The Project Gutenberg EBook of Maerchen-Almanach auf das Jahr 1827
by Wilhelm Hauff

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Title: Maerchen-Almanach auf das Jahr 1827

Author: Wilhelm Hauff

Release Date: October, 2004  [EBook #6639]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 9, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1827 ***




Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
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Mrchen-Almanach auf das Jahr 1827

Wilhelm Hauff


Inhalt:

Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven (Rahmenerzhlung)
Der Zwerg Nase
Abner, der Jude, der nichts gesehen hat
Der arme Stephan
Der gebackene Kopf
Der Affe als Mensch (Der junge Englnder)
Das Fest der Unterirdischen
Schneeweichen und Rosenrot
Die Geschichte Almansors




Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven

Wilhelm Hauff


Der Scheik von Alessandria, Ali Banu, war ein sonderbarer Mann; wenn
er morgens durch die Straen der Stadt ging, angetan mit einem Turban,
aus den kstlichsten Kaschmirs gewunden, mit dem Festkleide und dem
reichen Grtel, der fnfzig Kamele wert war, wenn er einherging
langsamen, gravittischen Schrittes, seine Stirne in finstere Falten
gelegt, seine Augenbrauen zusammengezogen, die Augen niedergeschlagen
und alle fnf Schritte gedankenvoll seinen langen, schwarzen Bart
streichend; wenn er so hinging nach der Moschee, um, wie es seine
Wrde forderte, den Glubigen Vorlesungen ber den Koran zu halten:
da blieben die Leute auf der Strae stehen, schauten ihm nach und
sprachen zueinander: "Es ist doch ein schner, stattlicher Mann, und
reich, ein reicher Herr", setzte wohl ein anderer hinzu, "sehr reich;
hat er nicht ein Schlo am Hafen von Stambul?  Hat er nicht Gter und
Felder und viele tausend Stck Vieh und viele Sklaven?"

"Ja", sprach ein dritter, "und der Tatar, der letzthin von Stambul
her, vom Groherrn selbst, den der Prophet segnen mge, an ihn
geschickt kam, der sagte mir, da unser Scheik sehr in Ansehen stehe
beim Reis-Effendi, beim Kapidschi-Baschi, bei allen, ja beim Sultan
selbst."

"Ja", rief ein vierter, "seine Schritte sind gesegnet; er ist ein
reicher, vornehmer Herr, aber--aber, ihr wit, was ich meine!"  "Ja,
ja!" murmelten dann die anderen dazwischen, "es ist wahr, er hat auch
ein Teil zu tragen, mchten nicht mit ihm tauschen; ist ein reicher,
vornehmer Herr; aber, aber!"

Ali Banu hatte ein herrliches Haus auf dem schnsten Platz von
Alessandria; vor dem Hause war eine weite Terrasse, mit Marmor
ummauert, beschattet von Palmbumen; dort sa er oft abends und
rauchte seine Wasserpfeife.  In ehrerbietiger Entfernung harrten dann
zwlf reichgekleidete Sklaven seines Winkes; der eine trug seinen
Betel, der andere hielt seinen Sonnenschirm, ein dritter hatte Gefe
von gediegenem Golde, mit kstlichem Sorbet angefllt, ein vierter
trug einen Wedel von Pfauenfedern, um die Fliegen aus der Nhe des
Herrn zu verscheuchen; andere waren Snger und trugen Lauten und
Blasinstrumente, um ihn zu ergtzen mit Musik, wenn er es verlangte,
und der gelehrteste von allen trug mehrere Rollen, um ihm vorzulesen.

Aber sie harreten vergeblich auf seinen Wink; er verlangte nicht
Musik noch Gesang, er wollte keine Sprche oder Gedichte weiser
Dichter der Vorzeit hren, er wollte keinen Sorbet zu sich nehmen,
noch Betel kauen, ja, selbst der mit dem Fcher aus Pfauenfeder hatte
vergebliche Arbeit; denn der Herr bemerkte es nicht, wenn ihn eine
Fliege summend umschwrmte.  Da blieben oft die Vorbergehenden
stehen, staunten ber die Pracht des Hauses, ber die
reichgekleideten Sklaven und ber die Bequemlichkeit, womit alles
versehen war; aber wenn sie dann den Scheik ansahen, wie er so ernst
und dster unter den Palmen sa, seine Augen nirgends hinwandte als
auf die blulichen Wlkchen seiner Wasserpfeife, da schttelten sie
die Kpfe und sprachen: "Wahrlich, der reiche Mann ist ein armer Mann.
Er, der viel hat, ist rmer als der, der nichts hat; denn der
Prophet hat ihm den Verstand nicht gegeben, es zu genieen."

So sprachen die Leute, lachten ber ihn und gingen weiter.

Eines Abends, als der Scheik wiederum vor der Tre seines Hauses sa,
umgeben von allem Glanz der Erde, und traurig und einsam seine
Wasserpfeife rauchte, standen nicht ferne davon einige junge Leute,
betrachteten ihn und lachten.

"Wahrlich", sprach der eine, "das ist ein trichter Mann, der Scheik
Ali Banu; htte ich seine Schtze, ich wollte sie anders anwenden.
Alle Tage wollte ich leben herrlich und in Freuden; meine Freunde
mten bei mir speisen in den groen Gemchern des Hauses, und Jubel
und Lachen mten diese traurigen Hallen fllen."

"Ja", erwiderte ein anderer.  "Das wre nicht so bel; aber viele
Freunde zehren ein Gut auf, und wre es so gro als das des Sultans,
den der Prophet segne; aber se ich abends so unter den Palmen auf
dem schnen Platze hier, da mten mir die Sklaven dort singen und
musizieren, meine Tnzer mten kommen und tanzen und springen und
allerlei wunderliche Stcke auffhren.  Dazu rauchte ich recht
vornehm die Wasserpfeife, liee mir den kstlichen Sorbet reichen und
ergtzte mich an all diesem wie ein Knig von Bagdad."

"Der Scheik", sprach ein dritter dieser jungen Leute, der ein
Schreiber war, "der Scheik soll ein gelehrter und weiser Mann sein,
und wirklich, seine Vorlesungen ber den Koran zeugen von Belesenheit
in allen Dichtern und Schriften der Weisheit; aber ist auch sein
Leben so eingerichtet, wie es einem vernnftigen Manne geziemt?  Dort
steht ein Sklave mit einem ganzen Arm voll Rollen; ich gbe mein
Festkleid dafr, nur eine davon lesen zu drfen; denn es sind gewi
seltene Sachen.  Aber er?  Er sitzt und raucht und lt
Bcher--Bcher sein.  Wre ich der Scheik Ali Banu, der Kerl mte
mir vorlesen, bis er keinen Atem mehr htte oder bis die Nacht
heraufkme; und auch dann noch mte er mir lesen, bis ich
entschlummert wre."  "Ha!  Ihr wit mir recht, wie man sich ein
kstliches Leben einrichtet", lachte der vierte; "essen und trinken,
singen und tanzen, Sprche lesen und Gedichte hren von armseligen
Dichtern!  Nein, ich wrde es ganz anders machen.  Er hat die
herrlichsten Pferde und Kamele und Geld die Menge.  Da wrde ich an
seiner Stelle reisen, reisen bis an der Welt Ende und selbst zu den
Moskowitern, selbst zu den Franken.  Kein Weg wre mir zu weit, um
die Herrlichkeiten der Welt zu sehen.  So wrde ich tun, wre ich
jener Mann dort."

"Die Jugend ist eine schne Zeit und das Alter, wo man frhlich ist",
sprach ein alter Mann von unscheinbarem Aussehen, der neben ihnen
stand und ihre Reden gehrt hatte, "aber erlaubet mir, da ich es
sage, die Jugend ist auch tricht und schwatzt hier und da in den Tag
hinein, ohne zu wissen, was sie tut."

"Was wollt Ihr damit sagen, Alter?" fragten verwundert die jungen
Leute.  "Meinet Ihr uns damit?  Was geht es Euch an, da wir die
Lebensart des Scheiks tadeln?"

"Wenn einer etwas besser wei als der andere, so berichtige er seinen
Irrtum, so will es der Prophet", erwiderte der alte Mann, "der Scheik,
es ist wahr, ist gesegnet mit Schtzen und hat alles, wonach das
Herz verlangt, aber er hat Ursache, ernst und traurig zu sein.
Meinet ihr, er sei immer so gewesen?  Nein, ich habe ihn noch vor
fnfzehn Jahren gesehen, da war er munter und rstig wie die Gazelle
und lebte frhlich und geno sein Leben.  Damals hatte er einen Sohn,
die Freude seiner Tage, schn und gebildet, und wer ihn sah und
sprechen hrte, mute den Scheik beneiden um diesen Schatz, denn er
war erst zehn Jahre alt, und doch war er schon so gelehrt wie ein
anderer kaum im achtzehnten."

"Und der ist ihm gestorben?  Der arme Scheik!" rief der junge
Schreiber.

"Es wre trstlich fr ihn, zu wissen, da er heimgegangen in die
Wohnungen des Propheten, wo er besser lebte als hier in Alessandria;
aber das, was er erfahren mute, ist viel schlimmer.  Es war damals
die Zeit, wo die Franken wie hungrige Wlfe herberkamen in unser
Land und Krieg mit uns fhrten.  Sie hatten Alessandria berwltigt
und zogen von da aus weiter und immer weiter und bekriegten die
Mamelucken.  Der Scheik war ein kluger Mann und wute sich gut mit
ihnen zu vertragen; aber, sei es, weil sie lstern waren nach seinen
Schtzen, sei es, weil er sich seiner glubigen Brder annahm, ich
wei es nicht genau; kurz, sie kamen eines Tages in sein Haus und
beschuldigten ihn, die Mamelucken heimlich mit Waffen, Pferden und
Lebensmitteln untersttzt zu haben.  Er mochte seine Unschuld
beweisen, wie er wollte, es half nichts, denn die Franken sind ein
rohes, hartherziges Volk, wenn es darauf ankommt, Geld zu erpressen.
Sie nahmen also seinen jungen Sohn, Kairam geheien, als Geisel in
ihr Lager.  Er bot ihnen viel Geld fr ihn; aber sie gaben ihn nicht
los und wollten ihn zu noch hherem Gebot steigern.  Da kam ihnen auf
einmal von ihrem Bassa, oder was er war, der Befehl, sich
einzuschiffen; niemand in Alessandria wute ein Wort davon,
und--pltzlich waren sie auf der hohen See, und den kleinen Kairam,
Ali Banus Sohn, schleppten sie wohl mit sich, denn man hat nie wieder
etwas von ihm gehrt."

"O der arme Mann, wie hat ihn doch Allah geschlagen!" riefen einmtig
die jungen Leute und schauten mitleidig hin nach dem Scheik, der,
umgeben von Herrlichkeit, trauernd und einsam unter den Palmen sa.

"Sein Weib, das er sehr geliebt hat, starb ihm aus Kummer um ihren
Sohn; er selbst aber kaufte sich ein Schiff, rstete es aus und bewog
den frnkischen Arzt, der dort unten am Brunnen wohnt, mit ihm nach
Frankistan zu reisen, um den verlorenen Sohn aufzusuchen.  Sie
schifften sich ein und waren lange Zeit auf dem Meere und kamen
endlich in das Land jener Giaurs, jener Unglubigen, die in
Alessandria gewesen waren.  Aber dort soll es gerade schrecklich
zugegangen sein.  Sie hatten ihren Sultan umgebracht, und die Paschas
und die Reichen und Armen schlugen einander die Kpfe ab, und es war
keine Ordnung im Lande.  Vergeblich suchten sie in jeder Stadt nach
dem kleinen Kairam, niemand wollte von ihm wissen, und der frnkische
Doktor riet endlich dem Scheik, sich einzuschiffen, weil sie sonst
wohl selbst um ihre Kpfe kommen knnten.

So kamen sie wieder zurck, und seit seiner Ankunft hat der Scheik
gelebt wie an diesem Tag, denn er trauert um seinen Sohn, und er hat
recht.  Mu er nicht, wenn er it und trinkt, denken, jetzt mu
vielleicht mein armer Kairam hungern und drsten?

Und wenn er sich bekleidet mit reichen Schals und Festkleidern, wie
es sein Amt und seine Wrde will, mu er nicht denken, jetzt hat er
wohl nichts, womit er seine Ble deckt?  Und wenn er umgeben ist von
Sngern und Tnzern und Vorlesern, seinen Sklaven, denkt er da nicht,
jetzt mu wohl mein armer Sohn seinem frnkischen Gebieter Sprnge
vormachen und musizieren, wie er es haben will?  Und was ihm den
grten Kummer macht, er glaubt, der kleine Kairam werde, so weit vom
Lande seiner Vter und mitten unter Unglubigen, die seiner spotten,
abtrnnig werden vom Glauben seiner Vter und er werde ihn einst
nicht umarmen knnen in den Grten des Paradieses!

Darum ist er auch so mild gegen seine Sklaven und gibt groe Summen
an die Armen; denn er denkt, Allah werde es vergelten und das Herz
seiner frnkischen Herren rhren, da sie seinen Sohn mild behandeln.
Auch gibt er jedesmal, wenn der Tag kommt, an welchem ihm sein Sohn
entrissen wurde, zwlf Sklaven frei."

"Davon habe ich auch schon gehrt", entgegnete der Schreiber, "aber
man trgt sich mit wundervollen Reden; von seinem Sohne wurde dabei
nichts erwhnt; wohl aber sagte man, er sei ein sonderbarer Mann und
ganz besonders erpicht auf Erzhlungen; da soll er jedes Jahr unter
seinen Sklaven einen Wettstreit anstellen, und wer am besten erzhlt,
den gibt er frei."  "Verlasset euch nicht auf das Gerede der Leute",
sagte der alte Mann, "es ist so, wie ich es sage, und ich wei es
genau; mglich ist, da er sich an diesem schweren Tage aufheitern
will und sich Geschichten erzhlen lt; doch gibt er sie frei um
seines Sohnes willen.  Doch, der Abend wird khl, und ich mu
weitergehen.  Salem aleikum, Friede sei mit euch, ihr jungen Herren,
und denket in Zukunft besser von dem guten Scheik!"

Die jungen Leute dankten dem Alten fr seine Nachrichten, schauten
noch einmal nach dem trauernden Vater und gingen die Strae hinab,
indem sie zueinander sprachen: "Ich mchte doch nicht der Scheik Ali
Banu sein."

Nicht lange Zeit, nachdem diese jungen Leute mit dem alten Mann ber
den Scheik Ali Banu gesprochen hatten, traf es sich, da sie um die
Zeit des Morgengebets wieder diese Strae gingen.  Da fiel ihnen der
alte Mann und seine Erzhlung ein, und sie beklagten zusammen den
Scheik und blickten nach seinem Hause.  Aber wie staunten sie, als
sie dort alles aufs herrlichste ausgeschmckt fanden!  Von dem Dache,
wo geputzte Sklavinnen spazierengingen, wehten Wimpeln und Fahnen,
die Halle des Hauses war mit kstlichen Teppichen belegt, Seidenstoff
schlo sich an diese an, der ber die breiten Stufen der Treppe
gelegt war, und selbst auf der Strae war noch schnes, feines Tuch
ausgebreitet, wovon sich mancher wnschen mochte zu einem Festkleid
oder zu einer Decke fr die Fe.

"Ei, wie hat sich doch der Scheik gendert in den wenigen Tagen!"
sprach der junge Schreiber.  "Will er ein Fest geben?  Will er seine
Snger und Tnzer anstrengen?  Seht mir diese Teppiche!  Hat sie
einer so schn in ganz Alessandria!  Und dieses Tuch auf dem gemeinen
Boden, wahrlich, es ist schade dafr!"

"Weit du, was ich denke?" sprach ein anderer.  "Er empfngt
sicherlich einen hohen Gast; denn das sind Zubereitungen, wie man sie
macht, wenn ein Herrscher von groen Lndern oder ein Effendi des
Groherrn ein Haus mit seinem Besuch segnet.  Wer mag wohl heute
hierherkommen?"

"Siehe da, geht dort unten nicht unser Alter von letzthin?  Ei, der
wei ja alles und mu auch darber Aufschlu geben knnen.  Heda!
Alter Herr!  Wollet Ihr nicht ein wenig zu uns treten?"  So riefen sie;
der alte Mann aber bemerkte ihre Winke und kam zu ihnen; denn er
erkannte sie als die jungen Leute, mit welchen er vor einigen Tagen
gesprochen.  Sie machten ihn aufmerksam auf die Zurstungen im Hause
des Scheiks und fragten ihn, ob er nicht wisse, welch hoher Gast wohl
erwartet werde.

"Ihr glaubt wohl", erwiderte er, "Ali Banu feiere heute ein groes
Freudenfest, oder der Besuch eines groen Mannes beehre sein Haus?
Dem ist nicht also; aber heute ist der zwlfte Tag des Monats Ramadan,
wie ihr wisset, und an diesem Tag wurde sein Sohn ins Lager gefhrt."

"Aber beim Bart des Propheten!" rief einer der jungen Leute.  "Das
sieht ja alles aus wie Hochzeit und Festlichkeiten, und doch ist es
sein berhmter Trauertag, wie reimt Ihr das zusammen?  Gesteht, der
Scheik ist denn doch etwas zerrttet im Verstand."

"Urteilt Ihr noch immer so schnell, mein junger Freund?" fragte der
Alte lchelnd.  "Auch diesmal war Euer Pfeil wohl spitzig und scharf,
die Sehne Eures Bogens straff angezogen, und doch habt Ihr weitab vom
Ziele geschossen.  Wisset, da heute der Scheik seinen Sohn erwartet."

"So ist er gefunden?" riefen die Jnglinge und freuten sich.  "Nein,
und er wird sich wohl lange nicht finden; aber wisset: Vor acht oder
zehn Jahren, als der Scheik auch einmal mit Trauern und Klagen diesen
Tag beging, auch Sklaven freigab und viele Arme speiste und trnkte,
da traf es sich, da er auch einem Derwisch, der mde und matt im
Schatten jenes Hauses lag, Speise und Trank reichen lie.  Der
Derwisch aber war ein heiliger Mann und erfahren in Prophezeiungen
und im Sterndeuten.  Der trat, als er gestrkt war durch die milde
Hand des Scheiks, zu ihm und sprach: 'Ich kenne die Ursache deines
Kummers; ist nicht heute der zwlfte Ramadan, und hast du nicht an
diesem Tage deinen Sohn verloren?  Aber sei getrost, dieser Tag der
Trauer wird dir zum Festtag werden, denn wisse, an diesem Tage wird
einst dein Sohn zurckkehren!' So sprach der Derwisch.  Es wre Snde
fr jeden Muselmann, an der Rede eines solchen Mannes zu zweifeln;
der Gram Alis wurde zwar dadurch nicht gemildert, aber doch harrt er
an diesem Tage immer auf die Rckkehr seines Sohnes und schmckt sein
Haus und seine Halle und die Treppen, als knne jener zu jeder Stunde
anlangen."

"Wunderbar!" erwiderte der Schreiber.  "Aber zusehen mchte ich doch,
wie alles so herrlich bereitet ist, wie er selbst in dieser
Herrlichkeit trauert, und hauptschlich mchte ich zuhren, wie er
sich von seinen Sklaven erzhlen lt."

"Nichts leichter als dies", antwortete der Alte.  "Der Aufseher der
Sklaven jenes Hauses ist mein Freund seit langen Jahren und gnnt mir
an diesem Tage immer ein Pltzchen in dem Saal, wo man unter der
Menge der Diener und Freunde des Scheiks den einzelnen nicht bemerkt.
Ich will mit ihm reden, da er euch einlt; ihr seid ja nur zu
viert, und da kann es schon gehen; kommet um die neunte Stunde auf
diesen Platz, und ich will euch Antwort geben."

So sprach der Alte; die jungen Leute aber dankten ihm und entfernten
sich, voll Begierde zu sehen, wie sich dies alles begeben wrde.

Sie kamen zur bestimmten Stunde auf den Platz vor dem Hause des
Scheik und trafen da den Alten, der ihnen sagte, da der Aufseher der
Sklaven erlaubt habe, sie einzufhren.  Er ging voran, doch nicht
durch die reichgeschmckten Treppen und Tore, sondern durch ein
Seitenpfrtchen, das er sorgfltig wieder verschlo.  Dann fhrte er
sie durch mehrere Gnge, bis sie in den groen Saal kamen.  Hier war
ein groes Gedrnge von allen Seiten; da waren reichgekleidete Mnner,
angesehene Herren der Stadt und Freunde des Scheik, die gekommen
waren, ihn in seinem Schmerz zu trsten.  Da waren Sklaven aller Art
und aller Nationen.  Aber alle sahen kummervoll aus; denn sie liebten
ihren Herrn und trauerten mit ihm.  Am Ende des Saales, auf einem
reichen Diwan, saen die vornehmsten Freunde Alis und wurden von den
Sklaven bedient.  Neben ihnen auf dem Boden sa der Scheik; denn die
Trauer um seinen Sohn erlaubte ihm nicht, auf dem Teppich der Freude
zu sitzen.  Er hatte sein Haupt in die Hand gesttzt und schien wenig
auf die Trstungen zu hren, die ihm seine Freunde zuflsterten.  Ihm
gegenber saen einige alte und junge Mnner in Sklaventracht.  Der
Alte belehrte seine jungen Freunde, da dies die Sklaven seien, die
Ah Banu an diesem Tage freigebe.  Es waren unter ihnen auch einige
Franken, und der Alte machte besonders auf einen von ihnen aufmerksam,
der von ausgezeichneter Schnheit und noch sehr jung war.  Der
Scheik hatte ihn erst einige Tage zuvor einem Sklavenhndler von
Tunis um eine groe Summe abgekauft und gab ihn dennoch jetzt schon
frei, weil er glaubte, je mehr Franken er in ihr Vaterland
zurckschicke, desto frher werde der Prophet seinen Sohn erlsen.

Nachdem man berall Erfrischungen umhergereicht hatte, gab der Scheik
dem Aufseher der Sklaven ein Zeichen.  Dieser stand auf, und es ward
tiefe Stille im Saal.  Er trat vor die Sklaven, welche freigelassen
werden sollten, und sprach mit vernehmlichen Stimme: "Ihr Mnner, die
ihr heute frei sein werdet durch die Gnade meines Herrn Ali Banu, des
Scheik von Alessandria, tuet nur, wie es Sitte ist an diesem Tage in
seinem Hause, und hebet an zu erzhlen!"

Sie flsterten untereinander.  Dann aber nahm ein alter Sklave das
Wort und fing an zu erzhlen:




Der Zwerg Nase

Wilhelm Hauff


Herr!  Diejenigen tun sehr unrecht, welche glauben, es habe nur zu
Zeiten Haruns Al-Raschid, des Beherrschers von Bagdad, Feen und
Zauberer gegeben, oder die gar behaupten, jene Berichte von dem
Treiben der Genien und ihrer Frsten, welche man von den Erzhlern
auf den Mrkten der Stadt hrt, seien unwahr.  Noch heute gibt es
Feen, und es ist nicht so lange her, da ich selbst Zeuge einer
Begebenheit war, wo offenbar die Genien im Spiele waren, wie ich euch
berichten werde.

In einer bedeutenden Stadt meines lieben Vaterlandes, Deutschlands,
lebte vor vielen Jahren ein Schuster mit seiner Frau schlicht und
recht.  Er sa bei Tag an der Ecke der Strae und flickte Schuhe und
Pantoffeln und machte wohl auch neue, wenn ihm einer welche
anvertrauen mochte; doch mute er dann das Leder erst einkaufen, denn
er war arm und hatte keine Vorrte.  Seine Frau verkaufte Gemse und
Frchte, die sie in einem kleinen Grtchen vor dem Tore pflanzte, und
viele Leute kauften gerne bei ihr, weil sie reinlich und sauber
gekleidet war und ihr Gemse auf gefllige Art auszubreiten wute.

Die beiden Leutchen hatten einen schnen Knaben, angenehm von Gesicht,
wohlgestaltet und fr das Alter von zwlf Jahren schon ziemlich gro.
Er pflegte gewhnlich bei der Mutter auf dem Gemsemarkt zu sitzen,
und den Weibern oder Kchen, die viel bei der Schustersfrau
eingekauft hatten, trug er wohl auch einen Teil der Frchte nach
Hause, und selten kam er von einem solchen Gang zurck ohne eine
schne Blume oder ein Stckchen Geld oder Kuchen; denn die
Herrschaften dieser Kche sahen es gerne, wenn man den schnen Knaben
mit nach Hause brachte, und beschenkten ihn immer reichlich.

Eines Tages sa die Frau des Schusters wieder wie gewhnlich auf dem
Markte, sie hatte vor sich einige Krbe mit Kohl und anderm Gemse,
allerlei Kruter und Smereien, auch in einem kleineren Krbchen
frhe Birnen, pfel und Aprikosen.  Der kleine Jakob, so hie der
Knabe, sa neben ihr und rief mit heller Stimme die Waren aus:
"Hierher, ihr Herren, seht, welch schner Kohl, wie wohlriechend
diese Kruter; frhe Birnen, ihr Frauen, frhe pfel und Aprikosen,
wer kauft?  Meine Mutter gibt es wohlfeil."  So rief der Knabe.  Da
kam ein altes Weib ber den Markt her; sie sah etwas zerrissen und
zerlumpt aus, hatte ein kleines, spitziges Gesicht, vom Alter ganz
eingefurcht, rote Augen und eine spitzige, gebogene Nase, die gegen
das Kinn hinabstrebte; sie ging an einem langen Stock, und doch
konnte man nicht sagen, wie sie ging; denn sie hinkte und rutschte
und wankte; es war, als habe sie Rder in den Beinen und knne alle
Augenblicke umstlpen und mit der spitzigen Nase aufs Pflaster fallen.

Die Frau des Schusters betrachtete dieses Weib aufmerksam.  Es waren
jetzt doch schon sechzehn Jahre, da sie tglich auf dem Markte sa,
und nie hatte sie diese sonderbare Gestalt bemerkt.  Aber sie
erschrak unwillkrlich, als die Alte auf sie zuhinkte und an ihren
Krben stillstand.

"Seid Ihr Hanne, die Gemsehndlerin?" fragte das alte Weib mit
unangenehmer, krchzender Stimme, indem sie bestndig den Kopf hin
und her schttelte.

"Ja, die bin ich", antwortete die Schustersfrau, "ist Euch etwas
gefllig?"

"Wollen sehen, wollen sehen!  Krutlein schauen, Krutlein schauen,
ob du hast, was ich brauche", antwortete die Alte, beugte sich nieder
vor den Krben und fuhr mit ein Paar dunkelbraunen, hlichen Hnden
in den Kruterkorb hinein, packte die Krutlein, die so schn und
zierlich ausgebreitet waren, mit ihren langen Spinnenfingern, brachte
sie dann eins um das andere hinauf an die lange Nase und beroch sie
hin und her.  Der Frau des Schusters wollte es fast das Herz
abdrucken, wie sie das alte Weib also mit ihren seltenen Krutern
hantieren sah; aber sie wagte nichts zu sagen; denn es war das Recht
des Kufers, die Ware zu prfen, und berdies empfand sie ein
sonderbares Grauen vor dem Weibe.  Als jene den ganzen Korb
durchgemustert hatte, murmelte sie: "Schlechtes Zeug, schlechtes
Kraut, nichts von allem, was ich will, war viel besser vor fnfzig
Jahren; schlechtes Zeug, schlechtes Zeug!"

Solche Reden verdrossen nun den kleinen Jakob.  "Hre, du bist ein
unverschmtes, altes Weib", rief er unmutig, "erst fhrst du mit
deinen garstigen, braunen Fingern in die schnen Kruter hinein und
drckst sie zusammen, dann hltst du sie an deine lange Nase, da sie
niemand mehr kaufen mag, wer zugesehen, und jetzt schimpfst du noch
unsere Ware schlechtes Zeug, und doch kauft selbst der Koch des
Herzogs alles bei uns!"

Das alte Weib schielte den mutigen Knaben an, lachte widerlich und
sprach mit heiserer Stimme: "Shnchen, Shnchen!  Also gefllt dir
meine Nase, meine schne lange Nase?  Sollst auch eine haben mitten
im Gesicht bis bers Kinn herab."  Whrend sie so sprach, rutschte sie
an den andern Korb, in welchem Kohl ausgelegt war.  Sie nahm die
herrlichsten weien Kohlhupter in die Hand, drckte sie zusammen,
da sie chzten, warf sie dann wieder unordentlich in den Korb und
sprach auch hier: "Schlechte Ware, schlechter Kohl!"

"Wackle nur nicht so garstig mit dem Kopf hin und her!" rief der
Kleine ngstlich.  "Dein Hals ist ja so dnne wie ein Kohlstengel,
der knnte leicht abbrechen, und dann fiele dein Kopf hinein in den
Korb; wer wollte dann noch kaufen!"

"Gefallen sie dir nicht, die dnnen Hlse?" murmelte die Alte lachend.
"Sollst gar keinen haben, Kopf mu in den Schultern stecken, da er
nicht herabfllt vom kleinen Krperlein!"

"Schwatzt doch nicht so unntzes Zeug mit dem Kleinen da", sagte
endlich die Frau des Schusters im Unmut ber das lange Prfen,
Mustern und Beriechen, "wenn Ihr etwas kaufen wollt, so sputet Euch,
Ihr verscheucht mir ja die anderen Kunden."

"Gut, es sei, wie du sagst", rief die Alte mit grimmigem Blick.  "Ich
will dir diese sechs Kohlhupter abkaufen; aber siehe, ich mu mich
auf den Stab sttzen und kann nichts tragen; erlaube deinem Shnlein,
da es mir die Ware nach Hause bringt, ich will es dafr belohnen."

Der Kleine wollte nicht mitgehen und weinte; denn ihm graute vor der
hlichen Frau, aber die Mutter befahl es ihm ernstlich, weil sie es
doch fr eine Snde hielt, der alten, schwchlichen Frau diese Last
allein aufzubrden; halb weinend tat er, wie sie befohlen, raffte die
Kohlhupter in ein Tuch zusammen und folgte dem alten Weibe ber den
Markt hin.

Es ging nicht sehr schnell bei ihr, und sie brauchte beinahe drei
Viertelstunden, bis sie in einen ganz entlegenen Teil der Stadt kam
und endlich vor einem kleinen, bauflligen Hause stillhielt.  Dort
zog sie einen alten, rostigen Haken aus der Tasche, fuhr damit
geschickt in ein kleines Loch in der Tre, und pltzlich sprang diese
krachend auf.  Aber wie war der kleine Jakob berrascht, als er
eintrat!  Das Innere des Hauses war prachtvoll ausgeschmckt, von
Marmor waren die Decke und die Wnde, die Gertschaften vom schnsten
Ebenholz, mit Gold und geschaffenen Steinen eingelegt, der Boden aber
war von Glas und so glatt, da der Kleine einigemal ausglitt und
umfiel.  Die Alte aber zog ein silbernes Pfeifchen aus der Tasche und
pfiff eine Weise darauf, die gellend durch das Haus tnte.  Da kamen
sogleich einige Meerschweinchen die Treppe herab; dem Jakob wollte es
aber ganz sonderbar dnken, da sie aufrecht auf zwei Beinen gingen,
Nuschalen statt Schuhen an den Pfoten trugen, menschliche Kleider
angelegt und sogar Hte nach der neuesten Mode auf die Kpfe gesetzt
hatten.  "Wo habt ihr meine Pantoffeln, schlechtes Gesindel?" rief
die Alte und schlug mit dem Stock nach ihnen, da sie jammernd in die
Hhe sprangen.  "Wie lange soll ich noch so dastehen?"

Sie sprangen schnell die Treppe hinauf und kamen wieder mit ein Paar
Schalen von Kokosnu, mit Leder gefttert, welche sie der Alten
geschickt an die Fe steckten.

Jetzt war alles Hinken und Rutschen vorbei.  Sie warf den Stab von
sich und glitt mit groer Schnelligkeit ber den Glasboden hin, indem
sie den kleinen Jakob an der Hand mit fortzog.  Endlich hielt sie in
einem Zimmer stille, das, mit allerlei Gertschaften ausgeputzt,
beinahe einer Kche glich, obgleich die Tische von Mahagoniholz und
die Sofas, mit reichen Teppichen behngt, mehr zu einem Prunkgemach
paten.  "Setze dich, Shnchen", sagte die Alte recht freundlich,
indem sie ihn in die Ecke eines Sofas drckte und einen Tisch also
vor ihn hinstellte, da er nicht mehr hervorkommen konnte.  "Setze
dich, du hast gar schwer zu tragen gehabt, die Menschenkpfe sind
nicht so leicht, nicht so leicht."

"Aber, Frau, was sprechet Ihr so wunderlich", rief der Kleine.  "Mde
bin ich zwar, aber es waren ja Kohlkpfe, die ich getragen, Ihr habt
sie meiner Mutter abgekauft."

"Ei, das weit du falsch", lachte das Weib, deckte den Deckel des
Korbes auf und brachte einen Menschenkopf hervor, den sie am Schopf
gefat hatte.  Der Kleine war vor Schrecken auer sich; er konnte
nicht fassen, wie dies alles zuging; aber er dachte an seine Mutter;
wenn jemand von diesen Menschenkpfen etwas erfahren wrde, dachte er
bei sich, da wrde man gewi meine Mutter dafr anklagen.

"Mu dir nun auch etwas geben zum Lohn, weil du so artig bist",
murmelte die Alte, "gedulde dich nur ein Weilchen, will dir ein
Sppchen einbrocken, an das du dein Leben lang denken wirst."  So
sprach sie und pfiff wieder.  Da kamen zuerst viele Meerschweinchen
in menschlichen Kleidern; sie hatten Kchenschrzen umgebunden und im
Grtel Rhrlffel und Tranchiermesser; nach diesen kam eine Menge
Eichhrnchen hereingehpft; sie hatten weite trkische Beinkleider an,
gingen aufrecht, und auf dem Kopf trugen sie grne Mtzchen von Samt.
Diese schienen die Kchenjungen zu sein; denn sie kletterten mit
groer Geschwindigkeit an den Wnden hinauf und brachten Pfannen und
Schsseln, Eier und Butter, Kruter und Mehl herab und trugen, es auf
den Herd; dort aber fuhr die alte Frau auf ihren Pantoffeln von
Kokosschalen bestndig hin und her, und der Kleine sah, da sie es
sich recht angelegen sein lasse, ihm etwas Gutes zu kochen.  Jetzt
knisterte das Feuer hher empor, jetzt rauchte und sott es in der
Pfanne, ein angenehmer Geruch verbreitete sich im Zimmer; die Alte
aber rannte auf und ab, die Eichhrnchen und Meerschweinchen ihr nach,
und so oft sie am Herde vorbeikam, guckte sie mit ihrer langen Nase
in den Topf.  Endlich fing es an zu sprudeln und zu zischen, Dampf
stieg aus dem Topf hervor, und der Schaum flo herab ins Feuer.  Da
nahm sie ihn weg, go davon in eine silberne Schale und setzte sie
dem kleinen Jakob vor.

"So, Shnchen, so", sprach sie, "i nur dieses Sppchen, dann hast du
alles, was dir an mir so gefallen!  Sollst auch ein geschickter Koch
werden, da du noch etwas bist; aber Krutlein, nein, das Krutlein
sollst du nimmer finden--Warum hat es deine Mutter nicht in ihrem
Korb gehabt?"  Der Kleine verstand nicht recht, was sie sprach, desto
aufmerksamer behandelte er die Suppe, die ihm ganz trefflich
schmeckte.  Seine Mutter hatte ihm manche schmackhafte Speise
bereitet; aber so gut war ihm noch nichts geworden.  Der Duft von
feinen Krutern und Gewrzen stieg aus der Suppe auf, dabei war sie
s und suerlich zugleich und sehr stark.  Whrend er noch die
letzten Tropfen der kstlichen Speise austrank, zndeten die
Meerschweinchen arabischen Weihrauch an, der in blulichen Wolken
durch das Zimmer schwebte; dichter und immer dichter wurden diese
Wolken und sanken herab, der Geruch des Weihrauchs wirkte betubend
auf den Kleinen, er mochte sich zurufen, so oft er wollte, da er zu
seiner Mutter zurckkehren msse; wenn er sich ermannte, sank er
immer wieder von neuem in den Schlummer zurck und schlief endlich
wirklich auf dem Sofa des alten Weibes ein.

Sonderbare Trume kamen ber ihn.  Es war ihm, als ziehe ihm die Alte
seine Kleider aus und umhlle ihn dafr mit einem Eichhrnchenbalg.
Jetzt konnte er Sprnge machen und klettern wie ein Eichhrnchen; er
ging mit den brigen Eichhrnchen und Meerschweinchen, die sehr
artige, gesittete Leute waren, um und hatte mit ihnen den Dienst bei
der alten Frau.  Zuerst wurde er nur zu den Diensten eines
Schuhputzers gebraucht, d. h. er mute die Kokosnsse, welche die
Frau statt der Pantoffeln trug, mit l salben und durch Reiben
glnzend machen.  Da er nun in seines Vaters Hause zu hnlichen
Geschften oft angehalten worden war, so ging es ihm flink von der
Hand; etwa nach einem Jahre, trumte er weiter, wurde er zu einem
feineren Geschft gebraucht; er mute nmlich mit noch einigen
Eichhrnchen Sonnenstubchen fangen und, wenn sie genug hatten,
solche durch das feinste Haarsieb sieben.  Die Frau hielt nmlich die
Sonnenstubchen fr das Allerfeinste, und weil sie nicht gut beien
konnte, denn sie hatte keinen Zahn mehr, so lie sie sich ihr Brot
aus Sonnenstubchen zubereiten.

Wiederum nach einem Jahre wurde er zu den Dienern versetzt, die das
Trinkwasser fr die Alte sammelten.  Man denke nicht, da sie sich
hierzu etwa eine Zisterne htte graben lassen oder ein Fa in den Hof
stellte, um das Regenwasser darin aufzufangen; da ging es viel feiner
zu; die Eichhrnchen, und Jakob mit ihnen, muten mit Haselnuschalen
den Tau aus den Rosen schpfen, und das war das Trinkwasser der Alten.
Da sie nun bedeutend viel trank, so hatten die Wassertrger schwere
Arbeit.  Nach einem Jahr wurde er zum inneren Dienst des Hauses
bestellt; er hatte nmlich das Amt, die Bden rein zu machen; da nun
diese von Glas waren, worin man jeden Hauch sah, war das keine
geringe Arbeit.  Sie muten sie brsten und altes ach an die Fe
schnallen und auf diesem knstlich im Zimmer umherfahren.  Im vierten
Jahre ward er endlich zur Kche versetzt.  Es war dies ein Ehrenamt,
zu welchem man nur nach langer Prfung gelangen konnte.  Jakob diente
dort vom Kchenjungen aufwrts bis zum ersten Pastetenmacher und
erreichte eine so ungemeine Geschicklichkeit und Erfahrung in allem,
was die Kche betrifft, da er sich oft ber sich selbst wundern
mute; die schwierigsten Sachen, Pasteten von zweihunderterlei
Essenzen, Krutersuppen, von allen Krutlein der Erde zusammengesetzt,
alles lernte er, alles verstand er schnell und krftig zu machen.

So waren etwa sieben Jahre im Dienste des alten Weibes vergangen, da
befahl sie ihm eines Tages, indem sie die Kokosschuhe auszog, Korb
und Krckenstock zur Hand nahm, um auszugehen, er sollte ein Hhnlein
rupfen, mit Krutern fllen und solches schn brunlich und gelb
rsten, bis sie wiederkme.  Er tat dies nach den Regeln der Kunst.
Er drehte dem Hhnlein den Kragen um, brhte es in heiem Wasser, zog
ihm geschickt die Federn aus, schabte ihm nachher die Haut, da sie
glatt und fein wurde, und nahm ihm die Eingeweide heraus.  Sodann
fing er an, die Kruter zu sammeln, womit er das Hhnlein fllen
sollte.  In der Kruterkammer gewahrte er aber diesmal ein
Wandschrnkchen, dessen Tre halb geffnet war und das er sonst nie
bemerkt hatte.  Er ging neugierig nher, um zu sehen, was es enthalte,
und siehe da, es standen viele Krbchen darinnen, von welchen ein
starker, angenehmer Geruch ausging.  Er ffnete eines dieser Krbchen
und fand darin Krutlein von ganz besonderer Gestalt und Farbe.  Die
Stengel und Bltter waren blaugrn und trugen oben eine kleine Blume
von brennendem Rot, mit Gelb verbrmt; er betrachtete sinnend diese
Blume, beroch sie, und sie strmte denselben starken Geruch aus, von
dem einst jene Suppe, die ihm die Alte gekocht, geduftet hatte.  Aber
so stark war der Geruch, da er zu niesen anfing, immer heftiger
niesen mute und--am Ende niesend erwachte.

Da lag er auf dem Sofa des alten Weibes und blickte verwundert umher.
"Nein, wie man aber so lebhaft trumen kann!" sprach er zu sich,
"htte ich jetzt doch schwren wollen, da ich ein schndes
Eichhrnchen, ein Kamerad von Meerschweinen und anderem Ungeziefer,
dabei aber ein groer Koch geworden sei.  Wie wird die Mutter lachen,
wenn ich ihr alles erzhle!  Aber wird sie nicht auch schmlen, da
ich in einem fremden Hause einschlafe, statt ihr zu helfen auf dem
Markte?"  Mit diesen Gedanken raffte er sich auf, um hinwegzugehen;
noch waren seine Glieder vom Schlafe ganz steif, besonders sein
Nacken, denn er konnte den Kopf nicht recht hin und her bewegen; er
mute auch selbst ber sich lcheln, da er so schlaftrunken war;
denn alle Augenblicke, ehe er es sich versah, stie er mit der Nase
an einen Schrank oder an die Wand oder schlug sie, wenn er sich
schnell umwandte, an einen Trpfosten.  Die Eichhrnchen und
Meerschweinchen liefen winselnd um ihn her, als wollten sie ihn
begleiten, er lud sie auch wirklich ein, als er auf der Schwelle war,
denn es waren niedliche Tierchen; aber sie fuhren auf ihren
Nuschalen schnell ins Haus zurck, und er hrte sie nur noch in der
Ferne heulen.

Es war ein ziemlich entlegener Teil der Stadt, wohin ihn die Alte
gefhrt hatte, und er konnte sich kaum aus den engen Gassen
herausfinden, auch war dort ein groes Gedrnge; denn es mute sich,
wie ihm dnkte, gerade in der Nhe ein Zwerg sehen lassen; berall
hrte er rufen: "Ei, sehet den hlichen Zwerg!  Wo kommt der Zwerg
her?  Ei, was hat er doch fr eine lange Nase, und wie ihm der Kopf
in den Schultern steckt, und die braunen, hlichen Hnde!"  Zu einer
andern Zeit wre er wohl auch nachgelaufen, denn er sah fr sein
Leben gern Riesen oder Zwerge oder seltsame fremde Trachten, aber so
mute er sich sputen, um zur Mutter zu kommen.

Es war ihm ganz ngstlich zumute, als er auf den Markt kam.  Die
Mutter sa noch da und hatte noch ziemlich viele Frchte im Korb,
lange konnte er also nicht geschlafen haben; aber doch kam es ihm von
weitem schon vor, als sei sie sehr traurig; denn sie rief die
Vorbergehenden nicht an, einzukaufen, sondern hatte den Kopf in die
Hand gesttzt, und als er nher kam, glaubte er auch, sie sei
bleicher als sonst.  Er zauderte, was er tun sollte; endlich fate er
sich ein Herz, schlich sich hinter sie hin, legte traulich seine Hand
auf ihren Arm und sprach: "Mtterchen, was fehlt dir?  Bist du bse
auf mich?"

Die Frau wandte sich um nach ihm, fuhr aber mit einem Schrei des
Entsetzens zurck.

"Was willst du von mir, hlicher Zwerg?" rief sie.  "Fort, fort!
Ich kann dergleichen Possenspiele nicht leiden."

"Aber, Mutter, was hast du denn?" fragte Jakob ganz erschrocken.
"Dir ist gewi nicht wohl; warum willst du denn deinen Sohn von dir
jagen?"

"Ich habe dir schon gesagt, gehe deines Weges!" entgegnete Frau Hanne
zrnend.  "Bei mir verdienst du kein Geld durch deine Gaukeleien,
hliche Migeburt!"

"Wahrhaftig, Gott hat ihr das Licht des Verstandes geraubt!" sprach
der Kleine bekmmert zu sich.  "Was fange ich nur an, um sie nach
Haus zu bringen?  Lieb Mtterchen, so sei doch nur vernnftig; sieh
mich doch nur recht an; ich bin ja dein Sohn, dein Jakob."

"Nein, jetzt wird mir der Spa zu unverschmt", rief Hanne ihrer
Nachbarin zu, "seht nur den hlichen Zwerg da; da steht er und
vertreibt mir gewi alle Kufer, und mit meinem Unglck wagt er zu
spotten.  Spricht zu mir: Ich bin ja dein Sohn, dein Jakob!  Der
Unverschmte!"

Da erhoben sich die Nachbarinnen und fingen an zu schimpfen, so arg
sie konnten--und Marktweiber, wisset ihr wohl, verstehen es--, und
schalten ihn, da er des Unglcks der armen Hanne spotte, der vor
sieben Jahren ihr bildschner 'Knabe gestohlen worden sei, und
drohten, insgesamt ber ihn herzufallen und ihn zu zerkratzen, wenn
er nicht alsobald ginge.

Der arme Jakob wute nicht, was er von diesem allem denken sollte.
War er doch, wie er glaubte, heute frh wie gewhnlich mit der Mutter
auf den Markt gegangen, hatte ihr die Frchte aufstellen helfen, war
nachher mit dem alten Weib in ihr Haus gekommen, hatte ein Sppchen
verzehrt, ein kleines Schlfchen gemacht und war jetzt wieder da, und
doch sprachen die Mutter und die Nachbarinnen von sieben Jahren!  Und
sie nannten ihn einen garstigen Zwerg!  Was war denn nun mit ihm
vorgegangen?--Als er sah, da die Mutter gar nichts mehr von ihm
hren wollte, traten ihm die Trnen in die Augen, und er ging
trauernd die Strae hinab nach der Bude, wo sein Vater den Tag ber
Schuhe flickte.  "Ich will doch sehen", dachte er bei sich, "ob er
mich auch nicht kennen will, unter die Tre will ich mich stellen und
mit ihm sprechen."  Als er an der Bude des Schusters angekommen war,
stellte er sich unter die Tre und schaute hinein.  Der Meister war
so emsig mit seiner Arbeit beschftigt, da er ihn gar nicht sah; als
er aber zufllig einen Blick nach der Tre warf, lie er Schuhe,
Draht und Pfriem auf die Erde fallen und rief mit Entsetzen: "Um
Gottes willen, was ist das, was ist das!"

"Guten Abend, Meister!" sprach der Kleine, indem er vollends in den
Laden trat.  "Wie geht es Euch?"

"Schlecht, schlecht, kleiner Herr!" antwortete der Vater zu Jakobs
groer Verwunderung; denn er schien ihn auch nicht zu kennen.  "Das
Geschft will mir nicht von der Hand.  Bin so allein und werde jetzt
alt; doch ist mir ein Geselle zu teuer."

"Aber habt Ihr denn kein Shnlein, das Euch nach und nach an die Hand
gehen knnte bei der Arbeit?" forschte der Kleine weiter.

"Ich hatte einen, er hie Jakob und mte jetzt ein schlanker,
gewandter Bursche von zwanzig Jahren sein, der mir tchtig unter die
Arme greifen knnte.  Ha, das mte ein Leben sein!  Schon als er
zwlf Jahre alt war, zeigte er sich so anstellig und geschickt und
verstand schon manches vom Handwerk, und hbsch und angenehm war er
auch; der htte mir eine Kundschaft hergelockt, da ich bald nicht
mehr geflickt, sondern nichts als Neues geliefert htte!  Aber so
geht's in der Welt!"

"Wo ist denn aber Euer Sohn?" fragte Jakob mit zitternder Stimme
seinen Vater.

"Das wei Gott", antwortete er, "vor sieben Jahren, ja, so lange
ist's jetzt her, wurde er uns vom Markte weg gestohlen."  'Vor sieben
Jahren!" rief Jakob mit Entsetzen.

"Ja, kleiner Herr, vor sieben Jahren; ich wei noch wie heute, wie
mein Weib nach Hause kam, heulend und schreiend, das Kind sei den
ganzen Tag nicht zurckgekommen, sie aber berall geforscht und
gesucht und es nicht gefunden.  Ich habe es immer gedacht und gesagt,
da es so kommen wrde; er Jakob war ein schnes Kind, das mu man
sagen; da war meine Frau stolz auf ihn und sah es gerne, wenn ihn die
Leute lobten, und schickte ihn oft mit Gemse und dergleichen in
vornehme Huser.  Das war schon recht; er wurde allemal reichlich
beschenkt; aber, sagte ich, gib acht!  Die Stadt ist gro; viele
schlechte Leute wohnen da, gib mir auf den Jakob acht!  Und so war es,
wie ich sagte.  Kommt einmal ein altes, hliches Weib auf den Markt,
feilscht um Frchte und Gemse und kauft am Ende so viel, da sie es
nicht selbst tragen kann.  Mein Weib, die mitleidige Seele, gibt ihr
den Jungen mit und--hat ihn zur Stunde nicht mehr gesehen."

"Und das ist jetzt sieben Jahre, sagt Ihr?"

"Sieben Jahre wird es im Frhling.  Wir lieen ihn ausrufen, wir
gingen von Haus zu Haus und fragten; manche hatten den hbschen
Jungen gekannt und liebgewonnen und suchten jetzt mit uns, alles
vergeblich.  Auch die Frau, welche das Gemse gekauft hatte, wollte
niemand kennen; aber ein steinaltes Weib, die schon neunzig Jahre
gelebt hatte, sagte, es knne wohl die bse Fee Kruterweis gewesen
sein, die alle fnfzig Jahre einmal in die Stadt komme, um sich
allerlei einzukaufen."

So sprach Jakobs Vater und klopfte dabei seine Schuhe weidlich und
zog den Draht mit beiden Fusten weit hinaus.  Dem Kleinen aber wurde
es nach und nach klar, was mit ihm vorgegangen, da er nmlich nicht
getrumt, sondern da er sieben Jahre bei der bsen Fee als
Eichhrnchen gedient habe.  Zorn und Gram erfllten sein Herz so sehr,
da es beinahe zerspringen wollte.  Sieben Jahre seiner Jugend hatte
ihm die Alte gestohlen, und was hatte er fr Ersatz dafr?  Da er
Pantoffeln von Kokosnssen blank putzen, da er ein Zimmer mit
glsernem Fuboden reinmachen konnte?  Da er von den Meerschweinchen
alle Geheimnisse der Kche gelernt hatte?  Er stand eine gute Weile
so da und dachte ber sein Schicksal nach; da fragte ihn endlich sein
Vater: "Ist Euch vielleicht etwas von meiner Arbeit gefllig, junger
Herr?  Etwa ein Paar neue Pantoffeln oder", setzte er lchelnd hinzu,
"vielleicht ein Futteral fr Eure Nase?"

"Was wollt Ihr nur mit meiner Nase?" fragte Jakob, "warum sollte ich
denn ein Futteral dazu brauchen?"

"Nun", entgegnete der Schuster, "jeder nach seinem Geschmack; aber
das mu ich Euch sagen, htte ich diese schreckliche Nase, ein
Futteral lie ich mir darber machen von rosenfarbigem Glanzleder.
Schaut, da habe ich ein schnes Stckchen zur Hand; freilich wrde
man eine Elle wenigstens dazu brauchen.  Aber wie gut wret Ihr
verwahrt, kleiner Herr; so, wei ich gewi, stot Ihr Euch an jedem
Trpfosten, an jedem Wagen, dem Ihr ausweichen wollet."

Der Kleine stand stumm vor Schrecken; er belastete seine Nase, sie
war dick und wohl zwei Hnde lang!  So hatte also die Alte auch seine
Gestalt verwandelt!  Darum kannte ihn also die Mutter nicht?  Darum
schalt man ihn einen hlichen Zwerg?!  "Meister!" sprach er halb
weinend zu dem Schuster, "habt Ihr keinen Spiegel bei der Hand, worin
ich mich beschauen knnte?"

"Junger Herr", erwiderte der Vater mit Ernst, "Ihr habt nicht gerade
eine Gestalt empfangen, die Euch eitel machen knnte, und Ihr habt
nicht Ursache, alle Stunden in den Spiegel zu gucken.  Gewhnt es
Euch ab, es ist besonders bei Euch eine lcherliche Gewohnheit."

"Ach, so lat mich doch in den Spiegel schauen", rief der Kleine,
"gewi, es ist nicht aus Eitelkeit!"

"Lasset mich in Ruhe, ich hab' keinen im Vermgen; meine Frau hat ein
Spiegelchen, ich wei aber nicht, wo sie es verborgen.  Mt Ihr aber
durchaus in den Spiegel gucken, nun, ber der Strae hin wohnt Urban,
der Barbier, der hat einen Spiegel, zweimal so gro als Euer Kopf;
gucket dort hinein, und indessen guten Morgen!"

Mit diesen Worten schob ihn der Vater ganz gelinde zur Bude hinaus,
schlo die Tr hinter ihm zu und setzte sich wieder zur Arbeit.  Der
Kleine aber ging sehr niedergeschlagen ber die Strae zu Urban, dem
Barbier, den er noch aus frheren Zeiten wohl kannte.  "Guten Morgen,
Urban", sprach er zu ihm, "ich komme, Euch um eine Geflligkeit zu
bitten; seid so gut und lasset mich ein wenig in Euren Spiegel
schauen!"

"Mit Vergngen, dort steht er", rief der Barbier lachend, und seine
Kunden, denen er den Bart scheren sollte, lachten weidlich mit.  "Ihr
seid ein hbsches Brschchen, schlank und fein, ein Hlschen wie ein
Schwan, Hndchen wie eine Knigin, und ein Stumpfnschen, man kann es
nicht schner sehen.  Ein wenig eitel seid Ihr darauf, das ist wahr;
aber beschauet Euch immer!  Man soll nicht von mir sagen, ich habe
Euch aus Neid nicht in meinen Spiegel schauen lassen."

So sprach der Barbier, und wieherndes Gelchter fllte die Baderstube.
Der Kleine aber war indes vor den Spiegel getreten und hatte sich
beschaut.  Trnen traten ihm in die Augen.  "Ja, so konntest du
freilich deinen Jakob nicht wiedererkennen, liebe Mutter", sprach er
zu sich, "so war er nicht anzuschauen in den Tagen der Freude, wo du
gerne mit ihm prangtest vor den Leuten!"  Seine Augen waren klein
geworden wie die der Schweine, seine Nase war ungeheuer und hing ber
Mund und Kinn herunter, der Hals schien gnzlich weggenommen worden
zu sein; denn sein Kopf stak tief in den Schultern, und nur mit den
grten Schmerzen konnte er ihn rechts und links bewegen.  Sein
Krper war noch so gro als vor sieben Jahren, da er zwlf Jahre alt
war; aber wenn andere vom zwlften bis ins zwanzigste in die Hhe
wachsen, so wuchs er in die Breite, der Rcken und die Brust waren
weit ausgebogen und waren anzusehen wie ein kleiner, aber sehr dick
gefllter Sack; dieser dicke Oberleib sa auf kleinen, schwachen
Beinchen, die dieser Last nicht gewachsen schienen, aber um so grer
waren die Arme, die ihm am Leib herabhingen, sie hatten die Gre wie
die eines wohlgewachsenen Mannes, seine Hnde waren grob und
braungelb, seine Finger lang und spinnenartig, und wenn er sie recht
ausstreckte, konnte er damit auf den Boden reichen, ohne da er sich
bckte.  So sah er aus, der kleine Jakob, zum migestalteten Zwerg
war er geworden.

Jetzt gedachte er auch jenes Morgens, an welchem das alte Weib an die
Krbe seiner Mutter getreten war.  Alles, was er damals an ihr
getadelt hatte, die lange Nase, die hlichen Finger, alles hatte sie
ihm angetan, und nur den langen, zitternden Hals hatte sie gnzlich
weggelassen.

"Nun, habt Ihr Euch jetzt genug beschaut, mein Prinz?" sagte der
Barbier, indem er zu ihm trat und ihn lachend betrachtete.  "Wahrlich,
wenn man sich dergleichen trumen lassen wollte, so komisch knnte
es einem im Traume nicht vorkommen.  Doch ich will Euch einen
Vorschlag machen, kleiner Mann.  Mein Barbierzimmer ist zwar sehr
besucht, aber doch seit neuerer Zeit nicht so, wie ich wnsche.  Das
kommt daher, weil mein Nachbar, der Barbier Schaum, irgendwo einen
Riesen aufgefunden hat, der ihm die Kunden ins Haus lockt.  Nun, ein
Riese zu werden, ist gerade keine Kunst, aber so ein Mnnchen wie Ihr,
ja, das ist schon ein ander Ding.  Tretet bei mir in Dienste,
kleiner Mann, Ihr sollt Wohnung, Essen, Trinken, Kleider, alles sollt
Ihr haben; dafr stellt Ihr Euch morgens unter meine Tre und ladet
die Leute ein, hereinzukommen.  Ihr schlaget den Seifenschaum,
reichet den Kunden das Handtuch und seid versichert, wir stehen uns
beide gut dabei; ich bekomme mehr Kunden als jener mit dem Riesen,
und jeder gibt Euch gerne noch ein Trinkgeld."

Der Kleine war in seinem Innern emprt ber den Vorschlag, als
Lockvogel fr einen Barbier zu dienen.  Aber mute er sich nicht
diesen Schimpf geduldig gefallen lassen?  Er sagte dem Barbier daher
ganz ruhig, da er nicht Zeit habe zu dergleichen Diensten, und ging
weiter.

Hatte das bse alte Weib seine Gestalt unterdrckt, so hatte sie doch
seinem Geist nichts anhaben knnen, das fhlte er wohl; denn er
dachte und fhlte nicht mehr, wie er vor sieben Jahren getan; nein,
er glaubte in diesem Zeitraum weiser, verstndiger geworden zu sein;
er trauerte nicht um seine verlorene Schnheit, nicht ber diese
hliche Gestalt, sondern nur darber, da er wie ein Hund von der
Tre seines Vaters gejagt werde.  Darum beschlo er, noch einen
Versuch bei seiner Mutter zu machen.

Er trat zu ihr auf den Markt und bat sie, ihm ruhig zuzuhren.  Er
erinnerte sie an jenen Tag, an welchem er mit dem alten Weibe
gegangen, er erinnerte sie an alle einzelnen Vorflle seiner Kindheit,
erzhlte ihr dann, wie er sieben Jahre als Eichhrnchen gedient habe
bei der Fee und wie sie ihn verwandelte, weil er sie damals getadelt.
Die Frau des Schusters wute nicht, was sie denken sollte.  Alles
traf zu, was er ihr von seiner Kindheit erzhlte, aber wenn er davon
sprach, da er sieben Jahre lang ein Eichhrnchen gewesen sei, da
sprach sie: "Es ist unmglich, und es gibt keine Feen", und wenn sie
ihn ansah, so verabscheute sie den hlichen Zwerg und glaubte nicht,
da dies ihr Sohn sein knne.  Endlich hielt sie es frs beste, mit
ihrem Manne darber zu sprechen.  Sie raffte also ihre Krbe zusammen
und hie ihn mitgehen.  So kamen sie zu der Bude des Schusters.

"Sieh einmal", sprach sie zu diesem, "der Mensch da will unser
verlorner Jakob sein.  Er hat mir alles erzhlt, wie er uns vor
sieben Jahren gestohlen wurde und wie er von einer Fee verzaubert
worden sei."

"So?" unterbrach sie der Schuster mit Zorn, "hat er dir dies erzhlt?
Warte, du Range!  Ich habe ihm alles erzhlt noch vor einer Stunde,
und jetzt geht er hin, dich so zu foppen!  Verzaubert bist du worden,
mein Shnchen?  Warte doch, ich will dich wieder entzaubern."  Dabei
nahm er ein Bndel Riemen, die er eben zugeschnitten hatte, sprang
auf den Kleinen zu und schlug ihn auf den hohen Rcken und auf die
langen Arme, da der Kleine vor Schmerz aufschrie und weinend
davonlief.

In jener Stadt gibt es, wie berall, wenige mitleidige Seelen, die
einen Unglcklichen, der zugleich etwas Lcherliches an sich trgt,
untersttzen.  Daher kam es, da der unglckliche Zwerg den ganzen
Tag ohne Speise und Trank blieb und abends die Treppen einer Kirche,
so hart und kalt sie waren, zum Nachtlager whlen mute.

Als ihn aber am nchsten Morgen die ersten Strahlen der Sonne
erweckten, da dachte er ernstlich darber nach, wie er sein Leben
fristen knne, da ihn Vater und Mutter verstoen.  Er fhlte sich zu
stolz, um als Aushngeschild eines Barbiers zu dienen, er wollte
nicht zu einem Possenreier sich verdingen und sich um Geld sehen
lassen.  Was sollte er anfangen?  Da fiel ihm mit einemmal bei, da
er als Eichhrnchen groe Fortschritte in der Kochkunst gemacht habe;
er glaubte nicht mit Unrecht, hoffen zu drfen, da er es mit manchem
Koch aufnehmen knne; er beschlo, seine Kunst zu bentzen.

Sobald es daher lebhafter wurde auf den Straen und der Morgen ganz
heraufgekommen war, trat er zuerst in die Kirche und verrichtete sein
Gebet.  Dann trat er seinen Weg an.  Der Herzog, der Herr des Landes,
o Herr, war ein bekannter Schlemmer und Lecker, der eine gute Tafel
liebte und seine Kche in allen Weltteilen aufsuchte.  Zu seinem
Palast begab sich der Kleine.  Als er an die uerste Pforte kam,
fragten die Trhter nach seinem Begehr und hatten ihren Spott mit
ihm; er aber verlangte nach dem Oberkchenmeister.  Sie lachten und
fhrten ihn durch die Vorhfe, und wo er hinkam, blieben die Diener
stehen, schauten nach ihm, lachten weidlich und schlossen sich an, so
da nach und nach ein ungeheurer Zug von Dienern aller Art sich die
Treppe des Palastes hinaufbewegte; die Stallknechte warfen ihre
Striegel weg, die Lufer liefen, was sie konnten, die Teppichbreiter
vergaen, die Teppiche auszuklopfen, alles drngte und trieb sich, es
war ein Gefhl, als sei der Feind vor den Toren, und das Geschrei:
"Ein Zwerg, ein Zwerg!  Habt ihr den Zwerg gesehen?" fllte die Lfte.

Da erschien der Aufseher des Hauses mit grimmigem Gesicht, eine
ungeheure Peitsche in der Hand, in der Tre.  "Um des Himmels willen,
ihr Hunde, was macht ihr solchen Lrm!  Wisset ihr nicht, da der
Herr noch schlft?"  Und dabei schwang er die Geiel und lie sie
unsanft auf den Rcken einiger Stallknechte und Trhalter
niederfallen.

"Ach, Herr!" riefen sie, "seht Ihr denn nicht?  Da bringen wir einen
Zwerg, einen Zwerg, wie Ihr noch keinen gesehen."

Der Aufseher des Palastes zwang sich mit Mhe, nicht laut aufzulachen,
als er des Kleinen ansichtig wurde; denn er frchtete, durch Lachen
seiner Wrde zu schaden.  Er trieb daher mit der Peitsche die brigen
hinweg, fhrte den Kleinen ins Haus und fragte nach seinem Begehr.
Als er hrte, jener wolle zum Kchenmeister, erwiderte er--"Du irrst
dich, mein Shnchen; zu mir, dem Aufseher des Hauses, willst du; du
willst Leibzwerg werden beim Herzog; ist es nicht also?"

"Nein, Herr!" antwortete der Zwerg.  "Ich bin ein geschickter Koch
und erfahren in allerlei seltenen Speisen; wollet mich zum
Oberkchenmeister bringen; vielleicht kann er meine Kunst brauchen."

"Jeder nach seinem Willen, kleiner Mann; brigens bist du doch ein
unbesonnener Junge.  In die Kche!  Als Leibzwerg httest du keine
Arbeit gehabt und Essen und Trinken nach Herzenslust und schne
Kleider.  Doch, wir wollen sehen, deine Kochkunst wird schwerlich so
weit reichen, als ein Mundkoch des Herren ntig hat, und zum
Kchenjungen bist du zu gut."  Bei diesen Worten nahm ihn der Aufseher
des Palastes bei der Hand und fhrte ihn in die Gemcher des
Oberkchenmeisters.

"Gndiger Herr", sprach dort der Zwerg und verbeugte sich so tief,
da er mit der Nase den Futeppich berhrte, "brauchet Ihr keinen
geschickten Koch?"

Der Oberkchenmeister betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Fen,
brach dann in lautes Lachen aus und sprach: "Wie?" rief er, "du ein
Koch?  Meinst du, unsere Herde seien so niedrig, da du nur auf einen
hinaufschauen kannst, wenn du dich auch auf die Zehen stellst und den
Kopf recht aus den Schultern herausarbeitest?  O lieber Kleiner!  Wer
dich zu mir geschickt hat, um dich als Koch zu verdingen, der hat
dich zum Narren gehabt."  So sprach der Oberkchenmeister und lachte
weidlich, und mit ihm lachten der Aufseher des Palastes und alle
Diener, die im Zimmer waren.

Der Zwerg aber lie sich nicht aus der Fassung bringen.  "Was liegt
an einem Ei oder zweien, an ein wenig Sirup und Wein, an Mehl und
Gewrze in einem Hause, wo man dessen genug hat?" sprach er.  "Gebet
mir irgendeine leckerhafte Speise zu bereiten auf, schaffet mir, was
ich dazu brauche, und sie soll vor Euren Augen schnell bereitet sein,
und Ihr sollet sagen mssen, er ist ein Koch nach Regel und Recht."
Solche und hnliche Reden fhrte der Kleine, und es war wunderlich
anzuschauen, wie es dabei aus seinen kleinen uglein hervorblitzte,
wie seine lange Nase sich hin und her schlngelte und seine dnnen
Spinnenfinger seine Rede begleiteten.

"Wohlan!" rief der Kchenmeister und nahm den Aufseher des Palastes
unter dem Arme, "wohlan, es sei um des Spaes willen; lasset uns zur
Kche gehen!"  Sie gingen durch mehrere Sle und Gnge und kamen
endlich in die Kche.  Es war dies ein groes, weitlufiges Gebude,
herrlich eingerichtet; auf zwanzig Herden brannten bestndig Feuer;
ein klares Wasser, das zugleich zum Fischbehlter diente, flo mitten
durch sie, in Schrnken von Marmor und kstlichem Holz waren die
Vorrte aufgestellt, die man immer zur Hand haben mute, und zur
Rechten und Linken waren zehn Sle, in welchen alles aufgespeichert
war, was man in allen Lndern von Frankistan und selbst im
Morgenlande Kstliches und Leckeres fr den Gaumen erfunden.
Kchenbedienstete aller Art liefen umher und rasselten und hantierten
mit Kesseln und Pfannen, mit Gabeln und Schaumlffeln; als aber der
Oberkchenmeister in die Kche eintrat, blieben sie alle regungslos
stehen, und nur das Feuer hrte man noch knistern und das Bchlein
rieseln.  "Was hat der Herr heute zum Frhstck befohlen?" fragte der
Meister den ersten Frhstcksmacher, einen alten Koch.  "Herr, die
dnische Suppe hat er geruht zu befehlen und rote Hamburger Klchen."

"Gut", sprach der Kchenmeister weiter, "hast du gehrt, was der Herr
speisen will?  Getraust du dich, diese schwierigen Speisen zu
bereiten?  Die Klchen bringst du auf keinen Fall heraus, das ist
ein Geheimnis."

"Nichts leichter als dies", erwiderte zu allgemeinem Erstaunen der
Zwerg; denn er hatte diese Speisen als Eichhrnchen oft gemacht;
"nichts leichter!  Man gebe mir zu der Suppe die und die Kruter,
dies und jenes Gewrz, Fett von einem wilden Schwein, Wurzeln und
Eier; zu den Klchen aber", sprach er leiser, da es nur der
Kchenmeister und der Frhstcksmacher hren konnten, "zu den
Klchen brauche ich viererlei Fleisch, etwas Wein, Entenschmalz,
Ingwer und ein gewisses Kraut, das man Magentrost heit."

"Hai Bei St. Benedikt!  Bei welchem Zauberer hast du gelernt?" rief
der Koch mit Staunen.  "Alles bis auf ein Haar hat er gesagt, und das
Krutlein Magentrost haben wir selbst nicht gewut; ja, das mu es
noch angenehmer machen.  O du Wunder von einem Koch!"

"Das htte ich nicht gedacht", sagte der Oberkchenmeister, "doch
lassen wir ihn die Probe machen; gebt ihm die Sachen, die er verlangt,
Geschirr und alles, und lasset ihn das Frhstck bereiten."

Man tat, wie er befohlen, und rstete alles auf dem Herde zu; aber da
fand es sich, da der Zwerg kaum mit der Nase bis an den Herd reichen
konnte.  Man setzte daher ein paar Sthle zusammen, legte eine
Marmorplatte darber und lud den kleinen Wundermann ein, sein
Kunststck zu beginnen.  In einem groen Kreise standen die Kche,
Kchenjungen, Diener und allerlei Volk umher und sahen zu und
staunten, wie ihm alles so flink und fertig von der Hand ging, wie er
alles so reinlich und niedlich bereitete.  Als er mit der Zubereitung
fertig war, befahl er, beide Schsseln ans Feuer zu setzen und genau
so lange kochen zu lassen, bis er rufen werde; dann fing er an zu
zhlen, eins, zwei drei und so fort, und gerade als er fnfhundert
gezhlt hatte, rief er: "Halt!"  Die Tpfe wurden weggesetzt, und der
Kleine lud den Kchenmeister ein, zu kosten.

Der Mundkoch lie sich von einem Kchenjungen einen goldenen Lffel
reichen, splte ihn im Bach und berreichte ihn dem Oberkchenmeister.
Dieser trat mit feierlicher Miene an den Herd, nahm von den Speisen,
kostete, drckte die Augen zu, schnalzte vor Vergngen mit der Zunge
und sprach dann: "Kstlich, bei des Herzogs Leben, kstlich!  Wollet
Ihr nicht auch ein Lffelchen zu Euch nehmen, Aufseher des Palastes?"

Dieser verbeugte sich, nahm den Lffel, versuchte und war vor
Vergngen und Lust auer sich.  "Eure Kunst in Ehren, lieber
Frhstcksmacher, Ihr seid ein erfahrener Koch; aber so herrlich habt
Ihr weder die Suppe noch die Hamburger Kle machen knnen!"

Auch der Koch kostete jetzt, schttelte dann dem Zwerg ehrfurchtsvoll
die Hand und sagte: "Kleiner!  Du bist Meister in der Kunst, ja, das
Krutlein Magentrost, das gibt allem einen ganz eigenen Reiz."

In diesem Augenblick kam der Kammerdiener des Herzogs in die Kche
und berichtete, da der Herr das Frhstck verlange.  Die Speisen
wurden nun auf silberne Platten gelegt und dem Herzog zugeschickt;
der Oberkchenmeister aber nahm den Kleinen in sein Zimmer und
unterhielt sich mit ihm.  Kaum waren sie aber halb so lange da, als
man ein Paternoster spricht (es ist dies das Gebet der Franken, o
Herr, und dauert nicht halb so lange als das Gebet der Glubigen), so
kam schon ein Bote und rief den Oberkchenmeister zum Herrn.  Er
kleidete sich schnell in sein Festkleid und folgte dem Boten.

Der Herzog sah sehr vergngt aus.  Er hatte alles aufgezehrt, was auf
den silbernen Platten gewesen war, und wischte sich eben den Bart ab,
als der Oberkchenmeister zu ihm eintrat.  "Hre, Kchenmeister",
sprach er, "ich bin mit deinen Kchen bisher immer sehr zufrieden
gewesen; aber sage mir, wer hat heute mein Frhstck bereitet?  So
kstlich war es nie, seit ich auf dem Thron meiner Vter sitze; sage
an, wie er heit, der Koch, da wir ihm einige Dukaten zum Geschenk
schicken."

"Herr, das ist eine wunderbare Geschichte", antwortete der
Oberkchenmeister und erzhlte, wie man ihm heute frh einen Zwerg
gebracht, der durchaus Koch werden wollte und wie sich dies alles
begeben.  Der Herzog verwunderte sich hchlich, lie den Zwerg vor
sich rufen und fragte ihn aus, wer er sei und woher er komme.  Da
konnte nun der arme Jakob freilich nicht sagen, da er verzaubert
worden sei und frher als Eichhrnchen gedient habe; doch blieb er
bei der Wahrheit, indem er erzhlte, er sei jetzt ohne Vater und
Mutter und habe bei einer alten Frau kochen gelernt.  Der Herzog
fragte nicht weiter, sondern ergtzte sich an der sonderbaren Gestalt
seines neuen Kochs.

"Willst du bei mir bleiben", sprach er, "so will ich dir jhrlich
fnfzig Dukaten, ein Festkleid und noch berdies zwei Paar
Beinkleider reichen lassen.  Dafr mut du aber tglich mein
Frhstck selbst bereiten, mut angeben, wie das Mittagessen gemacht
werden soll, und Oberhaupt dich meiner Kche annehmen.  Da jeder in
meinem Palast seinen eigenen Namen von mir empfngt, so sollst du
Nase heien und die Wrde eines Unterkchenmeisters bekleiden."

Der Zwerg Nase fiel nieder vor dem mchtigen Herzog in Frankenland,
kte ihm die Fe und versprach, ihm treu zu dienen.

So war nun der Kleine frs erste versorgt, und er machte seinem Amt
Ehre.  Denn man kann sagen, da der Herzog ein ganz anderer Mann war,
whrend der Zwerg Nase sich in seinem Hause aufhielt.  Sonst hatte es
ihm oft beliebt, die Schsseln oder Platten, die man ihm auftrug, den
Kchen an den Kopf zu werfen; ja, dem Oberkchenmeister selbst warf
er im Zorn einmal einen gebackenen Kalbsfa, der nicht weich genug
geworden war, so heftig an die Stirne, da er umfiel und drei Tage zu
Bett liegen mute.  Der Herzog machte zwar, was er im Zorn getan,
durch einige Hnde voll Dukaten wieder gut, aber dennoch war nie ein
Koch ohne Zittern und Zagen mit den Speisen zu ihm gekommen.  Seit
der Zwerg im Hause war, schien alles wie durch Zauber umgewandelt.
Der Herr a jetzt statt dreimal des Tages fnfmal, um sich an der
Kunst seines kleinsten Dieners recht zu laben, und dennoch verzog er
nie eine Miene zum Unmut.  Nein, er fand alles neu, trefflich, war
leutselig und angenehm und wurde von Tag zu Tag fetter.

Oft lie er mitten unter der Tafel den Kchenmeister und den Zwerg
Nase rufen, setzte den einen rechts, den anderen links zu sich und
schob ihnen mit seinen eigenen Fingern einige Bissen der kstlichsten
Speisen in den Mund, eine Gnade, welche sie beide wohl zu schtzen
wuten.

Der Zwerg war das Wunder der Stadt.  Man erbat sich flehentlich
Erlaubnis vom Oberkchenmeister, den Zwerg kochen zu sehen, und
einige der vornehmsten Mnner hatten es so weit gebracht beim Herzog,
da ihre Diener in der Kche beim Zwerg Unterrichtsstunden genieen
durften, was nicht wenig Geld eintrug; denn jeder zahlte tglich
einen halben Dukaten.  Und um die brigen Kche bei guter Laune zu
erhalten und sie nicht neidisch auf ihn zu machen, berlie ihnen
Nase dieses Geld, das die Herren fr den Unterricht ihrer Kche
zahlen muten.

So lebte Nase beinahe zwei Jahre in uerlichem Wohlleben und Ehre,
und nur der Gedanke an seine Eltern betrbte ihn; so lebte er, ohne
etwas Merkwrdiges zu erfahren, bis sich folgender Vorfall ereignete.
Der Zwerg Nase war besonders geschickt und glcklich in seinen
Einkufen.  Daher ging er, so oft es ihm die Zeit erlaubte, immer
selbst auf den Markt, um Geflgel und Frchte einzukaufen.  Eines
Morgens ging er auch auf den Gnsemarkt und forschte nach schweren,
fetten Gnsen, wie sie der Herr liebte.  Er war musternd schon
einigemal auf und ab gegangen.  Seine Gestalt, weit entfernt, hier
Lachen und Spott zu erregen, gebot Ehrfurcht; denn man erkannte ihn
als den berhmten Mundkoch des Herzogs, und jede Gnsefrau fhlte
sich glcklich, wenn er ihr die Nase zuwandte.

Da sah er ganz am Ende einer Reihe in einer Ecke eine Frau sitzen,
die auch Gnse feil hatte, aber nicht wie die brigen ihre Ware
anpries; zu dieser trat er und ma und wog ihre Gnse.  Sie waren,
wie er sie wnschte, und er kaufte drei samt dem Kfig, lud sie auf
seine breiten Schultern und trat den Rckweg an.  Da kam es ihm
sonderbar vor, da nur zwei von diesen Gnsen schnatterten und
schrien, wie rechte Gnse zu tun pflegen, die dritte aber ganz still
und in sich gekehrt dasa und Seufzer ausstie und chzte wie ein
Mensch--"Die ist halbkrank", sprach er vor sich hin, "ich mu eilen,
da ich sie umbringe und zurichte."  Aber die Gans antwortete ganz
deutlich und laut:

"Stichst du mich, So bei' ich dich.  Drckst du mir die Kehle ab,
Bring' ich dich ins frhe Grab."

Ganz erschrocken setzte der Zwerg Nase seinen Kfig nieder, und die
Gans sah ihn mit schnen, klugen Augen an und seufzte.

"Ei der Tausend!" rief Nase.  "Sie kann sprechen, Jungfer Gans?  Das
htte ich nicht gedacht.  Na, sei Sie nur nicht ngstlich!  Man wei
zu leben und wird einem so seltenen Vogel nicht zu Leibe gehen.  Aber
ich wollte wetten, Sie ist nicht von jeher in diesen Federn gewesen.
War ich ja selbst einmal ein schndes Eichhrnchen."

"Du hast recht", erwiderte die Gans, "wenn du sagst, ich sei nicht in
dieser schmachvollen Hlle geboren worden.  Ach, an meiner Wiege
wurde es mir nicht gesungen, da Mimi, des groen Wetterbocks Tochter,
in der Kche eines Herzogs gettet werden soll!"

"Sei Sie doch ruhig, liebe Jungfer Mimi", trstete der Zwerg.  "So
wahr ich ein ehrlicher Kerl und Unterkchenmeister Seiner Durchlaucht
bin, es soll Ihr keiner an die Kehle.  Ich will Ihr in meinen eigenen
Gemchern einen Stall anweisen, Futter soll Sie genug haben, und
meine freie Zeit werde ich Ihrer Unterhaltung widmen; den brigen
Kchenmenschen werde ich sagen, da ich eine Gans mit allerlei
besonderen Krutern fr den Herzog mste, und sobald sich Gelegenheit
findet, setze ich Sie in Freiheit."

Die Gans dankte ihm mit Trnen; der Zwerg aber tat, wie er
versprochen, schlachtete die zwei anderen Gnse, fr Mimi aber baute
er einen eigenen Stall unter dem Vorwande, sie fr den Herzog ganz
besonders zuzurichten.  Er gab ihr auch kein gewhnliches Gnsefutter,
sondern versah sie mit Backwerk und sen Speisen.

So oft er freie Zeit hatte, ging er hin, sich mit ihr zu unterhalten
und sie zu trsten.  Sie erzhlten sich auch gegenseitig ihre
Geschichten, und Nase erfuhr auf diesem Wege, da die Gans eine
Tochter des Zauberers Wetterbock sei, der auf der Insel Gotland lebe.
Er sei in Streit geraten mit einer alten Fee, die ihn durch Rnke
und List berwunden und sie zur Rache in eine Gans verwandelt und
weit hinweg bis hierher gebracht habe.  Als der Zwerg Nase ihr seine
Geschichte ebenfalls erzhlt hatte, sprach sie: "Ich bin nicht
unerfahren in "lesen Sachen.  Mein Vater hat mir und meinen
Schwestern einige Anleitung gegeben, so viel er nmlich davon
mitteilen durfte.  Die Geschichte mit dem Streit am Kruterkorb,
deine pltzliche Verwandlung, als du an jenem Krutlein rochst, auch
einige Worte der Alten, die du mir sagtest, beweisen mir, da du auf
Kruter verzaubert bist, das heit, wenn du das Kraut auffindest, das
sich die Fee bei deiner Verzauberung gedacht hat, so kannst du erlst
werden."  Es war dies ein geringer Trost fr den Kleinen; denn wo
sollte er das Kraut auffinden?  Doch dankte er ihr und schpfte
einige Hoffnung.

Um diese Zeit bekam der Herzog einen Besuch von einem benachbarten
Frsten, seinem Freunde.  Er lie daher seinen Zwerg Nase vor sich
kommen und sprach zu ihm: "Jetzt ist die Zeit gekommen, wo du mir
zeigen mut, ob du mir treu dienst und Meister deiner Kunst bist.
Dieser Frst, der bei mir zu Besuch ist, speist bekanntlich auer mir
am besten und ist ein groer Kenner einer feinen Kche und ein weiser
Mann.  Sorge nun dafr, da meine Tafel tglich also besorgt werde,
da er immer mehr in Erstaunen gert.  Dabei darfst du, bei meiner
Ungnade, so lange er da ist, keine Speise zweimal bringen.  Dafr
kannst du dir von meinem Schatzmeister alles reichen lassen, was du
nur brauchst.  Und wenn du Gold und Diamanten in Schmalz baden mut
so tu es!  Ich will lieber ein armer Mann werden, als errten vor ihm."

So sprach der Herzog!  Der Zwerg aber sagte, indem er sich anstndig
verbeugte: "Es sei, wie du sagst, o Herr!  So es Gott der gefllt,
werde ich alles so machen, da es diesem Frsten der Gutschmecker
wohlgefllt."

Der kleine Koch suchte nun seine ganze Kunst hervor.  Er schonte die
Schtze seines Herrn nicht, noch weniger aber sich selbst.  Denn man
sah ihn den ganzen Tag in eine Wolke von Rauch und Feuer eingehllt,
und seine Stimme hallte bestndig durch das Gewlbe der Kche; denn
er befahl als Herrscher den Kchenjungen und niederen Kchen.  Herr!
Ich knnte es machen wie die Kameltreiber von Aleppo, wenn sie in
ihren Geschichten, die sie den Reisenden erzhlen, die Menschen
herrlich speisen lassen.  Sie fhren eine ganze Stunde lang alle die
Gerichte an, die aufgetragen worden sind, und erwecken dadurch groe
Sehnsucht und noch greren Hunger in ihren Zuhrern, so da diese
unwillkrlich die Vorrte ffnen und eine Mahlzeit halten und den
Kameltreibern reichlich mitteilen; doch ich nicht also.

Der fremde Frst war schon vierzehn Tage beim Herzog und lebte
herrlich und in Freuden.  Sie speisten des Tages nicht weniger als
fnfmal, und der Herzog war zufrieden mit der Kunst des Zwerges; denn
er sah Zufriedenheit auf der Stirne seines Gastes.  Am fnfzehnten
Tage aber begab es sich, da der Herzog den Zwerg zur Tafel rufen
lie, ihn seinem Gast, dem Frsten, vorstellte und diesen fragte, wie
er mit dem Zwerg zufrieden sei.

"Du bist ein wunderbarer Koch", antwortete der fremde Frst, "und
weit, was anstndig essen heit.  Du hast in der ganzen Zeit, da ich
hier bin, nicht eine einzige Speise wiederholt und alles trefflich
bereitet.  Aber sage mir doch, warum bringst du so lange nicht die
Knigin der Speisen, die Pastete Souzeraine?"

Der Zwerg war sehr erschrocken; denn er hatte von dieser
Pastetenknigin nie gehrt; doch fate er sich und antwortete: "O
Herr!  Noch lange, hoffte ich, sollte dein Angesicht leuchten an
diesem Hoflager, darum wartete ich mit dieser Speise; denn womit
sollte dich denn der Koch begren am Tage des Scheidens als mit der
Knigin der Pasteten?"

"So?" entgegnete der Herzog lachend.  "Und bei mir wolltest du wohl
warten bis an meinen Tod, um mich dann noch zu begren?  Denn auch
mir hast du die Pastete noch nie vorgesetzt.  Doch denke auf einen
anderen Scheidegru; denn morgen mut du die Pastete auf die Tafel
setzen."

"Es sei, wie du sagst, Herr!" antwortete der Zwerg und ging.  Aber er
ging nicht vergngt; denn der Tag seiner Schande und seines Unglcks
war gekommen.  Er wute nicht, wie er die Pastete machen sollte.  Er
ging daher in seine Kammer und weinte ber sein Schicksal.

Da trat die Gans Mimi, die in seinem Gemach umhergehen durfte, zu ihm
und fragte ihn nach der Ursache seines Jammers.  "Stille deine
Trnen", antwortete sie, als sie von der Pastete Souzeraine gehrt,
"dieses Gericht kam oft auf meines Vaters Tisch, und ich wei
ungefhr, was man dazu braucht; du nimmst dies und jenes, so und so
viel, und wenn es auch nicht durchaus alles ist, was eigentlich dazu
ntig, die Herren werden keinen so feinen Geschmack haben."  So sprach
Mimi.  Der Zwerg aber sprang auf vor Freuden, segnete den Tag, an
welchem er die Gans gekauft hatte, und schickte sich an, die Knigin
der Pasteten zuzurichten.  Er machte zuerst einen kleinen Versuch,
und siehe, es schmeckte trefflich, und der Oberkchenmeister, dem er
davon zu kosten gab, pries aufs neue seine ausgebreitete Kunst.

Den anderen Tag setzte er die Pastete in grerer Form auf und
schickte sie warm, wie sie aus dem Ofen kam, nachdem er sie mit
Blumenkrnzen geschmeckt hatte, auf die Tafel.  Er selbst aber zog
sein bestes Festkleid an und ging in den Speisesaal.  Als r eintrat,
war der Obervorschneider gerade damit beschftigt, die Pastete zu
zerschneiden und auf einem silbernen Schufelein dem Herzog und
seinem Gaste hinzureichen.  Der Herzog tat einen tchtigen Bi hinein,
schlug die Augen auf zur Decke und srach, nachdem er geschluckt
hatte: "Ah, ah, ah!  Mit Recht nennt man dies die Knigin der
Pasteten; aber mein Zwerg ist auch der Knig aller Kche!  Nicht also,
lieber Freund?"

Der Gast nahm einige kleine Bissen zu sich, kostete und prfte
aufmerksam und lchelte dabei hhnisch und geheimnisvoll.  "Das Ding
ist recht artig gemacht", antwortete er, indem er den Teller
hinwegrckte, "aber die Souzeraine ist es denn doch nicht ganz; das
habe ich mir wohl gedacht."

Da runzelte der Herzog vor Unmut die Stirne und errtete vor
Beschmung.  "Hund von einem Zwerg!" rief er, "wie wagst du es,
deinem Herrn dies anzutun?  Soll ich dir deinen groen Kopf abhacken
lassen zur Strafe fr deine schlechte Kocherei?"

"Ach, Herr!  Um des Himmels willen, ich habe das Gericht doch
zubereitet nach den Regeln der Kunst, es kann gewi nichts fehlen!"
so sprach der Zwerg und zitterte.

"Es ist eine Lge, du Bube!" erwiderte der Herzog und stie ihn mit
dem Fue von sich.  "Mein Gast wrde sonst nicht sagen, es fehlt
etwas.  Dich selbst will ich zerhacken und backen lassen in eine
Pastete!"

"Habt Mitleiden!" rief der Kleine und rutschte auf den Knien zu dem
Gast, dessen Fe er umfate.  "Saget, was fehlt in dieser Speise,
da sie Eurem Gaumen nicht zusagt?  Lasset mich nicht sterben wegen
einer Handvoll Fleisch und Mehl."

"Das wird dir wenig helfen, mein lieber Nase", antwortete der Fremde
mit Lachen, "das habe ich mir schon gestern gedacht, da du diese
Speise nicht machen kannst wie mein Koch.  Wisse, es fehlt ein
Krutlein, das man hierzulande gar nicht kennt, das Kraut Niesmitlust;
ohne dieses bleibt die Pastete ohne Wrze, und dein Herr wird sie
nie essen wie ich."

Da geriet der Herrscher in Frankistan in Wut.  "Und doch werde ich
sie essen", rief er mit funkelnden Augen, "denn ich schwre bei
meiner frstlichen Ehre: Entweder zeige ich Euch morgen die Pastete,
wie Ihr sie verlangst--oder den Kopf dieses Burschen, aufgespiet auf
dem Tor meines Palastes.  Gehe, du Hund, noch einmal gebe ich dir
vierundzwanzig Stunden Zeit."

So rief der Herzog; der Zwerg aber ging wieder weinend in sein
Kmmerlein und klagte der Gans sein Schicksal und da er sterben
msse; denn von dem Kraut habe er nie gehrt.  "Ist es nur dies",
sprach sie, "da kann ich dir schon helfen; denn mein Vater lehrte
mich alle Kruter kennen.  Wohl wrest du vielleicht zu einer anderen
Zeit des Todes gewesen; aber glcklicherweise ist es gerade Neumond,
und um diese Zeit blht das Krutlein.  Doch, sage an, sind alte
Kastanienbume in der Nhe des Palastes?"

"O ja!" erwiderte Nase mit leichterem Herzen.  "Am See, zweihundert
Schritte vom Haus, steht eine ganze Gruppe; doch warum diese?"

"Nur am Fue alter Kastanien blht das Krutlein", sagte Mimi, "darum
la uns keine Zeit versumen und suchen, was du brauchst; nimm mich
auf deinen Arm und setze mich im Freien nieder; ich will dir suchen."

Er tat, wie sie gesagt, und ging mit ihr zur Pforte des Palastes.
Dort aber streckte der Trhter das Gewehr vor und sprach: "Mein
guter Nase, mit dir ist's vorbei; aus dem Hause darfst du nicht, ich
habe den strengsten Befehl darber."

"Aber in den Garten kann ich doch wohl gehen?" erwiderte der Zwerg.
"Sei so gut und schicke einen deiner Gesellen zum Aufseher des
Palastes und frage, ob ich nicht in den Garten gehen und Kruter
suchen drfe?"  Der Trhter tat also, und es wurde erlaubt; denn der
Garten hatte hohe Mauern, und es war an kein Entkommen daraus zu
denken.  Als aber Nase mit der Gans Mimi ins Freie gekommen war,
setzte er sie behutsam nieder, und sie ging schnell vor ihm her dem
See zu, wo die Kastanien standen.  Er folgte ihr nur mit beklommenem
Herzen; denn es war ja seine letzte, einzige Hoffnung; fand sie das
Krutlein nicht, so stand sein Entschlu fest, er strzte sich dann
lieber in den See, als da er sich kpfen lie.  Die Gans suchte
vergebens, sie wandelte unter allen Kastanien, sie wandte mit dem
Schnabel jedes Grschen um, es wollte sich nichts zeigen, und sie
fing aus Mitleid und Angst an zu weinen; denn schon wurde der Abend
dunkler und die Gegenstnde umher waren schwerer zu erkennen.

Da fielen die Blicke des Zwerges ber den See hin, und pltzlich rief
er: "Siehe, siehe, dort ber dem See steht noch ein groer, alter
Baum; la uns dorthin gehen und suchen, vielleicht blht dort mein
Glck."

Die Gans hpfte und flog voran, und er lief nach, so schnell seine
kleinen Beine konnten; der Kastanienbaum warf einen groen Schatten,
und es war dunkel umher, fast war nichts mehr zu erkennen; aber da
blieb pltzlich die Gans stille stehen, schlug vor Freuden mit den
Flgeln, fuhr dann schnell mit dem Kopf ins hohe Gras und pflckte
etwas ab, das sie dem erstaunten Nase zierlich mit dem Schnabel
berreichte und sprach: "Das ist das Krutlein, und hier wchst eine
Menge davon, so da es dir nie daran fehlen kann."

Der Zwerg betrachtete das Kraut sinnend; ein ser Duft strmte ihm
daraus entgegen, der ihn unwillkrlich an die Szene seiner
Verwandlung erinnerte; die Stengel, die Bltter waren blulichgrn,
sie trugen eine brennend rote Blume mit gelbem Rande.

"Gelobt sei Gott!" rief er endlich aus.  "Welches Wunder!  Wisse, ich
glaube, es ist dies dasselbe Kraut, das mich aus einem Eichhrnchen
in diese schndliche Gestalt umwandelte; soll ich den Versuch machen?"

"Noch nicht", bat die Gans.  "Nimm von diesem Kraut eine Handvoll mit
dir, la uns auf dein Zimmer gehen und dein Geld, und was du sonst
hast, zusammenraffen, und dann wollen wir die Kraft des Krautes
versuchen!"  Sie taten also und gingen auf seine Kammer zurck, und
das Herz des Zwerges pochte hrbar vor Erwartung.  Nachdem er fnfzig
oder sechzig Dukaten, die er erspart hatte, einige Kleider und Schuhe
zusammen in ein Bndel geknpft hatte, sprach er: "So es Gott
gefllig ist, werde ich diese Brde loswerden", steckte seine Nase
tief in die Kruter und sog ihren Duft ein.

Da zog und knackte es in allen seinen Gliedern, er fhlte, wie sich
sein Kopf aus den Schultern hob, er schielte herab auf seine Nase und
sah sie kleiner und kleiner werden, sein Rcken und seine Brust
fingen an, sich zu ebnen, und seine Beine wurden lnger.

Die Gans sah mit Erstaunen diesem allem zu.  "Ha!  Was du gro, was
du schn bist!" rief sie.  "Gott sei gedankt, es ist nichts mehr an
dir von allem, was du vorher warst!"

Da freute sich Jakob sehr, und er faltete die Hnde und betete.  Aber
seine Freude lie ihn nicht vergessen, welchen Dank er der Gans
schuldig sei; zwar drngte ihn sein Herz, zu seinen Eltern zu gehen;
doch besiegte er aus Dankbarkeit diesen Wunsch und sprach: "Wem
anders als dir habe ich es zu danken, da ich mir selbst
wiedergeschenkt bin?  Ohne dich htte ich dieses Kraut nimmer
gefunden, htte also ewig in jener Gestalt bleiben oder vielleicht
gar unter dem Beile des Henkers sterben mssen.  Wohlan, ich will es
dir vergelten.  Ich will dich zu deinem Vater bringen; er, der
erfahren ist in jedem Zauber, wird dich leicht entzaubern knnen."
Die Gans vergo Freudentrnen und nahm sein Anerbieten an.  Jakob kam
glcklich und unerkannt mit der Gans aus dem Palast und machte sich
auf den Weg nach dem Meeresstrand, Mimis Heimat, zu.

Was soll ich noch weiter erzhlen, da sie ihre Reise glcklich
vollendeten, da Wetterbock seine Tochter entzauberte und den Jakob,
mit Geschenken beladen, entlie, da er in seine Vaterstadt zurckkam
und da seine Eltern in dem schnen jungen Mann mit Vergngen ihren
verlorenen Sohn erkannten, da er von den Geschenken, die er von
Wetterbock mitbrachte, sich einen Laden kaufte und reich und
glcklich wurde?

Nur so viel will ich noch sagen, da nach seiner Entfernung aus dem
Palaste des Herzogs groe Unruhe entstand; denn als am anderen Tage
der Herzog seinen Schwur erfllen und dem Zwerg, wenn er die Kruter
nicht gefunden htte, den Kopf abschlagen lassen wollte, war er
nirgends zu finden; der Frst aber behauptete, der Herzog habe ihn
heimlich entkommen lassen, um sich nicht seines besten Kochs zu
berauben, und klagte ihn an, da er wortbrchig sei.  Dadurch
entstand denn ein groer Krieg zwischen beiden Frsten, der in der
Geschichte unter dem Namen "Kruterkrieg" wohlbekannt ist; es wurde
manche Schlacht geschlagen, aber am Ende doch Friede gemacht, und
diesen Frieden nennt man bei uns den "Pastetenfrieden", weil beim
Vershnungsfest durch den Koch des Frsten die Souzeraine, die
Knigin der Pasteten, zubereitet wurde, welche sich der Herr Herzog
trefflich schmecken lie.

So fhren oft die kleinsten Ursachen zu groen Folgen; und dies, o
Herr, ist die Geschichte des Zwerges Nase.

So erzhlte der Sklave aus Frankistan; nachdem er geendet hatte, lie
der Scheik Ali Banu ihm und den anderen Sklaven Frchte reichen, sich
zu erfrischen, und unterhielt sich, whrend sie aen, mit seinen
Freunden.  Die jungen Mnner aber, die der Alte eingefhrt hatte,
waren voll Lobes ber den Scheik, sein Haus und alle seine
Einrichtungen.  "Wahrlich", sprach der junge Schreiber, "es gibt
keinen angenehmeren Zeitvertreib als Geschichten anzuhren.  Ich
knnte tagelang so hinsetzen, die Beine untergeschlagen, einen Arm
aufs Kissen gesttzt, die Stirne in die Hand gelegt, und, wenn es
ginge, des Scheiks groe Wasserpfeife in der Hand, und Geschichten
anhren--so ungefhr stelle ich mir das Leben vor in den Grten
Mahomeds."

"So lange Ihr jung seid und arbeiten knnt", sprach der Alte, "kann
ein solcher trger Wunsch nicht Euer Ernst sein.  Aber das gebe ich
Euch zu, da ein eigener Reiz darin liegt, etwas erzhlen zu hren.
So alt ich bin, und ich gehe nun ins siebenundsiebzigste Jahr, so
viel ich in meinem Leben schon gehrt habe, so verschmhe ich es doch
nicht, wenn an der Ecke ein Geschichtenerzhler sitzt und um ihn in
groem Kreis die Zuhrer, mich ebenfalls hinzusetzen und zuzuhren.
Man trumt sich ja in die Begebenheiten hinein, die erzhlt werden,
man lebt mit diesen Menschen, mit diesen wundervollen Geistern, mit
Feen und dergleichen Leuten, die uns nicht alle Tage begegnen, und
hat nachher, wenn man einsam ist, Stoff, sich alles zu wiederholen,
wie der Wanderer, der sich gut versehen hat, wenn er durch die Wste
reist."

"Ich habe nie so darber nachgedacht", erwiderte ein anderer der
jungen Leute, "worin der Reiz solcher Geschichten eigentlich liegt.
Aber mir geht es wie euch.  Schon als Kind konnte man mich, wenn ich
ungeduldig war, durch eine Geschichte zum Schweigen bringen.  Es war
mir anfangs gleichgltig, von was es handelte, wenn es nur erzhlt
war, wenn nur etwas geschah; wie oft habe ich, ohne zu ermden, jene
Fabeln angehrt, die weise Mnner erfunden und in welche sie einen
Kern ihrer Weisheit gelegt haben, vom Fuchs und vom trichten Raben,
vom Fuchs und vom Wolf, viele Dutzend Geschichten vom Lwen und den
brigen Tieren.  Als ich lter wurde und mehr unter die Menschen kam,
gengten mir jene kurzen Geschichten nicht mehr; sie muten schon
lnger sein, muten von Menschen und ihren wunderbaren Schicksalen
handeln."  "Ja, ich entsinne mich noch wohl dieser Zeit", unterbrach
ihn einer seiner Freunde.  "Du warst es, der uns diesen Drang nach
Erzhlungen beibrachte.  Einer Eurer Sklaven wute so viel zu
erzhlen, als ein Kameltreiber von Mekka nach Medina spricht; wenn er
fertig war mit seiner Arbeit, mute er sich zu uns setzen, und da
baten wir so lange, bis er zu erzhlen anfing, und das ging fort und
fort, bis die Nacht heraufkam."

"Und erschlo sich uns", entgegnete der Schreiber, "erschlo sich uns
da nicht ein neues, nie gekanntes Reich, das Land der Genien und Feen,
bebaut mit allen Wundern der Pflanzenwelt, mit reichen Palsten von
Smaragden und Rubinen, mit riesenhaften Sklaven bevlkert, die
erschienen, wenn man einen Ring hin und wider dreht oder die
Wunderlampe reibt oder das Wort Salomos ausspricht, und in goldenen
Schalen herrliche Speisen bringen.  Wir fhlten uns unwillkrlich in
jenes Land versetzt, wir machten mit Sindbad seine wunderbaren
Fahrten, wir gingen mit Harun Al-Raschid, dem weisen Beherrscher der
Glubigen, abends spazieren, wir kannten Giaffar, seinen Wesir, so
gut als uns selbst, kurz, wir lebten in jenen Geschichten, wie man
nachts in Trumen lebt, und es gab keine schnere Tageszeit fr uns
als den Abend, wo der alte Sklave uns erzhlte.  Aber sage uns, Alter,
worin liegt es denn eigentlich, da wir damals so gerne erzhlen
hrten, da es noch jetzt fr uns keine angenehmere Unterhaltung
gibt?"

Die Bewegung, die im Zimmer entstand, und die Aufforderung zur
Aufmerksamkeit, die der Sklavenaufseher gab, verhinderte den Alten zu
antworten.  Die jungen Leute wuten nicht, ob sie sich freuen sollten,
da sie eine neue Geschichte anhren durften, oder ungehalten sein
darber, da ihr anziehendes Gesprch mit dem Alten unterbrochen
worden war; aber ein zweiter Sklave erhob sich bereits und begann:




Abner, der Jude, der nichts gesehen hat

Wilhelm Hauff


Herr, ich bin aus Mogador am Strande des groen Meers, und als der
gromchtigste Kaiser Muley Ismael ber Fez und Marokko herrschte,
hat sich die Geschichte zugetragen, die du vielleicht nicht ungerne
hren wirst.  Es ist die Geschichte von Abner, dem Juden, der nichts
gesehen hat.

Juden, wie du weit, gibt es berall, und sie sind berall Juden:
pfiffig, mit Falkenaugen fr den kleinsten Vorteil begabt,
verschlagen, desto verschlagener, je mehr sie mihandelt werden,
ihrer Verschlagenheit sich bewut und sich etwas darauf einbildend.
Da aber doch zuweilen ein Jude durch seine Pfiffe zu Schaden kommt,
bewies Abner, als er eines Abends zum Tore von Marokko hinaus
spazierenging.

Er schreitet einher, mit der spitzen Mtze auf dem Kopf, in den
bescheidenen, nicht bermig reinlichen Mantel gehllt, streichelt
sich den Knebelbart, und trotz der umherrollenden Augen, welche ewige
Furcht und Besorgnis und die Begierde, etwas zu ersphen, womit etwas
zu machen wre, keinen Augenblick ruhen lt, leuchtet Zufriedenheit
aus seiner Miene; er mu diesen Tag gute Geschfte gemacht haben; und
so ist es auch.  Er ist Arzt, ist Kaufinann, ist alles, was Geld
eintrgt; er hat heute einen Sklaven mit einem heimlichen Fehler
verkauft, wohlfeil eine Kamelladung Gummi gekauft und einem reichen
kranken Mann den letzten Trank, nicht vor seiner Genesung, sondern
vor seinem Hintritt bereitet.

Eben war er auf seinem Spaziergang aus einem kleinen Gehlz von
Palmen und Datteln getreten, da hrte er lautes Geschrei
herbeilaufender Menschen hinter sich; es war ein Haufe kaiserlicher
Stallknechte, den Oberstallmeister an der Spitze, die nach allen
Seiten unruhige Blicke umherwarfen, wie Menschen, die etwas
Verlorenes eifrig suchen.

"Philister", rief ihm keuchend der Oberstallmeister zu, "hast du
nicht ein kaiserlich Pferd mit Sattel und Zeug vorberrennen sehen?"

Abner antwortete: "Der beste Galopplufer, den es gibt; zierlich
klein ist sein Huf, seine Hufeisen sind von vierzehnltigem Silber,
sein Haar leuchtet golden, gleich dem groen Sabbatleuchter in der
Schule, fnfzehn Fuste ist er hoch, sein Schweif ist drei und einen
halben Fu lang, und die Stangen seines Gebisses sind von
dreiundzwanzigkartigem Golde."

"Er ist's!" rief der Oberstallmeister.

"Er ist's!" rief der Chor der Stallknechte.

"Es ist der Emir", rief ein alter Bereiter, "ich habe es dem Prinzen
Abdallah zehnmal gesagt, er solle den Emir in der Trense reiten, ich
kenne den Emir, ich habe es vorausgesagt, da er ihn abwerfen wrde,
und sollte ich seine Rckenschmerzen mit dem Kopf bezahlen mssen,
ich habe es vorausgesagt.  Aber schnell, wohinzu ist er gelaufen?"

"Habe ich doch gar kein Pferd gesehen", erwiderte Abner lchelnd,
"wie kann ich sagen, wohin es gelaufen ist, des Kaisers Pferd?"

Erstaunt ber diesen Widerspruch wollten die Herren vom Stalle eben
weiter in Abner dringen; da kam ein anderes Ereignis dazwischen.

Durch einen sonderbaren Zufall, wie es deren so viele gibt, war
gerade zu dieser Zeit auch der Leibschohund der Kaiserin entlaufen.
Ein Haufe schwarze Sklaven kam herbeigerannt, und sie schrien schon
von weitem: "Habt Ihr den Schohund der Kaiserin nicht gesehen?"

"Es ist kein Hund, den Ihr suchet, meine Herren", sagte Abner, "es
ist eine Hndin."

"Allerdings!" rief der erste Eunuch hocherfreut.  "Aline, wo bist du?"

"Ein kleiner Wachtelhund", fuhr Abner fort, "der vor kurzem Junge
geworfen, langes Behnge, Federschwanz, hinkt auf dem rechten
vorderen Bein."

"Sie ist's, wie sie leibt und lebt!" rief der Chor der Schwarzen.
"Es ist Aline; die Kaiserin ist in Krmpfe verfallen, sobald sie
vermit wurde; Aline, wo bist du?  Was soll aus uns werden, wenn wir
ohne dich in den Harem zurckkehren?  Sprich geschwind, wohin hast du
sie laufen sehen?"

"Ich habe gar keinen Hund gesehen; wei ich doch nicht einmal, da
meine Kaiserin, welche Gott erhalte, einen Wachtelhund besitzt."

Da ergrimmten die Leute vom Stalle und vom Harem ber Abners
Unverschmtheit, wie sie es nannten, ber kaiserliches Eigentum
seinen Scherz zu treiben, und zweifelten keinen Augenblick, so
unwahrscheinlich dies auch war, da er Hund und Pferd gestohlen habe.
Whrend die anderen ihre Nachforschungen fortsetzten, packten der
Stallmeister und der erste Eunuch den Juden und fhrten den halb
pfiffig, halb ngstlich Lchelnden vor das Angesicht des Kaisers.

Aufgebracht berief Mulen Ismael, als er den Hergang vernommen, den
gewhnlichen Rat des Palastes und fhrte in Betracht der Wichtigkeit
des Gegenstandes selbst den Vorsitz.  Zur Erffnung der Sache wurde
dem Angeschuldigten ein halbes Hundert Streiche auf die Fusohlen
zuerkannt.  Abner mochte schreien und winseln, seine Unschuld
beteuern oder versprechen, alles zu erzhlen, wie es sich zugetragen,
Sprche aus der Schrift oder dem Talmud anfhren, mochte rufen: "Die
Ungnade des Knigs ist wie das Brllen eines jungen Lwen, aber seine
Gnade ist Tau auf dem Grase"; oder: "La nicht zuschlagen deine Hand,
wenn dir Augen und Ohren verschlossen sind"--Mulen Ismael winkte und
schwur bei des Propheten Bart und seinem eigenen, der Philister solle
die Schmerzen des Prinzen Abdallah und die Krmpfe der Kaiserin mit
dem Kopfe bezahlen, wenn die Flchtigen nicht wieder beigebracht
wrden.  Noch erschallte der Palast des Kaisers von Marokko von dem
Schmerzgeschrei des Patienten, als die Nachricht einlief, Hund und
Pferd seien wiedergefunden.  Aline berraschte man in der
Gesellschaft einiger Mpse, sehr anstndiger Leute, die sich aber fr
sie, als Hofdame, durchaus nicht schickte, und Emir hatte, nachdem er
sich mde gelaufen, das duftende Gras auf den grnen Wiesen am Bache
Tara wohlschmeckender gefunden als den kaiserlichen Hafer; gleich dem
ermdeten frstlichen Jger, der, auf der Parforcejagd verirrt, ber
dem schwarzen Brot und der Butter in der Htte des Landmanns alle
Leckereien seiner Tafel vergit.

Muley Ismael verlangte nun von Abner eine Erklrung seines Betragens,
und dieser sah sich nun, wiewohl etwas spt, imstande, sich zu
verantworten, was er, nachdem er vor seiner Hoheit Thron dreimal die
Erde mit der Stirne berhrte, in folgenden Worten tat:

"Gromchtigster Kaiser, Knig der Knige, Herr des Besten, Stern der
Gerechtigkeit, Spiegel der Wahrheit, Abgrund der Weisheit, der du so
glnzend bist wie Gold, so strahlend wie der Diamant, so hart wie das
Eisen, hre mich, weil es deinem Sklaven vergnnt ist, vor deinem
strahlenden Angesichte seine Stimme zu erheben!  Ich schwre bei dem
Gott meiner Vter, bei Moses und den Propheten, da ich dein heiliges
Pferd und meiner gndigen Kaiserin liebenswrdigen Hund mit meines
Leibes Augen nicht gesehen habe.  Hre aber, wie sich die Sache
begeben:

Ich spazierte, um mich von des Tages Last und Arbeit zu erholen,
nichts denkend, in dem kleinen Gehlze, wo ich die Ehre gehabt habe,
Seiner Herrlichkeit, dem Oberstallmeister, und Seiner Wachsamkeit,
dem schwarzen Aufseher deines gesegneten Harems, zu begegnen; da
gewahrte ich im feinen Sande zwischen den Palmen die Spuren eines
Tieres; ich, dem die Spuren der Tiere beraus gut bekannt sind,
erkenne sie alsbald fr die Fustapfen eines kleinen Hundes; feine
langgezogene Furchen liefen ber die kleinen Unebenheiten des
Sandbodens zwischen diesen Spuren hin; es ist eine Hndin, sprach ich
zu mir selbst, und sie hat hngende Zitzen und hat Junge geworfen vor
so und so langer Zeit; andere Spuren neben den Vordertatzen, wo der
Sand leicht weggefegt zu sein schien, sagten mir, da das Tier mit
schnen, weit herabhngenden Ohren begabt sei; und da ich bemerkt,
wie in lngeren Zwischenrumen der Sand bedeutender aufgewhlt war,
dachte ich: Einen schnen langbehaarten Schwanz hat die Kleine, und
er mu anzusehen sein als ein Federbusch, und es hat ihr beliebt,
zuweilen den Sand damit zu peitschen; auch entging mir nicht, da
eine Pfote sich bestndig weniger tief in den Sand eindrckte; leider
konnte mir da nicht verborgen bleiben, da die Hndin meiner
gndigsten Frau, wenn es erlaubt ist, es auszusprechen, etwas hinke.

Was das Ro deiner Hoheit betrifft, so wisse, da ich, als ich in
einem Gange des Gebsches hinwandelte, auf die Spuren eines Pferdes
aufmerksam wurde.  Kaum hatte ich den edlen, kleinen Huf, den feinen
und doch starken Strahl bemerkt, so sagte ich in meinem Herzen: Da
ist gewesen ein Ro von der Rasse Tschenner, die da ist die
vornehmste von allen.  Ist es ja noch nicht vier Monate, hat mein
gndigster Kaiser einem Frsten in Frankenland eine ganze Koppel von
dieser Rasse verkauft, und mein Bruder Ruben ist dabeigewesen, wie
sie sind handelseinig geworden, und mein gndigster Kaiser hat dabei
gewonnen so und so viel.  Als ich sah, wie die Spuren so weit und so
gleichmig voneinander entfernt waren, mute ich denken: Das
galoppierte schn, vornehm; und ist blo mein Kaiser wert, solch ein
Tier zu besitzen, und ich gedachte des Streitrosses, von dem
geschrieben steht bei Hiob: Es stampfet auf den Boden und ist
freudig mit Kraft und zeucht aus, den Geharnischten entgegen; es
spottet der Furcht und erschrickt nicht und fleucht vor dem Schwert
nicht, wenngleich wider es erklinget der Kcher, und glnzen beide,
Spie und Lanzen. Und ich bckte mich, da ich etwas glnzen sah auf
dem Boden, wie ich immer tue, und siehe, es war ein Marmelstein,
darauf hatte das Hufeisen des eilenden Rosses einen Strich gezogen,
und ich erkannte, da es Hufeisen haben mute von vierzehnltigem
Silber; mu ich doch den Strich kennen von jeglichem Metall, sei es
echt oder unecht.  Der Baumgang, in dem ich spazierte, war sieben Fu
weit, und hie und da sah ich den Staub von den Palmen gestreift; der
Gaul hat mit dem Schweif gefochten, sprach ich, und er ist lang drei
und einen halben Fu; unter Bumen, deren Krone etwa fnf Fu vom
Boden aufging, sah ich frisch abgestreifte Bltter; seiner
Schnelligkeit Rcken mute sie abgestreift haben; da haben wir ein
Pferd von fnfzehn Fusten; siehe da, unter denselben Bumen kleine
Bschel goldglnzender Haare, und siehe da, es ist ein Goldfuchs!
Eben trat ich aus dem Gebsche, da fiel an einer Felswand ein
Goldstrich in mein Auge; diesen Strich solltest du kennen, sprach ich,
und was war's?  Ein Probierstein war eingesprengt in dem Gestein und
ein haarfeiner Goldstrich darauf, wie ihn das Mnnchen mit dem
Pfeilbndel auf den Fchsen der sieben vereinigten Provinzen von
Holland nicht feiner, nicht reiner ziehen kann.  Der Strich mute von
den Gebistangen des flchtigen Rosses rhren, die es im
Vorbeispringen gegen dieses Gestein gerieben.  Kennt man ja doch
deine erhabene Prachtliebe, Knig der Knige, wei man ja doch, da
sich das geringste deiner Rosse schmen wrde, auf einen anderen als
einen goldenen Zaum zu beien.  Also hat es sich begeben, und wenn--"

"Nun, bei Mekka und Medina!" rief Muley Ismael, "das heie ich Augen;
solche Augen knnten dir nicht schaden, Oberjgermeister, sie wrden
dir eine Koppel Schweihunde ersparen; du, Polizeiminister, knntest
damit weiter sehen als alle deine Schergen und Aufpasser.  Nun,
Philister, wir wollen dich in Betracht deines ungemeinen Scharfsinns,
der uns wohlgefallen hat, gndig behandeln; die fnfzig Prgel, die
du richtig erhalten, sind fnfzig Zechinen wert.  Sie ersparen dir
fnfzig; denn du zahlst jetzt blo noch fnfzig bar; zieh deinen
Beutel und enthalte dich fr die Zukunft, unseres kaiserlichen
Eigentums zu spotten!  Wir bleiben dir brigens in Gnaden gewogen."

Der ganze Hof bewunderte Abners Scharfsinn, denn seine Majestt hatte
geschworen, er sei ein geschickter Bursche; aber dies bezahlte ihm
seine Schmerzen nicht, trstete ihn nicht fr seine teuren Zechinen.
Whrend er sthnend und seufzend eine nach der anderen aus dem Beutel
fhrte, jede noch zum Abschiede auf der Fingerspitze wog, hhnte ihn
noch Schnuri, der kaiserliche Spamacher, fragte ihn, ob seine
Zechinen alle auf dem Steine sich bewhrten, auf dem der Goldfuchs
des Prinzen Abdallah sein Gebi probiert habe.  "Deine Weisheit hat
heute Ruhm geerntet", sprach er; "ich wollte aber noch fnfzig
Zechinen wetten, es wre dir lieber, du httest geschwiegen.  Aber
wie spricht der Prophet? Ein entschlpftes Wort holt kein Wagen ein,
und wenn er mit vier flchtigen Rossen bespannt wre. Auch kein
Windspiel holt es ein, Herr Abner, auch wenn es nicht hinkt."

Nicht lange nach diesem fr Abner schmerzlichen Ereignis ging er
wieder einmal in einem der grnen Tler zwischen den Vorbergen des
Atlas spazieren.  Da wurde er, gerade wie damals, von einem
einherstrmenden Haufen Gewaffneter eingeholt, und der Anfhrer
schrie ihn an:

"He, guter Freund, hast du nicht Goro, den schwarzen Leibschtzen des
Kaisers, vorbeilaufen sehen?  Er ist entflohen, er mu diesen Weg
genommen haben ins Gebirg."

"Kann nicht dienen, Herr General", antwortete Abner.

"Ach, bist du nicht der pfiffige Jude, der den Fuchsen und den Hund
nicht gesehen hat?  Mach nur keine Umstnde; hier mu der Sklave
vorbeigekommen sein; riechst du vielleicht noch den Duft seines
Schweies in der Luft?  Siehst du noch die Spuren seines flchtigen
Fues im hohen Grase?  Sprich, der Sklave mu herbei; er ist einzig
im Sperlingsschieen mit dem Blaserohr, und dies ist Seiner Majestt
Lieblingszeitvertreib.  Sprich!  Oder ich lasse dich sogleich krumm
fesseln!"

"Kann ich doch nicht sagen, ich habe gesehen, was ich doch nicht hab'
gesehen."

"Jude, zum letzten Male: Wohin ist der Sklave gelaufen?  Denk an
deine Fusohlen, denk an deine Zechinen!"

"O weh geschrien!  Nun, wenn Ihr absolut haben wollt, da ich soll
gesehen haben den Sperlingsschtzen, so lauft dorthin; ist er dort
nicht, so ist er anderswo."

"Du hast ihn also gesehen?" brllte ihn der Soldat an.  "Ja denn,
Herr Offizier, weil Ihr es so haben wollt."

Die Soldaten verfolgten eilig die angewiesene Richtung.  Abner aber
ging, innerlich ber seine List zufrieden, nach Hause.  Kaum aber war
er vierundzwanzig Stunden lter geworden, so drang ein Haufe von der
Wache des Palastes in sein Haus und verunreinigte es, denn es war
Sabbat, und schleppte ihn vor das Angesicht des Kaisers von Marokko.

"Hund von einem Juden", schnaubte ihn der Kaiser an, "du wagst es,
kaiserliche Bedienstete, die einen flchtigen Sklaven verfolgen, auf
falsche Spur ins Gebirge zu schicken, whrend der Flchtling der
Meereskste zueilt und beinahe auf einem spanischen Schiffe entkommen
wre?  Greift ihn, Soldaten!  Hundert auf die Sohlen!  Hundert
Zechinen aus dem Beutel!  Um wieviel die Sohlen schwellen unter den
Hieben, um soviel soll der Beutel einschnurren."

Du weit es, o Herr, im Reiche Fez und Marokko liebt man schnelle
Gerechtigkeit, und so wurde der arme Abner geprgelt und besteuert,
ohne da man ihn zuvor um seine Einwilligung befragt htte.  Er aber
verfluchte sein Geschick, das ihn dazu verdammte, da seine Sohlen
und sein Beutel es hart empfinden sollten, so oft Seine Majestt
geruhten, etwas zu verlieren.  Als er aber brummend und seufzend
unter dem Gelchter des rohen Hofvolks aus dem Saale hinkte, sprach
zu ihm Schnuri, der Spamacher: "Gib dich zufrieden, Abner,
undankbarer Abner!  Ist es nicht Ehre genug fr dich, da jeder
Verlust, den unser gndiger Kaiser, den Gott erhalte, erleidet, auch
dir empfindlichen Kummer verursachen mu?  Versprichst du mir aber
ein gut Trinkgeld, so komme ich jedesmal, eine Stunde bevor der Herr
des Westens etwas verliert, an deine Bude in der Judengasse und
spreche: Gehe nicht aus deiner Htte, Abner, du weit schon warum;
schliee dich ein in dein Kmmerlein bis zu Sonnenuntergang, beides
unter Schlo und Riegel."

Dies, o Herr, ist die Geschichte von Abner, der nichts gesehen hat.

Als der Sklave geendet hatte und es wieder stille im Saale geworden
war, erinnerte der junge Schreiber den Alten, da sie den Faden ihrer
Unterhaltung abgebrochen hatten, und bat, ihnen zu erklren, worin
denn eigentlich der mchtige Reiz des Mrchens liege.

"Das will ich Euch jetzt sagen", erwiderte der Alte.  "Der
menschliche Geist ist noch leichter und beweglicher als das Wasser,
das doch in alle Formen sich schmiegt und nach und nach auch die
dichtesten Gegenstnde durchdringt.  Er ist leicht und frei wie die
Luft und wird wie diese, je hher er sich von der Erde hebt, desto
leichter und reiner.  Daher ist ein Drang in jedem Menschen, sich
hinauf ber das Gewhnliche zu erheben und sich in hheren Rumen
leichter und freier zu bewegen, sei es auch nur in Trumen.  Ihr
selbst, mein junger Freund, sagtet: Wir lebten in jenen Geschichten,
wir dachten und fhlten mit jenen Menschen, und daher kommt der Reiz,
den sie fr Euch hatten.  Indem Ihr den Erzhlungen des Sklaven
zuhret, die nur Dichtungen waren, die einst ein anderer erfand, habt
Ihr selbst auch mitgedichtet.  Ihr bliebet nicht stehen bei den
Gegenstnden um Euch her, bei Euren gewhnlichen Gedanken, nein, Ihr
erlebtet alles mit, Ihr waret es selbst, dem dies und jenes
Wunderbare begegnete, so sehr nahmet Ihr teil an dem Manne, von dem
man Euch erzhlte.  So erhob sich Euer Geist am Faden einer solchen
Geschichte ber die Gegenwart, die Euch nicht so schn, nicht so
anziehend dnkte; so bewegte sich dieser Geist in fremden, hheren
Rumen freier und ungebundener, das Mrchen wurde Euch zur
Wirklichkeit, oder, wenn Ihr lieber wollet, die Wirklichkeit wurde
zum Mrchen, weil Euer Dichten und Sein im Mrchen lebte."

"Ganz verstehe ich Euch nicht", erwiderte der junge Kaufmann, "aber
Ihr habt recht mit dem, was Ihr sagtet, wir lebten im Mrchen oder
das Mrchen in uns.  Sie ist mir noch wohl erinnerlich, jene schne
Zeit; wenn wir Mue dazu hatten, trumten wir wachend; wir stellten
uns vor, an wste, unwirtbare Inseln verschlagen zu sein, wir
berieten uns, was wir beginnen sollten, um unser Leben zu fristen,
und oft haben wir im dichten Weidengebsch uns Htten gebaut, haben
von elenden Frchten ein krgliches Mahl gehalten, obgleich wir
hundert Schritte weit zu Haus das Beste htten haben knnen, ja, es
gab Zeiten, wo wir auf die Erscheinung einer gtigen Fee oder eines
wunderbaren Zwerges warteten, die zu uns treten und sagen wrden:
Die Erde wird sich alsobald auftun, wollet dann nur geflligst
herabsteigen in meinen Palast von Bergkristall und euch belieben
lassen, was meine Diener, die Meerkatzen, euch auftischen."

Die jungen Leute lachten, gaben aber ihrem Freunde zu, da er wahr
gesprochen habe.  "Noch jetzt", fuhr ein anderer fort, "noch jetzt
beschleicht mich hier und da dieser Zauber; ich wrde mich zum
Beispiel nicht wenig rgern ber die dumme Fabel, wenn mein Bruder
zur Tre hereingestrzt kme und sagte: Weit du schon das Unglck
von unserem Nachbarn, dem dicken Bcker?  Er hat Hndel gehabt mit
einem Zauberer, und dieser hat ihn aus Rache in einen Bren
verwandelt, und jetzt liegt er in seiner Kammer und heult
entsetzlich; ich wrde mich rgern und ihn einen Lgner schelten.
Aber wie anders, wenn mir erzhlt wrde, der dicke Nachbar hab' eine
weite Reise in ein fernes, unbekanntes Land unternommen, sei dort
einem Zauberer in die Hnde gefallen, der ihn in einen Bren
verwandelte.  Ich wrde mich nach und nach in die Geschichte versetzt
fhlen, wrde mit dem dicken Nachbar reisen, Wunderbares erleben, und
es wrde mich nicht sehr berraschen, wenn er in ein Fell gesteckt
wrde und auf allen vieren gehen mte."

So sprachen die jungen Leute; da gab der Scheik wiederum das Zeichen,
und alle setzten sich nieder.  Der Aufseher der Sklaven aber trat zu
den Freigelassenen und forderte sie auf, weiter forzufahren.  Einer
unter ihnen zeigte sich bereit, stand auf und hub an, folgendermaen
zu erzhlen:

(im Mrchenalmanach auf das Jahr 1827 stand hier "Der arme Stephan"
von Gustav Adolf Schll.)

Der Sklave hatte geendet, und seine Erzhlung erhielt den Beifall des
Scheik und seiner Freunde.  Aber auch durch diese Erzhlung wollte
sich die Stirne des Scheik nicht entwlken lassen, er war und blieb
ernst und tiefsinnig wie zuvor, und die jungen Leute bemitleideten
ihn.

"Und doch", sprach der junge Kaufmann, "und doch kann ich nicht
begreifen, wie der Scheik sich an einem solchen Tage Mrchen erzhlen
lassen mag, und zwar von seinen Sklaven.  Ich fr meinen Teil, htte
ich einen solchen Kummer, so wrde ich lieber hinausreiten in den
Wald und mich setzen, wo es recht dunkel und einsam ist, aber auf
keinen Fall dieses Gerusch von Bekannten und Unbekannten um mich
versammeln."

"Der Weise", antwortete der alte Mann, "der Weise lt sich von
seinem Kummer nie so berwltigen, da er ihm vllig unterliegt.  Er
wird ernst, er wird tiefsinnig sein, er wird aber nicht laut klagen
oder verzweifeln.  Warum also, wenn es in deinem Innern dunkel und
traurig aussieht, warum noch berdies die Schatten dunkler Zedern
suchen?  Ihr Schatten fllt durch das Auge in dein Herz und macht es
noch dunkler.  An die Sonne mut du gehen, in den warmen, lichten Tag,
fr was du trauerst, und mit der Klarheit des Tages, mit der Wrme
des Lichtes wird dir die Gewiheit aufgehen, da Allahs Liebe ber
dir ist, erwrmend und ewig wie seine Sonne."

"Ihr habt wahr gesprochen", setzte der Schreiber hinzu, "und geziemt
es nicht einem weisen Mann, dem seine Umgebungen zu Gebot stehen, da
er an einem solchen Tage die Schatten des Grams so weit als mglich
entferne?  Soll er zum Getrnke seine Zuflucht nehmen oder Opium
speisen, um den Schmerz zu vergessen?  Ich bleibe dabei, es ist die
anstndigste Unterhaltung in Leid und Freude, sich erzhlen zu lassen,
und der Scheik hat ganz recht."

"Gut", erwiderte der junge Kaufmann, "aber hat er nicht Vorleser,
nicht Freunde genug; warum mssen es gerade Sklaven sein, die
erzhlen?"

"Diese Sklaven, lieber Herr", sagte der Alte, "sind vermutlich durch
allerlei Unglck in Sklaverei geraten und sind nicht gerade so
ungebildete Leute, wie Ihr wohl gesehen habt, von welchen man sich
nicht knnte erzhlen lassen.  berdies stammen sie von allerlei
Lndern und Vlkern, und es ist zu erwarten, da sie bei sich zu
Hause irgend etwas Merkwrdiges gehrt oder gesehen, das sie nun zu
erzhlen wissen.  Einen noch schneren Grund, den mir einst ein
Freund des Scheik sagte, will ich Euch wiedergeben: Diese Leute waren
bis jetzt in seinem Hause als Sklaven, hatten sie auch keine schwere
Arbeit zu verrichten, so war es doch immer Arbeit, zu der sie
gezwungen waren, und mchtig der Unterschied zwischen ihnen und
freien Leuten.  Sie durften sich, wie es Sitte ist, dem Scheik nicht
anders als mit den Zeichen der Unterwrfigkeit nhern.  Sie durften
nicht zu ihm reden, auer er fragte sie, und ihre Rede mute kurz
sein.  Heute sind sie frei; und ihr erstes Geschft als freie Leute
ist, in groer Gesellschaft und vor ihrem bisherigen Herrn lange und
offen sprechen zu drfen.  Sie fhlen sich nicht wenig geehrt dadurch,
und ihre unverhoffte Freilassung wird ihnen dadurch nur um so werter."

"Siehe", unterbrach ihn der Schreiber, "dort steht der vierte Sklave
auf; der Aufseher hat ihm wohl schon das Zeichen gegeben, lasset uns
niedersetzen und hren!"

(Im Mrchenalmanach auf das Jahr 1827 stand hier "Der gebackene Kopf"
von James Justinian Morier)

Der Scheik uerte seinen Beifall ber diese Erzhlung.  Er hatte,
was in Jahren nicht geschehen war, einigemal gelchelt, und seine
Freunde nahmen dies als eine gute Vorbedeutung.  Dieser Eindruck war
den jungen Mnnern und dem Alten nicht entgangen.  Auch sie freuten
sich darber, da der Scheik, auf eine halbe Stunde wenigstens,
zerstreut wurde; denn sie ehrten seinen Kummer und die Trauer um sein
Unglck, sie fhlten ihre Brust beengt, wenn sie ihn so ernst und
stille seinem Grame nachhngen sahen, und gehobener, freudiger waren
sie, als die Wolke seiner Stirne auf Augenblicke vorberzog.

"Ich kann mir wohl denken", sagte der Schreiber, "da diese Erzhlung
gnstigen Eindruck auf ihn machen mute; es liegt so viel Sonderbares,
Komisches darin, da selbst der heilige Derwisch auf dem Berge
Libanon, der in seinem Leben noch nie gelacht hat, laut auflachen
mte."

"Und doch", sprach der Alte lchelnd, "und doch ist weder Fee noch
Zauberer darin erschienen; kein Schlo von Kristall, keine Genien,
die wunderbare Speisen bringen, kein Vogel Rock, noch ein
Zauberpferd--"

"Ihr beschmt uns", rief der junge Kaufmann, "weil wir mit so vielem
Eifer von jenen Mrchen unserer Kindheit sprachen, die uns noch jetzt
so wunderbar anziehen, weil wir jene Momente aufzhlten, wo uns das
Mrchen so mit sich hinwegri, da wir darin zu leben whnten, weil
wir dies so hoch anschlugen, wollet Ihr uns beschmen und auf feine
Art zurechtweisen; nicht so?"

"Mitnichten!  Es sei ferne von mir, eure Liebe zum Mrchen zu tadeln;
es zeugt von einem unverdorbenen Gemt, da ihr euch noch so recht
gemtlich in den Gang des Mrchens versetzen konntet, da ihr nicht
wie andere vornehm darauf, als auf ein Kinderspiel, herabsehet, da
ihr euch nicht langweilt und lieber ein Ro zureiten oder auf dem
Sofa behaglich einschlummern oder halb trumend die Wasserpfeife
rauchen wolltet, statt dergleichen euer Ohr zu schenken.  Es sei
ferne von mir, euch darum zu tadeln; aber das freut mich, da auch
eine andere Art von Erzhlung euch fesselt und ergtzt, eine andere
Art als die, welche man gewhnlich Mrchen nennt."

"Wie versteht Ihr dies?  Erklrt uns deutlicher, was Ihr meinet.
Eine andere Art als das Mrchen?" sprachen die Jnglinge unter sich.

"Ich denke, man mu einen gewissen Unterschied machen zwischen
Mrchen und Erzhlungen, die man im gemeinen Leben Geschichten nennt.
Wenn ich euch sage, ich will euch ein Mrchen erzhlen, so werdet
ihr zum voraus darauf rechnen, da es eine Begebenheit ist, die von
dem gewhnlichen Gang des Lebens abschweift und sich in einem Gebiet
bewegt, das nicht mehr durchaus irdischer Natur ist.  Oder, um
deutlicher zu sein, ihr werdet bei dem Mrchen auf die Erscheinung
anderer Wesen als allein sterblicher Menschen rechnen knnen; es
greifen in das Schicksal der Person, von welcher das Mrchen handelt,
fremde Mchte, wie Feen und Zauberer, Genien und Geisterfrsten, ein;
die ganze Erzhlung nimmt eine auergewhnliche, wunderbare Gestalt
an und ist ungefhr anzuschauen wie die Gewebe unserer Teppiche oder
viele Gemlde unserer besten Meister, welche die Franken Arabesken
nennen.  Es ist dem echten Muselmann verboten, den Menschen, das
Geschpf Allahs, sndigerweise wiederzuschpfen in Farben und
Gemlden, daher sieht man auf jenen Geweben wunderbar verschlungene
Bume und Zweige mit Menschenkpfen, Menschen, die in einen Fisch
oder Strauch ausgehen, kurz, Figuren, die an das gewhnliche Leben
erinnern und dennoch ungewhnlich sind; ihr versteht mich doch?"  "Ich
glaube, Eure Meinung zu erraten", sagte der Schreiber, "doch fahret
weiter fort!"

"Von dieser Art ist nun das Mrchen; fabelhaft, ungewhnlich,
berraschend; weil es dem gewhnlichen Leben fremd ist, wird es oft
in fremde Lnder oder in ferne, lngst vergangene Zeiten verschoben.
Jedes Land, jedes Volk hat solche Mrchen, die Trken so gut als die
Perser, die Chinesen wie die Mongolen; selbst in Frankenland soll es
viele geben, wenigstens erzhlte mir einst ein gelehrter Giaur davon;
doch sind sie nicht so schn als die unsrigen; denn statt schner
Feen, die in prachtvollen Palsten wohnen, haben sie zauberhafte
Weiber, die sie Hexen nennen, heimtckisches, hliches Volk, das in
elenden Htten wohnt, und statt in einem Muschelwagen, von Greisen
gezogen, durch die blauen Lfte zu fahren, reiten sie auf einem Besen
durch den Nebel.  Sie haben auch Gnomen und Erdgeister, das sind
kleine verwachsene Kerlchen, die allerlei Spuk machen.  Das sind nun
die Mrchen; ganz anders ist es aber mit den Erzhlungen, die man
gemeinhin Geschichten nennt.  Diese bleiben ganz ordentlich auf der
Erde, tragen sich im gewhnlichen Leben zu, und wunderbar ist an
ihnen meistens nur die Verkettung der Schicksale eines Menschen, der
nicht durch Zauber, Verwnschung oder Feenspuk, wie im Mrchen,
sondern durch sie selbst oder die sonderbare Fgung der Umstnde
reich oder arm, glcklich oder unglcklich wird."

"Richtig!" erwiderte einer der jungen Leute.  "Solche reinen
Geschichten finden sich auch in den herrlichen Erzhlungen der
Scheherazade, die man Tausendundeine Nacht nennt.  Die meisten
Begebenheiten des Knigs Harun Al-Raschid und seines Wesirs sind
dieser Art.  Sie gehen verkleidet aus und sehen diesen oder jenen
hchst sonderbaren Vorfall, der sich nachher ganz natrlich auflst."

"Und dennoch werdet ihr gestehen mssen", fuhr der Alte fort, "da
jene Geschichten nicht der schlechteste Teil der Tausendundeine
Nacht sind.  Und doch, wie verschieden sind sie in ihren Ursachen,
in ihrem Gang, in ihrem ganzen Wesen von den Mrchen eines Prinzen
Biribinker oder der drei Derwische mit einem Auge oder des Fischers,
der den Kasten, verschlossen mit dem Siegel Salomos, aus dem Meere
zieht!  Aber am Ende ist es dennoch eine Grundursache, die beiden
ihren eigentmlichen Reiz gibt, nmlich das, da wir etwas
Auffallendes, Auergewhnliches miterleben.  Bei dem Mrchen liegt
dieses Auergewhnliche in jener Einmischung eines fabelhaften
Zaubers in das gewhnliche Menschenleben, bei den Geschichten
geschieht etwas zwar nach natrlichen Gesetzen, aber auf
berraschende, ungewhnliche Weise."

"Sonderbar!" rief der Schreiber, "sonderbar, da uns dann dieser
natrliche Gang der Dinge ebenso anzieht wie der bernatrliche im
Mrchen; worin mag dies doch liegen?"

"Das liegt in der Schilderung des einzelnen Menschen", antwortete der
Alte; "im Mrchen huft sich das Wunderbare so sehr, der Mensch
handelt so wenig mehr aus eigenem Trieb, da die einzelnen Figuren
und ihr Charakter nur flchtig gezeichnet werden knnen.  Anders bei
der gewhnlichen Erzhlung, wo die Art, wie jeder seinem Charakter
gem spricht und handelt, die Hauptsache und das Anziehende ist.  So
die Geschichte von dem gebackenen Kopf, die wir soeben gehrt haben.
Der Gang der Erzhlung wre im ganzen nicht auffallend, nicht
berraschend, wre er nicht verwickelt durch den Charakter der
Handelnden.  Wie kstlich zum Beispiel ist die Figur des Schneiders.
Man glaubt den alten, gekrmmten Mantelflicker vor sich zu sehen.  Er
soll zum erstenmal in seinem Leben einen tchtigen Schnitt machen,
ihm und seinem Weibe lacht schon zum voraus das Herz, und sie
traktieren sich mit recht schwarzem Kaffee.  Welches Gegenstck zu
dieser behaglichen Ruhe ist dann jene Szene, wo sie den Pack begierig
ffnen und den greulichen Kopf erblicken.  Und nachher glaubt man ihn
nicht zu sehen und zu hren, wie er auf dem Minarett umherschleicht,
die Glubigen mit meckernder Stimme zum Gebet ruft und bei Erblickung
des Sklaven pltzlich, wie vom Donner gerhrt, verstummt?  Dann der
Barbier!  Sehet ihr ihn nicht vor euch, den alten Snder, der,
whrend er die Seife anrhrt, viel schwatzt und gerne verbotenen Wein
trinkt?  Sehet ihr ihn nicht, wie er dem sonderbaren Kunden das
Barbierschsselchen unterhlt und--den kalten Schdel berhrt?  Nicht
minder gut, wenn auch nur angedeutet, ist der Sohn des Bckers, der
verschmitzte Junge, und der Bratenmacher Yanakil.  Ist nicht das
Ganze eine ununterbrochene Reihe komischer Szenen, scheint nicht der
Gang der Geschichte, so ungewhnlich er ist, sich ganz natrlich zu
fgen?  Und warum?  Weil die einzelnen Figuren richtig gezeichnet
sind und aus ihrem ganzen Wesen alles so kommen mu, wie es wirklich
geschieht."

"Wahrlich, Ihr habt recht!" erwiderte der junge Kaufmann, "ich habe
mir nie Zeit genommen, so recht darber nachzudenken, habe alles nur
so gesehen und an mir vorbergehen lassen, habe mich an dem einen
ergtzt, das andere langweilig gefunden, ohne gerade zu wissen, warum.
Aber Ihr gebt uns da einen Schlssel, der uns das Geheimnis ffnet,
einen Probierstein, worauf wir die Probe machen und richtig urteilen
knnen."

"Tuet das immer", antwortete der Alte, "und euer Genu wird sich
vergrern, wenn ihr nachdenken lernet ber das, was ihr gehrt.
Doch siehe, dort erhebt sich wieder ein neuer, um zu erzhlen."

So war es, und der fnfte Sklave begann:




Der arme Stephan

Gustav Adolf Schll


Im "Mrchenalmanach auf das Jahr 1827" stand hier "Der arme Stephan"
von Gustav Adolf Schll.






Der gebackene Kopf

James Justinian Morier


Im "Mrchenalmanach auf das Jahr 1827" stand hier "Der gebackene
Kopf" von James Justinian Morier.






Der Affe als Mensch

Wilhelm Hauff


"Herr! ich bin ein Deutscher von Geburt und habe mich in Euren Landen
zu kurz aufgehalten, als da ich ein persisches Mrchen oder eine
ergtzliche Geschichte von Sultanen und Wesiren erzhlen knnte.  Ihr
mt mir daher schon erlauben, da ich etwas aus meinem Vaterland
erzhle, was Euch vielleicht auch einigen Spa macht.  Leider sind
unsere Geschichten nicht immer so vornehm wie die Euren, das heit,
sie handeln nicht von Sultanen oder unseren Knigen, nicht von
Wesiren und Paschas, was man bei uns Justiz- und Finanzminister, auch
Geheimrte und dergleichen nennt, sondern sie leben, wenn sie nicht
von Soldaten handeln, gewhnlich ganz bescheiden und unter den
Brgern.

Im sdlichen Teil von Deutschland liegt das Stdtchen Grnwiesel, wo
ich geboren und erzogen bin.  Es ist ein Stdtchen, wie sie alle sind.
In der Mitte ein kleiner Marktplatz mit einem Brunnen, an der Seite
ein kleines, altes Rathaus, umher auf dem Markt die Huser des
Friedensrichters und der angesehensten Kaufleute, und in ein paar
engen Straen wohnen die brigen Menschen.  Alles kennt sich,
jedermann wei, wie es da und dort zugeht, und wenn der Oberpfarrer
oder der Brgermeister oder der Arzt ein Gericht mehr auf der Tafel
hat, so wei es schon am Mittagessen die ganze Stadt.  Nachmittags
kommen dann die Frauen zueinander in die Visite, wie man es nennt,
besprechen sich bei starkem Kaffee und sem Kuchen ber diese groe
Begebenheit, und der Schlu ist, da der Oberpfarrer wahrscheinlich
in die Lotterie gesetzt und unchristlich viel gewonnen habe, da der
Brgermeister sich 'schmieren' lasse oder da der Doktor vom
Apotheker einige Goldstcke bekommen habe, um recht teure Rezepte zu
verschreiben.  Ihr knnet Euch denken, Herr, wie unangenehm es fr
eine so wohleingerichtete Stadt wie Grnwiesel sein mute, als ein
Mann dorthin zog, von dem niemand wute, woher er kam, was er wollte,
von was er lebte.  Der Brgermeister hatte zwar seinen Pa gesehen,
ein Papier, das bei uns jedermann haben mu"

"Ist es denn so unsicher auf den Straen", unterbrach den Sklaven der
Scheik, "da Ihr einen Ferman Eures Sultans haben msset, um die
Ruber in Respekt zu setzen?"

"Nein, Herr", entgegnete jener, "diese Papiere halten keinen Dieb von
uns ab, sondern es ist nur der Ordnung wegen, da man berall wei,
wen man vor sich hat."

Nun, der Brgermeister hatte den Pa untersucht und in einer
Kaffeegesellschaft bei Doktors geuert, der Pa sei zwar ganz
richtig visiert von Berlin bis Grnwiesel, aber es stecke doch was
dahinter; denn der Mann sehe etwas verdchtig aus.  Der Brgermeister
hatte das grte Ansehen in der Stadt, kein Wunder, da von da an der
Fremde als eine verdchtige Person angesehen wurde.  Und sein
Lebenswandel konnte meine Landsleute nicht von dieser Meinung
abbringen.  Der fremde Mann mietete sich fr einige Goldstcke ein
ganzes Haus, das bisher de gestanden, lie einen ganzen Wagen voll
sonderbarer Gertschaften, als fen, Kunstherde, groe Tiegel und
dergleichen hineinschaffen und lebte von da an ganz fr sich allein.
Ja, er kochte sich sogar selbst, und es kam keine menschliche Seele
in sein Haus als ein alter Mann aus Grnwiesel, der ihm seine
Einkufe in Brot, Fleisch und Gemse besorgen mute.  Doch auch
dieser durfte nur in den Flur des Hauses kommen, und dort nahm der
fremde Mann das Gekaufte in Empfang.

Ich war ein Knabe von zehn Jahren, als der Mann in meiner Vaterstadt
einzog, und ich kann mir noch heute, als wre es gestern geschehen,
die Unruhe denken, die dieser Mann im Stdtchen verursachte.  Er kam
nachmittags nicht, wie andere Mnner, auf die Kegelbahn, er kam
abends nicht ins Wirtshaus, um, wie die brigen, bei einer Pfeife
Tabak ber die Zeitung zu sprechen.  Umsonst luden ihn nach der Reihe
der Brgermeister, der Friedensrichter, der Doktor und der
Oberpfarrer zum Essen oder Kaffee ein, er lie sich immer
entschuldigen.  Daher hielten ihn einige fr verrckt, andere fr
einen Juden, eine dritte Partie behauptete steif und fest, er sei ein
Zauberer oder Hexenmeister.  Ich wurde achtzehn, zwanzig Jahre alt,
und noch immer hie der Mann in der Stadt der fremde Herr.

Es begab sich aber eines Tages, da Leute mit fremden Tieren in die
Stadt kamen.  Es ist dies hergelaufenes Gesindel, das ein Kamel hat,
welches sich verbeugen kann, einen Bren, der tanzt, einige Hunde und
Affen, die in menschlichen Kleidern komisch genug aussehen und
allerlei Knste machen.  Diese Leute durchziehen gewhnlich die Stadt,
halten an den Kreuzstraen und Pltzen, machen mit einer kleinen
Trommel und einer Pfeife eine beltnende Musik, lassen ihre Truppe
tanzen und springen und sammeln dann in den Husern Geld ein.  Die
Truppe aber, die diesmal sich in Grnwiesel sehen lie, zeichnete
sich durch einen ungeheuren Orang-Utan aus, der beinahe Menschengre
hatte, auf zwei Beinen ging und allerlei artige Knste zu machen
verstand.  Diese Hunds- und Affenkomdie kam auch vor das Haus des
fremden Herrn; er erschien, als die Trommel und Pfeife ertnten, von
Anfang ganz unwillig hinter den dunklen, vom Alter angelaufenen
Fenstern; bald aber wurde er freundlicher, schaute zu jedermanns
Verwundern zum Fenster heraus und lachte herzlich ber die Knste des
Orang-Utans; ja, er gab fr den Spa ein so groes Silberstck, da
die ganze Stadt davon sprach.

Am anderen Morgen zog die Tierbande weiter; das Kamel mute viele
Krbe tragen, in welchen die Hunde und Affen ganz bequem saen, die
Tiertreiber aber und der groe Affe gingen hinter dem Kamel.  Kaum
aber waren sie einige Stunden zum Tore hinaus, so schickte der fremde
Herr auf die Post, verlangte zu groer Verwunderung des Postmeisters
einen Wagen und Extrapost und fuhr zu demselben Tor hinaus den Weg
hin, den die Tiere genommen hatten.  Das ganze Stdtchen rgerte sich,
da man nicht erfahren konnte, wohin er gereist sei.  Es war schon
Nacht, als der fremde Herr wieder im Wagen vor dem Tor ankam; es sa
aber noch eine Person im Wagen, die den Hut tief ins Gesicht gedrckt
und um Mund und Ohren ein seidenes Tuch gebunden hatte.  Der
Torschreiber hielt es fr seine Pflicht, den anderen Fremden
anzureden und um seinen Pa zu bitten; er antwortete aber sehr grob,
indem er in einer ganz unverstndlichen Sprache brummte.

"Es ist mein Neffe", sagte der fremde Mann freundlich zum
Torschreiber, indem er ihm einige Silbermnzen in die Hand drckte,
"es ist mein Neffe und versteht bis dato noch wenig Deutsch; er hat
soeben in seiner Mundart ein wenig geflucht, da wir hier aufgehalten
werden."

"Ei, wenn es Dero Neffe ist", antwortete der Torschreiber, "so kann
er wohl ohne Pa hereinkommen; er wird wohl ohne Zweifel bei Ihnen
wohnen?"

"Allerdings", sagte der Fremde, "und hlt sich wahrscheinlich lngere
Zeit hier auf."

Der Torschreiber hatte keine weitere Einwendung mehr, und der fremde
Herr und sein Neffe fuhren ins Stdtchen.  Der Brgermeister und die
ganze Stadt waren brigens nicht sehr zufrieden mit dem Torschreiber.
Er htte doch wenigstens einige Worte von der Sprache des Neffen
sich merken sollen; daraus htte man dann leicht erfahren, was fr
ein Landeskind er und der Onkel wren.  Der Torschreiber versicherte
aber, da es weder Franzsisch oder Italienisch sei, wohl aber habe
es so breit geklungen wie Englisch, und wenn er nicht irre, so habe
der junge Herr gesagt: "Goddam!"  So half der Torschreiber sich selbst
aus der Not und dem jungen Manne zu einem Namen; denn man sprach
jetzt nur von dem jungen Englnder im Stdtchen.

Aber auch der junge Englnder wurde nicht sichtbar, weder auf der
Kegelbahn noch im Bierkeller; wohl aber gab er den Leuten auf andere
Weise viel zu schaffen.--Es begab sich nmlich oft, da von dem sonst
so stillen Hause des Fremden ein schreckliches Geschrei und ein Lrm
ausging, da die Leute haufenweise vor dem Hause stehenblieben und
hinaufsahen.  Man sah dann den jungen Englnder, angetan mit einem
roten Frack und grnen Beinkleidern, mit struppichtem Haar und
schrecklicher Miene unglaublich schnell an den Fenstern hin und her
durch alle Zimmer laufen; der alte Fremde lief ihm in einem roten
Schlafrock, eine Hetzpeitsche in der Hand, nach, verfehlte ihn oft,
aber einigemal kam es doch der Menge auf der Strae vor, als msse er
den Jungen erreicht haben; denn man hrte klgliche Angsttne und
klatschende Peitschenhiebe die Menge.  An dieser grausamen Behandlung
des fremden jungen Mannes nahmen die Frauen des Stdtchens so
lebhaften Anteil, da sie endlich den Brgermeister bewogen, einen
Schritt in der Sache zu tun.  Er schrieb dem fremden Herrn ein
Billett, worin er ihm die unglimpfliche Behandlung seines Neffen in
ziemlich derben Ausdrcken vorwarf und ihm drohte, wenn noch ferner
solche Szenen vorfielen, den jungen Mann unter seinen besonderen
Schutz zu nehmen.

Wer war aber mehr erstaunt als der Brgermeister, wie er den Fremden
selbst, zum erstenmal seit zehn Jahren, bei sich eintreten sah.  Der
alte Herr entschuldigte sein Verfahren mit dem besonderen Auftrag der
Eltern des Jnglings, die ihm solchen zu erziehen gegeben; er sei
sonst ein kluger, anstelliger Junge, uerte er, aber die Sprachen
erlerne er sehr schwer; er wnsche so sehnlich, seinem Neffen das
Deutsche recht gelufig beizubringen, um sich nachher die Freiheit zu
nehmen, ihn in die Gesellschaft von Grnwiesel einzufhren, und
dennoch gehe demselben diese Sprache so schwer ein, da man oft
nichts Besseres tun knne, als ihn gehrig durchzupeitschen.  Der
Brgermeister fand sich durch diese Mitteilung vllig befriedigt,
riet dem Alten zur Migung und erzhlte abends im Bierkeller, da er
selten einen so unterrichteten, artigen Mann gefunden als den Fremden;
"es ist nur schade", setzte er hinzu, "da er so wenig in
Gesellschaft kommt; doch ich denke, wenn der Neffe nur erst ein wenig
Deutsch spricht, besucht er meine Cercles fter."

Durch diesen einzigen Vorfall war die Meinung des Stdtchens vllig
umgendert.  Man hielt den Fremden fr einen artigen Mann, sehnte
sich nach seiner nheren Bekanntschaft und fand es ganz in der
Ordnung, wenn hier und da in dem den Hause ein grliches Geschrei
aufging.  "Er gibt dem Neffen Unterricht in der deutschen
Sprachlehre", sagten die Grnwiesler und blieben nicht mehr stehen.
Nach einem Vierteljahr ungefhr schien der Unterricht im Deutschen
beendigt; denn der Alte ging jetzt um eine Stufe weiter vor.  Es
lebte ein alter gebrechlicher Franzose in der Stadt, der den jungen
Leuten Unterricht im Tanzen gab.  Diesen lie der Fremde zu sich
rufen und sagte ihm, da er seinen Neffen im Tanzen unterrichten
lassen wolle.  Er gab ihm zu verstehen, da derselbe zwar sehr
gelehrig, aber, was das Tanzen betreffe, etwas eigensinnig sei; er
habe nmlich frher bei einem anderen Meister tanzen gelernt, und
zwar nach so sonderbaren Touren, da er sich nicht fglich in der
Gesellschaft produzieren knne; der Neffe halte sich aber eben
deswegen fr einen groen Tnzer, obgleich sein Tanz nicht die
entfernteste hnlichkeit mit Walzer oder Galopp (Tnze, die man in
meinem Vaterlande tanzt, o Herr!), nicht einmal hnlichkeit mit
Ekossaise oder Franaise habe.  Er versprach brigens einen Taler fr
die Stunde, und der Tanzmeister war mit Vergngen bereit, den
Unterricht des eigensinnigen Zglings zu bernehmen.

Es gab, wie der Franzose unterderhand versicherte, auf der Welt
nichts Sonderbareres als diese Tanzstunden.  Der Neffe, ein ziemlich
groer, schlanker junger Mann, der nur etwas sehr kurze Beine hatte,
erschien in einem roten Frack, schn frisiert, in grnen, weiten
Beinkleidern und glasierten Handschuhen.  Er sprach wenig und mit
fremdem Akzent, war von Anfang ziemlich artig und anstellig; dann
verfiel er aber oft pltzlich in fratzenhafte Sprnge, tanzte die
khnsten Touren, wobei er Entrechats machte, da dem Tanzmeister
Hren und Sehen verging; wollte er ihn zurechtweisen, so zog er die
zierlichen Tanzschuhe von den Fen, warf sie dem Franzosen an den
Kopf und setzte nun auf allen Vieren im Zimmer umher.  Bei diesem
Lrm fuhr dann der alte Herr pltzlich in einem weiten, roten
Schlafrock, eine Mtze von Goldpapier auf dem Kopf, aus seinem Zimmer
heraus und lie die Hetzpeitsche ziemlich unsanft auf den Rcken des
Neffen niederfallen.  Der Neffe fing dann an, schrecklich zu heulen,
sprang auf Tische und hohe Kommoden, ja selbst an den Kreuzstcken
der Fenster hinauf und sprach eine fremde, seltsame Sprache.  Der
Alte im roten Schlafrock aber lie sich nicht irremachen, fate ihn
am Bein, ri ihn herab, bleute ihn durch und zog ihm mittels einer
Schnalle die Halsbinde fester an, worauf er immer wieder artig und
manierlich wurde und die Tanzstunde ohne Strung weiterging.

Als aber der Tanzmeister seinen Zgling so weit gebracht hatte, da
man Musik zu der Stunde nehmen konnte, da war der Neffe wie
umgewandelt.  Ein Stadtmusikant wurde gemietet, der im Saal des den
Hauses auf einen Tisch sich setzen mute.  Der Tanzmeister stellte
dann die Dame vor, indem ihm der alte Herr einen Frauenrock von Seide
und einen ostindischen Schal anziehen lie; der Neffe forderte ihn
auf und fing nun an, mit ihm zu tanzen und zu walzen; er aber war ein
unermdlicher, rasender Tnzer, er lie den Meister nicht aus seinen
langen Armen; ob er chzte und schrie, er mute tanzen, bis er
ermattet umsank oder bis dem Stadtmusikus der Arm lahm wurde an der
Geige.  Den Tanzmeister brachten diese Unterrichtsstunden beinahe
unter den Boden, aber der Taler, den er jedesmal richtig ausbezahlt
bekam, der gute Wein, den der Alte aufwartete, machten, da er immer
wiederkam, wenn er auch den Tag zuvor sich fest vorgenommen hatte,
nicht mehr in das de Haus zu gehen.

Die Leute in Grnwiesel sahen aber die Sache ganz anders an als der
Franzose.  Sie fanden, da der junge Mann viele Anlagen zum
Gesellschaftlichen habe, und die Frauenzimmer im Stdtchen freuten
sich, bei dem groen Mangel an Herren einen so flinken Tnzer fr den
nchsten Winter zu bekommen.

Eines Morgens berichteten die Mgde, die vom Markte heimkehrten,
ihren Herrschaften ein wunderbares Ereignis.  Vor dem den Hause sei
ein prchtiger Glaswagen gestanden, mit schnen Pferden bespannt, und
ein Bediensteter in reicher Livree habe den Schlag gehalten.  Da sei
die Tre des den Hauses aufgegangen und zwei schn gekleidete Herren
herausgetreten, wovon der eine der alte Fremde und der andere
wahrscheinlich der junge Herr gewesen, der so schwer Deutsch gelernt
und so rasend tanze.  Die beiden seien in den Wagen gestiegen, der
Bedienstete hinten aufs Brett gesprungen, und der Wagen, man stelle
sich vor, sei geradezu auf Brgermeisters Haus zugefahren.

Als die Frauen solches von ihren Mgden erzhlen hrten, rissen sie
eilends die Kchenschrzen und die etwas unsauberen Hauben ab und
versetzten sich in Staat; "es ist nichts gewisser", sagten sie zu
ihrer Familie, indem alles umherrannte, um das Besuchszimmer, das
zugleich zu sonstigem Gebrauch diente, aufzurumen, "es ist nichts
gewisser, als da der Fremde jetzt seinen Neffen in die Welt einfhrt.
Der alte Narr war seit zehn Jahren nicht so artig, einen Fu in
unser Haus zu setzen, aber es sei ihm wegen des Neffen verziehen, der
ein charmanter Mensch sein soll."  So sprachen sie und ermahnten ihre
Shne und Tchter, recht manierlich auszusehen, wenn die Fremden
kmen, sich gerade zu halten und sich auch einer besseren Aussprache
zu bedienen als gewhnlich.  Und die klugen Frauen im Stdtchen
hatten nicht unrecht geraten; denn nach der Reihe fuhr der alte Herr
mit seinem Neffen umher; sich und ihn in die Gewogenheit der Familien
zu empfehlen.

Man war berall ganz erfllt von den beiden Fremden und bedauerte,
nicht schon frher diese angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben.
Der alte Herr zeigte sich als ein wrdiger, sehr vernnftiger Mann,
der zwar bei allem, was er sagte, ein wenig lchelte, so da man
nicht gewi war, ob es ihm Ernst sei oder nicht, aber er sprach ber
das Wetter, ber die Gegend, ber das Sommervergngen auf dem Keller
am Berge so klug und durchdacht, da jedermann davon bezaubert war.
Aber der Neffe!  Er bezauberte alles, er gewann alle Herzen fr sich.

Man konnte zwar, was sein ueres betraf, sein Gesicht nicht schn
nennen; der untere Teil, besonders die Kinnlade, stand allzusehr
hervor, und der Teint war sehr brunlich; auch machte er zuweilen
allerlei sonderbare Grimassen, drckte die Augen zu und fletschte mit
den Zhnen; aber dennoch fand man den Schnitt seiner Zge ungemein
interessant.  Es konnte nichts Beweglicheres, Gewandteres geben als
seine Gestalt.  Die Kleider hingen ihm zwar etwas sonderbar am Leib,
aber es stand ihm alles trefflich; er fuhr mit groer Lebendigkeit im
Zimmer umher, warf sich hier aufs Sofa, dort in einen Lehnstuhl und
streckte die Beine von sich; aber was man bei einem anderen jungen
Mann hchst gemein und unschicklich gefunden htte, galt bei dem
Neffen fr Genialitt.

"Er ist ein Englnder", sagte man, "so sind sie alle; ein Englnder
kann sich aufs Kanapee legen und einschlafen, whrend zehn Damen
keinen Platz haben und umherstehen mssen, einem Englnder kann man
so etwas nicht belnehmen."  Gegen den alten Herrn, seinen Oheim, war
er sehr fgsam; denn wenn er anfing, im Zimmer umherzuhpfen oder,
wie er gerne tat, die Fe auf den Sessel hinaufzuziehen, so reichte
ein ernsthafter Blick hin, ihn zur Ordnung zu bringen.  Und wie
konnte man ihm so etwas belnehmen, als vollends der Onkel in jedem
Haus zu der Dame sagte: "Mein Neffe ist noch ein wenig roh und
ungebildet; aber ich verspreche mir viel von der Gesellschaft, die
wird ihn gehrig formen und bilden, und ich empfehle ihn namentlich
Ihnen aufs angelegenste."

So war der Neffe also in die Welt eingefhrt, und ganz Grnwiesel
sprach an diesem und den folgenden Tagen von nichts anderem als von
diesem Ereignis.  Der alte Herr blieb aber hierbei nicht stehen; er
schien seine Denk- und Lebensart gnzlich gendert zu haben.
Nachmittags ging er mit dem Neffen hinaus in den Felsenkeller am Berg,
wo die vornehmeren Herren von Grnwiesel Bier tranken und sich am
Kegelschieben ergtzten.  Der Neffe zeigte sich dort als ein flinker
Meister im Spiel; denn er warf nie unter fnf oder sechs; hier und da
schien zwar ein sonderbarer Geist ber ihn zu kommen; es konnte ihm
einfallen, da er pfeilschnell mit der Kugel hinaus- und unter die
Kegel hineinfuhr und dort allerhand tollen Rumor anrichtete, oder
wenn er den Kranz oder den Knig geworfen, stand er pltzlich auf
seinem schn frisierten Haar und streckte die Beine in die Hhe, oder
wenn ein Wagen vorbeifuhr, sa er, ehe man sich's dessen versah, oben
auf dem Kutschenhimmel und machte Grimassen herab, fuhr so ein
Stckchen weit mit und kam dann wieder zur Gesellschaft gesprungen.

Der alte Herr pflegte dann bei solchen Szenen den Brgermeister und
die anderen Mnner sehr um Entschuldigung zu bitten wegen der
Ungezogenheit seines Neffen; sie aber lachten, schrieben es seiner
Jugend zu, behaupteten, in diesem Alter selbst so leichtfig gewesen
zu sein, und liebten den jungen Springinsfeld, wie sie ihn nannten,
ungemein.

Es gab aber auch Zeiten, wo sie sich nicht wenig ber ihn rgerten
und dennoch nichts zu sagen wagten, weil der junge Englnder
allgemein als ein Muster von Bildung und Verstand galt.  Der alte
Herr pflegte nmlich mit seinem Neffen auch abends in den Goldenen
Hirsch, das Wirtshaus des Stdtchens, zu kommen.  Obgleich der Neffe
noch ein ganz junger Mensch war, tat er doch schon ganz wie ein Alter,
setzte sich hinter sein Glas, tat eine ungeheure Brille auf, zog
eine gewaltige Pfeife heraus, zndete sie an und dampfte unter allen
am rgsten.  Wurde nun ber die Zeitungen, ber Krieg und Frieden
gesprochen, gab der Doktor die Meinung, der Brgermeister jene, waren
die anderen Herren ganz erstaunt ber so tiefe politische Kenntnisse,
so konnte es dem Neffen pltzlich einfallen, ganz anderer Meinung zu
sein; er schlug dann mit der Hand, von welcher er nie die Handschuhe
ablegte, auf den Tisch und gab dem Brgermeister und dem Doktor nicht
undeutlich zu verstehen, da sie von diesem allem nichts genau wten,
da er diese Sachen ganz anders gehrt habe und tiefere Einsicht
besitze.  Er gab dann in einem sonderbar gebrochenen Deutsch seine
Meinung preis, die alle, zum groen rgernis des Brgermeisters, ganz
trefflich fanden; denn er mute als Englnder natrlich alles besser
wissen.

Setzten sich dann der Brgermeister und der Doktor in ihrem Zorn, den
sie nicht laut werden lassen durften, zu einer Partie Schach, so
rckte der Neffe hinzu, schaute dem Brgermeister mit seiner groen
Brille ber die Schulter herein und tadelte diesen oder jenen Zug,
sagte dem Doktor, so und so msse er ziehen, so da beide Mnner
heimlich ganz grimmig wurden.  Bot ihm dann der Brgermeister
rgerlich eine Partie an, um ihn gehrig matt zu machen, denn er
hielt sich fr einen zweiten Philidor, so schnallte der alte Herr dem
Neffen die Halsbinde fester zu, worauf dieser ganz artig und
manierlich wurde und den Brgermeister matt machte.

Man hatte bisher in Grnwiesel beinahe jeden Abend Karten gespielt,
die Partie um einen halben Kreuzer; das fand nun der Neffe erbrmlich,
setzte Kronentaler und Dukaten, behauptete, kein einziger spiele so
fein wie er, shnte aber die beleidigten Herren gewhnlich dadurch
wieder aus, da er ungeheure Summen an sie verlor.  Sie machten sich
auch gar kein Gewissen daraus, ihm recht viel Geld abzunehmen; denn
"er ist ja ein Englnder, also von Hause aus reich", sagten sie und
schoben die Dukaten in die Tasche.

So kam der Neffe des fremden Herrn in kurzer Zeit bei Stadt und
Umgegend in ungemeines Ansehen.  Man konnte sich seit
Menschengedenken nicht erinnern, einen jungen Mann dieser Art in
Grnwiesel gesehen zu haben, und es war die sonderbarste Erscheinung,
die man je bemerkt.  Man konnte nicht sagen, da der Neffe irgend
etwas gelernt htte als etwa tanzen.  Latein und Griechisch waren ihm,
wie man zu sagen pflegt, bhmische Drfer.  Bei einem
Gesellschaftsspiel in Brgermeisters Hause sollte er etwas schreiben,
und es fand sich, da er nicht einmal seinen Namen schreiben konnte;
in der Geographie machte er die auffallendsten Schnitzer; denn es kam
ihm nicht darauf an, eine deutsche Stadt nach Frankreich oder eine
dnische nach Polen zu versetzen, er hatte nichts gesehen, nichts
studiert, und der Oberpfarrer schttelte oft bedenklich den Kopf ber
die rohe Unwissenheit des jungen Mannes; aber dennoch fand man alles
trefflich, was er tat oder sagte; denn er war so unverschmt, immer
recht haben zu wollen, und das Ende jeder seiner Reden war: "Ich
verstehe das besser!"

So kam der Winter heran, und jetzt erst trat der Neffe mit noch
grerer Glorie auf.  Man fand jede Gesellschaft langweilig, wo nicht
er zugegen war, man ghnte, wenn ein vernnftiger Mann etwas sagte;
wenn aber der Neffe selbst das trichteste Zeug in schlechtem Deutsch
vorbrachte, war alles Ohr.  Es fand sich jetzt, da der treffliche
junge Mann auch ein Dichter war; denn nicht leicht verging ein Abend,
an welchem er nicht einiges Papier aus der Tasche zog und der
Gesellschaft einige Sonette vorlas.  Es gab zwar einige Leute, die
von dem einen Teil dieser Dichtungen behaupteten, sie seien schlecht
und ohne Sinn, einen anderen Teil wollten sie schon irgendwo gedruckt
gelesen haben; aber der Neffe lie sich nicht irremachen, er las und
las, machte dann auf die Schnheiten seiner Verse aufmerksam, und
jedesmal erfolgte rauschender Beifall.

Sein Triumph waren aber die Grnwieseler Blle.  Es konnte niemand
anhaltender, schneller tanzen als er; keiner machte so khne und
ungemein zierliche Sprnge wie er.  Dabei kleidete ihn sein Onkel
immer aufs prchtigste nach dem neuesten Geschmack, und obgleich ihm
die Kleider nicht recht am Leibe sitzen wollten, fand man dennoch,
da ihn alles allerliebst kleide.  Die Mnner fanden sich zwar bei
diesen Tnzen etwas beleidigt durch die neue Art, womit er auftrat.
Sonst hatte immer der Brgermeister in eigener Person den Ball
erffnet, die vornehmsten jungen Leute hatten das Recht, die brigen
Tnze anzuordnen aber seit der fremde junge Herr erschien, war dies
alles ganz anders.  Ohne viel zu fragen, nahm er die nchste beste
Dame bei der Hand, stellte sich mit ihr oben an, machte alles, wie es
ihm gefiel, und war Herr und Meister und Ballknig.  Weil aber die
Frauen diese Manieren ganz trefflich und angenehm fanden, so durften
die Mnner nichts dagegen einwenden, und der Neffe blieb bei seiner
selbstgewhlten Wrde.

Das grte Vergngen schien ein solcher Ball dem alten Herrn zu
gewhren; er verwandte kein Auge von seinem Neffen, lchelte immer in
sich hinein, und wenn alle Welt herbeistrmte, um ihm ber den
anstndigen, wohlgezogenen Jngling Lobsprche zu erteilen, so konnte
er sich vor Freude gar nicht fassen; er brach dann in ein lustiges
Gelchter aus und bezeugte sich wie nrrisch; die Grnwieseler
schrieben diese sonderbaren Ausbrche der Freude seiner groen Liebe
zu dem Neffen zu und fanden es ganz in der Ordnung.  Doch hier und da
mute er auch sein vterliches Ansehen gegen den Neffen anwenden.
Denn mitten in den zierlichsten Tnzen konnte es dem jungen Mann
einfallen, mit einem khnen Sprung auf die Tribne, wo die
Stadtmusikanten saen, zu setzen, dem Organisten den Kontraba aus
der Hand zu reien und schrecklich darauf umherzukratzen; oder er
wechselte auf einmal und tanzte auf den Hnden, indem er die Beine in
die Hhe streckte.  Dann pflegte ihn der Onkel auf die Seite zu
nehmen, machte ihm dort ernstliche Vowrfe und zog ihm die Halsbinde
fester an, da er wieder ganz gesittet wurde.

So betrug sich nun der Neffe in Gesellschaft und auf Bllen.  Wie es
aber mit den Sitten zu geschehen pflegt, die schlechten verbreiten
sich immer leichter als die guten, und eine neue, auffallende Mode,
wenn sie auch hchst lcherlich sein solle, hat etwas Ansteckendes an
sich fr junge Leute, die noch nicht ber sich selbst und die Welt
nachgedacht haben.  So war es auch in Grnwiesel mit dem Neffen und
seinen sonderbaren Sitten.  Als nmlich die junge Welt sah, wie
derselbe mit seinem linkischen Wesen, mit seinem rohen Lachen und
Schwatzen, mit seinen groben Antworten gegen ltere eher geschtzt
als getadelt werde, da man dies alles sogar sehr geistreich finde,
so dachten sie bei sich: "Es ist mir ein leichtes, auch solch ein
geistreicher Schlingel zu werden."  Sie waren sonst fleiige,
geschickte junge Leute gewesen; jetzt dachten sie: "Zu was hilft
Gelehrsamkeit, wenn man mit Unwissenheit besser fortkmmt?"  Sie
lieen die Bcher liegen und trieben sich berall umher auf Pltzen
und Straen.  Sonst waren sie artig gewesen und hflich gegen
jedermann, hatten gewartet, bis man sie fragte, und anstndig und
bescheiden geantwortet; jetzt standen sie in die Reihe der Mnner,
schwatzten mit, gaben ihre Meinung preis und lachten selbst dem
Brgermeister unter die Nase, wenn er etwas sagte, und behaupteten,
alles viel besser zu wissen.

Sonst hatten die jungen Grnwieser Abscheu gehegt gegen rohes und
gemeines Wesen.  Jetzt sangen sie allerlei schlechte Lieder, rauchten
aus ungeheuren Pfeifen Tabak und trieben sich in gemeinen Kneipen
umher; auch kauften sie sich, obgleich sie ganz gut sahen, groe
Brillen, setzten solche auf die Nase und glaubten nun, gemachte Leute
zu sein; denn sie sahen ja aus wie der berhmte Neffe.  Zu Hause oder
wenn sie auf Besuch waren, lagen sie mit Stiefeln und Sporen auf dem
Kanapee, schaukelten sich auf dem Stuhl in guter Gesellschaft oder
sttzten die Wangen in beide Fuste, die Ellbogen aber auf den Tisch,
was nun beraus reizend anzusehen war.  Umsonst sagten ihnen ihre
Mtter und Freunde, wie tricht, wie unschicklich dies alles sei, sie
beriefen sich auf das glnzende Beispiel des Neffen.  Umsonst stellte
man ihnen vor, da man dem Neffen, als einem jungen Englnder, eine
gewisse Nationalroheit verzeihen msse, die jungen Grnwieseler
behaupteten, ebensogut als der beste Englnder das Recht zu haben,
auf geistreiche Weise ungezogen zu sein; kurz, es war ein Jammer, wie
durch das bse Beispiel des Neffen die Sitten und guten Gewohnheiten
in Grnwiesel vllig untergingen.

Aber die Freude der jungen Leute an ihrem rohen, ungebundenen Leben
dauerte nicht lange; denn folgender Vorfall vernderte auf einmal die
ganze Szene: Die Wintervergngungen sollte ein groes Konzert
beschlieen, das teils von den Stadtmusikanten, teils von geschickten
Musikfreunden in Grnwiesel aufgefhrt werden sollte.  Der
Brgermeister spielte das Violoncell, der Doktor das Fagott ganz
vortrefflich, der Apotheker, obgleich er keinen rechten Ansatz hatte,
blies die Flte, einige Jungfrauen aus Grnwiesel hatten Arien
einstudiert, und alles war trefflich vorbereitet.  Da uerte der
alte Fremde, da zwar das Konzert auf diese Art trefflich werden
wrde, es fehle aber offenbar an einem Duett, und ein Duett msse in
jedem ordentlichen Konzert notwendigerweise vorkommen.  Man war etwas
betreten ber diese uerung; die Tochter des Brgermeisters sang
zwar wie eine Nachtigall; aber wo einen Herrn herbekommen, der mit
ihr ein Duett singen knnte?  Man wollte endlich auf den alten
Organisten verfallen, der einst einen trefflichen Ba gesungen hatte;
der Fremde aber behauptete, dies alles sei nicht ntig, indem sein
Neffe ganz ausgezeichnet singe.  Man war nicht wenig erstaunt ber
diese neue treffliche Eigenschaft des jungen Mannes; er mute zur
Probe etwas singen, und einige sonderbare Manieren abgerechnet, die
man fr englisch hielt, sang er wie ein Engel.  Man studierte also in
der Eile das Duett ein, und der Abend erschien endlich, an welchem
die Ohren der Grnwieseler durch das Konzert erquickt werden sollten.

Der alte Fremde konnte leider dem Triumph seines Neffen nicht
beiwohnen, weil er krank war; er gab aber dem Brgermeister, der ihn
eine Stunde zuvor noch besuchte, einige Maregeln ber seinen Neffen
auf.  "Er ist eine gute Seele, mein Neffe", sagte er, "aber hier und
da verfllt er in allerlei sonderbare Gedanken und fngt dann tolles
Zeug an; es ist mir eben deswegen leid, da ich dem Konzert nicht
beiwohnen kann; denn vor mir nimmt er sich gewaltig in acht, er wei
wohl, warum!  Ich mu brigens zu seiner Ehre sagen, da dies nicht
geistiger Mutwillen ist, sondern es ist krperlich, es liegt in
seiner Natur.  Wollten Sie nun, Herr Brgermeister, wenn er etwa in
solche Gedanken verfiele, da er sich auf ein Notenpult setzte oder
da er durchaus den Kontraba streichen wollte oder dergleichen,
wollten Sie ihm dann nur seine hohe Halsbinde etwas lockerer machen
oder, wenn es auch dann nicht besser wird, ihm solche ganz ausziehen,
Sie werden sehen, wie artig und manierlich er dann wird."

Der Brgermeister dankte dem Kranken fr sein Zutrauen und versprach,
im Fall der Not also zu tun, wie er ihm geraten.

Der Konzertsaal war gedrngt voll; denn ganz Grnwiesel und die
Umgegend hatten sich eingefunden.  Alle Jger, Pfarrer, Amtleute,
Landwirte und dergleichen aus dem Umkreis von drei Stunden waren mit
zahlreicher Familie herbeigestrmt, um den seltenen Genu mit den
Grnwieselern zu teilen.  Die Stadtmusikanten hielten sich
vortrefflich; nach ihnen trat der Brgermeister auf, der das
Violoncell spielte, begleitet vom Apotheker, der die Flte blies;
nach diesen sang der Organist eine Baarie mit allgemeinem Beifall,
und auch der Doktor wurde nicht wenig beklatscht, als er auf dem
Fagott sich hren lie.

Die erste Abteilung des Konzertes war vorbei, und jedermann war nun
auf die zweite gespannt, in welcher der junge Fremde mit des
Brgermeisters Tochter ein Duett vortragen sollte.  Der Neffe war in
einem glnzenden Anzug erschienen und hatte schon lngst die
Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich gezogen.  Er hatte sich
nmlich, ohne viel zu fragen, in den prchtigen Lehnstuhl gelegt, der
fr eine Grfin aus der Nachbarschaft hergesetzt worden war; er
streckte die Beine weit von sich, schaute jedermann durch ein
ungeheueres Perspektiv an, das er noch auer seiner groen Brille
gebrauchte, und spielte mit einem groen Fleischerhund, den er trotz
des Verbotes, Hunde mitzunehmen, in die Gesellschaft eingefhrt hatte.
Die Grfin, fr welche der Lehnstuhl bereitet war, erschien; aber
wer keine Miene machte, aufzustehen und ihr den Platz einzurumen,
war der Neffe; er setzte sich im Gegenteil noch bequemer hinein, und
niemand wagte es, dem jungen Mann etwas darber zu sagen; die
vornehme Dame aber mute auf einem ganz gemeinen Strohsessel mitten
unter den brigen Frauen des Stdtchens sitzen und soll sich nicht
wenig gergert haben.

Whrend des herrlichen Spieles des Brgermeisters, whrend des
Organisten trefflicher Baarie, ja sogar whrend der Doktor auf dem
Fagott phantasierte und alles den Atem anhielt und lauschte, lie der
Neffe den Hund das Schnupftuch apportieren oder schwatzte ganz laut
mit seinen Nachbarn, so da jedermann, der ihn nicht kannte, ber die
absonderlichen Sitten des jungen Herrn sich wunderte.

Kein Wunder daher, da alles sehr begierig war, wie er sein Duett
vortragen wrde.  Die zweite Abteilung begann; die Stadtmusikanten
hatten etwas weniges aufgespielt, und nun trat der Brgermeister mit
seiner Tochter zu dem jungen Mann, berreichte ihm ein Notenblatt und
sprach: "Mosjh, wre es Ihnen jetzt gefllig, das Duetto zu singen?"
Der junge Mann lachte, fletschte mit den Zhnen, sprang auf, und die
beiden anderen folgten ihm an das Notenpult, und die ganze
Gesellschaft war voll Erwartung.  Der Organist schlug den Takt und
winkte dem Neffen, anzufangen.  Dieser schaute durch seine groen
Brillenglser in die Noten und stie greuliche, jmmerliche Tne aus.
Der Organist aber schrie ihm zu: "Zwei Tne tiefer, Wertester, C
mssen Sie singen, C!"

Statt aber C zu singen, zog der Neffe einen seiner Schuhe ab und warf
ihn dem Organisten an den Kopf, da der Puder weit umherflog.  Als
dies der Brgermeister sah, dachte er.  "Ha, jetzt hat er wieder
seine krperlichen Zuflle!", sprang hinzu, packte ihn am Hals und
band ihm das Tuch etwas leichter; aber dadurch wurde es nur noch
schlimmer mit dem jungen Mann.  Er sprach nicht mehr Deutsch, sondern
eine ganz sonderbare Sprache, die niemand verstand, und machte groe
Sprnge.  Der Brgermeister war in Verzweiflung ber diese
unangenehme Strung; er fate daher den Entschlu, dem jungen Mann,
dem etwas ganz Besonderes zugestoen sein mute, das Halstuch
vollends abzulsen.  Aber kaum hatte er dies getan, so blieb er vor
Schrecken wie erstarrt stehen; denn statt menschlicher Haut und Farbe
umgab den Hals des jungen Menschen ein dunkelbraunes Fell, und
alsobald setzte derselbe auch seine Sprnge noch hher und
sonderbarer fort, fuhr sich mit den glasierten Handschuhen in die
Haare, zog diese ab, und o Wunder, diese schnen Haare waren eine
Percke, die er dem Brgermeister ins Gesicht warf, und sein Kopf
erschien jetzt mit demselben braunen Fell bewachsen.

Er setzte ber Tische und Bnke, warf die Notenpulte um, zertrat
Geigen und Klarinette und erschien wie ein Rasender.  "Fangt ihn,
fangt ihn!" rief der Brgermeister ganz auer sich, "er ist von
Sinnen, fangt ihn!"  Das war aber eine schwierige Sache; denn er hatte
die Handschuhe abgezogen und zeigte Ngel an den Hnden, mit welchen
er den Leuten ins Gesicht fuhr und sie jmmerlich kratzte.  Endlich
gelang es einem mutigen Jger, seiner habhaft zu werden.  Er prete
ihm die langen Arme zusammen, da er nur noch mit den Fen zappelte
und mit heiserer Stimme lachte und schrie.  Die Leute sammelten sich
umher und betrachteten den sonderbaren jungen Herrn, der jetzt gar
nicht mehr aussah wie ein Mensch.  Aber ein gelehrter Herr aus der
Nachbarschaft, der ein groes Naturalienkabinett und allerlei
ausgestopfte Tiere besa, trat nher, betrachtete ihn genau und rief
dann voll Verwunderung: "Mein Gott, verehrte Herren und Damen, wie
bringen Sie nur dies Tier in honette Gesellschaft, das ist ja ein
Affe, der Homo Troglodytes Linnaei, ich gebe sogleich sechs Taler fr
ihn, wenn Sie mir ihn ablassen, und balge ihn aus fr mein Kabinett."

Wer beschreibt das Erstaunen der Grnwieseler, als sie dies hrten!
"Was, ein Affe, ein Orang-Utan in unserer Gesellschaft?  Der junge
Fremde ein ganz gewhnlicher Affe?" riefen sie und sahen einander
ganz dumm vor Verwunderung an.  Man wollte nicht glauben, man traute
seinen Ohren nicht, die Mnner untersuchten das Tier genauer, aber es
war und blieb ein ganz natrlicher Affe.

"Aber, wie ist dies mglich!" rief die Frau Brgermeister.  "Hat er
mir nicht oft seine Gedichte vorgelesen?  Hat er nicht wie ein
anderer Mensch bei mir zu Mittag gespeist?"

"Was?" eiferte die Frau Doktorin.  "Wie?  Hat er nicht oft und viel
den Kaffee bei mir getrunken und mit meinem Manne gelehrt gesprochen
und geraucht?"

"Wie!  Ist es mglich!" riefen die Mnner.  "Hat er nicht mit uns am
Felsenkeller Kugeln geschoben und ber Politik gestritten wie
unsereiner?"

"Und wie?" klagten sie alle.  "Hat er nicht sogar vorgetanzt auf
unseren Bllen?  Ein Affe!  Ein Affe?  Es ist ein Wunder, es ist
Zauberei!" sagten die Brger.  "Ja, es ist Zauberei und teuflischer
Spuk", sagte der Brgermeister, indem er das Halstuch des Neffen oder
Affen herbeibrachte.  "Seht!  In diesem Tuch steckte der ganze Zauber,
der ihn in unseren Augen liebenswrdig machte.  Da ist ein breiter
Streifen elastischen Pergaments, mit allerlei wunderlichen Zeichen
beschrieben.  Ich glaube gar, es ist Lateinisch; kann es niemand
lesen?"

Der Oberpfarrer, ein gelehrter Mann, der oft an den Affen eine Partie
Schach verloren hatte, trat hinzu, betrachtete das Pergament und
sprach: "Mitnichten!  Es sind nur lateinische Buchstaben, es heit:

DER--AFFE--SEHR--POSSIERLICH--IST--ZUMAL--WANN--ER--VOM--APFEL--FRISST
-Ja, ja, es ist hllischer Betrug, eine Art von Zauberei", fuhr er
fort, "und es mu exemplarisch bestraft werden."

Der Brgermeister war derselben Meinung und machte sich sogleich auf
den Weg zu dem Fremden, der ein Zauberer sein mute, und sechs
Stadtsoldaten trugen den Affen; denn der Fremde sollte sogleich ins
Verhr genommen werden.

Sie kamen, umgeben von einer ungeheuren Anzahl Menschen, an das de
Haus; denn jedermann wollte sehen, wie sich die Sache weiter begeben
wrde.  Man pochte an das Haus, man zog die Glocke, aber vergeblich,
es zeigte sich niemand.  Da lie der Brgermeister in seiner Wut die
Tre einschlagen und begab sich hierauf in die Zimmer des Fremden.
Aber dort war nichts zu sehen als allerlei alter Hausrat.  Der fremde
Mann war nicht zu finden.  Auf seinem Arbeitstisch aber lag ein
groer, versiegelter Brief, an den Brgermeister berschrieben, den
dieser auch sogleich ffnete.  Er las:

"Meine lieben Grnwieseler!

Wenn Ihr dies leset, bin ich nicht mehr in Eurem Stdtchen, und Ihr
werdet dann lngst erfahren haben, wes Standes und Vaterlandes mein
lieber Neffe ist.  Nehmet den Scherz, den ich mit Euch erlaubte, als
eine gute Lehre auf, einen Fremden, der fr sich leben will, nicht in
Eure Gesellschaft zu ntigen.  Ich selbst fhlte mich zu gut, um Euer
ewiges Klatschen, um Eure schlechten Sitten und Euer lcherliches
Wesen zu teilen.  Darum erzog ich einen jungen Orang-Utan, den Ihr
als meinen Stellvertreter so liebgewonnen habt.  Lebet wohl und
bentzet diese Lehre nach Krften!"

Die Grnwieseler schmten sich nicht wenig vor dem ganzen Land.  Ihr
Trost war, da dies alles mit unnatrlichen Dingen zugegangen sei.
Am meisten schmten sich aber die jungen Leute in Grnwiesel, weil
sie die schlechten Gewohnheiten und Sitten des Affen nachgeahmt
hatten.  Sie stemmten von jetzt an keinen Ellbogen mehr auf, sie
schaukelten nicht mit dem Sessel, sie schwiegen, bis sie gefragt
wurden, sie legten die Brillen ab und waren artig und gesittet wie
zuvor, und wenn je einer wieder in solche schlechten, lcherlichen
Sitten verfiel, so sagten die Grnwieseler: "Es ist ein Affe."  Der
Affe aber, welcher so lange die Rolle eines jungen Herrn gespielt
hatte, wurde dem gelehrten Mann, der ein Naturalienkabinett besa,
berantwortet.  Dieser lt ihn in seinem Hof umhergehen, fttert ihn
und zeigt ihn als Seltenheit jedem Fremden, wo er noch bis auf den
heutigen Tag zu sehen ist.

Es entstand ein Gelchter im Saal, als der Sklave geendet hatte, und
auch die jungen Mnner lachten mit.  "Es mu doch sonderbare Leute
geben unter diesen Franken, und wahrhaftig, da bin ich lieber beim
Scheik und Mufti in Alessandria als in Gesellschaft des Oberpfarrers,
des Brgermeisters und ihrer trichten Frauen in Grnwiesel!"

"Da hast du gewi recht gesprochen", erwiderte der junge Kaufmann.
"In Frankistan mchte ich nicht tot sein.  Die Franken sind ein rohes,
wildes, barbarisches Volk, und fr einen gebildeten Trken oder
Perser mte es schrecklich sein, dort zu leben."

"Das werdet ihr bald hren", versprach der Alte, "so viel mir der
Sklavenaufseher sagte, wird der schne junge Mann dort vieles von
Frankistan erzhlen; denn er war lange dort und ist doch seiner
Geburt nach ein Muselmann."

"Wie, jener, der zuletzt sitzt in der Reihe?  Wahrlich, es ist eine
Snde, da der Herr Scheik diesen losgibt!  Es ist der schnste
Sklave im ganzen Land; schaut nur dieses mutige Gesicht, dieses khne
Auge, diese schne Gestalt!  Er kann ihm ja leichte Geschfte geben;
er kann ihn zum Fliegenwedeler machen oder zum Pfeifentrger; es ist
ein Spa, ein solches Amt zu versehen, und wahrlich, ein solcher
SkIave ist die Zierde von einem ganzen Haus.  Und erst drei Tage hat
er ihn und gibt ihn weg?  Es ist Torheit, es ist Snde!"

"Tadelt ihn doch nicht, ihn, der weiser ist als ganz gypten!" sprach
der Alte mit Nachdruck.  "Sagte ich euch nicht schon, da er ihn
loslt, weil er glaubt, den Segen Allahs dadurch zu verdienen?  Ihr
sagt, er ist schn und wohlgebildet, und ihr sprecht die Wahrheit.
Aber der Sohn des Scheik, den der Prophet in sein Vaterhaus
zurckbringen mge, der Sohn des Scheik war ein schner Knabe und mu
jetzt auch gro sein und wohlgebildet.  Soll er also das Gold sparen
und einen wohlfeilen, verwachsenen Sklaven hingeben in der Hoffnung,
seinen Sohn dafr zu bekommen?  Wer etwas tun will in der Welt, der
tut es lieber gar nicht oder--recht!"

"Und sehet, des Scheik Augen sind immer auf diesen Sklaven geheftet;
ich bemerkte es schon den ganzen Abend.  Whrend der Erzhlungen
streifte oft sein Blick dorthin und verweilte auf den edlen Zgen des
Freigelassenen.  Es mu ihn doch ein wenig schmerzen, ihn freizugeben."

"Denke nicht also von dem Mann!  Meinst du, tausend Tomans schmerzen
ihn, der jeden Tag das Dreifache einnimmt?" sagte der alte Mann.
"Aber wenn sein Blick mit Kummer auf dem Jngling weilt, so denkt er
wohl an seinen Sohn, der in der Fremde schmachtet; er denkt wohl, ob
dort vielleicht ein barmerziger Mann wohne, der ihn loskaufe und
zurckschicke zum Vater. "

"Ihr mgt recht haben", erwiderte der junge Kaufmann, "und ich schme
mich, da ich von den Leuten nur immer das Gemeinere und Unedle denke,
whrend Ihr lieber eine schne Gesinnung unterlegt.  Und doch sind
die Menschen in der Regel schlecht, habt Ihr dies nicht auch gefunden,
Alter?"

"Gerade, weil ich dies nicht gefunden habe, denke ich gerne gut von
den Menschen", antwortete dieser, "es ging mir gerade wie euch; ich
lebte so in den Tag hinein, hrte viel Schlimmes von den Menschen,
mute selbst an mir viel Schlechtes erfahren und fing an, die
Menschen alle fr schlechte Geschpfe zu halten.  Doch da fiel mir
bei, da Allah, der so gerecht ist als weise, nicht dulden knnte,
da ein so verworfenes Geschlecht auf dieser schnen Erde hause.  Ich
dachte nach ber das, was ich gesehen, was ich erlebt hatte, und
siehe--ich hatte nur das Bse gezhlt und das Gute vergessen.  Ich
hatte nicht achtgegeben, wenn einer eine Handlung der Barmherzigkeit
bte, ich hatte es natrlich gefunden, wenn ganze Familien tugendhaft
lebten und gerecht waren; so oft ich aber Bses, Schlechtes hrte,
hatte ich es wohl angemerkt in meinem Gedchtnis.  Da fing ich an,
mit ganz anderen Augen um mich zu schauen; es freute mich, wenn ich
das Gute nicht so sparsam keimen sah, wie ich anfangs dachte; ich
bemerkte das Bse weniger, oder es fiel mir nicht so sehr auf, und so
lernte ich die Menschen lieben, lernte Gutes von ihnen denken und
habe mich in langen Jahren seltener geirrt, wenn ich von einem Gutes
sprach, als wenn ich ihn fr geizig oder gemein oder gottlos hielt."

Der Alte wurde bei diesen Worten von dem Aufseher der Sklaven
unterbrochen, der zu ihm trat und sprach: "Mein Herr, der Scheik von
Alessandria, Ali Banu, hat Euch mit Wohlgefallen in seinem Saale
bemerkt und ladet Euch ein, zu ihm zu treten und Euch neben ihn zu
setzen."

Die jungen Leute waren nicht wenig erstaunt ber die Ehre, die dem
Alten widerfahren sollte, den sie fr einen Bettler gehalten, und als
dieser hingegangen war, sich zu dem Scheik zu setzen, hielten sie den
Sklavenaufseher zurck, und der Schreiber fragte ihn: "Beim Bart des
Propheten beschwre ich dich, sage uns, wer ist dieser alte Mann, mit
dem wir sprachen und den der Scheik also ehrt?"

"Wie!" rief der Aufseher der Sklaven und schlug vor Verwunderung die
Hnde zusammen.  "Diesen Mann kennet ihr nicht?"

"Nein, wir wissen nicht, wer er ist."

"Aber ich sah euch doch schon einigemal mit ihm auf der Strae
sprechen, und mein Herr, der Scheik, hat dies auch bemerkt und erst
letzthin gesagt: 'Das mssen wackere junge Leute sein, die dieser
Mann eines Gesprches wrdigt.'"

"Aber, so sage doch, wer er ist!" rief der junge Kaufmann in hchster
Ungeduld.

"Gehet, Ihr wollet mich nur zum Narren haben", antwortete der
Sklavenaufseher.  "In diesen Saal kommt sonst niemand, wer nicht
ausdrcklich eingeladen ist, und heute lie der Alte dem Scheik sagen,
er werde einige junge Mnner in seinen Saal mitbringen, wenn es ihm
nicht ungelegen sei, und Ali Banu lie ihm sagen, er habe ber sein
Haus zu gebieten."

"Lasse uns nicht lnger in Ungewiheit; so wahr ich lebe, ich wei
nicht, wer dieser Mann ist.  Wir lernten ihn zufllig kennen und
sprachen mit ihm."

"Nun, dann drfet ihr euch glcklich preisen; denn ihr habt mit einem
gelehrten, berhmten Mann gesprochen, und alle Anwesenden ehren und
bewundern euch deshalb; es ist niemand anders als Mustapha, der
gelehrte Derwisch."

"Mustapha, der weise Mustapha, der den Sohn des Scheik erzogen hat?
Der viele gelehrte Bcher schrieb, der groe Reisen machte in alle
Weltteile!  Mit Mustapha haben wir gesprochen?  Und gesprochen, als
wr' er unsereiner, so ganz ohne alle Ehrerbietung?"  So sprachen die
jungen Mnner untereinander und waren sehr beschmt; denn der
Derwisch Mustapha galt damals fr den weisesten und gelehrtesten Mann
im ganzen Morgenland.

"Trst' euch darber", antwortete der Sklavenaufseher, seid froh, da
ihr ihn nicht kanntet; er kann es nicht leiden, wenn man ihn lobt,
und httet ihr ihn ein einziges Mal die Sonne der Gelehrsamkeit oder
das Gestirn der Weisheit genannt, wie es gebruchlich ist bei Mnnern
dieser Axt, er htte euch von Stund' an verlassen.  Doch ich mu
jetzt zurck zu den Leuten, die heute erzhlen.  Der, der jetzt kommt,
ist tief hinten in Frankistan gebrtig, wollen sehen, was er wei."

So sprach der Sklavenaufseher; der aber, an welchen jetzt die Reihe
zu erzhlen kam, stand auf und sprach: "Herr! ich bin aus einem Lande,
das weit gegen Mitternacht liegt, Norwegen genannt, wo die Sonne
nicht, wie in deinem gesegneten Vaterlande, Feigen und Zitronen kocht,
wo sie nur wenige Monde ber die grne Erde scheint und ihr im Flug
sparsame Blten und Frchte entlockt.  Du sollst, wenn es dir
angenehm ist, ein paar Mrchen hren, wie man sie bei uns in den
warmen Stuben erzhlt, wenn das Nordlicht ber die Schneefelder
flimmert."  (Im Mrchenalmanach auf das Jahr 1827 standen hier "Das
Fest der Unterirdischen" (norwegisches Mrchen nach mndlicher
berlieferung) und "Schneeweichen und Rosenrot" von Wilhelm Grimm)

Noch waren die jungen Mnner im Gesprch ber diese Mrchen und ber
den Alten, den Derwisch Mustapha; sie fhlten sich nicht wenig geehrt,
da ein so alter und berhmter Mann sie seiner Aufmerksamkeit
gewrdigt und sogar fters mit ihnen gesprochen und gestritten hatte.
Da kam pltzlich der Aufseher der Sklaven zu ihnen und lud sie ein,
ihm zum Scheik zu folgen, der sie sprechen wolle.

Den Jnglingen pochte das Herz.  Noch nie hatten sie mit einem so
vornehmen Mann gesprochen, nicht einmal allein, viel weniger in so
groer Gesellschaft.  Doch sie faten sich, um nicht als Toren zu
erscheinen, und folgten dem Aufseher der Sklaven zum Scheik.  Ali
Banu sa auf einem reichen Polster und nahm Sorbet zu sich.  Zu
seiner Rechten sa der Alte, sein drftiges Kleid ruhte auf
herrlichen Polstern, seine rmlichen Sandalen hatte er auf einen
reichen Teppich von persischer Arbeit gestellt; aber sein schner
Kopf, sein Auge voll Wrde und Weisheit zeigten an, da er wrdig sei,
neben einem Mann wie dem Scheik zu sitzen.

Der Scheik war sehr ernst, und der Alte schien ihm Trost und Mut
zuzusprechen.  Die Jnglinge glaubten auch in ihrem Ruf vor das
Angesicht des Scheik eine List des Alten zu entdecken, der
wahrscheinlich den trauernden Vater durch ein Gesprch mit ihnen
zerstreuen wollte.

"Willkommen, ihr jungen Mnner", sprach der Scheik, "willkommen in
dem Hause Ali Banus!  Mein alter Freund hier hat sich meinen Dank
verdient, da er euch hier einfhrte; doch zrnte ich ihm ein wenig,
da er mich nicht frher mit euch bekannt machte.  Wer von euch ist
denn der junge Schreiber?"

"Ich, o Herr und zu Euren Diensten!" sprach der junge Schreiber,
indem er die Arme ber der Brust kreuzte und sich tief verbeugte.

"Ihr hrt also gerne Geschichten und leset gerne Bcher mit schnen
Versen und Denksprchen?"

Der junge Mensch erschrak und errtete; denn ihm fiel bei, wie er
damals den Scheik bei dem Alten getadelt und gesagt hatte, an seine
Stelle wrde er sich erzhlen oder aus Bchern vorlesen lassen.  Er
war dem schwatzhaften Alten, der dem Scheik gewi alles verraten
hatte, in diesem Augenblicke recht gram, warf ihm einen bsen Blick
zu und sprach dann: "O Herr!  Allerdings kenne ich fr meinen Teil
keine angenehmere Beschftigung, als mit dergleichen den Tag
zuzubringen.  Es bildet den Geist und vertreibt die Zeit.  Aber jeder
nach seiner Weise!  Ich tadle darum gewi keinen, der nicht--"

"Schon gut, schon gut", unterbrach ihn der Scheik lachend und winkte
den zweiten herbei.

"Wer bist denn du?" fragte er ihn.

"Herr, ich bin meines Amtes der Gehilfe eines Arztes und habe selbst
schon einige Kranke geheilt."

"Richtig", erwiderte der Scheik, "und Ihr seid es auch, der das
Wohlleben liebet; Ihr mchtet gerne mit guten Freunden hier und da
tafeln und guter Dinge sein?  Nicht wahr, ich habe es erraten?"

Der junge Mann war beschmt; er fhlte, da er verraten war und da
der Alte auch von ihm gebeichtet haben mute.  Er fate sich aber ein
Herz und antwortete: "O ja, Herr, ich rechne es unter des Lebens
Glckseligkeiten, hier und da mit guten Freunden frhlich sein zu
knnen.  Mein Beutel reicht nun zwar nicht weiter hin, als meine
Freunde mit Wassermelonen oder dergleichen wohlfeilen Sachen zu
bewirten; doch sind wir auch dabei frhlich, und es lt sich denken,
da wir es noch um ein gutes Teil mehr wren, wenn ich mehr Geld
htte."

Dem Scheik gefiel diese beherzte Antwort, und er konnte sich nicht
enthalten, darber zu lachen.  "Welcher ist denn der junge Kaufmann?"
fragte er weiter.

Der junge Kaufmann verbeugte sich mit freiem Anstand vor dem Scheik;
denn er war ein Mensch von guter Erziehung; der Scheik aber sprach:
"Und Ihr?  Ihr habt Freude an Musik und Tanz?  Ihr hret es gerne,
wenn gute Knstler etwas spielen und singen und sehet gerne Tnzer
knstliche Tnze ausfhren?"  Der junge Kaufmann antwortete: "Ich sehe
wohl, o Herr, da jener alte Mann, um Euch zu belustigen, unsere
Torheiten insgesamt verraten hat.  Wenn es ihm gelang, Euch dadurch
aufzuheitern, so habe ich gerne zu Eurem Scherz gedient.  Was aber
Musik und Tanz betrifft, so gestehe ich, es gibt nicht leicht etwas,
was mein Herz also vergngt.  Doch glaubet nicht, da ich deswegen
Euch tadle, o Herr, wenn Ihr nicht ebenfalls--"

"Genug, nicht weiter!" rief der Scheik, lchelnd mit der Hand
abwehrend.  "Jeder nach seiner Weise, wollet Ihr sagen; aber dort
steht ja noch einer; das ist wohl der, welcher so gerne reisen
mchte?  Wer seid denn Ihr, junger Herr?"

"Ich bin ein Maler, o Herr", antwortete der junge Mann, "ich male
Landschaften teils an die Wnde der Sle, teils auf Leinwand.  Fremde
Lnder zu sehen, ist allerdings mein Wunsch; denn man sieht dort
allerlei schne Gegenden, die man wieder anbringen kann; und was man
sieht und abzeichnet, ist doch in der Regel immer schner, als was
man nur so selbst erfindet."

Der Scheik betrachtete jetzt die schnen jungen Leute, und sein Blick
wurde ernst und dster.  "Ich hatte einst auch einen lieben Sohn",
sagte er, "und er mte nun auch so herangewachsen sein wie ihr.  Da
solltet ihr seine Genossen und Begleiter sein, und jeder eurer
Wnsche wrde von selbst befriedigt werden.  Mit jenem wrde er lesen,
mit diesem Musik hren, mit dem anderen wrde er gute Freunde
einladen und frhlich und guter Dinge sein, und mit dem Maler liee
ich ihn ausziehen in schne Gegenden und wre dann gewi, da er
immer wieder zu mir zurckkehrte.  So hat es aber Allah nicht gewollt,
und ich fge mich in seinen Willen ohne Murren.  Doch es steht in
meiner Macht, eure Wnsche dennoch zu erfllen, und ihr sollt
freudigen Herzens von Ali Banu gehen.  Ihr, mein gelehrter Freund",
fuhr er fort, indem er sich zu dem Schreiber wandte, "wohnt von jetzt
an in meinem Hause und seid ber meine Bcher gesetzt.  Ihr knnet
noch dazu anschaffen, was Ihr wollet und fr gut haltet, und Euer
einziges Geschft sei, mir, wenn Ihr etwas recht Schnes gelesen habt,
zu erzhlen.  Ihr, der Ihr eine gute Tafel unter Freunden liebet,
Ihr sollet der Aufseher ber meine Vergngungen sein.  Ich selbst
zwar lebe einsam und ohne Freude, aber es ist meine Pflicht, und mein
Amt bringt es mit sich, hier und da viele Gste einzuladen.  Dort
sollet Ihr an meiner Stelle alles besorgen und knnet von Euren
Freunden dazu einladen, wen Ihr nur wollet; versteht sich, auf etwas
Besseres als Wassermelonen.  Den jungen Kaufmann da darf ich freilich
seinem Geschft nicht entziehen, das ihm Geld und Ehre bringt; aber
alle Abende stehen Euch, mein junger Freund, Tnzer, Snger und
Musikanten zu Dienste, so viel Ihr wollet.  Lasset Euch aufspielen
und tanzen nach Herzenslust.  Und Ihr", sprach er zu dem Maler, "Ihr
sollet fremde Lnder sehen und das Auge durch Erfahrung schrfen.
Mein Schatzmeister wird Euch zu der ersten Reise, die Ihr morgen
antreten knnet, tausend Goldstcke reichen nebst zwei Pferden und
einem Sklaven.  Reiset, wohin Euch das Herz treibt, und wenn Ihr
etwas Schnes sehet, so malet es fr mich!"

Die jungen Leute waren auer sich vor Erstaunen, sprachlos vor Freude
und Dank.  Sie wollten den Boden vor den Fen des gltigen Mannes
kssen; aber er lie es nicht zu.  "Wenn ihr einem zu danken habt",
sprach er, "so ist es diesem weisen Mann hier, der mir von euch
erzhlte.  Auch mir hat er dadurch Vergngen gemacht, vier so muntere
junge Leute eurer Art kennenzulernen."

Der Derwisch Mustapha aber wehrte den Dank der Jnglinge ab.  "Sehet",
sprach er, "wie man nie voreilig urteilen mu; habe ich euch zuviel
von diesem edlen Manne gesagt?"

"Lasset uns nun noch den letzten meiner Sklaven, die heute frei sind,
erzhlen hren", unterbrach ihn Ali Banu.

Jener junge Sklave, der die Aufmerksamkeit aller durch seinen Wuchs,
durch seine Schnheit und seinen mutigen Blick auf sich gezogen hatte,
stand jetzt auf, verbeugte sich vor dem Scheik und fing wohltnend
also zu sprechen an:




Das Fest der Unterirdischen

Wilhelm Grimm


Im "Mrchenalmanach auf das Jahr 1827" stand hier "Das Fest der
Unterirdischen" von Wilhelm Grimm.






Schneeweichen und Rosenrot

Wilhelm Grimm


Im "Mrchenalmanach auf das Jahr 1827" stand hier "Schneeweichen und
Rosenrot" von Wilhelm Grimm.






Die Geschichte Almansors

Wilhelm Hauff


O Herr!  Die Mnner, die vor mir gesprochen haben, erzhlten
mancherlei wunderbare Geschichten, die sie gehrt hatten in fremden
Lndern; ich mu mit Beschmung gestehen, da ich keine einzige
Erzhlung wei, die Eurer Aufmerksamkeit wrdig wre.  Doch wenn es
Euch nicht langweilt, will ich Euch die wunderbaren Schicksale eines
meiner Freunde vortragen.

Auf jenem algerischen Kaperschiff, von welchem mich Eure milde Hand
befreit hat, war ein junger Mann in meinem Alter, der mir nicht fr
das Sklavenkleid geboren schien, das er trug.  Die brigen
Unglcklichen auf dem Schiffe waren entweder rohe Menschen, mit denen
ich nicht leben mochte, oder Leute, deren Sprache ich nicht verstand;
darum fand ich mich zu der Zeit, wo wir ein Stndchen frei hatten,
gerne zu dem jungen Mann.  Er nannte sich Almansor und war seiner
Aussprache nach ein gypter.  Wir unterhielten uns recht angenehm
miteinander und kamen eines Tages auch darauf, uns unsere Geschichte
zu erzhlen, da dann die meines Freundes allerdings bei weitem
merkwrdiger war als die meinige.

Almansors Vater war ein vornehmer Mann in einer gyptischen Stadt,
deren Namen er mir nicht nannte.  Er lebte die Tage seiner Kindheit
vergngt und froh und umgeben von allem Glanz und aller
Bequemlichkeit der Erde.  Aber er wurde dabei doch nicht weichlich
erzogen, und sein Geist wurde frhzeitig ausgebildet; denn sein Vater
war ein weiser Mann, der ihm Lehren der Tugend gab, und berdies
hatte er zum Lehrer einen berhmten Gelehrten, der ihn in allem
unterrichtete, was ein junger Mensch wissen mu--Almansor war etwa
zehn Jahre alt, als die Franken ber das Meer her in das Land kamen
und Krieg mit seinem Volke fhrten.

Der Vater des Knaben mute aber den Franken nicht sehr gnstig
gewesen sein; denn eines Tages, als er eben zum Morgengebet gehen
wollte, kamen sie und verlangten zuerst seine Frau als Geisel seiner
treuen Gesinnungen gegen das Frankenvolk, und als er sie nicht geben
wollte, schleppten sie seinen Sohn mit Gewalt ins Lager.

Als der junge Sklave also erzhlte, verhllte der Scheik sein
Angesicht, und es entstand ein Murren des Unwillens im Saal.  "Wie",
riefen die Freunde des Scheik, "wie kann der junge Mann dort so
tricht handeln und durch solche Geschichten die Wunden Ali Banus
aufreien, statt sie zu mildern?  Wie kann er ihm seinen Schmerz
erneuern, statt ihn zu zerstreuen?"  Der Sklavenaufseher selbst war
voll Zorn ber den unverschmten Jngling und gebot ihm zu schweigen.

Der junge Sklave aber war sehr erstaunt ber dies alles und fragte
den Scheik, ob denn in seiner Erzhlung etwas liege, das sein
Mifallen erregt habe.  Der Scheik richtete sich auf und sprach:
"Seid doch ruhig, Freunde; wie kann denn dieser Jngling etwas von
meinem betrbten Schicksal wissen, da er nur kaum drei Tage unter
diesem Dache ist!  Kann es denn bei den Greueln, die diese Franken
verbten, nicht ein hnliches Geschick wie das meine geben?  Kann
nicht vielleicht selbst jener Almansor--doch erzhle immer weiter,
mein junger Freund!"  Der junge Sklave verbeugte sich und fuhr fort:

Der junge Almansor wurde also in das frnkische Lager gefhrt.  Es
erging ihm dort im ganzen gut; denn einer der Feldherrn lie ihn in
sein Zelt kommen und hatte seine Freude an den Antworten des Knaben,
die ihm ein Dragoman bersetzen mute; er sorgte fr ihn, da ihm an
Speise und Kleidung nichts abginge; aber die Sehnsucht nach Vater und
Mutter machte dennoch den Knaben hchst unglcklich.  Er weinte viele
Tage lang, aber seine Trnen rhrten diese Mnner nicht.  Das Lager
wurde aufgebrochen, und Almansor glaubte jetzt wieder zurckkehren zu
drfen; aber es war nicht so; das Heer zog hin und her, fhrte Krieg
mit den Mamelucken, und den jungen Almansor schleppten sie immer mit
sich.  Wenn er dann die Hauptleute und Feldherren anflehte, ihn doch
wieder heimkehren zu lassen, so verweigerten sie es und sagten, er
msse ein Unterpfand von seines Vaters Treue sein.  So war er viele
Tage lang auf dem Marsch.

Auf einmal aber entstand eine Bewegung im Heere, die dem Knaben nicht
entging; man sprach von Einpacken, von Zurckziehen, vom Einschiffen,
und Almansor war auer sich vor Freude; denn jetzt, wenn die Franken
in ihr Land zurckkehrten, jetzt mute er ja frei werden.  Man zog
mit Ro und Wagen rckwrts gegen die Kste, und endlich war man so
weit, da man die Schiffe vor Anker liegen sah.  Die Soldaten
schifften sich ein; aber es wurde Nacht, bis nur ein kleiner Teil
eingeschifft war.  So gerne Almansor gewacht htte, weil er jede
Stunde glaubte, freigelassen zu werden, so verfiel er doch endlich in
einen tiefen Schlaf, und er glaubte, die Franken haben ihm etwas
unter das Wasser gemischt, um ihn einzuschlfern.  Denn als er
aufwachte, schien der helle Tag in eine kleine Kammer, worin er nicht
gewesen war, als er einschlief.  Er sprang auf von seinem Lager, aber
als er auf den Boden kam, fiel er um; denn der Boden schwankte hin
und wieder, und es schien sich alles zu bewegen und im Kreis um ihn
her zu tanzen.  Er raffte sich auf, hielt sich an den Wnden fest, um
aus dem Gemach zu kommen, worin er sich befand.

Ein sonderbares Brausen und Zischen war um ihn her; er wute nicht,
ob er trume oder wache; denn er hatte nie hnliches gesehen oder
gehrt.  Endlich erreichte er eine kleine Treppe, mit Mhe klimmte er
hinauf, und welcher Schrecken befiel ihn!  Ringsumher war nichts als
Himmel und Meer, er befand sich auf einem Schiffe.  Da fing er
klglich an zu weinen.  Er wollte zurckgebracht werden, er wollte
ins Meer sich strzen und hinberschwimmen nach seiner Heimat; aber
die Franken hielten ihn fest, und einer der Befehlshaber lie ihn zu
sich kommen, versprach ihm, wenn er gehorsam sei, solle er bald
wieder in seine Heimat zurck, und stellte ihm vor, da es nicht mehr
mglich gewesen wre, ihn vom Land aus nach Hause zu bringen, dort
aber htte er, wenn man ihn zurckgelassen, elendiglich umkommen
mssen.

Wer aber nicht Wort hielt, waren die Franken; denn das Schiff segelte
viele Tage lang weiter, und als es endlich landete, war man nicht an
gyptens Kste, sondern in Frankistan!  Almansor hatte whrend der
langen Fahrt und schon im Lager einiges von der Sprache der Franken
verstehen und sprechen gelernt, was ihm in diesem Lande, wo niemand
seine Sprache kannte, sehr gut zustatten kam.  Er wurde viele Tage
lang durch das Land in das Innere gefhrt, und berall strmte das
Volk zusammen, um ihn zu sehen; denn seine Begleiter sagten aus, er
wre der Sohn des Knigs von gypten, der ihn zu seiner Ausbildung
nach Frankistan schicke.

So sagten aber die Soldaten nur, um das Volk glauben zu machen, sie
haben gypten besiegt und stehen in tiefem Frieden mit diesem Land.
Nachdem die Reise zu Land mehrere Tage gedauert hatte, kamen sie in
eine groe Stadt, dem Ziel ihrer Reise.  Dort wurde er einem Arzt
bergeben, der ihn in sein Haus nahm und in allen Sitten und
Gebruchen von Frankistan unterwies.

Er mute vor allem frnkische Kleider anlegen, die sehr enge und
knapp waren und bei weitem nicht so schn wie seine gyptischen.
Dann durfte er nicht mehr seine Verbeugung mit gekreuzten Armen
machen, sondern wollte er jemand seine Ehrerbietung bezeugen, so
mute er mit der einen Hand die ungeheure Mtze von schwarzem Filz,
die alle Mnner trugen und die man auch ihm aufgesetzt hatte, vom
Kopfe reien, mit der anderen Hand mute er auf die Seite fahren und
mit dem rechten Fu auskratzen.  Er durfte auch nicht mehr mit
berschlagenen Beinen sitzen, wie es angenehme Sitte ist im
Morgenlande, sondern auf hochbeinige Sthle mute er sich setzen und
die Fe herabhngen lassen auf den Boden.  Das Essen machte ihm auch
nicht geringe Schwierigkeit; denn alles, was er zum Munde bringen
wollte, mute er zuvor auf eine Gabel von Eisen stecken.

Der Doktor aber war ein strenger, bser Mann, der den Knaben plagte:
Denn wenn er sich jemals verga und zu einem Besuch sagte: "Salem
aleikum", so schlug er ihn mit dem Stock; denn er sollte sagen:
"Votre serviteur!"  Er durfte auch nicht mehr in seiner Sprache denken
und sprechen oder schreiben, hchstens durfte er darin trumen, und
er htte vielleicht seine Sprache gnzlich verlernt, wenn nicht ein
Mann in jener Stadt gelebt htte, der ihm von groem Nutzen war.

Es war dies ein alter, aber sehr gelehrter Mann, der viele
morgenlndische Sprachen verstand.  Arabisch, Persisch, Koptisch,
sogar Chinesisch, von jedem etwas; er galt in jenem Land fr ein
Wunder von Gelehrsamkeit, und man gab ihm viel Geld, da er diese
Sprachen andere Leute lehrte.  Dieser Mann lie nun den jungen
Almansor alle Wochen einigemal zu sich kommen, bewirtete ihn mit
seltenen Frchten und dergleichen, und dem Jngling war es dann, als
wre er zu Haus.  Denn der alte Herr war gar ein sonderbarer Mann.
Er hatte Almansor Kleider machen lassen, wie sie vornehme Leute in
gypten tragen.  Diese Kleider bewahrte er in seinem Hause in einem
besonderen Zimmer auf.  Kam nun Almansor, so schickte er ihn mit
einem Bediensteten in jenes Zimmer und lie ihn ganz nach seiner
Landessitte ankleiden.  Von da ging es dann nach "Kleinarabien"; so
nannte man einen Saal im Hause des Gelehrten.

Dieser Saal war mit allerlei knstlich aufgezogenen Bumen, als
Palmen, Bambus, jungen Zedern und dergleichen, und mit Blumen
ausgeschmckt, die nur im Morgenland wachsen.  Persische Teppiche
lagen auf dem Fuboden, und an den Wnden waren Polster, nirgends
aber ein frnkischer Stuhl oder Tisch.  Auf einem dieser Polster sa
der alte Professor; er sah aber ganz anders aus als gewhnlich; um
den Kopf hatte er einen feinen trkischen Schal als Turban gewunden,
er hatte einen grauen Bart umgeknpft, der ihm bis zum Grtel reichte
und aussah wie ein natrlicher, ehrwrdiger Bart eines gewichtigen
Mannes.  Dazu trug er einen Talar, den er aus einem brokatnen
Schlafrock hatte machen lassen, weite trkische Beinkleider, gelbe
Pantoffeln, und so friedlich er sonst war, an diesen Tagen hatte er
einen trkischen Sbel umgeschnallt, und im Grtel stak ein Dolch,
mit falschen Steinen besetzt.  Dazu rauchte er aus einer zwei Ellen
langen Pfeife und lie sich von seinen Leuten bedienen, die ebenfalls
persisch gekleidet waren und wovon die Hlfte Gesicht und Hnde
schwarz gefrbt hatte.

Von Anfang wollte dies alles dem jungen Almansor gar wunderlich
bednken; aber bald sah er ein, da solche Stunden, wenn er in die
Gedanken des Alten sich fgte, sehr ntzlich fr ihn seien.  Durfte
er beim Doktor kein gyptisches Wort sprechen, so war hier die
frnkische Sprache sehr verboten.  Almansor mute beim Eintreten den
Friedensgru sprechen, den der alte Perser sehr feierlich erwiderte;
dann winkte er dem Jngling, sich neben ihn zu setzen, und begann
Persisch, Arabisch, Koptisch und alle Sprachen untereinander zu
sprechen und nannte dies eine gelehrte morgenlndische Unterhaltung.
Neben ihm stand ein Bediensteter oder, was sie an diesem Tage
vorstellten, ein Sklave, der ein groes Buch hielt; das Buch war aber
ein Wrterbuch, und wenn dem Alten die Worte ausgingen, winkte er dem
Sklaven, schlug flugs auf, was er sagen wollte, und fuhr dann zu
sprechen fort.

Die Sklaven aber brachten in trkischem Geschirr Sorbet und
dergleichen, und wollte Almansor dem Alten ein groes Vergngen
machen, so mute er sagen, es sei alles bei ihm angeordnet wie im
Morgenland.  Almansor las sehr schn Persisch, und das war der
Hauptvorteil fr den Alten.  Er hatte viele persische Manuskripte;
aus diesen lie er sich von dem Jngling vorlesen, las aufmerksam
nach und merkte sich auf diese Art die richtige Aussprache.

Das waren die Freudentage des armen Almansor; denn nie entlie ihn
der alte Professor unbeschenkt, und oft trug er sogar kostbare Gaben
an Geld und Leinenzeug oder anderen notwendigen Dingen davon, die ihm
der Doktor nicht geben wollte.  So lebte Almansor einige Jahre in der
Hauptstadt des Frankenlandes, und nie wurde seine Sehnsucht nach der
Heimat geringer.  Als er aber etwa fnfzehn Jahre alt war, begab sich
ein Vorfall, der auf sein Schicksal groen Einflu hatte.

Die Franken nmlich whlten ihren ersten Feldherrn, denselben, mit
welchem Almansor so oft in gypten gesprochen hatte, zu ihrem Knig
und Beherrscher; Almansor wute zwar und erkannte es an den groen
Festlichkeiten, da etwas dergleichen in dieser groen Stadt geschehe;
doch konnte er sich nicht denken, da der Knig derselbe sei, den er
in gypten gesehen; denn jener Feldherr war noch ein sehr junger Mann.
Eines Tages aber ging Almansor ber eine jener Brcken, die ber
den breiten Flu fahren, der die Stadt durchstrmt; da gewahrte er in
dem einfachen Kleid eines Soldaten einen Mann, der am Brckengelnder
lehnte und in die Wellen sah.  Die Zge des Mannes fielen ihm auf,
und er erinnerte sich, ihn schon gesehen zu haben.  Er ging also
schnell die Kammern seiner Erinnerung durch, und als er an die Pforte
der Kammer von gypten kam, da erffnete sich ihm pltzlich das
Verstndnis, da dieser Mann jener Feldherr der Franken sei, mit
welchem er oft im Lager gesprochen und der immer gtig fr ihn
gesorgt hatte.  Er wute seinen rechten Namen nicht genau; er fate
sich daher ein Herz, trat zu ihm, nannte ihn, wie ihn die Soldaten
unter sich nannten, und sprach, indem er nach seiner Landessitte die
Arme ber der Brust kreuzte: "Salem aleikum, Petit-Caporal!"

Der Mann sah sich erstaunt um, blickte den jungen Menschen mit
scharfen Augen an, dachte ber ihn nach und sagte dann: "Himmel, ist
es mglich!  Du hier, Almansor?  Was macht dein Vater?  Wie geht es
in gypten?  Was fhrt dich zu uns hierher?"

Da konnte sich Almansor nicht lnger halten; er fing an, bitterlich
zu weinen, und sagte zu dem Mann: "So weit du also nicht, was die
Hunde, deine Landsleute, mit mir gemacht haben, Petit-Caporal?  Du
weit nicht, da ich das Land meiner Vter nicht mehr gesehen habe
seit vielen Jahren?"

"Ich will nicht hoffen", sagte der Mann, und seine Stirne wurde
finster, "ich will nicht hoffen, da man dich mit hinwegschleppte."

"Ach, freilich", antwortete Almansor, "an jenem Tage, wo Eure
Soldaten sich einschifften, sah ich mein Vaterland zum letztenmal;
sie nahmen mich mit sich hinweg, und ein Hauptmann, den mein Elend
rhrte, zahlt ein Kostgeld fr mich bei einem verwnschten Doktor,
der mich schlgt und halb Hungers sterben lt.  Aber hre,
Petit-Caporal", fuhr er ganz treuherzig fort, "es ist gut, da ich
dich hier traf, du mut mir helfen."

Der Mann, zu welchem er dies sprach, lchelte und fragte, auf welche
Weise er denn helfen sollte.

"Siehe", sagte Almansor, "es wre unbillig, wollte ich von dir etwas
verlangen; du warst von jeher so gtig gegen mich, aber ich wei, du
bist auch ein armer Mensch, und wenn du auch Feldherr warst, gingst
du nie so schn gekleidet wie die anderen; auch jetzt mut du, nach
deinem Rock und Hut zu urteilen, nicht in den besten Umstnden sein.
Aber da haben ja die Franken letzthin einen Sultan gewhlt, und ohne
Zweifel kennst du Leute, die sich ihm nahen drfen, etwa seinen
Janitscharen-Aga oder den Reis-Effendi oder seinen Rapudan-Pascha;
nicht?"

"Nun ja", antwortete der Mann, "aber wie weiter?"

"Bei diesen knntest du ein gutes Wort fr mich einlegen,
Petit-Caporal, da sie den Sultan der Franken bitten, er mchte mich
freilassen; dann brauche ich auch etwas Geld zur Reise bers Meer;
vor allem aber mut du mir versprechen, weder dem Doktor noch dem
arabischen Professor etwas davon zu sagen."

"Wer ist denn der arabische Professor?" fragte jener.  "Ach, das ist
ein sonderbarer Mann; doch von diesem erzhle ich dir ein andermal.
Wenn es die beiden hrten, drfte ich nicht mehr aus Frankistan weg.
Aber willst du fr mich sprechen bei den Agas?  Sage es mir
aufrichtig!"

"Komm mit mir", sagte der Mann, "vielleicht kann ich dir jetzt gleich
ntzlich sein."

"Jetzt?" rief der Jngling mit Schrecken.  "Jetzt um keinen Preis, da
wrde mich der Doktor prgeln; ich mu eilen, da ich nach Hause
komme."

"Was trgst du denn in diesem Korb?" fragte jener, indem er ihn
zurckhielt.

Almansor errtete und wollte es anfangs nicht zeigen; endlich aber
sagte er: "Siehe, Petit- Caporal, ich mu hier Dienste tun wie der
geringste Sklave meines Vaters.  Der Doktor ist ein geiziger Mann und
schickt mich alle Tage von unserem Hause eine Stunde weit auf den
Gemse- und Fischmarkt; da mu ich dann unter den schmutzigen
Marktweibern einkaufen, weil es dort um einige Kupfermnzen
wohlfeiler ist als in unserem Stadtteil.  Siehe, wegen dieses
schlechten Herings, wegen dieser Handvoll Salat, wegen dieses
Stckchens Butter mu ich alle Tage zwei Stunden gehen.  Ach, wenn es
mein Vater wte!"

Der Mann, zu welchem Almansor dies sprach, war gerhrt ber die Not
des Knaben und antwortete: "Komm nur mit mir und sei getrost; der
Doktor soll dir nichts anhaben drfen, wenn er auch heute weder
Hering noch Salat verspeist!  Sei getrosten Mutes und komm!"  Er nahm
bei diesen Worten Almansor bei der Hand und fhrte ihn mit sich, und
obgleich diesem das Herz pochte, wenn er an den Doktor dachte, so lag
doch so viel Zuversicht in den Worten und Mienen des Mannes, da er
sich entschlo, ihm zu folgen.  Er ging also, sein Krbchen am Arm,
neben dem Soldaten viele Straen durch, und wunderbar wollte es ihm
bednken, da alle Leute die Hte vor ihnen abnahmen und
stehenblieben und ihnen nachschauten.  Er uerte dies auch gegen
seinen Begleiter, dieser aber lachte und sagte nichts darber.

Sie gelangten endlich an ein prachtvolles Schlo, auf welches der
Mann zuging.  "Wohnst du hier, Petit-Caporal?" fragte Almansor.

"Hier ist meine Wohnung", entgegnete jener, "und ich will dich zu
meiner Frau fhren."

"Ei, da wohnst du schn!" fahr Almansor fort.  "Gewi hat dir der
Sultan hier freie Wohnung gegeben?"

"Diese Wohnung habe ich vom Kaiser, du hast recht", antwortete sein
Begleiter und fhrte ihn in das Schlo.  Dort stiegen sie eine breite
Treppe hinan, und in einem schnen Saal hie er ihn seinen Korb
absetzen und trat dann mit ihm in ein prachtvolles Gemach, wo eine
Frau auf einem Diwan sa.  Der Mann sprach mit ihr in einer fremden
Sprache, worauf sie beide nicht wenig lachten, und die Frau fragte
dann Almansor in frnkischer Sprache vieles ber gypten.  Endlich
sagte Petit-Caporal zu dem Jngling: "Weit du, was das beste ist?
Ich will dich gleich selbst zum Kaiser fhren und bei ihm fr dich
sprechen."

Almansor erschrak sehr; aber er gedachte an sein Elend und seine
Heimat.  "Dem Unglcklichen", sprach er zu den beiden, "dem
Unglcklichen verleiht Allah einen hohen Mut in der Stunde der Not;
er wird auch mich armen Knaben nicht verlassen.  Ich will es tun, ich
will zu ihm gehen.  Aber sage, Caporal, mu ich vor ihm niederfallen?
Mu ich die Stirne mit dem Boden berhren?  Was mu ich tun?"

Die beiden lachten von neuem und versicherten, dies alles sei nicht
ntig.

"Sieht er schrecklich und majesttisch aus?" fragte er weiter, "hat
er einen langen Bart?  Macht er feurige Augen?  Sage, wie sieht er
aus?"

Sein Begleiter lachte von neuem und sprach dann: "Ich will dir ihn
lieber gar nicht beschreiben, Almansor, du selbst sollst erraten,
welcher es ist.  Nur das will ich dir als Kennzeichen angeben: Alle
im Saale des Kaisers werden, wenn er da ist, die Hte ehrerbietig
abnehmen; der, welcher den Hut auf dem Kopf behlt, der ist der
Kaiser."  Bei diesen Worten nahm er ihn bei der Hand und ging mit ihm
nach dem Saal des Kaisers.  Je nher er kam, desto lauter pochte ihm
das Herz, und die Knie fingen ihm an zu zittern, als sie sich der
Tre nherten.  Ein Bediensteter ffnete die Tre, und da standen in
einem Halbkreis wenigstens dreiig Mnner, alle prchtig gekleidet
und mit Gold und Sternen berdeckt, wie es Sitte ist im Lande der
Franken bei den vornehmsten Agas und Bassas der Knige; und Almansor
dachte, sein Begleiter, der so unscheinbar gekleidet war, msse der
Geringsten einer sein unter diesen.  Sie hatten alle das Haupt
entblt, und Almansor fing nun an, nach dem zu suchen, der den Hut
auf dem Kopfe htte; denn dieser mute der Kaiser sein.  Aber
vergebens war sein Suchen.  Alle hatten den Hut in der Hand, und der
Kaiser mute also nicht unter ihnen sein; da fiel kein Blick zufllig
auf seinen Begleiter, und siehe--dieser hatte den Hut auf dem Kopfe
sitzen!

Der Jngling war erstaunt, betroffen.  Er sah seinen Begleiter lange
an und sagte dann, indem er selbst seinen Hut abnahm: "Salem aleikum,
Petit-Caporal!  Soviel ich wei, bin ich selbst nicht der Sultan der
Franken, also kommt es mir nicht zu, mein Haupt zu bedecken; doch du
bist der, der den Hut trgt--Petit-Caporal, bist denn du der Kaiser?".

"Du hast's erraten", antwortete jener, "und berdies bin ich dein
Freund.  Schreibe dein Unglck nicht mir, sondern einer unglcklichen
Verwirrung der Umstnde zu, und sei versichert, da du mit dem ersten
Schiff in dein Vaterland zurcksegelst.  Gehe jetzt wieder hinein zu
meiner Frau, erzhle ihr vom arabischen Professor und was du weit.
Die Heringe und den Salat will ich dem Doktor schicken; du aber
bleibst fr deinen Aufenthalt in meinem Palast."

So sprach der Mann, der Kaiser war; Almansor aber fiel vor ihm nieder,
kte seine Hand und bat ihn um Verzeihung, da er ihn nicht erkannt
habe; er habe es ihm gewi nicht angesehen, da er Kaiser sei.

"Du hast recht", erwiderte jener lachend, "wenn man nur wenige Tage
Kaiser ist, kann man es nicht an der Stirne geschrieben haben."  So
sprach er und winkte ihm, sich zu entfernen.

Seit diesem Tage lebte Almansor glcklich und in Freuden.

Den arabischen Professor, von welchem er dem Kaiser erzhlte, durfte
er noch einigemal besuchen den Doktor aber sah er nicht mehr.  Nach
einigen Wochen lie ihn der Kaiser zu sich rufen und kndigte ihm an,
da ein Schiff vor Anker liege, mit dem er ihn nach gypten senden
wolle.  Almansor war auer sich vor Freude; wenige Tage reichten hin,
um ihn auszursten, und mit einem Herzen voll Dankes und mit Schtzen
und Geschenken reich beladen, reiste er vom Kaiser ab ans Meer und
schiffte sich ein.

Aber Allah wollte ihn noch lnger prfen, wollte seinen Mut im
Unglck noch lnger sthlen und lie ihn die Kste seiner Heimat noch
nicht sehen.  Ein anderes frnkisches Volk, die Englnder, fhrten
damals Krieg mit dem Kaiser auf der See.  Sie nahmen ihm alle Schiffe
weg, die sie besiegen konnten, und so kam es, da am sechsten Tage
der Reise das Schiff, auf welchem sich Almansor befand, von
englischen Schiffen umgeben und beschossen wurde; es mute sich
ergeben, und die ganze Mannschaft wurde auf ein kleineres Schiff
gebracht, das mit den anderen weitersegelte.  Doch auf der See ist es
nicht weniger unsicher als in der Wste, wo unversehens die Ruber
auf die Karawanen fallen und totschlagen und plndern.  Ein Kaper von
Tunis berfiel das kleine Schiff, das der Sturm von den greren
Schiffen getrennt hatte, und--es wurde genommen und alle Mannschaft
nach Algier gefhrt und verkauft.

Almansor kam zwar nicht in so harte Sklaverei als die Christen, weil
er ein rechtglubiger Muselmann war, aber dennoch war jetzt alle
Hoffnung verschwunden, die Heimat und den Vater wiederzusehen.  Dort
lebte er bei einem reichen Manne fnf Jahre und mute die Blumen
begieen und den Garten bauen.  Da starb der reiche Mann ohne nahe
Erben, seine Besitzungen wurden zerrissen, seine Sklaven geteilt, und
Almansor fiel in die Hnde eines Sklavenmaklers.  Dieser rstete um
diese Zeit ein Schiff aus, um seine Sklaven anderwrts teurer zu
verkaufen.  Der Zufall wollte, da ich selbst ein Sklave dieses
Hndlers war und auf dasselbe Schiff kam, wo auch Almansor sich
befand.  Dort lernten wir uns kennen, und dort erzhlte er mir seine
wunderbaren Schicksale.  Doch--als wir landeten, war ich Zeuge der
wunderbarsten Fgung Allahs; es war die Kste seines Vaterlandes, an
welche wir aus dem Boot stiegen, es war der Markt seiner Vaterstadt,
wo wir ffentlich ausgeboten wurden, und, o Herr, da ich es kurz
sage, es war sein eigener, sein teurer Vater, der ihn kaufte!

Der Scheik Ali Banu war in tiefes Nachdenken versunken ber diese
Erzhlung; sie hatte ihn unwillkrlich mit sich fortgerissen, seine
Brust hob sich, sein Auge glhte, und er war oft nahe daran, seinen
jungen Sklaven zu unterbrechen; aber das Ende der Erzhlung schien
ihn nicht zu befriedigen.

"Er knnte jetzt einundzwanzig Jahre haben, sagst du?" so fing er an
zu fragen.

"Herr, er ist in meinem Alter, ein- bis zweiundzwanzig Jahre."

"Und welche Stadt nannte er seine Geburtsstadt?  Das hast du uns noch
nicht gesagt."

"Wenn ich nicht irre", antwortete jener, "so war es Alessandria!"

"Alessandria!" rief der Scheik.  "Es ist mein Sohn; wo ist er
geblieben?  Sagtest du nicht, da er Kairam hie?  Hat er dunkle
Augen und braunes Haar?"

"Er hat es, und in traulichen Stunden nannte er sich Kairam und nicht
Almansor."

"Aber, Allah!  Allah!  Sage mir doch, sein Vater htte ihn vor deinen
Augen gekauft, sagst du?  Sagte er, es sei sein Vater?  Also ist er
doch nicht mein Sohn!"

Der Sklave antwortete: "Er sprach zu mir: "Allah sei gepriesen nach
so langem Unglck: Das ist der Marktplatz meiner Vaterstadt."  Nach
einer Weile aber kam ein vornehmer Mann um die Ecke; da rief er: "Oh,
was fr ein teures Geschenk des Himmels sind die Augen!  Ich sehe
noch einmal meinen ehrwrdigen Vater!"  Der Mann aber trat zu uns,
betrachtet diesen und jenen und kauft endlich den, dem dies alles
begegnet ist.  Da rief er Allah an, sprach ein heies Dankgebet und
flsterte mir zu: "Jetzt gehe ich wieder ein in die Hallen meines
Glckes, es ist mein eigener Vater, der mich gekauft hat.""

"Es ist also doch nicht mein Sohn, mein Kairam!" sagte der Scheik,
von Schmerz bewegt.

Da konnte sich der Jngling nicht mehr zurckhalten; Trnen der
Freude entstrzten seinen Augen, er warf sich nieder vor dem Scheik
und rief: "Und dennoch ist es Euer Sohn, Kairam: Almansor; denn Ihr
seid es, der ihn gekauft hat."  "Allah, Allah!  Ein Wunder, ein groes
Wunder!" riefen die Anwesenden und drngten sich herbei; der Scheik
aber stand sprachlos und staunte den Jngling an, der sein schnes
Antlitz zu ihm aufhob.  "Mein Freund Mustapha!" sprach er zu dem
alten Derwisch, "vor meinen Augen hngt ein Schleier von Trnen, da
ich nicht sehen kann, ob die Zge seiner Mutter, die mein Kairam trug,
auf seinem Gesicht eingegraben sind.  Trete du her und schaue ihn an!"

Der Alte trat herzu, sah ihn lange an, legte seine Hand auf die
Stirne des jungen Mannes und sprach: "Kairam!  Wie hie der Spruch,
den ich dir am Tage, des Unglcks mitgab ins Lager der Franken?"

"Mein teurer Lehrer!" antwortete der Jngling, indem er die Hand des
Alten an seine Lippen zog, "er hie: So einer Allah liebt und ein
gutes Gewissen hat, ist er auch in der Wste des Elends nicht allein;
denn er hat zwei Gefhrten, die ihm trstend zur Seite gehen."

Da hob der Alte seine Augen dankend auf zum Himmel, zog den Jngling
herauf an seine Brust und gab ihn dem Scheik und sprach: "Nimm ihn
hin!  So gewi du zehn Jahre um ihn trauertest, so gewi ist es dein
Sohn Kairam."

Der Scheik war auer sich vor Freude und Entzcken; er betrachtete
immer von neuem wieder die Zge des Wiedergefundenen, und unleugbar
fand er das Bild seines Sohnes wieder, wie er ihn verloren hatte.
Und alle Anwesenden teilten seine Freude; denn sie liebten den Scheik,
und jedem unter ihnen war es, als wre ihm heute ein Sohn geschenkt
worden.

Jetzt fllte wieder Gesang und Jubel diese Halle wie in den Tagen des
Glckes und der Freude.  Noch einmal mute der Jngling, und noch
ausfhrlicher, seine Geschichte erzhlen, und alle priesen den
arabischen Professor und den Kaiser und jeden, der sich Kairams
angenommen hatte.  Man war beisammen bis in die Nacht, und als man
aufbrach, beschenkte der Scheik jeden seiner Freunde reichlich, auf
da er immer dieses Freudentages gedenke.

Die vier jungen Mnner aber stellte er seinem Sohne vor und lud sie
ein, ihn immer zu besuchen, und es war ausgemachte Sache, da er mit
dem Schreiber lesen, mit dem Maler kleine Reisen machen sollte, da
der Kaufmann Gesang und Tanz mit ihm teile und der andere alle
Vergngungen fr sie bereiten solle.  Auch sie wurden reich beschenkt
und traten freudig aus dem Hause des Scheik.

"Wem haben wir dies alles zu verdanken", sprachen sie untereinander,
"wem anders als dem Alten?  Wer htte dies damals gedacht, als wir
vor diesem Hause standen und ber den Scheik loszogen?"

"Und wie leicht htte es uns einfallen knnen, die Lehren des alten
Mannes zu berhren", sagte ein anderer, "oder ihn gar zu verspotten?
Denn er sah doch recht zerrissen und rmlich aus, und wer knne
denken, da dies der weise Mustapha sei?"  "Und wunderbar!  War es
nicht hier, wo wir unsere Wnsche laut werden lieen?" sprach der
Schreiber.  "Da wollte der eine reisen, der andere singen und tanzen,
der dritte gute Gesellschaft haben und ich--Geschichten lesen und
hren, und sind nicht alle unsere Wnsche in Erfllung gegangen?
Darf ich nicht alle Bcher des Scheik lesen und kaufen, was ich
will?"  "Und darf ich nicht seine Tafel zurichten und seine schnsten
Vergngen anordnen und selbst dabeisein?" sagte der andere.

"Und ich, so oft mich mein Herz gelstet, Gesang und Saitenspiel zu
hren oder einen Tanz zu sehen, darf ich nicht hingehen und mir seine
Sklaven ausbitten?"

"Und ich", rief der Maler, "vor diesem Tage war ich arm und konnte
keinen Fu aus dieser Stadt setzen, und jetzt kann ich reisen, wohin
ich will."

"Ja", sprachen sie alle, "es war doch gut, da wir dem Alten folgten,
wer wei, was aus uns geworden wre!"

So sprachen sie und gingen freudig und glcklich nach Hause.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Mrchen-Almanach auf das Jahr
1827", von Wilhelm Hauff.





*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1827 ***

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