The Project Gutenberg EBook of Der Alpenkonig und der Menschenfeind
by Ferdinand Raimund

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Title: Der Alpenkonig und der Menschenfeind

Author: Ferdinand Raimund

Release Date: October, 2004  [EBook #6637]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 8, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER ALPENKONIG UND DER MENSCHENFEIND ***




Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
German books in London.



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Der Alpenknig und der Menschenfeind

Ferdinand Raimund

Romantisch-komisches Original-Zauberspiel in zwei Aufzgen

Personen:

Astragalus, der Alpenknig
Linarius und Alpanor, Alpengeister

Herr von Rappelkopf, ein reicher Gutsbesitzer
Sophie, seine Frau
Malchen, seine Tochter dritter Ehe
Herr von Silberkern, Sophiens Bruder, Kaufmann in Venedig
August Dorn, ein junger Maler
Lischen, Malchens Kammermdchen
Habakuk, Bedienter bei Rappelkopf
Sebastian, Kutscher in Rappelkopfs Dienst
Sabine, Kchin in Rappelkopfs Dienst

Christian Glhwurm, ein Kohlenbrenner
Marthe, sein Weib
Salchen, ihre Tochter
Hnschen, Christoph und Andres, ihre Kinder
Franzel, ein Holzhauer, Salchens Brutigam
Christians Gromutter

Rappelkopfs verstorbene Weiber:
Victorinens Gestalt
Wallburgas Gestalt
Emerentias Gestalt

Alpengeister.  Genien im Tempel der Erkenntnis.  Dienerschaft in
Rappelkopfs Hause.


Die Handlung geht auf und um Rappelkopfs Landgut vor.




Erster Aufzug



Erster Auftritt


Die Ouvertre beginnt sanft und drckt frhlichen Vogelsang aus,
dann geht sie in fremdartiges Jagdgetn ber, begleitet von
Bchsenknall.  Beim Aufziehen der Kurtine zeigt sich eine reizende
Gegend am Fu einer Alpe, welche sich im Hintergrunde majesttisch
erhebt.  Im Vordergrunde zeichnet sich in der Mitte ein Gebsche
von Alpenrosen, links ein abgebrochener Baumstamm und im
Vordergrunde rechts ein hoher Fels aus.

Ein Chor von Alpengeistern, dabei Linarius, durchaus grau als
Gemsenjger gekleidet, jeder eine erlegte Gemse ber den Rcken
hngen, eilt von der Alpe herab und sammelt sich im Vordergrunde
der Bhne.


Chor.
Stellt die Jagd ein, luftge Schtzen!
Von den steilen Alpenspitzen
Steigt herab ins blumge Tal.
Zhlt mit wilder Jgerfreude
Schnell die frischgefllte Beute
Hier im grnen Weidmannssaal.



Zweiter Auftritt

Astragalus, ganz grau gleich den brigen Geistern als Alpenjger
gekleidet, ein Jagdgewehr ber die Schulter.


Astragalus (im rauhen Tone).
Holla ho, ihr Jgersleute!
Seid gengsam in der Beute.
Lat, ihr jagdberauschten Schergen,
Ruhn das Gemsvolk in den Bergen.
Lang gedonnert haben wir
Heut im steinigten Revier.

Linarius (erster Alpengeist).
Groer Frst, du magst nur winken,
Und der Alpen Geister sinken
Kraftberaubet in den Staub
Wie vorm Sturmwind welkes Laub.
Keiner ist hier, der es wagt,
Fortzusetzen mehr die Jagd.
Doch es kann nichts Schnres geben,
Als auf Alpenspitzen schweben
Und den Blitz vom Rohre senden,
Der Gazelle Leben enden.
Ha!  wenn aus metallnem Lauf
Krachend sich der Schu entladet
Und die goldne Kugel drauf
In der Gemse Blut sich badet:
Das ist echte Weidmannslust,
Das erhebt des Jgers Brust.

Alle.
Das ist echte Weidmannslust!
Das erhebt des Jgers Brust!

Astragalus.
Bei des Eismeers starren Wellen,
Ihr seid wackre Jagdgesellen.
Oft soll euch die Lust entzcken,
Doch auch andre mags beglcken.
Denn was wir dem Berg entwenden,
Will ins drftge Tal ich senden.
An Bewohner niedrer Htten,
Die um karges Mahl oft bitten,
Teilet eure Gemsen aus.
Werft sie unsichtbar ins Haus.

Linarius.
Edel ist stets dein Beginnen,
Und wir eilen schnell von hinnen,
Um den mchtgen Herrscherwillen
Stolz zu ehren durch Erfllen.
Lat die Htten uns umrauschen
Und leis dem Entzcken lauschen,
Wenn sie in der Tiere Wunden
Goldne Kugeln aufgefunden.
Dankesperlen, die sie weinen,
Wollen wir zu Krnzen einen,
Da sie zieren dann zum Lohn
Lieblich deinen Alpenthron.

(Alle ab.)



Dritter Auftritt

Astragalus allein.


Astragalus.
Wohl soll in der Geister Walten
Lieb und Gromut mchtig schalten,
Und ihr Wesen hoher Art,
Wo sich Kraft mit Freiheit paart,
Soll, befreit von irdschem Band,
Schwingen sich an thers Rand.
Doch, so wies im Menschenleben
Bs und gut Gesinnte gibt,
Jener hat und dieser liebt:
So ists auch in Geistersphren,
Da nicht all nach oben kehren
Ihr entkrpert Schattenhaupt,
Und, des liebten Sinns beraubt,
Auch der Bse schaut nach unten,
An die finstre Macht gebunden.
Und so wird der Krieg bedinget,
Der die Welt mit Leid umschlinget,
Der die Wolken jagt durch Lfte,
Der auf Erden baut die Grfte,
Der den Geist gen Geist entzweiet,
Der dem Hai die Kraft verleihet,
In des Meeres Flut zu wten,
Der dem Nordhauch schenkt die Blten,
Der den Sturm peitscht gegen Schiffe,
Da zerschmettern sie am Riffe,
Der die Menschen reiht in Heere,
Da sie zu des Hasses Ehre
ber ihrer Brder Leichen
Sich des Sieges Lorbeer reichen--
Doch ich liebe Geisterfrieden,
Bin dem Menschen gut hienieden,
Hause nicht in Bergesschlnden,
La in freier Luft mich finden.
Hab auf Hhen, glnzend wei,
Auf des Gletschers khnstem Eis,
Mein kristallnes Schlo erbaut,
Das der Sterne Antlitz schaut.
Und dort blick aus klaren Rumen
Auf der Menschheit eitles Trumen
Mitleidsvoll ich oft herab.
Doch wenn ich am Pilgerstab
Manch Verirrten wandern sehe,
Steig von meiner wolkgen Hhe
Nieder ich zum Erdenrunde,
Reich ihm schnell die Hand zum Bunde
Und leit ihn mit Freundessinn
Zum Erkenntnistempel hin.  (Ab.)



Vierter Auftritt

Auf der entgegengesetzten Seite Malchen, Lischen.  Erstere im
lichtblauen Sommerkleide, einen Strohhut auf dem Haupte, luft
frhlich voraus.


Malchen.
Ach, das hei ich gelaufen, wie pfeilschnell doch die Liebe
macht!  (Sieht sich um.)  Hier ist mein teures Tal.  Wie herrlich
alles blht, heut glnzt die Sonne doppelt schn, als wre
Festtag an dem Himmel und sie des Festes Knigin.  Ach, wie
dank ich dir, du liebe Sonne, da du mir meinen August bringst.
Lischen, Lischen!  (Ruft in die Kulisse.)  Wo bleibst du denn?
Wie ngstlich sie sich umsieht.  Was hast du denn?

Lischen (kommt ganz verwirrt und sehr geschwtzig).
Aber Sie unglckseliges Frulein, wie knnen Sie sich denn heute
in diese berchtigte, verrufene, bezauberte Gegend wagen?  Haben
Sie nicht die wilde Jagd gehrt?  heut ist der Alpenknig los.
Htt ich das gewut, Sie htten mich nicht mit zwanzig Pferden
aus dem Haus gezogen.  Aber Sie weckten mich auf, sagten mir, ich
sollte mich schnell anziehen, Sie wollten Ihrem August
entgegeneilen, der heute von seiner Kunstreise aus Italien
zurckkmmt.

Malchen.
Nun, das tat ich ja.  Hier erwart ich meinen August.  Sein letzter
Brief nennt mir den heutgen Morgen.  Hier schieden wir in
Gegenwart meiner Mutter vor drei Jahren mit betrbtem Herzen
voneinander.  Du weit, da mein Vater schon damals gegen unsere
Liebe war, obwohl Augusts Onkel starb und ihm einiges Vermgen
hinterlie, schlug er ihm doch meine Hand ab, geriet in den
heftigsten Zorn und warf ihm Talentlosigkeit in seiner
Malerkunst vor.  August, auf das bitterste gekrnkt, beschlo,
nach Italien zu reisen, um seinen Kummer zu zerstreuen und
sich an den groen Mustern zu bilden.  Hier schwor er mir ewge
Treue, meine gute Mutter versprach uns ihren Beistand, doch
du weit, wie es um meinen armen Vater steht.  Hier haben wir
uns getrennt, hier gelobten wir uns wieder in die Arme zu
strzen.  Nach seinen Briefen hat er groe Fortschritte in
seiner Kunst gemacht.

Lischen.
Was Italien, was Kunst, was helfen mir alle Maler von ganz Italien
und Australien!  In diesen Bergen haust der Alpenknig.  Und wenn
uns der erblickt, so sind wir verloren.

Malchen.
So sei nur ruhig, es wird ja den Hals nicht kosten.

Lischen.
Aber die Schnheit kanns kosten, und der Verlust der Schnheit
geht uns Mdchen an den Hals.  Und wie innig ist die Schnheit mit
dem Hals verbunden, wer halst uns denn, wenn wir nicht schn mehr
sind?  Wissen Sie denn nicht, da jedes Mdchen, das den Alpenknig
erblickt, in dem Augenblick um vierzig Jahre lter wird?  Ja sehen
Sie mich nur an, keine Minute wird herabgehandelt.  Vierzig Jahre,
und unsere jetzigen auch noch dazu, da wird eine schne Rechnung
herauskommen.  Stellen Sie sich die Folgen einer so entsetzlichen
Verwandlung vor.  Was wrde ihr geliebter Maler dazu sagen, wenn
er in Ihnen statt einer blhenden Frhlingslandschaft eine
ehrwrdige Wintergegend aus der niederlndischen Schule erblickte,
was wrden alle meine Anbeter dazu sagen, wenn der Anblick dieses
Ungetms meine Wangen in Falten legte wie eine hundertjhrige
Pergamentrolle?

Malchen.
Aber wer hat dir denn solche Mrchen aufgebunden?  Beinahe knnt
ich selbst in Angst geraten.  Es gibt gar keinen Alpenknig.

Lischen.
Nicht?  Nun gut--bald werd ich Sie wie meine Gromutter verehren.
Folgen Sie mir, oder ich laufe allein davon.  (Will fort.)

Malchen.
So bleib nur, mein August wird bald hier sein, die Sonne steht
schon hoch, du mut mir Toilette machen helfen, der Wind hat
meine Locken ganz zerrttet.  Du hast doch den kleinen Spiegel
mitgenommen, wie ich dir befahl?

Lischen.
Ei freilich, ach, htt ich lieber meine Angst vergessen!

Malchen.
So.  (Setzt sich auf den Baumstamm und ffnet ihre Locken.  Lischen
steht mit dem Spiegel vor ihr.)  Halt ihn nur!  Weit du, Lischen,
ich mu mich doch ein wenig zusammenputzen, er kmmt aus Italien,
und die Frauenzimmer sollen dort sehr schn sein.

Lischen.
Hahaha, warum nicht gar!  Ich kenne in der Welt nur ein schnes
Frauenzimmer.  Sie werden mich verstehen, Frulein.

Malchen (nimmt es auf sich).
Du bist zu galant, Lischen, das verdien ich nicht.

Lischen (beiseite).
Die glaubt, ich mein sie, wie man nur so eitel sein kann--und ich
meine mich.

Malchen.
So, Lischen, jetzt sind die Locken alle offen--jetzt halt nur
gut, der Alpenknig tut uns nichts.

Lischen.
Ach ums Himmels willen, nennen Sie doch den abscheulichen
Alpenfrsten nicht--(erschrickt) es rauscht ja etwas im Gebsche,
Himmel, ich la den Spiegel fallen.  (Ein Auerhahn fliegt aus dem
Gebsche auf.  Sie schreit.)  Ach der Alpenknig!  (Luft mit dem
Spiegel fort.)

Malchen (nachrufend).
Lischen, Lischen, was schreiest du denn, es ist ja nur ein Vogel.
Ach du lieber Himmel, sie hat ja den Spiegel mitgenommen, die
luft ganz sicher nach Hause.  Lischen, so hre doch!  Entsetzlich,
meine Locken, wenn jetzt August kmmt und mich so erblickt.  Das
berleb ich nicht.  Ach du lieber Himmel, wie htt ich mir das
vorstellen knnen, das ist doch das grte Unglck, das einem
Menschen begegnen kann.  (Besinnt sich.)  Aber pfui, Malchen, was
ist das fr eine Eitelkeit, August wird dich doch nicht deiner
Locken wegen lieben?  (rgerlich.)  Aber die Locken tragen dazu
bei, wenn die Mnner nun einmal so sind, was kann denn ich dafr?
Und warum heien sie denn Locken, wenn sie nicht bestimmt wren,
die Mnner anzulocken?  (Sieht in die Szene.)  Ach, dort eilt er
schon den Hgel herauf.  O welche Freude (hpft), welche Freude!
(Pltzlich stille.)  Wenn nur die fatalen Locken nicht wren!
Ich will mich hinter den Rosenbusch verstecken, vielleicht bring
ich sie doch ein wenig zurechte.  (Verbirgt sich hinter das
Rosengebsche.)



Fnfter Auftritt

August im einfachen Reiseanzug, eine Mappe unter dem Arme.


August.
Von dem meerumwogten Strande,
Aus dem wunderholden Lande,
Wo die goldnen hrenfelder
Wechseln mit Orangenwlder,
Wo die stolzen Apenninen
ber alte Gre sinnen,
Wo die Kunst mit Geisteswaffen
Das Vollendetste erschaffen,
Wo die ungeheuren Reste
Der zerfallenen Palste
An die Kraft der Zeit uns mahnen
Und wir bebend Hohes ahnen:
Aus dem Tempel der Natur
Kehr ich heim zur stillen Flur.
Denn im biedern Vaterlande
Ketten mich die teuern Bande
Zarter Liebe, fester Treue,
Und der Riesenbilder Reihe,
Die wie Trume mich umwehen,
Schliet ein frohes Wiedersehen.

Seid mir gegrt, ihr heimatlichen Berge!  O Erinnerung, wie nah
trittst du an mich und reichst mir einen schnen Kranz, geflochten
aus vergangnen Freuden.  Und doch mu ich bei all dem Schnen hier
das Schnste noch vermissen, bei all dem Lieben fehlt mein
Liebstes mir.  Wo bist du, teures Malchen?  Warum erwartest du mich
nicht?  Sollte sie meinen Brief nicht empfangen haben?  Ist sie
krank?  Vielleicht kann sie so frh vom Haus nicht fort.  Sie kmmt
gewi.  Ich will indes die Gegend zeichnen hier, die sie so liebt,
und zum Geschenk ihrs bieten, wenn sie naht.  (Er setzt sich auf
den Baumstamm und zeichnet.)  Wie herrlich dort die Alpe glnzt
im Sonnenstrahl, die heitre Luft, und hier--der dunkle Fels, der
ppge Rosenstrauch--nur eins gefllt mir nicht, die bleichen
Rosen machen sich nicht gut, ich wte schnere, die auf ihren
Wangen blhn.  Wr nur Malchen hier, sie sagte mir gewi, was ich
fr Farben whlen soll.

Malchen (ffnet mit beiden Hnden den Rosenstrauch und blickt
liebevoll hervor, so da sie mit halbem Leibe sichtbar ist und
sagt zrtlich).
La sie blau sein wie Bestndigkeit.

August (hchst entzckt).
Amalie!

(Sie strzen sich in die Arme.)

Malchen.
August, lieber August!

Astragalus (erscheint auf dem Fels im Vordergrunde und ruft).
Heisa he!  da gehts ja lustig zu im Alpentale.  (Er sttzt sich auf
sein Gewehr und behorcht das folgende Gesprch.)

August.
Liebes, schnes, gutes Malchen--(pltzlich scherzhaft) bses
Malchen, warum hast du mich auch nur einen Augenblick geneckt?

Malchen.
Sei nicht bse, lieber August!

August.
Dafr rch ich mich durch diesen Ku.  (Kt sie.)

Malchen.
O du rachschtiger Mensch!

August (sanft).
Bist du ungehalten darber?

Malchen (unschuldig).
Gott bewahre, rche dich nur.  Bse Leute sagen, die Rache sei
s, und auf diese Weise mcht ich es beinahe glauben.

August.
Gutes Malchen!  Wie glcklich fhl ich mich, dich wieder zu sehen,
nichts soll uns trennen als der Tod

Malchen.
Und mein Vater, August, der ist noch weit ber den Tod.  Wenn der
gute Vater nur nicht gar so bse auf mich wre!

August.
Sorge nicht, Malchen, wenn er die Fortschritte meiner Kunst
erfahren wird, wenn er sich von der Bestndigkeit meiner Liebe
berzeugt, so kann uns seine Einwilligung nicht entgehen.  Ich
will noch heute zu ihm.

Malchen.
Ach, das ist vergebens.  Mein Vater spricht niemand auer seiner
Familie, nur selten die Dienerschaft.  Er ist zum Menschenfeind
geworden.

August.
Unmglich, und du rhmtest mir sein Herz, seine Rechtlichkeit.

Malchen.
Er besitzt beides.  Doch du weit, da mein Vater, als er in der
Stadt noch den ausgebreiteten Buchhandel hatte, um groe Summen
betrogen wurde, die er aus Gutmtigkeit an falsche Freunde verlieh.
Undank und Niedertrchtigkeit brachten ihn zu dem Entschlu,
seinen Buchhandel aufzugeben, die Stadt zu fliehen und sich auf
seinem gegenwrtigen Landsitz vor der Zudringlichkeit hnlicher
Menschen zu verbergen.  Hier liest er nun unaufhrlich
philosophische Bcher, die ihm den Kopf verrcken.  Sein Mitrauen
hat keine Grenzen.  Er hat die unglckliche Weise, gegen jeden
Menschen so aufzufahren, da er die gleichgltigsten Dinge mit
einer Art von Wut verlangt.  Niemand, selbst die Mutter, kann um
ihn weilen.  Alles flieht und frchtet ihn, und darum hat er jeden
im Verdacht der Untreue und gnnt doch keinem eine Verteidigung.
Sein Menschenha steigt mit jedem Tage, und wir frchten fr sein
Leben.  Wie gerne wrden wir alles dafr tun, ihn von unserer
Liebe zu berzeugen; doch, wer lehrt ihn den Fehler seiner
unbilligen Heftigkeit einsehen und ablegen, womit er sich alles
zum Feinde macht und sich der Mittel beraubt, die Menschen aus
einem bessern Gesichtspunkte zu betrachten.  Deinen Namen drfen
wir gar nicht aussprechen, er wei, da meine Mutter unsre Liebe
billiget, und hat sie darum bis in den Tod.

August.
O grausames Schicksal, warum vernichtest du all meine glcklichen
Trume wieder?  Also kann ich dich nie besitzen, Malchen?

Malchen.
Wenn ich nur ein Mittel wte, dich zu erringen!  Wr ich frei wie
jener Vogel, der sich so frhlich in der blauen Luft dort wiegt,
ich zge mit dir durch die ganze Welt.  Glckliches beneidenswertes
Tier!  Wer darf dir deine Freiheit rauben?
(Astragalus schiet den Vogel aus der Luft.  Man sieht ihn aber
nicht fallen.  Malchen erschrickt.)
Ha!

Astragalus (immer im rauhen Tone).
Des Schtzen Blei, weil du die Frage stellst.

Malchen (blickt hinauf).  O August, sieh!

August.
Wer bist du, grauer Wundermann?

Astragalus.
Den Alpenknig nennt man mich.

Malchen.
Der Alpenknig!  wehe mir!  (Sinkt ohnmchtig in Augusts Arme.)

August.
Was ist dir, Malchen?  Hlfe, Hlfe, steht ihr bei!

Astragalus (lachend).
Da mssen Steine sich erbarmen selbst.  Hab Mitleid, Fels, und
ffne schnell dein Herz!  (Er stot mit dem Kolben des Gewehrs
an den Fels.  Der Fels ffnet sich, man sieht einen kleinen
Wasserfall, der ber Rosen sprudelt, an dem zwei Genien lauschen,
sie fangen mit goldnen Muscheln Wasser aus der Quelle und
besprengen Malchen damit.)
Erwache, Trin, die sich Flgel wnscht und so die Erde hhnt!

August.
Sie schlgt das Auge auf.  Wie ist dir, Malchen?

Malchen.
Ach, wie kann mir sein!  Ich habe den Alpenknig erblickt.  Jetzt
bin ich gewi um vierzig Jahre lter geworden.  Erkennst du mich
noch, August?

August.
Bist du von Sinnen?  Was hast du denn?

Malchen.
Ach, Falten habe ich, lieber August, viele tausend Falten.  Ich
mu entsetzlich aussehen.  Sieh mich nur nicht an!

August.
Was fllt dir ein!  Du bist so schn, als du es immer warst.

Malchen.
Schn wr ich?  Gewi?  Und htte keine Falte, keine einzige?

August.
Gewi nicht.

Malchen.
Ach du lieber Himmel, wie danke ich dir!  Nein, eine solche Angst
hab ich in meinem Leben noch nicht ausgestanden!

August.
Was war dir denn?

Malchen.
Nun, Lischen sagte mir, ein Mdchen, das den Alpenknig sieht,
wrd um vierzig Jahre lter.

Astragalus (tritt vor).
So sagte sie?

Malchen.
Ach!  da ist er schon wieder!  (Verhllt das Gesicht.)

Astragalus.
Seid ohne Furcht und horcht, was Alpenknig spricht.
Schon zweimal sah ich eurer Herzen Brand
Wie Morgenrot auf Lilienschnee erglhen
Und Trnen, edler Sehnsucht nur verwandt,
Leidkndend ber eure Wangen ziehen.
Und weil mich dies so inniglich erfreut,
Da ihr so seltsam treu noch denket,
Hab ich euch meine Frstengunst geweiht
Und eure Lieb mit meinem Schutz beschenket.
(Zu Malchen.)
Ich wei um deines Vaters Menschenha,
Hab ihn belauscht, wenn er den Wald durchrannte
Mit Ebersgrimm, auf Bergesgipfel sa
Und seinen Fluch nach allen Winden sandte.
Doch lat darum den treuen Mut nicht sinken.
Erkennen wird mit seinem Wahnsinn rechten.
Die Sterne werden bald zur Brautnacht winken,
(zu Malchen)
Und Alpenknig wird den Kranz dir flechten.  (Ab.)



Sechster Auftritt

August.  Malchen.


Malchen.
Hast dus gehrt, August, ists ein Traum, wir sollen glcklich
werden?

August.
Wir wollen seinem Worte glauben.  Und obwohl ich seine Existenz
fr ein Mrchen hielt, mu ich sie fr wahr erkennen, wenn ich
nicht ungerecht gegen meine Sinne handeln will.

Malchen.
Komm, wir wollen meiner Mutter alles erzhlen, ich werde schon
sehen, da du mit ihr sprechen kannst.  La uns vertrauen auf den
Alpenknig.  Er scheint nicht bs zu sein, ich hab ihm auch dreist
ins Auge geblickt, und es hat mir nichts geschadet, nicht wahr,
lieber August?  Ich bin um gar nichts lter geworden?

August.
Nein, liebes Malchen.  Seit ich dich wiedersehe, kaum um eine
Stunde.

Malchen.
Um eine Stunde nur?  (Ihm sanft ins Auge blickend.)  Nun, eine
Stunde kann ich schon verschmerzen und es war eine glckliche,
denn ich habe sie mit dir verlebt.

August.
O gutes Malchen, wie beglckst du mich!

(Beide Arm in Arm ab.)



Siebenter Auftritt

Verwandlung
Zimmer auf Rappelkopfs Landgut.

Sophie.  Sabine.  Der Kutscher.  Die smtliche Dienerschaft.


Chor.
Euer Gnaden sind so gtig,
Doch wir haltens nimmer aus.
Unser Herr ist gar zu wtig,
Und das treibt uns aus dem Haus.
Niemand kann bei ihm bestehn,
Und wir wollen alle gehn.

Sopie.
Seid nur ruhig, liebe Leute, verseht euren Dienst, nur kurze Zeit
noch, es wird sich vielleicht bald alles ndern.  Geht an eure
Pflicht!  Wenn mein Mann herberkme, ich bin in Todesangst.

Kutscher.
Ei, was nutzt denn das, Euer Gnaden, er solls wissen, wir knnens
nicht mehr lnger aushalten mit ihm, wir tun unser Schuldigkeit,
und er kann uns nicht leiden.

Sopie.
Es wird sich alles ndern, ich habe an meinen Bruder nach Venedig
geschrieben, ihm meines Mannes Seelenkrankheit und ihre blen
Folgen vorgestellt, er wird vielleicht noch heute ankommen, um
alles zu versuchen, seinen Menschenha zu heilen--oder mich
von meinem armen Mann zu trennen.

Kutscher.
Na, das ist die hchste Zeit, Euer Gnaden schauen sich ja gar
nimmer gleich.  Drei Weiber hat er schon umbrachte er ist ja ein
vlliger blauer Bart.



Achter Auftritt

Vorige.  Habakuk.


Sopie.
Diese gemeinen uerungen hren zu mssen!  Habakuk, ist mein Mann
auf seinem Zimmer?  Ist Malchen schon zu Hause?

Habakuk.
Der gndige Herr ist schon wieder im Gartenzimmer, er hat sich
selbst seinen Schreibtisch und seinen Stuhl hinbergetragen und
geht mit sieben Ellen langen Schritten auf und ab.  Ich versichere
Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber ein solcher Herr
ist mir nicht vorgekommen.

Sabine (im schwbischen Dialekt).
Nu da habe wirs, jetzt trau ich mich nicht in den Garte hinaus,
er hat den Schlssel von der Hofgartetr abgezogen.--Ich kann
nicht koche--

Sopie.
Nun so geh Sie durch das Gartenzimmer.

Sabine.
Ja wer traut sich denn hinein?  Wenn der Herr drinne ist?  Da geh
ich ja eher zu einem Leopard in die Falle.  Er jagt ja alles
hinaus.  Wenn er in die Kuchel kommt, so wrs notwendig, ich
schliefet unter den Herd.

Habakuk.
Nun ja, und da sind so schon so viel Schwaben unten.

Kutscher.
Mich kann er gar nicht leiden, ich mu mich immer unters Heu
verstecken.

Habakuk.
Mich hat er doch nur bis daher (zeigt den halben Leib).  Er sagt,
ich wr nur ein halbeter Mensch.

Sopie.
Aber er beschenkt euch ja so oft.

Sabine.
Ja aber wie?  Er tut einem dabei alle Grobheiten an und wirft
einem das Geld vor die F.

Habakuk.
Oh, da ist er noch in seinem besten Humor, aber neulich nimmt er
sein goldene Uhr, ich glaub, er macht mir ein Prsent, derweil
wirft er mir s' an den Kopf.  (Hochdeutsch.)  Ja, das sind halt
Berhrungen, in die man nicht gern mit seiner Herrschaft kommt,
ich war zwei Jahr in Paris, aber das hab ich nicht erlebt.  Zu was
brauch ich zwei Uhren, ich hab meine Uhr im Kopf, aber am Kopf
brauch ich keine.

Sabine.
Kurz, in dem Haus ist nichts zu mache, wenn man nicht einmal in
den Garten kann--

Habakuk.
Wie soll man denn da auf ein grnes Zweig kommen!

Alle.
Kurzum, wir wollen alle fort.

Sopie.
Also wollt ihr eure Frau, die euch immer so menschenfreundlich
gewogen war, so pltzlich verlassen, da ihr doch seht, da sowohl
ich als meine Tochter eine gleiche Behandlung zu erdulden haben?
Ich kann euch nicht fortlassen, weil zwischen heut und morgen
mein Bruder ankmmt, der vieles ber meinen Mann vermag.  So
lange mt ihr die Launen eures Herrn noch ertragen.

Alle.
Es geht nicht, Euer Gnaden, es ist nicht zum existieren.

Sopie.
Nun, so nehmt dieses kleine Geschenk (sie gibt jedem einige
Silberstcke) und strkt eure Geduld damit, vielleicht geht es
doch.

Alle.
Ach!  Wir kssen die Hand, Euer Gnaden.

Kutscher.
Wir werden halt sehen, ob wir auskommen knnen mit ihm.

Habakuk.
Solang wir mit dem Geld auskommen, kommen wir schon mit ihm auch
aus.

Sabine.
Und wisse Euer Gnade, er wr nicht gar so bel, der gndge Herr--

Kutscher.
Ach gar nicht--wenn er nur anders wr.

Habakuk.
Freilich, das ist der einzige Umstand.

Sopie.
Doch jetzt geht beruhigt an eure Geschfte.

Alle.
Gleich, gndige Frau.  (Ab.)

Kutscher.
Euer Gnaden sind halt eine gscheide Frau.  Ich sag immer, Euer
Gnaden sind einmal ein Kutscher gwesen, weil Euer Gnaden so gut
wissen, da man einen Wagen schmieren mu, wann er fahren soll.
(Lacht dumm und geht ab.)

Sabine (kt ihr die Hand).
Das ist wahr, Euer Gnaden sind eine Frau, die man in der ganzen
Welt suche darf.  (Ab.)

Habakuk.
Ich versichere Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber ein
Herz, wie Euer Gnaden zu haben belieben, das ist wirklich, wie
man auf franzsisch sagt, nouveau!



Neunter Auftritt

Lischen.  Vorige.


Sopie.
Nun endlich seid ihr zurck.  Wo ist Malchen?  Ist August
angekommen?  Haben sie sich getroffen?

Lischen.
Von allen dem wei ich keine Silbe, gndige Frau, ich wei gar
nichts, als da der Mdchen verfolgende Alpenknig eine Jagd
gegeben hat, da mich an dem Ort des Rendezvous eine Angst
befallen hat und da ich ber Hals und Kopf zurckgelaufen bin.

Sopie.
Und Malchen?

Lischen.
Wollte ihren Liebhaber erwarten und war nicht zu bewegen, mit
zurckzugehen.

Sopie.
Aber wie kann Sie sich unterstehen, meine Tochter allein zu
lassen?  Sie leichtsinnige Person, der ich mein Kind anvertraut
habe!  Ich mu nur gleich Leute hinaussenden.  Wenn ihr ein Unglck
widerfhre!  O Himmel, was bin ich fr ein gequltes Geschpf!

Lischen.
Aber gndge Frau--

Sopie.
Geh Sie mir aus den Augen.  (Eilig ab.)



Zehnter Auftritt

Lischen.  Habakuk.


Lischen (uerst zornig).
Nein, das ist nicht zum Aushalten, das Haus ist ja eine wahre
Folterbank.  Wie man nur die Dienstleute so herabsetzen kann?

Habakuk.
Es ist aber auch ein Volk.  Ich bin ein Bedienter, aber wenn ich
mein eigner Herr wr, ich jaget mich selber fort.

Lischen.
Mich eine Person zu heien!

Habakuk.
Solche Personalitten!

Lischen.
Halt Er Sein Maul!  Wenn ich nur diesen langweiligen Menschen
nicht mehr vor mir sehen drfte!

Habakuk.
Ich bin kein Menschenfeind, aber ich habe einen Stubenmdelha.
Was mir diese Person zuwider ist, blo weil sies nicht glauben
will, da ich in Paris gewesen bin.  (Boshaft.)  Gschieht Ihr schon
recht, Mamsell Liserl!

Lischen.
O Er erbrmlicher Wicht!  Er verdient gar nicht, da sich ein
Stubenmdchen von meiner Qualitt mit Ihm unter einem Dache
befindet.

Habakuk.
Oh, prahlen Sie nicht so mit Ihrer Stubenmdelschaft, Sie haben
auch die Stubenmdlerei nicht erfunden.  Ich versichere Sie, ich
war zwei Jahr in Paris, da gibt es Stubenmdel--wenn man die ins
Deutsche bersetzen knnt, das gbet eine Stubenmdliade, wo sich
die ganze hiesige Kammerjungferschaft verstecken mt.  Und Sie
schon gar, meine liebe Exkammerjungfer.

Lischen.
Er zwei Jahre in Paris gewesener Einfaltspinsel, Er kommt mir
gerade recht, wenn Er sich noch einmal untersteht, seine
unverschmte Zunge zu meinem Nachteil zu bewegen, so werd ich
Seinen Backen einen Krieg erklren und Ihm den auffallendsten
Beweis liefern, auf was fr eine krftige Art ein deutsches
Kammermdchen die Ehre ihres Standes zu rchen wei.  (Gibt ihm
eine Ohrfeige und geht schnell ab.)

Habakuk (hlt sich die Wange).
Nein, was man in dem Haus alles erlebt--ich war zwei Jahre in
Paris, aber so etwas ist mir nicht vors Gesicht gekommen.  (Geht
ab, indem er sich den Backen hlt.)



Elfter Auftritt

Verwandlung
Krzeres Zimmer.  Rechts die Eingangstr, links fhrt eine Glastr
nach dem Garten.  Auf dieser Seite befindet sich ein massiver
altmodischer Tisch und ein Stuhl.  Rechts an der Wand neben der
Tr ein hoher Spiegel.  Neben der Gartentr ein Sekretr.

Rappelkopf kmmt in heftiger Bewegung zur Glastr herein.  Sein
ganzes Wesen ist sehr auffahrend.  Er sieht die Menschen nur auf
Augenblicke oder mit Seitenblicken an und wendet sich schnell,
entweder erzrnt oder verchtlich, von ihnen ab.


Rappelkopf.
Ha!  Ja!

Lied
Ja, das kann nicht mehr so bleiben,
's ist entsetzlich, was sie treiben.
Ins Gesicht werd ich belogen,
Hinterm Rcken frech betrogen,
's Geld mu ich am End vergraben,
Denn sie stehln als wie die Raben.
Ich hab keinen Kreuzer Schulden,
Bare hunderttausend Gulden,
Und doch wirds mir noch zu wenig,
Es tt not, ich wurd ein Knig.
Meine Felder sind zerhagelt,
Meine Schimmel sind vernagelt,
Meine Tochter, wie betrbt,
Ist das ganze Jahr verliebt.
Alle Tag ist das ein Gwinsel
Um den Maler, um den Pinsel,
Der kaum hat ein Renommee,
Und vom Geld ist kein Idee.
Und mein Weib, bei allen Blitzen,
Will die Frechheit untersttzen,
Sagt, er wr ein Mann zum Kssen,
Wie die Weiber das gleich wissen!
Und das soll mich nicht verdren?
Ja, da mcht man sich erschieen.
Und statt da man mich bedauert,
Wird auf meinen Tod gelauert,
Und so sind sie alle, alle,
Ich zerberste noch vor Galle.
Drum hab ich beschlossen und werd es vollstrecken,
Ich la von den Menschen nicht lnger mich necken.
Ich lasse mich scheiden, ich dringe darauf.
Der ganzen Welt knd auf Michli ich auf.
Die Liebe, die Sehnsucht, die Freundschaft, die Treue,
Mir falln s' nur nicht alle gschwind ein nach der Reihe,
Die lockenden, falschen, gewandten Mamsellen,
Die mich fast ein halbes Jahrhundert schon prellen,
Die lad ich noch einmal zum Frhstck ins Haus
Und peitsch sie, wie Timon, zum Tempel hinaus.

Es ist aus!  Die Welt ist nichts als eine giftge Belladonna, ich
habe sie gekostet und bin toll davon geworden.  Ich brauch nichts
von den Leuten, und sie kriegen auch nichts von mir, nichts Gutes,
nichts bles, nichts Ses und nichts Saures.  Nicht einmal meinen
sauren Wein will ich ihnen mehr verkaufen.  Ich habe Aufrichtigkeit
angebaut, und es ist Falschheit herausgewachsen.  Es ist
schndlich, ich bin auf dem Punkte durch meinen eignen Schwager
zum Bettler zu werden.  Er hat mich berredet, mein Vermgen
einem Handlungshause in Venedig anzuvertrauen, das jetzt dem
Sturze nah sein mu.  Ich erhalte keine Interessen, keinen Brief
von meinem heuchlerischen Schwager, den ich verkannt und der
vielleicht im Bunde steht mit dem betrgerischen Volk.  Und so
tuscht mich alles!  alles!  Darum will ich keinen Kameraden mehr
haben als die zankschtige Erfahrung.

Das ist der vorsichtge, weltghetzte Hase
Mit der vom Unglck zerstoenen Nase,
Mit dem millionmal verwundeten Schdel,
Das ist mein Mann, den behandle ich edel.

Ich hab zu viel ausgestanden in der Welt.  Mich hat die
Freundschaft getuscht, die Liebe betrogen und die Ehe gefoltert.
Ich kanns beweisen, ich hab vier Attestaten, denn ich hab das
vierte Weib.  Und was fr Weiber!  Eine jede hat eine andere
Untugend ghabt.  Die erste war herrschschtig.  Die hat wollen
eine Knigin spielen.  Bis ich als Treffknig aufgetreten bin.
Die zweite war eiferschtig bis zum Wahnsinn.  Wie sich nur eine
Fliegen auf meinem Gsicht hat blicken lassen, pums, hat sie s'
erschlagen.  Das waren zwei Ehen--da kann man sagen, Schlag auf
Schlag.  Die dritte war mondschtig.  Wenn ich in der Nacht hab
etwas auf sie sprechen wollen, ist sie auf dem Dach oben gsessen.
Jetzt frag ich einen Menschen, ob das zum Aushalten war?  Aber
sie haben doch behauptet, sie knnten mit mir nicht leben, und
sind aus lauter Bosheit gestorben.  Bin aber nicht gscheid
geworden, hat mich die Hllenlust angewandelt, eine vierte zu
nehmen.  Eine vierte, die viermal so falsch ist als die andern
drei.  Die mein Kind in ihrem Ungehorsam untersttzt.  Den Maler
protegiert, den Maler, der vor Hunger alle Farben spielt.  Nichts
als immer wispert mit der Dienstbotenbrut, Komplotte macht gegen
ihren Herrn und Meister.  (Sieht zur halboffnen Eingangstr
hinaus.)  Aha!  Da schleicht das Stubenmdel herum.  Die hat schon
wieder eine Betrgerei im Kopf.  Die wr nicht so bel, das
Stubenmdel, das ist noch die sauberste--aber ich hab einen
Ha auf sie, einen unendlichen--ich werd sie aber doch
hereinrufen, blo um sie auf eine feine Art auszuforschen.  He!
Lischen!  (Schreit.)  Herein mit ihr!



Zwlfter Auftritt

Voriger.  Lischen tritt furchtsam ein.


Lischen.
Was befehlen Euer Gnaden?

Rappelkopf (immer barsch).
Ich hab etwas zu reden mit ihr.

Lischen (erschrickt).
Mit mir?  (Beiseite.)  Nun das wird eine schne Konversation werden.
Was er schon fr Augen macht!

Rappelkopf (beiseite).
Ich werd alle mglichen Feinheiten gebrauchen.  (Roh.)  Da geh
Sie her!  (Lischen nhert sich verzagt.  Rappelkopf betrachtet
sie verchtlich vom Kopf bis zu den Fen.)  Infame Person!

Lischen.
Aber Euer Gnaden--

Rappelkopf.
Was Gnaden--nichts Gnaden--schweig Sie still und antwort Sie.

Lischen.
Das kann ich ja nicht zugleich.

Rappelkopf.
Sie kann alles.  Es gibt keinen Betrug, der Ihr nicht mglich wre.
Sie ist eine Mosaik aus allen Falschheiten zusammengesetzt.
(Beiseite.)  Ich mu mich zurckhalten, damit ich nur nicht
unhflich mit ihr bin.

Lischen (emprt).
Aber wer wird sich denn solche Impertinenzen sagen lassen?

Rappelkopf (heftig).
Sie, Sie wird 's sich sagen lassen.  Und wird keinen Laut von
sich geben.  Was hat Sie fr eine Betrgerei vorgehabt?  Sie will
mich bestehlen?

Lischen.
Nein!

Rappelkopf.
Was denn?

Lischen.
Ich will mich empfehlen.  (Will fort.)

Rappelkopf (nimmt ein ungeladenes Jagdgewehr).
Nicht von der Stelle, oder ich schie Sie nieder!

Lischen (schreit).
Hlfe, Hlfe!

Rappelkopf.
Nicht mucksen!  Antwort!  Warum hat Sie so verdchtig herumgesehen?
Was ist im Werk?

Lischen.
Himmel, wenn es losgeht!

Rappelkopf.
Nutzt nichts!  losgehn mu etwas, entweder Ihr Maul oder die
Flinten.

Lischen.
Ach, was soll ich denn mein Leben riskieren!  (Kniet nieder.)
Lieber gndiger Herr, ich will alles bekennen.

Rappelkopf.
Endlich kommts an den Tag.  Himmel, tu dich auf!

Lischen.
Ich habe gelauscht, ob das Frulein nicht aus dem Alpental
zurckkmmt, die gndge Frau hat mich ausgezankt, weil ich
nicht bei ihr geblieben bin, da sie ihren Liebhaber erwartet,
der heute ankommt.  Die gndige Frau ist mit ihr einverstanden,
doch weil sie mich so mihandelt hat, so verrate ich sie.

Rappelkopf.
Entsetzlicher Betrug!  O falsche Niobe!  Und Sie niedrigdenkende
Person, Sie wagt es, Ihre Frau zu verraten--der Sie so viel
Dank schuldig ist?  O Menschen, Menschen!  Ausgeartetes Geschlecht!
Aus meinen Augen geh Sie mir, Sie undankbare Kreatur, ich will
nie mehr etwas von Ihr wissen.

Lischen.
Aber was htt ich denn tun sollen?

Rappelkopf.
Schweigen htt Sie sollen.

Lischen.
Aber Euer Gnaden htten mich ja erschossen.

Rappelkopf.
Ist nicht wahr, es ist nicht geladen.  Betrug fr Betrug.

Lischen.
So, also htt ich diese Angst umsonst ausgestanden?  Das ist
abscheulich.

Rappelkopf.
Nein, nicht umsonst.  Du Krokodil von einem Stubenmdel--du
sollst eine Menge dafr haben: meine Verachtung, meinen Ha,
meinen Schimpf, meine Verfolgung und deinen Lohn.  (Wirft ihr
einen Beutel vor die Fe.)  Nimms und geh aus meinem Haus.  Mach
dich zahlhaft, oder ich zahl dich auf eine andre Art aus.  So
nimms, warum nimmst du es denn nicht?

Lischen.
Oh, ich werds schon nehmen.  (Denkt nach.)  Gndger Herr!

Rappelkopf.
Was denkst denn nach, du Viper?  Nimms und ruf mir deine Frau.

Lischen (schnell auf die Gartentr deutend).
Dort ist sie ja!

Rappelkopf (schiet schnell gegen die Gartentr).
Wo ist sie?  Wo?  Her mit ihr.

Lischen (hebt schnell den Beutel auf).
Das ist ein alter Narr!  (Luft schnell ab.)

Rappelkopf (sieht ihr nach).
Hat ihn schon!  O ihr Welten, strzt zusammen, dieses weibliche
Insekt wagt es, mich zum besten zu halten!  O Rappelkopf!  Wie
falsch diese Menschen mit mir sind, und ich bin so gut mit ihnen!
Ha!  Dort kommt mein Weib, entsetzlicher Anblick--meine Haar
struben sich empor, ich mu aussehen wie ein Stachelschwein.



Dreizehnter Auftritt

Voriger.  Sophie.


Sopie (gelassen).
Was willst du denn, lieber Mann?

Rappelkopf.
Dich will ich, aus der gesamten Menschheit dich!  und von dir
mein Fleisch und Blut, mein Kind!  Wo ist sie?

Sopie (verlegen).
Sie ist nicht zu Hause--

Rappelkopf (sehr heftig).
Nun also, wo ist sie--?  Wo?--

Sopie.
So sei nur nicht so heftig.

Rappelkopf.
Jetzt bin ich heftig, und ich bin ganz erstaunt ber meine
Gelassenheit.  Im Wald ist sie drauen.  Also auch mein Kind ist
verloren fr mich?

Sopie.
Nu, nu, in dem Wald ist ja kein Br.

Rappelkopf.
Aber ein junger Herr--Also die Gschicht ist noch nicht aus,
mit diesem Maler?

Sopie.
Und darf nicht aus sein, denn das Glck und die Ruhe deiner
Tochter stehen auf dem Spiele.  Sie wird ihn ewig lieben.

Rappelkopf.
Und ich werd ihn ewig hassen.

Sopie.
Was hast du als Mensch an ihm auszusetzen?

Rappelkopf.
Nichts, als da er einer ist.

Sopie.
Was hast du gegen seine Kunst einzuwenden?

Rappelkopf.
Alles!  Ich hasse die Malerei, sie ist eine Verleumderin der
Natur, weil sie s' verkleinert.  Die Natur ist unerreichbar.
Sie ist ein ewig blhender Jngling, doch Gemlde sind
geschminkte Leichen.

Sopie.
Ich kann deine Ansichten nicht billigen und darf es nicht.
Meine Pflicht verbietet es.

Rappelkopf.
Weil du dir die Pflicht aufgelegt hast, mich zu hassen, zu
betrgen, zu belgen et cetera.  (Wendet sich von ihr ab.)

Sopie.
So la dir doch nur sagen--

Rappelkopf.
Ist nicht wahr.

Sopie.
Ich habe ja nichts gesagt noch--

Rappelkopf.
Du darfst nur das Maul aufmachen, so ist es schon erlogen.

Sopie.
So blick mich doch nur an--

Rappelkopf.
Nein, ich hab meinen Augen jedes Rendezvous mit den deinigen
untersagt.  Lieber Kronugeln als Liebugeln.  Aus meinem Zimmer!
(Setzt sich und dreht ihr den Rcken zu.)

Sopie (emprt).
Du wendest mir den Rcken zu?

Rappelkopf.
In jeder Hinsicht.  Weil du alles hinter meinem Rcken tust,
so red auch mit mir hinter meinem Rcken.  Ich bin kein
Janushaupt, ich hab nur ein Antlitz, und da ist nicht viel
daran, aber wenn ich hundert htt, so wrd ich sie alle von
euch abwenden.  Darum befrei mich von deiner Gegenwart!  Hinaus,
Ungeheuer!

Sopie.
Mann, ich warne dich zum letzten Male.  Diese Behandlung hab
ich weder verdient, noch darf ich sie lnger erdulden, wenn
ich nicht die Achtung vor mir selbst verlieren soll.  Niemand
ist deines Hasses wrdiger als dein Betragen.  Es ist ein Feind,
der sich in seinem eignen Haus bekriegt.  Und es ist wirklich
hohe Zeit, da ich mich entferne, damit ich mich nicht durch
den Wunsch versndige, der Himmel mchte dich von einer Welt
befreien, die deinem liebeleeren Herzen zur Last geworden ist
und in der du keine Freude mehr kennst als die Qual deiner
Angehrigen.  (Geht erzrnt ab.)

Rappelkopf (allein).
Das ist eine schreckliche Person.  Alles ist gegen mich, und
ich tu niemand etwas.  Wenn ich auch manchmal in die Hitz komm,
es ist eine seltene Sach, wenn ich ausgeredt hab, ich wei kein
Wort mehr, was ich gsagt hab.  Aber die Menschen sind boshaft,
sie knnten mich vergiften.  Und dieses Weib, gegen die ich
eine so auspeitschenswerte Liebe ghabt hab, ist imstande, mich
so zu hintergehen.  Und doch fordert sie Vertrauen.  Woher nehmen?
Wenn ich nur einen wt, der mir eines leihte!  Ich wollte ihm
dafr den ganzen Reichtum meiner Erfahrung einsetzen.  (Stellt
sich an die Gartentr.)  Dieser Garten ist noch meine einzige
Freud.  Die Natur ist doch etwas Herrliches.  Es ist alles so gut
eingerichtet.  Aber wie diese Raupen dort wieder den Baum
abfressen.  Dieses kriechende Schmarotzergesindel.  (Sich hhnisch
freuend.)  Frets nur zu.  Nur zu.  Bis nichts mehr da ist, nachher
wieder weiter um ein Haus.  O bravissimo!  (Bleibt in den Anblick
versunken mit verschlungenen Armen stehen.)



Vierzehnter Auftritt

Voriger.  Habakuk tritt zur Eingangtr herein, ein Kuchelmesser
in der Hand.


Habakuk.
Jetzt wollen wirs probieren.  (Sieht Rappelkopf, erschrickt.)
Sapperment, da steht er just vor der Gartentr!  Wie komm ich
denn jetzt hinaus?  Ich trau mich nicht vorbei.  Er fahret auf
mich los als wie ein Kettenhund.  Ach, was kann denn mir
geschehen!  Ich war zwei Jahr in Paris.  Euer Gnaden erlauben,
da ich (Rappelkopf kehrt sich schnell um und erschrickt.  Habakuk
erschrickt ebenfalls.)

Rappelkopf.
Was ists--?  Was will Er?

Habakuk (fr sich).
Bellt mich schon an.  (Versteckt das Messer unwillkrlich.)

Rappelkopf (packt ihn an der Brust).
Was willst du da herin, warum erschrickst?

Habakuk (fr sich).
Hat mich schon.  (Laut.)  Euer Gnaden verzeihen, ich hab--

Rappelkopf.
Was hast?  Ein schlechtes Gewissen hast.  Was versteckst denn da?
Ans Licht damit!

Habakuk (zeigt es vor).
Ich versteck gar nichts, Euer Gnaden.  Es ist ein Kuchelmesser--

Rappelkopf (prallt entsetzt zurck).
Himmel und Hlle!  Der Kerl hat mich umbringen wollen.

Habakuk.
Warum nicht gar--

Rappelkopf.
Den Augenblick gesteh!  (Packt ihn und entreit ihm das Messer.)
Ist dieses Messer fr mich geschliffen?

Habakuk.
Ah, das wr ja rasend, wenn Euer Gnaden so was glauben knnten--
Ich hab ja Euer Gnaden nur fragen wollen--

Rappelkopf.
Ob du mich umbringen darfst?

Habakuk.
Warum nicht gar, da wrd man ja Euer Gnaden lang fragen--

Rappelkopf.
O du schndlicher Verrter!

Habakuk.
So lassen sich Euer Gnaden nur berichten--

Rappelkopf.
Keine Entschuldigung, hinaus mit dir!

Habakuk (beiseite).
Er lat einem nicht zu Wort kommen.  (Laut.)  Euer Gnaden mssen
mich hren.  (Will auf ihn zu.)

Rappelkopf (hlt einen Stuhl vor).
Untersteh dich und komm mir auf den Leib.  Ich glaub, er hat
noch ein paar Messer bei sich.  Der Kerl ist ein vlliger
Messerschmied.

Habakuk.
So untersuchen mich Euer Gnaden ins Teufels Namen--

Rappelkopf (packt ihn wieder).
Das will ich auch.  Gesteh, Bandit von Treviso, wer hat dich
gedungen?

Habakuk.
Ich versteh Euer Gnaden gar nicht.

Rappelkopf.
Ich will wissen, wer diese Schreckenstat veranlat hat.

Habakuk.
Mein Himmel, die gndige Frau hat gschafft--

Rappelkopf.
Genug, ich brauch nicht mehr zu wissen.  Entsetzlich!
(Habakuk will reden.  Rappelkopf schreit.)
Nichts mehr!  Mein Weib will mich ermorden lassen!  (Sinkt in
einen Stuhl und verhllt sein Gesicht.)

Habakuk (fr sich).
Ah, das ist schrecklich!  ich htt sollen einen Zichori
ausstechen (ringt die Hnde), und er glaubt, ich will ihn
umbringen.  Ah, das ist schrecklich, das ist schrecklich!

Rappelkopf.
Ja, es ist schrecklich--es ist entsetzlich, es ist das
Unmenschlichste, was die Weltgeschichte aufzuweisen hat.
(Nimmt den Stuhl.)  Hinaus, du Mrder!  du Abllino!  du Ungeheuer
in der Livree!

Habakuk.
Aber Euer Gnaden--

Rappelkopf.
Hinaus mit dir--

Habakuk.
Nein, ich war--

Rappelkopf (wtend).
Hinaus, sag ich, oder--(jagt ihn hinaus.)

Habakuk (schon vor der Tr, schreit).
Ich war zwei Jahr in Paris, aber das hab ich noch nicht erlebt.
(Ab.)

Rappelkopf (allein).
Es ist vorbei, ich bin unter meinem eignen Dache nicht mehr sicher.
Drum hinaus, nur hinaus
Aus dem mrderischen Haus!
Doch vorher will ich mich rchen,
Alle Mbel hier zerbrechen.
Gleich zuerst nehm ich beim Schel
Diesen vierzigjhrgen Sessel,
Auf dem meine Weiber saen,
Die mein Lebensglck mir fraen.
Ha!  Dich tret ich ganz zuschanden.
(Zertritt den Stuhl.)
So--der hat es berstanden.
Auch den Tisch, an dem ich Briefe,
Voll Gemt und treuer Tiefe,
Einst an falsche Freunde schrieb,
Spalte ich auf einen Hieb.
(Schlgt in den Tisch.)
Und der weltverfhrnde Spiegel,
Der Verderbtheit blankes Siegel,
Dieser Abgott aller Schnen,
Dem die eitlen Narren frnen,
Wo sie stehen, wo sie gaffen
Und sich putzen wie die Affen,
Gsichter schneiden, Buckerl machen,
Weier Zhne willen lachen:
O du truggeschliffner Ruber!
Du Verfhrer eitler Weiber!
O du niedrige Lappalie!
Wart, dir liefr ich jetzt Bataille.
(Erblickt sich in dem Spiegel.)
Pfui!  das hliche Gesicht,
Ich ertrag es lnger nicht.
(Zerschlgt den Spiegel mit geballter Faust.)
So!  da liegt er jetzt, der Held,
Und sein Harnisch ist zerschellt.
(Besieht die Hand.)
Ha!  der glnzende Betrger
Hat verwundet seinen Sieger,
Doch ich mach mir nichts daraus,
Fl ein Eimer Blut heraus.
(ffnet den Schreibtisch und nimmt Briefe aus demselben.)
Auch die Briefe voll von Lieb,
Die im Wahnsinn ich einst schrieb,
Die zerrei ich alle hier.
's ist nur schad um das Papier.
(Zerreit sie und streut sie auf den Boden.
Nimmt Geldrollen und Geldbeutel aus einer Schatulle.)
Nur das tiefgehate Geld,
Die Mtresse dieser Welt,
Das bewahr ich mir allein,
Das mu mit, das steck ich ein.
(Steckt es schnell in die Taschen.)
Nun?  Ihr Esel, ihr vier Wnde,
Die ich hasse ohne Ende,
Warum schaut ihr mich so an?
Bin ich nicht ein ganzer Mann?
Euch kann ich zwar nicht zerschlagen,
Doch ich will euch etwas sagen:
Ich geh jetzt in Wald hinaus
Und komm nimmermehr nach Haus.

(Luft wtend ab.)



Fnfzehnter Auftritt

Verwandlung
Das Innere einer Khlerhtte.  Ruige Wnde.

Salchen am Spinnrocken.  Hnschen, Christopherl, Andresel sitzen
am Tisch.  Marthe an einer Wiege, in der ihr Kind liegt.  Unterm
Tisch ein groer schwarzer Hund.  Auf dem Tisch eine Katze, mit
welcher die Knaben spielen.  Im Hintergrunde zwei schlechte
Betten.  In einem liegt die kranke Gromutter, in dem andern der
betrunkene Christian.

Quintett


Salchen (frhlich).
Wenn ich an mein Franzel denk,
Wird mir halt so gut.
's Herzel, das ich ihm nur schenk,
Kriegt gleich frohen Mut.

Die drei Kinder.
He, Mutter, gib was z' essen her,
Der Magen tut uns weh!

Salchen.
Das Hungern fllt mir gar nicht schwer,
Wenn ich mein Brschel seh.
Wenn ich an mein Franzel denk,
Wird mir halt so gut.
's Herzel, das ich ihm nur schenk,
Kriegt gleich frohen Mut.

Die drei Kinder.
Mutter, gib uns Brot!

Christian (mit lallender Stimme).
Ihr Bagage, seids nicht still?
Tausendschwerenot!

Marthe (ruft).
Still!

Das Kind.
Qua qua!

Die Katze.
Miau!

Der Hund.
Hau hau!

(Die erste Melodie fllt ein.)

Salchen.
Mein Franzel ist ein wiffer Bua,
Singt den ganzen Tag:
Da er mich alleinig nur
Und kein andre mag.

Die drei Kinder.
Wenn wir nicht was z' essen kriegn,
So gehn wir ja zugrund!

Salchen.
So weckts das Kind nicht in der Wiegn,
Und spielts euch mit den Hund!
Mein Franzel ist ein wiffer Bua,
Singt den ganzen Tag:
Da er mich alleinig nur
Und kein andre mag.

Die drei Kinder.
Sapperment, ein Brot!

Christian.
Wanns nicht euern Schnabel halts,
Schlag ich euch noch tot!

Marthe.
Still!

Das Kind.
Qua qua!

Die Katze.
Miau!

Der Hund.
Hau hau!

Marthe.
Still seids, ihr ausgelassenen Buben!

Hnschen (weinerlich).
Mutter, a Brot!

Salchen.
Ist keins da, Holzbirn ets!

Marthe.
Und machts keinen solchen Lrm.  Euern Vater ist nicht gut.

Andresel.
Was fehlt ihm denn?

Marthe.
Den Schwindel hat er.  (Fr sich.)  Man darfs den Kindern nicht
einmal sagen.

Christoph.
Jetzt hat der Vater so viel Kohlen verkauft--

Andresel.
Und hat kein Geld z' Haus bracht, nichts als ein Schwindel.

Salchen.
Was geht das euch an?

Andresel.
Weil wir hungrig sein.  Ich wei schon, warum wir so wenig z'
essen kriegen, weil der Vater so viel trinkt.

Salchen.
Jetzt schaut d' Mutter einmal die Spitzbuben an.  Sie haben gar
kein Respekt vor ihren Vatern.

Christian.
Ich massakrier die Buben alle drei.  (Er will auf und taumelt.)

Marthe.
Liegen bleib!  (Sie drngt ihn ins Bette.)

Andresel.
Er kriegt schon wieder den Schwindel.

Alle drei Buben (lachen).
Haha!  Der Vater kann nicht grad stehn!

Marthe.
Ob ihr aufhrt!  Nein, wie hat mich der Himmel gstraft!

Das Kind (schreit).
Qua qua!

Marthe (zu Salchen).
Aufs Kind schau!
(Salchen wiegt.)
Eine Butten voll Kinder und so einen liederlichen Mann.  Kein
Pfennig Geld im Haus.
(Die Gromutter niest im Bett.)
Hrt d' Mutter zum niesen auf.  Man hrt sein eignes Wort nicht.

Die drei Buben.
Ah, das ist a Spa.

Andresel.
D' Mutter ist zornig.  Haha!

Marthe.
Nein, die Gall bringt mich um.  Du verdammter Bub du, wart, ich
will dir deine Mutter ausspotten lernen!  (Nimmt ihn beim Kopf
und schlgt ihn.)

Andresel (schreit).
Au weh!  (Weint.)

Salchen (springt herzu und hlt sie ab).
So hrt d' Mutter auf!--

(Die zwei andern Buben verkriechen sich hinter den Tisch und
hinters Bett.)

Alles zugleich:
Das Kind (in der Wiege).
Qua qua!
Die Gromutter (streckt im Bett die Arme heraus und niest).
Hehe!
Der Hund (bellt).
Hau hau!

(Die Katze springt davon.)



Sechszehnter Auftritt

Vorige.  Rappelkopf ffnet die Tr und bleibt stehen.


Rappelkopf.
Holla, da gehts zu, nur hinauf auf die Kpf!  Das ist ein Gesindel.
(Geht in die Mitte des Zimmers und klatscht in die Hnde.
Schadenfroh.)  Bravo!  Bravissimo!

Salchen.
Jetzt schauts den an.  Was will denn der da?

Marthe.
Nu was will Er?  Was schaut Er?

Rappelkopf.
Sie will ich nicht.  Sie Altertum!  Was kost die Htten da?  Was
mu ich zahlen, wenn ich euch alle hinauswerfen darf?

Salchen.
Ah, der hat einen kuriosen Gusto.

Marthe.
Er impertinenter Mensch, was untersteht Er sich denn, da
hereinzukommen--

Salchen.
Und uns Grobheiten anzutun.

Christian (halb schlaftrunken).
Werfts ihn aussi!

Marthe (verdrlich).
Halt's Maul!  (Zu Rappelkopf) Was hat denn Er zu befehlen, ich
kann meine Kinder schlagen, wie ich will.

Andresel.
Nun ja, was geht denn den Herrn mein Buckel an?  Die Schlg sein
unser Mittagmahl.

Der Bub unterm Bett.  Sultel!  Hu hu!

Der Hund.
Hau hau!

Marthe und Salchen.
Hinaus mit Ihm!

Rappelkopf.
Still!  kein Wort reden!  (Zieht zwei Geldbeutel hervor und
klingelt damit.)  Geld ist da!  Dukaten sind da!  Die gehren alle
euch.  Verstanden?  Also freundlich sein.  Die Zhn herblcken.
Euer Gnaden sagen.  Gschwind!  Bagage!  Gschwind!

Marthe.
Euer Gnaden, wir bitten um Verzeihung.  Gehts, Kinder, kt den
gndigen Herrn die Hand.  Kriegts was zu schenken.

(Die Kinder kriechen hervor.)

Andresel (lacht dumm).
Dukaten hat er?  Gehts, Buben, kssen wir ihm die Hand.

(Sie kssen ihm die Hnde.)

Rappelkopf.
Ist schon da die Brut.

Alle drei Buben.
Euer Gnaden, bitt gar schn um ein Dukaten.

Christian.
Bringts mir auch welche her!

Salchen.
Schamts euch nicht?  er foppt euch nur.

Rappelkopf.
Was will die Frau, da, fr die Keischen?  Ich kauf s'.  Wenn s'
noch so teuer ist.

Marthe.
Ah, Euer Gnaden machen nur einen Spa.  Was wollten S' denn mit
der miserablichen Htten da?

Rappelkopf.
Das geht Sie nichts an.  Hat Sie genug an zweihundert Dukaten?

Marthe.
O mein, Euer Gnaden!  So viel Geld kanns ja gar nicht geben auf
der Welt, da wren wir ja versorgt auf unser Lebtag.

Salchen.
Aber die Mutter wird doch nicht die Htten verkaufen?  Was wird
denn mein Franzel sagen, wenn ers hrt?

Andresel.
Mutter, gebts ihm s', es ist nicht mehr wert.

Marthe (freudig).
O du lieber Himmel, das ist a Glck!  Wenn nur mit mein Mann was
zu reden wr!

Andresel.
Vater!  steht der Vater auf!  Oder wir verkaufen 's Haus, und den
Vatern auch dazu.

Marthe.
Du Mann!  (Fr sich.)  Nein, die Schand vorn Leuten!  Er kann sich
gar nicht rhren.  (Whrend dieser Rede liebkost der Hund
Rappelkopf, welcher ihn mit dem Fu von sich stt.  Der Hund
bellt auf ihn.  Marthe laut.)
Die Htten kannst verkaufen, stell dir vor, zweihundert Dukaten
kriegen wir dafr.

Christian (schlaftrunken).
Ist zu wenig--viel zu wenig.

Salchen.
Wenn er s' nur nicht hergebet!

Marthe.
Der Mann wei gar nicht, was er redt.  Sie knnen s' habn, Euer
Gnaden, es ist schon alles in der Ordnung.

Rappelkopf.
Da kauf ich alles, wies da liegt und steht.

Marthe.
Oh, da drau ist auch ein Kuchel, da hngt a Menge Kuchelgschirr.

Andresel.
Und Mus gibts, die sind gar nicht zu bezahlen.

Rappelkopf.
Also da ist's Geld.  (Wirft ihnen Geld hin.)  Und jetzt
augenblicklich hinaus.  Alle miteinander.  In zwei Minuten will
ich keins mehr sehen.

Salchen.
Sieht die Mutter, jetzt kommts halt doch auf Hinauswerfen heraus.

(Whrend dieser Reden haben die Kinder alles nach und nach
zurckgerumt, so da die Bhne im Vordergrunde frei von Mbeln
ist, bis auf einen Stuhl, auf den sich Rappelkopf setzt.  Franzel
tritt ein.)

Franzel.
Guten Abend, der Franzel ist da!

Rappelkopf.
Da kommt noch so ein Halbmensch.

Salchen.
O lieber Franzel, schau nur den Fremden an, dem hat die Mutter
die Htten verkauft, er wirft uns alle 'naus.  Er hat s' schon
zahlt.

Franzel.
Aber Mutter, was fallt Euch denn ein?  Gebts ihm doch 's Geld
zurck, dem abscheulichen Menschen.

Marthe.
Warum nit gar--das gib ich nimmer her, keinen solchen Narren
finden wir nicht mehr.  Seids still, von dem Geld knnts euch
heiraten.

Salchen.
Aber wo bleiben wir denn?  Es ist ja schon bald Nacht.

Marthe.
Ums Geld lassen s' uns berall hinein.  He!  Kinder, Vater, Mutter,
auf, auf!  wir mssen alle fort.

Andresel.
Das wird ein Auszug werden!  Ich freu mich schon.

Marthe.
Aufsteh, Mann!  (Sie zerrt ihn auf und fhrt ihn vor.)

Rappelkopf.
Ist er krank?

Marthe.
Nu, ich glaubs.

Rappelkopf.
Schon lang?

Marthe.
Halt ja, das ist gar ein altes bel, das ist noch vom vorigen
Jahr.

Rappelkopf.
Das ist nicht wahr!  es ist vom Heurigen.  Hinaus mit ihm!

Christian.
Ich geh nicht fort, bis ich das Geld nicht hab.  Ich bin ein
Mann, ich hab etwas im Kopf, so will ich im Sack auch was haben.

Marthe.
Ich hab schon 's Geld, (zieht ihm den Rock an und setzt ihm den
Hut auf) so geh nur zu!  Jetzt Kinder, packts zusammen.
(Hansel nimmt den Hund an einen Strick.)
Der Christoph fhrt die Gromutter.
(Sie heben die Alte aus dem Bett und geben ihr die Krcke in die
Hand.  Auf Hnschen.)
Du fhrst den Hund, und ich mein Mann.

Rappelkopf.
Und das Kind?  Was gschieht mit den?

Andresel.
Das nimm ich unterm Arm.

Rappelkopf.
Das ist ein Hottentottenvolk.  Seid ihr in Ordnung jetzt?

Andresel.
Ja.  Eingspannt ists.

Rappelkopf.
So fahrt hinaus.

Salchen.
So mssen wir denn wirklich fort, aus unsern lieben Haus--

Christoph (weint).
Wo wir alle geboren und verzogen sein.

Salchen.
Meiner Seel, der Herr kanns nicht verantworten, was der Herr mit
seinen Geld fr ein Unheil anstift.

Sextett

Salchen.
So leb denn wohl, du stilles Haus,
Wir ziehn betrbt aus dir hinaus.

Alle (bis auf Rappelkopf).
So leb denn wohl, du stilles Haus,
Wir ziehn betrbt aus dir hinaus.

Salchen.
Und fnden wir das hchste Glck,
Wir dchten doch an dich zurck.

Alle.
Und fnden wir das hchste Glck,
Wir dchten doch an dich zurck.

(Alle Paar und Paar ab.  Sie sehen sich im Abgehen betrbt um,
auch der Hund.)

Der Hund (mit gedmpftem Ton gegen Rappelkopf im Abfhren).
Hau hau!  Hau hau!  (Geht hinten nach, von Hnschen an einem Strick
gefhrt.)



Siebzehnter Auftritt

Rappelkopf allein.

Lied mit Chor


Rappelkopf (springt vom Stuhle auf).
Jetzt bin ich allein, und ich will es auch bleiben,
Will mich mit der Einsamkeit zrtlichst beweiben,
Will gar keine Freunde als Berge und Felsen,
Verjag das Schmarotzergesindel wie Gelsen,
Will nie dem Geschwtze der Weiber mehr lauschen,
Da hr ich viel lieber des Wasserfalls Rauschen.
Zu Pagen erwhl ich die vier Elemente,
Die regen geschftig die riesigen Hnde.
Den Westwind ernenn ich zu meinem Friseur,
Der kruselt die Locken und weht um mich her,
Und wenn ich ein hohes Toupet vielleicht schaff,
Frisiert mich der Sturmwind gleich  la Giraff.
So leb ich zufrieden im finsteren Haus
Und lache die Torheit der Menschen hier aus.
(Tritt in die Mitte des Theaters zurck und starrt vor sich hin.
Nah an der Htte ertnt sanft der Chor nach der vorigen Melodie.)

Chor.
So leb denn wohl, du stilles Haus,
Wir ziehn betrbt aus dir hinaus.

Der Hund.
Hau hau!

Rappelkopf (tritt vor).
Ich will nichts mehr hrn von den boshaften Leuten,
Verachte die Dummen und fliehe die Gscheidten.
Und ob sie sich raufen, und ob sie sich schlagen,
Und ob sie Prozesse fhrn und sich verklagen,
Und ob sie sich schmeicheln, und ob sie sich kssen,
Und ob sie der Schnupfen plagt, wie oft sie niesen,
Und ob sie gut schlafen, und was sie gegessen,
Und ob sie vernnftig sind oder besessen,
Und ob wohl in Indien der Hafer ist teuer,
Und obs in Pest regnt und in Ofen ist Feuer,
Und ob eine Hochzeit wird oder ein Leich:
Ha!  das ist mir einerlei, das gilt mir gleich.
Ich lebe zufrieden im finsteren Haus
Und lache die Torheit der Menschen hier aus.

(Wirft sich in den Stuhl.  Weiter entfernt von der Htte:)

Chor.
So leb denn wohl, du stilles Haus,
Wir ziehn betrbt aus dir hinaus.

Der Hund.
Hau hau!

(Es wird finster.)

Rappelkopf (springt auf und schleudert den Stuhl zurck, auf
dem er sa).
Und wollte die Welt sich auch gnzlich verkehren,
Und brchte der Galgen die Leute zu Ehren,
Und lge die Tugend verpestet am Boden,
Und tanzten nur Langaus die Kranken und Toten,
Und brauchten die uralten Weiber noch Ammen,
Und stnde der Nordpol in glhenden Flammen,
Und schenkte der Wucher der Welt Millionen,
Und wrden so wohlfeil wie Erbsen die Kronen,
Und fcht man mit Degen, die ganz ohne Klingen,
Und flgen die Adler und fehlten die Schwingen,
Und gbs eine Liebe, gereinigt von Qualen,
Und schien' eine Sonne, beraubt ihrer Strahlen:
Ich bliebe doch lieber im finsteren Haus
Und lachte die Torheit der Menschen hier aus.

(Er eilt zurck und ffnet die Fensterbalken.  Der Wald erglht
im Abendrot, welches auch Rappelkopf bestrahlt.  Er blickt dster
hinaus und von ferne erschallt der)

Chor.
So leb denn wohl, du stilles Haus,
Wir ziehn betrbt aus dir hinaus.

Der Hund.
Hau hau!



Achzehnter Auftritt

(Langsam verwandelt sich die Bhne in ein kurzes Zimmer in
Rappelkopfs Hause.  In der Mitte ein groer Spiegel.  Tag.)


Sophie, von Malchen und August gefhrt, setzt sich weinend in
einen Stuhl.

Malchen.
Trsten Sie sich, teure Mutter, der Vater wird schon wieder
zurckkehren, wenn er ausgetobt hat.  Wie oft verlie er nicht
das Haus und lief den Bergen zu.

Sopie.
Ach Kinder, es ist eine bse Ahnung in meinem Busen, die mir
jede Hoffnung raubt, da wir ihn gesund und wohlbehalten
wiedersehen.

August.
Wenn Sie mir nur erlauben wollten, ihm nachzueilen, ich wollte
alle Mittel anwenden, ihn zu besnftgen.

Sopie.
O lieber August, Ihr Anblick wrde ihn nur noch mehr erbittern.
Eben weil er Sie hier wei, ist sein Unmut zur Raserei geworden.

Malchen.
Da kommt Lischen mit Habakuk, vielleicht hat man schon Nachricht
gebracht.  (Lischen, eilig Habakuk hereinziehend.)

Lischen.
Da komm Er herein, Er abscheulicher Mensch, und erzhl Er der
gndgen Frau den ganzen Vorfall!  Stellen sich Euer Gnaden vor,
mit dem Habakuk hat er den letzten Auftritt gehabt.  Wegen dem
Habakuk ist er fort.

Habakuk.
So red Sie nur nicht so einfltig!  Was kann denn ich dafr?

August.
Der Mensch ist ja bla wie eine Leiche.

Sopie.
Warum hat Er denn das nicht gleich gemeldet, wo war Er bis jetzt?

Lischen.
Auf den Kornboden hat er sich versteckt, aus lauter Angst vor
den gndgen Herrn.  Er hat ihn ja ermorden wollen.

Alle.
Wen?

Lischen.
Der Habakuk den gndigen Herrn.

Alle.
Nicht mglich!

Lischen.
Nicht mglich?  Er hat es ja selbst gestanden.  Sehen Euer Gnaden
nur diese Mrderphysiognomie, er bringt noch das ganze Haus um.

Habakuk.
Ah, das ist ja eine schndliche Person.  Euer Gnaden, ich bitt,
da ich mich an ihr eine halbe Stund vergreifen darf.  Das kann
ich ja nicht leiden.

Lischen.
Untersteh Er sich und komm Er her, Er Missetter!

Malchen.
Du wirst dir doch keinen Scherz erlauben, Lischen?

Sopie.
Sprech Er, Habakuk!  Warum zittert Er denn so?

Habakuk.
Aus lauter Zorn, ich benimm mich gegen alle prsence d'esprit,
ich war zwei Jahr in Paris, und mir schnappen die F zusammen.

August (gibt ihm einen Stuhl).
Hier setz Er sich nieder und erklr Er sich ber die Sache.

Habakuk.
Ich kann mich nicht anders erklren, als da ich, wie Euer
Gnaden geschafft haben, einen Zichori hab ausstechen wollen,
und wie der gndige Herr ein Messer bei mir erblickt, so hat
er behauptet, ich htt ihn gschwind unter der Hand umbringen
wollen.  Lat mich nicht zu Wort kommen, schttelt mich wie einen
Zwetschkenbaum und fragt mich, wer mich gednget hat.  Ich wollt
antworten: Die gndige Frau braucht einen Zichori.  Wer aber
diesen Zichori gar nicht aus mir herauslat, das war er.  Denn
kaum hab ich das Wort: Die gndige Frau gesagt, so ist er
schon mit beiden Fen bis auf den Blavon hinauf gsprungen.
Hat immer geschrien, meine Frau will mich ermurden lassen, hat
mich einen Habllino hin, den andern her geheien, und hat mich
mir nichts dir nichts bei der Tr hinausgeprgelt.  Von wo ich
mich aus lauter Desperation auf den Kornboden versteckt hab.
Bis mich dieses intrigante Frauengeziefer heruntergestbert hat
und jetzt die ganze Gschicht auf eine so verkehrte Weise erzhlt.

Lischen.
Er hat einmal behauptet--

Habakuk.
Da Sie eine niedrigdenkende Seele ist, die einen Mann von
meinen Meriten ins Unglck hineinstrzen will.

Sopie.
Genug jetzt, mit diesen Albernheiten.  Also das ist die Ursache,
die meinen Mann in solche Wut geraten lie?  Des Mordes hlt er
mich verdchtig?  So ungereimt diese Zumutung auch ist, so gibt
sie doch einen Beweis, wie gemein er von meinem Charakter denkt.

Malchen.
Beruhigen Sie sich, liebe Mutter!

August.
Wer sollte glauben, da ein gesunder Verstand so phantastisch
ausarten knne?

Lischen.
Der gndge Herr hatte immer etwas Dstres an sich, selbst wie
er noch Buchhndler war, seine Bcher waren immer gut aufgelegt,
er aber nie.

Habakuk.
Er ist ein Hypokontrolist.  Er hat zu reizende Nerven.

Lischen (lacht).
Es ist schrecklich--dieser Mensch war zwei Jahr in Paris und ist
so einfltig wie eine Auster.

Habakuk.
Diese Person fllt noch von meiner Hand.

Sopie (zu Lischen).
Und du hast ihn aus dem Hause laufen sehen?

Lischen.
Dem Walde zu.  Nachdem er vorher die groe Schlacht gegen alle
Mbel gewonnen hatte.

Sopie (weint).
Ach du lieber Gott, mir bangt um sein Leben, ich kann nicht
ruhig bleiben mehr, ich mu selbst hinaus--

August.
Bleiben Sie--

Malchen.
Ach August, der Alpenknig hat uns getuscht.

August.
Ich verwnsche diesen Kobold.

(Donnerschlag.  Der Spiegel ffnet sich, man sieht auf einem
schroffen Fels den Alpenknig sitzen.  Im Hintergrunde ferne
Berge, blauer Himmel.)

Sopie.
Himmel, welche Erscheinung!

August, Malchen.
Er ist es!

Sopie.
Wer?

Habakuk.
Der Aschenmann!

August, Malchen.
Der Alpenknig!

Lischen.
Ach, da der Himmel erbarm!  (Sie schliet die Augen.)

Astragalus.
Warum verfluchst du mich?

August (kniet).
Du Wunderwesen, dessen Macht wir nicht erklren knnen und die
doch unleugbar, weil sie dem Auge und dem Herzen sich zugleich
verkndet, du hast uns deinen Schutz gelobt.  Und doch ward diesem
Haus so tiefes Leid, da ich beinahe frchten mu, du knntest
meiner Liebe Glck durch ihres Vaters Unglck nur bezwecken.

Malchen (kniet).
Wenn du die Stelle kennst, auf der sein Fu jetzt irrt, so rett
ihn, hoher Klippenfrst.

Sopie (kniet).
Ich verstehe meiner Kinder Worte nicht, doch wenn meines Mannes
Herz in deinen Zauberbanden liegt und darum sich von uns gewendet
hat, so gib es frei, wir werden dich dafr stets als ein gutes
Wesen ehren.

Lischen (kniet).
Hoher Alpenknig!  Ich traue mich zwar nicht, mein Auge zu dir zu
erheben, warum?  das wei ich schon.  Aber wenn du ein galanter
Herr bist, so wird auch die Bitte einer hbschen Kammerjungfer
etwas bei dir gelten.

Habakuk (kniet).
Ich bitt auch ganz erschrecklich, Euer gesteinigte Hochheit!

Astragalus (steht auf).
Ich dacht es wohl, es wandle euch Besorgnis an,
Weil mein Geschft so blen Anfang nimmt.
Doch sorgt euch nicht, ich bin ein kluger Handwerksmann,
Der seinen Vorteil schon voraus bestimmt.
Denn wenn man sprdes Erz geschmeidig sucht zu biegen,
So lasse man es in des Ofens Bauch erglhn.
Und so mu sein Gemt in Hassesflammen liegen,
In wilder Leidenschaft die Seele Funken sprhn,
Dann kann ich seinen Wahn durch berzeugung schmieden
Und seiner Denkart ihre alte Form verleihn.
Von selbst schliet mit der Menschheit er dann neu den Frieden
Und wird sein Wirken freudig ihrem Wohle weihn.
Drum, was ihr Bses mgt in baldger Zukunft schauen,
Wenn ihr bei nchster Sonne wieder ihn erblickt,
Doch mgt ihr khn und treulich auf mein Wort vertrauen,
Noch eh sie sinkt, hat Alpenknig euch beglckt.

(Sinkt in seine frhere Stellung zurck.  Das Spiegelglas erscheint
wieder.)

Sopie.
So unerklrbar dieses Phantom mir ist, so hat es doch Trost in
meine Seele gesendet.  Begleitet mich nach dem Gemach, das uns
die Aussicht nach dem Wald hin bietet, vielleicht sehen wir
schon einige von den Boten zurckkehren, welche ich nach meinem
Manne ausgesendet habe.  Dort sollt ihr mir auch Aufklrung ber
den Alpenknig geben.

(Sophie, Malchen, August ab.)



Neunzehnter Auftritt

Habakuk.  Lischen.


Habakuk.
Nein, was einem in unserm Haus fr Erscheinungen begegnen, das
geht in das Entsetzliche hinber.  (Stellt sich vor Lischen.)

Lischen.
Nu was gibts, Monsieur?  Was sieht Er mich so an?

Habakuk (gezogen).
Sie hat mich auf das Schafott bringen wollen, darum hab ich Ihr
in dieser Welt nichts mehr zu sagen, als--

Lischen.
Da Er zwei Jahre in Paris gewesen ist, Er abgeschmackter Mensch?

Habakuk.
Oui, Mademoiselle, und dieses Bewutsein gibt mir die Kraft,
Ihre Gemeinheit zu verachten.  (Geht pathetisch ab.)

Lischen (allein).
Und ich werde mich in des gndgen Herrn Zimmer verfgen und mich
in den zerbrochenen Spiegel schauen, ob ich meine ganze Schnheit
noch besitze.  Dann werde ich die zerrissenen Liebesbriefe
zusammenkehren und diese mit Fen getretenen Empfindungen ganz
langsam in den Kamin hineinschaufeln.  So sind die Mnner, ihre
Liebesschwre sind lauter Wechsel an die Ewigkeit, in diesem
Leben zahlt sie keiner aus.  Wenn ich wieder auf die Welt komme,
so werd ich ein Mann und will gar keine von meinen jetzigen
Eigenschaften behalten als die Eroberungskunst.

Ariette
Ach, wenn ich nur kein Mdchen wr,
Das ist doch recht fatal,
So ging' ich gleich zum Militr
Und wrde General.
Oh, ich wr gar ein tapfrer Mann,
Bedeckte mich mit Ruhm!
Doch ging' die Kanonade an,
So machte ich rechtsum.
Nur wo ich schne Augen sh,
Da sch ich gleich drauf hin.
Dann trieb' ich vorwrts die Armee
Mit wahrem Heldensinn.
Da flgen Blicke hin und her,
So feurig wie Granaten.
Ich sprengte vor der Fronte her,
Ermutigt die Soldaten.

Ihr Krieger, schrie' ich, gebt nicht nach!
Zum Sieg sind wir geboren,
Wird nur der linke Flgel schwach,
(aufs Herz zeigend)
So ist der Feind verloren.
So wrde durch Beharrlichkeit
Am End der Preis errungen
Und Hymens Fahn in kurzer Zeit
Von Amors Hand geschwungen.

Dann zg ich ein mit Sang und Spiel,
Die Mannschaft parodierte.
Wr auch der Lorbeer nicht mein Ziel,
So schmckte mich die Myrte.
So ntzte ich der Kriegskunst Gab,
Eroberte--ein Tubchen.
Dann dankt ich die Armee schnell ab
Und blieb' bei meinem Weibchen.  (Ab.)



Zwanzigster Auftritt

Verwandlung
Tiefer Wald.  Rechts vorne die Khlerhtte.  Eine Tr, neben
dieser ein Fenster, auf dem Dache ein praktikables Bodenfenster.
Dieser Htte gegenber ein groer Eichbaum.  Hinter diesem ein
Gebsch.  Im Hintergrunde ein kleiner Wasserfall.  Es ist spt am
Abend.

Rappelkopf mit einem Wasserkrug aus der Htte.  Er hat eine
berute Schlafmtze des Khlers und einen runden Bauernhut auf
dem Kopfe und eine Jacke von ihm an.


Rappelkopf.
So!--Der Timon ist fertig, nun fehlt nur noch sein Kompagnon,
der Esel--und wenn ich der auch jetzt nicht bin, so war ichs
doch--ich war zu gut, das ist mein grter Fehler.  Die Leute
wollen es nicht.  Es gibt manche Menschen, wenn ihnen einer
begegnet, der ihnen noch so viele Wohltaten erwiesen hat, so
sagen s' hchstens zu einander: Oh, das ist ein guter Kerl, der
tut kein Menschen was, der ist froh, wenn man ihm nichts tut.
(Gleichgltig grend.)  Servus!  Servus!  Lassen wir ihn leben.
Wenn aber einer kommt, von dem sie glauben, da er ihnen schaden
knnt, da stoen s' einander: Oh!  das ist ein bser Kerl, vor
dem mu man sich in acht nehmen.  (Freundliches tiefes Kompliment.)
Tnigster Diener!  Tnigster Diener!  hab ich die Ehr, mein
Kompliment zu machen.  Wann der anfangt, der kanns.  Gleich
wieder: Tnigster Diener!  Oh, es wird mich noch zum Wahnsinn
bringen.  In meinem Haus bin ich nicht sicher mehr, mein Weib
will mich ermorden lassen.  Habt ihrs gehrt, ihr verfolgten
Stmme dieses edlen Waldes, die der Mensch gar zu zweifachem
Tod bestimmt, weil euch die Axt erst fllt und man euch dann
noch hinterdrein verbrennt?  Habt ihrs gehrt?  Mein Weib will
mich ermorden lassen!  Ist denn der Wald so echolos, da ich
der einzge bin, der diese Schandtat ausposaunt?

(Gerusch in den Blttern.)

Ha!  wer rhrt sich da?  ist es ein Mensch, so soll er hervorkommen,
damit ich meinen ganzen Vorrat von Impertinenzen in sein Antlitz
werfen kann.  Heraus da, wer ist hier?  Qui vive?

Ein Stier (streckt aus dem Gebsche, hinter dem er gefressen,
seinen Hals gegen Rappelkopf und brllt sehr stark.)
Ohn!  (Man sieht ihn jedoch nur bis an die Brust, der Unterleib
ist durch das Gebsch verdeckt.)

Rappelkopf (verblfft).
Diese Antwort hab ich nicht erwartet.  (Reit einen Baumast ab
und jagt den Stier fort.)  Gehst hinaus!  Eine solche Gesellschaft
mcht ich mir noch ausbitten.



Einundzwanzigster Auftritt

Voriger.  Astragalus tritt hervor.


Astragalus.
Du verdienst keine bessere.  Warum verfolgst du diesen Sohn
meiner Herde?

Rappelkopf.
Gib der Herr auf seine Kinder besser acht.  Hier ist mein
Territorium, und da leid ich weder etwas Vierfiges noch
etwas Zweifiges.  Also weiter, Vater und Sohn!

Astragalus.
Du irrest, wenn du whnst, da du auf eignem Boden herrschest.
Mein ist das Tal, in dem die Alpe wurzelt.  Drum frag ich dich,
wie du es wagst, schamlose Flche auszuhauchen hier, da sie
wie giftger Reif an diesen Blttern hangen, und eine Welt zu
schmhn, in der du Wurm, aus Schlamm gezeugt, in eines Waldes
dunklem Busen dich verkriechst, weil du den Strahl des heitren
Lebens frchtest?

Rappelkopf.
Was kmmerts dich?  (Beiseite.)  Der Kerl sieht aus, als wenn er
von Gueisen wr.  Dem geh ich gar keine Antwort, den la ich
stehen.  (Will in die Htte.)

Astragalus (zielt auf ihn).
Halt an!  Gib Leben oder Worte!

Rappelkopf.
Was ist das fr eine Art, auf einen Menschen zu schieen?

Astragalus.
Du bist kein Mensch.

Rappelkopf.
Nicht?  Das ist das Neuste, was ich hre.

Astragalus.
Du hast dich ausgeschlossen aus der Menschen Kreis.  Gib Losung,
ob du es noch bist.  Bist du gesellig wie der Mensch?  Du bist es
nicht.  Hast du Gefhl?  Du fhlst nur Ha.  Hast du Vernunft?  Ich
finde keine Spur.

Rappelkopf.
Impertinent!

Astragalus.
Drum sprich, zu welcher Gattung ich dich zhlen soll, der du des
Tieres unbarmherzge Roheit mit dem milden Ansehn und der Sprache
eines Menschen paarst.

Rappelkopf.
Ah, das ist eine gute Geschichte, der fhrt einen logischen
Beweis, da ich ein Tier bin und noch dazu eins von der neuesten
Gattung.

Astragalus.
Was hast du zu erwidern mir?

Rappelkopf (beiseite).
Ich wollt ihm schon etwas erwidern, wenn er keine Flinten htte.

Astragalus.
Antwort gib, ob du in meine Jagdbarkeit gehrst und meiner Kugel
bist verwandt?

Rappelkopf (beiseite).
Jetzt mu ich vor dem eine Rechenschaft ablegen, und ich mcht
ihn lieber massakrieren.  (Laut.)  Die Flinte weg.  Ich bin ein
Mensch, und das ein besserer, als ich sein htt sollen.

Astragalus.
Und warum hassest du die Welt?

Rappelkopf.
Weil ich hab blinde Musl gespielt mit ihr, die Treue hab
erhaschen wollen und den Betrug erwischt, der mir die Binde
von den Augen nahm.

Astragalus.
Dann mut du auch dem Wald entfliehen, weil er migestalte
Bume hegt, die Erde meiden, weil sie giftge Kruter zeugt,
des Himmels Blau bezweifeln, weil es Wolken oft verhllen,
wenn du den Teil willst fr das Ganze nehmen.

Rappelkopf.
Was ntzt das Ganze mich, wenn mich ein jeder Teil sekkiert.
Ich bin in meinem eignen Haus des Lebens nicht mehr sicher.

Astragalus.
Machs mit dem Mitraun aus, das dich belogen hat.

Rappelkopf.
Mich hat mein Weib, mich flieht mein Kind, mich richten meine
Dienstleut aus.

Astragalus.
Weil dein Betragen jeden tief erbittert, weil du den Ha
verdienst, den man dir zollt.

Rappelkopf.
Das ist nicht wahr, ich bin ein Mensch, so s wie Zuckerkandel
ist.  Nur mir wird jede Lust verbittert, und ich trage keine
Schuld.

Astragalus.
Die grte, denn du kennst dich selber nicht.

Rappelkopf.
Das ist nicht wahr.  Ich bin der Herr von Rappelkopf.

(Es fngt an, Nacht zu werden.)

Astragalus.
Das ist auch alles, was du von dir weit.  Doch da du strrisch,
wild, mitrauisch bis zum Ekel bist, vom Starrsinn angetrieben,
hin bis an der niedern Bosheit Grenze, und wie die blen
Eigenschaften alle heien, die du fr Vorzug deines Herzens
hltst, das ist dir unbekannt, nicht wahr?

(Der Mond geht auf.)

Rappelkopf.
Mir ist nur eins bekannt, da du ein Lgner bist, der eine
Menge Fehler mir andichtet, die ich doch nicht hab.

Astragalus.
So geh die Wette ein, da du weit mehr noch hast.  Ich fhre
den Beweis, wenn du dich meiner Macht vertraust und mir gelobst,
da du dich ndern willst.

Rappelkopf.
Das htt ich lang getan, wenn ich das gefunden htte.  Ich
vertrau mich keinem Menschen an, Betrug ist das Panier der
Welt.

Astragalus.
Glaubst du, die Welt sei darum nur erschaffen, damit du deinen
Geifer auf ihr Wappen speien kannst?  Die Menschheit hinge nur
von deinen Launen ab?  Dir drften andre nur, du andern nicht
gengen?  Bist du denn wahnsinnig, du bermtger Wurm?

Rappelkopf.
Sapperment, nicht lang per Wurm, das Ding fangt mich zu wurmen
an.  Ich gib nicht nach, du bankrottierter Philosoph!  Ich bin zu
gut, und du zu schlecht, als da ich lnger mit dir red.  Drum
fort mit dir, der Mond geht auf, und du gehst ab, und knftighin
werd ich in meiner Htten mich verschanzen und
herunterstukatieren, wenn sich eins sehen lt.

Astragalus.
So willst du nicht die Hand zur Berung bieten?

Rappelkopf.
Ich biete nichts, und wenn mir's Wasser bis an Hals auch geht.

Astragalus.
Wohlan!  So la uns den Versuch beginnen.
Weil nicht Vernunft kann dein Gemt gewinnen,
Soll Geistermacht zu deinem Glck dich zwingen,
Und mit dem Alpenknig wirst du ringen.
Vermeid dies Haus!  Sonst tritt auf allen Wegen
Vergangenheit dir leichenbla entgegen.
Und willst du Elemente Brder nennen,
Lern ihre Wut und ihre Schrecken kennen.
Der Blitz soll deines Hauses Dach umarmen,
Dann kann dein Herz an Freundesbrust erwarmen.
Weil du die Luft willst statt der Gattin kssen,
Soll dich des Sturmes Angstgeheul begren.
Der Boden soll dich Halbmensch nimmer tragen,
Dann magst du ber Erdenundank klagen.
Und da du mit den Wellen dich kannst streiten,
Will ich die Flut dir bis zur Kehle leiten.
So soll dich Feuer, Wasser, Luft und Erd betrgen.
Dann whl, ob du dich willst in meinen Vorschlag fgen.
Und wirst du liebend nicht dein Herz zur Menschheit wenden,
So sollst du wildes Tier in Waldesnacht hier enden!
(Rasch ab.)

Rappelkopf (allein).
Das ist ein schrecklicher Kerl.  Und ich tu doch, was ich will.
Just!  Du sollst mich nicht um meinen Schlaf heut bringen.  Gute
Nacht, Freund Wald, ihr Eicheln, lebet wohl, zum Frhstck
finden wir uns wieder.

(Will gegen das Haus.  Beim ffnen der Tr sitzt Victorinens
Geist auf einem Stuhl.  Sie ist in blaue Schleier gehllt und
sieht gespensterartig aus.  Ihr Gesicht ist bleich und die ganze
Gestalt von einem grnen Schirm beleuchtet.  Sie spricht mit
halblauter Stimme.)

Victorinens Geist.
Wo bleibst du denn so lang, du liederlicher Mann?
Und kommst so spt erst in der Nacht nach Haus.
Gehst gleich herein, mir wird schon angst allein,
Sonst rauf ich alle Haar dir aus.

Rappelkopf.
Himmel!  das ist mein erstes Weib, die erkenn ich, weil sie die
Herrschaft noch im Grab behauptet.  Da bringt mich niemand bei
der Tr hinein.  Die hat den Satan in den Leib.  Wenn nur das
Fenster offen wr!  (Es donnert.)  Jetzt fangts zum donnern an.
(Am Fenster zeigt sich, ebenso wie Victorinens, Wallburgas
Geist und sieht heraus.)  Wer schaut denn da heraus?

Wallburgas Geist (mit hohler Stimme).
Ich bins, du falscher Mann, du Ungetreuer du!
Warum hast du nach mir jetzt schon das zweite Weib?
Und ich hab dich so lieb, hab selbst im Grab kein Ruh,
Ich schau kein andern an, kann ohne dich nicht leben.
Drum komm herein, ich mu dir Ksse geben.

Rappelkopf (erschrickt).
Entsetzlich!  Schaudervolle Nacht, zeigst du mir auch die zweite
noch, die sich durch Eifersucht verrt?  Sie modert schon und
will nicht leben ohne mich.  Welch schreckenvolle Lag!  Es rieselt
kalt durch mein Gebein.  (Es blitzt.)  Der Donner brllt, die
Blitze leuchten frchterlich.  Knnt ich doch nur durchs Dach
ins Haus!  Mut!  ich versuchs.  (Er steigt hinauf.  Whrenddessen
erscheint Emerentias Geist, auf dem Dach sitzend.  Rappelkopf
erschrickt.)  Weh!  Hier die dritte noch, dem Kirchhof ungetreu
wie mir!  (Will fort.)

Emerentias Geist.
Wo willst du hin?  Du darfst nicht fort.
Du mut den Mond mit mir betrachten.
(Der Mond verwandelt sich in ein weiumschleiertes Geisterhaupt,
das aus den Wolken sieht.)
Sieh hin, das bleiche Antlitz dort,
Es ist das Bild von deiner jetzgen Frau.
Sie weint!  Schau hin!  Schau!  Schau!

Rappelkopf.
Jetzt grinst mich auch die vierte an.  O teuflisches Quartett!
Mich wrgt die Angst!  Ha!  la mich fort!  Mich wandelt Ohnmacht
an.  Rachschtge Hlle, warum hast du das getan?  Ich bleib nicht
da.  Ich mu hinab.  (Springt ber das Dach.)  O Himmel, sei gedankt!
da deine Erd mich wieder trgt.  Doch, was beginn ich nun?  (Der
Sturm heult.)  Der Sturm heult immer schrecklicher.  Es giet, und
doch verschwinden nicht die grlichen Gestalten.  (Regen strmt
herab.)  Nun platzt ein Wolkenbruch!  ich rette mich auf diesen
Baum, sonst reit die Flut mich fort.  (Er steigt auf den Baum.
Die Weiber verschwinden, es schlagt in die Htte ein, sie steht
in hellen Flammen.)  Wenn das so fortgeht, bricht die Welt in
Trmmer.  (Die Htte brennt fort.  Heftiger Regen, Sturmgeheul
und Donner.  Die Wasserflut schwillt immer hher, bis sie
Rappelkopf, der sich auf den Gipfel des Baumes rettet, bis an
den Mund steigt, so da nur die Hlfte seines Hauptes mehr zu
sehen ist.)  Zu Hlfe, zu Hlfe!  ich ersauf!

Astragalus(fhrt schnell in einem goldnen Nachen bis zu seinem
Haupt und spricht).
Was bist du nun zu tun gesonnen?

Rappelkopf (voll Angst).
Ich will mich bessern, ich sehs ein, weil mir das Wasser schon
ins Maul 'nein lauft.

Astragalus.
So fhr ich dich nach meinem Schlo.


Schnelle Verwandlung
Der Nachen verwandelt sich in zwei Steinbcke mit goldenen
Hrnern.  Der Baum, auf dem Rappelkopf steht, in einen schnen
Wolkenwagen, in dem sich der Alpenknig und Rappelkopf befinden.
Das Wasser verschwindet.  Das ganze Theater verwandelt sich in
eine pittoreske Felsengegend, die Teufelsbrcke in der Schweiz
vorstellend, auf welcher Kinder, als graue Alpenschtzen
angekleidet, Bller losfeuern, whrend der Wolkenwagen ber
die Bhne fhrt.  Zugleich von innen:

Chor.
Geendet ist die Geisterschlacht,
Die Sonne strahlt durch finstre Nacht.
Der Alpenknig hat gesiegt,
Seht, wie er hin zum Ziele fliegt.





Zweiter Aufzug



Erster Auftritt

Thronsaal im Eispalaste des Astragalus, mit hohen Sulen
geziert, die silberartig erglnzen.  Im Vordergrunde ein hoher
Thron von pittoreskem Ansehen, als wre er aus unregelmigem
Eis geformt.

Auf ihm Astragalus als Alpenknig.  Eine lange lichtblaue
weigestickte Tunika, weiten griechischen Mantel.  Weien Bart,
auf dem Haupte eine smaragdene Krone.  Vor ihm knien im Kreise
ideal gekleidete Alpengeister.  Weie kurze Tunika, mit grnen
Folioblttern garniert.


Chor.
Hehr zu schauen auf dem Throne
Bist du, Frst der Alpenflur,
Denn dich schmckt der Tugend Krone,
Du vertilgst des Lasters Spur.

Astragalus (steht auf und spricht).
Auf des Thrones eisgen Stufen
Horcht ich gern noch eurem Chor.
Doch lat uns den Fremdling rufen,
Denn die Zeit tritt mahnend vor.

Alpanor.
Lange steht er schon bereitet
In der Halle vor dem Saal.
Auch ist er schon angekleidet,
Wie dein Wink es uns befahl.

Astragalus.
Hhnt ihn aus, wenn er erscheint.


(Rappelkopf in einem drapfarben Reiseberrock, gleichen
Gamaschen mit silbernen Knpfen, schwarzem Haar, etwas hoher
Stirne, wird hereingebracht.)

Ein Alpengeist.
Frst, hier ist der Menschenfeind.


(Alle lachen.)

Rappelkopf.
Nun?  Was ist da Spaigs dran?

Alpanor.
Weit du wohl, warum sie lachen?
Unter einem Menschenfeind
Dachten sie sich einen Drachen,
Der als grimmer Ries erscheint.
Und nun sehn sie einen Zwergen,
Wer soll 's Lachen da verbergen?
Von dem Unsinn mut du lassen,
Freund, das ist ja ganz verkehrt.
Du willst alle andern hassen?
Und bist selber nicht viel wert.

Rappelkopf.
Versteht sich.  Du wirst mir sagen, was ich zu tun hab.
(Fr sich.)  Verdammtes Hexenvolk!

Astragalus.
Du bist die Wette mit mir eingegangen, du wollest dein Gemt
in edleres verkehren, wenn du die Fehler deines jetzigen
erkennst.

Rappelkopf.
Das hab ich gsagt im Angesichte von vier Zeugen: Feuer, Wasser,
Luft und Erde.  Nun gib mir berzeugung, oder la mir Ruh in
meinem Wald.

Astragalus.
So hr mich an.  Damit du kannst in solchem Seelenspiegel
schauen, so will ich deinen Geist aus deinem Leib entfhrn
und ihn in eines neuerschaffnen Krpers Haus verbannen.

Rappelkopf.
Das will sagen, mein Geist wird von einer Bouteille in die
andere hinbergefllt, das ist schon nichts, da kann schon
eine Spitzbberei geschehen, bei dieser Fllung mu ich dabei
sein.  Da kann er ausrauchen, oder verwechselt werden.  Ich traue
niemand mehr.

Astragalus.
Er wird es nicht.  Ich schwr es bei des Chimborassos
eisgekrntem Haupte.  Du wirst dein Denken, Wollen, Handeln,
Fhlen genau in eines andern Bild erblicken.

Rappelkopf.
Und was gschieht dann mit mir, geh ich so ohne Seel herum,
oder bekomm ich wo eine andere zu leihen?

Astragalus.
Du wirst als Bruder deiner Frau erscheinen.

Rappelkopf.
Diese Verwandtschaft htt ich mir nie trumen lassen.

Astragalus.
Doch ganz die Kraft der eigenen Gesinnungen behalten.

Rappelkopf.
Das heit, ich werde aussehn wie mein Schwager und denken,
was ich will.

Astragalus.
So ists.  Dadurch kannst du dich berzeugen, wie gegen dich
dein Weib, dein Kind und der von dir gehate Maler denken.
Doch da du auch an deinem Ebenbild den hchsten Anteil nimmst
und dich in ihm genau ergrndest und betrachtest, so hngt
dein knftig Schicksal ganz von dem freien Handeln dieses
Doppelgngers ab.  Und was zu deinem Nutzen oder Nachteil wird
durch ihn in deinem Haus geschehn, das wird, wenn er
verschwindet, unvernderlich dir bleiben.

Rappelkopf.
Also wenn er mir mein Haus verkauft, kann ich nachher auf
der Strae wohnen?  Ah, das ist eine schne Einquartierung.

Astragalus.
Auch ist dein Leben selbst an seines festgebunden, und wenn
er es verliert, solang er statt dir lebt, stirbst du mit ihm
und wirst durch ihn erkranken auch, wenn es der Zufall fgt,
da ihm ein bs Geschick Gesundheit raubt.

Rappelkopf.
Zwei Menschen und nur ein Leben!  Jetzt fangt sogar die Natur
zum konomisiern an.  Da hats der Tod kommod, der nimmt s'
gleich Paar und Paar.  Nun gut, so la denn sehen, was deine
Taschenspielerei vermag.  Der Proze ist eingeleitet.  Ein
unendlich verwickelter Fall, der wird in hundert Jahren nicht
aus.  Also was gschieht denn jetzt?  Hab ich noch meinen Geist,
oder hat ihn schon ein anderer?  Bin ich schon mein Schwager,
oder bin ich noch der Schwager meines Schwagers?

Astragalus.
Es wird dich jeder fr den Bruder deines Weibs erkennen.  Darum
hab ich in deinem uern dich gestaltet so wie ihn.  Ihr
Alpengeister, fhrt ihn fort und bringt ihn an des Berges
Fu.  Dort werdet ihr ein leichtberdert Fahrwerk finden,
zwei rstge Maultier vorgespannt, mit Staub bedeckt, als
kmen sie von weiter Reise aus dem Land der welschen Glut.
Sie bringen schnell ihn vor sein Schlo, dort werde seinem
bermut Beschmung, berzeugung, Strafe.

Rappelkopf.
Nun gut, so will ich dies Asyl der Falschheit noch einmal
betreten.  Ich geh und bergeb dir meinen Geist, von dem ich
wei, da er so wenig Fehler hat, als die Donau Linienschiffe
trgt, als Eicheln auf dem Kirschbaum wachsen und blondes Haar
in deinem grauen Bart.  (Ab mit den Alpengeistern, nur Alpanor
bleibt zurck.)

Astragalus.
Sein Starrsinn ists, der mich zu festen Hoffnungen berechtigt,
denn hat er sich erkannt, wird ihn mit gleicher Heftigkeit der
Trieb zur Besserung erfassen, als seine krftge Phantasie den
Wahn des Hasses jetzt umklammert hlt.  Alpanor!  Hast du den
Bruder seines Weibs zurckgehalten, da er nicht heute morgens
schon von seiner Reise in des Menschenfeindes Schlo eintrifft?

Alpanor.
Es geschieht in diesem Augenblick.  Der Alpengeist Linarius
leitet seiner Pferde Zgel und setzt ihn aus in einer wsten
Felsengegend, so lang, bis, groer Alpenknig, du die Ankunft
ihm erlaubst.

Astragalus.
Und ich will scheinbar mich in ihn verwandeln
(er verwandelt sich in Rappelkopfs Gestalt in seiner ersten
Kleidung)
Und so durch Trug zu seinem Besten handeln.
Wie auf des Schlosses Dache die metallne Spitze
Das Haus bewahret vor der Wut der Blitze,
Will ich den Ha, den er sich gen die Welt erlaubt,
Herniederleiten auf sein eignes Haupt.
Dort mag die Donnerwolke sich entleeren
Und Glut durch Glut hellflammend sich verzehren,
Bis aus der Asche wird zum neuen Leben
Die Liebe gleich dem Phnix sich erheben.


(Beide ab.)



Zweiter Auftritt

Verwandlung
Wilde Felsengegend.  Im Hintergrunde ein hoher praktikabler
Fels, welcher von der rechten Kulisse aber zwei Dritteil der
Bhne bis ohngefhr zwei Schuh weit von der linken sich
erstreckt und in einem steilen Abhang endigt.  Auf ihm ist
eine gedeckte Reisekalesche mit zwei Schimmeln sichtbar.  Die
Pferde stehen schon ganz an dem Abhange des Felsens.

Auf dem Sattelpferde sitzt der Alpengeist Linarius, als
Postillion gekleidet.  Im Wagen Herr von Silberkern, so
gekleidet wie Herr von Rappelkopf zu Anfange des zweiten
Aktes.  Er droht mit einem Stock dem Postillion und schreit
heftig.


Silberkern.
Halt!  Halt!  Was treibt Er denn, Er verwnschter Kerl, ich
bin ja des Todes, wo fhrt Er mich denn hin?

Linarius.
Geduld, mein Herr, wir werden gleich am Ziele sein.

Silberkern.
Das ist ja keine Mglichkeit, der Kerl ist besoffen wie eine
Kanone, er mu glauben, da unten ist ein Weinkeller.  Ich
massakrier Ihn, Er verflixter Lumpenhund.  Was treibt Er denn
mit Seinen gottverdammten Schimmeln?

Linarius.
Ich habe meine Pferde ausgespannt.

Silberkern.
Untersteh Er sich, Er infamer Mensch!  wir strzen ja hinab.

Linarius.
Wer wird denn da viel Sprnge machen?  das Trinkgeld ist mir
ein fr allemal zu schlecht.  Adieu, mein Herr!

Silberkern.
Wo will Er denn hin?

Linarius.
Ich reite durch die Luft--


(Die Pferde bekommen Flgel.  Linarius erhebt sich mit ihnen bis
in die halbe Hhe des Theaters.  Der Wagen bleibt stehen,
zugleich fllt der hintere Teil des Felsens herab, und nur
das Stck, worauf die Kutsche ist, bleibt stehen.)

Du bleibst zurck auf diesem Fels und genieest hier die Luft.
Zur rechten Zeit spann ich die Pferde wieder vor.  Dann bitt
ich mir ein tchtig Trinkgeld aus.  Bis dahin lebe wohl und
unterhalt dich gut.  Juhe!  Zum Alpenknig heit das Posthaus
hier.  Ihr Schimmel, hi!  stot euch an keinen Stein!  Lebt wohl,
Herr Passagier, und bleibt mir fein gesund!  (Fliegt fort und
blast das Posthorn dabei.)

Silberkern.
Verdammter Hexenspuk!  Der Kerl fliegt herum wie eine Fledermaus.
Flieg zum Geier, falscher Rabe!  Ich brauche deine Pferde nicht.
(Er will heraussteigen.)  I potz Hagel, was ist das?  Ich kann
ja nicht heraus.  Der Wagen hngt ja in der Luft.  Das ist ja
aufs Verhungern abgesehen.  Verflixter Kerl, komm zurck!  Es
rhrt sich nichts, ich sehe keinen Menschen, nicht einmal
Ochsen weiden hier.  Ich bin der einzge in der ganzen Gegend.
(Schreit.)  Hrt mich denn niemand?

Echo.
Niemand--(Entfernter.)  Niemand--Niemand--Nieman--

Silberkern (stampft mit dem Fue).
Ich ersticke noch vor Zorn--


(Der Fels, auf dem der Wagen steht, ffnet sich wie eine
Hhle und in ihr sind eine Menge kleine Alpengeister
aufeinanderkauernd gruppiert, welche mit schadenfroher Miene
aus vollem Halse lachen.  Auch aus den Gebschen, welche um
den Fels angebracht sind, sehen einige schelmisch hervor.)

Alpengeister.
Hahahahaha!

Silberkern (schnell, rsonierend, mit dem Stock herumfechtend).
O du Geistergesindel, du unsichtbares Lumpengepack, komm herauf
zu mir, ich schlag dich tot.  Das ist eine verflixte Geschichte.

(Neues Lachen und schnelles Vorfallen der Kurtine, welche ein
Zimmer in Rappelkopfs Hause vorstellt.)



Dritter Auftritt

Mehrere Dienstleute strzen auf die Bhne.  Sophie von der Seite.


Sopie.
Wo, wo ist mein Bruder?

Dienstleute.
Er kmmt soeben die Treppe herauf.  Hier ist er schon.

Sopie.
Holt Herrn von Dorn und meine Tochter.  Das Gepcke in das
grne Zimmer.



Vierter Auftritt

Vorige.  Rappelkopf strzt herein.


Sopie (fllt ihm um den Hals).
O mein Bruder, mein geliebter Bruder!  (Bleibt an seiner Brust.)

Rappelkopf (fr sich).
Entsetzlich!  Diese Natter liegt an meiner Brust.  Sie kennt
mich wirklich nicht.  Nimm dich zusammen, Rappelkopf!
(Freundlich.)  Endlich seh ich dich wieder, liebe Schwester.
(Beiseite.)  Ich kann s' nicht anschaun.  (Wieder freundlich.)
Wie gehts dir denn, du liebe Schwester du?

Sopie.
Ach Bruder, mir geht es sehr bel.

Rappelkopf (beiseite).
So?  Da gschieht dir recht.

Sopie.
Was sagst du, lieber Bruder?

Rappelkopf.
Da ich dich recht bedaure, und zwar auf eine ganz besondere
Art.  Denn ich wei alles, liebe Schwester, dein Mann ist ein
schndlicher Mensch.

Sopie.
Das ist er nicht, lieber Bruder, aber ein unglcklicher Mensch.

Rappelkopf (beiseite).
Viper!

Sopie.
Wenn du wtest, wie sehr ich mich nach dir gesehnt habe, um
mein Herz vor dir auszuschtten!

Rappelkopf.
So schtt es aus, liebe Schwester!  (Beiseite.)  Da erfahr ich
etwas.  Schtts aus!

Sopie.
Aber du wirst ermdet sein von der Reise?

Rappelkopf.
Nur meine F sind mde, meine Ohren nicht.

Sopie.
So setz dich, lieber Bruder.  (Sie setzt Sthle.)

Rappelkopf.
Ich dank dir, liebe Schwester.  (Setzt sich.)  Fatale Situation!

Sopie.
Meine Tochter und ihr knftiger Brutigam werden sogleich
erscheinen.

Rappelkopf (fhrt wild auf).
So?  (Fat sich und sagt pltzlich mit freundlichem Lcheln.)
Wird mir eine unendliche Ehr sein.

Sopie.
Du bist so sonderbar, lieber Bruder.  Was ist dir denn?

Rappelkopf.
Verschiedenes.  Die Reise, dein Anblick, es ist alles so
ergreifend fr mich.

Sopie.
Ich danke dir.  Du bist ein Bruder, wie man keinen mehr finden
wird.

Rappelkopf (beiseite).
Der Meinung bin ich selbst.

Sopie.
Fnf Jahre bist du abwesend.  Die Ursache meines Unglcks wird
dir schon aus meinen Briefen bekannt sein.

Rappelkopf.
Ich wei, du hassest deinen Mann.

Sopie.
Was fllt dir ein!  Wo gb es eine Frau, die ihrem Manne mehr
zugetan wre, als ich dem meinigen!

Rappelkopf.
Wirklich?  (Beiseite.)  Was man fr Neuigkeiten erfhrt!

Sopie.
Wenn du nur die Geduld httest sehen knnen, mit welcher ich
seine Launen ertrug, die Sanftmut, mit der ich ihn behandelte.

Rappelkopf.
Ja, das htt ich sehen mgen.  (Beiseite.)  Es ist zum Durchgehn,
wie sie lgt, ich bin schon vllig blau auf dieser Seite.

Sopie.
Und alles dies hat seinen ungerechten Menschenha nur noch
vermehrt.

Rappelkopf.
Aber warum hat er denn die Menschen, er mu doch eine Ursache
haben?

Sopie.
Weil er ein Narr ist, der sie verkennt.

Rappelkopf (beiseite).
Ich bedank mich aufs allerschnste.

Sopie.
Und doch lieb ich ihn so zrtlich--

Rappelkopf.
Diesen Narren?  o nrrische Lieb!  (Beiseite.)  Es ist zum
Teufelholen!

Sopie.
Und mu die Angst ausstehen, ihn seit gestern zu vermissen.

Rappelkopf.
Ja wo ist er denn?

Sopie.
In einem Anfall von Wahnsinn zerschlug er alle Mbel, glaubte,
der Bediente wolle ihn ermorden, und rannte wtend aus dem Hause.

Rappelkopf.
Nun er wird schon wieder zurckkommen.

Sopie.
Nein, das wird er nicht.  Was er beschliet, vollfhrt er auch.

Rappelkopf (beiseite).
Sie kennt mich doch.  (Laut.)  Aber wie ist er denn auf den
Gedanken gekommen, da man ihn ermorden will?

Sopie.
Auf die unsinnigste Weise von der Welt.  Ich befahl meinem
einfltigen Bedienten, er sollte nach dem Garten gehen und
Zichorien ausstechen, und das Messer in seiner Hand lt
meinen unglckselgen Mann glauben, er wolle ihn ermorden.

Rappelkopf.
Zichorien hat er ausstechen wollen?

Sopie.
Ei freilich.

Rappelkopf (beiseite).
Das ist nicht mglich, oder ich wr der einfltigste Mensch,
den die Sonne noch beschienen hat.  (In Nachdenken versunken.)
Zichorien hat er ausstechen wollen?

Sopie.
Warum ergreift dich das so?

Rappelkopf (gleichgltig).
Weil mir der Kaffee einfllt, den ich im letzten Wirtshaus
getrunken hab.  Der war auch mit Zichorien vergiftet.

Sopie.
Was soll ich nun beginnen, lieber Bruder?

Rappelkopf.
La den Narren laufen!

Sopie.
Das kann dein Ernst nicht sein.  Er ist mein Mann, und ich
werd ihn nie verlassen.

Rappelkopf (schnell).
Ist das wahr?

Sopie.
Gewi.

Rappelkopf (unwillkrlich erfreut, beiseite).
Sie ist doch nicht gar so schlecht.  (Wieder verndert.)
Aber schlecht ist sie doch.

Sopie.
Ach Bruder!  (Sinkt an seine Brust.)  Wenn mein Mann imstande
wre, sich ein Leid anzutun!  (Weinend.)  Ich htte mir nichts
vorzuwerfen, aber ich knnte diesen Vorfall nicht berleben.

Rappelkopf.
Das Weib martert mich, ich schwitz schon im ganzen Leib.  Und
sie weint wirklich, mein ganzes Schapodl ist na.  Aber ich
glaub ihr nicht, die Weiber knnen alles.  (Laut.)  Beruhige
dich nur, liebe Schwester, es kommt jemand.



Fnfter Auftritt

Vorige.  August.  Malchen.


Malchen.
Ist es wahr, ist der Onkel angekommen?  (Sieht ihn.)  Ach
liebster, bester Onkel!  mit welcher Sehnsucht haben wir
Sie erwartet.

Rappelkopf.
Die ist so falsch wie ihre Mutter.

Malchen.
August, komm doch her.

Rappelkopf (erschrickt).
Wer?

August (hervortretend).
Bester Herr von Silberkern--(will auf ihn zu.)

Rappelkopf (fhrt zurck).
Himmel, wer bringt dies Bild vor meine Augen?

Sopie.
Was ist dir, lieber Bruder?

Malchen.
Aber Onkel!

Rappelkopf (beiseite).
Ich mu mich fassen, damit ich allen auf den Grund komme.
(Laut, mit Zwang.)  Verzeihen Sie mir, mein Herr, sein Sie
mir willkommen.

August.
Erlauben Sie, Herr von Silberkern--(Tritt nher.)

Rappelkopf (fhrt wieder auf).
Nein, es ist nicht mglich--Drei Schritt vom Leib!  (Beiseite.)
Vergiften knnt ich den Verfhrer!

August.
Was soll ich davon denken?

Malchen.
Onkel!

Sopie (gleichzeitig).
Bruder!

Rappelkopf (fat sich wieder).
Verzeihen Sie, aber Sie haben eine hnlichkeit, eine
hnlichkeit--

August.
Mit wem?

Rappelkopf.
Mit--mit einem Menschen

August.
Mit was fr einem?

Rappelkopf.
Der mich bestohlen hat.

Sopie.
Aber Bruder!

August (lacht).
Herr von Silberkern--

Malchen.
Ach Onkel, er hat nichts gestohlen als mein Herz.

Rappelkopf (auffahrend).
Das ist es eben--(fat sich) was mich nichts angeht.
(Sehr freundlich.)  Sind Sie nur nicht so kindisch, ich hab
nur einen Spa gemacht.  (Fr sich.)  Verstellung, steh mir
bei!  (Laut.)  Endlich sind wir alle recht froh beieinander,
meine lieben Kinder.  (Lacht boshaft.)  Das ist ein freudiger
Tag heute.  (Fr sich.)  Ich mcht zur Decke hinauffahren.

Sopie.
Wir wollen dich jetzt allein lassen, lieber Bruder.  Damit du
eine Stunde ausruhen kannst.  Du bist zu angegriffen.  In
diesem Zimmer findest du ein Ruhebett, unterdessen werden
wir die Nachforschungen nach meinem armen Mann verdoppeln,
denn es gibt keinen ruhigen Augenblick fr mich, solange ich
in Ungewiheit ber sein Schicksal leben mu.  (Geht ab.)

Rappelkopf.
Da werd ein anderer klug, ich nicht.

August.
Herr von Silberkern, ich wei, da Sie alles ber Herrn von
Rappelkopf vermgen.

Rappelkopf.
Da haben Sie recht, wenn ich nichts ber ihn vermag, dann
richtet niemand etwas mit ihm aus.

August.
Oh, dann werden Sie mir Ihren Beistand nicht versagen.

Rappelkopf.
Ihnen?  hahaha!  Nun, das will ich hoffen.

August.
Wenn meines Malchens Vater sein Haus wieder betritt und es
Ihnen gelingt, ihm mildere Gesinnungen gegen die Welt
einzuflen, so vergessen Sie auch meiner nicht!  Versichern
Sie ihm, da es keinen jungen Mann auf Erde gbe, der mit
einer so unwandelbaren Treue an seiner liebenswrdigen
Tochter und mit einer so innigen Dankbarkeit an ihrem edlen,
aber unglcklichen Vater hinge als der von ihm so ungerecht
verfolgte August Dorn.  (Verbeugt sich und geht ab.)

Rappelkopf.
Das ist mir unbegreiflich.

Malchen (weinend).
Lieber Onkel, wenn Sie meinen Vater sprechen, was ich gewi
nicht darf, so sagen Sie ihm, da er seine Amalie unendlich
gekrnkt hat, da ihn niemand so sehr liebt wie seine Tochter,
aber da ihr auch gewi das Herz brechen wird, wenn sie ihren
August verlieren mte.  (Weint heftig.)

Rappelkopf (sein Vatergefhl bricht los, er schliet Malchen
heftig in seine Arme).
Du bist halt doch mein Kind, wenn ich auch jetzt nicht dein
Vater bin.  (Nimmt sie am Kopf.)  Was ntzt denn das, das lt
sich nicht verleugnen.  Ich mu dich kssen, Malchen.

Malchen.
Ach guter Onkel!

Rappelkopf.
Sag du mir, ist das wahr, liebst du deinen Vater?

Malchen.
Unendlich, lieber Onkel!

Rappelkopf.
Und du lgst nicht?

Malchen.
Bei Gott nicht.

Rappelkopf (freudig berrascht).
Das ist schn von dir, das freut mich.  (Legt ihren Kopf an
seine Brust.)  Sie hat mich lieb!  So hab ich doch eine Seele
auf der Welt, die mich liebt.  Aber jetzt geh hinaus, ich bitt
dich um alles in der Welt, geh hinaus.

Malchen.
Sie verstoen mich doch nicht, lieber Onkel?

Rappelkopf.
Nein, ich versto dich nicht, ich will dich noch einmal
kssen sogar, aber geh hinaus, sonst mu ich mich vor mir
selber schmen, geh hinaus.

Malchen.
So ruhen Sie sanft, bester Onkel.  (Ab.)

Rappelkopf (allein).
O Schande!  ich bin ein Menschenfeind und komm da in eine
Ksserei hinein, die gar kein End nimmt.  Das war der einzige
vergngte Augenblick, den ich seit fnf Jahren erlebt hab.
Aber wie ist mir denn?  bin ich betrunken?  Das ist ja keine
Mglichkeit.  Wenn das alles wahr wre, was die Leute
zusammenreden, so wren sie ja vllige Engel.  Das ist Betrug,
da mu etwas dahinterstecken.  Das ist ein Einverstndnis.  Mein
Weib ist eine Schlange.  Zu was braucht sie einen Zichori?
wenn so viel Kaffee aufgeht.  Aber meine Tochter ist brav.
ber die la ich jetzt nichts mehr kommen.  Auch den jungen
Menschen trau ich nicht, den haben sies einstudiert.  Er wr
ohnehin bald steckengeblieben.  Ha, da kommt der Habakuk, der
groe Bandit.  Der soll mir Licht geben.



Sechster Auftritt

Voriger.  Habakuk.


Rappelkopf.
He, Habakuk!

Habakuk.
Wie?  Euer Gnaden wissen, wie ich hei, und haben mich noch
nicht gesehen?

Rappelkopf.
Nu, ich kann Ihn ja wo anders gesehen haben.

Habakuk.
Ja freilich, ich war zwei Jahr in Paris.  Befehlen Euer Gnaden
etwas?

Rappelkopf.
Ja!  was ich sagen wollte--(Beiseite.)  Ich trau dem Kerl nicht.
(Laut.)  Hat Er nicht ein Messer bei sich?

Habakuk.
Nein, ich werd aber gleich eins holen.  (Will ab.)

Rappelkopf (erschrickt).
Untersteh Er sich, ich brauch keins mehr.  Ich hab nur etwas
abschneiden wollen.  (Fr sich.)  Er wr imstande er holet eins.

Habakuk.
Ich wei nicht, ich trag sonst immer ein Messer bei mir--

Rappelkopf (fr sich).
Nun da haben wirs ja, das ist ein routinierter Mrder.  (Laut.)
Lieber Freund, ich werd Ihm ein gutes Geschenk machen, geh Er
mir ein wenig an die Hand.  Er wei, ich bin der Bruder Seiner
Frau.

Habakuk.
Habs schon weg, Euer Gnaden.

Rappelkopf (fr sich).
Unbegreifliche Zauberei!  (Laut.)  Sag Er mir, wie behandelt
denn mein Schwager seine Frau?

Habakuk.
Infam, Euer Gnaden.

Rappelkopf.
Was sagt Er?

Habakuk.
Oh, das ist ein sekkanter Mensch, der glaubt, die Leut sind
nur wegen ihm auf der Welt, da er s' mit Fen treten kann.

Rappelkopf (fr sich).
Nun bei dem hrt man doch ein wahres Wort.  Der redt doch, wie
er denkt.  (Laut.)  Ja, es soll nicht zum Aushalten sein.  Darum
kann ihn aber auch meine Schwester nicht ausstehen.  Nicht wahr?

Habakuk.
Ah, was fallt Euer Gnaden ein, sie weint sich ja vllig die
Augen aus um ihn.  Ich kann sie nicht genug trsten.

Rappelkopf.
Man hat aber erzhlt, sie htte ihn wollen gar ermorden lassen.

Habakuk.
Ah, hren Euer Gnaden auf.  Euer Gnaden werden doch nicht auch
so einfltig sein, das zu glauben.

Rappelkopf.
Ja, Er ist ja, glaub ich, mit dem Messer auf ihn gegangen.

Habakuk.
Ich?  warum nicht gar, ich fall in Ohnmacht, wenn sie nur ein
Hendel abstechen.  Er war im Gartenzimmer, und kein Mensch hat
sich hinausgetraut, und die Kchin hat einen Zichori gebraucht,
und die Frau hat gschafft, ich soll einen ausstechen.

Rappelkopf (beiseite).
Mit dem ewigen Zichori!  am End ists doch wahr.

Habakuk.
Er lat ja keinen Menschen zu Wort kommen, der Satanas.

Rappelkopf (fr sich).
Das ist ein impertinenter Bursch.  Ein Verleumder.  (Laut.)  Und
sag Er mir, ist denn Sein Herr ein gescheidter Mann?

Habakuk (verneinend).
Ah!  (Vertraulich.)  Wissen Euer Gnaden, wir reden jetzt unter
uns, es ist nichts zu Haus bei ihm.  (Deutet auf den Kopf.)

Rappelkopf (beiseite).
Nein, das ist nicht zum Aushalten.  (Gibt ihm Geld.)  Da hat Er,
mein lieber Freund, Er hat mir schne Sachen gesagt, ich bin
sehr zufrieden mit Ihm, aber geh Er jetzt.

Habakuk.
K die Hand!  (Fr sich.)  Aha, den freuts, da ich ber den
andern schimpf.  Er kann ihn nicht recht leiden.  Ich mu noch
rger anfangen, vielleicht schenkt er mir noch etwas.  (Laut.)
Ja sehen Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber ein so
zuwiderer Mensch ist mir nicht vorgekommen, und es gibt ihm
alles nach, das ist gar nichts nutz, da wird er nie kuriert.
Ich versteh nichts von der Medizin, aber ich glaub, wenn er
einmal recht durchgewassert wurd, es mte sich seine ganze
Natur umkehren.

Rappelkopf.
Jetzt hat Er Zeit, da Er geht.  Den Augenblick hinaus, Er
undankbarer Mensch, wie kann Er sich unterstehen, so von Seinem
Herrn zu reden?  Gleich fort, oder ich schlag Ihm Arm und Bein
entzwei.  (Sucht einen Stock.)

Habakuk.
So ists recht, jetzt fngt der auch an.  (Im Abgehen.)  Nun,
den sag ich bald wieder was, das ist eine schreckliche Familie.
Na, das ging' mir ab.  (Geht brummend ab.)

Rappelkopf (allein).
So kann man seine Leute kennenlernen.  Von meiner Frau redt er
nicht so schlecht, er getraut sich nicht, weil er mich fr
ihren Bruder hlt.  Aber fr einen Mrder ist er doch zu dumm,
ich hab ihn fr pfiffiger gehalten.  Es wird doch auf den
Zichori hinauskommen.  Was mich das fr eine berwindung kostet,
mit all diesen Menschen zu reden!  Aber ich mu meine Untersuchung
vollenden, weil ich sie begonnen habe und weil ich in nichts
zurcktrete, wenn ich nicht mu, wie heut im Walde.



Siebenter Auftritt

Voriger.  Lischen.


Lischen.
Die gndige Frau lt fragen, ob Euer Gnaden eine Tasse Tee
befehlen.

Rappelkopf.
Ich danke.  (Fr sich.)  Die werd ich auch in die Kur nehmen.
(Laut.)  Was macht meine Schwester?

Lischen.
Sie ist sehr betrbt.

Rappelkopf.
Weswegen?

Lischen.
Unseres gndigen Herrn wegen.

Rappelkopf.
Wegen mir?

Lischen.
Ah, wegen Ihnen nicht.

Rappelkopf (fat sich).
Ja so.  (Fr sich.)  Die kennt mich auch nicht.  (Laut.)  Und was
macht meine Nichte?

Lischen.
Sie spricht mit ihrem Brutigam.

Rappelkopf (fr sich).
Himmel und Hlle!  (Fat sich.  Laut.)  Was ist denn das fr ein
Mensch?

Lischen.
Ein sehr liebenswrdiger Mensch.

Rappelkopf.
Was heit das, macht er Ihr auch die Cour?

Lischen.
Nun, das wre der Wahre, er wagt es ja kaum, ein anderes
Mdchen anzusehen.  Das wird ein handfester Pantoffelritter
werden.  Ich glaube, er hat mir blo darum noch keinen Heller
zum Geschenke gemacht, damit er nur meine Hand nicht berhren
darf.  Er und mein Frulein taugen ganz zusammen, und es ist
himmelschreiend, da der gndge Herr seine Einwilligung nicht
gibt.

Rappelkopf (rasch).
Da hat er recht, wenn er sie nicht gibt.  Der junge Mensch hat
keine Achtung vor ihn.

Lischen.
Ei bewahre, er schtzt ihn weit mehr--verzeihen Euer Gnaden,
wenn ich so von Ihren Herrn Schwager spreche--aber weit mehr,
als er es verdient.

Rappelkopf (fr sich).
Es ist, als ob sie sich alle verschworen htten wider mich.
Geduld, verlasse mich nicht!  (Laut.)  Ich will Ihr etwas
schenken, aber sag Sie mir in der grten Geschwindigkeit
alle blen Eigenschaften Ihres Herrn.

Lischen.
In einer Geschwindigkeit, das ist ohnmglich, gndger Herr.

Rappelkopf.
Warum nicht?

Lischen.
Weil, wenn ich jetzt diesen Augenblick anfange, ich morgen
frh noch nicht fertig bin.

Rappelkopf.
Wo ich nur die Geduld hernehme, das alles anzuhren!

Lischen.
Es ist schon genug, da er ein Menschenfeind ist.  Ich begreife
gar nicht, wie man bei einem so groen Vermgen, einer
gutmtigen Frau, einer wohlerzogenen Tochter und einem so
hbschen Stubenmdchen ein Menschenfeind sein kann.

Lied
Ach, die Welt ist gar so freundlich
Und das Leben ist so schn.
Darum soll der Mensch nicht feindlich
Seinem Glck entgegenstehn.
Alles sucht sich zu gefallen,
Liebend ist die Welt vereint,
Und das Hlichste von allen
Ist gewi ein Menschenfeind.
Heitrer Sinn nur kann beglcken,
Nur die Freude hebt die Brust,
Nur die Liebe bringt Entzcken,
Und der Ha zerstrt die Lust.
Doch wenn alle sich erfreun
Und der Stern des Frohsinns scheint,
Sitzt im dstern Wald allein
Drau der finstre Menschenfeind.

Sieht man nur die goldne Sonne,
Wenn sie auf am Himmel steigt,
Wie sie schon mit holder Wonne
Allen Wesen ist geneigt:
Dann kann man die Welt nicht hassen,
Die 's im Grund nicht bse meint,
Man mu nur die Lieb nicht lassen,
Wird man nie zum Menschenfeind.  (Ab.)


Rappelkopf (allein).
Schrecklich!  Mu ich mich auch noch ansingen lassen!  Das sind
Beleidigungen nach den Noten, und ich darf den Takt nicht dazu
schlagen.  Und alles bleibt auf einem Wort!  Wer kommt?



Achter Auftritt

Voriger.  Sophie.  Lischen.


Sopie (strzt rasch herein).
Bruder, er kommt!

Rappelkopf.
Wer kommt?

Lischen.
Der gndge Herr!

Sopie.
Mein Mann!

Rappelkopf.
Ich komm!  (Schlgt sich begeistert an die Brust.)  Endlich
einmal.  Solang die Welt steht, war noch niemand so neugierig
auf sich selbst als ich.

Astragalus (ruft noch vor der Tr).
Da niemand zu mir gelassen wird!

Rappelkopf.
Meine ganze Stimme.  Ich hr mich schon.  (Tritt zurck.)



Neunter Auftritt

Vorige.  Astragalus tritt ein.


Astragalus (wie er Sophie sieht, prallt er zurck und ruft).
Ha!  (Er will zurck.)

Rappelkopf (sagt schnell).
Ich bins, ist kein Zweifel!

Sopie (hlt ihn zurck).
Oh, bleib doch, lieber Mann!  wir sind glcklich, da wir dich
wieder sehn.

Astragalus (reit sich los).
La mich.  Entweder gehst du oder ich.

Sopie (Mit berwindung).
Nun so bleib, ich will gehn.  (Geht seufzend ab.)


(Astragalus tritt mit emprter Miene vor, bleibt mit
verschrnkten Armen stehn und blickt wild umher, ohne
Rappelkopf zu bemerken.)

Rappelkopf (betrachtet ihn vom Fu bis zum Kopfe mit
ungeheurem Erstaunen und spricht dann berzeugt).
Ich bins--Aufgelegt bin ich nicht gut, aber das kann
nicht anders sein.

Astragalus (zu Lischen).
Was will Sie da?

Lischen (zitternd).
Fragen, ob Euer Gnaden nichts befehlen.

Rappelkopf.
Eine Angst hat alles vor mir, da es eine Freude ist.

Astragalus.
Wo ist die Tinte?

Lischen.
Dort ist sie.  (Deutet auf den Tisch.)

Astragalus.
Und Federn?

Lischen (ngstlich).
Die hab ich nicht.

Rappelkopf.
Jetzt hat die Gans keine Federn!

Astragalus.
Hol Sie welche!  hat Sies gehrt?  Hinaus mit Ihr, Sie
Schlange, Sie Basilisk, Sie Krokodil, Sie Anakonda!

Rappelkopf.
In der Naturgeschichte bin ich gut bewandert.

Lischen.
Gleich, Euer Gnaden.  (Im Abgehen.)  Der bse Feind hat ihn
zurckgefhrt.  Ich la mich nicht mehr sehn.  (Ab.)

Rappelkopf.
Die lauft.  Ich wei nicht, ich gfall mir recht gut.  Ein wenig
rasch bin ich, das ist wahr.

Astragalus (entschlossen).
Ja!  Ich will mein Testament machen.

Rappelkopf (fr sich).
Testament?  Nu wr nicht bel.  Den Entschlu mu ich gleich
unterbrechen.  (Laut.)  Gr Sie Gott, lieber Schwager.  Eben
bin ich angekommen.

Astragalus.
Wer ist das?

Rappelkopf (entzckt).
Das ist ein eigner Anblick, wenn man vor sich selber steht.

Astragalus (schnell).
Was machen Sie hier?  Warum haben Sie nicht geschrieben?
Haben Sie meine Intressen mitgebracht?  Wie stehts mit
meinem Vermgen?

Rappelkopf (fr sich).
Jetzt gehts recht, das mcht ich selbst gern wissen.

Astragalus.
Das Haus in Venedig soll nicht gut stehen, ist es verloren?

Rappelkopf (erschrickt).
Verloren?  Wr nicht bel, (beiseite) mir wird selbst angst.

Astragalus.
Ich hab keine Intressen erhalten.

Rappelkopf.
Ich auch nicht.

Astragalus.
Sie mssen es haben, Sie haben mir es sonst geschickt, da
steckt ein Betrug dahinter.

Rappelkopf.
So lassen Sie sich nur sagen--

Astragalus.
Ich la mir nichts sagen--ich kenn die Welt, sie gehrt
zum Katzengeschlechte--

Rappelkopf.
Ich--

Astragalus (wtend).
Still--

Rappelkopf.
Wenn er nur nicht gar so schreien mchte, mir tun die Ohren
weh.



Zehnter Auftritt

Vorige.  Habakuk mit Federn.


Habakuk (zitternd).
Euer Gnaden, hier bring ich die Federn.

Astragalus (entsetzt sich).
Ha!  Dieser Mrder wagt es, vor meine Augen zu kommen!
(Nimmt den Stuhl vor und retiriert sich.)  Komm mir nicht
an den Leib!  Bandit!

Rappelkopf.
Ach, das ist bertrieben.  Wer wird sich denn vor dem Esel
frchten?

Habakuk.
Die gndige Frau lat fragen, ob sie noch nicht herberkommen
darf.

Astragalus.
Nein.

Habakuk.
Sie weint aber so abscheulich.

Astragalus.
So soll sie schner weinen, hahaha, oder ich fang zum lachen an.

Habakuk.
Wenn sie aber krank wird?

Astragalus.
Die Gicht in ihren Leib!  Und ins Spital mit ihr!

Rappelkopf (beiseite).
Das ist ein kurioser Humor.

Habakuk.
Ah, verzeihen Euer Gnaden, aber das ist zu stark.  Ich war
zwei Jahr in Paris, aber--

Astragalus (aufspringend).
Wenn Er es noch einmal wagt, dieses unertrgliche Sprichwort
in meinem Haus ertnen zu lassen, so--zahl ich hier Seinen
Lohn in vorhinein.  (Er wirft ihm einen Geldbeutel vor die
Fe und trifft damit Rappelkopf an das Schienbein.)

Rappelkopf (zieht den Fu auf).
Sapperment hinein, achtgeben, das mssen harte Taler sein.

Astragalus.
Hab ich Ihnen weh getan?

Rappelkopf.
Ich glaub, ich hab ein Loch im Fu.

Astragalus.
Gschieht Ihnen recht.  (Zu Habakuk.)  Wenn Er also dieses Wort
noch einmal sagt, so geht Er an der Stelle aus meinem Dienst.
Wenn ich auch nicht dabei bin.  Nehm Er!

Rappelkopf.
Es ist meine ganze Manier.  (Zu Habakuk.)  Nu apport!

Habakuk.
Euer Gnaden, um diesen Preis kann ich mich nicht darauf
einlassen, denn ich habe keinen Stolz, als da ich zwei
Jahr in--

Astragalus (fat ihn am Halse).
Ich erdrole Ihn, wenn Er noch einen Buchstaben mehr dazu
sagt.

Habakuk.
Zu Hlfe!  Zu Hlfe!

Rappelkopf (springt dazwischen).
Aber Herr Schwager, das htt ich meinem Leben nicht geglaubt.

Astragalus (hlt ihn noch immer).
Wo warst du zwei Jahr, warst du in Paris?

Habakuk (schreit ngstlich).
Nein, in Stockerau.

Astragalus.
Also geh hin, wo der Pfeffer wchst.  (Stot ihn zur Tr hinaus.)

Rappelkopf.
Ich find doch, da ich etwas Abstoendes in meinem Betragen
habe.  Wenn das so fortgeht, so km ich mit mir selbst nicht
draus.  Ja so!  Mein Geld mu ich wieder einstecken.  Wir haben
ja eine Kassa, das ist kommod, wenns der eine wegwirft, hebts
der andere auf.  Und wenn nur das nicht wr, da, was ihm
geschieht, auch mir geschehen mu.  Und wie lang er drauen
bleibt, ganz erhitzt, wenn er sich erkhlt, so kriegen wir
die Kolik.  (Astragalus tritt ein.)

Astragalus.
Weil ich im Wald keine Ruh hab, so sollen sie auch von mir
keine haben.  Denn sie sind boshaft, sie knnten mich vergiften.
(Setzt sich in einen Stuhl.)

Rappelkopf.
Das sind so bertriebene Sachen.  Wenn er nur etwas mit sich
reden lie'.  Herr Schwager!

Astragalus (wendet ihm den Rcken zu).
Hinaus!  Ungeheuer!

Rappelkopf.
So hab ichs akkurat gemacht.  (Laut.)  Aber warum denn?  Wir
sind ja die besten Freunde.

Astragalus.
Ich bin keines Menschen Freund.  Und Sie will ich gar nicht
ansehen.  Ihr Gesicht ist mir verdchtig.

Rappelkopf.
Sie werden mich doch fr keinen Betrger halten?

Astragalus.
Das nicht, aber man erinnert sich an einen, wenn man Sie ansieht.

Rappelkopf.
Ah, das ist impertinent, diese Grobheit htt ich mir nicht
zugetraut.  Und doch erinnere ich mich auf hnliche Worte.

Astragalus (zum Fenster hinaus).
Halt, wer schleicht da zur Tr hinaus?  Donner und Blitz, das
ist der junge Maler, der war bei meiner Tochter.

Rappelkopf.
Jetzt wirds angehn.

Astragalus.
Wart, du kommst mir nicht mehr aus.  (Springt zur Tr hinaus
und stt Rappelkopf der ihm im Weg steht, auf die Seite.)

Rappelkopf.
Ich bin ja ein rasender Mensch.  Ich fang mir ordentlich an
selbst zuwider zu werden.  Das htt ich meinen Leben nicht
gedacht.

Astragalus (von innen, schreiend).
Sie mssen herein, ich lasse Sie nicht los.

Rappelkopf.
Hat ihn schon bei der Falten.

Astragalus (von innen).
Herein, sag ich.

Rappelkopf.
Und wie er schreit!  und das geht alles auf meine Rechnung.
Bis die Gschicht ein Ende hat, ruiniert er mir noch meine
ganze Brust.


(Astragalus zerrt August an der Hand herein.)

Astragalus.
Herein, du Verfhrer meines Kindes!  Wie knnen Sie es wagen,
mein Haus zu betreten?  Wer gibt Ihnen ein Recht dazu?

Rappelkopf.
Das ist wieder gut gesprochen, das gefllt mir.

August (ganz bleich).
Meine Liebe, Herr von Rappelkopf, und meine redlichen
Absichten.

Astragalus.
Sie sollen gar keine Absichten haben, weil Sie keine
Aussichten haben.

Rappelkopf.
Bravo!

Astragalus.
Ich kann mein Kind verheiraten, an wen ich will, denn ich
bin Vater.

Rappelkopf.
Bravissimo!

Astragalus.
Und es ist eine Frechheit von Ihnen, da Sie sich gegen
meine Erlaubnis in mein Haus zu schleichen suchen, um mein
Kind von dem Gehorsam gegen seinen Vater abzubringen.

Rappelkopf.
Sehr schn, ich mu mich selber loben.

August.
Herr von Rappelkopf, ich beschwre Sie bei allen Gefhlen,
welche Ihr leidenschaftliches Herz je bestrmten, haben Sie
Nachsicht mit den meinigen.  Ich kann ohne Ihre Tochter nicht
leben, ich war drei Jahre abwesend, und meine Gesinnungen
haben sich nicht verndert.  Ich besitze ein kleines Vermgen,
habe mich in meiner Kunst verbessert, schenken Sie mir Ihre
Einwilligung, nie werde ich Ihre Gnade vergessen, und Sie
werden einen dankbaren Sohn an mir gewinnen.

Rappelkopf.
Das ist kein gar so schlechter Mensch, er soll doch nicht so
hart mit ihm sein.

Astragalus.
Ich traue Ihren Worten nicht, denn Falschheit blickt aus Ihrem
Auge.  Darum wagen Sie es nicht mehr, meine Schwelle zu betreten.
Eh steht mein Tor hungrigen Wlfen offen, eh la ich Raben
unter meinem Dache nisten, eh will ich giftge Schlangen an
dem Busen nhren, eh la ich alle Seuchen hier im Hause wten
und will die Pest zu meinem Tische laden, eh ich nur Ihrer
Lunge einen Atemzug in meinem Schlo erlaube.

Rappelkopf.
Das ist ein Unsinn ohnegleichen.  Es ist beinah nicht zu glauben,
da ein Mensch so sein kann.

August.
Herr von Rappelkopf, wenn Ihnen das Leben eines Menschen etwas
gilt, so reizen Sie meine Leidenschaft nicht auf das hchste--
Herr von Silberkern, nehmen Sie sich meiner an.

Rappelkopf.
Ich kann ja nicht, ich bin froh, wenn er mich selber nicht
hinauswirft.

August.
Also wollen Sie mir mit Gewalt das Leben rauben?

Astragalus (boshaft).
Sie wrden mich sehr verbinden, wenn Sie mir es zum Geschenke
machen wollten.

Rappelkopf (entrstet).
Ah, das ist infam--Herr Schwager (Geht auf Astragalus zu.)

Astragalus (fhrt heftig auf ihn los).
Schweigen Sie!  Sie sind auch im Komplott mit ihm, aber ich
schwre es Ihnen bei dem glhenden Eingeweide des Vesuvs: wenn
Sie es wagen, mein Kind in dieser Leidenschaft zu untersttzen,
wenn Sie nur eine Miene machen, meine Ansichten zu mibilligen,
so werden Sie ein Andenken nach Venedig mit zurcknehmen, da
ganz Italien darber in Entsetzen geraten soll.  (Ab ins
Nebenzimmer.)



Elfter Auftritt

Rappelkopf.  August.


Rappelkopf.
Nein, das ist nicht mein Ebenbild.  Der bertreibt.  Das ist
ein schauderhafter Mensch, ich krieg einen ordentlichen Ha
auf ihn.  Wenn der so fortwtet, in acht Tagen sind wir alle
zwei hin.

August (der mit sich gekmpft).
Leben Sie wohl, Herr von Silberkern, gren Sie mein Malchen
und vergessen Sie mich nicht.

Rappelkopf.
Wo wollen Sie denn hin?

August.
Fragen Sie mich nicht.  Ich kann ohne Amalie nicht leben--
(Will fort.)

Rappelkopf.
So sein Sie nur ruhig, ich geh Ihnen mein Wort, Sie bekommen
sie.

August.
Wenn aber der Vater nicht will?

Rappelkopf.
Er will schon, der Vater, sorgen Sie sich nicht.  Gehen Sie
jetzt unterdessen fort, ich werde alles ausgleichen, und wenn
Sie Liebesbriefe haben, so geben Sie s' mir, ich werd sie
schon besorgen.

August.
Ach bester Onkel, ich mu Sie umarmen, o Freude, Freude,
verlassen Sie mich nicht, sagen Sie meinem Malchen--

Rappelkopf.
Gehen Sie nur--

August.
Nie werd ich Ihre Gte vergessen--

Rappelkopf (drngt ihn zur Tr hinaus).
Auf Wiedersehn!  (Allein.)  Das ist ein passabler Mensch.  Den
hab ich beinahe verkannt.  berhaupt fngt es bei mir an, etwas
Tag zu werden.



Zwlfter Auftritt

Habakuk.  Voriger.


Habakuk.
Euer Gnaden verzeihen, da ich meine Zuflucht zu Ihnen nimm,
mit meinen gndigen Herrn zu reden, ist zu halsbrecherisch.
Da sind Euer Gnaden viel gtiger.  Euer Gnaden haben mir doch
nur Arm und Bein entzwei schlagen wollen, und unter zwei beln
mu man das kleinste whlen, und da bin ich also an Euer Gnaden
geraten.

Rappelkopf.
Das ist gar ein dummer Mensch, ich kann gar nicht begreifen,
wie mich etwas beleidigen hat knnen von ihm.  Nu was hat Er
denn?

Habakuk.
Ein Anliegen, Euer Gnaden.

Rappelkopf.
Was denn fr eines?

Habakuk.
Sehen Euer Gnaden, ich--(Hlt inne und seufzt tief.)  Ich
halts nicht aus.

Rappelkopf.
Was hlt Er nicht aus?  (Beiseite.)  Das ist ein unertrglicher
Kerl, mir steigt schon die Gall auf.

Habakuk.
Euer Gnaden wissen, da ich das Bewute nicht mehr sagen darf,
und wenn das nicht anders wird, so mu ich zugrunde gehen.

Rappelkopf.
Aber was hat Er denn davon, wenn Er sagt, da Er zwei Jahr in
Paris war?

Habakuk.
Unendlich viel, es hat alles viel mehr Achtung vor einem.  Das
hab ich schon viel hundertmal an andern bemerkt.  Kurz, wenn
ich das verschweigen mu, ich bekomme eine Gemtskrankheit,
ich geh drauf.

Rappelkopf (unwillkrlich lchelnd).
Ich wei nicht, soll ich mich rgern oder soll ich lachen.

Habakuk.
Ich unterdruck es immer, und das macht mir Beklemmungen.
Denn ich war zwei--(Setzt ab.)  Sehn Euer Gnaden, mir wird
vllig nicht gut.

Rappelkopf.
Ja wegen was darf Ers denn nicht sagen?

Habakuk.
Er jagt mich ja fort.

Rappelkopf.
Wenn er es aber nicht hrt?

Habakuk.
Ja was glauben Sie denn, was der fr Ohren hat, die gehn ja
ins Unendliche.

Rappelkopf.
Schimpft in einem fort ber mich und wei es nicht.  Was ich
fr Grobheiten einstecken mu!  (Scharf.)  Wenn ers befohlen
hat, so mu Ers tun, ich kann Ihm nicht helfen.

Habakuk.
Also keine Rettung.  Ich empfehl mich Euer Gnaden!  aber es
wird eine Zeit kommen, wo es zu spt ist.  Ich habe meinen
Dienst ordentlich versehen, ich hab keinen Kreuzer veruntreut,
aber das ist meine Leidenschaft, von der kann ich nicht lassen.

Rappelkopf.
Nu so sag Ers--

Habakuk.
Ich trau mich nicht.

Rappelkopf.
Auf meine Verantwortung.

Habakuk.
Lassen sich Euer Gnaden statt mir fortjagen?

Rappelkopf.
Nun ja--

Habakuk.
Nun so versichre ich Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris,
aber das werd ich Ihnen nicht vergessen.  (Atem schpfend, als
fhlte er sich erleichtert.)  Das ist eine Wohltat, die nicht
zu beschreiben ist.

Rappelkopf.
Also ich erlaub es Ihm, von diesem Augenblick an, es wieder
zu sagen, unter der Bedingung, da Er nicht mehr ber seinen
Herrn schimpft.

Habakuk.
Oh, das ist ein Mann, wies gar keinen mehr gibt.  Und jetzt
erlauben Euer Gnaden, da ich Euer Gnaden umarmen darf.  Euer
Gnaden sind mein Wohltter, mein Vater!  Heut bringt kein
Mensch mehr ein anderes Wort aus mir heraus als: Ich war
zwei Jahr in Paris.  (Ab.)

Rappelkopf (allein).
Es ist unglaublich, der eine mcht gern ewig verliebt sein,
und dieser ist wieder zufrieden, wenn man ihm erlaubt, da
er sagen darf, da er zwei Jahr in Paris gewesen ist.  Es
ist lcherlich, und doch findet er seinesgleichen.  Es hat
halt jedermann sein Steckenpferd.

Arie
Die Welt, ich schreib ihr die Devise,
Ist blo ein wahnberauschter Riese.
Der eine sprch gern mit den Sternen,
Der andre mcht gern gar nichts lernen,
Der dritte denkt, zum Existieren
Mt sich die Menschheit parfmieren.
Der luft im Wahn dem Wasser zu,
Der andre lt dem Wein kein Ruh.
Der ist so bld wie ein Stck Holz,
Und jener kennt sich nicht vor Stolz.
Der sitzt und erbt zehntausend Gulden,
Der luft herum und ist voll Schulden.
Oft mcht der eine avancieren,
Der andre mcht sich retirieren.
Der Blinde mcht gern Augen finden,
Und mancher sieht und mcht erblinden.

So dreht die Welt sich immer fort
Und bleibt doch stets an einem Ort.
Der Egoismus ist die Achse,
Der Hochmut zahlt am End die Taxe.
Die Erd, es kmmt darauf heraus,
Ist nur im Grund ein Irrenhaus.
Und wie ich nach und nach gewahr,
So bin ich selbst ein groer Narr.



Dreizehnter Auftritt

Voriger.  Sophie, Malchen und Lischen treten ein.


Sopie.
Lieber Bruder, was sagst du zu dem Betragen meines Mannes?
Hab ich das um ihn verdient?

Rappelkopf.
Nein, liebe Schwester, so lang ich da bin, nicht.  (Beiseite.)
Wenn nicht noch was nachkommt.

Malchen (weint).
Ach Onkel, jetzt ist mein Unglck entschieden.

Rappelkopf.
So trste dich, Malchen!  (Beiseite.)  Nur um das Kind ist
mir leid, an den andern allen liegt mir nichts.


(Man hrt von innen luten.)

Lischen.
Er lutet.  Wer geht denn jetzt hinein?

Sopie.
Mich will er ja nicht sehen.

Rappelkopf.
Und ich mag ihm nicht sehen.

Lischen.
Ich trau mich nicht hinein.

Malchen.
Ich auch nicht, liebe Mutter.

Rappelkopf.
Ich bin ungemein beliebt.

Malchen.
Lieber Onkel, gehen Sie!

Rappelkopf.
Ich?  Ich nicht.  (Beiseite.)  Ich frcht mich vor mir selber.


(Es lutet wieder.)

Sopie.
Er lutet wieder.  Ich mu doch--

Lischen (schnell).
Ich geh schon, gndge Frau.  (Steckt den Kopf zur Kabinettstr
hinein und ruft.)  Was befehlen Ihro Gnaden?

Astragalus.
Frisches Wasser!  schnell!

Alle drei.
Was ist ihm denn?

Lischen.
Er sitzt erhitzt am Fenster, es scheint ihm nicht wohl zu
sein, er ruft nach Wasser.

Sopie.
Bring Sie welches.  Wenn er nur nicht krank wird!


(Lischen geht ab.)

Rappelkopf.
Nu wr nicht bel, das knnt ich brauchen.

Sopie.
Am Ende trifft ihn noch der Schlag.

Rappelkopf.
Hr auf, mir wird schon vllig bang.

Sopie.
Gib die Hausapotheke her!  Niederschlagendes Pulver!

Rappelkopf.
Nur geschwind etwas Niederschlagendes.

Malchen (nimmt sie aus dem Schrank).
Hier ist sie.

Lischen (ein Glas Wasser bringend).
Hier ist Wasser!

Rappelkopf.
Wartet nur, ich werd es selbst hineinrhren.  (Tut es.
Fr sich.)  Ich mu ja schauen auf mich, was wr denn das?

Lischen (die am Kabinett gehorcht, springt weg davon).
Er kmmt.



Vierzehnter Auftritt

Vorige.  Astragalus aus dem Kabinette.


Astragalus.
Also so werden meine Befehle respektiert?  (Zu Sophie.)  Was
machst du hier?  Was hat der Maler hier im Hause wollen?  Wir
sprechen uns schon noch.

Sopie.
So sei nur ruhig, lieber Mann, dir ist nicht wohl, setz dich
doch und nimm Arznei.  (Sie reicht ihm das Glas.)

Astragalus (wild).
Wasser will ich, und sonst nichts.

Sopie.
Du mut, ich darf dich nicht erkranken lassen.  So nimm, ich
bitte dich.

Astragalus.
Nein!

Malchen.
Lieber Vater, nehmen Sie.

Rappelkopf.
Es gehrt wirklich eine Geduld dazu.  Ich mcht mich selbst
ohrfeigen, aber auf seinem Gesicht.

Astragalus.
So gib denn her.  (Er nimmt das Glas.)  Hlle, was ist das?
der Trank ist trbe.  Gesteh, du hast ihn mir vergiftet.

Malchen.
Aber Vater--

Lischen.
Gndger Herr!

Astragalus.
Da hilft kein Leugnen mehr, der Trank ist Gift.

Rappelkopf.
Ah, das ist noch ber den Zichori.

Sopie.
So hr doch nur, es ist ja niederschlagendes Pulver.

Astragalus.
Es ist nicht wahr.

Rappelkopf.
Ich schlag ihn noch ohne Pulver nieder.

Astragalus (wirft das Glas um die Erde).
Ich bin in meinem eignen Haus des Lebens nicht mehr sicher.

Rappelkopf.
Entsetzlich!  meine eigenen Worte.

Astragalus.
Mein Weib ist eine Mrderin.  Darum herab mit euch, ihr
Frchte, die fr meinen Ha gereift.  (Entreit Sophien ihre
Halskette, woran sein Portrt hngt.)  Was trgst du hier
am Hals?  hinweg damit, du sollst kein Angedenken von mir
tragen als den Fluch, womit ich deine Bosheit krnen will.
So hr mich denn, du mrderisches Weib--

Rappelkopf.
Genug, genug!  das ist der ganze Narr wie ich, ich kann mich
selber nicht mehr anschauen mehr.

Sopie (fllt in einen Stuhl).
Ich unglckselges Weib!

Astragalus.
Verla mein Schlo, ich will allein hier hausen, und mein
Geschft heit Menschenha.  Ich will von dir und von der Welt
nichts wissen mehr, verwnsche dich, verwnsch mein Kind--

Rappelkopf.
Nein Sapperment, jetzt wirds mir z'viel.  Der Mensch verflucht
mir 's ganze Haus.

Astragalus.
Geh hin zu deinem Maler, treib es bunt, wie ein Chamleon
sollst du in allen Farben prangen, werd grn vor Galle,
blau von Schlgen, rot vor Schande, wei vor Kummer, gelb
von Fieber, grau vom Alter und--

Rappelkopf (freudig).
Das ist gscheid, jetzt gehn ihm d' Farben aus.

Astragalus.
Doch la dich nimmermehr vor meinen Antlitz sehen, verleugne
mich, ich bin dein Vater nicht--

Malchen (umklammert weinend seine Knie).
Vater, Barmherzigkeit, verstoen Sie mich nicht!

Astragalus.
Hinweg von mir!  (Stot sie fort.)

Rappelkopf.
Das leid ich nicht--potz Donnerkeil und Wolkenbruch--Nun
hab ichs satt, ich mu mich um meine Familie annehmen.  Der
Mensch ruiniert mir Weib und Kind.  Sapperment!  Sie sind kein
Mensch, ein Teufel sind Sie, der mich schwrzer darstellt,
als ich bin.

Astragalus.
Du kommst mir eben recht, du schndlicher Betrger!  Gib mir
Genugtuung dafr, da du Komplotte hinter meinem Rcken
schmiedest.  Gib Rechenschaft--(er packt ihn an der Brust)
wie mein Vermgen steht--

Malchen.
Zu Hlfe!  Onkel!

Sopie (gleichzeitig).
Zu Hlfe!  Bruder!

Lischen (gleichzeitig).
Zu Hlfe!

Rappelkopf.
Was?  anpacken?  Ha, Entehrung!  Satisfaktion, Duell!


(Alle Hausleute.)

Astragalus.
Pistolen her!

Rappelkopf.
Kanonen her!

Astragalus (nimmt Pistolen von der Wand).
Hier sind sie schon.

Rappelkopf.
Das wird ein Treffen wie bei Navarin.

Sopie.
Mann, ich bitte dich um alles in der Welt!

Astragalus.
Umsonst!

Malchen.
Onkel, sind Sie doch vernnftig!

Rappelkopf.
Geh weg, ich hab keine Zeit dazu.

Astragalus.
Fnf Schritte sind genug.  Wir schieen uns zugleich.  Zhl drei!

Sopie.
Vershnt euch doch!

Rappelkopf.
Wir sind die besten Freund, jetzt sind wir erst auf du und
du.  Geh fort, ich mu.  (Zhlt und zielt.)  Eins, zwei--

Sopie (fllt in Ohnmacht).
Ach!

Rappelkopf.
Die fallt schon um, ich hab noch gar nicht gschossen.

Malchen.
Die Mutter stirbt!

Rappelkopf.
Sie soll noch warten, sag!

Astragalus.
Drck los!

Malchen (umschlingt ihren Vater).
Ach Onkel, halten Sie, sonst tten Sie zwei Menschen.

Rappelkopf (prallt zurck).
Was?  Himmel, jetzt fallt mir was ein, ich kann mich gar
nicht duellieren mit ihm!  Wir haben nur alle zwei ein
Leben.  Wann ich ihm erschie, so schie ich mich selber
tot.  Wenn ich jetzt losdruckt htt, jetzt wrs schon gar.

Astragalus.
Mach fort!  warum besinnst du dich?

Rappelkopf.
Nu wenn sich einer da nicht besinnen soll, hernach gehts recht.

Astragalus.
Nur einer fllt, ich oder du.

Rappelkopf.
Das kann nicht sein, wir falln in Kompagnie.

Astragalus.
Gleichviel, es geht auf Leben und Tod.  (Zielt.)

Rappelkopf.
Halt, es geht auf Tod und Tod.

Astragalus (geht auf ihn zu).
Warum willst du nicht schieen, feiger Wicht?


(Sophie hat sich indessen erholt.)

Rappelkopf.
Weil mich meine Schwester dauert--ich will sie nicht zur
Witwe machen--, und ihr Kind, und ihr Schwager, und die
ganze Freundschaft.  (Beiseite.)  Das ist eine Schande, ich
wei gar nimmer, was ich sagen soll.

Astragalus.
Ich will mein Leben nicht fr sie erhalten, und dir will
ichs am wenigsten verdanken.  Es gilt mir nichts, ich werf
ihn weg, den unschmackhaften Rest des altgewordnen Seins,
ich brauch ihn nicht.

Rappelkopf.
Wie der mit meinem Leben herumwirft, und ihm gehts gar
nichts an.

Astragalus.
Doch deine Feigheit will ich nicht hier dulden, du packst
dich fort aus meinem Haus, sonst werf ich dich hinaus--

Rappelkopf.
Jetzt wirft er mich gar aus meinen eignen Haus?  Der Mensch
spielt noch Ballon mit mir, und bring ich ihn recht in Zorn,
so trifft uns alle zwei der Schlag.  Ich wei gar nicht, was
er noch immer will, ich sehs ja ein, ich war ein unvernnftig
Tier, ein Tiger, drum will ich wissen, was denn jetzt noch
kommt.  (Habakuk mit einem Brief tritt schnell ein.)

Habakuk (eintnig).
Ein Brief.

Rappelkopf.
Aus Paris?  Du Dummkopf!

Habakuk.
Nein, dasmal ist er aus Venedig.

Astragalus (schiet darauf los).
Aus Venedig?  her damit!

Rappelkopf.
Her damit!  Der intressiert mich selbst.  (Will hineingehen.)

Astragalus (fhrt ihn an).
Was wollen Sie?

Rappelkopf (erschrickt).
Ja so!  Jetzt darf ich meine eignen Briefe nicht lesen.
Verdammter Doppelgnger du!  (Astragalus wird whrend des
Lesens unruhig und bleich und zittert.)  Das mu eine schne
Nachricht sein.

Astragalus (lt zitternd das Blatt fallen und sagt mit
Entsetzen).
Ich bin verloren!

Rappelkopf (fngt zum zittern an).
So bin ichs auch.

Astragalus (sinkt in einen Stuhl.)
Mir wird nicht wohl.

Rappelkopf.
Und mir wird bel.  (Sinkt in den gegenberstehenden Stuhl.)

Astragalus.
Ich geh zugrunde

Rappelkopf.
Ich bin schon hin.

Alle.
Wasser!  Wasser!


(Die Weiber sind besorgt.  Lischen luft ab.)

Astragalus (springt auf).
Wasser!  Ja, ihr erinnert mich darauf.  (Zu Rappelkopf) Du
Verrter bist an allem schuld.  (Strzt ab.)

Rappelkopf (springt auch auf).
Nein, mein Schwager ist an allem schuld!  Wo ist der Brief?
(Liest.  Erstarrt.)  Mein Herr, ich berichte Ihnen, da das
Handlungshaus, bei welchem Ihr Vermgen liegt, ge--ge--
fallen ist. Ich lieg schon da--ich streck schon alle vier
von mir.  (Lischen kommt zitternd.)

Lischen.
Hlfe!  Hlfe!  der gndge Herr ist fort, er ruft, er wolle
sich ersufen, er strzt sich in den Strom.

Sopie.
Mein Mann!

Malchen.
Der Vater!

Alles.
Eilt ihm nach!  (Alles strzt ab.)

Rappelkopf (kann vor Angst nicht von der Stelle).
Halts ihn auf, den unglckselgen Kerl, was der Mensch mit
meim Leben treibt!  Ich komm aus einen Tod in den andern
hinein.  (Die Knie brechen ihm.)  Ich kann nicht fort, er
springt hinein.  Er ist schon drin, ich fang zum schwimmen
an.  (Schleppt sich fort.)  Der Himmel steh mir bei, dasmal
ein Menschenfeind, in meinem Leben nimmermehr.  Verzweiflung,
gib mir Kraft, sonst mu ich untergehn.  (Ab.)



Fnfzehnter Auftritt

Verwandlung
Freie Gegend vor dem Schlosse.  Im Hintergrunde ein tiefer
Strom, an der Seite ein hoher Fels.

Alle Hausleute.  Malchen.  August.  Astragalus wird gehalten.
Sophie kniet vor ihm.  Gruppe.


Chor.
Haltet ihn, haltet ihn!
Seht, er will entrinnen.
Lat ihn nicht, lat ihn nicht,
Denn er ist von Sinnen!

(Astragalus reit sich los und eilt auf den Fels.  In dem
Augenblick erscheint)

Rappelkopf (und ruft).
Halt!


(Astragalus springt hinab.  Rappelkopf fllt ohnmchtig in
die Arme seiner Frau und Tochter.)


Schnelle Verwandlung in den Tempel der Erkenntnis.  Hohe
Sulen von Kristall mit Gold geziert.  Auf der Hinterwand
eine groe Sonne, in deren Mitte die Wahrheit schwebt.  Vor
ihr ein Opferaltar.  Astragalus' Gestalt, welche in das
Wasser sprang, war eine falsche.  Dieser zeigt sich nun
wie zu Anfang des zweiten Aktes.  Mit ihm ideal gekleidete
Alpengeister.  Rappelkopf hat sich indessen in seine wahre
Gestalt verwandelt.  Sophie.  Malchen.  August.

Astragalus (zu Rappelkopf).
Willkommen hier in der Erkenntnis hellstrahlendem Tempel,
im wahrheiterleuchteten Saale.  Ich sehe dich beschmt und
reuergriffen vor mir stehen.

Rappelkopf.
Ja leb ich denn noch?  Bin ich denn nicht in Kompagnie ersoffen?

Sopie.
Du lebst noch, lieber Mann!

Malchen.
Sie leben, lieber Vater!

Rappelkopf.
Und knftig nur fr euch.  (Umschlingt sie beide.)  Wenn ich
euch nicht zu schlecht bin, da ihr fr mich auch lebt.

Astragalus.
Du hast nun Menschenha geschaut und eines Menschenfeindes
Ende.

Rappelkopf.
Und ist er denn wirklich hin, dieser verwnschte
Lebenskompagnon, dieses Zerrbild meiner Unvertrglichkeit?

Astragalus.
Er ist verschwunden wie dein Menschenha.

Rappelkopf.
Nu das waren ein Paar saubre Leute, ich bin froh, da ich
sie losgeworden bin.  Aber weil Eure Hoheit gar so viel
vermgend sind, knnten Sie denn nicht auch etwas ber
mein verlornes Vermgen vermgen.  Damit ich auch meinem
Schwager verzeihen knnt, weil er der einzige ist, den ich
noch hasse.  (Man hrt ein Posthorn.  Linarius, als Postknecht
gekleidet, mit Herrn von Silberkern.)

Linarius.
Hier lad ich meinen Passagier von seiner Wolkenreise ab.
Die Alpenluft hat ihm recht gut getan.

Silberkern.
Nu wart, du saubrer Postillon!  Herr Schwager, seh ich Sie
einmal?

Rappelkopf.
Sie sind mir schon der liebste Schwager, jetzt kommt er erst
daher, wenn schon alles vorbei ist.  Sie sind an meinem Unglck
schuld, ich bin ein Bettler.

Silberkern.
Von einmalhunderttausend Gulden Mnze, die ich ohne Ihre
Einwilligung bei dem Bankier erhoben habe, bevor das Haus
noch fiel.  Weil ich Wind bekam und Ihr Vermgen retten
wollte, das ich Ihnen hier in Wechseln bergebe.

Rappelkopf.
Ach, das ist ein Schwager, den la ich mir gfallen, der
bringt doch was ins Haus.  (Umarmt ihn, Silberkern umarmt
Sophie.)  Kinder, mein Vermgen, die Menge Wechsel, ich bin
vllig ausgewechselt vor lauter Freuden.  Herr Schwager, das
werd ich Ihnen nie vergessen.

Silberkern.
Zahlen Sie mir lieber meine Angst, die ich Ihretwegen ausstehn
mute.

Rappelkopf.
Ich geh Ihnen die meinige dafr, Sie kommen nicht zu kurz.

Silberkern.
Aber wie hngt denn das alles zusammen?

Rappelkopf.
Freund, das werden wir Ihnen morgen frh erzhlen, sonst mcht
es den Leuten zu viel werden.  Denn ich hab heut schon so viel
geredet, da ich nichts mehr sagen kann als: (zu August)
Sie sind mein Schwiegersohn.  Nehmen Sie sie hin.  Aber Sie
sind ein Maler, schmieren Sie s' nicht an.  Lieben Sie s' so,
wie ich Sie unrechterweise gehat habe, dann kann sie schon
zufrieden sein.

August, Malchen (zugleich).
Bester Vater!

Rappelkopf (auf den Alpenknig zeigend).
Dort bedankt euch.

August, Malchen (strzen zu Astragalus' Fen).
Groer Alpenknig, Dank!

Astragalus (mit Rhrung).
Ich hab dir gestern einen Kranz versprochen,
Als ich dein Leid im Alpentale sah.
Du siehst, ich habe nicht mein Wort gebrochen,
Das Leid ist fort, der Kranz ist da.


(Er nimmt einen Kranz aus schnen Alpenblumen von glnzender
Folio, den ihm einer von den Alpengeistern reicht, und setzt
ihn Malchen auf.)

So nimm ihn hin, du Mdchen seltner Art,
Das treulich hlt, was liebend es verspricht,
Und weil ich euch so vterlich gepaart,
Verget auch auf den Alpenknig nicht.


(Geht ab.)

Rappelkopf.
Kinder, ich bin ein pensionierter Menschenfeind, bleibt bei
mir, und ich werde meine Tage ruhig im Tempel der Erkenntnis
verleben.

Schlugesang
Erkenntnis, du lieblich erstrahlender Stern,
Dich suchet nicht jeder, dich wnscht mancher fern.
Zum Beispiel die Leute, die uns oft betrgn,
Die wolln nicht erkannt sein, sonst wrden s' nicht lgn.
Doch seien vor allen die Schnen genannt,
Die werdn von uns Mnnern am ersten erkannt.
Die Guten, die brauchen schon lngere Zeit,
Obwohl die Erkenntnis dann ewig erfreut.

Die Jugend will oft mit Erkennen sich messen,
Die hat den Verstand schon mit Lffeln gegessen.
Doch rckt nur das Alter einmal an die Reih,
Dann kommt die Erkenntnis schon selber herbei.

Der Mensch soll vor allem sich selber erkennen,
Ein Satz, den die ltesten Weisen schon nennen,
Drum forsche ein jeder im eigenen Sinn:
Ich hab mich erkannt heut, ich wei, wer ich bin.

Erkannt zu sein wnscht sich vor allem die Kunst.
Die feine Kokette bewirbt sich um Gunst.
Und wird sie auch heute mit Ruhm nicht genannt,
So werde denn doch nicht ihr Wille verkannt!


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Alpenknig und
der Menschenfeind, von Ferdinand Raimund.





*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER ALPENKONIG UND DER MENSCHENFEIND ***

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