The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
neuen Continents. Band 2. by Alexander von Humboldt



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Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.

Author: Alexander von Humboldt

Release Date: , March 3, 2008 [Ebook #24746]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.***





Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.


by Alexander von Humboldt




Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 3, 2008)





               In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.

         Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.

   Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.

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                                   1859

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                               Zweiter Band





INHALT


Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwlftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fnfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Liste explizit genannter Werke
Anmerkungen des Korrekturlesers






NEUNTES KAPITEL.


      Krperbeschaffenheit und Sitten der Chaymas. -- Ihre Sprachen.


Der Beschreibung unserer Reise nach den Missionen am Caripe wollte ich
keine allgemeinen Betrachtungen ber die Stmme der Eingeborenen, welche
Neu-Andalusien bewohnen, ber ihre Sitten, ihre Sprache und ihren
gemeinsamen Ursprung einflechten. Jetzt, da wir wieder am Orte sind, von
dem wir ausgegangen, mchte ich alles die, das fr die Geschichte des
Menschengeschlechts von so groer Bedeutung ist, unter Einem Gesichtspunkt
zusammenfassen. Je weiter wir von jetzt an ins Binnenland eindringen,
desto mehr wird uns das Interesse fr diese Gegenstnde, den Erscheinungen
der physischen Natur gegenber, in Anspruch nehmen. Der nordstliche Theil
des tropischen Amerikas, Terra Firma und die Ufer des Orinoco, gleichen
hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der Vlkerschaften, die sie bewohnen,
den Thlern des Caucasus, den Bergen des Hindoukho, dem nrdlichen Ende
Asiens jenseits der Tungusen und Tartaren, die an der Mndung des Lena
hausen. Die Barbarei, die in diesen verschiedenen Landstrichen herrscht,
ist vielleicht nicht sowohl der Ausdruck ursprnglicher vlliger
Culturlosigkeit, als vielmehr die Folge langer Versunkenheit. Die meisten
der Horden, die wir Wilde nennen, stammen wahrscheinlich von Vlkern, die
einst auf bedeutend hherer Culturstufe standen, und wie soll man ein
Stehenbleiben im Kindesalter der Menschheit (wenn ein solches berhaupt
vorkommt) vom Zustand sittlichen Verfalls unterscheiden, in dem
Vereinzelung, die Noth des Lebens, gezwungene Wanderungen, oder ein
grausames Klima jede Spur von Cultur ausgetilgt haben? Wenn Alles, was
sich auf die ursprnglichen Zustnde des Menschen und auf die lteste
Bevlkerung eines Festlandes bezieht, an und fr sich der Geschichte
angehrte, so wrden wir uns auf die indischen Sagen berufen, auf die
Ansicht, die in den Gesetzen Menus und im Ramajan so oft ausgesprochen
wird, nach der die Wilden aus der brgerlichen Gesellschaft ausgestoene,
in die Wlder getriebene Stmme sind. Das Wort _'Barbar'_, das wir von
Griechen und Rmern angenommen, ist vielleicht nur der Name einer solchen
versunkenen Horde.

Zu Anfang der Eroberung Amerikas bestanden groe gesellschaftliche Vereine
unter den Eingeborenen nur auf dem Rcken der Cordilleren und auf den
Asien gegenber liegenden Ksten. Auf den mit Wald bedeckten, von Flssen
durchschnittenen Ebenen, auf den endlosen Savanen, die sich ostwrts
ausbreiten und den Horizont begrenzen, traf man nur umherziehende
Vlkerschaften, getrennt durch Verschiedenheit der Sprache und der Sitten,
zerstreut gleich den Trmmern eines Schiffbruchs. Wir wollen versuchen, ob
uns in Ermangelung aller andern Denkmale die Verwandtschaft der Sprachen
und die Beobachtung der Krperbildung dazu dienen knnen, die
verschiedenen Stmme zu gruppiren, die Spuren ihrer weiten Wanderungen zu
verfolgen und ein paar jener Familienzge aufzufinden, durch die sich die
ursprngliche Einheit unseres Geschlechtes verrth.

Die Eingeborenen oder Ureinwohner bilden in den Lndern, deren Gebirge wir
vor Kurzem durchwandert, in den beiden Provinzen Cumana und Nueva
Barcelona, beinahe noch die Hlfte der schwachen Bevlkerung. Ihre
Kopfzahl lt sich auf 60,000 schtzen, wovon 24,000 auf Neu-Andalusien
kommen. Diese Zahl ist bedeutend gegenber der Strke der Jgervlker in
Nordamerika; sie erscheint klein, wenn man die Theile von Neuspanien
dagegen hlt, wo seit mehr als acht Jahrhunderten der Ackerbau besteht,
z. B. die Intendanz Oaxaca, in der die Mixteca und Tzapoteca des alten
mexicanischen Reiches liegen. Diese Intendanz ist um ein Drittheil kleiner
als die zwei Provinzen Cumana und Barcelona zusammen, zhlt aber ber
400,000 Einwohner von der reinen kupferfarbigen Race. Die Indianer in
Cumana leben nicht alle in den Missionsdrfern; man findet sie zerstreut
in der Umgegend der Stdte, auf den Ksten, wohin sie des Fischfangs wegen
ziehen, selbst auf den kleinen Hfen in den Llanos oder Savanen. In den
Missionen der aragonesischen Kapuziner, die wir besucht, leben allein
15,000 Indianer, die fast smmtlich dem Chaymasstamm angehren. Indessen
sind die Drfer dort nicht so stark bevlkert, wie in der Provinz
Barcelona. Die mittlere Seelenzahl ist nur fnf- bis sechshundert, whrend
man weiter nach Westen in den Missionen der Franciskaner von Piritu
indianische Drfer mit zwei- bis dreitausend Einwohnern trifft. Wenn ich
die Zahl der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona auf 60,000
schtzte, so meinte ich nur die in Terra Firma lebenden, nicht die
Guaiqueries auf der Insel Margarita und die groe Masse der Guaraunos, die
auf den Inseln im Delta des Orinoco ihre Unabhngigkeit behauptet haben.
Diese schtzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; die scheint mir aber zu
viel. Auer den Guaraunos-Familien, die sich hie und da auf den
sumpfigten, mit Morichepalmen bewachsenen Landstrichen (zwischen dem Cao
Manamo und dem Rio Guarapiche), also auf dem Festlande selbst blicken
lassen, gibt es seit dreiig Jahren in Neu-Andalusien keine wilden
Indianer mehr.

Ungern brauche ich das Wort _'wild'_, weil es zwischen dem
*unterworfenen*, in den Missionen lebenden, und dem freien oder
unabhngigen Indianer einen Unterschied in der Cultur voraussetzt, dem die
Erfahrung hufig widerspricht. In den Wldern Sdamerikas gibt es Stmme
Eingeborener, die unter Huptlingen friedlich in Drfern leben, auf
ziemlich ausgedehntem Gebiet Pisang, Manioc und Baumwolle bauen und aus
letzterer ihre Hngematten weben. Sie sind um nichts barbarischer als die
nackten Indianer in den Missionen, die man das Kreuz hat schlagen lehren.
Die irrige Meinung, als wren smmtliche nicht unterworfene Eingeborene
umherziehende Jgervlker, ist in Europa ziemlich verbreitet. In Terra
Firma bestand der Ackerbau lange vor Ankunft der Europer; er besteht noch
jetzt zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom in den Lichtungen der
Wlder, wohin nie ein Missionr den Fu gesetzt hat. Das verdankt man
allerdings dem Regiment der Missionen, da der Eingeborene Anhnglichkeit
an Grund und Boden bekommt, sich an festen Wohnsitz gewhnt und ein
ruhigeres, friedlicheres Leben lieben lernt. Aber der Fortschritt in
dieser Beziehung ist langsam, oft unmerklich, weil man die Indianer vllig
von allem Verkehr abschneidet, und man macht sich ganz falsche
Vorstellungen vom gegenwrtigen Zustand der Vlker in Sdamerika, wenn man
einerseits *christlich*, *unterworfen* und *civilisirt*, andererseits
*heidnisch*, *wild* und *unabhngig* fr gleichbedeutend hlt. Der
unterworfene Indianer ist hufig so wenig ein Christ als der unabhngige
Gtzendiener; beide sind vllig vom augenblicklichen Bedrfnis in Anspruch
genommen, und bei beiden zeigt sich in gleichem Mae vollkommene
Gleichgltigkeit gegen christliche Vorstellungen und der geheime Hang, die
Natur und ihre Krfte gttlich zu verehren. Ein solcher Gottesdienst
gehrt dem Kindesalter der Vlker an; er kennt noch keine Gtzen und keine
heiligen Orte auer Hhlen, Schluchten und Forsten.

Wenn die unabhngigen Indianer nrdlich vom Orinoco und Apure, d. h. von
den Schneebergen von Merida bis zum Vorgebirge Paria, seit einem
Jahrhundert fast ganz verschwunden sind, so darf man daraus nicht
schlieen, da es jetzt in diesen Lndern weniger Eingeborene gibt, als
zur Zeit des Bischofs von Chiapa, Bartholomus Las Casas. In meinem Werke
ber Mexico habe ich dargethan, wie sehr man irrt, wenn man die Ausrottung
der Indianer oder auch nur die Abnahme ihrer Volkszahl in den spanischen
Colonien als eine allgemeine Thatsache hinstellt. Die kupferfarbige Race
ist auf beiden Festlndern Amerikas noch ber sechs Millionen stark, und
obgleich unzhlige Stmme und Sprachen ausgestorben sind oder sich
verschmolzen haben, so unterliegt es doch keinem Zweifel, da zwischen den
Wendekreisen, in dem Theile der neuen Welt, in den die Cultur erst seit
Christoph Columbus eingedrungen ist, die Zahl der Eingeborenen bedeutend
zugenommen hat. Zwei caraibische Drfer in den Missionen von Piritu oder
am Carony zhlen mehr Familien als vier oder fnf Vlkerschaften am
Orinoco. Die gesellschaftlichen Zustnde der unabhngig gebliebenen
Caraiben an den Quellen des Esquibo und sdlich von den Bergen von
Pacaraimo thun zur Genge dar, wie sehr auch bei diesem schnen
Menschenschlag die Bevlkerung der Missionen die Masse der unabhngigen
und verbndeten Caraiben bersteigt. Uebrigens verhlt es sich mit den
Wilden im heien Erdstrich ganz anders als mit denen am Missouri. Diese
bedrfen eines weiten Gebiets, weil sie nur von der Jagd leben; die
Indianer in spanisch Guyana dagegen bauen Manioc und Bananen, und ein
kleines Stck Land reicht zu ihrem Unterhalt hin. Sie scheuen nicht die
Berhrung mit den Weien, wie die Wilden in den Vereinigten Staaten, die,
nach einander hinter die Aleghanis, hinter Ohio und Mississippi
zurckgedrngt, sich den Lebensunterhalt in dem Maae abgeschnitten sehen,
in dem man ihr Gebiet beschrnkt. In der gemigten Zone, in den
_provincias internas_ von Mexico so gut wie in Kentucky ist die Berhrung
mit den europischen Ansiedlern den Eingeborenen verderblich geworden,
weil die Berhrung dort eine unmittelbare ist.

Im grten Theil von Sdamerika fallen diese Ursachen weg. Unter den
Tropen bedarf der Ackerbau keiner weiten Landstrecken, und die Weien
breiten sich langsam aus. Die Mnchsorden haben ihre Niederlassungen
zwischen den Besitzungen der Colonisten und dem Gebiet der freien Indianer
gegrndet. Die Missionen sind als Zwischenstaaten zu betrachten; sie haben
allerdings die Freiheit der Eingeborenen beschrnkt, aber fast aller Orten
ist durch sie eine Zunahme der Bevlkerung herbeigefhrt worden, wie sie
beim Nomadenleben der unabhngigen Indianer nicht mglich ist. Im Maa als
die Ordensgeistlichen gegen die Wlder vorrcken und den Eingeborenen Land
abgewinnen, suchen ihrerseits die weien Ansiedler von der andern Seite
her das Gebiet der Missionen in Besitz zu bekommen. Dabei sucht der
weltliche Arm fortwhrend die unterworfenen Indianer dem Mnchsregiment zu
entziehen. Nach einem ungleichen Kampfe treten allmhlich Pfarrer an die
Stelle der Missionre. Weie und Mischlinge lassen sich, begnstigt von
den Corregidoren, unter den Indianern nieder. Die Missionen werden zu
spanischen Drfern und die Eingeborenen wissen bald gar nicht mehr, da
sie eine Volkssprache gehabt haben. So rckt die Cultur von der Kste ins
Binnenland vor, langsam, durch menschliche Leidenschaften aufgehalten,
aber sichern, gleichmigen Schrittes.

Die Provinzen Neu-Andalusien und Barcelona, die man unter dem Namen
_Govierno de Cumana_ begreift, zhlen in ihrer gegenwrtigen Bevlkerung
mehr als vierzehn Vlkerschaften: es sind in Neu-Andalusien die Chaymas,
Guaiqueries, Pariagotos, Quaquas, Aruacas, Caraiben und Guaraunos; in der
Provinz Barcelona die Cumanagotos, Palenques, Caraiben, Piritus, Tomuzas,
Topocuares, Chacopotas und Guarives. Neun oder zehn unter diesen vierzehn
Vlkerschaften glauben selbst, da sie ganz verschiedener Abstammung sind.
Man wei nicht genau, wie viele Guaraunos es gibt, die ihre Htten an der
Mndung des Orinoco auf Bumen bauen; der Guaiqueries in der Vorstadt von
Cumana und auf der Halbinsel Araja sind es 2000 Kpfe. Unter den brigen
Vlkerschaften sind die Chaymas in den Bergen von Caripe, die Caraiben auf
den sdlichen Savanen von Neu-Barcelona und die Cumanagotos in den
Missionen von Piritu die zahlreichsten. Einige Familien Guaraunos sind auf
dem linken Ufer des Orinoco, da wo das Delta beginnt, der Missionszucht
unterworfen worden. Die Sprachen der Guaraunos, Caraiben, Cumanagotos und
Chaymas sind die verbreitetsten. Wir werden bald sehen, da sie demselben
Sprachstamm anzugehren scheinen und in ihren grammatischen Formen so nahe
verwandt sind, wie, um bekanntere Sprachen zur Vergleichung
herbeizuziehen, das Griechische, Deutsche, Persische und Sanskrit.

Trotz dieser Verwandtschaft sind die Chaymas, Guaraunos, Caraiben,
Quaquas, Aruacas und Cumanagotos als verschiedene Vlker zu betrachten.
Von den Guaiqueries, Pariagotos, Piritus, Tomuzas und Chacopatas wage ich
nicht das Gleiche zu behaupten. Die Guaiqueries geben selbst zu, da ihre
Sprache und die der Guaraunos einander nahe stehen. Beide sind
Kstenvlker, wie die Malaien in der alten Welt. Was die Stmme betrifft,
die gegenwrtig die Mundarten der Cumanagotos, Caraiben und Chaymas haben,
so lt sich ber ihre ursprngliche Abstammung und ihr Verhltni zu
andern, ehemals mchtigeren Vlkern schwer etwas aussagen. Die
Geschichtschreiber der Eroberung, wie die Geistlichen, welche die
Entwicklung der Missionen beschrieben haben, verwechseln, nach der Weise
der Alten, immer geographische Bezeichnungen mit Stammnamen. Sie sprechen
von Indianern von Cumana und von der Kste von Paria, als ob die
Nachbarschaft der Wohnsitze gleiche Abstammung bewiese. Meist benennen sie
sogar die Stmme nach ihren Huptlingen, nach dem Berg oder dem Thal, die
sie bewohnen. Dadurch huft sich die Zahl der Vlkerschaften ins
Unendliche und werden alle Angaben der Missionre ber die ungleichartigen
Elemente in der Bevlkerung ihrer Missionen in hohem Grade schwankend. Wie
will man jetzt ausmachen, ob der Tomuza und der Piritu verschiedener
Abstammung sind, da beide cumanagotisch sprechen, was im westlichen Theil
des Govierno de Cumana die herrschende Sprache ist, wie die der Caraiben
und der Chaymas im sdlichen und stlichen? Durch die groe
Uebereinstimmung in der Krperbildung werden Untersuchungen der Art sehr
schwierig. Die beiden Continente verhalten sich in dieser Beziehung vllig
verschieden; auf dem neuen findet man eine erstaunliche Mannigfaltigkeit
von Sprachen bei Vlkern desselben Ursprungs, die der Reisende nach ihrer
Krperlichkeit kaum zu unterscheiden vermag; in der alten Welt dagegen
sprechen krperlich ungemein verschiedene Vlker, Lappen, Finnen und
Esthen, die germanischen Vlker und die Hindus, die Perser und die Kurden
Sprachen, die im Bau und in den Wurzeln die grte Aehnlichkeit mit
einander haben.

Die Indianer in den Missionen treiben smmtlich Ackerbau, und mit Ausnahme
derer, die in den hohen Gebirgen leben, bauen alle dieselben Gewchse;
ihre Htten stehen am einen Orte in Reihen wie am andern; die Eintheilung
ihres Tagewerks, ihre Arbeit im Gemeindeconuco, ihr Verhltni zu den
Missionren und den aus ihrer Mitte gewhlten Beamten, Alles ist nach
Vorschriften geordnet, die berall gelten. Und dennoch -- und die ist
eine hchst merkwrdige Beobachtung in der Geschichte der Vlker -- war
diese groe Gleichfrmigkeit der Lebensweise nicht im Stande, die
individuellen Zge, die Schattirungen, durch welche sich die
amerikanischen Vlkerschaften unterscheiden, zu verwischen. Der Mensch mit
kupferfarbiger Haut zeigt eine geistige Starrheit, ein zhes Festhalten an
den bei jedem Stamm wieder anders gefrbten Sitten und Gebruchen, das der
ganzen Race recht eigentlich den Stempel aufdrckt. Diesen Charakterzgen
begegnet man unter allen Himmelsstrichen vom Aequator bis zur Hudsonsbai
und bis zur Magellanschen Meerenge; sie sind bedingt durch die physische
Organisation der Eingeborenen, aber die mnchische Zucht leistet ihnen
wesentlich Vorschub.

Es gibt in den Missionen nur wenige Drfer, wo die Familien verschiedenen
Vlkerschaften angehren und nicht dieselbe Sprache reden. Aus so
verschiedenartigen Elementen bestehende Gemeinheiten sind schwer zu
regieren. Meist haben die Mnche ganze Nationen, oder doch bedeutende
Stcke derselben Nation in nahe bei einander gelegenen Drfern
untergebracht. Die Eingeborenen sehen nur Leute ihres eigenen Stammes;
denn Hemmung des Verkehrs, Vereinzelung, das ist ein Hauptartikel in der
Staatskunst der Missionare. Bei den unterworfenen Chaymas, Caraiben,
Tamanacas erhalten sich die nationalen Eigenthmlichkeiten um so mehr, da
sie auch noch ihre Sprachen besitzen. Wenn sich die Individualitt des
Menschen in den Mundarten gleichsam abspiegelt, so wirken diese wieder auf
Gedanken und Empfindung zurck. Durch diesen innigen Verband zwischen
Sprache, Volkscharakter und Krperbildung erhalten sich die Vlker
einander gegenber in ihrer Verschiedenheit und Eigenthmlichkeit, und
die ist eine unerschpfliche Quelle von Bewegung und Leben in der
geistigen Welt.

Die Missionre konnten den Indianern gewisse alte Gebruche bei der Geburt
eines Kindes, beim Mannbarwerden, bei der Bestattung der Todten verbieten;
sie konnten es dahin bringen, da sie sich nicht mehr die Haut bemalten
oder in Kinn, Nase und Wangen Einschnitte machten; sie konnten beim groen
Haufen die aberglubischen Vorstellungen ausrotten, die in manchen
Familien im Geheimen forterben; aber es war leichter Gebruche abzustellen
und Erinnerungen zu verwischen, als die alten Vorstellungen durch neue zu
ersetzen. In den Missionen ist dem Indianer sein Lebensunterhalt
gesicherter als zuvor. Er liegt nicht mehr in bestndigem Kampfe mit
feindlichen Gewalten, mit Menschen und Elementen, und fhrt so dem wilden,
unabhngigen Indianer gegenber ein einfrmigeres, unthtigeres, der
Entwicklung der Geistes- und Gemthskraft weniger gnstiges Leben. Wenn er
gutmthig ist, so kommt die nur daher, weil er die Ruhe liebt, nicht weil
er gefhlvoll ist und gemthlich. Wo er auer Verkehr mit den Weien auch
all den Gegenstnden ferne geblieben ist, welche die Cultur der neuen Welt
zugebracht, hat sich der Kreis seiner Vorstellungen nicht erweitert. Alle
seine Handlungen scheinen nur durch das augenblickliche Bedrfni bestimmt
zu werden. Er ist schweigsam, verdrossen, in sich gekehrt, seine Miene ist
ernst, geheimnivoll. Wer nicht lange in den Missionen gelebt hat und an
das Aussehen der Eingeborenen nicht gewhnt ist, hlt ihre Trgheit und
geistige Starrheit leicht fr den Ausdruck der Schwermuth und des
Tiefsinns.

Ich habe die Charakterzge des Indianers und die Vernderungen, die sein
Wesen unter der Zucht der Missionare erleidet, so scharf hervorgehoben, um
den einzelnen Beobachtungen, die den Inhalt dieses Abschnittes bilden
sollen, mehr Interesse zu geben. Ich beginne mit der Nation der Chaymas,
deren ber 15,000 in den oben beschriebenen Missionen leben. Diese nicht
sehr kriegerische Nation, welche Pater Francisco de Pamplona um die Mitte
des siebzehnten Jahrhunderts in Zucht zu nehmen anfing, hat gegen West die
Cumanagotos, gegen Ost die Guaraunos, gegen Sd die Caraiben zu Nachbarn.
Sie wohnt entlang dem hohen Gebirge des Cocollar und Guacharo an den Ufern
des Guarapiche, des Rio Colorado, des Areo und des Cao de Caripe. Nach
der genauen statistischen Aufnahme des Paters Prfekten zhlte man im.Jahr
1792 in den Missionen der aragonesischen Kapuziner in Cumana neunzehn
*Missions*drfer; das lteste ist von 1728, und sie zhlten 6433 Einwohner
in 1465 Haushaltungen; sechzehn Drfer _de doctrina_; das lteste ist von
1660, und sie hatten 8170 Einwohner in 1766 Familien.

Diese Missionen hatten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 viel zu leiden;
die damals noch unabhngigen Caraiben machten Einflle und brannten ganze
Drfer nieder. Zwischen den Jahren 1730 und 1736 ging die Bevlkerung
zurck in Folge der Verheerungen durch die Blattern, die der
kupferfarbigen Race immer verderblicher sind als den Weien. Viele
Guaraunos, die bereits angesiedelt waren, entliefen wieder in ihre Smpfe.
Vierzehn alte Missionen blieben wste liegen oder wurden nicht wieder
aufgebaut.

Die Chaymas sind meist von kleinem Wuchs; die fllt namentlich auf, wenn
man sie nicht mit ihren Nachbarn, den Caraiben, oder den Payaguas und
Guayquilit in Paraguay, die sich alle durch hohen Wuchs auszeichnen,
sondern nur mit den Eingeborenen Amerikas im Durchschnitt vergleicht. Die
Mittelgre eines Chaymas betrgt 1 Meter 57 Centimeter oder 4 Fu 10
Zoll. Ihr Krper ist gedrungen, untersetzt, die Schultern sind sehr breit,
die Brust flach, alle Glieder rund und fleischigt. Ihre Hautfarbe ist die
der ganzen amerikanischen Race von den kalten Hochebenen Quitos und
Neugrenadas bis herab zu den heien Tieflndern am Amazonenstrom. Die
climatischen Unterschiede uern keinen Einflu mehr auf dieselbe; sie ist
durch organische Verhltnisse bedingt, die sich seit Jahrhunderten
unabnderlich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Gegen Nord wird
die gleichfrmige Hautfarbe rther, dem Kupfer hnlicher; bei den Chaymas
dagegen ist sie dunkelbraun und nhert sich dem Lohfarbigen. Der Ausdruck
kupferfarbige Menschen zur Bezeichnung der Eingeborenen wre im
tropischen Amerika niemals aufgekommen.

Der Gesichtsausdruck der Chaymas ist nicht eben hart und wild, hat aber
doch etwas Ernstes, Finsteres. Die Stirne ist klein, wenig gewlbt; daher
heit es auch in mehreren Sprachen dieses Landstrich von einem schnen
Weibe, sie sey fett und habe eine schmale Stirne. Die Augen der Chaymas
sind schwarz, tiefliegend und stark in die Lnge gezogen; sie sind weder
so schief gestellt noch so klein wie bei den Vlkern mongolischer Race,
von denen Jornandes sagt, sie haben vielmehr Punkte als Augen, _magis
puncta quam lumina_. Indessen ist der Augenwinkel den Schlfen zu dennoch
merklich in die Hhe gezogen; die Augbraunen sind schwarz oder
dunkelbraun, dnn, wenig geschweift; die Augenlieder haben sehr lange
Wimpern, und die Gewohnheit, sie wie schlfrig niederzuschlagen, gibt dem
Blick der Weiber etwas Sanftes und lt das verschleierte Auge kleiner
erscheinen, als es wirklich ist. Wenn die Chaymas, wie berhaupt alle
Eingeborenen Sdamerikas und Neuspaniens, durch die Form der Augen, die
vorspringenden Backenknochen, das straffe, glatte Haar, den fast gnzlich
mangelnden Bart sich der mongolischen Race nhern, so unterscheiden sie
sich von derselben auffallend durch die Form der Nase, die ziemlich lang
ist, der ganzen Lnge nach vorspringt und bei den Naslchern dicker wird,
welch letztere nach unten gerichtet sind, wie bei den Vlkern caucasischer
Race. Der groe Mund mit breiten, aber nicht dicken Lippen hat hufig
einen gutmthigen Ausdruck. Zwischen Nase und Mund laufen bei beiden
Geschlechtern zwei Furchen von den Naslchern gegen die Mundwinkel. Das
Kinn ist sehr kurz und rund; die Kinnladen sind auffallend stark und
breit.

Die Zhne sind bei den Chaymas schn und wei, wie bei allen Menschen von
einfacher Lebensweise, aber lange nicht so stark wie bei den Negern. Den
ersten Reisenden war der Brauch aufgefallen, mit gewissen Pflanzensften
und Aetzkalk die Zhne schwarz zu frben; gegenwrtig wei man nichts mehr
davon. Die Vlkerstmme in diesem Landstrich sind, namentlich seit den
Einfllen der Spanier, welche Sklavenhandel trieben, so hin und her
geschoben worden, da die Einwohner von Paria, die Christoph Columbus und
Ojeda gesehen, ohne Zweifel nicht vom selben Stamme waren wie die Chaymas.
Ich bezweifle sehr, da der Brauch des Schwrzens der Zhne, wie Gomara
behauptet, mit seltsamen Schnheitsbegriffen zusammenhngt(1), oder da es
ein Mittel gegen Zahnschmerzen seyn sollte. Von diesem Uebel wissen die
Indianer so gut wie nichts; auch die Weien in den spanischen Colonien,
wenigstens in den heien Landstrichen, wo die Temperatur so gleichfrmig
ist, leiden selten daran. Auf dem Rcken der Cordilleren, in Santa-Fe und
Popayan sind sie demselben mehr ausgesetzt.

Die Chaymas haben, wie fast alle eingeborenen Vlker, die ich gesehen,
kleine, schmale Hnde. Ihre Fe aber sind gro und die Zehen bleiben
beweglicher als gewhnlich. Alle Chaymas sehen einander hnlich wie nahe
Verwandte, und diese gleichfrmige Bildung, die von den Reisenden so oft
hervorgehoben worden ist, wird desto auffallender, als sich bei ihnen
zwischen dem zwanzigsten und fnfzigsten Jahr das Alter nicht durch
Hautrunzeln, durch graues Haar oder Hinflligkeit des Krpers verrth.
Tritt man in eine Htte, so kann man oft unter den Erwachsenen kaum den
Vater vom Sohn, die eine Generation von der andern unterscheiden. Nach
meiner Ansicht beruht dieser Familienzug auf zwei sehr verschiedenen
Momenten, auf den rtlichen Verhltnissen der indianischen Vlkerschaften
und auf der niedrigen Stufe ihrer geistigen Entwicklung. Die wilden Vlker
zerfallen in eine Unzahl von Stmmen, die sich tdtlich hassen und niemals
Ehen unter einander schlieen, selbst wenn ihre Mundarten demselben
Sprachstamme angehren und nur ein kleiner Fluarm oder eine Hgelkette
ihre Wohnsitze trennt. Je weniger zahlreich die Stmme sind, desto mehr
mu sich, wenn sich Jahrhunderte lang dieselben Familien mit einander
verbinden, eine gewisse gleichfrmige Bildung, ein organischer, recht
eigentlich nationaler Typus festsetzen.(2) Dieser Typus erhlt sich unter
der Zucht der Missionen, die nur Eine Vlkerschaft unter der Obhut haben.
Die Vereinzelung ist so stark wie frher; Ehen werden nur unter
Angehrigen derselben Dorfschaft geschlossen. Fr diese
Blutsverwandtschaft, welche so ziemlich um eine ganze Vlkerschaft ein
Band schlingt, hat die Sprache der Indianer, die in den Missionen geboren
sind oder erst nach ihrer Aufnahme aus den Wldern spanisch gelernt haben,
einen naiven Ausdruck. Wenn sie von Leuten sprechen, die zum selben Stamme
gehren, sagen sie _mis parientes_, meine Verwandten.

Zu diesen Ursachen, die sich nur auf die Vereinzelung beziehen, deren
Einflu sich ja auch bei den europischen Juden, bei den indischen Kasten
und allen Gebirgsvlkern bemerklich macht, kommen nun noch andere, bisher
weniger beachtete. Ich habe schon frher bemerkt, da es vorzglich die
Geistesbildung ist, was Menschengesichter von einander verschieden macht.
Barbarische Nationen haben vielmehr eine Stamm- oder Hordenphysiognomie
als eine, die diesem oder jenem Individuum zukme. Der wilde Mensch
verhlt sich hierin dem gebildeten gegenber wie die Thiere einer und
derselben Art, die zum Theil in der Wildnis leben, whrend die andern in
der Umgebung des Menschen gleichsam an den Segnungen und den Uebeln der
Cultur Theil nehmen. Abweichungen in Krperbau und Farbe kommen nur bei
den Hausthieren hufig vor. Welcher Abstand, was Beweglichkeit der Zge
und mannigfaltigen physiognomischen Ausdruck betrifft, zwischen den
Hunden, die in der neuen Welt wieder verwildert sind, und den Hunden in
einem wohlhabenden Hause, deren geringste Launen man befriedigt! Beim
Menschen und bei den Thieren spiegeln sich die Regungen der Seele in den
Zgen ab, und die Zge werden desto beweglicher, je hufiger,
mannigfaltiger und andauernder die Empfindungen sind. Aber der Indianer in
den Missionen, von aller Cultur abgeschnitten, wird allein vom physischen
Bedrfni bestimmt, und da er dieses im herrlichen Klima fast mhelos
befriedigt, fhrt er ein trges, einfrmiges Leben. Unter den
Gemeindegliedern herrscht die vollkommenste Gleichheit, und diese
Einfrmigkeit, diese Starrheit der Verhltnisse drckt sich auch in den
Gesichtszgen der Indianer aus.

Unter der Zucht der Mnche wandeln heftige Leidenschaften, wie Groll und
Zorn, den Eingeborenen ungleich seltener an, als wenn er in den Wldern
lebt. Wenn der wilde Mensch sich raschen, heftigen Gemthsbewegungen
berlt, so wird sein bis dahin ruhiges, starres Gesicht auf einmal
krampfhaft verzerrt; aber seine Aufregung geht um so rascher vorber, je
strker sie ist. Beim Indianer in den Missionen dagegen ist, wie ich am
Orinoco oft beobachten konnte, der Zorn nicht so heftig, nicht so offen,
aber er hlt lnger an. Uebrigens ist es auf allen Stufen menschlicher
Entwicklung nicht die Strke oder die augenblickliche Entfesselung der
Leidenschaften, was den Zgen den eigentlichen Ausdruck gibt, sondern
vielmehr jene Reizbarkeit der Seele, die uns in bestndiger Berhrung mit
der Auenwelt erhlt, Zahl und Maa unserer Schmerzen und unserer Freuden
steigert und auf Physiognomie, Sitten und Sprache zugleich zurckwirkt.
Wenn Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit der Zge das belebte Naturreich
verschnern, so ist auch nicht zu lugnen, da beide zwar nicht allein
Produkte der Cultur sind, wohl aber mit ihr sich steigern. In der groen
Vlkerfamilie kommen diese Vorzge keiner Race in hherem Maae zu als der
caucasischen oder europischen. Nur beim weien Menschen tritt das Blut
pltzlich in das Gewebe der Haut und tritt damit jener leise Wechsel der
Gesichtsfarbe ein, der den Ausdruck der Gemthsbewegungen so bedeutend
verstrkt. Wie soll man Menschen trauen, die nicht roth werden knnen?
sagt der Europer in seinem eingewurzelten Hasse gegen den Neger und den
Indianer. Man mu brigens zugeben, da diese Starrheit der Zge nicht
allen Racen mit sehr dunkel gefrbter Haut zukommt; sie ist beim Afrikaner
lange nicht so bedeutend, wie bei den eingeborenen Amerikanern.

Dieser physischen Schilderung der Chaymas lassen wir einige allgemeine
Bemerkungen ber ihre Lebensweise und ihre Sitten folgen. Da ich die
Sprache des Volks nicht verstehe, kann ich keinen Anspruch darauf machen,
whrend meines nicht sehr langen Aufenthalts in den Missionen ihren
Charakter durchgngig kennen gelernt zu haben. So oft im Folgenden von den
Indianern die Rede ist, stelle ich das, was wir von den Missionren
erfahren, neben das Wenige, was wir selbst beobachten konnten.

Die Chaymas haben, wie alle halbwilden Vlker in sehr heien Lndern, eine
entschiedene Abneigung gegen Kleider. Von mittelalterlichen
Schriftstellern hren wir, da im nrdlichen Europa die Hemden und
Beinkleider, welche die Missionre austheilten, nicht wenig zur Bekehrung
der Heiden beigetragen haben. In der heien Zone dagegen schmen sich die
Eingeborenen, wie sie sagen, da sie Kleider tragen sollen, und sie laufen
in die Wlder, wenn man sie zu frhe nthigt, ihr Nacktgehen aufzugeben.
Bei den Chaymas bleiben, trotz des Eiferns der Mnche, Mnner und Weiber
im Innern der Huser nackt. Wenn sie durch das Dorf gehen, tragen sie eine
Art Hemd aus Baumwollenzeug, das kaum bis zum Knie reicht. Bei den Mnnern
hat dasselbe Aermel, bei den Weibern und den Jungen bis zum zehnten,
zwlften Jahr bleiben Arme, Schultern und der obere Theil der Brust frei.
Das Hemd ist so geschnitten, da Vorderstck und Rckenstck durch zwei
schmale Bnder auf der Schulter zusammenhngen. Es kam vor, da wir
Eingeborenen auerhalb der Mission begegneten, die, namentlich bei
Regenwetter, ihr Hemd ausgezogen hatten und es aufgerollt unter dem Arm
trugen. Sie wollten sich lieber auf den bloen Leib regnen, als ihre
Kleider na werden lassen. Die ltesten Weiber versteckten sich dabei
hinter die Bume und schlugen ein lautes Gelchter auf, wenn wir an ihnen
vorber kamen. Die Missionre klagen meist, da Schaam und Gefhl fr das
Anstndige bei den jungen Mdchen nicht viel entwickelter seyen als bei
den Mnnern. Schon Ferdinand Columbus erzhlt, sein Vater habe im Jahr
1498 auf der Insel Trinidad vllig nackte Weiber angetroffen, whrend die
Mnner den _'Guayuco'_ trugen, der vielmehr eine schmale Binde ist als
eine Schrze. Zur selben Zeit unterschieden sich auf der Kste von Paria
die Mdchen von den verheiratheten Weibern dadurch, da sie, wie Cardinal
Bembo behauptet, ganz nackt gingen, oder, nach Gomara, dadurch, da sie
einen anders gefrbten Guayuco trugen. Diese Binde, die wir noch bei den
Chaymas und allen nackten Vlkerschaften am Orinoco angetroffen, ist nur
zwei bis drei Zoll breit und wird mit beiden Enden an einer Schnur
befestigt, die mitten um den Leib gebunden ist. Die Mdchen heirathen
hufig mit zwlf Jahren; bis zum neunten gestatten ihnen die Missionre,
nackt, das heit ohne Hemd, zur Kirche zu kommen. Ich brauche hier nicht
daran zu erinnern, da bei den Chaymas, wie in allen spanischen Missionen
und indianischen Drfern, die ich besucht, Beinkleider, Schuhe und Hut
Luxusartikel sind, von denen die Eingeborenen nichts wissen. Ein Diener,
der uns auf der Reise nach Charipe und an den Orinoco begleitet und den
ich mit nach Frankreich gebracht, konnte sich, nachdem wir ans Land
gestiegen, nicht genug verwundern, als er einen Bauern mit dem Hut auf dem
Kopf ackern sah, und er glaubte in einem armseligen Lande zu seyn, wo
sogar die Edelleute (_los mismos caballeros_) hinter dem Pfluge gehen.

Die Weiber der Chaymas sind nach unsern Schnheitsbegriffen nicht hbsch;
indessen haben die jungen Mdchen etwas Sanftes und Wehmthiges im Blick,
das von dem ein wenig harten und wilden Ausdruck des Mundes angenehm
absticht. Die Haare tragen sie in zwei lange Zpfe geflochten. Die Haut
bemalen sie sich nicht und kennen in ihrer Armuth keinen andern Schmuck
als Hals- und Armbnder aus Muscheln, Vgelknochen und Fruchtkernen.
Mnner und Weiber sind sehr musculs, aber der Krper ist fleischigt mit
runden Formen. Ich brauche kaum zu sagen, da mir nie ein Individuum mit
einer natrlichen Mibildung aufgestoen ist; dasselbe gilt von den vielen
tausend Caraiben, Muyscas, Mexicanern und Peruanern, die wir in fnf
Jahren gesehen. Dergleichen Mibildungen sind bei gewissen Racen ungemein
selten, besonders aber bei Vlkern, deren Hautgewebe stark gefrbt ist.
Ich kann nicht glauben, da sie allein Folgen hherer Cultur, einer
weichlicheren Lebensweise und der Sittenverderbni sind. In Europa
heirathet ein buckligtes oder sehr hliches Mdchen, wenn sie Vermgen
hat, und die Kinder erben hufig die Mibildung der Mutter. Im wilden
Zustand, in dem zugleich vollkommene Gleichheit herrscht, kann nichts
einen Mann vermgen, eine Mibildete oder sehr Krnkliche zum Weibe zu
nehmen. Hat eine solche das seltene Glck, da sie das Alter der Reife
erreicht, so stirbt sie sicher kinderlos. Man mchte glauben, die Wilden
seyen alle so wohlgebildet und so krftig, weil die schwchlichen Kinder
aus Verwahrlosung frhe wegsterben und nur die krftigen am Leben bleiben;
aber die kann nicht von den Indianern in den Missionen gelten, welche die
Sitten unserer Bauern haben, noch auch von den Mexicanern in Cholula und
Tlascala, die in einem Wohlstand leben, den sie von civilisirteren
Vorfahren ererbt. Wenn die kupferfarbige Race auf allen Culturstufen
dieselbe Starrheit zeigt, dieselbe Unfhigkeit, vom ursprnglichen Typus
abzuweichen, so mssen wir darin doch wohl groentheils angeborene Anlage
erblicken, das, worin eben der eigenthmliche Racencharakter besteht. Ich
sage absichtlich: groentheils, weil ich den Einflu der Cultur nicht ganz
ausschlieen mchte. Beim kupferfarbigen Menschen, wie beim Weien, wird
der Krper durch Luxus und Weichlichkeit geschwcht, und aus diesem Grunde
waren frher Mibildungen in Couzco und Tenochtitlan hufiger; aber unter
den heutigen Mexicanern, die alle Landbauern sind und in der grten
Sitteneinfalt leben, htte Montezuma nimmermehr die Zwerge und Bucklichten
aufgetriehen, die Bernal Diaz bei seiner Mahlzeit erscheinen sah.

Die Sitte des frhzeitigen Heirathens ist, wie die Ordensgeistlichen
bezeugen, der Zunahme der Bevlkerung durchaus nicht nachtheilig. Diese
frhe Mannbarkeit ist Racencharakter und keineswegs Folge des heien
Klimas; sie kommt ja auch auf der Nordwestkste von Amerika, bei den
Eskimos vor, so wie in Asien bei den Kamtschadalen und Koriken, wo hufig
zehnjhrige Mdchen Mtter sind. Man kann sich nur wundern, da die
Tragezeit, die Dauer der Schwangerschaft sich im gesunden Zustande bei
keiner Race und in keinem Klima verndert.

Die Chaymas haben beinahe keinen Bart am Kinn, wie die Tongusen und andere
Vlker mongolischer Race. Die wenigen Haare, die sprossen, reien sie aus;
aber im Allgemeinen ist es unrichtig, wenn man behauptet, sie haben nur
dehalb keinen Bart, weil sie denselben ausraufen. Auch ohne diesen Brauch
wren die Indianer grtentheils ziemlich bartlos. Ich sage grtentheils,
denn es gibt Vlkerschaften, die in dieser Beziehung ganz vereinzelt neben
den andern stehen und dehalb um so mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hieher
gehren in Nordamerika die Chepewyans, die Mackenzie besucht hat, und die
Yabipais bei den toltekischen Ruinen von Moqui, beide mit dichtem Bart, in
Sdamerika die Patagonen und Guaranys. Unter, letzteren sieht man Einzelne
sogar mit behaarter Brust. Wenn die Chaymas, statt sich den dnnen
Kinnbart auszuraufen, sich hufig rasiren, so wchst der Bart strker.
Solches sah ich mit Erfolg junge Indianer thun, die als Mediener lebhaft
wnschten den Vter Kapuzinern, ihren Missionren und Meistern zu
gleichen. Beim Volk im Ganzen aber ist und bleibt der Bart in dem Mae
verhat, in dem er bei den Orientalen in Ehren steht. Dieser Widerwille
fliet aus derselben Quelle wie die Vorliebe fr abgeflachte Stirnen, die
an den Bildnissen aztekischer Gottheiten und Helden in so seltsamer Weise
zu Tage kommt. Den Vlkern gilt immer fr schn, was ihre eigene
Krperbildung, ihre Nationalphysiognomie besonders auszeichnet.(3) Da
ihnen nun die Natur sehr wenig Bart, eine schmale Stirne und eine
rothbraune Haut gegeben hat, so hlt sich jeder fr desto schner, je
weniger sein Krper behaart, je flacher sein Kopf, je lebhafter seine Haut
mit _'Roucou'_, _'Chica'_ oder irgend einer kupferrothen Farbe bemalt ist.

Die Lebensweise der Chaymas ist hchst einfrmig. Sie legen sich
regelmig um sieben Uhr Abends nieder und stehen lange vor Tag, um halb
fnf Uhr Morgens auf. Jeder Indianer hat ein Feuer bei seiner Hngematte.
Die Weiber sind so frostig, da ich sie in der Kirche vor Klte zittern
sah, wenn der hunderttheilige Thermometer noch auf 18 Grad stand. Im
Innern sind die Htten der Indianer uerst sauber. Ihr Bettzeug, ihre
Schilfmatten, ihre Tpfe mit Manioc oder gegohrenem Mais, ihre Bogen und
Pfeile, Alles befindet sich in der schnsten Ordnung. Mnner und Weiber
baden tglich, und da sie fast immer nackt gehen, so kann bei ihnen die
Unreinlichkeit nicht aufkommen, die beim gemeinen Volk in kalten Lndern
vorzugsweise von den Kleidern herrhrt. Auer dem Haus im Dorfe haben sie
meist auf ihren _'Conucos'_, an einer Quelle oder am Eingang einer recht
einsamen Schlucht, eine mit Palm- und Bananenblttern gedeckte Htte von
geringem Umfang. Obgleich sie auf dem Conuco weniger bequem leben, halten
sie sich doch dort auf, so oft sie nur knnen. Schon oben gedachten wir
ihres unwiderstehlichen Triebs, die Gesellschaft zu fliehen und zum Leben
in der Wildni zurckzukehren. Die kleinsten Kinder entlaufen nicht selten
ihren Eltern und ziehen vier, fnf Tage in den Wldern herum, von
Frchten, von Palmkohl und Wurzeln sich nhrend. Wenn man in den Missionen
reist, sieht man hufig die Drfer fast ganz leer stehen, weil die
Einwohner in ihren Grten sind oder auf der Jagd, _al monte_. Bei den
civilisirten Vlkern fliet wohl die Jagdlust zum Theil aus denselben
moralischen Quellen, aus dem Reiz der Einsamkeit, dem angebotenen
Unabhngigkeitstrieb, dem tiefen Eindruck, den die Natur berall auf den
Menschen macht, wo er sich ihr allein gegenber sieht.

Entbehrung und Leiden sind auch bei den Chaymas, wie bei allen
halbbarbarischen Vlkern, das Loos der Weiber. Die schwerste Arbeit fllt
ihnen zu. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihrem Garten heimkommen sahen,
trug der Mann nichts als das Messer (_machette_), mit dem er sich einen
Weg durch das Gestruch bahnt. Das Weib ging gebckt unter einer
gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm, und zwei andere
saen nicht selten oben auf dem Bndel. Trotz dieser gesellschaftlichen
Unterordnung schienen mir die Weiber der sdamerikanischen Indianer
glcklicher als die der Wilden im Norden. Zwischen den Aleghanis und dem
Mississippi werden berall, wo die Eingeborenen nicht grtentheils von
der Jagd leben, Mais, Bohnen und Krbisse nur von den Weibern gebaut; der
Mann gibt sich mit dem Ackerbau gar nicht ab. In der heien Zone gibt es
nur sehr wenige Jgervlker, und in den Missionen arbeiten die Mnner im
Felde so gut wie die Weiber.

Man macht sich keinen Begriff davon, wie schwer die Indianer spanisch
lernen. Sie haben einen Abscheu davor, so lange sie mit den Weien nicht
in Berhrung kommen und ihnen der Ehrgeiz fremd bleibt, civilisirte
Indianer zu heien, oder, wie man sich in den Missionen ausdrckt,
_'latinisirte'_ Indianer, _Indios muy latinos_. Was mir aber nicht allein
bei den Chaymas, sondern in allen sehr entlegenen Missionen, die ich
spter besucht, am meisten auffiel, das ist, da es den Indianern so
ungemein schwer wird, die einfachsten Gedanken zusammenzubringen und auf
spanisch auszudrcken, selbst wenn sie die Bedeutung der Worte und den
Satzbau ganz gut kennen. Man sollte sie fr noch einfltiger halten als
Kinder, wenn ein Weier sie ber Gegenstnde befragt, mit denen sie von
Kindesbeinen an vertraut sind. Die Missionre versichern, dieses Stocken
sey nicht Folge der Schchternheit; bei den Indianern, die tglich ins
Haus des Missionrs kommen und bei der ffentlichen Arbeit die Aussicht
fhren, sey es keineswegs natrliche Beschrnktheit, sondern nur
Unvermgen, den Mechanismus einer von ihren Landessprachen abweichenden
Sprache zu handhaben. Je uncultivirter der Mensch ist, desto mehr
moralische Starrheit und Unbiegsamkeit kommt ihm zu. Es ist also nicht zu
verwundern, wenn der Indianer, der vereinsamt in den Missionen lebt,
Hemmnissen begegnet, von denen diejenigen nichts wissen, die mit Mestizen,
Mulatten und Weien in der Nhe der Stdte in Pfarrdrfern wohnen. Ich war
oft erstaunt, mit welcher Gelufigkeit in Caripe der _'Alcalde'_, der
_'Governador'_, der _'Sargento mayor'_ stundenlang zu den vor der Kirche
versammelten Indianern sprachen; sie vertheilten die Arbeiten fr die
Woche, schalten die Trgen, drohten den Unanstelligen. Diese Huptlinge,
die selbst Chaymas sind und die Befehle des Missionrs der Gemeinde zur
Kenntni bringen, sprechen dabei alle auf einmal, mit lauter Stimme, mit
starker Betonung, fast ohne Geberdenspiel. Ihre Zge bleiben dabei
unbeweglich, ihr Blick ist ernst, gebieterisch.

Dieselben Menschen, die so viel Geisteslebendigkeit verriethen und
ziemlich gut spanisch verstanden, konnten ihre Gedanken nicht mehr
zusammenbringen, wenn sie uns auf unsern Ausflgen in der Nhe des
Klosters begleiteten und wir durch die Mnche Fragen an sie richten
lieen. Man konnte sie Ja oder Nein sagen lassen, je nachdem man die Frage
stellte; und ihre Trgheit und nebenbei auch jene schlaue Hflichkeit, die
auch dem rohesten Indianer nicht ganz fremd ist, lie sie nicht selten
ihren Antworten die Wendung geben, auf die unsere Fragen zu deuten
schienen. Wenn sich Reisende auf die Aussagen von Eingeborenen berufen
wollen, knnen sie vor diesem geflligen Jasagen sich nicht genug in Acht
nehmen. Ich wollte einmal einen indianischen Alcalden auf die Probe
stellen und fragte ihn, ob er nicht meine, der Bach Caripe, der aus der
Hhle des Guacharo herauskommt, laufe aus der andern Seite den Berg heraus
und durch eine unbekannte Oeffnung herein. Er schien sich eine Weile zu
besinnen und sagte dann zur Untersttzung meiner Annahme: Freilich, wie
wre auch sonst vorne in der Hhle immer Wasser im Bett?

Alle Zahlenverhltnisse fassen die Chaymas auerordentlich schwer. Ich
habe nicht Einen gesehen, den man nicht sagen lassen konnte, er sey
achtzehn oder aber sechzig Jahre alt. Marsden hat dieselbe Beobachtung an
den Malaien auf Sumatra gemacht, die doch seit mehr als fnfhundert Jahren
civilisirt sind. Die Chaymassprache hat Worte, die ziemlich groe Zahlen
ausdrcken, aber wenige Indianer wissen damit umzugehen, und da sie im
Verkehr mit den Missionren dazu genthigt sind, so zhlen die fhigsten
spanisch, aber so, da man ihnen die geistige Anstrengung ansieht, bis auf
30 oder 50. In der Chaymassprache zhlen dieselben Menschen nicht ber 5
oder 6. Es ist natrlich, da sie sich vorzugsweise der Worte einer
Sprache bedienen, in der sie die Reihen der Einer und der Zehner kennen
gelernt haben. Seit die europischen Gelehrten es der Mhe werth halten,
den Bau der amerikanischen Sprachen zu studiren, wie man den Bau der
semitischen Sprachen, des Griechischen und des Lateinischen studirt,
schreibt man nicht mehr der Mangelhaftigkeit der Sprachen zu, was nur aus
Rechnung der Rohheit der Vlker kommt. Man erkennt an, da fast berall
die Mundarten reicher sind und feinere Wendungen aufzuweisen haben, als
man nach der Culturlosigkeit der Vlker, die sie sprechen, vermuthen
sollte. Ich bin weit entfernt, die Sprachen der neuen Welt den schnsten
Sprachen Asiens und Europas gleichstellen zu wollen; aber keine von diesen
hat ein klareres, regelmigeres und einfacheres Zahlsystem als das
Oquichua und das Aztekische, die in den groen Reichen Couzco und Anahuac
gesprochen wurden. Drfte man nun sagen, in diesen Sprachen zhle man
nicht ber vier, weil es in den Drfern, wo sich dieselben unter den armen
Bauern von peruanischem oder mexicanischem Stamm erhalten haben, Menschen
gibt, die nicht weiter zhlen knnen? Die seltsame Ansicht, nach der so
viele Vlker Amerikas nur bis zu fnf, zehn oder zwanzig sollen zhlen
knnen, ist durch Reisende aufgekommen, die nicht wuten, da die
Menschen, je nach dem Geist der verschiedenen Mundarten, in allen
Himmelsstrichen nach 5, 10 oder 20 Einheiten (das heit nach den Fingern
Einer Hand, beider Hnde, der Hnde und Fe zusammen) einen Abschnitt
machen, und da 6, 13 oder 20 auf verschiedene Weise durch fnf eins, zehn
drei und Fu zehn ausgedrckt werden. Kann man sagen, die Zahlen der
Europer gehen nicht ber zehen, weil wir Halt machen, wenn eine Gruppe
von zehn Einheiten beisammen ist?

Die amerikanischen Sprachen sind so ganz anders gebaut, als die
Tchtersprachen des Lateinischen, da die Jesuiten, welche Alles, was ihre
Anstalten frdern konnte, aufs Sorgfltigste in Betracht zogen, bei den
Neubekehrten statt des Spanischen einige indianische sehr reiche, sehr
regelmige und weit verbreitete Sprachen, namentlich das Oquichua und das
Guarani, einfhrten. Sie suchten durch diese Sprachen die rmeren,
plumperen, im Satzbau nicht so regelmigen Mundarten zu verdrngen. Und
der Tausch gelang ohne alle Schwierigkeit; die Indianer verschiedener
Stmme lieen sich ganz gelehrig dazu herbei, und so wurden diese
verallgemeinerten amerikanischen Sprachen zu einem bequemen Verkehrsmittel
zwischen den Missionren und den Neubekehrten. Mit Unrecht wrde man
glauben, der Sprache der Incas sey nur darum der Vorzug vor dem Spanischen
gegeben worden, um die Missionen zu isoliren und sie dem Einflu zweier
auf einander eiferschtiger Gewalten, der Bischfe und der Statthalter, zu
entziehen; abgesehen von ihrer Politik hatten die Jesuiten noch andere
Grnde, wenn sie gewisse indianische Sprachen zu verbreiten suchten. Diese
Sprachen boten ihnen ein bequemes Mittel, um ein Band um zahlreiche Horden
zu schlingen, die bis jetzt vereinzelt, einander feindlich gesinnt, durch
die Sprachverschiedenheit geschieden waren; denn in uncultivirten Lndern
bekommen die Dialekte nach mehreren Jahrhunderten nicht selten die Form
oder doch das Aussehen von Ursprachen.

Wenn es heit, ein Dne lerne leichter Deutsch, ein Spanier leichter
Italienisch oder Lateinisch als jede andere Sprache, so meint man
zunchst, die rhre daher, da alle germanischen Sprachen oder alle
Sprachen des lateinischen Europas eine Menge Wurzeln mit einander gemein
haben; man vergit, da es neben dieser Aehnlichkeit der Laute eine andere
gibt, die Vlker von gemeinsamem Ursprung noch ungleich tiefer anregt. Die
Sprache ist keineswegs ein Ergebni willkhrlicher Uebereinkunft; der
Mechanismus der Flexionen, die grammatischen Formen, die Mglichkeit der
Inversionen, Alles ist ein Ausflu unseres Innern, unserer eigenthmlichen
Organisation. Im Menschen lebt ein unbewut thtiges und ordnendes
Princip, das bei Vlkern von verschiedener Race auch verschieden angelegt
ist. Das mehr oder weniger rauhe Klima, der Aufenthalt im Hochgebirg oder
am Meeresufer, die ganze Lebensweise mgen die Laute umwandeln, die
Gemeinsamkeit der Wurzeln unkenntlich machen und ihrer neue erzeugen; aber
alle diese Ursachen lassen den Bau und das innere Getriebe der Sprachen
unberhrt. Die Einflsse des Klimas und aller uern Verhltnisse sind ein
verschwindendes Moment dem gegenber, was der Racencharakter wirkt, die
Gesammtheit der dem Menschen eigenthmlichen, sich vererbenden Anlagen.

In Amerika nun -- und dieses Ergebni der neuesten Forschungen ist fr die
Geschichte unserer Gattung von der hchsten Bedeutung -- in Amerika haben
vom Lande der Eskimos bis zum Orinoco, und von den heien Ufern dieses
Flusses bis zum Eis der Magellanschen Meerenge den Wurzeln nach ganz
verschiedene Stammsprachen so zu sagen dieselbe Physiognomie. Nicht allein
ausgebildete Sprachen, wie die der Incas, das Aymare, Guarany, Cora und
das Mexicanische, sondern auch sehr rohe Sprachen zeigen in ihrem
grammatischen Bau die berraschendsten Aehnlichkeiten. Idiome, deren
Wurzeln einander um nichts hnlicher sind als die Wurzeln des Slavischen
und des Baskischen, gleichen einander im inneren Mechanismus wie Sanskrit,
Persisch, Griechisch und die germanischen Sprachen. So findet man fast
berall in der neuen Welt, da die Zeitwrter eine ganze Menge Formen und
Tempora haben, ein knstliches, sehr verwickeltes Verfahren, um entweder
durch Flexion der persnlichen Frwrter, welche die Wortendungen bilden,
oder durch Einschieben eines Suffixes zum voraus Wesen und Verhltnisse
des Subjekts zu bezeichnen, um anzugeben, ob dasselbe lebendig ist oder
leblos, mnnlichen oder weiblichen Geschlechts, einfach oder in vielfacher
Zahl. Eben wegen dieser allgemeinen Aehnlichkeit im Bau, und weil
amerikanische Sprachen, die auch nicht ein Wort mit einander gemein haben
(z. B. das Mexicanische und das Oquichua), in ihrer inneren Gliederung
bereinkommen und von den Tchtersprachen des Lateinischen durchaus
abweichen, lernt der Indianer in den Missionen viel leichter eine
amerikanische Sprache als die des europischen Mutterlandes. In den
Wldern am Orinoco habe ich die rohesten Indianer zwei, drei Sprachen
sprechen hren. Hufig verkehren Wilde verschiedener Nationen in einem
andern als ihrem eigenen Idiom mit einander.

Htte man das System der Jesuiten befolgt, so wren bereits weit
verbreitete Sprachen fast allgemein geworden. Auf Terra Firma und am
Orinoco sprche man jetzt nur Caraibisch oder Tamanakisch, im Sden und
Sdwesten Oquichua, Guarani, Omagua und Araucanisch. Die Missionre
knnten sich diese Sprachen zu eigen machen, deren grammatische Formen
hchst regelmig und fast so fest sind wie im Griechischen und Sanskrit,
und wrden so den Eingeborenen, ber die sie herrschen, weit nher kommen.
Die zahllosen Schwierigkeiten in der Verwaltung von Missionen, die aus
einem Dutzend Vlkerschaften bestehen, verschwnden mit der
Sprachverwirrung. Die wenig verbreiteten Mundarten wrden todte Sprachen;
aber der Indianer behielte mit einer amerikanischen Sprache auch seine
Individualitt und seine nationale Physiognomie. Man erreichte so auf
friedlichem Wege, was die allzu sehr gepriesenen Incas, die den Fanatismus
in die neue Welt eingefhrt, mit Waffengewalt durchzufhren begonnen.

Wie mag man sich auch wundern, da die Chaymas, die Caraiben, die Saliven
oder Otomaken im Spanischen so geringe Fortschritte machen, wenn man
bedenkt, da fnf-, sechshundert Indianern Ein Weier, Ein Missionr
gegenbersteht, und da dieser alle Mhe hat, einen Governador, Alcalden
oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! Knnte man statt der Zucht der
Missionre die Indianer auf anderem Wege civilisiren, oder vielmehr ihre
Sitten snftigen (denn der unterworfene Indianer hat weniger rohe Sitten,
ohne dehalb gebildeter zu seyn), knnte man die Weien, statt sie ferne
zu halten, in neu gebildeten Gemeinden unter den Eingeborenen leben
lassen, so wren die amerikanischen Sprachen bald von den europischen
verdrngt, und die Eingeborenen berkmen mit den letzteren die gewaltige
Masse neuer Vorstellungen, welche die Frchte der Cultur sind. Dann
brauchte man allerdings keine allgemeinen Sprachen, wie die der Incas oder
das Guarany, einzufhren. Aber nachdem ich mich in den Missionen des
sdlichen Amerikas so lange aufgehalten, nachdem ich die Vorzge und die
Mibruche des Regiments der Missionare kennen gelernt, darf ich wohl die
Ansicht aussprechen, da dieses Regiment nicht so leicht abzuschaffen seyn
wird, ein System, das sich gar wohl bedeutend verbessern lt und das als
Vorbereitung und Uebergang zu einem unsern Begriffen von brgerlicher
Freiheit entsprechenderen erscheint. Man wird mir einwenden, die Rmer
haben in Gallien, in Btica, in der Provinz Afrika mit ihrer Herrschaft
schnell auch ihre Sprache eingefhrt; aber die eingeborenen Vlker dieser
Lnder waren keine Wilde. Sie wohnten in Stdten, sie kannten den Gebrauch
des Geldes, sie hatten brgerliche Einrichtungen, die eine ziemlich hohe
Stufe der Cultur voraussetzen. Durch die Lockungen des Waarentausches und
den langen Aufenthalt der Legionen waren sie mit den Eroberern in
unmittelbare Berhrung gekommen. Dagegen sehen wir der Einfhrung der
Sprachen der Mutterlnder berall fast unberwindliche Hindernisse
entgegentreten, wo carthaginensische, griechische oder rmische Colonien
auf wirklich barbarischen Ksten angelegt wurden. Zu allen Zeiten und
unter allen Himmelsstrichen ist Flucht der erste Gedanke des Wilden dem
civilisirten Menschen gegenber.

Die Sprache der Chaymas schien mir nicht so wohlklingend wie das
Caraibische, das Salivische und andere Orinocosprachen: Namentlich hat sie
weniger in accentuirten Vocalen ausklingende Endungen. Sylben wie _guaz_,
_ez_, _puic_, _pur_ kommen auffallend oft vor. Wir werden bald sehen, da
diese Endungen zum Theil Flexionen des Zeitworts *seyn* sind, oder aber
Postpositionen, die nach dem Wesen der amerikanischen Sprachen den Worten
selbst einverleibt sind. Mit Unrecht wrde man diese Rauheit des
Sprachtons dem Leben der Chaymas im Gebirge zuschreiben, denn sie sind
ursprnglich diesem gemigten Klima fremd. Sie sind erst durch die
Missionre dorthin versetzt worden, und bekanntlich war den Chaymas, wie
allen Bewohnern heier Landstriche, die Klte in Caripe, wie sie es
nennen, Anfangs sehr zuwider. Whrend unseres Aufenthalts im
Kapuzinerkloster haben Bonpland und ich ein kleines Verzeichni von
Chaymasworten angelegt. Ich wei wohl, da der Bau und die grammatischen
Formen fr die Sprachen weit bezeichnender sind als die Analogie der Laute
und der Wurzeln, und da diese Analogie der Laute nicht selten in
verschiedenen Dialekten derselben Sprache vllig unkenntlich wird; denn
die Stmme, in welche eine Nation zerfllt, haben hufig fr dieselben
Gegenstnde vllig verschiedene Benennungen. So kommt es, da man sehr
leicht irre geht, wenn man, die Flexionen auer Augen lassend, nur nach
den Wurzeln, z. B. nach den Worten fr Mond, Himmel, Wasser, Erde, zwei
Idiome allein wegen der Unhnlichkeit der Laute fr vllig verschieden
erklrt. Trotz dieser Quelle des Irrthums thun, denke ich, die Reisenden
gut, wenn sie immer alles Matterial sammeln, das ihnen zugnglich ist.
Machen sie auch nicht mit der inneren Gliederung und dem allgemeinen Plane
des Baus bekannt, so lehren sie doch wichtige Theile desselben fr sich
kennen. Die Wrterverzeichnisse sind nicht zu vernachligen; sie geben
sogar ber den wesentlichen Charakter einer Sprache einigen Ausschlu,
wenn der Reisende Stze sammelt, aus denen man ersieht, wie das Zeitwort
flektirt wird und, was in den verschiedenen Sprachen in so abweichender
Weise geschieht, die persnlichen und possessiven Frwrter bezeichnet
werden.

Die drei verbreitetsten Sprachen in den Provinzen Cumana und Barcelona
sind gegenwrtig die der Chaymas, das Cumanagotische und das Caraibische.
Sie haben im Lande von jeher als verschiedene Idiome gegolten; jede hat
ihr Wrterbuch, zum Gebrauch der Missionen verfat von den Patres Tauste,
Ruiz-Blanco und Breton. Das _Vocabulario y arte de la lengua de los Indios
Chaymas_ ist sehr selten geworden. Die wenigen Exemplare der meist im
siebzehnten Jahrhundert gedruckten amerikanischen Sprachlehren sind in die
Missionen gekommen und in den Wldern zu Grunde gegangen. Wegen der groen
Feuchtigkeit und der Gefrigkeit der Insekten lassen sich in diesen
heien Lndern Bcher fast gar nicht aufbewahren. Trotz aller
Vorsichtsmaregeln sind sie in kurzer Zeit gnzlich verdorben. Nur mit
groer Mhe konnte ich in den Missionen und Klstern die Grammatiken
amerikanischer Sprachen zusammenbringen, die ich gleich nach meiner
Rckkehr nach Europa dem Professor und Bibliothekar Severin Vater zu
Knigsberg bermacht habe; sie lieferten ihm gutes Material zu seinem
schnen groen Werk ber die Sprachen der neuen Welt. Ich hatte damals
versumt meine Notizen ber die Chaymassprache aus meinem Tagebuch
abzuschreiben und diesem Gelehrten mitzutheilen. Da weder Pater Gili, noch
der Abt Hervas dieser Sprache erwhnen, gebe ich hier kurz das Ergebni
meiner Untersuchungen.

Auf dem rechten Ufer des Orinoco, sdstlich von der Mission Encaramada,
ber hundert Meilen von den Chaymas, wohnen die Tamanacu, deren Sprache in
mehrere Dialekte zerfllt. Diese einst sehr mchtige Nation ist auf wenige
Kpfe zusammengeschmolzen; sie ist von den Bergen von Caripe durch den
Orinoco, durch die groen Steppen von Caracas und Cumana, und durch eine
noch schwerer zu bersteigende Schranke, durch Vlker von caraibischem
Stmme getrennt. Trotz dieser Entfernung und der vielfachen rtlichen
Hindernisse erkennt man in der Sprache der Chaymas einen Zweig der
Tamanacusprache. Die ltesten Missionare in Caripe wissen nichts von
dieser interessanten Beobachtung, weil die aragonesischen Kapuziner fast
nie an das sdliche Ufer des Orinoco kommen und von der Existenz der
Tamanacu so gut wie nichts wissen. Die Verwandtschaft zwischen der Sprache
dieses Volks und der der Chaymas habe ich erst lange nach meiner Rckkehr
nach Europa aufgefunden, als ich meine gesammelten Notizen mit einer
Grammatik verglich, die ein alter Missionr am Orinoco in Italien drucken
lassen. Ohne die Sprache der Chaymas zu kennen, hatte schon der Abt Gili
vermuthet, da die Sprache der Einwohner von Paria mit dem Tamanacu
verwandt seyn msse.

Ich thue diese Verwandtschaft auf dem doppelten Wege dar, aus dem man die
Analogie der Sprachen erkennt, durch den grammatischen Bau und durch die
Uebereinstimmung der Worte oder Wurzeln. -- Hier sind zuerst die
persnlichen Frwrter der Chaymas, die zugleich Possessiva sind: _u-re_,
ich, _cu-re_, du, _tiu-re_, er. Im Tamanacu: _u-re_, ich, _amare_ oder
_an-ja_, du, _iteu-ja_, er. Die Wurzel der ersten und der dritten Person
ist im Chaymas _u_ und _teu_ dieselben Wurzeln finden sich im Tamanacu.

+---------------------+-----------------+
|   Chaymas           |    Tamanacu     |
+---------------------+-----------------+
|_Ure_, ich.          | _ure._          |
+---------------------+-----------------+
|_Tuna_, Wasser.      | _Tuna._         |
+---------------------+-----------------+
|_Conopo_, Regen.     | _Canepo._       |
+---------------------+-----------------+
|_Poturu_, Wissen.    | _Puturo._       |
+---------------------+-----------------+
|_Apoto_, Feuer.      | _U-apto._       |
+---------------------+-----------------+
|_Nunu_, Mond, Monat. | _Nuna._         |
+---------------------+-----------------+
|_Je_, Baum.          | _Jeje._         |
+---------------------+-----------------+
|_Ata_, Haus.         | _Aute._         |
+---------------------+-----------------+
|_Euya_, dir.         | _Auya._         |
+---------------------+-----------------+
|_Toya_, ihm.         | _Iteuya._       |
+---------------------+-----------------+
|_Guane_, Honig.      | _Uane._         |
+---------------------+-----------------+
|_Nacaramayre_, er    | _Nacaramai._    |
|hat's gesagt.        |                 |
+---------------------+-----------------+
|_Piache_, Zauberer,  | _Psiache._      |
|Arzt.                |                 |
+---------------------+-----------------+
|_Tibin_, eins.       | _Obin._         |
+---------------------+-----------------+
|_Aco_, zwei.         | _Oco._          |
+---------------------+-----------------+
|_Oroa_, drei.        | _Orua._         |
+---------------------+-----------------+
|_Pun_, Fleisch.      | _Punu._         |
+---------------------+-----------------+
|_Pra_, nicht.        | _Pra._          |
+---------------------+-----------------+

*Seyn* heit im Chaymas _az_; setzt man vor das Zeitwort das persnliche
Frwort *ich* (_u_ von _u-re_), so lt man des Wohlklangs wegen vor dem
_u_ ein _g_ hren, also _guaz_, *ich bin*, eigentlich _g-u-az_. Wie die
erste Person durch ein _u_ so wird die zweite durch ein _m_, die dritte
durch ein _i_ bezeichnet: du bist, _maz_; _muerepuec araquapemaz,_, 
warum bist du traurig? wrtlich: das fr traurig du seyn? _punpuec
topuchemaz,_ du bist fett von Krper; wrtlich: Fleisch (_pun_) fr
(_puec_) fett (_topuche_) du seyn (_maz_). Die zueignenden Frwrter
kommen vor das Hauptwort zu stehen: _upatay,_ in meinem Hause;
wrtlich: ich Haus in. Alle Prpositionen wie die Negation _pra_ werden
nachgesetzt, wie im Tamanacu. Man sagt im Chaymas: _ipuec,_ mit ihm,
wrtlich er mit; _euya,_ zu dir, oder dir zu; _epuec charpe guaz_
ich bin lustig mit dir; wrtlich: du mit lustig ich seyn; _ucarepra,_
nicht wie ich; wrtlich: ich wie nicht; _quenpotupra quoguaz_ ich
kenne ihn nicht; wrtlich: ihn kennend nicht ich bin; _quenepra
quoguaz,_ ich habe ihn nicht gesehen, wrtlich: ihn sehend nicht ich
bin. Im Tamanacu sagt man: _acurivane,_ schn, und _acurivanepra,_
hlich, nicht schn; _uotopra,_ es gibt keinen Fisch, wrtlich: Fisch
nicht; _uteripipra,_ ich will nicht gehen; wrtlich: ich gehen wollen
nicht; und die ist zusammengesetzt aus _iteri_ gehen, _ipiri_ wollen,
und _pra_, nicht. Bei den Caraiben, deren Sprache auch Aehnlichkeit mit
dem Tamanacu hat, obgleich weit weniger als das Chaymas, wird die
Verneinung durch ein _m_ vor dem Zeitwort ausgedrckt: _amoyenlenganti,_
es ist sehr kalt; _mamoyenlenganti,_ es ist nicht sehr kalt. In
hnlicher Weise gibt im Tamanacu die Partikel _mna,_ dem Zeitwort nicht
angehngt, sondern eingeschoben, demselben einen verneinenden Sinn, z. B.
_taro,_ sagen, _taromnar,_ nicht sagen.

Das Hauptzeitwort *seyn*, das in allen Sprachen sehr unregelmig ist,
lautet im Chaymas _az_ oder _ats,_ im Tamanacu _nochiri_ (in den
Zusammensetzungen _uac, uatscha_). Es dient nicht blo zur Bildung des
Passivs, sondern wird offenbar auch, wie durch Agglutination, in vielen
Tempora der Wurzel der attributiven Zeitwrter angehngt. Diese
Agglutinationen erinnern an den Gebrauch der Hlfszeitwrter _as_ und
_bhu_ im Sanskrit, des _fu_ oder _fuo_ im Lateinischen,(4) das _izan,
ucan_ und _eguin_ im Baskischen. Es gibt gewisse Punkte, in denen die
einander unhnlichsten Sprachen zusammentreffen; das Gemeinsame in der
geistigen Organisation des Menschen spiegelt sich ab im allgemeinen Bau
der Sprachen, und in jedem Idiom, auch dem scheinbar barbarischsten,
offenbart sich ein regelndes Princip, das es geschaffen.

Die Mehrzahl hat im Tamanacu siebenerlei Formen je nach der Endung des
Substantiv, oder je nachdem es etwas Lebendes oder etwas Lebloses
bedeutet.(5) Im Chaymas wird die Mehrzahl, wie im Caraibischen, durch _on_
bezeichnet: _teure,_ er selbst, _teurecon,_ sie selbst; _taronocon,_
die hier; _montaonocon,_ die dort, wenn der Sprechende einen Ort meint,
an dem er sich selbst befand; _miyonocon,_ die dort, wenn er von einem
Ort spricht, an dem er nicht war. Die Chaymas haben auch die spanischen
Adverbe _aqui_ und _al (all),_ deren Sinn sich in den Sprachen von
germanischer und lateinischer Abstammung nur mittelst Umschreibung
wiedergeben lt.

Manche Indianer, die spanisch verstanden, versicherten uns, _zis_ bedeute
nicht nur Sonne, sondern auch Gottheit. Die schien mir um so
auffallender, da man bei allen andern amerikanischen Vlkern besondere
Worte fr Gott und fr Sonne findet. Der Caraibe wirft _tamoussicabo,_
den Alten des Himmels, und _veyou,_ die Sonne, nicht zusammen. Sogar
der Peruaner, der die Sonne anbetet, erhebt sich zur Vorstellung eines
Wesens, das den Lauf der Sterne lenkt. In der Sprache der Incas heit die
Sonne, fast wie im Sanskrit, _Inti_,(6) whrend Gott _Vinay Huayna_, der
ewig Junge, genannt wird.

Die Satzbildung ist im Chaymas wie bei allen Sprachen beider Continente,
die sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt haben. Das Negierte kommt vor
das Zeitwort zu stehen, das Zeitwort vor das persnliche Frwort. Der
Gegenstand, auf den der Hauptnachdruck fllt, geht Allem voran, was sonst
ausgesagt wird. Der Amerikaner wrde sagen: Freiheit vllige lieben wir,
statt: wir lieben vllige Freiheit; dir nicht glcklich bin ich, statt:
mit dir bin ich glcklich. Diese Stze haben eine gewisse Unmittelbarkeit,
Bestimmtheit, Bndigkeit, und sie erscheinen desto naiver, da der Artikel
fehlt. Ob wohl diese Vlker, bei fortschreitender Cultur und sich selbst
berlassen, mit der Zeit von dieser Satzbildung abgegangen wren? Man
knnte es vermuthen, wenn man bedenkt, wie stark die Syntax der Rmer in
ihren bestimmten, klaren, aber etwas schchternen Tchtersprachen
umgewandelt worden ist.

Im Chaymas, wie im Tamanacu und den meisten amerikanischen Sprachen,
fehlen gewisse Buchstaben ganz, so namentlich das _f,_ _b_ und _d_. Kein
Wort beginnt mit einem _l_. Dasselbe gilt von der mexicanischen Sprache,
in der doch die Sylben _tli,_ _tla_ und _itl_ als Endungen oder mitten in
den Worten so hufig vorkommen. Der Chaymas-Indianer spricht _r_ statt _l_
weil er dieses nicht aussprechen kann, was ja in allen Himmelsstrichen
vorkommt. Auf diese Weise wurden aus den *Caribes* am Orinoco im
franzsischen Guyana *Galibi*; an die Stelle des _r_ trat _l_ und das _c_
erweichte sich. Aus dem spanischen Wort _soldado_ hat das Tamanacu
_choraro (solalo)_ gemacht. Wenn _f_ und _b_ in so vielen amerikanischen
Mundarten fehlen, so kommt die vom innigen Verwandtschaftsverhltni
zwischen gewissen Lauten, wie es sich in allen Sprachen gleicher
Abstammung offenbart. Die Buchstaben _f_ und _v_, _b_ und _p_ werden
verwechselt; z. B. Persisch: _peder_, _pater_, _father_, Vater; _burader_,
_frater_, Bruder; _behar_, ver; Griechisch: _phorton_ (forton), Brde,
_pous_, Fu. Gerade so wird bei den Amerikanern _f_ und _b_ zu _p_, und
aus _d_ wird _t_. Der Chaymas-Indianer spricht _patre, Tios, Atani,
aracapucha_ statt _padre, Dios, Adan, arcabuz_ (Bchse).

Trotz der erwhnten Aehnlichkeiten glauben wir nicht, da das Chaymas als
ein Dialekt des Tamanacu zu betrachten ist, wie die drei Dialekte Maitano,
Cuchivero und Crataima. Der Abweichungen sind viele und wesentliche, und
die beiden Sprachen scheinen mir hchstens in dem Grade verwandt, wie das
Deutsche, Schwedische und Englische. Sie gehren derselben Unterabtheilung
der groen Familie der tamanakischen, caraibischen und arouakischen
Sprachen an. Da es fr die Sprachverwandtschaft kein absolutes Maa gibt,
so lassen sich dergleichen Verwandtschaftsgrade nur durch von bekannten
Sprachen hergenommene Beispiele bezeichnen. Wir rechnen zur selben Familie
Sprachen, die einander so nahe stehen, wie Griechisch, Deutsch, Persisch
und Sanskrit.

Die sprachvergleichende Wissenschaft glaubte gefunden zu haben, da alle
Sprachen in zwei groe Classen zerfallen, indem die einen, mit
vollkommenerem Bau, freier, rascher in der Bewegung, eine innere
Entwicklung durch *Flexion* bezeichnen, whrend die andern, plumperen,
weniger bildungsfhigen, nur kleine *Formen* oder agglutinirte Partikeln
roh neben einander stellen, die alle, wenn man sie fr sich braucht, ihre
eigenthmliche Physiognomie beibehalten. Diese hchst geistreiche
Auffassung wre unrichtia, wenn man annhme, es gebe vielsylbige Sprachen
ohne alle Flexion, oder aber diejenigen, die sich wie von innen heraus
organisch entwickeln, kennen gar keinen uerlichen Zuwachs durch
*Suffixe* und *Affixe*, welchen Zuwachs wir schon fters als Agglutination
oder Incorporation bezeichnet haben. Viele Formen, die wir jetzt fr
Flexionen der Wurzel halten, waren vielleicht ursprnglich Affixe, von
denen nur ein oder zwei Consonanten brig geblieben sind. Es ist mit den
Sprachen wie mit allem Organischen in der Natur; nichts steht ganz fr
sich, nichts ist dem Andern vllig unhnlich. Je weiter man in ihren
innern Bau eindringt, desto mehr schwinden die Contraste, die auffallenden
Eigenthmlichkeiten. Es ist damit wie mit den Wolken, die nur von weitem
scharf umrissen scheinen. [Wilhelm v. Humboldt]

Lassen wir aber auch fr die Sprachen keinen durchgreifenden
Eintheilungsgrund gelten, so ist doch vollkommen zuzugeben, da im
gegenwrtigen Zustand die einen mehr Neigung haben zur Flexion, die andern
zur uerlichen Aggregation. Zu den ersteren gehren bekanntlich die
Sprachen des indischen, pelasgischen und germanischen Sprachstammes, zu
den letzteren die amerikanischen Sprachen, das Koptische oder
Altegyptische und in gewissem Grade die semitischen Sprachen und das
Baskische. Schon das Wenige, das wir vom Idiom der Chaymas oben
mitgetheilt, zeigt deutlich die durchgehende Neigung zur Incorporation
oder Aggregation gewisser Formen, die sich abtrennen lassen, wobei aber
ein ziemlich entwickeltes Gefhl fr Wohllaut ein paar Buchstaben wegwirft
oder aber zusetzt. Durch diese Affixe im Auslaut der Worte werden die
mannigfaltigsten Zahl-, Zeit- und Raumverhltnisse bezeichnet.

Betrachtet man den eigenthmlichen Bau der amerikanischen Sprachen nher,
so glaubt man zu errathen, woher die alte, in allen Missionen verbreitete
Ansicht rhrt, da die amerikanischen Sprachen Aehnlichkeit mit dem
Hebrischen und dem Baskischen haben. Ueberall, im Kloster Caripe wie am
Orinoco, in Peru, wie in Mexico, hrte ich diesen Gedanken uern,
besonders Geistliche, die vom Hebrischen und Baskischen einige
oberflchliche Kenntni hatten. Liegen etwa religise Rcksichten einer so
seltsamen Annahme zu Grunde? In Nordamerika, bei den Chactas und Chicasas,
haben etwas leichtglubige Reisende das Hallelujah der Hebrer singen
hren, wie, den Pandits zufolge, die drei heiligen Worte der eleusinischen
Mysterien (_konx om pax_) noch heutzutage in Indien ertnen. Ich will
nicht glauben, da die Vlker des lateinischen Europa Alles hebrisch oder
baskisch nennen, was ein fremdartiges Aussehen hat, wie man lange Alles,
was nicht im griechischen oder rmischen Styl gehalten war, egyptische
Denkmler nannte. Ich glaube vielmehr, da das grammatische System der
amerikanischen Sprachen die Missionre des sechzehnten Jahrhunderts in
ihrer Annahme von der asiatischen Herkunft der Vlker der neuen Welt
bestrkt hat. Einen Beweis hiefr liefert die langweilige Compilation des
Paters GARCIA: _Tratad del origen de los indios._ Da die possessiven
und persnlichen Frwrter hinter Substantiven und Zeitwrtern stehen, und
da letztere so viele Tempora haben, das sind Eigenthmlichkeiten des
Hebrischen und der andern semitischen Sprachen. Manche Missionare fanden
es nun sehr merkwrdig, da die amerikanischen Sprachen dieselben Formen
aufzuweisen haben. Sie wuten nicht, da die Uebereinstimmung in
verschiedenen einzelnen Zgen fr die gemeinsame Abstammung der Sprachen
nichts beweist.

Weniger zu verwundern ist, wenn Leute, die nur zwei von einander sehr
verschiedene Sprachen, spanisch und baskisch, verstehen, an letzterer eine
Familienhnlichkeit mit den amerikanischen Sprachen fanden. Die
Wortbildung, die Leichtigkeit, mit der sich die einzelnen Elemente
auffinden lassen, die Formen des Zeitworts und die mannigfaltigen
Gestalten, die es je nach dem Wesen des regierten Worts annimmt, alles
die konnte die Tuschung erzeugen und unterhalten. Aber, wir wiederholen
es, mit der gleichen Neigung zur Aggregation und Incorporation ist noch
keineswegs gleiche Abstammung gegeben. Ich gebe einige Beispiele dieser
physiognomischen Verwandtschaft zwischen den amerikanischen Sprachen und
dem Baskischen, die in den Wurzeln durchgngig von einander abweichen.
*Chaymas*: _quenpotupra guoguaz_ ich kenne nicht, wrtlich: wissend nicht
ich bin. *Tamanacu*: _jarer-uacure_, tragend bin ich, ich trage; _anarepna
aichi_, er wird nicht tragen, wrtlich: tragend nicht wird seyn;
_patcurbe_ gut, _patcutari_, sich gut machen; _Tamanacu_, ein Tamanacu;
_Tamanacutari_, sich zum Tamanacu machen; _Pongheme_, Spanier;
_ponghemtari_, sich hispanisiren; _tenectschi_, ich werde sehen;
_teneicre_, ich werde wiedersehen; _tecscha_, ich gehe; _tecschare_, ich
kehre zurck; _Maypur butk_, ein kleiner Maypure-Indianer; _aicabutk_,
ein kleines Weib;(7) _maypuritaje_, ein bser Maypure-Indianer; _aicataje_
ein bses Weib.

*Baskisch*: _maitetutendot_, ich liebe ihn, wrtlich: ich liebend ihn bin;
_beguia_, Auge, und _beguitsa_, sehen; _aitagana_, zum Vater; durch den
Zusatz von _tu_ entsteht das Wort _aitaganatu_, zum Vater gehen;
_ume-tasuna_, sanftes, kindlich offenes Benehmen; _ume-queria_ widriges
kindisches Benehmen.(8)

Diesen Beispielen mgen einige beschreibende Composita folgen, die an die
Kindheit des Menschengeschlechts mahnen und in den amerikanischen Sprachen
wie im Baskischen durch eine gewisse Naivett des Ausdrucks berraschen.
*Tamanacu*: Wespe, _uane-imu_, wrtlich: Vater (_im-de_) des Honigs
(_uane_); die Zehen, _ptari-mucuru_, wrtlich: die Shne des Fues; die
Finger, _amgna-mucuru_, die Shne der Hand; die Schwmme, _jeje-panari_,
wrtlich: die Ohren des Baums; die Adern der Hand, _amgna-mitti_,
wrtlich: verstete Wurzeln; die Bltter, _prutpe-jareri_, wrtlich: die
Haare des Baumwipfels; _puirene-veju_, wrtlich: gerade oder senkrechte
Sonne; Blitz, _kinemeru-uaptori_, wrtlich: das Feuer des Donners oder des
Gewitters. *Baskisch*: _becoquia_, Stirne, wrtlich: was zum Auge gehrt;
_odotsa_, Getse der Wolke, der Donner; _arribicia_, das Echo, wrtlich:
der lebendige Stein.

Im Chaymas und Tamanacu haben die Zeitwrter eine Unzahl Tempora, ein
doppeltes Prsens, vier Prterita, drei Futura. Diese Hufung ist selbst
den rohesten amerikanischen Sprachen eigen. In der Grammatik des
Baskischen zhlt Astarloa gleichfalls zweihundert sechs Formen des
Zeitworts auf. Die Sprachen, welche vorherrschende Neigung zur Flexion
haben, reizen die gemeine Neugier weniger als solche, die durch bloe
Nebeneinanderstellung von Elementen gebildet erscheinen. In den ersteren
sind die Elemente, aus denen die Worte zusammengesetzt sind und die meist
aus wenigen Buchstaben bestehen, nicht mehr kenntlich. Fr sich geben
diese Bestandtheile keinen Sinn; alles ist verschlungen und verschmolzen.
Die amerikanischen Sprachen dagegen gleichen einem verwickelten
Mechanismus mit offen zu Tage liegendem Rderwerk. Man erkennt die
Knstlichkeit, man kann sagen den ausgearbeiteten Mechanismus des Baus. Es
ist, als bildeten sie sich erst unter unsern Augen, und man knnte sie fr
sehr neuen Ursprungs halten, wenn man nicht bedchte, da der menschliche
Geist unverrckt einem einmal erhaltenen Ansto folgt, da die Vlker nach
einem ursprnglich angelegten Plan den grammatischen Bau ihrer Sprachen
erweitern, vervollkommnen oder ausbessern, und da es Lnder gibt, wo
Sprache, Verfassung, Sitten und Knste seit vielen Jahrhunderten wie
festgebannt sind.

Die hchste geistige Entwicklung hat bis jetzt bei den Vlkern
stattgefunden, welche dem indischen und pelasgischen Stamm angehren. Die
hauptschlich durch Aggregation gebildeten Sprachen erscheinen als ein
natrliches Hinderni der Culturentwicklung; es geht ihnen groentheils
die rasche Bewegung ab, das innerliche Leben, die die Flexion der Wurzeln
mit sich bringt und die den Werken der Einbildungskraft den Hauptreiz
geben. Wir drfen indessen nicht vergessen, da ein schon im hohen
Alterthum hochberhmtes Volk, dem selbst die Griechen einen Theil ihrer
Bildung entlehnten, vielleicht eine Sprache hatte, die in ihrem Bau
unwillkrlich an die amerikanischen Sprachen erinnert. Welche Masse ein-
oder zweisylbiger Partikeln werden im Coptischen dem Zeitwort oder
Hauptwort angehngt! Das Chaymas und Tamanacu, halb barbarische Sprachen,
haben ziemlich kurze abstrakte Benennungen fr Gre, Neid, Leichtsinn,
_cheictivate_, _uoite_, _uonde_; aber im Coptischen ist das Wort Bosheit,
_metrepherpeton_, aus fnf leicht zu unterscheidenden Elementen
zusammengesetzt, und bedeutet: die Eigenschaft (_met_) eines Subjektes
(_reph_), das thut (_er_) das Ding (_pet_), (das ist) bse (_on_). Und
dennoch hatte die coptische Sprache ihre Literatur, so gut wie die
chinesische, in der die Wurzeln nicht einmal aggregirt, sondern kaum an
einander gerckt sind und sich gar nicht unmittelbar berhren. So viel ist
gewi, sind einmal die Vlker aus ihrem Schlummer aufgerttelt und auf die
Bahn der Cultur geworfen, so bietet ihnen die seltsamste Sprache das
Werkzeug, um Gedanken bestimmt auszudrcken und Seelenregungen zu
schildern. Ein achtungswerther Mann, der in der blutigen Revolution von
Quito das Leben verloren, Don Juan de la Rea, hat ein paar Idyllen
Theokrits in die Sprache der Incas einfach und zierlich bertragen, und
man hat mich versichert, mit Ausnahme naturwissenschaftlicher und
philosophischer Werke, lasse sich so ziemlich jedes neuere
Literaturprodukt ins Peruanische bersetzen.

Der starke Verkehr zwischen den Eingeborenen und den Spaniern seit der
Eroberung hat zur natrlichen Folge gehabt, da nicht wenige amerikanische
Worte in die spanische Sprache bergegangen sind. Manche dieser Worte
bezeichnen meist Dinge, die vor der Entdeckung der neuen Welt unbekannt
waren, und wir denken jetzt kaum mehr an ihren barbarischen Ursprung
(z. B. Savane, Canibale). Fast alle gehren der Sprache der groen
Antillen au, die frher die Sprache von Haiti, Quizqueja oder Itis hie.
Ich nenne nur die Worte Mais, Tabak, Canoe, Batata, Cazike, Balsa, Conuco
u. s. w. Als die Spanier mit dem Jahr 1498 anfingen Terra Firma zu
besuchen, hatten sie bereits Worte fr die nutzbarsten Gewchse, die auf
den Antillen, wie auf den Ksten von Cumana und Paria vorkommen. Sie
behielten nicht nur diese von den Haitiern entlehnten Benennungen bei,
durch sie wurden dieselben ber ganz Amerika verbreitet, zu einer Zeit, wo
die Sprache von Haiti bereits eine todte Sprache war, und bei Vlkern, die
von der Existenz der Antillen gar nichts wuten. Manchen Worten, die in
den spanischen Colonien in tglichem Gebrauche sind, schreibt man indessen
mit Unrecht haitischen Ursprung zu. _Banana_ ist aus der Chacosprache,
_Arepa_ (Maniocbrod von _Jatropha Maniot_) und _guayuco_ (Schrze,
_perizoma_) sind caraibisch, _Curiaca_ (sehr langes Canoe) ist
tamanakisch, _Chinchorro_ (Hngematte) und _Tutuma_ (die Frucht der
_Crescentia Cujete_, oder ein Gef fr Flssigkeiten) sind Chaymaswrter.

Ich habe lange bei Betrachtungen ber die amerikanischen Sprachen
verweilt; ich glaubte, wenn ich sie zum erstenmal in diesem Werke
besprche, anschaulich zu machen, von welcher Bedeutung Untersuchungen der
Art sind. Es verhlt sich damit wie mit der Bedeutung, die den Denkmlern
halb barbarischer Vlker zukommt. Man beschftigt sich mit ihnen nicht,
weil sie fr sich auf den Rang von Kunstwerken Anspruch machen knnen,
sondern weil die Untersuchung fr die Geschichte unseres Geschlechts und
den Entwicklungsgang unserer Geisteskrfte nicht ohne Belang ist.

Ehe Cortes nach der Landung an der Kste von Mexico seine Schiffe
verbrannte, ehe er im Jahr 1521 in die Hauptstadt Montezumas einzog, war
Europa auf die Lnder, die wir bisher durchzogen, aufmerksam geworden. Mit
der Beschreibung der Sitten der Einwohner von Cumana und Paria glaubte man
die Sitten aller Eingeborenen der neuen Welt zu schildern. Die fllt
alsbald auf, wenn man die Geschichtschreiber der Eroberung liest,
namentlich die Briefe Peter Martyrs von Anghiera, die er am Hofe
Ferdinands des Katholischen geschrieben, die reich sind an geistreichen
Bemerkungen ber Christoph Columbus, Leo X. und Luther, und aus denen edle
Begeisterung fr die groen Entdeckungen eines an auerordentlichen
Ereignissen so reichen Jahrhunderts spricht. Eine nhere Beschreibung der
Sitten der Vlker, die man lange unter der Gesammtbenennung Cumanier
(_cumaneses_) zusammengeworfen hat, liegt nicht in meiner Absicht; dagegen
scheint es mir von Belang, einen Punkt aufzuklren, den ich im spanischen
Amerika hufig habe besprechen hren.

Die heutigen Pariagotes oder Parias sind rothbraun, wie die Caraiben, die
Chaymas und fast alle Eingeborenen der neuen Welt. Wie kommt es nun, da
die Geschichtschreiber des sechzehnten Jahrhunderts behaupten, die ersten
Besucher haben am Vorgebirge Paria weie Menschen mit blonden Haaren
gesehen? Waren die Indianer mit weniger dunkler Haut, wie Bonpland und
ich in Esmeralda an den Quellen des Orinoco gesehen? Aber diese Indianer
hatten so schwarzes Haar wie die Otomacas und andere Stmme mit dunklerer
Hautfarbe. Waren es Albinos, dergleichen man frher auf der Landenge von
Panama gefunden? Aber Flle dieser Mibildung sind bei der kupferfarbigen
Race ungemein selten, und Anghiera, wie auch Gomara sprachen von den
Einwohnern von Paria berhaupt, nicht von einzelnen Individuen. Beide(9)
beschreiben sie wie Vlker germanischen Stammes: sie seyen wei mit
blonden Haaren. Ferner sollen sie hnlich wie Trken gekleidet gewesen
seyn.(10) Gomara und Anghiera schreiben nach mndlichen Berichten, die sie
gesammelt.

Diese Wunderdinge verschwinden, wenn wir den Bericht, den Ferdinand
Columbus den Papieren seines Vaters entnommen, nher ansehen. Da heit es
blo, der Admiral habe zu seiner Ueberraschung die Einwohner von Paria
und der Insel Trinidad wohlgebildeter, cultivirter (_de buena
conversacion_) und weier gefunden als die Eingeborenen, die er bis dahin
gesehen. Damit ist doch wohl nicht gesagt, da die Pariagotos wei
gewesen. In der helleren Haut der Eingeborenen und in den sehr khlen
Morgen sah der groe Mann eine Besttigung seiner seltsamen Hypothese von
der unregelmigen Krmmung der Erde und der hohen Lage der Ebenen in
diesem Erdstrich in Folge einer gewaltigen Anschwellung der Erdkugel in
der Richtung der Parallelen. Amerigo Vespucci (wenn man sich auf seine
angebliche *erste* Reise berufen darf, die vielleicht nach den Berichten
anderer Reisenden zusammengetragen ist) vergleicht die Eingeborenen mit
den *tartarischen* Vlkern, nicht wegen der Hautfarbe, sondern wegen des
breiten Gesichts und wegen des ganzen Ausdrucks desselben.

Gab es aber zu Ende des fnfzehnten Jahrhunderts auf den Ksten von Cumana
so wenig als jetzt Menschen mit weilichter Haut, so darf man daraus
dehalb nicht schlieen, da bei den Eingeborenen der neuen Welt das
Hautsystem durchgngig gleichfrmig organisirt sey. Wenn man sagt, sie
seyen alle kupferfarbig, so ist die so unrichtig, als wenn man behauptet,
sie wren nicht so dunkel gefrbt, wenn sie sich nicht der Sonnengluth
aussetzten oder nicht von der Luft gebrunt wrden. Man kann die
Eingeborenen in zwei, der Zahl nach sehr ungleiche Gruppen theilen. Zur
einen gehren die Eskimos in Grnland, in Labrador und auf der Nordkste
der Hudsonsbai, die Bewohner der Behringsstrae, der Halbinsel Alaska und
des Prinz-Williams-Sunds. Der stliche und der westliche Zweig dieser
Polarrace, die Eskimos und die Tschugasen, sind trotz der ungeheuern
Strecke von 800 Meilen, die zwischen ihnen liegt, durch sehr nahe
Sprachverwandtschaft eng verbunden. Diese Verwandtschaft erstreckt sich
sogar, wie in neuerer Zeit auer Zweifel gesetzt worden ist, noch weiter,
zu den Bewohnern des nordstlichen Asiens; denn die Mundart der
Tschuktschen an der Mndung des Anadyr hat dieselben Wurzeln wie die
Sprache der Eskimos auf der Europa gegenberliegenden Kste von Amerika.
Die Tschuktschen sind die asiatischen Eskimos. Gleich den Malayen wohnt
diese hyperborische Race nur am Meeresufer. Sie nhren sich von Fischen,
sind fast durchgngig von kleinerer Statur als die andern Amerikaner, sind
lebhaft, beweglich, geschwtzig. Ihre Haare sind schlicht, glatt und
schwarz; aber (und die zeichnet die Race, die ich die
Eskimo-Tschugasische nennen will, ganz besonders aus) ihre Haut ist
ursprnglich weilicht. Es ist gewi, da die Kinder der Grnlnder wei
zur Welt kommen; bei manchen erhlt sich diese Farbe, und auch bei den
dunkelsten (den von der Luft am meisten gebrunten) sieht man nicht selten
das Blut auf den Wangen roth durchschimmern.

Die zweite Gruppe der Eingeborenen Amerikas umfat alle Vller auer den
Eskimo-Tschugasen, vom Cooksflu bis zur Magellanschen Meerenge, von den
Ugaljachmusen und Kinais am St. Eliasberg bis zu den Puelchen und
Tehuelhets in der sdlichen Halbkugel. Die Vlker dieses zweiten Zweiges
sind grer, strker, kriegerischer und schweigsamer. Auch sie weichen
hinsichtlich der Hautfarbe auffallend von einander ab. In Mexico, in Peru,
in Neugrenada, in Quito, an den Ufern des Orinoco und des Amazonenstroms,
im ganzen Strich von Sdamerika, den ich gesehen, im Tiefland wie auf den
sehr kalten Hochebenen, sind die indianischen Kinder im Alter von zwei,
drei Monaten ebenso broncefarbig als die Erwachsenen. Da die Eingeborenen
nur von Luft und Sonne gebrunte Weie seyn mchten, ist einem Spanier in
Quito oder an den Ufern des Orinoco nie in den Sinn gekommen. Im
nordwestlichen Amerika dagegen gibt es Stmme, bei denen die Kinder wei
sind und erst mit der Mannbarkeit so broncefarbig werden wie die
Eingeborenen von Peru und Mexico. Bei dem Huptling der Miamis
Michikinakua waren die Arme und die der Sonne nicht ausgesetzten
Krpertheile fast wei. Dieser Unterschied in der Farbe der bedeckten und
nicht bedeckten Theile wird bei den Eingeborenen von Peru und Mexico
niemals beobachtet, selbst nicht bei sehr wohlhabenden Familien, die sich
fast bestndig in ihren Husern aufhalten. Westwrts von den Miamis, auf
der gegenberliegenden asiatischen Kste, bei den Koluschen und
Tschinkitanen in der Norfolkbai, erscheinen die erwachsenen Mdchen, wenn
sie angehalten werden sich zu waschen, so wei wie Europer. Diese weie
Hautfarbe soll, nach einigen Reiseberichten, auch den Gebirgsvlkern in
Chili zukommen.(11)

Die sind sehr bemerkenswerthe Thatsachen, die der nur zu sehr
verbreiteten Ansicht von der auerordentlichen Gleichfrmigkeit der
Krperbildung bei den Eingeborenen Amerikas widersprechen. Wenn wir
dieselben in *Eskimos* und *Nicht-Eskimos* theilen, so geben wir gerne zu,
da die Eintheilung um nichts philosophischer ist, als wenn die Alten in
der ganzen bewohnten Welt nur Celten und Scythen, Griechen und Barbaren
sahen. Handelt es sich indessen davon, zahllose Volksstmme zu gruppiren,
so gewinnt man immer doch etwas, wenn man ausschlieend zu Werke geht. Wir
wollten hier darthun, da, wenn man die Eskimo-Tschugasen ausscheidet,
mitten unter den kupferbraunen Amerikanern Stmme vorkommen, bei denen die
Kinder wei zur Welt kommen, ohne da sich, bis zur Zeit der Eroberung
zurck, darthun liee, da sie sich mit Europern vermischt htten. Dieser
Umstand verdient genauere Untersuchung durch Reisende, die bei
physiologischen Kenntnissen Gelegenheit finden, die braunen Kinder der
Mexicaner und die weien der Miamis im Alter von zwei Jahren zu
beobachten, sowie die Horden am Orinoco, die im heiesten Erdstrich ihr
Leben lang und bei voller Kraft die weilichte Hautfarbe der Mestizen
behalten. Der geringe Verkehr, der bis jetzt zwischen Nordamerika und den
spanischen Colonien stattfindet, hat alle derartigen Untersuchungen
unmglich gemacht.

Beim Menschen betreffen die Abweichungen vom ganzen gemeinsamen Racentypus
mehr den Wuchs, den Gesichtsausdruck, den Krperbau, als die Farbe. Bei
den Thieren ist es anders; bei diesen sind Spielarten nach der Farbe
hufiger als solche nach dem Krperbau. Das Haar der Sugethiere, die
Federn der Vgel, selbst die Schuppen der Fische wechseln die Farbe je
nach dem vorherrschenden Einflusse von Licht oder von Dunkelheit, je nach
den Hitze- und Kltegraden. Beim Menschen scheint sich der Farbstoff im
Hautsystem durch die Haarwurzeln oder Zwiebeln abzulagern, und aus allen
guten Beobachtungen geht hervor, da sich die Hautfarbe wohl beim
Einzelnen in Folge von Hautreizen, aber nicht erblich bei einer ganzen
Race ndert. Die Eskimos in Grnland und die Lappen sind gebrunt durch
den Einflu der Luft, aber ihre Kinder kommen wei zur Welt. Ob und welche
Vernderungen die Natur in Zeitrumen hervorbringen mag, gegen welche alle
geschichtliche Ueberlieferung verschwindet, darber haben wir nichts zu
sagen. Bei Untersuchungen der Art macht der forschende Gedanke Halt,
sobald er Erfahrung und Analogie nicht mehr zu Fhrern hat.

Die Vlker mit weier Haut beginnen ihre Cosmogonie mit weien Menschen;
nach ihnen sind die Neger und alle dunkelfarbigen Vlker durch die
bermige Sonnengluth geschwrzt oder gebrunt worden. Diese Ansicht, die
schon bei den Griechen herrschte,(12) wenn auch nicht ohne Widerspruch,
hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Buffon wiederholt in Prosa, was
Theodectes zweitausend Jahre frher poetisch ausgesprochen: die Nationen
tragen die Livree der Erdstriche, die sie bewohnen. Wre die Geschichte
von schwarzen Vlkern geschrieben worden, sie htten behauptet, was
neuerdings sogar von Europern angenommen worden ist, der Mensch sey
ursprnglich schwarz oder doch sehr dunkelfarbig, und in Folge der
Civilisation und fortschreitenden Verweichlichung haben sich manche Racen
gebleicht, wie ja auch bei den Thieren im zahmen Zustand die dunkle
Frbung in eine hellere bergeht. Bei Pflanzen und Thieren sind
Spielarten, die sich durch Zufall unter unsern Augen gebildet, bestndig
geworden und haben sich unverndert fortgepflanzt; aber nichts weist
darauf hin, da, unter den gegenwrtigen Verhltnissen der menschlichen
Organisation, die verschiedenen Menschenracen, die schwarze, gelbe,
kupferfarbige und weie, so lange sie sich unvermischt erhalten, durch den
Einflu des Klimas, der Nahrung und anderer uerer Umstnde vom
ursprnglichen Typus bedeutend abweichen.

Ich werde Gelegenheit haben auf diese allgemeinen Betrachtungen
zurckzukommen, wenn wir die weiten Hochebenen der Cordilleren besteigen,
die vier- und fnfmal hher liegen als das Thal von Caripe. Ich berufe
mich hier vorlufig nur auf das Zeugni ULLOAs.(13) Dieser Gelehrte sah
die Indianer in Chili, auf den Anden von Peru, an den heien Ksten von
Panama, und wiederum in Louisiana, im nrdlichen gemigten Erdstrich. Er
hatte den Vortheil, da er in einer Zeit lebte, wo der Ansichten noch
nicht so vielerlei waren, und es fiel ihm auf, wie mir, da der
Eingeborene unter der Linie im kalten Klima der Cordilleren so
broncefarbig, so braun ist als auf den Ebenen. Bemerkt man Abweichungen in
der Farbe, so sind es feste Stammunterschiede. Wir werden bald an den
heien Ufern des Orinoco Indianern mit weilichter Haut begegnen: _est
durans originis vis._

                            ------------------





    1 Die Vlker, welche die Spanier auf der Kste von Paria antrafen,
      hatten wahrscheinlich den Gebrauch, die Geschmacksorgane mit
      Aetzkalk zu reizen, wozu andere Tabak, Chimo, Coccabltter oder
      Betel brauchen. Diese Sitte herrscht noch jetzt auf derselben Kste,
      nur weiter ostwrts, bei den Guajiros an der Mndung des Rio la
      Hacha. Diese Indianer, die wild geblieben sind, fhren das Pulver
      von kleinen calcinirten Muschelschaalen in einer Frucht, die als
      Kapsel dient, am Grtel. Dieses Pulver der Guajiros ist ein
      Handelsartikel, wie frher, nach Gomara, das der Indianer in Paria.
      In Europa werden die Zhne vom bermigen Tabakrauchen gleichfalls
      gelb und schwarz. Wre der Schlu richtig, man rauche bei uns, weil
      man gelbe Zhne schner finde als weie?

    2 S. TACITUS _Germania_. Cap. 4.

    3 So bertrieben die Griechen bei ihren schnsten Statuen die
      Stirnbildung, indem sie den Gesichtswinkel zu gro annahmen.

    4 Daher _fu-ero, amav-issem, amav-eram, post-sum (pot-sum)._

_    5 Tamanacu_ hat in der Mehrzahl _Tamanakemi_; _Pongheme_ heit ein
      Spanier, wrtlich ein bekleideter Mensch; _Pongamo,_ die Spanier
      oder die Bekleideten. Der Pluralis auf _cne_ kommt leblosen
      Gegenstnden zu; z. B. _cene,_ Ding, _cenecne,_ Dinge, _jeje_, Baum,
      _jejecne_ Bume.

    6 In der Sprache der Incas heit Sonne _inti,_ Liebe _munay,_ gro
      _veypul_; im Sanskrit: Sonne _indre,_ Liebe _manya_, gro _vipulo_.
      Es sind die die einzigen Flle von Lauthnlichkeit, die man bis
      jetzt aufgefunden. Im grammatischen Bau sind die beiden Sprachen
      vllig verschieden.

    7 Das Diminutiv von Frau oder von Maypure-Indianer wird dadurch
      gebildet, da man _butk_ das Ende des Wortes _cujuputk_, klein,
      beisetzt. _Taje_ entspricht dem Italienischen _accio_.

    8 Die Endung _tasuna_ bedeutet eine gute Eigenschaft, _queria_ eine
      schlimme und kommt her von _eria_, Krankheit.

_    9 Aethiopes nigri, crispi lanati, Paria incolae __albi__, capillis
      oblongis protensis __flavis__. Utriusque sexus indigenae __albi
      veluti nostrates, praeter eos, qui sub sole versantur__. _ Gomara
      sagt von den Eingeborenen, die Columbus an der Mndung des Flusses
      Cumana gesehen: _Las donzellas eran amorosas, desnudas y
      __blancas__ (las de la casa); los Indios que van al campo, estan
      negros del sol._

   10 Sie trugen nach Ferdinand Columbus ein Tuch von gestreiftem
      Baumwollenzeug um den Kopf. Hat man etwa diesen Kopfputz fr einen
      Turban angesehen? Da ein Volk unter diesem Himmelsstrich den Kopf
      bedeckt haben sollte, ist auffallend; aber was noch weit
      merkwrdiger ist, Pinzon will auf einer Fahrt, die er allein an die
      Kste von Paria unternommen und die wir bei Peter Martyr d'Anghiera
      beschrieben finden, bekleidete Eingeborene gesehen haben: _Incolas
      omnes, genu tenus mares, foeminas surarum tenus, gossampinis
      vestibus amictos simplicibus repererunt, sed viros, more Turcarum,
      insuto minutim gossipio ad belli usum, duplicibus._ Was soll man
      aus diesen Vlkern machen, die civilisirter gewesen und Mantel
      getragen, wie man auf dem Rcken der Anden trgt, und auf einer
      Kste gelebt, wo man vor und nach Pinzon nur nackte Menschen
      gesehen?

   11 Darf man an die blauen Augen der Borroas in Chili und der Guayanas
      am Uruguay glauben, die wie Vlker vom Stamme Odins geschildert
      werden? (Azzara, _Reise._)

   12 Onesicritus, bei STRABO, Lib. XV. Die Zge Alexanders scheinen viel
      dazu beigetragen zu haben, die Griechen auf die groe Frage nach dem
      Einflu des Klimas aufmerksam zu machen. Sie hatten von Reisenden
      vernommen, da in Hindostan die Vlker im Sden dunkelfarbiger
      seyen, als im Norden in der Nhe der Gebirge, und sie setzten
      voraus, da beide derselben Race angehren.

   13 Die Indianer sind kupferroth, und diese Farbe wird durch den
      Einflu von Sonne und Luft dunkler. Ich mu darauf aufmerksam
      machen, da weder die Hitze noch ein kaltes Klima die Farbe merkbar
      verndern, so da man die Indianer auf den Cordilleren von Peru und
      die auf den heiesten Ebenen leicht verwechselt, und man diejenigen,
      die unter der Linie, und die unter dem vierzigsten nrdlichen und
      sdlichen Breitengrade nicht unterscheiden kann. _Noticias
      americanas_ Cap. 17 Kein alter Schriftsteller hat die beiden
      Anschauungsweisen, nach denen man sich noch gegenwrtig von der
      Verschiedenheit benachbarter Vlker nach Farbe und Gesichtszgen
      Rechenschaft gibt, klarer angedeutet, als TACITUS im Leben des
      _Agricola_. Er unterscheidet zwischen der erblichen Anlage und dem
      Einflu des Klima, und thut keinen Ausspruch als ein Philosoph, der
      gewi wei, da wir von den ersten Ursachen der Dinge nichts
      wissen.Habitus corporum varii atque ex eo argumenta. Seu durante
      originis vi, seu procurrentibus in diversa terris, positio coeli
      corporibus habitum dedit. _Agricola._ cap. 11





ZEHNTES KAPITEL.


       Zweiter Aufenthalt in Cumana. -- Erdbeben. -- Ungewhnliche
                                 Meteore.


Wir blieben wieder einen Monat in Cumana. Die beschlossene Fahrt auf dem
Orinoco und Rio Negro erforderte Zurstungen aller Art. Wir muten die
Instrumente auswhlen, die sich auf engen Canoes am leichtesten
fortbringen lieen; wir muten uns fr eine zehnmonatliche Reise im
Binnenlande, das in keinem Verkehr mit den Ksten steht, mit Geldmitteln
versehen. Da astronomische Ortsbestimmung der Hauptzweck dieser Reise war,
so war es mir von groem Belang, da mir die Beobachtung einer
Sonnenfinsterni nicht entging, die Ende Oktobers eintreten sollte. Ich
blieb lieber bis dahin in Cumana, wo der Himmel meist schn und heiter
ist. An den Orinoco konnten wir nicht mehr kommen, und das hohe Thal von
Caracas war fr meinen Zweck minder gnstig wegen der Dnste, welche die
nahen Gebirge umziehen. Wenn ich die Lnge von Cumana genau bestimmte, so
hatte ich einen Ausgangspunkt fr die chronometrischen Bestimmungen, auf
die ich allein rechnen konnte, wenn ich mich nicht lange genug aufhielt,
um Mondsdistanzen zu nehmen oder die Jupiterstrabanten zu beobachten.

Fast htte ein Unfall mich genthigt, die Reise an den Orinoco aufzugeben
oder doch lange hinauszuschieben. Am 27. Oktober, den Tag vor der
Sonnenfinsterni, gingen wir, wie gewhnlich, am Ufer des Meerbusens, um
der Khle zu genieen und das Eintreten der Fluth zu beobachten, die an
diesem Seestrich nicht mehr als 12--13 Zoll betrgt. Es war acht Uhr
Abends und der Seewind hatte sich noch nicht aufgemacht. Der Himmel war
bedeckt und bei der Windstille war es unertrglich hei. Wir gingen ber
den Strand zwischen dem Landungsplatz und der Vorstadt der Guaiqueries.
Ich hrte hinter mir gehen, und wie ich mich umwandte, sah ich einen
hochgewachsenen Mann von der Farbe der *Zambos*, nackt bis zum Grtel. Er
hielt fast ber meinem Kopf eine *Macana*, einen dicken, unten
keulenfrmig dicker werdenden Stock aus Palmholz. Ich wich dem Schlage
aus, indem ich links zur Seite sprang. Bonpland, der mir zur Rechten ging,
war nicht so glcklich; er hatte den Zambo spter bemerkt als ich, und
erhielt ber der Schlfe einen Schlag, der ihn zu Boden streckte. Wir
waren allein, unbewaffnet, eine halbe Meile von jeder Wohnung auf einer
weiten Ebene an der See. Der Zambo kmmerte sich nicht mehr um mich,
sondern ging langsam davon und nahm Bonplands Hut auf, der die Gewalt des
Schlags etwas gebrochen hatte und weit weggeflogen war. Aufs Aeuerste
erschrocken, da ich meinen Reisegefhrten zu Boden strzen und eine Weile
bewutlos daliegen sah, dachte ich nur an ihn. Ich half ihm aufstehen; der
Schmerz und der Zorn gaben ihm doppelte Kraft. Wir strzten auf den Zambo
zu, der, sey es aus Feigheit, die bei diesem Menschenschlag gemein ist,
oder weil er von weitem Leute am Strande sah, nicht auf uns wartete und
dem *Tunal* zulief, einem kleinen Buschwerk aus Fackeldisteln und
baumartigen Avicennien. Zufllig fiel er unterwegs, Bonpland, der zunchst
an ihm war, rang mit ihm und setzte sich dadurch der uersten Gefahr aus.
Der Zambo zog ein langes Messer aus seinem Beinkleid, und im ungleichen
Kampfe wren wir sicher verwundet worden, wren nicht biscayische
Handelsleute, die auf dem Strande Khlung suchten, uns zu Hlfe gekommen.
Als der Zambo sich umringt sah, gab er die Gegenwehr auf; er entsprang
wieder, und nachdem wir ihm lange durch die stachligten Cactus
nachgelaufen, schlpfte er in einen Viehstall, aus dem er sich ruhig
herausholen und ins Gefngni fhren lie.

Bonpland hatte in der Nacht Fieber; aber als ein krftiger Mann, voll der
Munterkeit, die eine der kostbarsten Gaben ist, welche die Natur einem
Reisenden verleihen kann, ging er schon des andern Tags wieder seiner
Arbeit nach. Der Schlag der Macana hatte bis zum Scheitel die Haut
gequetscht und er sprte die Nachwehen mehrere Monate whrend unseres
Aufenthaltes in Caracas. Beim Bcken, um Pflanzen aufzunehmen, wurde er
mehreremale von einem, Schwindel befallen, der uns befrchten lie, da im
Schdel etwas ausgetreten seyn mchte. Zum Glck war diese Besorgni
ungegrndet, und die Symptome, die uns Anfangs beunruhigt, verschwanden
nach und nach. Die Einwohner von Cumana bewiesen uns die rhrendste
Theilnahme. Wir hrten, der Zambo sey aus einem der indianischen Drfer
gebrtig, die um den groen See Maracaybo liegen. Er hatte auf einem
Caperschiff von St. Domingo gedient und war in Folge eines Streits mit dem
Capitn, als das Schiff aus dem Hafen von Cumana auslief, an der Kste
zurckgelassen worden. Er hatte das Signal bemerkt, das wir aufstellen
lassen, um die Hhe der Fluth zu beobachten, und hatte gelauert, um uns
auf dem Strande anzufallen. Aber wie kam es, da er, nachdem er einen von
uns niedergeschlagen, sich mit dem Raub eines Hutes zu begngen schien? Im
Verhr waren seine Antworten so verworren und albern, da wir nicht klug
aus der Sache werden konnten; meist behauptete er, seine Absicht sey nicht
gewesen, uns zu berauben; aber in der Erbitterung ber die schlechte
Behandlung am Bord des Capers von St. Domingo, habe er dem Drang, uns
eines zu versetzen, nicht widerstehen knnen, sobald er uns habe
franzsisch sprechen hren. Da der Rechtsgang hier zu Lande so langsam
ist, da die Verhafteten, von denen die Gefngnisse wimmeln, sieben, acht
Jahre auf ihr Urtheil warten mssen, so hrten wir wenige Tage nach
unserer Abreise von Cumana nicht ohne Befriedigung, der Zambo sey aus dem
Schlosse San Antonio entsprungen.

Trotz des Unfalls, der Bonpland betroffen, war ich andern Tags, am
28. October um fnf Uhr Morgens auf dem Dach unseres Hauses, um mich zur
Beobachtung der Sonnenfinsterni zu rsten. Der Himmel war klar und rein.
Die Sichel der Venus und das Sternbild des Schiffes, das durch seine
gewaltigen Nebelflecke nahe aneinander so stark hervortritt, verschwanden
in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich hatte mir zu einem so schnen
Tag um so mehr Glck zu wnschen, als ich seit mehreren Wochen wegen der
Gewitter, die regelmig zwei, drei Stunden nach dem Durchgang der Sonne
durch den Meridian in Sd und Sdost aufzogen, die Uhren nicht nach
correspondirenden Hhen hatte richten knnen. Ein rthlichter Dunst, der
in den tiefen Luftschichten auf den Hygrometer fast gar nicht wirkt,
verschleierte bei Nacht die Sterne. Diese Erscheinung war sehr
ungewhnlich, da man in andern Jahren oft drei, vier Monate lang keine
Spur von Wolken und Nebel sieht. Ich konnte den Verlauf und das Ende der
Sonnenfinsterni vollstndig beobachten. Das Ende der Finsterni war um
2 Uhr 14 Minuten 23,4 Secunden mittlerer Zeit in Cumana. Das Ergebni
meiner Beobachtung wurde nach den alten Tafeln von Ciccolini in Bologna
und Triesnecker in Wien berechnet und in der _Conaissance des temps_ (im
neunten Jahrgang) verffentlicht. Dieses Ergebni wich um nicht weniger
als um 1 Minute 9 Secunden Zeit von der Lnge ab, die der Chronometer mir
ergeben; dasselbe wurde aber von Oltmanns nach den neuen Mondtafeln von
Burg und den Sonnentafeln von Delambre noch einmal berechnet, und jetzt
stimmten Sonnenfinsterni und Chronometer bis auf 10 Secunden berein. Ich
fhre diesen merkwrdigen Fall, wo ein Fehler durch die neuen Tafeln
auf 1/7 reducirt wurde, an, um die Reisenden darauf aufmerksam zu machen,
wie sehr es in ihrem Interesse liegt, die kleinsten Umstnde bei ihren
einzelnen Beobachtungen aufzuzeichnen und bekannt zu machen. Die
vollkommene Uebereinstimmung zwischen den Jupiterstrabanten und den
Angaben des Chronometers, von der ich mich an Ort und Stelle berzeugt,
hatten mir groes Zutrauen zu Louis Berthoud's Uhr gegeben, so oft sie
nicht auf den Maulthieren starken Sten ausgesetzt war.

Die Tage vor und nach der Sonnenfinsterni boten sehr auffallende
atmosphrische Erscheinungen. Wir waren im hiesigen sogenannten Winter,
das heit in der Jahreszeit des bewlkten Himmels und der kurzen
Gewitterregen. Vom 10. October bis 3. November stieg mit Einbruch der
Nacht ein rthlichter Nebel am Horizont auf und zog in wenigen Minuten
einen mehr oder minder dichten Schleier ber das blaue Himmelsgewlbe. Der
Saussuresche Hygrometer zeigte keineswegs grere Feuchtigkeit an, sondern
ging vielmehr oft von 90 auf 83 zurck. Die Hitze bei Tag war 28--32,
also fr diesen Strich der heien Zone sehr stark. Zuweilen verschwand der
Nebel mitten in der Nacht auf einmal, und im Augenblick, wo ich die
Instrumente aufstellte, bildeten sich blendend weie Wolken im Zenith und
dehnten sich bis zum Horizont aus. Am 18. October waren diese Wolken so
auffallend durchsichtig, da man noch Sterne der vierten Gre dadurch
sehen konnte. Die Mondflecken sah ich so deutlich, da es war, als stnde
die Scheibe vor den Wolken. Diese standen ausnehmend hoch und bildeten
Streifen, die, wie durch elektrische Abstoung, in gleichen Abstnden
fortliefen. Es sind die dieselben kleinen weien Dunstmassen, die ich auf
den Gipfeln der hchsten Anden ber mir gesehen, und die in mehreren
Sprachen *Schfchen*, _moutons_ heien. Wenn der rthliche Nebel den
Himmel leicht berzog, so behielten die Sterne der ersten Gren, die in
Cumana ber 20--25 Grad hoch fast nie flimmern, nicht einmal im Zenith ihr
ruhiges, planetarisches Licht. Sie flimmerten in allen Hhen, wie nach
einem starken Gewitterregen. Diese Wirkung eines Nebels, der auf den
Hygrometer an der Erdoberflche nicht wirkte, erschien mir auffallend. Ich
blieb einen Theil der Nacht auf einem Balkon sitzen, wo ich einen groen
Theil des Horizonts bersah. Unter allen Himmelsstrichen hat es viel
Anziehendes fr mich, bei heiterem Himmel ein groes Sternbild ins Auge zu
fassen und zuzusehen, wie Haufen von Dunstblschen sich bilden, wie um
einen Kern anschieen, verschwinden und sich von neuem bilden.

Zwischen dem 28. October und 3. November war der rthlichte Nebel dicker
als je bisher; bei Nacht war die Hitze erstickend, obgleich der
Thermometer nur auf 26 stand. Der Seewind, der meist von acht oder neun
Uhr Abends die Luft abkhlt, lie sich gar nicht spren. Die Luft war wie
in Gluth; der staubigte, ausgedrrte Boden bekam berall Risse. Am
4. November gegen zwei Uhr Nachmittags hllten dicke, sehr schwarze Wolken
die hohen Berge Brigantin und Tataraqual ein. Sie rckten allmhlich bis
ins Zenith. Gegen vier Uhr fing es an ber uns zu donnern, aber ungemein
hoch, ohne Rollen, trockene, oft kurz abgebrochene Schlge. Im Moment, wo
die strkste elektrische Entladung stattfand, um 4 Uhr 12 Minuten,
erfolgten zwei Erdste, 15 Secunden hinter einander. Das Volk schrie laut
auf der Strae. Bonpland, der ber einen Tisch gebeugt Pflanzen
untersuchte, wurde beinahe zu Boden geworfen. Ich selbst sprte den Sto
sehr stark, obgleich ich in einer Hngematte lag. Die Richtung des Stoes
war, was in Cumana ziemlich selten vorkommt, von Nord nach Sd. Sklaven,
die aus einem 18--20 Fu tiefen Brunnen am Manzanares Wasser schpften,
hrten ein Getse wie einen starken Kanonenschu. Das Getse schien aus
dem Brunnen herauf zu kommen, eine auffallende Erscheinung, die brigens
in allen Lndern Amerikas, die den Erdbeben ausgesetzt sind, hufig
vorkommt.

Einige Minuten vor dem ersten Sto trat ein heftiger Sturm ein, dem ein
elektrischer Regen mit groen Tropfen folgte. Ich beobachtete sogleich die
Elektricitt der Luft mit dem Voltaschen Elektrometer. Die Kgelchen
wichen vier Linien auseinander; die Elektricitt wechselte oft zwischen
positiv und negativ, wie immer bei Gewittern und im nrdlichen Europa
zuweilen selbst bei Schneefall. Der Himmel blieb bedeckt und auf den Sturm
folgte eine Windstille, welche die ganze Nacht anhielt. Der
Sonnenuntergang bot ein Schauspiel von seltener Pracht. Der dicke
Wolkenschleier zerri dicht am Horizont wie zu Fetzen, und die Sonne
erschien 12 Grad hoch auf indigoblauem Grunde. Ihre Scheibe war ungemein
stark in die Breite gezogen, verschoben und am Rande ausgeschweift. Die
Wolken waren vergoldet und Strahlenbndel in den schnsten
Regenbogenfarben liefen bis zur Mitte des Himmels auseinander. Aus dem
groen Platze war viel Volk versammelt. Letztere Erscheinung, das
Erdbeben, der Donnerschlag whrend desselben, der rothe Nebel seit so
vielen Tagen, Alles wurde der Sonnenfinsterni zugeschrieben.

Gegen neun Uhr Abends erfolgte ein dritter Erdsto, weit schwcher als die
ersten, aber begleitet von einem deutlich vernehmbaren unterirdischen
Gerusch. Der Barometer stand ein klein wenig tiefer als gewhnlich, aber
der Gang der stndlichen Schwankungen oder der kleinen atmosphrischen H
Ebbe und Fluth wurde durchaus nicht unterbrochen. Das Quecksilber stand im
Moment, wo der Erdsto eintrat, eben auf dem Minimum der Hhe; es stieg
wieder bis elf Uhr Abends und fiel dann wieder bis vier ein halb Uhr
Morgens, vollkommen entsprechend dem Gesetze der barometrischen
Schwankungen. In der Nacht vom 3. zum 4. November war der rthlichte Nebel
so dick, da ich den Ort, wo der Mond stand, nur an einem schnen Hof von
12 Grad Durchmesser erkennen konnte.

Es waren kaum zweiundzwanzig Monate verflossen, seit die Stadt Cumana
durch ein Erdbeben fast gnzlich zerstrt worden. Das Volk sieht die
Nebel, welche den Horizont umziehen, und das Ausbleiben des Seewindes bei
Nacht fr sichere schlimme Vorzeichen an. Wir erhielten viele Besuche, die
sich erkundigten, ob unsere Instrumente nene Ste fr den andern Tag
anzeigten. Besonders gro und allgemein wurde die Unruhe, als am
5. November, zur selben Stunde wie Tags zuvor, ein heftiger Sturm eintrat,
dem ein Donnerschlag und ein paar Tropfen Regen folgten; aber es lie sich
kein Sto spren. Sturm und Gewitter kamen fnf oder sechs Tage zur selben
Stunde, ja fast zur selben Minute wieder. Schon seit langer Zeit haben die
Einwohner von Cumana und so vieler Orte unter den Tropen die Beobachtung
gemacht, da scheinbar ganz zufllige atmosphrische Vernderungen
wochenlang mit erstaunlicher Regelmigkeit nach einem gewissen Typus
eintreten. Dieselbe Erscheinung kommt Sommers auch im gemigten Erdstrich
vor und ist dem Scharfblick der Astronomen nicht entgangen. Hufig sieht
man nmlich bei heiterem Himmel drei, vier Tage hinter einander an
derselben Stelle des Himmels sich Wolken bilden, nach derselben Richtung
fortziehen und sich in derselben Hhe wieder auflsen, bald vor, bald nach
dem Durchgang eines Sterns durch den Meridian, also bis auf wenige Minuten
zur selben *wahren Zeit*.

Das Erdbeben vom 4. November, das erste, das ich erlebt, machte einen um
so strkeren Eindruck auf mich, da es, vielleicht zufllig, von so
auffallenden meteorischen Erscheinungen begleitet war. Auch war es eine
wirkliche Hebung von unten nach oben, kein wellenfrmiger Sto. Ich htte
damals nicht geglaubt, da ich nach langem Aufenthalt auf den Hochebenen
von Quito und an den Ksten von Peru mich selbst an ziemlich starke
Bewegungen des Bodens so sehr gewhnen wrde, wie wir in Europa an das
Donnern gewhnt sind. In der Stadt Quito dachten wir gar nicht mehr daran,
bei Nacht aufzustehen, wenn ein unterirdisches Gebrlle (_bramidos_) das
immer vom Vulkan Pichincha herzukommen scheint (2--3, zuweilen
7--8 Minuten vorher) einen Sto ankndigte, dessen Strke nur selten mit
dem Grad des Getses im Verhltni steht. Die Sorglosigkeit der Einwohner,
die wissen, da in dreihundert Jahren ihre Stadt nicht zerstrt worden
ist, theilt sich bald selbst dem ngstlichsten Fremden mit. Ueberhaupt ist
es nicht so sehr die Besorgni vor Gefahr, als die eigenthmliche
Empfindung, was einen so sehr aufregt, wenn man zum erstenmal auch nur
einen ganz leichten Erdsto empfindet.

Von Kindheit auf prgen sich unserer Vorstellung gewisse Contraste ein;
das Wasser gilt uns fr ein bewegliches Element, die Erde fr eine
unbewegliche, trge Masse. Tiefe Begriffe sind das Produkt der tglichen
Erfahrung und hngen mit allen unsern Sinneseindrcken zusammen. Lt sich
ein Erdsto spren, wankt die Erde in ihren alten Grundfesten, die wir fr
unerschtterlich gehalten, so ist eine langjhrige Tuschung in einen
Augenblick zerstrt. Es ist als erwachte man, aber es ist kein angenehmes
Erwachen; man fhlt, die vorausgesetzte Ruhe der Natur war nur eine
scheinbare, man lauscht hinfort auf das leiseste Gerusch, man mitraut
zum erstenmal einem Boden, auf den man so lange zuversichtlich den Fu
gesetzt. Wiederholen sich die Ste, treten sie mehrere Tage hinter
einander hufig ein, so nimmt dieses Zagen bald ein Ende. Im Jahr 1784
waren die Einwohner von Mexico so sehr daran gewhnt, unter ihren Fen
donnern zuhren, wie wir an den Donner in der Luft. Der Mensch fat sehr
schnell wieder Zutrauen, und an den Ksten von Peru gewhnt man sich am
Ende an die Schwankungen des Bodens, wie der Schiffer an die Ste, die
das Fahrzeug von den Wellen erhlt.

Der rthlichte Dunst, der kurz nach Sonnenuntergang den Horizont umzog,
hatte seit dem 7. November aufgehrt. Die Luft war wieder so rein wie
sonst und das Himmelsgewlbe zeigte im Zenith das Dunkelblau, das den
Klimaten eigen ist, wo die Wrme, das Licht und groe Gleichfrmigkeit der
elektrischen Spannung mit einander die vollstndigste Auflsung des
Wassers in der Luft zu bewirken scheinen. In der Nacht vom siebten zum
achten beobachtete ich die Immersion des zweiten Jupiterstrabanten. Die
Streifen des Planeten waren deutlicher, als ich sie je zuvor gesehen.

Einen Theil der Nacht verwendete ich dazu, die Lichtstrke der schnen
Sterne am sdlichen Himmel zu vergleichen. Ich hatte schon zur See
sorgfltige Beobachtungen der Art angestellt und setzte sie spter bei
meinem Aufenthalt in Lima, Guayaquil und Mexico in beiden Hemisphren
fort. Es war ber ein halbes Jahrhundert verflossen, seit Lacaille den
Strich des Himmels, der in Europa unsichtbar ist, untersucht hatte. Die
Sterne nahe am Sdpol werden meist so oberflchlich und so wenig anhaltend
beobachtet, da in ihrer Lichtstrke und in ihrer eigenen Bewegung die
grten Vernderungen eintreten knnen, ohne da die Astronomen das
Geringste davon erfahren. Ich glaube Vernderungen der Art in den
Sternbildern des Kranichs und des Schiffes wahrgenommen zu haben. Nach
einem Mittel aus sehr vielen Schtzungen habe ich die relative Lichtstrke
der groen Sterne in nachstehender Reihenfolge abnehmen sehen: Sirius,
Canopus, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des Centauren, Achernar, {~GREEK SMALL LETTER BETA~} des Centauren, Fomalhaut, Rigel,
Procyon, Beteigeuze, {~GREEK SMALL LETTER EPSILON~} des groen Hundes, {~GREEK SMALL LETTER DELTA~} des groen Hundes, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des
Kranichs, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des Pfauen. Diese Arbeit, deren numerische Ergebnisse ich
anderswo verffentlicht habe, wird an Bedeutung gewinnen, wenn nach je
50--60 Jahren Reisende die Lichtstrke der Sterne von Neuem beobachten und
darin Wechsel wahrnehmen, die entweder von Vorgngen an der Oberflche der
Himmelskrper oder von ihrem vernderten Abstand von unserem
Planetensystem herrhren.

Hat man in unsern nrdlichen Himmelsstrichen und in der heien Zone lange
mit denselben Fernrhren beobachtet, so ist man berrascht, wie deutlich
in letzterer, in Folge der Durchsichtigkeit der Luft und der geringeren
Schwchung des Lichts, die Doppelsterne, die Trabanten des Jupiters und
gewisse Nebelsterne erscheinen. Bei gleich heiterem Himmel glaubt man
bessere Instrumente unter den Hnden zu haben, so viel deutlicher, so viel
schrfer begrenzt zeigen sich diese Gegenstnde unter den Tropen. So viel
ist sicher, wird einst Sdamerika der Mittelpunkt einer ausgebreiteten
Cultur, so mu die physische Astronomie ungemeine Fortschritte machen,
sobald man einmal anfngt im trockenen, heien Klima von Cumana, Coro und
der Insel Margarita den Himmel mit vorzglichen Werkzeugen zu beobachten.
Des Rckens der Cordilleren erwhne ich dabei nicht, weil, einige ziemlich
drre Hochebenen in Mexico und Peru ausgenommen, auf sehr hohen Plateaus,
auf solchen, wo der Luftdruck um 10--11 Zoll geringer ist als an der
Meeresflche, die Luft nebligt und die Witterung sehr vernderlich ist.
Sehr reine Luft, wie sie in den Niederungen in der trockenen Jahreszeit
fast bestndig vorkommt, bietet vollen Ersatz fr die hohe Lage und die
verdnnte Luft auf den Plateaus.

Die Nacht vom 11. zum 12. November war khl und ausnehmend schn. Gegen
Morgen, von halb drei Uhr an, sah man gegen Ost hchst merkwrdige
Feuermeteore. Bonpland, der aufgestanden war, um auf der Galerie der Khle
zu genieen, bemerkte sie zuerst. Tausende von Feuerkugeln und
Sternschnuppen fielen hinter einander, vier Stunden lang. Ihre Richtung
war sehr regelmig von Nord nach Sd; sie fllten ein Stck des Himmels,
das vom wahren Ostpunkt 30 Grad nach Nord und nach Sd reichte. Auf einer
Strecke von 60 Graden sah man die Meteore in Ostnordost und Ost ber den
Horizont aufsteigen, grere oder kleinere Bogen beschreiben und, nachdem
sie in der Richtung des Meridians fortgelaufen, gegen Sd niederfallen.
Manche stiegen 40 Grad hoch, alle hher als 25--30 Grad. Der Wind war in
der niedern Luftregion sehr schwach und blies aus Ost; von Wolken war
keine Spur zu sehen. Nach Bonplands Aussage war gleich zu Anfang der
Erscheinung kein Stck am Himmel so gro als drei Monddurchmesser, das
nicht jeden Augenblick von Feuerkugeln und Sternschnuppen gewimmelt htte.
Der ersteren waren wenigere; da man ihrer aber von verschiedenen Gren
sah, so war zwischen diesen beiden Classen von Erscheinungen unmglich
eine Grenze zu ziehen. Alle Meteore lieen 8--10 Grad lange Lichtstreifen
hinter sich zurck, was zwischen den Wendekreisen hufig vorkommt. Die
Phosphorescenz dieser Lichtstreifen hielt 7--8 Secunden an. Manche
Sternschnuppen hatten einen sehr deutlichen Kern von der Gre der
Jupiterscheibe, von dem sehr stark leuchtende Lichtfunken ausfuhren. Die
Feuerkugeln schienen wie durch Explosion zu platzen; aber die grten, von
1--1 13{~PRIME~} Durchmesser, verschwanden ohne Funkenwerfen und lieen
leuchtende, 15--20 Minuten breite Streifen (_'trabes'_) hinter sich. Das
Licht der Meteore war wei, nicht rthlicht, wahrscheinlich weil die Luft
ganz dunstfrei und sehr durchsichtig war. Aus demselben Grunde haben unter
den Tropen die Sterne erster Gre beim Aufgehen ein auffallend weieres
Licht als in Europa.

Fast alle Einwohner von Cumana sahen die Erscheinung mit an, weil sie vor
vier Uhr aus den Husern gehen, um die Frhmesse zu hren. Der Anblick der
Feuerkugeln war ihnen keineswegs gleichgltig; die ltesten erinnerten
sich, da dem groen Erdbeben des Jahres 1766 ein ganz hnliches Phnomen
vorausgegangen war. In der indianischen Vorstadt waren die Guaiqueries auf
den Beinen; sie behaupteten, das Feuerwerk habe um ein Uhr Nachts
begonnen, und als sie vom Fischfang im Meerbusen zurckgekommen, haben sie
schon Sternschnuppen, aber ganz kleine, im Osten aufsteigen sehen. Sie
versicherten zugleich, auf dieser Kste seyen nach zwei Uhr Morgens
Feuermeteore sehr selten.

Von vier Uhr an hrte die Erscheinung allmhlich auf; Feuerkugeln und
Sternschnuppen wurden seltener; indessen konnte man noch eine
Viertelstunde nach Sonnenaufgang mehrere an ihrem weien Licht und dem
raschen Hinfahren erkennen. Die erscheint nicht so auffallend, wenn ich
daran erinnere, da im Jahr 1788 in der Stadt Popayan am hellen Tage das
Innere der Huser durch einen ungeheuer groen Meteorstein stark
erleuchtet wurde; er ging um ein Uhr Nachmittags bei hellem Sonnenschein
ber die Stadt weg. Am 26. September 1800, whrend unseres zweiten
Aufenthalts in Cumana, gelang es Bonpland und mir, nachdem wir die
Immersion des ersten Jupiterstrabanten beobachtet, 18 Minuten nachdem sich
die Sonnenscheibe ber den Horizont erhoben, den Planeten mit bloem Auge
deutlich zu sehen. Gegen Ost war sehr leichtes Gewlk, aber Jupiter stand
auf blauem Grunde. Diese Flle beweisen, wie rein und durchsichtig die
Luft zwischen den Wendekreisen ist. Die Masse des zerstreuten Lichts ist
desto kleiner, je vollstndiger der Wasserdunst aufgelst ist. Dieselbe
Ursache, welche der Zerstreuung des Sonnenlichts entgegenwirkt, vermindert
auch die Schwchung des Lichts, das von den Feuerkugeln, vom Jupiter, vom
Mond am zweiten Tag nach der Conjunction ausgeht.

Der 12. November war wieder ein sehr heier Tag und der Hygrometer zeigte
eine fr dieses Klima sehr starke Trockenheit an. Auch zeigte sich der
rthlichte, den Horizont umschleiernde Dunst wieder und stieg 14 Grad hoch
herauf. Es war das letztemal, da man ihn in diesem Jahre sah. Ich bemerke
hier, da derselbe unter dem schnen Himmel von Cumana im Allgemeinen so
selten ist, als er in Acapulco auf der Westkste von Mexico hufig
vorkommt.

Da bei meinem Abgang von Europa die Physiker durch Chladnis Untersuchungen
auf Feuerkugeln und Sternschnuppen besonders aufmerksam geworden waren, so
versumten wir auf unserer Reise von Caracas nach dem Rio Negro nicht, uns
berall zu erkundigen, ob am 12. November die Meteore gesehen worden
seyen. In einem wilden Lande, wo die Einwohner grtentheils im Freien
schlafen, konnte eine so auerordentliche Erscheinung nur da unbemerkt
bleiben, wo sie sich durch bewlkten Himmel der Beobachtung entzog. Der
Kapuziner in der Mission San Fernando de Apure, die mitten in den Savanen
der Provinz Barinas liegt, die Franciskaner an den Fllen des Orinoco und
in Maroa am Rio Negro hatten zahllose Sternschnuppen und Feuerkugeln das
Himmelsgewlbe beleuchten sehen. Maroa liegt 174 Meilen sdwestlich von
Cumana. Alle diese Beobachter verglichen das Phnomen mit einem schnen
Feuerwerk, das von drei bis sechs Uhr Morgens gewhrt. Einige Geistliche
hatten diesen Tag in ihrem Ritual angemerkt, andere bezeichneten denselben
nach den nchsten Kirchenfesten, leider aber erinnerte sich keiner der
Richtung der Meteore oder ihrer scheinbaren Hhe. Nach der Lage der Berge
und dichten Wlder, welche um die Missionen an den Cataracten und um das
kleine Dorf Maroa liegen, mgen die Feuerkugeln noch 20 Grad ber dem
Horizont sichtbar gewesen seyn. Am Sdende von spanisch Guyana, im kleinen
Fort San Carlos, traf ich Portugiesen, die von der Mission San Jose dos
Maravitanos den Rio Negro herauf gefahren waren. Sie versicherten mich, in
diesem Theile Brasiliens sey die Erscheinung zum wenigsten bis San Gabriel
das Cachoeiras, also bis zum Aequator sichtbar gewesen.(14)

Ich wunderte mich sehr ber die ungeheure Hhe, in der die Feuerkugeln
gestanden haben muten, um zu gleicher Zeit in Cumana und an der Grenze
von Brasilien, auf einer Strecke von 230 Meilen gesehen zu werden. Wie
staunte ich aber, als ich bei meiner Rckkehr nach Europa erfuhr, die
selbe Erscheinung sey auf einem 64 Breite- und 91 Lngegrade groen Stck
des Erdballs, unter dem Aequator, in Sdamerika, in Labrador und in
Deutschland gesehen worden! Auf der Ueberfahrt von Philadelphia nach
Bordeaux fand ich zufllig in den Verhandlungen der pennsylvanischen
Gesellschaft die betreffende Beobachtung des Astronomen der Vereinigten
Staaten, Ellicot (unter 30 Grad 42 Minuten), und als ich von Neapel wieder
nach Berlin ging, auf der Gttinger Bibliothek den Bericht der mhrischen
Missionare bei den Eskimos. Bereits war damals von mehreren Physikern die
Frage besprochen worden, ob die Beobachtungen im Norden und die in Cumana,
die Bonpland und ich schon im Jahr 1800 bekannt gemacht, denselben
Gegenstand betreffen.

Ich gebe im Folgenden eine gedrngte Zusammenstellung der Beobachtungen:
1) Die Feuermeteore wurden gegen Ost und Ost-Nord-Ost, bis zu 40 Grad ber
dem Horizont, von 2--6 Uhr Morgens gesehen in Cumana (Breite 10 27{~PRIME~} 52{~DOUBLE PRIME~},
Lnge 66 30{~PRIME~}), in Porto-Cabello (Breite 10 6{~PRIME~} 52{~DOUBLE PRIME~}, Lnge 67 5{~PRIME~}) und an
der Grenze von Brasilien in der Nhe des Aequators unter 70 der Lnge vom
Pariser Meridian. 2) In franzsisch Guyana (Breite 40 56{~PRIME~}, Lnge 54 35{~PRIME~})
sah man den Himmel gegen Norden wie in Flammen stehen. Anderthalb Stunden
lang schossen unzhlige Sternschnuppen durch den Himmel und verbreiteten
ein so starkes Licht, da man die Meteore mit den sprhenden Funkengarben
bei einem Feuerwerk vergleichen konnte. Fr diese Thatsache liegt ein
hchst achtungswerthes Zeugni vor, das des Grafen Marbois, der damals als
ein Opfer seines Rechtssinns und seiner Anhnglichkeit an
verfassungsmige Freiheit als Deportirter in Cayenne lebte. 3) Der
Astronom der Vereinigten Staaten, Ellicot, befand sich, nachdem er
trigonometrische Vermessungen zur Grenzberichtigung am Ohio vollendet
hatte, am 12. November im Kanal von Bahama unter 25 Grad der Breite und
81 50{~PRIME~} der Lnge. Er sah am ganzen Himmel so viel Meteore als Sterne;
sie fuhren nach allen Richtungen dahin; manche schienen senkrecht
niederzufallen und man glaubte jeden Augenblick, sie werden aufs Schiff
herabkommen. Dasselbe wurde auf dem Festland von Amerika bis zum 30 43{~PRIME~}
der Breite beobachtet. 4) In Labrador zu Nain (Breite 56 55{~PRIME~}) und
Hoffenthal (Breite 58,4{~PRIME~}), in Grnland zu Lichtenau (Breite 61 5{~PRIME~}) und
Neu-Herrnhut (Breite 64 14{~PRIME~}, Lnge 52 20{~PRIME~}) erschraken die Eskimos ber
die ungeheure Menge Feuerkugeln, die in der Dmmerung nach allen
Himmelsgegenden niederfielen, und von denen manche einen Schuh breit
waren. 5) In Deutschland sah der Pfarrer von Itterstdt bei Weimar,
Zeising (Breite 50 59{~PRIME~}, stliche Lnge 9 1{~PRIME~}), am 12. November zwischen 6
und 7 Uhr Morgens (als es in Cumana zwei ein halb Uhr war) einige
Sternschnuppen mit sehr weiem Licht. Kurz darauf erschienen gegen Sd
und Sdwest 4--6 Fu lange, rthliche Lichtstreifen, hnlich denen einer
Rakete. In der Morgendmmerung zwischen 7 und 8 Uhr sah man von Zeit zu
Zeit den Himmel durch weilichte, in Schlangenlinien am Horizont
hinfahrende Blitze stark beleuchtet. In der Nacht war es klter geworden
und der Barometer war gestiegen. Sehr wahrscheinlich htte das Meteor
noch weiter ostwrts in Polen und Ruland gesehen werden knnen. Ohne die
umstndliche Angabe, die Ritter den Papieren des Pfarrers von Itterstdt
entnommen, htten wir auch geglaubt, die Feuerkugeln seyen auerhalb der
Grenzen der neuen Welt nicht gesehen worden.

Von Weimar an den Rio Negro sind es 1800 Seemeilen, vom Rio Negro nach
Herrnhut in Grnland 1300 Lieues. Sind an so weit auseinander gelegenen
Punkten dieselben Meteore gesehen worden, so setzt die fr dieselben eine
Hhe von 411 Meilen voraus. Bei Weimar zeigten sich die Lichtstreifen
gegen Sd und Sdwest, in Cumana gegen Ost und Ost-Nord-Ost. Man knnte
dehalb glauben, zahllose Aerolithen mten zwischen Afrika und Sdamerika
westwrts von den Inseln des grnen Vorgebirges ins Meer gefallen seyn.
Wie kommt es aber, da die Feuerkugeln, die in Labrador und Cumana
verschiedene Richtungen hatten, am letzteren Orte nicht gegen Nord gesehen
wurden, wie in Cayenne? Man kann nicht vorsichtig genug seyn mit einer
Annahme, zu der es noch an guten, an weit aus einander gelegenen Orten
angestellten Beobachtungen fehlt. Ich mchte fast glauben, da die Chaymas
in Cumana nicht dieselben Feuerkugeln gesehen haben, wie die Portugiesen
in Brasilien und die Missionre in Labrador; immer aber bleibt es
unzweifelhaft (und diese Thatsache scheint mir hchst merkwrdig), da in
der neuen Welt zwischen 46 und 82 der Lnge, vom Aequator bis zu 64 der
Breite in denselben Stunden eine ungeheure Menge Feuerkugeln und
Sternschnuppen gesehen worden ist. Auf einem Flchenraum von 921,000
Quadratmeilen erschienen die Meteore berall gleich glnzend.

Die Physiker (Benzenberg und Brandes), welche in neuerer Zeit ber die
Sternschnuppen und ihre Parallaxen so mhsame Untersuchungen angestellt
haben, betrachten sie als Meteore, die der uersten Grenze unseres
Luftkreises, dem Raum zwischen der Region des Nordlichts und der der
leichtesten Wolken(15) angehren. Es sind welche beobachtet worden, die
nur 14,000 Toisen, etwa 5 Meilen hoch waren, und die hchsten scheinen
nicht ber 30 Meilen hoch zu seyn. Sie haben hufig ber 100 Fu
Durchmesser und ihre Geschwindigkeit ist so bedeutend, da sie in wenigen
Secunden zwei Meilen zurcklegen. Man hat welche gemessen, die fast
senkrecht oder unter einem Winkel von 50 Grad von unten nach oben liefen.
Aus diesem sehr merkwrdigen Umstand hat man geschlossen, da die
Sternschnuppen keine Meteorsteine sind, die, nachdem sie lange gleich
Himmelskrpern durch den Raum gezogen, sich entznden, wenn sie zufllig
in unsere Atmosphre gerathen, und zur Erde fallen.

Welchen Ursprung nun auch diese Feuermeteore haben mgen, so hlt es
schwer, sich in einer Region, wo die Luft verdnnter ist als im luftleeren
Raum unserer Luftpumpen, wo (in 25,000 Toisen Hhe) das Quecksilber im
Barometer nicht 12/1000 Linie hoch stnde, sich eine pltzliche Entzndung
zu denken. Allerdings kennen wir das bis auf 3/1000 gleichfrmige Gemisch
der atmosphrischen Luft nur bis zu 3000 Toisen Hhe, folglich nicht ber
die hchste Schichte der flockigten Wolken hinauf. Man knnte annehmen,
bei den frhesten Umwlzungen des Erdballs seyen Gase, die uns bis jetzt
ganz unbekannt geblieben, in die Luftregion aufgestiegen, in der sich die
Sternschnuppen bewegen; aber aus genauen Versuchen mit Gemischen von Gasen
von verschiedenem specifischem Gewicht geht hervor, da eine oberste, von
den untern Schichten ganz verschiedene Luftschicht undenkbar ist. Die
gasfrmigen Krper mischen sich und durchdringen einander bei der
geringsten Bewegung, und im Laufe der Jahrhunderte htte sich ein
gleichfrmiges Gemisch herstellen mssen, wenn man nicht eine abstoende
Kraft ins Spiel bringen will, von der an keinem der uns bekannten Krper
etwas zu bemerken ist. Nimmt man ferner in den uns unzugnglichen Regionen
der Feuermeteore, der Sternschnuppen, der Feuerkugeln und des Nordlichts
eigenthmliche luftfrmige Flssigkeiten an, wie will man es erklren, da
sich nicht die ganze Schicht dieser Flssigkeiten zumal entzndet, da
vielmehr Gasausstrmungen, gleich Wolken, einen begrenzten Raum einnehmen?
Wie soll man sich ohne die Bildung von Dnsten, die einer ungleichen
Ladung fhig sind, eine elektrische Entladung denken, und das in einer
Luft, deren mittlere Temperatur vielleicht 250 unter Null betrgt, und
die so verdnnt ist, da die Compression durch den elektrischen Schlag so
gut wie keine Wrme mehr entbinden kann? Diese Schwierigkeiten wrden
groentheils beseitigt, wenn man die Sternschnuppen nach der Richtung, in
der sie sich bewegen, als Krper mit festem Kern, als *kosmische* (dem
Himmelsraum auerhalb unseres Luftkreises angehrige), nicht als
*tellurische* (nur unserem Planeten angehrige) Erscheinungen betrachten
knnte.

Hatten die Meteore in Cumana nur die Hhe, in der sich die Sternschnuppen
gewhnlich bewegen, so konnten dieselben Meteore an Punkten, die 310
Meilen aus einander liegen, ber dem Horizont gesehen werden. Wie
auerordentlich mu nun an jenem 12. November in den hohen Luftregionen
die Neigung zur Verbrennung gesteigert gewesen seyn, damit vier Stunden
lang Milliarden von Feuerkugeln und Sternschnuppen fallen konnten, die am
Aequator, in Grnland und in Deutschland gesehen wurden! Benzenberg macht
die scharfsinnige Bemerkung, da dieselbe Ursache, aus der das Phnomen
hufiger eintritt, auch auf die Gre der Meteore und ihre Lichtstrke
Einflu uert. In Europa sieht man in den Nchten, in denen am meisten
Sternschnuppen fallen, immer auch sehr stark leuchtende unter ganz
kleinen. Durch das Periodische daran wird die Erscheinung noch
interessanter. In manchen Monaten zhlte Brandes in unserem gemigten
Erdstrich nur 60--80 Sternschnuppen in der Nacht, in andern steigt die
Zahl auf 2000. Sieht man eine vom Durchmesser des Sirius oder des Jupiter,
so kann man sicher darauf rechnen, da hinter diesem glnzenden Meteor
viele kleinere kommen. Fallen in einer Nacht sehr viele Sternschnuppen, so
ist es hchst wahrscheinlich, da die mehrere Wochen anhlt. In den hohen
Luftregionen, an der uersten Grenze, wo Centrifugalkraft und Schwere
sich ausgleichen, scheint periodisch eine besondere Disposition zur
Bildung von Feuerkugeln, Sternschnuppen und Nordlichtern einzutreten.
Hngt die Periodicitt dieser wichtigen Erscheinung vom Zustand der
Atmosphre ab, oder von etwas, das der Atmosphre von auswrts zukommt,
whrend die Erde in der Ekliptik fortrckt? Von alle dem wissen wir gerade
so viel, wie zur Zeit des Anaxagoras.

Was die Sternschnuppen fr sich betrifft, so scheinen sie mir, nach meiner
eigenen Erfahrung, unter den Wendekreisen hufiger zu seyn als in
gemigten Landstrichen, ber den Festlndern und an gewissen Ksten
hufiger als auf offener See. Ob wohl die strahlende Oberflche des
Erdballs und die elektrische Ladung der tiefen Luftregionen, die nach der
Beschaffenheit des Bodens und nach der Lage der Continente und Meere sich
ndert, ihre Einflsse noch in Hhen uern, wo ewiger Winter herrscht?
Da in gewissen Jahreszeiten und ber manchen drren, pflanzenlosen Ebenen
der Himmel auch nicht die kleinsten Wolken zeigt, scheint darauf
hinzudeuten, da dieser Einflu sich wenigstens bis zur Hhe von 5--600
Toisen geltend macht. In einem von Vulkanen starrenden Land, auf der
Hochebene der Anden ist vor dreiig Jahren eine hnliche Erscheinung wie
die am 12. November beobachtet worden. Man sah in der Stadt Quito nur an
Einem Stck des Himmels, ber dem Vulkan Cayambe, Sternschnuppen in
solcher Menge aufsteigen, da man meinte, der ganze Berg stehe in Feuer.
Dieses auerordentliche Schauspiel dauerte ber eine Stunde; das Volk lief
auf der Ebene von Exido zusammen, wo man eine herrliche Aussicht auf die
hchsten Gipfel der Cordilleren hat. Schon war eine Procession im Begriffe
vom Kloster San Francisco aufzubrechen, als man gewahr wurde, da das
Feuer am Horizont von Feuermeteoren herrhrte, die bis zur Hhe von 12 bis
15 Grad nach allen Richtungen durch den Himmel schoen.

                            ------------------





   14 In Santa-Fe de Bogota, in Popayan und in der sdlichen Halbkugel in
      Quito und Peru habe ich Niemand getroffen, der die Meteore gesehen
      htte. Vielleicht war nur der Zustand der Atmosphre, der in diesen
      westlichen Lndern sehr vernderlich ist, daran Schuld.

   15 Nach meinen Beobachtungen auf dem Rcken der Anden in mehr als 2700
      Toisen Meereshhe ber die *Schfchen* oder kleinen weien,
      gekruselten Wolken schtzte ich die Hhe derselben zuweilen auf
      mehr als [] Toisen ber der Kste.





ELFTES KAPITEL.


    Reise von Cumana nach Guayra. -- Morro de Nueva Barcelona. -- Das
            Vorgebirg Codera. -- Weg von Guayra nach Caracas.


Am 18. November um acht Uhr Abends waren wir unter Segel, um lngs der
Kste von Cumana nach dem Hafen von Guayra zu fahren, aus dem die
Einwohner von Venezuela den grten Theil ihrer Produkte ausfhren. Es
sind nur 60 Meilen und die Ueberfahrt whrt meist nur 36--40 Stunden. Den
kleinen Kstenfahrzeugen kommen Wind und Strmungen zumal zu gut; letztere
streichen mehr oder minder stark von Ost nach West lngs den Ksten von
Terra Firma hin, besonders zwischen den Vorgebirgen Paria und Chichibacoa.
Der Landweg von Cumana nach Neu-Barcelona und von da nach Caracas ist so
ziemlich im selben Zustand wie vor der Entdeckung von Amerika. Man hat mit
allen Hindernissen eines morastigen Bodens, zerstreuter Felsblcke und
einer wuchernden Vegetation zu kmpfen; man mu unter freiem Himmel
schlafen, die Thler des Unare, Tuy und Capaya durchziehen und ber Strme
setzen, die wegen der Nhe des Gebirgs rasch anschwellen. Zu diesen
Hindernissen kommt die Gefahr, die der Reisende luft, weil das Land sehr
ungesund ist, besonders die Niederungen zwischen der Kstenkette und dem
Meeresufer, von der Bucht von Mochima bis Coro. Letztere Stadt aber, die
von einem ungeheuren Gehlz von Fackeldisteln und stachlichten Cactus
umgeben ist, verdankt, gleich Cumana, ihr gesundes Klima dem drren Boden
und dem Mangel an Regen.

Man zieht zuweilen den Weg zu Land dem zur See vor, wenn man von Caracas
nach Cumana zurckgeht und nicht gerne gegen die Strmung fhrt. Der
Courier von Caracas braucht dazu neun Tage; wir sahen hufig Leute, die
sich ihm angeschlossen, in Cumana krank an Typhus und miasmatischen
Fiebern ankommen. Der Baum, dessen Rinde(16) ein treffliches Heilmittel
gegen diese Fieber ist, wchst in denselben Thlern, am Saume derselben
Wlder, deren Ausdnstungen so gefhrlich sind. Der kranke Reisende macht
Halt in einer Htte, deren Bewohner nichts davon wissen, da die Bume,
welche die Thalgrnde umher beschatten, das Fieber vertreiben.

Als wir zur See von Cumana nach Guayra gingen, war unser Plan der: wir
wollten bis zum Ende der Regenzeit in Caracas bleiben, von dort ber die
groen Ebenen oder *Llanos* in die Missionen am Orinoco reisen, diesen
ungeheuren Strom sdlich von den Cataracten bis zum Rio Negro und zur
Grenze von Brasilien hinauffahren und ber die Hauptstadt des spanischen
Guyana, gemeiniglich wegen ihrer Lage *Angostura*, d. h. Engpa geheien,
nach Cumana zurckkehren. Wie lange wir zu dieser Reise von 700 Meilen,
wovon wir ber zwei Drittheile im Canoe zu machen hatten, brauchen wrden,
lie sich unmglich bestimmen. Auf den Ksten kennt man nur das Stck des
Orinoco nahe an seiner Mndung; mit den Missionen besteht lediglich kein
Handelsverkehr. Was jenseits der Llanos liegt, ist fr die Einwohner von
Cumana und Caracas unbekanntes Land. Die einen glauben, die mit Rasen
bedeckten Ebenen von Calabozo ziehen sich achthundert Meilen gegen Sd
fort und stehen mit den Steppen oder Pampas von Buenos Ayres in
Verbindung; andere halten wegen der groen Sterblichkeit unter den Truppen
Iturriagas und Solanos auf ihrem Zug an den Orinoco alles Land sdlich von
den Katarakten von Amtes fr uerst ungesund. In einem Lande, wo man so
wenig reist, findet man Gefallen daran, den Fremden gegenber die
Gefahren, die vom Klima, von wilden Thieren und Menschen drohen, zu
bertreiben. Wir waren an diese Abschreckungsmittel, welche die Colonisten
mit naiver und gutgemeinter Offenheit in Anwendung bringen, noch nicht
gewhnt; trotzdem hielten wir an dem einmal gefaten Entschlusse fest. Wir
konnten auf die Theilnahme und Untersttzung des Statthalters der Provinz,
Don Vicente Emparan, uns verlassen, so wie auf die Empfehlungen der
Franziscanermnche, welche an den Ufern des Orinoco die eigentlichen
Herren sind.

Zum Glck fr uns war einer dieser Geistlichen, Juan Gonzales, eben in
Cumana. Dieser junge Mnch war nur ein Laienbruder, aber sehr verstndig,
gebildet, voll Leben und Muth. Kurz nach seiner Ankunft auf der Kste
hatte er sich bei Gelegenheit der Wahl eines neuen Gardians der Missionen
von Piritu, wobei im Kloster zu Nueva Barcelona immer groe Aufregung
herrscht, das Mifallen seiner Obern zugezogen. Die siegende Partei bte
eine durchgreifende Reaction, welcher der Laienbruder nicht entgehen
konnte. Er wurde nach Esmeralda geschickt, in die letzte Mission am obern
Orinoco, berchtigt durch die Unzahl bsartiger Insekten, welche Jahr aus
Jahr ein die Luft erfllen. Fray Juan Gonzales war mit den Wldern
zwischen den Katarakten und den Quellen des Orinoco vollkommen bekannt.
Eine andere Umwlzung im republikanischen Regiment der Mnche hatte ihn
seit einigen Jahren wieder an die Kste gebracht und er stand bei seinen
Obern in verdienter Achtung. Er bestrkte uns in unserem Verlangen, die
vielbestrittene Gabelung des Orinoco zu untersuchen; er ertheilte uns
guten Rath fr die Erhaltung der Gesundheit in einem Klima, in dem er
selbst so lange an Wechselfiebern gelitten. Wir hatten das Vergngen auf
der Rckreise vom Rio Negro Frater Juan in Nueva Barcelona wieder
anzutreffen. Da er sich in der Havana nach Cadix einschiffen wollte,
bernahm er es gefllig, einen Theil unserer Pflanzensammlungen und
unserer Insekten vom Orinoco nach Europa zu bringen, aber die Sammlungen
gingen leider mit ihm zur See zu Grunde. Der vortreffliche junge Mann, der
uns sehr zugethan war, und dessen muthvoller Eifer den Missionen seines
Ordens groe Dienste htte leisten knnen, kam im Jahr 1801 in einem Sturm
an der afrikanischen Kste ums Leben.

Das Fahrzeug, in dem wir von Cumana nach Guayra(17) fuhren, war eines von
denen, die zum Handel an den Ksten und mit den Antillen gebraucht werden.
Sie sind dreiig Fu lang und haben nicht mehr als drei Fu Bord ber
Wasser; sie sind ohne Verdeck und laden gewhnlich 200 bis 250 Centner.
Obgleich die See vom Vorgebirge Codera bis Guayra sehr unruhig ist und sie
ein ungeheures dreieckiges Segel fhren, was bei den Windsten, die aus
den Bergschluchten herauskommen, nicht ohne Gefahr ist, hat man seit
dreiig Jahren kein Beispiel, da eines dieser Fahrzeuge auf der
Ueberfahrt von Cumana an die Kste von Caracas gesunken wre. Die
indianischen Schiffer sind so gewandt, da selbst bei ihren hufigen
Fahrten von Cumana nach Guadeloupe oder den dnischen Inseln, die mit
Klippen umgeben sind, ein Schiffbruch zu den Seltenheiten gehrt. Diese
120 bis 150 Meilen weiten Fahrten auf offener See, wo man keine Kste mehr
sieht, werden auf offenen Fahrzeugen, nach der Weise der Alten, ohne
Beobachtung der Sonnenhhe, ohne Seekarten, fast immer ohne Compa
unternommen. Der indianische Steuermann richtet sich bei Nacht nach dem
Polarstern, bei Tag nach dem Sonnenlauf und dem Wind, der, wie er
voraussetzt, selten wechselt. Ich habe Guayqueries und Steuerleute vom
Schlage der Zambos gesehen, die den Polarstern nach der Linie zwischen
und  des groen Bren zu finden wuten, und es kam mir vor, als steuerten
sie nicht sowohl nach dem Polarstern selbst als nach jener Linie. Man
wundert sich, wie sie, so bald Land zu Gesicht kommt, richtig die Insel
Guadeloupe oder Santa Cruz oder Portorico finden; aber im Ausgleichen der
Abweichungen vom Curs sind sie nicht immer eben so glcklich. Wenn sich
die Fahrzeuge unter dem Wind dem Lande nhern, kommen sie gegen Ost gegen
Wind und Strmung nur sehr schwer weiter. In Kriegszeiten haben nun die
Schiffer ihre Unwissenheit und ihre Unbekanntschaft mit dem Gebrauch des
Octanten schwer zu ben; denn die Caper kreuzen eben an den Vorgebirgen,
welche die Fahrzeuge von Terra Firma, wenn sie von ihrem Curs abgekommen,
in Sicht bekommen mssen, um ihres Weges gewi zu seyn.

Wir fuhren rasch den kleinen Flu Manzanares hinab, dessen Krmmungen
Cocosbume bezeichnen, wie Pappeln und alte Weiden in unsern Klimaten. Auf
dem anstoenden drren Strande schimmerten auf den Dornbschen, die bei
Tag nur staubigte Bltter zeigen, da es noch Nacht war, viele tausend
Lichtfunken. Die leuchtenden Insekten vermehren sich in der Regenzeit. Man
wird unter den Tropen des Schauspiels nicht mde, wenn diese hin und her
zuckenden rthlichen Lichter sich im klaren Wasser wiederspiegeln und ihre
Bilder und die der Sterne am Himmelsgewlbe unter einander wimmeln.

Wir schieden vom Kstenlande von Cumana, als htten wir lange da gelebt.
Es war das erste Land, das wir unter einem Himmelsstrich betreten, nach
dem ich mich seit meiner frhesten Jugend gesehnt hatte. Der Eindruck der
Natur im indischen Klima ist so mchtig und groartig, da man schon nach
wenigen Monaten Aufenthalt lange Jahre darin verbracht zu haben meint. In
Europa hat der Nordlnder und der Bewohner der Niederung selbst nach
kurzem Besuch eine hnliche Empfindung, wenn er vom Golf von Neapel, von
der kstlichen Landschaft zwischen Tivoli und dem See von Nemi, oder von
der wilden, groartigen Scenerie der Hochalpen und Pyrenen scheidet.
Ueberall in der gemigten Zone zeigt die Physiognomie der Pflanzenwelt
nur wenige Contraste. Die Fichten und Eichen auf den Gebirgen Schwedens
haben Familienhnlichkeit mit denen, die unter dem schnen Himmel
Griechenlands und Italiens wachsen. Unter den Tropen dagegen, in den
Tieflndern beider Indien erscheint Alles neu und wunderbar in der Natur.
Auf freiem Feld, im Waldesdickicht fast nirgends ein Bild, das an Europa
mahnt; denn von der Vegetation hngt der Charakter einer Landschaft ab;
sie wirkt auf unsere Einbildungskraft durch ihre Masse, durch den Contrast
zwischen ihren Gebilden und den Glanz ihrer Farben. Je neuer und mchtiger
die Eindrcke sind, desto mehr lschen sie frhere Eindrcke aus, und
durch die Strke erhalten sie den Anschein der Zeitdauer. Ich berufe mich
auf alle, die mit mehr Sinn fr die Schnheiten der Natur als fr die
Reize des geselligen Lebens lange in der heien Zone gelebt haben. Das
erste Land, das ihr Fu betreten, wie theuer und denkwrdig bleibt es
ihnen ihr Lebenlang! Oft, und bis ins hchste Alter, regt sich in ihnen
ein dunkles Sehnsuchtsgefhl, es noch einmal zu sehen. Cumana und sein
staubigter Boden stehen noch jetzt weit fter vor meinem inneren Auge als
alle Wunder der Cordilleren. Unter dem schnen sdlichen Himmel wird
selbst ein Land fast ohne Pflanzenwuchs reizend durch das Licht und die
Magie der in der Luft spielenden Farben. Die Sonne beleuchtet nicht
allein, sie frbt die Gegenstnde, sie umgibt sie mit einem leichten Duft,
der, ohne die Durchsichtigkeit der Luft zu mindern, die Farben
harmonischer macht, die Lichteffekte mildert und ber die Natur eine Ruhe
ausgiet, die sich in unserer Seele wiederspiegelt. Um den gewaltigen
Eindruck der Landschaften beider Indien, selbst krglich bewaldeter
Kstenstriche zu begreifen, bedenke man nur, da von Neapel dem Aequator
zu der Himmel in dem Verhltni immer schner wird, wie von der Provence
nach Unteritalien.

Wir liefen whrend der Fluth ber die Barre, welche der kleine Manzanares
an seiner Mndung gebildet hat. Der abendliche Seewind schwellte sanft die
Gewsser des Meerbusens von Cariaco. Der Mond war noch nicht aufgegangen,
aber der Theil der Milchstrae zwischen den Fen des Centauren und dem
Sternbild des Schtzen schien einen Silberschimmer auf die Meeresflche zu
werfen. Der weie Fels, auf dem das Schlo San Antonio steht, tauchte
zuweilen zwischen den hohen Wipfeln der Cocospalmen am Ufer auf. Nicht
lange, so erkannten wir die Kste nur noch an den zerstreuten Lichtern
fischender Guayqueries: da empfanden wir doppelt den Reiz des Landes und
das schmerzliche Gefhl, scheiden zu mssen. Vor fnf Monaten hatten wir
dieses Ufer betreten, wie ein neu entdecktes Land, Fremdlinge in der
ganzen Umgebung, in jeden Busch, an jeden feuchten, schattigen Ort nur mit
Zagen den Fu setzend. Jetzt, da diese Kste unsern Blicken entschwand,
lebten Erinnerungen daran in uns, die uns uralt dnkten. Boden,
Gebirgsart, Gewchse, Bewohner, mit Allem waren wir vertraut geworden.

Wir steuerten zuerst nach Nord-Nord-West, indem wir auf die Halbinsel
Araya zuhielten; dann fuhren wir dreiig Meilen nach West und
West-Sd-West. In der Nhe der Bank, die das Vorgebirge Arenas umgibt und
bis zu den Berglquellen von Maniquarez fortstreicht, hatten wir ein
belebtes Schauspiel, dergleichen die starke Phosphorescenz der See in
diesem Klima so hufig bietet. Schwrme von Tummlern zogen unserem
Fahrzeug nach. Ihrer fnfzehn oder sechzehn schwammen in gleichem Abstand
von einander. Wenn sie nun bei der Wendung mit ihren breiten Flossen auf
die Wasserflche schlugen, so gab es einen starken Lichtschimmer; es war,
als brche Feuer aus der Meerestiefe. Jeder Schwarm lie beim
Durchschneiden der Wellen einen Lichtstreif hinter sich zurck. Die fiel
uns um so mehr auf, da auerdem die Wellen nicht leuchteten. Da der Schlag
eines Ruders und der Sto des Schiffes in dieser Nacht nur schwache Funken
gaben, so mu man wohl annehmen, da der starke Lichtschein, der von den
Tummlern ausging, nicht allein vom Schlag ihrer Flossen herrhrte, sondern
auch von der gallertartigen Materie, die ihren Krper berzieht und vom
Sto der Wellen abgerieben wird.

Um Mitternacht befanden wir uns zwischen nackten Felseninseln, die wie
Bollwerke aus dem Meere steigen; es ist die Gruppe der Caracas- und
Chimanaseilande. Der Mond war aufgegangen und beschien die zerklfteten,
kahlen, seltsam gestalteten Felsmassen. Zwischen Cumana und Cap Codera
bildet das Meer jetzt eine Art Bucht, eine leichte Einbiegung in das Land.
Die Eilande Picua, Picuita, Caracas und Boracha erscheinen als Trmmer der
alten Kste, die vom Bordones in der gleichen Richtung von Ost nach West
lief. Hinter diesen Inseln liegen die Busen Mochima und Santa Fe, die
sicher eines Tages stark besuchte Hfen werden. Das zerrissene Land, die
zerbrochenen, stark fallenden Schichten, alles deutet hier auf eine groe
Umwlzung hin, vielleicht dieselbe, welche die Kette der Urgebirge
gesprengt und die Glimmerschiefer von Araya und der Insel Margarita vom
Gnei des Vorgebirges Codera losgerissen hat. Mehrere dieser Inseln sieht
man in Cumana von den flachen Dchern, und dort zeigen sich an ihnen in
Folge der verschiedenen Temperatur der ber einander gelagerten
Luftschichten die sonderbarsten Verrckungen und Luftspiegelungen. Diese
Felsen sind schwerlich ber 150 Toisen hoch, aber Nachts bei Mondlicht
scheinen sie von sehr bedeutender Hhe.

Man mag sich wundern, Inseln, die Caracas heien, so weit von der Stadt
dieses Namens, der Kste der Cumanagotos gegenber zu finden; aber Caracas
bedeutete in der ersten Zeit nach der Eroberung keinen Ort, sondern einen
Indianerstamm. Die Gruppen der sehr gebirgigten Eilande, an denen wir nahe
hinfuhren, entzog uns den Wind, und mit Sonnenaufgang trieben uns schmale
Wasserfden in der Strmung auf Boracha zu, das grte der Eilande. Da die
Felsen fast senkrecht aufsteigen, so fllt der Meeresgrund steil ab und
auf einer andern Fahrt habe ich Fregatten hier so nahe ankern sehen, da
sie beinahe ans Land stieen. Die Lufttemperatur war bedeutend gestiegen,
seit wir zwischen den Inseln des kleinen Archipels hinfuhren. Das Gestein
erhitzt sich am Tage und gibt bei Nacht die absorbirte Wrme durch
Strahlung zum Theil wieder ab. Je mehr die Sonne ber den Horizont stieg,
desto weiter warfen die zerrissenen Berge ihre gewaltigen Schatten auf die
Meeresflche. Die Flamingos begannen ihren Fischfang allenthalben, wo nur
in einer Bucht vor dem Kalkgestein ein schmaler Strand hinlief. Alle diese
Eilande sind jetzt ganz unbewohnt; aber auf einer der Caracas leben wilde,
braune, sehr groe, schnellfige Ziegen mit -- wie unser Steuermann
versicherte -- sehr wohlschmeckendem Fleisch. Vor dreiig Jahren hatte
sich eine weie Familie daselbst niedergelassen und Mais und Manioc
gebaut. Der Vater berlebte allein alle seine Kinder. Da sich sein
Wohlstand gehoben hatte, kaufte er zwei schwarze Sklaven, und die ward
sein Verderben: er wurde von seinen Sklaven erschlagen. Die Ziegen
verwilderten, nicht so die Kulturgewchse. Der Mais in Amerika, wie der
Weizen in Europa, scheinen sich nur durch die Pflege des Menschen zu
erhalten, an den sie seit seinen frhesten Wanderungen gekettet sind. Wohl
wachsen diese nhrenden Grser hin und wieder aus verstreuten Samen auf;
wenn sie sich aber selbst berlassen bleiben, so gehen sie ein, weil die
Vgel die Samen aufzehren. Die beiden Sklaven von der Insel Caracas
entgingen lange dem Arm der Gerechtigkeit; fr ein an so einsamem Ort
begangenes Verbrechen war es schwer Beweise aufzubringen. Der eine dieser
Schwarzen ist jetzt in Cumana der Henker. Er hatte seinen Genossen
angegeben, und da es an einem Nachrichter fehlte, so begnadigte man nach
dem barbarischen Landesbrauch den Sklaven unter der Bedingung, da er alle
Verhafteten aufknpfte, gegen die lngst das Todesurtheil gefllt war. Man
sollte kaum glauben, da es Menschen gibt, die roh genug sind, um ihr
Leben um solchen Preis zu erkaufen und mit ihren Hnden diejenigen
abzuthun, die sie Tags zuvor verrathen haben.

Wir verlieen den Ort, an den sich so traurige Erinnerungen knpfen, und
ankerten ein paar Stunden auf der Rhede von Nueva Barcelona an der Mndung
des Flusses Neveri, dessen indianischer (cumanagotischer) Namen
Inipiricuar lautet. Der Flu wimmelt von Krokodilen, die sich zuweilen bis
auf die hohe See hinaus wagen, besonders bei Windstille. Sie gehren zu
der Art, die im Orinoco so hufig vorkommt und dem egyptischen Crokodil so
sehr gleicht, da man sie lange zusammengeworfen hat. Man sieht leicht
ein, da ein Thier, dessen Krper in einer Art Panzer steckt, fr die
Schrfe des Salzwassers nicht sehr empfindlich seyn kann. Schon Pigasetta
sah, wie er in seinem krzlich in Mailand erschienenen Tagebuch erzhlt,
auf der Kste der Insel Borneo Crokodile, die so gut in der See wie am
Lande leben. Diese Beobachtungen werden fr die Geologie von Bedeutung,
seit man in dieser Wissenschaft die Swasserbildungen nher ins Auge
fat, so wie das auffallende Durcheinanderliegen von versteinerten See-
und Swasserthieren in manchen sehr neuen Ablagerungen.

Der Hafen von Barcelona, der auf unsern Karten kaum angegeben ist, treibt
seit 1795 einen sehr lebhaften Handel. Aus diesem Hafen werden
grtentheils die Produkte der weiten Steppen ausgefhrt, die sich vom
Sdabhang der Kstenkette bis zum Orinoco ausbreiten und sehr reich sind
an Vieh aller Art, fast so reich wie die Pampas von Buenos-Ayres. Die
Handelsindustrie dieser Lnder grndet sich auf den Bedarf der groen und
kleinen Antillen an gesalzenem Fleisch, Rindvieh, Maulthieren und Pferden.
Da die Ksten von Terra Firma der Insel Cuba in einer Entfernung von
15--18 Tagereisen gegenber liegen, so beziehen die Handelsleute in der
Havana, zumal im Frieden, ihren Bedarf lieber aus dem Hafen von Barcelona,
als da sie das Wagni einer langen Seefahrt in die andere Halbkugel zur
Mndung des Rio de la Plata bernhmen. Von der schwarzen Bevlkerung von
1,300,000 Kpfen, die der Archipel der Antillen schon jetzt zhlt, kommen
auf Cuba allein ber 230,000 Sklaven, deren Nahrung aus Gemen,
gesalzenem Fleisch und getrockneten Fischen besteht. Jedes Fahrzeug, das
gesalzenes Fleisch oder *Tasajo* von Terra Firma fhrt, ladet 20 bis
30,000 Arobas, deren Handelswerth ber 45,000 Piaster betrgt. Barcelona
ist besonders fr den Viehhandel gut gelegen. Die Thiere kommen in drei
Tagen aus den Llanos in den Hafen, whrend sie wegen der Gebirgskette des
Bergantin und des Imposible nach Cumana acht bis neun brauchen. Nach den
Angaben, die ich mir verschaffen konnte, wurden in den Jahren 1799 und
1800 in Barcelona 8000, in Porto-Cabello 6000, in Carupano 3000 Maulthiere
nach den spanischen, englischen und franzsischen Inseln eingeschifft. Wie
viele aus Burburata, Coro und aus den Mndungen des Guarapiche und Orinoco
ausgefhrt werden, wei ich nicht genau; aber trotz der Einflsse, durch
welche die Zahl der Thiere in den Llanos von Cumana, Barcelona und Caracas
herabgebracht worden ist, mssen, nach meiner Schtzung, diese
unermelichen Steppen damals nicht unter 30,000 Maulthieren jhrlich in
den Handel mit den Antillen gebracht haben. Jedes Maulthier zu 26 Piaster
(Kaufpreis) gerechnet, bringt also dieser Handelszweig allein gegen
3,700,000 Franken ein, abgesehen vom Gewinn durch die Schiffsfracht. De
Pons, der sonst in seinen statistischen Angaben sehr genau ist, gibt
kleinere Zahlen an. Da er nicht selbst die Llanos besuchen konnte, und da
er als Agent der franzsischen Regierung sich fortwhrend in der Stadt
Caracas aufhalten mute, so mgen die Besitzer der *Hatos* bei den
Schtzungen, die sie ihm mittheilten, zu niedrig gegriffen haben.

Wir gingen am rechten Ufer des Neveri ans Land und bestiegen ein kleines
Fort, el Morro de Barcelona, das 60--70 Toisen ber dem Meere liegt. Es
ist ein erst seit Kurzem befestigter Kalkfels. Er wird gegen Sd von einem
weit hheren Berge beherrscht, und Sachverstndige behaupten, es knnte
dem Feind, nachdem er zwischen der Mndung des Flusses und dem Morro
gelandet, nicht schwer werden, diesen zu umgehen und auf den umliegenden
Hhen Batterien zu errichten. Vergebens warteten wir auf Nachricht ber
die englischen Kreuzer, die lngs der Ksten stationirt waren. Zwei
unserer Reisegefhrten, Brder des Marquis del Toro in Caracas, kamen aus
Spanien, wo sie in der kniglichen Garde gedient hatten. Es waren sehr
gebildete Officiere, und sie kehrten jetzt nach langer Abwesenheit mit dem
Brigadegeneral de Carigal und dem Grafen Tovar in ihr Heimathland zurck.
Ihnen mute noch mehr als uns davor bangen, aufgebracht und nach Jamaica
gefhrt zu werden. Ich hatte keine Psse von der Admiralitt; aber im
Vertrauen auf den Schutz, den die grobritannische Regierung Reisenden
gewhrt, die blo wissenschaftliche Zwecke verfolgen, hatte ich gleich
nach meiner Ankunft in Cumana an den Gouverneur der Insel Trinidad
geschrieben und ihm mitgetheilt, was ich in diesen Lndern suchte. Die
Antwort, die mir ber den Meerbusen von Paria zukam, war sehr
befriedigend.

Kurz bevor wir am 19. November Mittags unter Segel gingen, nahm ich
Mondshhen auf, um die Lnge des Morro zu bestimmen. Die Meridiane von
Cumana und von Barcelona, in welch letzterer Stadt ich im Jahr 1800 sehr
viele astronomische Beobachtungen anstellte, liegen 34 Minuten 48 Secunden
aus einander. Ich habe mich ber diese Entfernung, ber die damals viele
Zweifel herrschten, anderswo ausgesprochen. Die Inclination der
Magnetnadel fand ich gleich 42,20; 224 Schwingungen gaben die Intensitt
der magnetischen Kraft an.

Vom Morro de Barcelona bis zum Vorgebirge Codera senkt sich das Land und
zieht sich gegen Sden zurck; es streicht mit gleicher Wassertiefe drei
Seemeilen weit in das Meer hinaus. Jenseits dieser Linie ist das Wasser
25--30 Faden tief. Die Temperatur des Meeres an der Oberflche war 25,9,
als wir aber durch den schmalen Kanal zwischen den beiden Inseln Piritu
mit drei Faden Tiefe liefen, zeigte der Thermometer nur noch 24,5. Der
Unterschied zeigte sich bestndig; er wre vielleicht bedeutender, wenn
die Strmung, die rasch nach West zieht, tieferes Wasser heraufbrchte,
und wenn nicht in einer so engen Durchfahrt das Land zur Erhhung der
Meerestemperatur mitwirkte. Die Inseln Piritu gleichen den Bnken, die bei
der Ebbe ber Wasser kommen. Sie erheben sich nur 8--9 Zoll ber den
mittleren Wasserstand. Ihre Oberflche ist vllig eben und mit Gras
bewachsen, und man meint eine unserer nordischen Wiesen vor sich zu haben.
Die Scheibe der untergehenden Sonne schien wie ein Feuerball ber der
Grasflur zu hngen. Ihre letzten, die Erde streifenden Strahlen
beleuchteten die Grasspitzen, die der Abendwind stark hin und her wiegte.
Wenn aber auch in der heien Zone an tiefen, feuchten Orten Grser und
Riedgrser sich wie eine Wiese oder ein Rasen ausnehmen, so fehlt dem
Bilde doch immer eine Hauptzierde, ich meine die mancherlei Wiesenblumen,
die nur eben ber die Grser emporragen und sich vom ebenen grnen Grunde
abheben. Bei der Kraft und Ueppigkeit der ganzen Vegetation ist unter den
Tropen ein solcher Trieb in den Gewchsen, da die kleinsten
dicotyledonischen Pflanzen gleich zu Struchern werden. Man knnte sagen,
die Liliengewchse, die unter den Grsern wachsen, vertreten unsere
Wiesenblumen. Sie fallen allerdings durch ihre Bildung stark ins Auge, sie
nehmen sich durch die Mannigfaltigkeit und den Glanz ihrer Farben sehr gut
aus, aber sie wachsen zu hoch und lassen so das harmonische Verhltni
nicht aufkommen, das zwischen den Gewchsen besteht, die bei uns den Rasen
und die Wiese bilden. Die gtige Natur verleiht unter allen Zonen der
Landschaft einen ihr eigenthmlichen Reiz des Schnen.

Man darf sich nicht wundern, da fruchtbare Inseln so nahe der Kste
gegenwrtig unbewohnt sind. Nur in der ersten Zeit der Eroberung, als die
Caraiben, die Chaymas und Cumanagotos noch Herrn der Ksten waren,
grndeten die Spanier auf Cubagua und Margarita Niederlassungen. Sobald
die Eingeborenen unterworfen oder sdwrts den Savanen zu gedrngt waren,
lie man sich lieber auf dem Festlande nieder, wo man die Wahl hatte unter
Lndereien und Indianern, die man wie Lastthiere behandeln konnte. Lgen
die kleinen Eilande Tortuga, Blanquilla und Orchilla mitten im Archipel
der Antillen, so wren sie nicht unangebaut geblieben.

Schiffe mit bedeutendem Tiefgang fahren zwischen Terra Firma und der
sdlichsten der Piritu-Inseln. Da dieselben sehr niedrig sind, so ist ihre
Nordspitze von den Schiffern, die in diesen Strichen dem Lande zufahren,
sehr gefrchtet. Als wir uns westlich vom Morro von Barcelona und der
Mndung des Rio Unare befanden, wurde das Meer, das bisher sehr still
gewesen, immer unruhiger, je nher wir Cap Codera kamen. Der Einflu
dieses groen Vorgebirges ist in diesem Striche des Meeres der Antillen
weithin fhlbar. Die Dauer der Ueberfahrt von Cumana nach Guayra hngt
davon ab, ob man mehr oder weniger leicht um Cabo Codera herumkommt.
Jenseits dieses Caps ist die See bestndig so unruhig, da man nicht mehr
an der Kste zu seyn glaubt, wo man (von der Spitze von Paria bis zum
Vorgebirge San Romano) gar nichts von Strmen wei. Der Sto der Wellen
wurde auf unserem Fahrzeug schwer empfunden. Meine Reisegefhrten litten
sehr; ich aber schlief ganz ruhig, da ich, ein ziemlich seltenes Glck,
nie seekrank werde. Es windete stark die Nacht ber. Bei Sonnenaufgang am
20. November waren wir so weit, da wir hoffen konnten das Cap in wenigen
Stunden zu umschiffen, und wir gedachten noch am selben Tage nach Guayra
zu kommen; aber unser Schiffer bekam wieder Angst vor den Capern, die dort
vor dem Hafen lagen. Es schien ihm gerathen, sich ans Land zu machen, im
kleinen Hafen Higuerote, ber den wir schon hinaus waren, vor Anker zu
gehen und die Nacht abzuwarten, um die Ueberfahrt fortzusetzen. Wenn man
Leuten, die seekrank sind, vom Landen spricht, so wei man zum voraus,
wofr sie stimmen. Alle Vorstellungen halfen nichts, man mute nachgeben,
und schon um neun Uhr Morgens am 20. November lagen wir auf der Rhede in
der Bucht von Higuerote, westwrts von der Mndung des Rio Capaya.

Wir fanden daselbst weder Dorf noch Hof, nur zwei oder drei von armen
Fischern, Mestizen, bewohnte Htten. Ihre gelbe Gesichtsfarbe und die
auffallende Magerkeit der Kinder mahnten daran, da diese Gegend eine der
ungesundesten, den Fiebern am meisten unterworfenen auf der ganzen Kste
ist. Die See ist hier so seicht, da man in der kleinsten Barke nicht
landen kann, ohne durch das Wasser zu gehen. Die Wlder ziehen sich bis
zum Strande herunter, und diesen berzieht ein dichtes Buschwerk von
sogenannten Wurzeltrgern, Avicennien, Manschenillbumen und der neuen Art
der Gattung Suriana, die bei den Eingeborenen _'Romero de la mar'_ heit.
Diesem Buschwerk, besonders aber den Ausdnstungen der Wurzeltrger oder
Manglebume, schreibt man es hier, wie berall in beiden Indien, zu, da
die Luft so ungesund ist. Beim Landen kam uns auf 15--20 Klafter ein
fader, slicher Geruch entgegen, hnlich dem, den in verlassenen
Bergwerksstollen, wo die Lichter zu verlschen anfangen, das mit Schimmel
berzogene Zimmerwerk verbreitet. Die Lufttemperatur stieg auf 34 Grad in
Folge der Reverberation des weien Sandes, der sich zwischen dem Buschwerk
und den hochgipfligten Waldbumen hinzog. Da der Boden einen ganz
unbedeutenden Fall hat, so werden, so schwach auch Ebbe und Fluth hier
sind, dennoch die Wurzeln und ein Theil des Stammes der Manglebume bald
unter Wasser gesetzt, bald trocken gelegt. Wenn nun die Sonne das nasse
Holz erhitzt und den schlammigten Boden, die abgefallenen zersetzten
Bltter und die im angeschwemmten Seetang hngenden Weichthiere gleichsam
in Ghrung versetzt, da bilden sich wahrscheinlich die schdlichen Gase,
die sich der chemischen Untersuchung entziehen. Auf der ganzen Kste zeigt
das Seewasser da, wo es mit den Manglebumen in Berhrung kommt, eine
braungelbe Frbung.

Dieser Umstand fiel mir auf und ich sammelte daher in Higuerote ein
ziemliches Quantum Wurzeln und Zweige, um gleich nach der Ankunft in
Caracas mit dem Aufgu des Mangleholzes einige Versuche anzustellen. Der
Aufgu mit heiem Wasser war braun, hatte einen zusammenziehenden
Geschmack und enthielt ein Gemisch von Extractivstoff und Gerbstoff. Die
Rhizophora, der Guy, der Kornelkirschbaum, alle Pflanzen aus den
natrlichen Familien der Lorantheen und Caprifoliaceen haben dieselben
Eigenschaften. Der Aufgu des Manglebaums wurde unter einer Glocke zwlf
Tage lang mit atmosphrischer Luft in Berhrung gebracht; die Reinheit
derselben ward dadurch nicht merkbar vermindert. Es bildete sich ein
kleiner flockigter, schwrzlichter Bodensatz, aber eine merkbare
Absorption von Sauerstoff fand nicht statt. Holz und Wurzeln des
Manglebaums wurden unter Wasser der Sonne ausgesetzt; ich wollte dabei
nachahmen, was in der Natur auf der Kste bei steigender Fluth tglich
vorgeht. Es entwickelten sich Luftblasen, die nach Verlauf von zehn Tagen
ein Volumen von 33 Cubikzoll bildeten. Es war ein Gemisch von Stickstoff
und Kohlensure; Salpetergas zeigte kaum eine Spur von Sauerstoff an.
Endlich lie ich in einer Flasche mit eingeriebenem Stpsel eine bestimmte
Menge stark benetzter Manglewurzeln auf atmosphrische Luft einwirken.
Aller Sauerstoff verschwand, und derselbe war keineswegs durch
kohlensaures Gas ersetzt, denn das Kalkwasser zeigte von diesem nur
0,02 an. Ja die Verminderung des Volumens war bedeutender, als dem
absorbirten Sauerstoff entsprach. Nach dieser nur noch flchtigen
Untersuchung war ich der Ansicht, da die Luft in den Manglegebschen
durch das nasse Holz und die Rinde zersetzt wird, nicht durch die stark
gelb gefrbte Schichte Seewasser, die lngs der Kste einen deutlichen
Streif bildet. In allen Graden der Zersetzung der Holzfaser habe ich nie,
auch nur in Spuren, Schwefelwasserstoff sich entwickeln sehen, dem manche
Reisende den eigenthmlichen Geruch unter den Manglebumen zuschreiben.
Durch die Zersetzung der schwefelsauren Erden und Alkalien und ihren
Uebergang in schwefligtsaure Verbindungen wird ohne Zweifel aus manchen
Strand- und Seegewchsen, wie aus den Tangen, Schwefelwasserstoff
entbunden; ich glaube aber vielmehr, da Rhizophora, Avicennia und
Conocarpus die Luft besonders durch den thierischen Stoff verderben, den
sie neben dem Gerbstoff enthalten. Diese Strucher gehren zu den drei
natrlichen Familien der Lorantheen, Combretaceen und Pyrenaceen, die
reich sind an adstringirendem Stoff, und ich habe schon oben bemerkt, da
dieser Stoff selbst in der Rinde unserer Buchen, Erlen und Nubume mit
Gallerte verbunden ist.

Uebrigens wrde dichtes Buschwerk auf schlammigtem Boden schdliche
Ausdnstungen Verbreiten, wenn es auch aus Bumen bestnde, die an sich
keine der Gesundheit nachtheiligen Eigenschaften haben. Ueberall wo
Manglebume am Meeresufer wachsen, ziehen sich zahllose Weichthiere und
Insekten an den Strand. Diese Thiere lieben Beschattung und Zwielicht, und
im dicken, verschlungenen Wurzelwerk, das wie ein Gitter ber dem Wasser
steht, finden sie Schutz gegen den Wellenschlag. Die Schaalthiere heften
sich an das Gitter, die Crabben verkriechen sich in die hohlen Stmme, der
Tang, den Wind und Fluth an die Ksten treiben, bleibt an den sich zum
Boden niederneigenden Zweigen hngen. Auf diese Weise, indem sich der
Schlamm zwischen den Wurzeln anhuft, wird durch die Kstenwlder das
feste Land allgemach vergrert; aber whrend sie so der See Boden
abgewinnen, nimmt dennoch ihre Breite fast nicht zu. Im Maa, als sie
vorrcken, gehen sie auch zu Grunde. Die Manglebume und die andern
Gewchse, die immer neben ihnen vorkommen, gehen ein, sobald der Boden
trocken wird und sie nicht mehr im Salzwasser stehen. Ihre alten, mit
Schaalthieren bedeckten, halb im Sand begrabenen Stmme bezeichnen nach
Jahrhunderten den Weg, den sie bei ihrer Wanderung eingeschlagen, und die
Grenze des Landstrichs, den sie dem Meere abgewonnen.

Die Bucht von Higuerote ist sehr gnstig gelegen, um das Vorgebirge
Codera, das sechs Seemeilen weit in seiner ganzen Breite vor einem
daliegt, genau zu betrachten. Es imponirt mehr durch seine Masse als durch
seine Hhe, die mir nach Hhenwinkeln, die ich am Strande gemessen, nicht
ber 200 Toisen zu betragen schien. Nach Nord, Ost und West fllt es steil
ab, und man meint an diesen groen Profilen die fallenden Schichten zu
unterscheiden. Die Schichten zunchst bei der Bucht strichen Nord 60 West
und fielen unter 80 nach Nordwest. Am groen Berge Silla und stlich von
Maniquarez auf der Landenge von Araya sind Streichung und Fall dieselben,
und daraus scheint hervorzugehen, da die Urgebirgskette dieser Landenge,
die auf eine Strecke von 25 Meilen (zwischen den Meridianen von Maniquarez
und Higuerote) vom Meere zerrissen oder verschlungen worden, im Cap Codera
wieder auftritt und gegen West als Kstenkette fortstreicht.

Meinen Reisegefhrten war bei der hochgehenden See vor dem Schlingern
unseres kleinen Schiffes so bange, da sie beschlossen, den Landweg von
Higuerote nach Caracas einzuschlagen; derselbe fhrt durch ein wildes,
feuchtes Land, durch die Montana de Capaja nrdlich von Caucagua, durch
das Thal des Rio Guatire und des Guarenas. Es war mir lieb, da auch
Bonpland diesen Weg whlte, auf dem er trotz des bestndigen Regens und
der ausgetretenen Flsse viele neue Pflanzen zusammenbrachte. Ich selbst
ging mit dem indianischen Steuermann allein zur See weiter; es schien mir
zu gewagt, die Instrumente, die uns an den Orinoco begleiten sollten, aus
den Augen zu lassen.

Wir gingen mit Einbruch der Nacht unter Segel. Der Wind war nicht sehr
gnstig und wir hatten viele Mhe, um Cap Codera herum zu kommen; die
Wellen waren kurz und brachen sich hufig in einander; es gehrte die
Erschpfung durch einen furchtbar heien Tag dazu, um in einem kleinen,
dicht am Wind segelnden Fahrzeug schlafen zu knnen. Die See ging um so
hher, als der Wind bis nach Mitternacht der Strmung entgegen blies. Der
zwischen den Wendekreisen berall bemerkliche Zug des Wassers gegen Westen
ist an diesen Ksten nur whrend zwei Drittheilen des Jahrs deutlich zu
spren; in den Monaten September, October und November kommt es oft vor,
da die Strmung vierzehn Tage, drei Wochen lang nach Osten geht. Schon
fter konnten Schiffe auf der Fahrt nach Guayra oder Porto Cabello die
Strmung, die von West nach Ost ging, nicht bewltigen, obgleich sie den
Wind von hinten hatten. Die Ursache dieser Unregelmigkeiten ist bis
jetzt nicht bekannt; die Schiffer schreiben sie Strmen aus Nordwest im
Golf von Mexico zu, aber diese Strme sind im Frhjahr weit strker als im
Herbst. Bemerkenswerth ist dabei auch, da die Strmung nach Osten geht,
bevor der Seewind sich ndert; sie tritt bei Windstille ein, und erst nach
einigen Tagen geht auch der Wind der Strmung nach und blst bestndig aus
West. Whrend dieser Vorgnge bleiben die kleinen Schwankungen des
Barometers auf und ab in ihrer Regelmigleit durchaus ungestrt.

Mit Sonnenaufgang am 21. November befanden wir uns westwrts vom Cap
Codera dem Curuao gegenber. Der indianische Steuermann erschrack nicht
wenig, als sich nordwrts in der Entfernung einer Seemeile eine englische
Fregatte blicken lie. Sie hielt uns wahrscheinlich fr eines der
Fahrzeuge, die mit den Antillen Schleichhandel trieben und -- denn Alles
organisirt sich mit der Zeit -- vom Gouverneur von Trinidad unterzeichnete
Lizenzscheine fhrten. Sie lie uns durch das Boot, das auf uns zuzukommen
schien, nicht einmal anrufen. Vom Cap Codera an ist die Kste felsigt und
sehr hoch, und die Ansichten, die sie bietet, sind zugleich wild und
malerisch. Wir waren so nahe am Land, da wir die zerstreuten von
Cocospalmen umgebenen Htten unterschieden und die Massen von Grn sich
vom braunen Grunde des Gesteins abheben sahen. Ueberall fallen die Berge
drei, viertausend Fu hoch steil ab; ihre Flanken werfen breite
Schlagschatten ber das feuchte Land, das sich bis zur See ausbreitet und
geschmckt mit frischem Grn daliegt. Auf diesem Uferstrich wachsen
groentheils die tropischen Frchte, die man auf den Mrkten von Caracas
in so groer Menge sieht. Zwischen dem Camburi und Niguatar ziehen sich
mit Zuckerrohr und Mais bestellte Felder in enge Thler hinauf, die
Felsspalten gleichen. Die Strahlen der noch nicht hoch stehenden Sonne
fielen hinein und bildeten die anziehendsten Contraste von Licht und
Schatten.

Der Niguatar und die Silla bei Caracas sind die hchsten Gipfel dieser
Kstenkette. Ersterer ist fast so hoch als der Canigu in den Pyrenen; es
ist als stiegen die Pyrenen oder die Alpen, von ihrem Schnee entblst,
gerade aus dem Wasser empor, so gewaltig erscheinen einem die
Gebirgsmassen, wenn man sie zum erstenmal von der See aus erblickt. Bei
Caravalleda wird das bebaute Land breiter, Hgel mit sanftem Abhang
erscheinen und die Vegetation reicht sehr weit hinauf. Man baut hier viel
Zuckerrohr und die barmherzigen Brder haben daselbst eine Pflanzung und
200 Sklaven. Die Gegend war frher den Fiebern sehr ausgesetzt, und man
behauptet, die Luft sey gesnder geworden, seit man um einen Teich, dessen
Ausdnstungen man besonders frchtete, Bume gepflanzt hat, so da das
Wasser weniger dem Sonnenstrahl ausgesetzt ist. Westlich von Caravalleda
luft wieder eine nackte Felsmauer bis an die See vor, sie ist aber von
geringer Ausdehnung. Nachdem wir dieselbe umsegelt, lag das hbsch
gelegene Dorf Macuto vor uns, weiterhin die schwarzen Felsen von Guayra
mit ihren Batterien in mehreren Stockwerken ber einander und in duftiger
Ferne ein langes Vorgebirge mit kegelfrmigen, blendend weien
Bergspitzen, _Cabo blanco_. Cocosnubume sumen das Ufer und geben ihm
unter dem glhenden Himmel den Anschein von Fruchtbarkeit.

Nach der Landung im Hafen von Guayra traf ich noch am Abend Anstalt, um
meine Instrumente nach Caracas schaffen zu lassen. Die Personen, denen ich
empfohlen war, riethen mir, nicht in der Stadt zu schlafen, wo das gelbe
Fieber erst seit wenigen Wochen aufgehrt hatte, sondern ber dem Dorfe
Maiquetia in einem Hause auf einer kleinen Anhhe, das dem khlen Luftzug
mehr ausgesetzt war als Guayra. Am 21. Abends kam ich in Caracas an, vier
Tage frher als meine Reisegefhrten, die auf dem Landweg zwischen Capaya
und Curiepe durch die starken Regengsse und die ausgetretenen Bergwasser
viel auszustehen gehabt hatten. Um nicht fters auf dieselben Gegenstnde
zurckzukommen, schliee ich der Beschreibung der Stadt Guayra und des
merkwrdigen Weges, der von diesem Hafen nach Caracas fhrt, alle
Beobachtungen an, die Bonpland und ich auf einem Ausflug nach Cabo Blanco
zu Ende Januars 1800 gemacht. Da Depons die Gegend nach mir besucht hat,
sein lehrreiches Werk aber vor dem meinen erschienen ist, so lasse ich
mich auf eine nhere Beschreibung der Gegenstnde, die er ausfhrlich
behandelt hat, nicht ein.

Guayra ist vielmehr eine Rhede als ein Hafen; das Meer ist immer unruhig
und die Schiffe werden vom Wind, von den Sandbnken, vom schlechten
Ankergrund und den Bohrwrmern(18) zumal gefhrdet. Das Laden ist mit
groen Schwierigkeiten verbunden und wegen des starken Wellenschlags kann
man hier nicht, wie in Nueva Barcelona und Porto Cabello, Maulthiere
einschiffen. Die freien Neger und Mulatten, welche den Cacao an Bord der
Schiffe bringen, sind ein Menschenschlag von ungemeiner Muskelkraft. Sie
waten bis zu halbem Leibe durch das Wasser, und was sehr merkwrdig ist,
sie haben von den Haisischen, die in diesem Hafen so hufig sind, nichts
zu frchten. Dieser Umstand scheint auf denselben Momenten zu beruhen, wie
die Beobachtung, die ich unter den Tropen hufig an Thieren aus andern
Klassen, die in Rudeln leben, wie an Affen und Crokodilen, gemacht habe.
In den Missionen am Orinoco und am Amazonenstrome wissen die Indianer, die
Affen zum Verkauf fangen, ganz gut, da die von gewissen Inseln leicht zu
zhmen sind, whrend Affen derselben Art, die auf dem benachbarten
Festland gefangen werden, aus Zorn oder Angst zu Grunde gehen, sobald sie
sich in der Gewalt des Menschen sehen. Die Crokodile aus der einen Lache
in den Llanos sind feig und ergreifen sogar im Wasser die Flucht, whrend
die aus einer andern Lache uerst unerschrocken angreifen. Aus den uern
Verhltnissen der Oertlichkeiten wre diese Verschiedenheit in Gemthsart
und Sitten nicht leicht zu erklren. Mit den Haifischen im Hafen von
Guayra scheint es sich hnlich zu verhalten. Bei den Inseln gegenber der
Kste von Caracas, bei Noques, Bonayre und Curacao, sind sie gefhrlich
und blutgierig, whrend sie Badende in den Hfen von Guayra und Santa
Marta nicht anfallen. Das Volk greift, um die Erklrung der
Naturerscheinungen zu vereinfachen, berall zum Wunderbaren, und so glaubt
es denn, an den genannten zwei Orten habe ein Bischof den Haien den Segen
ertheilt.

Guayra ist ganz eigenthmlich gelegen; es lt sich nur mit Santa Cruz auf
Teneriffa vergleichen. Die Bergkette zwischen dem Hafen und dem
hochgelegenen Thal von Caracas strzt fast unmittelbar in die See ab und
die Huser der Stadt lehnen sich an eine schroffe Felswand. Zwischen
dieser Wand und der See bleibt kaum ein 100--140 Toisen breiter ebener
Raum. Die Stadt hat 6--8000 Einwohner und besteht nur aus zwei Straen,
die neben einander von Ost nach West laufen. Sie wird von der Batterie auf
dem Cerro Colorado beherrscht und die Werke an der See sind gut angelegt
und wohl erhalten. Der Anblick des Orts hat etwas Vereinsamtes,
Trbseliges; man meint nicht auf einem mit ungeheuren Wldern bedeckten
Festland zu seyn, sondern auf einer felsigten Insel ohne Dammerde und
Pflanzenwuchs. Auer Cabo Blanco und den Cocosnubumen von Maiquetia,
besteht die ganze Landschaft aus dem Meereshorizont und dem blauen
Himmelsgewlbe. Bei Tag ist die Hitze erstickend, und meistens auch bei
Nacht. Das Klima von Guayra gilt mit Recht fr heier als das von Cumana,
Porto Cabello und Coro, weil der Seewind schwcher ist und durch die
Wrme, welche nach Sonnenuntergang von den senkrechten Felsen ausstrahlt,
die Luft erhitzt wird. Man machte sich brigens von der Luftbeschassenheit
dieses Ortes und des ganzen benachbarten Kstenlandes eine unrichtige
Vorstellung, wenn man nur die Temperaturen, wie der Thermometer sie
angibt, vergleichen wollte. Eine stockende, in einer Bergschlucht
eingeschlossene, mit nackten Felsmassen in Berhrung stehende Luft wirkt
auf unsere Organe ganz anders als eine gleich warme Luft in offener
Gegend. Ich bin weit entfernt, die physische Ursache dieses Unterschieds
nur in der verschiedenen elektrischen Ladung der Luft zu suchen, mu aber
doch bemerken, da ich etwas westlich von Guayra gegen Macuto zu, weit weg
von den Husern und ber 300 Toisen von den Gneifelsen, mehrere Tage lang
kaum schwache Spuren von positiver Elektricitt bemerken konnte, whrend
in Cumana in denselben Nachmittagsstunden und am selben mit rauchendem
Docht versehenen Voltaschen Elektrometer die Fliedermarkkgelchen 1--2
Linien auseinander gegangen waren. Ich verbreite mich weiter unten ber
die regelmigen tglichen Schwankungen in der elektrischen Spannung der
Luft unter den Tropen, ein Verhltni, das mit den Schwankungen in der
Temperatur und mit dem Sonnenstand in auffallendem Zusammenhang steht.

Die von einem ausgezeichneten Arzt in Guayra neun Monate lang angestellten
thermometrischen Beobachtungen, von denen ich Einsicht bekam, setzten mich
in Stand, das Klima dieses Hafens mitdem von Cumana, Havana und Vera Cruz
zu vergleichen. Diese Vergleichung erscheint um so interessanter, als der
Gegenstand in den spanischen Colonien und unter den Seeleuten, die diese
Lnder besuchen, ein unerschpflicher Stoff der Unterhaltung ist. Da in
diesem Falle das Zeugni der Sinne ungemein leicht tuscht, so lt sich
ber die Verschiedenheit von Klimaten nur nach Zahlenverhltnissen
urtheilen.

Die vier eben genannten Orte gelten fr die heiesten auf dem Kstenstrich
der neuen Welt; ihre Vergleichung mag dazu dienen, die schon fters von
uns gemachte Bemerkung zu besttigen, da im Allgemeinen nur das lange
Anhalten einer hohen Temperatur, nicht die bermige Hitze oder die
absolute Wrmemenge den Bewohnern der heien Zone lstig wird.

Das Mittel aus den Beobachtungen um Mittag vom 27. Juni bis 16. November
war in Guayra 31,6 des hunderttheiligen Thermometers, in Cumana 29,3, in
Vera Cruz 28,7, in der Havana 29,5. Die tglichen Abweichungen betrugen
zur selben Stunde nicht leicht ber 0,8--1,4. Whrend dieser ganzen Zeit
regnete es nur viermal, und nur 7--8 Minuten lang. Die ist der Zeitpunkt,
wo das gelbe Fieber herrscht, das in Guayra, wie in Vera Cruz und auf der
Insel St. Vincent, gemeiniglich aufhrt, sobald die Tagestemperatur auf
24--25 Grad herabgeht. Die mittlere Temperatur des heiesten Monats war in
Guayra etwa 29,3, in Cumana 29,1, in Vera Cruz 27,7, in Cairo, nach
Rouet, 29,9, in Rom 25,0. Vom 16. November bis 19. December war die
mittlere Temperatur in Guayra um Mittag nur 24,3, bei Nacht 21,6. Um
diese Zeit leidet man immer am wenigsten von der Hitze. Ich glaube
brigens, da man den Thermometer (kurz vor Sonnenaufgang) nicht unter 21
fallen sieht; in Cumana fllt er zuweilen auf 21,2, in Vera Cruz auf 16,
in der Havana (immer nur bei Nordwind) auf 8 und selbst darunter. Die
mittlere Temperatur des kltesten Monats ist an diesen vier Orten: 23,2,
26,8, 21, 21,0; in Cairo 13,4. Das Mittel der ganzen Jahrestemperatur
ist, nach guten, sorgfltig berechneten Beobachtungen, in Guayra ungefhr
28,1, in Cumana 27,7, in Vera Cruz 25,4, in der Havana 25,6, in Rio
Janeiro 23,5, in Santa Cruz auf Teneriffa, unter 28 28{~PRIME~} der Breite, aber
wie Guayra an eine Felswand gelehnt, 21,9, in Cairo 22,4, in
Rom 15,8.(19)

Aus diesen Beobachtungen geht hervor, da Guayra einer der heiesten Orte
der Erde ist, da die Summe der Wrme, welche derselbe im Laufe eines
Jahres erhlt, etwas grer ist als in Cumana, da sich aber in den
Monaten November, December und Januar (bei gleichem Abstand von den zwei
Durchgngen der Sonne durch das Zenith der Stadt) die Luft in Guayra
strker abkhlt. Sollte diese Abkhlung, die weit unbedeutender ist, als
die fast zur selben Zeit in Vera Cruz und in der Havana eintretende, nicht
von der westlicheren Lage von Guayra herrhren? Das Luftmeer, das fr den
oberflchlichen Blick nur Eine Masse bildet, wird durch Strmungen bewegt,
deren Grenzen durch unabnderliche Gesetze bestimmt sind. Die Temperatur
desselben ndert sich in mannigfacher Weise nach der Gestalt der Lnder
und der Meere, auf denen es ruht. Man kann es in verschiedene Becken
abtheilen, die sich in einander ergieen, und wovon die unruhigsten (wie
das ber dem Golf von Mexico oder zwischen der Sierra Santa Martha und dem
Meerbusen von Darien) merkbaren Einflu auf Erkltung und Bewegung der
benachbarten Luftsulen uern. Die Nordwinde verursachen zuweilen im
sdwestlichen Strich des Meeres der Antillen Stauungen und
Gegenstrmungen, die in gewissen Monaten die Temperatur bis zu Terra Firma
hin herabdrcken.

Whrend meines Aufenthalts in Guayra kannte man die Geiel des gelben
Fiebers, der _calentura amarilla_ erst seit zwei Jahren; auch war die
Sterblichkeit nicht bedeutend gewesen, da die Kste von Caracas weit
weniger von Fremden besucht war als die Havana und Vera Cruz. Man hatte
hie und da Leute, selbst Creolen und Farbige, pltzlich an gewissen
unregelmig remittirenden Fiebern sterben sehen, die durch galligte
Complication, durch Blutungen und andere gleich bedenkliche Symptome
einige Aehnlichkeit mit dem gelben Fieber zu haben schienen. Es waren
meist Menschen, die das anstrengende Geschft des Holzfllens trieben, zum
Beispiel in den Wldern bei dem kleinen Hafen von Capurano oder am
Meerbusen von Santa Fe, westlich von Cumana. Ihr Tod setzte hufig in
Stdten, die fr sehr gesund galten, nicht acclimatisirte Europer in
Schrecken, aber die Keime der Krankheit, von denen sie sporadisch befallen
worden, pflanzten sich nicht fort. Auf den Ksten von Terra Firma war der
eigentliche amerikanische Typhus, _vomito prieto_ (schwarzes Erbrechen)
und gelbes Fieber genannt, der als eine Krankheitsform _sui generis_ zu
betrachten ist, nur in Porto Cabello, in Cartagena das Indias und in Santa
Martha bekannt, wo ihn Castelbondo schon im Jahr 1729 beobachtet und
beschrieben hat. Die krzlich gelandeten Spanier und die Bewohner des
Thales von Caracas scheuten damals den Aufenthalt in Guayra nicht; man
beklagte sich nur ber die drckende Hitze, die einen groen Theil des
Jahres herrschte. Setzte man sich unmittelbar der Sonne aus, so hatte man
hchstens die Haut- und Augenentzndungen zu befrchten, die fast berall
in der heien Zone vorkommen und die hufig von Fieberbewegungen und
Congestionen gegen den Kopf begleitet sind. Viele zogen dem khlen, aber
uerst vernderlichen Klima von Caracas das heie, aber bestndige von
Guayra vor; von ungesunder Luft in diesem Hafen war fast gar nicht die
Rede.

Seit dem Jahr 1797 ist Alles anders geworden. Der Hafen wurde auch andern
Handelsfahrzeugen als denen des Mutterlandes geffnet. Matrosen aus
klteren Lndern als Spanien, und daher empfindlicher fr die klimatischen
Einflsse der heien Zone, fingen an mit Guayra zu verkehren. Da brach das
gelbe Fieber aus; vom Typhus befallene Nordamerikaner wurden in den
spanischen Spitlern aufgenommen; man war rasch bei der Hand mit der
Behauptung, sie haben die Seuche eingeschleppt und sie sey an Bord einer
aus Philadelphia kommenden Brigantine ausgebrochen gewesen, ehe diese auf
die Rhede gekommen. Der Capitn der Brigantine stellte solches in Abrede
und behauptete, seine Matrosen haben die Krankheit keineswegs
eingeschleppt, sondern erst im Hafen bekommen. Nach den Vorgngen in Cadix
im Jahr 1800 wei man, wie schwer es ist, ber Flle ins Reine zu kommen,
die in ihrer Zweideutigkeit den entgegengesetztesten Theorien das Wort zu
sprechen schienen. Die gebildetsten Einwohner von Caracas und Guayra waren
ber das Wesen der Ansteckung beim gelben Fieber getheilter Meinung, so
gut wie die Aerzte in Europa und in den Vereinigten Staaten, und beriefen
sich auf dasselbe amerikanische Schiff, die einen, um zu beweisen, da der
Typhus von auen gekommen, die andern, da er im Lande selbst entstanden.
Die der letzteren Ansicht waren, nahmen an, da das Austreten des Rio de
la Guayra eine Vernderung der Luftbeschaffenheit herbeigefhrt habe.
Dieses Wasser, das meist nicht zehn Zoll tief ist, schwoll nach
sechzigstndigem Regen im Gebirge so furchtbar an, da es Baumstmme und
ansehnliche Felsblcke mit sich fortri. Das Wasser wurde 30--40 Fu breit
und 10--12 tief. Man meinte, dasselbe sey aus seinem unterirdischen Becken
ausgebrochen, das sich mittelst Einsickerung des Wassers durch loses, neu
urbar gemachtes Erdreich gebildet. Mehrere Huser wurden von der Fluth
weggerissen und die Ueberschwemmung drohte den Magazinen um so mehr
Gefahr, als das Stadtthor, durch welches das Wasser allein abflieen
konnte, sich zufllig geschlossen hatte. Man mute in die Mauer der See zu
ein Loch schieen; mehr als dreiig Menschen kamen ums Leben und der
Schaden wurde auf eine halbe Million Piaster angeschlagen. Das stehende
Wasser in den Magazinen, den Kellern und den Gewlben des Gefngnisses
mochte immerhin Miasmen in der Luft verbreiten, die als prdisponirende
Ursachen den Ausbruch des gelben Fiebers beschleunigt haben knnen;
indessen glaube ich, da das Austreten des Rio de la Guayra so wenig die
erste Ursache desselben war, als die Ueberschwemmungen des Guadalquivir,
des Xenil und des Gual-Medina in den Jahren 1800 und 1804 die furchtbaren
Epidemien in Sevilla, Ecija und Malaga herbeigefhrt haben. Ich habe das
Bett des Baches von Guayra genau untersucht und nichts gefunden als drren
Boden und Blcke von Glimmerschiefer und Gnei mit eingesprengtem
Schwefelkies, die von der Sierra de Avila herunter kommen, aber nichts,
was die Luft htte verunreinigen knnen.

Seit den Jahren 1797 und 1798 (denselben, in denen in Philadelphia, Santa
Lucia und St. Domingo die Sterblichkeit so ungemein gro war) hat das
gelbe Fieber seine Verheerungen in Guayra fortgesetzt; es wthete nicht
allein unter den frisch aus Spanien angekommenen Truppen, sondern auch
unter denen, die fern von der Kste in den Llanos zwischen Calabozo und
Uritucu ausgehoben worden, also in einem Lande, das fast so hei als
Guayra, aber gesund ist. Letzterer Umstand wrde uns noch mehr auffallen,
wenn wir nicht wten, da sogar Eingeborene von Vera Cruz, die zu Hause
den Typhus nicht bekommen, nicht selten in Epidemien in der Havana oder in
den Vereinigten Staaten Opfer desselben werden. Wie das schwarze Erbrechen
am Abhang der mexicanischen Gebirge auf dem Wege nach Xalapa beim Encaro
(in 476 Toisen Meereshhe), wo mit den Eichen ein khles, kstliches Klima
beginnt, eine unbersteigliche Grenze findet, so geht das gelbe Fieber
nicht leicht ber den Bergkamm zwischen Guayra und dem Thale von Caracas
hinber. Dieses Thal ist lange Zeit davon verschont geblieben, denn man
darf den _vomito_, das gelbe Fieber, nicht mit den atactischen und den
Gallenfiebern verwechseln. Der Cumbre und der Cerro de Avila sind eine
treffliche Schutzwehr fr die Stadt Caracas, die etwas hher liegt als der
Encaro, die aber eine hhere mittlere Temperatur hat als Xalapa.

Bonplands und meine Beobachtungen ber die physischen Verhltnisse der
Stdte, welche periodisch von der Geiel des gelben Fiebers heimgesucht
werden, sind anderswo niedergelegt, und es ist hier nicht der Ort, neue
Vermuthungen ber die Vernderungen in der pathogonischen Constitution
mancher Stdte zu uern. Je mehr ich ber diesen Gegenstand nachdenke,
desto rthselhafter erscheint mir alles, was auf die gasfrmigen Effluvien
Bezug hat, die man mit einem so vielsagenden Wort _'Keime der Ansteckung'_
nennt, und die sich in verdorbener Luft entwickeln, die durch die Klte
zerstrt werden, sich durch Kleider verschleppen und an den Wnden der
Huser haften sollen. Wie will man erklren, da in den achtzehn Jahren
vor 1794 in Vera Cruz nicht ein einziger Fall von Vomito vorkam,
obgleich der Verkehr mit nicht acclimatisirten Europern und Mexicanern
aus dem Innern sehr stark war, die Matrosen sich denselben Ausschweifungen
berlieen, ber die man noch jetzt klagt, und die Stadt weniger reinlich
war, als sie seit dem Jahr 1800 ist?

Die Reihenfolge pathologischer Thatsachen, auf ihren einfachsten Ausdruck
gebracht, ist folgende. Wenn in einem Hafen des heien Erdstrichs, der bis
jetzt bei den Seeleuten nicht als besonders ungesund verrufen war, viele
in klterem Klima geborene Menschen zugleich ankommen, so tritt der
amerikanische Typhus auf. Diese Menschen wurden nicht auf der Ueberfahrt
vom Typhus befallen, er bricht erst an Ort und Stelle unter ihnen aus. Ist
hier eine Vernderung in der Luftconstitution eingetreten, oder hat sich
in Individuen mit sehr gesteigerter Reizbarkeit eine neue Krankheitsform
entwickelt?

Nicht lange, so fordert der Typhus seine Opfer auch unter andern, in
sdlicheren Lndern geborenen Europern. Theilt er sich durch Ansteckung
mit, so ist es zu verwundern, da er in den Stdten des tropischen
Festlandes keineswegs sich an gewisse Straen hlt, und da die
unmittelbare Berhrung der Kranken die Gefahr so wenig steigert, als
Absperrung sie vermindert. Kranke, welche weiter ins Land hinein,
namentlich an khlere, hhere Orte geschafft werden, z. B. nach Xalapa,
stecken die Bewohner dieser Orte nicht an, sey es nun, weil die Krankheit
an sich nicht ansteckend ist, sey es, weil die prdisponirenden Ursachen,
die sich an der Kste geltend machen, hier wegfallen. Nimmt die Temperatur
bedeutend ab, so hrt die Seuche am Orte, wo sie ausgebrochen, gewhnlich
auf. Mit Eintritt der heien Jahreszeit, zuweilen weit frher, fngt sie
wieder an, obgleich seit mehreren Monaten im Hafen kein Kranker gewesen
und kein Schiff eingelaufen ist.

Der amerikanische Typhus scheint auf den Kstenstrich beschrnkt, sey es
nun, weil die, welche ihn einschleppen, hier ans Land kommen und weil hier
die Waaren aufgehuft werden, an denen, wie man meint, giftige Miasmen
haften, oder weil sich am Meeresufer eigenthmliche gasfrmige Effluvien
bilden. Das uere Ansehen der Orte, wo der Typhus wthet, scheint oft die
Annahme eines rtlichen oder endemischen Ursprungs vllig auszuschlieen.
Man hat ihn auf den canarischen Inseln, auf den Bermudas, auf den kleinen
Antillen herrschen sehen, auf trockenem Boden, in Lndern, deren Klima
frher fr sehr gesund galt. Die Flle von Verschleppung des gelben
Fiebers ins Binnenland sind in der heien Zone sehr zweideutig; die
Krankheit kann leicht mit den remittirenden Gallenfiebern verwechselt
worden seyn. In der gemigten Zone dagegen, wo der amerikanische Typhus
entschiedener ansteckend auftritt, hat sich die Seuche unzweifelhaft weit
vom Uferland weg, sogar an sehr hochgelegene, frischen, trockenen Winden
ausgesetzte Orte verbreitet, so in Spanien nach Medina Sidonia, nach
Carlotta und in die Stadt Murcia. Diese Vielgestaltigkeit derselben Seuche
nach den verschiedenen Klimaten, nach der Gesammtheit der prdisponirenden
Ursachen, nach der lngeren oder krzeren Dauer, nach den Graden der
Bsartigkeit mu uns sehr vorsichtig machen, wenn es sich davon handelt,
den geheimen Ursachen des amerikanischen Typhus nachzugehen. Ein
einsichtsvoller Beobachter, der in den schrecklichen Epidemien der Jahre
1802 und 1803 Oberarzt in der Colonie St. Domingo war und die Krankheit
auf Cuba, in den Vereinigten Staaten und in Spanien kennen gelernt hat,
ist mit mir der Ansicht, da der Typhus sehr oft ansteckend ist, aber
nicht immer.

Seit das gelbe Fieber in Guayra so furchtbare Verheerungen angerichtet,
hat man nicht verfehlt, die Unreinlichkeit des kleinen Orts zu
bertreiben, wie man mit Vera Cruz und den Kais oder _warf_s von
Philadelphia gethan. An einem Ort, der auf sehr trockenem Boden liegt,
fast keinen Pflanzenwuchs hat, und wo in 7--8 Monaten kaum ein paar
Tropfen Regen fallen, knnen der Ursachen der sogenannten schdlichen
Miasmen nicht eben sehr viele seyn. Die Straen von Guayra schienen mir im
Allgemeinen ziemlich reinlich, ausgenommen den Stadttheil, wo die
Schlachtbnke sind. Auf der Rhede ist nirgends eine Strandstrecke, wo sich
zersetzte Tange und Weichthiere anhufen, aber die benachbarte Kste nach
Osten, dem Cap Codera zu, also unter dem Winde von Guayra, ist uerst
ungesund. Wechselfieber, Faul- und Gallenfieber kommen in Macuto und
Caravalleda hufig vor, und wenn von Zeit zu Zeit der Seewind dem Westwind
Platz macht, so kommt aus der kleinen Bucht Catia, deren wir in der Folge
oft zu gedenken haben werden, trotz der Schutzwehr des Cabo Blanco, eine
mit faulen Dnsten geschwngerte Luft auf die Kste von Guayra.

Da die Reizbarkeit der Organe bei den nrdlichen Vlkern so viel strker
ist als bei den sdlichen, so ist nicht zu bezweifeln, da bei grerer
Handelsfreiheit und strkerem und innigerem Verkehr zwischen Lndern mit
verschiedenen Klimaten das gelbe Fieber sich ber die neue Welt verbreiten
wird. Da hier so viele erregende Ursachen zusammenwirken, und Individuen
von so verschiedener Organisation denselben ausgesetzt werden, knnen
mglicherweise sogar neue Krankheitsformen, neue Verstimmungen der
Lebenskrfte sich ausbilden. Es ist die eines der nothwendigen Uebel im
Gefolge fortschreitender Cultur; wer darauf hinweist, wnscht darum
keineswegs die Barbarei zurck; ebensowenig theilt er die Ansicht der
Leute, die dem Verkehr unter den Vlkern gerne ein Ende machten, nicht um
die Hfen in den Colonien vom Seuchengift zu reinigen, sondern um dem
Eindringen der Aufklrung zu wehren und die Geistesentwicklung
aufzuhalten.

Die Nordwinde, welche die kalte Luft von Canada her in den mexicanischen
Meerbusen fhren, machen periodisch dem gelben Fieber und schwarzen
Erbrechen in der Havana und in Vera Cruz ein Ende. Aber bei der groen
Bestndigkeit der Temperatur, wie sie in Porto Cabello, Guayra, Nueva
Barcelona und Cumana herrscht, ist zu befrchten, der Typhus mchte dort
einheimisch werden, wenn er einmal in Folge des starken Fremdenverkehrs
sehr bsartig aufgetreten ist. Glcklicherweise hat sich die Sterblichkeit
vermindert, seit man sich in der Behandlung nach dem Charakter der
Epidemien in verschiedenen Jahren richtet, und seit man die verschiedenen
Stadien der Krankheit, die Periode der entzndlichen Erscheinungen, und
die der Ataxie oder Schwche, besser kennt und auseinander hlt. Es wre
sicher unrecht, in Abrede zu ziehen, da die neuere Medicin gegen dieses
schreckliche Uebel schon Bedeutendes geleistet; aber der Glauben an diese
Leistungen ist in den Colonien gar nicht weit verbreitet. Man hrt
ziemlich allgemein die Aeuerung, die Aerzte wissen jetzt den Hergang der
Krankheit befriedigender zu erklren als frher, sie heilen sie aber
keineswegs besser; frher sey man langsam hingestorben, ohne alle Arznei,
auer einem Tamarindenaufgu; gegenwrtig fhre ein eingreifenderes
Heilverfahren rascher und unmittelbarer zum Tode.

Wer so spricht, wei nicht ganz, wie man frher auf den Antillen zu Werke
ging. Aus der Reise des Paters Labat kann man ersehen, da zu Anfang des
achtzehnten Jahrhunderts die Aerzte auf den Antillen den Kranken nicht so
ruhig sterben lieen, als man meint. Man tdtete damals nicht durch
bertriebene und unzeitige Anwendung von Brechmitteln, von China und
Opium, wohl aber durch wiederholte Aderlsse und bermiges Purgiren. Die
Aerzte schienen auch mit der Wirkung ihres Verfahrens so gut bekannt, da
sie, sehr treuherzig, gleich beim ersten Besuch mit Beichtvater und Notar
am Krankenbett erschienen. Gegenwrtig bringt man es in reinlichen, gut
gehaltenen Spitlern dahin, da von 100 Kranken nur 15--20 und selbst
etwas weniger sterben; aber berall, wo die Kranken zu sehr auf einander
gehust sind, steigt die Sterblichkeit auf die Hlfte, wohl gar (wie im
Jahr 1802 bei der franzsischen Armee auf St. Domingo) auf drei Viertheile
der Kranken.

Ich fand die Breite von Guayra 10 36{~PRIME~} 19{~DOUBLE PRIME~}, die Lnge 69 26{~PRIME~} 13{~DOUBLE PRIME~}. Die
Inclination der Magnetnadel war am 24. Januar 1800 42 20, die Declination
nach Nordost 4 30{~PRIME~} 35{~DOUBLE PRIME~}; die Intensitt der magnetischen Kraft
= 237 Schwingungen.

Geht man an der aus Granit gebauten Kste von Guayra gegen West, so kommt
man zwischen diesem Hafen, der nur eine schlecht geschtzte Rhede ist, und
dem Hafen von Porto Cabello an mehrere Einbuchtungen des Landes, wo die
Schiffe vortrefflich ankern knnen. Es sind die kleinen Buchten Catia, los
Arecifes, Puerto la Cruz, Choroni, Sienega de Ocumare, Turiamo, Burburata
und Patanebo. Alle diese Hfen, mit Ausnahme des von Burburata, aus dem
man Maulthiere nach Jamaica ausfhrt, werden gegenwrtig nur von kleinen
Kstenfahrzeugen besucht, die Lebensmittel und Cacao von den benachbarten
Pflanzungen laden. Die Einwohner von Caracas, wenigstens die weiter
Blickenden, legen einen groen Werth auf den Ankerplatz Catia, westlich
von Cabo Blanco. Diesen Kstenpunkt untersuchten Bonpland und ich whrend
unseres zweiten Aufenthalts in Guayra. Eine Schlucht, unter dem Namen
Quebreda de Tipe bekannt, von der weiterhin die Rede seyn wird, zieht sich
von der Hochebene von Caracas gegen Catia herunter. Lngst geht man mit
dem Plane um, durch diese Schlucht einen, Fahrweg anzulegen und die alte
Strae von Guayra, die beinahe dem Uebergang ber den St. Gotthard
gleicht, aufzugeben. Nach diesem Plan knnte der Hafen von Catia, der so
gerumig als sicher ist, an die Stelle des von Guayra treten. Leider ist
dieser ganze Kstenstrich unter dem Winde von Cabo Blanco mit Wurzelbumen
bewachsen und hchst ungesund.

Fast nirgends auf der Kste ist es so hei als in der Nhe von Cabo
Blanco. Wir litten sehr durch die Hitze, die durch die Reverberation des
drren, staubigen Bodens noch gesteigert wurde; die bermige Einwirkung
des Sonnenlichts hatte indessen keine nachtheiligen Folgen fr uns. In
Guayra frchtet man die Insolation und ihren Einflu auf die
Gehirnfunktionen ungemein, besonders zu einer Zeit, wo das gelbe Fieber
sich zu zeigen anfngt. Ich stand eines Tages auf dem Dache unseres
Hauses, um den Mittagspunkt und den Unterschied zwischen dem
Thermometerstand in der Sonne und im Schatten zu beobachten, da kam hinter
mir ein Mann gelaufen und wollte mir einen Trank aufdrngen, den er fertig
in der Hand trug. Es war ein Arzt, der mich von seinem Fenster aus seit
einer halben Stunde in bloem Kopf hatte in der Sonne stehen sehen. Er
versicherte mich, da ich ein hoher Nordlnder sey, msse ich nach der
Unvorsichtigkeit, die ich eben begangen, unfehlbar noch diesen Abend einen
Anfall vom gelben Fieber bekommen, wenn ich kein Prservativ nehme. Diese
Prophezeihung, so ernstlich sie gemeint war, beunruhigte mich nicht, da
ich mich lngst fr acclimatisirt hielt; wie konnte ich aber eine
Zumuthung ablehnen, die aus so herzlicher Theilnahme entsprang? Ich
verschluckte den Trank, und der Arzt mag mich zu den Kranken geschrieben
haben, denen er im Laufe des Jahres das Leben gerettet.

Nachdem wir Lage und Luftbeschaffenheit von Guayra beschrieben, verlassen
wir die Kste des antillischen Meers, um sie bis zu unserer Rckkehr von
den Missionen am Orinoco so gut wie nicht wieder zu sehen. Der Weg aus dem
Hafen nach Caracas, der Hauptstadt einer Statthalterei von 900,000
Einwohnern, gleicht, wie schon oben bemerkt, den Pssen in den Alpen, dem
Weg ber den St. Gotthard oder den groen St. Bernhard. Vor meiner Ankunft
in der Provinz Venezuela war derselbe nie bemessen worden, und man hatte
nicht einmal eine bestimmte Vorstellung davon, wie hoch das Thal von
Caracas liegen mge. Man hatte lngst bemerkt, da es von der Cumbre und
las Vueltas, dem hchsten Punkt der Strae, nach Pastora am Eingang des
Thals von Caracas nicht so weit hinab geht, als zum Hafen von Guayra; da
aber der Avila eine bedeutende Gebirgsmasse ist, so sieht man die zu
vergleichenden Punkte nicht zumal. Auch nach dem Klima des Thals von
Caracas kann man sich von der Hhe desselben unmglich einen richtigen
Begriff machen. Die Luft daselbst wird durch niedergehende Luftstrme
abgekhlt, sowie einen groen Theil des Jahrs hindurch durch die Nebel,
welche den hohen Gipfel der Silla einhllen. Ich habe den Weg von Guayra
nach Caracas mehrere male zu Fu gemacht und nach zwlf Punkten, deren
Hhe mit dem Barometer bestimmt wurde, ein Profil desselben entworfen. Ich
htte gerne gesehen, da meine Vermessung durch einen unterrichteten
Reisenden, der nach mir dieses malerische und fr den Naturforscher so
interessante Land besuchte, wiederholt und verbessert worden wre; mein
Wunsch ist aber bis jetzt nicht in Erfllung gegangen.

Wenn man zur Zeit der strksten Hitze die glhende Luft Guayras athmet und
den Blick auf das Gebirge richtet, so scheint es einem unbegreiflich, da
in gerader Entfernung von 5--6000 Toisen in einem engen Thal eine
Bevlkerung von 40,000 Seelen einer Frhlingskhle genieen soll, einer
Temperatur, die bei Nacht auf 12 Grad heruntergeht. Da auf diese Weise
verschiedene Klimate einander nahe gerckt sind, kommt in den ganzen
Cordilleren der Anden hufig vor; aber berall, in Mexico, in Quito, in
Peru, in Neu-Grenada mu man weit ins Binnenland reisen, entweder ber die
Ebenen oder auf Strmen hinauf, bis man in die Heerde der Cultur, in die
groen Stdte, gelangt. Caracas liegt nur ein Drittheil so hoch als
Mexico, Quito und Santa Fe de Bogota; aber von allen Hauptstdten des
spanischen Amerika, die mitten in der heien Zone ein kstlich khles
Klima haben, liegt Caracas am nchsten an der Kste. Nur drei Meilen in
einen Seehafen zu haben und im Gebirge zu liegen, auf einer Hochebene, wo
der Weizen gediehe, wenn man nicht lieber Kaffee baute, das sind
bedeutende Vortheile.

Der Weg von Guayra in das Thal von Caracas ist weit schner als der von
Honda nach Santa Fe und von Guayaquil nach Quito; er ist sogar besser
unterhalten als die alte Strae, die aus dem Hafen von Vera Cruz am
Sdabhang der Gebirge von Neuspanien nach Perote fhrt. Man braucht mit
guten Maulthieren nur drei Stunden aus dem Hafen von Guayra nach Caracas
und zum Rckweg nur zwei, mit Lastthieren oder zu Fu Vier bis fnf
Stunden. Man kommt zuerst ber einen sehr steilen Felsabhang und ber die
Stationen *Torre Quemada*, *Curucuti* und *Salto* zu einem groen
Wirthshaus (_la Venta_), das 600 Toisen ber dem Meere liegt. Der Name
verbrannter Thurm bezieht sich auf den starken Eindruck, den man erhlt,
wenn man nach Guayra hinuntergeht. Die Hitze, welche die Felswnde und
vollends die drre Ebene zu den Fen ausstrahlen, ist drckend zum
Ersticken. Auf diesem Wege und berall, wo man auf starken Abhngen in ein
anderes Klima gelangt, schien mir das Gefhl von gesteigerter Muskelkraft
und von Wohlbehagen, das beim Eintritt in khlere Luftschichten ber einen
kommt, nicht so stark als umgekehrt die lstige Mattigkeit und
Erschlaffung, die einen befllt, wenn man in die heien Kstenebenen
hinuntergeht. Der Mensch ist einmal so geschaffen, da der Genu, wenn uns
irgendwie leichter wird, nicht so lebhaft ist, als der Eindruck eines
neuen Ungemachs, und in der moralischen Welt ist es ja ebenso.

Von Curucuti zum Salto ist der Weg etwas weniger steil; durch die
Windungen, die er macht, wird die Steigung geringer, wie auf der alten
Strae ber den Mont Cenis. Der Salto, der Sprung, ist eine Spalte, ber
die eine Zugbrcke fhrt. Auf der Hhe des Bergs sind frmliche Werke
angelegt. Bei der Venta stand der Thermometer um Mittag auf 19,3, in
Guayra zur selben Zeit auf 26,2. Da, seit die Neutralen von Zeit zu Zeit
in den spanischen Hfen zugelassen wurden, Fremde hufiger nach Caracas
gehen durften als nach Mexico, so ist die Venta in Europa und in den
Vereinigten Staaten bereits wegen ihrer schnen Lage berhmt. Und
allerdings hat man hier bei unbewlktem Himmel eine prachtvolle Aussicht
ber die See und die nahen Ksten. Man hat einen Horizont von mehr als
zweiundzwanzig Meilen Halbmesser vor sich; man wird geblendet von der
Masse Licht, die der weie, drre Strand zurckwirft; zu den Fen liegen
Cabo Blanco, das Dorf Maiquetia mit seinen Cocospalmen, Guavra und die
Schiffe, die in den Hafen einlaufen. Ich fand diesen Anblick noch weit
berraschender, wenn der Himmel nicht ganz rein ist und Wolkenstreifen,
die oben stark beleuchtet sind, gleich schwimmenden Eilanden sich von der
unermelichen Meeresflche abheben. Nebelschichten in verschiedenen Hhen
bilden Mittelgrnde zwischen dem Auge des Beobachters und den Niederungen,
und durch eine leicht erklrliche Tuschung wird dadurch die Scenerie
groartiger, imposanter. Von Zeit zu Zeit kommen in den Rissen der vom
Winde gejagten und sich ballenden Wolken Bume und Wohnungen zum
Vorschein, und die Gegenstnde scheinen dann ungleich tiefer unten zu
liegen als bei reiner, nach allen Seiten durchsichtiger Luft. Wenn man
sich am Abhang der mexicanischen Gebirge (zwischen las Trancas und Xalapa)
in derselben Hhe befindet, ist man noch zwlf Meilen von der See
entfernt; man sieht die Kste nur undeutlich, whrend man auf dem Wege von
Guayra nach Caracas das Tiefland (die _Tierra caliente_) wie auf einem
Thurme beherrscht. Man denke sich, welchen Eindruck dieser Anblick auf
einen machen mu, der im Binnenlande zu Hause ist und an dieser Stelle zum
erstenmal das Meer und Schiffe sieht.

Ich habe durch unmittelbare Beobachtungen die Breite der Venta ermittelt,
um die Entfernung derselben von der Kste genauer angeben zu knnen. Die
Breite ist 10 33{~PRIME~} 9{~DOUBLE PRIME~}; die Lnge des Orts schien mir nach dem Chronometer
etwa 2{~PRIME~} 47{~DOUBLE PRIME~} im Bogen westlich von der Stadt Caracas. Ich fand in dieser
Hhe die Inclination der Magnetnadel 41,75, die Intensitt der
magnetischen Kraft = 234 Schwingungen.

Von der Venta, auch _'Venta grande'_ genannt zum Unterschied von drei oder
vier andern kleinen Wirthshusern am Wege [Damals, jetzt sind fast alle
zerstrt.], geht es noch ber 150 Toisen hinauf zum *Guayavo*. Die ist
beinahe der hchste Punkt der Strae, ich ging aber mit dem Barometer noch
weiter, etwas ber die *Cumbre* (Gipfel) hinauf, in die Schanze Cuchilla.
Da ich keinen Pa hatte (in fnf Jahren bedurfte ich desselben nur bei der
Landung), so wre ich beinahe von einem Artillerieposten verhaftet worden.
Um die alten Soldaten zu besnftigen, bersetzte ich ihnen in spanische
Vares, wie viel Toisen der Posten ber dem Meere liegt. Daran schien ihnen
sehr wenig gelegen, und wenn sie mich gehen lieen, so verdanke ich es
einem Andalusier, der gar freundlich wurde, als ich ihm sagte, die Berge
seines Heimathlandes, die Sierra Nevada de Grenada, seyen viel hher als
alle Berge in der Provinz Caracas.

Die Schanze Cuchilla liegt so hoch wie der Gipfel des Puy de Dome und etwa
150 Toisen niedriger als die Post auf dem Mont Cenis. Da die Stadt
Caracas, die Venta del Guayavo und der Hafen von Guayra so nahe bei
einander liegen, htten Bonpland und ich gerne ein paar Tage
hintereinander die kleinen Schwankungen des Barometers gleichzeitig in
einem schmalen Thale, auf einer dem Wind ausgesetzten Hochebene und an der
Meereskste beobachtet; aber die Luft war whrend unseres Aufenthaltes an
diesen Orten nicht ruhig genug dazu. Ueberdem besa ich auch nicht den
dreifachen meteorologischen Apparat, der zu dieser Beobachtung
erforderlich ist, die ich Naturforschern, die nach mir das Land besuchen,
empfehlen mchte.

Als ich zum erstenmal ber diese Hochebene nach der Hauptstadt von
Venezuela ging, traf ich vor dem kleinen Wirthshaus auf dem Guayavo viele
Reisende, die ihre Maulthiere ausruhen lieen. Es waren Einwohner von
Caracas; sie stritten ber den Aufstand zur Befreiung des Landes, der kurz
zuvor stattgefunden. Joseph Espaa hatte auf dem Schaffot geendet; sein
Weib schmachtete im Gefngni, weil sie ihren Mann auf der Flucht bei sich
aufgenommen und nicht der Regierung angegeben hatte. Die Aufregung der
Gemther, die Bitterkeit, mit der man ber Fragen stritt, ber die
Landsleute nie verschiedener Meinung seyn sollten, fielen mir ungemein
auf. Whrend man ein Langes und Breites ber den Ha der Mulatten gegen
die freien Neger und die Weien, ber den Reichthum der Mnche und die
Mhe, die man habe, die Sklaven in der Zucht zu halten, verhandelte,
hllte uns ein kalter Wind, der vom hohen Gipfel der Silla herab zu kommen
schien, in einen dicken Nebel und machte der lebhaften Unterhaltung ein
Ende; man suchte Schutz in der Venta. In der Wirthsstube machte ein
bejahrter Mann, der vorhin am ruhigsten gesprochen hatte, die andern
darauf aufmerksam, wie unvorsichtig es sey, zu einer Zeit, wo berall
Angeber lauern, sey es auf dem Berge oder in der Stadt, ber politische
Gegenstnde zu verhandeln. Diese in der Bergeinde gesprochenen Worte
machten einen tiefen Eindruck auf mich, und ich sollte denselben auf
unsern Reisen durch die Anden von Neu-Grenada und Peru noch oft erhalten.
In Europa, wo die Vlker ihre Streitigkeiten in den Ebenen schlichten,
steigt man auf die Berge, um Einsamkeit und Freiheit zu suchen; in der
neuen Welt aber sind die Cordilleren bis zu zwlftausend Fu Meereshhe
bewohnt. Die Menschen tragen ihre brgerlichen Zwiste, wie ihre
kleinlichen, gehssigen Leidenschaften mit hinauf. Auf dem Rcken der
Anden, wo die Entdeckung von Erzgngen zur Grndung von Stdten gefhrt
hat, stehen Spielhuser, und in diesen weiten Einden, fast ber der
Region der Wolken, in einer Naturumgebung, die dem Geiste hheren Schwung
geben sollte, wird gar oft durch die Kunde, da der Hof ein Ordenszeichen
oder einen Titel nicht bewilligt habe, das Glck der Familien gestrt.

Ob man auf den weiten Meereshorizont hinausblickt oder nach Sdost, nach
dem gezackten Felskamm, der scheinbar die Cumbre mit der Silla verbindet,
whrend die Schlucht (Quebrada) Tocume dazwischen liegt, berall bewundert
man den groartigen Charakter der Landschaft. Von Guayavo an geht man eine
halbe Stunde ber ein ebenes mit Alppflanzen bewachsenes Plateau. Dieses
Stck des Wegs heit der vielen Krmmungen wegen las Vueltas. Etwas weiter
oben liegen die Mehlmagazine, welche die Gesellschaft von Guipuzcoa,
whrend der Handel und die Versorgung von Caracas mit Lebensmitteln ihr
ausschlieliches Monopol war, an einem sehr khlen Ort hatte errichten
lassen. Auf dem Wege der Vueltas sieht man zum erstenmal die Hauptstadt
dreihundert Toisen tiefer in einem mit Kaffeebumen und europischen
Obstbumen ppig bepflanzten Thale liegen. Die Reisenden machen gewhnlich
Halt bei einer schnen Quelle, genannt Fuente de Sanchorquiz, die auf
fallenden Gneischichten von der Sierra herabkommt. Ich fand die
Temperatur derselben 16,4, was fr eine Hhe von 726 Toisen bedeutend
khl ist. Dieses klare Wasser mte denen, die davon trinken, noch klter
vorkommen, wenn die Quelle, statt zwischen der Cumbre und dem gemigten
Thale von Caracas, auf dem Abhange gegen Guayra hin entsprnge. Ich habe
aber die Bemerkung gemacht, da an diesem, dem Nordabhang des Bergs die
Schichten (eine in diesem Lande seltene Ausnahme) nicht nach Nordwest,
sondern nach Sdost fallen, was Schuld daran seyn mag, da die
unterirdischen Gewsser dort keine Quellen bilden knnen. Von der kleinen
Schlucht Sanchorquiz an geht es bestndig abwrts bis zum Kreuz von
Guayra, das auf einem offenen Platze 632 Toisen ber dem Meere steht, und
von da an, bei den Zollhusern vorbei und durch das Quartier Pastora, in
die Stadt Caracas.

                            ------------------





   16 Die _'cortex Angosturae'_ unserer Pharmacopen, die Rinde der
      _Bonplandia trifolia_

   17 Man bezahlt 120 Piaster fr die Ueberfahrt, wenn man das ganze Boot
      zur Verfgung hat.

_   18 La broma; teredo navalis_, Linn

   19 In Paris ist das Mittel des heiesten Monats 19--20, demnach um
      3--4 Grade niedriger als die mittlere Temperatur des kltesten
      Monats in Guayra.





ZWLFTES KAPITEL.


     Allgemeine Bemerkungen ber die Provinzen von Venezuela. -- Ihre
      verschiedenen Interessen. -- Die Stadt Caracas. -- Ihr Klima.


Die Wichtigkeit einer Hauptstadt hngt nicht allein von ihrer Volkszahl,
von ihrem Reichthum und ihrer Lage ab; um dieselbe einigermaen richtig zu
beurtheilen, mu man den Umfang des Gebiets, dessen Mittelpunkt sie ist,
die Menge einheimischer Erzeugnisse, mit denen sie Handel treibt, die
Verhltnisse, in denen sie zu den ihrem politischen Einflu unterworfenen
Provinzen steht, in Rechnung ziehen. Diese verschiedenen Umstnde
modificiren sich durch die mehr oder weniger gelockerten Bande zwischen
den Colonien und dem Mutterland; aber die Macht der Gewohnheit ist so gro
und die Handelsinteressen sind so zh, da sich voraussagen lt, der
Einflu der Hauptstdte auf das Land umher, auf die unter den Namen
_'Reinos'_, _'Capitanias generales'_, _'Presidencias'_, _'Goviernos'_
verschmolzenen Gruppen von Provinzen werden auch die Katastrophe der
Trennung der Provinzen vom Mutterland berdauern. Man wird nur da Stcke
losreien und anders verbinden, wo man, mit Miachtung natrlicher
Grenzen, willkrlich Gebiete verbunden hatte, die nur schwer mit einander
verkehren. Ueberall wo die Cultur nicht schon vor der Eroberung in einem
gewissen Grade bestand (wie in Mexico, Guatimala, Quito und Peru),
verbreitete sie sich von den Ksten ins Binnenland, bald einem groen
Fluthal, bald einer Gebirgskette mit gemigtem Klima nach. Sie setzte
sich zu gleicher Zeit in verschiedenen Mittelpunkten fest, von denen sie
sofort gleichsam ausstrahlte. Die Vereinigung zu Provinzen oder
Knigreichen erfolgte, sobald sich civilisirte oder doch einem festen,
geregelten Regiment unterworfene Gebiete unmittelbar berhrten. Wst
liegende oder von wilden Menschen bewohnte Landstriche umgeben jetzt die
von der europischen Cultur eroberten Lnder. Sie trennen diese
Eroberungen von einander, wie schwer zu bersetzende Meeresarme, und meist
hngen benachbarte Staaten nur durch urbar gemachte Landzungen zusammen.
Die Umrisse der Seeksten sind leichter aufzufassen als der krause Lauf
dieses Binnengestades, auf dem Barbarei und Civilisation,
undurchdringliche Wlder und bebautes Land an einander stoen und einander
begrenzen. Weil sie die Zustnde der erst in der Bildung begriffenen
Staaten der neuen Welt auer Acht lassen, liefern so viele Geographen so
sonderbar ungenaue Karten, indem sie die verschiedenen Theile der
spanischen und portugiesischen Colonien so zeichnen, als ob sie im Innern
durchaus zusammenhingen. Die Localkenntni, die ich mir aus eigener
Anschauung von diesen Grenzen verschafft, setzt mich in Stand, den Umfang
der groen Gebietsabschnitte mit einiger Bestimmtheit anzugeben, die
wsten und die bewohnten Striche mit einander zu vergleichen, und den mehr
oder minder bedeutenden politischen Einflu, den sie als Regierungs- und
Handelsmittelpunkte uern, zu schtzen.

*Caracas* ist die Hauptstadt eines Landes, das fast zweimal so gro ist
als das heutige Peru und an Flchengehalt dem Knigreich Neu-Grenada wenig
nachsteht.(20) Dieses Land, das im spanischen Regierungsstyl _Capitania
general de Caracas_ oder _de las Provincias de Venezuela_ heit, hat gegen
eine Million Einwohner, worunter 60,000 Sklaven. Es umfat lngs den
Ksten Neu-Andalusien oder die Provinz Cumana (mit der Insel Margarita),
Barcelona, Venezuela oder Caracas, Coro und Maracaybo; im Innern die
Provinzen Barinas und Guyana, erstere lngs den Flssen St. Domingo und
Apure, letztere lngs dem Orinoco, Cassiquiare, Atabapo und Rio Negro.
Ueberblickt man die sieben vereinigten Provinzen von Terra Firma, so sieht
man, da sie drei gesonderte Zonen bilden, die von Ost nach West laufen.

Zuvorderst liegt das bebaute Land am Meeresufer und bei der Kette der
Kstengebirge; dann kommen Savanen oder Weiden, und endlich jenseits des
Orinoco die dritte, die Waldzone, die nur mittelst der Strme, die
hindurch laufen, zugnglich ist. Wenn die Eingeborenen in diesen Wldern
ganz von der Jagd lebten wie die am Missouri, so, knnte man sagen, die
drei Zonen, in welche wir das Gebiet von Venezuela zerfallen lassen, seyen
ein Bild der drei Zustnde und Stufen der menschlichen Gesellschaft: in
den Wldern am Orinoco das rohe Jgerleben, auf den Savanen oder Llanos
das Hirtenleben, in den hohen Thlern und am Fu der Kstengebirge das
Leben des Landbauers. Die Missionre und eine Handvoll Soldaten besetzen
hier, wie in ganz Amerika, vorgeschobene Posten an der brasilianischen
Grenze. In dieser ersten Zone herrscht das Recht des Strkeren und der
Mibrauch der Gewalt, der eine nothwendige Folge davon ist. Die
Eingeborenen liegen in bestndigem blutigem Krieg mit einander und fressen
nicht selten einander auf. Die Mnche suchen sich die Zwistigkeiten unter
den Eingeborenen zu Nutzen zu machen und ihre kleinen Missionsdrfer zu
vergrern. Das Militr, das zum Schutz der Mnche daliegt, lebt im Zank
mit ihnen. Ueberall ein trauriges Bild von Noth und Elend. Wir werden bald
Gelegenheit haben, diesen Zustand, den die Stdter als Naturzustand
preisen, nher kennen zu lernen. In der zweiten Region, auf den Ebenen und
Weiden, ist die Nahrung einfrmig, aber sehr reichlich. Die Menschen sind
schon civilisirter, leben aber, abgesehen von ein paar weit aus einander
liegenden Stdten, immer noch vereinzelt. Sieht man ihre zum Theil mit
Huten und Leder gedeckten Huser, so meint man, sie haben sich auf den
ungeheuren bis zum Horizont fortstreichenden Grasebenen keineswegs
niedergelassen, sondern kaum gelagert. Der Ackerbau, der allein die
Grundlagen der Gesellschaft befestigt und die Bande zwischen Mensch und
Mensch enger knpft, herrscht in der dritten Zone, im Kstenstrich,
besonders in den warmen und gemigten Thlern der Gebirge am Meer.

Man knnte einwenden, auch in andern Theilen des spanischen und
portugiesischen Amerika, berall, wo man die allmhlige Entwicklung der
Cultur verfolgen kann, sehe man jene drei Stufenalter der menschlichen
Gesellschaft neben einander; es ist aber zu bemerken, und die ist fr
alle, welche die politischen Zustnde der verschiedenen Colonien genau
kennen lernen wollen, von groem Belang, da die drei Zonen, die Wlder,
die Savanen und das bebaute Land, nicht berall im selben Verhltni zu
einander stehen, da sie aber nirgends so regelmig vertheilt sind wie im
Knigreich Venezuela. Bevlkerung, Industrie und Geistesbildung nehmen
keineswegs berall von der Kste dem Innern zu ab. In Mexico, Peru und
Quito findet man die strkste ackerbauende Bevlkerung, die meisten
Stdte, die ltesten brgerlichen Einrichtungen auf den Hochebenen und in
den Gebirgen des Binnenlandes. Ja im Knigreich Buenos Ayres liegt die
Region der Weiden, die sogenannten Pampas, zwischen dem vereinzelten Hafen
von Buenos Ayres und der groen Masse ackerbauender Indianer, welche in
den Cordilleren von Charras, la Paz und Potosi wohnen. Dieser Umstand
macht, da sich im selben Lande die gegenseitigen Interessen der Bewohner
des Binnenlandes und der Ksten sehr verschiedenartig gestalten.

Will man eine richtige Vorstellung von diesen gewaltigen Provinzen
erhalten, die seit Jahrhunderten fast wie unabhngige Staaten von
Viceknigen oder Generalcapitnen regiert wurden, so mu man mehrere
Punkte zumal ins Auge fassen. Man mu die Theile des spanischen Amerika,
die Asien gegenber liegen, von denen trennen, die der atlantische Ocean
besplt; man mu, wie wir eben gethan, untersuchen, wo sich die Hauptmasse
der Bevlkerung befindet, ob in der Nhe der Ksten, oder concentrirt im
Innern auf kalten und gemigten Hochebenen der Cordilleren; man mu die
numerischen Verhltnisse zwischen den Eingeborenen und den andern
Menschenstmmen ermitteln, sich nach der Herkunft der europischen
Familien erkundigen, ausmachen, welchem Volksstamm die Mehrzahl der Weien
in jedem Theil der Provinzen angehrt. Die andalusischen Canarier in
Venezuela, die _'Montanneses'_(21) und Biscayer in Mexico, die Catalonier
in Buenos Ayres unterscheiden sich hinsichtlich des Geschicks zum
Ackerbau, zu mechanischen Fertigkeiten, zum Handel und zu geistigen
Beschftigungen sehr wesentlich von einander. Alle diese Stmme haben in
der neuen Welt den allgemeinen Charakter behalten, der ihnen in der alten
zukommt, die rauhe oder sanfte Gemthsart, die Migkeit oder die
ungezgelte Habgier, die leutselige Gastlichkeit oder den Hang zum
einsamen Leben. In Lndern, deren Bevlkerung groen Theils aus Indianern
von gemischtem Blut besteht, kann der Unterschied zwischen den Europern
und ihren Nachkommen allerdings nicht so auffallend schroff seyn, wie
einst in den Colonien jonischer und dorischer Abkunft. Spanier, in die
heie Zone versetzt, unter einem neuen Himmelsstrich der Erinnerung an das
Mutterland fast entfremdet, muten sich ganz anders umwandeln, als die
Griechen, welche sich auf den Ksten von Kleinasien oder Italien
niederlieen, wo das Klima nicht viel anders war als in Athen oder
Corinth. Da der Charakter des amerikanischen Spaniers durch die physische
Beschaffenheit des Landes, durch die einsame Lage der Hauptstdte auf den
Hochebenen oder in der Nhe der Ksten, durch die Beschftigung mit dem
Landbau, durch den Bergbau, durch die Gewhnung an das Speculiren im
Handelsverkehr, in manchen Beziehungen sich verndert hat, ist unleugbar;
aber berall, in Caracas, in Santa Fe, in Quito und Buenos Ayres macht
sich dennoch etwas geltend, was auf die ursprngliche Stammeseigenheit
zurckweist.

Betrachtet man die Zustnde der Capitanerie von Caracas nach den oben
angegebenen Gesichtspunkten, so zeigt es sich, da der Ackerbau, die
Hauptmasse der Bevlkerung, die zahlreichen Stdte, kurz alles, was durch
hhere Cultur bedingt ist, sich vorzugsweise in der Nhe der Kste findet.
Der Kstenstrich ist ber 200 Meilen lang und wird vom kleinen Meer der
Antillen besplt, einer Art Mittelmeer, an dessen Ufern fast alle
europischen Nationen Niederlassungen gegrndet haben, das an zahlreichen
Stellen mit dem atlantischen Ocean in Verbindung steht und seit der
Eroberung auf den Fortschritt der Bildung im stlichen Theil des
tropischen Amerika sehr bedeutenden Einflu geuert hat. Die Knigreiche
Neu-Grenada und Mexico verkehren mit den fremden Colonien und mittelst
dieser mit dem nicht spanischen Europa allein durch die Hfen von
Carthagena und St. Martha, Vera Cruz und Campeche. Diese ungeheuren Lnder
kommen, in Folge der Beschaffenheit ihrer Ksten und der Zusammendrngung
der Bevlkerung auf dem Rcken der Cordilleren, mit Fremden wenig in
Berhrung. Der Meerbusen von Mexico ist auch einen Theil des Jahrs wegen
der gefhrlichen Nordstrme wenig besucht. Die Ksten von Venezuela
dagegen sind sehr ausgedehnt, springen weit gegen Ost vor, haben eine
Menge Hfen, man kann allenthalben in jeder Jahreszeit sicher ans Land
kommen, und so knnen sie von allen Vortheilen, die das innere Meer der
Antillen bietet, Nutzen ziehen. Nirgends kann der Verkehr mit den groen
Inseln und selbst mit denen unter dem Wind strker seyn als durch die
Hfen von Cumana, Barcelona, Guayra, Porto-Cabello, Coro und Maracaybo,
nirgends war der Schleichhandel mit dem Ausland schwerer im Zaum zu
halten. Ist es da zu verwundern, da bei diesem leichten Handelsverkehr
mit den freien Amerikanern und mit den Vlkern des politisch aufgeregten
Europas in den unter der Generalcapitanerie Venezuela vereinigten
Provinzen Wohlstand, Bildung und das unruhige Streben nach
Selbstregierung, in dem die Liebe zur Freiheit und zu republikanischen
Einrichtungen zur Aeuerung kommt, gleichmig zugenommen haben?

Die kupferfarbigen Eingeborenen, die Indianer, bilden nur da einen sehr
ansehnlichen Theil der ackerbauenden Bevlkerung, wo die Spanier bei der
Eroberung ordentliche Regierungen, eine brgerliche Gesellschaft, alte,
meist sehr verwickelte Institutionen vorgefunden, wie in Neuspanien
sdlich von Durango und in Peru von Couzco bis Potosi. In der
Generalcapitanerie Caracas ist die indianische Bevlkerung des bebauten
Landstrichs, wenigstens auerhalb der Missionen, unbetrchtlich. Zur Zeit
groer politischer Zerwrfnisse flen die Indianer den Weien und
Mischlingen keine Besorgnisse ein. Als ich im Jahr 1800 die
Gesammtbevlkerung der sieben vereinigten Provinzen auf 900,000 Seelen
schtzte, nahm ich die Indianer zu einem Neuntheil an, whrend sie in
Mexico fast die Hlfte ausmachen.

Unter den Racen, aus denen die Bevlkerung von Venezuela besteht, ist die
schwarze, auf die man zugleich mit Theilnahme wegen ihres Unglcks und mit
Furcht wegen einer mglichen gewaltsamen Auflehnung blickt, nicht der
Kopfzahl nach, aber wegen der Zusammendrngung auf einen kleinen
Flchenraum, von Belang. Wir werden bald sehen, da in der ganzen
Capitanerie die Sklaven nur ein Fnfzehntheil der ganzen Bevlkerung
ausmachen; auf Cuba, wo unter allen Antillen die Neger den Weien
gegenber am wenigsten zahlreich sind, war im Jahr 1811 das Verhltni wie
1 zu 3. Die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela haben 60,000
Sklaven; Cuba, das achtmal kleiner ist, hat 212,000. Betrachtet man das
Meer der Antillen, zu dem der Meerbusen von Mexico gehrt, als ein
Binnenmeer mit mehreren Ausgngen, so ist es wichtig, die politischen
Beziehungen ins Auge zu fassen, die in Folge dieser seltsamen Gestaltung
des neuen Continents zwischen Lndern entstehen, die um dasselbe Becken
gelegen sind. Wie sehr auch die meisten Mutterlnder ihre Colonien
abzusperren suchen, sie werden dennoch in die Aufregung hineingezogen. Die
Elemente der Zerwrfnisse sind berall die gleichen, und wie instinktmig
bildet sich ein Einverstndni zwischen Menschen derselben Farbe, auch
wenn sie verschiedene Sprachen reden und auf weit entlegenen Ksten
wohnen. Dieses amerikanische Mittelmeer, das durch die Ksten von
Venezuela, Neu-Grenada, Mexico, die der Vereinigten Staaten und durch die
Antillen gebildet wird, zhlt an seinen Ufern gegen anderthalb Millionen
Neger, Sklaven und Freie, und sie sind so ungleich vertheilt, da es im
Sden sehr wenige, im Westen fast keine gibt; in groen Massen finden sie
sich nur auf den Nord- und Ostksten. Es ist die gleichsam das
afrikanische Stck dieses Binnenmeeres. Die Unruhen, die vom Jahr 1792 an
auf St. Domingo ausgebrochen, haben sich naturgem auf die Ksten von
Venezuela fortgepflanzt. So lange Spanien im ungestrten Besitz dieser
schnen Colonien war, wurden die kleinen Sklavenaufstnde leicht
unterdrckt; aber sobald ein Kampf anderer Art, der fr die
Unabhngigkeit, entbrannte, machten sich die Schwarzen durch ihre drohende
Haltung bald der einen, bald der andern der einander gegenberstehenden
Parteien furchtbar, und in verschiedenen Lndern des spanischen Amerika
wurde die allmhlige oder pltzliche Aufhebung der Sklaverei verkndigt,
nicht sowohl aus Gefhlen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, als weil
man sich des Beistandes eines unerschrockenen, an Entbehrungen gewhnten
und fr sein eigenes Wohl kmpfenden Menschenschlags versichern wollte.
Ich bin in der Reisebeschreibung des GIROLAMO BENZONI auf eine merkwrdige
Stelle gestoen, aus der hervorgeht, wie alt schon die Besorgnisse sind,
welche die Zunahme der schwarzen Bevlkerung einflt. Diese Besorgnisse
werden nur da verschwinden, wo die Regierungen die Umwandlung zum Bessern,
welche durch mildere Sitten, durch die ffentliche Meinung und durch
religise Ansichten in der Haussklaverei nach und nach vor sich geht,
ihrerseits durch die Gesetzgebung untersttzen. Die Neger, sagt Benzoni,
haben sich auf St. Domingo dergestalt vermehrt, da ich im Jahr 1545, als
ich auf Terra Firma (an der Kste von Caracas) war, viele Spanier gesehen
habe, die gar nicht zweifelten, da jene Insel binnen Kurzem Eigenthum der
Schwarzen seyn werde. Unser Jahrhundert sollte diese Prophezeiung in
Erfllung gehen und eine europische Colonie in Amerika sich in einen
afrikanischen Staat verwandeln sehen.

Die 60,000 Sklaven in den vereinigten Provinzen von Venezuela sind so
ungleich vertheilt, da auf die Provinz Caracas allein 40,000 kommen,
worunter ein Fnftheil Mulatten, auf Maracaybo 10--12,000, auf Cumana und
Barcelona kaum 6000. Um den Einflu zu wrdigen, den die Neger und die
Farbigen auf die ffentliche Ruhe im Allgemeinen uern, ist es nicht
genug, da man ihre Kopfzahl kennt, man mu auch ihre Zusammendrngung an
gewissen Punkten und ihre Lebensweise als Ackerbauer oder Stadtbewohner in
Betracht ziehen. In der Provinz Venezuela sind die Sklaven fast alle auf
einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich beisammen, innerhalb der Kste
und einer Linie, die (12 Meilen von der Kste) ber Panaquire, Yare,
Sabana de Ocumare, Villa de Cura und Nirgua luft. Auf den Llanos, den
weiten Ebenen von Calabozo, San Carlos, Guanare und Barquesimeto, zhlt
man nur 4--5000, die auf den Hfen zerstreut und mit der Hut des Viehs
beschftigt sind. Die Zahl der Freigelassenen ist sehr betrchtlich, denn
die spanische Gesetzgebung und die Sitten leisten der Freilassung
Vorschub. Der Herr darf dem Sklaven, der ihm dreihundert Piaster bietet,
die Freiheit nicht versagen, htte der Sklave auch wegen des besondern
Geschicks im Handwerk, das er treibt, doppelt so viel gekostet. Die Flle,
da jemand im letzten Willen mehr oder weniger Sklaven die Freiheit
schenkt, sind in der Provinz Venezuela hufiger als irgendwo. Kurz bevor
wir die fruchtbaren Thler von Aragua und den See von Valencia besuchten,
hatte eine Dame im groen Dorfe la Victoria auf dem Todbette ihren Kindern
aufgegeben, ihre Sklaven, dreiig an der Zahl, freizulassen. Mit Vergngen
spreche ich von Handlungen, die den Charakter von Menschen, die Bonpland
und mir so viel Zuneigung und Wohlwollen bewiesen, in so schnem Lichte
zeigen.

Nach den Negern ist es in den Colonien von besonderem Belang, die Zahl der
weien Creolen, die ich _'Hispano-Amerikaner'_(22) nenne, und der in
Europa gebrtigen Weien zu kennen. Es hlt schwer, sich ber einen so
kitzlichen Punkt genaue Auskunft zu verschaffen. Wie in der alten Welt ist
auch in der neuen die Zhlung dem Volk ein Gruel, weil es meint, es sey
dabei auf Erhhung der Abgaben abgesehen. Andererseits lieben die
Verwaltungsbeamten, welche das Mutterland in die Colonien schickt,
statistische Aufnahmen so wenig als das Volk, und zwar aus Rcksichten
einer argwhnischen Staatsklugheit. Diese mhsam herzustellenden Ausnahmen
sind schwer der Neugier der Colonisten zu entziehen. Wenn auch die
Minister in Madrid richtige Begriffe vom wahren Besten des Landes hatten
und von Zeit zu Zeit genaue Berichte ber den zunehmenden Wohlstand der
Colonien verlangten, die Lokalbehrden haben diese guten Absichten in den
seltensten Fllen untersttzt. Nur auf den ausdrcklichen Befehl des
spanischen Hofes wurden den Herausgebern des _peruanischen Merkurs_ die
vortrefflichen volkswirthschaftlichen Notizen berlassen, die dieses Blatt
mitgetheilt hat. In Mexico, nicht in Madrid habe ich den Viceknig Grafen
Nevillagigedo tadeln hren, weil er ganz Neuspanien kundgethan, da die
Hauptstadt eines Landes von fast sechs Millionen Einwohnern im Jahr 1700
nur 2300 Europer, dagegen ber 50,000 Hispano-Amerikaner zhlte. Die
Leute, die sich darber beklagten, betrachteten auch die schne
Posteinrichtung, welche Briefe von Buenos Ayres bis nach Neu-Californien
befrdert, als eine der gefhrlichsten Neuerungen des Grafen Florida
Blanca; sie riethen (glcklicherweise ohne Erfolg), dem Handel mit dem
Mutterlande zu lieb, die Reben in Neu-Mexico und Chili auszureien.
Sonderbare Verblendung, zu meinen, durch Volkszhlungen wecke man in den
Colonisten das Bewutseyn ihrer Strke! Nur in Zeiten des Unfriedens und
des Brgerzwistes kann es scheinen, als ob man, indem man die relative
Strke der Menschenklassen ermittelt, die ein gemeinsames Interesse haben
sollten, zum voraus die Zahl der Streiter schtzte.

Vergleicht man die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela mit dem
Knigreich Mexico und der Insel Cuba, so findet man annhernd die Zahl der
weien Creolen, selbst die der Europer. Erstere, die Hispano-Amerikaner,
sind in Mexico ein Fnftheil, auf Cuba, nach der genauen Zhlung von 1811,
ein Drittheil der Gesammtbevlkerung. Bedenkt man, da in Mexico
drittehalb Millionen Menschen von der rothen Race wohnen, zieht man den
Zustand der Ksten am stillen Meer in Betracht, und wie wenige Weie im
Verhltni zu den Eingeborenen in den Intendanzen Puebla und Oaxaca
wohnen, so lt sich nicht zweifeln, da, wenn nicht in der _Capitania
general_ so doch in der Provinz Venezuela das Verhltni strker ist als
1 zu 5. Die Insel Cuba, auf der die Weien sogar zahlreicher sind als in
Chili, gibt uns fr die _Capitania general_ von Caracas eine Grenzzahl,
das heit das Maximum an die Hand. Ich glaube, man hat 200,000--210,000
Hispano-Amerikaner auf eine Gesammtbevlkerung von 900,000 Seelen
anzunehmen. Innerhalb der weien Race scheint die Zahl der Europer (die
Truppen aus dem Mutterland nicht gerechnet) nicht ber 12,000--15,000 zu
betragen. In Mexico sind ihrer gewi nicht ber 60,000, und nach mehreren
Zusammenstellungen finde ich, da, smmtliche spanische Colonien zu 14--15
Millionen Einwohnern angenommen, hchstens 3 Millionen Creolen und 200,000
Europer darunter sind.

Als der junge Tupac-Amaru, der in sich den rechtmigen Erben des Reiches
der Incas erblickte, an der Spitze von 40,000 Indianern aus den Gebirgen
mehrere Provinzen von Oberperu eroberte, ruhten die Befrchtungen aller
Weien auf demselben Grunde. Die Hispano-Amerikaner fhlten so gut wie die
in Europa geborenen Spanier, da der Kampf ein Racenkampf zwischen dem
rothen und weien Mann, zwischen Barbarei und Cultur sey. Tupac-Amaru, der
selbst nicht ohne Bildung war, schmeichelte Anfangs den Creolen und der
europischen Geistlichkeit, aber die Ereignisse und die Rachsucht seines
Neffen Andreas Condorcan rissen ihn fort und er nderte sein Verfahren.
Aus einem Aufstand fr die Unabhngigkeit wurde ein grausamer Krieg
zwischen den Racen; die Weien blieben Sieger, es kam ihnen zum
Bewutseyn, was ihr gemeinsames Interesse sey, und von nun an faten sie
das Zahlenverhltni zwischen der weien und der indianischen Bevlkerung
in den verschiedenen Provinzen sehr scharf ins Auge. Erst in unserer Zeit
kam es nun dahin, da die Weien diese Aufmerksamkeit auf sich selbst
richteten und sich mitrauisch nach den Bestandtheilen ihrer eigenen Kaste
umsahen. Jede Unternehmung zur Erringung der Unabhngigkeit und Freiheit
trennt die nationale oder amerikanische Partei und die aus dem Mutterland
Herbergekommenen in zwei Lager. Als ich nach Caracas kam, waren letztere
eben der Gefahr entgangen, die sie in dem von Espaa angezettelten
Aufstand fr sich erblickt hatten. Dieser kecke Anschlag hatte desto
schlimmere Folgen, da man, statt den Ursachen des herrschenden
Mivergngens auf den Grund zu gehen, die Sache des Mutterlandes nur durch
strenge Maregeln zu retten glaubte. Jetzt, bei den Unruhen, die vom Ufer
des Rio de la Plata bis Neu-Mexico auf einer Strecke von vierzehnhundert
Meilen ausgebrochen sind, stehen Menschen desselben Stammes einander
gegenber.

Man scheint sich in Europa zu wundern, wie die Spanier aus dem
Mutterlande, deren, wie wir gesehen, so wenige sind, Jahrhunderte lang so
starken Widerstand leisten konnten, und man vergit, da in allen Colonien
die europische Partei nothwendig durch eine groe Menge Einheimischer
verstrkt wird. Familienrcksichten, die Liebe zur ungestrten Ruhe, die
Scheu, sich in ein Unternehmen einzulassen, das schlimm ablaufen kann,
halten diese ab, sich der Sache der Unabhngigkeit anzuschlieen, oder fr
die Einfhrung einer eigenen, wenn auch vom Mutterland abhngigen
Reprsentativregierung aufzutreten. Die einen scheuen alle gewaltsamen
Mittel und leben der Hoffnung, durch Reformen werde das Colonialregiment
allgemach weniger drckend werden; Revolution ist ihnen gleichbedeutend
mit dem Verlust ihrer Sklaven, mit der Beraubung des Clerus und der
Einfhrung einer religisen Duldsamkeit, wobei, meinen sie, der
herrschende Cultus sich unmglich in seiner Reinheit erhalten knne.
Andere gehren den wenigen Familien an, die in jeder Gemeinde durch
ererbten Wohlstand oder durch sehr alten Bestand in den Colonien eine
wahre Municipalaristokratie bilden. Sie wollen lieber gewisse Rechte gar
nicht bekommen, als sie mit allen theilen; ja eine Fremdherrschaft wre
ihnen lieber, als eine Regierung in den Hnden von Amerikanern, die im
Rang unter ihnen stehen; sie verabscheuen jede auf Gleichheit der Rechte
gegrndete Verfassung; vor Allem frchten sie den Verlust der
Ordenszeichen und Titel, die sie sich mit so saurer Mhe erworben, und
die, wie wir oben angedeutet, einen Hauptbestandtheil ihres huslichen
Glcks ausmachen. Noch andere, und ihrer sind sehr viele, leben auf dem
Lande vom Ertrag ihrer Grundstcke und genieen der Freiheit, deren sich
ein dnn bevlkertes Land unter dem Druck der schlechtesten Regierung zu
erfreuen hat. Sie selbst machen keine Ansprche auf Amt und Wrden, und so
fragen sie nichts darnach, wenn Leute damit bekleidet werden, die sie kaum
dem Namen nach kennen, und deren Arm nicht zu ihnen reicht. Immerhin wre
ihnen eine nationale Regierung und volle Handelsfreiheit lieber als das
alte Colonialwesen, aber diese Wnsche sind gegenber der Liebe zur Ruhe
und der Gewhnung an ein trges Leben keineswegs so lebhaft, da sie sich
dehalb zu schweren, langwierigen Opfern entschlieen sollten.

Mit dieser nach vielfachem Verkehr mit allen Stnden entworfenen Skizze
der verschiedenen Frbung der politischen Ansichten in den Colonien habe
ich auch die Ursachen der langen friedlichen Herrschaft des Mutterlandes
ber Amerika angegeben. Wenn die Ruhe erhalten blieb, so war die die
Folge der Gewohnheit, des groen Einflusses einer gewissen Zahl mchtiger
Familien, vor allem des Gleichgewichtes, das sich zwischen feindlichen
Gewalten herstellt. Eine auf Entzweiung gegrndete Sicherheit mu
erschttert werden, sobald eine bedeutende Menschenmasse ihren Privatha
eine Weile ruhen lt und im Gefhl eines gemeinsamen Interesses sich
verbndet, sobald dieses Gefhl, einmal erwacht, am Widerstand erstarkt
und durch fortschreitende Geistesentwicklung und die Umwandlung der Sitten
der Einflu der Gewohnheit und der alten Vorstellungen sich mindert.

Wir haben oben gesehen, da die indianische Bevlkerung in den vereinigten
Provinzen von Venezuela nicht stark und nicht altcivilisirt ist; auch sind
alle Stdte derselben von den spanischen Eroberern gegrndet. Diese
konnten hier nicht, wie in Mexico und Peru, in die Fustapfen der alten
Cultur der Eingeborenen treten. An Caracas, Maracaybo, Cumana und Coro ist
nichts indianisch als die Namen. Von den Hauptstdten des tropischen
Amerika, die im Gebirge liegen und eines sehr gemigten Klimas genieen
[Mexico, Santa Fe de Bogota und Quito], ist Caracas die am tiefsten
gelegene. Da die Hauptmasse der Bevlkerung von Venezuela den Ksten nahe
gerckt ist und der cultivirteste Landstrich von Ost nach West denselben
parallel luft, so ist Caracas kein Mittelpunkt des Handels, wie Mexico,
Santa Fe de Bogota und Quito. Jede der sieben in eine _Capitania general_
vereinigten Provinzen hat ihren eigenen Hafen, durch den ihre Produkte
abflieen. Man darf nur die Lage der Provinzen, ihren mehr oder minder
starken Verkehr mit den Inseln unter dem Wind oder den groen Antillen,
die Richtung der Gebirge und den Lauf der groen Flsse betrachten, um
einzusehen, da Caracas auf die Lnder, deren Hauptstadt es ist, niemals
einen bedeutenden politischen Einflu haben kann. Der Apure, der Meta, der
Orinoco, die von West nach Ost laufen, nehmen alle Gewsser aus den Llanos
oder der Region des Weidelandes auf. St. Thomas in Guyana mu nothwendig
einmal ein wichtiger Handelsplatz werden, namentlich wenn einmal das Mehl
aus Neu-Grenada oberhalb der Vereinigung des Rio Negro und des Umadea
eingeschifft wird und aus dem Meta und dem Orinoco hinunter kommt, und man
dasselbe in Cumana und Caracas dem Mehl aus den Vereinigten Staaten
vorzieht. Es ist ein groer Vorzug der Provinzen von Venezuela, da nicht
ihr ganzer Bodenreichthum in Einem Punkt zusammenfliet, wie der von
Mexico und Neu-Grenada nach Vera Cruz und Carthagena, sondern da sie eine
Menge ziemlich gleich bevlkerter Stdte haben, die eben so viele
Mittelpunkte des Handels und der Cultur bilden.

Caracas ist der Sitz einer *Audiencia* (hoher Gerichtshof) und eines der
acht Erzbisthmer, in welche das ganze spanische Amerika getheilt ist. Die
Bevlkerung war, nach meinen Erkundigungen ber die Zahl der Geburten, im
Jahr 1800 etwa 40,000; die unterrichtetsten Einwohner geben sie sogar zu
45,000 an, worunter 12,000 Weie und 27,000 freie Farbige. Im Jahr 1778
hatte man bereits 30--32,000 geschtzt. Alle unmittelbaren Aufnahmen
blieben ein Viertheil und mehr unter der wirklichen Zahl. Im Jahr 1766
hatte die Bevlkerung von Caracas und des schnen Thals, in dem es liegt,
durch eine bsartige Pockenepidemie sehr stark gelitten. In der Stadt
starben 6--8000 Menschen; seit diesem denkwrdigen Zeitpunkt ist die
Kuhpockenimpfung allgemein geworden, und ich habe sie ohne Arzt vornehmen
sehen. In der Provinz Cumana, die weniger Verkehr mit Europa hat, war zu
meiner Zeit seit fnfzehn Jahren kein Pockenfall vorgekommen, whrend man
in Caracas vor dieser schrecklichen Krankheit bestndig bange hatte, weil
sie immer an mehreren Punkten zugleich sporadisch auftrat; ich sage
sporadisch, denn im tropischen Amerika, wo der Wechsel der atmosphrischen
Zustnde und die Erscheinungen des organischen Lebens an eine auffallende
Periodicitt gebunden scheinen, traten die Pocken (wenn man sich auf einen
weitverbreiteten Glauben verlassen kann) vor der Einfhrung der
segensreichen Kuhpockenimpfung nur alle 15--18 Jahre verheerend auf. Seit
meiner Rckkehr nach Europa hat die Bevlkerung von Caracas bestndig
zugenommen; sie betrug 50,000 Seelen, als das groe Erdbeben am 26. Mrz
1812 gegen 12,000 Menschen unter den Trmmern ihrer Huser begrub. Durch
die politischen Ereignisse, die dieser Catastrophe folgten, kam die
Einwohnerzahl auf weniger als 20,000 herunter; aber diese Verluste werden
bald wieder eingebracht seyn, wenn das uerst fruchtbare und
handelsthtige Land, dessen Mittelpunkt Caracas ist, nur einiger Jahre
Ruhe geniet und verstndig regiert wird.

Die Stadt liegt am Eingang der Ebene von Chacao, die sich drei Meilen nach
Ost gegen Caurimare und Cuesta d'Auyamas ausdehnt und zwei und eine halbe
Meile breit wird, und durch die der Rio Guayre fliet. Sie liegt 414
Toisen ber dem Meer. Der Boden, auf dem Caracas liegt, ist uneben und
fllt stark von Nord-Nord-West nach Sd-Sd-Ost ab. Um eine richtige
Vorstellung von der Lage der Stadt zu bekommen, mu man die Richtung der
Kstengebirge und der groen Lngenthler zwischen denselben ins Auge
fassen. Der Guayreflu entspringt im Urgebirge des Higuerote, das zwischen
dem Thal von Caracas und dem von Aragua liegt. Er erhlt bei las Ayuntas
nach der Vereinigung der Flchen San Pedro und Macarao seinen Namen und
luft zuerst nach Ost bis zur Cuesta d'Auyamas und dann nach Sd, um sich
oberhalb Yare mit dem Rio Tuy zu vereinigen. Letzterer ist der einzige
Flu von Bedeutung im nrdlichen, gebirgigen Theile der Provinz. Er luft
30 Meilen lang, von denen ber drei Viertheile schiffbar sind, geradeaus
von West nach Ost. Auf diesem Stromstck betrgt nach meinen
barometrischen Messungen der Fall des Tuy von der Pflanzung Manterola bis
zur Mndung 295 Toisen. Dieser Flu bildet in der Kstenkette eine Art
Lngenthal, whrend die Gewsser der Llanos, das heit von fnf
Sechstheilen der Provinz Caracas, dem Abhang des Bodens gegen Sden nach,
sich in den Orinoco ergieen. Nach dieser hydrographischen Skizze erklrt
sich die natrliche Neigung der Bewohner derselben Provinz, ihre Produkte
auf verschiedenen Wegen auszufhren.

Das Thal von Caracas ist zwar nur ein Seitenzweig des Tuythals, dennoch
laufen beide eine Strecke weit einander parallel. Sie sind durch einen
Bergzug getrennt, ber den man auf dem Wege von Caracas nach den hohen
Savanen von Ocumare ber le Valle und Salamanca kommt. Diese Savanen
liegen schon jenseits des Tuy, und da das Thal dieses Flusses weit tiefer
liegt als das von Caracas, so geht es von Nord nach Sd fast bestndig
bergab. Wie das Vorgebirge Codera, die Silla, der Cerro de Avila zwischen
Caracas und Guayra und die Berge von Mariara den nrdlichsten und hchsten
Zug der Kstenkette, so bilden die Berge von Panaquire, Ocumare, Guiripa
und Villa de Cura den sdlichsten Zug. Wir haben schon fter bemerkt, da
die Schichten dieses gewaltigen Kstengebirges fast durchgngig von Sdost
nach Sdwest streichen und gewhnlich nach Nordwest fallen. Es ergibt sich
daraus, da die Richtung der Schichten des Urgebirgs von der Richtung der
ganzen Kette unabhngig ist, und, was sehr bemerkenswerth ist, verfolgt
man die Kette von Porto-Cabello bis Maniquare und zum Macanao auf der
Insel Margarita, so findet man von West nach Ost zuerst Granit, dann
Gnei, Glimmerschiefer und Urschiefer, endlich dichten Kalkstein, Gips und
Conglomerate mit Seemuscheln.

Es ist zu bedauern, da Caracas nicht weiter ostwrts liegt, unterhalb der
Einmndung des Anauco in den Guayre; da wo, Chacao zu, sich das Thal
breit, und wie durch stehendes Gewsser geebnet, ausdehnt. Als Diego de
Losada die Stadt grndete,(23) hielt er sich ohne Zweifel an die Spuren
der ersten Niederlassung unter Faxardo. Der Ruf der Goldminen von los
Teques und Baruta hatte damals die Spanier hergelockt, aber sie waren noch
nicht Herren des ganzen Thals und blieben lieber nahe am Weg zur Kste.
Die Stadt Quito liegt gleichfalls im engsten, unebensten Theil eines Thals
zwischen zwei schnen Ebenen (Turupamba und Rumipamba), wo man sich htte
anbauen knnen, wenn man die alten indianischen Bauten htte wollen liegen
lassen.

Vom Zollhaus la Pastora ber den Platz Trinidad und die _Plaza major_ nach
Santa Rosalia und an den Rio Guayre geht es immer abwrts. Nach meinen
barometrischen Messungen liegt das Zollhaus 39 Toisen ber dem Platze
Trinidad, wo ich meine astronomischen Beobachtungen gemacht habe,
letzterer 8 Toisen ber dem Pflaster vor der Hauptkirche auf dem groen
Platz, und dieser 32 Toisen ber dem Guayreflu bei la Noria. Trotz des
abschssigen Bodens fahren Wagen in der Stadt, man bedient sich ihrer aber
selten. Drei Bche, die vom Gebirge herabkommen, der Anauco, Catuche und
Caraguata, laufen von Nord nach Sd durch die Stadt; sie haben sehr hohe
Ufer, und mit den ausgetrockneten Betten von Gebirgswassern, welche darin
auslaufen und das Terrain durchschneiden, erinnern sie im Kleinen an die
berhmten _Guaicos_ in Quito.(24) Man trinkt in Caracas das Wasser des Rio
Catuche, aber die Wohlhabenden lassen das Wasser aus Valle, einem eine
Meile weit sdwrts gelegenen Dorfe, kommen. Dieses Wasser, so wie das aus
dem Gamboa gelten fr sehr gesund, weil sie ber Sassaparillwurzeln(25)
laufen. Ich habe keine Spur von Arom oder Extractivstoff darin finden
knnen; das Wasser von Valle enthlt keinen Kalk, aber etwas mehr
Kohlensure als das Wasser aus dem Anauco. Die neue Brcke ber den
letzteren Flu ist schn gebaut und belebt von den Spaziergngern, welche
gegen Candelaria zu die Strae von Chacao und Petara aufsuchen. Man zhlt
in Caracas acht Kirchen, fnf Klster und ein Theater, das 15 bis 1800
Zuschauer fat. Zu meiner Zeit war das Parterre, in dem Mnner und Frauen
gesonderte Sitze haben, nicht bedeckt. Man sah zugleich die Schauspieler
und die Sterne. Da das nebligte Wetter mich um viele
Trabantenbeobachtungen brachte, konnte ich von einer Loge im Theater aus
bemerken, ob Jupiter in der Nacht sichtbar seyn werde. Die Straen von
Caracas sind breit, gerade gezogen und schneiden sich unter rechten
Winkeln, wie in allen Stdten, welche die Spanier in Amerika gegrndet.
Die Huser sind gerumig und hher, als sie in einem Lande, das Erdbeben
ausgesetzt ist, seyn sollten. Im Jahre 1800 waren die zwei Pltze Alta
Gracia und San Francisco sehr hbsch: ich sage im Jahr 1800, denn die
furchtbaren Erderschtterungen am 26. Mrz 1812 haben fast die ganze Stadt
zerstrt. Sie ersteht langsam aus ihren Trmmern; der Stadttheil la
Trinidad, in dem ich wohnte, ward ber den Haufen geworfen, als ob eine
Mine darunter gesprungen wre.

Durch das enge Thal und die Nhe der hohen Berge Avila und Silla erhlt
die Gegend von Caracas einen ernsten, dstern Anstrich, besonders in der
khlsten Jahreszeit, in den Monaten November und December. Die Morgen sind
dann ausnehmend schn; bei reinem klarem Himmel hat man die beiden Dome
oder abgerundeten Pyramiden der Silla und den gezackten Kamm des Cerro de
Avila vor sich. Aber gegen Abend trbt sich die Luft; die Berge umziehen
sich, Wolkenstreifen hngen an ihren immergrnen Seiten und theilen sie
gleichsam in bereinanderliegende Zonen. Allmhlich verschmelzen diese
Zonen, die kalte Luft, die von der Silla herabkommt, staut sich im engen
Thal und verdichtet die leichten Dnste zu groen flockigten Wolken. Diese
Wolken senken sich oft bis ber das Kreuz von Guayra herab und man sieht
sie dicht am Boden gegen la Pastora und das benachbarte Quartier Trinidad
fortziehen. Beim Anblick dieses Wolkenhimmels meinte ich nicht in einem
gemigten Thale der heien Zone, sondern mitten in Deutschland, auf den
mit Fichten und Lerchen bewachsenen Bergen des Harzes zu seyn.

Aber dieser dstere, schwermthige Charakter der Landschaft, dieser
Contrast zwischen dem heitern Morgen und dem bedeckten Himmel am Abend ist
mitten im Sommer verschwunden. Im Juni und Juli sind die Nchte hell und
ausnehmend schn; die Luft behlt fast bestndig die den Hochebenen und
hochgelegenen Thlern eigenthmliche Reinheit und Durchsichtigkeit, so
lange sie ruhig bleibt und der Wind nicht Schichten von verschiedener
Temperatur durcheinander wirft. In dieser Sommerzeit prangt die
Landschaft, die ich nur wenige Tage zu Ende Januars in schner Beleuchtung
gesehen, in ihrer vollen Pracht. Die beiden runden Gipfel der Silla
erscheinen in Caracas fast unter demselben Hhenwinkel(26) wie der Pic von
Teneriffa im Hafen von Orotava. Die untere Hlfte des Bergs ist mit kurzem
Rasen bedeckt; dann kommt die Zone der immergrnen Strucher, die zur
Blthezeit der Befaria, der Alpenrose des tropischen Amerika, purpurroth
schimmert. Ueber dieser Waldregion steigen zwei Felsmassen in Kuppelform
empor. Sie sind vllig kahl und dadurch erscheint der Berg, der im
gemigten Europa kaum die Schneegrenze erreichte, hher, als er wirklich
ist. Mit diesem groartigen Prospekt der Silla und der Bergscenerie im
Norden der Stadt steht der angebaute Strich des Thals, die lachende Ebene
von Chacao, Petare und la Vega im angenehmsten Contrast.

Man hrt das Klima von Caracas oft einen ewigen Frhling nennen, und
dasselbe findet sich berall im tropischen Amerika auf der halben Hhe der
Cordilleren, zwischen 400 und 900 Toisen ber dem Meer, wenn nicht sehr
breite Thler und Hochebenen und drrer Boden die Intensitt der
strahlenden Wrme bermig steigern. Was lt sich auch Kstlicheres
denken als eine Temperatur, die sich bei Tag zwischen 20 und 26, bei Nacht
zwischen 16 und 18 Grad hlt, und in der der Bananenbaum, der Orangenbaum,
der Kaffeebaum, der Apfelbaum, der Aprikosenbaum und der Weizen neben
einander gedeihen! Ein einheimischer Schriftsteller vergleicht auch
Caracas mit dem Paradiese und findet im Anauco und den benachbarten Bchen
die vier Flsse desselben.

Leider ist in diesem so gemigten Klima die Witterung sehr unbestndig.
Die Einwohner von Caracas klagen darber, da sie an Einem Tage
verschiedene Jahreszeiten haben und die Uebergnge von einer Jahreszeit
zur andern sehr schroff sind. Hufig folgt z. B. im Januar auf eine Nacht
mit einer mittleren Temperatur von 16 ein Tag, an dem der Thermometer im
Schatten acht Stunden lang ber 22 steht. Am selben Tage kommen aber
Wrmegrade von 24 und von 18 vor. Dergleichen Schwankungen sind in den
gemigten Landstrichen Europas ganz gewhnlich, in der heien Zone aber
sind selbst die Europer so sehr an die Gleichfrmigkeit der ueren Reize
gewhnt, da ein Temperaturwechsel von 6 Grad ihnen beschwerlich wird. In
Cumana und berall in der Niederung ndert sich die Temperatur von 11 Uhr
Morgens bis 11 Uhr Abends gewhnlich nur um 2--3 Grad. Zudem uern diese
atmosphrischen Schwankungen in Caracas auf den menschlichen Organismus
strkeren Einflu, als man nach dem bloen Thermometerstande glauben
sollte. Im engen Thale wird die Luft so zu sagen im Gleichgewicht gehalten
von zwei Winden, deren einer von West, von der Seeseite weht, whrend der
andere von Ost, aus dem Binnenlande kommt. Ersterer heit der Wind von
Catia, weil er von Catia, westwrts von Cabo Blanco, durch die Schlucht
Tipe heraufkommt, deren wir oben bei Gelegenheit des Projekts einer neuen
Strae und eines neuen Hafens, statt der Strae und des Hafens von Guayra,
erwhnt haben. Der Wind von Catia ist aber nur scheinbar ein Westwind,
meist ist es der Seewind aus Ost und Nordost, der, wenn er stark blst,
sich in der Quebrada de Tipe fngt. Von den hohen Bergen Aguas Negras
zurckgeworfen, kommt der Wind nach Caracas herauf auf der Seite des
Kapuzinerklosters und des Rio Caraguata. Er ist sehr feucht und das Wasser
schlgt sich auf ihm nieder, im Maae als er sich abkhlt; der Gipfel der
Silla umzieht sich daher auch mit Wolken, sobald der Catia ins Thal
dringt. Die Einwohner von Caracas frchten sich sehr vor ihm; Personen mit
reizbarem Nervensystem verursacht er Kopfschmerzen. Ich habe welche
gekannt, die, um sich dem Winde nicht auszusetzen, nicht aus dem Hause
gehen, wie man in Italien thut, wenn der Sirocco weht. Ich glaubte whrend
meines Aufenthalts in Caracas gefunden zu haben, da der Wind von Catia
reiner (etwas reicher an Sauerstoff) sey als der Wind von Petare; ich
meinte auch, seine reizende Wirkung mchte eben von dieser Reinheit
herrhren. Aber die Mittel, die ich angewendet, sind sehr unzuverlig.
Der Wind von Petare kommt von Ost und Sdost, vom stlichen Ende des
Guayrethals herein und fhrt die trockenere Luft des Gebirgs und des
Binnenlandes herbei; er zerstreut die Wolken und lt den Gipfel der Silla
in seiner ganzen Pracht hervortreten.

Bekanntlich sind die Vernderungen, welche die Mischung der Luft an einem
gegebenen Ort durch die Winde erleidet, auf eudiometrischem Wege nicht zu
ermitteln, da die genauesten Methoden nur 0,003 Sauerstoff angeben. Die
Chemie kennt noch kein Mittel, um den Inhalt zweier Flaschen zu
unterscheiden, von denen die eine whrend des Sirocco oder des Catia mit
Luft gefllt worden ist, und die andere, bevor diese Winde wehten. Es ist
mir jetzt wahrscheinlich, da der auffallende Effekt des Catia und aller
Luftstrmungen, die im gemeinen Glauben verrufen sind, vielmehr dem
Wechsel in Feuchtigkeit und Temperatur als chemischen
Mischungsvernderungen zuzuschreiben sind. Man braucht keine Miasmen von
der ungesunden Seekste nach Caracas heraufkommen zu lassen; es ist sehr
begreiflich, da Menschen, die an die trockenere Gebirgsluft gewhnt sind,
es sehr unangenehm empfinden, wenn die sehr feuchte Seeluft durch die
Tipeschlucht wie ein aufsteigender Strom in das hohe Thal von Caracas
heraufkommt, hier durch die Ausdehnung, die sie erleidet, und durch die
Berhrung mit klteren Schichten sich abkhlt und einen bedeutenden Theil
ihres Wassers niederschlgt. Diese Unbestndigkeit der Witterung, diese
etwas schroffen Uebergnge von trockener, heller zu feuchter, nebligter
Luft, sind Uebelstnde, die Caracas mit der ganzen gemigten Region unter
den Tropen, mit allen Orten gemein hat, die in einer Meereshhe von 4--800
Toisen entweder auf kleinen Hochebenen oder am Abhang der Cordilleren
liegen, wie Xalapa in Mexico und Guaduas in Neu-Grenada. Bestndig
heiterer Himmel einen groen Theil des Jahres hindurch kommt nur in den
Niederungen an der See vor, und wiederum in sehr bedeutenden Hhen, auf
den weiten Hochebenen, wo die gleichfrmige Strahlung des Bodens die
Auflsung der Dunstblschen zu befrdern scheint. Die dazwischen liegende
Zone beginnt mit den ersten Wolkenschichten, die sich ber der
Erdoberflche lagern. Unbestndigkeit und viele Nebel bei sehr milder
Temperatur sind der Witterungscharakter dieser Region.

Trotz der hohen Lage ist der Himmel in Caracas gewhnlich weniger blau als
in Cumana. Der Wasserdunst ist dort nicht so vollkommen aufgelst, und wie
in unserem Klima wird durch die strkere Zerstreuung des Lichts die Farbe
der Luft geschwcht, indem sich Wei dem Blau beimischt. Die Intensitt
des Himmelsblau war auf dem Saussureschen Cyanometer vom November bis
Januar im Durchschnitt 18, nie ber 20 Grad, an den Ksten dagegen 22--25
Grad. Ich habe im Thal von Caracas die Bemerkung gemacht, da der Wind von
Petare das Himmelsgewlbe zuweilen auffallend bla frbt. Am 23. Januar
war das Blau des Himmels um Mittag im Zenith heller, als ich es je in der
heien Zone gesehen. Es war gleich 12 Grad des Cyanometers; die Luft war
dabei vollkommen durchsichtig, wolkenlos und auffallend trocken. Sobald
der starke Wind von Petare nachlie, stieg das Blau im Zenith auf 16 Grad.
Zur See habe ich hufig, wenn auch in geringerem Grade, einen hnlichen
Einflu des Windes auf die Farbe der Luft beim heitersten Himmel
beobachtet.

Welches ist die mittlere Temperatur von Caracas? Wir kennen sie nicht so
genau wie die von Santa Fe de Bogota und Mexico. Ich glaube indessen
darthun zu knnen, da sie nicht viel ber oder unter 21--22 betrgt.
Nach eigenen Beobachtungen fand ich fr die drei sehr khlen Monate
November, December und Januar als Durchschnitt des tglichen Maximum und
Minimum der Temperatur 20,2, 20,1, 20,2. Nach dem aber, was wir jetzt
ber die Vertheilung der Wrme in den verschiedenen Jahreszeiten und in
verschiedenen Meereshhen wissen, lt sich annhernd aus der mittleren
Temperatur einiger Monate die mittlere Temperatur des ganzen Jahres
berechnen, ungefhr wie man auf die Hhe eines Gestirns im Meridian aus
Hhen, die auerhalb des Meridians gemessen werden, einen Schlu zieht.
Das Ergebni, das ich fr richtig halte, ist nun aber auf folgendem Wege
gewonnen worden. In Santa Fe de Bogota weicht nach Caldas der Januar von
der mittleren Jahrestemperatur nur um 0,2 ab; in Mexico, also der
gemigten Zone schon sehr nahe, betrgt der Unterschied im Maximum 3. In
Guayra bei Caracas weicht der klteste Monat vom jhrlichen Mittel um 4,9
ab; aber wenn auch im Winter zuweilen die Luft von Guayra (oder von Catia)
durch die Quebrada de Tipe ins hohe Thal von Caracas heraufkommt, so
erhlt dasselbe dagegen einen greren Theil des Jahrs hindurch die Ost-
und Sdostwinde von Caurimare her und aus dem Binnenland. Wir wissen nach
unmittelbaren Beobachtungen, da in Guayra und Caracas die Temperatur der
kltesten Monate 23,2 und 20,1 betrgt. Diese Unterschiede sind der
Ausdruck einer Temperaturabnahme, die im Thale von Caracas zugleich von
der hohen Lage (oder von der Ausdehnung der Luft im aufsteigenden Strome)
und vom Conflikt der Winde von Catia und von Petare herbeigefhrt wird.

Nach einer kleinen Reihe von Beobachtungen, die ich in drei Jahren theils
in Caracas selbst, theils in Chacao, ganz in der Nhe der Hauptstadt,
angestellt, hielt sich der hunderttheilige Thermometer in der kalten
Jahreszeit bei Tage meistens zwischen 21 und 22, bei Nacht zwischen 16
und 17.(27) In der heien Jahreszeit, im Juli und August, steigt er bei
Tag auf 25--26, bei Nacht auf 22--23.(28) Die ist der gewhnliche
Zustand der Atmosphre, und dieselben Beobachtungen, mit einem von mir
berichtigten Instrument angestellt, ergeben *als mittlere
Jahrestemperatur* von Caracas etwas mehr als 21,5. Eine solche kommt aber
im System der cisatlantischen Klimate auf Ebenen unter dem
36--37. Breitengrade vor. Es ist wohl berflssig zu bemerken, da dieser
Vergleich sich nur auf die Summe von Wrme bezieht, die sich an jedem
Punkte im Laufe des ganzen Jahrs entwickelt, keineswegs auf's *Klima*, das
heit auf die Vertheilung der Wrme unter die verschiedenen Jahreszeiten.

Sehr selten sieht man in Caracas im Sommer die Temperatur ein paar Stunden
lang auf 29 [23,2 R] steigen; sie soll im Winter unmittelbar nach
Sonnenaufgang schon auf 11 [8,8 R] gesunken seyn. So lange ich mich in
Caracas aufhielt, waren das Maximum und das Minimum nur 25 und 12,5. Die
Klte bei Nacht ist um so empfindlicher, da dabei meist nebligtes Wetter
ist. Wochenlang konnte ich weder Sonnen- noch Sternhhen messen. Der
Uebergang von herrlich durchsichtiger Luft zur vlligen Dunkelheit erfolgt
so rasch, da nicht selten, wenn ich schon, eine Minute vor dem Eintritt
eines Trabanten, das Auge am Fernrohr hatte, mir der Planet und meine
nchste Umgebung mit einander im Nebel verschwanden. In Europa ist in der
gemigten Zone die Temperatur auf den Gebirgen etwas gleichfrmiger als
in den Niederungen. Beim Gotthardtshospiz z. B. ist der Unterschied
zwischen den mittleren Temperaturen der wrmsten und der kltesten Monate
17,3, whrend derselbe unter der nmlichen Breite beinahe am
Meeresspiegel 20--21 betrgt. Die Klte nimmt auf unsern Bergen nicht so
rasch zu, wie die Wrme abnimmt. Wenn wir den Cordilleren nher kommen,
werden wir sehen, da in der heien Zone das Klima in den Niederungen
gleichfrmiger ist als auf den Hochebenen. In Cumana und Guayra (denn man
darf keine Orte anfhren, wo die Nordwinde einige Monate lang das
Gleichgewicht der Atmosphre stren) steht der Thermometer das ganze Jahr
zwischen 21 und 35; in Santa Fe und Quito kommen Schwankungen zwischen 3
und 22 vor, wenn man, nicht die kltesten und heiesten Tage, sondern
Stunden des Jahres vergleicht. In den Niederungen, wie in Cumana, ist der
Unterschied zwischen Tag und Nacht meist nur 3--4; in Quito fand ich
diesen Unterschied (ich zog dabei jeden Tag und jede Nacht das Mittel aus
4--5 Beobachtungen) gleich 7. In Caracas, das fast dreimal weniger hoch
und auf einer unbedeutenden Hochebene liegt, sind die Tage im November und
December noch um 5--5,5 wrmer als die Nchte. Diese Erscheinungen von
nchtlicher Abkhlung mgen auf den ersten Anblick berraschen; sie
modificiren sich durch die Erwrmung der Hochebenen und Gebirge den Tag
ber, durch das Spiel der niedergehenden Luftstrme, besonders aber durch
die nchtliche Wrmestrahlung in der reinen, trockenen Luft der
Cordilleren.

In den drei Monaten April, Mai und Juni regnet es in Caracas sehr viel.
Die Gewitter kommen immer aus Ost und Sdost, von Petare und Valle her. In
den tief gelegenen Landstrichen hagelt es nicht unter den Tropen; in
Caracas aber kommt es so ziemlich alle 4--5 Jahre einmal vor. Man hat
sogar in noch tieferen Thlern hageln sehen, und diese Erscheinung macht
dann einen ungemeinen Eindruck auf das Volk. Ein Meteorsteinfall ist bei
uns nicht so selten als im heien Erdstrich, trotz der hufigen Gewitter,
Hagel unter 300 Toisen Meereshhe.

Im khlen, kstlichen Klima, das wir eben geschildert, gedeihen noch die
tropischen Gewchse. Das Zuckerrohr wird sogar in noch hheren
Landstrichen als Caracas gebaut; man pflanzt aber im Thale wegen der
trockenen Lage und des steinigten Bodens lieber den Kaffeebaum, der nicht
viele, aber ausgezeichnet gute Frchte gibt. In der Blthezeit des
Strauchs gewhrt die Ebene nach Chacao hin den lachendsten Anblick. Der
Bananenbaum in den Pflanzungen um die Stadt ist nicht der groe _Platano
harton_ sondern die Varietten Camburi und Dominico,(29) die weniger Wrme
nthig haben. Die groen Bananen auf dem Markte von Caracas kommen aus den
Haciendas von Turiamo an der Kste zwischen Burburata und Porto-Cabello.
Die schmackhaftesten Ananas sind die von Baruta, Empedrado und von den
Hhen von Buenavista auf dem Wege nach Victoria. Kommt ein Reisender zum
erstenmal in das Thal von Caracas herauf, so ist er angenehm berrascht,
neben dem Kaffeebaum und Bananenbaum unsere Kchenkruter, Erdbeeren,
Weinreben und fast alle Obstbume der gemigten Zone zu finden. Die
gesuchtesten Pfirsiche und pfel kommen von Macarao, am westlichen Ausgang
des Thals. Der Quittenbaum, dessen Stamm nur vier bis fnf Fu hoch wird,
ist dort so gemein, da er fast verwildert ist. Eingemachtes von Apfeln
und besonders von Quitten ist sehr beliebt, da man hier zu Lande meint,
ehe man Wasser trinkt, msse man durch Sigkeiten den Durst reizen. Je
strker man in der Umgebung der Stadt Kaffee baute und je mehr mit den
Pflanzungen, die nicht lter sind als 1793, die Zahl der Arbeitsneger
stieg, desto mehr hat der Mais- und Gemsebau die zerstreuten Apfel- und
Quittenbume aus den Savanen verdrngt. Der Reisfelder, die man bewssert,
waren frher in der Ebene von Chacao mehr als jetzt. Ich habe in dieser
Provinz, wie in Mexico und in allen hochgelegenen Lndern der heien Zone,
die Bemerkung gemacht, da da, wo der Apfelbaum vortrefflich gedeiht, der
Birnbaum nur schwer fortzubringen ist. Man hat mich versichert, die
ausgezeichnet guten pfel, die man auf dem Markte kauft, wachsen bei
Caracas auf ungeimpften Stmmen. Kirschbume gibt es nicht; die
Olivenbume, die ich im Hof des Klosters San Felipe de Neri gesehen, sind
gro und schn; aber eben wegen des ppigen Wachsthums tragen sie keine
Frchte.

Wenn die Luftbeschaffenheit des Thals allen landwirthschaftlichen
Produkten, die in den Colonien gebaut werden, ungemein gnstig ist, so
lt sich von der Gesundheit der Einwohner und der in der Hauptstadt von
Venezuela lebenden Fremden nicht dasselbe sagen. Das uerst unbestndige
Wetter und die hufige Unterdrckung der Hautausdnstung erzeugen
catarrhalische Beschwerden, die in den mannigfachsten Formen auftreten.
Hat sich der Europer einmal an die starke Hitze gewhnt, so bleibt er in
Cumana, in den Thlern von Aragua, berall, wo die Niederung unter den
Tropen nicht zugleich sehr feucht ist, gesunder als in Caracas und all den
Gebirgslndern, wo der gepriesene bestndige Frhling herrschen soll.

Als ich vom gelben Fieber in Guayra sprach, gedachte ich der allgemein
verbreiteten Meinung, da diese schreckliche Krankheit fast eben so wenig
von der Kste von Venezuela nach der Hauptstadt wandere, als von der Kste
von Mexico nach Xalapa. Diese Meinung sttzt sich auf die Erfahrung der
letzten zwanzig Jahre. Von den Epidemien, die im Hafen von Guayra
herrschten, wurde in Caracas fast nichts bemerkt. Es sollte mir leid thun,
wenn ich durch eingebildete Besorgnisse die Bewohner der Hauptstadt aus
ihrer Sicherheit aufschreckte; ich bin aber durchaus nicht berzeugt, da
der amerikanische Typhus, wenn er durch den starken Verkehr im Hafen auf
der Kste einheimischer wird, nicht eines Tags, wenn besondere klimatische
Verhltnisse ihm Vorschub leisten, im Thal sehr oft auftreten knnte. Denn
die mittlere Temperatur desselben ist immer noch so hoch, da der
Thermometer sich in den heiesten Monaten zwischen 22 und 26 Grad
[17--20 R] hlt. Wenn sich nicht wohl bezweifeln lt, da dieser Typhus
in der gemigten Zone durch Berhrung ansteckend ist, wie sollte man da
sicher seyn, da er bei groer Bsartigkeit nicht auch in der heien Zone
in einer Gegend ansteckend wird, wo vier Meilen von der Kste die
Sommertemperatur die Disposition des Krpers noch steigert? Die Lage von
Xalapa am Abhang der mexicanischen Gebirge bietet ungleich mehr
Sicherheit, da die Stadt weniger volkreich und fnfmal weiter von der See
entfernt ist als Caracas, da sie um 230 Toisen hher liegt und ihre
mittlere Temperatur 3 Grad weniger betrgt. Im Jahre 1696 weihte ein
Bischof von Venezuela, Diego de Baos, eine Kirche (_ermita_) der heiligen
Rosalia von Palermo, weil sie die Hauptstadt vom schwarzen Erbrechen,
_vomito negro_, erlst, nachdem es sechzehn Monate gewthet. Ein Hochamt,
das alle Jahre zu Anfang Septembers in der Hauptkirche begangen wird, ist
zum Andenken an diese Seuche gestiftet, wie denn in den spanischen
Colonien auch die Tage, an denen groe Erdbeben stattgefunden, durch
Prozessionen im Gedchtni erhalten werden. Das Jahr 1696 war wirklich
durch eine Gelbefieberepidemie ausgezeichnet, die auf allen Antillen
herrschte, wo die Krankheit sich erst seit dem Jahr 1688 eigentlich
festzusetzen begonnen hatte; wie soll man aber in Caracas an eine Epidemie
des schwarzen Erbrechens glauben, die ganze sechzehn Monate gedauert, und
also die sehr khle Jahreszeit, in der der Thermometer auf 12 oder 13
Grade fllt, berdauert htte? Sollte der Typhus im hohen Thale von
Caracas lter seyn als in den besuchteren Hfen von Terra Firma? In diesen
war er, nach Ulloa, vor dem Jahr 1729 nicht bekannt, und so bezweifle ich,
da die Epidemie von 1696 das gelbe Fieber oder der chte amerikanische
Typhus war. Schwarze Ausleerungen kommen in remittirenden Gallenfiebern
hufig vor und sind an und fr sich so wenig als das Blutspeien fr die
schreckliche Krankheit charakteristisch, die man gegenwrtig in der Havana
und in Vera Cruz unter dem Namen _vomito_ kennt. Wenn aber keine genaue
Beschreibung vorliegt, aus der hervorgeht, da der amerikanische Typhus in
Caracas schon zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts geherrscht habe, so ist
es leider nur zu gewi, da diese Krankheit in dieser Hauptstadt im Jahr
1802 eine Menge junger europischer Soldaten weggerafft hat. Der Gedanke
ist beunruhigend, da mitten in der heien Zone ein 450 Toisen hoch, aber
sehr nahe an der See gelegenes Plateau die Einwohner keineswegs vor einer
Seuche schtzt, die, wie man meint, nur in den Niederungen an der Kste zu
Hause ist.

                            ------------------





   20 Die _Capitanio general_ von Caracas hat 48,000 Quadratmeilen (25 auf
      den Grad) Umfang, Peru 30,000, Neu-Grenada 65,000. Es ist die das
      Ergebni von Oltmanns Berechnung, wobei die Vernderungen zu Grunde
      gelegt sind, welche die Karten von Amerika durch meine
      astronomischen Bestimmungen erlitten haben.

   21 So heien in Spanien die Bewohner der Gebirge von Santander.

   22 Nach dem Vorgang von *Anglo-Amerikaner*, welcher Ausdruck in alle
      europischen Sprachen bergegangen ist. In den spanischen Colonien
      heien die in Amerika geborenen Weien *Spanier*, die wirklichen
      Spanier aus dem Mutterland *Europer*, *Gachupins* oder *Chapetons*

   23 1567, spter als Cumana, Coro, Nueva Barcelona und Caravalleda.

   24 S. Bd. I. Seite 238.

   25 In ganz Amerika glaubt man, das Wasser nehme die Eigenschaften der
      Gewchse an, in deren Schatten es fliet. So rhmt man an der
      Magellanscheu Meerenge das Wasser, das mit den Wurzeln der
      _Winterana Canella_ in Berhrung kommt.

   26 Ich fand auf dem Platze Trinidad die scheinbare Hhe der Silla
      11 12{~PRIME~} 49{~DOUBLE PRIME~}. Ihr Abstand betrgt etwa 4500 Toisen.

   27 Nach Reaumur bei Tag 16,8--18, bei Nacht 12,8-13,6.

   28 Nach Reaumur bei Tag 20--20,8, bei Nacht 17,6--18,4.

   29 S. Bd. I, S. 80





DREIZEHNTES KAPITEL.


     Aufenthalt in Caracas. -- Berge um die Stadt. -- Besteigung des
                            Gipfels der Silla.


Ich blieb zwei Monate in Caracas. Bonpland und ich wohnten in einem
groen, fast ganz frei stehenden Hause im hchsten Theil der Stadt. Auf
einer Galerie bersahen wir mit Einem Blick den Gipfel der Silla, den
gezackten Kamm des Galipano und das lachende Guayrethal, dessen ppiger
Anbau von den finstern Bergwnden umher absticht. Es war in der trockenen
Jahreszeit. Um die Weide zu verbessern, zndet man die Savanen und den
Rasen an, der die steilsten Felsen bedeckt. Diese groen Brnde bringen,
von weitem gesehen, die berraschendsten Lichteffekte hervor. Ueberall wo
die Savanen lngs der aus- und einspringenden Felsgehnge die von den
Bergwassern eingerissenen Schluchten ausfllen, nehmen sich die brennenden
Bodenstreifen bei dunkler Nacht wie Lavastrme aus, die ber dem Thale
hngen. Ihr starkes, aber ruhiges Licht frbt sich rthlich, wenn der
Wind, der von der Silla herunter kommt, Wolkenzge ins Thal niedertreibt.
Andere male, und dann ist der Anblick am groartigsten, sind die
Lichtstreifen in dickes Gewlk gehllt und kommen nur da und dort durch
Risse zum Vorschein, und wenn dann die Wolken steigen, zeigen sich ihre
Rnder glnzend beleuchtet. Diese mannigfaltigen Erscheinungen, wie sie
unter den Tropen hufig vorkommen, werden noch anziehender durch die Form
der Berge, durch die Stellung der Abhnge und die Hhe der mit
Alpenkrutern bewachsenen Savanen. Den Tag ber jagt der Wind von Petare
von Osten her den Rauch ber die Stadt und macht die Luft weniger
durchsichtig.

Hatten wir Ursache, mit der Lage unserer Wohnung zufrieden zu seyn, so
waren wir es noch viel mehr mit der Aufnahme, die uns von den Einwohnern
aller Stnde zu Theil wurde. Ich habe die Verpflichtung, der edlen
Gastfreundschaft zu gedenken, die wir bei dem damaligen Generalcapitn der
Provinzen von Venezuela, Herrn von Guevara Vasconzelos, genossen. Es ward
mir das Glck zu Theil, das nur wenige Spanier mit mir theilen, hinter
einander Caracas, Havana, Santa Fe de Bogota, Quito, Lima und Mexico zu
besuchen, und in diesen sechs Hauptstdten des spanischen Amerika brachten
mich meine Verhltnisse mit Leuten aller Stnde in Verbindung; dennoch
erlaube ich mir nicht, mich ber die verschiedenen Stufen der Cultur
auszusprechen, welche die Gesellschaft in jeder Colonie bereits erstiegen.
Es ist leichter, die Schattirungen der Nationalcultur und die vorzugsweise
Richtung der geistigen Entwicklung anzugeben, als zu vergleichen und zu
classificiren, was sich nicht unter Einen Gesichtspunkt bringen lt. In
Mexico und Santa Fe de Bogota schien mir die Neigung zu ernsten
wissenschaftlichen Studien vorherrschend, in Quito und Lima fand ich mehr
Sinn fr schne Literatur und Alles, was eine lebendige, feurige
Einbildungskraft anspricht, in der Havana und in Caracas grere Bildung
hinsichtlich der allgemeinen politischen Verhltnisse, umfassendere
Ansichten ber die Zustnde der Colonien und der Mutterlnder. Der starke
Handelsverkehr mit Europa und das Meer der Antillen, das wir oben als ein
Mittelmeer mit mehreren Ausgngen beschrieben, haben auf die
gesellschaftliche Entwicklung auf Cuba und in den schnen Provinzen von
Venezuela gewaltigen Einflu geuert. Nirgends sonst im spanischen
Amerika hat die Civilisation eine so europische Frbung angenommen. Die
Menge Ackerbau treibender Indianer in Mexico und im Innern von Neu-Grenada
gibt diesen groen Lndern einen eigenthmlichen, man knnte sagen
exotischeren Charakter. Trotz der Zunahme der schwarzen Bevlkerung glaubt
man sich in der Havana und in Caracas nher bei Cadix und den Vereinigten
Staaten als in irgend einem Theil der neuen Welt.

Da Caracas auf dem Festland liegt und die Bevlkerung nicht so beweglich
ist als auf den Inseln, haben sich die volksthmlichen Gebruche mehr
erhalten als in der Havana. Sehr geruschvolle und sehr mannigfaltige
Zerstreuungen bietet die Gesellschaft nicht, aber im Kreise der Familien
empfindet man das Behagen, das munteres Wesen und Herzlichkeit im Verein
mit seiner Sitte in uns erzeugen. Es gibt in Caracas, wie berall, wo eine
groe Umwlzung in den Vorstellungen bevorsteht, zwei Menschenklassen, man
knnte sagen zwei streng geschiedene Generationen. Die eine, nicht mehr
sehr zahlreiche, hlt fest an den alten Bruchen und hat die alte
Sitteneinfalt und Migung in Wnschen und Begierden bewahrt. Sie lebt nur
in der Vorzeit; in ihrer Vorstellung ist Amerika Eigenthum ihrer
Voreltern, die es erobert haben. Sie verabscheut die sogenannte Aufklrung
des Jahrhunderts und hegt sorgfltig, wie einen Theil ihres Erbguts, die
berlieferten Vorurtheile. Die andere lebt weniger in der Gegenwart als in
der Zukunft und hat eine nicht selten leichtfertige Vorliebe fr neue
Sitten und Ideen. Kommt zu dieser Neigung der Trieb, sich grndlich zu
bilden, wird sie von einem krftigen, hellblickenden Geiste gezgelt und
gelenkt, so wird sie in ihren Wirkungen der Gesellschaft ersprielich. Ich
habe in Caracas mehrere durch wissenschaftlichen Sinn, angenehme Sitten
und groartige Gesinnung gleich ausgezeichnete Mnner kennen gelernt, die
dieser zweiten Generation angehrten; aber auch andere, die auf alles
Schne und Achtungswrdige im spanischen Charakter, in der Literatur und
Kunst dieses Volks herabsahen und damit ihre eigene Nationalitt
einbten, ohne im Verkehr mit den Fremden richtige Begriffe ber die
wahren Grundlagen des ffentlichen Wohls und der gesellschaftlichen
Ordnung einzutauschen. Da seit der Regierung Karls V. der
Corporationsgeist und der Municipalha aus dem Mutterland in die Colonien
bergegangen sind, so findet man in Cumana und andern Handelsstdten von
Terra Firma Gefallen daran, die Adelsansprche der vornehmsten Familien in
Caracas, der sogenannten _'Mantuanos'_, mit Uebertreibung zu schildern.
Wie sich diese Ansprche frher geuert, wei ich nicht; es schien mir
aber, als ob die fortschreitende Bildung und die in den Sitten sich
vollziehende Umwandlung nach und nach und fast durchgngig den
gesellschaftlichen Unterschieden im Verkehr unter Weien alles Verletzende
benommen htten. In allen Colonien gibt es zweierlei Adel. Der eine
besteht aus Creolen, deren Vorfahren in jngster Zeit bedeutende Aemter in
Amerika bekleidet haben; er grndet seine Vorrechte zum Theil auf das
Ansehen, in dem er im Mutterlande steht; er glaubt sie auch ber dem Meere
festhalten zu knnen, gleichviel zu welcher Zeit er sich in den Colonien
niedergelassen; Der andere Adel haftet mehr am amerikanischen Boden; seine
Glieder sind Nachkommen der *Conquistadoren*, das heit der Spanier, die
bei der ersten Eroberung im Heere gedient. Mehrere dieser Krieger, der
Waffengenossen der Cortez, Losada und Pizarro, gehrten den vornehmsten
Familien der pyrenischen Halbinsel an; andere aus den untern Volksklassen
haben ihre Namen durch die ritterliche Tapferkeit, die ein bezeichnender
Zug des frhen sechzehnten Jahrhunderts ist, zu Ehren gebracht. Ich habe
oben daran erinnert,(30) da in der Geschichte dieser Zeit der religisen
und kriegerischen Begeisterung im Gefolge der groen Anfhrer mehrere
redliche, schlichte, gromthige Mnner auftraten. Sie eiferten wider die
Grausamkeiten, welche die Ehre des spanischen Namens befleckten; aber sie
verschwanden in der Menge und konnten der allgemeinen Aechtung nicht
entgehen. Der Name Conquistadores ist desto verhater geblieben, als die
wenigsten, nachdem sie. friedliche Vlker mihandelt und im Schooe des
Ueberflusses geschwelgt, dafr am Ende ihrer Laufbahn mit jenem schweren
Umschlag des Glcks gebt haben, der den Ha der Menschen snftigt und
nicht selten das harte Urtheil der Geschichte mildert.

Aber nicht allein der Fortschritt der Cultur und der Conflikt zwischen
zwei Adelsklassen von verschiedenem Ursprung nthigt die privilegirten
Stnde ihre Ansprche aufzugeben oder doch aus Klugheit nicht merken zu
lassen. Die Aristokratie findet in den spanischen Colonien noch ein
anderes Gegengewicht, das sich von Tag zu Tag mehr geltend macht. Unter
den Weien hat sich das Gefhl der Gleichheit aller Gemther bemchtigt.
Ueberall, wo die Farbigen entweder als Sklaven oder als Freigelassene
angesehen werden, ist die angestammte Freiheit, das Bewutseyn, da man
nur Freie zu Ahnen hat, der eigentliche Adel. In den Colonien ist die
Hautfarbe das wahre uere Abzeichen desselben. In Mexico wie in Peru, in
Caracas wie auf Cuba kann man alle Tage einen Menschen, der barfu geht,
sagen hren: Will der reiche weie Mann weier seyn als ich? Da Europa
so groe Menschenmengen an Amerika abgeben kann, so ist begreiflich, da
der Satz: jeder Weie ist Ritter, _todo blanco es caballero_ den
altadeligen europischen Familien mit ihren Ansprchen sehr unbequem ist.
Noch mehr: dieser selbe Satz ist in Spanien bei einem wegen seiner
Biederkeit, seines Fleies und seines Nationalgeistes mit Recht geachteten
Volksstamm lngst anerkannt: jeder Biscayer nennt sich adelig, und da es
in Amerika und auf den Philippinen mehr Biscayer gibt als zu Hause auf der
Halbinsel, so haben die Weien von diesem Volksstamm nicht wenig dazu
beigetragen, den Grundsatz von der Gleichheit aller Menschen, deren Blut
nicht mit afrikanischem Blut vermischt ist, in den Colonien zur Geltung zu
bringen.

Zudem sind die Lnder, wo man, auch ohne Reprsentativregierung und ohne
Pairschaft, auf Stammbume und Geburtsvorzge so sehr viel hlt,
keineswegs immer die, wo die Familienaristokratie am verletzendsten
auftritt. Vergebens sucht man bei den Vlkern spanischen Ursprungs das
kalte, anspruchsvolle Wesen, das durch den Charakter der modernen Bildung
im brigen Europa nur noch allgemeiner zu werden scheint. In den Colonien
wie im Mutterlande knpfen Herzlichkeit, Unbefangenheit und groe
Anspruchslosigkeit des Benehmens ein Band zwischen allen Stnden. Ja, man
kann sagen, Eitelkeit und Selbstsucht verletzen um so weniger, da sie sich
mit einer gewissen Offenheit und Naivitt aussprechen.

Ich fand in Caracas in mehreren Familien Sinn fr Bildung; man kennt die
Hauptwerke der franzsischen und italienischen Literatur, man liebt die
Musik, man treibt sie mit Erfolg, und sie verknpft, wie die Pflege aller
schnen Kunst, die verschiedenen Stufen der Gesellschaft. Fr
Naturwissenschaften und zeichnende Knste bestehen hier keine groen
Anstalten, wie Mexico und Santa Fe sie der Freigebigkeit der Regierung und
dem patriotischen Eifer der spanischen Bevlkerung verdanken. In einer so
wundervollen, berschwenglich reichen Natur gab sich kein Mensch an dieser
Kste mit Botanik oder Mineralogie ab. Nur in einem Franciscanerkloster
fand ich einen ehrwrdigen Alten, der fr alle Provinzen von Venezuela den
Kalender berechnete und vom gegenwrtigen Stand der Astronomie einige
richtige Begriffe hatte. Unsere Instrumente waren ihm hchst merkwrdig,
und eines Morgens kamen uns smmtliche Franciscaner ins Haus und
verlangten zu unserer groen Ueberraschung einen Inclinationscompa zu
sehen. In Lndern, die vom vulkanischen Feuer unterhhlt sind, und in
einem Himmelsstrich, wo die Natur so groartig und dabei so geheimnivoll
unruhig ist, steigert sich von selbst die Aufmerksamkeit auf physikalische
Erscheinungen, und damit die Neubegier.

Wenn man daran denkt, da in den Vereinigten Staaten von Nordamerika in
kleinen Stdten von 3000 Einwohnern Zeitungen erscheinen, so wundert man
sich, wenn man hrt, da Caracas mit einer Bevlkerung von 40--50,000
Seelen bis zum Jahr 1806 keine Druckerei hatte; denn so kann man doch
nicht wohl Pressen nennen, auf denen man Jahr um Jahr einen Kalender von
ein paar Seiten oder ein bischfliches Ausschreiben zu Stande bringt. Der
Personen, denen Lesen ein Bedrfni ist, sind nicht sehr viele, selbst in
denjenigen spanischen Colonien, wo die Cultur am weitesten fortgeschritten
ist; es wre aber unbillig, den Colonisten zur Last zu legen, was das Werk
einer argwhnischen Staatskunst ist. Ein Franzose, Delpeche, der durch
Heirath einer der geachtetsten Familien des Landes angehrt, hat sich
durch die Errichtung der ersten guten Druckerei in Caracas verdient
gemacht. Es ist in unserer Zeit gewi eine auffallende Erscheinung, da
das krftigste Mittel des Gedankenaustausches nicht vor einer politischen
Umwlzung eingefhrt wird, sondern erst nachher.

In einem Land mit so reizenden Fernsichten, zu einer Zeit, wo trotz der
Aufstandsversuche die groe Mehrzahl der Einwohner nur an materielle
Interessen dachte, an die Fruchtbarkeit des Jahres, an die lange Drre, an
den Kampf zwischen den Winden von Petare und Catia, glaubte ich viele
Leute zu finden, welche mit den hohen Bergen in der Umgegend genau bekannt
wren; wir konnten aber in Caracas auch nicht Einen Menschen auftreiben,
der je auf dem Gipfel der Silla gewesen wre. Die Jger kommen in den
Bergen nicht bis oben hinauf, und in diesen Lndern geht kein Mensch
hinaus, um Alpenpflanzen zu sammeln, um Gebirgsarten zu untersuchen und
ein Barometer auf hohe Punkte zu bringen. Man ist an ein einfrmiges Leben
zwischen seinen vier Wnden gewhnt, man scheut die Anstrengung und die
raschen Witterungswechsel, und es ist, als lebe man nicht, um des Lebens
zu genieen, sondern eben nur, um fortzuleben.

Wir kamen auf unsern Spaziergngen hufig auf zwei Kaffeepflanzungen,
deren Eigenthmer angenehme Gesellschafter waren. Die Pflanzungen liegen
der Silla von Caracas gegenber. Wir betrachteten mit dem Fernrohr die
schroffen Abhnge des Berges und seine beiden Spitzen, und konnten so zum
voraus ermessen, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kmpfen haben wrden,
um auf den Gipfel zu gelangen. Nach den Hhenwinkeln, die ich auf unserem
Platze Trinidad aufgenommen, schien mir dieser Gipfel nicht so hoch ber
dem Meere zu liegen, als der groe Platz in der Stadt Quito. Diese
Schtzung stimmte aber schlecht mit den Vorstellungen der Bewohner des
Thals. Die Berge, welche ber groen Stdten liegen, erhalten eben dadurch
in beiden Continenten einen ungemeinen Ruf. Lange bevor man sie genau
gemessen hat, schreiben ihnen die Lokalgelehrten eine Hhe zu, die man
nicht in Zweifel ziehen kann, ohne gegen ein Nationalvorurtheil zu
verstoen.

Der Generalcapitn Guevara verschaffte uns Fhrer durch den *Teniente* von
Chacao. Es waren Schwarze, denen der Weg, der ber den Bergkamm an der
westlichen Spitze der Silla vorbei zur Kste fhrt, etwas bekannt war.
Dieser Weg wird von den Schleichhndlern begangen; aber weder unsere
Fhrer, noch die erfahrensten Leute in der Miliz, welche die
Schleichhndler in diesen Wildnissen verfolgen, waren je auf der stlichen
Spitze, dem eigentlichen Gipfel der Silla gewesen. Whrend des ganzen
Decembers war der Berg, dessen Hhenwinkel mich das Spiel der irdischen
Refraction beobachten lieen, nur fnfmal unumwlkt gewesen. Da in dieser
Jahreszeit selten zwei heitere Tage auf einander folgen, hatte man uns
gerathen, nicht bei hellem Wetter aufzubrechen, sondern zu einer Zeit, wo
die Wolken nicht hoch stehen und man hoffen darf, ber der ersten
gleichfrmig verbreiteten Dunstschicht in trockene, helle Luft zu
gelangen. Wir brachten die Nacht des 2. Januars in der *Estancia* de
Gallegos zu, einer Kaffeepflanzung, bei der in einer schattigen Schlucht
der Bach Chacaito, der vom Gebirge herab kommt, schne Flle bildet. Die
Nacht war ziemlich hell, und obgleich wir. am Vorabend eines
beschwerlichen Marsches gern einiger Ruhe genossen htten, harrten wir,
Bonpland und ich, die ganze Nacht auf drei Bedeckungen der
Jupiterstrabanten. Ich hatte die Zeitpunkte der Beobachtungen zum voraus
bestimmt und doch verfehlten wir alle, weil sich in die _Conaissance de
temps_ Rechnungsfehler eingeschlichen hatten. Ein bser Stern waltete ber
den Angaben hinsichtlich der Bedeckungen fr December und Januar: man
hatte mittlere und wahre Zeit verwechselt.

Dieses Migeschick machte mir groen Verdru, und nachdem ich vor
Sonnenaufgang die Intensitt der magnetischen Kraft am Fue des Berges
beobachtet, brachen wir um fnf Uhr Morgens mit den Sklaven, die unsere
Instrumente trugen, auf. Wir waren unser achtzehn Personen und gingen auf
schmalem Fupfad in einer Reihe hinter einander. Dieser Pfad luft ber
einen steilen, mit Rasen bedeckten Abhang. Man sucht zuerst den Gipfel
eines Hgels zu erreichen, der gegen Sdwest hin eine Art Vorgebirge der
Silla bildet. Derselbe hngt mit der Masse des Berges selbst durch einen
schmalen Damm zusammen, den die Hirten sehr bezeichnend die Pforte,
_Puerta de la Silla_ nennen. Wir erreichten ihn gegen sieben Uhr. Der
Morgen war schn und khl, und der Himmel schien bis jetzt unser Vorhaben
zu begnstigen. Der Thermometer stand ein wenig unter 14 (11,2 R.). Nach
dem Barometer waren wir bereits 685 Toisen ber dem Meer, das heit gegen
80 Toisen hher als die Venta, wo man die prchtige Aussicht auf die Kste
hat. Unsere Fhrer meinten, wir werden bis auf den Gipfel noch sechs
Stunden brauchen.

Wir gingen auf einem schmalen, mit Rasen bedeckten Felsdamm, und dieser
fhrte uns vom Vorgebirge der Puerta auf den Gipfel des groen Berges. Man
blickt zu beiden Seiten in zwei Thler nieder, die vielmehr dicht
bewachsene Spalten sind. Zur Rechten sieht man die Schlucht, die zwischen
beiden Gipfeln gegen den Hof Munnoz herabluft; links hat man unter sich
die Spalte des Chacaito, deren reiche Gewsser am Hofe Gallego
vorbeiflieen. Man hrt die Wasserflle rauschen, ohne den Bach zu sehen,
der im dichten Schatten der _Erythrina_, _Clusia_ und der indischen
Feigenbume [_Ficus nymphaeifolia_, _Erythrina mitis_] fliet. Nichts
malerischer in einem Erdstrich, wo so viele Gewchse groe, glnzende,
lederartige Bltter haben, als tief unter sich die Baumwipfel von den fast
senkrechten Sonnenstrahlen beleuchtet zu sehen.

Von der Puerta an wird der Berg immer steiler. Man mute sich stark
vorber beugen, um vorwrts zu kommen. Der Winkel betrgt hufig 30--32
Grad. Der Rasen ist dicht und er war durch die lange Trockenheit sehr
glatt geworden. Gerne htten wir Fueisen oder mit Eisen beschlagene
Stcke gehabt. Das kurze Gras bedeckt die Gneifelsen und man kann sich
weder am Grase halten, noch Stufen einschneiden, wie auf weicherem Boden.
Dieses mehr mhsame als gefhrliche Ansteigen wurde den Leuten aus der
Stadt, die uns begleitet hatten und das Bergsteigen nicht gewhnt waren,
bald zu viel. Wir verloren viele Zeit, um auf sie zu warten, und wir
entschlossen uns erst, unsern Weg allein fortzusetzen, als wir alle den
Berg wieder hinabgehen, statt weiter heraufkommen sahen. Der Himmel fing
an sich zu bedecken. Bereits stieg aus dem feuchten Buschwald, der ber
uns die Region der Alpensavanen begrenzte, der Nebel wie Rauch in dnnen,
geraden Streifen auf. Es war, als wre an mehreren Punkten des Waldes
zugleich Feuer ausgebrochen. Nach und nach ballten sich diese
Dunststreifen zusammen, lsten sich vom Boden ab und streiften, vom
Morgenwind gejagt, als leichtes Gewlk um den runden Gipfel des Gebirgs.

Die war fr Bonpland und mich ein untrgliches Zeichen, da wir bald in
dichten Nebel gehllt seyn wrden. Da wir besorgten, unsere Fhrer mchten
sich diesen Umstand zu Nutze machen, um uns im Stiche zu lassen, lieen
wir diejenigen, welche die unentbehrlichsten Instrumente trugen, vor uns
hergehen. Fortwhrend ging es am Abhang, gegen die Spalte des Chacaito zu,
aufwrts. Das vertrauliche Geschwtz der schwarzen Creolen stach
merkwrdig ab vom schweigsamen Ernst der Indianer, die in den Missionen
von Charipe unsere bestndigen Begleiter gewesen waren. Sie machten sich
ber die Leute lustig, die ein Unternehmen, zu dem sie sich lange
gerstet, so schnell aufgegeben hatten; am schlimmsten kam ein junger
Kapuziner weg, ein Professor der Mathematik, der immer wieder darauf kam,
da die europischen Spanier aller Stnde an Krperkraft und Muth den
Hispano-Amerikanern denn doch weit berlegen sehen. Er hatte sich mit
weien Papierstreifen versehen, die in der Savane zerschnitten und
ausgeworfen werden sollten, um den Nachzglern die einzuschlagende
Richtung anzugeben. Der Professor hatte sogar seinen Ordensbrdern
versprochen, er wolle in der Nacht ein paar Raketen steigen lassen, um
ganz Caracas zu verknden, da ein Unternehmen glcklich zu Ende gefhrt
worden, das ihm, und ich mu sagen, nur ihm, vom hchsten Belang schien.
Er hatte nicht bedacht, da seine lange, schwere Kleidung ihm beim
Bergsteigen hinderlich werden msse. Er hatte lange vor den Creolen den
Muth verloren, und so blieb er den Tag vollends in einer nahen Pflanzung
und sah uns durch ein auf die Silla gerichtetes Fernrohr den Berg
hinaufklettern. Zu unserem Unstern hatte der Ordensmann, dem es nicht an
physikalischen Kenntnissen fehlte, und der wenige Jahre darauf von den
wilden Indianern am Apure ermordet wurde, die Besorgung des bei einer
Bergfahrt unentbehrlichen Wassers und der Mundvorrthe bernommen. Die
Sklaven, die zu uns stoen sollten, wurden von ihm so lange aufgehalten,
da sie erst sehr spt anlangten und wir zehn Stunden ohne Wasser und Brod
zubrachten.

Von den zwei abgerundeten Spitzen, die den Gipfel des Berges bilden, ist
die stliche die hchste, und auf diese sollten wir mit unsern
Instrumenten hinaufkommen. Von der Einsenkung zwischen beiden Gipfeln hat
der ganze Berg den spanischen Namen _Silla_*, Sattel*. Eine Schlucht,
deren wir bereits erwhnt, luft von dieser Einsenkung ins Thal von
Caracas hinab; bei ihrem Anfang oder am obern Ende nhert sie sich der
westlichen Spitze. Man kann dem stlichen Gipfel nur so beikommen, da man
zuerst westlich von der Schlucht ber das Vorgebirge der Puerta gerade auf
den niedrigeren Gipfel zugeht und sich erst nach Ost wendet, wenn man den
Kamm oder die *Einsattelung* zwischen beiden Gipfeln beinahe erreicht hat.
Schon ein Blick auf den Berg zeigt diesen Weg als den von selbst
gegebenen, denn die Felsen stlich von der Schlucht sind so steil, da es
schwer halten drfte, auf den Gipfel der Silla zu gelangen, wenn man statt
ber die Puerta gerade auf den stlichen Gipfel zuginge.

Vom Fue des Falls des Chacaito bis in 1000 Toisen Hhe fanden wir nur
Savanen. Nur zwei kleine Liliengewchse mit gelben Blthen erheben sich
ber den Grsern, mit denen das Gestein bewachsen ist. Hie und da
erinnerte ein Himbeerbusch [_Rubus jamaicensis_] an die europischen
Pflanzenformen. Vergebens sahen wir uns auf diesen Bergen von Caracas, wie
spter auf dem Rcken der Anden, neben den Himbeerbschen nach einem
Rosenstrauche um. In ganz Sdamerika haben wir keine einheimische Rosenart
gefunden, so nahe sich auch das Klima auf den hohen Bergen der heien Zone
und das unseres gemigten Erdstrichs stehen. Ja dieser liebliche Strauch
scheint der ganzen sdlichen Halbkugel diesseits und jenseits des
Wendekreises zu fehlen. Erst auf den Bergen von Mexico waren wir so
glcklich, unter dem 19. Grad der Breite einen amerikanischen Rosenstrauch
zu entdecken.

Von Zeit zu Zeit wurden wir in Nebel gehllt und fanden uns dann ber die
Richtung unseres Weges nur schwer zurecht, denn in dieser Hhe besteht
kein gebahnter Pfad mehr. Man hilft mit den Hnden nach, wenn einen auf
dem steilen, glitschigen Abhang die Beine im Stiche lassen. Ein drei Fu
mchtiger Gang mit Porzellanerde erregte unsere Aufmerksamkeit. Diese
schneeweie Erde ist ohne Zweifel zersetzter Feldspath. Ich bergab dem
Intendanten der Provinz ansehnliche Proben davon. In einem Lande, wo es
nicht an Brennmaterial fehlt, lt sich durch Beimischung feuerbestndiger
Erden das Tpfergeschirr, selbst die Backsteine, verbessern. So oft die
Wolken uns umgaben, fiel der Thermometer auf 12 (9,6 R.), bei hellem
Himmel stieg er auf 21. Diese Beobachtungen wurden im Schatten gemacht;
aber auf so steilen, mit vertrocknetem, gelbem, glattem Rasen bedeckten
Abhngen fllt es schwer, den Einflu der strahlenden Wrme
auszuschlieen. Wir waren in 940 Toisen Hhe und dennoch sahen wir in
gleicher Hhe ostwrts in einer Schlucht nicht ein paar einzelne Palmen,
sondern ein ganzes Palmenwldchen. Es war die _Palma real_ vielleicht zur
Gattung _Oreodoxa_ gehrig. Diese Gruppe von Palmen in so bedeutender Hhe
war eine seltsame Erscheinung gegenber den Weiden [Wildenows _Salix
Humboldtiana_], die im gemigteren Thalgrunde von Caracas hin und wieder
wachsen; so sieht man hier Gewchse mit europischem Typus tiefer als
solche der heien Zone vorkommen.

Nach vierstndigem Marsch ber die Savanen kamen wir in ein Buschwerk aus
Struchern und niedrigen Bumen, _'el Pejual'_ genannt, wahrscheinlich
wegen des vielen Pejoa (_Gaultheria odorata_), eines Gewchses mit
wohlriechenden Blttern [s. Bd. I. Seite 335]. Der Abhang des Berges wurde
sanfter und mit unsglicher Lust untersuchten wir die Gewchse dieser
Region. Vielleicht nirgends findet man auf so beschrnktem Raum so schne
und fr die Pflanzengeographie bedeutsame Pflanzen beisammen. In tausend
Toisen Meereshhe stoen die hohen Savanen der Silla an eine Zone von
Struchern, die durch den Habitus, die gekrmmten Aeste, die harten
Bltter, die groen schnen Purpurblthen an die Vegetation der *Paramos*
oder *Punas*(31) erinnern, wie man in der Cordillere der Anden sie nennt.
Hier treten auf: die Familie der Alprosen, die Thibaudien, die Andromeden,
die Vaccinien (Heidelbeerarten) und die Befarien mit harzigen Blttern,
die wir schon fters mit dem Rhododendrum der europischen Alpen
verglichen haben.

Wenn auch die Natur in hnlichen Klimaten, sey es nun in Niederungen aus
isothermen Parallelen (von gleicher Wrme), sey es auf Hochebenen, deren
Temperatur mit der Temperatur weiter gegen die Pole gelegener Lnder
bereinkommt, nicht dieselben Pflanzenarten hervorbringt, so zeigt doch
die Vegetation noch so weit entlegener Landstriche im ganzen Habitus die
auffallendste Aehnlichkeit. Diese Erscheinung ist eine der merkwrdigsten
in der Geschichte der organischen Bildungen; ich sage in der Geschichte,
denn wenn auch die Vernunft dem Menschen sagt, wie eitel Hypothesen ber
den Ursprung der Dinge sind, das unlsbare Problem, wie sich die
Organismen ber die Erde verbreitet, lt uns dennoch keine Ruhe. Eine
schweizerische Grasart(32) wchst auf den Granitfelsen der Magellanschen
Meerenge. Neuholland hat ber vierzig europische phanerogame
Pflanzenarten aufzuweisen, und die meisten Gewchse, die den gemigten
Zonen beider Halbkugeln gemein sind, fehlen gnzlich in dem dazwischen
liegenden Landstrich, das heit in der quinoctialen Zone, sowohl auf den
Ebenen als auf dem Rcken der Gebirge. Eine Veilchenart mit behaarten
Blttern, mit der die Zone der Phanerogamen am Vulkan von Teneriffa
gleichsam abschliet, und von der man lange glaubte, sie gehre der Insel
eigenthmlich an,(33) kommt dreihundert Meilen weiter nordwrts am
beschneiten Gipfel der Pyrenen vor. Grser und Riedgrser, die in
Deutschland, in Arabien und am Senegal wachsen, wurden unter den Pflanzen
gefunden, die Bonpland und ich auf den kalten mexicanischen Hochebenen, an
den heien Ufern des Orinoco und in der sdlichen Halbkugel auf dem Rcken
der Anden von Quito gesammelt. Wie will man begreiflich machen, da
Gewchse ber Striche mit ganz verschiedenem Klima, und die gegenwrtig
vom Meere bedeckt sind, gewandert seyn sollen? Oder wie kommt es, da die
Keime von Organismen, die sich im Habitus und selbst im innern Bau
gleichen, sich in ungleichen Abstnden von den Polen und von der
Meeresflche berall entwickeln, wo so weit entlegene Orte in der
Temperatur einigermaen berein kommen? Trotz des Einflusses des
Luftdrucks und der strkeren oder geringeren Schwchung des Lichts auf die
Lebensthtigkeit der Gewchse ist doch die ungleiche Vertheilung der Wrme
unter die verschiedenen Jahreszeiten als die Haupttriebkraft der
Vegetation anzusehen.

Der Arten, welche auf beiden Continenten und in beiden Halbkugeln
gleichmig vorkommen, sind lange nicht so viele, als man nach den Angaben
der ltesten Reisenden geglaubt hatte. Auf den hohen Gebirgen des
tropischen Amerika kommen allerdings Wegeriche, Baldriane, Sandkruter,
Ranunkeln, Mispeln, Eichen und Fichten vor, die man nach ihrer
Physiognomie mit den europischen verwechseln knnte; sie sind aber alle
specifisch von letzteren verschieden. Bringt aber auch die Natur nicht
dieselben Arten hervor, so wiederholt sie doch die Gattungen. Nahe
verwandte Arten kommen oft in ungeheuern Entfernungen von einander vor, in
den Niederungen des gemigten Erdstrichs die einen, in den Alpenregionen
unter dem Aequator die andern. Andere male (und die Silla von Caracas
bietet ein auffallendes Beispiel hiefr) sind nicht Arten europischer
Gattungen wie Colonisten auf die Berge der heien Zone herbergekommen, es
treten vielmehr hier wie dort Gattungen derselben Zunft auf, die nach dem
Habitus nicht leicht zu unterscheiden sind und unter verschiedenen Breiten
einander ersetzen.

Von den Bergen von Neu-Grenada, welche die Hochebene von Bogota umgeben,
bis zu den Bergen von Caracas sind es ber zweihundert Meilen, und doch
zeigt die Silla, der einzige hohe Gipfel einer ziemlich niedrigen
Bergkette, dieselbe merkwrdige Zusammenstellung von Befarien mit
purpurrothen Blthen, Andromeden, Gaultherien, Myrtillen, _Uvas
camaronas_, Nertera und Aralien mit wolligten Blttern, wie sie fr die
Vegetation der *Paramos* auf den hohen Cordilleren von Santa Fe
charakteristisch ist. Wir fanden dieselbe _Thibaudia glandulosa_ am
Eingang der Hochebene von Bogota und im *Pejual* auf der Silla. Die
Kstenkette von Caracas hngt unzweifelhaft (ber den Torito, die
Palomera, Tocuyo, die Paramos de las Rosas, Bocono und Niquitao) mit den
hohen Cordilleren von Merida, Pamplona und Santa Fe zusammen; aber von der
Silla bis zum Tocuyo, siebzig Meilen weit, sind die Berge von Caracas so
niedrig, da fr die oben erwhnten Strucher aus der Familie der
Ericineen das Klima nicht khl genug ist. Und wenn auch, wie
wahrscheinlich ist, die Thibaudia und die Alpenrose der Anden oder die
Befaria im Paramo von Niquitao und in der mit ewigem Schnee bedeckten
Sierra de Merida vorkommen, so ist doch auf eine weite Strecke kein
Felskamm, der hoch genug wre, da diese Gewchse auf ihm nach der Silla
von Caracas htten wandern knnen.

Je mehr man die Vertheilung der organischen Bildungen auf der
Erdoberflche kennen lernt, desto geneigter wird man, wenn auch nicht
diese Vorstellungen von einer Wanderung aufzugeben, doch darin keinen
ausreichenden Erklrungsgrund mehr zu erblicken. Die Kette der Anden
theilt der Lnge nach ganz Sdamerika in zwei ungleiche Stcke. Am Fue
dieser Kette, ostwrts und westwrts, fanden wir in groer Anzahl
dieselben Pflanzenarten. All die verschiedenen Uebergnge der Cordilleren
sind aber der Art, da nirgends Gewchse der heien Zone von den Ksten
der Sdsee an die Ufer des Amazonenstroms gelangt seyn knnen. Wenn, sey
es nun im Tiefland oder in ganz niedrigen Bergen, sey es inmitten eines
Archipels von durch unterirdisches Feuer emporgehobenen Inseln, ein
Berggipfel zu einer groen Hhe ansteigt, so ist sein Gipfel mit
Alpenkrutern bewachsen, die zum Theil in ungeheuren Entfernungen auf
andern Bergen mit hnlichem Klima gleichfalls vorkommen. In dieser Weise
zeigen sich im Allgemeinen die Gewchse vertheilt und man kann den
Forschern die genauere Ermittlung dieser Verhltnisse nicht dringend genug
empfehlen. Wenn ich hier gegen voreilige Hypothesen spreche, so nehme ich
es keineswegs ber mich, befriedigendere dafr aufzustellen. Ich halte
vielmehr die Probleme, von denen es sich hier handelt, fr unlsbar, und
nach meiner Anschauung hat die Erfahrung geleistet, was sie kann, wenn sie
die Gesetze ermittelt, nach denen die Natur die Pflanzengebilde vertheilt
hat.

Man sagt, ein Berg sey so hoch, da er die Grenze des Rhododendrum und der
Befaria erreiche, wie man schon lange sagt, ein Berg erreiche die Grenze
des ewigen Schnees. Mit diesem Ausdruck setzt man stillschweigend voraus,
da unter dem Einflusse gewisser Wrmegrade sich nothwendig gewisse
vegetabilische Formen entwickeln mssen. Streng genommen ist nun diese
Voraussetzung allerdings nicht richtig. Die Fichten Mexico's fehlen auf
den Cordilleren von Peru; auf der Silla von Caracas wachsen nicht die
Eichen, die man in Neu-Grenada in derselben Hhe findet. Die
Uebereinstimmung in den Bildungen deutet auf analoges Klima; aber in
analogen Klimaten knnen die Arten bedeutend von einander abweichen.

Die herrliche Alpenrose der Anden, die Befaria, wurde zuerst von Mutis
beschrieben, der sie bei Pamplona und Santa Fe de Bogota unter dem
4--7. Grad nrdlicher Breite gefunden. Sie war vor unserer Besteigung der
Silla so wenig bekannt, da sie sich fast in keinem Herbarium in Europa
fand. Wie die Alpenrosen Lapplands, des Caucasus und der Alpen(34) von
einander abweichen, so sind auch die beiden Befariaarten, die wir von der
Silla mitgebracht,(35) von denen bei Santa Fe de Bogota(36) specifisch
verschieden. In der Nhe des Aequators bedecken die Alpenrosen der Anden
die Berge bis in die hchsten Paramos hinauf, in 16--1700 Toisen
Meereshhe. Weiter gegen Norden, auf der Silla von Caracas, findet man sie
weit tiefer, in etwas ber 1000 Toisen Hhe; die krzlich in Florida unter
dem 30. Grad der Breite entdeckte Befaria wchst sogar auf niedrigen
Hgeln. So rcken denn auf einer Strecke von 600 Meilen der Breite diese
Strucher immer weiter gegen das Tiefland herab, je weiter vom Aequator
sie vorkommen. Ebenso wchst die lapplndische Alpenrose 8--900 Toisen
tiefer als die der Alpen oder Pyrenen. Wir wunderten uns, da wir in den
Gebirgen von Mexico, zwischen den Alpenrosen von Santa Fe und Caracas
einerseits und denen von Florida andererseits, keine Befariaart fanden.

Im kleinen Buschwald auf der Silla ist die _Befaria ledifolia_ nur drei
bis vier Fu hoch. Der Stamm theilt sich gleich am Boden in viele
zerbrechliche, fast quirlfrmig gestellte Aeste. Die Bltter sind
eifrmig, zugespitzt, an der Unterflche graugrn und an den Rndern
aufgerollt. Die ganze Pflanze ist mit langen, klebrigen Haaren bedeckt und
hat einen sehr angenehmen Harzgeruch. Die Bienen besuchen ihre schnen,
purpurrothen Blthen, die, wie bei allen Alpenpflanzen, ungemein zahlreich
und ganz entwickelt oft gegen einen Zoll breit sind.

Das Rhododendrum der Schweiz wchst, in 800--1100 Toisen Meereshhe, in
einem Klima mit einer mittleren Temperatur von +2 und -1, also hnlich
dem Klima der Ebenen Lapplands. In dieser Zone haben die kltesten Monate
+4 und -10, die wrmsten Monate +12 und 7. Nach thermometrischen
Beobachtungen in denselben Hhen und unter denselben Parallelen betrgt im
Pejual auf der Silla die mittlere Temperatur der Luft sehr wahrscheinlich
noch 17--18 und steht der Thermometer in der khlsten Jahreszeit bei Tag
zwischen 15 und 20, bei Nacht zwischen 10 und 12. Beim
St. Gotthardshospiz, nahe der obern Grenze der helvetischen Alpenrose, ist
die grte Wrme im August um Mittag (im Schatten) gewhnlich 12--13;
Nachts khlt sich in derselben Jahreszeit die Luft in Folge der
Wrmestrahlung des Bodens auf +1 oder -1,5 ab. Unter demselben
barometrischen Druck, also in derselben Meereshhe, aber um dreiig
Breitegrade nher beim Aequator ist die Befaria auf der Silla um Mittag
hufig einer Temperatur von 23--24 Grad ausgesetzt und bei Nacht fllt
dieselbe wahrscheinlich niemals unter 8 Grad. Wir haben hier genau die
Klimate verglichen, unter denen zwei derselben Familie angehrende
Pflanzengruppen unter verschiedenen Breiten in gleicher Meereshhe
wachsen; das Ergebni wre ein ganz anderes, wenn wir Zonen verglichen
htten, die gleich weit vom ewigen Schnee oder von der isothermen Linie
liegen.

Im Pejual wachsen neben der Befaria mit purpurrothen Blthen eine
_Hedyotis_ mit Heidekrautblttern, die acht Fu hoch wird, die _Caparosa_
ein groes baumartiges Johanniskraut, ein _Lepidium_, das mit dem
virginischen identisch scheint, endlich Brlappenpflanzen und Moose,
welche Felsen und Baumwurzeln berziehen. Am berhmtesten ist aber dieses
Buschwerk im Lande wegen eines 10--15 Fu hohen Strauches aus der Familie
der Corymbiferen. Die Creolen nennen denselben _Inciensoz_*, Weihrauch*.
Seine lederartigen, gekerbten Bltter und die Spitzen der Zweige sind mit
einer weien Wolle bedeckt. Es ist eine neue, sehr harzreiche Trixisart;
die Blthen riechen angenehm nach Borax, ganz anders als die der _Trixis
therebintinacea_ in den Bergen von Jamaica, die denen von Caracas
gegenberliegen. Man mengt zuweilen den Weihrauch von der Silla mit den
Blthen der _Pevetera_ gleichfalls einer Pflanze mit zusammengesetzter
Blthe, deren Geruch dem des peruanischen Heliotrops hnelt. Die
_Pevetera_ geht aber in den Bergen nicht bis zur Zone der Alprosen hinauf,
sie kommt im Thale von Chacao vor und die Damen von Caracas verfertigen
ein sehr angenehmes Riechwasser daraus.

Wir hielten uns im Pejual mit der Untersuchung der schnen harzigten und
wohlriechenden Pflanzen lange auf. Der Himmel wurde immer finsterer, der
Thermometer sank unter 11. Es ist die eine Temperatur, bei der man in
diesem Himmelsstrich zu frieren anfngt. Tritt man aus dem Gebsch von
Alpstruchern, so ist man wieder in einer Savane. Wir stiegen ein Stck am
westlichen Gipfel hinauf, um darauf in die Einsattelung, in das Thal
zwischen beiden Gipfeln der Silla hinabzugelangen. Hier war wegen des
ppigen Pflanzenwuchses schwer durchzukommen. Ein Botaniker riethe nicht
leicht darauf, da das dichte Buschwerk, das diesen Grund bedeckt, von
einem Gewchs aus der Familie der Musaceen [Scitamineen oder
Bananengewchse] gebildet wird. Es ist wahrscheinlich eine _Macantha_ oder
_Heliconia_; die Bltter sind breit, glnzend; sie wird 14--15 Fu hoch
und die saftigen Stengel stehen dicht beisammen, wie das Schilfrohr auf
feuchten Grnden im stlichen Europa. Durch diesen Wald von Musaceen
muten wir uns einen Weg bahnen. Die Neger gingen mit ihren Messern oder
Machettes vor uns her. Das Volk wirft diese Alpenbanane und die
baumartigen Grser unter dem Namen *Carice* zusammen; wir sahen weder
Blthe noch Frucht des Gewchses. Man ist berrascht, in 1100 Toisen Hhe,
weit ber den Andromeden, Thibaudien und der Alpenrose der Cordilleren,
einer Monocotyledonenfamilie zu begegnen, von der man meint, sie gehre
ausschlielich den heien Niederungen unter den Tropen an. In einer ebenso
hohen und noch nrdlicheren Gebirgskette, in den blauen Bergen auf
Jamaica, wachsen die *Papageien-Heliconia* und der *Vichai*, auch
vorzugsweise an alpinischen schattigen Orten.

Wir arbeiteten uns durch das Dickicht von Musaceen oder baumartigen
Krutern immer dem stlichen Gipfel zu, den wir ersteigen wollten. Von
Zeit zu Zeit war er durch einen Wolkenri zu sehen; auf einmal aber waren
wir in dicken Nebel gehllt und wir konnten uns nur nach dem Compa
richten; gingen wir aber weiter nordwrts, so liefen wir bei jedem Schritt
Gefahr, an den Rand der ungeheuren Felswand zu gelangen, die fast
senkrecht 6000 Fu hoch zum Meer abfllt. Wir muten Halt machen; und wie
so die Wolken um uns her ber den Boden wegzogen, fingen wir an zu
zweifeln, ob wir vor Einbruch der Nacht auf die stliche Spitze gelangen
knnten. Glcklicherweise waren inzwischen die Neger, die das Wasser und
den Mundvorrath trugen, eingetroffen, und wir beschlossen, etwas zu uns zu
nehmen; aber unsere Mahlzeit dauerte nicht lang. Sey es nun, da der Pater
Kapuziner nicht an unsere vielen Begleiter gedacht, oder da die Sklaven
sich ber den Vorrath hergemacht hatten, wir fanden nichts als Oliven und
fast kein Brod. Das Mahl, dessen Lob Horaz in seinem Tibur singt,(37) war
nicht leichter und frugaler; an Oliven mochte sich aber immerhin ein
stillsitzender, studirender Poet sttigen, fr Bergsteiger waren sie eine
krgliche Kost. Wir hatten die vergangene Nacht fast ganz durchwacht, und
waren jetzt seit neun Stunden auf den Beinen, ohne Wasser angetroffen zu
haben. Unsere Fhrer hatten den Muth verloren, sie wollten durchaus
umkehren, und Bonpland und ich hielten sie nur mit Mhe zurck.

Mitten im Nebel machte ich den Versuch mit dem Volta'schen Elektrometer.
Obgleich ich ganz nahe an den dicht gedrngten Heliconien stand, erhielt
ich deutliche Spuren von Luftelektricitt. Sie wechselte oft zwischen
negativ und positiv und ihre Intensitt war jeden Augenblick anders. Diese
Schwankungen und mehrere kleine entgegengesetzte Luftstrmungen, die den
Nebel zertheilten und zu scharf begrenzten Wolken ballten, schienen mir
untrgliche Zeichen, da das Wetter sich ndern wollte. Es war erst zwei
Uhr nach Mittag. Wir hofften immer noch vor Sonnenuntergang auf die
stliche Spitze der Silla gelangen und wieder in das Thal zwischen beiden
Gipfeln herabkommen zu knnen. Hier wollten wir von den Negern aus den
breiten dnnen Blttern der Heliconia eine Htte bauen lassen, ein groes
Feuer anznden und die Nacht zubringen. Wir schickten die Hlfte unserer
Leute fort, mit der Weisung, uns am andern Morgen nicht mit Oliven,
sondern mit gesalzenem Fleisch entgegenzukommen.

Kaum hatten wir solches angeordnet, so fing der Wind an stark von der See
her zu blasen und der Thermometer stieg auf 12,5. Es war ohne Zweifel ein
aufsteigender Luftstrom, der die Temperatur erhhte und damit die Dnste
auflste. Kaum zwei Minuten, so verschwanden die Wolken und die beiden
Gipfel der Silla lagen ganz auffallend nahe vor uns. Wir ffneten den
Barometer am tiefsten Punkt der Einsenkung zwischen den Gipfeln bei einer
kleinen Lache schlammigten Wassers. Hier wie auf den Antillen findet man
sumpfigte Stellen in bedeutenden Hhen, nicht weil das bewaldete Gebirge
die Wolken anzieht, sondern weil durch die Abkhlung bei Nacht, in Folge
der Wrmestrahlung des Bodens und des Parenchyms der Gewchse, der
Wasserdunst verdichtet wird. Das Quecksilber stand auf 21 Zoll 5,7 Linien.
Wir gingen jetzt gerade auf den stlichen Gipfel zu. Der Pflanzenwuchs
hielt uns nachgerade weniger auf; zwar mute man immer noch Heliconien
umhauen, aber diese baumartigen Kruter waren jetzt nicht mehr hoch und
standen nicht mehr so dicht. Die Gipfel der Silla selbst, wie schon fter
erwhnt, sind nur mit Gras und kleinen Befariastruchern bewachsen. Aber
nicht wegen ihrer Hhe sind sie so kahl; die Baumgrenze liegt in dieser
Zone noch um 400 Toisen hher; denn nach andern Gebirgen zu schlieen,
befnde sich diese Grenze hier erst in 1800 Toisen Hhe. Groe Bume
scheinen auf den beiden Felsgipfeln der Silla nur dehalb zu fehlen, weil
der Boden so drr und der Seewind so heftig ist, und die Oberflche, wie
auf allen Bergen unter den Tropen, sooft abbrennt.

Um auf den hchsten, stlichen Gipfel zu kommen, mu man so nahe als
mglich an dem ungeheuern Absturz Caravalleda und der Kste zu hingehen.
Der Gnei hatte bisher sein bltteriges Gefge und seine ursprngliche
Streichung behalten; jetzt, da wir am Gipfel hinaufstiegen, ging er in
Granit ber. Wir brauchten drei Viertelstunden bis auf die Spitze der
Pyramide. Dieses Stck des Wegs ist keineswegs gefhrlich, wenn man nur
prft, ob die Felsstcke, auf die man den Fu setzt, fest liegen. Der dem
Gnei aufgelagerte Granit ist nicht regelmig geschichtet, sondern durch
Spalten getheilt, die sich oft unter rechten Winkeln scheiden.
Prismatische, einen Fu breite, zwlf Fu lange Blcke ragen schief aus
dem Boden hervor, und am Rande des Absturzes sieht es aus, als ob
ungeheure Balken ber dem Abgrund hingen.

Auf dem Gipfel hatten wir, freilich nur einige Minuten, ganz klaren
Himmel. Wir genoen einer ungemein weiten Aussicht; wir sahen zugleich
nach Norden ber die See weg, nach Sden in das fruchtbare Thal von
Caracas hinab. Der Barometer stand auf 20 Zoll 7,6 Linien, die Temperatur
der Luft war 13,7. Wir waren in 1350 Toisen Meereshhe. Man berblickt
eine Meeresstrecke von 36 Meilen Halbmesser. Wem beim Blick in groe
Tiefen schwindligt wird, mu mitten auf dem kleinen Plateau bleiben. Durch
seine Hhe ist der Berg eben nicht ausgezeichnet; ist er doch gegen 100
Toisen niedriger als der Canigou in den Pyrenen; aber er unterscheidet
sich von allen Bergen, die ich bereist, durch den ungeheuren Absturz gegen
die See zu. Die Kste bildet nur einen schmalen Saum, und blickt man von
der Spitze der Pyramide auf die Huser von Caravalleda hinab, so meint
man, in Folge einer fter erwhnten optischen Tuschung, die Felswand sey
beinahe senkrecht. Nach einer genauen Berechnung schien mir der
Neigungswinkel 53,28{~PRIME~}; am Pic von Teneriffa betrgt die Neigung im
Durchschnitt kaum 12 30{~PRIME~}. Ein 6--7000 Fu hoher Absturz wie an der Silla
von Caracas ist eine weit seltenere Erscheinung, als man glaubt, wenn man
in den Bergen reist, ohne ihre Hhen, ihre Massen und ihre Abhnge zu
messen. Seit man sich in mehreren Lndern Europas von Neuem mit Versuchen
ber den Fall der Krper und ihre Abweichung gegen Sdost beschftigt, hat
man in den Schweizer Alpen sich berall vergeblich nach einer senkrechten,
250 Toisen hohen Felswand umgesehen. Der Neigungswinkel des Montblanc
gegen die _alle blanche_ betrgt keine 45 Grad, obgleich man in den
meisten geologischen Werken liest, der Montblanc falle gegen Sd senkrecht
ab.

Auf der Silla von Caracas ist der ungeheure nrdliche Abhang, trotz seiner
groen Steilheit, zum Theil bewachsen. Befaria- und Andromedabsche hngen
an der Felswand. Das kleine sdwrts gelegene Thal zwischen den Gipfeln
zieht sich der Meereskste zu fort; die Alppflanzen fllen diese
Einsenkung aus, ragen ber den Kamm des Berges empor und folgen den
Krmmungen der Schlucht. Man meint unter diesen frischen Schatten msse
Wasser flieen, und die Vertheilung der Gewchse, die Gruppirung so vieler
unbeweglicher Gegenstnde bringt Leben und Bewegung in die Landschaft.

Es war jetzt sieben Monate, da wir auf dem Gipfel des Vulkans von
Teneriffa gestanden hatten, wo man eine Erdflche berblickt, so gro als
ein Viertheil von Frankreich. Der scheinbare Meereshorizont liegt dort
sechs Meilen weiter ab als auf der Silla, und doch sahen wir dort den
Horizont, wenigstens eine Zeitlang, sehr deutlich. Er war scharf begrenzt
und verschwamm nicht mit den anstoenden Luftschichten. Auf der Silla, die
um 550 Toisen niedriger ist als der Pic von Teneriffa, konnten wir den
nher gerckten Horizont gegen Nord und Nord-Nord-Ost nicht sehen.
Blickten wir ber die Meeresflche weg, die einem Spiegel glich, so fiel
uns auf, wie das reflektirte Licht in steigendem Verhltni abnahm. Wo die
Gesichtslinie die uerste Grenze der Flche streift, verschwamm das
Wasser mit den darber gelagerten Luftschichten. Dieser Anblick hat etwas
sehr Auffallendes. Man erwartet den Horizont im Niveau des Auges zu sehen,
und statt da man in dieser Hhe eine scharfe Grenze zwischen den beiden
Elementen bemerkte, schienen die fernsten Wasserschichten sich in Dunst
aufzulsen und mit dem Luftocean zu mischen. Dasselbe beobachtete ich,
nicht an einem einzigen Stck des Horizonts, sondern auf einer Strecke von
mehr als 160 Grad, am Ufer der Sdsee, als ich zum erstenmal auf dem
spitzen Fels ber dem Krater des Pichincha stand, eines Vulkans, der hher
ist als der Montblanc. Ob ein sehr ferner Horizont sichtbar ist oder
nicht, das hngt von zwei verschiedenen Momenten ab, von der Lichtmenge,
welche der Theil des Oceans empfngt, auf den die Gesichtslinie zuluft,
und von der Schwchung, die das reflektirte Licht bei seinem Durchgang
durch die dazwischen liegenden Luftschichten erleidet. Trotz des heitern
Himmels und der durchsichtigen Luft kann die See in der Entfernung von
35--40 Meilen schwach beleuchtet seyn, oder die Luftschichten zunchst der
Oberflche knnen das Licht bedeutend schwchen, indem sie die
durchgehenden Strahlen absorbiren.

Selbst vorausgesetzt, die Refraktion uere gar keinen Einflu, sollte man
auf dem Gipfel der Silla bei schnem Wetter die Inseln Tortuga, Orchila,
Roques und Aves sehen, von denen die nchsten 25 Meilen entfernt sind. Wir
sahen keine derselben, sey es nun wegen des Zustandes der Luft, oder weil
die Zeit, die wir bei heiterem Himmel dazu verwenden konnten, die Inseln
zu suchen, nicht lang genug war. Ein unterrichteter Seemann, der den Berg
mit uns hatte besteigen wollen, Don Miguel Areche, versicherte uns, die
Silla bei den Salzklippen an der Rocca de Fuera, unter 12 1{~PRIME~} der Breite
gesehen zu haben [Die Silla liegt unter 10 31{~PRIME~} 5{~DOUBLE PRIME~} der Breite.]. Wenn die
umgebenden Gipfel die Aussicht nicht beschrnkten, mte man von der Silla
die Kste ostwrts bis zum Morro de Piritu, westwrts bis zur Punta del
Soldado, 10 Meilen unter dem Wind von Portobello, sehen. Sdwrts, dem
innern Lande zu, begrenzt die Bergkette, welche Yare und die Savane von
Ocumare vom Thale von Caracas trennt, den Horizont wie ein Wall, der in
der Richtung eines Parallelkreises hinluft. Htte dieser Wall eine
Oeffnung, eine Lcke, dergleichen in den hohen Bergen des Salzburger
Landes und der Schweiz hufig vorkommen, so gene man hier des
merkwrdigsten Schauspiels. Man she durch die Lcke die Llanos, die
weiten Steppen von Calabozo, und da diese Steppen in gleiche Hhe mit dem
Auge des Beobachters aufstiegen, so bershe man vom selben Punkte zwei
gleichartige Horizonte, einen Wasser- und einen Landhorizont.

Die westliche abgerundete Spitze der Silla entzog uns die Aussicht auf die
Stadt Caracas; deutlich aber sahen wir die ihr zunchstliegenden Huser,
die Drfer Chacao und Petare, die Kaffeepflanzungen und den Lauf des
Guayre, einen silberglnzenden Wasserfaden. Der schmale Streif bebauten
Landes stach angenehm ab vom dstern, wilden Aussehen der umliegenden
Gebirge.

Uebersieht man so mit Einem Blick diese reiche Landschaft, so bedauert man
kaum, da kein Bild vergangener Zeiten den Einden der neuen Welt hheren
Reiz gibt. Ueberall wo in der heien Zone der von Gebirgen starrende, mit
dichtem Pflanzenwuchs bedeckte Boden sein ursprngliches Geprge behalten
hat, erscheint der Mensch nicht mehr als Mittelpunkt der Schpfung. Weit
entfernt, die Elemente zu bndigen, hat er vollauf zu thun, sich ihrer
Herrschaft zu entziehen. Die Umwandlungen, welche die Erdoberflche seit
Jahrhunderten durch die Hand der Wilden erlitten, verschwinden zu nichts
gegen das, was das unterirdische Feuer, die austretenden gewaltigen
Strme, die tobenden Strme in wenigen Stunden leisten. Der Kampf der
Elemente unter sich ist das eigentlich Charakteristische der Naturscenerie
in der neuen Welt. Ein unbewohntes Land kommt dem Reisenden aus dem
cultivirten Europa wie eine Stadt vor, aus der die Einwohnerschaft
ausgezogen. Hat man einmal in Amerika ein paar Jahre in den Wldern der
Niederungen oder auf dem Rcken der Cordilleren gelebt, hat man in Lndern
so gro wie Frankreich nur eine Handvoll zerstreuter Htten stehen sehen;
so hat eine weite Einde nichts Schreckendes mehr fr die
Einbildungskraft. Man wird vertraut mit der Vorstellung einer Welt, in der
nur Pflanzen und Thiere leben, wo niemals der Mensch seinen Jubelschrei
oder die Klagelaute seines Schmerzes hren lie.

Wir konnten die gnstige Lage der Silla, die alle Gipfel umher berragt,
nicht lange fr unsere Zwecke ntzen. Whrend wir mit dem Fernrohr den
Seestrich, wo der Horizont scharf begrenzt war, und die Bergkette von
Ocumare betrachteten, hinter der die unbekannte Welt des Orinoco und des
Amazonenstroms beginnt, zog ein dicker Nebel aus der Niederung zu den
Hhen herauf. Zuerst fllte er den Thalgrund von Caracas. Der von oben
beleuchtete Wasserdunst war gleichfrmig milchwei gefrbt. Es sah aus,
als stnde das Thal unter Wasser, als bildeten die Berge umher die
schroffen Ufer eines Meeresarms. Lange warteten wir vergeblich auf den
Sklaven, der den groen Ramsdenschen Sextanten trug; ich mute den Zustand
des Himmels benutzen und entschlo mich, einige Sonnenhhen mit einem
Troughtonschen Sextanten von zwei Zoll Halbmesser aufzunehmen. Die
Sonnenscheibe war von Nebel halb verschleiert. Der Lngenunterschied
zwischen dem Quartier Trinidad in Caracas und dem stlichen Gipfel der
Silla scheint kaum grer als 0 3{~PRIME~} 22{~DOUBLE PRIME~}.

Whrend ich, auf dem Gestein sitzend, die Inclination der Magnetnadel
beobachtete, sah ich, da sich eine Menge haarigter Bienen, etwas kleiner
als die Honigbiene des nrdlichen Europa, auf meine Hnde gesetzt hatten.
Diese Bienen nisten im Boden. Sie fliegen selten aus, und nach ihren
trgen Bewegungen konnte man glauben, sie seyen auf dem Berg starr vor
Klte. Man nennt sie hier zu Lande _Angelitos_, Engelchen, weil sie nur
sehr selten stechen. Trotz der Behauptung mehrerer Reisenden, ist es nicht
wahr, da diese dem neuen Continent eigenthmlichen Bienen gar keine
Angriffswaffe haben. Ihr Stachel ist nur schwcher und sie brauchen
denselben seltener. So lange man von der Harmlosigkeit dieser Angelitos
nicht vollkommen berzeugt ist, kann man sich einiger Besorgni nicht
erwehren. Ich gestehe, da ich oft whrend astronomischer Beobachtungen
beinahe die Instrumente htte fallengelassen, wenn ich sprte, dass mir
Gesicht und Hnde voll dieser haarigten Bienen saen. Unsere Fhrer
versicherten, sie setzen sich nur zur Wehr, wenn man sie durch Anfassen
der Fe reize. Ich fhlte mich nicht aufgelegt, den Versuch an mir selbst
zu machen.

Die Lufttemperatur auf der Silla schwankte zwischen 11 und 14 Grad, je
nachdem die Luft still war oder der Wind blies. Bekanntlich ist es sehr
schwer, auf Berggipfeln die Temperatur zu bestimmen, nach der man die
Barometerhhe zu berechnen hat. Der Wind kam aus Ost, und die scheint zu
beweisen, da der Seewind oder die Passatwinde in dieser Breite weit ber
1500 Toisen hinaufreichen. Leopold von Buch hat die Beobachtung gemacht,
da auf dem Pic von Teneriffa, nahe an der nrdlichen Grenze der
Passatwinde, in 1900 Toisen Meereshhe, meist ein Gegenwind (_vent de
remou_), der Westwind herrscht. Die Pariser Academie der Wissenschaften
hatte die Physiker, welche den unglcklichen La Peyrouse begleiteten,
aufgefordert zur See unter den Tropen mittelst kleiner Luftballons zu
beobachten, wie weit die Passate hinaufreichen. Dergleichen Untersuchungen
sind sehr schwierig, wenn der Beobachter an der Erdoberflche bleibt. Die
kleinen Ballons steigen meist nicht so hoch als die Silla, und das leichte
Gewlk, das sich zuweilen in 3--4000 Toisen Hhe zeigt, wie z. B. die
sogenannten *Schfchen*, stehen still oder rcken so langsam fort, da
sich ihre Richtung nicht bestimmen lsst.

Whrend der kurzen Zeit, wo der Himmel im Zenith klar war, fand ich das
Blau der Luft um ein Bedeutendes dunkler als an der Kste. Es war gleich
26,5 des Saussure'schen Cyanometers. In Caracas zeigte dasselbe
Instrument bei hellem, trockenem Wetter meist nur 18 Grad. Wahrscheinlich
ist in den Monaten Juli und August der Unterschied in dieser Beziehung
zwischen der Kste und dem Gipfel der Silla noch viel bedeutender. Was
aber unter allen meteorologischen Erscheinungen in der Stunde, die wir auf
dem Berge zubrachten, Bonpland und mich am meisten berraschte, war die
anscheinende Trockenheit der Luft, die mit der Entwicklung des Nebels noch
zuzunehmen schien. Als ich den (Deluc'schen) Fischbeinhygrometer aus dem
Kasten nahm, um damit zu experimentiren, zeigte er 52 Grad (87 nach
Saussure). Der Himmel war hell; aber Dunststreifen mit deutlichen Umrissen
zogen von Zeit zu Zeit zwischen uns durch am Boden weg. Der Deluc'sche
Hygrometer ging auf 49 Grad (85 nach Saussure) zurck. Eine halbe Stunde
spter hllte eine dicke Wolke uns ein; wir konnten die nchsten
Gegenstnde nicht mehr erkennen und sahen mit Erstaunen, da das
Instrument fortwhrend dem Trockenpunkt zuging, bis 47 Grad (84
Saussure). Die Lufttemperatur war dabei 12--13. Obgleich beim
Fischbeinhygrometer der Sttigungspunkt in der Luft nicht bei 100 Grad
ist, sondern bei 84,5 (99 S.), so schien mir doch dieser Einflu einer
Wolke auf den Gang des Instrumentes im hchsten Grade auffallend. Der
Nebel dauerte lang genug, da der Fischbeinstreifen durch Anziehung der
Wassertheilchen sich htte verlngern knnen. Unsere Kleider wurden nicht
feucht. Ein in dergleichen Beobachtungen gebter Reisender versicherte
mich krzlich, er habe auf der _Montagne pele_ auf Martinique eine Wolke
hnlich auf den Haarhygrometer wirken sehen. Der Physiker hat die
Verpflichtung, die Erscheinungen zu berichten, wie die Natur sie bietet,
zumal wenn er nichts versumt hat, um Fehler in der Beobachtung zu
vermeiden. Saussure sah whrend eines heftigen Regengusses, wobei sein
Hygrometer nicht na wurde, denselben (fast wie auf der Silla in der
Wolke) auf 84,7 (48,6 Deluc) stehen bleiben; man begreift aber leichter,
da die Luft zwischen den Regentropfen nicht vollstndig gesttigt wird,
als da der Wasserdunst, der den hygroscopischen Krper unmittelbar
berhrt, denselben nicht dem Sttigungspunkt zutreibt. In welchem Zustand
befindet sich Wasserdunst, der nicht na macht und doch sichtbar ist? Man
mu, glaube ich, annehmen, da sich eine trockenere Luft mit der, in der
sich die Wolke gebildet, gemischt hat, und da die Dunstblschen, die ein
weit geringeres Volumen haben als die dazwischen befindliche Luft, die
glatte Flche des Fischbeinstreisens nicht na gemacht haben. Die
durchsichtige Luft vor einer Wolke kann zuweilen feuchter seyn als der
Luftstrom, der mit der Wolke zu uns gelangt.

Es wre unvorsichtig gewesen, in diesem dichten Nebel am Rande eines
7--8000 Fu hohen Abhangs lnger zu verweilen. Wir gingen wieder vom
Ostgipfel der Silla herunter und nahmen dabei eine Grasart auf, die nicht
nur eine neue, sehr interessante Gattung bildet, sondern die wir auch, zu
unserer groen Ueberraschung, spter auf dem Gipfel des Vulkans Pichincha
in der sdlichen Halbkugel, 400 Meilen von der Silla, wieder fanden
[_Aegopogon cenchroides_.]. _Lichen floridus_ der im nrdlichen Europa
berall vorkommt, bedeckte die Zweige der Befaria und der _Gaultheria
odorata_ und hing bis zur Wurzel der Gestruche nieder. Whrend ich die
Moose untersuchte, welche den Gnei im Grunde zwischen beiden Gipfeln
berziehen, fand ich zu meiner Ueberraschung chte Geschiebe, gerollte
Quarzstcke. Man sieht leicht ein, da das Thal von Caracas einmal ein
Landsee seyn kann, ehe der Guayreflu gegen Ost bei Caurimare, am Fu des
Hgels Auyamas durchbrach, und ehe die Tijeschlucht sich nach West gegen
Catia und Cabo Blanco zu geffnet hatte; aber wie knnte das Wasser je bis
zum Fu des Sillagipfels gestiegen seyn, da die diesem Gipfel gegenber
liegenden Berge von Ocumare so niedrig sind, da das Wasser ber sie in
die Llanos htte abflieen mssen? Die Geschiebe knnen nicht von hheren
Punkten hergeschwemmt seyn, weil keine Hhe ringsum die Silla berragt.
Soll man annehmen, da sie mit der ganzen Bergkette. lngs des Meeresufers
emporgehoben worden sind?

Es war vier ein halb Uhr Abends, als wir mit unsern Beobachtungen fertig
waren. In der Freude ber den glcklichen Erfolg unserer Reise dachten wir
nicht daran, da der Weg abwrts im Finstern ber steile, mit kurzem
glattem Rasen bedeckte Abhnge gefhrlich seyn knnte. Wegen des Nebels
konnten wir nicht in das Thal hinunter sehen; wir sahen aber deutlich den
Doppelhgel der Puerta, und derselbe erschien, wie immer die Gegenstnde,
die fast senkrecht unter einem liegen, ganz auffallend nahe gerckt. Wir
gaben den Gedanken auf, zwischen den beiden Gipfeln der Silla zu
bernachten, und nachdem wir den Weg wieder gefunden, den wir uns im
Heraufsteigen durch den dichten Heliconienhusch gebahnt, kamen wir in den
Pejual, in die Region der wohlriechenden und harzigen Strucher. Die
herrlichen Befarien, ihre mit groen Purpurblthen bedeckten Zweige nahmen
uns wieder ganz in Anspruch. Wenn man in diesen Erdstrichen Pflanzen fr
Herbarien sammelt, ist man um so whlerischer, je ppiger die Vegetation
ist. Man wirft Zweige, die man eben abgeschnitten, wieder weg, weil sie
einem nicht so schn vorkommen als Zweige, die man nicht erreichen konnte.
Wendet man endlich mit Pflanzen beladen dem Buschwerk den Rcken, so will
es einen fast reuen, da man nicht noch mehr mitgenommen. Wir hielten uns
so lange im Pejual auf, da die Nacht uns berraschte, als wir in 900
Toisen Hhe die Savane betraten.

Da es zwischen den Wendekreisen fast keine Dmmerung gibt, sieht man sich
auf einmal aus dem hellsten Tageslicht in Finsterni versetzt. Der Mond
stand ber dem Horizont; seine Scheibe ward zuweilen durch dicke Wolken
bedeckt, die ein heftiger kalter Wind ber den Himmel jagte. Die steilen,
mit gelbem trockenem Gras bewachsenen Abhnge lagen bald im Schatten, bald
wurden sie auf einmal wieder beleuchtet und erschienen dann als Abgrnde,
in deren Tiefe man niedersah. Wir gingen in einer Reihe hinter einander;
man suchte sich mit den Hnden zu halten, um nicht zu fallen und den Berg
hinab zu rollen. Von den Fhrern, welche unsere Instrumente trugen, fiel
einer um den andern ab, um auf dem Berg zu bernachten. Unter denen, die
bei uns blieben, war ein Congoneger, dessen Gewandtheit ich bewunderte: er
trug einen groen Inclinationscompa auf dem Kopf und hielt die Last trotz
der ungemeinen Steilheit des Abhangs bestndig im Gleichgewicht. Der Nebel
im Thal war nach und nach verschwunden. Die zerstreuten Lichter, die wir
tief unter uns sahen, tuschten uns in doppelter Beziehung; einmal schien
der Abhang noch gefhrlicher, als er wirklich war, und dann meinten wir in
den sechs Stunden, in denen wir bestndig abwrts gingen, den Hfen am
Fue der Silla immer gleich nahe zu seyn. Wir hrten ganz deutlich
Menschenstimmen und die schrillen Tne der Guitarren. Der Schall pflanzt
sich von unten nach oben meist so gut fort, da man in einem Luftballon
bisweilen in 3000 Toisen Hhe die Hunde bellen hrt.(38) Erst um zehn Uhr
Abends kamen wir uerst ermdet und durstig im Thale an. Wir waren
fnfzehn Stunden lang fast bestndig auf den Beinen gewesen; der rauhe
Felsboden und die drren harten Grasstoppeln hatten uns die Fusohlen
zerrissen, denn wir hatten die Stiefeln ausziehen mssen, weil die Sohlen
zu glatt geworden waren. An Abhngen, wo weder Strucher, noch holzige
Kruter wachsen, an denen man sich mit den Hnden halten kann, kommt man
barfu sicherer herab. Um Weg abzuschneiden, fhrte man uns von der Puerta
zum Hofe Gallegos ber einen Fupfad, der zu einem Wasserstck, el Tanque
genannt, fhrt. Man verfehlte den Fupfad, und auf diesem letzten
Wegstck, wo es am allersteilsten abwrts ging, kamen wir in die Nhe der
Schlucht Chacaito. Durch den Donner der Wasserflle erhielt das nchtliche
Bild einen wilden, groartigen Charakter.

Wir bernachteten am Fue der Silla; unsere Freunde in Caracas hatten uns
durch Fernrhren auf dem stlichen Berggipfel sehen knnen. Mit Theilnahme
hrte man unsere beschwerliche Bergfahrt beschreiben, aber mit einer
Messung, nach der die Silla nicht einmal so hoch seyn sollte als der
hchste Pyrenengipfel(39) war man sehr schlecht zufrieden. Wer mchte
sich ber eine nationale Vorliebe aufhalten, die sich in einem Lande, wo
von Denkmlern der Kunst keine Rede ist, an Naturdenkmale hngt? Kann man
sich wundern, wenn die Einwohner von Quito und Riobamba, deren Stolz seit
Jahrhunderten die Hhe ihres Chimborazo ist, von Messungen nichts wissen
wollen, nach denen das Himalayagebirge in Indien alle Colosse der
Cordilleren berragt?

                            ------------------





   30 S. Bd. 1. Seite 283.

   31 Diese Worte sind oben Bd. I. Seite 255 erklrt.

_   32 Phleum alpinum_ von Brown untersucht. Nach den Beobachtungen dieses
      groen Botanikers unterliegt es keinem Zweifel, da mehrere Pflanzen
      beiden Continenten und den gemigten Zonen beider Halbkugeln
      zugleich angehren. _Potentilla anserina_, _Prunella vulgaris_,
      _Scirpus mucronatus_, und _Panicum Crus Galli_ wachsen in
      Deutschland, in Neuholland und in Pennsylvanien.

_   33 Viola chiranthifolia_ die Bonpland und ich beschrieben haben
      (s. Bd. I. Seite 123), ist von Kunth und Leopold von Buch unter den
      Alpenpflanzen gefunden worden, die Joseph de Jussieu aus den
      Pyrenen mitgebracht hat.

_   34 Rhododendrum laponicum_, _R. caucasicum_, _R. ferrugineum_, _R.
      hirsutum_

_   35 Befaria glauca_, _B. ledifolia_

_   36 Befaria aestuans_, _B. resinosa_

_   37 Oden_, Buch I, 31

   38 So Gay-Lussac bei seiner Luftfahrt am 16. September 1803.

   39 Man glaubte frher, die Silla von Caracas sey so ziemlich so hoch
      als der Pic von Teneriffa.





VIERZEHNTES KAPITEL.


    Erdbeben von Caracas. -- Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung
            und den vulkanischen Ausbrchen auf den Antillen.


Wir verlieen Caracas am 7. Februar in der Abendkhle, um unsere Reise an
den Orinoco anzutreten. Die Erinnerung an diesen Abschied ist uns heute
schmerzlicher als vor einigen Jahren. Unsere Freunde haben in den blutigen
Brgerkriegen, die jenen fernen Lndern die Freiheit jetzt brachten, jetzt
wieder entrissen, das Leben verloren. Das Haus, in dem wir wohnten, ist
nur noch ein Schutthaufen. Furchtbare Erdbeben haben die Bodenflche
umgewandelt; die Stadt, die ich beschrieben habe, ist verschwunden. An
derselben Stelle, auf diesem zerklfteten Boden, erhebt sich allmhlich
eine neue Stadt. Die Trmmerhaufen, die Grber einer zahlreichen
Bevlkerung dienen bereits wieder Menschen zur Wohnung.

Die groen Ereignisse, von denen ich hier spreche, und welche die
allgemeinste Theilnahme erregt haben, fallen lange nach meiner Rckkehr
nach Europa. Ueber die politischen Strme, ber die Vernderungen, welche
in den gesellschaftlichen Zustnden eingetreten, gehe ich hier weg. Die
neueren Vlker sind bedacht fr ihren Ruf bei der Nachwelt und verzeichnen
sorgfltig die Geschichte der menschlichen Umwlzungen, und damit die
Geschichte ungezgelter Leidenschaften und eingewurzelten Hasses. Mit den
Umwlzungen in der uern Natur ist es anders; man kmmert sich wenig
darum, sie genau zu beschreiben, vollends nicht, wenn sie in die Zeiten
brgerlicher Zwiste fallen. Die Erdbeben, die vulkanischen Ausbrche
wirken gewaltig auf die Einbildungskraft wegen des Unheils, das nothwendig
ihre Folge ist. Die Ueberlieferung greift vorzugsweise nach allem
Gestaltlosen und Wunderbaren, und bei groen allgemeinen Unfllen, wie
beim Unglck des Einzelnen, scheut der Mensch das Licht, das ihm die
wahren Ursachen des Geschehenen zeigte und die begleitenden Umstnde
erkennen liee. Ich glaubte in diesem Werke niederlegen zu sollen, was ich
an zuverlssiger Kunde ber die Erdste zusammengebracht, die am 26. Merz
1812 die Stadt Cararas zerstrt und in der Provinz Venezuela fast in Einem
Augenblick ber zwanzigtausend Menschen das Leben gekostet haben. Die
Verbindungen, die ich fortwhrend mit Leuten aller Stnde unterhalten,
setzten mich in Stand, die Berichte mehrerer Augenzeugen zu vergleichen
und Fragen ber Punkte an sie zu richten, an deren Aufklrung der
Wissenschaft vorzugsweise gelegen ist. Als Geschichtschreiber der Natur
hat der Reisende die Zeit des Eintritts groer Catastrophen festzustellen,
ihren Zusammenhang und ihre gegenseitigen Verhltnisse zu untersuchen, und
im raschen Ablauf der Zeit, im ununterbrochenen Zuge sich drngender
Verwandlungen feste Punkte zu bezeichnen, mit denen einst andere
Catastrophen verglichen werden mgen. In der unermelichen Zeit, welche
die Geschichte der Natur umfat, rcken alle Zeitpunkte des Geschehenen
nahe zusammen; die verflossenen Jahre erscheinen wie Augenblicke, und wenn
die physische Beschreibung eines Landes von keinem allgemeinen und
berhaupt von keinem groen Interesse ist, so hat sie zum wenigsten den
Vortheil, da sie nicht veraltet. Betrachtungen dieser Art haben LA
CONDAMINE bewogen, die denkwrdigen Ausbrche des Vulkans Cotopaxi [Am 30.
November 1744. und 3. September 1750.], die lange nach seinem Abgange von
Quito stattgefunden, in seiner _Reise zum Aequator_ zu beschreiben.

Ich glaube dem Beispiel des groen Gelehrten desto unbesorgter vor irgend
welchem Vorwurf folgen zu drfen, da die Ereignisse, die ich zu
beschreiben gedenke, fr die Theorie von den *vulkanischen Reactionen*
sprechen, das heit fr den Einflu, den ein *System von Vulkanen* auf
einen weiten Landstrich umher ausbt.

Als Bonpland und ich in den Provinzen Neu-Andalusien, Nueva Barcelona und
Caracas uns aufhielten, war die Meinung allgemein verbreitet, da die am
weitesten nach Osten gelegenen Striche dieser Ksten den verheerenden
Wirkungen der Erdbeben am meisten ausgesetzt seven. Die Einwohner von
Cumana scheuten das Thal von Caracas wegen des feuchten, vernderlichen
Klimas, wegen des umzogenen, trbseligen Himmels. Die Bewohner dieses
khlen Thales dagegen sprachen von Cumana als von einer Stadt, wo man Jahr
aus Jahr ein eine erstickend heie Luft athme und wo der Boden periodisch
von heftigen Erdsten erschttert werde. Selbst Gebildete dachten nicht
an die Verwstung von Riobamba und andern hochgelegenen Stdten; sie
wuten nicht, da die Erschtterung des Kalksteins an der Kste von Cumana
sich in die aus Glimmerschiefer bestehende Halbinsel Araya fortpflanzt,
und so waren sie der Meinung, da Caracas sowohl wegen des Baus seines
Urgebirges, als wegen der hohen Lage der Stadt nichts zu besorgen habe.
Feierliche Gottesdienste, die in Guayra und in der Hauptstadt selbst bei
nchtlicher Weile begangen wurden,(40) mahnten sie allerdings daran, da
von Zeit zu Zeit die Provinz Venezuela von Erdbeben heimgesucht worden
war; aber Gefahren, die selten wiederkehren, machen einem wenig bange. Im
Jahr 1811 sollte eine grliche Erfahrung eine schmeichelnde Theorie und
den Volksglauben ber den Haufen werfen. Caracas, im Gebirge gelegen, drei
Grade westlich von Cumana, fnf Grade westlich vom Meridian der
vulkanischen caraibischen Inseln, erlitt heftigere Ste, als man je auf
den Ksten von Paria und Neu-Andalusien gesprt.

Gleich nach meiner Ankunft in Terra Firma war mir der Zusammenhang
zwischen zwei Naturereignissen, zwischen der Zerstrung von Cumana am
14. December 1797 und dem Ausbruch der Vulkane auf den kleinen Antillen,
aufgefallen [S. Bd. I., Seite 241]. Etwas Aehnliches zeigte sich nun auch
bei der Verwstung von Cararas am 26. Merz 1812. Im Jahr 1797 schien der
Vulkan der Insel Guadeloupe auf die Kste von Cumana reagirt zu haben;
fnfzehn Jahre spter wirkte, wie es scheint, ein dem Festland nher
liegender Vulkan, der auf St. Vincent, in derselben Weise bis nach Caracas
und an den Apure hin. Wahrscheinlich lag beidemal der Heerd des Ausbruchs
in ungeheurer Tiefe, gleich weit von den Punkten der Erdoberflche, bis zu
welchen die Bewegung sich fortpflanzte.

Von Anfang des Jahrs 1811 bis 1813 wurde ein betrchtliches Stck der
Erdflche zwischen den Azoren und dem Thal des Ohio, den Cordilleren von
Neu-Grenada, den Ksten vou Venezuela und den Vulkanen der kleinen
Antillen fast zu gleicher Zeit durch heftige Ste erschttert, die man
einem unterirdischen Feuerheerde zuschreiben kann. Ich zhle hier die
Erscheinungen auf, welche es wahrscheinlich machen, da auf ungeheure
Distanzen Verbindungen bestehen. Am 30. Januar 1811 brach bei einer der
Azorischen Inseln, bei St. Michael, ein unterseeischer Vulkan aus. An
einer Stelle, wo die See 60 Faden tief ist, hob sich ein Fels ber den
Wasserspiegel. Die erweichte Erdkruste scheint emporgehoben worden zu
seyn, ehe die Flammen aus dem Krater hervorbrachen, wie die auch bei den
Vulkanen von Jorullo in Mexico und bei der Bildung der Insel Klein-Kameni
bei Santorin beobachtet wurde. Das neue Eiland bei den Azoren war Anfangs
nur eine Klippe, aber am 15. Juli erfolgte ein sechstgiger Ausbruch,
durch den die Klippe immer grer und nach und nach 50 Toisen ber dem
Meeresspiegelhoch wurde. Dieses neue Land, das Kapitn Tillard alsbald im
Namen der grobritannischen Regierung in Besitz nahm und *Sabrina* nannte,
hatte 900 Toisen Durchmesser. Das Meer scheint die Insel wieder
verschlungen zu haben. Es ist die das dritte mal, da bei der Insel
St. Michael unterseeische Vulkane so auerordentliche Erscheinungen
hervorbringen, und als wren die Ausbrche dieser Vulkane an eine gewisse
Periode gebunden, in der sich jedesmal elastische Flssigkeiten bis zu
einem bestimmten Grade angehuft, kam das emporgehobene Eiland je nach 91
oder 92 Jahren wieder zum Vorschein. Es ist zu bedauern, da trotz der
Nhe keine europische Regierung, keine gelehrte Gesellschaft Physiker und
Geologen nach den Azoren geschickt hat, um eine Erscheinung nher
untersuchen zu lassen, durch welche fr die Geschichte der Vulkane und des
Erdballs berhaupt so viel gewonnen werden konnte.

Zur Zeit, als das neue Eiland Sabrina erschien, wurden die kleinen
Antillen, 800 Meilen sdwestwrts von den Azoren gelegen, hufig von
Erdbeben heimgesucht. Vom Mai 1811 bis April 1812 sprte man auf der Insel
St. Vincent, einer der drei Antillen mit thtigen Vulkanen, ber
zweihundert Erdste. Die Bewegungen beschrnkten sich aber nicht auf das
Inselgebiet von Sdamerika. Vom 16. December 1811 an bebte die Erde in den
Thlern des Mississippi, des Arkansas und Ohio fast unaufhrlich. Im Osten
der Alleghanys waren die Schwingungen schwcher als im Westen, in Tennesee
und Kentucky. Sie waren von einem starken unterirdischen Getse begleitet,
das von Sdwest herkam. Auf einigen Punkten zwischen Neumadrid und Little
Prairie, wie beim Salzwerk nrdlich von Cincinnati unter dem 34 45{~PRIME~} der
Breite, sprte man mehrere Monate lang tglich, ja fast stndlich
Erdste. Sie dauerten im Ganzen vom 16. December 1811 bis ins Jahr 1813.
Die Ste waren Anfangs auf den Sden, auf das untere Mississippithal
beschrnkt, schienen sich aber allmhlich gegen Norden fortzupflanzen.

Um dieselbe Zeit nun, wo in den Staaten jenseits der Alleghanys diese
lange Reihe von Erderschtterungen anhob, im December 1811 sprte man in
der Stadt Caracas den ersten Erdsto bei stiller, heiterer Luft. Dieses
Zusammentreffen war schwerlich ein zuflliges, denn man mu bedenken, da,
so weit auch die betreffenden Lnder auseinander liegen, die Niederungen
von Louisiana und die Ksten von Venezuela und Cumana demselben Becken,
dem Meere der Antillen angehren. Dieses *Mittelmeer mit mehreren
Ausgngen* ist von Sdost nach Nordwest gerichtet und es scheint sich
frher ber die weiten, allmhlich 30, 50 und 80 Toisen ber das Meer
ansteigenden, aus secundren Gebirgsarten bestehenden, vom Ohio, Missouri,
Arcansas und Mississippi durchstrmten Ebenen forterstreckt zu haben. Aus
geologischem Gesichtspunkt betrachtet, erscheinen als Begrenzung des
Seebeckens der Antillen und des Meerbusens von Mexico im Sdens die
Kstenbergkettes von Venezuela und die Cordilleren von Merida und
Pamplona, im Osten die Gebirge der Antillen und die Alleghanys, im Westen
die Anden von Mexico und die Rocky Mountains, im Norden die unbedeutenden
Hhenzge zwischen den canadischen Seen und den Nebenflssen des
Mississippi. Ueber zwei Drittheile dieses Beckens sind mit Wasser bedeckt.
Zwei Reihen thtiger Vulkane fassen es ein: ostwrts auf den kleinen
Antillen, zwischen dem 13. und 16. Grad der Breite, westwrts in den
Cordilleren von Nicaragua, Guatimala und Mexico, zwischen dem 11. und
20. Grad. Bedenkt man, da das groe Erdbeben von Lissabon am 1. November
1755 fast im selben Augenblick an der Kste von Schweden, am Ontariosee
und auf Martinique gesprt wurde, so kann die Annahme nicht zu keck
erscheinen, da das ganze Becken der Antillen von Cumana und Caracas bis
zu den Ebenen von Louisiana zuweilen gleichzeitig durch Ste erschttert
werden kann, die von einem gemeinsamen Heerde ausgehen.

Auf den Ksten von Terra Firma herrscht allgemein der Glaube, die Erdbeben
werden hufiger, wenn ein paar Jahre lang die elektrischen Entladungen in
der Luft auffallend selten gewesen sind. Man wollte in Cumana und Caracas
die Beobachtung gemacht haben, da seit dem Jahr 1792 die Regengsse nicht
so oft als sonst von Blitz und Donner begleitet gewesen, und man war
schnell bei der Hand, sowohl die gnzliche Zerstrung von Cumana im Jahr
1799 als die Erdste, die man 1800, 1801 und 1802 in Maracaibo, Porto
Cabello und Caracas gesprt, einer Anhufung der Elektricitt im Innern
der Erde zuzuschreiben. Wenn man lang in Neu-Andalusien oder in den
Niederungen von Peru gelebt hat, kann man nicht wohl in Abrede ziehen, da
zu Anfang der Regenzeit, also eben zur Zeit der Gewitter, das Auftreten
von Erdbeben am meisten zu besorgen ist. Die Luft und die Beschaffenheit
der Erdoberflche scheinen auf eine uns noch ganz unbekannte Weise auf die
Vorgnge in groen Tiefen Einflu zu uern, und wenn man einen
Zusammenhang zwischen der Seltenheit der Gewitter und der Hufigkeit der
Erdbeben bemerkt haben will, so grndet sich die, meiner Meinung nach,
keineswegs auf lange Erfahrung, sondern ist nur eine Hypothese der
Halbgelehrten im Lande. Gewisse Erscheinungen knnen zufllig
zusammentreffen. Den auffallend starken Sten, die man am Mississippi und
Ohio zwei Jahre lang fast bestndig sprte, und die im Jahr 1812 mit denen
im Thal von Caracas zusammentrafen, ging in Louisiana ein fast
gewitterloses Jahr voran, und die fiel wieder allgemein auf. Es kann
nicht Wunder nehmen, wenn man im Vaterlande Franklins zur Erklrung von
Erscheinungen gar gerne die Lehre von der Elektricitt herbeizieht.

Der Sto, den man im December 1811 in Caracas sprte, war der einzige, der
der schrecklichen Katastrophe vom 26. Mrz 1812 voranging. Man wute in
Terra Firma nichts davon, da einerseits der Vulkan auf St. Vincent sich
rhrte und andererseits am 7. und 8. Februar 1812 im Becken des
Mississippi die Erde Tag und Nacht fortbebte. Um diese Zeit herrschte in
der Provinz Venezuela groe Trockenheit. In Caracas und neunzig Meilen in
die Runde war in den fnf Monaten vor dem Untergang der Hauptstadt kein
Tropfen Regen gefallen. Der 26. Mrz war ein sehr heier Tag; die Luft war
still, der Himmel unbewlkt. Es war Grndonnerstag, und ein groer Theil
der Bevlkerung in den Kirchen. Nichts verkndete die Schrecken dieses
Tages. Um 4 Uhr 7 Minuten Abends sprte man den ersten Erdsto. Er war so
stark, da die Kirchenglocken anschlugen, und whrte 5--6 Sekunden.
Unmittelbar darauf folgte ein anderer, 10--12 Secunden dauernder, whrend
dessen der Boden in bestndiger Wellenbewegung war, wie eine kochende
Flssigkeit. Schon meinte man, die Gefahr sey vorber, als sich unter dem
Boden ein furchtbares Getse hren lie. Es glich dem Rollen des Donners;
es war aber strker und dauerte lnger als der Donner in der Gewitterzeit
unter den Tropen. Diesem Getse folgte eine senkrechte, etwa 3-4 Secunden
anhaltende Bewegung und dieser wiederum eine etwas lngere wellenfrmige
Bewegung. Die Ste erfolgten in entgegengesetzter Richtung, von Nord nach
Sd, und von Ost nach West. Dieser Bewegung von unten nach oben und diesen
sich kreuzenden Schwingungen konnte nichts widerstehen. Die Stadt Caracas
wurde vllig ber den Haufen geworfen. Tausende von Menschen (zwischen
9 und 10,000) wurden unter den Trmmern der Kirchen und Huser begraben.
Die Prozession war noch nicht ausgezogen, aber der Zudrang zu den Kirchen
war so gro, da drei bis viertausend Menschen von den einstrzenden
Gewlben erschlagen wurden. Die Explosion war am strksten auf der
Nordseite, im Stadttheil, der dem Berge Avila und der Silla am nchsten
liegt. Die Kirchen della Trinidad und Alta Gracia, die ber 150 Fu hoch
waren und deren Schiff von 10--12 Fu dicken Pfeilern getragen wurden,
lagen als kaum 5--6 Fu hohe Trmmerhaufen da. Der Schutt hat sich so
stark gesetzt, da man jetzt fast keine Spur mehr von Pfeilern und Sulen
findet. Die Kaserne _el Quartel de San Carlos_, die nrdlich von der
Kirche della Trinidad auf dem Weg nach dem Zollhaus Pastora lag,
verschwand fast vllig. Ein Regiment Linientruppen stand unter den Waffen,
um sich der Procession anzuschlieen; es wurde, wenige Mann ausgenommen,
unter den Trmmern des groen Gebudes begraben. Neun Zehntheile der
schnen Stadt Caracas wurden vllig verwstet. Die Huser, die nicht
zusammenstrzten, wie in der Strae San Juan beim Kapuzinerkloster,
erhielten so starke Risse, da man nicht wagen konnte darin zu bleiben. Im
sdlichen und westlichen Theil der Stadt, zwischen dem groen Platz und
der Schlucht des Caraguata waren die Wirkungen des Erdbebens etwas
geringer. Hier blieb die Hauptkirche mit ihren ungeheuern Strebepfeilern
stehen.(41)

Bei der Angabe von 9--10,000 Todten in Caracas sind die Unglcklichen
nicht gerechnet, die, schwer verwundet, erst nach Monaten aus Mangel an
Nahrung und Pflege zu Grunde gingen. Die Nacht vom Donnerstag zum
Charfreitag bot ein Bild unsglichen Jammers und Elends. Die dicke
Staubwolke, welche ber den Trmmern schwebte und wie ein Nebel die Luft
verfinsterte, hatte sich zu Boden geschlagen. Kein Erdsto war mehr zu
spren: es war die schnste, stillste Nacht. Der fast volle Mond
beleuchtete die runden Gipfel der Silla, und am Himmel sah es so ganz
anders aus als auf der mit Trmmern und Leichen bedeckten Erde. Man sah
Mtter mit den Leichen ihrer Kinder in den Armen, die sie wieder zum Leben
zu bringen hofften; Familien liefen jammernd durch die Stadt und suchten
einen Bruder, einen Gatten, einen Freund, von denen man nichts wute und
die sich in der Volksmenge verloren haben mochten. Man drngte sich durch
die Straen, die nur noch an den Reihen von Schutthaufen kenntlich waren.

Alle Schrecken der groen Katastrophen von Lissabon, Messina, Lima und
Riobamba wiederholten sich am Unglckstage des 26. Mrz 1812. Die unter
den Trmmern begrabenen Verwundeten riefen die Vorbergehenden laut um
Hlfe an, und es wurden auch ber zwei tausend hervorgezogen. Nie hat sich
das Mitleid rhrender, man kann sagen sinnreicher bethtigt, als hier, wo
es galt, zu den Unglcklichen zu dringen, die man jammern hrte. Es fehlte
vllig an Werkzeugen zum Graben und Wegrumen des Schuttes; man mute die
noch Lebenden mit den Hnden ausgraben. Man brachte die Verwundeten und
die Kranken, die sich aus den Spitlern gerettet, am Ufer des Guayre
unter, aber hier fanden sie kein Obdach als das Laub der Bume. Betten,
Leinwand zum Verbinden der Wunden, chirurgische Instrumente, alles
Unentbehrliche lag unter den Trmmern begraben. Es fehlte an Allem, in den
ersten Tagen sogar an Lebensmitteln, und im Innern der Stadt ging vollends
das Wasser aus. Das Erdbeben hatte die Leitungsrhren der Brunnen
zertrmmert und Erdstrze hatten die Quellen verschttet. Um Wasser zu
bekommen, mute man zum Guayre hinunter, der bedeutend angeschwollen war,
und es fehlte an Gefssen.

Den Todten die letzte Ehre zu erweisen, war sowohl ein Werk der Piett,
als bei der Besorgni vor Verpestung der Luft geboten. Da es geradezu
unmglich war, so viele tausend halb unter den Trmmern steckende Leichen
zu beerdigen, so wurde eine Commission beauftragt, sie zu verbrennen. Man
errichtete zwischen den Trmmern Scheiterhaufen, und die Leichenfeier
dauerte mehrere Tage. Im allgemeinen Jammer flchtete das Volk zur Andacht
und zu Ceremonien, mit denen es den Zorn des Himmels zu beschwichtigen
hoffte. Die einen traten zu Bittgngen zusammen und sangen Trauerchre;
andere, halb sinnlos, beichteten laut auf der Strae. Da geschah auch
hier, was in der Provinz Quito nach dem furchtbaren Erdbeben vom
4. Februar 1797 vorgekommen war: viele Personen, die seit langen Jahren
nicht daran gedacht hatten, den Segen der Kirche fr ihre Verbindung zu
suchen, schloen den Bund der Ehe; Kinder fanden ihre Eltern, von denen
sie bis jetzt verlugnet worden; Leute, die Niemand eines Betrugs
beschuldigt hatte, gelobten Ersatz zu leisten; Familien, die lange in
Feindschaft gelebt, vershnten sich im Gefhl des gemeinsamen Unglcks.
Wenn dieses Gefhl auf die einen versittlichend wirkte und das Herz fr
das Mitleid ausschlo, wirkte es in andern das Gegentheil: sie wurden nur
noch hartherziger und unmenschlicher. In groen Unfllen geht in gemeinen
Seelen leichter der Edelmuth verloren als die Kraft; denn es geht im
Unglck wie bei der wissenschaftlichen Beschftigung mit der Natur: nur
auf die Wenigsten wirkt sie veredlend, gibt dem Gefhl mehr Wrme, den
Gedanken hheren Schwung, und der ganzen Gesinnung mehr Milde.

So heftige Ste, welche in einer Minute(42) die Stadt Caracas ber den
Haufen warfen, konnten sich nicht auf einen kleinen Strich des Festlandes
beschrnken. Ihre verheerenden Wirkungen verbreiteten sich ber die
Provinzen Venezuela, Barinas und Maracaybo, der Kste entlang, besonders
aber in die Gebirge im Innern. Guayra, Mayquetia, Antimano, Baruta, la
Vega, San Felipe und Merida wurden fast gnzlich zerstrt. In Guayra und
in Villa de San Felipe bei den Kupferminen von Aroa kamen wenigstens vier
bis fnftausend Menschen ums Leben. Auf einer Linie, die von Guayra und
Caracas von Ost-Nord-Ost nach West-Sd-West den hohen Gebirgen von
Niquitao und Merida zuluft, scheint das Erdbeben am strksten gewesen zu
seyn. Man sprte es im Knigreich Neu-Grenada von den Auslufern der hohen
Sierra de Santa Marta bis Santa Fe de Bogota und Honda am Magdalenenstrom,
180 Meilen von Caracas. Ueberall war es in den Cordilleren auf Gnei und
Glimmerschiefer oder unmittelbar an ihrem Fu strker als in der Ebene.
Dieser Unterschied war besonders auffallend in den Savanen von Barinas und
Casanare. (In dem geologischen System, nach dem alle vulkanischen und
nicht vulkanischen Gebirge auf Spalten emporgestiegen sind, erklrt sich
dieser Unterschied leicht.) In den Thlern von Araguas zwischen Caracas
und der Stadt San Felipe waren die Ste ganz schwach. Victoria, Maracay,
Valencia, obgleich nahe bei der Hauptstadt, litten sehr wenig. In
Valecillo, einige Meilen von Valencia, spie der geborstene Boden solche
Wassermassen aus, da sich ein neuer Bach bildete; dasselbe ereignete sich
bei Porto Cabello. Dagegen nahm der See von Maracaybo merkbar ab. In Coro
fhlte man keine Erschtterung, und doch liegt die Stadt an der Kste,
zwischen Stdten, die gelitten haben. Fischer, die den 26. Mrz auf der
Insel Orchila, 30 Meilen nordstlich von Guayra, zugebracht hatten,
sprten keine Ste. Diese Abweichungen in der Richtung und Fortpflanzung
des Stoes rhren wahrscheinlich von der eigenthmlichen Lagerung der
Gesteinsschichten her.

Wir haben im Bisherigen die Wirkungen des Erdbebens westlich von Caracas
bis zu den Schneegebirgen von Santa Marta und zu der Hochebene von Santa
Fe de Bogota verfolgt. Wir wenden uns jetzt zum Landstrich ostwrts von
der Hauptstadt. Jenseits Caurimare, im Thal des Capaya, waren die
Erschtterungen sehr stark und reichten bis zum Meridian vom Cap Codera;
es ist aber hchst merkwrdig, da sie an den Ksten von Nueva Barcelona,
Cumana und Paria sehr schwach waren, obgleich diese Ksten eine
Fortsetzung des Littorals von Guayra und von Alters her dafr bekannt
sind, da sie oft von unterirdischen Bebungen heimgesucht werden. Liee
sich annehmen, die gnzliche Zerstrung der vier Stdte Caracas, Guayra,
San Felipe und Merida sey von einem vulkanischen Herde unter der Insel
St. Vincent oder in der Nhe ausgegangen, so wrde begreiflich, wie die
Bewegung sich von Nordost nach Sdwest auf einer Linie, die ber die
Eilande los Hermanos bei Blanquilla luft, fortpflanzen konnte, ohne die
Ksten von Araya, Cumana und Nueva Barcelona zu berhren. Ja der Sto
konnte sich auf diese Weise fortpflanzen, ohne da die dazwischen
liegenden Punkte, z. B. die Eilande Hermanos, die geringste Erschtterung
empfanden. Diese Erscheinung kommt in Peru und Mexico hufig bei Erdbeben
vor, die seit Jahrhunderten eine bestimmte Richtung einhalten. Die
Bewohner der Anden haben einen naiven Ausdruck fr einen Landstrich, der
an der Bebung ringsum keinen Theil nimmt: sie sagen, er mache eine
Brcke (_que hace puente_), wie um anzudeuten, da die Schwingungen sich
in ungeheurer Tiefe unter einer ruhig bleibenden Gebirgsart fortpflanzen.

Fnfzehn bis achtzehn Stunden lang nach der groen Katastrophe blieb der
Boden ruhig. Die Nacht war, wie schon oben gesagt, schn und still, und
erst nach dem siebenundzwanzigsten fingen die Ste wieder an, und zwar
begleitet von einem sehr starken und sehr anhaltenden unterirdischen
Getse (_bramido_). Die Einwohner von Caracas zerstreuten sich in der
Umgegend; da aber Drfer und Hfe so stark gelitten hatten wie die Stadt,
fanden sie erst jenseits der Berge los Teques, in den Thlern von Aragua
und in den Llanos Obdach. Man sprte oft fnfzehn Schwingungen an Einem
Tage. Am 5. April erfolgte ein Erdbeben, fast so stark wie das, in dem die
Hauptstadt untergegangen. Der Boden bewegte sich mehrere Stunden lang
wellenfrmig auf und ab. In den Gebirgen gab es groe Erdflle; ungeheure
Felsmassen brachen von der Silla los. Man behauptete sogar -- und diese
Meinung ist noch jetzt im Lande weit verbreitet -- die beiden Kuppeln der
Silla seven um 50--60 Toisen niedriger geworden; aber diese Behauptung
sttzt sich auf keine Messung. Wie ich gehrt, bildet man sich auch in der
Provinz Quito nach allen groen Erschtterungen ein, der Vulkan Tunguragua
sey niedriger geworden.

In mehreren aus Anla der Zerstrung von Caracas verffentlichten
Nachrichten wird behauptet, die Silla sey ein erloschener Vulkan, man
finde viele vulkanische Produkte auf dem Wege von Guayra nach Caracas, das
Gestein sey dort nirgends regelmig geschichtet und zeige berall Spuren
des unterirdischen Feuers. Ja es heit weiter, zwlf Jahre vor der
groen Katastrophe haben Bonpland und ich nach unsern mineralogischen und
physikalischen Untersuchungen erklrt, die Silla sey ein sehr gefhrlicher
Nachbar fr die Stadt, weil der Berg viel Schwefel enthalte und die Ste
von Nordost her kommen mten. Es kommt selten vor, da Physiker sich
wegen einer eingetroffenen Prophezeiung zu rechtfertigen haben; ich halte
es aber fr Pflicht, den Vorstellungen von *lokalen Ursachen* der
Erdbeben, die nur zu leicht Eingang finden, entgegen zu treten.

Ueberall wo der Boden Monate lang fortwhrend erschttert worden, wie auf
Jamaica im Jahr 1693, in Lissabon 1755, in Cumana 1766, in Piemont 1808,
ist man darauf gefat, einen Vulkan sich ffnen zu sehen. Man vergit, da
man die Herde oder Mittelpunkte der Bewegung weit unter der Erdoberflche
zu suchen hat; da, nach zuverlssigen Aussagen, die Schwingungen sich
fast im selben Moment tausend Meilen weit ber die tiefsten Meere weg
fortpflanzen; da die grten Zerstrungen nicht am Fu thtiger Vulkane,
sondern in aus den verschiedensten Felsarten aufgebauten Gebirgsketten
vorgekommen sind. Die Gneise, Glimmerschiefer- und Urkalkschichten in der
Umgegend von Caracas sind keineswegs strker zerbrochen oder
unregelmiger geneigt, als bei Freiberg in Sachsen und berall, wo
Urgebirge rasch zu bedeutender Hhe ansteigen; ich habe daselbst weder
Basalt noch Dolerit, nicht einmal Trachyte und Trapp-Porphyre gefunden,
kurz keine Spur von erloschenen Vulkanen. Es konnte mir nie einfallen, zu
uern, die Silla und der Cerro de Avila seyen fr die Hauptstadt
gefhrliche Nachbarn, weil diese Berge in untergeordneten Schichten von
Urkalk viele Schwefelkiese enthalten; ich erinnere mich aber, whrend
meines Aufenthalts in Caracas gesagt zu haben, seit dem groen Erdbeben in
Quito scheine am stlichen Ende von Terra Firma der Boden so unruhig zu
seyn, da man besorgen msse, mit der Zeit drfte die Provinz Venezuela
starke Erderschtterungen erleiden. Ich bemerkte weiter, wenn ein Land
lange von Erdsten heimgesucht worden sey, so scheinen sich in der Tiefe
neue Verbindungen mit benachbarten Lndern herzustellen, und die in der
Richtung der Silla nordstlich von der Stadt gelegenen Vulkane der
Antillen seyen vielleicht Luftlcher, durch welche bei einem Ausbruch die
elastischen Flssigkeiten entweichen, welche die Erdbeben auf den Ksten
des Festlandes verursachen. Zwischen solchen Betrachtungen, die sich auf
die Kenntni der Oertlichkeiten und auf bloe Analogien grnden, und einer
durch den Lauf der Naturereignisse besttigten Vorhersagung ist ein groer
Unterschied.

Whrend man im Thal des Mississippi, auf der Insel St. Vincent und in der
Provinz Venezuela gleichzeitig starke Erdste sprte, wurde man am
30. April 1812 in Caracas, in Calabozo mitten in den Steppen, und an den
Ufern des Rio Apure, auf einem Landstrich von 4000 Quadratmeilen, durch
ein unterirdisches Getse erschreckt, das wiederholten Salven aus
Geschtzen vom grten Caliber glich. Es fing um zwei Uhr Morgens an; es
war von keinen Sten begleitet, und, was sehr merkwrdig ist, es war auf
der Kste und 80 Meilen weit im Land gleich stark. Ueberall meinte man, es
komme durch die Luft her, und man war soweit entfernt, dabei an einen
unterirdischen Donner zu denken, da man in Caracas wie in Calabozo
militrische Maregeln ergriff, um den Platz in Vertheidigungszustand zu
setzen, da der Feind mit seinem groben Geschtz anzurcken schien. Beim
Uebergang ber den Apure unterhalb Orivante, beim Einflu des Rio Rula,
hrte Palacio aus dem Munde der Indianer, man habe die Kanonenschsse
eben so gut am westlichen Ende der Provinz Barinas als im Hafen von Guayra
nrdlich von der Kstenkette gehrt.

Am Tage, an dem die Bewohner von Terra Firma durch ein unterirdisches
Getse erschreckt wurden, erfolgte ein groer Ausbruch des Vulkans auf der
Insel St. Vincent. Der Berg, der gegen 500 Toisen hoch ist, hatte seit dem
Jahr 1718 keine Lava mehr ausgeworfen. Man sah ihn kaum rauchen, als im
Mai 1811 hufige Erdste verkndeten, da sich das vulkanische Feuer
entweder von Neuem entzndet oder nach diesem Strich der Antillen gezogen
habe. Der erste Ausbruch fand erst am 27. April 1812 um Mittag statt. Der
Vulkan warf dabei nur Asche aus, aber unter furchtbarem Krachen. Am
30. flo die Lava ber den Kraterrand und erreichte nach vier Stunden die
See. Das Getse beim Ausbruch glich abwechselnd Salven aus dem schwersten
Geschtz und Kleingewehrfeuer, und, was sehr beachtenswerth ist, dasselbe
schien weit strker auf offener See, weit weg von der Insel, als im
Angesicht des Landes, ganz in der Nahe des brennenden Vulkans.

Vom Vulkan von St. Vincent bis zum Rio Apure beim Einflu des Rula sind es
in gerader Linie 210 Seemeilen (20 auf einen Grad); die Explosionen wurden
demnach in einer Entfernung gehrt gleich der vom Vesuv nach Paris. Dieses
Phnomen, dem sich viele Beobachtungen in der Cordillere der Anden
anschlieen, beweist, wie viel grer die unterirdische Wirkungssphre
eines Vulkans ist, als man nach den unbedeutenden Vernderungen, die er an
der Erdoberflche hervorbringt, glauben sollte. Die Knalle, die man in der
neuen Welt Tage lang 80, 100, ja 200 Meilen von einem Krater hrt,
gelangen nicht mittelst der Fortpflanzung des Schalls durch die Luft zu
uns; der Ton wird vielmehr durch die Erde geleitet, vielleicht am Punkte
selbst, wo wir uns befinden. Wenn die Ausbrche des Vulkans von
St. Vincent, des Cotopaxi oder Tunguragua von so weit herschallten wie
eine ungeheuer groe Kanone, so mte der Schall im umgekehrten Verhltni
der Entfernung strker werden; aber die Beobachtung zeigt, da die nicht
der Fall ist. Noch mehr: in der Sdsee, auf der Fahrt von Guayaquil an die
Kste von Mexico, fuhren Bonpland und ich ber Striche, wo alle Matrosen
an Bord ber ein dumpfes Gerusch erschracken, das aus der Tiefe des
Meeres herauskam und uns durch das Wasser mitgetheilt wurde. Eben fand
wieder ein Ausbruch des Cotopaxi statt, und wir waren so weit von diesem
Vulkan entfernt als der Aetna von der Stadt Neapel. Vom Vulkan Cotopaxi
zur kleinen Stadt Honda am Ufer des Magdalenenstroms sind es nicht weniger
als 145 Meilen, und doch hrte man whrend der groen Ausbrche jenes
Vulkans in Honda ein unterirdisches Getse, das man fr Geschtzsalven
hielt. Die Franciscaner verbreiteten das Gercht, Carthagena werde von den
Englndern belagert und beschossen, und alle Einwohner glaubten daran. Der
Cotopaxi ist nun aber ein Kegel, der 1800 Toisen und mehr ber dem Becken
von Honda liegt; er steigt aus einer Hochebene empor, die selbst noch 1500
Toisen mehr Meereshhe hat als das Thal des Magdalenenstroms. All die
colossalen Berge von Quito, der Provinz de los Pastos und von Popayan,
zahllose Thler und Erdspalten liegen dazwischen. Unter diesen Umstnden
lt sich nicht annehmen, da der Ton durch die Luft oder durch die
obersten Erdschichten fortgepflanzt worden und da er von da ausgegangen
sey, wo der Kegel und der Krater des Cotopaxi liegen. Man mu es
wahrscheinlich finden, da der hochgelegene Theil des Knigreichs Quito
und die benachbarten Cordilleren keineswegs eine Gruppe einzelner Vulkane
sind, sondern eine einzige aufgetriebene Masse bilden, eine ungeheure von
Sd nach Nord laufende vulkanische Mauer, deren Kamm ber 600
Quadratmeilen Oberflche hat. Auf diesem Gewlbe, auf diesem
aufgetriebenen Erdstck stehen nun der Cotopaxi, der Tunguragua, der
Antisana, der Pichincha. Man gibt jedem einen eigenen Namen, obgleich es
im Grund nur verschiedene Gipfel desselben vulkanischen Gebirgsklumpens
sind. Das Feuer bricht bald durch den einen, bald durch den andern dieser
Gipfel aus. Die ausgefllten Krater erscheinen uns als erloschene Vulkane;
wenn aber auch der Cotopaxi und der Tunguragua in hundert Jahren nur ein-
oder zweimal auswerfen, so lt sich doch annehmen, da das unterirdische
Feuer unter der Stadt Quito, unter Pichincha und Imbaburu in bestndiger
Thtigkeit ist.

Nordwrts finden wir zwischen dem Vulkan Cotopaxi und der Stadt Honda zwei
andere *vulkanische Bergsysteme*, die Berge los Pastos und die von
Popayan. Da diese Systeme unter sich zusammenhngen, geht unzweifelhaft
aus einer Erscheinung hervor, deren ich schon oben gedacht habe, als von
der gnzlichen Zerstrung der Stadt Caracas die Rede war. Vom November
1796 an stie der Vulkan bei Pasto, der westlich von der Stadt dieses
Namens am Thal des Rio Guaytara liegt, eine dicke Rauchsule aus. Die
Mndungen des Vulkans liegen an der Seite des Berges, auf seinem
westlichen Abhang; dennoch stieg die Rauchsule drei Monate lang so hoch
ber den Gebirgskamm empor, da die Einwohner der Stadt Pasto sie
fortwhrend sahen. Alle versicherten uns, zu ihrer groen Ueberraschung
sey am 4. Februar 1797 der Rauch auf einmal verschwunden, ohne da man
einen Erdsto sprte. Und im selben Augenblick wurde 65 Meilen weiter
gegen Sd zwischen dem Chimborazo, dem Tunguragua und dem Altar
(Capac-Urcu) die Stadt Riobamba durch ein Erdbeben zerstrt, furchtbarer
als alle, die im Andenken geblieben sind. Die Gleichzeitigkeit dieser
Ereignisse lt wohl keinen Zweifel darber, da die Dmpfe, welche der
Vulkan von Pasto aus seinen kleinen Mndungen oder _'ventanillas'_
ausstie, am Druck elastischer Flssigkeiten theilnahmen, welche den Boden
des Knigreichs Peru erschtterten und in wenigen Augenblicken dreiig bis
vierzigtausend Menschen das Leben kosteten.

Um diese gewaltigen Wirkungen der *vulkanischen Reactionen* zu erklren,
um darzuthun, da die Vulkangruppe oder das *vulkanische System* der
Antillen von Zeit zu Zeit Terra Firma erschttern kann, mute ich mich auf
die Cordillere der Anden berufen. Nur auf die Analogie frischer, und somit
vollkommen beglaubigter Thatsachen lassen sich geologische Schlsse bauen,
und wo auf dem Erdball fnde man groartigere und mannigfaltigere
vulkanische Erscheinungen, als in jener doppelten vom Feuer emporgehobenen
Bergkette, in dem Lande, wo die Natur ber jeden Berggipfel und jedes Thal
die Flle ihrer Wunder ausgegossen hat? Betrachtet man einen brennenden
Krater als eine vereinzelte Erscheinung, bleibt man dabei stehen, die
Masse des Gesteins, das er ausgeworfen, abzuschtzen, so stellt sich die
vulkanische Wirksamkeit an der gegenwrtigen Erdoberflche weder als sehr
gewaltig, noch als sehr ausgebreitet dar. Aber das Bild dieser Wirksamkeit
erweitert sich vor unserem innern Blick mehr und mehr, je frher wir den
Zusammenhang zwischen den Vulkanen derselben Gruppe kennen lernen, -- und
dergleichen Gruppen sind z. B. die Vulkane in Neapel und auf Sicilien, die
der canarischen Inseln, die der Azoren, die der kleinen Antillen, die in
Mexico, in Guatimala und auf der Hochebene von Quito --; je genauer wir
sowohl die Reactionen dieser verschiedenen Vulkansysteme auf einander, als
die Entfernungen kennen lernen, in denen sie vermge ihres Zusammenhangs
in den Erdtiefen den Boden zu gleicher Zeit erschttern. Das Studium der
Vulkane zerfllt in zwei ganz gesonderte Theile. Der eine, rein
mineralogische, beschftigt sich nur mit der Untersuchung der durch das
unterirdische Feuer gebildeten oder umgewandelten Gesteine, von der
Trachyt- und Trapp-Porphyrformation, von den Basalten, Phonolithen und
Doleriten heraus bis zu den neuesten Laven. Der andere, nicht so
zugngliche und auch mehr vernachlssigte Theil hat es mit den
gegenseitigen physikalischen Verhltnissen der Vulkane zu thun, mit dem
Einflu, den die Systeme auf einander ausben, mit dem Zusammenhang
zwischen den Wirkungen der feuerspeienden Berge und den Sten, welche den
Erdboden auf weite Strecken und lange fort in derselben Richtung
erschttern. Dieses Wissen kann nur dann fortschreiten, wenn man die
verschiedenen Epochen der gleichzeitigen Thtigkeit genau verzeichnet,
ferner die Richtung, Ausdehnung und Strke der Erschtterungen, ihr
allmliges Vorrcken in Landstrichen, die sie frher nicht erreicht
hatten, das Zusammentreffen eines fernen vulkanischen Ausbruchs mit jenem
unterirdischen Getse, das so stark ist, da die Bewohner der Anden es
ausdrucksvoll *unterirdisches Gebrlle* und *unterirdischen Donner*
(_bramidos y truenos subterraneos_) nennen. Alle diese Angaben gehren dem
Gebiet der Naturgeschichte an, einer Wissenschaft, der man nicht einmal
ihren Namen gelassen hat, und die wie alle Geschichte mit Zeiten beginnt,
die uns fabelhaft erscheinen, und mit Katastrophen, deren Groartigkeit
und Gewaltsamkeit weit ber das Ma unserer Vorstellungen hinausgeht.

Man hat sich lange darauf beschrnkt, die Geschichte der Natur nach den
alten, in den Eingeweiden der Erde begrabenen Denkmlern zu studiren; aber
wenn auch im engen Kreis sicherer Ueberlieferung nichts von so allgemeinen
Umwlzungen vorkommt, wie die, durch welche die Cordilleren emporgehoben
und Myriaden von Seethieren begraben worden, so gehen doch auch in der
jetzigen Natur, unter unsern Augen, wenn auch auf beschrnktem Raum,
strmische Auftritte genug vor sich, die, wissenschaftlich aufgefat, ber
die entlegensten Zeiten der Erdbildung Licht verbreiten knnen. Im Innern
des Erdballs hausen die geheimnivollen Krfte, deren Wirkungen an der
Oberflche zu Tage kommen, als Ausbrche von Dmpfen, glhenden Schlacken,
neuen vulkanischen Gesteinen und heien Quellen, als Auftreibungen zu
Inseln und Bergen, als Erschtterungen, die sich so schnell wie der
elektrische Schlag fortpflanzen, endlich als unterirdische-: Donner, den
man Monate lang, und ohne Erschtterung des Bodens, in groen Entfernungen
von thtigen Vulkanen hrt.

Je mehr im tropischen Amerika Cultur und Bevlkerung zunehmen werden, je
fleiiger man die vulkanischen Systeme von Popayan, los Pastos, Quito, auf
den kleinen Antillen, auf der Centralhochebene von Mexico beobachten wird,
desto mehr mu der Zusammenhang zwischen Ausbrchen und Erdbeben, welche
den Ausbrchen vorangehen und zuweilen folgen, allgemeine Anschauung
werden. Die genannten Vulkane, besonders aber die der Anden, welche die
ungeheure Hhe von 2500 Toisen und darber erreichen, bieten dem
Beobachter bedeutende Vortheile. Die Epochen ihrer Ausbrche sind
merkwrdig scharf bezeichnet. Dreiig, vierzig Jahre lang werfen sie keine
Schlacken, keine Asche aus, rauchen nicht einmal. In einer solchen Periode
habe ich keine Spur von Rauch auf dem Gipfel des Tunguragua und des
Cotopaxi gesehen. Wenn dagegen dem Krater des Vesuvs eine Rauchwolke
entsteigt, achten die Neapolitaner kaum darauf; sie sind an die Bewegungen
dieses kleinen Vulkans gewhnt, der oft in zwei, drei Jahren hinter
einander Schlacken auswirft. Da ist freilich schwer zu beurtheilen, ob die
Schlackenauswrfe im Moment, wo man im Apennin einen Erdsto versprt,
strker gewesen sind. Auf dem Rcken der Cordilleren hat Alles einen
bestimmteren Typus. Auf einen Aschenauswurf von ein paar Minuten folgt oft
zehnjhrige Ruhe. Unter diesen Umstnden wird es leicht, Epochen zu
verzeichnen und auszumitteln, ob die Erscheinungen in der Zeit
zusammenfallen.

Die Zerstrung von Cumana im Jahr 1797 und von Caracas im Jahr 1812 weisen
darauf hin, da die Vulkane auf den kleinen Antillen mit den
Erschtterungen, welche die Ksten von Terra Firma erleiden, im
Zusammenhang stehen. Trotz dem kommt es hufig vor, da die Ste, welche
man im vulkanischen Archipel sprt, sich weder nach der Insel Trinidad,
noch nach den Ksten von Cumana und Caracas fortpflanzen. Diese
Erscheinung hat aber durchaus nichts auffallendes. Auf den kleinen
Antillen selbst beschrnken sich die Erschtterungen oft auf eine einzige
Insel. Der groe Ausbruch des Vulkans auf St. Vincent im Jahr 1812 hatte
in Martinique und Guadeloupe kein Erdbeben zur Folge. Man hrte, wie in
Venezuela, starke Schlge, aber der Boden blieb ruhig.

Diese Donnerschlge, die nicht mit dem rollenden Gerusch zu verwechseln
sind, das berall auch ganz schwachen Erdsten vorausgeht, hrt man an
den Ufern des Orinoco ziemlich oft, besonders, wie man uns an Ort und
Stelle versichert hat, zwischen dem Rio Arauca und dem Cuchivero. Pater
Morello erzhlt, in der Mission Cabruta habe das unterirdische Getse
zuweilen so ganz geklungen wie Salven von Steinbllern (_pedreros_) da es
gewesen sey, als wrde in der Ferne ein Gefecht geliefert. Am 21. October
1766, am Tage des schrecklichen Erdbebens, das die Provinz Neu-Andalusien
verheerte, erzitterte der Boden zu gleicher Zeit in Cumana, in Caracas, in
Maracaybo, an den Ufern des Casanare, des Meta, des Orinoco und des
Ventuario. Pater Gili hat diese Erderschtterungen in einer ganz
granitischen Gebirgsgegend, in der Mission Encaramada beschrieben, wo sie
von heftigen Donnerschlgen begleitet waren. Am Paurari erfolgten groe
Bergstrze, und beim Felsen Aravacoto verschwand eine Insel im Orinoco.
Die wellenfrmigen Bewegungen dauerten eine ganze Stunde. Damit war
gleichsam das Zeichen gegeben zu den heftigen Erschtterungen, welche die
Ksten von Cumana und Cariaco mehr als zehn Monate lang erlitten. Man
sollte meinen, Menschen, die zerstreut in Wldern leben und kein anderes
Obdach haben als Htten aus Rohr und Palmblttern, frchten sich nicht vor
den Erdbeben. Die Indianer am Erevato und Caura entsetzen sich aber
darber, da die Erscheinung bei ihnen selten vorkommt, und selbst die
Thiere im Walde erschrecken ja dabei, und die Krokodile eilen aus dem
Wasser ans Ufer. Nher bei der See, wo die Erdste sehr hufig sind,
frchten sich die Indianer nicht nur nicht davor, sondern sehen sie gern
als Vorboten eines feuchten, fruchtbaren Jahres.

Alles weist darauf hin, da im Innern des Erdballs nie schlummernde Krfte
walten, die mit einander ringen, sich das Gleichgewicht halten und sich
gegenseitig stimmen. Je mehr die Ursachen jener Wellenbewegungen des
Bodens, jener Entbindung von Hitze, jener Bildung elastischer
Flssigkeiten fr uns in Dunkel gehllt sind, desto grere Aufforderung
hat der Physiker, den Zusammenhang nher zu beobachten, der zwischen
diesen Erscheinungen sichtbar besteht und auf weite Entfernungen und in
sehr gleichfrmiger Weise zu Tage kommt. Nur wenn man die verschiedenen
Beziehungen und Verhltnisse aus einem allgemeinen Gesichtspunkt
betrachtet, wenn man sie ber ein groes Stck der Erdoberflche durch die
verschiedensten Gebirgsarten verfolgt, kommt man dazu, den Gedanken
aufzugeben, als ob die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben kleine
lokale Ursachen haben knnten, wie Schichten von Schwefelkiesen und
brennende Steinkohlenflze.

Wir haben uns in diesem Kapitel mit den gewaltigen Erschtterungen
beschftigt, welche die Steinkruste des Erdballs von Zeit zu Zeit
erleidet, und die unermelichen Jammer ber ein Land bringen, das die
Natur mit ihren kstlichsten Gaben ausgestattet hat. Ununterbrochene Ruhe
herrscht in der obern Atmosphre, aber -- um einen Ausdruck Franklins zu
brauchen, der mehr witzig ist als richtig -- in der *unterirdischen
Atmosphre*, in diesem Gemisch elastischer Flssigkeiten, deren gewaltsame
Bewegungen wir an der Erdoberflche empfinden, rollt hufig der Donner.
Wir haben von der Zerstrung so vieler volkreichen Stdte erzhlt und
damit das hchste Ma menschlichen Elends geschildert. Ein fr seine
Unabhngigkeit kmpfendes Volk sieht sich auf einmal dem Mangel an Nahrung
und allen Lebensbedrfnissen preisgegeben. Hungernd, obdachlos zerstreut
es sich auf dem platten Lande. Viele, die nicht unter den Trmmern ihrer
Huser begraben worden, werden von Seuchen weggerafft. Das Gefhl des
Jammers, weit entfernt das Vertrauen unter den Brgern zu befestigen,
untergrbt es vollends; die uern Uebel steigern noch die Zwietracht, und
der Anblick eines mit Thrnen und Blut getrnkten Bodens beschwichtigt
nicht den Grimm der siegreichen Partei.

Nachdem man bei solchen Greuelscenen verweilt, lt man die
Einbildungskraft mit Behagen bei freundlichen Erinnerungen ausruhen. Als
in den Vereinigten Staaten das groe Unglck von Caracas bekannt wurde,
beschlo der zu Washington versammelte Congre einstimmig, fnf Schiffe
mit Mehl zur Vertheilung unter die Drftigsten an die Kste von Venezuela
zu senden. Diese gromthige Untersttzung ward mit dem lebhaftesten Danke
aufgenommen, und dieser feierliche Beschlu eines freien Volks, dieser
Beweis der Theilnahme von Volk zu Volk, wovon die sich steigernde Cultur
des alten Europa in jngster Zeit wenige Beispiele aufzuweisen hat,
erschien als ein kostbares Unterpfand des gegenseitigen Wohlwollens, das
auf immer die Vlker des gedoppelten Amerikas verknpfen soll.

                            ------------------





   40 Z. B. die nchtliche Prozession am 21. October zum Andenken an das
      groe Erdbeben an diesem Tage um ein Uhr nach Mitternacht im Jahr
      1778. Andere sehr starke Erdste kamen vor in den Jahren 1641, 1703
      und 1802.

   41 DELPECHE, _sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812_.
      (Manuscript)

   42 Die Dauer des Erdbebens, d. h. all der wellenfrmigen und stoenden
      Bewegungen (_undulacion y trepidacion_), welche die furchtbare
      Katastrophe vom 26. Mrz 1812 herbeifhrten, wurde von den einen auf
      50 Secunden, von andern auf 1 Minute 12 Secunden geschtzt.





FNFZEHNTES KAPITEL.


     Abreise von Caracas. -- Gebirge von San Pedro und los Teques. --
                     Victoria. -- Thler von Aragua.


Der krzeste Weg von Caracas an die Ufer des Orinoco htte uns ber die
sdliche Kette der Berge zwischen Baruta, Salamanca und den Savanen von
Ocumare, und ber die Steppen oder Llanos von Orituco gefhrt, worauf wir
uns bei Cabruta, an der Einmndung des Rio Guarico, htten einschiffen
mssen; aber auf diesem geraden Wege htten wir unsere Absicht nicht
erreicht, die dahin ging, den schnsten und kultivirtesten Theil der
Provinz, die Thler von Aragua, zu besuchen, einen interessanten Strich
der Kste mit dem Barometer zu vermessen und den Rio Apure bis zu seinem
Einflu in den Orinoco hinabzufahren. Ein Reisender, der sich mit der
Gestaltung und den natrlichen Schtzen des Bodens bekannt machen will,
richtet sich nicht nach den Entfernungen, sondern nach dem Interesse, das
die zu bereisenden Lnder bieten. Diese entscheidende Rcksicht fhrte uns
in die Berge los Teques, zu den warmen Quellen von Mariara, an die
fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia und ber die ungeheuren Steppen von
Calabozo nach San Fernando am Apure im stlichen Theil der Provinz
Barinas. Auf diesem Wege war unsere Richtung Anfangs West, dann Sd und am
Ende Ost-Sd-Ost, um auf dem Apure, unter dem Parallel von 7 36{~PRIME~} 23{~DOUBLE PRIME~} in
den Orinoco zu gelangen.

Da auf einem Wege von sechs bis siebenhundert Meilen die Lngen durch
Uebertragung der Zeit in Caracas und Cumana zu bestimmen waren, mute
nothwendig die Lage beider Stdte genau und durch absolute Beobachtungen
ermittelt werden. Oben ist das Resultat der am ersten Ausgangspunkt, in
Cumana, angestellten Beobachtungen angegeben; der zweite Punkt, der
nrdliche Stadttheil von Caracas, liegt unter 10 30{~PRIME~} 50{~DOUBLE PRIME~} der Breite und
69 25{~PRIME~} 0{~DOUBLE PRIME~} der Lnge. Die magnetische Declination fand ich am 22. Januar
1800 auerhalb der Stadt, am Thore bei der Pastora, 4 38{~PRIME~} 45{~DOUBLE PRIME~} gegen
Nordost, und am 30. Januar im Innern der Stadt bei der Universitt
4 39{~PRIME~} 15{~DOUBLE PRIME~}, also um 26{~PRIME~} strker als in Cumana. Die Inclination der Nadel
war 42 90; die Zahl der Schwingungen, welche die Intensitt der
magnetischen Kraft angaben, war in zehn Minuten Zeit in Caracas 232, in
Cumana 229. Diese Beobachtungen konnten nicht sehr oft wiederholt werden:
sie sind das Ergebni dreimonatlicher Arbeit.

Am Tage, wo wir die Hauptstadt von Venezuela verlieen, die seitdem durch
ein furchtbares Erdbeben vernichtet worden ist, bernachteten wir am Fue
der bewaldeten Berge, die das Thal gegen Sdwest schlieen. Wir zogen am
rechten Ufer des Guayre bis zum Dorf Antimano auf einer sehr schnen, zum
Theil in den Fels gehauenen Strae. Man kommt durch la Vega und Carapa.
Die Kirche von la Vega hebt sich sehr malerisch von einem dicht
bewachsenen Hgelzug ab. Zerstreute Huser, von Dattelbumen umgeben,
deuten auf gnstige Verhltnisse der Bewohner: Eine nicht sehr hohe
Bergkette trennt den kleinen Guayreflu vom Thale *de la Pascua*,(43) das
in der Geschichte des Landes eine groe Rolle spielt, und von den alten
Goldbergwerken von Baruta und Oripoto. Auf dem Wege aufwrts nach Carapa
hat man noch einmal die Aussicht auf die Silla, die sich als eine
gewaltige, gegen das Meer jh abstrzende Kuppel darstellt. Dieser runde
Gipfel und der wie eine Mauerzinne gezackte Kamm des Galipano sind die
einzigen Berggestalten in diesem Becken von Gnei und Glimmerschiefer, die
der Landschaft Charakter geben; die brigen Hhen sind sehr einfrmig und
langweilig.

Beim Dorfe Antimano waren alle Baumgrten voll blhender Pfirsichbume.
Aus diesem Dorf, aus Valle und von den Ufern des Macarao kommen eine Menge
Pfirsiche, Quitten und anderes europisches Obst auf den Markt in Caracas.
Von Antimano bis las Ajuntas geht man siebzehn mal ber den Guayre. Der
Weg ist sehr beschwerlich; statt aber eine neue Strae zu bauen, thte man
vielleicht besser, dem Flu ein anderes Bett anzuweisen, der durch
Einsickerung und Verdunstung sehr viel Wasser verliert. Jede Krmmung
bildet eine grere oder kleinere Lache. Diese Verluste sind nicht
gleichgltig in einer Provinz, wo der ganze bebaute Boden, mit Ausnahme
des Strichs zwischen der See und der Kstenbergkette von Mariara und
Niguatar, sehr trocken ist. Es regnet weit seltener und weniger als im
Innern von Neu-Andalusien, in Cumanacoa und an den Ufern des Guarapiche.
Viele Berge der Provinz Caracas reichen in die Wolkenregion hinauf, aber
die Schichten des Urgebirgs sind unter einem Winkel von 70--80 geneigt
und fallen meist nach Nordwest, so da die Wasser entweder im Gebirg
versinken oder nicht sdlich, sondern nrdlich an den Kstengebirgen von
Niguatar, Avila und Mariara in reichlichen Quellen zu Tage kommen. Daraus,
da die Gnei- und Glimmerschieferschichten gegen Sd ausgerichtet sind,
scheint sich mir grtentheils die groe Drre des Kstenstrichs zu
erklren. Im Innern der Provinz findet man Strecken von zwei, drei
Quadratmeilen ohne alle Quellen. Das Zuckerrohr, der Indigo und der
Kaffeebaum knnen nur da gedeihen, wo Wasser fliet, mit dem man whrend
der groen Drre knstlich bewssern kann. Die ersten Ansiedler haben
unvorsichtigerweise die Wlder niedergeschlagen. Auf einem steinigten
Boden, wo Felsen ringsum Wrme strahlen, ist die Verdunstung ungemein
stark. Die Berge an der Kste gleichen einer Mauer, die von Ost nach West
vom Cap Codera gegen die Landspitze Tucacas sich hinzieht; sie lassen die
feuchte Kstenluft, die untern Luftschichten, die unmittelbar auf der See
aufliegen und am meisten Wasser ausgelst haben, nicht ins innere Land
kommen. Es gibt wenige Lcken, wenige Schluchten, die wie die Schlucht von
Catia oder Tipe(44) vom Meeresufer in die hochgelegenen Lngenthler
hinauffhren. Da ist kein groes Flubett, kein Meerbusen, durch die der
Ocean in das Land einschneidet und durch reichliche Verdunstung
Feuchtigkeit verbreitet. Unter dem 8. und 10. Breitegrad werfen da, wo die
Wolken nicht nahe am Boden hinziehen, die Bume im Januar und Februar die
Bltter ab, sicher nicht, wie in Europa, weil die Temperatur zu niedrig
wird, sondern weil in diesen Monaten, die am weitesten von der Regenzeit
entfernt sind, die Luft dem Maximum von Trockenheit sich nhert. Nur die
Gewchse mit glnzenden, stark lederartigen Blttern halten die Drre aus.
Unter dem schnen tropischen Himmel befremdet den Reisenden der fast
winterliche Charakter des Landes; aber das frischeste Grn erscheint
wieder, sobald man an die Ufer des Orinoco gelangt. Dort herrscht ein
anderes Klima und durch ihre Beschattung unterhalten die groen Wlder im
Boden einen gewissen Grad von Feuchtigkeit und schtzen ihn vor der
verzehrenden Sonnengluth.

Jenseits des kleinen Dorfes Antimano wird das Thal bedeutend enger. Das
Fluufer ist mit *Lata* bewachsen, der schnen Grasart mit zweizeiligen
Blttern, die gegen dreiig Fu hoch wird und die wir unter dem Namen
Gynerium (_saccharoides_) beschrieben haben. Um jede Htte stehen
ungeheure Stmme von Persea (_Laurus Persea_), an denen Aristolochien,
Paullinien und eine Menge anderer Schlingpflanzen wachsen. Die
benachbarten bewaldeten Berge scheinen dieses westliche Ende des Thales
von Caracas feucht zu erhalten. Die Nacht vor unserer Ankunft in las
Ajuntas brachten wir auf einer Zuckerpflanzung zu. In einem viereckigten
Haus lagen gegen 80 Neger auf Ochsenhuten am Bodens. In jedem Gemach
waren vier Sklaven, und das Ganze sah aus wie eine Kaserne. Im Hof
brannten ein Dutzend Feuer, an denen gekocht wurde. Auch hier fiel uns die
lrmende Lustigkeit der Schwarzen auf und wir konnten kaum schlafen. Wegen
des bewlkten Himmels konnte ich keine Sternbeobachtungen machen; der Mond
kam nur von Zeit zu Zeit zum Vorschein, die Landschaft war trbselig
einfrmig, alle Hgel umher mit Magueys bewachsen. Man arbeitete an einem
kleinen Kanal, der ber 70 Fu hoch das Wasser des Rio San Pedro in den
Hof leiten sollte. Nach einer barometrischen Beobachtung liegt der Boden
der Hacienda nur 50 Toisen ber dem Bett des Guayre bei Noria in der Nhe
von Caracas.

Der Boden dieses Landstrichs erwies sich zum Bau des Kaffeebaums nicht
sehr geeignet; er gibt im Allgemeinen im Thale von Caracas einen
geringeren Ertrag, als man Anfangs vermuthet hatte, da man bei Chacao mit
dem Anbau begann. Um sich von der Wichtigkeit dieses Handelszweiges im
Allgemeinen einen Begriff zu machen, gengt die Angabe, da die ganze
Provinz Caracas zur Zeit ihrer hchsten Blthe vor den Revolutionskriegen
bereits 50--60,000 Centner Kaffee erzeugte. Dieser Ertrag, der den Ernten
von Guadeloupe und Martinique zusammen fast gleich kommt, mu desto
bedeutender erscheinen, da erst im Jahre 1784 ein achtbarer Brger, Don
Bartholomeo Blandin, die ersten Versuche mit dem Kaffeebau auf der Kste
von Terra Firma gemacht hatte. Die schnsten Kaffeepflanzungen sind jetzt
in der Savane von Ocumare bei Salamanca und in Rincon, sowie im bergigten
Lande los Mariches, San Antonio Hatillo und los Budares. Der Kaffee von
den drei letztgenannten, ostwrts von Caracas gelegenen Orten ist von
vorzglicher Gte; aber die Strucher tragen dort weniger, was man der
hohen Lage und dem khlen Klima zuschreibt. Die groen Pflanzungen in der
Provinz Venezuela, wie Aguacates bei Valencia und le Rincon, geben in
guten Jahren Ernten von 3000 Centnern. Im Jahr 1796 betrug die
Gesammtausfuhr der Provinz nicht mehr als 4800 Centner, im Jahr 1804
10,000 Centner; sie hatte indessen schon im Jahre 1789 begonnen. Die
Preise schwankten zwischen 6 und 18 Piastern der Centner. In der Havana
sah man denselben auf 3 Piaster fallen; zu jener fr die Colonisten so
unheilvollen Zeit, in den Jahren 1810 und 1812, lagen aber auch ber zwei
Millionen Centner Kaffee (im Werth von zehn Millionen Pfund Sterling) in
den englischen Magazinen.

Die groe Vorliebe, die man in dieser Provinz fr den Kaffeebau hat, rhrt
zum Theil daher, da die Bohne sich viele Jahre hlt, whrend der Cacao,
trotz aller Sorgfalt, nach zehn Monaten oder einem Jahr in den Magazinen
verdirbt. Whrend der langen Kriege zwischen den europischen Mchten, wo
das Mutterland zu schwach war, um den Handel seiner Colonien zu schtzen,
mute sich die Industrie vorzugsweise auf ein Produkt werfen, das nicht
schnell abgesetzt werden mu und bei dem man alle politischen und
Handelsconjunkturen abwarten kann. In den Kaffeepflanzungen von Caracas
nimmt man, wie ich gesehen, zum Versetzen nicht leicht die jungen
Pflanzen, die zufllig unter den tragenden Bumen aufwachsen; man lt
vielmehr die Bohnen, getrennt von der Beere, aber doch noch mit einem
Theil des Fleisches daran, in Haufen zwischen Bananenblttern fnf Tage
lang keimen und steckt sofort den gekeimten Samen. Die so gezogenen
Pflanzen widerstehen der Sonnenhitze besser als die, welche in der
Pflanzung selbst im Schatten aufgewachsen sind. Man setzt hier zu Lande
gewhnlich 5300 Bume auf die *Vanega*, die gleich ist 5476 Quadrattoisen.
Ein solches Grundstck kostet, wenn es sich bewssern lt, im nrdlichen
Theil der Provinz 500 Piaster. Der Kaffeebaum blht erst im zweiten Jahr
und die Blthe whrt nur 24 Stunden. In dieser Zeit nimmt sich der kleine
Baum sehr gut aus; von weitem meint man, er sey beschneit. Im dritten Jahr
ist die Ernte bereits sehr reich. In gut gejteten und bewsserten
Pflanzungen auf frisch umgebrochenem Boden gibt es ausgewachsene Bume,
die 16, 18, sogar 20 Pfund Kaffee tragen; indessen darf man nur
1--1 Pfund auf den Stamm rechnen, und dieser durchschnittliche Ertrag ist
schon grer als auf den Antillen. Der Regen, wenn er in die Blthezeit
fllt, der Mangel an Wasser zum Ueberrieseln und ein Schmarotzergewchs,
eine neue Art Loranthus, das sich an den Zweigen ansetzt, richten groen
Schaden in den Kaffeepflanzungen an. Auf Pflanzungen von 8000 bis 10,000
Stmmen gibt die fleischige Beere des Kaffeebaums eine ungeheure Masse
organischen Stoffs, und man mu sich wundern, da man nie versucht hat
Alkohol daraus zu gewinnen.

Wenn auch die Unruhen auf St. Domingo, der augenblickliche Ausschlag der
Colonialwaaren und die Auswanderung der franzsischen Pflanzer den ersten
Anla zum Bau des Kaffees auf dem Festland von Amerika, auf Cuba und
Jamaica gaben, so hat doch, was sie an Kaffee geliefert, keineswegs blo
das Deficit gedeckt, das dadurch entstanden war, da die franzsischen
Antillen nichts mehr ausfhrten. Dieser Ertrag steigerte sich, je mehr die
Bevlkerung und bei vernderter Lebensweise der Luxus bei den europischen
Vlkern zunahmen. Zu Neckers Zeit im Jahr 1780 fhrte St. Domingo gegen 76
Millionen Pfund Kaffee aus. Im Jahr 1817 und den drei folgenden Jahren war
die Ausfuhr, nach Colquhoun, noch 36 Millionen Pfund. Der Kaffeebau ist
nicht so mhsam und kostspielig als der Bau des Zuckerrohrs und hat unter
dem Regiment der Schwarzen nicht so sehr gelitten als letzterer. Das sich
ergebende Deficit von 40 Millionen Pfund wird nun von Jamaica, Cuba,
Surinam, Demerary, Barbice, Curaao, Venezuela und der Insel Java weit
mehr als gedeckt, indem alle zusammen 75,900,000 Pfund erzeugen.

Die Gesammteinfuhr von Kaffee aus Amerika nach Europa bersteigt jetzt 106
Millionen Pfund franzsischen Markgewichts. Rechnet man dazu 4--5
Millionen von Isle de France und der Insel Bourbon, und 30 Millionen aus
Arabien und Java, so ergibt sich, da der Gesammtverbrauch von Europa im
Jahr 1819 auf etwa 140 Millionen Pfund gestiegen seyn mag. Bei meinen
Untersuchungen ber die Colonialwaaren im Jahr 1810(45) habe ich eine
geringere Zahl angenommen. Bei diesem ungeheuren Kaffeeverbrauch hat der
Verbrauch von Thee keineswegs abgenommen, vielmehr ist die Ausfuhr aus
China in den letzten fnfzehn Jahren um mehr als ein Viertheil strker
geworden. Im gebirgigen Theil der Provinzen Caracas und Cumana knnte Thee
so gut gebaut werden als Kaffee. Man findet dort alle Klimate wie in
Stockwerken ber einander, und dieser neue Culturzweig wrde eben so gut
gedeihen, wie in der sdlichen Halbkugel, wo in Brasilien unter einer
Regierung, die grosinnig die Industrie und die religise Duldung in ihren
Schutz nimmt, der Thee, die Chinesen und Fo's Glaubensstze zumal
eingewandert sind. Noch sind es nicht hundert Jahre her, seit in Surinam
und auf den Antillen die ersten Kaffeebume gepflanzt wurden, und bereits
hat der Ertrag der amerikanischen Ernte einen Werth von 15 Millionen
Piastern, den Centner Kaffee nur zu 14 Piastern gerechnet.

Am 8. Februar bei Sonnenaufgang brachen wir auf, um ber den Higuerote zu
gehen, einen hohen Gebirgszug zwischen den beiden Lngenthlern von
Caracas und Aragua. Nachdem wir bei las Ajuntas, wo die kleinen Flsse San
Pedro und Macarao sich zum Guayre vereinigen, ber das Wasser gegangen
waren, ging es an steilem Berghang hinauf zur Hochebene von Buonavista, wo
ein paar einzelne Huser stehen. Man sieht hier gegen Nordost bis zur
Stadt Caracas, gegen Sd bis zum Dorf los Teques. Die Gegend ist wild und
waldreich. Die Pflanzen des Thals von Caracas waren nach und nach
ausgeblieben. Wir befanden uns in 835 Toisen Meereshhe, also fast so hoch
als Popayan, aber die mittlere Temperatur ist schwerlich hher als 17--18
[13,6--14,4 Reaumur]. Die Strae ber diese Berge ist sehr belebt; jeden
Augenblick begegnet man langen Zgen von Maulthieren und Ochsen; es ist
die groe Strae von der Hauptstadt nach Victoria und in die Thler von
Aragua. Der Weg ist in einen talkigten zersetzten Gnei gehauen. Ein mit
Glimmerblttern gemengter Thon bedeckt drei Fu hoch das Gestein. Im
Winter leidet man vom Staub und in der Regenzeit wird der Boden ein
Morast. Abwrts von der Ebene von Buonavista, etwa fnfzig Toisen gegen
Sdost, kommt man an eine starke Quelle im Gnei, die mehrere Flle
bildet, welche die ppigste Vegetation umgibt. Der Pfad zur Quelle
hinunter ist so steil, da man die Wipfel der Baumfarn, deren Stamm 25 Fu
hoch wird, mit der Hand berhren kann. Die Felsen ringsum sind mit
Jungermannia und Moosen aus der Familie Hypnum bekleidet. Der Bach schiet
im Schatten von Heliconien hin und entblt die Wurzeln der Plumeria, des
Cupey, der Brownea und des _Ficus gigantea_. Dieser feuchte, von Schlangen
heimgesuchte Ort gewhrt dem Botaniker die reichste Ausbeute. Die Brownea,
von den Eingeborenen _Rosa del monte_ oder _Palo de Cruz_ genannt, trgt
oft vier bis fnfhundert purpurrothe Blthen in einem einzigen Straue.
Jede Blthe hat fast immer 11 Staubfden, und das prachtvolle Gewchs,
dessen Stamm 50--60 Fu hoch wchst, wird selten, weil sein Holz eine sehr
gesuchte Kohle gibt. Den Boden bedecken Ananas, Hemimeris, Polygala und
Melastomen. Eine kletternde Grasart(46) schwebt in leichten Gewinden
zwischen Bumen, deren Hierseyn bekundet, wie khl das Klima in diesen
Bergen ist. Dahin gehren die _Aralia capitata_, die _Vismia caparosa_ die
_Clethra fagifolia_. Mitten unter diesen, der schnen Region der Baumfarn
(_region de los helechos_) eigenthmlichen Gewchsen erheben sich in den
Lichtungen hie und da Palmbume und Gruppen von *Guarumo* oder Cecropia
mit silberfarbigen Blttern, deren dnner Stamm am Gipfel schwarz ist, wie
verbrannt vom Sauerstoff der Luft. Es ist auffallend, da ein so schner
Baum vom Habitus der Theophrasta und der Palmen meist nur acht bis zehn
Kronbltter hat. Die Ameisen, die im Stamm des Guarumo hausen und das
Zellgewebe im Innern zerstren, scheinen das Wachsthum des Baums zu
hemmen. Wir hatten in diesen khlen Bergen von Higuerote schon einmal
botanisirt, im December, als wir den Generalcapitn Guevara auf dem
Ausflug begleiteten, den er mit dem Intendanten der Provinz in die *Valles
de Aragua* machte. Damals entdeckte Bonpland im dicksten Wald ein paar
Stmme des *Aguatire*, dessen wegen seiner schnen Farbe berhmtes Holz
einmal ein Ausfuhrartikel nach Europa werden kann. Es ist die von
Bredemayer und Willdenow beschriebene _Sickingia erythroxylon_.

Vom bewaldeten Berge Higuerote kommt man gegen Sdwest zum kleinen Dorfe
San Pedro herunter (Hhe 584 Toisen), das in einem Becken liegt, wo
mehrere kleine Thler zusammenstoen, und fast 300 Toisen tiefer als die
Ebene von Buonavista. Man baute hier neben einander Bananen, Kartoffeln
und Kaffee. Das Dorf ist sehr klein und die Kirche noch nicht ausgebaut.
Wir trafen in einer Schenke (_pulperia_) mehrere bei der Tabakspacht
angestellte Hispano-Europer. Ihre Stimmung war von der unsrigen sehr
verschieden. Vom Marsche ermdet, brachen sie in Klagen und Verwnschungen
aus ber das unselige Land (_estas tierras infelices_), in dem sie leben
mten. Wir dagegen konnten die wilde Schnheit der Gegend, die
Fruchtbarkeit des Bodens, das angenehme Klima nicht genug rhmen.

Das Thal von San Pedro mit dem Flchen dieses Namens trennt zwei groe
Bergmassen, die des Higuerote und die von las Cocuyzas. Es ging nun gegen
West wieder aufwrts ber die kleinen Hfe las Lagunetas und Garavatos. Es
sind die nur einzelne Huser, die als Herbergen dienen; die
Maulthiertreiber finden hier ihr Lieblingsgetrnk, *Guarapo*, gegohrenen
Zuckerrohrsaft. Besonders die Indianer, die auf dieser Strae hin und her
ziehen, sind dem Trunke sehr ergeben. Bei Garavatos steht ein sonderbar
gestalteter Glimmerschieferfels, ein Kamm oder eine steile Wand, auf der
oben ein Thurm steht. Ganz oben auf dem Berge las Cocuyzas ffneten wir
den Barometer und fanden, da wir hier in derselben Hhe waren wie auf
Buonaviste, kaum 10 Toisen hher.

Die Aussicht auf las Lagunetas ist sehr weit, aber ziemlich einfrmig.
Dieser gebirgige, unbebaute Landstrich zwischen den Quellen des Guayre und
des Tuy ist ber 25 Quadratmeilen gro. Es gibt darin sein einziges
elendes Dorf, los Teques, sdstlich von San Pedro. Der Boden ist wie
durchfurcht von unzhligen kleinen Thlern, und die kleinsten, neben
einander herlaufenden mnden unter rechtem Winkel in die greren aus. Die
Berggipfel sind eben so einfrmig wie die Thalschluchten; nirgends eine
pyramidalische Bildung oder eine Auszackung, nirgends ein steiler Abhang.
Nach meiner Ansicht rhrt das fast durchgngig flache, wellenfrmige
Relief dieses Landstrichs nicht sowohl von der Beschaffenheit der
Gebirgsart her, etwa von der Zersetzung des Gneies, als vielmehr davon,
da das Wasser lange darber gestanden und die Strmungen ihre Wirkungen
geuert haben. Die Kalkberge von Cumana, nrdlich vom Turimiquiri, zeigen
dieselbe Bildung.

Von las Lagunetas ging es in das Thal des Tuy hinunter. Dieser westliche
Abhang der Berggruppe los Teques heit las Cocuyzas; er ist mit zwei
Pflanzen mit Agaveblttern, mit dem *Maguey de Cocuyza* und dem *Maguey de
Cocuy* bewachsen. Letzterer gehrt zur Gattung Yucca (unsere _Yucca
acaulis_); aus dem gegohrenen, mit Zucker versetzten Saft wird Branntwein
gebrannt, auch habe ich die jungen Bltter essen sehen. Aus den Fasern der
ausgewachsenen Bltter werden ungemein feste Stricke verfertigt.(47) Hat
man die Berge Higuerote und los Teques hinter sich, so betritt man ein
reich bebautes Land, bedeckt mit Weilern und Drfern, unter denen welche
sind, die in Europa Stdte hieen. Von Ost nach West, auf einer Strecke
von 12 Meilen, kommt man durch Victoria, San Matheo, Turmero, und Maracay,
die zusammen ber 28,000 Einwohner haben. Die Ebenen am Tuy sind als der
stliche Auslufer der Thler von Aragua zu betrachten, die sich von
Guigue, am Ufer des Sees von Valencia, bis an den Fu der Berge las
Cocuyzas erstrecken. Durch barometrische Messung fand ich das Tuythal beim
Hofe Manterola 295 Toisen und den Spiegel des Sees 222 Toisen ber dem
Meer. Der Tuy, der in den Bergen las Cocuyzas entspringt, luft Anfangs
gegen West, wendet sich dann nach Sd und Ost lngs der hohen Savanen von
Ocumare, nimmt die Gewsser des Thals von Caracas auf und fllt unter dem
Winde des Cap Codera ins Meer.

Wir waren schon lange an eine mige Temperatur gewhnt, und so kamen uns
die Ebenen am Tuy sehr hei vor, und doch stand der Thermometer bei Tag
zwischen elf Uhr Morgens und fnf Uhr Abends nur auf 23--24. Die Nchte
waren kstlich khl, da die Lufttemperatur bis auf 17,5{~PRIME~} [14 Reaumur]
sank. Je mehr die Hitze abnahm, desto strker schienen die Wohlgerche der
Blumen die Luft zu erfllen. Aus allen heraus erkannten wir den kstlichen
Geruch des _Lirio hermoso_ einer neuen Art von _Pancratium_ deren Blthe
8--9 Zoll lang ist und die am Ufer des Tuy wchst. Wir verlebten zwei
hchst angenehme Tage auf der Pflanzung Don Joses de Manterola, der in der
Jugend Mitglied der spanischen Gesandtschaft in Ruland gewesen war. Als
Zgling und Gnstling Xavedras, eines der einsichtsvollsten Intendanten
von Caracas, wollte er sich, als der berhmte Staatsmann ins Ministerium
getreten war, nach Europa einschiffen. Der Gouverneur der Provinz
frchtete Manterolas Einflu und lie ihn im Hafen verhaften, und als der
Befehl von Hof anlangte, der die eigenmchtige Verhaftung aufhob, war der
Minister bereits nicht mehr in Gunst. Es hlt schwer, auf 1500 Meilen, von
der sdamerikanischen Kste, rechtzeitig einzutreffen, um von der Macht
eines hochgestellten Mannes Nutzen zu ziehen.

Der Hof, auf dem wir wohnten, ist eine hbsche Zuckerplantage. Der Boden
ist eben wie der Grund eines ausgetrockneten Sees. Der Tuy schlngelt sich
durch Grnde, die mit Bananen und einem kleinen Gehlz von _Hura
crepitans_, _Erythrina corallo-dendron_ und Feigenbumen mit
Nymphenblttern bewachsen sind. Das Flubett besteht aus Quarzgeschieben,
und ich wte nicht, wo man angenehmer badete als im Tuy: das
crystallhelle Wasser behlt selbst bei Tag die Temperatur von 18,6. Das
ist sehr khl fr dieses Klima und fr eine Meereshhe von 300 Toisen,
aber der Flu entspringt in den benachbarten Bergen. Die Wohnung des
Eigenthmers liegt auf einem 15--20 Toisen hohen Hgel und ringsum stehen
die Htten der Neger. Die Verheiratheten sorgen selbst fr ihren
Unterhalt. Wie berall in den Thlern von Aragua weist man ihnen ein
kleines Grundstck an, das sie bebauen. Sie verwenden dazu die einzigen
freien Tage in der Woche, Sonnabend und Sonntag. Sie halten Hhner,
zuweilen sogar ein Schwein. Der Herr rhmt, wie gut sie es haben, wie im
nrdlichen Europa die gndigen Herren den Wohlstand der leibeigenen Bauern
rhmen. Am Tage unserer Ankunft sahen wir drei entsprungene Neger
einbringen, vor Kurzem gekaufte Sklaven. Ich frchtete Zeuge einer der
Prgelscenen sein zu mssen, die einem berall, wo die Sklaverei herrscht,
das Landleben verbittern; glcklicherweise wurden die Schwarzen menschlich
behandelt.

Auf dieser Pflanzung, wie berall in der Provinz Venezuela, unterscheidet
man schon von Weitem die drei Arten Zuckerrohr, die gebaut werden, das
creolische Rohr, das otaheitische und das batavische. Die erstere Art hat
ein dunkleres Blatt, einen dnneren Stengel und die Knoten stehen nher
bei einander; es ist die das Zuckerrohr, das aus Indien zuerst auf
Sicilien, auf den Canarien und auf den Antillen eingefhrt wurde. Die
zweite Art zeichnet sich durch ein helleres Grn aus; der Stengel ist
hher, dicker, saftreicher; die ganze Pflanze verrth ppigeres Wachsthum.
Man verdankt sie den Reisen Bougainvilles, Cooks und Blighs. Bougainville
brachte sie nach Cayenne, von wo sie nach Martinique, und vom Jahr 1792 an
auf die andern Antillen kam. Das otaheitische Zuckerrohr, der *To* der
Insulaner, ist eine der wichtigsten Bereicherungen, welche die
Landwirthschaft in den Colonien seit einem Jahrhundert reisenden
Naturforschern verdankt. Es gibt nicht nur auf demselben Areal ein
Dritttheil mehr *Vezou* als das creolische Zuckerrohr; sein dicker Stengel
und seine feste Holzfaser liefern auch ungleich mehr Brennstoff. Letzteres
ist fr die Antillen von groem Werth, da die Pflanzer dort wegen der
Ausrodung der Wlder schon lange die Kessel mit ausgepretem Rohr heizen
mssen. Ohne dieses neue Gewchs, ohne die Fortschritte des Ackerbaus auf
dem Festland des spanischen Amerika und die Einfhrung des indischen und
Javazuckers, htten die Revolutionen auf St. Domingo und die Zerstrung
der dortigen groen Zuckerpflanzungen einen noch weit bedeutenderen
Einflu auf die Preise der Colonialwaaren in Europa geuert. Nach Caracas
kam das otaheitische Rohr von der Insel Trinidad, von Caracas nach Cucuta
und San Gil im Knigreich Neu-Grenada. Gegenwrtig, nach
fnfundzwanzigjhrigem Anbau, ist die Besorgni verschwunden, die man
Anfangs gehegt, das nach Amerika verpflanzte Rohr mchte allmhlig
ausarten und so dnn werden wie das creolische. Wenn es eine Spielart ist,
so ist es eine sehr constante. Die dritte Art, das violette Zuckerrohr,
_Caa de batavia_ oder _de Guinea_ genannt, ist bestimmt auf Java zu
Hause, wo man es vorzugsweise in den Distrikten Japara und Pasuruan baut.
Es hat purpurfarbige, sehr breite Bltter; in der Provinz Caracas
verwendet man es vorzugsweise zum Rumbrennen. Zwischen den *Tablones* oder
mit Zuckerrohr bepflanzten Grundstcken laufen Hecken aus einer gewaltig
groen Grasart, der *Latta* oder dem Gynerium mit zweizeiligen Blttern.
Man war im Tuy daran, ein Wehr auszubauen, durch das ein Wsserungskanal
gespeist werden sollte. Der Eigenthmer hatte fr das Unternehmen 7000
Piaster an Baukosten und 4000 fr die Processe mit seinen Nachbarn
ausgegeben. Whrend die Sachwalter sich ber einen Kanal stritten, der
erst zur Hlfte fertig war, fing Manterola an zu bezweifeln, ob die Sache
berhaupt ausfhrbar seh. Ich verma das Terrain mittelst eines
Probirglases auf einem knstlichen Horizont und fand, da das Wehr acht
Fu zu tief angelegt war. Wie viel Geld habe ich in den spanischen
Colonien fr Bauten hinauswerfen sehen, die nach falschen Messungen
angelegt waren!

Das Tuythal hat sein Goldbergwerk, wie fast jeder von Europern
bewohnte, im Urgebirg liegende Ort in Amerika. Man versicherte, im Jahr
1780 habe man hier fremde Goldwscher Goldkrner sammeln sehen, und die
Leute haben sofort in der Goldschlucht eine Wscherei angelegt. Der
Verwalter einer benachbarten Pflanzung hatte diese Spuren verfolgt, und
siehe, man fand in seinem Nachla ein Wamms mit goldenen Knpfen, und nach
der Volkslogik konnte dieses Gold nur aus einem Erzgang kommen, wo die
Schrfung durch einen Erdfall verschttet worden war. So bestimmt ich auch
erklrte, nach dem bloen Aussehen des Bodens, ohne einen tiefen Stollen
in der Richtung des Ganges, knne ich nicht wissen, ob hier einmal gebaut
worden sey -- es half nichts, ich mute den Bitten meiner Wirthe
nachgeben. Seit zwanzig Jahren war das Wamms des Verwalters im ganzen
Bezirk tagtglich besprochen worden. Das Gold, das man aus dem Schooe der
Erde grbt, hat in den Augen des Volks einen ganz andern Reiz, als das
Gold, das der Flei des Landmanns auf einem fruchtbaren, mit einem milden
Klima gesegneten Boden erntet.

Nordwestlich von der Hacienda del Tuy, im nrdlichen Zuge der
Kstengebirgskette, befindet sich eine tiefe Schlucht, _Quebrada Seca_
genannt, weil der Bach, dem sie ihre Entstehung verdankt, in den
Felsspalten versickert, ehe er das Ende der Schlucht erreicht. Dieses
ganze Bergland ist dicht bewachsen; hier, wie berall, wo die Hhen in die
Wolkenregion reichen und die Wasserdnste auf ihrem Zug von der See her
freien Zutritt haben, fanden wir das herrliche frische Grn, das uns in
den Bergen von Buenavista und Lagunetas so wohl gethan hatte. In den
Ebenen dagegen werfen, wie schon oben bemerkt, die Bume im Winter ihre
Bltter zum Theil ab, und sobald man in das Thal des Tuy hinabkommt, fllt
einem das fast winterliche Aussehen der Landschaft auf. Die Luft ist so
trocken, da der Delucsche Hygrometer Tag und Nacht auf 36--40 steht.
Weit ab vom Flu sieht man kaum hie und da eine Hura oder ein baumartiges
Pfeffergewchs das entbltterte Buschwerk beschatten. Diese Erscheinung
ist wohl eine Folge der Trockenheit der Luft, die im Februar ihr Maximum
erreicht; sie rhrt nicht, wie die Colonisten meinen, daher, da die
Jahreszeiten, wie sie in Spanien sind, bis in den heien Erdstrich herber
wirken. Nur die auf einer Halbkugel in die andere versetzten Gewchse
bleiben hinsichtlich ihrer Lebensverrichtungen, der Bltter- und
Blthenentwicklung an einen fernen Himmelsstrich gebunden und richten
sich, treu dem gewohnten Lebensgang, noch lange an die periodischen
Witterungswechsel desselben. In der Provinz Venezuela fangen die kahlen
Bume fast einen Monat vor der Regenzeit wieder an frisches Laub zu
treiben. Wahrscheinlich ist um diese Zeit das elektrische Gleichgewicht in
der Luft bereits aufgehoben, und dieselbe wird allmhlich feuchter, wenn
sie auch noch wolkenlos ist. Das Himmelsblau wird blsser und hoch oben in
der Luft sammeln sich leichte, gleichfrmig verbreitete Dnste. In diese
Jahreszeit fllt hier eigentlich das Erwachen der Natur; es ist ein
Frhling, der, nach dem Sprachgebrauch in den spanischen Colonien,(48)
Winters Anfang verkndigt und auf die Sommerhitze folgt.

In der _Quebrada Seca_ wurde frher Indigo gebaut; da aber der
dichtbewachsene Boden nicht so viel Wrme abgeben kann, als die
Niederungen oder der Thalgrund des Tuy empfangen und durch Strahlung
wieder von sich geben, so baut man jetzt statt desselben Kaffee. Je weiter
man in der Schlucht hinauf kommt, desto feuchter wird sie. Beim *Hato*, am
nrdlichen Ende der Quebrada, kamen wir an einen Bach, der ber die
fallenden Gneischichten niederstrzt; man arbeitete hier an einer
Wasserleitung, die das Wasser in die Ebene fhren sollte; ohne Bewsserung
ist in diesem Landstrich kein Fortschritt in der Landwirthschaft mglich.
Ein ungeheuer dicker Baum (_Hura crepitans_) am Bergabhang, ber dem Hause
des Hato, fiel uns auf. Da er, wenn der Boden im geringsten wich, htte
umfallen und das Haus, das in seinem Schatten lag, zertrmmern mssen, so
hatte man ihn unten am Stamm abgebrannt und so gefllt, da er zwischen
ungeheure Feigenbume zu liegen kam und nicht in die Schlucht hinunter
rollen konnte. Wir maen den gefllten Baum: der Wipfel war abgebrannt,
und doch ma der Stamm noch 154 Fu; er hatte an der Wurzel 8 Fu
Durchmesser und am obern Ende 4 Fu 2 Zoll.

Unsern Fhrern war weit weniger als uns daran gelegen, wie dick die Bume
sind, und sie trieben uns vorwrts, dem Goldbergwerk zu. Wir wandten uns
nach West und standen endlich in der _Quebrada del Oro_. Da war nun am
Abhang eines Hgels kaum die Spur eines Quarzgangs zu bemerken. Durch den
Regen war der Boden herabgerutscht, das Terrain war dadurch ganz
verndert, und von einer Untersuchung konnte keine Rede seyn. Bereits
wuchsen groe Bume auf dem Fleck, wo die Goldwscher vor zwanzig Jahren
gearbeitet hatten. Es ist allerdings wahrscheinlich, da sich hier im
Glimmerschiefer, wie bei Goldcronach in Franken und im Salzburgischen,
goldhaltige Gnge finden; aber wie will man wissen, ob die Lagersttte
bauwrdig ist, oder ob das Erz nur in Nestern vorkommt, und zwar desto
seltener, je reicher es ist? Um uns fr unsere Anstrengung zu
entschdigen, botanisirten wir lange im dichten Wald ber dem Hato, wo
Cedrela, Brownea und Feigenbume mit Nymphenblttern in Menge wachsen.
Die Stmme der letzteren sind mit sehr stark riechenden Vanillepflanzen
bedeckt, die meist erst im April blhen. Auch hier fielen uns wieder die
Holzauswchse auf, die in der Gestalt von Grten oder Rippen den Stamm der
amerikanischen Feigenbume bis zwanzig Fu ber dem Boden so ungemein dick
machen. Ich habe Bume gesehen, die ber der Wurzel 22 Fu Durchmesser
hatten. Diese Holzgrten trennen sich zuweilen acht Schuh ber dem Boden
vom Stamm und verwandeln sich in walzenfrmige, zwei Schuh dicke Wurzeln,
und da sieht es aus, als wrde der Baum von Strebepfeilern gesttzt.
Dieses Gerstwerk dringt indessen nicht weit in den Boden ein. Die
Seitenwurzeln schlngeln sich am Boden hin, und wenn man zwanzig Fu vom
Stamm sie mit einem Beil abhaut, sieht man den Milchsaft des Feigenbaums
hervorquellen und sofort, da er der Lebensthtigkeit der Organe entzogen
ist, sich zersetzen und gerinnen. Welch wundervolle Verflechtung von
Zellen und Gefen in diesen vegetabilischen Massen, in diesen
Riesenbumen der heien Zone, die vielleicht tausend Jahre lang in einem
fort Nahrungssaft bereiten, der bis zu 180 Fu hoch aufsteigt und wieder
zum Boden rckfliet, und wo hinter einer rauhen, harten Rinde, unter
dicken Schichten lebloser Holzfasern sich alle Regungen organischen Lebens
bergen!

Ich bentzte die hellen Nchte, um auf der Pflanzung am Tuy zwei Auftritte
des ersten und dritten Jupitetstrabanten zu beobachten. Diese zwei
Beobachtungen ergaben nach den Tafeln von Delambre 4h 39{~PRIME~} 14{~DOUBLE PRIME~} Lnge; nach
dem Chronometer fand ich 4h 39{~PRIME~} 10{~DOUBLE PRIME~}. Die waren die letzten Bedeckungen,
die ich bis zu meiner Rckkehr vom Orinoco beobachtet; mittelst derselben
wurde das stliche Ende der Thler von Aragua und der Fu der Berge las
Cocuyzas ziemlich genau bestimmt. Nach Meridianhhen von Canopus fand ich
die Breite der Hacienda de Manterola am 9. Februar 10 16{~PRIME~} 55{~DOUBLE PRIME~}, am
10. Februar 10 16{~PRIME~} 34{~DOUBLE PRIME~}. Trotz der groen Trockenheit der Luft flimmerten
die Sterne bis zu 80 Grad Hhe, was unter dieser Zone sehr selten vorkommt
und jetzt vielleicht das Ende der schnen Jahreszeit verkndete. Die
Inclination der Magnetnadel war 41 60{~PRIME~}, und 228 Schwingungen in 10
Minuten Zeit gaben die Intensitt der magnetischen Kraft an. Die
Abweichung der Nadel war 4 30{~PRIME~} gegen Nordost.

Whrend meines Aufenthalts in den Thlern des Tuy und von Aragua zeigte
sich das Zodiacallicht fast jede Nacht in ungemeinem Glanze. Ich hatte es
unter den Tropen zum erstenmal in Caracas am 18. Januar um 7 Uhr Abends
gesehen. Die Spitze der Pyramide stand 53 Grad hoch. Der Schein verschwand
fast ganz um 9 Uhr 35 Minuten (wahre Zeit), beinahe 3 Stunden 50 Minuten
nach Sonnenuntergang, ohne da der klare Himmel sich getrbt htte. Schon
La Caille war auf seiner Reise nach Rio Janeiro und dem Cap aufgefallen,
wie schn sich das Zodiacallicht unter den Tropen ausnimmt, nicht sowohl
weil es weniger geneigt ist, als wegen der groen Reinheit der Luft. Man
mte es auch auffallend finden, da nicht lange vor Childrey und Dominic
Cassini die Seefahrer, welche die Meere beider Indien besuchten, die
gelehrte Welt Europas auf diesen Lichtschimmer von so bestimmter Form und
Bewegung aufmerksam gemacht haben, wenn man nicht wte, wie wenig sie bis
zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sich um Alles kmmerten, was nicht
unmittelbar auf den Lauf des Schiffes und auf die Steuerung Bezug hatte.

So glnzend das Zodiacallicht im trockenen Tuythale war, so sah ich es
doch noch weit schner auf dem Rcken der Cordilleren von Mexico, am Ufer
des Sees von Tezcuco, in 1160 Toisen Meereshhe. Auf dieser Hochebene geht
der Delucsche Hygrometer auf 150 zurck, und bei einem Luftdruck von 21
Zoll 8 Linien ist die Schwchung des Lichts 1/1006 mal geringer als auf
den Niederungen. Im Januar 1804 reichte die Helle zuweilen mehr als 60
Grad ber den Horizont herauf. Die Milchstrae erschien bla neben dem
Glanz des Zodiacallichts, und wenn blaulichte zerstreute Wlkchen gegen
West am Himmel schwebten, meinte man, der Mond sey am Aufgehen.

Ich mu hier einer sehr auffallenden Beobachtung gedenken, die sich in
meinem an Ort und Stelle gefhrten Tagebuch mehrmals verzeichnet findet.
Am 18. Januar und am 15. Februar 1800 zeigte sich das Zodiacallicht nach
je zwei Minuten sehr merkbar jetzt schwcher, jetzt wieder strker. Bald
war es sehr schwach, bald heller als der Glanz der Milchstrae im
Schtzen. Der Wechsel erfolgte in der ganzen Pyramide, besonders aber im
Innern, weit von den Rndern. Whrend dieser Schwankungen des
Zodiacallichts zeigte der Hygrometer groe Trockenheit an. Die Sterne
vierter und fnfter Gre erschienen dem bloen Auge fortwhrend in
derselben Lichtstrke. Nirgends war ein Wolkenstreif am Himmel zu sehen,
und nichts schien irgendwie die Reinheit der Luft zu beeintrchtigen. In
andern Jahren, in der sdlichen Halbkugel, sah ich das Licht eine halbe
Stunde, ehe es verschwand, strker werden. Nach Dominic Cassini sollte
das Zodiacallicht in manchen Jahren schwcher und dann wieder so stark
werden wie Anfangs. Er glaubte, dieser allmhliche Lichtwechsel hnge
mit denselben Emanationen zusammen, in deren Folge auf der Sonnenscheibe
periodisch Flecken und Fackeln erscheinen; aber der ausgezeichnete
Beobachter erwhnt nichts von einem solchen raschen, innerhalb weniger
Minuten erfolgenden Wechsel in der Strke des Zodiacallichtes, wie ich
denselben unter den Tropen fters gesehen. Meiran behauptet, in Frankreich
sehe man in den Monaten Februar und Mrz ziemlich oft mit dem
Zodiacalschein eine Art Nordlicht sich mischen, das er das *unbestimmte*
nennt, und dessen Lichtnebel sich entweder um den ganzen Horizont
verbreitet oder gegen Westen erscheint. Ich bezweifle, da in den von mir
beobachteten Fllen diese beiderlei Lichtscheine sich gemengt haben. Der
Wechsel in der Lichtstrke erfolgte in bedeutenden Hhen, das Licht war
wei, nicht farbig, ruhig, nicht zitternd. Zudem sind Nordlichter unter
den Tropen so selten sichtbar, da ich in fnf Jahren, so oft ich auch im
Freien lag und das Himmelsgewlbe anhaltend und sehr aufmerksam
betrachtete, nie eine Spur davon bemerken konnte.

Ueberblicke ich, was ich in Bezug auf die Zu- und Abnahme des
Zodiacallichts in meinen Notizen verzeichnet habe, so mchte ich glauben,
da diese Vernderungen doch nicht alle scheinbar sind, noch von gewissen
Vorgngen in der Atmosphre abhngen. Zuweilen, in ganz heitern Nchten,
suchte ich das Zodiacallicht vergebens, whrend es Tags zuvor sich im
grten Glanze gezeigt hatte.(49) Soll man annehmen, da Emanationen, die
das weie Licht reflectiren, und die mit dem Schweif der Cometen
Aehnlichkeit zu haben scheinen, zu gewissen Zeiten schwcher sind? Die
Untersuchungen ber den Zodiacalschein bekommen noch mehr Interesse, seit
die Mathematiker uns bewiesen haben, da uns die wahre Ursache der
Erscheinung unbekannt ist. Der berhmte Verfasser der _mecanique cleste_
hat dargethan, da die Sonnenatmosphre nicht einmal bis zur Merkursbahn
reichen kann, und da sie in keinem Fall in der Linsenform erscheinen
knnte, die das Zodiacallicht nach der Beobachtung haben mu. Es lassen
sich zudem ber das Wesen dieses Lichtes dieselben Zweifel erheben, wie
ber das der Cometenschweife. Ist es wirklich reflectirtes, oder ist es
direktes Licht? Hoffentlich werden reisende Naturforscher, welche unter
die Tropen kommen, sich mit Polarisationsapparaten versehen, um diesen
wichtigen Punkt zu erledigen.

Am 11. Februar mit Sonnenaufgang brachen wir von der Pflanzung Manterola
auf. Der Weg fhrt an den lachenden Ufern des Tuy hin, der Morgen war khl
und feucht, und die Luft durchwrzt vom kstlichen Geruch des _Pancratium
undulatum_ und anderer groer Liliengewchse. Man kommt durch das hbsche
Dorf Mamon oder *Consejo*, das in der Provinz wegen eines wunderthtigen
Muttergottesbildes berhmt ist. Kurz vor Mamon machten wir auf einem Hofe
der Familie Monteras Halt. Eine ber hundert Jahre alte Negerin sa vor
einer kleinen Htte aus Rohr und Erde. Man kannte ihr Alter, weil sie eine
Creolin-Sklavin war. Sie schien noch bei ganz. guter Gesundheit. Ich
halte sie an der Sonne (_la tingo al sol_), sagte ihr Enkel; die Wrme
erhlt sie am Leben. Das Mittel kam uns sehr stark vor, denn die
Sonnenstrahlen fielen fast senkrecht nieder. Die Vlker mit dunkler Haut,
die gut acclimatisirten Schwarzen und die Indianer erreichen in der heien
Zone ein hohes, glckliches Alter. Ich habe anderswo von einem
eingeborenen Peruaner erzhlt, der im Alter von 143 Jahren starb und 90
Jahre verheirathet gewesen war.

Don Francisco Montera und sein Bruder, ein junger, sehr gebildeter
Geistlicher, begleiteten uns, um uns in ihr Haus in Victoria zu bringen.
Fast alle Familien, mit denen wir in Caracas befreundet gewesen waren, die
Ustariz, die Tovars, die Toros, lebten beisammen in den schnen Thlern
von Aragua, wo sie die reichsten Pflanzungen besaen, und sie
wetteiferten, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Ehe wir in die Wlder
am Orinoco drangen, erfreuten wir uns noch einmal an Allem, was hohe
Cultur Schnes und Gutes bietet.

Der Weg von Mamon nach Victoria luft nach Sd und Sdwest. Den Tuy, der
am Fu der hohen Berge von Guayraima eine Biegung nach Ost macht, verloren
wir bald aus dem Gesicht. Man meint im Haslithal im Berner Oberland zu
seyn. Die Kalktuffhgel sind nicht mehr als 140 Toisen hoch, fallen aber
senkrecht ab und springen wie Vorgebirge in die Ebene herein. Ihre Umrisse
deuten das alte Seegestade an. Das stliche Ende des Thals ist drr und
nicht angebaut; man hat hier die wasserreichen Schluchten der benachbarten
Gebirge nicht bentzt, aber in der Nhe der Stadt betritt man ein gut
bebautes Land. Ich sage Stadt, obgleich zu meiner Zeit Victoria nur fr
ein Dorf (_pueblo_) galt.

Einen Ort mit 7000 Einwohnern, schnen Gebuden, einer Kirche mit
dorischen Sulen und dem ganzen Treiben der Handelsindustrie kann man sich
nicht leicht als Dorf denken. Lngst hatten die Einwohner von Victoria den
spanischen Hof um den Titel _Villa_ angegangen und um das Recht einen
Cabildo, einen Gemeinderath, whlen zu drfen. Das spanische Ministerium
willfahrte dem Gesuch nicht, und doch hatte es bei der Expedition
Iturriagas und Solanos an den Orinoco, auf das dringende Gesuch der
Franciscaner, ein paar Haufen indianischer Htten den vornehmen Titel
_Ciudad_ ertheilt. Die Selbstverwaltung der Gemeinden sollte ihrem Wesen
nach eine der Hauptgrundlagen der Freiheit und Gleichheit der Brger seyn;
aber in den spanischen Colonien ist sie in eine Gemeindearistokratie
ausgeartet. Die Leute, welche die unumschrnkte Gewalt in Hnden haben,
knnten so leicht den Einflu von ein paar mchtigen Familien ihren
Zwecken dienstbar machen; statt dessen frchten sie den sogenannten
Unabhngigkeitsgeist der kleinen Gemeinden. Lieber soll der Staatskrper
gelhmt und kraftlos bleiben, als da sie Mittelpunkte der Regsamkeit
aufkommen lieen, die sich ihrem Einflu entziehen, als da sie der
lokalen Lebensthtigkeit, welche die ganze Masse beseelt, Vorschub
leisteten, nur weil diese Thtigkeit vielmehr vom Volk als von der
obersten Gewalt ausgeht. Zur Zeit Carls V. und Philipps II. wurde die
Municipalverfassung vom Hose klugerweise begnstigt. Mchtige Mnner, die
bei der Eroberung eine Rolle gespielt, grndeten Stdte und bildeten die
ersten *Cabildos* nach dem Muster der spanischen; zwischen den Angehrigen
des Mutterlandes und ihren Nachkommen in Amerika bestand damals
Rechtsgleichheit. Die Politik war eben nicht freisinnig, aber doch nicht
so argwhnisch wie jetzt. Das vor kurzem eroberte und verheerte Festland
wurde als eine ferne Besitzung Spaniens angesehen. Der Begriff einer
Colonie im heutigen Sinn entwickelte sich erst mit dem modernen System der
Handelspolitik, und diese Politik sah zwar ganz wohl die wahren Quellen
des Nationalreichthums, wurde aber nichts desto weniger bald kleinlich,
mitrauisch, ausschlieend. Sie arbeitete auf die Zwietracht zwischen dem
Mutterlande und den Colonien hin; sie brachte unter den Weien eine
Ungleichheit auf, von der die erste Gesetzgebung fr Indien nichts gewut
hatte. Allmhlich wurde durch die Centralisirung der Gewalt der Einflu
der Gemeinden herabgedrckt, und dieselben Cabildos, denen im 16. und
17. Jahrhundert das Recht zustand, nach dem Tode eines Statthalters das
Land provisorisch zu regieren, galten beim Madrider Hof fr gefhrliche
Hemmnisse der kniglichen Gewalt; Hinfort erhielten die reichsten Drfer
trotz der Zunahme ihrer Bevlkerung nur sehr schwer den Stadttitel und das
Recht der eigenen Verwaltung. Es ergibt sich hieraus, da die neueren
Aenderungen in der Colonialpolitik keineswegs alle sehr philosophisch
sind. Man sieht solches sehr deutlich, wenn man in den _Leyes de Indias_
die Artikel von den Verhltnissen der nach Amerika bersiedelten Spanier,
von den Rechten der Gemeinden und der Einrichtung der Gemeinderthe
nachliest.

Durch die Art des Anbaus ist der Anblick der Umgegend von Victoria ein
ganz eigenthmlicher. Der bebaute Boden liegt nur in 270--300 Toisen
Meereshhe, und doch sieht man Getreidefelder unter den Zucker-, Kaffee-
und Bananenpflanzungen. Mit Ausnahme des Innern von Cuba werden sonst fast
nirgends im tropischen Theile der spanischen Colonien die europischen
Getreidearten in einem so tief gelegenen Landstriche gebaut. In Mexico
wird nur zwischen 600 und 1200 Toisen absoluter Hhe der Weizenbau stark
betrieben, und nur selten geht er ber 400 Toisen herab. Wir werden bald
sehen, da, wenn man Lagen von verschiedener Hhe mit einander vergleicht,
der Ertrag des Getreides von den hohen Breiten zum Aequator mit der
mittleren Temperatur des Orts merkbar zunimmt. Ob man mit Erfolg Getreide
bauen kann, hngt ab vom Grade der Trockenheit der Luft, davon, ob der
Regen auf mehrere Jahreszeiten vertheilt ist oder nur in der Winterzeit
fllt, ob der Wind fortwhrend aus Ost blst oder von Norden her kalte
Luft in tiefe Breiten bringt (wie im Meerbusen von Mexico), ob Monate lang
Nebel die Kraft der Sonnenstrahlen vermindern, kurz von tausend rtlichen
Verhltnissen, die nicht sowohl die mittlere Temperatur des ganzen Jahrs
als die Vertheilung derselben Wrmemenge auf verschiedene Jahreszeiten
bedingen. Es ist eine merkwrdige Erscheinung, da das europische
Getreide vom Aequator bis Lappland, unter dem 69. Breitegrad, in Lndern
mit einer mittleren Wrme von +22 bis -2 Grad, aller Orten gebaut wird, wo
die Sommertemperatur ber 9--10 Grad betrgt. Man kennt das *Minimum* von
Wrme, wobei Weizen, Gerste- und Hafer noch reifen; ber das *Maximum*,
das diese sonst so zhen Grasarten ertragen, ist man weniger im Reinen.
Wir wissen nicht einmal, welche Verhltnisse zusammenwirken, um unter den
Tropen den Getreidebau in sehr geringen Hhen mglich zu machen. Victoria
und das benachbarte Dorf San Matheo erzeugen 4000 Centner Weizen. Man set
ihn im December und erntet ihn am siebzigsten bis fnfundsiebzigsten Tag.
Das Korn ist gro, wei und sehr reich an Kleber; die Deckhaut ist dnner,
nicht so hart als beim Korn auf den sehr kalten mexicanischen Hochebenen.
Bei Victoria ertrgt der Morgen in der Regel 3000--3200 Pfund Weizen,
also, wie in Buenos Ayres, zwei- bis dreimal mehr als in den nrdlichen
Lndern. Man erntet etwa das sechzehnte Korn, whrend der Boden von
Frankreich, nach Lavoisiers Untersuchungen, im Durchschnitt nur das fnfte
bis sechste, oder 1000--1200 Pfund auf den Morgen trgt. Trotz dieser
Fruchtbarkeit des Bodens und des gnstigen Klimas ist der Zuckerbau in den
Thlern von Aragua eintrglicher als der Getreidebau.

Durch Victoria luft der kleine Rio Calanchas, der sich nicht in den Tuy,
sondern in den Rio Aragua ergiet, woraus hervorgeht, da dieses schne
Land, wo Zuckerrohr und Weizen neben einander wachsen, bereits zum Becken
des Sees von Valencia gehrt, zu einem System von Binnenflssen, die mit
der See nicht in Verbindung stehen. Der Stadttheil westlich vom Rio
Calanchas heit _la otra banda_ und ist der gewerbsamste. Ueberall sieht
man Waaren ausgestellt, und die Straen bestehen aus Budenreihen, Zwei
Handelsstraen laufen durch Victoria, die von Valencia oder Porto Cabello
und die von Villa de Cura oder den Ebenen her, _camino de los lanos_
genannt. Es sind im Verhltni mehr Weie hier als in Caracas. Wir
besuchten bei Sonnenuntergang den Calvarienberg, wo man eine weite, sehr
schne Aussicht hat. Man sieht gegen West die lachenden Thler von Aragua,
ein weites, mit Grten, Bauland, Stcken Wald, Hfen und Weilern bedecktes
Gelnde. Gegen Sd und Sdost ziehen sich, so weit das Auge reicht, die
hohen Gebirge von Palma, Guayraima, Tiara und Guiripa hin, hinter denen
die ungeheuren Ebenen oder Steppen von Calabozo liegen. Diese innere
Bergkette streicht nach West lngs des Sees von Valencia fort bis Villa de
Cura, Cuesta de Yusma und zu den gezackten Bergen von Guigue. Sie ist
steil und fortwhrend in den leichten Dunst gehllt, der in heien Lndern
ferne Gegenstnde stark blau frbt und die Umrisse keineswegs verwischt,
sondern sie nur strker hervortreten lt. In dieser innern Kette sollen
die Berge von Guayraima bis 1200 Toisen hoch seyn. In der Nacht des
11. Februar fand ich die Breite von Victoria 10 13{~PRIME~} 35{~DOUBLE PRIME~}, die Inclination
der Magnetnadel 40,80, die Intensitt der magnetischen Kraft gleich 236
Schwingungen in 10 Zeitminuten, und die Abweichung der Nadel 4,40 nach
Nordost.

Wir zogen langsam weiter ber die Drfer San Matheo, Turmero und Maracay
auf die Hacienda de Cura, eine schne Pflanzung des Grafen Tovar, wo wir
erst am 14. Februar Abends ankamen. Das Thal wird allmhlig weiter; zu
beiden Seiten desselben stehen Hgel von Kalktuff, den man hier zu Lande
_tierra blanca_ nennt. Die Gelehrten im Lande haben verschiedene Versuche
gemacht, diese Erde zu brennen; sie verwechselten dieselbe mit
Porzellanerde, die sich aus Schichten verwitterten Feldspaths bildet. Wir
verweilten ein paar Stunden bei einer achtungswrdigen und gebildeten
Familie, den Ustariz in *Concesion*. Das Haus mit einer auserlesenen
Bchersammlung steht auf einer Anhhe und ist mit Kaffe- und
Zuckerpflanzungen umgeben. Ein Gebsch von Balsambumen
(_balsamo_)[_Amyris elata_] gibt Khlung und Schatten. Mit reger
Theilnahme sahen wir die vielen im Thale zerstreuten Huser, die von
Freigelassenen bewohnt sind. Gesetze, Einrichtungen, Sitten begnstigen in
den spanischen Colonien die Freiheit der Neger ungleich mehr als bei den
brigen europischen Nationen.

San Matheo, Turmero und Maracay sind reizende Drfer, wo Alles den grten
Wohlstand verrth. Man glaubt sich in den gewerbsamsten Theil von
Catalonien versetzt. Bei San Matheo sahen wir die letzten Weizenfelder und
die letzten Mhlen mit wagerechten Wasserrdern. Man rechnete bei der
bevorstehenden Ernte auf die zwanzigfache Aussaat, und als wre die noch
ein miger Ertrag, fragte man mich, ob man in Preuen und Polen mehr
ernte. Unter den Tropen ist der Irrthum ziemlich verbreitet, das Getreide
arte gegen den Aequator zu aus und die Ernten seyen im Norden reicher.
Seit man den Ertrag des Ackerbaus in verschiedenen Erdstrichen und die
Temperaturen, bei denen das Getreide gedeiht, berechnen kann, wei man,
da nirgends jenseits des 45. Breitegrads der Weizen so reiche Ernten gibt
als auf den Nordksten von Afrika und auf den Hochebenen von Neu-Grenada,
Peru und Mexico. Vergleicht man, nicht die mittlere Temperatur des ganzen
Jahrs, sondern nur die mittleren Temperaturen der Jahreszeit, in welche
der Vegetationscyclus des Getreides fllt, so findet(50) man fr drei
Sommermonate im nrdlichen Europa 15--19 Grad, in der Berberei und in
Egypten 27--29, unter den Tropen, zwischen 1400 und 300 Toisen Hhe,
14--25 Grad.

Die herrlichen Ernten in Egypten und Algerien, in den Thlern von Aragua
und im Innern von Cuba beweisen zur Genge, da Zunahme der Wrme die
Ernte des Weizens und der andern nhrenden Grser nicht beeintrchtigt,
wenn nicht mit der hohen Temperatur bermige Trockenheit oder
Feuchtigkeit Hand in Hand geht. Letzterem Umstande sind ohne Zweifel die
scheinbaren Anomalien zuzuschreiben, die unter den Tropen hie und da an
der *untern Grenze des Getreides* vorkommen. Man wundert sich, da
ostwrts von der Havana, im vielgenannten Bezirk der _Quatro Villas_,
diese Grenze fast bis zum Meeresspiegel herabgeht, whrend westlich von
der Havana, am Abhang der mexicanischen Gebirge, bei Xalapa, in 677 Toisen
Hhe, die Vegetation noch so ppig ist, da der Weizen keine Aehren
ansetzt. In der ersten Zeit nach der Eroberung wurde das europische
Getreide mit Erfolg an manchen Orten gebaut, die man jetzt fr zu hei
oder zu feucht dafr hlt. Die eben erst nach Amerika versetzten Spanier
waren noch nicht so an den Mais gewhnt, man hielt noch fester an den
europischen Sitten, man berechnete nicht, ob der Weizen weniger eintragen
werde als Kaffee oder Baumwolle; man machte Versuche mit Smereien aller
Art, man stellte keckere Fragen an die Natur, weil man weniger nach
falschen Theorien urtheilte. Die Provinz Carthagena, durch welche die
Gebirgsketten Maria und Guamoco laufen, baute bis ins sechzehnte
Jahrhundert Getreide. In der Provinz Caracas baut man es schon sehr lang
im Gebirgsland von Tocuyo, Quibor und Barquesimeto, das die
Kstenbergkette mit der _Sierra nevada_ von Merida verbindet. Der
Getreidebau hat sich dort sehr gut erhalten, und allein aus der Umgegend
der Stadt Tocuyo werden jhrlich gegen 5000 Centner ausgezeichneten Mehls
ausgefhrt. Obgleich aber auf dem weiten Gebiet der Provinz Caracas
mehrere Striche sich sehr gut zum Kornbau eignen, so glaube ich doch, da
dieser Zweig der Landwirthschaft dort nie eine groe Bedeutung erlangen
wird. Die gemigtsten Theile sind nicht breit genug; es sind keine
eigentlichen Hochebenen und ihre mittlere Meereshhe ist nicht so
bedeutend, da die Einwohner es nicht immer noch vortheilhafter fnden,
Kaffee statt Getreide zu bauen. Gegenwrtig bezieht Caracas sein Mehl
entweder aus Spanien oder aus den Vereinigten Staaten. Wenn einmal mit der
Herstellung der ffentlichen Ruhe auch fr den Gewerbflei bessere Zeiten
kommen und von Santa Fe de Bogota bis zum Landungsplatz am Pachaquiaro
eine Strae gebaut wird, so werden die Einwohner von Venezuela ihr Mehl
aus Neu-Grenada aus dem Rio Meta und dem Orinoco beziehen.

Vier Meilen von San Matheo liegt das Dorf Turmero; Man kommt fortwhrend
durch Zucker-, Indigo-, Baumwollen- und Kaffeepflanzungen. An der
regelmigen Bauart der Drfer erkennt man, da alle den Mnchen und den
Missionen den Ursprung verdanken. Die Straen sind gerade, unter einander
parallel und schneiden sich unter rechten Winkeln; auf dem groen
viereckigten Platz in der Mitte steht die Kirche. Die Kirche von Turmero
ist ein kostbares, aber mit architektonischen Zierrathen berladenes
Gebude. Seit die Missionre den Pfarrern Platz gemacht, haben die Weien
Manches von den Sitten der Indianer angenommen. Die letzteren verschwinden
nach und nach als besondere Race, das heit sie werden in der Gesammtmasse
der Bevlkerung durch die Mestizen und die Zambos reprsentirt, deren
Anzahl fortwhrend zunimmt. Indessen habe ich in den Thlern von Aragua
noch 4000 zinspflichtige Indianer angetroffen. In Turmero und Guacara sind
sie am zahlreichsten. Sie sind klein, aber nicht so untersetzt wie die
Chaymas; ihr Auge verrth mehr Leben und Verstand, was wohl weniger Folge
der Stammverschiedenheit als der hheren Civilisation ist. Sie arbeiten,
wie die freien Leute, im Taglohn; sie sind in der kurzen Zeit, in der sie
arbeiten, rhrig und fleiig; was sie aber in zwei Monaten verdient,
verschwenden sie in einer Woche fr geistige Getrnke in den Schenken,
deren leider von Tag zu Tag mehr werden.

In Turmero sahen wir ein Ueberbleibsel der Landmiliz beisammen. Man sah es
den Leuten an, da diese Thler seit Jahrhunderten eines ununterbrochenen
Friedens genossen hatten. Der Generalcapitn wollte das Militrwesen
wieder in Schwung bringen und hatte groe Uebungen angeordnet. Da hatte in
einem Scheingefecht das Bataillon von Turmero auf das von Victoria Feuer
gegeben. Unser Wirth, ein Milizlieutenant, wurde nicht mde, uns zu
schildern, wie gefhrlich ein solches Manver sey. Rings um ihn seyen
Gewehre gewesen, die jeden Augenblick zerspringen konnten; er habe vier
Stunden in der Sonne stehen mssen, und seine Sklaven haben ihm nicht
einmal einen Sonnenschirm ber den Kopf halten drfen. Wie rasch doch die
scheinbar friedfertigsten Vlker sich an den Krieg gewhnen! Ich lchelte
damals ber eine Hasenfigkeit, die sich mit so naiver Offenherzigkeit
kundgab, und zwlf Jahre darauf wurden diese selben Thler von Aragua, die
friedlichen Ebenen bei Victoria und Turmero, das Defil von Cabrera und
die fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia der Schauplatz der blutigsten,
hartnckigsten Gefechte zwischen den Eingeborenen und den Truppen des
Mutterlandes.

Sdlich von Turmero springt ein Bergzug aus Kalkstein in die Ebene vor und
trennt zwei schne Zuckerpflanzungen, die Guayavita und die Paja. Letztere
gehrt der Familie des Grafen Tovar, der berall in der Provinz
Besitzungen hat. Bei der Guayavita hat man braunes Eisenerz entdeckt.
Nrdlich von Turmero, in der Kstencordillere, erhebt sich ein
Granitgipfel, der *Chuao*, auf dem man zugleich das Meer und den See von
Valencia sieht. Ueber diesen Felskamm, der, soweit das Auge reicht, nach
West fortstreicht, gelangt man auf ziemlich beschwerlichen Wegen zu den
reichen Cacaopflanzungen auf dem Kstenstrich bei Choroni, Turiamo und
Ocumare, Orten, wohlbekannt wegen der Fruchtbarkeit ihres Bodens und wegen
ihrer Ungesundheit. Turmero, Maracay, Cura, Guacara, jeder Ort im
Araguathal hat seinen Bergpfad, der zu einem der kleinen Hfen an der
Kste fhrt.

Hinter dem Dorf Turmero, Maracay zu, bemerkt man auf eine Meile weit am
Horizont einen Gegenstand, der wie ein runder Hgel, wie ein grn
bewachsener Tumulus aussieht. Es ist aber weder ein Hgel, noch ein
Klumpen dicht beisammen stehender Bume, sondern ein einziger Baum, der
berhmte _'Zamang de Guayre'_ bekannt im ganzen Land wegen der ungeheuren
Ausbreitung seiner Aeste, die eine halbe kugelige Krone von 576 Fu im
Umfang bilden. Der Zamang ist eine schne Mimosenart, deren gewundene
Zweige sich gabelig theilen. Sein feines, zartes Laub hob sich angenehm
vom blauen Himmel ab. Wir blieben lange unter diesem vegetabilischen
Gewlbe. Der Stamm ist nur sechzig Fu hoch und hat neun Fu Durchmesser,
seine Schnheit besteht aber eigentlich in der Form der Krone. Die Aeste
breiten sich aus wie ein gewaltiger Sonnenschirm und neigen sich berall
dem Boden zu, von dem sie ringsum 12--15 Fu abstehen. Der Umri der Krone
ist so regelmig, da ich verschiedene Durchmesser, die ich nahm, 192 und
186 Fu lang fand. Die eine Seite des Baumes war in Folge der Trockenheit
ganz entblttert; an einer andern Stelle standen noch Bltter und Blthen
neben einander. Tillandsien, Lorantheen, die Pitayapa und andere
Schmarotzergewchse bedecken die Zweige und durchbohren die Rinde
derselben. Die Bewohner dieser Thler, besonders die Indianer, halten den
Baum in hohen Ehren, den schon die ersten Eroberer so ziemlich so gefunden
haben mgen, wie er jetzt vor uns steht; Seit man ihn genau beobachtet,
ist er weder dicker geworden, noch hat sich seine Gestalt sonst verndert.
Dieser Zamang mu zum wenigsten so alt seyn wie der Drachenbaum bei
Orotava. Der Anblick alter Bume hat etwas Groartiges, Imponirendes; die
Beschdigung dieser Naturdenkmler wird daher auch in Lndern, denen es an
Kunstdenkmlern fehlt, streng bestraft. Wir hrten mit Vergngen, der
gegenwrtige Eigenthmer des Zamang habe einen Pchter, der es gewagt,
einen Zweig davon zu schneiden, gerichtlich verfolgt. Die Sache kam zur
Verhandlung und der Pchter wurde vom Gericht zur Strafe gezogen. Bei
Turmero und bei der Hacienda de Cura gibt es Zamangs, die einen dickeren
Stamm haben als der am Guayre, aber ihre halbkugelige Krone ist nicht so
gro.

Je nher man gegen Cura und Guacara am nrdlichen Ufer des Sees kommt,
desto besser angebaut und volkreicher werden die Ebenen. Man zhlt in den
Thlern von Aragua auf einem 13 Meilen langen und 2 Meilen breiten
Landstrich ber 52,000 Einwohner. Die gibt auf die Quadratmeile 2000
Seelen, also beinahe so viel wie in den bevlkertsten Theilen Frankreichs.
Das Dorf oder vielmehr der Flecken Maracay war frher, als der Indigobau
in hchster Blthe stand, der Hauptort fr diesen Zweig der
Colonialindustrie. Im Jahr 1795 zhlte man daselbst bei einer Bevlkerung
von 6000 Einwohnern 70 Kaufleute mit offenen Laden. Die Huser sind alle
von Stein; in jedem Hof stehen Cocosbume, deren Krone ber die Gebude
emporragt. Der allgemeine Wohlstand macht sich in Maracay noch
bemerklicher als in Turmero. Der hiesige *Anil* oder Indigo wurde im
Handel immer dem von Guatimala gleich, manchmal sogar hher geschtzt.
Seit 1772 schlo sich dieser Culturzweig dem Cacaobau an, und jener ist
wieder lter als der Baumwollen- und Kaffeebau. Die Colonisten warfen sich
auf jedes dieser vier Produkte der Reihe nach mit besonderer Vorliebe,
aber nur Cacao und Kaffee sind Artikel von Belang im Handelsverkehr mit
Europa geblieben. In den besten Zeiten konnte sich die hiesige
Indigofabrikation fast mit der mexicanischen messen: sie stieg in
Venezuela auf 40,000 Arrobas oder eine Million Pfund, im Werth von mehr
als 1,250,000 Piastern. Man bekommt einen Begriff von der
auerordentlichen Ertragsfhigkeit des Bodens in den spanischen Colonien,
wenn man einem sagt, da der Indigo aus Caracas, der im Jahr 1794 einen
Werth von mehr als sechs Millionen Franken hatte, auf vier bis fnf
Quadratmeilen gebaut ist; In den Jahren 1789--95 kamen jhrlich vier bis
fnftausend Freie aus den Llanos in die Thaler von Aragua, um beim Bau und
der Bereitung des Indigo zu helfen; sie arbeiteten zwei Monate im Taglohn.

Der Anil erschpft den Boden, auf dem man ihn viele Jahre hinter einander
baut, mehr als jede andere Pflanze. In Maracay, Tapatapa und Turmero gilt
der Boden fr ausgesogen; der Ertrag an Indigo hat auch fortwhrend
abgenommen. Die Seekriege haben den Handel ins Stocken gebracht und durch
die starke Indigoeinfuhr aus Asien sind die Preise gesunken. Die
ostindische Compagnie verkauft jetzt in London ber 5,500,000 Pfund
Indigo, whrend sie im Jahr 1786 auf ihren weiten Besitzungen nur 250,000
Pfund bezog. Je mehr der Indigobau in den Araguathlern abnahm, einen
desto greren Aufschwung nahm er in der Provinz Barinas und auf den
heien Ebenen von Cucuta, wo der bis da unberhrte Boden am Rio Tachira
ein uerst farbreiches Produkt in Menge liefert.

Wir kamen sehr spt nach Maracay. Die Personen, an die wir Empfehlungen
hatten, waren nicht zu Hause; kaum bemerkten die Leute unsere
Verlegenheit, so erbot man sich von allen Seiten, uns aufzunehmen, unsere
Instrumente unterzubringen, unsere Maulthiere zu versorgen. Es ist schon
tausendmal gesagt worden, aber der Reisende fhlt immer wieder das
Bedrfni es zu wiederholen: die spanischen Colonien sind das wahre Land
der Gastfreundschaft, auch noch an Orten, wo Gewerbflei und Handel
Wohlstand und eine gewisse Bildung unter den Colonisten verbreitet haben.
Eine canarische Familie nahm uns mit der liebenswrdigsten Herzlichkeit
auf; man bereitete uns ein treffliches Mahl, man vermied sorgfltig alles,
was uns irgendwie einen Zwang auflegen konnte. Der Hausherr, Don Alexandro
Gonzales, war in Handelsgeschften auf der Reise, und seine junge Frau
geno seit Kurzem der Mutterfreude. Sie war auer sich vor Vergngen, als
sie hrte, da wir auf dem Rckweg vom Rio Negro an den Orinoco nach
Angostura kommen wrden, wo sich ihr Mann befand. Von uns sollte er
erfahren, da ihm sein Erstling geboren worden. In diesen Lndern gelten,
wie bei den Alten, wandernde Gste fr die sichersten Boten. Es gibt
Postreiter, aber diese machen so weite Umwege, da Privatleute durch sie
selten Briefe in die Llanos oder Savanen im Innern gehen lassen. Als wir
aufbrachen, trug man uns das Kind zu. Wir hatten es am Abend im Schlaf
gesehen, am Morgen muten wir es wachend sehen. Wir versprachen es dem
Vater Zug fr Zug zu beschreiben; aber beim Anblick. unserer Bcher und
Instrumente wurde die junge Frau unruhig. Sie meinte, auf einer langen
Reise und bei so vielen anderweitigen Geschften knnten wir leicht
vergessen, was fr Augen ihr Kind habe. Wie liebenswrdig ist solche
Gastfreundschaft! wie kstlich der naive Ausdruck eines Vertrauens, das ja
auch ein Charakterzug frherer Menschenalter beim Morgenroth der Gesittung
ist!

Auf dem Wege von Maracay nach der Hacienda de Cura hat man zuweilen einen
Ausblick auf den See von Valencia. Von der Granitbergkette an der Kste
luft ein Ast sdwrts in die Ebene hinaus; es ist die das Vorgebirge
*Portachuelo*, durch welches das Thal beinahe ganz geschlossen wrde, wenn
nicht ein schmaler Pa zwischen dem Vorgebirge und dem Felsen der Cabrera
hinliefe. Dieser Ort hat in den letzten Revolutionskriegen in Caracas eine
traurige Berhmtheit erhalten; alle Parteien stritten sich hitzig um
diesen Pa, weil der Weg nach Valencia und in die Llanos hier durchfhrt.
Die Cabrera ist jetzt eine Halbinsel; noch vor weniger als sechzig Jahren
war es ein Felseneiland im See, dessen Wasserspiegel fortwhrend sinkt.
Wir brachten auf der Hacienda de Cura sieben Tage uerst angenehm zu, und
zwar in einem kleinen Hause in einem Gebsch, weil im Hause auf der
schnen Zuckerpflanzung die *Bubas* ausgebrochen waren, eine unter den
Sklaven in diesen Thlern hufig vorkommende Hautkrankheit.

Wir lebten wie die wohlhabenden Leute hier zu Lande, badeten zweimal,
schliefen dreimal und aen dreimal in vier und zwanzig Stunden. Das Wasser
des Sees ist ziemlich warm, 24--25 Grad; aber es gibt noch ein anderes,
sehr khles, kstliches Bad im Schatten von Ceibabumen und groen
Zamangs, in der Toma, einem Bache, der aus den Granitbergen des *Rincon
del Diablo* kommt. Steigt man in dieses Bad, so hat man sich nicht vor
Insektenstichen zu frchten, wohl aber vor den kleinen rthlichen Haaren
an den Schoten des _Dolichos pruriens_ die in der Luft schweben und einem
vom Winde zugefhrt werden. Wenn diese Haare, die man bezeichnend
_picapica_ nennt, sich an den Krper hngen, so verursachen sie ein sehr
heftiges Jucken: man khlt Stiche und sieht doch nicht, woher sie rhren.

Bei Cura sahen wir die smmtliche Einwohnerschaft daran, den mit Mimosen,
Sterculia und _Coccoloba__ excoriata_ bewachsenen Boden umzubrechen, um
mehr Areal fr den Baumwollenbau zu gewinnen. Dieser, der zum Theil an die
Stelle des Indigobaus getreten ist, gedeiht so gut, da die
Baumwollenstaude am Ufer des Sees von Valencia wild wchst. Wir fanden
8--10 Fu hohe Strucher, mit Bignonien und andern holzigten
Schlingpflanzen durchwachsen. Indessen ist die Baumwollenausfuhr aus
Caracas noch unbedeutend; sie betrug in Guayra im Durchschnitt jhrlich
kaum 3--400,000 Pfund; aber in allen Hfen der _Capitania general_ stieg
sie durch den starken Anbau in Cariaco, Nueva Barcelona und Maracaybo auf
mehr als 22,000 Centner. Es ist die fast die Hlfte dessen, was der ganze
Archipel der Antillen erzeugt. Die Baumwolle aus den Thlern von Aragua
ist von guter Qualitt; sie steht nur der brasilischen nach, denn sie gilt
fr besser als die von Carthagena, von Domingo und den kleinen Antillen.
Die Baumwollenpflanzungen liegen auf der einen Seite des Sees zwischen
Maracay und Valencia, auf der andern zwischen Guayca und Guigue. Die
groen Plantagen ertragen 60--70,000 Pfund jhrlich. Bedenkt man, da in
den Vereinigten Staaten, also auerhalb der Tropen, in einem
unbestndigen, dem Gedeihen der Pflanze nicht selten feindlichen Klima,
die Ausfuhr der einheimischen Baumwolle in achtzehn Jahren (1797--1815)
von 1,200,000 auf 83 Millionen Pfund gestiegen ist, so kann man sich nicht
leicht einen Begriff davon machen, in welch ungeheurem Mastab dieser
Handelszweig sich entwickeln mu, wenn einmal in den vereinigten Provinzen
von Venezuela, in Neu-Grenada, in Mexico und an den Ufern des la Plata der
Gewerbflei nicht mehr in Fesseln geschlagen ist. Unter den gegenwrtigen
Verhltnissen erzeugen nach Brasilien die Ksten von hollndisch Guyana,
der Meerbusen von Cariaco, die Thler von Aragua und die Provinzen
Maracaybo und Carthagena am meisten Baumwolle in Sdamerika.

Whrend unseres Aufenthalts in Cura machten wir viele Ausflge auf die
Felseninseln im See von Valencia, zu den heien Quellen von Mariara und
auf den hohen Granitberg *Cucurucho del Coco*. Ein schmaler, gefhrlicher
Pfad fhrt an den Hafen Turiamo und zu den berhmten Cacaopflanzungen an
der Kste. Auf allen diesen Ausflgen sahen wir uns angenehm berrascht
nicht nur durch die Fortschritte des Landbaus, sondern auch durch das
Wachsthum einer freien Bevlkerung, die fleiig, an Arbeit gewhnt und zu
arm ist, um Sklavenarbeit in Anspruch nehmen zu knnen. Ueberall hatten
kleine Landbauer, Weie und Mulatten, zerstreute Hfe angelegt. Unser
Wirth, dessen Vater 40,000 Piaster Einknfte hat, besa mehr Land, als er
urbar machen konnte; er vertheilte es in den Thlern von Aragua unter arme
Leute, die Baumwolle bauen wollten. Sein Streben ging dahin, da sich um
seine groen Pflanzungen freie Leute ansiedelten, die nach freiem Ermessen
bald fr sich, bald auf den benachbarten Pflanzungen arbeiteten und in der
Ernte ihm als Tagelhner dienten. Graf Tovar verfolgte eifrig das edle
Ziel, die Negersklaverei im Lande allmhlig auszurotten, und er hegte die
doppelte Hoffnung, einmal den Grundbesitzern die Sklaven weniger nthig zu
machen, und dann die Freigelassenen in Stand zu setzen, Pchter zu werden.
Bei seiner Abreise nach Europa hatte er einen Theil seiner Lndereien bei
Cura, westlich vom Felsen las Viruelas, in einzelne Grundstcke
zerschlagen und verpachtet. Als er vier Jahre darauf wieder nach Amerika
kam, fand er daselbst schne Baumwollenpflanzungen und einen Weiler von 30
bis 40 Husern, Punta Zamuro genannt, den wir oft mit ihm besucht haben.
Die Einwohner des Weilers sind fast durchaus Mulatten, Zambos und freie
Neger. Mehrere groe Grundbesitzer haben nach diesem Vorgang mit gleichem
Erfolg Land verpachtet. Der Pachtschilling betrgt zehn Piaster auf die
Vanega und wird in Geld oder in Baumwolle entrichtet. Die kleinen Pchter
sind oft in Bedrngni und geben ihre Baumwolle zu sehr geringem Preise
ab. Ja sie verkaufen sie vor der Ernte, und durch diese Vorschsse reicher
Nachbarn gerth der Schuldner in eine Abhngigkeit, in Folge deren er
seine Dienste als Taglhner fter anbieten mu. Der Taglohn ist nicht so
hoch als in Frankreich. Man bezahlt in den Thlern von Aragua und in den
Llanos einem freien Tagelhner vier bis fnf Piaster monatlich, neben der
Kost, die beim Ueberflu an Fleisch und Gemse sehr wenig ausmacht. Gerne
verbreite ich mich hier ber den Landbau in den Colonien, weil solche
Angaben den Europern darthun, was aufgeklrten Colonisten lngst nicht
mehr zweifelhaft ist, da das Festland des spanischen Amerika durch freie
Hnde Zucker, Baumwolle und Indigo erzeugen kann, und da die
unglcklichen Sklaven Bauern, Pchter und Grundbesitzer werden knnen.

                            ------------------





   43 Thal des Cortes oder *Osterthal*, so genannt, weil Diego de Losada,
      nachdem er die Teques-Indianer und ihren Caziken Guaycaypuro in den
      Bergen von San Pedro geschlagen, im Jahr 1567 die Ostertage daselbst
      zubrachte, ehe er in das Thal San Francisco drang, wo er die Stadt
      Caracas grndete.

   44 S. Bd. II, Seite 150.

   45 S. Humboldt, _Essay politique sur le Mxique._ T. II, pag. 435.

   46 S. Bd. I, Seite 294.

   47 An der Uhr in der Hauptkirche von Caracas trug ein 5 Linien dicker
      Maqueystrick seit 15 Jahren ein Gewicht von 350 Pfund.

*   48 Winter* heit die Zeit im Jahr, wo es am meisten regnet, daher in
      Terra Firma die mit der Winter-Tag-und Nachtgleiche beginnende
      Jahreszeit Sommer genannt wird und man alle Tage sagen hrt, im
      Gebirge sey es Winter, wahrend es in den benachbarten Niederungen
      Sommer ist.

   49 Mairan ist dieselbe Erscheinung in Europa aufgefallen.

   50 Die mittlere Sommertemperatur ist in Schottland (bei Edinburgh unter
      dem 56. Grad der Breite) dieselbe wie auf den Hochebenen von
      Neu-Grenada, wo in 1400 Toisen Meereshhe und unter dem vierten Grad
      der Breite so viel Getreide gebaut wird. Auf der andern Seite
      entspricht die mittlere Temperatur der Thler von Aragua (10 15{~PRIME~}
      der Breite) und aller nicht sehr hoch gelegenen Ebenen in der heien
      Zone der *Sommertemperatur* von Neapel und Sicilien (39 40{~PRIME~} der
      Breite). Die obigen Zahlen bezeichnen die Lage der *isotheren* (der
      Linien der gleichen Sommerwrme), nicht der *isothermen* Linien (der
      Linien der gleichen Jahreswrme). Hinsichtlich der Wrmemenge,
      welche ein Punkt der Erdoberflche im Lauf eines ganzen Jahres
      empfngt, entsprechen die mittleren Temperaturen der Thler von
      Aragua und der Hochebenen von Neu-Grenada in 300--1400 Toifen
      Meereshhe den mittleren Temperaturen der Ksten unter dem
      23--45. Grad der Breite.





SECHZEHNTES KAPITEL.


     Der See von Valencia. -- Die beien Quellen von Mariara. -- Die
    Stadt Nueva Valencia de el Rey. -- Weg zur Kste von Porto Cabello
                                  hinab.


Die Thler von Aragua, deren reichen Anbau und erstaunliche Fruchtbarkeit
wir im Obigen geschildert, stellen sich als ein Becken dar, das zwischen
Granit- und Kalkgebirgen von ungleicher Hhe in der Mitte liegt. Nordwrts
trennt die Sierra Mariara sie von der Meereskste, gegen Sden dient ihnen
die Bergkette des Guacimo und Yusma als Schutzwehr gegen die glhende Luft
der Steppen. Hgelzge, hoch genug, um den Lauf der Gewsser zu bestimmen,
schlieen das Becken gegen Ost und West wie Querdmme. Diese Hgel liegen
zwischen dem Tuy und Victoria, wie auf dem Wege von Valencia nach Nirgua
und in die Berge des Torito. In Folge dieser eigenthmlichen Gestaltung
des Bodens bilden die Gewsser der Thler von Aragua ein System fr sich
und laufen einem von allen Seiten geschlossenen Becken zu; sie ergieen
sich nicht in den Ocean, sie vereinigen sich in einem Binnensee,
unterliegen hier dem mchtigen Zuge der Verdunstung und verlieren sich
gleichsam in der Luft. Durch diese Flsse und Seen wird die Fruchtbarkeit
des Bodens und der Ertrag des Landbaus in diesen Thlern bedingt. Schon
der Augenschein und eine halbhundertjhrige Erfahrung zeigen, da der
Wasserstand sich nicht gleich bleibt, da das Gleichgewicht zwischen der
Summe der Verdunstung und der des Zuflusses gestrt ist. Da der See 1000
Fu ber den benachbarten Steppen von Calabozo und 1332 Fu ber dem Meere
liegt, so vermuthete man, das Wasser habe einen unterirdischen Abflu oder
versickere. Da nun Eilande darin zu Tage kommen und der Wasserspiegel
fortwhrend sinkt, so meinte man, der See knnte vllig eintrocknen. Das
Zusammentreffen so auffallender Naturverhltnisse mute mich auf diese
Thler aufmerksam machen, in denen die wilden Reize der Natur und der
liebliche Eindruck fleiigen Anbaus und der Knste einer erwachenden
Cultur sich vereinigen.

Der See von Valencia, von den Indianern Tacarigua genannt, ist grer als
der Neuenburger See in der Schweiz; im Umri aber hat er Aehnlichkeit mit
dem Genfer See, der auch fast gleich hoch ber dem Meere liegt. Da in den
Thlern von Aragua der Boden nach Sd und West fllt, so liegt der Theil
des Beckens, der unter Wasser geblieben ist, zunchst der sdlichen
Bergkette von Guigue, Yusma und dem Guacimo, die den hohen Savanen von
Ocumare zustreicht. Die einander gegenberliegenden Ufer des Sees stechen
auffallend von einander ab. Das sdliche ist wste, kahl, fast gar nicht
bewohnt, eine hohe Gebirgswand gibt ihm ein finsteres, einfrmiges
Ansehen; das nrdliche dagegen ist eine liebliche Landschaft mit reichen
Zucker-, Kaffee- und Baumwollenpflanzungen. Mit Cestrum, Azedarac und
andern immer blhenden Struchern eingefate Wege laufen ber die Ebene
und verbinden die zerstreuten Hfe. Jedes Haus ist von Bumen umgeben. Der
Ceiba mit groen gelben(51) und die Erithryna mit purpurfarbigen Blthen,
deren Aeste sich verflechten, geben der Landschaft einen eigenthmlichen
Charakter. Die Mannigfaltigkeit und der Glanz der vegetabilischen Farben
sticht wirkungsvoll vom eintnigen Blau des wolkenlosen Himmels ab. In der
trockenen Jahreszeit, wenn ein wallender Dunst ber dem glhenden Boden
schwebt, wird das Grn und die Fruchtbarkeit durch knstliche Bewsserung
unterhalten. Hin und wieder kommt der Granit im angebauten Land zu Tage;
ungeheure Felsmassen steigen mitten im Thale steil empor. An ihren
nackten, zerklfteten Wnden wachsen einige Saftpflanzen und bilden
Dammerde fr kommende Jahrhunderte. Hufig ist oben auf diesen einzeln
stehenden Hgeln ein Feigenbaum oder eine Clusia mit fleischigten Blttern
aus den Felsritzen emporgewachsen und beherrscht die Landschaft. Mit ihren
drren, abgestorbenen Aesten sehen sie aus wie Signalstangen auf einer
steilen Kste. An der Gestaltung dieser Hhen errth man, was sie frher
waren: als noch das ganze Thal unter Wasser stand und die Wellen den Fu
der Gipfel von Mariara, die *Teufelsmauer* (_el Rincon del Diablo_) und
die Kstenbergkette besplten, waren diese Felshgel Untiefen oder
Eilande.

Diese Zge eines reichen Gemldes, dieser Contrast zwischen den beiden
Ufern des Sees von Valencia erinnerten mich oft an das Seegestade des
Waadtlands, wo der berall angebaute, berall fruchtbare Boden dem
Ackerbauer, dem Hirten, dem Winzer ihre Mhen sicher lohnt, whrend das
savoyische Ufer gegenber ein gebirgigtes, halb wstes Land ist. In jenen
fernen Himmelsstrichen, mitten unter den Gebilden einer fremdartigen
Natur, gedachte ich mit Lust der hinreienden Beschreibungen, zu denen der
Genfer See und die Felsen von Meillerie einen groen Schriftsteller
begeistert haben. Wenn ich jetzt mitten im civilisirten Europa die Natur
in der neuen Welt zu schildern versuche, glaube ich durch die Vergleichung
unserer heimischen und der tropischen Landschaften meinen Bildern mehr
Schrfe und dem Leser deutlichere Begriffe zu geben. Man kann es nicht oft
genug sagen: unter jedem Himmelsstriche trgt die Natur, sey sie wild oder
vom Menschen gezhmt, lieblich oder groartig, ihren eigenen Stempel. Die
Empfindungen, die sie in uns hervorruft, sind unendlich mannigfaltig,
gerade wie der Eindruck der Geisteswerke je nach dem Zeitalter, das sie
hervorgebracht, und nach den mancherlei Sprachen, von denen sie ihren Reiz
zum Theil borgen, so sehr verschieden ist. Nur Gre und uere
Formverhltnisse knnen eigentlich verglichen werden; man kann den
riesigen Gipfel des Montblanc und das Himalayagebirge, die Wasserflle der
Pyrenen und die der Cordilleren zusammenhalten; aber durch solche
vergleichende Schilderungen, so sehr sie wissenschaftlich frderlich seyn
mgen, erfhrt man wenig vom Naturcharakter des gemigten und des heien
Erdstrichs. Am Gestade eines Sees, in einem groen Walde, am Fu mit
ewigem Eis bedeckter Berggipfel ist es nicht die materielle Gre, was uns
mit dem heimlichen Gefhle der Bewunderung erfllt. Was zu unserem Gemthe
spricht, was so tiefe und mannigfache Empfindungen in uns wach ruft,
entzieht sich der Messung, wie den Sprachformen. Wenn man Naturschnheiten
recht lebhaft empfindet, so mag man Landschaften von verschiedenem
Charakter gar nicht vergleichen; man wrde frchten sich selbst im Genu
zu stren.

Die Ufer des Sees von Valencia sind aber nicht allein wegen ihrer
malerischen Reize im Lande berhmt; das Becken bietet verschiedene
Erscheinungen, deren Aufklrung fr die Naturforschung und fr den
Wohlstand der Bevlkerung von gleich groem Interesse ist. Aus welchen
Ursachen sinkt der Seespiegel? Sinkt er gegenwrtig rascher als vor
Jahrhunderten? Lt sich annehmen, da das Gleichgewicht zwischen dem
Zuflu und dem Abgang sich ber kurz oder lang wieder herstellt, oder ist
zu besorgen, da der See ganz eingeht?

Nach den astronomischen Beobachtungen in Victoria, Hacienda de Cura, Nueva
Valencia und Guigue ist der See gegenwrtig von Cagua bis Guayos 10 Meilen
oder 28000 Toisen lang. Seine Breite ist sehr ungleich; nach den Breiten
an der Einmndung des Rio Cura und beim Dorfe Guigue zu urtheilen, betrgt
sie nirgends ber 2, 3 Meilen oder 6500 Toisen, meist nur 4--5000. Die
Maae, die sich aus meinen Beobachtungen ergeben, sind weit geringer als
die bisherigen Annahmen der Eingeborenen. Man knnte meinen, um das
Verhltni der Wasserabnahme genau kennen zu lernen, brauche man nur die
gegenwrtige Gre des Sees mit der zu vergleichen, welche alte
Chronikschreiber, z. B. OVIEDO in seiner ums Jahr 1723 verffentlichten
_Geschichte der Provinz Venezuela_, angeben. Dieser Geschichtschreiber
lt in seinem hochtrabenden Styl dieses Binnenmeer, diesen _monstruoso
cuerpo de la laguna de Valencia_, 14 Meilen lang und 6 breit seyn; er
berichtet, in geringer Entfernung vom Ufer finde das Senkblei keinen Grund
mehr, und groe schwimmende Inseln bedecken die Seeflche, die fortwhrend
von den Winden aufgerhrt werde. Unmglich lt sich auf Schtzungen
Gewicht legen, die auf gar keiner Messung beruhen und dazu in _Leguas_
ausgedrckt sind, auf die man in den Colonien 3000, 5000 und 6550
Varas(52) rechnet. Nur das verdient im Buch eines Mannes, der so oft durch
die Thler von Aragua gekommen seyn mu, Beachtung, da er behauptet, die
Stadt Nueva Valencia de el Rey sey im Jahr 1555 eine halbe Meile vom See
erbaut worden, und da sich bei ihm die Lnge des Sees zur Breite verhlt
wie 7 zu 3. Gegenwrtig liegt zwischen dem See und der Stadt ein ebener
Landstrich von mehr als 2700 Toisen, den Oviedo sicher zu anderthalb
Meilen angeschlagen htte, und die Lnge des Seebeckens verhlt sich zur
Breite wie 10 zu 2,3 oder wie 7 zu 1,6. Schon das Aussehen des Bodens
zwischen Valencia und Guigue, die Hgel, die auf der Ebene stlich vom
Cao de Cambury steil aufsteigen und zum Theil (_el Islote_ und _la Isla
de la Negra_ oder _Caratapona_) sogar noch jetzt Inseln heien, beweisen
zur Genge, da seit Oviedos Zeit das Wasser bedeutend zurckgewichen ist.
Was die Vernderung des Umrisses des Sees betrifft, so scheint es mir
nicht sehr wahrscheinlich, da er im siebzehnten Jahrhundert beinahe zur
Hlfte so breit als lang gewesen seyn sollte. Die Lage der Granitberge von
Mariara und Guigue und der Fall des Bodens, der gegen Nord und Sd rascher
steigt als gegen Ost und West, streiten gleichermaen gegen diese Annahme.

Wenn das so vielfach besprochene Problem von der Abnahme der Gewsser zur
Sprache kommt, so hat man, denke ich, zwei Epochen zu unterscheiden, in
welchen das Sinken des Wasserspiegels stattgefunden.

Wenn man die Fluthler und die Seebecken genau betrachtet, findet man
berall das alte Ufer in bedeutender Entfernung. Niemand lugnet wohl
jetzt mehr, da unsere Flsse und Seen in sehr bedeutendem Maae
abgenommen haben; aber zahlreiche geologische Thatsachen weisen auch
darauf hin, da dieser groe Wechsel in der Vertheilung der Gewsser vor
aller Geschichte eingetreten ist, und da sich seit mehreren Jahrtausenden
bei den meisten Seen ein festes Gleichgewicht zwischen dem Betrag der
Zuflsse einerseits, und der Verdunstung und Versickerung andererseits
hergestellt hat. So oft dieses Gleichgewicht gestrt ist, thut man gut,
sich umzusehen, ob solches nicht von rein rtlichen Verhltnissen und aus
jngster Zeit herrhrt, ehe man eine bestndige Abnahme des Wassers
annimmt. Ein solcher Gedankengang entspricht dem vorsichtigeren Verfahren
der heutigen Wissenschaften. Zu einer Zeit, wo die physische
Weltbeschreibung das freie Geisteserzeugni einiger beredten
Schriftsteller war und nur durch Phantasiebilder wirkte, htte man in der
Erscheinung, von der es sich hier handelt, einen neuen Beweis fr den
Contrast zwischen beiden Continenten gesehen, den man in Allem herausfand.
Um darzuthun, da Amerika spter als Asien und Europa aus dem Wasser
emporgestiegen, htte man wohl auch den See von Tacarigua angefhrt, als
eines der Becken im innern Lande, die noch nicht Zeit gehabt, durch
unausgesetzte allmlige Verdunstung auszutrocknen. Ich zweifle nicht, da
in sehr alter Zeit das ganze Thal vom Fu des Gebirges Cocuysa bis zum
Torito und den Bergen von Nirgua, von der Sierra de Mariara bis zu der
Bergkette von Gigue, zum Guarimo und der Palma, unter Wasser stand.
Ueberall lt die Gestalt der Vorberge und ihr steiler Abfall das alte
Ufer eines Alpsees, hnlich den Steiermrker und Tyroler Seen, erkennen.
Kleine Helix- und Valvaarten, die mit den jetzt im See lebenden identisch
sind, kommen in 3 bis 4 Fu dicken Schichten tief im Lande, bis Turmero
und Concesion bei Victoria vor. Diese Thatsachen beweisen nun allerdings,
da das Wasser gefallen ist; aber nirgends liegt ein Beweis dafr vor, da
es seit jener weit entlegenen Zeit fortwhrend abgenommen habe. Die Thler
von Aragua gehren zu den Strichen von Venezuela, die am frhesten
bevlkert worden, und doch spricht weder Oviedo, noch irgend eine alte
Chronik von einer merklichen Abnahme des Sees. Soll man geradezu annehmen,
die Erscheinung sey zu einer Zeit, wo die indianische Bevlkerung die
weie noch weit berwog und das Seeufer schwcher bewohnt war, eben nicht
bemerkt worden? Seit einem halben Jahrhundert, besonders aber seit dreiig
Jahren fllt es Jedermann in die Augen, da dieses groe Wasserbecken von
selbst eintrocknet. Weite Strecken Landes, die frher unter Wasser
standen, liegen jetzt trocken und sind bereits mit Bananen, Zuckerrohr und
Baumwolle bepflanzt. Wo man am Gestade des Sees eine Htte baut, sieht man
das Ufer von Jahr zu Jahr gleichsam fliehen. Man sieht Inseln, die beim
Sinken des Wasserspiegels eben erst mit dem Festlande zu verschmelzen
anfangen (wie die Felseninsel Culebra, Guigue zu); andere Inseln bilden
bereits Vorgebirge (wie der Morro, zwischen Guigue und Nueva Valencia, und
die Cabrera sdstlich von Mariara); noch andere stehen tief im Lande in
Gestalt zerstreuter Hgel. Diese, die man schon von weitem leicht erkennt,
liegen eine Viertelseemeile bis eine Lieue vom jetzigen Ufer ab. Die
merkwrdigsten sind drei 30--40 Toisen hohen Eilande aus Granit auf dem
Wege von der Hacienda de Cura nach _Aguas calientes_ und am Westende des
Sees der Serrito de San Pedro, der Islote und der Caratapona. Wir
besuchten zwei noch ganz von Wasser umgebene Inseln und fanden unter dem
Gestruch auf kleinen Ebenen, 4--6, sogar 8 Toisen ber dem jetzigen
Seespiegel, feinen Sand mit Heliciten, den einst die Wellen hier
abgesetzt. Auf allen diesen Inseln begegnet man den unzweideutigsten
Spuren vom allmligen Fallen des Wassers. Noch mehr, und diese Erscheinung
wird von der Bevlkerung als ein Wunder angesehen: im Jahr 1796 erschienen
drei neue Inseln stlich von der Insel Caiguire, in derselben Richtung wie
die Inseln Burro, Otama und Zorro. Diese neuen Inseln, die beim Volk _los
nuevos Peones_ oder _las Aparecidas_ heien, bilden eine Art Untiefen mit
vllig ebener Oberflche- Sie waren im Jahr 1800 bereits ber einen Fu
hher als der mittlere Wasserstand.

Wie wir zu Anfang dieses Abschnitts bemerkt, bildet der See von Valencia,
gleich den Seen im Thale von Mexico, den Mittelpunkt eines kleinen Systems
von Flssen, von denen keiner mit dem Meere in Verbindung steht. Die
meisten dieser Gewsser knnen nur Bche heien; es sind ihrer zwlf bis
vierzehn. Die Einwohner wissen wenig davon, was die Verdunstung leistet,
und glauben daher schon lange, der See habe einen unterirdischen Abzug,
durch den eben so viel abfliee, als die Bche hereinbringen. Die einen
lassen diesen Abzug mit Hhlen, die in groer Tiefe liegen sollen, in
Verbindung stehen; andere nehmen an, das Wasser fliee durch einen
schiefen Canal in das Meer. Dergleichen khne Hypothesen ber den
Zusammenhang zwischen zwei benachbarten Wasserbecken hat die
Einbildungskraft des Volkes, wie die der Physiker, in allen Erdstrichen
ausgeheckt; denn letztere, wenn sie es sich auch nicht eingestehen, setzen
nicht selten nur Volksmeinungen in die Sprache der Wissenschaft um. In der
neuen Welt, wie am Ufer des caspischen Meeres, hrt man von unterirdischen
Schlnden und Canlen sprechen, obgleich der See Tacarigua 222 Toisen ber
und die caspische See 54 Toisen unter dem Meeresspiegel liegt, und so gut
man auch wei, da Flssigkeiten, die seitlich mit einander in Verbindung
stehen, sich in dasselbe Niveau setzen.

Einerseits die Verringerung der Masse der Zuflsse, die seit einem halben
Jahrhundert in Folge der Ausrodung der Wlder, der Urbarmachung der Ebenen
und des Indigobaus eingetreten ist, andererseits die Verdunstung des
Bodens und die Trockenheit der Luft erscheinen als Ursachen, welche die
Abnahme des Sees von Valencia zur Genge erklren. Ich theile nicht die
Ansicht eines Reisenden, der nach mir diese Lnder besucht hat,(53) der
zufolge man zur Befriedigung der Vernunft und zu Ehren der Physik einen
unterirdischen Abflu soll annehmen mssen. Fllt man die Bume, welche
Gipfel und Abhnge der Gebirge bedecken, so schafft man kommenden
Geschlechtern ein zwiefaches Ungemach, Mangel an Brennholz und
Wassermangel. Die Bume sind vermge des Wesens ihrer Ausdnstung und der
Strahlung ihrer Bltter gegen einen wolkenlosen Himmel fortwhrend mit
einer khlen, dunstigen Lufthlle umgeben; sie uern wesentlichen Einflu
auf die Flle der Quellen, nicht weil sie, wie man so lange geglaubt hat,
die in der Luft verbreiteten Wasserdnste anziehen, sondern weil sie den
Boden gegen die unmittelbare Wirkung der Sonnenstrahlen schtzen und damit
die Verdunstung des Regenwassers verringern. Zerstrt man die Wlder, wie
die europischen Ansiedler aller Orten in Amerika mit unvorsichtiger Hast
thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab. Die Flubetten
liegen einen Theil des Jahres ber trocken, und werden zu reienden
Strmen, so oft im Gebirge starker Regen fllt. Da mit dem Holzwuchs auch
Rasen und Moos auf den Bergkuppen verschwinden, wird das Regenwasser im
Ablaufen nicht mehr aufgehalten; statt langsam durch allmlige Sickerung
die Bche zu schwellen, furcht es in der Jahreszeit der starken
Regenniederschlge die Bergseiten, schwemmt das losgerissene Erdreich fort
und verursacht pltzliches Austreten der Gewsser, welche nun die Felder
verwsten. Daraus geht hervor, da das Verheeren der Wlder, der Mangel an
fortwhrend flieenden Quellen und die Wildwasser drei Erscheinungen sind,
die in ursachlichem Zusammenhang stehen. Lnder in entgegengesetzten
Hemisphren, die Lombardei am Fue der Alpenkette und Nieder-Peru zwischen
dem stillen Meer und den Cordilleren der Anden, liefern einleuchtende
Beweise fr die Richtigkeit dieses Satzes.

Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Berge, in denen die
Thler von Aragua liegen, mit Wald bewachsen. Groe Bume aus der Familie
der Mimosen, Ceiba- und Feigenbume beschatteten die Ufer des Sees und
verbreiteten Khlung. Die damals nur sehr dnn bevlkerte Ebene war voll
Strauchwerk, bedeckt mit umgestrzten Baumstmmen und
Schmarotzergewchsen, mit dichtem Rasenfilz berzogen, und gab somit die
strahlende Wrme nicht so leicht von sich als der beackerte und eben
dehalb gegen die Sonnengluth nicht geschtzte Boden. Mit der Ausrodung
der Bume, mit der Ausdehnung des Zucker-, Indigo- und Baumwollenbaus
nahmen die Quellen und alle natrlichen Zuflsse des Sees von Jahr zu Jahr
ab. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, welch ungeheure
Wassermassen durch die Verdunstung in der heien Zone aufgesogen werden,
und vollends in einem Thale, das von steil abfallenden Bergen umgeben ist,
wo gegen Abend der Seewind und die niedergehenden Luftstrmungen
auftreten, und dessen Boden ganz flach, wie vom Wasser geebnet ist. Wir
haben schon oben erwhnt, da die Wrme, welche das ganze Jahr in Cura,
Guacara, Nueva Valencia und an den Ufern des Sees herrscht, der strksten
Sommerhitze in Neapel und Sicilien gleich kommt. Die mittlere Temperatur
der Luft in den Thlern von Aragua ist ungefhr 25,5 [20,4 Reaumur]; die
hygrometrischen Beobachtungen ergaben mir fr den Monat Februar im
Durchschnitt aus Tag und Nacht 71,4 am Haarhygrometer. Da die Worte:
groe Trockenheit oder groe Feuchtigkeit keine Bedeutung an sich haben,
und da eine Luft, die man in den Niederungen unter den Tropen sehr trocken
nennt, in Europa fr feucht glte, so kann man ber diese klimatischen
Verhltnisse nur urtheilen, wenn man verschiedene Orte in derselben Zone
vergleicht. Nun ist in Cumana, wo es oft ein ganzes Jahr lang nicht
regnet, und wo ich zu verschiedenen Stunden bei Tag und bei Nacht sehr
viele hygrometrische Beobachtungen gemacht, die mittlere Feuchtigkeit der
Luft gleich 86, entsprechend der mittleren Temperatur von 27,7. Rechnet
man die Regenmonate ein, das heit schtzt man den Unterschied zwischen
der mittleren Feuchtigkeit der trockenen Monate und der des ganzen Jahrs,
wie man denselben in andern Theilen des tropischen Amerika beobachtet, so
ergibt sich fr die Thler von Aragua eine mittlere Feuchtigkeit von
hchstens 74, bei einer Temperatur von 25,5. In dieser warmen und doch
gar nicht sehr feuchten Luft ist nun aber eine ungeheure Menge
verdunsteten Wassers. Nach der Dalton'schen Theorie berechnet sich die
Dicke der Wasserschicht, die unter den oben erwhnten Umstnden in einer
Stunde verdunstet, auf 0 Millimeter 36, oder auf 3,8 Linien in
vierundzwanzig Stunden. Nimmt man in der gemigten Zone, z. B. fr Paris,
die mittlere Temperatur zu 10,6 und die mittlere Feuchtigkeit zu 82 an,
so ergibt sich nach denselben Formeln 0,10 Millimeter in der Stunde und
eine Linie in vierundzwanzig Stunden. Will man sich, statt dieses
unzuverlssigen theoretischen Calculs, an die Ergebnisse unmittelbarer
Beobachtung halten, so bedenke man, da in Paris und Montmorency von
Sedileau und Cotte die jhrliche mittlere Verdunstung gleich 32 Zoll 1
Linie und 38 Zoll 4 Linien gefunden wurde. Im sdlichen Frankreich haben
zwei geschickte Ingenieurs, Clausade und Pin, berechnet, da der Canal von
Languedoc und das Bassin von Saint Ferreol, ber Abzug des Betrags der
Versickerung, jhrlich 336 bis 360 Linien verlieren. In den pontinischen
Smpfen hat de Prony ungefhr das gleiche Ergebni erhalten. Aus allen
diesen Beobachtungen unter dem 41. und 49. Grad der Breite und bei einer
mittleren Temperatur von 10,5 und 16 ergibt sich eine mittlere
Verdunstung von 1 bis 1,3 Linie im Tag. In der heien Zone, z. B. auf den
Antillen, ist die Verdunstung nach le Gaux dreimal, nach Cassan zweimal
strker. In Cumana, also an einem Ort, wo die Luft weit strker mit
Feuchtigkeit geschwngert ist als in den Thlern von Aragua, sah ich oft
in zwlf Stunden in der Sonne 8,8 Millimeter im Schatten 3,4 Millimeter
Wasser verdunsten. Versuche dieser Art sind sehr fein und schwankend; aber
das eben Angefhrte reicht hin, um zu zeigen, wie ungemein gro die Masse
des Wasserdunstes seyn mu, der aus dem See von Valencia und auf dem
Gebiet aufsteigt, dessen Gewsser sich in den See ergieen. Ich werde
Gelegenheit finden, anderswo auf den Gegenstand zurckzukommen: in einem
Werke, das die groen Gesetze der Natur in den verschiedenen Erdstrichen
zur Anschauung bringt, mu auch der Versuch gemacht werden, das Problem
von der *mittleren Spannung* der in der Luft enthaltenen Wasserdmpfe
unter verschiedenen Breiten und in verschiedenen Meereshhen zu lsen.

Das Maa der Verdunstung hngt von einer Menge rtlicher Verhltnisse ab:
von der strkeren oder geringeren Beschattung des Wasserbeckens, von der
Ruhe und der Bewegung des Wassers, von der Tiefe desselben, von der
Beschaffenheit und Farbe des Grundes; im Groen aber wird die Verdunstung
nur durch drei Elemente bedingt, durch die Temperatur, durch die Spannung
der in der Luft enthaltenen Dmpfe, durch den Widerstand, den die Luft, je
nachdem sie mehr oder minder dicht, mehr oder weniger bewegt ist, der
Verbreitung der Dmpfe entgegengesetzt. Die Wassermenge, die an einem
gegebenen Ort verdunstet, ist proportional dem Unterschied zwischen der
Masse des Dampfes, welche die umgebende Luft im gesttigten Zustand
aufnehmen kann, und der Masse desselben, welche sie wirklich enthlt. Es
folgt daraus, da (wie schon d'Aubuisson bemerkt, der meine
hygrometrischen Beobachtungen berechnet hat) die Verdunstung in der heien
Zone nicht so stark ist, als man nach der ungemein hohen Temperatur
glauben sollte, weil in den heien Himmelsstrichen die Luft gewhnlich
sehr feucht ist.

Seit der Ausbreitung des Ackerbaus in den Thlern von Aragua kommen die
Flchen, die sich in den See von Valencia ergieen, in den sechs Monaten
nach December als Zuflsse nicht mehr in Betracht. Im untern Stck ihres
Laufs sind sie ausgetrocknet, weil die Indigo-, Zucker- und Kaffeepflanzer
sie an vielen Punkten ableiten, um die Felder zu bewssern. Noch mehr: ein
ziemlich ansehnliches Wasser, der Rio Pao, der am Rande der Llanos, am Fu
des _la Galera_ genannten Hgelzugs entspringt, ergo sich frher in den
See, nachdem er auf dem Wege von Nueva Valencia nach Guigue den Casio de
Cambury aufgenommen. Der Flu lief damals von Sd nach Nord. Zu Ende des
siebzehnten Jahrhunderts kam der Besitzer einer anliegenden Pflanzung auf
den Gedanken, dem Rio Pao am Abhang eines Gelndes ein neues Bett zu
graben. Er leitete den Flu ab, benutzte ihn zum Theil zur Bewsserung
seines Grundstcks und lie ihn dann gegen Sd, dem Abhang der Llanos
nach, selbst seinen Weg suchen. Auf diesem neuen Lauf nach Sd nimmt der
Rio Pao drei andere Bche auf, den Tinaco, den Guanarito und den Chilua,
und ergiet sich in die Portuguesa, einen Zweig des Rio Apure. Es ist eine
nicht uninteressante Erscheinung, da in Folge der eigenthmlichen
Bodenbildung und der Senkung der Wasserscheide nach Sdwest der Rio Pao
sich vom kleinen *inneren Flusystem*, dem er ursprnglich angehrte,
trennte und nun seit hundert Jahren durch den Apure und den Orinoco mit
dem Meere in Verbindung steht. Was hier im Kleinen durch Menschenhand
geschah, thut die Natur hufig selbst entweder durch allmhliche
Anschwemmung oder durch die Zerrttung des Bodens in Folge starker
Erdbeben. Wahrscheinlich werden im Laufe der Jahrhunderte manche Flsse im
Sudan und in Neuholland, die jetzt im Sande versiegen oder in Binnenseen
laufen, sich einen Weg zur Meereskste bahnen. So viel ist wenigstens
sicher, da es auf beiden Continenten innere Flusysteme gibt, die man als
*noch nicht ganz entwickelte*(54) betrachten kann, und die entweder nur
bei Hochgewsser oder bestndig durch Gabelung unter sich zusammenhngen.

Der Rio Pao hat sich ein so tiefes und breites Bett gegraben, da, wenn in
der Regenzeit der _Cao grande de Cambury_ das ganze Land nordwestlich von
Guigue berschwemmt, das Wasser dieses Cao und das des Sees von Valencia
in den Rio Pao selbst zurcklaufen, so da dieses Flchen, statt dem See
Wasser zuzufhren, ihm vielmehr welches abzapft. Wir sehen etwas
Aehnliches in Nordamerika, da wo die Geographen auf ihren Karten zwischen
den groen canadischen Seen und dem Lande der Miamis eine eingebildete
Bergkette angeben. Bei Hochgewsser stehen die Flsse, die den Seen, und
die, welche dem Mississippi zulaufen, mit einander in Verbindung und man
fhrt im Canoe von den Quellen des Flusses St. Maria in den Wabash, wie
auf dem Chicago in den Illinois. Diese analogen Flle scheinen mir von
Seiten der Hydrographen alle Aufmerksamkeit zu verdienen.

Da der Boden rings um den See von Valencia durchaus flach und eben ist, so
wird, wie ich es auch an den mexicanischen Seen alle Tage beobachten
konnte, wenn der Wasserspiegel nur um wenige Zoll fllt, ein groer, mit
fruchtbarem Schlamm und organischen Resten bedeckter Strich Landes trocken
gelegt. Im Maae, als der See sich zurckzieht, rckt der Landbau gegen
das neue Ufer vor. Diese von der Natur bewerkstelligte, fr die
Landwirthschaft der Colonien sehr wichtige Austrocknung war in den letzten
zehn Jahren, in denen ganz Amerika an groer Trockenheit litt,
ungewhnlich stark. Ich rieth den reichen Grundeigenthmern im Land, statt
die jeweiligen Krmmungen des Seeufers zu bezeichnen, im Wasser selbst
Granitsulen aufzustellen, an denen man von Jahr zu Jahr den mittleren
Wasserstand beobachten knnte. Der Marques del Toro will die Sache
ausfhren und auf Gneigrund, der im See hufig vorkommt, auf dem schnen
Granit der Sierra de Mariara *Limnometer* aufstellen.

Unmglich lt sich im voraus bestimmen, in welchem Maae dieses
Wasserbecken zusammengeschrumpft seyn wird, wenn einmal das Gleichgewicht
zwischen dem Zuflu einerseits und der Verdunstung und Einsickerung
andererseits vllig hergestellt ist. Die sehr verbreitete Meinung, der See
werde ganz verschwinden, scheint mir durchaus ungegrndet. Wenn in Folge
starker Erdbeben oder aus andern gleich unerklrten Ursachen zehn nasse
Jahre auf eben so viele trockene folgten, wenn sich die Berge wieder mit
Wald bedeckten, wenn groe Bume das Seeufer und die Thler beschatteten,
so wrde im Gegentheil das Wasser steigen und den schnen Pflanzungen, die
gegenwrtig das Seebecken sumen, gefhrlich werden.

Whrend in den Thlern von Aragua die einen Pflanzer besorgen, der See
mchte ganz eingehen, die andern, er mchte wieder zum verlassenen Gestade
heraufkommen, hrt man in Caracas alles Ernstes die Frage errtern, ob man
nicht, um mehr Boden fr den Landbau zu gewinnen, aus dem See einen Canal
dem Rio Pao zu graben und ihn in die Llanos ableiten sollte. Es ist nicht
zu lugnen, da solches mglich wre, namentlich wenn man Canle unter dem
Boden, Stollen anlegte. Dem allmhligen Rcktritt des Wassers verdankt das
herrliche, reiche Bauland von Maracay, Cura, Mocundo, Guigue und Santa
Cruz del Escoval mit seinen Tabak-, Zucker-, Kaffee, Indigo und
Cacaopflanzungen seine Entstehung; wie kann man aber nur einen Augenblick
bezweifeln, da nur der See das Land so fruchtbar macht? Ohne die
ungeheure Dunstmasse, welche Tag fr Tag von der Wasserflche in die Luft
aufsteigt, wren die Thler von Aragua so trocken und drr, wie die Berge
umher.

Der See ist im Durchschnitt 12--15, und an den tiefsten Stellen nicht, wie
man gemeiniglich annimmt 80, sondern nur 35--40 Faden tief. Die ist das
Ergebni der sorgfltigen Messungen Don Antonio Manzanos mit dem Senkblei.
Bedenkt man, wie ungemein tief alle Schweizer See sind, so da, obgleich
sie in hohen Thlern liegen, ihr Grund fast auf den Spiegel des
Mittelmeeres hinabreicht, so wundert man sich, da der Boden des Sees von
Valencia, der doch auch ein Alpsee ist, keine bedeutenderen Tiefen hat.
Die tiefsten Stellen sind zwischen der Felseninsel Burro und der
Landspitze Caa Fistula, so wie den hohen Bergen von Mariara gegenber; im
Ganzen aber ist der sdliche Theil des Sees tiefer als der nrdliche. Es
ist nicht zu vergessen, da jetzt zwar das ganze Ufer flach ist, der
sdliche Theil des Beckens aber doch am nchsten bei einer steil
abfallenden Gebirgskette liegt. Wir wissen aber, da auch das Meer bei
einer hohen, senkrechten Felskste meist am tiefsten ist.

Die Temperatur des Sees an der Wasserflche war whrend meines Aufenthalts
in den Thlern von Aragua im Februar bestndig 23--23,7, also etwas
geringer als die mittlere Lufttemperatur, sey es nun in Folge der
Verdunstung, die dem Wasser und der Luft Wrme entzieht, oder weil die
Schwankungen in der Temperatur der Luft sich einer groen Wassermasse
nicht gleich schnell mittheilen, und weil der See Bche aufnimmt, die aus
kalten Quellen in den nahen Gebirgen entspringen. Zu meinem Bedauern
konnte ich trotz der geringen Tiefe die Temperatur des Wassers in 30--40
Faden unter dem Wasserspiegel nicht beobachten. Ich hatte das Senkblei mit
dem Thermometer, das ich auf den Alpenseen Salzburgs und auf dem Meere der
Antillen gebraucht, nicht bei mir. Aus Saussures Versuchen geht hervor,
da zu beiden Seiten der Alpen Seen, die in einer Meereshhe von 190--274
Toisen liegen, im Hochsommer in 900 bis 600, zuweilen sogar schon in 150
Fu Tiefe bestndig eine Temperatur von 4,3 bis 6 zeigen; aber diese
Versuche sind noch niemals auf Seen in der heien Zone wiederholt worden.
In der Schweiz sind die Schichten kalten Wassers ungeheuer mchtig. Im
Genfer- und im Bielersee fand man sie so nahe an der Oberflche, da die
Temperatur des Wassers je mit 10--15 Fu Tiefe um einen Grad abnahm, also
achtmal schneller als im Meer und acht und vierzigmal schneller als in der
Luft. In der gemigten Zone, wo die Lufttemperatur auf den Gefrierpunkt
und weit drunter sinkt, mu der Boden eines Sees, wre er auch nicht von
Gletschern und mit ewigem Schnee bedeckten Bergen umgeben, Wassertheilchen
enthalten, die im Winter an der Oberflche das Maximum ihrer Dichtigkeit
(zwischen 3,4 und 4,4) erlangt haben und also am tiefsten niedergesunken
sind. Andere Theilchen mit der Temperatur von +0,5 sinken aber keineswegs
unter die Schicht mit 4 Temperatur, sondern finden das hydrostatische
Gleichgewicht nur ber derselben. Sie gehen nur dann weiter hinab, wenn
sich ihre Temperatur durch die Berhrung mit weniger kalten Schichten um
3--4 Grad erhht hat. Wenn das Wasser beim Erkalten in derselben
Proportion bis zum Nullpunkt immer dichter wurde, so fnde man in sehr
tiefen Seen und in Wasserbecken, die nicht miteinander zusammenhngen,
*welches auch die Breite des Orts seyn mag*, eine Wasserschicht, deren
Temperatur dem Maximum der Erkaltung ber dem Frierpunkt, der jhrlich die
umgebenden niedern Luftregionen ausgesetzt sind, beinahe gleich kme. Nach
dieser Betrachtung erscheint es wahrscheinlich, da auf den Ebenen der
heien Zone und in nicht hochgelegenen Thlern, deren mittlere Wrme 25,5
bis 27 betrgt, der Boden der Seen nie weniger als 21--22 Temperatur
haben kann. Wenn in derselben Zone das Meer in der Tiefe von 7--800 Faden
Wasser hat mit einer Temperatur von nur 7, das also um 12--13 klter ist
als das Minimum der Luftwrme ber dem Meer, so ist diese Erscheinung,
nach meiner Ansicht, ein direkter Beweis dafr, da eine Meeresstrmung in
der Tiefe die Gewsser von den Polen zum Aequator fhrt. Wir lassen hier
das schwierige Problem unerrtert, wie unter den Tropen und in der
gemigten Zone, z. B. im Meer der Antillen und in den Schweizer Seen,
diese tiefen, bis auf 4 oder 7 Grad abgekhlten Wasserschichten auf die
Temperatur der von ihnen bedeckten Gesteinschichten einwirken, und wie
diese Schichten, deren ursprngliche Temperatur unter den Tropen 27, am
Genfer See 10 betrgt, auf das dem Frierpunkt nahe Wasser auf dem Boden
der Seen und des tropischen Oceans zurckwirken? Diese Fragen sind von der
hchsten Wichtigkeit sowohl fr die Lebensprocesse der Thiere, die
gewhnlich auf dem Boden des sen und des Salzwassers leben, als fr die
Theorie von der Vertheilung der Wrme in Lndern, die von groen, tiefen
Meeren umgeben sind.

Der See von Valencia ist sehr reich an Inseln, welche durch die malerische
Form der Felsen und den Pflanzenwuchs, der sie bedeckt, den Reiz der
Landschaft erhhen. Diesen Vorzug hat dieser tropische See vor den
Alpenseen voraus. Es sind wenigstens fnfzehn Inseln, die in drei Gruppen
zerfallen. Sie sind zum Theil angebaut und in Folge der Wasserdnste, die
aus dem See aufsteigen, sehr fruchtbar. Die grte, 2000 Toisen lange, der
Burro, ist sogar von ein paar Mestizenfamilien bewohnt, die Ziegen halten.
Diese einfachen Menschen kommen selten an das Ufer bei Mocundo; der See
dnkt ihnen unermelich gro, sie haben Bananen, Manioc, Milch und etwas
Fische. Eine Rohrhtte, ein paar Hngematten aus Baumwolle, die nebenan
wchst, ein groer Stein, um Feuer darauf zu machen, die holzigte Frucht
des Tutuma zum Wasserschpfen, das ist ihr ganzer Hausrath. Der alte
Mestize, der uns Ziegenmilch anbot, hatte eine sehr hbsche Tochter. Unser
Fhrer erzhlte uns, das einsame Leben habe den Mann so argwhnisch
gemacht, als er vielleicht im Verkehr mit Menschen geworden wre. Tags
zuvor waren Jger auf der Insel gewesen; die Nacht berraschte sie und sie
wollten lieber unter freiem Himmel schlafen, als nach Mocundo
zurckfahren. Darber entstand groe Unruhe auf der Insel. Der Vater zwang
die Tochter auf eine sehr hohe Achazie zu steigen, die auf dem ebenen
Boden nicht weit von der Htte steht. Er selbst legte sich unter den Baum
und lie die Tochter nicht eher herunter, als bis die Jger abgezogen
waren. Nicht bei allen Inselbewohnern findet der Reisende solch
argwhnische Vorsicht, solch gewaltige Sittenstrenge.

Die See ist meist sehr fischreich; es kommen aber nur drei Arten mit
weichlichem, nicht sehr schmackhaftem Fleisch darin vor, die Guavina, der
Vagre und die Sardina. Die beiden letzteren kommen aus den Bchen in den
See. Die Guavina, die ich an Ort und Stelle gezeichnet habe, ist 20 Zoll
lang, 3 Zoll breit. Es ist vielleicht eine neue Art der Gattung Erythrina
des Gronovius. Sie hat groe, silberglnzende, grn gernderte Schuppen;
sie ist sehr gefrig und lt andere Arten nicht aufkommen. Die Fischer
versicherten uns, ein kleines Crokodil, der *Bava*, der uns beim Baden oft
nahe kam, helfe auch die Fische ausrotten. Wir konnten dieses Reptils nie
habhaft werden, um es nher zu untersuchen. Es wird meist nur 3--4 Fu
lang und gilt fr unschdlich, aber in der Lebensweise wie in der Gestalt
kommt es dem Kaiman oder _Crocodilus acutus_ nahe. Beim Schwimmen sieht
man von ihm nur die Spitze der Schnauze und das Schwanzende. Bei Tage
liegt es auf kahlen Uferstellen. Es ist sicher weder ein Monitor (die
eigentlichen Monitors gehren nur der alten Welt an), noch Sebas
*Sauvegarde* (_Lacerta Teguixin_), die nur taucht und nicht schwimmt.
Reisende mgen nach uns darber entscheiden, ich bemerke nur noch, als
ziemlich auffallend, da es im See von Valencia und im ganzen kleinen
Flugebiet desselben keine groen Kaimans gibt, whrend dieses gefhrliche
Thier wenige Meilen davon in den Gewssern, die in den Apure und Orinoco,
oder zwischen Porto Cabello und Guayra unmittelbar in das antillische Meer
laufen, sehr hufig ist.

Die Insel Chamberg ist durch ihre Hhe ausgezeichnet. Es ist ein 200 Fu
hoher Gneifels mit zwei sattelfrmig verbundenen Gipfeln. Der Abhang des
Felsen ist kahl: kaum da ein paar Clusiastmme mit groen weien Blthen
darauf wachsen, aber die Aussicht ber den See und die ppigen Fluren der
anstoenden Thler ist herrlich, zumal wenn nach Sonnenuntergang Tausende
von Wasservgeln, Reiher, Flamingos und Wildenten ber den See ziehen, um
auf den Inseln zu schlafen, und der weite Gebirgsgrtel am Horizont in
Feuer steht. Wie schon erwhnt, brennt das Landvolk die Weiden ab, um ein
frischeres, feineres Gras als Nachwuchs zu bekommen. Besonders auf den
Gipfeln der Bergkette wchst viel Gras, und diese gewaltigen Feuer, die
fters ber tausend Toisen lange Strecken laufen, nehmen sich aus, wie
wenn Lavastrme aus dem Bergkamm qullen; Wenn man so an einem herrlichen
tropischen Abend am Seeufer ausruht und der angenehmen Khle geniet,
betrachtet man mit Lust in den Wellen, die an das Gestade schlagen, das
Bild der rothen Feuer rings am Horizont.

Unter den Pflanzen, die auf den Felseninseln im See von Valencia wachsen,
kommen, wie man glaubt, mehrere nur hier vor; wenigstens hat man sie sonst
nirgends gefunden. Hieher gehren die See-Melonenbume (_Papaya de la
laguna_) und die Liebespfel der Insel Cura. Letztere sind von unserem
_Solanum Lycopersicum_ verschieden; ihre Frucht ist rund, klein, aber sehr
schmackhaft; man baut sie jetzt in Victoria, Nueva Valencia, berall in
den Thlern von Aragua. Auch die _Papaya de la laguna_ ist auf der Insel
Cura und auf Cabo Blanco sehr hufig. Ihr Stamm ist schlanker als beim
gemeinen Melonenbaum (_Carica Papaya_), aber die Frucht ist um die Hlfte
kleiner und vllig kugelrund, ohne vorspringende Rippen, und hat 4--5 Zoll
im Durchmesser. Beim Zerschneiden zeigt sie sich voll Samen, ohne die
leeren Zwischenrume, die sich beim gemeinen Melonenbaum immer finden. Die
Frucht, die ich oft gegessen, schmeckt ungemein s; ich wei nicht, ob es
eine Spielart der _Carica Microcarpa_ ist, die Jacquin beschrieben hat.

Die Umgegend des Sees ist nur in der trockenen Jahreszeit ungesund, wenn
bei fallendem Wasser der schlammigte Boden der Sonnenhitze ausgesetzt ist.
Das von Gebschen der _Coccoloba barbadensis_ beschattete, mit herrlichen
Liliengewchsen geschmckte Gestade erinnert durch den Typus der
Wasserpflanzen an die sumpfigen Ufer unserer europischen Seen. Man findet
hier Laichkraut (_Potamogeton_), Chara und drei Fu hohe Teichkolben, die
man von der _Typha __ angustifolia_ unserer Smpfe kaum unterscheiden
kann. Erst bei genauer Untersuchung erkennt man in allen diesen Gewchsen
der neuen Welt eigenthmliche Arten. Wie viele Pflanzen von der
Magellanschen Meerenge, aus Chili und den Cordilleren von Quito sind
frher wegen der groen Uebereinstimmung in Bildung und Aussehen mit
Gewchsen der nrdlichen gemigten Zone zusammengeworfen worden!

Die Bewohner der Thler von Aragua fragen hufig, warum das sdliche Ufer
des Sees, besonders aber der sdwestliche Strich desselben gegen las
Aguacates, im Ganzen strker bewachsen ist und ein frischeres Grn hat als
das nrdliche. Im Februar sahen wir viele entbltterte Bume bei der
Hacienda de Cura, bei Mocundo und Guacara, whrend sdstlich von Valencia
Alles bereits darauf deutete, da die Regenzeit bevorstand. Nach meiner
Ansicht werden im ersten Abschnitt des Jahrs, wo die Sonne gegen Sden
abweicht, die Hgel um Valencia, Guacara und Cura von der Sonnenhitze
ausgebrannt, whrend dem sdlichen Ufer durch den Seewind, sobald er durch
die *Abra de Porto Cabello* in das Thal kommt, eine Luft zugefhrt wird,
die sich ber dem See mit Wasserdunst beladen hat. Auf diesem sdlichen
Ufer, bei Guaruto, liegen auch die schnsten Tabaksfelder in der ganzen
Provinz. Man unterscheidet welche der _primera_, _segunda_ und _tercera
fundacion_. Nach dem drckenden Monopol der Tabakspacht, deren wir bei der
Beschreibung der Stadt Cumanacoa gedacht haben,(55) darf man in der
Provinz Caracas nur in den Thlern von Aragua (bei Guaruto und Tapatapa)
und in den Llanos von Uritucu Tabak bauen. Der Ertrag beluft sich auf
5--600,000 Piaster; aber die Regie ist so kostspielig, da sie gegen
230,000 Piaster im Jahr verschlingt. Die _Capitania general_ von Caracas
knnte vermge ihrer Gre und ihres vortrefflichen Bodens, so gut wie
Cuba, smmtliche europischen Mrkte, versorgen; aber unter den
gegenwrtigen Verhltnissen erhlt sie im Gegentheil durch den
Schleichhandel Tabak aus Brasilien auf dem Rio Negro, Cassiquiare und
Orinoco, und aus der Provinz Pore auf dem Casanare, dem Ariporo und dem
Rio Meta. Das sind die traurigen Folgen eines Prohibitivsystems, das den
Fortschritt des Landbaus lhmt, den natrlichen Reichthum des Landes
schmlert und sich vergeblich abmht, Lnder abzusperren, durch welche
dieselben Flsse laufen und deren Grenzen in unbewohnten Landstrichen sich
verwischen.

Unter den Zuflssen des Sees von Valencia entspringen einige aus heien
Quellen, und diese verdienen besondere Aufmerksamkeit. Diese Quellen
kommen an drei Punkten der aus Granit bestehenden Kstencordillere zu Tag,
bei Onoto, zwischen Turmero und Maracay, bei Mariara, nordstlich von der
Hacienda de Cura, und bei las Trincheras, auf dem Wege von Nueva Valencia
nach Porto Cabello. Nur die heien Wasser von Mariara und las Trincheras
konnte ich in physikalischer und geologischer Beziehung genau untersuchen.
Geht man am Bache Cura hinauf, seiner Quelle zu, so sieht man die Berge
von Mariara in die Ebene vortreten in Gestalt eines weiten Amphitheaters,
das aus senkrecht abfallenden Felswnden besteht, ber denen sich
Bergkegel mit gezackten Gipfeln erheben. Der Mittelpunkt des Amphitheaters
fhrt den seltsamen Namen *Teufelsmauer* (_Rincon del Diablo_). Von den
beiden Flgeln derselben heit der stliche *el Chaparro*, der westliche
*las Viruelas*. Diese verwitterten Felsen beherrschen die Ebene; sie
bestehen aus einem sehr grobkrnigen, fast porphyrartigen Granit, in dem
die gelblich-weien Feldspathkrystalle ber anderthalb Zoll lang sind; der
Glimmer ist ziemlich selten darin und von schnem Silberglanz. Nichts
malerischer und groartiger als der Anblick dieses halb grngewachsenens
Gebirgsstocks. Den Gipfel der *Calavera*, welche die Teufelsmauer mit dem
Chaparro verbindet, sieht man sehr weit. Der Granit ist dort durch
senkrechte Spalten in prismatische Massen getheilt, und es sieht aus, als
stnden Basaltsulen auf dem Urgebirge. In der Regenzeit strzt eine
bedeutende Wassermasse ber diese steilen Abhnge herunter. Die Berge, die
sich stlich an die Teufelsmauer anschlieen, sind lange nicht so hoch und
bestehen, wie das Vorgebirg Cabrera, aus Gnei und granithaltigem
Glimmerschiefer.

In diesen niedrigeren Bergen, zwei bis drei Seemeilen nordstlich von
Mariara, liegt die Schlucht der heien Wasser, _Quebrada de aguas
calientes_. Sie streicht nach Nord 75 West und enthlt mehrere kleine
Tmpel, von denen die zwei obern, die nicht zusammenhngen, nur 8 Zoll,
die drei untern 2--3 Fu Durchmesser haben; ihre Tiefe betrgt zwischen 3
und 15 Zoll. Die Temperatur dieser verschiedenen Trichter (_pozos_) ist
56--59 Grad, und, was ziemlich auffallend ist, die untern Trichter sind
heier als die obern, obgleich der Unterschied in der Bodenhhe nicht mehr
als 7--8 Zoll betrgt. Die heien Wasser laufen zu einem kleinen Bache
zusammen (_Rio de aquas calientes_), der dreiig Fu weiter unten nur 48
Temperatur zeigt. Whrend der grten Trockenheit (in dieser Zeit
besuchten wir die Schlucht) hat die ganze Masse des heien Wassers nur ein
Profil von 26 Quadratzoll; in der Regenzeit aber wird dasselbe bedeutend
grer. Der Bach wird dann zum Bergstrom und seine Wrme nimmt ab, denn
die Temperatur der heien Quellen selbst scheint nur unmerklich auf und ab
zu schwanken. Alle diese Quellen enthalten Schwefelwasserstoffgas in
geringer Menge. Der diesem Gas eigene Geruch nach faulen Eiern lt sich
nur ganz nahe bei den Quellen spren. Nur in einem der Tmpel, in dem mit
56,2 Grad Temperatur, sieht man Luftblasen sich entwickeln, und zwar in
ziemlich regelmigen Pausen von 2--3 Minuten. Ich bemerkte, da die
Blasen immer von denselben Stellen ausgingen, vier an der Zahl, und da
man den Ort, von dem das Schwefelwasserstoffgas aufsteigt, durch Umrhren
des Bodens mit einem Stock nicht merklich verndern kann. Diese Stellen
entsprechen ohne Zweifel eben so vielen Lchern oder Spalten im Gnei;
auch sieht man, wenn ber einem Loch Blasen erscheinen, das Gas sogleich
auch ber den drei andern sich entwickeln. Es gelang mir nicht, das Gas
anzuznden, weder die kleinen Mengen in den an der Flche des heien
Wassers platzenden Blasen, noch dasjenige, das ich in einer Flasche ber
den Quellen gesammelt, wobei mir bel wurde, nicht sowohl vom Geruch des
Gases als von der bermigen Hitze in der Schlucht. Ist das
Schwefelwasserstoffgas mit vieler Kohlensure oder mit atmosphrischer
Lust gemengt? Ersteres ist mir nicht wahrscheinlich, so hufig es auch bei
heien Quellen vorkommt (Aachen, Enghien, Barge). Das in der Rhre eines
Fontanaschen Eudiometers aufgefangene Gas war lange mit Wasser geschttelt
worden. Auf den kleinen Tmpeln schwimmt ein feines Schwefelhutchen, das
sich durch die langsame Verbrennung des Schwefelwasserstoffs im Sauerstoff
der Luft niederschlgt. Hie und da ist eine Pflanze an den Quellen mit
Schwefel incrustirt. Dieser Niederschlag wird kaum bemerklich, wenn man
das Wasser von Mariara in einem offenen Gef erkalten lt, ohne Zweifel
weil die Quantitt des entwickelten Gases sehr klein ist und es sich nicht
erneuert. Das erkaltete Wasser macht in der Auflsung von salpetersaurem
Kupfer keinen Niederschlag; es ist geschmacklos und ganz trinkbar. Wenn es
je einige Salze enthlt, etwa schwefelsaures Natron oder schwefelsaure
Bittererde, so knnen sie nur in sehr geringer Quantitt darin seyn. Da
wir fast gar keine Reagentien bei uns hatten, so fllten wir nur zwei
Flaschen an der Quelle selbst und schickten sie mit der nahrhaften Milch
des sogenannten Kuhbaums (_Vaca_), ber Porto Cabello und Havana, an
Furcroy und Vauquelin nach Paris. Da Wasser, die unmittelbar aus dem
Granitgebirge kommen, so rein sind, ist eine der merkwrdigsten
Erscheinungen auf beiden Continenten.(56) Wo soll man aber das
Schwefelwasserstoffgas herleiten? Von der Zersetzung von Schwefeleisen
oder Schwefelkiesschichten kann es nicht kommen. Rhrt es von
Schwefelcalcium, Schwefelmagnesium oder andern erdigten Halbmetallen her,
die das Innere unseres Planeten unter der oxydirten Steinkruste enthlt?

In der Schlucht der heien Wasser von Mariara, in den kleinen Trichtern
mit einer Temperatur von 56--59 Grad, kommen zwei Wasserpflanzen vor, eine
hutige, die Luftblasen enthlt, und eine mit parallelen Fasern
[_Conferva_?]. Erstere hat groe Aehnlichkeit mit der _Ulva
labyrinthiformis_ Vandellis, die in den europischen warmen Quellen
vorkommt. Auf der Insel Amsterdam sah BARROW [_Reise nach Cochinchina_]
Bsche von Lycopodium und Marchantia an Stellen, wo die Temperatur des
Bodens noch weit hher war. So wirkt ein *gewohnter Reiz* auf die Organe
der Gewchse. Wasserinsekten kommen im Wasser von Mariara nicht vor. Man
findet Frsche darin, die, von Schlangen verfolgt, hineingesprungen sind
und den Tod gefunden haben.

Sdlich von der Schlucht, in der Ebene, die sich zum Seeufer erstreckt,
kommt eine andere schwefelwasserstoffhaltige, nicht so warme und weniger
Gas enthaltende Quelle zu Tag. Die Spalte, aus der das Wasser luft, liegt
sechs Toisen hher als die eben beschriebenen Trichter. Der Thermometer
stieg in der Spalte nur auf 42. Das Wasser sammelt sich in einem mit
groen Bumen umgebenen, fast kreisrunden, 15 bis 18 Fu weiten und 3 Fu
tiefen Becken. In dieses Bad werfen sich die unglcklichen Sklaven, wenn
sie gegen Sonnenuntergang, mit Staub bedeckt, ihr Tagewerk auf den
benachbarten Indigo- und Zuckerfeldern vollbracht haben. Obgleich das
Wasser des *Bao* gewhnlich 10--14 Grad wrmer ist als die Luft, nennen
es die Schwarzen doch erfrischend, weil in der heien Zone Alles so heit,
was die Krfte herstellt, die Nervenaufregung beschwichtigt oder berhaupt
ein Gefhl von Wohlbehagen gibt. Wir selbst erprobten die heilsame Wirkung
dieses Bades. Wir lieen unsere Hngematten an die Bume, die das
Wasserbecken beschatten, binden und verweilten einen ganzen Tag an diesem
herrlichen Platz, wo es sehr viele Pflanzen gibt. In der Nhe des Bao de
Mariara fanden wir den *Volador* oder Gyrocarpus. Die Flgelfrchte dieses
groen Baumes fliegen wie Federblle, wenn sie sich vom Fruchtstiele
trennen. Wenn wir die Aeste des Volador schttelten, wimmelte es in der
Luft von diesen Frchten und ihr gleichzeitiges Niederfallen gewhrte den
merkwrdigsten Anblick. Die zwei hutigen gestreiften Flgel sind so
gebogen, da die Luft beim Niederfallen unter einem Winkel von 45 Grad
gegen sie drckt. Glcklicherweise waren die Frchte, die wir auflasen,
reif. Wir schickten welche nach Europa und sie keimten in den Grten zu
Berlin, Paris und Malmaison. Die vielen Voladorpflanzen, die man jetzt in
den Gewchshusern sieht, kommen alle von dem einzigen Baum der Art, der
bei Mariara steht. Die geographische Vertheilung der verschiedenen Arten
von Gyrocarpus, den Brown zu den Laurineen rechnet, ist eine sehr
auffallende. Jacquin sah eine Art bei Carthagena das Indias; eine andere
Art, die auf den Bergen an der Kste von Coromandel wchst, hat Roxburgh
beschrieben; eine dritte und vierte kommen in der sdlichen Halbkugel auf
den Ksten von Neuholland vor.

Whrend wir nach dem Bade uns, nach Landessitte, halb in ein Tuch
gewickelt, von der Sonne trocknen lieen, trat ein kleiner Mulatte zu uns.
Nachdem er uns freundlich gegrt, hielt er uns eine lange Rede ber die
Kraft der Wasser von Mariara, ber die vielen Kranken, die sie seit
einigen Jahren besuchten, ber die gnstige Lage der Quellen zwischen zwei
Stdten, Valencia und Caracas, wo das Sittenverderbni mit jedem Tage
rger werde. Er zeigte uns sein Haus, eine kleine offene Htte aus
Palmblttern, in einer Einzunung, ganz nahe bei, an einem Bach, der in
das Bad luft. Er versicherte uns, wir finden daselbst alle mglichen
Bequemlichkeiten, Ngel, unsere Hngematten zu befestigen, Ochsenhute, um
auf Rohrbnken zu schlafen, irdene mit immer frischem Wasser, und was uns
nach dem Bad am besten bekommen werde, *Iguanas*, groe Eidechsen, deren
Fleisch fr eine erfrischende Speise gilt. Wir ersahen aus diesem Vortrag,
da der arme Mann uns fr Kranke hielt, die sich an der Quelle einrichten
wollten. Er nannte sich Wasserinspektor und *Pulpero*(57) des Platzes.
Auch hatte seine Zuvorkommenheit gegen uns ein Ende, als er erfuhr, da
wir blo aus Neugierde da waren, oder, wie man in den Colonien, dem wahren
Schlaraffenlande, sagt, _para ver, no mas_ (um zu sehen, weiter nichts).

Man gebraucht das Wasser von Mariara mit Erfolg gegen rheumatische
Geschwlste, alte Geschwre und gegen die schreckliche Hautkrankheit,
Bubas genannt, die nicht immer syphilitischen Ursprungs ist. Da die
Quellen nur sehr wenig Schwefelwasserstoff enthalten, mu man da baden, wo
sie zu Tage kommen. Weiterhin berrieselt man mit dem Wasser die
Indigofelder. Der reiche Besitzer von Mariara, Don Domingo Tovar, ging
damit um, ein Badehaus zu bauen und eine Anstalt einzurichten, wo
Wohlhabende etwas mehr fanden als Eidechsenfleisch zum Essen und Hute auf
Bnken zum Ruhen.

Am 21. Februar Abends brachen wir von der schnen Hacienda de Cura nach
Guacara und Nueva Valencia auf. Wegen der schrecklichen Hitze bei Tage
reisten wir lieber bei Nacht. Wir kamen durch den Weiler Punta Zamuro am
Fu der hohen Berge las Viruelas. Am Wege stehen groe Zamangs oder
Mimosen, deren Stamm 60 Fu hoch wird. Die fast wagerechten Aeste
derselben stoen auf mehr als 150 Fu Entfernung zusammen. Nirgends habe
ich ein schneres, dichteres Laubdach gesehen. Die Nacht war dunkel; die
Teufelsmauer und ihre gezackten Felsen tauchten zuweilen in der Ferne auf,
beleuchtet vom Schein der brennenden Savanen oder in rthliche Rauchwolken
gehllt. Wo das Gebsch am dichtesten war, scheuten unsere Pferde ob dem
Geschrei eines Thiers, das hinter uns her zu kommen schien. Es war ein
groer Tiger, der sich seit drei Jahren in diesen Bergen umtrieb und den
Nachstellungen der khnsten Jger entgangen war. Er schleppte Pferde und
Maulthiere sogar aus Einzunungen fort; da es ihm aber nicht an Nahrung
fehlte, hatte er noch nie Menschen angefallen. Der Neger, der uns fhrte,
erhob ein wildes Geschrei, um den Tiger zu verscheuchen, was natrlich
nicht gelang. Der Jaguar streicht, wie der europische Wolf, den Reisenden
nach, auch wenn er sie nicht anfallen will; der Wolf thut die auf freiem
Feld, auf offenen Landstrecken, der Jaguar schleicht am Wege hin und zeigt
sich nur von Zeit zu Zeit im Gebsch.

Den dreiundzwanzigsten brachten wir im Hause des Marques del Toro im Dorfe
Guacara, einer sehr starken indianischen Gemeinde, zu. Die Eingeborenen,
deren Corregidor, Don Pedro Pealver, ein sehr gebildeter Mann war, sind
ziemlich wohlhabend. Sie hatten eben bei der Audiencia einen Proce
gewonnen, der ihnen die Lndereien wieder zusprach, welche die Weien
ihnen streitig gemacht. Eine Allee von Carolinenbumen fhrt von Guacara
nach Mocundo. Ich sah hier zum erstenmal dieses prachtvolle Gewchs, das
eine der vornehmsten Zierden der Gewchshuser in Schnbrunn ist.(58)
Mocundo ist eine reiche Zuckerpflanzung der Familie Toto. Man findet hier
sogar, was in diesem Lande so selten ist, den Luxus des Ackerbaus, einen
Garten, knstliche Gehlze und am Wasser auf einem Gneifels ein Lusthaus
mit einem *Mirador* oder Belvedere. Man hat da eine herrliche Aussicht auf
das westliche Stck des Sees, auf die Gebirge ringsum und auf einen
Palmenwald zwischen Guacara und Nueva Valencia. Die Zuckerfelder mit dem
lichten Grn des jungen Rohrs erscheinen wie ein weiter Wiesgrund. Alles
trgt den Stempel des Ueberflusses, aber die das Land bauen, mssen ihre
Freiheit daran setzen. In Mocundo baut man mit 230 Negern 77 Tablones oder
*Stcke* Zuckerrohr, deren jedes 10,000 Quadrat-Varas(59) mit und
jhrlich einen Reinertrag von 200--240 Piastern gibt. Man setzt die
Stecklinge des creolischen und des otaheitischen Zuckerrohrs im April, bei
ersterem je 4, bei letzterem 5 Schuh von einander. Das Rohr braucht 14
Monate zur Reife. Es blht im Oktober, wenn der Setzling krftig ist, man
kappt aber die Spitze, ehe die Rispe sich entwickelt. Bei allen
Monocotyledonen (beim Maguey, der in Mexico wegen des *Pulque* gebaut
wird, bei der Weinpalme und dem Zuckerrohr) erhalten die Sfte durch die
Blthe eine andere Mischung. Die Zuckerfabrikation ist in Terra Firma sehr
mangelhaft, weil man nur fr den Verbrauch im Lande fabricirt und man fr
den Absatz im Groen sich lieber an den sogenannten *Papelon* als an
raffinirten und Rohzucker hlt. Dieser Papelon ist ein unreiner,
braungelber Zucker in ganz kleinen Hten. Er ist mit Melasse und
schleimigten Stoffen verunreinigt. Der rmste Mann it Papelon, wie man in
Europa Kse it; man hlt ihn allgemein fr nahrhaft. Mit Wasser gegohren
gibt er den *Guarapo*, das Lieblingsgetrnk des Volks. Zum Auslaugen des
Rohrsafts bedient man sich, statt des Kalks, des unterkohlensauren Kalis.
Man nimmt dazu vorzugsweise die Asche des *Bucare*, der _Erythrina
corallodendron_.

Das Zuckerrohr ist sehr spt, wahrscheinlich erst zu Ende des sechzehnten
Jahrhunderts, von den Antillen in die Thler von Aragua gekommen. Man
kannte es seit den ltesten Zeiten in Indien, in China und auf allen
Inseln des stillen Meeres; in Chorasan und in Persien wurde es schon im
fnften Jahrhundert unserer Zeitrechnung zur Gewinnung festen Zuckers
gebaut. Die Araber brachten das Rohr, das fr die Bewohner heier und
gemigter Lnder von so groem Werthe ist, an die Ksten des Mittelmeers.
Im Jahr 1306 wurde es auf Sicilien noch nicht gebaut, aber auf Cypern,
Rhodus und in Morea war es bereits verbreitet; hundert Jahre darauf war es
ein werthvoller Besitz Calabriens, Siciliens und der spanischen Ksten.
Von Sicilien verpflanzte der Infant Henriquez das Zuckerrohr nach Madera,
von Madera kam es auf die Canarien, wo es ganz unbekannt war; denn die
_Ferulae_ von denen Juba spricht (_quae expressae liquorem fundunt potui
jucundum_) sind Euphorbien, _Tabayba dulce_, und kein Zuckerrohr, wie man
neuerdings behauptet hat. Nicht lange, so waren zehn Zuckermhlen
(_ingenios de azucar_ auf der groen Canaria, auf Palma und auf Teneriffa
zwischen Adexe, Icod und Garachico. Man brauchte Neger zum Bau, und ihre
Nachkommen leben noch in den Hhlen von Tiraxana auf der groen Canaria.
Seit das Zuckerrohr auf die Antillen verpflanzt worden ist, und seit die
neue Welt den glckseligen Inseln den Mais geschenkt, hat der Anbau dieser
Grasart auf Teneriffa und der groen Canaria den Zuckerbau verdrngt.
Jetzt wird dieser nur noch auf Palma bei Argual und Taxacorte getrieben
und liefert kaum 1000 Centner Zucker im Jahr. Das canarische Rohr, das
Aiguilon nach St. Domingo brachte, wurde dort seit 1517 oder den sechs,
sieben folgenden Jahren unter der Herrschaft der Hieronymiter-Mnche
gebaut. Von Anfang an wurden Neger dazu verwendet, und schon 1519 stellte
man, gerade wie heutzutage, der Regierung vor, die Antillen wren
verloren und mten wste liegen bleiben, wenn man nicht alle Jahre
Sklaven von der Kste von Guinea herberbrchte.

Seit einigen Jahren haben sich der Anbau und die Fabrikation des Zuckers
in Terra Firma bedeutend verbessert, und da auf Jamaica das Raffiniren
gesetzlich verboten ist, so glaubt man auf die Aussicht von raffinirtem
Zucker in die englischen Colonien auf dem Wege des Schleichhandels rechnen
zu knnen. Aber der Verbrauch in den Provinzen von Venezuela an Papelon
und an Rohzucker zu Chocolate und Zuckerbckerei (_dulces_) ist so gro,
da die Ausfuhr bis jetzt gar nicht in Betracht kam. Die schnsten
Zuckerpflanzungen sind in den Thlern von Aragua und des Tuy, bei Pao de
Zarete, zwischen Victoria und San Sebastiano, bei Guatire, Guarenas und
Caurimare. Wie das Zuckerrohr zuerst von den Canarien in die neue Welt
kam, so stehen noch jetzt meist Canarier oder *Islengos* den groen
Pflanzungen vor und geben beim Anbau und beim Raffiniren die Anleitung.
Dieser innige Verkehr mit den canarischen Inseln und ihren Bewohnern hat
auch zur Einfhrung der Kameele in die Provinzen von Venezuela Anla
gegeben. Der Marques del Toro lie ihrer drei von Lancerota kommen. Die
Transportkosten waren sehr bedeutend, weil die Thiere auf den Kauffahrern
sehr viel Raum einnehmen und sie sehr viel ses Wasser bedrfen, da die
lange Ueberfahrt sie stark angreift. Ein Kameel, fr das man nur dreiig
Piaster bezahlt, hatte nach der Ankunft auf der Kste von Caracas acht-
bis neunhundert Piaster gekostet. Wir sahen diese Thiere in Mocundo; von
vieren waren schon drei in Amerika geworfen. Zwei waren vom Bi des Coral,
einer giftigen Schlange, die am See sehr hufig ist, zu Grunde gegangen.
Man braucht bis jetzt diese Kameele nur, um das Zuckerrohr in die Mhlen
zu schaffen. Die mnnlichen Thiere, die strker sind als die weiblichen,
tragen 40--50 Arrobas. Ein reicher Gutsbesitzer in der Provinz-Barinas
wollte, aufgemuntert durch den Vorgang des Marques del Toro, 15,000
Piaster aufwenden und auf einmal 14 bis 15 Kameele von den canarischen
Inseln kommen lassen. Solche Unternehmungen sind um so lobenswerther, da
man diese Lastthiere zum Waarentransport durch die glhend heien Ebenen
am Casanare, Apure und bei Calabozo bentzen will, die in der trockenen
Jahreszeit den afrikanischen Wsten gleichen. Ich habe anderwrts
bemerkt,(60) wie sehr zu wnschen wre, da die Eroberer schon zu Anfang
des sechzehnten Jahrhunderts, wie Rindvieh, Pferde und Maulthiere, so auch
Kameele nach Amerika verpflanzt htten. Ueberall wo in unbewohnten Lndern
sehr groe Strecken zurckzulegen sind, wo sich keine Kanle anlegen
lassen, weil sie zu viele Schleuen erforderten (wie auf der Landenge von
Panama, auf der Hochebene von Mexico, in den Wsten zwischen dem
Knigreich Quito und Peru, und zwischen Peru und Chili), wren Kameele fr
den Handelsverkehr im Innern von der hchsten Bedeutung. Man mu sich um
so mehr wundern, da die Regierung nicht gleich nach der Eroberung die
Einfhrung des Thiers aufgemuntert hat, da noch lange nach der
Unterwerfung von Grenada das Kameel, das Lieblingsthier der Mauren, im
sdlichen Spanien sehr hufig war. Ein Biscayer, Juan de Reinaga, hatte
auf seine Kosten einige Kameele nach Peru gebracht. Pater Acosta sah sie
gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts am Fue der Anden; da sie aber
schlecht gepflegt wurden, pflanzten sie sich sprlich fort und starben
bald aus. In diesen Zeiten der Unterdrckung und des Elends, die man als
die Zeiten des spanischen Ruhmes schildert, vermietheten die Encomenderos
den Reisenden Indianer wie Lastthiere. Man trieb sie zu Hunderten
zusammen, um Waaren ber die Cordilleren zu schleppen, oder um die Heere
auf ihren Eroberungs- und Raubzgen zu begleiten. Die Eingeborenen
unterzogen sich diesem Dienst um so geduldiger, da sie, beim fast vlligen
Mangel an Hausthieren, schon seit langer Zeit von ihren eigenen
Huptlingen, wenn auch nicht so unmenschlich, dazu angehalten worden
waren. Die von Juan de Reinaga versuchte Einfhrung der Kameele brachte
die Encomenderos, die nicht gesetzlich, aber faktisch die Grundherrn der
indianischen Drfer waren, gewaltig in Aufruhr. Es ist nicht zu
verwundern, da der Hof den Beschwerden dieser Herrn Gehr gab; aber durch
diese Maaregel ging Amerika eines Mittels verlustig, das mehr als irgend
etwas den Verkehr im Innern und den Waarenaustausch erleichtern konnte.
Jetzt, da seit Carls III. Regierung die Indianer unter einem milderen
Regimente stehen, und alle Zweige des einheimischen Gewerbfleies sich
freier entwickeln knnen, sollte die Einfhrung der Kameele im Groen, und
von der Regierung selbst versucht werden. Wrden einige hundert dieser
ntzlichen Thiere auf dem ungeheuren Areal von Amerika in heien,
trockenen Gegenden angesiedelt, so wrde sich der gnstige Einflu auf den
allgemeinen Wohlstand schon in wenigen Jahren merkbar machen. Provinzen,
die durch Steppen getrennt sind, wren von Stunde an einander nher
gerckt; manche Waaren aus dem Innern wrden an den Ksten wohlfeiler, und
durch die Vermehrung der Kameele, zumal der *Hedjines*, der *Schiffe der
Wste*, kme ein ganz anderes Leben in den Gewerbflei und den Handel der
neuen Welt.

Am zweiundzwanzigsten Abends brachen wir von Mocundo auf und gingenber
los Guayos nach Nueva Valencia. Man kommt durch einen kleinen Palmenwald,
dessen Bume nach dem Habitus und der Bildung der fcherfrmigen Bltter
dem _Chamaerops humilis_ an der Kste der Berberei gleichen. Der Stamm
wird indessen 24, zuweilen sogar 30 Fu hoch. Es ist wahrscheinlich eine
neue Art der Gattung _Corypha_; die Palme heit im Lande _Palma de
Sombrero_ weil man aus den Blattstielen Hte, hnlich unsern Strohhten
flicht. Das Palmengehlz, wo die drren Bltter beim geringsten Luftzug
rasseln, die auf der Ebene weidenden Kameele, das Wallen der Dnste auf
einem vom Sonnenstrahl glhenden Boden, geben der Landschaft ein
afrikanisches Geprge. Je nher man an der Stadt und ber das westliche
Ende des Sees hinaus kommt, desto drrer wird der Boden. Es ist ein ganz
ebener, vom Wasser verlassener Thonboden. Die benachbarten Hgel, _Morros
de Valencia_ genannt, bestehen aus weiem Tuff, einer ganz neuen Bildung,
die unmittelbar auf dem Gnei aufliegt. Sie kommt bei Victoria und an
verschiedenen andern Punkten lngs der Kstengebirgskette wieder zum
Vorschein. Die weie Farbe dieses Tuffs, von dem die Sonnenstrahlen
abprallen, trgt viel zur drckenden Hitze bei, die hier herrscht. Alles
ist wst und de, kaum sieht man an den Ufern des Rio de Valencia hie und
da einen Cacaostamm; sonst ist die Ebene kahl, pflanzenlos. Diese
anscheinende Unfruchtbarkeit schreibt man hier, wie berall in den Thlern
von Aragua, dem Indigobau zu, der den Boden strker erschpft (_cansa_)
als irgend ein Gewchs. Es ware interessant, sich nach den wahren
physischen Ursachen dieser Erscheinung umzusehen, ber die man, wie ja
auch ber die Wirkung der Brache und der Wechselwirthschaft, noch lange
nicht im Reinen ist. Ich beschrnke mich auf die allgemeine Bemerkung, da
man unter den Tropen desto hufiger ber die zunehmende Unfruchtbarkeit
des Baulandes klagen hrt, je nher man sich der Zeit der ersten
Urbarmachung befindet. In einem Erdstrich, wo fast kein Gras wchst, wo
jedes Gewchs einen holzigten Stengel hat und gleich zum Busch aufschiet,
ist der unangebrochene Boden fortwhrend von hohen Bumen oder von
Buschwerk beschattet. Unter diesen dichten Schatten erhlt er sich berall
frisch und feucht. So ppig der Pflanzenwuchs unter den Tropen erscheint,
so ist doch die Zahl der in die Erde dringenden Wurzeln auf einem nicht
angebauten Boden geringer, whrend auf dem mit Indigo, Zuckerrohr oder
Manioc angepflanzten Lande die Gewchse weit dichter bei einander stehen.
Die Bume und Gebsche mit ihrer Flle von Zweigen und Laub ziehen, ihre
Nahrung zum groen Theil aus der umgebenden Luft, und die Fruchtbarkeit
des jungfrulichen Bodens nimmt zu durch die Zersetzung des
vegetabilischen Stoffs, der sich fortwhrend auf demselben aufhuft. Ganz
anders bei den mit Indigo oder andern krautartigen Gewchsen bepflanzten
Feldern. Die Sonnenstrahlen fallen frei auf den Boden und zerstren durch
die rasche Verbrennung der Kohlenwasserstoff- und anderer oxydirbaren
Verbindungen die Keime der Fruchtbarkeit. Diese Wirkungen fallen den
Colonisten desto mehr auf, da sie in einem noch nicht lange bewohnten
Lande die Fruchtbarkeit eines seit Jahrtausenden unberhrten Bodens mit
dem Ertrag der bebauten Felder vergleichen knnen. In Bezug auf den Ertrag
des Ackerbaus sind gegenwrtig die spanischen Colonien auf dem Festland
und die groen Inseln Portorico und Cuba gegen die kleinen Antillen
bedeutend im Vortheil; Erstere haben vermge ihrer Gre, der
mannigfaltigen Bodenbildung und der verhltnimig geringen Bevlkerung
noch ganz den Typus eines unberhrten Bodens, whrend man auf Barbados,
Tabago, Santa Lucia, auf den Jungfraueninseln und im franzsischen Antheil
von St. Domingo nachgerade sprt, da lange fortgesetzter Anbau den Boden
erschpft. Wenn man in den Thlern von Aragua die Indigofelder, statt sie
aufzugeben und brach liegen zu lassen, nicht mit Getreide, sondern mit
andern nhrenden und Futterkrutern anpflanzte, wenn man dazu vorzugsweise
Gewchse aus verschiedenen Familien nhme, und solche, die mit breiten
Blttern den Boden beschatten, so wrden allmlig die Felder verbessert
und ihnen ihre frhere Fruchtbarkeit zum Theil wieder gegeben werden.

Die Stadt Nueva Valencia nimmt einen ansehnlichen Flchenraum ein; aber
die Bevlkerung ist kaum sechs- bis siebentausend Seelen stark. Die
Straen sind sehr breit, der Markt (_plaza mayor_) ist bermig gro, und
da die Huser sehr niedrig sind, ist das Miverhltni zwischen der
Bevlkerung und der Ausdehnung der Stadt noch auffallender als in Caracas.
Viele Weie von europischer Abstammung, besonders die rmsten, ziehen aus
ihren Husern und leben den grten Theil des Jahrs auf ihren kleinen
Indigo- oder Baumwollenpflanzungen. Dort wagen sie es mit eigenen Hnden
zu arbeiten, whrend ihnen die, nach dem im Lande herrschenden
eingewurzelten Vorurtheil, in der Stadt zur Schande gereichte. Der
Gewerbflei fngt im allgemeinen an sich zu regen, und der Baumwollenbau
hat bedeutend zugenommen, seit dem Handel von Porto Cabello neue
Freiheiten ertheilt worden sind und dieser Hafen als Haupthafen, als
_puerto mayor_ den unmittelbar aus dem Mutterlande kommenden Schiffen
offen steht.

Nueva Valencia wurde im Jahr 1555 unter Villacindas Statthalterschaft von
Alonzo Diaz Moreno gegrndet, und ist also zwlf Jahre lter als Caracas.
Wir haben schon frher bemerkt, da in Venezuela die spanische Bevlkerung
von West nach Ost vorgerckt ist. Valencia war anfangs nur eine zu
Burburata gehrige Gemeinde, aber letztere Stadt ist jetzt nur noch ein
Platz, wo Maulthiere eingeschifft werden. Man bedauert, und vielleicht mit
Recht, da Valencia nicht die Hauptstadt des Landes geworden ist. Ihre
Lage auf einer Ebene, am Ufer eines Sees wrde an die von Mexico erinnern.
Wenn man bedenkt, wie bequem man durch die Thler von Aragua in die Llanos
und an die Nebenflsse des Orinoco gelangt, wenn man sich berzeugt, da
sich durch den Rio Pao und die Portugueza eine Schifffahrtverbindung im
innern Lande bis zur Mndung des Orinoco, zum Cassiquiare und dem
Amazonenstrom herstellen liee, so sieht man ein, da die Hauptstadt der
ausgedehnten Provinzen von Venezuela in der Nhe des prchtigen Hafens von
Porto Cabello, unter einem reinen, heitern Himmel besser lge, als bei der
schlecht geschtzten Rhede von Guayra, in einem gemigten, aber das ganze
Jahr nebligten Thale. So nahe beim Knigreich Neu-Grenada, mitten inne
zwischen den getreidereichen Gebieten von Victoria und Barquesimeto, htte
die Stadt Valencia gedeihen mssen; sie konnte aber nicht gegen Caracas
aufkommen, das ihr zwei Jahrhunderte lang einen bedeutenden Theil der
Einwohner entzogen hat. Die Mantuanosfamilien lebten lieber in der
Hauptstadt als in einer Provinzialstadt.

Wer nicht wei, von welcher Unmasse von Ameisen alle Lnder in der heien
Zone heimgesucht sind, macht sich keinen Begriff von den Zerstrungen
dieser Insekten und von den Bodensenkungen, die von ihnen herrhren. Sie
sind im Boden, auf dem Valencia steht, in so ungeheurer Menge, da die
Gnge, die sie graben, unterirdischen Kanlen gleichen, in der Regenzeit
sich mit Wasser fllen und den Gebuden sehr gefhrlich werden. Man hat
hier nicht zu den sonderbaren Mitteln gegriffen, die man zu Anfang des
sechzehnten Jahrhunderts auf St. Domingo anwendete, als Ameisenschwrme
die schnen Ebenen von la Vega und die reichen Besitzungen des Ordens des
h. Franciscus verheerten. Nachdem die Mnche vergebens die Ameisenlarven
verbrannt und es mit Rucherungen versucht hatten, gaben sie den Leuten
den Rath, einen Heiligen herauszuloosen, der als _Abagado contra los
Hormigas_ dienen sollte. Die Ehre ward dem heiligen Saturnin zu Theil, und
als man das erstemal das Fest des Heiligen beging, verschwanden die
Ameisen. Seit den Zeiten der Eroberung hat der Unglauben gewaltige
Fortschritte gemacht, und nur auf dem Rcken der Cordilleren fand ich eine
kleine Capelle, in der, der Inschrift zufolge, fr die Vernichtung der
*Termiten* gebetet werden sollte.

Valencia hat einige geschichtliche Erinnerungen aufzuweisen, sie sind
aber, wie Alles, was die Colonien betrifft, nicht sehr alt und beziehen
sich entweder auf brgerliche Zwiste oder auf blutige Gefechte mit den
Wilden. Lopez de Aguirre, dessen Frevelthaten und Abenteuer eine der
dramatischsten Episoden in der Geschichte der Eroberung bilden, zog im
Jahr 1561 aus Peru ber den Amazonenstrom auf die Insel Margarita und von
dort ber den Hafen von Burburata in die Thaler von Aragua. Als er in
Valencia eingezogen, die stolz den Namen einer *kniglichen Stadt*, _Villa
de el Rey_, fhrt, verkndigte er die Unabhngigkeit des Landes und die
Absetzung Philipps II. Die Einwohner flchteten sich auf die Inseln im See
und nahmen zu grerer Sicherheit alle Boote am Ufer mit. In Folge dieser
Kriegslist konnte Aguirre seine Grausamkeiten nur an seinen eigenen Leuten
verben. In Valencia schrieb er den berchtigten Brief an den Knig von
Spanien, der ein entsetzlich wahres Bild von den Sitten des Kriegsvolks im
sechzehnten Jahrhundert gibt. Der Tyrann (so heit Aguirre beim Volk noch
jetzt) prahlt unter einander mit seinen Schandthaten und mit seiner
Frmmigkeit; er ertheilt dem Knige Rathschlge hinsichtlich der Regierung
der Colonien und der Einrichtung der Missionen. Mitten unter wilden
Indianern, auf der Fahrt auf einem groen Swassermeer, wie er den
Amazonenstrom nennt, fhlt er groe Besorgni ob der Ketzereien Martin
Luthers und der wachsenden Macht der Abtrnnigen in Europa. Lopez de
Aguirre wurde, nachdem die Seinigen von ihm abgefallen, in Barquesimeto
erschlagen. Als es mit ihm zu Ende ging, stie er seiner einzigen Tochter
den Dolch in die Brust, um ihr die Schande zu ersparen, bei den Spaniern
die Tochter eines Verrthers zu heien. Die Seele des Tyrannen -- so
glauben die Eingeborenen -- geht in den Savanen um in Gestalt einer
Flamme, die entweicht, wenn ein Mensch auf sie zugeht.

Das zweite geschichtliche Ereigni, das sich an Valencia knpft, ist der
Einfall der Caraiben vom Orinoco her in den Jahren 1578 und 1580. Diese
Horde von Menschenfressern zog am Guarico herauf und ber die Llanos
herber. Sie wurde vom tapfern Garci-Gonzalez, einem der Capitne, deren
Namen noch jetzt in diesen Provinzen in hohen Ehren steht, glcklich
zurckgeschlagen. Mit Befriedigung denkt man daran, da die Nachkommen
derselben Caraiben jetzt als friedliche Ackerbauer in den Missionen leben,
und da kein wilder Volksstamm in Guyana es mehr wagt, ber die Ebenen
zwischen der Waldregion und dem angebauten Lande herberzukommen.

Die Kstencordillere ist von mehreren Schluchten durchschnitten, die
durchgngig von Sdost nach Nordwest streichen. Die wiederholt sich von
der Quebrada de Tocume zwischen Petarez und Caracas bis Porto Cabello. Es
ist als wre aller Orten der Sto von Sdost gekommen, und die Erscheinung
ist um so auffallender, da die Gnei- und Glimmerschieferschichten in der
Kstencordillere meist von Sdwest nach Nordost streichen. Die meisten
dieser Schluchten schneiden in den Sdabhang der Berge ein, gehen aber
nicht ganz durch; nur im Meridian von Nueva Valencia befindet sich eine
Oeffnung (_Abra_), durch die man zur Kste hinunter gelangt und durch die
jeden Abend ein sehr erfrischender Seewind in die Thler von Aragua
heraufkommt. Der Wind stellt sich regelmig zwei bis drei Stunden nach
Sonnenuntergang ein.

Durch diese *Abra*, ber den Hof Barbula und durch einen stlichen Zweig
der Schlucht baut man eine neue Strae von Valencia nach Porto Cabello.
Sie wird so kurz, da man nur vier Stunden in den Hafen braucht und man in
Einem Tage vom Hafen in die Thler von Aragua und wieder zurck kann. Um
diesen Weg kennen zu lernen, gingen wir am sechs und zwanzigsten Februar
Abends nach dem Hofe Barbula, in Gesellschaft der Eigenthmer, der
liebenswrdigen Familie Arambary.

Am sieben und zwanzigsten Morgens besuchten wir die heien Quellen bei der
Trinchera, drei Meilen von Valencia. Die Schlucht ist sehr breit und es
geht vom Ufer des Sees bis zur Kste fast bestndig abwrts. Trinchera
heit der Ort nach den kleinen Erdwerken, welche franzsische Flibustiers
angelegt, als sie im Jahre 1677 die Stadt Valencia plnderten. Die heien
Quellen, und die ist geologisch nicht uninteressant, entspringen nicht
sdlich von den Bergen, wie die von Mariara, Onoto und am Brigantin; sie
kommen vielmehr in der Bergkette selbst, fast am Nordabhang, zu Tag. Sie
sind weit strker als alle, die wir bisher gesehen, und bilden einen Bach,
der in der trockensten Jahreszeit zwei Fu tief und achtzehn breit ist.
Die Temperatur des Wassers war, sehr genau gemessen, 90,3. Nach den
Quellen von Urijino in Japan, die reines Wasser seyn und eine Temperatur
von 100 haben sollen, scheint das Wasser von la Trinchera de Porto
Cabello das heieste, das man berhaupt kennt. Wir frhstckten bei der
Quelle. Eier waren im heien Wasser in weniger als vier Minuten gar. Das
stark schwefelwasserstoffhaltige Wasser entspringt auf dem Gipfel eines
Hgels, der sich 150 Fu ber die Sohle der Schlucht erhebt und von
Sd-Sd-Ost nach Nord-Nord-West streicht. Das Gestein, aus dem die Quelle
kommt, ist ein chter grobkrniger Granit, hnlich dem der Teufelsmauer in
den Bergen von Mariara. Ueberall wo das Wasser an der Luft verdunstet,
bildet es Niederschlge und Incrustationen von kohlensaurem Kalk. Es geht
vielleicht durch Schichten von Urkalk, der im Glimmerschiefer und Gnei an
der Kste von Caracas so hufig vorkommt. Die Ueppigkeit der Vegetation um
das Becken berraschte uns. Mimosen mit zartem, gefiedertem Laub, Clusien
und Feigenbume haben ihre Wurzeln in den Boden eines Wasserstcks
getrieben, dessen Temperatur 85 betrug. Ihre Aeste stehen nur zwei, drei
Zoll ber dem Wasserspiegel. Obgleich das Laub der Mimosen bestndig vom
heien Wasserdampf befeuchtet wird, ist es doch sehr schn grn. Ein Arum
mit holzigtem Stengel und pfeilfrmigen Blttern wuchs sogar mitten in
einer Lache von 70 Temperatur. Dieselben Pflanzenarten kommen anderswo in
diesem Gebirge an Bchen vor, in denen der Thermometer nicht auf 18
steigt. Noch mehr, vierzig Fu von der Stelle, wo die 90 heien Quellen
entspringen, finden sich auch ganz kalte. Beide Gewsser laufen eine
Strecke weit neben einander fort, und die Eingebornen zeigten uns, wie man
sich, wenn man zwischen beiden Bchen ein Loch in den Boden grbt, ein Bad
von beliebiger Temperatur verschaffen kann. Es ist auffallend, wie in den
heiesten und in den kltesten Erdstrichen der gemeine Mann gleich sehr
die Wrme liebt. Bei der Einfhrung des Christenthums in Island wollte
sich das Volk nur in den warmen Quellen am Hella taufen lassen, und in der
heien Zone, im Tiefland und auf den Cordilleren, laufen die Eingeborenen
von allen Seiten den warmen Quellen zu. Die Kranken, die nach Trinchera
kommen, um Dampfbder zu brauchen, errichten ber der Quelle eine Art
Gitterwerk aus Baumzweigen und ganz dnnem Rohr. Sie legen sich nackt auf
dieses Gitter, das, wie mir schien, nichts weniger als fest und nicht ohne
Gefahr zu besteigen ist. Der _Rio de aguas calientes_ luft nach Nordost
und wird in der Nahe der Kste zu einem ziemlich ansehnlichen Flu, in dem
groe Krokodile leben, und der durch sein Austreten den Uferstrich
ungesund machen hilft.

Wir gingen immer rechts am warmen Wasser nach Porto Cabello hinunter. Der
Weg ist ungemein malerisch. Das Wasser strzt ber die Felsbnke nieder,
und es ist als htte man die Flle der Neu vom Gotthard herab vor sich;
aber welch ein Contrast, was die Kraft und Ueppigkeit des Pflanzenwuchses
betrifft! Zwischen blhenden Gestruchen, aus Bignonien und Melastomen
erheben sich majesttisch die weien Stmme der Cecropia. Sie gehen erst
aus, wenn man nur noch in 100 Toisen Meereshhe ist. Bis hieher reicht
auch eine kleine stachligte Palme, deren zarte, gefiederte Bltter an den
Rndern wie gekruselt erscheinen. Sie ist in diesem Gebirge sehr hufig;
da wir aber weder Blthe noch Frucht gesehen haben, wissen wir nicht, ob
es die *Piritupalme* der Caraiben oder Jacquins _Cocos aculeata_ ist.

Je nher wir der Kste kamen, desto drckender wurde die Hitze. Ein
rthlicher Dunst umzog den Horizont; die Sonne war am Untergehen, aber der
Seewind wehte noch nicht. Wir ruhten in den einzeln stehenden Hfen aus,
die unter dem Namen *Cambury* und *Haus des Canariers* (_Casa del
Islego_) bekannt sind. Der _Rio de aguas calientes_, an dem wir hinzogen,
wurde immer tiefer. Am Ufer lag ein todtes Krokodil; es war ber neun Fu
lang. Wir htten gerne seine Zhne und seine Mundhhle untersucht; aber es
lag schon mehrere Wochen in der Sonne und stank so furchtbar, da wir
dieses Vorhaben aufgeben und wieder zu Pferde steigen muten. Ist man im
Niveau des Meeres angelangt, so wendet sich der Weg ostwrts und luft
ber einen drren anderthalb Meilen breiten Strand, hnlich dem bei
Cumana. Man sieht hin und wieder eine Fackeldistel, ein Sesuvium, ein paar
Stmme _Coccoloba uvifera_ und lngs der Kste wachsen Avicennien und
Wurzeltrger. Wir wateten durch den Guayguazo und den Rio Estevan, die, da
sie sehr oft austreten, groe Lachen stehenden Wassers bilden. Auf dieser
weiten Ebene erheben sich wie Klippen kleine Felsen aus Mandriten,
Madreporiten und andern Corallen. Man knnte in denselben einen Beweis
sehen, da sich die See noch nicht sehr lange von hier zurckgezogen; aber
diese Massen von Polypengehusen sind nur Bruchstcke, in eine Breccie mit
kalkigtem Bindemittel eingebacken. Ich sage in eine Breecie, denn man darf
die weien frischen Coralliten dieser sehr jungen Formation an der Kste
nicht mit den Coralliten verwechseln, die im Uebergangsgebirge, in der
Grauwacke und im schwarzen Kalkstein eingeschlossen vorkommen. Wir
wunderten uns nicht wenig, da wir an diesem vllig unbewohnten Ort einen
starken, in voller Blthe stehenden Stamm der _Parkinsonia aculeata_
antrafen. Nach unsern botanischen Werken gehrt der Baum der neuen Welt
an; aber in fnf Jahren haben wir ihn nur zweimal wild gesehen, hier auf
der Ebene am Rio Guayguaza und in den Llanos von Cumana, dreiig Meilen
von der Kste, bei Villa del Pao; Letzterer Ort konnte noch dazu leicht
ein alter *Conuco* oder eingehegtes Baufeld seyn. Sonst berall auf dem
Festland von Amerika sahen wir die Parkinsonia, wie die Plumeria, nur in
den Grten der Indianer.

Ich kam zu rechter Zeit nach Porto Cabello, um einige Hhen des Canopus
nahe am Meridian aufnehmen zu knnen; aber diese Beobachtungen, wie die am
acht und zwanzigsten Februar aufgenommenen correspondirenden Sonnenhhen,
sind nicht sehr zuverlig. Ich bemerkte zu spt, da sich das
Diopterlineal eines Troughtonschen Sextanten ein wenig verschoben hatte.
Es war ein Dosensextant von zwei Zoll Halbmesser, dessen Gebrauch brigens
den Reisenden sehr zu empfehlen ist. Ich brauchte denselben sonst meist
nur zu geodtischen Ausnahmen im Canoe auf Flssen. In Porto Cabello wie
in Guayra streitet man darber, ob der Hafen ostwrts oder westwrts von
der Stadt liegt, mit der derselbe den strksten Verkehr hat. Die Einwohner
glauben, Porto Cabello liege Nord-Nord-West von Nueva Valencia. Aus meinen
Beobachtungen ergibt sich allerdings fr jenen Ort eine Lnge von 3--4
Minuten im Bogen weiter nach West. Nach Fidalgo lge er ostwrts.

Wir wurden im Hause eines franzsischen Arztes, Juliac, der sich in
Montpellier tchtig gebildet hatte, mit grter Zuvorkommenheit
aufgenommen. In seinem kleinen Hause befanden sich Sammlungen mancherlei
Art, die aber alle den Reisenden interessiren konnten:
schnwissenschaftliche und naturgeschichtliche Bcher, meteorologische
Notizen, Blge von Jaguars und groen Wasserschlangen, lebendige Thiere,
Affen, Grtelthiere, Vgel. Unser Hausherr war Oberwundarzt am kniglichen
Hospital in Porto Cabello, und im Lande wegen seiner tiefeingehenden
Beobachtungen ber das gelbe Fieber Vortheilhaft bekannt. Er hatte in
sieben Jahren 600--800 von dieser schrecklichen Krankheit Befallene in das
Spital aufnehmen sehen; er war Zeuge der Verheerungen, welche die Seuche
im Jahr 1793 auf der Flotte des Admirals Ariztizabal angerichtet. Die
Flotte verlor fast ein Dritttheil ihrer Bemannung, weil die Matrosen fast
smmtlich nicht acclimatisirte Europer waren und frei mit dem Lande
verkehrten. Juliac hatte frher, wie in Terra Firma und auf den Inseln
gebruchlich ist, die Kranken mit Blutlassen, gelinde abfhrenden Mitteln
und suerlichen Getrnken behandelt. Bei diesem Verfahren denkt man nicht
daran die Krfte durch Reizmittel zu heben; man will beruhigen und
steigert nur die Schwche und Entkrftung. In den Spitlern, wo die
Kranken dicht beisammen lagen, starben damals von den weien Creolen 33
Procent, von den frisch angekommenen Europern 63 Procent. Seit man das
alte herabstimmende Verfahren aufgegeben hatte und Reizmittel anwendete,
Opium, Benzoe, weingeistige Getrnke, hatte die Sterblichkeit bedeutend
abgenommen. Man glaubte, sie betrage nunmehr nur 20 Procent bei Europern
und 10 bei Creolen, selbst dann, wenn sich schwarzes Erbrechen und
Blutungen aus der Nase, den Ohren und dem Zahnfleisch einstellen und so
die Krankheit in hohem Grade bsartig erscheint. Ich berichte genau, was
mir damals als allgemeines Ergebni der Beobachtungen mitgetheilt wurde;
man darf aber, denke ich, bei solchen Zahlenzusammenstellungen nicht
vergessen, da, trotz der scheinbaren Uebereinstimmung, die Epidemien
mehrerer auf einander folgenden Jahre von einander abweichen, und da man
bei der Wahl zwischen strkenden und herabstimmenden Mitteln (wenn je ein
absoluter Unterschied zwischen beiden besteht) die verschiedenen Stadien
der Krankheit zu unterscheiden hat.

Die Hitze ist in Porto Cabello nicht so stark als in Guayra. Der Seewind
ist strker, hufiger, regelmiger; auch lehnen sich die Huser nicht an
Felsen, die bei Tag die Sonnenstrahlen absorbiren und bei Nacht die Wrme
wieder von sich geben. Die Luft kann zwischen der Kste und den Bergen von
Ilaria freier circuliren. Der Grund der Ungesundheit der Luft ist im
Strande zu suchen, der sich westwrts, so weit das Auge reicht, gegen die
_Punta de Tucacos_ beim schnen Hafen von Chichiribiche fortzieht. Dort
befinden sich die Salzwerke und dort herrschen bei Eintritt der Regenzeit
die dreitgigen Wechselfieber, die leicht in atactische Fieber bergehen.
Man hat die interessante Bemerkung gemacht, da die Mestizen, die in den
Salzwerken arbeiten, dunkelfarbiger sind und eine gelbere Haut bekommen,
wenn sie mehrere Jahre hinter einander an diesen Fiebern gelitten haben,
welche die *Kstenkrankheit* heien. Die Bewohner dieses Strandes, arme
Fischer, behaupten, nicht daher, da das Seewasser das Land berschwemme
und wieder abfliee, sey der mit Wurzeltrgern bewachsene Boden so
ungesund, das Verderbni der Luft rhre vielmehr vom sen Wasser her, von
den Ueberschwemmungen des Rio Guayguaza und des Rio Estevan, die in den
Monaten October und November so pltzlich und so stark austreten. Die Ufer
des Rio Estevan sind bewohnbarer geworden, seit man daselbst kleine Mais-
und Pisangpflanzungen angelegt und durch Erhhung und Befestigung des
Bodens dem Flu ein engeres Bett angewiesen hat. Man geht damit um, dem
Estevan eine andere Mndung zu graben und dadurch die Umgegend von Porto
Cabello gesnder zu machen. Ein Kanal soll das Wasser an den Kstenstrich
leiten, der der Insel Guayguaza gegenberliegt.

Die Salzwerke von Porto Cabello gleichen so ziemlich denen auf der
Halbinsel Araya bei Cumana. Indessen ist die Erde, die man auslaugt, indem
man das Regenwasser in kleinen Becken sammelt, nicht so salzhaltig. Man
fragt hier wie in Cumana, ob der Boden mit Salztheilchen geschwngert sey,
weil er seit Jahrhunderten zeitweise unter Meerwasser gestanden, das an
der Sonne verdunstet, oder ob das Salz im Boden enthalten sey wie in einem
sehr armen Steinsalzwerk. Ich hatte nicht Zeit, den Strand hier so genau
zu untersuchen wie die Halbinsel Araya; luft brigens der Streit nicht
auf die hchst einfache Frage hinaus, ob das Salz von neuen oder aber von
uralten Ueberschwemmungen herrhrt? Da die Arbeit in den Salzwerken von
Porto Cabello sehr ungesund ist, geben sich nur die rmsten Leute dazu
her. Sie bringen das Salz an Ort und Stelle in kleine Magazine und
verkaufen es dann in den Niederlagen in der Stadt.

Whrend unseres Aufenthaltes in Porto Cabello lief die Strmung an der
Kste, die sonst gewhnlich nach West geht, von West nach Ost. Diese
*Strmung nach oben* (_corriente por arriba_), von der bereits die Rede
war, kommt zwei bis drei Monate im Jahr, vom September bis November,
hufig vor. Man glaubt, sie trete ein, wenn zwischen Jamaica und dem Cap
San Antonio auf Cuba Nord-Westwinde geweht haben.

Die militrische Vertheidigung der Ksten von Terra Firma sttzt sich auf
sechs Punkte, das Schlo San Antonio bei Cumana, den Morro bei Nueva
Barcelona, die Werke (mit 134 Geschtzen) bei Guayra, Porto Cabello, das
Fort San Carlos an der Ausmndung des Sees Maracaybo, und Carthagena. Nach
Carthagena ist Porto Cabello der wichtigste feste Platz; die Stadt ist
ganz neu und der Hafen einer der schnsten in beiden Welten. Die Lage ist
so gnstig, da die Kunst fast nichts hinzuzuthun hatte. Eine Erdzunge
luft Anfangs gegen Nord und dann nach West. Die westliche Spitze
derselben liegt einer Reihe von Inseln gegenber, die durch Brcken
verbunden und so nahe bei einander sind, da man sie fr eine zweite
Landzunge halten kann. Diese Inseln bestehen smmtlich aus Kalkbreccien
von sehr neuer Bildung, hnlich der an der Kste von Cumana und am Schlo
Araya. Es ist ein Conglomerat von Madreporen und andern
Corallenbruchstcken, die durch ein kalkigtes Bindemittel und Sandkrner
verkittet sind. Wir hatten dasselbe Conglomerat bereits am Rio Guayguaza
gesehen. In Folge der eigenthmlichen Bildung des Landes stellt sich der
Hafen als ein Becken oder als eine innere Lagune dar, an deren sdlichem
Ende eine Menge mit Manglebumen bewachsener Eilande liegen. Da der
Hafeneingang gegen West liegt, trgt viel zur Ruhe des Wassers bei. Es
kann nur Ein Fahrzeug auf einmal einlaufen, aber die grten Linienschiffe
knnen dicht am Lande ankern, um Wasser einzunehmen. Die einzige Gefahr
beim Einlaufen bieten die Riffe bei Punta Brava, denen gegenber eine
Batterie von acht Geschtzen steht. Gegen West und Sdwest erblickt man
das Fort, ein regelmiges Fnfeck mit fnf Bastionen, die Batterie beim
Riff und die Werke um die alte Stadt, welche auf einer Insel liegt, die
ein verschobenes Viereck bildet. Ueber eine Brcke und das befestigte Thor
der Estacada gelangt man aus der alten Stadt in die neue, welche bereits
grer ist als jene, aber dennoch nur als Vorstadt gilt. Zu hinterst luft
das Hafenbecken oder die Lagune um diese Vorstadt herum gegen Sdwest, und
hier ist der Boden sumpfigt, voll stehenden, stinkenden Wassers. Die Stadt
hat gegenwrtig gegen 9000 Einwohner. Sie verdankt ihre Entstehung dem
Schleichhandel, der sich hier einnistete, weil die im Jahr 1549 gegrndete
Stadt Burburata in der Nhe lag. Erst unter dem Regiment der Biscayer und
der Compagnie von Guipuzcoa wurde Porto Cabello, das bis dahin ein Weiler
gewesen, eine wohlbefestigte Stadt. Von Guayra, das nicht sowohl ein Hafen
als eine schlechte offene Rhede ist, bringt man die Schiffe nach Porto
Cabello, um sie ausbessern und kalfatern zu lassen.

Der Hafen wird vorzugsweise durch die tief gelegenen Batterien auf der
Landzunge Punta Brava und auf dem Riff vertheidigt, und diese Wahrheit
wurde verkannt, als man auf den Bergen, welche die Vorstadt gegen Sd
beherrschen, mit groen Kosten ein neues Fort, den Mirador (Belvedere) de
Solano baute. Dieses Werk, eine Viertelstunde vom Hafen, liegt 400--500
Fu ber dem Meer. Die Baukosten betrugen jhrlich und viele Jahre lang
20--30,000 Piaster. Der Generalcapitn von Caracas, Guevara Vasconzelos,
war mit den besten spanischen Ingenieurs der Ansicht, der Mirador, auf dem
zu meiner Zeit erst sechzehn Geschtze standen, sey fr die Vertheidigung
des Platzes nur von geringer Bedeutung, und lie den Bau einstellen. Eine
lange Erfahrung hat bewiesen, da sehr hoch gelegene Batterien, wenn auch
sehr schwere Stcke darin stehen, die Rhede lange nicht so wirksam
bestreichen, als tief am Strand oder auf Dmmen halb im Wasser liegende
Batterien mit Geschtzen von geringerem Kaliber. Wir fanden den Platz
Porto Cabello in einem keineswegs befriedigenden Vertheidigungszustand.
Die Werke am Hafen und der Stadtwall mit etwa sechzig Geschtzen erfordern
eine Besatzung von 1800 bis 2000 Mann, und es waren nicht 600 da. Es war
auch eine knigliche Fregatte, die an der Einfahrt des Hafens vor Anker
lag, bei Nacht von den Kanonierschaluppen eines englischen Kriegsschiffe
angegriffen und weggenommen worden. Die Blokade begnstigte vielmehr den
Schleichhandel, als da sie ihn hinderte, und man sah deutlich, da in
Porto Cabello die Bevlkerung in der Zunahme, der Gewerbflei im
Aufschwung begriffen waren. Am strksten ist der gesetzwidrige Verkehr mit
den Inseln Curacao und Jamaica. Man fhrt ber 10,000 Maulthiere jhrlich
aus. Es ist nicht uninteressant, die Thiere einschiffen zu sehen. Man
wirft sie mit der Schlinge nieder und zieht sie an Bord mittelst einer
Vorrichtung gleich einem Krahn. Aus dem Schiffe stehen sie in zwei Reihen
und knnen sich beim Schlingern und Stampfen kaum auf den Beinen halten.
Um sie zu schrecken und fgsamer zu machen, wird fast fortwhrend Tag und
Nacht die Trommel gerhrt. Man kann sich denken, wie sanft ein Passagier
ruht, der den Muth hat, sich auf einer solchen mit Maulthieren beladenen
Goelette nach Jamaica einzuschiffen.

Wir verlieen Porto Cabello am ersten Merz mit Sonnenaufgang. Mit
Verwunderung sahen wir die Masse von Khnen, welche Frchte zu Markt
brachten. Es mahnte mich an einen schnen Morgen in Venedig. Vom Meere aus
gesehen, liegt die Stadt im Ganzen freundlich und angenehm da. Dicht
bewachsene Berge, ber denen Gipfel aufsteigen, die man nach ihren
Umrissen der Trappformation zuschreiben knnte, bilden den Hintergrund der
Landschaft. In der Nhe der Kste ist alles nackt, wei, stark beleuchtet,
die Bergwand dagegen mit dicht belaubten Bumen bedeckt, die ihre
gewaltigen Schatten ber braunes steinigtes Erdreich werfen. Vor der Stadt
besahen wir die eben fertig gewordene Wasserleitung. Sie ist 5000 Varas
lang und fhrt in einer Rinne das Wasser des Rio Estevan in die Stadt.
Dieses Werk hat 30,000 Piaster gekostet, das Wasser springt aber auch in
allen Straen.

Wir gingen von Porto Cabello in die Thler von Aragua zurck und hielten
wieder auf der Pflanzung Barbula an, ber welche die neue Strae nach
Valencia gefhrt wird. Wir hatten schon seit mehreren Wochen von einem
Baume sprechen hren, dessen Saft eine nhrende Milch ist. Man nennt ihn
den *Kuhbaum* und man versicherte uns, die Neger auf dem Hofe trinken viel
von dieser vegetabilischen Milch und halten sie fr ein gesundes
Nahrungsmittel. Da alle milchigten Pflanzensfte scharf, bitter und mehr
oder weniger giftig sind, so schien uns diese Behauptung sehr sonderbar;
aber die Erfahrung lehrte uns whrend unseres Aufenthalts in Barbula, da,
was man uns von den Eigenschaften des _Palo de __ Vaca_ erzhlt hatte,
nicht bertrieben war. Der schne Baum hat den Habitus des _Chrysophyllum
cainito_ oder Sternapfelbaums; die lnglichten, zugespitzten,
lederartigen, abwechselnden Bltter haben unten vorspringende, parallele
Seitenrippen und werden zehn Zoll lang. Die Blthe bekamen wir nicht zu
sehen; die Frucht hat wenig Fleisch und enthlt eine, bisweilen zwei
Nsse. Macht man Einschnitte in den Stamm des Kuhbaums, so fliet sehr
reichlich eine klebrigte, ziemlich dicke Milch aus, die durchaus nichts
Scharfes hat und sehr angenehm wie Balsam riecht. Man reichte uns welche
in den Frchten des Tutumo oder Flaschenbaums. Wir tranken Abends vor
Schlafengehen und frh Morgens viel davon, ohne irgend eine nachtheilige
Wirkung. Nur die Klebrigkeit macht diese Milch etwas unangenehm. Die Neger
und die Freien, die auf den Pflanzungen arbeiten, tunken sie mit Mais- und
Maniocbrod, *Arepa* und *Cassave*, aus. Der Verwalter des Hofs versicherte
uns, die Neger legen in der Zeit, wo der Palo de Vaca ihnen am meisten
Milch gibt, sichtbar zu. Bei freiem Zutritt der Luft zieht der Saft an der
Oberflche, vielleicht durch Absorption des Sauerstoffs der Luft, Hute
einer stark animalisirten, gelblichen, faserigen, dem Ksestoff hnlichen
Substanz. Nimmt man diese Hute von der brigen wsserigen Flssigkeit ab,
so zeigen sie sich elastisch wie Cautschuc, in der Folge aber faulen sie
unter denselben Erscheinungen wie die Gallerte. Das Volk nennt den
Klumpen, der sich an der Luft absetzt, *Kse*; der Klumpen wird nach fnf,
sechs Tagen sauer, wie ich an den kleinen Stcken bemerkte, die ich nach
Nueva Valencia mitgebracht. In einer verschlossenen Flasche setzte sich in
der Milch etwas Gerinsel zu Boden, und sie wurde keineswegs belriechend,
sondern behielt ihren Balsamgeruch. Mit kaltem Wasser vermischt gerann der
frische Saft nur sehr wenig, aber die klebrigten Hute setzten sich ab,
sobald ich denselben mit Salpetersure in Berhrung brachte. Wir schickten
Fourcroys in Paris zwei Flaschen dieser Milch. In der einen war sie im
natrlichen Zustand, in der andern mit einer gewissen Menge kohlensauren
Natrons versetzt. Der franzsische Consul auf der Insel St. Thomas
bernahm die Befrderung.

Dieser merkwrdige Baum scheint der Kstencordillere, besonders von
Barbula bis zum See Maracaybo, eigenthmlich. Beim Dorf San Mateo und nach
Bredemayer, dessen Reisen die schnen Gewchshuser von Schnbrunn und
Wien so sehr bereichert haben, im Thal von Caucagua, drei Meilen von
Caracas, stehen auch einige Stmme. Dieser Naturforscher fand, wie wir,
die vegetabilische Milch des _Palo de Vaca_ angenehm von Geschmack und von
aromatischem Geruch. In Caucagua nennen die Eingeborenen den Baum, der den
nhrenden Saft gibt, *Milchbaum, *_Arbol del leche_. Sie wollen an der
Dicke und Farbe des Laubs die Bume erkennen, die am meisten Saft geben,
wie der Hirte nach uern Merkmalen eine gute Milchkuh herausfindet. Kein
Botaniker kannte bis jetzt dieses Gewchs, dessen Fructificationsorgane
man sich leicht wird verschaffen knnen. Nach Kunth scheint der Baum zu
der Familie der Sapoteen zu gehren. Erst lange nach meiner Rckkehr nach
Europa fand ich in des Hollnders Laet Beschreibung von Westindien eine
Stelle, die sich auf den Kuhbaum zu beziehen scheint. In der Provinz
Cumana, sagt Laet, gibt es Bume, deren Saft geronnener Milch gleicht und
ein *gesundes Nahrungsmittel* abgibt.

Ich gestehe, von den vielen merkwrdigen Erscheinungen, die mir im Verlauf
meiner Reise zu Gesicht gekommen, haben wenige auf meine Einbildungskraft
einen strkeren Eindruck gemacht als der Anblick des Kuhbaums. Alles was
sich auf die Milch oder auf die Getreidearten bezieht, hat ein Interesse
fr uns, das sich nicht auf die physikalische Kenntni der Gegenstnde
beschrnkt, sondern einem andern Kreise von Vorstellungen und Empfindungen
angehrt. Wir vermgen uns kaum vorzustellen, wie das Menschengeschlecht
bestehen knnte ohne mehligte Stoffe, ohne den nhrenden Saft in der
Mutterbrust, der auf den langen Schwchezustand des Kindes berechnet ist.
Das Strkmehl des Getreides, das bei so vielen alten und neueren Vlkern
ein Gegenstand religiser Verehrung ist, kommt in den Samen und den
Wurzeln der Gewchse vor; die nhrende Milch dagegen erscheint uns als ein
ausschlieliches Produkt der thierischen Organisation. Diesen Eindruck
erhalten wir von Kindheit auf, und daher denn auch das Erstaunen, womit
wir den eben beschriebenen Baum betrachten. Was uns hier so gewaltig
ergreift, sind nicht prachtvolle Wlderschatten, majesttisch
dahinziehende Strme, von ewigem Eis starrende Gebirge: ein paar Tropfen
Pflanzensaft fhren uns die ganze Macht und Flle der Natur vor das innere
Auge. An der kahlen Felswand wchst ein Baum mit trockenen, lederartigen
Blttern; seine dicken holzigten Wurzeln dringen kaum in das Gestein.
Mehrere Monate im Jahr netzt kein Regen sein Laub; die Zweige scheinen
vertrocknet, abgestorben; bohrt man aber den Stamm an, so fliet eine
se, nahrhafte Milch heraus. Bei Sonnenaufgang strmt die vegetabilische
Quelle am reichlichsten; dann kommen von allen Seiten die Schwarzen und
die Eingeborenen mit groen Npfen herbei und fangen die Milch auf, die
sofort an der Oberflche gelb und dick wird. Die einen trinken die Npfe
unter dem Baum selbst aus, andere bringen sie ihren Kindern. Es ist, als
she man einen Hirten, der die Milch seiner Heerde unter die Seinigen
vertheilt.

Ich habe den Eindruck geschildert, den der Kuhbaum auf die
Einbildungskraft des Reisenden macht, wenn er ihn zum erstenmale sieht.
Die wissenschaftliche Untersuchung zeigt, da die physischen Eigenschaften
der thierischen und der vegetabilischen Stoffe im engsten Zusammenhang
stehen; aber sie benimmt dem Gegenstand, der uns in Erstaunen setzte, den
Anstrich des Wunderbaren, sie entkleidet ihn wohl auch zum Theil seines
Reizes. Nichts steht fr sich allein da; chemische Grundstoffe, die, wie
man glaubte, nur den Thieren zukommen, finden sich in den Gewchsen
gleichfalls. Ein gemeinsames Band umschlingt die ganze organische Natur.

Lange bevor die Chemie im Blthenstaub, im Eiwei der Bltter und im
weilichen Anflug unserer Pflaumen und Trauben kleine Wachstheilchen
entdeckte, verfertigten die Bewohner der Anden von Quindiu Kerzen aus der
dicken Wachsschicht, welche den Stamm einer Palme berzieht [_Ceroxylon
andicola_]. Vor wenigen Jahren wurde in Europa das _Caseum_, der
Grundstoff des Kses, in der Mandelmilch entdeckt; aber seit Jahrhunderten
gilt in den Gebirgen an der Kste von Venezuela die Milch eines Baumes und
der Kse, der sich in dieser vegetabilischen Milch absondert, fr ein
gesundes Nahrungsmittel. Woher rhrt dieser seltsame Gang in der
Entwicklung unserer Kenntnisse? Wie konnte das Volk in der einen Halbkugel
auf etwas kommen, was in der andern dem Scharfblick der Scheideknstler,
die doch gewhnt sind die Natur zu befragen und sie auf ihrem
geheimnivollen Gang zu belauschen, so lange entgangen ist? Daher, da
einige wenige Elemente und verschiedenartig zusammengesetzte Grundstoffe
in mehreren Pflanzenfamilien vorkommen; daher, da die Gattungen und Arten
dieser natrlichen Familien nicht ber die tropischen und die kalten und
gemigten Himmelsstriche gleich vertheilt sind; daher, da Vlker, die
fast ganz von Pflanzenstoffen leben, vom Bedrfni getrieben, mehligte
nhrende Stoffe berall finden, wo sie nur die Natur im Pflanzensaft, in
Rinden, Wurzeln oder Frchten niedergelegt hat. Das Strkmehl, das sich am
reinsten in den Getreidekrnern findet, ist in den Wurzeln der Arumarten,
der _Tacca pinnatifida_ und der _Jatropha Manihot_ mit einem scharfen,
zuweilen selbst giftigen Saft verbunden. Der amerikanische Wilde, wie der
auf den Inseln der Sdsee, hat das Satzmehl durch Auspressen und Trennen
vom Safte *aussen* gelernt. In der Pflanzenmilch und den milchigten
Emulsionen sind uerst nahrhafte Stoffe, Eiwei, Ksestoff und Zucker mit
Cautschuc und tzenden schdlichen Materien, wie Morphium und Blausure,
verbunden. Dergleichen Mischungen sind nicht nur nach den Familien,
sondern sogar bei den Arten derselben Gattung verschieden. Bald ist es das
Morphium oder der narkotische Grundstoff, was der Pflanzenmilch ihre
vorwiegende Eigenschaft gibt, wie bei manchen Mohnarten, bald das
Cautschuc, wie bei der _Hevea_ und _Castilloa_ bald Eiwei und Ksestoff,
wie beim Melonenbaum und Kuhbaum.

Die milchigten Gewchse gehren vorzugsweise den drei Familien der
Euphorbien, der Urticeen und der Apocyneen an, und da ein Blick auf die
Vertheilung der Pflanzenbildungen ber den Erdball zeigt, da diese drei
Familien(61) in den Niederungen der Tropenlnder durch die zahlreichsten
Arten vertreten sind, so mssen wir daraus schlieen, da eine sehr hohe
Temperatur zur Bildung von Cautschuc, Eiwei und Ksestoff beitrgt. Der
Saft des Palo de Vaca ist ohne Zweifel das auffallendste Beispiel, da
nicht immer ein scharfer, schdlicher Stoff mit dem Eiwei, dem Ksestoff
und dem Cautschuc verbunden ist; indessen kannte man in den Gattungen
Euphorbia und Asclepias, die sonst durch ihre tzenden Eigenschaften
bekannt sind, Arten, die einen milden, unschdlichen Saft haben. Hieher
gehrt der _Tubayba dulce_ der canarischen Inseln, von dem schon oben die
Rede war [_Euphorbia balsamifera_], und _Asclepias lactifera_ auf Ceylan.
Wie Burman erzhlt, bedient man sich dort, in Ermanglung der Kuhmilch, der
Milch der so letztgenannten Pflanze und kocht mit den Blttern derselben
die Speisen, die man sonst mit thierischer Milch zubereitet. Es ist zu
erwarten, da ein Reisender, dem die grndlichsten Kenntnisse in der
Chemie zu Gebot stehen, John Davy, bei seinem Aufenthalt auf Ceylan diesen
Punkt ins Reine bringen wird; denn, wie Decandolle richtig bemerkt, es
wre mglich, da die Eingeborenen nur den Saft der jungen Pflanze
bentzten, so lange der scharfe Stoff noch nicht entwickelt ist. Wirklich
werden in manchen Lndern die jungen Sprossen der Apocyneen gegessen.

Ich habe mit dieser Zusammenstellung den Versuch gemacht, die Milchsfte
der Gewchse und der milchigten Emulsionen, welche die Frchte der
Mandelarten und der Palmen geben, unter einen allgemeineren Gesichtspunkt
zu bringen. Es mge mir gestattet seyn, diesen Betrachtungen die
Ergebnisse einiger Versuche anzureihen, die ich whrend meines Aufenthalts
in den Thlern von Aragua mit dem Safte der _Carica Papaya_ angestellt,
obgleich es mir fast ganz an Reagentien fehlte. Derselbe Saft ist seitdem
von Vauquelin untersucht worden. Der berhmte Chemiker hat darin richtig
das Eiwei und den kseartigen Stoff erkannt; er vergleicht den Milchsaft
mit reinem stark animalisirten Stoff, mit dem thierischen Blut; es stand
ihm aber nur gegohrener Saft und ein belriechendes Gerinsel zu Gebot, das
sich auf der Ueberfahrt von Isle de France nach Havre gebildet hatte. Er
spricht den Wunsch aus, ein Reisender mchte den Saft des Melonenbaums
frisch, wie er aus dem Stengel oder der Frucht fliet, untersuchen knnen.

Je jnger die Frucht des Melonenbaums ist, desto mehr Milch gibt sie; man
findet sie bereits im kaum befruchteten Keim. Je reifer die Frucht wird,
desto mehr nimmt die Milch ab und desto wsseriger wird sie; man findet
dann weniger vom thierischen Stoff darin, der durch Suren und durch
Absorption des Sauerstoffs der Luft gerinnt. Da die ganze Frucht
klebrig(62) ist, so knnte man annehmen, je mehr sie wachse, desto mehr
lagere sich der gerinnbare Stoff in den Organen ab und bilde zum Theil das
Mark oder die fleischigte Substanz. Trpfelt man mit vier Theilen Wasser
verdnnte Salpetersure in die ausgeprete Milch einer ganz jungen Frucht,
so zeigt sich eine hchst merkwrdige Erscheinung. In der Mitte eines
jeden Tropfens bildet sich ein gallertartiges, grau gestreiftes Hutchen.
Diese Streifen sind nichts anderes als der Stoff, der wsseriger geworden,
weil die Sure ihm den Eiweistoff entzogen hat. Zu gleicher Zeit werden
die Hutchen in der Mitte undurchsichtig und eigelb. Sie vergrern sich,
indem divergirende Fasern sich zu verlngern scheinen. Die Flssigkeit
sieht Anfangs aus wie ein Achat mit milchigten Wolken, und man meint
organische Hute unter seinen Augen sich bilden zu sehen. Wenn sich das
Gerinsel ber die ganze Masse verbreitet, verschwinden die gelben Flecke
wieder. Rhrt man sie um, so wird sie krmelich, wie weicher Kse. Die
gelbe Farbe erscheint wieder, wenn man ein paar Tropfen Salpetersure
zusetzt. Die Sure wirkt hier wie die Berhrung des Sauerstoffs der Luft
bei 27--35 Grad; denn das weie Gerinsel wird in ein paar Minuten gelb,
wenn man es der Sonne aussetzt. Nach einigen Stunden geht das Gelb in
Braun ber, ohne Zweifel, weil der Kohlenstoff frei wird im Verhltni,
als der Wasserstoff, an den er gebunden war, verbrennt. Das durch die
Sure gebildete Gerinsel wird klebrig und nimmt den Wachsgeruch an, den
ich gleichfalls bemerkte, als ich Muskelfleisch und Pilze (Morcheln) mit
Salpetersure behandelte. Nach Hatchetts schnen Versuchen kann man
annehmen, da das Eiwei zum Theil in Gallerte bergeht. Wirft man das
frisch bereitete Gerinsel vom Melonenbaum in Wasser, so wird es weich,
lst sich theilweise auf und frbt das Wasser gelblich. Alsbald schlgt
sich eine zitternde Gallerte, hnlich dem Strkmehl, daraus nieder. Die
ist besonders auffallend, wenn das Wasser, das man dazu nimmt, auf 40--60
erwrmt ist. Je mehr man Wasser zugiet, desto fester wird die Gallerte.
Sie bleibt lange wei und wird nur gelb, wenn man etwas Salpetersure
darauf trpfelt. Nach dem Vorgang FOURCROYs und VAUQUELINs bei ihren
Versuchen mit dem Saft der Hevea, setzte ich der Milch des Melonenbaums
eine Auflsung von kohlensaurem Natron bei. Es bildet sich kein Klumpen,
auch wenn man reines Wasser dem Gemisch von Milch und alkalischer
Auflsung zugiet. Die Hute kommen erst zum Vorschein, wenn man durch
Zusatz einer Sure das Alkali neutralisirt und die Sure im Ueberschu
ist. Ebenso sah ich das durch Salpetersure, Citronensaft oder heies
Wasser gebildete Gerinsel verschwinden, wenn ich eine Lsung von
kohlensaurem Natron zugo. Der Saft wird wieder milchigt und flssig, wie
er ursprnglich war. Dieser Versuch gelingt aber nur mit frisch gebildetem
Gerinsel.

Vergleicht man die Milchsfte des Melonenbaums, des Kuhbaums und der
Hevea, so zeigt sich eine auffallende Aehnlichkeit zwischen den Sften,
die viel Ksestoff enthalten, und denen, in welchen das Cautschuc
vorherrscht. Alles weie, frisch bereitete Cautschuc, sowie die
wasserdichten Mntel, die man im spanischen Amerika fabricirt und die aus
einer Schicht des Milchsafts der Hevea zwischen zwei Leinwandstcken
bestehen, haben einen thierischen, ekligen Geruch, der darauf hinzuweisen
scheint, da das Cautschuc beim Gerinnen den Ksestoff an sich reit, der
vielleicht nur ein modificirter Eiweistoff ist.

Die Frucht des Brodfruchtbaums ist so wenig Brod, als die Bananen vor
ihrer Reise oder die strkemehlreichen Wurzelknollen der _Dioscorea_, des
_Convolvulus Batatas_ und der Kartoffel. Die Milch des Kuhbaums dagegen
enthlt den Ksestoff gerade wie die Milch der Sugethiere. Aus
allgemeinem Gesichtspunkte knnen wir mit Gay-Lussac das Cautschuc als den
ligten Theil, als die Butter der vegetabilischen Milch betrachten. Die
beiden Grundstoffe Eiwei und Fett sind in den Organen der verschiedenen
Thierarten und in den Pflanzen mit Milchsaft in verschiedenen
Verhltnissen enthalten. Bei letzteren sind sie meist mit andern, beim
Genu schdlichen Stoffen verbunden, die sich aber vielleicht auf
chemischem Wege trennen lieen. Eine Pflanzenmilch wird nahrhaft, wenn
keine scharfen, narkotischen Stoffe mehr darin sind und statt des
Cautschucs der Ksestoff darin berwiegt.

Ist der Palo de Vaca fr uns ein Bild der unermelichen Segensflle der
Natur im heien Erdstrich, so mahnt er uns auch an die zahlreichen
Quellen, aus denen unter diesem herrlichen Himmel die trge Sorglosigkeit
des Menschen fliet. Mungo Park hat uns mit dem *Butterbaum* in Bambarra
bekannt gemacht, der, wie Decandolle vermuthet, zu der Familie der
Sapoteen gehrt, wie unser Kuhbaum. Die Bananenbume, die Sagobume, die
Mauritien am Orinoco sind *Brodbume* so gut wie die Rima der Sdsee. Die
Frchte der Crescentia und Lecythis dienen zu Gefen; die Blumenscheiden
mancher Palmen und Baumrinden geben Kopfbedeckungen und Kleider ohne Nath.
Die Knoten oder vielmehr die innern Fcher im Stamm der Bambus geben
Leitern und erleichtern auf tausenderlei Art den Bau einer Htte, die
Herstellung von Sthlen, Bettstellen und anderem Gerthe, das die
werthvolle Habe des Wilden bildet. Bei einer ppigen Vegetation mit so
unendlich mannigfaltigen Produkten bedarf es dringender Beweggrnde, soll
der Mensch sich der Arbeit ergeben, sich aus seinem Halbschlummer
aufrtteln, seine Geistesfhigkeiten entwickeln.

In Barbula baut man Cacao und Baumwolle. Wir fanden daselbst, eine
Seltenheit in diesem Lande, zwei groe Maschinen mit Cylindern zum Trennen
der Baumwolle von den Samen; die eine wird von einem Wasserrad, die andere
durch einen Gpel und durch Maulthiere getrieben. Der Verwalter des Hofes,
der dieselben gebaut, war aus Merida. Er kannte den Weg von Nueva Valencia
ber Guanare und Misagual nach Barinas, und von dort durch die Schlucht
Callejones zum Paramo der Mucuchies und den mit ewigem Schnee bedeckten
Gebirgen von Merida. Seine Angaben, wie viel Zeit wir von Valencia ber
Barinas in die Sierra Nevada, und von da ber den Hafen von Torunos und
den Rio Santo Domingo nach San Fernando am Apure brauchen wrden, wurden
uns vom grten Nutzen. Man hat in Europa keinen Begriff davon, wie schwer
es hlt, genaue Erkundigung in einem Lande einzuziehen, wo der Verkehr so
gering ist, und man die Entfernungen gerne zu gering angibt oder
bertreibt, je nachdem man den Reisenden aufmuntern oder von seinem
Vorhaben abbringen mchte. Bei der Abreise von Caracas hatte ich dem
Intendanten der Provinz Gelder bergeben; die mir von den kniglichen
Schatzbeamten in Barinas ausbezahlt werden sollten. Ich hatte beschlossen,
das westliche Ende der Cordilleren von Neu-Grenada, wo sie in die Paramos
von Timotes und Niquitao auslaufen, zu besuchen. Ich hrte nun in Barbula,
bei diesem Abstecher wrden wir fnf und dreiig Tage spter an den
Orinoco gelangen. Diese Verzgerung erschien uns um so bedeutender, da man
vermuthete, die Regenzeit werde frher als gewhnlich eintreten. Wir
durften hoffen, in der Folge sehr viele mit ewigem Schnee bedeckte Gebirge
in Quito, Peru und Mexico besuchen zu knnen, und es schien mir desto
gerathener, den Ausflug in die Gebirge von Merida aufzugeben, da wir
besorgen muten, dabei unsern eigentlichen Reisezweck zu verfehlen, der
darin bestand, den Punkt, wo sich der Orinoco mit dem Rio Negro und dem
Amazonenstrom verbindet, durch astronomische Beobachtungen festzustellen.
Wir gingen daher von Barbula nach Guacara zurck, um uns von der
achtungswrdigen Familie des Marques del Toro zu verabschieden und noch
drei Tage am Ufer des Sees zu verweilen.

Es war Fastnacht und der Jubel allgemein. Die Lustbarkeiten, _de carnes
tollendas_ genannt, arteten zuweilen ein wenig ins Rohe aus. Die einen
fhren einen mit Wasser beladenen Esel herum, und wo ein Fenster offen
ist, begieen sie das Zimmer mit einer Spritze; andere haben Dten voll
Haare der Picapica oder _Dolichos pruriens_ in der Hand und blasen das
Haar, das auf der Haut ein heftiges Jucken verursacht, den Vorbergehenden
ins Gesicht.

Von Guacara gingen wir nach Nueva Valencia zurck. Wir trafen da einige
franzsische Ausgewanderte, die einzigen, die wir in fnf Jahren in den
spanischen Colonien gesehen. Trotz der Blutsverwandtschaft zwischen den
kniglichen Familien von Frankreich und Spanien durften sich nicht einmal
die franzsischen Priester in diesen Theil der neuen Welt flchten, wo der
Mensch so leicht Unterhalt und Obdach findet. Jenseits des Oceans boten
allein die Vereinigten Staaten dem Unglck eine Zufluchtssttte. Eine
Regierung, die stark, weil frei, und vertrauensvoll, weil gerecht ist,
brauchte sich nicht zu scheuen die Verbannten aufzunehmen.

Wir haben frher versucht ber den Zustand des Indigo-, des Baumwollen-
und Zuckerbaus in der Provinz Caracas einige bestimmte Angaben zu machen.
Ehe wir die Thler von Aragua und die benachbarten Ksten verlassen, haben
wir uns nur noch mit den Cacaopflanzungen zu beschftigen, die von jeher
fr die Hauptquelle des Wohlstandes dieser Gegenden galten. Die Provinz
Caracas (nicht die _Capitania general_, also mit Ausschlu der Pflanzungen
in Cumana, in der Provinz Barcelona, in Maracaybo, in Barinas und im
spanischen Guyana) erzeugte am Schlu des achtzehnten Jahrhunderts
jhrlich 150,000 Fanegas, von denen 30,000 in der Provinz und 100,000 in
Spanien verzehrt wurden. Nimmt man die Fanega, nach dem Marktpreis zu
Cadix, nur zu 25 Piastern an, so betrgt der Gesammtwerth der Cacaoausfuhr
aus den sechs Hfen der _Capitania general_ von Caracas 4,800,000 Piaster.

Der Cacaobaum wchst gegenwrtig in den Wldern von Terra Firma nrdlich
vom Orinoco nirgends wild; erst jenseits der Flle von Atures und Maypures
trafen wir ihn nach und nach an. Besonders hufig wchst er an den Ufern
des Ventuari und am obern Orinoco zwischen dem Padamo und dem Gehette. Da
der Cacaobaum in Sdamerika nordwrts vom sechsten Breitegrad so selten
wild vorkommt, ist fr die Pflanzengeographie sehr interessant und war
bisher wenig bekannt. Die Erscheinung ist um so auffallender, da man nach
dem jhrlichen Ertrag der Ernten auf den Cacaopflanzungen in Cumana, Nueva
Barcelona, Venezuela, Barinas und Maracaybo ber 16 Millionen Bume in
vollem Ertrag rechnet. Der wilde Cacaobaum hat sehr viele Aeste und sein
Laub ist dicht und dunkel. Er trgt eine sehr kleine Frucht, hnlich der
Spielart, welche die alten Mexicaner *Tlalcacahuatl* nannten. In die
Conucos der Indianer am Cassiquiare und Rio Negro versetzt, behlt der
wilde Baum mehrere Generationen die Kraft des vegetativen Lebens, die ihn
vom vierten Jahr an tragbar macht, whrend in der Provinz Caracas die
Ernten erst mit dem sechsten, siebenten oder achten Jahr beginnen. Sie
treten im Binnenlande spter ein als an den Ksten: und im Thal von Guapo.
Wir fanden am Orinoco keinen Volksstamm, der aus der Bohne des Cacaobaums
ein Getrnk bereitete. Die Wilden saugen das Mark der Hlse aus und werfen
die Samen weg, daher man dieselben oft in Menge auf ihren Lagerpltzen
findet. Wenn auch an der Kste der *Chorote*, ein ganz schwacher
Cacaoaufgu, fr ein uraltes Getrnke gilt, so gibt es doch keinen
geschichtlichen Beweis dafr, da die Eingeborenen von Venezuela vor der
Ankunft der Spanier den Chocolat oder irgend eine Zubereitung des Cacao
gekannt haben. Wahrscheinlicher scheint mir, da man in Caracas den
Cacaobaum nach dem Vorbild von Mexico und Guatimala angebaut hat, und da
die in Terra Firma angesiedelten Spanier die Behandlung des Baums, der
jung im Schatten der Erythrina und des Bananenbaums aufwchst, die
Bereitung der *Chocolate*-tafeln und den Gebrauch des Getrnks dieses
Namens durch den Verkehr mit Mexico, Guatimala und Nicaragua gelernt
haben, drei Lnder, deren Einwohner von toltekischem und aztekischem
Stamme sind.

Bis zum sechzehnten Jahrhundert weichen die Reisenden in ihren Urtheilen
ber den Chocolat sehr von einander ab. BENZONI sagt in seiner derben
Sprache, es sey ein Getrnk vielmehr da porci, che da huomini. Der
Jesuit ACOSTA versichert, die Spanier in Amerika lieben den Chocolat mit
nrrischer Leidenschaft, man msse aber an das schwarze Gebrue gewhnt
seyn, wenn einem nicht schon beim Anblick des Schaums, der wie die Hefe
ber einer ghrenden Flssigkeit stehe, bel werden solle. Er bemerkt
weiter: Der Cacao ist ein Aberglauben der Mexicaner, wie der Coca ein
Aberglauben der Peruaner. Diese Urtheile erinnern an die Prophezeiung der
Frau von SEVIGNE hinsichtlich des Gebrauchs des Kaffees. HERNAN CORTEZ und
sein Page, der _gentilhombre del gran Conquistador_, dessen
Denkwrdigkeiten RAMUSIO bekannt gemacht hat, rhmen dagegen den Chocolat
nicht nur als ein angenehmes Getrnk, selbst wenn er kalt bereitet
wird,(63) sondern besonders als nahrhaft. Wer eine Tasse davon getrunken
hat, sagt der Page des Hernan Cortez, kann ohne weitere Nahrung eine
ganze Tagereise machen, besonders in sehr heien Lndern; denn der
Chocolat ist seinem Wesen nach *kalt* und *erfrischend*. Letztere
Behauptung mchten wir nicht unterschreiben; wir werden aber bei unserer
Fahrt auf dem Orinoco und bei unsern Reisen hoch an den Cordilleren hinauf
bald Gelegenheit finden, die vortrefflichen Eigenschaften des Chocolats zu
rhmen. Er ist gleich leicht mit sich zu fhren und als Nahrungsmittel zu
verwenden und enthlt in kleinem Raum viel nhrenden und reizenden Stoff.
Man sagt mit Recht, in Afrika helfen Reis, Gummi und Sheabutter dem
Menschen durch die Wsten. In der neuen Welt haben Chocolat und Maismehl
ihm die Hochebenen der Anden und ungeheure unbewohnte Wlder zugnglich
gemacht.

Die Cacaoernte ist ungemein vernderlich. Der Baum treibt mit solcher
Kraft, da sogar aus den holzigten Wurzeln, wo die Erde sie nicht bedeckt,
Blthen sprieen. Er leidet von den Nordostwinden, wenn sie auch die
Temperatur nur um wenige Grade herabdrcken. Auch die Regen, welche nach
der Regenzeit in den Wintermonaten vom December bis Mrz unregelmig
eintreten, schaden dem Cacaobaum bedeutend. Es kommt nicht selten vor, da
der Eigenthmer einer Pflanzung von 50,000 Stmmen in einer Stunde fr
vier bis fnftausend Piaster Cacao einbt. Groe Feuchtigkeit ist dem
Baum nur frderlich, wenn sie allmhlig zunimmt und lange ohne
Unterbrechung anhlt. Wenn in der trockenen Jahreszeit die Bltter und die
unreife Frucht in einen starken Regengu kommen, so lst sich die Frucht
vom Stiel. Die Gefe, welche das Wasser einsaugen, scheinen durch
Ueberschwellung zu bersten. Ist nun die Cacaoernte uerst unsicher, weil
der Baum gegen schlimme Witterung so empfindlich ist und so viele Wrmer,
Insekten, Vgel, Sugethiere [Papageien, Affen, Agoutis, Eichhrner,
Hirsche.] die Schote fressen, hat dieser Culturzweig den Nachtheil, da
dabei der neue Pflanzer der Frchte seiner Arbeit erst nach acht bis zehn
Jahren geniet und da das Produkt schwer aufzubewahren ist, so ist
dagegen nicht zu bersehen, da die Cacaopflanzungen weniger Sklaven
erfordern als die meisten andern Culturen. Dieser Umstand ist von groer
Bedeutung in einem Zeitpunkt, wo smmtliche Vlker Europas den
groherzigen Entschlu gefat haben, dem Negerhandel ein Ende zu machen.
Ein Sklave versieht tausend Stmme, die im jhrlichen Durchschnitt 12
Fanegas Cacao tragen knnen. Auf Cuba gibt allerdings eine *groe*
Zuckerpflanzung mit 300 Schwarzen im Jahr durchschnittlich 40,000 Arrobas
Zucker, welche, die Kiste(64) zu 40 Piastern, 100,000 Piaster werth sind,
und in den Provinzen von Venezuela producirt man fr 100,000 Piaster oder
4000 Fanegas Cacao, die Fanega zu 25 Piastern, auch nur mit 300--350
Sklaven. Die 200,000 Kisten Zucker mit 3,200,000 Arrobas, welche Cuba von
1812--1814 jhrlich ausgefhrt hat, haben einen Werth von 8 Millionen
Piastern und knnten mit 24,000 Sklaven hergestellt werden, *wenn die
Insel lauter groe Pflanzungen htte*; aber dieser Annahme widerspricht
der Zustand der Colonie und die Natur der Dinge. Die Insel Cuba verwendete
im Jahr 1811 nur zur Feldarbeit 143,000 Sklaven, whrend die _Capitania
general_ von Caracas, die jhrlich 200,000 Fanegas Cacao oder fr 5
Millionen Piaster producirt, wenn auch nicht ausfhrt, in Stadt und Land
nicht mehr als 60,000 Sklaven hat. Es braucht kaum bemerkt zu werden, da
diese Verhltnisse sich mit den Zucker- und Cacaopreisen ndern.

Die schnsten Cacaopflanzungen in der Provinz Caracas sind an der Kste
zwischen Caravalleda und der Mndung des Rio Tocuyo, in den Thlern von
Caucagua, Capaya, Curiepe und Guapo; ferner in den Thlern von Cupira,
zwischen Cap Codera und Cap Unare, bei Aroa, Barquesimeto, Guigue und
Uritucu. Der Cacao, der an den Ufern des Urituru am Rande der Llanos, im
Gerichtsbezirk San Sebastiano de los Reyos wchst, gilt fr den besten;
dann kommen die von Guigue, Caucagua, Capaya und Cupira. Auf dem
Handelsplatz Cadix hat der Cacao von Caracas den ersten Rang gleich nach
dem von Socomusco. Er steht meist um 30--40 Procent hher im Preis als der
Cacao von Guayaquil.

Erst seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts munterten die Hollnder,
im ruhigen Besitz der Insel Curaao, durch den Schleichhandel den Landbau
an den benachbarten Ksten auf, und erst seitdem wurde der Cacao fr die
Provinz Caracas ein Ausfuhrartikel. Was in dieser Gegend vorging, ehe im
Jahr 1728 die Gesellschaft der Biscayer aus Guipuzcoa sich daselbst
niederlie, wissen wir nicht. Wir besitzen lediglich keine genauen
statistischen Angaben und wissen nur, da zu Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts aus Caracas kaum 30,000 Fanegas jhrlich ausgefhrt wurden.
Im Jahr 1797 war die Ausfuhr, nach den Zollregistern von Guayra, den
Schleichhandel nicht gerechnet, 70,832 Fanegas. Wegen des Schmuggels nach
Trinidad und den andern Antillen darf man kecklich ein Viertheil oder
Fnftheil weiter rechnen. Ich glaube annehmen zu knnen, da von
1800--1806, also im letzten Zeitpunkt, wo in den spanischen Colonien noch
innere Ruhe herrschte, der jhrliche Ertrag der Cacaopflanzungen in der
ganzen _Capitania general_ von Caracas sich wenigstens auf 193,000 Fanegas
belief.

Die Ernten, deren jhrlich zwei stattfinden, im Juni und im December,
fallen sehr verschieden aus, doch nicht in dem Maae wie die Oliven- und
Weinernten in Europa. Von jenen 193,000 Fanegas flieen 145,000 theils
ber die Hfen der Halbinsel, theils durch den Schleichhandel nach Europa
ab. Ich glaube beweisen zu knnen (und diese Schtzungen beruhen auf
zahlreichen einzelnen Angaben), da Europa beim gegenwrtigen Stande
seiner Civilisation verzehrt:

+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
| 23 Mill. Pfd. | Cacao zu 120 Fr. den Ctr.   |   27,600,000 | Frs.  |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
| 32 Mill. Pfd. | Thee zu 4 Fr. das Pfund     |  128,000,000 |   "   |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
|140 Mill. Pfd. | Kaffee zu 114 Fr. den Ctr.  |  159,600,000 |   "   |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
|450 Mill. Pfd. | Zucker zu 54 Fr. den Ctr.   |  243,000,000 |   "   |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
|               |                             | ------------ |       |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
|               |                             |  558,200,000 | Frs.  |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+

Von diesen vier Erzeugnissen, die seit zwei bis drei Jahrhunderten die
vornehmsten Artikel im Handel und der Produktion der Colonien geworden
sind, gehrt der erste ausschlielich Amerika, der zweite ausschlielich
Asien an. Ich sage ausschlielich, denn die Cacaoausfuhr der Philippinen
ist bis jetzt so unbedeutend, wie die Versuche, die man in Brasilien, auf
Trinidad und Jamaica mit dem Theebau gemacht hat. Die vereinigten
Provinzen von Caracas liefern zwei Drittheile des Cacaos, der im
westlichen und sdlichen Europa verzehrt wird. Die ist um so
bemerkenswerther, als es der gemeinen Annahme widerspricht; aber die
Cacaosorten von Caracas, Maracaybo und Cumana sind nicht alle von
derselben Qualitt. Der Graf CASA-VALENCIA schtzt den Verbrauch Spaniens
nur auf 6--7 Millionen Pfund, der ABB HERVAS auf 9 Millionen. Wer lange
in Spanien, Italien und Frankreich gelebt hat, mu die Bemerkung gemacht
haben, da nur im ersteren Lande Chocolat auch von den untersten
Volksklassen stark getrunken wird, und wird es schwerlich glaublich
finden, da Spanien nur ein Drittheil des in Europa eingefhrten Cacao
verzehren soll.

Die letzten Kriege haben fr den Cacaohandel in Caracas weit
verderblichere Folgen gehabt als in Guayaquil. Wegen des Preisaufschlags
ist in Europa weniger Cacao von der theuersten Sorte verzehrt worden.
Frher machte man in Spanien die gewhnliche Chocolate aus einem Viertheil
Cacao von Caracas und drei Viertheilen Cacao von Guayaquil; jetzt nahm man
letzteren allein. Dabei ist zu bemerken, da viel geringer Cacao, wie der
vom Maraon, vom Rio Negro, von Honduras und von der Insel Santa Lucia, im
Handel Cacao von Guayaquil heit. Aus letzterem Hafen werden nicht ber
60,000 Fanegas ausgefhrt, zwei Drittheile weniger als aus den Hfen der
_Capitania general_ von Caracas.

Wenn auch die Cacaopflanzungen in den Provinzen Cumana, Barcelona und
Maracaybo sich in dem Maae vermehrt haben, in dem sie in der Provinz
Caracas eingegangen sind, so glaubt man doch, da dieser alte Culturzweig
im Ganzen allmhlig abnimmt. In vielen Gegenden verdrngen der Kaffeebaum
und die Baumwollenstaude den Cacaobaum, der fr die Ungeduld des
Landbauers viel zu spt trgt. Man behauptet auch, die neuen Pflanzungen
geben weniger Ertrag als die alten. Die Bume werden nicht mehr so krftig
und tragen spter und nicht so reichlich Frchte. Auch soll der Boden
erschpft seyn; aber nach unserer Ansicht ist vielmehr durch die
Entwicklung des Landbaus und das Urbarmachen des Landes die
Luftbeschaffenheit eine andere geworden. Ueber einem unberhrten, mit Wald
bewachsenen Boden schwngert sich die Luft mit Feuchtigkeit und den
Gasgemengen, die den Pflanzenwuchs befrdern und sich bei der Zersetzung
organischer Stoffe bilden. Ist ein Land lange Zeit angebaut gewesen, so
wird das Verhltni zwischen Sauerstoff und Stickstoff durchaus keins
anderes; die Grundbestandtheile der Luft bleiben dieselben; aber jene
binren und tertiren Verbindungen von Kohlenstoff, Stickstoff und
Wasserstoff, die sich aus einem unberhrten Boden entwickeln und fr eine
Hauptquelle der Fruchtbarkeit gelten, sind ihr nicht mehr beigemischt. Die
reinere, weniger mit Miasmen und fremdartigen Effluvien beladene Luft wird
zugleich trockener und die Spannung des Wasserdampfs nimmt merkbar ab. Auf
lngst urbar gemachtem und somit zum Cacaobau wenig geeignetem Boden,
z. B. auf den Antillen, ist die Frucht beinahe so klein wie beim wilden
Cacaobaum. An den Ufern des obern Orinoco, wenn man ber die Llanos
hinber ist, betritt man, wie schon bemerkt, die wahre Heimath des
Cacaobaums, und hier findet man dichte Wlder, wo auf unberhrtem Boden,
in bestndig feuchter Luft die Stmme mit dem vierten Jahr reiche Ernten
geben. Auf nicht erschpftem Boden ist die Frucht durch die Cultur berall
grer und weniger bitter geworden, sie reift aber auch spter.

Sieht man nun den Ertrag an Cacao in Terra Firma allmhlig abnehmen, so
fragt man sich, ob in Spanien, in Italien und im brigen Europa auch der
Verbrauch im selben Verhltni abnehmen, oder ob nicht vielmehr in Folge
des Eingehens der Cacaopflanzungen die Preise so hoch steigen werden, da
der Landbauer zu neuen Anstrengungen aufgemuntert wird? Letzteres ist die
herrschende Ansicht bei allen, die in Caracas die Abnahme eines so alten
und so eintrglichen Handelszweiges bedauern. Wenn einmal die Cultur
weiter gegen die feuchten Wlder im Binnenlande vorrckt, an die Ufer des
Orinoco und des Amazonenstromes, oder in die Thler am Ostabhang der
Anden, so finden die neuen Ansiedler einen Boden und eine Luft, wie sie
beide dem Cacaobau angemessen sind.

Bekanntlich scheuen die Spanier im Allgemeinen den Zusatz von Vanille zum
Cacao, weil dieselbe die Nerven reize. Daher wird auch die Frucht dieser
schnen Orchisart in der Provinz Caracas fast gar nicht beachtet. Man
knnte sie auf der feuchten, fieberreichen Kste zwischen Porto Cabello
und Ocumare in Menge sammeln, besonders aber in Turiamo, wo die Frchte
des _Epidendrum Vanilla_ elf bis zwlf Zoll lang werden. Die Englnder und
Angloamerikaner suchen hufig im Hafen von Guayra Vanille zu kaufen, und
die Handelsleute knnen sie nur mit Mhe in kleinen Quantitten
auftreiben. In den Thlern, die sich von der Kstenbergkette zum Meer der
Antillen herabziehen, in der Provinz Truxillo, wie in den Missionen in
Guyana bei den Fllen des Orinoco knnte man sehr viel Vanille sammeln,
und der Ertrag wre noch reichlicher, wenn man, wie die Mexicaner thun,
die Pflanze von Zeit zu Zeit von den Lianen suberte, die sie umschlingen
und ersticken.

Bei der Schilderung des gegenwrtigen Zustandes der Cacaopflanzungen in
den Provinzen von Venezuela, bei den Bemerkungen ber den Zusammenhang
zwischen dem Ertrag der Pflanzungen und der Feuchtigkeit und Gesundheit
der Luft, haben wir der warmen, fruchtbaren Thler der Kstencordillere
erwhnt. In seiner westlichen Erstreckung, dem See Maracaybo zu, zeigt
dieser Landstrich eine sehr interessante mannigfaltige Terrainbildung. Ich
stelle am Ende dieses Kapitels zusammen, was ich ber die Beschaffenheit
des Bodens und den Metallreichthum in den Bezirken Aroas, Barquesimeto und
Carora habe in Erfahrung bringen knnen.

Von der Sierra Nevada von Merida und den *Paramos* von Niquitao, Bocono
und las Rosas an,(65) wo der kostbare Chinabaum wchst, senkt sich die
stliche Cordillere von Neu-Grenada so rasch, da sie zwischen dem 9. und
10. Breitegrad nur noch eine Kette kleiner Berge bildet, an die sich im
Nordost der Altar und der Torito anschlieen und die die Nebenflsse des
Rio Apure und des Orinoco von den zahlreichen Gewssern scheiden, die
entweder in das Meer der Antillen oder in den See Maracaybo fallen. Auf
dieser Wasserscheide stehen die Stdte Nirgua, San Felipe el Fuerte,
Barquesimeto und Tocuyo. In den drei ersteren ist es sehr hei, in Tocuyo
dagegen bedeutend khl, und man hrt mit Ueberraschung, da unter einem so
herrlichen Himmel die Menschen groe Neigung zum Selbstmord haben. Gegen
Sden erhebt sich der Boden, denn Truxillo, der See Urao, aus dem man
kohlensaures Natron gewinnt, und la Grita, ostwrts von der Cordillere,
liegen schon in 400--500 Toisen Hhe.

Beobachtet man, in welchem constanten Verhltnisse die Urgebirgsschichten
der Kstencordillere fallen, so sieht man sich auf eine der Ursachen
hingewiesen, welche den Landstrich zwischen der Cordillere und dem Meer so
ungemein feucht machen. Die Schichten fallen meist nach Nordwest, so da
die Gewsser nach dieser Richtung ber die Gesteinsbnke laufen und, wie
schon oben bemerkt, die Menge Bche und Flsse bilden, deren
Ueberschwemmungen vom Cap Codera bis zum See Maracaybo das Land so
ungesund machen.

Neben den Gewssern, die in der Richtung nach Nordost an die Kste von
Porto Cabello und zur Punta de Hicacos herabkommen, sind die bedeutendsten
der Tocuyo, der Aroa und der Yaracuy. Ohne die Miasmen, welche die Luft
verpesten, waren die Thler des Aroa und des Yaracuy vielleicht strker
bevlkert als die Thler von Aragua. Durch die schiffbaren Flsse hatten
jene sogar den Vortheil, da sie ihre eigenen Zucker- und Cacaoernten, wie
die Produkte der benachbarten Bezirke, den Weizen von Quibor, das Vieh von
Monai und das Kupfer von Aroa, leichter ausfhren knnten. Die Gruben, wo
man dieses Kupfer gewinnt, liegen in einem Seitenthal, das in das Aroathal
mndet und nicht so hei und ungesund ist als die Thalschluchten naher am
Meer. In diesen letzteren haben die Indianer Goldwschereien, und im
Gebirge kommen dort reiche Kupfererze vor, die man noch nicht auszubeuten
versucht hat. Die alten, lngst in Abgang gekommenen Gruben von Aroa
wurden auf den Betrieb Don Antonios Henriquez, den wir in San Fernando am
Apure trafen, wieder aufgenommen. Nach den Notizen, die er mir gegeben,
scheint die Lagersttte des Erzes eine Art Stockwerk zu seyn, das aus
mehreren kleinen Gngen besteht, die sich nach allen Richtungen kreuzen.
Das Stockwerk ist stellenweise zwei bis drei Toisen dick. Der Gruben sind
drei, und in allen wird von Sklaven gearbeitet. Die grte, die Biscayna,
hat nur dreiig Bergleute, und die Gesammtzahl der mit der Frderung und
dem Schmelzen des Erzes beschftigten Sklaven betrgt nur 60--70. Da der
Schacht nur dreiig Toisen tief ist, so knnen, der Wasser wegen, die
reichsten Strecken des Stockwerks, die darunter liegen, nicht abgebaut
werden. Man hat bis jetzt nicht daran gedacht, Schpfrder aufzustellen.
Die Gesammtausbeute an gediegenem Kupfer betrgt jhrlich 1200--1500
Centner. Das Kupfer, in Cadix als Caracaskupfer bekannt, ist ausgezeichnet
gut; man zieht es sogar dem schwedischen und dem Kupfer von Coquimbo in
Chili vor. Das Kupfer von Aroa wird zum Theil an Ort und Stelle zum
Glockengu verwendet. In neuester Zeit ist zwischen Aroa und Nirgua bei
Guanita im Berge San Pablo einiges Silbererz entdeckt worden. Goldkrner
kommen berall im Gebirgslande zwischen dem Rio Yaracuy, der Stadt San
Felipe, Nirgua und Barquesimeto vor, besonders aber im Flusse Santa Cruz,
in dem die indianischen Goldwscher zuweilen Geschiebe von vier bis fnf
Piastern Werth finden. Kommen im anstehenden Glimmerschiefer- und
Gneigestein wirkliche Gnge vor, oder ist das Gold auch hier, wie im
Granit von Guadarama in Spanien und im Fichtelgebirg in Franken, durch die
ganze Gebirgsart zerstreut? Das durchsickernde Wasser mag die zerstreuten
Goldblttchen zusammenschwemmen, und in diesem Fall wren alle
Bergbauversuche fruchtlos. In der _Savana de la Miel_ bei der Stadt
Barquesimeto hat man im schwarzen, glnzenden, dem Bergpech (_Amplite_)
hnlichen Schiefer einen Schacht niedergetrieben. Die Mineralien, die man
daraus zu Tage gefrdert, und die man mir nach Caracas geschickt, waren
Quarz, *nicht goldhaltige* Schwefelkiese und in Nadeln mit Seidenglanz
crystallisirtes kohlensaures Blei.

In der ersten Zeit nach der Eroberung begann man trotz der Einflle des
kriegerischen Stammes der Giraharas die Gruben von Nirgua und Buria
auszubeuten. Im selben Bezirk veranlate im Jahr 1553 die Menge der
Negersklaven einen Vorfall, der, so wenig er an sich zu bedeuten hatte,
dadurch interessant wird, da er mit den Ereignissen, die sich unter
unsern Augen auf St. Domingo begeben haben, Aehnlichkeit hat. Ein
Negersklave stiftete unter den Grubenarbeitern von San Felipe de Buria
einen Aufstand an, zog sich in die Wlder und grndete mit zweihundert
Genossen einen Flecken, in dem er zum Knig ausgerufen wurde. Miguel, der
neue Knig, liebte Prunk und Feierlichkeit; sein Weib *Guiomar* lie er
Knigin nennen; er ernannte, wie OVIEDO erzhlt, Minister, Staatsrthe,
Beamte der _Casa real_, sogar einen schwarzen Bischof. Nicht lange, so war
er keck genug, die benachbarte Stadt Nueva Segovia de Barquesimeto
anzugreifen; er wurde aber von Diego de Losada zurckgeschlagen und kam im
Handgemenge um. Diesem afrikanischen Knigreich folgte in Nirgua ein
Freistaat der *Zambos*, das heit der Abkmmlinge von Negern und
Indianern. Der ganze Gemeinderath, der *Cabildo*, besteht aus Farbigen,
die der KNIG VON SPANIEN als seine lieben und getreuen Unterthanen, die
Zambos von Nirgua, anredete. Nur wenige weie Familien mgen in einem
Lande leben, wo ein mit ihren Ansprchen so wenig vertrgliches Regiment
herrscht, und die kleine Stadt heit spottweise _la republica de Zambos y
Mulatos_. Es ist eben so unklug, die Regierung einer einzelnen Kaste zu
berlassen, als sie ihrer natrlichen Rechte zu berauben und ihr dadurch
eine Einzelnstellung zu geben.

Wenn in den wegen ihres vortrefflichen Bauholzes berhmten Thlern des
Aroa, Yaracuy und Tocuyo der ppige Pflanzenwuchs und die groe
Feuchtigkeit der Luft so viele Fieber erzeugen, so verhlt es sich mit den
Savanen oder Llanos von Mona und Caroro ganz anders. Diese Llanos sind
durch das Gebirgsland von Tocuyo und Nirgua von den groen *Ebenen an der
Portugueza und bei Calabozo* getrennt. Drre Savanen, auf denen Miasmen
herrschen, sind eine sehr auffallende Erscheinung. Sumpfboden kommt
daselbst keiner vor, wohl aber mehrere Erscheinungen, die auf die
Entbindung von Wasserstoffgas hindeuten.(66) Wenn man Reisende, welche mit
den brennbaren Schwaden unbekannt sind, in die Hhle _del Serrito de
Mona_ fhrt, so erschreckt man sie durch Anznden des Gasgemenges, das
sich im obern Theil der Hhle fortwhrend ansammelt. Soll man annehmen,
da die ungesunde Luft hier dieselbe Quelle hat, wie auf der Ebene
zwischen Tivoli und Rom, Entwicklung von Schwefelwasserstoff?(67)
Vielleicht uert auch das Gebirgsland neben den Llanos von Mona einen
ungnstigen Einflu auf die anstoenden Ebenen. Sdostwinde mgen die
faulen Effluvien herfhren, die sich aus der Schlucht Villegas und Sienega
de Cabra zwischen Carora und Carache entwickeln. Ich stelle absichtlich
Alles zusammen, was auf die Ungesundheit der Luft Bezug haben mag; denn
auf einem so dunkeln Gebiete kann man nur durch Vergleichung zahlreicher
Beobachtungen hoffen das wahre Sachverhltni zu ermitteln.

Die drren und doch so fieberreichen Savanen zwischen Barquesimeto und dem
stlichen Ufer des Sees Maracaybo sind zum Theil mit Fackeldisteln
bewachsen; aber die gute Bergcochenille, die unter dem unbestimmten Namen
_Grana de Carora_ bekannt ist, kommt aus einem gemigteren Landstrich
zwischen Carora und Truxillo, besonders aber aus dem Thal des Rio Mucuju,
stlich von Merida. Die Einwohner geben sich mit diesem im Handel so stark
gesuchten Produkt gar nicht ab.

                            ------------------





_   51 Carnes tollendas;_ _Bombax hibiscifolius_

   52 Da einigermaen richtige Begriffe ber die astronomische Lage und
      die Entfernungen der Orte in den spanischen Colonien zuerst und
      lange Zeit allein durch Seeleute sich verbreiteten, so wurde in
      Mexico und in Sdamerika ursprnglich die _legua nautica_ von 6650
      Varas oder 2854 Toisen (20 Meilen auf den Grad) eingefhrt; aber
      diese Seemeile wurde allmlig um die Hlfte oder um ein Drittheil
      verkrzt, weil man in den Hochgebirgen, wie auf den drren, heien
      Ebenen sehr langsam reist. Das Volk rechnet unmittelbar nur nach der
      Zeit und schliet aus der Zeit, nach willkrlichen Voraussetzungen,
      auf die Lnge der zurckgelegten Strecke.

   53 DEPONS, in seiner _Reise nach Terra Firma_: Bei der unbedeutenden
      Oberflche des Sees (er mit brigens 106,500,000 Quadrattoisen)
      lt sich unmglich annehmen, da die Verdunstung allein, so stark
      sie auch unter den Tropen seyn mag, so viel Wasser wegschaffen kann,
      als die Flsse hereinbringen. In der Folge scheint aber der
      Verfasser selbst wieder diese geheime Ursache, die Hypothese von
      einem Abzugsloch aufzugeben.

   54 KARL RITTER, _Erdkunde_ Bd. I.

   55 S. Bd. I. Seite 316.

   56 Auf dem alten Continent kommen in Portugal und am Cantal in den
      Pyrenen eben so reine Wasser aus dem Granit. Die Pisciarelli des
      Agnanosees in Italien sind 93 hei. Sind etwa diese reinen Wasser
      verdichtete Dmpfe?

   57 Eigenthmer einer _Pulperia_ einer kleinen Bude, in der man Ewaaren
      und Getrnke feil hat.

   58 Smmtliche _Carolinea princeps_ in Schnbrunn stammen aus Samen, die
      Bose und Bredemeyer von Einem ungeheuer dicken Baum bei Chacao,
      stlich von Caracas, genommen.

   59 Ein Tablon, gleich 1849 Quadrat-Toisen, entspricht etwa 1-1/5
      Morgen.

_   60 Essai politique sur la nouvelle Espagne_ T. I. p. 23, T. II. p.
      689.

   61 Nach diesen drei groen Familien kommen die _Papaveraceae_,
      _Chicoraceae_, _Lobeliaceae_, _Campanulaceae_, _Sapoteae_ und
      _Cucurbitaceae_. Die Blausure ist der Gruppe der _Rosaceae
      amygdalaceae_ eigenthmlich. Bei den Monocotyledonen kommt kein
      Milchsaft vor, aber die Fruchthlle der Palmen, die so se und
      angenehme Emulsionen gibt, enthlt ohne Zweifel Ksestoff. Was ist
      die Milch der Pilze?

   62 Diese Klebrigkeit bemerkt man auch an der frischen Milch des
      Kuhbaums. Sie rhrt ohne Zweifel daher, da das Cautschuc sich noch
      nicht abgesetzt hat und Eine Masse mit dem Eiwei und dem Ksestoff
      bildet, wie in der thierischen Milch die Butter und der Ksestoff.
      Der Saft eines Gewchses aus der Familie der Euphorbien, des _Sapium
      aucuparia_ der auch Cautschuc enthlt, ist so klebrig, da man
      Papagaien damit fngt.

   63 Der Pater GILI hat aus zwei Stellen bei TORQUEMADA (_Monarquia
      Indiana_) bndig dargethan, da die Mexicaner den Aufgu *kalt*
      machten, und da erst die Spanier den Brauch einfhrten, die
      Cacaomasse im Wasser zu sieden.

   64 Eine Kiste (_caxa_) wiegt 15--16 Arrobas, die Arroba zu 23
      spanischen Pfunden.

   65 Wir wissen aus dem Munde vieler reisenden Mnche, da der kleine
      *Paramo de las Rosas*, der in mehr als 1600 Toisen Meereshhe zu
      liegen scheint, mit Rosmarin und rothen und weien europischen
      Rosen, die hier verwildert sind, bewachsen ist. Man pflckt die
      Rosen, um bei Kirchenfesten die Altre in den benachbarten Drfern
      damit zu schmcken. Durch welchen Zufall ist unsere
      hundertbltterige Rose hier verwildert, da wir sie doch in den Anden
      von Quito und Peru nirgends angetroffen haben? Ist es auch wirklich
      unsere Gartenrose? (S. Bd. II. Seite 174).

   66 Was ist die unter dem Namen _Farol_ (Laterne) _de Maracaybo_
      bekannte Lichterscheinung, die man jede Nacht auf der See wie im
      innern Lande sieht, z. B. in Merida, wo PALACIOS dieselbe zwei Jahre
      lang beobachtet hat? Der Umstand, da man das Licht ber 40 Meilen
      weit sieht, hat zu der Vermuthung gefhrt, es knnte daher rhren,
      da in einer Bergschlucht sich jeden Tag ein Gewitter entlade. Man
      soll auch donnern hren, wenn man dem *Farol* nahe kommt. Andere
      sprechen in unbestimmtem Ausdruck von einem Luftvulkan; aus
      asphalthaltigem Erdreich, hnlich dem bei Mena, sollen brennbare
      Dnste aufsteigen und daher bestndig sichtbar seyn. Der Ort, wo
      sich die Erscheinung zeigt, ist ein unbewohntes Gebirgsland am Rio
      Catatumbo, nicht weit von seiner Vereinigung mit dem Rio Sulia. Der
      Farol liegt fast ganz im Meridian der Einfahrt (_boca_) in den See
      von Maracaybo, so da die Steuerleute sich nach ihm richten, wie
      nach einem Leuchtfeuer.

   67 DON CARLOS DE POZO fand in diesem Bezirk, _Quebrada de Moroturo_
      eine Schichte schwarzer Thonerde, welche stark abfrbt, stark nach
      Schwefel riecht und sich von selbst entzndet, wenn man sie, leicht
      befeuchtet, lange den Strahlen der tropischen Sonne aussetzt; diese
      schlammigte Materie verpufft sehr heftig.





SIEBZEHNTES KAPITEL.


        Gebirge zwischen den Thlern von Aragua und den Llanos von
    Caracas. -- Villa de Cura. -- Parapara. -- Llanos oder Steppen. --
                                Calabozo.


Die Bergkette, welche den See von Tacarigua oder Valencia im Sden
begrenzt, bildet gleichsam das nrdliche Ufer des groen Beckens der
Llanos oder Savanen von Caracas. Aus den Thlern von Aragua kommt man in
die Savanen ber die Berge von Guigue und Tucutunemo. Aus einer
bevlkerten, durch Anbau geschmckten Landschaft gelangt man in eine weite
Einde. An Felsen und schattige Thler gewhnt, sieht der Reisende mit
Befremden diese baumlosen Savanen vor sich, diese unermelichen Ebenen,
die gegen den Horizont aufzusteigen scheinen.

Ehe ich die Llanos oder die Region der Weiden schildere, beschreibe ich
krzlich unsern Weg von Nueva Valencia durch Villa de Cura und San Juan
zum kleinen, am Eingang der Steppen gelegenen Dorfe Ortiz. Am 6. Mrz, vor
Sonnenaufgang, verlieen wir die Thler von Aragua. Wir zogen durch eine
gut angebaute Ebene, lngs dem sdwestlichen Gestade des Sees von
Valencia, ber einen Boden, von dem sich die Gewsser des Sees
zurckgezogen. Die Fruchtbarkeit des mit Calebassen, Wassermelonen und
Bananen bedeckten Landes setzte uns in Erstaunen. Den Aufgang der Sonne
verkndete der ferne Lrm der Brllaffen. Vor einer Baumgruppe, mitten in
der Ebene zwischen den ehemaligen Eilanden Don Pedro und Negra, gewahrten
wir zahlreiche Banden der schon oben beschriebenen _Simia ursina_
(_Araguate_), die wie in Procession uerst langsam von Baum zu Baum
zogen. Hinter einem mnnlichen Thier kamen viele weibliche, deren mehrere
ihre Jungen auf den Schultern trugen. Die Brllaffen, welche in
verschiedenen Strichen Amerikas in groen Gesellschaften leben, sind
vielfach beschrieben. In der Lebensweise kommen sie alle berein, es sind
aber nicht berall dieselben Arten. Wahrhaft erstaunlich ist die
Einfrmigkeit in den Bewegungen dieser Affen. So oft die Zweige
benachbarter Bume nicht zusammenreichen, hngt sich das Mnnchen an der
Spitze des Trupps mit dem zum Fassen bestimmten schwieligen Theil seines
Schwanzes auf, lt den Krper frei schweben und schwingt denselben hin
und her, bis es den nchsten Ast packen kann. Der ganze Zug macht sofort
an derselben Stelle dieselbe Bewegung. ULLOA und viele gut unterrichtete
Reisende behaupten, die Marimondas [_Simia Belzebuth_], Araguaten und
andere Affen mit Wickelschwnzen bilden eine Art Kette, wenn sie von einem
Fluufer zum andern gelangen wollen; ich brauche kaum zu bemerken, da
eine solche Behauptung sehr weit geht. Wir haben in fnf Jahren
Gelegenheit gehabt, Tausende dieser Thiere zu beobachten, und eben dehalb
glaubten wir nicht an Geschichten, die vielleicht nur von Europern
erfunden sind, wenn auch die Indianer in den Missionen sie nachsagen, als
ob es Ueberlieferungen ihrer Vter wren. Auch der roheste Mensch findet
einen Genu darin, durch Berichte von den Wundern seines Landes den
Fremden in Erstaunen zu setzen. Er will selbst gesehen haben, was nach
seiner Vorstellung Andere gesehen haben knnten. Jeder Wilde ist ein
Jger, und die Geschichten der Jger werden desto phantastischer, je hher
die Thiere, von deren Listen sie zu erzhlen wissen, in geistiger
Beziehung wirklich stehen. Die ist die Quelle der Mhrchen, welche in
beiden Hemisphren vom Fuchs und vom Affen, vom Raben und vom Condor der
Anden im Schwange gehen.

Die Araguaten sollen, wenn sie von indianischen Jgern verfolgt werden,
zuweilen ihre Jungen im Stiche lassen, um sich auf der Flucht zu
erleichtern. Man will gesehen haben, wie Affenmtter das Junge von der
Schulter rissen und es vom Baum warfen. Ich glaube aber, man hat hier eine
rein zufllige Bewegung fr eine absichtliche genommen. Die Indianer sehen
gewisse Affengeschlechter mit Abneigung oder mit Vorliebe an; den
Viuditas, den Titis, berhaupt allen kleinen Sagoins sind sie gewogen,
whrend die Araguaten wegen ihres trbseligen Aeuern und ihres
einfrmigen Gebrlls gehat und dazu verleumdet werden. Wenn ich darber
nachdachte, durch welche Ursachen die Fortpflanzung des Schalls durch die
Luft zur Nachtzeit befrdert werden mag, schien es mir nicht unwichtig,
genau zu bestimmen, in welchem Abstand. namentlich bei nasser, strmischer
Witterung, das Geheul eines Trupps Araguaten zu vernehmen ist. Ich glaube
gefunden zu haben, da man es noch in 800 Toisen Entfernung hrt. Die
Affen mit ihren vier Hnden knnen keine Streifzge in die Llanos machen,
und mitten auf den weiten, mit Gras bewachsenen Ebenen unterscheidet man
leicht eine vereinzelte Baumgruppe, die von Brllaffen bewohnt ist und von
welcher der Schall herkommt. Wenn man nun auf diese Baumgruppe zugeht oder
sich davon entfernt, so mit man das Maximum des Abstandes, in dem das
Geheul noch vernehmbar ist. Diese Abstnde schienen mir einigemale bei
Nacht um ein Drittheil grer, namentlich bei bedecktem Himmel und sehr
warmem, feuchtem Wetter.

Die Indianer versichern, wenn die Araguaten den Wald mit ihrem Geheul
erfllen, so haben sie immer einen Vorsnger. Die Bemerkung ist nicht
unrichtig. Man hrt meistens, lange fort, eine einzelne strkere Stimme,
worauf eine andere von verschiedenem Tonfall sie ablst. Denselben
Nachahmungstrieb bemerken wir zuweilen auch bei uns bei den Frschen, und
fast bei allen Thieren, die in Gesellschaft leben und sich hren lassen.
Noch mehr, die Missionre versichern, wenn bei den Araguaten ein Weibchen
im Begriffe sey zu werfen, so unterbreche der Chor sein Geheul, bis das
Junge zur Welt gekommen sey. Ob etwas Wahres hieran ist, habe ich nicht
selbst ausmachen knnen, ganz grundlos scheint es aber allerdings nicht zu
seyn. Ich habe beobachtet, da das Geheul einige Minuten aufhrt, so oft
ein ungewhnlicher Vorfall, zum Beispiel das Aechzen eines verwundeten
Araguate, die Aufmerksamkeit des Trupps in Anspruch nimmt. Unsere Fhrer
versicherten uns allen Ernstes, ein bewhrtes Heilmittel gegen kurzen
Athem sey, aus der knchernen Trommel am Zungenbein des Araguate zu
trinken. Da dieses Thier eine so auerordentlich starke Stimme hat, so
mu dem Wasser, das man in seinen Kehlkopf giet, nothwendig die Kraft
zukommen, Krankheiten der Lungen zu heilen. Die ist Volksphysik, die
nicht selten an die der Alten erinnert.

Wir bernachteten im Dorfe Guigue, dessen Breite ich durch Beobachtungen
des Canopus gleich 10 4{~PRIME~} 11{~DOUBLE PRIME~} fand. Dieses Dorf auf trefflich angebautem
Boden liegt nur tausend Toisen vom See Tacarigua. Wir wohnten bei einem
alten Sergeanten, aus Murcia gebrtig, einem hchst originellen Mann. Um
uns zu beweisen, da er bei den Jesuiten erzogen worden, sagte er uns die
Geschichte von der Erschaffung der Welt lateinisch her. Er kannte die
Namen August, Tiber, und Diocletian. Bei der angenehmen Nachtkhle in
einem Bananengehege beschftigte er sich lebhaft mit Allem, was am Hof der
rmischen Kaiser vorgefallen war. Er bat uns dringend um Mittel gegen die
Gicht, die ihn grausam plagte. Ich wei wohl, sagte er, da ein *Zambo*
aus Valencia, ein gewaltiger Curioso, mich heilen kann; aber der Zambo
macht auf eine Behandlung Anspruch, die einem Menschen von seiner Farbe
nicht gebhrt, und so bleibe ich lieber, wie ich bin.

Von Guigue an fhrt der Weg aufwrts zur Bergkette, welche im Sden des
Sees gegen Guacimo und la Palma hinstreicht. Von einem Plateau herab, das
320 Toisen hoch liegt, sahen wir zum letztenmale die Thler von Aragua.
Der Gnei kam zu Tage; er zeigte dieselbe Streichung der Schichten,
denselben Fall nach Nordwest. Quarzadern im Gnei sind goldhaltig; eine
benachbarte Schlucht heit daher Quebrada del Oro. Seltsamerweise begegnet
man auf jedem Schritt dem vornehmen Namen Goldschlucht in einem Lande,
wo ein einziges Kupferbergwerk im Betrieb ist. Wir legten fnf Meilen bis
zum Dorfe Maria Magdalena zurck, und weitere zwei zur Villa de Cura. Es
war Sonntag. Im Dorfe Maria Magdalena waren die Einwohner vor der Kirche
versammelt. Man wollte unsere Maulthiertreiber zwingen anzuhalten und die
Messe zu hren. Wir ergaben uns darein; aber nach langem Wortwechsel
setzten die Maulthiertreiber ihren Weg fort. Ich bemerke hier, da die
das einzigemal war, wo wir einen Streit solcher Art bekamen. Man macht
sich in Europa ganz falsche Begriffe von der Unduldsamkeit und selbst vom
Glaubenseifer der spanischen Colonisten.

San Luis de Cura, oder, wie es gemeiniglich heit, Villa de Cura liegt in
einem sehr drren Thale, das von Nordwest nach Sdost streicht und nach
meinen barometrischen Beobachtungen eine Meereshhe von 266 Toisen hat.
Auer einigen Fruchtbumen hat das Land fast gar keinen Pflanzenwuchs. Das
Plateau ist desto drrer, da mehrere Gewsser -- ein ziemlich seltener
Fall im Urgebirge -- sich auf Spalten im Boden verlieren. Der Rio de las
Minas, nordwrts von Villa de Cura, verschwindet im Gestein, kommt wieder
zu Tage und wird noch einmal unterirdisch, ohne den See von Valencia zu
erreichen, auf den er zuluft. Cura gleicht vielmehr einem Dorfe als einer
Stadt. Die Bevlkerung betrgt nicht mehr als 4000 Seelen, aber wir fanden
daselbst mehrere Leute von bedeutender geistiger Bildung. Wir wohnten bei
einer Familie, welche nach der Revolution von Caracas i. J. 1797 von der
Regierung verfolgt worden war. Einer der Shne war nach langer
Gefangenschaft nach der Havana gebracht worden, wo er in einem festen
Schlosse sa. Wie freute sich die Mutter, als sie hrte, da wir auf dem
Rckweg vom Orinoco nach der Havana kommen wrden! Sie bergab mir fnf
Piaster, all ihr Erspartes. Gern htte ich sie ihr zurckgegeben, aber
wie htte ich mich nicht scheuen sollen, ihr Zartgefhl zu verletzen,
einer Mutter wehe zu thun, die in den Entbehrungen, die sie sich
auferlegt, sich glcklich fhlt! Die ganze Gesellschaft der Stadt fand
sich Abends zusammen, um in einem Guckkasten die Ansichten der groen
europischen Stdte zu bewundern. Wir bekamen die Tuilerien zu sehen und
das Standbild des groen Kurfrsten in Berlin. Es ist ein eigenes Gefhl,
seine Vaterstadt, zweitausend Meilen von ihr entfernt, in einem Guckkasten
zu erblicken.

Ein Apotheker, der durch den unseligen Hang zu bergmnnischen
Unternehmungen heruntergekommen war, begleitete uns zum Serro de Chacao,
der an goldhaltigen Kiesen sehr reich ist. Der Weg luft immer am
sdlichen Abhang der Kstencordillere hinab, in welcher die Ebenen von
Aragua ein Lngenthal bilden. Die Nacht des 11. brachten wir zum Theil im
Dorfe San Juan zu, bekannt wegen seiner warmen Quellen und der sonderbaren
Gestalt zweier benachbarten Berge, der sogenannten *Morros de San Juan*.
Diese Kuppen bilden steile Gipfel, die sich auf einer Felsmauer von sehr
breiter Basis erheben. Die Mauer fllt steil ab und gleicht der
*Teufelsmauer*, die um einen Strich des Harzgebirges herluft. Diese
Kuppen sieht man sehr weit in den Llanos, sie machen starken Eindruck auf
die Einbildungskraft der Bewohner der Ebenen, die an gar keine Unebenheit
des Bodens gewhnt sind, und so kommt es, da ihre Hhe im Lande gewaltig
berschtzt wird. Sie sollten, wie man uns gesagt, mitten in den Steppen
liegen, whrend sie sich am nrdlichen Saume derselben befinden, weit
jenseits einer Hgelkette, die la Galera heit. Nach Winkeln, die im
Abstand von zwei Seemeilen genommen worden, erheben sich die Kuppen nicht
mehr als 156 Toisen ber dem Dorf San Juan und 350 ber dem Meer. Die
warmen Quellen entspringen am Fu der Kuppen, die aus Uebergangskalkstein
bestehen; sie sind mit Schwefelwasserstoff geschwngert, wie die Wasser
von Mariara, und bilden einen kleinen Teich oder eine Lagune, in der ich
den Thermometer nur auf 31,3 steigen sah.

In der Nacht vom 9. zum 10. Mrz fand ich durch sehr befriedigende
Sternbeobachtungen die Breite von Villa de Cura 10, 2{~PRIME~} 47{~DOUBLE PRIME~}. Die
spanischen Officiere, welche im Jahr 1755 bei der Grenzexpedition mit
astronomischen Instrumenten an den Orinoco gekommen sind, knnen zu Cura
nicht beobachtet haben, denn die Karte von CAULIN und die von CRUZ
OLMEDILLA setzen diese Stadt einen Viertelsgrad zu weit sdwrts.

Villa de Cura ist im Lande berhmt wegen eines wunderthtigen
Marienbildes, das Nuestra Sennora de los Valencianos genannt wird. Dieses
Bild, das um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts von einem Indianer in
einer Schlucht gefunden wurde, gab Anla zu einem Rechtshandel zwischen
den Stdten Cura und San Sebastiano de los Reyes. Die Geistlichen der
letzteren Stadt behaupteten, die h. Jungfrau sey zuerst in ihrem Sprengel
erschienen. Der Bischof von Caracas, dem langen rgerlichen Streite ein
Ende zu machen, lie das Bild in das bischfliche Archiv schaffen und
behielt es daselbst dreiig Jahre unter Siegel: es wurde den Einwohnern
von Cura erst i. J. 1802 zurckgegeben. DEPONS gibt umstndliche Nachricht
von diesem seltsamen Handel.

Nachdem wir im kleinen Flu St. Juan aus einem Bette von basaltischem
Grnstein, in frischem, klarem Wasser gebadet, setzten wir um zwei Uhr in
der Nacht unsern Weg ber Ortiz und Parapara nach *Mesa de Paja* fort. Die
Llanos waren damals durch Raubgesindel unsicher, wehalb sich mehrere
Reisende an uns anschlossen, so da wir eine Art Caravane bildeten. Sechs
bis sieben Stunden lang ging es fortwhrend abwrts; wir kamen am Cerro de
Flores vorbei, wo die Strae zum groen Dorfe San Jose de Tisnao abgeht.
An den Hfen Luque und Juncalito vorber gelangt man in die Grnde, die
wegen des schlechten Wegs und der blauen Farbe der Schiefer Malpasso und
Piedras Azules heien. Wir standen hier auf dem alten Gestade des groen
Beckens der Steppen, auf einem geologisch interessanten Boden.

Der sdliche Abhang der Kstencordillere ist ziemlich steil, da die
Steppen nach meinen barometrischen Messungen tausend Fu tiefer liegen als
der Boden des Beckens von Aragua. Vom weiten Plateau von Villa de Cura
kamen wir herab an das Ufer des Rio Tucutunemo, der sich ins
Serpentingestein ein von Ost nach West streichendes Lngenthal gegraben
hat, ungefhr im Niveau von la Victoria. Von da fhrte uns ein Querthal
ber die Drfer Parapara und Ortiz in die Llanos. Dieses Thal streicht im
Ganzen von Nord nach Sd und verengt sich an mehreren Stellen. Becken mit
vllig wagrechtem Boden stehen durch schmale, abschssige Schluchten mit
einander in Verbindung. Es waren die einst ohne Zweifel kleine Seen, und
durch Aufstauung der Gewsser oder durch eine noch gewaltsamere
Katastrophe sind die Dmme zwischen den Wasserbecken durchbrochen worden.
Diese Erscheinung kommt gleichzeitig in beiden Continenten vor, berall wo
Lngenthler Psse ber die Anden, die Alpen, die Pyrenen bilden.(68)
Wahrscheinlich rhrt die ruinenhafte Gestalt der Kappen von San Juan und
San Sebastiano von den gewaltigen Schwemmungen her, die beim Ausbruch der
Gewsser gegen die Llanos erfolgten.

Bei der *Mesa de Paja*, unter dem 9. Grad der Breite, betraten wir das
Becken der Llanos. Die Sonne stand beinahe im Zenith; der Boden zeigte
berall, wo er von Vegetation entblst war, eine Temperatur von 48--50.
In der Hhe, in der wir uns auf unsern Maulthieren befanden, war kein
Lufthauch zu spren; aber in dieser scheinbaren Ruhe erhoben sich
fortwhrend kleine Staubwirbel in Folge der Luftstrmungen, die dicht am
Boden durch die Temperaturunterschiede zwischen dem nackten Sand und den
mit Gras bewachsenen Flecken hervorgebracht werden. Diese Sandwinde
steigern die erstickende Hitze der Luft. Jedes Quarzkorn, weil es wrmer
ist als die umgebende Luft, strahlt ringsum Wrme aus, und es hlt schwer
die Lufttemperatur zu beobachten, ohne da Sandtheilchen gegen die Kugel
des Thermometers getrieben werden. Die Ebenen ringsum schienen zum Himmel
anzusteigen, und die weite unermeliche Einde stellte sich unsern Blicken
als eine mit Tang und Meeralgen bedeckte See dar. Da die Dunstmassen in
der Luft ungleich vertheilt waren, und die Temperaturabnahme in den
bereinandergelagerten Luftschichtens keine gleichfrmige ist, so zeigte
sich der Horizont in gewissen Richtungen hell und scharf begrenzt, in
andern wellenfrmig auf- und abgebogen und wie gestreift. Erde und Himmel
schmolzen dort in einander. Durch den trockenen Nebel und die
Dunstschichten gewahrte man in der Ferne Stmme von Palmbumen. Ihrer
grnenden Wipfel beraubt, erschienen diese Stmme wie Schiffsmasten, die
am Horizont auftauchen.

Der einfrmige Anblick dieser Steppen hat etwas Groartiges, aber auch
etwas Trauriges und Niederschlagendes. Es ist als ob die ganze Natur
erstarrt wre; kaum da hin und wieder der Schatten einer kleinen Wolke,
die durchs Zenith eilend die nahende Regenzeit verkndet, auf die Savane
fllt. Der erste Anblick der Llanos berrascht vielleicht nicht weniger
als der der Andeskette. Alle Gebirgslnder, welches auch die absolute Hhe
ihrer hchsten Gipfel seyn mag, haben eine gemeinsame Physiognomie; aber
nur schwer gewhnt man sich an den Anblick der Llanos von Venezuela und
Casanare, der Pampas von Buenos Ayres und Chaco, die bestndig, zwanzig,
dreiig Tagereisen lang, ein Bild der Meeresflche bieten. Ich kannte die
Ebenen oder Llanos der spanischen Mancha und die Heiden (_ericeta_), die
sich von den Grenzen Jtlands durch Lneburg und Westphalen bis nach
Belgien hinein erstrecken. Letztere sind wahre Steppen, von denen der
Mensch seit Jahrhunderten nur kleine Strecken kulturfhig zu machen im
Stande war; aber die Ebenen im Westen und Norden von Europa geben nur ein
schwaches Bild von den unermelichen Llanos in Sdamerika. Im Sdosten
unseres Continents, in Ungarn zwischen der Donau und der Thei, in Ruland
zwischen dem Dnieper, dem Don und der Wolga treten die ausgedehnten
Weidelnder auf, die durch langen Aufenthalt der Wasser geebnet scheinen
und ringsum den Horizont begrenzen. Wo ich die ungarischen Ebenen bereist
habe, an den Grenzen Deutschlands zwischen Preburg und Oedenburg,
beschftigen sie die Einbildungskraft des Reisenden durch das fortwhrende
Spiel der Luftspiegelung; aber ihre weiteste Erstreckung ist ostwrts
zwischen Czegled, Debreczin und Tittel. Es ist ein grnes Meer mit zwei
Ausgngen, dem einen bei Gran und Weitzen, dem andern zwischen Belgrad und
Widdin.

Man glaubte die verschiedenen Welttheile zu charakterisiren, indem man
sagte, Europa habe *Heiden*, Asien *Steppen*, Afrika *Wsten*, Amerika
*Savanen*; aber man stellt damit Gegenstze auf, die weder in der Natur
der Sachen, noch im Geiste der Sprachen gegrndet sind. Die asiatischen
Steppen sind keineswegs berall mit Salzpflanzen bedeckt; in den Savanen
von Venezuela kommen neben den Grsern kleine krautartige Mimosen,
Schotengewchse und andere Dicotyledonen vor. Die Ebenen der Songarei, die
zwischen Don und Wolga, die ungarischen *Puszten* sind wahre Savanen,
Weidelnder mit reichem Graswuchs, whrend auf den Savanen ost- und
westwrts von den Rocky-Mountains und von Neu-Mexico Chenopodien mit einem
Gehalt von kohlensaurem und salzsauren Natrum vorkommen. Asien hat chte
pflanzenlose Wsten, in Arabien, in der Gobi, in Persien. Seit man die
Wsten im Innern Afrika's, was man so lange unter dem allgemeinen Namen
Sahara begriffen, nher kennen gelernt hat, wei man, da es im Osten
dieses Continents, wie in Arabien, Savanen und Weidelnder gibt, die von
nackten, drren Landstrichen umgeben sind. Letztere, mit losem Gestein
bedeckte, ganz pflanzenlose Wsten, fehlen nun aber der neuen Welt fast
ganz. Ich habe dergleichen nur im niedern Strich von Peru, zwischen
Amotape und Coquimbo, am Gestade der Sdsee gesehen. Die Spanier nennen
sie nicht Llanos, sondern _desiertos_ von Sechura und Atacamez. Diese
Einde ist nicht breit, aber 440 Meilen lang. Die Gebirgsart kommt berall
durch den Flugsand zu Tag. Es fllt niemals ein Tropfen Regen, und wie in
der Sahara nrdlich von Tombuctu sindet sich in der peruanischen Wste bei
Huaura eine reiche Steinsalzgrube. Ueberall sonst in der neuen Welt gibt
es de, weil unbewohnte Flchen, aber keine eigentlichen Wsten.

Dieselben Erscheinungen wiederholen sich in den entlegensten Landstrichen,
und statt diese weiten baumlosen Ebenen nach den Pflanzen zu
unterscheiden, die auf ihnen vorkommen, unterscheidet man wohl am
einfachsten zwischen *Wsten* und *Steppen* oder *Savanen*, zwischen
nackten Landstrichen ohne Spur von Pflanzenwuchs und Landstrichen, die mit
Grsern oder kleinen Gewchsen aus der Classe der Dicotyledonen bedeckt
sind. In manchen Werken heien die amerikanischen Savanen, namentlich die
der gemigten Zone, *Wiesen* (Prairien); aber diese Bezeichnung pat, wie
mir dnkt, schlecht auf Weiden, die oft sehr drr, wenn auch mit 4 bis 5
Fu hohen Krutern bedeckt sind. Die amerikanischen Llanos oder Pampas
sind wahre *Steppen*. Sie sind in der Regenzeit schn begrnt, aber in der
trockensten Jahreszeit bekommen sie das Ansehen von Wsten. Das Kraut
zerfllt zu Staub, der Boden berstet, das Krokodil und die groen
Schlangen liegen begraben im ausgedrrten Schlamm, bis die ersten
Regengsse im Frhjahr sie aus der langen Erstarrung wecken. Diese
Erscheinungen kommen auf drren Landstrichen von 50--60 Quadratmeilen
berall vor, wo keine Gewsser durch die Savane strmen; denn am Ufer der
Bche und der kleinen Stcke stehenden Wassers stt der Reisende von Zeit
zu Zeit selbst in der drrsten Jahreszeit auf Gebsche der Mauritia, einer
Palmenart, deren fcherfrmige Bltter bestndig glnzend grn sind.

Die asiatischen Steppen liegen alle auerhalb der Wendekreise und bilden
sehr hohe Plateaus. Auch Amerika hat auf dem Rcken der Gebirge von
Mexico, Peru und Quito Savanen von bedeutender Ausdehnung, aber seine
ausgedehntesten Steppen, die Llanos von Cumana, Caracas und Meta, erheben
sich nur sehr wenig ber dem Meeresspiegel und fallen alle in die
Aequinoctialzone. Diese Umstnde ertheilen ihnen einen eigenthmlichen
Charakter. Die Seen ohne Abflu, die kleinen Flusysteme, die sich im Sand
verlieren oder durch die Gebirgsart durchseigen, wie sie den Steppen im
stlichen Asien und den persischen Wsten eigen sind, kommen hier nicht
vor. Die amerikanischen Llanos fallen gegen Ost und Sd und ihre
strmenden Gewsser laufen in den Orinoco.

Nach dem Lauf dieser Flsse hatte ich frher geglaubt, da die Ebenen
Plateaus bilden mten, die mindestens 100 bis 150 Toisen ber dem Meer
gelegen wren. Ich dachte mir, auch die Wsten im inneren Afrika mten
betrchtlich hoch liegen und stufenweise von den Ksten bis ins Innere des
groen Continents ber einander aufsteigen. Bis jetzt ist noch kein
Barometer in die Sahara gekommen. Was aber die amerikanischen Llanos
betrifft, so zeigen die Barometerhhen, die ich zu Calabozo, zu Villa del
Pao und an der Mndung des Meta beobachtet, da sie nicht mehr als 40 bis
50 Toisen ber dem Meeresspiegel liegen. Die Flsse haben einen sehr
schwachen, oft kaum merklichen Fall. So kommt es, da beim geringsten
Wind, und wenn der Orinoco anschwillt, die Flsse, die in ihn fallen,
rckwrts gedrngt werden. Im Rio Arauca bemerkt man hufig diese Strmung
*nach oben*. Die Indianer glauben einen ganzen Tag lang abwrts zu
schiffen, whrend sie von der Mndung gegen die Quellen fahren. Zwischen
den abwrtsstrmenden und den aufwrtsstrmenden Gewssern bleibt eine
bedeutende Wassermasse still stehen, in der sich durch
Gleichgewichtsstrung Wirbel bilden, die den Fahrzeugen gefhrlich werden.

Der eigenthmlichste Zug der Savanen oder Steppen Sdamerikas ist die
vllige Abwesenheit aller Erhhungen, die vollkommen wagerechte Lage des
ganzen Bodens. Die spanischen Eroberer, die zuerst von Coro her an die
Ufer des Apure vordrangen, haben sie daher auch weder Wsten, noch
Savanen, noch Prairien genannt, sondern Ebenen, _los Llanos_. Auf dreiig
Quadratmeilen zeigt der Boden oft keine fuhohe Unebenheit. Diese
Aehnlichkeit mit der Meeresflche drngt sich der Einbildungskraft
besonders da auf, wo die Ebenen gar keine Palmen tragen, und wo man von
den Bergen an der Kste und vom Orinoco so weit weg ist, da man dieselben
nicht sieht, wie in der Mesa de Pavones. Dort knnte man sich versucht
fhlen, mit einem Reflexionsinstrument Sonnenhhen aufzunehmen, wenn nicht
der *Land-Horizont*, in Folge des wechselnden Spiels der Refractionen,
bestndig in Nebel gehllt wre. Diese Ebenheit des Bodens ist noch
vollstndiger unter dem Meridian von Calabozo als gegen Ost zwischen Cari,
Villa del Pao und Nueva Barcelona; aber sie herrscht ohne Unterbrechung
von den Mndungen des Orinoco bis zur Villa de Araure und Ospinos, auf
einem *Parallel* von 180 Meilen, und von San Carlos bis zu den Savanen am
Caqueta aus, einem *Meridian* von 200 Meilen. Sie vor Allem ist
charakteristisch fr den neuen Continent, so wie fr die asiatischen
Steppen zwischen dem Dnieper und der Wolga, zwischen dem Irtisch und dem
Obi. Dagegen zeigen die Wsten im inneren Afrika, in Arabien, Syrien und
Persien, die Cobi und die Casna viele Bodenunebenheiten, Hgelreihen,
wasserlose Schluchten und festes Gestein, das aus dem Sand hervorragt.

Trotz der scheinbaren Gleichfrmigkeit ihrer Flche finden sich indessen
in den Llanos zweierlei Unebenheiten, die dem aufmerksamen Beobachter
nicht entgehen. Die erste Art nennt man _bancos_; es sind wahre Bnke,
Untiefen im Steppenbecken, zerbrochene Schichten von festem Sandstein oder
Kalkstein, die 4 bis 5 Fu hher liegen als die brige Ebene. Diese Bnke
sind zuweilen drei bis vier Meilen lang; sie sind vollkommen eben und
wagerecht und man bemerkt ihr Vorhandenseyn berhaupt nur dann, wenn man
ihre Rnder vor sich hat. Die zweite Unebenheit lt sich nur durch
geodtische oder barometrische Messungen oder am Lauf der Flsse erkennen;
sie heit Mesa. Es sind die kleine Plateaus, oder vielmehr convexe
Erhhungen, die unmerklich zu einigen Toisen Hhe ansteigen. Dergleichen
sind ostwrts in der Provinz Cumana, im Norden von Villa de la Merced und
Candelaria, die *Mesas Amana, Guanipa und Jonoro*, die von Sdwest nach
Nordost streichen und trotz ihrer unbedeutenden Hhe die Wasser zwischen
dem Orinoco und der Nordkste von Terra firma scheiden. Nur die sanfte
Wlbung der Savane bildet die Wasserscheide; hier sind die _divortia
aquarum_,(69) wie in Polen, wo fern von den Karpathen die Wasserscheide
zwischen dem baltischen und dem schwarzen Meere in der Ebene selbst liegt.
Die Geographen setzen da, wo eine Wasserscheide ist, immer Bergzge
voraus, und so sieht man denn auch auf den Karten dergleichen um die
Quellen des Rio Neveri, des Unare, des Guarapiche und des Pao
eingezeichnet. Die erinnert an die mongolischen Priester, die nach einem
alten aberglubischen Brauch an allen Stellen, wo die Wasser nach
entgegengesetzten Seiten flieen, *Obos* oder kleine Steinhaufen
errichten.

Das ewige Einerlei der Llanos, die groe Seltenheit von bewohnten Pltzen,
die Beschwerden der Reise unter einem glhenden Himmel und bei
stauberfllter Luft, die Aussicht auf den Horizont, der bestndig vor
einem zurckzuweichen scheint, die vereinzelten Palmstmme, deren einer
aussieht wie der andere, und die man gar nicht erreichen zu knnen meint,
weil man sie mit andern Stmmen verwechselt, die nach einander am
Gesichtskreis auftauchen -- all die zusammen macht, da einem die Steppen
noch weit grer vorkommen, als sie wirklich sind. Die Pflanzer am
Sdabhang des Kstengebirges sehen die Steppen grenzenlos, gleich einem
grnen Ocean gegen Sd sich ausdehnen. Sie wissen, da man vom Delta des
Orinoco bis in die Provinz Barinas und von dort ber die Flsse Meta,
Guaviare und Caguan, Anfangs von Ost nach West, sodann von Nordost nach
Nordwest, 380 Meilen weit in den Steppen fortziehen kann, bis ber den
Aequator hinaus an den Fu der Anden von Pasto. Sie kennen nach den
Berichten der Reisenden die Pampas von Buenos Ayres, die gleichfalls mit
feinem Gras bewachsene, baumlose Llanos sind und von verwilderten Rindern
und Pferden wimmeln. Sie sind, nach Anleitung unserer meisten Karten von
Amerika, der Meinung, der Continent habe nur Eine Bergkette, die der
Anden, die von Sd nach Nord luft, und nach einem unbestimmten
systematischen Begriff lassen sie alle Ebenen vom Orinoco und vom Apure an
bis zum Rio de la Plata und der Magellan'schen Meerenge untereinander
zusammenhngen.

Ich entwerfe im Folgenden ein mglichst klares und gedrngtes Bild vom
allgemeinen Bau eines Festlandes, dessen Endpunkte, unter so verschiedenen
Klimaten sie auch liegen, in mehreren Zgen mit einander bereinkommen. Um
den Umri und die Grenzen der Ebenen richtig aufzufassen, mu man die
Bergketten kennen, welche den Uferrand derselben bilden. Von der
Kstencordillere, deren hchster Gipfel die Silla bei Caracas ist, und die
durch den Paramo de las Rosas mit dem Nevado von Merida und den Anden von
Neu-Grenada zusammenhngt, haben wir bereits gesprochen. Eine zweite
Bergkette, oder vielmehr ein minder hoher, aber weit breiterer Bergstock
luft zwischen dem 3. und 7. Parallelkreise von den Mndungen des Guaviare
und Meta zu den Quellen des Orinoco, Marony und Esquibo, gegen das
hollndische und franzsische Guyana zu. Ich nenne diese Kette die
*Cordillere der Parime* oder der groen Flle des Orinoco; man kann sie
250 Meilen weit verfolgen, es ist aber nicht sowohl eine Kette, als ein
Haufen granitischer Berge, zwischen denen kleine Ebenen liegen und die
nicht berall Reihen bilden. Der Bergstock der Parime verschmlert sich
bedeutend zwischen den Quellen des Orinoco und den Bergen von Demerary zu
den Sierras von Quimiropaca und Pacaraimo, welche die Wasserscheide bilden
zwischen dem Carony und dem Rio Parime oder Rio de Aguas blancas. Die ist
der Schauplatz der Unternehmungen, um den Dorado aufzusuchen und die groe
Stadt Manoa, das Tombuctu der neuen Welt. Die Cordillere der Parime hngt
mit den Anden von Neu-Grenada nicht zusammen; sie sind durch einen 80
Meilen breiten Zwischenraum getrennt. Dchte man sich, dieselbe sey hier
durch eine groe Erdumwlzung zerstrt worden, was brigens gar nicht
wahrscheinlich ist, so mte man annehmen, sie sey einst von den Anden
zwischen Santa Fe de Bogota und Pamplona abgegangen. Diese Bemerkung mag
dazu dienen, die geographische Lage dieser Cordillere, die bis jetzt sehr
wenig bekannt geworden, dem Leser besser einzuprgen. -- Eine dritte
Bergkette verbindet unter dem 16. und 18. Grad sdl. Breite (ber Santa
Cruz de la Sierra, die Serranias von Aguapehy und die vielberufenen Campos
dos Parecis) die peruanischen Anden mit den Gebirgen Brasiliens. Die ist
die *Cordillere von Chiquitos*, die in der Capitania von Minas Geraes
breiter wird und die Wasserscheide zwischen dem Amazonenstrom und dem La
Plata bildet, nicht nur im innern Lande, im Meridian von Villa Boa,
sondern bis wenige Meilen von der Kste, zwischen Rio Janeiro und Bahia.

Diese drei Querketten oder vielmehr diese drei *Bergstcke*, welche
innerhalb der Grenzen der heien Zone von West nach Ost streichen, sind
durch vllig ebene Landstriche getrennt, *die Ebenen von Caracas* oder am
untern Orinoco, *die Ebenen des Amazonenstroms* und des Rio Negro, *die
Ebenen von Buenos Ayres* oder des La Plata. Ich brauche nicht den Ausdruck
*Thler*, weil der untere Orinoco und der Amazonenstrom keineswegs in
einem Thale flieen, sondern nur in einer weiten Ebene eine kleine Rinne
bilden. Die beiden Becken an den beiden Enden Sdamerikas sind Savanen
oder Steppen, baumlose Weiden; das mittlere Becken, in welches das ganze
Jahr die tropischen Regen fallen, ist fast durchgngig ein ungeheurer
Wald, in dem es keinen andern Pfad gibt als die Flsse. Wegen des
krftigen Pflanzenwuchses, der den Boden berzieht, fllt hier die
Ebenheit desselben weniger auf, und nur die Becken von Caracas und La
Plata nennt man *Ebenen*. In der Sprache der Colonisten heien die drei
eben beschriebenen Becken: die *Llanos* von Barinas und Caracas, die
*Bosques* oder *Selvas* (Wlder) des Amazonenstromes, und die *Pampas* von
Buenos Ayres. Der Wald bedeckt nicht nur grtentheils die *Ebenen des
Amazonenstroms* von der Cordillere von Chiquitos bis zu der der Parime, er
berzieht auch diese beiden Bergketten, welche selten die Hhe der
Pyrenen erreichen. Dehalb sind die weiten Ebenen des Amazonenstromes,
des Madeira und Rio Negro nicht so scharf begrenzt wie die *Llanos* von
Caracas und die *Pampas* von Buenos Ayres. Da die *Waldregion* Ebenen und
Gebirge zugleich begreift, so erstreckt sie sich vom 18 sdlicher bis zum
7 und 8 nrdlicher Breite, und umfat gegen 120,000 Quadratmeilen. Dieser
Wald des sdlichen Amerika, denn im Grunde ist es nur Einer, ist sechsmal
grer als Frankreich; die Europer kennen ihn nur an den Ufern einiger
Flsse, die ihn durchstrmen, und er hat Lichtungen, deren Umfang mit dem
des Forstes im Verhltni steht. Wir werden bald an sumpfigen Savanen
zwischen dem obern Orinoco, dem Conorichite und Cassiquiare, unter dem 3.
und 4. Grad der Breite, vorberkommen. Unter demselben Parallelkreise
liegen andere Lichtungen oder _Savanas limpias_(70) zwischen den Quellen
des Mao und des Rio de Aguas blancas, sdlich von der Sierra Pacaraima.
Diese letzteren Savanen sind von Caraiben und nomadischen Macusis bewohnt;
sie ziehen sich bis nahe an die Grenzen des hollndischen und
franzsischen Guyana fort.

Wir haben die geologischen Verhltnisse von Sdamerika geschildert; heben
wir jetzt die Hauptzge heraus. Den Westksten entlang luft eine
ungeheure Gebirgsmauer, reich an edlen Metallen berall, wo das
vulkanische Feuer sich nicht durch den ewigen Schnee Bahn gebrochen: die
ist die *Cordillere der Anden*. Gipfel von Trappporphyr steigen hier zu
mehr als 3300 Toisen Hhe auf, und die mittlere Hhe der Kette betrgt
1850 Toisen. Sie streicht in der Richtung eines Meridians fort und schickt
in jeder Halbkugel, unter dem 10. Grad nrdlicher und unter dem 16. und
18. Grad sdlicher Breite einen Seitenzweig ab. Der erstere dieser Zweige,
die Kstencordillere von Caracas, ist minder breit und bildet eine
eigentliche Kette. Der zweite, die Cordillere von Chiquitos und an den
Quellen des Guapore, ist sehr reich an Gold und breitet sich ostwrts, in
Brasilien, zu weiten Plateaus mit gemigtem Klima aus. Zwischen diesen
beiden, mit den Anden zusammenhngenden Querketten liegt vom 3. zum 7.
Grad nrdlicher Breite eine abgesonderte Gruppe granitischer Berge, die
gleichfalls parallel mit dem Aequator, jedoch nicht ber den 71. Grad der
Lnge fortstreicht, dort gegen Westen rasch abbricht und mit den Anden von
Neu-Grenada nicht zusammenhngt. Diese drei Querketten haben keine
thtigen Vulkane; wir wissen aber nicht, ob auch die sdlichste, gleich
den beiden andern, keinen Trachyt oder Trappporphyr hat. Keiner ihrer
Gipfel erreicht die Grenze des ewigen Schnees, und die mittlere Hhe der
Cordillere der Parime und der Kstencordillere von Caracas betrgt nicht
ganz 600 Toisen, wobei brigens manche Gipfel sich doch 1400 Toisen ber
das Meer erheben. Zwischen den drei Querketten liegen Ebenen, die
smmtlich gegen West geschlossen, gegen Ost und Sdost offen sind. Bedenkt
man ihre so unbedeutende Hhe ber dem Meer, so fhlt man sich versucht,
sie als *Golfe* zu betrachten, die in der Richtung des Rotationsstroms
fortstreichen. Wenn in Folge einer ungewhnlichen Anziehung die Gewsser
des atlantischen Meers an der Mndung des Orinoco um fnfzig Toisen, an
der Mndung des Amazonenstroms um zweihundert Toisen stiegen, so wrde die
Fluth mehr als die Hlfte von Sdamerika bedecken. Der Ostabhang oder der
Fu der Anden, der jetzt sechshundert Meilen von den Ksten Brasiliens
abliegt, wre ein von der See bespltes Ufer. Diese Betrachtung grndet
sich auf eine barometrische Messung in der Provinz Jaen de Bracamoros, wo
der Amazonenstrom aus den Cordilleren herauskommt. Ich habe gefunden, da
dort der ungeheure Strom bei mittlerem Wasserstand nur 194 Toisen ber dem
gegenwrtigen Spiegel des atlantischen Meeres liegt. Und diese in der
Mitte gelegenen waldbedeckten Ebenen liegen noch fnfmal hher als die
grasbewachsenen Pampas von Buenos Ayres und die Llanos von Caracas und am
Meta.

Diese Llanos, welche das Becken des untern Orinoco bilden und die wir
zweimal im selben Jahr, in den Monaten Mrz und Juli, durchzogen haben,
hngen zusammen mit dem Becken des Amazonenstroms und des Rio Negro, das
einerseits durch die Cordillere von Chiquitos, andererseits durch die
Gebirge der Parime begrenzt ist. Dieser Zusammenhang vermittelt sich durch
die Lcke zwischen den letzteren und den Anden von Neu-Grenada. Der Boden
in seinem Anblick erinnert hier, nur da der Maastab ein weit grerer
ist, an die lombardischen Ebenen, die sich auch nur 50 bis 60 Toisen ber
das Meer erheben und einmal von der Brenta nach Turin von Ost nach West,
dann von Turin nach Coni von Nord nach Sd streichen. Wenn andere
geologische Thatsachen uns berechtigten, die drei groen Ebenen am untern
Orinoco, am Amazonenstrom und am Rio de la Plata als alte Seebecken zu
betrachten, so lieen sich die Ebenen am Rio Vichada und am Meta als ein
Kanal ansehen, durch den die Wasser des oberen Sees, des auf den Ebenen
des Amazonenstroms, in das tiefere Becken, in die Llanos von Caracas,
durchgebrochen wren und dabei die Cordillere der Parime von der der Anden
getrennt htten. Dieser Kanal ist eine Art Land-Meerenge (_dtroit
terrestre_). Der durchaus ebene Boden zwischen dem Guaviare, dem Meta und
Apure zeigt keine Spur von gewaltsamem Einbruch der Gewsser; aber am Rand
der Cordillere der Parime, zwischen dem 4. und 7. Grad der Breite, hat
sich der Orinoco, der von seiner Quelle bis zur Einmndung des Guaviare
westwrts fliet, auf seinem Lauf von Sd nach Nord durch das Gestein
einen Weg gebrochen. Alle groen Katarakte liegen, wie wir bald sehen
werden, auf dieser Strecke. Aber mit der Einmndung des Apure, dort, wo im
so niedrig gelegenen Lande der Abhang gegen Nord mit dem Gegenhang nach
Sdost zusammentrifft, das heit mit der Bschung der Ebenen, die
unmerklich gegen die Gebirge von Caracas *ansteigen*, macht der Flu
wieder eine Biegung und strmt sofort ostwrts. Ich glaubte den Leser
schon hier auf diese sonderbaren Windungen des Orinoco aufmerksam machen
zu mssen, weil er mit seinem Lauf, als zwei Becken zumal angehrend,
selbst auf den mangelhaftesten Karten gewissermaen die Richtung des
Theils der Ebenen bezeichnet, der zwischen die Anden von Neu-Grenada und
den westlichen Saum der Gebirge der Parime eingeschoben ist.

Die Llanos oder Steppen am untern Orinoco und am Meta fhren, gleich den
afrikanischen Wsten, in ihren verschiedenen Strichen verschiedene Namen.
Von den Boccas del Dragon an folgen von Ost nach West auf einander: die
Llanos von Cumana, von Barcelona und von Caracas oder Venezuela. Wo die
Steppen vom 8. Breitegrad an, zwischen dem 70. und 73. Grad der Lnge,
sich nach Sd und Sd-Sd-West wenden, kommen von Nord nach Sd die Llanos
von Barinas, Casanare, Meta, Guaviare, Caguan und Caqueta. In den Ebenen
von Barinas kommen einige nicht sehr bedeutende Denkmler vor, die auf ein
nicht mehr vorhandenes Volk deuten. Man findet zwischen Mijagual und dem
Cao de la Hacha wahre Grabhgel, dort zu Lande _Serillos de los Indios_
genannt. Es sind kegelfrmige Erhhungen, aus Erde von Menschenhand
aufgefhrt, und sie bergen ohne Zweifel menschliche Gebeine, wie die
Grabhgel in den asiatischen Steppen. Ferner beim Hato de la Calzada,
zwischen Barinas und Caragua, sieht man eine hbsche Strae, fnf Meilen
lang, vor der Eroberung, in sehr alter Zeit von den Eingeborenen angelegt.
Es ist ein Erddamm, fnfzehn Fu hoch, der ber eine hufig berschwemmte
Ebene fhrt. Hatten sich etwa civilisirtere Vlker von den Gebirgen von
Truxillo und Merida ber die Ebenen am Rio Apure verbreitet? Die heutigen
Indianer zwischen diesem Flu und dem Meta sind viel zu versunken, um an
die Errichtung von Kunststraen oder Grabhgeln zu denken.

Ich habe den Flchenraum dieser Llanos von der Caqueta bis zum Apure und
vom Apure zum Delta des Orinoco auf 17,000 Quadratmeilen (20 auf den Grad)
berechnet. Der von Nord nach Sd sich erstreckende Theil ist beinahe
doppelt so gro als der von Ost nach West zwischen dem untern Orinoco und
der Kstencordillere von Caracas streichende. Die *Pampas* nord- und
nordwestwrts von Buenos Ayres, zwischen dieser Stadt und Cordova, Jujuy
und Tucuman, sind ungefhr eben so gro als die Llanos; aber die Pampas
setzen sich noch 18 Grad weiter nach Sden fort, und sie erstrecken sich
ber einen so weiten Landstrich, da am einen Saume Palmen wachsen,
whrend der andere, eben so niedrig gelegene und ebene, mit ewigem Eis
bedeckt ist.

Die amerikanischen Llanos sind da, wo sie parallel mit dem Aequator
streichen, viermal schmler als die groe afrikanische Wste. Dieser
Umstand ist von groer Bedeutung in einem Landstrich, wo die Richtung der
Winde bestndig von Ost nach West geht. Je weiter Ebenen in dieser
Richtung sich erstrecken, desto heier ist ihr Klima. Das groe
afrikanische Sandmeer hngt ber Yemen mit Gedrosia und Beludschistan bis
ans rechte Ufer des Indus zusammen; und in Folge der Winde, die ber die
ostwrts gelegenen Wsten weggegangen sind, ist das Becken des rothen
Meers, in der Mitte von Ebenen, welche auf allen Punkten Wrme strahlen,
eine der heiesten Gegenden des Erdballs. Der unglckliche Capitn Tuckey
berichtet, da der hunderttheilige Thermometer sich dort fast immer bei
Nacht auf 34, bei Tag auf 40 bis 44 hlt. Wie wir bald sehen werden,
haben wir selbst im westlichsten Theil der Steppen von Caracas die
Temperatur der Luft, im Schatten und vom Boden entfernt, selten ber 37
gefunden.

An diese physikalischen Betrachtungen ber die Steppen der neuen Welt
knpfen sich andere, hhere, solche, die sich auf die Geschichte unserer
Gattung beziehen. Das groe afrikanische Sandmeer, die wasserlosen Wsten
sind nur von Caravanen besucht, die bis zu 50 Tagen brauchen, sie zu
durchziehen. Die Sahara trennt die Vlker von Negerbildung von den Stmmen
der Araber und Berbern und ist nur in den Oasen bewohnt. Weiden hat sie
nur im stlichen Striche, wo als Wirkung der Passatwinde die Sandschicht
weniger dick ist, so da die Quellen zu Tage brechen knnen. Die Steppen
Amerikas sind nicht so breit, nicht so glhend hei, sie werden von
herrlichen Strmen befruchtet und sind so dem Verkehr der Vlker weit
weniger hinderlich. Die *Llanos* trennen die Kstencordillere von Caracas
und die Anden von Neu-Grenada von der Waldregion, von jener Hyla(71) des
Orinoco, die schon bei der Entdeckung Amerikas von Vlkern bewohnt war,
welche auf einer weit tieferen Stufe der Cultur standen, als die Bewohner
der Ksten und vor allen des Gebirgslands der Cordilleren. Indessen waren
die Steppen einst so wenig eine Schutzmauer der Cultur, als sie
gegenwrtig fr die in den Wldern lebenden Horden eine Schutzmauer der
Freiheit sind. Sie haben die Vlker am untern Orinoco nicht abgehalten,
die kleinen Flsse hinaufzufahren und nach Nord und West Einflle ins Land
zu machen. Htte es die mannigfaltige Verbreitung der Thiergeschlechter
ber die Erde mit sich gebracht, da das Hirtenleben in der neuen Welt
bestehen konnte; htten vor der Ankunft der Spanier auf den Llanos und
Pampas so zahlreiche Heerden von Rindern und Pferden geweidet wie jetzt,
so wre Columbus das Menschengeschlecht hier in ganz anderer Verfassung
entgegengetreten. Hirten-Vlker, die von Milch und Kse leben, wahre
Nomaden htten diese weiten, mit einander zusammenhngenden Ebenen
durchzogen. In der trockenen Jahreszeit und selbst zur Zeit der
Ueberschwemmungen htten sie den Besitz der Weiden einander streitig
gemacht, sie htten einander unterjocht, und vereint durch das gemeinsame
Band der Sitten, der Sprache und der Gottesverehrung, sich zu der Stufe
von Halbcultur erhoben, die uns bei den Vlkern mongolischen und
tartarischen Stammes berraschend entgegentritt. Dann htte Amerika,
gleich dem mittleren Asien, seine Eroberer gehabt, welche aus den Ebenen
zum Plateau der Cordilleren hinauf stiegen, dem umherschweifenden Leben
entsagten, die cultivirten Vlker von Peru und Neu-Grenada unterjochten,
den Thron der Incas und des Zaque(72) umstrzten und an die Stelle des
Despotismus, wie er aus der Theokratie fliet, den Despotismus setzten,
wie ihn das patriarchalische Regiment der Hirtenvlker mit sich bringt.
Die Menschheit der neuen Welt hat diese groen moralischen und politischen
Wechsel nicht durchgemacht, und zwar weil die Steppen, obgleich
fruchtbarer als die asiatischen, ohne Heerden waren, weil keines der
Thiere, die reichliche Milch geben, den Ebenen Sdamerikas eigenthmlich
ist, und weil in der Entwicklung amerikanischer Cultur das Mittelglied
zwischen Jgervlkern und ackerbauenden Vlkern fehlte.

Die hier mitgetheilten allgemeinen Bemerkungen ber die Ebenen des neuen
Continents und ihre Eigenthmlichkeiten gegenber den Wsten Afrikas und
den fruchtbaren Steppen Asiens schienen mir geeignet, den Bericht einer
Reise durch so einfrmige Landstriche anziehender zu machen. Jetzt aber
mag mich der Leser auf unserem Wege von den vulkanischen Bergen von
Parapara und dem nrdlichen Saum der Llanos zu den Ufern des Apure in der
Provinz Barinas begleiten.

Nachdem wir zwei Nchte zu Pferde gewesen und vergeblich unter Gebsch von
Murichipalmen Schutz gegen die Sonnengluth gesucht hatten, kamen wir vor
Nacht zum kleinen Hofe _el Cayman_ auch la Guadalupe genannt. Es ist
die ein _Hato de ganado_, das heit ein einsames Haus in der Steppe,
umher ein paar kleine mit Rohr und Huten bedeckte Htten. Das Vieh,
Rinder, Pferde, Maulthiere, ist nicht eingepfercht; es luft frei auf
einem Flchenraum von mehreren Quadratmeilen. Nirgends ist eine Umzunung.
Mnner, bis zum Grtel nackt und mit einer Lanze bewaffnet, streifen zu
Pferd ber die Savanen, um die Heerden im Auge zu behalten,
zurckzutreiben, was sich zu weit von den Weiden des Hofes verluft, mit
dem glhenden Eisen zu zeichnen, was noch nicht den Stempel des
Eigenthmers trgt. Diese Farbigen, _Peones llaneros_ genannt, sind zum
Theil Freie oder Freigelassene, zum Theil Sklaven. Nirgends ist der Mensch
so anhaltend dem sengenden Strahl der tropischen Sonne ausgesetzt. Sie
nhren sich von luftdrrem, schwach gesalzenem Fleisch; selbst ihre Pferde
fressen es zuweilen. Sie sind bestndig im Sattel und meinen nicht den
unbedeutendsten Gang zu Fu machen zu knnen. Wir trafen im Hof einen
alten Negersklaven, der in der Abwesenheit des Herrn das Regiment fhrte.
Heerden von mehreren tausend Khen sollten in der Steppe weiden; trotzdem
baten wir vergeblich um einen Topf Milch. Man reichte uns in
Tutumofrchten gelbes, schlammigtes, stinkendes Wasser: es war aus einem
Sumpf in der Nhe geschpft. Die Bewohner der Llanos sind so trg, da sie
gar keine Brunnen graben, obgleich man wohl wei, da sich fast
allenthalben in zehn Fu Tiefe gute Quellen in einer Schicht von
Conglomerat oder rothem Sandstein finden. Nachdem man die eine Hlfte des
Jahres durch die Ueberschwemmungen gelitten, erwgt man in der andern
geduldig den peinlichsten Wassermangel. Der alte Neger rieth uns, das
Gef mit einem Stck Leinwand zu bedecken und so gleichsam durch ein
Filtrum zu trinken, damit uns der ble Geruch nicht belstigte und wir vom
feinen, gelblichten Thon, der im Wasser suspendirt ist, nicht so viel zu
verschlucken htten. Wir ahnten nicht, da wir von nun an Monate lang auf
dieses Hlfsmittel angewiesen seyn wrden. Auch das Wasser des Orinoco hat
sehr viele erdigte Bestandtheile; es ist sogar stinkend, wo in
Fluschlingen todte Krokodile auf den Sandbnken liegen oder halb im
Schlamm stecken.

Kaum war abgepackt und unsere Instrumente aufgestellt, so lie man unsere
Maulthiere laufen und, wie es dort heit, Wasser in der Savane suchen.
Rings um den Hof sind kleine Teiche; die Thiere finden sie, geleitet von
ihrem Instinkt, von den Mauritia-Gebschen, die hie und da zu sehen sind,
und von der feuchten Khlung, die ihnen in einer Atmosphre, die uns ganz
still und regungslos erscheint, von kleinen Luftstrmen zugefhrt wird.
Sind die Wasserlachen zu weit entfernt und die Knechte im Hof zu faul, um
die Thiere zu diesen natrlichen Trnken zu fhren, so sperrt man sie
fnf, sechs Stunden lang in einen recht heien Stall, bevor man sie laufen
lt. Der heftige Durst steigert dann ihren Scharfsinn, indem er gleichsam
ihre Sinne und ihren Instinkt schrft. So wie man den Stall ffnet, sieht
man Pferde und Maulthiere, die letzteren besonders, vor deren Sprkraft
die Intelligenz der Pferde zurckstehen mu, in die Savane hinausjagen.
Den Schwanz hoch gehoben, den Kopf zurckgeworfen, laufen sie gegen den
Wind und halten zuweilen an, wie um den Raum auszukundschaften; sie
richten sich dabei weniger nach den Eindrcken des Gesichts als nach denen
des Geruchs, und endlich verkndet anhaltendes Wiehern, da sich in der
Richtung ihres Laufs Wasser findet. In den Llanos geborene Pferde, die
sich lange in umherschweifenden Rudeln frei getummelt haben, sind in allen
diesen Bewegungen rascher und kommen dabei leichter zum Ziele als solche,
die von der Kste herkommen und von zahmen Pferden abstammen. Bei den
meisten Thieren, wie beim Menschen, vermindert sich die Schrfe der Sinne
durch lange Unterwrfigkeit und durch die Gewhnungen, wie feste Wohnsitze
und die Fortschritte der Cultur sie mit sich bringen.

Wir gingen unsern Maulthieren nach, um zu einer der Lachen zu gelangen,
aus denen man das trbe Wasser schpft, das unsern Durst so bel gelscht
hatte. Wir waren mit Staub bedeckt, verbrannt vom Sandwind, der die Haut
noch mehr angreift als die Sonnenstrahlen. Wir sehnten uns nach einem Bad,
fanden aber nur ein groes Stck stehenden Wassers, mit Palmen umgeben.
Das Wasser war trb, aber zu unserer groen Verwunderung etwas khler als
die Luft. Auf unserer langen Reise gewhnt, zu baden, so oft sich
Gelegenheit dazu bot, oft mehrmals des Tages, besannen wir uns nicht lange
und sprangen in den Teich. Kaum war das behagliche Gefhl der Khlung ber
uns gekommen, als ein Gerusch am entgegengesetzten Ufer uns schnell
wieder aus dem Wasser trieb. Es war ein Krokodil, das sich in den Schlamm
grub. Es wre unvorsichtig gewesen, zur Nachtzeit an diesem sumpfigten Ort
zu verweilen.

Wir waren nur eine Viertelmeile vom Hof entfernt, wir gingen aber ber
eine Stunde und kamen nicht hin. Wir wurden zu spt gewahr, da wir eine
falsche Richtung eingeschlagen. Wir hatten bei Anbruch der Nacht, noch ehe
die Sterne sichtbar wurden, den Hof verlassen und waren auf Gerathewohl in
der Ebene fortgegangen. Wir hatten, wie immer, einen Compa bei uns; auch
konnten wir uns nach der Stellung des Canopus und des sdlichen Kreuzes
leicht orientiren; aber all die half uns zu nichts, weil wir nicht gewi
wuten, ob wir vom Hof weg nach Ost oder nach Sd gegangen waren. Wir
wollten an unsern Badeplatz zurck und gingen wieder drei Viertelstunden,
ohne den Teich zu finden. Oft meinten wir Feuer am Horizont zu sehen; es
waren aufgehende Sterne, deren Bild durch die Dnste vergrert wurde.
Nachdem wir lange in der Savane umhergeirrt, beschlossen wir, unter einem
Palmbaume, an einem recht trockenen, mit kurzem Gras bewachsenen Ort uns
niederzusetzen; denn frisch angekommene Europer frchten sich immer mehr
vor den Wasserschlangen als vor den Jaguars. Wir durften nicht hoffen, da
unsere Fhrer, deren trge Gleichgltigkeit uns wohl bekannt war, uns in
der Savane suchen wrden, bevor sie ihre Lebensmittel zubereitet und
abgespeist htten. Je bedenklicher unsere Lage war, desto freudiger
berraschte uns ferner Hufschlag, der auf uns zukam. Es war ein mit einer
Lanze bewaffneter Indianer, der vom _Rodeo_ zurckkam, das heit von der
Streife, durch die man das Vieh auf einen bestimmten Raum zusammentreibt.
Beim Anblick zweier Weien, die verirrt seyn wollten, dachte er zuerst an
irgend eine bse List von unserer Seite, und es kostete uns Mhe, ihm
Vertrauen einzuflen. Endlich lie er sich willig finden, uns zum Hof zu
fhren, ritt aber dabei in seinem kurzen Trott weiter. Unsere Fhrer
versicherten, sie htten bereits angefangen besorgt um uns zu werden,
und diese Besorgnis; zu rechtfertigen, zhlten sie eine Menge Leute her,
die, in den Llanos verirrt, im Zustand vlliger Erschpfung gefunden
worden. Die Gefahr kann begreiflich nur dann sehr gro seyn, wenn man weit
von jedem Wohnplatz abkommt, oder wenn man, wie es in den letzten Jahren
vorgekommen ist, von Rubern geplndert und an Leib und Hnden an einen
Palmstamm gebunden wird.

Um von der Hitze am Tage weniger zu leiden, brachen wir schon um 2 Uhr in
der Nacht auf und hofften vor Mittag *Calabozo* zu erreichen, eine kleine
Stadt mit lebhaftem Handel, die mitten in den Llanos liegt. Das Bild der
Landschaft ist immer dasselbe. Der Mond schien nicht, aber die groen
Haufen von Nebelsternen, die den sdlichen Himmel schmcken, beleuchteten
im Niedergang einen Theil des Land-Horizonts. Das erhabene Schauspiel des
Sternengewlbes in seiner ganzen unermelichen Ausdehnung, der frische
Luftzug, der bei Nacht ber die Ebene streicht, das Wogen des Grases,
berall wo es eine gewisse Hhe erreicht -- Alles erinnerte uns an die
hohe See. Vollends stark wurde die Tuschung (man kann es nicht oft genug
sagen), als die Sonnenscheibe am Horizont erschien, ihr Bild durch die
Strahlenbrechung sich verdoppelte, ihre Abplattung nach kurzer Frist
verschwand, und sie nun rasch gerade zum Zenith aufstieg.

Sonnenaufgang ist auch in den Ebenen der khlste Zeitpunkt am Tage; aber
dieser Temperaturwechsel macht keinen bedeutenden Eindruck auf die Organe.
Wir sahen den Thermometer meist nicht unter 27,5 [22 Reaumur] fallen,
whrend bei Acapulco in Mexico auf gleichfalls sehr tiefem Boden die
Temperatur um Mittag oft 32, bei Sonnenaufgang 17--18 betrgt. In den
Llanos absorbirt die ebene, bei Tag niemals beschattete Flche so viel
Wrme, da Erde und Luft, trotz der nchtlichen Strahlung gegen einen
wolkenlosen Himmel, von Mitternacht bis zu Sonnenaufgang sich nicht
merkbar abkhlen knnen. In Calabozo war im Mrz die Temperatur bei Tag
31--32,5, bei Nacht 28--29. Die mittlere Temperatur dieses Monats, der
nicht der heieste im Jahr ist, mag etwa 30,6 seyn, eine ungeheure Hitze
fr ein Land unter den Tropen, wo Tage und Nchte fast immer gleich lang
sind. In Cairo ist die mittlere Temperatur des heiesten Monats nur 29,9,
in Madras 31,8, und zu Abushr im persischen Meerbusen, von wo Reihen von
Beobachtungen vorliegen, 34; aber die mittleren Temperaturen des ganzen
Jahres sind in Madras und Abushr niedriger als in Calabozo. Obgleich ein
Theil der Llanos, gleich den fruchtbaren Steppen Sibiriens, von kleinen
Flssen durchstrmt wird, und ganz drre Striche von Land umgeben sind,
das in der Regenzeit unter Wasser steht, so ist die Luft dennoch im
Allgemeinen uerst trocken. Delucs Hygrometer zeigte bei Tag 34, bei
Nacht 36.

Wie die Sonne zum Zenith aufstieg und die Erde und die ber einander
gelagerten Luftschichten verschiedene Temperaturen annahmen, zeigte sich
das Phnomen der *Luftspiegelung* mit seinen mannichfaltigen Abnderungen.
Es ist die in allen Zonen eine ganz gewhnliche Erscheinung, und ich
erwhne hier derselben nur, weil wir Halt machten, um die Breite des
Luftraumes zwischen dem Horizont und dem aufgezogenen Bilde mit einiger
Genauigkeit zu messen. Das Bild war immer hinaufgezogen, *aber nicht
verkehrt*. Die kleinen, ber die Bodenflche wegstreichenden Luftstrme
hatten eine so vernderliche Temperatur, da in einer Heerde wilder Ochsen
manche mit den Beinen in der Luft zu schweben schienen, whrend andere auf
dem Boden standen. Der Luftstrich war, je nach der Entfernung des Thiers,
3--4 Minuten breit. Wo Gebsche der Mauritiapalme in langen Streifen
hinliefen, schwebten die Enden dieser grnen Streifen in der Luft, wie die
Vorgebirge, die zu Cumana lange Gegenstand meiner Beobachtungen
gewesen.(73) Ein unterrichteter Mann versicherte uns, er habe zwischen
Calabozo und Urituru das verkehrte Bild eines Thieres gesehen, ohne
direktes Bild. Niebuhr hat in Arabien etwas Aehnliches beobachtet. Oefters
meinten wir am Horizont Grabhgel und Thrme zu erblicken, die von Zeit zu
Zeit verschwanden, ohne da wir die wahre Gestalt der Gegenstnde
auszumitteln vermochten. Es waren wohl Erdhaufen, kleine Erhhungen,
jenseits des gewhnlichen Gesichtskreises gelegen. Ich spreche nicht von
den pflanzenlosen Flchen, die sich als weite Seen mit wogender Oberflche
darstellten. Wegen dieser Erscheinung, die am frhesten beobachtet worden
ist, heit die Luftspiegelung im Sanscrit ausdrucksvoll die *Sehnsucht
(der Durst) der Antilope*. Die hufigen Anspielungen der indischen,
persischen und arabischen Dichter auf diese magischen Wirkungen der
irdischen Strahlenbrechung sprechen uns ungemein an. Die Griechen und
Rmer waren fast gar nicht bekannt damit. Stolz begngt mit dem Reichthum
ihres Bodens und der Milde ihres Klimas hatten sie wenig Sinn fr eine
solche Poesie der Wste. Die Geburtssttte derselben ist Asien; den
Dichtern des Orients wurde sie durch die natrliche Beschaffenheit ihrer
Lnder an die Hand gegeben; der Anblick der weiten Einden, die sich
gleich Meeresarmen und Buchten zwischen Lnder eindrngen, welche die
Natur mit berschwenglicher Fruchtbarkeit geschmckt, wurde fr sie zu
einer Quelle der Begeisterung.

Mit Sonnenaufgang ward die Ebene belebter. Das Vieh, das sich bei Nacht
lngs der Teiche oder unter Murichi- und Rhopalabschen gelagert hatte,
sammelte sich zu Heerden, und die Einde bevlkerte sich mit Pferden,
Maulthieren und Rindern, die hier nicht gerade als wilde, wohl aber als
freie Thiere leben, ohne festen Wohnplatz, der Pflege und des Schutzes des
Menschen leicht entbehrend. In diesen heien Landstrichen sind die Stiere,
obgleich von spanischer Race wie die auf den kalten Plateaus von Quito,
von sanfterem Temperament. Der Reisende luft nie Gefahr, angefallen und
verfolgt zu werden, was uns bei unsern Wanderungen auf dem Rcken der
Cordilleren oft begegnet ist. Dort ist das Klima rauh, zu heftigen Strmen
geneigt, die Landschaft hat einen wilderen Charakter und das Futter ist
nicht so reichlich. In der Nhe von Calabozo sahen wir Heerden von Rehen
friedlich unter Pferden und Rindern weiden. Sie heien *Matacani*; ihr
Fleisch ist sehr gut. Sie sind etwas grer als unsere Rehe und gleichen
Damhirschen mit sehr glattem, fahlbraunem, wei getupftem Fell. Ihre
Geweihe schienen mir einfache Spiee. Sie waren fast gar nicht scheu, und
in Rudeln von 30--40 Stck bemerkten wir mehrere ganz weie. Diese
Spielart kommt bei den groen Hirschen in den kalten Landstrichen der
Anden hufig vor; in diesen tiefen, heien Ebenen muten wir sie
auffallend finden. Ich habe seitdem gehrt, da selbst beim Jaguar in den
heien Landstrichen von Paraguay zuweilen *Albinos* vorkommen, mit so
gleichfrmig weiem Fell, da man die Flecken oder Ringe nur im Reflex der
Sonne bemerkt. Die Matacanis oder kleinen Damhirsche sind so hufig in den
Llanos, da ihre Hute einen Handelsartikel abgeben knnten. Ein gewandter
Jger knnte ber zwanzig im Tage schieen. Aber die Einwohner sind so
trge, da man sich oft gar nicht die Mhe nimmt, dem Thier die Haut
abzuziehen. Ebenso ist es mit der Jagd auf den Jaguar oder groem
amerikanischen Tiger. Ein Jaguarfell, fr das man in den Steppen von
Barinas nur einen Piaster bezahlt, kostet in Cadix vier bis fnf Piaster.

Die Steppen, die wir durchzogen, sind hauptschlich mit Grsern bewachsen,
mit Killingia, Cenchrus, Paspalum. Diese Grser waren in dieser Jahreszeit
bei Calabozo und St. Geronimo del Pirital kaum 9 bis 10 Zoll hoch. An den
Flssen Apure und Portuguesa wachsen sie bis 4 Fu hoch, so da der Jaguar
sich darin verstecken und die Pferde und Maulthiere in der Ebene
berfallen kann. Unter die Grser mischen sich einige Dicotyledonen, wie
Turnera, Malvenarten, und was sehr auffallend ist, kleine Mimosen mit
reizbaren Blttern, von den Spaniern _Dormideras_ genannt. Derselbe
Rinderstamm, der in Spanien mit Klee und Esper gemstet wird, findet hier
ein treffliches Futter an den krautartigen Sensitiven. Die Weiden, wo
diese Sensitiven besonders hufig vorkommen, werden theurer als andere
verkauft. Im Osten, in den Llanos von Cari und Barcelona, sieht man Cypura
und Craniolaria mit der schnen weien, 6--8 Zoll langen Blthe sich
einzeln ber die Grser erheben. Am fettesten sind die Weiden nicht nur an
den Flssen, welche hufig austreten, sondern berall, wo die Palmen
dichter stehen. Ganz baumlose Flecke sind die unfruchtbarsten, und es wre
wohl vergebliche Mhe, sie anbauen zu wollen. Dieser Unterschied kann
nicht daher rhren, da die Palmen Schatten geben und den Boden von der
Sonne weniger ausdrren lassen. In den Wldern am Orinoco habe ich
allerdings Bume aus dieser Familie mit dicht belaubten Kronen gesehen;
aber am Palmbaum der Llanos, der Palmade de Cobija [Dachpalme, _Corypha
tectorum_], ist der Schatten eben nicht sehr zu rhmen. Diese Palme hat
sehr kleine, gefaltete, handfrmige Bltter, gleich denen des Chamrops,
und die untern sind immer vertrocknet. Es befremdete uns, da fast alle
diese Coryphastmme gleich gro waren, 20 bis 24 Fu hoch, bei 8 bis 10
Zoll Durchmesser unten am Stamm. Nur wenige Palmenarten bringt die Natur
in so ungeheuren Mengen hervor. Unter Tausenden mit olivenfrmigen
Frchten beladenen Stmmen fanden wir etwa ein Hundert ohne Frchte.
Sollten unter den Stmmen mit hermaphroditischer Blthe einige mit
einhusigen Blthen vorkommen? Die Llaneros, die Bewohner der Ebenen,
schreiben allen diesen Bumen von unbedeutender Hhe ein Alter von
mehreren Jahrhunderten zu. Ihr Wachsthum ist fast unmerklich, nach
zwanzig, dreiig Jahren fllt es kaum auf. Die Palma de Cobija liefert
brigens ein treffliches Bauholz. Es ist so hart, da man nur mit Mhe
einen Nagel einschlgt. Die fcherfrmig gefalteten Bltter dienen zum
Decken der zerstreuten Htten in den Llanos, und diese Dcher halten ber
20 Jahre aus. Man befestigt die Bltter dadurch, da man die Enden der
Blattstiele umbiegt, nachdem man dieselben zwischen zwei Steinen
geschlagen, damit sie sich biegen, ohne zu brechen.

Auer den einzelnen Stmmen dieser Palme findet man hie und da in der
Steppe Gruppen von Palmen, wahre Gebsche (_Palmares_), wo sich zur
Corypha ein Baum aus der Familie der Proteaceen gesellt, den die
Eingebornen _Chaparro_ nennen, eine neue Art _Rhopala_ mit harten,
rasselnden Blttern. Die kleineren Rhopalagebsche heien _Chaparrales_
und man kann sich leicht denken, da in einer weiten Ebene, wo nur zwei
oder drei Baumarten wachsen, der Chaparro, der Schatten gibt, fr ein sehr
werthvolles Gewchs gilt. Der Corypha ist in den Llanos von Caracas von
der Mesa de Paja bis an den Guayaval verbreitet; weiter nach Nord und
Nordwest, am Guanare und San Carlos, tritt eine andere Art derselben
Gattung mit gleichfalls handfrmigen, aber greren Blttern an seine
Stelle. Sie heit _Palma real de los Llanos_. Sdlich vom Guayaval
herrschen andere Palmen, namentlich der *Piritu* mit gefiederten Blttern
und der *Murichi* (Moriche), den Pater GUMILLA als _arbol de la vida_ so
hoch preist. Es ist die der Sagobaum Amerikas; er liefert victum et
amictum(74) Mehl, Wein, Faden zum Verfertigen der Hngematten, Krbe,
Netze und Kleider. Seine tannenzapfenfrmigen, mit Schuppen bedeckten
Frchte gleichen ganz denen des _Calamus Rotang_; sie schmecken etwas wie
Apfel; reif sind sie innen gelb, auen roth. Die Brllaffen sind sehr
lstern darnach, und die Vlkerschaft der Guaranos, deren Existenz fast
ganz an die Murichipalme geknpft ist, bereitet daraus ein gegohrenes,
suerliches, sehr erfrischendes Getrnk. Diese Palme mit groen,
glnzenden, fcherfrmig gefalteten Blttern bleibt auch in der drrsten
Jahreszeit lebhaft grn. Schon ihr Anblick gibt das Gefhl angenehmer
Khlung, und die mit ihren schuppigen Frchten behangene Murichipalme
bildet einen auffallenden Contrast mit der trbseligen Palma de Cobija,
deren Laub immer grau und mit Staub bedeckt ist. Die Llaneros glauben,
ersterer Baum ziehe die Feuchtigkeit der Luft an sich, und dehalb finde
man in einer gewissen Tiefe immer Wasser um seinen Stamm, wenn man den
Boden ausgrbt. Man verwechselt hier Wirkung und Ursache. Der Murichi
wchst vorzugsweise an feuchten Stellen, und richtiger sagte man, das
Wasser ziehe den Baum an. Es ist eine hnliche Schlufolge, wenn die
Eingeborenen am Orinoco behaupten, die groen Schlangen helfen einen
Landstrich feucht erhalten. Ein alter Indianer in Javita sagte uns mit
groer Wichtigkeit: Vergeblich sucht man Wasserschlangen, wo es keine
Smpfe gibt; denn es sammelt sich kein Wasser, wenn man die Schlangen, die
es anziehen, unvorsichtigerweise umbringt.

Auf dem Wege ber die Mesa bei Calabozo litten wir sehr von der Hitze. Die
Temperatur der Luft stieg merkbar, so oft der Wind zu wehen anfing. Die
Luft war voll Staub, und whrend der Windste stieg der Thermometer auf
40 bis 41. Wir kamen nur langsam vorwrts, denn es wre gefhrlich
gewesen, die Maulthiere, die unsere Instrumente trugen, dahinten zu
lassen. Unsere Fhrer gaben uns den Rath, Rhopalabltter in unsere Hte zu
stecken, um die Wirkung der Sonnenstrahlen auf Haare und Scheitel zu
mildern. Wir fhlten uns durch dieses Mittel erleichtert, und wir fanden
es besonders dann ausgezeichnet, wenn man Bltter von Pothos oder einer
andern Arumart haben kann.

Bei der Wanderung durch diese glhenden Ebenen drngt sich einem von
selbst die Frage auf, ob sie von jeher in diesem Zustand dagelegen, oder
ob sie durch eine Naturumwlzung ihres Pflanzenwuchses beraubt worden? Die
gegenwrtige Humusschicht ist allerdings sehr dnn. Die Eingeborenen sind
der Meinung, die _Palmares_ und _Chaparrales_ (die kleinen Gebsche von
Palmen und Rhopala) seyen vor der Ankunft der Spanier hufiger und grer
gewesen. Seit die Llanos bewohnt und mit verwilderten Hausthieren
bevlkert sind, zndet man hufig die Savane an, um die Weide zu
verbessern. Mit den Grsern werden dabei zufllig auch die zerstreuten
Baumgruppen zerstrt. Die Ebenen waren ohne Zweifel im fnfzehnten
Jahrhundert nicht so kahl wie gegenwrtig; indessen schon die ersten
Eroberer, die von Coro herkamen, beschreiben sie als Savanen, in denen man
nichts sieht als Himmel und Rasen, im Allgemeinen baumlos und beschwerlich
zu durchziehen, wegen der Wrmestrahlung des Bodens. Warum erstreckt sich
der mchtige Wald am Orinoco nicht weiter nordwrts auf dem linken Ufer
des Flusses? Warum berzieht er nicht den weiten Landstrich bis zur
Kstencordillere, da dieser doch von zahlreichen Gewssern befruchtet
wird? Diese Frage hngt genau zusammen mit der ganzen Geschichte unseres
Planeten. Ueberlt man sich geologischen Trumen, denkt man sich, die
amerikanischen Steppen und die Wste Sahara seyen durch einen Einbruch des
Meeres ihres ganzen Pflanzenwuchses beraubt worden, oder aber, sie seyen
ursprnglich der Boden von Binnenseen gewesen, so leuchtet ein, da sogar
in Jahrtausenden Bume und Gebsche vom Saume der Wlder, vom Uferrand der
kahlen oder mit Rasen bedeckten Ebenen nicht bis zur Mitte derselben
vordringen und einen so ungeheuern Landstrich mit ihrem Schattendach
berwlben konnten. Der Ursprung kahler, von Wldern umschlossener Savanen
ist noch schwerer zu erklren, als die Thatsache, da Wlder und Savanen,
gerade wie Festlnder und Meere, in ihren alten Grenzen verharren.

In *Calabozo* wurden wir im Hause des Verwalters der _Real Hacienda_, Don
Miguel Cousin, aufs gastfreundlichste aufgenommen. Die Stadt, zwischen den
Flssen Guarico und Uritucu gelegen, hatte damals nur 5000 Einwohner, aber
ihr Wohlstand war sichtbar im Steigen. Der Reichthum der meisten Einwohner
besteht in Heerden, die von Pchtern besorgt werden, von sogenannten
_Hateros_, von _Hato_, was im Spanischen ein Haus oder einen Hof im
Weideland bedeutet. Die ber die Llanos zerstreute Bevlkerung drngt sich
an gewissen Punkten, namentlich in der Nhe der Stdte enger zusammen, und
so hat Calabozo in seiner Umgebung bereits fnf Drfer oder Missionen. Man
berechnet das Vieh, das auf den Weiden in der Nhe der Stadt luft, auf
98,000 Stcke. Die Heerden auf den Llanos von Caracas, Barcelona, Cumana
und des spanischen Guyana sind sehr schwer genau zu schtzen. DEPONS, der
sich lnger als ich in Caracas aufgehalten hat, und dessen statistische
Angaben im Ganzen genau sind, rechnet auf den weiten Ebenen von den
Mndungen des Orinoco bis zum See Maracaybo 1,200,000 Rinder, 180,000
Pferde und 90,000 Maulthiere. Den Ertrag der Heerden schtzt er auf 5
Millionen Franken, wobei neben der Ausfuhr auch der Werth der im Lande
consumirten Hute in Anschlag gebracht ist. In den Pampas von Buenos Ayres
sollen 12 Millionen Rinder und 3 Millionen Pferde laufen, ungerechnet das
Vieh, das fr herrenlos gilt.

Ich lasse mich nicht auf solche allgemeine Schtzungen ein, die der Natur
der Sache nach sehr unzuverlssig sind; ich bemerke nur, da die Besitzer
der groen Hatos in den Llanos von Caracas selbst gar nicht wissen, wie
viel Stcke Vieh sie besitzen. Sie wissen nur, wie viele junge Thiere
jhrlich mit dem Buchstaben oder der Figur, wodurch die Heerden sich
unterscheiden, gezeichnet werden. Die reichsten Viehbesitzer zeichnen
gegen 14,000 Stcke im Jahr und verkaufen 5 bis 6000. Nach den officiellen
Angaben belief sich die Ausfuhr an Huten aus der ganzen _Capitania
general_ jhrlich nur nach den Antillen auf 174,000 Rindshute und 11,500
Ziegenhute. Bedenkt man nun, da diese Angaben sich nur auf die
Zollregister grnden, in denen vom Schleichhandel mit Huten keine Rede
ist, so mchte man glauben, da das Hornvieh auf den Llanos vom Carony und
dem Guarapiche bis zum See Maracaybo zu 1,200,000 Stck viel zu niedrig
angeschlagen ist. Der einzige Hafen von Guayra hat nach den Zollregistern
von 1789--1792 jhrlich 70--80,000 Hute ausgefhrt, wovon kaum ein
Fnftheil nach Spanien. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts belief sich
nach Don FELIX D'AZZARA die Ausfuhr von Buenos Ayres auf 800,000 Hute.
Man zieht in der Halbinsel die Hute von Caracas denen von Buenos Ayres
vor, weil letztere in Folge des weiteren Transports beim Gerben 12 Procent
Abgang haben. Der sdliche Strich der Savanen, gemeiniglich _Llanos de
arriba_ genannt, ist ausnehmend reich an Maulthieren und Rindvieh; da aber
die Weiden dort im Ganzen minder gut sind, mu man die Thiere auf andere
Ebenen treiben, um sie vor dem Verkauf fett zu machen. Die Llanos von
Mona und alle _Llanos de abaxo_ haben weniger Heerden, aber die Weiden
sind dort so fett, da sie vortreffliches Fleisch fr den Bedarf der Kste
liefern. Die Maulthiere, die erst im fnften Jahre zum Dienste taugen, und
dann _Mulas de saca_ heien, werden schon an Ort und Stelle fr 14--18
Piaster verkauft. Im Ausfuhrhafen gelten sie 25 Piaster, und auf den
Antillen steigt ihr Preis oft auf 60--80 Piaster. Die Pferde der Llanos
stammen von der schnen spanischen Race und sind nicht gro. Sie sind
meist einfarbig, dunkelbraun, wie die meisten wilden Thiere. Bald dem
Wassermangel, bald Ueberschwemmungen, dem Stich der Insekten, dem Bi
groer Fledermuse ausgesetzt, fhren sie ein geplagtes, ruheloses Leben.
Wenn sie einige Monate unter menschlicher Pflege gewesen sind, entwickeln
sich ihre guten Eigenschaften und kommen zu Tag. Ein wildes Pferd gilt in
den Pampas von Buenos Ayres --1 Piaster, in den Llanos von Caracas 2--3
Piaster; aber der Preis des Pferdes steigt, sobald es gezhmt und zum
Ackerbau tchtig ist. Schafe gibt es keine; Schafheerden haben wir nur auf
dem Plateau der Provinz Quito gesehen.

Die Rindvieh-Hatos haben in den letzten Jahren viel zu leiden gehabt durch
Banden von Landstreichern, die durch die Steppen streifen und das Vieh
tdten, nur um die Haut zu verkaufen. Diese Ruberei hat um sich
gegriffen, seit der Handel mit dem untern Orinoco blhender geworden ist.
Ein halbes Jahrhundert lang waren die Ufer dieses groen Stromes von der
Einmndung des Apure bis Angostura nur den Missionren bekannt. Vieh wurde
nur aus den Hfen der Nordkste, aus Cumana, Barcelona, Burburata und
Porto Cabello ausgefhrt. In neuester Zeit ist diese Abhngigkeit von der
Kste weit geringer geworden. Der sdliche Strich der Ebenen ist in
starken Verkehr mit dem untern Orinoco getreten, und dieser Handel ist
desto lebhafter, da sich die Verbote dabei leicht umgehen lassen.

Die grten Heerden in den Llanos besitzen die Hatos Merecure, La Cruz,
Belen, Alta Gracia und Pavon. Das spanische Vieh ist von Coro und Tocuyo
in die Ebenen gekommen. Die Geschichte bewahrt den Namen des Colonisten,
der zuerst den glcklichen Gedanken hatte, diese Grasfluren zu bevlkern,
auf denen damals nur Damhirsche und eine groe Aguti-Art, _Cavia Capybara_
im Lande *Chiguire* genannt, weideten. Christoval Rodriguez schickte ums
Jahr 1548 das erste Hornvieh in die Llanos. Er wohnte in der Stadt Tocuyo
und hatte lange in Neu-Grenada gelebt.

Wenn man von der unzhlbaren Menge von Hornvieh, Pferden und Maulthieren
auf den amerikanischen Ebenen sprechen hrt, so vergit man gewhnlich,
da es im civilisirten Europa bei ackerbauenden Vlkern auf viel kleinerer
Bodenflche gleich ungeheure Mengen gibt. Frankreich hat nach PEUCHET 6
Millionen Stck Hornvieh, wovon 3,500,000 Ochsen zum Ackerbau verwendet
werden. In der sterreichischen Monarchie schtzt Lichtenstern 13,400,000
Ochsen, Khe und Klber. Paris allein verzehrt jhrlich 155,000 Stck
Rindvieh; nach Deutschland werden alle Jahre aus Ungarn 150,000 Ochsen
eingefhrt. Die Hausthiere in nicht starken Heerden gelten bei
ackerbauenden Vlkern als ein untergeordneter Gegenstand des
Nationalreichthums. Sie wirken auch weit weniger auf die Einbildungskraft
als die umherschweifenden Rudel von Rindern und Pferden, die einzige
Bevlkerung der unangebauten Steppen der neuen Welt. Cultur und
brgerliche Ordnung wirken in gleichem Maae auf die Vermehrung der
menschlichen Bevlkerung und auf die Vervielfltigung der dem Menschen
ntzlichen Thiere.

Wir fanden in Calabozo, mitten in den Llanos, eine Elektrisirmaschine mit
groen Scheiben, Elektrophoren, Batterien, Elektrometern, kurz einen
Apparat, fast so vollstndig, als unsere Physiker in Europa sie besitzen.
Und all die war nicht in den Vereinigten Staaten gekauft, es war das Werk
eines Mannes, der nie ein Instrument gesehen, der Niemanden zu Rathe
ziehen konnte, der die elektrischen Erscheinungen nur aus der Schrift des
SIGAUD DE LA FOND und aus FRANKLINs Denkwrdigkeiten kannte. Carlos del
Pozo -- so heit der achtungswrdige, sinnreiche Mann -- hatte zuerst aus
groen Glasgefen, an denen er die Hlse abschnitt, Cylindermaschinen
gebaut. Erst seit einigen Jahren hatte er sich aus Philadelphia zwei
Glasplatten verschafft, um eine Scheibenmaschine bauen und somit
bedeutendere elektrische Wirkungen hervorbringen zu knnen. Man kann sich
vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten Pozo zu kmpfen hatte, seit die
ersten Schriften ber Elektricitt ihm in die Hnde gefallen waren, und er
den khnen Entschlu fate, Alles, was er in den Bchern beschrieben fand,
mit Kopf und Hand nachzumachen und herzustellen. Bisher hatte er sich bei
seinen Experimenten nur am Erstaunen und der Bewunderung von ganz rohen
Menschen ergtzt, die nie ber die Wste der Llanos hinausgekommen waren.
Unser Aufenthalt in Calabozo verschaffte ihm einen ganz neuen Genu. Er
mute natrlich Werth auf das Urtheil zweier Reisenden legen, die seine
Apparate mit den europischen vergleichen konnten. Ich hatte verschiedene
Elektrometer bei mir, mit Stroh, mit Korkkgelchen, mit Goldplttchen,
auch eine kleine Leidner Flasche, die nach der Methode von INGENHOUSS
durch Reibung geladen wurde und mir zu physiologischen Versuchen diente.
Pozo war auer sich vor Freude, als er zum erstenmal Instrumente sah, die
er nicht selbst verfertigt, und die den seinigen nachgemacht schienen. Wir
zeigten ihm auch die Wirkungen des Contakts heterogener Metalle auf die
Nerven des Frosches. Die Namen Galvani und Volta waren in diesen weiten
Einden noch nicht gehrt worden.

Was nach den elektrischen Apparaten von der gewandten Hand eines
sinnreichen Einwohners der Llanos uns in Calabozo am meisten beschftigte,
das waren die Zitteraale, die lebendige elektrische Apparate sind. Mit der
Begeisterung, die zum Forschen treibt, aber der richtigen Auffassung des
Erforschten hinderlich wird, hatte ich mich seit Jahren tglich mit den
Erscheinungen der galvanischen Elektricitt beschftigt; ich hatte, indem
ich Metallscheiben aufeinander legte und Stcke Muskelfleisch oder andere
feuchte Substanzen dazwischen brachte, mir unbewut, chte *Sulen*
aufgebaut, und so war es natrlich, da ich mich seit unserer Ankunft in
Cumana eifrig nach elektrischen Aalen umsah. Man hatte uns mehrmals welche
versprochen, wir hatten uns aber immer getuscht gesehen. Je weiter von
der Kste weg, desto werthloser wird das Geld, und wie soll man ber das
unerschtterliche Phlegma des Volkes Herr werden, wo der Stachel der
Gewinnsucht fehlt?

Die Spanier begreifen unter dem Namen _tembladores_ (Zitterer) alle
elektrischen Fische. Es gibt welche im antillischen Meer an den Ksten von
Cumana. Die Guayqueries, die gewandtesten und fleiigsten Fischer in jener
Gegend, brachten uns einen Fisch, der, wie sie sagten, ihnen die Hnde
starr machte. Dieser Fisch geht im kleinen Flusse Manzanares aufwrts. Es
war eine neue Art _Raja_ mit kaum sichtbaren Seitenflecken, dem
Zitterrochen Galvanis ziemlich hnlich. Die Zitterrochen haben ein
elektrisches Organ, das wegen der Durchsichtigkeit der Haut schon auen
sichtbar ist, und bilden eine eigene Gattung oder doch eine Untergattung
der eigentlichen Rochen. Der cumanische Zitterrochen war sehr munter,
seine Muskelbewegungen sehr krftig, dennoch waren die elektrischen
Schlge, die wir von ihm erhielten, uerst schwach. Sie wurden strker,
wenn wir das Thier mittelst der Berhrung von Zink und Gold galvanisirten.
Andere Tembladores, chte Gymnoten oder Zitteraale, kommen im Rio
Colorado, im Guarapiche und verschiedenen kleinen Bchen in den Missionen
der Chaymas-Indianer vor. Auch in den groen amerikanischen Flssen, im
Orinoco, im Amazonenstrom, im Meta sind sie hufig, aber wegen der starken
Strmung und des tiefen Wassers schwer zu fangen. Die Indianer fhlen weit
hufiger ihre elektrischen Schlge beim Schwimmen, und Baden im Flu, als
da sie dieselben zu sehen bekommen. In den Llanos, besonders in der Nhe
von Calabozo, zwischen den Hfen Morichal und den Missionen _de arriba_
und _de abaxo_ sind die Gymnoten in den Stcken stehenden Wassers und in
den Zuflssen des Orinoco (im Rio Guarico, in den Caos Rastro, Berito und
Paloma) sehr hufig. Wir wollten zuerst in unserem Hause zu Calabozo
unsere Versuche anstellen; aber die Furcht vor den Schlgen des Gymnotus
ist im Volk so bertrieben, da wir in den ersten drei Tagen keinen
bekommen konnten, obgleich sie sehr leicht zu fangen sind und wir den
Indianern zwei Piaster fr jeden recht groen und starken Fisch
versprochen hatten. Diese Scheu der Indianer ist um so sonderbarer, als
sie von einem nach ihrer Behauptung ganz zuverlssigen Mittel gar keinen
Gebrauch machen. Sie versichern die Weien, so oft man sie ber die
Schlge der Tembladores befragt, man knne sie ungestraft berhren, wenn
man dabei Tabak kaue. Dieses Mhrchen vom Einflu des Tabaks auf die
thierische Elektricitt ist auf dem Continent von Sdamerika so weit
verbreitet, als unter den Matrosen der Glaube, da Knoblauch und Unschlitt
auf die Magnetnadel wirken.

Des langen Wartens mde, und nachdem ein lebender, aber sehr erschpfter
Gymnotus, den wir bekommen, uns sehr zweifelhafte Resultate geliefert,
gingen wir nach dem Cao de Bera, um unsere Versuche im Freien,
unmittelbar am Wasser anzustellen. Wir brachen am 19. Mrz in der Frhe
nach dem kleinen Dorf Rastro _de abaxo_ auf, und von dort fhrten uns
Indianer zu einem Bach, der in der drren Jahreszeit ein schlammigtes
Wasserbecken bildet, um das schne Bume stehen, Clusia, Amyris, Mimosen
mit wohlriechenden Blthen. Mit Netzen sind die Gymnoten sehr schwer zu
fangen, weil der ausnehmend bewegliche Fisch sich gleich den Schlangen in
den Schlamm eingrbt. Die Wurzeln der _Piscidia Erythrina_ der _Jacquinia
armillaris_ und einiger Arten von _Phyllanthus_ haben die Eigenschaft, da
sie, in einen Teich geworfen, die Thiere darin berauschen oder betuben:
dieses Mittel, den sogenannten *Barbasco*, wollten wir nicht anwenden, da
die Gymnoten dadurch geschwcht worden wren. Da sagten die Indianer, sie
wollen *mit Pferden fischen*, _embarbascar con cavallos_ [Wrtlich: mit
Pferden die Fische einschlfern oder betuben]. Wir hatten keinen Begriff
von einer so seltsamen Fischerei; aber nicht lange, so kamen unsere Fhrer
aus der Savane zurck, wo sie ungezhmte Pferde und Maulthiere
zusammengetrieben. Sie brachten ihrer etwa dreiig und jagten sie ins
Wasser.

Der ungewohnte Lrm vom Stampfen der Rosse treibt die Fische aus dem
Schlamm hervor und reizt sie zum Angriff. Die schwrzlicht und gelb
gefrbten, groen Wasserschlangen gleichenden Aale schwimmen auf der
Wasserflche hin und drngen sich unter den Bauch der Pferde und
Maulthiere. Der Kampf zwischen so ganz verschieden organisirten Thieren
gibt das malerischste Bild. Die Indianer mit Harpunen und langen, dnnen
Rohrstben stellen sich in dichter Reihe um den Teich; einige besteigen
die Bume, deren Zweige sich wagerecht ber die Wasserflche breiten.
Durch ihr wildes Geschrei und mit ihren langen Rohren scheuchen sie die
Pferde zurck, wenn sie sich aufs Ufer flchten wollen. Die Aale, betubt
vom Lrm, vertheidigen sich durch wiederholte Schlge ihrer elektrischen
Batterien. Lange scheint es, als solle ihnen der Sieg verbleiben. Mehrere
Pferde erliegen den unsichtbaren Streichen, von denen die wesentlichsten
Organe allerwrts getroffen werden; betubt von den starken,
unaufhrlichen Schlgen, sinken sie unter. Andere, schnaubend, mit
gestrubter Mhne, wilde Angst im starren Auge, raffen sich wieder auf und
suchen dem um sie tobenden Ungewitter zu entkommen; sie werden von den
Indiern ins Wasser zurckgetrieben. Einige aber entgehen der regen
Wachsamkeit der Fischer; sie gewinnen das Ufer, straucheln aber bei jedem
Schritt und werfen sich in den Sand, zum Tod erschpft, mit von den
elektrischen Schlgen der Gymnoten erstarrten Gliedern.

Ehe fnf Minuten vergingen, waren zwei Pferde ertrunken; Der fnf Fu
lange Aal drngt sich dem Pferd an den Bauch und gibt ihm nach der ganzen
Lnge seines elektrischen Organs einen Schlag; das Herz, die Eingeweide
und der _plexus coeliacus_ der Abdominalnerven werden dadurch zumal
betroffen. Derselbe Fisch wirkt so begreiflicherweise weit strker auf ein
Pferd als auf den Menschen, wenn dieser ihn nur mit einer Extremitt
berhrt. Die Pferde werden ohne Zweifel nicht todtgeschlagen, sondern nur
betubt; sie ertrinken, weil sie sich nicht aufraffen knnen, so lange der
Kampf zwischen den andern Pferden und den Gymnoten fortdauert.

Wir meinten nicht anders, als alle Thiere, die man zu dieser Fischerei
gebraucht, mten nach einander zu Grunde gehen. Aber allmhlich nimmt die
Hitze des ungleichen Kampfes ab und die erschpften Gymnoten zerstreuen
sich. Sie bedrfen jetzt langer Ruhe(75) und reichlicher Nahrung, um den
erlittenen Verlust an galvanischer Kraft wieder zu ersetzen. Maulthiere
und Pferde verriethen weniger Angst, ihre Mhne strubte sich nicht mehr,
ihr Auge blickte ruhiger. Die Gymnoten kamen scheu ans Ufer des Teichs
geschwommen, und hier fing man sie mit kleinen, an langen Stricken
befestigten Harpunen. Wenn die Stricke recht trocken sind, so fhlen die
Indianer beim Herausziehen des Fisches an die Luft keine Schlge. In
wenigen Minuten hatten wir fnf groe Aale, die meisten nur leicht
verletzt. Auf dieselbe Weise wurden Abends noch andere gefangen.

Die Gewsser, in denen sich die Zitteraale gewhnlich aufhalten, haben
eine Temperatur von 26--27. Ihre elektrische Kraft soll in klterem
Wasser abnehmen, und es ist, wie bereits ein berhmter Physiker bemerkt
hat, berhaupt merkwrdig, da die Thiere mit elektrischen Organen, deren
Wirkungen dem Menschen fhlbar werden, nicht in der Luft leben, sondern in
einer die Elektricitt leitenden Flssigkeit. Der Gymnotus ist der grte
elektrische Fisch; ich habe welche gemessen, die fnf Fu und fnf Fu
drei Zoll lang waren; die Indianer wollten noch grere gesehen haben. Ein
drei Fu zehn Zoll langer Fisch wog zehn Pfund. Der Querdurchmesser des
Krpers (die kahnfrmig verlngerte Afterflosse abgerechnet) betrug drei
Zoll fnf Linien. Die Gymnoten aus dem Cerro de Vera sind hbsch
olivengrn. Der Untertheil des Kopfes ist rthlich gelb. Zwei Reihen
kleiner gelber Flecken laufen symmetrisch ber den Rcken vom Kopf bis zum
Schwanzende. Jeder Fleck umschliet einen Ausfhrungskanal; die Haut des
Thieres ist auch bestndig mit einem Schleim bedeckt, der, wie Volta
gezeigt hat, die Elektricitt 20--30mal besser leitet als reines Wasser.
Es ist berhaupt merkwrdig, da keiner der elektrischen Fische, die bis
jetzt in verschiedenen Welttheilen entdeckt worden, mit Schuppen bedeckt
ist.

Den ersten Schlgen eines sehr groen, stark gereizten Gymnotus wrde man
sich nicht ohne Gefahr aussetzen. Bekommt man zufllig einen Schlag, bevor
der Fisch verwundet oder durch lange Verfolgung erschpft ist, so sind
Schmerz und Betubung so heftig, da man sich von der Art der Empfindung
gar keine Rechenschaft geben kann. Ich erinnere mich nicht, je durch die
Entladung einer groen Leidner Flasche eine so furchtbare Erschtterung
erlitten zu haben wie die, als ich unvorsichtigerweise beide Fe auf
einen Gymnotus setzte, der eben aus dem Wasser gezogen worden war. Ich
empfand den ganzen Tag heftigen Schmerz in den Knien und fast in allen
Gelenken. Will man den ziemlich auffallenden Unterschied zwischen der
Wirkung der Volta'schen Sule und der elektrischen Fische genau
beobachten, so mu man diese berhren, wenn sie sehr erschpft sind. Die
Zitterrochen und die Zitteraale verursachen dann ein Sehnenhpfen vom
Glied an, das die elektrischen Organe berhrt, bis zum Ellbogen. Man
glaubt bei jedem Schlag innerlich eine Schwingung zu empfinden, die zwei,
drei Secunden anhlt und der eine schmerzhafte Betubung folgt. In der
ausdrucksvollen Sprache der Tamanacos heit daher der Temblador *Arimna*,
das heit, der die Bewegung raubt.

Die Empfindung bei schwachen Schlgen des Gymnotus schien mir groe
Aehnlichkeit zu haben mit dem schmerzlichen Zucken, das ich fhlte, wenn
auf den wunden Stellen, die ich auf meinem Rcken durch spanische Fliegen
hervorgebracht, zwei heterogene Metalle sich berhrten.(76) Dieser
Unterschied zwischen der Empfindung, welche der Schlag des elektrischen
Fisches, und der, welche eine Sule oder schwach geladene Leidner Flasche
hervorbringt, ist allen Beobachtern aufgefallen; derselbe widerspricht
indessen keineswegs der Annahme, da die Elektricitt und die galvanische
Wirkung der Fische dem Wesen nach eins sind. Die Elektricitt kann
beidemal dieselbe seyn, sie mag sich aber verschieden uern in Folge des
Baus der elektrischen Organe, der Intensitt des elektrischen Fluidums,
der Schnelligkeit des Stroms oder einer eigenthmlichen Wirkungsweise. In
hollndisch Guyana, zum Beispiel zu Demerary, galten frher die Zitteraale
als ein Heilmittel gegen Lhmungen. Zur Zeit, wo die europischen Aerzte
von der Anwendung der Elektricitt Groes erwarteten, gab ein Wundarzt in
Essequibo, Namens VAN DER LOTT, in Holland eine Abhandlung ber die
Heilkrfte des Zitteraals heraus. Solche elektrische Curen kommen bei
den Wilden Amerika's wie bei den Griechen vor. SCRIBONIUS LARGUS, GALENUS
und DIOSCORIDES berichten uns, da der Zitterrochen Kopfweh, Migrne und
Gicht heile. In den spanischen Colonien, die ich durchreist, habe ich von
dieser Heilmethode nichts gehrt; aber soviel ist gewi, da Bonpland und
ich, nachdem wir vier Stunden lang an Gymnoten experimentirt, bis zum
andern Tag Muskelschwche, Schmerz in den Gelenken, allgemeine Uebligkeit
empfanden, eine Folge der heftigen Reizung des Nervensystems.

Whrend die Gymnoten fr die europischen Naturforscher Gegenstnde der
Vorliebe und des lebhaftesten Interesses sind, werden sie von den
Eingebornen gefrchtet und gehat. Ihr Muskelfleisch schmeckt allerdings
nicht bel, aber der Krper besteht zum grten Theil aus dem elektrischen
Organ, und dieses ist schmierig und von unangenehmem Geschmack; man
sondert es daher auch sorgfltig vom Uebrigen ab. Zudem schreibt man es
vorzglich den Gymnoten zu, da die Fische in den Smpfen und Teichen der
Llanos so selten sind. Sie tdten ihrer viel mehr, als sie verzehren, und
die Indianer erzhlten uns, wenn man in sehr starken Netzen junge
Krokodile und Zitteraale zugleich fange, so sey an letzteren nie eine
Verletzung zu bemerken, weil sie die jungen, Krokodile lhmen, bevor diese
ihnen etwas anhaben knnen. Alle Bewohner des Wassers fliehen die
Gemeinschaft der Zitteraale. Eidechsen, Schildkrten und Frsche suchen
Smpfe auf, wo sie vor jenen sicher sind. Bei Uritucu mute man einer
Strae eine andere Richtung geben, weil die Zitteraale sich in einem Flu
so vermehrt hatten, da sie alle Jahre eine Menge Maulthiere, die belastet
durch den Flu wateten, umbrachten.

Am 24. Mrz verlieen wir die Stadt Calabozo, sehr befriedigt von unserem
Aufenthalt und unsern Versuchen ber einen so wichtigen physiologischen
Gegenstand. Ich hatte berdie gute Sternbeobachtungen machen knnen und
zu meiner Ueberraschung gefunden, da die Angaben der Karten auch hier um
einen Viertelsgrad in der Breite unrichtig sind. Vor mir hatte Niemand an
diesem Ort beobachtet, und wie denn die Geographen gewhnlich die
Distanzen von der Kste dem Binnenlande zu zu gro annehmen, so hatten sie
auch hier alle Punkte zu weit nach Sden gerckt.

Auf dem Wege durch den sdlichen Strich der Llanos fanden wir den Boden
staubiger, pflanzenloser, durch die lange Drre zerrissener. Die Palmen
verschwanden nach und nach ganz. Der Thermometer stand von 11 Uhr bis zu
Sonnenuntergang auf 34--35. Je ruhiger die Luft in 8--10 Fu Hhe schien,
desto dichter wurden wir von den Staubwirbeln eingehllt, welche von den
kleinen, am Boden, hinstreichenden Luftstrmungen erzeugt werden. Gegen 4
Uhr Abends fanden wir in der Savane ein junges indianisches Mdchen. Sie
lag auf dem Rcken, war ganz nackt und schien nicht ber 12--13 Jahre alt.
Sie war von Ermdung und Durst erschpft, Augen, Nase, Mund voll Staub,
der Athem rchelnd; sie konnte uns keine Antwort geben. Neben ihr lag ein
umgeworfener Krug, halb voll Sand. Zum Glck hatten wir ein Maulthier bei
uns, das Wasser trug. Wir brachten das Mdchen zu sich, indem wir ihr das
Gesicht wuschen und ihr einige Tropfen Wein aufdrangen. Sie war Anfangs
erschrocken ber die vielen Leute um sie her, aber sie beruhigte sich nach
und nach und sprach mit unsern Fhrern. Sie meinte, dem Stand der Sonne
nach msse sie mehrere Stunden betubt dagelegen haben. Sie war nicht dazu
zu bringen, eines unserer Lastthiere zu besteigen. Sie wollte nicht nach
Uritucu zurck; sie hatte in einem Hofe in der Nhe gedient und war von
ihrer Herrschaft verstoen worden, weil sie in Folge einer langen
Krankheit nicht mehr soviel leisten konnte als zuvor. Unsere Drohungen und
Bitten fruchteten nichts; fr Leiden unempfindlich, wie ihre ganze Race,
in die Gegenwart versunken ohne Bangen vor knftiger Gefahr, beharrte sie
auf ihrem Entschlu, in eine der indianischen Missionen um die Stadt
Calabozo her zu gehen. Wir schtteten den Sand aus ihrem Krug und fllten
ihn mit Wasser. Noch ehe wir wieder zu Pferd waren, setzte sie ihren Weg
in der Steppe fort. Bald entzog sie eine Staubwolke unsern Blicken.

In der Nacht durchwateten wir den Rio Uritucu, in dem zahlreiche,
auffallend wilde Krokodile hausen. Man warnte uns, unsere Hunde nicht am
Flu saufen zu lassen, weil es gar nicht selten vorkomme, da die
Krokodile im Uritucu aus dem Wasser gehen und die Hunde aufs Ufer
verfolgen. Solche Keckheit fllt desto mehr auf, da sechs Meilen von da,
im Rio Tisnao, die Krokodile ziemlich schchtern und unschdlich sind. Die
Sitten der Thiere einer und derselben Art zeigen Abweichungen nach
rtlichen Einflssen, die sehr schwer aufzuklren sind. Man zeigte uns
eine Htte oder vielmehr eine Art Schuppen, wo unser Wirth in Calabozo,
Don Miguel Cousin, einen hchst merkwrdigen Auftritt erlebt hatte. Er
schlief mit einem Freunde auf einer mit Leder berzogenen Bank, da wird er
frh Morgens durch heftige Ste und einen furchtbaren Lrm aufgeschreckt.
Erdschollen werden in die Htte geschleudert. Nicht lange, so kommt ein
junges 2--3 Fu langes Krokodil unter der Schlafsttte hervor, fhrt auf
einen Hund los, der auf der Thrschwelle lag, verfehlt ihn im ungestmen
Lauf, eilt dem Ufer zu und entkommt in den Flu. Man untersuchte den Boden
unter der Barbacoa oder Lagersttte, und da war denn der Hergang des
seltsamen Abenteuers bald klar. Man fand die Erde weit hinab aufgewhlt;
es war vertrockneter Schlamm, in dem das Krokodil im *Sommerschlaf*
gelegen hatte, in welchen Zustand manche Individuen dieser Thierart
whrend der drren Jahreszeit in den Llanos verfallen. Der Lrm von
Menschen und Pferden, vielleicht auch der Geruch des Hundes hatten es
aufgeweckt. Die Htte lag an einem Teich und stand einen Theil des Jahres
unter Wasser; so war das Krokodil ohne Zweifel, als die Savane
berschwemmt wurde, durch dasselbe Loch hineingekommen, durch das es Don
Miguel herauskommen sah. Hufig finden die Indianer ungeheure Boa's, von
ihnen Uji oder Wasserschlangen genannt, im selben Zustand der Erstarrung.
Man mu sie, sagt man, reizen oder mit Wasser begieen, um sie zu
erwecken. Man tdtet die Boa's und hngt sie in einen Bach, um durch die
Fulni die sehnigten Theile der Rckenmuskeln zu gewinnen, aus denen man
in Calabozo vortreffliche Guitarrensaiten macht, die weit besser sind als
die aus den Drmen der Brllaffen.

Wir sehen somit, da in den Llanos Trockenheit und Hitze auf Thiere und
Gewchse gleich dem Frost wirken. Auerhalb der Tropen werfen die Bume in
sehr trockener Luft ihre Bltter ab. Die Reptilien, besonders Krokodile
und Boa's, verlassen vermge ihres trgen Naturels die Lachen, wo sie beim
Austreten der Flsse Wasser gefunden haben, nicht leicht wieder. Je mehr
nun diese Wasserstcke eintrocknen, desto tiefer graben sich die Thiere in
den Schlamm ein, der Feuchtigkeit nach, die bei ihnen Haut und Decken
schmiegsam erhlt. In diesem Zustand der Ruhe kommt die Erstarrung ber
sie; sie werden wohl dabei von der uern Luft nicht ganz abgesperrt, und
so gering auch der Zutritt derselben seyn mag, er reicht hin, den
Athmungsproze bei einer Eidechse zu unterhalten, die ausnehmend groe
Lungenscke hat, die keine Muskelbewegungen vornimmt und bei der fast alle
Lebensverrichtungen stocken. Die Temperatur des vertrockneten, dem
Sonnenstrahl ausgesetzten Schlammes betrgt im Mittel wahrscheinlich mehr
als 40. Als es im nrdlichen Egypten, wo im khlsten Monat die Temperatur
nicht unter 13,4 sinkt, noch Krokodile gab, wurden diese hufig von der
Klte betubt. Sie waren einem *Winterschlaf* unterworfen, gleich unsern
Frschen, Salamandern, Uferschwalben und Murmelthieren. Wenn die
Erstarrung im Winter bei Thieren mit warmem Blut, wie bei solchen mit
kaltem vorkommt, so kann man sich eben nicht wundern, da in beiden
Klassen auch Flle von *Sommerschlaf* vorkommen. Gleich den Krokodilen in
Sdamerika liegen die Tenrecs oder Igel auf Madagascar mitten in der
heien Zone drei Monate des Jahres in Erstarrung.

Am 25. Mrz kamen wir ber den ebensten Strich der Steppen von Caracas,
die *Mesa de Pavones*. Die Corypha- und Murichepalme fehlen hier ganz.
Soweit das Auge reicht, gewahrt man keinen Gegenstand, der auch nur
fnfzehn Zoll hoch wre. Die Luft war rein und der Himmel tief blau, aber
den Horizont sumte ein blasser, gelblicher Schein, der ohne Zweifel von
der Menge des in der Luft schwebenden Sandes herrhrte. Wir trafen groe
Heerden, und bei ihnen Schaaren schwarzer Vgel mit olivenfarbigem Glanz
von der Gattung _Crotophoga_ die dem Vieh nachgehen. Wir sahen sie hufig
den Khen auf dem Rcken sitzen und Bremsen und andere Insekten suchen.
Gleich mehreren Vgeln dieser Einde scheuen sie so wenig vor dem
Menschen, da Kinder sie oft mit der Hand fangen. In den Thlern von
Aragua, wo sie sehr hufig sind, setzten sie sich am hellen Tag auf unsere
Hngematten, whrend wir darin lagen.

Zwischen Calabozo, Uritucu und der Mesa de Pavones kann man berall, wo
der Boden von Menschenhand wenige Fu tief ausgegraben ist, die
geologischen Verhltnisse der Llanos beobachten. Ein rother Sandstein(77)
(altes Conglomerat) streicht ber mehrere tausend Quadratmeilen weg. Wir
fanden ihn spter wieder in den weiten Ebenen des Amazonenstroms, am
stlichen Saum der Provinz Jaen de Bracamoros. Diese ungeheure Verbreitung
des rothen Sandsteins auf den tiefgelegenen Landstrichen ostwrts von den
Anden ist eine der auffallendsten geologischen Erscheinungen, die ich
unter den Tropen beobachtet.

Nachdem wir in den den Savanen der Mesa de Pavones lange ohne die Spur
eines Pfades umhergeirrt, sahen wir zu unserer freudigen Ueberraschung
einen einsamen Hof vor uns, den _Hato de alta Gracia_ der von Grten und
kleinen Teichen mit klarem Wasser umgeben ist. Hecken von *Azedarac*
liefen um Gruppen von *Icaquesbumen*, die voll Frchten hingen. Eine
Strecke weiter bernachteten wir beim kleinen Dorfe San Geronymo del
Guayaval, das Missionre vom Kapuzinerorden gegrndet haben. Es liegt am
Ufer des Rio Guarico, der in den Apure fllt. Ich besuchte den
Geistlichen, der in der Kirche wohnen mute, weil noch kein Priesterhaus
gebaut war. Der junge Mann nahm uns aufs zuvorkommendste auf und gab uns
ber Alles die verlangte Auskunft. Sein Dorf, oder, um den officiellen
Ausdruck der Mnche zu gebrauchen, seine *Mission*, war nicht leicht zu
regieren. Der Stifter, der keinen Anstand genommen, auf seine Rechnung
eine *Pulperia* zu errichten, das heit sogar in der Kirche Bananen und
Guarapo zu verkaufen, war auch bei Aufnahme der Colonisten nicht ekel
gewesen. Viele Landstreicher aus den Llanos hatten sich in Guayaval
niedergelassen, weil die Einwohner einer Mission dem weltlichen Arm
entrckt sind. Hier wie in Neu-Holland kann man erst in der zweiten oder
dritten Generation auf gute Colonisten rechnen.

Wir setzten ber den Rio Guarico und bernachteten in den Savanen sdlich
vom Guayaval. Ungeheure Fledermuse, wahrscheinlich von der Sippe der
Phyllostomen, flatterten, wie gewhnlich, einen guten Theil der Nacht ber
unsern Hngematten. Man meint jeden Augenblick, sie wollen sich einem ins
Gesicht einkrallen. Am frhen Morgen setzten wir unsern Weg ber tiefe,
hufig unter Wasser stehende Landstriche fort. In der Regenzeit kann man
zwischen dem Guarico und dem Apure im Kahn fahren, wie auf einem See. Es
begleitete uns ein Mann, der alle Hfe (Hatos) in den Llanos besucht
hatte, um Pferde zu kaufen. Er hatte fr tausend Pferde 2200 Piaster
gegeben.(78) Man bezahlt natrlich desto weniger, je bedeutender der Kauf
ist. Am 27. Mrz langten wir in der Villa de San Fernando, dem Hauptort
der Missionen der Kapuziner in der Provinz Barinas, an. Damit waren wir am
Ziel unserer Reise ber die Ebenen, denn die drei Monate April, Mai und
Juni brachten wir auf den Strmen zu.

                            ------------------





   68 Ich erinnere die Reisenden an den Weg vom Ursernthal zum
      Gotthardshospiz und von da nach Airolo.

   69 LIVIUS, _L. 38_, c. 75

   70 Offene baumlose Savanen, _limpias de arboles_

   71 Y{~GREEK SMALL LETTER LAMDA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}{~GREEK SMALL LETTER IOTA WITH TONOS~}{~GREEK SMALL LETTER ETA~}. HERODOT, _Melpomene_.

   72 Der Zaque war das weltliche Oberhaupt von Cundinamarca. Er theilte
      die oberste Gewalt mit dem Hohenpriester (Lama) von Iraca.

   73 Band I, Seite 216

   74 PLINIUS, _L. XII_, c. VII.

   75 Die Indianer versichern, wenn man Pferde zwei Tage hinter einander
      in einer Lache laufen lasse, in der es sehr viele Gymnoten gibt,
      gehe am zweiten Tag kein Pferd mehr zu Grunde.

   76 HUMBOLDTs _Versuche ber die gereizte Muskelfaser_. Vol. 1. p.
      323--329.

   77 Rothes Todtliegendes, oder ltester Fltzsandstein der Freiberger
      Schule.

   78 In den Llanos von Calabozo und am Guayaval kostet ein junger Stier
      von zwei bis drei Jahren einen Piaster. Ist er verschnitten (in sehr
      heien Lndern eine ziemlich gefhrliche Operation), so ist er 5 bis
      6 Piaster werth. Eine an der Sonne getrocknete Ochsenhaut gilt 2
      Silberrealen (1 Peso = 8 Realen); ein Huhn 2 Realen; ein Schaf, in
      Barquesimeto und Truxillo, denn ostwrts von diesen Stdten gibt es
      keine, 3 Realen. Da diese Preise sich nothwendig verndern werden,
      je mehr die Bevlkerung in den spanischen Colonien zunimmt, so
      schien es mir nicht unwichtig, hier Angaben niederzulegen, die
      knftig bei nationalkonomischen Untersuchungen als Anhaltspunkte
      dienen knnen.






LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE


Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt.

BARROW, SIR JOHN. _A Voyage to Cochinchina in the Years 1792 and 1793._
(1806)
DELPECHE. _Sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812._
GARCA, GREGORIO. _Origen de los indios del nuevo mundo._ (1607)
HERODOT. _Melpomene._
HORAZ. _Oden._
HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essay politique sur le Mxique._
HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essai politique sur le royaume de la nouvelle
Espagne._
HUMBOLDT, ALEXANDER. _Versuche ber die gereizte Muskel- und Nervenfaser :
nebst Vermuthungen ber den chemischen Process des Lebens in der Thier-
und Pflanzenwelt._ (1797)
LA CONDAMINE, CHARLES MARIE DE. _Journal du voyage fait par ordre du Roi,
 l'quateur servant d'introduction historique  la Mesure des trois
premiers degrs du Mridien._ (1751)
LIVIUS. _L. 38._
OVIEDO Y BAOS, JOS DE. _Historia de la conquista y poblacin de la
Provincia de Venezuela._ _Geschichte der Provinz Venezuela._ (1723)
PLINIUS. _L. XII._
DE PONS, FRANOIS RAYMOND JOSEPH. _Reise in den oestlichen Theil von
Terrafirma in Sued-Amerika : unternommen in den Jahren 1801, 1802, 1803
und 1804 / von Depons. Aus d. Franz. bers. von Chr. Weyland._ (1808)
RITTER, KARL. _Erdkunde._ Bd. I.
TACITUS. _Agricola._
TACITUS. _Germania._
TORQUEMADA, JUAN DE. _Monarchia Indiana. Los veintin libros rituales i
monarchia indiana con el origen y guerras de los Indios Occidentales, de
sus poblaciones, descubrimientos, conquista, conversin y otras cosas
maravillosas de la misma tierra._ (1615)
ULLOA, ANTONIO DE. _ Noticias americanas: entretenimientos
fsico-histricos sobre la Amrica Meridional, y la Septentrional
oriental: comparacion general de los territorios, climas y producciones en
las tres especies vegetal, animal y mineral; con una relacion particular
de los Indios de aquellos paises, sus costumbres y usos, de las
petrificaciones de cuerpos marinos, y de las antigedades. Con un discurso
sobre el idioma, y conjeturas sobre el modo con que pasron los primeros
pobladores._ (1792)





ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS


Vom Korrekturleser wurden mehrere nderungen am Originaltext vorgenommen.
Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes
ndern, wurden im Text belassen.

Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden
genderten Fassung.



Ausdrucks berraschen. Tumanacu: Wespe, uane-imu, wrtlich: Vater
Ausdrucks berraschen. Tamanacu: Wespe, uane-imu, wrtlich: Vater

stieg wieder bis eilf Uhr Abends
stieg wieder bis elf Uhr Abends

des Centauren, Achernar,  des Centauren, Fomahault
des Centauren, Achernar,  des Centauren, Fomalhaut

darnach, und die Vlkerschaft der Guaraons, deren Existenz
darnach, und die Vlkerschaft der Guaranos, deren Existenz

Governador, Alcaden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden!
Governador, Alcalden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden!

Sterculia und Coccololoba excoriata bewachsenen Boden
Sterculia und Coccoloba excoriata bewachsenen Boden





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.***




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to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
Project Gutenberg appears, or with which the phrase Project Gutenberg is
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    almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
    or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
    included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org


1.E.2.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
permission of the copyright holder), the work can be copied and
distributed to anyone in the United States without paying any fees or
charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
phrase Project Gutenberg associated with or appearing on the work, you
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or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.


1.E.3.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
copyright holder found at the beginning of this work.


1.E.4.


Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
terms from this work, or any files containing a part of this work or any
other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.


1.E.5.


Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.


1.E.6.


You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
processing or hypertext form. However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than
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the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org), you
must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a copy, a
means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon request, of
the work in its original Plain Vanilla ASCII or other form. Any alternate
format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as specified in
paragraph 1.E.1.


1.E.7.


Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.


1.E.8.


You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that

    - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
      the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
      already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
      the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
      donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
      Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
      days following each date on which you prepare (or are legally
      required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
      should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
      Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
      Information about donations to the Project Gutenberg Literary
      Archive Foundation.

      You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
      you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
      does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
      You must require such a user to return or destroy all copies of the
      works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
      all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.

      You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
      any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
      electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
      receipt of the work.

      You comply with all other terms of this agreement for free
      distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.


1.E.9.


If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
work or group of works on different terms than are set forth in this
agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
Section 3 below.


1.F.


1.F.1.


Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
may be stored, may contain Defects, such as, but not limited to,
incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
be read by your equipment.


1.F.2.


LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the Right of
Replacement or Refund described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
OF SUCH DAMAGE.


1.F.3.


LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
the person you received the work from. If you received the work on a
physical medium, you must return the medium with your written explanation.
The person or entity that provided you with the defective work may elect
to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
work electronically, the person or entity providing it to you may choose
to give you a second opportunity to receive the work electronically in
lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
refund in writing without further opportunities to fix the problem.


1.F.4.


Except for the limited right of replacement or refund set forth in
paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.


1.F.5.


Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
limitation set forth in this agreement violates the law of the state
applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
shall not void the remaining provisions.


1.F.6.


INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
any volunteers associated with the production, promotion and distribution
of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
you cause.



Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.



Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org



Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form accessible by the widest array of equipment
including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please
visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate



Section 5.


      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
with any particular paper edition.

Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
(zipped), HTML and others.

Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the
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***FINIS***
