The Project Gutenberg EBook of Der niegekte Mund, by Jakob Wassermann

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Title: Der niegekte Mund
       Drei Erzhlungen

Author: Jakob Wassermann

Release Date: November 23, 2005 [EBook #17143]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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    Der niegekte Mund

    Drei Erzhlungen von
      Jakob Wassermann



 S. Fischer, Verlag, Berlin

  Alle Rechte vorbehalten.




Inhalt

Der niegekte Mund ......   7
Treunitz und Aurora ......  81
Hilperich ................ 127




Der niegekte Mund


Erstes Kapitel

Schon von ferne sieht man den gelben, alten, fnfeckigen Turm mit seinem
dunklen Ziegeldach, das einer Nachthaube gleicht. Er schliet eine
breite, stille Strae mit seltsam regelmigen Husern ab, die sich wie
Zierrat ausnehmen. Mit seinem Torbogen scheint er auf den gebrechlichen
Schultern zweier Huser zu stehen; das eine ist die Wirtschaft zum
lustigen Pfeifer, das andere gehrt dem Doktor Maspero. Die Strae setzt
sich verengert bis zum Marktplatz fort, welcher den Eindruck eines
stdtischen Mittelpunkts macht. Viele ruhige Gassen und Gchen zweigen
von da ab: zum Schieanger, zur Altmhlbrcke, zur Kirche, und ein ganz
schmaler Gang zwischen der Apotheke und dem Bezirksamt zur jdischen
Synagoge, einem lustigen Bau aus rotem Backstein, gekrnt von zwei
dickbuchigen Kuppeln. Ringsherum zieht sich ein weitlufiger
Obstgarten, der den Tempelvorhof gegen die Strae frei lt. Aber diese
Strae hat nur noch ein einziges Stirngebude, eingeklemmt zwischen
uraltem Husergermpel, doch nicht minder alt und nicht minder
baufllig: das Schulhaus. Sechsundsechzig Kinder, Knaben und Mdchen,
werden hier tglich von Herrn Philipp Unruh in die Geheimnisse des
Alphabets und der Arithmetik eingefhrt.

Es gibt Namen und Namen. Manche sind ihrem Besitzer wie aus dem Wesen
geschnitten, manche passen zu ihm wie etwa die Synagoge zum Obstgarten.
Ein solcher Obstgarten, um den Vergleich mde zu machen, war der Name
jenes Lehrers. Er selbst und der Kreis seines Daseins waren voller Ruhe.
Die kleine Stadt lag unter dem Horizont der Ereignisse. Die Leute von
Gunzenhausen verrichteten ihre Geschfte bei Tage und schliefen in der
Nacht und von eisernen Gesetzen wurden die Stunden geregelt. Uhren und
Kalender hatten nur einen uerlichen Wert. Die Glocke schlug, aber was
sie schlug, brauchte an keines Hrers Ohr zu tnen. Die Zeit ging, wie
sie seit Ewigkeiten gegangen war, aber wohin sie ging, gab keinem
Verstand ein Rtsel. Nur die Eisenbahnzge, die das friedliche
Altmhltal hinab- und hinaufrollten, brachten einen Duft von Welt mit,
von Geschehnissen, vom Wandel der Dinge, von den traurigen und heiteren
Spielen, die in den Lndern vor sich gehen, welche eingespannt liegen
zwischen den Ozeanen.

Philipp Unruh war also ein Ruhiger mit den Ruhigen. Er war auch kein
Philippos, kein Pferdefreund, sondern eher der beschaulich schreitenden
Katze zugeneigt. In seinem Amt war er weder rhmenswert, noch gab er zu
tadeln Grund. Seit einem Dezenium rollte das Jahrwerk ab ohne sein
Hinzutun. Es glitt ihm vor den Hnden vorbei, hnlich wie bei
geschickten Arbeitern, die ohne Augen, ohne Licht vollbringen knnten,
was Zwang und Gewohnheit sie gelehrt. Der Tag zerfiel in Stunden;
einzelne Stunden bedeuteten Fcher, und jedes Fach war ein Huflein
Eingelerntes, bereit, in ein Schock mehr oder minder williger Gehirne
gestopft zu werden. Diese kleine Maschinensammlung um Philipp Unruh war
seine Schule, in welcher er gleichmtig herumschritt und hantierte und
mit Wohlwollen und khler Befriedigung dem ordnungsmigen Verlauf der
Dinge anwohnte.

Derselbe Mann, der weder alt noch jung, weder lustig noch traurig, weder
lebendig noch tot war, hatte eine Liebhaberei, welche fast mehr als
diesen Namen verdiente, weil sie den eigentlichen Zirkel seines Wesens
berschritt. In seiner dumpfen Kammer, aus der der hellste Sommertag die
Dmmerung nicht vertreiben konnte, weil rings Dcher und Galerien ihr
den Himmel nahmen, gab es eine lange Reihe von Folianten: Chronika und
Memoria und ernsthafte Darstellungen, die Geschichte aller Zeiten und
Vlker enthaltend. Darin las und grbelte, studierte und spekulierte
Philipp Unruh seit Jahr und Tag. War gleich gelehrter Eifer im Spiel, --
etwas wie Abenteuergelst war sicher auch dabei. Und wohl noch eines.
Whrend um ihn die Zeit starr lag gleich einem gefrorenen See, erblickte
er durch seine Bcher ein aufgewhltes Meer von Leben. Fr ihn war die
Gegenwart nur der Schatten, das lautlose Widerspiel der bunten,
glnzenden, gefhrlichen und anziehenden Vergangenheit. Seine Stube, das
zufriedene Stdtchen, das stille frnkische Land, das war die Gegenwart.
Die Vergangenheit war Europa, Asien, gypten, waren mrderische
Schlachten, strahlende Revolutionen, versinkende Reiche. Hier war der
Doktor, der Apotheker, der Brgermeister, der Schulrat. Dort war eine
Gesellschaft von Knigen, genialen Feldherrn, erhabenen Verbrechern,
blutgierigen Emprern, ruhmvollen Mrtyrern und unerschrockenen
Entdeckern. Es gab glnzende Knstler, Propheten, falsche Herzge,
aufopfernde Brger, heroische Weiber, Vaterlandshelden und mrchenhafte
Stdte. Und solchem Reichtum gegenber, der unerschpflich vor ihm lag,
der seine Sinne entzndete, seinen Geist bewegte, seine Trume mit
unvergleichlichen Gestalten bevlkerte, sollte ihm der matte Tag noch
etwas bedeuten? Er ahnte das Schicksal, das seine Hand von Jahrtausend
zu Jahrtausend spannt, das die Kleinen vernichtet, um die Groen zu
erhalten; das ganze Lnder verbrennt, um die Asche zum Mrtel fr das
Huschen eines Heilands zu verwenden, das jedes Ereignis menschlichem
Ma entrckt, jeden Zufall zur Bestimmung wandelt. Deshalb hatte sich
unter seinem rtlichen, buschigen Schnurrbart jenes Lcheln eingenistet,
das ebenso kindlich war, wie es fr weise gelten konnte. Deshalb hatte
er kein Verstndnis fr die kleine Spottsucht des Doktor Maspero und
keine Teilnahme fr den Kummer der Frau Smilch, deren Tchterchen dem
ABC feindlich gegenber stand. Der Herr Adjutant (man nannte ihn so,
obwohl niemand sich erinnern konnte, ihn jemals in einer Uniform gesehen
zu haben) sagte, der Unruh zhle seine fnfunddreiig Jahre doppelt. Und
da er es zu Frau Federlein sagte, welche die Frau des Nachtwchters war,
erfuhren es alle Leute, die in der Abgeschlossenheit des Lehrers etwas
Verdchtiges und Geheimnisvolles sahen.


Zweites Kapitel

Wie heute hatte Doktor Maspero fast tglich einen Begleiter, der die
nchtliche Heimkehr vom Wirtshaus verkrzte. Er plauderte in seiner
finster-spttischen Manier mit dem Baron, der die Apotheke besa. Es gab
manchmal ausgedehnte und tiefsinnige Gesprche in der Nacht, wenn das
Kartenspiel beendet war. Der Doktor war ein Mann, klein wie ein Zwerg,
hager wie ein Knabe, hatte auch die Bewegungen eines Knaben, sprach
berlaut und meist grimmig, auch wenn er witzig war. Sein brbeiiges
Wesen glich einer Schutzwaffe gegen die lnger gewachsenen Menschen.

Lispelnd und visionr erzhlte der Baron von seinem neuen Provisor. Das
Lispelnde und Visionre war ihm stets eigen. Seine Art erinnerte an
frische Butter, so reinlich, mild und appetitlich war er. Er war den
schnen Knsten ergeben und verdankte dieser Neigung das Zerflossene und
Selbstgefllige seiner Natur. Immer ging er durch die Straen wie
jemand, der sagen will: Seht, welch ein Trumer bin ich.

Der Doktor drckte seine Verwunderung aus, da er den neuen Provisor,
der doch schon vier Wochen hier sei, noch nicht gesehen habe, und fragte
nach dem Namen.

Apollonius Siebengeist, erwiderte der Baron, und seine Blicke waren
verloren ins schwarze Firmament gerichtet.

Einstampfen lassen! Einstampfen lassen! So heit man nicht, kreischte
der Doktor mit unbegrndeter Wut und lauschte auf den Beifall seines
Freundes empor, der ihn um zwei Kopflngen berragte. Auch er war nicht
ohne Beziehung zum geistigen Leben der Nation. Sein ungestmer Witz war
eine Frucht der Bildung. Sein Ideal unter den Bcherschreibern war
jener Saphir, der einst nach des Doktors Ansicht die Welt aus ihren
Fugen gerttelt.

Der Baron entgegnete langsam und bedeutungsvoll, da Siebengeist aus
einer guten Familie sei, jedoch sei sein Gehirn nicht in gehriger
Ordnung. Er habe etwas Koboldartiges an sich, etwas Sozialdemokratisches.
Darauf antwortete der Doktor, indem er mit zwei Fingern seine Nasenspitze
kniff, der Apotheker mge ihm doch ein Plverchen zur Beruhigung
zubereiten, eine staatserhaltende Mixtur.

Rizinusl! platzte der Baron heraus und brach ber diesen unerwarteten
Geistesblitz in solch brllendes Hoho-Gelchter aus, da der
Nachtwchter Federlein an der Marktecke erschrocken stehen blieb.
Geringschtzig verzog der Doktor den Mund, whrend der sanfte Apotheker
noch lange nicht zur Ruhe kommen konnte. Und whrend sie ihren Weg durch
die auerordentlich stille Nacht fortsetzten, sprach man noch von den
Theatervorstellungen, welche fr die nchsten Tage angekndigt waren,
denn eine Wandertruppe wollte im frnkischen Hof ihr Lager aufschlagen.
Der Doktor war vom Redakteur des Tageblatts als Kritiker gewonnen
worden, und der Baron hatte die Absicht, dem Direktor ein Vorspiel in
Versen zu schreiben.

Beim Schulhaus winkte der Doktor leutselig zum dunkeln Fenster hinauf,
aus dem der Lehrer auf die Strae sah. Die Glocke schlug eben elf Uhr.
Der Doktor fragte empor, ob Philipp Unruh morgen zur Auktion kommen
werde. Es soll auch Bcher geben, fgte er mit berlegenem Spott
hinzu. Die beiden Mnner wnschten gute Nacht und waren bald in der
Finsternis verschwunden.

Der Lehrer wute, da es Bcher bei der Versteigerung geben wrde. Der
jdische Kantor war gestorben, ohne Angehrige zu hinterlassen, und
dessen Habseligkeiten kamen unter den Hammer. Insbesondere wute Unruh
um eine alte Ansbacher Chronik, die der Kantor nie hatte verkaufen noch
verleihen wollen. Daran erinnert, freute er sich jetzt, verga die
trben Gedanken, die ihn beherrscht, musterte lchelnd den schwarzen
Vorbau der Synagoge, schaute straauf, straunter, ruhegewohnt,
friedesicher und achtete der Klte nicht. Schnee fiel, flaumig
anzusehen, aufglitzernd im Licht einer einzigen Laterne. Indes, jene
allzuschnell vertriebenen Gedanken kehrten zurck.

Er hatte etwas Seltsames gelesen. Unlngst war er bei seinem Schwager,
einem Schwestermann in Teilheim, gewesen. Das ist ein rtchen in der
Nhe Hesselbergs und mitten im sogenannten Hahnenkamm. Der Freund besa
eine Krmerei, und beim Herumstbern in Kisten und Kasten, wie es
Philipp Unruhs Besuch mit sich brachte, fand sich ein vergessener
Schmker vor, benagt von Motten und Musen, um alles Ansehen gebracht
durch Liegen und Staub. Der Krmer hatte schmunzelnd den Fund
verschenkt, welcher die Aufzeichnungen einer Marquise Bourguignon
enthielt, von einem Kammerherrn, Exzellenz, behbig und schnrkelhaft in
das Deutsch des achtzehnten Jahrhunderts bertragen.

Nun sitzt da weltfern und lebensfremd ein Schulmeisterlein in seiner
engen Kammer und vertieft sich dumpfen und erschrockenen Sinnes in die
frivolen Erinnerungen der Hofdame. Ein goldgieriger Ruber steigt durchs
Fenster, aber das Frulein, fast noch ein Kind, gibt gutlaunig Edleres
hin. Der wrdige Pater im Beichtstuhl zeigt sich nachsichtig gegen
Snden, an deren Begehung er teilnehmen darf. Auf der Treppe kt die
reizende Marquise ihrem Geliebten das Herz aus dem Leibe, whrend zehn
Stufen hher der arme Gatte nach der Lampe ruft. Mnch und Nonne, Frst
und Lakai, Bauer und Soldat, Kavalier und Brgerin nehmen teil am
bermtigen Tanz der Liebe, ja die Dinge der unbelebten Welt sind
ergriffen vom heiteren Taumel, der Himmel wiederhallt vom frohsinnigen
Gelchter, und die grazisen Geister der Galanterie werfen jauchzend
bunte Tcher ber Grber und Schlachtfelder. Was Gesetze, Philosophen,
Zukunft, Religion! Kein Schauer der Ewigkeit fr diese lchelnde
Bacchantin und ihre Liebesknste.

Es sind ja lngstvergangene Zeiten, dachte schlielich Philipp Unruh
furchtsam. Das ist damals so gewesen, durfte damals so sein, denn es war
eine Zeit der Barbarei, eine wilde, sittenlose Zeit. Heute ist die Welt
still geworden; nichts ist mehr zu erblicken von solch bertriebenem
Abenteuerzeug. Ein jeder Mann geht wacker dem Geschfte nach, ein jedes
Weib wohnt zchtig in seinem Hause, und es regiert die Ordnung. Trichte
Leidenschaften der Vergangenheit mit eurem berschwang und eurer
Gefhrlichkeit, dachte der Lehrer mitleidig und war zufrieden damit,
einem besseren Jahrhundert anzugehren.

Daneben war aber etwas Unbestimmtes und Hinterlistiges, das ihn qulte.
Bei all dem Herumdenken suchte er sich heimlich zu beschwindeln, und das
wute er. Exzellenz Kammerherr hatte sich da eine teuflische Sache
ausgesucht fr seine lahme Feder. Mit bser Zhigkeit kamen und gingen
Bilder, und Philipp Unruh schaute sie an mit wildfremden Gefhlen. Er,
der alle Dinge ber sich ergehen und herabsinken lie wie Schnee, fhlte
pltzlich etwas wie Lebenslast und -besinnung.

Endlich schien es ihm genug des Trumens. Er schlo das Fenster, ging
noch eine Weile zwischen den leeren Schulbnken auf und ab, trotz der
Dunkelheit sicher den Weg findend und suchte dann seine Studier- und
Schlafstube auf, um sich zur Ruhe zu begeben.


Drittes Kapitel

Ziemlich viele Menschen waren in der Kantorwohnung versammelt,
Ortswrdentrger und andere Leute. Es gab auch solche, die nur gekommen
waren, um fr eine Stunde der Winterklte zu entrinnen. Der Auktionator
war ein dicker Mann mit einer militrischen Fistelstimme. Bei den
billigen Gegenstnden wurde er herablassend, fast gndig, und sein
Wrdegefhl stieg um so mehr, je geringer sich die Kauflust erwies.
Doktor Maspero erstand einen Schreibtisch, der Brgermeister ein Dutzend
leere Flaschen, der Trdler Most die Gebetbcher, das Kasino einen
Teppich.

Eine Chronik! rief der Auktionator finster.

Eine Chronik fr Unruh! witzelte der Doktor.

Eine Chronik der Markgrafschaft Ansbach, sagte der Auktionator streng,
wartete, bis das Gelchter zu Ende war und fgte verchtlich hinzu:
Zwei Mark zum ersten.

Drei Mark, murmelte Philipp Unruh schchtern. Einige kehrten sich
lchelnd um, denn er stand an der Rckwand des Raums. Die Geschftigkeit
hier hatte ihn aus irgend einem Grund betrbt gemacht. Alle Gegenstnde,
die unter den Hammer kamen, hatten einen Schein von Persnlichem, von
Zusammengehrigkeit, sahen aus wie Glieder einer Familie, die in die
Welt verstreut werden sollten. Etwas wie Todestrauer lag ber ihnen,
besonders ber dem schwarzen Ledersofa im Winkel. Es war, als se der
alte Kantor unsichtbar darin und betrachte mit mrrischem Gesicht die
entrckte, kunterbunte Welt.

Die Fistelstimme rief mit beleidigtem Ausdruck den Taler zum zweitenmal
ab.

Fnf Mark, sagte jemand, der eben eingetreten war. Alle drehten sich
um, und die Mienen wurden zurckhaltend und unzufrieden, als man den
neuen Provisor sah.

Philipp Unruh erbebte. Er blickte nach Apollonius Siebengeist und dachte
erbittert: der reine Adonis. Warum er gerade diese Bezeichnung whlte,
und warum es in einer gehssigen Bedeutung geschah, blieb ihm
rtselhaft. Der Auktionator nahm das hhere Angebot mit erwachendem
Interesse zur Kenntnis.

Zwei Taler, erwiderte der Lehrer mit dnner und unsicherer Stimme. Die
Leute wurden neugierig, drngten sich zusammen und sahen zu, als ob ein
Hahnenkampf vor sich ginge. Der Lehrer schmte sich wie jemand, der auf
irgend eine Weise Interesse erregt, ohne es rechtfertigen zu knnen.

Drei Taler, sagte Siebengeist mit kaltem Lcheln. Er stand an den
Pfosten gelehnt, beide Hnde in den Taschen seines Pelzmantels, in der
nachlssigen Haltung eines Mannes von Welt. In Philipp Unruh erwachte
ein trber Zorn. Doch wie alle schwachen Menschen, die sich beleidigt
oder bervorteilt sehen, hatte er den Wunsch, dem Gegner sein Anrecht
logisch und herzlich zu beweisen. Er hatte die dunkle Empfindung, als
msse er hingehen und dem Manne sagen, wie viel ihm der Besitz der
Chronik wert sei, und wie er sich darauf gefreut habe, sie erwerben zu
knnen. Besonders den Umstand seiner Freude und Erwartung wollte er
betonen. Indessen hate und verachtete er gleichzeitig den fremden
Eindringling, und in einer Aufwallung dieser Gefhle bot er zehn Mark.
Der Doktor machte ein faunisch entzcktes Gesicht und eine
triumphierende Gebrde, der Auktionator nickte beifllig und schnupfte
geruschvoll aus einer braunen Papierdte. Jedoch andere Gesichter sah
der Lehrer auf sich gerichtet, deren prfender Hohn ihn erschreckte,
und als der Provisor nachlssig noch weiter steigerte, verlie er
schweren Schrittes den Raum mit den Gefhlen eines Menschen, ber den
ein falscher Urteilsspruch ergangen ist.

Ein trber Wintertag war es; alle Scheiben waren mit Eisblumen bedeckt.
Der Schnee lag hoch und rein und blendete die Augen des Lehrers. Auf
einem Zaun, dessen Pfhle weie, runde Kappen trugen, saen drei Spatzen
und zwinkerten bekmmert den Vorbergehenden an. Aus dem Schulhaus drang
ein betubender Lrm. Unter seiner Ladentre stand der Bcker und
schaute spttisch lachend hinauf. Kunigunde, die Wirtschafterin,
begegnete ihm auf der Stiege und kicherte dumm vor sich hin. Er lchelte
pltzlich freundlich, als ob er mit jemand eine liebenswrdige
Unterhaltung fhrte, doch schien es ihm unzuvorkommend und bedrckend,
da dieser Jemand bildlos im Raum verblieb.

Das Schulzimmer war zum Schlachtfeld geworden. Kriegsgeheul ertnte, und
Gegenstnde flogen durch die Luft, die einst einer andern Bestimmung
geweiht waren. Die schwarze Tafel, in eine Generalstabskarte verwandelt,
war mit Hieroglyphen bedeckt. Die Reiterei hatte sich des ganzen Globus
bemchtigt, und ein dmonisch kleiner Knabe sa auf dem Nordpol und
fuchtelte mit beiden Armen. Einige Amazonen hatten die Gegend des
Katheders besetzt und sangen Kampfgesnge. Der Lehrer blieb auf der
Schwelle stehen, schpfte Atem und schrie eine frchterliche Drohung in
den Raum. Sechsundsechzig Paar Augen blickten ihn bestrzt und
schuldbewut an. Alle Kinder setzten sich mit geschftsmiger Khle auf
ihre Pltze. Sie erwarteten eine unheilvolle Untersuchung. Der Kleine
vom Nordpol hatte sich beim Herunterspringen die Hosen an der Erdachse
zerrissen und sa leichenbla da. Indes begann der Lehrer zu diktieren:
Der Hamster und der Igel; eine Geschichte, worin die Hlichkeit des
Geizes eine groe Rolle spielte. Die Enttuschung der Kinder war gro.
Sie htten die gleichgltige Hamstergeschichte gern entbehrt gegen das
aufregende Prozeverfahren, das einer Vormittagsschlacht sonst zu folgen
pflegte. Immerhin ereignete sich noch etwas sehr Merkwrdiges, was den
Fortgang des einschlfernden Diktats angenehm unterbrach. Die Tr wurde
heftig aufgerissen, und Apollonius Siebengeist trat herein. Er hatte ein
dickes Buch unter dem Arm, schritt gerade auf das Pult zu, legte den
Folianten nieder und sagte zu Philipp Unruh mit emporgezogenen Brauen:
Ich bringe Ihnen Ihre Chronik. Ich wollte Ihnen damit ein Geschenk
machen. Hoffentlich haben Sie nichts dagegen einzuwenden. Er grte mit
bertriebener Unbefangenheit, doch mit schchternem Blick und ging.

Einige Kinder lachten; das brnette Frulein Smilch auf der dritten
Bank fand sich am meisten erlustigt. Sie war blutrot im Gesicht und
konnte kaum aufhren, in ihre Schrze hineinzulachen. Philipp Unruh war
verwirrt und beschmt. Mit der schablonenhaften Strenge, die ein
wichtiges Erziehungsmittel war, befahl er Ruhe und stellte sich an das
Fenster. Es ist etwas Schnes um den Winter, dachte er mit jener Wrme
im Innern, welche khne Hoffnungen erzeugt. Drauen mag es strmen, ich
stehe da, um zuzuschauen. Schlaf und Frieden ist alles. Wie schn, wenn
es dmmert und ich durch den Schnee wandere, den blulichen Schnee, und
kein Laut dringt aus der Erde.

Mit liebevoller Sorgfalt legte er die Chronik in die Pultschublade, und
bald darauf schlug es elf Uhr. Die Sechsundsechzig strmten davon, und
der Lehrer rstete sich zu einem Spaziergang. An der Ecke bei dem
Kasino stand Apollonius Siebengeist und plauderte mit einem Mann, der
einen groen roten Zettel an das Hauseck klebte. Philipp Unruh grte
und war sichtlich bemht, etwas Weitlufiges und Kameradschaftliches in
seinen Gru zu legen.

Wir werden jetzt Grostadt, sagte Siebengeist lebhaft, bekommen ein
Theater. Und was fr ein ungewhnliches Stck sie da ankndigen!

Der Lehrer tat berrascht, obwohl er in der Zeitung davon gelesen hatte.
Er hauchte in seinen Schnurrbart, der ein wenig steifgefroren war, und
rieb die Hnde.

Sagen Sie, lieber Onkel, wandte sich Siebengeist an den Zettelmann,
habt ihr denn hbsche Schauspielerinnen?

Der Zettelmann machte eine groartige Physiognomie. Bei mir ist die
Blte unseres Standes engagiert, entgegnete er kurz und majesttisch.

Aber Onkelchen, sind Sie denn der Direktor? rief Siebengeist erstaunt.

Der Schauspieler besttigte es. Mein Name ist Schmalich, sagte er mit
dem Stirnrunzeln eines berhmten Mannes.

Scheinbar interessiert besah sich Philipp Unruh den angeklebten Zettel.
Melchior oder die Leiden des Alters, hie das Stck, ein Lebensbild in
zehn Abteilungen. Einige Leute waren stehengeblieben und starrten
neugierig auf das rote Papier. Der Direktor nahm seinen Kleistertopf und
entfernte sich mit feierlichem Gru. Auch der Lehrer wandte sich zum
Gehen und war kaum einige Schritte weit, als er Siebengeist an seiner
Seite sah. Der Provisor begann zu reden, als ob es ihm nur um Worte zu
tun sei. Er schimpfte ber das Nest, in das ihn ein unwirsches Geschick
verschlagen habe; er machte sich ber Himmel und Erde lustig, und etwas
Knisterndes, Sprudelndes, Glattes war an ihm. Viele Zuckungen gingen
ber sein Gesicht. Seine Augen hafteten an vielen Punkten zugleich. Dem
Lehrer ward es unbehaglich wie neben einer gefhrlichen Maschine.
Siebengeist aber schlug einen weiten Spaziergang vor, da ja heute
Mittwoch sei. Der ganze Nachmittag liegt vor Ihnen, sagte er. Gehen
wir ein wenig hinaus in den Schnee.

Philipp Unruh wagte nicht, nein zu sagen. Er war berhaupt weder ein
Nein- noch ein Ja-Sager, und hier fand er sich verpflichtet, Wnsche zu
erfllen. Siebengeist redete weiter, bespttelte die Bchersucht des
Lehrers und sprach im allgemeinen vernichtend ber das Gelehrtentum.
Was wollen Sie denn mit Ihren Namen und Zahlen, Onkelchen? Erklren Sie
sich doch. Die Geschichte? So? Die Geschichte ist ein altes Weib. Alles,
was war, ist wertlos. Jener Komdiant und sein Theater ist jetzt
wichtiger als alle Moses, Marc-Aurel, Robespierre und Lasalle. Der
Unterrock meiner Geliebten wiegt das ganze babylonische Reich auf.
Freilich, tausend Jahre sind euch nichts, denn auch die Stunden sind
euch nichts.

Der Lehrer blickte verngstigt auf seinen Weg. Nichts Erschreckenderes
fr ihn als diese Reden, deren Sinn ihm vorberglitt wie Wasser. Das
Heftige, Sprunghafte, dabei Lachende und Khne im Wesen seines
Begleiters machte ihn schlerhaft verzagt. Eine Weile schwieg
Siebengeist und pfiff nur vor sich hin. Wei und still dehnten sich die
ebenen Felder. Unbestimmte Laute kamen aus Fernen, die vom Nebel
verhllt waren. Im glatten Schnee waren zahllose Hasenfhrten und
Krhenfe sichtbar, am Waldrand trippelte eine Rebhhnerschar mit
schwachen, seufzenden Schreien. In der Luft war ein Sieden und Sausen,
hervorgebracht durch das merkwrdige, schwere Schweigen ringsumher.

Sind Sie verheiratet? fragte Siebengeist wie ein Untersuchungsrichter.
Nein? Sind Sie verliebt?

Der Lehrer wurde bla und schttelte unwillig den Kopf. Siebengeist
lachte hell wie ein Kind. Waren Sie je verliebt? Wissen Sie, Onkelchen,
man knnte Sie geradezu fr einen Eunuchen halten, wenn man nicht wte,
da Sie ein deutscher Bcherwurm sind. Sie verachten natrlich die
Liebe, sofern sie nicht auf dem Papier verewigt ist. Haben Sie mal von
einer gewissen Ninon de l'Enclos gehrt? Ein wundersames Frauenzimmer.
Sie hat ganze Generationen mit Liebe beschenkt. Ich war damals ein
Gascognischer Prinz und in mancher Nacht kte ich die unsterblichen
Lippen. Seitdem ist die Welt bitter geworden. Onkelchen, was heutzutage
sich Weib nennt, ist wert, eingesalzen zu werden. Ich habe keines kennen
gelernt, in dem nicht die dumme Gans oder die Xantippe steckt. Sie sind
schlecht, eitel, feig, anmaend, sitzen stets auf dem Galanteriesthlchen
und sind mit Leidenschaft der Lge ergeben. Dagegen liest man in den
Kunstbchern von den erlauchtesten Idealgestalten. Davor warne ich Sie,
Onkelchen. Durch diese Literatur geht ein Ri. Sehn Sie doch nur, ein
Mann wie ich, Prinz von Geblt, sitzt auf dem Trockenen und wei nichts
anzufangen mit seinen Gefhlen, geht sehnschtig in der Welt umher und
gafft sich die Augen aus nach dem Bild der Liebe. Nun, ich gebe mir noch
eine kurze Frist, dann whle ich ein angenehmes und schmerzloses Gift.
Er lachte wieder fein kindliches Lachen.

Der Lehrer wischte sich den Schwei von der Stirn. Es ist ein Traum,
dachte er zweifelnd und betrbt und sah auf das Bahngeleise hinber, auf
dem ein Schnellzug einherraste. Er freute sich auf seine Abendstunden,
auf seine Chronik, auf seine stille Abgeschiedenheit. Indessen forderte
ihn der Provisor auf, mit ihm in einem Wirtshaus in Altenmuhr zu essen,
und noch viel weniger als frher wagte er es abzuschlagen. Doch
Siebengeist wurde merkwrdig schweigsam, ballte nur hier und da Schnee
zusammen und warf ihn auf die Baumkronen, da es knisterte. Dann lachte
er und freute sich.

In der niedrigen, heien Wirtsstube saen Fuhrleute beim Bier.
Siebengeist berhrte kaum die Speisen. Er stocherte nachdenklich in
seinen weien Zhnen, whrend der Lehrer tchtig zugriff. Gelehrsamkeit
strkt den Magen, bemerkte Siebengeist sarkastisch. Wissen Sie, was
mir eingefallen ist? Ich forme mir eine Jungfrau aus Schnee: schn, rein
und klug. Ich gebe ihr das Herz eines treuen Hundes und die Augen einer
edlen Hlichen, die in Verborgenheit lebte. Das Ganze belebt, wre ein
Wunder an Vollkommenheit.

Philipp Unruh dachte: wenn dieser Mann Apotheker ist, werden die Kranken
seltsame Mixturen erhalten. Sein ordnungsliebendes Gemt begann sich zu
empren. Er betrachtete den Provisor scharf von der Seite und mute sich
gestehen, da er ein schnes Gesicht habe, ein intelligentes Auge, einen
weichen, schwrmerischen Mund.

Auf dem Heimweg stockte jedes Gesprch. Die Ruhe der Natur war ein
Befehl zur Ruhe fr die Wanderer. Schon begann das beschneite Gelnde
blulich zu schimmern. Wie schwrzliche Gestalten standen die Bume da,
streckten die ste verzweifelt gegen den Himmel. Philipp Unruh empfand
seinen Begleiter wie eine schwere Brde. Er vermochte nicht zu berlegen
und nicht zu denken in seiner Gegenwart. Unsichere Schuldgefhle
belstigten ihn.

Als sie den Marktplatz des Stdtchens entlang schritten, begegnete
ihnen der Baron Apotheker und lud sie ein, den Nachmittagskaffee in
seinem Hause zu nehmen. Meine Frau wird sich freuen, sagte er slich
und in einem Ton, als sprche er von einer majesttischen Person.
Siebengeist nickte zerstreut und nahm des Lehrers Arm, der verschchtert
und abwartend der Einladung folgte.

Es war ein uraltes Haus mit vielen Ecken und Winkeln, breiten, finstern
Stiegen, geheimnisvollen Tren und knarrenden Dielen, worin die Apotheke
war. Es stammte noch aus der Markgrafenzeit und teilte jedem seiner
Bewohner etwas von seinem verschlossenen, dstern, eckigen und
altmodischen Wesen mit. Aus der Tiefe des Flurs kam die Baronin und rief
den Provisor zu sich hin. Philipp Unruh und der Apotheker gingen daher
voran, doch da es schon finster war, bat der Baron seinen Gast,
stehenzubleiben und eilte voraus, um ein Licht zu bringen. Der Lehrer
lehnte sich aufseufzend an die breite, gotische Brstung und hrte
Stimmengeflster auf der Stiege, das alsbald wieder verstummte. In
diesem Augenblick kam der Baron mit der Lampe den Korridor entlang, und
ein Lichtstrahl erhellte das ganze Treppenhaus. Da sah Philipp Unruh,
wie sich zwei umschlungen hielten und kten. Die Frau hing am Halse
Siebengeists mit geschlossenen Augen. Er aber hatte die Augen offen, und
es war, als she er weit ber sie hinweg, in eine weite Ferne, und sein
Blick war dster und starr. Das dauerte im Schein des Lichts keine
Sekunde, aber der Lehrer glaubte, Zeuge eines grauenvollen Verbrechens
gewesen zu sein. Als er dem Apotheker folgte, trugen ihn die Fe kaum,
und seine Zhne schlugen heftig aufeinander. Der Baron drehte sich um
und lachte in seiner Hohomanier. Armer Teufel, sagte er, klapperkalt
ist ihm. Und er brllte in die Kche, da es von allen Mauern
widerhallte: Johanna, heies Wasser zum Grog! Gleich darauf begann er
wieder zu lispeln und lispelte von der Poesie des Winters, whrend das
andere Paar scheinbar harmlos plaudernd die Stube betrat.

Gemtliche Wrme herrschte in dem groen Zimmer, dessen Decke gewlbt
war wie in einer Kapelle. Der Ofen fr sich war ein kleines Haus. Der
Baron las seinen Prolog fr das Theater vor, wobei Siebengeist ergeben
in seine Tasse blickte. Offenbar waren die Gste nur dieser Dichtung
wegen herbeigeschleppt worden, denn der Baron las mit der studierten und
zugleich naiven Wichtigkeit des Dilettanten, der sich ngstlich
vorbereitet hat. Es kamen da viele Reime vor, und manche Gedanken, die
eines Barons auerordentlich wrdig waren, um wieviel mehr eines
Apothekers. Die Hippogryphen waren zu diesem Ritt kostbar gesattelt
worden, und vom groen Stall der Metaphern war, was Beine hatte,
mitgelaufen. Zeit und Ewigkeit, Vaterland und Wissenschaft, Kunst und
Natur waren, mit Traratrompetlein bewaffnet, auf einen erbaulichen
Kothurn gestiegen und grinsten zum Vergngen aller Mitbrger aufgeregt
herab. Des Dichters Stirn war in Schwei gebadet und sein blonder,
zierlicher Schnurrbart zitterte rhythmisch mit.

Zu anderer Zeit htte Philipp Unruh hohes Gefallen an der Produktion
gefunden. Aber der gemtliche Raum schien jetzt von schwlen Mysterien
erfllt. Er sah Siebengeist geqult und grbelnd sitzen und wagte es
endlich, auch die junge Frau anzuschauen. berrascht und erschreckt
senkte er den Blick nieder. Die schwarzen Augen der Baronin waren
begeistert auf die Lippen ihres Mannes gerichtet, und sie lchelte
begeistert. Zorn und Scham erwachten in dem Lehrer. Er atmete in
Lgenluft, aber eine ihm bisher unbekannte Empfindung sinnlicher
Neugier ergriff ihn. Als der Apotheker geendet hatte, lief die Frau
beglckt auf ihn zu, umarmte und kte ihn strmisch. Dem Lehrer graute.
Gefhrlich, tckisch und verschlagen zeigte sich ihm das Weib, und er
sah dem Provisor ins Gesicht, der mit einem dummen Lcheln gegen das
Fenster blickte.

Auf einmal schrie jemand auf der Gasse laut und vernehmlich Feuer, und
gleichzeitig ertnte die Sturmglocke. Siebengeist ffnete das Fenster
und fragte hinunter. Es brenne beim alten Schulhaus, hie es. Philipp
Unruh strzte davon, nur vom Gedanken an seine Bcher erfllt.


Viertes Kapitel

Eine der Galerien, morsches, altersschwaches Zeug, stand lichterloh in
Brand. Es sah unheilvoll aus, denn was da an Husergermpel
beisammenstand, war sehr empfnglich fr das Feuer. Die Flammen
erfllten den Hof, schlugen ber das Dach des Schulhauses, und es gab
ein Schock von Kindern, welches mit verbrecherischer Spannung darauf
wartete, da jenes verhate Gebude zur Stunde vom Erdboden verschwinden
wrde. Diejenigen Leute aber, denen es gleichgltig sein durfte, ob es
Schulferien gab oder nicht, zeigten sich aufgeregt, und die Turmglocke,
die solche Gelegenheiten gern ergriff, um einen prahlerischen Lrm zu
erzielen, vermehrte die Angst der Gemter. Ihre kurzen Schlge glichen
dem Pochen eines schreckenerfllten Herzens. Es rckte die Feuerwehr an
mit mutigen Messinghelmen und verzagten Gesichtern und diese guten
Menschen verbten nun ihrerseits wieder solchen Skandal mit Trompeten
und Kommandieren und einem rasselnden Spritzenwagen und himmelhohen
Leitern, da der Tumult grer wurde als die Gefahr. Statt zu handeln
und sich unterzuordnen, machte sich jeder auf besondere Weise wichtig
und benahm sich als eine verdienstvolle Autoritt in Gummischluchen
oder im Wassertragen oder im Klettern und Fensterzertrmmern.

Philipp Unruh strmte in die Kche, nahm eine groe Kohlenkiste, die er
in seine Studierstube schleifte und warf dort mit erstaunlicher
Handfertigkeit seine Bcher hinein. Unheimlich sah es aus, wie er von
den dsterroten Flammen beleuchtet in atemloser Geschftigkeit die
schwarze Kiste mit den alten Folianten fllte. Mit einer Kraft, die er
als Zuschauer verwundert beobachtet htte, zerrte er den schweren Kasten
zur Stiege, lie ihn unter groem Gepolter herabgleiten, und erst unten
fanden sich zwei Mnner, die ihm halfen, seinen Schatz auf die Strae zu
tragen. Zwischen zwei Schneehaufen blieb die Kiste stehen. Erleichtert
betrat der Lehrer wieder das Haus, um wenn es ntig war, auch die
brigen Habseligkeiten zu bergen. Die Wirtschafterin lief heulend im
Flur herum. Da niemand noch an Gefahr fr das Schulhaus dachte, klomm
Unruh allein empor, sah sich um, fand es merkwrdig still, hrte nur das
Geprassel des Feuers und das Zischen der Wasserstrahlen. Schrnke und
Wnde waren blutigrot; die Fensterscheiben zitterten vor Hitze, doch mit
jedem Augenblick verminderte sich die Gefahr. Die Holzgalerie brannte ab
wie Papier und die Steinmauer wurde schwarz von Ru. Im Hofe stand die
Feuerwehr, eine Schar von Todesverchtern.

Philipp Unruh trat wieder auf die Strae. Er winkte den Gemeindediener
herbei, da er ihm helfe, die Kiste zurckzutragen. Allein die Kiste war
verschwunden. Der Raum zwischen den beiden Schneehaufen war leer. In den
weichen Schnee war ein tiefes Rechteck eingedrckt, sonst war nichts zu
sehen. Wo sind denn die Bcher? fragte der Lehrer mechanisch, und
blickte sich befremdet um. Gutmann, wo ist meine Kiste? schrie er
einen vorbergehenden Feuerwehrmann an, und sein Gesicht verzerrte sich.
Gutmann zuckte beschftigt die Achseln. Der Gemeindediener versuchte zu
trsten und ffnete nachdenklich sein Schnapsflschchen. Einen um den
andern rief der Lehrer an, aber keiner wute etwas. Eine Gruppe sammelte
sich, die Ratschlge gab und Meinungen austauschte. Der Polizist Grnhut
stellte sich ein und schrieb Notizen in ein verschmiertes Buch. Der
Lehrer hatte zuerst gejammert, jedem geklagt, einige um Beistand
gebeten; jetzt wurde er still. Die Gewiheit, da man ihm seinen
teuersten Besitz entwendet habe, begann als etwas Ungeheures auf ihm zu
lasten. Er fhlte sich vom Himmel selbst verwundet; beleidigt und
verwundet in seinem innersten Wesen. Die Ungerechtigkeit, unter der er
so zu leiden hatte, erstickte seine berlegungen, raubte jedes Ma, jede
Berechnung fr das, was ihm zugestoen. Hier lag ein Verbrechen vor,
unerhrt und frevelhaft. Wer durfte einen armen Friedlichen auf solche
Art zu Schaden bringen? Er war ein Lehrer, nichts weiter, und
verrichtete ehrlich sein Geschft. Er war vor andern um nichts
bevorzugt. Oder wurde es so bitter gercht, da er dem harten Brot des
Berufs etwas Wohlgeschmack und Sigkeit hinzugefgt?

Breit und mit Wrde angestopft, kam der Herr Wachtmeister des Wegs. Er
versprach leutselig, sich der Sache anzunehmen. Wacker, sagte er,
wacker, ein Lieblingswort, welches er grundlos bevorzugte. Der
Polizist trank aus des Gemeindedieners Flasche und eilte in die Nacht,
den Dieb zu verfolgen. Man schickte zum Bcker und zum Schneider
nebenan. Dieser begann zu schimpfen, man bringe ihn um seinen Ruf, jener
tat sehr unschuldig und besorgt. Das Verschwinden der Kiste blieb ein
finsteres Rtsel. Philipp Unruh ging noch immer auf der Strae hin und
her, blickte mit zusammengepreten Zhnen in die Nacht. Die Leute
entfernten sich langsam. Es war neun Uhr und Schlafensstunde nah. Auf
dem Brandplatz blieben zwei von den Messingbehelmten, lagerten sich an
ein Kohlenfeuer und tranken zahllose Krge Bier, die aus dem lustigen
Pfeifer geholt wurden.

Doktor Maspero war der letzte, der vor den trostlosen Beraubten hintrat.
Er schaute prfend zu dem Lehrer empor und sagte belgelaunt: Es ist ja
gerade so, als ob Sie eine lebendige Familie verloren htten. Pfui,
Unruh, das heit sich zum Narren stempeln.

Lieber Herr Doktor, entgegnete der Schulmeister unwillig und ohne die
Stimme zu erheben, wer etwas verliert, mu am besten wissen, was er
verliert.

Der Doktor brummte, zog die Augenbrauen in die Hhe, kicherte in sich
hinein und wnschte gute Nacht.


Fnftes Kapitel

Doktor Maspero hatte gut lachen; er wute, wo die Bcher hingeraten
waren. Nicht ganz ein Komplott und mehr als ein Einfall trug die Schuld.
Das kleine Mnnchen mit dem Alleswissergesicht versuchte sich gern in
der Seelenheilkunde. Auch der Apotheker und der Schulrat hatten Teil
daran. Diese behrdliche Person billigte das Treiben des Lehrers nicht.
Obwohl von Pflichtversumnissen bislang keine Rede sein konnte, -- hinter
stummen Bcherdeckeln erhebt sich oft ein unheilvoller Geist. Niemand
konnte das grndlicher besttigen als der Baron. Verderblich ist das
Wort, lautete sein gebildetes Orakel. Der Doktor seinerseits mischte
sich mit Leidenschaft in fremde Angelegenheiten. Er war ein Schnffler
und mitraute allen Leuten, bei denen er Geheimnisse vermutete. Er hate
die Schweigenden, hate die Leute, die anspruchslos ihres Weges gehen
und in sich verschlieen, was sie im Innern beschftigt. Er hate jene,
die sich fr irgend etwas mit wahrem Gefhl einsetzen und hielt sie fr
Lgner. Jeder Einsame galt ihm als Verrter an einem ffentlichen Wohl.
Seine Zwerggestalt war der Grund eines wunderlichen, giftigen Ehrgeizes.
War er den andern krperlich unterlegen, so wnschte er doch brennend,
sonstwie zu herrschen. Daher sein penetranter Witz, seine angebliche
Verachtung der Frauen; daher seine seltsame Eifersucht auf alles Groe,
was immer in der Welt geschah; daher seine Freude, sogenannte Wahrheiten
zu sagen, seine unermdliche Geschwtzigkeit, seine Gier, zu
verurteilen, gehrt zu werden, belacht zu werden, zu glnzen. Er war der
erste gewesen, der Unternehmungen gegen die Bcherwut des Lehrers
geplant hatte. Seine Motive waren menschenfreundlich; er sagte es. Aber
es waren Worte geblieben bis zum Tag der Feuersbrunst. Da hatte er das
Herausschleppen der Kiste beobachtet und war zum Bcker geeilt, der fr
einen guten Spa alles Brot im Ofen schwarz werden lie. Alsbald war die
Kiste unter dem Ladentisch verschwunden, und der Bcker drckte sein
grndliches Mifallen an der Studierwut des Lehrers aus, vermutete
Schwarzkunst und teuflische Zauberei dahinter. Der Doktor empfahl ihm,
die Bcher ordentlich zu bewahren, und verhielt sich so, als ob ein
reformatorischer Gedanke jeden Schritt in dieser Angelegenheit
vorbestimmt habe.

Auf dem Heimweg empfand Doktor Maspero ein verwickeltes System zu der
Tat, die er gegen Philipp Unruh unternommen, ein System, welches
zugleich philosophischer und pdagogischer Natur war. Als er sich der
letzten Konklusion nahte, bemerkte er die Gestalt des Provisors
Siebengeist, die am Zaun des Kasinogartens lehnte, als ob sie steif
gefroren wre, und die Augen des jungen Mannes beobachteten gespannt den
Mond am klaren Himmel. Erschrocken blieb der Doktor stehen und sagte mit
unsicherer Bosheit: Sie sind mir ein gespenstischer Herr da.

Siebengeist senkte den Kopf und blickte den Doktor von der Seite an.
Dieser Kerl ist mein Feind, erwiderte er langsam, die Faust gegen den
Mond ballend. Ich kann nicht schlafen, so lang er am Himmel steht.

Also ein Romantiker, meinte der Doktor, spttisch in den Ton des
Arztes verfallend, ein Romantiker mit kalten Fen also.

Siebengeist begleitete schweigend den Doktor die Strae hinab. Der Herr
Adjutant kam ihnen entgegen, grte schreiend und lachend, als ob er
eben von einer Amerikareise zurckgekehrt wre und verschwand lautlos
in der Nacht. Selten sind die Schlauen auch im Schweigen schlau. Der
Doktor erzhlte Siebengeist mit geheimnisvollem Wesen die Geschichte von
den geraubten Bchern, und das philosophische System enthllte sich in
Beweiskraft. Siebengeist hatte nichts darauf zu antworten. Er nahm
Schnee in die Hand und drckte ihn gegen seine Stirne. Der Mond ist
mein Feind, murmelte er. Mich verdriet sein Grinsen, seine Klarheit,
sein erborgtes Licht, seine anspruchsvolle Nutzlosigkeit. Er steht da
droben und hat sein Amsement von der Welt. Und ich, ich mu mir den
Kopf im Schnee khlen, fiebernd vor berdru.

Sie standen vor dem Turmbogen, und der Doktor blickte verdutzt sein
Haustor an, wute nichts zu entgegnen als: Sie sind verliebt, junger
Freund. Er hatte bei den Redereien des Provisors ein Gefhl wie jemand,
den man aus dem ersten Schlaf weckt, um ihm die Anfangsgrnde der
Eskimosprache beizubringen. Doch tat er verstndnisvoll aus Furcht vor
einer mglichen berlegenheit des andern.

Richtig: eine meisterhafte Vermutung! rief Siebengeist, mit dem Stock
an das morsche Tor schlagend, da es drinnen dumpf widerhallte.

O, ich bin ein geriebener Hund, was die Weiber betrifft, sagte der
Doktor. Ich kenne alle Schliche darin. Wie sieht sie aus, was ist sie,
wie ist sie?

Wie sie aussieht? Je nun, das ist schwer. Eine gut funktionierende
Nase, zwei erfahrene Augen, ein redseliger, lgnerischer Mund. Wie sie
ist? Ebenso feig wie dumm, ebenso habgierig wie eitel, ebenso frech wie
leer, ebenso gestorben wie die andern Leute hier herum. Aber Sie denken,
ich spiele deshalb den Verschmher? Ei, Doktor, da irren Sie sich. Der
Rock ist alles, es lebe der Rock. Genug davon. Zuviel Wucht fr die
taube Nu.

Unter dem Torbogen des Turms schallte ein leichter Schritt. Es ging da
ein junges schwarzgekleidetes Mdchen, dessen Kopf mit einem Schal
verhllt war. Es sah nicht aus, als ob sie Eile htte, denn sie ging
mehr fr sich hin, verloren und abgekehrt, den Kopf leicht vorgeneigt,
und in ihrem Schritt war sowohl Mdigkeit als auch Vertrumtheit
enthalten. Siebengeist folgte ihr mit den Blicken, als ob sich sein
Schatten in Bewegung gesetzt htte, denn es war schon etwas
Ungewhnliches, da zur Schlafenszeit in offener Gasse jemand ging, der
nicht Eile zeigte, schlafen zu gehen.

Des Doktors Schlssel kreischte im verrosteten Schlo. Herr Maspero,
Siebengeist beobachtend, gab seine liebenswrdige Nachsicht durch ein
Lcheln kund, einem Veteranen gleich, der beim Anblick der Spielflinte
eines Knaben an die groen Schlachtenkanonen denkt. Dann verabschiedete
er sich in der akademischen Steifheit, die ihm eigen war. Er betrat den
den Flur seines Hauses, in dessen Hintergrund bei der Treppe eine
nimmermde Stehuhr ihr schlfriges Ticken seit Jahrzehnten ertnen lie.
Sechstausend Nchte und mehr noch lief das Werk im stummen
Pflichtgefhl, und wenn es abends zehn Uhr war, kreischte der Schlssel
im verrosteten Schlo, und der Zwergdoktor sagte irgend einem gute
Nacht, der vor dem Tore stand, riegelte sich ab von der Welt, machte die
alten Dielen durch seine kleinen Fe knarren, hob an der Treppe das
Kerzchen gegen das Zifferblatt, wobei in seinen grauen, unruhigen Augen
etwas Fragendes aufblitzte, das unbehaglich und ngstlich den
Fortschritt der Zeit wahrnahm. Die akademische Steifheit verlor sich,
das leutselige oder sarkastische Lcheln verschwand. Unsichtbare
Schatten der Zukunft schienen in dem stillen Haus emporzuwachsen, vom
Flur bis in die Bodenkammer, und wehe, wenn sie einmal so weit
gelangten, die beiden geschftigen Zeiger der Doktorsuhr stehen bleiben
zu heien. So wird den Masperos allmhlich die ganze Welt zu einer Uhr:
die Hausmauern, von denen der Kalk abbrckelt; der Nachtwchter, dessen
Stimme zitternder und leiser die Stunden ruft; der Wald, von dessen
Bumen die Bltter fallen; die Erde, die sich mit Schnee bedeckt; die
Sonne, die hinter Frhjahrsnebeln blutet; ja, sogar die Kinder, denen
der Schuster von Jahr zu Jahr grere Stiefeln machen mu.

Am nchsten Tag wuten die Sechsundsechzig von komischen Sachen zu
wispern, die sie in der Schule gehrt. Von zehn bis elf war
Geschichtsstunde gewesen, ein Fach, das bisher aus einigen Namen und
Zahlen bestanden hatte, mhsam und berflssig zu lernen. Heute war der
Lehrer, die Hnde auf dem Rcken, hin- und hergegangen und hatte
unaufhrlich geredet. Ungerechtigkeit sitze auf dem Thron der Erde. Die
Geschichte sei nichts anderes als die Wissenschaft von der
Ungerechtigkeit. Was ein Edler unternehme, werde hundert Unwrdigen
preisgegeben, und ist es Gott, welcher das Glck eines Einsamen bewacht,
so seien seine Augen matt, seine Sinne erschpft vom Anblick der
Zerrttung und des bels. So sprach der Unbesonnene zu Kindern: Dinge,
die weitab vom Kreis seines Amtes lagen, und sein Mund zitterte unter
dem buschigen, herabhngenden Schnurrbart. Als das Schulzimmer leer war,
setzte er sich vor den Globus, und so traf ihn Doktor Maspero, der beim
Bcker gewesen war und nun aus freundschaftlicher Besorgtheit auch den
Lehrer besuchte. Philipp Unruhs Blicke waren fest auf einen Punkt in der
Wste Saharah gerichtet, dann liefen seine Augen meridianaufwrts ber
Hellas und den Hellespont, durchsegelten das Schwarze Meer und blieben
stumpfsinnig nach rascher Landwanderung in der Nhe Sibiriens liegen.
Sie werden sich erklten bei solchem Klimawechsel, scherzte der
Doktor.

berall da leben Menschen, erwiderte der Lehrer, mit einem vertieften
Ausdruck emporblickend. Lauter fremde Menschen.

Der Doktor geriet vor dem grabenden Blick Unruhs in Verlegenheit. Er
fragte sich umsonst, was er sagen solle.

Die Pausestunden verflossen, und die kurze Schulzeit des Nachmittags
verging. Der Lehrer wandelte betrbt zwischen den Bnken umher, und
beruhigte so den ngstlichen Geist der Kinder wieder. Gegen Abend
klopfte es an die Tre von Unruhs eigenem Zimmer und Apollonius
Siebengeist trat ein, warf den Hut irgendwohin und den Mantel nach, rieb
sich am Ofen die Hnde wie jemand, der eintrgliche Geschfte gemacht
hat, und achtete kaum auf die erstaunten Mienen des Lehrers. Eine
gemtliche Stube haben Sie da, sagte er, sich frhlich umschauend. Ich
komme zu Ihnen, weil ich niemand hier wei, mit dem sichs plaudern lt.
Die meisten Leute, mit denen man redet, hren gar nicht, sondern
besinnen sich nur auf die Antwort. Heute brauch ich aber partout einen
Zuhrer und ein warmes fchen. Aber Schulmeister! Onkelchen! Sie sehen
aus wie der selige Griesgram.

Alle meine Bcher sind mir gestohlen worden, murmelte der Lehrer
klagend.

Siebengeist kratzte seinen Kopf und pfiff leise in die Ofennische. Dann
machte er ein pfiffiges Gesicht, das ihm auerordentlich gut stand, trat
dicht vor den Lehrer hin und legte beide Hnde auf dessen Schultern.
Und wenn ich Ihnen nun verspreche, da Sie Ihren Schatz wiederhaben
sollen? fragte er lchelnd.

Philipp Unruh sprang auf. Sie wissen? Was verlangen Sie dafr? rief er
mit berraschender Leidenschaftlichkeit.

Siebengeist lachte und errtete. In seinen Augen war ein so
merkwrdiges, verlorenes Glnzen, da es wohl jeder bemerkt htte, der
sich besser auf Menschen verstand als dieser Philipp Bcherwurm.
Allerdings verlange ich etwas dafr, sagte Siebengeist, und sein
Lcheln kehrte wieder, das jetzt etwas Durstiges und Gedankenfernes
hatte. Sie kennen doch den Theaterdirektor, den Herrn, der mit dem
Kleister so kniglich hantiert? Sie erinnern sich doch? Gut. Gehen Sie
heute ins Theater. Man gibt die erste Vorstellung. Und wenn das Stck
aus ist, suchen Sie auf irgend eine Weise zu dem majesttischen Herrn zu
kommen, knpfen ein Gesprch an, indem Sie sich entzckt stellen ber
seine Leistung als Graf oder General oder Bettler, was er eben in dem
Stck vorstellt. Der Mann wird butterweich werden, oder ich kenne die
Komdianten nicht. Dann fangen Sie an, von seiner Truppe zu sprechen,
laden ihn vielleicht zu einer Flasche Wein ein und kommen so auf Myra zu
sprechen. Das ist eine von den Schauspielerinnen. Schreiben Sie sich den
Namen auf: Myra. Einen andern hat sie momentan nicht.

Myra, redete Philipp Unruh nach, nicht begreifend, was er solle.

Siebengeist schritt erregt auf und ab, legte die Hand auf die Stirn und
fuhr etwas leiser und eintniger fort. Wenn der wrdevolle Schuft nicht
reden will, so schieben Sie ihm Geld in die Hand. Ich gebe Ihnen, was
Sie brauchen. Fragen Sie also nach Myra. Wie sie lebt, woher sie kommt,
weshalb sie sich beim Theater aufhlt, ob sie ... ob sie Liebschaften
hat oder gehabt hat, -- nun, jetzt wissen Sie ja genug. Heiliger Himmel!
Er lachte berstrzt, setzte sich am Ofen nieder und schaute in die
Glut. Dann, als verstnde er das Schweigen des Lehrers, begann er wieder
und redete in das Ofenloch hinein: Frchten Sie nicht, da Sie etwas
Unehrenhaftes tun. Sie retten dabei nur mein irdisches Heil. Ich selbst
kann es nicht bernehmen. Ich kann den Namen dieser Person nicht
aussprechen, ohne etwas zu spren, -- eine innere Feuersbrunst! Und mte
ich hren, wovor mir schon in Gedanken graut, ich erschlge den
Kleisterbaron, so wahr ich bin. Die Leute beim Theater reden wasserklar
einer ber den andern. Nun, Schulmeister, wollen Sie das unternehmen fr
mich? Hier ist das Billett; alles ist vorbereitet.

Der Lehrer zauderte, fremdartig berhrt durch das Wesen des jungen
Mannes. Die Versprechung mit den Bchern erschien ihm pltzlich
mrchenhaft, wie alles, was der Provisor tat und sagte. Aber auch das
erriet Siebengeist mit der sicheren Gabe des von seinen Zwecken ganz
erfllten Menschen. Ihre Bcher, meine Hand darauf, sollen Sie wieder
haben! rief er und fgte mit bertriebenem Pathos hinzu: Es sind da
infame Rnke im Spiel, die ich zerstren werde.

Philipp Unruh reichte dem jungen Mann seine Hand, schchtern und voller
Zweifel. Siebengeist lchelte freudig und unbefangen und zeigte seine
weien Zhne. Ich vertraue Ihnen darum das alles, sagte er nun wieder
in seiner natrlich gewinnenden Weise. Sie sind ein Stiller, ein
stiller Freund. Wenn Sie mehr Zutrauen zu sich htten, knnten Sie
weiter oben stehen in der Welt. Berichten Sie mir nur alles, was Sie da
erfahren, und merken Sie sichs mit dem Herzen. Sie wissen nicht, was fr
mich davon abhngt. Beobachten Sie jedes Augenzwinkern, jeden
Gedankenstrich in der Rede. Die Leute sagen vieles ohne Worte. Helfen
Sie mir heute, und ich will Sie als meinen liebsten Freund betrachten.

Siebengeist sagte das mit einer Herzlichkeit, die auch khle Seelen
erwrmt htte. Der Lehrer hrte verwundert zu und beinahe mechanisch
fragte er: Warum nur? Warum?

Siebengeist setzte sich an den Tisch, drehte ein wenig an dem Docht der
Lampe, lchelte zart und erinnerungsvoll, wobei seine Augen strahlend
und weit wurden. Dann sagte er, als ob er zur Lampe rede: Da trifft man
irgend einen Wanderer auf der Strae, in der Nacht, im Schnee und gleich
schmieden sich Schicksale zusammen. Und man geht mit dem sonderbaren
Wesen, spricht kaum, erfhrt kaum einen Namen, nichts als einen lumpigen
Theaternamen. Myra! Was fr eine unverstndliche Zusammenstellung von
Buchstaben? Bis gestern noch etwas so unbekanntes wie der eigene
Todestag, heute ein Ereignis, von dem alle Stunden schwer sind. Ich
begreif' es nicht, was die Leute Erleben nennen. In einem Geheimnis
schlendern wir herum.

Voll Teilnahme, Sympathie und aufrichtiger Gesinnung blickte der Lehrer
sein Gegenber an. Er ahnte, da ihm etwas wie ein wirklicher Mensch
begegnet sei.


Sechstes Kapitel

Ein Brummba, zwei Geigen und eine Klarinette machten eine vortreffliche
Musik vor Beginn des Stckes. Der groe Saal des frnkischen Hofes,
der eigentlich nur eine gerumige Wirtsstube war, fllte sich mit
Zuschauern. Die Sitze der vorderen Reihen bestanden aus wirklichen
Sthlen, whrend fr die minder vermgenden Leute lange Bretter ber
Bierfsser gelegt waren. Alles strmte herbei, was fr Kunst und Bildung
eingenommen war. Man sah die Spitzen des Kasino, einer preiswrdigen
Vereinigung der eleganten Kreise: die Frau Notar mit ihren Tchtern, die
Frau Oberamtmann, die Frau Steuerrat, die Frau Expeditor, die Frau
Apotheker, die Frau Major, die Frau Schulrat. Sodann zeigten sich die
weniger ausgezeichneten Damen, die jdischen Kaufmannsfrauen, die
Handwerkerfrauen, welche aus Ehrfurcht vor jenen Titularherrlichkeiten
nur zu flstern wagten. Nicht so gebieterisch nahm sich die vornehme
Mnnerwelt aus, aber man wei, da die stumme Wrde keineswegs die
geringere bedeutet. Es war eine Luft von Frohsinn und heiterer
Erwartung, denn so versammelt das Theater stets die gutgestimmten
Elemente, aller Nebeninteressen entledigt, um im entzckenden Spiel,
nicht nur vor den Augen der eleganten Kreise, die Macht der Kunst zu
erproben. Alles ist da einer edleren Erhebung geweiht. Niemand stellt
sich ein, etwa nur um einen Schauspieler zu bewundern, oder um eine
kostbare Robe sehen zu lassen, oder einen miliebigen Verfasser um den
verdienten Erfolg zu bringen.

Der Vorhang erhob sich, und mit feierlichem Schritt erschien der
Direktor, um den dichterischen Prolog des Barons von sich zu geben. Der
Vortrag des Poems war nicht ohne Geschmack. Der Redner schrie oder
brllte nur, wenn es kaum zu umgehen war. Bei der Stelle: Wahrheit und
Natur sind eins! streckte er beide Arme von sich, wie um ein Gespenst
abzuwehren, und machte eine Generalpause, -- eine verblffende und gut
gewhlte Einzelheit. Als der Prolog zu Ende war, bekam die erste Geige
ein ergreifendes Solo zu spielen. Der Baron sa mit tiefsinnigem und
beglcktem Gesicht in der ersten Reihe, und einige Honoratioren kamen,
ihm gerhrt und mit Achtung die Hand zu schtteln. Seine Frau aber war
in weicher Hingebung an seine Schulter gelehnt und blickte schmachtend
ins Leere. Im Grund konnte sie nur schlecht ihre Verstimmung und ihren
rger verhllen, denn nicht der Provisor sa zu ihrer Linken, wie es
verabredet war, sondern Philipp Unruh. Der wagte weder um sich noch
neben sich zu blicken, ihn schchterte der vornehme Platz ein, und er
war froh, als der Vorhang fr Melchior oder die Leiden des Alters
aufging und eine atemlose Stille im Publikum eintrat. Nur die Baronin
hrte er bisweilen vor sich hinseufzen.

Es kam da ein alter und ein junger Mann vor. Der alte Mann hie Melchior
und war der Vater, der junge hie Balthasar und war der Sohn. Der Sohn
war ein verwerfliches Subjekt, denn er wollte Soldat werden, whrend der
Alte wnschte, da er sich zur Theologie wende. Die Verwerflichkeit
dieses Sohnes ging so weit, da er sich in ein armes Mdchen verliebte,
und als die betrbende Tatsache nicht lnger zu verheimlichen war,
erschien das Mdchen selbst vor dem bitterbsen aber rechtschaffenen
Melchior, welcher vom Direktor mit dem Gefhl eines gekrnkten
Patriarchen gespielt wurde. Die Person, welche die Rolle der armen
Liebenden spielte, hatte zuerst nur wenige Worte zu sprechen; und sie
sprach nicht, sondern flsterte nur hastig und erschreckt, mit
Seitenblicken auf die Zuhrer. Man hatte sie jmmerlich kostmiert: eine
Mischung von Empiredame und Fabriksmdchen; aber in ihren Bewegungen
verleugnete sich jedes Kostm, war etwas, das anstatt aller Worte
redete, und nicht aus der Rolle, sondern aus dem Wesen. Dies ist
sicherlich Myra, dachte sich der Lehrer, und was ihn in Erstaunen und
Verwirrung setzte, war Myras schner Mund. Ihn dnkte, da er einen
hnlichen Mund nie gesehen habe. Er sah Trauer und Anmut darin, Gte und
Verschwiegenheit, Sehnsucht und frhen Tod. Es waren so jhe und starke
Empfindungen, da er dabei nicht auf sich selbst und seine Gedanken
achtete, sondern sich nur einer Folge von seltsamen Einflsterungen
bergab. Myra verlie den Schauplatz und es wurde still auf der Bhne,
obwohl noch immer Leute hin- und hergingen und sich erhitzten. Myra kam
wieder, und die Luft schien von Wohlgeruch, ja von einem weithertnenden
Gesang erfllt. Die Lippen des schnen Mundes hoben sich und senkten
sich in einer sanften, geheimnisvollen Bewegung, wie wenn der Nachtwind
ber zwei Rosenbltter huscht, die auf einen Marmorstein verweht sind.
Und abgesehen von aller Schwermut war damit eine Art unsichtbarer,
tiefer Heiterkeit verbunden, welche vielen Frauen das Seherische und
zugleich das Vertrauenswrdige verleiht. Philipp Unruh sa vorgebckt
da, hatte seine Hnde flach zusammengedrckt und zwischen die Knie
geschoben und frchtete, da jeder ihn beobachten msse, und da es um
den Ruf seiner Vernunft geschehen sei. Auch diese Empfindung war ihm
unklar. Sein ganzes Wesen geriet in eine Verworrenheit, welche
Traumgefhle in ihm erzeugte. Myras Stimme wurde lauter und klarer, aber
wenn sie sprach, blieben ihre Zge unbeweglich. Als Schauspielerin
mute sie das Mitleid eines Kenners wie Doktor Maspero erregen, und als
die Sache unter groen Bemhungen bis zum Vaterfluch jenes
ungewhnlichen Melchior gediehen war, schrieb der erwhnte kritische
Herr bedenkliche Notizen auf ein Rezeptpapier. Einige Leute, die es
sahen, nickten respektvoll einander zu, denn der Geist der Verneinung
ist an jedem Platze hochgeachtet. Melchior begann eben nebst
verschiedenen anderen Dingen auch sich selbst zu verfluchen, als sich
unter den Damen im Zuschauerraum eine wachsende Panik bemerkbar machte.
Eine Ratte lief im Saal umher, verbreitete einen Schrecken, gegen den
alle Wirkungen des zehnaktigen Lebensbildes verblaten. Stets ist es die
gemeinsame Gefahr, welches die Standesunterschiede verschwinden lt.
Bleich und zitternd erhoben sich die Frauen, und das Podium fr das
Schauspiel hatte pltzlich die Bedeutung einer Insel im Ozean. Melchior
hrte auf, Melchior zu sein und machte fr die Flchtlinge, die nicht
bis zur Saaltr hatten gelangen knnen, die Honneurs. Unten im Ozean
waren nur noch Mnner ernst und pflichtbewut damit beschftigt, das
Untier aufzuspren und zu tten. Auch Philipp Unruh hatte sich erhoben,
verlie mechanisch den Raum und stand bald in dem verdeten Wirtsgarten
drauen. Es wehten milde Lfte, und der Schnee war weich geworden.
berall waren sickernde Gerusche vernehmbar; von den Bumen und von den
Rinnen tropfte das Tauwasser. Vor dem Tor eines Schuppens hockten zwei
Katzen eng aneinander geschmiegt, und sie rhrten sich nicht, sondern
blickten stumpfsinnig in die flimmernden Lichter vom nahen Bahnhof. Nun
war weiterhin ein ganz finsterer Winkel, denn der Schuppen grenzte an
die Kegelbahn, und die beiden Mauern bildeten eine tiefe Ecke.

Vor der Holztre des Schuppens stand ein kleiner Handwagen und daneben
eine Bank, auf welche sich der Lehrer setzte, Stille vor sich, Stille
hinter sich, aber im Innern mancherlei Stimmen und Laute. Und als er so
in einem Zustand fremdartigen Lauschens dasa, knirschte der Schnee
unter langsamen, nherkommenden Tritten. Eine Mdchengestalt tauchte
auf, die den Kopf gesenkt trug und am Eck des Schuppens wie ermdet
stehen blieb. Als frchte sie, gehrt zu werden, setzte sie ihren Weg
mit kaum vernehmlichem Auftreten fort bis zu dem Handwagen, auf dessen
Deichsel sie sich setzte, die Ellbogen auf das Wagenbrett sttzend. Das
alles verfolgte Philipp Unruh genau, da seine Augen sich lngst an das
Dunkel gewhnt hatten. Aber in einem unbewuten Drang von Scham und
Furcht wandte er seine Augen ab, und in demselben Moment hrte er ein
Schluchzen, dessen Unaufhaltsamkeit offenbar nur durch fest
zusammengeprete Lippen gemildert wurde. Den Lehrer begann es am ganzen
Krper zu frieren, und sein Blick umschleierte sich. Er dachte nichts
als den mrchenhaften Namen Myra und sah nichts als einen Mund, der sich
krampfhaft im Schmerz verschlo. Hatte sie nicht einmal vier Wnde, um
sich ausweinen zu knnen? da ein dumpfer, kalter Schuppenwinkel im Hof
dazu dienen mute? Doch wagte er sich nicht zu rhren. Geqult und
bedrckt ging er mit sich zu Rate, als wisse er den Grund und wre
fhig, Hilfsmittel zu finden.

Eine drhnende Stimme rief: Myra! Die Weinende verstummte, erhob sich
und ging gegen das Haus. Philipp Unruh wartete lange, denn er wollte
nicht, da ihn jetzt jemand aus diesem Winkel gehen sehe. Ihn wunderte
die Ruhe der Natur. Himmel und Erde schienen ihm noch erfllt vom
Widerhall jenes Weinens. Er stand auf und setzte sich auf die Deichsel
des Handwgelchens, das unter seiner Last chzte. Ihn erstaunte es, da
er nun in demselben engbegrenzten Raume war, in dem Minuten vorher Myras
Herz geschlagen. Als ob er sich eines Amtes unwrdig fhle, erhob er
sich wieder, und seine Gedanken richteten sich unvermittelt auf seine
uere Erscheinung, auf seine wenig einnehmenden Zge, auf seinen
zerzausten, rtlichen, herabhngenden Schnurrbart. Ungeduldig verlie er
die Finsternis und eilte dem Haus zu. Wie gro war aber sein Schrecken,
sein feiger Schrecken, als er Myra noch auf der Schwelle stehen sah und
hinausstarren in die Nacht. Er erkannte im Schein des unbestimmten
Lichts, das aus dem Flur fiel, wie ihr Gesicht sich jh belebte, als sie
ihn aus dem Grunde des Hofes kommen sah. Doch blieb er nicht stehen und
befand sich bald vor ihr, die sich an den Pfosten lehnte, um ihn vorbei
zu lassen. Er sprte ihren fragenden, unwilligen Blick und sah sie
verstrt von der Seite an. Eine Gewalt von innen hinderte ihn, weiter zu
gehen, und er murmelte, indem er sich bemhte, einen teilnehmenden Ton
zu whlen: Ich habe gehrt. Aber zrnen Sie nicht deshalb. Gott wei,
weshalb ihm das alles abenteuerlich und entlegen vorkam und er an seine
Bcher dachte, wie an rettende Freunde.

Myra erwiderte nichts. Sie nickte nur leicht mit dem Kopf.

Kann da niemand helfen? fragte Philipp Unruh in kindischer
Unbeholfenheit, und als er das geringschtzige Zucken ihres Mundes
bemerkte, sagte er stotternd: Ich denke, man hat die Ratte da drinnen
schon erwischt.

Das junge Mdchen sah den sonderbaren Kauz mit berraschung an, lchelte
und erwiderte: Ja, das ganze Nest ist leer. Damit entfernte sie sich.

Unentschieden, welcher Umstand nun den Lehrer mit solchem Glcksgefhl
beschenkte. Vielleicht war es nur das Lcheln, das mit eines Gedankens
Schnelligkeit ber Myras nachdenkliches und erschpftes Gesicht geflogen
war. Vielleicht, da er das Lcheln einkassierte wie den Gewinst aus
einer Lotterie, und da dabei etwas in ihm lebendig wurde, wie in jenen
Vernachlssigten, die sich pltzlich auffallend vom Glck begnstigt
sehen. Es kam ihm vor, als ob er in einer gesegneten Zeit lebe und in
einer angenehmen Stadt. Er trank am Gassenschank durstig ein Glas Bier;
darauf ward ihm mutig zu Sinn, und unternehmenden Schritts betrat er die
schon verdeten Straen. Wer schrie da schon wieder beim Haus des
Hufschmieds und schwenkte grend den Hut, um dann schweigend wie vorher
seinen Weg fortzusetzen? Es war der Herr Adjutant, dessen fabelhafte
militrische Wrde nur durch seine tiefeinsame Lebensweise
Glaubhaftigkeit behielt. Philipp Unruh blieb stehen und schaute ihm
nach. Ein Mann, hatte er sich sagen lassen, der sein Vermgen im Spiel
verloren und Weib und Kind in Armut, dem Tod geweiht, verlassen hatte,
der Goldgrber gewesen war und die neugewonnenen Schtze bei einem
Schiffbruch eingebt hatte. Und derselbe Mann lief hier umher, begrte
lrmend in der Nacht die Leute, sprach laut und eindringlich mit sich
selber, ein Rtsel fr alle und fr Philipp Unruh mit einem Mal eine
Kundgebung reichsten Lebens, wertvoller als eine ganze Bibliothek. Man
konnte hingehen und ihn fragen, und er konnte erzhlen mit Lachen und
mit Weinen; in Bchern aber erzhlte nur der Tod in einer bunten Maske.
Der Nachtwchter trottete vorbei, lie sein Pfeifchen schrillen und
leierte seinen Singsang ab: da man Feuer und Licht bewahren solle. Das
schlfrige Gesicht glnzte ber der Laterne, und er grinste trunken in
den Schnee. Dann kamen hoch vom alten Turm die langsamen, drhnenden
Stundenschlge, um weit hinauszuschallen in das Tal der Altmhl, in den
Wald und in die nahen Drfer, ein Signal der Ruhe fr Weib und Mann, fr
die Flucher und die Betenden, die Lacher und die Schluchzenden, fr den
Adjutanten und fr Myra. Es war nicht zu leugnen, da im Schlaf die Zeit
dahingeflossen war, whrend ungesehen und dem Schlfer greifbar nah das
Lebendige sich abspielte in Feierlichkeit und in Humor.


Siebentes Kapitel

Vor dem Schulhaus lauerte Apollonius Siebengeist dem Lehrer auf, und
unbeschreiblich war sein Zorn, als Philipp Unruh sein Versumnis
eingestand. Er schrie, da man ihn betrogen und verraten habe. Er sagte
Schulmeisterlein, und das in einem Ton, der beleidigend wirkte.
Schlielich aber umarmte er den Geschmhten und sagte, da er ihm danke,
denn er liebe seine Zweifel mehr als jene Gewiheit, vor der ihm bangte.
Doch wurde sein Wissensdurst noch in der selben Nacht gelscht. Er
suchte die Wirtschaft zum lustigen Pfeifer auf, wo als letzter Gast ein
abenteuerlich aussehender Jngling am Ofen sa. Es war der Komiker des
Theaters, wie sich aus einem rasch begonnenen Gesprch ergab. Wie alle
Komiker von Beruf war auch dieser nichts weniger als komisch, sondern
litt an einer bsartigen Drre des Witzes, die ihm ein gramvolles und
verruchtes Aussehen gab. Siebengeist lie eine ansehnliche Schar von
Flaschen aufmarschieren, denn bis zur Polizeistunde war es noch weit.
Der Jngling erzhlte bald von Myra, und es zeigte sich, da seine
Sprache einen Klang ins Bhmische hatte, welcher nicht so sehr die
Verstndlichkeit als musikalische Wirkungen frderte.

Wiederum stand der Mond in klarer Hhe, als Siebengeist heimwrts
kehrte, aber nicht mehr als sein Feind. Es herrschte in den Gassen
eine Stille, fr deren Sigkeit und Lockung es nicht Worte noch
Gedanken gab. Was da zwischen den Husern zog und ruhte, war wie
blaugrnes, zartes Gespinst, Mondrauch; der Schnee glnzte kalt wie
weier Atlas. Eine Nacht fr Myra; wenn sie auch litt, er wute doch
wofr und Wahrheit mute es sei. Trbe Dinge, die ein Komiker erzhlt,
sind wahr. Sie hatte kein Wanderleben gefhrt. Die Mutter hatte als
Witwe in einer kleinen thringischen Stadt gelebt, wohin Schmalichs
Wandertruppe kam. Lebenslustig und unzufrieden, durch Romanlektre
verdorben und unerfahren, hatte sich die noch junge Frau dem jungen
Liebhaber der Schmiere an den Hals geworfen, wollte mit ihm ziehen, der
Kunst ein Opfer bringen. Und Myra folgte von Ort zu Ort und wurde erst
stutzig, als die Mutter im Theater mitzuspielen begann; von da an mute
sie in Wirrheit und Fhrlichkeit gerissen worden sein. Der Mutter
schwrmerisch zugetan, merkte sie nicht deren wachsende Klte, sprte
zuletzt nicht ihren Ha. Myras Mutter, so sagte der Komiker, war
eiferschtig auf die Tochter, und diese Eifersucht durchtrnkte ihre
Handlungen bis in den feindseligen Ton eines bloen Grues. Myra wute
nicht, wie ihr geschah. Ahnungslos wie bisher folgte sie an der Seite
ihrer Mutter dem Wanderleben der Komdianten. Und in Bamberg war sie
eines Tages allein, lag sie verlassen in einem armseligen Gasthof und
las die drftigen Abschiedsworte der Mutter. Man erinnerte sich bei der
Truppe, sie ohnmchtig im Zimmer des Direktors gesehen zu haben. Sie
hatte nicht Geld noch Kleider noch Freunde, nichts, als was sie sich
selbst sein konnte. Man erinnerte sich des Tags, an dem sie zum
erstenmal im Schauspiel aufgetreten war, ein Gegenstand des Hohns fr
die genialen Kollegen trotz der stummen Rolle. Aber Herrn Schmalichs
Ansicht war, da ein reisendes Theater hbsche Frauenzimmer brauche, und
da man auch das leidendste Gesicht in ein lustiges umschminken knne.
Man hatte Myra niemals anders gesehen, als sie heute war, und heute
schon war es, als trge sie das Bild kommenden Unheils im Herzen.
Solchen Augen kann kein Gewordensein die Furcht vor dem Werdenden
nehmen. Zwischen Lgen, Schmutz, falscher Heiterkeit und wirklicher
Armut lebte sie vielleicht gleichmtig, vielleicht abwartend hin, und
Siebengeist sah sich schon als den, welcher erwartet wurde. Zu frh
erschien ihm ein Geheimnis gelftet, das ihm beim Wein offenbart worden.
Zu frh nahm er das Geschehene als vergangen, lie er seiner Hoffnung
freien Lauf. Und zwischen ihm und dem andern Einsamen im Schulhaus spann
die Nacht die gleichen Fden der gleichen Gefhle und trieb irgendwo das
Verhngnis aus einem abgelegenen Grunde hervor, da es weiter weben
mge, was sie spielerisch begonnen.

Zu Philipp Unruh kam am Morgen der Schulrat. Es handelte sich um eine
gewichtige Beschuldigung. Die seltsamen Reden aus der Geschichtsstunde
waren beunruhigend zu den Ohren der Schulbehrde gedrungen. Der Herr
Schulrat hatte ein Blschen auf der Nase und auerdem ein Horn auf der
Stirn, da er sich im Traum am Bettpfosten verwundet hatte. Beide
Verunzierungen jedoch gaben seinem Gesicht einen erhhten Ausdruck der
Amtsgewalt, als knne einzig ein Schulrat darber entscheiden, ob
Ungerechtigkeit auf dem Thron der Welt residiere. Der Lehrer war
erstaunt. Er wute sich seiner Worte kaum zu erinnern, und als er
vernahm, was er selber gesagt, fand er es so widersinnig und
abgeschmackt, da er beredter und liebenswrdiger als je den Mann mit
Blschen und Horn vollstndig beruhigte. Seiner Leidenschaft fr Bcher
entsann er sich wie der sonderbaren Torheit eines andern; der Verlust
der Kiste kam einem gewhnlichen Unfall gleich. Die Leute, die ihm
begegneten, hatten andere Gesichter, andere Bewegungen, andere Worte als
sonst. Die Kinder im Schulzimmer waren nicht mehr so sehr Gegenstnde,
an denen der Stundenplan erledigt werden mute. Ihre Augen waren
belebt, ihr Ungehorsam schien liebenswrdiger, ihre Unwissenheit
begreiflich, ihre Ungeduld gegen das Stillesitzen des Nachdenkens wert.

Als er mittags an der Apotheke vorbeiging, sah er drinnen Siebengeist
allein, und er trat ein. Der Provisor war mit leidenschaftlichen
Gebrden beschftigt, in einer kolbenartigen Schssel eine dicke,
weiliche Masse zu zerreiben. Philipp Unruh setzte sich auf die
geschnitzte Bank und entschuldigte sein Betragen vom gestrigen Abend.
Der Provisor lachte, schalt ihn einen kreuzverkehrten Bruder, machte die
lustigsten Grimassen, whrend er aus Leibeskrften zu reiben fortfuhr.
Pltzlich verdsterte sich sein Wesen, und er erzhlte andeutend und
abgerissen einiges von dem, was er ber Myra erfahren hatte. Es schien,
als verlangte ihn selbst nach Rat und Klarheit, doch der Lehrer konnte
nicht Einblick gewinnen in das Wirrsal der Erzhlung. Er schwieg
beharrlich, wnschte, nichts gehrt zu haben, und Siebengeist fing
wieder an, gesichterschneidend seine Salbe zu reiben. Pltzlich beugte
er sich zu Unruh herab, flsterte, den Mund nahe dessen Ohr und den Arm
gegen eine Tr im dunkelsten Hintergrund ausstreckend. Es steht eine
dort auf der Schwelle und lauscht. Bin ich jemand verschuldet, der mir
die Taschen mit Geschenken vollstopft? Ich nahm von jeder Dirne im Haus,
wie es die Nacht gewollt. Darf man sich darum an meine Schuhe klammern
und meine Kraft verringern, das zu erobern, woran mein Leben hngt?
Wohlgemerkt, nicht jedes Spnchen Holz macht eine warme Stube! Er hatte
den Lehrer unter den Arm gefat und den Verschchterten scheinbar
absichtslos in die Ecke gefhrt. Nun ri er die Tre auf und sagte die
letzten Worte laut, fast schreiend. Vor den beiden stand die Baronin,
zitternd, linnenwei im Gesicht und blickte gemartert den Flurgang
hinab gegen die Strae. Siebengeist lachte und schlug die Tre wieder
zu.

Es kam nun so viel Schwles, berraschendes und Neues, da die Zeit
gewissermaen ihre Abgemessenheit verlor. Ein Umhertaumeln zwischen
Wissen und Erraten, zwischen Angst und Mut, zwischen Flle und
Entbehrung, ein Atmen in zitternder Luft, Reden ohne Besinnung, Trumen
ohne Schlaf, Bilder, die vom Sturm vorbeigejagt und manche doch
dauernder als Stein.

Philipp Unruh sa in der kleinen Schankstube des frnkischen Hofs. Es
war wieder kalt geworden, und die Scheiben zeigten Eisfiguren, trotzdem
die Sonne vom blauen Himmel schien. Der Wirt und ein Viehhndler aus
Nrdlingen saen kartenspielend beim eisernen fchen. Aber das Geknister
des lustigen Feuers wurde bald bertnt von zornigen und heiseren
Mnnerstimmen aus dem Theatersaal. Es ist eine Schauspielprobe, dachte
der Lehrer, jedoch trat alsbald der Bonvivant aus dem Theater in die
Schankstube, verlangte grimmig einen Krug Bier und erzhlte grimmig in
demselben Atem, da die sentimentale Liebhaberin sich weigere, dem
Kritiker ihren Verehrungsbesuch abzustatten. Dergleichen sei noch nicht
dagewesen, so lange man Komdie spiele zwischen Himmel und Erde, und sei
um so abscheulicher, als der Doktor Maspero ein charmanter Herr sei,
welcher vortrefflichen Schnaps vorzusetzen wisse. Der Wirt hieb mit
Gerusch die Trumpf-A auf den Tisch; der Viehhndler schielte den
Schauspieler bsartig an. Im Saale war es still geworden, und auf einmal
kam Myra heraus. Philipp Unruh schaute sie eine Sekunde lang mit
blinzelnden Augen an, sah dann feig in eine Ecke, und es schien ihm, als
snken seine Schultern schwer gegen den Tisch. Das Mdchen hatte
purpurrote Wangen, doch ihre Stirne war bleich, ihr Blick leer,
unsicher, stechend, ihr Rcken ein wenig gekrmmt. Sie ging, als suche
sie einen Ausgang, und blieb dann stehen wie in eine Falle geraten. Herr
Schmalich kam hinter ihr her, und auf seinen Mienen drckte sich
Verlegenheit aus. Sie wandte sich gegen den Direktor und sagte leisen
Tones und mit erschreckender Schnelligkeit eine Reihe von Worten, welche
niemand verstehen konnte. Ihre Stimme wurde immer lauter, doch die Worte
verloren alle Artikulation. Aus dem Theaterraum kamen zwei dicke
Schauspielerinnen und der Heldenvater und spendeten lachend Beifall,
whrend der Wirt und sein Kartenkumpan aufgeregt nher traten. Jetzt
begann Myra selbst zu lachen, und zwar so, da der Lehrer wie Einhalt
gebietend seine bebenden Arme gegen sie ausstreckte. Da strzte sie auf
den Boden, und Schaum quoll von ihren Lippen. Alle waren stumm und bla
geworden und rhrten sich nicht. Philipp Unruh, der sich selbst und jede
Scheu verga, strzte herzu, kniete auf den Boden, legte den Arm unter
ihren Hals, murmelte verstrt vor sich hin und beugte suchend sein
Gesicht gegen das ihre.

Er konnte es niemals vergessen. Niemals die halbgeschlossenen und
halberloschenen Augen, ob haerfllt, ob dankbar, er wute es nicht. Er
konnte die nahe Wrme ihres Krpers nicht vergessen, das verwirrte
schwarze Haar, das seine Schlfen streifte. Er empfand immerfort den
Druck ihres Nackens auf seinem Arm, den Hauch ihres Mundes neben seiner
Hand. Als er zitternd in der Schankstube kniete, voll Furcht, da man
sie ihm raube, wollte er an kein Weiterleben denken, welches sich nur
die Erinnerung zum Besitz machen konnte.

Andere Dinge kamen. Ihr Name erfllte die Luft bei allem, was geschah.
Der Apotheker schickte in mysteriser Weise herber, um Unruh holen zu
lassen. Als der Lehrer kam, schritt der blasse Baron in bedeutsamer
Gangart im Zimmer auf und ab, erklrte ganz ohne weiteres, da der
knstlerische Geist im Ort gehoben werden msse, da er als Gemeinderat
bereits in solchem Sinn vorgegangen sei und eine gewisse Summe zur
Verfgung gestellt habe, um das treffliche Institut des Herrn Schmalich
fr die Dauer des Winters zu subventionieren. Ja, dann kme ein neuer
Wind, ja, dann kme ein edles Feuer unter die lauen Gemter. Er selbst
habe ein Theaterstck verfertigt; er wolle weiter nichts verraten, aber
es suche seinesgleichen. Darauf schob er an beiden Tren die Riegel vor,
lud seinen Gast ein, vor dem prachtvoll mit Wein und kalten Speisen
gedeckten Tisch Platz zu nehmen, rckte die Lampe zurecht und schlug
eine sehr dicke Handschrift auf. Dieses Drama aller Dramen beschftigte
sich ausschlielich mit einer neuen und respektablen Idee, wie man die
Wlder vor gnzlicher Ausrottung schtzen knne. Aber von alledem hrte
der Lehrer nur das eine, da er nicht zu frchten brauche, Myra heute
oder morgen entschwinden zu sehen, und er liebte dieses stundenlange
Trauerspiel, von welchem seine Hoffnungen sich lsten gleich farbigen
Abendwolken aus trbem Moor.

Tag und Nacht, Dunkelheit und Sonnenlicht wechselten nach anderen
Gesetzen als bisher, wie wenn der Wille, dem der Weltkreis untertan,
neue Erscheinungsformen erdacht htte. Es waren sonderbare Empfindungen,
die Philipp Unruhs Herz bestrmten, als er, beim Biere sitzend, in
demselben Raum wie wenige Stunden vorher, Myra sich gegenber sah. Drei
Schauspieler befanden sich bei ihr am Tisch, und sie lchelte wie
jemand, der alles mit Entschlossenheit abgeworfen hat, was ihn
belstigte. Doch war das Lcheln fremd und unerklrbar durch seine
Dauer und verursachte, da man das eigentliche Gesicht nur wie durch
eine unendlich dnne Maske erkennen konnte. Die Wangen waren noch ebenso
rot, die Stirn noch ebenso bleich, der Hals noch ebenso vorgestreckt, so
da der Rcken gekrmmt erschien. Die verkniffenen Augen blickten
mitrauisch, listig, ziellos, bis pltzlich eine Art Schrecken in sie
geriet, der sie aufri. Sie sah den Lehrer nicht, sah berhaupt nichts.
Spter lachte sie ber alles, was der Komiker sagte, und darnach
erhielten ihre Zge einen halb unwilligen, halb trostlosen Ausdruck.

Die Mutter Myras und der Galan kamen zurck. Sie hatten offenbar in der
Welt mehr Hunger als Vergngen gefunden. Die ehedem wohlhabende Witwe
hatte schon alles verschleudert, was sie besessen. Mit der einen Hand
hatte sie Liebe gegeben, mit der andern Geld; dementsprechend war die
eine beschmutzt, die andere leer. Zwischen Trbsinn und berreizter
Laune verzehrte sich ihr Gemt, und viele Stunden lang konnte sie damit
zubringen, sich zu schminken, zu putzen, zu verjngen. Am ersten Tag
schon war es so, sa sie bis in den Nachmittag vor dem Spiegel, rechts
und links je zwei Kerzen, denn drauen war dicker Nebel. Dann kam der
Schauspieler, und Myra mute gehen. Sie erhob sich vom Kaffeetisch und
lie die volle Tasse unberhrt. Der schlanke junge Mann, dessen Gesicht
etwas von einem Csaren und etwas von einem Schferhund hatte, sah ihr
nach; er wute genau, was sie bei ihm zurcklie, und sie, frmlich
verwundet von seinem Blick, ging die Gasse hinauf und traf Siebengeist
unter dem Turmbogen. Sie atmete schwer, hrte kaum die Worte ihres
Begleiters und bat, er mchte sie in den Wald fhren. Sie wanderten also
gegen den Burgstall hinauf (so heit der Wald), und es war, als
schritten sie durch feuchten, bleiernen, grauen Rauch, so dick und
lastend lag der Nebel. Siebengeist verstummte bald. Zufllig kam Philipp
Unruh von den Holzschuppen herber und stand mit einem Mal vor dem
schweigenden Paar. Ihm war, als habe ihn ein Schu getroffen, und es
rieselte ihm kalt durch Mark und Bein. Jhlings deckten sich ihm
geheimnisvolle Beziehungen auf, die bisher gleichsam hinter Husermauern
verborgen waren, und ein allgemeiner, aber strmischer Menschenha
erwachte in seiner Seele. Doch wie es ihm aus Visionen vertraut war,
ging ihm Myra einen Schritt entgegen. Sie stand so nahe bei ihm, da er
ein Schneeflckchen auf ihren Wimpern gewahren konnte, welches langsam
zerschmolz. Schchtern und freundlich sagte sie: Sie sind gut gegen
mich gewesen, ich wei es, ich danke Ihnen. Gehen Sie doch ein wenig mit
uns. Er schaute zu Boden und lachte lautlos, stotterte zwei, drei
Worte. Dann schaute er vor allem den kindlich schnen Mund an, der dies
gesprochen, und ein unbezhmbarer Wunsch erwachte in ihm, der um sich
griff wie Feuer im drren Buschwerk. Er wnschte, jenen Mund kssen zu
drfen, nichts weiter; aber das versetzte sein Wesen in einen Taumel,
der ebenso nahe der Verzweiflung wie der Erfllung war. Mehr als ein
Traum und eine uerliche Begierde; mehr als das bloe Aufwachen zu
einem Wertbewutsein; mehr als die Hoffnung auf ein mittelmiges Glck.
Es war der elementare Schmerz und Rausch des dumpfen Menschen, der mit
Raubtierkraft an Gittern rttelt, deren Vorhandensein er nicht begreifen
will.

Myra hatte pltzlich das Verlangen, Schneeball zu werfen. Alle drei
nahmen auf einem freien Stck Feld vor dem Wald Aufstellung. Das junge
Mdchen war frhlich bei der Sache, und der Lehrer sog ihr Wesen in sich
auf wie Lebensnahrung. Er sprach nicht, weder bei dem Spiel, noch bei
dem Waldgang spter. Eine innige, berzeugende Gestalt wandelte an
seiner Seite. Er hrte ihre gepreten Worte, die sie aus allen Winkeln
des Raums zusammenzusuchen schien, und die sie unsicher sprach mit
milder Stimme und bittender Gebrde. Er sah, wie sie schchtern Fragen
stellte und schchtern lchelte, wie sie ber nichts in der Welt
gengende Klarheit erhielt und jeden anstaunte, der mit Sicherheit eine
Behauptung aufzustellen wute; wie vieles ihr gefiel und wie viel sie
besitzen mochte und wie sie zugleich darber unruhig war und die Flle
ihres Wnschens als Vergehungen empfand; wie sie mit Sympathie umgeben
war wie der Erdball mit Luft und wie sie gleichwohl frchtete, von
jedermann gehat zu sein: ein Wesen aus Fleisch und Blut, eine von
denen, die fr das Glck geschaffen scheinen.


Achtes Kapitel

Siebengeist war ein gromtiger Lustigmacher, der sich selbst vergessen
konnte, um Myra zu erheitern. Wenn er anfing, zu plaudern und Gesichter
zu schneiden, blieb sie nicht ernst. Was trieb er doch nicht alles! In
derselben Stunde war er Fabulist und Taschenspieler, Schlangenmensch und
komischer Musikant, sprang ber die Tische und parodierte die
Schauspieler, formte Damen aus Schnee und dichtete nrrische Sonette
ber seine Laufbahn als Apotheker. Myra hatte viel Freude an ihm. Sie
schenkte ihm einen schmalen Reif mit einem winzigen Rubin, und dafr gab
ihr Siebengeist ein goldenes Herz, welches die Inschrift trug: /vers Dieu
va./ Philipp Unruh fhlte sich als Zaungast und suchte Einsamkeit.
Unsichtbar ging Myra an seiner Seite bei den weiten Spaziergngen,
unsichtbar ging sie in seinem Haus umher. Unhrbare Reden wechselte sie
mit ihm, schenkte ihm Vertrauen, billigte seine Entschlsse. So
erhielten sein Sehen und Denken, seine Gebrden und Worte eine
verzweifelte und verschwiegene Glut. Auf allen Wegen, an allen Mauern
stand ihr Name, und wurde er wirklich genannt, so erschrak der Lehrer
wie ein Verbrecher, der unerkannt die Frchte seiner Tat geniet. So vor
Doktor Maspero, der beim nchtlichen Heimgang von Myra sprach.

Der Provisor sei ein Narr, meinte dieser gescheite Mann, und alle Welt
habe recht, ihn zu verdammen wegen seiner Narrheit. Was fr eine
Bedeutung habe dies trichte Scharmuzieren? Ein bettelarmes Persnchen,
das weder hbsch noch klug sei und zweifellos einen wahnsinnigen Zug in
den Augen trage. Niemand wisse, was sie dabei wolle.

Ein altes Wort lautet: was ein Weib will, das will Gott, murmelte der
Lehrer.

So? Eine jammervolle Sentenz, Schulmeister! Ich glaube, Ihnen sitzen
Gespenster im Magen. Sei's drum! Ich gnne jedem sein Pltzchen an der
Sonne. Gute Nacht.

Der Lehrer fhlte sich verlassen. Er blickte sphend durch die fallenden
Schneeflocken, als erwarte er einen Freund, mit dem er die Nacht
verbringen knnte. In der Tat tauchte eine schwarze, hagere Gestalt aus
der Finsternis auf. Es war der Herr Adjutant. Beim Anblick des Lehrers
packte er sofort begeistert seinen Hut, schwenkte ihn gegen das
Firmament und schrie den Abendgru, als ob er seinem Landesfrsten
zujauchzte. Gleich darauf ging er wieder stelzengerade und lautlos
seines Weges weiter, und sein gravittischer Schritt machte den Schnee
klirren. Philipp Unruh empfand auf einmal eine wunderliche Sympathie fr
diesen Mann, der seine einsame Wohnung nur mit einem zrtlich geliebten
Affen teilte, dem er den aparten Namen Kmmerlich gegeben hatte.

Neben der Post befand sich ein uraltes Gebude, in welchem Myra mit
ihrer Mutter wohnte. Die zwei Fenster waren erleuchtet und durch gelbe
Rollvorhnge verdeckt. Der Lehrer stand im Schnee auf der andern Seite
der Gasse und lehnte sich an die Tre des Krschnerladens. Eine
Silhouette ward auf dem Vorhang sichtbar: das Profil eines Mannes, das
auftauchte und verschwand. Dann erschien derselbe Kopf noch einmal, nahe
beim Fenster und deshalb sehr klein und scharf und wurde unter
bestndigem lebhaften Nicken immer grer. Ein zweites Bild, ein
Frauenhaupt erschien daneben, und beide verharrten nun in Ruhe, als ob
sie sich unverwandt anshen, neigten einander zu, wichen von neuem
zurck, und gleichzeitig erschien am zweiten Fenster ein anderer
Schatten, bei dessen Anblick sich Philipp Unruhs Stirne unwillkrlich
verdsterte. Dieser Schatten, klar begrenzt von Licht, war den beiden
brigen bewegungslos zugewandt, als flsse sein Dasein von ihnen aus.
Haare fielen abenteuerlich in die Stirn, deutlich war die feine Nase
gezeichnet, deutlich der verschlossene Mund. Das ganze Spiel der drei
krperlosen Gestalten hatte etwas so Unwirkliches und Phantastisches,
da der Lauscher bisweilen staunend in die Dunkelheit starrte, auf die
friedlichen Huser im Umkreis, und mit eigentmlicher Gewalt die Ruhe
sprte, die in allen schneebedeckten Gassen ausgebreitet war. Aber dies
erschien ihm nur als ein tuschendes Kleid, unter dessen unbewegten
Falten verheerende Leidenschaften brteten, um die Erde zu bedrohen und
zu erschttern. Er selber war ergriffen, ja gefoltert und wagte nicht,
darber ins klare zu kommen. Ungeduldigen neuen Lebens voll, sah er
millionenfaches Leben um sich in eisiges Schweigen gehllt durch die
stummen Krfte der Natur.

Nun geschah etwas Sonderbares. Die beiden Schatten erhoben sich
gleichzeitig, ohne von einander zu weichen. Der dritte Schatten streckte
die Arme aus, flehentlich oder beschwrend. Dann glitt der eine
Frauenschatten zum zweiten Fenster. Die ausgestreckten Arme fielen
herab, und die ganze Gestalt versank. Die zweite wuchs geisterhaft
empor, beugte sich auf und nieder mit bengstigender Hast. Die
Silhouette des Mannes stand regungslos, eine Hand gegen das Gesicht
gepret, -- und pltzlich ward alles schwarz und finster.

Der Lehrer seufzte bang. Unschlssig und erratend stand er da, als ein
Tor zugeschlagen wurde und jemand auf die Strae gestrzt kam. Unruh
sah, da es Myra war, in bloen Kleidern, ohne winterliche Hlle, und
mit einem halben Ausruf schritt er ihr entgegen. Mit tastendem Schritt
nherte sie sich ihm, und er sprte ihre Hand in seinen Arm sich
frmlich einkrallen. Mit einem Blick, der von Angst, Erschpfung und
Verzweiflung stier geworden war, schaute sie gleichsam durch sein
Gesicht hindurch. Das alles geschah lautlos. Auch im Hause regte sich
nichts, und die Fenster oben blieben schwarz.

Philipp Unruh sah ein Geschpf vor sich, auf dessen Wort und Aufschlu
er nicht rechnen durfte, das nur noch mit einem Schein ueren Lebens
begabt, sich ihm berlie wie ein Gegenstand. Die augenscheinliche
Gefahr, die auerordentlichen Umstnde verliehen ihm Besinnung und Kraft
des Entschlusses. Seine scheuen, dumpf brennenden Gefhle verkrochen
sich in der Stunde der Tat. Er nahm Myra auf den Arm und eilte mit ihr
durch die Nacht dem Schulhaus zu. Leicht schien ihm seine Last, aber das
ungewisse Vibrieren des Krpers in seinen Armen lie beinahe sein Blut
stocken. Die leere, stumme Nacht eilte vor ihm her und verwirrte seinen
Blick. Er fragte sich gar nicht, wohin er anders mit der willenlosen
Myra gehen knne, als in seine eigene Behausung. Er hrte hinter sich,
doch ziemlich ferne schon, Stimmen in der Finsternis, und eine davon
schrie in hellem Ton immer wieder dasselbe Wort. Er achtete nicht
darauf, sah nur mit Neugierde und Mitrauen die Strae entlang, denn ihm
schien, als sei er in ein bisher unbekanntes Land geraten.

Das Schulhaus, ihm lngst vertraut in jedem Winkel, barg heute Gefahren.
Unter dem Stiegeneck waren glnzende Augen. Hoch im Gitterfenster
leuchtete ein verrterisches Licht. Es war kein Mensch im ganzen
Gebude, denn die Wirtschafterin schlief im Haus des alten Lwy. Bis zur
Kraftlosigkeit ermattet, nach Atem keuchend, schleppte er Myra die
Treppen empor, stie die Zimmertre auf, legte das junge Mdchen auf das
Bett und machte Licht.

Sie hatte die Augen geschlossen. Zum erstenmal sah er ihr Gesicht
bleich. Er benetzte ihre Schlfe mit Wasser und murmelte ihren Namen vor
sich hin. Sie rhrte sich nicht. Er legte das Ohr auf ihre Brust, und
als er keinen Herzschlag vernahm, wurden vor Schrecken seine Augen
feucht. Die verbrecherische Kraft eines kaum geahnten Wunsches habe ihn
gezwungen, sie hierherzubringen, so glaubte er jetzt. Er ri das Fenster
auf, um jemand zu ersphen, der zum Doktor laufen knne. Aber der Hof
lag finster und de. Er schrie: Johanna! dann: Kunigunde! und noch
einige, denen er vielleicht den Schlaf aus den Lidern rufen konnte. Er
rannte ins Schulzimmer, schaute dort hinaus, straauf, straab, aber er
wurde nichts gewahr als eine drckende Verlassenheit, die sich zu regen
schien unter dem gleichmigen Fall der Schneeflocken.

Jedoch als er zurckkam, von Frost und Angst geschttelt, sa Myra
aufrecht im Bett.

Sie lchelte; ein wunderliches, stumpfes, unvernderliches Lcheln. Die
schne Rundung der Unterlippe, die feine, etwas trumerische Linie der
oberen traten in bezaubernder Klarheit hervor. Von einer eigentmlichen,
furchtsamen Freude ergriffen, sagte der Lehrer: Sie sind wach? und
seine Stimme bebte. Sein Beginnen kam ihm frevelhaft vor. Er hatte sich
ihrer bemchtigt, das war es. Eine Verantwortung nahte, vor der er
zusammenbrechen wrde. Er bewunderte und frchtete zugleich jene Person,
die er selbst noch vor einer halben Stunde gewesen war, jene wild und
unbekmmert handelnde Person. Sorgenvoll und berlegend stand er auf der
Schwelle, der Rechenschaft gewrtig, die man von ihm fordern wrde.
Aber in seiner innersten Seele ergriff er Besitz von Myra und ging mit
sich zu Rate, ob er nicht das Tor vor Eindringlingen schtzen solle.
Endlose Stunden der Nacht wrden folgen, und am Morgen? Das Ende von
allem.

Das junge Mdchen schauderte vor der hereinflieenden Klte, und so
schlo er die Tre. Er setzte sich an das Bett und fragte Myra, ob sie
krank sei, er wolle gehen und den Arzt holen.

Sie antwortete nicht, sondern blickte aufmerksam ins Licht der Lampe.
Mit traurigen Augen sah sie der Lehrer an. In wahrhaft ungestmer Gewalt
erwachte der Wunsch in ihm, den so nahen Mund zu kssen. berlegungen
wie Kriegsplne formten sich, und er blickte dabei zurck auf sein Leben
wie in eine graue, regnerische Heide. Er lehnte die Stirn an den
Bettpfosten und fing unvermittelt zu weinen an wie ein Knabe. Die
Erkenntnis seiner Leidenschaft und seines leidenschaftlichen Gemtes
machte ihn in hohem Grade bestrzt, wie es oft bei religisen und
einsamen Naturen der Fall ist.

Ach, du bist es, Wilhelm? sagte Myra tonlos. Warum liest du mir nicht
vor? Lies mir doch vor aus dem lustigen Stck. Sie lchelte wie frher
und legte ihre Hand auf die seine. Philipp Unruh richtete sich auf und
hielt zitternd ihre Hand fest. Er vermeinte seine eigenen Gedanken zu
sehen, wie sie auf einmal wirr und schwarz wurden.

Nimm dasselbe Buch, fuhr Myra leise fort. Du weit, was du auf eine
leere Seite geschrieben hast. Es war das Schnste, Seligste. Die Mutter
hat es gelesen und kam mit dem Messer gegen mich. /Oh, cela ne fait rien,/
sagt Madam Biraud. Du siehst es ja, ich lache und jetzt lies, lies vor!

Als Philipp Unruh zgerte, wurde sie ungeduldig, und ihr Mund verzog
sich gramvoll. Da griff er mechanisch nach jener Ansbacher Chronik, die
ihm allein von seinen Bchern geblieben war, bltterte mit bebenden
Fingern und las von alten Ereignissen, vom markgrflichen Leben am Hof,
von den Emigranten, von Denkmlern und Baubefugnissen, von Pest und
Kriegsplage, kurz, was eben in solch einer Chronik Wichtiges zu stehen
pflegt. Inhaltsloser und sinnloser waren ihm niemals Worte vorgekommen.
Ihm schien, als grbe er Staub aus finstern Verstecken. Myra lauschte
entzckt jeder Silbe und freute sich, als ob es eine amsante Szene sei,
deren Entwicklung sie zu hren bekomme. Allmhlich wurden ihre Zge
schlaff; sie lehnte sich zurck, ihre Augen schlossen sich, und sie
schien zu schlafen, whrend der Lehrer aufgewhlten Herzens weiter las,
den stillen Raum mit seinen monotonen Lauten fllend.

Pltzlich fuhr Myra empor. Glaubst du es denn nicht, rief sie aus, mit
einer inbrnstigen Hingebung in ihrer Stimme, in ihren Geberden, in
ihrem Gesicht, glaubst du es denn nicht? Fr dich knnte ich ja
sterben! Sie lachte glcklich und fiel wieder auf das Kissen zurck.

Philipp Unruh schlug die Chronik zu und sttzte den Kopf in die Hand.
Ihm war bang und weich zu Mut. Diese Worte, gleichviel ob sie ihm galten
oder nicht, waren nun zu ihm gesprochen worden. Er durfte die
Vergangenheit vergessen, ohne sie betrauern zu mssen. Diese Worte
brachten sein Gemt in Schwingung, wie der Glockenschall die Luft in
einer Kirche bewegt. Er wute, eine solche Stunde des Zutrauens, eine
solche Nacht der Wunder wrde nicht wiederkehren in seinem Leben, und
unersttlich sog er alle Hoffnungsmglichkeiten in sich ein, als knne
dadurch seine Zukunft beschtzt werden. Ringsum war alles Leben
lebendig, geschmckt durch Hingabe und Zrtlichkeit, ja selbst durch
Gefahr und Tod. Denn der Tod ist es wert, gestorben zu werden, wenn er
etwas raubt, das zu besitzen sich lohnt. So wurde sein Geist
weitschauend durch die Macht eines Augenblicks, welcher die Ewigkeit
enthielt.

Er berzeugte sich, da Myra nun wirklich schlief, und erhob sich
geruschlos. Er legte das Buch auf die Lade und dachte angestrengt nach.
Wenn Myra krank lag und im Fieber redete, was sollte er dann mit ihr
beginnen? Die Leute waren zu frchten, denen der Tag Kunde bringen
wrde, wer nchtlicherweile in des Lehrers Haus eingezogen sei. Darber
mute er wachen, mehr als ber sein Glck. Hher als dies stand ihm die
Sitte. Sie regelte nach seiner berzeugung den Mechanismus der Welt im
kleinen wie im groen.

Es war keine Zeit mehr zu versumen. Betrbt warf er seinen Mantel
wieder um die Schulter, trat neben die Schlafende und blickte lange auf
das regungslose Gesicht, dem der Schlummer einen vergrmten und
angestrengten Ausdruck verliehen hatte. Dann stellte er die Lampe auf
den Schrank und ging leise hinaus. Er wollte zu Siebengeist, um mit ihm
zu beraten, was hier zu tun sei.

Ohne das Tor zu versperren, betrat er die Strae. Es schlug zwlf Uhr
vom Turm. Der Himmel war klar geworden und zitterte vor Klte. In
graublauer Dmmerung lagen Dcher und Giebel.


Neuntes Kapitel

Nachdem er den Glockenstrang bei der Apotheke gezogen hatte, ffnete
sich unter dem spitzen Dachwinkel ein Fenster, und eine dnne
Mdchenstimme schrie herab, da kein Mensch zu Hause sei. Die
Herrschaften und der Provisor seien auf dem Ball beim Ratgeber. Der
Provisor kme erst in einer Stunde zurck, und solang mte man warten
oder zum Ratgeber schicken.

Der Ratgeber war ein Hotel, welches sich eine Viertelstunde auerhalb
des Stdtchens, auf der sogenannten Hhe befand. Dort schlo sich
unmittelbar der Wald an, der sich dann weit hinein erstreckt ins
mittlere Franken. Philipp Unruh entschlo sich rasch zu der Wanderung,
und noch auf der Landstrae sah er oben am Waldrand die strahlenden
Fenster und hrte, von Schritt zu Schritt deutlicher, den Brummba der
Tanzmusik. Es war eine Art Faschingsball, den die Gemeinde selbst
alljhrlich mit groem Prunk veranstaltete. Dort waren nicht nur die
grten Notabilitten des Ortes, sondern auch der Prsident des Kreises
anzutreffen, der von Ansbach herberkam.

Fern auf dem Bahnhof klirrte das Eisen der Waggons, welche rangiert
wurden. Der Schnee der Strae schimmerte hell. Die Sterne standen am
Himmel und schaukelten unruhig wie Lichter im Wasser.

Wo sich der Weg gegen die Anhhe hinaufbog, stand, auf der Landstrae
noch, ein kleines Wirtshaus. Im greren Raum waren Knechte und Dirnen,
die nach der Musik einer Mundharmonika tanzten. Wie sich die Paare beim
dstern Schein einer llampe drehten, das gab ein wstes und grelles
Bild. In der kleinen Stube lehnte ein Mann gegen das Fenster, die Stirn
gegen die Scheibe gepret, und der Lehrer erkannte sofort Apollonius
Siebengeist. Der Provisor seinerseits hatte ihn nicht wahrgenommen, denn
kein Zug vernderte sich in seinem Gesicht, welches trb und verzerrt
aussah. Philipp Unruh bemerkte, da das Zimmer leer war, und schritt dem
Eingang zu. Der Wirt begrte ihn mit einem lrmenden Freudenausbruch
und fhrte ihn durch einen stockfinstern Gang. Ohne da es beide
merkten, folgte ihnen eine Frauengestalt, welche vom Ratgeber
herabgekommen war. Und als der Lehrer die Schwelle berschritt, drngte
sich jene vor und lief mehr als sie ging, auf Siebengeist zu. Sie hatte
eine schwarze Larve vor dem Gesicht, einen glatten langen Mantel ber
dem Ballkleid, und ihre Augen leuchteten unnatrlich. Ich wute es ja,
da du hier bist, sagte sie mit heiserer Stimme. Du machst den
Wegelagerer, lauerst einer Komdiantin auf. -- Was soll das?
entgegnete Siebengeist mit merkwrdiger Geduld. Ja, ich erwarte sie,
aber sie kommt nicht, kommt nicht, trotzdem sie es versprochen hat.
Seine Stimme klang mde, und er vernderte seine Haltung nicht, sondern
blickte fortwhrend durch das Fenster auf die nchtliche Strae. Der
Wirt hatte das Gesicht in die Trspalte gepret und grinste freundlich
und lauernd. Philipp Unruh ergriff die Klinke und schlo mit sanftem
Druck die Tr. Dann rusperte er sich achtungsvoll, um seine Anwesenheit
kundzugeben. Der Raum hier war wie eine Fortsetzung des engen Flurs, und
nur gegen das Fenster hin verbreitete die Kerze sprliches Licht, die im
Hals einer Weinflasche auf dem Tisch stand.

Was sorgst du dich, Liebster? begann die Frau wieder und machte eine
flehentliche Gebrde. Sieh mich doch an, bitte. Befiehl mir, da ich
sie herbeiholen soll, die du liebst, und ich werde es tun. Befiehl mir,
aber sieh mich an, errette mein Leben. -- Wie kann ich dein Leben
erretten, da du meines zerstrt hast, erwiderte Siebengeist, starrer
noch als bisher. Ich habe nicht besitzen drfen, weil deine Knste mich
schwach werden lieen. Deine Verlockungen haben meinem Wunsch die Kraft
genommen, deshalb bin ich nicht wrdig, das beste zu besitzen. An dir
hab ich mich verschwendet. Also geh in dein Haus und sei zufrieden.

Das Weib nahm ein Glas mit Wein vom Tisch, schleuderte es zu Boden, da
die Scherben klirrten, und rief verzweifelt: Dann soll _mein_ Wunsch
kraft haben, denn ich wnsche ihr den Tod! Damit fiel sie in die Kniee,
rang die Hnde und lehnte das Gesicht an die Hften des regungslosen
jungen Mannes.

Der Lehrer verharrte eine Zeit lang vllig gelhmt in dem Winkel
zwischen Tr und Ofen. Er dachte, gnzlich sich selbst entfremdet: die
Liebe ist eine Gewalt, welche den Menschen erniedrigt. Er dachte, da es
besser sei, nicht zu wissen, als im Wissen zu sndigen. Wo frher rings
um ihn her ein friedliches Einerlei sich gedehnt, sah er jetzt
Gesichter, aus denen die Aufregungen des Leidens und des Verlangens
redeten. Es war, als ob ein trges, aber starkes Wesen in ihm schwere,
staunende Augen aufschlge.

Unter dem Zwang seines Anstandsgefhls trat er endlich mit vernehmlichem
Schritt gegen den Tisch zu und wnschte guten Abend. Die Baronin stutzte
und erhob sich rasch. Siebengeist drehte sich lssig um und blickte dem
Lehrer forschend, jedoch nicht ohne Freundlichkeit ins Gesicht. Ich
komme, sagte Philipp Unruh, indem sein eigenes Zimmer wie eine Insel
der Sehnsucht vor ihm aufstieg, ich komme, um Ihnen, Herr Siebengeist,
etwas mitzuteilen. Der Provisor, voller Ahnung, zog den Lehrer in den
entgegengesetzten, dunklen Teil des Zimmers. Seine Augen waren
umschattet und hatten einen zersplitterten Blick; die Stirn war unruhig;
das ganze sympathische Gesicht glich dem eines Spielers, der im Begriff
ist, einen hohen Einsatz zu verlieren.

In schwerflligen Worten brachte der Lehrer heraus, was sich ereignet
hatte. Ohne zu zaudern, ohne einen Laut von sich zu geben, warf
Siebengeist den Pelz um die Schultern, stlpte die Kappe ber, winkte
dem Lehrer durch eine Handbewegung, ihm zu folgen, und beide eilten nun
hinaus und die Landstrae hinab. Als sie das Schulhaus erreicht hatten
und die enge Treppe emporklommen, war kaum eine Viertelstunde vergangen.

Der Lehrer ffnete die Tr. Sein Blick fiel auf das Bett, welches leer
war. Myra war nicht im Zimmer. Jetzt erinnerte er sich, da das Haustor
nur angelehnt gewesen war. Sie ist fort, murmelte er tonlos, und Klte
rieselte ber seinen schweibedeckten Krper. Hier lag sie auf dem
Bett, sehen Sie. Und da er sich der Worte entsann, die sie zu ihm
gesprochen, verstummte er und schaute nachlauschend gegen die Wand, als
ob von dort ein Wiederhall ausflsse.

Was haben Sie gemacht, Schulmeister? Haben Sie getrumt? stie
Siebengeist hervor. Er rckte die Kappe gegen den Hinterkopf und legte
die Hand ber die Stirn, die von wirren, nassen Haaren bedeckt war. Dann
griff er nach einem Gegenstand, der auf dem Tisch lag, mitten auf einem
weien Blatt Papier. Es war das Herz mit dem /vers Dieu va./ Ein Zucken
ging ber sein Gesicht, und er bi die Lippen zusammen. Das goldne Ding
fiel auf die Erde. -- Vielleicht ist sie nach Hause zurck, flsterte
Siebengeist fragend, und Philipp Unruh gab durch Haltung und Blick seine
Willfhrigkeit zu allem kund. Auf der Strae trafen sie den Nachtwchter,
welcher sehr betrunken war. Er wute von nichts, nicht einmal ob es Tag
oder Nacht war, hatte niemand gesehen. Sie luteten vor dem Haus, wo
Myras Mutter wohnte, und nach einiger Zeit kam eine Person von
ungewhnlicher Beleibtheit zum Vorschein. Diese Person glich einem
Laubfrosch; sie trug einen moosgrnen Schlafrock und hatte einen
Schnurrbart, obwohl sie ein Weib war. Mit schnarrender Stimme berichtete
sie, da der Schauspieler und die Frau vor einer Stunde mit dem
Mnchener Eilzuge abgereist seien. Das junge Frulein aber sei seit dem
Abend nicht heimgekehrt. Siebengeist reichte der Dame ein Talerstck und
bat in atemlosen Stzen, sie mge ihm fr ein paar Stunden eine gute
Laterne leihen.

Sie wanderten ber den Markt und ber die Altmhlbrcke gegen die
Dinkelsbhler Landstrae hinaus mit ihrer Laterne. Schweigend legten sie
ihren sinnlosen Weg zurck, whrend der Schnee im Lichtschein glitzerte.
Beide waren von derselben Ahnung, derselben Unruhe aufs uerste erregt,
aber jeder scheute des andern Wort oder Frage. Bisweilen blieb
Siebengeist stehen, hielt die Laterne hoch oder stieg auf einen
Meilenstein und sphte in das lautlose, finstere Winterland. Jetzt
wollen wir auf Theilheim zu, sagte Siebengeist, und mit einem Auflachen
fgte er hinzu: Glauben Sie denn, da eine einzige Nacht gengen wird,
sie zu finden? -- Es sind Wlder hier herum, entgegnete der Lehrer.
Aber es ist mglich, da sie noch im Ort ist. -- Es ist mglich, ja.
Was ist nicht alles mglich! Es ist mglich, da sie verschwunden
bleibt, und ich habe nicht ein einziges Mal -- -- Was? -- Diesen
wunderbaren Mund kssen drfen. Siebengeist blieb am Fluufer stehen,
warf den Kopf ein wenig zurck und drckte die Augen zu. Der Lehrer
entgegnete nichts darauf.


Zehntes Kapitel

In derselben Nacht noch, gegen die Morgenstunden, kamen Tauwinde aus dem
Sden. Siebengeist und der Lehrer waren heimgekehrt und verbrachten
miteinander den schlaflosen Rest der Nacht in des Lehrers Zimmer.
Abgerissene Erzhlungen berdeckten die suchenden Gedanken. Siebengeist
lachte ber den Gang mit der Laterne, so wie nur er zu lachen verstand,
und der Lehrer dachte wieder: ein Adonis. Jedoch glaubte er sich
bevorzugt wie durch unvertilgbare Versprechungen.

Zwischen sechs und sieben Uhr schlief er noch einen kurzen Schlummer der
Mdigkeit. Er trumte, da er sich in den Affen Kmmerlich verwandelt
habe, da er auf dem Dach des alten Turmes stehe und Grimassen schneide,
ber die die ganze Welt und insbesondere eine Frau mit einer schwarzen
Larve unbndig lachen mute. Doch wunderlicherweise hatte dieser Traum
fr ihn etwas Qulendes, vielleicht deshalb, weil die Hhe des Turms ihn
trotz aller Grimassen mit Angst erfllte.

Als er um neun Uhr am Schulfenster stand und gleichgltig die
Ziegelmauern der Synagoge anstierte, liefen auf der Strae Menschen
zusammen. Ein Milchbauer hatte auf seinem Handwgelchen einen groen,
dunklen Gegenstand liegen, der sich wie ein menschlicher Krper ausnahm.
Der Milchbauer redete eifrig mit den Leuten und zwinkerte dabei erregt
mit den Augen. Der Lehrer ffnete das Fenster und rief hinunter, was es
denn sei. Man habe ein Mdchen erfroren auf dem Feld gefunden, hie es,
und diejenigen, die das sagten, es war der Schmied, ein Marktweib und
der alte Lwy, gebrdeten sich auerordentlich sachkundig. Auch der
Bcker kam aus seinem Laden, indem er den Mehlstaub von den dicken
Schenkeln klopfte. Die Kinder im Schulzimmer verlieen alle ihre Pltze,
drngten sich mit Wildheit an die Fenster, und Philipp Unruh sah sich
alsbald seines Aussichtspunktes beraubt, da eine Horde von schwatzenden
Mdchen ihn umringt und zurckgeschoben hatte. Er fand kein strafendes
Wort, sondern blickte geistesabwesend auf einen der blondhaarigen
Kinderkpfe.

Schnell wie Strohfeuer lief das Gercht umher, da eine Schauspielerin
von Herrn Schmalichs Truppe erfroren in den Feldern gefunden worden sei.
Se woar im Schneei douglegn wier in ihrn Bettla, sagte der Milchbauer
zu Doktor Maspero, der den Leichnam besichtigte. Auch der Brgermeister
und ein gerichtlicher Funktionr stellten sich ein, und die Leute, die
den Totenwagen fuhren, zeigten sich verdrielich ber die Arbeit, die
nichts trug.

In diesem begabten Mdchen steckte das Zeug zu einer Ophelia, sagte
Herr Schmalich zu den Mitgliedern seiner Truppe, als er die
Gedchtnisrede whrend der Probe hielt. Dann kam noch etwas vom Pantheon
der Kunst, vom Kampf ums Dasein und weiblicher Tugend.

Die wahrhaft vornehmen Kreise nahmen das Ereignis mit Gte und Ruhe hin.
Nur die Frau Assessor, welche eine unglckliche Schwrmerei frs Theater
hegte, schickte einen Immortellenkranz mit einer blaroten Schleife, auf
welcher ein nicht weniger blasses Verslein zu lesen war. Die Frau
Oberamtmann geriet darber in eine boshafte Aufregung und erzhlte die
ganze Geschichte im Kasinohof dem Herrn Adjutanten. Kann solche
Dummheit berboten werden! rief die bewegte Dame aus. Der Herr Adjutant
lchelte verzwickt, und als er zu Hause war, stellte er sich breitbeinig
vor seinen Affen hin und redete ihn an: Was sagst du, mein lieber
Kmmerlich: ist es nicht rtselhaft, wie selbst die Dummen merken, da
die Dummen dumm sind? Das ffchen grinste hflich.

Der Tod ist ein Ereignis, mit welchem man rechnen mu, sagte der Baron
Apotheker ernst und poetisch gestimmt zu seiner Frau, welche wie
versteinert am Bcherregal lehnte, mit herabhngenden Armen und
verschrnkten Fingern. Ihr sonderbares Wesen veranlate den Dichter kaum
zu einem flchtigen Nachdenken. Solche Naturen sind wie Messer ohne
Klingen. Sie gleichen einem Schtzen, der in der drohenden Pose des
Anschlags steht, aber statt der Flinte ein Spazierstckchen zwischen den
Schultern hlt. Sie kriechen herum wie aufgeblasene Regenwrmer und
vermeinen einen Adlerflug zu nehmen. Bis zu ihrem Sterbebett werden sie
den Tod fr ein Ereignis halten, das Beachtung verdient.

Die junge Frau schleppte sich mhsam eine Treppe empor und pochte an
Siebengeists Zimmer. Da alles still blieb, drckte sie auf die Klinke,
jedoch die Tr war verschlossen. Da pochte sie abermals und rief ein
bittendes Wort, allein sie erhielt keine Antwort. Ihr schwindelte. Sie
ging herab in die Apotheke und fragte den zweiten Gehilfen, wo das
Strychnin sei. Im Grunde wute sie, da sie sich des Giftes nicht
bedienen wrde. Auch sie war angesteckt vom Lgengeist des Herrn. Auch
sie hielt sich, wenn nicht fr einen Adler, so doch fr eine Schwalbe,
eine sehnschtige, nestsuchende und war nur ein armes Wrmchen.

Es war ein trumerischer Tag. Der Himmel, mattblau, grnlichblau, war
von schleierdnnen Wolken durchzogen. Allenthalben lief geschftig
murmelndes Tauwasser zu Bchen zusammen. Durch den schwarzgesprenkelten
Ackerschnee ragten die Stoppeln vom letzten Herbst. Bis zu den fernsten
Waldgrenzen dehnte sich der Horizont, und die Februarsonne fllte das
Land mit frhlinghafter Wrme.

Gegen die Zeit der Dmmerung kam Siebengeist zum Lehrer Unruh. Machen
wir einen letzten Gang, sagte der Provisor, dessen Augpfel auffallend
ruhelos unter den Lidern hin und her irrten. Der Lehrer wute sich nicht
zu erklren, was damit gemeint war, aber er folgte. Fr ihn hatte die
Gegenwart noch keine Zunge. Wie ein Trunkener vergit, was ihn trunken
gemacht, so hatte er die Ursache dessen, was in ihm whlte, aus der
Empfindung verloren. Er begann nach rckwrts zu leben. Er erkannte sich
selbst und das, was aus ihm geworden war, mit der Klarheit einer
Halluzination. Ganz anders als frher schien es ihm jetzt seine eigene,
angeborene Sprache, wenn er redete, schien ihm sein Gefhl, was er
empfunden, und sein Urteil, was er beschlossen. Das Bild der Welt und
ihrer Menschen verlor vllig den Anschein der Selbstverstndlichkeit und
des Unumstlichen, und aus allen Dingen, aus allen Ereignissen, aus
jedem Gesicht, aus jedem Hinschwinden des Tages und der Nacht tauchte
etwas ungeheuer Geheimnisvolles auf, das ihn schaudern machte und ihn
mit einer noch ganz anderen Trauer erfllte, als derjenigen, die er in
Siebengeist beobachtete. Aber wie sonderbar! Darber schwebte wie das
Licht ber einem finstern Wald etwas wie Freiheits- und
Einsamkeitsfreude.

Sie waren zum Leichenhaus gewandert, einem Backsteinhuschen, das
verlassen in der Abenddmmerung lag. Siebengeist ging zur
Totengrberwohnung und lie aufsperren. Der Mann, unter dem Druck von
Siebengeists Hand willfhrig geworden, brachte eine Art Stallmpchen mit
einem Blendblech und lie die beiden allein. Zwei Srge standen
inmitten des Raums, halb aufrecht gegen eine Bank gelehnt. In dem einen
lag eine Greisin, deren Lider nicht ganz geschlossen waren, so da sie,
was vor sich ging, argwhnisch zu beblinzeln schien. Ihr Gesicht war
gelb wie frisches Baumholz und hatte einen auerordentlich hhnischen
und feindseligen Ausdruck. Auf ihrer faltigen Stirne lief gemchlich
eine Fliege umher. Der ganze Kopf bekam berdies durch eine hohe weie
Haube mit blauen Bndern ein theatralisches und bizarres Aussehen.

Daneben lag Myra. Auf der einen Wange war ein seltsamer roter Fleck, wie
ein berbleibsel des Lebens. Die Unterlippe war ein wenig herabgesunken,
wodurch das Gesicht mde, fast schlaftrunken aussah. Die Stirne sah aus
wie geschliffen, und um die Augen lag ein abweisender, kindlich
berlegener Zug. Die Hnde waren leicht gefaltet. Der rmel des Gewands
wurde leise von der Abendluft bewegt und erzeugte einen tierhnlichen
Schatten ber den Fingern.

Siebengeist kniete nieder und legte still den Kopf auf den Sargrand.
Sein Rcken begann zu zucken, und die rechte Hand suchte den Boden. Der
Lehrer dachte etwas Unbestimmtes, Frommes ber den Tod, verwarf aber
leidenschaftlich diese Gedanken wieder und zwang seine Blicke, auf dem
mitrauischen Gesicht der alten Frau haften zu bleiben. Er rgerte sich
ber die freche Fliege, die wie schlafend auf einem Augenlid sa. Und
pltzlich sah er, wie Siebengeist sich ein wenig erhob, seine Lippen
langsam dem Antlitz Myras nherte, und wie er lautlos seinen Mund auf
ihren toten Mund drckte.

Philipp Unruh stie einen schwachen Schrei aus und fhlte den Boden
unter sich wanken. Ihm brannte die Kehle und das Herz und das Gehirn,
als ob er im Feuer stnde, aber mit unbegreiflicher und erschreckender
Raschheit kehrte eine eisige Ruhe in ihn zurck. Er legte die Hnde vor
die Augen und kehrte das Gesicht dem Kirchhof zu und dem Stckchen Wald
hinter der Mauer. In diesem Augenblick hatte er Tod und Leben
gleichzeitig in einem elementaren Bild empfunden.

Beim Heimwrtsgang stand die Mondsichel ber den Dchern des Stdtchens.
Von der Eisenbahn tnte ein langgezogenes Hornsignal herber. Die
Dunkelheit ist lstig und drckend, dachte Philipp Unruh. Er begann den
Tag der Nacht vorzuziehen, wo eine bittere und verschwommene Traurigkeit
so leicht Nahrung finden konnte. Sie gingen hinter den Grten am Rand
der cker und Siebengeist fing an zu reden. Er gefiel sich in Kapriolen
des Geistes, in blasphemischen Anklagen, seufzte schwer und war dann
wieder still. Alles nahm sich wie beabsichtigter Wahnsinn aus. Von
seinem hbschen Gesicht war wie im Rausch jede Besonnenheit
verschwunden, und was er tat, trug das Zeichen von berhebendem Schmerz.
Gute Nacht, Schulmeister, sagte er. Meine Seele ist leer wie ein
ausgebranntes Haus.

Was er doch fr Worte gebraucht, dachte der Lehrer. Er versprte
pltzlich einen nagenden Hunger, denn seit vielen Stunden hatte er
nichts gegessen. Er trat neben dem Schulhaus in den Laden des Bckers
und verlangte frisches Schwarzbrot und ein wenig Butter.

Ach du _mein_ Gott, sieht man den Herrn Lehrer auch einmal, sagte der
Bcker, und mit halb pfiffigem, halb verlegenem Gesicht schraubte er das
blakende Licht tiefer. Er war eigentlich recht bestrzt, denn auf dem
Ladentisch vor sich hatte er einen groen Folianten aus des Lehrers
Bcherkiste liegen. Er hatte sich eben nach Herzenslust an einer
Kriegsbeschreibung ergtzt. Der Lehrer sah sogleich das Buch und schlug
erstaunt die Hnde zusammen: Herr Bckermeister, Sie wissen wohl gar
nicht, wessen Eigentum das ist? sagte er unsicher, wie alle gutmtigen
Menschen, wenn sie einem andern auf Schelmenstreiche kommen.

Was nun den Bcker betrifft, so begann er eine Geschichte zu erzhlen,
die durchaus kein Ende nehmen wollte. Diese Geschichte wurde allgemach
recht verwickelt und bot schlielich selbst dem Erzhler
Schwierigkeiten. Sprche zur Weltweisheit mischten sich darein wie
Aniskrnchen in den Brotteig, nur zuletzt kam, einer Apotheose zu
vergleichen, der Preis des Handwerks, welches ebenso sein Gutes habe,
wie die Gelehrsamkeit.

Philipp Unruh lchelte. Der humoristische Mann, der ihm gegenber auf
dem Backtrog sa, hatte in der Glorie seiner Lgenhaftigkeit etwas
seltsam Vershnendes, und es lag wie eine unwiderstehliche Heiterkeit in
jedem dieser Lgenworte, die weder gewogen, noch gezhlt waren. Da er
wieder in den Besitz seiner Bcher kam, erfreute ihn, doch in anderm
Grade, als er je geglaubt. Es war wie ein Geschenk, und er betrachtete
sein Eigentum wie etwas, das er nie besessen. Er wute, da es da nur
tote Dinge, tote Bltter gab. Die Vergangenheit ist etwas Gestorbenes,
dachte er; wer ihren Leichnam kt, macht das Gesicht des Todes doppelt
furchtbar; was er berhren mag, wird dem Leben entfremdet sein.

Es war ein so milder Abend, da es den Lehrer wieder fort von seiner
Behausung trieb, und er beschlo, gegen das Altmhlufer hinunter zu
wandern. Als er in die enge Kirchengasse bog, sah er sich gegenber auf
der Schwelle eines beleuchteten, schmalen Hausflurs ein kleines Mdchen
sitzen, welches das Gesicht in die Schrze gelegt hatte und weinte. Ein
Knabe von vielleicht zwlf Jahren stelzte ernsthaft ber die Gasse und
fragte mit Wrde, beide Hnde tief in die Hosentaschen gesenkt: Warum
weinst du denn? Die Kleine hob das Gesicht, und Philipp Unruh, der im
dunklen Schatten stehen blieb, erkannte das Mdchen der Frau Smilch.
Ich kann meine Aufgabe nicht lernen, sie ist zu schwer, schluchzte das
Kind. Der Knabe rusperte sich, spreizte die Beine, legte die Hnde auf
den Rcken und begann: Du bist meine schlechteste Schlerin, Smilch.
Aus dir wird im Leben nichts werden. Du hast ja lauter Heu im Kopfe.
Pfui! Philipp Unruh sah, da ihn der Bursche nachffte, und errtete in
seinem Versteck. Das kleine Mdchen aber trocknete die Augen, sttzte
den Kopf in das Hndchen, schaute wehmtig zum klaren Sternenhimmel auf
und sagte aus tiefstem Herzensgrund: Ach ja! Unser Herr Lehrer ist ein
sehr bser Mann.

Der Lehrer ging langsam ber die Gasse, nahm das Mdchen auf die Arme
und kte es lchelnd auf die Stirn.




Treunitz und Aurora

Bekenntnisse eines Offiziers


Die Stille des Gefngnisses ist der Selbsteinkehr gnstig. Ich werde
also das Papier zu meinem Beichtiger machen und der Wahrheit gem
berichten, wie sich die Dinge abgespielt haben, und wie ich zu der Tat
gelangt bin, durch die ich mein Leben verwirkt habe. Ich bin des Todes
schuldig und ich werde aus dieser Erkenntnis alle Folgerungen ziehen, zu
denen ich als Mann und Soldat so berechtigt als verpflichtet bin.
Immerhin knnte ich beschnigend von einem verhngnisvollen Irrtum
sprechen, durch den mein Glck, meine Freiheit, meine Zukunft, meine
ganze Existenz der Vernichtung preisgegeben wurde, aber die Schmach
wrde dadurch um nichts geringer werden, und wenn ich gleich die
furchtbare Leidenschaft, die mich ergriffen und ruiniert hat, zu
verurteilen imstande bin, so ist es selbst in diesem Augenblick noch
unmglich, sie gnzlich aus meinem Herzen zu reien.

Ich bin mit der Vorliebe fr den Soldatenstand geboren. Doch trieb mich
dabei keineswegs Ehrgeiz oder Ruhmsucht; auch nach Abenteuern stand mir
nicht der Sinn, wie das bei Knaben oder Jnglingen sonst der Fall zu
sein pflegt, sondern ich wollte meine Person in den Dienst des
Vaterlandes stellen, und wonach ich strebte, war eine wrdige Verwendung
meiner Krfte und Fhigkeiten. Ich besa Mut und war krperlich gewandt
und tchtig; auch hatte ich, was fr den Militr jedes Ranges von
Wichtigkeit ist, Disziplin im Leibe, das Talent und den Willen zur
unbedingten sachlichen Unterordnung. Da ich von Haus aus vermgend bin,
meine Mutter besitzt eine groe Gutsherrschaft bei Arnstein, wurde der
Wahl meines Berufs kein Hindernis in den Weg gelegt, und nach
Absolvierung der Schule trat ich als Freiwilliger bei der Marine ein.
Aber ich fand dort kein Gengen, das Leben war eintniger, als ich
gedacht, und nach Verlauf von zwei Jahren trat ich zur Feldartillerie
ber, wo ich mich als brauchbarer Offizier eines gewissen Ansehens
erfreute und wegen meiner Begabung fr militrwissenschaftliche Fcher
die besondere Gunst der Vorgesetzten geno.

Da entbrannte in Sdafrika der Burenkrieg; ich sah die Gelegenheit,
etwas zu leisten, ich hatte keine Lust mehr am Garnisons- und
Manverdienst; die Verhltnisse, unter denen ich mich bewhren konnte,
erschienen mir zu klein; kurz und gut, ich erbat den Abschied, zur
Verwunderung und zum Bedauern meiner Kameraden, die mich gerne hatten,
mich aber nach diesem fr sie unbegreiflichen Schritt eines Mannes, der
die begrndetste Aussicht auf Karriere hat, fr einen unbesonnenen
Haudegen hielten.

Ich habe da unten die Bluttaufe erhalten, die Fremde tat mir wohl, das
wilde uere Leben band mich fester in mich selbst. Als ich nach
geschlossenem Frieden in die Heimat zurckkehrte, war ich ein anderer
Mensch, und wenn ich noch einen Rest von unreifer Romantik in mir
gehabt, so htte ihn die ernsthafte Zeit, die ich verlebt, mit Stumpf
und Stiel ausgetrieben. Ich erfuhr die Genugtuung, sogleich wieder als
Offizier in die Armee eingereiht zu werden, und es war der froheste Tag
meines Lebens, als ich wieder den dunklen Rock der Artilleristen
anziehen durfte. Ich hatte nebenbei die Gewiheit, zum Generalstab
berufen zu werden; dies geschah auch, und um meine khnsten Erwartungen
zu bertreffen, wurde ich mit einer Aufgabe betraut, die sonst nur
selten einem Offizier meines Dienstalters gestellt wurde; man entsandte
mich als Berichterstatter der mazedonischen Vorgnge nach Saloniki.

Ich war noch nicht zwei Monate auf meinem Posten, da brach in unsern
afrikanischen Kolonien der Aufstand der Schwarzen aus. Jetzt lag der
Fall anders denn damals, wo ich das Heer hatte verlassen mssen, um ins
Feld zu kommen; jetzt konnte ich mich meinem kaiserlichen Herrn und
Kriegsherrn selber zur Verfgung stellen. Da man tchtige Offiziere
suchte, wurde mein Anerbieten ohne Verzug bercksichtigt, ich wurde zum
Hauptmann bei der Schutztruppe ernannt, und vier Wochen spter war ich
schon auf See.

Ist ja richtig; es war eine elende Katzbalgerei mit den schwarzen
Rackern, und viel gutes deutsches Blut ist geflossen, aber wars gleich
sauer, so wars doch nahrhaft, wie unsere Exzellenz zu sagen liebte. Es
war ein schnes freies Leben, wie ich alles noch sehe und spre! Die
sengende Mittagshitze und die Morgenkhle, die zerstrten Pontonks und
die infamen Wege, der Feind in Busch und Dickicht und die unaufhrlichen
Schsse aus den Baumkronen! Wie das surrte und schwirrte und sang und
heulte, so dicht, da es einen erstaunte, wenn man seine Gelenke noch
zusammenhngen fhlte. Hungrig legte man sich schlafen, den Revolver im
Arm, an Feueranznden nicht zu denken, und weh dem, der vom Durst
getrieben zu den Wasserlchern schlich, er ward in der Frhe mit Kirris
erschlagen gefunden. Da war man doch ein Kerl, da konnte man sich
bewhren, da sprte man seine Pulse.

Leider bin ich bei den Gefechten am Waterberg verwundet worden. Ich
konnte nicht mehr Dienst tun und mute alsbald die Heimreise antreten.
Dritthalb Monate blieb ich in Berlin; man machte viel Aufhebens mit mir,
und viele Leute feierten mich wie einen Blcher, was mir oft die
Schamrte ins Gesicht trieb, denn ich war mir nicht bewut, etwas
Sonderliches verrichtet zu haben. Aber dergleichen gibt sich, und wenn
man Verdienste hat, empfiehlt es sich, sie den Leuten nicht durch die
eigene Gegenwart lstig zu machen. Eine Zeitlang war von meiner Aufnahme
als Lehrer in die Kriegsakademie die Rede, doch, vor die Wahl gestellt,
zog ich schlielich den subordinierten Posten eines Batteriechefs in der
Provinz vor, allerdings mit der baldigen Anwartschaft auf den
Majorsrang. Meine Mutter krnkelte, ich wnschte in ihrer Nhe zu leben,
und des unruhvollen, weltstdtischen Treibens, an dem ich nie Freude
gehabt, war ich ohnedies mde.

Dazu kam noch, da mir die Fremde ganz wie mit einem Male den Blick
verwandelt hatte. Entweder war ich nicht mehr derselbe, oder die Heimat
war nicht mehr dieselbe. Aufrichtig gesagt: die Luft im Reich gefiel mir
nicht. Sie war mir zu wetterwendisch; winterlich scharf von oben und
giftig s von unten, fast wie eine afrikanische Nacht. Nichts wurde mit
Wohlwollen reguliert, alles mit Manometer, und wer hinten nicht gestoen
wurde, der ging nach vorne nicht weiter. Unsre jungen Herren fand ich so
ohne jede Herzlichkeit, da sich einem der Gaumen zusammenzog, wenn man
mit ihnen redete. Immer blo aufs Elegante versessen, geschniegelt wie
die Reitpferde und trocken wie Stiefelsohlen. Die Aristokraten hochnsig
und zimperlich, die Brgerlichen streberhaft und vom frischen Reichtum
verdorben und verweichlicht, das Volk rebellisch und respektlos. Keiner,
der aus Eigenem was vorstellte, erst durch sein Geld oder sein Amt oder
seine Orden oder seine Hemdbrust. Groes Maul, ja, aber kein freies
Wort, keine offene Meinung. Hlzernes Getue galt fr Form,
kaltschnuziges Nrgeln fr Geist und de Prahlhanserei fr
Selbstbewutsein.

Wenn man mir die Berechtigung abstreitet, eine solche Sprache zu
fhren, so habe ich allerdings keine andere Antwort, als den Hinweis auf
eine bis dahin ehrenhafte Existenz. Es war mir eben die Laune verdorben,
und eher trbgestimmt als hoffnungsvoll kam ich nach der kleinen
Garnison. Auch hier fhlte ich mich nicht wohl; ich begann mich zu
langweilen; ich merkte alsbald, was das heit, in einer Provinzstadt zu
leben, die trotz ihrer vierzigtausend Einwohner etwas ist wie ein Sparta
des Altertums, mit ebenso streng geschiedenen Kasten, nur da die
kriegerische Hrte der Vorschriften durch minder folgenschwere, aber
keineswegs leicht zu bertretende Bestimmungen gesellschaftlichen
Charakters ersetzt werden. Da sind die Spitzen der Behrden, die
militrischen Wrdentrger, die Industriellen, die Gutsbesitzer, die
jungen Leute, die eine Rolle spielen, die andern, die blo eine spielen
mchten; da ist die Generalin oder Oberstin, die das Wetter macht, und
die kleine Apothekersgattin, die gerade noch geduldet ist; da ist die
reiche Fabrikantenfrau, die ihre Toiletten aus Berlin bezieht, und die
Frau Amtsrichter, die aus ihrem Wirtschaftsgeld mittelst rhrender
Entbehrungen den Preis fr ein einziges schwarzes Seidenkleid erbrigt,
das sie unter Beihilfe der Kchin und eines Mdchens vom Lande selber
nht und das ihr die abendlichen Feste verbietet, wenn der Stoff an den
rmeln den fatalen Mattglanz zu zeigen beginnt. Zu Kaisers Geburtstag
gibt der Regierungsprsident einen Ball; zur Errichtung eines
Kriegerdenkmals wird eine knstlerische Soiree veranstaltet, bei welcher
allerlei junge Mdchen wegen ihrer Fortschritte in Gesang und
Klavierspiel beklatscht werden; man geht ins Theater, man wird zur
Enten- und Hasenjagd geladen, und die verheirateten Frauen holen sich
aufregende Romane aus der Leihbibliothek. Einmal im Monat ist
Parademarsch, am Sonntag nach der Kirche spielt die Regimentskapelle
auf dem Residenzplatz, abends sitzt man dann im Kasino oder im
Speisesaal des Hotels de l'Europe, und nach elf Uhr nachts lungern nur
noch irgendwo hinter abgesperrten Tren ein paar ausgestoene Existenzen
an einem Kartentisch, und zwei Studenten brllen vor dem Fenster einer
begehrten Kellnerin das Krambambuli.

Alle diese kennen einander und wissen vieles von einander und verbergen
sich voreinander und schtzen einander und sind einander im Wege und
passen einander auf. Das enge Zusammenleben begnstigt Klatsch und
belrednerei; jeder kehrt den Schmutz vor des Andern Tr; Dummheit,
Bosheit, Neid und Migunst lassen selbst den Redlichen nicht
ungeschoren, alles, was Aufsehen macht, findet Teilnahme, alles, was in
der Mode ist, Nachahmung; fr ernsthafte Interessen ist wenig Sinn. Dies
erfuhr ich bald. So sehr es anfangs meinem Selbstgefhl schmeichelte,
da ich nun auch zu Hause ein jemand war, der Beachtung verdiente und
Ansehen geno, denn es war ja meine engste Heimat dahier, so wenig wurde
ich meines Wirkens froh. Ich kam mir vor wie ein verfaulender Baum.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, an welchem Tag es war, als ich die
Majorin Westermark kennen lernte. Ich schliee daraus, da sie mir
damals wenig Eindruck gemacht hat. Ich sah sie zum erstenmal bei der
Frau von Rtten, die eine Freundin meiner Mutter ist, und die, wie mir
meine Mutter vorsichtig verriet, die lbliche Absicht hatte, mich mit
ihrer siebzehnjhrigen Tochter zu verheiraten. Ich machte mir aber
nichts aus dem Mdchen, und das ist lediglich mein Fehler, da sie ein
hbsches und vernnftiges, obschon etwas nchternes Geschpf ist. Nach
allem, was ich bereits ber die Majorin gehrt, hatte ich mir eine
junonische Gestalt gedacht und war deshalb berrascht, sie so klein,
zart und kindhaft zu finden. Ihr Wesen gab in Gesellschaft nichts her,
nichts von Welt und nichts von Innerem, ihr Lcheln war khl, in der
Bewegung der Lippen zeigte sich eine gewisse Naschhaftigkeit; am meisten
gefielen mir die Augen, die blau, durchsichtig, ausgedehnt und voll
Perlmutter waren, mit Brauen, schwarz und fein wie zwei Sepiastriche.

Eine solche Stadt wie die, in der ich mich befand, hat alle Spherblicke
immer auf den Punkt geheftet, wo eine ungewhnliche Erscheinung
hervortritt und sich auf ihre besondere Art gebrdet. Ich habe schon
angedeutet, da das vielfache Gerede ber die Majorin auch zu mir
geflossen war. Was sagen Sie zu der Frau? Ach, Sie wissen nicht? Sie
wissen nicht, was die Spatzen von den Dchern pfeifen? Nein, ich wute
es nicht, ich bezeigte auch kein Interesse dafr. Sie verstellen sich
doch wohl. Oder glauben Sie, da das eine glckliche Ehe ist? Der Mann
ist zwanzig Jahre lter, Sie begreifen. Die Frau hatte frher einen
reichen, schlesischen Branntweinbrenner, von dem sie geschieden ist. Sie
ist schn wie das Laster, und so elegant, da unsre Damen vor Neid nicht
schlafen knnen; echte Pariser Hte, echte Brsseler Spitzen, echte
Pelze, Diamanten wie ein persischer Prinz, und Parfms, Parfms sage ich
Ihnen, berwltigend wie eine Ananasbowle nach einem Jagdritt. -- Nun
ja, der Major ist sicherlich reich. -- Nein, die Frau hat Geld, die
Frau. Der Major ist ein Sonderling. Ich mchte ihm gern meine Augen
leihen.

O Bosheit aus dem Winkel, die du Augen verleihen willst, dachte ich mir.
Aber die blen Gerchte waren hartnckiger als meine Gleichgltigkeit.
Ich traf eines Tages einen Freund in der Stadt, einen jungen Ingenieur,
der irgendwo in der Nhe den Bau einer Eisenbahnbrcke leitete. Wir
waren als Gymnasiasten ein paar Jahre lang unzertrennlich gewesen, und
es bereitete mir lebhaftes Vergngen, ihn wiederzusehen. Wir kamen oft
zusammen, bald in einer Weinstube, bald in seiner oder meiner Wohnung;
und wie es schon so geht, einmal gerieten wir beim Gesprch auch auf
Aurora Westermark und die ber sie umlaufenden Gerchte. Mein Freund
kannte sie nur flchtig, aber er war einer jener Menschen von
instinktivem Scharfblick, die in andern Seelen lesen zu knnen scheinen,
und deren Urteil sich daher von selber Vertrauen erzwingt.

Deutlich steht mir noch jene Stunde vor Augen und genau ist mir noch
jedes seiner Worte gegenwrtig, die ich nur mit innerem Unwillen
anzuhren vermochte. Diese Frau hat die Gabe, unschuldig zu scheinen
und Leidenschaften einzuflen, sagte er ungefhr. Wie sie den schwer
zugnglichen Major umgarnt hat, das ist gewi ein Kunststck gewesen.
Ich wei nicht, ob dir die Umstnde bekannt sind; es war whrend der
groen Manver vor zwei Jahren; umschwrmt von den Offizieren eines
ganzen Stabes, hatte sie sich's offenbar in den Kopf gesetzt, den
sprdesten und verstocktesten zu gewinnen, denjenigen, fr den eine
Weltdame etwas war wie ein seltenes Schmuckstck, das er sich verschafft
ohne Freude und Verstndnis, nur weil er gerade bei Geld und guter Laune
ist und weil es von andern gerhmt und begehrt wird. Sie hatte den
schlechtesten Ruf. Man sagt, da sie Liebe verkauft hatte, unumwunden
und unter Vorwnden, um einer Perlenkette willen, um eines Rnkespiels
willen, um nichts ungenossen vorbergehen zu lassen von den Lockungen
der Jugend, aus Gefallsucht, aus Sinnlichkeit, aus Langerweile, aus
Schwche, aus Lust an der Selbsterniedrigung, aus Vergngen an einer
doppelten Existenz in zwei Sphren der brgerlichen Welt, von denen die
eine nicht wei, was in der andern geschieht, so da die
Geschicklichkeit, der einen die Kunde aus der andern vorzuenthalten,
etwas von der Spannung eines Revolverdramas mit sich bringt und die
sonst leeren Tage mit dem Tumult verschwiegener Bettigung erfllt. Ich
bin gewi, fuhr mein Freund fort, gegen den ich in diesem Augenblick
eine nicht zu berwindende Empfindung des Hasses, ja des Abscheus hegte,
ich bin gewi, da sie's gegenwrtig nicht viel besser treibt. Ich
glaube nicht, da sie je von Liebe erfahren hat, sondern nur von
Aufregungen, Sorgen, abwgenden Interessen, Krnkungen des Stolzes,
Gefahren der Enthllung und die berzeugung von der Nichtswrdigkeit der
Mnner, so wie eben solchen Frauen die Mnner sich zeigen mssen.

Aber was wre denn das fr ein Leben! rief ich kopfschttelnd. Welche
Einsamkeit setzt das voraus, welche Kraft, alle diese Dinge in der
Stille mit sich selber abzumachen!

Mein Freund zuckte die Achsel. Es ist das Leben eines Menschen, der auf
glhenden Kohlen tanzt und sich stellen mu, als ging's ber einen
harmlosen Teppich, antwortete er. Wir haben eine Menge solcher
Equilibristen in der Gesellschaft, und das vertrackte und verlogene
Dasein, das wir fhren, fordert die unruhigen Kpfe geradewegs dazu
heraus.

Gibt es denn irgendwelche faktischen Delikte? fragte ich.

Es heit, da sie mit jedem hbschen Offizier abenteuert; da sie sich
jedem Laffen hingibt, der sich der Mhe der Werbung unterzieht und den
Preis nicht zu hoch findet, den Preis des Verrats nmlich. Auch sagt
man, da sie seit Jahren eine dauernde Beziehung zu einem Berliner
Fabrikanten unterhlt, der auerdem gnstige Brsengeschfte fr sie
vermitteln soll, den sie irgendwie drauen oder in der Stadt trifft und
der eine unerklrliche Gewalt ber sie ausbt, vielleicht die Gewalt
bedenkenloser Brutalitt. Da der Major darber in vollstndiger
Ahnungslosigkeit verbleibt, gehrt zu unsern sonderbaren, aber nicht
ungewhnlichen sozialen Geheimnissen. Alle wissen, er nicht; alle
raunen, er ist taub. Man schont ihn wahrscheinlich, man schont seine
Stellung, seine Huslichkeit, und sie hinwiederum profitiert von der
Achtung, deren ihr Gatte geniet. Auch macht ihr Auftreten, ihre
Schnheit, ihre vollendete Haltung die Argwhnischen vorsichtig, und den
Mut der belredner zunichte. Sie hat ja eine Art zu gehen, zu stehen, zu
reiten, zu lachen, zu tanzen, die blendend ist, das mu man zugeben. Was
tut's, wenn bisweilen an den Grenzen des Bezirks ein Flmmchen aufzischt
und einen Schritt der heimlichen Pfade beleuchtet? Oft sehen Augen,
denen keine Zunge dient, die zu reden wei, und ein anderes Mal
schwatzen Muler, wo Augen nichts gesehen haben.

Ich bekenne, da mich dieses Gesprch bis in die Nieren erkltete. Dies
es heit und man sagt erfllte mich mit Mitrauen gegen den Freund,
mit einer Art Furcht vor ihm; ich ging ihm von da an fr lange Zeit aus
dem Wege. Seine Ehrlichkeit erschien mir durchaus bswilliger Natur; ich
bildete mir ein, da ich einer ritterlichen Pflicht gehorchte, indem ich
mich in meinem Innern auf die Seite einer wehrlosen Geschmhten schlug.
Kleinstdtischer Klatsch, sagte ich mir, lt den reinlich Denkenden
eher zum Anwalt des Besudelten werden, als da er die Partei von Feinden
nimmt, die sich verbergen. Es war ein Selbstbetrug, dem ich mich hingab.
Die Frau hatte ganz einfach mein Gefallen erweckt, und das wollte ich
mir verhehlen. Ich traute ihr Schlimmes nicht zu, ich sah ein Kind in
ihr, verfhrerisch, am Ende mileitet, aber nicht verworfen. Ich
strubte mich nicht gegen die Freundlichkeit, die der Major alsbald in
aufflliger Weise gegen mich an den Tag legte. Ich besuchte oft sein
Haus, und es schien sich ganz von selbst zu geben, da ich manche
Stunden mit Aurora allein verbrachte.

Sie gestand mir, da sie von Anfang an aufs innigste gewnscht habe,
meine Bekanntschaft zu machen, denn sie habe beim ersten Blick gefhlt,
da ich ihr mit Wohlwollen gegenber getreten sei. Dies mute ich
besttigen, ihre schmeichelhaften Worte ber meine Vergangenheit, meine
Taten, meinen Ruhm usw. lehnte ich hflich ab. Die nichtigen Dinge, von
denen sie mit mir plauderte, gewannen einen Reiz von Scherzhaftigkeit,
dann wieder von anmutiger Melancholie. Vertrauen schien sie als
selbstverstndlich zu betrachten und war nicht einmal bedachtsam in
ihrem Tadel ber die Lebensfhrung anderer. Sie sprach mit einer
unvergleichlich musikalischen Stimme, weich im Ton, klagend in der
Frbung, hie und da mit einer Bemerkung voll Witz und Geist. Ihr Zuhren
war sympathisch durch den Blick eines wibegierigen Schlers. Sonst war
sie nicht selten geqult, beunruhigt, verschchtert, also gar nicht mehr
Dame. Sie eroberte unbedingt, ich htte ihr alles geglaubt, und ich
glaubte auch alles, selbst das Unwahrscheinlichste, wennschon mir ihr
Wesen manchmal wie Dnensand vorkam; erst denkt man etwas Festes zu
halten, und wenn man zupackt, verrinnt und verrieselt alles zwischen den
Fingern.

Im Verkehr mit ihrem Mann sah ich sie von gemessener Liebenswrdigkeit,
Nachsicht mehr gewhrend als beanspruchend, gegen launenhafte
Brbeiigkeit sich mit ironischer Duldermine wappnend, wobei ein
forschender und spttisch-khner Blick den Beobachter zum
Mitverschworenen machte. Der Major erweckte den Eindruck eines
gutmtigen Mannes; er war untersetzt und korpulent und trotz seiner
Jahre nur mig ergraut; doch pflegte er den Schnurrbart mit einer
Pomade zu behandeln, die diesem das Ansehen eines frisch lackierten
Gegenstandes gab. Sein Blick war flackernd wie der eines viel und
fruchtlos arbeitenden Menschen; in der Tat verhinderte er nur durch
einen fast berstrzten Eifer im Dienst seine langgefrchtete
Kaltstellung. Er gehrte zu jenen Offizieren vom alten Schlag, die durch
Rauheit und martialisches Auftreten an verjhrte Verdienste erinnern und
den Mangel an gegenwrtigen verdecken wollen. Er liebte die Jagd, schne
Pferde und Hunde; doch mit diesen Leidenschaften verbarg er nur den
Groll gegen ein Regime, das ihn zur schimpflichen Rolle eines Mitlufers
und stummen Bittstellers verurteilte, und er erfllte seine
Obliegenheiten wie mit zusammengebissenen Zhnen, war immer in Hast und
Angst, und, wie alle unsicheren Beamten, von bertriebener Strenge gegen
Untergebene und bertriebener Devotion gegen Vorgesetzte.

Ich glaube, mit solchem Urteil kein Unrecht an dem Major zu begehen;
alle diese Umstnde waren ja mehr oder weniger ffentliches Geheimnis.
Ich habe beschlossen wahr zu sein, und so mu auch dieses gesagt werden.
Es trifft nicht zu, da ich dem Major ohne Achtung begegnet bin; ich
hatte anfangs sogar Gefallen an ihm, wie er an mir, erst im Verlauf der
Begebenheiten wandelte sich meine Gesinnung auf so verderbliche Art.

Ich begleitete Aurora ins Theater, auf die Promenade, ich kam zu ihren
Teestunden, und so vergingen Wochen, ohne da ich ein Arg gegen mich
selber fate. Wenn ich Gste bei ihr traf, zeigte sie mir
unmiverstehlich, da ihr Gste zur Last waren und da ich allein es
nicht war. Ein solcher Beweis von Freundschaft heischte Dank, und ich
blieb, nachdem alle sich verabschiedet hatten, auch der Major, der die
spten Nachmittagsstunden im Kasino verbrachte und mit einem
Oberleutnant vom Train Schach spielte. Oftmals mute ich ihr von meinen
Kriegserlebnissen erzhlen, wobei sie atemlos lauschte. Wie sagt doch
Othello? Ich sprach von harten Unglcksfllen, manch rhrendem Geschick
zu See und Land, wie ich nur auf ein Haar dem Tod entronnen, von grausen
Schlnden, den Wsteneien, von Klften, Felsen, himmelhohen Bergen, von
Kannibalen, die einander fressen. Und dies zu hren, war Desdemona
innerlich gespannt. Und als er geendet, lohnte ihn das Frulein mit
einer Welt von Seufzern und wnschte, sie htte es nicht vernommen,
und wnschte doch, Gott htte aus ihr einen solchen Mann gemacht.

War auch Aurora nicht dermaen bezaubert, so stellte sie sich doch
hnlich und ihre Teilnahme war jedenfalls echt. Auch schrieb sie mir
Verdienste zu, die ihr trotz aller Selbstverstndlichkeit gro und neu
dnkten, und vor allem erschien ich ihr verllich. Verllichkeit war
ihr Ideal, wie wenn ihr das Geschick einen Trumpf im Spiel htte
vorgeben knnen durch die bewunderte Tugend eines andern.

Heute seh' ich dies klar, damals bestrickte mich ihr bedenkenloses
Anschmiegen. Da ich merkte, da sie wenig oder nichts las, brachte ich
Bcher, unter andern schenkte ich ihr die Frithjofssage, ein Gedicht,
fr welches ich begeistert war. Sie gestand mir aber offen, da Verse
sie langweilten und da sie zum Lesen berhaupt keine Geduld htte; so
lie ich es denn sein. Sie wurde jetzt bisweilen karg in der
Unterhaltung und von unverstndlicher Vorsicht. Darin lag etwas
Verwirrendes, denn ich fhlte mich einer Person gegenber, die ihrer
Rede wenig Gewicht beimit, weil sie Bedeutsames verschweigen mu. Sie
hatte immer den auffangenden Blick im Auge, der meine Ungeduld erregte.
Ich fragte, hrte, antwortete und war mit der gleichen Aufmerksamkeit
beschftigt, dem Zwitschern eines Vogels oder dem Surren des Windes zu
lauschen. Was kann der Major mit einem solchen Weib beginnen? dachte ich
oft verwundert; er ist ein Soldat, aber kein Orchideenzchter. Himmel,
wenn ich dies Gesicht bestndig um mich wte, ich wre versucht, damit
zu verfahren, wie die Kinder, die ihre geliebtesten Puppen aufschneiden,
um herauszubringen, was drinnen ist.

So fing es an, mit Abwehr und Wibegier fing es an. Und wenn es ihr
Entschlu war, mein ruhiges Herz in Flammen zu setzen, was bedurfte es
da noch viel? Eines Abends fragte sie mich unumwunden nach meinen
bisherigen Herzenserlebnissen und darauf mit Offenheit zu entgegnen, war
leicht und schwer in einem. Ich hatte nicht viel zu berichten. Schon als
Primaner hatte ich Verachtung fr die Liebeleien gewisser Kommilitonen
empfunden, und fernerhin war mir jede leidenschaftliche Entuerung ein
Greuel gewesen. Ich war freilich kein Kostverchter, kein Joseph; ich
nahm stets, was man mir bot, aber zu langgesponnenen Verhltnissen
fehlte mir die Zeit, und an die sogenannten groen Passionen glaubte ich
nicht. Amsement, ja; doch durfte es nicht zum Katzenjammer fhren;
alles brige schien mir Bummelei und Jugendeselei. Ich wei, es war
erbrmlich, da ein Kerl wie ich eigentlich nur von kuflicher Liebe
wute, nur von Vergngen und nichts von Hingabe, nur von Dirnen und
nichts von Frauen. Aber das passiert heute tausendmal, es ist viel
hufiger, als man denkt, und gerade diejenigen, die ihre Stirn am
aufdringlichsten mit dem Heldenlorbeer schmcken, sind, wenn man die
Sachen bei Licht betrachtet, ebensolche Jmmerlinge. Dagegen lebt
wahrscheinlich in dem Kopf jedes Frauenzimmers eine Vorstellung von
Durchschnittspoesie und Schmkerromantik, die ihr unentbehrlich ist wie
ein Luxuskleid, auch wenn sie selbst dergleichen nie erlebt hat und so
wenig davon hlt wie ein Moslem von der Hostie.

Ich wute nicht, wie mir geschah, als ich nun pltzlich fand, da ich
eine Armut verraten hatte, ber die mir bis jetzt kein Skrupel
aufgestiegen war. Schon atmeten wir in einer verderblichen Luft. Wir
verstndigten uns durch Blicke und Mienen, und die Selbstbeherrschung,
die wir zu ben whnten, war nur eine Gaukelei. Ich sagte mir im Anfang
bisweilen: die Frau ist kalt, oder noch schlimmer, khl; die Frau
rechnet, die Frau lauert. Aber da war ihre Sanftmut, ihre zarte Stimme,
ihr ergebenes, verstrtes, beschwichtigendes Lcheln; da hatte sie eine
sonderbare, oft wiederkehrende Bewegung der Hnde, die darin bestand,
da sie die Finger ineinanderflocht, um sie dann wie verzweifelt in den
Scho einzusenken. Das ri mich aus allem Gleichmut.

Ihr Wesen blieb mir rtselhaft, bis sie mir eines Tages erzhlte, wie
ihre erste Ehe das Werk habschtiger Eltern und Verwandter gewesen sei;
der Mann ein Trinker, ein Wucherer, ein Lstling. Sie versicherte mir,
da sie im Zusammenleben mit ihm unberhrt geblieben sei, und da
hauptschlich deswegen nach drei qualvollen Jahren die Scheidung
ausgesprochen werden konnte. Sie sprach dann von ihren Reisen, von
zermarternder Unruhe, vom Wunsch nach Frieden, von ihrem Ekel an Welt
und Mnnern, und da lernte sie Westermark kennen; sie dachte an ihm
einen Beschtzer zu finden, sie fhlte eine herzliche Kameradschaft fr
ihn, sie habe sich betren lassen und ihn geheiratet. Als sie nun lange
schwieg, blickte ich sie fragend an.

Ja, darber sei Schweigen geboten, sagte sie, darber, was jetzt kam,
msse geschwiegen werden.

Geheimnis also? nicht anrhrbares Geheimnis? Auroras Gesicht glich einer
Uhr, die pltzlich stehen bleibt. Geheimnisse binden, auch wenn sie
nicht enthllt werden. Aber mein Inneres war schon zu sehr ergriffen,
als da ich aus Delikatesse htte auf Teilnahme verzichten mgen. Ich
bat in der dringlichsten Weise um Aufklrung. Wozu? was soll es
ntzen? antwortete mir Aurora. Warum sollte ich Sie in eine
Ungeheuerlichkeit einweihen, die mich allein schon bermig bedrckt
und lebensuntchtig macht? Sie wrden mir nicht glauben, Sie drfen mir
nicht glauben, denn wer bin ich? Ein verlorenes, verachtetes Geschpf,
der Gegenstand unsauberer Gesprche am Biertisch, die wehrlose Beute
aller Nachrichtenjger der ganzen Stadt, mit meinem Namen in jede
Spelunke geschleppt, beneidet, bewacht, einsam, unerhrt einsam und
unerhrt verraten. Wollt' ich bekennen, was ich in diesem Haus fr ein
Leben zubringe, so wrde ich ja vielleicht auch Sie verlieren, der mir
gutgesinnt ist. Nein, nein, erlassen Sie mir das, gnnen Sie mir die
harmlosen Stunden mit Ihnen.

Man sagt gemeinhin, und die Erfahrung macht mich geneigt, dem
beizupflichten, da Mnner ber dreiig, wenn sie zum erstenmal in ihrem
Leben der Gewalt einer Leidenschaft erliegen, sich in nichts von der
Unbesonnenheit und Kopflosigkeit der Jnglinge unterscheiden, da sie im
Gegenteil noch gromtiger ihr Gefhl, noch bereitwilliger ihren Stolz,
noch unbedingter ihr Vertrauen verschwenden. Ich habe versucht, das
Unheil zu bekmpfen, als es da war, ich habe mich noch mit aller Kraft
gewehrt, als es mich umschlang. Vielleicht htte ich es bezwingen
knnen; vielleicht gab es einen Tag, eine Stunde, wo ich noch Meister
des Verhngnisses werden konnte, wo ich mit dem Gedanken an ein
Abschiedswort, dem Vorsatz einer Reise zu der Frau ging. Aber da mochte
es scheinen, als rede die Frau mit einem andern Ton denn gestern; als
sei die Hand, die sie mir bot, verwandelt worden. Wenn Frchte reif
sind, fhlen sie sich gleichsam wrmer an, und so hatte sich etwa ihre
Hand angefhlt, wie eine reife Frucht.

Einverstndnis genug; Erwiderung genug; es braucht nicht mehr als den
Abglanz der eigenen Sehnsucht in dem geliebten Antlitz und Auge, nicht
mehr als ein gestammeltes Wort, als einen flehentlichen Blick, und
Pflicht, Gewissen, Zukunftsfurcht entschwinden fr immer in der
Sigkeit und Betubung eines jhen Sicherkennens. Jetzt sind die Tore
zugeschlossen, und es gibt keine Reise mehr. Ich entsinne mich eines
Tages, wo ich mit Begierde die Gesellschaft eines Mannes suchte, eines
Freundes, den auerhalb meines beruflichen Kreises zu finden mir hchst
erwnscht war. Da traf ich den Ingenieur, von dem ich schon gesprochen,
durch Zufall auf der Gasse. Er blieb unschlssig stehen, ich reichte ihm
die Hand. Ich verzieh ihm alles, was er ber Aurora Westermark geuert
hatte, noch mehr, ich empfand das Bedrfnis, ihn mit der wunderbaren
Frau nher bekannt zu machen, und ich war berzeugt, da er sie mit
andern Augen ansehen wrde. Das Vorhaben war leicht, als Freund Auroras
durfte ich es wagen, ihn einfach zu einem ihrer Empfangsnachmittage
mitzunehmen. Ich fing alsbald davon an, er war ziemlich betroffen,
erwiderte jedoch, wenn ich Wert darauf lege, wolle er mir gern
willfahren, obwohl seine Zeit ihm die Pflege gesellschaftlicher
Beziehungen sonst nicht gestatte. Wenn ich mir heute dies Gesprch
berlege, so mu ich glauben, da in meinem Benehmen etwas Krankhaftes,
ja sogar Krankes enthalten sein mute, denn der junge Mann blickte mich
bisweilen fast mitleidig von der Seite an und meinte schlielich, es tue
ihm aufrichtig leid, wenn er mich damals durch seine unberlegte
Offenheit verletzt habe. Am nchsten Tag gingen wir zusammen zur
Majorin; Aurora nahm ihn mit Herzlichkeit auf, und sie schmeichelte ihm
durch eine gewissermaen sachliche Hochachtung, die bei Frauen selten
ist, und die hier am Platze war. Er kam nun bisweilen an Montagen und
Donnerstagen, blieb aber zumeist auffallend schweigsam, trotzdem ihm
Auroras Sympathie durchaus nicht verborgen blieb. Einmal gingen wir
zusammen weg, und ich sagte ganz unvermittelt zu ihm: Hast du nun dein
Urteil revidiert? Gibst du nicht zu, da das ein Geschpf ist, wie es so
vollendet nur aus der Meisterhand Gottes hervorgehen kann? Und als er
nur mechanisch nickte, fgte ich hinzu: Ich hoffe, da du mich nicht
mideutest, und da du meine Worte so auslegst, da wir uns auch
weiterhin gerade in die Augen sehen knnen.

Mehr brauche ich nicht zu wissen, entgegnete er ernst und anscheinend
berrascht. Er besuchte von da an das Westermarksche Haus nicht mehr.

Warum ich die Art meines Verhltnisses zu Aurora vor dem Verdacht eines
Freundes schtzen zu mssen glaubte, wei ich kaum. Ich hatte keinen
Zweifel an ihrer Ehre und Reinheit. Aber das namen- und gesichtslose
Hrensagen, unter dem ihr Ruf litt, war eine Qual sondergleichen fr
mich. Ich htte mich gerne gestellt, aber wie durfte ich dies, wer htte
mir das Recht dazu eingerumt? Ein Blick, ein zweideutiges Lcheln, ein
Achselzucken, ein irrlichterndes Wort dann und wann, es berlief mich
kalt, wenn ich dessen nur nachtrglich gedachte; ich fand mich beleidigt
und geschmht, bald genug bekam ich zu spren, da das verleumderische
Geschwtz auch schon meinen eigenen Namen bespritzte; aus dem Bewutsein
meiner Schuldlosigkeit, und, da Aurora sich mir gegenber noch mit
keinem Hauch etwas vergeben hatte, zog ich den Schlu, da all die
andern Anwrfe und Gerchte ebenso trugvoll, lgnerisch und boshaft
seien wie dieses. Traurigkeit und Ingrimm nahmen von mir Besitz, ich
sonderte mich ab von den Kameraden wo es nur irgend anging, und hatte
ich vorher schon fr unliebenswrdig gegolten, so erklrte man mich
jetzt fr abstoend hoffrtig, oder mildesten Falls fr einen finstern
Einsiedler. Ja, ich hate sie, diese still beieinander hockenden
Aufpasser, Schlimmredner und Giftkocher, diese gutangezogenen Megren
und unbezahlten Spione, die ihrem Dnkel und ihrem Miggang kein
unterhaltsameres Spiel wuten, als die nie wieder gutzumachende
Besudelung eines schnen Herzens und edlen Charakters, denn so erschien
mir Aurora.

Indessen wucherte das Grbeln ber die furchtbaren Andeutungen, die sie
mir in bezug auf ihr eheliches Leben getan, heimlich in mir fort. Ich
wagte sie nicht mehr daran zu erinnern, ich wollte nicht mehr fragen,
ich glaubte zartfhlend zu sein, doch meine Seelenruhe kam dabei
schlecht weg. Tausend Vermutungen erwog ich, bis in die Trume hinein
verfolgte mich das haltlose Denken, und so geschah es denn doch, da ich
einstmals, wir saen im oberen Gesellschaftszimmer vor der Terrasse
einander gegenber, da ich die Frage stellte, mitten in eine ruhende
Minute hinein, in der mir zu Sinn war, als hrte ich das Ziehen der
Wolken am herbstlichen Himmel. Aurora erschauerte; sie sah mich eine
Weile zornig an, pltzlich stand sie auf, kehrte sich mit dem Gesicht
gegen das Fenster, und ich gewahrte am Zucken ihrer Schultern, da sie
weinte. Whrend ich ratlos dasa und meine Taktlosigkeit verwnschte,
hrte ich die sbelrasselnden, plumpen Schritte des Majors auf der
Flurtreppe. Aurora wandte sich um, mit erschrockenen Augen starrte sie
gegen die Tre und flsterte: Ich kann ihn jetzt nicht sehen. Damit
verlie sie das Zimmer. Der Major trat ein und zeigte ein verwundertes
Gesicht, als er mich allein sah. Er begrte mich mit zusammengekniffenen
Augen und begann mit mir ruhig ber dienstliche Angelegenheiten zu
sprechen. Meine Nerven waren bis zur Unertrglichkeit gespannt, ich
hrte kaum, was er sagte, und ich verfolgte seine Schritte und
Bewegungen mit einem beunruhigten und hahnlichen Gefhl. Pltzlich
fragte er mich, wo seine Frau sei. Ich antwortete, sie sei vor wenigen
Minuten hinausgegangen. Sein Gesicht verdsterte sich: Sie macht mir
viel Kopfzerbrechen mit ihren Launen, sagte er seufzend, indem er sich
schwer in einen Sessel fallen lie. Ich sollte mich wirklich mehr um
sie bekmmern, fuhr er fort, aber, lieber Treunitz, Sie haben keine
Ahnung, was fr Plackereien ich ausgesetzt bin; es kostet mich
berwindung genug, sie nichts merken zu lassen, aber wer kann immer
heiter sein, wenn's einem an den Kragen geht? So eine Frau will nichts
als eitel Wonne um sich sehen; ich kann's ihr nicht verdenken, sie ist
jung. Mag sie sich nur amsieren, ich lege ihr keine Balken ber den
Weg. Doch wie gesagt, die Launen, die Launen!

Was er mit den Launen meinte, konnte ich mir nicht entrtseln. Es war
mir eine Pein, ihn zu hren, andrerseits rhrte mich sein Wesen, und er
erschien mir durchaus nicht als bse. Ich wute nur unbestimmte
Redensarten zu erwidern. Meine Situation kam mir ebenso bedrckend wie
die seine klglich vor. Ich verabschiedete mich von ihm. Als ich ber
den Korridor schritt, stand Aurora neben der Treppe. Sie winkte mir, ihr
zu folgen. Ich trat in ein kleines, boudoirhnliches Gemach. Aurora
blickte mich forschend an. Etwas Trauriges, aber nicht blo Trauriges,
sondern auch Wildes, eine Art von Auersichsein in ihren Zgen brachte
mich vollkommen um den Verstand. Pltzlich umschlangen mich ihre Arme,
und ich fhlte ihre Lippen auf den meinen. Geh, geh, stie sie dann
durch die verpreten Zhne hervor. Ich ging.

Mir brannte Hirn und Herz. Nie mehr ber diese Schwelle, rief es in mir.
Ich scheute mich, den Menschen in die Augen zu blicken. Und doch war ich
glcklich; ich hatte ihre Schultern gesprt, ihre Arme, ihren Mund. Ich
begab mich nach Hause, lief wie toll in meinem Zimmer auf und ab, ging
wieder fort und stand in der Nacht, ich wei nicht wie lange, vor der
Villa des Majors, zu den schwarzen Fenstern emporstarrend. Die Stunden
bis zum andern Nachmittag schlichen qualvoll hin. Als ich zu Aurora kam,
waren Gste da. Sie scherzte und plauderte wie gewhnlich. Dies war mir
unbegreiflich. Erst um sechs Uhr waren wir allein. Mit rauher Stimme bat
ich sie um Aufklrung. Ich sagte, da ich den Zustand des Zweifels und
der schlimmen Befrchtungen nicht mehr ertragen knne.

Was wollen Sie von mir? entgegnete sie hart. Ich blickte sie erstaunt
an, aber sie senkte nicht die Augen und flammte mich drohend an. Da
packte ich ihre Hand und bedeckte sie mit Kssen. Sie lie mich ruhig
gewhren, indes sie den Kopf in die andere Hand sttzte. Wenn ich alles
sagen wollte, wer knnte mir glauben, murmelte sie vor sich hin, und
ihr Krper schrumpfte zusammen wie unter der Gewalt eines physischen
Schmerzes. Gehen wir ein wenig ins Freie, schlug sie vor. Wir gingen
in den Garten. Dort erzhlte sie mir alles; whrend wir ber die dunklen
Wege schritten, schilderte sie mir ihre Ehe. Sie schilderte mir diese
Ehe als ein Martyrium, das ohne Beispiel war. Sie schilderte den Major
als einen argwhnischen, neidischen, boshaften, ohnmchtigen,
lgenhaften, und gewaltttigen Greis. Sie sagte mir, da er sie schlge.
(O Gott, der Speichel im Munde wurde mir bitter wie Galle.) An ihr rche
er die Unbill und Zurcksetzung, die er berall zu erleiden whne. Wo er
ihre Wnsche erflle, sei es zum Schein; wenn er sich freundlich stelle,
sei es zum Schein. Er behandle sie schlimmer als einen Hund. Seit
sechzehn Monaten lebe sie wie in einem Starrkrampf, und was sie lache
und rede, wisse sie nicht. Zuerst habe sie geschwiegen aus Furcht vor
ihm, dann aus Furcht vor der Welt, denn noch einmal als geschiedene Frau
bodenlos und heimatlos dastehn, das zu ertragen, sei sie nicht fhig,
lieber whle sie den langsamen Tod aus Kummer, Zorn und Angst.

Ich glaubte. Man denke nach, ob es fr mich eine andere Mglichkeit gab,
als zu glauben. Es gibt im Ungeheuerlichen einen Punkt, wo der Zweifel
erstickt, anstatt genhrt wird. Man kann der Raserei mitrauen, man kann
der Wut oder dem Ha mitrauen, aber der sanften, schwermtigen und
verzweifelten Ruhe, mit der mich Aurora zum Mitwisser ihres Geheimnisses
machte, ist schwer zu mitrauen. Ich wute zu wenig von Leidenschaft, zu
wenig von dieser schrecklichen Narkose des Gemts. Die Gewohnheit kalter
Sinnenlust und bezahlter Vergngungen hatte mich einem Strfling hnlich
gemacht, der die Kette nicht mehr sprt, aber vor Freude verrckt wird,
wenn man ihm die Freiheit schenkt.

Wie htte ich ahnen sollen, was in diesem Weibergehirn vor sich ging?
ahnen sollen, da Neugier sie zur Verderberin und Verbrecherin machen
konnte? Neugier, wie weit sie mich zu treiben imstande war! Sie glaubte
nicht an Mnner, sie glaubte nicht an mich. Da ich in der Schlacht
gewesen, da ich Feindesblut und eigenes Blut vergossen hatte, das
verlockte sie, und sie wollte mich erproben. Sie wollte ihre Macht an
mir erproben. Sie hatte die unbestimmte Sehnsucht, Urheberin einer Tat
zu werden, aber sie glaubte nicht an diese Tat, so wenig wie sie an
Worte, Schwre, Vorstze und Empfindungen glaubte. Die unergrndliche,
unermeliche Leere ihrer Brust verzerrte ihr alles ernste Bestreben,
Wissen, Wollen, Denken und Vollbringen zu spottwrdigen Schemen. Und so
wurde meine Ergebenheit zu einem Piedestal fr ihren lasterhaften
Willen, und es war eine unheimliche Begierde in ihr, mich zu entfalten,
mich gleichsam auseinanderzureien, um zu sehen, -- was in mir drinnen
sei. Dieses und sonst nichts.

Das wei ich jetzt; ich habe es erfahren mssen in einer Stunde, die
mich aus dem Himmel in die Hlle strzte, einer Stunde, wie sie
vielleicht nur wenige Menschen je erlebt haben, und die ich auch um
keinen Preis noch einmal erleben mchte. Aber wie htte ich es damals
spren oder nur denken sollen? frage ich. Vor mir stand eine Frau, jung
und unvergleichlich schn, den Sammet rhrender Duldung in den Augen,
und so hingeschmolzen vor meinem Wort und schlechten Trost, da ein Tier
weich geworden wre. Kann man das noch Verstellung oder Heuchelei
nennen? Ist dies nicht vielmehr eine bse zauberische Kraft, fr die es
noch keinen Namen gibt?

Ich will es nicht versuchen, meinen jammervollen Zustand zu schildern.
Ich wandelte herum wie ein Vergifteter, auch schmeckte mir kein Bissen
mehr. Da ich liebte, war kein Glck mehr fr mich, da ich geliebt
wurde, sprte ich nur wie im Traum. Wie ich es fertigbrachte, mich
tglich anzukleiden, zu waschen, zu frhstcken und den Obliegenheiten
meines Berufs zu gengen, ist mir heute noch ein Rtsel. Offenbar gibt
es irgendeine Maschine in unserm Innern, welche die alltglichen
Pflichten gewohnheitsmig erfllt. Eines Tages war ich bei meiner
Mutter zu Tisch, und da ich alle Speisen unberhrt lie, stellte sie
mich pltzlich in ernstem Ton zur Rede. Sie sagte, sie wisse alles; sie
beschwor mich, von Aurora zu lassen und nannte sie eine gefhrliche
Kokette. Ich packte ihre Hnde, wie man die Fuste eines Gegners packt,
der zum Schlag ausholt. Auch du, rief ich, auer mir vor Wut und
Enttuschung, auch du gehst zu den Verleumdern. Du weit ja nichts von
ihr. Ach, wenn du wtest, wenn du wtest, es soll sich mir nur einer
stellen! nur einmal Aug' in Auge! Mich drstet ja danach, sie vor die
Pistole zu bekommen, die feigen Hunde! Meine Mutter war erschrocken,
sie umarmte mich schluchzend und sagte: Da du den Appetit verloren
hast, mein Junge, ist fr mich das beste Zeichen, da deine Leidenschaft
verderblich und unnatrlich ist.

So zeigt sich einem jeden die Welt anders; dem einen von der
Herzensseite, dem andern von der Magenseite. Aber meine Mutter hatte
Recht. Dennoch vermied ich es in der Folge, sie zu besuchen, und vom
November bis zum Februar sah ich sie nur zweimal. Auch mit andern
Menschen sprach ich nicht mehr als das Notdrftigste; ich gab jeden
Verkehr auf und stellte Aurora meine freie Zeit vllig zur Verfgung.
Nachdem ich mich lange in einem Zustand der Zerschmetterung befunden
hatte, begann ich die Unhaltbarkeit der Lage zu spren, um so mehr, als
meine finstere Apathie in Aurora sichtlich eine gewisse Ungeduld
erweckte. Ich sagte zu ihr, ich msse mich mit dem Major schlagen. Sie
erwiderte mit der ihr eigenen brennenden und faszinierenden Ruhe: Wie?
Du willst dein Leben gegen das seine in die Wagschale werfen? Ein
Zufall, und er bleibt Sieger, und ich, verlassener als je, bin nicht nur
auf seine Gnade angewiesen, sondern habe auch noch dich verloren. Bevor
du mir das antust, schie' ich mir selber eine Kugel in den Kopf, das
sollst du wissen.

Ihre Beredsamkeit war gro. Es ist von jeher meine Schwche gewesen, da
ich gegen beredsame Naturen schnell unterlag. Ich fate den Plan einer
Flucht. Fliehen wir! schlug ich ihr vor, ich bin reich, la uns bers
Meer fahren und ein neues Leben anfangen.

Sie schttelte den Kopf. Fliehen heit, mich in den Augen der Welt fr
schuldig und ungetreu bekennen, sagte sie. Heutzutage ist die Welt zu
klein fr solche Wagnisse. Wer kann mich zwingen oder mir es als
ntzlich einreden, da ich wie ein Dieb in der Nacht ein Haus verlassen
soll, in dem man mit Fen auf mich getreten ist, in dem man mich
bespien und besudelt hat? Nein, Treunitz, das kann ein stolzer Mann
nicht von mir wollen.

Da stand ich wie ein Schler. Was wollen wir also tun? fragte ich.

So geben wir uns doch auf! rief sie trotzig und wie ermdet. Ich
schwieg, mu jedoch sehr bla geworden sein, denn sie sah mich an, erst
besorgt, dann nachdenklich, dster und kalt. An jenem Tag verstand ich
den Blick noch nicht. Der nchste Tag war Allerseelen. Ich war gegen
Abend gekommen, und Aurora bat mich dringend, zu Tisch zu bleiben. Ich
konnte es ihr nicht verweigern, obwohl mir vor dem Beisammensein mit dem
Major graute. Ich hatte dienstlich mit ihm nichts zu schaffen; in der
Stadt sah ich ihn fast nie, von den Veranstaltungen der Offiziere hielt
ich mich fern; da ich dennoch sein Haus betrat, dennoch an seiner Tafel
speiste, fhig war, ihn zu begren, ihm zuzuhren und zu antworten,
dies alles mte mich als einen hinterhltigen und niedrigen Charakter
denunzieren, wenn es nicht durch die Macht, die Aurora ber mich
ausbte, einigermaen erklrt wrde. Ihre Worte hatten eine solche
Gewalt ber mich, da in meinem Kopf gar keine berlegung mehr war, wenn
sie einmal gesprochen hatte. Da ich sie selber dulden sah, glaubte ich
es unserer Liebe schuldig zu sein, mich ebenfalls zu beherrschen und
alles zu versuchen, um ihr Los zu erleichtern. Was fr Kmpfe und Leiden
mich dies kostete, davon will ich nicht reden.

Mit dem Augenblick, wo der Major das Zimmer betrat, pochte mir das Herz
vor Ha, Ingrimm und Verachtung bis in den Schlund hinauf. Ich gewahrte
ihn nur wie durch Schleier, jede seiner Bewegungen erregte mir Ekel, bei
jedem seiner Worte zuckte ich zusammen; meine Stimme klang heiser, und
wer wei, wozu es gekommen wre, wenn ich nicht Auroras Blick wie einen
geisterhaften Bann bestndig auf mir ruhen gefhlt htte. Mitten in
einem belanglosen Gesprch unterbrach sich der Major, stocherte mit der
Gabel im Salat, fhrte ein Blttchen an die Lippen, indem er daran
leckte, und warf dann Besteck und Serviette mit einem Fluch auf den
Tisch. Kreuzmillionenschwerenot, schrie er, wie oft soll ich denn
noch sagen, da ich den Salat mit Zitrone und nicht mit Essig angemacht
will! Was haben denn die gottverdammten Frauenzimmer sonst zu denken?
Bin ich denn der Niemand im Hause, da man Schindluder mit mir treibt?
Wahrhaftig, eine Lammsgeduld gehrt dazu.

In diesem rden Feldwebelton ging's noch eine Weile weiter, bis er
aufsprang, die Tr hinter sich zudonnerte und hinausstrzte.

Ich war vollkommen perplex. Das Blut stieg mir langsam zu Kopf, und ich
blickte Aurora schweigend an. Sie sa da und lchelte wie eine Frau, die
es endlich zur Augenscheinlichkeit gebracht hat, was sie sonst nur
insgeheim erleidet. Dies ist ein Affront, murmelte ich, ich werde ihn
zur Rechenschaft ziehen. Aurora lachte. Zur Rechenschaft ziehen? Einen
Unzurechnungsfhigen? Was fllt dir ein! erwiderte sie herrisch.
Abrechnen mit einem Vieh!

Ich zitterte vor innerem Frost an allen Gliedern. Und wie mich nun
Aurora so anschaute, mit blitzendem Blick, mit geschlossenen Lidern und
mit einer unbeweglichen Stirn, da war es mir, als ob mein Herz in
siedendes Wasser getaucht wrde, und, Gott mge mir verzeihen, ich fing
an, jenen Blick zu verstehen, er ging auf in meiner Brust wie das
Saatkorn in gedngtem Boden. Es war mir klar, es war ein unabwendbarer
Beschlu, da der Major von meiner Hand sterben msse. Aurora zu retten,
war mein einziger wtender Drang, ich fhlte meine Liebe zu ihr so
ungeheuer, da ich die wenigen Worte, die alles entschieden, trotz des
Flsterns mit einer Festigkeit hervorbrachte, als ob dieses
Frchterliche eine alltgliche Angelegenheit sei. Aurora, der aus
weitoffenen Augen die Trnen ber das Gesicht liefen, hrte pltzlich
zu weinen auf, ihre linke Hand bebte mir entgegen, ich ergriff die Hand
und bedeckte mein Gesicht damit.

Der Major kam nach einer Viertelstunde zurck und bat, anscheinend sehr
betreten, um Entschuldigung, die ich meinerseits kalt quittierte.
Aurora, rief er gezwungen scherzend, komm einmal zu mir. Sie erhob
sich sogleich und trat eilig vor ihn hin. Diese Bewegung sklavischer
Unterwrfigkeit und Angst rhrte mich tief. Da sie wahrscheinlich nur
fr mich berechnet war, ahnte ich ja nicht. Wie Napoleon, wenn er einen
seiner Gnstlinge wieder vershnen wollte, zupfte der Major seine Gattin
am Ohrlppchen und lachte. Unter irgendeinem Vorwand verabschiedete ich
mich alsbald.

Ich war jetzt bei ziemlich kaltem Blut, und whrend der ganzen Nacht
berlegte ich meinen Plan. Am nchsten Vormittag um elf Uhr traf ich
Aurora, wie oft bei schnem Wetter, im Stadtpark. Ich vermochte, mit ihr
davon zu sprechen. Es fiel mir auf, da sie dabei fortwhrend mit
niedergeschlagenen Augen lchelte. Dies dnkte mich sehr kurios. Ich
wute nicht, war es Unglaube, Befriedigung, Gedankenlosigkeit oder
irgendeine Trumerei. Der Ausdruck ihrer Zge rief eine dunkle
Erinnerung in mir hervor. Erst viel spter entsann ich mich, da vor
Jahren, als ich in Basel war, das Bild der Herzogin vom sogenannten
Basler Totentanz eine lange nicht verwischbare, fast unheimliche Wirkung
auf mich ausgebt hatte. Es war genau dieses s-friedsame Gesicht, in
dem etwas Wildes und Kindisches war, eine zerstreute und lustige
Grausamkeit und ein Lcheln, als ob der Tod nur ein Schreckmittel fr
Schwachkpfe sei.

Nun, was half's; ich war darum nicht weniger verstrickt, der Gedanke
wurde uns vertraut. Er erweckte kein Schaudern mehr in mir. Er nahm
Gestalt an, und ich war von ihm besessen. Gleichwohl qulte mich Auroras
Verhalten. Wenn wir eine Zeitlang ernst ber das Vorhaben gesprochen
hatten, klatschte sie pltzlich in die Hnde und lachte, als ob es sich
um ein Mrchen handle, an dem zu sinnen angenehm war, das aber niemals
in Erfllung gehen knne. Dergleichen regte mich ungemein auf. Wenn sie
mir die Perfidien und zahllosen tyrannischen Handlungen ihres Gatten
klagte, beobachtete sie mit Angst, bisweilen mit einem Gemisch von
Freude und hungriger Erwartung die geringste meiner Gebrden. Mein
Gestndnis, da mich ihre Berichte unsinnig folterten, schien sie oft
beinahe frhlich zu stimmen, und es bestrzte mich, wenn sie unmittelbar
nach einem der unheilvollen Gesprche mit dem Vergngen eines kleinen
Mdchens einen Hut probieren konnte und sich selber in den Spiegel
hinein entzckt anlchelte. Ich habe whrend der ganzen Monate Dezember
und Januar in keiner Nacht mehr als zwei Stunden Schlaf genossen, und am
Ende sah ich aus wie ein Schwindschtiger.

Dazu die gestohlenen Liebesstunden, in denen meine Leidenschaft nur
durch versprechungsvolle Ksse Genge fand. Was Genge! Ein
verzweifeltes Aufflackern war es immer wieder, das den Krper ruinierte
und mir alle Klarheit des Gemts und Geistes raubte. Aurora gab sich mir
nicht hin; sie erklrte, das schnde sie, sie wolle sich nicht noch mit
Lug und Trug beladen, sie wolle ihr Gewissen fleckenlos bewahren. Ich
ehrte diese Grnde, ich konnte nicht wissen, da es ihr blo darum zu
tun war, mein Gefhl ins Malose zu steigern. Denn sie, sie hatte ja
genossen! Sie wollte sich einnisten in der Anbetung eines
vertrauensseligen Mannes, das verlieh ihr einen Halt, eine letzte Wrde
und weckte vielleicht ihr abgestumpftes Herz zu einer Regung von
Zrtlichkeit. Das war es, das war das Ganze, und ich Tropf lief in die
berdeckte Falle und strzte so tief, da keine Faser an meinem Leibe
heil blieb.

Eines Abends um sieben Uhr kam Aurora in meine Wohnung, dicht
verschleiert. Sie war still und finster, wie ich sie nie gesehen. Sie
entblte ihre Brust und zeigte mir einen blutigen Striemen. Ich
stotterte eine Frage. Dies ist von ihm, sagte sie dumpf. Da schlug ich
besinnungslos mit der Faust um mich und zertrmmerte das Fenster. Mit
meiner von Glassplittern verwundeten Hand wollte ich sie an mich ziehen,
aber sie, auf das Blut starrend, wich sehr erschrocken zurck. Du
weit, ich kann kein Blut sehen, hauchte sie. Und doch sollst du bald
Blut sehen, antwortete ich. Nein sehen nicht, versetzte sie abermals
hauchend. Ach, wenn das wre, fgte sie hinzu und schaute mich glhend
an, wenn du das vollbringen knntest, dann knnte ich sterben aus Liebe
zu dir.

Da sie gewagt hatte, zu mir zu kommen, erschtterte mich, da ich in
dieser Verwegenheit nur eine Handlung des Vertrauens und der Zuneigung
erblickte. Besorgt um ihren Ruf, holte ich selber einen Wagen; ich
begleitete sie, und whrend der Fahrt setzten wir Tag und Stunde der Tat
fest. Ich sagte morgen. Aurora antwortete, morgen sei der groe Ball
im Kasino, da wolle sie noch einmal tanzen. Dieses noch einmal
zerstreute eine unangenehme Verwunderung, die mir der Einwand zunchst
erregt hatte. Ich sagte also: bermorgen. Sie wnschte auch dieses
nicht. Sie sagte, am Sonntag sei in Weidenberg Jahrmarkt, ihre Mdchen
und der Bursche des Majors htten fr den Nachmittag und die Nacht
Urlaub erbeten, und so knne ich ins Haus kommen ohne Gefahr, einen
Unberufenen zu wecken. Ich fgte mich, obwohl mir jeder Tag und
besonders jede Nacht bis dahin zur Ewigkeit werden mute. An das, was
nachher kam, dachte ich nicht im geringsten. Vermutlich sprte ich
schon, da ich auf eine Zukunft nicht mehr zu rechnen hatte.

Als ich am nchsten Mittag in Gesellschaft des Regimentsadjutanten ber
den Domplatz ging, gewahrten wir einen sehr fetten und auffallend
elegant gekleideten jungen Menschen, der offenbar fremd in der Stadt
war. In der Provinz wird der Fremdling, und gar der Grostdter durch
ein Etwas in Miene und Schritt sofort erkennbar. Ich hatte nur einen
Blick auf ihn geworfen und fhlte gleich den uersten Widerwillen gegen
dies abgelebte, hochmtige und bornierte Gesicht. Der Regimentsadjutant
zwinkerte mit den Augen und bemerkte spttisch: Aha, da ist ja der
Fabrikant Dotterwachs aus Berlin.

Mich durchfuhr eine unklare Erinnerung von nicht sympathischer Art, aber
erst hernach fiel mir ein, da das vielleicht jene Person sein knne,
von der mein Freund, der Ingenieur, gesprochen. Als ich am Nachmittag in
die Westermarksche Villa kam, wurde mir gesagt, die gndige Frau sei
nicht zu Hause. In meiner Wohnung angelangt, bergab mir mein Bursche
einen Brief. Es war ein anonymes Schreiben folgenden Inhalts: Wenn Sie
das geheime Absteigequartier der Majorin Westermark kennen lernen
wollen, so verfgen Sie sich in den dritten Stock des Hauses Nummer 15,
Schnlandstrae. Eine frhere Kammerjungfer und jetzige Vertraute der
Majorin ist Kupplerin und Mieterin dortselbst.

Ich zerri den Fetzen und heftete nicht zwei Gedanken daran, schon, weil
mir die Sache zu albern erschien. Leider hatte ich Aurora versprochen,
auf den Kasinoball zu kommen, wenn auch nur, um sie zu sehen. Ich
berwand meine Abneigung, die mir in der jetzigen Stimmung derlei
Festlichkeiten hassenswert machte, schob aber die Stunde mglichst
hinaus, und so war es bereits recht spt, als ich den Saal betrat.
Aurora war von einem Kreis junger Leutnants umgeben. Sie war hinreiend
schn; die Haut von Busen, Hals und Antlitz glnzte wie Silber, darunter
flo fischhaft das dunkelgrne Spitzenkleid; sie war heiter, allzu
heiter; und ich, ich war finster. Ich war einer Ohnmacht nahe, so
schrecklich empfand ich in diesem Augenblick meine leidenschaftliche
Liebe. Frau von Rtten, an der ich nicht grulos vorbergehen konnte,
sa mit einigen andern Leuten in einer Sulennische. Alle diese Leute
sahen mich mit seltsamen Blicken an, wenigstens schien es mir so. Ich
bemerkte darunter auch das siebzehnjhrige Kind, mit dem man mich hatte
verheiraten wollen. Ich glaubte die Augen dieses Mdchens mit einem
rhrenden Gefhl auf mich gerichtet. Ich wandte mich hastig ab und hatte
gerade noch Zeit, dem Major Westermark aus dem Weg zu gehen, der auf
mich zukam, lachend und winkend, als ob ich sein bester Freund wre. Es
berrieselte mich eiskalt.

Ich stellte mich nun an das untere Ende des Saales und starrte in das
lichtbergossene Geflimmer der Uniformen und Roben. Die Walzermusik
stimmte mich traurig, und ich wei nicht, wie es zuging, aber ich mute
bestndig an den Mann denken, den ich mittags gesehen, und dessen
fleischige und gemeine Zge nicht aus meiner Vorstellung schwinden
wollten. Ich sah ihn essen, ich sah ihn Bier trinken, ich sah ihn
widerlich lachen und prahlen, und voll Bitterkeit dachte ich mir: das
ist also der jetzige Deutsche, ein solcher Mann darf den Namen eines
Deutschen fhren; Emporkmmling; dickfelliger, ohrenloser,
aufgeblasener, herzloser Geselle, dem alles gehrt und der nichts
respektiert; und so sind sie alle, sie haben das Zittern verlernt und
brauchen wieder einmal die Peitsche des Schicksals. Dabei kannte ich den
Mann doch gar nicht und verband nur einen Eindruck mit dem Groll ber
eine allgemeine Kalamitt, denn ich war in diesen Dingen schon zum
Schwarzseher geworden und war deshalb auch nicht mehr mit innerer Freude
Soldat.

Nach dem Kotillon gelang es mir, Aurora fr ein kurzes Alleinsein zu
erobern. In ihrem Wesen war etwas Schmachtendes, das ich nicht lediglich
der Wirkung des Tanzes zuschreiben mochte. Die Luft zitterte zwischen
unsern Mndern und unsre Blicke bohrten sich fest ineinander. Trotzdem
Leute um uns herumstanden, hatte sie die Verwegenheit, mich zu fragen,
ob es beim Sonntag abend verbleibe, und als ich schweigend und bestrzt
nickte, lchelte sie mit entblten Zhnen. Noch lange nachher, als sie
sich schon von mir entfernt hatte, beobachtete ich, da ihre Augen
bisweilen forschend, ja ngstlich auf mir ruhten. Pltzlich ging sie zu
ihrem Mann, sagte ihm ein paar Worte und verlie den Saal. Der Major,
der bei Frau von Rtten sa, erhob sich, um ihr zu folgen. Sie kehrte
noch einmal um, und sie redeten wieder eine Weile miteinander, dann ging
Aurora. Der Major schien unschlssig und zeigte ein nachdenkliches
Gesicht. Da Aurora nicht zurckkam, entschlo ich mich, Frau von Rtten
zu fragen, ob sie wisse, was geschehen sei. Sie antwortete mir kalt, die
Majorin habe sich nicht wohl gefhlt und sei nach Hause gefahren; sie
habe nicht gewnscht, da der Major sie begleite, weil sie bestimmt
wiederkommen wollte. Ich wunderte mich und wurde besorgt. Ehe eine
Viertelstunde verflossen war, hatte ich mich in aller Stille aus dem
Saal entfernt, nahm auen meinen Mantel und eilte nach der
Westermarkschen Villa. Da meine Abwesenheit unter der Ballgesellschaft
bemerkt und auffllig gefunden werden knne, darber machte ich mir
keine Gedanken. Da ich im Souterrain der Villa noch Licht sah, lutete
ich am Gartentor. Eine Mdchenstimme fragte vom Fenster aus, wer da sei.
Ich erkundigte mich, ob sich die gndige Frau noch oben befinde; weil
der Wagen nicht da war, mute ich annehmen, da sie schon zurckgekehrt
wre. Das Mdchen erwiderte mir, die gndige Frau sei auf dem Ball. Sie
sei aber doch vor kurzem nach Hause gefahren, versetzte ich. Dies wurde
verneint.

Ich spazierte auf der gegenberliegenden Straenseite auf und ab und
wartete, bis die Glocke zwlf schlug. Darauf machte ich mich wieder auf
den Weg und dachte, sie habe am Ende das Kasino gar nicht verlassen. Als
ich in die Wilhelmstrae einbog, rasselte eine Droschke an mir vorber
und blieb etwa zweihundert Schritte weiter stehn, ungefhr in der Mitte
des Wegs zwischen mir und dem Kasino. Es stieg ein Herr aus, und der
Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Der Herr kam mir auf demselben
Trottoir entgegen, und ich erkannte den Fabrikanten aus Berlin. Er trug
einen Zylinder und rote Handschuhe. Sein fettes Gesicht hatte einen
angestrengt berlegenden Ausdruck, und seine Lippen waren wie zum
Pfeifen gespitzt. Niedergeschlagen, ohne recht zu wissen, weshalb,
wandelte ich noch ziemlich lange Zeit auf den Straen herum. Als ich
dann wieder den Ballsaal betrat, erfuhr ich, da Westermarks schon nach
Hause gefahren seien. Dies beschwichtigte mich einigermaen.

Als ich am folgenden Nachmittag zu Aurora kam, fand ich sie lesend. Sie
hatte unter alten Sachen gekramt und ein Stammbuch aus ihrer Mdchenzeit
entdeckt. Ich beugte mich ber sie und sah, da ihre Blicke auf einen
Vers gerichtet waren, der in grovterischen Schriftzgen ein vergilbtes
Blatt bedeckte. Er lautete:

    Mit einer Blume zu spielen, ist dir erlaubt,
    und sie zu pflcken.
    Mit einem Herzen, das du geraubt,
    sollst du nicht tcken.
    Vergi nicht, o Mann, o Weib,
    Herz, das sich schenkt, ist Gottes Leib.

Ein hbscher Spruch, sagte ich. Aurora schaute mich geistesabwesend
an. Sie ergriff meine Hand und hielt sie fest. Ihre Finger waren hei.
Ihr Wesen war so gemsenhaft scheu und so bedrngt, da ich den
Augenblick sehnlich herbeiwnschte, wo ich ihr zurufen konnte: du bist
erlst. Sie hatte viel Gesichter und jeden Tag zeigte sich mir ein
neues. Htte sie nur ein einziges Gesicht besessen, so htte ich
vielleicht ergrnden knnen, was in ihr vorging; aber von der
hinschmelzenden Schwermut bis zur Trunkenheit des Vergngens alle
Verwandlungen mitzuerleben, hatte ich kein Talent. Ich htte lernen
mssen zu sehen, bevor ich sie liebte.

Endlich brachte ich es ber mich, sie zu fragen, wo sie gestern whrend
des Balles gewesen sei. Ihr Gesicht verfinsterte sich erschreckend.
Bedeutet dies Mitrauen? flsterte sie langsam. Ich schttelte den
Kopf. Hast du denn gar keine Geheimnisse? fragte sie in derselben
dstern Weise. Gar keine, antwortete ich. Aber ich, fuhr sie fort,
ich habe Geheimnisse, und auch die sollst du lieben. Bin ich nicht mit
meinem ganzen Dasein so und soviel tausend Zuschauern offenbar? Wenn ich
kein Geheimnis htte, mte ich sterben. brigens magst du wissen,
fgte sie hinzu, da gegenwrtig ein ehemaliger Freund von mir in der
Stadt weilt, ein Mensch, dem ich einst viel zu verdanken hatte, der aber
meine Dankbarkeit jetzt ausbeutet. An Bedrckern hat es mir nie gefehlt.
Aber von alledem sprechen wir ein andermal. Ein andermal? versetzte
ich mit stockender Stimme. Ja, ein andermal, bekrftigte sie mutig
oder auch gedankenlos. Sie nherte sich mir, legte ihre Hnde auf meine
Wangen und flsterte: Ach, wir werden viel beieinander sein mssen,
damit ich dir alles, alles sagen kann. So verstand sie es, mich zu
beunruhigen und mich sicher zu machen mit ein und derselben Rede.

Als es zu dunkeln begann, gingen wir gegen den Flu hinaus spazieren. Es
war dies ein einsamer Weg, wo selten jemand zu sehen war. Da wir uns am
folgenden Tag nicht sehen wollten, verabredeten wir alle Einzelheiten
des mrderischen Vorhabens. Aurora gab mir den Schlssel zur
Gartenpforte. Der Hund, der whrend der Nacht im Garten frei war,
brauchte keine Sorge fr mich zu sein, denn das Tier kannte mich, die
beiden Jagdhunde wurden nachts in den Verschlag neben den Keller
gesperrt. Den Hausschlssel knne sie mir nicht geben, sagte Aurora, es
sei nur ein einziger vorhanden, und den habe ihr Mann. Sie wollte an der
Rckseite der Villa das Flurfenster offen lassen, dort sollte ich
einsteigen und mich der Stiefel entledigen, bevor ich ins Schlafzimmer
des Majors ging, das er unversperrt zu lassen pflegte. Da sie keinen
Hausschlssel besa, war eine Lge, davon konnte ich mich selbst
berzeugen, ehe zweimal vierundzwanzig Stunden vergingen. Den Grund
dieser Lge vermag ich allerdings auch jetzt noch nicht einzusehen.
Vielleicht wollte sie die Vorbereitungen abenteuerlicher machen, oder,
was wahrscheinlicher ist, sich vor berraschungen sicherstellen. Dies
schlug fehl durch meine aufrichtige Entschlossenheit.

Ich gestehe, da mich schauderte. Aber ich war ja schon verdammt durch
den Willen. Die Ausbung war nur noch eine mechanische Folge fr mich.
Aurora verwunderte mich dann und wann durch eine Miene des Staunens und
eine mir unerklrliche, neugierige Spannung. Whrend des Rckwegs jedoch
blieb sie bei einer Weide stehn, strich mit ihren Hnden den Schnee von
einem Ast und warf sich pltzlich, erst lachend, dann weinend an meine
Schulter.

In welcher Verfassung ich den nchsten und den bernchsten Tag
verbrachte, ist zu beschreiben unmglich. Wozu sollte ich auch dabei
verweilen. Erst im Gefngnis habe ich erfahren, da der Major gerade an
jenem Sonntag sein Geburtsfest feierte und da ihn Aurora mit einer
neuen Jagdflinte, einem neuen Portefeuille und einem Paar von ihr selbst
gestickter Pantoffeln beschenkte. Gleichfalls habe ich erfahren, da sie
ihm, wie das Stubenmdchen aussagte, schon am Morgen die Erlaubnis
abschmeichelte, den Abend auer Haus verbringen zu drfen, bei einer
Freundin, die aus Stettin gekommen sei. Um zwei Uhr nachmittags schickte
sie den Burschen des Majors mit einem Brief in meine Wohnung. In diesem
Brief standen nur die Worte: Aufschieben. Grnde mndlich. Ich bekam
aber den Brief nicht mehr in die Hand, und das war ein Unglck. Ich war
um zwlf Uhr zum letztenmal in meinem Zimmer gewesen, hatte Zivilkleider
angelegt, den Revolver zu mir gesteckt und war ber Land gegangen. Ich
hatte mir vorgenommen, nicht mehr nach Hause zurckzukehren, denn mir
graute vor den vier Wnden. Dies war, wie gesagt, ein Unglck.

Die schrecklichste Unruhe trieb mich drauen ber Landstraen, durch
Wiesen, cker und Wlder. Ich war todmde, als ich spt abends in die
Stadt zurckkam, aber mein Kopf war klar. Um dreiviertel zwlf stand ich
vor dem Gartentor der Villa. Im Zimmer des Majors brannte kein Licht
mehr. Ich wute, da er sich tglich um elf Uhr zur Ruhe begab, denn des
Morgens war er der erste Offizier in der Kaserne. Ich sperrte die
Gartentr auf, und als ich nach der Rckseite des Hauses ging, folgte
mir der groe Bernhardinerhund mit freundlichem Wedeln seines Schweifes.
Als ich das bezeichnete Fenster, entgegen der mit Aurora getroffenen
Verabredung, fest zugeschlossen fand, stutzte ich. Eine Weile war ich
ratlos. Ich zog aus dem Umstand nicht den vernnftigen Schlu, den ich
htte ziehen sollen. Ich beschlo zu tun, was die Diebe und Einbrecher
tun. Mit der pelzbehandschuhten Hand prete ich so lange an das Glas,
bis es sprang. Die Jagdhunde im Verschlag fingen an zu bellen, da sich
aber sonst nichts regte, entfernte ich mit Bedachtsamkeit die Scherben,
ffnete den Innenriegel und stieg ein. Ich hatte Gummisohlen an den
Stiefeln und stieg unter dem fortwhrenden Geklff der Hunde die Treppe
hinan bis zum Schlafzimmer des Majors, in das ich ohne zu zgern
eintrat. Es war eine ziemlich strmische Mondscheinnacht, und obgleich
der Mond hufig durch Wolken verdeckt wurde, fiel doch durch das
unverhngte Fenster Licht genug, da ich den Major sehen konnte. Er
hatte eine Mtze auf dem Kopf und schnarchte laut. Er erschien mir sehr
dick. Dicke Menschen waren mir von jeher zuwider, und in diesem
Augenblick empfand ich nur die rein tierische Abneigung gegen den Mann.
Als ich neben das Bett trat, gewahrte ich auf dem Nachtkstchen ein
Buch, und ich konnte im Mondlicht ohne Mhe den Titel auf dem bunten
Umschlag lesen. Es waren Lederstrumpfs Erzhlungen. Einfltig und
lcherlich kam es mir vor, da ein Soldat in den Jahren des Majors
solches Zeug zur Abendlektre whlte; aber diese Betrachtung lie mich
nur um so mehr spren, wie schndlich es sei, einen Mann im Schlafe zu
tten. Einer derartigen Regung fhlte ich mich nicht gewachsen, ich
legte meine linke Hand auf die Schulter des Majors, in der rechten hielt
ich den Revolver. Der Major wachte sofort auf und sah mich stier an.
Nehmen Sie einen Revolver, sagte ich kalt, wir mssen uns auf der
Stelle schieen. Seine Augen rollten furchtsam im Kreis, und es war,
als verstehe er mich nicht. Ich wiederholte meine Worte. Er fing an zu
murmeln; ich schnitt ihm die Rede ab und wiederholte meine Worte. Er
schttelte sich ein wenig und sprach jetzt deutlich, ich hrte nichts
und wiederholte abermals meine Worte. Pltzlich sprang er auf, die
andere Seite des Bettes war ebenfalls wandlos, er taumelte aus dem Bett
und schrie mit heiserer Stimme um Hilfe.

Da scho ich. Ich scho zweimal. Er streckte gleich darauf die Arme in
die Luft und strzte zu Boden. Ich nherte mich ihm und sah, da er tot
war. Es rann mir eisig durch alle Glieder. Ich verlie das Zimmer und
ging ber den Korridor hinber zu Auroras Schlafgemach. Sie mute die
Schsse gehrt haben. Was jetzt? fuhr es mir durch den Kopf; das
bestndige Geheul der Hunde machte mich rasend. Ich hatte mir das
Nachher ganz und gar nicht vorgestellt, aber da ich mich nun
gemtsruhig entfernte, um zu warten, bis am Morgen die Untat, als von
einem Unbekannten verbt, entdeckt wurde, das ging nicht an. Ich fhlte,
da ich sterben msse, und es entstand in mir der Wunsch, da Aurora mit
mir sterben mge. Wie ward mir aber, als ich Auroras Zimmer leer fand
und ihr Bett unberhrt! Ich schritt der Reihe nach durch alle Zimmer des
Stockwerks, und die wohlbekannten Mbel und Bilder blickten mich an, wie
lebendige Dinge. Indes ich wie ein Gespenst dort herumirrte, vernahm ich
das Rollen eines Wagens auf der Strae. Ich stand gerade wieder auf dem
Korridor, welcher auf eine Tr zulief, die gegen einen kleinen
Gassenbalkon oder Vorbau fhrte. Diese Tr ffnend, trat ich hinaus und
kam eben recht, als der Wagen vor der Gartenpforte hielt. Durch die
kahlen Baumzweige hindurch konnte ich sehen, da Aurora ausstieg. Ich
erblickte aber noch jemand im Wagen, ein Gesicht erschien am Fenster,
das ich wohl erkannte. Aurora blickte flchtig am Haus empor, aber nicht
dorthin, wo ich stand, sondern gegen die Seite, wo des Majors Zimmer
war. Darauf beugte sie sich noch einmal in den Wagen, ich sah einen
roten Handschuh auf ihrem Arm und ich hrte sie flstern und lachen.
Gott! ich hatte kaum mehr die Kraft zu stehen, ich sprte, da mich die
Blsse berstrmte wie Sand. Treunitz! Treunitz! schrie es in mir, du
hast verspielt.

Aurora war inzwischen ins Haus gegangen, den Schlssel hatte ich in
ihrer Hand blinken gesehen, ihre Schuhe schlrften auf den Steinfliesen
im untern Flur, dann knarrte eine Tr, dann wieder eine. Ich ging in den
Flur, blieb aber in der Ecke stehen. Aurora kam mit den beiden
Jagdhunden die Stiege herauf. Sie hielt die Tiere, die sich wie toll
gebrdeten, fest an der Leine. Wahrscheinlich hatte das unaufhrliche
Gebell Furcht in ihr erweckt, und sie hatte den Verschlag geffnet, um
die Hunde mitzunehmen. Sie gewahrte mich nicht, sie ging in ihr Zimmer.
Ich hrte, wie sie mit beinahe wilden Lauten die Hunde zu bndigen
suchte, was ihr jedoch nicht gelang. Ich kehrte unterdes zum Zimmer des
Majors zurck, blieb aber auf der Schwelle stehen. Jetzt trat Aurora mit
der Kerze auf den Flur, sie hatte noch den Hut auf, der lange Schleier
hing zu beiden Seiten herunter wie zwei blaue Fahnen. Die Hunde, der
Leine entledigt, strzten an mir vorber in das Zimmer des Majors. Sie
blieben an der Leiche stehen und verbellten den toten Mann wie ein im
Feuer verendetes Stck. Aber auf einmal wurden sie alle beide still und
winselten nur noch. Aurora schaute mit kaltem Blick in den Raum, dann
mit demselben kalten Blick auf mich und fragte mit dem seltsamsten
Gleichmut: Was hast du denn da gemacht? Und als ich schwieg, fuhr sie
mit genau derselben matten und unbewegten Stimme fort: Er ist wohl
tot? Und als ich abermals schwieg, begann sie wieder: Warum hast du
denn das getan?

Im ersten Augenblick glaubte ich den Verstand verloren zu haben. Ich
konnte kein Wort aus meiner Kehle pressen, meine Zhne rieben sich
hrbar aufeinander, und ich mute das unbegreifliche Weib nur immerfort
anstarren. Sie blickte sich noch einmal um, etwa wie wenn man in einem
Museum Bilder anschaut, dann pfiff sie den Hunden und ging. Die Hunde
folgten nicht, sie hrten nicht auf zu winseln. Da entfernte sie sich
allein. Sie ging in ihr Zimmer. Ich blieb wie versteinert auf meinem
Platze, die beiden Tiere zu sehen und zu hren, war mir pltzlich das
hellste Grauen. Ich fing an zu zittern und wute nicht, woran ich denken
sollte. Ich wei nicht mehr, wieviel Zeit verflossen war, mglich eine
halbe Stunde, mglich eine ganze, als ich mich entschlo, in Auroras
Zimmer zu gehen. Die Tre war unversperrt. Aurora war im Bett, die
brennende Kerze stand noch auf dem Nachttisch. Im Zimmer selbst war die
grte Unordnung, Kleider und Wschestcke lagen umher, eine kleine
Reisetasche stand, wie zum Gepacktwerden, offen auf einem Stuhl. Ich
blieb am untern Bettpfosten stehn und fragte Aurora, ob sie es denn
nicht gewollt habe. Aus den Kissen heraus antwortete sie: La mich
jetzt schlafen. Um Gotteswillen! flsterte ich. Da erhob sie den Kopf
und fragte kalt, ob ich das Billett nicht erhalten habe. Was fr ein
Billett? fragte ich. Sie sah mich unwillig an, lachte pltzlich und
sagte fast verchtlich und als ob ich ihr vllig fremd sei: Gehen Sie
hinaus und lassen Sie mich schlafen. Es schickt sich nicht, da Sie bei
meinem Bette sind. Mit diesen Worten blies sie die Kerze aus, und ich
hrte sie wieder leise ins Kissen lachen.

Ich begriff es nicht. Ich htte begriffen, wenn sie zornig, wenn sie
wtend, wenn sie verzweifelt gewesen wre, ich htte alles begriffen,
aber dies begriff ich nicht. Mir war es, als ob aus einer schnen
Verkleidung ein Unhold hervorgetreten wre, ein bestialisches Gebilde,
ein grinsendes Affenwesen, wie es dermaen furchtbar die Welt noch nicht
erblickt. Ich tastete mich hinaus, das Entsetzen lag mir in allen
Gliedern. Auf dieselbe Weise, wie ich gekommen war, mute ich auch das
Haus verlassen. Nachdem ich das Gartentor aufgesperrt und hinter mir
zugeklappt hatte, warf ich den Schlssel ber den Zaun zurck. Es war
ein Uhr, als ich nach Hause kam. Auf dem Tisch lag Auroras Brief. Ich
ffnete ihn nicht. Es war mir alles zum Ekel und alles rtselhaft. Ich
legte mich erschpft aufs Bett und schlief bis sieben Uhr. Als mein
Bursche kam, beauftragte ich ihn, eine Droschke zu holen, und zog
unterdes die Uniform an. Ich fuhr in die Kaserne und wartete in der
Kanzlei auf den Obersten. Er erschien erst gegen neun Uhr; er war bleich
und fragte mich, ob ich schon wisse. Die Ermordung des Majors war
bereits in der Stadt bekannt. Ich bat ihn um ein Wort unter vier Augen.
Mein Gestndnis machte seinem wohlwollenden und gegen mich stets
vertraulichen Wesen ein schnelles Ende. Ich mute den Degen abliefern
und wurde sogleich inhaftiert. Dies alles war von keinem Belang mehr fr
mich. Ich wurde gefragt, ob ein Zweikampf beabsichtigt gewesen sei. Ich
verneinte, wei aber kaum, warum. Ich htte meine Verteidigung darauf
bauen knnen, ich tat es nicht. Ich htte ja dem Major eine zweite Waffe
in die Hand drcken knnen, bevor ich das Haus verlie. Ich tat es
nicht, weil es mir gleichgltig war. Ich erfuhr von der Verhaftung
Auroras, von dem Erstaunen und dem Schrecken, den meine Tat berall
erregte, und auch dieses war mir gleichgltig. Am andern Morgen besuchte
mich der Oberst, fragte, ob ich vor dem Transport ins Militrgefngnis
noch etwas zu ordnen htte, legte ein Terzerol auf den Tisch und stellte
sich ans Fenster. Ich tat nicht, was er erwartete. Er entfernte sich
ohne Gru. Die Kameraden glaubten, da ich aus Feigheit unterlassen
habe, ein Ende zu machen, aber dem ist nicht so. Ich habe nichts vom
Feigling in mir. Ich war blo regungslos in meinem Innern. Ich war ganz
wie aus Blei. Ich grbelte bestndig ins Finstere hinein. Erst mit dem
Verlauf vieler Tage kam ich wieder zur Besinnung. Ich fing an, meine
Beichte dem Papier anzuvertrauen. Ich hinterlasse sie der geringen Zahl
meiner Freunde. Es ist mir nun klar, da mich die Menschen fr schuldig
halten und da ich zu sterben die Pflicht habe. Ich selbst, ich kann
nicht sagen, ob ich mich schuldig fhle oder nicht. Ich kann es nicht
sagen. Aurora hat es ja gewollt. Um meiner Mutter willen bitte ich um
ein anstndiges Begrbnis.

Und nun geschehe, was geschehen mu.




Hilperich


                                Ein Schiffer fhrt den dunklen Strom
                                Hinunter ohn Bedacht.
                                Die Lfte ruhn, das Wasser schweigt,
                                Und mhlig wird es Nacht.


Kanzlist Johann Querschneider zu Nrnberg, ein seltsamer Kauz, ein
Hungerleider doch nach Diogenes' Art, erzhlt:

Vierundzwanzig Jahre sind seit meines Vaters Tod verflossen. Ich bin ein
uneheliches Kind und fhre den Namen meiner Mutter. Bis zu meinem
zweiundzwanzigsten Jahr wute ich von meinem Vater nichts, nicht einmal
ob er lebte. Ich hatte mich nicht sonderlich dafr interessiert; Gott
wei aus welchem Grund ich stets darber hinweg dachte. Meine Mutter
verfuhr in diesem Punkt sehr kategorisch. Wenn ich fragte, so lachte sie
mir ins Gesicht. Ich zerbrach mir nicht den Kopf, sondern lebte so hin,
nicht schlechter und nicht besser als andere; Geld hatten wir wenig,
litten aber keinen Mangel. Meine Mutter bezog irgendwoher eine kleine
Pension, besorgte Nhereien fr einige Brgersfrauen im Bezirk, und ich
selbst war beim Amtsgericht als Schreiber angestellt.

Ich lebte also und beschftigte mich nach meiner Art. Bis zu meinem
zweiundzwanzigsten Jahr wie gesagt. Da ereignete es sich eines Morgens
im Frhling, ich ging gerade zum Amt, da ich im dsteren Korridor
unseres uralten Gerichtsgebudes ein junges Mdchen stehen sah, welches
forschend und unruhig den langen Gang bald hinauf, bald hinunter
blickte. Ich trat zu ihr hin und fragte unverhohlen nach ihrem Begehren.
Sie antwortete etwas in italienischer Sprache, und da ich sie nicht
verstand, schttelte ich den Kopf und ging langsam meiner Wege. Das ist
ein teuflisches Frauenzimmer, sagte ich mir, denn ich hatte im Leben
Schneres nicht gesehen. Voller Gedanken kam ich in die Amtsstube und
setzte mich an meinen Tisch. Drei Personen von den Parteien waren schon
anwesend. Der Diener schrie in den Flur hinaus: Bianca Spinola! und
das schne Mdchen trat ein.

Die Verhandlung betraf einen schwierigen und absonderlichen Fall. Der
alte Rat Hilperich (ein Mann, den jedes Kind auf der Strae kannte, und
dessen abenteuerliche Vergangenheit den Gegenstand vieler Erzhlungen
bildete) war auf den Einfall gekommen, eines seiner unehelichen Kinder,
ein junges Mdchen aus dem Trentino, an einen Bankbeamten zu
verheiraten. Alles war schon im besten Zug gewesen, die jungen Leute
selbst im Einvernehmen, als pltzlich die Mutter des Beamten mit Zeter
und Mordio erschien: der junge Ehekandidat sei gleichfalls ein Kind
Hilperichs. Was der alte Herr vorerst grndlich bestritt. So kam die
Sache vors Gericht und bildete lange Zeit das Gelchter der amtlichen
Personen und der ganzen Stadt. Mit Neugierde sah ich den alten Mann an,
der nun vor dem Richter erschienen war. Sicherlich zhlte er mehr denn
siebzig Jahre, obwohl seine blauen Augen strahlend und lebhaft waren.
Seine hagere und etwas gebogene Gestalt hatte etwas Majesttisches, und
dieser Eindruck wurde verstrkt durch das Trotzige, Verbissene,
Verchtliche seines Gesichtes. Wenn unter den zusammengezogenen Brauen
die Augen verschwanden und die verkniffenen, schmalen Lippen sich hinter
dem weien Bart wie hinter dnnem Buschwerk versteckten, mochte man wohl
Furcht empfinden, und das rote Gesicht, das vom Alter weniger versengt
schien als von den Leidenschaften, konnte man nicht leicht vergessen.
Das ist also der alte Hilperich, dachte ich mir und mute gleichzeitig
lcheln, weil ich sah, da die Sonne auf die schwarze Kappe und den
schwarzen Bart des Richters ein goldenes Emblem gemalt hatte. Das alles
sehe ich noch deutlich. Auch den hbschen und verschwiegen aussehenden
jungen Mann, den Bankbeamten; er hatte eine Narbe mitten auf der Stirn.
Dann seine Mutter, eine sehr dicke Frau, welche fortwhrend
Schokoladestckchen aus der Tasche zog, wodurch aber die Redekraft ihrer
Zunge keineswegs verringert wurde. Dann das junge Mdchen, aber von
diesem will ich jetzt nicht reden. Der Richter wiegte den Kopf, fragte
dies und jenes, und seine Klugheit war bald erschpft.

Ich wei nicht mehr, wie ich daheim beim Mittagessen die Sprache auf den
alten Hilperich brachte. Ich erzhlte die ganze Geschichte, die mir sehr
belustigend erschien. Meine Mutter aber verlor sofort ihr munteres
Wesen, wurde nachdenklich und entfernte sich vom Tisch. Der Zufall fgte
es -- ich bin alt genug geworden, um das Wort Zufall nicht ohne ein
Gefhl von Andacht hinzuschreiben -- da ich an demselben Tage der jungen
Trentinerin wieder begegnete. Wir trafen uns nmlich beim Krmer, wo sie
fr ein Gewrz, das sie kaufen wollte, den deutschen Ausdruck nicht
wute. Ich machte nun den Dolmetsch, und zwar auf die komischste Weise
der Welt, denn ich verstand ja selber nichts von der fremden Sprache.
Ich schleppte alles herbei, was in dem Laden zu finden war, und stapelte
es vor der schnen Dame auf, wie man einem fremden Monarchen etwa die
Reichtmer eines Magazins zeigt. Es gab ein groes Gelchter, und der
Krmer selbst, der mein guter Bekannter war, fand sich bei dem Spa am
besten amsiert.

Da die junge Bianca, wie ich mit Mhe erfuhr, in der Nhe wohnte,
begleitete ich sie nach Hause, und es verursachte uns weiterhin groes
Vergngen, uns zu verstndigen. Unsere Miverstndnisse waren so heiter,
da eins das andere bertraf und wir gewi mehr davon hatten, als von
einer regelrechten Unterhaltung. Ich sah, da sie ein Mdchen aus dem
Volk war, und da es nicht schwer fiel, sie heiter zu stimmen und ihr zu
gefallen. Ja, ich gefiel ihr, und meine drollige Zeichensprache, mein
Murmeln und Kauderwelsch trieben Trnen des Lachens in ihre schnen
Augen.

berflssig, von all den Einzelheiten zu erzhlen; nicht lange darauf
konnte ich Bianca mit meiner Mutter bekanntmachen. Meine Mutter
erinnerte sich sofort daran, was ich ihr von jener Verhandlung erzhlt
hatte. Sie fhrte mich beiseite und fragte mich sehr ernst, ob das jene
Bianca Spinola sei. Mein unbefangenes Ja machte sie noch ernster und
feierlicher, so da ich besorgt zu werden anfing. Aber ich wute nicht,
was ich daraus machen sollte. Am folgenden Morgen, es war ein Sonntag,
gebot sie mir, mich sorgfltiger als sonst anzukleiden, denn ich war
immer ein wenig nachlssig darin. Sie nahm mich also wie einen
Schuljungen mit sich und fhrte mich zu einem alten Haus in der
Pfannenschmiedsgasse. Wir stiegen zwei knarrende Treppen empor, und
meine Mutter zog die Klingel. An der Art ihrer Gebrde sah ich, da ihr
Gemt heftig bewegt war, und ich fragte sie darum. Aber sie gab mir
keine Antwort. Mein Erstaunen wuchs, als ich das Porzellanschildchen an
dem gelben, staubigen Gitter sah, welches den Korridor von der Stiege
trennte. Hilperich las ich; aber ehe ich meine Mutter von neuem fragen
konnte, erschien eine Bedienerin. Meine Mutter zog einen Brief aus der
Tasche und sagte, sie wolle auf Antwort warten. Die Frau fhrte uns in
ein groes, leeres Zimmer, welches nichts als einen Spiegel und ein
paar Sthle enthielt. Vor dem Spiegel stand ein dnner Mann mit einer
Glatze und richtete sich eine rote Krawatte. Unser Eintreten strte ihn
nicht im mindesten; ich war erstaunt, denn nie hatte ich ein so
verhungertes, grmliches und furchtsames Gesicht gesehen.

Die Bedienerin kam alsbald zurck und bat meine Mutter, ihr zu folgen.
Wieder verging eine Weile, whrend ich sa und lauerte und mir den Kopf
zerbrach ber das, was vorging. Der dnne Mann stelzte komisch vor mir
auf und ab, murmelte und schielte mich von der Seite an, so da ich
lachen mute. Endlich ffnete sich die Tre, der alte Rat kam heraus,
fate mich schnell ins Auge, schritt auf mich zu, nahm meinen Kopf
zwischen seine beiden Hnde, verkniff seine Lippen streng, nickte und
kte mich auf die Stirn. Im Rahmen der Tr stand meine Mutter und sagte
mit ganz verweintem Gesicht: Johann, das ist dein Vater. Immer
sonderbarer wurde mir zumut, und das Sonderbarste war mir wohl in diesem
Augenblick, da mein Freund mit der roten Krawatte ganz ruhig weiter
auf- und abstelzte, als ob er daran gar nichts Aufflliges fnde oder es
lngst vorausgesehen htte. Es ist wahr, das Wort Vater machte in diesem
Augenblick keinen Eindruck auf mich, aber wer will mir das verbeln? Ich
erinnere mich, da ich fr meine Mutter ein unbestimmtes Mitleid empfand
und da ich mich im brigen weit weg wnschte. Auch war ich erstaunt und
verlegen und wurde es immer mehr, so da mir der Schwei auf die Stirne
trat.

Ich erinnere mich, da meine Mutter und der alte Mann einander noch
lange Zeit gegenbersaen und ber die Vergangenheit plauderten. Der Rat
Hilperich, den ich nicht einmal in Gedanken Vater zu nennen wagte, blieb
dabei gelassen, ja sogar ein wenig spttisch. Es fiel mir auf, da die
fernliegendsten und vergessensten Dinge ihm so nahe schienen wie die
Gegenwart. Er sprach nicht wie ein alter Mann und nicht wie ein junger
Mann, sondern als ob er ein Gebieter ber die Zeit und ber die Jahre
wre, und als ob es fr ihn kein Verschwinden gbe. Das ist mir freilich
jetzt viel deutlicher als damals; denn ich habe ja erst durch ihn
gelernt, was menschlich ist, abzuwgen.

Die Rede kam auch auf mich, auf meinen Beruf und meine Beschftigung.
Die Mutter rhmte meine Fhigkeiten; ihre Augen glnzten dabei, als ob
sie von etwas Groem sprche, und ich mute lachen. Das schien meinem
Vater zu gefallen. Er nahm meine Hand, ttschelte sie ein wenig und sah
mich halb liebevoll an und halb wie einen seltsamen Zwerg. Pltzlich
aber sprang er auf und kreischte mit einer zerbrochenen, gehssigen
Stimme: Mittelmann, scheren Sie sich zum Teufel! Und der schweigsame
Spaziergnger machte sich wie ein armer Hund auf die Beine. Mein Vater
lachte uns triumphierend an und wandte sich dann unvermittelt zu mir. Er
habe viele Schreibereien, sagte er, und brauche einen, dem er sein
ganzes Vertrauen schenken knne. Er glaube, da ich nicht auf den Kopf
gefallen sei, denn ich sei ja von seinem Blut. Wenn es mir recht sei,
mge ich tglich zwei Stunden zu ihm kommen; es wre nicht umsonst, und
meine Stelle beim Amt knne ich ja behalten. Ich erklrte mich bereit,
und meine Mutter fing sogleich vor Freude wieder zu weinen an. So
entlie er uns.

Am andern Morgen brachte ein Dienstmann ein herrliches Geschenk fr
meine Mutter, eine Stehlampe, deren glserne Kugel von zwei nackten
Frauen getragen wurde. Das war ein zarter Beweis fr die Gesinnungen
meines Vaters, und mit Genugtuung trat ich den Weg zu seinem Hause an.
Ich war so in Nachdenken verloren, da ich beinahe berfahren worden
wre. Bestndig sah ich mich an einem Wendepunkt meines Schicksals, das
sich glnzend vor mir aufrollte.

Ich fand meinen Vater in seinem Wohnzimmer. Er war in Unterhosen,
betrachtete mich komdiantisch forschend, mit seinem gewohnheitsmigen,
halb grinsenden Lcheln, doch mit ernst blitzenden Augen. Man hatte ihm
gegenber das Gefhl, da man stets scharf beobachtet war, und da
nichts seiner Beobachtung entging. Alles an ihm war voll Leben und
Lebendigkeit trotz seiner schlottrigen, mageren, bauflligen Gestalt.
Das Zimmer war vernachlssigt und unordentlich. Keine Bilder schmckten
die Wnde. Neben dem Bett hing ein riesenhaftes Lschblatt, vom Gebrauch
schwarz marmoriert, und auf dem Boden stand ein Schreibedeckel neben
einem eisernen Tintenfa, denn mein Vater pflegte im Bett zu schreiben.
Wschestcke, Briefe und Schachteln lagen umher; auf einer gelben
Kommode pendelten zwei Uhren, von denen die eine Mitternacht oder
Mittag, die andere fnf Uhr wies.

Mein Vater hie mich sogleich vor dem Schreibtisch Platz nehmen und
diktierte mir eine ziemlich unverstndliche Abhandlung, welche, wenn ich
mich recht entsinne, Kultur und Mode hie. Spter erfuhr ich, da er
dergleichen viel schrieb, und manches, was mir recht berflssig vorkam.
Er tat es fr Geld. Das war mir im Anfang unerklrlich, denn ich wute
nicht nur, da er ein schnes Privatvermgen besa, sondern auch, da er
das Geld verstreute, als ob es Kleie wre. Er besah es nicht, sondern
gab hin, nach allen Seiten. Dabei lebte er selbst in strenger
Einfachheit, war gengsam wie ein Bauer, stand mit der Sonne auf, im
Winter und im Sommer. Bald, bald erfuhr ich, wohin das viele Geld
wanderte. Aber darber lat mich vorerst nicht reden. Damals verwirrte
es meinen Sinn wie vieles andere Neue, und heute noch, in der
Erinnerung, bewegt es mich sehr. Einmal, whrend ich bei ihm schrieb --
es war immer noch ber Mode und Kultur, denn das ging von Adams Zeiten
an -- kam ein Brief mit der Post. Mein Vater las ihn, und sein Gesicht
zeigte dabei Zorn und Ha. Da! herrschte er mich an und warf das
zusammengefaltete Papier vor mich hin. Ich schlug es auseinander und
berflog ein Schreiben voller Vorstellungen und Vorwrfe; Religion
bildete die Quelle der Beredsamkeit, so da bisweilen der Ton etwas
Prophetisches und Salbungsvolles hatte. Zum Schlu wurde der verderbte
Greis flehentlich gebeten, in den Scho der Kirche zurckzukehren.

Ich hatte von der geschiedenen Ehe meines Vaters munkeln hren. Dieser
Brief war von seiner Frau. Sie verdummt in den Hnden der Pfaffen, sagte
der Alte bitterbse zu mir; aber zugleich nahm ich einen traurigen
Ausdruck in seinem Gesicht wahr, der mir naheging. Er schickte mich an
diesem Tag fort. Als ich am folgenden Tag wiederkam, schenkte er mir
eine wunderschne, goldene Uhr -- fr meine Dienste, wie er sich
ausdrckte, hie mich jedoch abermals gehen. Als ich durch den Korridor
schritt, sah ich ein Mdchen von nicht mehr als fnfzehn Jahren, die
voll Unbefangenheit in Blick und Miene an mir vorberging, in die
Wohnung meines Vaters. Sie war sehr elegant gekleidet, doch hatte man
gleich den Eindruck, da dies etwas Selbstverstndliches an ihr war. Ich
schaute ihr neugierig, fast freudig nach, und die Freude an meinem
Geschenk lie mich ihre flchtige Erscheinung doch nicht vergessen.

Als ich nach Hause kam, traf ich zu meinem Erstaunen Bianca Spinola bei
uns. Sie war auf Gehei meines Vaters gekommen, wie ich hrte; sie solle
nur mit uns Umgang suchen, hatte er gesagt. Ich lachte und erwiderte,
da es wie in einer trkischen Familie sei, aber im Grunde fand ich
etwas Wohliges und Geheimnisvolles in der neuen Verwandtschaft von
fernher. Bianca Spinola sprach schon viel besser deutsch; ihr
Radebrechen entzckte meine Mutter. Ich selbst fhlte mich gehobener
durch ihre Gegenwart, doch ohne die frhere Bewegtheit; auch war mein
Kopf voll von Gedanken. Ich zeigte meine prchtige Uhr, die eitel
Bewunderung weckte, und wir waren herzhaft vergngt den ganzen Abend
ber.

Ich wei nicht mehr recht, ob es der darauffolgende Tag war, an dem ich
von Mittag bis zum Abend bei meinem Vater Briefe schrieb. Ich erinnere
mich nur, da es drauen strmte und regnete und gewitterte. Mein Vater
sa an der Seite des Tisches und diktierte. Er schien eine groe
Vermgensordnung im Sinn zu haben, denn in allen Briefen war davon die
Rede; auch zeigte die ganze Art meines Vaters wohlerwogene Entschlsse.
Meines Vaters ... An diesem Tag wurde mein Gehirn aufgeweckt, und ich
sah mich nur als ein Krnchen unter vielen. Ich sah einen wahren
Stammvater vor mir, dessen langes Leben, ein Leben, welches er noch
nicht fhlte, in der Erzeugung von Kindern verflossen war. Freilich
damals war es mir nur wie ein Schauer; heute verstehe ich. Jeder Brief
war entweder an einen Sohn oder an eine Tochter oder an eine frhere
Geliebte gerichtet, die jetzt alterte und arm war, und der er ein
Scherflein zukommen lie. Hier gab er Ratschlge und ermunterte, dort
setzte es eine Strafpredigt; im Norden und im Sden, so schien es, hatte
seine Jugend die gleichen Erfolge aufzuweisen gehabt, und in der Heimat
selbst erblhte krftig der junge Nachwuchs aus seinem Blut. Manchmal
hatten mir Leute gesagt, da Frstinnen und Prinzessinnen von Liebe zu
ihm geplagt worden seien, ja, da eine gewisse Herzogin, nun schon bei
hohen Jahren, oftmals ein Plauderstndchen beim alten Hilperich einhole.
Das hatte man mir erzhlt, und ich leugne nicht, da ich dazu ein
unglubiges Gesicht aufgesetzt hatte. Jetzt wurde mir die Zeit zur
Lehrerin, und ich verlachte meine eigene Zweifelsucht. Ich erfuhr
freilich im Lauf der Zeit, da mein Vater einst eine groe Rolle
gespielt habe. Der Hof und das Volk htten gleichermaen Vertrauen in
ihn gesetzt; jener htte seinen Kopf, dieses sein Herz zu wrdigen
gewut, und beide seien auf ihre Rechnung gekommen. Im Revolutionsjahr
soll er der Regierung wichtige Dienste geleistet haben, und man sagte,
da er auf die Neugestaltung unseres Strafgesetzes den grten Einflu
ausgebt htte. Ich erwhne alles dies mit ngstlichkeit, denn ich kann
nicht dafr brgen. Aber zwei Umstnde will ich noch anmerken, die fr
meine Augen ein Licht ber meines Vaters Leben verbreiteten. Einmal
zeigte er mir ein lgemlde, das ihn selbst in seinen jungen Jahren
darstellte. Man konnte nichts Liebenswrdigeres sehen! Um die Stirne
glitten braune Locken, die Augen blickten freundlich trumend, und das
griechisch runde Kinn war fest wie ein junger Apfel. Der Maler mochte
phantasiert haben, aber sicherlich hatte ihm das Entzcken ber das
lebendige Antlitz die Arbeit verschnt. Ich dachte mir damals, so mu
man aussehen, um der Welt mehr zu sein, als sie uns ist. Oder vielleicht
denk ich dies heute, denn damals war ich jung.

Das zweite ist dies. Vor etwa zehn Jahren lernte ich einen alten Mann
kennen, der mir von meinem Vater erzhlte, und zwar in einem Ton wie von
eigenen Heldentaten. Dieser Mann hatte meinen Vater als Fnfzigjhrigen
noch gekannt und behauptete, da seine Anmut, sein weltmnnisches
Betragen, sein Witz und seine Gte einen eigenen Ruhm genossen htten.
Mein Erzhler berichtete tausend Einzelheiten mit einfltigem, aber
rhrendem Eifer. Nicht das jngste Frulein habe ihm zu widerstehen
vermocht, dem Graubart, sagte der Schelm und lachte wie ein gackerndes
Hhnchen. Schon damals sei die Zahl seiner Kinder zum Gegenstand vieler
Witze geworden, und als er sich um diese Zeit verheiratete, hatte man in
der Stadt gesagt, nun sei der Sultan zur Galeere verurteilt. Aber
Hilperich war weiterhin auch Sultan geblieben, so meinte mein
humoristischer Mann und fgte hinzu: wer ihn kannte, vermochte durchaus
nicht an seinen Tod zu glauben. Etwas Starkes, ber den Tod-Starkes sei
in ihm gewesen.

Die Briefe, die mir mein Vater diktierte, mochten fr einen Unvertrauten
etwas Geheimnisvolles, sogar Wahnsinniges haben. Denn wer sollte denken,
da ein und derselbe Mann Shne, Tchter, Frauen in allen Richtungen der
Windrose besitze? Mich selbst zwang damals etwas Seltsames zu
ungeprfter Hinnahme. Ihr mtet gesehen haben, wie mein Vater jedem
einzelnen Brief gegenber ein besonderer Mann wurde! Bei dem einen wurde
sein Gesicht hmisch und verdrossen; bei dem andern leuchtete es
erinnerungsvoll; jetzt war er karg und sprde, spter von zrtlicher
Geschwtzigkeit; hier verurteilte ihn ein kluger Ratschlag zu langem
Nachdenken, dort war er zornig wie eine alte Katze, schlug vor Zorn auf
den Tisch, fletschte die Zhne, und ich, ich wute keinen Grund, sah
ein Stck Vergangenheit wie in den Scherben eines Spiegels. Aber
zugleich muteten mich all die Gesichter vertraut an, denen ich mich
schreiberhaft zugewandt hatte. Ich trug etwas nach Hause, was ich vordem
nicht besessen hatte; wer kann dafr Worte finden? Kummer und Freude sah
ich flieen in der weiten Gasse der Zeit. Mein Vater, ein fleiiger
Angler, angelte sein Teil heraus. Was er nach Haus trug, war sein, wie
meins, was ich.

Jetzt mu ich aber etwas Neues erzhlen, denn viel Verwirrendes drngt
sich vor mir. Damit ich jedoch nicht vergesse, will ich erwhnen, da
ich an jenem Abend vor meines Vaters Haus den Mittelmann traf (den
dnnen Mann mit der roten Krawatte) der mir eine Viertelstunde lang
Unsinn vorschwatzte. Er tat so, als sei er wohl Hilperichs Kind, doch
enthalte man ihm dies Recht vor. Darber schwatzte der Arme wie ein
Besessener; spter erzhlte mir mein Vater, da dies Mittelmanns fixe
Idee sei, mit der er seit Jahren durch alle Kneipen hausieren gehe. Oder
glaubst du, da einer, den ich gemacht, so aussieht? fuhr mich mein
Vater grob an, stie mich mit dem Zeigefinger vor die Stirn, lachte aber
sogleich in seiner keuchenden Weise.

Es war an einem Oktoberabend, kaum eine Woche nach jenem Brieftag, und
ich hatte meine Arbeit eben beendigt, da kam jenes junge Mdchen zur Tr
herein, welches mir damals an der Treppe begegnet war. Mit allen Zeichen
der Bestrzung und Eile ging sie auf meinen Vater zu und flsterte
etwas. Der alte Mann warf den Kopf zurck und blickte mit einem
drohenden Ausdruck ins Leere. Darauf schielte er mich boshaft und
finster von der Seite an und befahl mir durch eine Gebrde, zu gehen.
Bevor ich aber noch meinen Hut ergriffen, hatte mein Vater eine der
Tren geffnet, die aus seinem verwahrlosten Schlafgemach in ein mir
bisher unbekanntes Zimmer fhrte. Dorthin sah ich nun die beiden gehen,
und mein Blick erhaschte zugleich gierig den fremden Raum, den mein
Vater nie betreten hatte, whrend ich zugegen war. Ich gewahrte nun ein
kleines Boudoir, das meinen unverwhnten Augen einen frstlichen Prunk
zeigte. Aber es schien mir zugleich wohnlich und warm drinnen, und als
ich auf der Strae war, empfand ich eine Begierde nach diesem Gemach wie
nach einem verbotenen, verzauberten Garten.

Die kurze Szene, kaum der Rede wert fr einen Unbeteiligten, hatte
trotzdem tiefen Eindruck auf mich gemacht. Zu Hause fand ich Bianca
Spinola, welche zum Essen blieb und den ganzen Abend bei uns verbrachte;
meine Mutter war bei trefflicher Laune; ich blieb schweigsam und
nachdenklich. Ich mute fortwhrend an das junge Frulein denken, und
das nicht vielleicht mit den Gedanken von Mann zu Weib. Es war so, da
sie vor meinem inneren Auge nicht entwich und ich mich qulte, zu
ergrnden, was mir an ihr, seltsam genug, ein fr alle mal unergrndlich
schien. Noch jetzt, wenn ich die Augen schliee, sehe ich ihren
grazisen, mden Gang. (Sie ging, als ob sie wte: so wie ich mu man
gehen, aber wer wird darauf achten?) Ihre Verachtung der Welt schien
gro, aber kindlich. Sie hatte etwas Bemitleidenswertes und zugleich
Damenhaftes, etwas Wiegendes und Achtloses. Ihre Augen, voll Trauer und
Ironie, zeigten zwei reine Augensterne wie schne braune Perlen in
gefrorener Milch.

So schwebt sie mir vor, und was ich weiterhin erfuhr, erhorchte und
herausspionierte, will ich hier gleich sagen. Nicht nur als neugieriger
Tor wollte ich wissen, sondern was meinen Vater anging, ich nahm es
immer strker wahr, betraf mich tief. Um seiner wrdig zu werden, hatte
ich mich in den letzten Monaten mit einem bunten Studieren abgegeben.
Auf eigne Faust lernte ich fremde Sprachen, trieb allerlei Wissenschaft,
ohne Plan und Kraft, aber mit mehr Erfolg, als man bei einem Menschen
wie mir vermuten sollte. Doch die grte Ausdauer zeigte ich bei der
Erforschung des Verhltnisses zwischen meinem Vater und Henriette, eben
jenem Mdchen, das ich bei ihm und vorher schon im Korridor gesehen
hatte. Den leisen Andeutungen entnahm ich Wissenswertes; Ohr und Auge
waren geschrft und einmal, gleichsam als Belohnung kam es zwischen mir
und meinem Vater zu einer wirklichen Plauderstunde. Er hatte Zutrauen zu
mir gefat; das wute ich, oder ich wei es jetzt; denn damals gab ich
mir nicht Rechenschaft ber die Dinge, sondern nahm sie nur mit Glut in
mich auf.

Eine flchtige Leidenschaft hatte die Ehe meines Vaters geknpft. Den
damals schon Sechsundfnfzigjhrigen hatte eine khle und elegante Dame
rasch entflammt. Doch bald brckelte aller Schmuck von jener Frau ab wie
von einer schlecht getnchten Wand. Sie war zh in ihrem Dnkel und
besa eine unverwstliche Einfalt. Ein bsartiges Schaf und doch wollte
sie herrschen, sagte mein Vater unverhohlen von ihr. Er selbst war fr
die Ehe wie Feuer fr Stroh; nach drei Jahren fhrten die
Unvertrglichkeiten zum Bruch, und die Frau ergab sich den Pfaffen. Mein
Vater fhrte sein Leben weiter, ungestmer noch, als ob ihn der Ehekampf
erregt htte, aber eines war, das ihn sogar der Frau verpflichtete:
Henriette. Er liebte diese Tochter mit der ganzen unbeschreiblichen
Gewalt seines Temperamentes, und wenn ich es recht bedenke, war es etwa
so, da man sein Gefhl fr Henriette und das fr seine brigen Kinder
in die zwei Schalen einer Wage legen konnte, und jenes einzige wre
schwerer gewesen als die andern alle. Auch mich liebte der Alte, auch
den blonden Ingenieur, den ich kannte, auch die drei Tchter aus Prag,
wie er sie hie, auch den berseeischen Kapitn oder den hbschen
lebhaften Studenten, der einer Frhlingsliebe am Meer entstammte, aber
wir alle waren gegen Henriette wie blasse Sterne gegen den Mond. Wie
wunderlich, da aus der einzigen Verbindung, die sich in Alltglichkeit
und Ha verlor, sein Liebstes kam.

Da er ihre Erziehung nur bis zum dritten Lebensjahr berwachen konnte
und das Kind der Frau verbleiben mute, hatte in der ersten
Trennungszeit seine vterliche Sorge alle andern Interessen vertilgt. Er
konnte nicht tglich das Haus einer Verabscheuten betreten, welche
ihrerseits das nicht sehr geliebte Kind dem Wstling, wie sie seinen
Vater nannte, entfremden wollte. Der Vater bestach die Dienstboten, ja
er wute es durchzusetzen, da eine ihm ergebene Person das Mdchen
vllig in ihre Obhut bekam. Diese wrdige Frau Jakobea fhrte Tag fr
Tag Henriette in die Wohnung ihres Vaters.

Tag fr Tag also, seit zwlf Jahren, hatte mein Vater eine paradiesische
Stunde in dem kleinen Gemach, das nur fr ihn und Henriette war, und
welches gemtlich und heimlich auszustatten er nicht mde wurde. Kein
Kunstgegenstand war ihm zu teuer, um dieses oder jenes Eck zu schmcken,
und mit Geschmack und Phantasie begabt, gestaltete er diesen Raum zu
einem Werk gleich einem Knstler, der aus Sehnsucht nach Vollkommenheit
seine letzte Arbeit bis ans Grab schleppt. In den Kinderjahren
Henriettes spielte der alte Mann mit ihr und verga Zeit, Arbeit und
Vergngen darber. Das frhkluge Mdchen fand selbst dem Spiel gegenber
eine berlegenheit, welche komisch und reizvoll wirkte. Wenn auch nichts
Starkes in ihr war, so doch etwas Sanftes, im Sanften Tchtiges (da sie
doch wute, wie angenehm es war, sanft zu sein). Indem sie das Spiel
beiseite schob, spielte sie, aber schon frhe wute sie aus Klugheit fr
Ernstes ernst zu bleiben. Ihr Vater wollte sie aus den Reihen des
Geschlechts erheben, wollte sie gleichsam mit Weisheit und Voraussicht
krnzen, eben mehr zu Schmuck als zu Nutzen. Er selbst, in allen Knsten
der Verfhrung Meister, wollte sie vielleicht auch gegen einen jngeren
Hilperich schtzen. Ich erfuhr spterhin, da er schon in ihrem zehnten
Jahr den Storch aus ihrer Phantasie vertrieb, da er ihr langsam, mit
Nachdruck und Wrde das Menschlichste nahe brachte. Nichts Verschleiertes
also gab es mehr; er gedachte sie zu ehren durch Vertrauen und zu
beruhigen durch Wissen. Schon mit dreizehn Jahren kam Henriette allein,
und schwer ist es zu sagen, was _sie_ im tiefen Grund des Herzens zum
Vater trieb. Er sa stets lange vor ihrem Kommen im Henriettenzimmer und
wartete wie auf eine Geliebte. Sie kam, erregt durch die Heimlichkeit
ihres Besuches (ach, das hatte mein Vater nicht ermessen!), lchelte,
plauderte, fragte und urteilte, war pltzlich mde und verstimmt,
kopfhngerisch und von entzckendem Pessimismus. So wuchs sie heran und
teilte sich zwischen dem Haus des Vaters und der Mutter. Ihr ganzes
Wesen wurde so entzwei geschnitten.

Das Ende des Jahres nahte heran. Zu Weihnachten schenkte mir mein Vater
einen wundervollen spanischen Mantel, den er einst in Sevilla gekauft.
Er war mit roter Seide gefttert und aus dem kostbarsten schwarzen Tuch
gefertigt, das ich je gesehen; wenn man ihn auf die Erde breitete, war
er so gro wie ein Zeltdach. Als ich mit diesem Geschenk freudestrahlend
durch das Vorzimmer ging, strzte Mittelmann auf mich los, der noch
immer irgendwo da herumlungerte. Mit kreideweiem Gesicht stellte er
atemlose Fragen an mich, ob er etwas geschenkt bekomme, was es sei und
wie es aussehe. Ich war sehr unfreundlich gegen ihn, aber ich htte es
vielleicht nicht sein sollen. Der arme Mensch war immer hungrig und
machte der alten Bedienerin den Hof, um ein paar Bissen zu ergattern.
Dabei ging er mit seinen Sohnesansprchen an Hilperich umher wie mit
einem sicheren Kapital, und was ihn in seinem Glauben so befestigte, war
nur das Gewsch eines Anverwandten, der einst im Hilperichschen Hause
Aufwrter gewesen war.

Mein Vater ging in diesen Tagen mit einer festlichen geheimnisvollen
Miene herum. Er diktierte mir einen Aufsatz, der den merkwrdigen Titel
fhrte: Die Erziehung zur Liebe, und von dem ich nicht das mindeste
verstand. Zwei Tage vor Neujahr wurden wir fertig. Es war schon dunkel,
mein Vater stand lange Zeit am Fenster und blickte auf die schneeblaue
Strae. Pltzlich wandte er sich heftig um und fragte scharf: Na, willst
du kommen? Ich wute nicht, was er meinte, und blieb still. Er stampfte
zornig auf den Boden, lachte verchtlich, doch bald wurde er sanft und
streichelte mir die Wangen. Ich hatte dabei meist ein schchternes, fast
furchtsames Gefhl; denn wenn er liebevoll tat, war er oft gefhrlich.
Doch erklrte er mir kichernd, da es am Sylvesterabend etwas gbe,
und damit mute ich zufrieden sein.

Am folgenden Abend zog ich meine besten Kleider an und war voll
Erwartung. Jedenfalls ist Henriette da, dachte ich mir; denn ich wute,
da ihre Mutter sich seit Wochen in einem Kloster aufhielt und das junge
Mdchen die ohnehin gewohnte Freiheit so in noch hherem Mae geno. Ich
sah in Henriette durchaus keine Schwester, eher eine ganz Fremde, aber
liebe Fremde.

Als ich hinkam, war Henriette schon da, auch eine alte, vornehme Dame
mit glatten, silberweien Haaren, die in einem Lehnstuhl sa und mich
spttisch anlchelte. Mein Vater schalt mich, weil ich zu spt gekommen.
Ich schmte mich, denn ich hatte es fr sehr vornehm gehalten. Stolz und
vornehm war ich mit meinem spanischen Mantel durch die Straen
geschritten.

Wir saen im Henriettenzimmer, und ich wagte mich kaum zu bewegen, so
sehr gefiel mir alles, was ich erblickte. Herrliche Teller und Glser
schmckten den weien Tisch; von der Decke hing ein zwlfarmiger
Leuchter herab, ganz von Gold, wenigstens schien es mir so. Die Fenster
waren mit dunkelblauem Stoff verhngt, und an den Wnden hingen die
schnsten Bilder. Henriette trug ein einfaches, blaues Kleid, und ihr
Gesicht hatte etwas Geplagtes. Sie sprach wenig, aber immer sehr betont
und aufmerksam, und die alte Dame, deren schwarzseidenes Kleid bestndig
knisterte, weil sie so belebt war, schien voller Liebe gegen sie. Ich
glaube, da sie eine sehr vornehme Person war; weder damals noch spter
erfuhr ich ihren Namen. Aber was sie auch sein mochte, ihr gewinnendes
Wesen lie mir jedes heimliche Forschen frevelhaft erscheinen. Sie duzte
meinen Vater, wie er sie, und eine lange Vertraulichkeit, viel
Zusammenerleben muten es sein, die einen so herzlichen Ton geschaffen
hatten, wie er unter ihnen bestand.

Whrend des Essens erhob sich mein Vater zu einem Trinkspruch. Ich
erinnere mich heute nicht mehr an seine Worte. Damals schien es mir
hinreiend, ihn so zu hren, und mein Blick, der auf ihn gerichtet war,
zitterte frmlich. Er sprach zu uns von seinem Leben, von dem was
untergeht und was bleibt, Erinnerungen, die wie Schiffe am Horizont
vorbeizogen, -- und eines ist mir unvergelich. Er sagte: Wenn ich einmal
alt sein werde ... Er war im Oktober dreiundsiebzig geworden. Er dachte
so wenig an den Tod wie ein Knabe.

Als er geendet hatte, stand Henriette auf, beugte sich zu ihm und kte
ihn auf die Nasenspitze. Das war ihre Art etwas Scherzhaftes mute dabei
sein. Die alte Dame klatschte in die Hnde. Mit einem kindlichen, fast
mdchenhaften Lachen ergriff sie das Glas und sagte, indem ihre Augen
tief und warm strahlten: Mein unsterblicher Hilperich soll leben. Wer
sie und Henriette zusammen sah, den mochten wohl sonderbare Gedanken
ber Jugend und Alter gefangen nehmen.

Mein Vater wurde immer aufgerumter. Er stie mich in die Seite, drohte
mir mit Prgeln, wenn ich fortfhre, so schweigsam zu sein. Henriette
antwortete etwas zu meiner Entschuldigung, was mir sehr verstndig
vorkam. berhaupt fand ich ihren Verstand immer bewundernswerter. ber
alles ringsumher schien sie sich spielerisch klar zu werden. Dennoch sah
ich Unruhe in ihren Augen.

Wie lang ist es eigentlich her, da wir uns schon kennen? fragte die
alte Dame in trumerischer Erinnerung.

Mein Vater wiegte den Kopf. Lange, lange, erwiderte er und tat einen
tiefen Schluck aus dem Glase.

Ich glaube, es war an dem Tage, da Goethe starb, fuhr sie fort und
lchelte. Mich durchzuckte es wunderbar, und ihr Seufzen kam mir
lieblich vor, womit sie weiterredete, (indem sie einen Blick auf
Henriette heftete): So blhen die Jungen auf und werden den Alten teuer.
Was wirst du tun, wenn Henriette heiratet? fragte sie und blinzelte
dabei schalkhaft.

Sie heiratet nicht, entgegnete der Greis kurz. Oder nicht sobald, fgte
er hinzu, indem er das Ohr bis auf die Schulter senkte; heiraten ist ein
Unfug.

Gut. Sie ist ja auch noch jung. Aber schlielich, Weib ist Weib. Nicht
wahr? Die alte Dame zeigte ihre weien Zhne und lie den Blick naiv
fragend von einem zum andern gehen. Dann lachte sie und fuhr heiter
fort: Alle schreien wir: nie, und auf einmal sagen wir ganz leise Ja.
Gut, Heirat hin oder her, aber -- ihr Blick wurde pltzlich versonnen --
nimm an, man verfhrt sie dir. Wie? Nun ja, das ist schon dagewesen. Du,
der Freidenkende, was wirst du tun?

Henriette lachte mit gesenkten Augen kurz vor sich hin. Mein Vater kniff
die Lippen zusammen und erwiderte mit einem unbestimmt jovialen Ausdruck
und mit weinglnzenden Augen: Das ist plausibel; ich sag ihr: Gehe hin,
was du verdienst ist dein Gewinn. Nachdem er dies gesagt hatte, stand er
so heftig auf, da der Stuhl hinter ihm zur Erde fiel, schlug mit der
Faust auf den Tisch und brllte oder kreischte: Ich wrde sie zum
Fenster hinunter werfen.

Henriette erhob sich, gnzlich bla, ging zum Kamin und hielt wie
frierend die Hnde dagegen. Mein Vater folgte ihr, klopfte mit der
flachen Hand auf ihren Rcken, lachte, setzte sich und nahm sie auf sein
Knie. Sie hielt aber die Augen geschlossen.

Da die Glocken zu luten anfingen, erhob sich auch die alte Dame vom
Tisch, ffnete ein Fenster, so da man nun die Glockenschlge drhnend
und deutlich von allen Seiten vernahm. Der kalte Winter dampfte herein,
und Leute schrien auf der Gasse. Die alte Dame blickte andchtig gegen
den Himmel, und ich blieb sitzen wie ein Vergessener.

Noch im Traum in der Nacht sah ich die wohlwollende alte Dame, die
vielleicht gegen keinen Menschen Bses hegte; meinen Vater, von
Lebenskraft und -Gre erfllt wie einen Gott des Altertums; Henriette,
unentschieden, grazis und fatalistisch khl. Es war mir einen
Augenblick im Traum, sonderbar, als be sie nur Nachsicht mit meinem
Vater, ihrem Vater, beuge sich dennoch gtig unter seiner Liebe.

Den Neujahrstag verbrachte ich mit der Mutter, und als ich am nchsten
Tag zu meinem Vater kam, fand ich ihn unruhig und finster. Er begrte
mich kaum, sagte, es sei nichts los heute. Ohne Arges zu denken, ging
ich wieder. Am nchsten Tag erklrte mir die Bedienerin, der Herr Rat
sei nach Z. gegangen. Mich erstaunte das; er konnte dort nur das Kloster
besuchen, in welchem seine Frau war. Vor dem Hause lungerte Mittelmann
herum. Ohne weiteres erklrte er mir in seiner singenden, hastigen
Redeweise, da Henriette verschwunden sei. Der einzelnen Ausdrcke
erinnere ich mich nicht mehr, die das dnne Mnnlein gebrauchte, aber
mir wurde der Kopf hei.

Den Tag darauf war ich nicht wenig berrascht, meinen Vater und
Mittelmann miteinander Schach spielen zu sehen. Ich wagte nicht zu
reden, nicht zu fragen, setzte mich und sah zu. Das Gesicht meines
Vaters war verndert wie ein laubreicher Baum nach einer Orkannacht.
Aber mit ruhiger Hand schob er die Figuren, ohne den Blick vom Brett zu
erheben. Seine weien Wimpern schienen schwer. Er verlor die Partie;
Mittelmann grinste entzckt, als ihm mein Vater verchtlich einen Gulden
hinwarf, und ohne von meiner Anwesenheit Notiz zu nehmen, begannen sie
eine neue Partie. Pltzlich aber stie mein Vater das Tischchen mit dem
Fue um, und von dem Getse erschreckt, flchtete Mittelmann in eine
Ecke. Mit schweren Schritten ging mein Vater auf und ab, dann ergriff er
nacheinander die Stehuhr, die Lampe, eine Wasserkaraffe, den
Handspiegel und seine Waschschssel und warf sie mit voller Wucht gegen
die Dielen. Sein Gesicht war blau, die Adern an der Stirn und an den
Hnden wie Stricke geschwollen; so ging er auf mich Zitternden zu,
packte mich beim Kragen, schttelte mich mit riesiger Kraft wie eine
Puppe und schrie hohl krchzend: Wo ist sie? Wer hat sie verfhrt? Wo
ist sie? Schaff sie mir her, Lumpenhund! Dann lie er ab von mir,
ffnete das Fenster, wie um Luft zu schpfen, und stie einen langen,
tiefen Seufzer aus, der wie das Geheul eines Hundes klang. Die
Bedienerin war aus der Kche gekommen und betrachtete schweigend und
erschrocken das Bild der Verwstung.

Wie ich heim kam, wie ich die Nacht verbrachte, was in meinen Gedanken
vorging, das wei ich nicht mehr. Ich sumte nicht, am folgenden Tag
wieder zu meinem Vater zu gehen; wie gestern fand ich ihn mit Mittelmann
Schach spielend. Wie gestern beachtete er mich nicht, und ich sah
geduldig zu. Der Abend kam, und es geschah nichts. Fast wre ich froh
gewesen um einen Ausbruch seines Zorns. Aber er sa still und in sich
gekehrt. Alle Tage ging ich hin, wartete, trauerte. Immer fand ich ihn
mit Mittelmann beim Schach und hie und da beim Domino. Zu arbeiten gab
es nichts fr mich; ich hate und verwnschte das Schachspiel und das
andere Spiel, verwnschte Mittelmann in meinem Herzen. Was mein Vater
auch sagen mochte, Mittelmann wiederholte es wie ein lstiges Echo, auch
wenn es eine Beschimpfung war, die ihm selbst galt. Seine Krperhaltung
zeigte die tiefste Unterwrfigkeit, aber zugleich die Unruhe eines
Kobolds. Wenn eine Partie fr ihn schlecht stand, hpfte er auf seinem
Sitz, wiegte sich aufgeregt hin und her, steckte die dnnen Fingerchen
in den Mund, murmelte sinnlose Worte, fuhr frmlich wehklagend mit der
Hand ber die Stirn, und wenn er keine Rettung mehr sah, zeigte sein
Gesicht einen Ausdruck geisterhafter Frechheit. Dies schien meinem Vater
zu behagen und ihn zu erwrmen.

Die Ungeduld, zu wissen, verzehrte mich. Ich dachte mich an Mittelmann
zu halten, der doch bestndig um meinen Vater war. Ich hatte erfahren,
da er ein Zeitungsreporter war, und glaubte, einen guten Spion an ihm
zu haben. Ich nahm ihn mit in ein Wirtshaus und lie ihm Speisen, Wein
und Bier vorsetzen. Zwei Stunden hindurch a er, ohne da in seinem
Munde Raum fr ein berflssiges Wort verblieb. Mich erbarmte seiner,
wie er mit vollen Backen stammelte oder glckselig auf die heien
Kartoffeln blies. Ich lie es also dabei bewendet sein und begriff, da
Mittelmann meinem Vater nichts anderes war, denn ein Haustier, ein
folgsamer Hund, der sprechende Hund. Er brauchte ihn nur, um fr sein
dsteres Schweigen ein Ohr zu haben.

Henriette war fort; sie hatte sich einem an den Hals geworfen, und war
Gott wei wohin gegangen, ohne Wort noch Zeichen. Mehr wute ich nicht
und konnte nichts sonst erfahren. Fr meinen Vater war ich wie Luft.
Warum, das wei ich selber nicht. Oft stieg es mir bitter auf: hat er
ihr das Blut vererbt, so vielleicht auch die Tat; aber es zu sagen,
htete ich mich wohl.

An einem wunderschnen, sonnigen Nachmittag kam ich hin und fand Bianca
Spinola in seiner Schlafstube. Das Henriettenzimmer war zugeschlossen,
war seit dem Neujahrstag nicht mehr betreten worden. Ja, sogar die
leeren Teller und Flaschen standen noch auf dem Tisch, wie mir Bianca
spter erzhlte. Die Bedienerin war am Feiertag ber Land gefahren, und
schon am Abend war das Unheil geahnt und mein Vater hatte die Tren
versperrt.

Bianca war also da. Mein Vater lag auf seinem mageren Bett, und sie sa
am Fuende und hielt ein Buch in den Hnden, aus welchem sie Verse ihrer
Heimatsprache vorlas. Mein Vater sah mich fremd und unwillig an, schlo
aber gleich wieder die Augen, um weiter zu lauschen. Nie habe ich ein
schneres Bild gesehen; das schlanke heitere Mdchen mit den
tintenschwarzen Haaren und den regungslos hingestreckten Greis und die
helle Februarsonne im Zimmer und dazu wie Musik die italienischen Worte.
Ich entfernte mich auf Zehen. In dem khlen Vorzimmer schlief auf einem
Stuhl fahl und zusammengesunken der wunderliche Mittelmann.

Am Abend erzhlte mir Bianca etwas Schreckliches. Ihrem welschen Gerede
entnahm ich nur, da mein Vater jetzt herumging und sich vor dem Sterben
frchtete. Er! Sie habe ihn beobachtet, sagte Bianca, auch habe er
gesprochen. Die Phantasie des jungen Mdchens war wie durch Gespenster
erschttert. Ich glaubte ihr nicht. Meine Mutter lachte sogar darber.

Mit bangem Sinn trat ich das nchste Mal den mir so vertrauten Weg in
die alte Gasse an. Mein Vater war allein. Er sa am Fenster und starrte
vor sich hin. Mit schchternen Worten suchte ich ihn zu einem
Spaziergang zu bewegen. Er verzog die Lippen verchtlich und erwiderte
nichts. Ich begriff meinen Vater, begriff seine Einsamkeit. Als es
dunkelte, wollte ich gehen; jedoch er hielt mich zurck mit einem
Gebaren, das ich noch nicht an ihm bemerkt hatte. Er wurde sanft, seine
Stimme klang weich und wie zerbrochen; er bat mich, die Lampe
anzuznden, und als dies geschehen war, wurde er sichtlich ruhiger. Er
sagte, er wollte nicht mehr diktieren, ihm sei das zu mhsam, er wollte
sich berhaupt um all die Geschichten nicht mehr kmmern. Zum erstenmal
wagte ich es, von Henriette zu sprechen. Er sah mich gro an und
schttelte den Kopf. Das Frauenzimmer hat jetzt mehr Plsier von der
Welt als von mir, sagte er und kicherte zynisch vor sich hin. Ich wute
keine Antwort, verbarg meine berraschung. Wieder wollte ich aufbrechen,
denn ich frchtete ihn zu stren. Er nahm meine Hand zwischen seine
beiden, hielt sie fest und sagte, ich sollte warten, bis er im Bette
sei. Dann nahm er eine Kerze, ffnete die Tr zu dem groen Zimmer,
leuchtete hinein, ging mit schlrfenden Schritten dem Licht frmlich
nach, sphte in alle Ecken, sphte auch in den Flur hinaus, wobei er
kurz auflachte, wie um irgend einen Lauerer aufzustren, und ich sa da,
schaudernd und von neuem begreifend.

Man darf es nicht wagen, sagte er zurckkommend und schielte mich von
der Seite an. Man ist nirgends sicher. Wenn du die Treppe hinuntergehst,
kannst du dir das Genick brechen, mein Shnchen. berall wartet etwas
auf dich, und was du verlachst, kann dein Verderben sein.

Er entkleidete sich mit Hast, warf sich auf das Bett und seufzte. Jetzt
kannst du gehen, brummte er mrrisch, aber sieh zu, da das Schlo
einklappt.

Ich ging. Es war schon spte Nacht. Ich irrte herum und kam bis in die
Vorstdte.

In den nchsten acht Tagen suchte ich meinen Vater nicht mehr auf. Eine
neue Stellung, die ich erlangt hatte, nahm mich sehr in Anspruch. Aber
whrend dieser Zeit wurde mein Geist so von Unruhe gepeinigt, da ich
fr die Arbeit ganz abgestumpft wurde. Dennoch hielt mich etwas Schweres
ab, zu ihm zu gehen. Ich war feig, ja, ich frchtete mich vor seiner
Furcht. Es war der letzte Sonntag im Februar, als ich mich meiner
Pflicht erinnerte. Still war ich herumgegangen und hatte niemandem etwas
davon gesagt; und auch das qulte mein Gewissen, als htte die Welt
helfen knnen.

Es regnete an diesem Tag. Obgleich so viele Jahre verflossen sind,
erinnere ich mich, da vor meines Vaters Haus ein Betrunkener lag, und
da dies einen fatalen Eindruck auf mich machte; besonders das matte,
gedunsene, gleichgltige Gesicht des Mannes und seine halboffenen Augen.
Johlende Kinder sprangen um ihn herum.

Oben ffnete mir die Bedienerin. Wieder fand ich meinen Vater allein,
und zwar in dem groen, leeren Zimmer. Er sa neben dem Spiegel, vor dem
kleinen, runden Schachtisch. Er hatte mich nicht bemerkt, meine Schritte
nicht gehrt. Er hatte den Kopf in die Hand gesttzt und war anscheinend
in tiefes Sinnen verloren. Kein Laut strte die Ruhe; nichts Belebtes
machte die Einsamkeit vergessen. Es sah aus, als ob er seit vielen
Stunden so sitze, mit etwas Unerklrlichem beschftigt. Endlich wagte
ich es, laut den Tagesgru zu rufen, und er hob langsam den Kopf. Er
besann sich, nickte; ich trat nher, und er gab mir die Hand wie er in
guten Stimmungen zu tun pflegte, fest, mit festem Druck. Aber sein
Aussehen war verstrt.

Ich denke ber die Toten nach, die hinter mir liegen, sagte er. Ich
schaue zurck, und jedes Jahr ist ein Zaunpfahl, an dem eine Leiche
hngt.

Es ist das allgemeine Los, Vater, entgegnete ich beengt.

Sein Gesicht verzerrte sich wie vor einer Flamme. Allgemeine Los? Warum?
Warum? Antworte, du Zeisig? Warum fhl ich dabei? Warum? Warum wei ich
davon? Warum erst alles und dann nichts? He? Warum? Er stand auf und sah
mich gebieterisch an.

Gott will es, flsterte ich.

Gott? Wer ist Gott? Was kann Gott wollen, was nicht ich will? Mu ich
sterben, weil ein Gott will, den ich nicht kenne? Ich glaube nicht an
den Tod. Oder wie? Wer knnte mich von meinem eigenen Tod berzeugen? Er
blickte gegen das regennasse Fenster und gegen den Himmel; sein Hals war
dunkelrot gefrbt, und die rechte Hand war geballt. Und doch, was ist zu
tun? fuhr er nun mit feierlicher Stimme fort, ohne seine Stellung zu
verndern. Es ntzt nichts, da ich leben will, leben, leben. Es ntzt
nichts, da ich wei, auch ihr werdet tot sein, wenn ich's bin. Es ntzt
nichts. Wenn's auch nur noch zehn Jahre sind, was sind zehn Jahre fr
mich?

Ich erinnere mich, da ich etwas sagte von unserer Liebe fr ihn. Aber
er schwieg und hrte nicht. Langsam wanderte er auf und ab, die Hnde
auf dem Rcken und wiederholte noch einmal vor sich hin: was sind zehn
Jahre fr mich? Mir standen pltzlich die hellen Trnen in den Augen,
und voll Betrbnis schlich ich davon. Immerfort glaubte ich ihn zu
hren, den anklgerischen Ton seiner Stimme, den Trotz seiner Worte;
immer sah ich ihn einsam in seiner leeren Stube gehen und konnte nicht
die Inbrunst und das Furchtbare seiner Augen vergessen, als er ausrief:
Was kann Gott wollen, das nicht ich will? Raum und Zeit verachtend,
stand er im Mittelpunkt des Weltalls, allein, aufrhrerischen Geistes,
ein aufrhrerischer Fhrmann, die abendliche Flut des Lebens befahrend.
Die Jahre konnten ihm nichts sein, denn seine Seele hatte stets den
Augenblick besessen -- und nun verloren.

Den nchsten Tag verbrachte ich mit meinen Angelegenheiten. In der
Nacht, die folgte, fand ich keinen Schlaf. Die Luft schien mir schwl,
und kaum da es Morgen geworden, trieb es mich nach der Wohnung meines
Vaters. Als ich in sein Schlafzimmer trat, sah ich ihn ruhig auf dem
Bett liegen, und daneben hockte Mittelmann, das Schachbrett vor sich,
anscheinend stumpfsinnig in ein Problem vertieft. Mich wunderte das so
frh am Tag. Mittelmann gewahrte mich und sagte scheu: Ich war die ganze
Nacht hier, es war um zwlf Uhr, solange spielten wir. In dieser
Stellung brachen wir ab. Sehr interessante Stellung, sehen Sie nur.

Geschwtzig redete er weiter. Ich blickte unbeweglich auf die
geschlossenen Augen des Greises. Sein Gesicht zeigte denselben Ausdruck
des Trotzes, wie vor zwei Tagen.

Die Fenster waren geffnet, und die Sonne strahlte herein. Ich wurde so
traurig wie nie zuvor; und doch war es mir, als htte ich meinen Vater
schon tot hingestreckt gesehen damals, als Bianca ihm vorlas.

Am nchsten Tag begrub man ihn. Den armen Mittelmann fhrte ich darnach
in ein Wirtshaus und gab ihm satt zu essen.




       *       *       *       *       *

Fischers Bibliothek zeitgenssischer Romane

Dritte Reihe

 1. Bd. Th. Fontane, Irrungen Wirrungen
 2. Bd. Bjrnstjerne Bjrnson, Mary
 3. Bd. Gabriele Reuter, Frauenseelen
 4. Bd. Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheiung
 5. Bd. Sophie Hoechstetter, Passion
 6. Bd. Knut Hamsun, Redakteur Lynge
 7. Bd. Hermann Bahr, Theater
 8. Bd. Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin
 9. Bd. Bernhard Kellermann, Yester und Li
10. Bd. Felix Hollaender, Das letzte Glck
11. Bd. Jonas Lie, Auf Irrwegen
12. Bd. J. Wassermann, Der niegekte Mund

Jeden Monat erscheint ein Band

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Fischers Bibliothek zeitgenssischer Romane

Bisher erschienen unter anderen:

Gabriele d'Annunzio: Lust I/II
Hermann Bahr: Theater
Herman Bang: Am Wege
Bjrnstjerne Bjrnson: Mary
Laurids Bruun: Van Zantens glckliche Zeit
Theodor Fontane: L'Adultera
Gustaf af Geijerstam: Thora
Knut Hamsun: Redakteur Lynge
Hermann Hesse: Unterm Rad
Felix Hollnder: Das letzte Glck
Bernhard Kellermann: Yester und Li
E. von Keyserling: Beate und Mareile
Jonas Lie: Eine Ehe
Peter Nansen: Julies Tagebuch
Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann
Gabriele Reuter: Liselotte von Reckling
Jakob Schaffner: Die Erlhferin
Emil Strau: Der Engelwirt

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Werke von Jakob Wassermann
bei S. Fischer, Verlag, Berlin


Die Juden von Zirndorf.
Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark,
in Leinen 5 Mark, in Leder 6 Mark 50 Pfg.

Kaum je hat ein jdischer Poet seinen Glaubensgenossen, und ber das
Judentum der Gegenwart berhaupt schrfere, und zutreffendere Dinge
gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften des
jdischen Volkes erscheinen in ihm selbst verkrpert, vor allem der
kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem
verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als
sinnlich glhende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen
Vorspiel des Romans eine glnzende poetische Leistung gelungen ist.
Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord zu der in unseren Tagen
spielenden Geschichte der Juden von Zirndorf, in denen ein begabter
Jngling Agathon, der das edelste Judentum verkrpert, die von einem
brutalen Christen erduldete Schmach durch einen Mord an seinem Peiniger
rcht.
                                                  (Neue Zrcher Zeitung)


Die Geschichte der jungen Renate Fuchs.
Elfte Auflage. Geheftet 6 Mark, in Leinen 7 Mark 50 Pfg.

Jedes groe, befreiende Buch mu ein Buch der Erlsung und der
Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlsung der Frauen, die
alten sinnlichen Vorurteilen zu mitrauen beginnen, die ihr Schicksal,
ihr Frauenschicksal erleben und nicht lnger leibeigen sein wollen. --
Seit dem Grnen Heinrich Kellers ist in deutscher Sprache kein so
interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
                                                           (Die Zukunft)


Der Moloch.
Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark,
in Leinen 5 Mark, in Leder 6 Mark 50 Pfg.

Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, die ihm zugrunde
liegt, bedeutend durch die psychologische und gestaltende Kunst, mit der
Wassermann jene Idee zu einem gro und breit angelegten, lebensvollen
Gemlde gestaltet hat!... Der Verfasser hat dieses psychologische
Problem in der Tat auch vollstndig, seinem Wesen entsprechend,
psychologisch behandelt, und zwar in geradezu bewundernswerter Weise.
Mag das Weltbild, das Wassermann hier entwirft, ein einseitiges sein,
mgen einzelne weniger interessierende Seiten seines Bildes gar zu breit
aufgefhrt, mag selbst die ihm zugrunde liegende Idee nicht unbedingt
anzuerkennen sein und das Poetische etwas zu kurz kommen --, so viel
bleibt gewi, da das umfangreiche Werk von Anfang bis zum Ende eine
Stimmung ausstrmt, die unwiderstehlich fesselt und mit der Macht fast
eines Erlebnisses wirkt.
                                                           (Berner Bund)


Der niegekte Mund -- Hilperich.
Novellistische Studien. Geheftet 2 Mark, in Leinen 3 Mark.

In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzhlungskunst eine mehr als
respektable Hhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer
so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen
Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist
ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in
den Verhltnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie
fliet, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten,
Ausfhrung und Andeutung zueinander stehen -- alles das verrt einen in
Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent.
                                                        (Die Zeit, Wien)


Alexander in Babylon.
Roman. Dritte Auflage. Geheftet 3 Mark 50 Pfg., in Leinen 4 Mark 50 Pfg.,
in Leder 6 Mark.

Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
Rckkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzhlt,
dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
ebenso khner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende
Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch
pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum
genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehrt zu unsern schnsten
deutschen Prosabchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen
zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und
beseelt.
                                               (Neue Freie Presse, Wien)


Die Schwestern.
Drei Novellen. Dritte Auflage. Geheftet 2 Mark, in Halbleder 3 Mark,
in Leder 4 Mark.

Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der
Schilderung des Tatschlichen von der Einfachheit der altitalienischen
Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen
Wortprgungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen
Grbelsinn, einer so heien Phantasie wie der dieses deutschen
Orientalen konnte es gelingen, die Verrcktheiten der kastilischen
Isabella so tief poetisch mrchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei
phantastisch konstruierten Kriminalfllen das Rauschen geheimnisvoller
seelischer Unterstrmungen so hervortnen zu lassen.
                                                    (Literarisches Echo)


Die Masken Erwin Reiners.
Roman. Siebente Auflage. Geheftet 5 Mark, gebunden 6 Mark.

Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zgellosen
Individualittsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
                                               (Westermanns Monatshefte)


Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig




[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1911 in der Reihe Fischers Bibliothek zeitgenssischer
Romane erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthlt
eine Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen
Korrekturen. Soweit mglich, wurden die Korrekturen der typographischen
Fehler anhand der Erstausgabe im Albert Langen Verlag, Mnchen, 1903
berprft (Der niegekte Mund und Hilperich). Die Verlagswerbung wurde
am Ende des Buchs gesammelt.

p 011: Komma ergnzt: glnzenden, gefhrlichen
p 013: Freundes empor, der ihm um zwei Kopflngen -> ihn
p 017: Drittel Kapitel -> Drittes
p 037: erwiderte der Lerhre -> Lehrer
p 053: dagegewesen -> dagewesen
p 071: Dinkeslbhler -> Dinkelsbhler
p 071: Der Lehrer entgegenete nichts darauf. -> entgegnete
p 103: Zustand des Zweifelsund -> Zweifels und
p 140: Punkt ergnzt: Scherben eines Spiegels.
p 157: Gustav af Geijerstam -> Gustaf ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the edition
published in 1911 as part of the series "Fischers Bibliothek
zeitgenssischer Romane". The table below lists all corrections applied
to the original text. Where available, the corrections have been
cross-checked with the first print of "Der niegekte Mund" and
"Hilperich" published at Albert Langen Verlag, Mnchen, 1903. The
publisher's advertisements have been collected at the end of the book.

p 011: added comma: glnzenden, gefhrlichen
p 013: Freundes empor, der ihm um zwei Kopflngen -> ihn
p 017: Drittel Kapitel -> Drittes
p 037: erwiderte der Lerhre -> Lehrer
p 053: dagegewesen -> dagewesen
p 071: Dinkeslbhler -> Dinkelsbhler
p 071: Der Lehrer entgegenete nichts darauf. -> entgegnete
p 103: Zustand des Zweifelsund -> Zweifels und
p 140: added period: Scherben eines Spiegels.
p 157: Gustav af Geijerstam -> Gustaf ]





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