewordenes Auge keinen Schein
entdeckte, tglich in meine Zelle getreten wren.

Ich mute mir in ruhigeren Stunden gestehen, eine Regierung, welche Diener
von der Art meiner Besucher habe und ihre schlechtesten Unterthanen noch
menschenfreundlich behandle, msse nicht ganz fluchwrdig sein. Nicht
minder fiel es mir bei, eine Religion, welche ihre treuen Anhnger so
ruhig, freundlich und glcklich mache wie die christliche, bleibe eine
preiswrdige Religion, selbst wenn ihre hchsten Vorstellungen keiner
Wirklichkeit entsprchen. Ich begann die Glubigen um ihres Glaubens oder
vielmehr um des Glckes willen zu beneiden, welches der Glaube denselben
gewhrt.

Beim Durchmustern meines vielbewegten Lebens kam ich allmlig immer mehr
auf meine Jugenderinnerungen zurck, weil sie die sesten fr mich waren.
Unsere Kinderzeit, theuerster Bruder, wurde fr mich zunchst der Born, aus
welchem ich mich erfrischte, um zum Quell des wahren Lebens zu gelangen.

Die Macht dieser Erinnerungen trug Vieles bei, mein Felsenherz zu erweichen
und die wehmthigen Betrachtungen und Vergleiche zwischen dem seligen Kinde
und dem unseligen Zuchthusler versenkten mich in ernstes Nachdenken.

Mehr als einmal, wenn die Glocken von fern und nahe in meine Zelle
hineinluteten und das Abendroth zwischen den Kerkerfensterlein
hindurchzuckte und golden ber die kahlen Wnde zog, da sah ich lngst
entschwundenes Abendroth und unter ihm die Thrme, von welchen die Religion
ihren Abendgru ber unser Stdtlein mit seinen dunkeln Dchermassen
hinrief und sah ein Haus, worin ein aufblitzendes Licht die liebsten,
freundlichsten Gestalten beleuchtete, die mir in meinen Erdenwallen
vorgekommen. O Anton, Anton, ich wnschte dann wiederum ein Kind zu sein
und mein Leben in ganz anderer Weise von vorn anfangen zu knnen!----

Ich begann allmhlig auch religise Schriften zu lesen und ber den Inhalt
reiflich nachzudenken. Schon die Vortrge und Predigten hatten mich
berzeugt, da ich in vielen Punkten der christlichen Religion in Irrthum
und Unwissenheit geschwebt und alle Punkte nur von der Seite aus zu
betrachten gewhnt war, von welcher sie mir verwerflich erschienen.

Je besser ich erkannte, da ich trotz allen Erinnerungen aus dem
Katechismus und an Predigten von meiner Religion bereits so wenig als ein
Heide verstnde, desto mehr stiegen Interesse und Eifer mich zu
unterrichten. Bald machte ich Auszge aus guten Schriften und zuletzt
eigene Aufstze, um mich im Denken zu ben.

Gleichzeitig las ich geschichtliche Werke und begann an dem Ikarien, in
welches ich mich ganz und gar festgerannt hatte, irre zu werden.

Je mehr ich las und dachte, desto mehr wich der Fanatismus des Unglaubens.
Ich lernte die Ruhe des Denkers kennen und wenn dieselbe auch noch lange
nicht die Ruhe des Christen ist, so bleibt sie doch ein Durchgangspunkt, um
zu derselben zu gelangen.--

Jetzt ist es mir klar, da Gott mich ins Zuchthaus fhrte und da die
Zuchthausstrafe der Rettungsversuch war, welchen Er mit mir anstellte,
damit meine Seele nicht ewig verloren gehe.

Er handelte an mir wie ein geschickter Arzt, welcher kein Sengen, Brennen
und Schneiden scheut, wenn es dem Kranken ntzt, ich dagegen lange genug
wie ein in Fieberwahn Daliegender, der von keinem rettenden Arzte wissen
will und um so heftiger nach demselben schlgt, je nher er ihm tritt.

Er zchtigte mich mit der einen und hielt mich mit der andern Hand.

Du weit bereits auf welche Weise Er meine Zuchthausstrafe verschrfte.
Unter Strflingen wre ich niemals so weit gekommen, Geschmack an
religisen Schriften zu finden. Seitdem ich einsam lebte und gar nichts
mehr vom Leben und Treiben der Welt erfuhr, war ich allmlig im Stande
Schriften zu lesen, deren Inhalt meinen Ansichten schnurstracks widersprach
und der Mangel an Zerstreuung zwang mich, die Grnde der Verfasser zu
prfen.

Gleichzeitig gewann die Einsicht, da ich durch unverstndiges Benehmen
meine Lage nur verschlimmere, Uebermacht ber die Leidenschaftlichkeit
meines Herzens und meinem anstndigern, wrdigerem Benehmen gegen Besucher
entsprach eine freundlichere, gtigere Behandlung von ihrer Seite.

In B. dauert das Jahr nur 8 Monate. Die Hlfte meiner Strafe war
berstanden, laut der Hausordnung konnte ich um Begnadigung bitten. Lange
schwankte und zauderte ich. Der Gedanke auszuharren, um mich nicht der
Gefahr einer demthigenden Zurckweisung auszusetzen, wich nur, wenn ich an
die bisher ausgestandenen Leiden dachte. Ein Traum war's, der mich bewog,
ein Gnadengesuch einzugeben und an einen gnstigen Erfolg desselben zu
glauben.

Einen tiefern Schmerz habe ich selten in meinem quallenreichen
[qualenreichen] Leben empfunden als den, welchen ich empfand, nachdem mir
ein Schreiber die Nachricht brachte, meine Bitte sei eine vergebliche
gewesen. Weniger die Vernichtung ser Hoffnungen und die Fortdauer der
Gefangenschaft, als die Tuschung des Vertrauens, das ich der regierenden
"Bourgeoisie" geschenkt und der Gedanke, da Beamte und Aufseher, die meine
frhern Prahlereien angehrt und deren Glauben an meine Standhaftigkeit ich
durch die Bittschrift vernichtet hatte, wars, was mich schmerzte.

Ich that furchtbare Schwre, da meine Hand verdorren und mein Auge
erblinden mge, wenn ich jemals wiederum eine Feder anrhre, um ein
Gnadengeheul zu componiren. Der Schwur ward gehalten, nicht weil mein
Hochmuth stark, sondern weil der Schwur Schwur blieb.

Alle Ruhe und Mannhaftigkeit, alle Vershnlichkeit und Unpartheilichkeit
waren aufs neue verloren. Selbst gegen meine Besucher konnte ich mehr als
mrrisch und grob sein, denn ich hatte die Vornehmsten in Verdacht, da sie
meine Befreiung nicht bevorwortet, sondern hintertrieben htten, whrend
sie mir ins Gesicht Gte und Menschenfreundlichkeit logen und es gab
Stunden, wo die innere Aufgeregtheit mich alle Klugheit und Migung
vergessen lieen.

Meine religisen und geschichtlichen Betrachtungen, die Vergleiche der
verschiedenen Systeme sozialistischer Trumer hrten auf, ich war zu
unruhig, um lesen zu knnen und nur die "Rothen Lieder" gediehen.

Sie lullten mich in die Ruhe stiller Verzweiflung und stumpfer
Gleichgltigkeit, indem ich durch sie meinen Schmerz und Ingrimm gegen
Gott, Welt und mein Geschick aus mir herausarbeitete; aber wenn ich
bedachte, wehalb ich bestraft worden und wer mich in Gewalt hatte oder auf
die lange trostlose Reihe der Kerkernchte zurck oder vorwrts blickte,
dann hatte die trgerische Ruhe des Fatalisten, in welche ich mich
hineinzuzwingen versuchte, ein Ende.

Nur ein gemeiner Verbrecher in der Zelle erfhrt, was es heit, die Hlle
im Busen tragen und die Sehnsucht nach Glck sterben lassen. Es gab
Augenblicke, wo ich auf die Knie strzte und die unbekannten Mchte, welche
ihr grausames Spiel mit mir trieben, um Erbarmen anflehte. Im nchsten
Augenblicke stand ich auf, lachte voll ingrimmigen Hohns und rief den
Teufel an, mir die Freiheit, Ruhe, Untergang im Genu oder auch die Hlle
zu verschaffen. In der Hlle ein ganzer Teufel zu sein, ewig Gott zu
lstern und zu hhnen, in diesem entsetzlichen Gedanken lag fr mich in
meinen rgsten Stunden eine Art Wollust. Ich wnschte, da es einen Gott,
einen persnlichen Gott geben mge, damit ich ein rechter Teufel sein
knne. Wer gab ihm das Recht, mich auf diese Welt zu setzen? Aus einem
glcklichen Nichts ein unglckliches Etwas zu machen? Wehalb verfolgte Er
mich seit vielen Jahren? Warum lie er mich leben, da ich doch sterben
wollte?--

Ja, wollte, theuerster Bruder! Schaudere nicht vor mir zurck, ich kannte
und besa mich selbst damals nicht mehr, ein Dmon lebte und regierte in
mir, denn lange hatte ich der Hlle willenlos gedient und war in der Zelle
bereits in Gefahr gerathen, ihr ungetreu zu werden!--

Ich wollte mich erstechen und schliff mein stumpfes Messer mit unsglicher
Mhe scharf und spitz. Aber ich besa den Muth nicht dazu. Sage Keiner ein
Selbstmrder sei ein Feigling, es ist nicht wahr, zum Selbstmorde gehrt
ein Muth, welcher den Selbsterhaltungstrieb und die Ewigkeit verhhnt. Ein
Aufseher entdeckte das Messer, nahm es weg und mehr als je fand ich mich
beargwohnt und beobachtet. Ich betrachtete stundenlang meinen Kleiderrechen
und dachte daran, mich zu hngen.

Allein das Hngen hat namentlich fr einen alten Soldaten etwas Widerliches
an sich, vielleicht weil es die leichteste oder doch angenehmste Todesart
sein soll. Zudem konnte ich zu frh entdeckt, abgeschnitten und gerettet
werden. Noch meine Todesgedanken waren von der Eitelkeit beherrscht; ich
glaubte die herabsetzenden Redensarten derer, die meinen Leichnam auszogen,
zu hren und der Gedanke, von gleichgltig lachenden Studenten zerschnitten
zu werden, erregte mir ein widerliches, grauenhaftes Gefhl.

Die Hlle lie mich auf eine Todesart verfallen, deren Namen ich nicht
nennen mag; sie beseitigt den Schein des Selbstmordes und fhrt
Annehmlichkeiten mit sich, welche die des Hngens durch Dauer weit
berbieten. Um die Scheu vor der Anatomie zu beseitigen, wollte ich zuerst
von meinem Gutmachgeld das Doppelte des Werthes meines Leichnams--ein
menschlicher Leichnam gilt in B. 10 Gulden--an Jemanden auerhalb des
Gefngnisses senden und es dahin bringen, da dieser Jemand nach meinem
Tode das Geld in die Anstalt brachte und die Beamten dadurch veranlate,
meinen Leichnam nicht den Studenten zu schicken, sondern in B. begraben zu
lassen.

Diesen Jemand hatte ich noch nicht gefunden, als ich in eine schwere
Krankheit verfiel.

Ich kam in eine Krankenzelle, welche sich von den gewhnlichen Zellen fast
nur durch die grere Bequemlichkeit und vor Allem durch eine wahrhaft
christliche Behandlung unterscheidet, deren man darin geniet. Nur dunkel
entsinne ich mich, wie ich spter in den Krankenstock hinabgetragen wurde,
wo sich die Schwerkranken befinden.

Bienen, Rosenkfer und buntfarbige Schmetterlinge gaukelten lustig um
duftende Rosenhecken und prchtige Blumenketten des Citysus im heimelig
stillen Zuchthausgarten und die Schwalben zten ihre Brut, als meine
Krankheit sich mit unertrglichem Kopfschmerz und galoppirendem Pulsschlage
einstellte. Der Wind trieb aber die letzten falben Bltter von den Bumen,
der Sngerlrm im nahen Schlogarten war verstummt und die unvermeidlichen
Spatzen zankten sich um verlassene warme Rester [Nester] unter den Dchern
des vierten Flgels, als ich zu neuem Dasein erwachte und mich tglich
etwas lnger in der Kunst des Stehens und Gehens einben durfte.

Ich vermeinte kein Gefangener mehr zu sein, denn ich wohnte in einem hohen,
anstndig eingerichteten Gemache mit groem Fenster ohne Eisengitter und
nur der verbleichte Uniformsrock der Krankenwrter und noch mehr das
unmenschliche und unnthige Gebrlle der meisten Wachen auf der Ringmauer
mahnte mich daran, da ich noch Gefangener sei.

Der Krankenwrter besa mehr Einsicht und Bildung als Leute seiner Art
gemeiniglich zu haben pflegen. Er nhrte meinen aufwachenden Verstand,
whrend sein Gehlfe, ein etwas kurz und uneben gerathener Bursche mit
koketten Lcklein und zahmen Blauaugen den Magen versorgte.

Ein dicker, stattlicher, herzensguter Mann, der drhnenden Schrittes durch
die Gnge und tglich lieber in mein Gemach stieg, zeigte sich bereit, mir
Alles zu enthllen, was von Adams Zeit bis zu meiner Genesung ber und
unter dem Monde vorgefallen war, insofern es sich nur mit der Hausordnung
vertrug. Der Arzt selbst besuchte mich tglich zwei bis dreimal, der
Widerwille, den ich frher gegen ihn als den "Knecht einer verrotteten
Regierung" so gut als gegen andere Besucher empfunden, war wie weggeblasen.
Er hatte mein Leben retten helfen und ich fhlte, da ich das Leben
wiederum liebte, denn als der Mann mit dem drhnenden Schritte mir
scherzend einen amerikanischen Strick in Aussicht stellte, schauderte ich
unwillkrlich zusammen.

Tglich kam der vortreffliche Hausgeistliche zu mir und jeder Besuch machte
mir denselben theurer. Durch malosen Hochmuth, ungeschickte Heuchelei und
arge Verstocktheit hatte ich ihn oft betrbt. Seine Freude, mich gelassen
und ruhig zu finden, war jetzt um so grer, denn er hatte alle Hoffnung
aufgegeben, mich grndlich zu bekehren und gehrte zu jenen Wenigen, denen
die Aufrichtung Eines Gefallenen in der That mehr gilt, als die Erhaltung
von zehn Nichtgefallenen, bei denen die Gefahr des Fallens vorber ist.

Der alte wste Ichmensch schien wirklich absterben, ich neugeboren werden
zu wollen. Die Krankheit hatte meine leibliche Kraft gebrochen, sie
erstarkte allmhlig, doch den alten Menschen konnte und Sollte ich nicht
wieder erstarken lassen. Schon vor der Krankheit hatte ich so oft
gewnscht, wiederum ein Kind zu sein und mein Leben von vorn anfangen zu
knnen. Nunmehr war ich ein Kind und beschlo ein anderes Leben anzufangen,
obwohl meine Seelenstimmung jetzt noch mehr Folge der allgemeinen Schwche
und mein Glaube an Christum, den Sohn Gottes und dessen Weltkirche noch
kein felsenfester war.

Mit der Kraftlosigkeit eines Kindes verband sich bei mir auch die Weisheit
und Leichtbestimmbarkeit eines Kindes. Liebe zieht den Menschen gro; die
Liebe von Solchen, denen ich niemals Gutes erwiesen und oft genug Arges
gesagt und gewnscht hatte, verhalf mir zu meiner leiblichen und geistigen
Genesung.

Lange, einsame Sptjahrnchte gaben mir Mue zum reifen Nachdenken. Wenn
der Sturm um das Haus heult und der Regen an die Fensterscheiben schlgt,
dann fhlt sich der Mensch, dem nicht das Glck geworden, Gatte und Vater
zu sein, einsam und keine trauliche Umgebung hlt ihn von Betrachtungen ab,
welche mit den Strmen oder der Eintnigkeit der Auenwelt harmoniren. Und
ich, ein gemeiner, kranker Verbrecher, ein Gefangener, der nach einem an
verfehlten Bestrebungen und Thaten reichen Leben anfngt, ernsthaft in sich
zu blicken, dem der Tod nahe gestanden und Gott neues Leben geschenkt, er
sollte sich keinen ernsten und schwermthigen Betrachtungen hingeben?--

Lange, einsame Sptjahrnchte hindurch berlegte ich namentlich auch, was
ich denn wisse und verstehe und der Menschheit bisher ntzte. Arm, krank,
ohne Zweck und ohne Mittel lag ich als unwissender Mensch und Feind der
Menschheit im Krankenzimmer eines Zuchthauses, ein Mann reif an Jahren,
leer an ersprielichen Thaten und--doch Bruder, theuerster Bruder, erlasse
mir meine damaligen Stunden zu schildern. Nach langer, langer Zeit zum
erstenmal weinte ich keine Thrnen der Wuth, sondern lindernde
schmerzstillende Thrnen, weinte nicht ber Andere, sondern ber mich,
versuchte zu beten, stammelte zuweilen ein Vaterunser, dasselbe Vaterunser,
welches mich und Dich unsere theure, von mir so tiefgekrnkte Mutter
gelehrt hatte.

Ich dachte nach ber mich und mein Schicksal. Es duchte mir, als ob ich
mich selbst bisher arg gehat und Alles gethan habe, um mir mein erlebtes
Schicksal zu bereiten. Je mehr ich an mich selbst und meine Fehler dachte,
desto mehr wurde ich geneigt, die Fehler Anderer in milderm Lichte zu
sehen.--

Eine Unvorsichtigkeit rief einen Rckfall meiner Krankheit hervor und der
Tod trat mir wiederum nahe. Ich zitterte nicht vor ihm, doch wnschte ich
meine Erhaltung, weil ich so Vieles noch auf Erden gut zu machen und eine
Ahnung knftigen Glckes mein ganzes Wesen durchklungen hatte. Zum
zweitenmal wurde ich gerettet, doch wohl nur dehalb, weil ich vor dem
Rckfall in meiner Genesung ziemlich weit vorgeschritten war.

Wiederum dachte ich ber mich und mein Schicksal nach, wiederum war mir das
Zeitliche gleichgltig und ich beschftigte mich gerne mit den Zustnden
des Jenseits, dem ich nher als Andere gestanden, wiederum wirkten Besuche
und das Vorlesen meines Wrters vorteilhaft auf mich ein.

Ich wnschte lebhaft ein anderer Mensch zu werden und zum lebendigen
Glauben an Christum den Gottessohn, diesen sen, beseligenden Glauben, zu
gelangen. Es dauerte lange, bis ich mich dazu entschlo, Gott nicht nur um
den Glauben zu bitten, sondern mich Ihm in in [in] einer Generalbeichte
einmal ganz und unbedingt zu Fen zu werfen.

Ein Sonntagnachmittag besiegte meine letzten Bedenklichkeiten; ich werde
diesen und die darauf folgende Nacht nicht vergessen haben, wenn unsere
Gebeine lngst vermodert sind und wir zusammen dort leben, wo der Mensch
den ganzen Plan und Gang seines Geschickes von der ersten Minute seines
Daseins bis zur letzten erschaut.

Der Himmel schaute trb zum Fenster herein, die nahen Hgel im Schmucke des
Winters mahnten an Tod und kalte Nchte. Alle, die mich besucht hatten,
waren ernst und einsilbig geblieben, ein Gedanke von Verlassenheit, wie ihn
ein Sterbender in meiner Lage haben kann, durchklang meine Seele. Die
Gefangenen sangen die Vesper. Die halb verlornen Tne der Orgel, die
Stimmen der Singenden hatten etwas Tiefergreifendes, Wehmthiges,
Trauriges. Ich vermeinte meinen Leichengesang bei lebendigem Leibe zu
vernehmen, ein herzzerreiendes wehmthiges Klagelied ber mein verfehltes
Leben. Ich betete und glaubte zu fhlen, wie der Tod nher zu meinem Herzen
heransteige, faltete unwillkrlich die Hnde und betete.

Jetzt wurde ein anderer Psalm angestimmt, deutlich vernahm ich aus allen
Stimmen heraus einen durchdringenden Tenor, der die Worte sang:

  Die Dunkelheit der Leidensnchte
  Verwandelt Er in Wonnetage!--

Dieser Vers bohrte sich mit unwiderstehlicher Macht in mein Gedchtni; ich
mute ihn stets wiederholen und so oft ich beschlo, denselben zu
vergessen, hatte ich ihn wieder gedacht oder sogar gemurmelt. Es lag etwas
Wunderbares in den einfachen, von mir schon so oft gehrten und niemals
besonders beachteten Worten.

Finsterni--Leidensnchte--Er--Wonnetage!--an diese vier Worte knpfte sich
eine lange Kette von Gedanken, es schien mir, als ob Gott selbst zum Troste
sie mir zugerufen.

Ich wollte beten, aber ich betete nur diese vier Worte, schlief endlich ein
und als ich spt in der Nacht aufwachte, mahnte mich die Dunkelheit im
Gemache an die Dunkelheit meines Lebens und meiner Lage.

Drben in der Stube des Krankenwrters schlug die Wanduhr langsam und
schwermthig die zehnte Stunde. Dies war die Zeit, in welcher unsere Eltern
auch von mir allabendlich den Gutenachtku erhielten und gaben.

Ich gedachte der Wonnetage unserer Kindheit, der Leidensnchte, welche ich
mir und Euch bereitet, der zahllosen Beleidigungen und Frevel, welche ich
gegen Ihn verbt, der mich verlassen und der Finsterni, welche in mir
viele Jahre geherrscht.

Das tiefe Schweigen der Nacht redete furchtbarer als je zu meinem Herzen,
der Nachbar im Nebenzimmer war heute verschieden, ich glaubte ihn jeden
Augenblick zur Thre hereintreten, mich mit glanzlosen Augen und dem
haarstrubenden Gesichtsausdrucke dessen, der die Ewigkeit mit ihren
Schrecken erblickt, betrachten zu sehen und zu hren, wie er vom Jenseits
redete. Diese Vorstellungen wurden immer lebhafter, kalter Schwei
berrieselte mich; ich wollte rufen, aber die Stimme versagte, vergeblich
schlo ich die Augen und steckte den Kopf unter die Decke--immer sah ich
den grlichen Boten der Ewigkeit vor mir, sah trotz der Decke und
Dunkelheit, wie das Gemach sich mit Verstorbenen anfllte, ich glaubte zu
ersticken und war nicht im Stande ein Glied zu rhren. Ich sah den Vater,
die Mutter, sie betrachteten mich mit Augen, in denen mein
Verdammungsurtheil stand, verstorbene Freunde, die mich anstierten,
Kameraden, welche den arabischen Sand mit ihrem Blute getrnkt und mit
denen ich so Vieles gesndiget und hinter ihnen eine grliche Gestalt, die
mir zuwinkte und verschwand. An ihrer Stelle stand eine Lichtgestalt, der
Glanz, der von ihr ausstrmte, verklrte Alles ringsum. Leise, dann lauter,
bald feierlich und majesttisch, bald weich und milde ertnten die Worte
vielstimmig in Einem fort:

  Die Dunkelheit der Leidensnchte
  Verwandelt Er in Wonnetage!

Das Geschrei der Schildwachen weckte mich aus einem Zustande, der mir den
Zustand der Verdammten und der Seligen geoffenbart. Hatte ich getrumt? War
Alles Alpdrcken? Spiel der erhitzten Einbildungskraft? Ich wei es nicht,
doch das wei ich, da ich ganz anders als frher betete und
augenblickliche Bue, den Beginn eines neuen Lebens gelobte und meine Seele
ihrem lange genug verkannten Erlser empfahl. Gebet und Gelbde verliehen
mir wunderbaren Trost und eine Freudigkeit des Geistes, wie ich dieselbe
noch niemals empfunden.

Der Krankenwrter trat herein, um nach mir zu schauen. Er versicherte, da
ich lange und laut geredet. Auf meine Bitte zndete er ein Licht an und
holte ein Gebetbuch, um Etwas vorzulesen. War es Fgung oder Zufall, da er
gerade das Gedicht des heiligen Bernhard:

  Jesu, dein s Gedchtnis macht,
  Da mir das Herz vor Freuden lacht!

ein Gedicht, dessen unbeschreibliche Innigkeit und gttliche Liebe nur ein
glubiger Christ vollkommen erfat, aufschlug? Er mute es mehrmals
wiederholen und ich schmte mich der heien, ebenso schmerzlichen als sen
Thrnen nicht, welche es mir ausprete.

Der Krankenwrter ging. Doch blieb ich nicht allein--mein Schutzgeist, mein
Erlser befanden sich bei mir und vernahmen von meiner Reue und Liebe
Alles, was die Verwandlung der Leidensnchte in Wonnetage mir gegeben. Nach
einem erquickenden Schlummer wachte ich auf, als die milden Sonnenstrahlen
eines schnen Herbsttages bereits in mein Gemach spielten. Den ganzen Tag
verwendete ich zur ernsten Gewissenserforschung, gegen Abend legte ich
meine Generalbeichte ab und empfing wohl zum erstenmale wrdig den Leib
Jesu Christi. Wer gegen die Ohrenbeichte der Kirche auftritt, zeigt damit
nur, da er noch nie recht beichtete und wer im heiligen Abendmahl etwas
Anderes als den verwandelten Christus findet, beweist, da das innerste
Wesen des Christenthums, das Liebesverhltni der Menschenseele zu Gott,
ihm noch nicht recht aufgegangen ist.

Gott war fortan mit mir und ich bei Ihm und wenn auch Schwachheit und
Sndhaftigkeit mich Ihm zuweilen zu entfremden drohten, kehrte ich
inbrnstiger zu Seinen Fen zurck.

Ich betete viel und meist ohne Gebetbuch. Auer der Nachfolge Christi und
der Philothea gengte mir kein Gebetbuch.--

Verbrechen, welche vom Gesetze geahndet werden und an sich entehrend sind,
habe ich auer dem, welches mich in den Kerker fhrte, glcklicherweise
keine begangen, aber will dies Vieles bedeuten?

Wie mangelhaft, wandelbar, verschieden sind Gesetzgebungen!

Unter Vielem, was mir schwer auf der Seele liegt, ist es besonders das
Geld, welches ich im Amtsgefngnisse einem Bauernknechte herauslockte. Noth
trieb mich dazu, meine Ansichten vom Eigenthum lieen mir den Schritt um so
erlaubter erscheinen, weil ich ernstlich an Zurckgabe dachte.

Du weit, da Ersatz unmglich geworden, weil der Betrogene im Gefngnisse
an der Schwindsucht starb und keine Seele besa, die er sein eigen nannte
auer der eines unserer Mitgefangenen, des Duckmusers. Doch werde ich
Alles thun, um den Schaden auf andere Weise gut zu machen.----Ich wei, da
meine frhern Freunde mich als einen schwachkpfigen oder schlauen
Renegaten verachten und verfolgen werden und beklage mich nicht darber.
Der Stolz, ein consequenter und entschiedener Communist gewesen zu sein,
hat sich in das Gegentheil verkehrt und ich bin wohl am besten dabei
gefahren. Es ist nicht die Aufgabe des Menschen, auf einem Standpunkte zu
beharren, namentlich wenn er denselben als einen einseitigen und falschen
erkennt, sondern sich immer mehr zu vervollkommnen.--Gegen die furchtbaren
Gefahren, welche aus der tglich zunehmenden Verarmung, Verdienstlosigkeit
und Verzweiflung der Massen erwachsen, hat nur die Weltkirche Jesu Christi
Beschwrungsformeln, denn sie lehrt Leiden ertragen und in Freuden
verwandeln und zeigt nicht nur den Weg zur ewigen, sondern auch zur
zeitlichen Wohlfahrt. Im Christenthum als der absolut wahren Religion liegt
auch die einzig chte Ntzlichkeitsphilosophie, die Lsung der sozialen
Fragen verborgen. Von der Stellung, welche die verschiedenen Staaten und
Sttlein zur Kirche einnehmen, wird der Fortbestand oder Sturz dieser
Staaten und Sttlein abhngen. Staaten mssen sich aufrichtig bessern
gerade wie einzelne Menschen und wenn groe Staaten wie Oesterreich und
Preuen mit gutem Beispiele vorangehen, wenn man das Aufleben kirchlicher
Gesinnung beim Volke beachtet, darf man ruhiger in die Zukunft blicken.
Strme werden nicht ausbleiben, aber die Pforten der Hlle werden Christi
Kirche nicht besiegen und das revolutionre Heidenthum wird den Bestand
_christlicher_ Staaten und das Fortleben _christlicher_ Vlker
nur stren, doch nicht zerstren.

Aber Religion, positive Religion mu in Palsten und Kabineten, in
Deputirtenkammern und Amtsstuben so gut als in Htten wohnen; bei den
Reichen und Besitzenden mu die Charitas des Mittelalters neu aufleben; das
positive Christenthum mu Obermacht ber das herrschend gewordene
Heidenthum erlangen, wenn die moderne Gesellschaft nicht ein hnliches
Geschick erleben will wie einst die versinkende Rmerwelt!--




#V.#


--Sie haben vollkommen recht: die nationalen Eigenthmlichkeiten mssen bei
Zellengefangenen bercksichtiget werden, ja ich glaube, da
Zellengefngnisse fr sdliche Vlker nichts taugen. Der schweigsame,
kaltbltige Englnder mag sich begngen mit flchtigen Besuchen, welche den
Charakter polizeilicher Controlle tragen, pietistische Tracttlein und die
Offenbarung Johannis mgen sein Herz nicht mit dem Kopfe davon rennen
lassen und er mag nichts vermissen, wenn sein Verhltni zu Beamten und
Aufsehern nichts Herzliches und Freundschaftliches an sich trgt, nicht
aber so der Deutsche. Der Hang zum Grbeln und Schwrmen, die Innerlichkeit
und Gemthlichkeit des Deutschen ist auch beim Verbrecher zu
bercksichtigen und darin liegen Anknpfungspunkte fr seine Besserung wie
fr Geistesstrung und Selbstmord. Senden sie schweigsame, sprde
Korporalstockpedanten in deutsche Zellengefngnisse, geben Sie dem
Gefangenen nur religise Bcher, bestellen Sie fr ihn Geistliche, welche
in religisen Angelegenheiten das Gefhl zum Dictator machen, und
verdoppeln Sie die, besonders in den ersten zwei Jahren namhaften, Leiden
der Einzelhaft durch Strafverschrfungen--so werden je nach der Dauer der
Strafzeit unbrauchbare Menschen oder Krppel aus den Zellen heraustreten,
manche Zelle der schauerliche Schauplatz eines Selbstmordes und die
Irrenanstalten mit Rekruten versehen werden.

Was die _Strafverschrfungen_ angeht, so hat bei uns wie anderswo die
Liebhaberei dafr so sehr Platz gegriffen, da man Bruchsal mit mehr Recht
bald eine _neu aufgelegte und vermehrte Abschreckungsanstalt_ denn
eine _Besserungsanstalt_ nennen drfte. Selten wird Einer von den
Schwurgerichten verurtheilt, ohne eine Anzahl von Hungerkost- und
Dunkelarresttagen auf den Weg zu bekommen.

Unstreitig sind Strafverschrfungen und unter diesen vor Allem Hungerkuren
das wirksamste Mittel, den Stammgsten der Zuchthuser das Zuchthaus zu
verleiden oder sie bequem ins Jenseits zu spediren. Gewohnheitsdiebe sind
ebenso Kinder des Unglcks als der Unverbesserlichkeit, das Zuchthaus ist
ihre Versorgungsanstalt--sie gehren zu Jenen, welche leben wollen, ohne
Geld zu besitzen, und dies ist in unsern "christlichen" Staaten ein so
unverschmtes Verbrechen, da Einer von Rechtswegen gleich nach der Geburt
einen Laufpa in die Ewigkeit erhalten sollte und zwar aus purer
"Humanitt", denn das Leben der Armen wird mehr oder minder zum langsamen,
qualvollen Sterben.

Weil das Heidenthum in den Kpfen unserer Gesetzgeber und Besitzenden
spukt, dehalb will ich nichts gegen Strafverfolgungen sagen, die bei
Gewohnheitsdieben angewendet werden.

Allein nicht nur alte Zuchthausbrder, sondern Solche, die zum erstenmal in
eine Strafanstalt kommen; ferner nicht nur die Strflinge, welche
gemeinschaftlich zusammenleben, sondern auch Zellenbewohner werden mit
Strafverschrfungen bedacht und zudem mssen die Tage der Hungerkost und
des Dunkelarrestes gemeiniglich in der ersten Zeit der Haft durchgemacht
werden, weil die Dauer der Strafe hufig eine ziemlich kurze ist.

Dies erscheint meinem beschrnkten Unterthanenverstande nicht klug, nicht
recht, nicht zweckmig. Nicht klug--denn der Staat mu die Hungerkuren der
Strflinge theuer genug bezahlen. Abgesehen von der groen Mhe der
Beamten, deren Geschfte vermehrt werden, leidet der Gewerbsbetrieb dadurch
Noth und wird die Gesellschaft mit arbeitsunfhigen Menschen bereichert.
Nicht gerecht--denn anerkannt gilt Einzelhaft schon an sich als eine
Strafverschrfung und wehalb sollen Zellenbewohner rger bestraft werden
als andere? Zufall, Laune, die Erklrung des Verurtheilten entscheiden
darber, ob derselbe in die Zelle komme oder nicht, folglich auch ber den
hhern oder niedern Grad der Strafverschrfung Nicht zweckmig--denn der
Hunger entkrftet, foltert und tdtet wohl den Leib, doch bessert er den
Betroffenen schwerlich. Raubvgel werden durch Hunger zahm; diesen muthet
man keine Arbeit, keinen Besuch der Schule und Kirche, kein gesetzmiges
Verhalten und keine lieb reichen Gesinnungen gegen Mitraubvgel zu, alles
dieses dagegen hungerigen Menschen; und solche Behandlung soll fhlende,
bewute Menschen mit Liebe gegen Mitmenschen entflammen? Den Glauben an
einen gerechten Gott erwecken? Klingt es nicht wie herber Hohn, Gefangenen
die Religion der Liebe verkndigen, whrend man den ganzen Ha der
Gesellschaft gegen sie fhlbar macht?

Was den Dunkelarrest betrifft, so ist dieser auch nicht geeignet, das
Innere des darin Sitzenden zu erleuchten. Einige Tage Dunkelarrest mgen in
Kasernen und Amtsgefngnissen gut wirken, doch Strflinge, welche ohnehin
gefangen sind und bleiben, werden im Allgemeinen dadurch zur Onanie und zum
Faullenzen angeleitet. Fr Strflinge in gemeinsamer Haft bleibt der
Dunkelarrest eine oft gar nicht unangenehme kleine Abwechslung, bei
Zellenbewohnern kann er leicht Anla zu Seelenstrungen und Selbstmord
geben, da ihre ohnehin aufgeregte und reizbare Gemthsverfassung dadurch
gesteigert wird.

Will man doch einmal Snder gegen das Eigenthum oder gegen Leib und Leben
Anderer den Thieren gleich stellen, so stelle man sie eher in die Reihe der
Hausthiere anstatt in die der Raubthiere und fhre die _Prgelstrafe_
wiederum ein.

Die Prgelstrafe ist unstreitig die wohlfeilste, wirksamste und fr gewisse
Klassen von Menschen wohl auch die angemessenste und gerechteste aller
Strafen. Von dem Grundsatze ausgehend, da nicht sowohl der Mensch im
Menschen als das Thier in demselben gezchtiget werde, sollte man fr drei
Flle von Vergehen Stockprgel auch auerhalb der Gefngnisse bereit haben.
Erstens fr hndelschtige, rohe Bursche, weiche besonders in weinreichen
Gegenden, bei Tanzgelegenheiten und anderswo Hndel und Schlgereien
stiften. Zweitens verdienen sittenlose Mannsleute und freche Weibspersonen,
die am lichten Tage oder im Zwielicht hndische Schaamlosigkeit beweisen,
den Hunden gleich gezchtiget zu werden ohne Rcksichtnahme auf Stand oder
Rang. Drittens endlich verdient Schlge, wer ein Weib schlgt. Uebrigens
mge uns Gott vor jener guten alten Zeit bewahren, in welcher der Stock das
A und das O der Beamtenweisheit ausmachte. Einzig und allein in obigen drei
Fllen mchte ich Prgel fr Nichtgefangene empfehlen. Begreiflicherweise
gibt es in Strafanstalten Leute, fr welche Prgel eine groe Wohlthat sein
mchten und ich bleibe berzeugt, da ein aus lauter Strflingen
bestehendes Gericht gar oft auf Prgelstrafe fr einen ihrer Kameraden
erkennen wrde.

Allein nicht einmal im Zuchthause mchte ich die Anwendung von Prgelstrafe
dem Ermessen des einzelnen Beamten anheimstellen, geschweige Aufsehern und
Werkmeistern den Stock in die Hand geben. Vorstand, Verwalter, Buchhalter
und Oberaufseher sollten in geeigneten Fllen durch Stimmenmehrheit fr
oder gegen Anwendung des Stockes und Zwangstuhles entscheiden, jedoch
niemals, ohne ein Mitglied des s.g. Aufsichtsrathes beizuziehen. Die letzte
Bestimmung der durchdachten und vortrefflichen Bruchsaler Hausordnung
heit: "Gegen solche Straferkenntnisse, wofr theils der Vorstand, theils
der Aufsichtsrath zustndig ist, steht dem Strfling der Rekurs, in der
Regel jedoch ohne aufschiebende Wirkung, an den Aufsichtsrath,
beziehungsweise an das Justizministerium zu."--Diese Bestimmung sollte
berall Aufnahme finden, namentlich wo Prgel einheimisch geworden, denn
nichts ist so sehr geeignet, das Rechtsgefhl des Verbrechers vollends
abzustumpfen und zu tdten als ungerechte, willkrliche Behandlung und
nichts so tauglich, alles Ehrgefhl grndlich zu vernichten, denn
ungeeignete Prgelstrafe.

Das Ehrgefhl sollte man im Verbrecher fast mehr schonen und pflegen als
bei andern Leuten, denn wie ein Mensch ohne Ehrgefhl ein ordentlicher
Brger oder ertrglicher Christ werden mag, sehe mindestens ich nicht ein.
Selbst falsches Ehrgefhl ist zehnmal besser als gar keines und groartige
Selbsterhebung zehnmal besser als gemeine Selbstwegwerfung.

Bei uns entehrt Zuchthausstrafe an sich und ich halte derartige Ausdehnung
der Entehrung fr die Mutter vieles Schlimmen. Sie stellt Jeden, der eine
von der dermaligen Gesetzgebung als ehrlos verpnte Handlung begangen, mit
Strflingen in Eine Reihe, welche lngst jeden Begriff von Ehre verloren
haben und setzt dadurch seiner Besserung in der Strafanstalt wie seinem
ehrlichen Fortkommen nach erstandener Strafe mchtige Hindernisse entgegen.

Entehrung durch Zuchthausstrafe bleibt aber auch ungerecht, so lange die
Gesetzgebungen nicht alle an sich entehrenden Handlungen mit
Zuchthausstrafen bedenken. Diese Gesetzgebungen sind sehr mangelhaft schon
dadurch, da sie Ein Gebot Gottes mit aller Macht in Schutz nehmen, andere
dagegen fast ganz auer Acht lassen.

Namentlich ist unsere Eigenthumsgesetzgebung eines der auffallendsten
Zeugnisse fr die Siege, welche das Heidenthum in unsern christlichen
Staaten davon getragen. In meinen Augen ist ein Straenruber bei weitem
kein so verchtlicher und ehrloser Mensch denn ein Jungfrauenschnder und
ein ehrloser, feiger Spitzbube mehr werth als ein Ehebrecher.

Straenraub wird furchtbar bestraft, selbst wenn verzweifelte Noth dazu
trieb--Jungfrauenschnder mit und ohne Von vor ihrem Namen, mit und ohne
Epauletten stolziren vornehm an Strafanstalten vorber und es fllt ihnen
nicht im Traume bei, da sie von Gott und Rechtswegen hrter als
Straenruber und Spitzbuben bestraft gehren.

Schndliche Wucherer, gewandte Betrger ruiniren ihre Mitmenschen innerhalb
der gesetzlichen Schranken und freuen sich, sobald sie in Zeitungen oder
anderswo die Entdeckung einer neuen Tortur gegen arme Teufel, die eine
Kleinigkeit stahlen, zu lesen bekommen.

Will man gar vom ersten der 10 Gebote anfangen--doch ich will nicht, denn
mein Blut fngt an zu sieden und die Hand zittert vor gerechtem Zorn! Man
gerth in Gefahr, in der That zu glauben, die _Armuth_ sei die einzige
Todsnde, welche bei der Welt keine Vergebung finde und das
_Erwischtwerden_ das einzige Verbrechen, insofern man aus dem kleinen
Zuchthaus in das groe hineinschaut und Betrachtungen ber Leben, Treiben
und das Loos der Armen und Reichen sammt Vergleichen zwischen Rubern,
Dieben, Mrdern, Nothzchtern einerseits und anstndigen, honetten,
besitzenden und oft sogar fromm thuenden--Schurken anderseits anstellt.

Ihrem Wunsche gem nur noch _Ein Wort ber Besserung der
Zellengefangenen._

Ein solcher kann in der Zelle allerdings Beweise von Besserung geben und
zwar bessere als ein Freier. Sein hartes Loos um Jesu Christi willen still
und geduldig ertragen, sich der Erfllung aller Pflichten frhlich und
freudig unterziehen, dies vermag er und Sie drfen fest annehmen, da ein
gebesserter Zellenbewohner durch Mienen, Gebrden, Reden und Handlungen
sich vom ungebesserten unterscheidet.

Weil alte Verbrecher bei uns in die Zelle kommen, alte und junge hufig nur
kurze Strafzeit haben und mit Strafverschrfungen bedacht werden, daher mag
es rhren, da die Frchte der Einzelhaft bei uns nicht recht sichtbar
werden wollen.

Aber noch Etwas, worauf gewhnlich wenig Gewicht gelegt wird.

Ein Gefangener mag gebessert sein, d.h. er mag mit lebendigem religisen
Glauben das aufrichtige Streben verbinden, nicht nur gesetzmig, sondern
allen gttlichen Geboten gem zu leben und nach der Freilassung dennoch
wieder in alte Ansichten, Fehler, Laster und Verbrechen zurckfallen.
Warum? Die Gesellschaft trug mehr oder minder Mitschuld an seinem ersten
Verbrechen, sie gab ihm in der Zelle Gelegenheit und Mittel zur Bildung und
Besserung, er ergriff dieselben und tritt vershnt mit Gott und Welt in die
Freiheit hinaus. Doch was findet er da? Hat die Strafe mit der Entlassung
ein Ende?

Gott bewahre, _die Strafe wird in anderer Weise fortgesetzt und oft in
einem Grade, da ein Heiliger dazu gehrte, um sich nicht in den
verlassenen Kerker zurckzusehnen._

Zunchst weist ein unpassendes Gesetz den Entlassenen nach Hause und was
findet er dort? Lieblose Verachtung, ungerechte Vorwrfe, keine Arbeit und
keine Untersttzung, dagegen bses Beispiel, schlechte Kameraden, Anla und
Gelegenheit zu Lastern und Verbrechen. Der alte Mensch in ihm stirbt nicht
so leicht und rasch, wie dies zu wnschen wre, er gerth in Versuchung,
abermals an Gottes Gte und Gerechtigkeit zu verzweifeln, weil die Menschen
ihm tglich Ursache geben, an ihnen zu verzweifeln. Er bereut seine
Besserung, weil dieselbe doch keine Anerkennung und weil er findet, da
Andere sich nicht besserten und begeht aus Rachsucht oder Verzweiflung
manchmal eine That in der Absicht, wiederum ins Zuchthaus zu kommen, wo er
Nahrung, Kleidung, Wohnung und wenn ein auch noch so kmmerliches doch
ungeschornes Leben findet.

Nicht weil nothwendig ein Rckflliger ehrlos ist, sondern weil die
Mitmenschen ihn als Ehrlosen behandeln, _wird_ er es wirklich.

Schlielich noch eine Ansicht ber Todesstrafe.

Ich bin derselben im Ganzen nicht gewogen und sehe in ihr eine Frucht der
Fortdauer heidnischer und barbarischer Zustnde. Doch gibt es Leute, deren
Gemth mehr oder minder durchteufelt ist und Verbrechen, welche unter so
schauderhaften Umstnden verbt werden, da man fr den Tod des Thters
fast unwillkrlich stimmt, indem man die Opfer der That bedenkt.

Aber man sollte erstens nach der Verurtheilung Keinen wochen- und
mondenlang zwischen Tod und Leben hngen lassen, indem man ihm die
Mglichkeit der Begnadigung brig lt; ferner sollte man zweitens dem
Verurtheilten volle Gewiheit seines Todes geben, ihm den Tag und die
Stunde desselben verkndigen und mindestens einige Wochen Zeit lassen, sich
auf seinen Tod vorzubereiten; drittens endlich sollte man Keinen vom
Schafot zu lebenslnglichem Zuchthaus begnadigen, dessen Verbrechen
voraussichtlich keine spteren Milderungen der Strafe erwarten lt.
Lebenslnglich im Zuchthause sein, heit langsam und qualvoll hingerichtet
werden; gebessert aber wird selbst kein zum Tode Verurtheilter, wenn er
unter Strflingen lebt.

       *       *       *       *       *





End of the Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem
ehemaligen Zchtling, by Joseph M. Hgele

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUCHTHAUSGESCHICHTEN ***

***** This file should be named 16279-8.txt or 16279-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/1/6/2/7/16279/

Produced by Robert Kropf and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.net/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.net

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.net),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
