The Project Gutenberg EBook of Aus meinem Leben by Paul von Hindenburg



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Title: Aus meinem Leben

Author: Paul von Hindenburg

Release Date: December 17, 2009 [Ebook #30695]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN***





                          Generalfeldmarschall
                             von Hindenburg

                            Aus meinem Leben





                                  1920

                     Verlag von S. Hirzel in Leipzig





                  Copyright by S. Hirzel in Leipzig 1920




Die Firma Albert Bonnier in Stockholm besitzt das alleinige
bersetzungsrecht fr folgende Sprachen: Dnisch-norwegisch, Englisch (fr
England mit Kolonien und Amerika), Finnisch, Franzsisch, Hollndisch,
Japanisch, Italienisch, Schwedisch und Spanisch





                              ZUR EINFHRUNG


Die folgenden Erinnerungen verdanken ihre Entstehung nicht einer Neigung
zum Schreiben, sondern vielfachen Bitten und Anregungen, die von auen an
mich herantraten.

Nicht ein Geschichtswerk wollte ich verfassen sondern die Eindrcke
wiedergeben, unter denen mein Leben sich vollzog, und die Richtlinien klar
legen, nach denen ich glaubte, denken und handeln zu mssen. Fern lag es
mir, eine Rechtfertigungs- oder Streitschrift zu verfassen, am fernsten
aber war mir der Gedanke an Selbstverherrlichung. Als Mensch habe ich
gedacht, gehandelt und geirrt. Magebend in meinem Leben und Tun war fr
mich nicht der Beifall der Welt sondern die eigene berzeugung, die
Pflicht und das Gewissen.

Inmitten der schwersten Zeit unseres Vaterlandes niedergeschrieben,
entstanden die folgenden Erinnerungsbltter doch nicht unter dem bitteren
Drucke der Hoffnungslosigkeit. Mein Blick ist und bleibt unerschtterlich
vorwrts und aufwrts gerichtet.

Ich widme das Buch dankbar allen Denen, die mit mir im Feld und in der
Heimat fr des Reiches Gre und Dasein kmpften.

Im September 1919.





                            INHALTSVERZEICHNIS



  Zur Einfhrung                                                         V

  Erster Teil. Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914                3-67
    Meine Jugend                                                      3-15
        Hindenburg-Beneckendorff 3-5. Eltern und frheste Jugend
        6-8. Im Kadettenkorps 9-15.
    Im Kampf um Preuens und Deutschlands Gre                      16-47
        Im 3. Garderegiment zu Fu 16-17. 1866. Ins Feld 18. Bei
        Soor 19. Kniggrtz 20-25. Nach Kniggrtz 26. In die
        Heimat zurck 26-27. In Hannover 28-29. 1870. Wieder ins
        Feld 30. Bei St. Privat 31-35. Nach der Schlacht bei St.
        Privat 36. In die Schlacht bei Sedan 37-38. Sedan 39. Vor
        Paris 40-41. Kaiserproklamation 41-42. In Paris 42-44. Die
        Kommune 45-46. Der zweite Einzug in Berlin 47.
    Friedensarbeit                                                   48-63
        Kriegsakademie 48. Generalstab 49-50. Bei Generalkommando
        und Division 50-52. Kompagniechef 52-53. Im Groen
        Generalstab 53-56. Lehrer an der Kriegsakademie 57. Im
        Kriegsministerium 58. Regimentskommandeur 58-59. Korpschef
        59-60. Divisionskommandeur 60. Kommandierender General
        61-62. Abschied 63.
    bergang in den Ruhestand                                        64-67
        Deutsches Heer und Volk 64-66. Ausblick 66-67.

  Zweiter Teil. Kriegfhrung im Osten                               69-144
    Der Kampf um Ostpreuen                                          71-99
      Kriegsausbruch und Berufung                                    71-74
        Deutsche Politik und Dreibund 71-73. Mobilmachung 74.
      Zur Front                                                      75-79
        Armeefhrer. General Ludendorff 75. Lage im Osten 76.
        Verhltnis zu General Ludendorff 77-79.
      Tannenberg                                                     79-91
        Im Armee-Hauptquartier 79. Russische Absichten 80.
        Entwickelung des Schlachtenplans 81. Gefahr von Seite
        Rennenkampfs 82. Strkeverhltnisse 83. Die Marienburg 84.
        Tannenberg 85. Entwickelung der Schlacht 86-87.
        Entscheidungskampf 88-89. Ergebnis 90-91.
      Die Schlacht an den masurischen Seen                           91-99
        Neue Aufgaben 91-93. Rennenkampf 93-94. Zum Angriff vor 95.
        Verlauf der Schlacht 96-99.
    Der Feldzug in Polen                                           100-116
      Abschied von der 8. Armee                                    100-104
        Zusammenwirken mit der sterreichisch-ungarischen
        Heeresleitung 100-102. Nach Schlesien 102-104.
      Der Vormarsch                                                104-108
        Operative Lage 104-105. Polnische Zustnde 106. Kmpfe
        bei Iwangorod und Warschau 106-107. Russische
        Gegenoperation 108.
      Der Rckzug                                                  109-112
        Neue Plne 109. Weiterer Widerstand in Polen 110. Rckzug
        an die schlesische Grenze 111-112. Oberbefehlshaber im
        Osten 112.
      Unser Gegenangriff                                           112-116
        Wechselspiel der Operationen 112-115. Ende der Kmpfe in
        Polen 116.
    1915                                                           117-134
      Frage der Kriegsentscheidung                                 117-122
      Kmpfe und Operationen im Osten                              122-130
        Ansichten der sterreichisch-ungarischen Heeresleitung
        123. Winterschlacht in Masuren 124-125. Russische
        Gegenangriffe 125. Unsere allgemeine Offensive im Osten.
        Rolle des Oberkommandos Ost 126-127. Eigene Plne.
        Nowo Georgiewsk. Wilna 128-130.
      Ltzen                                                       130-133
      Kowno                                                        133-134
    Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August                          135-144
      Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront                135-140
        Der Winter 1915/16 135-136. Schlacht am Naroczsee 137-140.
      Der Russenangriff gegen die sterreichisch-ungarische
      Ostfront                                                     140-144
        Verdun und Italien 140-141. Wolhynien und Bukowina
        142-143. Erweiterung des Befehlsbereichs 143-144.

  Dritter Teil. Von der bertragung der Obersten Heeresleitung
  bis zur Zertrmmerung Rulands                                   145-294
    Berufung zur Obersten Heeresleitung                            147-167
      Chef des Generalstabes des Feldheeres                        147-148
      Kriegslage Ende August 1916                                  148-150
      Politische Lage                                              150-154
      Die deutsche Oberste Kriegsleitung                           154-161
        Die sterreichisch-ungarische Wehrmacht 156-158. Das
        bulgarische und trkische Heer 158-159. Unsere Leistungen
        im Kriege 160-161.
      Ple                                                         161-167
        Knig Ferdinand von Bulgarien 162. Kaiser Franz Joseph
        163. Generaloberst Conrad von Htzendorf 163-164. Enver
        Pascha 164-165. General Jekoff 165. Talaat Pascha
        166-167. Radoslawow 167.
    Leben im Groen Hauptquartier                                  168-175
        Regelmiger Tagesverlauf 168-172. Besucher 173-175.
    Kriegsereignisse bis Ende 1916                                 176-198
      Der rumnische Feldzug                                       176-187
        Unsere politische und militrische Lage zu Rumnien
        176-177. Bulgarischer Angriff in Mazedonien 178.
        Rumnische Kriegserklrung 179. Bisheriger Feldzugsplan
        179-181. Niederwerfung Rumniens 182-187.
      Kmpfe an der mazedonischen Front                            187-189
      Auf den asiatischen Kriegsschaupltzen                       189-192
      Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916          192-198
        Untersttzung Rumniens durch Ruland 192-194. Fortdauer
        der Kmpfe vor Verdun 194-195. Zum erstenmal an der
        Westfront 196-198.
    Meine Stellung zu politischen Fragen                           199-218
      uere Politik                                               199-210
        Politik und Kriegfhrung 200-201. Polnische Frage
        201-203. Polnische Freiwilligentruppen 203-204. Irrige
        Hoffnungen 204. Dobrudscha-Frage 205-206. Politische
        Erregung in Bulgarien 206-207. Trkische Politik 207-210.
      Die Friedensfrage                                            210-215
      Innere Politik                                               215-218
        "Hindenburg-Programm" 216. Vaterlndischer Hilfsdienst
        216-218.
    Vorbereitungen fr das kommende Feldzugsjahr                   219-237
      Unsere Aufgaben                                              219-227
        Allgemeine Lage Winter 1916-17. Aufgezwungene
        Verteidigung 219-222. "Siegfriedstellung" 223. Ablehnung
        von Angriffsplnen in Italien und Mazedonien 224-227.
        Aufgabe der Trkei fr 1917 227.
      Der Unterseebootkrieg                                        228-234
        Blockade und Menschlichkeit 228-229. Amerikanische
        Munition 229. Hoffnungen verbunden mit dem
        Unterseebootkrieg 230-232. Erwgungen und Entscheidung
        232-233. Der hchste Einsatz 234.
      Kreuznach                                                    235-237
    Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917                 238-251
      Im Westen                                                    238-244
        Vorbereitung fr die Abwehrschlachten 238-240.
        Frhjahrsschlacht bei Arras 240-242. Doppelschlacht
        Aisne-Champagne 242-244.
      Im nahen und fernen Orient                                   244-246
      An der Ostfront                                              246-251
        Russische Revolution 246-247. Eigene Zurckhaltung
        247-248. Weiterentwickelung des russischen Umsturzes
        248-249. Letzte russische Anstrme 250-251.
    Unser Gegensto im Osten                                       252-258
        Das Wagnis des Gegenstoes 252-254. Tarnopol 254-255.
        Riga und sel 256-258.
    Angriff auf Italien                                            259-263
    Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917  264-293
      Im Westen                                                    264-268
        Ausgang der flandrischen Schlacht 264-265. Cambrai
        265-267. Erfahrungen 267-268. Angriffe der Franzosen 268.
      Auf dem Balkan                                                   268
      In Asien                                                     269-276
        Englische Operationen in Asien 269-272. Plne zur
        Wiedereroberung Bagdads 272-273. Verhltnisse im
        trkischen Heere 274. Unsere Untersttzungen 275-276.
      Ein Blick auf die inneren Zustnde von Staaten und Vlkern
      Ende 1917                                                    277-293
        Der trkische Staat 277-279. Bulgarien 280-283.
        sterreich-Ungarn 283-284. Die deutsche Heimat 284-288.
        Frankreich 288-289. England 290. Italien 290-291.
        Vereinigte Staaten von Nordamerika 291.
        Kriegsverlngerung 291-293.

  Vierter Teil. Entscheidungskampf im Westen                       295-354
    Die Frage der Westoffensive                                    297-314
      Absichten und Aussichten fr 1918                            297-312
        Aussichten und Vertrauen 297-301. Angriffsabsichten 301.
        Lage und Entschlu 301-303. Truppenschulung 304.
        Vereinigung der Krfte im Westen 305. Schwierigkeiten im
        Osten 306-307. Finnische Expedition 308.
        sterreichisch-ungarische Untersttzung 308-309. Truppen
        aus Bulgarien und der Trkei 310. Defensive 1918? 311-312.
      Spa und Avesnes                                              312-314
    Unsere drei Angriffsschlachten                                 315-338
      Die "Groe Schlacht" in Frankreich                           315-321
      Die Schlacht an der Lys                                      321-326
      Die Schlacht bei Soissons und Reims                          327-333
        Die Schlacht 328-331. Die Menschlichkeit auf dem
        Schlachtfelde 332-333.
      Rckblick und Ausblick Ende Juni 1918                        333-338
    Im Angriff gescheitert                                         339-354
      Der Plan zur Schlacht bei Reims                              339-343
      Die Schlacht bei Reims                                       343-354
        Unser Angriff 343-346. Ergebnis 347. Des Feindes
        Gegensto 348-351. Entschlu zur Rumung des Marnebogens
        351. Haltung unserer Truppen 352. Bedeutung des
        Schlachtausgangs 353-354.

  Fnfter Teil. ber unsere Kraft                                  355-402
    In die Verteidigung geworfen                                   357-366
      Der 8. August                                                357-361
      Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kmpfe
      im Westen bis Ende September                                 362-366
    Der Kampf unserer Bundesgenossen                               367-389
      Bulgariens Zusammenbruch                                     367-377
      Der Sturz der trkischen Macht in Asien                      377-383
      Militrisches und Politisches aus sterreich-Ungarn          383-389
        Untersttzung unserer Westfront 384. Kmpfe in Albanien
        385. Erstreben des Kriegsendes 386. Graf Czernin 386-388.
        Graf Burian 388. Letzte sterreichische Friedensversuche
        389.
    Dem Ende entgegen                                              390-402
      Vom 29. September zum 26. Oktober                            390-397
        Verhltnisse an der Kampffront 390-391. Unser schwerster
        Entschlu 392-393. Unser Waffenstillstands- und
        Friedensangebot 394-395. Fortschreitender Zerfall der
        Heimat 396-397.
      Vom 26. Oktober zum 9. November                              397-402
        Das Ende des Widerstandes unserer Bundesgenossen 398-399.
        Die hchste Spannung und das Zerreien 400-402.
    Mein Abschied                                                  403-406

  Personenverzeichnis                                              407-409






                               ERSTER TEIL


                 AUS KRIEGS- UND FRIEDENSJAHREN BIS 1914




                               Meine Jugend


An einem Frhlingsabend des Jahres 1859 sagte ich als 11jhriger Knabe am
Gittertor des Kadettenhauses zu Wahlstatt in Schlesien meinem Vater
Lebewohl. Der Abschied galt nicht nur dem geliebten Vater sondern
gleichzeitig meinem ganzen bisherigen Leben. Aus diesem Gefhl heraus
stahlen sich Trnen aus meinen Augen. Ich sah sie auf meinen "Waffenrock"
fallen. "In diesem Kleid darf man nicht schwach sein und weinen" fuhr es
mir durch den Kopf; ich ri mich empor aus meinem kindlichen Schmerz und
mischte mich nicht ohne Bangen unter meine nunmehrigen Kameraden.

Soldat zu werden war fr mich kein Entschlu, es war eine
Selbstverstndlichkeit. Solange ich mir im jugendlichen Spiel oder Denken
einen Beruf whlte, war es stets der militrische gewesen. Der
Waffendienst fr Knig und Vaterland war in unserer Familie eine alte
berlieferung.

Unser Geschlecht, die "Beneckendorffs", entstammt der Altmark, wo es
urkundlich im Jahre 1280 zum erstenmal auftritt. Von hier fand es, dem
Zuge der Zeit folgend, ber die Neumark seinen Weg nach Preuen herauf.
Dort waren schon manche Trger meines Namens in den Reihen der
Deutschritter als Ordensbrder oder "Kriegsgste" gegen die Heiden und
Polen zu Felde gezogen. Spter gestalteten sich unsere Beziehungen mit dem
Osten durch Gewinn von Grundbesitz noch inniger, whrend diejenigen mit
der Mark immer lockerer wurden und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts
ganz aufhrten.

Der Name "Hindenburg" trat erst 1789 zu dem unsrigen. Wir waren mit diesem
Geschlecht in der neumrkischen Zeit durch Heiraten in Verbindung
getreten. Auch die Gromutter meines im Regiment "von Tettenborn"
dienenden und in Ostpreuen bei Heiligenbeil ansssigen Urgrovaters war
eine Hindenburg. Deren unverheirateter Bruder, welcher zuletzt als Oberst
unter Friedrich dem Groen gekmpft hatte, vermachte seine beiden, in dem
schon mit der ostpreuischen Erbschaft zu Brandenburg gekommenen, spter
aber Westpreuen zugeteilten Kreise Rosenberg gelegenen Gter Neudeck und
Limbsee seinem Groneffen unter der Bedingung der Vereinigung beider
Namen. Diese wurde von Knig Friedrich Wilhelm II. genehmigt, und seitdem
wird bei Abkrzung des Doppelnamens die Benennung "Hindenburg" angewendet.

Die Gter bei Heiligenbeil wurden infolge dieser Erbschaft verkauft. Auch
Limbsee mute, der Not gehorchend, nach den Befreiungskriegen veruert
werden. Aber Neudeck ist heute noch im Besitz unserer Familie; es gehrt
der Witwe meines nchstltesten Bruders, der nicht ganz zwei Jahr jnger
als ich war, so da unsere Lebenswege in treuer Liebe nahe nebeneinander
herliefen. Auch er wurde Kadett und durfte seinem Knige lange Jahre als
Offizier in Krieg und Frieden dienen.

In Neudeck lebten zu meiner Kinderzeit meine Groeltern. Jetzt ruhen sie,
wie auch meine Eltern und viele Andere meines Namens, auf dem dortigen
Friedhof. Fast alljhrlich kehrten wir bei den Groeltern, anfnglich noch
unter beschwerlichen Postreisen, als Sommerbesuch ein. Tiefen Eindruck
machte es mir dann, wenn mein Grovater, der bis 1801 im Regiment "von
Langenn" gedient hatte, davon erzhlte, wie er im Winter 1806/7 bei
Napoleon I. im nahen Schlo Finckenstein als Landschaftsrat um Erla von
Kontributionen bitten mute, dabei aber kalt abgewiesen wurde. Auch von
Durchmrschen und Einquartierung der Franzosen in Neudeck hrte ich. Und
mein Onkel von der Groeben, der an der Passarge ansssig war, wute von
den Kmpfen an diesem Abschnitt im Jahre 1807 zu berichten. Die Russen
drangen damals ber die Brcke, wurden aber wieder zurckgeworfen. Ein
franzsischer Offizier, der mit seinen Mannschaften das Gutshaus
verteidigte, wurde in einem Giebelzimmer durch das Fenster erschossen. Es
fehlte nicht viel, dann htten die Russen 1914 wieder diese Brcke
betreten.

Nach dem Tode meiner Groeltern zogen meine Eltern 1863 nach Neudeck. Wir
fanden also von da ab dort, in den uns so vertrauten Rumen, das
Elternhaus. Wo ich einst in jungen Jahren so gern geweilt hatte, da habe
ich mich spter oft mit Frau und Kindern von des Lebens Arbeit ausgeruht.

So ist denn Neudeck fr mich die Heimat, der feste Mittelpunkt auch meiner
engeren Familie geworden, dem unser ganzes Herz gehrt. Wohin mich auch
innerhalb des deutschen Vaterlandes mein Beruf fhrte, ich fhlte mich
stets als Altpreue.

Als Soldatenkind wurde ich 1847 in Posen geboren. Mein Vater war zu der
Zeit Leutnant im 18. Infanterie-Regiment. Meine Mutter war die Tochter des
damals auch in Posen lebenden Generalarztes Schwickart.

Das einfache, um nicht zu sagen harte Leben eines preuischen
Landedelmannes oder Offiziers in bescheidenen Verhltnissen, das in der
Arbeit und Pflichterfllung seinen wesentlichsten Inhalt fand, gab
naturgem unserm ganzen Geschlecht sein Geprge. Auch mein Vater ging
daher vllig in seinem Berufe auf. Aber er fand hierbei immer noch Zeit,
sich Hand in Hand mit meiner Mutter der Erziehung seiner Kinder - ich
hatte noch zwei jngere Brder und eine Schwester - zu widmen. Das
sittlich tief angelegte, aber auch auf das praktische Leben gerichtete
Wesen meiner teuren Eltern zeigte auch nach auen hin eine vollendete
Harmonie. In gegenseitiger Ergnzung der Charaktere stand neben der
ernsten, vielfach zu Sorgen geneigten Lebensauffassung meiner Mutter die
ruhigere Anschauungsart meines Vaters. Beide vereinten sich in warmer
Liebe zu uns, und so wirkten sie denn auf diese Weise in voller
bereinstimmung auf die geistige und sittliche Heranbildung ihrer Kinder
ein. Es ist daher schwer zu sagen, wem ich dabei mehr zu danken habe,
welche Richtung mehr vom Vater und welche mehr von der Mutter gefrdert
wurde. Beide Eltern bestrebten sich, uns einen gesunden Krper und einen
krftigen Willen zur Tat fr die Erfllung der Pflichten auf den Lebensweg
mitzugeben. Sie bemhten sich aber auch, uns durch Anregung und
Entwickelung der zarteren Seiten des menschlichen Empfindens das Beste zu
bieten, was Eltern geben knnen: den vertrauensvollen Glauben an Gott den
Herrn und eine grenzenlose Liebe zum Vaterlande und zu dem, was sie als
die strkste Sttze dieses Vaterlandes anerkannten, nmlich zu unserm
preuischen Knigstum. Der Vater fhrte uns zugleich von frher Jugend an
in die Wirklichkeit des Lebens hinaus. Er weckte in uns im Garten und auf
Spaziergngen die Liebe zur Natur, zeigte uns das Land und lehrte uns die
Menschen in ihrem Dasein und in ihrer Arbeit erkennen und schtzen. Unter
"uns" verstehe ich hierbei auer mir meinen nchstltesten Bruder. Die
Erziehung meiner nach diesem folgenden Schwester lag selbstredend mehr in
Hnden der Mutter, und mein jngster Bruder trat erst ins Leben, kurz
bevor ich Kadett wurde.

Das Los des Soldaten, zu wandern, fhrte meine Eltern von Posen nach Kln,
Graudenz, Pinne in der Provinz Posen, Glogau und Kottbus. Dann nahm mein
Vater den Abschied und zog nach Neudeck.

Von Posen habe ich aus damaliger Zeit nur wenig Erinnerung. Mein Grovater
mtterlicherseits starb bald nach meiner Geburt. Er hatte sich 1813 in der
Schlacht bei Kulm als Militrarzt das Eiserne Kreuz am Kombattantenbande
erworben, weil er ein fhrerlos und wankend gewordenes Landwehrbataillon
wieder geordnet und vorgefhrt hatte. Meine Gromutter mute uns in
spteren Jahren noch viel von der "Franzosenzeit", die sie in Posen als
junges Mdchen durchlebt hatte, erzhlen. Genau entsinne ich mich eines
hochbetagten Grtners meiner Groeltern, der noch 14 Tage unter Friedrich
dem Groen gedient hatte. So fiel gewissermaen auf mich als Kind noch ein
letzter Sonnenstrahl ruhmvoller friderizianischer Vergangenheit.

Im Jahre 1848 hatte der polnische Aufstand auch auf die Provinz Posen
bergegriffen. Mein Vater war mit seinem Regiment zur Bekmpfung dieser
Bewegung ausgerckt. Die Polen bemchtigten sich nun vorbergehend der
Herrschaft in der Stadt. Zur Feier des Einzugs ihres Fhrers Miroslawski
sollten alle Huser illuminiert werden. Meine Mutter war auerstande, sich
diesem Zwange zu entziehen. Sie zog sich in ein Hinterzimmer zurck und
trstete sich, an meiner Wiege sitzend, mit dem Gedanken, da gerade auf
diesen Tag, den 22. Mrz, der Geburtstag des "Prinzen von Preuen" fiel,
so da die Lichter an den Fenstern der Vorderzimmer in ihrem Herzen diesem
galten. 23 Jahre spter war das damalige Wiegenkind im Spiegelsaale zu
Versailles Zeuge der Kaisererklrung Wilhelms I., des einstigen Prinzen
von Preuen.

Unser Aufenthalt in Kln und Graudenz war nur von kurzer Dauer. Aus der
Klner Zeit schwebt mir das Bild des mchtigen, jedoch noch unvollendeten
Domes vor.

In Pinne fhrte mein Vater nach damaligem Brauch vier Jahre hindurch als
berzhliger Hauptmann eine Landwehrkompagnie. Er war dienstlich nicht
sehr beansprucht, so da er sich gerade in der Zeit, in welcher sich mein
jugendlicher Geist zu regen begann, uns Kindern besonders widmen konnte.
Er unterrichtete mich bald in Geographie und Franzsisch, whrend mir der
Schullehrer Kobelt, dem ich noch heute eine dankbare Erinnerung bewahre,
Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Aus dieser Zeit stammt meine
Vorliebe fr Geographie, welche mein Vater durch sehr anschauliche und
anregende Lehrart zu wecken verstand. Den ersten Religionsunterricht
erteilte mir in zum Herzen redender Weise meine Mutter.

Immer mehr entwickelte sich in diesen Jahren und aus dieser Art der
Erziehung ein Verhltnis zu meinen Eltern, das zwar ganz auf den Boden
unbedingter Autoritt gestellt war, das aber zugleich auch bei uns Kindern
weit mehr das Gefhl grenzenlosen Vertrauens als blinder Unterwerfung
unter eine zu strenge Herrschaft wachrief.

Pinne ist ein kleines Stdtchen mit angrenzendem Rittergut. Letzteres
gehrte einer Frau von Rappard, in deren Hause wir viel verkehrten. Sie
war kinderlos aber sehr kinderlieb. In der Nhe sa ihr Bruder, Herr von
Massenbach, auf dem Rittergut Bialokosz. In dessen groer Kinderschar fand
ich mehrere liebe Spielgefhrten. Die Erinnerung an Pinne hat sich bei mir
stets sehr rege erhalten. Ich besuchte im Sptherbst 1914 den Ort von
Posen aus und betrat mit Rhrung das kleine bescheidene Huschen im
Dorfteile, in welchem wir einst ein so glckliches Familienleben gefhrt
hatten. Der jetzige Besitzer des Gutes ist der Sohn eines meiner einstigen
Spielgefhrten. Der Vater ist schon zur ewigen Ruhe gegangen.

In die Glogauer Zeit fllt mein Eintritt in das Kadettenkorps. Ich hatte
dort vorher je zwei Jahre die Brgerschule und das evangelische Gymnasium
besucht. Wie ich hre, hat man mir in Glogau dadurch ein freundliches
Andenken bewahrt, da eine an unserm damaligen Wohnhaus angebrachte Tafel
an meinen dortigen Aufenthalt erinnert. Ich habe die Stadt zu meiner
Freude wiedergesehen, als ich Kompagniechef im benachbarten Fraustadt war.

Rckblickend auf die bisher geschilderte Zeit darf ich wohl sagen, da
meine erste Erziehung auf die gesndeste Grundlage gestellt war. Ich
fhlte daher beim Abschied aus dem Elternhause, da ich unendlich viel
zurcklie, aber ich empfand doch auch, da mir unendlich viel auf den
weiteren Lebensweg mitgegeben war. Und so ist es mein ganzes Leben
hindurch geblieben. Lange durfte ich mich der sorglichen, nimmermden
Elternliebe, die sich spter auch auf meine Familie ausdehnte, erfreuen.
Meine Mutter verlor ich, als ich schon Regimentskommandeur war; mein Vater
ging von uns, kurz bevor ich an die Spitze des IV. Armeekorps berufen
wurde.

Das Leben in dem preuischen Kadettenkorps war damals, man kann wohl
sagen, bewut und gewollt rauh. Die Erziehung war neben der Schulbildung
auf eine gesunde Entwicklung des Krpers und des Willens gestellt.
Tatkraft und Verantwortungsfreudigkeit wurden ebenso hoch bewertet als
Wissen. In dieser Art der Erziehung lag keine Einseitigkeit sondern eine
gewisse Strke. Die einzelne Persnlichkeit sollte und konnte sich auch in
ihren gesunden Besonderheiten frei entwickeln. Es war etwas von dem
Yorkschen Geiste in jener Erziehung, ein Geist, der so oft von
oberflchlichen Beurteilern falsch aufgefat worden ist. Gewi war York
gegen sich wie gegen andere ein harter Soldat und Erzieher, aber er war es
auch, der fr jeden seiner Untergebenen das Recht und die Pflicht des
freien selbstndigen Handelns forderte, wie er selbst diese
Selbstndigkeit gegen jedermann zum Ausdruck brachte. Der Yorksche Geist
ist daher nicht nur in seiner militrischen Straffheit sondern auch in
seiner Freiheit einer der kostbarsten Zge unseres Heeres gewesen.

Fr die humanistische Bildung anderer Schulen, soweit sie sich
vorherrschend mit den alten Sprachen beschftigt, habe ich nur wenig
Verstndnis. Der praktische Nutzen fr das Leben bleibt mir unklar. Als
Mittel zum Zweck betrachtet, nehmen meiner Meinung nach die toten Sprachen
im Lehrplan viel zu viel Zeit und Kraft in Anspruch, und als Sonderstudium
gehren sie in sptere Lebensjahre. Ich wnschte, auf die Gefahr hin, fr
einen Botier gehalten zu werden, da in solchen Schulen auf Kosten von
Latein und Griechisch die lebenden Sprachen, neuere Geschichte, Deutsch,
Geographie und Turnen mehr in den Vordergrund gestellt wrden. Mu denn
das, was im dunklen Mittelalter das einzige war, an welches sich die
Bildung anklammern konnte, wirklich auch noch in heutigen Tagen in erster
Linie stehen? Haben wir uns nicht seitdem in harten Kmpfen und schwerer
Arbeit eine eigene Geschichte, eine eigene Literatur und Kunst geschaffen?
Bedrfen wir nicht, um im Weltverkehr unsere Stellung richtig einnehmen zu
knnen, weit mehr der lebenden als der toten Sprachen?

Aus dem eben Gesagten soll keine Miachtung des Altertums an sich
herausklingen. Dessen Geschichte hat im Gegenteil von frher Jugend an auf
mich eine groe Anziehungskraft ausgebt. Vornehmlich war es die der
Rmer, welche mich fesselte. Sie hatte fr mich etwas Gewaltiges, fast
Dmonisches, ein Eindruck, der mir in sptern Lebensjahren bei dem Besuche
Roms besonders lebhaft vor Augen trat und sich unter anderm darin uerte,
da mich dort die Denkmler der alten ewigen Stadt mehr anzogen als die
Schpfungen italienischer Renaissance.

Roms kluges Erkennen der Vorzge und Mngel vlkischer Eigentmlichkeiten,
seine rcksichtslose Selbstsucht, die im eigenen Interesse kein Mittel
Freund und Feind gegenber verschmhte, seine geschickt aufgemachte
tugendhafte Entrstung, wenn die Feinde einmal mit gleichem vergalten,
sein Ausspielen aller Leidenschaften und Schwchen innerhalb der
feindlichen Vlker, wie es in so kluger Weise ganz besonders den
germanischen Stmmen gegenber angewendet wurde und hier mehr nutzte als
Waffengebrauch, fand nach meinen spteren Erfahrungen sein Spiegelbild und
seine Vervollkommnung in der britischen Staatsweisheit, der es gelang, all
diese Seiten diplomatischer Kunst bis zur hchsten Verfeinerung und
Welttuschung auszubauen.

Meine Jugendhelden suchte ich bei aller Verehrung des Altertums nur unter
meinen eigenen Volksgenossen. Offen und ehrlich spreche ich meine
Auffassung dahin aus, da wir nicht so einseitig und undankbar sein
drfen, ber der Bewunderung fr einen Alcibiades oder Themistokles, fr
die verschiedenen Katos oder Fabier so manche derjenigen Mnner ganz zu
bersehen, die in der Geschichte unseres eigenen Vaterlandes eine
mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt haben wie jene einst fr
Griechenland und Rom. Ich habe traurige Wahrnehmungen in dieser Beziehung
leider wiederholt im Gesprch mit deutscher Jugend gemacht, die mir dann
bei aller Gelehrsamkeit doch etwas weltfremd vorkam.

Vor solcher Weltfremdheit bewahrten uns im Kadettenkorps unsere Lehrer und
Erzieher, und ich danke ihnen das noch heute. Dieser Dank gebhrt
vornehmlich einem damaligen Leutnant von Wittich. Ich war ihm, als ich
nach Wahlstatt kam, durch einen Verwandten empfohlen worden, und er nahm
sich meiner stets besonders freundlich an. Selbst erst vor wenigen Jahren
dem Kadettenkorps entwachsen, fhlte er ganz mit uns, beteiligte sich gern
an unseren Spielen, besonders den Schneeballgefechten im Winter, wirkte
berall erfrischend und anregend und besa obenein ein hervorragendes
Lehrtalent. Er hat mich 1859 in Sexta in Geographie und sechs Jahre spter
in Berlin in Selekta im Gelndeaufnehmen unterrichtet, und als ich nach
weitern Jahren die Kriegsakademie besuchte, fand ich auch dort wieder den
Generalstabsmajor von Wittich als Lehrer vor. Dieser beschftigte sich
schon als Leutnant mit Kriegsgeschichte und gab uns manchmal whrend der
sonntglichen Spaziergnge durch Anlage kleiner bungen in geeignetem
Gelnde anschauliche Bilder ber den Gang der Schlachten, welche damals,
1859, in Oberitalien geschlagen wurden, wie z. B. Magenta und Solferino.
Spter, in Berlin, regte er mich, den Kadetten, auch bereits zum Studium
der Kriegsgeschichte an und lenkte dadurch mein jugendliches Interesse in
Bahnen, die fr meinen weiteren Werdegang von Bedeutung waren. Ist doch
die Kriegsgeschichte der beste Lehrmeister fr die hhere Truppenfhrung.
Als ich spter in den Generalstab versetzt wurde, gehrte ihm
Oberstleutnant von Wittich auch noch an bedeutsamer Stelle an, und
schlielich sind wir beide sogar noch gleichzeitig Kommandierende
Generale, also Befehlshaber ber Armeekorps, gewesen. Das hatte der kleine
Sextaner in Wahlstatt nicht geahnt, als ihm der Leutnant von Wittich in
der Geographiestunde einen freundschaftlichen Jagdhieb mit dem Lineal
versetzte, weil er Montblanc und Monte Rosa verwechselt hatte.

Unter der harten Schulung des Kadettenlebens hat unser Frohsinn nicht
gelitten. Ich wage es zu bezweifeln, da sich das frische jugendliche
Toben, dem natrlicherweise die gelegentliche Steigerung bis zum tollen
bermut nicht fehlte, in irgend welchen anderen Bildungsanstalten mehr
geltend machte, als bei uns Kadetten. Wir fanden in unseren Erziehern
meist verstndnisvolle, milde Richter.

Ich selbst war zunchst keineswegs das, was man im gewhnlichen Leben
einen Musterschler nennt. Anfangs hatte ich eine aus frheren Krankheiten
zurckgebliebene krperliche Schwchlichkeit zu berwinden. Als ich dann
dank der gesunden Erziehungsart allmhlich erstarkte, hatte ich anfnglich
wenig Neigung dazu, mich den Wissenschaften besonders zu widmen. Erst
langsam erwachte in dieser Beziehung mein Ehrgeiz, der sich mit den Jahren
bei gutem Erfolge immer mehr steigerte und mir schlielich
unverdientermaen den Ruf eines besonders begabten Schlers einbrachte.

Bei allem Stolz, mit welchem ich mich "Kniglicher Kadett" nannte,
begrte ich doch die Tage der Einkehr in das Elternhaus stets mit
unendlichem Jubel. Die Reisen waren in der damaligen Zeit, besonders
whrend des Winters, freilich nicht einfach. Je nach dem Reiseziel
wechselten langsame Bahnfahrten in ungeheizten Wagen mit noch langsamern
Postfahrten ab. Aber alle diese Schwierigkeiten traten in den Hintergrund
bei der Aussicht, die Heimat, Eltern und Geschwister wiederzusehen. Der
Sehnsucht des Sohnes schlug das Herz der Mutter am wrmsten entgegen. So
entsinne ich mich noch meiner ersten Weihnachtsheimkehr nach Glogau. Ich
war mit anderen Kameraden die ganze Nacht hindurch von Liegnitz in der
Post gefahren. Noch im Dunkeln trafen wir, durch Schneefall versptet, in
Glogau ein. Da sa die liebe Mutter in der schwach erleuchteten, kaum
erwrmten sogenannten Passagierstube an wollenen Strmpfen strickend, als
wolle sie durch das Nachgeben gegenber der Sehnsucht zu einem ihrer
Kinder die Vorsorge fr das Wohl der anderen nicht versumen.

In mein erstes Kadettenjahr fiel im Sommer 1859 ein Besuch des damaligen
Prinzen Friedrich Wilhelm, des spteren Kaisers Friedrich, und seiner
Gemahlin in Wahlstatt. Wir sahen fast alle bei dieser Gelegenheit zum
ersten Male Mitglieder unseres Knigshauses. Noch nie hatten wir beim
Parademarsch unsere Beine so hoch geworfen, noch nie bei dem sich hieran
anschlieenden Vorturnen so halsbrecherische bungen gemacht als an diesem
Tage. Und von der Gte und Leutseligkeit des Prinzenpaares sprachen wir
noch lange Zeit.

Im Oktober des gleichen Jahres wurde zum letzten Male der Geburtstag Knig
Friedrich Wilhelms IV. gefeiert. Unter diesem schwergeprften Herrscher
habe ich also die preuische Uniform angelegt, die bis an mein Lebensende
mein Ehrenkleid bleiben soll. Ich hatte die Ehre, der verwitweten Gemahlin
des Knigs, der Knigin Elisabeth, im Jahre 1865 als Leibpage zugeteilt zu
werden. Die Taschenuhr, die Ihre Majestt mir damals schenkte, hat mich in
drei Kriegen treulich begleitet.

Ostern 1863 wurde ich nach Sekunda und hierdurch nach Berlin versetzt. Das
dortige Kadettenhaus lag in der neuen Friedrichstrae unweit des
Alexanderplatzes. Ich lernte nun zum ersten Male Preuens Hauptstadt
kennen und durfte jetzt endlich bei den Frhjahrsparaden mit Aufstellung
Unter den Linden und Vorbeimarsch auf dem Opernplatz sowie bei den
Herbstparaden auf dem Tempelhofer Felde meinen Allergndigsten Herrn,
Knig Wilhelm I., sehen.

Einen ebenso erhebenden als ernsten Ton brachte in unser Kadettenleben der
Beginn des Jahres 1864. Der Krieg gegen Dnemark brach aus, und ein Teil
unserer Kameraden schied im Frhjahr von uns, um in die Reihen der
kmpfenden Truppen zu treten. Mich selbst verhinderte leider noch das
jugendliche Alter daran, zu der Zahl dieser Vielbeneideten zu gehren. Mit
welch heien Wnschen die ausziehenden Kameraden von uns begleitet wurden,
bedarf keiner Schilderung.

ber die politischen Grnde, die zu dem Kriege fhrten, zerbrachen wir uns
den Kopf noch nicht. Aber wir hatten doch schon das stolze Empfinden, da
in das matte und haltlose Wesen des Deutschen Bundes endlich einmal ein
erfrischender Wind gefahren war, und da die Tat wieder mehr gelten sollte
als das Wort und die Aktenbndel. Im brigen verfolgten wir mit glhendem
Interesse die kriegerischen Ereignisse, wohnten freudig klopfenden Herzens
der Einbringung der eroberten Geschtze und dem Siegeseinzug der Truppen
als Zuschauer bei und glaubten zu dem Gefhl berechtigt zu sein, einen
Teil jenes Geistes in uns zu haben, der auf den dnischen Kampffeldern
unsere Truppen zum Erfolge fhrte. War es zu verwundern, wenn wir seitdem
kaum den Tag erwarten konnten, der uns selbst in die Reihen unserer Armee
fhren sollte?

Bevor dies geschah, wurde uns noch die Ehre und das Glck zuteil, unserm
Knig persnlich vorgestellt zu werden. Wir wurden zu dem Zweck in das
Schlo gefhrt und hatten dort Seiner Majestt Namen und Stand des Vaters
zu nennen. Kein Wunder, da da mancher in der Aufregung erst kein Wort
hervorbrachte und dann die Worte durcheinander warf. Hatten wir doch noch
nie unserm greisen Herrscher so nahe gegenber gestanden, ihm noch nie so
scharf in das gtige Auge geblickt und seine Stimme gehrt. Ernste Worte
sprach der Knig zu uns. Er ermahnte uns, auch in schweren Stunden unsere
Schuldigkeit zu tun. Bald sollten wir Gelegenheit haben, dies in die Tat
umzusetzen. Manche von uns haben ihre Treue mit dem Tode besiegelt.

Im Frhjahr 1866 verlie ich das Kadettenkorps. Allezeit bin ich seitdem
dieser militrischen Erziehungsanstalt auf Grund meiner persnlichen
Erfahrungen und Neigungen dankbar und treu ergeben geblieben. Ich freute
mich immer der hoffnungsvollen jungen Kameraden in des Knigs Rock. Auch
whrend des Weltkrieges nahm ich gern Gelegenheit, Shne meiner
Mitarbeiter, meiner Bekannten oder gefallener Kameraden bei mir als Gste
zu sehen. Ein gnstiger Umstand gab mir sogar Veranlassung, die Feier
meines in den Krieg fallenden 70jhrigen Geburtstages damit zu beginnen,
da ich drei kleine Kadetten in Kreuznach von der Strae weg an meinen mit
ebaren Geschenken reich besetzten Frhstckstisch rufen lassen konnte.
Sie traten vor mich hin, so wie ich die Jugend liebe, frisch und
unbefangen, leibhaftige Bilder lngst vergangener Zeiten, Erinnerungen an
selbsterlebte Tage.




               Im Kampf um Preuens und Deutschlands Gre


Am 7. April 1866 trat ich als "Sekondlieutenant" in das 3. Garderegiment
zu Fu ein. Das Regiment gehrte zu denjenigen Truppenteilen, die
gelegentlich der groen Vermehrung aktiver Verbnde 1859/60 neu errichtet
worden waren. Das junge Regiment hatte sich, als ich in dasselbe eintrat,
bereits im Feldzug 1864 Lorbeeren erworben. Die Ruhmesgeschichte eines
Truppenteiles schlingt ein einigendes Band um alle seine Angehrigen und
liefert einen Kitt, der sich auch in den schwersten Kriegslagen bewhrt.
Hierin liegt ein unzerstrbares Etwas, das auch dann weiterwirkt, wenn,
wie im letzten groen Kriege, Regimenter wiederholt einen frmlichen
Neuaufbau durchmachen muten. briggebliebene Reste des alten Geistes
durchstrmten die neuen Teile in kurzer Zeit.

Ich fand in meinem Regiment, das aus dem 1. Garde-Regiment zu Fu
hervorgegangen war, die gute, alte Potsdamer Schule, den Geist, der den
besten berlieferungen des damaligen preuischen Heeres entsprach. Das
preuische Offizierkorps dieser Zeit war nicht mit Glcksgtern gesegnet,
und das war gut. Sein Reichtum bestand in seiner Bedrfnislosigkeit. Das
Bewutsein eines besonderen persnlichen Verhltnisses zu seinem Knig -
der Vasallentreue, wie ein deutscher Historiker sich ausdrckt -
durchdrang das Leben der Offiziere und entschdigte sie fr manche
materielle Entbehrung. Diese ideale Auffassung war fr die Armee von
unschtzbarem Vorteil. Das Wort "ich dien'" hatte dadurch einen ganz
besonderen Klang.

Vielfach wurde behauptet, da eine solche Auffassung eine Absonderung der
Offiziere den anderen Berufsklassen gegenber veranlat htte. Ich habe
diese Einseitigkeit im Offizierstande niemals in hherem Mae gefunden wie
in jedem anderen Beruf, der auf sich hlt und sich daher unter
Seinesgleichen am wohlsten fhlt. Ein in den Grundzgen wohl zutreffendes
Bild des damaligen Geistes innerhalb des preuischen Offizierskorps findet
sich in einer Abhandlung ber den Kriegsminister von Roon. Dort wird das
Offizierskorps dieser Zeit ein aristokratischer Berufsstand genannt, fest
und krftig in sich geschlossen, aber durchaus nicht verknchert oder dem
allgemeinen Leben abgekehrt, auch keineswegs ohne eine Beimischung
liberaler Elemente, fachmnnisch nchtern aber auch fachmnnisch reich.
Gegen das alte Ideal der weiten Menschlichkeit habe sich in ihm das neue
der strammen Berufsbildung erhoben. Seine eifrigsten Vertreter habe es in
den Shnen der alten monarchisch-konservativen Schichten Preuens
gefunden. Es sei getragen gewesen von einem starken Gefhl der staatlichen
Macht, von einem friderizianischen Zuge, der Preuen in seinem Heere neue
Bettigung in der Welt ersehnte.

Als ich beim Regiment in seinem damaligen Standort Danzig eintraf, warfen
die politischen Ereignisse der folgenden Monate schon ihre Schatten
voraus. Zwar war die Mobilmachung gegen sterreich noch nicht
ausgesprochen, aber der Befehl zur Erhhung des Mannschaftsstandes war
ergangen und in voller Ausfhrung begriffen.

Angesichts des bevorstehenden Entscheidungskampfes zwischen Preuen und
sterreich bewegten sich unsere politischen und militrischen
Gedankengnge vllig in den Bahnen Friedrichs des Groen. Dementsprechend
fhrten wir auch in Potsdam, wohin das Regiment nach seiner vollendeten
Mobilmachung verlegt worden war, unsere Grenadiere an den Sarg dieses
unvergelichen Herrschers. Auch der Tagesbefehl unserer Armee vor dem
Einmarsch in Bhmen trug diesen Gedanken in seinem Schlusatz mit den
Worten Rechnung: "Soldaten, vertraut auf eure Kraft und denkt, da es
gilt, denselben Feind zu besiegen, den einst unser grter Knig mit einem
kleinen Heere schlug."

Politisch empfanden wir die Notwendigkeit einer Machtentscheidung zwischen
sterreich und uns, weil fr beide Gromchte nebeneinander in dem
damaligen Bundesverhltnis keine freie Bettigungsmglichkeit vorhanden
war. Einer von beiden mute weichen, und da solches durch staatliche
Vertrge nicht zu erreichen war, hatten die Waffen zu sprechen. ber diese
Auffassung hinaus war von einer nationalen Feindschaft gegen sterreich
bei uns keine Rede. Das Gefhl der Stammesgemeinschaft mit den damals noch
ausschlaggebenden deutschen Elementen der Donaumonarchie war zu stark
entwickelt, als da sich feindliche Empfindungen htten durchsetzen
knnen. Der Verlauf des Feldzuges bewies dies auch mehrfach. Gefangene
wurden von unserer Seite meist wie Landsleute behandelt, mit denen man
sich nach durchgefochtenem Streite gern wieder vertrgt. Die
Landeseinwohner auf feindlichem Gebiete, sogar der grte Teil der
tschechischen Bevlkerung, zeigten uns meist ein derartiges
Entgegenkommen, da sich in den Unterkunftsorten das Leben und Treiben wie
in deutschen Manverquartieren abspielte.

Nicht nur in Gedanken sondern auch in der Wirklichkeit schritten wir in
diesem Kriege auf friderizianischen Bahnen. So brach das Gardekorps auf
viel betretenen Kriegspfaden von Schlesien her bei Braunau in Bhmen ein.
Und der Verlauf unseres ersten Gefechtes, desjenigen bei Soor, fhrte uns
am 28. Juni in dem gleichen Gelnde und in der nmlichen Richtung von
Eipel auf Burkersdorf gegen den Feind, in der sich einst am 30. September
1747 whrend der damaligen Schlacht bei Soor Preuens Garde inmitten der
in den starren Formen der Lineartaktik anrckenden Armee des groen Knigs
vorbewegt hatte.

Unser 2. Bataillon, bei dessen 5. Kompagnie ich den nach dem damaligen
Reglement aus dem dritten Gliede gebildeten 1. Schtzenzug fhrte, hatte
an diesem Tage kaum Gelegenheit, in vorderster Linie einzugreifen, weil
wir den taktischen Anschauungen dieser Zeit entsprechend zu der schon vor
dem Gefecht ausgesonderten Reserve gehrten. Immerhin hatten wir aber doch
wenigstens Gelegenheit, uns in einem Gehlz nordwestlich Burkersdorf mit
sterreichischer Infanterie herumzuschieen und Gefangene zu machen, sowie
spter ungefhr zwei Eskadrons feindlicher Ulanen, welche in einem Grunde
ahnungslos hielten, durch unser Feuer zu vertreiben und ihnen ihre
Fahrzeuge abzunehmen. In letzteren befanden sich unter anderm die
Regimentskasse, welche abgeliefert wurde, viele Brote, welche unsere
Grenadiere auf ihre Bajonette gespiet in das Biwak bei Burkersdorf
brachten, und das Kriegstagebuch, welches in dem gleichen Heft wie das des
italienischen Feldzuges von 1859 niedergeschrieben war. Vor etwa 12 Jahren
lernte ich einen lteren Herrn, einen Mecklenburger, kennen, der damals in
sterreichischen Diensten als Leutnant bei einer der Ulanen-Eskadrons
gestanden hatte. Er beichtete mir, da er bei dieser Gelegenheit seine
neue Ulanka eingebt htte, die fr den Einzug in Berlin bestimmt gewesen
war.

Da ich bei Soor nicht viel erlebt hatte, so mute ich mich damit begngen,
wenigstens Pulver gerochen und einen Teil jener seelischen Stimmung
durchgemacht zu haben, welche die Truppe bei ihrer ersten Berhrung mit
dem Gegner ergreift.

Aus meiner Kampfbegeisterung heraus wurde ich am nchsten Tage sozusagen
mit der Rckseite der Medaille bekannt gemacht. Mir oblag mit
60 Grenadieren die traurige Pflicht, das Gefechtsfeld nach Toten
abzusuchen und diese zu beerdigen, eine ernste Arbeit, die dadurch
erschwert wurde, da das Getreide noch auf dem Halm stand. Mit knapper Not
erreichte ich, vielfach andere Truppenteile durch Laufen im Chausseegraben
berholend, mit meinen Leuten am Nachmittag mein Bataillon, das sich schon
im Gros der Division im Vormarsch nach Sden befand. Ich kam gerade noch
zur Zeit, um die Erstrmung des Elbberganges von Kniginhof durch unsere
Vorhut mit anzusehen.

Der 30. Juni versetzte mich in die nchterne Wirklichkeit kriegerischen
Kleinkrams. Ich mute mit schwacher Bedeckung etwa 30 Wagen voll
Gefangener im Nachtmarsch nach Trautenau bringen, dort in die nunmehr
leeren Fahrzeuge Verpflegung aufnehmen und mit dieser dann wieder nach
Kniginhof zurckkehren. Erst am 2. Juli frh konnte ich mich meiner
Kompagnie wieder anschlieen. Es war hohe Zeit, denn schon der nchste Tag
rief uns auf das Schlachtfeld von Kniggrtz.

Nachdem ich in der folgenden Nacht mit meinem Zuge eine Patrouille in der
Richtung auf die Festung Josephstadt ausgefhrt hatte, standen wir am
Morgen des 3. Juli ziemlich ahnungslos im nakalten Vorposten-Biwak am
Sdausgang von Kniginhof herum. Da ertnte das Alarmsignal, und bald
darauf kam der Befehl, rasch Kaffee zu kochen und dann marschbereit zu
sein. Aufmerksame Lauscher konnten bald heftiges Geschtzfeuer aus
sdwestlicher Richtung vernehmen. Die Anschauungen ber den Grund des
Gefechtslrms waren geteilt. Im allgemeinen berwog die Meinung, da die
von der Lausitz her in Bhmen eingedrungene 1. Armee des Prinzen Friedrich
Karl - wir gehrten zur 2. des Kronprinzen - irgendwo auf ein vereinzeltes
sterreichisches Korps gestoen sei.

Der nun eintreffende Vormarschbefehl wurde mit Jubel begrt. Sah doch der
Gardist mit hellem Neid auf die bisherigen glnzenden Erfolge, die das
links von uns vorgedrungene V. Armeekorps unter General von Steinmetz
bisher errungen hatte. Unter strmendem Regen, trotz khler Witterung in
Schwei gebadet, wateten wir mhsam in langgezogenen Kolonnen auf
grundlosen Wegen vorwrts. Ein erregter Eifer hatte sich eingestellt und
steigerte sich bei mir zu der Sorge, da wir vielleicht zu spt kommen
knnten.

Diese Besorgnis erwies sich bald als unntig. Der Kanonendonner wurde,
nachdem wir aus dem Elbtal heraufgestiegen waren, immer deutlicher hrbar.
Auch sahen wir gegen 11 Uhr einen hheren Stab zu Pferde auf einer Anhhe
neben unserem Wege halten, sorgsam durch die Fernglser nach Sden
sphend. Es war das Oberkommando der 2. Armee, an seiner Spitze unser
Kronprinz, der sptere Kaiser Friedrich. Sein damaliger Generalstabschef,
General von Blumenthal, hat mir nach Jahren ber diesen Augenblick
folgendes erzhlt:

  "Gerade als die 1. Gardedivision auf unergrndlichen Wegen an uns
  vorbeizog, bat ich den Kronprinzen, mir die Hand zu geben. Als dieser
  mich daraufhin fragend anblickte, fgte ich hinzu, da ich ihm zur
  gewonnenen Schlacht gratulieren wolle. Das sterreichische Geschtzfeuer
  schlge berall nach Westen, ein Beweis dafr, da der Feind auf der
  ganzen Linie durch die 1. Armee gefesselt wre, soda wir ihm jetzt in
  die Flanke und teilweise in den Rcken kmen. Angesichts solcher Lage
  war nur noch anzuordnen, da das Gardekorps rechts, das VI. Korps links
  einer trotz des Nebels weithin sichtbaren, von zwei mchtigen
  Lindenbumen gekrnten, bei Horenowes gelegenen Hhe weiter vorgehen
  sollten, whrend das I. und V. Korps, die noch im Anmarsch auf das
  Schlachtfeld begriffen waren, diesen Korps zu folgen htten. Weiteres
  hatte der Kronprinz an dem Tage kaum noch zu befehlen."

Unsere Bewegung wurde zunchst noch querfeldein fortgesetzt, dann
marschierten wir auf, und bald wurden uns die ersten Granaten von den
Hhen seitwrts Horenowes entgegengeschickt. Die sterreichische
Artillerie bewahrheitete ihren guten, alten Ruf. Eines der ersten
Geschosse verwundete meinen Kompagnie-Fhrer, ein anderes ttete dicht
hinter mir meinen Flgelunteroffizier und bald schlug auch eine Granate
mitten in unsere Kolonne ein und setzte 25 Mann auer Gefecht. Als dann
aber das Feuer verstummte und die Hhen uns kampflos in die Hnde fielen,
weil es sich hier nur um eine aus der berraschung heraus zum Zwecke des
Zeitgewinns schwach besetzte vorgeschobene Stellung des Feindes gehandelt
hatte, machte sich ein Gefhl der Enttuschung geltend. Freilich nicht fr
lange, denn bald ffnete sich uns der Einblick auf einen groen Teil eines
gewaltigen Schlachtfeldes. Halbrechts vorwrts von uns erhoben sich in der
trben Luft schwere Qualmwolken aus den Feuerstellungen unserer 1. und der
gegnerischen Armee an der Bistritz. Aufblitzendes Geschtzfeuer und die
Glut brennender Ortschaften gaben dem Bilde eine eigenartig ernste
Frbung. Der dichter gewordene Nebel, das hohe Getreide und die
Bodengestaltung erschwerten dem Gegner das Erkennen unserer Bewegungen.
Auffallend gering war daher das Feuer feindlicher Batterien, die uns nun
bald aus sdlicher Richtung beschossen, ohne uns aufhalten zu knnen. Sie
sind spter grtenteils nach tapferer Verteidigung erobert worden. So
drangen wir mit der Schnelligkeit, die das Gelnde, der schwere, tiefe und
glatte Boden, das Getreide, Raps und Zuckerrben gestatteten, vorwrts.
Unser Angriff war nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst aufgebaut
worden, fiel aber bald auseinander. Kompagnien, ja selbst Zge begannen
sich ihre Gegner zu suchen; alles drngte nach vorwrts. Den Zusammenhang
fr alle bildete nur der Wille: Heran an den Feind!

Zwischen Chlum und Nedelist traf unser Halbbataillon - eine damals sehr
beliebte Gefechtsformation - im Nebel und Getreide berraschend auf
feindliche, von Sden vorkommende Infanterie. Sie wurde durch das
berlegene Zndnadelgewehr bald zum Weichen gebracht. Ihr mit meinem
Schtzenzuge in aufgelster Ordnung folgend, stie ich pltzlich auf eine
sterreichische Batterie, die in rcksichtsloser Khnheit herbeieilte,
abprotzte und uns eine Karttschlage entgegenschleuderte. Von einer Kugel,
die mir den Helm durchbohrte, am Kopf gestreift, brach ich fr kurze Zeit
bewutlos zusammen. Als ich mich wieder aufraffte, drangen wir in die
Batterie ein. Fnf Geschtze waren unser, die drei anderen entkamen. Das
war ein stolzes Gefhl, als ich hochaufatmend, aus leichter Kopfwunde
blutend unter meinen eroberten Kanonen stand. Aber ich hatte nicht Zeit,
auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Feindliche Jger, kenntlich an den
Hahnenfedern auf ihren Hten, tauchten im Weizen auf. Ich wies sie ab und
folgte ihnen bis zu einem Hohlwege.

Der Zufall wollte es, da im Verlauf des letzten groen Krieges dieses
mein erstes Schlachterlebnis in sterreich bekannt wurde. Ein
verabschiedeter ehemaliger Offizier, Veteran von 1866, schrieb mir
infolgedessen aus Reichenberg in Bhmen, da er bei Kniggrtz als
Regimentskadett in der von mir angegriffenen Batterie gestanden habe, und
belegte diese Tatsache durch eine Skizze. Da er noch einige freundliche
Worte hinzufgte, dankte ich ihm herzlich, und so war zwischen den
einstigen Gegnern ein recht kameradschaftlicher Briefwechsel zustande
gekommen.

Als ich den oben erwhnten Hohlweg erreichte, hielt ich Umschau. Die
feindlichen Jger waren im Regendunst verschwunden. Die umliegenden Drfer
- vor mir Wsestar, rechts Rosberitz und links Sweti - waren merkbar noch
in Feindes Hand; um Rosberitz wurde bereits gekmpft. Ich selbst war mit
meinem Zug allein. Hinter mir war nichts von den Unsrigen zu sehen. Die
geschlossenen Abteilungen waren mir nicht sdwrts gefolgt, sondern
schienen sich nach rechts gewendet zu haben. Ich beschlo, meiner
Einsamkeit auf dem weiten Schlachtfelde dadurch ein Ende zu machen, da
ich mich in dem Hohlweg nach Rosberitz heranzog. Bevor ich mein Ziel
erreichte, brausten noch mehrere sterreichische Schwadronen, mich mit
meiner Handvoll Leuten nicht bemerkend, an mir vorber. Sie berschritten
vor mir den Hohlweg an einer flachen Stelle und stieen kurze Zeit darauf,
wie mir das lebhafte Gewehrfeuer verriet, im Gelnde nordstlich Rosberitz
auf mir unsichtbare diesseitige Infanterie. Bald rasten von dorther ledige
Pferde zurck und schlielich jagte alles wieder an mir vorbei. Ich
schickte noch einige Kugeln nach; die weien Mntel der Reiter boten in
der trben Witterung gute Ziele.

Die Lage in Rosberitz war, als ich dort eintraf, eine ernste. Ungestm
vordrngende Zge und Kompagnien verschiedener Regimenter unserer Division
waren daselbst auf sehr berlegene feindliche Krfte geprallt. Hinter
unsern schwachen Abteilungen befanden sich zunchst keine Verstrkungen.
Die Masse der Division war von dem hochgelegenen Dorfe Chlum angezogen
worden und stand dort in heftigem Kampf. Mein Halbbataillon, mit dem ich
mich am Ostrande von Rosberitz glcklich wieder vereinigte, war daher die
erste Hilfe.

Wer mehr berrascht ist, die sterreicher oder wir, vermag ich nicht zu
beurteilen. Jedenfalls drngen die zusammengeballten feindlichen Massen
von drei Seiten auf uns, um das Dorf wieder ganz in Besitz zu nehmen. So
frchterlich unser Zndnadelgewehr auch wirkt, ber die strzenden ersten
Reihen kommen immer wieder neue auf uns zu. So entsteht in den Dorfgassen
zwischen den brennenden, strohbedeckten Husern ein mrderisches
Handgemenge. Von Kampf in geordneten Verbnden ist keine Rede mehr. Jeder
sticht und schiet um sich, so viel er kann. Prinz Anton von Hohenzollern
vom 1. Garderegiment bricht schwerverwundet zusammen. Fhnrich von
Woyrsch, der jetzige Feldmarschall, bleibt mit einigen Leuten im hin- und
herwogenden Kampf bei dem Prinzen. Dessen goldene Uhr wird mir berbracht,
damit diese nicht etwa feindlichen Plnderern in die Hnde fllt. Bald
laufen wir Gefahr, abgeschnitten zu werden. Aus einer in unseren Rcken
fhrenden Seitengasse tnen sterreichische Hornsignale, hrt man die
dumpfer als die unserigen klingenden Trommeln des Feindes. Wir mssen,
auch in der Front hart bedrngt, zurck. Ein brennendes Strohdach, das auf
die Strae herabstrzt und sie mit Flammen und dichtem Qualm absperrt,
rettet uns. Wir entkommen unter diesem Schutz auf eine Hhe dicht
nordstlich des Dorfes.

Weiter wollen wir in wilder Erbitterung nicht zurckgehen. Major Graf
Waldersee vom 1. Garde-Regiment zu Fu, der 1870 vor Paris als Kommandeur
des Garde-Grenadierregiments Knigin Augusta fiel, lt als ltester
anwesender Offizier die bei uns befindlichen beiden Fahnen in die Erde
stecken; um diese geschart werden die Verbnde wieder geordnet. Schon
nahen auch von rckwrts Verstrkungen. Und so geht es denn bald wieder
mit schlagenden Tambours vorwrts, dem Feinde entgegen, der sich mit der
Besitzergreifung des Dorfes begngt hat. Auch dieses rumt er bald, um
sich der allgemeinen Rckzugsbewegung seines Heeres anzuschlieen.

In Rosberitz fanden wir den Prinzen von Hohenzollern wieder, der aber nach
kurzer Zeit im Lazarett zu Kniginhof seinen Wunden erlag. Seine treue
Bedeckung hatte der Feind als Gefangene mitgefhrt. Auch aus meinem Zuge
teilten mehrere Grenadiere dieses Schicksal, nachdem sie sich in einer
Ziegelei tapfer verteidigt hatten. Als wir zwei Tage spter auf dem
Weitermarsch abends sdwestlich der Festung Kniggrtz Biwaks bezogen,
fanden sich die braven Leute wieder bei uns ein. Der Kommandant der
Festung hatte sie in der Richtung auf die preuischen Biwakfeuer
hinausgeschickt, um der Sorge ihrer Ernhrung enthoben zu sein. Sie hatten
das Glck, gerade ihren eigenen Truppenteil vorzufinden.

Als Abschlu des Kampfes gingen wir noch bis Wsestar vor und blieben dort,
bis wir das Schlachtfeld verlieen. Der Arzt wollte mich wegen meiner
Kopfwunde in ein Lazarett schicken; ich begngte mich aber in Erwartung
einer zweiten Schlacht hinter der Elbe mit Umschlgen und einem leichten
Verbande und durfte fortan auf den Mrschen statt des Helmes die Mtze
tragen.

Eigenartige Gefhle waren es, welche mich am Abend des 3. Juli bewegten.
Nchst dem Dank gegen Gott den Herrn herrschte besonders das stolze
Bewutsein vor, an einem Werke mitgetan zu haben, das ein neues
Ruhmesblatt in der Geschichte des preuischen Heeres und des preuischen
Vaterlandes geworden war. bersahen wir auch noch nicht die volle
Tragweite unseres Sieges: da es sich um mehr als in den vorhergegangenen
Gefechten gehandelt hatte, war uns doch schon klar. In Treue gedachte ich
der gefallenen und verwundeten Kameraden. Mein Zug hatte die Hlfte seines
Bestandes verloren, ein Beweis dafr, da er seine Schuldigkeit getan
hatte.

Als wir am 6. Juli die Elbe bei Pardubitz auf einer Kriegsbrcke
berschritten, erwartete dort der Kronprinz das Regiment und sprach uns
seine Anerkennung ber das Verhalten in der Schlacht aus. Wir dankten mit
lautem Hurra und zogen weiter, stolz auf das uns von dem Oberbefehlshaber
unserer Armee und Erben der Krone Preuens gespendete Lob, freudig bereit,
ihm zu neuen Kmpfen zu folgen.

Der weitere Verlauf des Feldzuges brachte uns aber nur noch Mrsche und
somit keine erwhnenswerten Erlebnisse. Der am 22. Juli eintretende
Waffenstillstand traf uns in Niedersterreich, etwa 40 km von Wien
entfernt. Als wir von hier aus bald darauf den Rckmarsch in die Heimat
antraten, begleitete uns ein unheimlicher Gast, die Cholera. Erst
allmhlich verlie sie uns, nicht ohne noch manches Opfer aus unseren
Reihen gefordert zu haben.

An der Eger blieben wir einige Wochen stehen. Whrend dieser Zeit traf ich
mich mit meinem Vater, der als Johanniter in einem Lazarett auf dem
Schlachtfelde von Kniggrtz ttig war, in Prag. Wir lieen diese
Gelegenheit nicht vorbergehen, ohne das naheliegende Schlachtfeld unseres
groen Knigs zu besuchen. Wie waren wir erstaunt, dort neben dem vom
preuischen Staat nach dem Befreiungskriege fr den bei Prag gefallenen
Feldmarschall Grafen Schwerin errichteten Denkmal ein zweites zu finden,
das bereits lange Zeit vorher Kaiser Joseph II., ein Bewunderer Friedrichs
des Groen, zur Ehrung des gegnerischen Helden dort hatte setzen lassen.

Die Erinnerung an den Besuch dieses Schlachtfeldes wurde in mir im Verlauf
des letzten Krieges wieder besonders lebendig. Liegt doch ein Vergleich
der Lage Preuens 1757 mit der Deutschlands 1914 nahe. Wie nach dem auf
Prag folgenden Kolin, so ntigte nach der manchem Siege folgenden
Marneschlacht das Scheitern unseres groen Offensivgedankens das Vaterland
zu einer verhngnisvollen Verlngerung des Daseinskampfes. Aber whrend
uns der Ausgang des siebenjhrigen Ringens ein mchtiges Preuen zeigt,
erblicken wir am Ende des letzten vierjhrigen Verzweiflungskampfes ein
gebrochenes Deutschland. Waren wir der Vter nicht wrdig gewesen?

Am 2. September berschritten wir in Fortsetzung des Rckmarsches die
bhmisch-schsische Grenze, dann am 8. September auf der Chaussee
Groenhain-Elster die Grenze der Mark Brandenburg. Eine Ehrenpforte
begrte uns. Durch sie kehrten wir unter den Klngen des "Heil Dir im
Siegerkranz" in die Heimat zurck. Mit welchen Gefhlen, bedarf keiner
Erluterung.

Am 20. September war der feierliche Einzug in Berlin. Die
Paradeaufstellung erfolgte auf dem jetzigen Knigsplatz, damals einem
sandigen Exerzierplatz. Wo jetzt das Generalstabsgebude steht, befand
sich ein Holzhof, der mit der Stadt durch einen mit Weiden besetzten Weg
verbunden war. Krolls "Etablissement" gab es dagegen bereits. Vom
Aufstellungsplatze weg rckte die Einzugstruppe durch das Brandenburger
Tor die Linden herauf zum Opernplatz. Dort war der Vorbeimarsch vor Seiner
Majestt dem Knig. Blcher, Scharnhorst und Gneisenau sahen von ihren
Postamenten zu. Sie konnten mit uns zufrieden sein!

Zum Einrcken in die Paradeaufstellung hatte sich mein Bataillon am
Floraplatz versammelt. Dort wurde mir vom Kommandeur der Rote Adlerorden
4. Klasse mit Schwertern mit der Weisung berreicht, ihn sofort anzulegen,
weil die neuen Auszeichnungen beim Einzug getragen werden sollten. Als ich
mich ziemlich ratlos umsah, trat aus der Menge der Zuschauer eine ltere
Dame heraus und befestigte mit einer Stecknadel das Ehrenzeichen auf
meiner Brust. So oft ich in sptern Jahren, sei es zu Fu, sei es zu
Pferde, ber den Floraplatz kam, stets gedachte ich in Dankbarkeit der
freundlichen Berlinerin, die dem 18jhrigen Leutnant dort einst seinen
ersten Orden angeheftet hat.

Nach dem Kriege wurde dem 3. Garderegiment Hannover als Friedensgarnison
zugewiesen. Man wollte dadurch wohl der bisherigen Hauptstadt eine
Aufmerksamkeit erweisen. Ungern gingen wir hin, als aber nach 12 Jahren
die Scheidestunde durch Versetzung des Regiments nach Berlin schlug, da
war wohl keiner in dessen Reihen, dem die Trennung nicht schwer wurde. Ich
selbst hatte die schne Stadt, die ich schon 1873 verlassen mute, so lieb
gewonnen, da ich mich spter nach meiner Verabschiedung dorthin
zurckzog.

Bald hatten wir in dem neuen Standort Bekanntschaften angeknpft. Manche
Hannoveraner hielten sich freilich aus politischen Grnden gnzlich
zurck. Wir haben die Treue gegen das angestammte Herrscherhaus nie
verurteilt, so sehr wir von der Notwendigkeit der Einverleibung Hannovers
in Preuen durchdrungen waren. Nur da, wo das Welfentum im Verhalten
einzelner seinen Schmerz nicht mit Wrde trug, sondern sich in
Ungezogenheiten, Beleidigungen oder Widersetzlichkeiten gefiel, sahen wir
in ihm einen Gegner.

Immer mehr lebten wir uns im Laufe der Jahre in Hannover ein, das in
glcklichster Weise die Vorteile einer Grostadt nicht mit den Nachteilen
einer solchen vereinigt. Eine rege, vornehme Geselligkeit, welche spter,
nach dem franzsischen Kriege, dadurch ihren Hhepunkt erreichte, da Ihre
Kniglichen Hoheiten der Prinz Albrecht von Preuen und Gemahlin dort
jahrelang weilten, wechselte mit dem Besuch des vorzglichen Hoftheaters
ab, der dem jungen Offizier fr ein Billiges ermglicht war. Herrliche
Parkanlagen und einer der schnsten deutschen Wlder, die Eilenriede,
umgeben die Stadt; an ihnen konnte man sich in dienstfreien Stunden zu Fu
und zu Pferde erfreuen. Und nahmen wir an den Manvern in der Provinz
teil, anstatt zu den Herbstbungen des Gardekorps nach Potsdam zu fahren,
so lernten wir allmhlich ganz Niedersachsen vom Fels zum Meer in seiner
anmutenden Eigenart kennen und schtzen. Der kleine Dienst spielte sich
auf dem Waterlooplatz ab. Dort habe ich drei Jahre hintereinander meine
Rekruten ausgebildet und in einer der an diesem Platz gelegenen Kasernen
meine erste Dienstwohnung, Wohn- und Schlafstube, innegehabt. Noch jetzt
versetze ich mich gern, wenn ich diesen Stadtteil betrete, in Gedanken in
die goldene Jugendzeit zurck. Fast alle meine damaligen Kameraden sind
schon bei der groen Armee versammelt. Meinen mehrjhrigen Kompagniechef,
Major a. D. von Seel, durfte ich jedoch noch krzlich wiedersehen. Ich
verdanke dem jetzt mehr als 80jhrigen unendlich viel; war er mir doch
ganz besonders ein Vorbild und Lehrer in strengster Dienstauffassung.

Im Sommer 1867 besuchte Seine Majestt der Knig zum ersten Male Hannover.
Ich stand bei der Ankunft in der Ehrenkompagnie vor dem Palais im
Georgspark und wurde von meinem Kriegsherrn durch die Frage beglckt, bei
welcher Gelegenheit ich mir den Schwerterorden verdient htte. In sptern
Jahren, nachdem ich mir noch das Eiserne Kreuz fr 1870/71 erworben hatte,
hat mein Kaiser und Knig die gleiche Frage noch manchesmal bei
Versetzungs- und Befrderungsmeldungen an mich gerichtet. Stets
durchzuckte es mich dann mit ebensolchem Stolz und ebensolcher Freude wie
damals.

Immer fester fgten sich die staatlichen, militrischen und sozialen
Verhltnisse Hannovers ineinander. Bald sollte sich auch diese neue
Provinz auf blutigen Schlachtfeldern als ebenbrtiger Bestandteil Preuens
bewhren!

Bei Ausbruch des Krieges 1870 rckte ich als Adjutant des 1. Bataillons
ins Feld. Mein Kommandeur, Major von Seegenberg, hatte die Feldzge von
1864 und 1866 im Regiment als Kompagniechef mitgemacht. Er war ein
kriegserprobter altpreuischer Soldat von rcksichtsloser Energie und
unermdlicher Frsorge fr die Gruppe. Unsere gegenseitigen Beziehungen
waren gute.

Der Beginn des Feldzuges brachte fr das Regiment, wie fr das ganze
Gardekorps, insofern schmerzliche Enttuschungen, als wir in wochenlangen
Mrschen nicht an den Feind kamen. Erst nachdem wir bereits die Mosel
oberhalb Pont  Mousson berschritten und beinahe die Maas erreicht
hatten, riefen uns die Ereignisse westlich Metz am 17. August in die
dortige Gegend. Wir bogen nach Norden ab und trafen nach auerordentlich
anstrengendem Marsch am Abend dieses Tages auf dem Schlachtfelde von
Vionville ein. Die Spuren des furchtbaren Ringens unseres III. und
X. Armeekorps am vorhergehenden Tage traten uns allenthalben vor die
Augen. ber die Kriegslage erfuhren wir soviel wie nichts. So marschierten
wir auch am 18. August von unseren Biwakpltzen bei Hannonville westlich
Mars la Tour in eine uns noch ziemlich unklare Lage hinein und erreichten
gegen Mittag Doncourt. Der bis dorthin verhltnismig kurze Marsch,
ausgefhrt in dichten Massenformationen unter unliebsamer Kreuzung mit dem
schsischen (XII.) Korps, in glhender Hitze, in dichten Staubwolken, ohne
die Mglichkeit gengender Wasserversorgung seit dem vorausgehenden Tage,
war zu einer groen Anstrengung geworden. Ich selbst hatte auf dem Marsch
erst das Grab eines bei den 2. Gardedragonern gefallenen Vetters auf dem
Friedhof von Mars la Tour besucht und dann Gelegenheit genommen, ber das
Angriffsfeld der 38. Infanteriebrigade und des 1. Garde-Dragoner-Regiments
zu reiten. Reihen, ja stellenweise ganze Haufen von Gefallenen, Preuen
wie Franzosen, in und nrdlich einer Schlucht, bewiesen, welch ein
mrderischer Kampf hier auf den allernchsten Entfernungen gefhrt worden
war.

Bei Doncourt machen wir Halt und denken ans Abkochen. Gerchte, da
Bazaine nach Westen abmarschiert und damit entkommen sei, verbreiten sich.
Die Begeisterung vom Vormittag ist ziemlich abgeflaut. Pltzlich beginnt
in stlicher Richtung eine gewaltige Kanonade. Das IX. Korps ist auf den
Feind gestoen. Der Gefechtslrm belebt auch bei uns alles. Die Nerven
beginnen sich neu zu spannen, das Herz wieder strker und freudiger zu
schlagen. Der Weitermarsch in nordstlicher Richtung wird angetreten. Der
Eindruck, da es sich heute um eine gewaltige Schlacht handle, verstrkt
sich von Minute zu Minute. Wir marschieren auf und erhalten in der Nhe
von Batilly den Befehl, die Fahnen zu enthllen. Es geschieht unter
dreifachem Hurra; ein ergreifender Augenblick! Fast gleichzeitig
galoppieren Gardebatterien an uns vorbei nach Osten vor, heran an die
gegnerischen Stellungen. Immer mchtiger entwickelt sich das
Schlachtenbild. ber den Hhen von Amanweiler bis halbwegs gegen St.
Privat erheben sich dichte, schwere Wolken von Pulverdampf. In mehreren
Linien hinter- und zugleich bereinander steht dort oben feindliche
Infanterie und Artillerie. Ihr Feuer ist vorlufig mit ganzer Wucht gegen
das IX. Armeekorps gerichtet. Dies wird anscheinend auf seinem linken
Flgel vom Gegner berragt. Einzelheiten sind nicht zu erkennen.

Um einen frontalen Angriff gegen die feindliche Stellung zu vermeiden,
wenden wir uns in einer Wiesenschlucht, etwa fnf Kilometer gleichlaufend
zur feindlichen Front, nach Norden auf Ste. Marie aux Chnes. Das Dorf
wird von der Avantgarde unserer Division und Teilen des links von uns auf
Aubou marschierenden XII. Korps angegriffen und besetzt. Nach Gewinnung
von Ste. Marie marschiert unsere Brigade dicht sdlich des Dorfes, mit der
Front nach diesem, auf. Wir ruhen. Freilich eine eigenartige Ruhe.
Verirrte Kugeln aus St. Privat vorgeschobener feindlicher Schtzen
schlagen ab und zu in unsere dicht geschlossenen Formationen ein. Leutnant
von Helldorff, vom 1. Garderegiment, wird in meiner Nhe erschossen; sein
Vater, Bataillonskommandeur im gleichen Regiment, war 1866 bei Kniggrtz
in Rosberitz auch unweit von mir gefallen. Mehrere Leute werden verwundet.

Ich betrachte mir die Lage. In stlicher Richtung, fast in der rechten
Flanke unserer jetzigen Front, liegt auf einer allmhlich ansteigenden
Hhe St. Privat, mit dem etwa zwei Kilometer entfernten Ste. Marie aux
Chnes durch eine gradlinige, mit Pappeln bestandene Chaussee verbunden.
Das Gelnde nrdlich dieser Strae ist durch die Baumreihen groenteils
der Sicht entzogen, macht aber den gleichen deckungslosen Eindruck, wie
das Feld sdlich der Chaussee. Auf den Hhen selbst herrscht eine fast
unheimliche Stille. Unwillkrlich strengt sich das Auge an, dort vermutete
Geheimnisse zu entdecken. Ihnen durch Aufklrung den Schleier zu nehmen,
scheint man auf unserer Seite nicht fr ntig zu halten. So bleiben wir
denn ruhig liegen.

Gegen 5 Uhr nachmittags trifft unsere Brigade der Angriffsbefehl. Wir
sollen hart stlich Ste. Marie vorbei in nrdlicher Richtung antreten und
dann jenseits der Chaussee gegen St. Privat zum Angriff einschwenken. Das
Bedenken, da diese knstliche Bewegung von St. Privat her in der rechten
Flanke gefat wrde, drngt sich sofort auf.

Kurz bevor sich unsere Bataillone erheben, wird das ganze Gelnde um St.
Privat lebendig und hllt sich in den Qualm feuernder franzsischer
Linien. Die nicht zu unserer Division gehrige 4. Gardebrigade geht
nmlich bereits sdlich der Chaussee vor. Gegen sie wendet sich daher
vorlufig die ganze Kraft der gegnerischen Wirkung. Diese Truppe wrde in
krzester Zeit zur Schlacke ausbrennen, wenn wir, die 1. Gardebrigade,
nicht baldmglich nrdlich der Chaussee angreifen und dadurch Entlastung
schaffen wrden. Freilich, dort hinberzukommen, erscheint fast unmglich.
Mein Kommandeur reitet mit mir vor, um das Gelnde einzusehen und dem
Bataillon im Rahmen der Brigade die Marschrichtung anzugeben. Ein
ununterbrochener Feuerorkan fegt jetzt auch gegen uns ber das ganze Feld.
Doch wir mssen versuchen, die eingeleitete Bewegung durchzufhren. Es
gelingt uns auch, die Strae zu berschreiten. Jenseits dieser nehmen die
sich dicht drngenden Kolonnen Front gegen die feindlichen Feuerlinien und
strzen, sich auseinanderziehend, vorwrts gegen St. Privat. Alles strebt
danach, so nahe als mglich an den Gegner heranzukommen, um die dem
Chassepot gegenber minderwertigen Gewehre brauchen zu knnen. Der Vorgang
wirkt ebenso erschtternd wie imponierend. Hinter den wie gegen ein
Hagelwetter vorstrmenden Massen bedeckt sich das Gelnde mit Toten und
Verwundeten, aber die brave Truppe drngt unaufhaltsam vorwrts. Immer und
immer wieder wird sie von ihren Offizieren und Unteroffizieren, die bald
von den tchtigsten Grenadieren und Fsilieren ersetzt werden mssen, auf-
und vorgerissen. Ich sehe im Vorbeireiten, wie der Kommandierende General
des Gardekorps, Prinz August von Wrttemberg, zu Pferde am Ortsausgang von
Ste. Marie haltend, die gewaltige Krisis verfolgt, in die seine herrlichen
Regimenter sich hineinstrzen, um darin vielleicht zugrunde zu gehen. Ihm
gegenber soll der Marschall Canrobert am Eingange von St. Privat
gestanden haben.

Um sein Bataillon aus der Anstauung der Massen nordstlich Ste. Marie
herauszubringen und ihm die fr den Kampf notwendige Armfreiheit zu
schaffen, lt mein Kommandeur dasselbe nicht gleich die Front auf St.
Privat nehmen, sondern setzt mit ihm zunchst in einer Falte des Gelndes
die bisherige nrdliche Bewegung fort. So schieben wir uns in leidlicher
Deckung so weit seitlich heraus, da wir nach dem Einschwenken den linken
Flgel der Brigade bilden. In diesem Verhltnis gelangen wir unter
zunehmenden Verlusten in die Gegend halbwegs Ste. Marie-Roncourt.

Bevor wir uns von hier aus zu einer Umfassung von St. Privat anschicken
knnen, mssen wir bei Roncourt, das die Sachsen von Aubou aus noch nicht
erreicht zu haben scheinen, klar sehen. Ich reite hin, finde das Dorf von
Freund und Feind unbesetzt, bemerke aber in den Steinbrchen stlich des
Dorfes franzsische Infanterie. Es gelingt mir, noch rechtzeitig zwei
Kompagnien meines Bataillons nach Roncourt zu fhren. Bald darauf
unternimmt der Gegner einen Angriff aus den Steinbrchen, welcher
abgewiesen wird. Nunmehr knnen sich die beiden andern Kompagnien ohne
Besorgnis fr Flanke und Rcken gegen den Nordeingang von St. Privat
wenden, um dem schweren frontalen Kampf der brigen Teile der Brigade
wenigstens eine geringe Entlastung zu bringen. Spter, nachdem Roncourt
von Teilen des XII. Korps besetzt worden ist, ziehen sich auch unsere
beiden dort verwendeten Kompagnien heran.

In der Front nimmt unterdessen das blutige Ringen seinen Fortgang. Von
feindlicher Seite aus ein ununterbrochen rollendes Infanteriefeuer aus
mehreren Linien, das alles Leben auf dem weiten, deckungslosen
Angriffsfeld niederzudrcken versucht. Auf unserer Seite eine lckenreiche
Linie loser Truppentrmmer, die sich aber nicht nur am Boden festkrallen,
sondern wie in krampfhaften Zuckungen sich immer wieder auf den Gegner zu
strzen versuchen. Mit verhaltenem Atem sehe ich auf diese Schlachtszenen,
aufs uerste gespannt, ob nicht ein feindlicher Gegensto unsere Truppen
wieder zurckschleudern wrde. Doch die Franzosen bleiben bis auf einen
nicht ber das erste Anreiten hinauskommenden Versuch, mit Kavallerie
nrdlich um St. Privat herum vorzubrechen, starr in ihren Stellungen.

Eine Atempause im Infanteriekampf tritt ein. Beide Teile sind erschpft
und liegen sich, nur wenig feuernd, gegenber. Die Waffenruhe auf dem
Schlachtfelde ist so ausgesprochen, da ich vom linken Flgel bis fast zur
Mitte der Brigade und zurck in der Feuerlinie entlang reite, ohne das
Gefhl einer Gefahr zu haben. Aber dann beginnt die Zermrbungsarbeit
unserer vorgezogenen Artillerie, und bald schieben sich auerdem die
frischen Krfte der 2. Gardebrigade von Ste. Marie her in die im Verbluten
begriffenen Reste der 4. und 1. ein, whrend von Nordwesten auch
schsische Hilfe naht. Der Druck, der auf der schwer ringenden Infanterie
lag, wird fhlbar leichter. Wo eine Zeitlang nur Tod und Verderben zu sein
schien, rhrt sich neues Kampfesleben, zeigt sich neuer Kampfeswille, der
schlielich im Sturm auf den Feind seinen heldenhaften Abschlu findet. Es
ist ein unbeschreiblich ergreifender Augenblick, als sich bei sinkender
Abendsonne unsere vordersten Kampflinien zum letzten Vorbrechen erheben.
Kein Befehl treibt sie an, das gleiche seelische Empfinden, der eherne
Entschlu zum Erfolg, ein heiliger Kampfesgrimm drngt nach vorwrts.
Dieser unwiderstehliche Zug reit alle mit sich fort. Das Bollwerk des
Gegners strzt bei Einbruch der Dunkelheit. Ein ungeheuerer Jubel
bemchtigt sich unser.

Als ich spt Abends die Reste unseres Bataillons zhlte und dann am andern
Morgen die noch viel schwchern Trmmer der brigen Teile meines
Regimentes wiedersah, als die innere Abspannung eintrat, da kamen weichere
Seiten menschlichen Gefhles zu ihrer Geltung. Man denkt dann nicht nur an
das, was im Kampfe gewonnen wurde sondern auch an das, was dieser Erfolg
gekostet hat. Das 3. Garderegiment hatte einen Gesamtverlust von
36 Offizieren, 1060 Unteroffizieren und Mannschaften aufzuweisen, davon
tot 17 Offiziere und 304 Mann. hnliche Zahlen ergaben sich bei allen
Garde-Infanterie-Regimentern. Im Verlauf des letzten groen Krieges sind
Gefechtsverluste in der Hhe, wie sie die Garde bei St. Privat erlitten,
innerhalb unserer Infanterieregimenter hufig geworden. Ich konnte aus
meinen damaligen Erfahrungen ermessen, was das fr die Truppe bedeutet.
Welch eine Masse bester, vielfach unersetzlicher Krfte sinken da ins
Grab! Welch ein herrlicher Geist mu aber andererseits in unserem Volke
lebendig gewesen sein, um trotzdem in jahrelangem Ringen unsere Armee
weiter kampfkrftig zu erhalten!

Am 19. August begruben wir unsere Toten, und am 20. nachmittags
marschierten wir nach Westen ab. Unser Divisionskommandeur,
Generalleutnant von Pape, sprach uns unterwegs seine Anerkennung fr
unsere Erfolge aus und betonte, da wir damit aber nur unsere Pflicht und
Schuldigkeit getan htten. Er schlo mit den Worten: "Im brigen gilt fr
uns der alte Soldatenspruch: Ob tausend zur Linken, ob tausend zur
Rechten, ob alle Freunde sinken, wir wollen weiterfechten!" Ein donnerndes
Hurra auf Seine Majestt den Knig war unsere Antwort.

Welche militrische Kritik man auch an den Kampf um St. Privat anlegen
mag, er verliert jedenfalls dadurch nichts von seiner inneren Gre. Sie
liegt in dem Geiste, in dem die Truppe die stundenlange furchtbare Krisis
ertrug und schlielich siegreich berwand. Dieses Gefhl war fr uns in
der Erinnerung an den 18. August fortan ausschlaggebend. Die ernste
Stimmung, die sich durch die Schlacht unserer Mannschaften bemchtigt
hatte, verflchtigte sich bald; dafr erhielt sich der Stolz auf die
persnlichen Leistungen und die Taten der Gesamtheit bis auf den heutigen
Tag. Noch im Jahre 1918 feierte ich, wieder auf feindlichem Boden, den Tag
von St. Privat mit dem 3. Garderegiment, dem ich dank der Gnade meines
Knigs wieder angehrte. Mehrere "alte Herren", Mitkmpfer von 1870,
darunter auch der frher erwhnte Major a. D. von Seel, waren zu dem
Gedenktag aus der Heimat an die Front geeilt. Es war das letztemal, da
ich das stolze Regiment gesehen habe!

Wie ich hre, sind die Denkmler der preuischen Garde auf den Hhen von
St. Privat jetzt von unseren Gegnern niedergerissen worden. Sollte dies
wirklich wahr sein, so glaube ich nicht, da solche Tat geeignet ist,
deutsches Heldentum zu erniedrigen. Vielfach habe ich deutsche Offiziere
und Soldaten vor franzsischen Kriegsdenkmlern, auch wenn sie auf
deutschem Boden standen, in stiller Ehrung weilen sehen und ihnen die
Achtung vor gegnerischen Leistungen und Opfern nachempfunden.

Nach der Schlacht bernahm mein Bataillonskommandeur als der einzige
unverwundete Stabsoffizier die Fhrung des Regiments. Ich blieb auch in
der neuen Stellung sein Adjutant.

Der Verlauf derjenigen Operation, die bei Sedan ihren denkwrdigen
Abschlu fand, brachte wenig Bemerkenswertes fr mich. Das Vorspiel, die
Schlacht bei Beaumont, durchlebten wir am 30. August in der Reserve
stehend nur als Zuschauer. Auch am 1. September verfolgte ich den Gang der
Schlacht vornehmlich in der Rolle eines Beobachters. Das Gardekorps
bildete den nordstlichen Teil des eisernen Ringes, der sich im Laufe des
Tages um die Armee Mac Mahons schlo. Die 1. Gardebrigade stand im
besondern von morgens bis nachmittags hinter den stlich des Grundes von
Givonne gelegenen Hhen abwartend bereit. Ich benutzte diese Unttigkeit
dazu, mich zu den am Hhenrande in langer Linie aufgefahrenen
Gardebatterien zu begeben, welche ihre Geschosse ber den Grund hinweg in
die auf den jenseitigen, meist bewaldeten Hhen stehenden Franzosen
schleuderten. Von hier hatte man einen beherrschenden Blick auf die ganze
Gegend vom Ardenner Wald bis zum Abfall gegen die Maas. Im besondern lag
das Hhengelnde von Illy und die franzsische Stellung westlich des
Givonne-Baches einschlielich des Bois de la Garenne zum Greifen nahe vor
mir. Die Katastrophe der franzsischen Armee entwickelte sich also
geradezu vor meinen Augen. Ich konnte verfolgen, wie der deutsche
Feuerkreis sich allmhlich um den unglcklichen Gegner schlo, und wie die
Franzosen heldenhafte, aber von Anbeginn an vllig aussichtslose Versuche
machten, durch einzelne Vorste unsere Umklammerung zu durchbrechen. Fr
mich hatte der Kampf noch ein besonderes Interesse. Am Tage vor der
Schlacht hatte ich nmlich beim Durchmarsch durch Carignan von einem
gesprchigen franzsischen Sattler, bei dem ich mir im Vorbeireiten eine
Reitpeitsche kaufte, erfahren, da der franzsische Kaiser bei seiner
Armee sei. Ich meldete dies weiter, fand aber keinen Glauben. Als ich am
Schlachttage angesichts der sich immer mehr vollendenden feindlichen
Vernichtung die uerung tat: "In diesem Kessel befindet sich auch
Napoleon", wurde ich ausgelacht. Mein Triumph, als sich spter meine
Ansicht besttigte, war gro.

Mein Regiment kam an diesem Tage nicht zu einer greren
Gefechtsttigkeit. Wir folgten gegen 3 Uhr nachmittags dem
1. Garderegiment ber den Givonne-Abschnitt. Zu diesem Zeitpunkt war dem
franzsischen Widerstand durch unsere von allen Seiten wirkende Artillerie
schon die Waffe aus der Hand geschlagen worden. Es handelte sich
eigentlich nur noch darum, den Feind gegen Sedan zusammenzupressen, um ihm
die Aussichtslosigkeit weiteren Widerstandes recht nachdrcklich vor die
Augen zu fhren. Die Vernichtungsbilder, die ich bei diesem Vorgehen an
dem Nordostrand des Bois de la Garenne sah, bertrafen alle Schrecken, die
mir je auf Schlachtfeldern entgegengetreten sind.

Schon zwischen 4 und 5 Uhr richteten wir uns in unsern Biwaks ein. Die
Schlacht war beendet. Nur ein Gewehrschu fiel noch gegen Abend und eine
Kugel pfiff ber uns hinweg. Als wir zum Waldrand aufblickten, schwang
dort ein Turko mit drohender Gebrde sein Gewehr und verschwand dann mit
langen Stzen im Dunkel der Bume.

Niemals, vorher wie nachher, habe ich die Nacht auf einem Schlachtfeld mit
dem Gefhle gleicher restloser Befriedigung verbracht, wie hier. Trumte
doch jeder, nachdem das "Nun danket alle Gott" verklungen war, von einem
baldigen Kriegsende. Hierin wurden wir freilich bitter enttuscht. Der
Krieg ging weiter. Diese Fortsetzung des franzsischen Widerstandes nach
der Schlacht von Sedan hat man bei uns oft nur als eine unntze
franzsische Selbstzerfleischung angesehen. Ich konnte diesem Urteil nicht
beipflichten und habe dem Weitblick der damaligen Diktatoren den Beifall
nicht versagen knnen. Zeigte sich doch darin, da die franzsische
Republik die Waffen da aufnahm, wo das Kaiserreich sie niederzulegen
gezwungen war, meiner Ansicht nach nicht nur ein vorbildlicher
patriotischer Geist sondern auch ein weiter staatsmnnischer
Zukunftsblick. Ich glaube noch heute, da Frankreich mit einem Versagen
seines Widerstandswillens in diesem Augenblick den grten Teil seiner
vlkischen Wrde und damit die Aussichten auf eine bessere Zukunft
preisgegeben htte.

Der 2. September brachte uns vormittags den Besuch des Kronprinzen, dem
wir die erste Nachricht von der Gefangennahme Napoleons und seiner Armee
verdankten, und nachmittags den unseres Knigs und Kriegsherrn. Von dem
beispiellosen Jubel, mit dem der Monarch empfangen wurde, vermag man sich
kaum eine Vorstellung zu machen. Die Mannschaften waren nicht in Reih und
Glied zu halten. Sie umringten ihren heigeliebten Herrn und kten ihm
Hnde und Fe. Seine Majestt sah seine Garden zum ersten Male in diesem
Feldzuge; er dankte uns trnenden Auges fr das, was wir bei St. Privat
geleistet hatten. Das war reicher Lohn fr jene schweren Stunden! Im
Gefolge des Knigs befand sich auch Bismarck. Er ritt in olympischer Ruhe
am Ende der Kavalkade, wurde aber erkannt und bekam ein besonderes Hurra,
das er schmunzelnd entgegennahm. Moltke war nicht zugegen.

Am 3. September mittags bekam mein Regiment Befehl, gegen Sedan vorzugehen
und alle noch auerhalb der Festung befindlichen Franzosen in diese
hineinzudrngen. Hierdurch sollte verhindert werden, da die sich
zahlreich im Vorgelnde herumtreibenden Gegner verleitet wrden, die
massenhaft umherliegenden Gewehre zu ergreifen und einen, wenn auch
aussichtslosen Durchbruchsversuch zu wagen. Ich ritt voraus durch das Bois
de la Garenne bis auf die Hhen dicht ber der Stadt. Die die Landschaft
belebenden Rothosen erwiesen sich als harmlose Sucher nach Mnteln und
Decken, welche sie in die Gefangenschaft mitnehmen wollten. Das Eingreifen
des Regiments wurde daher unntig; einige Patrouillen anderer
Truppenteile, die in der Nhe biwakierten, gengten. Als ich dem mir
nachfolgenden Regiment mit dieser Meldung entgegenritt, sah ich im Gehlz
auf der nach Norden fhrenden Chaussee eine Staubwolke. Ein franzsischer
Militrarzt, der vor der in ein Lazarett umgewandelten Querimont-Ferme
stand und mich ein Stck Weges begleitete, sagte mir, da sich in dieser
Staubwolke der Kaiser Napoleon, begleitet von Schwarzen Husaren, befnde,
um nach Belgien zu fahren. Wre ich nur zwei Minuten eher an die Strae
gekommen, dann htte ich Zeuge dieses historischen Augenblicks sein
knnen.

Am Abend dieses Tages verlieen wir das Schlachtfeld und rckten in nahe
Quartiere. Von diesen aus traten wir dann nach einem Ruhetage den
Vormarsch auf Paris an. Dieser fhrte uns zunchst ber das Schlachtfeld
von Beaumont und spter durch Gegenden, welche im letzten groen Kriege
der Schauplatz schwerer Kmpfe gewesen sind. Am 11. und 12. September lag
das Regiment in Craonne und Corbny, zwei freundlichen Stdtchen am Fue
des Winterberges. Und am 28. Mai 1918 stand ich whrend der Schlacht bei
Soissons-Reims neben meinem Allerhchsten Kriegsherrn auf ebendemselben
Winterberge. Ich machte Seine Majestt darauf aufmerksam, da ich vor
48 Jahren dort unten im Quartier gelegen htte. Von den beiden Orten waren
kaum noch Trmmer briggeblieben. Das Haus, in welchem ich an der
Marktecke in Corbny gewohnt hatte, war unter Schutt und Asche nicht mehr
herauszufinden. Auch der Winterberg, 1870 ein grner, teilweise bewaldeter
Rcken, zeigte nur kahle, steile Kalkhnge, von denen Geschosse, Hacke und
Spaten die letzte Erdkrume entfernt hatten. Ein bei aller damaliger
Siegesfreude trauriges Wiedersehen!

Am 19. September sahen wir von der Hochflche bei Gonesse aus, 8 km
nordstlich St. Denis, zum ersten Male die franzsische Hauptstadt. Die
vergoldeten Kuppeln des Invalidendoms und anderer Kirchen funkelten im
Morgensonnenstrahl. Ich glaube, da die Kreuzfahrer einst mit hnlichen
Gefhlen auf Jerusalem geblickt haben, wie wir jetzt auf das zu unseren
Fen liegende Paris. Frh um 3 Uhr waren wir im Dunkeln aufgebrochen und
lagen nun den ganzen schnen Herbsttag ber auf den Stoppelfeldern zum
Eingreifen bereit, im Falle bei uns oder den Nachbardivisionen das
Besetzen und Einrichten der Vorpostenstellungen auf Schwierigkeiten stoen
sollte. Erst am spten Nachmittag durften wir in die Quartiere einrcken.
Wir lagen in der nchsten Zeit in Gonesse, welches brigens dadurch
historischen Wert erlangt hat, da dort 1815 Blcher und Wellington beim
Eintreffen vor Paris zusammengekommen waren, um ber die Fortfhrung der
Operationen zu beraten.

Statt eines baldigen vollen Erfolges hatten wir vor Paris noch monatelang
recht anstrengenden und undankbaren Einschlieungsdienst auszuben, der an
unserer Front nur selten durch kleinere Ausfallgefechte unterbrochen
wurde. In die Eintnigkeit solcher Ttigkeit brachte erst die
Weihnachtszeit mit der Beschieung der Forts eine militrisch belebende
Zugluft.

Die Mitte des Januar brachte dann fr mich ein besonderes Erleben. Ich
wurde mit einem Sergeanten als Vertreter des Regiments zur
Kaiserproklamation nach Versailles entsandt. Den Befehl hierzu bekam ich
am 16. Januar abends. Noch in dieser Nacht hatte ich mich in dem 15 km
entfernten Margency einzufinden, woselbst vom Oberkommando der Maas-Armee
fr die Unterbringung aller aus stlichen Quartieren kommenden Abordnungen
gesorgt war. Von dort sollten wir uns am 17. ber St. Germain nach
Versailles begeben. Zu Pferde konnte ich den etwa 40 km weiten Weg nicht
zurcklegen, weil ich Gepck mit mir fhren mute. Da setzte ich mich denn
mit meinem Sergeanten und Burschen kurz entschlossen auf den Packwagen der
Leibkompagnie des 1. Garderegiments, die mit mir im gleichen Ort lag und
auch nach Versailles befohlen war. Im Schritt ging es so bei starker Klte
durch nchtliche Finsternis nach Margency, wo uns in einer Villa geheizte
Kamine, gutes Strohlager und Tee erwarteten.

Am 18. frh erffnete mir der Fhrer der Leibkompagnie, da er soeben
angewiesen sei, nicht nach Versailles zu marschieren sondern zum Regiment
zurckzukehren. Glcklicherweise nahm mich und meinen Burschen ein anderer
Kamerad mit auf seinen zweirderigen Wagen, und auch mein Sergeant fand
irgendwo freundliche Aufnahme. So trabten wir denn an klarem Wintermorgen
unserm nchsten Ziele, St. Germain, entgegen. Aber mit des Geschickes
Mchten ist kein ewiger Bund zu flechten. Unser vollgepackter Dogcart
verlor pltzlich ein Rad, und wir lagen vollzhlig auf der Landstrae. Zum
Glck fanden wir bald in einem Ort eine Feldschmiede, die den Schaden
beseitigte, so da wir uns in St. Germain bei einem Frhstck in dem auf
der Terrasse ber der Seine herrlich gelegenen "Pavillon d'Henri quatre"
den brigen Mitreisenden wieder anschlieen konnten. Ein eigentmlicher
Wagenzug war es, der dann im Strahl der untergehenden Sonne seinen Einzug
in Versailles hielt. Alle Arten von Fahrzeugen waren vertreten, wie man
sie in den Schlssern, Villen und Bauernhfen um Paris auftreiben konnte.
Den meisten Eindruck machte ein Kartoffelwagen, dessen Inhaber zur Feier
des Tages rechts und links von seinem Sitz eine groe preuische Fahne -
deutsche gab es ja noch nicht - aufgezogen hatte. Bald nahm mich ein gutes
Quartier bei einer freundlichen alten Dame in der Avenue de Paris auf, und
der Abend vereinigte uns zu einem langentbehrten Souper im Hotel des
Reservoirs.

Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war fr mich reich an
Eindrcken. Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte
selbstredend die Person meines Allergndigsten Knigs und Herrn. Seine
ruhige, schlichte, alles beherrschende Wrde gab der Feier eine grere
Weihe als aller uere Glanz. Die herzenswarme Begeisterung fr den
erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen
Volksstamme sie auch angehrten, gleich gro. Die Freude ber das
"Deutsche Reich" brachten wohl unsere sddeutschen Brder am lebhafteren
zum Ausdruck. Wir Preuen waren darin zurckhaltender, aus historischen
Grnden, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon hatten erkennen
lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff war. Das sollte
fortan anders werden!

Am Abend des 18. waren die in Versailles anwesenden Generale zur Tafel bei
Seiner Majestt dem Kaiser in der Prfektur befohlen. Wir brigen waren
Gste des Kaisers im Hotel "de France".

Der 19. Januar begann mit einer Besichtigung des alten franzsischen
Knigsschlosses mit seiner stolzen, den Ruhm Frankreichs verewigenden
Gemldesammlung. Auch der weitausgedehnte Park wurde besucht. Da rief uns
pltzlich Kanonendonner in die Stadt zurck. Die Besatzung von Versailles
war bereits alarmiert und im Ausmarsch begriffen. Es handelte sich um den
groen Ausfall der Franzosen vom Mont Valerien her. Wir beobachteten den
Kampfverlauf eine Zeitlang als Schlachtenbummler. Nachmittags traten wir
dann die Rckfahrt an, und spt in der Nacht erreichte ich wieder mein
Regimentsstabsquartier Villers le Bel, 8 km nrdlich St. Denis, dankbar
dafr, da ich den groen geschichtlichen Augenblick hatte miterleben und
meinem nunmehrigen Kaiser zujubeln drfen.

Der vergebliche Ausfall vom Mont Valerien war die letzte groe
Kraftuerung Frankreichs. Ihm folgte am 26. die Kapitulation von Paris
und am 28. der allgemeine Waffenstillstand. Gleich nach der bergabe der
Forts wurde unsere Brigade westwrts in die zwischen dem Mont Valerien und
St. Denis gelegene Seinehalbinsel geschoben. Wir bezogen gute, schn
gelegene Quartiere hart am Fluufer, Paris gegenber in der Nhe des Pont
de Neuilly.

Von dort aus hatte ich Gelegenheit, Paris wenigstens oberflchlich
kennenzulernen. Am 2. Mrz morgens ritt ich in Begleitung einer
Gardehusaren-Ordonnanz ber die eben genannte Brcke nach dem
Triumphbogen. Ich umging diesen ebensowenig wie am Tage vorher mein
Freund, der damalige Husarenleutnant von Bernhardi, der als erster in
Paris einrckte. Dann ritt ich die Champs Elyses herunter ber die Place
de la Concorde und durch die Tuilerien bis hinein in den Hof des Louvre,
schlielich an der Seine entlang und durch den Bois de Boulogne wieder
nach Hause. Ich lie auf diesem Wege die geschichtlichen Denkmler einer
reichen gegnerischen Vergangenheit auf mich wirken. Die wenigen Einwohner,
die sich zeigten, bewahrten eine gemessene Haltung.

So wenig ich geneigt bin, einem Kosmopolitismus zu huldigen, so weit
entfernt war ich stets von Voreingenommenheit andern Vlkern gegenber;
trotz aller wesensfremden Eigenschaften verkannte ich ihre guten Seiten
nicht. So hat das franzsische Volk zwar fr mich ein zu lebhaftes und
daher zu rasch wechselndes Temperament; andererseits aber finde ich in dem
Elan, der gerade in schwersten Zeiten in diesem Volke ganz einzigartig
lebendig werden kann, einen besondern Vorzug. Vor allem schtze ich es,
da kraftvolle Persnlichkeiten so hinreiend auf die Masse zu wirken und
sie derartig in ihren Bannkreis zu ziehen vermgen, da die franzsische
Nation imstande ist, aus Hingabe zu einem vaterlndischen Ideal jegliche
Art von Sonderinteressen bis zur vlligen Hinopferung zurckzustellen. In
eigenartigem Gegensatz hierzu steht das im letzten groen Kriege oft bis
zum Sadismus gesteigerte und daher nicht durch zu lebhaftes Temperament
entschuldbare Verhalten der Franzosen gegen wehrlose Gefangene.

Am Tage nach meinem Besuch in Paris hatte das Gardekorps die hohe Ehre und
unendliche Freude, vor seinem Kaiser und Knig auf den Longchamps in
Parade zu stehen. In alter preuischer Strammheit defilierten die
kampferprobten Regimenter vor ihrem Kriegsherrn, auf dessen Befehl sie
jederzeit bereit waren, erneut ihr Leben fr den Schutz und die Ehre des
Vaterlandes einzusetzen. Zu einem wirklichen Einzug in Paris, wie er
vorher andern Armeekorps beschieden gewesen war, kam es fr uns nicht
mehr, weil inzwischen der Prliminarfriede abgeschlossen war und
Deutschland den in ehrlichem Kampfe besiegten Gegner nicht den Kelch der
Demtigung bis auf die Neige leeren lassen wollte.

Festlich begingen wir dann auch vor Paris am 22. Mrz den Geburtstag
Seiner Majestt. Es war ein herrlicher, warmer Frhlingstag mit
Feldgottesdienst im Freien, Salutschieen der Forts und Festessen der
Offiziere und Mannschaften. Die frohe Aussicht, nach treu erfllter
Pflicht nun bald in die Heimat zurckkehren zu knnen, lie die Stimmung
doppelt gehoben sein.

Aber ganz so frh, als wir hofften, sollten wir Frankreich nicht
verlassen. Wir muten vielmehr zunchst noch an der Nordfront von Paris in
und bei St. Denis stehenbleiben und wurden dort Zeugen des Kampfes der
franzsischen Regierung gegen die Kommune.

Die erste Entwickelung der neuen revolutionren Ereignisse hatten wir
schon whrend der Belagerung verfolgen knnen. Die Zuchtlosigkeit extremer
politischer Kreise dem Gouverneur von Paris gegenber war uns bekannt. Als
die Waffenruhe eintrat, begann die umstrzlerische Bewegung sich immer
mehr hervorzuwagen. Bismarck hatte den franzsischen Machthabern
zugerufen: "Sie sind durch die Revolution emporgekommen, eine neue
Revolution wird Sie wieder wegfegen." Er schien recht behalten zu sollen.

Im allgemeinen war unser Interesse an diesen umstrzlerischen Vorgngen
anfnglich gering. Erst von Mitte Mrz ab, als die Kommune die Herrschaft
an sich zu reien begann, und die Entwickelung immer mehr zum offenen
Kampfe zwischen Versailles und Paris drngte, erhhte sich unsere
Aufmerksamkeit. Zeitungen und Flchtlinge unterrichteten uns ber die
Vorgnge im Inneren der Stadt. Whrend nunmehr deutsche Korps Frankreichs
Hauptstadt im Norden und Osten gewissermaen als Verbndete der
Regierungstruppen absperrten, gingen letztere in langwierigen Kmpfen von
Sden und Westen her zum Angriff auf Paris ber. Die Ereignisse auerhalb
der Festungsumwallung konnte man am besten von den Hhen bei Sannois, 6 km
nordwestlich von Paris an der Seine gelegen, beobachten. Geschftsgewandte
Franzosen hatten dort Fernrohre aufgestellt, die sie den deutschen
Soldaten gegen Entgelt fr Beobachtung des Dramas eines Brgerkrieges zur
Benutzung berlieen. Ich selbst machte hiervon keinen Gebrauch, sondern
beschrnkte mich darauf, gelegentlich des tglichen Befehlsempfanges in
St. Denis entweder aus einem hochgelegenen Fenster des dortigen Gasthofes
"Cerf d'or" oder durch Vorreiten auf der langgestreckten Seineinsel bei
St. Denis Einblick in die Lage in Paris zu gewinnen. Mchtige
Feuersbrnste zeigten von Ende April ab, wohin der Kampf im Inneren der
Stadt treiben wrde. Ich erinnere mich, da ich besonders am 23. Mai den
Eindruck hatte, als ob das ganze innere Paris der Vernichtung anheimfiele.
Die Lage in der Stadt wurde von den herausstrmenden Flchtlingen in den
krassesten Farben geschildert. Die Tatsachen scheinen hinter diesen
Erzhlungen auch nicht zurckgeblieben zu sein. Brandstiftung, Plnderung,
Geiselmord, kurz, alle jetzt als bolschewistisch angesprochenen
Krankheitserscheinungen eines im Kriege zusammengebrochenen Staatskrpers
traten schon damals auf. Die Drohung eines freigelassenen kommunistischen
Fhrers: "Die Regierung hatte nicht den Mut, mich erschieen zu lassen,
aber ich werde den Mut haben, die Regierung zu fsilieren" sollte
anscheinend verwirklicht werden. Wie vllig das sonst so starke und
empfindliche franzsische Nationalgefhl bei den Kommunisten ausgelscht
war, zeigt deren Erklrung: "Wir rhmen uns angesichts des Gegners,
unserer Regierung die Bajonette in den Rcken zu stoen." Man sieht, da
das bolschewistische Weltverbesserungsverfahren, wie es in der neuesten
Zeit auch bei uns auftrat, nicht einmal Anspruch auf Originalitt machen
kann.

Aus dem hochgelegenen Fenster in St. Denis sah ich schlielich eines Tages
das Ende der Kommune mit an. Auerhalb des Hauptwalles von Paris
vorgehende Regierungstruppen umgingen den Montmartre westlich und
erstrmten bald darauf ber dessen damals noch unbebauten Nordhang hinweg
die weit beherrschende Hhe, das letzte Bollwerk des Aufstandes.

Ich betrachte es als eine bittere Ironie des Schicksals, da die einzige
politische Partei Europas, die damals, wie ich wohl annehmen darf, in
vlliger Verkennung der wahren Vorgnge diese Bewegung verherrlichte, zur
Zeit in unserem Vaterlande gezwungen ist, mit aller Schrfe gegen
kommunistische Bestrebungen vorzugehen. Es ist dies ein Beweis dafr,
wohin doktrinre Einseitigkeiten fhren, bis die praktische Erfahrung
aufklrend eingreift.

Mit dem warnenden Beispiel der zuletzt geschilderten Vorgnge im Herzen
kehrten wir Anfang Juni der Hauptstadt Frankreichs den Rcken und trafen
nach dreitgiger Eisenbahnfahrt in unserem glcklicheren, siegreichen
Vaterlande ein.

Der Einzug in Berlin erfolgte diesmal vom Tempelhofer Felde aus. Vertreter
aller deutschen Truppenteile waren neben dem Gardekorps hierbei beteiligt.
Die Hoffnung auf einen siegreichen dritten Einzug durch das Brandenburger
Tor, die ich nicht meinetwegen sondern um meines Kaisers und Knigs und um
des Vaterlandes willen lange im innersten Herzensgrunde gehegt hatte,
sollte nicht in Erfllung gehen!




                              Friedensarbeit


Mit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom
franzsischen Boden in die Heimat zurckgekehrt. Mit dem einigen Vaterland
war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die
staatlichen Sonderheiten nur oberflchliche Abweichungen bedingt hatten.
Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab
ebenso gewhrleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der
Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natrlichen Verlauf der deutschen
Entwicklung, da die preuischen Erfahrungen und Einrichtungen fr den
weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden.

Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb fr die
nchsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu
einer hheren militrischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie
vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese.

Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit
Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem
Gebiet der Militrwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter
Kriegskunst und frherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu
muten wir zwangsweise Mathematik hren, die nur ganz wenige von uns
spter als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die
beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den
Zwischenkursen brachten dem vorwrtsstrebenden jungen Offizier volle
Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben
dem schon frher erwhnten Major von Wittich den Oberst Keler und den
Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat
Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit
reichbegabten Altersgenossen, wie den sptern Generalfeldmarschllen von
Blow und von Eichhorn sowie dem spteren General der Kavallerie von
Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich.

Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei.
Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Kniglichen Hoheit des
Prinzen Alexander von Preuen herangezogen zu werden, und kam dadurch
nicht nur mit hohen Militrs sondern auch mit Mnnern der Wissenschaft
sowie des Staats- und Hofdienstes in Berhrung.

Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunchst
fr ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurck und wurde dann im
Frhjahr 1877 zum Groen Generalstab kommandiert.

Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter
Befrderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem
Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann
meine militrische Laufbahn auerhalb der Truppe, zu welch letzterer ich
bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurckkehrte.

Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefge innerhalb des
Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen
Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe
geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des
Feldmarschalls Graf Moltke, sttzte. Durch die Friedensschulung der
Generalstabsoffiziere war die Gewhr geschaffen, da im Kriegsfalle ein
einheitlicher Zug alle Fhrerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum
alle Fhrergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die
Fhrung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr
in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der
militrischen und persnlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die
erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persnlichkeit
und das individuelle Handeln vor der ffentlichkeit zurcktreten zu
lassen. Er mute ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen.

Ich glaube, da es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit
verstanden hat, seine auerordentlich schwere Aufgabe zu erfllen. Seine
Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, mgen auch Fehler und Irrtmer
im einzelnen vorgekommen sein. Ich wte kein ehrenderes Zeugnis fr ihn,
als da die Gegner seine Auflsung durch die Friedensbedingungen gefordert
haben.

Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet.
Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Ttigkeit so
beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden
Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben hherem
Gedankenflug gewissenhafte Beschftigung mit aller mglichen Kleinarbeit
erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der
durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier
nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil fr die Truppe wurde.

Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als jngsten
Generalstabsoffizier natrlich hauptschlich mit solcher Kleinarbeit.
Anfangs wirkte das enttuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich
ihre Notwendigkeit fr die Durchfhrung der groen Gedanken und fr das
Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljhrlichen Generalstabsreisen
konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit greren Verhltnissen
beschftigen. Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des
Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei
Knigsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war
der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in
jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine
Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision gefhrt hatte. Es war eine
Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der
Uniform seiner Blcherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs,
erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich
eine grndliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst.

Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanver und erwarb sich die
Anerkennung Seiner Majestt. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den
russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem
Trkenkriege, auf der Hhe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck
eines rcksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befhigten
hhern Fhrers. Sein Renommieren berhrte weniger angenehm.

Nicht unerwhnt darf ich lassen, da ich mich in Stettin verheiratet habe.
Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von
Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee
Generalstabschef war und gleich nach dem franzsischen Kriege starb. Ich
fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermdlich
Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester
Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Tchter.
Ersterer hat im groen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit
getan. Beide Tchter sind verheiratet, ihre Mnner haben im letzten groen
Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden.

1881 wurde ich zur 1. Division nach Knigsberg versetzt. Diese Verwendung
machte mich selbstndiger, brachte mich der Truppe nher und fhrte mich
in meine Heimatsprovinz.

Aus meinem dortigen dienstlichen Leben mchte ich besonders hervorheben,
da der bekannte Militrschriftsteller General von Verdy du Vernois
zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte,
interessante Persnlichkeit. Er verfgte infolge seines reichen Erlebens
in hohen Generalstabsstellen whrend der Kriege 1866 und 1870/71 ber
auergewhnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit.
Auch hatte er schon frher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des
russischen Oberkommandos in Warschau whrend des polnischen Aufstandes
1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhltnisse an unserer
Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer
glnzenden Erzhlerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom
militrischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade
belehrend. General von Verdy war auerdem auf dem Gebiete der angewandten
Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im
gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel fr meine sptere Lehrttigkeit
an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen
Richtungen uerst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein gtiger
Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte.

Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer,
erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und
Aufgaben fr die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft
angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich.

Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in
das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich
hatte bei dieser Rckkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu bernehmen,
die fast ausschlielich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die
der Verstndigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der
Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im
Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich selbst
war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner
Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht mchtig. Meine Einwirkung auf die
Kompagnie war noch dadurch auerordentlich erschwert, da die Mannschaften
in 33 Brgerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmhlen,
verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem
polnischen Ersatz nicht ungnstig. Die Leute waren fleiig, willig und,
was ich besonders hervorheben mchte, anhnglich, wenn man der
Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu berwinden hatten,
Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge fr sie sorgte. Damals
glaubte ich, da die grere Hufigkeit von Diebsthlen und von
Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit
vielfach ungengender erster Jugenderziehung zu erklren sei. Ich bedauere
es sehr, da ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt
zurckstecken mu, nachdem ich von den Greueln gehrt habe, welche die
Insurgenten Wehrlosen gegenber verbt haben. Das htte ich den
Landsleuten meiner einstigen Fsiliere nicht zugetraut!

Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fnfvierteljhrige
Kompagniechefszeit zurck. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer
kleinen, halblndlichen Garnison kennen, fand auer im Kameradenkreise
auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Gtern und stand wieder einmal
in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemhte mich redlich, auf
die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knpfte so ein festes Band
zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von
meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller uern Vorteile, welche mir die
Rckkehr in den Generalstab brachte.

Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Groen Generalstab.
Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des
damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des spteren Generals und Chefs des
Generalstabes der Armee, wurde aber auerdem noch der Abteilung des
derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des spteren Kommandierenden
Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der
Pioniere, fr lnger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung
der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhchsten
Vorschrift, zur Verfgung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden
bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Berhrung.

An einem mehrtgigen bungsritte bei Zossen im Frhjahre 1886, der dem
Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einfhrung
praktisch zu erproben, nahm auch Seine Knigliche Hoheit der Prinz Wilhelm
von Preuen teil. Es war fr mich das erste Mal, da ich die Ehre hatte,
meinem spteren Kaiser, Knig und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im
darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des
Groen Generalstabes bei. Ich fhrte bei dieser Gelegenheit die russische
Armee.

Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den
nhern Verkehr mit den Abteilungen des Groen Generalstabes seinem
nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, berlie, so beherrschte
doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen
Versicherung, da Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung
geno, und da sich niemand von uns seinem wunderbaren Einflu entziehen
konnte.

Ich kam unter den dargelegten Verhltnissen nur selten in unmittelbaren
dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das
Glck, ihm auerdienstlich zu begegnen. Eine fr seine Persnlichkeit wie
fr seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer
Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein
Gemlde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit
dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Kniggrtz darstellend. Der in
der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzhlte aus
persnlichem Erleben, da Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung
dem Kronprinzen zugerufen habe: "Gott sei Dank, Fritz, da du gekommen
bist, sonst wre es mir vielleicht schlecht ergangen!" Auf diese Erzhlung
Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre
aussuchte, mit drei groen Schritten unter uns und sagte in scharf
betonten Worten: "Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wute doch,
da der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu
erwarten war, und damit war der Sieg sicher." Nach dieser Bemerkung wandte
sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu.

Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des
Generalstabes Gste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit
behauptete einer der Herrn, da Moltkes Kaisertoast einschlielich der
Anrede und des ersten "Hoch" nicht mehr als zehn Worte enthalten wrde.
Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen
Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: "Meine Herrn, der
Kaiser hoch!" Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich
gengten. Im nchsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden,
aber der Gegenpart dankte dafr. Er htte dieses Mal gewonnen, denn Graf
Moltke sagte: "Meine Herrn, Seine Majestt der Kaiser und Knig Er lebe
hoch!" Das sind elf Worte.

brigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam,
sondern ein sehr liebenswrdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn fr
Humor.

Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf
seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn
treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die bliche Percke, so da
die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein
Lorbeerkranz um seine Schlfe, um das Bild eines idealen Csarenkopfes zu
vervollstndigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe
entstanden, welch hoher Idealismus hatte hier seine Sttte gehabt, welch
ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes
und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter
gleich groe Persnlichkeit hat nach meiner berzeugung seitdem unser Volk
nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung
dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Gre gewesen.

Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so groer Kaiser von uns gegangen.
Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem ber
Alles geliebten Kaiserlichen und Kniglichen Herrn den letzten Dienst
erweisen. Meine Gedanken fhrten mich ber Memel, Kniggrtz und Sedan
nach Versailles. Sie fanden ihren Abschlu in der Erinnerung an einen
Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden
Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand.
Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen
fnfjhrigen Sohn in die Hhe und lie ihn unseren greisen Herrn mit den
Worten sehen: "Vergi diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann
wirst du auch immer recht tun." Nun war seine groe Herrscher- und
Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher
durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gru entboten
hatte.

Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem
alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers
gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche
Gefhle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach
werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden.

Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war
keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte
ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Groe Generalstab
befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreuen. Wir
wurden daher in Gumbinnen auf Seine Majestt den Kaiser und Knig
Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn
das Treugelbnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre spter in
schwerer, aber groer Zeit durch die Tat bekrftigen durfte.

Das Schicksal fgte es fr mich gnstig, da ich innerhalb des
Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch whrend
meiner Zuteilung zum Groen Generalstab wurde mir der Unterricht der
Taktik an der Kriegsakademie bertragen. Ich fand in dieser Ttigkeit eine
hohe Befriedigung und bte sie fnf Jahre hindurch aus. Freilich waren die
Anforderungen an mich sehr gro, da ich neben diesem Amt gleichzeitig
andern Dienst tun mute, zuerst im Groen Generalstab und spter als
erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps.
Unter diesen Verhltnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu
kurz. Durcharbeitete Nchte wurden zur Gewohnheit.

Viele hochbegabte, zu den schnsten Hoffnungen berechtigende junge
Offiziere lernte ich whrend dieser akademischen Lehrttigkeit kennen.
Mancher Namen gehren jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur
Lauenstein, Lttwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei
trkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von
etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat
es spter in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General
gebracht.

Beim Generalkommando des III. Korps war der jngere General von Bronsart
mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und
1870/71 im Generalstab ttig gewesen war, und spter gleich seinem lteren
Bruder Kriegsminister wurde.

In ein gnzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher fhrte mich im Jahre 1889
meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des
Allgemeinen Kriegsdepartements zu bernehmen. Zurckzufhren ist diese
Vernderung auf den Umstand, da mein einstiger Divisionskommandeur,
General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer
Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch
Abteilungschef.

So wenig diese Verwendung anfnglich meinen Wnschen und Neigungen
entsprach, so sehr schtzte ich doch spter den Nutzen, den ich durch den
Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhltnisse gewann.
Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche
Umstndlichkeit des Geschftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit
dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung
untergeordneterer Persnlichkeiten, zugleich aber auch die groe
Pflichttreue kennen zu lernen, mit der berall in uerster Anspannung der
Krfte gearbeitet wurde.

Zu meinen anregendsten Aufgaben gehrten die Schaffung einer
Feldpioniervorschrift und die Einfhrung der Verwendung der schweren
Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im groen Kriege bewhrt.

Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch
ganz besonders im letzten Kriege, sind der grten Anerkennung wert. Eine
ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in
seiner vollen Berechtigung zu besttigen.

So sehr ich auch schlielich meine Verwendung im Kriegsministerium als fr
mich nutzbringend schtzen gelernt hatte, so warm begrte ich doch die
Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum
Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde.

Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schnste in der Armee. Der
Kommandeur drckt dem Regiment, dem Trger der Tradition im Heere, seinen
Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern
auch in geselliger Beziehung, Leitung und berwachung der Ausbildung der
Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemhte mich, im Offizierkorps
ritterlichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmigkeit und straffe
Disziplin, berall aber auch neben strenger Dienstauffassung
Dienstfreudigkeit und Selbstndigkeit zu pflegen. Der Umstand, da in der
Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir
Gelegenheit zu zahlreichen bungen mit gemischten Waffen.

Ihre Knigliche Hoheiten der Groherzog und die Groherzogin waren mir
gndig gesonnen, das gleiche galt vom erbgroherzoglichen Paare. Ich fand
auch sonst berall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen
Gartenstadt sehr wohl gefhlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger
Bevlkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine
Oldenburger Zeit zurck. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner
groen Freude an meinem 70jhrigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen
Regiment durch _ la suite_-Stellung in Verbindung. So zhle ich mich denn
auch heute noch zu den Oldenburgern.

Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in
Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in nhere Berhrung mit
unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen
des Rheinlnders berhrten mich durchaus angenehm: an das leichtere
Hinweggleiten ber ernstere Lebensfragen und eine im Verhltnis zu dem
Norddeutschen weichere Art des Empfindens mute ich mich dagegen offen
gestanden erst gewhnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und
die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen
Verhltnissen erklren ja durchaus manche Unterschiede im Denken und
Fhlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbedrfnis der Rheinlande von
Preuen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnder
Undank.

Das frohe Leben am Rhein zog brigens auch mich in seinen Bann, und ich
verlebte dort viele frohe Stunden.

Mein Kommandierender General war anfnglich der mir schon vom Groen
Generalstab her als Abteilungschef und auch vom Kriegsministerium her als
mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine
Stelle trat aber bald Seine Knigliche Hoheit der Erbgroherzog von Baden.

Diesem hohen Herrn durfte ich 3 Jahre zur Seite stehen. Ich zhle diese
Jahre mit zu den schnsten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich
Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche,
unermdliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung
erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner
Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevlkerung.

Whrend meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanver. Seine
Majestt der Kaiser und Knig war mit den Leistungen in Parade und
Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zhlte auch die
Enthllung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem
schngelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein
gegenber in den Rhein mndet.

Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef
eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerckt, da meine
Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam.
Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der
28. Division in Karlsruhe ernannt.

Diesem Allerhchsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine
bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgroherzog lieen mich auch bei
Ihren Kniglichen Hoheiten dem Groherzog und der Groherzogin ein
unendlich gndiges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau
bertrug und uns hoch beglckte. Dazu das herrliche Badener Land mit all
seinen landschaftlichen Schnheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und
Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit
seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit.

In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter
einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs wird dadurch
vielseitiger, erhebt sich ber die kleineren Dinge und fordert eine
Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Groen im Kriege beschftigt.

Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verlie ich im Januar 1903 Karlsruhe,
weil mich das Vertrauen meines Allerhchsten Kriegsherrn an die Spitze des
IV. Armeekorps berief.

Ich bernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der
man in der Regel lnger als auf andern militrischen Posten verbleibt, und
in der man, hnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter hhern
Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Geprge gibt. Ich handelte im brigen
nach meinen bisherigen Grundstzen und glaube Erfolge erreicht zu haben.
Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine
der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, uerte sich
wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 8jhriger Ttigkeit
mein schnes Amt niederlegte.

Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestt
im Kaisermanver, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Robach
beginnend, vorfhren zu drfen. Ich erntete Allerhchste Anerkennung, die
ich dankbar auf meinen Vorgnger und auf meine Truppen zurckfhrte.

In diesen Manvertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestt der
Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind spter in
ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was
die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war.

Das IV. Armeekorps gehrte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner
Kniglichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen
hervorragenden Fhrer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns
spter auf dem stlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz
unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der groen
Sache, obgleich er mir im Dienstalter wesentlich berlegen war. Im
Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestt des Kaisers im Verein
mit dem damaligen General von Blow, dessen Korps auch zur
Armee-Inspektion des Prinzen gehrte, in Mnchen an der Feier des
50jhrigen Dienstjubilums Seiner Kniglichen Hoheit teil. Wir hatten aus
dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Kniglichen Hoheit dem
hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden.

Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen,
unterschtzt. Es ist eine schne alte Stadt, deren "Breiter Weg" und deren
ehrwrdiger Dom als Sehenswrdigkeiten gelten mssen. Seit der Schleifung
der Festung sind ber deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen
Anforderungen entsprechende Vorstdte entstanden. Was der nchsten
Umgegend Magdeburgs an Naturschnheiten versagt ist, hat man durch
weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewut. Auch fr Kunst und
Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vortrge und dergleichen
gesorgt. Man sieht also, da man sich dort auch auerdienstlich wohl
fhlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhltnisse
vorfindet, wie es uns beschieden war.

Dem Verkehr in der Stadt schlo sich ein solcher an den Hfen von
Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an.
Sie alle zu nennen, wrde zu weit fhren. Aber eines von uns alljhrlich
wiederholten mehrtgigen Besuches bei meinem jetzt 93jhrigen, ehrwrdigen
vterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf
Carow, mu ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken.

Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten
groen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in
Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im
Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Gtern
dafr, da man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schu
kam.

Immer mehr reifte allmhlich in mir der Entschlu, aus der Armee
auszuscheiden. Ich hatte in meiner militrischen Laufbahn viel mehr
erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und
so erkannte ich es fr eine Pflicht an, jngeren Krften den Weg nach
vorwrts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich
die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemchtigt
hat, so erklre ich ausdrcklich, da keinerlei Reibungen dienstlicher
oder gar persnlicher Art diesen Schritt veranlat haben.

Der Abschied von liebgewonnenen, langjhrigen Beziehungen und besonders
von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht
leicht. Aber es mute sein! Ich ahnte nicht, da ich nach wenigen Jahren
wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps
Kaiser und Reich, Knig und Vaterland erneut dienen durfte.

Im Verlauf meiner langjhrigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen
Stmme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu knnen, ber welch
einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfgt, und wie kaum
ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen fr
ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland.




                        bergang in den Ruhestand


Mit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und Knig, unter den
heiesten Wnschen fr seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft
unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb
doch im Innern immer Soldat.

Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes lie mich zufrieden
auf meine bisherige Ttigkeit zurckblicken. Nichts war imstande, mir das
Gesamtbild zu trben, ber dem der Zauber der Verwirklichung glhender
Jugendtrume lag. Der bergang zur selbstgewhlten Ruhe vollzog sich daher
auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht
ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, da im Falle einer
Gefahr frs Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen wrde, der Wunsch,
meine letzten Krfte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines
vernderten Daseins nichts von seiner Strke.

In der Zeit, in der ich die Armee verlie, pulsierte dort ein
auergewhnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen
Altem und Neuem, zwischen rcksichtslosen Fortschritten und ngstlichem
Zurckhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen
Erfahrungen der jngsten Kriege. Diese Erfahrungen lieen trotz der neuen
Bahnen, die sie uns ffneten, keinen Zweifel darber, da inmitten der
Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschtzung der Erziehung, der
sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben mute. Die
herzhafte Tat hatte den Vorrang vor den Knsteleien des Verstandes auch
jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben
hher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. ber der
Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen,
ich mchte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung
der menschlichen Natur, keine berfeinerung der kriegerischen Erziehung.
Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des
Menschen zur willensstarken Persnlichkeit.

Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivitt vorwerfen
zu knnen. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivitt die Schaffung
von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die
Produktivitt von hheren, sittlichen Gesichtspunkten auffat. Wer nicht
aus Vorurteil und belwollen unsere militrische Friedensarbeit von
vornherein verwarf, mute in der Armee die trefflichste Schule fr Wille
und Tat, ja geradezu fr Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende
von Menschen haben unter ihrem Einflu erst gelernt, was sie krperlich
und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und
die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben
erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des
Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle
gleichmachenden Schule unseres groen, vaterlndischen Heeres? In ihm
wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft
und Staat auflsenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen
zum Wohle fr die Allgemeinheit segensvoll gelutert und umgewandelt. Das
Heer schulte und verstrkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den
wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des
Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik,
in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im
Gewerbe. Die berzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der
Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen
Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewutsein
gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen
mglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt
Trotz bieten muten und konnten.

Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der
deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, da unsere
Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen
die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen
entsittlichenden Einflu ausbte, oder unter den entnervenden Eindrcken
seelischer und krperlicher beranspannung die moralischen Begriffe sich
teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang
tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb
trotz der unerhrtesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe
gewachsen.

Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, da sie sich bemhte, den freien
Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwrdigen. Auf den Schlachtfeldern
des groen Weltkrieges, inmitten der auflsenden Wirkungen endloser Kmpfe
hat es sich aber gezeigt, welch willensstrkenden Einflu unsere Erziehung
ausgebt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschtternde Vorgnge
beweisen, zu welch groen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann
befhigt war, nicht weil er sich sagte: "Ich mu", sondern weil er sich
sagte: "Ich will."

Es liegt in dem Gange der Ereignisse, da man mit der Auflsung der alten
Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich
verbleibe dem gegenber fest auf dem Boden der alten, bewhrten
Grundstze. Mgen es andere fr nicht unbedingt entscheidend ansehen,
durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Mglichkeit zu gleichen
Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewi mit mir
bereinstimmen, da es fr die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist,
da wir diese Mglichkeit berhaupt wieder erlangen. Es sei denn, da wir
auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Ambo
herabwrdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden,
zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet.

Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur fr das politische sondern
auch fr das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes,
wie wir die groe Schule fr Organisation und Tatkraft, die wir in unserem
alten Heere besaen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so
kann das deutsche nur unter uerster Anspannung und Zusammenfassung
seiner schpferischen Krfte gedeihen und einen lebenswerten Platz
inmitten der brigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen
eines unglcklichen Krieges und unter dem trgerischen Eindruck, als ob
die strenge Unterordnung aller Volkskrfte unter einen beherrschenden
Willen das Unglck des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht htte, ist
leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung
eingetreten. Die Emprung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene
Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf
neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt
haben wir jedenfalls unter den Einflssen der staatlichen Auflsung weit
mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des
eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische
Krfte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden
unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die
kostbarste Grundlage unseres Staatslebens frhzeitig bis zur vlligen
Unfruchtbarkeit und de erschpfen!





                               ZWEITER TEIL


                          KRIEGFHRUNG IM OSTEN




                         Der Kampf um Ostpreuen



                       Kriegsausbruch und Berufung


Die Ruhe meines Lebens gab mir seit dem Jahre 1911 die Mglichkeit, mich
den politischen Vorgngen in der Welt mit Mue zu widmen. Die
Beobachtungen, die ich dabei machte, waren freilich nicht imstande, mich
mit Befriedigung zu erfllen. ngstlichkeit lag mir ferne, und doch konnte
ich ein gewisses bedrckendes Gefhl nicht los werden. Die Ansicht drngte
sich mir auf, da wir in den weiten Ozean der Weltpolitik hinaustrieben,
ohne da wir in Europa selbst gengend fest standen. Mochten die
politischen Wetterwolken ber Marokko stehen oder sich ber dem Balkan
zusammenziehen, die unbestimmte Ahnung, als ob unter unserem deutschen
Boden miniert wrde, teilte ich mit der Mehrzahl meiner Landsleute. Wir
standen in den letzten Jahren zweifellos einer der sich augenscheinlich
regelmig wiederholenden franzsisch-chauvinistischen Hochfluten
gegenber. Ihr Ursprung war bekannt; ihre Sttze suchte und fand sie in
Ruland wie in England, ganz gleichgltig, wer und was dort die offenen
oder geheimen, die bewuten oder unbewuten Triebfedern bildete.

Ich habe die besonderen Schwierigkeiten in der Fhrung der deutschen
Politik nie verkannt. Die Gefahren, die sich aus unserer geographischen
Lage, aus unseren wirtschaftlichen Notwendigkeiten und nicht zuletzt aus
unseren vlkisch gemischten Randgebieten ergaben, waren mit den Hnden zu
greifen. Eine gegnerische Politik, der es gelang, die fremden
Begehrlichkeiten gegen uns zusammenzufassen, bedurfte nach meiner Ansicht
hierzu keiner groen Gewandtheit. Sie betrieb letzten Endes den Krieg. Auf
diese Gefahr uns einzustellen, versumten wir. Unsere Bndnispolitik
richtete sich mehr nach einem Ehrenkodex als nach den Bedrfnissen unseres
Volkes und unserer Weltlage.

Wenn ein spterer deutscher Reichskanzler schon in den neunziger Jahren
mit dem fortschreitenden Zerfall der uns verbndeten Donaumonarchie als
mit etwas Selbstverstndlichem rechnen zu mssen glaubte, so war es
unverstndlich, wenn unsere Politik daraus nicht die entsprechenden
Folgerungen zog.

Den deutsch-sterreichischen Stammesgenossen brachte ich jederzeit volle
Sympathie entgegen. Die Schwierigkeiten ihrer Stellung innerhalb ihres
Vaterlandes fanden ja bei uns allgemein die lebhafteste Teilnahme. Dieses
unser Gefhl wurde aber nach meiner Auffassung von der
sterreichisch-ungarischen Politik allzu weitgehend ausgenutzt.

Das Wort von der Nibelungentreue war gewi seinerzeit sehr eindrucksvoll.
Es konnte uns aber ber die Tatsache nicht hinwegtuschen, da
sterreich-Ungarn uns in die bosnische Krisis, auf die dieses Wort gemnzt
war, ohne bundesbrderliche Verstndigung berraschend hineingezerrt hatte
und dann von uns verlangte, ihm den Rcken zu decken. Da wir den
Verbndeten damals nicht verlassen konnten, war klar. Das htte geheien,
den russischen Kolo strken, um dann selbst um so sicherer und
widerstandsloser von ihm erdrckt zu werden.

Mir als Soldaten mute besonders das Miverhltnis zwischen den
politischen Ansprchen sterreich-Ungarns und seinen innerpolitischen
sowie militrischen Krften auffallen. Den ungeheuren Rstungen des nach
dem ostasiatischen Kriege wieder gekrftigten Ruland gegenber
verstrkten zwar wir Deutschen unsere Wehr, stellten aber nicht die
gleichen Anforderungen an unseren sterreichisch-ungarischen
Bundesgenossen. Fr die Staatsmnner der Donaumonarchie mochte es sehr
einfach sein, sich gegenber unseren Anregungen auf Erhhung der
sterreichisch-ungarischen Rstungen hinter Schwierigkeiten ihrer
innerstaatlichen Verhltnisse zurckzuziehen. Warum aber fanden wir keine
Mittel, sterreich-Ungarn in dieser Frage vor ein Entweder-Oder zu
stellen? Wir kannten doch die gewaltige zahlenmige berlegenheit unserer
voraussichtlichen Gegner. Durften wir es denn dulden, da der Verbndete
einen groen Teil seiner Volkskrfte fr die gemeinsame Verteidigung brach
liegen lie? Was ntzte es uns, in sterreich-Ungarn ein nach Sdosten
vorgeschobenes Bollwerk zu besitzen, wenn dieses Bollwerk nach allen
Seiten Risse aufwies und nicht gengend Verteidiger besa, um seine Wlle
zu halten?

Auf eine wirksame Waffenhilfe Italiens zu rechnen, schien mir von jeher
bedenklich. Eine solche war zweifelhaft, selbst bei gutem Willen der
italienischen Staatsmnner. Wir hatten Gelegenheit gehabt, die Schwchen
des italienischen Heeres im Tripoliskrieg vollauf zu erkennen. Seitdem
waren die dortigen Verhltnisse bei den schwer erschtterten Finanzen des
Staates kaum besser geworden. Schlagbereit war Italien jedenfalls nicht.

In diesen Richtungen bewegten sich meine damaligen Betrachtungen und
Sorgen. Ich hatte den Krieg schon zweimal kennengelernt, jedesmal unter
kraftvoller politischer Fhrung vereint mit einfachen, klaren
kriegerischen Zielen. Ich frchtete den Krieg nicht, auch jetzt nicht!
Aber ich kannte neben seinen erhebenden Wirkungen seine verheerenden
Eingriffe in das menschliche Dasein zu gut, als da ich ihn nicht htte
denkbar lange vermieden wissen wollen.



Und nun brach der Krieg ber uns herein! Die Hoffnungslosigkeit, uns mit
Frankreich auf dem bestehenden Boden vergleichen, den Geschftsneid und
die Rivalittsangst Englands bannen, die russische Begehrlichkeit ohne
unseren Bndnisbruch mit sterreich befriedigen zu knnen, hatte in
Deutschland seit langem eine Stimmungsspannung hervorgerufen, in der der
Kriegsausbruch fast wie eine Befreiung von einem bestndigen, das ganze
Leben beeintrchtigenden Drucke empfunden wurde.

Der deutsche kaiserliche Heerbann trat an! Eine stolze Kriegsmacht, wie
sie die Welt in dieser Tchtigkeit nur selten gesehen hat. Bei ihrem
Anblick mute der Herzschlag des ganzen Volkes krftiger werden. Doch
nirgends bermut im Angesicht der Aufgabe, die unserer harrte. Hatten doch
weder Bismarck noch Moltke uns ber die wuchtende Last eines solchen
Krieges im Unklaren gelassen, stellte doch jeder Einsichtige bei uns sich
die Frage, ob wir politisch, wirtschaftlich, militrisch und moralisch
imstande sein wrden durchzuhalten. Doch grer als die Sorge war
zweifellos das Vertrauen.

In diesen Stimmungen und Gedanken traf auch mich die Nachricht vom
Losbrechen des Sturmes. Der Soldat in mir wurde in seiner nunmehr alles
beherrschenden Kraft wieder lebendig. Wrde mein Kaiser und Knig meiner
bedrfen? Gerade das letzte Jahr war ohne eine amtliche Andeutung dieser
Art fr mich vorbergegangen. Jngere Krfte schienen ausreichend
verfgbar. Ich fgte mich dem Schicksal und blieb doch in sehnsuchtsvoller
Erwartung.



                                Zur Front


Die Heimat lauschte in Spannung.

Die Nachrichten von den Kriegsschaupltzen entsprachen unseren Hoffnungen
und Wnschen. Lttich war gefallen, das Gefecht bei Mlhausen siegreich
geschlagen, unser rechter Heeresflgel und unsere Mitte im Vorschreiten
durch Belgien. Die ersten jubelatmenden Nachrichten ber die Lothringer
Schlacht drangen ins Vaterland. Auch aus dem Osten klang es wie
Siegesfanfaren.

Nirgends Ereignisse, die sorgende Gedanken gerechtfertigt erscheinen
lieen.

Am 22. August 3 Uhr nachmittags erhielt ich eine Anfrage aus dem Groen
Hauptquartier Seiner Majestt des Kaisers, ob ich bereit zur sofortigen
Verwendung sei.

Meine Antwort lautete: "Bin bereit."

Noch bevor dieses Telegramm im Groen Hauptquartier eingetroffen sein
konnte, erhielt ich ein zweites von dort. Danach rechnete man
augenscheinlich bestimmt mit meiner Bereitschaft zur Annahme einer
Feldstelle und teilte mir mit, da General Ludendorff bei mir eintreffen
werde. Weitere Mitteilungen aus dem Groen Hauptquartier klrten dann die
Sachlage fr mich dahin auf, da ich als Armeefhrer sogleich nach dem
Osten abzugehen htte.

Gegen 3 Uhr nachts fuhr ich, in der Eile nur unfertig ausgerstet, zum
Bahnhof und stand dort erwartungsvoll in der mig beleuchteten Halle.
Meine Gedanken rissen sich von dem heimischen Herde, den ich so pltzlich
verlassen mute, erst vllig los, als der kurze Sonderzug einfuhr. Ihm
entstieg mit frischem Schritte General Ludendorff, sich bei mir als mein
Chef des Generalstabs der 8. Armee meldend.

Der General war mir bis zu diesem Augenblicke fremd gewesen, seine Tat bei
Lttich mir noch unbekannt. Er klrte mich zunchst ber die Lage an
unserer Ostfront auf, ber die er am 22. August im Groen Hauptquartier
Coblenz von dem Chef des Generalstabes des Feldheeres, Generaloberst von
Moltke, persnlich unterrichtet worden war. Danach hatten sich die
Operationen der 8. Armee in Ostpreuen folgendermaen entwickelt: Die
Armee hatte das XX. Armeekorps, verstrkt durch Festungsbesatzungen und
sonstige Landwehrformationen, bei Beginn der Operationen zum Schutze der
Sdgrenze West- und Ostpreuens von der Weichsel bis an das Ltzener
Seengebiet in Stellung belassen. Die Masse der Armee (I. Armeekorps,
XVII. Armeekorps, I. Reservekorps, 3. Reservedivision, Festungsbesatzung
Knigsberg und 1. Kavalleriedivision) war an der Ostgrenze Ostpreuens
versammelt worden und hatte dort am 17. August bei Stallupnen, am 19. und
20. August bei Gumbinnen im Angriff gegen die unter General Rennenkampf
von Osten her vordringende russische Njemenarmee gefochten. Whrend der
Kmpfe bei Gumbinnen war die Meldung vom Vormarsch der russischen
Narewarmee unter General Samsonoff von Sden her gegen die deutsche
Grenzlinie Soldau-Willenberg eingetroffen. Die Fhrung unserer 8. Armee
glaubte damit rechnen zu mssen, da der Russe diese Grenze schon am
21. August berschreiten wrde. Angesichts dieser Bedrohung der
rckwrtigen Verbindungen aus sdlicher Richtung brach das Oberkommando
die Schlacht bei Gumbinnen ab und meldete der Obersten Heeresleitung, da
es nicht imstande sein wrde, das Land stlich der Weichsel weiterhin zu
behaupten.

Generaloberst von Moltke hatte diesen Entschlu nicht gebilligt. Er
vertrat die Auffassung, da man noch eine Operation zur Vernichtung der
Narewarmee versuchen mte, bevor man daran denken drfte, die
militrisch, wirtschaftlich und politisch wichtige Stellung in Ostpreuen
aufzugeben. Der Gegensatz in den Anschauungen zwischen der Obersten
Heeresleitung und dem Armee-Oberkommando hatte den Wechsel in den
fhrenden Stellen der 8. Armee veranlat.

Zur Zeit schien die Lage bei dieser Armee folgende zu sein: Die Loslsung
vom Feinde war gelungen. Das I. Armeekorps und die 3. Reservedivision
befanden sich in Abbefrderung mit der Bahn nach Westen, whrend das
I. Reservekorps und das XVII. Armeekorps der Weichsellinie im Fumarsch
zustrebten. Das XX. Armeekorps stand noch auf seinem Posten an der Grenze.

Ich war mit meinem nunmehrigen Armeechef in kurzem in der Auffassung der
Lage einig. General Ludendorff hatte schon von Coblenz aus die ersten
unaufschiebbaren Weisungen geben knnen, die dahin zielten, die
Fortfhrung der Operationen stlich der Weichsel sicherzustellen. Dazu
gehrte in erster Linie, da die Transporte des I. Armeekorps nicht zu
weit nach Westen gefhrt, sondern auf Deutsch-Eylau, also feindwrts
hinter den rechten Flgel des XX. Armeekorps, herangeleitet wurden.

Alles weitere mute und konnte erst bei unserem Eintreffen im
Hauptquartier der Armee in Marienburg entschieden werden.

Unser Gesprch hatte kaum mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen.
Dann begaben wir uns zur Ruhe. Die dazu verfgbare Zeit ntzte ich
grndlich aus.

So fuhren wir denn einer gemeinsamen Zukunft entgegen, uns des Ernstes der
Lage voll bewut, aber auch voll festen Vertrauens zu Gott dem Herrn, zu
unseren braven Truppen und nicht zuletzt zu einander. Jahrelang sollte von
nun ab das gemeinsame Denken und die gemeinsame Tat uns vereinen.

Ich mchte mich hier gleich ber das Verhltnis zwischen mir und meinem
damaligen Generalstabschef und spteren Ersten Generalquartiermeister
General Ludendorff aussprechen. Man hat geglaubt, dieses Verhltnis mit
dem Blchers zu Gneisenau vergleichen zu knnen. Ich lasse dahingestellt
sein, inwieweit man bei diesem Vergleiche von der wirklich richtigen
historischen Grundlage ausgegangen ist. Die Stellung eines Chefs des
Generalstabes hatte ich, wie aus meinen vorhergehenden Ausfhrungen ja
bekannt ist, frher selbst jahrelang innegehabt. Die Ttigkeit eines
solchen gegenber dem die Verantwortung tragenden Fhrer ist, wie ich
somit aus eigener Erfahrung wute, innerhalb der deutschen Armee nicht
theoretisch festgelegt. Die Art der Zusammenarbeit und das Ausma der
gegenseitigen Ergnzung hngen vielmehr von den Persnlichkeiten ab. Die
Grenzen der beiderseitigen Wirkungsbereiche sind also nicht scharf
voneinander getrennt. Ist das Verhltnis zwischen Vorgesetzten und
Generalstabschef ein richtiges, so werden sich diese Grenzen durch
soldatischen und persnlichen Takt und die beiderseitigen
Charaktereigenschaften leicht ergeben.

Ich selbst habe mein Verhltnis zu General Ludendorff oft als das einer
glcklichen Ehe bezeichnet. Wie will und kann der Auenstehende das
Verdienst des einzelnen in einer solchen scharf abgrenzen? Man trifft sich
im Denken wie im Handeln, und die Worte des einen sind oftmals nur der
Ausdruck der Gedanken und Empfindungen des anderen.

Eine meiner vornehmsten Aufgaben, nachdem ich den hohen Wert des Generals
Ludendorff bald erkannt hatte, sah ich darin, den geistvollen
Gedankengngen, der nahezu bermenschlichen Arbeitskraft und dem nie
ermattenden Arbeitswillen meines Chefs soviel als mglich freie Bahn zu
lassen und sie ihm, wenn ntig, zu schaffen. Freie Bahn in der Richtung,
in der unser gemeinsames Sehnen, unsere gemeinsamen Ziele lagen: der Sieg
unserer Fahnen, das Wohl unseres Vaterlandes, ein Friede, wert der Opfer,
die unser Volk gebracht hatte.

Ich hatte dem General Ludendorff die Treue des Kampfgenossen zu halten,
wie sie uns in deutscher Volksgeschichte von Jugend an gelehrt wird, die
Kampfestreue, an der unser ethisches Denken so reich ist. Und wahrlich,
seine Arbeit und sein Wollen, wie seine ganze sonstige Persnlichkeit
waren dieser Treue wert. Mgen andere darber urteilen wie sie wollen!
Auch fr ihn wird wie fr so viele unserer Groen und Grten erst spter
die Zeit kommen, in der das Volk in seiner Gesamtheit bewundernd zu ihm
aufblicken wird. Mein Wunsch aber ist es, da unser Vaterland in gleich
schwerem Geschick aufs neue einen solchen Mann finden mge, einen ganzen
Mann, kraftvoll in sich geschlossen, freilich auch eckig und kantig, aber
geschaffen fr ein gigantisches Werk wie kaum ein zweiter in der
Geschichte.

Wahrlich, er wurde in richtiger Erkenntnis seiner Bedeutung von seinen
Gegnern gehat!

Auf die Harmonie unserer kriegerischen und politischen berzeugungen
grndete sich die Einheitlichkeit unserer Anschauungen in dem Gebrauch
unserer Streitmittel. Verschiedenheiten der Auffassungen fanden ihren
natrlichen Ausgleich und Abgleich, ohne da das Gefhl gemachter
Nachgiebigkeiten auf einer oder der anderen Seite jemals strend
dazwischen trat. Die gewaltige Arbeit meines Generalstabschef setzte
unsere Gedanken und Plne auf das Rderwerk unserer Armeefhrung um und
spter auf das der gesamten Obersten Heeresleitung, nachdem diese uns
anvertraut worden war. Sein Einflu belebte alle, niemand konnte sich ihm
entziehen, es sei denn auf die Gefahr hin, aus der einheitlichen Bahn
geschleudert zu werden. Wie konnte auch anders die ungeheure Aufgabe
erfllt, die Triebkraft zur vollen Wirkung gebracht werden?

In selbstverstndlicher, soldatischer Pflichterfllung, reich an Willen
und Gedanken, schlo sich uns beiden der weitere Kreis der Mitarbeiter an.
Mit treu dankbarem Herzen werde ich stets auch ihrer gedenken!



                                Tannenberg


Am frhen Nachmittag des 23. August erreichten wir unser Hauptquartier
Marienburg. Wir betraten damit das Land stlich der Weichsel, das
demnchstige Gebiet unseres Wirkens. Die Lage an der Front hatte sich bis
zu diesem Zeitpunkt wie folgt entwickelt:

Das XX. Armeekorps war von seinen Grenzstellungen bei Neidenburg auf
Gilgenburg und Gegend stlich zurckgegangen. Nach Westen anschlieend an
dieses Korps standen die aus den Festungen Thorn und Graudenz
herausgezogenen Besatzungen bis gegen die Weichsel hin lngs der Grenze.
Die 3. Reservedivision war als Verstrkung fr das XX. Armeekorps bei
Allenstein eingetroffen. Die Heranbefrderung des I. Armeekorps nach
Deutsch-Eylau hatte mit Verzgerungen begonnen. Das XVII. Armeekorps und
I. Reservekorps waren im Fumarsch in die Gegend um Gerdauen gekommen. Die
1. Kavalleriedivision stand sdlich Insterburg der Armee Rennenkampf
gegenber. Die Besatzung von Knigsberg hatte Insterburg im Rckmarsch
nach Westen durchschritten.

Die Njemenarmee Rennenkampfs war auffallenderweise mit nennenswerten
Infanterieteilen noch nicht ber die Angerapp vorgedrungen. Von den beiden
russischen Kavalleriekorps war das eine bei Angerburg, das andere westlich
Darkehmen gemeldet worden. Die Narewarmee Samsonoffs hatte mit einer
Division anscheinend die Gegend von Ortelsburg erreicht, auch sollte
Johannisburg vom Feinde besetzt sein. Im brigen schien die Masse dieser
Armee wohl noch an der Grenze im Aufschlieen begriffen, westlicher Flgel
bei Mlawa.

In der Brieftasche eines gefallenen russischen Offiziers war ein
Schriftstck gefunden worden, aus dem die Absichten der gegnerischen
Fhrung hervorgingen. Danach hatte die Armee Rennenkampf, die masurischen
Seen nrdlich umgehend, gegen die Linie Insterburg-Angerburg vorzurcken.
Sie sollte die hinter der Angerapp angenommenen deutschen Streitkrfte
angreifen, whrend die Narewarmee ber die Linie Ltzen-Ortelsburg den
Deutschen die Flanke abzugewinnen hatte.

Die Russen planten also einen konzentrischen Angriff auf die 8. Armee, fr
welchen die Armee Samsonoffs aber jetzt schon erheblich weiter nach Westen
ausholte, als ursprnglich beabsichtigt war.

Was sollen, ja was knnen wir gegen diesen gefhrlichen feindlichen Plan
tun? Gefhrlich weniger wegen der Khnheit, mit der er erdacht, als wegen
der Strke, mit der er ausgefhrt werden soll, wenigstens mit der Strke
an Streitern, hoffentlich nicht mit der gleichen Strke an Willen. Fhrte
doch Ruland im Laufe der Monate August und September nicht weniger als
800.000 Soldaten und 1700 Geschtze gegen Ostpreuen heran, zu dessen
Verteidigung nur 210.000 deutsche Soldaten mit 600 Geschtzen verfgbar
gemacht werden konnten.

Unser Gegenplan ist einfach. Ich will versuchen, ihn dem Leser, auch wenn
er kein Fachmann ist, in allgemeinen Umrissen verstndlich zu machen.

Wir stellen zunchst der dichten Masse Samsonoffs eine dnne Mitte
gegenber. Ich sage dnn, nicht schwach. Denn Mnner sind es mit
sthlernem Herzen und sthlernem Willen. In ihrem Rcken die Heimat, Weib
und Kind, Eltern und Geschwister, Hab und Gut! Es ist das XX. Korps, brave
West- und Ostpreuen. Mag diese dnne Mitte unter dem Drucke der
feindlichen Massen sich auch biegen, wenn sie nur nicht bricht. Whrend
diese Mitte kmpft, sollen zwei wuchtige Gruppen an deren beide Flgel zum
entscheidenden Angriff heranrcken.

Die Truppen des I. Armeekorps, durch Landwehr verstrkt, auch alles Kinder
des bedrohten Landes, werden von rechts her aus dem Nordwesten, die
Truppen des XVII. Armeekorps und I. Reservekorps zusammen mit einer
Landwehrbrigade, werden von links her aus dem Norden und Nordosten zur
Schlacht herangeholt. Auch die Soldaten des XVII. Armeekorps und
I. Reservekorps, ebenso wie die Mnner der Landwehr und des Landsturms
haben alles, was das Leben lebenswert macht, in ihrem Rcken.

Nicht mit einfachem Siege sondern mit Vernichtung mssen wir Samsonoff
treffen. Denn nur dadurch bekommen wir freie Hnde gegen den zweiten
Feind, der zurzeit Ostpreuen plndert und versengt, gegen Rennenkampf.
Nur so knnen wir das alte Preuenland wirklich und vllig befreien, und
nur so gewinnen wir Freiheit fr weitere Taten, die man noch von uns
erwartet, nmlich fr das Eingreifen in den mchtig entbrennenden
Entscheidungskampf zwischen Ruland und unserem sterreichisch-ungarischen
Verbndeten in Galizien und Polen. Wird unser erster Schlag nicht
durchgreifend, dann bleibt die Gefahr fr unsere Heimat wie eine
schleichende Krankheit bestehen, ungercht bleibt das Brennen und Morden
in Ostpreuen, und vergeblich wartet der Bundesgenosse im Sden auf uns.

Also ganzes Handeln! Dazu mu alles heran, was im Bewegungskrieg
einigermaen brauchbar ist und irgendwo entbehrt werden kann. Was die
Festungswlle von Graudenz und Thorn noch an kampftauglicher Landwehr
beherbergen, wird herangezogen. Auch aus den Schtzengrben, die zwischen
den masurischen Seen unsere jetzige Operation im Osten decken, rcken
unsere Wehrmnner ab und bergeben die dortige Verteidigung einer
verschwindenden Minderzahl braver Landstrmer. Gewinnen wir die
Feldschlacht, dann brauchen wir die Festungen Thorn und Graudenz nicht
mehr und sind der Sorgen um die Seenengen ledig.

Gegen Rennenkampf, der wie ein Alpdruck aus dem Nordosten auf uns lasten
knnte, soll nur unsere Kavalleriedivision sowie die Hauptreserve
Knigsberg mit zwei Landwehrbrigaden stehen bleiben. Doch knnen wir an
diesem Tage noch nicht berblicken, ob diese Krfte auch wirklich gengen.
Sie bilden in ihrer Kampfkraft ja nur einen leicht zerreibaren Schleier,
vorausgesetzt, da Rennenkampfs Massen marschieren, da seine
bermchtigen Reitergeschwader reiten sollten, so wie wir es befrchten
mssen. Vielleicht tun sie das aber nicht; dann gengt der Schleier zur
Deckung unserer Schwche. Wir mssen es wagen in Flanke und Rcken, um an
der entscheidenden Front stark zu sein. Hoffentlich gelingt es uns,
Rennenkampf zu tuschen; vielleicht tuscht er sich selbst. Der starke
Waffenplatz Knigsberg mit seiner Besatzung und unsere Reiter knnen sich
ja in der Phantasie des Feindes zu machtvolleren Gren erweitern.

Wenn sich aber auch Rennenkampf zu unseren Gunsten in falschen
Vorstellungen wiegt, wird ihn nicht seine Oberste Heeresfhrung
vorwrtstreiben in starken Mrschen nach Sdwesten und in unseren Rcken?
Mu ihn nicht ein Hilfeschrei Samsonoffs in Bewegung aufs Kampffeld
setzen? Und wird nicht, selbst wenn der Ruf menschlicher Stimme vergeblich
verhallen sollte, der mahnende Donner der Schlacht bis zu den russischen
Linien im Norden der Seen, ja selbst bis zum feindlichen Hauptquartier
dringen?

Vorsicht gegen Rennenkampf bleibt also ntig, wir knnen ihr aber nicht
durch Zurcklassung starker Kampftruppen Rechnung tragen, sonst werden wir
auf dem Schlachtfelde noch schwcher, als wir es ohnehin sind.

Berechnen wir die gegenseitigen Strken, zhlen wir zu der unserigen auch
die beiden Landwehrbrigaden, die zur Zeit von Schleswig-Holstein her aus
dem Kstenschutz heranrollen und wohl noch rechtzeitig zur Schlacht
eintreffen werden, so gibt ein Vergleich mit den wahrscheinlichen
russischen Krften immer noch groe Verschiedenheiten zu unseren
Ungunsten, auch wenn Rennenkampf nicht marschieren, nicht mitkmpfen will.
Dazu kommt, da in unseren vordersten Reihen viel Landwehr und Landsturm
fechten mu. Alte Jahrgnge gegen beste russische Jugend. Ferner spricht
gegen uns, da die Mehrzahl unserer Truppen und, wie es die Lage fgt,
gerade alle, die voraussichtlich den entscheidenden Sto fhren mssen,
aus schweren und verlustreichen Kmpfen herankommen. Hatten sie doch den
Russen das Schlachtfeld von Gumbinnen berlassen mssen. Die Truppen
marschieren daher nicht mit dem stolzen Gefhle der Sieger. Und doch
rcken sie zur Schlacht frohen Sinnes und fester Zuversicht. Der Geist ist
gut, so wird uns gemeldet, also berechtigt er zu krftigen Entschlssen,
und wo er etwa gedrckt sein sollte, da wird er durch diese kraftvollen
Entschlsse emporgerissen. So war es von jeher, sollte es diesmal anders
sein? Ich hatte keine Bedenken wegen unserer zahlenmigen Unterlegenheit.

Wer in die Rechnung des Krieges nur die sichtbaren Werte einsetzt, rechnet
falsch. Ausschlaggebend sind die inneren Werte des Soldaten. Auf diese
baue ich mein Vertrauen. Ich denke mir:

Mag der Russe auch in unser Vaterland einmarschieren, mag die Berhrung
mit deutscher Erde sein Herz hher schlagen lassen, sie macht ihn nicht
zum deutschen Soldaten, und die ihn fhren, sind keine deutschen
Offiziere. Auf den mandschurischen Schlachtfeldern hatte der russische
Soldat mit dem grten Gehorsam gefochten, so fremd ihm auch die
politischen Absichten seiner Regierung am Stillen Ozean gewesen waren. Es
schien nicht ausgeschlossen, da bei einem Kriege gegen die Mittelmchte
die Begeisterung der russischen Armee fr die Kriegsziele des Zarentums
grer sein wrde. Trotzdem nahm ich an, da der russische Soldat und
Offizier auch auf dem europischen Kriegsschauplatz im groen und ganzen
keine hheren militrischen Eigenschaften zeigen wrde als auf dem
ostasiatischen, und glaubte daher, statt des Minus unserer zahlenmigen
Unterlegenheit ein Plus an innerer Kraft in die Berechnung der
Strkeverhltnisse zu unseren Gunsten aufnehmen zu knnen.

So ist unser Plan, sind unsere Gedanken vor der Schlacht und fr die
Schlacht. Wir fassen dieses Denken und Sollen am 23. August in einer
kurzen Meldung aus Marienburg an die Oberste Heeresleitung zusammen des
Inhalts:

  "Vereinigung der Armee am 26. August beim XX. Armeekorps fr umfassenden
  Angriff geplant."

Am Abend des 23. August fhrte mich ein kurzer Erholungsgang auf das
westliche Nogatufer. Von dort boten die roten Mauern des stolzen
Deutschordensschlosses, des grten Baudenkmals baltischer Ziegelgotik, im
Abendsonnenstrahl einen gar wundersamen Anblick. Gedanken an die
Vergangenheit hehrer Ritterzeit mischten sich unwillkrlich mit Fragen an
die verschleierte Zukunft. Der Ernst der Stimmung wurde erhht durch den
Anblick vorberziehender Flchtlinge meiner Heimatprovinz. Eine traurige
Mahnung, da der Krieg nicht nur den wehrhaften Mann trifft, sondern da
er durch Vernichtung der Daseinsbedingungen Wehrloser zur tausendfachen
Geiel der Menschheit wird.

Am 24. August begab ich mich mit dem engeren Stabe in Kraftwagen zum
Generalkommando des XX. Armeekorps und kam hierbei in den Ort, von dem die
bald entbrennende Schlacht ihren Namen erhalten sollte.

Tannenberg! Ein Wort schmerzlicher Erinnerungen fr deutsche Ordensmacht,
ein Jubelruf slawischen Triumphes, gedchtnisfrisch geblieben in der
Geschichte trotz mehr als 500jhriger Vergangenheit. Ich hatte bis zu
diesem Tage das Schicksalsfeld deutscher stlicher Kultureroberungen noch
nie betreten. Ein einfaches Denkmal zeugt dort von Heldenringen und
Heldentod. In der Nhe dieses Denkmals standen wir an einigen der
folgenden Tage, in denen sich das Geschick der russischen Armee Samsonoff
zur vernichtenden Niederlage gestaltete.

Auf dem Wege von Marienburg nach Tannenberg vermehrten sich die Eindrcke
vom Kriegselend, das ber die unglcklichen Einwohner hereingebrochen war.
Massen von hilflos Flchtenden drngten sich mit ihrer Habe auf den
Straen und behinderten teilweise die Bewegungen unserer an den Feind
marschierenden Truppen.

Bei dem Stabe des Generalkommandos traf ich das Vertrauen und den Willen,
die fr das Gelingen unseres Planes unerllich waren. Auch die Eindrcke
ber die Haltung der Truppe an dieser unserer zunchst bedenklichsten
Stelle waren gnstig.

Der Tag brachte keine durchgreifende Klrung, weder hinsichtlich der
Operationen Rennenkampfs noch der Bewegungen Samsonoffs. Es schien sich
nur zu besttigen, da Rennenkampfs Marschtempo ein recht gemigtes war.
Der Grund hierfr war nicht zu erklren. Von der Narewarmee erkannten wir,
da sie sich mit ihrer Hauptmacht gegen das XX. Armeekorps vorschob. Unter
ihrem Drucke nahm das Korps seinen linken Flgel zurck. Diese Maregel
hatte nichts Bedenkliches an sich. Im Gegenteil. Der nachdrngende Feind
wird unserer linken Angriffsgruppe, die heute die Marschrichtung auf
Bischofsburg erhlt, immer ausgesprochener seine rechte Flanke bieten.
Auffallend und nicht ohne Bedenken fr uns waren dagegen feindliche
Bewegungen, die sich anscheinend gegen unseren Westflgel und gegen
Lautenburg aussprachen. Der Eindruck bestand, da der Russe uns hier zu
berflgeln gedachte und damit den beabsichtigten Umgehungsangriff unserer
rechten Gruppe seinerseits in der Flanke fassen wrde.

Der 25. August brachte etwas mehr Einblick in die Bewegungen Rennenkampfs.
Seine Kolonnen marschierten von der Angerapp nach Westen, also auf
Knigsberg. War der ursprngliche russische Operationsplan aufgegeben?
Oder war die russische Fhrung ber unsere Bewegungen getuscht und
vermutete die Hauptmasse unserer Truppen in und bei der Festung?
Jedenfalls schien nunmehr kaum noch ein Bedenken zu bestehen, gegen
Rennenkampfs gewaltige Massen nur noch einen Schleier stehen zu lassen.
Samsonoffs auffallend zgernde Operationen richteten sich auch an diesem
Tage mit der Hauptstrke weiter gegen unser XX. Armeekorps. Das rechte
russische Flgelkorps marschierte zweifellos in Richtung auf Bischofsburg,
also unserem XVII. Armeekorps und I. Reservekorps entgegen, die an diesem
Tage die Gegend nrdlich dieses Stdtchens erreichten. Bei Mlawa huften
sich augenscheinlich weitere russische Massen.

Mit diesem Tage ist fr uns die Zeit des Wartens und der Vorbereitung
vorber. Wir fhren unser I. Armeekorps an den rechten Flgel des XX.
heran. Der allgemeine Angriff kann beginnen.

Der 26. August ist der erste Tag des mrderischen Ringens von Lautenburg
bis nrdlich Bischofsburg. Nicht in lckenloser Schlachtfront sondern in
Gruppenkmpfen, nicht in einem geschlossenen Akt sondern in einer Reihe
von Schlgen beginnt das Drama sich abzuspielen, dessen Bhne sich auf
mehr denn hundert Kilometer Breite erstreckt.

Auf dem rechten Flgel fhrt General von Franois seine braven Ostpreuen.
Sie schieben sich gegen Usdau heran, um am nchsten Tag den Schlsselpunkt
dieses Teiles des sdlichen Kampffeldes zu strmen. Auch General von
Scholtz' prchtiges Korps befreit sich allmhlich aus den Fesseln der
Verteidigung und beginnt zum Angriff zu schreiten. Erbitterter ist der
Kampf schon am heutigen Tage bei Bischofsburg. Dort wird bis zum Abend von
unserer Seite grndliche Kampfarbeit getan. In krftigen Schlgen wird das
rechte Flgelkorps Samsonoffs durch Mackensens und Belows Truppen
(XVII. Armeekorps und I. Reservekorps) sowie durch Landwehr zerschlagen
und weicht auf Ortelsburg. Die Gre des eigenen Erfolgs ist aber noch
nicht zu erkennen. Die Fhrer erwarten fr den folgenden Tag erneuten
starken Widerstand sdlich des heutigen Kampffeldes. Doch sie sind guter
Zuversicht.

Da erhebt sich scheinbar von Rennenkampfs Seite drohende Gefahr. Man
meldet eines seiner Korps im Vormarsch ber Angerburg. Wird dieses nicht
den Weg in den Rcken unserer linken Stogruppe finden? Ferner kommen
beunruhigende Nachrichten aus der Flanke und dem Rcken unseres westlichen
Flgels. Dort bewegt sich im Sden starke russische Kavallerie. Ob
Infanterie ihr folgt, ist nicht festzustellen. Die Krisis der Schlacht
erreicht ihren Hhepunkt. Die Frage drngt sich uns auf: wie wird die Lage
werden, wenn sich bei solch gewaltigen Rumen und bei dieser feindlichen
berlegenheit die Entscheidung noch tagelang hinzieht? Ist es
berraschend, wenn ernste Gedanken manches Herz erfllen; wenn
Schwankungen auch da drohen, wo bisher nur festester Wille war; wenn
Zweifel sich auch da einstellen, wo klare Gedanken bis jetzt alles
beherrschten? Sollten wir nicht doch gegen Rennenkampf uns wieder
verstrken und lieber gegen Samsonoff nur halbe Arbeit tun? Ist es nicht
besser, gegen die Narewarmee die Vernichtung nicht zu versuchen, um die
eigene Vernichtung sicher zu vermeiden? Wir berwinden die Krisis in uns,
bleiben dem gefaten Entschlusse treu und suchen weiter die Lsung mit
allen Krften im Angriff. Demnach rechter Flgel unentwegt weiter auf
Neidenburg und linke Stogruppe "um 4 Uhr morgens antreten und mit grter
Energie handeln", so etwa lautete der Befehl.

Der 27. August zeigt, da der Erfolg des I. Reservekorps und
XVII. Armeekorps bei Bischofsburg am vorhergehenden Tage ein
durchschlagender gewesen ist. Der Gegner ist nicht nur gewichen, sondern
flieht vom Schlachtfeld. Des weiteren berblickt man, da Rennenkampf nur
in der Phantasie eines Fliegers in unseren Rcken marschiert. In
Wirklichkeit bleibt er in langsamem Vorgehen auf Knigsberg. Sieht er
nicht oder will er nicht sehen, da das Verderben gegen die rechte Flanke
Samsonoffs schon im vollen Vorschreiten ist und da es auch gegen dessen
linken Flgel andauernd wchst? Denn an diesem Tage erstrmen Franois und
Scholtz die feindlichen Stellungen bei Usdau und nrdlich und schlagen den
sdlichen Gegner. Mag nunmehr die feindliche Mitte weiter nach
Allenstein-Hohenstein vordringen, sie findet dort nicht mehr den Sieg,
sondern nur noch das Verderben. Die Lage ist fr uns klar; wir geben am
Abend des Tages den Befehl zum Einkreisen der Kernmasse des Gegners,
nmlich seines XIII. und XV. Armeekorps.

Whrend des 28. August geht das blutige Ringen weiter.

Der 29. sieht einen groen Teil der russischen Hauptkrfte bei Hohenstein
der endgltigen Vernichtung anheimfallen. Ortelsburg wird von Norden,
Willenberg ber Neidenburg von Westen erreicht. Der Ring um Tausende und
Abertausende von Russen beginnt sich zu schlieen. Viel russisches
Heldentum ficht freilich auch in dieser verzweiflungsvollen Lage noch
weiter fr den Zaren, die Ehre der Waffen rettend, aber nicht mehr die
Schlacht.

Rennenkampf marschiert immer noch ruhig weiter auf Knigsberg. Samsonoff
ist verloren, auch wenn sein Kamerad jetzt noch zu anderer und besserer
kriegerischer Einsicht kommen sollte. Denn schon knnen wir Truppen aus
der Schlachtfront ziehen zur Deckung unseres Vernichtungswerks, das sich
in dem groen Kessel Neidenburg-Willenberg-Passenheim vollzieht und in dem
der verzweifelnde Samsonoff den Tod sucht. Aus diesem Kessel heraus kommen
grer und grer werdende russische Gefangenenkolonnen. In ihrem
Erscheinen tritt der reifende Erfolg der Schlacht immer klarer zutage. Ein
eigenartiger Zufall wollte es, da ich in Osterode, einem unserer
Unterkunftsorte whrend der Schlacht, den einen der beiden gefangenen
russischen Kommandierenden Generale in dem gleichen Gasthofe empfing, in
dem ich im Jahre 1881 auf einer Generalstabsreise als junger
Generalstabsoffizier einquartiert gewesen war. Der andere meldete sich am
folgenden Tage bei mir in einer von uns zu Geschftsrumen umgewandelten
Schule.

Schon whrend der Kmpfe konnten wir das teilweise prchtige
Soldatenmaterial betrachten, ber das der Zar verfgte. Nach meinen
Eindrcken befanden sich darunter zweifellos bildungsfhige Elemente. Ich
nahm bei dieser Gelegenheit, wie schon 1866 und 1870 wahr, wie rasch der
deutsche Offizier und Soldat in seinem seelischen Empfinden und in seinem
sachlichen Urteil in dem gefangenen Gegner den gewesenen Feind vergit.
Die Kampfeswut unserer Leute ebbt berraschend schnell zu rcksichtsvollem
Mitgefhl und menschlicher Gte ab. Nur gegen die Kosaken erhob sich
damals der allgemeine Zorn. Sie wurden als die Ausfhrer all der
vertierten Roheiten betrachtet, unter denen Ostpreuens Volk und Land so
grausam zu leiden hatten. Dem Kosak schlug anscheinend sein schlechtes
Gewissen, denn er entfernte, wo und wie er immer konnte, bei drohender
Gefangennahme die Abzeichen, die seine Waffenzugehrigkeit kenntlich
machten, nmlich die breiten Streifen an den Hosen.

Am 30. August macht der Gegner im Osten und Sden den Versuch, mit
frischen und wiedergesammelten Truppen unseren Einschlieungsring von
auen her zu sprengen. Von Myszyniec, also aus der Richtung Ostrolenka,
fhrt er neue starke Krfte auf Neidenburg und Ortelsburg gegen unsere
Truppen, die schon das russische Zentrum vllig einkreisen und daher dem
anrckenden Gegner den Rcken bieten. Gefahr ist im Verzug; um so mehr,
als von Mlawa anrckende feindliche Kolonnen nach Fliegermeldung 35 km
lang, also sehr stark sein sollen. Doch halten wir fest an unserem groen
Ziele. Die Hauptmacht Samsonoffs mu umklammert und vernichtet werden.
Franois und Mackensen werfen dem neuen Feind ihre freilich nur noch
schwachen Reserven entgegen. An ihnen scheitert der russische Versuch, die
Katastrophe Samsonoffs zu mildern. Whrend Verzweiflung den Umklammerten
ergreift, hat Mattherzigkeit die Tatkraft desjenigen gelhmt, der die
Befreiung htte bringen knnen. Auch in dieser Beziehung besttigen die
Ereignisse auf dem Schlachtfelde von Tannenberg die alten menschlichen und
soldatischen Erfahrungen.

Unser Feuerkreis um die dichtgedrngten, bald hierhin, bald dorthin
strzenden russischen Haufen wird mit jeder Stunde fester und enger.

Rennenkampf scheint an diesem Tage die Deimelinie stlich Knigsberg
zwischen Labiau und Tapiau angreifen zu wollen. Seine Kavalleriemassen
nhern sich aus Richtung Landsberg-Bartenstein dem Schlachtfeld von
Tannenberg. Wir aber haben bereits starke, siegesfrohe, wenn auch ermdete
Krfte zur etwaigen Abwehr bei Allenstein gesammelt.

Der 31. August ist fr unsere noch kmpfenden Truppen der Tag der
Schluernte, fr unser Oberkommando der Tag des berlegens ber
Weiterfhrung der Operationen, fr Rennenkampf der Tag der Rckkehr in die
Linie Deime-Allenburg-Angerburg.

Schon am 29. August hatte mir der Gang der Ereignisse ermglicht, meinem
Allerhchsten Kriegsherrn den vlligen Zusammenbruch der russischen
Narewarmee zu melden. Noch am gleichen Tage erreichte mich auf dem
Schlachtfelde der Dank Seiner Majestt, auch im Namen des Vaterlandes. Ich
bertrug diesen Dank im Herzen wie in Worten auf meinen Generalstabschef
und auf unsere herrlichen Truppen.

Am 31. August konnte ich meinem Kaiser und Knig folgendes berichten:

  "Eurer Majestt melde ich alluntertnigst, da sich am gestrigen Tage
  der Ring um den grten Teil der russischen Armee geschlossen hat.
  XIII., XV. und XVIII. Armeekorps sind vernichtet. Es sind bis jetzt ber
  60.000 Gefangene, darunter die Kommandierenden Generale des XIII. und
  XV. Armeekorps. Die Geschtze stecken noch in den Waldungen und werden
  zusammengebracht. Die Kriegsbeute, im einzelnen noch nicht zu bersehen,
  ist auerordentlich gro. Auerhalb des Ringes stehende Korps, das I.
  und VI., haben ebenfalls schwer gelitten, sie setzen fluchtartig den
  Rckzug fort ber Mlawa und Myszyniec."

Die Truppen und ihre Fhrer hatten Gewaltiges geleistet. Nun lagerten die
Divisionen in den Biwaks und das Dankeslied der Schlacht von Leuthen
schallte aus ihrer Mitte.

In unserem neuen Armeehauptquartier Allenstein betrat ich die Kirche in
der Nhe des alten Ordensschlosses whrend des Gottesdienstes. Als der
Geistliche das Schlugebet sprach, sanken alle Anwesenden, junge Soldaten
und alte Landstrmer, unter dem gewaltigen Eindruck des Erlebten auf die
Knie. Ein wrdiger Abschlu ihrer Heldentaten.



                   Die Schlacht an den masurischen Seen


Der Gefechtslrm auf dem Schlachtfelde von Tannenberg war noch nicht
verstummt, als wir die Vorbereitungen fr den Angriff auf die Armee
Rennenkampf begannen. Am 31. August abends traf folgende telegraphische
Weisung der Obersten Heeresleitung ein:

  "XI. Armeekorps, Garde-Reserve-Korps, 8. Kavalleriedivision werden zur
  Verfgung gestellt. Transport hat begonnen. Zunchst wird Aufgabe der
  8. Armee sein, Ostgrenze von Armee Rennenkampf zu subern.

  Verfolgung des letztgeschlagenen Gegners mit entbehrlichen Teilen in
  Richtung Warschau ist mit Rcksicht auf die Bewegungen der Russen von
  Warschau auf Schlesien erwnscht.

  Weitere Verwendung der 8. Armee, wenn es die Lage in Ostpreuen
  gestattet, in Richtung Warschau in Aussicht zu nehmen."

Der Befehl entsprach durchaus der Lage. Er stellte uns das Ziel klar hin
und berlie uns Mittel und Wege zur Ausfhrung. Wir glaubten annehmen zu
drfen, da die ehemalige Armee Samsonoffs nur noch aus Trmmern bestand,
die sich entweder schon hinter den Narew in Sicherheit gebracht hatten,
oder auf dem Weg dahin waren. Mit ihrer Auffrischung war zu rechnen. Es
mute jedoch darber geraume Zeit vergehen. Fr jetzt schien es gengend,
diese Reste durch schwache Truppen lngs unseres sdlichen Grenzstreifens
berwachen zu lassen. Alles brige mute zur neuen Schlacht heran. Selbst
das Eintreffen der Verstrkungen aus dem Westen erlaubte uns nach unserer
Anschauung nicht, jetzt schon Krfte ber die Narewlinie hinber gegen
Sden einzusetzen.

Was das Wort "Warschau" im zweiten Teil des Befehls zu bedeuten hat, ist
uns klar. Nach vereinbartem Kriegsplan sollte die
sterreichisch-ungarische Heeresmacht von Galizien aus mit dem Schwerpunkt
gegen den stlichen Teil des russischen Polens in Richtung Lublin
angreifen, whrend deutsche Krfte von Ostpreuen her dem Verbndeten ber
den Narew hinweg die Hand zu reichen hatten. Ein groer und schner
Gedanke, der aber, so wie die Dinge lagen, bedenkliche Schwchen aufwies.
Er rechnete nicht damit, da sterreich-Ungarn eine starke Armee an die
serbische Grenze schickte, nicht damit, da Ruland schon ein paar Wochen
nach Kriegsausbruch voll gerstet an der Grenze stehen konnte, nicht
damit, da 800.000 Moskowiter gegen Ostpreuen eingesetzt werden, am
allerwenigsten aber damit, da er in all seinen Einzelheiten an den
russischen Generalstab schon im Frieden verraten werden wrde.

Jetzt ist das sterreichisch-ungarische Heer nach berkhnem Ansturm gegen
die russische bermacht in schwerste frontale Kmpfe verwickelt, ohne da
wir augenblicklich in der Lage sind, unmittelbar zu helfen, wenngleich wir
starke feindliche Krfte fesseln. Der Verbndete mu auszuhalten
versuchen, bis wir auch noch Rennenkampf geschlagen haben. Erst dann sind
wir zur Hilfeleistung befhigt, wenn auch nicht mit unserer gesamten
Strke, so doch mit ihrem grten Teile.

Rennenkampf steht, wie bekannt, in der Linie
Deime-Allenburg-Gerdauen-Angerburg. Was die Gegend sdstlich von den
masurischen Seen fr gegnerische Geheimnisse birgt, wissen wir nicht. Das
Gebiet von Grajewo ist jedenfalls verdchtig. Dort herrscht viel Unruhe.
Noch verdchtiger ist das Gebiet im Rcken der Njemenarmee. Da ist ein
stndiges Marschieren und Fahren und anscheinend eine Bewegung nach
Sdwesten und Westen. Rennenkampf erhlt zweifellos Verstrkungen. Die
russischen Reservedivisionen in der Heimat sind ja schlagbereit geworden.
Vielleicht werden bis jetzt auch noch einzelne Korps verfgbar, deren die
russische Oberste Heeresleitung gegen die sterreicher in Polen nicht mehr
zu bedrfen glaubt. Schickt man diese Verbnde zu Rennenkampf oder in
seine Nhe, sei es zur unmittelbaren Sttze, sei es zu einem Schlage gegen
uns aus berraschender Richtung?

Rennenkampf verfgt, soweit wir es beurteilen knnen, ber mehr als
20 Infanteriedivisionen und steht still, bleibt es auch, whrend unsere
Transporte aus dem Westen heranrollen und zum Kampfe gegen ihn
aufmarschieren. Warum benutzt er die Zeit unserer grten Schwche, die
Zeit der Ermdung unserer Truppen, ihrer Massenanhufung auf dem
Schlachtfelde von Tannenberg nicht, um uns anzufallen? Warum lt er uns
Zeit, die Truppen zu entwirren, neu aufzumarschieren, auszuruhen, Ersatz
heranzuziehen? Der russische Fhrer ist doch bekannt als vortrefflicher
Soldat und General. Als Ruland in Ostasien kmpfte, klang unter allen
russischen Fhrern der Name Rennenkampf am hellsten. War sein Ruhm damals
bertrieben? Oder hat der General seine kriegerischen Eigenschaften in der
Zwischenzeit verloren?

Der soldatische Beruf hat schon manchmal selbst starke Naturen
berraschend schnell erschpft. Wo in einem Jahre noch triebkrftiger
Verstand, vorwrtsdrngender Wille vorhanden war, da ist vielleicht im
nchsten schon ein unfruchtbarer Kopf, ein mattes Herz zu finden gewesen.
Das war schon vielfach die Tragik soldatischer Gre.

Wir haben Rennenkampfs Schuldbuch ber Tannenberg aufgeschlagen und
geschlossen. Begeben wir uns jetzt in Gedanken in sein Hauptquartier
Insterburg, nicht um ihn anzuklagen, sondern um ihn zu verstehen.

Die Niederlage Samsonoffs zeigte dem General Rennenkampf, da in
Knigsberg doch nicht die Masse der deutschen 8. Armee stand, wie er
angenommen hatte. Starke Krfte vermutet er aber jedenfalls immer noch in
diesem mchtigen Waffenplatze. Daran vorbeizumarschieren, sich auf die
siegreiche deutsche Armee in der Gegend von Allenstein zu strzen, scheint
also gewagt, zu gewagt. Es wre mindestens ein unsicheres Unternehmen.
Sicherer ist es, in den starken Verteidigungsstellungen zwischen Kurischem
Haff und masurischen Seen zu bleiben. Gegen diese Stellungen knnen die
Deutschen ihre Kunst des Umgehens und Umfassens von Norden her berhaupt
nicht, von Sden aus nur schwer durchfhren. Rennen sie gegen die Front
an, so strzt man sich mit zurckgehaltenen gewaltigen Reserven auf ihre
zusammengeschossenen Truppen. Wagen sie das Unwahrscheinliche, und dringen
sie durch die Engnisse des Seengebietes, so fllt man von Norden auf die
linke Flanke ihrer Umgehungskolonnen, whrend man eine neugebildete
Kampfgruppe aus Richtung Grajewo in ihre rechte Seite und in ihren Rcken
wirft. Gelingt von alledem nichts, gut - so geht man nach Ruland zurck.
Ruland ist gro, die befestigte Njemenlinie ist nahe. Keine operative
Notwendigkeit kettet Rennenkampf weiter an Ostpreuen. Der Operationsplan
im Zusammenwirken mit Samsonoff ist ja gescheitert, und, weil dessen Armee
in hoffnungsvollem Vorwrtsstrmen zugrunde ging, so ist es jetzt das
beste vorsichtig zu sein.

So kann Rennenkampf gedacht haben. Und Kritiker behaupten auch, er htte
so gedacht. Aus keinem dieser Gedanken spricht freilich ein groer
Entschlu. Sie bewegen sich in wenig khnen Bahnen. Und doch kann ihre
Ausfhrung uns betrchtliche unmittelbare Krisen schaffen und auf die
allgemeine Lage im Osten bedenkliche Wirkung ausben. Die groe
zahlenmige berlegenheit der Njemenarmee htte gengt, um auch unsere
jetzt verstrkte 8. Armee zu zertrmmern. Ein vorzeitiger Rckzug
Rennenkampfs aber brchte uns um die Frchte unserer neuen Operation und
macht uns die Richtung auf Warschau und damit die Untersttzung
sterreichs auf absehbare Zeit hinaus unmglich.

Wir mssen also vorsichtig und unternehmend zugleich sein. Diese
Doppelforderung verleiht der Anlage unserer nun beginnenden Bewegungen
ihren eigentmlichen Charakter. In breiter Front von Willenberg bis gegen
Knigsberg hin bauen wir unsere Front auf. Bis zum 5. September ist dies
im allgemeinen geschehen, dann geht es vorwrts. 4 Korps (XX., XI.,
I. Reserve und Garde-Reserve) und die Truppen aus Knigsberg, also
verhltnismig starke Krfte, gehen gegen die Linie Angerburg-Deime,
d. h. gegen die feindliche Front vor. 2 Korps (I. und XVII.) sollen durch
das Seengebiet dringen; die 3. Reservedivision hat, als rechte Staffel
unseres umfassenden Flgels, sdlich der masurischen Seen herum zu folgen,
whrend die 1. und 8. Kavalleriedivision sich hinter den Korps zum
Losreiten bereit halten, sobald die Seenengen geffnet sind. Das sind die
Krfte gegen Rennenkampfs Flanke. Also andere Verhltnisse wie bei den
Bewegungen, die zum Siege von Tannenberg fhrten. Die Sicherheit gegen
Rennenkampfs starke Reserven veranlat uns zu dieser Gruppierung der
Krfte. Auf diese Weise breitet sich unser Angriff in der Strke von
14 Infanteriedivisionen trotzdem noch auf ber 150 km Front aus. Wird der
Gegner sie zerreien?

Wir nhern uns am 6. und 7. den russischen Verteidigungslinien und
beginnen klarer zu sehen. Starke russische Massen bei Insterburg und
Wehlau, vielleicht noch strkere nrdlich Nordenburg. Sie bleiben zunchst
unbeweglich und stren unsere Kampfentwickelung vor ihrer Front nicht.

Unsere beiden rechten Korps, das I. und XVII., beginnen am 7. September
die Seenkette zu durchbrechen, die 3. Reservedivision schlgt bei Bialla
in glnzendem Gefecht die Hlfte des XXII. russischen Korps in Trmmer.
Wir treten in die Krisis unserer neuen Operation ein. Die nchsten Tage
mssen zeigen, ob Rennenkampf entschlossen ist, zum Gegenangriff zu
schreiten, ob sein Wille hierzu so stark ist, wie seine Mittel es sind. Zu
seiner an sich schon bedeutenden bisherigen berlegenheit scheinen drei
weitere Reservedivisionen das Schlachtfeld erreicht zu haben. Erwartet der
russische Fhrer noch mehr? Ruland hat mehr als 3 Millionen Kampfsoldaten
an seiner Westfront; die sterreichisch-ungarische Heeresmacht und wir
zhlen demgegenber kaum ein Dritteil.

Am 8. September entbrennt die Schlacht auf der ganzen Linie. Unser
frontaler Angriff kommt nicht vorwrts, auf unserem rechten Flgel geht es
besser. Dort haben die beiden Korps die feindliche Seensperre durchbrochen
und nehmen Richtung nach Nord und Nordost. Unser Ziel sind nunmehr die
gegnerischen rckwrtigen Verbindungen. Unsere Reitergeschwader scheinen
freie Bahn dorthin zu haben.

Am 9. tobt die Schlacht weiter, in der Front, von Angerburg bis zum
Kurischen Haff, ohne bemerkenswertes Ergebnis, dagegen mit khnem
Vorschreiten unsererseits stlich der Seen, wenngleich die beiden
Kavalleriedivisionen unerwarteten Widerstand nicht in der gewnschten
Schnelligkeit zu brechen vermgen. Die 3. Reservedivision schlgt einen
vielfach berlegenen Gegner bei Lyck und befreit uns so endgltig von der
Sorge im Sden.

Wie ist es dagegen im Norden? Bei und westlich Insterburg glauben unsere
Flieger nunmehr deutlich zwei feindliche Korps feststellen zu knnen und
ein weiteres solches Korps wird im Anmarsch ber Tilsit gesehen. Was wird
das Schicksal unserer dnngestreckten, frontal kmpfenden Korps sein, wenn
eine russische Menschenlawine von gegen 100 Bataillonen, gefhrt von
festem, einheitlichem Willen, sich auf sie strzt? Ist es trotzdem
verstndlich, wenn wir am Abend dieses 9. September wnschen und sprechen:
"Rennenkampf, weiche ja nicht aus deiner fr uns unbezwinglichen Front,
pflcke Lorbeeren im Angriff aus deiner Mitte!" Wir hatten jetzt volle
Zuversicht, da wir solche Lorbeeren dem feindlichen Fhrer durch krftige
Fortfhrung unseres Flgelangriffes wieder entreien wrden. Leider
erkennt der russische Fhrer diese unsere Gedanken; er findet nicht den
Entschlu, ihnen mit Gewalt zu begegnen, und senkt die Waffen.

In der Nacht vom 9. auf den 10. dringen unsere Patrouillen bei Gerdauen in
die feindlichen Grben und finden sie leer. "Der Gegner geht zurck." Die
Meldung scheint uns unglaubwrdig. Das I. Reservekorps will sofort von
Gerdauen gegen Insterburg antreten. Wir mahnen zur Vorsicht. Erst um
Mittag des 10. mssen wir das Unwahrscheinliche und Unerwnschte glauben.
Der Gegner hat in der Tat den allgemeinen Rckzug begonnen, wenn er auch
da und dort noch erbittert Widerstand leistet, ja sogar uns starke Massen
in zusammenhanglosen Angriffen entgegenwirft. Unsere ganze Front ist in
vollem Vorgehen begriffen. Jetzt gilt es, unsere rechten Flgelkorps und
Kavalleriedivisionen scharf nach Nordosten gerichtet heran an die
feindlichen Verbindungen von Insterburg auf Kowno zu bringen.

Wir treiben vorwrts! Ungeduld ist, wenn irgendwann und -wo, so jetzt und
hier begreiflich. Rennenkampf weicht unentwegt. Auch er scheint ungeduldig
zu sein. Jedoch unsere Ungeduld zielt auf Erfolg, die seinige bringt
Verwirrung und Auflsung.

Die Korps der Njemenarmee marschieren zum Teil in dreifachen, dicht
nebeneinander gedrngten Kolonnen Ruland zu. Die Bewegung vollzieht sich
langsam, sie mu durch Entgegenwerfen starker Krfte gegen die
nachdrngenden Deutschen gedeckt werden. Daher wird besonders der
11. September zum blutigen Kampftag von Goldap bis hin zum Pregel.

Am Abend dieses Tages sind wir uns klar, da nur noch wenig Tage zur
Durchfhrung der Verfolgung zur Verfgung stehen. Die Entwickelung der
Gesamtlage auf dem stlichen Kriegsschauplatz macht sich in voller Wucht
geltend. Wir ahnen mehr, als da wir es aus bestimmt lautenden Nachrichten
ersehen knnen: die Operation unseres Verbndeten in Polen und Galizien
ist gescheitert! An unser Nachstoen hinter Rennenkampf ber den Njemen
hinaus ist jedenfalls nicht zu denken. Soll aber unsere Operation nicht
noch im letzten Augenblick innerhalb des groen Rahmens als gescheitert
gelten, so darf die feindliche Armee den schtzenden Njemen-Abschnitt nur
derartig geschwcht und erschttert erreichen, da die Hauptmasse unserer
Verbnde zum dringend notwendig gewordenen Zusammenwirken mit dem
sterreichisch-ungarischen Heere freigemacht werden kann.

Am 12. September erreicht die 3. Reservedivision Suwalki, also russischen
Boden. Mit knapper Not entgeht der Sdflgel Rennenkampfs der Einkesselung
durch unser I. Armeekorps sdlich Stallupnen. Glnzend sind die
Leistungen einzelner unserer verfolgenden Truppen. Sie marschieren und
kmpfen, und marschieren wieder, bis die Soldaten vor Mdigkeit
niederstrzen. Andererseits ziehen wir heute schon das Gardereservekorps
aus der Kampffront, um es fr weitere Operationen bereitzustellen.

An diesem Tage trifft unser Oberkommando in Insterburg ein, das seit dem
11. wieder in deutschem Besitz ist. Ich bin also nicht blo in Gedanken,
sondern auch in Wirklichkeit auf der breiten ostpreuischen Landstrae,
vorbei an unseren siegreich ostwrts schreitenden Truppen und an westwrts
ziehenden russischen Gefangenenkolonnen in das bisherige Hauptquartier
Rennenkampfs gekommen. In den eben erst verlassenen Rumen merkwrdige
Spuren russischer Halbkultur. Der aufdringliche Geruch von Parfm, Juchten
und Zigaretten vermag nicht, den Gestank anderer Dinge zu verdecken.

Genau ein Jahr spter, an einem Sonntag, kam ich von einem eintgigen
Jagdausflug zurckkehrend durch Insterburg. Auf dem Marktplatz wurde mein
Kraftwagen zurckgewiesen, weil dort eine Dankesfeier zur Erinnerung an
die Befreiung der Stadt von der Russennot begangen werden sollte. Ich
mute einen Umweg machen. _Sic transit gloria mundi!_ Man hatte mich nicht
erkannt.

Am 13. September erreichen unsere Truppen Eydtkuhnen und feuern in die
zurckflutenden russischen Scharen hinein. Unsere Artilleriegeschosse
sprengen die dichtgedrngten Haufen auseinander, der Herdentrieb fhrt sie
wieder zusammen. Leider kommen wir auch an diesem Tage nicht an die groe
Chaussee Wirballen-Wylkowyszki heran. Der Gegner wei, da dies fr einen
groen Teil seiner haltlos gewordenen Kolonnen die Vernichtung bedeuten
wrde. Er wirft deshalb unseren ermattenden Truppen sdlich der Strae
alles entgegen, was er an kampfwilligen Verbnden noch zur Hand hat. Nur
noch ein einziger Tag bleibt uns zur Verfolgung. Nach diesem werden sich
die Truppen Rennenkampfs in das Wald- und Sumpfgelnde westlich der
Njemenstrecke Olita-Kowno-Wileny geflchtet haben. Dorthin knnen wir
ihnen nicht nachdrngen.

Am 15. September waren die Kmpfe beendet. Die Schlacht an den masurischen
Seen schlo auf russischem Boden, nach einer Verfolgung von ber 100 km,
von uns zurckgelegt innerhalb 4 Tagen. Die Masse unserer Verbnde war
beim Abschlu der Kmpfe zu neuer Verwendung bereit.

Es ist mir nicht mglich, hier auch noch auf die glnzenden Leistungen
einzugehen, die die Landwehr-Division von der Goltz und andere
Landwehrformationen im Angriff gegen mehrfache feindliche berlegenheit im
sdlichen Grenzgebiet und zum Schutze unserer rechten Flanke fast bis zur
Weichsel hin in diesen Tagen gezeigt haben. Der Schlu dieser Kmpfe
dauerte ber meine Kommandofhrung bei der 8. Armee hinaus an. Er fand
unsere Truppen bis Ciechanowo, Przasnysz und Augustowo vorgedrungen.




                           Der Feldzug in Polen



                      Abschied von der achten Armee


Anfangs September hatten wir aus dem sterreichisch-ungarischen
Hauptquartier gehrt, da die Armeen bei Lemberg durch starke russische
berlegenheiten sehr gefhrdet wren, und da ein weiteres Vorgehen der
k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei.

Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgnge und hrten
noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklren
am besten nachstehende Telegramme:

Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914:

  "Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden
  kann, da Russen heute frhzeitig Rckmarsch angetreten haben. Fr
  Weiterfhrung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien
  in Frage. Knnen wir auf weitere Verstrkungen aus Westen rechnen? Hier
  knnen zwei Armeekorps abgegeben werden."

Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf
berraschend fr uns nach Osten seinen Rckzug begann.

Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914:

  "Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen fr Abtransport
  nach Krakau!" ...

Krakau? Merkwrdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darber.
Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung:

                                                         13. September 14.

  "Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollstndig. Offensive gegen
  Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen mglich. sterreich
  erbittet aber wegen Rumniens direkte Untersttzung durch Verlegung der
  Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfgbar dazu vier Armeekorps und
  eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange
  Mrsche nach sterreichischem linken Flgel. Hilfe kommt dort spt.
  Bitte um Entscheidung. Armee mte dort jedenfalls Selbstndigkeit
  behalten."

Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen
Federn sondern eines ganzen Flgels und auch sonst noch erheblich
angeschossen zwischen den Njemensmpfen zu verschwinden begann.

Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914:

  "Operation ber Narew wird in jetziger Lage der sterreicher nicht mehr
  erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Untersttzung der sterreicher
  ist politisch erforderlich.

  Operationen aus Schlesien kommen in Frage ...

  Selbstndigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den
  sterreichern bestehen."

Also doch! - -

Es gibt ein Buch "Vom Kriege", das nie veraltet. Clausewitz ist sein
Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn
zu hren, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil
bedeutete Unheil. Er warnte vor bergriffen der Politik auf die Fhrung
des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine
Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in
Gedanken und Worten kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang
vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung
eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie
zeigt vielfach deren Unwert! Wir htten freilich manchmal whrend des
Krieges versucht sein knnen zu denken: "Wohl dem, dessen soldatisches
Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer
berzeugung und politischen Forderungen leichter berwindet als wir."
Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in
diesem Liede whrend des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem
soldatischen Herzen angeklungen htten. Hoffentlich werden andere, wenn
die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser
Beziehung glcklicher sein, als wir es waren!

Am 15. September mute ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum
Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch
schon am 17. September ordnete Seine Majestt der Kaiser an, da ich den
Befehl ber diese Armee zu bernehmen htte, gleichzeitig aber auch die
Verfgung ber die zum Schutze Ostpreuens zurckbleibende, nunmehr durch
Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie
der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwchte 8. Armee
beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also
lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwhne sie nur, weil
sich auch ihrer die Legende entstellend bemchtigt hat.

Am 18. September verlasse ich in frher Morgenstunde das Hauptquartier der
8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitgiger Fahrt ber Posen die
schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunchst ber
die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfllte Erinnerungen an unsere
Truppen auslsend. Anfnglich durch verlassene, niedergebrannte
Wohnsttten, dann allmhlicher Eintritt in unberhrte Gebiete, Landvolk
wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimsttten zustrebend.
Bewhrtes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken
begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwrzten Trmmern seiner
Huser, ein Anblick, vor dem es lnger als hundert Jahre dank der
Tchtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur
Weichsel durch schlichte Drfer und Stdte, kaum irgendwo Spuren des
Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, fr
dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die
schlechtesten Krfte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit
und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes
Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier
nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die
Welt der Wirklichkeit und des Schaffens bertragen worden ist. Fast alle
deutschen Volksstmme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer
Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen
angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschtzbaren
Dienste geleistet hat.

Solche und hnliche ernste Gedanken bewegten mich whrend der Fahrt und
haben mich auch spterhin whrend unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht
verlassen. Deutsche, lat sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen:

Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen
Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen
Vaterlandspflicht! Verstrkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur
ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein
leben knnt inmitten der Brandung der europischen Welt! Glaubt mir, diese
Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein
menschlicher Vertrag wird sie schwchen! Wehe uns, wenn die Brandung ein
Stck von dieser Mauer abgebrochen findet. Es wrde zum Sturmbock der
europischen Vlkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden.
Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt!

Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein
anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies
der Abschied von der bisherigen Selbstndigkeit.

Mag der Schlusatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in
dieser Richtung auch trstlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem
wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in
ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Mae beschieden
gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte frherer
Koalitionskriege.



                              Der Vormarsch


Wir hatten fr das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von
Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir grere
Armfreiheit zum Operieren gegen die nrdliche Flanke der russischen
Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt
war, zu besitzen. - "Unmglich!"

Wir mchten, da es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Flgel
ber Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. - "Unmglich!"

Wir mchten, da uns starke sterreichisch-ungarische Krfte nrdlich der
oberen Weichsel bis zur San-Mndung begleiten. - "Unmglich!"

Wenn dieses Alles als unmglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die
ganze Operation unmglich sein oder werden.

Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps,
Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und
8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen
engsten Anschlu an den linken sterreichisch-ungarischen Heeresflgel
nrdlich Krakau. Unser Hauptquartier kommt vorbergehend nach Beuthen in
Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und
zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Flgel der Armee, in
Richtung ber Kielce. Die sterreichisch-ungarische Heeresleitung
verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur
4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwrts ber die
Weichsel. Mehr glaubt sie sdlich des Flusses nicht entbehren zu knnen.
Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser
Plan des Verbndeten ist khn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt
sich nur, ob Aussicht besteht, da das stark geschwchte Heer trotz allem
erhaltenen Ersatz die Durchfhrung ermglicht. Meine Bedenken werden durch
die Hoffnung gemildert, da der Russe, sobald er das Auftreten unserer
deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkrfte auf uns werfen wird
und dadurch dem Verbndeten einen Erfolg ermglicht.

Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen ber die Lage machen
knnen, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, da die Russen den weichenden
sterreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit ber den San hinaus
nur zgernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafr vorhanden, da
nrdlich der Weichsel 6-7 russische Kavalleriedivisionen und
Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine
russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfr werden
augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den frheren
Operationen in Ostpreuen gegenber standen, teils kommen neue Krfte aus
Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, da westlich Warschau an
einer groen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren
also in eine recht unsichere Lage hinein und mssen auf berraschungen
gefat sein.

Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen
kennen, was ein franzsischer General in seiner Beschreibung des von ihm
miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als besonderes Element
der dortigen Kriegfhrung bezeichnet hat, nmlich - den Dreck! Und zwar
den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in
den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit
berschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man
legte sich unwillkrlich die Frage vor: wie ist es mglich, da auf dem
Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe
Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In
welch einem krperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die
russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die
berfeinerung in den Kreisen der polnischen Groen zivilisatorische Krfte
in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die
offenkundige politische Gleichgltigkeit dieser Massen beispielsweise
durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen hheren Schwung zu bringen,
der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschlu an uns htte steigern
lassen, schien mir schon nach den ersten Eindrcken fraglich.

Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs uerste erschwert. Der
Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmaregeln. Er zieht aus der
Front den sterreichern gegenber ein halbes Dutzend Armeekorps in der
offenkundigen Absicht heraus, diese uns ber die Weichsel sdlich
Iwangorod frontal entgegen zu werfen.

Am 6. Oktober erreichen wir ber Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier
vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns
zurckgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres
Nordflgels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umstnden ist
vorlufig eine Fortsetzung unserer Operation in stlicher Richtung ber
die Weichsel sdlich Iwangorod hinweg unmglich. Wir mssen zunchst mit
dem Gegner im Norden abrechnen. Alles brige hngt von dem Ausgange der
dort zu erwartenden greren Kmpfe ab. Ein eigenartiges strategisches
Bild entwickelt sich. Whrend gegnerische Korps von Galizien aus jenseits
der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits
des Stromes in der gleichen nrdlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch
aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Krfte
ber die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kmpfen auf ihre
bergangsstellen zurckgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner
vllig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemrsche sdlich Warschau
trifft unser linker Flgel unter General von Mackensen auf berlegene
feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch
von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken.

Auf dem Schlachtfeld sdlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestck
ein russischer Befehl in die Hnde gefallen, der uns klaren Einblick in
die Strken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmndung
bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind
etwa 60 Divisionen gegenber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus
sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das
sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische
berlegenheit erhht sich noch dadurch, da unsere Infanterie infolge der
vorausgegangenen Kmpfe in Ostpreuen und Frankreich sowie durch die
jetzigen langen und anstrengenden Mrsche, bis ber 300 km in 14 Tagen und
auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Hlfte, ja teilweise bis unter ein
Viertel der ursprnglichen Gefechtsstrke zusammengeschmolzen ist. Und
diese Schwchung unserer Kampfkraft gegenber neu eintreffenden,
vollzhligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches!

Die Absicht des Gegners ist, uns lngs der Weichsel zu fesseln, whrend
ein entscheidender Sto aus Warschau heraus uns dem Verderben
entgegenfhren soll. Ein zweifellos groer Plan des Grofrsten
Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der grte, den ich von ihm kennen lernte,
und der meines Erachtens auch sein grter blieb, bis er sich in den
Kaukasus begeben mute.

War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Hhe nach dem
Kaisermanver von dem Grofrsten in ein Gesprch gezogen worden, das sich
besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem
russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Male _in praxi_
unmittelbar gegenber, denn in Ostpreuen schien er nur vorbergehend als
Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur
fr die 9. Armee, sondern fr die ganze Ostfront, fr Schlesien, ja fr
die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir drfen jetzt nicht so
schwarzen Gedanken nachgehen, sondern mssen Mittel und Wege finden, die
drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschlieen uns daher dazu, unter
Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod sdwrts alle dort noch
freizumachenden Krfte unserem linken Flgel zuzufhren und uns mit diesem
auf den Gegner sdlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu
schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen knnen.

Eile tut not! Wir bitten daher sterreich-Ungarn, alles, was es an Truppen
frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das
k. und k. Armee-Oberkommando zeigt fr die Lage durchaus richtiges
Verstndnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig
entsprechen. sterreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist
bereit, uns zu untersttzen, aber nur auf dem langsamen und daher
zeitraubenden Wege einer Ablsung unserer an der Weichsellinie
zurckgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher
und sterreichisch-ungarischer Verbnde vermieden, aber man bringt die
ganze Operation in die Gefahr des Milingens. Gegenvorstellungen
unsererseits fhren zu keinem Ergebnis. So fgen wir uns denn den Wnschen
unserer Verbndeten.



                               Der Rckzug


Was wir befrchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue
Truppenmassen, und auch weiter unterhalb berschreiten solche die
Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite
aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde
feindliche berlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage
kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation
kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man
knnte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Sden der oberen
Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der
Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangefhrt, sich
also unsern Verbndeten gegenber geschwcht hat. Jedenfalls mu der
schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschlu gefat
werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere
Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau
wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner berlassen. Um
die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, fhren wir unsere vor Warschau
unter Mackensen kmpfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km
westlich der Festung, zurck. Wir hoffen, da der Russe gegen diese nach
Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren
inzwischen von den sterreichern vor Iwangorod abgelsten Korps von Sden
her einen entscheidenden Schlag gegen den strksten Teil der russischen
Heeresgruppe im groen Weichselbogen fhren. Vorbedingung fr Durchfhrung
dieses Planes ist, da Mackensens Truppen den Anprall der russischen
Heerhaufen aushalten, und da die sterreichisch-ungarische Verteidigung
an der Weichsel so fest steht, da unser beabsichtigter Sto gegen
russische Flankeneinwirkung aus stlicher Richtung sicher geschtzt ist.
Die Lsung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Strke der
Weichselstellung fr unseren Verbndeten einfach. Die sterreichische
Fhrung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch
ihrerseits einen groen Schlag auszufhren. Sie entschliet sich, dem
Gegner die Weichselbergnge bei Iwangorod und nrdlich frei zu geben, um
dann ber die gegnerischen Kolonnen whrend ihres Uferwechsels
herzufallen. Ein khner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und
Manvern in Ausfhrung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im
Kriege vom Feldmarschall Blcher und seinem Gneisenau an der Katzbach
glnzend gelst wurde. Gefhrlich bleibt ein solches Unternehmen aber
immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht vllig sicher ist. Wir
raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische berlegenheit kann also bei
Iwangorod ber die Weichsel rcken; der sterreichisch-ungarische
Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt
sich schlielich in einen Rckzug.

Was ntzt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstrme der Russen gegen
Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten
Angriffs ist durch das Zurckweichen unseres Verbndeten entblt. Wir
mssen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir
machen uns durch Fortsetzung des Rckzuges die Arme frei, um spter
anderwrts wieder zuschlagen zu knnen. Der Entschlu reift in mir in
unserem Hauptquartier zu Radom, zunchst nur in Umrissen, aber doch klar
genug, um fr die weiteren Manahmen als Richtlinie zu dienen. Mein
Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird fr
ihre Durchfhrung alles vorsorgen, des bin ich gewi.

Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird
die Heimat sagen, wenn sich unser Rckzug ihren Grenzen nhert? Ist es ein
Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen
Verwstungen in Ostpreuen denken, an Plnderungen, Verschleppung
Wehrloser und anderes Elend. Das reiche Schlesien mit seinem mchtig
entwickelten Bergbau und seiner groen Industrie, beides fr die
Kriegfhrung uns so notwendig wie das tgliche Brot! Man fhrt im Kriege
nicht einfach mit der Hand ber die Karte und sagt: "Ich rume dieses
Land!" Man mu nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken;
auch rein menschliche Gefhle drngen sich heran. Ja gerade diese sind oft
am schwersten zu bannen.

Unser Rckzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober
angetreten. Grndliche Zerstrungen aller Straen und Eisenbahnen sollen
die dichtgedrngten russischen Massen aufhalten, bis wir uns vllig
losgelst haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten.
Die Armee rckt hinter die Widawka und Warthe, linker Flgel in Gegend
Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs
dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel
spannendster Kriegslagen seine einstweilige Lsung gefunden.

Bei dieser Gelegenheit mchte ich nicht unerwhnt lassen, da uns das
rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche
Unvorsichtigkeit, ja man knnte sagen, durch die Naivitt erleichtert
wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen
Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprche waren wir
vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die
Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewhnlichen
Gunst der Verhltnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der
groen zahlenmigen berlegenheit des Gegners jedoch immer noch gengend
starke Ansprche an die Nerven der obersten Fhrung. Ich wute aber die
untere Fhrung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen,
da von den Truppen das Menschenmgliche geleistet wurde. Solches
Zusammengreifen aller hat uns die berwindung der gefhrlichsten Lagen
ermglicht. Doch schien unser schlieliches Verderben dieses Mal nicht
blo aufgeschoben? Die Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie
hielten uns augenscheinlich fr vllig geschlagen. Vielleicht war diese
ihre Ansicht unser Glck, denn am 1. November verkndet ein russischer
Funkspruch: "Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die
Verfolgung der Kavallerie zu berlassen. Die Infanterie sei ermdet, der
Nachschub schwierig." Wir knnen also Atem schpfen und an neue Plne
herantreten.

An diesem 1. November verfgte Seine Majestt der Kaiser meine Ernennung
zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkrfte im Osten, auch wurde
mein Befehlsbereich ber die deutschen stlichen Grenzgebiete erweitert.
General Ludendorff blieb mein Chef. Die Fhrung der 9. Armee wurde General
von Mackensen bertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge fr
die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das
Ganze.

Als unser Hauptquartier whlen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin
bersiedeln, fllt in Czenstochau am 3. November die endgltige
Entscheidung ber unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser,
erhalten die neuen Absichten ihre endgltige Form.



                            Unser Gegenangriff


Der neue Plan grndet sich auf folgende Erwgung: Wrden wir in der
jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenberstehenden 4 russischen
Armeen frontal abzuwehren versuchen, so wrde der Kampf gegen die
erdrckende bermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien
ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten.
Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu lsen. Ein solcher, gegen die
Stirnseite des weit berlegenen Gegners gefhrt, wrde einfach
zerschellen. Wir mssen ihn gegen die offene oder blo schwach gedeckte
feindliche Flanke zu richten suchen. Eine ausholende Bewegung meiner
linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken.
Suchen wir den feindlichen Nordflgel in der Gegend von Lodz, so mssen
wir unsere Angriffskrfte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser
Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen
uns damit weit vom sterreichisch-ungarischen linken Heeresflgel. Nur
noch schwchere deutsche Krfte, darunter das hart mitgenommene
Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen
werden. Vorbedingung fr unseren Linksabmarsch ist, da das k. u. k.
Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrckenden Teile in
die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht
bedrohten Karpathenfront heranbefrdert.

Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten
verbndeten Streitkrfte im Osten in 3 groe Gruppen verteilt. Die erste
wird gebildet durch das sterreichisch-ungarische Heer beiderseits der
oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die
Zwischenrume zwischen diesen 3 Gruppen knnen wir durch vollwertige
Kampftruppen nicht schlieen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km
breite Lcke zwischen den sterreichern und unserer 9. Armee im
wesentlichen neuformierte Verbnde einzuschieben. Diese besitzen an sich
schon geringere Angriffskraft und mssen noch dazu an der Front einer
mchtigen russischen berlegenheit sich so breit ausdehnen, da sie
eigentlich nur einen dnnen Schleier bilden. Rein zahlenmig beurteilt
brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand
mit Sicherheit zu berrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der
8. Armee in den stlichen Gebieten Ostpreuens befindet sich im
wesentlichen nur Grenzschutz, verstrkt durch die Hauptreserven aus Thorn
und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenber steht eine starke russische
Gruppe von etwa 4 Armeekorps nrdlich von Warschau auf dem Nordufer der
Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe knnte, wenn sie ber Mlawa
angesetzt wrde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei
Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rckengebiet der
8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in
Schlesien und Ostpreuen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur
schwach geschtzte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz
befreien. Es ist klar, da diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch
durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird.
Diese Gefahr ist um so grer, als wir weder zahlenmig hinreichende noch
auch gengend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen
Heeresmassen im groen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps
nrdlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe
frontal zu fesseln oder auch nur auf lngere Zeitspanne hinaus zu
tuschen. Wir werden freilich trotz alledem berall unsere Truppen zum
Angriff vorgehen lassen, aber es wre doch ein gefhrlicher Irrtum,
hiervon sich allzuviel zu versprechen.

Was an starken, angriffskrftigen Verbnden irgendwo freigemacht werden
kann, mu zur Verstrkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie fhrt den
entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie mu
2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor
kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhltnissen freilich nicht
mehr an der russischen Landesgrenze durchgefhrt werden sondern mu in das
Seengebiet und an die Angerapp zurckverlegt werden; ein harter Entschlu.
Die Gesamtstrke der 9. Armee wird durch die geschilderte Manahme auf
etwa 5 Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren
werden aus der Westfront herangefhrt. Weitere Krfte glaubt die Oberste
Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu
knnen. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen gnstigen Ausgang
der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen
sich erneut in ihrer ganzen Gre und Bedeutung.

Was auf unserer Seite an Krften fehlt, mu wieder durch Schnelligkeit und
Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, da in dieser Beziehung das
Menschenmgliche von seiten der Armeefhrungen und Truppen geleistet
werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am
11. bricht sie los, mit dem linken Flgel lngs der Weichsel, mit dem
rechten nrdlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kndet sich an,
da auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verrt, da
die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Krften
von der Ostsee bis einschlielich Polen steht, am 14. November zu einem
tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreien dem
russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere
Operation erkennt, wagt er nicht, den groen Sto gegen Schlesien
durchzufhren, sondern wirft alle verfgbaren Krfte unserem Angriff
entgegen. Schlesien ist damit vorlufig gerettet, der erste Zweck unserer
Operation ist erreicht. Werden wir darber hinaus eine groe Entscheidung
erringen knnen? Die feindliche bermacht ist allenthalben gewaltig.
Trotzdem erhoffe ich Groes!

Es wrde den Rahmen dieses Buches berschreiten, wollte ich nunmehr einen,
wenn auch nur allgemeinen berblick ber die Kampfereignisse, die unter
der Bezeichnung "Schlacht bei Lodz" zusammengefat sind, geben.

In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfatsein,
Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten
ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden
Wildheit alle die Schlachten bertrifft, die bisher an der Ostfront getobt
hatten!

Es war uns im Verein mit sterreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb
Asiens abzudmmen.

Die Kmpfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern
wurden auf beiden Seiten weiter genhrt. Neue Krfte kamen zu uns vom
Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche mit gutem Willen aber
mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem
hnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter
uns hatten, nmlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem,
mit ihnen die abgedmmte russische Flut zum Zurckweichen zu bringen. Und
wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen wrde. Unsere
Krfte zeigten sich jedoch schlielich auch jetzt hnlich wie in den
Kmpfen von Lodz als nicht ausreichend genug fr dieses Ringen gegen die
ungeheuerste berlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde
gegenberstand. Wir htten mehr leisten knnen, wenn die Verstrkungen
nicht so tropfenweise eingetroffen wren, wir also vermocht htten, sie
gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische
Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit,
dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie
ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch - im Sumpfe.

Erst der eingetretene Winter legte seine lhmenden Fesseln um die
Ttigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien
deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den
kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung lsen?




                                   1915



                       Frage der Kriegsentscheidung


Die Leistungen Deutschlands und seines Heeres im Jahre 1914 werden in
ihrer ganzen heldenhaften Gre erst dann einwandfrei gewrdigt werden,
wenn Wahrheit und Gerechtigkeit wieder zur freien Wirkung kommen, wenn die
Propaganda unserer Gegner in ihrer die Weltmeinung irrefhrenden Weise
entlarvt ist, und wenn die deutsche kritische Selbstzerfleischung einem
ruhigen besonnenen Urteil weicht. Ich zweifle nicht, da dies alles
eintreten wird.

Trotz der Gre all unserer Leistungen fehlte aber die Krnung des
gewaltigen, uns aufgezwungenen Werkes. Bis jetzt war nur die
augenblickliche Rettung, nicht aber ein durchgreifender Sieg erkmpft. Die
Vorstufe, die zu diesem fhrte, war eine Entscheidung auf wenigstens einer
unserer Fronten. Wir muten herauskommen aus der kriegerischen,
politischen und wirtschaftlichen Umklammerung, die uns einschnrte und uns
auch moralisch den Atem zu nehmen drohte. Die Grnde fr das bisherige
Ausbleiben des Erfolges waren strittig und werden strittig bleiben. Die
Tatsache bestand, da unsere Oberste Heeresleitung sich gentigt geglaubt
hatte, vom Westen, wo sie die rasche Entscheidung suchen wollte, vorzeitig
starke Krfte nach dem Osten zu werfen. Ob bei diesem Entschlu nicht auch
eine berschtzung der damals im Westen erreichten Erfolge eine groe
Rolle spielte, mchte ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls erwuchsen
Halbheiten; das eine Ziel war aufgegeben, das andere nicht erreicht.

In zahlreichen Gesprchen mit Offizieren, die einen Einblick in den
Verlauf der Ereignisse im August und September 1914 auf dem westlichen
Kriegsschauplatz gehabt hatten, versuchte ich ein einwandfreies Urteil
ber die Vorgnge zu gewinnen, die fr uns in der sogenannten
Marneschlacht so verhngnisvoll wurden. Ich glaube nicht, da eine
einzelne Ursache die Schuld an dem Scheitern unseres groen, zweifellos
richtigen Feldzugsplanes trgt. Eine ganze Reihe ungnstiger Einwirkungen
entschied zu unseren Ungunsten. Zu diesen zhle ich: Verwsserung des
Grundgedankens, mit einem starken rechten Flgel aufzumarschieren,
Festrennen des berstark gemachten linken Heeresflgels durch falsche
Selbstttigkeit der unteren Fhrung, Verkennen der aus dem
starkbefestigten, groen Eisenbahnknotenpunkt Paris zu erwartenden Gefahr,
ungengendes Eingreifen der Obersten Heeresleitung in die Bewegungen der
Armeen und vielleicht auch mangelhaftes Herausfhlen der an sich nicht
ungnstigen Lage an dieser und jener Kommandostelle im entscheidenden
Augenblick der Schlacht. Die Geschichtsforschung und die Kritik werden
hier ein dankbares Feld ihrer Ttigkeit haben.

Mit aller Entschiedenheit mchte ich mich aber dahin aussprechen, da das
Scheitern unseres ersten Operationsplanes im Westen zwar eine schwere
Gefahr fr uns brachte, da dadurch aber keineswegs die Fortfhrung des
Krieges fr uns aussichtslos geworden war. Wre dies nicht meine
berzeugung gewesen, so wrde ich mich schon im Herbste 1914 fr
verpflichtet gehalten haben, dies nach oben hin, und zwar bis zu meinem
Allerhchsten Kriegsherrn zu vertreten. Unser Heer hatte derartige
glnzende und den Gegnern allenthalben berlegene Eigenschaften
entwickelt, da nach meiner Ansicht bei einer entsprechenden
Zusammenfassung unserer Krfte trotz der feindlichen stets wachsenden
zahlenmigen berlegenheit eine Entscheidung wenigstens zunchst auf
einem unserer Kriegstheater mglich blieb.

West oder Ost? Das mute die groe Frage sein, von deren Beantwortung
unser Schicksal abhing. Bei Lsung dieser Frage konnte mir
selbstverstndlich eine entscheidende Stimme von seiten der Obersten
Heeresleitung nicht zuerkannt werden. Die Verantwortung lag allein und
ausschlielich auf ihren Schultern. Ich glaubte jedoch das Recht und damit
auch die Pflicht zu haben, meine Anschauungen in dieser Richtung frei und
offen zu uern und zu vertreten.

Fr das allgemeine Denken war die sogenannte Westentscheidung
traditionell. Sie war, man darf vielleicht sagen, national. Im Westen
stand der Feind, dessen chauvinistische Hetzereien uns im Frieden nicht
hatten zur Ruhe kommen lassen. Dort stand jetzt aber zugleich auch
derjenige Gegner, der nach unser aller berzeugung die zur Vernichtung
Deutschlands treibende Kraft darstellte. Demgegenber fand man bei uns die
Begehrlichkeit Rulands auf Konstantinopel vielfach begreiflich; diejenige
auf Ost- und Westpreuen nahm man nicht ernst.

Die deutsche Kriegsleitung konnte sonach beim Kampfe im Westen sicher
damit rechnen, die fhrenden Geister des Vaterlandes, ja das Empfinden des
grten Teiles des Volkes auf ihrer Seite zu haben. Darin lag ein nicht zu
verachtender moralischer Faktor. Ob dieser in den Berechnungen unserer
Heeresfhrung eine Rolle spielte, wage ich nicht zu behaupten; wohl aber
wei ich, da der Gedanke einer Westentscheidung uns hundert- und
tausendfach mndlich und schriftlich entgegengebracht wurde. Ja ich fand
sogar spter, als mir selbst die Kriegsleitung anvertraut wurde, Stimmen,
die mir eine frmliche Schonung Rulands nahelegten. Man glaubte eben
vielfach, da es verhltnismig leicht fr uns sei, mit Ruland auf
friedlichem Boden eine Verstndigung zu finden.

Der entscheidende, den Endsieg erstrebende Kampf im Westen galt auch mir
als _ultima ratio_ fr Erzwingung des Friedens, aber als eine _ultima
ratio_, an die wir nur ber den auf den Boden geworfenen Russen
herantreten konnten. Vermochte man den Russen zu Boden zu werfen? Das
Schicksal hat die Frage bejaht, aber erst, als zwei weitere Jahre
vergangen waren, als es, wie es sich herausstellen sollte, zu spt
geworden war. Denn bis dahin hatte sich unsere Lage grndlich verndert.
Die Zahl und Kraft unserer brigen Gegner war in der Zwischenzeit ins
Riesenhafte weiter gewachsen, und in den Kreis ihrer Kmpfer trat an
Stelle Rulands das jugendkrftige, wirtschaftsgewaltige Nordamerika!

Ich glaubte, die Frage, ob wir Ruland niederzwingen knnten, im Winter
1914/15 bejahen zu drfen, und stehe noch heute auf diesem Standpunkt.
Freilich: das Ziel war nicht in einem einzigen groen, ins Ungeheure
gesteigerten Sedan zu erreichen, wohl aber in einer Reihe solcher und
hnlicher Schlachten. Hierfr aber bot, wie es sich damals bereits gezeigt
hatte, wenn auch nicht die russische Heeresleitung so doch die Fhrung der
russischen Armeen gnstige Vorbedingungen. Tannenberg hatte dieses
bewiesen; Lodz htte es beweisen knnen, vielleicht mit noch gewaltigeren
Zahlen wie Tannenberg, wenn wir nicht damals den Kampf in Polen gegen gar
zu groe berlegenheiten htten auf uns nehmen mssen und sozusagen mitten
im Siege aus Mangel an Krften steckenblieben.

Ich habe den Russen nie unterschtzt. Es war nach meiner Ansicht falsch,
in Ruland nur Despotismus und Sklaventum, Unbeholfenheit, Stumpfsinn und
Eigennutz zu sehen. Starke und hohe sittliche Krfte waren auch dort am
Werke, freilich nur in einzelnen Kreisen. Vaterlandsliebe, selbstndiger
Wille, Arbeitskraft und Weitblick waren dem Heere nicht unbedingt fremd.
Wie htten sich auch sonst die ungeheuren Massen bewegen lassen, wie wren
anders das Land und die Truppen zu solchen Hekatomben von Menschenopfern
bereit gewesen? Der Russe der Jahre 1914 und 1915 war nicht mehr der Russe
von Zorndorf, der sich willenlos wie Schlachtvieh niederschlagen lie.
Aber es fehlte ihm doch in seiner Masse die Gre menschlicher und
geistiger Eigenschaften, die bei uns Gemeingut des Volkes und Heeres
waren.

Die bisherigen Kmpfe mit den Armeen des Zaren hatten unseren Offizieren
und Soldaten das Gefhl unbedingter berlegenheit ber diese Feinde
gegeben. Dieses Gefhl, das unsere alten Landstrmer ebenso wie unsere
jungen Soldaten erfllte, erklrte es, da wir hier im Osten
Truppengebilde in den Kampf werfen konnten, deren Kampfwert eine
Verwendung an der Westfront nur unter Vorbehalt zugelassen htte. Ein
ungeheurer Vorteil fr uns, da wir zahlenmig so sehr den Gesamtgegnern
unterlegen waren! Freilich hatte die Verwendung solcher Verbnde ihre
Grenzen angesichts der groen Anforderungen, die an die Ausdauer und an
die operative Beweglichkeit der Truppe in den stlichen Gebieten zu
stellen waren. Die Hauptkraft mute immer wieder durch schlagkrftige
Divisionen geliefert werden. Konnte man ihre zur Fhrung entscheidender
Operationen ntige Anzahl nicht durch Neubildungen gewinnen, so muten sie
nach meiner Ansicht, selbst unter Preisgabe von Teilen besetzter Gebiete,
aus der westlichen Front gezogen werden.

Diese Darlegungen sind nicht erst das Ergebnis nachtrglicher
Gedankenkonstruktionen oder rckschauender Kritik. Man hat ihnen gegenber
darauf hingewiesen, da der Russe jederzeit imstande sein wrde, sich im
Falle der Not in die sogenannte Endlosigkeit seines Reiches so weit
zurckzuziehen, da unsere operative Kraft im Nachfolgen erlahmen mte.
Ich glaube, da diese Anschauungen sich allzusehr unter dem Banne der
Erinnerungen an 1812 befanden, da sie der inzwischen eingetretenen
Entwickelung und nderung der politischen und wirtschaftlichen
Verhltnisse des inneren Zarenreiches - ich erinnere besonders an die
Eisenbahnen - nicht gengend Rechnung trugen. Der napoleonische Feldzug
hatte seinerzeit nur einen verhltnismig schmalen Keil in das weite,
dnn bevlkerte, wirtschaftlich primitive, innerpolitisch noch vllig
unerweckte Ruland getrieben. Wie ganz anders sprach sich eine breite,
moderne Offensive aus; welche ganz andere innerstaatliche Verhltnisse
mute sie jetzt auch in Ruland vorfinden?

In diesen Anschauungen lag letzten Endes der Widerstreit zwischen der
damaligen deutschen Heeresfhrung und meinem Oberkommando. Die
ffentlichkeit hat viele Legenden in diesen Widerstreit hineingetragen.
Von dramatischen Vorgngen konnte nicht die Rede sein, so tief mich auch
die Angelegenheit persnlich ergriff. Ich berlasse die nachtrgliche
sachliche Entscheidung der gelehrten Kritik der Nachwelt, bin jedoch
berzeugt, da auch diese zu einem widerspruchslosen Endergebnis nicht
kommen wird. Jedenfalls werde ich dieses Endergebnis nicht mehr erleben.



                     Kmpfe und Operationen im Osten


Von den Ereignissen des Jahres 1915 im Osten mchte ich nur in groen
Umrissen sprechen.

Den Kampf an unserem Teil der Ostfront riefen wir selbst in seiner ganzen
Strke wieder wach. Vllig geruht hatte er ja nie. Er hatte bei uns aber
auch nicht mit der gleichen Wut getobt, wie in den Karpathen, wo die k.
und k. Armeen im schwersten Ringen die Gefilde Ungarns vor russischer
berflutung schtzen muten. Dorthin war auch mein Armee-Chef in der Not
der Tage vorbergehend gerufen worden. Die inneren Grnde, die zu unserer
damaligen Trennung Veranlassung gaben, sind mir nicht bekannt geworden.
Ich suchte sie auf sachlichem Gebiete und bat meinen Kaiser, diese
Verfgung rckgngig zu machen, was Seine Majestt auch gndigst
bewilligte. General Ludendorff kam nach kurzer Zeit zurck mit ernsten
Erfahrungen und noch ernsteren Ansichten ber die Zustnde bei
sterreichisch-slawischen Truppenteilen.

Dem k. u. k. Armee-Oberkommando mute der Gedanke zu einer entscheidenden
Operation im Osten ganz besonders nahe liegen. Er drngte sich ihm nicht
nur aus militrischen sondern auch aus politischen Grnden auf. Die
fortschreitende Abnahme des Wertes der sterreichisch-ungarischen
Kampfkrfte konnte ihm nicht verborgen bleiben. Ein lngeres Hinziehen des
Krieges verschlimmerte diese Zustnde augenscheinlich in dem Heere der
Donaumonarchie verhltnismig rascher als beim gegenberstehenden Feind.
Dazu kam die sterreichische Sorge, da der drohende Verlust von Przemysl
nicht nur die Spannung in der Kriegslage an der eigenen Heeresfront
wesentlich steigern werde, sondern da auch unter dem Eindruck, den der
Fall dieser Festung auf die Heimat machen mute, die schon jetzt nicht
unbedenklichen Erscheinungen von Lockerung im Staatsgefge und von
Schwinden des Vertrauens auf ein gnstiges Kriegsende sich noch weiter
verschrfen wrden. Auch fhlte sterreich-Ungarn sich schon jetzt durch
die politische Haltung Italiens im Rcken bedroht. Ein groer,
erfolgreicher Schlag im Osten konnte die miliche Lage des Staates
grndlich ndern.

Aus dieser Beurteilung der Verhltnisse heraus trat ich auf die Seite des
Generals von Conrad, als er bei der deutschen Obersten Heeresleitung
entscheidende Operationen auf dem stlichen Kriegsschauplatz anregte. Die
von mir fr eine solche Entscheidung ntig befundenen Truppenstrken
glaubte unsere Oberste Heeresleitung nicht zur Verfgung stellen zu
knnen. Aus dem vorgeschlagenen Plane wurde daher innerhalb meines
Befehlsbereiches nur ein einziger groer Schlag, den wir in Ostpreuen
fhrten.

4 Armeekorps rollten bei Beginn des Jahres zu unserer Verfgung aus der
Heimat und dem Westen zu uns heran. Sie werden in Ostpreuen ausgeladen,
verstrken teils die 8. Armee und bilden teils die 10. unter Generaloberst
von Eichhorn, marschieren auf und rcken los, um seitlich beider Flgel
unserer in der Linie Ltzen-Gumbinnen gelegenen dnnen
Verteidigungsstellung vorzubrechen. Durch zwei starke Flgelgruppen soll
die 10. russische Armee des Generals Sievers weit ausholend umfat werden,
damit schlielich durch deren Zusammenschlu im Osten auf Rulands Boden
im groen Mastabe alles zertrmmert werden kann, was noch vom Feinde etwa
brig geblieben ist.

Der erste grundlegende Gedanke der Operation wird am 28. Januar noch im
Hauptquartier zu Posen fr unsere Armeefhrer in folgende Worte gefat:

  "Ich beabsichtige, die 10. Armee mit ihrem linken Flgel lngs der Linie
  Tilsit-Wylkowyszki zur Umfassung des nrdlichen Flgels des Gegners
  anzusetzen, den Feind mit der Landwehrdivision Knigsberg und dem linken
  Flgel der 8. Armee in frontalem Kampf zu binden, und den rechten Flgel
  der 8. Armee auf Arys-Johannisburg und sdlich angreifen zu lassen."

Am 5. Februar folgt dann aus Insterburg, wohin wir uns zur
Schlachtenleitung begaben, der eigentliche Angriffsbefehl. Er setzt vom 7.
ab die beiden Massen an den Flgeln in Bewegung, vielleicht etwas an unser
ruhmreiches Sedan erinnernd, und ein vernichtendes Sedan sollte es fr die
10. Russenarmee schlielich bei Augustowo auch werden. Dort schlo sich am
21. Februar der Kessel des gewaltigen Treibens, aus dem mehr denn
100.000 Gegner als Gefangene Deutschland zugefhrt wurden. Eine noch weit
grere Zahl von Russen war einem anderen Schicksal erlegen.

Das Ganze wurde auf Allerhchsten Befehl Seiner Majestt des Kaisers
"Winterschlacht in Masuren" benannt. Man befreie mich von ihrer nheren
Beschreibung. Was sollte ich auch Neues aus ihr erzhlen? Ihr Name mutet
an wie Eiseshauch und Totenstarre. Vor dem Gange dieser Schlacht steht der
rckblickende Mensch, wie wenn er sich fragen mte: Haben wirklich
irdische Wesen dies alles geleistet, oder ist das Ganze nur ein Mrchen
oder Geisterspuk gewesen? Sind jene Zge durch Winternchte, jene Lager im
eisigen Schneetreiben und endlich der Abschlu der fr den Feind so
schrecklichen Kmpfe im Walde von Augustowo nur die Ausgeburten erregter
menschlicher Phantasien?

Trotz der groen taktischen Erfolge der Winterschlacht blieb uns die
strategische Ausnutzung des Erreichten versagt. Wir waren wohl wieder
imstande gewesen, eine der russischen Armeen nahezu vllig zu vernichten,
aber an ihre Stelle traten sofort neue feindliche Krfte, herangezogen von
anderen Fronten, an denen sie nicht gebunden waren. Unter diesen
Verhltnissen konnten wir mit den jetzt im Osten verfgbaren Mitteln zu
keinem entscheidenden Ergebnis gelangen. Die russische bermacht war allzu
gewaltig.

Der Winterschlacht folgt als russische Antwort ein umfassender Angriff auf
unsere Stellungen vorwrts der altpreuischen Grenzgebiete. Gewaltige
Blcke wlzt der feindliche Heerfhrer gegen uns heran, Blcke von
bermchtiger Gre, jeder einzelne schwerer, als alle unsere Krfte
zusammen. Aber der deutsche Wille berwindet auch diese Belastung. Strme
russischen Blutes flieen in den mrderischen Kmpfen bis Frhjahrsbeginn
nrdlich des Narew und westlich des Njemen; dem Himmel sei Dank, auf
russischem Boden! Der Zar mag viele Soldaten haben, auch ihre Zahl
schwindet bei solchen Massenopfern merklich dahin. Die russische Kraft,
die vor unseren Linien zugrunde geht, wird nachher fehlen, wenn der groe
deutsch-sterreichisch-ungarische Sto weit im Sden die ganze russische
Heeresfront erbeben macht.

Nicht nur in den preuischen Grenzgebieten, sondern auch in den Karpathen
wird in dieser Zeit mit uerster Erbitterung gefochten. Dort versucht der
Russe auch ber den Winter hinaus den Grenzwall Ungarns um jeden Preis zu
bezwingen. Er fhlt wohl mit Recht, da ein Einbruch der russischen Flut
in die magyarischen Lnder den Krieg entscheiden knnte, da das
Donaureich einen solchen Schlag nimmermehr berwinden wrde. War es zu
bezweifeln, da der erste russische Kanonenschu in der ungarischen
Tiefebene seinen Widerhall in den oberitalienischen Gebirgen und in den
transsylvanischen Alpen finden wrde? Der russische Grofrst wute wohl,
fr welch hohes Ziel er von dem Zarenheere die furchtbaren Opfer auf den
schwierigen Kampffeldern des Waldgebirges forderte.

Die andauernd groe Spannung der Kampflage in den Karpathen und ihre
Rckwirkung auf die politischen Verhltnisse forderten gebieterisch eine
Lsung. Die deutsche Oberste Heeresleitung fand eine solche. Sie
durchbrach in den ersten Tagen des Mai die russische Heeresfront in
Nordgalizien und fate die gegnerische Schlachtfront an der ungarischen
Grenze in Flanke und Rcken.

Mein Oberkommando war zunchst an der groen Operation, die bei Gorlice
ihren Anfang nahm, nur mittelbar beteiligt. Unsere Aufgabe im Rahmen
dieser grozgigen Unternehmung war es vorerst, starke feindliche Krfte
zu binden. Das geschah zunchst durch Angriffe im groen Weichselbogen
westlich Warschau und an der ostpreuischen Grenze, in Richtung Kowno,
dann aber im greren Stile durch ein am 27. April begonnenes
Reiterunternehmen nach Litauen und Kurland. Der Vorsto von drei
Kavalleriedivisionen, untersttzt von der gleichen Zahl
Infanteriedivisionen, berhrte eine empfindliche Stelle russischen
Kriegsgebietes. Der Russe fhlte wohl zum ersten Male, da die wichtigsten
Eisenbahnen, die russisches Heer und russisches Kernland verbanden, durch
ein solches Vorgehen ernstlich gefhrdet werden konnten. Er warf unserem
Einbruch starke Krfte entgegen. Die Kmpfe auf litauischem Boden zogen
sich bis zum Sommer hin. Wir sahen uns veranlat, weitere Krfte dorthin
zu werfen, um die besetzten Landesteile zu behaupten und unseren Druck auf
den Gegner auch in jenen vom Krieg bisher unberhrten Gebieten dauernd zu
erhalten. So entstand dort allmhlich eine neue deutsche Armee. Sie
erhielt nach dem Hauptstrom des Gebietes die Bezeichnung "Njemenarmee".

Es fehlt mir an Raum, um auf den Heereszug einzugehen, der am 2. Mai in
Nordgalizien begann, um dann, auf unsere Linien bergreifend, in den
Herbstmonaten stlich Wilna zu enden. Wie eine Lawine aus scheinbar
kleinen Anfngen entsteht, immer neue und neue Teile auf ihrem
verheerenden Weg mit sich reit, so beginnt und verluft dieser Zug in nie
gesehener und nicht mehr wiederholter Ausdehnung. Wir werden zu
unmittelbarem Eingreifen in seinen Gang veranlat, als der Durchsto ber
Lemberg hinaus gelang. Jetzt schwenken nmlich die
deutsch-sterreichisch-ungarischen Armeen zum Vorgehen in nrdlicher
Richtung zwischen oberen Bug und Weichsel ein. Man halte sich das Bild der
Lage vor Augen: Die russische Heeresfront ist in der sdlichen Hlfte fast
bis zur Zersprengung eingedrckt. Ihr Nordteil, nach Westen und Nordwesten
festgehalten, hat eine neue mchtige Flanke zwischen der Weichsel und den
Pripetsmpfen nach Sden gebildet. Eine Katastrophe droht der Masse des
russischen Heeres, wenn ein neuer Durchbruch von Norden her gegen den
Rcken der russischen Heeresmacht gelingt.

Der Gedanke, der uns zur Winterschlacht fhrte, drngt sich aufs neue auf,
diesmal vielleicht in noch greren Umrissen. Jetzt mu von Ostpreuen her
der Schlag angesetzt werden, am nchsten und wirkungsvollsten ber
Ossowiez-Grodno. Doch verhindert auch jetzt dort das Bobrsumpfgebiet unser
Vorgehen; wir kennen das vom Tauwetter des vergangenen Winters her. Es
bleibt also nur die Wahl zwischen dem Vorbrechen westlich oder stlich
dieser Linie. Der Sto in die Tiefe der feindlichen Verteidigung, ich
mchte sagen in die Herzgegend des russischen Heeres fordert die Richtung
stlich Grodno vorbei. Wir vertreten diesen Gedanken. Die Oberste
Heeresleitung verschlo sich seinem Vorteil nicht, aber sie hielt die
westliche Storichtung fr krzer und glaubte auch hier an groe Erfolge.
Sie forderte also den Angriff ber den unteren Narew. Ich glaubte meinen
Widerstand gegen diese Absicht zum Nutzen des Ganzen einstweilen aufgeben,
die Folgen dieses Angriffes und den weiteren Verlauf der Operationen
abwarten zu sollen. Der General Ludendorff jedoch hielt innerlich zhe an
unserem ersten Plane fest, eine Abweichung, die brigens weder
irgendwelchen Einflu auf unser weiteres gemeinsames Denken und Handeln
hatte, noch die Kraft beeintrchtigte, mit der wir den Entschlu der
verantwortlichen Obersten Heeresleitung Mitte Juli in die Tat umsetzten.
Gallwitz' Armee brach beiderseits Przasnysz gegen den Narew vor. Zu diesem
Angriff begab ich mich persnlich auf das Schlachtfeld, nicht um in die
mir als meisterhaft bekannte Ttigkeit des Armee-Oberkommandos
irgendwelche taktischen Eingriffe zu machen, sondern nur deswegen, weil
ich wute, welch eine ausschlaggebende Bedeutung unsere Oberste
Heeresleitung dem Gelingen des hier befohlenen Durchbruches beilegte. Ich
wollte zur Stelle sein, um ntigenfalls sofort eingreifen zu knnen, wenn
das Armee-Oberkommando irgendwelcher weiteren Aushilfen fr die
Durchfhrung seiner schwierigen Aufgabe im Rahmen meines Befehlsbereiches
bedurfte. Zwei Tage blieb ich bei der Armee und erlebte die Erstrmung des
schon frher wiederholt heftig umstrittenen Przasnysz und den Kampf um das
Gelnde sdlich der Stadt. Schon am 17. Juli stand Gallwitz am Narew.
Unter dem Eindruck der auf allen Frontseiten einbrechenden verbndeten
Armeen beginnt der Russe allmhlich, auf allen Seiten zu weichen und sich
der drohenden Umklammerung langsam zu entziehen. Unsere Verfolgung fngt
an, sich in frontales Abringen zu verlaufen. Wir knnen auf diesem Wege
die Frchte nicht ernten, die auf blutigen Schlachtfeldern immer wieder
aufs neue gest werden. Wir greifen daher unsern frheren Gedanken wieder
auf und wollen angesichts dieses Verlaufs der Operationen ber Kowno auf
Wilna vordrcken, um dann die Massen des russischen Zentrums gegen die
Pripet-Smpfe zu pressen und ihre Verbindungen mit dem Herzland zu
durchhauen. Doch die Absicht der Obersten Heeresleitung fordert
unmittelbare Verfolgung, bei der der Verfolger strker erlahmt als der
Verfolgte.

In diesen Zeitraum fllt die Wegnahme von Nowo Georgiewsk. Diese Festung
hatte zwar trotz ihrer Anlage als strategischer Brckenkopf bisher noch
keine besonders wichtige Rolle gespielt; ihr Besitz wurde aber jetzt fr
uns von Wert, weil sie die ber Mlawa nach Warschau fhrende Bahn sperrte.
Unmittelbar vor der bergabe traf ich am 18. August mit meinem Kaiser vor
dem Waffenplatz zusammen und fuhr spter in seinem Gefolge in die Stadt.
Dort brannten noch die von den russischen Truppen angezndeten Kasernen
und andere militrische Gebude. Groe Massen von Gefangenen standen
herum. Auffallend war es, da die Russen vor der bergabe ihre Pferde
reihenweise erschossen hatten, wohl in der berzeugung von dem
auerordentlichen Werte, den diese Tiere fr unsere Operationen im Osten
hatten. Unser Gegner benahm sich berhaupt in der Zerstrung aller Mittel
und Vorrte, die dem siegreichen Feinde fr die Kriegfhrung von
irgendwelchem Nutzen sein konnten, stets auerordentlich grndlich.

Um wenigstens freie Bahn fr ein spteres Vorgehen gegen Wilna zu
schaffen, lassen wir schon Mitte Juli unsere Njemenarmee gegen Osten
vorbrechen. Mitte August fllt dann Kowno unter dem Ansturm der 10. Armee.
Der Weg gegen Wilna ist geffnet, aber noch immer fehlen die Krfte zur
weiteren Durchfhrung unseres groen operativen Gedankens. Sie bleiben
vorlufig in frontaler Verfolgung festgelegt. Wochen vergehen, bis
Verstrkungen herangeholt werden knnen. Unterdessen weicht aber der Russe
weiter nach Osten; er gibt alles preis, selbst Warschau, wenn er nur seine
Hauptkrfte dem Verderben entziehen kann.

Erst am 9. September knnen wir vorwrts auf Wilna. Mglicherweise kann in
dieser Richtung auch jetzt noch Groes gewonnen werden. Hunderttausende
russischer Truppen sind vielleicht unsere Beute. Wenn je stolze Hoffnungen
mit Ungeduld und Sorgen sich mischten, so geschieht es jetzt. Kommen wir
zu spt? Sind wir krftig genug? Doch nur vorwrts, ber Wilna hinaus und
dann nach Sden. Unsere Reitergeschwader legen bald Hand an die russische
Lebensader. Drcken wir diese zusammen, so stirbt die feindliche
Hauptkraft. Der Gegner kennt das drohende Unheil, er tut alles, um es
abzuwenden. Ein mrderisches Ringen bei Wilna beginnt. Jede gewonnene
Stunde rettet dem Russen viele seiner nach Osten flutenden Heerhaufen.
Unsere Kavalleriedivisionen mssen vor deren Rckstau wieder zurck. Die
Bahnlinie ins Herz der Heimat wird fr den Gegner wieder frei. Wir sind zu
spt gekommen, und wir ermatten!

Ich tusche mich wohl nicht in der Annahme, da der Gegensatz zwischen den
Anschauungen der deutschen Obersten Fhrung und den unserigen ein
geschichtliches Interesse behalten wird. Aber wir drfen bei der
Beurteilung der Plne der Heeresleitung den Blick ber das Gesamtbild des
Krieges nicht verlieren. Wir selbst sahen damals nur einen Teil dieses
Bildes. Die Frage, ob wir unter dem Eindrucke der gesamten politischen und
kriegerischen Lage anders geplant und anders gehandelt htten, mag
unerrtert bleiben.



                                  Ltzen


Aus diesem ernsten Gedankenstreit mchte ich zu einer idyllischeren Seite
unseres Kriegslebens im Jahre 1915 bergehen, indem ich mich in meinen
Erinnerungen nach Ltzen begebe.

Das freundlich zwischen Seen, Wald und Hhen gelegene Stdtchen wurde
unser Hauptquartier, als die Winterschlacht in Masuren auszuklingen
begann. Die Einwohner, befreit von Russengefahr und Russenschreck,
gewhrten uns eine rhrend herzliche Aufnahme. Dankbarst gedenke ich auch
des Landverkehrs auf den ohne zu groen Zeitverlust erreichbaren Gtern,
der mir, wenn es der Ernst der Zeit erlaubte, Stunden der Erholung,
Ablenkung und Anregung brachte. Auch das edle Weidwerk kam dabei nicht zu
kurz; den Hhepunkt bildete hierbei dank der Gnade Seiner Majestt die
Erlegung eines besonders starken Elches im Kniglichen Jagdrevier
Niemonien am Kurischen Haff.

Als im Frhjahr allmhlich die Ruhe vor unserer Front einzutreten begann,
fehlte es uns, ebensowenig wie spter im Sommer, nicht an Besuchern
jeglicher Art. Deutsche Frstlichkeiten, Politiker, Mnner aus
wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berufskreisen, Verwaltungsbeamte
kamen zu uns, gefhrt durch das Interesse, das die sonst so wenig
besuchten stlichen Provinzen durch den bisherigen Kriegsverlauf gewonnen
hatten. Knstler fanden sich ein, um General Ludendorff und mich durch
Pinsel oder Meiel zu verewigen, eine Auszeichnung, auf die wir bei aller
Liebenswrdigkeit und Tchtigkeit der betreffenden Herrn gerne zu Gunsten
unserer knappen Freistunden verzichtet htten. Auch das neutrale Ausland
stellte Gste. So lernte ich unter anderen dort auch Sven Hedin, den
bekannten Asienreisenden und berzeugten Deutschenfreund, kennen und
schtzen.

Unter den Staatsmnnern, die uns in Ltzen besuchten, nenne ich besonders
den damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg und den Groadmiral von
Tirpitz.

Schon im Winter 1914/15 hatte ich in Posen Gelegenheit gehabt, den
Reichskanzler bei mir begren zu knnen. Seine Besuche entsprangen in
erster Linie seiner persnlichen Liebenswrdigkeit und standen in keinem
Zusammenhange mit irgendwelchen politischen Fragen. Ich erinnere mich auch
nicht, da die Unterhaltungen mit dem Reichskanzler dieses Thema damals
berhrten. Wohl aber gewann ich die berzeugung, da ich es mit einem
klugen und gewissenhaften Mann zu tun hatte. Unsere Anschauungen ber die
damaligen Kriegsnotwendigkeiten deckten sich in dieser Zeit nach meinem
Empfinden in allen wesentlichen Punkten. Ein tiefes Verantwortungsgefhl
sprach aus allen uerungen des Kanzlers. Diesem Gefhl schrieb ich es zu,
wenn mir in der Beurteilung der Kriegslage durch Herrn von Bethmann nach
meinem soldatischen Empfinden etwas zu viel Bedenken und infolgedessen
etwas zu wenig Zuversichtlichkeit entgegentraten.

Den in Posen erhaltenen Eindruck fand ich in Ltzen besttigt.

Groadmiral von Tirpitz, der in dieser Zeit oft als Nachfolger fr
Bethmann Hollweg genannt wurde, war eine vllig anders geartete
Persnlichkeit. Auf einem lngeren Spaziergang trug er mir alle die
Schmerzen vor, die sein flammendes vaterlndisches und ganz besonders sein
seemnnisches Herz bewegten. Er empfand es bitter, da er die gewaltige
whrend der besten Jahre seines Lebens von ihm geschmiedete Waffe im
Kriege in den heimatlichen Hfen festgebannt sah. Gewi war die Lage fr
eine Flottenoffensive unsererseits ungemein schwierig, sie wurde aber mit
langem Zuwarten nicht besser. Meines Erachtens wrde die beraus groe
Empfindlichkeit des englischen Mutterlandes gegenber dem Phantom einer
deutschen Landung eine grere Ttigkeit, ja selbst schwere Opfer unserer
Flotte gerechtfertigt haben. Ich hielt es nicht fr ausgeschlossen, da
durch eine solche Flottenverwendung eine Bindung starker englischer
Heereskrfte im Mutterlande und damit eine Entlastung unseres Landheeres
erreicht werden konnte. Man sagt, da unsere Politik sich die Mglichkeit
schaffen wollte, bei etwaigen Friedensaussichten auf eine starke, intakte
deutsche Seekraft hinweisen zu knnen. Eine solche Rechnung wre wohl
irrig gewesen. Denn eine Streitmacht, die man im Kriege nicht zu ntzen
wagt, ist auch bei Friedensverhandlungen ein kraftloser Faktor.

Im Frhjahr 1916 ist der Wunsch des Groadmirals doch noch in Erfllung
gegangen. Was unsere Flotte zu leisten vermochte, das hat sie im Skagerrak
glnzend gezeigt.

Auch ber die Frage unserer Unterseebootkriegfhrung uerte sich Herr von
Tirpitz. Er vertrat die Anschauung, da wir diese Waffe zur Unzeit gezckt
htten, und da wir dann, eingeschchtert durch das Verhalten des
Prsidenten der Vereinigten Staaten den mit lautem Kampfgeschrei erhobenen
Arm ebenso zur Unzeit wieder htten sinken lassen. Die damaligen
Ausfhrungen des Groadmirals konnten auf meine sptere Stellungnahme zu
dieser Frage keinen Einflu ausben. Bis die Entscheidung hierber an mich
herantrat, sollten fast noch anderthalb Jahre vergehen. In diesem Zeitraum
hatte sich einerseits die Kriegslage ganz wesentlich zu unseren Ungunsten
verschoben und war andererseits die Leistungsfhigkeit unserer Marine auf
dem Gebiete des Unterseebootswesens mehr als verdoppelt.



                                  Kowno


Im Oktober 1915 verlegten wir unser Hauptquartier nach Kowno, in das
besetzte Feindesland.

Zu der bisherigen Ttigkeit meines Generalstabschefs kamen jetzt noch die
Arbeiten fr die Verwaltung, den Wiederaufbau und die Ausntzung des
Landes zur Versorgung der Truppen, der Heimat und der Landeseinwohner. Die
hieraus erwachsende Beschftigung wre allein gengend gewesen, die
Arbeitskraft eines Mannes voll und ganz in Anspruch zu nehmen. General
Ludendorff betrachtete sie als eine Zugabe zu seinem brigen Dienste und
widmete sich ihr mit dem ihm eigenen rastlosen Arbeitswillen.

Von Kowno aus fand ich in der ruhigeren Winterzeit 1915/16 Gelegenheit den
Bjalowjeser Forst aufzusuchen. Der Wildstand hatte leider unter den
kriegerischen Ereignissen stark gelitten. Durchmarschierende Truppen und
wilddiebende Bauern hatten ihn sehr gelichtet. Trotzdem gelang es mir
noch, in viertgigen herrlichen Pirsch- und Schlittenfahrten im Januar
1916 einen Wisent und vier Hirsche zu erlegen. Die Verwaltung des
ausgedehnten Waldreviers befand sich in den bewhrten Hnden des
bayerischen Forstmeisters Escherich, der es meisterhaft verstand, uns die
reichen Holzbestnde nutzbar zu machen, ohne dabei Raubbau zu treiben.

Auch den Augustower Wald suchte ich im gleichen Winter auf. Eine mir zu
Ehren veranstaltete Wolfsjagd verlief leider ergebnislos. Die Wlfe zogen
es vor, auerhalb meiner Schuweite durch die Lappen zu gehen. Von den
Kmpferspuren des Februar 1915 sah ich nur noch Schtzengrben. Sonst war
das Schlachtfeld, wenigstens an den Stellen, an denen ich den Forst
berhrte, vllig aufgerumt.

In Kowno beging ich im April 1916 mein 50jhriges Dienstjubilum. Mit Dank
gegen Gott und meinen Kaiser und Knig, der mir den Tag durch gndiges
Meingedenken verschnte, blickte ich auf ein halbes Jahrhundert zurck,
das ich in Krieg und Frieden im Dienste fr Thron und Vaterland durchlebt
hatte.

Bei Kowno waren im Sommer 1812 starke Teile des franzsischen Heeres nach
Osten ber den Njemen gegangen. Die Erinnerung an diese Zeit und an den
tragischen Ausgang dieses khnen Zuges hatte bei unseren Gegnern die
Hoffnung ausgelst, da auch unsere Truppen in den weiten Wald- und
Sumpfgebieten Rulands einem hnlichen Schicksal durch Hunger, Klte und
Krankheiten erliegen wrden wie die stolzen Armeen des groen Korsen. Man
verkndete uns diesen Ausgang, vielleicht weniger aus innerer berzeugung
als zur Beruhigung der eigenen urteilslosen Menge. Immerhin waren aber
unsere Sorgen fr die Erhaltung unserer Truppen im Winter 1915/16 keine
geringen. Wuten wir doch, in welchen trotz aller Entwickelung der Neuzeit
immer noch verhltnismig den, vielfach von ansteckenden Krankheiten
durchseuchten Landesteilen wir nunmehr die strenge Jahreszeit hinzubringen
hatten.




                  Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August



              Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront


Das Jahr 1915 war in unserem Oberkommando nicht ausgeklungen unter hellen
Fanfaren eines voll befriedigenden Triumphes. In dem Gesamtergebnis der
Operationen und Kmpfe dieses Jahres lag fr uns etwas Unbefriedigendes.
Der russische Br hatte sich unserer Umgarnung entzogen, zweifellos aus
mehr als einer Wunde blutend, aber doch nicht zu Tode getroffen. Unter
wilden Anfllen hatte er sich von uns verabschiedet. Wollte er damit
beweisen, da er noch Lebenskraft genug brig hatte, um uns auch weiterhin
das Leben schwer zu machen? Wir fanden die Ansicht vertreten, da die
russischen Verluste an Menschen und Material bereits so bedeutend wren,
da wir auf lange hinaus an unserer Ostfront gesichert sein wrden. Wir
beurteilten diese Behauptung nach den bisherigen Erfahrungen mit
Mitrauen, und bald sollte sich zeigen, da dieses Mitrauen
gerechtfertigt war.

Nicht einmal den Winter sollten wir in einiger Ruhe verbringen knnen.
Zeigte sich doch bald, da der Russe an alles eher dachte, als sich stille
zu verhalten. Auf unserer ganzen Front, ja weit darber hinaus nach Sden,
war es in und hinter den gegnerischen Linien unruhig, ohne da man zuerst
die Absichten der russischen Fhrung irgendwie erkennen konnte. Ich hielt
die Gegenden von Smorgon, Dnaburg und Riga fr besondere Gefahrpunkte vor
unseren Stellungen. In diese Gebiete fhrten die leistungsfhigsten
russischen Bahnen. Aber ausgesprochene Anzeichen fr einen feindlichen
Angriff an den genannten drei Punkten ergaben sich lange Zeit nicht.

Die Ttigkeit im Rckengebiet des Feindes blieb ungemein emsig. berlufer
klagten ber die harte Zucht, der die zurckgezogenen Divisionen
unterworfen wrden, denn mit eiserner Strenge wurden die Truppen gedrillt.

Das Strkeverhltnis in den einzelnen Abschnitten war schon in den Zeiten
der Ruhe fr uns auerordentlich ungnstig. Wir muten damit rechnen, da
durchschnittlich jedem einzelnen unserer Divisionsabschnitte
(9 Bataillone) etwa 2-3 russische Divisionen (32-48 Bataillone)
gegenberstanden. Nichts kennzeichnet die ungeheuern Unterschiede in den
Anforderungen an die Krfte unserer Truppen gegenber den feindlichen mehr
als diese Zahlen. Dieser Unterschied spielte naturgem nicht nur im
Gefecht eine gewaltige Rolle sondern auch in den notwendigen tglichen
Arbeitsforderungen. Welch einen Umfang hatten die Arbeitsleistungen bei
der groen Ausdehnung der Fronten doch angenommen! Der Stellungs- und
Straenbau, die Errichtung von Barackenlagern sowie unzhlige Arbeiten fr
die Versorgung der Truppen mit Kriegsbedarf, Verpflegung, Baustoffen usw.
machten das Wort "Ruhe" fr Offizier und Mann meist zu einem vllig leeren
Begriff. Trotzdem waren Stimmung und Gesundheitszustand der Truppen
durchaus gut. Wrde unser Sanittsdienst nicht auf der Hhe gestanden
haben, auf der er sich tatschlich befand, so htten wir schon aus diesem
Grunde den Krieg nicht so lange Zeit durchhalten knnen. Die Leistungen
unseres Feldsanittswesens werden sich dereinst nach wissenschaftlicher
Bearbeitung des gesamten vorliegenden Materials als ein besonderes
Ruhmesblatt deutscher Geistesarbeit und Hingabe fr einen groen Zweck
erweisen und dann hoffentlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienstbar
gemacht werden.

Von Mitte Februar ab begann es in der Gegend des Naroczsees und bei
Postawy besonders unruhig zu werden. Immer klarer zeichneten sich aus der
Masse der eintreffenden Nachrichten die Angriffsvorbereitungen des Gegners
an jenen Stellen ab. Ich hatte anfangs nicht geglaubt, da der Russe die
von seinen leistungsfhigen Bahnverbindungen entlegenen Stellen, die zudem
seinen Massen wenig Entfaltungsraum boten und der taktischen Fhrung
infolge der Gelndegestaltung nur geringe Armfreiheit lieen, zu einem
wirklich groen Schlage auswhlen wrde. Die kommenden Ereignisse
belehrten mich vom Eintritt des Unwahrscheinlichen.

Niemand von uns erkannte im Verlauf der damaligen russischen
Vorbereitungen deren gewaltigen Umfang richtig. Wir htten sonst wohl
nicht geglaubt, da wir mit den von uns allmhlich im Gebiete des
Naroczsees versammelten etwa 70 Bataillonen der ganzen dort
bereitgestellten russischen Macht, gegen 370 Bataillone, standzuhalten
vermchten. Aber diese Gegenberstellung gibt, wie eine auf unsere
Feststellungen gesttzte Verffentlichung ausfhrt, doch nur ein ungenaues
Bild, einmal weil auf beiden Seiten am ersten Tage keineswegs die ganze
Masse der Kampftruppen eingesetzt wurde, und dann vor allem, weil die
russischen Divisionen nicht etwa gleichmig in breiter Front gegen die
Deutschen vorstieen, sondern sich in der Hauptsache zu zwei mchtigen
Stogruppen vor den Flgeln des Korps von Hutier zusammenballten. Die
nrdliche dieser trieb 7 Infanterie- und 2 Kavalleriedivisionen zwischen
Mosheiki und Wileity im Postawy-Abschnitt vor, in dem zunchst nur 4
deutsche Bataillone standen, whrend die sdliche mit
8 Infanteriedivisionen und den Uralkosaken die Sperre zwischen Naroczsee
und Wisznewsee einzudrcken suchte, die von unserer 75. Reservedivision
und der verstrkten 9. Kavalleriedivision gehalten wurde. Also rund 128
russische gegen 19 deutsche Bataillone!

Am 18. Mrz bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen
Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Strke noch nie zu
durchleben gehabt hatte, strmen die feindlichen Massen gleich einer
ununterbrochenen Sturzflut auf unsere dnnbesetzten Stellungen. Doch
vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene
Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst mhen zurckgehaltene
feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu
weichen und dem Verderben durch unser Feuer zu entgehen versuchen. Zu
frmlichen Hgeln hufen sich die russischen Gefallenen vor unserer Front.
Die Anstrengungen fr den Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere
gesteigert. Eingebrochenes Tauwetter fllt die Schtzengrben mit
Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerflieenden
Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis
zur teilweisen Bewegungsunfhigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die
Gliedmaen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft
und Kampfeswille in diesen Krpern, um die feindlichen Anstrme immer
wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens,
und vom 25. Mrz ab knnen wir siegessicher auf unsere Heldenscharen am
Naroczsee blicken.

Der Deutsche Heeresbericht vom 1. April 1916, der unter unserer Mitwirkung
entstand, sprach sich nach Beendigung der Schlacht folgendermaen aus:

  "Welcher grere Zweck mit den Angriffen angestrebt werden sollte,
  ergibt folgender Befehl des russischen Hchstkommandierenden der Armeen
  an der Westfront vom 4. (17.) Mrz, Nr. 537:

  "Truppen der Westfront!

  Ihr habt vor einem halben Jahre, stark geschwcht, mit einer geringeren
  Anzahl Gewehre und Patronen den Vormarsch des Feindes aufgehalten und,
  nachdem ihr ihn in dem Bezirk des Durchbruches bei Molodetschno
  aufgehalten habt, eure jetzigen Stellungen eingenommen.

  Seine Majestt und die Heimat erwarten von euch jetzt eine neue
  Heldentat: Die Vertreibung des Feindes aus den Grenzen des Reiches! Wenn
  ihr morgen an diese hohe Aufgabe herantretet, so bin ich im Glauben an
  euren Mut, an eure tiefe Ergebenheit gegen den Zaren und an eure heie
  Liebe zur Heimat davon berzeugt, da ihr eure heilige Pflicht gegen den
  Zaren und die Heimat erfllen und eure unter dem Joche des Feindes
  seufzenden Brder befreien werdet. Gott helfe uns bei unserer heiligen
  Sache!

                                              Generaladjutant gez. Ewert."

  Freilich ist es fr jeden Kenner der Verhltnisse erstaunlich, da ein
  solches Unternehmen zu einer Jahreszeit begonnen wurde, in der seiner
  Durchfhrung von einem Tage zum andern durch die Schneeschmelze
  bedenkliche Schwierigkeiten erwachsen konnten. Die Wahl des Zeitpunktes
  ist daher wohl weniger dem freien Willen der russischen Fhrung als dem
  Zwang durch einen notleidenden Verbndeten zuzuschreiben.

  Wenn nunmehr die gegenwrtige Einstellung der Angriffe von amtlicher
  russischer Stelle lediglich mit dem Witterungsumschlag erklrt wird, so
  ist das sicherlich nur die halbe Wahrheit. Mindestens ebenso wie der
  aufgeweichte Boden sind die Verluste an dem schweren Rckschlage
  beteiligt. Sie werden nach vorsichtiger Schtzung auf mindestens
  140.000 Mann berechnet. Richtiger wrde die feindliche Heeresleitung
  daher sagen, da die groe Offensive bisher nicht nur im Sumpf, sondern
  in Sumpf und Blut erstickt ist."

Der Beschreibung dieser Frhjahrskmpfe durch einen deutschen Offizier
entnehme ich zum Schlu folgende Stelle:

  "Nicht viel mehr als ein Monat war vergangen, seit der russische Zar an
  der Postawyfront die Parade ber die Sturmdivisionen abnahm, da fuhr
  Generalfeldmarschall von Hindenburg an die Front, um seinen siegreichen
  Regimentern zu danken. In Tschernjaty und Komai, Jodowze, Swirany und
  Kobylnik, nur wenige Kilometer Luftlinie vom Schauplatz der Zarenparade
  entfernt, sprach er zu den Abordnungen der Fronttruppen und verteilte
  die Eisernen Kreuze. Hand in Hand standen da fr einen Augenblick
  Feldherr und Handgranatenwerfer, einer den anderen mit langem,
  vertrauensvollem Blicke ermessend. Die Frhlingssonne leuchtete als
  Siegessonne ber der Hindenburgfront ..."

Das war mein Anteil an der Naroczschlacht.



      Der Russenangriff gegen die sterreichisch-ungarische Ostfront


"Verdun!" - Der Name wurde bei uns im Osten von Anfang Februar des Jahres
ab hufiger genannt. Man wagte nur halblaut und im Geheimnis davon zu
sprechen. Man legte auf das Wort einen Ton, aus dem Zweifel und Bedenken
hervorgingen. Und doch, der Gedanke, Verdun zu nehmen, war gut. Verdun in
unserer Hand, das mute die ganze Lage an unserer Westfront wesentlich
festigen. Dadurch wurde die Einbuchtung an unserer verwundbarsten
Druckstelle da drben endgltig beseitigt. Vielleicht ergaben sich aus der
Eroberung der Festung noch weitere operative Mglichkeiten in sdlicher
und westlicher Richtung.

Die Wichtigkeit des genannten Waffenplatzes berechtigte also meiner
Anschauung nach zu dem Versuch, ihn anzugreifen. Man hatte ja in der Hand,
das Unternehmen rechtzeitig wieder abzubrechen, wenn sich seine
Durchfhrbarkeit als unmglich erweisen oder die dafr ntigen Opfer als
zu hoch herausstellen sollten. Und dann: Ist das Khnste, das
Unwahrscheinlichste im Angriff auf Festungen in diesem Kriege uns nicht
schon wiederholt glnzend gelungen?

Von Ende Februar ab wird Verdun nicht mehr geheimnisvoll ausgesprochen,
sondern laut und freudig. Das Wort "Douaumont" leuchtet im Zusammenhang
damit wie ein Fanal deutschen Heldentums bis in den entferntesten Osten
herber und erhebt die Gemter auch derer, die jetzt eben mit Ernst und
Sorge auf die Entwickelung der Ereignisse am Naroczsee blicken. Freilich
liegt in dem Angriff auf Verdun fr uns auch ein bitteres Gefhl. Bedeutet
das Unternehmen doch das endgltige Aufgeben einer Kriegsentscheidung hier
im Osten.

Verdun wird im weiteren Verlauf der Zeit noch in verschiedener Betonung
genannt. Die Bedenken fangen allmhlich an, zu berwiegen, man spricht sie
aber nur selten aus. Sie lassen sich kurz in folgende Fragen
zusammenfassen: Warum setzt man einen Angriff immer noch fort, der so
unendliche Opfer fordert und dessen Aussichtslosigkeit dabei schon
erkennbar ist? Wre es nicht mglich, an die Stelle dieser rein rtlichen
Frontalunternehmung gegen den auf permanente Werke gesttzten nrdlichen
Verteidigungsbogen Verduns eine die Linienfhrung unserer Aufstellung
zwischen Argonnerwald und St. Mihiel ausnutzende abschnrende Operation
treten zu lassen? Erst sptere Zeiten werden nach unparteiischer Prfung
ber die Berechtigung dieser Fragen urteilen knnen.



Noch ein anderes Wort tritt spterhin zu Verdun, das ist "Italien", zum
ersten Male erwhnt, nachdem die Schlacht am Naroczsee beendet war. Auch
Italien wird mit Zweifel genannt, mit weit grerem und strkerem als
Verdun, ja nicht nur mit Zweifel, sondern mit ernsten, schweren Bedenken.
Der Plan eines sterreichisch-ungarischen Angriffes gegen Italien ist khn
und hat von diesem Gesichtspunkt aus auch ein militrisches Anrecht auf
Gelingen. Was diesen Plan aber als berkhn erscheinen lt, das ist
unsere Einschtzung des Instrumentes, mit dem er durchgefhrt wird. Wenn
gegen Italien die besten k. u. k. Truppen losbrechen, Truppen, an die
nicht blo sterreich und Ungarn sondern auch Deutschland mit Stolz und
Vertrauen denken, was bleibt dann gegen Ruland? Ruland ist aber nicht so
geschlagen, wie man es Ende 1915 vermutete. Am Naroczsee hat sich die
ganze Entschlossenheit der russischen Heerhaufen wieder gezeigt in einer
Wildheit und Massenhaftigkeit, gegenber der so manche mit slawischen
Elementen stark durchsetzten sterreichisch-ungarischen Heeresverbnde
sich bisher als wenig widerstandsfhig erwiesen haben.

Die Sorge bei uns wchst trotz der Siegesmeldungen aus Italien tglich
mehr und mehr. Sie wird nur zu bald in ihrer Berechtigung bewiesen durch
die nunmehr eintretenden Ereignisse sdlich des Pripet. Am 4. Juni strzt
die sterreichisch-ungarische Heeresfront in Wolhynien und in der Bukowina
auf den ersten russischen Anhieb weithin zusammen. Die schwerste Krisis
des ganzen bisherigen Krieges an der Ostfront tritt ein, schwerer noch als
diejenige des Jahres 1914. Denn diesmal steht nirgends ein siegreiches
deutsches Heer als helfender Retter bereit: im Westen tobt der Kampf um
Verdun und drohen Sturmeszeichen an der Somme.

Die Wogen dieser Krisis schlagen bis an unsere Front hinber, aber zum
Heile fr das Ganze nicht in Form russischer Angriffe. So knnen wir
wenigstens helfen, wo die Not am grten ist.

Der Russe steht bis jetzt vor der deutschen Front noch ungeschwcht in
seinen Stellungen. Den ersten Erfolg sdlich des Pripet hat er daher nicht
durch seinen sonst gewohnten Einsatz berlegener Massen sondern mit
verhltnismig schwachen Krften erreicht.

  "Der Plan Brussilows mu eingangs streng genommen als eine Erkundung
  aufgefat werden, als eine Erkundung unternommen auf gewaltige
  Ausdehnungen und mit khner Entschlossenheit, aber doch immer nur eine
  Erkundung, kein Schlag mit einem gewhlten Ziel ... Seine Aufgabe war
  es, die Strke der gegnerischen Linien anzufhlen auf einer Front von
  nahezu 500 km zwischen Pripet und Rumnien. Brussilow glich einem Manne,
  der an eine Mauer schlgt, um herauszubringen, welche Teile solider
  Stein und welche nur Latten und Mrtel waren."

So schrieb ein Auslnder ber Brussilows erste Schlachttage. Und dieser
Auslnder sagt einwandfrei das Richtige.

Die sterreichisch-ungarische Mauer zeigt aber nur wenige solide Steine,
sie bricht unter dem Pochen von Brussilows Hammer zusammen, und herein
braust die Sturmflut der russischen Haufen, die nunmehr erst von unserer
Front weg herangefhrt worden sind. Wo wird ihnen ein Halt geboten werden
knnen? Nur eine starke Sule bleibt zunchst noch inmitten dieser
Brandung. Es ist die Sdarmee unter ihrem trefflichen General Grafen
Bothmer. Deutsche, sterreicher und Ungarn; alle gehalten in guter Zucht.

Was auf unserem Teil der groen Ostfront entbehrlich ist, rollt nunmehr
nach dem Sden und verschwindet auf den Schlachtfeldern Galiziens.

Inzwischen verdstert sich auch die Lage an der Westfront.
Franzsisch-englische bermacht wirft sich auf unsere verhltnismig
schwach gehaltenen Linien beiderseits der Somme und drckt die
Verteidigung ein. Ja es droht vorbergehend die Gefahr eines vollendeten
Durchbruchs!

Mein Allerhchster Kriegsherr ruft mich und meinen Generalstabschef
zweimal zu Beratungen ber die schwere Lage an der Ostfront in sein
Hauptquartier nach Ple. Das letzte Mal, Ende Juli, fllt dort die
Entscheidung ber die Neuregelung des Befehls auf der Ostfront. Die
deutsche Oberste Heeresleitung hat von sterreich-Ungarn als Entgelt fr
die trotz Verdun und Somme gebotene rettende Hand Gewhr fr straffere
Organisation des Befehls an der Ostfront gefordert. Mit Recht! So wurde
meine Befehlsgewalt bis in die Gegend von Brody, stlich Lemberg,
ausgedehnt; starke k. und k. Truppenverbnde wurden mir unterstellt.

Wir besuchten baldigst die uns neu zugewiesenen Oberkommandos und fanden
bei den sterreichisch-ungarischen Stellen volles Entgegenkommen und
rckhaltslose Kritik der eigenen Schwchen. Freilich, die Erkenntnis war
nicht allenthalben vom Tatenwillen begleitet, der bessernd in die
vorhandenen Schden eingreift. Und doch, wenn je in einem Heere, so
bedurfte es in diesem Vlkergemisch einer alles beherrschenden,
durchgreifenden Gewalt und eines einheitlichen Zuges, sonst mute auch das
beste Blut in diesem Krper machtlos rinnen und vergeblich verrinnen.

Die Ausdehnung der Befehlsfront veranlate mich zur Verlegung meines
Hauptquartiers nach Sden, nach Brest-Litowsk. Dort trifft mich am
28. August mittags der Befehl Seiner Majestt des Kaisers, baldmglichst
in sein Groes Hauptquartier abzureisen. Als Grund teilt mir der Chef des
Militrkabinetts nur mit: "Die Lage ist ernst!"

Ich lege den Hrapparat weg und denke an Verdun und Italien, an Brussilow
und die sterreichische Ostfront, dazu an die Nachricht: "Rumnien hat uns
den Krieg erklrt." Starke Nerven werden ntig sein!





                               DRITTER TEIL


   VON DER BERTRAGUNG DER OBERSTEN HEERESLEITUNG BIS ZUR ZERTRMMERUNG
                                RUSSLANDS




                   Berufung zur Obersten Heeresleitung



                  Chef des Generalstabes des Feldheeres


Es war bekanntlich nicht das erste Mal, da mich mein Kaiserlicher und
Kniglicher Herr zur Besprechung ber militrische Lagen und Absichten zu
sich berief. Daher vermutete ich auch diesmal, da Seine Majestt meine
Anschauungen ber eine bestimmte Frage persnlich und mndlich hren
wollte. In der Annahme eines nur kurzen Aufenthaltes nahm ich auch nur das
fr einen solchen unbedingt ntige Gepck mit mir. Am 29. August
vormittags traf ich in Begleitung meines Chefs in Ple ein. Auf dem
Bahnhof empfing mich im Auftrage des Kaisers der Chef des
Militrkabinetts. Aus seinem Munde erfuhr ich zuerst die fr mich und
General Ludendorff beabsichtigten Ernennungen.

Vor dem Schlosse in Ple traf ich meinen Allerhchsten Kriegsherrn selbst,
der das Eintreffen Ihrer Majestt der Kaiserin, die von Berlin aus kurz
nach mir Ple erreicht hatte, erwartete. Der Kaiser begrte mich sogleich
als Chef des Generalstabes des Feldheeres und General Ludendorff als
meinen Ersten Generalquartiermeister. Auch der Reichskanzler war von
Berlin aus erschienen und augenscheinlich von der Vernderung in der
Besetzung der Chefstelle, die ihm Seine Majestt in meiner Gegenwart
mitteilte, nicht weniger berrascht als ich selbst. Ich erwhne dies, weil
auch hier die Legendenbildung eingesetzt hat.

Die bernahme der Geschfte aus den Hnden meines Vorgngers vollzog sich
bald nachher. General von Falkenhayn reichte mir zum Abschied die Hand mit
den Worten: "Gott helfe Ihnen und unserem Vaterland!"

Welche Grnde unsere pltzliche Berufung in den neuen Wirkungskreis
veranlaten, erfuhr ich aus dem Munde meines Kaisers, der meines
Vorgngers stets ehrend gedachte, weder bei der bernahme meiner neuen
Stellung noch spter. Derartige Feststellungen rein historischen Wertes zu
machen, fehlte mir immer die Neigung, damals aber auch die Zeit. Drngten
sich doch die Entscheidungen nicht nach Tagen sondern nach Stunden.



                       Kriegslage Ende August 1916


Die Kriegslage, unter welcher der Wechsel in der Leitung der Operationen
erfolgte, war nach den ersten Eindrcken, die ich gewann, folgende:

Die Verhltnisse an der Westfront waren nicht ohne Bedenken. Verdun war
nicht in unsere Hnde gefallen, auch die Hoffnung auf Zerreibung der
franzsischen Heereskraft in dem gewaltigen Feuerbogen, der sich um die
Nord- und Nordostfront der Festung gebildet hatte, war nicht verwirklicht.
Ein Erfolg unseres dortigen Angriffes war immer aussichtsloser geworden,
aber das Unternehmen war noch nicht aufgegeben. An der Somme raste das
Ringen nunmehr seit fast zwei Monaten. Wir kamen dort von einer Krisis in
die andere. Unsere Linien standen andauernd im Zustand uerster
Zerreiprobe.

Im Osten war die russische Offensive im Sdostteil der Karpathen bis auf
den Gebirgskamm hinaufgebrandet. Ob dieser letzte Schutzwall ungarischen
Landes mit den jetzt verfgbaren Krften gegen neue Anstrme zu behaupten
sein wrde, mute nach den bisherigen Ergebnissen bezweifelt werden. Auch
im Vorlande des Nordwestteils der Karpathen war die Lage aufs uerste
gespannt. Zwar hatten die russischen Angriffe zurzeit dort etwas
nachgelassen, aber es war nicht zu hoffen, da diese Ruhe von lngerer
Dauer sein wrde.

Der sterreichisch-ungarische Angriff aus Sdtirol hatte angesichts des
Zusammenbruchs an der galizischen Front aufgegeben werden mssen. Der
Italiener ging nun seinerseits wieder zum Angriff an der Isonzofront ber.
Diese Kmpfe zehrten in starkem Mae an den sterreichisch-ungarischen
Heereskrften, welche sich dort unter den schwierigsten Verhltnissen
gegen mehrfache feindliche berlegenheit, wert des hchsten Ruhmes
schlugen.

Von Wichtigkeit fr die Gesamtlage wie fr die Not des Augenblickes waren
schlielich auch die derzeitigen Verhltnisse auf dem Balkan. Die von den
Bulgaren auf unsere Anregung hin in Mazedonien unternommene Offensive
gegen Sarrail hatte nach anfnglichen Erfolgen abgebrochen werden mssen.
Das mit diesem Angriff verbundene politische Ziel, Rumnien vom Eingreifen
in den Krieg abzuhalten, war nicht erreicht worden.

Die Vorhand lag zur Zeit berall in den Hnden unserer Gegner. Es war
damit zu rechnen, da diese alle Krfte einsetzen wrden, uns weiter unter
diesem Drucke zu halten. Die Aussichten auf eine vielleicht nahe und
erfolgreiche Kriegsbeendigung muten die gegnerischen Verbndeten auf
allen Fronten zu den grten Kraftanstrengungen und zu den schwersten
Opfern bereit finden. Alle gaben wohl ihr letztes her, um sich an dem
Todessto gegen die Mittelmchte zu beteiligen, zu dem Rumnien das
siegessichere Halali blies!

Die augenblicklich freien und verfgbaren Reserven des deutschen sowie des
sterreichisch-ungarischen Heeres waren gering. Einstweilen standen an der
zunchst bedrohten siebenbrgisch-rumnischen Grenze nur schwache
Postierungen, grtenteils Finanz- und Zollwachen. Im Innern Siebenbrgens
waren abgekmpfte sterreichisch-ungarische Divisionen untergebracht, zum
Teil gefechtsunbrauchbare Trmmer. Dort aufgestellte oder in Aufstellung
begriffene Neubildungen hatten eine zu geringe Strke, um fr einen
ernsten Widerstand gegen einen rumnischen Einfall in das Land in Betracht
kommen zu knnen. Die Verhltnisse auf dem sdlichen Donauufer waren in
dieser Beziehung fr uns gnstiger. Eine aus bulgarischen, osmanischen und
deutschen Verbnden neugebildete Armee war im bulgarischen Grenzgebiete
der Dobrudscha und an der Donau weiter aufwrts in Versammlung begriffen,
zusammen etwa 7 Divisionen von sehr verschiedener Strke.

Das war im wesentlichen alles, was zurzeit an der wundesten der wunden
Stellen unseres europischen Kriegsschauplatzes, nmlich an den
rumnischen Grenzen, verfgbar war. Weiterer Krftebedarf mute entweder
aus anderen Kampffronten weggezogen oder abgekmpften und der Ruhe
bedrftigen Verbnden entnommen oder endlich durch Bildung neuer
Divisionen gewonnen werden. Gerade in letzterer Beziehung lagen aber die
Verhltnisse bei uns wie bei unseren Verbndeten nicht gnstig. Die
Ersatzlage drohte bei andauernd gleicher oder gar erhhter Anspannung
bedenklich zu werden. Auch war der Verbrauch von Gert und Schiebedarf
durch die lange Dauer und den Umfang der Kmpfe auf allen Fronten ein
solch ungeheurer geworden, da die Gefahr einer Lhmung unserer
Kriegfhrung schon aus diesem Grunde nicht ausgeschlossen erschien. Auf
die Lage in der Trkei komme ich spter zurck.



                             Politische Lage


Nicht nur die ersten Eindrcke ber die militrische, sondern auch
diejenigen ber die politische Gesamtgestaltung bedrfen einer kurzen
Darlegung. Ich beginne mit den Verhltnissen in unserem eigenen
Vaterlande.

Als mir die Leitung der Operationen bertragen wurde, hielt ich die
Stimmung in unserer Heimat zwar nicht fr verzagt, aber doch fr ernst.
Kein Zweifel, da man dort durch manche kriegerischen Vorgnge der letzten
Monate enttuscht war. Dazu kam, da sich die Not des tglichen Lebens
wesentlich gesteigert hatte. Besonders bitter litt der Mittelstand unter
den fr ihn ungewhnlich nachteiligen wirtschaftlichen Verhltnissen. Die
Lebensmittel wurden immer knapper zugewiesen, die Ernteaussichten waren
mig.

Die Kriegserklrung Rumniens bedeutete unter diesen Verhltnissen eine
weitere Mehrbelastung des heimatlichen Kriegswillens. Doch war das
Vaterland augenscheinlich auch jetzt zum Durchhalten bereit. Wie lange und
wie stark diese Stimmung anhalten werde, lie sich freilich nicht
vorhersagen. Der Verlauf der kriegerischen Ereignisse der nchsten Zeit
mute in dieser Hinsicht entscheidend wirken.

Was die Beziehungen Deutschlands zu seinen Verbndeten betrifft, so
sollten wir diese nach den propagandistischen uerungen der gegnerischen
Presse whrend des Krieges schrankenlos beherrschen. Es wurde behauptet,
wir hielten sterreich-Ungarn, Bulgarien und die Trkei sozusagen am Halse
fest, bereit sie zu wrgen, wenn sie nicht taten, was wir wollten. Und
doch konnte es kaum eine grere Entstellung des wirklichen Sachverhaltes
geben, als sie in dieser Behauptung lag. Ich glaube, da sich nirgends die
Schwche Deutschlands im Vergleich zu England deutlicher zeigte, als in
der Verschiedenheit der politischen Einwirkungen auf die beiderseitigen
Bundesgenossen.

Wenn zum Beispiel das offizielle Italien es jemals gewagt htte, offen
Friedensneigungen ohne britische Erlaubnis zu zeigen, so war England jeder
Zeit imstande, diesen Verbndeten einfach durch Hunger zur Fortsetzung der
einmal eingeschlagenen Politik zu zwingen. hnlich stark und unbedingt
herrschend war Englands Stellung Frankreich gegenber. Unabhngiger war in
dieser Beziehung wohl nur Ruland; aber auch die politische
Selbstndigkeit des Zarenreiches fand aus wirtschaftlichen und
finanziellen Grnden England gegenber ihre Grenzen. Wie viel ungnstiger
war in dieser Richtung die Stellung Deutschlands. Welche politischen,
wirtschaftlichen oder militrischen Machtmittel lagen in unserer Hand, um
etwaigen Abfallbestrebungen irgend eines unserer Bundesgenossen
entgegenzutreten? Sofern sich diese Staaten nicht durch den freien Willen
oder durch das drohende sichere Verderben an uns gekettet fhlten, hatten
wir keine Macht, sie bei uns festzuhalten. Ich stehe nicht an, diese
unbestreitbare Tatsache als eine besondere Schwche unserer gesamten Lage
hervorzuheben.

Nunmehr zu den einzelnen Verbndeten.

Die innerpolitischen Verhltnisse in sterreich-Ungarn hatten sich im
Laufe des Sommers 1916 nicht unbedenklich gestaltet. Die dortige
politische Leitung hatte wenige Wochen vor unserem Eintreffen in Ple
unserer Reichsleitung gegenber kein Hehl daraus gemacht, da die
Donaumonarchie eine weitere Belastung durch militrische und politische
Mierfolge nicht mehr vertrug. Die Enttuschung ber das Scheitern der mit
allzu lauten Verheiungen begleiteten Offensive gegen Italien war eine
tiefgehende. Der rasche Zusammenbruch des Widerstandes an der
galizisch-wolhynischen Front lie in der groen Masse des
sterreichisch-ungarischen Volkes einen mitrauischen Pessimismus
aufkommen, der in der Volksvertretung ein rckhaltloses Echo fand. Die
leitenden Kreise sterreich-Ungarns standen zweifellos unter der Wirkung
dieser Stimmung. Es war freilich nicht das erste Mal, da solche
bedenkliche Auffassungen aus deren Mitte zu uns herberklangen. Man traute
sich dort zu wenig selbst zu. Da man die eigenen Krfte nicht
zusammenzufassen wute, mitraute man deren Gre. Bei diesem Urteil
verkenne ich nicht, da die politischen Schwierigkeiten der
Doppelmonarchie unendlich viel grer waren, als diejenigen unseres
geeinten deutschen Vaterlandes. Auch die Lebensmittelfrage war eine
ernste. Besonders litten die deutsch-sterreichischen Landesteile bitter
unter der Not. Nach meiner Ansicht lag keine Veranlassung vor, der
Bndnistreue sterreich-Ungarns irgendwie zu mitrauen. Jedoch mute unter
allen Umstnden dafr gesorgt werden, da das Land von dem auf ihm
liegenden Druck baldmglichst entlastet wurde.

Anders, ich darf sagen national gefestigter, als in sterreich-Ungarn
lagen die innerpolitischen Verhltnisse in Bulgarien. Das Land fhrte mit
dem Kampfe um die staatliche Vereinigung der bulgarischen Stammesgenossen
gleichzeitig den Kampf um seine endgltige Vormachtstellung auf dem
Balkan. Die mit den Mittelmchten und der Trkei abgeschlossenen Vertrge
im Verein mit den bisherigen Kriegserfolgen schienen Bulgariens
weitgehenden Wnschen sichere Erfllung bringen zu wollen. Das Land war
freilich aus dem letzten Balkankriege stark erschpft in den neuen Krieg
eingetreten. Auerdem war es in den jetzigen Kampf bei weitem nicht mit
jener allgemeinen Begeisterung gegangen wie in denjenigen des Jahres 1912.
Diesmal war es mehr von der khlen Berechnung seiner Staatsmnner als von
nationalem Schwung gefhrt. Kein Wunder daher, wenn das Volk sich im
jetzigen Besitz der erstrebten Landesteile befriedigt fhlte und keine
starken Neigungen zu neuen Unternehmungen zeigte. Ob das Zgern mit der
Kriegserklrung an Rumnien - sie war bei meinem Eintreffen in Ple noch
nicht erfolgt - lediglich ein Ausflu dieser Stimmung war, mchte ich
freilich heute noch bezweifeln. Die Verhltnisse in der
Lebensmittelversorgung des Landes waren, am deutschen Mastabe gemessen,
gute.

Im allgemeinen glaubte ich die Hoffnung zu haben, da unser Bndnis mit
Bulgarien eine etwaige militrische Belastungsprobe vertragen wrde.

Ein nicht geringeres Vertrauen brachte ich der Trkei entgegen. Das
osmanische Reich war in den Kampf getreten ohne jegliche Bestrebungen nach
politischer Machterweiterung. Seine fhrenden Persnlichkeiten, allen
voran Enver Pascha, hatten klar erkannt, da es fr die Trkei in dem
ausgebrochenen Kampfe keine Neutralitt geben knne. Man kann sich in der
Tat nicht vorstellen, da Ruland und die Westmchte die einschrnkenden
Bestimmungen ber die Benutzung der Meerengen auf die Dauer htten
bercksichtigen knnen. Die Aufnahme des Kampfes bedeutete fr die Trkei
eine Frage des Seins oder Nichtseins, ausgesprochener fast wie fr uns
andere. Unsere Gegner taten uns einen Gefallen damit, dies von Anfang an
laut und deutlich zu verknden.

Die Trkei hatte bei diesem Kampfe bisher eine Strke entwickelt, die alle
in Erstaunen setzte. Ihre aktive Kriegfhrung berraschte Freunde wie
Feinde; sie fesselte starke gegnerische Krfte auf allen asiatischen
Kriegsschaupltzen. Man hat in Deutschland spterhin oftmals den Vorwurf
gegen die Oberste Heeresleitung erhoben, da sie zur Strkung der
Kampfkraft der Trkei ihre eigenen Mittel zersplittert htte. Man
beachtete aber bei diesem Urteil nicht, wie wir durch eben jene
Untersttzungen den Bundesgenossen andauernd befhigten, mehrere
100.000 Mann bester gegnerischer Kampftruppen von unseren
mitteleuropischen Kriegsschaupltzen fernzuhalten.



                    Die deutsche Oberste Kriegsleitung


Die Erfahrungen des Frhjahrs und Sommers 1916 hatten die Notwendigkeit
ergeben, eine fhrende und voll verantwortliche Befehlsstelle fr uns und
unsere verbndeten Heere einzurichten. Im Benehmen mit den regierenden
Staatshuptern wurde eine Oberste Kriegsleitung geschaffen. Sie wurde
Seiner Majestt dem Deutschen Kaiser bertragen. Der Chef des
Generalstabes des deutschen Feldheeres erhielt das Recht "im Auftrage
dieser Obersten Kriegsleitung" Anweisungen herauszugeben und
Vereinbarungen mit den verbndeten Heereschefs zu treffen.

Bei dem groen Entgegenkommen und der verstndnisvollen Mitarbeit der mir
im brigen gleichgestellten Chefs der verbndeten Heere konnte ich die
Anwendung meiner neuen Rechte auf einzelne besonders wichtige kriegerische
Entscheidungen beschrnken. Die Behandlung gemeinsamer politischer und
wirtschaftlicher Fragen fiel nicht in den Bereich dieser Obersten
Kriegsleitung.

Meine Aufgabe bestand sonach im wesentlichen darin, den Verbndeten die
leitenden Gesichtspunkte fr die gesamte Kriegsfhrung zu geben und ihre
Krfte und Ttigkeit zur Erreichung des gemeinsamen Zieles
zusammenzufassen. Unser aller Interessen wrde es entsprochen haben, wenn
die Oberste Kriegsleitung unter Zurckstellung der einzelnen
Sonderinteressen, ja selbst unter Preisgabe einzelner fr die Entscheidung
nebenschlicher Rcksichten, einen durchschlagenden Erfolg auf einem der
Hauptkriegsschaupltze htte erzwingen knnen. Im unabnderlichen Wesen
des Koalitionskrieges lag es aber, da unserer Obersten Kriegsleitung
durch Rcksichten aller mglichen Art hierin oft Schwierigkeiten bereitet
wurden.

Es ist bekannt, da Deutschland in diesem Krieg seinen Bundesgenossen
gegenber in weit hherem Mae der gebende als der empfangende Teil war.
Mit dieser Feststellung soll und kann freilich nicht die Auffassung
vertreten werden, als ob Deutschland diesen ungeheuren Kampf ohne
Bundesgenossen htte durchfhren knnen. Auch liegt in der vielfach
ausgesprochenen Ansicht, Deutschland habe sich nur auf krppelhafte
Verbndete gesttzt, eine arge Verkennung der Wirklichkeit und eine
einseitige bertreibung. Man bersieht dabei, da auch unsere Verbndeten
vielerorts starke feindliche berlegenheiten auf sich gezogen hatten.

Wenn ich jetzt den Blick auf das Vergangene zurckwende, so habe ich den
Eindruck, da nicht in groen Operationen, sondern in dem Ausgleich
verschiedengerichteter Interessen der einzelnen Bundesgenossen der
schwierigste Teil unserer Aufgaben vom Standpunkt der Obersten
Kriegsleitung lag. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob sich in den
meisten Fllen politische Verhltnisse dringender geltend machten, als
militrische Grnde. Eine ganz besondere Erschwerung lag fr unsere Plne
und Entscheidungen in den verschiedenen Werten der verbndeten Heere. Wir
muten nach bernahme der Obersten Heeresleitung erst allmhlich lernen,
was wir von den Waffen unserer Verbndeten erwarten und verlangen konnten.

Die sterreichisch-ungarische Wehrmacht hatte ich zum erstenmal bei dem
Feldzug in Polen in unmittelbarem Zusammenwirken mit unseren Truppen
kennen gelernt. Sie entsprach schon damals den Anforderungen, die wir an
unsere eigenen Krfte zu stellen gewohnt waren, nicht mehr vollstndig.
Der Hauptgrund fr den Rckgang des Durchschnittswertes der k. u. k.
Truppenteile lag unbestrittenermaen in der auerordentlichen
Erschtterung, die das Heer bei seiner, wie ich mich schon ausdrckte,
berkhnen, rein frontalen Operation bei Kriegsbeginn in Galizien und
Polen erlitten hatte. Man hat nachtrglich behauptet, da die
sterreichisch-ungarische Offensive damals das Ergebnis hatte, den Ansturm
der russischen Heeresmassen zu brechen. Vielleicht htte sich aber dieses
auf weniger gewagtem Wege und mit erheblich geringeren Opfern erreichen
lassen. Jedenfalls erholte sich das russische Heer nach den damals
erlittenen Verlusten wieder, das sterreichisch-ungarische aber nicht
mehr, ja es schlug der khne Unternehmungsgeist sterreich-Ungarns in eine
dauernde berempfindlichkeit gegenber den russischen Massen um. Allen
Anstrengungen der sterreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung, die
erlittenen schweren Schden zu beheben, stellten sich unberwindliche
Schwierigkeiten entgegen. Diesen im einzelnen nachzugehen, glaube ich mir
versagen zu knnen. Ich mchte nur die Frage aufwerfen: Wie htte es
Menschenkrften gelingen knnen, einen neuen erhebenden Antrieb
einheitlichen, nationalen Kampfwillens in das Vlkergemisch der
Doppelmonarchie hineinzubringen, nachdem die erste Blte des Willens, der
Begeisterung und des Selbstvertrauens geknickt war? Wie sollte besonders
das Offizierkorps, das bei dem ersten Vorstrmen so schwer gelitten hatte,
einigermaen wieder auf die alte Hhe gebracht werden? Vergessen wir
nicht, da sterreich-Ungarn keineswegs ber die geistigen Krfte
verfgte, aus denen Deutschland so oft und lange zu schpfen vermochte.

Ein Irrtum lag in der Annahme, da die sterreichisch-ungarische Armee in
ihrer Gesamtheit von dem andauernden Rckgang des Wertes ihrer Truppen
berall gleichmig betroffen wurde. Die Donaumonarchie verfgte bis
zuletzt ber hochwertige Verbnde. Ein starker Hang zu einem
ungerechtfertigten Pessimismus in kritischen Lagen zeigte sich freilich an
vielen Stellen. Besonders war auch die hhere sterreichisch-ungarische
Truppenfhrung hiervon nicht unberhrt. Nur so konnte es kommen, da
selbst nach hervorragenden Angriffsleistungen der Gefechtswille unseres
Bundesgenossen ganz berraschend zusammenbrach, ja sich geradezu ins
Gegenteil verkehrte.

Durch die berhrten Erscheinungen wurde natrlicherweise ein Element
groer Unsicherheit in die Berechnungen unserer Obersten Kriegsleitung
hineingebracht. Wir waren nie sicher, ob uns nicht berraschendes
Nachgeben verbndeter Heeresteile unerwartet vor ganz vernderte Lagen
stellen und dadurch unsere Plne umwerfen wrde. Schwchemomente treten in
den Truppenteilen jeden Heeres auf. Sie liegen in der menschlichen Natur
begrndet. Die Fhrung mu damit rechnen, wie mit einem gegebenen Faktor,
dessen Gre aber nicht festzustellen ist. Durch eine vollwertige Truppe
werden jedoch solche Momente meist rasch berwunden, oder es bleibt selbst
im grten Zusammenbruch wenigstens noch ein Kern von Schlagkraft und
Widerstandswille brig. Wehe aber, wenn auch dieser letzte Kern vllig
verbrennt. Das Unheil fllt dann verheerend nicht nur auf die betroffene
Truppe sondern auch auf die anschlieenden oder eingestreuten zheren
Verbnde; sie werden von der Katastrophe in Flanke und Rcken gefat und
erleiden vielfach ein schlimmeres Schicksal, als die weniger Standhaften.
Das war so oft das traurige Ende unserer in sterreichisch-ungarische
Fronten eingebauten Sttzen. War es ein Wunder, da hierdurch die Stimmung
unserer Truppen gegenber den sterreichisch-ungarischen Waffengefhrten
nicht immer vertrauensvoll und gnstig war?

Im groen und ganzen drfen wir aber die Leistungen sterreichs-Ungarns in
diesem gewaltigen Kampfe nicht unterschtzen und bitteren Gefhlen
nachhngen, die manchmal unter dem Eindruck enttuschter Erwartungen
entstanden sind. Die Donaumonarchie blieb uns ein getreuer Waffengenosse.
Wir haben stolze Zeiten gemeinsam durchlebt und sollten uns hten, im
gemeinsamen Unglck uns innerlich zu trennen.

Einen anderen inneren Aufbau als das sterreichisch-ungarische Heer hatte
das bulgarische. Es war national in sich vllig geschlossen. Die
bulgarische Armee hatte im groen Kriege bis zum Herbste 1916
verhltnismig wenig gelitten. Bei der Beurteilung ihres Wertes drfte
aber nicht vergessen werden, da sie erst vor kurzem einen anderen
mrderischen Krieg berstanden hatte, in dem der grte Teil der Blte des
Offizierskorps, ja der gesamten Intelligenz des Landes zugrunde gegangen
war. Ihr Wiedererstarken war in Bulgarien zum mindesten ebenso schwierig
wie in sterreich-Ungarn. Die verhltnismig noch primitiven Zustnde des
Balkanlandes erschwerten auerdem dem Heere Einfhrung und Gebrauch
mancher fr den modernen Krieg unbedingt notwendiger Kampf- und
Verkehrsmittel. Dies machte sich um so mehr fhlbar, als auch an der
mazedonischen Front vollwertige franzsische und englische Truppenteile
uns gegenberstanden. Schon aus diesem Grunde konnte nichts berraschendes
darin gefunden werden, da wir Bulgarien nicht nur mit materiellen
Mitteln, sondern auch mit personellen Krften untersttzen muten.

Wieder anders als in der sterreichisch-ungarischen und der bulgarischen
Armee lagen die Verhltnisse in der trkischen. Unsere deutsche
Militrmission hatte vor dem Kriege kaum Zeit gehabt, zu wirken,
geschweige denn eine durchgreifende Besserung in den zerrtteten
Verhltnissen des trkischen Heeres zu erreichen. Trotzdem war es
gelungen, eine groe Anzahl trkischer Verbnde mobil zu machen. Die Armee
hatte aber an den Dardanellen und bei ihren ersten Angriffsoperationen in
Armenien auerordentlich schwer gelitten. Dessen ungeachtet schien ihre
Leistungsfhigkeit fr die ihr von der Obersten Kriegsleitung zunchst
gestellte Aufgabe: Verteidigung des trkischen Landbesitzes, ausreichend.
Ja, es war sogar mglich, starke Teile des osmanischen Heeres allmhlich
auf europischem Boden zu verwenden. Unsere militrische Untersttzung der
Trkei beschrnkte sich im wesentlichen auf die Lieferung von Kampfmitteln
und auf die Gestellung von zahlreichen Offizieren. Die fr die asiatischen
Kriegsschaupltze bis zum Herbste 1916 abgegebenen deutschen Formationen
wurden von uns mit Zustimmung der trkischen Obersten Heeresleitung nach
und nach zurckgezogen, je nachdem die Trkei imstande war, das Material
dieser Formationen selbst zu bernehmen und zu bedienen.

Unsere Materiallieferungen gingen bis zu den Senussen an der Nordkste
Afrikas, denen wir mit Hilfe unserer Unterseeboote hauptschlich Gewehre
und Schiebedarf lieferten. Waren diese Sendungen auch klein, so wirkten
sie doch auerordentlich erhebend auf den kriegerischen Geist der
mohammedanischen Stmme. Die praktischen Ergebnisse ihres Kampfes fr
unsere Kriegfhrung lassen sich bis jetzt noch nicht berblicken;
vielleicht waren sie grer, als wir es damals ahnen konnten.

Selbst ber die Nordkste Afrikas hinaus versuchten wir unseren
Waffengenossen Untersttzung zu bringen. So traten wir unter anderm dem
von Enver Pascha im Jahre 1917 angeregten Gedanken nher, den Stmmen im
Yemen, die ihrem Padischah in Konstantinopel treu geblieben waren,
finanzielle Hilfe zu schicken. Da uns der Weg dorthin zu Lande durch
aufrhrerische Nomadenstmme der arabischen Wste versperrt war, und die
Ksten des Roten Meeres fr unsere Unterseeboote wegen ihres nicht
gengenden Aktionsradius unerreichbar waren, so wre uns nur der Luftweg
brig geblieben. Zu meinem grten Bedauern verfgten wir aber damals noch
nicht ber ein Luftschiff, das die meteorologischen Schwierigkeiten einer
Fahrt ber die groe Wste mit Sicherheit htte berwinden knnen. Die
Durchfhrung des Planes mute also unterbleiben.

In diesem Zusammenhang darf ich vorgreifend erwhnen, da ich 1917 den
Versuch, unserer Schutztruppe in Ostafrika auf dem Luftwege Waffen und
Medikamente zuzufhren, mit dem regsten Interesse verfolgte. Das
Zeppelinschiff mute bekanntlich ber dem Sudan umkehren, da unsere
Schutztruppe in der Zwischenzeit weiter nach Sden gerckt war und ihre
Operationen nach Portugiesisch-Ostafrika verlegt hatte. Mit welch stolzen
Gefhlen ich whrend des Krieges die Taten und fast bermenschlichen
Leistungen dieser prchtigen Truppe in Gedanken begleitete, bedarf keiner
nheren Ausfhrung. Sie hat auf afrikanischem Boden ein unvergngliches
Denkmal deutschen Heldentums errichtet.

Rckblickend auf die Leistungen unserer Bundesgenossen mu ich anerkennen,
da sie die ihnen eigenen Krfte in dem gemeinsamen Dienst unserer groen
Sache so weit anspannten, als die Eigenart ihrer staatlichen,
wirtschaftlichen, militrischen und ethischen Mittel ihnen das
ermglichte. Das Ideal erreichte freilich keiner, und wenn wir vor allen
anderen diesem Ideal uns am meisten nherten, so war das nur mglich,
infolge der gewaltigen, uns selbst anfangs gar nicht vollbewuten inneren
Krfte, die wir im Laufe der letzten Jahrzehnte unserer Geschichte
angesammelt hatten, Krfte, die in allen Schichten des Vaterlandes
vorhanden waren, hier nicht schlummerten sondern lebendig waren und in
bestndiger Regung sich weiter strkten. Nur wenn ein Staat in sich gesund
ist und unverdorbene Lebenskrfte ihn so stark durchfluten, da die
ungesunden im entscheidenden Augenblick mit fortgerissen werden, nur dann
sind solche Leistungen denkbar, wie wir sie vollbrachten, und zwar
vollbrachten weit ber die Verpflichtungen hinaus, vor die unsere
Bndnisse uns stellten.

Da dem so sein konnte, dafr gebhrt der Dank geschichtlich nachweisbar
vornehmlich den Hohenzollern und unter diesen in der letzten Zeitepoche
deutscher Gre unserem Kaiser Wilhelm II. Getreu den berlieferungen
seines Hauses erblickte dieser Herrscher in dem Heere die beste Schule des
Volkes und arbeitete unermdlich an dessen Fortentwickelung. So stand denn
Deutschlands Heeresmacht als die erste der Welt da: vor dem Kriege der
achtunggebietende Schutz friedlicher Arbeit, whrend des Krieges der Kern
aller Kraftuerung.



                                   Ple


Das oberschlesische Stdtchen Ple war von der deutschen Obersten
Heeresleitung schon in frheren Zeitabschnitten des Krieges als
vorbergehender Sitz des Groen Hauptquartiers gewhlt worden. Der Grund
dieser Wahl lag in der Nhe des Aufenthaltes des k. u. k.
Armee-Oberkommandos in der sterreichisch-schlesischen Stadt Teschen. Der
Vorteil, der sich aus der Mglichkeit rascher und persnlicher Aussprache
zwischen den beiden Hauptquartieren ergab, war auch jetzt magebend fr
den weiteren Beibehalt dieses Hauptquartiers.

Das deutsche Groe Hauptquartier bildete natrlicherweise den Treffpunkt
deutscher und verbndeter Frstlichkeiten, die mit meinem Kaiserlichen
Herrn ber politische und militrische Fragen unmittelbare Rcksprache
nehmen wollten. Zu den ersten Monarchen, denen ich dort nher zu treten
die Ehre hatte, zhlte Zar Ferdinand von Bulgarien. Er machte auf mich den
Eindruck eines hervorragenden Diplomaten. Sein politischer Blick ging weit
ber die Grenzen des Balkans hinaus. Mit Meisterschaft verstand er es
dabei, in den groen entscheidenden Fragen der Weltpolitik die Stellung
seines Landes wirkungsvoll zu beleuchten und in den Vordergrund zu rcken.
Die Zukunft Bulgariens sollte sich, wie er meinte, in diesem Kriege durch
die endgltige Beseitigung des russischen Einflusses und die endliche
Vereinigung aller bulgarischen Stammesangehrigen unter einheitlicher
Fhrung entscheiden. Andere Ziele seiner Politik hat der Zar mir gegenber
niemals zur Sprache gebracht. Einen besonderen Eindruck machte mir die
Art, wie der Beherrscher der Bulgaren die politische Erziehung seines
ltesten Sohnes leitete. Kronprinz Boris war gewissermaen der
Privatsekretr seines kniglichen Vaters und schien mir in die geheimsten
politischen Gedankengnge des Zaren eingeweiht zu sein. Der hochbegabte
Prinz mit seiner vornehmen Denkungsart spielte die ihm anvertraute
wichtige Rolle in taktvollster Weise mit bescheidener Zurckhaltung. Das
vterliche Regiment war dabei anscheinend ein ziemlich scharfes.

Die Auenpolitik seines Staates fhrte der Zar im wesentlichen ganz
allein. Inwiefern er auch die schwierigen innerpolitischen Verhltnisse
seines Landes unbedingt beherrschte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich
glaube aber, da er es verstand, mitten in der oftmals einreienden
parlamentarischen Anarchie Bulgariens seinen Willen, und sei es manchmal
auch mit autokratischen Mitteln, geltend zu machen. Seine Aufgabe war in
dieser Beziehung zweifellos eine schwere. Die Bulgaren waren, wie alle
Balkanvlker, aus der Knechtschaft in die volle staatliche Freiheit
hineingesprungen. Die Schulung und die harte Arbeit des bergangs von
einem Zustand zum anderen fehlte ihnen daher. Ich frchte, da diese oft
so vortrefflich beanlagten Vlkerschaften noch viele Jahrzehnte unter den
Folgen des Mangels jener erzieherischen Zwischenzeit leiden werden.

Der bulgarische Knig war zurzeit jedenfalls einer der bedeutendsten
Herrscher. Uns gegenber bewhrte er sich als treuer Bundesgenosse.

Whrend unseres Aufenthaltes in Ple starb Kaiser Franz Joseph. Sein
Heimgang war fr das Donaureich und uns ein Verlust, der in seiner ganzen
Gre wohl erst spter voll gewrdigt werden kann. Es unterlag keinem
Zweifel, da mit seinem Tode fr die Vlkervielheit der Doppelmonarchie
der ideelle Vereinigungspunkt verloren ging. Sank doch mit dem
ehrwrdigen, greisen Kaiser ein groer Teil des nationalen Gewissens des
verschiedenstmmigen Reiches fr immer ins Grab.

Die Schwierigkeiten, denen der junge Kaiser gegenbergestellt war, lassen
sich in ihrer Gre und Mannigfaltigkeit mit denjenigen eines
Thronwechsels in stammeseinheitlichen Reichen nicht in Vergleich ziehen.
Der neue Herrscher versuchte den Wegfall der ethisch bindenden Macht, der
durch das Ableben Kaiser Franz Josephs eingetreten war, durch vlkisch
vershnende Schritte zu ersetzen. Selbst staatszersetzenden Elementen
gegenber glaubte er an die moralische Wirkung politischer Gnadenbeweise.
Das Mittel versagte vllig; diese Elemente hatten ihren Pakt mit unseren
gemeinsamen Feinden lngst geschlossen und waren weit entfernt, ihn
freiwillig wieder zu kndigen.

Bei den vielfachen regen persnlichen Beziehungen, die mir der Aufenthalt
in Ple mit dem damaligen Generaloberst Conrad von Htzendorf brachte,
besttigte sich mir der Eindruck, den ich schon frher von ihm als Soldat
und Fhrer erhalten hatte. General von Conrad war eine hochbegabte
Persnlichkeit, ein glhender sterreichischer Patriot und ein
warmherziger Anhnger unserer gemeinsamen Sache. Gegen politische
Einflsse, die ihn aus dieser Richtung bringen wollten, war er zweifellos
aus tiefster berzeugung ablehnend. Der Generaloberst war in seinem
operativen Denken sehr grozgig; er verstand es, die Kernpunkte unserer
gemeinsamen, groen Fragen aus dem Wuste der weniger entscheidenden
Nebendinge herauszuschlen. Er war ein besonders vortrefflicher Kenner der
Verhltnisse des Balkans und Italiens.

Die bedeutenden Schwierigkeiten, die einem nationalen Einheitsgeist der
sterreichisch-ungarischen Armee entgegenstanden und die sich hieraus
ergebenden Mngel waren dem Generaloberst wohlbekannt. Trotzdem
berschtzte er bei seinen hohen Plnen hier und da die mglichen
Leistungen des ihm anvertrauten Heeres.

Auch die militrischen Fhrer der Trkei und Bulgariens lernte ich im
Laufe des Herbstes und Winters in Ple persnlich kennen.

Enver Pascha zeigte mir gegenber einen ungewhnlich weiten und freien
Blick fr das Wesen der Fhrung des gegenwrtigen Krieges und seiner
Durchfhrung. Die Hingabe dieses Osmanen an unsere gemeinsame, groe und
schwere Sache war eine unbedingte. Ich werde nie den Eindruck vergessen,
den ich bei unserer ersten Besprechung Anfang September 1916 von dem
trkischen Vizegeneralissimus erhielt. Er schilderte uns damals auf meine
Bitte hin die militrische Lage in der Trkei. Mit einer bemerkenswerten
Klarheit, Bestimmtheit und Offenheit gab er uns hiervon ein erschpfendes
Bild, und, sich an mich wendend, schlo er mit den Worten: "Die Lage der
Trkei in Asien ist zum Teil sehr schwierig. Wir mssen befrchten, in
Armenien noch weiter zurckgeworfen zu werden. Es ist auch nicht
ausgeschlossen, da die Kmpfe im Irak sich bald wieder erneuern. Auch
glaube ich, da der Englnder in kurzer Zeit imstande sein wird, uns in
Syrien mit bermacht anzugreifen. Aber was auch in Asien geschehen mag,
die Entscheidung des Krieges liegt auf europischem Boden, und hierfr
stelle ich alle meine jetzt noch freien Divisionen zur Verfgung."
Sachlicher und selbstloser hat wohl noch nie ein Bundesgenosse zu einem
anderen gesprochen. Und es blieb nicht lediglich bei Worten.

Bei aller hohen Auffassung vom Kriege im allgemeinen entbehrte Enver
Pascha aber doch einer grndlichen militrischen, ich mchte sagen,
Generalstabsschulung. Ein Nachteil, der augenscheinlich bei allen
trkischen Fhrern wie auch in ihren Stben zu finden war. Es machte den
Eindruck, als wenn bei den Orientalen in dieser Beziehung ein von der
Natur gegebener Mangel vorlge. Die trkische Armee schien nur ganz wenige
Offiziere zu besitzen, die imstande waren bei der Verwirklichung richtig
gedachter Operationen die technischen, inneren Aufgaben der Fhrung zu
beherrschen. Es fehlte das Gefhl fr die Notwendigkeit, da sich der
Generalstab inmitten der Durchfhrung groer Gedanken auch mit dem Kleinen
beschftigen mu. So kam es, da der orientalische Gedankenreichtum durch
den mangelnden militrischen Wirklichkeitssinn oftmals unfruchtbar gemacht
wurde.

Eine wesentlich andere Natur wie der ideenreiche Osmane war unser
bulgarischer Kampfgenosse, General Jekoff, ein Mann von nchterner
Beobachtungsgabe, groen Gedanken nicht fremd, aber doch in erster Linie
auf den Gesichtskreis des Balkans sich beschrnkend. Inwieweit er in
letzterer Beziehung unter dem Banne seiner Regierung stand, vermag ich
nicht einwandfrei zu beurteilen. Er war jedenfalls ein warmer Anhnger der
auenpolitischen Richtung der bulgarischen Staatsleitung. Mit ihrem
innerpolitischen Gebaren hatte seine Auffassung wohl nichts gemein.

General Jekoff liebte seine Soldaten und ward von ihnen geliebt. Sein
Vertrauen zu ihnen, auch in politischer Beziehung, war ein sehr
weitgehendes. Bemerkenswert in dieser Richtung war eine seiner uerungen,
als Zweifel darber auftauchten, ob der bulgarische Soldat sich nicht etwa
weigern wrde, gegen den Russen zu kmpfen: "Wenn ich meinen Bulgaren
sage, sie sollen kmpfen, dann werden sie es tun, gegen wen es auch sei!"
Im brigen waren dem General einzelne im Volkscharakter liegende Schwchen
seiner Soldaten nicht unbekannt. Ich werde hierauf spter noch
zurckkommen.

Auer mit den leitenden militrischen Persnlichkeiten trat ich in Ple
auch mit den politischen Fhrern unserer Bundesgenossen in persnliche
Fhlung. Ich mchte an dieser Stelle nur vom osmanischen Growesir Talaat
Pascha und dem bulgarischen Ministerprsidenten Radoslawow sprechen.

Talaat Pascha machte den Eindruck eines genialen Staatsmannes. Er war sich
ber die Gre der Aufgabe wie ber die Mngel seines Staatswesens nicht
im Zweifel. Wenn es ihm nicht gelang, die Selbstsucht und die nationale
Trgheit, die auf seinem Vaterlande lastete, auszurotten, so lag das
lediglich an der Gre der dabei zu berwindenden Schwierigkeiten. Es
konnte eben nicht in Monaten gebessert werden, was in Jahrhunderten
versumt war, was Vermischung von Volksrassen und innere, moralische
Erschpfung weiter Kreise des Staates lngst vor dem Kriege verdorben
hatten. Er selbst trat mit reinen Hnden an die Spitze seines Staates und
blieb mit reinen Hnden dort. Talaat war ein vollwertiger Vertreter des
alten, ritterlichen Trkentums. Politisch unbedingt zuverlssig, so
begegnete er mir zum ersten Male 1916, so verabschiedete er sich von uns
im Herbste 1918.

Die Schwchen der trkischen Staats- und Kriegsleitung lagen in ihrer
groen Abhngigkeit von den inneren Verhltnissen. Politische und
wirtschaftlich selbstschtige Persnlichkeiten der sogenannten
Komiteeregierung mischten sich in die kriegerische Fhrung und banden
dieser in vielen Fllen die Hnde, so da sie auerstande war, richtig
erkannte Mistnde mit an sich vorhandenen Mitteln zu bessern. Zwar taten
einzelne hervorragende Mnner alles, was in ihren Krften stand. Aber die
staatliche Gewalt durchdrang nicht mehr das Reich. Das Herz des Landes,
Konstantinopel, pulsierte zu schwach und trieb keine gesunden,
erfrischenden und staatsfrdernden Sfte in die entfernten Provinzen. Neue
Gedanken waren freilich whrend des Krieges entstanden und wuchsen mit den
kriegerischen Lorbeeren der Siege an den Dardanellen und am Tigris in echt
orientalischer ppigkeit. Man begann, an die religise und politische
Vereinigung des gesamten Islams zu denken. Man erbaute sich, trotz der
sichtbaren Mierfolge bei Verkndung des Heiligen Krieges, an dem
Auftreten mohammedanischer Glaubenskmpfer, wie zum Beispiel im nrdlichen
Afrika. Der Gang der Ereignisse sollte indessen beweisen, da diese
Erscheinung religisen Fanatismus nur rtlichen Sonderheiten entsprang,
und da Hoffnung auf deren bertragung in die weiten Gebiete des inneren
Asiens eine Tuschung war, ja noch mehr als das: eine verhngnisvolle
militrische Gefahr.

Der Bulgare Radoslawow war in seinem politischen Denken mehr an die
Scholle gebunden, als der grozgige osmanische Staatsmann Talaat Pascha.
Ich wage zu bezweifeln, ob Radoslawow die Khnheit des Schrittes, der
Bulgarien 1915 an unsere Seite fhrte, in seiner ganzen Gre - ich darf
vielleicht sagen, in der von seinem Zaren ganz durchdachten Gre -
wirklich voll in sich aufgenommen hatte. Unbedingt zuverlssig war
Radoslawow in seiner Auenpolitik fr uns jederzeit.

Das bulgarische innerpolitische Parteigetriebe hatte in seiner wilden
Erregtheit whrend des groen Krieges nicht nachgelassen und war auch in
der Armee stark verbreitet. Nicht nur russophile Ideen trieben hier
spaltende Keile ein, auch der Kampf zwischen innerpolitischen
Parteigruppen bertrug sich auf die Truppen und deren Fhrer. An dieser
Tatsache war Radoslawow nicht unschuldig.




                      Leben im Groen Hauptquartier


Ermuntert durch das Interesse, das von vielen Seiten an meinem
persnlichen Leben whrend des groen Krieges genommen wurde, mchte ich
an dieser Stelle die Beschreibung eines regelmigen Tagesverlaufes in
unserem Hauptquartier einschieben. Ich bitte alle diejenigen, die an
solcher Kleinmalerei inmitten gewaltigster Weltereignisse wenig Gefallen
haben, die nchstfolgenden Seiten zu berschlagen. Ihre Kenntnis ist zum
Verstndnis der groen Zeit nicht notwendig.

Whrend des Bewegungskrieges in Ostpreuen und Polen im Herbst 1914 war an
einen nach Stunden geregelten Dienstbetrieb innerhalb unseres Armeestabes
nicht zu denken gewesen. Erst mit der Verlegung unseres Quartiers nach
Posen im November 1914 begann eine grere Regelmigkeit in unserem
dienstlichen und, wenn man im Kriege davon sprechen kann, auch
auerdienstlichen Leben. Spterhin war der lngere stndige Aufenthalt in
Ltzen besonders geeignet zur Einfhrung eines streng geregelten Ganges
unserer Arbeit.

Meine Berufung als Chef des Generalstabes des Feldheeres nderte im
wesentlichen nichts an unserem eingelebten und bewhrten Geschftsgang,
wenn auch von jetzt ab ein in mancher Beziehung grozgigeres und
belebteres Treiben fr uns einsetzte.

Die gewhnliche Tagesbeschftigung begann fr mich damit, da ich mich
etwa gegen 9 Uhr vormittags, das heit, nachdem die Morgenmeldungen
eingetroffen waren, zu General Ludendorff begab, um mit ihm die nderungen
der Lage und etwa zu treffende Anordnungen zu besprechen. Meist handelte
es sich dabei nicht um lange Aussprachen. Wir lebten beide ununterbrochen
in der Kriegslage und kannten gegenseitig unsere Gedanken. Die Entschlsse
fielen daher meistens auf Grund etlicher weniger Stze, ja manchmal
gengten einige Worte, um das gegenseitige Einverstndnis festzulegen, das
dem General als Grundlage fr die weiteren Ausarbeitungen diente.

Nach dieser Besprechung machte ich mir eine etwa einstndige Bewegung im
Freien, begleitet von meinem Adjutanten. Zur Teilnahme an meinen
morgendlichen Spaziergngen forderte ich gelegentlich auch Gste des
Groen Hauptquartiers auf, nahm hierbei ihre Schmerzen wie ihre Anregungen
entgegen und luterte manche sorgende Seele, bevor sie sich auf meinen
Ersten Generalquartiermeister strzte, um sich bei diesem mehr ins
einzelne gehende Wnsche, Hoffnungen und Vorschlge vom Herzen zu reden.

Nach meiner Rckkehr in das Dienstgebude erfolgten weitere Besprechungen
mit General Ludendorff und dann unmittelbare Vortrge meiner
Abteilungschefs in meinem Arbeitszimmer.

Neben dieser dienstlichen Ttigkeit bewegte sich die Erledigung der an
mich eingetroffenen persnlichen Briefe. Die Zahl der Menschen, die mir
ber alle nur erdenklichen Angelegenheiten schriftlich ihr Herz
ausschtten oder ihre Gedanken offenbaren zu mssen glaubten, war nicht
gering. Fr mich war es vllig ausgeschlossen, alles selbst zu lesen. Ich
bedurfte hierfr die besondere Arbeitskraft eines Offiziers. In dieser
Korrespondenz spielte Poesie wie Prosa eine Rolle. Begeisterung und ihr
Gegenteil zeigte sich in allen mglichen Abstufungen. Es war oft sehr
schwer, einen Zusammenhang zwischen den mir vorgetragenen Anliegen und
meiner dienstlichen Stellung zu konstruieren. Um nur zwei von den
hundertfachen Beispielen herauszugreifen, so wurde es mir nie klar, was
ich als Chef des Generalstabes des Feldheeres mit der an sich ja dringend
notwendigen Mllabfuhr einer Provinzialstadt oder mit dem verloren
gegangenen Taufschein einer deutschen Chilenin zu tun haben sollte.
Trotzdem wurde in beiden Fllen meine Hilfe beansprucht. Zweifellos lag ja
in derartigen brieflichen Anliegen ein rhrendes, wenn auch manchmal etwas
naives Vertrauen auf meinen persnlichen Einflu. Wo ich Zeit und
Gelegenheit hatte, half ich gern, wenigstens mit meiner Unterschrift.
Weitergehende Eigenleistungen glaubte ich mir freilich meist versagen zu
mssen.

Um die Mittagsstunde war ich regelmig zum Vortrag bei Seiner Majestt
dem Kaiser befohlen. Hierbei entwarf General Ludendorff das Bild der Lage.
Bei wichtigeren Entschlssen bernahm ich selbst den Vortrag und erbat,
sofern solches notwendig war, die kaiserliche Genehmigung unserer Plne.
Das hohe Vertrauen des Kaisers entband uns in allen nicht grundstzlichen
Fragen von einer besonderen Allerhchsten Zustimmung. Seine Majestt
begngte sich brigens auch bei Vorschlgen ber neue Operationen
allermeist mit der Entgegennahme meiner Begrndungen. Ich erinnere mich
keines Gegensatzes, der nicht schon whrend des Vortrags durch meinen
Kriegsherrn ausgeglichen wurde. Das ausgezeichnete Gedchtnis des Kaisers
fr Kriegslagen untersttzte uns bei diesen Vortrgen in hohem Mae. Seine
Majestt studierte nicht nur die Karten mit grter Genauigkeit, sondern
nahm auch persnliche Einzeichnungen vor. Die Zeit des mittglichen
Vortrages vor dem Kaiser wurde vielfach auch zu Besprechungen mit
Vertretern der Reichsleitung ausgenutzt.

Nach Beendigung des Kaiservortrages vereinigte der Mittagstisch die
Offiziere meines engeren Stabes um mich. Die Essenszeit wurde auf das
unbedingt ntige Ma beschrnkt. Ich hielt darauf, da meine Offiziere
Zeit gewannen, sich nachher etwas zu ruhen oder sonstwie in ihrer
Ttigkeit auszuspannen. Zu meinem wiederholten persnlichen Bedauern
konnte ich von dieser Krzung der Essenszeit auch dann nicht absehen, wenn
wir Gste bei uns zu Tische hatten. Die Rcksicht auf die Erhaltung der
Arbeitskraft meiner Mitarbeiter mute ich geselligen Formen voranstellen.
War doch eine 16stndige Arbeitszeit fr die Mehrzahl dieser Offiziere
eine tagtgliche Forderung. Und dies im Gange eines mehrjhrigen Krieges!
Wir waren eben gentigt, bei der Obersten Heeresleitung wie im
Schtzengraben unser Menschenmaterial bis zur uersten Grenze der
Leistungsfhigkeit auszunutzen.

Der Nachmittag verlief fr mich hnlich dem Vormittage. Die lngste
Abspannung brachte fr alle der um 8 Uhr beginnende Abendtisch. Ihm schlo
sich ein gruppenweises Zusammensitzen in Nebenrumen an, fr dessen
Beendigung General Ludendorff pnktlich um 9 Uhr abends das Zeichen gab.
Die Unterhaltung in unserem Kreise war meist sehr lebhaft. Sie bewegte
sich in zwangloser Form und offenster Aussprache ber alle uns unmittelbar
berhrenden und allgemein interessierenden Gebiete und Begebenheiten. Auch
der Frohsinn kam zu seinem Recht. Diesen zu untersttzen, hielt ich fr
eine Pflicht gegenber meinen Mitarbeitern. Ich freute mich der
Wahrnehmung, da unsere Gste vielfach einerseits von der zuversichtlichen
Ruhe, andererseits von der Ungezwungenheit unseres Verkehrs sichtlich
berrascht waren.

Nach dem Schlu unseres abendlichen Zusammenseins begaben wir uns
gemeinsam in das Dienstgebude. Dort waren inzwischen die abschlieenden
Tagesmeldungen eingetroffen und die Lagen auf den verschiedenen Fronten
zeichnerisch festgelegt. Die Erluterungen gab ein jngerer
Generalstabsoffizier. Von den Ereignissen auf den Kriegsschaupltzen hing
es ab, ob ich mich mit General Ludendorff auch jetzt noch einmal
eingehender besprechen mute, oder ob ich ihn nicht mehr lnger in
Anspruch zu nehmen brauchte. Fr die Offiziere meines engeren Stabes
begann nunmehr die Arbeit aufs neue. Vielfach waren ja jetzt erst die
abschlieenden Anhaltspunkte zur Abfassung und Hinausgabe endgltiger
Anordnungen gegeben, oder es trafen erst von jetzt ab die zahllosen
Anforderungen, Anregungen und Vorschlge der Armeen und sonstigen Stellen
ein. Die Tagesbeschftigung endete daher nie vor Mitternacht. Die Vortrge
der Abteilungschefs bei General Ludendorff dauerten nahezu regelmig bis
in die ersten Stunden des neuen Tages. Es bedurfte schon ganz besonders
ruhiger Zeiten, wenn mein Erster Generalquartiermeister vor Mitternacht
sein Arbeitszimmer verlassen konnte, das er tagtglich am Beginn der
8. Tagesstunde schon wieder betrat. Wir alle freuten uns, wenn General
Ludendorff sich einmal ein frheres Ausspannen, das ja nur nach Stunden
zhlen konnte, zu gnnen vermochte. Unser aller Leben, Arbeit, Denken und
Fhlen ging vllig ineinander auf. Die Erinnerung daran erfllt mich noch
jetzt mit dankbarer Genugtuung.

Wir blieben im allgemeinen ein enggeschlossener Kreis. Der Personalwechsel
war mit Rcksicht auf einen geregelten Dienstbetrieb natrlicherweise
gering. Immerhin war es ab und zu mglich, dem drngenden Verlangen der
Offiziere nach wenigstens zeitweiliger Verwendung an der Front Rechnung zu
tragen. Auch ergaben sich Gelegenheiten und Notwendigkeiten zur Entsendung
von Offizieren an besonders wichtige Teile unserer eigenen Heeresfronten
oder an diejenigen unserer Verbndeten. Im allgemeinen verlangte aber der
Zusammenhang in den auerordentlich verwickelten und vielseitigen Arbeiten
die dauernde Anwesenheit wenigstens der lteren Offiziere an ihren
Kriegsstellen innerhalb der Obersten Heeresleitung.

Auch der Tod griff mit rauher Hand in unsere Mitte ein. Schon 1916 hatte
ich als Oberkommandierender im Osten meinen mir sehr nahestehenden,
allgemein geschtzten persnlichen Adjutanten, Major Kmmerer, an den
Folgen einer Erkltung verloren. Im Oktober 1918 erlag Hauptmann von
Linsingen einer Erkrankung an Grippe, die in dieser Zeit unter den
Angehrigen des Groen Hauptquartiers zahlreiche Opfer forderte. Entgegen
den dringenden Vorstellungen von seiten des Arztes wie der Kameraden
glaubte Hauptmann von Linsingen in der damals auerordentlich schwierigen
Zeit seinen Posten nicht verlassen zu drfen, bis er krperlich kraftlos
und vom Fieber geschttelt die Arbeit doch aus der Hand legen mute, zu
spt, um noch gerettet werden zu knnen. Wir verloren an ihm einen geistig
wie charakterlich gleich hochstehenden Kameraden. Seine junge Frau kam
nicht mehr rechtzeitig genug, um ihm die Augen zudrcken zu knnen. Manche
von denen, die zeitweise meinem Stabe angehrt hatten, sind auerdem
spter an der Front gefallen.

Das Bild unseres Lebens wrde unvollstndig sein, wenn ich nicht auch auf
die Besucher zu sprechen kme, die sich bei uns allenthalben und zu jeder
Zeit einstellten. Ich habe hierbei nicht das stndige Ab und Zu von
Persnlichkeiten zahlreicher Berufsklassen im Auge, die dienstlich mit uns
in Berhrung kommen muten, sondern ich denke an diejenigen, die durch
vielfach andere Interessen zu uns gefhrt wurden. Ich ffnete jedermann
gern Tr und Herz, vorausgesetzt, da er selbst mir offen entgegenkam.

Die Zahl unserer Gste war gro. Wir waren nur wenige Tage ohne solche.
Nicht nur Deutschland und seine Verbndeten, sondern auch die Neutralen
stellten ein betrchtliches Kontingent. Oftmals machten unsere Reihen bei
Tisch den Eindruck eines bunten Vlkergemisches, und es traf sich auch,
da christliche Wrdentrger mit mohammedanischen Glubigen Stuhl an Stuhl
saen. Leute aller Stnde und Parteirichtungen fanden herzliche Aufnahme.
Ich widmete allen gern meine knappe Freizeit. Unter den Politikern gedenke
ich mit Vorliebe des Grafen Tisza, der mich im Winter 1916/17 in Ple
aufsuchte. Aus seinem Wesen sprach die ungebrochene Kraft seines Willens,
ein glhendes patriotisches Gefhl. Auch andere Politiker aller
Schattierungen aus unseren und unserer Verbndeten Lndern sprachen bei
mir vor. In ihren Denkrichtungen mir vielfach fremd, in ihren Gefhlen fr
die gemeinsame groe Sache aber damals gleichgeartet. Ich erinnere mich so
mancher warmer patriotischer Worte beim Abschied. Ich drckte in meinem
Kreise die schwielig krftigen Hnde von Handwerkern und Arbeitern und
freute mich ihres offenen Blickes und ihrer aufrichtigen Rede. Vertreter
fhrender Industrien und Mnner der Wissenschaft setzten uns in Kenntnis
von neuen Erfindungen und Gedanken und schwrmten von knftigen
wirtschaftlichen Plnen. Sie klagten wohl auch ber den engen
Bureaukratismus der Heimat und ber die Beschrnkung der Mittel zur
Verwirklichung ihrer Ideen. Bureaukraten andrerseits jammerten ber die
geldfressende Begehrlichkeit gefrchteter Phantasten und ber die
uferlosen Plne von Erfindern. Ich erinnere mich der interessierten Fragen
eines heimatlichen recht hohen Finanzbeamten, der die Preise eines
Schusses jeden Geschtzkalibers wissen wollte, um daraus die ungefhren
Kosten einer Schlacht zu berechnen. Er hat mich mit dem Ergebnis seines
Kalkuls verschont, wohl in der Befrchtung, da ich deswegen den
Munitionsverbrauch doch nicht einschrnken wrde.

Nicht nur Notwendigkeiten, Sorgen und Arbeit fanden zu uns den Weg, auch
Neugierde suchte Eintritt. Oft lachte ich im stillen ber verlegene
Redensarten, mit denen so manches Erscheinen Rechtfertigung finden wollte.
Ob das Ergebnis solcher Besuche stets den gehegten Erwartungen entsprach,
wage ich nicht in allen Fllen zu bejahen. Im Gegensatz hierzu war mir
manch prchtiger Truppenoffizier, der die Merkmale schweren Kampfes und
harten Lebens an sich trug, ein hochwillkommener Tischnachbar. Kurze
Erzhlungen aus dem Kriegsleben sprachen mehr, als lange schriftliche
Berichte. Die Wirklichkeit des frher Selbsterlebten trat mir so oft mit
aller Lebendigkeit wieder vor die Seele. Freilich war in diesem
furchtbarsten aller Ringen unseren frheren Kriegen gegenber alles in das
Groteske gesteigert. Die stundenlange Schlacht vergangener Zeiten war zu
monatelangem Titanenkampf erhoben, menschliches Ertragen schien keine
Grenzen zu haben.

Auch Graf Zeppelin besuchte uns noch in Ple und wirkte auf uns alle durch
die rhrende Einfachheit seines Auftretens. Er betrachtete damals schon
seine Luftschiffe als veraltete Kriegswaffen. Nach seiner Ansicht gehrte
dem Flugzeug in Zukunft die Herrschaft in der Luft. Der Graf starb bald
nach seinem Besuch, ohne das Unglck seines Vaterlandes erleben zu mssen
- ein glcklicher Mann! Noch zwei andere berhmt gewordene Herrscher der
Lfte folgten meiner Einladung, unbezwungene junge Helden: Hauptmann
Blcke und Rittmeister von Richthofen. Beider frisches und bescheidenes
Wesen erfreute uns. Ehre ihrem Andenken! Unterseebootsfhrer sah ich
gleichfalls in der Zahl meiner Gste; unter ihnen fehlte auch nicht der
Fhrer des Unterseehandelsbootes "Deutschland", Kapitn Knig.

So blieb kein Stand und kein Stamm seitab von uns, und ich glaubte den
gemeinsamen Pulsschlag von Heer und Heimat, von unseren Verbndeten und
uns selbst oft in meiner nchsten Nhe zu fhlen.




                      Kriegsereignisse bis Ende 1916



                          Der rumnische Feldzug


Unsere politische Lage Rumnien gegenber hatte im Verlauf der Kriegsjahre
1915/16 nicht allein an unsere politische Leitung sondern auch an unsere
Heeresfhrung ungewhnlich hohe Anforderungen gestellt. Es ist eine
billige Weisheit, nach dem Eintritt Rumniens in den Kreis unserer Feinde
und angesichts unserer unzureichenden militrischen Vorbereitungen dem
neuen Gegner gegenber ein scharfes Urteil ber unsere damals
verantwortlichen Stellen und Persnlichkeiten auszusprechen. Solche
Urteile, meist ohne Kenntnis der wirklichen Vorgnge auf willkrlichen
Behauptungen aufgebaut, erinnern mich an eine uerung Fichtes in seinen
"Reden an die deutsche Nation", in welcher er von jener Art von
Schriftstellern spricht, die erst nach gegebenen Erfolgen wissen, was da
htte geschehen sollen.

Es drfte wohl kein Zweifel darber bestehen, da die Entente in unserer
Lage die rumnische Gefahr, oder vielleicht besser gesagt, die rumnische
militrische Drohstellung sptestens 1915 beseitigt htte, und zwar mit
der Anwendung hnlicher Mittel, wie sie solche gegen Griechenland in
Ttigkeit brachte. Wie es sich spter herausstellen sollte, wurde Rumnien
im Sommer 1916 durch ein Ultimatum der Entente in den Kriegsstrudel
hineingetrieben, indem es aufgefordert wurde, entweder zum sofortigen
Angriff zu schreiten oder dauernd auf seine Vergrerungsplne zu
verzichten. Eine hnliche Lsung war aber politisch zu gewaltttig, als
da sie bei uns ohne dringendste Not Anhnger htte finden knnen. Wir
glaubten, mit Rumnien suberlicher verfahren zu sollen, wohl in der
Hoffnung, da es sich sein Grab selbst graben wrde. Gewi trat dies auch
ein, aber nach welchen Krisen und Opfern!

Die Beteiligung Rumniens am Kriege auf der Seite unserer Gegner rckte in
greifbare Nhe, als die sterreichische Ostfront zusammenbrach. Es wre
vielleicht nicht ausgeschlossen gewesen, da sich diese Gefahr auch dann
noch htte beschwren lassen, wenn der deutsche Plan eines groen
Gegenangriffes gegen den bis zu den Karpathen vorgedrungenen russischen
Sdflgel htte verwirklicht werden knnen. Allein bei den immer erneuten
Zusammenbrchen in den sterreichisch-ungarischen Linien kam diese
Operation nicht zustande. Die Angriffskrfte verschwanden in
Verteidigungsfronten.

Angesichts dieses Verlaufes der Kmpfe an der Ostfront hatte die deutsche
Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General Jekoff zu
dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen Flgelarmeen einen
groen Schlag gegen die Ententekrfte bei Saloniki zu fhren. Der Gedanke
war sowohl politisch wie militrisch durchaus zu billigen. Gelang das
Unternehmen, so war zu erwarten, da Rumnien eingeschchtert und seine
zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine Zusammenwirkung mit Sarrail
zerstrt wrde. Rumnien wre daher vielleicht schon dann zur Ruhe
veranlat worden, wenn starke bulgarische Krfte nach einem Siege ber
Sarrail fr beliebige andere Verwendung freigeworden wren. Die deutsche
Oberste Heeresleitung geriet freilich gerade durch diesen Angriff der
Bulgaren zunchst in einen gewissen militrischen Widerspruch hinein. Da
sie nmlich gleichzeitig gezwungen war, Truppen in Nordbulgarien zu
versammeln, um auf die tglich strker werdenden rumnischen
Kriegsleidenschaften ernchternd zu wirken, so wurden Krfte, die zum
Angriff auf Sarrail an der mazedonischen Front htten Verwendung finden
knnen, aus politischen Grnden an die Donau gezogen. Das Verfahren der
deutschen Obersten Heeresleitung wird erklrlich einerseits durch das
Vertrauen, das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte,
andererseits durch eine gewisse Unterschtzung der gegnerischen Strke bei
Saloniki. Ganz besonders tuschte man sich ber die Bedeutung der dort
auftretenden, neugebildeten serbischen Verbnde in der Zahl von
6 Infanteriedivisionen.

Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken
Flgelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Flgel in
Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Grnden
hngen, deren Errterungen uns an dieser Stelle zu weit fhren wrden. Die
bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im Angriff
wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch gewandt. Der
Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser Ausgang des
Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung vor
eine neue schwierige Frage. Die rumnische Kriegslust steigerte sich
dauernd. Es war zu erwarten, da die Stockung der bulgarischen Operationen
in Mazedonien auf die politischen Kreise in Bukarest kriegsermunternd
wirken wrde. Sollte die deutsche Oberste Heeresleitung nunmehr den
Angriff der Bulgaren endgltig abbrechen lassen, um starke bulgarische
Krfte aus den jetzt wesentlich verkrzten mazedonischen Fronten nach
Nordbulgarien zu fhren, oder sollte sie es wagen, die an der Donau schon
versammelten Streitkrfte nach Mazedonien berzufhren, um hier nochmals
zu versuchen, den rumnischen gordischen Knoten mit dem Schwerte
durchzuschlagen? Die Kriegserklrung Rumniens befreite die Oberste
Heeresleitung aus diesen Zweifeln.

So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhltnisse sdlich der
Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage nrdlich der
transsylvanischen Alpen geworden. Whrend nmlich Rumnien offenkundig
rstete, verzehrten die Kmpfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen
an der sterreichischen Ost- und Sdwestfront alles, was den Obersten
Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfgbar schien oder aus nicht
angegriffenen Frontteilen noch verfgbar gemacht werden konnte. Gegen
Rumnien glaubte man keine Krfte freimachen zu knnen. Man vertrat den an
sich richtigen Grundsatz, von Streitkrften, die auf den augenblicklichen
Schlachtfeldern dringend bentigt waren, nichts aus politischen Grnden
brachliegen zu lassen.

So kam es, da die rumnische Kriegserklrung am 27. August uns dem neuen
Feind gegenber in einer nahezu vllig wehrlosen Lage traf. Ich bin auf
diese Entwicklung der Verhltnisse deswegen ausfhrlicher eingegangen, um
die Entstehung der groen Krisis verstndlich zu machen, in der wir uns
seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer solchen kann auch
angesichts der spteren erfolgreichen Durchfhrung des Feldzuges nicht gut
bestritten werden.

Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen
getroffen werden konnten, um der rumnischen Gefahr zu begegnen, so hatten
sich doch seine verantwortlichen militrischen Fhrer selbstredend ber
die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden Manahmen frhzeitig
geeinigt. Am 28. Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke eine Besprechung der
Heereschefs Deutschlands, sterreich-Ungarns und Bulgariens zu Ple
stattgefunden. Sie fhrte zur Aufstellung eines Kriegsplanes, in dessen
entscheidender Ziffer 2 es wrtlich heit:

  "Schliet Rumnien sich der Entente an: schnellstes, krftigstes
  Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von
  sterreichisch-ungarischem, soweit irgend mglich, fernzuhalten und nach
  Rumnien hineinzutragen. Hierzu

    a) demonstrative Operationen deutscher und sterreichischer Truppen
    von Norden her, zwecks Fesselung starker rumnischer Krfte;

    b) Vorsto bulgarischer Krfte von der Dobrudschagrenze gegen die
    Donaubergnge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten
    Flanke der Hauptkrfte;

    c) Bereitstellung der Hauptkrfte zum bergang ber die Donau bei
    Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest."

In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in Budapest
wurde auch die Teilnahme der Trken an einem etwaigen rumnischen Feldzug
festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen Bereitstellung von zwei
osmanischen Divisionen fr den Einsatz auf der Balkanhalbinsel.

Dieser Kriegsplan gegen Rumnien erfuhr, so lange mein Vorgnger noch die
Zgel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine nderung. Wohl aber fand
noch ein wiederholter Gedankenaustausch darber zwischen den einzelnen
Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von Mackensen, der zur
Fhrung der sdlich der Donau bereitgestellten Krfte bestimmt war, wurde
zur Sache gehrt. Bei diesen Gelegenheiten zeichneten sich zwei
Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von Conrad vertrat diejenige
eines rcksichtslosen sofortigen Vorgehens auf Bukarest, General Jekoff
diejenige eines Feldzugsbeginns in der Dobrudscha. Die Krfte sdlich der
Donau waren bei Kriegsausbruch noch viel zu schwach, um die an dieser
Front beabsichtigte Doppelaufgabe, nmlich Donaubergang und Angriff gegen
Silistria und Tutrakan, gleichzeitig durchfhren zu knnen.

Am 28. August erging von meinem Vorgnger an Generalfeldmarschall von
Mackensen der Befehl zum baldmglichsten Angriff. Richtung und Ziel
blieben dem Feldmarschall berlassen.

So fand ich am 29. August bei der bernahme der Operationsleitung die
militrische Lage gegenber Rumnien. Sie war schwierig.

Wahrlich, noch niemals war einem verhltnismig so kleinen Staatswesen
wie Rumnien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher
Gre in einem ebenso gnstigen Augenblicke in die Hnde gelegt. Noch
niemals waren starke Gromchte wie Deutschland und sterreich in gleicher
Gebundenheit der Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein
Zwanzigstel der Bevlkerung der beiden Grostaaten zhlte, wie im jetzt
vorliegenden Falle. Auf Grund der Kriegslage htte man annehmen knnen,
da Rumnien nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf
zugunsten derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich
gegen uns anstrmten. Alles schien davon abzuhngen, ob Rumnien gewillt
war, von seiner augenblicklichen Strke einigermaen Gebrauch zu machen.

Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefhlt und mehr
gefrchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zgerte mit dem
Kriegsentschlu. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als dann aber
am 1. September der bulgarische Kriegsentschlu zu unseren Gunsten
gefallen war, trat das Land mit all seinen Krften und mit dem ganzen Ha
seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumnischen berfall in den
Rcken des gegen Serbien und Griechenland schwer ringenden Landes
entsprungen war, an unsere Seite. Der mrderische Tag von Tutrakan gab den
ersten Beweis fr die kriegswillige Stimmung unseres Bundesgenossen.

Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden
Vorbereitungen zunchst naturgem jede Bedeutung verloren. Der Gegner
verfgte frs erste ber die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner
Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmigen Strke, die durch die uns
bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu
befrchten, da unsere eigenen Mittel nicht ausreichen wrden, der
rumnischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu
beschrnken. Wohin der Rumne auch seine Operationen richten wollte, ob
ber das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbrgen oder aus der
Dobrudscha gegen Bulgarien, berall schienen ihm groe Ziele und leichte
Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich rumnisch-russische
Offensivbewegungen gegen Sden befrchten zu sollen. Selbst Bulgaren
hatten darber Zweifel ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen
kmpfen wrden. Das feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung
- ich sprach an frherer Stelle schon davon - wurde in Bulgarien
keineswegs allgemein geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, da unsere
Gegner mit dieser russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken
Teiles der bulgarischen Armee rechnen wrden. Ganz abgesehen aber auch
hiervon lag es fr Rumnien nahe, durch einen Angriff nach Sden der Armee
Sarrails die Hand zu reichen. Wie mute alsdann unsere Lage werden, wenn
es den Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Trkei, hnlich
wie das vor Durchfhrung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen,
erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Bndnis
abzusprengen? Eine abermals isolierte Trkei, gleichzeitig bedroht aus
Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes sterreich-Ungarn
htten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren Ungunsten nimmermehr
berwunden.

Das von meinem Vorgnger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens
entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine berschreitung der Donau mit
den in Nordbulgarien verfgbaren Krften konnte hierbei freilich nicht in
Frage kommen. Es gengte aber schon, wenn wir dem Gegner die Vorhand in
der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugsplne dadurch verwirrten. Um
letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen, durften wir den
Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung von Tutrakan und
Silistria beschrnken. Wir muten vielmehr durch eine weitgehendere
Ausntzung von Erfolgen in der Sddobrudscha bei der rumnischen
Heeresfhrung Besorgnis fr den Rcken ihrer an der siebenbrgischen
Grenze eingesetzten Hauptkrfte zu erregen suchen. Und wirklich gelang uns
dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls bis in bedrohliche
Nhe der Linie Constanza-Czernavoda sah sich die rumnische Fhrung
veranlat, Krfte aus ihrer gegen Siebenbrgen gerichteten Operation nach
der Dobrudscha zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer
frischer Krfte, der Offensive Mackensens ber Rahowo, donauabwrts
Ruscuk, in den Rcken zu gehen. Auf dem Papier ein schner Plan! Ob dieser
dem rumnischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbndeten
entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir bis
zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2. Oktober, mit den Rumnen
gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen fr mehr als khn und dachte mir
nicht nur, sondern sprach es auch aus: "Man verhafte diese Truppen!"
Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde auch von den
Deutschen und Bulgaren bestens erfllt. Von dem Dutzend rumnischer
Bataillone, die bei Rahowo das sdliche Donauufer betreten hatten, sahen
whrend des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder.

Das Verhngnis brach ber Rumnien herein, weil seine Armee nicht
marschierte, weil seine Fhrung nichts verstand, und weil es uns doch noch
gelang, ausreichende Krfte in Siebenbrgen rechtzeitig zu versammeln.

Ausreichend? Gewi ausreichend fr diesen Gegner! Tollkhn wird man uns
vielleicht einmal nennen, wenn man die Strkeverhltnisse vergleichen
wird, unter denen wir gegen das rumnische Heer zum Angriff schritten, und
mit denen General von Falkenhayn am 29. September den westlichen
rumnischen Flgel bei Hermannstadt zerrieb.

Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee nach
Osten herum. Er rckt unter Nichtachtung der ihm durch rumnische
berlegenheit und gnstige gegnerische Lage nrdlich des oberen Alt
drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen sdlich des genannten
Flusses am Fue des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumne
stutzt, verliert das Vertrauen zur eigenen berlegenheit wie zum eigenen
Knnen, vergit die Ausnutzung der ihm immer noch gnstigen Kriegslage und
macht auf der ganzen Front Halt. Damit tut er aber auch schon den ersten
Schritt rckwrts. General von Falkenhayn reit die Vorhand nunmehr vllig
an sich, zertrmmert sdlich des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand
und marschiert weiter. Der Rumne weicht nunmehr allenthalben aus
Siebenbrgen, nicht ohne am 8. Oktober bei Kronstadt noch eine blutige
Niederlage erlitten zu haben. So geht er denn auf den schtzenden Wall
seiner Heimat zurck. Unsere demnchstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu
berschreiten. Wir halten zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen
taktischen Erfolge strategisch dahin auswerten zu knnen, da wir von
Kronstadt unmittelbar auf Bukarest durchbrechen. Mgen auch das wilde
Hochgebirge und die feindliche berlegenheit unsere wenigen und schwachen
Divisionen vor eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser
Vormarschrichtung sind zu gro, als da wir den Versuch unterlassen
drften. Er gelingt nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe,
jeden Felshang, ja jeden Felsblock kmpfen. Unsere Bewegung stockt vllig,
als am 18. Oktober ein rauher Frhwinter die Berge in Schnee hllt und die
Straen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsglichen Entbehrungen und Leiden
halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile, bereit, sich
weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu kommen wird.

Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das
walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus ber
den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen fhren. General von
Falkenhayn schlgt den Durchbruch ber den westlicher gelegenen Szurdukpa
vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger wirkungsvoll, aber
unter den jetzigen Verhltnissen die taktisch und technisch einzig
mgliche. So brechen wir ber diesen Pa am 11. November in Rumnien ein.

Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen sdlich der Donau
bereitgestellt, um dem nrdlichen Einbruch von Sden her die Hand zu
reichen. Er hatte am 21. Oktober die russisch-rumnische Armee sdlich der
Linie Constanza-Czernavoda grndlich geschlagen. Am 22. Oktober war
Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der Gegner
weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die Bewegung
einstellen, sobald nrdlich der erwhnten Eisenbahn eine
Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Krften behauptet
werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rckt gegen
Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in die
Hand zu nehmen und dann bei Braila im Rcken der rumnischen Hauptmacht in
das nrdliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie sollten wir das
notwendige Brckenmaterial in die nrdliche Dobrudscha bringen?
Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg versperren die
rumnischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir mssen dem Schicksal
dankbar sein, da diese nicht schon lngst unseren einzigen verfgbaren
schweren Brckentrain bei Sistow in Trmmer geschossen haben, der, seit
Monaten im Bereich der feindlichen Geschtzwirkung, nur durch einen fr
uns nicht aufklrbaren Fehler des Gegners der Zerstrung entgangen ist. So
knnen wir wenigstens dort den Strombergang im Auge behalten.

Im Morgengrauen des 23. November gewinnt Generalfeldmarschall von
Mackensen das nrdliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen
ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am
Argesch findet es seine Krnung in der Zertrmmerung der rumnischen
Hauptkrfte. Der Schluakt vollzieht sich am 3. Dezember. Bukarest fllt
widerstandslos in unsere Hand.

Am Abend dieses Tages schliee ich den gemeinsamen Vortrag ber die
Kriegslage mit den Worten: "Ein schner Tag." Als ich spter in die
Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtrmen des Stdtchens Ple
das Dankgelute fr den groen neuen Erfolg. Ich hatte lngst aufgehrt,
in solchen Augenblicken an anderes zu denken als an die wunderbaren
Leistungen unseres braven Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als
da diese Leistungen uns dem endlichen Abschlu des schweren Ringens und
der groen Opfer nahe brchten.

Den Gewinn der rumnischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas
kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest fr eine mchtige Festung
gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung
herangefhrt, und nun zeigte sich der berhmte Waffenplatz als offene
Stadt. Kein Geschtz krnt mehr die mchtigen Wlle der Forts, und die
Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so
viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht,
die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumnischen Feldzuges
festzustellen.

Das Schicksal Rumniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die
ganze Welt mute sehen, und Rumnien sah es wohl auch selbst, da kein
leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag:

      Wer Unglck will im Kriege han,
      Der binde mit dem Deutschen an.

Mit Anfhrung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung
sterreich-Ungarns, der Trkei und Bulgariens an diesem groen und schnen
Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren alle zur
Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem groen mannhaften Werke.
Rumnien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte, mute froh
sein, da seine Heerestrmmer durch russische Hilfe vor Vernichtung
bewahrt wurden. Sein Traum, da noch einmal, wie im Jahre 1878 auf dem
Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmiger Dankbarkeit,
wenn auch mit bitterem Gefhl im Herzen, die Hand fr die erwiesenen
Dienste drcken mte, hatte sich in das grausame Gegenteil verkehrt. Die
Zeiten hatten sich gewandelt.

Meinem Allerhchsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine
Anschauung dahin ausgesprochen, da wir am Ende des Jahres den rumnischen
Feldzug beendet haben wrden. Am 31. Dezember konnte ich Seiner Majestt
melden, da unsere Truppen den Sereth erreicht htten, und da die
Bulgaren am Sdufer des Donaudeltas stnden. Die gesteckten Ziele waren
erreicht.



                    Kmpfe an der mazedonischen Front


Die Schwierigkeiten unserer Kriegslage im Herbste 1916 wurden durch den
Fortgang der Kmpfe an der mazedonischen Front nicht unwesentlich erhht.

Die Armee Sarrails htte jeden Anspruch auf Daseinsberechtigung verloren,
wenn sie nicht im Augenblick der rumnischen Kriegserklrung auch
ihrerseits die Offensive ergriffen htte. Ihr Vorgehen erwarteten wir im
Wardartal. Wre sie hier bis in die Gegend von Gradsko vorgedrungen, so
htte sie das Zentrum der wichtigsten bulgarischen Verbindungen in Besitz
genommen und htte auch das Verbleiben der Bulgaren in der Gegend von
Monastir unmglich gemacht. Sarrail whlte die unmittelbare
Angriffsrichtung auf Monastir, vielleicht durch besondere politische
Grnde veranlat.

Die bulgarische rechte Flgelarmee wurde durch diese Offensive aus ihren
Stellungen, die sie beim Angriff im August sdlich Florina gewonnen hatte,
zurckgeworfen. Sie verlor im weiteren Verlauf der Kmpfe Monastir,
behauptete sich aber dann.

Wir waren hierdurch gentigt gewesen, den Bulgaren Untersttzungen aus
unseren Kampffronten zuzufhren, Untersttzungen, die meist fr den
rumnischen Feldzug bestimmt gewesen waren. War die Gre dieser Hilfe im
Verhltnis zur gesamten Strke unseres Heeres auch nicht sehr bedeutend -
es waren gegen 20 Bataillone sowie zahlreiche schwere und Feldbatterien -
so traf uns diese Abgabe doch in einer auerordentlich kritischen Zeit, in
der wir tatschlich mit jedem Mann und jedem Geschtz geizen muten.

Wie wir, so leistete auch die Trkei dem verbndeten Bulgarien in diesen
schweren Kmpfen bereitwilligst Hilfe. Enver Pascha stellte ber die fr
den rumnischen Krieg versprochene Untersttzung hinaus ein ganzes
trkisches Armeekorps zur Ablsung bulgarischer Truppen an der Strumafront
zur Verfgung. Diese Untersttzung wurde von bulgarischer Seite ungern
gesehen, da man befrchtete, es wrden sich daraus unangenehme trkische
Ansprche auf politischem Gebiet geltend machen. Enver Pascha versicherte
uns jedoch ausdrcklich, da er solches verhindern wrde. Es war ja
begreiflich, da Bulgarien deutsche Untersttzung der osmanischen
vorgezogen htte, unbegreiflich aber war es, da man in Sofia nicht
einsehen wollte, wie wenig Deutschland in dieser Zeit imstande war, seine
Krfte noch weiter anzuspannen.

Der Verlust Monastirs war nach meiner Auffassung ohne militrische
Bedeutung. Die freiwillige Zurcknahme des bulgarischen rechten
Heeresflgels in die auerordentlich starken Stellungen bei Prilep wre
von groem militrischen Vorteil gewesen, weil alsdann die bulgarische
Heeresversorgung ganz wesentlich erleichtert, diejenige unserer Gegner um
vieles erschwert worden wre. Gerade die ungeheuren Schwierigkeiten in den
rckwrtigen Verbindungen hatten auf bulgarischer Seite die in den Kmpfen
wiederholt eingetretenen Krisen wesentlich mitverschuldet. Die Truppen
muten tagelang hungern und litten zeitweise auch Mangel an Schiebedarf.
Wir haben unter Hintansetzung eigener Interessen mit allen Mitteln
versucht, den Bulgaren die Schwierigkeiten in dieser Richtung zu
erleichtern. Die Gre der zurckzulegenden Wegesstrecken, die Wildheit
und Unkultur des Gebirgslandes erschwerten die Lsung dieser Aufgabe
ungemein.

Bei den Kmpfen um Monastir hatten die Bulgaren zum ersten Male in
schweren Verteidigungsschlachten gestanden. Hatten die bisherigen
Nachrichten unserer Offiziere ber die Haltung des bulgarischen Heeres den
glnzenden Geist des Soldaten beim Angriff gerhmt, so trat jetzt bei
diesem eine gewisse Empfindlichkeit gegenber einem lnger andauernden
feindlichen Artilleriefeuer in die Erscheinung. Diese Wahrnehmung mochte
berraschen, man konnte sie aber bei allen Vlkern, sowohl auf feindlicher
als auch auf unserer Seite besttigt finden, die mit sogenannter
unverdorbener Naturkraft in den Krieg traten. Es macht den Eindruck, als
ob die modernen Angriffsmittel in ihren nervenzerstrenden Wirkungen fr
durchhaltende Verteidigung eine Zugabe zu dieser Naturkraft verlangen, die
nur durch eine hhere Willenskultur geliefert werden kann. In der
Hauptmasse unseres deutschen Soldatenmaterials scheint die richtige
Mischung von sittlicher und krperlicher Kraft vorhanden zu sein, die
unsere Truppen in Verbindung mit unserer militrischen Willensschulung in
den Stand setzt, den gewaltigen Eindrcken eines modernen Kampfes
erfolgreich Widerstand zu leisten. Der Oberbefehlshaber des bulgarischen
Heeres hatte das richtige Gefhl fr die eben erwhnte Empfindlichkeit
seiner Soldaten. Er uerte darber in soldatischer Offenheit seine
Sorgen, wenn er auch weit davon entfernt war, eine ngstliche Natur zu
sein.



                  Auf den asiatischen Kriegsschaupltzen


Durch die Stellung, die der deutsche Chef des Generalstabes des Feldheeres
nunmehr innerhalb der gesamten Kriegsleitung einnahm, wurden wir auch zur
Beschftigung mit den Vorgngen auf den asiatischen Kriegsschaupltzen
veranlat. Zur Zeit der Anwesenheit Enver Paschas in unserem Groen
Hauptquartier Anfang 1917 glaubten wir die Lage in Asien folgendermaen
beurteilen zu knnen:

Die russische Offensive in Armenien war nach der Gewinnung der Linie
Trapezunt-Erzinghan zum Stillstand gekommen. Die trkische Offensive, die
im Sommer dieses Jahres von Sden her aus Richtung Diabekr gegen die linke
Flanke dieses russischen Vorgehens angesetzt war, kam infolge der
auerordentlichen Gelndeschwierigkeiten und der ganz ungengenden
Nachschubmglichkeiten nicht vorwrts. Es war jedoch zu erwarten, da die
Russen in diesem Jahre mit Rcksicht auf den im armenischen Hochlande frh
eintretenden Winter ihre weiteren Angriffe bald endgltig einstellen
wrden.

Die Gefechtskraft der beiden trkischen Kaukasusarmeen war aufs uerste
zurckgegangen, einzelne Divisionen bestanden nur noch dem Namen nach.
Entbehrungen, blutige Verluste, Fahnenflucht hatten verheerend auf die
Truppenbestnde gewirkt. Mit schweren Sorgen sah Enver Pascha dem
kommenden Winter entgegen. Es fehlte seinen Truppen die notwendigste
Bekleidung; dazu bot die Ernhrung der Armeen in diesen armen, groenteils
entvlkerten und verwsteten Gebieten auerordentliche Schwierigkeiten.
Bei dem Mangel an Zug- und Tragtieren muten den osmanischen Soldaten in
dem den, wegarmen Gebirgslande die Kampf- und Lebensbedrfnisse durch
Trgerkolonnen in vielen Tagemrschen zugefhrt werden. Weiber und Kinder
fanden dabei einen mageren Verdienst, aber auch oft den Tod.

Besser waren die Verhltnisse zu dieser Zeit im Irak. Dort war der
Englnder augenblicklich in dem Ausbau seiner rckwrtigen Verbindungen
noch nicht so weit vorgeschritten, um schon jetzt zur Rache fr
Kut-el-Amara schreiten zu knnen. Da er eine solche nehmen wrde, war fr
uns zweifellos. Ob alsdann die trkische Macht im Irak hinreichte, um dem
englischen Angriff erfolgreich zu widerstehen, vermochten wir nicht zu
beurteilen. Trotz der sehr optimistischen Anschauungen der osmanischen
Obersten Heeresleitung ermahnten wir zu Verstrkung der dortigen Truppen.
Leider lie sich aber die Trkei aus politischen und panislamitischen
Grnden verfhren, ein ganzes Armeekorps nach Persien hineinzuschicken.

Der dritte asiatische Kriegsschauplatz, nmlich derjenige in Sdpalstina,
gab Veranlassung zu unmittelbarer Sorge. Die zweite gegen den Suez-Kanal
gerichtete trkische Unternehmung war Anfang August 1916 in der Mitte des
nrdlichen Teiles der Sinai-Halbinsel gescheitert. Daraufhin waren die
trkischen Truppen allmhlich aus diesem Gebiete hinausgedrngt worden und
standen jetzt im sdlichen Teile Palstinas in der Gegend von Gaza. Die
Frage, ob und wann sie auch hier angegriffen wrden, schien lediglich von
dem Zeitpunkt abzuhngen, an dem die Englnder ihre Eisenbahn aus gypten
bis hinter ihre Truppen ausgebaut hatten.

Der somit drohende Angriff auf Palstina schien fr den militrischen und
politischen Bestand der Trkei weit gefhrlicher als ein solcher auf das
fernab liegende Mesopotamien. Man mute annehmen, da der Verlust von
Jerusalem - ganz abgesehen davon, da er voraussichtlich den Verlust des
ganzen sdlichen Arabiens nach sich zog - die jetzige trkische Politik
vor eine Belastungsprobe stellen wrde, die sie nicht ertragen knnte.

Leider waren die operativen Verhltnisse fr die osmanische Kriegfhrung
in Sdsyrien nicht wesentlich besser als in Mesopotamien. Hier wie dort
litten die Trken, im schrfsten Gegensatz zu ihren Gegnern, unter solch
auerordentlichen Schwierigkeiten der rckwrtigen Verbindungen, da eine
wesentliche Verstrkung ihrer Streitkrfte ber den jetzigen Stand hinaus
den Hunger, ja selbst den Durst fr alle bedeutet htte. Die
Verpflegungsverhltnisse waren auch in Syrien zeitweise trostlos. Zu
ungnstigen Ernten, ungewolltem und gewolltem Versagen der
verantwortlichen Stellen kam die nahezu durchweg feindliche Haltung der
arabischen Bevlkerung.

Zahlreiche wohlgemeinte Darlegungen suchten mich im Laufe des Krieges von
der Notwendigkeit zu berzeugen, da Mesopotamien und Syrien mit strkeren
Krften verteidigt, ja da hier wie dort zum Angriff bergegangen werden
mte. Das Interesse weiter deutscher Kreise an diesen Kriegsschaupltzen
war gro. Augenscheinlich irrten die Gedanken uneingestandenermaen
vielfach ber Mesopotamien durch Persien, Afghanistan nach Indien und von
Syrien nach gypten. Man trumte im stillen an der Hand der Karten, da
wir auf diesen Landwegen an den Lebensnerv der uns so gefhrlichen
britischen Weltmachtstellung herankmen. Vielleicht lag in solchen
Gedanken oft unbewut das Wiedererwachen frherer napoleonischer Plne. Zu
ihrer Durchfhrung fehlte uns aber die erste Vorbedingung derartiger
weitgreifender Operationen, nmlich gengend leistungsfhige
Nachschublinien.



           Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916


Whrend wir Rumnien niederschlugen, dauerten die Angriffe der Russen in
den Karpathen und in Galizien ununterbrochen an. Von russischer Seite war
nicht beabsichtigt gewesen, dem neuen Bundesgenossen bei seinem Angriff
auf Siebenbrgen unmittelbar zu untersttzen, wohl aber sollte diese
rumnische Operation durch ununterbrochene Fortsetzung der bisherigen
russischen Angriffe gegen die galizische Front erleichtert werden.
Unmittelbare Hilfe gewhrten die Russen den Rumnen dagegen in der
Dobrudscha, und zwar von Anfang an. Die Grnde hierfr lagen ebensosehr
auf politischem wie militrischem Gebiete; Ruland rechnete zweifellos
sehr stark mit russophilen Neigungen innerhalb der bulgarischen Armee.
Daher versuchten auch bei Beginn der Kmpfe in der Sddobrudscha russische
Offiziere und Truppen, sich den Bulgaren als Freunde zu nhern, und waren
bitter enttuscht, als die Bulgaren mit Feuer antworteten. Dazu kam, da
Ruland zwar ohne politische Eifersucht zusehen konnte, wenn Rumnien sich
in den Besitz von Siebenbrgen setzte, aber nicht dulden durfte, da der
neue Verbndete selbstndig Bulgarien auf die Knie warf und dann
mglicherweise noch den Weg nach Konstantinopel einschlug oder wenigstens
freimachte. Galt doch die Eroberung der trkischen Hauptstadt seit
Jahrhunderten als historisches und religises Vorrecht Rulands.

Es mag dahingestellt bleiben, ob es von russischer Seite klug war, den
Rumnen ohne unmittelbare Untersttzung, sei es auch nur durch etliche
russische Kerntruppen, die Operation nach Siebenbrgen allein zu
berlassen. Man berschtzte dabei jedenfalls die Leistungsfhigkeit der
rumnischen Armee und ihrer Fhrung und ging von der irrigen Ansicht aus,
da die Krfte der Mittelmchte an der Ostfront durch die russischen
Angriffe vollstndig gebunden, ja sogar erschpft seien.

Diese Angriffe erreichten zwar ihren Zweck nicht in vollem Umfange,
stellten uns aber immerhin wiederholt vor nicht unbedenkliche Krisen. Die
Lage wurde zeitweise so milich, da wir befrchten muten, unsere
Verteidigung wrde von den Karpathenkmmen heruntergeworfen werden. Deren
Behauptung war aber fr uns eine Vorbedingung zur Durchfhrung unseres
Aufmarsches und unserer ersten Operationen gegen den neuen Feind. Auch in
Galizien muten wir den Russen mit allen Mitteln aufhalten. Eine Preisgabe
weiterer dortiger Gebietsteile wrde an sich fr unsere Gesamtlage von
geringer militrischer Bedeutung gewesen sein, wenn nicht hinter unserer
galizischen Stellung die fr uns so kostbaren, ja fr die Kriegfhrung
unentbehrlichen lfelder gelegen htten. Wiederholt muten aus diesen
Grnden fr den Angriff gegen Rumnien bestimmte Truppenverbnde gegen die
ins Wanken geratenen Frontteile abgedreht werden.

Wenn auch die kritischen Lagen schlielich immer wieder berwunden und
unser Feldzug gegen Rumnien einem glcklichen Abschlu entgegengefhrt
wurde, so kann man doch nicht behaupten, da die russischen
Entlastungsangriffe ihren groen operativen Zweck vllig verfehlt htten.
Rumnien unterlag wahrlich nicht durch die Schuld seiner Verbndeten. Die
Entente tat im Gegenteil alles, was sie nach der Lage und ihren Krften
tun konnte, und zwar nicht nur im unmittelbaren Anschlu an das rumnische
Heer, sondern auch mittelbar durch die Angriffe Sarrails in Mazedonien,
durch die italienischen Angriffe am Isonzo und schlielich auch durch die
Fortsetzung der englisch-franzsischen Anstrme im Westen.



Wir hatten, wie ich schon frher andeutete, von Anfang an damit gerechnet,
da der Gegner mit dem Eintritt Rumniens in den Krieg seine Angriffe auch
gegen unsere Westfront mit aller Kraft, mit englischer Zhigkeit und
franzsischem Elan fortfhren wrde. Dies trat auch ein.

Unsere Fhrereinwirkung auf diese Kmpfe war einfach. An einen
Entlastungsangriff konnten wir mangels gengender Krfte weder bei Verdun
noch an der Somme denken, so sehr auch ein solcher meinen eigenen
Neigungen entsprochen htte. Kurz nach der bernahme der Obersten
Heeresleitung sah ich mich auf Grund der Gesamtlage gezwungen, Seiner
Majestt dem Kaiser den Befehl zur Einstellung unserer Angriffe bei Verdun
zu unterbreiten. Die dortigen Kmpfe zehrten wie eine offene Wunde an
unseren Krften. Es lie sich auch klar berblicken, da das Unternehmen
in jeder Hinsicht aussichtslos geworden war und seine Fortsetzung uns weit
grere Verluste kostete, als wir dem Gegner beizubringen imstande waren.
Unsere vordersten Stellungen lagen in allseitig flankierendem Feuer
bermchtiger gegnerischer Artillerie; die Verbindungen zu den Kampflinien
waren auerordentlich schwierig. Das Schlachtfeld war eine wahre Hlle und
in diesem Sinne bei der Truppe geradezu berchtigt. Jetzt in
rckschauender Betrachtung stehe ich nicht an, zu sagen, da wir aus rein
militrischen Grnden gut daran getan htten, die Kampfverhltnisse vor
Verdun nicht nur durch Beendigung der Offensive sondern auch durch
freiwilliges Aufgeben noch grerer Teile des eroberten Gelndes als
geschehen zu bessern. Im Herbste 1916 glaubte ich jedoch davon Abstand
nehmen zu mssen. Fr das Unternehmen war eine groe Masse unserer besten
Kampfkraft geopfert worden; die Heimat war bis dahin in Erwartung auf
einen endlichen ruhmreichen Ausgang des Angriffs erhalten worden. Nur zu
leicht konnte jetzt der Eindruck hervorgerufen werden, als ob alle Opfer
umsonst gebracht seien. Das wollte ich in dieser an sich schon so sehr
gespannten heimatlichen Stimmung vermeiden.

Unsere Hoffnung, da mit der Einstellung unseres Angriffes bei Verdun auch
der Gegner dort im wesentlichen zum reinen Stellungskrieg bergehen wrde,
erfllte sich nicht. Ende Oktober brach der Franzose auf dem Ostufer der
Maas zu einem groangelegten, khn durchgefhrten Gegensto vor und
berrannte unsere Linien. Wir verloren Douaumont und hatten keine Krfte
mehr, um diesen Ehrenpunkt deutschen Heldentums wieder zu nehmen.

Der franzsische Fhrer hatte sich bei diesem Gegensto von der bisherigen
Gepflogenheit einer tage- oder gar wochenlangen Artillerievorbereitung
freigemacht. Er hatte seinen Angriff durch Steigerung der
Feuergeschwindigkeit seiner Artillerie und Minenwerfer bis zur uersten
Grenze der Leistungsfhigkeit von Material und Bedienung nur kurze Zeit
vorbereitet und war dann gegen den schlagartig krperlich und seelisch
niedergedrckten Verteidiger sofort zum Angriff bergegangen. Wir hatten
diese Art gegnerischer Angriffsvorbereitung wohl schon innerhalb des
Rahmens der langen Dauerschlachten kennengelernt, aber als Erffnung einer
groen Angriffshandlung war sie fr uns neu und verdankte vielleicht
gerade diesem Umstand ihren ohne Zweifel bedeutenden Erfolg. Im groen und
ganzen schlug uns der Gegner diesmal mit unserem eigenen bisherigen
Angriffsverfahren. Wir konnten nur hoffen, da er es im kommenden Jahre
nicht mit gleichem Erfolg in noch grerem Umfang wiederholen wrde.

Die Kmpfe bei Verdun erstarben erst im Dezember.

Die Sommeschlacht hatte auch von Ende August ab den Charakter eines
auerordentlich erbitterten, rein frontalen Abringens der beiderseitigen
Krfte gezeigt. Die Aufgabe der Obersten Heeresleitung konnte nur darin
bestehen, den Armeen die ntigen Krfte zum Durchhalten zur Verfgung zu
stellen.

Man gab dieser Art von Kmpfen bei uns den Namen "Materialschlachten". Man
knnte sie vom Standpunkt des Angreifers aus auch als "Taktik eines
Rammklotzes" bezeichnen, denn es fehlte ihrer Fhrung jeder hhere
Schwung. Die mechanischen und materiellen Elemente des Kampfes waren in
den Vordergrund geschoben, whrend die geistige Fhrung allzusehr in den
Hintergrund trat.

Wenn es unseren westlichen Gegnern in den Kmpfen von 1915 bis 1917 nicht
gelang, ein entscheidendes Feldzugsergebnis zu erreichen, so lag das im
wesentlichen an einer gewissen Einseitigkeit der dortigen Fhrung. An der
ntigen zahlenmigen berlegenheit an Menschen, Kriegsgert und
Schiebedarf fehlte es dem Feinde wahrlich nicht; auch kann man nicht
behaupten, da die Gte der gegnerischen Truppen den Anforderungen einer
ttigeren und gedankenreicheren Fhrung nicht htte gengen knnen.
Auerdem war fr unsere Feinde im Westen bei dem reichentwickelten
Eisenbahn- und Straennetz und den in Massen vorhandenen
Befrderungsmitteln jeder Art freieste Entfaltungsmglichkeit fr eine
weit grere operative Gelenkigkeit vorhanden. Von alledem machte jedoch
die gegnerische Fhrung nicht vollen Gebrauch. Die lange Dauer unseres
Widerstandes war also doch wohl neben anderen Grnden auch auf eine
gewisse Unfruchtbarkeit des Bodens zurckzufhren, auf dem die feindlichen
Plne reiften. Ungeheuer blieben aber trotzdem die Anforderungen, die auf
den dortigen Schlachtfeldern an unsere Armeefhrungen und unsere Truppen
gestellt werden muten.

Anfang September besuchte ich mit meinem Ersten Generalquartiermeister die
Westfront. Wir muten die dortigen Kampfverhltnisse sobald als mglich
kennen lernen, um wirklich helfend eingreifen zu knnen. Seine Kaiserliche
und Knigliche Hoheit der Deutsche Kronprinz schlo sich uns unterwegs an
und ehrte mich in Montmdy durch Aufstellung einer Sturmkompagnie auf dem
Bahnsteige. Dieser Empfang entsprach ganz dem ritterlichen Sinn des hohen
Herrn, dem ich fortan fters begegnen sollte. Sein frisches, offenes Wesen
und sein gesundes militrisches Urteil haben mich stets mit Freude und
Vertrauen erfllt. In Cambrai berreichte ich auf Befehl Seiner Majestt
des Kaisers zwei anderen bewhrten Heerfhrern, den Thronfolgern Bayerns
und Wrttembergs, die ihnen verliehenen preuischen Feldmarschallstbe und
hielt dann eine lngere Besprechung mit den Generalstabschefs der
Westfront ab. Aus deren Darlegungen ging hervor, da rasches und
energisches Handeln dringend not tat, um unsere erschreckende
Unterlegenheit an Fliegern, Waffen und Munition einigermaen
auszugleichen. Die eiserne Arbeitskraft des Generals Ludendorff hat diese
ernste Krisis berwunden. Zu meiner Freude hrte ich spter durch
Frontoffiziere, da sich die Frchte der Besprechung von Cambrai bald bei
der Truppe bemerkbar gemacht htten.

Die Gre der Anforderungen, die an das Westheer gestellt wurden, war mir
bei diesem Besuch in Frankreich zum erstenmal so recht plastisch vor die
Augen getreten. Ich stehe nicht an, zu bekennen, da ich damals erst einen
vollen Einblick in die bisherigen Leistungen des Westheeres gewann. Wie
undankbar war die Aufgabe fr Fhrung und Truppe, da in der aufgezwungenen
reinen Verteidigung ein sichtbarer Gewinn immer versagt bleiben mute! Der
Erfolg in der Abwehrschlacht fhrt den Verteidiger, auch wenn er siegreich
ist, nicht aus dem stndig lastenden Druck, ich mchte sagen, aus dem
Anblick des Elends des Schlachtfeldes heraus. Der Soldat mu auf den
mchtigen seelischen Aufschwung verzichten, den das erfolgreiche
Vorwrtsschreiten gewhrt, ein Aufschwung von so unsagbarer Gewalt, da
man ihn erlebt haben mu, um ihn in seiner ganzen Gre begreifen zu
knnen. Wie viele unserer braven Soldaten haben dieses reinste
Soldatenglck nie empfinden drfen! Sie sahen kaum etwas anderes als
Schtzengrben und Geschotrichter, in denen und um die sie wochen-, ja
monatelang mit dem Gegner rangen. Welch ein Nervenverbrauch und welch
geringe Nervennahrung! Welche Strke des Pflichtgefhls und welche
selbstlose Hingabe gehrten dazu, solch einen Zustand jahrelang in stiller
Entsagung auf hheres kriegerisches Glck zu ertragen! Ich gestehe offen,
da diese Eindrcke fr mich tief ergreifend waren. Ich konnte nun
verstehen, wie alle, Offiziere wie Mannschaften, aus solchen
Kampfverhltnissen sich heraussehnten, wie sich alle Herzen mit der
Hoffnung fllten, da nun endlich nach diesen erschpfenden Schlachten ein
hoher Angriffszug auch in die Westfront ein frisches kriegerisches Leben
bringen wrde.

Freilich sollten unsere Fhrer und Truppen noch lange auf die Erfllung
dieser Sehnsucht warten mssen! Viele unserer besten, sturmbegeisterten
Soldaten muten noch vorher in zertrmmerten Schtzengrben ihr Herzblut
hingeben!

In dem Kampfgebiet an der Somme wurde es erst stiller, als die
einbrechende nasse Jahreszeit den Kampfboden grundlos zu machen begann.
Die Millionen von Geschotrichtern fllten sich mit Wasser oder wurden zu
Friedhfen. Von Siegesfreude war auf keiner der beiden kmpfenden Parteien
die Rede. ber allen lag der furchtbare Druck dieses Schlachtfeldes, das
in seiner de und seinem Grauen selbst dasjenige vor Verdun zu bertreffen
schien.




                   Meine Stellung zu politischen Fragen



                              uere Politik


Die Beschftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres
Vaterlandes war mir stets ein Bedrfnis. Lebensgeschichten seiner groen
Shne waren fr mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner
Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner
Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch htte man ein volles
Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Bettigung
innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht
war hierfr mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch
mein soldatisches Gefhl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist
dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurckzufhren.
Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verstndnis, die
Tatsache htte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich
ihr whrend des Krieges nicht so oft und so laut htte Ausdruck geben
mssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschftigung
wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer
der Hauptgrnde fr unsere auenpolitische Rckstndigkeit. Eine solche
mute sich um so strker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle
Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdrngen
unserer geistigen Krfte ber die vaterlndischen Grenzen hinaus zu einem
Weltvolk zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche
Kraftbewutsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer
bei den unserigen.

Weder bei meiner Ttigkeit in den hheren Fhrerstellen des Ostens noch
bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des
Feldheeres hatte ich das Bedrfnis und die Neigung, mich mehr als
unbedingt notwendig mit gegenwrtigen politischen Fragen zu beschftigen.
Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen
und mannigfaltigen, auf die Kriegfhrung wirkenden Entscheidungen eine
vllige Zurckhaltung der Kriegsleitung von der Politik fr unmglich.
Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm fr
das gegenseitige Verhltnis zwischen militrischer und politischer Fhrung
im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand
entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen
Auffassung, wenn er sagte:

  "Der Fhrer hat bei seinen Operationen den militrischen Erfolg in
  erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen
  oder Niederlagen anfngt, ist nicht seine Sache, deren Ausntzung ist
  vielmehr allein Sache der Politiker."

Andererseits wrde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben
verantworten knnen, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Fllen
zur Geltung gebracht htte, in denen die Bestrebungen anderer uns nach
meiner berzeugung auf eine bedenkliche Bahn fhrten, wenn ich nicht da
zur Tat getrieben htte, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu
bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten fr Gegenwart und
Zukunft nicht dann mit aller Schrfe vertreten htte, wenn die
Kriegfhrung und die zuknftige militrische Sicherheit meines Vaterlandes
durch politische Manahmen berhrt oder gar gefhrdet wurden. Man wird mir
zugeben, da die Grenzen zwischen Politik und Kriegfhrung sich wohl nie
mit voller Schrfe ziehen lassen werden. Beide mssen schon im Frieden
zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verstndigung
unbedingt verlangen. Sie mssen sich im Kriege, in dem ihre Fden
tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergnzen. Dieses
schwierige Verhltnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch
der lapidare Stil Bismarcks lt die Grenzlinien ineinander berflieend
erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche
Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lsung arbeitenden
Persnlichkeiten.

Ich gebe zu, da ich gar manche uerungen ber politische Fragen mit
meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer
derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich
drngte mich in solchen Fllen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine
Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und
uerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen
Grund dafr ein, warum ich schweigen sollte.

Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach bernahme
der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft
Polens. Angesichts der groen Bedeutung dieser Frage whrend des Krieges
und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu
mssen.

Ich habe frher nie eine persnliche Abneigung gegen das polnische Volk
empfunden; andererseits htte mir aber auch jeder vaterlndische Instinkt,
jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen mssen, wenn ich die
schweren Gefahren verkannt htte, die in einer Wiederaufrichtung Polens
fr mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darber hin, da wir
von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafr erwarten
knnten, da wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute
befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung fr die wirtschaftliche und
geistige Hebung unserer preuisch-polnischen Volksteile erhalten haben.
Nie also wrde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik berhaupt
anerkannt wrde, das neu errichtete freie Polen von einer Irredenta in
unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.

Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lsen versuchte, immer
mute Preuen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische
Zeche zu zahlen hatte. sterreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in
der Schpfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr fr das eigene
Staatswesen zu befrchten. Einflureiche Kreise in Wien wie in Budapest
glaubten vielmehr, da es mglich sein wrde, das katholische Polen
dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundstzlich
deutschfeindlichen Haltung der Polen schlo diese sterreichische Politik
eine schwere Gefahr fr uns in sich. Es war nicht zu verkennen, da
hierdurch die Festigkeit unseres Bndnisses in Zukunft einer auf die Dauer
unertrglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden wrde. Die Oberste
Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um
unsere zuknftige militrische Lage an der Ostgrenze unter keiner
Bedingung aus dem Auge verlieren.

Aus all diesen politischen wie militrischen Erwgungen htte sich meines
Erachtens fr Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage
mglichst wenig zu rhren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen
Fllen ausdrckt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher
Seite leider nicht geschehen. Die Grnde, warum wir aus der gebotenen
Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und
sterreichisch-ungarischen Reichsleitung war nmlich Mitte August 1916 in
Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmglichst die
ffentliche Verkndigung eines selbstndigen Knigreichs Polen mit
erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte.
Diese Abmachung hatte man dadurch fr uns Deutsche schmackhafter zu machen
versucht, da die beiden Vertragschlieenden sich verpflichtet hatten,
keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen
Staat zufallen zu lassen, und da Deutschland die oberste Fhrung der
einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide
Zugestndnisse hielt ich fr Utopien.

Durch diese ffentliche Verkndigung wrden die politischen Verhltnisse
im Rckengebiet unserer Ostfront vllig verndert worden sein. Mein
Vorgnger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkndigung
Einspruch erhoben. Seine Majestt der Kaiser entschied zugunsten des
Generals von Falkenhayn. Nun war es aber fr jedermann, der die Zustnde
in der Donaumonarchie kannte, klar, da die in Wien einmal getroffene
Vereinbarung nicht geheim bleiben wrde. Sie konnte wohl noch eine kurze
Zeit offiziell zurckgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft
werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand
ich bei bernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache
gegenber.

Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte
Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkndigung
des polnischen Knigsreichs als eine nicht lnger hinausschiebbare
Tatsache. Er lie die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der
sicheren Aussicht auf eine Verstrkung unserer Streitkrfte durch
polnische Truppen, die sich im Frhjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf
5 ausgebildete Divisionen, bei Einfhrung der allgemeinen Wehrpflicht auf
1 Million Mann belaufen wrden. Eine so wenig gnstige Meinung ich auch
glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevlkerung am
Krieg gegen Ruland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur mute es
besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen
Verhltnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der berzeugung, da
uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf untersttzen
wrde.

Wie htte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten knnen, diese als
so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber fr
diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der
nchsten Frhjahrskmpfe leidlich ausgebildete Truppen in der vordersten
Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach
dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.

Da stieen wir, berraschend fr mich, auf den Widerstand der
Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fden fr einen Sonderfrieden
mit Ruland gefunden zu haben und hielt es fr bedenklich, die
eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhngigen Polens in
den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militrischen
Rcksichten gerieten also in Widerstreit.

Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schlielich der, da die
Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Ruland scheiterten, da in den
ersten Tagen des Novembers das Manifest doch verffentlicht wurde, und da
die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen vllig
ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Untersttzung der
katholischen Geistlichkeit, sondern lste offenen Widerstand aus.

Sofort nach Verkndigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den
Interessen sterreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen
Problem hervor. Unsere Verbndeten erstrebten immer offenkundiger eine
Vereinigung Kongre-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden
Einflu. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenber, sofern sie nicht von
unserer Reichsleitung berhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten,
wenigstens fr eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach
rein militrischen Gesichtspunkten eintreten zu mssen.

Eigentlich konnte ja ber alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges
entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, da unsere Zeit durch diese
im Kriege berreichlich in Anspruch genommen wurde. Im brigen mu ich
betonen, da die mit unserem Verbndeten entstandenen Reibungen auf
politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militrischen
Verhltnisse irgend welchen Einflu ausbten.

Eine hnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu sterreich-Ungarn
spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militrischen
Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es
sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschrnkten
zuknftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg ber Cernavoda-Constanza
in seine Hand bekommen wrde. Geschah das, so beherrschte es die letzte
und nchst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen
Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natrlich die
gnstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung whrend des Krieges
Zugestndnisse abzuringen. Andererseits bat die Trkei als zunchst
berhrt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Plne.
Wir gaben ihr diese Untersttzung. So brach ein politischer Kleinkrieg
unter militrischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der
Verlauf war kurz beschrieben folgender:

Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bndnisvertrag stellte fr
einen rumnischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der
im Jahre 1912 verlorenen Teile der sdlichen Dobrudscha sowie dortige
Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem
Anheimfall dieser ganzen rumnischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund
dieses Vertrages hatten wir die frheren bulgarischen Teile der sdlichen
Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumnischen Feldzuges
sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung bergeben, richteten aber
in der Mitteldobrudscha im Einverstndnis mit allen unseren Verbndeten
eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen
Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschlielich zugunsten
Bulgariens. Die nrdliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort
stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhltnisse schienen uerlich
vllig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht
lange.

Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerprsidenten
hingeworfen. Noch vor Abschlu des rumnischen Feldzuges regte er bei
seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an
Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh
dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung
gegen uns. Knig Ferdinand war zunchst mit dem Vorgehen seiner Regierung
nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch
spter nachgeben zu mssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste
Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie
fhlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und
verschiedenen politischen Strmungen innerhalb ihres Heeres ein neues
Element der Beunruhigung hineingeworfen wrde. Bald leistete aber auch
General Jekoff dem Drngen seines Ministerprsidenten keinen weiteren
Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen
Regierung ber den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches
Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptschlich
gefhrt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rcksicht auf das
bestehende waffenbrderliche Verhltnis. Die Verbissenheit, mit der
bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heihungers festhielten, htte
sich auf dem Gebiete der Kriegfhrung fr die allgemeinen Zwecke besser
gelohnt.

In diesen Zustnden zeigten sich die Folgen einer schdlichen Seite
unserer Bndnisvertrge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschlu unseres
Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug
auf Vergrerung des Landes und Vereinigung seiner vlkischen Stmme
gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges htten
halten knnen. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht
zufrieden. Fortdauernd vergrerte es seine Ansprche ganz ohne Rcksicht
darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein wrde, solche
Vergrerungen spter politisch und wirtschaftlich beherrschen zu knnen.

Solche Begehrlichkeiten enthielten fr uns aber auch eine unmittelbare
militrische Gefahr. Ich habe schon frher darauf hingewiesen, von welch
groem militrischen Vorteil es gewesen wre, wenn wir im Herbste 1916 die
Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Flgel bis in
die Gegend von Prilep zurckverlegt htten. Nur eine Andeutung
unsererseits in dieser Beziehung gengte, um in allen politischen
bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken
hervorzurufen. Man befrchtete sofort den Verlust der Ansprche auf
militrisch gerumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das
Spiel, als da man, wie es hie, die Preisgabe "der altbulgarischen Stadt
Ochrida" vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden spter
sehen, wohin uns unsere groen Zugestndnisse an Bulgarien noch fhren
sollten.

Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen
brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstrkte betrchtlich meine
Abneigung gegen die Politik.

Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bndnisvertrag mit Bulgarien
hatte derjenige mit der Trkei. Deren Regierung gegenber hatten wir uns
nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege
verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten
Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren.
Unsere Bndnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine
bedenkliche Rckwirkung dieser milichen Verhltnisse auf die
Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die trkische
Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus
politischen Grnden vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser
Hinsicht war daher fr uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der
gemeinsamen Kriegfhrung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von
grtem Wert. Auch die politische Auffassung der brigen trkischen
Machthaber schien uns einstweilen eine Gewhr dafr zu geben, da die
bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht bertrieben
belasten wrden. Wurde uns doch versichert, da die osmanische Regierung
sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den
Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der
Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit ber groe Teile der
verlorenen Gebiete abfinden wrde, sofern es gelingen solle, eine Formel
zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.

Fr unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche
Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu sttzen; fr Enver wie
fr Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und
sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen
Strmungen in der Trkei entgegenzutreten, die auf die militrischen
Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges strend wirkten. Ich
verweise hierbei auf meine frheren Bemerkungen ber die panislamitische
Bewegung. Sie drohte andauernd die Trkei militrisch in eine falsche
Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rulands suchte der
Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja,
er fate darber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Lnder
ins Auge und verlor sich schlielich in den weiten Rumen Zentralasiens
mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und
Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.

Da wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere
militrische Untersttzung nicht leihen konnten, da wir vielmehr die
Rckkehr aus diesen weitschweifenden Plnen auf den Boden der jetzigen
kriegerischen Wirklichkeiten fordern muten, war klar, das Bemhen aber
leider nicht erfolgreich.



Weit schwieriger als unser Einflu auf die auenpolitischen Probleme der
Trkei mute natrlich unser Einflu auf innere Verhltnisse dieses
Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher
Schritte nicht vllig entschlagen. Nicht nur die primitiven
wirtschaftlichen Zustnde gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein
menschliche Empfindungen.

Das berraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das
Wiederaufflammen frheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete
gleichzeitig die dunkelste Seite der trkischen Herrschaft: ich meine ihr
Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische
Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme fr die Trkei in sich.
Sie berhrte sowohl den pantrkischen wie auch den panislamitischen
Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer trkischer Seite zu lsen
versucht wurde, hat die ganze Welt whrend des Krieges beschftigt. Man
hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen
wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schlu des
Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fhle mich
daher verpflichtet, sie hier zu berhren, und habe wahrlich keinen Grund,
unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu bergehen. Wir haben nicht
gezgert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einflu auf die wilde,
schrankenlose Art der Kriegfhrung auszuben, die im Orient durch
Rassenha und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir
haben wohl zusagende uerungen magebender Stellen der trkischen
Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu
berwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So
erklrte man beispielsweise von trkischer Seite die armenische Frage als
lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns
berhrt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen
Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Ha- und Racheakte.
Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im
politischen und religisen Fanatismus, bildet eines der schwrzesten
Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Vlker.

Die bereinstimmenden Urteile vlkisch vllig neutraler Beobachter gingen
dahin, da die in ihren innersten Leidenschaften aufgewhlten Parteien bei
der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl
den sittlichen Begriffen, die bei Vlkern jener Gebiete durch die noch
herrschenden oder erst seit kurzem berwundenen Gesetze der Blutrache
geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte
angerichtet wurde, ist ganz unbersehbar. Er machte sich nicht allein auf
menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und
militrischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten trkischen
Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter
als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden
Erschpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die
Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses
Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte
Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel
erweitert. - Ob es das letzte gewesen ist?



                            Die Friedensfrage


Mitten in den Vorbereitungen zum rumnischen Feldzug trat an mich die
Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den
sterreichisch-ungarischen Auenminister Baron Burian ins Rollen gebracht.
Da ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen
entgegenbrachte, bedarf fr den Kenner meiner Person und meiner Auffassung
vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im brigen gab es fr mich
bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Rcksichten auf meinen Kaiser und
mein Vaterland. Ich hielt es fr meine Aufgabe, bei der Behandlung und
versuchten Lsung des Friedensgedankens dafr zu sorgen, da weder Heer
noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte
bei der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken;
eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der
Schwche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks
vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem
Pflichtbewutsein Gott und den Menschen gegenber sich mein Allerhchster
Kriegsherr der Lsung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht,
da er ein vlliges Scheitern dieses Schrittes fr wahrscheinlich hielt.
Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering.
Unsere Gegner hatten sich frmlich in ihren Begehrlichkeiten berboten,
und es schien mir ausgeschlossen, da eine der feindlichen Regierungen von
den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Vlkern gemacht
hatten, freiwillig zurcktreten knnte und wrde. Durch diese Ansicht
wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der
Menschlichkeit nicht beeintrchtigt.

Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum
Frieden verkndet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den
gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.

Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemhung des
Prsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fue. Die
Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler ber die Anregungen, die er
durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen,
unterrichtet. Ich selbst hielt den Prsidenten Wilson nicht geeignet fr
eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefhles nicht
erwehren, da der Prsident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und
zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natrliche
Folgeerscheinung seiner angelschsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen
meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht fr
parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der
Neutralittsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Verletzung
des Vlkerrechtes ging der Prsident gegen England mit allen mglichen
Rcksichten vor. Er lie sich hierbei die schroffsten Abweisungen
gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur
unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willkren war, zeigte Wilson die
grte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen.
Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen
Anregung. Die Gegner uerten sich Wilson gegenber ber Einzelheiten
ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche
und politische Lhmung Deutschlands, auf eine Zertrmmerung
sterreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens
hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig wrdigte, mute
sich der Gedanke aufdrngen, da die gegnerischen Kriegsziele nur bei
einem vllig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, da wir
aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklren.
Jedenfalls wrde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge fr ein
Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen
erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen
gegenber anders als vllig ablehnend verhalten htte. Ich konnte bei der
damaligen Kriegslage meiner berzeugung und meinem Gewissen nach keinen
anderen Frieden gut heien als einen solchen, der unsere zuknftige
Stellung in der Welt derartig festigte, da wir gegen gleiche politische
Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschtzt
blieben, und da wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke
Sttze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und
geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war fr mich als
Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, da es erreicht
wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darber hingeben zu brauchen,
da das deutsche Volk und seine Verbndeten die Kraft besitzen wrden, die
unerhrten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen
in der Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat
gegenber den feindlichen Ansprchen durchaus ablehnend. Auch kam weder
von trkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung
zur Nachgiebigkeit. Die Schwcheanwandlungen sterreich-Ungarns hielt ich
fr berwindbar. Hauptsache war, da man sich dort andauernd das Schicksal
vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen
Anforderungen entgegenging, und da man sich von dem Wahne freihielt, als
ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln
sei. Wir hatten mit sterreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung
gemacht, da es zu weit hheren Leistungen fhig war, als es selbst von
sich glaubte. Die dortige Staatsleitung mute sich nur einem unbedingten
Zwange gegenbergestellt sehen, um dann auch greres leisten zu knnen.
Aus diesen Grnden war es meiner Ansicht nach verfehlt, sterreich-Ungarn
gegenber mit Trostsprchen zu arbeiten. Solche strken nicht und heben
nicht das Vertrauen und die Entschlukraft. Das gilt Politikern ebenso wie
Soldaten gegenber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht,
da reien starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des
Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schrfer empor, als es Worte des
Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermgen.

Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Prsidenten
Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die
ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklrung der
Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage fr
Friedensbemhungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich
auf die grundstzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte
beschrnkte. Dieses Verhalten des Prsidenten erschtterte mein Vertrauen
auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schnen
Worten reichen Botschaft vergebens die Zurckweisung des Versuches unserer
Gegner, uns als Menschen zweiter Kategorie zu erklren. Auch der Satz ber
die Herstellung eines einigen, unabhngigen und selbstndigen Polens
erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen sterreich und
gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf
Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch
fr Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des
Vermittlers Wilson gegen die Mittelmchte die Rede sein? Die Botschaft war
fr uns mehr eine Kriegserklrung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir
uns erst einmal der Politik des Prsidenten an, so muten wir auf eine
abschssige Bahn geraten, die uns schlielich zu einem Frieden des
Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militrische
Stellung zu fhren drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, da wir
nach dem ersten zustimmenden Schritt allmhlich politisch immer weiter in
die Tiefe gedrckt und dann schlielich zur militrischen Kapitulation
gezwungen wrden.

Durch Verffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, da
Prsident Wilson unmittelbar nach Verkndigung der Senatsbotschaft vom
22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine
Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung
berreichen lie. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin
eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit
entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehrt. Ob
Irrtmer oder Verkettung von widrigen Verhltnissen Schuld daran waren,
wei ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende
Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in
Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschrnkten
Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, da
der Prsident hierber durch Auffangen und Entzifferung unserer
diesbezglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von
seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem Inhalt unserer
brigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran
anknpfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres
gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr
aufgehalten durch unsere Erklrung vom 29. Januar, in der wir bereit
waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemhungen
des Prsidenten gelingen wrde, eine Grundlage fr Friedensverhandlungen
zu sichern.

Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Besttigung
meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten
Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.



                              Innere Politik


Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner
gestanden. Auch nach meinem bertritt in den Ruhestand beschftigten sie
mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu
verstehen, da hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht
kleinlichen Parteiinteressen gegenber zurcktreten sollte, und fhlte
mich in meiner politischen berzeugung am wohlsten in dem Schatten des
Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres groen
greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer fr mich wunderbaren
Gre hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren
Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse whrend des jetzigen Krieges
waren nicht geeignet, mich fr die nderungen einer neueren Zeit besonders
zu erwrmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks
war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und
Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen fr mich hher als
kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht fr einen
Staatsbrger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenberzustellen
wre.

Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner
Fhrung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage
rcksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir
htten an ihrem Beispiel lernen knnen. Leider haben wir es nicht getan,
sondern sind einem Wahngebilde der Vlkergerechtigkeit verfallen, anstatt
das eigene Staatsgefhl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser
Dasein ber alles andere zu stellen.

Whrend des Krieges mute sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen
innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete,
beschftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drngten sich, mehr
als mir erwnscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer
und Volkswirtschaft machten es uns unmglich, die wirtschaftlichen
Heimatfragen von der Kriegfhrung durch eine Grenzlinie hnlich einer
solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.

Das groe Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trgt, vertrat ich mit
der vollen Verantwortung fr seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die
ich fr seine Bearbeitung gab, lautete dahin, da der Bedarf fr unsere
kmpfenden Truppen unter allen Umstnden gedeckt werden mte. Einen
anderen Grundsatz als diesen htte ich im vorliegenden Falle fr ein
Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern
Forderungen waren die Zahlen den frheren gegenber freilich ins Riesige
gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu
beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es
sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase
tuschte sich vollstndig ber die Stimmung, unter deren Einflu dieses
Programm entstanden ist.

An der Einbringung des Gesetzes ber den Kriegshilfsdienst war ich mit
ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach
meinem Wunsche nicht nur alle waffenfhigen sondern auch alle
arbeitsfhigen Mnner, ja selbst Frauen, in den Dienst der groen Sache
stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, da durch ein solches Gesetz
nicht nur personelle sondern auch sittliche Krfte ausgelst wrden, die
wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schlieliche
Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit
bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser
Enttuschung bedauerte ich fast, da wir unser Ziel nicht auf den schon
bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer
Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu
einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes
zu gestalten, hatte mich den Einflu der bestehenden inneren politischen
Verhltnisse bersehen lassen. Das Gesetz kam schlielich zustande auf dem
Boden innerpolitischer Handelsgeschfte, nicht aber auf dem tiefgehender
vaterlndischer Stimmung.

Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, da sie durch das Gesetz
ber den "Vaterlndischen Hilfsdienst" und durch die Forderungen des
sogenannten "Hindenburg-Programms" in sozialer wie in finanzieller und
wirtschaftlicher Beziehung zu berstrzenden Manahmen Anla gegeben
htte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar
darber hinaus noch deutlich verfolgen lieen. Ich mu der zuknftigen,
von den gegenwrtigen Parteistrmungen befreiten Forschung zur
Entscheidung berlassen, ob diese Vorwrfe gerechtfertigt sind. Auf einen
Punkt mchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines fr den Krieg
geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres
Kampfes auerordentlich fhlbar. Die Erfahrung zeigte, da sich ein
solcher whrend des Krieges nicht aus dem Boden stampfen lt. So glnzend
unsere militrische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung
geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen.
Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden
mute, berstieg alle frheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der
nahezu vlligen Absperrung von den Auslandslieferungen bei der langen
Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und
Schiebedarf vor vllig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden
kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den
entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs
innigste berhrten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen
Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermaen
reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wre es wohl gewesen, eine
gemeinsame Zentralbehrde zu schaffen, bei der alle Forderungen
zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine
solche Behrde htte wirtschaftlich und militrisch weitblickende
Entscheidungen treffen knnen. Sie htte untersttzt von
volkswirtschaftlichen Gren, die imstande waren, die Folgen ihrer
Entscheidungen weithin zu berblicken, im freien Geiste geleitet werden
mssen. An einer solchen Behrde fehlte es. Es bedarf keiner nheren
Erluterungen, da nur ein ungewhnlich begabter Verstand und eine
ungewhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe htte gewachsen
sein knnen. Selbst bei Erfllung aller dieser Vorbedingungen wren
schwere Reibungen nicht ausgeblieben.

So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in
das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien
Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner
Natur meine Untersttzung. Besonders glaubte ich zur Frage der
Kriegerheimsttten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu mssen. Meinen
Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte
ich doch keinen schneren und befriedigerenden Blick als den ber ein
wohlgepflegtes Stck Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen.
Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein
Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefhlt haben. Mein Wunsch geht
dahin, da recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefhrten nach allen
Leiden und Mhen dieses Glck beschieden sei!




               Vorbereitungen fr das kommende Feldzugsjahr



                             Unsere Aufgaben


Als sich das Ergebnis der Kmpfe des Jahres 1916 mit einiger Sicherheit
berblicken lie, muten wir ber die Weiterfhrung des Krieges im Jahre
1917 ins klare kommen. ber das, was der Gegner im nchsten Jahre tun
wrde, war bei uns kein Zweifel. Wir muten auf einen allgemeinen
feindlichen Angriff rechnen, sobald die gegnerischen Vorbereitungen und
die Witterungsverhltnisse einen solchen zulieen. Vorauszusehen war, da
unsere Feinde, gewitzigt durch die Erfahrungen der vorhergegangenen Jahre,
eine Gleichzeitigkeit ihrer Angriffe auf allen Fronten anstreben wrden,
sofern wir ihnen hierzu die Zeit und Gelegenheit lieen.

Nichts konnte nher liegen und unser aller Wnschen und Empfindungen mehr
entsprechen, als diesem zu erwartenden Generalsturm zuvorzukommen, die
gegnerischen Plne dadurch ber den Haufen zu werfen und damit von Anfang
an die Vorhand an uns zu reien. Ich darf wohl behaupten, da ich in
dieser Beziehung in den vorausgehenden Feldzugsjahren nichts versumt
hatte, sobald mir die Mittel hierfr in einem nur einigermaen gengenden
Ausma zur Verfgung standen. Jetzt aber durften wir uns ber diesen
Wnschen den Blick fr die tatschliche Lage nicht trben lassen.

Es bestand kein Zweifel, da sich das Strkeverhltnis zwischen uns und
unseren Gegnern am Ende des Jahres 1916 noch mehr zu unseren Ungunsten
verschoben hatte, als dies schon bei Beginn des Jahres der Fall gewesen
war. Rumnien war zu unseren Gegnern getreten und trotz seiner schweren
Niederlage ein Machtfaktor geblieben, mit dem wir weiter rechnen muten.
Das geschlagene Heer fand hinter den russischen Linien Schutz und Zeit fr
seinen Wiederaufbau und konnte dabei auf die Mitwirkung der Entente im
weitesten Umfang rechnen.

Es war ein Verhngnis fr uns, da es unserer Heeresfhrung whrend des
ganzen Krieges nicht gelungen ist, auch nur einen unserer kleineren Gegner
mit Ausnahme von Montenegro zum baldigen Ausscheiden aus der Zahl unserer
Feinde zu zwingen. So war im Jahre 1914 die belgische Armee aus Antwerpen
entkommen und stand uns, wenn auch im allgemeinen tatenlos, andauernd
gegenber, uns zu einem immerhin nicht unbedeutenden Krfteverbrauch
zwingend. Mit der serbischen Armee war es uns im Jahre 1915 nur scheinbar
gnstiger gegangen. Sie war unsern umfassenden Bewegungen entgangen,
allerdings in einem trostlosen Zustande. Im Sommer 1916 erschien sie
jedoch wieder kampfkrftig auf dem Kriegstheater in Mazedonien und erhielt
zur Auffrischung ihrer Verbnde andauernd Zuzug und Ersatz aus allen
mglichen Lndern, zuletzt besonders auch durch sterreichisch-ungarische
berlufer slawischer Nationalitten.

In allen drei Fllen, Belgien, Serbien und Rumnien, hatte das Schicksal
der gegnerischen Armee an einem Haare gehangen. Die Grnde ihres
Entrinnens mochten verschieden sein, die Wirkung war stets die gleiche.

Man ist angesichts solcher Tatsachen nur zu leicht geneigt, dem Zufall im
Kriege eine groe Rolle zuzusprechen. Mit diesem Ausdruck wrdigt man den
Krieg aus seiner stolzen Hhe zu einem Glcksspiel herab. Als solches ist
er mir niemals erschienen. Ich sah in seinem Verlauf und Ergebnis, auch
wenn letzteres sich gegen uns wendete, immer und berall eine herbe
Folgenreihe unerbittlicher Logik. Wer zugreift und zugreifen kann, hat den
Erfolg auf seiner Seite, wer das unterlt oder unterlassen mu, verliert.

Fr das Feldzugsjahr 1917 konnten wir darber im Zweifel sein, ob die
Hauptgefahr fr uns aus West oder Ost kommen wrde. Rein vom Standpunkte
zahlenmiger berlegenheit schien die Gefahr an der Ostfront grer. Wir
muten annehmen, da es dem Russen im Winter 1916/17 ebenso wie in den
Vorjahren gelingen wrde, seine Verluste zu ersetzen und seine Armee mit
Erfolg angriffsfhig zu machen. Keine Kunde drang zu uns, aus der
besonders auffallende Zersetzungserscheinungen innerhalb des russischen
Heeres hervorgegangen wre. Die Erfahrung hatte mich brigens gelehrt,
derartige Nachrichten jederzeit und von wem sie auch kommen mochten, mit
uerster Vorsicht aufzunehmen.

Dieser russischen Strke gegenber konnten wir die Verhltnisse in dem
sterreichisch-ungarischen Heere nicht ohne Sorge betrachten. Nachrichten,
die uns zukamen, lieen die Zuversicht nicht recht aufkommen, da der
glckliche Ausgang des rumnischen Feldzuges und die verhltnismig
gnstige, wenn auch immer gespannte Lage an der italienischen Front auf
den moralischen Halt der k. u. k. Truppen einen ausreichend erhebenden und
strkenden Einflu ausgebt hatten. Wir muten weiterhin damit rechnen,
da Angriffe der Russen wieder Zusammenbrche in den sterreichischen
Linien verursachen knnten. Es war sonach ausgeschlossen, den
sterreichischen Fronten die unmittelbare deutsche Untersttzung zu
nehmen; wir muten uns im Gegenteil bereithalten, bei gelegentlichen
Notfllen an den Fronten des Verbndeten mit weiteren Krften auszuhelfen.

Wie sich die Verhltnisse an der mazedonischen Front gestalten wrden, war
ebenfalls unsicher. Dort hatte im Verlauf der letzten Kmpfe ein deutsches
Heeresgruppenkommando die Fhrung der rechten und mittleren bulgarischen
Armee, d. h. im allgemeinen die Front von Ochrida bis zum Doiran-See,
bernommen; auch waren sonst noch aus den Kmpfen der Jahre 1915 und 1916
her hhere deutsche Befehlshaber in dieser Front ttig geblieben. Andere
unserer Offiziere waren ferner damit beschftigt, die reichen
Kriegserfahrungen auf allen unseren Fronten der bulgarischen Armee zu
bermitteln. Das Ergebnis dieser Arbeit konnte sich aber erst beim
Wiederaufleben der Kmpfe zeigen. Vorderhand schien es gut, unsere
Hoffnungen nicht allzu hoch zu spannen. Untersttzungsbereit muten wir
jedenfalls auch fr die mazedonische Front sein.

Auch an unserer Westfront muten wir damit rechnen, da die Gegner im
kommenden Frhjahr trotz ihrer zweifellos schweren Verluste des
vergangenen Jahres mit voller Kraft wieder auf dem Kampfplatz erscheinen
wrden. Ich mchte den Ausdruck "volle Kraft" natrlich bedingt aufgefat
wissen, denn die verlorene alte Kraft ersetzt sich im Verlauf weniger
Monate wohl zahlenmig, aber nicht ihrem inneren Werte nach voll und
ganz. Der Feind unterlag in dieser Richtung den gleichen harten Gesetzen
wie auch wir.

Das taktische Bild an den wichtigsten Teilen dieser Front war folgendes:
Der Gegner hatte im zhesten, fnfmonatigen Ringen an der Somme unsere
Linien in 40 km Breite und etwa 10 km Tiefe zurckgeworfen. Vergessen wir
diese Zahlen fr sptere Vergleiche nicht!

Dieser Erfolg, der mit hunderttausenden von blutigen Opfern bezahlt war,
war bei der Gre unserer Gesamtfront eigentlich gering. Die Einbiegung
unserer Linien drckte aber auf unsere nach Nord und Sd anschlieenden
Nebenfronten. Die Lage forderte gebieterisch eine Verbesserung; wir liefen
sonst Gefahr, aus diesem Bogen heraus durch erneute feindliche Angriffe,
verbunden mit nrdlich und sdlich davon angesetzten Nebenangriffen,
umfat zu werden. Ein eigener, umfassender Angriff gegen den
eingebrochenen Feind war die nchstliegende, angesichts unserer Gesamtlage
aber auch die bedenklichste Lsung. Durften wir es wagen, alle unsere
Kraft zu einem groen Angriff in der mit feindlichen Truppen angefllten
Gegend an der Somme einzusetzen, whrend wir vielleicht an anderer Stelle
der Westfront oder an der Ostfront einen Zusammenbruch erlebten? Es zeigte
sich hier wieder einmal, da unsere Kriegfhrung, wenn sie mit groen
Plnen nach der einen Seite blickte, die Augen nach der anderen nicht
verschlieen durfte. Das Jahr 1916 redete in dieser Beziehung eine
Sprache, die sich Gehr verschaffen mute.

Wenn wir nun die durch die Sommeschlacht entstandene Frontgestaltung durch
einen Angriff nicht verbessern konnten, so muten wir die Folgerungen
daraus ziehen und unsere Linien zurcknehmen. Wir entschieden uns daher
auch zu dieser Manahme und verlegten unsere Stellung, die bis Peronne
eingedrckt war und andrerseits noch bis westlich Bapaume, Roye und Noyon
vorsprang, in die Sehnenlinie Arras-St. Quentin-Soissons zurck. Diese
neue Linie ist unter dem Namen Siegfriedstellung bekannt.

Also Rckzug an der Westfront statt Angriff! Kein leichter Entschlu.
Schwere Enttuschung fr das Westheer, vielleicht eine noch schwerere fr
die Heimat, die schwerste, wie zu befrchten, bei unseren Verbndeten.
Heller Jubel bei unsern Gegnern! Kann man sich auch einen geeigneteren
Stoff fr Propaganda vorstellen? Glnzender, wenn auch spt sichtbarer
Erfolg der blutigen Sommeschlacht, zusammengebrochener deutscher
Widerstand, heftige unaufhrliche Verfolgungen mit groen Beutezahlen,
Schauergeschichten ber unsere Kriegfhrung. Man konnte das ganze
Register, das aufgezogen werden wrde, schon vorher hren. Welch ein Hagel
propagandistischer Literatur wird nunmehr auf und hinter unseren Linien
niederfallen!

Unsere groe Rckwrtsbewegung begann am 16. Mrz 1917. Der Gegner folgte
ihr ins freie Gelnde zumeist mit gemessener Vorsicht. Wo diese Vorsicht
sich zu grerem Drngen steigern wollte, verstanden es unsere
Deckungstruppen, abkhlend auf den feindlichen Eifer zu wirken.

Mit der getroffenen Manahme schufen wir uns nicht nur gnstigere rtliche
Kampfbedingungen an der Westfront sondern verbesserten auch unsere gesamte
Kriegslage. Gab uns doch die Verkrzung der Verteidigungslinie im Westen
die Mglichkeit zur Schaffung starker Reserven. Verlockend war der Plan,
wenigstens einen Teil derselben auf den Feind zu werfen, wenn dieser
unserem Rckzug in die Siegfriedstellung ber das freie Gelnde folgen
wrde, in dem wir uns ihm unbedingt berlegen fhlten. Wir verzichteten
jedoch hierauf und hielten unser Pulver fr die Zukunft trocken.

Man kann die Lage, wie wir sie uns bis zum Frhjahr des Jahres 1917
geschaffen hatten, vielleicht als eine groe strategische Bereitstellung
bezeichnen, in der wir dem Gegner einstweilen die Vorhand berlieen, aus
der heraus wir aber jederzeit imstande waren, gegen feindliche
Schwchepunkte zum Angriff zu schreiten. Geschichtliche Vergleiche aus
frheren Kriegen knnen bei der ungeheuer gesteigerten Gre aller
Verhltnisse nicht gezogen werden.



Im Zusammenhang mit diesen Ausfhrungen mu ich zwei Plne besprechen, mit
denen wir uns im Winter 1916/17 zu beschftigen hatten. Es waren
Vorschlge fr einen Angriff sowohl in Italien als auch in Mazedonien. Die
Anregung in der erstgenannten Richtung ging noch im Winter 1916/17 vom
Generaloberst von Conrad aus. Er versprach sich von einem groen Erfolge
gegen Italien eine weitgehende Einwirkung auf unsere gesamte kriegerische
und politische Lage. Dieser Anschauung konnte ich mich nicht anschlieen.
Wie ich schon frher ausfhrte, vertrat ich dauernd die Anschauung, da
Italien viel zu sehr unter dem wirtschaftlichen und damit auch unter dem
politischen Druck Englands stnde, als da dieses Land, selbst durch eine
groe Niederlage, zu einem Sonderfrieden zu zwingen wre. Generaloberst
von Conrad dachte bei seinem Vorschlage wohl in erster Linie an die
gnstige Rckwirkung eines siegreichen Feldzuges gegen Italien auf die
Stimmung in den sterreichisch-ungarischen Lndern. Er hoffte auf die
groe militrische Entlastung, die mit einem solchen Erfolge fr
sterreich-Ungarn eintreten mute. Diese Gesichtspunkte konnte ich ihm als
wohlberechtigt durchaus nachempfinden. Allein ohne starke deutsche
Untersttzung - es handelte sich um etwa 12 deutsche Divisionen - glaubte
Generaloberst von Conrad nicht nochmals einen Angriff auf die Italiener
aus Sdtirol heraus unternehmen zu knnen. Demgegenber glaubte ich es
jedoch nicht verantworten zu knnen, so viele deutsche Truppen auf nicht
absehbare Zeit in einem Unternehmen festzulegen, das nach meiner
Anschauung zu weit von unseren allerwichtigsten und gefhrlichsten Fronten
in Ost und West ablag.

hnlich verhielt es sich mit der Frage eines Angriffes auf die
Ententetruppen in Mazedonien. Bulgarien liebugelte mit diesem Plane, und
von seinem Standpunkte aus natrlich mit vollster Berechtigung. Ein
entscheidender Erfolg unsererseits htte die Entente zur Rumung dieses
Landes zwingen knnen. Bulgarien wre dadurch militrisch und politisch
nahezu vllig entlastet worden. Das Unternehmen htte auch den lebhaften
Wnschen des Landes und seiner Regierung entsprochen. Richtete man doch
bulgarischerseits fortgesetzt begehrliche Augen auf den viel umstrittenen,
schnen Hafen von Saloniki. Letzterer Gesichtspunkt machte freilich bei
mir keinen Eindruck. Auch die militrische Entlastung Bulgariens htte
nach meiner damaligen Ansicht keinen Nutzen fr unsere Gesamtlage
bedeutet. Htten wir die Ententekrfte zum Abzug aus Mazedonien gezwungen,
so wrden wir sie an unserer Westfront auf den Hals bekommen haben. Ob wir
dagegen die dadurch frei werdenden bulgarischen Truppen irgendwo auerhalb
des Balkans htten einsetzen knnen, erschien mir mindestens fraglich.
Hatte doch schon die Verwendung bulgarischer Divisionen auerhalb des
unmittelbarsten bulgarischen Interessengebietes whrend des rumnischen
Feldzuges nrdlich der Donau zu nicht sehr erfreulichen Reibungen mit
diesen Verbnden gefhrt. Nach meiner Anschauung verwertete sich also die
bulgarische Kampfeskraft im gesamten Rahmen unserer Kriegfhrung am
besten, wenn wir sie mit dem Festhalten der Ententetruppen in Mazedonien
beschftigten. Das schlo natrlich nicht aus, da ich einen selbstndigen
Angriff der Bulgaren in Mazedonien jederzeit freudig begrt htte. Das
Ziel eines solchen htte dann aber wohl wesentlich begrenzter gefat
werden mssen, als es die Vertreibung der Entente aus dem Balkan oder die
Eroberung von Saloniki bedeutete. An irgendwelche Angriffsunternehmungen
glaubte indessen Bulgarien ohne sehr wesentliche deutsche Hilfe,
allermindestens 6 Divisionen, nicht herangehen zu knnen, und wohl mit
Recht.

Nachrichten ber die Entwicklung der politischen Verhltnisse in
Griechenland klangen allerdings in der Zeit, in der die Frage eines
Angriffs in Mazedonien an uns herantrat, also im Winter 1916/17, wie
verfhrerische Lockrufe. Gegen solche Sirenenstimmen war ich aber vllig
unempfindlich. Ich bezweifelte es, da das Volk der Hellenen mit groer
Begeisterung einen Kampf, ganz besonders aber einen solchen Schulter an
Schulter mit den Bulgaren, ersehnte. Im groen und ganzen wre es dabei um
das gleiche Ziel gegangen wie 1913, und die beiden siegreichen Partner
htten sich auch diesmal wieder nach dem gemeinsamen Erfolge nicht
poetisch in den Armen sondern prosaisch in den Haaren gelegen.



Aus meinen vorstehenden Ausfhrungen drfte mit aller Klarheit
hervorgehen, da die Anspannung der deutschen Krfte durch die gesamte
Lage eine so hohe war, da wir sie nicht durch weitere, auerhalb
unbedingtester kriegerischer und politischer Notwendigkeiten liegende
Absichten noch mehr steigern durften. Selbst vortreffliche Plne, die
sichere Aussichten auf groe kriegerische Erfolge boten, konnten uns nicht
von der zunchst wichtigsten Kriegsaufgabe ablenken. Diese war der Kampf
im Osten und Westen, und zwar auf beiden Fronten gegen erdrckende
berlegenheiten.

Wenn ich mir aufgrund der inzwischen eingetretenen Folgen meiner im Jahre
1917 ablehnenden Haltung gegen Operationen in Italien und Mazedonien heute
nochmals die Frage vorlege, ob ich anders htte entscheiden sollen und
drfen, so mu ich diese Frage auch jetzt noch verneinen. Ich glaube sagen
zu knnen, da der Gang der Ereignisse in Mitteleuropa spterhin unser
Verhalten als das Richtige besttigt hat. Wir konnten und durften nicht
einen Zusammenbruch unserer West- oder Ostfront auf das Spiel setzen, um
billige Lorbeeren in der oberitalienischen Tiefebene oder am Wardar zu
pflcken.



Die Trkei war fr 1917 mit besonderen Weisungen von unserer Seite nicht
zu versehen. Sie hatte ihren Landbesitz zu verteidigen und uns die ihr
gegenberstehenden Krfte vom Leibe zu halten. Gelang ihr beides, so
erfllte sie durchaus ihre Aufgabe im Gesamtrahmen des Krieges.

Um die hierfr ntigen Truppen kampfkrftig zu erhalten, hatten wir schon
im Herbste 1916 bei der osmanischen Obersten Heeresleitung angeregt, sie
mchte die Masse ihrer beiden kaukasischen Armeen aus dem entvlkerten und
ausgesogenen armenischen Hochlande zurckziehen, um den Truppen die
berwinterung zu erleichtern. Der Befehl hierzu wurde zu spt erteilt.
Infolgedessen erlagen ganze Truppenteile durch Hunger und Klte dem
vorausgesehenen Verderben. Kein Lied, kein Heldenbuch wird vielleicht ihr
tragisches Ende je verknden, so sei es an dieser bescheidenen Stelle
getan.



                          Der Unterseebootkrieg


Man denke an 70 Millionen Menschen, die im Halbhunger dahinleben, und an
die Vielen unter ihnen, die langsam an seinen Wirkungen zugrunde gehen!
Man denke an die vielen Suglinge, die infolge Aushungerung der Mtter
dahinsterben, und an die zahllosen Kinder, die zeitlebens siech und krank
bleiben werden! Nicht im fernen Indien oder China, wo eine mitleidslose,
kaltherzige Natur den segenspendenden Regen verweigert hat, sondern hier
mitten in Europa, inmitten der Kultur und der Menschlichkeit! Ein
Halbhunger, hervorgerufen durch den Machtspruch und durch die Gewalt von
Menschen, die sich sonst mit ihrer Gesittung brsten! Wo ist da Gesittung?
Stehen sie als Menschen hher wie jene, die im armenischen Hochlande zum
Grauen der ganzen zivilisierten Welt gegen Wehrlose wteten und dafr vom
Schicksal bestraft zu Tausenden einen elenden Tod fanden? Zu diesen
hartgesinnten Anatoliern hat freilich kaum jemals ein anderer Geist als
derjenige der Rache, sicherlich niemals derjenige der Nchstenliebe
gesprochen.

Wohin zielt denn der Machtspruch jener sonst so "Gesitteten"? Ihr Plan ist
klar. Sie haben eingesehen, da ihre Kriegskraft nicht ausreicht zur
Erkmpfung ihres tyrannischen Willens, da ihre Kriegskunst unfruchtbar
bleibt gegenber ihrem Gegner mit sthlernen Nerven. Man zermrbe also
dessen Nerven! Gelingt es nicht durch den Kampf Mann gegen Mann, so
gelingt es vielleicht von rckwrts her auf dem Wege ber die Heimat. Man
lasse die Weiber und Kinder hungern! Das wirkt "so Gott will" auf den
Gatten und Vater an der Kampffront ein, wenn auch nicht sofort, so doch
allmhlich! Vielleicht entschlieen sich diese Gatten und Vter, die
Waffen zu strecken, denn sonst droht in der Heimat der Tod von Weib und
Kind, der Tod - der Gesittung. So denken Menschen und knnen dabei beten!

"Der Gegner berschttet uns mit amerikanischen Granaten, warum versenken
wir nicht seine Transportschiffe? Haben wir denn nicht das Mittel dazu?
Rechtsfragen? Wo und wann denkt denn der Gegner an Recht?" Das fragt der
Soldat an unseren Fronten.

Heimat und Heer wenden sich mit solchen und hnlichen Ausfhrungen an ihre
Fhrer, nicht erst seit dem 29. August 1916, sondern schon lange vorher.
Der Wille, die ganze Schrfe des Unterseebootkrieges anzuwenden, um die
Leiden der Heimat abzukrzen und das Heer in seinem ungeheueren Ringen zu
entlasten, war schon vor meiner bernahme der Obersten Heeresleitung
vorhanden. In diesem mitleidlosen Kampfe gegen unsere wehrlose Heimat gilt
nur "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Alles andere erscheint
Erbarmungslosigkeit gegen das eigene Blut.

Wenn wir aber auch die Waffe und den Willen hatten, sie einzusetzen, so
durften doch nicht Folgen auer acht gelassen werden, die aus der
rcksichtslosen Anwendung dieses vernichtenden Kampfmittels entspringen
konnten. Werden Rcksichten gegen den kaltherzigen Feind verneint, so gibt
es doch Rcksichten gegen bisher neutrale seefahrende Nationen. Die Heimat
darf durch Anwendung der Waffe nicht in grere Gefahren und Sorgen
gebracht werden, als die sind, aus denen man sie befreien will. Es
schwankt also der Entschlu, ein begreifliches Schwanken, bei dem auch
menschliche Gefhle mitreden!

So finde ich die Lage bei meinem Erscheinen im Groen Hauptquartier.
Vereint mit den schweren Krisen zu Lande eine schwere bedeutungsvolle
Frage zu See. Nach dem ersten Anschein liegt die Entscheidung darber bei
der Reichsleitung und beim Admiralstabe; doch ist auch die Oberste
Heeresleitung stark davon berhrt. Ist es doch klar, da wir aus allgemein
militrischen Grnden die Fhrung des Unterseebootkrieges wnschen mssen.
Die Vorteile, die wir hieraus fr unsere Landkriegfhrung erwarten knnen,
sind mit den Hnden zu greifen. Schon dann, wenn auf gegnerischer Seite
die Fertigung von Kriegsbedrfnissen oder deren Befrderung ber See
wesentlich eingeschrnkt werden mte, wre das fr uns eine groe
Erleichterung. Das gleiche gilt, wenn es gelnge, die gegnerischen
berseeischen Operationen wenigstens teilweise zu unterbinden. Welch groe
Entlastung wrde das nicht blo fr Bulgarien und die Trkei, sondern auch
fr uns bedeuten, ohne da wir hierfr deutsches Blut opferten! In
weiterer Ferne steht auch die Mglichkeit, den Ententelndern die
Versorgung mit Rohprodukten und Lebensmitteln bis zu einem unertrglichen
Mae zu erschweren oder wenigstens England vor die sein Geschick
entscheidende Frage zu stellen: entweder uns die vershnende Hand zu
reichen oder seine Stellung in der Weltwirtschaft zu verlieren. So schien
der Unterseebootkrieg geeignet, bestimmend auf den Gang des Krieges
einzuwirken, ja er war am Beginn des Jahres 1917 das einzige Mittel, das
wir noch fr eine siegreiche Beendigung des Krieges neu einsetzen konnten,
nachdem wir zum Weiterkmpfen gezwungen waren.

In welchen Zusammenhang wir die Fhrung des Unterseebootkrieges zu der
gesamten kriegerischen und politischen Lage brachten, ergibt sich aus
einer Zuschrift vom Ende September 1916 unsererseits an die Reichsleitung.
Diese Zuschrift sollte als Grundlage fr eine Anweisung an unseren
Botschafter in Washington dienen und lautete:

  "Dem Grafen Bernstorff wird zu seiner persnlichen Unterweisung
  mitgeteilt, da die Absicht der Entente, die Ost- und Westfront zu
  durchbrechen, bisher nicht gelungen ist und nicht gelingen wird,
  ebensowenig wie ihre Offensivoperationen von Saloniki her und in der
  Dobrudscha. Dagegen nehmen die Operationen der Mittelmchte gegen
  Rumnien erfreulichen Fortgang. Ob es hier aber gelingen wird, schon in
  diesem Jahre einen den Krieg beendenden Erfolg zu erringen, ist noch
  zweifelhaft. Daher mu vorlufig mit lngerer Kriegsdauer gerechnet
  werden.

  Demgegenber verspricht sich die Kaiserliche Marine durch den
  rcksichtslosen Einsatz der vermehrten Unterseeboote angesichts der
  wirtschaftlichen Lage Englands einen schnellen Erfolg, der den
  Hauptfeind, England, in wenigen Monaten dem Friedensgedanken geneigt
  machen wrde. Deshalb mu die Deutsche Oberste Heeresleitung den
  rcksichtslosen Unterseebootkrieg in ihre Manahmen einbeziehen, unter
  anderem auch, um die Lage an der Sommefront durch Verminderung der
  Munitionszufuhr zu entlasten und der Entente das Vergebliche ihrer
  Anstrengungen an dieser Stelle vor Augen zu fhren. Schlielich knnen
  wir nicht ruhig zusehen, wie England in der Erkenntnis der vielen
  Schwierigkeiten, mit denen es zu rechnen hat, mit allen Mitteln die
  neutralen Mchte bearbeitet, um seine militrische und wirtschaftliche
  Lage zu unseren Ungunsten zu verbessern. Aus allen diesen Punkten mssen
  wir die Freiheit unserer Handlungen, die wir in der Note vom 4. Mai uns
  vorbehielten, wiedergewinnen.

  Die Gesamtlage wrde sich aber vollstndig ndern, falls Prsident
  Wilson, seinen angedeuteten Absichten folgend, den Mchten einen
  Friedensvermittlungsantrag macht. Dieser mte allerdings ohne bestimmte
  Vorschlge territorialer Art gehalten sein, da diese Fragen Gegenstand
  der Friedensverhandlungen seien. Eine diesbezgliche Aktion msse aber
  bald erfolgen. Wolle Wilson bis nach seiner Wahl oder bis kurz vor
  derselben warten, so wrde er zu einem solchen Schritte kaum mehr
  Gelegenheit finden. Auch drften die Verhandlungen nicht erst auf
  Abschlu eines Waffenstillstandes abzielen, sondern mten lediglich
  unter den Kriegsparteien gefhrt werden und innerhalb kurzer Frist
  unmittelbar den Prliminarfrieden bringen. Ein lngeres Hinausziehen
  wrde die militrische Lage Deutschlands verschlechtern und auch weitere
  Vorbereitungen der Mchte zur Fortsetzung des Krieges bis in das nchste
  Jahr zur Folge haben, soda an einen Frieden in absehbarer Zeit dann
  nicht mehr zu denken wre.

  Graf Bernstorff soll die Angelegenheit mit Colonel House - dem
  Mittelsmann, durch welchen er mit dem Prsidenten verhandelt -
  besprechen und die Absichten des Mr. Wilson in Erfahrung bringen. Eine
  Friedensaktion des Prsidenten, die nach auen hin am besten spontan
  erscheinen wrde, wrde bei uns ernsthaft in Erwgung gezogen werden,
  und diese wrde ja auch fr die Wahlkampagne Wilsons schon einen Erfolg
  bedeuten."

Die schwierigste Frage ist und bleibt: "Innerhalb welcher Zeitspanne wird
der Erfolg des Unterseebootkrieges erreicht werden knnen?" Der
Admiralstab kann hierfr natrlich nur unbestimmte Angaben machen. Aber
selbst seine, wie er sagt, auf vorsichtigster Berechnung aufgestellten
Schtzungen sind so gnstig fr uns, da ich grundstzlich die Gefahr in
den Kauf nehmen zu knnen glaube, uns mit der Anwendung des neuen
Kampfmittels einen oder den anderen neuen Gegner auf den Hals zu ziehen.

Mochte die Marine auch noch so sehr drngen, so verlangten doch politische
und militrische Rcksichten eine Verzgerung des Beginns des
uneingeschrnkten Unterseebootkrieges ber den Herbst 1916 hinaus. Wir
durften in der damals so hochgespannten Kriegslage keine neuen Gegner auf
uns ziehen. Wir muten jedenfalls warten, bis wir einen gnstigen Abschlu
des rumnischen Feldzuges berblicken konnten. Gelang ein solcher, so
verfgten wir ber gengend Krfte, um angrenzende neutrale Staaten von
einem Eintritt in die Reihen unserer Gegner abhalten zu knnen, mochte
England auch deren wirtschaftliche Bedrckung noch weiter steigern.

Zu den Rcksichten aus militrischen Grnden treten solche aus
politischen. Bevor sich unser Friedensschritt nicht als ein vlliger
Fehlschlag erwies, wollten wir an die verstrkte Anwendung der
Unterseebootwaffe nicht denken.

Als dann aber dieser Friedensschritt scheiterte, gab es fr mich nur noch
militrische Rcksichten. Die Entwicklung unserer Kriegslage, besonders in
Rumnien, bis Ende Dezember gestattete nunmehr nach meiner berzeugung die
weitestgehende Anwendung der wirkungsvollen Waffe.

Am 9. Januar 1917 gab unser Allerhchster Kriegsherr gegen die Ansicht des
Reichskanzlers von Bethmann auf Vorschlag des Admiralstabs und
Generalstabs die bejahende Entscheidung. Wir waren uns alle nicht im
Zweifel ber die Schwere des Schrittes.

Jedenfalls gab aber die Anwendung des Unterseebootkrieges mit seinen
verlockenden Aussichten Heer und Heimat lange Zeit hindurch eine groe
moralische Strkung fr Fortfhrung des Landkrieges.

Angesichts des fr uns verhngnisvollen Ausgangs des Krieges hat man die
Erklrung des uneingeschrnkten Unterseebootkrieges fr ein Vabanquespiel
halten zu mssen geglaubt. Damit versuchte man diesen unseren Entschlu
politisch und militrisch wie auch moralisch herabzuwrdigen. Man
bersieht bei diesem Urteil, da nahezu alle entscheidenden Entschlsse,
und zwar nicht nur diejenigen im Kriege, ein schweres Risiko in sich
tragen, ja, da die Gre einer Tat hauptschlich darin liegt und daran zu
messen ist, da ein hoher Einsatz gewagt wird. Wenn ein Feldherr auf dem
Schlachtfelde seine letzten Reserven in den Kampf schickt, so tut er
nichts anderes, als was sein Vaterland mit Recht von ihm fordert: Er nimmt
die volle Verantwortung auf sich und beweist den Mut zum letzten
entscheidenden Schritt, ohne den der Sieg nicht zu erringen wre. Ein
Fhrer, der es nicht auf sich nehmen kann oder will, die letzte Kraft an
den Erfolg zu setzen, ist ein Verbrecher an dem eigenen Volk. Milingt ihm
der Schlag, dann freilich wird er von dem Fluch und dem Hohn der Schwachen
und Feiglinge getroffen. Das ist nun einmal das Schicksal des Soldaten. Es
wrde jeder Gre entbehren, wenn es nur auf sicheren Berechnungen sich
grnden liee, und wenn die Erringung des Lorbeers nicht abhngig wre von
dem Mute der Verantwortung. Diesen Mut heranzubilden, war Ziel unserer
deutschen militrischen Erziehung. Sie konnte dabei hinweisen auf die
grten Vorbilder in der eigenen Geschichte sowie auf die mchtigsten
Taten unserer gefhrlichsten Gegner. Gab es einen khneren Einsatz der
letzten Kraft, als ihn der groe Knig bei Leuthen wagte und damit das
Vaterland und seine Zukunft rettete? Hat man nicht auch den Entschlu
Napoleons I. als richtig anerkannt, als er bei Belle Alliance seine
letzten Bataillone an die Entscheidung setzte, um dann freilich, wie
Clausewitz sagt, arm wie ein Bettler vom Schlachtfeld zu verschwinden?
Wre nicht ein Blcher dem Korsen gegenber gewesen, der Korse htte
gesiegt, und die Weltgeschichte wre wohl einen anderen Weg gegangen. Und
auf der anderen Seite der viel umjubelte Marschall Vorwrts; wagte er
nicht auch in dieser Entscheidungsschlacht das uerste? Hren wir, was
vor dem Kriege einer unserer heftigsten Gegner darber sagte:

  "Das schnste Manver, das ich je auf Erden habe ausfhren sehen, ist
  die Tat des Greises Blcher, der zu Boden geworfen wurde, unter die Hufe
  der Pferde geriet und sich aus dem Staube erhob, auf seine besiegten
  Soldaten losstrmte, ihrer Flucht Einhalt gebot und sie von der
  Niederlage bei Ligny dem Triumph von Waterloo entgegenfhrte."

Ich mchte dieses Kapitel nicht schlieen, ohne meine Zweifel der
Behauptung gegenber zu uern, da mit dem Eintritt Amerikas in die
Reihen unserer Gegner unsere Sache endgltig verloren gewesen sei. Warten
wir erst einmal den Einblick in die Krisen ab, in die wir durch unseren
Unterseebootkrieg und durch unsere zeitweise groen Erfolge zu Lande vom
Frhjahr 1917 ab unsere Gegner versetzten. Wir werden dann vielleicht
erfahren, da wir so manchmal nahe daran waren, den Siegerkranz an uns zu
reien, und wir werden auch vielleicht erkennen lernen, da andere als
militrische Grnde uns um ein erfolgreiches oder wenigstens ertrgliches
Kriegsende brachten.



                                Kreuznach


Nach erfolgreicher Beendigung des rumnischen Feldzuges und der dadurch
eingetretenen Entspannung der Ostlage mute das Schwergewicht unserer
demnchstigen Ttigkeit im Westen gesucht werden. Dort war jedenfalls ein
frhzeitiger Beginn der Kmpfe im folgenden Feldzugsjahre zu erwarten. Wir
wollten dem Schauplatz dieser Schlachten nahe sein. Von einem im Westen
gelegenen Hauptquartier bot sich leichter und weniger zeitraubend die
Mglichkeit, mit den Oberkommandos der Heeresgruppen und Armeen in
unmittelbare persnliche Berhrung zu treten. Dazu kam, da Kaiser Karl
einerseits in der Nhe der politischen Behrden seines Landes zu sein
wnschte und andererseits auf den unmittelbaren persnlichen Verkehr mit
seinem Generalstab nicht verzichten wollte. Das k. u. k.
Armee-Oberkommando siedelte daher in den ersten Monaten des Jahres 1917
nach Baden bei Wien ber. Damit entfiel fr Seine Majestt unseren Kaiser
und fr die Oberste Heeresleitung jeder Grund, weiterhin in Ple zu
bleiben. Wir verlegten im Februar das Hauptquartier nach Kreuznach.

Beim Abschied von Ple war es mir ein besonderes Bedrfnis, dem dortigen
Frsten und seiner Beamtenschaft fr die groe Gastfreundschaft zu danken,
die uns in der Unterbringung aller Befehlsstellen und in unserm
Privatleben erwiesen worden war. Ich selbst hatte obenein dankbar mancher
herrlichen Pirschfahrt an ausnahmsweise dienstfreien Abenden sowohl im
Plesser- wie auch im benachbarten Neudecker Revier zu gedenken.

An die Gegend, in die wir nun kamen, knpften sich fr mich Erinnerungen
aus meiner frheren Ttigkeit als Chef des Generalstabes in der
Rheinprovinz. Auch die Stadt Kreuznach selbst war mir damals bekannt
geworden. Ihre Einwohner wetteiferten jetzt in Beweisen rhrender
Freundlichkeit. Diese uerte sich unter anderem auch darin, da unser
Heim und unser gemeinsamer Speiseraum tglich durch die Hnde junger Damen
mit frischen Blumen geschmckt wurden. Ich nahm all das als Zeichen der
Huldigung an die Gesamtheit des Heeres entgegen, zu dessen ltesten
Vertretern im Kriege ich gehrte.

Kurz nach unserem Weggang von Ple trat Generaloberst von Conrad von der
Heeresleitung sterreich-Ungarns zurck, um den Oberbefehl an der Front
Sdtirols zu bernehmen. Die Ursache seines Abganges ist mir nicht bekannt
geworden. Ich glaubte sie auf persnlichem Gebiete suchen zu mssen, da
sachliche Grnde meines Erachtens nicht vorlagen. Ich bewahre ihm ein
treues, kameradschaftliches Gedenken. Sein Nachfolger wurde General von
Arz. Ein praktischer Kopf mit gesunden Anschauungen, ein trefflicher
Soldat, also gleich seinem Vorgnger ein wertvoller Kampfgenosse! Er ging
auf das Wesen der Dinge los und verachtete den Schein. Ich glaube, da uns
beiden die Abneigung gegen die Beschftigung mit politischen Fragen
gemeinsam war. Was unter den frher von mir berhrten schwierigen
Verhltnissen in der Donaumonarchie erreicht werden konnte, hat General
von Arz nach meiner berzeugung mit bewundernswrdiger Ausdauer geleistet.
Er hat sich ber die ganze Schwere seiner Aufgabe keinem Zweifel
hingegeben. Um so mehr ist es anzuerkennen, da er mit so mannhaftem
Vertrauen an sie herantrat.

Fr mich persnlich brachte der Aufenthalt in Kreuznach Anfang Oktober die
Feier meines 70jhrigen Geburtstages.

Seine Majestt mein Kaiser, Knig und Herr, hatte die groe Gnade, mir als
Erster an diesem Tage persnlich seine Glckwnsche in meinem Heim
auszusprechen. Das war fr mich die grte Weihe des Tages!

Auf dem Wege zu unserem Dienstgebude begrte mich spter in der
strahlenden Herbstsonne die Kreuznacher Jugend; vor dem Eingang zur
gemeinsamen Arbeitssttte erwarteten mich meine Mitarbeiter, im
anschlieenden Garten Vertreter der Stadt und Umgegend, junge Soldaten,
verwundet und krank, Erholung suchend in den Heilsttten des Badeortes,
daneben alte Veteranen, Mitkmpfer aus lngst vergangener Zeit.

Das Ende des Tages brachte ein kleines kriegerisches Zwischenspiel. Aus
einer mir nie bekannt gewordenen Ursache hatte sich das Gercht von der
Wahrscheinlichkeit eines groen feindlichen Fliegerangriffes auf unser
Groes Hauptquartier fr den heutigen Tag verbreitet. Mglich auch, da
das eine oder andere Flugzeug des Gegners, wie so oft, an diesem Abend den
Weg von der Saar- zur Rheinlinie oder zurck lngs der Nahe suchte. Kein
Wunder, wenn die Phantasien lebhafter arbeiteten als sonst, und wenn in
der Nacht zwischen der Erde und dem strahlenden Mond mehr gesehen und
gehrt wurde, als tatschlich vorhanden war. Kurzum, gegen Mitternacht
erffneten unsere Flugabwehrgeschtze ein heftiges Dauerfeuer. Dank der
hohen Feuergeschwindigkeit erschpfte sich rasch die vorhandene Munition,
und ich konnte ruhig einschlafen in dem Gedanken, nun nicht weiter gestrt
zu werden. Beim Vortrag des folgenden Tages zeigte mir der Kaiser eine
groe Schale, angefllt mit Sprengstcken deutscher Geschosse, die in dem
Garten seines Quartiers gesammelt worden waren. In einer gewissen Gefahr
hatten wir also doch geschwebt.

Ein Teil der Kreuznacher hatte brigens die nchtliche Schieerei fr den
militrischen Abschlu meines Geburtstagsfestes gehalten.




              Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917



                                Im Westen


Mit grter Spannung sahen wir vom Eintritt der besseren Jahreszeit ab dem
Beginn des erwarteten allgemeinen gegnerischen Angriffes im Westen
entgegen. Wir hatten uns durch die Neugruppierung unserer Krfte auf ihn
strategisch vorbereitet, aber wir hatten im Laufe des Winters auch in
taktischer Beziehung alle Manahmen getroffen, dieser jedenfalls grten
aller bisherigen feindlichen Kraftanstrengungen zu begegnen.

Zu diesen Manahmen gehrten nicht in letzter Linie die nderungen unseres
bisherigen Verteidigungsverfahrens. Sie wurden von uns auf Grund der
Erfahrungen in den bisherigen Kmpfen verfgt. Nicht mehr aus einzelnen
Linien und Sttzpunkten sondern aus Liniensystemen und Sttzpunktgruppen
sollten in Zukunft unsere Verteidigungsanlagen bestehen. In den dadurch
gebildeten tiefen Zonen wollten wir die Truppen nicht in
zusammenhngenden, starren Fronten, sondern in reicher Gruppierung und
Gliederung nach der Breite und Tiefe aufbauen. Der Verteidiger hatte seine
Krfte beweglich zu halten, um der vernichtenden feindlichen Wirkung
whrend des Vorbereitungskampfes auszuweichen, hier und dort unhaltbar
gewordene Stellungsteile freiwillig preiszugeben und dann im Gegensto das
wieder zu gewinnen, was zur Behauptung der allgemeinen Stellung ntig war.
Diese Grundstze galten im Kleinen wie im Groen.

Der verheerenden Wirkung der feindlichen Artillerie und Minenwerfer und
den berraschenden gegnerischen Anstrmen setzten wir also eine Vermehrung
und reichere Gliederung unserer Verteidigungsanlagen und die Beweglichkeit
unserer Kampfmittel entgegen. Gleichzeitig wurde der Grundsatz
verwirklicht, in den vorderen Widerstandslinien durch Erhhung der Zahl
der Maschinengewehre Menschenkrfte zu schonen und damit solche zu sparen.

Mit dieser tiefgreifenden nderung unseres Verteidigungsverfahrens nahmen
wir ohne Zweifel ein Wagnis auf uns. Dies bestand in erster Linie darin,
da wir mitten im Kriege den Bruch mit taktischen Gewohnheiten und
Erfahrungen forderten, in die sich die untere Fhrung und die Truppe
eingelebt hatten, und die sie vielfach mit begreiflichen Vorurteilen
schtzten. Der bergang von einer taktischen Anschauung in eine andere
bedeutet schon im Frieden eine gewisse Krisis. Er bringt auf der einen
Seite bertreibungen im Neuen, auf der anderen schwer belehrbares
Festhalten am Alten mit sich. Miverstndnisse drngen sich in den
klarsten Wortlaut der Vorschriften ein; selbstndige und willkrliche
Auslegungen feiern Orgien; das Trgheitsmoment im menschlichen Denken und
Handeln wird manchmal nicht ohne krftigsten Antrieb berwunden.

Aber nicht nur aus diesen Grnden bedeuteten unsere taktischen nderungen
einen gewagten Schritt. Fast noch schwerer war es, die Frage zu bejahen,
ob denn unser Heer mitten im Kriege in seiner jetzigen Verfassung imstande
sein wrde, diese nderungen in sich aufzunehmen und auf die Wirklichkeit
des Schlachtfeldes zu bertragen. Wir konnten uns nicht im Zweifel darber
sein, da das Kriegsinstrument, mit dem wir jetzt zu arbeiten hatten, mit
demjenigen der Jahre 1914 und 1915, ja selbst mit demjenigen des Beginnes
von 1916 kaum noch zu vergleichen war. Eine Unsumme herrlichster Kraft lag
in unseren Ehrenfriedhfen gebettet oder war mit zertrmmerten Gliedern
oder krankem Krper an die Heimat gebannt. Ein stolzer Kern unserer
Soldaten vom Jahre 1914 war freilich auch heute noch vorhanden, und an ihn
schlo sich viel junge, begeisterungsfhige Kraft und opferfreudiger
Wille. Aber das allein macht die Strke eines Heeres nicht aus; Kraft und
Wille mssen geschult und durch Erfahrungen gelutert werden. Ein Heer mit
dem sittlichen und geistigen Reichtum, mit der machtvollen geschichtlichen
berlieferung wie das deutsche von 1914 berdauert zwar in seinem inneren
Werte manche Kriegsjahre, wenn ihm nur die Zufuhr frischer krperlicher
und sittlicher Krfte aus der Heimat erhalten bleibt. Der Gesamtwert
jedoch wird, ja er mu nach dem natrlichen Lauf der Dinge sinken, wenn
auch sein Verhltniswert jedem Feinde gegenber, der gleich lang im Felde
steht, in voller Hhe und berlegenheit erhalten bleibt.

Unser neues Verteidigungsverfahren stellte an die moralische Kraft und an
das Knnen der Truppe hohe Anforderungen, indem es den festen ueren
Zusammenhalt der Verteidigung lockerte und damit die Selbstndigkeit
kleinster Teile zum hchsten Grundsatz erhob. Der taktische Zusammenhang
war nicht mehr in uerlich sichtbaren Linien und Gruppen gegeben, sondern
im geistigen Bande taktischen Zusammengreifens. Es liegt keine
bertreibung darin, wenn ich sage, da unter den vorliegenden
Verhltnissen in dem bergang zu diesen neuen Grundstzen die grte
Vertrauenskundgebung lag, die wir der geistigen und sittlichen Kraft
unseres Heeres, und zwar all seiner Teile, aussprechen konnten. Schon die
nchste Zukunft mute den Beweis liefern, ob dieses Vertrauen
gerechtfertigt war.



Das erste Unwetter im Westen bricht nach begonnenem Frhjahr los. Am
9. April gibt der englische Angriff bei Arras den Auftakt zur groen,
feindlichen Frhjahrsoffensive. Der Angriff wird tagelang vorbereitet mit
der ganzen brutalen Wucht feindlicher Artillerie- und Minenwerfer-Massen,
nichts von berraschungstaktik im Sinne Nivelles vom Oktober des
vergangenen Jahres. Traut man diesem Verfahren von englischer Seite nicht,
oder fhlt man sich taktisch hierfr zu ungewandt? Der Grund ist fr den
Augenblick gleichgltig, die Tatsache gengt und redet eine furchtbare
Sprache. Der englische Angriff braust ber die ersten, zweiten, dritten
Grben hinweg. Sttzpunktgruppen versagen oder verstummen nach
heldenmtigem Widerstand; Artillerie geht in Masse verloren. Das
Verteidigungsverfahren hatte scheinbar versagt!

Eine schwere Krise tritt ein. Eine jener Lagen, in der alles haltlos
geworden zu sein scheint. "Krisen mu man vermeiden", ruft der Laie. Der
Soldat kann ihm nur antworten: "Dann verzichten wir besser von vornherein
auf den Krieg, denn sie sind unvermeidlich. Sie liegen einfach in der
Natur des Krieges und kennzeichnen ihn als das Gebiet des Ungewissen und
der Gefahr. Nicht Krisen zu vermeiden sondern sie zu berwinden, ist
Aufgabe der Kriegskunst. Wer schon vor ihrem Drohen zurckschrecken
wollte, bindet sich selbst die Hnde, wird ein Spielball des khneren
Gegners und geht bald in einer Krisis zu Grunde."

Ich will hiermit nicht behaupten, da die Krisis am 9. April nach all den
Vorbereitungen, die man zu treffen imstande gewesen wre, nicht htte
vermieden werden knnen. Sie brauchte wenigstens nicht in dieser
furchtbaren Gre einzutreten, wenn man mit rechtzeitig herangeholten
Reserven im Gegensto dem feindlichen Einbruch entgegenging. Mit schweren
rtlichen Erschtterungen der Verteidigung wird man freilich bei solch
hllischer Vorbereitung des Angriffs immer rechnen mssen.

Der abendliche Vortrag entwirft an diesem 9. April ein dsteres Bild, viel
Schatten, wenig Licht. Doch man mu in solchen Fllen nach Licht suchen.
Ein Strahl, wenn auch noch in unsicheren Umrissen, deutet sich an. Der
Englnder scheint es nicht verstanden zu haben, den errungenen Erfolg bis
zu seinem letztmglichen Ergebnis auszuntzen. Ein Glck fr uns, jetzt,
wie schon manchmal vorher. Nach dem Vortrag drcke ich meinem Ersten
Generalquartiermeister die Hand mit den Worten: "Nun, wir haben schon
Schwereres miteinander durchgemacht als heute." Heute, an seinem
Geburtstage! Mein Vertrauen bleibt unerschttert. Ich wute, neue Truppen
von uns marschieren auf das Schlachtfeld, Eisenbahnzge rollen heran. Die
Krisis wird berwunden. In mir selbst wenigstens war sie zu Ende. Der
Kampf aber tobte weiter.

Ein anderes Schlachtbild: Auch bei Soissons und von da ab weit hin nach
Osten bis in die Gegend von Reims donnern gleichfalls von der ersten
Aprilwoche ab die franzsischen Kanonen; viele hundert feindliche
Minenwerfer schleudern dort ihre Geschosse. Hier befehligt Nivelle, wohl
dank seines berechtigten Ruhmes von Verdun. Auch er hat aus seinen letzten
Erfahrungen bei Verdun nicht die taktischen Folgerungen gezogen, die wir
erwarteten. Tage-, ja eine Woche lang wtet das franzsische Feuer. Unsere
Verteidigungszonen sollen in ein Trmmer- und Leichenfeld verwandelt, was
vielleicht noch zufllig der krperlichen Zerstrung entgeht, soll
wenigstens seelisch gebrochen werden. In dieser furchtbaren Esse scheint
die Erreichung solcher Absicht auer Zweifel zu stehen. Endlich hlt
Nivelle unsere Truppen fr vernichtet oder wenigstens hinreichend
zermrbt. Er lt seine siegessicheren Bataillone am 16. April zum Sturme,
wir wollen besser sagen, zur Ernte der in der Feuerglut gereiften Frchte
antreten. Da geschieht das Unbegreifliche. Zwischen den Trmmern und
Trichtern erhebt sich deutsches Leben, deutsche Kraft und deutscher Wille
und schleudert sein Verderben in die strmenden Linien und die ihnen
folgenden, in unserem losbrechenden Feuer wirbelnden und sich
zusammenballenden Haufen. Wohl wird der deutsche Widerstand an den am
schwersten erschtterten Stellen niedergetreten, aber was bedeutet in
diesem Riesenkampfe ein Verlust von einzelnen Stellungsteilen gegenber
der siegreichen Behauptung der allgemeinen Front?

Die Schlacht zeigt schon in den ersten Tagen eine ausgesprochene
franzsische Niederlage. Der blutige Rckschlag wirft die franzsische
Fhrung und Truppe in bitterste, ja verbitterte Enttuschung.

Der Kampf bei Arras, bei Soissons und bei Reims tobt noch wochenlang. Er
bringt nur einen einzigen taktischen Unterschied gegenber dem Ringen an
der Somme im vergangenen Jahre, und den mchte ich zu erwhnen nicht
vergessen: der Gegner erringt nmlich ber die ersten Tage hinaus nirgends
mehr einen nennenswerten Erfolg, und schon nach wenigen Wochen sinkt er
auf seinen Angriffsfeldern erschpft in den Stellungskrieg zurck. Unser
Abwehrverfahren hat sich also doch noch glnzend bewhrt!

Und nun noch ein drittes Bild: Die Szenen spielen sich ab auf den Hhen
von Wytschaete und Messines, nordwestlich Lille, angesichts des Kemmel. Es
ist der 7. Juni. Also ein Zeitpunkt, an dem das Scheitern der vorher
erwhnten Kmpfe schon zweifelsfrei feststeht. Die Lage auf den
Wytschaeter Hhen, dem Schlsselpunkt des dortigen Stellungsbogens, ist
wenig gnstig fr neuzeitliche Verteidigung. Der verhltnismig schmale
Rcken gestattet nicht die Anwendung einer gengend tiefen Zone. Das
vorderste Grabensystem liegt auf den Westhngen und bietet feindlicher
Artillerie treffliche Ziele. Das feuchte Erdreich rutscht im Sommer und
Winter, der Boden ist vielfach vom Minenkrieg zerwhlt, einer Kampfart,
die frher gerade hier um den Besitz der wichtigsten Stellungsteile mit
uerster Erbitterung angewendet worden war. Doch hrt man seit langem
nichts mehr von unterirdischem Whlen. Nicht nur von Westen, sondern auch
von Sd und Nord her ist die Verteidigung auf den Hhen bei St. Eloi sowie
an den beiden Eckpfeilern Wytschaete und Messines durch die gegnerische
Artillerie zu fassen.

Der Englnder bereitet seinen Angriff in gewohnter Weise vor. Der
Verteidiger leidet schwer, schwerer als nur irgendwo bisher. Auf unsere
besorgte Frage, ob die Hhen nicht besser freiwillig gerumt wrden,
erfolgt die mannhafte Antwort: "Wir werden halten, noch stehen wir fest!"
Als aber der verhngnisvolle 7. Juni anbricht, erhebt sich der Boden unter
den Verteidigungslinien, ihre wichtigsten Sttzteile brechen zusammen und
durch den Rauch und die niederstrzenden Erdmassen der gesprengten
Minenreihen schreiten die englischen Sturmtruppen ber die letzten Reste
deutscher Verteidigungskraft hinweg. Krampfhafte Versuche unsererseits,
die Lage durch Gegensto zu retten, scheitern an dem mrderischen
feindlichen Artilleriefeuer, das aus weitem Bogen das Rckengebiet der
verlorenen Stellungen in einen wahren Feuerkessel verwandelt. Trotzdem
gelingt es auch hier, den Gegner vor vollendetem Durchbruch unserer Linien
zum Halten zu bringen. Unsere Verluste an Menschen wie Kriegsgert sind
schwer; die Preisgabe des Gelndes wre zu verschmerzen gewesen.

Das bisherige Gesamtergebnis der groen feindlichen Offensive im Westen
war nach meinem Urteil fr uns nicht unbefriedigend. Geschlagen waren wir
nirgends. Selbst die bedenklichsten Gefahren hatten wir aufgefangen.
Nirgends war es dem Feinde gelungen, ber einen migen Gelndegewinn
hinaus grere Ziele zu erreichen, geschweige denn aus der
Durchbruchsschlacht zur freien Operation bergehen zu knnen. Die
Auswertung dieser unserer Erfolge im Westen sollte auch diesmal an anderen
Fronten stattfinden.



                        Im nahen und fernen Orient


Noch bevor der wilde Tanz an unserer Westfront begann, erneuerte Sarrail
seine Angriffe in Mazedonien mit dem Schwergewicht bei Monastir. Auch
diese Ereignisse zogen unsere volle Aufmerksamkeit auf sich. Waren doch
die Ziele des Gegners auch hier sehr weitgesteckt. Gleichzeitig mit diesem
Ansturm gegen die bulgarische Front veranlate der Feind einen Aufstand in
Serbien, hierdurch unsere Verbindungen auf der Balkanhalbinsel gefhrdend.
Der Aufstand wurde indessen an der bedrohlichsten Stelle, nmlich bei
Nisch, niedergeschlagen, ehe er die besonders von den bulgarischen
Regierungskreisen befrchtete Ausdehnung ber ganz Altserbien annahm.

Die Schlacht an der mazedonischen Front wurde mit groer Erbitterung
gefhrt. Der bulgarischen Armee gelang es, ohne da wir ihr weitere
deutsche Untersttzung zusenden muten, ihre Stellungen nahezu restlos zu
behaupten. Ein uns sehr befriedigendes Ergebnis! Unser Verbndeter hatte
sich sehr gut geschlagen. Er erkannte damals rckhaltslos an, da sich die
deutsche Arbeit in seinen Kampfreihen bestens bewhrt hatte. Ich gewann
daraus die berzeugung, da die bulgarische Armee ihrer Aufgabe auch
weiterhin gewachsen sei. Dies besttigte sich bei Erneuerung der Angriffe
der Entente im Mai. Auch diesmal wurden deren Anstrme in ihrer Ausdehnung
von Monastir bis zum Doiran-See vllig zum Scheitern gebracht.



Im armenischen Hochlande war es still geblieben. Gelegentliche kleinere
Zusammenste im Winter schienen mehr durch Beutezge als durch das
Erwachen der Kampflust auf einer der beiden Seiten veranlat worden zu
sein. Der Russe hatte unter dem Einflu der auch bei ihm bestehenden
ungeheuren Nachschubschwierigkeiten die Masse seiner Truppen aus den
wildesten und verdetsten Hochgebirgsteilen in bessere Verpflegungsgebiete
des Landesinnern zurckgezogen. Die vllige Erstarrung der russischen
Kampflust war aber berraschend. Wir erhielten von trkischer Seite keine
Nachricht, die uns die Grnde hierfr htte erkennen lassen.

Im Irak griff der Englnder im Februar an und kam schon am 11. Mrz in den
Besitz von Bagdad. Diesen Erfolg verdankte er einer geschickten Umgehung
der starken trkischen Front.

In Sdpalstina, bei Gaza, brach dagegen der englische Angriff, mit
erdrckender berlegenheit aber rein frontal und mit geringem taktischen
Geschick gefhrt, vor den trkischen Linien vollstndig zusammen. Nur das
Versagen einer zum umfassenden Gegensto angesetzten trkischen Kolonne
rettete hier England vor einer vernichtenden Niederlage.

Die Rckwirkung dieser Ereignisse in Asien auf unsere gesamte Kriegslage
werde ich noch zu besprechen haben.



                             An der Ostfront


Noch bevor Franzosen und Englnder im Westen zum allgemeinen Angriff
antraten, erbebte die russische Front in ihren Grundfesten. Unter unseren
bisherigen wuchtigen Schlgen hatte das Gefge des russischen Staates sich
zu lockern begonnen.

Wie ein Alpdruck hatte der plumpe russische Kolo bisher auf der ganzen
europischen und asiatischen Welt gelastet. Nun begann es, sich innerhalb
seiner Masse zu dehnen und zu recken. Tiefgreifende Risse traten an die
Oberflche und durch die entstandenen Spalten gewann man bald Einblick in
die Glut politischer Leidenschaften und in das Getriebe teuflisch roher
Krfte. Das Zarentum strzt! Wird sich eine neue Macht finden, die diese
politischen Leidenschaften im Eishauch sibirischer Gefngnisse wieder zur
Erstarrung bringt und die wilden Gewalten wieder unter Grberhgeln
erdrckt?

Ruland in Revolution! Wie oft hatten uns wirkliche oder sogenannte Kenner
des Landes das Nahen dieses Ereignisses verkndet. Ich hatte den Glauben
daran verloren. Nun da es eintrat, lste es in mir keineswegs Gefhle
politischer Genugtuung, wohl aber solche kriegerischer Erleichterung aus.
Auch diese letzteren traten erst langsam in Geltung. Ich fragte mich: war
der Sturz des Zaren ein Sieg der Kriegs- oder der Friedensstrmung? Hatten
die Totengrber des bisherigen Zarentums nur gearbeitet, um mit dem
letzten Trger der Krone den uns bekannten Friedenswillen hoher russischer
Kreise und die Friedenssehnsucht breiter Massen zum Falle zu bringen?

Solange das Verhalten des russischen Heeres auf diese Frage keine klare
Antwort gab, war und blieb unsere Lage Ruland gegenber unsicher. Der
Zersetzungsproze hatte im russischen Staat zweifellos eingesetzt. Kam es
nicht bald zur Errichtung einer Diktatur mit gleich rcksichtsloser Gewalt
wie die eben gestrzte, so schritt diese Zersetzung weiter, wenn auch in
dem groen schweren russischen Kolo mit seinen plumpen Lebensuerungen
vielleicht langsamer als sonstwo. Unser Plan ist von Anfang an, diesen
Gang der Ereignisse nicht zu stren, wir mssen nur auf der Hut sein, da
er uns nicht strt: ja vielleicht zerstrt. Man mu in dieser Lage an die
Lehren der Kanonade von Valmy denken, die mehr als hundert Jahre frher
die aufgewhlten und zerrissenen franzsischen Volkskrfte wieder
zusammenschweite und den Antrieb gab zu jener groen blutroten Flut, die
ganz Europa berschwemmte. Freilich, das Ruland des Jahres 1917 verfgt
nicht mehr ber die groen, unverbrauchten Menschenmassen des damaligen
Frankreichs. Des Zarenreiches beste und tauglichste Krfte stehen an der
Front oder liegen in Massengrbern vor und hinter unseren Linien.

Der Verzicht, der mir persnlich durch ruhiges Warten angesichts der
beginnenden russischen Zersetzung auferlegt wird, ist gro. Kann ich mich
jetzt aus politischen Grnden mit einer Offensive an der Ostfront nicht
befreunden, so drngt das soldatische Empfinden zu einem Angriff im
Westen. Ich denke an das Stocken des englischen Angriffs bei Arras, an die
schwere Niederlage Frankreichs zwischen Soissons und Reims. Gibt es einen
nher liegenden Gedanken als den, alle brauchbaren Kampftruppen vom Osten
nach dem Westen zu werfen und dort zum Angriff vorzugehen? Noch ist
Amerika weit weg. Mag es kommen, nachdem auch Frankreichs Krfte gebrochen
sind. Dann kommt es zu spt!

Die ihr drohende schwere Gefahr erkennt aber auch die Entente, und sie
arbeitet mit allen Mitteln, um den Zusammenbruch der russischen Macht und
damit eine weitgehende Entlastung unserer Ostfront zu verhindern. Ruland
mu aushalten, wenigstens bis Amerikas neugebildete Armeen den
franzsischen Boden betreten knnen, sonst scheint die kriegerische und
moralische Niederlage Frankreichs sicher. Also schafft die Entente
Politiker, Agitatoren, Offiziere nach Ruland, um die dortige zerwhlte
und rissige Front zu sttzen; sie vergit auch nicht diesen Missionen Geld
mitzugeben, das an manchen Stellen Rulands krftiger wirkt als politische
Grnde.

Durch diese Gegenwirkung werden uns auch diesmal die grten
Siegesaussichten geraubt. Die russische Front wird gehalten, nicht durch
eigene Strke, sondern hauptschlich durch die agitatorischen Mittel, die
unsere Feinde dorthin bringen, und die ihre Zwecke erreichen, selbst gegen
den Willen der russischen Massen.

Htten wir nicht vielleicht doch angreifen sollen, als sich die ersten
Zerreiungen im russischen Gebude zeigten? Verdarben uns nicht vielleicht
politische Gesichtspunkte die schnsten Frchte unserer bisherigen grten
Erfolge?

Unsere Beziehungen zum russischen Heere an der Ostfront entwickeln sich
zunchst in immer ausgesprochenerem Grade zu einem Waffenstillstand, wenn
auch ohne schriftliche Festsetzung. Die russische Infanterie erklrte
allmhlich fast berall, da sie nicht mehr kmpfen wrde. Doch bleibt sie
mit der ihrer Masse eigenen Stumpfheit in ihren Grben sitzen. Wo die
gegenseitigen Beziehungen allzu offenkundig freundschaftliche
Verkehrsformen annehmen, schiet die russische Artillerie ab und zu
dazwischen. Diese Waffe ist noch in den Hnden ihrer Fhrer, nicht aus
einem ihr angeborenen konservativen Sinn, sondern weil sie nicht in so
viele selbstndige Kpfe zerfllt als ihre Schwesterwaffe. Der Einflu der
Ententeagitatoren und Offiziere macht sich in den russischen Batterien
noch durchgreifend geltend. Der russische Infanterist schimpft zwar ber
diese Strung der ihm so willkommenen Waffenruhe, verprgelt wohl auch
hier und da mal die artilleristische Schwester und freut sich, wenn unsere
Granaten in deren Geschtzstnden krepieren, aber der geschilderte Zustand
bleibt monatelang unverndert.

Die russische Kriegsunlust ist am ausgesprochensten auf dem nrdlichen
Flgel. Von da nimmt sie nach Sden ab. Der Rumne ist augenscheinlich von
ihr unberhrt. Vom Mai ab zeigt sich auch im Norden, da die Fhrung die
Zgel wieder in die Hand bekommt. Die Freundschaft zwischen den
beiderseitigen Schtzengrben hrt mehr und mehr auf. Man kehrt wieder zu
den alten Umgangsformen mit den Waffen in der Hand zurck. Bald ist auch
kein Zweifel mehr, da im Rckengebiet der russischen Front mit aller
Kraft gearbeitet und diszipliniert wird. So wird das russische Heer
wenigstens zum Teil wieder widerstandsbereit, ja sogar angriffsfhig
gemacht. Die Kriegsstrmung hat sich durchgesetzt, und Ruland schreitet
zu einer groen Offensive unter Kerenski.

Kerenski, nicht Brussilow? Den letzteren haben wohl die Strme eigenen
Volksblutes, die im Jahre 1916 in Galizien und Wolhynien flossen, von
dieser hchsten Stelle hinweggerissen, hnlich wie es in diesem Frhjahr
Nivelle in Frankreich erging. Auch in dem menschenreichen Ruland scheint
man demnach empfindsam geworden zu sein gegen Massenopfer. Man hat im
groen Schuldbuch des Krieges die Seite aufgeschlagen, auf der die
russischen Verluste verzeichnet sind, die Zahl ist aber nicht erkennbar.
Fnf oder acht Millionen? Auch wir haben keine Ahnung von ihrer Gre. Wir
wissen nur, da wir ab und zu in den Russenschlachten die Hgel der
feindlichen Leichen vor unseren Grben entfernen muten, um das Schufeld
gegen neuanstrmende Gewalthaufen frei zu bekommen. Mag die Phantasie
hieraus die Zahl der Verluste zusammenstellen, eine richtige Berechnung
bleibt fr ewig ein milingender Versuch.

Ob Kerenski aus eigenem Entschlu oder durch die Lockungen und den Zwang
der Entente zum Angriff bewogen wird, ist schwer zu entscheiden.
Jedenfalls hat die Entente das grte Interesse daran, da Ruland
nochmals zu einer Offensive vorgetrieben wird. Sie hat im Westen die gute
Hlfte ihrer Sturmkraft bis jetzt schon vergeblich geopfert, ja vielleicht
schon mehr als die Hlfte. Was bleibt ihr aber brig als den Einsatz des
gebliebenen Restes zu wagen, wenn auch die Hilfe Amerikas noch fern ist?
Der Unterseebootkrieg frit gerade in jenen Monaten an dem Lebensmark
unseres erbittertsten, unvershnlichsten Gegners in einer Strke, da es
fraglich erscheinen mu, ob fr Amerikas Hilfe im kommenden Jahr noch die
Mglichkeit des Transportes gegeben sein wird. Deutschlands Truppen mssen
also im Osten festgehalten werden, und deswegen wird Kerenski die letzte
Kraft Rulands im Angriff einsetzen. Ein gewagtes Spiel, am meisten gewagt
fr Ruland! Doch voll berechtigt; denn gelingt es, dann ist nicht nur die
Entente gerettet, sondern es kann auch eine russische Diktatur geschaffen
und erhalten werden. Ohne solche ist Ruland dem Chaos verfallen.

Die Aussichten fr die Offensive Kerenskis gegen die deutsche Front sind
freilich jetzt kaum besser als in frheren Zeiten. Mgen auch gute,
deutsche Divisionen nach dem Westen gezogen worden sein, die verbliebenen
gengen, um einen russischen Anprall auszuhalten. Zu einer langandauernden
Sturmflut wie 1917 wird der Angriff nicht werden, dazu fehlt dem Gegner
die innere Kraft. Zahlreiche russische Freiheitsverknder durchziehen
plndernd das Rckengebiet der Armee oder strmen der Heimat zu. Auch gute
Elemente verlassen die Front, aus Sorge um Angehrige und Besitz
angesichts der drohenden innerpolitischen Katastrophe.

Bedenklich liegen dagegen die Verhltnisse an der
sterreichisch-ungarischen Front; es ist zu befrchten, da dort auch
jetzt wieder, wie 1916, der russische Ansturm schwache Stellen finden
wird. Vielleicht, ja sicher wohl, hat Kerenski darber die gleichen
Nachrichten, wie wir. Wird uns doch schon im Frhjahr durch einen
Vertreter der verbndeten Macht ein tiefernstes Bild von dortigen
Zustnden entworfen mit dem Gesamteindruck, da "die
sterreichisch-slawischen Truppen in berwiegender Mehrzahl einem
russischen Angriff jetzt noch geringeren Widerstand entgegensetzen werden
wie 1916", denn sie sind gleichzeitig mit den russischen Truppen auch
politisch zersetzt worden.

Aus hnlichem Einblick, den berlufer ihm liefern, wird sich wohl
Kerenskis Kriegsplan ergeben haben, nmlich: rtliche Angriffe gegen die
Deutschen, um diese zu binden, den Massensto aber gegen die k. u. k.
Mauer. Und so geschah es.

Bei Riga, Dnaburg und Smorgon greift der Russe die deutschen Stellungen
an und wird zurckgetrieben. Die Mauer in Galizien erweist sich nur da als
steinern, wo sterreichisch-ungarische Truppen mit deutschen vereint
stehen. Dagegen strzt die sterreichisch-slawische Wand bei Stanislau vor
dem einfachen Pochen Kerenskis. Aber Kerenskis Truppen sind nicht mehr
Brussilows Truppen. Ein Jahr verging seit des letzteren Offensive. Es war
ein Jahr schwerer Verluste und tiefer Zersetzung fr das russische Heer.
So dringt die russische Offensive trotz gnstigster Aussichten auch bei
Stanislau nicht vollstndig durch.

Die russische Saat ist nun endlich zum Schneiden reif. Die Schnitter
stehen auch schon bereit. Es ist die Zeit, in der auch auf den Fluren der
deutschen Heimat die wirkliche Ernte beginnt. Mitte Juli!




                         Unser Gegensto im Osten


Gegensto! Keine Truppe, kein Fhrer an der Front kann diese Nachricht mit
freudigerer Genugtuung vernommen haben, wie ich sie empfand, als ich
endlich den Zeitpunkt hierfr gekommen sah.

An frherer Stelle habe ich unsere Lage bis zum Frhjahr 1917 als eine
groe strategische Bereitstellung bezeichnet. Unsere Reserven waren dabei
freilich nicht eng vereinigt, wie etwa die Heeresmassen Napoleons, als er
im Herbste 1813 den Angriff der ihn von allen Seiten umringenden Gegner
erwartete. Die ungeheuren Rume, die wir zu beherrschen hatten, verboten
ein derartiges Verfahren. Die Leistungen unserer Eisenbahnen ermglichten
andererseits, auch weit verstreut stehende Verfgungstruppen rasch zu
einem Sto auf ein gewhltes Operationsfeld zu werfen.

Die Abwehrkmpfe im Westen hatten an dem Bestand unserer Reserven stark
gezehrt. Mit dem verbliebenen Reste dort eine Gegenoffensive zu machen,
verboten die Strkeverhltnisse und die Kampfschwierigkeiten. Dagegen
schienen diese unsere Krfte auszureichen, um mit ihnen im Osten die Lage
endgltig zu unseren Gunsten zu entscheiden und dadurch den politischen
Zusammenbruch unserer dortigen Gegner herbeizufhren. Die Sttzen Rulands
waren morsch geworden. Die letzten Kraftuerungen des jetzt
republikanischen Heeres waren nur das Ergebnis einer knstlich
hochgetriebenen Welle, die ihre Strke nicht mehr aus den Tiefen des
Volkes schpfte. War aber in diesem Vlkerringen die Fulnis in ein
Volksheer einmal eingedrungen, so mute der vllige Zusammenbruch
unvermeidlich sein. Aus dieser berzeugung heraus war ich der Meinung, da
wir in Ruland auch mit geringen Mitteln nunmehr Entscheidendes erreichen
knnten.

Begreiflicherweise fehlte es nicht an Stimmen, die vor einem Einsatz
unserer verfgbaren Reserven zu einem Angriff auch jetzt noch warnten. Und
in der Tat, die Frage war nicht so einfach zu entscheiden, als es jetzt,
wo sich der Gang der Ereignisse klar berblicken lt, scheinen mchte.
Wir hatten in der Zeit des Entschlusses manche schwere Bedenken und Sorgen
zurckzustellen. War doch damals schon klar, da der englische Angriff bei
Wytschaete und Messines am 7. Juni nur den Vorbereitungskampf zu einem
weit greren Schlachtendrama bildete, das, sich an ihn anschlieend,
seinen Hintergrund in der weiter nrdlich gelegenen flandrischen
Landschaft haben wrde. Auch muten wir damit rechnen, da Frankreich
wieder zum Angriff schreiten wrde, sobald sich sein Heer von den schweren
Rckschlgen aus der Frhjahrsoffensive erholt hatte.

Das Wegziehen von Krften aus dem Westen, es handelte sich um
6 Divisionen, war zweifellos ein Wagnis, hnlich, wie wir es im Jahre 1916
beim Angriff auf Rumnien bernehmen muten. Damals freilich zwang uns die
offene Not. Jetzt fhrte uns der freie Entschlu. In beiden Fllen aber
war das Wagnis gegrndet auf das unerschtterliche Vertrauen zu unseren
Truppen.

Auch aus anderen Grnden, als aus denen der allgemeinen Kriegslage erhoben
sich gegen unseren Plan abmahnende Stimmen. An der Hand der Erfahrungen,
die die Gegner unserer Verteidigung gegenber gemacht hatten, wurde die
Mglichkeit durchschlagender Angriffserfolge unsererseits bezweifelt. Ich
erinnere mich, da wir noch kurz vor dem Beginne unseres Gegenstoes an
der galizischen Front gewarnt wurden, mit den bereitgestellten Krften
nicht mehr zu erhoffen, als einen rtlichen Erfolg; also eine Einbeulung
der feindlichen Linien, so wie der Gegner sie vielfach gegen unsere
Verteidigung im ersten Anlauf erreichte. War dies anzustreben?
Verzichteten wir dann nicht besser auf die ganze Operation?

Unter solchen Annahmen wurde auch die Anregung begreiflich: Wir sollten
unsere Landkrfte lediglich zur Abwehr bereithalten und im brigen
abwarten, bis unsere Unterseeboote unsere Hoffnungen erfllt haben wrden.
Der Gedanke hatte etwas verfhrerisches. Das Ergebnis des
Unterseebootkrieges bertraf nach den uns damals zukommenden Mitteilungen
alle unsere Erwartungen. Seine Wirkungen muten daher bald offen zutage
treten. Trotzdem konnte ich mich mit diesem Vorschlag nicht befreunden.
Die militrischen wie politischen Verhltnisse im Osten drngten gerade
jetzt derartig zur Entscheidung, da wir nicht monatelang stillhalten und
nur zusehen konnten. Wir muten befrchten, da, wenn dem Angriff
Kerenskis unser Gegenschlag nicht auf dem Fue folgte, die kriegerischen
Strmungen in Ruland wieder die unbedingte Oberhand gewinnen wrden. Es
ist nicht notwendig, sich die Rckwirkung eines solchen Ganges der
Ereignisse auf unser Land und auf unsere Verbndeten nher auszumalen.

Whrend sich Kerenski vergeblich abmht, mit der Masse seiner noch
angriffsfhigen Truppen nordwestlich Stanislau die inzwischen durch
deutsche Krfte strker gesttzten sterreichisch-ungarischen Linien zu
durchbrechen, versammeln wir sdwestlich Brody, also seitwrts des
russischen Einbruchs, eine starke Angriffsgruppe und treten am 19. Juli in
sdstlicher Richtung auf Tarnopol zum Angriff an. Unsere Operation trifft
wenig widerstandsfhige, im voraufgegangenen Angriff erschpfte Teile der
russischen Linien. Sie werden rasch ber den Haufen geworfen, und mit
einem Schlage bricht die ganze Offensive Kerenskis zusammen. Nur
schleuniger Rckzug kann die nach Norden und vor allem die nach Sden an
unsere Durchbruchstelle anschlieenden russischen Krfte vor dem Verderben
retten. Unsere gesamte Ostfront in Galizien, bis weit nach Sden in die
Karpathen hinein, setzt sich in Bewegung und folgt dem weichenden Feinde.
Schon Anfang August ist fast ganz Galizien und die Bukowina vom Gegner
befreit. An diesem schnen Erfolge haben unsere Bundesgenossen
entsprechenden Anteil. Es wurde mir mitgeteilt, da sich in den
sterreichisch-ungarischen Verfolgungskmpfen ganz besonders die
Feldartillerie ausgezeichnet htte. Sie fuhr in khner Rcksichtslosigkeit
ber die eigene Infanterie hinaus an die Russen heran. Ich habe diese
treffliche Waffe ja schon 1866 bei Kniggrtz als Gegner bewundern gelernt
und freute mich daher doppelt der erneuten Bewhrung ihres Ruhmes auf
unserer Seite.

Unsere Offensive kam an der Grenze der Moldau zum Stehen. Niemand konnte
das mehr bedauern als ich. Wir waren in der denkbar gnstigsten
strategischen Lage, um uns durch Fortsetzung der Bewegungen in den Besitz
dieses letzten Teiles Rumniens zu setzen. Bei den damaligen politischen
Verhltnissen in Ruland htte das rumnische Heer sich wohl sicher
aufgelst, wenn wir es zum vlligen Verlassen seines heimatlichen Bodens
zwingen konnten. Wie htten ein rumnischer Knig und ein kniglich
rumnisches Heer auf revoltierendem russischen Boden weiter bestehen
knnen? Unsere rckwrtigen Verbindungen waren jedoch infolge
Bahnzerstrungen durch die weichenden Russen so schwierig geworden, da
wir schweren Herzens auf die Fortsetzung der Operationen an dieser Stelle
verzichten muten. Ein spterer Versuch unsererseits durch einen Angriff
bei Focsani die rumnische Armee in der Moldau ins Wanken zu bringen,
drang nicht durch.

Wir halten nun weiter an dem Entschlu fest, Ruland bis zur endgltigen
militrischen Ausschaltung nicht mehr locker zu lassen, mochte auch zu
dieser Zeit im Westen der Beginn des flandrischen Dramas unsere
Aufmerksamkeit, ja unsere vermehrten Sorgen auf sich ziehen. Konnten wir
in Wolhynien und in der Moldau auf das russische Heer nicht weiter
losschlagen, so mute das an einem anderen Frontteil geschehen.

Bei Riga bot sich nun hierfr eine besonders geeignete Stelle, an der
Ruland nicht nur militrisch sondern auch politisch empfindlich getroffen
werden konnte. Dort sprang der russische Nordflgel wie eine mchtige
Flankenstellung auf mehr als 70 km Breite bei nur 20 km Tiefe lngs des
Meeres auf das Westufer der Dna vor, eine strategische und taktische
Drohstellung gegenber unserer eigenen Front. Diese Lage hatte uns bereits
frher, als ich noch das Oberkommando im Osten fhrte, gereizt. Wir hatten
schon 1915 und 1916 Plne geschmiedet, wie wir diese Stellung in der Nhe
ihrer Basis durchbrechen und dadurch einen groen Schlag gegen ihre
Besatzung fhren knnten.

Auf dem glatten Papier eigentlich eine sehr leichte Operation, in der
rauhen Wirklichkeit aber doch nicht ganz so einfach. Der Durchbruchskeil
mute nmlich oberhalb Riga ber die breite Dna in nrdlicher Richtung
vorgetrieben werden. Nun hatten freilich im Verlauf des Krieges groe
Strme wesentlich an ihrem imponierenden Charakter als Hindernisse
eingebt. Hatte doch Generalfeldmarschall von Mackensen die mchtige
Donau angesichts des Gegners zweimal berschritten. Wir konnten uns also
an die berwindung der schmaleren Dna mit leichterem Herzen heranwagen;
aber die groe Schwierigkeit des Unternehmens lag darin, da die
russischen vollbesetzten Schtzengrben sich berall dicht an dem
gegenberliegenden Ufer hinzogen, die Dna wie einen nassen Festungsgraben
ausntzend.

Trotzdem gelingt am 1. September der khne Angriff, da der Russe in
unserem Vorbereitungsfeuer seine Uferstellungen verlt. Und auch die
Besatzung der groen Flankenstellung westlich des Flusses weicht, Tag und
Nacht marschierend, ber Riga nach Osten und entzieht sich dadurch leider
groenteils rechtzeitig der Gefangenschaft.

Unser Angriff bei Riga ruft in Ruland die grte Sorge um Petersburg
hervor. Die Hauptstadt des Landes gert in Aufregung. Sie fhlt sich durch
unseren Angriff bei Riga unmittelbar bedroht. Petersburg, immer noch der
Kopf Rulands, gelangt in einen Zustand hchster Nervositt, der
sachliches, ruhiges Denken ausschliet; sonst wrde man dort wohl den
Zirkel in die Hand genommen haben, um die Entfernungen zu messen, die
unsere bei Riga siegreichen Truppen immer noch von der russischen
Hauptstadt trennen. Freilich nicht nur in Ruland, auch in unserem
Vaterlande arbeitet die Phantasie bei dieser Gelegenheit sehr lebhaft und
vergit Raum und Zeit. Man gibt sich auch bei uns starken Illusionen ber
einen Vormarsch auf Petersburg hin. Offen gestanden wrde diesen niemand
lieber durchgefhrt haben als ich selbst. Ich verstand daher das Drngen
unserer Truppen und ihrer Fhrer, das Vorgehen mindestens bis zum
Peipussee fortzusetzen. Allein wir muten auf die Ausfhrung all dieser
gewi sehr schnen Gedanken verzichten; sie htten unsere Truppen zu lange
und in zu groer Zahl in einer Richtung gefesselt, die mit unseren
weiteren Absichten nicht in Einklang zu bringen war. Unsere Aufmerksamkeit
mute sich vom Rigaischen Meerbusen der Kste des Adriatischen Meeres
zuwenden. Darber gleich nachher.

Knnen wir aber auf Petersburg nicht weitermarschieren und dadurch das
Nervenzentrum Rulands bis zum Zusammenbruch in lebhaftester Unruhe
erhalten, so gibt es noch einen anderen Weg, um diesen Zweck zu erreichen,
nmlich den zur See. Unsere Flotte geht mit voller Hingabe auf unsere
Anregung ein. So entsteht der Entschlu, die dem Rigaischen Meerbusen
vorgelagerte Insel sel wegzunehmen. Von dort bedrohen wir den russischen
Kriegshafen Reval unmittelbar und vermehren unseren Druck auf das erregte
Petersburg unter Einsatz nur geringer Krfte.

Die Operation gegen sel zeigt die einzige vllig gelungene Unternehmung
beider Parteien in diesem Kriege, soweit es sich um ein Zusammenwirken von
Heer und Flotte handelte. Die Verwirklichung des Planes wurde anfnglich
durch ungnstiges Wetter derartig in Frage gestellt, da wir schon daran
dachten, die eingeschifften Truppen wieder an Land zu nehmen. Der Eintritt
besserer Witterung lt uns dann die Ausfhrung wagen. Sie verluft von da
ab nahezu mit der Genauigkeit eines Uhrwerks. Die Marine entspricht den
hohen Anforderungen, die wir hierbei an sie stellen mssen, in jeder
Richtung.

Wir gelangen in den Besitz von sel und der benachbarten Inseln. In
Petersburg werden die Nerven immer aufgeregter und arbeiten immer wilder
und zusammenhangloser. Die Geschlossenheit in der russischen Heeresfront
lockert sich mehr und mehr; immer deutlicher tritt zutage, da Ruland zu
sehr von inneren Aufregungen verzehrt wird, als da es noch imstande wre,
in absehbarer Zeit nach auen hin zu erneuter Kraftentfaltung zu kommen.
Was mitten in diesem Trubel noch fest und haltbar erscheint, wird von der
roten Flut immer strker umbrandet; Stck auf Stck wird von den
Grundpfeilern des Staates weggerissen.

Unter unseren letzten Schlgen wankt der Kolo nicht nur, sondern er
berstet und strzt. Wir aber wenden uns einer neuen Aufgabe zu.




                           Angriff auf Italien


Trotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit auerordentlich ernst
ist, entschlieen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner
frheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht
darber verwundert sein, da ich nun doch die Zustimmung meines
Allerhchsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen fr eine
Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einflu auf unsere gesamte
Lage versprach. Demgegenber kann ich nur sagen, da ich meine
Anschauungen in dieser Beziehung nicht gendert hatte. Ich hielt es auch
im Herbste 1917 fr ausgeschlossen, da uns selbst im Falle eines
durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner
gelingen wrde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn
dieses Jahres, da wir lediglich fr den Ruhm eines erfolgreichen
Feldzuges gegen Italien deutsche Krfte der gefhrlichen Lage unserer
Westfront entziehen drften. Die Grnde meiner nunmehrigen Befrwortung
unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten
zu suchen. Unser sterreichisch-ungarischer Verbndeter klrte uns dahin
auf, da er nicht mehr die Kraft habe, einen zwlften italienischen
Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Erffnung war fr uns
militrisch wie politisch von gleich groer Bedeutung. Es handelte sich
nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den
Zusammenbruch des gesamten sterreichisch-ungarischen Widerstandes. Die
Donaumonarchie war einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front
gegenber weit empfindlicher als gegenber einer solchen auf dem
galizischen Kriegstheater. Fr Galizien hatte man in sterreich-Ungarn nie
mit Begeisterung gefochten. "Wer den Krieg verliert, mu Galizien
behalten", war ein im Feldzug oft gehrtes sterreichisch-ungarisches
Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse fr die
italienische Grenze immer ein auerordentlich groes. In Galizien, das
heit gegen Ruland, focht sterreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen
Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten
sich auffallenderweise alle Stmme des Doppelreiches mit fast gleich
groer Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Ruland versagt
hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete
gewissermaen ein kriegerisch einigendes Band fr die ganze Monarchie. Was
wrde eintreten, wenn auch dieses Band zerri? Die Gefahr hierfr ist in
dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, gro. Ende August hat nmlich Cadorna
in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelnde gewonnen.
Alle bisherigen Gelndeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren
nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natrliche Folge der
zerstrenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die strkste Verteidigung.
Jetzt aber waren die sterreichischen Widerstandslinien an den uersten
Rand zurckgedrngt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen
weiteres Gelnde, so wurde fr sterreich die Lage vorwrts Triest
unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese
Stadt fllt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg
zwischen Italien und sterreich entscheiden zu knnen. Triest ist fr die
Donaumonarchie nicht nur eine ideale Gre sondern auch ein hchst realer
Wert. An seinem Besitz hngt auch in der Zukunft ein groer Teil der
wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest mu also gerettet werden, und
da es nicht anders mglich ist, mit deutscher Hilfe.

Gelang es uns, den Verbndeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden
Sieg an seiner Sdwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der
Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen sterreich-Ungarn jedenfalls
imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die
schweren Kmpfe an der Isonzofront hatten bisher an der
sterreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der grte Teil ihrer
besten Truppen hatte Cadorna gegenber gestanden und am Isonzo schwer
geblutet. sterreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich
grten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang
einer mindestens dreifachen italienischen berlegenheit gegenber, und
zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer
Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung
sogar bertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige
Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Sdtirol an die Verteidigungstruppen
stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet
des ewigen Eises und Schnees hinauf.

Fr eine Operation gegen Italien war es der nchstliegende Gedanke:
Vorbrechen aus Sdtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen
Heeres im groen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Auflsung
entgegengefhrt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die
strategische Linienfhrung gleichgnstige Vorbedingungen fr einen
gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation mute dieser gegenber fast wie
ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem muten wir
auf ihre Durchfhrung verzichten!

Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes drfen wir den inneren
Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen
Italien nicht auer acht lassen. Wir konnten fr den letzteren in
Rcksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Hlfte derjenigen
Zahl deutscher Divisionen zur Verfgung stellen, die Generaloberst von
Conrad fr einen wirkungsvollen, durchschlagenden Angriff aus Sdtirol
heraus im Winter 1916/17 fr erforderlich gehalten hatte. Strkere Krfte
konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfgung stellen, wenn
wir, wie es tatschlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit
rechneten, da unsere Gegner an der Westfront sich gentigt sehen wrden,
bei einer schweren Niederlage ihres Verbndeten einige Divisionen aus
ihrer groen berlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer
Operation aus Sdtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, da ein
frher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet
war. Die angefhrten Grnde zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren
Ziele zu begngen und zu versuchen, die italienische Front an dem
offenkundig schwachen Nordflgel der Isonzoarmee zu durchstoen, um dann
gegen den sdlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden
Schlag zu fhren, bevor ihm der Rckzug hinter den schtzenden Abschnitt
des Tagliamento gelingen konnte.

Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Mhe gelang es
Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Sdteil seines Heeres unter
Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zurcklassung groer
Mengen Kriegsgerts hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die
Italiener in engerer Vereinigung und gesttzt durch herbeigeeilte
franzsische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand.
Der linke Flgel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergrcken
der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische
Tiefebene weithin beherrschenden Hhen noch zu gewinnen und damit den
feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu
bringen, scheiterte. Ich mute mich berzeugen, da unsere Kraft zur
Erfllung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich
tot gelaufen. Der zheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Fhrung
wie ihrer Truppen mute vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen.

So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich
mich doch eines Gefhles des Unbefriedigtseins nicht vllig entziehen. Der
groe Sieg war schlielich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere
prchtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem
Feldzuge zurck. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch
diejenige ihres Fhrers.




      Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917



                                Im Westen


Whrend wir gegen Ruland die letzten Schlge fhrten und Italien nahezu
an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England
und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag fr uns
die grte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.

Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der auerordentlichen
Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und
ungeachtet der Gefahr, da durch grere englische Erfolge unsere
Operationen auf den brigen Kriegsschaupltzen beeintrchtigt werden
knnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse
Befriedigung. England machte nochmals die erwartete uerste Anstrengung,
einen groen und entscheidenden Angriff gegen uns zu fhren, bevor die
Untersttzung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fhlbar werden
konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu
erkennen, durch den England sich veranlat sah, die Kriegsentscheidung
noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.

Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaen,
wohl aber in der Zhigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekmpft
wurde, und in den Schwierigkeiten, die das Gelnde in erster Linie dem
Verteidiger bot, unseren Kmpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an
die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde
nunmehr auf der sumpfigen, brchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch
dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten
Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Hchststeigerung
der dsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kmpfe
hielten uns selbstredend in einer groen Spannung. Ich darf wohl sagen,
da wir unter ihrem Drucke das Gefhl der Siegesfreude ber unsere Erfolge
in Ruland und Italien nur selten unbeeintrchtigt genieen konnten.

Mit grter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit.
Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flchen des
flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen
fllten sich die frischgeschlagenen Geschotrichter so rasch mit
Grundwasser, da der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die
Frage gestellt war: "Entweder ertrinken oder diese Hhlung verlassen!"
Auch dieser Kampf mute dann im Morast ersticken, wenn auch englische
Zhigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.

Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme
erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen
Parteien.

Gegen Abschlu der flandrischen Schlacht entbrannte pltzlich ein wilder
Kampf in einer bisher verhltnismig stillen Gegend. Am 20. November
wurden wir bei Cambrai berraschend von den Englndern angegriffen. Sie
trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur
wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der
Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere
vllig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische
Kavallerie erschien am Rande der Vorstdte von Cambrai. Der Durchbruch
unserer Linien schien gegen Jahresschlu also doch noch Tatsache zu
werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf-
und transportmden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es
glckte uns nach mehrtgigen mrderischen Abwehrkmpfen am 30. November,
mit rasch herangefahrenen, einigermaen frischen Krften den feindlichen
Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frhere Lage
unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast vllig wiederherzustellen.
Nicht nur unsere dortige Armeefhrung, sondern auch die Truppen und unser
Eisenbahnwesen hatten eine der glnzendsten Leistungen des Krieges
vollbracht.

Der erste grere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen
Operationen bertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und
belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Fhrer wirkte,
war seine Wirkung auch auf mich persnlich. Ich empfand es wie eine
Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen
Verteidigungsttigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres
Gegenangriffs bedeutete fr uns aber mehr als bloe Befriedigung. Die
berraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre
fr die Zukunft.

Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Fhrung zum
ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen,
schematischen Kriegfhrung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte.
Ein hherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu
sein. Die Fesselung unserer Hauptkrfte in Flandern und der franzsischen
Front gegenber war zu einem berraschenden, groen Schlag bei Cambrai
ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Fhrung auf englischer
Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht
gewachsen. Sie lie sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines
glnzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Hnden nehmen, und zwar von
Krften, die sowohl nach Zahl wie nach Verfassung den ihrigen weit
unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei
Cambrai den grndlichen Rckschlag. Auch seine Oberste Fhrung scheint
versumt zu haben, die ntigen Mittel zur unbedingten Sicherung der
Durchfhrung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke
Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen
gengten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen
Widerstnde zu beseitigen, die fr eine durchgreifende Entscheidung die
freie Bahn in Flanke und Rcken des Gegners noch sperrten. Die englischen
Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen
Verteidigung gegenber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, fr den
sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.

Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines
groen berraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses
Kampfmittel schon von der Frhjahrsoffensive her, in der es uns keinen
besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, da die Tanks
nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, da sie die meisten
unserer unversehrten Grben und Hindernisse berwanden, verfehlte eine
starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger
physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten
Geschtzen, das aus ihnen sprhte, als moralisch aufreibend durch ihre
verhltnismige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fhlte sich den
Panzerwnden gegenber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die
Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rcken bedroht und
verlie seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, da unsere
Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug ber sich
ergehen lassen muten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen
Vernichtungswaffe abfinden wrden, und da unsere Technik die Mittel zur
Bekmpfung der Tanks bald und in der ntigen handlichen Form liefern
wrde.

Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen
ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fu zu. Sie griffen
uns in der zweiten Augusthlfte bei Verdun und am 22. Oktober nordstlich
von Soissons an. In beiden Fllen entrissen sie unseren dort stehenden
Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende
Verluste. Im allgemeinen beschrnkte sich die franzsische Fhrung aber in
der zweiten Jahreshlfte auf rtliche Angriffe, wohl gezwungen durch die
mrderischen Verluste, die sie im Frhjahr erlitten hatte, und die es ihr
nicht rtlich erscheinen lieen, ihre Truppen nochmals gleich schweren
Erschtterungen auszusetzen.



                              Auf dem Balkan


Angriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien whrend der
letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz
nicht zu verndern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen
Unternehmungen keine greren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine
merkwrdige Zurckhaltung, die auf ein nahezu vlliges Brachlegen seiner
Krfte fr die Gesamtlage hinauslief.

Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische
Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten,
lieen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen wrde,
kampfbrauchbare Truppenverbnde zu schaffen. Selbst die sogenannten
venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als
teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen
Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten.
Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die
Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die
bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der
Ereignisse des Jahres 1913.



                                 In Asien


Ich wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Trkei zu. Das
Fehlen ihrer Darstellung wrde ich fr ein Unrecht gegen den tapferen und
treuen Bundesgenossen halten. Ferner wrde durch diesen Mangel die
Schilderung des gewaltigen Dramas unvollstndig werden, dessen Szenerien
sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans
ausdehnten. Auch hier mchte ich mich weniger mit der Beschreibung der
Vorgnge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhnge beschftigen.

Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen mhte sich nicht nur an
Feldzugsplnen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in
den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemhungen gelangten teilweise auch
in meine Hnde. Meistens beschrnkte man sich bei solchen schriftlichen
Darlegungen, "um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu
nehmen", auf "allgemeine Richtlinien" und glaubte, das weitere
vertrauensvoll mir berlassen zu knnen. Nur mahnte man hufig zur Eile!
Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb
mir eines Tages: "Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei
Kiliz - also dorthin unsere gesamte Kraft!" Es galt zunchst diesen Ort zu
suchen. Er wurde innerhalb der gemigten Zone, nrdlich von Aleppo,
entdeckt.

Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag
doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefhls in diesem seinem
Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das
Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen wre auf dem krzesten Wege
bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht,
ja vielleicht nur ernstlich versucht htte. Die Herrschaft ber das Land
sdlich des Taurus war fr die Trkei mit einem Schlage unrettbar
verloren, wenn es den Englndern gelang, im Golf von Alexandrette zu
landen und in stlicher Richtung vorzudringen. Damit wre die Lebensader
der ganzen transtaurischen Trkei, durch die frisches Blut und andere
Nhrkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der
kaukasischen Armeen flo, durchschnitten worden. Gering genug war ja die
Kraft- und Blutmenge, aber sie gengte doch lange Zeit, um die osmanischen
Armeen gegen die ungengend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich
gefhrten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden
Standhalten zu befhigen.

Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer trkischen Armee
anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies.
Alles, was diese Bezeichnung verdiente, strmte immer wieder von dort nach
Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Kstenschutz
bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der
kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir
gegenber treffend mit den Worten: "Meine einzige Hoffnung ist, da der
Gegner unsere Schwche an dieser gefhrlichen Stelle nicht bemerkt."

War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafr gegeben, da diese
ernstliche Schwche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb?
Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich
ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Vlkergemisch grere
Untersttzung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, da
die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den
Verhltnissen im dortigen Kstenschutz gehabt haben sollte. England konnte
auch nicht befrchten, da es mit einem Vorsto aus dem Golf von
Alexandrette in ein Wespennest stoen wrde; das Nest hatte ja keine
Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glnzende strategische Tat
gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat wrde auf der ganzen Welt den
grten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende Wirkung auf unseren
trkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben.

Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die
Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch lhmend
in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren
Unterseebooten zu gro, als da man sich von feindlicher Seite an ein
solches Unternehmen gewagt htte.

Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klren. Ich sage
"vielleicht", denn Voraussetzung ist, da England sie klren lt. Wir
bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische
Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene
uerung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der
Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage ber seine vorsichtige
Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittellndischen
Gebieten im Falle eines englisch-franzsischen Krieges die Antwort: "Ich
habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu
setzen."

Der Ruhm von Trafalgar ist gro und berechtigt. Es gibt Kleinodien
abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England
verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren
und es seinem Volke und der ganzen Welt stndig im schnsten Lichte vor
die bewundernden Augen zu halten. Im groen Kriege fiel freilich so
mancher Schatten ber dieses Kleinod. So beispielsweise an den
Dardanellen, und weitere Schatten folgten whrend der Kmpfe gegen die
deutsche Seemacht, der strkste und schwrzeste im Skagerrak. England wird
uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen.

Es verzichtete auf den khnen Sto in das Herz seines osmanischen Gegners
und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Mhe, die
trkische Herrschaft sdlich des Taurus durch allmhliches Zurckwerfen
der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad
war bei Jahresbeginn ein erster erfolgverheiender groer Schritt zur
Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff
im Frhjahr gescheitert und mute aufs neue vorbereitet werden. Unter dem
bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren
kriegerischen Bewegungen erlahmt.

Der Verlust von Bagdad war schmerzlich fr uns und, wie wir annehmen zu
mssen glaubten, noch schmerzlicher fr die ganze denkende und fhlende
Trkei. Wie viel und wie oft war der Name der frheren Kalifenstadt im
deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknpft
worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt htte, statt
sie geruschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher
Art.

Die militrische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien
nicht weiter beeinflut, wohl aber war der deutschen Auenpolitik der
Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den
Besitzstand ihres Landes gewhrleistet und fhlten nun, da, trotz aller
weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres
Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, groen
Verlust sehr belastet wurde.

Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe fr eine Wiedereroberung
Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen,
nicht zum mindesten auch deswegen, weil die trkische Heeresleitung
jederzeit auf dem europischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war.
Die Fhrung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers
entsprechend in deutsche Hnde gelegt werden, und zwar nicht aus dem
Grunde, weil deutsche Truppenuntersttzung in grerem Mastabe ins Auge
gefat wurde, sondern weil es dem trkischen Vizegeneralissimus notwendig
erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des
Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur
gedacht werden, wenn es mglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an
den endlos langen rckwrtigen Verbindungen zu berwinden. Eine trkische
Fhrung wrde an der Erfllung dieser ersten Voraussetzung gescheitert
sein.

Seine Majestt der Kaiser beauftragte auf trkisches Anfordern den General
von Falkenhayn mit der Fhrung dieser auerordentlich schwierigen
Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in
Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persnlich ber seine
Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von
Falkenhayn unmglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewhr
vorhanden war, da die trkische Front in Syrien feststand. Unterlag es
doch keinem Zweifel, da das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England
verraten sein wrde, und da die Nachricht hiervon einen englischen
Angriff in Syrien herausfordern mute.

General von Falkenhayn gewann den Eindruck, da die Operation durchfhrbar
sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen.
Wir gaben der Trkei alle ihre Kampftruppen zurck, die wir noch zur
Verwendung auf dem europischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das
osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande
aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegensto nach Osten weichen.
Es kehrt in seine Heimat zurck, begleitet von unserem wrmsten Dank. Die
Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewhrt
und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand
erwiesen. Ich mu dabei freilich hervorheben, da Enver Pascha uns die
besten seiner verfgbaren Truppen fr die Ostfront und Rumnien abgegeben
hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Mastab fr
die Gte und Verwendbarkeit des gesamten trkischen Heeres genommen
werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in
Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der
Verpflegung und der gesundheitlichen Frsorge seiner osmanischen Truppen
widmete, hatte ihre reichsten Frchte getragen. Wie viele dieser rauhen
Naturkinder fanden Kameradschaft und Nchstenliebe zum ersten und wohl
auch zum letzten Male unter unserer Obhut.

Ich hatte gehofft, da die heimkehrenden trkischen Verbnde einen
besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden
wrden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfllung. Die Truppen waren
kaum unserem Einflu entrckt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein
Zeichen dafr, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die trkischen
Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der groen Masse
mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenber eine
besondere, manchmal allerdings berraschend glnzende Ausnahme. Das
osmanische Heer htte eines vlligen Neubaues bedurft, um wirklich zu
Leistungen befhigt zu sein, die den groen Opfern des Landes entsprachen.
Der Nachteil der jetzigen Zustnde zeigte sich besonders in einem
ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei
jeder fr den Krieg ungengend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen
Armee eintritt. Eine grndliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart
dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkrfte. Welch einen ungeheueren Umfang
der Verbrauch an solchen in der Trkei im Verlauf des Krieges angenommen
hatte, drfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in
einzelnen Bezirken von Anatolien die Drfer von jeder mnnlichen
Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entblt waren.
Das wird begreiflich, wenn man hrt, da die Verteidigung der Dardanellen
den Trken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem
Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.

Die deutsche Untersttzung fr das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen
von einer Anzahl Offizieren fr besondere Verwendung, aus dem sogenannten
Asienkorps. Man hat sich darber in unserem Vaterlande aufregen zu mssen
geglaubt, da wir den Trken ein ganzes Korps fr so fernliegende Zwecke
zur Verfgung stellten, anstatt diese kostbaren Krfte in Mitteleuropa zu
verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und
etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Tuschung des Gegners gewhlt;
ob diese Tuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden.
Bei solchen Untersttzungen handelte es sich weit weniger um zahlenmige
Verstrkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und
geistige Krfte, das heit Willen und Wissen zuzufhren. Der eigentliche
Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren
Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkmpfen des Jahres 1916 in
Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen
Front warnte: "Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick
gibt ihnen Vertrauen und Rckhalt. Alles andere haben sie selbst." Auch
hier wurde also die Erfahrung besttigt, die Scharnhorst einmal in die
Worte fate, da der strkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger fr
das Ganze sei, als die rohe Kraft.

Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchfhrung. Schon in den
letzten Sommermonaten zeigte sich, da der Englnder alle Vorbereitungen
zu Ende gefhrt hatte, um die trkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt
der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im
Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, da die syrische Front
diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos groer berlegenheit gefhrt
werden wrde, nicht gewachsen sei. Trkische Divisionen, die zur
Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, muten nach Sden abgezweigt
werden. Damit entfiel die Mglichkeit einer erfolgreichen Operation in
Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher
meine Zustimmung, da alle verfgbaren Krfte nach Syrien gefhrt wrden,
damit wir dort selbst womglich noch vor den Englndern zum Angriff
bergehen knnten. Die deutsche Fhrung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb
und die Verwaltung in den trkischen Gebieten so sehr verbessern zu
knnen, da eine wesentlich erhhte Truppenzahl auf diesem
Kriegsschauplatz ernhrt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen
werden knnte.

Infolge von Reibungen politischer wie militrischer Art gingen fr General
von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Englnder Anfang
November, den Trken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die
osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang
Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in
die trkischen Linien nrdlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.

Wenn wir befrchtet hatten, da diese trkischen Niederlagen, ganz
besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen
auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausben wrden,
so trat hiervon, wenigstens uerlich, nichts in die Erscheinung; eine
merkwrdige Gleichgltigkeit zeigte sich an Stelle der gefrchteten
Erregung.

Fr mich bestand kein Zweifel, da die Trkei niemals wieder in den Besitz
von Jerusalem und der dortigen heiligen Sttten kommen knnte. Auch am
Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Strker als vorher
wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschdigung fr die
verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom
militrischen Gesichtspunkte aus leider zu frhzeitig!



   Ein Blick auf die inneren Zustnde von Staaten und Vlkern Ende 1917


Man befrchte nicht, da ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik
bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstrze. Ich kann aber
die folgenden Ausfhrungen, wenn ich das Bild, das ich geben mchte, nicht
allzu lckenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die
Zeit, von der ich schreibe, jemals lckenlos darzustellen vermgen? Es
werden immer wieder neue Fragen nach dem "Warum?" und nach dem "Wie?"
auftauchen. Lcken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon
zur Auskunft dringend bentigte, fr immer still geworden ist. Ich kann
auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und
Striche dort geben, mehr fr eine Charakterzeichnung als fr ein
vollendetes Gemlde. Scheinbar willkrlich setze ich an, wenn ich mich
zunchst dem Orient zuwende.

"Die Trkei ist eine Null", so kann man in einem Aktenstck aus der
Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Trkei
politisch gehssigen Aktenstck. Eine eigenartige Null, durch die die
Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen gypten zog,
den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine
fr uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende
feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den trkischen
Grenzlndern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkrper
verschlingen zu knnen!

Was gibt wohl dieser Null die innere Strke? Selbst fr den, der in diesen
Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Rtsel!
Stumpf und gleichgltig erscheint die groe Masse, selbstschtig und
unempfindlich gegen hheres vlkisches Empfinden ein groer Teil hoher
Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Vlkerschaften gebildet,
die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben.
Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Krfte. Die Macht
Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; ber Kleinasien
hinaus herrscht kein wirklicher trkischer Einflu, und trotzdem stehen
immer noch trkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und
Syrien. Der Araber dort hat den Trken, der Trke den Araber. Und doch
schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter trkischen Fahnen und
laufen nicht in Massen zum Feinde ber, der ihnen nicht nur goldene Berge
verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold
reichlichst spendet. In dem Rcken der englisch-indischen Armee, die in
Mesopotamien, wie man meinte, den von den Trken geknechteten und
ausgepreten arabischen Stmmen die ersehnte Erlsung brachte, erheben
sich diese Erlsten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es
mu also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und
zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von auen, nicht nur ein
politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefhl im Innern. Auch die
Gewalt der trkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht
ausschlielich liefern. Die Araber knnten sich ja dieser Gewalt
entziehen, sie brauchten nur die Schtzengrben mit erhobenen Armen
feindwrts zu verlassen, oder im Rcken der trkischen Armeen sich zu
erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines
alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten
Grnden und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verstndnis
der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir mssen den Streit der
Meinungen ungelst lassen.

So ganz lebensunfhig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht
sein. Man hrt auch von vortrefflichen Beamten, die neben den
pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Mnner mit groen
Plnen und groer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach
kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines
Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, da er
nicht einem Boden mit gesnderen Krften entwuchs. Man sagte, er schriebe
nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er fr
tausenderlei, dachte weit ber den Krieg hinaus nationale, schne
Gedanken! Was ihn damals am meisten beschftigte, worin gleichzeitig seine
grte Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von
Konstantinopel. Htte man Ismail Hakki entfernt, so htte die trkische
Armee Mangel an allem gelitten; sie htte noch mehr entbehrt, als sie es
teilweise schon mute, und Konstantinopel wre vielleicht verhungert. Fast
das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an
Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die
Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen
Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen
der greren Stdte lebten, wute niemand. Konstantinopel versorgten wir
mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumnien hin und
halfen trotz der eigenen Not. Freilich wrde das, was wir fr
Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel
geholfen haben. Htten wir die Lieferungen verweigert, so htten wir die
Trkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel wrde revoltieren,
trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich
sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflsse gegen
die starken Mnner ttig, Einflsse des politischen, vielleicht auch
geschftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke
Strmungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberflche; ihre
Strudel werden manchmal oben sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen
fhrenden Mnner in die Tiefe zu ziehen.

Das Heer leidet auch unter diesen Strmungen. Die Heeresleitung mu ihnen,
wie ich schon frher andeutete, Rechnung tragen, mu manchmal nachgiebig
gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst wrde das Heer, das an
seiner zahlenmigen Strke immer reiender abnimmt, auch innerlich
aufgelst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An
ihren Bestnden zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der
mit frheren Feldzgen, im Yemen und auf dem Balkan, sich fr so viele
trkische Soldaten zu einem groen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat.
Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind - auch der Islam kennt
diese Sehnsucht - treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den
vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden,
kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darber
streiten, ob die Zahl trkischer Fahnenflchtiger in Kleinasien 300.000
oder 500.000 betrgt. Jedenfalls ist sie nahezu so gro, wie die
Kampftruppen aller trkischen Armeen zusammen. Kein schnes Bild und doch
- die Trkei hlt noch immer stand und erfllt ihre Treuepflicht ohne
einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Knnen!

Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das
sonst berflu hat! Die Ernte war mig, aber sie knnte reichen, wenn das
Land wie unsere Heimat verwaltet wrde, wenn auch hier Ausgleich
geschaffen werden knnte zwischen Gegenden des berflusses und solchen des
Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezgliche Anregungen: "Wir
verstehen solches nicht!" Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich
eine Selbstanklage. Man legt die Hnde in den Scho, weil man nicht
gelernt hat, sie zu rhren. Wir wissen ja, da Bulgarien beim bergang aus
trkischem Sklaventum zur vlligen innenstaatlichen Freiheit einer
erziehenden, straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse
mich als Preuen sprechen, keinen Knig Friedrich Wilhelm I., der die
eisernen Trger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher
ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafr viele
Parteien. Mit Schrfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung,
nicht wegen deren Auenpolitik, denn diese verspricht eine groe Zukunft,
vlkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt
der Kampf wegen innerer Fragen um so rcksichtsloser. Kein Mittel, auch
das gefhrlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den
Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefhrliches Spiel! Die
Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen
Parteigetriebes. Die Regierung hat gefhrliche Geister beschworen, um auf
die Trkei und uns einen Druck auszuben, und wird diese Geister, die
alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Ha gegen die
Verbndeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns
im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorlufig nachzugeben
und ihre endgltige Lsung dem Ausgang des Krieges zu berlassen. Ein
Rckzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus berzeugung. Auffallend ist
es, da sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser
Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr
seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige
Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen
Parteien hlt an und treibt rcksichtslos seine Keile selbst in das Gefge
des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.

Die Truppe zeigt sich fr diese zersetzende Ttigkeit zugnglich, denn sie
ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das
Fehlen organisatorischer Ttigkeit und Fhigkeit zeigt sich auch hier an
allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschlge zu durchgreifenden
Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschlge als
zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft, scheuen auch die
Mhe, sie zu verwirklichen. Man beschrnkt sich darauf, an dem Deutschen
herum zu nrgeln, der im Lande sitzt - freilich in einem gemeinsam
eroberten Lande -, der vertragsmig ernhrt werden soll, weil er an der
mazedonischen Grenze kmpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in
erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach
bulgarischer Meinung, nur selbst ernhren, und er tut es denn um des
lieben Friedens willen auch, fhrt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis
nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich
nicht bei den kmpfenden Truppen, denn dort schtzt man sich, wohl aber in
dem Rckengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten
einzuschrnken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus
Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumnien stehen.
Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmigen
Ersatz, doch sofort erhebt sich ein groer Lrm in Sofia ber Mangel an
Bundestreue. Wir beschrnken uns daher auf das Wegziehen nur geringer
deutscher Krfte und bernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen
Divisionen in Rumnien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die
bulgarischen Divisionen das nrdliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit
fast widerwillig hinbergegangen waren.

Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrbt. Aber wir knnen auf
weitere Bndnistreue rechnen, wenigstens solange wir die groen
politischen Ansprche Bulgariens erfllen knnen und wollen. Als dann aber
im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseuerungen und
deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen
Armeen Zweifel darber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch
wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was
schlimmer ist, man wird mitrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt
verstrkt die Abdankung Radoslawows. Seine Auenpolitik wird als grozgig
anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er scheint nicht mehr
der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenber durchzusetzen. Seine
Innenpolitik ist zudem vielfach verhat. Neue Mnner sollen ans Ruder
kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der
Krippe des Staates. Man meint, sie knnten sich gesttigt haben. Alles
soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhngt, vom
hchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische,
das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im
Kriege!

ber sterreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im
Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darber
gesprochen, da die versuchte Vershnung der staatszersetzenden
tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollstndig scheiterte. Nun
wird versucht, durch verstrktes Vorschieben kirchlicher Macht und
kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiser Gefhle ein
einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder
wenigstens um seine einflureichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch
bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen
und erregt Mitrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die
gegenseitige Abneigung der Vlkerschaften wird durch die Verschiedenheiten
in der Lebensmittelversorgung verschrft. Wien hungert, whrend Budapest
gengend Nahrung hat. Der Deutsch-Bhme stirbt fast den Erschpfungstod,
whrend der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglck ist die Ernte
teilweise miraten. Dies verstrkt die innere Krisis und wird sie noch
mehr verstrken. Es fehlt in sterreich-Ungarn nicht, wie in der Trkei,
an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen berschu- und
Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich
durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte bel der inneren
politischen Gegenstze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf
das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung bertragen. Kein Wunder, da die
Friedenssehnsucht wchst, und da das Vertrauen auf den Ausgang des
Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend
als strkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die
Gemter nicht zu heben, sondern sie gleichgltiger zu machen. Selbst der
Sieg in Italien ist ein Jubel nur fr einzelne Teile und Kreise der
Vlker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und
zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten
Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von
Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr
wie je mit Fen getreten. Wahrlich es htte strkerer Nerven bedurft, als
an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die
teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch lnger Widerstand zu
leisten.

Und nun zu unserer eigenen Heimat:

Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe,
vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere
nderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet
durch den Rcktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfnglich
angenommen hatte, da sich unsere Auffassungen ber die durch den Krieg
geschaffene Lage deckten, so mute ich mit der Zeit zu meinem Bedauern
immer mehr erkennen, da dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des
Krieges bertragen, und fr ihn bedurfte ich aller Krfte des Vaterlandes.
Diese in einer Zeit grter uerer Spannung durch innere Kmpfe zu
zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureien,
mute zu einer Schwchung unserer politischen und militrischen Stokraft
fhren. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten,
still zu bleiben, wenn ich sah, da die Einheitlichkeit, die wir an der
Front ntig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der berzeugung, da
wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenber mehr und mehr ins
Hintertreffen gerieten, da wir den entgegengesetzten Weg gingen wie
diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem
Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher fr meine
Pflicht, meinem Allerhchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch
einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch
wurde von Seiner Majestt nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte
gleichzeitig infolge einer Erklrung der Parteifhrer des Reichstages
seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.

Die nunmehr uerlich zutage tretenden Folgen dieses Rcktrittes waren
bedenklich. Der bisher nach auen hin aufrechterhaltene Schein des
politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hrte auf. Es bildete sich
eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschlu nach links. Die
Versumnisse, die angeblich in frheren Zeiten in der Weiterentwicklung
unserer innerstaatlichen Verhltnisse begangen waren, wurden nunmehr im
Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen ueren
Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere
Zugestndnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung
zu erpressen. Wir muten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren.
Die Zgel der Staatsleitung gerieten allmhlich in die Hnde extremer
Parteien.

Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat
ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhltnis. Er war unverzagt an
sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsfhrung war nur kurz; die
Verhltnisse sollten sich strker erweisen als sein guter Wille.

Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder
gebessert. Immer mehr drngte die Mehrheit nach links und stellte sich,
trotz mancher schner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die
bisherige Staatsordnung auflsen wollten. Immer schrfer zeigte es sich,
da die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen
und Parteidogmata verga oder diesen Ernst nicht mehr sehen wollte.
Darber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese
Parteiungen zu schren.

Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster
Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend
auf die zerfahrenen Parteiverhltnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den
Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Knigs von Bayern schon in
Ple bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit
der er mir damals seine Glckwnsche zu der eben durch Seine Majestt den
Kaiser vollzogenen Verleihung des Grokreuzes des Eisernen Kreuzes
aussprach. Es lag fr mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in
der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten
Lebenskrfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes
Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft berdauerte
die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit
Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenber nicht mehr
durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung
blieb leider ein wohl von frher bernommenes Mitrauen bestehen, das ab
und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung fr den Grafen
wurde dadurch nicht beeintrchtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er
sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.

Auch abgesehen von den eben berhrten Mistnden ist in der Heimat am Ende
des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen.
Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des
Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesttigter oder
mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen hheren Schwung,
drckt die Menschen zur Gleichgltigkeit herab. Die groe Menge denkt auch
bei uns bei krperlich ungengender Ernhrung nicht viel besser als
anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des
Volkes unser ganzes Leben krftiger durchsetzen. Dieses Leben mu aber
unter solchen Verhltnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen
geistigen und seelischen Anregungen mehr erhlt. An einer solchen Belebung
fehlt es aber auch bei uns. Man stt in Kreisen, in denen man sonst
anderes denken gewohnt war, auf die gefhrliche Ansicht, da gegen die
Gleichgltigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter
dieser Anschauung legen die Hnde in den Scho und lassen den Dingen ihren
Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren
Boden fr ihre die staatliche Ordnung auflsenden Ideen ausntzen und eine
verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich
keine Hnde finden, das Unkraut auszureien.

Die Gleichgltigkeit wirkt wie Unttigkeit. Sie durchsuert den Boden fr
Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevlkerung der
Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurckkehrt.

Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie
belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch
niederdrckend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend
nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr
wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus
diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung
hinaus ins Feld.

Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine
Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein.
Aber der Krieg erhebt nicht nur, er lst auch auf. Und dieser Krieg tat
dies mehr, wie jeder frhere; er verdarb nicht nur die Krper, sondern
auch die Seelen.

Auch der Gegner sorgt fr diese Zersetzung. Nicht blo durch seine
Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch
durch ein anderes Mittel, das man "Propaganda im feindlichen Lager"
nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens
in solcher Gre und in solch rcksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der
Gegner benutzte es in Deutschland wie in der Trkei, in sterreich-Ungarn
wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugbltter fllt nicht nur
hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den trkischen
im Irak und in Syrien herab.

Als "Aufklrung des Gegners" bezeichnete man diese Art von Propaganda.
"Verschleierung der Wahrheit" sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als
das, "Vergiftung der Seelen des Feindes". Sie entspringt einer Auffassung,
die nicht die Kraft in sich fhlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe
zu berwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer
gefhrten Schwertes niederzuzwingen.

Schlielich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns
feindlichen Staaten:

Ich sage absichtlich "Versuch", denn nur um einen solchen konnte es sich
fr uns whrend des Kriegszustandes handeln. Wir waren nmlich nicht nur
blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den
anderen Beziehungen zum Auslande. Daran nderte unsere teilweise
Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst
lieferte nur ganz klgliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern
Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!

Wir wuten, da jenseits der kmpfenden Westfront eine Regierung sitzt,
die persnlich von Ha- und Rachegedanken erfllt, das Innerste ihres
Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein "Wehe dem bisherigen
Sieger", wenn die Stimme Clmenceaus erschallt. Frankreich blutet aus
tausend Wunden. Wrden wir es nicht wissen, so knnten wir es den offenen
Erklrungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird
weiterkmpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem
wie mit eisernen Ketten zusammengefaten Staatsgefge erscheinen, da
greift die Regierung mit rcksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein.
Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den Frieden
ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche
offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen
Phrasen weiter gefttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem
sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte "Humanismus und
Pazifizismus" als "gefhrliche Betubungsmittel" gebrandmarkt, "mit denen
die doktrinren Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Vlker
schwchen wollen." "Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein
rechter Name ist Feigheit, d. h. bertriebene Liebe des Individuums zu
sich selbst, die es von jedem persnlichen Risiko zurckschrecken lt,
das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt". So sprach man in dem
"Frankreich des Friedens". War es ein Wunder, da das "Frankreich des
Krieges" nicht milder dachte und jeden, der im Kriege berhaupt von
Frieden zu reden wagte, als Landesverrter brandmarkte?

Wir knnen es nicht bezweifeln, da das franzsische Volk auch Ende 1917
besser genhrt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man fr den Pariser,
entschdigt ihn fr so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch
mglichen Gensse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die
Entbehrungen des tglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange
ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, da die
Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir drfen uns nicht im
Unklaren sein, da auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange
kmpfen mu, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.

Die franzsischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie
erzhlen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen
lt auf keinen Mangel schlieen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch
keiner glaubt, da es kommen wird, solange "die anderen kmpfen wollen".

Wie steht es in England?

Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor
einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort, es auszusprechen. Es
gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England
einen "Schwcheanfall" berwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein,
als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die
Kriegsziele herabgemindert werden wrden. Die Stimme eines Lord Lansdowne
ertnte. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden
Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt.
Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte
man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert,
eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich
noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns spter erst bekannt wurde, einem
politischen Pfuhle auf mitteleuropischem Boden entstiegen. Der Gedanke an
das nahende Ende reit das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder
empor. Man ertrgt wiederum williger das Entbehren von Genssen,
verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische
Freiheiten in der Hoffnung, da die Vorhersage in Erfllung geht, nach
einem glcklichen Ende dieses Krieges wrde jeder einzelne Englnder
reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische
Selbstzucht des einzelnen Englnders. Also auch hier nichts von Frieden,
es sei denn, da der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen
Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat
keiner. Doch danach fragt da drben kein Mensch. Man fordert, und es wird
geleistet.

Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im
Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne
zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus
Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem fr sie sinnlosen Blutvergieen.
Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und
begrten die ihnen dort bekannten Arbeitssttten mit deutschen Gesngen.
Wenn auch die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht,
das Volk erlahmt nicht vllig. Es wei, da es sonst hungern und frieren
mu. Der italienische Wille mu sich auch weiterhin vor fremdem beugen,
das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es ertrglich
durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.

Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom
fremden europischen Boden. Was wir vernehmen, besttigt unsere Vermutung.
Das glnzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschft ist in den Dienst des
Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an
dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem
Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der
Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rcksichtslose Gewalt. Man begreift
den Krieg. Die weichen Stimmen mssen schweigen, bis die harte Arbeit
getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der
Menschen, jetzt wird sie unterdrckt zum Nutzen des Staates. Man fhlt
sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf fr ein Ideal,
und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des
an den Rand des Verderbens gedrckten Angelsachsen spricht, da wird Gold
in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.

Von Ruland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein
Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht vllig
ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumnischen
Verbndeten mit sich gerissen.

So erschienen mir die Verhltnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende
des Jahres 1917.

Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt:
"Wie erklrt es sich, da der Gegner in seinen rcksichtslosen politischen
Forderungen uns gegenber nichts nachlie, trotz seiner vielen
militrischen Mierfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Rulands
als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch zweifellos tiefgreifenden
Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit
fr einen Transport starker nordamerikanischer Krfte auf den europischen
Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter
dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen fr einen Frieden
zuzumuten, die man wohl einem vllig geschlagenen Feind diktieren konnte,
mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der
bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast berall tief in
Feindesland stand?"

Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:

Whrend wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die
Blicke ihrer Regierungen und Vlker unentwegt auf die Entwicklung der
inneren Zustnde unseres Vaterlandes und der Lnder unserer
Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwchen, die ich im
Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwchen
aber strkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen
Willen zum Siege.

Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar
gnstigsten Verhltnissen arbeitete, gab dem Gegner den wnschenswerten
vollen Einblick in unsere Verhltnisse, sondern auch unser Volk und seine
politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mistnde vor den
gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht
so weit politisch geschult, da er imstande gewesen wre, sich zu
beherrschen. Er mute seine Gedanken aussprechen, mochten sie fr den
Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit
befriedigen zu mssen, indem er sein Wissen und seine Gefhle der weiten
Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland ntzte oder
schadete, war bei dem vagen weltbrgerlichen Gefhle, in dem er vielfach
lebt, fr ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und
klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus,
da es auch seine Zuhrer sein wrden. Damit war der Fall fr ihn dann
erledigt.

Dieser Fehler hat uns im groen Ringen um unser vlkisches Dasein mehr
geschadet als militrischer Mierfolg. Dem Mangel an politischer
Selbstzucht, wie sie dem Englnder zur zweiten Natur geworden ist, dem
Fehlen einer von kosmopolitischen Schwrmereien vllig freien
Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglht, schiebe ich letzten
Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die
Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen
der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich wei sehr wohl, da
unter den sachlichen Grnden, die damals fr diese Resolution
ausschlaggebend waren, mancherlei Enttuschungen ber den Gang des Krieges
sowie ber die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegfhrung eine
groe Rolle spielten. Man konnte ber die Berechtigung zu einem solchen
Mitrauen unserer Lage gegenber verschiedener Anschauung sein -
bekanntlich beurteilte ich sie gnstiger - aber fr vllig verfehlt
glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu mssen, in der man sich von
parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschlo. Zu einem
Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten
der Deutschen vielleicht froh gewesen wren, wenn sie irgend welche leisen
Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes htten entnehmen
knnen, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren.
Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte,
waren zu fadenscheinig, als da sie irgend jemanden im feindlichen Lager
htten tuschen knnen. So fand bei uns das Wort Clmenceaus "Ich fhre
Krieg!" das Echo: "Wir suchen Frieden!"

Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom
Standpunkte menschlichen Gefhles sondern vom Standpunkte soldatischen
Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten wrde, und kleidete das in die
Worte: "Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!" Ein weiteres Kriegsjahr in
unserer eigenen und unserer Verbndeten schweren Lage!





                               VIERTER TEIL


                       ENTSCHEIDUNGSKAMPF IM WESTEN




                       Die Frage der Westoffensive



                    Absichten und Aussichten fr 1918


Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden
Teil meiner Darlegungen abschlo, wird man wohl die berechtigte Frage an
mich richten, welche Aussichten ich fr eine gnstige Beendigung des
Krieges durch eine letzte groe Waffenentscheidung zu haben glaubte.

Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und
spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunchst zu
den Verhltnissen bei unseren Bundesgenossen wende:

sterreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militrischen Machtlosigkeit
Rulands und Rumniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig
militrisch entlastet, da es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte,
die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich
fr durchaus imstande, den Ententekrften gegenber in Mazedonien
auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkrfte, die noch
gegen Ruland und Rumnien standen, in absehbarer Zeit vollstndig fr
Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Trkei war durch den
Zusammenbruch Rulands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte
dadurch, so weit ich beurteilen konnte, gengend Krfte frei, um ihre
Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstrken.

Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer
Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der
zweckmigen Verwendung der fr ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen
Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst
wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Fr eine solche bekamen
wir nunmehr unsere Ostkrfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum
Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Krfte
vermochten wir uns im Westen eine zahlenmige berlegenheit zu schaffen.
Zum ersten Male whrend des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine
deutsche berlegenheit! Sie konnte freilich nicht so gro sein, als es
diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren
unsere Westfront vergeblich bestrmt hatten. Insbesondere reichten unsere
Ostkrfte nicht hin, um die gewaltige berlegenheit unserer Gegner an
Artillerie- und Fliegerverbnden auszugleichen. Immerhin waren wir aber
jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur
berwltigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel
auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.

Leicht und einfach war der Entschlu zum Angriff im Westen aber auch unter
diesen fr uns gnstigeren Zahlenverhltnissen nicht. Die Bedenken, ob uns
ein groer Erfolg gelingen wrde, blieben nicht gering. Im Verlauf und
Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich
wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner
mit allen seinen zahlenmigen berlegenheiten, mit seinen Millionen von
Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von
Menschenopfern schlielich erreicht? rtliche Gewinne von etlichen
Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir
hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mute
jedoch angenommen werden, da diejenigen der Angreifer die unsern
wesentlich bertrafen. Mit bloen sogenannten Materialschlachten konnten
wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten fr die Fhrung
solcher Kmpfe weder die Krfte noch auch die Zeit. Denn nher und nher
rckte der Augenblick, an welchem das noch vollkrftige Amerika allmhlich
auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht
derartig wirkten, da der Seetransport groer Massen und ihrer Bedrfnisse
in Frage gestellt war, dann mute unsere Lage ernst werden.

Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht fr die Hoffnung auf einen oder
mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch
bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen,
aber schwer zu erklren; sie ist ausgesprochen in dem Worte: "Vertrauen".
Nicht Vertrauen auf einen glcklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch
weniger das Vertrauen auf Zahlen und uere Strken; es war das Vertrauen,
mit dem der Fhrer seine Truppen in das feindliche Feuer entlt,
berzeugt, da sie das Schwerste ertragen und das Unmglichscheinende
mglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als
wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast
bermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwrts
Angriffsfeldzge zu fhren, das gleiche Vertrauen, das uns wagen lie, mit
Unterlegenheiten feindliche bermacht auf allen Kriegsschaupltzen in
Schach zu halten oder gar zu schlagen.

Wenn die ntige zahlenmige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der
Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fhlte frmlich die
Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des
Abwehrkampfes. Ich wute, da aus dem deutschen "Kaninchen", das der Spott
eines unserer erbittertsten Gegner als "aus dem freien Felde in die
Erdlcher vertrieben" der englischen Lcherlichkeit preisgeben zu drfen
glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden wrde, der mit seinem
ganzen, mchtigen Zorne dem Schtzengraben entsteigt, um die jahrelange
Kampfqual der Verteidigung im Vorstrmen zu beenden.

Darber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch grere und
weitergehende Folgen erwarten zu drfen. Ich hoffte, da mit unseren
ersten siegreichen Schlgen auch die Heimat emporgehoben wrde aus ihrem
dumpfen Brten und Grbeln ber die Not der Zeit, ber die
Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, ber die Unmglichkeit, den Krieg noch
anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch
tyrannischer Gewalten. Fhrt erst das blitzende Schwert in die Hhe, so
reit es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders
sein? Und meine Hoffnungen flogen hinber ber die Grenzen des
Heimatlandes. Unter den mchtigen Eindrcken groer kriegerischer
deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in
dem so sehr bedrckten sterreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller
politischen und vlkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken
des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.

Wie htte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer
Sache verzichten drfen, um meinem Kaiser gegenber vor meinem Vaterland
und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? "Waffenstreckung?"
Ja gewi! Es konnte keine Tuschung darber geben, da unsere Gegner ihre
Forderungen bis zu dieser Hhe treiben wrden. Gerieten wir nur erst
einmal auf die abschssige Bahn des Nachgebens, hrte die straffe Spannung
unserer Krfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein
Ende mit Schrecken, es sei denn, da wir vorher dem Gegner selbst die Arme
und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon
1917, so verwirklichten sie sich spter. Wir standen immer in der Wahl
zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung.
uerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang
niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo
friedensverheiender ertnt sein sollte, dann durchdrang sie nicht die
Atmosphre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.

Wir hatten nach meiner berzeugung die ntige Strke und den ntigen
kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir
hatten uns darber schlssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten
wollten. Das "Wie" lie sich im allgemeinen mit den Worten ausdrcken:
Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir
muten einen groen, wenn mglich berraschenden Schlag anstreben. Gelang
es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch
zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schlge an anderen
Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel
erreicht war.

Als kriegerisches Ideal schwebte mir natrlich von vornherein ein vlliger
Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu
freien Operationen ffnen wrde. Dieses Tor sollte in der Linie
Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fre aufgeschlagen werden. Die Wahl der
Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflut. Wir
wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Englnder in diesem
Angriffsgebiet gegenber standen. Ich sah freilich in England noch immer
die Hauptsttze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich
darber auch klar, da in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein
bis zur Vernichtung zu schdigen, mindestens ebenso stark vertreten war,
wie in England.

Auch in militrischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir
unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Englnder richteten. Der
Englnder war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefhrte.
Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu
schematisch. Diese Mngel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich
glaubte, da das in der Verteidigung nicht anders sein wrde. Derartige
Erscheinungen waren fr jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz
selbstverstndlich. Sie hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer
entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjhriger Krieg konnte diese
mangelnde Vorbereitung nicht vllig ersetzen. Was dem Englnder an
Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine
Zhigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im
Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbnde waren von
verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine
Erscheinung, die wohl darauf zurckzufhren ist, da die dortige
Bevlkerung vorwiegend eine agrarische ist.

Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer
Bundesgenosse. Dafr war er aber wohl weniger zhe in der Verteidigung als
dieser. In der franzsischen Artillerie erblickten unsere Fhrer wie
Soldaten ihren gefhrlichsten Feind, whrend der franzsische Infanterist
in weniger groem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die
franzsischen Truppenverbnde je nach den Landesteilen, aus denen sie sich
ergnzten, verschieden.

Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der
franzsisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, da jeder der
Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen wrde. Da
dabei der Franzose rascher und rckhaltloser handeln wrde, wie der
Englnder, betrachtete ich bei der politischen Abhngigkeit Frankreichs
vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als
selbstverstndlich.

Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der
Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nrdlichen Flgel seiner
sich vom Meere bis in die Gegend sdlich St. Quentin ausdehnenden Front
massiert. Eine andere etwas schwchere Krftegruppe schien aus der
Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelnde verblieben zu sein. Im
brigen waren die englischen Krfte augenscheinlich ziemlich gleichmig
verteilt; am schwchsten besetzt zeigten sich die Stellungen sdlich der
Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei
dieser Stadt war infolge unseres Gegenstoes vom 30. November 1917 nur
noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man
sich ausdrckte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten.
Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Krfte zerdrcken.
Es war allerdings fraglich, ob die englische Krfteverteilung bis zum
Beginn unseres Angriffes auch tatschlich in der geschilderten Weise
bestehen bleiben wrde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein
Verbergen unserer Angriffsabsichten mglich sein wrde. Eine
bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen lieen eigentlich eine
solche Mglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen.
Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen fr all die groen
Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem
Beginn der eigentlichen Kmpfe erkannt. Fast regelmig waren wir
imstande, sogar die Flgelausdehnung der gegnerischen Angriffe
festzustellen. Die monatelange Ttigkeit der Feinde war den Spheraugen
unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung
hatte sich zu einem auerordentlich feinen Empfinden fr jede Vernderung
auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen
Grokmpfen angesichts der scheinbaren Unmglichkeit, die ausgedehnten
Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhufungen zu verbergen, auf
berraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir,
auf berraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu mssen. Dieses
Bestreben forderte natrlich in gewissem Grade einen Verzicht auf
eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden
durfte, mute dem taktischen Gefhle unserer Unterfhrer und unserer
Truppen berlassen werden.

Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung
sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher fr die
Verteidigung, so wurden jetzt fr den Angriff neue Grundstze festgelegt
und in zusammenfassenden Vorschriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den
Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dnne
Schtzenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von
Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und
Kampffliegern im hohen Grade feuerkrftig gemacht wurden. Solche dnne
Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfhig, wenn ein starker
Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach vllig einer Taktik
von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner
Mitkmpfer den Angriffstrieb erhlt, eine Taktik, wie wir sie von
gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie
ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.

Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen
Massenstrmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrcke wohl in
erster Linie, um Sensationsbedrfnisse zu befriedigen, dann aber wohl
auch, um die Schlachtbilder fr die Masse ihrer Leser anschaulicher und
die eingetretenen Ereignisse verstndlicher zu machen. Woher htten wir
allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen
Massenopfern nehmen sollen? Auerdem hatten wir gengende Erfahrung darin
gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Krfte vor unseren Linien
hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes,
am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen
konnten, je dichter die Menschenhalme standen.

Diese Ausfhrungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres
Kampfverfahrens beschftigen, drften zur allgemeinen Kennzeichnung
unserer Angriffsgrundstze gengen. Der deutsche Infanterist trug
natrlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten
aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven
Musketier die Arbeit zu erleichtern.

Die Schwere des bevorstehenden groen Waffenganges im Westen wurde von uns
in ihrer ganzen Gre gewrdigt. Sie machte es uns zur
selbstverstndlichen Pflicht, alle brauchbaren Krfte fr das blutige Werk
heranzuziehen, die wir irgendwie auf den brigen Kriegsschaupltzen
entbehrlich machen konnten.

Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und
wirtschaftlichen Verhltnisse legte der Durchfhrung mancherlei
Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persnliches Eingreifen
ntig machten. Ich mchte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen
und beginne mit dem Osten:

Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand
geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten
wir schon vorher mit der Abbefrderung eines groen Teiles unserer
Kampfverbnde von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffhigen
Divisionen mute jedoch bis zur endgltigen politischen Abrechnung mit
Ruland und Rumnien zurckbleiben.

Unseren militrischen Wnschen wrde es natrlich durchaus entsprochen
haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingelutet worden
wre. Statt ihrer tnten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die
wildesten Agitationsreden umstrzlerischer Doktrinre. Die breiten
Volksmassen aller Lnder wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen,
die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des
Schreckens abzuschtteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am
Brgertum gesichert werden. Die russischen Unterhndler, allen voran
Trotzki, wrdigten den Verhandlungstisch, an dem die Vershnung mchtiger
Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wster Agitatoren herab.
Unter diesen Umstnden war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen
keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und
Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem
sie die politische Auflsung in unserem Rcken und in die Reihen unserer
Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhltnissen
schlimmer zu werden als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter
gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darber doch wohl einem
falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf fr sich in
Anspruch nehmen, da sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.

Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in
Brest-Litowsk litt, mochten noch so gro sein, ich hatte jedenfalls die
Pflicht, darauf zu dringen, da mit Rcksicht auf unsere beabsichtigen
Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht wrde. Die
Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Flu, als Trotzki am
10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im
brigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklrte. Ich konnte in
diesem, allen vlkerrechtlichen Grundstzen hohnsprechenden Verhalten
Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der
Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflsse der Entente
wirksam waren, mu ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der
damalige Zustand in militrischer Beziehung unertrglich. Der
Reichskanzler Graf von Hertling schlo sich dieser Anschauung der Obersten
Heeresleitung an. Seine Majestt der Kaiser entschied am 13. Februar, da
die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.

Die Durchfhrung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen
feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr
drohende Gefahr. Am 3. Mrz wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem
Vierbund und Groruland unterzeichnet. Die russische militrische Macht
war damit auch rechtsgltig aus dem Kriege ausgeschieden. Groe
Landesteile und Vlkerstmme waren von dem bisherigen geschlossenen
russischen Krper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernruland ein tiefer
Ri zwischen Groruland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der
Randstaaten vom frheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war fr
mich in erster Linie ein militrischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich
mich so ausdrcken darf, weites Vorfeld jenseits unserer Grenzen gegen
Ruland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrte ich die
Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, da von jetzt ab
das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche
Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.

Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, da die Verhandlungen mit
einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten uerst
wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunchst einmal mit
den jetzt in Groruland vorhandenen Machthabern zu einem abschlieenden
Vertrag zu kommen. Im brigen war ja zurzeit dort alles in grter Grung,
und ich persnlich glaubte nicht an eine lngere Dauer der Herrschaft des
damaligen Terrors.

Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht mglich,
alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefrdern. Wir konnten
die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal berlassen. Schon
allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und
den von uns befreiten Lndern forderte gebieterisch das Belassen strkerer
deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine
noch nicht abgeschlossen. Wir muten in dieses Land einmarschieren, um in
die dortigen politischen Verhltnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn
dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete
Lebensmittel in erster Linie fr sterreich-Ungarn, dann aber auch fr
unsere Heimat, ferner Rohstoffe fr unsere Kriegsindustrie und
Kriegsbedrfnisse fr unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte
spielten bei diesen Unternehmungen fr die Oberste Heeresleitung keine
Rolle.

Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militrische Untersttzung,
die wir im Frhjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen
die russische Gewaltherrschaft angedeihen lieen. Hatte doch die
bolschewistische Regierung die uns zugesagte Rumung des Landes nicht
durchgefhrt. Wir hofften auerdem dadurch, da wir Finnland auf unsere
Seite zogen, der Entente eine militrische Einwirkung auf die weitere
Entwicklung der Verhltnisse in Groruland von Archangelsk und der
Murmankste her aufs uerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit
gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die fr den Fall
wichtig wurde, da das bolschewistische Ruland auf unsere Ostfront
erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Krfteaufwand, es handelte
sich hierfr um kaum eine Division, lohnte sich fr uns jedenfalls
reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des
finnischen Volkes entgegenbrachte, lie sich meiner Ansicht nach durchaus
mit den Forderungen der militrischen Lage in Einklang bringen.

Die Kampftruppen, die wir gegen Rumnien stehen hatten, wurden
grtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres
Friedensschlusses mit Ruland gentigt sah, auch ihrerseits zu einem
friedlichen Abschlu mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende
Rest unserer fechtenden Truppen bildete fr die Zukunft eine gewisse
Kraftquelle zur Ergnzung unseres Westheeres.

Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen
Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des
Winters durchgefhrt werden. sterreich-Ungarn mute nach meiner Ansicht
durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu
beherrschen.

Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an sterreich-Ungarn mit dem
Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien
frei werdenden Krfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfgung zu
stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, da diese Krfte
sich in Italien besser verwerten lieen als bei unserem schweren Ringen im
Westen. Gelang es sterreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des
Landes das gesamte italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort
befindlichen Teile der englischen und franzsischen Truppen zu binden oder
gar Krfte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront
abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen
wurde, vielleicht grer, als ein Nutzen durch unmittelbare Untersttzung.
Wir beschrnkten uns daher auf Heranziehung sterreichisch-ungarischer
Artillerie. Fr mich bestand brigens kein Zweifel, da General von Arz
ein Ersuchen unsererseits um grere sterreichische Hilfe jederzeit und
mit allen seinen Krften vertreten htte.

Der sterreichisch-ungarische Auenminister hat in dieser Zeit in einer
Rede darauf hingewiesen, da die Krfte der Donaumonarchie ebensowohl fr
Straburg wie fr Triest eingesetzt wrden. Diese bundesfreundliche
uerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachtrglich wurde mir
bekannt, da diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher
Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprche hervorgerufen hatten. Diese
politische Erregung bte sonach auf meine militrische Entscheidung ber
die Gre der sterreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren knftigen
Schlachtfeldern im Westen keinen Einflu.

Es galt fr mich als selbstverstndlich, da wir den Versuch machen
muten, auch diejenigen unserer Kampftruppen fr unsere Westoffensive frei
zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Trkei verwendet
waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie gro die politischen
Widerstnde gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General
Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer
Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen
Pickelhauben in Mazedonien fr ebenso unentbehrlich wie sein Knig. Die
Zurckziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam
infolgedessen nur recht allmhlich in Flu. Nur schwer entschlo sich
General Jekoff auf unser wiederholtes Drngen, sie durch die bulgarischen
Truppen aus der Dobrudscha abzulsen. Ernste Mitteilungen unserer
deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front ber Stimmung und
Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaten uns schlielich, den
Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer
noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.

Ein hnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemhen in der Trkei. Unser
Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprnglich fr den Feldzug nach
Bagdad bestimmten trkischen Divisionen nach Syrien befrdert worden. Die
bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres
1918 eine Verstrkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzufhren.
Die meisten der hierfr bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien
stehenden Verbnden entnommen. Bevor diese Verstrkungen ihren neuen
Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung
in der Lage an der syrischen Front feststellen zu knnen, und traten daher
mit Enver Pascha wegen Zurckziehung aller dortigen deutschen Truppen in
Verbindung. Der Pascha gab sein Einverstndnis. Dringende militrische und
politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien
sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinfluten deutschen
Reichsleitung veranlaten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.

Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, da von unserer Seite nichts
unterlassen wurde, um mglichst alle unsere deutschen Kampfkrfte im
Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten
Mann gelang, so lag der Grund in Verhltnissen verschiedenster Art, in
keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von
unserer Seite.

So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so
sehnschtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rcken dem
Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir muten jetzt zu diesem
Waffengang schreiten. Ein solcher wrde uns vielleicht erspart geblieben
sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgltig geschlagen htten.

Ich habe schon frher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918,
die Aufgabe fr uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als
mchtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als
wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll
gerstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner,
wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen
Kriegfhrung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor
dem Niederbruch sttzend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die
Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nhe. Wird
dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den
Hnden zu reien? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin!
Ich glaubte sie verneinen zu knnen!

Der Ausgang unserer groen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen
lassen, ob es fr uns nicht rtlich gewesen wre, auch im Jahre 1918 den
Krieg an der Westfront, unter Sttzung der bisher dort verwendeten Armeen
mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu fhren, alle
brigen militrischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu
vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhltnisse
zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu
untersttzen. Es wre ein Irrtum, anzunehmen, da mich derartige Gedanken
nicht vor unseren Offensivplnen beschftigt hatten. Ich wies sie nach
reiflichster berlegung zurck. Gefhlsmomente spielten dabei keine Rolle.
Wie wre ein Ende des Krieges bei solcher Fhrung abzusehen gewesen?
Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an
unserer deutschen Widerstandskraft ber das kommende Jahr hinaus zu
zweifeln, so konnte ich ber dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei
unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir muten mit allen
Mitteln zu einem erfolgreichen Ende zu kommen trachten. Das war die mehr
oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbndeten. Man
kann dagegen nicht einwenden, da auch unsere Gegner an den uersten Rand
ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfhigkeit herankamen. Sie
konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen,
und wer unter ihnen nicht htte mittun wollen, wrde durch die anderen
einfach gezwungen worden sein. Ein allmhlicher Erschpfungstod war,
nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos
unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglck meines Vaterlandes vor Augen
habe, trage ich die felsenfeste berzeugung, da ihm das Bewutsein, die
letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu
seinem inneren Aufbau ntzen wird, als wenn der Krieg in einem
allmhlichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet htte. Dem Schicksal,
das es jetzt tragen mu, wre es doch nicht entgangen, wohl aber wrde ihm
der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche
nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, da der
Waffenruhm von Preuisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten
Preuens nicht mehr haben wenden knnen, doch wie ein Stern in der
lichtlosen Finsternis der Jahre 1807-1812 leuchtete. An seinem Glanze fand
so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders
geworden sein? Mein preuisches schlgt in diesen Bahnen!



                             Spa und Avesnes


In Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestt des
Kaisers am 8. Mrz das deutsche Groe Hauptquartier nach Spa verlegt. Die
nderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem
neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer
westlichen Heeresfront auf krzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da
wir jedoch den kommenden Ereignissen in mglichst unmittelbarer Nhe
folgen wollten, so whlten wir auerdem Avesnes als eine Art von
vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir
am 19. Mrz mit dem grten Teil des Generalstabes ein und befanden uns
damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die
bei den bevorstehenden Entscheidungskmpfen die Hauptrolle zu spielen
hatten.

Das Bild der Stadt wird uerlich beherrscht durch den mchtigen,
klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen
noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, da Avesnes in
frheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit
mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preuischen Armee nach der
Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt
und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war
die Gegend nicht betroffen worden.

Die Stadt, ganz in grne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch
unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Geprge. Ich
selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder fr lngere Zeit unter
franzsischer Bevlkerung. Die verschiedenen Straentypen erschienen mir
gegen die Zeit von 1870/71 so unverndert, da ich den zeitlichen
Zwischenraum vergessen konnte. So saen auch jetzt noch, wie damals, die
Einwohner vor ihren Tren, die Mnner meist still in Schauen vertieft, die
Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem
Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden.
Glckliche Jugend!

Unser langes Verbleiben in Avesnes besttigte mir im brigen die
allgemeine Erfahrung, da die franzsische Bevlkerung sich mit Wrde in
das harte Schicksal fgte, das die lange Dauer des Krieges ber sie
verhngt hatte. Wir waren nicht veranlat, irgendwelche besondern
Maregeln fr Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu
ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschrnken, die Ruhe fr unsere
Arbeit sicherzustellen.

Seine Majestt der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern
verweilte whrend der Zeit der folgenden groen Ereignisse in seinem
Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange
Aufenthalt in den engen Rumen des Zuges mag als Beweis fr die
Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten
vllig seinem Heer. Rcksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch
feindliche Flieger, lagen auerhalb der Gedankenreihe des Kaisers.

Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nchsten Monate
Gelegenheit, hufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und
Armeefhrern sowie sonstigen hheren Stben in persnliche Berhrung zu
kommen. Ganz besonders begrte ich die Mglichkeit, Truppenoffiziere bei
mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit
ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren fr mich
nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen
Standpunkt aus von hohem Interesse.

Der gelegentlich ausgefhrte Besuch bei dem masurischen Regiment, das
meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger
Offizier whrend zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie,
die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war fr mich eine ganz
besondere Freude. Freilich war von den Friedensstmmen nur noch wenig
brig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen
Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele
auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!




                      Unsere drei Angriffsschlachten



                    Die "Groe Schlacht" in Frankreich


Noch vor unserer Abfahrt von Spa erlie Seine Majestt der Kaiser den
Befehl fr die demnchstige groe Angriffsschlacht. Ich fhre diesen
Befehl in seinem wesentlichsten Inhalt wrtlich an, um weitlufige
Ausfhrungen ber unsere Kampfabsichten entbehrlich zu machen. Zur
Erluterung bemerke ich im voraus, da die Vorarbeiten zu dieser groen
Schlacht mit dem Deckwort: "Michael" bezeichnet worden waren, und da
Angriffstag und Angriffsstunde erst eingefgt wurden, als sich der
Abschlu der Vorbereitungen einwandfrei bersehen lie.

                                          Groes Hauptquartier, 10. 3. 18.

  "Seine Majestt befehlen:

  1. Der Michaelangriff findet am 21. 3. statt. Einbruch in die erste
  feindliche Stellung 940 vormittags.

  2. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht schnrt dabei als erstes groes
  taktisches Ziel den Englnder im Cambraibogen ab und gewinnt ... die
  Linie Croisilles (sdstlich Arras)-Bapaume-Peronne. Bei gnstigem
  Fortschreiten des Angriffes des rechten Flgels (17. Armee) ist dieser
  ber Croisilles weiter vorzutragen.

  Weitere Aufgabe der Heeresgruppe ist, in Richtung Arras-Albert
  vorzustoen, mit linkem Flgel die Somme bei Peronne festzuhalten und
  mit Schwerpunkt auf dem rechten Flgel die englische Front auch vor der
  6. Armee ins Wanken zu bringen und weitere deutsche Krfte aus dem
  Stellungskriege fr den Vormarsch frei zu machen ...

  3. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz gewinnt zunchst sdlich des
  Omigonbaches (dieser mndet sdlich Peronne) die Somme und den
  Crosatkanal (westlich La Fre). Bei raschem Vorwrtskommen hat die
  18. Armee (rechter Flgel der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz) die
  bergnge ber die Somme und die Kanalbergnge zu erkmpfen ..."

Die Spannung, unter der wir am 18. Mrz abends Spa verlassen hatten,
steigerte sich bei unserem Eintreffen auf der Befehlsstelle Avesnes. Das
bisher herrliche, klare Vorfrhlingswetter war umgeschlagen. Heftige
Regenben zogen ber das Land. Sie machten dem Spottnamen, mit dem Avesnes
und seine Umgebung von den Franzosen belegt war, alle Ehre. An sich
konnten wir uns Wolken und Regen an diesen Tagen wohl gefallen lassen. Sie
verschleierten vielleicht unsere letzten Angriffsvorbereitungen. Hatten
wir aber wirklich noch berechtigte Hoffnung, da der Gegner in unsere
bisherigen Manahmen noch keinen Einblick gewonnen hatte? Die feindliche
Artillerie hatte sich in letzter Zeit ab und zu besonders aufmerksam und
lebhaft gezeigt. Das Feuer war indessen immer wieder abgeflaut. Da und
dort suchten feindliche Flieger whrend der Nacht im Scheine von
Leuchtkugeln einzelne unserer wichtigsten Vormarschstraen ab und schossen
mit Maschinengewehren auf alle wahrgenommenen Bewegungen. Aber all das gab
noch keinen festen Anhalt fr eine Antwort auf die Frage: "Kann unsere
berraschung gelingen?"

Die Angriffsverstrkungen rckten in den letzten Nchten in ihre
Ausgangsstellungen zum Sturme; die letzten Minenwerfer und Batterien
wurden vorgezogen. Keine wesentliche Strung durch den Gegner! An
einzelnen Stellen unternahm man es, schwere Geschtze bis an die
Hindernisse vorzuschieben und sie dort in Geschotrichtern unterzubringen.
Man glaubte berkhnes wagen zu sollen, um der strmenden Infanterie die
artilleristische Untersttzung whrend ihres Durchbruches durch das ganze
feindliche Stellungssystem zu gewhrleisten. Keine feindliche
Gegenmaregel verhinderte auch diese Vorbereitungen.

Der grte Teil des 20. Mrz verging in Sturm und Regen. Die Aussichten
auf den 21. waren unsicher, rtlicher Nebel wahrscheinlich. Trotzdem
entschieden wir uns am Mittag fr den Beginn der Schlacht am Morgen des
folgenden Tages.

Die Frhdmmerung des 21. Mrz fand das nrdliche Frankreich von der Kste
bis zur Aisne unter einer Dunstschicht. Je hher die Sonne stieg, um so
dichter wurde der Nebel auf den Erdboden gedrckt. Er beschrnkte
zeitweise den Blick bis auf wenige Meter Entfernung. Selbst die
Schallwellen schienen sich in den grauen Schwaden zu verzehren. In Avesnes
vernahm man nur fernes unbestimmtes Rollen von dem Schlachtfelde her, auf
dem seit den ersten Tagesstunden Tausende von Geschtzen jeden Kalibers im
heftigsten Feuer standen.

Ungesehen und selbst nicht sehend arbeitete unsere Artillerie. Nur die
Gewissenhaftigkeit der Vorbereitungen konnte Gewhr geben fr die Wirkung
unserer Batterien. Die Antwort des Gegners war rtlich und zeitlich von
wechselnder Strke. Sie war mehr ein Herumtasten nach einem unbekannten
Gegner, als eine systematische Bekmpfung des lstigen Feindes.

Also auch jetzt noch keine Gewiheit, ob nicht der Englnder in voller
Abwehrbereitschaft unseren Angriff erwartete. Der Schleier, der ber allem
lag, lichtete sich nicht. In ihn hinein strmte gegen 10 Uhr vormittags
unsere brave Infanterie. Zunchst kamen von ihr nur unklare Meldungen,
Angaben ber erreichte Ziele, Abnderungen dieser Nachrichten, Widerrufe.
Erst allmhlich hob sich die Ungewiheit, und es lie sich berblicken,
da wir berall in die vordersten feindlichen Stellungen eingebrochen
waren. Gegen Mittag begann der Nebel zu schwinden, die Sonne zu siegen.

In den spten Abendstunden war ein Bild des Erreichten mit einiger
Klarheit zu erkennen. Die rechte Flgelarmee und die Mitte unserer
Schlachtfront waren im wesentlichen vor der zweiten feindlichen Stellung
zum Halten gekommen. Die linke Armee war ber St. Quentin hinaus mchtig
vorwrts geschritten. Kein Zweifel, da der rechte Flgel den strksten
Widerstand vor sich hatte. Der Englnder sprte die ihm aus nrdlicher
Richtung drohende Gefahr, er warf ihr alle seine verfgbaren Reserven
entgegen. Der linke Flgel dagegen hatte bei augenscheinlich weitgehender
berraschung die verhltnismig leichteste Kampfarbeit gehabt. Der
Krfteverbrauch war im Norden ber unser Erwarten gro, sonst entsprach er
unseren Voraussetzungen.

Das Ergebnis des Tages schien mir befriedigend. In diesem Sinne sprachen
sich auch unsere vom Schlachtfeld zurckkehrenden Generalstabsoffiziere
aus, die den Truppen in den Kampf gefolgt waren. Doch konnte erst der
zweite Tag zeigen, ob nicht unser Angriff das Schicksal aller derjenigen
teilte, die der Gegner seit Jahren gegen uns gefhrt hatte, nmlich eine
Versumpfung des Vorwrtsschreitens nach dem ersten gelungenen Einbruch.

Der Abend dieses zweiten Tages sah unseren rechten Flgel im Besitz der
zweiten feindlichen Stellung. Unsere Mitte hatte auch die dritte
feindliche Widerstandslinie genommen, whrend die linke Armee im vollen
Siegeslauf schon jetzt meilenweit nach Westen vorgedrungen war. Hunderte
von feindlichen Geschtzen, ungeheure Mengen Schiebedarfs und sonstige
Beute jeder Art lagen im Rcken unserer vordersten Linien. Lange
Gefangenenkolonnen marschierten nach Osten. Die Zertrmmerung der
englischen Besatzung im Cambraibogen konnte jedoch nicht mehr gelingen, da
unser rechter Flgel entgegen unseren Erwartungen nicht weit und rasch
genug vorwrts gekommen war.

Der dritte Kampftag vernderte nicht das bisherige Bild des
Schlachtenverlaufes: Schwerstes Ringen unseres rechten Flgels, wo
hchstgespannte englische Zhigkeit sich uns entgegenwirft und auch heute
noch die dritte Verteidigungslinie behauptet. Dafr weiterer groer
Gelndegewinn in unserer Mitte und auch auf unserem linken Flgel. Sdlich
Peronne wurde schon an diesem Tage die Somme erreicht, an einem Punkte
sogar berschritten.

An diesem Tage, dem 23. Mrz, fallen die ersten Granaten in die feindliche
Hauptstadt.

Bei diesem glnzenden Fortschreiten unseres Angriffes in westlicher
Richtung, das alles in Schatten stellt, was seit Jahren auf der Westfront
geleistet worden war, erscheint mir unser Durchdringen bis nach Amiens
mglich. Amiens ist der groe Vereinigungspunkt der wichtigsten
Bahnverbindungen zwischen dem durch die Somme scharf geschiedenen
Kriegsgebiet des mittleren und nrdlichen Frankreichs, letzteres das
hauptschliche Kampffeld Englands. Die Stadt ist also von grtem
strategischen Wert. Fllt sie in unsere Hand, oder gelingt es uns,
wenigstens Amiens und Umgebung unter unser krftiges Artilleriefeuer zu
bringen, so ist das gegnerische Operationsfeld in zwei Teile gesprengt,
der taktische Durchbruch zum strategischen erweitert, England auf der
einen, Frankreich auf der anderen Seite. Vielleicht lassen sich die
verschiedenen politischen und strategischen Interessen beider Lnder durch
solch einen Erfolg trennen. Bezeichnen wir diese Interessen durch die
beiden Namen "Calais" und "Paris". Darum vorwrts gegen Amiens!

Und in der Tat geht es auch weiter vorwrts mit Riesenschritten. Fr
lebhafte Phantasien und heie Wnsche freilich immer noch nicht rasch
genug. Mu man doch befrchten, da auch der Gegner die ihm nunmehr
drohende Gefahr erkennt, und da er alles versuchen wird, ihr zu begegnen.
Englische Reserven vom Nordflgel, franzsische Truppen aus ganz
Mittelfrankreich werden jedenfalls Amiens und dessen Umgebung zustreben.
Auch ist zu erwarten, da die franzsische Fhrung sich unserem Vordrngen
von Sden her in die Flanke werfen wird.

Der Abend des vierten Schlachttages sieht Bapaume in unseren Hnden.
Peronne und die Sommelinie sdwrts liegt schon hinter unseren vordern
Divisionen. Wir haben das alte Schlachtfeld an der Somme wieder betreten;
fr manchen unserer Soldaten reich an stolzen, wenn auch ernsten
Erinnerungen, fr alle, die es zum ersten Male sahen, tiefergreifend durch
die Sprache, die auch jetzt noch aus den Millionen von Granattrichtern,
aus dem Gewirr halbverfallener und verwachsener Grben, aus dem
majesttischen Schweigen ber den verdeten Flchen und aus den Tausenden
von Grbern an das menschliche Herz dringt.

Starke Frontteile der Englnder sind vllig geschlagen und weichen
ziemlich haltlos in Richtung auf Amiens zurck. Zunchst stockt aber nun
das Vorschreiten unserer rechten Flgelarmee. Um die Schlacht hier wieder
in Flu zu bringen, greifen wir das Hhengelnde ostwrts Arras mit neuen
Krften an. Der Versuch gelingt indessen nur stellenweise. Das Unternehmen
wird abgebrochen. Inzwischen nimmt die Mitte unseres Angriffes Albert. Der
linke Flgel stt am siebenten Schlachttage unter Deckung gegen
franzsische Angriffe aus sdlicher Richtung ber Roye bis Montdidier vor.

Die Entscheidung liegt also mehr als je in der Richtung auf Amiens.
Dorthin scheinen wir augenblicklich noch gut vorwrts zu kommen. Aber bald
wird auch hier der Widerstand zher und zher, die Bewegung langsamer und
langsamer. Die auf Amiens vorausgeflogenen Phantasien und Hoffnungen
mssen zurckgeholt werden. Die Tatsachen mssen so betrachtet werden, wie
sie sind. Menschliche Arbeit bleibt Stckwerk. Gnstige Gelegenheiten
werden versumt, nicht berall wird mit gleicher Tatkraft zugegriffen,
selbst da, wo ein glnzendes Ziel in Aussicht steht. Man mchte es jedem
einzelnen Soldaten zurufen: "Dringe vorwrts auf Amiens, gib den letzten
Rest deines Willens her! Vielleicht bedeutet Amiens den entscheidenden
Sieg. Nimm wenigstens noch Villers-Bretonneux, damit wir von den dortigen
Hhen mit Massen schwerer Artillerie Amiens beherrschen knnen!"
Vergebens, die Krfte sind erlahmt.

Der Gegner erkennt klar, was er mit Villers-Bretonneux verlieren wrde. Er
wirft der Stirnseite unseres Durchbruches alles entgegen, was er
heranbringen kann. Der Franzose erscheint und rettet mit seinen
Massenangriffen und seiner gefechtsgewandten Artillerie die Lage fr den
Verbndeten und fr sich selber.

Bei uns fordert die menschliche Natur zwingend ihr Recht. Wir mssen Atem
schpfen. Die Infanterie braucht Ruhe, die Artillerie Munition. Ein Glck
war es, da wir teilweise aus den reichen Vorrten des geschlagenen
Gegners leben konnten; wir htten sonst die Somme wohl nicht berschreiten
knnen, denn die im breiten Trichterfeld der zuerst genommenen feindlichen
Stellungen verschtteten Straen knnen erst durch tagelange Arbeit wieder
benutzbar gemacht werden. Noch aber geben wir die Hoffnung,
Villers-Bretonneux zu gewinnen, nicht vllig auf. Am 4. April versuchen
wir aufs neue, den Gegner von dort zu vertreiben. Verheiungsvoll lauten
an diesem Tage zuerst die Nachrichten ber das Vorschreiten unseres
Angriffes. Der folgende 5. April aber bringt an diesem Punkte Rckschlag
und Enttuschung.

Amiens bleibt in den Hnden der Gegner und wird nur von unserem Fernfeuer
berhrt, das die Verkehrsadern des Feindes zwar beunruhigen, aber nicht
unterbinden kann.

Die "Groe Schlacht" in Frankreich ist zu Ende!



                         Die Schlacht an der Lys


Unter den Schlachtentwrfen fr den Beginn des Feldzugsjahres 1918 befand
sich auch eine Bearbeitung des Angriffes auf die englische Stellung in
Flandern. Bei dieser war von dem Gedanken ausgegangen, sich gegen den nach
Osten vorspringenden englischen Nordflgel beiderseits Armentires zu
wenden, um durch Vordringen in allgemeiner Richtung Hazebrouck den
Zusammenbruch herbeizufhren. Die Aussichten, die eine solche Operation im
Falle gnstigen Vorschreitens bot, waren sehr verlockend, aber der
Durchfhrung des Angriffes standen sehr erhebliche Bedenken gegenber.
Zunchst war es klar, da wir es hier mit der strksten englischen
Kampfgruppe zu tun bekamen. Diese, auf verhltnismig engem Raum
zusammengefat, war wohl in der Lage, unsern Ansturm nach kurzem
Vorschreiten zum Festrennen zu bringen. Wir begaben uns mit einer solchen
Unternehmung demnach gerade in die Gefahr, die wir vermeiden wollten. Dazu
kamen die Schwierigkeiten des Angriffsgelndes beiderseits Armentires. Da
waren zunchst die meilenbreiten Wiesengrnde der Lys und dann dieser Flu
selbst zu berwinden. Im Winter waren die Niederungen auf weite Strecken
berschwemmt, im Frhjahr oft wochenlang versumpft, ein wahrer Schrecken
fr die Besatzung der dortigen Verteidigungsstellungen. Nrdlich der Lys
stieg das Gelnde allmhlich an und erhob sich dann schrfer zu den
gewaltigen Hhenstellungen, die bei Kemmel und Cassel ihre mchtigsten
Eckpfeiler hatten.

Bevor die Lys-Niederung nicht einigermaen gangbar war, lie sich an die
Durchfhrung dieses Angriffes berhaupt nicht denken. Ein gengendes
Trockenwerden war bei gewhnlichen Witterungsverhltnissen erst gegen
Mitte April mit einiger Sicherheit zu erwarten. Wir glaubten indessen den
Beginn des entscheidenden Ringens im Westen nicht so lange hinausschieben
zu knnen. Muten wir doch ununterbrochen die Mglichkeit des Eingreifens
von Nordamerika im Auge behalten. Ungeachtet der gegen den Angriff
vorhandenen Bedenken lieen wir das Unternehmen wenigstens theoretisch
vorbereiten. An seine Verwirklichung war fr den Fall gedacht, da unsere
Operation bei St. Quentin die gegnerische Fhrung veranlassen wrde,
starke Krfte von der Gruppe in Flandern wegzuziehen, um sie unserem
Durchbruch entgegenzuwerfen.

Dieser Fall war Ende Mrz eingetreten. Sobald sich nun bersehen lie, da
unser Angriff in Richtung nach Westen ins Stocken kommen mute,
entschlossen wir uns daher, auf unsere Operation an der Lys-Front
zurckzugreifen. Eine Anfrage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht
erhielt die Antwort: Der Angriff ber die Lys-Niederung sei dank des
trockenen Vorfrhlingswetters schon jetzt mglich. Mit auerordentlicher
Tatkraft wurde nunmehr das Unternehmen von seiten der Armeefhrungen und
Truppen gefrdert.

Am 9. April, am Jahrestage der groen Krisis von Arras, erhoben sich aus
den verschlammten Stellungen an der Lys-Front von Armentires bis La
Basse unsere sturmbereiten Truppen. Freilich nicht in breiten
Angriffswellen sondern meist in kleinen Abteilungen und in schmalsten
Kolonnen wateten sie durch einen von Granaten und Minen zerwhlten Morast,
zwischen tiefen, mit Wasser gefllten Geschotrichtern oder auf den
wenigen einigermaen festen Gelndestreifen den feindlichen Linien
entgegen. Unter dem Feuerschutz unserer Artillerie und Minenwerfer gelang
trotz aller natrlichen und knstlichen Hindernisse das berraschende
Vorgehen, an das anscheinend weder die Englnder noch die zwischen ihnen
eingeschobenen Portugiesen geglaubt hatten. Die portugiesischen Truppen
verlieen grtenteils in haltloser Flucht das Schlachtfeld und
verzichteten endgltig zugunsten ihrer Bundesgenossen auf die Kampfarbeit.
Unsere Ausntzung der berraschung und des portugiesischen Versagens fand
freilich in dem Gelnde die grten Schwierigkeiten; nur mit Mhe konnten
einzelne Geschtze und Munitionswagen hinter der Infanterie nach vorwrts
gebracht werden. Doch wurde die Lys am Abend erreicht, an einer Stelle
berschritten. Die Entscheidung lag also auch diesmal in dem Kampfverlauf
der nchstfolgenden Tage. Die Aussichten blieben zunchst gnstig. Der
10. April sieht Estaires in unserer Hand; auch wird besonders in der
Gegend nordwestlich Armentires Gelnde gewonnen. Am gleichen Tage wird
unser Angriff bis in die Gegend von Wytschaete ausgedehnt. Die
Trmmersttten des wiederholt umstrittenen Messines werden von uns wieder
gestrmt.

Auch der nchste Tag bringt uns neue Erfolge und neue Hoffnungen.
Armentires wird vom Gegner gerumt, Merville von uns genommen. Wir nhern
uns von Sden her der ersten Stufe zu dem mchtigen Hhengelnde, von dem
aus der Blick und die Artillerie des Gegners unsern Angriff beherrschten.
Die Fortschritte werden aber von jetzt ab immer geringer. Sie hren am
linken Flgel in westlicher Richtung bald ganz auf und ermatten bedenklich
in Richtung auf Hazebrouck. In der Mitte nehmen wir in den nchsten Tagen
noch Bailleul und setzen von Sden her den Fu auf das Hgelgelnde. Auch
Wytschaete fllt in unsere Hand. Damit erschpft sich jedoch dieser erste
Schlag.

Wie Ketten hatten sich die Schwierigkeiten der Verbindungen durch die
Lys-Niederung an die Bewegungen unserer vom Sden her angreifenden Truppen
gelegt. Schiebedarf kommt in nur ungengenden Mengen durch, und wir sind
nur dank der Beute auf dem bis jetzt eroberten Kampffelde in der Lage,
unsere Truppen ausreichend zu verpflegen.

In dem Ringen gegen die feindlichen Maschinengewehrnester blutet unsere
Infanterie auerordentlich, ihre Erschpfung droht, wenn wir nicht eine
Zeitlang im Angriff innehalten. Andrerseits drngt die Lage zu einer
Entscheidung. Wir waren in eine jener Krisen geraten, in denen der Angriff
uerst schwierig, die Verteidigung bedenklich wird. Nicht im Durchhalten,
nur im Vorwrtskommen konnte die Befreiung aus diesem Zustande liegen.

Wir mssen den Kemmelberg strmen. Wie ein Klotz liegt dieser Berg seit
Jahren vor unseren Augen. Es ist damit zu rechnen, da ihn der Gegner zum
Kernpunkt seiner flandrischen Stellung ausgebaut hat. Die Lichtbilder
unserer Flieger enthllen wohl nur einen Teil der dort vorhandenen
Feinheiten der Verteidigungsanlagen. Wir hoffen aber, da der uere
Eindruck des Berges strker ist als sein wirklicher taktischer Wert.
Solche Erfahrungen waren von uns ja schon an anderen Angriffsobjekten
gemacht worden. Kerntruppen, die am Roten-Turmpa, bei den Kmpfen in den
transsylvanischen Bergen, im serbisch-albanischen Gebirge und in den
oberitalienischen Alpen ihren Willen gezeigt und ihre Kraft bewhrt
hatten, drften vielleicht auch hier das scheinbar Unmgliche mglich
machen.

Voraussetzung fr das Gelingen unseres weiteren Angriffes in Flandern ist,
die franzsische Fhrung zu veranlassen, den englischen Bundesgenossen die
Last des dortigen Kampfes allein tragen zu lassen. Wir greifen daher
zunchst am 24. April erneut bei Villers-Bretonneux an, hoffend, da der
franzsischen Kriegsleitung die Sorge um Amiens nherliegen wrde als die
Hilfeleistung fr den schwer bedrngten englischen Freund in Flandern.
Aber dieser unser neuer Angriff scheitert. Dagegen bricht am 25. April die
englische Verteidigung auf dem Kemmelberge auf den ersten Anhieb zusammen.
Der Verlust dieser Sttze erschttert die ganze feindliche Flandernfront.
Der Gegner beginnt aus dem Ypernbogen zu weichen, den er in monatelangem
Ringen im Jahre 1917 ausgeweitet hatte. An die letzte flandrische Stadt
klammert er sich jedoch wie an ein Kleinod, das er aus politischen
Rcksichten nicht verlieren will. Doch nicht bei Ypern sondern von
Sdosten her, in der Angriffsrichtung auf Cassel, liegt die Entscheidung
in Flandern. Gelingt es uns, in dieser Richtung vorzukommen, dann mu die
ganze englisch-belgische Flandernfront ins Rollen nach Westen kommen. Wie
vor einem Monat im Gedanken an Amiens, so erweitern sich auch diesmal die
Hoffnungen und eilen bis an die Kste des Kanals. Ich glaube zu fhlen,
wie ganz England mit verhaltenem Atem dem Fortgang der flandrischen
Schlacht folgt.

Nachdem das Riesenbollwerk, der Kemmelberg, gefallen ist, haben wir keinen
Grund, vor den Schwierigkeiten der weiteren Angriffe zurckzuweichen.
Freilich kommen Nachrichten ber das Versagen einzelner unserer Truppen.
Auch werden wieder Fehler auf dem Schlachtfelde gemacht, Versumnisse
begangen. Doch solche Fehler und Versumnisse liegen in der menschlichen
Natur. Wer die wenigsten macht, wird Herr des Schlachtfeldes bleiben. Wir
waren bis jetzt die Herren und wollen es weiter sein. Erfolge, wie der am
Kemmel, reien nicht nur die Truppe empor, die solches geleistet hat, sie
beleben ganze Armeen. Also weiter vor, zunchst wenigstens bis Cassel! Von
dort aus kann das Fernfeuer unserer schwersten Geschtze Boulogne und
Calais erreichen. Beide Stdte sind vollgepfropft mit englischen
Kriegsvorrten, sie sind auerdem die hauptschlichsten Ausschiffhfen der
englischen Kriegsmacht. Diese englische Kriegsmacht hat bei dem Kampf am
Kemmelberge berraschend versagt. Gelingt es uns, hier mit ihr allein
abzurechnen, dann haben wir sicherlich Aussicht auf groen Erfolg. Trifft
keine franzsische Hilfe ein, so ist England in Flandern vielleicht
verloren. Doch diese Hilfe kommt wieder in Englands uerster Not. Mit
verbissenem Zorne gegen den Freund, der den Kemmelberg preisgegeben hat,
versuchen die eintreffenden franzsischen Truppen, uns diesen Sttzpunkt
zu entreien. Vergeblich! Aber auch unsere letzten groen Anstrme gegen
die neuen franzsisch-englischen Stellungen dringen Ende April nicht mehr
durch.

Am 1. Mai gehen wir in Flandern zur Verteidigung ber, oder, wie wir
damals hofften, zur einstweiligen Verteidigung.



                   Die Schlacht bei Soissons und Reims


Der von uns zur Erreichung unseres groen Zieles eingeschlagene Weg wurde
auch nach Beendigung der Kmpfe in Flandern eingehalten. Wir wollen auch
weiterhin "durch eng zusammenhngende Teilschlge das feindliche Gebude
derartig erschttern, da es gelegentlich doch einmal zusammenbricht". So
kennzeichnete eine damals verfate Niederschrift unsere Absichten. Zweimal
war England in uerster Krisis durch Frankreich gerettet worden;
vielleicht gelang es uns beim dritten Male, einen endgltigen Sieg gegen
diesen Gegner zu erringen. Der Angriff auf den englischen Nordflgel blieb
auch weiterhin der leitende Gesichtspunkt fr unsere Operationen. In der
glcklichen Durchfhrung dieses Angriffes lag nach meiner Ansicht die
Entscheidung des Krieges. Gelangten wir an die Kste des Kanals, so
berhrten wir die Lebensadern Englands unmittelbar. Wir kamen nicht nur in
die denkbar gnstigste Lage fr Bekmpfung seiner Seeverbindungen, sondern
wir vermochten von dort aus mit unseren schwersten Geschtzen sogar einen
Teil von Britanniens Sdkste unter Feuer zu nehmen. Das geheimnisvolle
Wunder der Technik, das zur Zeit aus der Gegend von Laon seine Granaten
bis in die franzsische Hauptstadt schleudert, kann auch gegen England zur
Wirkung gebracht werden. Nur noch eine geringe Vergrerung dieses Wunders
ist ntig, um das Herz des englischen Handels und Staates von der Kste
bei Calais aus unter Feuer zu nehmen. Ernste Aussichten fr Grobritannien
damals, aber auch weiter fr alle Zukunft! Man kann solche Wunder nach
Kruppschen Gedanken nunmehr berall bauen. Ob in ihnen Friedensgarantien
oder Kriegserreger gegeben sind, mu die Zukunft entscheiden. England hat
wohl in weitsichtigen Gedanken und feinem Empfinden fr die ihm drohenden
Gefahren der Zukunft dies alles schon bedacht. Vielleicht hat auch
Frankreich im geheimen schon die Folgerungen daraus gezogen. Da man ber
solches Denken Schweigen bewahrt, ist zwischen Freunden
selbstverstndlich; doch fhlt man wohl beiderseits die Waffe in der
Tasche des anderen.

Fr uns handelte es sich im Mai 1918 zunchst darum, die beiden jetzigen
Freunde in Flandern wiederum zu trennen. England ist leichter zu schlagen,
wenn Frankreich fern steht. Stellen wir demnach die Franzosen vor eine
Krisis an ihrer Front, dann werden sie wohl die Divisionen wegziehen, die
zurzeit in Flandern in den englischen Linien verwendet sind. Mglichste
Eile ist notwendig, sonst entreit uns der wieder gestrkte Gegner die
Vorhand. Ein gefahrvoller Einbruch in unsere nicht sehr starken
Verteidigungsfronten wrde unsere Absichten empfindlich stren, ja
unmglich machen.

Der Franzose ist am empfindlichsten in der Richtung auf Paris. Dort ist
die politische Atmosphre gegenwrtig ziemlich stark geladen. Unsere
Granaten und Fliegerbomben haben sie zwar bisher nicht zur Entladung
gebracht, doch knnen wir hoffen, da dies gelingt, wenn wir nher an die
Stadt heranrcken. In Richtung auf Soissons steht nach allem, was wir
wissen, die franzsische Verteidigung zahlenmig besonders schwach, doch
gerade hier im angriffsschwierigsten Gelnde.

Als ich am Beginn des Jahres 1917 bei meiner ersten Anwesenheit in Laon
die Terrasse der Prfektur am Sdteil der eigenartig aufgebauten
Felsenstadt betrat, lag die Gegend vor mir in der vollen Klarheit eines
herrlichen Vorfrhlingtages. Eingefat zwischen zwei Hgelrahmen im Westen
und Osten erstreckte sich das Landschaftsbild nach Sden, dort
abgeschlossen durch einen mchtigen Wall, den Chemin des Dames. Vor
103 Jahren hatten Preuen und Russen unter Blchers Fhrung nach
kampfheien Tagen sdlich der Marne die Hhen des Chemin des Dames von
Sden her berschritten und sich nach dem mrderischen Gefechte bei
Craonne unmittelbar bei Laon zum Kampfe gegen den Korsen gestellt. Im
Ostgelnde des steilen Laoner Felsens entschied sich in der Nacht vom 9.
auf den 10. Mrz 1814 der Kampf zugunsten der Verbndeten.

An den Hhen des Chemin des Dames war die franzsische Frhjahrsoffensive
1917 abgeprallt. Wochenlang hatte man damals mit wechselndem Erfolg um die
dortige Stellung gerungen, dann war es still geworden. Im Oktober 1917
aber wurde der rechte Schulterpunkt dieser Stellung nordstlich Soissons
vom Gegner gestrmt, und wir waren gezwungen, den Chemin des Dames zu
rumen und unsere Verteidigung hinter die Ailette zurckzulegen.

ber die Steilhnge des Chemin des Dames hinber hatten unsere Truppen
nunmehr aufs neue anzugreifen. Fast noch mehr als bei den bisherigen
Angriffen hing das Gelingen dieses Unternehmens von der berraschung ab.
War eine solche nicht mglich, dann scheiterte unser Angriff wohl schon an
den nrdlichen Steilhngen des Hhenrckens. Die berraschung gelang
jedoch vollstndig.

Eine eigenartige Erklrung fr diese Tatsache mchte ich hier anfhren.
Ein Offizier, der bei den Vorbereitungen an der Ailette ttig gewesen war,
vertrat die Anschauung, da der Lrm der quakenden Frsche in den
Fluarmen und feuchten Wiesengrnden so stark gewesen sei, da er selbst
das Gerusch unserer vorfahrenden Brckenwagen bertnte. Mag ein anderer
ber diese Mitteilung denken, wie er will, ich mchte nur versichern, da
ich den Erzhler vorher durch Wiedergabe von Erlebnissen aus meinem
Jgerleben nicht gereizt hatte! Eine andere mir mehr einleuchtende
Erklrung fr das Gelingen der Verschleierung unseres Angriffs entstammt
dem Munde eines gefangenen feindlichen Offiziers. Zu diesem wurde am Tage
vor Beginn unseres Angriffes ein preuischer Unteroffizier gebracht, der
auf Erkundung gefangen war. Auf die Frage, ob er etwas ber einen
deutschen Angriff sagen knnte, gab dieser folgende Auskunft:

  "In den frhesten Morgenstunden des 27. Mai wird ein mchtiges deutsches
  Artilleriefeuer losbrechen. Es dient aber nur Tuschungszwecken, denn
  der anschlieende deutsche Infanterieangriff wird nur von wenigen
  Freiwilligenabteilungen ausgefhrt werden. Die Moral der deutschen
  Truppen ist durch die furchtbaren Verluste bei St. Quentin und in
  Flandern so erschttert, da sich die Infanterie einem allgemeinen
  Angriffsbefehl offen widersetzt hat".

Der Offizier gab offen zu, da ihm diese Angaben den Eindruck voller
Glaubwrdigkeit gemacht htten, und da er deswegen am 27. Mai in voller
Ruhe den Verlauf der Dinge abwarten zu knnen glaubte. Vielleicht kommen
diese meine Erinnerungen dem braven deutschen Soldaten zur Kenntnis. Ich
drcke ihm in Gedanken die Hand und danke ihm im Namen des ganzen Heeres,
dem er einen so unschtzbaren Dienst erwies, und im Namen von vielen
Hunderten, ja vielleicht Tausenden braver Kameraden, deren Leben er durch
seine Geistesgegenwart erhalten hat. Die Tuschung des feindlichen
Offiziers htte brigens nicht so gelingen knnen, wenn nicht die
feindliche Propaganda durch die sinnlose bertreibung unserer bisherigen
Verluste einen gnstigen Boden fr die Glaubwrdigkeit der Angaben des
preuischen Unteroffiziers vorbereitet htte. So rchen sich hier und da
propagandistische Unwahrheiten und bertreibungen.

Die Schlacht begann am 27. Mai. Sie nahm einen glnzenden Verlauf. Wir
hatten ursprnglich damit rechnen zu mssen geglaubt, da unser Angriff an
der Linie der Aisne-Vesle zum Halten kommen wrde, und wollten dann ber
diese Abschnitte hinaus nicht weiter vordringen. Wir waren daher nicht
wenig berrascht, als wir schon am Nachmittage des ersten Schlachttages
die Meldung erhielten, da die deutschen Schrapnellwolken bereits auf dem
Sdufer der Aisne liegen, und da unsere Infanterie dorthin noch am
gleichen Tage vorgehen wollte.

Die Mitte unseres vollen taktischen Durchbruches erreichte in wenigen
Tagen die Marne von Chteau-Thierry bis Dormans. Unsere Flgel schwenkten
nach Westen gegen Villers-Cotterts und nach Osten gegen Reims und das
Hhengelnde sdlich dieser Stadt ein. Die Beute war ungeheuer, das ganze
Aufmarschgebiet der franzsischen Frhjahrsoffensive von 1917 mit seinen
noch vorhandenen reichen Vorrten aller Art war in unserem Besitz. Die
Anlage neuer Straen, Lagerbauten fr viele Tausende von Mannschaften und
anderes legten Zeugnis davon ab, in welch grozgiger Weise der Franzose
damals seine Angriffe in mehrmonatiger Arbeit vorbereitet hatte. Wir
hatten die Sache krzer gemacht!

In diesen Tagen sah ich gelegentlich eines Besuches der Schlachtfelder
Laon wieder. Wie hatte sich in der Zeit seit Winter 1917 der damals fast
friedliche Charakter des dortigen Lebens gewandelt. Wenige Tage, nachdem
unsere grten Geschtze aus den Waldungen bei Crpy, westlich Laon, das
Feuer gegen Paris erffnet hatten, begannen nmlich feindliche Batterien
aus dem Tale der Aisne das Feuer gegen die unglckliche Stadt. Ich mchte
damit nicht behaupten, da die Gegner gegen das eigene Fleisch und Blut
wteten ohne verstndlichen militrischen Zweck. Sie nahmen wohl an, da
die Munitionszufuhr zu unseren Paris so lstigen Batterien ber Laon gehen
wrde, ein begreiflicher Irrtum. Bei dem Feuer auf den Bahnhof fiel eine
groe Anzahl schwerer Geschosse in die noch dicht bevlkerte Stadt, auch
warfen nunmehr feindliche Flieger zu jeder Tageszeit Bomben dort nieder.
Wer von den hart heimgesuchten Einwohnern sich von der mit Vernichtung
bedrohten Heimsttte nicht losreien konnte, mute in Kellern oder
Erdrumen leben, ein Bild unsagbaren Massenelends, wie wir es freilich aus
hnlichen Grnden auch an anderen Stellen hinter unseren westlichen
Verteidigungsfronten mit ansehen muten, ohne etwas daran ndern zu
knnen. Am ersten Angriffstage waren die feindlichen Fernfeuergeschtze am
Aisne-Tal erobert worden, und damit hatte die Beschieung Laons ein Ende
genommen. Ein Zugehriger dieser Batterien wurde gefangen durch die Stadt
gefhrt. Hier stellte er die Bitte, die beschossenen Huserviertel
besuchen zu drfen, da ihn die Lage der Schsse seiner Geschtze
interessiere. Welch berraschender Tiefstand eines durch den Krieg
versteinerten Herzens!

Der Krieg wirkte freilich nicht immer derartig; auch bei unseren Gegnern
fanden sich weiche Herzen nach hartem Mnnerkampfe. Von den mir erzhlten
Beispielen mchte ich nur eines verzeichnen: Es war am 21. Mrz in dem
noch immer mit schwerem englischen Feuer belegten St. Quentin. Dort stauen
sich in den zerschossenen Straen deutsche Kolonnen. Feindliche Gefangene,
aus dem Kampfe kommend und Verwundete tragend, werden zum Halten
gezwungen. Sie legen ihre Brde nieder. Da hebt ein schwer verwundeter
deutscher Soldat, dem Tode nher als dem Leben, den ermattenden Arm
suchend und sthnt zu dem sich niederbeugenden Trger: "Mutter, Mutter."
Das englische Ohr versteht den deutschen Laut. Der Tommy kniet nieder an
der Seite des Grenadiers, streichelt die erkaltende Hand und sagt:
"_Mother, yes, mother is here!_"

Auch ich selbst sah auf diesen Schlachtfeldern Bilder tiefen menschlichen
Fhlens. So wanderte ich Ende Mai an der Seite eines deutschen Generals
ber die kurz vorher erstrmten Hhen westlich Craonne. Bei jedem der noch
nicht bestatteten gegnerischen Gefallenen bckt er sich und bedeckt das
noch entblte Gesicht, eine Huldigung an die Majestt des Todes. Er sorgt
aber auch fr lebende Feinde, labt aus eigenen Mitteln einige aus Schwche
zurckgebliebene Verwundete und veranlat ihren bequemen Transport. Auch
schon frher hatte ich Gelegenheit, in das wahre Menschentum dieses
Deutschen zu blicken. In den Mrztagen des Jahres fahre ich in der Gegend
von St. Quentin an seiner Seite an Kolonnen gegnerischer Gefangener
entlang, die sein ernstes Auge in tiefen Gedanken betrachtet. An der
Spitze einer dieser Kolonnen lt er Halt machen und spricht den dort
vereinigten feindlichen Offizieren die Anerkennung fr die tapfere Haltung
ihrer Truppen aus, sie mit dem Hinweis trstend, da das hrteste Los, das
der Gefangenenschaft, oft den trifft, der am tapfersten ausgeharrt hat.
Die Wirkung dieser Worte scheint gro. Am grten bei einem jungen
hochgewachsenen Offizier, der augenscheinlich schwer berhrt bisher den
Kopf wie aus Scham zu Boden senkte. Jetzt erhebt sich die schlanke
Gestalt, wie die junge Tanne vom Schneedruck befreit, und ihr dankbarer
Blick trifft das Auge - meines Kaisers.

Zur Erweiterung unserer Erfolge hatten wir noch whrend der Kmpfe in dem
bis zur Marne aufspringenden Bogen den rechten Flgel unseres Angriffes
nach Westen hin bis zur Oise ausgedehnt. Der Angriff gelang nur
unvollstndig. Ein Angriff, den wir aus der Linie Montdidier-Noyon am
9. Juni in Richtung Compigne fhrten, drang nur bis halbwegs dieser Stadt
vor. Auch unsere Versuche in der Richtung auf Villers-Cotterts gelangten
zu keinem greren Ergebnis. Wir muten uns davon berzeugen, da wir in
der Gegend von Compigne-Villers-Cotterts die Hauptkrfte des feindlichen
Widerstandes vor uns hatten, den zu brechen wir die Krfte nicht besaen.

Zusammenfassend mchte ich meine Bemerkungen ber die Schlacht von
Soissons-Reims damit schlieen, da uns die Kmpfe viel weiter gefhrt
hatten, als es ursprnglich beabsichtigt war. Auch hier hatten sich aus
unerwarteten Erfolgen neue Hoffnungen und neue Ziele ergeben. Da diese
schlielich nicht voll erreicht wurden, lag in der allmhlichen
Erschpfung der eingesetzten Krfte begrndet. Unseren allgemeinen
Absichten entsprach es jedoch nicht, noch mehr Divisionen fr die
Operation in der Marnegegend einzusetzen. Unsere Blicke richteten sich
ununterbrochen nach Flandern.



                  Rckblick und Ausblick Ende Juni 1918


Das von uns in den drei groen Schlachten Erreichte stellte vom
kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem
Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet worden war. Aus dem
Gelndegewinn, den Beutezahlen, den schweren blutigen Verlusten des
Gegners sprach mit aller Deutlichkeit die Gre der deutschen Erfolge. Wir
hatten das Gefge des feindlichen Widerstandes bis in seine Grundfesten
erschttert. Unsere Truppen hatten sich den groen Anforderungen, die wir
an sie stellten, voll gewachsen gezeigt. In den wochenlangen
Angriffskmpfen hatte der deutsche Soldat bewiesen, da der alte Geist
durch die jahrelangen Verteidigungskmpfe nicht erstickt war, sondern sich
unter dem Worte "Vorwrts" bis zu der Hhe des seelischen Schwunges des
Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der Sturmdrang unserer Infanterie hatte
seine Wirkung auf den Gegner nicht verfehlt: "_What an admirable and
gallant infanterie you have_", so sprach ein feindlicher Offizier sich
gegenber einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschlu an
diese Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in
vorderster Linie gestanden. Ein mchtiger Einheitszug war durch das Ganze
hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am hintersten
Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwrts gestrebt, um teilzuhaben,
mitzuwirken und mitzufhlen an dem groen Geschehen! Wie oft lste sich da
ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes dankbares Gebet.
Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste wieder genossen,
der mich wie ein Herberwehen aus meiner lngst vergangenen militrischen
Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag dazwischen, aber das
Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war unverndert geblieben. So
hatten unsere braven Jungens im alten blauen Rock in den Biwaks von
Kniggrtz und Sedan gesprochen und gesungen, wie die Feldgrauen jetzt
wieder sprachen und sangen in den groen Kmpfen um Dasein und Vaterland,
fr Kaiser und Reich.

Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht,
den Gegner militrisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf der
gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von Nachgiebigkeit. Nach auen
hin schien im Gegenteil jede militrische Niederlage den
Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu verstrken. Dieser Eindruck
wurde auch nicht dadurch abgeschwcht, da ab und zu im gegnerischen Lager
Stimmen zur Migung rieten. Der diktatorische Druck der uns feindlichen
Staatsgebude war im groen und ganzen nirgends gelockert. Wie mit
eisernen Klammern hielt er den Willen und die Kraft der Vlker zusammen
und machte in mehr oder minder ausgesprochen gewaltsamer Form alle
diejenigen unschdlich, die in andrer Richtung zu denken wagten, als die
jetzigen tyrannischen Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag fr
mich etwas sehr Eindrucksvolles. Sie sttzten ihre eigenen Hoffnungen und
verwiesen ihre Vlker in erster Linie auf das allmhliche Ermatten unserer
Kraft. Diese mute sich nach ihrer Anschauung allmhlich verbrauchen. Der
Hunger in der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der
Propaganda, Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kmpfe
hatten uns bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer
Faktor wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten
kampfgeschulten Truppen bei Chteau-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns
dort entgegen, noch ungelenk aber von krftigem Willen gefhrt. Sie
wirkten auf unsere schwachen Verbnde berraschend durch ihre zahlenmige
berlegenheit.

Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so lange
gehegten franzsischen und englischen Hoffnungen endlich erfllt. War es
da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmnner jetzt weniger als je an
einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung unseres
staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite seit langem
beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter fadenscheinigen, milden
und sophistischen Redensarten verbergen wollen. Sie wandten solche Phrasen
nur an, wenn diese ihren propagandistischen Zwecken entsprachen, sei es,
um ihren eigenen Vlkern die auferlegte Blutsteuer ertrglich erscheinen
zu lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermrben. So war
ein Ende des Krieges fr uns nicht abzusehen.

Mitte des Monats Juni hatte die allgemeine militrische Lage fr den
Vierbund eine wesentliche Verschlechterung erfahren: Nach
erfolgverheienden Anfngen war der Angriff sterreich-Ungarns in Italien
gescheitert. Wenn auch unser dortiger Gegner nicht die Kraft besa, aus
dem Milingen des sterreichisch-ungarischen Unternehmens greren Vorteil
zu ziehen, so war doch das Scheitern des Angriffs von Folgen begleitet,
die schlimmer waren, als sie aus einem Unterlassen des Angriffs htten
entstehen knnen. Das Migeschick unseres Bundesgenossen war ein Unglck
auch fr uns. Der Gegner wute so gut wie wir, da sterreich-Ungarn mit
diesem Angriff seine letzten Gewichte in die Wagschale des Krieges
geworfen hatte. Von jetzt ab hrte die Donaumonarchie auf, eine Gefahr fr
Italien zu bedeuten. Ich glaubte, damit rechnen zu mssen, da Italien
sich nunmehr dem Drngen seiner Verbndeten nicht mehr entziehen knnte
und auch seinerseits Krfte auf den alles entscheidenden westlichen
Kriegsschauplatz werfen wrde, nicht nur, um die feindliche politische
Einheitsfront zu beweisen, sondern auch um bei den weiteren Kmpfen eine
wirkungsvolle Rolle zu spielen. Sollte nicht auch diese neue Last auf
unsere Schultern allein fallen, so muten wir sterreichisch-ungarische
Divisionen an unsere Westfront heranzuholen versuchen. Das war der fr uns
magebende Grund fr das Ersuchen um nunmehrige unmittelbare
sterreichisch-ungarische Untersttzung. Groe Wirkung konnten wir uns von
dieser Untersttzung allerdings zunchst nicht versprechen. Die
Entscheidung ber die Geschicke des gesamten Vierbundes hing jetzt mehr
als je ab von Deutschlands Kraft.

Die Frage war also, ob diese noch ausreichen wrde, um ein siegreiches
Ende des Krieges zu erzwingen. Ich habe weiter oben von den glnzenden
Leistungen unserer Truppen gesprochen; zur Beantwortung dieser Frage wende
ich mich jetzt zu anderen, ernsteren Seiten:

Bei aller Liebe und Anerkennung fr unsere Soldaten durften wir doch die
Augen vor den sich im Laufe des langen Krieges ergebenden Mngeln in dem
Gefge unserer Armee nicht verschlieen. Das Fehlen einer gengenden Zahl
langgeschulter Fhrer der unteren Dienstgrade hatte sich bei unsern groen
Angriffsschlachten sehr fhlbar gemacht. Die Gefechtsdisziplin war ab und
zu bedenklich gelockert. Es war an sich verstndlich, da der Soldat sich
inmitten der erbeuteten reichen Bestnde gegnerischer Depots dem Genusse
lang entbehrter Lebens- und Genumittel hingab. Aber es htte verhindert
werden mssen, da er sich auf diese Gensse zur Unzeit strzte und dabei
seine augenblickliche Pflicht vernachlssigte. Ganz abgesehen von den
auflsenden Wirkungen derartigen Verhaltens auf den Geist der Truppe trat
auch die Gefahr ein, da uns gnstige Gefechtslagen ungenutzt verstrichen
und sich wiederholt in das Gegenteil verwandelten.

Die Kmpfe hatten weitere schwere, unausfllbare Lcken in unsere Truppen
gerissen. So manche Infanterie-Regimenter bedurften eines vllig neuen
Aufbaues. Die Bausteine hierfr waren dem alten Material moralisch meist
nicht mehr gleichwertig. Die Schwchen der heimatlichen Verhltnisse
spiegelten sich vielfach in den Stimmungen wieder, die den ins Feld
nachkommenden Ersatz durchdrangen.

Unter dem Einflu unserer kriegerischen Erfolge hatte sich zwar die
Stimmung der Heimat in weiten Kreisen mchtig gehoben. Man folgte den
Nachrichten aus dem Felde mit grter Spannung und hoffte auf ein
baldiges, glckliches Ende des schweren Ringens. Hunger, Opfer, Sorge
schienen nicht umsonst gewesen zu sein, und manches wurde vergessen,
manches wurde auch weiter mannhaft ertragen, wenn nur ein glcklicher
Schlu des ungeheuern Duldens in greifbare Nhe gerckt blieb. So
bewirkten die Erfolge des Heeres vieles, was die politische Fhrung
versumte. Aber das vaterlandslose Empfinden einzelner Teile des deutschen
Volkes, die von durch Eigennutz und Selbstsucht entarteten politischen
Ideenrichtungen durchtrnkt waren, die bei ihrer Nervenzerrttung und
sittlichen Verderbnis im Siege des Gegners das Glck und den Frieden des
Vaterlandes sahen, und die das Gute ausschlielich im feindlichen Lager,
das Bse ebenso ausschlielich im eigenen Lande suchten und zu finden
glaubten, bildete den Ausstrahlungspunkt fr die Zersetzung, die unsern
ganzen Volkskrper verderben wollte. Wahrlich, Trotzki schien in
Brest-Litowsk nicht in den Wind gesprochen zu haben. Seine politischen
Irrlehren drangen ber unsere Grenzpfhle und fanden zahlreiche Anbeter in
allen Berufsklassen und aus den verschiedensten Beweggrnden. Die
feindliche Propaganda setzte ihre Einwirkung offen und im geheimen fort.
Sie warf sich mit wechselnder Strke auf alle Gebiete unseres Lebens.

So drohte das Schwinden der Widerstandskraft in unserm Volk und Heer sich
mit dem Vernichtungswillen des Gegners zu unserm Verderben zu verbinden.
Kriegerische Erfolge schienen allein einen Ausweg aus dieser schweren Lage
geben zu knnen. Mit ihrer Hilfe zu einem glcklichen Ende zu kommen, war
nicht nur mein bestimmter Wille, sondern auch meine sichere Hoffnung.
Vorbedingung fr solche Erfolge war, da wir die Vorhand nicht verloren,
das heit im Angriff blieben. Wir gerieten sofort unter den Hammer, wenn
wir ihn selbst aus der Hand gaben.

Wir konnten uns durchkmpfen, wenn nur die Heimat uns weiter die
krperlichen und sittlichen Krfte gab, ber die sie noch verfgte, wenn
sie nicht den Mut und den Glauben an unsern Endsieg verlor, und wenn die
Bundesgenossen nicht versagten.

In diesen Gedanken und Empfindungen trat ich an die Fortfhrung unseres
bisherigen Gesamtplanes heran.




                          Im Angriff gescheitert



                     Der Plan zur Schlacht bei Reims


Die Lage im Marnebogen nach dem Abschlu der Junikmpfe machte den
Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von
Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht
stehen bleiben. Die Zufuhrverhltnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein
waren mangelhaft. Sie gengten knapp fr den Zustand verhltnismiger
Kampfruhe, drohten aber fr den Fall eines ausbrechenden, lnger dauernden
Grokampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig
leistungsfhige Bahnlinie als hauptschlichste Zufuhrstrae fr unsere
groen Truppenmassen auf dem im Verhltnis zu deren Strke engen Raum zur
Verfgung. Dazu kam, da der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu
allseitigen Angriffen reizen mute.

Die grndliche Besserung der Versorgungsverhltnisse sowie der taktischen
Lage war nur mglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die
Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikmpfen nicht
gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptschlich in westliche
Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mute jetzt Aufgabe einer
besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fgte sich
aber auch in den Rahmen unserer gesamten Plne ein.

An frherer Stelle habe ich schon betont, da es nach Abbruch der
Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Englnder in Flandern nochmals einen
entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte
diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Fhrung
veranlassen wollten, den Englndern in Flandern die franzsischen Sttzen
wieder zu entziehen.

Die Vorbereitungen fr die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit
fortgesetzt worden. Whrend der Arbeiten an den zuknftigen
Angriffsfronten lagen unsere fr die Durchfhrung bestimmten Divisionen in
Belgien und im nrdlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in
Unterkunft.

Ich befrchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen
Gegenmaregeln. Hatte auch der grte Teil des englischen Heeres nunmehr
seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschtterten
Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden
Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, da der Englnder zum Angriff
bergehen wrde.

Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, da wir mit den
englischen Hauptkrften in Flandern fertig werden wrden, wenn es uns nur
gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten.
Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem
greren und weiteren Zwecke, nmlich dem entscheidenden Kampf gegen die
Masse des englischen Heeres, dienen.

Die Lage an der franzsischen Front zeigte Anfang Juli ungefhr folgendes
Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend
Compigne-Villers-Cotterts. Sie befanden sich dort in einer strategisch
sehr gnstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung
unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Stdte
entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der auerordentlich
gnstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an
jeden Teil der franzsischen und englischen Front verschoben werden. Der
bergang Fochs zu einer groen Offensive schien mir vor dem Eintreffen
starker amerikanischer Krfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, da Foch
zu einer solchen Offensive durch besonders gnstige oder zwingende
Verhltnisse veranlat wurde.

Sdlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen
Krfte. Bei Reims und im Berggelnde sdlich davon befand sich dagegen
zweifellos eine groe gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von
Franzosen, auch aus Englndern und Italienern gebildet war. An den brigen
franzsischen Fronten hatten sich die Verhltnisse im Vergleich mit der
Zeit unserer Frhjahrsangriffe nicht wesentlich verndert. Mit dem
stndigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten
Kampfdivisionen nderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht
wesentlich.

ber das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschpfende
Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, da die amerikanischen
Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere
Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder
abzuschwchen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte,
den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, da ein solcher
Massentransport berhaupt nicht in Frage gekommen wre. Die Gegner
stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen
und umfassenden militrischen Hilfe fr Frankreich und England alle
Rcksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbedrfnisse ihrer
Lnder zurck. Wir muten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen.

Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen
Zusammenhang mit unsern Plnen in Flandern, so blieb die Frage zu
entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kmpfen bei Reims geben wollten
und muten. Wir hatten ursprnglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der
Stadt zu begngen. ber den Besitz von Reims entschied die Beherrschung
des Hgelgelndes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses
Hgellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur
Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heit zur Ausschaltung einer
etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom sdlichen Marneufer her,
sollten strkere Krfte beiderseits Dormans auf das Sdufer dieses Flusses
vorstoen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flubergang
angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein khnes
Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den
verschiedenen Flu- und Strombergngen hielten wir jedoch auch in diesem
Falle ein solches Vorgehen nicht fr zu bedenklich. Die
Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewltigung des
Fluabschnittes sondern in der Fortfhrung des Kampfes jenseits des
Hindernisses. Die Nachfhrung der Artillerie und aller Kampf- und
Lebensbedrfnisse fr die Angriffstruppen war auf Kriegsbrcken
angewiesen, die naturgem dankbare Ziele fr das artilleristische
Fernfeuer und fr die Fliegerangriffe des Gegners boten.

ber die anfngliche Beschrnkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz
von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener
Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein.
Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im
Sdosten abzuschnren, andererseits glaubten wir nach den letzten
Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu
knnen, verlockt durch die Aussichten auf groe Beute an Gefangenen und
Kriegsbedrfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir
nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer groen
Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwchen.

An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natrlich ein
groes Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen
Verstrkungen arbeitete die Zeit nicht fr sondern gegen uns. Das richtige
Ausma zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der
gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und
wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen
von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen
und Vorfhren der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei
allem Drngen der Gesamtlage nicht bersehen, welche Schwierigkeiten die
jedesmalige Auffrischung unserer Truppen fr neue Kampfaufgaben in sich
schlo. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli
beginnen lassen.



                          Die Schlacht bei Reims


In den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige
Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen.
Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die
Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber
allmhlich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen fr eine Verstrkung der
gegnerischen Front oder fr besondere Abwehrmaregeln des Feindes bemerkt.
Unserer Infanterie gelingt es, auf das sdliche Marneufer berzusetzen.
Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Hhen jenseits des
Flusses erstiegen, Geschtze erobert. Die Nachricht von diesen ersten
Vorgngen erreicht uns in Avesnes schon sehr frhzeitig. Sie lst die
begreifliche Spannung und verstrkt unsere Hoffnung.

Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims,
ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu
richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnrung zu Fall
gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das
erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und
Minenwerfer zertrmmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet
sich aus den frheren Kmpfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand
kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt
in ihnen jedenfalls zahllose Sttzpunkte, und es bedarf kaum einer
besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfhig zu machen und neue
vernderte Verteidigungsmglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint
der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindrcken am wenigsten
auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr
stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer
Gruppierung.

Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche
Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskmpfen, diese
zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch ber die
gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste
feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos
gestrmt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze
die weiteren Sturmziele verlt, um sie der Infanterie freizugeben, da
erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des
Gegners beginnt ihr Feuer aufs uerste zu steigern. Unsere Truppen
versuchen trotzdem, vorwrts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien
werden herangeholt. Geschtzweise und von Menschen gezogen treffen sie
ein, denn in dem Trichterfelde versagen grtenteils die Pferde. Kaum sind
die Geschtze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertrmmert
am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite
Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war
meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches
Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer
artilleristischen Massenwirkung gegenber angeordnet und angewendet worden
auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner spter selbst der
ganzen Welt jubelnd verkndet.

Die Kampfverhltnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten
Tages unverndert.

Einen gnstigeren Verlauf nehmen unsere Kmpfe sdwestlich Reims und
beiderseits der Marne. Sdlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf
fast eine Wegstunde vorwrts, mit dem Hauptdruck lngs des Flusses in
Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend
in erbittertem Kampfe zurckgelegt. Auch nrdlich des Flusses ist unser
Angriff im Vorschreiten. Mchtiger wie die Kalkhnge des Chemin des Dames
erhebt sich hier das Reimser Berggelnde, von tiefen Schluchten
zerklftete Hhen, deren flachgewlbte Kuppen groenteils von dichtem
Walde bestanden sind. Das ganze Gelnde ist fr zheste Verteidigung
hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im hchsten Grade eine
Zusammenfassung seiner artilleristischen Krfte auf ausgesprochene Ziele
erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwrts. Sie trifft hier zum
ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich
anscheinend auf franzsischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen.

Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50
Geschtze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis
entspricht freilich nicht unseren hheren Hoffnungen. Doch erwarten wir
mehr von dem folgenden Tag.

Der Vormittag des 16. Juli verluft in der Champagne, ohne da unsere
Truppen noch irgendwo merklich vorwrts kommen. Wir stehen vor der
schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr
tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die
Gefahr besteht, da die Truppe sich umsonst verblutet, oder da sie selbst
im gnstigen Falle so schwere Verluste erleidet, da sie kaum mehr
befhigt sein wird, die errungenen Vorteile grndlichst auszunutzen. Das
Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerckt. Aus diesen Grnden gebe
ich meine Zustimmung zum bergang in die Verteidigung an dieser Stelle.
Dagegen bleibt es bei der Fortfhrung unserer Angriffe sdlich der Marne
und in dem Reimser Berggelnde. Jenseits des Flusses werden wir aber im
Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der
Feind wirft uns starke Krfte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des
Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir
stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt.
Auch im Berggelnde nhern wir uns der Strae Epernay-Reims trotz
verzweifelter Gegenste des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von
Reims scheint an einem Faden zu hngen. Wenngleich die brige Operation
jetzt schon als gescheitert angesehen werden mu, so soll doch wenigstens
Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militrisches Wertobjekt fr
uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen
Eindruck auf den Gegner.

Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Sdlich der Marne
beginnen die Verhltnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu
gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelnde gegen erbitterte
feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Flu so nahe, hat
also so wenig Tiefe, da jeder Rckschlag zum Verhngnis werden kann.
Hinzu kommt, da die Kriegsbrcken ber die Marne durch das Fernfeuer
feindlicher Artillerie und durch franzsische Fliegerbomben immer mehr
gefhrdet werden. Wir mssen also wieder nach Norden zurck, da wir nach
Sden keinen weiteren Raum mehr gewinnen knnen. Ich ordne daher das
Zurcknehmen der Truppen auf das nrdliche Marne-Ufer an, so schwer es mir
wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgefhrt
werden.

Im Berggelnde setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster
Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres
Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter grndlicher
Vorbereitung.

Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig brig. Das Unternehmen
scheint gescheitert und bringt daher der franzsischen Front gegenber
keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung fr unseren
Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen
auch nur das Fernhalten der franzsischen Krfte von der englischen
Verteidigung erreicht ist, so sind die Kmpfe nicht vergebens gewesen.

In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des
17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des
Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordflgel das Nhere zu besprechen.

Vorbedingung fr die Durchfhrung unserer Angriffe bei Reims war, da der
nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens
zwischen Soissons und Chteau-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, da
unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compigne und Villers-Cotterts
versammelten franzsischen Krfte geradezu herausforderte. War General
Foch auch nur einigermaen zu einer aktiven Ttigkeit imstande, so mute
er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser
Angriff ber die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, da
der franzsische Fhrer frhzeitig von unseren Plnen erfuhr und
ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen.

Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen
franzsischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterts
her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der
vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen
bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben
geschilderten groen Angriff auf Reims herangehen zu knnen. Freilich
waren die zwischen Soissons und Chteau-Thierry stehenden Truppen nicht
alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kmpfen so
glnzend geschlagen, da ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven
Aufgabe fr durchaus gewachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, da
auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines
starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen lieen. Ob
in dieser Beziehung an der Front Soissons-Chteau-Thierry Versumnisse
vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst
glaube auf Grund spterer Mitteilungen, da der anfnglich gnstige
Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die
Truppen an der Front Soissons-Chteau-Thierry an einigen Stellen den Ernst
der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen lie.

Man hrt dort whrend dieser Tage den Kanonendonner aus der
Angriffsschlacht herberschallen, man erfhrt unser anfnglich Erfolg
versprechendes Vorgehen ber die Marne; bertreibungen der erreichten
Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprftem Wege zu den Truppen. Man
erzhlt sich von der Eroberung von Reims, von groen Siegen in der
Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, fr
einen sachlichen Beobachter unheimlich still, fr jemand, der ohne nhere
Kenntnis der Lage dem Gefhle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in
der Richtung auf Villers-Cotterts, die am 15. Juli noch volle
Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend
gewrdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle
Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an
einer Zwischenstelle stecken. Das Gefhl fr die Lage ist eben teilweise
abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen.

Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den
Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die
Kornfelder. Sie sind berrascht, als pltzlich ein heftiger Granathagel in
das Gelnde schlgt. - Ein Feuerberfall? - Die eigene Artillerie
antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter
Nebel alles verschleiert. Das Knattern der Maschinengewehre beginnt auf
breiter Front und zeigt, da es sich um mehr handelt, als um einen
Feuerberfall. Ehe man sich darber vllig klar wird, tauchen in den hohen
Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen
Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen
Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die grte Gefahr scheint
zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein.

Whrend dort die briggebliebenen Teile der zertrmmerten und versprengten
Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf fhren, versuchen die
rckwrts befindlichen Untersttzungen einen neuen Widerstand zu bilden
und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegensto
herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In vorbergehend wieder
genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche
Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann
verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser
Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur
vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter
sdlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer
empfindlichsten Stelle, nmlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres
Marnebogens sdlich der Aisne. Aber von hier aus drckt der Feind auf die
ganze brige bis Chteau-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch
mehr, er drckt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinfhrende
Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich stlich Soissons aus dem Aisnetal
nach Sden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet.

Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie
droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der
frheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen
Zustand zuverlssig zu festigen. Meinen Wnschen und Absichten htte es
entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her ber die Aisne bei
Soissons flankierend zu fassen um den Gegner dadurch zu zermalmen. Der
Aufmarsch hierfr htte jedoch zu viel Zeit gekostet, und so mute ich den
Gegengrnden nachgeben, die zunchst eine vllige Sicherung unserer
angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren
unserer Entschlsse wurden. Was also an Truppen verfgbar ist, wird zu
diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht berwunden,
sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrche des Gegners verschrfen die
Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn sdlich der Ourq die
feindlichen Anstrme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei
Chteau-Thierry die starken, aber ungebt gefhrten amerikanischen
Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir knnen und drfen
die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das wre
Tollkhnheit. Wir lsen daher unseren linken Flgel von Chteau-Thierry
los und weichen zunchst ein Stck weiter nach Osten, behalten aber noch
die Anlehnung an die Marne.

Vom Sdufer dieses Flusses sind wir in Ausfhrung unseres Entschlusses vom
17. Juli nach schweren Kmpfen rechtzeitig zurckgewichen. Die treffliche
Haltung unserer Truppen, an der alle franzsischen Angriffe scheitern, hat
uns die gefhrliche Lage dort glcklich berdauern lassen. Das Zurckgehen
gelingt ber Erwarten gut. Der Gegner erstrmt erst am 21. Juli nach
gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken
Kolonnen, unsere schon gerumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten
dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus.

Die Kampffhrung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den
gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs uerste erschwert. Die
gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke stlich von
Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben fllt bei
Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu
eintreffender Verstrkungen und Kampfablsungen weit auerhalb des Bogens
in die Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmrschen werden
sie von da auf das Schlachtfeld vorgefhrt. Sie erreichen ihre Bestimmung
manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem
Zusammenbrechen aus den Hnden der ermatteten Kameraden zu bernehmen.

So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle
unsere Krfte zu verzehren. Wir mssen aus dem Bogen heraus, uns von der
Marne trennen. Ein schwerer Entschlu, nicht vom Standpunkte kriegerischer
Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner
jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: "Marne" ein Umschwung
der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie
wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele
Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Ha, mit Hoffnung.

Aber jetzt darf nur die militrische Einsicht sprechen. Ihre Forderung
lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur berstrzung der
Maregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Krfte und von
allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer
greifender Einbruch. So knnen wir Schritt um Schritt weichen. Wir knnen
unser kostbares Kriegsgert dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue
Verteidigungslinie rcken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne
und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August
vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Fhrung und Truppe.

Nicht die Waffengewalt des Feindes prete uns aus dem Marnebogen heraus
sondern die Unertrglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der
Schwierigkeiten der Verbindungen im Rcken unserer nach drei Seiten
kmpfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt.
Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die
treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten
berraschung glnzend geschlagen. Was von Menschen gefordert werden
konnte, wurde hier geleistet. So kam es, da unsere Infanterie aus diesem
Kampfe keineswegs mit dem Gefhle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr
stolzes Selbstbewutsein war zum Teil auf die Beobachtung gegrndet, da
ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Sttze der Panzerwagen
vielfach im Angriff versagten.

Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen
entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn
diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was
schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche
Scheulichkeiten begingen, wendet sich menschliche Emprung und Anklage,
sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit
und Recht auf europischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese
Schwarzen auf die Schlachtbank gefhrt.

Mochten Englnder, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren
Hilfsvlkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum
Kampfe Mann gegen Mann, dann fhlte und zeigte sich damals noch unser
Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefhl persnlicher
Machtlosigkeit gegenber den feindlichen Panzerwagen war teilweise
berwunden. In tollkhnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich
dieser lstigen Gegner zu entledigen, krftigst untersttzt durch die
eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte ber unsere Truppen
auch diesmal wieder die franzsische Artillerie. Den stunden-, ja
tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt,
nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien
unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die uerste Probe
gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine
Erlsung aus einem Drucke wehrloser Zermrbung empfunden.

Die Truppen hatten das uerste leisten mssen, nicht nur im Kampfe,
sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Mrschen und Entbehrungen.
Ihr Krfteverbrauch war gro, ihr Nervenverbrauch noch grer. Ich sprach
Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen
Antworten und Erzhlungen redeten deutlicher als ganze Bcher von dem, was
sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen
steckte. Wie sollte man an diesen prchtigen Menschen verzweifeln knnen!
Sie waren freilich mde, bedurften der krperlichen Ruhe und der
seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu
gewhren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafr lie.

Wenn wir in den Kmpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der
Gegner zufgen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch ber die
weitreichende Rckwirkung dieser Schlacht und unseres Rckzuges keiner
Tuschung hingeben.

Militrisch war fr uns von der grten und folgenschwersten Bedeutung,
da wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und da wir zunchst
keine Kraft besaen, sie wieder an uns zu reien. Wir waren gezwungen
gewesen, starke Teile von jenen Krften zum Kampfe heranzuziehen, die wir
zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafr entfiel fr uns die
Mglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische
Heer durchfhren zu knnen. Die gegnerische Fhrung war dadurch von dem
Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Manahmen
ausgebt wurde. Auch Englands Krfte waren durch die Schlacht in dem
Marnebogen aus dem Banne gelst, in dem wir sie monatelang gehalten
hatten. Es war zu erwarten, da eine tatkrftige gegnerische Fhrung
diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte,
soweit sie irgendwie Krfte hierfr verfgbar machen konnte. Gnstige
Aussichten muten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten
vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkrftigen Truppen besetzt
sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Frhjahr wesentlich an
Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.

Es war freilich anzunehmen, da auch der Gegner durch die letzten Kmpfe
schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 franzsische,
hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die
englischen Krfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so
mute doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen
Umstnden fr den Gegner uerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in
militrischer Beziehung nicht voll auf der Hhe neuzeitlicher
Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbnde so schwer gelitten hatten,
wirkte mehr als je die bloe zahlenmige berlegenheit.

Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrcken die Wirkung unseres
Migeschickes auf Heimat und Verbndete. Wie viele in den letzten Monaten
aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung
wurde zerstrt!

Konnten wir jedoch wieder Herren der militrischen Lage werden, so war
auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit
zu erwarten.





                               FNFTER TEIL


                            BER UNSERE KRAFT




                       In die Verteidigung geworfen



                              Der 8. August


Unsere Truppen hatten ihre neuen Stellungen an der Aisne-Vesle
eingenommen. Die letzten Wogen des feindlichen Angriffes prallten heran
und prallten ab; stellenweise flackerte der Kampfeifer hier und da wieder
auf.

Zahlreiche unserer Divisionen, abgekmpft, der Auffrischung bedrftig,
wurden hinter unsere Verteidigungslinien in Unterkunft gebracht. Auch um
Avesnes herum lagen sie in Quartieren. Ich konnte mich davon berzeugen,
wie rasch sich unser Soldat erholte. Durfte er ein paar Tage grndlich
ausschlafen, konnte man ihn geregelt verpflegen und ruhen lassen, so
schien er schnell ber all das Schwere, das er durchgemacht hatte, auch
seelisch hinwegzukommen. Freilich bedurfte er hierfr der wirklichen Ruhe,
ungestrt von feindlichen Granaten und Bombenabwrfen und, wenn mglich,
auch entfernt aus dem Hrbereiche des Donners der Geschtze. Aber wie
wenig und wie selten haben unsere Truppen in den langjhrigen Kmpfen eine
solche Ruhe gefunden! Von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz, von
Schlachtfeld zu Schlachtfeld geworfen, waren sie fast ruhelos in
krperlicher und seelischer Spannung geblieben. In dieser Tatsache liegt
der gewaltigste Unterschied zwischen den Leistungen unserer Soldaten und
denjenigen aller unserer Gegner.

Nach Avesnes war der Geschtzdonner aus den Schlachten im Marnebogen wie
ein ununterbrochenes Rollen schweren Gewitters bald lauter, bald
undeutlicher gedrungen. Jetzt war es fast still geworden.

Am 8. August morgens wurde diese Ruhe jhlings unterbrochen; von Sdwesten
her drhnte auffallend starker Gefechtslrm. Die ersten Meldungen - sie
kamen vom Armee-Oberkommando aus der Gegend von Peronne - lauteten ernst.
Der Gegner war mit mchtigen Tankgeschwadern beiderseits der Strae
Amiens-St. Quentin in unsere Linien eingedrungen. Nheres lie sich
vorlufig nicht feststellen.

Die Ungewiheit wurde jedoch in den nchsten Stunden behoben, wenn auch
die Verbindungen vielfach zerrissen waren. Kein Zweifel, der Gegner war
tief in unsere Stellung hineingestoen, Batterien waren verloren. Unsere
Befehle ergingen, sie wieder zu nehmen, die Lage berhaupt durch
sofortigen Gegenangriff wieder herzustellen. Wir entsandten Offiziere, um
die Vorgnge klarzulegen und vollen Einklang zwischen unserem Willen und
den Verfgungen der Kommandostellen an der augenblicklich erschtterten
Front zu schaffen. Was war geschehen?

Im dichtesten Nebel war ein starker englischer Tankangriff erfolgt. Die
Panzerwagen hatten auf ihrer Fahrt fast nirgends besondere Hindernisse,
nicht natrliche und leider auch nicht knstliche, getroffen. Man hatte an
dieser Front wohl etwas zu viel an Fortsetzung des Angriffes gedacht, zu
wenig an Verteidigung.

Allerdings war es verlustreiche Arbeit, dicht am Gegner zu schanzen und
Hindernisse zu bauen. Denn wo immer die gegnerischen Beobachter irgend
eine Bewegung, und sei es auch nur von einzelnen Leuten, wahrnahmen,
dorthin lenkten sie das Feuer ihrer Artillerie. Es schien das beste zu
sein, sich im hohen Getreide still zu verhalten, zwar ohne Schutz gegen
feindliche Granaten aber ungesehen durch feindliche Fernglser. Man
schonte auf diese Weise whrend der Zeit des Stilleliegens augenscheinlich
viel Leben, lief aber Gefahr, mit einem Schlage noch viel mehr zu
verlieren. Nicht nur in den vordersten Linien war die Arbeit gering, an
den rckwrtigen war sie fast noch geringer; nur einzelne Grabenstcke,
verstreute Sttzpunkte, waren vorhanden. Die Truppen waren an diesen
sogenannten ruhigen Fronten fr ausgedehnte Schanzarbeiten nur dnn gest.
Wir brauchten die Massen anderwrts zu den groen Angriffsschlachten.

An diesem 8. August muten wir handeln, wie wir schon so oft in gleich
drohenden Lagen gehandelt hatten. Gegnerische Anfangserfolge waren fr uns
ja keine befremdenden Erscheinungen. Wir kannten sie von 1916/17, von
Verdun, Arras, Wytschaete, Cambrai her. Wir hatten sie erst jngst wieder
bei Soissons kennen und berwinden gelernt. In dem jetzt vorliegenden
Falle war die Lage freilich ganz besonders ernst. Der breite Tankeinbruch
des Gegners war gleichzeitig berraschend tief erfolgt. Die Panzerwagen,
schneller wie bisher, berfielen Divisionsstbe in ihrer Unterkunft,
zerrissen die Fernsprechverbindungen, die von dort zu den kmpfenden
Truppen fhrten. Die hheren Kommandobehrden werden dadurch
ausgeschaltet; die vorderen Linien bleiben ohne Befehl. An diesem Tage ist
es ganz besonders bedenklich, da der dichte Nebel jede bersicht
verhindert. Die bereitgestellten Tankabwehrkanonen schieen zwar in die
Richtungen, aus denen Motorgerusche und Kettengerassel hrbar sind,
werden aber vielfach durch Stahlkolosse berrascht, die aus anderer
Richtung pltzlich auftauchen. Wirre Gerchte beginnen sich in unsern
Kampflinien zu verbreiten. Es wird behauptet, da englische
Kavalleriemassen schon weit im Rcken der vordersten deutschen Infanterie
sich befinden. Man wird vorn bedenklich, verlt die Stellungen, aus denen
heraus man soeben noch starke feindliche Angriffe in der Front abgewiesen
hat, man sucht nach rckwrts den verlorenen Anschlu. Die Phantasie
zaubert Wahngebilde hervor und sieht in ihnen wirkliche Gefahren.

Alles, was da geschah, was uns zum ersten groen Unheil werden sollte, ist
ja menschlich begreiflich. Der alte, schlachtenerprobte Soldat bleibt in
solchen Lagen ruhig; er phantasiert nicht, er denkt! Aber diese alten
Soldaten sind eben in verschwindender Minderheit; ihr Einflu ist auch
nicht allerorts mehr der beherrschende. Es zeigen sich andere Einflsse.
Der Mimut und die Enttuschung, da trotz aller Siege der Krieg fr uns
kein Ende nehmen will, hat auch so manchen unserer braven Soldaten
verdorben. Im Felde Gefahren und Arbeit, Kampf und Ruhelosigkeit, aus der
Heimat Klagen ber wirkliche, manchmal auch eingebildete Lebensnot. Das
zermrbt allmhlich, besonders, wenn man sich kein Ende vorstellen kann.
Der Gegner sagt und schreibt in seinen massenhaft von Fliegern
abgeworfenen Flugblttern, da er es nicht so schlimm mit uns meine, wir
mten nur vernnftig sein und vielleicht auch auf dies und jenes, was wir
erobert haben, verzichten. Dann wrde alles rasch wieder gut werden. Und
wir knnten in Frieden weiter leben, im ewigen Frieden der Vlker. Fr den
Frieden im Innern der Heimat wrden dann neue Mnner, neue Regierungen
sorgen. Auch das wrde ein segensreicher Frieden nach all den jetzigen
Kmpfen werden. Das weitere Ringen sei also zwecklos.

Solches liest und bespricht man; der Soldat meint, da der Gegner doch
nicht all das erlgen kann, lt sich vergiften und vergiftet andere.

Unsere Befehle zum Gegensto knnen an diesem 8. August nicht mehr
ausgefhrt werden. Es fehlt an Truppen, es fehlt besonders an Geschtzen
zur Vorbereitung eines solchen Angriffes, denn an den Einbruchsstellen
sind die meisten Batterien verloren. Frische Infanterie- und neue
Artillerieverbnde mssen erst herangeholt werden, und zwar auf Kraftwagen
und Eisenbahnen. Der Gegner erkennt die ausschlaggebende Wichtigkeit, die
in dieser Lage die Eisenbahnen fr uns besitzen. Weithin in unsern Rcken
feuern seine schweren und schwersten Geschtze. Auf einzelne
Eisenbahnpunkte, wie beispielsweise Peronne, regnet es zeitweise Bomben
feindlicher Flieger, die in nie gesehenen Schwrmen ber Stadt und Bahnhof
kreisen. Nutzt aber der Gegner auf diese Weise die Schwierigkeiten im
Rcken unserer Armee aus, so verkennt er zu unserm Glcke die ganze Gre
seines ersten taktischen Erfolges. Er stt an diesem Tage nicht bis an
die Somme vor, obwohl ihm auf diesem Wege von unserer Seite kaum noch
nennenswerte Krfte htten entgegengestellt werden knnen.

Dem verhngnisvollen Vormittage des 8. August folgte ein verhltnismig
ruhiger Nachmittag und eine noch ruhigere Nacht. Whrend dieser rollen
unsere ersten Verstrkungen heran.

Die Lage ist bereits zu ungnstig, als da wir von dem anfnglich
geforderten Gegenangriff die Wiedergewinnung der alten Kampffront erwarten
knnen. Der Gegensto htte lngerer Vorbereitung und strkerer Truppen,
als am Morgen des 9. August zur Hand sein knnen, bedurft. Daher soll und
darf nichts berstrzt werden. Die Ungeduld an der Kampffront glaubt
jedoch, nicht warten zu knnen. Man meint, gnstige Gelegenheiten zu
versumen, und strzt sich in unbezwingliche Schwierigkeiten. So geht ein
Teil der herangebrachten kostbaren, frischen Infanteriekraft in rtlich
begrenzten Erfolgen verloren, ohne der Lage im groen zu nutzen.

Der Angriff am 8. August war durch den rechten englischen Flgel
unternommen worden. Die sdlich anschlieenden franzsischen Truppen
hatten sich nur in geringem Umfange am Kampfe beteiligt. Es war aber zu
erwarten, da die groen britischen Erfolge nunmehr auch die franzsischen
Linien in Bewegung bringen wrden. Gelang dem Franzosen ein rasches
Durchdringen in der Richtung auf Nesle, so mute unsere Lage in dem weit
nach Sdwesten vorspringenden Verteidigungsbogen verhngnisvoll werden.
Wir befehlen daher die Rumung unserer bisherigen ersten Stellungen
sdwestlich Roye und weichen in die Gegend dieser Stadt zurck.



Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kmpfe im Westen bis
                              Ende September


ber die politischen Wirkungen unserer Niederlage am 8. August gab ich
mich keinen Tuschungen hin. Unsere Kmpfe vom 15. Juli bis 4. August
konnten im Ausland wie in der Heimat als die Folge einer nicht geglckten,
khnen Unternehmung angesehen werden, wie solches sich in jedem Kriege
ereignet. Das Migeschick am 8. August stellte sich dagegen vor aller
Augen dar als die Folgen einer offenkundigen Schwche. Es war etwas ganz
anderes, ob wir in einem Angriff scheiterten, oder ob wir in einer
Verteidigungsschlacht besiegt wurden. Die Beutezahlen, die unsere Gegner
der Welt bekanntgeben konnten, sprachen eine deutliche Sprache. Heimat und
Verbndete muten ngstlich aufhorchen. Um so mehr war es unsere Aufgabe,
die Ruhe zu behalten und die Verhltnisse zwar ohne Selbsttuschung, aber
auch ohne bertriebenen Pessimismus zu betrachten.

Die militrische Lage war freilich ernst geworden. Die Gefechtslage auf
der angegriffenen Verteidigungsfront konnte allerdings wiederhergestellt,
das verlorene Kriegsgert wieder ergnzt, neue Krfte konnten herangefhrt
werden. Damit war jedoch die Wirkung der Niederlage nicht aufgehoben. Es
war zu erwarten, da der Gegner, durch seinen groen Erfolg angeregt,
solche Angriffe nunmehr auch an anderen Stellen unternehmen wrde. Er
hatte jetzt die Erfahrung gemacht, da sich in unserem Verteidigungssystem
dem des Jahres 1917 gegenber mancherlei Mngel befanden. Zunchst in
technischer Beziehung. Auf den seit dem Frhjahr 1918 neu gewonnenen
Linien war von unseren Truppen im allgemeinen nur wenig geschanzt worden.
Es wurde, wie in der Gegend stlich Amiens, so auch an anderen Stellen der
Front, zu viel von Fortsetzung der Angriffe, zu wenig von der
Notwendigkeit der Verteidigung gesprochen. Dazu kam, da die Haltung eines
groen Teiles unserer Truppen im Gefecht den Gegner berzeugt haben mute,
da an unseren Verteidigungsfronten der zhe Widerstandswille von 1917
nicht mehr durchgehends vorhanden war. Der Feind hatte ferner seit dem
Frhjahr von uns gelernt. Er hatte in den letzten Operationen diejenige
Taktik gegen uns angewendet, mit der wir ihn wiederholt grndlich
geschlagen hatten. Er war auf unsere Linien gefallen, nicht mehr nach
monatelangen Angriffsvorbereitungen, auch hatte er die Entscheidung nicht
mehr in dem Hineintreiben eines Keiles in unsere Verteidigung gesucht,
sondern er hatte uns in breiten Anstrmen berrascht. Er wagte nunmehr
diese unsere Taktik, weil er die Schwchen unserer Verteidigungsfront
erkannt hatte. Wiederholte der Gegner diese Angriffe mit gleicher Wucht,
so entbehrte er bei der nunmehrigen Verfassung unseres Heeres nicht vllig
der Aussicht, unsere Widerstandskraft allmhlich zu lhmen. Andererseits
schpfte ich aber aus dem Umstande, da der Feind aus seinen groen
Anfangserfolgen auch dieses Mal nicht die Vorteile eingeheimst hatte, die
ihm htten werden knnen, wieder die Hoffnung, da wir weitere Krisen
berwinden wrden.

Aus diesem Gedankengang heraus glaubte ich, mich am 13. August der
Reichsleitung gegenber in einer politischen Beratung in Spa ber die
militrische Lage dahin aussprechen zu mssen, da diese zwar ernst sei,
da aber nicht vergessen werden drfe, da wir noch immer tief in
Feindesland stnden. Ich trug diese Auffassung am folgenden Tag auch
meinem Kaiser vor, indem ich nach einer lngeren gemeinsamen Sitzung das
Schluwort ergriff. Ich hatte auch nichts einzuwenden gegen die Auffassung
des Reichskanzlers Graf Hertling, da mit einem wirklich offiziellen
Friedensschritt unsererseits gewartet werden sollte, bis eine Besserung in
unserer damaligen militrischen Lage eintreten wrde. Von dieser hing es
dann ab, inwieweit wir auf unsere bisherigen politischen Ziele wrden
verzichten mssen.

Die Zeit, an einem befriedigenden Abschlu des Krieges zu zweifeln, hielt
ich demnach Mitte August noch nicht fr gekommen. Ich hoffte bestimmt, da
die Armee, trotz betrbender Einzelerscheinungen auf dem letzten
Schlachtfelde, imstande sein wrde, zunchst einmal auszuhalten. Auch
hatte ich das Vertrauen auf die Heimat, da sie Kraft genug htte, auch
diese jetzige Krisis zu berwinden. Ich erkannte dabei durchaus an, was
die Heimat an Opfern und Entbehrungen bisher ertragen hatte, und was sie
vielleicht noch weiter ertragen mute. Hatte nicht Frankreich, auf dessen
Boden der Krieg seit nunmehr vier Jahren tobte, weit mehr zu leiden? War
dieses Land whrend dieser ganzen Zeit jemals unter Mierfolgen verzagt;
war es verzweifelt, als unsere Granaten seine Hauptstadt erreichten? Das,
so dachte ich, wrde sich in dieser schweren Krisis auch die Heimat vor
Augen halten und standhaft bleiben, wenn nur wir an der Front standhaft
blieben. Gelang das, so konnte nach meiner Ansicht die Wirkung auf unsere
Verbndeten nicht ausbleiben. Ihre militrische Aufgabe war ja, soweit sie
sterreich-Ungarn und Bulgarien betraf, eine leichte.

Bei diesen meinen Erwgungen spielte die Sorge um Erhaltung unserer
Waffenehre keine ausschlaggebende Rolle. Unser Heer hatte diese Ehre in
den vier Kriegsjahren so fest begrndet, da diese uns, mochte kommen was
wollte, vom Gegner nicht mehr entrissen werden konnte. Ausschlaggebend fr
meine Entschlsse und Vorschlge blieb einzig und allein die Rcksicht auf
das Wohl des Vaterlandes. Konnten wir auch den Gegner durch Siege auf dem
Schlachtfeld nicht mehr zu einem Frieden zwingen, der uns alles das gab,
was unsere deutsche Zukunft endgltig sicher stellte, so konnten wir es
doch wenigstens dahin bringen, da die gegnerischen Krfte im Kampfe
erlahmten. Auch dann retteten wir voraussichtlich ein ertrgliches
staatliches Dasein.

General Foch hat nach Beendigung der Schlacht im Marnebogen wohl erkannt,
da die errungenen Erfolge ihm wieder verloren gehen wrden, wenn unseren
Truppen die Zeit zur Erholung gelassen wrde. Ich hatte das Gefhl, da
die gegnerische Fhrung nunmehr glaubte, alles auf eine Karte setzen zu
mssen.

Am 20. August schreiten die Franzosen zwischen Oise und Aisne in der
Richtung auf Chauny zum Angriff. Sie werfen uns in dreitgigen Kmpfen auf
diesen Punkt zurck. Am 21. August und in den ihm folgenden Tagen
verbreitern die Englnder ihre Angriffsfront vom 8. August in nrdlicher
Richtung bis nordwestlich Bapaume. Wiederholte feindliche Einbrche
zwingen uns auch hier zum allmhlichen Zurcknehmen unserer Linien. Am
26. August wirft sich der Englnder beiderseits Arras in der Richtung auf
Cambrai auf unsere Stellungen. Er bricht durch, wird aber schlielich
aufgehalten. Da berrennt ein neuer feindlicher Ansturm am 2. September
endgltig unsere Linien an der groen Strae Arras-Cambrai und zwingt uns,
die gesamte Front in die Siegfriedstellung zurckzunehmen. Zur
Krfteersparnis rumen wir gleichzeitig den weit ber den Kemmel-Berg und
Merville vorspringenden Bogen nrdlich der Lys. Alles schwere Entschlsse,
die bis zum Ende der ersten Septemberwoche ausgefhrt werden. Die erhoffte
Erleichterung der Lage bringen sie nicht. Der Gegner drngt berall sofort
nach, und die Spannung dauert an.

Am 12. September setzen die Kmpfe an der bisher ruhigen Front sdstlich
Verdun und bei Pont--Mousson ein. Wir standen hier in der Stellung, in
der unsere Angriffe im Herbste 1914 erstarrt waren, ein taktisches
Migebilde, das den Gegner zu einem groen Schlag einladen konnte. Es ist
nicht recht verstndlich, warum uns der Franzose jahrelang in diesem
groen Dreieck stehen lie, das in seine Gesamtfront hineinsprang.
Durchstie er dieses in mchtigem Schlage an der Basis, so war eine
schwere Krisis fr uns unausbleiblich. Man wird uns vielleicht als einen
Fehler anrechnen, da wir diese Lage nicht schon lngst, sptestens mit
dem Einstellen unseres Angriffes auf Verdun, aufgaben. Allein wir bten
gerade durch diese Stellung einen im hohen Grade wichtigen Druck auf die
Bewegungsfreiheit des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so
wichtige Maastal sdlich der Festung. Erst Anfang September, als es
zwischen Maas und Mosel auf feindlicher Seite lebhafter wurde, beschlossen
wir, diese Stellung zu rumen und auf die schon lange vorbereitete
Basisstellung zurckzugehen. Bevor die Bewegung vollendet wurde, griffen
uns aber die Franzosen und Amerikaner an und brachten uns eine ernste
Niederlage bei.

Im brigen gelang es, den feindlichen Angriffen gegenber unsere Front im
wesentlichen zu halten. Die Ausdehnung der gegnerischen Angriffe auf die
Champagne am 26. September nderte die Lage von der Kste bis zu den
Argonnen zunchst wenig. Dagegen drang der Amerikaner an diesem Tage
zwischen Argonnen und Maas in unsere Linien ein. Damit machte sich die
nordamerikanische Macht auf den Schlachtfeldern des Schlukampfes in einer
selbstndigen Armee zum ersten Male entscheidend geltend.

Unsere Westfront war, wenn auch infolge feindlicher Einbrche wiederholt
zurckgenommen, nicht durchbrochen. Sie wankte, aber sie fiel nicht. Um
diese Zeit wurde jedoch in unsere gesamte Kriegsfront eine breite Lcke
gerissen. Bulgarien brach zusammen.




                     Der Kampf unserer Bundesgenossen



                         Bulgariens Zusammenbruch


Die Lage im Innern Bulgariens hatte sich auch im Jahre 1918 nicht
wesentlich gendert. Sie blieb ernst. Die uere Politik des Landes schien
jedoch darunter nicht zu leiden. Ab und zu gelangten freilich Mitteilungen
ber Verhandlungen bulgarischer unverantwortlicher Persnlichkeiten mit
der Entente auf neutralem schweizerischen Boden zu uns. Auch war in der
amerikanischen Gesandtschaft in Sofia zweifellos eine Brutsttte von uns
verderblichen Plnen vorhanden. Wir machten den vergeblichen Versuch, sie
zu beseitigen. Die Politik forderte Samthandschuhe in der eisernen
Wirklichkeit des Krieges.

Die Kampfwut zwischen den politischen Parteien des Landes dauerte an. Die
Armee wurde auch weiterhin davon berhrt. Der Sturz Radoslawows war
endlich im Frhjahr von seinen Gegnern erreicht. Die neuen Mnner
versicherten uns ihres treuen Festhaltens an dem Bndnis. Das war fr uns
das Entscheidende.

Die Kriegsunlust im bulgarischen Volke nahm indessen stark zu. Die
Lebensmittelversorgung machte immer grere Schwierigkeiten. Unter diesen
litt besonders die Armee, das heit, man lie sie darunter leiden. Der
Soldat mute zeitweise geradezu hungern, ja mehr noch, er wurde auch so
elend gekleidet, da ihm eine Zeitlang das Ntigste fehlte. Meutereien
fanden statt, wurden uns gegenber aber meistens vertuscht. Die Armee
wurde durchsetzt mit vlkisch fremden Elementen. Man stellte aus den
besetzten Gebieten geprete Mannschaften ein, um die Truppenstrken in der
Hhe zu halten. Das berlaufen nahm daher einen auerordentlichen Umfang
an. War es ein Wunder, da unter allen diesen Umstnden der Geist der
Truppe zerfiel? Er erreichte anscheinend im Frhjahr seinen Tiefstand. Die
bulgarische Oberste Heeresleitung hatte damals auf Anregung des deutschen
Heeresgruppenkommandos einen Angriff auf albanischem Boden, westlich des
Ochridasees, vorbereitet. Man erhoffte von seinem Gelingen eine
wirkungsvolle Sperrung der fr den Gegner so wichtigen Strae Santa
Quaranti-Korca, sowie eine gnstige Rckwirkung auf die Stimmung von Heer
und Volk. Die Durchfhrung des Unternehmens erwies sich schlielich als
unmglich, da nach Erklrungen bulgarischer Offiziere die Truppe den
Angriff verweigern wrde. Noch bedenklichere Zustnde zeigten sich, als im
Monat Mai die bulgarischen Truppen den Angriff der Griechen und Franzosen
in der Mitte der mazedonischen Front nicht aushielten und ihre Stellung
fast kampflos verlieen. Die zum Gegenangriff bestimmte Division meuterte
grtenteils.

Die Zustnde innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des
Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von
unseren Lebensmittelvorrten und schickten Bekleidungsstcke. Auch lsten
unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen Armee groe
Begeisterung aus. Es war aber klar, da diese gehobene Stimmung rasch
wieder in sich zusammenbrechen wrde, wenn auf unserer Seite Rckschlge
erfolgten. Darber konnten uns auch bessere Stimmungsberichte Ende Juli
nicht im Zweifel lassen.

Die gegenseitigen Strkeverhltnisse an der mazedonischen Front schienen
sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach
dem schlielichen Ausgleich mit Rumnien war Bulgarien imstande, alle
seine Krfte auf einer Front zu versammeln. Dieser Verstrkung gegenber
kam das Wegziehen einiger deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmig
gar nicht in Betracht. Eine englische Division war nach Syrien abbefrdert
worden; die franzsischen Truppen hatten ihre jngsten Jahrgnge nach der
Heimat abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten kniglich griechischen
Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde
wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes bertragen. Nach
Mitteilungen von berlufern war der grte Teil dieser Truppen bereit,
sich uns anzuschlieen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front
eingesetzt wrden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den
Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien. Sie
trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die Entscheidung
des Krieges fr Bulgarien fiel.

Am 15. September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des
Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend.
Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Frhjahr erklrt, da sie an
diesem Tage die Stellungen verlassen wrden, sofern der Krieg bis dahin
nicht beendet wre.

Nicht weniger auffallend war es andererseits, da sich der Gegner zu einem
Angriff eine Stelle mitten im wildesten Berglande whlte, an der bei
einigem Widerstandswillen der bulgarischen Truppe und ihrer niederen
Fhrung das Durchdringen die allergrten Schwierigkeiten bieten mute.
Wir glaubten daher dem Ausgang dieses Kampfes mit Vertrauen entgegensehen
zu knnen, und erwarteten den schwereren und entscheidenden Angriff des
Gegners im Wardartal. Dort und in der Gegend des Doiransees waren seit
lngerer Zeit schon Angriffsvorbereitungen der Englnder erkannt worden.
Auch hier bestand angesichts der ganz auerordentlichen Strke der
Verteidigungsstellungen unseres Erachtens keine Gefahr, sofern man einer
solchen von bulgarischer Seite entsprechend entgegentreten wollte. ber
die zahlenmigen Krfte verfgte die bulgarische Oberste Heeresleitung
ganz gewi.

Die zuerst eintreffenden Meldungen ber den Verlauf der Kmpfe am
15. September gaben zu Besorgnissen keinen Anla. Die vordersten
Stellungen waren freilich verloren gegangen. Ein solcher Verlauf hatte
nichts ungewhnliches an sich. Die Hauptsache war, da dem Gegner der
glatte Durchbruch am ersten Tage nicht gelungen war. Sptere Nachrichten
lauteten bedenklicher. Die Bulgaren waren weiter nach Norden gedrngt, als
man zuerst annehmen konnte. Die zunchst am Kampfe beteiligten Truppen
hatten anscheinend wenig Kampfkraft, noch weniger Kampfwillen gezeigt. Die
Reserven, die herankamen oder herankommen sollten, zeigten keine Neigung,
sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Sie zogen es anscheinend vor, dem
Gegner das Kampffeld zu berlassen, und das an einer Stelle, die dem
wichtigsten Knotenpunkt aller Verbindungen des mazedonischen
Kriegsschauplatzes, nmlich Gradsko, bedenklich nahe lag.

Fllt Gradsko, oder kann es der Gegner mit seinen Geschtzen erreichen, so
ist die rechte bulgarische Armee in der Gegend von Monastir der
wichtigsten Verbindung beraubt, ihre Versorgung in der jetzigen Stellung
fr die Dauer unmglich. Aber auch die mittlere bulgarische Armee
beiderseits des Wardartales ist dann von jeder Bahnverbindung mit der
Heimat abgeschnitten. Es erscheint unbegreiflich, da die bulgarischen
Fhrer diese drohende Gefahr nicht erkennen sollten, da sie nicht alles
daran setzen wrden, ein namenloses Unheil fr die Masse des Heeres
abzuwenden.

Im Gegensatz zu den bulgarischen Armeen sdlich von Gradsko kmpfen die
bulgarischen Truppen zwischen dem Wardar und dem Doiransee seit dem
18. September mit grter Erbitterung. Vergeblich versuchen die Englnder,
sich hier Bahn zu brechen. Nochmals zeigt sich bulgarischer Mut und zher
Wille in glnzendem Licht. Aber was ntzt der Heldenmut am Doiransee, wenn
in der Richtung auf Gradsko Mutlosigkeit herrscht, ja vielleicht noch
Schlimmeres als Mutlosigkeit.

Vergeblich versucht die deutsche Fhrung mit deutschen Truppen die Lage in
der Mitte des bulgarischen Heeres zu retten. Was helfen die schwachen
kleinen deutschen Gruppen, wenn rechts und links der Bulgare das Feld
rumt? Den gegen den Feind marschierenden deutschen Bataillonen strmen
ganze bulgarische Regimenter entgegen, die den Kampf offen verweigern. Ein
eigenartiges Bild. Und noch eigenartiger die Erklrung der bulgarischen
Mannschaften: Sie ziehen in die Heimat zu Weib und Kind, wollen wieder
einmal Haus und Hof sehen und ihre Felder bestellen. Sie lassen vielfach
ihre Offiziere unbelstigt. Gehen diese mit ihnen nach Hause, so sind sie
willkommen, wollen sie zurckbleiben auf dem Felde der Ehre, so sollen sie
das allein tun. Der Bulgare springt bereitwillig zu, wenn im Gedrnge ein
Deutscher, der gegen den Feind marschiert, in Bedrngnis kommt, er hilft
den deutschen Geschtzen beim Marsch auf das Gefechtsfeld ber schlechte
Wegestrecken fort. Den Kampf indessen berlt er den Deutschen.
Mazedonien wird auf diese Weise freilich fr Bulgarien verloren gehen.
Aber der bulgarische Bauer sagt sich, da er in der Heimat Land genug
habe; also zieht er in die Heimat und berlt die Sorge und den Kampf um
Mazedonien und die bisherigen Gromachtsplne anderen Menschen.

Die deutsche Fhrung, die vom Ochridasee bis zum Doiransee das
verantwortliche Kommando hat, sieht sich angesichts dieser Verhltnisse
vor einer unendlich schwierigen Lage. Was an deutschen Truppen, an
Etappenmannschaften, Landsturm und Rekruten vorhanden ist, wird
zusammengerafft, um die bulgarische Mitte zu sttzen und Gradsko zu
retten. Die Aussichten, da dieses gelingt, werden immer geringer. Bei der
Haltlosigkeit der bulgarischen Mitte bleibt sonach als einzigste Rettung,
die Flgel des Heeres zurckzunehmen. Eine solche Bewegung wrde an sich
nur geringe taktische Nachteile verursachen, denn in Mazedonien liegt eine
gewaltige Verteidigungsstellung hinter der anderen und je weiter der
Gegner nach Norden kommt, um so schwieriger werden seine rckwrtigen
Verbindungen. Freilich mit der Preisgabe des Wardartales verschlechtern
sich auch die rckwrtigen Verbindungen der Bulgaren. Aber es scheint
wenigstens mglich, durch diese Manahme die Masse des Heeres zu retten.

Dem Entschlu des deutschen Heeresgruppenkommandos stellen die
bulgarischen Fhrer die ernstesten Bedenken entgegen. Sie glauben, da
ihre Truppen in den jetzigen Stellungen noch zusammenhalten, ja sogar
kmpfen wrden. Dagegen sind sie der Anschauung, da die Armeen sich
vllig auflsen wrden, wenn man ihnen den Rckzugsbefehl gbe.

Eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage, verzweiflungsvoll fr alle
Beteiligten. Die Bulgaren klagen, da nicht genug deutsche Truppen zur
Stelle sind, da man die frher vorhandenen zum Teil entfernt htte. Was
aber htten ein paar deutsche Bataillone mehr in diesem allgemeinen
Zusammenbruch genutzt? Wie viele deutsche Divisionen htte man schicken
mssen, um die mazedonische Front zu verteidigen? Deutschland kann nicht
im Westen die Entscheidung suchen und seine Divisionen nach Bulgarien
schicken wollen. Der Bulgare will nicht einsehen, da die deutsche Kraft
auch zu erschpfen ist. Die bulgarische ist an sich noch lange nicht
erschpft, erschpft ist nur der bulgarische Kriegswille.

Auch wir im Groen Hauptquartier stehen vor verhngnisvollen Fragen. Wir
mssen wenigstens versuchen, in Bulgarien zu retten, was zu retten ist.
Wir mssen also doch Untersttzungen schicken und zwar sofort, so schwer
uns das werden mag. Es ist der 18. September, als sich diese Notwendigkeit
in vollem Umfange ausprgt. Man denke daran, wie schwer der Kampf zu
dieser Zeit an unserer Westfront tobt. Wenige Tage vorher hatten die
Amerikaner ihren groen Erfolg zwischen Maas und Mosel errungen, und eine
weitere Ausdehnung der Angriffe steht dort noch bevor.

Die erste Untersttzung, die wir freimachen knnen, sind Truppen, eine
gemischte Brigade, die fr Transkaukasien bestimmt waren und eben ber das
Schwarze Meer befrdert werden. Sie werden durch Funkspruch abgedreht und
sollen ber Varna-Sofia herankommen. Diese Krfte gengen jedoch nicht. An
unserer Ostfront knnen wohl noch einige Divisionen entbehrlich gemacht
werden. Wir wollten sie an eine ruhige Front des Westens bringen. Doch was
sind das fr Truppen? Kein Mann unter 35 Jahren, und alle Vollkrftigen
schon nach dem Westen geholt! Kann von ihnen noch eine besondere Leistung
erwartet werden? Sie mgen den besten Willen mitbringen, aber in diesem
Klima und ohne Ausrstung fr den Krieg in einem gebirgigen Lande sind sie
an der mazedonischen Front nur bedingt brauchbar. Doch es mu sein, denn
nicht nur die bulgarische Armee, auch die bulgarische Regierung und der
Zar mssen in dieser schwersten Gefahr deutsche Hilfe erhalten.

Auch vom Westen her schicken wir Untersttzung. Unser Alpenkorps, eben
erst aus schwerstem Kampfe gezogen, wird zur Fahrt nach Nisch auf die Bahn
gesetzt. Ebenso beteiligt sich sterreich-Ungarn an dem Versuch, Bulgarien
zu helfen, und stellt mehrere Divisionen hierfr zur Verfgung. Wir
verzichten daher auf weitere sterreichisch-ungarische Untersttzung an
unserer Westfront.

Bis diese deutsche und sterreichische Hilfe eintreffen kann, mu versucht
werden, wenigstens die Masse des bulgarischen Heeres zu retten. Trotz
aller bulgarischen Bedenken wird deshalb von dem deutschen
Heeresgruppenkommando der Befehl zum Rckzug an die rechte und mittlere
bulgarische Armee gegeben. Die Stellungen auf der Belasiza, nrdlich des
Doiransees, sollen den Drehpunkt der ganzen Bewegung bilden.

Die linke bulgarische Armee wird whrend dieser ganzen Zeit nicht
angegriffen. Ihre Stellungen auf der Belasiza und hinter der Struma sind
von grter Strke. Wenige Maschinengewehre und Batterien gengen fr ihre
Verteidigung. Trotzdem verbreitet sich auch in dieser Armee Verwirrung;
Mut und ruhige berlegung schwinden. Der Fhrer hlt seine Lage fr
unhaltbar und beschwrt den Zaren, sofort Waffenstillstand zu schlieen.
Der Zar antwortet: "Gehen Sie in den Stellungen, die Sie innehaben, zu
Grunde." Das Wort beweist, da der Zar Herr der Lage ist, und da ich mich
nicht in ihm tuschte.

Auch Kronprinz Boris befindet sich auf der Hhe seiner Aufgabe. Er eilt an
die Front, um dort zu retten, was zu retten ist. Was vermag jedoch ein
einzelner, auch wenn er von der Liebe vieler, und von der Achtung aller
getragen wird, in solcher allgemeinen Kopflosigkeit und in solchem
Schwinden des Willens?

Die mittlere Armee beginnt am 20. September befehlsgem den Rckzug.
Dieser wird zur Auflsung; ungeschickte Anordnungen vervollstndigen die
Verwirrung. Die Stbe versagen, am grndlichsten der Armeestab. Hier ist
nur ein ganzer Mann vorhanden, klar blickend und von bestem Wollen
beseelt, nmlich der Fhrer.

Die rechte Armee hat eine schwierige Aufgabe. Ihre Hauptrckzugsstrae
fhrt ber Prilep auf Veles. Da der Gegner schon vor Gradsko steht, ist
diese Strae uerst bedroht. Ein anderer Weg fhrt aus dem Seengebiete
und dem Gebiete von Monastir weiter im Westen mitten durch das wilde
Albaner-Gebirge auf Kalkandelen. Er vereinigt sich mit demjenigen ber
Veles bei skb. Dieser Weg durch das Albaner-Gebirge ist gesichert, aber
sehr schwierig, und es ist zweifelhaft, ob grere Truppenmassen in diesen
Gebieten die ntige Verpflegung finden. Trotz dieser Bedenken mssen
starke Teile auf ihn verwiesen werden. Noch strkere werden dorthin
gedrngt, als der Feind Gradsko nimmt und nunmehr gegen das Straenstck
Prilep-Veles von Sdosten her vorrckt. Gradsko fllt schon am
21. September. Aus einem elenden Ort war es im Laufe des Krieges zu einer
frmlichen Lagerstatt geworden, die in ihrer Anlage und Gre an eine
amerikanische Neugrndung erinnert. Ungeheuere Vorrte sind hier
aufgespeichert, ausreichend fr einen ganzen Feldzug. In den dortigen
Depots merkt man nichts davon, da die bulgarischen Armeen an der Front
irgend etwas entbehren muten. Jetzt fllt alles der bulgarischen
Vernichtung anheim oder wird Beute des Feindes. Nicht nur in Gradsko
sondern auch anderwrts verfgt Bulgarien noch ber reiche Bestnde. Sie
ruhten bisher im Verborgenen, behtet von der einseitigen Sorge
bureaukratischer Wirtschaft, die auch in Bulgarien wie eine Kruste das
Volksleben berzieht, trotz liberalster Gesetze und freiheitlichem
Parlament.

Bulgarien kann also den Krieg noch weiter fhren, wenn es ihn nur nicht
selbst fr verloren hlt oder halten will. Unser Plan, der auch die
Zustimmung der bulgarischen Obersten Heeresleitung findet, ist folgender:
Die mittlere Armee soll an die altbulgarische Grenze zurckschwenken. Die
rechte Armee soll sich bei skb oder weiter nrdlich versammeln; sie wird
verstrkt durch die anrollenden deutschen und sterreichischen Divisionen.
Diese Krfte bei skb werden reichlichst gengen, um die Lage zu halten;
ja es ist bei einiger Brauchbarkeit der bulgarischen Verbnde damit zu
rechnen, da wir von skb aus bald wieder zu einem Angriff in sdlicher
Richtung vorgehen knnen. Es scheint ausgeschlossen, da der Gegner ohne
Rast mit starken Massen bis skb und bis an die altbulgarische Grenze
nachdrngt. Wie sollte er seinen Nachschub regeln, da wir die Bahnen und
Straen grndlich zerstrt haben? Wir hoffen auch, da in den bulgarischen
Truppen bei Berhrung mit dem heimatlichen Boden sich wieder Kraft und
Verantwortungsgefhl zusammenfinden.

Die vorgeschlagene Operation ist nur mglich, wenn skb so lange gehalten
wird, bis die bulgarischen Truppen ber Kalkandelen herankommen. Diese
Aufgabe erscheint leicht, denn der Gegner folgt in der Tat ber Gradsko
hinaus mit nur verhltnismig schwachen Krften.

Whrend dieser Vorgnge bleibt Sofia auffallend ruhig. Unsere dort
eintreffenden Bataillone, die der Bevlkerung zur Beruhigung, der
Regierung zum Schutz und zur Sttze dienen sollen, finden nichts von der
gefrchteten Aufregung. Das Leben macht freilich einen eigenartigen
Eindruck, hervorgerufen durch die Scharen von Soldaten, die auerhalb
ihrer Verbnde durch die Stadt der Heimat zuziehen. Die Mannschaften
liefern ihre Gewehre in die Waffendepots ab, verabschieden sich von
Kameraden und Vorgesetzten, versichern sogar teilweise, da sie
wiederkommen wrden, wenn sie nur erst einmal ihre Felder bestellt htten.
Ein eigenartiges Bild, ein merkwrdiger Seelenzustand. Oder ein
abgekartetes Spiel? Wir haben aber keinen Grund, ein solches bei den
Soldaten vorauszusetzen. Da es in dieser Auflsung nicht berall
friedlich zugeht, ist klar. Die Gerchte von schweren Ausschreitungen
erweisen sich aber meist als bertrieben.

An der Front ndert sich die Lage nicht. Der Rckzug der bulgarischen
Massen dauert ununterbrochen an. Er ist auch gegen die schwachen Krfte
des verfolgenden Feindes nicht dauernd zum Halten zu bringen. Vergeblich
versucht man einzelne Haufen, von geschlossenen Truppen kann man kaum noch
sprechen, dazu zu bringen, die Front wieder gegen den Feind zu nehmen und
wenigstens stellenweise einen geregelten Widerstand zu ordnen. Kommt der
Gegner heran, so verlassen die Bulgaren schon nach wenigen Schssen ihre
Stellungen. Deutsche Truppen sind nicht mehr imstande, dem bulgarischen
Widerstand einen Halt zu geben. Ebenso vergeblich ist das Bemhen
deutscher und bulgarischer Offiziere, mit dem Gewehre in der Hand durch
ihr Beispiel auf die haltlose gleichgltige Masse zu wirken.

So nhert sich der Gegner skb, bevor neue deutsche und
sterreichisch-ungarische Truppen dort eintreffen knnen. Am 29. September
treten aber starke Teile der rechten bulgarischen Armee bei Kalkandelen
aus dem Gebirge. Sie brauchen von da nur noch auf guter Strae nach skb
zu rcken. Die Truppen sind, wie uns gemeldet wird, durchaus kampffhig.
Die schwerste Krisis scheint demnach berwunden zu sein. Militrisch
mochte das der Fall sein, aber moralisch ist die Sache endgltig verloren.
Daran war bald nicht mehr zu zweifeln. Schwache serbische Krfte haben
skb besetzt. Die Truppen bei Kalkandelen versagen: sie kapitulieren. Am
29. September abends schliet Bulgarien Waffenstillstand.



                 Der Sturz der trkischen Macht in Asien


Der Anfang des Jahres 1918 brachte einen khnen Aufschwung des osmanischen
Kriegswillens. Die Trkei schritt, ehe noch der Winter im armenischen
Hochlande zu Ende ging, zum Angriff gegen die dortigen russischen Armeen.
Die russische Macht erwies sich in diesen Gebieten nur noch als Phantom.
Die Masse der Truppen hatte sich bereits vllig aufgelst. Der Vormarsch
der Trken fand daher nur noch Widerstand bei armenischen Banden.
Schwieriger als dessen Beseitigung war die berwindung der Hindernisse,
die in dieser Jahreszeit die Hochlandnatur den Trken in den Weg legte.
Da der Vormarsch trotzdem gelang, war eine jener merkwrdigen
Erscheinungen aufwallender Lebenskraft des osmanischen Staatswesens. Die
Trkei warf sich ber die Grenzen des osmanischen Armeniens hinaus auf die
Gebiete Transkaukasiens, angetrieben durch verschiedene Beweggrnde:
Panislamitische Trumereien, Rachegedanken, Hoffnung auf Entschdigungen
fr bis jetzt verlorene Landesteile und Erwartung von Beute. Dazu kam noch
ein weiteres, nmlich die Suche nach Menschenkrften. Das Land, in erster
Linie die Siedlungsgebiete der prchtigen Anatolier, ist in bezug auf
Menschenkrfte vllig erschpft. Im transkaukasischen Aserbeidschan und
unter den kaukasischen Mohammedanern scheinen sich neue groe Quellen zu
erffnen. Ruland hat diese Mohammedaner zu dem regelmigen Militrdienst
nicht herangezogen, nun sollen sie unter dem Halbmond fechten. Die Zahlen
der voraussichtlichen Freiwilligen, die uns mitgeteilt werden, zeigen die
ppigkeit der orientalischen Phantasie. Auch mte man, wenn man den
osmanischen Mitteilungen glauben sollte, annehmen, da die
mohammedanischen Vlker Rulands seit langem keine hhere Sehnsucht
gekannt htten, als mit dem trkischen Reiche zusammen ein einiges groes
geschlossenes Glaubensland zu bilden. Immerhin ist der Gedanke nicht von
der Hand zu weisen, da die Trkei sich in diesen Gebieten neue Krfte
erschliet, und da England sich gezwungen sehen wird, der Entwicklung
dieser Vorgnge sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Einstweilen ist es
aber gut, mit nchterner Wirklichkeit zu rechnen. Wir versuchen daher, auf
die hochgehenden Wogen osmanischer Hoffnungen beruhigend einzuwirken,
freilich nicht mit dem wnschenswerten Erfolg. Man stimmt uns bei, da die
Hauptaufgabe der Trkei im Rahmen des Gesamtkrieges weit mehr in der
Richtung auf Syrien und Mesopotamien zu suchen ist, als in derjenigen auf
den Kaukasus und das Kaspische Meer. Was helfen aber Versprechungen und
guter Wille in Konstantinopel, wenn die Fhrer auf den entlegenen
Kriegsschaupltzen ihre eigenen Wege gehen!

Um wenigstens einen Anteil an den reichen Vorrten von Kriegsrohstoffen in
Transkaukasien fr die allgemeine Kriegfhrung zu retten, senden wir
Truppen nach Georgien. Wir hoffen, der dortigen Regierung den Aufbau eines
geordneten Wirtschaftslebens zu ermglichen.

Aber der Panislamismus und der Kriegswucher in Konstantinopel ruhen nicht
eher, als bis Baku auch in die Hand der Trken fllt, und zwar zu einer
Zeit, in der sich der Zusammenbruch der alten asiatischen Herrschaft der
Trkei vollzieht.

Auch die Absicht, ber Transkaukasien in Persien entscheidenden Einflu zu
gewinnen, fhrte die Trkei so weit in stlicher Richtung vor. Man will
durch Persien hindurch den englischen Operationen in Mesopotamien in die
Flanke fallen, ein Plan, der an sich gut ist, dessen Durchfhrung aber
Zeit braucht. Es ist freilich zweifelhaft, ob wir diese Zeit finden
werden. Vielleicht aber binden schon die ersten trkischen Bewegungen im
nrdlichen Persien englische Krfte und retten dadurch Mesopotamien fr
die Trkei.

Wie durch das Weie Meer ber Archangelsk, so scheint England auch ber
das Kaspische Meer und ber Baku sich einen Einflu in Ruland sichern zu
wollen. Aus diesen Grnden liegt die Durchfhrung der osmanischen Plne in
Persien und in Transkaukasien auch in unserem Interesse. Nur htte
demgegenber die Verteidigung in Mesopotamien und besonders in Syrien
nicht vernachlssigt werden drfen. Die Aufstellung einer
verwendungsbereiten trkischen Reservearmee in der Gegend von Aleppo wre
jedenfalls mit Rcksicht auf alle operativen Mglichkeiten des Englnders
sdlich des Taurus von mehr Wert gewesen, als grere Operationen in
Persien.

In Mesopotamien ist die Lage seit dem Herbst 1917 nach der Karte
betrachtet unverndert geblieben. In Wirklichkeit hat sich aber in den
Gegenden sdlich von Mosul fr die trkischen Armeen eine Katastrophe
vollzogen, freilich nicht unter Geschtzdonner. Wie im armenischen
Hochlande im Winter 1916/17, so gingen in der mesopotamischen Ebene im
Winter 1917/18 die trkischen Soldaten in groer Zahl zugrunde. Man
spricht von 17.000, die in dortigen Stellungen verhungerten oder an den
Folgen dieses Elendes starben. Ob die Zahl richtig ist, vermgen wir nicht
nachzuprfen. "Auch wer verhungert, stirbt den Heldentod", so versicherte
uns ein Trke, nicht im Zynismus, sondern aus innerer ehrlichster
berzeugung. Nur noch Reste der ehemaligen trkischen Armee berleben in
Mesopotamien das Frhjahr. Es ist zweifelhaft, ob sie je wieder zu
gefechtsfhiger Strke gebracht werden knnen. Man fragt sich, warum
greift England in Mesopotamien nicht an? Oder besser gesagt, warum
marschiert es nicht einfach vorwrts? Gengen die Schatten dieser
osmanischen Macht, um ihren Gegner zur Innehaltung seines Programms
kolonialer Kriegfhrung zu veranlassen? Die englische Fhrung mag fr
diese Vorsicht ihrer Operationen alle mglichen Grnde anfhren knnen,
nur einen hat sie nicht, nmlich die Strke des Gegners.

Whrend im armenischen Hochlande die trkische Wehrmacht nochmals einen
Triumph feierte, hatten die Kmpfe in Syrien nicht geruht. Wiederholt kam
es an der syrischen Front zu frontalen englischen Angriffen, ohne da
hierdurch die Lage wesentlich gendert wurde. Im Frhjahr 1918 schien die
englische Kriegfhrung dieses ewigen Einerleis endlich mde zu werden. Sie
raffte sich zu einem neuen Gedanken auf und brach ber Jericho in das
Ostjordanland ein. Man nahm an, da die Araberstmme in diesem Gebiete das
Auftreten ihrer Befreier vom trkischen Joch nur erwarteten, um sofort den
osmanischen Armeen in den Rcken zu fallen. Das Unternehmen scheiterte
jedoch ziemlich ruhmlos vor geringen deutschen und trkischen Krften dank
ausgezeichneter osmanischer Fhrung. Die Lage an der syrischen Front wurde
hierdurch in den Sommer hinein gerettet. In dieser Jahreszeit pflegte in
jenen glutheien Gebieten allgemeine Ruhe einzutreten. Es war jedoch mit
Sicherheit zu erwarten, da der Englnder im Herbste seine Angriffe in
irgend einer Richtung wiederholen wrde. Wir glaubten, da die
Zwischenzeit gengend sei, um die Lage an der syrischen Front durch
Zufhrung neuer trkischer Krfte zu festigen.

Die inneren Schwierigkeiten im trkischen Staate dauerten auch im Jahre
1918 an. Der Tod des Sultans bte nach auen hin zunchst keinen
sichtbaren Einflu aus. Im Innern begann allmhlich eine Bewegung zur
Besserung einzusetzen. Der neue Sultan war augenscheinlich ein Mann der
Tat. Er zeigte den besten Willen, sich von der bisherigen Bevormundung
durch das Komitee freizumachen und den schweren Staatsschden
entgegenzutreten. Er whlte die Mnner seiner Umgebung aus den Kreisen,
die sich den alttrkischen Richtungen zuneigten.

Ich hatte den neuen Padischa als Thronfolger in Kreuznach kennen gelernt.
Damals hatte ich die Ehre, ihn als meinen Gast zu sehen. Bei den
Schwierigkeiten unmittelbaren sprachlichen Verkehrs, der Sultan sprach nur
trkisch, war unsere Unterhaltung durch Dolmetscher im wesentlichen auf
den Austausch von Ansprachen beschrnkt. Die Erwiderung des Thronfolgers
auf meine Anrede trug einen sehr bundesfreundlichen Charakter. Diesem
entsprach auch seine Haltung nach der Thronbesteigung.

Der Sultan hatte vornehmlich die Absicht, auf das Heerwesen einen
persnlichen Einflu auszuben. Er wollte auch die Armeen in den
entfernten Provinzen aufsuchen. Ob hierdurch wesentliche Mngel htten
beseitigt werden knnen, wage ich nicht zu entscheiden.

Das Land war durch den Kriegszustand vllig erschpft. Es konnte dem Heere
kaum noch irgend welche neuen Krfte bieten. So gelang es auch whrend des
Sommers nicht, die Verhltnisse an der syrischen Front wesentlich zu
strken. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit bei den geradezu
klglichen Verbindungen dorthin ausreichenderes htte geleistet werden
knnen. Die Zustnde in der Versorgung der Armee blieben schlecht. Die
Truppe verhungerte nicht, aber sie lebte nahezu bestndig in ungestilltem
Hunger dahin, krperlich mde, seelisch empfindungslos.

Wie ich schon frher anfhrte, muten wir auf das Wegziehen der deutschen
Truppen aus der syrischen Front verzichten. Die dortige deutsche Fhrung
glaubte nur mit deutscher Hilfe die Lage als gesichert betrachten zu
knnen. Man schtzte freilich den Angriffsgeist der gegenberstehenden
englisch-indischen Armee besonders auf Grund von Aussagen
mohammedanisch-indischer berlufer nicht sehr hoch ein. Auch waren die
bisherigen Leistungen der englischen Fhrung so wenig eindrucksvoll, da
man sich zu der Hoffnung berechtigt fhlte, mit den vorhandenen geringen
Krften dem Feinde wenigstens die Mglichkeit eines weiteren Widerstandes
vortuschen zu knnen. Wie lange eine solche Tuschung vorhielt, hing
lediglich davon ab, ob sich der Gegner endlich einmal zu einer
kraftvollen, geschlossenen Gefechtshandlung aufraffen und damit das Gerst
des trkischen Widerstandes mit seinen schwachen deutschen Sttzen
umwerfen wrde oder nicht.

Am 19. September griff der Englnder berraschend den rechten trkischen
Heeresflgel in den Kstenebenen an. Er durchbrach fast widerstandslos die
dortigen Linien. Die Niederlage der beiden trkischen Armeen an der
syrischen Front wurde durch das rasche Vordringen der
indisch-australischen Reitergeschwader besiegelt.

In diesen Tagen wurde die Trkei durch den bulgarischen Zusammenbruch
ihres bisherigen Landschutzes in Europa beraubt. Konstantinopel war
dadurch im ersten Augenblick auf der europischen Landseite vllig
schutzlos. Die trkischen Truppen an den Dardanellen waren im Verlaufe der
letzten Zeiten dauernd schlechter geworden. Aus ihnen holten die Armeen
der entlegenen Provinzen alles heraus, was noch an Gefechtswert in ihnen
steckte. Thrazien war mit Ausnahme einer schwachen kaum gefechtsfhigen
Kstenbesatzung ungeschtzt. Die Befestigungen der berhmten
Tschataldschalinie bestanden nur aus zerfallenen Schtzengrben, wie sie
nach den Kmpfen der Jahre 1912/13 von den trkischen Truppen verlassen
waren. Alles brige war nur in der Phantasie oder auf trgerischen Plnen
vorhanden. Man mag ber diese Zustnde nachtrglich den Kopf schtteln,
letzten Endes offenbart sich in ihnen doch der groe Wille, alle
vorhandenen Krfte auf den entscheidenden Auenposten zu verwenden. Wehe
dann freilich, wenn der uere Schutzwall durchbrochen wurde, und sich die
feindlichen Fluten in das Innere des Landes ergossen.

Solch eine Flut bedrohte nunmehr das Herz des ganzen Landes. Unter den
Eindrcken der ersten Nachrichten vom drohenden bulgarischen Zusammenbruch
wurden aus Konstantinopel heraus einzelne rasch zusammengestellte
Formationen an die Tschataldschalinie geworfen. Ein nennenswerter
Widerstand wre jedoch mit ihnen nicht zu leisten gewesen. Mehr der
moralischen als der praktischen Wirkung wegen ordneten wir die sofortige
berfhrung von deutschen Landwehrformationen aus dem sdlichen Ruland
nach Konstantinopel an. Auch entschlo sich die Trkei dazu, alle aus
Transkaukasien zurckgerufenen Divisionen zunchst nach Thrazien zu
werfen. Bis jedoch nennenswerte Krfte Konstantinopel erreichen konnten,
mute geraume Zeit vergehen. Warum der Gegner diese Zeit nicht ausnutzte,
um sich der Hauptstadt zu bemchtigen, lt sich nach den bis jetzt
vorhandenen Quellen nicht feststellen. Nochmals blieb die Trkei vor einer
unmittelbaren Katastrophe bewahrt. Der Eintritt einer solchen schien aber
Ende September doch nur eine Frage von wenigen Tagen.



           Militrisches und Politisches aus sterreich-Ungarn


Nach den vergeblichen Angriffen des sterreichisch-ungarischen Heeres in
Oberitalien zeigte sich immer mehr, da die Donaumonarchie ihre letzte und
beste Strke an dieses Unternehmen gesetzt hatte. Sie hatte nicht mehr so
viel zahlenmige und sittliche Krfte, um einen solchen Angriff
wiederholen zu knnen. Die Verhltnisse dieses Heeres traten uns so recht
deutlich in der Beschaffenheit der Divisionen vor Augen, die zu unserer
Untersttzung an die Westfront geschickt wurden. Ihr sofortiger Einsatz
war unmglich, wenn man spter grere Kampfleistungen von ihnen verlangen
wollte. Sie bedurften der Erholung, Schulung und besonders auch der
Ausrstung. Diese Tatsachen wurden innerhalb der eintreffenden Truppen
ebenso rckhaltslos anerkannt wie von seiten des k. u. k.
Armee-Oberkommandos. Alle sterreichisch-ungarischen Befehlsstellen gaben
sich die grte Mhe, die im Westen verwendeten k. u. k. Truppen in
verhltnismig kurzer Zeit ihrer kommenden Aufgabe entsprechend
leistungsfhig zu machen. Wenn das Ziel nicht voll und ganz erreicht
wurde, so lag es wahrlich nicht an mangelnder Ttigkeit und Einsicht der
Offiziere. Auch die Mannschaften zeigten sich in hohem Grade willig.

Die groen Verluste der sterreichisch-ungarischen Wehrmacht in Italien,
die mangelhaften Ersatzverhltnisse, die politische Unzuverlssigkeit
einzelner Truppenteile, die unsicheren Zustnde im Innern des Landes
machten eine wirklich groe und ausschlaggebende Untersttzung unserer
Westfront leider unmglich. General von Arz mute sich angesichts dieser
Verhltnisse in des Wortes vollster Bedeutung jede einzelne Division, die
er uns schicken wollte, von der Seele reien. Er selbst war von der groen
Bedeutung dieser Hilfe durchaus berzeugt. Ich vermag nicht zu sagen, ob
man in allen sterreichisch-ungarischen Kreisen von der gleichen
Hilfsbereitschaft durchdrungen war, ob man berall die gleiche
Dankesschuld uns gegenber empfand, wie General von Arz.

An den sterreichisch-ungarischen Heeresfronten ereignete sich im Verlauf
des Sommers nichts wesentliches. Die einzige bemerkenswerte kriegerische
Leistung vollzog sich in diesem Zeitraume auf albanischem Boden. Dort
hatte man sich jahrelang eigentlich tatenlos gegenbergestanden, die
Italiener, etwa ein verstrktes Armeekorps, um Valona und stlich, die
sterreicher im nrdlichen Albanien. Der Kriegsschauplatz wre ohne jede
militrische Bedeutung gewesen, wenn er nicht einen Zusammenhang mit den
mazedonischen Fronten gehabt htte. Bulgarien befrchtete bestndig, da
durch ein feindliches Vordringen westlich des Ochridasees die rechte
Flanke seiner Heeresfront umfat werden knnte. Militrisch wre einem
solchen feindlichen Unternehmen leicht durch Zurcknahme des bulgarischen
Westflgels aus dem Gebiete von Ochrida in nordstlicher Richtung zu
begegnen gewesen. Allein die innerpolitischen Verhltnisse Bulgariens
machten, wie ich das schon erwhnt habe, damals jedes Zurckziehen
bulgarischer Truppen aus diesem besetzten Lande unmglich. Dazu kamen
bulgarisch-sterreichische Eiferschteleien in Albanien, die mit Mhe von
uns ausgeglichen worden waren.

Man hat wiederholt die Frage gestellt, warum die sterreicher ihre
italienischen Gegner nicht aus Valona vertrieben haben. Die
auerordentliche Wichtigkeit dieses Flottensttzpunktes als zweiter
Torflgel zur Sperrung der Adria war mit den Hnden zu greifen. Fr eine
solche Operation fehlte jedoch fr sterreich-Ungarn die erste
Voraussetzung, nmlich die entsprechende leistungsfhige, rckwrtige
Verbindung in das Kampfgebiet an der Vojusa. Auf die See konnte ein
solches Unternehmen nicht basiert werden, Landverbindungen waren aber in
dem den albanischen Berglande vor dem Kriege nicht vorhanden, und
sterreich-Ungarn konnte sie im Verlauf des Krieges dort nicht in
gengendem Umfang schaffen.

Die sterreichisch-ungarischen Operationen in Albanien befanden sich in
einer Art von Dornrschenschlaf, in dem sie nur zeitweise durch
gegenseitige Unternehmungen geringeren Umfanges und noch geringerer
Tatkraft gestrt wurden. Einen greren Ernst nahm die Lage in Albanien
erst an, als die Italiener im Sommer 1918 zu einem breit entwickelten
Angriff von der Meereskste bis in die Gegend des Ochridasees schritten.
Die schwachen, teilweise auch sehr vernachlssigten
sterreichisch-ungarischen Verbnde wurden nach Norden zurckgedrckt.
Sogleich erhob sich die bulgarische Sorge in Sofia und an der
mazedonischen Grenze und verlangte unser Eingreifen als Oberste
Kriegsleitung. Dieses Eingreifen vollzog sich in der Form eines Ersuchens
an das k. u. k. Armee-Oberkommando, die sterreichischen Krfte in
Albanien zu verstrken, um auch weiterhin den Schutz der mazedonischen
Flanke durchfhren zu knnen. Die sterreichisch-ungarische Heeresleitung
entschlo sich darber hinausgehend in Albanien zu einem Gegenangriff. Die
Italiener wurden wieder zurckgeschlagen.

Es ist nicht klar zu erkennen, ob diese italienische Offensive irgend
welche weiter gesteckten politischen und militrischen Ziele im Auge
hatte. Besonders mu ich die Frage offen lassen, ob sie mit dem spter
einsetzenden Angriff der Entente gegen die Mitte der mazedonischen Front
in irgendwelchem inneren Zusammenhang stand. Der sterreichische
Gegenangriff stellte angesichts der ganz auerordentlichen Schwierigkeiten
in den albanischen Gelndeverhltnissen und der feindlichen zahlenmigen
berlegenheit eine sehr beachtenswerte Leistung dar. Sie verdient
durchaus, von seiten unserer Bundesgenossen als solche gefeiert zu werden.

Die inneren Verhltnisse sterreich-Ungarns hatten sich im Laufe des
Jahres 1918 in der frher erwhnten bedenklichen Richtung weiter
entwickelt. Die ungewhnlichen Schwierigkeiten in der Volksernhrung
bedrohten Wien zeitweise geradezu mit einer Katastrophe. Da war es kein
Wunder, da die sterreichisch-ungarischen Behrden in dem Zusammenraffen
greifbarer Verpflegungsbestnde, sei es in Rumnien, sei es in der
Ukraine, zu Manahmen griffen, die unseren eigenen Interessen im hchsten
Grade entgegengesetzt waren.

Unter den trben politischen Verhltnissen sterreich-Ungarns war es nicht
weiter erstaunlich, wenn uns von dort immer wieder erklrt wurde, da eine
Weiterfhrung des Krieges ber das Jahr 1918 hinaus von seiten der
Donaumonarchie ausgeschlossen wre. Der Drang nach Abschlu der
Feindseligkeiten uerte sich immer hufiger und immer strker. Ob dabei,
wie behauptet wurde, auch der Ehrgeiz, die Rolle des Friedensbringers zu
spielen, bei irgendwem einen wirklich ausschlaggebenden Einflu ausbte,
lasse ich dahingestellt sein.

Im Sommer erfolgte der Rcktritt des Grafen Czernin von seinem Posten als
Auenminister. Als Grund gab der Graf selbst an, da die von seinem Kaiser
an den Prinzen Sixtus von Parma gerichteten Briefe einen unberbrckbaren
Gegensatz zwischen ihm und seinem Herrn geschaffen htten. Mir war der
Graf nicht unsympathisch, trotz der mancherlei Gegenstze, die zwischen
seinen politischen Anschauungen und den meinigen bestanden, und die er uns
gegenber ebenso offen vertrat, wie wir die unserigen.

Fr mich war Graf Czernin der typische Vertreter der
sterreichisch-ungarischen Auenpolitik. Er war klug und von scharfem
Erkennen der Schwierigkeiten unserer gemeinsamen Lage sowie von
zutreffender, rckhaltsloser Kritik der Schwchen des von ihm vertretenen
Staatswesens. Seine politischen Plne bewegten sich dabei aber weit mehr
im Bestreben, ein Unheil zu vermeiden als unsere Erfolge auszunutzen. Fr
die Interessen seines Vaterlandes hatte der Graf zwar immer ein offenes
Auge und ein weitem Herz, doch im auffallenden Gegensatz hierzu sah er in
der Beurteilung unserer Gesamtlage das rettende Heil meist im Verzicht.
Aus diesen Widersprchen kam es, da er fr die Doppelmonarchie
Erweiterung ihrer Machtsphre anzustreben nicht aufhrte, auch wenn er
gleichzeitig uns Deutschen groe Opfer fr die Interessen der verbndeten
Gemeinschaft zumutete. Graf Czernin unterschtzte, wie alle
sterreichisch-ungarischen Staatsmnner dieser Zeit, die
Leistungsfhigkeit seines Vaterlandes. Sonst htte er nicht im Frhjahr
1917 kurz nach seiner Amtsbernahme von der Unmglichkeit weiteren
Durchhaltens sprechen drfen, obwohl die sterreichisch-ungarische Kraft
noch lnger ausreichte und auch bei der Geschftsniederlegung des Grafen
noch keineswegs bei dem Erschpfungstod angelangt war. Es lag in den
Gedankenverbindungen des Grafen Czernin eine Art von Sichselbstaufgeben.
Ob er dabei nicht imstande war, den Friedensbestrebungen seines Kaisers
Widerstand zu leisten, oder ob er diese vielleicht in innerster
berzeugung untersttzte, vermochte ich whrend seiner Amtsfhrung nicht
klar zu durchschauen. Jedenfalls verkannte der Graf die Gefahren, die in
einer bertriebenen und ganz besonders zu oft wiederholten Betonung der
Friedensbereitschaft solchen Feinden wie den unserigen gegenber enthalten
waren. Nur so wird es verstndlich, da er in einer Zeit des scheinbar
beginnenden Heranreifens unserer Unterseebooterfolge, des Mierfolges der
feindlichen Frhjahrsoffensive und der Rckwirkung der staatlichen
Auflsung in Ruland auf unsere Feinde die politische Ruhe verlor und die
Friedensresolution im Deutschen Reichstage anregte.

Ich war der Meinung, da es Graf Czernin an der bundesbrderlichen
Gesinnung uns gegenber nicht fehlen lassen wollte, selbst als er uns bei
den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und Bukarest vor mancherlei
berraschungen stellte. Er befrchtete damals wohl, da die Donaumonarchie
ein etwaiges Scheitern dieser Verhandlungen nicht berwinden knnte, und
da der Schrei nach Brot in Wien unbedingt eine baldige Vereinbarung mit
der Ukraine forderte.

Unter der auenpolitischen Leitung Czernins fand die polnische Frage
zwischen uns und sterreich-Ungarn keinen Abschlu. Eine Preisgabe ganz
Polens an die Doppelmonarchie war und blieb aus den schon frher berhrten
Grnden fr uns unannehmbar.

Der Nachfolger des Grafen Czernin, Graf Burian, war mir aus seiner
Ttigkeit als Auenminister der vorczerninschen Zeit schon in Ple bekannt
geworden. Bei der Umstndlichkeit Burians, die bei allen wichtigeren
Fragen zutage trat, konnte ich eine Erledigung des polnischen Problems in
absehbarer Zeit nicht erhoffen. Ich mu auch offen eingestehen, da meine
Gedanken in der nunmehr folgenden Zeit von entscheidenderen Dingen in
Anspruch genommen wurden als von so langwierigen, unfruchtbaren
Verhandlungen.

Bei seiner Wiederberufung als Auenminister hatte Graf Burian das
begreifliche Bestreben, mglichst bald einen Ausweg aus unserer
politischen Lage zu finden. Es war menschlich verstndlich, da er unter
dem Eindruck der sich im besten verschlimmernden Kriegslage mit grter
Hartnckigkeit zum Frieden drngte. Nach meiner Anschauung sollte indessen
keiner der verbndeten Staaten aus dem Rahmen der politischen
Einheitsfront heraustreten und dem Gegner Friedensangebote machen. Es war
ein Irrtum, zu glauben, da dadurch jetzt noch wesentliches fr einen
Einzelstaat oder fr unsere Gesamtheit gebessert werden knne. Der
trkische Growesir, der in der ersten Septemberhlfte in Spa weilte,
beurteilte die Lage ganz ebenso wie wir. Auch Zar Ferdinand sprach noch zu
gleichem Zeitpunkt davon, da Friedensbestrebungen seines Landes auerhalb
des gemeinsamen Bundes nicht in Frage kommen knnten. Vielleicht ahnte der
Zar damals aber schon, welch eine geringe Rolle Bulgarien als Machtfaktor
in den gegnerischen Berechnungen nur noch spielte.

Aus den angefhrten Grnden heraus fhlte ich mich nicht veranlat, den
sterreichisch-ungarischen Versuch, Mitte September mit der Entente
einseitig einen friedlichen Vergleich anzuregen, fr glcklich zu halten.
Die Gegner verhielten sich diesem Schritte gegenber in der Tat auch
vllig ablehnend. Sie bersahen unsere damalige Lage schon zu klar, als
da sie sich auf Anbahnung eines Verhandlungsfriedens einlassen wollten.
Die Frage weiterer Menschenopfer spielte fr sie keine Rolle. Die
Befrchtung, da wir Deutschen uns rasch wieder erholen knnten, wenn uns
auch nur ein Augenblick der Ruhe gelassen wrde, beherrschte vllig den
feindlichen Gedankenkreis. So gewaltig war der Eindruck, den unsere
Leistungen auf unsere Gegner gemacht hatten und vielleicht jetzt noch
machten. Fr uns ein stolzes Gefhl mitten in alledem, was um uns zurzeit
vorging und noch vorgehen sollte!




                            Dem Ende entgegen



                    Vom 29. September zum 26. Oktober


Wre in dem Buch des groen Krieges das Kapitel ber das Heldentum des
deutschen Heeres nicht schon lngst geschrieben gewesen, so wrde es in
dem letzten furchtbaren Ringen mit dem Blute unserer Shne in ewig
unauslschlicher Schrift geschehen sein. Welch ungeheure Anforderungen
wurden in diesen Wochen an die Krper- und Seelenkrfte von Offizieren und
Mannschaften aller Stbe und Truppenteile gestellt! Die Truppen muten
auch jetzt wieder von einem Kampf in den anderen geworfen, von einem
Schlachtfeld auf das andere gefhrt werden. Kaum, da die sogenannten
Ruhetage ausreichten, die zerschossenen oder zersprengten Verbnde neu zu
ordnen, ihnen Ersatz zuzufhren, die Bestnde aufgelster Divisionen in
die Truppenteile anderer einzuordnen. Offiziere wie Mannschaften begannen
wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt,
den feindlichen Anstrmen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade
bis zu den hheren Stben hinauf wurden Mitkmpfer in den vordersten
Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja
vielfach nichts anderes mehr als: "Aushalten bis zum uersten."

Ja: "Aushalten!" Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen
glnzender Erfolge. Fr mich kann der Anblick solch todesmutigen Kmpfens
nicht beeintrchtigt werden durch einzelne Bilder des Verzagens und des
Versagens. In einem solchen entsagungsvollen Ringen, in dem jeder
Aufschwung siegreichen Kraftgefhles fehlt, mssen menschliche Schwchen
strker zur Geltung kommen als sonstwo.

Fr zusammenhngende Linien fehlte es an Krften. In Gruppen und Grppchen
leistet man Widerstand. Erfolgreich ist solcher nur, weil auch der Gegner
sichtbar ermattet. Wo seine Panzerwagen nicht Bahn brechen, wo seine
Artillerie nicht alles deutsche Kampfleben erttet hat, da schreitet er
nur selten noch zu groen Gefechtshandlungen. Er strmt nicht auf unsern
Widerstand los, er schleicht sich allmhlich ein in unsere lckenreichen,
zerschmetterten Kampflinien. An dieser Tatsache hatte sich meine Hoffnung
immer wieder aufgerichtet, die Hoffnung, aushalten zu knnen bis zur
Erlahmung des Gegners.

Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines
frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese
stehen hart vor dem Zusammenbruch.

Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen
vermgend? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: "Wann
mssen wir zu einem Ende kommen?" Wendet man sich in solchen Fllen an die
groe Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie
nicht zur Vorsicht, sondern zur Khnheit. Richte ich meine Blicke auf die
Gestalt unseres grten Knigs, so erhalte ich die Antwort: "Durchhalten!"

Gewi, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre frher
waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk fhrt den Krieg,
ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im
Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Strken und Schwchen. Und
wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten,
dieses niemals!

So tobt mit dem Kampf auf dem Schlachtfeld gleichzeitig ein anderer Kampf.
Sein Schauplatz liegt in unserem Innern. Auch in diesem Kampfe stehen wir
allein. Niemand rt uns als die eigene berzeugung und das Gewissen.
Nichts hlt uns aufrecht, als die Hoffnung und der Glaube. Sie bleiben in
mir stark genug, um auch noch andere zu sttzen.

Aber immer dunkler wird es um uns! Mag auch der deutsche Mut an der
Westfront dem Gegner noch immer den entscheidenden Durchbruch wehren,
mgen Frankreich und England sichtlich ermatten, mag Amerikas erdrckende
berlegenheit an einem Tage tausendfach ergebnislos bluten, so nehmen doch
unsere Krfte sichtlich ab. Sie werden um so frher versagen, je
bedrckender die Nachrichten aus dem fernen Osten auf sie wirken. Wer
schliet die Lcke, wenn Bulgarien endgltig zusammenbricht? Manches
knnen wir wohl noch leisten, aber wir vermgen nicht eine neue Front
aufzubauen. Eine neue Armee ist freilich in Serbien in Bildung begriffen,
aber wie schwach sind diese Truppen! Unser Alpenkorps hat kaum noch
gefechtsfhige Verbnde; eine der anrollenden sterreichisch-ungarischen
Divisionen wird fr vllig unbrauchbar erklrt; sie besteht aus Tschechen,
die voraussichtlich den Kampf verweigern. Liegt auch der Schauplatz in
Syrien weit ab von der Entscheidung des Krieges, so zermrbt die dortige
Niederlage doch zweifellos den treuen trkischen Genossen, der nun auch in
Europa wieder bedroht wird. Wie wird Rumnien sich verhalten, was werden
die groen Trmmer Rulands tun? Alles dies drngt auf mich ein und
erzwingt den Entschlu, nun doch ein Ende zu suchen, das heit ein Ende in
Ehren. Niemand wird sagen: "Zu frh."

In solchen Gedanken und mit dem gereiften Entschlu trifft mich mein
Erster Generalquartiermeister am spten Nachmittag des 28. September. Ich
sehe ihm an, was ihn zu mir fhrt. Wie so oft seit dem 23. August 1914
fanden sich unsere Gedanken auch heute, bevor sie zu Worten geworden sind.
Unser schwerster Entschlu wird auf gleicher berzeugung gefat.

In den Vormittagsstunden des 29. September erfolgt unsere Beratung mit dem
Staatssekretr des Auswrtigen Amtes. Die Lage nach auen wird von ihm mit
wenig Worten gekennzeichnet: Bis jetzt alle Versuche eines friedlichen
Ausgleichs mit den Gegnern gescheitert und keine Aussicht, durch
Verhandlungen unter Vermittlung neutraler Mchte irgend eine Annherung an
die feindlichen Staatslenker zu erreichen. Der Staatssekretr bespricht
dann die innere Lage der Heimat: die Revolution stehe vor der Tre, man
habe die Wahl, ihr mit Diktatur oder Nachgiebigkeit entgegenzutreten;
parlamentarische Regierung sei das beste Abwehrmittel.

Wirklich das beste? Wir wissen, welch gewaltige Belastungen wir der Heimat
gerade jetzt durch unseren Schritt zum Waffenstillstand und Frieden
auferlegen mssen, ein Schritt, der dort begreiflicherweise schwere Sorgen
ber die Lage an der Front und ber unsere Zukunft auslsen wird. In
diesem Augenblick, wo so viele Hoffnung zu Grabe getragen, wo bitterste
Enttuschung sich mit tiefster Erbitterung mengen wird, wo jeder nach
einem festen Halt im Staatswesen blickt, sollen die politischen
Leidenschaften in hhere Wallung versetzt werden? In welcher Richtung
werden sie ausschlagen? Sicherlich nicht in der Richtung der Erhaltung
sondern in derjenigen der weiteren Zerstrung. Die das Unkraut in unsere
Saat geset haben, werden die Zeit der Ernte fr gekommen erachten. Wir
beginnen, zu gleiten.

Glaubt man durch Nachgiebigkeiten im eigenen Heim einen Gegner milder
stimmen zu knnen, der sich durch das Schwert nicht zwingen lie? Fragt
diejenigen unserer Soldaten, die im Vertrauen auf die feindlichen
Verlockungen leider freiwillig die Waffen aus der Hand legten! Die
feindliche Maske fiel gleichzeitig mit der deutschen Waffe. Die
verblendeten Deutschen wurden nicht um ein Haar menschenwrdiger behandelt
als ihre sich bis zur letzten Kraft wehrenden Kameraden. Dies Bild im
Kleinen wird sich im Groen, ja im Grten wiederholen.

Wir mssen auch befrchten, da die Bildung einer neuen Regierung den
Schritt, den wir so lange als mglich hinausschoben, noch weiter verzgern
wird. Zu bald haben wir ihn wahrlich nicht getan. Soll er durch die
staatliche Neuordnung versptet werden?

Das sind meine Sorgen; sie gleichen denjenigen des Generals Ludendorff.

Auf Grund unserer Beratung unterbreiten wir Seiner Majestt dem Kaiser
unseren Vorschlag zum Friedensschritt. Mir obliegt es, dem Allerhchsten
Kriegsherrn zur Begrndung des politischen Aktes die militrische Lage zu
schildern, deren jetziger Ernst dem Kaiser nicht unbekannt ist. Seine
Majestt billigt, was wir vortragen, mit festem, starkem Herzen.

Wie immer bisher, so vermischen sich auch jetzt unsere Sorgen um das Heer
mit denen um die Heimat. Kann das Eine nicht standhalten, so bricht auch
das Andere zusammen. In dem gegenwrtigen Augenblick, mehr wie in jedem
anderen vorher, mu sich dies beweisen.

Mein Allerhchster Kriegsherr kehrt in die Heimat zurck, wohin ich ihm am
1. Oktober folge. Ich mchte dem Kaiser nahe sein, wenn er in diesen Tagen
meiner bedrfen sollte. Politische Einwirkungen ausben zu wollen, lag mir
fern. Zu Aufschlssen fr die sich neubildende Regierung war ich bereit
und beantwortete ihre Anfragen, soweit dies nach meiner berzeugung
mglich war. Ich hoffte, Pessimismus zu bekmpfen und Vertrauen wieder
aufzurichten. Die innern Erschtterungen erwiesen sich aber bereits als zu
schwere, um diesen Zweck noch erreichen zu knnen. Ich selbst hatte auch
damals noch die feste Zuversicht, da wir dem Gegner trotz des Abnehmens
unserer Krfte das Betreten unseres vaterlndischen Bodens monatelang
verwehren konnten. Gelang dies, so war auch die politische Lage nicht
hoffnungslos. Stillschweigende Voraussetzung war freilich hierbei, da
unsere Landesgrenzen nicht etwa von Osten oder Sden bedroht wrden, und
da die Heimat in ihrem Innern feststand.

In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober erging unser Angebot an den
Prsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die von ihm im Januar
dieses Jahres aufgestellten Grundlinien fr einen "gerechten Frieden"
waren von uns angenommen worden.

Uns selbst blieb zunchst nur die Fortsetzung des Kampfes. Das Nachlassen
der Spannkraft der Truppe, das Schwinden der Kmpferzahlen, die
wiederholten Einbrche des Gegners zwangen uns an der Westfront zu
weiterem allmhlichen Ausweichen in krzere Linien. Was ich der
Reichsleitung am 3. Oktober erklrt hatte, wurde ausgefhrt: Wir
klammerten uns so viel wie mglich an den feindlichen Boden. Die
Bewegungen und Schlachten behielten den gleichen Charakter, wie seit Mitte
August. Der Abnahme unserer Kampfkraft entsprach auch weiterhin eine
gleiche Abnahme gegnerischer Angriffslust. Irrten sich die Feinde in dem
Glauben, da wir ganz zusammenbrechen, so irrten wir uns andererseits in
der Hoffnung, da die Gegner vllig erlahmen wrden. So war der endgltige
Ausgang des Kampfes nicht mehr zu ndern, wenn es uns nicht gelang, ein
Aufgebot letzter heimatlicher Kraft zustande zu bringen. Eine
Massenerhebung des Volkes wrde den Eindruck auf den Gegner und unser
eigenes Heer nicht verfehlt haben. War aber eine solche brauchbare
Lebensstrke und opferwillige Masse noch vorhanden? Jedenfalls war unser
Versuch, eine solche in die Front zu bringen, vergeblich.

Die Heimat erlahmte frher als das Heer. Unter diesen Umstnden vermochten
wir dem immer hrter werdenden Druck des Prsidenten der Vereinigten
Staaten von Nordamerika keinen eindrucksvollen Widerstand
entgegenzusetzen. Unsere Regierung gab nach in der Hoffnung auf Milde und
Gerechtigkeit. Der deutsche Soldat und der deutsche Staatsmann gingen in
verschiedenen Richtungen. Der eingetretene Ri wurde nicht mehr beseitigt.
Mein letzter Versuch, zu einem vereinten Schlagen ergibt sich aus
folgendem Brief an den Reichskanzler vom 24. Oktober 1918:

  "Euerer Groherzoglichen Hoheit darf ich nicht verhehlen, da ich in den
  letzten Reichstagsreden einen warmen Aufruf zu Gunsten und fr die Armee
  schmerzlich vermit habe.

  Ich habe von der neuen Regierung erhofft, da sie alle Krfte des
  gesamten Volkes in den Dienst der vaterlndischen Verteidigung sammeln
  wrde. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil, es ist, von wenigen
  Ausnahmen abgesehen, nur von Vershnung, nicht aber von Bekmpfung des
  dem Vaterlande drohenden Feindes gesprochen. Dies hat auf die Armee erst
  niederdrckend, dann erschtternd gewirkt. Ernste Anzeichen beweisen
  dies.

  Zur Fhrung der nationalen Verteidigung braucht die Armee nicht nur
  Menschen sondern den Geist der berzeugung fr die Notwendigkeit, zu
  kmpfen, und den seelischen Schwung fr diese hohe Aufgabe.

  Euere Groherzogliche Hoheit werden mit mir berzeugt sein, da, in
  Anerkennung der durchschlagenden Bedeutung der Moral des Volkes in
  Waffen, Regierung und Volksvertretung solchen Geist in Heer und Volk
  hineintragen und erhalten mssen.

  An Euere Groherzogliche Hoheit als das Haupt der neuen Regierung richte
  ich den ernsten Ruf, dieser heiligen Aufgabe zu entsprechen."

Es war zu spt. Die Politik forderte ihre Opfer; das erste wurde am
26. Oktober gebracht.

Am Abend dieses Tages fuhr ich von der Reichshauptstadt, wohin ich mich
mit meinem Ersten Generalquartiermeister zum Vortrag bei unserem
Allerhchsten Kriegsherrn begeben hatte, nach dem Groen Hauptquartier
zurck. Ich war allein. Seine Majestt hatte dem General Ludendorff den
erbetenen Abschied bewilligt, meine gleiche Bitte abgeschlagen.

Am folgenden Tage betrat ich die bisher gemeinsamen Arbeitsrume wieder.
Mir war zumute, wie wenn ich von der Beerdigung eines mir besonders teuren
Toten in die verdete Wohnung zurckkehrte.

Bis zum heutigen Tage, ich schreibe dies im September 1919, habe ich
meinen vieljhrigen treuen Gehilfen und Berater nicht wieder gesehen. Ich
habe ihn in meinen Gedanken viel tausendmal gesucht und in meinem
dankerfllten Herzen stets gefunden!



                     Vom 26. Oktober zum 9. November


Mein Allerhchster Kriegsherr verfgte auf meine Bitte die Ernennung des
Generals Grner zum Ersten Generalquartiermeister. Der General war mir aus
seinen frheren Kriegsverwendungen wohlbekannt. Ich wute, da er eine
vortreffliche organisatorische Begabung und eine grndliche Kenntnis der
inneren Verhltnisse unseres Vaterlandes besa. Die kommenden gemeinsamen
Zeiten brachten mir den reichlichen Beweis dafr, da ich mich in meinem
neuen Mitarbeiter nicht getuscht hatte.

Die Aufgaben, die des Generals harrten, waren ebenso schwierig als
undankbar. Sie forderten eine rastlose Ttigkeit, eine volle
Selbstentsagung und jeden Verzicht auf einen anderen Ruhm, als denjenigen
hingebendster Pflichterfllung, und auf jede andere Anerkennung, als
diejenige seiner augenblicklichen Mitarbeiter. Wir alle kannten die Gre
und die Schwierigkeiten des Werkes, das seiner harrte.

Unsere gesamte Lage begann sich immer weiter zu verschlechtern. Ich mchte
sie nur in Streiflichtern beleuchten:

Im Orient brach der letzte Widerstand des osmanisch-asiatischen Reiches
zusammen. Mosul wie Aleppo fielen fast widerstandslos in die Hnde der
Gegner. Die mesopotamische wie die syrische Armee hatten aufgehrt, zu
bestehen. Georgien mute von uns gerumt werden, nicht weil wir
militrisch dazu gezwungen waren, sondern weil unsere wirtschaftlichen
Plne dort unausfhrbar wurden oder wenigstens nicht mehr gewinnbringend
gemacht werden konnten. Auch die Truppen, die wir zur Sttze der
Verteidigung Konstantinopels abgeschickt hatten, wurden zurckgeholt. Die
Entente griff aber Thrazien nicht an. Stambul sollte nicht fallen durch
khne Heldentaten und eindrucksvolle Machtentfaltung. Der Grund hierfr
ist unbekannt. Er mag in sachlich fr uns damals nicht verstndlichen
militrischen Bedenken liegen; es knnen aber auch politische Erwgungen
hierbei fr die Entente ausschlaggebend gewesen sein.

Unsere deutsche Hilfe, die sonst noch in der Trkei stand, wurde in
Richtung auf Konstantinopel zusammengezogen. Sie schied aus dem gemeinsam
verteidigten Land, geachtet vom ritterlichen Osmanentum, dem wir in seinem
Ringen auf Leben und Tod beigestanden hatten. Was sich dort jetzt gegen
uns wandte, entsprang jenen Kreisen, die nunmehr ihren Weizen blhen
sahen, und die sich durch Hassesuerungen einen Vorschu auf die
Zuneigung der Neuankommenden zu erwerben suchten. Der eigentliche Osmane
wute, da wir nicht nur zum jetzigen Kampfe, sondern auch zum spteren
Neubau seines Staates hilfsbereit gewesen waren.

Enver und Talaat Pascha traten von dem Schauplatz ihrer Ttigkeit ab, von
ihren Gegnern beschimpft, sonst unbescholten.

Aus Bulgarien waren unsere letzten Truppen abgerckt. Auch ihnen folgte so
manches dankbare Gefhl und ehrliches Gedenken, am lebhaftesten
ausgesprochen in einem Briefe, den der ehemalige Fhrer des bulgarischen
Heeres an mich in dieser Zeit richtete. Ich konnte mich des Eindruckes
nicht erwehren, als ob aus den Zeilen das sprach, was ich so manchmal in
den uerungen dieses ehrlichen Offiziers zu fhlen glaubte: "Wre ich
politisch frei gewesen, so htte ich militrisch anders gehandelt." Die
Einsicht kam wohl zu spt, bei ihm wie an anderen Stellen.

sterreich-Ungarn lste sich in seinem politischen Bestande wie in seiner
Wehrkraft auf. Es gab nicht nur sich selbst, sondern auch unsere
Landesgrenzen preis. In Ungarn erhob sich die Revolution im Hasse gegen
die Deutschen. Konnte das berraschend wirken? Gehrte dieser Ha nicht
zum Stolze des Magyaren? Im Kriege hatte man freilich im Ungarlande anders
empfunden, wenn der Russe an die Grenze pochte. Ein wiederholtes
gewaltiges Pochen! Mit welchem Jubel waren die deutschen Truppen auch
begrt, mit welcher Hingebung verpflegt, selbst verwhnt worden, als es
sich darum handelte, Serbien niederzuschlagen. Welch eine Begeisterung
empfing uns, als wir zur Wiedereroberung Siebenbrgens erschienen!
Dankesbettigung ist im menschlichen Dasein selten, im staatlichen Leben
noch weit seltener.

Dagegen fanden wir in Rumnien mehrfach offenen Dank. Man sah dort ein,
da ohne Zertrmmerung Rulands ein freies rumnisches Leben sich nicht
htte verwirklichen lassen.

Wenn jetzt in Deutschland einzelne Kreise auf den Ha ehemaliger
Bundesgenossen gegen uns hinweisen und darin einen Beweis unserer
verfehlten politischen und militrischen Haltung erblicken, so bersehen
sie dabei wohl, da Ausbrche des Hasses aus Freundesmund auch im
feindlichen Lager ertnten. Ballten sich doch Fuste franzsischer
Soldaten vor unseren Augen unter Schimpfworten gegen den englischen
Bundesgenossen. Riefen doch franzsische Stimmen zu uns herber: "Heute
mit England gegen Euch, morgen mit Euch gegen England!" Schrie doch ein
franzsischer Soldat im Mrz des Jahres 1918, hinweisend auf die Trmmer
des Domes von St. Quentin, seinen englischen mit ihm gefangenen
Waffengenossen zornesbebend zu: "Das waret Ihr!"

Ich hoffe, da die uerungen des Miverstehens zwischen uns und unsern
ehemaligen Verbndeten mehr und mehr verstummen werden, wenn die dstern
Nebel sich verziehen, die die Wahrheit verhllen, und die unsern
bisherigen Kampfgenossen zur Zeit den freien Blick auf die gemeinsamen
Ruhmesfelder nehmen, auf denen das deutsche Leben zur Verwirklichung auch
ihrer Plne und Trume eingesetzt wurde.

Der Zusammenbruch zeigt sich von Ende Oktober ab berall; nur an der
Westfront wuten wir ihn immer noch zu verhindern. Schwcher wurde dort
der feindliche Andrang, matter aber freilich auch unser Widerstand. Immer
kleiner wurde die Zahl der deutschen Truppen, immer grer wurden die
freien Lcken in den Verteidigungsstellungen. Nur wenige frische deutsche
Divisionen, und Groes htte geleistet werden knnen. Vergebliche Wnsche,
eitle Hoffnungen! Wir sinken, denn die Heimat sinkt. Sie kann uns kein
neues frisches Leben mehr geben, ihre Kraft ist verbraucht!

General Grner begibt sich am 1. November zur Front. Das Zurcknehmen
unserer Verteidigung in die Stellung Antwerpen-Maas ist unsere
demnchstige Sorge. Der Entschlu ist einfach, die Ausfhrung schwer.
Kostbarstes Kampfmaterial liegt noch feindwrts in dieser Linie, doch
kostbarer als dessen Rettung ist fr uns die Zurckfhrung von 80.000
Verwundeten in den vorwrts befindlichen Lazaretten. So wird die
Durchfhrung des Entschlusses aus Dankesgefhlen, die wir unseren
blutenden Kameraden schulden, verzgert. Dauernd kann freilich die jetzige
Lage nicht mehr gehalten werden. Dazu sind unsere Krfte nunmehr zu
schwach und zu mde geworden. Dazu ist der Druck zu stark, der von den
frischen amerikanischen Massen auf unsere empfindlichste Stelle im
Maasgebiet ausgebt wird. Der Kampf dieser Massen wird aber die
Vereinigten Staaten fr die Zukunft belehrt haben, da das Kriegshandwerk
nicht in wenigen Monaten zu erlernen ist, da die Unkenntnis dieses
Handwerkes im Ernstfalle Strme von Blut kostet.

Mit der deutschen Kampflinie hlt damals auch noch die Etappe, der
Lebensnerv, der zur Heimat fhrt. Dstere Bilder zeigen sich freilich hier
und da, aber in der Gesamtheit ist noch innerer Halt. Lange wird es
indessen nicht mehr dauern knnen. Die Spannung ist auf das uerste
gestiegen. Erfolgt irgend wo eine Erschtterung, sei es in Heimat oder
Heer, so ist der Zusammenbruch unvermeidlich.

Das sind meine Eindrcke in den ersten Tagen des November.

Die befrchtete Erschtterung kndigt sich an. In der Heimat regt es sich
mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5. November eilt General Grner
in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen mu, wenn man jetzt
in den letzten Stunden nicht zusammenhlt. Er tritt fr seinen Kaiser ein
und schildert die Folgen, wenn man dem Heere sein Haupt nimmt. Umsonst!
Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur durch Zufall
entgeht der General auf der Rckreise ins Hauptquartier den Hnden der
Revolutionre. Das ist am Abend des 6. November.

Ein Fieber beginnt nunmehr den ganzen Volkskrper zu schtteln. Ruhiges
berlegen schwindet. Man denkt nicht mehr an die Folgen fr das Ganze,
sondern nur noch an das Durchsetzen eigener Leidenschaften. Diese machen
nicht mehr Halt vor den wahnwitzigsten Plnen. Denn gibt es einen
wahnwitzigeren, als den, dem Heere das weitere Leben unmglich zu machen?
War je ein greres Verbrechen menschlichem Denken und menschlichem Hasse
entsprungen? Der Krper wird nach auen machtlos; zwar schlgt er noch um
sich, aber er stirbt. Ist es berraschend, da der Gegner mit solch einem
Krper macht, was er will, da er seine harten Bedingungen noch hrter
auslegt, als er sie geschrieben hat?

Alle Versprechungen, die die gegnerische Propaganda uns verkndet hatte,
sind verstummt. Die Rache tritt in ihrer nackten Gestalt auf: "Wehe dem
Besiegten!" Ein Wort, das aber nicht nur dem Hasse sondern auch der Furcht
entspringt.

So ist die Lage am 9. November. Das Drama schliet an diesem Tage nicht,
erhlt aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei
seinen Grnden. Er trifft zunchst vernichtend die Sttze des Heeres, den
deutschen Offizier. Er reit ihm, wie ein Fremdlnder sagt, den verdienten
Lorbeer vom Haupte und drckt ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die
blutende Stirne. Der Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Mge er
jedem Deutschen zum Herzen sprechen!

Das uere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne.
Auch das deutsche Kaisertum fllt.

Man verkndet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und Knigs,
ehe der Entschlu dazu von diesem gefat ist. Auf dunklem Wege vollzieht
sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte der Geschichte
hoffentlich dereinst nicht entgehen wird.

Der Gedanke wird erwogen, mit unseren Fronttruppen in der Heimat Ordnung
zu schaffen. Jedoch zahlreiche Kommandeure, Mnner, wrdig des grten
Vertrauens und fhig des tiefsten Einblickes, erklren, da unsere Truppen
zwar noch die Front nach dem Feinde behalten werden, da sie aber die
Front gegen die Heimat nicht nehmen wrden.

Ich bin meinem Allerhchsten Kriegsherrn in jenen Stunden zur Seite. Er
bertrgt mir die Aufgabe, das Heer in die Heimat zurckzufhren. Als ich
am Nachmittag des 9. November meinen Kaiser verlasse, sollte ich ihn nicht
mehr wiedersehen! Er war gegangen, um dem Vaterlande neue Opfer zu
ersparen, um ihm gnstigere Friedensbedingungen zu schaffen.

Mitten in dieser gewaltigsten kriegerischen und politischen Spannung
verlor das deutsche Heer seinen innersten Halt. Fr hunderttausende
getreuer Offiziere und Soldaten wankte damit der Untergrund ihres Fhlens
und Denkens. Schwerste innere Konflikte bahnten sich an. Ich glaubte,
vielen der Besten die Lsung dieser Konflikte zu erleichtern, wenn ich
voranschritte auf dem Wege, den mir der Wille meines Kaisers, meine Liebe
zu Vaterland und Heer und mein Pflichtgefhl wiesen. Ich blieb auf meinem
Posten.




                              Mein Abschied


Wir waren am Ende!

Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so
strzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem
versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken. Unsere
Aufgabe war es nunmehr, das Dasein der briggebliebenen Krfte unseres
Heeres fr den sptern Aufbau des Vaterlandes zu retten. Die Gegenwart war
verloren. So blieb nur die Hoffnung auf die Zukunft.

Heran an die Arbeit!

Ich verstehe den Gedanken an Weltflucht, der sich vieler Offiziere
angesichts des Zusammenbruches alles dessen, was ihnen lieb und teuer war,
bemchtigte. Die Sehnsucht, "nichts mehr wissen zu wollen" von einer Welt,
in der die aufgewhlten Leidenschaften den wahren Wertkern unseres Volkes
bis zur Unkenntlichkeit entstellten, ist menschlich begreiflich und doch -
ich mu es offen aussprechen, wie ich denke:

Kameraden der einst so groen, stolzen deutschen Armee! Knntet ihr vom
Verzagen sprechen? Denkt an die Mnner, die uns vor mehr als hundert
Jahren ein innerlich neues Vaterland schufen. Ihre Religion war der Glaube
an sich selbst und an die Heiligkeit ihrer Sache. Sie schufen das neue
Vaterland, nicht es grndend auf eine uns wesensfremde Doktrinwut, sondern
es aufbauend auf den Grundlagen freier Entwicklung des einzelnen in dem
Rahmen und in der Verpflichtung des Gesamtwohles! Diesen selben Weg wird
auch Deutschland wieder gehen, wenn es nur erst einmal wieder zu gehen
vermag.

Ich habe die feste Zuversicht, da auch diesmal, wie in jenen Zeiten, der
Zusammenhang mit unserer groen reichen Vergangenheit gewahrt, und wo er
vernichtet wurde, wieder hergestellt wird. Der alte deutsche Geist wird
sich wieder durchsetzen, wenn auch erst nach den schwersten Luterungen in
dem Glutofen von Leiden und Leidenschaften. Unsere Gegner kannten die
Kraft dieses Geistes; sie bewunderten und haten ihn in der Werkttigkeit
des Friedens, sie staunten ihn an und frchteten ihn auf den
Schlachtfeldern des groen Krieges. Sie suchten unsere Strke mit dem
leeren Worte "Organisation" ihren Vlkern begreiflich zu machen. Den
Geist, der sich diese Hlle schuf, in ihr lebte und wirkte, den
verschwiegen sie ihnen. Mit diesem Geiste und in ihm wollen wir aber aufs
neue mutvoll wieder aufbauen.

Deutschland, das Aufnahme- und Ausstrahlungszentrum so vieler
unerschpflicher Werte menschlicher Zivilisation und Kultur, wird so lange
nicht zu Grunde gehen, als es den Glauben behlt an seine groe
weltgeschichtliche Sendung. Ich habe das sichere Vertrauen, da es der
Gedankentiefe und der Gedankenstrke der Besten unseres Vaterlandes
gelingen wird, neue Ideen mit den kostbaren Schtzen der frheren Zeit zu
verschmelzen und aus ihnen vereint dauernde Werte zu prgen, zum Heile
unseres Vaterlandes.

Das ist die felsenfeste berzeugung, mit der ich die blutige Wahlstatt des
Vlkerkampfes verlie. Ich habe das Heldenringen meines Vaterlandes
gesehen und glaube nie und nimmermehr, da es sein Todesringen gewesen
ist.

Man hat mir die Frage gestellt, worauf ich in den schwersten Stunden des
Krieges meine Hoffnung auf unseren Endsieg sttzte. Ich konnte nur auf
meinen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache, auf mein Vertrauen zu
Vaterland und Heer hinweisen.

Die ernsten Stunden dieses jahrelangen Kampfes und seiner Folgezeit
bestand ich in Gedanken und Gefhlen, fr die ich nirgends einen besseren
Ausdruck finde, als in den Worten, die der nachmalige preuische
Kriegsminister, Generalfeldmarschall Herrmann v. Boyen, im Jahre 1811,
inmitten der grten politischen und militrischen Nte unseres
geknechteten Heimatlandes, an seinen Knig schrieb:

  "Ich bersehe das Gefahrvolle unserer Lage keineswegs, aber da, wo nur
  zwischen Unterjochung oder Ehre zu whlen sein drfte, da gibt mir die
  Religion Kraft, alles das zu tun, was das Recht und die Pflicht fordert.

  Niemals kann der Mensch mit Gewiheit den Ausgang eines begonnenen
  Unternehmens vorhersehen, aber der, der nach hherer berzeugung nur
  seinen Pflichten lebt, trgt einen Schild um sich, der in jeder Lage des
  Lebens, es komme auch, wie es wolle, ihm Beruhigung gibt und auch oft
  selbst zu einem glcklichen Ausgang fhrt.

  Es ist dies nicht die Sprache aufgeregter Schwrmerei, sondern der
  Ausdruck eines religisen Gefhles, das ich meinen Erziehern danke, die
  mich frh schon Knig und Vaterland als das Heiligste auf Erden lieben
  lehrten."

Gegenwrtig hat eine Sturmflut wilder politischer Leidenschaften und
tnender Redensarten unsere ganze frhere staatliche Auffassung unter sich
vergraben, anscheinend alle heiligen berlieferungen vernichtet. Aber
diese Flut wird sich wieder verlaufen. Dann wird aus dem ewig bewegten
Meere vlkischen Lebens jener Felsen wieder auftauchen, an den sich einst
die Hoffnung unserer Vter geklammert hat, und auf dem vor fast einem
halben Jahrhundert durch unsere Kraft des Vaterlandes Zukunft
vertrauensvoll begrndet wurde: Das deutsche Kaisertum! Ist so erst der
nationale Gedanke, das nationale Bewutsein wieder erstanden, dann werden
fr uns aus dem groen Kriege, auf den kein Volk mit berechtigterem Stolz
und reinerem Gewissen zurckblicken kann als das unsere, so lange es treu
war, sowie auch aus dem bitteren Ernst der jetzigen Tage sittlich
wertvolle Frchte reifen. Das Blut aller derer, die im Glauben an
Deutschlands Gre gefallen sind, ist dann nicht vergeblich geflossen.

In dieser Zuversicht lege ich die Feder aus der Hand und baue fest auf
Dich - Du deutsche Jugend!






                           PERSONENVERZEICHNIS


_Albrecht von Preuen_, Prinz 28.

_Alexander von Preuen_, Prinz 49. 54.

_Anton von Hohenzollern_, Prinz 24. 25.

_Arz_, von, General 236. 309. 384.

_August von Wrttemberg_, Prinz 33.

_Augusta Victoria_, Deutsche Kaiserin 61.


_Bartenwerffer_, von, Oberst 52.

_Bazaine_, Marschall 30.

_Below_, von, General 87.

_Bernhardi_, von, General der Kavallerie 43. 49.

_Bernstorff_, Graf 214. 230. 232.

_Bethmann Hollweg_, von, Reichskanzler 131. 147. 211. 233. 284. 285.

_Bismarck_, Otto, Frst 39. 45. 74. 200. 201. 215.

_Blcher_, General 27. 77. 110. 234. 328.

_Blumenthal_, von, General 21.

_Blcke_, Hauptmann 175.

_Boris_, Kronprinz von Bulgarien 162. 374.

_Bothmer_, Graf, General 143.

_Boyen_, Herrmann von 405.

_Bronsart_, von, General 57.

_Brussilow_, General 142. 249.

_Blow_, von, Generalfeldmarschall 49. 62.

_Burian_, Baron, Minister 210. 388.


_Cadorna_, General 261. 262.

_Canrobert_, Marschall 33.

_Clausewitz_, General 101. 234.

_Clmenceau_, Ministerprsident 293.

_Conrad von Htzendorf_, Generaloberst 123. 163. 180. 224. 225. 236. 261.

_Czernin_, Graf, Minister 309. 386. 387. 388.


_Duncker_, Geheimrat, Historiker 49.


_Eichhorn_, Generalfeldmarschall 49. 123.

_Elisabeth_, Knigin 13.

-, Groherzogin von Oldenburg 59.

_Enver Pascha_, Generalissimus 154. 159. 164. 165. 180. 188. 190. 207.
208. 270. 272. 275. 310. 398.

_Escherich_, Forstmeister 133.

_Ewert_, Generaladjutant 139.


_Falkenhayn_, von, General 148. 183. 184. 185. 203. 273. 276.

_Ferdinand_, Zar von Bulgarien 162. 206. 275. 374. 389.

_Fichte_, Philosoph 176.

_Foch_, General 340. 341. 347. 351. 364.

_Franois_, von, General 86. 88. 90.

_Franz Joseph I._, Kaiser von sterreich 163.

_Freytag-Loringhoven_, von, General 57.

_Friedrich II._, Erbgroherzog von Baden 60.

_Friedrich August II._, Groherzog von Oldenburg 59.

_Friedrich Karl_, Prinz 20. 54. 55.

_Friedrich Wilhelm I._, Knig von Preuen 281.

_Friedrich der Groe_ 17. 234.

_Friedrich Wilhelm IV._, Knig von Preuen 13.

_Friedrich III._, Deutscher Kaiser 13. 21. 56.


_Gallwitz_, von, General 128.

_Gneisenau_, General 27. 77. 110.

_Goltz_, von der, General 99.

_Groeben_, von der 5.

_Grner_, General 397. 400. 401.


_Hakki_, Ismail, Generalintendant 279.

_Hann von Weyherrn_, General 51.

_Helldorff_, von, Major 31.

-, von, Leutnant (Sohn des Majors) 31.

_Hertling_, Graf, Reichskanzler 286. 306. 363.

_Hintze_, Staatssekretr 393.

_Hutier_, von, General 57. 137.


_Jekoff_, General 165. 177. 180. 182. 189. 206. 309. 398.

_Joseph II._, Deutscher Kaiser 26.


_Kmmerer_, Major 172.

_Kerenski_, Minister 249. 250. 251. 254.

_Keler_, Oberst 49.

_Kobelt_, Lehrer 7.

_Knig_, Kapitn 175.

_Krupp_, Groindustrieller 327.


_Lansdowne_, Lord 290.

_Lauenstein_, von, General 57.

_Lenin_, Minister 305.

_Leopold von Bayern_, Prinz 61.

_Linsingen_, von, Hauptmann 172. 173.

_Ludendorff_, General 75. 76. 77. 78. 102. 112. 122. 128. 131. 133. 147.
169. 170. 171. 197. 215. 242. 347. 392. 394. 396. 397.

_Ludwig III._, Knig von Bayern 286.

_Luitpold_, Prinzregent von Bayern 62.

_Lttwitz_, von, General 57.


_Mac Mahon_, Marschall 37.

_Mackensen_, Feldmarschall 87. 90. 109. 110. 112. 180. 182. 183. 185. 256.

_Massenbach_, von, Rittergutsbesitzer 8.

_Michaelis_, Dr., Reichskanzler 285.

_Miroslawski_, polnischer Fhrer 7.

_Moltke_, Graf, Feldmarschall 39. 49. 54. 55. 56. 74. 200.

-, von, Generaloberst, Generalstabschef 75. 76.


_Napoleon I._, Kaiser 4. 234.

_Napoleon III._, Kaiser 37. 40.

_Nikolaij-Nikolaijewitsch_, Grofrst 107.

_Nikolaus II._, Zar von Ruland 246.

_Nivelle_, Feldmarschall 241. 242.


_Pape_, von, Generalleutnant 35.

_Petersdorff_, von, Oberst 51.

_Ple_, von, Frst 235.


_Radoslawow_, Ministerprsident 167. 205. 282. 367.

_Rappard_, von, Frau 8.

_Rennenkampf_, General 76. 80. 81. 82. 83. 85. 86. 87. 88. 90. 91. 93. 94.
95. 97. 98. 100. 101.

_Richter_, Professor, Historiker 49.

_Richthofen_, von, Rittmeister 175.

_Roon_, von, Generalfeldmarschall 56.


_Samsonoff_, General 76. 80. 81. 82. 85. 87. 88. 89. 90. 92. 94.

_Sarrail_, General 149. 177. 178. 182. 187.

_Schakir Bey_, Generalstabsoffizier 57.

_Scharnhorst_, General 27. 275.

_Schlieffen_, Graf von, General 53.

_Scholtz_, von, General 86. 88.

_Schwerin_, Graf, Feldmarschall 26.

_Schwickart_, Generalarzt 5.

_Seegenberg_, von, Major 29.

_Seel_, von, Major 29. 36.

_Sievers_, General 124.

_Sixtus von Parma_, Prinz 386.

_Skobeleff_, General 51.

_Sperling_, von, General 51.

_Stein_, von, General 57.

_Steinmetz_, von, General 20.

_Sven Hedin_, Forschungsreisender 131.


_Talaat Pascha_, Growesir 166. 167. 208. 389. 398.

_Tewfyk Effendi_, Generalstabsoffizier 57.

_Tirpitz_, von, Groadmiral 131. 132.

_Tisza_, Graf, Minister 173.

_Trotzki_, Minister 305. 306. 338.


_Verdy du Vernois_, von, General und Kriegsminister 52. 58.

_Villaume_, Hauptmann 49.

_Vogel von Falckenstein_, General 54. 60.


_Waldersee_, Graf, Major 24.

-, General 51. 54.

_Wartensleben_, Graf, General 62.

_Wilhelm I._, Deutscher Kaiser 7. 13. 215.

_Wilhelm II._, Deutscher Kaiser 54. 57. 90. 112. 124. 144. 147. 161. 170.
187. 194. 197. 211. 236. 237. 259. 273. 306. 312. 314. 315. 333. 394. 396.
397. 402.

_Wilhelm_, Deutscher Kronprinz 196.

_Wilson_, Prsident der Vereinigten Staaten 132. 211. 212. 213. 214. 231.
232. 395.

_Winterfeldt_, von, General 54. 55.

_Wittich_, von, Oberstleutnant 11. 12. 49.

_Woyrsch_, von, Feldmarschall 24. 113.


_York_, General 9.


_Zeppelin_, Graf 175.

_Zingler_, von, Oberstleutnant 51.

          Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei; Papier von
           H. H. Ullstein; Einband von H. Fikentscher, Julius
              Hager, Hbel & Denck, Leipziger Buchbinderei
                 A.-G. vorm. G. Fritzsche und Spamersche
                   Buchbinderei, smtliche in Leipzig.
                    Druckaufsicht und Einbandentwurf
                           von _Walter Tiemann_





                     Verlag von S. Hirzel in Leipzig

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                         Heinrich von Treitschke:

              Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert

                                Fnf Bnde

              10. Auflage                  Gebunden 190 Mark

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                                  Briefe

                            Herausgegeben von

                             Max Cornicelius

                                Drei Bnde

             2. Auflage                  Gebunden 112,80 Mark

    ------------------------------------------------------------------

                                 Politik

             Vorlesungen, gehalten an der Universitt Berlin

                            Herausgegeben von

                             Max Cornicelius

                                Zwei Bnde

               4. Auflage                  Gebunden 47 Mark

    ------------------------------------------------------------------

                   Historische und Politische Aufstze

                                Vier Bnde

             8. Auflage                  Gebunden 81,60 Mark

    ------------------------------------------------------------------

                  Im Sommer 1920 liegt vollstndig vor:

                         Eine Weltreise 1911/1912

                                   und

                      Der Zusammenbruch Deutschlands

          Eindrcke und Betrachtungen aus den Jahren 1911-1914
                  mit einem Nachwort aus dem Jahre 1919

                                   von

                         Friedrich von Bernhardi
                       General der Kavallerie z. D.

                                    *

                                Drei Bnde

    ------------------------------------------------------------------

                        Im Sommer 1920 erscheint:

                            Freiherr vom Stein

                                   von

                        Professor Dr. Max Lehmann
                          Geheimer Regierungsrat

                                    *

                       Volksausgabe in einem Bande





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
rmische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung
wiedergegeben, ebenso die Abkrzung "km") und einzelne Wrter aus fremden
Sprachen (hier durch Unterstrich [_] gekennzeichnet). Gesperrt gesetzt
sind die zweite Hierarchieebene im Inhaltsverzeichnis (hier ohne
Hervorhebung wiedergegeben) und die Namen im Personenverzeichnis (hier
durch Unterstrich gekennzeichnet).

Fnf- und sechsstellige Zahlen sind im Original durch schmales Spatium
untergliedert, das hier durch einen Punkt ersetzt ist.

In der Originalausgabe sind lngere Zitate in den meisten Fllen mit
Anfhrungszeichen am Beginn jeder Zeile versehen. In der elektronischen
Fassung sind sie stattdessen durch Einrckung gekennzeichnet.

Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:

      Seite IX: "139" in "140" gendert (zweimal)
      Seite IX: "Befehlbereichs" in "Befehlsbereichs" gendert
      Seite 8: "derem" in "deren" gendert (eventuell kein Druckfehler,
      sondern sprachliche Ungenauigkeit des Verfassers)
      Seite 24: "hin" in "hin-" gendert
      Seite 59: "frohen" in "frohe" gendert
      Seite 148: Punkt ergnzt (nach "aufgegeben")
      Seite 189: "1916" in "1917" gendert
      Seite 193: "uberwunden" in "berwunden" gendert
      Seite 202: Punkt ergnzt (nach "fr uns in sich")
      Seite 398: "Talaat-Pascha" in "Talaat Pascha" gendert
      Seite 407: Komma ergnzt (vor "Groherzogin von Oldenburg")
      Seite 408: Punkt ergnzt (nach "110")

Nicht vereinheitlicht wurden Variationen in der Schreibweise wie
"San-Mndung" und "Sanmndung", "Doiran-See" und "Doiransee", "Padischa"
und "Padischah", "Gefangenschaft" und "Gefangenenschaft", "Entwicklung"
und "Entwickelung". Die deutsche Form "infanterie" in einem englischen
Zitat (S. 334) wurde nicht korrigiert, ebensowenig die alphabetische
Einordnung von Sven Hedin im Personenverzeichnis unter "S".





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN***



                                 CREDITS


December 17, 2009

            Project Gutenberg TEI edition 1
            Produced by Norbert H. Langkau, Stefan Cramme, and the Online
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                                Section 1.


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                                   1.A.


By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
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                                   1.B.


"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
associated in any way with an electronic work by people who agree to be
bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
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                                   1.C.


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PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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work is in the public domain in the United States and you are located in
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the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
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                                   1.D.


The copyright laws of the place where you are located also govern what you
can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
state of change. If you are outside the United States, check the laws of
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                                   1.E.


Unless you have removed all references to Project Gutenberg:


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The following sentence, with active links to, or other immediate access
to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
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    almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
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public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
permission of the copyright holder), the work can be copied and
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phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
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or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.


                                  1.E.3.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
copyright holder found at the beginning of this work.


                                  1.E.4.


Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
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work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
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                                  1.E.6.


You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
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processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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      the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
      donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
      Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
      days following each date on which you prepare (or are legally
      required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
      should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
      Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
      "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
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      works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
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      any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
      electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
      receipt of the work.

    - You comply with all other terms of this agreement for free
      distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.


                                  1.E.9.


If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
work or group of works on different terms than are set forth in this
agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
Section 3 below.


                                   1.F.


                                  1.F.1.


Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
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                                  1.F.2.


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WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
OF SUCH DAMAGE.


                                  1.F.3.


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of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
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to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
work electronically, the person or entity providing it to you may choose
to give you a second opportunity to receive the work electronically in
lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
refund in writing without further opportunities to fix the problem.


                                  1.F.4.


Except for the limited right of replacement or refund set forth in
paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.


                                  1.F.5.


Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
limitation set forth in this agreement violates the law of the state
applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
shall not void the remaining provisions.


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this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
you cause.


                               Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


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                                Section 5.


      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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***FINIS***
