The Project Gutenberg EBook of Fabeln und Erzaehlungen
by Christian Fuerchtegott Gellert

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Title: Fabeln und Erzaehlungen

Author: Christian Fuerchtegott Gellert

Release Date: November, 2005 [EBook #9335]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on September 24, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FABELN UND ERZAEHLUNGEN ***




Produced by Delphine Lettau; the book content was graciously
contributed by the Gutenberg Projekt-DE



Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
zur Verfgung gestellt.  Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
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Fabeln und Erzhlungen

Christian Frchtegott Gellert



Inhalt (Alphabetisch sortiert):

Alcest
Amynt
Calliste
Chloris
Cleant
Cotill
Damokles
Damtas und Phyllis
Das Fllen
Das Gespenst
Das Heupferd, oder der Grashpfer
Das Hospital
Das junge Mdchen
Das Kartenhaus
Das Kutschpferd
Das Land der Hinkenden
Das neue Ehepaar
Das Pferd und der Esel
Das Pferd und die Bremse
Das Schicksal
Das Testament
Das Unglck der Weiber
Das Vermchtnis
Der Affe
Der arme Greis
Der arme Schiffer
Der Arme und der Reiche
Der baronisierte Brger
Der Bauer und sein Sohn
Der beherzte Entschlu
Der betrbte Witwer
Der Bettler
Der Blinde und der Lahme
Der erhrte Liebhaber
Der Freier
Der Freigeist
Der Fuchs und die Elster
Der glcklich gewordene Ehemann
Der glckliche Dichter
Der Greis
Der grne Esel
Der gute Rat
Der gtige Besuch
Der Hund
Der junge Drescher
Der junge Gelehrte
Der junge Prinz
Der Jngling
Der Kandidat
Der Knabe
Der Kranke
Der Kuckuck
Der Lgner
Der Maler
Der Polyhistor
Der Proze
Der Reisende
Der Schatz
Der Selbstmord
Der sterbende Vater
Der se Traum
Der Tanzbr
Der Tartarfrst
Der Tod der Fliege und der Mcke
Der unsterbliche Autor
Der Wuchrer
Der wunderbare Traum
Der zrtliche Mann
Der Zeisig
Die Bauern und der Amtmann
Die beiden Hunde
Die beiden Knaben
Die beiden Mdchen
Die beiden Schwalben
Die beiden Wchter
Die Betschwester
Die Biene und die Henne
Die Ente
Die Fliege
Die Frau und der Geist
Die Geschichte von dem Hute
Die glckliche Ehe
Die Guttat
Die junge Ente
Die kranke Frau
Die Migeburt
Die Nachtigall und der Kuckuck
Die Nachtigall und die Lerche
Die Reise
Die schlauen Mdchen
Die Spinne
Die Verschwiegenheit
Die Widersprecherin
Die zrtliche Frau
Elpin
Emil
Epiktet
Erast
Herodes und Herodias
Inkle und Yariko
Lisette
Monime
Philinde
Selinde
Semnon und das Orakel
Till





Alcest

Alcest, den mancher Kummer drckte,
Der, weil er sich nicht zu dem Laster schickte,
Noch sich vor reichen Toren bckte,
Bei Flei und Kunst sich elend sah,
Stund neulich traurig auf.  Freund, geht dir dies nicht nah,
Da viele Kluge darben mssen,
Blo weil sie mehr als andre wissen,
Und, zu Betrug und List zu blind,
Zu gro zu Prahlerei und Wind,
Nicht knechtisch gnug zu Schmeichlern sind?
O Freund, bedaure doch Alcesten,
Ihn, den itzt schwere Sorgen preten;
Ihn, der von einem Buch beschmt zum andern schlich,
Und doch dem Kummer nicht entwich;
Ihn, der sich laut durch manchen Trostgrund lehrte,
Und doch sein Herz viel lauter seufzen hrte;
Der herzhaft zu sich selber sprach:
Gott lebt, Gott herrscht und hrt dein Ach;
Er hrt, so gro er ist, der jungen Raben Flehen;
Drum ist er nicht zu gro, auch dir mit beizustehen;
Und der, indem er dieses sprach,
Doch noch im Herzen rief: Wie wird dirs knftig gehen?

Der beste Trostgrund blieb noch schwach;
Denn welch bekmmert Herz besiegt man gleich mit Grnden?
Es fhlt der starken Grnde Kraft,
Und flieht zurck in seine Leidenschaft,
Um jener Macht nicht zu empfinden.
Alcest beschlo zu seinem Freund zu gehn,
Den er zween Tage nicht gesehn.
Er, sprach er, ist es wert, und fing schon an zu gehn,
Da ich zu ihm mit meinem Kummer eile,
Und meinen Kummer mit ihm teile;
In Damons Arm, wenn Damon mit mir spricht,
Wird die Geduld, die sonst so schwere Pflicht,
Mir lange so beschwerlich nicht.

Er eilt mit sehnsuchtsvollem Herzen,
Wie nach dem Arzt ein Siecher, der sonst schleicht,
In Hoffnung schneller geht, und hoffend seine Schmerzen
Nicht fhlt, noch merkt, wie sehr er keucht,
Bis er des Arztes Haus erreicht.

In diesem brennenden Verlangen,
Den treuen Damon zu umfangen,
Tritt er ins Haus und eilt die Treppe schnell hinauf.
Der Vorsaal wimmelte von Leuten,
Alcest erschrickt.  "Gott!  was soll das bedeuten?"
Er tritt herein; und seht, man bahrt den Damon auf.

Er kehrte von dem toten Freunde
Nach einem letzten Ku zurck.
Die Sorgen, seiner Ruhe Feinde,
Entwichen in dem Augenblick.
Was, sprach er, will ich mich denn qulen?
Kann mich der Tod so bald entseelen,
Was ntzt mir alles Glck der Welt?
Um froh zu sterben, will ich leben.
Der Herr, der alles Fleisch erhlt,
Wird mir, soviel ich brauche, geben.
Ihm wert zu sein, der Tugend nachzustreben,
Dies sei mein Kummer auf der Welt!





Amynt

Amynt, der sich in groer Not befand,
Und, wenn er nicht die Htte meiden wollte,
Die hart verpfndet war, zehn Taler schaffen sollte,
Bat einen reichen Mann, in dessen Dienst er stand,
Doch dieses Mal sein Herz vor ihm nicht zu verschlieen;
Und ihm zehn Taler vorzuschieen.
Der Reiche ging des Armen Bitten ein.
Denn gleich aufs erste Wort?  Ach nein!
Er lie ihm Zeit, erst Trnen zu vergieen;
Er lie ihn lange trostlos stehn,
Und oft um Gottes Willen flehn,
Und zweimal nach der Tre gehn.
Er warf ihm erst mit manchem harten Fluche
Die Armut vor, und schlug hierauf
Ihm in dem dicken Rechnungsbuche
Die Menge bser Schuldner auf,
Und fuhr ihn, denn dafr war er ein reicher Mann,
Bei jeder Post gebietrisch schnaubend an.
Dann fing er an sich zu entschlieen,
Dem redlichen Amynt, der ihm die Handschrift gab,
Auf sechs Prozent zehn Taler vorzuschieen,
Und dies Prozent zog er gleich ab.
Indem da noch der Reiche zhlte:
So trat sein Handwerksmann herein
Und bat, weils ihm an Gelde fehlte,
Er sollte doch so gtig sein
Und ihm den kleinen Rest bezahlen.
"Ihr kriegt itzt nichts!" fuhr ihn der Schuldherr an;
Allein der arme Handwerksmann
Bat ihn zu wiederholten Malen,
Ihm die paar Taler auszuzahlen.
Der Reiche, dem der Mann zu lange stehenblieb,
Fuhr endlich auf: "Geht fort, Ihr Schelm, Ihr Dieb!"
"Ein Schelm?  Dies wre mir nicht lieb.
Ich werde gehn und Sie verklagen;
Amynt dort hats gehrt."--Und eilends ging der Mann.

"Amynt!" fing drauf der Wuchrer an,
"Wenn sie Euch vor Gerichte fragen:
So knnt Ihr ja mir zu Gefallen sagen,
Ihr httet nichts gehrt.  Ich will auch dankbar sein;
Und Euch, statt zehn, gleich zwanzig Taler leihn.
Denn diesen Schimpf, den er von mir erlitten,
Ihm auf dem Rathaus abzubitten,
Dies wrde mir ein ewger Vorwurf sein.
Kurz, wollet Ihr mich nicht, als ein Zeuge, krnken:
So will ich Euch die zwanzig Taler schenken:
So kommt Ihr gleich aus aller Eurer Not."

"Herr", sprach Amynt, "ich habe seit zween Tagen
Fr meine Kinder nicht satt Brot.
Sie werden ber Hunger klagen,
Sobald sie mich nur wiedersehn.
Es wird mir an die Seele gehn.
Die Schuldner werden mich aus meiner Htte jagen;
Allein ich wills mit Gott ertragen.
Streicht Euer Geld, das Ihr mir bietet, ein,
Und lernt von mir die Pflicht, gewissenhaft zu sein."





Calliste

O Leser!  stelle dir mit zrtlichem Gemte
Einmal die grte Schnheit vor,
Auf deren Stirn der Frhling lchelnd blhte,
Um deren Herz sich lngst ein edelmtig Chor
Entzckter Jnglinge bemhte,
Die stell itzt deinem Geiste dar,
Und fhl es recht, wie schn sie war.
Die, deren Schicksal ich erzhle,
Calliste, gro durch ihren Stand,
Und edler noch durch ihre Seele,
Lie, weil sie sich nicht wohl befand,
Und weil der Doktor ihr den Aderla befohlen,
Des Knigs ersten Wundarzt holen.

Er, dieser so berhmte Mann,
Der schmachtend ingeheim Callistens Reiz verehrte,
Weil ihm ihr hoher Stand ein grer Glck verwehrte,
Nahm die Gelegenheit mit tausend Freuden an.
Er kam.  O wr er nie gekommen!
Er nimmt den weien Arm, und streift ihn ngstlich auf,
Und forscht, von Lieb und Ahndung eingenommen,
Mit Zittern nach der Adern Lauf,
Und streift in trunkner Angst den Arm noch vielmal auf.

Callistens Freundin sieht ihn zagen,
Und sagts ihr (heimlich sagt sies ihr).
"O", spricht sie: "Lassen Sie den Herrn nur ruhig schlagen,
Und schlg er zweimal fehl: so werd ich doch nichts sagen,
Ich wei, er meint es gut mit mir."
Der Arzt sprach noch: "Das wollen wir nicht hoffen!"
Und schlug, und rief: "O unglckselger Schlag!
Ich habe ja den Puls getroffen!"
Und taumelte, bis er daniederlag.

Sie, noch fr den besorgt (kann man was Edlers denken?),
Der so gefhrlich sie verletzt,
Verbot ihm oft, sich nicht um sie zu krnken,
Und blieb zween Tage lang bei allem Schmerz gesetzt.
Doch dies war nur geringes Leiden.
Die rzte sahn nunmehr die tdliche Gefahr,
Und wurden grausam eins, den Arm ihr abzuschneiden,
Weil sonsten keine Rettung war.
Und ohne sich darber zu beklagen,
Reicht sie den Arm, den schnen Arm, schon dar,
Und bittet nur, den ja um Rat zu fragen,
Der schuld an diesem Unglck war.

So ward der Schnen denn das Leben
Fr den Verlust des Arms gegeben?
So war das Leben denn fr so viel Schmerz der Lohn?
Sieh nur den Doktor an, sein Schrecken sagt dirs schon.
Er sieht den Brand, und spricht mit bangem Ton:
"Sie knnen lnger nicht, als noch drei Tage leben!"

O Gott, wie kurz ist diese Frist!
Ihr rzte, helft ihr doch, wenn ihr zu helfen ist!

Auch hier blieb noch das groe Herz gelassen.
"So", sprach sie, "sterb ich denn?  Wohlan!  Er ist nicht schuld,
Er wrde gern fr mich erblassen.
Gott hats verhngt; Gott ehr ich durch Geduld,
Und bin bereit, den Augenblick zu sterben"
(Der Wundarzt trat indem herein);
"Sie aber", fuhr sie fort, "setz ich hiemit zum Erben
Von allen meinen Gtern ein,
Sie mchten sonst unglcklich sein."
Sie sprachs, und schlief gromtig ein.





Chloris

Aus Eifersucht des Lebens satt,
Warf Chloris sich betrbt auf ihre Lagerstatt;
Und ihren Buhler recht zu krnken,
Der einen Blick nach Sylvien getan,
Rief sie die Venus brnstig an,
Ihr einen leichten Tod zu schenken.
Vielleicht war dies Gebet so eifrig nicht gemeint.
Verliebt und jung zu sein, und um den Tod zu flehen,
Wem dies nicht widersprechend scheint,
Der mu die Liebe schlecht verstehen.

Doch mitten in der grten Pein
Sieht Chloris ihren Freund geputzt ins Zimmer treten,
Und pltzlich hrt sie auf zu beten,
Und wnscht nicht mehr entseelt zu sein.
Er sagt ihr tausend Schmeicheleien,
Er seufzt, er fleht, er schwrt, er kt.
O Chloris!  la dichs nicht gereuen,
Da du noch nicht gestorben bist;
Dein Damon schwrt, dich ewig treu zu lieben,
Wie knntest du ihn doch durch deinen Tod betrben!

Der meisten Schnen Zorn gleicht ihrer Zrtlichkeit,
Sie dauern beide kurze Zeit:
Und Chloris lie sich bald vershnt von dem umfangen,
Den sie vor kurzem noch des Hasses wrdig fand.
Sie klopft ihn auf die braunen Wangen,
Und streichelt ihn mit buhlerischer Hand.

Doch schnell erstarren ihre Hnde.
Wie, Venus!  Nhert sich ihr Ende?
Sie fllt in sanfter Ohnmacht hin;
Ein kleiner Schnabel wird aus ihrem kleinen Kinn;
Zu Flgeln werden ihre Hnde;
Ihr Busen wird mit einem Kropf verbaut;
Und Federn berziehn die Haut.
Ists mglich, da ich dieses glaube?
Ja!  Chloris wird zu einer Taube.

Wie zittert ihr Geliebter nicht!
Hier sieht er seine Schne fliegen.
Sie fliegt ihm dreimal ums Gesicht,
Als wollte sie sich noch durch einen Ku vergngen.
Worzu sie sonst die Neigung angetrieben,
Das scheint sie auch, als Taube, noch zu lieben.

Das Putzen war ihr Zeitvertreib.
O seht, wie putzt sie ihren Leib!
Sie rupft die Federn aus, um sich recht glatt zu machen;
Sie fliegt ans Waschfa hin, tut, was sie sonst getan;
Fngt Hals und Brust zu baden an.
Wie schn hr ich die Taube lachen!
Fragt nicht, was sie zu lachen macht!
Sie hat, als Chloris, schon oft ber nichts gelacht.

Itzt naht sie sich dem groen Spiegel,
Vor dem sie manchen Tag in Mienen sich gebt,
Besieht den weien Hals, bewundert ihre Flgel,
Und fngt schon an, in sich verliebt,
Mit jngferlichem Stolz sich kostbar zu gebrden.
Ach Gtter!  ruft ihr Freund betrbt,
Lat diese Taube doch zur Chloris wieder werden.

Umsonst, spricht Venus, ist dein Flehn;
Zur Taube schicket sie sich schn,
Und niemals werd ich ihr die Menschheit wiedergeben.
Sie hat geseufzt, gebuhlt, gelacht,
Sich stets geputzt, und nie gedacht;
Als Taube kann sie recht nach ihrer Neigung leben.

O wenn sich nur die Gttin nicht entschliet,
Die Schnen alle zu verwandeln,
Die ebenso, wie Chloris, handeln!
Man sagt, da sie es willens ist.
Ach, Gttin, ach!  wie zahlreich wird auf Erden
Alsdann das Volk der Tauben werden!
Mit einer Frau wird man zu Bette gehn,
Und frh auf seiner Brust ein Tubchen sitzen sehn.
Mich dauert im voraus manch reizendes Gesicht.
O liebe Venus, tu es nicht!





Cleant

Cleant, ein lieber Advokat,
Der, wie es ihm nach seinem Eid gebhrte,
Der Unterdrckten Sache fhrte,
Und manchen armen Schelm vom Galgen und vom Rad
Durch seinen Witz losprozessierte,
Half, weil man ihn um seinen Beistand bat,
Die Unschuld zweener Diebe retten,
Und brachte sie, weil er geschickt verfuhr,
Bald von der Marter zu dem Schwur,
Und durch den Schwur aus ihren Ketten.
Das arme Volk!  Da sieht mans nun,
Wie man der Welt kann Unrecht tun!
Denn wr er nicht so treu die Sache durchgegangen:
So htte man das arme Paar,
Das seiner Tat fast berwiesen war,
In aller Unschuld aufgehangen.
Itzt waren sie nun beide frei,
Und dankten ihrem Advokaten
Auf ihren Knien fr seine Treu,
Und zahlten ihm, was die Gebhren taten,
Und gaben ihm, von Dankbarkeit gerhrt,
Ob er gleich nicht zu wenig liquidiert,
Noch einen Beutel mit Dukaten;
Und schwuren ihm bei ihrer Ehrlichkeit,
Wenn bere Zeiten kommen sollten,
Da sie fr diesen Dienst, durch den er sie befreit,
Ihn reichlicher belohnen wollten.

Allein die Nacht war vor der Tr.
Sie sahn nun, da sie nicht nach Hause kommen knnten;
Drum gab der Advokat den redlichen Klienten
Aus Dankbarkeit ein Nachtquartier,
Weil sie so gut bezahlet hatten.
Dies kam den Herren gut zustatten;
Denn sie bedienten sich der Nacht,
Und knebelten den lieben Wirt im Bette,
Und stahlen das, was sie gebracht,
Und suchten fleiig nach, ob er nichts weiter htte.
Drauf gingen sie zu ihm vors Bette,
Und nahmen hflich gute Nacht.





Cotill

Cotill, der, wie es vielen geht,
Nicht wute, was er machen sollte,
Und doch nicht mig bleiben wollte;
Denn mig gehn, wenn mans nicht recht versteht,
Ist schwerer, als man denken sollte;
Cotill ging also vor die Stadt,
Und machte sich etwas zu schaffen.
Er ging, und schlug im Gehen oft ein Rad.
"O", schrie man, "seht den jungen Laffen,
Der den Verstand verloren hat!
Er macht die Hnde gar zu Fen.
Ihr Kinder, zischt den Narren aus!"
Allein Cotill lie sich dies alles nicht verdren.
Kurz, es gefiel ihm so, er ging vors Tor hinaus.
Man mochte, was man wollte, sagen,
Er fuhr doch fort, im Gehn sein Rad zu schlagen.
"Der Teufel!  Seht, das war ein rechtes Rad!"
Fing endlich einer an zu fluchen.
"Ich mcht es doch bald selbst versuchen."
Er sagt es kaum, als ers schon tat.
"Nun", sprach er, "seh ich wohl, wieviel man Vorteil hat.
Es ist ganz hbsch um so ein Rad,
Denn man erspart sich viele Schritte.
Der Mann ist nicht so dumm, der es erfunden hat."
Den Tag darauf kam schon der dritte,
Und tat es nach.  Die Zahl vermehrte sich.
In kurzem sprach man schon gelinder;
Man fragte stark nach dem Erfinder,
Und lobt ihn endlich ffentlich.

----

Nimm alles vor, es sei so toll es will.
Hei anfangs nrrisch wie Cotill;
Dein Beifall ist drum nicht verloren.
Sei nur beherzt, und spare keinen Flei,
Ein Tor findt allemal noch einen grern Toren,
Der seinen Wert zu schtzen wei.




Damokles

Gaubt nicht, da bei dem grten Glcke
Ein Wtrich jemals glcklich ist.
Er zittert in dem Augenblicke,
Da er der Hoheit Frucht geniet.
Bei aller Herrlichkeit strt ihn des Todes Schrecken,
Und lt ihn nichts, als teures Elend, schmecken.

----

Als den Tyrannen Dionys
Ein Schmeichler einstens glcklich pries,
Und aus dem Glanz der uerlichen Ehre,
Aus reichem berflu an Volk und Gold erwies,
Da sein Tyrann unendlich glcklich wre;
Als dies Damokles einst getan;
Fing Dionys zu diesem Schmeichler an:
"So sehr mein Glck dich eingenommen,
So kennst du es doch unvollkommen;
Doch schmecktest du es selbst, wie wrde dichs erfreun!
Willst du einmal an meiner Stelle sein?"
"Von Herzen gern!" fllt ihm Damokles ein.
Ein goldner Stuhl wird schnell fr ihn herbeigebracht.
Er sitzt, und sieht auf beiden Seiten
Der Hohen grte Herrlichkeiten,
Die Stolz und Wollust ausgedacht.
Von Purpur prangen alle Wnde,
Gold schmckt die Tafel aus, im Golde perlt der Wein.
Ein Wink!  so eilen zwanzig Hnde,
Des hohen Winkes wert zu sein.
Ein Wort!  so fliegt die Menge schner Knaben,
Und sucht den Ruhm, dies Wort vollstreckt zu haben.

Von Wollust s berauscht, von Herrlichkeit entzckt,
Schtzt sich Damokles fr beglckt.
"O Hoheit!" ruft er aus, "knnt ich dich ewig schmecken!"
Doch ach!  was nimmt er pltzlich wahr?
Ein scharfes Schwert an einem Pferdehaar,
Das an der Decke hngt, erfllt sein Herz mit Schrecken;
Er sieht die drohende Gefahr
Nah ber seinem Haupte schweben.
Der Glckliche fngt an zu beben;
Er sieht nicht mehr auf seines Zimmers Pracht,
Nicht auf den Wein, der aus dem Golde lacht;
Er langt nicht mehr nach den schmackhaften Speisen,
Er hrt nicht mehr der Snger sanfte Weisen.
"Ach!" fngt er zitternd an zu schrein,
"La mich, o Dionys, nicht lnger glcklich sein!"





Damtas und Phyllis

Damtas war schon lange Zeit
Der jungen Phyllis nachgegangen;
Noch konnte seine Zrtlichkeit
Nicht einen Ku von ihr erlangen.
Er bat, er gab sich alle Mh;
Doch seine Sprde hrt ihn nie.
Er sprach: "Zwei Bnder geb ich dir.
Auch soll kein Warten mich verdren,
Versprich nur, schne Phyllis, mir,
Mich diesen Sommer noch zu kssen."
Sie sieht sie an, er hofft sein Glck,
Sie lobt sie, und gibt sie zurck.

Er bot ein Lamm, noch zwei darauf,
Dann zehn, dann alle seine Herden.
So viel?  Dies ist ein teurer Kauf.
Nun wird sie doch gewonnen werden.
Doch nichts nahm unsre Phyllis ein;
Mit finstrer Stirne sprach sie: "Nein!"

"Wie?" rief Damtas ganz erhitzt,
"So willst du ewig widerstreben?
Gut, ich verbiete dir anitzt,
Mir jemals einen Ku zu geben."
"O!" rief sie, "frchte nichts von mir,
Ich bin dir ewig gut dafr."

Die Sprde lacht; der Schfer geht,
Schleicht ungekt zu seinen Schafen.
Am andern Morgen war Damt
Bei seinen Herden eingeschlafen;
Er schlief, und im Vorbergehn
Blieb Phyllis bei dem Schfer stehn.

Wie rot, spricht Phyllis, ist sein Mund!
Bald drft ich mich zu was entschlieen.
O tte nicht sein bser Hund,
Ich mte diesen Schfer kssen.
Sie geht, doch da sie gehen will,
So steht sie vor Verlangen still.

Sie sieht sich dreimal schchtern um,
Und sucht die Zeugen, die sie scheute;
Sie macht den Hund mit Streicheln stumm,
Und lockt ihn freundlich auf die Seite;
Sie sinnt, bis da sie, ganz verzagt,
Sich noch zween Schritte nher wagt.

Hier steht nunmehr das gute Kind;
Allein sie kann sich nicht entschlieen;
Doch nein, itzt bckt sie sich geschwind,
Und wagts, Damten sanft zu kssen.
Sie gibt ihm drauf noch einen Blick,
Und kehrt nach ihrer Flur zurck.

Wie se mu ein Ku nicht sein!
Denn Phyllis kmmt noch einmal wieder,
Scheint minder sich, als erst, zu scheun,
Und lt sich bei dem Schfer nieder;
Sie kt, und nimmt sich nicht in acht;
Sie kt ihn, und Damt erwacht.

"O!" fing Damt halb schlafend an,
"Mignnst du mir die sanfte Stunde?"
"Dir", sprach sie, "hab ich nichts getan,
Ich spielte nur mit deinem Hunde;
Und berhaupt, es steht nicht fein,
Ein Schfer und stets schlfrig sein.

Jedoch, was gibst du mir, Damt?
So sollst du mich zum Scherze kssen."
"Nun", sprach der Schfer, "ists zu spt,
Du wirst an mich bezahlen mssen."
Drauf gab die gute Schferin
Um einen Ku zehn Ksse hin.





Das Fllen

Ein Fllen, das die schwere Brde
Des stolzen Reuters nie gefhlt,
Den blanken Zaum fr eine Wrde
Der zugerittnen Pferde hielt;
Dies Fllen lief nach allen Pferden,
Worauf es einen Mann erblickt,
Und wnschte, bald ein Ro zu werden,
Das Sattel, Zaum und Reuter schmckt.
Wie selten kennt die Ehrbegierde
Das Glck, das sie zu wnschen pflegt!
Das Reutzeug, die gewnschte Zierde,
Wird diesem Fllen aufgelegt.
Man fhrt es streichelnd hin und wider,
Da es den Zwang gewohnen soll;
Stolz geht das Fllen auf und nieder,
Und stolz gefllt sichs selber wohl.

Es kam mit prchtigen Gebrden
Zurck in den verlanen Stand,
Und machte wiehernd allen Pferden
Sein neu erhaltnes Glck bekannt.
Ach!  sprach es zu dem nchsten Gaule,
Mich lobten alle, die mich sahn;
Ein roter Zaum lief aus dem Maule
Die schwarzen Mhnen stolz hinan.

Allein wie gings am andern Tage?
Das Fllen kam betrbt zurck,
Und schwitzend sprach es: Welche Plage
Ist nicht mein eingebildet Glck!
Zwar dient der Zaum mich auszuputzen;
Doch darum ward er nicht gemacht.
Er ist zu meines Reuters Nutzen
Und meiner Sklaverei erdacht.

----

Was wnscht man sich bei jungen Tagen?
Ein Glck, das in die Augen fllt;
Das Glck, ein prchtig Amt zu tragen,
Das keiner doch zu spt erhlt.
Man eilt vergngt, es zu erreichen,
Und, seiner Freiheit ungetreu,
Eilt man nach stolzen Ehrenzeichen,
Und desto tiefrer Sklaverei.




Das Gespenst

Ein Hauswirt, wie man mir erzhlt,
Ward lange Zeit durch ein Gespenst geqult.
Er lie, des Geists sich zu erwehren,
Sich heimlich das Verbannen lehren;
Doch kraftlos blieb der Zauberspruch.
Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren,
Und gab, in einem weien Tuch,
Ihm alle Nchte den Besuch.
Ein Dichter zog in dieses Haus.
Der Wirt, der bei der Nacht nicht gern allein gewesen,
Bat sich des Dichters Zuspruch aus,
Und lie sich seine Verse lesen.
Der Dichter las ein frostig Trauerspiel,
Das, wo nicht seinem Wirt, doch ihm sehr wohl gefiel.

Der Geist, den nur der Wirt, doch nicht der Dichter sah,
Erschien, und hrte zu; es fing ihn an zu schauern;
Er konnt es lnger nicht, als einen Auftritt, dauern:
Denn, eh der andre kam, so war er nicht mehr da.
Der Wirt, von Hoffnung eingenommen,
Lie gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen.
Der Dichter las, der Geist erschien;
Doch ohne lange zu verziehn.
Gut!  sprach der Wirt bei sich, dich will ich bald verjagen;
Kannst du die Verse nicht vertragen?

Die dritte Nacht blieb unser Wirt allein.
Sobald es zwlfe schlug, lie das Gespenst sich blicken.
Johann!  fing drauf der Wirt gewaltig an zu schrein,
Der Dichter (lauft geschwind!) soll von der Gte sein,
Und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken.
Der Geist erschrak, und winkte mit der Hand,
Der Diener sollte ja nicht gehen.
Und kurz, der weie Geist verschwand,
Und lie sich niemals wieder sehen.

----

Ein jeder, der dies Wunder liest,
Zieh sich daraus die gute Lehre,
Da kein Gedicht so elend ist,
Da nicht zu etwas ntzlich wre.
Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut!
So kann uns dies zum groen Troste dienen.
Gesetzt, da sie zu unsrer Zeit
Auch legionenweis erschienen:
So wird, um sich von allen zu befrein,
An Versen doch kein Mangel sein.




Das Heupferd, oder der Grashpfer

Ein Wagen Heu, den Veltens Hand
Zu hoch gebumt, und schlecht bespannt,
Konnt endlich von den matten Pferden
Nicht weiter fortgezogen werden.
Des Fuhrmanns Macht- und Sittenspruch,
Ein zehnmals wiederholter Fluch,
War eben, wie der Peitsche Schlagen,
Zu schwach bei diesem schweren Wagen.

Ein Heupferd, das bei der Gefahr
Zuoberst auf dem Wiesbaum war,
Sprang drauf herab, und sprach mit Lachen:
"Ich wills dem Viehe leichter machen."

Drauf ward der Wagen fortgerckt.
"Ei", rief das Heupferd ganz entzckt,
"Du, Fuhrmann, wirst an mich gedenken;
Fahr fort!  den Dank will ich dir schenken."






Das Hospital

Elmire war zur Witwe worden,
Und nahm sich vor, nicht mehr zu frein.
Allein sie war noch jung; was macht man ganz allein?
Ich dchte doch, sie knnte wieder frein.
Der Witwenstand ist ein betrbter Orden.
Elmire sahs und schritt zur zweiten Wahl.
Allein sie war das erste Mal
Nicht gar zu wohl verwahret worden.
Denn leider sind die Zeiten so betrbt,
Da es viel bse Mnner gibt.
Elmire tat daher ein feierlich Gelbd,
Indem sie sich zur zweiten Ehe schickte:
Sie wollte, wenn es ihr mit ihrem Manne glckte,
Ein Hospital fr fromme Mnner baun;
Denn sie war reich.  Und kurz, sie lie sich wieder traun.
O welche Lust erfolgt oft nach dem Leide!
Das war ein Mann, ein allerliebster Mann!
Fromm wie ein Kind, gefllig wie die Freude,
Und der auf nichts, als ihr Vergngen sann.
Wie htte sie sich ihn denn besser wnschen mgen?

Sie lie geschwind den Grund zum Hospitale legen.
Vier Wochen strichen hin.  Nun war der Grund gelegt.
Und bald wird man das erste Stockwerk sehen;
Doch nein, Elmire kmmt, und heit, vom Zorn bewegt,
Die Murer auseinandergehen.
Wie!  Sollt es nicht mehr gut in ihrer Ehe stehen?
Das kann nicht mglich sein, sie sind ja kaum getraut.
Nun kurz und gut, es ward nicht fortgebaut.
Und ungefhr nach einem halben Jahre
Lag dieser Mann auch auf der Bahre.
Der liebe Mann!

Die Frau schwrt Stein und Bein,
Ihr lebelang nicht mehr zu frein;
Und doch war sie nach zweiundfunfzig Wochen
(Der Bau mu ja vollendet sein!)
Bereits das dritte Mal versprochen.

O, das war erst ein wrdiger Gemahl!
Verstndig, zrtlich und verbindlich,
Nicht eigensinnig, nicht empfindlich;
Er bat da nur, wo jener mild befahl;
Die Blicke seiner Frau erfllt er als Befehle.
Kurz, beide waren recht ein Herz und eine Seele.

Die gute Frau!  Ich gnn ihr diesen Mann.
Allein sie wollte doch nicht trauen.
Sie fing nicht gleich, wie ehmals, an zu bauen.
Ich lobe sie darum, und htt es selbst getan.
Der Henker mag den Mnnern trauen,
Wenn man so leicht zweimal sich irren kann.

Sie fand nunmehr nach einem halben Jahre
Den Gatten noch so liebenswert,
Als an dem Tag, da er, gefragt vor dem Altare,
Ihr durch ein seufzend Ja sein zrtlich Herz erklrt.

Der Bau wird fortgesetzt.  Ich seh Elmiren kommen.
Wie freundlich sieht sie diesmal aus!
"Ach Meister, frdert doch das Haus!
Warum habt Ihrs denn angenommen?
Ich geb Euch ja das Geld voraus.
Lat doch noch mehr Gesellen kommen!"

Ei, das geht gut!  Ich kann mich nicht genug erfreun.
Das mu ein rechter Ehmann sein!

Die Murer frdern sich, und binnen vierzehn Tagen
Sieht man das erste Stockwerk stehn.
Und nun lt sich Elmire wieder sehn.
Man siehts ihr an, sie hat etwas zu sagen,
Vielleicht sah sie die Murer mig stehn;
Denn leider pflegts so herzugehn.
Vielleicht hat man am Bau etwas versehn?
Das sollte mich doch selbst verdren.
Itzt ffnet sie den Mund.  Nun wird sichs zeigen mssen.
"Ach", fngt sie heftig an zu schrein:
"Hrt auf, und reit den Plunder ein!
Ich lasse keinen Stein mehr tragen.
Wofr verbaut ich denn mein Geld?
Fr Mnner, die die Weiber plagen?
Denn andre gibts nicht auf der Welt."

Die bse Frau!  Man sollte sie verklagen.





Das junge Mdchen

Ein junger Mensch sprach einen wackern Mann
Durch einen guten Freund um seine Tochter an.
Der Alte, der sein Kind noch nicht versprechen wollte,
War dennoch ungemein erfreut,
Und bat den Freund mit vieler Hflichkeit,
Da er bei ihm zu Tische bleiben sollte.
Die Tochter, ob sich gleich der Vater sehr verstellt,
Errt die Sache bald.  Was?  fngt sie an zu schlieen,
Ein fremder Herr, den man zu Tische gleich behlt,
Was bringt doch der?  Ich solls nicht wissen;
Allein umsonst bckt er sich nicht so tief vor mir.
Ist auch der gute Freund wohl meinetwegen hier?

Der Fremde hofft, es soll ihm noch gelingen,
Und wagt es bei dem Glase Wein,
Das Wort fr seinen Freund noch einmal anzubringen.
"Mein Herr!" fiel ihm der Vater ein,
"O denken Sie doch nicht, da ich zu hart verfahre:
Mein Kind kann wirklich noch nicht frein,
Sie ist zu jung, sie ist erst vierzehn Jahre."

Indem er dies noch sprach, trat Fickchen selbst herein,
Und trug ein Essen auf.  "Was?" fing sie an zu schrein,
"Was sagten Sie, Papa?  Sie haben sich versprochen.
Ich sollt erst vierzehn Jahre sein?
Nein, vierzehn Jahr und sieben Wochen."
Lie sie der Vater denn nicht frein?
Das wei ich nicht; doch nein, ich wills nur sagen;
Denn unter denen, die mich fragen,
Da knnten wohl selbst junge Mdchen sein;
Die zu beruhigen, will ichs aufrichtig sagen:
Der Vater schmte sich und lie die Tochter frein.





Das Kartenhaus

Das Kind greift nach den bunten Karten,
Ein Haus zu bauen, fllt ihm ein.
Es baut, und kann es kaum erwarten,
Bis dieses Haus wird fertig sein.
Nun steht der Bau.  O welche Freude!
Doch ach!  ein ungefhrer Sto
Erschttert pltzlich das Gebude,
Und alle Bnder reien los.

Die Mutter kann im Lomberspielen,
Wenn sie den letzten Satz verspielt,
Kaum so viel banges Schrecken fhlen,
Als ihr bestrztes Kind itzt fhlt.

Doch wer wird gleich den Mut verlieren?
Das Kind entschliet sich sehnsuchtsvoll,
Ein neues Lustschlo aufzufhren,
Das dem zerstrten gleichen soll.

Die Sehnsucht mu den Schmerz besiegen,
Das erste Haus steht wieder da.
Wie lebhaft war des Kinds Vergngen,
Als es sein Haus von neuem sah!

Nun will ich mich wohl besser hten,
Damit mein Haus nicht mehr zerbricht.
"Tisch!" ruft das Kind, "la dir gebieten,
Und stehe fest, und wackle nicht!"

Das Haus bleibt unerschttert stehen,
Das Kind hrt auf, sich zu erfreun;
Es wnscht, es wieder neu zu sehen,
Und reit es bald mit Willen ein.

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Schilt nicht den Unbestand der Gter,
Du siehst dein eigen Herz nicht ein;
Vernderlich sind die Gemter,
So muten auch die Dinge sein.
Bei Gtern, die wir stets genieen,
Wird das Vergngen endlich matt;
Und wrden sie uns nicht entrissen,
Wo fnd ein neu Vergngen statt?





Das Kutschpferd

Ein Kutschpferd sah den Gaul den Pflug im Acker ziehn,
Und wieherte mit Stolz auf ihn.
"Wenn", sprach es, und fing an, die Schenkel schn zu heben,
"Wenn kannst du dir ein solches Ansehn geben?
Und wenn bewundert dich die Welt?"
"Schweig", rief der Gaul, "und la mich ruhig pflgen,
Denn baute nicht mein Flei das Feld,
Wo wrdest du den Haber kriegen,
Der deiner Schenkel Stolz erhlt?"

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Die ihr die Niedern so verachtet,
Vornehme Miggnger, wit,
Da selbst der Stolz, mit dem ihr sie betrachtet,
Da euer Vorzug selbst, aus dem ihr sie verachtet,
Auf ihren Flei gegrndet ist.
Ist der, der sich und euch durch seine Hand ernhrt,
Nichts Bessers als Verachtung wert?
Gesetzt, du httest bere Sitten:
So ist der Vorzug doch nicht dein.
Denn stammtest du aus ihren Htten:
So httest du auch ihre Sitten.
Und was du bist, und mehr, das wrden sie auch sein,
Wenn sie wie du erzogen wren.
Dich kann die Welt sehr leicht, ihn aber nicht entbehren.




Das Land der Hinkenden

Vorzeiten gabs ein kleines Land,
Worin man keinen Menschen fand,
Der nicht gestottert, wenn er redte,
Nicht, wenn er ging, gehinket htte;
Denn beides hielt man fr galant.
Ein Fremder sah den belstand;
Hier, dacht er, wird man dich im Gehn bewundern mssen;
Und ging einher mit steifen Fen.
Er ging, ein jeder sah ihn an,
Und alle lachten, die ihn sahn,
Und jeder blieb vor Lachen stehen,
Und schrie: Lehrt doch den Fremden gehen!
Der Fremde hielts fr seine Pflicht,
Den Vorwurf von sich abzulehnen.
Ihr, rief er, hinkt; ich aber nicht;
Den Gang mt ihr euch abgewhnen!
Der Lrmen wird noch mehr vermehrt,
Da man den Fremden sprechen hrt.
Er stammelt nicht; genug zur Schande!
Man spottet sein im ganzen Lande.

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Gewohnheit macht den Fehler schn,
Den wir von Jugend auf gesehn.
Vergebens wirds ein Kluger wagen,
Und, da wir tricht sind, uns sagen.
Wir selber halten ihn dafr,
Blo, weil er klger ist, als wir.




Das neue Ehepaar

Nach so viel bittern Hindernissen,
Nach so viel ngstlicher Gefahr,
Als jemals noch ein zrtlich Paar
Hat dulden und beweinen mssen,
Lie endlich doch die Zeit mein Paar das Glck genieen,
Das, wenns ein Lohn der Tugend ist,
Sie durch Bestndigkeit zehnfach verdienet hatten.
Sie, die sich, hart bedroht, als Liebende gekt,
Die kten sich nunmehr erlaubt als Ehegatten,
Nachdem sie neidscher Freunde List
Und strenger Eltern Zorn liebreich besnftigt hatten.
Wer war, nach langer Jahre Mh,
Nun glcklicher als er und sie?
Denn, was man liebt, geliebt besitzen knnen;
In einem treuen Arm sich seines Lebens freun,
Ist, Menschen, dies kein Glck zu nennen:
So mu gar keins auf Erden sein.
Hier wett ich wohl, da mancher heimlich spricht:
Der gute Mensch versteht es nicht.
Denn wr die Lieb ein Glck, was knnte mir denn fehlen,
Da ein erlesnes Weib in meinen Armen liegt?
Ist sie nicht reich und schn?  Doch bin ich nicht vergngt,
Ich glaub es, lieber Freund; allein sich so vermhlen,
Wie viele tun, das heit nicht lieben, nein.
Das heit, mit weit getrennten Seelen
Ein Leib in einem Hause sein.

Ein unverhofftes Glck begegnet unsern beiden.
Wie weinen sie vor Zrtlichkeit!
Der arme Mann soll itzt auf kurze Zeit
Von seiner teuren Gattin scheiden,
Weil ihn ein naher Freund in einer fernen Stadt
Zum Erben eingesetzet hat.

Von heien Lippen losgerissen,
Und doch entbrannt, sich lnger noch zu kssen,
Sprach eines, was das andre sprach,
Dem andern immer stammelnd nach,
Ein Lebewohl, ein seufzend Ach.

Er stieg nunmehr ins Schiff (wie oft sah er zurcke!),
Und Doris blieb am Ufer stehn,
Um ihrem Damon, ihrem Glcke,
Noch lange schmachtend nachzusehn.
"O Himmel!" hrt ich sie noch an dem Ufer flehn,
"Bring meinen Mann gesund zurcke!"

Das Schiff bringt ihn an seinen Ort.
Er schreibt mit jeder Post: "Bald, Doris, werd ich kommen."
Kaum hat er auch sein Gut noch in Besitz genommen:
So eilt er schon zu Schiffe wieder fort,
Und schreibt, damit sie nichts von seiner Ankunft wte,
Da, wider sein gegebnes Wort,
Er noch acht Tage warten mte,
Eh er sie wiedersah und kte.

Die junge Frau, die, wenn die Sonn entwich,
Aus ihrem von der See nicht fernen Hause schlich,
Und gern am Ufer sich verweilte
Ging itzund an der Freundin Hand,
Mit der sie stets ihr Herze teilte,
An den ihr angenehmen Strand.

Sie redten.  Und wovon?  Errtst du dies noch nicht,
Wovon ein treues Weib, die schmachtend wartet, spricht:
So bist du auch nicht wert, den Inhalt zu erfahren.
Nein, nein, verschweig es, mein Gedicht,
Wie zrtlich Doris' Wnsche waren!
Das Herz wird dem, der liebt, sie selber offenbaren,
Und fr die andern schreib ich nicht.

Indem da Doris noch mit manchem frohen Ach
Von ihres Gatten Ankunft redte,
Und von dem Gastgebote sprach,
Das sie sich ausgesonnen htte;
Indem sie noch von ihrer Erbschaft redte,
Und, wenn sie den Entwurf von ihrem Glck gemacht,
Sich oft in dem Entwurfe strte,
Und den, der sie im Testament bedacht,
Mit dankerfllten Trnen ehrte;
Indem sie zum voraus die Armen speisen lie,
Und mtterlich den Waisen sich erwies,
Der Kranken Herz mit Strkungen erquickte,
Und den Gefangnen Hlfe schickte;
Indem sie dies im Geist von ihrer Erbschaft tat
Und, in ihr Glck vertieft, ans Ufer nher trat,
Fing ihre Freundin an: "Was schwimmt dort auf dem Meere?
Ein Kstchen?  Wie?  wenns voll Juwelen wre?
Ach Doris!  wre das nicht schn?
Allein ich sag es dir, ich habs zuerst gesehn,
Und kmmt es an den Strand geschwommen:
So ist das Glck des Schiffbruchs mein;
Doch du wirst ja bald niederkommen,
Und das versteht sich schon, ich mu Gevatter sein,
Dann bind ich dir drei Schnuren Perlen ein."

Die junge Frau belohnte Scherz mit Scherze.
"Es nhert sich", fing jene wieder an;
Doch wie erschraken sie, als sie zu ihrem Schmerze
Fern einen Leichnam schwimmen sahn.
"Wer wei", sprach Doris, welcher schon
Die Trnen in den Augen stunden,
"Wer wei, ist der, der hier sein Grab gefunden,
Nicht grauer Eltern einzger Sohn?
Wer wei, mit welcher trunknen Freude
Itzt die verlebten Alten beide,
Ihn zu empfangen, fertig stehn?
Und sich im Geist erfreun, die Braut ihm anzubieten,
Die sie fr ihn erwhlt, und treulich fr ihn hten.
Gott geb es nicht, da sie den Anblick sehn.
Wer wei, ward nicht durch seinen Tod
Der treusten Frau ein lieber Mann entrissen,
Die bald ihr eignes Weh, bald ihrer Kinder Not
In Armut wird beweinen mssen?
Wer wei, wievielmal er betrnt,
Eh er noch starb, das arme Weib erwhnt?
Doch, Freundin, komm von der betrbten Stelle,
Damit mein Herz nicht lnger zittern darf."

Dies sagte sie sind ging, als eben eine Welle
Den Toten an das Ufer warf.
Die Freundin sah ihn an, und schrie mit Ungestm:
"Mein Vetter!" und fiel neben ihm.

Auf dies Geschrei kam Doris wieder,
Der lieben Freundin beizustehn.
Ach, Doris, ach!  was wirst du sehn?
Sie sieht, und fllt auf ihren Gatten nieder,
Und stirbt an seiner starren Brust.
Indes erwacht die Freundin wieder,
Und zeigt der Nachbarschaft den doppelten Verlust.
Hier bebte der, den man nie zittern sehn,
Und dem, der nie geweint, flo Wehmut vom Gesichte,
Und niemand fragte, was geschehn.
Der Anblick selbst erzhlte die Geschichte.

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Beweint, ihr mitleidsvollen Seelen,
Die traurigste Begebenheit
Elend gewordner Zrtlichkeit,
Und schmeckt das Glck, um andre sich zu qulen.
Lat uns die Unschuld oft im grten Unglck sehn,
Und leidet mit bei fremden Schmerzen;
Dies Mitleid heiligt unsre Herzen,
Und heit die Menschenlieb in uns ihr Haupt erhhn.
Die Tugend bleibt uns noch im Unglck selber schn.




Das Pferd und der Esel

Ein Pferd, dem Geist und Mut recht aus den Augen sahn,
Ging, stolz auf sich und seinen Mann,
Und stie (wie leicht ist nicht ein falscher Schritt getan!)
Vor groem Feuer einmal an.
Ein trger Esel sahs und lachte.
"Wer", sprach er, "wrd es mir verzeihn,
Wenn ich dergleichen Fehler machte?
Ich geh den ganzen Tag, und sto an keinen Stein."
"Schweig", rief das Pferd, "du bist zu meinem Unbedachte,
Zu meinen Fehlern viel zu klein."




Das Pferd und die Bremse

Ein Gaul, der Schmuck von weien Pferden,
Von Schenkeln leicht, schn von Gestalt,
Und, wie ein Mensch, stolz in Gebrden,
Trug seinen Herrn durch einen Wald;
Als mitten in dem stolzen Gange
Ihm eine Brems entgegenzog,
Und durstig auf die nasse Stange
An seinem blanken Zaume flog.
Sie leckte von dem weien Schaume,
Der heficht am Gebisse flo.
"Geschmeie!" sprach das wilde Ro,
"Du scheust dich nicht vor meinem Zaume?
Wo bleibt die Ehrfurcht gegen mich?
Wie?  Darfst du wohl ein Pferd erbittern?
Ich schttle nur: so mut du zittern."
Es schttelte; die Bremse wich.
Allein sie suchte sich zu rchen;
Sie flog ihm nach, um ihn zu stechen,
Und stach den Schimmel in das Maul.
Das Pferd erschrak, und blieb vor Schrecken
In Wurzeln mit dem Eisen stecken.
Und brach ein Bein; hier lag der stolze Gaul.

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Auf sich den Ha der Niedern laden,
Dies strzet oft den grten Mann.
Wer dir, als Freund, nicht ntzen kann,
Kann allemal, als Feind, dir schaden.




Das Schicksal

O Mensch!  Was strebst du doch, den Ratschlu zu ergrnden,
Nach welchem Gott die Welt regiert?
Mit endlicher Vernunft willst du die Absicht finden,
Die der Unendliche bei seiner Schickung fhrt?
Du siehst bei Dingen, die geschehen,
Nie das Vergangne recht, und auch die Folge nicht,
Und hoffest doch, den Grund zu sehen,
Warum das, was geschah, geschieht?
Die Vorsicht ist gerecht in allen ihren Schlssen.
Dies siehst du freilich nicht bei allen Fllen ein;
Doch wolltest du den Grund von jeder Schickung wissen:
So mtest du, was Gott ist, sein.
Begnge dich, die Absicht zu verehren,
Die du zu sehn zu bld am Geiste bist;
Und la dich hier ein jdisch Beispiel lehren,
Da das, was Gott verhngt, aus weisen Grnden fliet,
Und, wenn dirs grausam scheint, gerechtes Schicksal ist.

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Als Moses einst vor Gott auf einem Berge trat,
Und ihn von jenem ewgen Rat,
Der unser Schicksal lenkt, um grre Kenntnis bat:
So ward ihm ein Befehl, er sollte von den Hhen,
Worauf er stund, hinab ins Ebne sehen.
Hier flo ein klarer Quell.  Ein reisender Soldat
Stieg bei dem Quell von seinem Pferde,
Und trank.  Kaum war der Reuter fort.
So lief ein Knabe von der Herde
Nach einem Trunk an diesen Ort.
Er fand den Geldsack bei der Quelle,
Der jenem hier entfiel, er nahm ihn, und entwich;
Worauf nach eben dieser Stelle
Ein Greis gebckt an seinem Stabe schlich.
Er trank, und setzte sich, um auszuruhen, nieder;
Sein schweres Haupt sank zitternd in das Gras,
Bis es im Schlaf des Alters Last verga.
Indessen kam der Reuter wieder,
Bedrohte diesen Greis mit wildem Ungestm,
Und forderte sein Geld von ihm.
Der Alte schwrt, er habe nichts gefunden,
Der Alte fleht und weint, der Reuter flucht und droht,
Und sticht zuletzt, mit vielen Wunden,
Den armen Alten wtend tot.
Als Moses dieses sah, fiel er betrbt zur Erden;
Doch eine Stimme rief: "Hier kannst du innewerden,
Wie in der Welt sich alles billig fgt.
Denn wi: Es hat der Greis, der itzt im Blute liegt,
Des Knabens Vater einst erschlagen,
Der den verlornen Raub zuvor davongetragen."





Das Testament

Philemon, der bei groen Schtzen
Ein edelmtig Herz besa,
Und, andrer Mngel zu ersetzen,
Den eignen Vorteil gern verga:
Philemon konnte doch dem Neide nicht entgehen,
So willig er auch war, den Neidern beizustehen.
Zween Nachbarn haten ihn, zween Nachbarn ruhten nie,
Aufs schimpflichste von ihm zu sprechen.
Warum?  Er war beglckt, und glcklicher, als sie.
Ist dies nicht schon ein gro Verbrechen?
Die Freunde rieten ihm, sich fr den Schimpf zu rchen.
"Nein", sprach er, "lat sie neidisch schmhn,
Sie werden schon nach meinem Tode sehn,
Wieviel sie recht gehabt, ein Glck mir nicht zu gnnen,
Das wenig Menschen ntzen knnen."
Er stirbt.  Man findt sein Testament,
Und liest: "Ich will, da einst, nach meinem Sterben,
Mein hinterlanes Gut die beiden Nachbarn erben,
Weil sie dies Gut mir nicht gegnnt."
So mancher Freund verwnscht dies Testament.
"Wie?  Konnt ich ihn nicht auch beneiden?
Mir gibt er nichts, und alles diesen beiden?"
Die beiden Nachbarn sehn vergngt
Den Sinn des Testaments vollfhren.
Denn damals wute man nicht recht zu prozessieren,
Sonst htten beide nichts gekriegt.
So aber kriegten sie das vllige Vermgen.
Wie rhmten sie den Selgen nicht!
Er war die Gromut selbst, er war der Zeiten Licht,
Und alles dies des Testamentes wegen,
Denn eh er starb, war ers noch nicht.
Sind unsre Nachbarn nun beglckt?
Vielleicht.  Wir wollen Achtung geben.
Der eine Nachbar weiht entzckt
Dem reichen Kasten Ruh und Leben.
Er htet ihn mit karger Hand,
Und wacht, wenn andre schnarchend liegen,
Und wnscht mit Trnen sich Verstand,
Die schlauen Diebe zu betrgen;
Springt oft, durch bse Trum erschreckt,
Als ob man ihn bestohlen htte,
Mit schnellen Fen aus dem Bette,
Und sucht den Ort, wo er den Schatz versteckt.
Er martert sich mit tausend Sorgen,
Sein vieles Geld vermehrt zu sehn,
Und nimmt aus Geiz sich vor, die Hlfte zu verborgen,
Und lt den, den er rief, doch leer zurcke gehn.
Arm hatt er sich noch satt gegessen;
Reich hungert er, bei halbem Essen,
Und schnitt das Brot, das er den Seinen gab,
Mit Klagen ber Gott, und ber Teurung, ab,
Und ward, mit jedem neuen Tage,
Der Seinen Last und seine Plage.
Der andre Nachbar lachte sein.
"Der Torheit", sprach er, "will ich wehren;
Was ich geerbt, will ich verzehren,
Und mich des Segens recht erfreun."
Er hielt sein Wort und sah, in wenig Jahren,
Sein vieles Geld in fremder Hand;
Durch Gassen, wo er sonst stolz auf und ab gefahren,
Schlich itzt sein Fu ganz unbekannt.
"Ach!" sprach er zu dem andern Erben,
"Philemon hat es wohl gedacht,
Da uns der Reichtum wird verderben,
Drum hat er uns sein Gut vermacht.
Du hungerst karg, ich hab es durchgebracht.
Wir waren wert, den Reichtum zu besitzen,
Denn keiner wut ihn recht zu ntzen."





Das Unglck der Weiber

In eine Stadt, mich deucht, sie lag in Griechenland,
Drang einst der Feind, von Wut entbrannt,
Und wollte, weil die Stadt mit Sturm erobert worden,
Die Brger, in der Raserei,
Bis auf den letzten Mann ermorden.
O Himmel!  welch ein Angstgeschrei
Erregten nicht der Weiber blasse Scharen.
Man stelle sich nur vor, wenn tausend Weiber schrein,
Was mu das fr ein Lrmen sein!
Ich zittre schon, wenn zwei nur schrein.
Sie liefen mit zerstreuten Haaren,
Mit Augen, die von Trnen rot,
Mit Hnden, die zerrungen waren,
Und warfen schon, vor Angst halbtot,
Sich vor den Feldherrn der Barbaren,
Und flehten in gemeiner Not
Ihn insgesamt um ihrer Mnner Leben.
So hats von Tausenden nicht eine Frau gegeben,
Die sich gewnscht, des Mannes los zu sein?
Von Tausenden nicht eine?  Nein.
Nun, das ist viel; da mu, bei meinem Leben!
Noch gute Zeit gewesen sein.

So hart, als auch der Feldherr war:
So konnt er doch dem zauberischen Flehen
Der Weiber nicht ganz widerstehen.
Denn welchen Mann, er sei auch zehnmal ein Barbar,
Wei nicht ein Weib durch Trnen zu bewegen?
Mein ganzes Herz fngt sich hier an zu regen.
Ich htte nicht der General sein mgen,
Vor dem der Weiber Schar so klglich sich vereint;
Ich htte wie ein Kind geweint,
Und ohne Geld den Mnnern gleich das Leben,
Und jeder Frau zu ihrer Ruh
Den Mann, und einen noch dazu,
Wenn sies von mir verlangt, gegeben.

Allein so gar gelind war dieser Feldherr nicht.
"Ihr Schnen!" fngt er an und spricht.
Ihr Schnen?  Dieses glaub ich nicht.
Ein harter General wird nicht so liebreich sprechen.
Was willst du dir den Kopf zerbrechen?
Genug!  Er hats gesagt.  Ein alter General
Hat, dcht ich, doch wohl wissen knnen,
Da man die Weiber allemal,
Sie sein es oder nicht, kann "meine Schnen" nennen.

"Ihr Schnen", sprach der General,
"Ich schenk euch eurer Mnner Leben;
Doch jede mu fr den Gemahl
Mir gleich ihr ganz Geschmeide geben.
Und die ein Stck zurckbehlt,
Verliert den Mann vor diesem Zelt."

Wie?  Fingen nicht die Weiber an zu beben?
Ihr ganz Geschmeide hinzugeben?
Den ganzen Schmuck fr einen Mann?
Gewi, der General war dennoch ein Tyrann.
Was halfs, da er "Ihr Schnen!" sagte,
Da er die Schnen doch so plagte?
Doch weit gefehlt, da auch nur eine zagte:
So holten sie vielmehr mit Freuden ihren Schmuck.
Dem General war dies noch nicht genug.
Er lie nicht eh nach ihren Mnnern schicken,
Als bis sie einen Eid getan
(Der General war selbst ein Ehemann),
Bis, sag ich, sie den Eid getan,
Den Mnnern nie die Wohltat vorzurcken,
Noch einen neuen Schmuck den Mnnern abzudrcken.
Drauf kriegte jede Frau den Mann.

O welche Wollust!  Welch Entzcken!
Vergebens wnsch ichs auszudrcken,
Mit welcher Brnstigkeit die Frau den Mann umfing!
Mit was fr sehnsuchtsvollen Blicken
Ihr Aug an seinem Auge hing!

Der Feind verlie die Stadt.  Die Weiber blieben stehen,
Um ihren Feinden nachzusehen;
Alsdann flog jede froh mit ihrem Mann ins Haus.
Ist die Geschichte denn nun aus?
Noch nicht, mein Freund.  Nach wenig Tagen
Entfiel den Weibern aller Mut.
Sie grmten sich, und durftens doch nicht sagen.
Wer wirds, den Eid zu brechen, wagen?
Genug, der Kummer trat ins Blut.
Sie legten sich; drauf starben in zehn Tagen,
Des Lebens md und satt, neunhundert an der Zahl.
Der alte bse General!





Das Vermchtnis

Oront, der in der Welt das groe Glck erlebt,
Das Frsten oft den Hirten lassen mssen,
Das Glck, von einem Freund sich treu geliebt zu wissen;
Oront, der sich dies Glck, so arm er war, erstrebt,
Ward krank.  Sein kluger Arzt sah aus verschiednen Fllen,
Da keine Rettung mglich war,
Erffnete dem Kranken die Gefahr,
Und hie ihn bald sein Haus bestellen.
Oront, der sich nunmehr dem Irdischen entziehn,
Und frei im Geist den Tod erwarten wollte,
Bat, da man seinen Freund ihm eiligst rufen sollte.
Sein Freund, sein Pylades, erschien.
"Ach!" sprach Oront, nach zrtlichem Umfassen,
"Ich sterb, und was mir Gott verliehn,
Will ich, mein Freund, dir hinterlassen:
Dir la ich meinen Sohn, ihn redlich zu erziehn,
Und meine Frau, sie zu ernhren:
Denn du verdienst, da sie dir angehren."





Der Affe

Ein Affe sah ein Paar geschickte Knaben
Im Brett einmal die Dame ziehn,
Und sah auf jeden Platz, den sie dem Steine gaben,
Mit einer Achtsamkeit, die stolz zu sagen schien,
Als knnt er selbst die Dame ziehn.
Er legte bald sein Mivergngen,
Bald seinen Beifall an den Tag;
Er schttelte den Kopf itzt bei des einen Zgen,
Und billigte darauf des andern seinen Schlag.
Der eine, der gern siegen wollte,
Sann einmal lange nach, um recht geschickt zu ziehn;
Der Affe stie darauf an ihn
Und nickte, da er machen sollte.
"Doch welchen Stein soll ich denn ziehn,
Wenn dus so gut verstehst?" sprach der erzrnte Knabe.
"Den, jenen oder diesen da,
Auf welchem ich den Finger habe?"
Der Affe lchelte, da er sich fragen sah,
Und sprach zu jedem Stein mit einem Nicken: Ja.

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Um deren Weisheit zu ergrnden,
Die tun, als ob sie das, was du verstehst, verstanden:
So frage sie um Rat.  Sind sie mit ihrem Ja
Bei deinen Fragen hurtig da:
So kannst du mathematisch schlieen,
Da sie nicht das geringste wissen.




Der arme Greis

Um das Rhinozeros zu sehn
(Erzhlte mir mein Freund), beschlo ich auszugehn.
Ich ging vors Tor mit meinem halben Gulden,
Und vor mir ging ein reicher, reicher Mann,
Der, seiner Miene nach, die eingelaufnen Schulden,
Nebst dem, was er damit die Messe durch gewann,
Und was er, wenns ihm glcken sollte,
Durch den Gewinst nun noch gewinnen wollte,
In schweren Ziffern bersann.
Herr Orgon ging vor mir.  Ich geb ihm diesen Namen,
Weil ich den seinen noch nicht wei.
Er ging; doch eh wir noch zu unserm Tiere kamen:
Begegnet uns ein alter schwacher Greis,
Fr den, auch wenn er uns um nichts gebeten htte,
Sein zitternd Haupt, das nur halb seine war,
Sein ehrlich fromm Gesicht, sein heilig graues Haar
Mit mehr als Rednerknsten redte.
"Ach", sprach er, "ach, erbarmt Euch mein!
Ich habe nichts, um meinen Durst zu stillen.
Ich will Euch knftig gern nicht mehr beschwerlich sein;
Denn Gott wird wohl bald meinen Wunsch erfllen,
Und mich durch meinen Tod erfreun.
O lieber Gott!  la ihn nicht ferne sein."
So sprach der Greis; allein was sprach der Reiche?
"Ihr seid ein so bejahrter Mann,
Ihr seid schon eine halbe Leiche,
Und sprecht mich noch um Geld zum Trinken an?
Ihr unverschmter alter Mann!
Mt Ihr denn noch erst Branntwein trinken,
Um taumelnd in das Grab zu sinken?
Wer in der Jugend spart, der darbt im Alter nicht."--
Drauf ging der Geizhals fort.  Ein Strom schamhafter Zhren
Flo von des Alten Angesicht.
"O Gott!  du weits." Mehr sprach er nicht.
Ich konnte mich der Wehmut kaum erwehren,
Weil ich etwas mitleidig bin.
Ich gab ihm in der Angst den halben Gulden hin,
Fr welchen ich die Neugier stillen wollte,
Und ging, damit er mich nicht weinen sehen sollte.
Allein er rufte mich zurck.
"Ach!" sprach er mit noch nassem Blick,
"Ihr werdet Euch vergriffen haben,
Es ist ein gar zu groes Stck.
Ich bring Euch nicht darum, gebt mir so viel zurck,
Als ich bedarf, um mich durch etwas Bier zu laben!"
"Ihr", sprach ich, "sollt es alles haben,
Ich seh, da Ihrs verdient; trinkt etwas Wein dafr.
Doch, armer Greis, wo wohnet Ihr?"
Er sagte mir das Haus.--Ich ging am andern Tage
Nach diesem Greis, der mir so redlich schien,
Und tat im Gehn schon manche Frag an ihn.
Allein, indem ich nach ihm frage,
War er seit einer Stunde tot.
Die Mien auf seinem Sterbebette
War noch die redliche, mit der er gestern redte.
Ein Psalmbuch und ein wenig Brot
Lag neben ihm auf seinem harten Bette.
O, wenn der Geizhals doch den Greis gesehen htte,
Mit dem er so unchristlich redte!
Und der vielleicht ihn itzt bei Gott verklagt,
Da er vor seinem Tod ihm einen Trunk versagt.

So sprach mein Freund und bat, die Mh auf mich zu nehmen,
Und ffentlich den Geizhals zu beschmen.
Wiewohl ein Mann, der sich zu keiner Pflicht
Als fr das Geld versteht, der schmt sich ewig nicht.





Der arme Schiffer

Ein armer Schiffer stak in Schulden,
Und klagte dem Philet sein Leid.
"Herr", sprach er, "leiht mir hundert Gulden;
Allein zu Eurer Sicherheit
Hab ich kein ander Pfand als meine Redlichkeit.
Indessen leiht mir aus Erbarmen
Die hundert Gulden auf ein Jahr."
Philet, ein Retter in Gefahr,
Ein Vater vieler hundert Armen,
Zhlt ihm das Geld mit Freuden dar.
"Hier", spricht er, "nimm es hin und brauch es ohne Sorgen;
Ich freue mich, da ich dir dienen kann;
Du bist ein ordentlicher Mann,
Dem mu man ohne Handschrift borgen."

Ein Jahr, und noch ein Jahr verstreicht;
Kein Schiffer lt sich wieder sehen.
Wie?  Sollt er auch Phileten hintergehen;
Und ein Betrger sein?  Vielleicht.

Doch nein!  Hier kmmt der Schiffer gleich.
"Herr!" fngt er an, "erfreuet Euch,
Ich bin aus allen meinen Schulden;
Und seht, hier sind zweihundert Gulden,
Die ich durch Euer Geld gewann.
Ich bitt Euch herzlich, nehmt sie an;
Ihr seid ein gar zu wackrer Mann."

"O", spricht Philet, "ich kann mich nicht besinnen,
Da ich dir jemals Geld geliehn.
Hier ist mein Rechnungsbuch, ich wills zu Rate ziehn;
Allein ich wei es schon, du stehest nicht darinnen."

Der Schiffer sieht ihn an, und schweigt betroffen still,
Und krnkt sich, da Philet das Geld nicht nehmen will.
Er luft, und kmmt mit voller Hand zurcke.
"Hier", spricht er, "ist der Rest von meinem ganzen Glcke,
Noch hundert Gulden!  Nehmt sie hin,
Und lat mir nur das Lob, da ich erkenntlich bin.
Ich bin vergngt, ich habe keine Schulden;
Dies Glcke dank ich Euch allein;
Und wollt Ihr ja recht gtig sein.
So leiht mir wieder funfzig Gulden."

"Hier", spricht Philet, "hier ist dein Geld,
Behalte deinen ganzen Segen:
Ein Mann, der Treu und Glauben hlt,
Verdient ihn seiner Treue wegen.
Sei du mein Freund.  Das Geld ist dein;
Es sind nicht mehr als hundert Gulden mein,
Die sollen deinen Kindern sein."

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Mensch!  mache dich verdient um andrer Wohlergehen;
Denn was ist gttlicher, als wenn du liebreich bist!
Und mit Vergngen eilst, dem Nchsten beizustehen,
Der, wenn er Gromut sieht, gromtig dankbar ist!




Der Arme und der Reiche

Aret, ein tugendhafter Mann,
Dem nichts, als Geld und Gter fehlten,
Rief, als ihn einst die Schulden qulten,
Das Glck um seinen Beistand an.
Das Glck, das seine liebsten Gaben
Sonst immer fr die Leute spart,
Die von den Gtern berer Art
Nicht gar zuviel bekommen haben,
Entschlo sich dennoch auf sein Flehn,
Dem wackern Manne beizustehn,
Und lie ihn in verborgnen Grnden
Aus Geiz verscharrte Schtze finden.
Er sieht darauf in kurzer Zeit
Von seinen Schuldnern sich befreit;
Doch ist ihm wohl die Not benommen,
Da, statt der Schuldner, Schmeichler kommen?
Sooft er trinkt, sooft er it,
Kmmt einer, der ihn durstig kt,
Nach seinem Wohlsein ngstlich fraget,
Und ihn mit Hflichkeit und List,
Mit Loben und Bewundern plaget,
Und doch durch alles nichts, als da ihn hungert, saget.
"O Glcke!" rief Aret, "soll eins von beiden sein;
Kann alle Klugheit nicht von Schmeichlern mich befrein:
So will ich mich von Schuldnern lieber hassen,
Als mich von Schmeichlern lieben lassen.
Vor jenen kann man doch zuweilen sicher sein;
Doch diese Brut schleicht sich zu allen Zeiten ein."





Der baronisierte Brger

Des kargen Vaters stolzer Sohn
Ward, nach des Vaters Tod, Herr einer Million,
Und fr sein Geld in kurzer Zeit Baron.
Er nahm sich vor, ein groer Mann zu werden,
Und ahmte, wenn ihm gleich der innre Wert gebrach,
Doch die gebietrischen Gebrden
Der Groen zuversichtlich nach.
Bald wnscht er sich des Staatsmanns Ehre,
Vertraut mit Frsten umzugehn;
Bald wnscht er sich das Glck, dereinst vor einem Heere
Mit Lorbeern des Eugens zu stehn.
Kurz, er blieb ungewi, wo er mehr Ansehn htte,
Ob in dem Feld, ob in dem Kabinette.
Indessen war er doch Baron;
Und sein Verdienst, die Million,
Lie sich zu alles Volks Entzcken,
In Lufern und Heiducken blicken.
Er nahm die halbe Stadt in Sold,
Bedeckte sich und sein Gefolg mit Gold,
Und brstete sich mehr in seiner Staatskarosse,
Als die daran gespannten Rosse.
Er war der Schmeichler Mzenat.
Ein Geck, der ihm gebckt um seine Gnade bat,
Und alles, was sein Stolz begonnte,
Recht unverschmt bewundern konnte,
Der kam sogleich in jener Freunde Zahl,
In der man mit ihm a, ihn lobt, und ihn bestahl,
Und, wenn man ihn betrog, zugleich in berredte,
Da er des Argus Augen htte.

Was braucht es mehr als Stolz und Unverstand,
Um Millionen durchzubringen?
Unsichrer ist kein Schatz als in des Jnglings Hand,
Den Wollust, Pracht und Stolz zu ihren Diensten zwingen.
Der Herr Baron verga bei seinem groen Schatz
Den Staatsmann und den Held, ward sinnreich im Verschwenden,
Und sah in kurzer Zeit sein Gut in fremden Hnden;
Starb arm und unberhmt.  Kurz, er bewies den Satz,
Da Eltern ihre Kinder hassen,
Wofern sie ihnen nichts als Reichtum hinterlassen.





Der Bauer und sein Sohn

Ein guter dummer Bauerknabe,
Den Junker Hans einst mit auf Reisen nahm,
Und der, trotz seinem Herrn, mit einer guten Gabe,
Recht dreist zu lgen, wiederkam,
Ging, kurz nach der vollbrachten Reise,
Mit seinem Vater ber Land.
Fritz, der im Gehn recht Zeit zum Lgen fand,
Log auf die unverschmtste Weise.
Zu seinem Unglck kam ein groer Hund gerannt.
"Ja, Vater", rief der unverschmte Knabe,
"Ihr mgt mirs glauben oder nicht:
So sag ich Euchs, und jedem ins Gesicht,
Da ich einst einen Hund bei--Haag gesehen habe,
Hart an dem Weg, wo man nach Frankreich fhrt,
Der--ja, ich bin nicht ehrenwert,
Wenn er nicht grer war als Euer grtes Pferd."
"Das", sprach der Vater, "nimmt mich wunder;
Wiewohl ein jeder Ort lt Wunderdinge sehn.
Wir, zum Exempel, gehn itzunder,
Und werden keine Stunde gehn:
So wirst du eine Brcke sehn
(Wir mssen selbst darber gehn),
Die hat dir manchen schon betrogen
(Denn berhaupt solls dort nicht gar zu richtig sein);
Auf dieser Brcke liegt ein Stein,
An den stt man, wenn man denselben Tag gelogen,
Und fllt, und bricht sogleich das Bein."

Der Bub erschrak, sobald er dies vernommen.
"Ach", sprach er, "lauft doch nicht so sehr.
Doch wieder auf den Hund zu kommen,
Wie gro sagt ich, da er gewesen wr?
Wie Euer groes Pferd?  Dazu will viel gehren.
Der Hund, itzt fllt mirs ein, war erst ein halbes Jahr;
Allein das wollt ich wohl beschwren,
Da er so gro, als mancher Ochse, war."

Sie gingen noch ein gutes Stcke;
Doch Fritzen schlug das Herz.  Wie konnt es anders sein?
Denn niemand bricht doch gern ein Bein.
Er sah nunmehr die richterische Brcke,
Und fhlte schon den Beinbruch halb.
"Ja, Vater", fing er an, "der Hund, von dem ich redte,
War gro, und wenn ich ihn auch was vergrert htte:
So war er doch viel grer als ein Kalb."

Die Brcke kmmt.  Fritz!  Fritz!  wie wird dirs gehen!
Der Vater geht voran; doch Fritz hlt ihn geschwind.
"Ach Vater!", spricht er, "seid kein Kind,
Und glaubt, da ich dergleichen Hund gesehen.
Denn kurz und gut, eh wir darber gehen,
Der Hund war nur so gro, wie alle Hunde sind."

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Du mut es nicht gleich belnehmen,
Wenn hie und da ein Geck zu lgen sich erkhnt.
Lg auch, und mehr als er, und such ihn zu beschmen:
So machst du dich um ihn und um die Welt verdient.




Der beherzte Entschlu

Ein guter ehrlicher Soldat,
Der (denn was tut man nicht, wenn man getrunken hat?)
Im Trunke seinen Wirt erschlagen,
Ward itzt hinausgefhrt, fr seine Missetat
Den Lohn durchs Schwert davonzutragen.
Er sah wohl aus, und wer ihn sah,
Bedauerte sein schmhlich Ende,
Und wnschte, da er noch beim Knig Gnade fnde.
Besonders ging sein schweres Ende
Auch einer alten Jungfer nah.
Auf einmal fhlte sie die Triebe
Des Mitleids und der Menschenliebe,
Und fhlte sie nur mehr, je mehr sie auf ihn sah.
"Ach Himmel!  ists nicht ewig schade?
Der schne lange Mensch!  Was fr ein fein Gesicht,
Und was fr Augen hat er nicht!
Seht doch den Bart!  Ist das nicht eine Wade!
Die Straf ist in der Tat zu gro.
Wer kann sich denn im Trunke zhmen?
Ich bitt ihn frei; ich will ihn nehmen."
Sie lief, und schrie, und bat ihn los,
Indem Johann schon niederkniete.
"Johann", fing drauf der Richter an,
"Es findet sich ein redliches Gemte,
Dies Weibsbild hier verlangst dich zum Mann,
Und wenn du sie verlangst: so schenk ich dir das Leben."

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Johann erschrak und sah die Jungfer an;
Sie trat hinzu, ihn aufzuheben.
"Ja", sprach er, "Euer Dienst ist gro;
Allein es wird mir nicht viel fehlen,
Ihr werdet mich dafr zeitlebens qulen.
Ich seh Euchs an; was will ich lange whlen?
Haut zu!  So komm ich doch der Qual auf einmal los."




Der betrbte Witwer

In Poitou (ich will mit Flei die Gegend nennen,
Damit sich die befragen knnen,
Die, wenn ein kleiner Umstand fehlt,
Schon zweifeln, ob man wahr erzhlt),
In Poitou lie einst ein Mann sein Weib begraben;
Allein man merk es wohl, man ist in Poitou;
Da geht es, wenn sie Leichen haben,
So prchtig wie bei uns nicht zu.
Man kleidet sie geschwind mit leinen Sterbercken,
Und trgt den Sarg, ohn ihn erst zuzudecken,
An den fr ihn bestimmten Ort.
So trug man auch den offnen Sarg itzt fort;
Doch was geschieht, indem sie ihn so tragen?
Der Leichenweg ging dicht an einer Hecke hin;
Hier ritzt ein Dorn die tote Frau ins Kinn.
Auf einmal fngt sie an, die Augen aufzuschlagen,
Und ruft: "Wohin wollt ihr mich tragen?"
Hier, deucht mich, hr ich viele fragen,
Wie kam die gute Frau zurck?
Hielt es der Mann auch fr ein Glck,
Die Hlfte wiederzubekommen,
Die ihm der Tod zuvor genommen?
Wie mag ihm wohl gewesen sein?
Das letzte wird man gleich erfahren.
Nach weniger als sieben Jahren
Bt sie das zweite Mal ihr junges Leben ein.
Der Mann gab ihr vom neuen das Geleite,
Und ging gesetzt an seiner Gattin Seite,
Wie alle harte Bauersleute.
Allein sobald er nur die Hecke wieder sah:
So wies er erst, wieviel sein Herz empfnde.
Er rung mit Trnen beide Hnde.
"Ach", rief er aus, "da war es, da!
Kommt ja der Hecke nicht zu nah!"





Der Bettler

Ein Bettler kam mit bloem Degen
In eines reichen Mannes Haus,
Und bat sich, wie die Bettler pflegen,
Nur eine kleine Wohltat aus.
"Ich", sprach er, "kenn Ihr christlich Herze;
Sie sorgen gern fr andrer Heil,
Und nehmen mit gerechtem Schmerze
An Ihres Nchsten Elend teil.
Ich wei, mein Flehn wird Sie bewegen!
Sie sehn, ich fordre nichts mit Unbescheidenheit;
Nein, ich verlasse mich (hier wies er ihm den Degen)
Allein auf Ihre Gtigkeit."

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Dies ist die Art lobgieriger Skribenten,
Wenn sie um unsern Beifall flehn;
Sie geben uns mit vielen Komplimenten
Die harte Fordrung zu verstehn.
Der Autor will den Beifall nicht erpressen;
Nein, er verlt sich blo auf unsre Billigkeit;
Doch, da wir diese nicht vergessen:
So zeigt er uns zu gleicher Zeit
In beiden Hnden Krieg und Streit.




Der Blinde und der Lahme

Von ungefhr mu einen Blinden,
Ein Lahmer auf der Strae finden,
Und jener hofft schon freudenvoll,
Da ihn der andre leiten soll.
"Dir", spricht der Lahme, "beizustehen?
Ich armer Mann kann selbst nicht gehen;
Doch scheints, da du zu einer Last
Noch sehr gesunde Schultern hast.

Entschliee dich, mich fortzutragen:
So will ich dir die Stege sagen:
So wird dein starker Fu mein Bein,
Mein helles Auge deines sein."

Der Lahme hngt, mit seinen Krcken,
Sich auf des Blinden breiten Rcken.
Vereint wirkt also dieses Paar,
Was einzeln keinem mglich war.

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Du hast das nicht, was andre haben,
Und andern mangeln deine Gaben;
Aus dieser Unvollkommenheit
Entspringet die Geselligkeit.
Wenn jenem nicht die Gabe fehlte,
Die die Natur fr mich erwhlte:
So wrd er nur fr sich allein,
Und nicht fr mich bekmmert sein.

Beschwer die Gtter nicht mit Klagen!
Der Vorteil, den sie dir versagen,
Und jenem schenken, wird gemein,
Wir drfen nur gesellig sein.





Der erhrte Liebhaber

Der grte Fehler in der Liebe,
O Jngling, ist die Furchtsamkeit.
Was helfen dir die sen Triebe
Bei einer stummen Schchternheit?
Du liebst, und willst es doch nicht wagen.
Es deiner Schnen zu gestehn;
Was deine Lippen ihr nicht sagen,
Soll sie in deinen Augen sehn.
Im stillen trgst du deinem Kinde
Das Herz mit Ehrerbietung an,
Und wnschest, da sie das empfinde,
Was doch dein Mund nicht sagen kann.
Du hrst nicht auf, sie hochzuachten,
Und ehrst sie durch Bescheidenheit;
Sie fhlt, und lt dich dennoch schmachten.
Und wartet auf Bestndigkeit.
Sie lt dich in den Augen lesen,
Wieviel dir dieser Vorzug ntzt;
Erst liebt sie dein bescheidnes Wesen,
Und endlich den, der es besitzt.
Ein Jahr verfliegt; o lacht des Blden,
Was hat er denn fr seine Mh?
Er darf mit ihr von Liebe reden,
Und wagt den ersten Ku auf sie.
Ein Jahr!  Und noch kein grres Glcke?
In Wahrheit!  das ist lcherlich.
Warum rief er, beim ersten Blicke,
Nicht gleich!  "Mein Kind, ich liebe dich!"
Da lob ich euch, ihr jungen Helden,
Ihr wit von keiner langen Pein;
Ihr lat euch bei der Schnen melden,
Ihr kommt, und seht, und nehmt sie ein.
Und euren Mut recht zu beseelen,
Den ihr bei eurer Liebe fhlt:
So will ich euch den Sieg erzhlen,
Den einst Jesmin sehr schnell erhielt.

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Ein junger Mensch, der gtigst wollte,
Da jedes schne Kind die Ehre haben sollte,
Von ihm geliebt, von ihm gekt zu sein;
Jesmin, sah Sylvien, das heit, sie nahm ihn ein.
Er sah sie in dem Fenster liegen,
Ward schnell besiegt, und schwor, sie wieder zu besiegen.
Die halbe Nacht verstrich, da mein Jesmin nicht schlief;
Er sann auf einen Liebesbrief,
Schlug die Romane nach, und trug die hellsten Flammen
In einen Brief aus zwanzigen zusammen.
Der Brief ward fortgeschickt, und fr sein bares Geld
Ward auch der Brief getreu bestellt.
Allein die Antwort will nicht kommen.
Jesmin, vom Kummer eingenommen,
Ergreift das Briefpapier, und schreibet noch einmal.
Er klagt der Schnen seine Qual,
Er redt von strengen Liebeskerzen,
Von Augensonnen, hei an Pein,
Von Tigermilch, von diamantnen Herzen,
Und von der Hoffnung Nordlichtschein,
Und schwrt, weil Sylvia durch nichts erweicht geworden,
Sich, bei Gelegenheit, aus Liebe zu ermorden.
Getrost, Jesmin!  versiegle deinen Brief.
So wie das Siegelwachs am Lichte niederlief:
So wird der Schnen Herz, eh Nacht und Tag verflieen,
Von deines Briefes Glut erweicht, zerschmelzen mssen.
Der Brief wird fortgeschickt, und richtig berbracht.
Jesmin tut manch Gebet an Venus' kleinen Knaben;
Doch folgt die Antwort nicht.  Wer htte das gedacht!
Das Mdchen mu ein Herz von Stahl und Eisen haben;
Doch welcher Baum fllt auf den ersten Hieb?
Ich zweifle nicht, die Schne hat ihn lieb,
Und ihre Sprdigkeit ist ein verstelltes Wesen,
Um nur von ihm mehr Briefe noch zu lesen.
Wie knnte sie dem heien Flehn
Und, da sie ihn unlngst geputzt gesehn,
Der reichen Weste widerstehn?

Ich wei noch einen Rat, und dieser Rat wird glcken.
Durch Verse kann man sehr entzcken,
In Versen, mein Jesmin, in Versen schreib an sie;
Siegst du durch Verse nicht, Jesmin!  so siegst du nie.
Er folgt.  O wnscht mit mir, da ihm die Reime flieen!
Seht, welch ein feurig Lied Jesmin zur Welt gebar!
Was konnte man auch anders schlieen.
Da seine Prosa schon so hoch und feurig war?

Kaum hatte Sylvia das Heldenlied gelesen:
So kam auch schon ein Gegenbrief.
Man stellte sich vor, wie froh Jesmin gewesen,
Wie froh Jesmin der Magd entgegenlief!
Die schlaue Magd grt ihn galant.
Er steht und hlt den Brief entzckt in seiner Hand,
Und brennet vor Begier, den Inhalt bald zu wissen,
Und kann vor Zrtlichkeit sich dennoch nicht entschlieen,
Das kleine Siegel abzuziehn;
Er drckt den Brief an sich, er drckt und ksset ihn.
Die Magd kriegt ein Pistol, und schwrt, ihm treu zu bleiben.
Allein was stund in diesem Schreiben,
Als es Jesmin froh auseinanderschlug?
Kein Wrtchen mehr als dies: "Mein Herr, Sie sind nicht klug!"





Der Freier

Ein Freier bat einst einen Freund,
Ihm doch ein Mdchen vorzuschlagen.
"Ich will dir zwei", versetzte jener, "sagen,
Dann whle die, die sich fr dich zu schicken scheint.
Die erste hat, nebst einem Rittersitze,
Ein recht bezauberndes Gesicht,
Liebt den Geschmack, spricht mit dem feinsten Witze,
Und schreibt die Sprachen, die sie spricht.
Sie spielt den Flgel schn, und kann vortrefflich singen
Und malet so geschickt, als es die Kunst begehrt.
Und in der Wirtschaft selbst gibt sie gemeinen Dingen
Durch ihre Sorgfalt einen Wert.
Allein bei aller Kunst und allen ihren Gaben
Hat sie kein gutes Herz.

Die andre sieht nicht schn,
Wird wenig im Vermgen haben,
Und von den Knsten nichts, die jene kann, verstehn;
Doch bei Verstand und einem stillen Reize,
Der, ohne da sies sieht, gefllt,
Besitzt sie, frei von Stolz und Geize,
Das beste Herze von der Welt.
Was ttst du wohl, wenn dich die erste haben wollte?"

"Ach", fing der Freier an, "wenn dies geschehen sollte:
So sprch ich zu der ersten nein,
Um dadurch bald der andern wert zu sein."





Der Freigeist

Ihr, die ihr nach der Tugend strebet;
Ihr, die ihr dem gehorsam seid,
Was die Vernunft und was die Schrift gebeut,
Ein Freigeist lacht euch aus, da ihr so sklavisch lebet.
Was sucht ihr?  fragt er euch; nicht die Zufriedenheit?
Ists mglich, sich so zu betrgen?
Um euch vergngt zu sehn, raubt ihr euch das Vergngen?
Ihr sucht die Ruh, und findt sie in der Last,
Hat, was ihr liebt, und liebet, war ihr hat.
Habt ihr Vernunft?  Ich zweifle fast.
Die Freiheit in der Tugend finden,
Das heit, um frei zu sein, sich erst an Ketten binden.
Dringt durch des Aberglaubens Nacht,
Die euch zu finstern Kpfen macht;
Folgt der Natur, geniet, was sie euch schenket;
Sucht nichts, als was ihr wnscht; flieht nichts, als was euch krnket;
Denkt frei, und lebet, wie ihr denket,
Und gebt nicht auf die Toren acht.
Der Pbel ist der grte Hauf auf Erden,
Von diesem reit euch los.  Er wei nicht, was er glaubt,
Hlt seinen Trieb fr unerlaubt,
Und sieht nicht, da er sich sein Glck aus Milzsucht raubt;
Sonst wrd er nicht so aberglubisch werden.

Drum fat den kurzen Unterricht:
Was viele glauben, glaubet nicht.
Sie glauben es aus Trgheit, nichts zu prfen;
Doch ein Vernnftiger dringt in der Wahrheit Tiefen.
Was ist die Schrift?  Was lehret sie?
Ein traurig Leben, reich an Mh,
Und Rtsel, die wir aufzuschlieen,
Erst der Vernunft entsagen mssen.
Was ist das mchtige Gewissen?
Ein Ding, das die Erziehung schafft,
Ein heilig Erbteil aller Blden;
Doch die, die wissen, was sie reden,
Empfinden nichts von seiner Kraft.

Folgt der Natur!  Sie ruft; was kann sie anders wollen,
Als da wir ihr gehorchen sollen?
Die Furcht erdachte Recht und Pflicht,
Und schuf den Himmel und die Hlle.
Setzt die Vernunft an ihre Stelle,
Was seht ihr da?  Den Himmel und die Hlle?
O nein, ein weibisches Gedicht.
Lat doch der Welt ihr kindisches Geschwtze.
Was jeden ruhig macht, ist jedes sein Gesetze.
Mehr glaubt und braucht ein Kluger nicht.

Dies war der Witz, mit dem in seinem Leben
Ein Freigeist sein System erwies;
Die Tugend von dem Throne stie,
Um nur sein Laster drauf zu heben.
Sein bses Herz war ihm Vernunft und Gott,
Und der am Kreuze starb, war oft des Frechen Spott.

Sein Ende kam.  Und der, der nie gezittert,
Ward pltzlich durch den Tod erschttert.
Das Schrecken einer Ewigkeit,
Ein Richter, der als Gott ihm fluchte,
Ein Abgrund, welcher ihn schon zu verschlingen suchte,
Zerstrte das System tollkhner Sicherheit.
Und der, der sonst mit seinen hohen Lehren
Der ganzen Welt zu widerstehn gewagt,
Fing an, der Magd geduldig zuzuhren,
Und lie von seiner frommen Magd,
Zu der er tausendmal "du christlich Tier" gesagt,
Sich widerlegen und bekehren.

So stark sind eines Freigeists Lehren!





Der Fuchs und die Elster

Zur Elster sprach der Fuchs: "O, wenn ich fragen mag,
Was sprichst du doch den ganzen Tag?
Du sprichst wohl von besondern Dingen?"
"Die Wahrheit", rief sie, "breit ich aus.
Was keines wei herauszubringen,
Bring ich durch meinen Flei heraus,
Vorn Adler bis zur Fledermaus."
"Drft ich", versetzt der Fuchs, "mit Bitten dich beschweren:
So wnscht ich mir, etwas von deiner Kunst zu hren."

So wie ein weiser Arzt, der auf der Bhne steht,
Und seine Knste rhmt, bald vor, bald rckwrts geht,
Ein seidnes Schnupftuch nimmt, sich ruspert, und dann spricht:
So lief die Elster auch den Ast bald auf, bald nieder,
Und strich an einem Zweig den Schnabel hin und wider,
Und macht ein sehr gelehrt Gesicht.
Drauf fngt sie ernsthaft an, und spricht:
"Ich diene gern mit meinen Gaben,
Denn ich behalte nichts fr mich.
Nicht wahr, Sie denken doch, da Sie vier Fe haben?
Allein, Herr Fuchs, Sie irren sich.
Nur zugehrt!  Sie werdens finden,
Denn ich beweis es gleich mit Grnden.

Ihr Fu bewegt sich, wenn er geht,
Und er bewegt sich nicht, solang er stillesteht;
Doch merken Sie, was ich itzt sagen werde,
Denn dieses ist es noch nicht ganz.
Sooft Ihr Fu nur geht, so geht er auf der Erde.
Betrachten Sie nun Ihren Schwanz.
Sie sehen, wenn Ihr Fu sich reget,
Da auch Ihr Schwanz sich mit beweget;
Itzt ist Ihr Fu bald hier, bald dort,
Und so geht auch Ihr Schwanz mit auf der Erde fort,
Sooft Sie nach den Hhnern reisen.
Daraus zieh ich nunmehr den Schlu:
Ihr Schwanz, das sei Ihr fnfter Fu;
Und dies, Herr Fuchs, war zu beweisen."

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Ja, dieses hat uns noch gefehlt!
Wie freu ich mich, da es bei Tieren
Auch groe Geister gibt, die alles demonstrieren!
Mir hats der Fuchs fr ganz gewi erzhlt.
"Je minder sie verstehn", sprach dieses schlaue Vieh,
"Um desto mehr beweisen sie."




Der glcklich gewordene Ehemann

Frontin liebt Hannchen bis zum Sterben;
Denn Hannchen war ein schnes Kind.
Allein je reizender die losen Mdchen sind,
Um desto weniger kann man ihr Herz erwerben.
Frontin erfuhr es wohl.  Drei Jahre liebt er sie;
Allein umsonst war alle Mh.
Was tat er endlich?  Er verreiste,
Und ging (was kann wohl rgers sein?),
Ging, sag ich, mit dem bsen Geiste
Ein Bndnis an dem Blocksberg ein;
Ein Bndnis, da er ihm zwei Jahre dienen wollte,
Wofern er Hannchen noch zur Frau bekommen sollte.
Sie werden hurtig eins, und schlieen ihren Kauf;
Der bse Geist gibt ihm die Hand darauf.
Und ob er gleich die Welt sehr oft belogen,
Und Doktor Faustus selbst betrogen:
So hielt er doch sein Wort genau.
Frontin war Hannchens Mann, und sie ward seine Frau.
Doch eh vier Wochen sich verlieren:
So fngt Frontin schon an, den Schwarzen zu zitieren.
"Ach", spricht er, da der Geist erscheint,
"Ach, darf ich, lieber bser Feind,
Noch einer Bitte mich erkhnen?
Ich habe dir gelobt, fr Hannchen, meine Frau,
Zwei Jahre, wie du weit, zu dienen,
Und dies erfllt ich auch genau;
Doch willst du mir mein Hannchen wieder nehmen:
So soll mein Dienst ein Jahr verlngert sein."
Der Bse will sich nicht bequemen,
Drauf geht Frontin die Frist noch zweimal ein;
Denn, sprach er bei sich selbst, so arg du immer bist:
So wei ich doch, da Hannchen rger ist.





Der glckliche Dichter

Ein Dichter, der bei Hofe war--
Bei Hofe?  Was?  Bei Hofe gar?
Wie kam er denn zu dieser Ehre?
Ich wte nicht, was ein Poet,
Ein Mensch, der nichts vom Recht und Staat versteht,
Was der bei Hofe ntig wre?
Was ein Poet bei Hofe ntig ist?
Ja, Freund, du hast wohl recht zu fragen.
Mich rgerts, da August zween Dichter gern vertragen,
Die man doch itzt kaum in den Schulen liest.
Was ists denn nun mit zehn Racinen
Und Moliren?  Nichts!  Gar nichts!  Der eine macht,
Da man bei Hofe weint, der andre, da man lacht.
Das heit dem Staate trefflich dienen,
Dadurch wird ja kein Groschen eingebracht.
Doch auf die Sache selbst zu kommen.
Ein Dichter, den der Hof in seine Gunst genommen,
Schlief einst bei Tag im Louvre ein.--
Wieso?  War er berauscht?  Das kann wohl mglich sein.
Man hat in Frankreich guten Wein.
Und Dichter sollen insgemein
Von Wahrheit, Liebe, Witz und Wein
Sehr gute Freund und Kenner sein.
Ich mag die Welt nicht Lgen strafen,
Drum sag ich weder ja noch nein.

Gnug, der Poet war eingeschlafen,
Und war nicht schn, das man wohl merken mu;
Doch gab die Knigin, den Schlaf ihm zu versen,
Ihm im Vorbeigehn einen Ku.
"Was", rief ein Prinz, "den blassen Mund zu kssen?"
"Bla", sprach die Knigin, "bla ist er, das ist wahr;
Doch sagt der Mann mit seinem blassen Munde
Mehr Schnes oft in einer Stunde
Als Sie, mein Prinz, durchs ganze Jahr."





Der Greis

Von einem Greise will ich singen,
Der neunzig Jahr die Welt gesehn.
Und wird mir itzt kein Lied gelingen:
So wird es ewig nicht geschehn.
Von einem Greise will ich dichten,
Und melden, was durch ihn geschah,
Und singen, was ich in Geschichten,
Von ihm, von diesem Greise, sah.

Singt, Dichter, mit entbranntem Triebe,
Singt euch berhmt an Lieb und Wein!
Ich la euch allen Wein und Liebe,
Der Greis nur soll mein Loblied sein.

Singt von Beschtzern ganzer Staaten,
Verewigt euch und ihre Mh!
Ich singe nicht von Heldentaten,
Der Greis sei meine Poesie.

O Ruhm, dring in der Nachwelt Ohren,
Du Ruhm, den sich mein Greis erwarb!
Hrt, Zeiten, hrts!  Er ward geboren,
Er lebte, nahm ein Weib, und starb.





Der grne Esel

Wie oft wei nicht ein Narr durch tricht Unternehmen
Viel tausend Toren zu beschmen!
Neran, ein kluger Narr, frbt einen Esel grn,
Am Leibe grn, rot an den Beinen,
Fngt an, mit ihm die Gassen durchzuziehn;
Er zieht, und jung und alt erscheinen.
Welch Wunder!  rief die ganze Stadt,
Ein Esel, zeisiggrn!  der rote Fe hat!
Das mu die Chronik einst den Enkeln noch erzhlen,
Was es zu unsrer Zeit fr Wunderdinge gab!
Die Gassen wimmelten von Millionen Seelen;
Man hebt die Fenster aus, man deckt die Dcher ab;
Denn alles will den grnen Esel sehn,
Und alle konnten doch nicht mit dem Esel gehn.

Man lief die beiden ersten Tage
Dem Esel mit Bewundrung nach.
Der Kranke selbst verga der Krankheit Plage,
Wenn man vom grnen Esel sprach.
Die Kinder in den Schlaf zu bringen,
Sang keine Wrterin mehr von dem schwarzen Schaf;
Vom grnen Esel hrt man singen,
Und so gert das Kind in Schlaf.

Drei Tage waren kaum vergangen:
So war es um den Wert des armen Tiers geschehn.
Das Volk bezeigte kein Verlangen,
Den grnen Esel mehr zu sehn.
Und so bewundernswert er anfangs allen schien:
So dacht itzt doch kein Mensch mit einer Silb an ihn.

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Ein Ding mag noch so nrrisch sein,
Es sei nur neu: so nimmts den Pbel ein.
Er sieht, und er erstaunt.  Kein Kluger darf ihm wehren.
Drauf kmmt die Zeit, und denkt an ihre Pflicht;
Denn sie versteht die Kunst, die Narren zu bekehren,
Sie mgen wollen oder nicht.




Der gute Rat

Ein junger Mensch, der sich vermhlen wollte,
Und dem man manchen Vorschlag tat,
Bat einen Greis um einen guten Rat,
Was fr ein Weib er nehmen sollte?
"Freund", sprach der Greis, "das wei ich nicht.
So gut man whlt, kann man sich doch betrgen.
Sucht Ihr ein Weib blo zum Vergngen:
So whlet Euch ein schn Gesicht;
Doch liegt Euch mehr an Renten und am Staate,
Als am verliebten Zeitvertreib:
So dien ich Euch mit einem andere Rate,
Bemht Euch um ein reiches Weib;
Doch strebt Ihr durch die Frau nach einem hohen Range,
Nun so verget, da bere Mdchen sind,
Whlt eines groen Mannes Kind,
Und untersucht die Wahl nicht lange;
Doch wollt Ihr mehr fr Eure Seele whlen,
Als fr die Sinnen und den Leib:
So wagts, um Euch nach Wunsche zu vermhlen,
Und whlt Euch ein gelehrtes Weib."
Hier schwieg der Alte lachend still.

"Ach", sprach der junge Mensch, "das will ich ja nicht wissen:
Ich frage, welches Weib ich werde whlen mssen,
Wenn ich zufrieden leben will?
Und wenn ich, ohne mich zu grmen--"

"O", fiel der Greis ihm ein, "da mt Ihr keine nehmen!"





Der gtige Besuch

Ein offner Kopf, ein muntrer Geist,
Kurz, einer von den feinen Leuten,
Die ihr Beruf zu Neuigkeiten
Nie denken, ewig reden heit;
Die mit Gewalt es haben wollen,
Da Kluge nrrisch werden sollen;
Ein solcher Schwtzer trat herein,
Dem Dichter den Besuch zu geben.
"O", rief er, "welch ein traurig Leben!
Wie?  Schlafen Sie denn nicht bei Ihren Bchern ein?
So sind Sie denn so ganz allein,
Und mssen gar vor Langerweile lesen?
Ich dacht es wohl, drum kam ich so geschwind."
"Ich bin", sprach der Poet, "noch nie allein gewesen,
Als seit der Zeit, da Sie zugegen sind."





Der Hund

Phylax, der so manche Nacht
Haus und Hof getreu bewacht,
Und oft ganzen Diebesbanden
Durch sein Bellen widerstanden;
Phylax, dem Lips Tullian,
Der doch gut zu stehlen wute,
Selber zweimal weichen mute;
Diesen fiel ein Fieber an.
Alle Nachbarn gaben Rat.
Krummholzl und Mithridat
Mute sich der Hund bequemen,
Wider Willen einzunehmen.
Selbst des Nachbar Gastwirts Mh,
Der vordem in fremden Landen,
Als ein Doktor, ausgestanden,
War vergebens bei dem Vieh.

Kaum erscholl die schlimme Post,
Als von ihrer Mittagskost,
Alle Brder und Bekannten,
Phylax zu besuchen, rannten.
Pantelon, sein bester Freund,
Leckt ihm an dem heien Munde.
O, erseufzt er, bittre Stunde!
O!  wer htte das gemeint?

"Ach!" rief Phylax, "Pantelon!
Ists nicht wahr, ich sterbe schon?
Htt ich nur nichts eingenommen,
Wr ich wohl davongekommen.
Sterb ich rmster so geschwind:
O!  so kannst du sicher schreien,
Da die vielen Arzeneien
Meines Todes Quelle sind.

Wie zufrieden schlief ich ein!
Sollt ich nur so manches Bein,
Das ich mir verscharren mssen,
Vor dem Tode noch genieen.
Dieses macht mich kummervoll,
Da ich diesen Schatz vergessen,
Nicht vor meinem Ende fressen,
Auch nicht mit mir nehmen soll.

Liebst du mich, und bist du treu:
O!  so hole sie herbei;
Eines wirst du bei den Linden,
An dem Gartentore finden;
Eines, lieber Pantelon,
Hab ich nur noch gestern morgen
In dem Winterreis verborgen;
Aber fri mir nichts davon."

Pantelon war fortgerannt,
Brachte treulich, was er fand;
Phylax roch, bei schwachem Mute,
Noch den Dunst von seinem Gute.
Endlich, da sein Auge bricht,
Spricht er: "La mir alles liegen!
Sterb ich, so sollst du es kriegen;
Aber, Bruder, eher nicht.

Sollt ich nur so glcklich sein,
Und das schne Schinkenbein,
Das ich--doch ich mags nicht sagen,
Wo ich dieses hingetragen.
Werd ich wiederum gesund:
Will ich dir, bei meinem Leben,
Auch die beste Hlfte geben;
Ja du sollst--" Hier starb der Hund.

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Der Geizhals bleibt im Tode karg;
Zween Blicke wirft er auf den Sarg,
Und tausend wirft er mit Entsetzen
Nach den mit Angst verwahrten Schtzen.
O schwere Last der Eitelkeit!
Um schlecht zu leben, schwer zu sterben,
Sucht man sich Gter zu erwerben;
Verdient ein solches Glck wohl Neid?




Der junge Drescher

Dem Drescher, der im weichen Gras
Vor seinem Topf, mit Milch und schwarzem Brote, sa,
Dem wollte seine Milch nicht schmecken.
Er fing verdrielich an, sich in das Gras zu strecken,
Dacht ngstlich seinem Schicksal nach,
Und dehnte sich dreimal, und sprach:
Du bist ein schlechter Kerl, du hast kein eignes Dach,
Und mut dich Tag vor Tag mit deinem Flegel plagen.
Du ttst ja gern mit deinem Schatze schn;
Allein, du Narr, mut in der Scheune stehn,
Und kannst nach langen vierzehn Tagen
Kaum einmal in die Schenke gehn,
Und einen Krug mit Bier und deine Mieke sehn.
Du bist noch jung, und kannst hbsch lesen und hbsch schreiben,
Und wolltest stets ein Drescher bleiben?
Des Schulzens Tochter ist dir gut,
Ist reich und kann sich hbsch gebrden:
So nimm sie doch.  Du kannst, mein Blut!
Wohl mit der Zeit noch Schulze werden.
Alsdann it du dein Stcke Fleisch in Ruh,
Und trinkst dein gutes Bier dazu,
Und hast gleich nach dem Pfarr die Ehre--
O wenn ich doch schon Schulze wre!
Indem Hanns noch so sprach, kam seine Schne her.
Sie tat, als kme sie nur so von ungefhr;
Allein sie kam mit Flei, weil sie ihn sprechen wollte,
Und er verwegen sein, und sie recht herzen sollte.
Denn Mdchen, wenn sie gleich das Dorf erzogen hat,
Sind wie die Mdchen in der Stadt.

Hanns zieht die Schne sanft zu sich ins Grne nieder,
Lobt ihren neuen Latz, schielt fters auf ihr Mieder,
Fast wie ein junger Herr.  Nur mit dem Unterscheid,
Er hatte mehr Schamhaftigkeit.
Kurz, er fing an, sie recht verliebt zu kssen,
Bat um ihr Herz, und trug ihr Herz davon,
Und ward, wie viele noch auf diesem Dorfe wissen,
Des reichen Schulzen Schwiegersohn.
Kaum hatt er sie, so ward der Alte schon
Durch schnellen Tod der Welt und seinem Dorf entrissen.
Wen wird man nun Herr Schulze gren?
Wen anders, als den Schwiegersohn?

Er eilt ins Amt, kmmt bald und freudig wieder,
Und wirft sich auf die Bank, als Schulz im Dorfe, nieder.

So wie ein durch den Flei vollendeter Student,
Nach einem glcklichen Examen,
Sich selbst vor trunkner Lust nicht kennt,
Wenn ihn die Magd in seiner Schne Namen,
Nach einem tiefen Kompliment,
Das erstemal Herr Doktor nennt:
So wut auch Hanns vor groer Freude
Nicht, wo er Hnd und Fe lie,
Als ihn Schulmeisters Adelheide
Das erstemal Herr Schulze hie.

Wie glcklich pries er sich in seiner Ehrenstelle!
Er a sein Fleisch, und tat den Gsten oft Bescheid.
Allein es kamen mit der Zeit
Auch viel unangenehme Flle.
Denn welches Amt ist wohl davon befreit?
Nach einer nicht gar langen Zeit
Warf sich Herr Hanns verdrielich auf die Stelle,
Auf der er sich sein Glck erfreit,
Und oft gewnscht: Wenn ich doch Schulze wre!
Ich, fing er zu sich selber an,
Ich habe Haus, und Hof, und Ehre,
Und bin mit alledem doch ein geplagter Mann.
Bald soll ich von der Bauern Leben
Im Amte Red und Antwort geben,
Da fhrt mich denn der Amtmann an,
Und heit mich einen dummen Mann.
Bald qulen mich die teuflischen Soldaten,
Und fluchen mir die Ohren voll.
Bald wei ich mir bei den Mandaten,
Bald in Quatembern nicht zu raten,
Die ich dem Landknecht schaffen soll.

Die Bauern brummen, wenn ich strafe,
Und straf ich nicht: so lachen sie mich aus.
Sonst strte mich kein Mensch im Schlafe,
Itzt pocht mich jeder Narr heraus,
Und, wenn es niemand tut, so hunzt die Frau mich aus.
O wre mirs nur keine Schande,
Ich griffe nach dem ersten Stande,
Und strb als Drescher auf dem Lande.

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Wer wei, ob mancher Groe nicht
Im Herzen wie der Schulze spricht?
Wer wei, wie viele sonst zu Fue ruhig waren,
Die itzund mivergngt in stolzen Kutschen fahren?
Wer wei, ob manches Herz nicht viel zufriedner schlug,
Eh es der Frsten Gunst an einem Bande trug?
O lernt, ihr unzufriednen Kleinen,
Da ihr die Ruh nicht durch den Stand gewinnt!
Lernt doch, da die am mindsten glcklich sind,
Die euch am meisten glcklich scheinen!




Der junge Gelehrte

Ein junger Mensch, der viel studierte,
Und, wie die Eltern ganz wohl sahn,
Was Groes schon im Schilde fhrte,
Sprach einen Greis um solche Schriften an,
Die stark und sinnreich denken lehrten,
Mit einem Wort, die zum Geschmack gehrten.
Der Alte ward von Herzen froh,
Und lobt ihm den Homer, den Plato, Cicero,
Und hundert mehr aus alt und neuer Zeit,
Die mit den heilgen Lorbeerkrnzen
Der Dichtkunst und Wohlredenheit,
Umleuchtet von der Ewigkeit,
Den Jnglingen entgegenglnzen.
"O", hub der junge Mensch mit stolzem Lcheln an:
"Ich habe sie fast alle durchgelesen;
Allein"--"Nun gut", sprach der gelehrte Mann,
"Sind sie nach Seinem Sinn gewesen:
So mu Er sie noch zweimal lesen;
Doch sind sie Ihm nicht gut genug gewesen:
So sag Ers ja den Klugen nicht,
Denn sonst erraten sie, woran es Ihm gebricht,
Und heien Ihn die Zeitung lesen."





Der junge Prinz

Ein junger Prinz, der sich des Oheims Gunst empfohlen,
Bekam von ihm zweihundert Stck Pistolen
Mit der Ermunterung, damit wohl umzugehn.
Er lie nach einger Zeit sich wieder vor ihm sehn.
Indem da nun der Oheim mit ihm redte:
So fragt er ihn zu gleicher Zeit,
Ob er das letzte Geld wohl angewendet htte?
"Hier", sprach der junge Prinz erfreut,
"Hier hab ich meine ganze Kasse;
An den zweihunderten fehlt nicht ein einzig Stck."

Der Oheim nahm den Augenblick
Das Geld, und warf es auf die Gasse.
"Lernt, Prinz", fing drauf der Oheim an,
"Die Kunst, das Geld nutzbarer anzuwenden;
Ein Prinz hat darum viel in Hnden,
Damit er vielen dienen kann."





Der Jngling

Ein Jngling, welcher viel von einer Stadt gehrt,
In der der Segen wohnen sollte,
Entschlo sich, da er da sich niederlassen wollte.
Dort, sprach er oft, sei dir dein Glck beschert.
Er nahm die Reise vor, und sah schon mit Vergngen
Die liebe Stadt auf einem Berge liegen.
Gottlob!  fing unser Jngling an,
Da ich die Stadt schon sehen kann;
Allein der Berg ist steil.  O, wr er schon erstiegen!
Ein fruchtbar Tal stie an des Berges Fu.
Die grte Menge schner Frchte
Fiel unserm Jngling ins Gesichte.
O, dacht er, weil ich doch sehr lange steigen mu:
So will ich, meinen Durst zu stillen,
Den Reisesack mit solchen Frchten fllen.
Er a, und fand die Frucht vortrefflich vom Geschmack,
Und fllte seinen Reisesack.

Er stieg den Berg hinan, und fiel den Augenblick
Beladen in das Tal zurck.
"O Freund!" rief einer von den Hhen,
"Der Weg zu uns ist nicht so leicht zu gehen.
Der Berg ist steil, und mhsam jeder Schritt.
Und du nimmst dir noch eine Brde mit?
Vergi das Obst, das du zu dir genommen,
Sonst wirst du nicht auf diesen Gipfel kommen.
Steig leer, und steig beherzt, und gib dir alle Mh;
Denn unser Glck verdienet sie."

Er stieg, und sah empor, wie weit er steigen mte.
Ach Himmel!  ach, es war noch weit.
Er ruht und a zu gleicher Zeit
Von seiner Frucht, damit er sich die Mh verste.
Er sah bald in das Tal, und bald den Berg hinan;
Hier traf er Schwierigkeit und dort Vergngen an.
Er sinnt.  Ja ja, er mag es berlegen.
Steig, sagt ihm sein Verstand, bemh dich um dein Glck.
Nein, sprach sein Herz, kehr in das Tal zurck;
Du steigst sonst ber dein Vermgen.
Ruh etwas aus, und i dich satt,
Und warte, bis dein Fu die rechten Krfte hat.
Dies tat er auch.  Er pflegte sich im Tale,
Entschlo sich oft zu gehn, und schien sich stets zu matt.
Das erste Hindernis galt auch die andern Male.
Kurz, er verga sein Glck, und kam nie in die Stadt.

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Dem Jngling gleichen viele Christen.
Sie wagen auf der Bahn der Tugend einen Schritt,
Und sehn darauf nach ihren Lsten,
Und nehmen ihre Lste mit.
Beschwert mit diesen Hindernissen,
Weicht bald ihr trger Geist zurck.
Und, auf ein sinnlich Glck beflissen,
Vergessen sie die Mh um ein unendlich Glck.




Der Kandidat

Ein Kandidat, der gern befrdert werden wollte,
Lag einem sehr berhmten Mann,
Der viel vermocht, instndig an,
Da er sein Glck ihm machen sollte,
Und reichte, weil ein Platz im Ratstuhl offen war,
Dem Gnner eine Bittschrift dar.
Der Gnner las sie durch, und las sie mit Vergngen.
"Es krnkt mich", fing er an, und nahm ihn bei der Hand,
"Da ich Sie eher nicht gekannt.
Ich lieb und ehre den Verstand.
Sie sollen dieses Amt vor allen andern kriegen."
Er sprach darauf mit ihm, und was der Jngling sprach,
Verriet den besten Geist, geschaffen zum Studieren,
Zum grten Amte nicht zu schwach,
Und wert, die andern zu regieren.

"Ach!" sprach der Gnner ganz erfreut,
"Nun kenn ich Sie; das Amt ist Ihre",
Und in der grten Freundlichkeit
Ging er mit ihm bis vor die Tre.
Hier bot der Jngling ihm ein groes Goldstck an,
Um sichrer noch zu gehn.  "Nein", sprach der wackre Mann,
"Nunmehr soll dieses Amt nicht Ihre;
Denn wer Geschenke gibt, nimmt sie auch wieder an;
Ihr Herz ist schlecht." Hier griff er nach der Tre.





Der Knabe

Ein Knabe, der den fleiigen Papa,
Oft nach den Sternen gucken sah,
Wollt auch den Himmel kennenlernen.
Er blieb steif vor dem Sehrohr stehn,
Und sah begierig nach den Sternen;
Allein er konnte nicht viel sehn.
"Was heit es denn", sprach drauf der Knabe,
"Da ich fast nichts erkennen kann?
Ha, ha, nun fllt mirs ein, was ich vergessen habe;
Mein Vater fngt es anders an,
Er blinzt zuweilen zu, das hab ich nicht getan.
O bin ich nicht ein dummer Knabe!
Schon gut!  Nun wei ich, was ich tu."
Und hurtig hielt er sich die Augen beide zu,
Und sah durchs Sehrohr nach den Sternen.
Der Narr!  Was sah er denn?  Das alles, was du siehst,
Wenn du, um durch die Schrift Gott deutlich sehn zu lernen,
Dir die Vernunft vorher entziehst.




Der Kranke

Ein Mann, den lange schon die Gliederkrankheit plagte,
Tat alles, was man ihm nur sagte,
Und konnte doch von seiner Pein
Auf keine Weise sich befrein.
Ein altes Weib, der er sein Elend klagte,
Schlug ihm geheimnisvoll ein magisch Mittel vor.
"Ihr mt Euch", zischt sie ihm ins Ohr,
"Auf eines Frommen Grab bei frher Sonne setzen,
Und Euch mit dem gefallnen Tau
Dreimal die Hand, dreimal den Schenkel netzen;
Es hilft, gedenkt an eine Frau."
Der Kranke tat, was ihm die Alte sagte;
Denn sagt, was tut man nicht, ein bel los zu sein?
Er ging zum Kirchhof hin, und zwar, sobald es tagte,
Und trat an einen Leichenstein,
Und las: "Wer dieser Mann gewesen,
Lt, Wandrer, dich sein Grabmal lesen:
Er war das Wunder seiner Zeit,
Das Muster wahrer Frmmigkeit;
Und, da man viel mit wenig Worten sagt,
Er ists, den Kirch und Schul, und Stadt und Land beklagt."
Hier setzt sich der Geplagte nieder,
Benetzt die halb gelhmten Glieder;
Doch ohne Wirkung bleibt die Kur,
Sein Gliederschmerz vermehrt sich nur.
Er greift betrbt nach seinem Stabe,
Schleicht von des frommen Mannes Grabe,
Und setzt sich auf das nchste Grab,
Dem keine Schrift ein Denkmal gab;
Hier nahm sein Schmerz allmhlich ab.
Er braucht sogleich sein Mittel wieder;
Schnell lebten die gelhmten Glieder,
Und, ohne Schmerz und ohne Stab,
Verlie er dieses fromme Grab.
"Ach", rief er, "lt kein Stein mich lesen,
Wer dieser fromme Mann gewesen?"
Der Kster kam von ungefhr herbei;
Den fragt der Mann, wer hier begraben sei?
Der Kster lt sich lange fragen,
Als knnt ers ohne Scheu nicht sagen.
"Ach!" hub er endlich seufzend an:
"Verzeih mirs Gott!  es war ein Mann,
Dem, weil er Ketzereien glaubte,
Man kaum ein ehrlich Grab erlaubte;
Ein Mann, der lose Knste trieb,
Komdien und Verse schrieb;
Er war, wie ich mit Recht behaupte,
Ein Neuling und ein Bsewicht."
"Nein!" sprach der Mann, "das war er nicht,
So gottlos ihn die Leute schalten;
Doch jener dort, den ihr fr fromm gehalten,
Von dem sein Grab so rhmlich spricht,
Der war gewi ein Bsewicht."





Der Kuckuck

Der Kuckuck sprach mit einem Star,
Der aus der Stadt entflohen war.
"Was spricht man", fing er an zu schreien,
"Was spricht man in der Stadt von unsern Melodeien?
Was spricht man von der Nachtigall?"
"Die ganze Stadt lobt ihre Lieder."
"Und von der Lerche?" rief er wieder.
"Die halbe Stadt lobt ihrer Stimme Schall."
"Und von der Amsel?" fuhr er fort.
"Auch diese lobt man hier und dort."
"Ich mu dich doch noch etwas fragen:
Was", rief er, "spricht man denn von mir?"
"Das", sprach der Star, "das wei ich nicht zu sagen;
Denn keine Seele redt von dir."
"So will ich", fuhr er fort, "mich an dem Undank rchen,
Und ewig von mir selber sprechen."




Der Lgner

Ihr Meister in der Kunst zu lgen,
Rhmt euren Witz, schlau zu betrgen,
Soviel ihr uns davon erzhlt:
So wett ich doch, da euch die rechte List noch fehlt.
Ein schlechter Mensch, ihr werdet lachen,
Wird euch den Vorzug streitig machen.

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In London sa ein bser Bube
Nebst einem andern auf den Tod.
Ein Anatomikus trat in die Kerkerstube,
Und tat auf seinen Leib dem einen ein Gebot.*
Doch Niklas schwor, da ihn der Teufel holen sollte,
Eh er fr diesen Preis dem Arzt sich lassen wollte.
"Herr", schrie der andre Delinquent,
"Sagt, wie Ihr um den Kerl so lange handeln knnt?
Lat seinen magern Leib den Raben.
Seht, wie gesund ich bin, wie fett!  Ihr sollt mich haben.
Und wit Ihr, was Ihr geben sollt?
Ich will es billig mit Euch machen:
Drei Gulden.  Bin ich tot: so schneidet, wie Ihr wollt,
Ich will von keinem Schnitt erwachen."
Kaum hat er noch das Geld empfangen:
So rief der witzge Delinquent:
"Gelogen!  Herr, seht zu, wie Ihr mich kriegen knnt!
Ich werd in Ketten aufgehangen."





Der Maler

Ein kluger Maler in Athen,
Der minder, weil man ihn bezahlte,
Als, weil er Ehre suchte, malte,
Lie einen Kenner einst den Mars im Bilde sehn,
Und bat sich seine Meinung aus.
Der Kenner sagt ihm frei heraus,
Da ihm das Bild nicht ganz gefallen wollte,
Und da es, um recht schn zu sein,
Weit minder Kunst verraten sollte.
Der Maler wandte vieles ein:
Der Kenner stritt mit ihm aus Grnden,
Und konnt ihn doch nicht berwinden.
Gleich trat ein junger Geck herein,
Und nahm das Bild in Augenschein.
"O", rief er, bei dem ersten Blicke,
"Ihr Gtter, welch ein Meisterstcke!
Ach welcher Fu!  O wie geschickt
Sind nicht die Ngel ausgedrckt!
Mars lebt durchaus in diesem Bilde.
Wie viele Kunst, wie viele Pracht,
Ist in dem Helm, und in dem Schilde,
Und in der Rstung angebracht!"

Der Maler ward beschmt gerhret,
Und sah den Kenner klglich an.
"Nun", sprach er, "bin ich berfhret!
Ihr habt mir nicht zuviel getan."
Der junge Geck war kaum hinaus:
So strich er seinen Kriegsgott aus.

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Wenn deine Schrift dem Kenner nicht gefllt;
So ist es schon ein bses Zeichen;
Doch wenn sie gar des Narren Lob erhlt:
So ist es Zeit, sie auszustreichen.




Der Polyhistor

An jenem Flu, zu dem wir alle mssen,
Es mag uns noch so sehr verdren,
An jenem Flu kam einst ein hochgelehrter Mann,
Bestubt von seinen Bchern, an,
Und eilte zu des Charons Kahn.
"Willkommen!" fing der Fhrmann an,
Indem er sich aufs Ruder lehnte,
Und bei dem Wort Willkommen herzlich ghnte,
"Wer seid Ihr denn, mein lieber Mann?"
"Ein Polyhistor", sprach der Schatten,
"Fr den die Schulen Ehrfurcht hatten--"
Indem er noch vor Charons Kahn
Von seinen Sprachen sprach, von nichts als Stmpern redte,
Und von Quartanten schrie, die er geschrieben htte,
Kam noch ein andrer Schatten an,
Mit einer demutsvollen Miene.
"Und wer seid Ihr, auch ein gelehrter Mann?"
"Ich zweifle sehr", sprach er, "ob ich den Ruhm verdiene.
Ich habe nichts als mich studiert.
Nichts als mein Herz, das mich so oft verfhrt,
Des Tiefe sucht ich zu ergrnden,
Um meine Ruh und andrer Ruh zu finden;
Allein soviel ich immer nachgedacht,
Und so bekannt ich mich mit der Vernunft gemacht:
So hab ichs doch nicht weit gebracht,
Wie mich viel Fehler berzeugen."

Der Polyhistor hrts und lacht,
Und eilt, um in den Kahn zuallererst zu steigen.
"Zurck!" rief Charon ziemlich hart,
"Ich mu zuerst den Klugen berfahren,
Kaum einer kmmt in hundert Jahren;
Allein an Leuten Eurer Art,
Die stolze Polyhistor waren,
Hab ich mich schon bald lahm gefahren."





Der Proze

Ja, Prozesse mssen sein!
Gesetzt, sie wren nicht auf Erden,
Wie knnt alsdann das Mein und Dein
Bestimmet und entschieden werden?
Das Streiten lehrt uns die Natur.
Drum, Bruder, recht' und streite nur.
Du siehst, man will dich bertuben;
Doch gib nicht nach, setz alles auf,
Und la dem Handel seinen Lauf;
Denn Recht mu doch Recht bleiben.
"Was sprecht Ihr, Nachbar?  Dieser Rain,
Der sollte, meint Ihr, Euer sein?
Nein, er gehrt zu meinen Hufen."

"Nicht doch, Gevatter, nicht, Ihr irrt;
Ich will Euch zwanzig Zeugen rufen,
Von denen jeder sagen wird,
Da lange vor der Schwedenzeit--"

"Gevatter, Ihr seid nicht gescheit!
Versteht Ihr mich?  Ich will Euchs lehren,
Da Rain und Gras mir zugehren.
Ich will nicht eher sanfte ruhn;
Das Recht, das soll den Ausspruch tun."

So saget Kunz, schlgt in die Hand,
Und rckt den spitzen Hut die Quere.
"Ja, eh ich diesen Rain entbehre,
So meid ich lieber Gut und Land."
Der Zorn bringt ihn zu schnellen Schritten,
Er eilet nach der nahen Stadt.
Allein, Herr Glimpf, sein Advokat,
War kurz zuvor ins Amt geritten.
Er luft, und holt Herrn Glimpfen ein.
Wie, sprecht ihr, kann das mglich sein?
Kunz war zu Fu, und Glimpf zu Pferde.
So glaubt ihr, da ich lgen werde?
Ich bitt euch, stellt das Reden ein,
Sonst werd ich, diesen Schimpf zu rchen,
Gleich selber mit Herrn Glimpfen sprechen.

Ich sag es noch einmal, Kunz holt Herr Glimpfen ein,
Greift in den Zaum, und grt Herr Glimpfen.
"Herr!" fngt er ganz erbittert an,
"Mein Nachbar, der infame Mann,
Der Schelm, ich will ihn zwar nicht schimpfen;
Der, denkt nur, spricht, der schmale Rain,
Der zwischen unsern Feldern lieget,
Der, spricht der Narr, der wre sein.
Allein den will ich sehn, der mich darum betrget.
Herr", fuhr er fort, "Herr, meine beste Kuh,
Sechs Scheffel Haber noch dazu!
(Hier wieherte das Pferd vor Freuden.)
O dient mir wider ihn, und helft die Sach entscheiden."

"Kein Mensch", versetzt Herr Glimpf, "dient freudiger als ich.
Der Nachbar hat nichts einzuwenden,
Ihr habt das grte Recht in Hnden;
Aus Euren Reden zeigt es sich.
Genug, verklagt den Ungestmen!
Ich will mich zwar nicht selber rhmen,
Dies tut kein ehrlicher Jurist;
Doch dieses knnt Ihr leicht erfahren,
Ob ein Proze, seit zwanzig Jahren,
Von mir verloren worden ist?
Ich will Euch Eure Sache fhren,
Ein Wort, ein Mann!  Ihr sollt sie nicht verlieren."
Glimpf reutet fort.  "Herr", ruft ihm Kunz noch nach,
"Ich halte, was ich Euch versprach."

Wie hitzig wird der Streit getrieben!
Manch Ries Papier wird vollgeschrieben.
Das halbe Dorf mu in das Amt;
Man eilt, die Zeugen abzuhren,
Und fnfundzwanzig mssen schwren,
Und diese schwren insgesamt,
Da, wie die alte Nachricht lehrte,
Der Rain ihm gar nicht zugehrte.
Ei, Kunz, das Ding geht ziemlich schlecht!
Ich wei zwar wenig von dem Rechte;
Doch im Vertraun geredt, ich dchte,
Du httest nicht das grte Recht.

Manch widrig Urteil kmmt; doch lat es widrig klingen!
Glimpf muntert den Klienten auf:
"Lat dem Prozesse seinen Lauf,
Ich schwr Euch, endlich durchzudringen,
Doch--
  "Herr, ich hr es schon; ich will das Geld gleich bringen."

Kunz borgt manch Kapital.  Fnf Jahre whrt der Streit;
Allein, warum so lange Zeit?
Dies, Leser, kann ich dir nicht sagen,
Du mut die Rechtsgelehrten fragen.

Ein letztes Urteil kmmt.  O seht doch, Kunz gewinnt!
Er hat zwar viel dabei gelitten;
Allein was tuts, da Haus und Hof verstritten,
Und Haus und Hof schon angeschlagen sind?
Genug, da er den Rain gewinnt.
"O", ruft er, "lernt von mir, den Streit aufs hchste treiben,
Ihr seht ja, Recht mu doch Recht bleiben!"





Der Reisende

Ein Wandrer bat den Gott der Gtter,
Den Zeus, bei ungestmem Wetter,
Um stille Luft und Sonnenschein.
Umsonst!  Zeus lt sich nicht bewegen;
Der Himmel strmt mit Wind und Regen,
Denn strmisch sollt es heute sein.
Der Wandrer setzt mit bittrer Klage,
Da Zeus mit Flei die Menschen plage,
Die saure Reise mhsam fort.
Sooft ein neuer Sturmwind wtet,
Und schnell ihm stillzustehn gebietet:
Sooft ertnt ein Lsterwort.

Ein naher Wald soll ihn beschirmen;
Er eilt, dem Regen und den Strmen
In diesem Holze zu entgehn;
Doch eh der Wald ihn aufgenommen:
So sieht er einen Ruber kommen,
Und bleibt vor Furcht im Regen stehn.

Der Ruber greift nach seinem Bogen,
Den schon die Nsse schlaff gezogen;
Er zielt, und fat den Pilger wohl;
Doch Wind und Regen sind zuwider;
Der Pfeil fllt matt vor dem danieder,
Dem er das Herz durchbohren soll.

"O Tor!" lt Zeus sich zornig hren,
"Wird dich der nahe Pfeil nun lehren,
Ob ich dem Sturm zu viel erlaubt?
Htt ich dir Sonnenschein gegeben,
So htte dir der Pfeil das Leben,
Das dir der Sturm erhielt, geraubt."





Der Schatz

Ein kranker Vater rief den Sohn.
"Sohn!" sprach er, "um dich zu versorgen,
Hab ich vor langer Zeit einst einen Schatz verborgen;
Er liegt--" Hier starb der Vater schon.
Wer war bestrzter als der Sohn?
"Ein Schatz!  (So waren seine Worte.)
Ein Schatz!  Allein an welchem Orte?
Wo find ich ihn?" Er schickt nach Leuten aus,
Die Schtze sollen graben knnen,
Durchbricht der Scheuern harte Tennen,
Durchgrbt den Garten und das Haus,
Und grbt doch keinen Schatz heraus.
Nach viel vergeblichem Bemhen
Heit er die Fremden wieder ziehen,
Sucht selber in dem Hause nach,
Durchsucht des Vaters Schlafgemach,
Und findt mit leichter Mh (wie gro war sein Vergngen!)
Ihn unter einer Diele liegen.

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Vielleicht, da mancher eh die Wahrheit finden sollte,
Wenn er mit mindrer Mh die Wahrheit suchen wollte.
Und mancher htte sie wohl zeitiger entdeckt,
Wofern er nicht geglaubt, sie wre tief versteckt.
Verborgen ist sie wohl; allein nicht so verborgen,
Da du der finstern Schriften Wust,
Um sie zu sehn, mit tausend Sorgen,
Bis auf den Grund durchwhlen mut.
Verla dich nicht auf fremde Mh,
Such selbst, such aufmerksam, such oft: du findest sie.
Die Wahrheit, lieber Freund, die alle ntig haben,
Die uns, als Menschen, glcklich macht,
Ward von der weisen Hand, die sie uns zugedacht,
Nur leicht verdeckt; nicht tief vergraben.




Der Selbstmord

O Jngling, lern aus der Geschichte,
Die dich vielleicht zu Trnen zwingt,
Was fr bejammernswerte Frchte
Die Liebe zu den Schnen bringt!
Ein Beispiel wohlgezogner Jugend,
Des alten Vaters Trost und Stab,
Ein Jngling, der durch frhe Tugend
Zur grten Hoffnung Anla gab;

Den zwang die Macht der schnen Triebe,
Climenen zrtlich nachzugehn.
Er seufzt, er bat um Gegenliebe;
Allein vergebens war sein Flehn.

Fufllig klagt er ihr sein Leiden.
Umsonst!  Climene heit ihn fliehn.
Ja, schreit er, ja, ich will dich meiden,
Ich will mich ewig dir entziehn.

Er reit den Degen aus der Scheide,
Und--o was kann verwegner sein!
Kurz, er besieht die Spitz und Schneide,
Und steckt ihn langsam wieder ein.





Der sterbende Vater

Ein Vater hinterlie zween Erben,
Christophen, der war klug, und Grgen, der war dumm.
Sein Ende kam, und kurz vor seinem Sterben
Sah er sich ganz betrbt nach seinem Christoph um.
"Sohn", fing er an, "mich qult ein trauriger Gedanke:
Du hast Verstand, wie wird dirs knftig gehn?
Hr an, ich hab in meinem Schranke
Ein Kstchen mit Juwelen stehn,
Die sollen dein.  Nimm sie, mein Sohn,
Und gib dem Bruder nichts davon."
Der Sohn erschrak und stutzte lange.
"Ach Vater", hub er an, "wenn ich so viel empfange,
Wie kmmt alsdann mein Bruder fort?"
"Er?" fiel der Vater ihm ins Wort,
"Fr Grgen ist mir gar nicht bange,
Der kmmt gewi durch seine Dummheit fort."





Der se Traum

Mit Trumen, die uns schn betrgen,
Erfreut den Timon einst die Nacht;
Im Schlaf erlebt er das Vergngen,
An das er wachend kaum gedacht.
Er sieht, aus seines Bettes Mitte
Steigt schnell ein groer Schatz herauf.
Und schnell baut er aus seiner Htte
Im Schlafe schon ein Lustschlo auf.
Sein Vorsaal wimmelt von Klienten,
Und, unbekleidet am Kamin,
Lt er, die ihn vordem kaum nennten,
In Ehrfurcht itzt auf sich verziehn.
Die Schne, die ihn oft im Wachen
Durch ihre Sprdigkeit betrbt,
Mu Timons Glck vollkommen machen;
Denn trumend sieht er sich geliebt.
Er sieht von Doris sich umfangen,
Und ruft, als dies ihm trumt, vergngt;
Er lallt: "O Doris, mein Verlangen!
Hat Timon endlich dich besiegt?"
Sein Schlafgeselle hrt ihn lallen;
Er hrt, da ihn ein Traum verfhrt,
Und tut ihm liebreich den Gefallen,
Und macht, da sich sein Traum verliert.
"Freund", ruft er, "la dich nicht betrgen,
Es ist ein Traum, ermuntre dich!"
"O bser Freund, um welch Vergngen",
Klagt Timon ngstlich, "bringst du mich!
Du machest, da mein Traum verschwindet;
Warum entziehst du mir die Lust?
Genug, ich hielt sie fr gegrndet,
Weil ich den Irrtum nicht gewut."

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Oft qult ihr uns, ihr Wahrheitsfreunde,
Mit eurer Dienstbeflissenheit;
Oft seid ihr unsrer Ruhe Feinde,
Indem ihr unsre Lehrer seid.
Wer heit euch uns den Irrtum rauben,
Den unser Herz mit Lust besitzt?
Und der, so heftig wir ihn glauben,
Uns dennoch minder schadt, als ntzt?
Der wird die halbe Welt bekriegen,
Wer allen Wahn der Welt entzieht.
Die meisten Arten von Vergngen
Entstehen, weil man dunkel sieht.
Was denkt der Held bei seinen Schlachten?
Er denkt, er sei der grte Held.
Gnnt ihm die Lust, sich hochzuachten,
Damit ihm nicht der Mut entfllt.
Geht, fragt: Was denkt wohl Adelheide?
Sie denkt, mein Mann liebt mich getreu.
Sie irrt; doch gnnt ihr ihre Freude,
Und lat das arme Weib dabei.
Was glaubt der Ehemann von Lisetten?
Er glaubt, da sie die Keuschheit ist.
Er irrt; ich wollte selber wetten;
Doch schweigt, wenn ihr es besser wit.
Was denkt der Philosoph im Schreiben?
Mich liest der Hof, mich ehrt die Stadt!
Er irrt; doch lat ihn irrig bleiben,
Damit er Lust zum Denken hat.
Durchsucht der Menschen ganzes Leben:
Was treibt zu groen Taten an?
Was pflegt uns Ruh und Trost zu geben?
Sehr oft ein Traum, ein ser Wahn.
Genug, da wir dabei empfinden!
Es sei auch tausendmal ein Schein!
Sollt aller Irrtum ganz verschwinden:
So wr es schlimm, ein Mensch zu sein.




Der Tanzbr

Ein Br, der lange Zeit sein Brot ertanzen mssen,
Entrann, und whlte sich den ersten Aufenthalt.
Die Bren grten ihn mit brderlichen Kssen,
Und brummten freudig durch den Wald.
Und wo ein Br den andern sah:
So hie es: Petz ist wieder da!
Der Br erzhlte drauf, was er in fremden Landen
Fr Abenteuer ausgestanden,
Was er gesehn, gehrt, getan!
Und fing, da er vom Tanzen redte,
Als ging er noch an seiner Kette,
Auf polnisch schn zu tanzen an.
Die Brder, die ihn tanzen sahn,
Bewunderten die Wendung seiner Glieder,
Und gleich versuchten es die Brder;
Allein anstatt, wie er, zu gehn:
So konnten sie kaum aufrecht stehn,
Und mancher fiel die Lnge lang danieder.
Um desto mehr lie sich der Tnzer sehn;
Doch seine Kunst verdro den ganzen Haufen.
Fort, schrien alle, fort mit dir!
Du Narr willst klger sein, als wir?
Man zwang den Petz, davonzulaufen.

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Sei nicht geschickt, man wird dich wenig hassen,
Weil dir dann jeder hnlich ist;
Doch je geschickter du vor vielen andern bist;
Je mehr nimm dich in acht, dich prahlend sehn zu lassen.
Wahr ists, man wird auf kurze Zeit
Von deinen Knsten rhmlich sprechen;
Doch traue nicht, bald folgt der Neid,
Und macht aus der Geschicklichkeit
Ein unvergebliches Verbrechen.




Der Tartarfrst

Ein Tartarfrst, von dem man in Geschichten preist,
Da er, als Prinz, Europa durchgereist,
Befahl, weil er sein Volk galanter machen wollte,
Da kein vornehmes Weib ihr Kind selbst stillen sollte.
Die wilden Damen lachten nur;
Sie nhrten nach wie vor ihr Kind mit ihren Brsten,
Und glaubten; da sie der Natur
Und ihren Mttern folgen mten.
Der Chan fing an, sich zu entrsten,
Gab ein sehr scharf Mandat, und schwur,
Da jede Frau vom Stande sterben sollte,
Die fr ihr Kind nicht Ammen halten wollte.
Und weil sie sich gezwungen sahn:
So nahmen sie denn Ammen an.
Allein sie konnten sich des Triebs nicht lang erwehren,
Ihr eigen Blut an ihrer Brust zu nhren.
Die meisten fingen an, dem Chan den Tod zu schwren.
Einst, als der Tartarfrst sich ganz allein befand,
Kam, mit dem Degen in der Hand,
Ein vornehm Weib auf ihn gerannt,
Und sprach, von edlem Grimm entbrannt:
"Hr auf, mein Kind mir abzudrngen,
Sonst bin ich hier, dich umzubringen!
Ich sug es selbst, und sug es mir zur Lust,
Deswegen hab ich diese Brust.
In dieser Pflicht, mein Kind daran zu nehmen,
Soll mich, o Frst, kein Tier beschmen."

Der gute Tartarfrst erschrak,
Und unterlie, um nicht sein Leben zu verlieren,
Den europischen Geschmack
In seinen Horden einzufhren.





Der Tod der Fliege und der Mcke

Der Tod der Fliege heit mich dichten;
Der Tod der Mcke heischt mein Lied.
Und klglich will ich dir berichten,
Wie jene starb, und die verschied.
Sie setzte sich, die junge Fliege,
Voll Mut auf einen Becher Wein;
Entschlo sich, tat drei gute Zge,
Und sank vor Lust ins Glas hinein.

Die Mcke sah die Freundin liegen.
"Dies Grabmal", sprach sie, "will ich scheun.
Am Lichte will ich mich vergngen,
Und nicht an einem Becher Wein."

Allein, verblendet von dem Scheine,
Ging sie der Lust zu eifrig nach;
Verbrannte sich die kleinen Beine,
Und starb nach einem kurzen Ach.

Ihr, die ihr euren Trieb zu nhren,
In dem Vergngen selbst verdarbt,
Ruht wohl, und lat zu euren Ehren
Mich sagen, da ihr menschlich starbt.





Der unsterbliche Autor

Ein Autor schrieb sehr viele Bnde,
Und ward das Wunder seiner Zeit;
Der Journalisten gtge Hnde
Verehrten ihm die Ewigkeit.
Er sah, vor seinem sanften Ende,
Fast alle Werke seiner Hnde
Das sechste Mal schon aufgelegt,
Und sich, mit tiefgelehrtem Blicke,
In einer spanischen Percke
Vor jedes Titelblatt geprgt.
Er blieb vor Widersprechern sicher,
Und schrieb bis an den Tag, da ihn der Tod entseelt;
Und das Verzeichnis seiner Bcher,
Die kleinen Schriften mitgezhlt,
Nahm an dem Lebenslauf allein
Drei Bogen und drei Seiten ein.
Man las nach dieses Mannes Tode
Die Schriften mit Bedachtsamkeit;
Und seht, das Wunder seiner Zeit
Kam in zehn Jahren aus der Mode,
Und seine gttliche Methode
Hie eine bange Trockenheit.
Der Mann war blo berhmt gewesen,
Weil Stmper ihn gelobt, eh Kenner ihn gelesen.

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Berhmt zu werden, ist nicht schwer,
Man darf nur viel fr kleine Geister schreiben;
Doch bei der Nachwelt gro zu bleiben,
Dazu gehrt noch etwas mehr,
Als, seicht am Geist, in strenger Lehrart schreiben.





Der Wuchrer

Ein Wuchrer kam in kurzer Zeit
Zu einem grflichen Vermgen,
Nicht durch Betrug und Ungerechtigkeit,
Nein, er beschwur es oft, allein durch Gottes Segen.
Und um sein dankbar Herz Gott an den Tag zu legen,
Und auch vielleicht aus heiligem Vertraun,
Gott zur Vergeltung zu bewegen,
Lie er ein Hospital fr arme Fromme baun.
Indem er nun den Bau zustande brachte,
Und vor dem Hause stund, und heimlich berdachte,
Wie sehr verdient er sich um Gott und Arme machte,
Ging ein verschmitzter Freund vorbei.
Der Geizhals, der gern haben wollte,
Da dieser Freund das Haus bewundern sollte,
Fragt ihn mit freudigem Geschrei,
Obs gro genug fr Arme sei?
"Warum nicht?" sprach der Freund.  "Hier knnen viel Personen
Recht sehr bequem beisammen sein;
Doch sollen alle die hier wohnen,
Die Ihr habt arm gemacht: so ist es viel zu klein."





Der wunderbare Traum

Aus einem alten Fabelbuche
(Der Titelbogen fehlt daran,
Sonst fhrt ichs meinen Lesern an),
Aus dem ich mich Rats zu erholen suche,
Wenn ich selbst nichts erfinden kann;
Ans diesem alten deutschen Buche,
Das mir schon manchen Dienst getan,
Will ich mir einen Traum erwhlen.
Als ich einmal, so fngt mein Autor an,
Nach seiner Weise zu erzhlen,
In einer Kirche sa, so fiel mir jhling ein:
Wer mag von so viel tausend Seelen,
Die diesen Ort zu ihrer Andacht whlen,
Doch wohl die frmmste Seele sein?
In den Gedanken schlief ich ein,
Und sah im Traum vor mir des Tempels Schutzgeist stehen,
"Du", sprach er, "wnschest dir, das frmmste Herz zu sehen?"
Und rhrte mein Gesicht mit seiner Rechten an.
Mir kam, sobald er dies getan,
Ein sanfter kalter Schauer an.
Und pltzlich sah ich mich in heilgem Glanze stehen.
"Fang an", sprach er, "die Kirche durchzugehen.
Der, den dein Glanz so rhrt, da er dich dreimal kt,
Der hat das frmmste Herz, das hier zu finden ist."

Ich ging, um es recht bald zu wissen,
In dem empfangnen Glanz hart vor der Sakristei
Einmal, und noch einmal, vorbei,
Weil mir es schien, als wolle man mich kssen.
Ich wartete noch eine gute Frist,
Und ward einmal; allein ganz kalt, gekt.

Ich ging darauf in die Kapellen,
In denen ich die frmmsten Mienen fand,
Und alles schien sich aufzuhellen,
Man lchelte, man tat galant
Und kte mir zur Not die Hand.

Drauf lie ich mich auf einer hhern Bhne
Gesichtern, voll von Ernst und tiefer Weisheit, sehn.
Ich blieb ein feines Weilchen stehn.
Sie sahn mich an, und machten eine Miene,
Als ob sie sich an mir schon satt gesehn.
Und ungekt mut ich von dannen gehn.

Ich stellte mich nun vor die niedern Stnde.
Hier warfen mir viel weie Hnde,
Da einen Ku, dort einen zu.
Ich lie mein Auge lange fragen:
Ach, gutes Herz!  wo wohnest du?
Allein man wollt es nicht, mich zu umarmen, wagen,
Und ich ging ganz betrbt auf meinen Schutzgeist zu.
Mein traurig Schicksal ihm zu klagen.
Indem, da ich noch durch die Halle schlich,
Sah mich, in einem schlechten Kleide,
Ein liebes Mdchen an, und seht, sie kte mich
Mit einer pltzlichen und unschuldsvollen Freude.
Und eh ich noch von ihr den dritten Ku erhielt:
So fhlt ich schon die selgen Triebe
Der Redlichkeit und Menschenliebe
So stark in mir, als ich sie nie gefhlt.
Ein Mdchen, rief ich aus, an das die Welt kaum dachte,
Besitzt das beste Herz!  Ich rief es, und erwachte.





Der zrtliche Mann

Die ihr so eiferschtig seid,
Und nichts als Unbestndigkeit,
Den Mnnern vorzurcken pfleget!
O Weiber, berwindet euch,
Lest dies Gedicht und seid zugleich
Beschmt, und ewig widerleget.
Wir Mnner sind es ganz allein,
Die einmal nur, doch ewig lieben;
Uns ist die Treu ins Blut geschrieben.
Beweist es!  hr ich alle schrein.
Recht gut!  Es soll bewiesen sein.

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Ein liebes Weib ward krank, wovon?  Von vieler Galle?
Die alte Sptterei!  Kein Kluger glaubt sie mehr.
Nein, nein, die Weiber siechten alle,
Wenn diese bel schdlich wr.
Genug, sie ward sehr krank.  Der Mann wendt alles an,
Was man von Mnnern fordern kann;
Eilt, ihr zu rechter Zeit die Pulver einzuschtten;
Er lt fr seine Frau in allen Kirchen bitten,
Und gibt noch mehr dafr, als sonst gebruchlich war:
Und doch vermehrt sich die Gefahr.
Er chzt, er weint und schreit, er will mit ihr verderben.
"Ach Engel", spricht die Frau, "stell deine Klagen ein!
Ich werde mit Vergngen sterben,
Versprich mir nur, nicht noch einmal zu frein."
Er schwrt, sich keine mehr zu whlen.
"Dein Schatten", ruft er, "soll mich qulen,
Wenn mich ein zweites Weib besiegt."
Er schwrt.  Nun stirbt sein Weib vergngt.
Wer kann den Kummer wohl beschreiben,
Der unsern Witwer berfllt?
Er wei vor Jammer kaum zu bleiben;
Zu eng ist ihm sein Haus, zu klein ist ihm die Welt.
Er opfert seiner Frau die allertreusten Klagen,
Bleibt ohne Speis und Trank, sucht keine Lagerstatt;
Er klagt, und ist des Lebens satt.
Indes befiehlt die Zeit, sie in das Grab zu tragen.
Man legt der Seligen ihr schwarzes Brautkleid an;
Der Witwer tritt betrnt an ihren Sarg hinan.
"Was?" fngt er pltzlich an zu fluchen,
"Was, Henker, was soll dieses sein?
Fr eine tote Frau ein Brautkleid auszusuchen?
Gesetzt, ich wollte wieder frein:
So mt ich ja ein neues machen lassen."

Ihr Leute krnkt ihn nicht, geht, holt ein ander Kleid,
Und lat dem armen Witwer Zeit;
Er wird sich mit der Zeit schon fassen.





Der Zeisig

Ein Zeisig wars und eine Nachtigall,
Die einst zu gleicher Zeit vor Damons Fenster hingen.
Die Nachtigall fing an, ihr gttlich Lied zu singen,
Und Damons kleinem Sohn gefiel der se Schall.
"Ach welcher singt von beiden doch so schn?
Den Vogel mcht ich wirklich sehn!"
Der Vater macht ihm diese Freude,
Er nimmt die Vgel gleich herein.
"Hier", spricht er, "sind sie alle beide;
Doch welcher wird der schne Snger sein?
Getraust du dich, mir das zu sagen?"
Der Sohn lt sich nicht zweimal fragen,
Schnell weist er auf den Zeisig hin:
"Der", spricht er, "mu es sein, so wahr ich ehrlich bin.
Wie schn und gelb ist sein Gefieder!
Drum singt er auch so schne Lieder;
Dem andern sieht mans gleich an seinen Federn an,
Da er nichts Kluges singen kann."

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Sagt, ob man im gemeinen Leben
Nicht oft wie dieser Knabe schliet?
Wem Farb und Kleid ein Ansehn geben,
Der hat Verstand, so dumm er ist.
Stax kmmt, und kaum ist Stax erschienen:
So hlt man ihn auch schon fr klug.
Warum?  Seht nur auf seine Mienen,
Wie vorteilhaft ist jeder Zug!
Ein andrer hat zwar viel Geschicke;
Doch weil die Miene nichts verspricht:
So schliet man, bei dem ersten Blicke,
Aus dem Gesicht, aus der Percke,
Da ihm Verstand und Witz gebricht.




Die Bauern und der Amtmann

Ein sehr geschickter Kandidat,
Der lange schon mit vielem Lobe
Die Kanzeln in der Stadt betrat,
Tat auf dem Dorfe seine Probe;
Allein so gut er sie getan:
So stund er doch den Bauern gar nicht an.
Nein, der verstorbne Herr, das war ein andrer Mann,
Der hatte recht auf seinen Text studieret,
Und Gottes Wort, wie sichs gebhret,
Bald griechisch, bald ebrisch angefhret,
Die Kirchenvter oft zitieret,
Die Ketzer stattlich ausschndieret,
Und stets so fein schematisieret,
Da er der Bauern Herz gerhret.
"Herr Amtmann, wie gesagt, erstatt Er nur Bericht,
Wir mgen diesen Herrn nicht haben."
"So sagt doch nur, warum denn nicht?"
"Er hrts ja wohl, er hat nicht solche Gaben
Wie der verstorbne Herr."

Der Amtmann widerspricht;
Der Suprintend ermahnt.  Umsonst, sie hren nicht.
Man mag Amphion sein, und Fels und Wald bewegen,
Deswegen kann man doch nicht Bauern widerlegen.
Kurz, man erstattete Bericht,
Weil alle steif auf ihrem Sinn beharrten.

Nunmehr kmmt ein Befehl.  Ich kann es kaum erwarten,
Bis ihn der Amtmann publiziert.
Ich wette fast, ihr Bauern, ihr verliert!

Man ffnet den Befehl.  Und seht, der Landsherr wollte,
Da man dem Kandidat das Priestertum vertraun,
Den Bauern Gegenteils es hart verweisen sollte.

Der Suprintend fing an die Bauern zu erbaun,
Und sprach, so schwierig sie noch schienen,
Doch sehr gelind und fromm mit ihnen.
"Herr Doktor!" fiel ihm drauf der Amtmann in das Wort,
"Wozu soll diese Sanftmut dienen?
Ihr Richter, Schppen und so fort,
Hrt zu!  Ich will mein Amt verwalten.
Ihr Ochsen, die ihr alle seid!
Euch Flegeln geb ich den Bescheid,
Ihr sollt den Herrn zu eurem Pfarrn behalten.
Sagts, wollt ihr oder nicht?  denn itzt sind wir noch da."

Die Bauern lchelten: "Ach ja, Herr Amtmann, ja!"





Die beiden Hunde

Da oft die allerbesten Gaben
Die wenigsten Bewundrer haben,
Und da der grte Teil der Welt
Das Schlechte fr das Gute hlt;
Dies bel sieht man alle Tage;
Allein wie wehrt man dieser Pest?
Ich zweifle, da sich diese Plage
Aus unsrer Welt verdringen lt.
Ein einzig Mittel ist auf Erden;
Allein es ist unendlich schwer.
Die Narren mten weise werden,
Und seht, sie werdens nimmermehr.
Nie kennen sie den Wert der Dinge.
Ihr Auge schliet, nicht ihr Verstand;
Sie loben ewig das Geringe,
Weil sie das Gute nie gekannt.

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Zween Hunde dienten einem Herrn,
Der eine von den beiden Tieren,
Joli, verstund die Kunst, sich lustig aufzufhren,
Und wer ihn sah, vertrug ihn gern.
Er holte die verlornen Dinge,
Und spielte voller Ungestm.
Man lobte seinen Scherz, belachte seine Sprnge;
Seht, hie es, alles lebt an ihm!
Oft bi er mitten in dem Streicheln:
So falsch und boshaft war sein Herz;
Gleich fing er wieder an zu schmeicheln:
Dann hie sein Bi ein feiner Scherz.
Er war verzagt und ungezogen;
Doch ob er gleich zur Unzeit bellt und schrie:
So blieb ihm doch das ganze Haus gewogen:
Er hie der lustige Joli.
Mit ihm vergngte sich Lisette,
Er sprang mit ihr zu Tisch und Bette;
Und beide teilten ihre Zeit
In Schlaf, in Scherz und Lustbarkeit;
Sie aber bertraf ihn weit.
Fidel, der andre Hund, war von ganz anderm Wesen.
Zum Witze nicht ersehn, zum Scherze nicht erlesen,
Sehr ernsthaft von Natur; doch wachsam um das Haus,
Ging fters auf die Jagd mit aus;
War treu und herzhaft in Gefahr,
Und bellte nicht, als wenn es ntig war.
Er stirbt.  Man hrt ihn kaum erwhnen,
Man trgt ihn ungerhmt hinaus.
Joli stirbt auch.  Da flieen Trnen!
Seht, ihn beklagt das ganze Haus.
Die ganze Nachbarschaft bezeiget ihren Schmerz.

So gilt ein bichen Witz mehr, als ein gutes Herz!





Die beiden Knaben

Ein jngrer und ein ltrer Bube,
Die der noch frhe Lenz aus der betrbten Stube
Vom Buche zu dem Garten rief,
Vielleicht, weil gleich ihr Informator schlief,
Gerieten beid an eine Grube,
In der der Schnee noch nicht zerlief.
"Ach Bruder", sprach der kleine Bube,
"Was meinst du, ist das Loch wohl tief?
Ich htte Lust"--"Was?  Lust, hineinzuspringen?
Du mut doch ausgelassen sein.
Versuch es nicht und spring hinein,
Du knntest dich ums Leben bringen.
Wir knnen uns ja sonst noch wohl erfreun,
Als da wir uns und unsern Kleidern schaden,
Und kindisch Schnee und Eis durchwaden.
Und kmmst du drauf zum Vater na hinein:
So hast dus da erst auszubaden."
Doch keine Redekunst nahm unsern Knaben ein.
"Wer wird im Schnee denn gleich ersaufen?"
Und kurz und gut, er sprang hinein,
Und lie sichs wohl in seiner Grube sein;
Doch kaum war er vor Klte fortgelaufen:
So sprang der Philosoph so gut wie er hinein.

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Dies ist die Kunst der strengen Moralisten.
Bekannt mit dem System, und von Grundstzen voll,
Beweisen sie das, was man lassen soll,
So froh, als ob sie nichts von den Begierden wten.
Sie sind von besserm Ton als wir.
Sie bndigen ihr Herz durch die Gewalt der Schlsse.
Uns Armen ist die Torheit se;
Doch ihnen ekelt nur dafr.
Wir lassen sie, wenn wir sie unternehmen,
Aus gutem Herzen andern sehn,
Und denken nicht daran, da wir uns so vergehn.
Sie aber, die gelehrt sich aller Torheit schmen,
Begehn die Tat, die sie uns belnehmen,
Aus Tugend eher nicht, als bis wir es nicht sehn.




Die beiden Mdchen

Zwo junge Mdchen hofften beide,
Worauf?  Gewi auf einen Mann;
Denn dies ist doch die grte Freude,
Auf die ein Mdchen hoffen kann.
Die jngste Schwester, Philippine,
War nicht unordentlich gebaut;
Sie hatt ein rund Gesicht, und eine zarte Haut;
Doch eine sehr gezwungne Miene.
So fest geschnrt sie immer ging,
So viel sie Schmuck ins Ohr, und vor den Busen hing,
So schn sie auch ihr Haar zusammenrollte;
So ward sie doch bei alledem,
Je mehr man sah, da sie gefallen wollte,
Um desto minder angenehm.
Die andre Schwester, Caroline,
War im Gesichte nicht so zart;
Doch frei und reizend in der Miene,
Und liebreich mit gelaner Art.
Und wenn man auf den heitern Wangen
Gleich kleine Sommerflecken fand:
Ward ihrem Reiz doch nichts dadurch entwandt,
Und selbst ihr Reiz schien solche zu verlangen.
Sie putzte sich nicht mhsam aus,
Sie prahlte nicht mit teuren Kostbarkeiten.
Ein artig Band, ein frischer Strau,
Die ber ihren Ort, den sie erlangt, sich freuten,
Und eine nach dem Leib wohl abgemene Tracht
War Carolinens ganze Pracht.

Ein Freier kam; man wies ihm Philippinen;
Er sah sie an, erstaunt, und hie sie schn;
Allein sein Herz blieb frei, er wollte wieder gehn.
Kaum aber sah er Carolinen:
So blieb er vor Entzckung stehn.

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Im Bilde dieser Frauenzimmer
Zeigt sich die Kunst und die Natur;
Die erste prahlt mit weit gesuchtem Schimmer,
Sie fesselt nicht; sie blendet nur.
Die andre sucht durch Einfalt zu gefallen,
Lt sich bescheiden sehn; und so gefllt sie allen.




Die beiden Schwalben

Zwo Schwalben sangen um die Wette,
Und sangen mit dem grten Flei;
Doch wenn die eine schrie, da sie den Vorzug htte,
Gab doch die andre sich den Preis.
Die Lerche kmmt.  Sie soll den Streit entscheiden;
Und beide stimmen herzhaft an.
"Nun", hie es: "sprich, wer von uns beiden
Am meisterlichsten singen kann?"
"Das wei ich nicht", sprach sie bescheiden,
Und sah sie ganz mitleidig an,
Und wollte sich nach ihrer Hhe schwingen.
Doch nein, sie suchten ihr den Ausspruch abzuzwingen.
"So", sprach sie, "will ichs denn gestehn:
Die kann so gut wie jene singen;
Doch singt, solang ihr wollt, es singt doch keine schn.
Hrt man das Lied geistreicher Nachtigallen:
So kann uns eures nicht gefallen."

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Ihr mittelmigen Skribenten,
O wenn wir euch doch friedsam machen knnten!
Ihr zankt, wer besser denkt?  Lat keinen Streit entstehn.
Wir wollen keinen von euch krnken;
Der eine kann so gut wie jener denken;
Doch keiner von euch denket schn.
Ihr Schwtzer!  Zankt nicht um die Gaben
Der geistlichen Beredsamkeit.
Solange wir Mosheime haben:
So sehn wir ohne Schwierigkeit,
Da ihr beredte Kinder seid.
Zankt nicht um eure hohen Gaben,
Ihr Grndlichen!  o bleibt in Ruh.
Du demonstrierst wie er, und er so fein wie du;
Allein solange wir Leibnize vor uns haben:
So hrt euch keine Seele zu.
O zankt nicht um des Phbus Gaben,
Reimreiche Snger unsrer Zeit!
Ihr alle reimt mit gleicher Fertigkeit;
Allein solange wir noch Hagedorne haben:
So denkt man nicht daran, da ihr zugegen seid.




Die beiden Wchter

Zween Wchter, die schon manche Nacht
Die liebe Stadt getreu bewacht,
Verfolgten sich, aus aller Macht,
Auf allen Bier- und Branntweinbnken,
Und ruhten nicht, mit pbelhaften Rnken,
Einander bis aufs Blut zu krnken;
Denn keiner brannte von dem Span,
Woran der andre sich den Tabak angezndet,
Aus Ha den seinen jemals an.
Kurz, jeden Schimpf, den nur die Rach erfindet,
Den Feinde noch den Feinden angetan,
Den taten sie einander an.
Und jeder wollte blo den andern berleben,
Um noch im Sarg ihm einen Sto zu geben.
Man riet und wute lange nicht,
Warum sie solche Feinde waren;
Doch endlich kam die Sache vor Gericht,
Da mute sichs denn offenbaren,
Warum sie, seit so vielen Jahren,
So heidnisch unvershnlich waren.
Was war der Grund?  Der Brotneid?  War ers nicht?
Nein.  Dieser sang: Verwahrt das Feuer und das Licht!
Allein so sang der andre nicht.
Er sang: Bewahrt das Feuer und das Licht!
Aus dieser so verschiednen Art,
An die sich beid im Singen znkisch banden;
Aus dem verwahrt und dem bewahrt
War Spott, Verachtung, Ha, und Rach, und Wut entstanden.

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Die Wchter, hr ich viele schrein,
Verfolgten sich um solche Kleinigkeiten?
Das muten groe Narren sein.
Ihr Herren!  stellt die Reden ein,
Ihr knntet sonst unglcklich sein.
Wit ihr denn nichts von so viel groen Leuten,
Die in gelehrten Streitigkeiten
Um Silben, die gleich viel bedeuten,
Sich mit der grten Wut entzweiten?




Die Betschwester

Die frmmste Frau in unsrer Stadt,
In Kleidern fromm, und fromm in Mienen,
Die stets den Mund voll Andacht hat,
Wird diese nicht ein Lied verdienen?
Wie lehrreich ist ihr Lebenslauf!
Kaum steht die fromme Frau von ihrem Lager auf;
Kaum tnt der Klang vom achten Stundenschlage:
So sucht sie das Gebet zu dem vorhandnen Tage.
Und ob sie gleich den Schritt in sechzig schon getan:
So ruft sie doch den Herrn noch heut um Keuschheit an.
Und ob sie gleich noch nie sich satt gegessen:
So fleht sie doch um Migkeit im Essen.
Und ob sie gleich auf alle Pfnder leiht:
So seufzt sie doch um Trost bei ihrer Drftigkeit.

Welch redlich Herz!  Welch heiliges Vertrauen!
Sie liest das Jahr hindurch die Bibel zweimal aus,
Und reit dadurch ihr ganzes Haus
Auf ewig aus des Teufels Klauen.

Zwlf Lieder stimmt sie tglich an.
Wer kmmt?  Ists nicht ein armer Mann?
Geh, Frecher!  willst du sie vielleicht im Singen stren?
Nein, wenn sie singt, kann sie nicht hren.
Geh nur, und hungre, wie zuvor.
Sie hebt ihr Herz zu Gott empor;
Soll sie dies Herz vom Himmel lenken,
Und itzt an einen Armen denken?

Sie singt, und trgt das Essen singend auf.
Sie it, und schmlt auf bser Zeiten Lauf;
Allein wer klopft schon wieder an die Tre?
Ein armes Weib, die keinen Bissen Brot--
"Geht, qult mich nicht mit Eurer Not,
Wenn ich die Hand zum Munde fhre.
Nicht wahr, Ihr singt und betet nicht?
Seid fromm, und denkt an Eure Pflicht:
Der Herr vergit die Seinen nicht.
Wenn seht Ihr mich denn betteln gehen?
Allein man mu zu Gott auch brnstig schrein und flehen."

Doch ist die liebe fromme Frau
Nicht gar zu hart, nicht zu genau?
Wohnt nicht in ihr mehr Kaltsinn als Erbarmen?
Nein, nein!  Sie dient und hilft den Armen;
Sie bessert sie durch Vorwurf und Verweis,
Und weist sie zu Gebet und Flei;
Ist dieses nicht der Schrift Gehei?
Sie dient ja gern mit ihren Gtern,
Allein nur redlichen Gemtern.
Ist wohl ein frommes Weib in unsrer ganzen Stadt,
Das, in der Not, bei ihr nicht Zuflucht hat?
Sie mag ihr auch die kleinste Zeitung bringen:
So eilt sie doch, dem Weibe beizuspringen.

Ach ja!  Beatens Herz ist willig und bereit,
Die Welt mag noch soviel an ihr zu tadeln finden.
Nicht nur den Lebenden ntzt ihre Mildigkeit;
O nein!  Sie wei sich auch die Toten zu verbinden.
Wenn wird ein Kind zur Gruft gebracht,
Um dessen Sarg ihr Kranz sich nicht verdient gemacht?
Wenn sprechen nicht die Leichengste:
Beatens Kranz war doch der beste!
Welch schnes Kruzifix!  Von wem wird dieses sein?
Beate schickts und wills dem Leichnam weihn.
Das fromme Weib!  Erlebt sie mein Erblassen:
So wird sie meinen Sarg gewi versilbern lassen.

Sie kleidet Kanzel und Altar,
Und wird sie knftigs neue Jahr,
So sehr die andern sie beneiden,
Zum dritten Male doch bekleiden.
Man wirft ihr vor, sie solls aus Ehrsucht tun;
Noch kann ihr mildes Herz nicht ruhn.
Wer wars, der itzt in die Kollekte
Mit langsam schlauer Hand ein volles Briefchen steckte?
Beate wars, sie leiht dem Herrn,
Und was sie gibt, das gibt sie gern.
Was kann denn sie dafr, da es die Leute sehen?

Beate!  la die Lstrer schmhen,
Und la sie aus Verleumdung sprechen,
Du sollst die Allmacht nur bestechen,
Da fr den Wucher, den du treibst,
Du einstens ungestrafet bleibst.
La dich von andern spttisch richten,
Als pflegtest du der Welt gern Laster anzudichten;
Als wre dies fr dich die liebste Neuigkeit,
Wenn andern Not und Unglck drut;
Als httest du nichts als der Tugend Schein.
Schweigt, Sptter, schweigt!  Dies kann nicht sein;
Denn betend steht sie auf, und singend schlft sie ein.





Die Biene und die Henne

"Nun Biene", sprach die trge Henne,
"Dies mu ich in der Tat gestehn,
So lange Zeit, als ich dich kenne:
So seh ich dich auch miggehn.
Du sinnst auf nichts, als dein Vergngen;
Im Garten auf die Blumen fliegen,
Und ihren Blten Saft entziehn,
Mag eben nicht so sehr bemhn.
Bleib immer auf der Nelke sitzen,
Dann fliege zu dem Rosenstrauch,
Wr ich wie du, ich tt es auch.
Was brauchst du andern viel zu ntzen?
Genug, da wir so manchen Morgen
Mit Eiern unser Haus versorgen."
"O!" rief die Biene, "spotte nicht!
Du denkst, weil ich bei meiner Pflicht
Nicht so, wie du bei einem Eie,
Aus vollem Halse zehnmal schreie:
So, denkst du, wr ich ohne Flei.
Der Bienenstock sei mein Beweis,
Wer Kunst und Arbeit besser kenne,
Ich, oder eine trge Henne?
Denn wenn wir auf den Blumen liegen:
So sind wir nicht auf uns bedacht;
Wir sammeln Saft, der Honig macht,
Um fremde Zungen zu vergngen.
Macht unser Flei kein gro Gerusch,
Und schreien wir bei warmen Tagen,
Wenn wir den Saft in Zellen tragen,
Uns nicht, wie du im Neste, heisch:
So prge dir es itzund ein:
Wir hassen allen stolzen Schein;
Und wer uns kennen will, der mu in Rost und Kuchen
Flei, Kunst und Ordnung untersuchen.

Auch hat uns die Natur beschenkt,
Und einen Stachel eingesenkt,
Damit wir die bestrafen sollen,
Die, was sie selber nicht verstehn,
Doch meistern, und verachten wollen:
Drum, Henne!  rat ich dir, zu gehn."

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O Sptter, der mit stolzer Miene,
In sich verliebt, die Dichtkunst schilt;
Dich unterrichtet dieses Bild.
Die Dichtkunst ist die stille Biene;
Und willst du selbst die Henne sein:
So trifft die Fabel vllig ein.
Du fragst, was ntzt die Poesie?
Sie lehrt und unterrichtet nie.
Allein wie kannst du doch so fragen?
Du siehst an dir, wozu sie ntzt:
Dem, der nicht viel Verstand besitzt,
Die Wahrheit, durch ein Bild, zu sagen.




Die Ente

Die Ente schwamm auf einer Pftze,
Und sah am Rande Gnse gehn,
Und konnt aus angebornem Witze
Der Sptterei unmglich widerstehn.
Sie hob den Hals empor, und lachte dreimal laut,
Und sah um sich, so wie ein Witzling um sich schaut,
Der einen Einfall hat, und mit Geschrei und Lachen
So glcklich ist, ihm Luft zu machen.
Die Ente lachte noch, und eine Gans blieb stehn.
"Was", sprach sie, "hast du uns zu sagen?"
"Ach nichts!  Ich hab euch zugesehn,
Ihr knnt vortrefflich auswrts gehn.
Wie lange tanzt ihr schon?  Das wollt ich euch nur fragen."
"Das", sprach die Gans, "will ich dir gerne sagen;
Allein du mut mit mir spazierengehn."

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Ihr Kleinen, die ihr stets so gern auf Grre schmhet,
An ihnen tausend Fehler sehet,
Die ihr an euch doch nie entdeckt;
Glaubt, da an euch der Sumpf, in dem ihr euch so blhet,
Dieselben Fehler auch versteckt.
Und sollen sie der Welt, wie euch, unsichtbar bleiben:
So lat euch nicht daraus vertreiben!




Die Fliege

Da alle Tiere denken knnen,
Dies scheint mir ausgemacht zu sein.
Ein Mann, den auch die Kinder witzig nennen,
Aesopus hats gesagt, Fontaine stimmt mit ein.
Wer wird auch so mignstig sein,
Und Tieren nicht dies kleine Glcke gnnen,
Aus dem die Welt so wenig macht?
Denk oder denke nicht, darauf gibt niemand acht.

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In einem Tempel voller Pracht,
Aus dem die Kunst mit ewgem Stolze blickte,
Dich schnell zum Beifall zwang, und gleich dafr entzckte,
Und wenn sie dich durch Schmuck bestrzt gemacht,
Mit edler Einfalt schon dich wieder zu dir brachte;
In diesem Bau voll Ordnung und voll Pracht
Sa eine finstre Flieg auf einem Stein und dachte.
Denn da die Fliegen stets aus finstern Augen sehn,
Und oft den Kopf mit einem Beine halten,
Und oft die flache Stirne falten,
Kmmt blo daher, weil sie soviel verstehn,
Und auf den Grund der Sachen gehn.
So sa auch hier die weise Fliege.
Ein halbes Dutzend ernste Zge
Verfinsterten ihr Angesicht.
Sie denkt tiefsinnig nach und spricht:
"Woher ist dies Gebud entstanden?
Ist auer ihm wohl jemand noch vorhanden,
Der es gemacht?  Ich sehs nicht ein.
Wer sollte dieser Jemand sein?"
"Die Kunst", sprach die bejahrte Spinne,
"Hat diesen Tempel aufgebaut.
Wohin auch nur dein bldes Auge schaut,
Wird es Gesetz und Ordnung inne,
Und dies beweist, da ihn die Kunst gebaut."
Hier lachte meine Fliege laut.
"Die Kunst?" sprach sie ganz hhnisch zu der Spinne.
"Was ist die Kunst?  Ich sinn und sinne,
Und sehe nichts, als ein Gedicht.
Was ist sie denn?  Durch wen ist sie vorhanden?
Nein, dieses Mrchen glaub ich nicht.
Lern es von mir, wie dieser Bau entstanden:
Es kamen einst von ungefhr
Viel Steinchen einer Art hieher,
Und fingen an, zusammen sich zu schicken.
Daraus entstand der groe hohle Stein,
In welchem wir uns beid erblicken.
Kann was begreiflicher als diese Meinung sein?"

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Der Fliege knnen wir ein solch System vergeben;
Allein da groe Geister leben,
Die einer ordnungsvollen Welt
Ein Ungefhr zum Ursprung geben,
Und lieber zufallsweise leben,
Als einen Gott zum Thron erheben,
Das kann man ihnen nicht vergeben,
Wenn man sie nicht fr Narren hlt.




Die Frau und der Geist

Vordem, da noch um Mitternacht,
Den armen Sterblichen zu dienen,
Die Geister dann und wann erschienen,
Lie sich ein Geist, in einer weien Tracht,
Vor einer Frau im Bette sehen,
Und hie sie freundlich mit sich gehen,
Und ging mit ihr auf einen wsten Platz.
"Frau", sprach der Geist, "hier liegt ein groer Schatz;
Nimm gleich dein Halstuch ab, und wirf es auf den Platz,
Und morgen, um die zwlfte Stunde,
Komm her, dann findest du ein Licht,
Dem grabe nach, doch rede nicht;
Denn geht ein Wort aus deinem Munde:
So wird der Schatz verschwunden sein!"
Die Frau fand, zur gesetzten Stunde,
Die Nacht darauf sich mit dem Grabscheit ein.
Nun, die mu recht beherzt gewesen ein!
Ich fnde mich gewi nicht ein,
Und sollt ich zwanzig Schtze heben.
Wer stnde mir denn fr mein Leben?
Die Nacht ist keines Menschen Freund.
Und wenns der Geist recht ehrlich mit mir meint:
So kann er mir den Schatz ja auf der Stube geben.

Die Frau verschlug das nichts.  Sie eilt, den Schatz zu heben.
Frau, spricht sie bei sich selbst, beileibe sprich kein Wort,
Sonst rckt der Schatz auf ewig fort.
Sie hlt, was sie sich vorgenommen.
Sie schweigt und grbt getrost.--Ha, ha, nun klingt es hohl,
Nun wird der rechte Fleck bald kommen.
Hier liegt der Schatz, das dacht ich wohl.
O seht, ein groer Topf von lauter Golde voll!
O wenn sie doch dasmal nicht redte,
Und zu dem schweren Topf gleich einen Trger htte!
Ist denn ihr Geist nicht etwan auf dem Platz?
Er kmmt und hilft den Topf ihr aus der Erde nehmen.
"Ach", rief sie schnell, "ich mu mich schmen,
Sie zu bemhn"--Weg war der Schatz!





Die Geschichte von dem Hute
Das erste Buch

Der erste, der mit kluger Hand,
Der Mnner Schmuck, den Hut, erfand,
Trug seinen Hut unaufgeschlagen;
Die Krempen hingen flach herab,
Und dennoch wut er ihn zu tragen,
Da ihm der Hut ein Ansehn gab.
Er starb, und lie bei seinem Sterben
Den runden Hut dem nchsten Erben.

Der Erbe wei den runden Hut
Nicht recht gemchlich anzugreifen;
Er sinnt, und wagt es kurz und gut,
Er wagts, zwo Krempen aufzusteifen.
Drauf lt er sich dem Volke sehn;
Das Volk bleibt vor Verwundrung stehn,
Und schreit: Nun lt der Hut erst schn!

Er starb, und lie bei seinem Sterben
Den aufgesteiften Hut dem Erben.

Der Erbe nimmt den Hut und schmlt.
Ich, spricht er, sehe wohl, was fehlt.
Er setzt darauf mit weisem Mute
Die dritte Krempe zu dem Hute.
O, rief das Volk, der hat Verstand!
Seht, was ein Sterblicher erfand!
Er, er erhht sein Vaterland.

Er starb, und lie bei seinem Sterben
Den dreifach spitzen Hut dem Erben.

Der Hut war freilich nicht mehr rein;
Doch sagt, wie konnt es anders sein?
Er ging schon durch die vierten Hnde.
Der Erbe frbt ihn schwarz, damit er was erfnde.
Beglckter Einfall!  rief die Stadt,
So weit sah keiner noch, als der gesehen hat.
Ein weier Hut lie lcherlich.
Schwarz, Brder, schwarz!  so schickt es sich.

Er starb, und lie bei seinem Sterben
Den schwarzen Hut dem nchsten Erben.

Der Erbe trgt ihn in sein Haus,
Und sieht, er ist sehr abgetragen;
Er sinnt, und sinnt das Kunststck aus,
Ihn ber einen Stock zu schlagen.
Durch heie Brsten wird er rein;
Er fat ihn gar mit Schnren ein.
Nun geht er aus, und alle schreien:
Was sehn wir?  Sind es Zaubereien?
Ein neuer Hut!  O glcklich Land,
Wo Wahn und Finsternis verschwinden!
Mehr kann kein Sterblicher erfinden,
Als dieser groe Geist erfand.

Er starb, und lie bei seinem Sterben
Den umgewandten Hut dem Erben.
Erfindung macht die Knstler gro,
Und bei der Nachwelt unvergessen;
Der Erbe reit die Schnre los,
Umzieht den Hut mit goldnen Dressen,
Verherrlicht ihn durch einen Knopf,
Und drckt ihn seitwrts auf den Kopf.
Ihn sieht das Volk, und taumelt vor Vergngen.
Nun ist die Kunst erst hoch gestiegen!
Ihm, schrie es, ihm allein ist Witz und Geist verliehn!
Nichts sind die andern gegen ihn!

Er starb, und lie bei seinem Sterben
Den eingefaten Hut dem Erben.
Und jedesmal ward die erfundne Tracht
Im ganzen Lande nachgemacht.


Ende des ersten Buchs.

Was mit dem Hute sich noch ferner zugetragen,
Will ich im zweiten Buche sagen.
Der Erbe lie ihm nie die vorige Gestalt.
Das Auenwerk ward neu, er selbst, der Hut, blieb alt.
Und, da ichs kurz zusammenzieh,
Es ging dem Hute fast, wie der Philosophie.




Die glckliche Ehe

Gedankt sei es dem Gott der Ehen!
Was ich gewnscht, hab ich gesehen:
Ich sah ein recht zufriednes Paar;
Ein Paar, das ohne Gram und Reue,
Bei gleicher Lieb und gleicher Treue,
In kluger Ehe glcklich war.
Ein Wille lenkte hier zwo Seelen.
Was sie gewhlt, pflegt er zu whlen,
Was er verwarf, verwarf auch sie.
Ein Fall, wo andre sich betrbten,
Strt ihre Ruhe nie.  Sie liebten,
Und fhlten nicht des Lebens Mh.

Da ihn kein Eigensinn verfhrte,
Und sie kein eitler Stolz regierte:
So herrschte weder sie noch er,
Sie herrschten; aber blo mit Bitten.
Sie stritten; aber wenn sie stritten,
Kam blo ihr Streit aus Eintracht her.

So wie wir, eh wir uns vermhlen,
Uns unsre Fehler klug verhehlen,
Uns falsch aus Liebe hintergehn:
So lieen sie auch in den Zeiten
Der zrtlichsten Vertraulichkeiten
Sich nie die kleinsten Fehler sehn.

Der letzte Tag in ihrem Bunde,
Der letzte Ku von ihrem Munde
Nahm, wie der erste, sie noch ein.
Sie starben.  Wenn?--Wie kannst du fragen?
Acht Tage nach den Hochzeitstagen;
Sonst wrden dies nur Fabeln sein.





Die Guttat

Wie rhmlich ists, von seinen Schtzen
Ein Pfleger der Bedrngten sein!
Und lieber minder sich ergetzen,
Als arme Brder nicht erfreun.
Beaten fiel heut ein Vermgen.
Von Tonnen Golds durch Erbschaft zu.
"Nun", sprach sie, "hab ich einen Segen,
Von dem ich Armen Gutes tu."

Sie sprachs.  Gleich schlich zu seinem Glcke
Ein siecher Alter vor ihr Haus,
Und bat, gekrmmt auf seiner Krcke,
Sich eine kleine Wohltat aus.

Sie ward durchdrungen von Erbarmen,
Und fhlte recht des Armen Not.
Sie weinte, ging und gab dem Armen
Ein groes Stck verschimmelt Brot.





Die junge Ente

Die Henne fhrt der Jungen Schar,
Worunter auch ein Entchen war,
Das sie zugleich mit ausgebrtet.
Der Zug soll in den Garten gehn;
Die Alte gibts der Brut durch Locken zu verstehn;
Und jedes folgt, sobald sie nur gebietet,
Denn sie gebot mit Zrtlichkeit.
Die Ente wackelt mit; allein nicht gar zu weit.
Sie sieht den Teich, den sie noch nicht gesehen,
Sie luft hinein, sie badet sich.
Wie, kleines Tier!  Du schwimmst?  Wer lehrt es dich?
Wer hie dich in das Wasser gehen?
Wirst du so jung das Schwimmen schon verstehen?

Die Henne luft mit strupfichtem Gefieder
Das Ufer zehnmal auf und nieder,
Und will ihr Kind aus der Gefahr befrein;
Setzt zehnmal an, und fliegt doch nicht hinein;
Denn die Natur heit sie das Wasser scheun.
Doch nichts erschreckt den Mut der Ente;
Sie schwimmt beherzt in ihrem Elemente,
Und fragt die Henne ganz erfreut,
Warum sie denn so ngstlich schreit?

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Was dir Entsetzen bringt, bringt jenem oft Vergngen;
Der kann mit Lust zu Felde liegen,
Und dich erschreckt der bloe Name, Held.
Der schwimmt beherzt auf offnen Meeren;
Du zitterst schon auf angebundnen Fhren,
Und siehst den Untergang der Welt.
Befrchte nichts vor dessen Leben,
Der khne Taten unternimmt.
Wen die Natur zu der Gefahr bestimmt,
Dem hat sie auch den Mut zu der Gefahr gegeben.




Die kranke Frau

Wer kennt die Zahl von so viel bsen Dingen,
Die uns um die Gesundheit bringen!
Doch ntig ists, da man sie kennenlernt.
Je mehr wir solcher Quellen wissen,
Woraus Gefahr und Unheil flieen;
Um desto leichter wird das bel selbst entfernt

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Des Mannes teurer Zeitvertreib,
Sulpitia, ein junges schnes Weib,
Ging munter zum Besuch, krank aber kam sie wieder,
Und fiel halbtot aufs Ruhebette nieder.
Sie rchelt.  Wie?  Vergit ihr Blut den Lauf?
Geschwind lst ihr die Schnrbrust auf!
Geschwind!  Doch lt sich dies erzwingen?
Sechs Hnde waren zwar bereit;
Doch eine Frau aus ihrem Staat zu bringen,
Wieviel erfordert dies nicht Zeit!
Der arme Mann schwimmt ganz in Trnen;
Mit Recht bestrzt ihn diese Not.
Zu frh ists, nach der Gattin Tod
Im ersten Jahre sich zu sehnen.
Er schickt nach einem Arzt.  Ein junger skulap
Erscheint sogleich in vollem Trab,
Und setzt sich vor das Krankenbette,
Vor dem er sich so eine Miene gab,
Als ob er fr den Tod ein sichres Mittel htte.
Er fragt den Puls, und da er ihn gefragt,
Schlgt er im Geiste nach, was sein Rezeptbuch sagt,
Und lt, die Krankheit zu verdrngen,
Sich eilends Dint und Feder bringen.

Er schreibt.  Der Diener luft.  Indessen ruft der Mann
Den so erfahrnen Arzt beiseite,
Und fragt, was doch der Zufall wohl bedeute?
Der Doktor sieht ihn lchelnd an:
"Sie fragen mich, was es bedeuten kann?
Das brauch ich Ihnen nicht zu sagen;
Sie wissen schon, es zeigt viel Gutes an,
Wenn sich die jungen Weiber klagen."

Den Mann erfreut ein solcher Unterricht.
Die Nacht verstreicht, der Trank ist eingenommen;
Allein der teure Trank hilft nicht.
Drum mu der zweite Doktor kommen.

Er kmmt!  Geduld!  Nun werden wirs erfahren.
Was ists?  Was fehlt der schnen Frau?
Der Doktor sieht es ganz genau,
Da sich die Blattern offenbaren.

Sulpitia!  Erst sollst du schwanger sein?
Nun sollst du gar die Blattern kriegen?
Ihr rzte schweigt, und gebt ihr gar nichts ein,
Denn einer mu sich doch betrgen.
Nein, berlat sie der Natur,
Und dem ihr so getreuen Bette;
Gesetzt, da sie die schlimmste Krankheit htte:
So ist sie nicht so schlimm, als eure Kur.

Geduld!  Vielleicht genest sie heute.
Der Mann kmmt nicht von ihrer Seite,
Und eh die Stunde halb verfliet,
Fragt er sie hundertmal, obs noch nicht besser ist?
Ach ungestmer Mann, du ntigst sie zum Sprechen.
Wie?  Wird sie nicht das Reden schwchen?
Sie spricht ja mit gebrochnem Ton,
Und an der Sprache hrst du schon,
Da sich die Schmerzen stets vergrern.
Bald wird es sich mit deiner Gattin bessern!
Der Tod, der Tod dringt schon herein,
Sie von der Marter zu befrein.

Wer pocht?  Es wird der Doktor sein;
Doch nein, der Schneider kmmt, und bringt ein Kleid getragen.
Sulpitia fngt an, die Augen aufzuschlagen.
"Er kmmt", so stammelt sie.  "Er kmmt zu rechter Zeit;
Ist dies vielleicht mein Sterbekleid?
Ja, wie Er sieht, so werd ich bald erblassen;
Doch htte mich der Himmel leben lassen:
So htt ich mir ein solches Kleid bestellt,
Von solchem Stoff, als Er, Er wirds schon wissen,
Fr meine Freundin machen mssen;
Es ist nichts Schners auf der Welt.
Als ich zuletzt Besuch gegeben:
So trug sie dieses neue Kleid;
Doch geh Er nur.  O kurzes Leben!
Es ist doch alles Eitelkeit!"

O fasse dich, betrbter Mann!
Du hrst ja, da dein Weib noch ziemlich reden kann.
O la die Hoffnung nicht verschwinden!
Der Atem wird sich wieder finden.

Der Schneider geht, der Mann begleitet ihn,
Sie reden heimlich vor der Tre.
Der Schneider tut die grten Schwre,
Und eilt, die Sache zu vollziehn.

Noch vor dem Abend kmmt er wieder.
Sulpitia liegt noch danieder,
Und dankt ihm seufzend fr den Gru.
Allein wer sagt, was doch der Schneider bringen mu?
Er hat es in ein Tuch geschlagen,
Er wickelts aus.  O welche Seltenheit!
Dies ist der Stoff, dies ist das reiche Kleid.
Allein was soll es ihr?  Sie kann es ja nicht tragen.

"Ach Engel", spricht der Mann bei sanftem Hndedrcken,
"Mein ganz Vermgen gb ich hin,
Knnt ich dich nur gesund in diesem Schmuck erblicken!"
"O", fngt sie an, "so krank ich bin:
So kann ich Ihnen doch, mein Liebster, nichts versagen.
Ich will mich aus dem Bette wagen;
So knnen Sie noch heute sehn,
Wie mir das neue Kleid wird stehn."

Man bringt den Schirm, und sie verlt das Bette,
So schwach, als ob sie schon ein Jahr gelegen htte.
Man putzt sie an, geputzt trinkt sie Kaffee.
Kein Finger tut ihr weiter weh.
Der Krankheit Grund war blo ein Kleid gewesen,
Und durch das Kleid mu sie genesen.
So heilt des Schneiders kluge Hand
Ein bel, das kein Arzt gekannt.





Die Migeburt

"Frau Orgon!" rief die Frau Gevatterin,
"Ach wten Sie, wo ich gewesen bin!
Ich will es Ihnen wohl entdecken;
Allein Sie mssen nicht erschrecken.
Ich komme gleich von einer Wchnerin.
Lucinde, da ichs kurz erzhle,
Lucinde, die so stolze Seele,
Die uns durch ihren Staat so oft beschmt gemacht
Erschrecken Sie nur nicht, hat in vergangner Nacht
Ein Kind (verzeih mirs Gott!) mit langen Hasenohren,
Ein recht abscheulich Kind geboren.
Die stolze Frau!  Ich richte nicht;
Allein ich wei, da nichts umsonst geschieht.
Lucinde wnscht, da es verschwiegen bliebe;
Ich wnsch es selbst aus Menschenliebe;
Allein die Stadt erfhrts, gedenken Sie an mich.
Indes behalten Sie die Heimlichkeit fr sich."
Frau Orgon eilt von ihr erschrocken zu Dorinden.
Sie fragt nach ihrem Wohlbefinden,
Und schmht mit ihr die Weiber, die gern schmhn.
Wie?  Sollte sie Dorinden nichts erzhlen?
Nein, denn sie fngt schon an sich bestens zu empfehlen.
Warum mu der Besuch so bald zu Ende gehn?
Vielleicht, weil beide sich von nichts zu reden schmen.
Deswegen?  Nein, das glaub ich nicht.
Wie sollten dies sich Weiber belnehmen?
Da mancher groe Mann, gelehrt von Angesicht,
Oft tagelang von nichts mit groen Mnnern spricht.

So ist Frau Orgon schon gegangen?
Noch nicht.  Nun aber geht sie fort.
Doch seht, sie kehrt sich um: "Frau Schwester, noch ein Wort,
Ein Wort!  Es soll mich sehr verlangen,
Ob Sie--?  Lucinde--Wie?  Sie htten nichts gehrt?
Nichts, Gott vergib mir meine Snde!
Nichts von der Migeburt der kostbaren Lucinde,
Mit welcher sie die Welt beschwert?
Hier sieht man recht die gttlichen Gerichte.
Ein Kind mit hrichtem Gesichte,
Das einem Hasen gleicht, und einem Pferdefu,
Bedenken Sie, wie das erschrecklich lassen mu!
Allein Lucinde wills verhehlen;
Drum sagen Sie nur weiter nichts davon.
Das arme Kind!  Es ist ein Sohn."

Dorinde sagts ihr zu.  Und doch soll mirs nicht fehlen,
Sie wird die Neuigkeit, sobald sie kann, erzhlen,
Weil jene sie, zu schweigen, bat.
Sie tut es so getreu, als es Frau Orgon tat.
Erst hat das Kind nur Hasenohren,
Frau Orgon schenkt ihm drauf noch einen Pferdefu;
Allein Dorinden ists noch viel zu schn geboren.
Und weil sie was verbessern mu,
Tut sie dem Kinde den Gefallen
Und macht ihm noch an beide Hnde Krallen.

Eh noch der Nachmittag verstrich,
Lie das Geheimnis sich auf allen Gassen hren.
Die alten Mtter kreuzten sich,
Und suchten schon recht mtterlich
Durch dieses Zorngericht die Tchter zu bekehren.
Da war kein Mensch, der nicht mit einem Ach
Von diesem Wechselbalge sprach.
Die Knaben stritten selbst mit blutigem Gesichte
Schon fr die Wahrheit der Geschichte.

Sobald als dies der Magistrat erfuhr,
Schickt er den Physikus nach dieser Kreatur.
Er kam neugierig zu Lucinden;
Allein anstatt den Wechselbalg zu finden,
Fand er ein wohlgestaltes Kind,
An dem die Ohren grer waren,
Als sie bei andern Kindern sind.
Das war die Migeburt, der man so mitgefahren!

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Der Drfer und der Stdte Plage,
Verwnscht seist du, gemeine Sage!
Die schnell mit dem, was sie zu wissen kriegt,
Geheimnisvoll in alle Huser fliegt,
Und, wenn sies dreimal sagt, vom neuen dreimal lgt.
Ein giftig Weib, was kann die nicht erzhlen?
Zumal, wenn es der armen Freundin gilt.
Ein giftig Weib--Doch nein, ich mag nicht schmlen;
Mich schreckt die Redekunst, mit der sie andre schilt.

Die Nachtigall und der Kuckuck

Die Nachtigall sang einst ihr gttliches Gedicht,
Zu sehn, ob es die Menschen fhlten.
Die Knaben, die im Tale spielten,
Die spielten fort und hrten nicht.
Indem lie sich der Kuckuck lustig hren,
Und er erhielt ein freudig Ach.
Die Knaben lachten laut, und machten ihm zu Ehren
Das schne Kuckuck zehnmal nach.
"Hrst du?" sprach er zu Philomelen,
"Den Herren fall ich recht ins Ohr.
Ich denk, es wird mir nicht viel fehlen,
Sie ziehn mein Lied dem deinen vor."
Drauf kam Damt mit seiner Schne.
Der Kuckuck schrie sein Lied.  Sie gingen stolz vorbei.
Nun sang die Meisterin der zauberischen Tne
Vor dem Damt und seiner Schne,
In einer sanften Melodei.
Sie fhlten die Gewalt der Lieder.
Damt steht still, und Phyllis setzt sich nieder,
Und hrt ihr ehrerbietig zu.
Ihr zrtlich Blut fngt an zu wallen;
Ihr Auge lt vergngte Zhren fallen.
"O", rief die Nachtigall, "da, Schwtzer, lerne du,
Was man erhlt, wenn man den Klugen singt.
Der Ausbruch einer stummen Zhre
Bringt Nachtigallen weit mehr Ehre,
Als dir der laute Beifall bringt."




Die Nachtigall und die Lerche

Die Nachtigall sang einst mit vieler Kunst;
Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst,
Die Bltter in den Gipfeln schwiegen,
Und fhlten ein geheim Vergngen.
Der Vgel Chor verga der Ruh,
Und hrte Philomelen zu.
Aurora selbst verzog am Horizonte,
Weil sie die Sngerin nicht gnug bewundern konnte.
Denn auch die Gtter rhrt der Schall
Der angenehmen Nachtigall;
Und ihr, der Gttin, ihr zu Ehren,
Lie Philomele sich noch zweimal schner hren.
Sie schweigt darauf.  Die Lerche naht sich ihr,
Und spricht: "Du singst viel reizender als wir;
Dir wird mit Recht der Vorzug zugesprochen:
Doch eins gefllt uns nicht an dir,
Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen."
Doch Philomele lacht und spricht:
"Dein bittrer Vorwurf krnkt mich nicht,
Und wird mir ewig Ehre bringen.
Ich singe kurze Zeit.  Warum?  Um schn zu singen.
Ich folg im Singen der Natur;
Solange sie gebeut, solange sing ich nur;
Sobald sie nicht gebeut, so hr ich auf zu singen;
Denn die Natur lt sich nicht zwingen."

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O Dichter, denkt an Philomelen,
Singt nicht, solang ihr singen wollt.
Natur und Geist, die euch beseelen,
Sind euch nur wenig Jahre hold.
Soll euer Witz die Welt entzcken:
So singt, solang ihr feurig seid,
Und ffnet euch mit Meisterstcken
Den Eingang in die Ewigkeit.
Singt geistreich der Natur zu Ehren,
Und scheint euch die nicht mehr geneigt:
So eilt, um rhmlich aufzuhren,
Eh ihr zu spt mit Schande schweigt.
Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen?
Er bindet sich an keine Zeit.
So fahrt denn fort, noch alt zu singen,
Und singt euch um die Ewigkeit.




Die Reise

Einst machte durch sein ganzes Land
Ein Knig den Befehl bekannt,
Da jeder, der ein Amt erhalten wollte,
Gewisse Zeit auf Reisen gehen sollte,
Um sich in Knsten umzusehn.
Er lie genaue Karten stehen,
Und gab dazu noch jedem das Versprechen,
Ihm, wrd er nur, soweit er knnte, gehn,
Mit dem Vermgen seiner Schtze
Alsdann auf Reisen beizustehn.
Es war das deutlichste Gesetze,
Das jemals noch die Welt gesehn;
Doch weil die meisten sich vor dieser Reise scheuten:
So sah man viele Dunkelheit.
Die Liebe zu sich selbst, und zur Bequemlichkeit,
Half das Gesetz sehr sinnreich deuten;
Und jeder gab ihm den Verstand,
Den er bequem fr seine Neigung fand;
Doch alle waren eins, da man gehorchen mte.
Man machte sich die Karten bald bekannt,
Damit man doch der Lnder Gegend wte.
Sehr viele reisten nur im Geist,
Und berredten sich, als htten sie gereist.
Noch andre schafften das Gerte
Zu ihrer Reise fleiig an,
Und glaubten, wenn man nur stets reisefertig tte:
So htte man die Reise schon getan.
Sehr viele fingen an zu eilen,
Als wollten sie die ganze Welt durchgehn;
Sie reisten; aber wenig Meilen,
Und meinten, dem Befehl sei nun genug geschehn.
Noch andre suchten auf den Reisen
Noch mehr Gehorsam zu beweisen,
Als den, den das Gesetz befahl;
Sie reisten nicht durch grne Felder,
O nein, sie suchten finstre Wlder,
Und reisten unter Furcht und Qual;
Behngten sich mit schweren Brden,
Und glaubten, wenn sie ausgezehrt,
Und siech und krank zurckekommen wrden:
So wren sie des besten Amtes wert;
Sie reisten nie auf Kosten des Regenten;
Doch jene, die zur Zeit noch keinen Schritt getan,
Die hielten Tag fr Tag um Reisekosten an,
Damit sie weiterkommen knnten.

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Wie elend, hr ich manchen klagen,
Ist nicht dies Mrchen ausgedacht!
Schmt sich der Dichter nicht, uns Dinge vorzusagen,
Die man kaum Kindern glaublich macht?
Wo gibt es wohl so stumpfe Kpfe,
Als uns der Dichter vorgestellt?
Dies sind unsinnige Geschpfe,
Und nicht Bewohner unsrer Welt.
O Freund!  was zankst du mit dem Dichter?
Sieh doch die meisten Christen an;
Betrachte sie, und dann sei Richter,
Ob dieses Bild unglaublich heien kann?




Die schlauen Mdchen

Zwei Mdchen brachten ihre Tage
Bei einer alten Base zu.
Die Alte hielt zu ihrer Muhmen Plage
Sehr wenig von der Morgenruh.
Kaum krhte noch der Hahn bei frhem Tage:
So rief sie schon: "Steht auf, ihr Mdchen, es ist spt,
Der Hahn hat schon zweimal gekrht."
Die Mdchen, die so gern noch mehr geschlafen htten,
Denn berhaupt sagt man, da es kein Mdchen gibt,
Die nicht den Schlaf und ihr Gesichte liebt,
Die wunden sich in ihren weichen Betten,
Und schwuren dem verdammten Hahn
Den Tod, und taten ihm, da sie die Zeit ersahn,
Den rgsten Tod rachschtig an.

Ich habs gedacht, du guter Hahn!
Erzrnter Schnen ihrer Rache
Kann kein Geschpf so leicht entfliehn.
Und ihren Zorn sich zuzuziehn,
Ist leider ein leichte Sache.

Der arme Hahn war also aus der Welt.
Vergebens nur ward von der Alten
Ein scharf Examen angestellt.
Die Mdchen taten fremd, und schalten
Auf den, der diesen Mord getan,
Und weinten endlich mit der Alten
Recht bitterlich um ihren Hahn.

Allein was halfs den schlauen Kindern?
Der Tod des Hahns sollt ihre Plage mindern,
Und er vermehrte sie noch mehr.
Die Base, die sie sonst nicht eh im Schlafe strte,
Als bis sie ihren Haushahn hrte,
Wut in der Nacht itzt nicht, um welche Zeit es wr;
Allein weil es ihr Alter mit sich brachte,
Da sie um Mitternacht erwachte:
So rief sie die auch schon um Mitternacht,
Die, spter aufzustehn, den Haushahn umgebracht.

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Wrst du so klug, die kleinen Plagen
Des Lebens willig auszustehn:
So wrdest du dich nicht so oft gentigt sehn,
Die grern bel zu ertragen.




Die Spinne

Hochmtig ber ihre Knste,
Warf vom durchsichtigen Gespinste
Die Spinne manchen finstern Blick
Auf einen Seidenwurm zurck;
So aufgeblht, wie ein Pedant,
Der itzt, von seinem Wert erhitzet,
In Werken seiner eignen Hand
Bis an den Bart vergraben sitzet,
Und auf den Schler, der ihn grt,
Den Blick mit halben Augen schiet.
Der Seidenwurm, den erst vor wenig Tagen
Der Herr zur Lust mit sich ins Haus getragen,
Sieht dieser Spinne lange zu,
Und fragt zuletzt: "Was webst denn du?"
"Unwissender!" lt sich die Spinn erbittert hren,
"Du kannst mich noch durch solche Fragen stren?
Ich webe fr die Ewigkeit!"

Doch kaum erteilet sie den trotzigen Bescheid:
So reit die Magd, mit Borsten in den Hnden,
Von den noch nicht geputzten Wnden
Die Spinne nebst der Ewigkeit.

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Die Kunst sei noch so gro, die dein Verstand besitzet,
Sie bleibt doch lcherlich, wenn sie der Welt nicht ntzet.
Verdient, ruft ein Pedant, mein Flei denn keinen Dank?
Nein!  Denn er hilft nichts mehr, als andrer Miggang.




Die Verschwiegenheit

"O Doris, wrst du nur verschwiegen:
So wollt ich dir etwas gestehn;
Ein Glck, ein ungemein Vergngen--
Doch nein, ich schweige", sprach Tiren.
"Wie?" rief die schne Schferin,
"Du zweifelst noch, ob ich verschwiegen bin?
Du kannst mirs sicher offenbaren;
Ich schwr, es solls kein Mensch erfahren."
"Du kennst", versetzt Tiren, "die sprde Sylvia,
Die schchtern vor mir floh, sooft sie mich sonst sah.
Ich komme gleich von dieser kleinen Sprden;
Doch, ach, ich darf nicht weiterreden.
Nein, Doris, nein, es geht nicht an;
Es wr um ihre Gunst, und um mein Glck getan,
Wenn Sylvia dereinst erfhre,
Da--Dringe nicht in mich, ich halte meine Schwre."

"So liebt sie dich?" fuhr Doris fort.
"Jawohl!  Doch sage ich kein Wort.
Ich hab ihr Herz nun vllig eingenommen,
Und itzt von ihr den ersten Ku bekommen.
Tiren, sprach sie zu mir, mein Herz sei ewig dein;
Doch eines bitt ich dich, du mut verschwiegen sein.
Da wir uns gnstig sind, uns treu und zrtlich kssen,
Braucht niemand auf der Flur als ich und du zu wissen.
Drum bitt ich, Doris, schweige ja,
Sonst flieht und hat mich Sylvia."

Die kleine Doris geht.  Doch wird auch Doris schweigen?
Ja, die Verschwiegenheit ist allen Schnen eigen.
Gesetzt, da Doris auch es dem Damt vertraut;
Was ist es denn nun mehr?  Sie sagt es ja nicht laut.

Ihr Schfer, ihr Damt, kmmt ihr verliebt entgegen,
Drckt ihre weiche Hand, und fragt,
Was ihr sein Freund Tiren gesagt?

"Damt, du weit ja wohl, was wir zu reden pflegen,
Du kennst den ehrlichen Tiren;
Es war nichts Wichtiges, sonst wrd ich dirs gestehn.
Er sagte mir--Verlang es nicht zu wissen;
Ich hab es ihm versprechen mssen,
Da ich zeitlebens schweigen will."

Damt wird traurig, schweiget still,
Umarmt sein Kind, doch nur mit halbem Feuer.
Die Schferin erschrickt, da sie Damtens Ku
So unvollkommen schmecken mu.
"Du zrnest", ruft sie, "mein Getreuer?
O zrne nicht, ich will es dir gestehn:
Die sprde Sylvia ergibt sich dem Tiren,
Und hat ihm itzt in ihrem Leben
Den allerersten Ku gegeben;
Allein du mut verschwiegen sein."

Damt versprichts.  Kaum ist Damt allein:
So fhlt er schon die grte Pein,
Sein neu Geheimnis zu bewahren.
"Ja!" fngt Damt zu singen an:
"Ich will es keinem offenbaren,
Da Sylvia Tirenen liebt,
Ihm Ksse nimmt, und Ksse gibt;
Du, stummer Busch, nur sollsts erfahren,
Wen Sylvia verstohlen liebt."

Doch ach!  In diesem Busch war unsre Sylvia,
Die sich durch dieses Lied beschmt verraten sah;
Und eine Heimlichkeit so laut erfahren mute,
Die, ihrer Meinung nach, nur ihr Geliebter wute.
Sie luft, und sucht den Schwtzer, den Tiren.
Ach, Schfer, ach, wie wird dirs gehn!
"Mich", fngt sie an, "so zu betrgen!
Dich, Plaudrer, sollt ich lnger lieben?"

Und kurz: Tiren verliert die schne Schferin,
Und kmmt, Damten anzuklagen.
"Ja", spricht Damt, "ich mu es selber sagen,
Da ich nicht wenig strafbar bin;
Allein wie kannst du mich den grten Schwtzer nennen?
Du hast ja selbst nicht schweigen knnen!"





Die Widersprecherin

Lene hatte noch, bei vielen andern Gaben,
Auch diese, da sie widersprach.
Man sagt es berhaupt den guten Weibern nach,
Da alle diese Tugend haben;
Doch wenns auch tausendmal der ganze Weltkreis spricht:
So halt ichs doch fr ein Gedicht,
Und sag es ffentlich, ich glaub es ewig nicht.
Ich bin ja auch mit mancher Frau bekannt,
Ich hab es oft versucht, und manche schn genannt,
So hlich sie auch war, blo, weil ich haben wollte,
Da sie mir widersprechen sollte;
Allein sie widersprach mir nicht.
Und also ist es falsch, da jede widerspricht.
So krnkt man euch, ihr guten Schnen!
Itzt komm ich wieder zu Ismenen.
Ismenen sagte mans nicht aus Verleumdung nach,
Es war gewi, sie widersprach:

Einst sa sie mit dem Mann bei Tische,
Sie en unter andern Fische,
Mich deucht, es war ein grner Hecht.
"Mein Engel", sprach der Mann, "mein Engel, ist mir recht:
So ist der Fisch nicht gar zu blau gesotten."
"Das", rief sie, "habe ich wohl gedacht,
So gut man auch die Anstalt macht:
So finden Sie doch Grund, der armen Frau zu spotten.
Ich sag es Ihnen kurz, der Hecht ist gar zu blau."
"Gut", sprach er, "meine liebe Frau,
Wir wollen nicht darber streiten,
Was hat die Sache zu bedeuten?"

So wie dem welschen Hahn, dem man was Rotes zeigt,
Der Zorn den Augenblick in Nas und Lefzen steigt,
Sie rot und blau durchstrmt, lang auseinandertreibet,
In beiden Augen blitzt, sich in den Flgeln streibet,
In alle Federn dringt, und sie gen Himmel kehrt,
Und zitternd, mit Geschrei und Poltern, aus ihm fhrt:
So schiet Ismenen auch, da dies ihr Liebster spricht,
Das Blut den Augenblick in ihr sonst bla Gesicht;
Die Adern liefen auf, die Augen wurden enger,
Die Lippen dick und blau, und Kinn und Nase lnger,
Ihr Haar bewegte sich, stieg voller Zorn empor,
Und stie, indem es stieg, das Nachtzeug von dem Ohr.
Drauf fing sie zitternd an: "Ich, Mann!  ich, deine Frau,
Ich sag es noch einmal, der Hecht war gar zu blau."
Sie nimmt das Glas und trinkt.  O lat sie doch nicht trinken!

Ihr Liebster geht, und sagt kein Wort,
Kaum aber ist ihr Liebster fort:
So sieht man sie in Ohnmacht sinken.
Wie konnt es anders sein.  Gleich auf den Zorn zu trinken!
Ein pltzliches Geschrei bewegt das ganze Haus,
Man bricht der Frau die Daumen aus;
Man streicht sie krftig an; kein Balsam will sie strken.
Man reibt ihr Schlaf und Puls; kein Leben ist zu merken.
Man nimmt vermengtes Haar und hlts ihr vors Gesicht.
Umsonst!  Umsonst!  Sie riecht es nicht;
Nichts kann den Geist ihr wiedergeben.
Man ruft den Mann, er kmmt, und schreit: "Du stirbst, mein Leben!
Du stirbst?  Ich armer Mann!  Ach, meine liebe Frau,
Wer hie mich dir doch widerstreben!
Ach, der verdammte Fisch!  Gott wei, er war nicht blau."
Den Augenblick bekam sie wieder Leben.
"Blau war er", rief sie aus, "willst du dich noch nicht geben?"

So tat der Geist des Widerspruchs
Mehr Wrkung, als die Kraft des heftigsten Geruchs.





Die zrtliche Frau

Wie alt ist nicht der Wahn, wie alt und ungerecht,
Als ob dir, weibliches Geschlecht!
Die Liebe nicht von Herzen ginge?
Das Alter sang in diesem Ton,
Von seinem Vater hrts der Sohn,
Und glaubt die ungereimten Dinge.
Verlat, o Mnner, diesen Wahn,
Und da ihr ihn verlat, so hrt ein Beispiel an,
Das ich fr alle Mnner singe.
Du aber, die mich dichten heit,
Du, Liebe, strke mich, da mir ein Lied voll Geist,
Ein berzeugend Lied gelinge,
Und gib mir, zu gesetzter Zeit,
Ein Weib von so viel Zrtlichkeit,
Als diese war, die ich besinge!

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Clarine liebt den treusten Mann,
Den sie nicht besser wnschen kann,
Sie liebt ihn recht von Herzensgrunde.
Und wenn dir dies unglaublich scheint:
So wisse nur, seit der beglckten Stunde,
Die sie mit ihrem Mann vereint,
War noch kein Jahr vorbei; nun glaubst dus doch, mein Freund?
Clarine kannte keine Freude,
Kein grer Glck, als ihren Mann;
Sie liebte, was er liebgewann,
Was eines wollte, wollten beide;
Was ihm mifiel, mifiel auch ihr.
O, sprichst du, so ein Weib, so eines wnscht ich mir!
Jawohl!  ich wnsch es auch mit dir.
Sei nur recht zrtlich eingenommen;
Ihr Mann wird krank; vielleicht kannst du sie noch bekommen.
Krank, sag ich, wird ihr Mann, und recht gefhrlich krank;
Er qult sich viele Tage lang,
Von ganzen Strmen Schwei war sein Gesicht umflossen;
Doch noch von Trnen mehr, die sie um, ihn vergossen.
"Tod!" fngt sie ganz erbrmlich an,
"Tod wenn ich dich erbitten kann,
Nimm lieber mich, als meinen Mann."
Wenns nun der Tod gehret htte?
Jawohl!  Er hrt es auch; er hrt Clarinens Not,
Er kmmt, und fragt: "Wer rief?"--"Hier!" schreit sie, "lieber Tod,
Hier liegt er, hier in diesem Bette!"





Elpin

Ein Groer in Athen, der kein Verdienst besa,
Als da er vornehm trank und a,
Und sein Geschlecht zu rhmen nie verga,
Verlangte doch den Ruhm zu haben,
Als htt er wirklich groe Gaben.
Denn mancher, der, wenn ihn nicht die Geburt erhht,
Da stnde, wo sein Christoph steht,
Und kaum zum Diener tchtig wre,
Hlt desto mehr auf Ruhm und Ehre,
Je dreister sich sein Herz, trotz seinem Stolz, erkhnt;
Und ihm oft sagt, da er sie nicht verdient.
In eben dieser Stadt, in der der Groe wohnte,
War ein Poet, der die Verdienste pries,
Die Tugend durch sein Lied belohnte,
Und durch sein Lied unsterblich werden hie;
Den bat Elpin, ihn zu besingen.
"Sie knnen", sprach der groe Mann,
"Durch meinen Namen sich zugleich in Ansehn bringen."

"Mein Herr,", rief der Poet, "es geht unmglich an.
Ich hab aus Eigensinn einst ein Gelbd getan,
Nur das Verdienst und nie den Namen zu besingen."





Emil

Emil, der seit geraumer Zeit,
Den Klugen wohl bekannt, bei seinen Bchern lebte,
Und mehr nach der Geschicklichkeit
Zu einem Amt, als nach dem Amte strebte,
Ward einst von einem Freund gefragt,
Warum er denn kein Amt noch htte,
Da doch die ganze Stadt so rhmlich von ihm redte,
Und mancher sich vor ihm schon in ein Amt gewagt,
Der nicht den zehnten Teil von seinen Gaben htte?
"Ich", sprach Emil, "will lieber, da man fragt,
Warum man mich doch ohn ein Amt lt leben,
Als da man fragt: warum man mir ein Amt gegeben?"





Epiktet

Verlangst du ein zufriednes Herz:
So lern die Kunst, dich stoisch zu besiegen,
Und glaube fest, da deine Sinnen trgen.
Der Schmerz ist in der Tat kein Schmerz,
Und das Vergngen kein Vergngen.
Sobald du dieses glaubst: so nimmt kein Glck dich ein,
Und du wirst in der grten Pein
Noch allemal zufrieden sein.
Das, sprichst du, kann ich schwer verstehen.
Ist auch die stolze Weisheit wahr?
Du sollst es gleich bewiesen sehen;
Denn Epiktet stellt dir ein Beispiel dar.
Ihn, als er noch ein Sklave war,
Schlug einst sein Herr mit einem starken Stabe
Zweimal sehr heftig auf das Bein.
"Herr", sprach der Philosoph, "ich bitt Ihn, la Ers sein,
Denn sonst zerschlgt Er mir das Bein."
"Gut, weil ich dirs noch nicht zerschlagen habe:
So soll es", rief der Herr, "denn gleich zerschlagen sein!"
Und drauf zerschlug er ihm das Bein;
Doch Epiktet, anstatt sich zu beklagen,
Fing ruhig an: "Da sieht Ers nun!
Hab ichs Ihm nicht gesagt, Er wrde mirs zerschlagen?"

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Dies, Mensch, kann Zenons Weisheit tun!
Besiege die Natur durch diese starken Grnde.
Und willst du stets zufrieden sein:
So bilde dir erhaben ein,
Lust sei nicht Lust, und Pein nicht Pein.
Allein, sprichst du, wenn ich das Gegenteil empfinde,
Wie kann ich dieser Meinung sein?
Das wei ich selber nicht; indessen klingts doch fein,
Trotz der Natur sich stets gelassen sein.




Erast

Dorant, ein reicher Mann, der weiter keinen Erben,
Als einen Vetter hinterlie,
Der reicher war als er, und keinem Guts erwies,
Dorant beschlo bei seinem Sterben,
An seines Vetters Statt Erasten zu erfreun,
Und setzte diesen Freund, ders wrdig war, zum Erben
Von zwanzigtausend Talern ein.
Der Vetter, der die Stadt recht giftig berredte,
Als ob Erast, der so rechtschaffne Mann,
Das Testament erschlichen htte,
Fing einen Streit um dies Vermgen an,
Und lief, von Neid und Geiz gedrungen,
Mit schrecklichen Beschuldigungen,
Und mit Geschenken vor Gericht;
Allein sooft auch die das Recht erzwungen:
So siegten sie doch diesmal nicht.

Erast gewann.  "Doch dich", spricht er, "zu berfhren,
Ob ich das Testament mit List an mich gebracht:
So will ich das, was mir mein Freund vermacht,
Nachdem ich es gewann, verlieren.
Die Hlfte schenk ich dir, um dich zu widerlegen.
Zweitausend Taler sollen mein;
Und das noch brige Vermgen
Soll ein Geschenk fr arme Waisen sein.
Verdien ich noch den schrecklichen Verdacht,
Da ich das Testament mit List an mich gebracht?"





Herodes und Herodias

Freund, wer ein Laster liebt, der liebt die Laster alle.
Wer ein Gesetz der Tugend bertritt,
Entheiligt in dem einen Falle
Im Herzen auch die andern mit.
O sprichst du, welche Sittenlehre
Gibt euch der Geist der Schwermut ein!
Gesetzt, da ich der Wollust dienstbar wre,
Werd ich deswegen wohl der Mordsucht eigen sein?
Ich glaub es, lieber Freund, du wirst es mir verzeihn;
Schrift und Vernunft behaupten diese Lehre.
Der Witz, der dich die Wahrheit lehrt,
Die Hurerei sie kein Verbrechen,
Wird, wenns dein Vorteil nur begehrt,
Das Wort zugleich der Mordsucht sprechen.
Auf einmal wird man nie der grte Bsewicht;
Allein den Grund dazu kann man auf einmal legen.
Verletze nur mit Vorsatz eine Pflicht:
So hast du schon das schreckliche Vermgen,
Wodurch dein Herz die andern bricht.
Warum gehorchst du den Gesetzen?
Weil Gott, der Heilige, der deine Wohlfahrt liebt,
Sie den Vernnftigen zu ihrer Wohlfahrt gibt.
Doch darfst du ein Gebot verletzen:
So schwchst du ja den Grund, auf dem sie alle stehn.
Was kann sich dir denn widersetzen,
Dich nicht an allen zu vergehn?
O merk es doch, noch unschuldsvolle Jugend!
Ich bitte dich, o merk es dir!
Es gibt nicht mehr als eine Tugend,
Und als ein Laster neben ihr.
Hast du den Vorsatz nicht, nach allen heilgen Pflichten,
Dich in und auer dir zu richten:
So prange hier und da mit guter Eigenschaft,
Dein Herz ist doch nicht tugendhaft.
Sooft dus wagst, nur eins von den Gesetzen,
Weil es dein Herz verlangt, mit Vorsatz zu verletzen:
So schwchst du aller Tugend Kraft,
Und bist bei hundert guten Taten,
Die Hoffnung oder Furcht, Ruhm und Natur dir raten,
Vor Gott und der Vernunft doch vllig lasterhaft.

O Jugend!  fa doch diese Lehren,
Itzt ist dein Herz geschickt dazu.
Dem kleinsten Laster vorzuwehren,
Die Tugend ewig zu verehren,
Sei niemand eifriger als du.
Durch sie steigst du zum gttlichen Geschlechte,
Und ohne sie sind Knige nur Knechte.
Sie macht dir erst des Lebens Anmut schn.
Sie wird bei widrigem Geschicke
Dich ber dein Geschick erhhn.
Sie wird im letzten Augenblicke,
Wenn alle traurig von dir gehn,
In himmlischer Gestalt zu deiner Seite stehn,
Und in die Welt der selgen Herrlichkeiten
Den Geist, weil sie ihn liebt, begleiten.
Sie wird dein Schmuck vor jenen Geistern sein,
Die sich schon auf dein Glck und deinen Umgang freun.
O Mensch!  ist dir dies Glck zu klein,
Um strenge gegen dich zu sein?

Nunmehr mag uns ein wahres Beispiel lehren,
Wie alle Laster sich von einem Laster nhren.

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Herodias, wie uns die Schrift erzhlt,
Brach dem die Treu, mit dem sie sich vermhlt,
Und hing an seines Bruders Seite
Der Neigung nach, die auch ein Heide scheute;
Und die der Hof, der gern mit Worten spielt,
Fr Zrtlichkeit und nicht fr Unzucht hielt.
Doch lat die Schmeichler knechtisch sprechen.
Johannes kmmt an Hof.  Kein Thron verblendet ihn,
Von dem das Laster strahlt.  Er sieht es, und spricht khn:
"Du hast des Bruders Weib; dies, Frst, ist ein Verbrechen."
So redt ein Mann, aus dem der Geist der Tugend spricht.
Zur Niedertrchtigkeit reizt ihn der Thron zu wenig.
Er frchtet Gott mehr als den Knig,
Und hlt den Mut fr seine grte Pflicht,
Wenn er zu dessen Ehre spricht,
Von dem mit uns die Knige der Erden
Aus gleichem Staub gebildet werden.

So dreist sprach Zachari Sohn;
Allein der Kerker ward sein Lohn.
Ein Widerruf knnt ihn daraus erretten;
Doch nein, ein Tugendfreund liegt lieber frei an Ketten,
Als sklavisch um der Frsten Thron.
So frei indes Johannes auch gesprochen:
So blieb er doch dem Frsten wert.
Denn selber der, der jede Pflicht gebrochen,
Wird durch ein Herz gereizt, das Gott und Tugend ehrt;
Ein heimliches Gefhl heit ihn dies Herz noch lieben,
Und sich, da ers nicht hat, noch hassen kann, betrben.

Und also scheint der Frst noch tugendhaft zu sein,
Sosehr ihn auch sein Laster eingenommen.
Wenn er unzchtig ist, ist er drum grausam?  Nein;
Doch lat nur einen Umstand kommen:
So wird ers doch aus Wollust sein.
Kein Laster herrscht jemals allein.
Und du begingst vielleicht, wie er, das grte,
Wrst du zum grten nicht zu klein.

Der Frstin Tochter tanzt an einem Freudenfeste.
Der Hof bewundert sie.  Herodes wird entzckt,
Und fhlt, indem er sie erblickt,
Der Mutter Blick in ihrer Tochter Blicke.
Er winkt der Salome: "Gebeut itzt deinem Glcke,
Und bitte, was du willst!  Fr meine Lieb und dich
Ist nichts zu gro, und nichts zu kniglich."

Die Tochter eilt mit frohen Schritten
Zu der Herodias, und fragt: "Was soll ich bitten?"
"Bitt um des Tufers trotzig Haupt!"
O Gott!  wer htte das geglaubt?
Ist fr ein weiches Herz, und fr verbuhlte Blicke,
Ein blutig Haupt ein reizungsvolles Glcke?
Ein Weib, das sonst die kleinsten Schmerzen scheut,
Findt, da die Wollust ihr gebeut,
Selbst Wollust in der Grausamkeit?
Und lehrt zugleich die Tochter ein Verbrechen?

Herodes hrt den Wunsch, erschrickt und wird betrbt,
Weil er den frommen Tufer liebt;
Allein der Frstenstolz weist ihn auf sein Versprechen.
Hats nicht der Hof gehrt?  Bist du nicht Herr und Frst?
Wird sich Herodias nicht gleich durch Kaltsinn rchen,
Wofern du nicht den Wunsch erfllen wirst?
Gebeut, sprach seine Brunst, und eilig willigt er
In dieses grausame Vergngen.
Man bringt des Tufers Haupt auf einer Schssel her.

Hier siehst du ja, wie bald nach leichter Gegenwehr
In einem Laster alle siegen!





Inkle und Yariko

Die Liebe zum Gewinst, die uns zuerst gelehrt,
Wie man auf leichtem Holz durch wilde Fluten fhrt;
Die uns beherzt gemacht, das liebste Gut, das Leben,
Der ungewissen See auf Brettern preiszugeben;
Die Liebe zum Gewinst, der deutliche Begriff
Von Vorteil und Verlust, trieb Inklen auf ein Schiff.
Er opferte der See die Krfte seiner Jugend;
Denn Handeln war sein Witz, und Rechnen seine Tugend.
Ihn lockt das reiche Land, das wir durchs Schwert bekehrt,
Das wir das Christentum und unsern Geiz gelehrt.
Er sieht Amerika; doch nah an diesem Lande
Zerreit der Sturm sein Schiff.  Zwar glckt es ihm, am Strande
Dem Tode zu entgehn; allein der Wilden Schar
Fiel auf die Briten los; und wer entkommen war,
Den fra ihr hungrig Schwert.  Nur Inkle soll noch leben;
Die Flucht in einen Wald mu ihm Beschirmung geben.
Vom Laufen atemlos, wirft, mit verwirrtem Sinn,
Der Brite sich zuletzt bei einem Baume hin;
Umringt mit naher Furcht und ungewissem Grmen,
Ob Hunger oder Schwert ihm wird das Leben nehmen?

Ein pltzliches Gerusch erschreckt sein schchtern Ohr.
Ein wildes Mdchen springt aus dem Gebsch hervor,
Und sieht mit schnellem Blick den Europer liegen.
Sie stutzt.  Was wird sie tun?  Bestrzt zurcke fliegen?
O nein!  so streng und deutsch sind wilde Schnen nicht.
Sie sieht den Fremdling an; sein rund und wei Gesicht,
Sein Kleid, sein lockicht Haar, die Anmut seiner Blicke
Gefllt der Schnen wohl, hlt sie mit Lust zurcke.

Auch Inklen nimmt dies Kind bei wilder Anmut ein.
Unwissend in der Kunst, durch Zwang verstellt zu sein,
Verrt sie durch den Blick die Regung ihrer Triebe;
Ihr Auge sprach von Gunst und bat um Gegenliebe.
Die Indianerin war liebenswert gebaut.
Durch Mienen redt dies Paar, durch Mienen wirds vertraut.
Sie winkt ihm mit der Hand, er folget ihrem Schritte.
Mit Frchten speist sie ihn in einer kleinen Htte,
Und zeigt ihm einen Quell, vom Durst sich zu befrein.
Durch Lcheln rt sie ihm, getrost und froh zu sein.
Sie sah ihn zehnmal an, und spielt an seinen Haaren,
Und schien verwundrungsvoll, da sie so lockicht waren.

Sooft der Morgen kmmt: so machte Yariko
Durch neuen Unterhalt den lieben Fremdling froh,
Und zeigt durch Zrtlichkeit, mit jedem neuen Tage,
Was fr ein treues Herz in einer Wilden schlage!
Sie bringt ihm manch Geschenk, und schmckt sein kleines Haus
Mit mancher bunten Haut, mit bunten Federn aus;
Und eine neue Tracht von schnen Muschelschalen
Mu, wenn sie ihn besucht, um ihre Schultern prahlen.
Zur Nachtzeit fhrt sie ihn zu einem Wasserfall,
Und unter dem Gerusch und Philomelens Schall
Schlft unser Fremdling ein.  Aus zrtlichem Erbarmen
Bewacht sie jede Nacht den Freund in ihren Armen.
Wird in Europa wohl ein Herz so edel sein?

Die Liebe flt dem Paar bald eine Mundart ein.
Sie unterreden sich durch selbst erfundne Tne.
Kurz, er versteht sein Kind, und ihn versteht die Schne.
Oft sagt ihr Inkle vor, was seine Vaterstadt
Fr se Lebensart, fr Kostbarkeiten hat.
Er wnscht, sie neben sich in London einst zu sehen;
Sie hrts, und zrnet schon, da es noch nicht geschehen.
Dort, spricht er, kleid ich dich; und zeiget auf sein Kleid;
In lauter bunten Zeug, von grrer Kostbarkeit;
In Husern, halb von Glas, bespannt mit raschen Pferden,
Sollst du in dieser Stadt bequem getragen werden.

Vor Freuden weint dies Kind, und sieht, indem sie weint,
Schon nach der offnen See, ob noch kein Schiff erscheint.
Es glckt ihr, was sie wnscht, in kurzem zu entdecken.
Sie sieht ein Schiff am Strand, und luft mit frohem Schrecken,
Sucht ihren Fremdling auf, vergit ihr Vaterland
Aus Treue gegen ihn, und eilt, an seiner Hand,
So freudig in die See, als ob das Schiff im Meere,
In das sie steigen will, ein Haus in London wre.

Das Schiff setzt seinen Lauf mit gutem Winde fort,
Und fliegt nach Barbados*; doch dieses war der Ort,
Wo Inkle ganz bestrzt sein Schicksal berdachte,
Als schnell in seiner Brust der Kaufmannsgeist erwachte.
Er kam mit leerer Hand aus Indien zurck;
Dies war fr seinen Geiz ein trauriges Geschick.
So hab ich, fing er an, um arm zurckzukommen,
Die frchterliche See, mit Mh und Angst, durchschwommen?
Er stillt in kurzer Zeit den Hunger nach Gewinn,
Und fhrt Yariko zum Sklavenhndler hin.
Hier wird die Dankbarkeit in Tyrannei verwandelt,
Und die, die ihn erhielt, zur Sklaverei verhandelt.

Sie fllt ihm um den Hals, sie fllt vor ihm aufs Knie,
Sie fleht, sie weint, sie schreit.  Nichts!  Er verkaufet sie.
Mich, die ich schwanger bin, mich!  fhrt sie fort zu klagen.
Bewegt ihn dies?  Ach ja!  Sie hher anzuschlagen.
Noch drei Pfund Sterling mehr!  Hier, spricht der Brite froh,
Hier, Kaufmann, ist das Weib, sie heit Yariko!

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O Inkle!  du Barbar, dem keiner gleich gewesen;
O mchte deinen Schimpf ein jeder Weltteil lesen!
Die grte Redlichkeit, die allergrte Treu
Belohnst du, Bsewicht!  noch gar mit Sklaverei?
Ein Mdchen, das fr dich ihre eigen Leben wagte,
Das dich dem Tod entri, und ihrem Volk entsagte,
Mit dir das Meer durchstrich, und, bei der Glieder Reiz,
Das beste Herz besa, verhandelst du aus Geiz?
Sei stolz!  Kein Bsewicht bringt dich um deinen Namen.
Nie wird es mglich sein, dein Laster nachzuahmen.

* Barbados ist eine von den caribischen Inseln, welche den Englndern
zugehret.  Es wird ein groer Sklavenhandel daselbst getrieben.


Lisette

Ein junges Weib, sie hie Lisette,
Dies Weibchen lag an Blattern blind.
Nun wei man wohl, wie junge Weiber sind;
Drum durft ihr Mann nicht von dem Bette,
So gern er sie verlassen htte:
Denn lat ein Weib schn wie Cytheren sein,
Wenn sie die Blattern hat: so nimmt sie nicht mehr ein.
Hier sitzt der gute Mann, zu seiner grten Pein,
Und mu des kranken Weibes pflegen,
Ihr Kssen oft zurechtelegen,
Und oft durch ein Gebet um ihre Berung flehn;
Und gleichwohl war sie nicht mehr schn.
Ich htt ihn mgen beten sehn.
Der arme Mann!  Ich wei ihm nicht zu raten.
Vielleicht besinnt er sich, und tut, was andre taten.

Ein krankes Weib braucht eine Wrterin;
Und Lorchen ward dazu erlesen,
Weil ihr Lisettens Eigensinn
Vor andern lngst bekannt gewesen.
Sie trat ihr Amt dienstfertig an,
Und wute sich in allen Stcken
Gut in, die kranke Frau zu schicken,
Und auch in den gesunden Mann.
Sie war besorgt, gefllig, jung und schn,
Und also ganz geschickt, mit beiden umzugehn.

Was tut man nicht, um sich von Gram und Pein,
Von Langerweile zu befrein?
Der Mann sieht Lorchen an, und redt mit ihr durch Blicke,
Weil er nicht anders reden darf;
Und jeder Blick, den er auf Lorchen warf,
Kam, wo nicht ganz, doch halb erhrt zurcke.
Ach, arme kranke Frau!  Es ist dein groes Glcke,
Da du nicht sehen kannst, dein Mann tut recht galant;
Dein Mann, ich wollte viel drauf wetten,
Hat Lorchen schon vorher gekannt,
Und sie mit Flei zur Wrterin ernannt.
Ja, wenn sie blo durch Blicke redten:
So mcht es endlich wohl noch gehn;
Allein bald wird man sie einander kssen sehn.
Er kmmt, und klopft sie in den Nacken,
Und kneipt sie in die vollen Backen;
Sie wehrt sich ganz bequem, bequem wie eine Braut,
Und findet bald fr gut, sich weiter nicht zu wehren.
Sie kssen sich recht zrtlich und vertraut;
Allein sie kten gar zu laut.
Wie konnt es anders sein?  Lisette mut es hren.
Sie hrts, und fragt: "Was schallt so hell?"
"Madam, Madam!" ruft Lorchen schnell,
"Es ist Ihr Herr, er chzt vor groem Schmerz,
Und will sich nicht zufriedengeben."
"Ach", spricht sie, "lieber Mann, wie redlich meints dein Herz!
O grme dich doch nicht!  Ich bin ja noch am Leben."





Monime

Durch schner Glieder Reiz, durch Schnheit des Verstands
Erwarb Monime sich den Beifall Griechenlands;
So manches Buhlers Herz besiegten ihre Blicke;
Mit Wollust sah er sie, beschmt wich er zurcke,
Denn war Monime schn: so war ihr Herz zugleich
An Unschuld, wie ihr Blick an Geist und Feuer, reich.
Die Tugend, die dem Wunsch erhitzter Buhler wehrte,
Trieb selbst den Buhler an, da er sie mehr verehrte.
Arm war sie von Geburt, und zart von Leidenschaft,
Mit Schmeichlern stets umringt; und blieb doch tugendhaft?
Doch bringt Geschenke her!  Der Diamanten Flehen,
Des Golds Beredsamkeit wird sie nicht widerstehen.
Ein Prinz aus Pontus ists, der groer Mithridat,
Der mit entbrannter Brust sich zu Monimen naht;
Ein Knig seufzt und fleht.  Zu schmeichelnde Gedanken!
Wird nicht bei diesem Glck Monimens Tugend wanken?

"Prinz", fing sie herzhaft an, "du scheinst durch mich gerhrt,
Und rhmst den kleinen Reiz, der meine Bildung ziert;
Ich danke der Natur fr diesen Schmuck der Jugend;
Die Schnheit gab sie mir, und ich gab mir die Tugend.
Nicht jene macht mich stolz, nein, diese macht mich khn;
Sei tausendmal ein Prinz: umsonst ist dein Bemhn!
Ich mehre nie die Zahl erkaufter Buhlerinnen,
Nur als Gemahl wirst du Monimens Herz gewinnen."

So unbeweglich blieb ihr tugendhafter Sinn.
Der Prinz, des Prinzen Flehn, der prchtigste Gewinn,
Des Hofes Kunst und List, nichts konnte sie bezwingen.
Der Prinz mu fr ihr Herz ihr selbst die Krone bringen.

O welch ein seltnes Glck, von niederm Blut entstehn,
Und aus dem Staube sich bis zu dem Thron erhhn!
Wie lange, groes Glck!  wirst du ihr Herz vergngen?
Wie lange?

Mithridat hofft Rom noch zu besiegen;
Verlt Monimens Arm, um in den Krieg zu ziehn.
Doch der, der siegen will, fngt an, besiegt zu fliehn;
Rom setzt ihm siegreich nach, sein Land wird eingenommen.
Doch soll das stolze Rom Monimen nicht bekommen,
Eh dies der Prinz erlaubt, befielt er ihren Tod.
Ein Sklav erffnet ihr, was Mithridat gebot.

"So", ruft sie, "raubt mir auch die Hoheit noch das Leben?
Die fr entrine Ruh mir einen Thron gegeben,
Auf dem ich ungeliebt, durch Reue mich geqult,
Da ich den Niedrigsten mir nicht zum Mann erwhlt?"
Sie reit den Hauptschmuck ab, um stolz sich umzubringen,
Und eilt, ihr Diadem sich um den Hals zu schlingen;
Allein das schwache Band erfllt ihr Wnschen nicht,
Es reit, und weigert sich der so betrbten Pflicht.
"O", ruft sie, "Schmuck!  den ich zu meiner Pein getragen,
Sogar den schlimmsten Dienst will du mir noch versagen?"
Sie wirft ihn vor sich hin, tritt voller Wut darauf,
Und gibt durch einen Dolch alsbald ihr Leben auf.





Philinde

Philinde blieb oft vor dem Spiegel stehn;
Denn alles kann man fast den Schnen,
Nur nicht den Trieb, sich selber gern zu sehn,
Und zu bewundern, abgewhnen.
Dies ist der Ton, aus dem die Mnner schmhn;
Doch, Mdchen, bleibet nur vor euren Spiegeln stehn.
Ich la es herzlich gern geschehn.
Was wolltet ihr auch sonst wohl machen?
Bestndig tndeln, ewig lachen?
Und stets nach den Verehrern sehn?
Dies wre ja nicht auszustehn.
Genug, das schne Kind, von der ich erst erzhlte,
Bespiegelte sich oft, und musterte das Haar,
Und besserte, wo nicht das mindste fehlte.
Ihr Bruder, der ein Autor war,
Sah sie am Spiegel stehn und schmlte.
"Habt Ihr Euch noch nicht satt gesehn?
Ich geh es zu, Ihr seid sehr schn;
Doch sein Gesicht die ganze Zeit besehn,
Verrt ein gar zu eitles Wesen."
"Herr Autor", sprach sie, "der Ihr seid,
Hebt mit mir auf; denn sich gern selber lesen,
Und gern im Spiegel sehn, ist beides Eitelkeit."





Selinde

Das schnste Kind zu ihren Zeiten,
Selinde, reich an Lieblichkeiten,
Schn, wenn ich also sagen mag,
Schn, wie das Morgenrot, und heiter, wie der Tag;
Selinde soll sich malen lassen.
Sie weigert sich; der Maler lie nicht nach;
Er bat, bis sie es ihm versprach,
Und schwur, sie recht getreu zu fassen.
Sie fragt, wieviel man ihm bezahlt?
Ich htte sie umsonst gemalt,
Und htt ich ja was fordern sollen:
So htt ich Ksse fordern wollen.
So schn Selinde wirklich war,
So schn, und schner nicht, stellt sie der Maler dar;
Die kleinste Miene mu ihm glcken,
Das Bild war treu, und schn bis zum Entzcken;
So reizend, da es selbst der Maler hurtig kt,
Sobald sein Weib nicht um ihn ist.

Der Maler bringt sein gttliches Gesicht.
Selinde sieht es an, erschrickt, und legt es nieder.
"Hier nehm er sein Gemlde wieder,
Er irrt, mein Freund, das bin ich nicht.
Wer hie ihn so viel Schmeicheleien,
Uns so viel Reiz auf meine Bildung streuen?
Erdichtet ist der Mund, verschnert ist das Kinn.
Kurz, nehm er nur sein Bildnis hin;
Ich mag nicht schner sein, als ich in Wahrheit bin.
Vielleicht wollt er die Venus malen:
Von dieser la er sich bezahlen."

So ist sie denn allein das Kind,
Das schn ist, ohn es sein zu wollen?
Wie viele kenn ich nicht, die wirklich hlich sind,
Und die wir mit Gewalt fr englisch halten sollen.

Der Maler nimmt sein Bild, und sagt kein einzig Wort,
Geht trotzig, wie ein Knstler, fort.
Was wird er tun?  Er wird es doch nicht wagen,
Und so ein schnes Kind verklagen?

Er klagt.  Selinde mu sich stellen.
Die Vter werden doch ein gtig Urteil fllen!
O fahrt sie nicht gebietrisch an;
So sehr sie unrecht hat, so edel ist ihr Wahn.

Hier kmmt sie schon, hier kmmt Selinde!
Wer hat mehr Anmut noch gesehen?
Der ganze Rat erstaunt vor diesem schnen Kinde,
Und sein Erstaunen preist sie schn.
Und jeder Greis in dem Gerichte
Verliert die Runzeln vom Gesichte;
Man sah aufs Bild; doch jedesmal
Noch lngre Zeit auf das Original;
Und jeder rief: "Sie ist getroffen!"
"O", sprach sie ganz beschmt, "wie knnt ich dieses hoffen!
Er hat mich viel zu schn gemalt,
Und Schmeichler werden nicht bezahlt."

"Selinde", hub der Richter an,
"Kein Maler konnt Euch treuer malen.
Er hat nach seiner Pflicht getan,
Abbittend sollt Ihr ihn bezahlen;
Doch weil Ihr von Euch selbst nicht eingenommen seid:
So geht nicht unbelohnt von diesem Richterplatze;
Empfangt ein Heiratsgut aus dem gemeinen Schatze,
Zum Lohne der Bescheidenheit."

O weiser Mann, der dieses spricht!
Gerechter ist kein Spruch zu finden.
Du, du verdienst ein ewig Lobgedicht,
Und wrst du jung, verdientest du Selinden.
Selinde geht.  Der Beifall folgt ihr nach;
Man sprach von ihr gewi, wenn man von Schnen sprach;
Je mehr sie zweifelte, ob sie so reizend wre,
Um desto mehr erhielt sie Ehre.

----

Je minder sich der Kluge selbst gefllt:
Um desto mehr schtzt ihn die Welt.




Semnon und das Orakel

Sein knftig Schicksal zu erfahren,
Eilt Semnon voll Begier zum delphischen Altar.
Die Gottheit weigert sich, ihm das zu offenbaren,
Was ber ihn verhnget war.
Sie spricht: "Du wirst ein groes Glck genieen;
Doch wirds dein Unglck sein, sobald du es wirst wissen."
Ist Semnons Neugier nun vergngt?
Nichts weniger!  Nur mehr wchst sein Verlangen.
"O Gottheit", fhrt er fort, "wenn Bitten dich besiegt:
So la mich grres Licht von meinem Glck empfangen!"
So traut der Mensch, und traut zugleich auch nicht.
Ein Semnon glaubt sein Glck, nicht, weils die Gottheit saget,
Nein, weil ers schon gewnscht, eh er sie noch gefraget.
Doch glaubt er auch, wenn sie vom Unglck spricht?
O nein!  Denn dieses wnscht er nicht.
Durch Klugheit denkt er schon das Unglck abzuwehren.
Kurz, Semnon lt nicht nach, er will sein Schicksal hren.

"Du wirst", hub das Orakel an,
"Durch deines Weibes Gunst den Zepter knftig fhren,
Und Vlker, die dich dienen sahn,
Dereinst durch einen Wink regieren."

Gestrkt durch dieses Gtterwort,
Eilt, der als Pilgrim kam, als Prinz in Hoffnung fort;
Mit, ohne Land, im Geist schon seines Reiches Gren;
Und lt schon, ohne Volk, sein Heer das Schwert entblen.

Allein so froh er war: so war ers nicht genug;
Er wei noch nicht, was er doch wissen wollte,
Die Zeit, in der sein Fu den Thron besteigen sollte;
Die Ungewiheit wars, die ihn noch niederschlug.
"Und", sprach er, "wenn ich auch nun bald den Thron bestiegen,
Wie lange whrt alsdann mein kniglich Vergngen?"
Der khne Zweifel treibt ihn an.
Zum delphischen Apoll sich noch einmal zu nahn.

"O Tor", versetzt Apoll, "euch Sterblichen zum Glcke,
Verbarg der Gtter Schlu die Zukunft eurem Blicke.
So wisse denn: In kurzer Zeit
Schmckt dich des Purpurs Herrlichkeit;
Doch raubt die Hand, die dir den Thron gegeben,
Dir mit dem Throne bald das Leben."

Er tat darauf im Kriege sich hervor,
Und stieg, aus einem niedern Stande,
Zur hchsten Wrd im Vaterlande,
Durch seine Tapferkeit empor.
Das ihm so gnstige Geschicke
Erfllte des Orakels Sinn;
Und Semnon ward, bei immer grerm Glcke,
Der Liebling seiner Knigin.
Sie schenkt ihm Herz und Thron; doch ein verborgnes Schrecken
Lt ihn das Glck der Hoheit wenig schmecken.
Sein reizendes Gemahl, das er halb liebt, halb scheut,
Erfllt ihn halb mit Frost, und halb mit Zrtlichkeit.
Itzt wnscht er tausendmal, sein Schicksal nicht zu kennen,
Um so fr sie, wie sie fr ihn, zu brennen.
Sie merkt des Knigs sprden Sinn,
Sie zieht ihn in Verdacht mit einer Buhlerin,
Sie gibt ihm heimlich Gift; er stirbt vor ihren Fen.

Sagt, Menschen, ists kein Glck, sein Schicksal nicht zu wissen?





Till

Der Narr, dem oft weit minder Witz gefehlt,
Als vielen, die ihn gern belachen,
Und der vielleicht, um andre klug zu machen,
Das Amt des Albernen gewhlt
(Wer kennt nicht Tills berhmten Namen?);
Till Eulenspiegel zog einmal
Mit andern ber Berg und Tal.
Sooft als sie zu einem Berge kamen,
Ging Till an seinem Wanderstab
Den Berg ganz sacht und ganz betrbt hinab;
Allein wenn sie berganwrts stiegen,
War Eulenspiegel voll Vergngen.
"Warum", fing einer an, "gehst du bergan so froh?
Bergunter so betrbt?"--"Ich bin", sprach Till, "nun so.
Wenn ich den Berg hinuntergehe:
So denk ich Narr schon an die Hhe,
Die folgen wird, und da vergeht mir denn der Scherz;
Allein wenn ich berganwrts gehe:
So denk ich an das Tal, das folgt, und fa ein Herz."

----

Willst du dich in dem Glck nicht ausgelassen freun,
Im Unglck nicht unmig krnken:
So lern so klug wie Eulenspiegel sein,
Im Unglck gern ans Glck, im Glck ans Unglck denken.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Fabeln und Erzhlungen, von
Christian Frchtegott Gellert.






End of the Project Gutenberg EBook of Fabeln und Erzaehlungen
by Christian Fuerchtegott Gellert

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