The Project Gutenberg EBook of Das hohe Ziel der Erkenntnis
by Omar Al Raschid Bey

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Title: Das hohe Ziel der Erkenntnis

Author: Omar Al Raschid Bey

Release Date: July, 2004  [EBook #6110]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on November 10, 2002]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DAS HOHE ZIEL DER ERKENNTNIS ***




This etext was produced by Frank Rossi with technical assistance from
Michael Pullen.







DAS HOHE ZIEL DER ERKENNTNIS

ARANADA UPANISHAD

VON

OMAR AL RASCHID BEY

HERAUSGEGEBEN VON
HELENE BHLAU AL RASCHID BEY


1912



DAS HOHE ZIEL DER ERKENNTNIS




Alphabetische Zusammenstellung der in den Text unbersetzt
aufgenommenen Sanskritworte.


adhyya,  Lehrabschnitt

ksha,  Erscheinung. Grundbedeutung der Wurzel ksh (ks, k),
Licht, Schein; in Ableitungen und Zusammensetzungen: erschauen,
sichtbar werden, zutage treten, erscheinen.
* Derselbe Laut in derselben Bedeutung ist auch in slawischen Sprachen
erhalten (russisch: -------). Hierzu wolle man die philosophisch tiefe
Bedeutung  des Wortes 'er-Schein-ung' in Betracht ziehen, wie solche
sich in weit auseinander liegenden Sprachstmmen vorfindet: '-------'
(swjet) russisch, bedeuted gleichzeitig Welt und Lichtschein;
ungarisch: 'villg' Licht, Schein und Welt; japanisch; 'atstsuyo'
Schein und Welt etymologisch: erwachtes Leben). *
Danach wre ksha 'Welterscheinung'. Zu dieser Grundbedeutung kommt
aber noch die weitere: 'Raumzeitlichkeit' hinzu. Diese ist in der
vedischen Literatur in einer Reihe von Stellen nachweisbar, welche
Stellen erst durch solche Duplizitt der Bedeutung volle Klarheit
erlangen; siehe vor allem Brihad-ranyaka-upanishad 3,8 und die
Ausfhrungen im Oupnek'hat; dort spricht es Ydschavalkya mit
deutlichen Worten aus, da ksha 'Raum und Zeit' bedeute und my,
das heit 'Schein' sei.
* Im Gegensatz zu raum-zeitlicher Welt-Erscheinung wird das Wesen der
Welt als 'anksham raumzeitlos' bezeichnet. Dazu hat sich die gleiche
Doppelbedeutung des Wortes auch im Pli erhalten: 'avakso' gekrzt:
'okso' bezeichnet Raum und Zeit zugleich; 'oksam karoti' heit Platz
schaffen, Zeit und Raum finden. (An das Heraklitische: 'Urkrper ist
die Zeit' sei hier erinnert.)--So viel an dieser Stelle um die
Wiedergabe des Sanskritwortes ksha auf dessen Grundbedeutung
gesttzt, nicht wie bisher blich durch Weltraum oder ther, wohl aber
durch 'Erscheinung'--zeitrumlicher Welterscheinung Urbestand,
sub-stantia, zu rechtfertigen; vergleiche
Nrisimhaprvatpanyaupanishad 3: "darum soll man ksha als den
'Weltkeim' wissen".*

randa  wre etwa durch 'Sturmesausklang' wiederzugeben.

ashma  hat die doppelte Bedeutung: Hammer und Ambos.

asmit,  Ich-bin-heit. "Die Ichheit wird ein Wahn genannt, der uns an
ein eigenes Sein glauben lt" Skhya Krik 24, 25.

tm,  Seele, etymol. Atem; das der Welt zu Grunde liegende Wesen:
brahma in der Erscheinung.--Die bliche bersetzung: 'das Selbst'
ist zu verwerfen solange das Wort 'Selbstsucht' im ethisch
entgegengesetzten Sinne verwendet wird.

Bhagavat-gt, das Hohelied der Gottheit, Episode aus dem
Mahbhrasu-Bhagavadgtopanihad, die vom Erhabenen verkndete
Geheimlehre.

bdhisattva,  der Erwacht-erkennende.

brahma,  das dem Weltall zu Grunde liegende Wesen--Gottheit.

Brahma,  der Gott Brahm, das exoterisch zum Zwecke der Verehrung
persnlich aufgefate brahma.--Der Tag Brahm = Evolution der
Erscheinungswelt.

Buddha,  etymol. der Erwachte.

buddhi,  Erkenntnis; etymol. das Erwachen.

dvandva,  Paarzustnde, Gegenstze.

dvandva vidya,  die Lehre vom Gegensinn in der Erscheinung.

gt,  das Lied; siehe Bhagavadgt.

himavat,  Heimat des Schnees, ltere Form fr Himlaya.

gt,  das Lied; siehe Bhagavadgt.

himavat,  Heimat des Schnees, ltere Form fr Himlaya.

shvara,  der Herr, Gott.

kma,  Liebe, Trieb, Begierde (griechisch: --------). Die in der Upanishad
festgehaltene Verdeutschung durch 'Verlangen' rechtfertigt sich durch die
vielsagende Bedeutung des deutschen Wortes, welches eine
Unzulnglichkeit und aus dieser ein 'Langen' nach  'nicht-langen' ein
'daneben-langen' und daraus wieder ein 'etwas-zu-sich- haben-wollen'
--Verlangen nach Ergnzung.

karma,  Tat und Taterfolg, Werk, Wirklichkeit; Gesetz der
Wiedervergeltung, ausgleichende gttliche Gerechtigkeit.

mahtma,  Grobeseelter, etymol. Macht-Atem.

My,  das Blendwerk der empirischen Realitt; may = durch mich, also
'may my' = durch mich, mit mir ist Maya!

manas,  Verstand, Urteil.

nirvn,  Seligkeit, erloschenes Verlangen.

om,  feierliche Bejahung, erfurchtsvolle Anerkennung; geistige
Vertiefung anstrebender, Heiliger Ausruf, mystische, das All
umfassende Silbe.

Pradschpati,  mythologische Personifikation der Schpferkraft.

rishi,  kniglicher Weiser, Seher.

samsra  im Gegensinn zu nirvna: Kreislauf der Erscheinungswelt, das
sinnliche Da-sein.

savitar,  der Erreger: die Sonne.

upanishad,  Geheimlehre, philosophischer Hhepunkt der Veden,
esoterische Erkenntnis.

Yavana,  Jonier; gemeint ist Aristoteles.

der Veda,  Sammlung indischer heilig erachteter Schriften; das
theo-sophische Wissen--Gottes-Weisheit.

* die mit Sternchen markierten Abschnitte bei der Erklrung des
Sanskritwortes ksha sind der 2. Auflage von 1917 entnommen. Es
handelt sich hierbei um zustzliche Begriffserklrungen des Wortes.
Ansonsten ist die 2. Auflage identisch mit der ersten von 1912. (Anm.
F.R.)




bersicht des Inhalts der Upanishad.

I. Einleitung.--Der Menschheit irdische Ziele.
Prfung des aufzunehmenden Schlers. Das Leid der Welt; Frage aller
Fragen. Ungelste Widersprche. Der Weg zur Erkenntnis.

II. Ursprung. Erscheinung. Verkrperung der Welt--ksha
Zeitrumliches Dasein der Welt. Raum ist nicht in sich. Zeit ist nicht
in sich. Raum und Zeit sind eins. Zeitrumliche Verkrperung ist im
Ich.

III. Aus Ursprung der Welt: Verlangen--kma
Weltschpferische Kraft des Verlangens. Wille im Ich ist Zeit; Unwille
im Ich ist Raum. Ich-entzweiung: rumlich entgegenstehendes Verlangen;
Ich-zwiespalt: zeitlich wechselndes Verlangen. Verlangen ist nicht in
sich; Verlangen ist im Ich.

IV. Aus Verlangen: Tat. Wirklichkeit der Welt--karma
Ursache und Wirkung. Freiheit und Notwendigkeit. Tat und Duldung. Lust
und Leid. Kein Gesetz dem Wissenden. Das Trinken der Vergeltung.
Ausgleichende Gerechtigkeit der Gottheit. Alles Grauen dieser Welt
ruht auf Lust. Alle Wirklichkeit dieser Welt ist im Ich.

V. Aus Tat: Verstand und Urteil--manas
Urteil widerspricht sich im Raum; Urteil wechselt in der Zeit; Urteil
hebt sich in sich selbst auf. Urteil ist nicht in sich. Urteil ist
Willensausdruck. Es gibt kein Urteil--Urteil ist Ich.

VI. Durch Erkenntnis: Erwachen aus der Erscheinung--buddhi
Das Verlangen der Welten. Sinnes-wahr-nehmung, My. Neigung.
Empfindung und Bewegung. Seele und Verkrperung. Das verlangende Ich
ist Weltschpfer. Die Welt denkt nur Einen Gedanken. Das
weltschaffende Wort. Das Problem der Vielheit. Die letzte
Ent-tuschung. Ich-lose Erkenntnis. dvandva-vidya, die Lehre von der
sich selbst aufhebenden Welt. Seiend nicht seiende Welten. Traum und
Wirklichkeit sind wesenseins. Das Durchschauen der Welt; Bekehrung;
unio mystika. Vollendung in Gottheit--nirvna.




VORWORT

    Er, der dieses Werk geschrieben, ist gestorben vor der Herausgabe.
Weil sein Werk der Niederschlag eines ganzen Lebens war, konnte es
auch nicht beendet werden, bis dies Leben erfllt wurde.
    Das Titelblatt, worauf ich in der Eigenschaft als Herausgeber
genannt bin, fand sich im Manuskipt so entworfen vor, wie es hier
gedruckt ist. Es war schon vorbereitet in einer Zeit, als der Tod gar
nicht nahe war. Andere sollten aussen, was in seiner Seele gereift
war.
    Da mir die Aufgabe zufiel, ist selbstverstndlich. Seine Lehre
war Inhalt meines Lebens geworden. Ich hatte ihre helfenden und
gestaltenden Krfte an mir lebendig gefhlt.
    Wie von einem Strom ist meine Seele von diesem Werke getragen
worden, aus Einheit durch die Vielheit der Erscheinungswelt mit ihrem
Heimatsverlangen, wieder zurck zur Einheit.
    In diesem Werke heit es: Aus einer Quelle fliet: sich eines
Andern Seele nhern, sich von eines Andern Krper nhren.
    Darber ist gesagt: "Aus Verlangen und Nhrung hat Brahma diese
Welt gebildet." "Darum lebt alles dieser Welt durch Nhrung, durch
einver-Leibung, durch an-Eignung; darum lebt alles Ich durch ein
anderes und lebt kein Ich ohne nicht-Ich, und lebt alles Ich durch
nicht-Ich, seelisch und sinnlich.
    Also beschrnkt sucht Ich Unbeschrnktheit, also unvollstndig
sucht Ich Vollstndigkeit, also unvollkommen sucht Ich Vollkommenheit,
also verstoen, sucht Ich nach dem verlorenen Paradiese, also einsam
schreit Ich um Hilfe--es verlangt nach Allumfassen, nach
All-einheit, nach Vollendung,--nach Nirvana."
    Tief wurde meine Seele von den Bildern des Verlangens dieser Welt
bewegt. Zu hchstem Einklang sah ich das irrende gequlte Verlangen,
dieser in Qual und Lust erbebenden Erschein-ungswelt sich vor meinen
Augen verwandeln. Eine Erlsung sondergleichen, von der Natur selbst
vollzogen. Trost und Ruhe stieg aus diesem Weke auf. Kein Wort traf
meine Seele, das bersinnlich zu werden trachtete, aber ein gewaltiger
Strom nahm die heimatlose Seele auf und trug sie unaufhaltsam einem
unaussprechlichen Ziele zu, vor dem jeder Gedanke und jedes Wort
umkehrt.
    Mir schien dieses Werk wie eine Heimat und Zuflucht derer, die
sich scheuen vor jedem Wort und jedem Bild, das sich ihrer
Heimatssehnsucht erbarmen mchte.
    Mit Naturnotwendigkeit fhlte ich mich ber das unstillbare
Verlangen dieser Welt hinauswachsen, ohne Weltflucht--durch
Weltvertiefung, durch Versenken in die Welt der Erscheinung und des
Verlangens. "Anziehung und Abstoung ist Verlangen, brnstige Wnsche
--inbrnstiges Gebet--Liebe wie Ha. Niederste Gier ist Verlangen
nach dem Hchsten."
    Nichts ist zu niedrig, um nicht das Hchste zu bergen! Welch
erbarmungsvoller Gedanke!--Von diesem Standpunkt aus--eine
Heiligung sondergleichen der ganzen Natur. Ihre Geheimnisse und
Schrecken, wandeln sich in uns zum Hchsten, wir brauchen der Natur
nicht zu entfliehen; wir sind geborgen. Die Welt--zu Ende gedacht--
ist Erlsung.
    Das ist der Standpunkt, von dem es mir mglich war, alles, was
diese Lehre mir bot, zu erfassen.
    Und wenn ich mich frage: Was hat dem Werke, vordem es in die Welt
geht, so viel Macht gegeben auf  jene Menschen, die ihm bereits nahe
traten, so mag es wohl dies sein, auf das ich hier hindeute, und was
einer der teuren Freunde, die mit dem Werke lebten, aussprach: "Es
wurde eine Heimat, ein Ruheplatz, wohin ich stets zurckkehren werde,
wo ich mich hingehrig empfinde, es wurde mir ein ureigenster Besitz."
    Auch die Einheit dieses Werkes ist auf dem schweren Weg durch die
Vielheit enstanden. Seine Krze ist die Tat langer Jahre eines Lebens.
Ich kenne den weiten Weg, ich durfte ihn mitgehen, der zurckgelegt
werden mute, um solches Ineinandergreifen aller Teile zu schaffen, um
solche einheitliche Zusammenfassung aus dem Ganzen herauswachsen zu
lassen. Ich erlebte es mit, welch starke Verbindung schrfster
Verstandesttigkeit mit den Krften seelischen Schauens dazu gehrt,
um die schwierigsten Gedankengnge und ihre anfnglich unmglich
erscheinenden Ergebnisse zu solcher Einfachheit der Vorstellung, zu
solcher Selbstverstndlichkeit des Ausdrucks auszugestalten.
    Es war ein langsames Schaffen; aber ein sicheres Wachsen, immer
aus dem Lebenszentrum, dem Ich-Punkt heraus. So entsteht ein
Naturgebilde.
    Alles von der Natur Geschaffene stellt sich uns mit so sicherer
Selbstverstndlichkeit dar, da wir nur schwer dazu gelangen, seine
Bedingtheit aus unendlicher Zusammensetzung zu begreifen.
    Alles Vereinheitlichte und darum Einfache ist schwer zu ergrnden.
Das gilt auch fr diese Schrift: sie lesen zu knnen--das ist eines
schwere Kunst und Wenige werden sich dazu hinringen.
    Paracelsus sagt:
    "Was unmglich gesagt wird, was unverhofflich und gar verzweiflich
ist, wird wunderlich wahr werden und soll sich niemand verwundern ber
den kurzen Weg und kurzen Begriff, denn das Viele ist die Quelle von
vielem Irrtum."
    Wir lernten "das sich dazu hinringen" durch ihn selbst. Er war uns
der Pfrtner, der uns das schwere Tor auftat.
    Durch ihn empfanden wir, wie wenig alle Worte sagen, selbst seine
Worte, die nicht mehr nur Worte der Sprache sind, die zu tiefen
Bildern fast unsagbarer Dinge wachsen.
    An der Bildung der Worte, der Enstehung der Sprache, waren, wie
bei allem Schaffen, die hchsten Ahnungen lebendig mit am Werke.
    Diese ursprnglichen Ahnungen tiefster Wahrheiten scheinen
gleichsam durch die viel gebrauchten Worte hindurch, wachen wieder
auf, sprechen sich im Worte selber wieder aus, sobald die Sprache
schpferisch behandelt wird.
    Die khnste Anwendung der Sprache deckt sich hier mit ihrem
urprnglich einfachsten Sinn.
    Es ist, als ob nicht ein einzelner Mensch sprche, sondern als ob
der Geist der Sprache sein wissen von sich selbst offenbarte.
    Der, der diese tief lebendige, wissende Sprache sprach, ging den
Weg seines Werkes. "Wortlos das Letzte" ist dort das Schluwort. Er
hat auch davon uns noch ein Stck erfassen lassen durch seinen groen
Tod. In Schweigen versank die Sinnenwelt, das unaussprechliche
leuchtete auf, das gesucht, in sich und in allen Dingen, lebenslang;
verklrt fhlte er es nahen.
    Dieses Buch ist seine Wegspur dorthin.--Zu Ende der Weg;
erreicht das Ziel;--wortlos das letzte.
    Fr mich ist es eine Notwendigkeit, ebenso gewollt wie schmerzlich
und doch freudig, den innig behteten Besitz, der bisher nur still und
verehrt Nahestehenden dargeboten wurde, ffentlich hinauswirken zu
lassen in die groe, dieser Lehre so fremde Welt, damit sie die
Wenigen finde, denen sie ihre Leuchtkraft mitteilen soll, die ein
inneres Recht auf sie haben.
    Solche wird sie finden; ich wei es, weil nicht ich allein die
heilsame Klrung im Wirrsal des Lebens daraus empfing. Ein Kreis von
Schlern und Verehrern hatte sich langsam um den zurckgezogenen
Denker versammelt.
    Es lag mir nahe, Aussprche der kleinen Gemeinde dem Werke
mitzugeben, eine wrmende Hlle von Liebe, die sich bereits darum
gebildet hatte;--scheint doch dies Werk auf den ersten Eindruck dem
gegenwrtigen Leben so fern, als sei es aus dem Weltenraum auf die
Erde gefallen; denn was aus Sehnsuchtsglut, die nie am Vergnglichen
Gengen fand, geboren wurde, ist wie von der Unendlichkeit, die fr
uns nicht irdische Lebenwrme birgt, angehaucht.--Ich tat es nicht
und gab ihm nur  meine groe Liebe mit, die ihm durch ein Leben
gehrte.

Helene Bhlau al Raschid Bey.





DAS HOHEZIEL DER ERKENNTNIS
-- randa-upanishad --




I.
IRDISCHE ZIELE
-- samsra --


    So lautet die Upanishad:
    om!
    Auf das Gehei des Verehrungswrdigen! Diese Unterweisung
niedergeschrieben zu Stambul, im indischen Kloster auf Akssarai,
begonnen am fnfzehnten Tag des Monats rebi l evel im Jahre
dreizehnhundertundvier.

*

    Der Verehrungswrdige spricht:
    "Frieden sei aller Erscheinung!"
    "Du hast, o Teurer, deinen Wissensweg fern von uns gesucht; hast
du, im Abendlande belehrt, des Wissens Ziel--: 'Befriedigung'
erreicht? Welches Begehren fhrt dich hierher?"
   --"Verehrungswrdiger..."--
    "Suchst du weitere Gelehrsamkeit oder verlangt dich, aus
Nichtigkeit hinaus, nach letzter Erkenntnis?--Erfasse es wohl! denn
unermelich ist, in allen Ewigkeiten und Unendlichkeiten unermelich,
was du--erkennend--erringst."
   --"Verehrungswrdiger! Ein Schler steht vor dir, das Holz zum
Opfer in der Hand..."--
    "Nun wohl!... Was von groen Fragen bewegt dich?"
   --"Das Leid auf Erden, o Herr! Die Unabwendbarkeit des
Verderbens, das Grauen und die Qualen der Geschpfe--Woher ist der
Ursprung des bels in unserer Welt?"--
    "Ursprung des bels? Hast du, o Teurer, was du so nennst, wohl
erfat und vermchtest mit klaren Worten zu antworten?"
   --"Keine Antwort, Verehrungswrdiger!"--
    "Hat dich, o Teurer, dein Lehrer ber den Sinn der Fragebelehrt?"
   --"Verlangend war ich, o Herr..."--
    "So hast du im Abendlande Wissen hierber nicht erlangt?--Wer
von Lehrern dort gibt Antwort--letzte Erkenntnis, unwiderleglich?"
   --"Unzureichend, Verehrungswrdiger, ist alle menschliche
Vernunft! der Widersinn der Welt ist unberwindlich"--
    "Dem ist nicht also, o Sohn!--Eines nur,--nur Eines... ist
unerkennbar..."
   --"Verehrung sei dir, o Herr! Wie knnte sich selbst
Widersprechendes bestehn? Wie knnte Unerreichbares dem Wissen
erreichbar werden?--Fliet bel und Bses aus der Gottheit, so ist
es von der Gottheit gewollt. Will Gottheit Bses, so ist Gottheit
bse. Wchst aber das Bse nicht aus der Gottheit, so ist es von der
Gottheit nicht gewollt und ist dennoch,--so ist Gottheit in sich
entzweit--zwei Gottheiten, die sich bekmpfen, widersprechen,
aufheben.--Der Widersinn ist unlslich"--
    "Dem ist nicht also, o Teurer!"
   --"0 Herr! Woher ist bel und Bses in der Welt? Warum ist Leiden
und Tod? Wenn es eine Antwort auf diese Fragen gbe, so wrden die
Wissenden von ihrer Wahrheit erfllt sein; der Veda wrde sie uns
lehren, die Gita, Yadschnavlkya, der Buddha, Badaryana,
Shamkaratschrya, Lao-tse, Li-tse, die groen Lehrer des
Abendlandes..."--
    "Dennoch ist es nicht also, o Teurer! dennoch ist es nicht also!"
   --"Diese Fragen sind ungelstes Geheimnis; es gibt uns Menschen
keine Antwort! Dies entgegne ich dir in Ehrfurcht, o Herr! Wenn aber
dem nicht so ist, so wolle der Erleuchtete mich hierber wahrhaft
belehren."--
    "Eines--o Teurer, ist unerkennbar--nur Eines!--und Schweigen
ist Antwort... Diese deine Fragen jedoch sind durchsichtig, tragen die
Antwort in sich."
   --"Wrdige mich der Belehrung, o Herr!"--
    "Nahe liegt die Antwort, leicht ist die Antwort auszusprechen, mit
wenigen Worten ist die Antwort auszusprechen--weit der Weg, mhevoll
der Weg zu Erkenntnis..."
   --"Weise mir den Weg, o Mchtiger! La die Erkenntnis berstrmen
auf mich, deinen Schler, der ich in Demut deine Kniee umfasse!"--

    "Wohlan! Es sei! Tritt nher, fasse meine Hand; gebiete deinem
Herzen Ruhe und Ruhe den Gedanken."
    "Mge uns die Stunde gnstig sein! Mge der Geist der Upanishaden
uns leuchten."

    "Fern von hier, in unsrer aller Heimat ruht das Feuer unter  der
Asche des Herdes; der Mrser tnt nicht mehr unter den  Hnden
arbeitsfreudiger Mdchen; der Lrm des Tages schweigt;  aufgestiegen
zum wolkenlosen Himmel ist der Opferrauch und  heilige Elefanten
knden die Nacht..."
    "Indessen von denen da drauen, die sich Menschen nennen, der
eine, gedankenlos wie ein Tier, sich dem Schlafe berlt und im
Traume weiter nach zerrinnenden Freuden jagt,--indessen andere,
unfhig sich der Betubung des Lebens zu entreien, nichtige Reden
fhren, verchtliche Knste anstaunen oder bersttigt und nie
befriedigt in Weibesarmen ruhen,--ist uns die Stunde gekommen, nach
dem Hohenziel des Menschen zu forschen.--Wohlan, o Schler,
wiederhole deine Frage!"
   --"Verehrung sei dir, o Frst! Ursprung des Bsen, Ursprung von
Selbstsucht und Zwietracht, Ursprung des Unheils dieser Welt, Quell
alles Leides; Quell alles Widersinnes, alles Irrtums, aller Snde
dieser Welt, Frage aller Fragen, nie gelste Rtsel!--: Wie ist
sittliche Erkenntnis und Tat denkbar unter Herrschaft blinder
Naturgesetze? Wie ist freie Willensentscheidung des Menschen vereinbar
mit unabweisbarer Notwendigkeit alles Geschehens? Wie ist der
Gegensatz zu berbrcken zwischen Empfindung und Bewegung, Seele und
Krper, Gott und Welt?--Ich nehme meine Zuflucht zu dir, o mchtig
Beseelter! Weise mir den Weg ans Ufer der Erkenntnis--mir, dem
Suchenden!"--
    "Wohlan!--Wisse dich aufgenommen, o Schler!  Schichte das Holz
zum Opfer... Folge meinen Worten;  schweigend folge,--du betrittst
heiligen Weg. Folge mit offener Seele aus leicht verstndlichem Beginn
von Stufe zu Stufe festen Schrittes zum letzten Ziele,--uns allen
bestimmt. Ich offenbare  dir verhllte Wahrheit--uralt heiliges
Wissen--Upanishad."

*

    "O Teurer! Seit dem Tage Brahma strmt unser Wohnsitz, die Erde,
unaufhaltsam durch den Weltraum. Der segenspendende, totbringende
Sonnenstrahl, mit jedem Augenblick rastlos vorrckend, weckt die
Scharen der Geschpfe aus tiefem Schlaf zu kurzem Tagesbewutsein. Sie
erwachen unter dem Einflu des Erregers Savitar--und ihr erster
klarer Antrieb ist, sich Nahrung zu verschaffen, um das Leben weiter
zu fristen. Alsbald halten sie Ausschau nach einem schwcheren
Genossen, um ihn zu bercken und zu fressen.--Sie selbst haben es
sich so ins Herz gelegt: andere zu vernichten, um sich zu erhalten.
    "Zu solchem Ziele ist jede Verschmitztheit, jede Frechheit, jede
List und Gewalt, jedes Unrecht erlaubt und geboten, und belohnt sich
auf der Stelle. Jede Unentschlossenheit, jede Abschwchung des
straffen, zielbewuten Willens, etwa aufkeimendes Mitleid, die
leiseste bessere Regung, rcht sich unmittelbar: der Fang ist
vereitelt und Hunger die Strafe. Darum Verdru, wenn die Beute
entgeht, und Herzensfreude, wenn sie rchelnd am Boden liegt.--Kein
andrer Ausweg: um zu leben--erbarmungslos morden.--Einst wirst du
erkennen, aus welcher Tiefe solches fliet.
    "So wird es ein gewohntes Handwerk, und seit Menschengedenken von
Vater auf Sohn vererbt. Niemand wei es anders, jedermann bt es
unbedenklich aus, hlt es lieb und wert, eignet sich willig die
ntigen Kunstgriffe an und zieht dann, wohl ausgerstet, tagtglich
nach lockender Beute aus.
    "Sehr bald wird der Raubende den Unterschied gewahr zwischen dem
leicht und dem schwer zu erlangenden Fra, zwischen der sicheren und
der gefhrlichen Jagd, zwischen der wehrlosen und der wehrhaften
Beute, und er lobt das Eine und schilt das Andere, betrachtet das Eine
mit Ha, das Andere mit Liebe, nur sich im Auge. Was sich fressen
lt, gefllt ihm und er nennt es gut; was sich nicht willig hergibt,
was widersteht, was gar ihn selber angreift, mifllt ihm und er nennt
es schlecht und bse. Fressend hlt er das Tun fr lblich und recht,
doch selbst gefressen fr unrecht und bse.
    "Er trifft sonach sorgfltige Auswahl und vermeidet die Jagd auf
seinesgleichen, eingedenk, da Solche Waffen fhren wie er selbst: der
Kampf ist gefhrlich, der Erfolg nicht sicher. Es ist geratener,
Schwchere zu bekmpfen, dem gleich Wehrhaften mglichst aus dem Wege
zu gehen; es ist vorteilhafter, sich mit ihm zu vertragen, gute
Nachbarschaft zu halten--Frieden und Freundschaft, wenn solcher
Nachbar, von gleicher Gier nach gleichem Ziel beseelt, zur Erlangung
des Fraes mitbehilflich ist.
    "Notgedrungen verbindet er sich mit Gleichgesinnten, jagt und
raubt gemeinsam mit ihnen, achtet auch das eingegangene Bndnis,
solange es ihm dienlich scheint. Bei guter Gelegenheit jedoch kehrt er
sich gegen seinen Bundesgenossen, entwendet dem berraschten die
Beute, wiederholt das bequeme Spiel so oft als tunlich und knechtet
endlich den milderen oder minder schlauen Gefhrten dauernd zu seinem
Dienste.
    "Sein bses Tun trgt ihm gute Frchte. Durch Bndnis oder
Waffenstillstand nach auen leidlich gesichert, von Weib und Knecht im
Jagen untersttzt, gewinnt er Zeit zur berlegung. Er beginnt an den
kommenden Tag zu denken und lernt allmhlich sich die Nahrung fr den
Notfall zu sichern.
    "Er gewhnt sich sein Gebiet bedachtsam abzujagen; er hegt und
erhlt sich den Bestand nach Mglichkeit fr die Zeiten des Mangels;
er schont das tragende Weibchen, sorgt fr den heranwachsenden Wurf
und zhmt ihn, um ihn besser zur Hand zu haben. Was er nun ehrlich
erworbenes Eigentum nennt, behtet er sorgsam und schtzt es
entschlossen gegen hungernde Mitbewerber; schtzt seine Herden mit
Gefahr seines Lebens gegen fremde Fresser--zum Fra fr sich.
    "So im Gefhle gesicherter Nahrung schaut er mit Befriedigung und
Wohlgefallen auf die anwachsende Herde und liebt sie mit aufrichtiger
Liebe. Erbarmungsloser Ruber und treuer Hirte! Beides wchst aus
derselben Wurzel und wird nur mit anderen Namen genannt--nur Worte,
bloe Lautverschiedenheit.
    "Solchem Tun und Treiben haben sich seine Glieder, seine Sinne,
sein Hirn, seine Denkungsweise angepat, er hat seine Gewohnheiten,
seine Sitten, seine Gesetze darnach gebildet; er lt sie sich nicht
abstreiten, berwacht sie eifrig, hlt, was er sein gutes Recht nennt,
unentwegt aufrecht und erachtet es fr heilig.
    "Das Rauben und Morden ist allmhlich in fest gehandhabte und
streng eingehaltne Ordnung gebracht, und alle Welt fgt sich freudig
dieser Ordnung. Was jedermann an sich selbst als grauenvoll empfindet,
wird dem Nchsten gelassen angetan. Es wird kaltbltig und mit Mue
gemordet und in sanften Formen gefressen. Es ist nicht mehr das
sterbende Tier im letzten vergeblichen Widerstand, mit brechendem
Auge, sthnend, blutbergossen--nein, es sind gesittet zubereitete
Speisen und friedlich heitere Mahle. Es nimmt kein Vernnftiger Ansto
daran. Der Schmausende wei sich von niederer Begierde frei, von
unantastbarer Redlichkeit, auf der Hhe der Gesittung--und das Tier,
das sich Herr der Schpfung fhlt, nennt sich--Erkenntnis in ferner
Dmmerung--Mensch, und seine Mitgeschpfe--Nutzvieh.
    "Nutzvieh sind ihm auch seine Weiber; er hat sie gegen Mitbewerber
unter Mhen erkmpft und htet sie nicht ohne Not. Er berwacht sie,
brdet ihnen alle Mhen auf und mibraucht sie zu jedem Dienst; er
liebt sie, wie er seine Herden und seine Helfershelfer liebt. Er zankt
und spielt wieder, fltscht die Zhne und liebkost, schmeichelt und
lt sich schmeicheln, liebt und verachtet, je nach Lust.
    "Und das Weib fhlt sich Mutter,--sie gebiert und sieht im Kinde
sich selbst! Sie berschttet den hilflosen Wurf mit der Liebe zu sich
selbst, mit verschwenderischer, hingebender Liebe--jederzeit bereit,
fr ihr eigen Fleisch und Blut sich aufzuopfern.
    "Der Erzeuger folgt zgernd der Mutter: pflegt, berwacht, erzieht
die Brut; lernt sie mit Gefahr seines Lebens schtzen--ja in freudig
aufgenommenem Kampfe vergit er sich selbst und opfert sich fr sein
Kind. Was selbstlose Liebe heit, ist auch in ihm aufgegangen. Er hat
sich, gleich der Mutter, in einem von ihm abgetrennten, einem fremden
Wesen--sich auer sich--wiedererkannt; hat sich geopfert, um sich
im Kinde zu erhalten--selbstlos aus Selbstsucht.
    "Wie aus der Gier, sich bequemen Fra zu sichern, Liebe zur Herde
flo, so fliet aus starrer Selbstsucht: --Aufopferung und
Selbstlosigkeit. Es ist dasselbe Tun und wird nur mit einem anderen
Namen benannt. Selbstsucht, zu Ende gedacht, ist Selbstlosigkeit.
    "Dies ist einfach und erklrlich. Der du mich hrst, wi' es: Dies
ist das Wunder aller Wunder,--ist Quell und Ursprung, Geburt aller
Gottheit, aller Welten, Geburt aller Welten--Vernichtung aller
Welten; Samsara--Nirvana.
    "Die Welt ist Selbstsucht--Selbstlosigkeit unterliegt allberall
und siegt unablssig; erlischt und flammt auf, vergeht und wchst, ist
und ist nicht--Nirvana in Samsara.
    "So, o Teurer, knnen wir Menschen nachdenkend uns dieses
vorstellen.--
    "Doch, wie ein Elefant, der den Stachel des Fhrers nicht fhlt,
vom Wege abirrt und ber das Ziel hinausluft,--so bin ich vom
Gedanken abgewichen und habe mehr gesagt, als ich zunchst sagen
wollte.
    "Wie auch das Tun und Treiben der Menschen erscheine, welch' hohe
Bezeichnung es auch fhre, welch' heiligen Namen es auch trage--in
diesem wirr verschlungenen Reigen ist nur Ein Gedanke, nur Ein Ziel:
das Leben, das eigene Leben!--Ich! Ich, das sich aus dem Fleisch und
Blut des Nchsten aufbaut,--ich, das von der Vernichtung des Anderen
lebt...
    "Folgst du meinen Worten, o Teurer?"
   --"Mit ganzer Seele!--Du hast, o Herr, die Entstehung
menschlicher Gefhle dargelegt, den Wechsel und Wandel der Gefhle,
die Umkehr des Gedankens und die letzte Grundlage alles menschlichen
Tuns!--Wolle der Verehrungswrdige nunmehr auslegen, wie in dem
Gesagten die Antwort auf unsere Fragen liegt?"--
    "Ich lehre es dich, o Teurer, du aber verstehst mich nicht. Ich
habe es ausgesprochen, du aber hast es nicht gehrt.
    "Wohlan denn! Da ich zunchst von der Quelle redete, aus der alles
Tun fliet, ist dir nicht, o Teurer, der Gedanke aufgestiegen, da es
nher lge zu fragen, nicht wie das Bse, wohl aber wie das Gute in
die Welt gekommen sei? Denn die Welt des Samsara ist durch Entzweiung,
ganz im Banne des Zwiespalts, not- und leiderfllt, ganz im Banne
nimmer gestillten Verlangens, ganz im Banne ewig friedloser Tat, allen
Qualen preisgegeben, preisgegeben dem Tode. Wie in solcher Welt konnte
der Gedanke des Guten entstehen?
     "Indessen wie das Bse, oder wie das Gute in die Welt gekommen
sei--beides sind mige Fragen und die eine nicht besonnener als die
andere.
"Leicht zu durchschauen sind die Fragen, offen liegt die Antwort, nahe
Erkenntnis, weit der Weg.--Aus dem Dickicht aberwitziger Torheit
will ich dir den Elefantensteg treten, dich hinauszufhren zu
sonnenklarer Einsicht.
    "Wie wenn Einer im pfadlosen Urwald irrend, vergeblich den
rettenden Ausweg sucht und bei sinkender Nacht, zu Tode erschpft und
jedweder Hoffnung bar, sich zum Sterben zu Boden wirft--und
erwacht am hellen Tage und erkennt die Umgebung und sieht sich nahe
seiner Heimat--so erwachst du im Lichte der Erkenntnis und siehst
dich nahe dem urewigen Ziel.
    "Ich fhre dich aus blindem Wahn zu Erkenntnis, aus Todesgrauen zu
Seeligkeit, aus Verlangen zu Erfllung--und leuchten mge uns das
Licht des Veda, das Licht des Veda!"

*

    So lautet in Aranada-Upanishad die Prfung; nunmehr die
Unterweisung: Akasha, dieser atmenden Welt Erscheinung.




II.
VERKRPERUNG DER WELT
-- ksha --


    O Teurer! Zu dem, was ich dir zu sagen gedenke, behalte vor Augen:
Alle groe Wahrheit ist gedacht, verkndet alles groe Wissen; uns
bleibt uralter Weisheit nachzuleben.
    Beachte wohl: Erkenntnis offenbart sich wortlos; die Upanishad, um
gehrt zu werden, mu in Worten reden. La dein Verstndnis nicht an
Worten haften; Worte sind Hindernis der Erkenntnis: denke und erfasse
ber Worte hinaus.
    Ehe wir zur Hhe ansteigen, gehen wir im Tale den betretenen Pfad
--glaube nicht zu schauen, ehe du dich dem Gipfel nherst. Whne
nicht zu erkennen, ehe du den tief innersten Gedanken der Upanishad in
dich aufgenommen hast--: aller Welten Ziel: das Erwachen aus der
Erscheinung.

*

    Also ist die erste Unterweisung:
   -- AKASHA --
dieser atmenden Welt zeitrumliche Erscheinung.
    Stelle dir vor, o Teurer, es umfasse die enge Klause, in der wir
weilen, die ganze Welt, und es sei kein empfindendes Wesen darin; was
wre auszusagen?
    Nichts; ohne Empfindung kein Urteil.
Du betrittst den Raum--und aus dem Nichts schafft sich Erscheinung,
Bewegung und Gestaltung; Krper, Eigenschaften, Krfte, Wirkung,
Entfaltung, Leben in endloser Flle und endlosem Wechsel; aus deiner
Empfindung--die Welt.
    Alsbald erscheint dir dieser Raum gro oder klein, hoch oder
niedrig, hell oder dunkel, hei oder khl, schn oder hlich oder in
irgend einer Beziehung deinen Sinnen erwnscht oder unerwnscht, und
zwischen diesen Gegenstzen alle Abstufung deiner Empfindung. Den
Boden, auf dem du stehst, fhlst du unter dir, die Decke siehst du
ber dir; die Pforte, durch die du eingetreten bist, ist hinter dir;
vor dir, weiten Ausblick gewhrend, der offene Bogen; diese
geschlossene Wand hier ist zur Linken, jenes die rechte Seite des
Raumes.
    Dies sind Bezeichnungen, Urteile, die unbestreitbar scheinen,--
dennoch, sobald jemand dir gegenber tritt, behauptet er, die Seite,
die du mit rechts bezeichnest, sei die linke, und nennt die Wand, die
du links nennst, die rechte. Beider Urteile knnen nicht zutreffend
sein; sie widersprechen sich, sind Gegenstze, die einander
ausschlieen, zu nichts aufheben.
    Hier geschieht das Wunder, da eines mit einer bestimmten
Bezeichnung und gleichzeitig mit dem Gegenteile dieser Bezeichnung
belegt wird. Wer von den Urteilenden hat recht? Keiner--oder, wenn
du willst, beide. Die Wand ist beides: rechts und links, also auch
keines von beiden, weder rechts noch links.
    Keine Lsung, auch wenn etwa der Gegenberstehende zu dir
herbertrte und nun, in gleicher Stellung wie du, dir und deinem
Urteil beistimmte. Gesetzt, es traten noch mehr zu dir, einsichtige
Mnner, gelehrte Brahmanen, solche, die sich fr Wissende halten, und
alle waren eines Urteils: die bezeichnete Wand des Raumes sei die
rechte;--wenn von allen zahllosen Wesen seit Zeitrumen ohne Zahl
nie anders erkannt worden, wenn es ein ewiger Glaubenssatz der
Menschheit wre und hiee frevelhaft daran zu rhren--die Wand
bleibt, was sie wahrhaft ist, weder das eine noch das andre, weder
rechts noch links.
    Alle die, welche mit dir in der Benennung der Wand bereinstimmen,
stehen mit dir auf gleichem Stand, vertreten deinen Standpunkt, sind
deine Standesgenossen, nichts mehr. Wechselst du deinen Standort und
trittst dir selbst gegenber, so widersprichst du dem eigenen Urteil:
aus rechts ist links, aus links ist rechts geworden.
    Das Urteil ist in dir; an der Wand selbst haftet nicht ein Hauch
von den Unterscheidungen rechts und links. Wie der Schatten eines
vorberfliegenden Vogels am Boden nicht haftet, so haftet nichts von
diesen Unterscheidungen an der Wand, in keiner Gestalt, in keinem
Sinne, weder offen noch verborgen, weder hier noch dort, weder heute
noch je.

*

    Dies, wovon ich dir rede, ist selbstverstndlich; folge mir
weiter.
    Stelle dir vor, o Teurer, der Raum, von dem wir reden, sei
kreisfrmig gezimmert. Du drftest nicht mehr die ganze Wand, sondern
nur eine Stelle der Wand, eine einzige krperlose, nur in Gedanken zu
fassende Linie mit rechts oder links bezeichnen, und diese Linie wrde
bei jeder Bewegung von dir, vor oder rckwrts schwankend, eine andere
Stelle der Wand treffen.
    Sodann: denkst du dir, dem Gedanken weiter folgend, den Raum, von
dem wir reden, in den Hohlraum einer Kugel verwandelt und dein Stand
sei im Mittelpunkte dieser Hohlkugel, so trifft die Bezeichnung rechts
oder links je einen einzigen krperlosen, nur in Gedanken zu fassenden
Punkt, und jede leise Abweichung von diesem einen Punkt spielt schon
in fremde Verhltnisse hinuber: vorn, hinten, oben, unten. Jede deiner
Bewegungen, jeder Atemzug, jeder Herzschlag lt die Unterscheidungen
rechts und links durcheinanderschwirren wie die Farben auf einer
Seifenblase, und du kannst, je nachdem du dich wendest oder beugst,
willkrlich jeden Punkt der Hohlkugel mit gleichem Recht und mit
gleichem Unrecht mit rechts und mit links bezeichnen.
    Die Gegenstze rechts und links haften an dir, sie bewegen sich
mit dir, folgen dir, wenden sich mit dir; sie stehen und gehen, sie
ent-stehen und ver-gehen mit dir. Rechts und links ist da, wo du es
willkrlich hinverlegst, berall--nirgends.
    In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene
Schpfung die Unterscheidung rechts und links; du bertrgst eigene
Schaffung--Eigenschaft--aus dir hinaus, nichts mehr; an sich ist
kein rechts und kein links, einzeln nicht und zusammengenommen nicht.
Die Urteile heben sich gegenseitig auf, nichts bleibt--in dir allein
sind die Unterscheidungen.
    Doch frage dich, o Teurer, wo bestnden in dir die
Unterscheidungen, wenn du dir vorstellst, da du dich in deinem
eigenen Krper umzuwenden vermchtest; woran knnten die Merkmale
rechts und links in dir haften, wenn du dich kugelfrmig gestaltet
vorstellst, oder wenn du dich formlos, krperlos denkst?

*

    Und endlich--von unserer Klause hier ging ich aus--stelle dir
vor, dieses hier sei die ganze Welt und auer dir kein empfindendes
Wesen darin
   --und du selbst seist nicht--
--verschwunden sind die in Rede stehenden Unterscheidungen,
ausgelscht, in nichts gesunken; sind nicht und waren nicht; Spiel
deiner Seele--wesenlose Erscheinung.
    Du hast erkannt:
    Die Vorstellungen rechts und links sind nicht an sich, sind in
Gegenstze zerfallene, an sich nichtige Unterscheidungen in dir; von
scheinbarer Verschiedenheit--ununterschieden an sich; von
scheinbarer Bedeutung--bedeutungslos an sich; aus dir gewirkte
Wirklichkeit dieser Welt--nicht Wahrheit.
    Was von diesen Unterscheidungen--in dir als Urteil,--auer dir
als Eigenschaft des Gegenstandes erscheint, ist nur Kennzeichnung
deines Standortes im Raum, dein zu-Stand zum gegen-Stand, deine eigen
gewhlte Haltung, dein beliebiges Verhalten--dein Verhltnis zu den
Dingen im Raum; deine frei-willig eingenommene Stellung--
vor-Stellung, will-krlich aus dir geschaffen, Ausdruck deines
Willens, aus dir geboren, deine eigene Schpfung--du selbst.

*        *        *

    Und ferner desgleichen:
    Dem gefundenen Ergebnis in betreff der gegenteiligen
Unterscheidungen rechts und links schlieen sich unmittelbar und in
allen Stcken an die gegenteiligen Unterscheidungen vorn und hinten,
oben und unten.
    Beim ersten flchtigen Hinschauen zwar scheint es, als beharrten
die Urteile oben und unten auch unabhngig von dir und deiner
jeweiligen Stellung, als bliebe oben oben und unten unten, welche Lage
du auch einnimmst. Stellst du dir aber vor, da jemand, auf der
Erdkugel stehend, mit erhobenem Arm den Ort am Himmel bezeichnen
wollte, den er fr oben hlt, und dicht neben ihm stnde ein zweiter,
dasselbe tuend, so weichen die von ihnen als oben bezeichneten Punkte
schon voneinander ab und in unendlicher Entfernung stehen sie
unendlich weit auseinander.
    Trge nun jeder Fleck der Erdkugel solche nach oben Weisende,
jeder von ihnen vermchte nur sein Oben, nicht das Oben zu weisen und
desgleichen jeder von ihnen nur sein Unten, nicht das Unten, und das
Urteil eines jeden widersprche dem Urteil aller brigen, und jeder
Punkt des Himmels trge mit gleichem Recht und mit gleichem Unrecht
die Bezeichnung oben und die Bezeichnung unten.
    In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene
Schpfung die Unterscheidung: oben und unten. Oben und unten ist da,
wo du es willkrlich hinverlegst, oben und unten ist das, was du
willkrlich so nennst. Was hier oben ist, ist dort unten; was jetzt
unten ist, ist dann oben; du wechselst deinen Standort nach Gefallen
und deine Anschauung wechselt mit ihm: oben ist unten, unten ist oben
--die Urteile heben sich durch Gegenurteil auf, nichts bleibt.
    Ich sage dir nichts Neues, ich erinnere dich nur.

    Und ferner desgleichen alle verwandten Bezeichnungen, alle
Richtung, Ma, Begrenzung, Verhltnis vorstellenden Urteile und alle
brigen auf Raum und Dinge im Raum bertragenen, wie rechts und links,
wie vorn und hinten, wie oben und unten, in Gegenteile zerfallenden,
aus dir geschaffenen, auer dir erscheinenden, an sich nichtigen
Merkmale und Namen.
    Alles Ma ist in dir; alles Verhltnis, Ausdruck deines
Verhaltens; aller Gegenstand in Beziehung zu deinem Willen oder
Unwillen; aller Gegensinn in dir selbst.

*

    Rumliche Vorstellungen und Urteile erscheinen unsicher und
schwankend, sie greifen ineinander ber, verflieen ineinander, jede
der Vorstellungen beginnt im Herzen der andren--
    Die Wahrnehmungen erscheinen gepaart, erscheinen eine die andre
bedingend, sind nur durch gegenseitige Beziehung, sind nur durch
Gegensatz zueinander--
    Von getrennten Standorten aus widersprechen sich die gegenteiligen
Unterscheidungen, verneinen einander, heben einander zu nichts auf--
    Rumliche Verhltnisse sind nicht an sich, sind nur in dir,
entsprechen in dir deinem gegenwrtigen Standort, deiner gegen-Wart;
wechselst du deinen Standort, so wechselt mit deinem Gesichtspunkt
deine Anschauung, die Urteile widersprechen sich auch in dir,
verneinen sich gegenseitig auch in dir, heben sich auch in dir zu
nichts auf--
    Rumliche Unterscheidung hat an sich, hat in dir keine Geltung,
ist gleichgiltig, gleich ungiltig, bedeutungslos, leer, nichtig--in
dir, an sich; Erscheinung--nicht Wahrheit.

    Du erwgst: Raum an sich ist leer und bestimmungslos, wie
vermchten an leerem Raum rumliche Verhltnisse zu haften?
    Und du erkennst:
    Was dir in rumlicher Anschauung als Verschiedenheit erscheint,
ist willkrliche, durch gegenstzlichen Standort in Gegenstze
auseinanderspaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir--aus
dir gewirkt, auf dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt,
nicht Wahrheit.
Was von solchen Unterscheidungen--in dir als Urteil--auer dir als
Eigen-schaft der Dinge erscheint, ist Ausflu deiner Eigen-heit,
Abbild deiner selbst; ist dein Verhalten und Verhltnis zu den Dingen,
dein Stand und ver-Stand, dein zu-Stand zum gegen-Stand; Kennzeichnung
deiner Stellung zum gegen-stndlich aufgefaten Gedanken--deine
vor-Stellung; ist Aus-legung deines innen-Lebens, Ent-gegnung deines
Empfindens, sinnliche Ant-wort seelischer Bewegung, wider-Schein der
von dir be-lieb-ten Wertung, Ausdruck deiner frei-will-igen Teilnahme,
deiner will-kr-lichen Auffassung, deiner Wahl-verwandtschaft, deiner
wechselnden Neigung und Gesinnung, ist dein Atem in Lust und Unlust,
in Liebe und Ha; ist Ausdruck deines wechselnden Verlangens, deiner
Willkr--Inhalt deiner Seele, aus dir gezeugte ber-zeugung, deine
eigene Schpfung--du selbst.

    Solches hast du klar erkannt, daran halte fest, unverbrchlich.
   --Eigengeschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
Dinge Eigenschaften.--

*

    Ausgelscht sind die Bedeutungen rechts und links, vorne und
hinten, oben und unten, ausgelscht alle dazwischen liegenden und alle
verwandten, auf Raum bezglichen, im Raum verwobenen Verhltnisse:
alles innen und auen, alles hier und dort, alle Nhe und Ferne, alle
Weite und Enge, alle Gre, alle Lage und Richtung, Hhe, Tiefe,
Breite, Lnge, alle Teilung, alle Grenzen, alles Ma.
    Ausgelscht alle auf Raum bezglichen Wahrnehmungen und
Anschauungen, alle seine Unterscheidungen, alle seine Bestimmung,
Bezeichnung, Benennung; bloe Auffassung und Wertung, nur
UnterstelIung und Beilegung, nur Namen--an sich nichts die
sogenannten rumlichen Eigenschaften und Merkmale--: Erscheinung,
nicht Wahrheit.
Ausgelscht mit ausgelschten Merkmalen ist der Raum selbst.--Kein
Raum auer Ich, kein Raum im Ich, kein Raum mit ausgelschtem Ich;
Ansicht, nicht Einsicht, Anschauung--nicht Erkenntnis, eigen
geschaffenes Trugbild, auf bloer Vorstellung beruhend, aus dir
gewirkte Wirklichkeit dieser Welt; nicht ist Raum an sich--nicht ist
Raum Wesen und Wahrheit.
    Solches hast du klar erkannt, von solcher Erkenntnis vermagst du
ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, da du--ber dieses
hinaus--zu tieferer Einsicht gelangst.
    Darum ist gesagt: "aus deiner Seele die Erscheinung: Raum."
    --Es ist der Welt Atem, den du, als sei er auer dir, sprst.--

*

    Und gewi:
    Gegensatz und Zwillingspaar ist Raum und Zeit;
wie kein rechts ohne links, kein oben ohne unten, so kein Raum ohne
Zeit, keine Zeit ohne Raum.
    Wenn es in Wahrheit kein hier und kein dort gibt, so gibt es auch
kein hin und kein her, kein auf und kein ab, kein vor noch zurck,
weder kommen noch gehen, weder steigen noch fallen, kein heben, kein
senken, kein fluten, kein ebben, kein eilen, kein zgern, keinen
Stillstand, keinen Wechsel. Mit ausgelschtem Raum ist Zeit
ausgelscht; wie es keinen Raum an sich gibt, so gibt es an sich keine
Zeit.
    Bei Erluterung der Unterscheidung oben und unten schien es
zunchst, als bestnden diese Erscheinungen auch unabhngig von dir;
beim ersten Hinschauen scheint es, als bestnde Zeit an sich und
unabhngig von dir. Doch wie die Vorstellungen oben und unten beim
Durchschauen in Nichts versinken, so versinkt die Einbildung Zeit
durch Erkenntnis in Nichts.
    Wie dein Standort, den du im Raum einnimmst, bestimmt, was du mit
den Worten oben oder unten, mit rechts oder links bezeichnest, so
bestimmt dein Standort in der Zeit, dein Bestand, deine Anwesenheit,
dein Da-sein, deine Gegen-wart, was du als Vergangenheit und was du
als Zukunft unterscheidest, und wie jenen Wahrnehmungen, so kommt auch
diesen keine Wahrheit zu.
    Wie dein Standort im Raum die willkrliche Teilung eines Ganzen
bestimmt, ein von dir gewhlter Scheidepunkt, der dir das Recht zu
geben scheint, gegenstzliche Verschiedenheit zu schaffen, so schafft
dein Standort in der Zeit, dein Da-sein, deine Gegen-wart
Unterscheidung in einem in sich ungeschiedenen Ganzen und macht dich
in gegen-Teile unterscheiden was eines ist.
    Zeit an sich ist leer und bestimmungslos; wie vermchte an leerer
Zeit zeitliche Bestimmung und Unterscheidung zu haften?
    Nur von dir aus gibt es ein rechts und links, nur aus dir gewirkt
und auf dich wirkend ist ein oben und unten, ein vorher und nachher,
nur in dir ist und ist wirkend, was du Zeit nennst.
    Vergangenheit scheint vorbei, Zukunft scheint zu kommen; der Tag
scheint vorbei, die Nacht scheint zu kommen. Verschieden wie Tag und
Nacht scheint Vergangenheit und Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander
getrennt. Seit dem Tage Brahma, o Teurer, sind auf unserm Wohnsitz,
der Erde, die unterschiedenen Zeiten, die vergangenen und die
kommenden, Tag und Nacht zu gleicher Zeit. Zu ein- und derselben Zeit
ist Morgen und Abend, Mittag und Mitternacht und jede Stunde des Tages
und der Nacht, ewig gleichzeitig, zu ein- und derselben Zeit.
Ununterbrochen brennt auf der Erde Mittag, ununterbrochen khlt
Mitternacht und alle verschiedene Zeit zur selben Zeit.--Eines ist,
was getrennt erscheint. Der Tag, der vergangen scheint, ist noch; die
Nacht, die zu kommen scheint, ist schon. Es whrt vergangene und
zuknftige Zeit ununterbrochen--in dir sind die Gegenstze; jener
heilige Savitar, die Sonne strahlt ewigen Tag.
    Und wie Sterne, vom Tage berleuchtet, den Sinnen nicht
gegenwrtig sind, doch der Seele gegenwrtig--so ist Vergangenheit
und Zukunft, von Gegenwart berleuchtet, deinen Sinnen nicht
gegenwrtig, doch gegenwrtig deiner Seele.
    Vergangenheit war einst deine Gegenwart; Zukunft wird einst deine
Gegenwart. Was Vergangenheit ist, war einst deiner Gegenwart Zukunft;
was Zukunft ist, wird einst deiner Gegenwart Vergangenheit--
Ich-Gegenwart beharrt in Vergangenheit und Zukunft.
    Wie du, dich selber tuschend, den Raum vor dir vom Raume hinter
dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber tuschend, Zeit
vor dir von Zeit nach dir. Wende dich in dir, und Vergangenheit wird
Zukunft und Zukunft wird Vergangenheit. Da du die Zukunft schaust,
ist nicht wunderbarer, als da du dich der Vergangenheit erinnerst. Du
err-inne-rst dich der Zukunft, wie du dich der Vergangenheit
erinnerst, und Zukunft und Vergangenheit ist ewige Gegenwart.
Erinnerung ist Verklrung, Beseeligung von Raum und Zeit.
    Vergangenheit an sich ist nicht Zeit, denn Vergangenheit war, ist
also nicht; ist nur Erinnerung an Zeit, Denkttigkeit, nichts mehr.
Zukunft an sich ist nicht Zeit, denn Zukunft wird erst, ist also
nicht; ist nur Erwartung von Zeit, ein Gedankenbild, nur in Beziehung
auf das, was wir Zeit nennen, nicht Zeit selbst. H.B.
    Einen Hungrigen sttigt nicht die Erinnerung an frhere Sttigung
und nicht Hoffnung auf sptere Sttigung; weder Hoffnung auf Nahrung
noch Erinnerung an Nahrung ist Nahrung. Weder Erinnerung an Zeit noch
Erwartung von Zeit ist Zeit. Wenn Zeit wre, so knnte nur Gegenwart
Zeit sein. Gegenwart jedoch ist nur Standort des Ich, nur Anwesenheit,
nur Gegenwrtigkeit des Ich, nur die Scheide zwischen dem, was Ich
Vergangenheit und dem, was Ich Zukunft nennt: eine nur in Gedanken zu
fassende Scheide, ohne Ausdehnung, nur ein Berhrungspunkt von
Gedanken und selbst nur Gedanke in dir--Ich-gegen-wart, nichts mehr.
Keine Zeit vor deiner Gegenwart, keine Zeit nach deiner Gegenwart,
keine Zeit ohne deine Gegenwart; deine Gegenwart ist Zeitewigkeit.
    Wie Zeit je nach deiner Empfindung stille steht oder flieht, wie
du in einheitlicher Zeit gute und schlechte Zeiten unterscheidest, wie
du Erwartung und Erinnerung in dir schaffst, so schaffst du Zeit in
dir.

*

    Du erkennst:
    Was dir als Vorgang in der Zeit, als Beharren oder Wechsel, als
Dauer oder nderung erscheint, ist nicht an sich, ist willkrliche,
von deiner gegen-Wart aus in gegen-Teile auseinanderspaltende, an sich
nichtige Unterscheidung in dir--
    Was von solchen Unterscheidungen--in dir als zeitliches Urteil
--auer dir als zeitliche Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Inhalt
deiner Seele, Ausdruck des Verlangens in dir, Abbild deiner selbst;--
Kennzeichnung deiner gegen-Wart zum gegen-Stand, Kennzeichnung deiner
Auffassung und Wertung, Wiedergabe deiner wechselnden Gesinnung, dein
Atem in Lust und Unlust, willig-un-willige Auffassung in dir, in dir
gezeugte ein-Bildung, deine eigene Schpfung--du selbst.--
    Keine Zeit vor dir, keine Zeit nach dir, keine Zeit ohne dich.

    Solches hast du klar erkannt.
   --Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
Dinge Eigenschaften.--

*

    Ausgelscht sind die in Rede stehenden Wahrnehmungen, nur
verschiedene Benennung die erscheinende Verschiedenheit; wie die
Unterscheidungen rechts und links, wie oben und unten, nur Namen, an
sich nichts die Unterscheidungen Vergangenheit und Zukunft, bloe
Fr-wahr-nehmung, nicht Wahrheit.--
    Ausgelscht mit ihren Teil-Erscheinungen und gegenteiligen
Merkmalen ist die Erscheinung Zeit selbst, Empfindung--nicht
Erkenntnis, eigen geschaffenes Trugbild, aus dir gewirkt, auf dich
wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt. Nicht ist Zeit an sich
--nicht ist Zeit Wesen und Wahrheit.--
    Darum ist gesagt: "Aus deiner Seele die Erscheinung: Zeit."
    Darum ist gesagt: "Zeit ist scheinbare Wahrheit". "Ich bin nicht
in der Zeit, ich selbst bin Zeit."
   --Es ist der Welt Atem, den du, als sei er in dir, sprst.--

*        *        *

    Ausgelscht ist alle auf Raum, alle auf Zeit bezgliche Anschauung
und Auffassung, alle auf Raum und Zeit bezgliche Wahrnehmung und
Eigenschaft, alle Unterscheidungen, Verhltnisse, Merkmale,
Bezeichnungen, Beziehungen, Beilegungen, Bedeutungen und alle brigen
auf Raum und Zeit ruhenden Empfindungen, Vorstellungen, Begriffe,
Urteile, Namen;--in nichts gesunken: Ausdehnung, Ma, Zahl,
Teilbarkeit, Einheit und Vielheit, Folge und Folgerung, Anfang und
Ende, Entstehen, Vergehen, Unendlichkeit, Ewigkeit--mige Fragen
dem Wissenden--
    Ausdruck deiner Gegenwart zum gegenstndlich aufgefaten Gedanken;
deine Empfindung und nach auen Verlegung, das ist Auslegung deines
Inne-be-findens; ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner Einbildung,
das ist: vor-Stellung; deine eigene Schpfung--du selbst--an sich
nichts die sogenannten Eigenschaften der Zeit, die sogenannten
Eigenschaften des Raumes--
    Ausgelscht mit ausgelschten Merkmalen und Unterscheidungen ist
Zeit und Raum selbst--vernichtet! Zeit und Raum sind nicht in sich.
Spiel deiner Seele, ein bloer Traum!
    Darum ist gesagt: "aus deiner Seele die zeit-rumliche
Erscheinung".
   --Erscheinung!--sinnlicher Widerschein seelischer Empfindung in
dir--deines eigenen Wirkens Abbild, eigengeschaffene Wirklichkeit
dieser Welt--du selbst!--Keine Zeit, kein Raum in sich; keine
Zeit, kein Raum in Wahrheit.
   --Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
Dinge Eigenschaften, eigen Gewirktes--Wirklichkeit dieser Welt.--
    Solches hast du klar erkannt, von solcher Erkenntnis vermagst du
ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, da du--ber dieses
hinaus zu tieferer Einsicht gelangst.

*

    In dir ist Zeit und Raum, du selbst schaffst Zeit und Raum, zu
eigener Lust; trgst Zeit und Raum mit dir, wie du Leben und Welt mit
dir trgst. Ewig ist Zeit, unendlich ist Raum--ewig unendlich Ich
und Welt.

   --Es ist das Atmen der Welt, die du lebst; Schpfer--
Vernichter.

*        *        *

    Und ferner, o Teurer!
    Noch hat niemand diesem, wovon wir reden, sein volles Recht
strmen lassen, und nicht berliefert wurde mir diese Lehre; in mir
selbst trat zutage, wuchs und erstarkte die Erkenntnis.
    Und schon einmal habe ich der Welt diese Lehre verkndet, als die
Tochter des Vatschaknu vor dem Knige der Videha mich befragte; aber
unverstanden von der Welt blieb diese Lehre: --"was zwischen Himmel
und Erde ist, und oberhalb des Himmels und unterhalb der Erde, was sie
Vergangenheit und Zukunft nennen--Raum und Zeit--o Gargi, ist
eingewoben und verwoben in der Erscheinung Akasha".--Uraltes Wissen
verkndige ich dir wieder: der erscheinenden Welt zeitrumliches
Dasein.

*

    Gegensatz und Zwillingspaar ist, was du Raum und Zeit nennst.
Durch Ur-sprung ist Raum, durch Raum--Zeit; wie rechts durch links,
wie oben durch unten, wie Vergangenheit durch Zukunft. Wie kein rechts
ohne links, kein oben ohne unten, keine Vergangenheit ohne Zukunft, so
kein Raum ohne Zeit, keine Zeit ohne Raum. Zeit ohne Raum wre
nirgend; Raum ohne Zeit wre nie.
    Alles was im Raum ist, entsteht und vergeht in der Zeit; alles was
in der Zeit ist, entsteht und vergeht im Raum. Zeit ist ewig berall,
Raum ist berall ewig. Zeit und Raum bedingen einander. Zeit und Raum
mit sich aneinander: 'ein Zeitraum, eine Stunde Wegs, eine Spanne
Zeit, ein Tagwerk Land, eine geraume Zeit.' Zeit und Raum ergnzen
einander. Dem Nebeneinander des Raumes entspricht das Nacheinander der
Zeit. Zeit und Raum treten fr einander ein. Bewegter Raum wre Zeit;
ruhende Zeit wre Raum. Ausgebreitete Zeit heit Raum; dauernder Raum
--Zeit. Zeit und Raum schafft einander; Zeit und Raum hebt einander
auf--Gegenstze, die einander schaffend, einander aufheben.
    Gegenstze Zeit und Raurn sind gegen-Paare, halb-Teile eines
Ganzen. Gegensatz in sich nennt Ich: Zeit, Gegensatz zu sich nennt
Ich: Raum. Spaltung im Ich--Zeit; gespaltenes Ich--Raum. Gegensatz
rumt--Gegensatz zeitigt.

*

    Weder hat Zeit einen Anfang, noch ist Zeit ewig; weder hat Raum
ein Ende, noch ist Raum unendlich--weder ist Zeit und Raum real,
noch ist Zeit und Raum ideal;--Zeit und Raum ist Gedanke im
verlangenden Ich.
    Zeit-Gegenwart ist ohne Dauer, also nicht Zeit; Raum-Punkt ist
ohne Ausdehnung, also nicht Raum. Zeit-ewigkeit wird nicht aus Zeit,
Raum-unendlichkeit wird nicht aus Raum, und wie Zeit-ur-teil keine
Zeit ist, so ist Zeit-ewigkeit keine Zeit; wie Raum-ur-teil kein Raum
ist, so ist Raum-unendlichkeit kein Raum. Zeit und Raum ist Gedanke im
urteilend schaffenden Ich.
    Ich ist Zeit-einbildung, Ich ist Raum-vorstellung. Im Ich ist ewig
Zeit; im Ich ist endlos Raum. Weil Ich selbst Zeit und Raum ist, darum
ist Zeit immer, wann Ich ist; darum ist Raum immer, wo Ich ist; Zeit
und Raum ewig unendlich, da Ich ist. 'Ewig' 'unendlich' aus dem Ich
geschaffene, das Ich selbst bezeichnende Worte, Ich-ausdruck, nichts
mehr.
    Ich ist Ausdehnung in sich zu ewiger Zeit--auer sich zu
unendlichem Raum. Ich ist gegen-Wart zu Zeit und Raum. Ich-Atem,
Ich-Bewegung, Ich-Ausdehnung, Ich-Wandel, Ich-Wirk-lichkeit ist Zeit
und Raum. Wechselndes im Bleibenden, Beharrendes im Wechselnden: Ich.

    Keine Zeit, kein Raum ohne Ich: einen Augenblick bewutlos--eine
Ewigkeit bewutlos.

    'In der 'Zeit' heit vom Ich-bewutsein als Zustand in sich
unmittelbar umfat; 'im Raum' heit mittelbar, vermittelst der Sinne
erfat. Im Bereich des Ich-bewutseins heit Zeit, was darber hinaus
Raum heit. Vom Ich empfunden--Zeit, vom Ich angeschaut--Raum;
seelisch empfunden--Zeit, sinnlich angeschaut--Raum.

    Bei gedankenlosem Hinschauen zwar erscheint Zeit und Raum
verschieden, verschieden wie Tag und Nacht, wie Vergangenheit und
Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander getrennt. Ansicht--nicht
Einsicht; Wahr-nehmung--nicht Wahrheit.
Zeit und Raum sind nicht auseinanderzuhalten: --frage dich, o Teurer,
durch welche Bestimmung knnten Zeit und Raum, beide an sich leer an
Bestimmung, voneinander verschieden sein? Eines ist, was du in dir
Zeit, was du auer dir Raum nennst--zwei Namen fr das Selbe:
atmendes Verlangen in dir.
Sprich es unverstanden nach--mit vorschreitender Erkenntnis gelangst
du zu vollem Verstndnis.

*

    Wie du, dich selber tuschend, den Raum ber dir vom Raum unter
dir unterscheidest, wie du, dich selber tuschend, Zeit vor dir von
Zeit nach dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber
tuschend, Zeit in dir von Raum auer dir.
    Wie deine Gegenwart im Raum bestimmt, was du hier und was du dort
nennst, wie deine Gegenwart in der Zeit bestimmt, was du als vorher
und was du als nachher unterscheidest, so bestimmt deine Gegen-wart im
Da-sein, was in dir zeitlich, was auer dir rumlich erscheint.
    Wie deine Gegenwart in Zeit und Raum die Teilung eines Ganzen
bestimmt--ein willkrlich gewhlter Scheidepunkt, der dir das Recht
zu geben scheint, Gegenteiligkeit zu schaffen, ein rechts und ein
links, ein oben und ein unten zu unterscheiden, ein vorher und ein
nachher, so schafft dein Da-sein, deine Gegen-wart, dein
Ich-Bewutsein,--du selbst--Unterscheidung in einem ungeschiedenen
Ganzen, macht dich in Zeit und Raum unterscheiden, was eines ist.
Eines--scheinbare Zweiheit.
    In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene
Schpfung die Unterscheidung Zeit und Raum.--Als Zeit empfindest du,
was dein eigen, als Raum, was dir entfremdet. Entlassend schaffst du
Raum, aufnehmend Zeit, was aus-wendig Raum ist, ist in-wendig Zeit.
    Dein eigener Widerschein im Ich-Gedanken nennt sich Bestand,
Dauer, Wechsel, Zeit; deinen eigenen Widerschein im entlassenen
Gedanken nennst du drauen, Gegenstand, Raum.
    Unterscheidung Zeit und Raum ist Unterscheidung: in dir--auer
dir; ist Empfndung und nach auen Verlegung--Auslegung deines
inne-Befindens; ist Ein-bildung: Zeit, und Widerspiegelung deiner
Einbildung, Vor-stellung: Raum; Ich-zu-stand und Ich-gegen-stand--
Ausdruck deiner wechselnden Gesinnung, deiner Zuneigung und Abneigung,
Anziehung und Abstoung, Lust und Unlust, Liebe und Ha, Bejahung und
Verneinung, Wille-wider-Wille im Verlangen--Abbild deiner selbst.
    Zeit und Raum sind nur andre Worte fr Ich und du; Unterscheidung
Zeit und Raum ist Unterscheidung Ich und Welt--Ausdruck des Zerfalls
im Ursprung. Davon wird dir in weiterer Unterweisung volle Klarheit.

*

    Besinne dich und du erkennst: ununterschieden in sich ist Zeit und
Raum; eines, was du mit ent-zwei-enden Namen bezeichnest; wie rechts
und links, wie oben und unten, wie hier und dort, wie jetzt und einst
--willkrliche, in sich nichtige Unterscheidung in dir. Und wie du
solches von dem Gegen-sinn 'rechts und links', von dem Gegen-sinn
'oben und unten' klar erkannt hast, so wird dir klare Erkenntnis auch
vom scheinbaren Gegensinn Zeit und Raum.
    Aller Gegensatz, alle Einheit ist in dir.
    Zeit und Raum sind Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum sind
andre Worte fr deinen Willen und fr das, was wider deinen Willen--
wieder dein Wille ist;--Gestaltung deiner selbst!
    Eigene Lust dein Wandel; nach eigenem Gefallen wandelst du dich zu
Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum wie rechts zu links, wandelst
Raum zu Zeit wie unten zu oben.
    Es ist so--sprich es unverstanden nach. Die die Welten
voneinander hlt, diese Brcke berschreite als ein Blinder.
Aufleuchten wird einst in dir die Erkenntnis, aus welcher Tiefe
solches fliet.

*

    Ausgelscht der Gegensinn von Zeit und Raum; auf Worten beruhend
die erscheinende Verschiedenheit; ununterschieden an sich, weder das
eine noeh das andre; dasselbe doppelt benannt, zwei Namen fur eines.
    Und gewi: ist Zeit gleich Raum, so ist weder Zeit noch Raum.
    Was du Zeit und Raum nennst--in Gegenteile zerfallene, an sich
nichtige Unterscheidung in dir--in Gegensinn auseinanderspaltendes
Urteil, deine Willensgestaltung, Spiel deiner Seele, deine eigene
Schpfung--du selbst.

*

    "Was du Zeit und Raum nennst, o Grg, ist eingewoben und verwoben
in Akasha."
    Durch Raum und Zeit wird alles dieser Welt, was Leben heit, was
Tod genannt wird--ewiger Kreislauf--Geburt und Tod dieser Welt
durch Raum-Zeit-Erscheinung:
   -- AKASHA --
dieser Welt Erscheinung--deines Verlangens sinnlicher wieder-Schein
--dieser Welt wesenlose Erscheinung--Erscheinung des Wesens dieser
Welt.
    Aufleuchten mge in dir die weltschpferische Bedeutung des
Wortes.

*

    Darum ist gesagt: "auf Akasha geht diese Welt zurck"--
"Einklang von Seele und Leib."
    Darum ist gesagt: "Akasha--des Brahma Standort"--"Brahma
leibhaftig geworden"--"deiner Seele Leib."
    "Darum soll man als dieser Welt Keim Akasha wissen."
    Sehend geworden erkennst du:
   --Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen--
   --atma--

*        *        *

    So, o Teurer, knnen wir Menschen, der Erscheinung nachdenkend,
uns dieses vorstellen; der Erkenntnis ehernes Tor, verhllte Wahrheit
dem nicht Erkennenden--Upanishad.

*

    So lautet in Aranada Upanishad der zweite Abschnitt: zeit-
rumlicher Erscheinung Urbestand; nunmehr kma, Verlangen.




III.
DAS VERLANGEN DIESER WELT
-- kma --



    Zu dem, was ich dir ferner zu sagen gedenke, o Teurer! behalte vor
Augen:
    Es geschieht wohl, da von den dickkopfigen Ameisen eine
mitten-von-einander bricht; alsbald kehren sich die getrennten Teile
feindlich gegen einander: der Kopf greift mit den Kiefer an, der Leib
wehrt sich mit dem Stachel.
    Eben noch einheitlicher Bestand, Ein Ich mit Einem Bewutsein,
Einer Empfindung, Einem Willen, von gleicher Sorgfalt fr alle Teile
seines Krpers erfllt--zerfllt es vor deinen Augen in zwei
Bewutsein, zwei Empfindungen, zwei Willen, zwei Seelen; jedes der
beiden Teile fhlt sich selbstndig, ein "Ich", und seine erste Tat
ist Kampf gegen das, was es nicht mehr als sein Ich erkennt.
    Zwiespalt krperlich-seelisch; Gedanke dieser im Zwiespalt
atmenden Welt;     Ausdruck des ur-Sprungs: Kma, Verlangen.
    Durch ur-Sprung: ur-TeilIch und gegen-TeilIch. Durch solche
Teilung Verlangen in Ich und Ich;--das Auer-einander von Ich und
Ich ist Verlangen:
   -- KAMA --

*

    Also ist die Unterweisung:
    Ich knpfe an Gesagtes an, o Teurer!
    Der Erreger, savitar, die Sonne, weckt die Geschpfe--alsbald
beseelt diese der Gedanke des Lebens: Kma, Verlangen, und es folgt
Jagd und Kampf.
    Brennend vor Begier wirft sich der Eine auf den Anderen: "du bist
meine Nahrung"--und der Sieger frohlockt: "ich tte dich: es ist
mein Recht."
    Vom Unterliegenden jedoch schallt voller Widerspruch zurck: "ich
will nicht sterben, du darfst mich nicht tten, es ist unrecht und
bse!"
    Du erwgst zuvrderst den Gegensatz im atmenden Verlangen im
'Raum' erscheinend.
    Jeder der Beiden, hier wie dort, der Sieger sowohl wie der
Unterliegende, will dasselbe: will leben, nicht sterben; will tten
und fressen, will nicht gettet und gefressen werden.
    Hier wie dort Ein Gedanke, dasselbe Verlangen, dennoch
Widerspruch, Zwiespalt, Gegensatz.

*

    Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich, ungeteilt: Kma,
Verlangen, Fra; Fra ist sinnflliger Ausdruck des Verlangens.
    Es ist kein Zwiespalt, kein Gegensatz im Gedanken, im Wollen und
Tun an sich; Zwiespalt, Gegensatz ist durch Ich und Ich.
    Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung des Ich am
Gedanken. Der Gegensatz entsteht durch zwiefachen Standort des Ich; im
Ich, das hier will, und im gegenber stehenden, entgegen stehenden,
widerstehenden Ich, das dort wieder will--zwei gegen-stndliche
Standorte des Ich--das ist Raumerscheinung:

    I. Ich--hier:
    "ich will dich fressen."

    II. Ich--dort:
    "ich will dich fressen."

*

    Ich auf  beidem Standort spricht den einheitlichen Gedanken, das
einheitliche Verlangen: 'Fra' zwiefach aus, bejahend--verneinend.
Ich auf beidem Standort bejaht den Satz und verneint damit den
Gegensatz. Ich will--und will nicht das Gegenteil des Gewollten;
Wille zur Tat, Unwille zur Duldung der Tat. Ich hier wie Ich dort:
"ich will leben--nicht sterben, ich will fressen--nicht gefressen
werden."
    Es ist Ein Gedanke, Ein Verlangen, Ein Vorgang: 'Fra'; 'fressen
--nicht gefressen werden' ist nur Lautverschiedenheit, nur sprachlich
doppelter Ausdruck, dem Sinne nach dasselbe; nur Gewolltes bejahende,
nicht-Gewolltes verneinende Redewendung, doppelte Bezeichnung fr
Eines. Ich spricht in zwiefachen, Eines bedeutenden Worten
einheitliches Wollen, den Einen ungespaltenen Gedanken aus;
Gegensatz erscheint im raum-gespaltenen, im ent-zwei-ten Ich; im Ich,
das hier will, und im Ich, das dort will, dort wieder will, das heit
--wider will:

    [Ich:]
    I. Ich, angreifend und siegend will die Tat, bejaht, die Tat,
    spricht den bejahenden ttigen Sprachausdruck des Verlangens--in
    Lust aufflammend:
    "ich will dich fressen."

    [Ich im rumlichen 'Gegen'stand:]
    II. Ich, angegriffen und unterliegend, will die Tat nicht,
    verneint was ihm Leid antut, spricht den verneinenden, leidenden
    Sprachausdruck des Verlangens--in Leid aufflammend:
    "ich will mich nicht fressen lassen."

    Kein Gegensatz im Verlangen, kein Zwiespalt, keine Teilung--
gleichviel, ob sich der Gedanke in Einem Ich in zwiefacher Redewendung
--bejahend--verneinend--ausspricht, oder ob sich der Gedanke in
zwiefacher Redewendung als Wille und Unwille auf zwei Ich verteilt--
zweiheitlicher Ausdruck des einheitlichen Gedankens: Verlangen.
    Kein Gegensatz in Gedanken--gleichviel, ob sich der Gedanke im
tuenden Ich in Tat ausdrckender Redeform ausspricht, oder ob sich der
Gedanke im leidenden Ich in Leid ausdrckender Redewendung
widerspricht; gleichviel, ob der Gedanke im Ich, fressend, sich
bejaht, im Ich, gefressen, sich verneint: --einheitliches Verlangen.
    Unberhrt bleibt der Gedanke, ungeteilt--Unterscheidung,
Teilung, Entzweiung, Zwiespalt und Gegensatz ist durch Ich und Ich
    Dies ist kma, Verlangen, in gegen-Teile ent-zweit, als Wille und
wider-Wille erscheinend; im zu-Stand-Ich und im gegen-Stand-Ich; Ich
rumlich auf zwei Standorten. Ich-ent-Zwei-ung.

*

    Nunmehr der Gegensatz im atmenden Verlangen in der Zeit
erscheinend.
    Nichts weset ohne ein Zweites, kein Ding ohne seinen Gegensatz,
kein Willen ohne gegen-Willen--kein Leben ohne Atem des Willens, wie
kein Atem ohne Einhauch und Aushauch.
    Es geschieht, da in den Beiden, die sich bekmpfen, eine Wendung
im Verlangen eintritt:
    Im Sieger nach geschehener Tat: die Gier ist befriedigt, die Lust
verraucht. Wie am bewegten Schpfrad der Eimer gefllt emporsteigt und
entleert wieder herabsinkt, so fllt sich das Verlangen, bersteigt
den Hhepunkt und fllt. Bisher zurckgedrngte Gedanken drngen vor.
Der Sieger versetzt sich in die Lage des Opfers; das Mitleid erwacht,
der Umschlag erfolgt; man sagt wohl: er ist nicht mehr derselbe, er
ist ein anderer geworden: "ich will nicht tten, es ist Unrecht.
Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun, lieber selber den Tod erdulden,
als andere tten."
    Sodann im Unterliegenden: "mein Widerstand ist vergeblich; ich
unterliege." Bisher zurckgedrngte Gedanken drngen vor. Erinnerung
an eigene Untat wird wach, der Umschlag erfolgt: "es geschieht mir
Recht, ich verdiene den Tod; ich will mein Unrecht ben, will meine
Snde shnen: tte mich, ich sterbe freudig."
    Der Kampf ist aufgegeben, Frieden ist gewonnen; Aufopferung hat
Raubgier abgelst. Verraucht ist das Verlangen, aller Sittlichkeit
hchstgepriesenes Ziel erreicht--erstanden das Wunder:
Selbstlosigkeit.

*

    Du erwgst zuvrderst den zeitlich erscheinenden Gegensatz im
Willen des angreifenden Ich--Wechsel von Tat zu nicht-Tat.
    Der Gegensatz erscheint als genderter Wille im Ich. Das Verlangen
atmet, lebt, bewegt sich, wandelt, wechselt im lch. Ich verlt seinen
Stand, ver-stellt sich, nimmt andere Stellung zum Gedanken:
    "Ich wollte leben, wollte nicht sterben; wollte die Tat tun,
wollte die Tat nicht dulden, wollte tten und fressen, wollte nicht
gettet und gefressen werden"--
    "jetzt will ich sterben, will nicht leben; will nicht tten, nicht
fressen, will gettet und gefressen werden."
    Im Willen des Ich ist Wandlung eingetreten--Gegensatz im
wechselnden Willen in der Zeit erscheinend.

*

    Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich: kma, Verlangen.
Tat und Fra ist sinnflliger Ausdruck des Verlangens, Ausdruck des
Wirkens dieser Welt.
    Es ist keine nderung, kein Gegensatz in Verlangen an sich;
nderung und Gegensatz ist im be-Stand des verlangenden Ich.
    Unterscheidung, Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung,
mit an-Teil-nahme des Ich am Gedanken. Der Gegensatz entsteht im Ich,
das, wollend, in sich spaltet; das Verlangen bleibt, nur das zeitliche
Ziel des Verlangens im Ich wechselt: Ich, das wollte--Ich, das
anders will; zweierlei Verhalten, zwiespaltiger Zustand im Ich--das
ist Zeiterscheinung.

    I. Ich erst in Lust aufflammend, erst:
    "ich will fressen;"

    III. Ich dann lustlos verlschend, dann:
    "ich will gefressen werden."

*

    Der Gedanke bleibt Einer, einheitlich, ungeteilt: Fra. Kein Fra
ohne fressen und gefressen werden; beides liegt unmittelbar im
Gedanken "Fra", "Fressen--gefressen werden" ist nur sprachlich
verschiedener Ausdruck des Einen Gedankens; nur zweierlei Benennung
fr ein-und-denselben Vorgang, nur ttige und leidende Sprachform: nur
Laut-Verschiedenheit, nicht Gegensatz in sich--Eines: Kama,
Verlangen.
    Wandel und Gegensatz erscheint im zeitgespaltenen Willen des Ich:
Ich wollte und will das Gegenteil des zuerst Gewollten. Alles Wollen
ist aus Tun und Dulden: Ich wollte die Tat tun--ich will die Tat
dulden.

    [Ich:]
    I. Ich, erst, in Verlangen, Urteil, Tat sich schaffend, will das
    Leben, begehrt, hofft, will tun, bejaht den Gedanken zu solcher Zeit
    blind:
    "ich will dich fressen, will nicht von dir gefressen werden."

    [Ich in zeitlichem Gegensinn:]
    III. Ich, dann, nach aufgegebenem Tun, von treibender
    Lustempfindung frei, nicht mehr begehrend, ver-setzt sich in die Lage
    des Opfers, ver-stellt sich auf den Standpunkt des Gegners, versteht
    ihn, mit leidend, steht ihm bei,--urteilt nun von also
    entgegengesetztem Stand mit der Zeit ver-stndig, erkennend, wechselt
    mit gewechseltem Stand seine Ansicht, wendet sich im Gedanken,
    widerspricht sich selbst, gibt sich auf, will dulden, will den Tod:
    lustlos vergehend:
    "ich will mich fressen lassen, will nicht fressen"

    Es ist ein Gedanke, der sich im Ich ausspricht, gleichviel wie
sich das Ich verlangend zum Gedanken stellt, es bleibt Ein Gedanke,
gleichviel ob Ich den Gedanken tun, oder ob Ich den Gedanken dulden
will, gleichviel ob das Ich, erfllt vom Gedanken, sich Henker oder
Opfer fhlt--kma, Verlangen.

*

    Dieselbe zeitliche Wendung im angegriffenen, im widerstehenden Ich
--Wechsel von nicht-Duldung zu Duldung--
    Ich wollte nicht und will dann nicht das Gegenteil des zuerst
nicht Gewollten. Ich wollte die Tat nicht dulden--jetzt will ich die
Tat nicht tun.

    [Ich im 'Gegen'stand, das ist: nicht-Ich:]
    II. Ich, angegriffen, verabscheut die Tat, widersteht, verteidigt
    blind seinen Standort, will nicht dulden; in Leid aufflammend:
    "ich will nicht von dir gefressen werden, will dich fressen!"

    [nicht-Ich im zeitlichem Gegensinn:]
    IV. Ich, nach aufgegebenem Widerstand, im berma des Leides
    nichts mehr erhoffend, weder begehrend noch verabscheuend, gibt den
    bisher verteidigten Standort auf, ver-stellt sich auf den Standort des
    Henkers, ver-steht ihn, urteilt  jetzt vom also entgegengesetzten
    Standort erkennend, will dulden, nicht tun, leidlos vergehend:
    "ich will dich nicht fressen, will mich von dir fressen lassen!"

    Unberhrt bleibt der Gedanke--Unterscheidung ist im Ich, im
zeitgespaltenen, im gewechselten Willen des Ich. Wille ist Ausdruck
des Ich. Kein Wille ohne Ich, kein Ich ohne Willen. Wille ist Ich, Ich
ist Wille.
    Dies ist Kma, Verlangen im Ich als wechselnder Wille atmend;
Verlangen im selben Ich zeitlich in gegen-Teile gespalten erscheinend
im Ich und wieder im Ich; Ich in zwei Zeit-zu-Stnden; Ich-zwie-Spalt.

*

    Erkenne zunchst:
    Gegensatz, Widerspruch, Zwiespalt, Entzweiung, Teilung, im
Verlangen erscheinend, ist nicht an sich, ist willkrliche, durch
gegenstzlichen Ich-stand--in sich, auer sich--in-gegen-Teile
aus-ein-ander-spaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir, von
scheinbarer Verschiedenheit,--ununterschieden in sich; von
scheinbarer Bedeutung--bedeutungslos an sich; aus dir gewirkt--auf
dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser deiner
eigen-geschaffenen Welt--nicht Wahrheit.
    Was als Gegensatz im Verlangen erscheint, ist in dir, ist
Kennzeichnung deiner zeitrumlichen gegen-Wart, deines da-Seins, ist
Ausdruck deiner Beziehung zum gegen-Stand, ist deine Auffassung, deine
Gesinnung, deine an-Teil-nahme, deine Stimmung, deine Lust oder
un-Lust zum eigenen, gegen-stndlich auf gefaten Gedanken, ist
Empfindung in dir und Auslegung, das ist nach auen ver-Legung deines
inne-Befindens, ist deine ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner
Einbildung, das ist: Vorstellung; Inhalt deiner Seele, Verlangen, aus
dir geboren, deine eigene Schpfung--du selbst.
    Unberhrt bleibt der Gedanke, unbewegt wie im Sturm der
Sonnenstrahl, gleichviel, ob Ich das Verlangen aufnimmt oder abweist,
den Gedanken hofft oder frchtet, liebt oder hat, bejaht oder
verneint, anzieht oder abstot, tut oder duldet, will oder nicht will;
gleichviel, ob Ich, vom Gedanken beseelt Lust oder Unlust empfindet,
ob Ich sich Freund oder Feind, Herr oder Knecht, Henker oder Opfer
fhlt, gleichviel ob Ich frei will oder wollen mu, gleichviel ob der
Gedanke in Ich oder Ich im Gedanken oder der Gedanke Ich ist.--
    Alle Unterscheidung ist im Ich, im atmenden Willen Ich. Wille ist
Ich Zustand, Wille ist Ich Ausdruck. Kein Willen ohne Ich, kein Ich
ohne Willen. Wille ist Ich, Ich ist Wille--kma, Verlangen.
    Die Welt denkt nur einen Gedanken--aus dem 'Ich' ist endlose
Mannigfaltigkeit dieser Welt.

*        *        *

    Und noch einmal:
    Der Gedanke dieser Welt--Verlangen--atmet im Ich; Ich, atmend,
spaltet--: zwiespltige Beziehung des Ich zu seinem eigenen
Gedanken, zu sich selbst. Ich will--will nicht: will tun, nicht
dulden; will dulden, nicht tun; in sich--auer sich; in Zeit--in
Raum.--Alles Geschehen dieser Welt--alle Mglichkeit dieser Welt;
aller Gedanken, alles Werdens und Verwerdens--alle Welten umfassende
Mglichkeit.

SAMSARA.

 Ich aufflammend:
                                | Raum.
                                V
    I. "ich will dich fressen,  II. "ich will nicht von dir gefressen werden,
    ich will nicht von dir
    gefressen werden."          ich will dich fressen."


Ich verlschend:

    Zeit. ->
    III. "ich will von dir      IV. "ich will dich nicht fressen,
    gefressen werden, ich       ich will von dir
    will dich nicht fressen."   gefressen werden."



NIRVANA.

*

    Das ist:
                Ich, im Verlangen atmend,
                will tun, nicht dulden;
                will dulden, nicht tun.

*

    Vierfacher Ausdruck fr Eines: Ich auf vier Standorten--die vier
sogenannten Denkgesetze des Yavana.
    Ich, im Verlangen atmend, bejaht und verneint in sich--bejaht
und verneint auer sich.--
    Ich--in sich--auer sich--bejahend--verneinend--nennt
sich mit allen Namen dieser Welt:
    Die Welt ist im verlangenden Ich--so erkennst du.

*

    Also ist der erscheinende Wandel des Verlangens vom Ich zum
nicht-Ich, vom nicht-Ich zu s-Ich zurck; aus Tat--durch Widerstand
--zu Duldung; Ich-Atem--tm.

*

    Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und
nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Unwillen, erscheint Zerfall
in Zeit und Raum--erscheint Welt-wirklichkeit.

*

    Folge meinen Worten, o Teurer, mit offener Seele--ich fhre dich
sicheren Weg. Doch la dein Verstndnis nicht an Worten haften,
erfasse ber Worte hinaus; Worte sind Hindernis der Erkenntnis. Mit
wachsender Einsicht offenbart sich dir die gegensinnliche Einheit von
Erscheinung und Verlangen. Sprich es unverstanden nach--was
unverstndlich scheint wird selbstverstndlich.

*        *        *

    Einheitliches Verlangen erscheint im Ich in Willen und Unwillen
gespalten.

*

    Ich, zum Ziele wollend, stt Ungewolltes unwillig von sich ab,
schafft im eigen-Willen Widerwillen. Widerwillen weicht vom Ich, wird
im gegen-Stand selbst-stndig, ist fremdes entgegenstehendes Wollen--:
Willen in mir--Willen auer mir--das ist Raum.
    Raumerscheinung schafft sich durch Aus-legung des Widerwillens im
Ich.

*

    Ich-willen, zum Hohenziele des Verlangens rastlos irrend, von
selbstgeschaffenem gegen-Stand zurckgestoen, bleibt wollend,
wechselt im Willenszustand--: Willen in mir erst--Willen in mir
dann--das ist Zeit.
    Zeiterscheinung schafft sich im Ich durch wechselnden Willen.

*

    Das verlangende Ich schafft zeitrumliche Erscheinung.
    Verlangen treibt dich zu Ausdehnung in Zeit und Raum. Je nachdem
du dich im atmenden Verlangen gefordert oder gehemmt empfindest, ist
Willen oder Widerwillen in dir. Verlangen der Welt willig ergriffen
ist eigener Willen; Verlangen der Welt unwillig abgewiesen ist
Widerwillen in dir. Was in dir seelisch empfunden Widerwille ist, ist
sinnlich aufgefat Widerstand im Raum, das ist fremder Wille wider
dich: 'ich will nicht' das heit: 'du willst'. Was Ich aus sich
unwillig entlt, wird rumliche Vorstellung: Du.
    Der Atem des Verlangens in Anziehung oder Abstoung erscheint im
Ich als Willensgegensatz. Willensgegensatz in sich fat Ich zeitlich
auf; Willensgegensatz zu sich ist dem Ich Raum. Wechselnder Willen ist
Zeit; zu Unwillen gewechselter Willen ist Raum. Willig-un-williges
Verlangen in dir erscheint als zeit-rumliche Wirklichkeit auer dir.
    Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden--
erscheint und ist.
    Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und
nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Gegenwillen, erscheint
Zerfall in Zeit und Raum
   --erscheint und ist--

*

    Wie du, von dir aus ut-teilend, Willen von Widerwillen
unterscheidest--beides in dir, beides Eines--du selbst, so unter-
scheidest du, von dir aus urteilend, Zeit von Raum--beides in dir,
beides Eines--du selbst.
    Wie Unwillen in eigenem Willen zu fremdem Gegenwillen wird, so
wird Ein-bildung Zeit zu gegenstzlicher Vor-stellung Raum. Wie
'fressen' und 'gefressen werden' Eines ist im 'Fra', wie Willen und
Unwillen Eines ist im Verlangen, so ist Zeit Erscheinung und
Raum-Erscheinung Eines in dir--dein Verlangen, du selbst.
    Verlangen, vom Ich ausgesprochen, vom Widerschein des Ich--dem
nicht-Ich--wieder ausgesprochen, das ist: widersprochen--sieht
sich selbst gegenber, tritt sich selbst entgegen, ist sich selbst
Gegensatz.
    Suchender Wille ist Raum, im Suchen wechselnder Wille ist Zeit.

    Also wurzelt in deinem Willen-un-Willen Zeit und Raum; also ist
Zeit-Raum-Erscheinung dein Verlangen.
    Erkenntnis hiervon ist Lsung des Rtsels: Raum-Zeit-Einheit.

*        *        *

    Was von Empfindungswellen dir erwnscht, willkommen zustrmt, was
du dir anzueignen gewillt bist, was du willfhrig aufnimmst, was du
zustimmend bejahend wohlwollend auffat, was sich dir willig fgt, dir
zu Willen ist, worein du einwilligst, was zu deinem eigenen Willen, zu
dir selbst wird, dein Zustand, erscheint in dir--deine Seele
bewegend--in zeitlichen Formen.
    Was, aus dir geboren, dich unwillkrlich befremdet, was du nicht
fr dein eigen hltst, was nicht mehr du selbst bist, was du
unerwnscht erleidest, was dich anwidert, was dir widrig, widerwrtig,
zuwider ist, dein wider-Wille erscheint--deine Sinne bewegend--
auer dir, rumlich, als wider-Stand, als widerstehende Kraft aus dem
Raum.
    Atmet Verlangen in dir, wandelst du Willen zu Unwillen, so
wandelst du Empfindung zu Anschauung, Einbildung zu Vorstellung,
Zustand zu Gegenstand, wandelst zeitlichen Wechsel zu rumlicher
Verschiedenheit, Zeit zu Raum: --und umgekehrt: ziehst du unwillig
Abgestoenes, Gegenstand, Raum Gewordenes wieder willig an dich,
nimmst du, durch Aufhebung der Verneinung, den Gegensatz willig in
dich auf, so wandelst du deine Anschauung zu Empfindung, deine
Vorstellung zu Einbildung, deinen Gegenstand zu deinem Zustand,
rumliche Mannigfaltigkeit zu zeitlichem Wechsel, fremde Kraft zu
eigenem Willen, Raum zu Zeit.
    Willenswandel deine Seele bewegend--seelisch empfunden--
erscheint dir zeitlich, Willenswandel deine Sinne bewegend--sinnlich
angeschaut--erscheint dir rumlich. Seelischer Wandel ist Zeit;
sinnlich krperlicher Wandel ist Raum. Bewegung deiner Seele--Zeit;
Bewegung deiner Sinne--Raum. Verlangen treibt dich und es wird Zeit
und Raum; beides Bewegung, beides Empfindung in dir.
    Eigene Lust dein Wandel im Verlangen; eigenes Gefallen dein Wandel
in Zeit und Raum. Verlangend wandelst du in Zeit und Raum, verlangend
wandelst du dich zu Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum, wie rechts
zu links, wandelst Raum zu Zeit, wie unten zu obem.

*

    Aller Wille will nicht, aller Unwille will. Unwillen durch Willen,
Willen durch Unwillen--Wille und Wille untrennbar--Eines, wie Zeit
und Raum, wie oben und unten.
    Versuche zu verstehen:
    Wenn du wollend nicht willst und nicht wollend willst, was nicht
wollend dich will, was wollend dich nicht will, was dir unwillig
willig zu-kommt, was dir willig unwillig aus-kommt, nennst du mit
zeitlich rumlichen Namen. Was du willig Zeit oder Raum nennst, nennst
du unwillig Raum oder Zeit.
    Zeit und Raum--Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum--
andere Worte fr deinen Willen und fr das, was, wider deinen Willen,
wieder dein Wille ist--Gestaltung deiner selbst.

*

    Ich Atem ist Einhauch und Aushauch, ist innen und auen, ist
zu-Stand und gegen-Stand, ist Wille und Unwille, ist Zeit und Raum,
Ich und nicht lch.
    Also von Gegensatz zu Gegensatz atmend schafft Ich Zeit und Raum,
mit Zeit und Raum--die Welt, deines Verlangens sinnlicher
Widerschein.

*

    Also ist der Atem des Verlangens Wille-un-Wille im Ich--aus Tat
durch Widerstand zu Duldung--Atem, Leben, Bewegung, Wandel, von
Ich-bestand I auf Ich-wider-Stand II und auf Ich-wieder-bestand III
zurck. Ich-Verlangen, wandelnd, zu seinem gegen-Stand und zu sich
selbst zurck ver-wandelt; Ich durch wider-Ich zu wieder-Ich; von Ich
zu Ich; Ich Atmen--tm.

*

    Und ferner, o Teurer, Verlangen in dir ist Schpferkraft.
    Von geringem Verstndnis sind wir Menschen, blind vor Verlangen
erkennen wir offenen Auges das Nchste nicht. Was im Samsara
verlangend wchst, nennen wir unsern Willen; Hemmung unseres Willens
empfinden wir unwillig; empfundenen Unwillen legen wir aus als Wirkung
fremder Kraft.
    Ausbend wandelst du eigenen Willen zu rckwirkender Kraft.
Wollend schaffst du Unwillen. Unwillen weist du von dir ab; darum
erscheint er auer dir, dir entfremdet, scheint fremde Kraft gegen
dich. Oder mit anderen Worten gesagt: weil es fremder Wille ist, darum
ist er nicht in dir--beides ist dasselbe.
    Unwillen in dir ist Willen wider dich. Der eigene Wille-un-Wille
von dir ge-uert, von dir ausgelegt, das ist: aus dir hinaus verlegt,
im gegen-Stand selbst stndig geworden, vom gegen-Stand
wider-stehend, als Widerstand auf dich rckwirkend, ist dir des
Gegenstandes Widerstandskraft. Wille in dir schafft mit
Not-wend-igkeit rckwirkende Kraft--Widerwille in dir ist Widerstand
auer dir.
    Was Eines ist, benennst du mit unterscheidenden Namen. Was du in
dir Willen nennst, nennst du auer dir Kraft. Kraft in dir bewut,
nennt sich Willen; Willen auer deinem Bewutsein scheint dir
bewutlose Kraft. Aller Wille ist Kraft, alle Kraft ist Willen. Wille
ist Kraft aus dir, Unwillen in dir ist Kraft gegen dich.
    Aus dir fliet Willen und Kraft; Eines ist Willen und Kraft--
Verlangen in dir--du selbst. Sehend geworden erkennst du den eigenen
Willen in fremder Kraft, dich selbst im nicht-Ich.
    In deinem Herzen ist die Auseinandertretung, deine eigene
Schpfung die Unterscheidung: Zeit-Wille--Raum-Kraft. Ich ist Zeit
und Raum, Ich ist Wille und Kraft. Ich ist ksha, Ich ist kma.

*

   -- Ur-sprung --

Namen des Verlangens vom Ich aus.

Ich--nicht-Ich
m-Ich empfunden--d-Ich vorgestellt
in der Seele unmittelbar gewut--mittelst der Sinne erfat
als eigen erkannt--als fremd verkannt
innen-Zustand--auen-Gegenstand
wechselndes Verlangen--Entzweiung einheitlichen Verlangens
genderter Wille--eines anderen Wille
eigener Widerwille--fremder Widerstand
Wandel, seelische Empfindung--Wandel, krperliche Bewegung
Ursache--Wirkung
Wille--Kraft
Freiheit--Notwendigkeit
Einbildung--Vorstellung
ur-Teil--gegen-Teil
Zeit--Raum
Seele--Krper
werdende--gewordene

    Welt.

 *        *        *

    Ich, durch-ur-Sprung--ur-Teil, un-zu-langend--ver-langt; Ich
ur-Teil verlangt nach dem gegen-Teil. Darum ist Ich Verlangen.
    Alles Verlangen ruht auf Unzulnglichkeit, auf Bedrfnis, auf
Mangel, auf Gebrechen, auf Bedrngnis, auf Sehnsucht, auf Furcht und
Hoffnung, auf Not und Qual; alles Verlangen ruht auf Zwiespalt, auf
Zwiespalt der Seele, alles Verlangen auf ur-Sprung. Alles Verlangen
ist Verlangen nach er-Gnz-ung, Verlangen nach wieder-ver-Ein-igung
mit Gottheit.
    Ich empfindet sich Bruchstck, darum hungert Ich nach dem
Entgangenen; darum lebt alles Ich auer sich, darum ist alles Ich
friedlos; darum sucht Ich, begehrt Ich, sehnt sich nach anderem,
bewegt sich, neigt sich, nhert sich anderem, nhrt sich von anderem.
Eines Wesens ist, wenn der Spalt im Holz sich zu schlieen trachtet--
wenn ein Ich bewut will; Enzweiung will Zu-eins-paarung. Aus Einer
Quelle fliet: sich eines Anderen Seele nhern--sich von eines
Anderen Krper nhren.
    Darum lebt Alles dieser Welt durch Nhrung, durch Ein-ver-
leib-ung, durch an-Eign-ung; darum lebt alles Ich durch ein anderes
und lebt kein Ich ohne nicht-Ich, und lebt alles Ich durch nicht Ich
--seelisch wie sinnlich.
    Also beschrnkt sucht Ich Unbeschrnktheit, also unvollstndig
sucht Ich Vollstndigkeit, also unvollkommen sucht Ich Vollkommenheit,
also verstoen sucht Ich nach dem verlorenen Paradiese, also
vereinsamt und verlassen schreit Ich um Hilfe--es verlangt alles Ich
nach Allumfassen, nach Alleinheit, nach Vollendung--nach Nirvana.
    Es verlangt m-Ich--Ich mu verlangen, mu auer sich wollen, mu
von Anderem leben, mu jagen und erbeuten, mu wrgen und fressen.
    Ich mu alles nicht-Ich zu sich wollen, mu an-eign-en wollen, mu
fr sich lieben und hassen, mu wider alles nicht-Ich stehen, mu
allem nicht-Ich Gegner und Feind sein solange Ich 'Ich' ist. Es ist
kein Ausweg. Wer das Heil im Ich sucht, dem ist Selbstsucht geboten.
    Alles ich lebt nur durch Selbstsucht. Alles Ich, blind durch
Ichheit, von Ichheit besessen, vermeint in s-Ich das hchste Gut zu
verteidigen--: zum Bewutsein erwachende Gottheit.
    Darum ist zwischen Ich und Ich ewige Tat, ewiger Widerstand,
ewiges Wirken, darum ist die Wirklichkeit dieser Welt ewiger Kampf.
    Darber ist gesagt: "aus Verlangen und Nhrung hat Brahma diese
Welt gebildet".
    Das Verlangen ist Lust; das Lust-verlangen ist endlos.
    Wie ein Mann nach dem Weibe verlangt--und wrde er auch in
solchem Verlangen ganz zum Weibe--nicht befriedigt ist, nunmehr nach
dem Manne verlangt, so verlangt das Ich nach dem, was es nicht ist,
und wenn es das Verlangte erlangt hat, ist es dennoch voll Verlangen.
Ich ist Verlangen, das Verlangen ist endlos.
    Ich verlangt nach Allem, was es nicht ist. Ich, sich selbst im
Anderen verkennend, jagt nach sinnlich sinnlosem Ziele--endlose
Tuschung der Sinnenwelt--Sinnlosigkeit der Sinnenwelt--sinnlos,
weil sinnlich.
    Alles Verlangen ist Verlangen zu sich, alles Verlangen ist Ich
Verlangen. Es gibt kein selbstloses Verlangen. Kein Ich ist leer von
Verlangen. Verlangen erfllt, bewegt, belebt, beseelt das Ich. Ich ist
nur durch Verlangen. Ich in aller seiner Gestaltung ist Verlangen--
Ich, das verlangend, nie erlangt.

*

    Auf Einem Gedanken ruht diese Welt:
    Verlangen nach Wiedervereinigung mit Gottheit; im Verlangen ist
Bindung und--Lsung dieser Welt.
    Nichts auerhalb des Verlangens; nichts was nicht im Verlangen zum
Ich in Beziehung steht. Verlangen ist allberall, Verlangen ist
allgegenwrtig, Verlangen ist immer. Verlangen ist nie gestillt.
Verlangen birgt sich in allem Geschehen, in aller Tat, in allen
Gestalten, unter allen Namen dieser Welt--ver-Langen nach
ver-Einigung! sinnlich und seelisch.
    Anziehung und Abstoung ist Verlangen, brnstige Wnsche--
inbrnstiges Gebet, Liebe wie Ha. Niederste Gier ist Verlangen nach
dem Hchsten. Tiefster Samsara hat hchstes Ziel: Eines ist was dich
--dich Krper, dich Seele--zu Nahrung treibt, zu Erwerb, zu Weib
und Kind, zu Macht, zu Entsagung, zu Erkenntnis, All-Einheit,
Vollendung, nirvana.
    Verlangen fhrt dich in die Welt, Verlangen hlt dich in der Welt
befangen, Verlangen fhrt dich ber diese Welt des Verlangens hinaus.
Also geschlossen im Verlangen ist die ewige Kette; also lst sich
aller Irrtum, alle Snde dieser Welt: durch Verlangen ist Samsara,
durch Verlangen ist Nirvana.
    Endloses Verlangen erscheint als endloses Werden.

*

    Ur-teil-Ich-er-Schein-ung lebt nur Einen Gedanken:
    Durch ur-Sprung--ent-Zwei-ung; durch Entzweiung--ver-Langen,
nach wieder-ver-Ein-igung.
    Alles Ich will sich, will Alles zu sich,--en-will sich zum All.
    Also hlt Verlangen nach Vereinigung zu sich alles Ich
auseinander.
    Durch Entzweiung--Vereinigung; durch Vereinigung--Entzweiung
--Unergrndlichkeit--Ewigkeit des Ur-sprungs.
    Die Ich-bin-heit hlt Ich und Ich auseinander. Asmita ist Schpfer
dieser Welt. Keine Erlsung im Samsara. Keine Seeligkeit, keine
Erlsung im Ich.
    Ur-Teil-Ich durch ur-Srung ab-geschieden, unterscheidet: Ich--
Welt; sieht sich Bestand, Akasha; fhlt sich Verlangen, kma;--
unterscheidet in Akasha atmend: Zeit--Raum; unterscheidet in Kma
atmend: eigenen Willen--fremde Kraft--
    Alle unter-scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung in ur-Teil
und Gegen-Teil.
    Sehend geworden erkennst du:
    Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen:
   -- Atma --

*

    O Teurer, wie ich es dir zunchst dargelegt habe, so mgen wir
Menschen der Erscheinung nach-denkend, uns der Wahrheit annhern. Nur
dem tief ernst Suchenden enthllt sich die tiefe Lehre--upanishad--
der Menscheit Hoheziel--Hoheziel.

*

    So lautet in Aranada-Upanishad der dritte adhyaya: Kma,
Verlangen; nunmehr Karma, Wirklichkeit.




IV.
WIRKLICHKEIT DIESER WELT
-- karma --



    Zu dem, was ich dir ferner zu sagen gedenke, o Teurer, wisse:
einfach ist alle Wahrheit, Vielheit ist Irrtum dieser Welt.
    Wie das dichte Laubdach eines Urwaldes vor einem strzenden Stamme
zerreit und helles Tageslicht pltzlich die Dmmerung am Boden
berflutet--so brach bange Unwissenheit in sich zusammen und
berstrahlte mich das Licht der Erkenntnis; und was groe Lehrer vor
mir als unausdenkbar erachtet hatten, als unergrndlich, als ewiges
Geheimnis--trat in mir zutage, wuchs und erstarkte zu voller
Erkenntnis. Gesegnet sei die Stunde, da ich Gewiheit erlangte: also
ist, was sie Tatgesetz nennen, also ist Wirklichkeit: Karma--
Freiheit des Tuns--eherne Notwendigkeit.
    Und schon einmal habe ich solche Erkenntnis ausgesprochen zu jenen
Zeiten, als der Knig der Videha mich befragte; aber unverstanden
blieb, was ich verkndete, unerkannt in seinen Tiefen--verlorene
Wahrheit offenbare ich dir wieder.

*        *        *

    Aus ur-Sprung--: ur-Teil-Ich-Erscheinung; aus ur-Teil-Ich--:
ver-Langen; aus Verlangen--: Tat
   -- KARMA --

*

    Tat und Tatergebnis, Wirken und Wirklichkeit dieser Welt--in
dir, o Teurer, als Lust und Leid bewut, als Tat und Duldung, als
Ursache und Wirkung, als Freiheit und Notwendigkeit--in dir, o
Teurer, als vergeltende Gerechtigkeit der Gottheit wach.

*

    Also ist die Unterweisung:
    Wie im dichtgeschlossenen Raume dein Atem die Luft verdirbt und
die verdorbene Luft auf dich vergiftend zurckwirkt--
   --wie ein fliehender Feind, von dir verfolgt, sich wendet und
dich aus Tat und Angriff zu Abwehr und Leid zurckdrngt--
   --wie das Gescho der schwarzen Haut im Wurf auf dich zurckkehrt--
   --wie dein Schwert, am Widerstand abprallend, dich selbst trifft--
   --also ist Karma: Tat und Widerstand, Wirkung und Rckwirkung,
Ausgleich, Vergeltung, ewige Gerechtigkeit--Wirklichkeit dieser Welt.

*        *        *

    Karma, Wirklichkeit dieser Welt, wirkt sich in dir aus Ursache und
Wirkung.
    Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in Ich und
nicht-Ich.
    Du empfindest eigner Tat Ursache in dir, schaust eigner Tat
Wirkung auer dir, am wider-Stand; Widerstand ist Wirkung auf dich;
Wirkung auf dich begreifst du als fremder Tat Ursache. Ursache wird
Wirkung, Wirkung wird Ursache. Die Tat bedingt das Ergebnis, das
Ergebnis bedingt die Tat; Voraussetzung ist Enderfolg; Folge ist
Bedingung. Alle Wirkung ist in der Ursache; alle Wirkung ist
Widerwirkung, Ausgleich von Ursache und Wirkung--Wechselwirkung--
wie zwei Mhlsteine sich aneinander schrfen.--Eines Vorganges
geschiedene Auffassung in dir, ur-teilende Namen. Was du fremd
anschauend 'Ursache oder Wirkung' nennst, nennst du beteiligt 'Willen
oder Unwillen' in dir. Je nachdem du willig-un-willig tust oder
duldest, je nach Willen oder Unwillen in dir, erscheint verschieden,
was Eines ist.
    Eines ist, was du willkrlich scheidest--Eines ist Tat aus dir
und Wirkung auf dich--Eines, was du seelisch auslegst und was du dir
sinnlich vorstellst. Tuend nennt sich Ursache, was leidend sich
Wirkung nennt, Beid-einheit--scheinbare Zweiheit durch zwiefache
Benennung desselben.
    Vor der ewigen Ich-gegenwart erscheint, was Eines ist, zu einer
zeitlichen Kette auseinandergezogen, erscheint in Glieder zerstckt--
ineinander greifende Glieder einer unlslichen Kette von Ursache und
Wirkung. Was in sich Eines ist, erscheint uns zeit-rumlich Schauenden
zu Aus-ein-ander-folge ausgedehnt.
    Es scheint, als sei Zerfall in Ur-teil und Gegen-teil, als sei
Zu-stand und Gegen-stand, als sei Empfindung durch Wirkung des
Empfundenen, als sei Folge und Folglichkeit. Keine Zeit an sich, kein
Raum, keine Ursache, keine Wirkung, keine Folge, keine Folglichkeit.
    Weil an sich keine Ursache ist, weil an sich keine Wirkung ist,
darum ist keine Urschlichkeit an sich. Im scheinbar bedingenden Worte
"weil" liegt keine Urschlichkeit; "weil" besagt nur: der weile, das
ist: zur selben Zeit--nichts mehr. Im scheinbar folgernden Worte
"darum" liegt keine Folgerung; "darum" besagt nur: daherum, das ist:
am selben Ort--nichts mehr. Scheinbare Zweierleiheit zur selben Zeit
am gleichen Ort ist Eines. Die scheinbar bedingenden, scheinbar
folgernden Worte aller Sprachen besagen nur: in Zeit und Raum
zusammenfallende Erscheinung, Beid-einheit--nichts mehr. Raumansto
ist Zeitfolge--Selbeinheit, nicht Folglichkeit.
    Was du Urschlichkeit, Folge, Folglichkeit nennst, ist Flu
lckenloser Empfindung in dir, endlos in Einhauch und Aushauch atmende
Willensbeziehung zum endlos aus dir geschaffenen Gegen-stand.--
Nichts in der verlangenden Sinnenwelt, was nicht in Beziehung zu
deinem Verlangen steht. Sinnliche Erscheinung ist Ausdruck deines
seelischen Verlangens; Eines, durch rastlos irrendes Verlangen
geschieden, und so, seelisch geschieden, sinnlich als Verschiedenheit
geschaut. Wechselnde Eigenschaffung in dir erscheint auer dir als
Wechsel der Beschaffenheit; zu-Stand und gegen-Stand bedingen
einander; ndert sich dein Seelenzustand, so ndert sich deinen Sinnen
der Gegenstand--erfasse es wohl: beides ist Eines.
    Folglichkeits-erscheinung ist sinnliche Anschauung des Wechselnden
im Beharrenden; Selbeinheits-erkenntnis ist seelisches Erschauen des
Beharrenden im Wechselnden. Anscheinende Gesetzmigkeit ruht auf
Vielheitstuschung, das ist: deiner sinnlichen Auffassung
zeit-rumliches Aus-ein-ander-fallen des in sich Einheitlichen.
Folglichkeit--nur aus-ein-ander-gezerrtes Bild der Selbigkeit; ein
Hinweis, da Raum und Zeit bloe Erscheinung sei und nicht in sich.
Kein Folglichkeitsgesetz dem Wissenden.
    Zerfall in Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in "Ich
und Du" im Ursprung; erscheint mit dem Zerfall des Ich in Zeit und
Raum.--Wie Nacht dem Tage folgt und Tag der Nacht, so folgt in
endloser Flucht des Geschehens Wirkung auf Ursache und Ursache auf
Wirkung. Ursache bewirkt und Wirkung verursacht. Wie einer Sohn seines
Vaters ist und Vater seines Sohnes, Vater und Sohn zugleich, so ist
Ursache Wirkung und ist Wirkung Ursache--Wirkung und Ursache
zugleich.
    Vieler Worte bedarf es, Selbstverstndliches darzulegen: Eines ist
Ursache und Wirkung--willkrliche, an sich nichtige Unterscheidung
in dir; doppelte Benennung des Einen, zwei Worte fr dasselbe:
Wirklichkeit, Karma--durch dich--auf dich wirkend; Kreislauf des
Verlangens.

*        *        *

    Und ferner, o Teurer, Karma, Wirklichkeit dieser Welt wirkt sich
in dir aus Freiheit und Notwendigkeit.
    Freiheit des menschlichen Tuns, o Teurer? oder unabwendbare
Gesetzmigkeit alles Geschehens? Offenbar wird dem Erkennenden die
Lsung der groen Frage an aller Gestaltung, in jedem Vorgang, an
allem Werden, an allem Sein. Dasein; alles Gewordene aus gebundener
Freiheit. Du durchschaust das Rtsel am aufsteigenden Opferrauch, am
Lauf der Gestirne, am Monde, an jeder Zelle. Alles Gebilde ist davon
Bildnis; Urbild aller Gebilde--der Zwlfflchner.
    Erwge es wohl! So lange du die endlose Flucht der Erscheinung
'teilend' zu beherrschen glaubst, so lange irrst du im Wege zu
Erkenntnis--: 'einigend' nahst du dem Hohenziel.
    Erwge es wohl! Nur die voll erkannte Lehre lst dich aus den
Fesseln der Unwissenheit--: nicht eher offenbart sich dir das
Geheimnis; nicht eher erwachst du aus vieltausendjhrigem Schlummer.
    Nicht berliefert wurde mir die Lehre von der Gemeinschaft
schauender Meister; aus dem Urquell alles Gedankens ward mir die
Lsung, die seit dem Erwachen der Menschheit gesuchte.

*

    Also ist die Unterweisung:
    Wie ein Ball, aufschlagend, sich abflacht--
   --wie runde Beeren, in der Traube zusammengedrngt, zu kantigen
Formen auswachsen--
   --wie Wasserblasen im Schaumballen, einander bedrngend, aus der
erstrebten Kugelgestalt mit Notwendigkeit zu Zwlf-flchnern werden--
   --wie die gewollte Kreisform dicht aneinandergeschlossener
Bienenzellen sich mit Notwendigkeit zum Sechseck gestaltet--
   --so widerfhrt dem Ich im nimmer endenden Verlangen, nach allen
Seiten frei und ungehemmt sich auszubreiten,--notwendig Hemmung von
allen Seiten, von allen Gegen-stnden Widerstand--
   --so gestaltet sich, was du Freiheit nennst, zu Notwendigkeit;
das ist: durch freien Willen Aller--notwendig gebundener Wille Aller--
    und du erkennst:
    Aller Freiheit ist Aller Notwendigkeit.
    Dies ist Lsung der groen Frage, um die du mich angingst:
Freiheit des Willens oder unabweisbare Notwendigkeit alles Geschehens
--restlose Lsung. Was unergrndlich schien, was Jahrtausende vor mir
Morgen- und Abendland, alte und neue Welt, Rishi und Mahatma,
vergeblich suchten--gefunden ist die Lsung des tiefen Rtsels,
durchschaut der Widerspruch, erkannt die Einheit im Gegensinn.

*

    Einfach ist alle Wahrheit: Freiheit--zu-Stand des Ich,
Notwendigkeit--gegen-Stand. Als frei getan empfindest du, was dein
eigen, als notwendig geduldet, was dir entfremdet; Freiheit, was du
willig in dir, Notwendigkeit, was du unwillig als drauen erachtest.
Im Bereich des Ich-bewutseins heit Freiheit, was darber hinaus, dem
Weichbild des Ich in Raum entwichen, Notwendigkeit heit.
    Aller Ich bewegt frei den eigenen Willen, Aller Ich empfindet sich
mit Notwendigkeit bewegt vom frei bewegten Willen Aller.
    Freien Willen, also gehemmt, empfindest du als Unwillen;
empfundenen Unwillen legst du aus als fremder Kraft not-wen-dige
Wirkung; auf dich rckwirkende Freiheit nennst du Notwendigkeit;
Wirkung aus dir--Wirkung auf dich.--Was du frei aus dir tust,
bindet dich notwendig.
    Freier Wille durch gegen-Stand not-wend-ig bestimmt; freier Wille
in der Sinnenwelt gebunden.
    Was ich will, will ich frei--ist Freiheit und Lust; was ich
wider meinen Willen dulde, ist Unlust, Beschrnkung, Notwendigkeit. Je
nachdem ich dem mchtigen Zuge der Welt willig folge oder unwillig
widerstehe--je nach dem ich willig-un-willig umfasse oder
un-willig-willig entlasse--je nach meinem Ziel im Verlangen--
erscheint verschieden, was Eines ist.
    Was du in dir freien Willen oder fremden Willen auer dir nennst,
ist einheitliche Beziehung inzwischen Ich und Ich, von beiden Seiten
gleichzeitig als eigene Freiheit, von beiden Seiten gleichzeitig als
fremder Zwang empfunden.
    Kein Gesetz dem Wissenden:
    Aller Freiheit ist aller Gebundenheit--Aller Wille ist Aller
Gesetz.
    Davon ist gesagt: "Gebunden ist Seele durch Seele." Was sie Gesetz
nennen, ist gehemmtes Verlangen.

*

    Es verlangt dich im Zuge der Welt zur Erscheinung--es verlangt
dich zur Erscheinungswelt hinaus. Je nachdem du voreilst oder
zurckbleibst, je nach deinem zustimmenden oder abweisenden Verlangen
erscheint dir das Werden-ver-Werden der Welt als eigenes Wirken aus
dir oder als fremdes Wirken auf dich--je nach seelischer oder
sinnlicher Auffassung--verinnerlicht oder entuert.

 *

    Hinfllig ist aller Streit, der feste Bau ist gegrndet. Freiheit,
zu Ende gedacht, ist Notwendigkeit; Notwendigkeit, zu Ende gedacht,
ist Freiheit.
    Eines ist, was du zwiefach benennst: Freiheit und Notwendigkeit,
willkrliche, in sich nichtige Unterscheidung in dir.
    Dein Verlangen schafft was du Freiheit, dein Verlangen schafft was
du Notwendigkeit nennst. Karma, Wirklichkeit dieser Welt willig in
dich aufgenommen scheint 'freie' Wirkung aus dir; Karma unwillig
abgewiesen ist notwendig Wirkung wider dich.
    Freiheit und Notwendigkeit ununterschieden in sich, weder das
eine, noch das andere, Eines doppelt benannt, zwei Namen fr das Selbe
--; unendliches Verlangen--endloser Widerstand--Karma in dir
atmend.
    Verloren ist Freiheit--gewonnen ist Freiheit; du selbst bist
Herr und Gesetz, du selbst bist Schpfer--Vernichter. Atma ist sich
selbst Gesetz.
    Noch einmal: Gib es auf, die Welt zu durchschauen, ehe dir die
volle Erkenntnis von Karma auf geleuchtet ist.

*        *        *

    Und ferner, o Teurer! karma, Wirklichkeit dieser Welt wirkt sich
in dir aus Tun und Dulden. Ich Dasein ist Tat. Tat erfllt das Ich,
Tat bewegt, belebt, beseelt das Ich. Ich ist nur durch Tat. Ich in
allen seinen Gestaltungen ist Tat. Alle Tat ist Ich-Tat; keine Tat ist
selbstlos.
    Keine Tat geschieht um ihrer selbst willen: du tust, um durch Tat
zu Tat-Frieden zu gelangen. P. W.
    Tat ist Frucht des Verlangens, das Verlangen ist endlos. Keine Tat
bringt das Heil. Kein Tun stillt das Verlangen; Verlangen ist ewig
wach; Befriedigung ist ewig Tuschung.
    Unerreichbares whnst du durch Tat zu erreichen. Tat frdert neue
Tat. Tat fordert neue Tat. Tat fhrt endlos zu Tat. Jede erfolgte Tat
fesselt dich an den Erfolg der Tat. Tat verschuldet dich irdischen
Mchten. Unselig ist alle Tat--eine ewige Kette. Alle Tat, gute wie
bse, schafft neues karma. Keine Erlsung durch Tat--tuend wirkst du
diese Welt.
    Darum ist gesagt: "der bs Handelnde, der gut Handelnde bleibt
durch sein Tun gebunden."
    Darum sagt Shamkara, der Lehrer: "die Seele von Bsem und Gutem
befleckt."
    "Seele wird nicht hher durch gutes Werk, Seele wird nicht
geringer durch bses Werk."--"Sein Reich leidet durch keine Tat
mehr; ber Gutes und Bses--ber beides ging der Vollendete hinaus."
    Darum sagt Shri-shagavad-git-upanishad: "alles Tun ist von Schuld
umhllt."
    Darum spricht die Gottheit Krishna: "ich bin auerhalb dieses
Tuns."
    Darum lehrt des Heilweges Buch: "das Hchste ist ohne Tun." "Wer,
solches wissend, von Gutem und Bsem sich rettet, der rettet sich von
Sinnen zu Seele; der rettet sich zu Atma, der solches wei."

*

    Ich rede zu Suchenden, zu dir, o Schler! drauen Stehenden ein zu
bewahrendes Geheimnis. Ehe du es wagst von Tat zu lassen, erfasse die
Lehre wohl.
    Der Gedanke dieser Welt ist suchendes Verlangen; blind irrende
Gedanken des Verlangens walten bermchtig allberall. Was von
Gedanken seelisch sinnlich in dir haftet, lebt, schlgt Wurzel in dir,
schafft sich zu deiner Seele. Es denkt und will und handelt in dir.
Irresuchenden Gedanken Sttte gewhrend, irrst du im Wege zum
Hohenziel.
    Sei ttig so lange dir Tat Befriedigung gewhrt; sei ttig, doch
sei nicht in der Tat. Wahre die Ruhe deiner Seele--unberhrt von Tat
und Taterfolg--selbstvergessen. Also tuend wird dir Erkenntnis von
Tat--Tat ohne Tter. Von Leid und Tat ungeblendet wirst du sehend.

*

    In dir, o Teurer, wchst mit jeder neuen Erkenntnis der Gedanke:
'unausfhrbar in diesem Leben ist die Lehre'.
    Nun wohl! Wende dich von diesem Leben ab, das dir des Lebens
hchstes Gut versagt: 'Seelenfrieden'. Suche hheres Ziel! Du selbst
bist Schpfer und Vernichter. Aus deinem Verlangen schaffen sich die
Welten; dein Verlangen schafft diese, dein Verlangen schafft andere
Welten.

*        *        *

    Was ist, ist durch Gegensatz: da die Welle sich hebe, mu ein
Wellental sich bilden. Tat ist unablsbar von Leid; kein Tun ohne
Dulden. Ich-dasein ist Tat und Duldung.
    Tat ist am gegen-Stand; Tat ist gegen wider-Stand. Was dem Tter
Tat und Lust ist, ist Leid und Duldung dem Widerstehenden. Aller Fra
ist Fressen und Gefressenwerden. Lust und Leid ergnzt sich in Tter
und Dulder.
    Alle Tat ist Frucht des Verlangens: das Verlangen treibt dich; den
Trieb erleidend, tust du. Tuend leidest du und leidend tust du. Leid
aus sich hinaus verlegt, nennt sich Tat.
    Wir blinden Menschen erkennen das Leid nicht, wenn wir es Tat
nennen.
    Durch Tat ist Leid, durch Leid Tat. Ich tue das Leid, ich leide
die Tat. Ich tue oder dulde Leid. Ich leide, weil du mir Leid antust;
ich leide, wenn du mir leid tust. Ich mache mich selbst leiden. Ich
empfinde mich auer mir, ich leide in dir.
    Darum sagt Shnkar-atschrya, Verehrung sei ihm: "Tat--dem Wesen
nach Leid". Tat und Widerstand--zwiefach Leid.
    Leid fordert Lust--Lust fordert Leid.
    Lust--fremdes Leid, Leid--fremde Lust; Lust ist Wirkung aus
dir, Leid--Wirkung auf dich. Der Hammer ist zum Schlag, der Ambo
zum Widerstand bestellt. Im Hammer Lust und Leid, im Ambo Leid und
Lust. Darum ist Ein Wort fr beides: ashma.
    Was deiner Empfindung-Anschauung gegenstzlich erscheint, Duldung
wie Tat, wchst aus derselben Wurzel, unterschieden nur durch
unterscheidende Benennung, wie Wille und Unwille, wie Ursache und
Wirkung, wie Freiheit und Notwendigkeit, wie Zeit und Raum, wie oben
und unten--unterscheidende Namen in dir--Zerfall im Ur-sprung in
Ich und Du.

*

    Eines in sich ist, was du in karma mit gegenteiligen Namen
bezeichnest; Eines, was du verlangend Lust, abweisend Leid nennst;
dasselbe un-willig-willig getan, willig-un-willig gelitten.
    Was von Gedankenwellen dir willkommen zustrmt, erbaut dich, baut
das Ich in dir; was dir behagt, was du willfhrig aufnimmst, was du
zustimmend, bejahend, wohlwollend umfat; was du einwilligend dir
aneignest, was sich dir willig fgt, was dir zu Willen ist, was dein
Wille, was du selbst bist, gebrt in dir, deine Seele bewegend--:
Zeit, Ursache, Freiheit, Tat und Lust--du tust, dein
gegen-Ich-duldet.
    Was, aus deinem Willen geboren, zu Unwillen in dir wird, was dir
als Widerwille Abbruch tut, was dir entgeht, was du unwillig hingibst,
unwillig entbehrst, was du widerstrebend empfindest, was dir
widersteht, was erwidert, anwidert, was widrig, widerwrtig ist, was
wider deinen Willen geschieht, wendet sich gegen dich, gewinnt Macht
ber dich, unterdrckt dich--aus dem Raum deine Sinne bewegend--
als Duldung und Leid, Wirkung fremder Tat, Notwendigkeit--dein
nicht-Ich tut, du duldest.

*

    Du irrst in anfang-endlosem Kreislauf der Erscheinung; du irrst
nach Lust, und irrend--irrst du. Dich gelstet und du wandelst,
lustbefangen, deine Empfindung zur Vorstellung, deine Einbildung zur
Anschauung, zu-Stand zu gegen-Stand; Wille wird Kraft, Zeit wird Raum,
Ursache Wirkung; du schaffst, lustgebunden, Zwang, Gesetz, Duldung,
Notwendigkeit; es ist Schrecken und Qual, Nacht und Tod.
    Dich gelstet und du ziehst das Abgestoene, Unlust, Gegenstand,
Raum, Kraft, Wirkung, Notwendigkeit Gewordene wieder zustimmend an
dich an; nimmst, wider-Stand aufgebend, den Gegensatz wieder wollend
in dich auf; wandelst Vorstellung zu Einbildung, wandelst Anschauung
zu Empfindung;--durchbrochen ist der Zauber; fremder Gegenstand ist
eigener Zustand, was fern schien, ist in dir, was zu fallen schien
steigt an, was niederging geht auf und alles Geschehen, was
Rckbildung schien wird Entfaltung, was Vernichtung--Entstehen;
Kraft wird zu Willen, Raum wird zu Zeit, Wirkung wird Ursache, Duldung
--Tat, Notwendigkeit--Freiheit, und was du Leiden und Tod nanntest,
ist Leben und Lust.
    Du wandelst aus eigener Kraft schlaftrunken in eigener Schpfung;
und wandelnd wandelst du dich selbst, wandelnd wandelst du die Welt.

*

    Freudvoll sind diese Welten--doch vergnglich sind Freuden
dieser Welt; vergnglich wie Blten, welkend wie Jugend, enttuschend
wie Liebesgenu.
    Grauenvoll sind diese Welten, wahnbefangen, not und leiderfllt;
ganz im Banne nimmergestillten Verlangens, ganz im Banne ewig
friedloser Tat, allen Schrecken preisgegeben, preisgegeben dem Tode.
--Eine Welt, in der aller Sieg auf Niederlage ruht, alle Freude auf
Schmerz, alle Lust auf Leid, alles Leben auf Vernichtung: vom
Brunstschrei bis zum Todesrcheln--eine Welt aus Gier und Fra, aus
Angst und Flucht, aus Kampf und Qual; ein ewig strmendes Meer--
unabsehbar an Raum, endlos an Zeit--an rastlos quellendem Leben
bervoll--nur von Einem Gedanken erfllt, voll nimmer gestillter
Gier, ringsum zu tten! und ttend zu leben! Henker und Opfer
zugleich, wir blinden Menschen. In allen Hllen und allen Erden dieser
Welt--in allen Himmeln!--eine Welt, die sich selbst frit--nie
auszumessendes Ma von Leid.--Wohl dir--wehe dir, da du blind
bist!
    Wie vermchte wohl, o Teurer, eine Welt auf tieferem Grauen zu
ruhen? Wie vermchtest du wohl, o Teurer, eine Welt zu ersinnen,
grauenvoller als diese? Welten, die andere Welten verschlingen, selbst
von anderen Welten verschlungen werden.
    Grauenvoll sind diese Welten, doch vergnglich ist alles Grauen.
Grauenvoll sind diese Welten;--alles Grauen dieser Welten ruht auf
Lust!

*

    Die, erkenntnislos, sich zu Lehrern aufwerfen, reden von guten,
reden von schlechten Welten; Toren klagen ber Verschlimmerung dieser
Welt, Toren trumen von einer Besserung dieser Welt--einer Welt, die
ewig auf Verlangen und Widerstand ruht, ewig auf Tat und Duldung, ewig
auf Lust und Leid.
    Dieser Welt Dasein ist durch ur-Sprung, durch zwie-Spalt; durch
ent-Zweiung ist diese Welt, durch gegen-Satz, durch wider-Spruch. Wie
vermchte, o Teuerer, bei Menschen, bei Gttern, in Felsen oder
Pflanzen, Tat zu schwinden, da Verlangen lebt? Wie vermchte in der
Welt Leid zu schwinden, solange Lust und Tat lebt? Wie gbe es ein
Wirken ohne Ziel, Verlangen ohne Tat, Tat ohne Widerstand, Widerstand
ohne Leid? Wie vermchtest du, o Teurer, in dieser Welt Sieger zu sein
ohne Besiegten? Wie ein Selbst ohne Selbstsucht? Ein Ich ohne Du? Wo
in dieser Welt weit du ein Leben ohne Tod?
    Die Welt ist durch Kampf, Leben durch Vernichtung, aller Aufbau
durch Zerstrung, alles Entstehen durch Vergehen: --in allem Werden
liegt ver-Werden. Wie vermchtest du dieser sich also gestaltenden
Welt in die Arme zu fallen? Wie vermchtest du, o Teurer,--Zeit und
Raum durchschauend--solcher Tuschung nachzuhangen?
    Erblinde fr diese Welt! von dieser Welt ungeblendet wirst du
sehend.

*

    Wir Menschen steigen an zu Gttern und ber Gtter hinaus und mit
uns steigt alle Gestaltung dieser Welt. Was wir heute Tier oder leblos
nennen, ist dann Mensch--Mensch, wie wir heute Menschen sind, mit
all unserer Lust und Qual. Menschen steigen an zu Gttern und Menschen
bleiben im ewigen Kreislauf und Welt bleibt Welt--ewig wie heute--
ewig nach Erlsung drstende Seele. Ein unabsehbar ewiger Strom, von
Welten und Wesen, der, das All durchmessend, in seiner eigenen Quelle
mndet.
    Wie Meeresatem: Flut folgt auf Ebbe, Ebbe auf Flut; Meeresbewegung
wohl, doch keine Fortbewegung des Meeres. Wohl ist Ziel-Bewegung
innerhalb dieser Welt, doch keine Fortbewegung der Welt--wohin auch,
wenn nicht ber die Welt hinaus?
    Wohl ist hier oben, doch ist kein oben allein. Wohl ist jetzt
Flut, doch Flut ist durch Ebbe; wohl tagt es, doch Nacht war es vor
Tag und Nacht folgt dem Tage und Nacht ist es bei Tag.
    Nicht Tag allein ist Leben und Welt, Nacht nicht die Kehrseite des
Tages: ewig ist Tag und Nacht zu gleich. Aus Einhauch und Aushauch ist
Atem, aus Flut und Ebbe Meeresbewegung, aus Tag und Nacht, aus Lust
und Leid die atmende Welt.
    Der Nacht Schlaf ist Erwachen des Tages, Vergehen des Tages ist
Entfaltung der Nacht: Was Entwicklung scheint ist ewiger Kreislauf
Einheit in sich, in dir unterscheidende Namen.

*

    Verlangen in dir uert sich, Wille aus dir gewinnt auer dir
Gestalt, Tat aus-gefhrt, im gegen-Stand, selbstndig geworden, stellt
sich als eigene Kraft wider dich. Bewuter Wille wandelt sich--aus
deinem Bewutsein entlassen--zu auf dich wirkender Kraft. Aus dir
geboren, dein eignes Kind legt Hand an dich. Du wirst von dem
ergriffen, was du ergreifst; du bist dem zu eigen, was du dein eigen
nennst, und was du schlgst, schlgt dich. Dein Werk, aus dir gewirkt,
ist Wirklichkeit und wirkt auf dich zurck.
    Vorstellend wirkst du und wirkend stellst du vor. Vorstellung ist
Wirkung aus dir; gegen-stndlich Vorgestelltes ist Gegenstand;
Gegenstand widersteht; Widerstand ist Wirkung auf dich. Wirkend wirkst
du auf dich selbst. Freier Wille, als Unwillen aus dir entlassen,
ntigt dich, sich gegen dich wendend, als Not-wend-igkeit--karma.
--Alle Tat, alles Wirken, alle Wirklichkeit ist wider dich selbst.
    Darum ist gesagt: "gebunden ist Seele durch sich selbst."
    Du tust und  leidest deine Tat; alle Tat aus dir trifft dich
selbst. Was du dem Andern zu tun vermeinst--Gutes wie Bses--tust
du dir selbst. Deine Tat ist dein Urteil, deine Tat ist dein
Schicksal. Alles Geschehen dieser Welt--der Gottheit ewig
ausgleichende Gerechtigkeit--karma.
    Darum ist gesagt: "Vergeltung der Tat am Tter."
    Darum ist gesagt: "das Trinken der Vergeltung."
    Darum wird gesagt: seine Lust ben.

*

    Im verlangenden Ich wirkt sich das Werden dieser Welt.
    Alle Wirklichkeit ist atmendes Verlangen in dir; in dir ist alles
Geschehen und alles Geschehens Wertung. Die ganze Welt ist Inhalt
deiner Seele, Ausdruck deines Verlangens, Abbild deiner selbst,
sinnliche Ent-Gegnung seelischer Bewegung in dir. Deine Vorstellung,
dein Verhalten, deine Auffassung, Gesinnung, Neigung--deine
ber-Zeugung--schafft unterscheidende Namen und unterschiedene
Dinge. Eins an sich ist, was du Ursache oder Wirkung, Freiheit oder
Notwendigkeit, Tat oder Duldung, Leben oder Tod nennst.
    Du selbst bist Ur-sache; aus deinem Verlangen schaffen sich die
Welten.
    Dein Verlangen schafft Alles, dein Verlangen wandelt Alles.
Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden. Aus deinem
Verlangen wird die Welt--erscheint und ist.

*

    Alles Wirken und Geschehen--in dir, o Teurer, alle Bewegung und
aller Stillstand, alle Unterscheidung und aller Wandel--in dir, o
Teurer--Werden ver-Werden--in dir. Im Weichbild deiner Welt
spaltet Alles, spielt Alles gegen einander, hlt Alles sich die Wage;
alle Tat findet Vergeltung, alles Geschehen gleicht sich aus, aller
Gegensatz hebt sich auf, alles Auereinander kehrt in sich zurck, wie
Wellen sich ebnen.
    Dieser Welt Gleichgewicht im ewigen Kreislauf durch ur-Teil und
gegen-Teil; Vergeltung durch Ausgleich, Frieden durch Gleichmut--in
dir, o Teurer, als ewige Gerechtigkeit, als Tugend und Glck, als
Erkenntnis und Weisheit wach.
    Aller Gegensatz und aller Ausgleich ist in dir, o Teurer.
    Wie auch Verlangen und Tat, wie auch Liebe und Ha, Lust und
Grauen, Leben und Tod dieser Welt gegen einander strme--der Welt
Wesen ist unbewegt. Wie auch Tag und Dunkel dieser Welt wechsle--dem
Wissenden leuchtet ewiges Licht.--

*

    Du erkennst:
    Was du in karma mit widersprechenden Namen belegst, ist
willkrliche, in Gegenteile auseinander spaltende, an sich nichtige
Unterscheidung in dir--
    Was von solchen Unterscheidungen--in dir als Urteil--auer dir
als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist nur Kennzeichnung deines
wechselnden Verlangens, deines wechselnden zu Standes zum
selbstgeschaffenen gegen-Stand.
    Eines ist, was du--urteilend--willkrlich scheidest; Eines,
was du durch Willensgegensatz in dir zu Gegenstzen auer dir prgst:
Willensgestaltung; dein Willen und was wider deinen Willen, wieder
dein Wille ist.
    Urteil und Eigenschaft der Dinge und des Geschehens ist deine
Empfindung und Widerspiegelung deines innen-Befindens; ist deine
Einbildung und nach auen Verlegung--Auslegung deiner Einbildung,
das ist Vorstellung; unbewut bewute Einbildung, bewut unbewute
Vorstellung.
    Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
Dinge Eigenschaften; eigen Gewirktes--Wirklichkeit dieser Welt.
    Ich aus s-Ich wirkend, wirkt die Wirklichkeit dieser Welt--Ich
ist karma.
    Du selbst bist Ur-sache: bist Anziehung und Abstoung, Liebe und
Ha; Lust und Leid ist Abbild deiner selbst, dein Werden ver-Werden.
Einheit an sich--in dir unterscheidende Namen. In deinem Herzen sind
die Auseinandertretungen, Unterscheidung deine eigene Schpfung. Nur
in deiner Empfindung ist Wandel, nur in dir ist Leben und Atem, nur wo
du bist, ist Welt: Spiel deiner Seele, lebendige Schpfung aus eigner
freier selbstherrlicher Kraft.
    Du erkennst dich Atma in allen Namen, du erkennst dich Atma in
allen Wesen dieser Welt: das Alles bist du, endlos an Gestaltung und
Zahl.
    Darum ist gesagt: "Himmel und Erde in deinem Herzen."

*

    Durch ur-Sprung--ur-Teil, sich ab-scheidend unter-scheidet: Ich
--Welt; wei sich Bestand--Aksha; fhlt Verlangen--Kama; erfhrt
Wirklichkeit--Karma; unterscheidet in Akasha atmend: Zeit und Raum;
unterscheidet in Kama atmend: Wille und Kraft; unterscheidet in Karma
atmend: Tat und Duldung--: all-so ur-Teil--gegen-Teil atmend wirkt
s-Ich in dir die Wirklichkeit dieser Welt.
    Alle unter-Scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung;--alle
ver-Schiedenheit, alle Umwandlung, alle Vielheit bloe Worte, nur
Namen--Eines ist es in Wahrheit.
    Sehend geworden erkennst du:
    Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen:
   -- tm --

*

    So, o Teurer, mgen wir Menschen, die Erscheinung durchschauend,
uns Karma vorstellen. Vorstellung, nicht letzte Erkenntnis. Weg zur
groen Lehre, drauen Stehenden ein zu bewahrendes Geheimnis--
verhllte Wahrheit--upanishad.

*        *        *

    So lautet in randa-upanishad der vierte adhy: Karma,
Wirklichkeit; nunmehr: Manas, Verstand und Urteil.




V.
DER URTEILENDE VERSTAND
-- manas --



    Zu dem was ich dir nunmehr zu sagen gedenke, o Teurer, behalte vor
Augen:
    Geringes Verstndnis spricht durch uns Menschen: Von Trugbildern
unserer Sinne geblendet, taumeln wir, einer gengstigten Herde gleich,
dahin und dorthin, von Torheit zu Torheit, wie Blinde von Blinden, wie
Irre von Irren gefhrt.--
    Sagt dir Jemand: zu verwerfen sei diese Lehre, sie hebe den
Unterschied zwischen Recht und Unrecht auf, sie preise nicht das Gute
und verabscheue nicht das Bse--so antworte ihm: diese Lehre lehrt,
ber Recht und Unrecht hinaus, der Menschheit hchstes Ziel--
Selbstlosigkeit.
    Und gewi: festgefgt ist der Grundbau dieser Lehre,
unerschtterlich, auf dem Grunde, der unsere Welt trgt. Ist das Eine
so ist das Andere--untrennbar; untrennbar ist Erlsung von dieser
Lehre vollem Erleben.

*

    Durch ur-Sprung: ur-Teil-Ich-er-Scheinung; aus ur-Teil-Ich:
ver-Langen: --Tat; aus Tat-widerstand: --Verstndnis.
   -- MANAS --

*

    Manas--Denkttigkeit dieser Welt, Namen des Bewutseins:
Unterscheidung, berlegung, Erwgung, Einsicht, Verstand und Urteil.
    Also ist die Unterweisung:
    Ich komme auf Gesagtes zurck, o Teurer: widersprechend ist der
Wille in den Beiden, die von getrenntem Standort aus--verstndnislos
--einander bekmpfen; widersprechend auch das Urteil.
    Ich, siegend, will die Tat, und sein Urteil ist seinem Willen
gem: "du bist meine Nahrung, ich tte dich, es ist mein Recht".
    Ich, unterliegend, enwill die Tat, und sein Urteil ist seinem
Willen gem: "du darfst mich nicht tten, es ist Unrecht und bse."

*

    Du erwgst zunchst das Urteil im Raum erscheinend:
    Der Gedanke in beiden ist Einer: Ich-Bestand, Ich-Verlangen,
Ich-Tat; Bestand, Verlangen, Tat steht in Ich und Ich sich selbst
gegenber.
    Im Einen wie im Andern derselbe Wille, dieselbe Tat--
widersprechendes Urteil. Jeder der Beiden will die Tat tun, Keiner der
Beiden will die Tat dulden. Wer angreift und siegt, lobt Wollen und
Tun; wer abwehrt und erliegt, schilt Wollen und Tun. Hier Lob, dort
Tadel; Recht dem Einen ist Schuld dem Andern.
    Urteil widerspricht sich im Raum.--

*

    Ferner: Urteil in der Zeit erscheinend:
    Je nachdem Ich Angriff-Abwehr aufnimmt auf gibt, gestaltet sich
das Urteil im Ich.
    Ich, das angreifend die Tat tun will, Ich, das angegriffen die Tat
nicht dulden will--wechselt seinen Stand zur Tat: will, was es dem
Andern antun wollte, nicht mehr tun; will selbst erdulden, was der
Andere von ihm erdulden sollte--will dulden, nicht tun. Mit
gewechseltem Standort wechselt der Wille, mit gewechseltem Wollen
wechselt das Urteil. Ich schilt, was es lobte, Ich lobt, was es
schalt.
    Urteil wechselt in der Zeit.--

*

    Und ferner: Urteil in sich:
    Je nach dem vierfachen Standort des Ich im Verlangen, je nach
zwiefachem Stand des Ich in sich, je nach zwiefachem Stand des Ich
auer sich, ist die Beziehung des Ich zum gegenstndlich aufgefaten
Gedanken, ist Willen und Urteil des Ich. Ein und das selbe Ding, das
selbe Tun, der selbe Vorgang, Ein Geschehen, Ein Gedanke erscheint im
Ich als verschieden, als in gegen-Teile zerfallen, als Zweierlei, je
nach dem Willensstandort des Ich zum Gedanken--je nachdem der
Gedanke dem Ich als Gegensatz zu sich, oder als Gegensatz in sich, als
fremder Gegenstand oder als eigener Zustand erscheint. Der
einheitliche Gedanke: 'Fra' wird zweierlei: 'Fra an dir--Fra an
mir, fressen und gefressen werden'.

*

    Das selbe Eine unvernderte Ich urteilt ber den selben Einen
unvernderten Gedanken vom selben Standort zur selben Zeit--
zwiefach; zwiefach auf jedem Standort, zwiefach zu jeder Zeit; gut und
zugleich bse, schn und zugleich hlich, recht und zugleich schuld,
je nachdem Ich den Gedanken aufnehmen oder abweisen will, je nachdem
das Urteil dem eigenen oder dem gegenstndlichen Ich gelten soll, je
nachdem das Urteil mein Ich--m-Ich, oder dein Ich--d-Ich betrifft.
    Angreifend hlt Ich Angriff fr Recht, doch selbst angegriffen fr
Schuld. Fressend hlt Ich das Tun fr lblich und gut, doch selbst
gefressen fr unrecht und bse--, dich fressen ist recht, mich
fressen ist schuld'. Lob und Tadel, gut und bse, schn und hlich,
Fra und nicht Fra in Einem Atem, Verlangen, urteilend, steht sich
selbst gegenber.
    Alles Urteil trgt sein Gegenurteil in sich. Wie kein Teil ohne
Gegenteil, so kein Urteil ohne Gegenurteil.
    Urteil ist nicht nur zwiespltig vom zwiefachen Standort des Ich
im Raum, nicht nur zwiespltig vom zwiefachen Standort des Ich in der
Zeit, Urteil ist zwiespltig in sich.

*

    Alles Urteil ruht in der Selbstherrlichkeit Ich; alles Urteil im
Ich ist will-kr-lich wechselnd.
    Urteil widerspricht sich im Raum; Urteil wechselt in der Zeit.
    Alle Entscheidung im Urteil ruht auf Entscheidung im Willen.
Willen liegt unmittelbar in jedem Urteil. Urteil und Willen deckt
sich. Urteil ist Ausdruck des Willens. Immer ist Willen Lust; immer
ist Unwille Leid. Willen hat immer Recht:
    'ich habe Lust--ich will; ich leide es nicht--will nicht. Was
ich will ist gut; ich will es, darum ist es gut; bse ist was ich
nicht will, was nicht ich will, was mich will.'
    'ich habe recht' heit: 'ich will'; 'du hast Unrecht' heit: 'ich
will nicht'; 'du sollst' ist dasselbe wie 'ich will'; 'du darfst
nicht' ist dasselbe wie 'ich will nicht'.--Alles Gebot, alles Verbot
--mige Fragen dem Wissenden.
    Was ich an mich ziehe, nenne ich anziehend; was wider mich ist,
ist widerlich; was mir schadet, ist schdlich; was meinen Zwecken
dient, ist zweckmig; was nicht mir nutzt--nichtsnutzig; was zu
schonen ist, ist schn; was ich liebe, ist lieblich; was ich hasse--
hlich.
    Lust hier ist Leid dort; Lust jetzt ist Leid dann; in Lust ist
Leid, in Leid ist Lust; Lust ist Leid, Leid ist Lust.
    Keine guten und keine bsen Dinge auf der Welt; keine guten, keine
bsen Geschpfe; keine guten, keine bsen Menschen. Bse ist, was zu
mir bse ist; gut ist, was zu mir gut ist. Du willst Wirkung aus dir;
ungewollte Wirkung auf dich nennst du bse. Gutes wie Bses ist nur in
deinem Urteil--sonst nirgends. Du lobst und tadelst dich selbst, je
nachdem du am gegen-Stand an-Teil nimmst, je nachdem du dich selbst im
gegen-Stand bewut oder unbewut empfindest.
    Du erkennst: es gibt kein Urteil ansich. Urteil ist nur
Rechtfertigung, nur Entschuldigung, nur Beschnigung deines
Verlangens. Was als Urteil im Ich erscheint ist Willensausdruck. Wille
ist Ich. Ich will, Ich urteilt. Es gibt kein Urteil
   --Ich ist Urteil.--
    Dies wunderbar Einfache erfat die Menschheit nicht.

*

    Wie dein Stand im Raum bestimmt, was mit rechts oder mit links,
was mit oben oder mit unten zu bezeichnen sei; wie dein Stand in der
Zeit bestimmt, was du als Vergangenheit und was du als Zukunft
unterscheidest, so bestimmt deine Beziehung zum Gedanken, dein
zu-Stand zum gegen-Stand--das Wollen in dir--du selbst--was du
gut oder bse, schn oder hlich, Recht oder Schuld nennst, und wie
jenen Bedeutungen, so kommt auch diesen keine Wahrheit zu.--Wie
deine gegen-Wart in Raum und Zeit ein willkrlicher Scheidepunkt ist,
der dir das Recht zu geben scheint, Verschiedenheit zu schaffen, ein
rechts und ein links, ein oben und ein unten, ein vorher und nachher
zu unterscheiden, so schafft deine gegen-Wart zum gegen-Stand, deine
Beziehung zum gegenstndlich aufgefaten Gedanken, dein Stand im
Verlangen, der Wille in dir--du selbst--Unterscheidung im
Ungeschiedenen, macht dich als Gegensatz unterscheiden, was Eines ist:
dein Verlangen--du selbst.
    In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in dir ist
Unterscheidung und aller Wandel der Unterscheidung. Wie aus rechts
links wird, wie aus oben unten wird, wie aus hier dort wird, wie aus
Zeit Raum wird, aus Willen Kraft, aus Freiheit Notwendigkeit, aus Tat
Duldung, aus Lust Leid, aus Liebe Ha--so wird aus gut bse, aus
bse gut, sobald du--atmend--dich in Gedanken wendest. Du neigst
dich dem einen zu und neigst dich dem anderen ab. Dein Standort
bedingt deinen zu-Stand; dein Zustand bedingt Willen und Urteil; Wille
und Urteil bist du selbst.
    Du urteilst gerecht nach bestem Wissen und Gewissen. Wie du auch
urteilst, du urteilst von dir aus; von deinem Standort aus beurteilst
du deinen gegen-Stand; je nach deinem Ver-stndnis, je nach deinem
Ab-stand oder deinem An-stand bildet sich dein Urteil.
    Wie du auch urteilst, es bleibt dein Urteil. Du erwartest, hoffst,
nimmst Anteil; deine Zuneigung entscheidet oder deine Abneigung, Nhe
oder Ferne deines Standortes. Wechselt dein Standort, so wechselt
deine 'An-sicht'; wechselt deine Ansicht, so wechselt dein Urteil.
    Du schaust und urteilst vom Standort des Tters oder schaust und
urteilst vom Standort des Dulders; du versetzt dich in die Lage des
Henkers oder in die Lage des Opfers; du nimmst, je nachdem du dich
selbst fressend oder gefressen fhlst, bewut oder unbewut Partei.

*

    Dein Urteil ist deine Anteil-nahme, deine Be-teil-igung am
Gegen-stand. Was dem Beurteilten von dir zuteil wird, bist du selbst.
Dein Urteil ist dein Eingehen in den Gegen-stand, dein 'inter-esse',
dein Einssein mit dem Gegenstand. Du bist Richter in eigener Sache und
urteilend triffst du dich selbst.
    Wie du auch urteilst, dein Urteil bleibt einseitig; doppelseitiges
Urteil wre Widerspruch in sich; vollstndiges Ur-teil wre
vollstndiges Teil. Gerechtes Urteil urteilt nicht.
    Bedeutungslos ob Jemand deinem Urteil widerspricht, denn er
urteilt von eigenem Standort; bedeutungslos ob Jemand deinem Urteil
zustimmt; bedeutungslos wenn die Besten deines Volkes und aller Vlker
deines Urteils sind. Alle die, welche deinem Urteil beistimmen, stehen
bei dir, sind dir Beistand, vertreten deinen Standpunkt, sind mit dir
ein-ver-standen, deine Standesgenossen, deine Partner--nichts mehr.
Alles Urteil ist Partei.
    Alle Urteils-Wertung liegt in dir; was du am gegen-Stand
beurteilst, bist du selbst--am Wesen des Beurteilten haftet kein
Hauch deines Urteils, in keiner Form, in keinem Sinne, weder offen
noch verborgen, weder hier noch sonstwo, weder heute noch je--Urteil
ist Ausdruck deines Verlangens.

*

    Alle Wahrnehmung schafft sich in dir: gleichviel ob du solche als
unbestreitbare Beschaffenheit des Gegenstandes erachtest, oder als
eigengeschaffenes Willens Urteil durchschaust.
    Eigenschaft auer dir und Urteil in dir ist Eines; je nach
sinnlicher oder seelischer Auffassung erscheint dir das Geschaute
fremd oder eigen, sachlich in sich oder willkrlich aus dir. Was dir
Eigenschaft der Dinge scheint, ist Auslegung deiner Empfindung, ist
dein eigener Zustand in den Gegen-stand verlegt; ist schaffendes
Verlangen aus dir in deinen Gegenstand bertragen.
    Seelisches Verlangen in dir gewinnt sinnliches Leben auer dir;
Verlangen ausgelegt, im Raum selb-stndig geworden, wird leibhaftig,
tritt dir als Ding verkrpert gegenber. Deiner eigenen Seele
Schpfung, in rumliche Wirklichkeit hinausverlegt, ist auer dem
Bereich deiner Seele dir entfremdet, darum von dir nicht mehr als
Eigenschaffung erkannt, darum als Ding und Eigenschaft des Dinges
sinnlich geschaut.
    Je unmittelbarer die schaffende Vorstellung aus dir quillt, je
unbewuter du selbst deine Vorstellung bist, desto fremder und ferner,
desto unbedingter erscheint dir das zur Vorstellung Gewordene,
erscheint sachlich an sich.
    Erscheint dir aber Ding und Eigenschaft sachlich und unbedingt an
sich, so erscheint auch alle Wahrnehmung am Dinge: Vielheit, Ma und
Lage, Bewegung, Verhalten und Verhltnis der Dinge untereinander
unbedingt, so erscheint die ganze dingliche Auenwelt, alle
Wirklichkeit unabhngig von dir, unabhngig von deiner Wahrnehmung und
Empfindung.
    Was unbedingt scheint, bedingst du selbst; die Be-ding-ung ist in
dir, daher die scheinbare Unbedingtheit. Dein Anteil an den Dingen
schafft Ding und Eigenschaft der Dinge; der Dinge Anteil an dir ist
dein Urteil und bist du selbst.
    Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
Dinge Eigenschaften--eigen Gewirktes Wirklichkeit dieser Welt.

*

    Urteilendes Urteil ist nur wo eine Beur-teilung von Ding und
Eigenschaft, wo eine Teilung im Urteil mglich ist. Ist eine
Wahlentscheidung zwischen Mglichkeiten--eine Will-kr im Urteil
nicht denkbar, das heit: sind Zwei-fel, das heit zwei Flle im
Urteil ausgeschlossen, so ist kein 'Urteil', so ist bloe Benennung
oder erweiterte Einsicht--Ent-deckung--nicht Urteil--wie:
    Die drei Seiten eines Dreiecks, einer drei-geteilten Geraden
entnommen, ergeben zusammengetan wieder die Gerade; die drei Winkel
eines Dreiecks, dem drei geteilten Winkel einer Geraden entnommen,
ergeben zusammengetan wieder den Winkel einer Geraden--nicht Urteil,
sondern bloes Ergebnis einer Drei Teilung und Wiederzusammenfgung
der Drei Teilung; selbstverstndlich--daher unwiderleglich,
nichtssagend--daher widerspruchslos, gleichgltig--daher
allgemeingltig, daher unbedingt, sachlich an sich erscheinend;--
bloe Wiederholung des Selben, wie: 'zwei mal zwei gleich vier', das
heit: 'vier ist das Gleiche wie zwei mal zwei', bloe Umstellung oder
Umbenennung, dieselbe Aussage mit andern Worten--flschlich 'Urteil'
genannt.
    Willenloses Urteil, 'Urteil in sich'  ist undenkbar, schfe ewig
Unlsliches, schfe sich selbst Aufhebendes--wre sinnliche Gottheit
--undenkbar.

*

    Dein Urteil wertet den Gegenstand.
    Was von Geschehen oder Dingen dir gleichgltig oder wertvoll
erscheint, was zweckmig oder ziellos, unwiderleglich oder fraglich,
vergnglich oder ewig, Zufall oder sogenanntes Gesetz--alle
Wahrnehmung und Eigenschaft, unmittelbare Gewiheit oder bloe
Benennung--alles auer dir Erscheinende ist aus dir hinausverlegte
Vorstellung--sinnlich gewordene Ent-gegnung seelischer Bewegung in
dir, Ausdruck deiner Anteilnahme, deiner Wertung, Abschtzung, Ma
deines Verlangens--Widerschein deiner selbst.
    Die ganze Welt auer dir ruht auf Verlangen in dir--
einheitliches Verlangen vom ur-teilenden Ich als eigener Zustand oder
als fremder Gegen-stand auf gefat. Verlangendes Urteil--urteilendes
Verlangen in dir ist weltzeugende Kraft--aus dir gezeugte
berzeugung--du selbst.
    In dir ist Ur-sprung--du selbst bist die in Raum und Zeit
erscheinende, die wirkliche Welt; wie gbe es in der eigenen
Erscheinungswelt eine Erscheinung unabhngig von dir? Wie wolltest du
die selbstgeschaffene Welt anders als in dir selbst erfassen? Du bist
Herr und Ma, Gesetz und Schpfer aller Dinge und deiner selbst. Was
unergrndbar bleibt ist unergrndbarer Ursprung--Unauflslichkeit
ewiger Wahrheit bist du selbst.

*

    Ein Heer von Zweifeln strmt auf dich ein--hoffe auf Erleuchtung
--sei der Erleuchtung gewi.

*

    Noch einmal:
    Alles Urteil ist nur in dir.
    Alles Urteil trgt sein gegen-Urteil unmittelbar und unablslich
in sich.
    Alles Urteil hebt sich mit gewechseltem Willen zu nichts auf.
    Urteil hat in sich, Urteil hat in dir keine Geltung, ist
gleichgltig, gleich ungltig, bedeutungslos, sinnlos, leer, nichtig
in dir, nichtig in sich.
    Du erkennst:
    Was du urteilend mit widersprechenden Namen belegst, ist
willkrliche, in 'Gegen'teile auseinanderspaltende, an sich nichtige
Unterscheidung in dir.
    Was von solcher Unterscheidung--in dir als Urteil--auer dir
als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Kennzeichnung deiner
Gegen-wart im Verlangen, Kennzeichnung deiner Beziehung zum
gegen-Stand,--dein Standort, dein zu-Stand, dein ver-Stand.
    Urteil und Eigenschaft ist deine Empfindung und nach-auen-
Verlegung--Auslegung deines innen-Befindens; deine Einbildung und
Widerspiegelung deiner Einbildung, das ist Vorstellung;
unbewut-be-wute Einbildung, bewut-unbewute Vorstellung--je nach
deinem Wachsen oder Welken im Atem dieser Welt; Atem des Verlangens:
Lust oder Unlust, Liebe oder Ha; je nach deiner Stimmung ist deine
Bestimmung des gegen-Standes; je nachdem dir zu Mute ist, deine
Zumutung an den Gegenstand; je nach deinem Verhalten dein Dafrhalten;
je nach deinem Befinden ist deine Empfindung; je nach deiner
Einstellung--deine Vorstellung.--Deine Auffassung, Beziehung,
Gesinnung, Neigung, dein Werden-ver-werden schafft Urteil, Namen und
Dinge.
    Eines ist, was du urteilend willkrlich scheidest; Eines, was du
durch Willensgegensatz in dir zu Gegenstzen auer dir prgst--
Willensgestaltung, dein Wille und was wider deinen Willen wieder dein
Wille ist: Aus dir gewirkt, auf dich wirkend--Wirkung und
Wirklichkeit dieser Welt--deine eigene Schpfung--du selbst.
    Solches hast du klar erkannt.

*

    Es gibt kein Urteil an sich.--Aufgegangen in dir ist diese
Erkenntnis; von solcher Erkenntnis vermagst du ferner nicht mehr
abzuweichen. Bedeutungslos, wenn die verworren denkende Menge solcher
Erkenntnis fern bleibt; bedeutungslos, wenn einsichtige und
wohlwollende Mnner vor solcher Erkenntnis zurckschrecken, wenn
solche, die sich fr Wissende halten, bisher nicht gleich dir
erkannten; bedeutungslos, wenn solche Erkenntnis in keinem der
zahllosen Geschpfe dieser atmenden Welt aufgeleuchtet wre--von
Menschen keinem, von Gttern keinem--wenn du allein stndest mit
solcher Erkenntnis--bedeutunglos; unerschttert bleibt: es gibt kein
Urteil. Urteil ist Wille, Wille ist Ich, Ich ist Urteil.
    Wie im ersten Samenergu die ganze Menschheit ruht, so ruht alles
Urteil im ur-Teil-Ich. Ich-Ur-Teil ist Ich-Urteil.
    Darum lehrt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig
vollendete Buddha, da alles Auffassen in der Ichheit ein
Nicht-auffassen sei.

*

    Ausgelscht sind die in Rede stehenden Begriffe, ausgelscht alle
dazwischen liegenden, alle verwandten Bezeichnungen, Beilegungen,
Eigenschaften--ausgelscht alles Urteil, alles An-sich sein dieser
Welt.
    Alle Unterscheidung durch Urteil--Recht und Schuld, gut und
bse, Lob und Tadel, schn und hlich--Gebot, Verbot--bloe
Namen, nur Worte die sogenannten ewigen Gesetze--mige Fragen dem
Wissenden.
    Ausgelscht--vernichtet, worauf die Welt gebaut schien--Spiel
deiner Seele, ein bloes Bild, ein Traum--nicht ist Urteil, nicht
sind diese Begriffe in Wahrheit.
    Solches hast du klar erkannt; von solcher Erkenntnis vermagst du
ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, da du--ber dieses
hinaus--zu tieferer Einsicht zu gelangen vermchtest.

*

    In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in deinem Herzen
ist Unterscheidung und Wandel der Unterscheidung, in deinem Herzen die
Schpfung dieser Welt. Du selbst schaffst Zeit und Raum, du selbst
bist Willen und Kraft, in dir ist Tat und Duldung, Ursache und Folge,
Freiheit und Notwendigkeit; durch dich ist Verstand und Urteil, Recht
und Schuld, gut und bse, schn und hlich, durch dich ist diese
Welt. Du bist Verlangen und Tat, Gesetz und Richter, Herr und Knecht,
Schpfer und Vernichter deiner Welt, deiner Welt Leben und Atmen--
Atma--
    Ausgelscht, vernichtet, was unantastbar, was ewig schien--und
nur Eines besteht: Ich! Ich und die Welt, die das Ich sich schafft--
die Welt mit allem Heil und Unheil, mit aller Herrlichkeit und aller
Qual, aller Hoffnung und Enttuschung, aller Hoheit und aller
Nichtigkeit--die Welt des Guten und Bsen.
    Keine Welt ohne Ich und Verlangen, keine Welt ohne Tat und Tat
Widerstand, keine Welt ohne Lust und Leid, keine Welt ohne gut und
bse. Untrennbar ist Bses von Gutem, untrennbar Gutes und Bses von
Ich und Welt. Ursprung des Bsen ist Ursprung des Ich. Das Bse zu
treffen, triff dich selbst. Darum sagt Omar, der Zeltweber: "Ich
selbst bin Himmel und Hlle".
    Dies ist Lsung der Frage, um die du mich angingst--Ursprung des
Bsen--Quell alles Guten--restlose Lsung!

*

    Es gibt nur Ein Bses in der Welt: die Ich-bin-heit--
Selbstsucht, und alles was du Snde, Knechtschaft, Leiden nennst,
fliet aus ihr--Samsara. Es gibt nur Ein Gut in der Welt:
Selbstlosigkeit--und Erlsung fliet aus ihr--Nirvana.
    Erlsung vom Bsen ist Erlsung vom Ich. Selbstsucht zu Ende
gedacht ist Selbstlosigkeit. Sei selbstlos aus Selbstsucht. Gib alles
auf um alles zu gewinnen; du bereicherst dich gebend, nehmend beraubst
du dich. Es ist kein anderer Weg zum Gehen--der heilige Weg aus
Schein zu Wahrheit, aus Nacht zu Licht, aus Tod zu Unsterblichkeit.

*

    Noch einmal durchdenke ich mit dir das Geschehen dieser Welt, die
zwiefache in gegen-Teile zerfallende Beziehung des Ich zum eigenen
gegen-stndlich auf gefaten Gedanken--: ab-Stand der gegen-Teile
von einander und ver-Stand der gegen-Teile zu einander; den Weg aus
Standhaftigkeit zu ver-Stndnis, den Weg aus Blindheit zu Erkenntnis,
den Weg aus dem Ich zum nicht-Ich.
    Zwischen Ich im eigen-Stand und Ich im gegen-Stand liegt die
trennende Vorstellung--: nicht-Ich. Ich, vom Trugbild der Sinne
geblendet, ver-kennt sich im gegenberstehenden Ich--wie der Hund
sich selbst im Spiegel anknurrt. Zwischen Ich und Ich klafft Spaltung,
Zwietracht, Zwist, Kampf.

    Ich hier: "ja, ich will dich!"

    Ich dort: "nein, ich will dich!"

    Verlangen lebt, wchst, bersteigt sich--fllt. Henker und Opfer
kommen sich entgegen. Ich hier, wie Ich dort, wechselt in seinem
Zustand, lt von seiner Stand-haftigkeit, gibt wider-Stand auf, nimmt
ab-Stand vom eigen-Stand, nhert sich seinem gegen-Stand, ver-stellt
sich auf den Stand des Gegners, ver-stndigt sich mit ihm, ver-steht
ihn--Ich hat Selb-stnd-igkeit aufgegeben, Ich hat ver-Stand
gewonnen.
    Ich hier wie ich dort ndert mit gendertem Stand Ansicht und
Willen; Ich ndert sich, Ich wird ein anderes. Ich wandelt in Zeit und
Raum; Ich-Standort-Wandel wandelt das Ich. Fremder gegen-Stand wird
durch ver-Stand zu eigenem zu-Stand.
    Ich hier wie Ich dort ist aus Raum in Zeit getreten, Eins mit
seinem Gegner: kein Gegner mehr, keine Gegnerschaft, kein Widerwille,
kein Widerstand, keine Tat. Ich hat sich durch ver-Stndnis im
wider-Ich wieder erkannt--Ich hat Erkenntnis gewonnen, Ich hat im du
sich selbst wieder gefunden.
    Raum entzweit, Zeit eint. Was im Raum geschieden ist, fllt in der
Zeit zusammen. Was sinnliche Anschauung trennt, eint seelische
Erkenntnis. Ich und Ich, von blinder Anschauung aus-ein-ander
gehalten, fallen, sehend geworden in-ein-ander.

*

    Und noch einmal: Sittlichkeit ist Durchschauen der Erscheinung.
Ich ur-Teil, in sich gespalten, von sinnlicher Vorstellung "nicht-Ich"
geblendet, in zwei Ich gegen-ein-ander entzweit:

    Ich hier: "Ich will Tat-Angriff gegen dich."

    Ich dort: "Ich will Tat-Abwehr gegen dich".

    Ich, durch seelisches ver-Stndnis sehend geworden, erkennt im
nicht-Ich sich selbst,--das trennende 'hier und dort' ist
fortgefallen--ver-ein-igt, ein-mtig, Ein Ich, ein-ig, eines
Willens:
    "Keine Tat gegen mich selbst."
    Sich selbst im Anderen erkennend vermagst du nicht bse zu wollen.

*

    Wie ein Ich auf zwei Standorten im Raum in zwei Ich gegen einander
entzweit ist, so sind zwei Ich in der Zeit auf Einem Standort zu
einander vereint: Eines.
    Aller Zwiespalt durch Ich-da-Sein, durch Ich-bin-heit, asmita,--
durch Selbstsucht; alle Eintracht durch ver-Stndnis, durch Erkenntnis
--durch Selbstlosigkeit--das Geheimnis alles Geschehens, alles
Werdens und Vergehens alles Lebens, alles Streites, alles Friedens,
aller Sittlichkeit auf Erden--der Weg aus dem Ich zum nicht-Ich, der
Weg zu Erlsung, der heilige Weg.

*

    Durch Ur-sprung in Ich und Ich: ist Ent-zwei-ung, Verlangen hier
und Widerstand dort, Ein-tracht durch Erkenntnis.
    Geschlossen hat sich der Zwiespalt, ausgefllt die Kluft,
verraucht das Verlangen; der Streit ist begraben, aufgegeben Tat,
Frieden gewonnen; erreicht aller Sittlichkeit hchst gepriesenes Gut,
erstanden das Wunder: Selbstlosigkeit--Nirvana in Samsara.

*

    Durch ur-Sprung ur-Teil, sich abscheidend, unter-scheidet: Ich und
Welt; unterscheidet da seiend: Zeit und Raum; unterscheidet
verlangend: Wille und Kraft; unterscheidet wirkend: Tat und Duldung,
Freiheit und Notwendigkeit, Lust und Leid; unterscheidet urteilend:
gut und bse, Recht und Schuld, schn und hlich; also in allen
Dingen dieser Welt ur-Teil-gegen-Teil atmend wirkt s-Ich die
Wirklichkeit, wirkt s-Ich das Verstndnis dieser Welt.
    Alle unter-Scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung; durch
ur-Teil-ent-Scheidung alle ver-Schied-enheit; alles er-Schein-ende
durch ur-Teils Urteil. Auf bloen Worten beruhend die Vielheit, nur
Namen--Eines ist es in Wahrheit.
    Sehend geworden erkennst du:
    Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen.
   -- atma --

*

    Geringes Verstndnis lebt in uns Menschen. Vom Trugbild dieser
Welt geblendet, irren wir, einer drstenden Herde gleich, dahin und
dorthin, blind gegen den Quell alles Lebens.
    Wo ist Erlsung?--Da, wo Erkenntnis ist.
    Sagt dir jemand: zu verwerfen sei diese Lehre, sie hebe den
Unterschied zwischen Recht und Unrecht auf, sie preise nicht das Gute
und verabscheue nicht das Bse, so antworte ihm:
    Diese Lehre lehrt ber sinnliche Erscheinung hinaus--Seelen-
Einheit--ber menschliches Urteil hinaus--der Menschheit hchstes
Ziel: Selbstlosigkeit. Selbstlosigkeit lst aus den Fesseln des Ich,
aus den Fesseln nimmer gestillten Verlangens, aus nimmer gestillter
Hoffnung, aus dem Kerker dieser Welt zur urewigen Heimat.
    Und gewi! Fest gefgt ist der Grundbau dieser Lehre,
unerschtterlich, auf dem Grunde, der unsre Welt trgt. Ist das Eine,
so ist das Andere--untrennbar; untrennbar Erlsung von dieser Lehre
vollem Erleben.
    Nicht an vergnglichem Werke wirke ich, in der Gottheit Tiefen
ruht die Lehre, Menschen im Krper schier unergrndlich--
unergrndlich.
    Ehernes Tor der Erkenntnis--erlsende Wahrheit.

*

    So lautet in randa-upanishad der fnfte adhyya: manas, Verstand
und Urteil; nunmehr: buddhi, Erwachen.




VI.
ERWACHEN AUS DER ERSCHEINUNG
-- buddhi --



    Zu dem, was ich dir noch vom Kreislauf der Erscheinung zu sagen
gedenke, o Teurer, erfasse wohl:
    Auf Einem Gedanken ruht wovon ich dir rede--Samsara; auf
Umzulangen im Ur-sprng--auf Verlangen ruht diese Welt.
    Eines ist, was wir, in dieser Welt erwachend, rastlos suchen;
Eines, was wir, in irdischer Anschauung befangen, vielheitlich
schauen; Eines nur, was wir mit zahllosen Worten benennen; alles
Geschehen und alle Gestaltung, aller Geschpfe und aller Welten
all-einiger Gedanke:
   -- Verlangen --
    Verlangen, dem Ursprung entquellend, Verlangen nach berbrckung
der Kluft, Verlangen nach Wiedervereinigung--unserer Leben Sinn und
aller Welten Ziel: Verlangen nach Erlsung.

*

    Was ich dir von tiefer Erkenntnis verkndige, besitzt die
Menschheit nicht, und nicht berliefert wurde mir die Lehre aus der
Gemeinschaft hoher Meister--: den Sinnen entrckt, der Gedankenqual
entronnen, in wunschloser Allhingebung versunken--fand ich mich
erleuchtet. Erkenntnis trat zu Tage, wuchs und erstarkte.
    In solche Erkenntnis weihe ich dich ein; von solcher Erkenntnis
getragen erachte dich auf rechtem Wege--du nahst den Wissenden.

*

    All-ur-sprung: ur-Teil und gegen-Teil; aus solcher Ent-zwei-ung--:
ver-Langen nach Ergnzung; aus solchem Verlangen--: Tat; aus
Tat-widerstand--: Erkenntnis
   -- BUDDHI --
aller Welten Hoheziel!--Erfasse den groen Gedanken, ehe deine Lippe
ihn ausspricht--
   --Erwachen der Menschheit--

*

    Wer sein Heil im 'Ich' sucht, dem ist Selbstsucht Gebot, dem ist
Selbstsucht Gottheit.
    Wer sein Heil in dieser Welt sucht, der bleibt dieser Welt
verfallen; dem ist kein Entrinnen aus ungestilltem Verlangen; dem ist
kein Entrinnen aus nichtigem Spiel; dem ist kein Entrinnen aus den
engen Fesseln des 'Ich'. Wer sich aus dieser Welt nicht erhebt, der
lebt und vergeht mit seiner Welt.
    Wem die Gnade des Ishvara das Auge geffnet hat, der durchschaut
diese Welt. Wer diese Welt durchschaut, der ist fr diese Welt
verloren.
    Darum ist Erkenntnis Enttuschung, darum ist Erkenntnis Erwachen.
Erwachen ist Erlsung--Erlsung ist Vollendung in Gottheit.
    Davon ist gesagt: "Erkenntnis--und einen andern Weg hat der
Mensch nicht."

*

    Hte das Urerbe--dir zum Heil und allen denen, die auf Erden mit
dem Tode ringen.

*

    Also ist die Unterweisung:
    Aus Sinnes-wahr-nehmung wird, was du Wirklichkeit dieser Welt
nennst. Was deinen Sinnen wirklich wahr scheint, ist deinem Nachsinnen
hinfllig; was deinen Sinnen standhlt, flieht vor deinem Besinnen,
mndet, sich selbstwidersprechend, in Widersinn, und nur in sinnlicher
Auffassung scheint Sinn in der Welt. Und gewi: wre letzter Sinn in
der Erscheinung, so wre Erscheinung Wesen.
    Sinneswahrnehmung in dir ist rings um dich sinnlich begrenzt.
Grenze deines Schauens ist der Gegenstnde sinnlicher Widerstand--
Seele der Dinge bleibt deinen Sinnen ewig unnahbar.
    Wie ein Strom Ufer von Ufer trennt, so trennt sinnliche Anschauung
Seele von Seele; und wie du von Ufer zu Ufer auf unsicher schwankender
Fhre gelangst, so gelangt Seele zu Seele durch blind suchende Sinne;
und wie ein mchtiger Strom jenseitiges Land vllig deckt, so decken
zgellos strmende Sinne alle Seele auer dir.
    Irdische Wahrnehmung ist der Blindheit vergleichbar--was wir
hier in Gestalten und Farben glubig schauen, ist nicht die Welt,
Samsara zeugt blinde Kinder.

*

    Maya! Es scheint, es stellt sich dar, es mutet dich an, dich
gelstet danach und du erliegst der Lust.--Von gleiender
Erscheinung geblendet, suchst du unsicher tastend dein Ziel, taumelst
Wahnbildern folgend, von Trug zu Trug--wahrlich einem Trunkenen
vergleichbar. Und wie ein Trunkener unter den Hufen einer Bffelherde
sich im Paradiese trumt, so trumst du trunken von Sinneslust ein
erlogenes Glck--die ewige Lge!
    Verlangen in dir ist der Seele Verlangen nach ewigem Ziele;
Sinneswahrnehmung in dir hlt dich in vergnglicher Erscheinung
zurck. Die Erscheinung ergreifend, bist du ergriffen--Seele in den
Fesseln der Sinne.
    Darum sagt Maitryana Upanishad: "Seele von den Gegenstnden
berwltigt."
    Darum sagt man: sich ernchtern, wieder zu sich kommen, sich auf
sich selbst besinnen.
    Darum lehrt der Erlauchte: "Unterscheidung des Wandelbaren vom
Unwandelbaren, des Ewigen vom Vergnglichen, Unterscheidung des Wesens
von der Erscheinung."

*

    Unabsehbare Kluft, unlslicher Widerspruch uns irdisch Schauenden
zwischen Erkenntnis und Anschauung; Torheit, ewiges Ziel in
vergnglicher Erscheinung zu suchen. Daraus sinnloses Hasten und
Irren, endloser Wechsel, unablssige Erneuung; daher die
Unbestndigkeit, die Friedlosigkeit, die Vergnglichkeit alles
Irdischen, daher die Unsinnigkeit steter Wiederholung alles
Geschehens, aller Gebilde, aller Gedanken--ein rastloser Kreislauf
von Hoffnung zu Enttuschung. Darum die Unzulnglichkeit, das
Stckwerk, die Unvollkommenheit aller Dinge; die Unwiederbringbarkeit
der Zeit, die Unberwindbarkeit des Raumes; darum des Hohenzieles
Unerreichbarkeit, des Zweifels Unstillbarkeit, die Trostlosigkeit, die
Widersinnigkeit, Verruchtheit dieser Welt.
    Diese Welt ist fr Kinder und Wlfe, und so sehr sind wir Kinder
und Wlfe, da wir uns in solcher Welt gefallen!
    Der Welt Lust ist Fra, der Welt Lohn ist Trug, der Welt Ziel ist
Vernichtung--und du solcher Welt williger Sklave.
    Ist Lust Frieden? Und ist nicht verlorene Lust Schmerz? Und wre
nicht dauernde Lust Qual? Und schliet nicht Lust Seeligkeit aus?--
Wagst du es zu widersprechen?--Was auf Erden vermchte Verlangen
nach dem Hchsten zu stillen?--Verlangen nach Gottheit.

*

    Das Geprge dieser Welt ist Vergnglichkeit.

    Was von Gedanken und Dingen dieser Welt lebt, atmet in Einhauch
und Aushauch, aus Entstehen zu Vergehen.
    Alles Werden durch Absonderung, durch Abstammung, durch
Verzweigung, durch Spaltung, durch Unterscheidung von einander. Alle
Empfindung und Wahrnehmung durch Abstand; alles Wollen und Tun durch
Gegenstand und Widerstand. Ich-nicht-Ich-bewutsein durch Ansto und
Hemmung; Leben und Dasein durch Wandel--nichts was unverndert,
nichts was bestndig, nichts in Frieden im Himmel und auf Erden.
    Samsara ist Wechsel; wer Frieden im wechselnden Samsara sucht, der
ist betrogen; Frieden kann nur zu Unfrieden wechseln.
    Dieser Welt Bestand durch Gegen-stand, dieser Welt Sinn durch
Gegen-sinn; darum dieser Welt Wider-spruch und Wider-sinn; darum
dieser Welt ruheloser Kampf; darum dieser Welt Vergnglichkeit.
    Entzweiung will Paarung, Ansammlung will Auflsung; weil Entstehen
ist, darum ist Vergehen; weil Verschiedenheit ist, darum ist ein
Verscheiden; weil Leben ist, darum ist Tod.
    Alle Erscheinung ist durch Ur-sprung, durch Entzweiung in
Gegensatz, und aller Gegensatz will Ausgleich. Was durch Entzweiung
aus Einheit entspringt, endet in Einheit.
    Wie alles Urteil in seinem Gegenurteil sich auf hebt, wie aller
Gedanke, zu Ende gedacht, durch seinen Gegensinn in sich selbst
zurckkehrt, so kehrt alle Erscheinung in sich selbst zurck, sich
selber aufhebend.
    Alle Wirklichkeit hlt stand, so lange du Befriedigung im Wirken
suchst, solange du, selbst Erscheinung, sinnliche Erscheinung
wahr-nimmst, solange du an die Wirklichkeit dieser Welt glaubst.
    Erscheinung, durchschaut, hlt nicht stand, verblat, zerrinnt,
geht zugrunde, geht auf den Urgrund zurck. Wirklichkeit, als Schein
erkannt, wirkt nicht mehr, ist nicht mehr wirklich--vergangen wie
ein Traum, der beim Erwachen zu nichte ward.

*

    Was dir als gegenstndliche Welt erscheint, ist nicht an sich; was
du Wirklichkeit nennst, ist zu sinnlich anschaulichen Bildern
gewordener Gedanke in dir--ist dein trumendes Verlangen, die
unermeliche Kluft zu berbrcken, der weite Irrweg zur ewigen Heimat.
    Die Gestaltung dieser Welt ist dein; Wirklichkeit folgt deinem
Gebot--Wahr-nehmung in dir ist Be-dingung; das heit: was du von
Erscheinung fr Wahrheit nimmst, gewinnt Gestalt, wird zu wirklichen
Dingen. Du er-innerst dich aus zeitloser Vergangenheit--du
er-innerst dich aus raumloser Nhe und Ferne--du ver-gegenwrt-igst
dir aus seelisch ewiger Gegenwart sinnlich gegenwrtige Erscheinung.
Deine Einbildung wird Vorstellung: das Verlangen in dir hat sinnliches
Da-sein gewonnen, was du wirklich wahr nennst, hat sich geschaffen.
    Die gewaltige Welt ist aus deiner Empfindung geboren, deine eigene
Schpfung--du selbst.

*

    Dies wunderbar Einfache wird von Unmndigen widerstrebend erfat
--volles Erleben hiervon ist nur dem Erwachenden beschieden.

*        *        *

    Was aus Ursprung dieser Welt lebt, lebt zwiefach: lebt als
Empfindung in dir, lebt als Bewegung auer dir; Bewegung im
unendlichen Raum--und Empfindung solcher Bewegung in ewiger Seele--:
die also erscheinende Welt.
    Bewegung aus dem Raume trifft dich--du wirst der Bewegung inne.
Inne-werden der Auen-bewegung ist Empfindung in dir; Auslegung dieser
deiner Empfindung ist dir Bewegung im Raum. Empfindung:
ver-inner-lichte Bewegung; Bewegung: ge-uer-te Empfindung. Was
aus-wendig Bewegung ist, ist in-wendig Empfindung. uerer Gegenstand
schafft inneren Zustand; innerer Zustand schafft ueren Gegenstand.
    Bewegt empfindest du--empfindend bewegst du. Seelische
Empfindung von dir aus-gelegt, wandelt sich auer dem Bereich deiner
Seele zu sinnlich anschaulicher Bewegung. Empfindung aus dir
hinausverlegend, stellst du vor; vorstellend wirkst du;
gegen-stndlich Vorgestelltes ist Gegenstand; Gegenstand widersteht;
Widerstand ist Wirkung auf dich. Dein eigenes Werk, aus dir gewirkt,
ist Wirklichkeit und wirkt auf dich zurck.

*

    Die Seele wird von uerer Bewegung innen bewegt; die innen
bewegte Seele bewegt nach auen. Du empfindest in dir, das heit: du
bewegst auer dir. Was du zeitliche und rumliche Ferne nennst, ist
sinnlich befangene Auffassung; Seele wirkt auersinnlich, Seele wirkt
seelisch, ber Zeit und Raum hinaus.--Eines ist Auslegung deiner
Empfindung und Rckwirkung des aus dir Hinausverlegten--
Zusammenflieen der Seelen--Seele der Dinge--eigene Seele--
berbrckung des Ur-sprungs.
    Je nach Vorwiegen seelischer oder sinnlicher Auffassung im Ich
scheint Empfindung oder scheint Bewegung, scheint eigener Zustand oder
fremder Gegenstand, ist gedankliche Ein-bildung oder anschauliche
Wahrnehmung, das ist: allen deinen Sinnen fabarer Krper--der
Gedanke ist leib-haftig geworden; Eines ist Gedanke und Sichtbarkeit
des Gedankens. Angeschaute Gedanken sind Krper.
    Davon sagt Patandschali: "Krpererscheinung wird durch Wandlung
der Auffassung im Ich."
    Davon sagt der Buddha: "Wie ich aus einem Schilfrohre den Halm
ziehe--hier das Schilf--dort der Halm, so bilde ich aus diesem
meinem Leibe nach dem Willen meines Herzens einen anderen Leib, mit
allen Gliedern versehen und mit Gefhl begabt."
    Der verlangende Gedanke zu Fleisch und Blut geworden.

*

    Es scheint, als sei in dir seelische Empfindung, es scheint, als
sei auer dir seelenlose Bewegung; deiner Seele Empfindung, deinen
Sinnen Bewegung--Gegensatz und Einheit. Was sinnlich als Gegensatz
erscheint, wird seelisch als Einheit erkannt. Was blindem Schauen
durch unberbrckbare Kluft getrennt scheint, unvereinbar und
unlsbares Rtsel, ist Eines; Eines, was deinen Sinnen Bewegung,
deiner Seele Empfindung ist--je nach sinnlicher oder seelischer
Auffassung unterscheidende Benennung, ununterschieden in sich, zwei
Worte fr das Selbe--: Verlangen in dir. Und wie du in deinem
eigenen, einheitlichen, ungespaltenen Verlangen Widerwillen von Willen
unterscheidest, beides in dir, beides Eines--du selbst, so
unterscheidest du Bewegung von Empfindung, bei des in dir, beides
Eines--du selbst.
    Alle Empfindung ist Bewegung, alle Bewegung--Empfindung;
Beid-einheit, seelisch-sinnlich geschaut.
    Empfindung in dir und die Welt ist bewegt; du durchschaust die
Bewegung und still stehen alle Sonnen und Erden, und es empfinden alle
Sonnen und Erden, ruhelos Ausgleich suchend.

*

    Ich ist Ur-sprung. Nichts dieser Welt, was sich nicht im Ich
willig-un-willig schafft, zwiefach in Zeit und Raum. Aller Inhalt des
Ich durch Gegen-sinn in sich, durch Gegen-stand zu sich. Die ganze
Welt im verlangenden, im unter-scheidenden, im ur-teilenden, im
ent-zweienden, im ent-zweiten Ich. Ich auer sich verlangend, spaltet
in sich selbst, spaltet im Urteil, Wollen und Tun: bejahend verneint
Ich, wollend en-will Ich, liebend hat Ich.
    Kein Tun ist einwertig. Du vermagst dich keinem Dinge zuzuneigen,
ohne dich einem anderen Dinge abzuneigen. Zuneigend neigst du dich ab,
abneigend neigst du dich zu. Alle Zuneigung ist Abneigung, alle
Abneigung ist Zuneigung. Du bejahst den Satz und verneinst damit den
Gegensatz. Du glaubst Eines zu tun und tust zweierlei--: ewiger
Zwiespalt, ewiger Ur-sprung in dir selbst.
    Kein Geschehen, kein Ding, kein Wort, kein Gedanke ist eindeutig.
Mit deinem Leibe neigt sich deine Seele. Neigung ist krperliche
Bewegung, Neigung ist seelische Empfindung. Neigung deines Leibes ist
Neigung deiner Seele; seelische Neigung erscheint deinen Sinnen als
Krperbewegung; Krperbewegung ist in dir als seelische Neigung wach.
Neigung ist seelisch und sinnlich zugleich.
    In einem Worte ist Einheit von Zuneigung und Abneigung, Einheit
von Empfindung und Bewegung, Einheit von Leib und Seele. Im
einheitlichen Worte liegt sich selbst aufhebender Gegensinn: Ich und
du, innen und auen, hier und dort, Zustand und Gegenstand, Zeit und
Raum, Gedanke und Tat, Seele und Sinnlichkeit, Unfabares und
greifbare Wirklichkeit; in einem Worte Anziehung und Abstoung,
Aufflammen und Verlschen, Lust und Leid, Himmel und Hlle, Leben und
Tod.
    In jedem Worte spiegelt sich zerfallene Einheit.
    Gegensinn im einheitlichen Wort--Einheit gegensinnlicher Worte
ist Lsung nie gelster Rtsel, Lsung nie gelsten Widerspruchs;
trichter Streit durch Jahrtausende--: Allgottheit, Gttervielheit;
Gutes und Bses in Gott; Wesenseinheit oder Doppelwesen der Welt;
Weltgeist oder Weltenstoff; Allseele oder Seelenvielheit;
Urschlichkeit oder Selb-einheit; Zweck oder Zufall; eherne
Naturgesetze oder freie Schpfung--wie auch Irrende die seelisch
sinnliche Kluft benannt haben mgen--mige Fragen dem Wissenden,
Lsung aller Gegenstze, Lsung des Widerspruchs dieser durch
Widerspruch werdenden Welt.

*

    Und ferner, o Teurer, Lsung nie gelster Rtsel--: das Wunder
der Verkrperung. Es offenbare sich dir, aus welchen Tiefen solche
Lsung fliet und der Weg zu Erlsung.
    Du fhlst dich Krper, du weit dich Seele. Du empfindest dich
selbst unmittelbar, du schaust aus dir mittelbar durch Sinne. Deine
Sinne nehmen sinnlich wahr; Seele in dir nimmt sinnlich Geschautes fr
wahr. Auf fnffach verschlungenen Sinnenwegen suchend, seelenblind fr
alle Seele auer dir, verkennst du alles, was du nicht selbst bist und
dich selbst. Du begreifst die ganze Welt sinnlich; du nimmst dich
selbst sinnlich wahr.
    Also seelenblind schauend glaubst du dich von Allseele
abgeschieden, vermagst abgeschieden Erachtetes nicht mehr seelisch zu
dir zu einen. Was du nicht mehr als eigen erkennst, deuten deine Sinne
als auer dir; du vermagst, was dir auen dnkt, nicht anders als
fremd, als rumlich dir gegen-ber-stehend, als gegen-stndlich zu dir
aufzufassen; du kannst, was du nicht selbst bist, nur als Gegenstand
schauen. Alles nicht-Ich mu dir Ding und Krper sein.

*

    Also sieht Seele kraft ihrer Sinne Krper; also ist Seele sinnlich
erfat: Krper.
    Also sind Krper: Krper durch wahrnehmende Sinne--Krper durch
Verkrperung der Seele, zwiefach Eines.
    Empfindend bist du Seele, empfunden Leib; be-seelter Krper--
verkrperte Seele. Sinnliche Gestalt ist seelische Gestaltung,
leibliche Zeugung--seelische ber-zeugung; Beid-einheit--: Gedanke
leibhaftig geworden, dein schaffendes Verlangen. Du verlangst und es
wird Ding und Bewegung, du verlangst und es ist Empfindung und Seele:
--gottabgewandt: Welt--weltabgewandt: Gottheit genannt.
    Alles was dir als Wirklichkeit erscheint--welche Namen es auch
trage--ist Seele, von Seele in dir sinnlich erfat. Seele--alles
andere Sinnenmitgift. Alle Gestaltung Seele, alle Gebilde in die Sinne
fallende Erscheinung--Sinn-bild der Seele--Seele im Bannkreis der
Sinne--Seele in irdischer Umhllung--in Sinnenwelt versunkene
Gottheit.
    Nur fr irdische Augen ist diese Welt--Samsara; seelisch
durchschaut versinkt die Erscheinungswelt deinen Sinnen; nur fr
seelisches Schauen ist Erlsung--Verklrung der Welt--der Seele
Seeligkeit--Nirvana.

*        *        *

    Raum-zeitlose Seele in zeit-rumlicher Welt.
    Im unendlichen Raum alles zeitlos; in ewiger Zeit alles raumlos.
Ohne Raum ist alles im Laufe der unendlichen Zeit; ohne Zeit ist alles
im unendlichen Raum.
    In der Zeit ist die Gegenwart--ohne Dauer, und nur im zeitlosen
Gedanken zu fassen. Im Raum ist der Punkt--ohne Ausdehnung, und nur
im raumlosen Gedanken zu fassen; in Zeit und Raum erscheinende
Krperlichkeit ist endlos teilbar, also krperlos und nur in Gedanken
zu fassen. Urteil von Zeit--nicht Zeit; Urteil von Raum--nicht
Raum; Urteil von Krper--nicht Krper. Das letzt Denkbare von Zeit,
das letzt Denkbare von Raum, das letzt Denkbare von Krper ist Gedanke
im Ich. Das letztdenkbare Urteil der Welt ist Ich-urteil.
    Im Ich ist Bindung und Lsung dieser Welt.
    Ich, erscheinend, ist Zeit in Raum, ist Empfindung in Bewegung,
Willen in Kraft, Ursache in Wirkung, Freiheit in Notwendigkeit,
Selbigkeit in Urschlichkeit, Seele in Leib, Wahrheit in Tuschung,
Wesen in Schein.--Denkt die Welt, so denkt sie: Ich.
    Zeiteinbildung, Raumvorstellung, Krperwahrnehmung--die Welt--
entspringt und endet im Ich. Ich-gegenwart ist Zeitewigkeit, ist
Raumunendlichkeit, ist Krper und Wirklichkeit.
    Zeit-rumliches Ich aus raum-zeitloser Seele.
    Davon ist gesagt: >>das Weltall hat nur in mir Bestand.<<

*

    Ich ist ur-Teil im entzweienden Ursprung der Welt. Ich ur-Teil,
vom All abgesondert--un-zu-langend--ver-langt zum All zurck;
darum ist Ich Verlangen. Ich ist ungestilltes Verlangen; Ich ist
unstillbares Verlangen; Ich ist nur durch Verlangen. Ich, sich selbst
wollend, mu Alles zu sich wollen, so lange Ich--Ich ist.
    Ich ist worin Ich erwacht. Ich ist was sich im Ich bewut wird,
was Ich sich einbildet, was sich im Ich bildet, was Leben im Ich
gewinnt nennt sich Ich. Ich-inhalt erachtet sich fr Ich.
    Ich ragt ber sich hinaus: Ich ist was Ich wollend umfat, was Ich
nicht wollend umfat, was Ich wollend nicht umfat; Ich ist soweit
Ich-auffassung reicht. Kein Ich, wenn nichts umfassend; kein Ich, wenn
allumfassend.
    Ich entspringt, Ich endet im Verlangen; Ich wechselt in sich mit
seinem Verlangen; Ich wechselt in sich mit wechselndem Gegenstand; mit
anderem nicht-Ich ist anderes Ich.
    Ich besteht ohne eigenen Bestand--ewig neu geborene Gegenwart,
ewig erneute, ewig vernichtete Selbstherrlichkeit; das ewig
Vergngliche aus dem ewig Unvergnglichen.
    Der Glaube, als habe das Ich ein Sein in sich, schafft Ich, erhlt
Ich, endet mit Ich--ein Nichts, das Alles ist. Ich ist Teil, so
lange es sich Teil glaubt. Gibt Ich sich auf, so ist Ich alles.

*

    Ist Einbildung Ich, so ist Vorstellung nicht-Ich. Alles Ich baut
sich auf am nicht-Ich; am nicht-Ich-gegen-stand findet Ich seinen
Rck-halt; durch Wider-stand gegen alles nicht-Ich ist das Ich.
    Ich lebt nur durch Gegensatz--durch Gegensatz zu sich: Raum,
durch Gegensatz in sich: Zeit. Verlangend einigt Ich allen rumlichen,
allen zeitlichen Gegensatz in sich.
    Ich, alles nicht-Ich zu sich anziehend, stt alles nicht-Ich von
sich ab. Verlangend schwankt Ich von s-Ich zu nicht-Ich, von nicht-Ich
zu s-Ich zurck. Ich verlangen spiegelt sich im nicht-Ich; nicht-Ich
wirft das Ich verlangen zurck. In dem Mae wie Ich verlangt,
widersteht das nicht-Ich dem Verlangen; in dem Mae wie Ich zu sich
verlangt, wird Ich vom nicht-Ich verlangt--Ergreifend, ist Ich
ergriffen.
    Also ist zwischen Ich und Ich Anziehung im Verlangen; also ist
zwischen Ich und Ich Abstoung im Verlangen; also ist Verlangen
Anziehung und Abstoung zugleich; also hlt Verlangen Ich und Ich
auseinander; also ist Verlangen nach Vereinigung zu sich Hindernis der
Einigung--das Verbindende ist das Trennende.
    Ich will das All zu sich, enwill sich zum All--
weltschpferischer Irrtum.

*

    Ich bertrgt sich ins nicht-Ich.
    Verlangend tritt Ich aus sich hinaus, langt auer sich, ist nicht
mehr bei sich, ist auer sich, ist in seinem Gegenstand--Ich im
nicht-Ich.
    Ich wei nur von sich; Ich empfindet immer nur sich selbst; s-Ich
einbildend stellt Ich s-Ich vor; vorstellend fat Ich sich selbst
gegen-stndlich auf. Wie Ich sich im gegen-Stand empfindet, so
empfindet Ich den Gegenstand. Gegenstand dem Ich ist Ich im
gegen-Stand. Soweit Ich den Gegenstand empfindet, soweit ist
Zerklftung im Ursprung berwunden, soweit ist das Empfindende und das
Empfundene Eines. Die Empfindung ist das Empfundene.
    Ich-zu-stand im Gegen-stand nennt sich selbst mit anderen Namen.
Ich verkennt sich im du--wie ein Hund sein eigenes Bild im Spiegel
anknurrt. Eines ist Zustand und Gegenstand. Eines ist Ich und du--
Einheit in sich, in dir unterscheidende Namen.
    Im Verlangen liegt Ich und nicht-Ich; im Verlangen fllt Ich und
nicht-Ich aus-einander. Was Ich verlangend nicht will, will nicht Ich,
will ein nicht-Ich--"ich will nicht" das heit: "du willst".
    Ich und Ich--zerfallene Einheit, geschaffen und auseinander
gehalten durch blindes Verlangen.
    Davon ist gesagt: "ich bin du".

*

    Alles was auer Ich ist, ist aus Ich. Alles nicht-Ich beginnt und
endet im Herzen des Ich. Wie im Willen Unwillen liegt, so liegt im Ich
das nicht-Ich.
    Ich will durch Willen und Unwillen; Willen wie Unwillen ist
Ich-verlangen. Willen wie Unwillen hat dasselbe Ziel. Ich-loser Wille
undenkbar; ziel-loser Wille, Wille ohne Gegen-stand des Wollens
undenkbar.
    Ich will durch Bejahung und Verneinung: sogenannte Verneinung des
Willens ist Bejahung genderten Willens--das Eine Verlangen bei
gewechseltem Ziel.
    In sich verneinen heit auer sich bejahen; in sich vernichten
heit aus sich hinaus schaffen; aus sich hinaus schaffen heit auer
sich schaffen. Unwillig aus dir Entlassenes weicht aus dem Bereich
deiner Seele, fllt in den Bannkreis deiner Sinne, tritt, selbstndig
geworden--ein eigenes Ich--dir sinnlich gegenber.
    Abstoung im Ich ist das Abgestoene, ist aus eigenem Zustand
geschaffener Gegen-stand. Das Angezogene ist im Ich Anziehung; das
Angezogene ist Gegenstand im Zustand Ich:
   --Verlangen im Ich ist das nicht-Ich--
    Verlangen vom Ich ausgesprochen, vom nicht-Ich, dem Widerschein
des Ich, 'wieder' ausgesprochen, das ist 'wider'sprochen, sieht sich
selbst gegenber, tritt sich selbst entgegen, ist sich selbst
Gegenstand des Verlangens.
    Die Welt sich selbst wollend--darum ist Welt.

*

    Das Auereinander von Ich und Welt ist Erscheinung; das
Durchschauen des Scheines ist Erlsung.--Verlangen im Ich ist das
nicht-Ich; Verlangen im Ich ist die sich schaffende Welt; alles
Geschaffene erkennt sich im erkennenden Ich.
    Kein Ich ohne Welt; das Verlangen in dir schafft die Welt, darum
ist die Welt dein Verlangen; darum verlangt dich nach der Welt. Die
Welt wird und wirkt wie du, verlangend, die Welt wirkst. Die Welt ist,
so lange du an dich und deine Welt glaubst--mit dir entsteht, mit
dir vergeht deine Welt.
    Keine Welt ohne Ich--: Ich geht in der Welt auf, die Welt geht
im Ich auf; darum lsen sich vom Ich aus alle Fragen dieser Welt--:
endlos wechselnde Namen endlos wechselnden Verlangens in dir--
Widerschein deiner selbst--Und die ganze Welt erlangend, erlangst du
dich selbst--nichts mehr.
    Verlangen ist Gedanke in dir; denken heit urteilen, urteilen
heit zeugen. Dein Gedanke ist Dasein, dein Glaube ist Schpfung,
deine berzeugung ist Zeugung. Eines ist der Schaffende mit dem
Geschaffenen, Eines ist Ich und Welt.
    Davon ist gesagt: "der, frwahr, baut aus sich diese ganze Welt--
und ist ihre Vernichtung, der solches wei."
    Du schaffst die Welt, die Welt schafft dich--schafft sich in
dir. Die Welt sich selbst schaffend, sich selbst schauend, sich selbst
verlangend, sich selbst vernichtend.

*

    Vielfach ist in Suchenden der Gedanke aufgestiegen, in Erkenntnis
suchenden Weisen mancher Vlker alter und neuer Zeiten; ausgesprochen
hat die Lehre von den Gegenstzen Bhagavad-gta-upanishad mit
deutlichen Worten, aber unverstanden von der Menschheit blieb die
Erkenntnis, unerkannt in ihren Tiefen:
    "Alle Geschpfe dieser Welt lassen sich vom Trugbild der
Gegenstze betren, die sie, liebend oder hassend, sich selber
schaffen."

*

    Uraltes Wissen, o Teurer, verkndige ich dir wieder, Lsung nie
gelster Rtsel, Lsung des Weltwiderspruchs; der Erkenntnis Urgrund,
die Lehre vom Gegensinn in der Erscheinung--dvamdva-vidya--die
Lehre von der sich selbst aufhebenden Welt.

*

    Also ist die Unterweisung:
    Weltursprung--durch Ur-sprung: Ent-zweiung in ur-Teil und
gegen-Teil, Ich und nicht-Ich.
    Weil durch Ur-sprung Kluft ist, darum steht alles dieser Welt
ein-ander unerkannt gegen-ber, darum ist alles dieser Welt durch
Gegen-sinn, darum sieht alles dieser Welt einander als Gegen-stand,
darum ist Widerspruch in der Erscheinung endlos, darum ist ewiger
Kampf
    Davon ist gesagt: "Zweiheitlich ward All-Einheit, Wahrheit und
Tuschung an sich zu erleben."
    "Ich wei warum die Welt ist: Gott wollte leiden".

*

    Gegenteile schaffen sich aus-ein-ander, Gegenteile heben einander
auf; Gegenteile scheinen endlos weit von einander, Gegenteile berhren
einander; Gegenteile fallen, auseinander tretend, in einander; wie Ost
und West auseinandertretend im Rcken der Erde ineinanderfallen, wie
West im Osten, wie Ost im Westen wiederkehrt; wie Ost zu Ende gedacht
zu West wird und West zu Ost; wie aller Gedanke zu Ende gedacht, durch
seinen Gegensinn hindurch in sich selbst zurckkehrt--der geraden,
nach durch messenem All in sich zurckkehrenden Linie vergleichbar.
    Wie farbloses Licht in Gegenfarben zerfllt, wie Gegenfarben,
vereint, einander zu Farblosigkeit ergnzen, so ergnzen aus-ein-ander
gefallene Gegenteile, vereint, einander zu nichts.
    Aller Gegensatz ist den Gegenstzen an einer Kugel vergleichbar;
Vergleichbar den Gegenstzen eines im Kreise schwingenden Pendels.
    Aller Gegensatz dieser Welt erscheint durch wechselndes Urteil
sinnlicher Wahrnehmung--bloe Auffassung im Ich.
    Mchtig bewegte Sterne stehen deinen Sinnen still; still stehende
Sterne siehst du mit dem Himmelsgewlbe mchtig ber dir bewegt.--
Savitar hebt sich aus dem Meere: du schaust Sonnenaufgang; was dir
Sonnenaufgang ist, ist Anderen Sonnenuntergang; was dir oder Anderen
Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, ist weder Aufgang noch Untergang
--Savitar strahlt ewigen Tag. Indessen du die Sonne steigen siehst,
sehen andere dieselbe Sonne fallen; es vermag die Sonne nicht zu
steigen ohne zu fallen, vermag nicht zu fallen ohne zu steigen, steigt
und fllt zu gleicher Zeit--steigt weder noch fllt.--Innere Erden
scheinen im rechten Laufe umzukehren; Wandelsterne und Monde, Sonnen
und Erden, nach berstiegenem Hhepunkt, werden rcklufig. Kein
Gegensatz im rechten Laufe, keine Umkehr, kein Rcklauf--irriges
Urteil vom wechselnden Standort des irrig schauenden Ich.
    Ich, zeitrumlich atmend, wechselt Standort, Ansicht, Urteil.
Durch Ich-urteil-wechsel ist Gegensatz. Ur-teilend schafft Ich in sich
zeitlichen Gegensatz--auer sich rumlichen Gegensatz.
    Wechselndes Urteil im Ich zeugt fr Gegensinn im Einheitlichen--
zeugt fr Einheit im Gegensatz.
    Aller Gegensatz geht auf--wird und vergeht--im Ich; Ich
schafft, Ich vernichtet allen Gegensatz. Nur in einem 'Ich' ist
Willenswechsel, nur in einem 'Ich' ist Urteilsgegensatz; mit
aufgehobenem 'Ich' ist aller Gegensatz aufgehoben.
    Scheinen Gegenstze, so ist Einheit. Ist das Eine Gegensatz des
Anderen, so ist das Eine gleich dem Anderen--so ist weder das Eine
noch das Andere.

*

    Raum-ansto ist Zeitfolge:
    Wechselt Ich aus sich hinaus, so empfindet Ich durch nicht-Ich
rumliche Wider-stand-wirkung, das ist--: wirklicher Gegensatz.
Durch Widerstand Empfindung wechselt Ich in sich zeitlich eigene
Empfindung, das ist--: eigentlicher Gegensatz.--Ur sache aus mir
--Wirkung auf mich: Ich-m-Ich; wirklich rumlicher--eigentlich
zeitlicher Gegensatz.--: Beid-einheit.--Raumansto ist Zeitfolge.
    Durch Zerfall im Ur-sprung: Urgegensinn; das ist sinnlich-
seelische Auffassung in Ich und Ich.
    Eines ist innen und auen, Eines Ursache und Wirkung, Eines Zeit
und Raum, Eines eigentlich und wirklich, Eines Bewegung und
Empfindung, Eines Seele und Leib, Eines Ich und nicht-Ich--: durch
Ich-ur-Teil, das ist durch Ich-Urteil sinnlich geschaffene
Teilungserscheinung--Ur-sprung im Ich.
    Dvamdva--: aus Einheit Ich gezeugte gegen-Teile, Gegensinn und
Gegenstand, Gedanken und Dinge gegenseitig gezeugt, gegenseitig
gepaart; Hlften, die getrennt, einander zu nichts aufheben; die
vereint, einander zu nichts ergnzen; Eigenschaffungen, die durch
Spaltung sind und nicht sind--getrennt und vereint nicht sind.
    Daraus ist: Gegensinn im einheitlichen Wort, daraus ist: Einheit
gegenstzlicher Worte. Nimmerrastender Widerschein des spaltenden
Ursprungs, nichtige Schpfung im Ich--Trugbild des Seins.

*

    Sinnlich geschaut:
    Durch Ursprung Raum, durch Raum Zeit; im Ursprung inzwischen
entzweiten Teilen die sich schaffende Welt; die Welt in der Kluft
inzwischen Ich und nicht Ich. Alle Wirklichkeit dieser Welt rastlos
wechselnde Beziehung inzwischen Ich-zustand in sich--Ich-zustand im
Gegen-Stand. Endloser Kreislauf der Erscheinung von Gegensinn zu
Gegenstand, von Ich zu nicht-Ich, von nicht-Ich zu Ich zurck.--
Gegensinn in s-Ich die werdende, Gegenstand zu s-Ich die gewordene
Welt.
    Alles zeitrumliche Auereinander ist im Ich, alle Unterscheidung,
aller Gegensatz, alle Worte, alle Vielheit--im Ich ist Ur-sprung
und Unendlichkeit dieser Welt.
    Eines ist was du, durch ur-teilenden Willensgegensatz in dir, zu
Gegenstzen auer dir prgst; Eines ist was du, ur-teilend, entzweit
schaust--: willkrliche, an sich nichtige Unterscheidung, endlose
Gestaltung deines in Einhauch und Aushauch atmenden Verlangens--
deine eigene Schpfung--du selbst.
    Davon sagt des Heilweges Buch des Lehrers Lao: "Diese Einheit der
Gegenstze bezeichne ich als den Urgrund, die groe Tiefe und das der
Erkenntnis geffnete Tor."

*

    Und noch einmal:
    Durch Ur-sprung-erscheinung scheint Entzweiung. Jedes der beiden
Teile lebt das Leben des anderen--gleichwertige Bruchstcke. Durch
Kluft geblendet verkennt sich eines im anderen--Sndenfall.
    Dem also gewordenen Zwiespalt folgt alle Erscheinung: aller
Gedanke, alles Urteil, alles Wort--Wille und Tat gegen sich selbst
gerichtet. Alles Urteil Widerspruch in sich;--Sinn und Widersinn
in-ein-ander. Alle Unterscheidung in Wort und Urteil bedeutungslos--
in sich selbst aufgehoben--bloe Lautver-schiedenheit.
    Nur Eines ist--alles Erscheinende ist irrendes Verlangen im Ich
zum Ziel, nichts mehr.

*

    Wahn-sinn das Wesen der Welt in Worte fassen zu wollen. Seele,
Kraft, Geist, Stoff, Gedanke--Gottheit--gleichviel mit welchen
Lauten du das benennst, was dich lebt.
    Erscheinung dieser Welt schafft sich, durchschaut sich, hebt sich
auf.
    Was sich also erscheinend schafft, ist nicht Wahrheit--ist nicht
Tuschung--ist ewig vergngliches Sinn-bild des Ewigen.

*

    So lautet die Lehre von der sich selbst als nichtig aufweisenden
Erscheinungswelt--der Erkenntnis Hhe und Tiefe, der Erkenntnis
eherner Kern und Anker.
    Und was du, o Teurer, durch solche Erkenntnis verlierst ist ein
Nichts; und was du durch solche Erkenntnis gewinnst ist Alles.
    So lange dir der tiefen Lehre volles Verstndnis nicht aufgegangen
ist, o Teurer! so lange wisse dich fern vom Hohenziele der Erkenntnis.

*

    Die ganze Sinnenwelt wchst, sich verklrend, zu Gottheit. Alles
Samsara ist Verlangen nach Nirvana. Je nach dem Ziele deines eigenen
Verlangens, nach Samsara oder nach Nirvana erscheint dir das Geschehen
dieser Welt Vorgang oder Rckschritt, ziellos oder zielbewut, blinder
Zufall oder unabwendbare Bestimmung. Weder das Eine noch das Andere--
in sich freie, durch Gegensinn in der Erscheinung gebrochene Kraft in
dir--dein schaffendes Verlangen.
    Das Ziel der Welt bist du selbst, o Teurer! In dir, mit jedem
Atemzug wechselnd, alle Stufen der Weltenschpfung--
Weltenvernichtung; von Samsara zu Nirvana, von Nirvana zu Samsara
rastlos gegeneinander schwankend.
    Samsara heit sich in irdischer Anschauung verlieren. Nirvana
heit sich wiederfinden. Irdisches Verlangen rckt Nirvana in
zeit-rumliche Fernen--Nirvana ist--wenn dich nicht mehr
nach Nirvana verlangt.
    Ewigkeit des Ursprungs im Ich, Ewigkeit der Weltenschpfung und
Weltenvernichtung. Ich, besinnungslos Seeligkeit auer sich suchend,
jagt nach selbstgeschaffenen Trugbildern--Sinnenkampf zu Samsara;
Ich, sich auf sich selbst besinnend, wendet sich von irdischen
Trugbildern ab--Seelenkampf zu Nirvana.
    Verlangend schafft Ich Samsara, Verlangen verklrend schafft Ich
Nirvana; Samsara und Nirvana schafft sich im verlangenden Ich. Blinder
Kreislauf des Verlangens, Kreislauf der Wiedergeburt.--Samsara ist
Verlangen; mit schweigendem Verlangen ist Nirvana.
    Wie ein Kind im nichtigen Spiele zum Manne wchst, so wachsen wir
Menschen in Samsara zu Nirvana. Samsara hlt uns das blendende Schild
vor--glubig hasten wir danach--und erwachen in Nirvana.
    Die groe Tuschung, o Teurer, die ewige Torheit--Samsara--der
weite Irrweg zu Nirvana!--Du folgst dem ewigen Kreislauf erkennend
oder blind; du nahst dem ewigen Ziele unwillig-willig--aus Gottheit
zu Gott und Gottheit--unser aller Ziel.
    Samsara ein Alles, das nichts ist; Nirvana ein Nichts, das alles
ist--unendlich das eine, ewig das Andere--dem Erkennenden Einheit.

*

    Solches lehren seit Jahrtausenden unsere Brder, Hohemeister in
Tibet, Sser-od in K'gdschur:
    "Wisse o Sohn der Erhabenen! um dem nach hchstem Ziele strebenden
Bdhisattva alle Schranken und Hindernisse aus dem Wege zu rumen,
lehren Wissende die unwandelbare Wahrheit vom ungetrennten Samsara und
Nirvana." "Wisse, da die Buddha Samsara und Nirvana auf das Klarste
als unverschieden erkannt haben."

*        *        *

    Keine Wahrheit im vielheitlichen Samsara: Vielheit mu sich selbst
widersprechen; zerfallene Einheit hebt sich selbst auf Samsara zeugt
blinde Kinder. Erscheinung wie Worte wandeln sinnlos von Sinn zu
Gegensinn. Nur dem selbstisch verlangenden, dem einseitig wertenden
Ich scheint Sinn in Samsara--wie dem Trumenden Sinn im sinnlosen
Traume scheint. Alle Wahrnehmung in Samsara, alle Empfindung, und alle
Deutung von Wahrnehmung und Empfindung--bedeutungslos. Lust wie
Qual, Bewunderung wie Abscheu und alle Worte aller Welten--
bedeutungslos, sinnlos, weil sinnlich.

*

    Ich, im Gefhl seiner Unzulnglichkeit, verlangt nach Ergnzung
auer sich. Zeitlich wechselnde Empfindung im Verlangen, vom Ich
ausgelegt, gewinnt sinnliche Gestalt im Raum. Mit Wechsel seelischer
Empfindung wird Wechsel sinnlicher Anschauung. Im Ich zeitlich
Geschiedenes erscheint, rumlich vorgestellt, als Verschiedenheit--
erscheint und ist. Nach ein-ander wird neben-ein-ander; in-ein-ander
wird auer-ein-ander. Seelisch empfunden: Gegen-sinn, zeitlich endlos
wechselnd; sinnlich angeschaut: Gegen-stand, rumlich endlos
vervielfacht. Folge in der Zeit ist Vielheit im Raum. Beid-einheit dem
Wissenden.
    Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden--
Gedanken zu Worten, Worte zu Dingen verkrpert.
    Die verlangende Welt denkt durch zahllose Worte Einen Gedanken.
Alle Gedanken und alle Worte dieser Welt sagen nur Eines; alle Worte
aller Sprachen aller Welten--endlos wechselnder Ausdruck endlosen
Verlangens nach Alleinheit. Aus wechselnder Empfindung, wechselndem
Urteil, wechselnden Worten schafft sich die Vielheit dieser Welt--die
vielheitliche Welt aus dem schaffenden Wort.
    Davon sagt Tschhandogya-Upanishad: "an Worten haftend ist alle
Umwandlung der Erscheinung."

*

    Aufleuchten mge in dir, o Teurer, voll die Einheitserkenntnis!
Der Welten ewiger Ursprung hat nur Ein Ziel; dein rastlos wechselndes
Irren nach dem Einen Ziele benennst du mit wechselnden Namen. Dein
Wort benennt, dein Wort wertet, dein Wort schafft die Dinge--ein
Zweites, glaubst du, sei es, wenn du es anders benennst--Aus
Vielheit wertender Worte des wechselnden Urteils in dir schafft sich
die Vielheit der Dinge. Endlose Sinnbilder des Einen Gedankens deuten
wir sehend Blinden als endlose Vielheit verschiedener Dinge. Erfa
erbarmend wohl die tiefe Blindheit der Menschen!--Blindheit der
Fhrenden und Gefhrten, Blindheit der Weisesten aller Vlker und
aller Zeiten--uns Armseligen der Weg zu Erkenntnis--Befangenen
unnahbar--Suchenden die offene Schranke--lichte Einsicht dem
Erwachenden.
    Nur Eines ist im Kreislauf der Erscheinung: Ver-langen!
schlaftrunken suchendes Verlangen nachdem letzten Ziele.--Erwachen
fhrt aus Verlangen und Tat, aus Gedanken und Worten zu willenloser,
zu wortloser Wahrheit.
   --Wer also sieht, der ist sehend.--
    Davon sagt Tattitiya-Upanishad: "Erkenntniswonne wird von keiner
Sprache erreicht; vor der Wonne der Erkenntnis kehren alle Worte um,
und alle Gedanken."--Ananda.

*

    Unsere Brder, Hohepriester in Tbet, lehren seit Jahrtausenden:
    "Es ist, o Rabdschor, alles Erfassen in der Ichheit ein
Nichterfassen. Wissende, o Rabdschor, gehen nicht in die Einbildung:
'Ich' ein.
    "Wenn ein Wissender also denkt: Wesen ist ohne Ich--Ichlos ist
Wesen, solchen nennt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig
vollendete Buddha einen erwacht Erkennenden.
    "O Rabdschor! Wenn du denken solltest, da die in wahrhafte
Reinheit Eingegangenen jegliches Sein vllig zerstrt und demselben
ein Ende gemacht haben, so gib, o Rabdschor, solcher Meinung nicht
Raum... Es sind dies nur Worte--das Wesen selbst ist unausdenkbar
und wird von Unmndigen nicht erkannt.
    "Das Wesen, o Rabdschor, ist in sich--und ist weder
Verschiedenheit noch auch Gleichheit in ihm, weder Sein noch
Nichtsein, und volle Erkenntnis hievon wird das allerhchste wahrhaft
rein vollendete Erwachen genannt.
    "Der Name dieses Lehrbegriffs lautet: "der an das jenseitige Ufer
der Erkenntnis Gelangte." Dieser Lehrbegriff, o Rabdschor! ist
unergrndlich und seine voll gereiften Frchte stelle dir als
unergrndlich vor."

*        *        *

    Aus Nebelgluten sondern sich Schlacken, ballen sich, erkaltend, zu
Sonnen und Erden; aus lebender Flut starre Gebilde, aus Gottheit--
   -- Ich --
--ur-sprung-er-schein-ung-ur-teil-gegen-teil-ver-langen--
ein unabsehbarer Strom, der das All durchmessend, in seiner eigenen
Quelle mndet--: Samsara!

*

    Uns schauend Blinden--Nichts. Da geschieht im All Einen das
Unergrndbare: Absonderung 'Ich'. Absonderung hlt sich zurck--der
Strom berflutet; Absonderung drngt vor--der Strom hemmt;
Empfindung und Empfundenes--Wirkung aus dir und Wirkung auf dich.--
Das Eine, Einheitliche, Ungeteilte, Unteilbare--: als sei zwiefach
Sein. Es scheint als seist du--es scheint als sei auer dir, es
scheint, erscheint, und ist wirklich: Ich und Sinnenwelt, ja und nein,
Lust und Leid, und alle Worte.
    Aus dem seelisch Einen das sinnlich Zerklftete: die im
Ich-bewutsein erwachte Welt. Aus dem Ewigen das ewig Vergngliche--
    Vergngliche Welten zeugen wider sich selbst:
    Absonderung "Ich" aus Gottheit ist Sndenfall.
Ur-sprung--atmende Kluft, die trennend verbindet--Anziehung und
Abstoung, Entzweiug und Zu-eins-paarung, Werden-Verwerden zugleich
--Spiel in sich selbst--unsere Welt--
   --eine Welt durch ewig erneuten Ursprung in sich; eine Welt in
ewiger Selbstentzweiung, in ewigem Kampfe gegen sich selbst, in ewiger
Blindheit sich selbst gebrend, sich selbst vernichtend--die im Wahn
gewordene, im Wahnsinn verharrende Welt.
    Unabsehbar grauenerfllte Wahlstatt nie gestillten Verlangens,
nimmer endender Tat--Ringen um verlorenes Paradies, Ringen um
Erkenntnis, Ringen um Erlsung--Seele wider Sinne, Gedanke wider
Tat, Himmel wider Hlle; endloses Ringen von Lust wider Seeligkeit,
Samsara wider Nirvana, Abgott 'Ich' wider Gottheit
   --allberall blind strmende Erscheinung, von Sinneswahn zu
Widersinn sinnlos wechselnd; hinfllige Gebilde, Scheingestalten,
flchtige Schatten, im Entstehen dem Untergang, in der Geburt dem Tode
geweiht--Trugbilder, bloe Namen, bloe Worte im nichtigen Urteil
Ich--
   --endloser Widersinn ewig erneuter Entzweiung, ewig neuer
Wiedervereinigung--werdend verwerdende, seiend nicht seiende Welten.

*        *        *

    Durch blindes Vergaffen ist Sinnenwelt.
    Sinnenwelt schafft sich wie Liebesrausch, wie aus deinem
inne-Befinden der Traum sich schafft--sinnvoll--sinnlos. Wie ein
Weib, verlangend angeschaut, zu sinnberckendem Reiz wird, so wird
Seele, verlangend angeschaut, zu berckender Sinneswelt--: unsere
Welt! wirklich zwar, doch nicht wahrhaft. Und wie es aus Traum und
Rausch ein Erwachen gibt, so gibt es ein Erwachen aus verlangenden
Sinnen.
    Was du in dir Traum und was du auer dir Wirklichkeit nennst, ist
wesenseines--: zu sinnlichen Bildern geworden er Gedanke.

    Wie die Schlange, die dich im Traume schreckt, nicht wahrhaft
lebt; wie das Schwert, das dich im Traume trifft, nicht von Eisen ist;
die Geliebte, die dich beglckt, nicht Fleisch und Blut--
   --wie Lust und Qual, wie Schlange und Weib im Traum--
   --so alle Dinge dieser Welt--wirken und sind nicht.
    Und wie unter deiner Schdeldecke Schwert und Weib Raum hat und
alle Gebilde dieser Welt, dazu alles Geschehen und Werden--
   --so ist die ganze Welt in dir und ist nicht; wirklich zwar, doch
nicht wahrhaft--
    und wie die im Traume wahrgenommenen Gesichte alsbald zu nichts
verflattern, so schwindet im Leben alles dahin, was du fr wahrhaft
geworden hieltest; von allen Welten bleibt Erinnerung, und Erinnerung
verweht--
    und wie es im Traume ein leises Besinnen gibt, so dmmert dir wohl
in lichten Augenblicken die Erkenntnis: ich trume diese Welt--
    und wie du, aus dem Traume voll erwachend, Lust und Grauen
abgeschttelt hast, so erwachst du aus den Freudenqualen unseeliger
Erscheinung und schaust wahrhaft--berwunden ist alles Verlangen,
geschlossen der Ursprung--nicht mehr ist diese Welt.

*

    Befangen hlt uns alle ein tiefer Traum--ein allfesselnder, ein
allumstrickender Wahn, ein unermeliches Blendwerk--Maya--unsere
Welt.

    Wie, wenn ein Pilgerzug, in wasserloser Strecke vom Wege abgeirrt,
dem Tode ins Antlitz schaut und es ersteht den Drstenden das
Wstentrugbild: Zelte und Palste unter wehenden Palmen spiegeln sich
in weiten Wasserflchen--was verzweifelnd zu Boden lag, rafft
sich freudig auf und strebt entschlossen dem verheienden Ziele zu und
lobpreist bewegten Herzens--vergessen ist alle Qual!--die
rettenden Gtter.
    Du aber, mit dem Auge des Wissenden schauend, stehst unbewegt--
und die an dir vorbereilen, nach vermeintlichem Glcke jagend, weisen
hhnend auf dich zurck: da steht er, der uns lehren wollte, wohl in
weisen Gedanken versunken! Ihm vor Augen ist Leben und Lust--und der
Narr grbelt, statt zuzugreifen.
    Durchschaut ist die blendende Erscheinung, als Wahn-sinn erkannt
--diese wahr-genommene Welt ist vergnglicher Schein.

*

    Die Welt ist Erscheinung im Ich--Ich ist Erscheinung in der Welt
--wesenlose Erscheinung--Erscheinung des Wesens dieser Welt;--
Gottheit in der Erscheinung zum Ich gesunken, im Ich zeitlich an Ort
gebannt, im Ich leidende Gottheit--unseelig--selbstvergessen.

*

    Samsara ist durch Widersinn, keine Wahrheit in Samsara.
    Aus traumlosem Schlafe erwachst du trumend--trumend glaubst du
an die ertrumte Welt und an dich selbst. Du jagst nach Trumen und
was du erreichst, ist Traum. Erfa es wohl: nichts mehr. Vom Traum zu
Traum enttuscht, schaffst du in dir den rettenden Gedanken: diese
Welt ist nicht Wahrheit, diese Welt ist eigengeschaffenes Trugbild.
Was du drauen suchst ist in dir selbst: nach auen langend erlangst
du rumlich, was du zeitlich aus dir hinausverlegst; die ganze Welt
erlangend, erlangst du dich selbst.
    Im Feuer der Erkenntnis entzndet sich in dir die Kraft von
solchem Trug zu lassen. Du gehst in dich, du entsagst dem Schein, du
kehrst dich dieser Welt ab, du bekehrst dich zu Gottheit--Gottheit
in dir entringt sich der Erscheinung.
    Und wie du aus ureigener Kraft die vergngliche Welt schufst, so
schaffst du in dir ewige Gottheit--aller Gottesverehrung, aller
Vlker, aller Zeiten, aller Welten ewiges Ziel--der gewaltige
Unterstrom, das Ungestillte in hchster Lust, das Trstende in
tiefstem Leid--: Religion.

*

    Nur Eines ist: Gottheit--alles Andere ist Lge.
    Erwache! Blinder Glaube in dir hlt dich in den Fesseln trichter
Hoffnung, in ewig erneuter Enttuschung; deine Sinne halten dich in
Leiden und Tod. Erwache aus dem Banne nimmer gestillten Verlangens,
erwache aus friedloser Tat, erwache aus Geburt und Tod. Tod ist fr
Tote.
    Im Kerker und an den Karren geschmiedet schwinge ich mich aus
Ketten und Mauern hinaus--aus Qualen und Herrlichkeiten dieser Welt
--in zeitlosem Augenblicke durcheile ich, des Leibes ledig, alle
Rume und alle Zeiten, schaue alle Welten und alles Geschen... was von
mir, im Kerker oder im Purpur, verachtet oder angebetet, im Reiche des
Todes zurckbleibt--bin ich nicht.
    Davon ist gesagt: "und dieser Leib mag endigen in Asche."
    berwunden ist der unseelige Irrtum, gestillt das Verlangen,
gefunden der heilige Weg aus Erdenlust und Erdenqual, aus Grauen zu
Seeligkeit, aus Tod zu Unsterblichkeit.
    Nur Eines ist: Gottheit--alles andere ist nichtig.
    Erkenne dich selbst, besinne dich auf deine Seele.
    Erfasse das groe Wort, das grte, das je eines Menschen Seele
erfate--erbebe in der Erkenntnis:
   --ich bin Gottheit--
    Davon ist gesagt: "brahma bist du und in brahma gehst du auf."
    Was in dieser Welt zeitrumlich auf einander wirkend, als endloses
Werden erscheint, ist deiner trumenden Lust freudiger Widerschein,--
von Zeugung zu berzeugung--deiner Seele blind tastendes Verlangen
--und was in dir lebt, lebt in allen Welten. Und wie dein
Verlangen ist, solche Welt wird dir, in solcher Welt entstehst du,
solche Welt entsteht in dir.

*

    Welten erglhen--Welten erkalten. Wie Pradschapati von eigener
Schpfung erschpft ist, so erschpft sich alle Erscheinung--nicht
zu Vernichtung,--zu Erneuung. Alle Welten fallen in sich zusammen,
voll-enden in Nichts--ein Nichts, das Alles ist.

*

    Alle Erscheinung sucht Frieden.
    Ebbe folgt auf Flut, Flut folgt auf Ebbe; Flut hier ist Ebbe dort,
Flut dort ist Ebbe hier; Flut und Ebbe zu gleicher Zeit, Flut und Ebbe
am selben Ort.
    Die Welten atmen von Nirvana zu Samsara--durch unermeliche
Freudenqualen von Samsara zu Nirvana--von Wesen zu Dasein in allen
Ewigkeiten und Unendlichkeiten.--
    Tagen die Sinne, so nachtet die Seele; wacht die Seele, so ruhen
die Sinne. An Sttten ohne Zahl--in endlosen Rumen--zahllose
Stufen ewiger Entfaltung von Seele zu Sinnen, von Sinnen zu Seele.
    Hier deiner Gegenwart leuchtender Sinnentag, brennende Mittagsglut
--dort, deinen Sinnen entrckt, in dunkel geahnten Gedankenfernen:
Frieden, Seelenreich, Gottheit--
    Einst, in ungezhlten Tagen, leises Entschlummern der Erscheinung,
Aufdmmern der Seele auch hier; Seeligkeit, Erwachen der Gottheit auch
in dir--und in Weltenfernen versunken alle Sinnesherrlichkeit.--
    Bin ich, so ist Welt; gebe ich die Welt auf, so ist Gottheit; ist
Gottheit, so bin ich nicht und keine Welt. Darum keine Gottheit da ich
bin, keine Gottheit da Welt ist--und kein Ich, keine Welt in der
Gottheit--Gottheit Welt.
    Weltenzeugung--in sich gebundene Gottheit--Sinnenherrschaft--
Samsara--Entsagung--Bekehrung--berwindung--Erlsung--
Verklrung der Welt in Gottheit--der Seele Seeligkeit--Nirvana.
    Also entstehend vergehend sind diese ringenden Welten--sind
nicht--das schweigend sprechende All-Eine:
   -- brahma --

*

    So, o Teurer, mhen wir uns, wir in der Geburt Erblindeten,
vergngliche Erscheinung zu durchschauen und der Welt, der ewigen, zu
nahen. Mge uns ein Lehrer beschieden sein, mge uns ein Fhrer
erstehen--ein Seher--ein Gott.
    Frieden sei mit dir, o Teurer!
    Ich habe zu dir vom Endziel des Wissens gesprochen--gesagt, so
viel zu sagen deinem Verstndnis angemessen war--zu irdischem Heil
und zu der Welt Erlsung--stammelnde Worte suchender Seele. Die
ersten Hgel im Tiefland sind erstiegen, es lichten sich die Nebel--:
vor dir in schier unabsehbaren Fernen leuchten die Hhen von
Himavat. ffne dein Auge gttlichem Lichte--du schaust wahrhaft
--und zuschanden geworden ist alle irdische Weisheit--zerstoben die
allblendende Erscheinung--erloschen der Weltenschein--ein Traum--
was in dir erwacht ist, ist grer als alle Welten--erreicht das
Hoheziel der Erkenntnis, erreicht Vollendung--Vollendung in
Gottheit.

*

    So lautet in randa-upanishad der
    adhyaya: Erwachen; wortlos das Letzte:
    Nirvana.

*

    So lautet die Upanishad vom Erwachen der Menschheit aus der
Erscheinung--Hte das Erbe




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