The Project Gutenberg EBook of Maerchen-Almanach auf das Jahr 1826
by Wilhelm Hauff

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Title: Maerchen-Almanach auf das Jahr 1826

Author: Wilhelm Hauff

Release Date: October, 2004  [EBook #6638]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 9, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1826 ***




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Mrchen-Almanach auf das Jahr 1826

Wilhelm Hauff

Inhalt:

Mrchen als Almanach
Die Karawane (Rahmenerzhlung)
Die Geschichte vom Kalif Storch
Die Geschichte von dem Gespensterschiff
Die Geschichte von der abgehauenen Hand
Die Errettung Fatmes
Die Geschichte von dem kleinen Muck
Das Mrchen vom falschen Prinzen




Mrchen als Almanach

Wilhelm Hauff

 
In einem schnen, fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, da die
Sonne in seinen ewig grnen Grten niemals untergehe, herrschte von
Anfang an bis heute die Knigin Phantasie.  Mit vollen Hnden
spendete diese seit vielen Jahrhunderten die Flle des Segens ber
die Ihrigen und war geliebt, verehrt von allen, die sie kannten.  Das
Herz der Knigin war aber zu gro, als da sie mit ihren Wohltaten
bei ihrem Lande stehen geblieben wre; sie selbst, im kniglichen
Schmuck ihrer ewigen Jugend und Schnheit, stieg herab auf die Erde;
denn sie hatte gehrt, da dort Menschen wohnen, die ihr Leben in
traurigem Ernst, unter Mhe und Arbeit hinbringen.  Diesen hatte sie
die schnsten Gaben aus ihrem Reiche mitgebracht, und seit die schne
Knigin durch die Fluren der Erde gegangen war, waren die Menschen
frhlich bei der Arbeit, heiter in ihrem Ernst.

Auch ihre Kinder,nicht minder schn und lieblich als die knigliche
Mutter, sandte sie aus, um die Menschen zu beglcken.  Einst kam
Mrchen, die lteste Tochter der Knigin, von der Erde zurck.  Die
Mutter bemerkte, da Mrchen traurig sei, ja, hier und da wollte ihr
bednken, als ob sie verweinte Augen htte.

"Was hast du, liebes Mrchen", sprach die Knigin zu ihr, "du bist
seit deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner
Mutter nicht anvertrauen, was dir fehlt?"

"Ach, liebe Mutter", antwortete Mrchen, "ich htte gewi nicht so
lange geschwiegen, wenn ich nicht wte, da mein Kummer auch der
deinige ist."

"Sprich immer, meine Tochter", bat die schne Knigin, "der Gram ist
ein Stein, der den einzelnen niederdrckt, aber zwei tragen ihn
leicht aus dem Wege."

"Du willst es", antwortete Mrchen, "so hre: Du weit, wie gerne ich
mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch bei dem rmsten vor
seiner Htte sitze, um nach der Arbeit ein Stndchen mit ihm zu
verplaudern; sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum
Gru, wenn ich kam, und sahen mir lchelnd und zufrieden nach, wenn
ich weiterging; aber in diesen Tagen ist es gar nicht mehr so!"

"Armes Mrchen!" sprach die Knigin und streichelte ihr die Wange,
die von einer Trne feucht war, "aber du bildest dir vielleicht dies
alles nur ein?"

"Glaube mir, ich fhle es nur zu gut", entgegnete Mrchen, "sie
lieben mich nicht mehr.  berall, wo ich hinkomme, begegnen mir
kalte Blicke; nirgends bin ich mehr gern gesehen; selbst die Kinder,
die ich doch immer so lieb hatte, lachen ber mich und wenden mir
altklug den Rcken zu."

Die Knigin sttzte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend.

"Und woher soll es denn", fragte die Knigin, "kommen, Mrchen, da
sich die Leute da unten so gendert haben?"

"Sieh, die Menschen haben kluge Wchter aufgestellt, die alles, was
aus deinem Reich kommt, o Knigin Phantasie, mit scharfem Blicke
mustern und prfen.  Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne
ist, so erheben sie ein groes Geschrei, schlagen ihn tot oder
verleumden ihn doch so sehr bei den Menschen, die ihnen aufs Wort
glauben, da man gar keine Liebe, kein Fnkchen Zutrauen mehr findet.
Ach, wie gut haben es meine Brder, die Trume, frhlich und leicht
hpfen sie auf die Erde hinab, fragen nichts nach jenen klugen
Mnnern, besuchen die schlummernden Menschen und weben und malen
ihnen, was das Herz beglckt und das Auge erfreut!"

"Deine Brder sind Leichtfe", sagte die Knigin, "und du, mein
Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden.  Jene Grenzwchter
kenne ich brigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie
aufzustellen; es kam so mancher windige Geselle und tat, als ob er
geradewegs aus meinem Reiche kme, und doch hatte er hchstens von
einem Berge zu uns herbergeschaut."

"Aber warum lassen sie dies mich, deine eigene Tochter, entgelten",
weinte Mrchen.  "Ach, wenn du wtest, wie sie es mit mir gemacht
haben; sie schalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das
nchste Mal gar nicht mehr hereinzulassen."  "Wie, meine Tochter nicht
mehr einzulassen?" rief die Knigin, und Zorn rtete ihre Wangen.
"Aber ich sehe schon, woher dies kommt; die bse Muhme hat uns
verleumdet!"

"Die Mode?  Nicht mglich!" rief Mrchen, "sie tat ja sonst immer so
freundlich."

"Oh!  Ich kenne sie, die Falsche", antwortete die Knigin, "aber
versuche es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter, wer Gutes tun will,
darf nicht rasten."

"Ach, Mutter!  Wenn sie mich dann ganz zurckweisen, oder wenn sie
mich verleumden, da mich die Menschen nicht ansehen oder einsam und
verachtet in der Ecke stehen lassen?"

"Wenn die Alten, von der Mode betrt, dich geringschtzen, so wende
dich an die Kleinen, wahrlich, sie sind meine Lieblinge, ihnen sende
ich meine lieblichsten Bilder durch deine Brder, die Trume, ja, ich
bin schon oft selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und
gekt und schne Spiele mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch
wohl, sie wissen zwar meinen Namen nicht, aber ich habe schon oft
bemerkt, wie sie nachts zu meinen Sternen herauflcheln und morgens,
wenn meine glnzenden Lmmer am Himmel ziehen, vor Freuden die Hnde
zusammenschlagen.  Auch wenn sie grer werden, lieben sie mich noch,
ich helfe dann den lieblichen Mdchen bunte Krnze flechten, und die
wilden Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu
ihnen setze, aus der Nebelwelt der fernen, blauen Berge hohe Burgen
und glnzende Palste auftauchen lasse und aus den rtlichen Wolken
des Abends khne Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtszge bilde."

"O die guten Kinder!" rief Mrchen bewegt aus.  "Ja, es sei!  Mit
ihnen will ich es noch einmal versuchen."

"Ja, du gute Tochter", sprach die Knigin, "gehe zu ihnen; aber ich
will dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, da du den Kleinen
gefllst und die Groen dich nicht zurckstoen; siehe, das Gewand
eines Almanachs will ich dir geben."

"Eines Almanachs, Mutter?  Ach!--Ich schme mich, so vor den Leuten
zu prangen."

Die Knigin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand
eines Almanachs.  Es war von glnzenden Farben und schne Figuren
eingewoben.

Die Zofen flochten dem schnen Mdchen das lange Haar; sie banden ihr
goldene Sandalen unter die Fe und hingen ihr dann das Gewand um.

Das bescheidene Mrchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber
betrachtete es mit Wohlgefallen und schlo es in ihre Arme.  "Gehe
hin", sprach sie zu der Kleinen, "mein Segen sei mit dir.  Und wenn
sie dich verachten und hhnen, so kehre zurck zu mir, vielleicht,
da sptere Geschlechter, getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder
zuwenden."

Also sprach die Knigin Phantasie.  Mrchen aber stieg hinab auf die
Erde.  Mit pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Wchter
hauseten; sie senkte das Kpfchen zur Erde, sie zog das schne Gewand
enger um sich her, und mit zagendem Schritt nahte sie dem Tor.

"Halt!" rief eine tiefe, rauhe Stimme.  "Wache heraus!  Da kommt ein
neuer Almanach!"

Mrchen zitterte, als sie dies hrte; viele ltliche Mnner von
finsterem Aussehen strzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der
Faust und hielten sie dem Mrchen entgegen.  Einer aus der Schar
schritt auf sie zu und packte sie mit rauher Hand am Kinn.  "Nur auch
den Kopf aufgerichtet, Herr Almanach", schrie er, "da man Ihm in den
Augen ansiehet, ob er was Rechtes ist oder nicht!"

Errtend richtete Mrchen das Kpfchen in die Hhe und schlug das
dunkle Auge auf.

"Das Mrchen!" riefen die Wchter und lachten aus vollem Hals, "das
Mrchen!  Haben wunder gemeint, was da kme!  Wie kommst du nur in
diesen Rock?"

"Die Mutter hat ihn mir angezogen", antwortete Mrchen.  "So?  Sie
will dich bei uns einschwrzen?  Nichts da!  Hebe dich weg, mach, da
du fortkommst!" riefen die Wchter untereinander und erhoben die
scharfen Federn.

"Aber ich will ja nur zu den Kindern", bat Mrchen, "dies knnt ihr
mir ja doch erlauben."

"Luft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?" rief einer
der Wchter.  "Sie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug vor."

"Lat uns sehen, was sie diesmal wei!" sprach ein anderer.

"Nun ja", riefen sie, "sag an, was du weit, aber beeile dich, denn
wir haben nicht viele Zeit fr dich!"

Mrchen streckte die Hand aus und schrieb mit dem Zeigefinger viele
Zeichen in die Luft.  Da sah man bunte Gestalten vorberziehen;
Karawanen mit schnen Rossen, geschmckte Reiter, viele Zelte im Sand
der Wste; Vgel und Schiffe auf strmischen Meeren; stille Wlder
und volkreiche Pltze und Straen; Schlachten und friedliche Nomaden,
sie alle schwebten in belebten Bildern, in buntem Gewimmel vorber.

Mrchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder aufsteigen
lie, nicht bemerkt, wie die Wchter des Tores nach und nach
eingeschlafen waren.  Eben wollte sie neue Zeichen schreiben, als ein
freundlicher Mann auf sie zutrat und ihre Hand ergriff.  "Siehe her,
gutes Mrchen", sagte er, indem er auf die Schlafenden zeigte, "fr
diese sind deine bunten Sachen nichts; schlpfe schnell durch das Tor;
sie ahnen dann nicht, da du im Lande bist, und du kannst friedlich
und unbemerkt deine Strae ziehen.  Ich will dich zu meinen Kindern
fhren; in meinem Hause geb' ich dir ein stilles, freundliches
Pltzchen; dort kannst du wohnen und fr dich leben; wenn dann meine
Shne und Tchter gut gelernt haben, drfen sie mit ihren Gespielen
zu dir kommen und dir zuhren.  Willst du so?"

"Oh, wie gerne folge ich dir zu deinen lieben Kleinen; wie will ich
mich befleien, ihnen zuweilen ein heiteres Stndchen zu machen!"

Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr, ber die Fe
der schlafenden Wchter hinberzusteigen.  Lchelnd sah sich Mrchen
um, als sie hinber war, und schlpfte dann schnell in das Tor.




Die Karawane

Wilhelm Hauff


Es zog einmal eine groe Karawane durch die Wste.  Auf der
ungeheuren Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hrte man
schon in weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen
Rllchen der Pferde, eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging,
verkndete ihre Nhe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte,
blendeten funkelnde Waffen und helleuchtende Gewnder das Auge.  So
stellte sich die Karawane einem Manne dar, welcher von der Seite her
auf sie zuritt.  Er ritt ein schnes arabisches Pferd, mit einer
Tigerdecke behngt, an dem hochroten Riemenwerk hingen silberne
Glckchen, und auf dem Kopf des Pferdes wehte ein schner Reiherbusch.
Der Reiter sah stattlich aus, und sein Anzug entsprach der Pracht
seines Rosses; ein weier Turban, reich mit Gold bestickt, bedeckte
das Haupt; der Rock und die weiten Beinkleider waren von brennendem
Rot, ein gekrmmtes Schwert mit reichem Griff an seiner Seite.  Er
hatte den Turban tief ins Gesicht gedrckt; dies und die schwarzen
Augen, die unter buschigen Brauen hervorblitzten, der lange Bart, der
unter der gebogenen Nase herabhing, gaben ihm ein wildes, khnes
Aussehen.

Als der Reiter ungefhr auf fnfzig Schritt dem Vortrab der Karawane
nahe war, spornte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an
der Spitze des Zuges angelangt.  Es war ein so ungewhnliches
Ereignis, einen einzelnen Reiter durch die Wste ziehen zu sehen, da
die Wchter des Zuges, einen berfall befrchtend, ihm ihre Lanzen
entgegenstreckten.

"Was wollt ihr", rief der Reiter, als er sich so kriegerisch
empfangen sah, "glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane
angreifen?"

Beschmt schwangen die Wchter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anfhrer
aber ritt an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr.

"Wer ist der Herr der Karawane?" fragte der Reiter.

"Sie gehrt nicht einem Herrn", antwortete der Gefragte, "sondern es
sind mehrere Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen und die
wir durch die Wste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die
Reisenden beunruhigt."

"So fhrt mich zu den Kaufleuten", begehrte der Fremde.

"Das kann jetzt nicht geschehen", antwortete der Fhrer, "weil wir
ohne Aufenthalt weiterziehen mssen und die Kaufleute wenigstens eine
Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir weiterreiten,
bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem Wunsch
willfahren."

Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am
Sattel festgebunden hatte, hervor und fing an in groen Zgen zu
rauchen, indem er neben dem Anfhrer des Vortrabs weiterritt.  Dieser
wute nicht, was er aus dem Fremden machen sollte; er wagte es nicht,
ihn geradezu nach seinem Namen zu fragen, und so knstlich er auch
ein Gesprch anzuknpfen suchte, der Fremde hatte auf das: "Ihr
raucht da einen guten Tabak", oder: "Euer Rapp' hat einen braven
Schritt", immer nur mit einem kurzen "Ja, ja!" geantwortet.

Endlich waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten
wollte.  Der Anfhrer hatte seine Leute als Wachen aufgestellt; er
selbst hielt mit dem Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen.
Dreiig Kamele, schwer beladen, zogen vorber, von bewaffneten
Fhrern geleitet.  Nach diesen kamen auf schnen Pferden die fnf
Kaufleute, denen die Karawane gehrte.  Es waren meistens Mnner von
vorgercktem Alter, ernst und gesetzt aussehend, nur einer schien
viel jnger als die brigen, wie auch froher und lebhafter.  Eine
groe Anzahl Kamele und Packpferde schlo den Zug.

Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde rings
umhergestellt.  In der Mitte war ein groes Zelt von blauem
Seidenzeug.  Dorthin fhrte der Anfhrer der Wache den Fremden.  Als
sie durch den Vorhang des Zeltes getreten waren, sahen sie die fnf
Kaufleute auf goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze Sklaven
reichten ihnen Speise und Getrnke.  "Wen bringt Ihr uns da?" rief
der junge Kaufmann dem Fhrer zu.

Ehe noch der Fhrer antworten konnte, sprach der Fremde: "Ich heie
Selim Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise nach Mekka
von einer Ruberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen heimlich
aus der Gefangenschaft befreit.  Der groe Prophet lie mich die
Glocken eurer Karawane in weiter Ferne hren, und so kam ich bei euch
an.  Erlaubet mir, da ich in eurer Gesellschaft reise!  Ihr werdet
euren Schutz keinem Unwrdigen schenken, und so ihr nach Bagdad
kommet, werde ich eure Gte reichlich belohnen denn ich bin der Neffe
des Growesirs."

Der lteste der Kaufleute nahm das Wort: "Selim Baruch", sprach er,
"sei willkommen in unserem Schatten.  Es macht uns Freude, dir
beizustehen; vor allem aber setze dich und i und trinke mit uns."

Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und a und trank mit ihnen.
Nach dem Essen rumten die Sklaven die Geschirre hinweg und
brachten lange Pfeifen und trkischen Sorbet.  Die Kaufleute saen
lange schweigend, indem sie die blulichen Rauchwolken vor sich
hinbliesen und zusahen, wie sie sich ringelten und verzogen und
endlich in die Luft verschwebten.  Der junge Kaufmann brach endlich
das Stillschweigen: "So sitzen wir seit drei Tagen", sprach er, "zu
Pferd und am Tisch, ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben.  Ich
verspre gewaltig Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Tnzer
zu sehen oder Gesang und Musik zu hren.  Wit ihr gar nichts, meine
Freunde, das uns die Zeit vertreibt?"

Die vier lteren Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft
nachzusinnen, der Fremde aber sprach: "Wenn es mir erlaubt ist, will
ich euch einen Vorschlag machen.  Ich meine, auf jedem Lagerplatz
knnte einer von uns den anderen etwas erzhlen.  Dies knnte uns
schon die Zeit vertreiben."

"Selim Baruch, du hast wahr gesprochen", sagte Achmet, der lteste
der Kaufleute, "lat uns den Vorschlag annehmen."

"Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt", sprach Selim, "damit
ihr aber sehet, da ich nichts Unbilliges verlange, so will ich den
Anfang machen."

Vergngt rckten die fnf Kaufleute nher zusammen und lieen den
Fremden in ihrer Mitte sitzen.  Die Sklaven schenkten die Becher
wieder voll, stopften die Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten
glhende Kohlen zum Anznden.  Selim aber erfrischte seine Stimme mit
einem tchtigen Zuge Sorbet, strich den langen Bart ber dem Mund weg
und sprach:

"So hrt denn die Geschichte vom Kalif Storch."

Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die
Kaufleute sehr zufrieden damit.  "Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns
vergangen, ohne da wir merkten wie!" sagte einer derselben, indem er
die Decke des Zeltes zurckschlug.  "Der Abendwind wehet khl, und
wir knnten noch eine gute Strecke Weges zurcklegen."  Seine
Gefhrten waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen,
und die Karawane machte sich in der nmlichen Ordnung, in welcher sie
herangezogen war, auf den Weg.

Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwl am
Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell.  Sie kamen
endlich an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und
legten sich zur Ruhe.  Fr den Fremden aber sorgten die Kaufleute,
wie wenn er ihr wertester Gastfreund wre.  Der eine gab ihm Polster,
der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut
bedient, als ob er zu Hause wre.  Die heieren Stunden des Tages
waren schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie
beschlossen einmtig, hier den Abend abzuwarten.  Nachdem sie
miteinander gespeist hatten, rckten sie wieder nher zusammen, und
der junge Kaufmann wandte sich an den ltesten und sprach: "Selim
Baruch hat uns gestern einen vergngten Nachmittag bereitet, wie wre
es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzhltet, sei es nun aus Eurem
langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es
auch ein hbsches Mrchen."  Achmet schwieg auf diese Anrede eine
Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel wre, ob er dies oder jenes
sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen:

"Liebe Freunde!  Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue
Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will
ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und
nicht jedem erzhle: die Geschichte von dem Gespensterschiff."

Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis frder
gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim,
der Fremde, zu Muley, dem jngsten der Kaufleute, also zu sprechen:

"Ihr seid zwar der Jngste von uns, doch seid Ihr immer frhlich und
wit fr uns gewi irgendeinen guten Schwank.  Tischet ihn auf, da
er uns erquicke nach der Hitze des Tages!"

"Wohl mchte ich euch etwas erzhlen", antwortete Muley, "das euch
Spa machen knnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen
Dingen; darum mssen meine lteren Reisegefhrten den Vorrang haben.
Zaleukos ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht
erzhlen, was sein Leben so ernst machte?  Vielleicht, da wir seinen
Kummer, wenn er solchen hat, lindern knnen; denn gerne dienen wir
dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens ist."

Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren
Jahren, schn und krftig, aber sehr ernst.  Ob er gleich ein
Unglubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine
Reisegefhrten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und
Zutrauen eingeflt.  Er hatte brigens nur eine Hand, und einige
seiner Gefhrten vermuteten, da vielleicht dieser Verlust ihn so
ernst stimme.

Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: "Ich bin sehr
geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen,
von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen knntet.  Doch
weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch
einiges erzhlen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin
als andere Leute.  Ihr sehet, da ich meine linke Hand verloren habe.
Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den
schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebt.  Ob ich die Schuld
davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es
meine Lage mit sich bringt, zu sein, mget ihr beurteilen, wenn ihr
vernommen habt die Geschichte von der abgehauenen Hand."

Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt.
Mit groer Teilnahme hatten ihm die brigen zugehrt, besonders der
Fremde schien sehr davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief
geseufzt, und Muley schien es sogar, als habe er einmal Trnen in den
Augen gehabt.  Sie besprachen sich noch lange Zeit ber diese
Geschichte.

"Und hat Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnd' um ein so
edles Glied Eures Krpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?"
fragte der Fremde.

"Wohl gab es in frherer Zeit Stunden", antwortete der Grieche, "in
denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, da er diesen Kummer ber
mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in
dem Glauben meiner Vter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu
lieben; auch ist er wohl noch unglcklicher als ich."

"Ihr seid ein edler Mann!" rief der Fremde und drckte gerhrt dem
Griechen die Hand.

Der Anfhrer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gesprch.  Er
trat mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, da man sich
nicht der Ruhe berlassen drfe; denn hier sei die Stelle, wo
gewhnlich die Karawanen angegriffen wrden, auch glaubten seine
Wachen, in der Entfernung mehrere Reiter zu sehen.

Die Kaufleute waren sehr bestrzt ber diese Nachricht; Selim, der
Fremde, aber wunderte sich ber ihre Bestrzung und meinte, da sie
so gut geschtzt wren, da sie einen Trupp ruberischer Araber nicht
zu frchten brauchten.

"Ja, Herr!" entgegnete ihm der Anfhrer der Wache.  "Wenn es nur
solches Gesindel wre, knnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen;
aber seit einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und
da gilt es, auf seiner Hut zu sein."

Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte
Kaufmann, antwortete ihm: "Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke
ber diesen wunderbaren Mann.  Die einen halten ihn fr ein
bermenschliches Wesen, weil er oft mit fnf bis sechs Mnnern zumal
einen Kampf besteht, andere halten ihn fr einen tapferen Franken,
den das Unglck in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist
nur so viel gewi, da er ein verruchter Mrder und Dieb ist."

"Das knnt Ihr aber doch nicht behaupten", entgegnete ihm Lezah,
einer der Kaufleute.  "Wenn er auch ein Ruber ist, so ist er doch
ein edler Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen,
wie ich Euch erzhlen knnte.  Er hat seinen ganzen Stamm zu
geordneten Menschen gemacht, und so lange er die Wste durchstreift,
darf kein anderer Stamm es wagen, sich sehen zu lassen.  Auch raubt
er nicht wie andere, sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den
Karawanen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet ungefhrdet
weiter; denn Orbasan ist der Herr der Wste."

Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die
um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden.  Ein
ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der
Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager
zuzureiten.  Einer der Mnner von der Wache ging daher in das Zelt,
um zu verknden, da sie wahrscheinlich angegriffen wrden.  Die
Kaufleute berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen
entgegengehen oder den Angriff abwarten solle.  Achmet und die zwei
lteren Kaufleute wollten das letztere, der feurige Muley aber und
Zaleukos verlangten das erstere und riefen den Fremden zu ihrem
Beistand auf.  Dieser zog ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten
Sternen aus seinem Grtel hervor, band es an eine Lanze und befahl
einem der Sklaven, es auf das Zelt zu stecken; er setze sein Leben
zum Pfand, sagte er, die Reiter werden, wenn sie dieses Zeichen sehen,
ruhig vorberziehen.  Muley glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave
aber steckte die Lanze auf das Zelt.  Inzwischen hatten alle, die im
Lager waren, zu den Waffen gegriffen und sahen in gespannter
Erwartung den Reitern entgegen.  Doch diese schienen das Zeichen auf
dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen pltzlich von ihrer Richtung
auf das Lager ab und zogen in einem groen Bogen auf der Seite hin.

Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald
auf die Reiter, bald auf den Fremden.  Dieser stand ganz gleichgltig,
wie wenn nichts vorgefallen wre, vor dem Zelte und blickte ber die
Ebene hin.  Endlich brach Muley das Stillschweigen.  "Wer bist du,
mchtiger Fremdling", rief er aus, "der du die wilden Horden der
Wste durch einen Wink bezhmst?"

"Ihr schlagt meine Kunst hher an, als sie ist", antwortete Selim
Baruch.  "Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der
Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, wei ich selbst nicht;
nur so viel wei ich, da, wer mit diesem Zeichen reiset, unter
mchtigem Schutze steht."

Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter.
Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so gro gewesen, da wohl die
Karawane nicht lange htte Widerstand leisten knnen.

Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die
Sonne zu sinken begann und der Abendwind ber die Sandebene hinstrich,
brachen sie auf und zogen weiter.

Am nchsten Tage lagerten sie ungefhr nur noch eine Tagreise von dem
Ausgang der Wste entfernt.  Als sich die Reisenden wieder in dem
groen Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort:

"Ich habe euch gestern gesagt, da der gefrchtete Orbasan ein edler
Mann sei, erlaubt mir, da ich es euch heute durch die Erzhlung der
Schicksale meines Bruders beweise.  Mein Vater war Kadi in Akara.  Er
hatte drei Kinder.  Ich war der lteste, ein Bruder und eine
Schwester waren bei weitem jnger als ich.  Als ich zwanzig Jahre alt
war, rief mich ein Bruder meines Vaters zu sich.  Er setzte mich zum
Erben seiner Gter ein, mit der Bedingung, da ich bis zu seinem Tode
bei ihm bleibe.  Aber er erreichte ein hohes Alter, so da ich erst
vor zwei Jahren in meine Heimat zurckkehrte und nichts davon wute,
welch schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gtig
Allah es gewendet hatte."  Die Errettung Fatmes

Die Karawane hatte das Ende der Wste erreicht, und frhlich
begrten die Reisenden die grnen Matten und die dichtbelaubten
Bume, deren lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten.  In
einem schnen Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager
whlten, und obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot,
so war doch die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je;
denn der Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise
durch die Wste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen
geffnet und die Gemter zu Scherz und Kurzweil gestimmt.  Muley, der
junge lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder
dazu, die selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lcheln entlockten.
Aber nicht genug, da er seine Gefhrten durch Tanz und Spiel
erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten,
die er ihnen versprochen hatte, und hub, als er von seinen
Luftsprngen sich erholt hatte, also zu erzhlen an: Die Geschichte
von dem kleinen Muck.

"So erzhlte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue ber mein
rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte
mir die andere Hlfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte.  Ich
erzhlte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und
wir gewannen ihn so lieb, da ihn keiner mehr schimpfte.  Im
Gegenteil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm
immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebckt."

Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu
machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu strken.  Die
gestrige Frhlichkeit ging auch auf diesen Tag ber, und sie
ergtzten sich in allerlei Spielen.  Nach dem Essen aber riefen sie
dem fnften Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich
den brigen zu tun und eine Geschichte zu erzhlen.  Er antwortete,
sein Leben sei zu arm an auffallenden Begebenheiten, als da er ihnen
etwas davon mitteilen mchte, daher wolle er ihnen etwas anderes
erzhlen, nmlich: Das Mrchen vom falschen Prinzen.


Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach
Birket el Had oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei
Stunden Weges nach Kairo waren--Man hatte um diese Zeit die Karawane
erwartet, und bald hatten die Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus
Kairo ihnen entgegenkommen zu sehen.  Sie zogen in die Stadt durch
das Tor Bebel Falch; denn es wird fr eine glckliche Vorbedeutung
gehalten, wenn man von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen,
weil der Prophet hindurchgezogen ist.

Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier trkischen Kaufleute von
dem Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit
ihren Freunden nach Haus.  Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute
Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen.  Der
Fremde sagte zu und versprach, wenn er nur vorher sich umgekleidet
habe, zu erscheinen.

Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er
auf der Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die
Speisen und Getrnke in gehriger Ordnung aufgestellt waren, setzte
er sich, seinen Gast zu erwarten.

Langsam und schweren Schrittes hrte er ihn den Gang, der zu seinem
Gemach fhrte, heraufkommen.  Er erhob sich, um ihm freundlich
entgegenzusehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll
Entsetzen fuhr er zurck, als er die Tre ffnete; denn jener
schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick
auf ihn, es war keine Tuschung; dieselbe hohe, gebietende Gestalt,
die Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote
Mantel mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus
den schrecklichsten Stunden seines Lebens.

Widerstreitende Gefhle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit
diesem Bild seiner Erinnerung lngst ausgeshnt und ihm vergeben, und
doch ri sein Anblick alle seine Wunden wieder auf; alle jene
qualvollen Stunden der Todesangst, jener Gram, der die Blte seines
Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augenblicks an seiner Seele
vorber.

"Was willst du, Schrecklicher?" rief der Grieche aus, als die
Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand.  "Weiche
schnell von hinnen, da ich dir nicht fluche!"

"Zaleukos!" sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor.
"Zaleukos!  So empfngst du deinen Gastfreund?"  Der Sprechende nahm
die Larve ab, schlug den Mantel zurck; es war Selim Baruch, der
Fremde.

Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden;
denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte
vecchio erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte;
er winkte schweigend dem Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen.

"Ich errate deine Gedanken", nahm dieser das Wort, als sie sich
gesetzt hatten.  "Deine Augen sehen fragend auf mich--ich htte
schweigen und mich deinen Blicken nie mehr zeigen knnen, aber ich
bin dir Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die
Gefahr hin, da du mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu
erscheinen.  Du sagtest einst zu mir: Der Glaube meiner Vter
befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl unglcklicher als ich;
glaube dieses, mein Freund, und hre meine Rechtfertigung!

Ich mu weit ausholen, um mich dir ganz verstndlich zu machen.  Ich
bin in Alessandria von christlichen Eltern geboren.  Mein Vater, der
jngere Sohn eines alten, berhmten franzsischen Hauses, war Konsul
seines Landes in Alessandria.  Ich wurde von meinem zehnten Jahre an
in Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verlie erst
einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit
meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr sicher war,
ber dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen.  Voll
Hoffnung, die Ruhe und den Frieden, den uns das emprte Volk der
Franzosen entrissen, im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten
wir.  Aber ach!  Ich fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es
sein sollte; die ueren Strme der bewegten Zeit waren zwar noch
nicht bis hierher gelangt, desto unerwarteter hatte das Unglck mein
Haus im innersten Herzen heimgesucht.  Mein Bruder, ein junger,
hoffnungsvoller Mann, erster Sekretr meines Vaters, hatte sich erst
seit kurzem mit einem jungen Mdchen, der Tochter eines
florentinischen Edelmanns, der in unserer Nachbarschaft wohnte,
verheiratet; zwei Tage vor unserer Ankunft war diese auf einmal
verschwunden, ohne da weder unsere Familie noch ihr Vater die
geringste Spur von ihr auffinden konnten.  Man glaubte endlich, sie
habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in Ruberhnde
gefallen.  Beinahe trstlicher wre dieser Gedanke fr meinen armen
Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde.  Die
Treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie im Hause
ihres Vaters kennengelernt hatte, eingeschifft.  Mein Bruder, aufs
uerste emprt ber diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur
Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Versuche, die in Neapel und
Florenz Aufsehen erregt hatten, dienten nur dazu, sein und unser
aller Unglck zu vollenden.  Der florentinische Edelmann reiste in
sein Vaterland zurck, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht zu
verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben.  Er schlug in
Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknpft hatte,
nieder und wute seinen Einflu, den er auf alle Art sich verschafft
hatte, so gut zu bentzen, da mein Vater und mein Bruder ihrer
Regierung verdchtig gemacht und durch die schndlichsten Mittel
gefangen, nach Frankreich gefhrt und dort vom Beil des Henkers
gettet wurden.  Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und erst nach
zehn langen Monaten erlste sie der Tod von ihrem schrecklichen
Zustand, der aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewutsein
geworden war.  So stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur
ein Gedanke beschftigte meine Seele, nur ein Gedanke lie mich meine
Trauer vergessen, es war jene mchtige Flamme, die meine Mutter in
ihrer letzten Stunde in mir angefacht hatte.

In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewutsein
zurckgekehrt; sie lie mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem
Schicksal und ihrem Ende.  Dann aber lie sie alle aus dem Zimmer
gehen, richtete sich mit feierlicher Miene von ihrem rmlichen Lager
auf und sagte, ich knne mir ihren Segen erwerben, wenn ich ihr
schwre, etwas auszufhren, das sie mir auftragen wrde--Ergriffen
von den Worten der sterbenden Mutter, gelobte ich mit einem Eide zu
tun, wie sie mir sagen werde.  Sie brach nun in Verwnschungen gegen
den Florentiner und seine Tochter aus und legte mir mit den
frchterlichsten Drohungen ihres Fluches auf, mein unglckliches Haus
an ihm zu rchen.  Sie starb in meinen Armen.  Jener Gedanke der
Rache hatte schon lange in meiner Seele geschlummert; jetzt erwachte
er mit aller Macht.  Ich sammelte den Rest meines vterlichen
Vermgens und schwor mir, alles an meine Rache zu setzen oder selbst
mit unterzugehen.

Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als mglich aufhielt;
mein Plan war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher
sich meine Feinde befanden.  Der alte Florentiner war Gouverneur
geworden und hatte so alle Mittel in der Hand, sobald er das
geringste ahnte, mich zu verderben.  Ein Zufall kam mir zu Hilfe.
Eines Abends sah ich einen Menschen in bekannter Livree durch die
Straen gehen; sein unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das
halblaut herausgestoene "Santo sacramento", "Maledetto diavolo"
lieen mich den alten Pietro, einen Diener des Florentiners, den ich
schon in Alessandria gekannt hatte, erkennen.  Ich war nicht in
Zweifel, da er ber seinen Herrn in Zorn geraten sei, und beschlo,
seine Stimmung zu bentzen.  Er schien sehr berrascht, mich hier zu
sehen, klagte mir sein Leiden, da er seinem Herrn, seit er
Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen knne, und mein Gold,
untersttzt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite.  Das
Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann in meinem
Solde, der mir zu jeder Stunde die Tre meines Feindes ffnete, und
nun reifte mein Racheplan immer schneller heran.  Das Leben des alten
Florentiners schien mir ein zu geringes Gewicht, dem Untergang meines
Hauses gegenber, zu haben.  Sein Liebstes mute er gemordet sehen,
und dies war Bianka, seine Tochter.  Hatte ja sie so schndlich an
meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache unseres Unglcks.
Gar erwnscht kam sogar meinem rachedrstigen Herzen die Nachricht,
da in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermhlen wollte, es
war beschlossen, sie mute sterben.  Aber mir selbst graute vor der
Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum sphten wir
umher nach einem Mann, der das Geschft vollbringen knne.  Unter den
Florentinern wagte ich keinen zu dingen, denn gegen den Gouverneur
wrde keiner etwas Solches unternommen haben.  Da fiel Pietro der
Plan ein, den ich nachher ausgefhrt habe; zugleich schlug er dich
als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor.  Den Verlauf der Sache
weit du.  Nur an deiner groen Vorsicht und Ehrlichkeit schien mein
Unternehmen zu scheitern.  Daher der Zufall mit dem Mantel.

Pietro ffnete uns das Pfrtchen an dem Palast des Gouverneurs; er
htte uns auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht,
durch den schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Trspalte
darbot, erschreckt, entflohen wren.  Von Schrecken und Reue gejagt,
war ich ber zweihundert Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen
einer Kirche niedersank.  Dort erst sammelte ich mich wieder, und
mein erster Gedanke warst du und dein schreckliches Schicksal, wenn
man dich in dem Hause fnde.  Ich schlich an den Palast, aber weder
von Pietro noch von dir konnte ich eine Spur entdecken; das Pfrtchen
aber war offen, so konnte ich wenigstens hoffen, da du die
Gelegenheit zur Flucht bentzt haben knntest.

Als aber der Tag anbrach, lie mich die Angst vor der Entdeckung und
ein unabweisbares Gefhl von Reue nicht mehr in den Mauern von
Florenz.  Ich eilte nach Rom.  Aber denke dir meine Bestrzung, als
man dort nach einigen Tagen berall diese Geschichte erzhlte mit dem
Beisatz, man habe den Mrder, einen griechischen Arzt, gefangen.  Ich
kehrte in banger Besorgnis nach Florenz zurck; denn schien mir meine
Rache schon vorher zu stark, so verfluchte ich sie jetzt, denn sie
war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft.  Ich kam an demselben
Tage an, der dich der Hand beraubte.  Ich schweige von dem, was ich
fhlte, als ich dich das Schafott besteigen und so heldenmtig leiden
sah.  Aber damals, als dein Blut in Strmen aufspritzte, war der
Entschlu fest in mir, dir deine brigen Lebenstage zu versen.  Was
weiter geschehen ist, weit du, nur das bleibt mir noch zu sagen
brig, warum ich diese Reise mit dir machte.

Als eine schwere Last drckte mich der Gedanke, da du mir noch immer
nicht vergeben habest; darum entschlo ich mich, viele Tage mit dir
zu leben und dir endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit
dir getan."

Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehrt; mit sanftem Blick
bot er ihm, als er geendet hatte, seine Rechte.  "Ich wute wohl, da
du unglcklicher sein mtest als ich, denn jene grausame Tat wird
wie eine dunkle Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir
von Herzen.  Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter
dieser Gestalt in die Wste?  Was fingst du an, nachdem du in
Konstantinopel mir das Haus gekauft hattest?"

"Ich ging nach Alessandria zurck", antwortete der Gefragte.  "Ha
gegen alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Ha besonders
gegen jene Nationen, die man die gebildeten nennt.  Glaube mir, unter
meinen Moslemiten war mir wohler!  Kaum war ich einige Monate in
Alessandria, als jene Landung meiner Landsleute erfolgte.

Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders;
darum sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner
Bekanntschaft und schlo mich jenen tapferen Mamelucken an, die so
oft der Schrecken des franzsischen Heeres wurden.  Als der Feldzug
beendigt war, konnte ich mich nicht entschlieen, zu den Knsten des
Friedens zurckzukehren.  Ich lebte mit einer kleinen Anzahl
gleichdenkender Freunde ein unstetes und flchtiges, dem Kampf und
der Jagd geweihtes Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die
mich wie ihren Frsten ehren; denn wenn meine Asiaten auch nicht so
gebildet sind wie Eure Europer, so sind sie doch weit entfernt von
Neid und Verleumdung, von Selbstsucht und Ehrgeiz."

Zaleukos dankte dem Fremden fr seine Mitteilung, aber er verbarg ihm
nicht, da er es fr seinen Stand, fr seine Bildung angemessener
fnde, wenn er in christlichen, in europischen Lndern leben und
wirken wrde.  Er fate seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen,
bei ihm zu leben und zu sterben.

Gerhrt sah ihn der Gastfreund an.  "Daraus erkenne ich", sagte er,
"da du mir ganz vergeben hast, da du mich liebst.  Nimm meinen
innigsten Dank dafr!"  Er sprang auf und stand in seiner ganzen Gre
vor dem Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel
blitzenden Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute.
"Dein Vorschlag ist schn", sprach jener weiter, "er mchte fr jeden
andern lockend sein--ich kann ihn nicht bentzen.  Schon steht mein
Ro gesattelt, erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!"  Die
Freunde, die das Schicksal so wunderbar zusammengefhrt, umarmten
sich zum Abschied.  "Und wie nenne ich dich?  Wie heit mein
Gastfreund, der auf ewig in meinem Gedchtnis leben wird?" fragte der
Grieche.

Der Fremde sah ihn lange an, drckte ihm noch einmal die Hand und
sprach: "Man nennt mich den Herrn der Wste; ich bin der Ruber
Orbasan."




Kalif Storch

Wilhelm Hauff


Der Kalif Chasid zu Bagdad sa einmal an einem schnen Nachmittag
behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war
ein heier Tag, und sah nun nach seinem Schlfchen recht heiter aus.
Er rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hier und da
ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich
allemal vergngt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte.  Kurz, man
sah dem Kalifen an, da es ihm recht wohl war.  Um diese Stunde
konnte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und
leutselig war, deswegen besuchte ihn auch sein Growesir Mansor alle
Tage um diese Zeit.  An diesem Nachmittage nun kam er auch, sah aber
sehr nachdenklich aus, ganz gegen seine Gewohnheit.  Der Kalif tat
die Pfeife ein wenig aus dem Mund und sprach: "Warum machst du ein so
nachdenkliches Gesicht, Growesir?"

Der Growesir schlug seine Arme kreuzweis ber die Brust, verneigte
sich vor seinem Herrn und antwortete: "Herr, ob ich ein
nachdenkliches Gesicht mache, wei ich nicht, aber da drunten am
Schlo steht ein Krmer, der hat so schne Sachen, da es mich rgert,
nicht viel berflssiges Geld zu haben."

Der Kalif, der seinem Growesir schon lange gerne eine Freude gemacht
htte, schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Krmer
heraufzuholen.  Bald kam der Sklave mit dem Krmer zurck.  Dieser
war ein kleiner, dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in
zerlumptem Anzug.  Er trug einen Kasten, in welchem er allerhand
Waren hatte, Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, Becher und
Kmme.  Der Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif
kaufte endlich fr sich und Mansor schne Pistolen, fr die Frau des
Wesirs aber einen Kamm.  Als der Krmer seinen Kasten schon wieder
zumachen wollte, sah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob
da auch noch Waren seien.  Der Krmer zog die Schublade heraus und
zeigte darin eine Dose mit schwrzlichem Pulver und ein Papier mit
sonderbarer Schrift, die weder der Kalif noch Mansor lesen konnte.
"Ich bekam einmal diese zwei Stcke von einem Kaufmanne, der sie in
Mekka auf der Strae fand", sagte der Krmer, "Ich wei nicht, was
sie enthalten; euch stehen sie um geringen Preis zu Dienst, ich kann
doch nichts damit anfangen."

Der Kalif, der in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte hatte,
wenn er sie auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und
entlie den Krmer.  Der Kalif aber dachte, er mchte gerne wissen,
was die Schrift enthalte, und, fragte den Wesir, ob er keinen kenne,
der es entziffern knnte.

"Gndigster Herr und Gebieter", antwortete dieser, "an der groen
Moschee wohnt ein Mann, er heit Selim, der Gelehrte, der versteht
alle Sprachen, la ihn kommen, vielleicht kennt er diese
geheimnisvollen Zge."

Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt.  "Selim", sprach zu ihm der
Kalif, "Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck einmal ein
wenig in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen,
so bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so
bekommst du zwlf Backenstreiche und fnfundzwanzig auf die Fusohlen,
weil man dich dann umsonst Selim, den Gelehrten, nennt."

Selim verneigte sich und sprach: "Dein Wille geschehe, o Herr!"  Lange
betrachtete er die Schrift, pltzlich aber rief er aus: "Das ist
Lateinisch, o Herr, oder ich la mich hngen."  "Sag, was drinsteht",
befahl der Kalif, "wenn es Lateinisch ist."

Selim fing an zu bersetzen: "Mensch, der du dieses findest, preise
Allah fr seine Gnade.  Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft
und dazu spricht: mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und
versteht auch die Sprache der Tiere.

Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurckkehren, so neige er
sich dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber hte dich, wenn
du verwandelt bist, da du nicht lachest, sonst verschwindet das
Zauberwort gnzlich aus deinem Gedchtnis, und du bleibst ein Tier."

Als Selim, der Gelehrte, also gelesen hatte, war der Kalif ber die
Maen vergngt.  Er lie den Gelehrten schwren, niemandem etwas von
dem Geheimnis zu sagen, schenkte ihm ein schnes Kleid und entlie
ihn.  Zu seinem Growesir aber sagte er: "Das hei' ich gut einkaufen,
Mansor!  Wie freue ich mich, bis ich ein Tier bin.  Morgen frh
kommst du zu mir; wir gehen dann miteinander aufs Feld, schnupfen
etwas Weniges aus meiner Dose und belauschen dann, was in der Luft
und im Wasser, im Wald und Feld gesprochen wird!"

Kaum hatte am anderen Morgen der Kalif Chasid gefrhstckt und sich
angekleidet, als schon der Growesir erschien, ihn, wie er befohlen,
auf dem Spaziergang zu begleiten.  Der Kalif steckte die Dose mit dem
Zauberpulver in den Grtel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen,
zurckzubleiben, machte er sich mit dem Growesir ganz allein auf den
Weg. Sie gingen zuerst durch die weiten Grten des Kalifen, sphten
aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr Kunststck zu probieren.
Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen,
wo er schon oft viele Tiere, namentlich Strche, gesehen habe, die
durch ihr gravittisches Wesen und ihr Geklapper immer seine
Aufmerksamkeit erregt hatten.

Der Kalif billigte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem
Teich zu.  Als sie dort angekommen waren, sahen sie einen Storch
ernsthaft auf und ab gehen, Frsche suchend und hier und da etwas vor
sich hinklappernd.  Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft
einen anderen Storch dieser Gegend zuschweben.

"Ich wette meinen Bart, gndigster Herr", sagte er Growesir, "wenn
nicht diese zwei Langfler ein schnes Gesprch miteinander fhren
werden.  Wie wre es, wenn wir Strche wrden?"

"Wohl gesprochen!" antwortete der Kalif.  "Aber vorher wollen wir
noch einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird.--Richtig!
Dreimal gen Osten geneigt und mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif
und du Wesir.  Aber nur um Himmels willen nicht gelacht, sonst sind
wir verloren!"

Whrend der Kalif also sprach, sah er den anderen Storch ber ihrem
Haupte schweben und langsam sich zur Erde lassen.  Schnell zog er die
Dose aus dem Grtel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Growesir dar,
der gleichfalls schnupfte, und beide riefen: mutabor!

Da schrumpften ihre Beine ein und wurden dnn und rot, die schnen
gelben Pantoffeln des Kalifen und seines Begleiters wurden
unfrmliche Storchfe, die Arme wurden zu Flgeln, der Hals fuhr aus
den Achseln und ward eine Elle lang, der Bart war verschwunden, und
den Krper bedeckten weiche Federn.

"Ihr habt einen hbschen Schnabel, Herr Growesir", sprach nach
langem Erstaunen der Kalif.  "Beim Bart des Propheten, so etwas habe
ich in meinem Leben nicht gesehen."  "Danke untertnigst", erwiderte
der Growesir, indem er sich bckte, "aber wenn ich es wagen darf,
mchte ich behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch
hbscher aus denn als Kalif.  Aber kommt, wenn es Euch gefllig ist,
da wir unsere Kameraden dort belauschen und erfahren, ob wir
wirklich Storchisch knnen."

Indem war der andere Storch auf der Erde angekommen; er putzte sich
mit dem Schnabel seine Fe, legte seine Federn zurecht und ging auf
den ersten Storch zu.  Die beiden neuen Strche aber beeilten sich,
in ihre Nhe zu kommen, und vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes
Gesprch:

"Guten Morgen, Frau Langbein, so frh schon auf der Wiese?"

"Schnen Dank, liebe Klapperschnabel!  Ich habe mir nur ein kleines
Frhstck geholt.  Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs
gefllig oder ein Froschschenkelein?"

"Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit.  Ich komme auch
wegen etwas ganz anderem auf die Wiese.  Ich soll heute vor den
Gsten meines Vaters tanzen, und da will ich mich im stillen ein
wenig ben."

Zugleich schritt die junge Strchin in wunderlichen Bewegungen durch
das Feld.  Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach; als sie
aber in malerischer Stellung auf einem Fu stand und mit den Flgeln
anmutig dazu wedelte, da konnten sich die beiden nicht mehr halten;
ein unaufhaltsames Gelchter brach aus ihren Schnbeln hervor, von
dem sie sich erst nach langer Zeit erholten.  Der Kalif fate sich
zuerst wieder: "Das war einmal ein Spa", rief er, "der nicht mit
Gold zu bezahlen ist; schade, da die Tiere durch unser Gelchter
sich haben verscheuchen lassen, sonst htten sie gewi auch noch
gesungen!"

Aber jetzt fiel es dem Growesir ein, da das Lachen whrend der
Verwandlung verboten war.  Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen
mit.  "Potz Mekka und Medina!  Das wre ein schlechter Spa, wenn ich
ein Storch bleiben mte!  Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich
bring' es nicht heraus."

"Dreimal gen Osten mssen wir uns bcken und dazu sprechen:
mu--mu--mu--"

Sie stellten sich gegen Osten und bckten sich in einem fort, da
ihre Schnbel beinahe die Erde berhrten; aber, o Jammer!  Das
Zauberwort war ihnen entfallen, und so oft sich auch der Kalif bckte,
so sehnlich auch sein Wesir mu--mu dazu rief, jede Erinnerung daran
war verschwunden, und der arme Chasid und sein Wesir waren und
blieben Strche.

Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, sie wuten gar
nicht, was sie in ihrem Elend anfangen sollten.  Aus ihrer
Storchenhaut konnten sie nicht heraus, in die Stadt zurck konnten
sie auch nicht, um sich zu erkennen zu geben; denn wer htte einem
Storch geglaubt, da er der Kalif sei, und wenn man es auch geglaubt
htte, wrden die Einwohner von Bagdad einen Storch zum Kalif gewollt
haben?

So schlichen sie mehrere Tage umher und ernhrten sich kmmerlich von
Feldfrchten, die sie aber wegen ihrer langen Schnbel nicht gut
verspeisen konnten.  Auf Eidechsen und Frsche hatten sie brigens
keinen Appetit, denn sie befrchteten, mit solchen Leckerbissen sich
den Magen zu verderben.  Ihr einziges Vergngen in dieser traurigen
Lage war, da sie fliegen konnten, und so flogen sie oft auf die
Dcher von Bagdad, um zu sehen, was darin vorging.

In den ersten Tagen bemerkten sie groe Unruhe und Trauer in den
Straen; aber ungefhr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung saen
sie auf dem Palast des Kalifen, da sahen sie unten in der Strae
einen prchtigen Aufzug; Trommeln und Pfeifen ertnten, ein Mann in
einem goldbestickten Scharlachmantel sa auf einem geschmckten Pferd,
umgeben von glnzenden Dienern, halb Bagdad sprang ihm nach, und
alle schrien: "Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!"

Da sahen die beiden Strche auf dem Dache des Palastes einander an,
und der Kalif Chasid sprach: "Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert
bin, Growesir?  Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des
mchtigen Zauberers Kaschnur, der mir in einer bsen Stunde Rache
schwur.  Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf--Komm mit mir, du
treuer Gefhrte meines Elends, wir wollen zum Grabe des Propheten
wandern, vielleicht, da an heiliger Sttte der Zauber gelst wird."

Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von
Medina zu.

Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die beiden
Strche hatten noch wenig bung.  "O Herr", chzte nach ein paar
Stunden der Growesir, "ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr
lange aus; Ihr fliegt gar zu schnell!  Auch ist es schon Abend, und
wir tten wohl, ein Unterkommen fr die Nacht zu suchen."

Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehr; und da er unten im Tale
eine Ruine erblickte, die ein Obdach zu gewhren schien, so flogen
sie dahin.  Der Ort, wo sie sich fr diese Nacht niedergelassen
hatten, schien ehemals ein Schlo gewesen zu sein.  Schne Sulen
ragten unter den Trmmern hervor, mehrere Gemcher, die noch ziemlich
erhalten waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauses.  Chasid
und sein Begleiter gingen durch die Gnge umher, um sich ein
trockenes Pltzchen zu suchen; pltzlich blieb der Storch Mansor
stehen.  "Herr und Gebieter", flsterte er leise, "wenn es nur nicht
tricht fr einen Growesir, noch mehr aber fr einen Storch wre,
sich vor Gespenstern zu frchten!  Mir ist ganz unheimlich zumute;
denn hier neben hat es ganz vernehmlich geseufzt und gesthnt."  Der
Kalif blieb nun auch stehen und hrte ganz deutlich ein leises Weinen,
das eher einem Menschen als einem Tiere anzugehren schien.  Voll
Erwartung wollte er der Gegend zugehen, woher die Klagetne kamen;
der Wesir aber packte ihn mit dem Schnabel am Flgel und bat ihn
flehentlich, sich nicht in neue, unbekannte Gefahren zu strzen.
Doch vergebens!  Der Kalif, dem auch unter dem Storchenflgel ein
tapferes Herz schlug, ri sich mit Verlust einiger Federn los und
eilte in einen finsteren Gang.  Bald war er an einer Tr angelangt,
die nur angelehnt schien und woraus er deutliche Seufzer mit ein
wenig Geheul vernahm.  Er stie mit dem Schnabel die Tre auf, blieb
aber berrascht auf der Schwelle stehen.  In dem verfallenen Gemach,
das nur durch ein kleines Gitterfenster sprlich erleuchtet war, sah
er eine groe Nachteule am Boden sitzen.  Dicke Trnen rollten ihr
aus den groen, runden Augen, und mit heiserer Stimme stie sie ihre
Klagen zu dem krummen Schnabel heraus.  Als sie aber den Kalifen und
seinen Wesir, der indes auch herbeigeschlichen war, erblickte, erhob
sie ein lautes Freudengeschrei.  Zierlich wischte sie mit dem
braungefleckten Flgel die Trnen aus dem Auge, und zu dem grten
Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem Arabisch:
"Willkommen, ihr Strche!  Ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner
Errettung; denn durch Strche werde mir ein groes Glck kommen, ist
mir einst prophezeit worden!"

Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bckte er sich
mit seinem langen Hals, brachte seine dnnen Fe in eine zierliche
Stellung und sprach: "Nachteule!  Deinen Worten nach darf ich glauben,
eine Leidensgefhrtin in dir zu sehen.  Aber ach!  Deine Hoffnung,
da durch uns deine Rettung kommen werde, ist vergeblich.  Du wirst
unsere Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Geschichte hrst."
Die Nachteule bat ihn zu erzhlen, was der Kalif sogleich tat.

Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie
ihm und sagte: "Vernimm auch meine Geschichte und hre, wie ich nicht
weniger unglcklich bin als du.  Mein Vater ist der Knig von Indien,
ich, seine einzige unglckliche Tochter, heie Lusa.  Jener Zauberer
Kaschnur, der euch verzauberte, hat auch mich ins Unglck gestrzt.
Er kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau fr
seinen Sohn Mizra.  Mein Vater aber, der ein hitziger Mann ist, lie
ihn die Treppe hinunterwerfen.  Der Elende wute sich unter einer
anderen Gestalt wieder in meine Nhe zu schleichen, und als ich einst
in meinem Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir,
als Sklave verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese
abscheuliche Gestalt verwandelte.  Vor Schrecken ohnmchtig, brachte
er mich hierher und rief mir mit schrecklicher Stimme in die Ohren:

'Da sollst du bleiben, hlich, selbst von den Tieren verachtet, bis
an dein Ende, oder bis einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser
schrecklichen Gestalt, zur Gattin begehrt.  So rche ich mich an dir
und deinem stolzen Vater.'

Seitdem sind viele Monate verflossen.  Einsam und traurig lebe ich
als Einsiedlerin in diesem Gemuer, verabscheut von der Welt, selbst
den Tieren ein Greuel; die schne Natur ist vor mir verschlossen;
denn ich bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond sein bleiches
Licht ber dies Gemuer ausgiet, fllt der verhllende Schleier von
meinem Auge."

Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Flgel wieder die
Augen aus, denn die Erzhlung ihrer Leiden hatte ihr Trnen entlockt.

Der Kalif war bei der Erzhlung der Prinzessin in tiefes Nachdenken
versunken.  "Wenn mich nicht alles tuscht", sprach er, "so findet
zwischen unserem Unglck ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo
finde ich den Schlssel zu diesem Rtsel?"

Die Eule antwortete ihm: "O Herr!  Auch mir ahnet dies; denn es ist
mir einst in meiner frhesten Jugend von einer weisen Frau prophezeit
worden, da ein Storch mir ein groes Glck bringen werde, und ich
wte vielleicht, wie wir uns retten knnten."  Der Kalif war sehr
erstaunt und fragte, auf welchem Wege sie meine.  "Der Zauberer, der
uns beide unglcklich gemacht hat", sagte sie, "kommt alle Monate
einmal in diese Ruinen.  Nicht weit von diesem Gemach ist ein Saal.
Dort pflegt er dann mit vielen Genossen zu schmausen.  Schon oft habe
ich sie dort belauscht.  Sie erzhlen dann einander ihre schndlichen
Werke; vielleicht, da er dann das Zauberwort, das ihr vergessen habt,
ausspricht."

"O, teuerste Prinzessin", rief der Kalif, "sag an, wann kommt er, und
wo ist der Saal?"

Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann: "Nehmet es nicht
ungtig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunsch
erfllen."

"Sprich aus!  Sprich aus!" schrie Chasid.  "Befiehl, es ist mir jede
recht."

"Nmlich, ich mchte auch gern zugleich frei sein; dies kann aber nur
geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht."

Die Strche schienen ber den Antrag etwas betroffen zu sein, und der
Kalif winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen.

"Growesir", sprach vor der Tre der Kalif, "das ist ein dummer
Handel; aber Ihr knntet sie schon nehmen."

"So", antwortete dieser, "da mir meine Frau, wenn ich nach Hause
komme, die Augen auskratzt?  Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr
seid noch jung und unverheiratet und knnet eher einer jungen,
schnen Prinzessin die Hand geben."

"Das ist es eben", seufzte der Kalif, indem er traurig die Flgel
hngen lie, "wer sagt dir denn, da sie jung und schn ist?  Das
heit eine Katze im Sack kaufen!"

Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu; endlich aber, als der
Kalif sah, da sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten
wollte, entschlo er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfllen.
Die Eule war hocherfreut.  Sie gestand ihnen, da sie zu keiner
besseren Zeit htten kommen knnen, weil wahrscheinlich in dieser
Nacht die Zauberer sich versammeln wrden.

Sie verlie mit den Strchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu
fhren; sie gingen lange in einem finsteren Gang hin; endlich
strahlte ihnen aus einer halbverfallenen Mauer ein heller Schein
entgegen.  Als sie dort angelangt waren, riet ihnen die Eule, sich
ganz ruhig zu verhalten.  Sie konnten von der Lcke, an welcher sie
standen, einen groen Saal bersehen.  Er war ringsum mit Sulen
geschmckt und prachtvoll verziert.  Viele farbige Lampen ersetzten
das Licht des Tages.  In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch,
mit vielen und ausgesuchten Speisen besetzt.  Rings um den Tisch zog
sich ein Sofa, auf welchem acht Mnner saen.  In einem dieser Mnner
erkannten die Strche jenen Krmer wieder, der ihnen das Zauberpulver
verkauft hatte.  Sein Nebensitzer forderte ihn auf, ihnen seine
neuesten Taten zu erzhlen.  Er erzhlte unter anderen auch die
Geschichte des Kalifen und seines Wesirs.

"Was fr ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?" fragte ihn ein
anderer Zauberer.  "Ein recht schweres lateinisches, es heit mutabor."

Als die Strche an der Mauerlcke dieses hrten, kamen sie vor
Freuden beinahe auer sich.  Sie liefen auf ihren langen Fen so
schnell dem Tore der Ruine zu, da die Eule kaum folgen konnte.  Dort
sprach der Kalif gerhrt zu der Eule: "Retterin meines Lebens und des
Lebens meines Freundes, nimm zum ewigen Dank fr das, was du an uns
getan, mich zum Gemahl an!"  Dann aber wandte er sich nach Osten.
Dreimal bckten die Strche ihre langen Hlse der Sonne entgegen, die
soeben hinter dem Gebirge heraufstieg: "Mutabor!" riefen sie, im Nu
waren sie verwandelt, und in der hohen Freude des neugeschenkten
Lebens lagen Herr und Diener lachend und weinend einander in den
Armen.

Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen?  Eine schne
Dame, herrlich geschmckt, stand vor ihnen.  Lchelnd gab sie dem
Kalifen die Hand.  "Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?" sagte sie.
Sie war es; der Kalif war von ihrer Schnheit und Anmut entzckt.

Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu.  Der Kalif fand in
seinen Kleidern nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch
seinen Geldbeutel.  Er kaufte daher im nchsten Dorfe, was zu ihrer
Reise ntig war, und so kamen sie bald an die Tore von Bagdad.  Dort
aber erregte die Ankunft des Kalifen groes Erstaunen.  Man hatte ihn
fr tot ausgegeben, und das Volk war daher hocherfreut, seinen
geliebten Herrscher wiederzuhaben.

Um so mehr aber entbrannte ihr Ha gegen den Betrger Mizra.  Sie
zogen in den Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn
gefangen.  Den Alten schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine,
das die Prinzessin als Eule bewohnt hatte, und lie ihn dort
aufhngen.  Dem Sohn aber, welcher nichts von den Knsten des Vaters
verstand, lie der Kalif die Wahl, ob er sterben oder schnupfen wolle.
Als er das letztere whlte, bot ihm der Growesir die Dose.  Eine
tchtige Prise, und das Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in
einen Storch.  Der Kalif lie ihn in einen eisernen Kfig sperren und
in seinem Garten aufstellen.

Lange und vergngt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der Prinzessin;
seine vergngtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der Growesir
nachmittags besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem
Storchabenteuer, und wenn der Kalif recht heiter war, lie er sich
herab, den Growesir nachzuahmen, wie er als Storch aussah.  Er stieg
dann ernsthaft, mit steifen Fen im Zimmer auf und ab, klapperte,
wedelte mit den Armen wie mit Flgeln und zeigte, wie jener sich
vergeblich nach Osten geneigt und Mu--Mu--dazu gerufen habe.  Fr die
Frau Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine groe
Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und
Mu--Mu--schrie, dann drohte ihm lchelnd der Wesir: Er wolle das, was
vor der Tre der Prinzessin Nachteule verhandelt worden sei, der Frau
Kalifin mitteilen.

Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die
Kaufleute sehr zufrieden damit.  "Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns
vergangen, ohne da wir merkten wie!" sagte einer derselben, indem er
die Decke des Zeltes zurckschlug.  "Der Abendwind wehet khl, und
wir knnten noch eine gute Strecke Weges zurcklegen."  Seine
Gefhrten waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen,
und die Karawane machte sich in der nmlichen Ordnung, in welcher sie
herangezogen war, auf den Weg.

Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwl am
Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell.  Sie kamen
endlich an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und
legten sich zur Ruhe.  Fr den Fremden aber sorgten die Kaufleute,
wie wenn er ihr wertester Gastfreund wre.  Der eine gab ihm Polster,
der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut
bedient, als ob er zu Hause wre.  Die heieren Stunden des Tages
waren schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie
beschlossen einmtig, hier den Abend abzuwarten.  Nachdem sie
miteinander gespeist hatten, rckten sie wieder nher zusammen, und
der junge Kaufmann wandte sich an den ltesten und sprach: "Selim
Baruch hat uns gestern einen vergngten Nachmittag bereitet, wie wre
es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzhltet, sei es nun aus Eurem
langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es
auch ein hbsches Mrchen."  Achmet schwieg auf diese Anrede eine
Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel wre, ob er dies oder jenes
sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen:

"Liebe Freunde!  Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue
Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will
ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und
nicht jedem erzhle: die Geschichte von dem Gespensterschiff."




Die Geschichte von dem Gespensterschiff

Wilhelm Hauff


Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora; er war weder arm
noch reich und einer von jenen Leuten, die nicht gerne etwas wagen,
aus Furcht, das Wenige zu verlieren, das sie haben.  Er erzog mich
schlicht und recht und brachte es bald so weit, da ich ihm an die
Hand gehen konnte.  Gerade als ich achtzehn Jahre alt war, als er die
erste grere Spekulation machte, starb er, wahrscheinlich aus Gram,
tausend Goldstcke dem Meere anvertraut zu haben.  Ich mute ihn bald
nachher wegen seines Todes glcklich preisen, denn wenige Wochen
hernach lief die Nachricht ein, da das Schiff, dem mein Vater seine
Gter mitgegeben hatte, versunken sei.  Meinen jugendlichen Mut
konnte aber dieser Unfall nicht beugen.  Ich machte alles vollends zu
Geld, was mein Vater hinterlassen hatte, und zog aus, um in der
Fremde mein Glck zu probieren, nur von einem alten Diener meines
Vaters begleitet.

Im Hafen von Balsora schifften wir uns mit gnstigem Winde ein.  Das
Schiff, auf dem ich mich eingemietet hatte, war nach Indien bestimmt.
Wir waren schon fnfzehn Tage auf der gewhnlichen Strae gefahren,
als uns der Kapitn einen Sturm verkndete.  Er machte ein
bedenkliches Gesicht, denn es schien, er kenne in dieser Gegend das
Fahrwasser nicht genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen zu knnen.
Er lie alle Segel einziehen, und wir trieben ganz langsam hin.  Die
Nacht war angebrochen, war hell und kalt, und der Kapitn glaubte
schon, sich in den Anzeichen des Sturmes getuscht zu haben.  Auf
einmal schwebte ein Schiff, das wir vorher nicht gesehen hatten,
dicht an dem unsrigen vorbei.  Wildes Jauchzen und Geschrei erscholl
aus dem Verdeck herber, worber ich mich zu dieser angstvollen
Stunde vor einem Sturm nicht wenig wunderte.  Aber der Kapitn an
meiner Seite wurde bla wie der Tod.  "Mein Schiff ist verloren",
rief er, "dort segelt der Tod!"

Ehe ich ihn noch ber diesen sonderbaren Ausruf befragen konnte,
strzten schon heulend und schreiend die Matrosen herein.  "Habt ihr
ihn gesehen?" schrien sie.  "Jetzt ist's mit uns vorbei!"

Der Kapitn aber lie Trostsprche aus dem Koran vorlesen und setzte
sich selbst ans Steuerruder.  Aber vergebens!  Zusehends brauste der
Sturm auf, und ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb
sitzen.  Die Boote wurden ausgesetzt, und kaum hatten sich die
letzten Matrosen gerettet, so versank das Schiff vor unseren Augen,
und als ein Bettler fuhr ich in die See hinaus.  Aber der Jammer
hatte noch kein Ende.  Frchterlicher tobte der Sturm; das Boot war
nicht mehr zu regieren.  Ich hatte meinen alten Diener fest
umschlungen, und wir versprachen uns, nie voneinander zu weichen.
Endlich brach der Tag an.  Aber mit dem ersten Anblick der Morgenrte
fate der Wind das Boot, in welchem wir saen, und strzte es um.
Ich habe keinen meiner Schiffsleute mehr gesehen.  Der Sturz hatte
mich betubt; und als ich aufwachte, befand ich mich in den Armen
meines alten treuen Dieners, der sich auf das umgeschlagene Boot
gerettet und mich nachgezogen hatte.  Der Sturm hatte sich gelegt.
Von unserem Schiff war nichts mehr zu sehen, wohl aber entdeckten wir
nicht weit von uns ein anderes Schiff, auf das die Wellen uns
hintrieben.  Als wir nher hinzukamen, erkannte ich das Schiff als
dasselbe, das in der Nacht an uns vorbeifuhr und welches den Kapitn
so sehr in Schrecken gesetzt hatte.  Ich empfand ein sonderbares
Grauen vor diesem Schiffe.  Die uerung des Kapitns, die sich so
furchtbar besttigt hatte, das de Aussehen des Schiffes, auf dem
sich, so nahe wir auch herankamen, so laut wir schrien, niemand
zeigte, erschreckten mich.  Doch es war unser einziges Rettungsmittel;
darum priesen wir den Propheten, der uns so wundervoll erhalten
hatte.

Am Vorderteil des Schiffes hing ein langes Tau herab.  Mit Hnden und
Fen ruderten wir darauf zu, um es zu erfassen.  Endlich glckte es.
Noch einmal erhob ich meine Stimme, aber immer blieb es still auf
dem Schiff.  Da klimmten wir an dem Tau hinauf, ich als der Jngste
voran.  Aber Entsetzen!  Welches Schauspiel stellte sich meinem Auge
dar, als ich das Verdeck betrat!  Der Boden war mit Blut gertet,
zwanzig bis dreiig Leichname in trkischen Kleidern lagen auf dem
Boden, am mittleren Mastbaum stand ein Mann, reich gekleidet, den
Sbel in der Hand, aber das Gesicht war bla und verzerrt, durch die
Stirn ging ein groer Nagel, der ihn an den Mastbaum heftete, auch er
war tot.  Schrecken fesselte meine Schritte, ich wagte kaum zu atmen.
Endlich war auch mein Begleiter heraufgekommen.  Auch ihn
berraschte der Anblick des Verdecks, das gar nichts Lebendiges,
sondern nur so viele schreckliche Tote zeigte.  Wir wagten es endlich,
nachdem wir in der Seelenangst zum Propheten gefleht hatten, weiter
vorzuschreiten.  Bei jedem Schritte sahen wir uns um, ob nicht etwas
Neues, noch Schrecklicheres sich darbiete; aber alles blieb, wie es
war; weit und breit nichts Lebendiges als wir und das Weltmeer.
Nicht einmal laut zu sprechen wagten wir, aus Furcht, der tote, am
Mast angespiete Kapitano mchte seine starren Augen nach uns
hindrehen oder einer der Getteten mchte seinen Kopf umwenden.
Endlich waren wir bis an eine Treppe gekommen, die in den Schiffsraum
fhrte.  Unwillkrlich machten wir dort halt und sahen einander an,
denn keiner wagte es recht, seine Gedanken zu uern.

"O Herr", sprach mein treuer Diener, "hier ist etwas Schreckliches
geschehen.  Doch wenn auch das Schiff da unten voll Mrder steckt, so
will ich mich ihnen doch lieber auf Gnade und Ungnade ergeben, als
lngere Zeit unter diesen Toten zubringen."  Ich dachte wie er; wir
faten uns ein Herz und stiegen voll Erwartung hinunter.  Totenstille
war aber auch hier, und nur unsere Schritte hallten auf der Treppe.
Wir standen an der Tre der Kajte.  Ich legte mein Ohr an die Tre
und lauschte; es war nichts zu hren.  Ich machte auf.  Das Gemach
bot einen unordentlichen Anblick dar.  Kleider, Waffen und andere
Gerte lagen untereinander.  Nichts in Ordnung.  Die Mannschaft oder
wenigstens der Kapitano muten vor kurzem gezechet haben; denn es lag
alles noch umher.  Wir gingen weiter von Raum zu Raum, von Gemach zu
Gemach, berall fanden wir herrliche Vorrte in Seide, Perlen, Zucker
usw.  Ich war vor Freude ber diesen Anblick auer mir, denn da
niemand auf dem Schiff war, glaubte ich, alles mir zueignen zu drfen,
Ibrahim aber machte mich aufmerksam darauf, da wir wahrscheinlich
noch sehr weit vom Lande seien, wohin wir allein und ohne menschliche
Hilfe nicht kommen knnten.

Wir labten uns an den Speisen und Getrnken, die wir in reichem Ma
vorfanden, und stiegen endlich wieder aufs Verdeck.  Aber hier
schauderte uns immer die Haut ob dem schrecklichen Anblick der
Leichen.  Wir beschlossen, uns davon zu befreien und sie ber Bord zu
werfen; aber wie schauerlich ward uns zumut, als wir fanden, da sich
keiner aus seiner Lage bewegen lie.  Wie festgebannt lagen sie am
Boden, und man htte den Boden des Verdecks ausheben mssen, um sie
zu entfernen, und dazu gebrach es uns an Werkzeugen.  Auch der
Kapitano lie sich nicht von seinem Mast losmachen; nicht einmal
seinen Sbel konnten wir der starren Hand entwinden.  Wir brachten
den Tag in trauriger Betrachtung unserer Lage zu, und als es Nacht zu
werden anfing, erlaubte ich dem alten Ibrahim, sich schlafen zu legen,
ich selbst aber wollte auf dem Verdeck wachen, um nach Rettung
auszusphen.  Als aber der Mond heraufkam und ich nach den Gestirnen
berechnete, da es wohl um die elfte Stunde sei, berfiel mich ein so
unwiderstehlicher Schlaf, da ich unwillkrlich hinter ein Fa, das
auf dem Verdeck stand, zurckfiel.  Doch war es mehr Betubung als
Schlaf, denn ich hrte deutlich die See an der Seite des Schiffes
anschlagen und die Segel vom Winde knarren und pfeifen.  Auf einmal
glaubte ich Stimmen und Mnnertritte auf dem Verdeck zu hren.  Ich
wollte mich aufrichten, um danach zu schauen.  Aber eine unsichtbare
Gewalt hielt meine Glieder gefesselt; nicht einmal die Augen konnte
ich aufschlagen.  Aber immer deutlicher wurden die Stimmen, es war
mir, als wenn ein frhliches Schiffsvolk auf dem Verdeck sich
umhertriebe; mitunter glaubte ich, die krftige Stimme eines
Befehlenden zu hren, auch hrte ich Taue und Segel deutlich auf- und
abziehen.  Nach und nach aber schwanden mir die Sinne, ich verfiel in
einen tieferen Schlaf, in dem ich nur noch ein Gerusch von Waffen zu
hren glaubte, und erwachte erst, als die Sonne schon hoch stand und
mir aufs Gesicht brannte.  Verwundert schaute ich mich um, Sturm,
Schiff, die Toten und was ich in dieser Nacht gehrt hatte, kam mir
wie ein Traum vor, aber als ich aufblickte, fand ich alles wie
gestern.  Unbeweglich lagen die Toten, unbeweglich war der Kapitano
an den Mastbaum geheftet.  Ich lachte ber meinen Traum und stand auf,
um meinen Alten zu suchen.

Dieser sa ganz nachdenklich in der Kajte.  "O Herr!" rief er aus,
als ich zu ihm hineintrat, "ich wollte lieber im tiefsten Grund des
Meeres liegen, als in diesem verhexten Schiff noch eine Nacht
zubringen."  Ich fragte ihn nach der Ursache seines Kummers, und er
antwortete mir: "Als ich einige Stunden geschlafen hatte, wachte ich
auf und vernahm, wie man ber meinem Haupt hin und her lief.  Ich
dachte zuerst, Ihr wret es, aber es waren wenigstens zwanzig, die
oben umherliefen; auch hrte ich rufen und schreien.  Endlich kamen
schwere Tritte die Treppe herab.  Da wute ich nichts mehr von mir,
nur hie und da kehrte auf einige Augenblicke meine Besinnung zurck,
und da sah ich dann denselben Mann, der oben am Mast angenagelt ist,
an jenem Tisch dort sitzen, singend und trinkend; aber der, der in
einem roten Scharlachkleid nicht weit von ihm am Boden liegt, sa
neben ihm und half ihm trinken."  Also erzhlte mir mein alter Diener.

Ihr knnt mir es glauben, meine Freunde, da mir gar nicht wohl
zumute war; denn es war keine Tuschung, ich hatte ja auch die Toten
gar wohl gehrt.  In solcher Gesellschaft zu schiffen, war mir
greulich.  Mein Ibrahim aber versank wieder in tiefes Nachdenken.
"Jetzt hab' ich's!" rief er endlich aus; es fiel ihm nmlich ein
Sprchlein ein, das ihn sein Grovater, ein erfahrener, weitgereister
Mann, gelehrt hatte und das gegen jeden Geister- und Zauberspuk
helfen sollte; auch behauptete er, jenen unnatrlichen Schlaf, der
uns befiel, in der nchsten Nacht verhindern zu knnen, wenn wir
nmlich recht eifrig Sprche aus dem Koran beteten.  Der Vorschlag
des alten Mannes gefiel mir wohl.  In banger Erwartung sahen wir die
Nacht herankommen.  Neben der Kajte war ein kleines Kmmerchen,
dorthin beschlossen wir uns zurckzuziehen.  Wir bohrten mehrere
Lcher in die Tre, hinlnglich gro, um durch sie die ganze Kajte
zu berschauen, dann verschlossen wir die Tre, so gut es ging, von
innen, und Ibrahim schrieb den Namen des Propheten in alle vier Ecken.
So erwarteten wir die Schrecken der Nacht.  Es mochte wieder
ungefhr elf Uhr sein, als es mich gewaltig zu schlfern anfing.
Mein Gefhrte riet mir daher, einige Sprche des Korans zu beten, was
mir auch half.  Mit einem Male schien es oben lebhaft zu werden; die
Taue knarrten, Schritte gingen ber das Verdeck, und mehrere Stimmen
waren deutlich zu unterscheiden--Mehrere Minuten hatten wir so in
gespannter Erwartung gesessen, da hrten wir etwas die Treppe der
Kajte herabkommen.  Als dies der Alte hrte, fing er an, den Spruch,
den ihn sein Grovater gegen Spuk und Zauberei gelehrt hatte,
herzusagen:

"Kommt ihr herab aus der Luft,
Steigt ihr aus tiefem Meer, 
Schlieft ihr in dunkler Gruft, 
Stammt ihr vom Feuer her:
Allah ist euer Herr und Meister,
ihm sind gehorsam alle Geister."

Ich mu gestehen, ich glaubte gar nicht recht an diesen Spruch, und
mir stieg das Haar zu Berg, als die Tr aufflog.  Herein trat jener
groe, stattliche Mann, den ich am Mastbaum angenagelt gesehen hatte.
Der Nagel ging ihm auch jetzt mitten durchs Hirn; das Schwert aber
hatte er in die Scheide gesteckt; hinter ihm trat noch ein anderer
herein, weniger kostbar gekleidet; auch ihn hatte ich oben liegen
sehen.  Der Kapitano, denn dies war er unverkennbar, hatte ein
bleiches Gesicht, einen groen, schwarzen Bart, wildrollende Augen,
mit denen er sich im ganzen Gemach umsah.  Ich konnte ihn ganz
deutlich sehen, als er an unserer Tre vorberging; er aber schien
gar nicht auf die Tre zu achten, die uns verbarg.  Beide setzten
sich an den Tisch, der in der Mitte der Kajte stand, und sprachen
laut und fast schreiend miteinander in einer unbekannten Sprache.
Sie wurden immer lauter und eifriger, bis endlich der Kapitano mit
geballter Faust auf den Tisch hineinschlug, da das Zimmer drhnte.
Mit wildem Gelchter sprang der andere auf und winkte dem Kapitano,
ihm zu folgen.  Dieser stand auf, ri seinen Sbel aus der Scheide,
und beide verlieen das Gemach.  Wir atmeten freier, als sie weg
waren; aber unsere Angst hatte noch lange kein Ende.  Immer lauter
und lauter ward es auf dem Verdeck.  Man hrte eilends hin und her
laufen und schreien, lachen und heulen.  Endlich ging ein wahrhaft
hllischer Lrm los, so da wir glaubten, das Verdeck mit allen
Segeln komme zu uns herab, Waffengeklirr und Geschrei--auf einmal
aber tiefe Stille.  Als wir es nach vielen Stunden wagten
hinaufzugehen, trafen wir alles wie sonst; nicht einer lag anders als
frher.  Alle waren steif wie Holz.

So waren wir mehrere Tage auf dem Schiffe; es ging immer nach Osten,
wohin zu, nach meiner Berechnung, Land liegen mute; aber wenn es
auch bei Tag viele Meilen zurckgelegt hatte, bei Nacht schien es
immer wieder zurckzukehren, denn wir befanden uns immer wieder am
nmlichen Fleck, wenn die Sonne aufging.  Wir konnten uns dies nicht
anders erklren, als da die Toten jede Nacht mit vollem Winde
zurcksegelten.  Um nun dies zu verhten, zogen wir, ehe es Nacht
wurde, alle Segel ein und wandten dasselbe Mittel an wie bei der Tre
in der Kajte; wir schrieben den Namen des Propheten auf Pergament
und auch das Sprchlein des Grovaters dazu und banden es um die
eingezogenen Segel.  ngstlich warteten wir in unserem Kmmerchen
den Erfolg ab.  Der Spuk schien diesmal noch rger zu toben, aber
siehe, am anderen Morgen waren die Segel noch aufgerollt, wie wir sie
verlassen hatten.  Wir spannten den Tag ber nur so viele Segel auf,
als ntig waren, das Schiff sanft fortzutreiben, und so legten wir in
fnf Tagen eine gute Strecke zurck.

Endlich, am Morgen des sechsten Tages, entdeckten wir in geringer
Ferne Land, und wir dankten Allah und seinem Propheten fr unsere
wunderbare Rettung.  Diesen Tag und die folgende Nacht trieben wir an
einer Kste hin, und am siebenten Morgen glaubten wir in geringer
Entfernung eine Stadt zu entdecken; wir lieen mit vieler Mhe einen
Anker in die See, der alsobald Grund fate, setzten ein kleines Boot,
das auf dem Verdeck stand, aus und ruderten mit aller Macht der Stadt
zu.  Nach einer halben Stunde liefen wir in einen Flu ein, der sich
in die See ergo, und stiegen ans Ufer.  Am Stadttor erkundigten wir
uns, wie die Stadt heie, und erfuhren, da es eine indische Stadt
sei, nicht weit von der Gegend, wohin ich zuerst zu schiffen willens
war.  Wir begaben uns in eine Karawanserei und erfrischten uns von
unserer abenteuerlichen Reise.  Ich forschte daselbst auch nach einem
weisen und verstndigen Manne, indem ich dem Wirt zu verstehen gab,
da ich einen solchen haben mchte, der sich ein wenig auf Zauberei
verstehe.  Er fhrte mich in eine abgelegene Strae, an ein
unscheinbares Haus, pochte an, und man lie mich eintreten mit der
Weisung, ich solle nur nach Muley fragen.

In dem Hause kam mir ein altes Mnnlein mit grauem Bart und langer
Nase entgegen und fragte nach meinem Begehr.  Ich sagte ihm, ich
suche den weisen Muley, und er antwortete mir, er sei es selbst.  Ich
fragte ihn nun um Rat, was ich mit den Toten machen solle und wie ich
es angreifen msse, um sie aus dem Schiff zu bringen.  Er antwortete
mir, die Leute des Schiffes seien wahrscheinlich wegen irgendeines
Frevels auf das Meer verzaubert; er glaube, der Zauber werde sich
lsen, wenn man sie ans Land bringe; dies knne aber nicht geschehen,
als wenn man die Bretter, auf denen sie lgen, losmache.  Mir gehre
von Gott und Rechts wegen das Schiff samt allen Gtern, weil ich es
gleichsam gefunden habe; doch solle ich alles sehr geheimzuhalten
trachten und ihm ein kleines Geschenk von meinem berflu machen; er
wolle dafr mit seinen Sklaven mir behilflich sein, die Toten
wegzuschaffen.  Ich versprach, ihn reichlich zu belohnen, und wir
machten uns mit fnf Sklaven, die mit Sgen und Beilen versehen waren,
auf den Weg. Unterwegs konnte der Zauberer Muley unseren glcklichen
Einfall, die Segel mit den Sprchen des Korans zu umwinden, nicht
genug loben.  Er sagte, es sei dies das einzige Mittel gewesen, uns
zu retten.

Es war noch ziemlich frh am Tage, als wir beim Schiff ankamen.  Wir
machten uns alle sogleich ans Werk, und in einer Stunde lagen schon
vier in dem Nachen.  Einige der Sklaven muten sie an Land rudern, um
sie dort zu verscharren.  Sie erzhlten, als sie zurckkamen, die
Toten htten ihnen die Mhe des Begrabens erspart, indem sie, sowie
man sie auf die Erde gelegt habe, in Staub zerfallen seien.  Wir
fuhren fort, die Toten abzusgen, und bis vor Abend waren alle an
Land gebracht.  Es war endlich keiner mehr an Bord als der, welcher
am Mast angenagelt war.  Umsonst suchten wir den Nagel aus dem Holze
zu ziehen, keine Gewalt vermochte ihn auch nur ein Haarbreit zu
verrcken.  Ich wute nicht, was anzufangen war; man konnte doch
nicht den Mastbaum abhauen, um ihn ans Land zu fhren.  Doch aus
dieser Verlegenheit half Muley.  Er lie schnell einen Sklaven an
Land rudern, um einen Topf mit Erde zu bringen.  Als dieser
herbeigeholt war, sprach der Zauberer geheimnisvolle Worte darber
aus und schttete die Erde auf das Haupt des Toten.  Sogleich schlug
dieser die Augen auf, holte tief Atem, und die Wunde des Nagels in
seiner Stirne fing an zu bluten.  Wir zogen den Nagel jetzt leicht
heraus, und der Verwundete fiel einem Sklaven in die Arme.

"Wer hat mich hierhergefhrt?" sprach er, nachdem er sich ein wenig
erholt zu haben schien.  Muley zeigte auf mich, und ich trat zu ihm.
"Dank dir, unbekannter Fremdling, du hast mich von langen Qualen
errettet.  Seit fnfzig Jahren schifft mein Leib durch diese Wogen,
und mein Geist war verdammt, jede Nacht in ihn zurckzukehren.  Aber
jetzt hat mein Haupt die Erde berhrt, und ich kann vershnt zu
meinen Vtern gehen."

Ich bat ihn, uns doch zu sagen, wie er zu diesem schrecklichen
Zustand gekommen sei, und er sprach: "Vor fnfzig Jahren war ich ein
mchtiger, angesehener Mann und wohnte in Algier; die Sucht nach
Gewinn trieb mich, ein Schiff auszursten und Seeraub zu treiben.
Ich hatte dieses Geschft schon einige Zeit fortgefhrt, da nahm ich
einmal auf Zante einen Derwisch an Bord, der umsonst reisen wollte.
Ich und meine Gesellen waren rohe Leute und achteten nicht auf die
Heiligkeit des Mannes; vielmehr trieb ich mein Gesptt mit ihm.  Als
er aber einst in heiligem Eifer mir meinen sndigen Lebenswandel
verwiesen hatte, bermannte mich nachts in meiner Kajte, als ich mit
meinem Steuermann viel getrunken hatte, der Zorn.  Wtend ber das,
was mir ein Derwisch gesagt hatte und was ich mir von keinem Sultan
htte sagen lassen, strzte ich aufs Verdeck und stie ihm meinen
Dolch in die Brust.  Sterbend verwnschte er mich und meine
Mannschaft, nicht sterben und nicht leben zu knnen, bis wir unser
Haupt auf die Erde legten.  Der Derwisch starb, und wir warfen ihn in
die See und verlachten seine Drohungen; aber noch in derselben Nacht
erfllten sich seine Worte.  Ein Teil meiner Mannschaft emprte sich
gegen mich--Mit frchterlicher Wut wurde gestritten, bis meine
Anhnger unterlagen und ich an den Mast genagelt wurde.  Aber auch
die Emprer erlagen ihren Wunden, und bald war mein Schiff nur ein
groes Grab.  Auch mir brachen die Augen, mein Atem hielt an, und ich
meinte zu sterben.  Aber es war nur eine Erstarrung, die mich
gefesselt hielt; in der nchsten Nacht, zur nmlichen Stunde, da wir
den Derwisch in die See geworfen, erwachten ich und alle meine
Genossen, das Leben war zurckgekehrt, aber wir konnten nichts tun
und sprechen, als was wir in jener Nacht gesprochen und getan hatten.
So segeln wir seit fnfzig Jahren, knnen nicht leben, nicht sterben;
denn wie konnten wir das Land erreichen?  Mit toller Freude segelten
wir allemal mit vollen Segeln in den Sturm, weil wir hofften, endlich
an einer Klippe zu zerschellen und das mde Haupt auf dem Grund des
Meeres zur Ruhe zu legen.  Es ist uns nicht gelungen.  Jetzt aber
werde ich sterben.  Noch einmal meinen Dank, unbekannter Retter, wenn
Schtze dich lohnen knnen, so nimm mein Schiff als Zeichen meiner
Dankbarkeit."

Der Kapitano lie sein Haupt sinken, als er so gesprochen hatte, und
verschied.  Sogleich zerfiel er auch, wie seine Gefhrten, in Staub.
Wir sammelten diesen in ein Kstchen und begruben ihn an Land; aus
der Stadt nahm ich aber Arbeiter, die mir mein Schiff in guten
Zustand setzten.  Nachdem ich die Waren, die ich an Bord hatte, gegen
andere mit groem Gewinn eingetauscht hatte, mietete ich Matrosen,
beschenkte meinen Freund Muley reichlich und schiffte mich nach
meinem Vaterlande ein.  Ich machte aber einen Umweg, indem ich an
vielen Inseln und Lndern landete und meine Waren zu Markt brachte.
Der Prophet segnete mein Unternehmen.  Nach dreiviertel Jahren lief
ich, noch einmal so reich, als mich der sterbende Kapitn gemacht
hatte, in Balsora ein.  Meine Mitbrger waren erstaunt ber meine
Reichtmer und mein Glck und glaubten nicht anders, als da ich das
Diamantental des berhmten Reisenden Sindbad gefunden habe.  Ich lie
sie in ihrem Glauben, von nun an aber muten die jungen Leute von
Balsora, wenn sie kaum achtzehn Jahre alt waren, in die Welt hinaus,
um gleich mir ihr Glck zu machen.  Ich aber lebte ruhig und in
Frieden, und alle fnf Jahre mache ich eine Reise nach Mekka, um dem
Herrn an heiliger Sttte fr seinen Segen zu danken und fr den
Kapitano und seine Leute zu bitten, da er sie in sein Paradies
aufnehme.

--------------------------Die Reise der Karawane war den anderen Tag
ohne Hindernis frder gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt
hatte, begann Selim, der Fremde, zu Muley, dem jngsten der Kaufleute,
also zu sprechen:

"Ihr seid zwar der Jngste von uns, doch seid Ihr immer frhlich und
wit fr uns gewi irgendeinen guten Schwank.  Tischet ihn auf, da
er uns erquicke nach der Hitze des Tages!"

"Wohl mchte ich euch etwas erzhlen", antwortete Muley, "das euch
Spa machen knnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen
Dingen; darum mssen meine lteren Reisegefhrten den Vorrang haben.
Zaleukos ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht
erzhlen, was sein Leben so ernst machte?  Vielleicht, da wir seinen
Kummer, wenn er solchen hat, lindern knnen; denn gerne dienen wir
dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens ist."

Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren
Jahren, schn und krftig, aber sehr ernst.  Ob er gleich ein
Unglubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine
Reisegefhrten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und
Zutrauen eingeflt.  Er hatte brigens nur eine Hand, und einige
seiner Gefhrten vermuteten, da vielleicht dieser Verlust ihn so
ernst stimme.

Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: "Ich bin sehr
geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen,
von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen knntet.  Doch
weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch
einiges erzhlen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin
als andere Leute.  Ihr sehet, da ich meine linke Hand verloren habe.
Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den
schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebt.  Ob ich die Schuld
davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es
meine Lage mit sich bringt, zu sein, mget ihr beurteilen, wenn ihr
vernommen habt die Geschichte von der abgehauenen Hand."




Die Geschichte von der abgehauenen Hand

Wilhelm Hauff


Ich bin in Konstantinopel geboren; mein Vater war ein Dragoman
(Dolmetscher) bei der Pforte (dem trkischen Hof) und trieb nebenbei
einen ziemlich eintrglichen Handel mit wohlriechenden Essenzen und
seidenen Stoffen.  Er gab mir eine gute Erziehung, indem er mich
teils selbst unterrichtete, teils von einem unserer Priester mir
Unterricht geben lie.  Er bestimmte mich anfangs, seinen Laden
einmal zu bernehmen, als ich aber grere Fhigkeiten zeigte, als er
erwartet hatte, bestimmte er mich auf das Anraten seiner Freunde zum
Arzt; weil ein Arzt, wenn er etwas mehr gelernt hat als die
gewhnlichen Marktschreier, in Konstantinopel sein Glck machen kann.
Es kamen viele Franken in unser Haus, und einer davon berredete
meinen Vater, mich in sein Vaterland, nach der Stadt Paris, reisen zu
lassen, wo man solche Sachen unentgeltlich und am besten lernen knne.
Er selbst aber wolle mich, wenn er zurckreise, umsonst mitnehmen.
Mein Vater, der in seiner Jugend auch gereist war, schlug ein, und
der Franke sagte mir, ich knne mich in drei Monaten bereithalten.
Ich war auer mir vor Freude, fremde Lnder zu sehen.

Der Franke hatte endlich seine Geschfte abgemacht und sich zur Reise
bereitet; am Vorabend der Reise fhrte mich mein Vater in sein
Schlafkmmerlein.  Dort sah ich schne Kleider und Waffen auf dem
Tische liegen.  Was meine Blicke aber noch mehr anzog, war ein groer
Haufe Goldes, denn ich hatte noch nie so viel beieinander gesehen.
Mein Vater umarmte mich und sagte: "Siehe, mein Sohn, ich habe dir
Kleider zu der Reise besorgt.  Jene Waffen sind dein, es sind die
nmlichen, die mir dein Grovater umhing, als ich in die Fremde
auszog.  Ich wei, du kannst sie fuhren; gebrauche sie aber nie, als
wenn du angegriffen wirst; dann aber schlage auch tchtig drauf.
Mein Vermgen ist nicht gro; siehe, ich habe es in drei Teile
geteilt, einer davon ist dein; einer davon ist mein Unterhalt und
Notpfennig, der dritte aber sei mir ein heiliges, unantastbares Gut,
er diene dir in der Stunde der Not!"  So sprach mein alter Vater, und
Trnen hingen ihm im Auge, vielleicht aus Ahnung, denn ich habe ihn
nie wiedergesehen.

Die Reise ging gut vonstatten; wir waren bald im Lande der Franken
angelangt, und sechs Tagreisen nachher kamen wir in die groe Stadt
Paris.  Hier mietete mir mein frnkischer Freund ein Zimmer und riet
mir, mein Geld, das in allem zweitausend Taler betrug, vorsichtig
anzuwenden.  Ich lebte drei Jahre in dieser Stadt und lernte, was ein
tchtiger Arzt wissen mu; ich mte aber lgen, wenn ich sagte, da
ich gerne dort gewesen sei; denn die Sitten dieses Volkes gefielen
mir nicht; auch hatte ich nur wenige gute Freunde dort, diese aber
waren edle, junge Mnner.

Die Sehnsucht nach der Heimat wurde endlich mchtig in mir; in der
ganzen Zeit hatte ich nichts von meinem Vater gehrt, und ich ergriff
daher eine gnstige Gelegenheit, nach Hause zu kommen.

Es ging nmlich eine Gesandtschaft aus Frankenland nach der Hohen
Pforte.  Ich verdingte mich als Wundarzt in das Gefolge des Gesandten
und kam glcklich wieder nach Stambul.  Das Haus meines Vaters aber
fand ich verschlossen, und die Nachbarn staunten, als sie mich sahen,
und sagten mir, mein Vater sei vor zwei Monaten gestorben.  Jener
Priester, der mich in meiner Jugend unterrichtet hatte, brachte nur
den Schlssel; allein und verlassen zog ich in das verdete Haus ein.
Ich fand noch alles, wie es mein Vater verlassen hatte; nur das Gold,
das er mir zu hinterlassen versprach, fehlte.  Ich fragte den
Priester darber, und dieser verneigte sich und sprach: "Euer Vater
ist als ein heiliger Mann gestorben; denn er hat sein Gold der Kirche
vermacht."  Dies war und blieb mir unbegreiflich; doch was wollte ich
machen; ich hatte keine Zeugen gegen den Priester und mute froh sein,
da er nicht auch das Haus und die Waren meines Vaters als
Vermchtnis angesehen hatte.

Dies war das erste Unglck, das mich traf.  Von jetzt an aber kam es
Schlag auf Schlag.  Mein Ruf als Arzt wollte sich gar nicht
ausbreiten, weil ich mich schmte, den Marktschreier zu machen, und
berall fehlte mir die Empfehlung meines Vaters, der mich bei den
Reichsten und Vornehmsten eingefhrt htte, die jetzt nicht mehr an
den armen Zaleukos dachten.  Auch die Waren meines Vaters fanden
keinen Abgang; denn die Kunden hatten sich nach seinem Tode verlaufen,
und neue bekommt man nur langsam.  Als ich einst trostlos ber meine
Lage nachdachte, fiel mir ein, da ich oft in Franken Mnner meines
Volkes gesehen hatte, die das Land durchzogen und ihre Waren auf den
Mrkten der Stdte auslegten; ich erinnerte mich, da man ihnen gerne
abkaufte, weil sie aus der Fremde kamen, und da man bei solchem
Handel das Hundertfache erwerben knne.  Sogleich war auch mein
Entschlu gefat.  Ich verkaufte mein vterliches Haus, gab einen
Teil des gelsten Geldes einem bewhrten Freunde zum Aufbewahren, von
dem brigen aber kaufte ich, was man in Franken selten hat, wie
Schals, seidene Zeuge, Salben und le, mietete einen Platz auf einem
Schiff und trat so meine zweite Reise nach Franken an.

Es schien, als ob das Glck, sobald ich die Schlsser der Dardanellen
im Rcken hatte, mir wieder gnstig geworden wre.  Unsere Fahrt war
kurz und glcklich.  Ich durchzog die groen und kleinen Stdte der
Franken und fand berall willige Kufer meiner Waren.  Mein Freund in
Stambul sandte mir immer wieder frische Vorrte, und ich wurde von
Tag zu Tag wohlhabender.  Als ich endlich so viel erspart hatte, da
ich glaubte, ein greres Unternehmen wagen zu knnen, zog ich mit
meinen Waren nach Italien.  Etwas mu ich aber noch gestehen, was mir
auch nicht wenig Geld einbrachte: ich nahm auch meine Arzneikunst zu
Hilfe.  Wenn ich in eine Stadt kam, lie ich durch Zettel verknden,
da ein griechischer Arzt da sei, der schon viele geheilt habe; und
wahrlich, mein Balsam und meine Arzneien haben mir manche Zechine
eingebracht.

So war ich endlich nach der Stadt Florenz in Italien gekommen.  Ich
nahm mir vor, lngere Zeit in dieser Stadt zu bleiben, teils weil sie
mir so wohl gefiel, teils auch, weil ich mich von den Strapazen
meines Umherziehens erholen wollte.  Ich mietete mir ein Gewlbe in
dem Stadtviertel St. Croce und nicht weit davon ein paar schne
Zimmer, die auf einen Altan fhrten, in einem Wirtshaus.  Sogleich
lie ich auch meine Zettel umhertragen, die mich als Arzt und
Kaufmann ankndigten.  Ich hatte kaum mein Gewlbe erffnet, so
strmten auch die Kufer herzu, und ob ich gleich ein wenig hohe
Preise hatte, so verkaufte ich doch mehr als andere, weil ich
gefllig und freundlich gegen meine Kunden war.  Ich hatte schon vier
Tage vergngt in Florenz verlebt, als ich eines Abends, da ich schon
mein Gewlbe schlieen und nur die Vorrte in meinen Salbenbchsen
nach meiner Gewohnheit noch einmal mustern wollte, in einer kleinen
Bchse einen Zettel fand, den ich mich nicht erinnerte, hineingetan
zu haben.  Ich ffnete den Zettel und fand darin eine Einladung,
diese Nacht Punkt zwlf Uhr auf der Brcke, die man Ponte vecchio
heit, mich einzufinden.  Ich sann lange darber nach, wer es wohl
sein knnte, der mich dorthin einlud, da ich aber keine Seele in
Florenz kannte, dachte ich, man werde mich vielleicht heimlich zu
irgendeinem Kranken fhren wollen, was schon fter geschehen war.
Ich beschlo also hinzugehen, doch hing ich zur Vorsicht den Sbel um,
den mir einst mein Vater geschenkt hatte.

Als es stark gegen Mitternacht ging, machte ich mich auf den Weg und
kam bald auf die Ponte vecchio.  Ich fand die Brcke verlassen und
de und beschlo zu warten, bis er erscheinen wrde, der mich rief.
Es war eine kalte Nacht; der Mond schien hell, und ich schaute hinab
in die Wellen des Arno, die weithin im Mondlicht schimmerten.  Auf
den Kirchen der Stadt schlug es jetzt zwlf Uhr; ich richtete mich
auf, und vor mir stand ein groer Mann, ganz in einen roten Mantel
gehllt, dessen einen Zipfel er vor das Gesicht hielt.

Ich war von Anfang etwas erschrocken, weil er so pltzlich hinter mir
stand, fate mich aber sogleich wieder und sprach: "Wenn Ihr mich
habt hierher bestellt, so sagt an, was steht zu Eurem Befehl?"

Der Rotmantel wandte sich um und sagte langsam: "Folge!"  Da ward
mir's doch etwas unheimlich zumute, mit diesem Unbekannten allein zu
gehen; ich blieb stehen und sprach: "Nicht also, lieber Herr, wollet
mir vorerst sagen, wohin; auch knnet Ihr mir Euer Gesicht ein wenig
zeigen, da ich sehe, ob Ihr Gutes mit mir vorhabt."

Der Rote aber schien sich nicht darum zu kmmern.  "Wenn du nicht
willst, Zaleukos, so bleibe!" antwortete er und ging weiter.

Da entbrannte mein Zorn.  "Meinet Ihr", rief ich aus, "ein Mann wie
ich lasse sich von jedem Narren foppen, und ich werde in dieser
kalten Nacht umsonst gewartet haben?"  In drei Sprngen hatte ich ihn
erreicht, packte ihn an seinem Mantel und schrie noch lauter, indem
ich die andere Hand an den Sbel legte; aber der Mantel blieb mir in
der Hand, und der Unbekannte war um die nchste Ecke verschwunden.
Mein Zorn legte sich nach und nach; ich hatte doch den Mantel, und
dieser sollte mir schon den Schlssel zu diesem wunderlichen
Abenteuer geben.

Ich hing ihn um und ging meinen Weg weiter nach Hause.  Als ich kaum
noch hundert Schritte davon entfernt war, streifte jemand dicht an
mir vorber und flsterte in frnkischer Sprache: "Nehmt Euch in acht,
Graf, heute nacht ist nichts zu machen."  Ehe ich mich aber umsehen
konnte, war dieser Jemand schon vorbei, und ich sah nur noch einen
Schatten an den Husern hinschweben.  Da dieser Zuruf den Mantel und
nicht mich anging, sah ich ein; doch gab er mir kein Licht ber die
Sache.  Am anderen Morgen berlegte ich, was zu tun sei.  Ich war von
Anfang gesonnen, den Mantel ausrufen zu lassen, als htte ich ihn
gefunden; doch da konnte der Unbekannte ihn durch einen Dritten holen
lassen, und ich htte dann keinen Aufschlu ber die Sache gehabt.
Ich besah, indem ich so nachdachte, den Mantel nher.  Er war von
schwerem genuesischem Samt, purpurrot, mit astrachanischem Pelz
verbrmt und reich mit Gold bestickt.  Der prachtvolle Anblick des
Mantels brachte mich auf einen Gedanken, den ich auszufhren beschlo.

Ich trug ihn in mein Gewlbe und legte ihn zum Verkauf aus, setzte
aber auf ihn einen so hohen Preis, da ich gewi war, keinen Kufer
zu finden.  Mein Zweck dabei war, jeden, der nach dem Pelz fragen
wrde, scharf ins Auge zu fassen; denn die Gestalt des Unbekannten,
die sich mir nach Verlust des Mantels, wenn auch nur flchtig, doch
bestimmt zeigte, wollte ich aus Tausenden erkennen.  Es fanden sich
viele Kauflustige zu dem Mantel, dessen auerordentliche Schnheit
alle Augen auf sich zog; aber keiner glich entfernt dem Unbekannten,
keiner wollte den hohen Preis von zweihundert Zechinen dafr bezahlen.
Auffallend war mir dabei, da, wenn ich einen oder den anderen
fragte, ob denn sonst kein solcher Mantel in Florenz sei, alle mit
"Nein!" antworteten und versicherten, eine so kostbare und
geschmackvolle Arbeit nie gesehen zu haben.

Es wollte schon Abend werden, da kam endlich ein junger Mann, der
schon oft bei mir gewesen war und auch heute viel auf den Mantel
geboten hatte, warf einen Beutel mit Zechinen auf den Tisch und rief:
"Bei Gott!  Zaleukos, ich mu deinen Mantel haben, und sollte ich zum
Bettler darber werden."  Zugleich begann er, seine Goldstcke
aufzuzhlen.  Ich kam in groe Not; ich hatte den Mantel nur
ausgehngt, um vielleicht die Blicke meines Unbekannten darauf zu
ziehen, und jetzt kam ein junger Tor, um den ungeheuren Preis zu
zahlen.  Doch was blieb mir brig; ich gab nach, denn es tat mir auf
der anderen Seite der Gedanke wohl, fr mein nchtliches Abenteuer so
schn entschdigt zu werden.  Der Jngling hing sich den Mantel um
und ging; er kehrte aber auf der Schwelle wieder um, indem er ein
Papier, das am Mantel befestigt war, losmachte, mir zuwarf und sagte:
"Hier, Zaleukos, hngt etwas, das wohl nicht zu dem Mantel gehrt."

Gleichgltig nahm ich den Zettel; aber siehe da, dort stand
geschrieben: "Bringe heute nacht um die bewute Stunde den Mantel auf
die Ponte vecchio, vierhundert Zechinen warten deiner."

Ich stand wie niedergedonnert.  So hatte ich also mein Glck selbst
verscherzt und meinen Zweck gnzlich verfehlt!  Doch ich besann mich
nicht lange, raffte die zweihundert Zechinen zusammen, sprang dem,
der den Mantel gekauft hatte, nach und sprach: "Nehmt Eure Zechinen
wieder, guter Freund, und lat mir den Mantel, ich kann ihn unmglich
hergeben."  Dieser hielt die Sache von Anfang fr Spa, als er aber
merkte, da es Ernst war, geriet er in Zorn ber meine Forderung,
schalt mich einen Narren, und so kam es endlich zu Schlgen.  Doch
ich war so glcklich, im Handgemenge ihm den Mantel zu entreien, und
wollte schon mit ihm davoneilen, als der junge Mann die Polizei zu
Hilfe rief und mich mit sich vor Gericht zog.  Der Richter war sehr
erstaunt ber die Anklage und sprach meinem Gegner den Mantel zu.
Ich aber bot dem Jnglinge zwanzig, fnfzig, achtzig, ja hundert
Zechinen ber seine zweihundert, wenn er mir den Mantel liee.  Was
meine Bitten nicht vermochten, bewirkte mein Gold.  Er nahm meine
guten Zechinen, ich aber zog mit dem Mantel triumphierend ab und
mute mir gefallen lassen, da man mich in ganz Florenz fr einen
Wahnsinnigen hielt.  Doch die Meinung der Leute war mir gleichgltig;
ich wute es ja besser als sie, da ich an dem Handel noch gewann.

Mit Ungeduld erwartete ich die Nacht.  Um dieselbe Zeit wie gestern
ging ich, den Mantel unter dem Arm, auf die Ponte vecchio.  Mit dem
letzten Glockenschlag kam die Gestalt aus der Nacht heraus auf mich
zu.  Es war unverkennbar der Mann von gestern.  "Hast du den Mantel?"
wurde ich gefragt.

"Ja, Herr", antwortete ich, "aber er kostete mich bar hundert
Zechinen."

"Ich wei es", entgegnete jener.  "Schau auf, hier sind vierhundert."
Er trat mit mir an das breite Gelnder der Brcke und zhlte die
Goldstcke hin.  Vierhundert waren es; prchtig blitzten sie im
Mondschein, ihr Glanz erfreute mein Herz, ach!  Es ahnete nicht, da
es seine letzte Freude sein werde.  Ich steckte mein Geld in die
Tasche und wollte mir nun auch den gtigen Unbekannten recht
betrachten; aber er hatte eine Larve vor dem Gesicht, aus der mich
dunkle Augen furchtbar anblitzten.

"Ich danke Euch, Herr, fr Eure Gte", sprach ich zu ihm, "was
verlangt Ihr jetzt von mir?  Das sage ich Euch aber vorher, da es
nichts Unrechtes sein darf."

"Unntige Sorge", antwortete er, indem er den Mantel um die Schultern
legte, "ich bedarf Eurer Hilfe als Arzt; doch nicht fr einen
Lebenden, sondern fr einen Toten."

"Wie kann das sein?" rief ich voll Verwunderung.

"Ich kam mit meiner Schwester aus fernen Landen", erzhlte er und
winkte mir zugleich, ihm zu folgen.  "Ich wohnte hier mit ihr bei
einem Freund meines Hauses.  Meine Schwester starb gestern schnell an
einer Krankheit, und die Verwandten wollen sie morgen begraben.  Nach
einer alten Sitte unserer Familie aber sollen alle in der Gruft der
Vter ruhen; viele, die in fremden Landen starben, ruhen dennoch dort
einbalsamiert.  Meinen Verwandten gnne ich nun ihren Krper; meinem
Vater aber mu ich wenigstens den Kopf seiner Tochter bringen, damit
er sie noch einmal sehe."  Diese Sitte, die Kpfe geliebter
Anverwandten abzuschneiden, kam mir zwar etwas schrecklich vor; doch
wagte ich nichts dagegen einzuwenden aus Furcht, den Unbekannten zu
beleidigen.  Ich sagte ihm daher, da ich mit dem Einbalsamieren der
Toten wohl umgehen knne, und bat ihn, mich zu der Verstorbenen zu
fhren.  Doch konnte ich mich nicht enthalten zu fragen, warum denn
dies alles so geheimnisvoll und in der Nacht geschehen msse.  Er
antwortete mir, da seine Anverwandten, die seine Absicht fr grausam
hielten, bei Tage ihn abhalten wrden; sei aber nur erst einmal der
Kopf abgenommen, so knnten sie wenig mehr darber sagen.  Er htte
mir zwar den Kopf bringen knnen; aber ein natrliches Gefhl halte
ihn ab, ihn selbst abzunehmen.

Wir waren indes bis an ein groes, prachtvolles Haus gekommen.  Mein
Begleiter zeigte es mir als das Ziel unseres nchtlichen
Spazierganges.  Wir gingen an dem Haupttor des Hauses vorbei, traten
in eine kleine Pforte, die der Unbekannte sorgfltig hinter sich
zumachte, und stiegen nun im Finstern eine enge Wendeltreppe hinan.
Sie fhrte in einen sprlich erleuchteten Gang, aus welchem wir in
ein Zimmer gelangten, das eine Lampe, die an der Decke befestigt war,
erleuchtete.

In diesem Gemach stand ein Bett, in welchem der Leichnam lag.  Der
Unbekannte wandte sein Gesicht ab und schien Trnen verbergen zu
wollen.  Er deutete nach dem Bett, befahl mir, mein Geschft gut und
schnell zu verrichten, und ging wieder zur Tre hinaus.

Ich packte meine Messer, die ich als Arzt immer bei mir fhrte, aus
und nherte mich dem Bett.  Nur der Kopf war von der Leiche sichtbar;
aber dieser war so schn, da mich unwillkrlich das innigste
Mitleiden ergriff.  In langen Flechten hing das dunkle Haar herab,
das Gesicht war bleich, die Augen geschlossen.  Ich machte zuerst
einen Einschnitt in die Haut, nach der Weise der rzte, wenn sie ein
Glied abschneiden.  Sodann nahm ich mein schrfstes Messer und
schnitt mit einem Zug die Kehle durch.  Aber welcher Schrecken!  Die
Tote schlug die Augen auf, schlo sie aber gleich wieder, und in
einem tiefen Seufzer schien sie jetzt erst ihr Leben auszuhauchen.
Zugleich scho mir ein Strahl heien Blutes aus der Wunde entgegen.
Ich berzeugte mich, da ich erst die Arme gettet hatte; denn da
sie tot sei, war kein Zweifel, da es von dieser Wunde keine Rettung
gab.  Ich stand einige Minuten in banger Beklommenheit ber das, was
geschehen war.  Hatte der Rotmantel mich betrogen, oder war die
Schwester vielleicht nur scheintot gewesen?  Das letztere schien mir
wahrscheinlicher.  Aber ich durfte dem Bruder der Verstorbenen nicht
sagen, da vielleicht ein weniger rascher Schnitt sie erweckt htte,
ohne sie zu tten, darum wollte ich den Kopf vollends ablsen; aber
noch einmal sthnte die Sterbende, streckt sich in schmerzhafter
Bewegung aus und starb.  Da bermannte mich der Schrecken, und ich
strzte schaudernd aus dem Gemach.  Aber drauen im Gang war es
finster; denn die Lampe war verlscht.  Keine Spur von meinem
Begleiter war zu entdecken, und ich mute aufs ungefhr mich im
Finstern an der Wand fortbewegen, um an die Wendeltreppe zu gelangen.
Ich fand sie endlich und kam halb fallend, halb gleitend hinab.
Auch unten war kein Mensch.  Die Tre fand ich nur angelehnt, und ich
atmete freier, als ich auf der Strae war; denn in dem Hause war mir
ganz unheimlich geworden.  Von Schrecken gespornt, rannte ich in
meine Wohnung und begrub mich in die Polster meines Lagers, um das
Schreckliche zu vergessen, das ich getan hatte.  Aber der Schlaf floh
mich, und erst der Morgen ermahnte mich wieder, mich zu fassen.  Es
war mir wahrscheinlich, da der Mann, der mich zu dieser verruchten
Tat, wie sie mir jetzt erschien, verfhrt hatte, mich nicht angeben
wrde.  Ich entschlo mich, gleich in mein Gewlbe an mein Geschft
zu gehen und womglich eine sorglose Miene anzunehmen.  Aber ach!
Ein neuer Umstand, den ich jetzt erst bemerkte, vermehrte noch meinen
Kummer.  Meine Mtze und mein Grtel wie auch meine Messer fehlten
mir, und ich war ungewi, ob ich sie in dem Zimmer der Getteten
gelassen oder erst auf meiner Flucht verloren hatte.  Leider schien
das erste wahrscheinlicher, und man konnte mich also als Mrder
entdecken.

Ich ffnete zur gewhnlichen Zeit mein Gewlbe.  Mein Nachbar trat zu
mir her, wie er alle Morgen zu tun pflegte, denn er war ein
gesprchiger Mann.  "Ei, was sagt Ihr zu der schrecklichen
Geschichte", hub er an, "die heute nacht vorgefallen ist?"  Ich tat,
als ob ich nichts wte.  "Wie, solltet Ihr nicht wissen, von was die
ganze Stadt erfllt ist?  Nicht wissen, da die schnste Blume von
Florenz, Bianka, die Tochter des Gouverneurs, in dieser Nacht
ermordet wurde?  Ach!  Ich sah sie gestern noch so heiter durch die
Straen fahren mit ihrem Brutigam, denn heute htten sie Hochzeit
gehabt."

Jedes Wort des Nachbarn war mir ein Stich ins Herz.  Und wie oft
kehrte meine Marter wieder; denn jeder meiner Kunden erzhlte mir die
Geschichte, immer einer schrecklicher als der andere, und doch konnte
keiner so Schreckliches sagen, als ich selbst gesehen hatte.  Um
Mittag ungefhr trat ein Mann vom Gericht in mein Gewlbe und bat
mich, die Leute zu entfernen.  "Signore Zaleukos", sprach er, indem
er die Sachen, die ich vermite, hervorzog, "gehren diese Sachen
Euch zu?"  Ich besann mich, ob ich sie nicht gnzlich ableugnen sollte;
aber als ich durch die halbgeffnete Tr meinen Wirt und mehrere
Bekannte, die wohl gegen mich zeugen konnten, erblickte, beschlo ich,
die Sache nicht noch durch eine Lge zu verschlimmern, und bekannte
mich zu den vorgezeigten Dingen.  Der Gerichtsmann bat mich, ihm zu
folgen, und fhrte mich in ein groes Gebude, das ich bald fr das
Gefngnis erkannte.  Dort wies er mir bis auf weiteres ein Gemach an.

Meine Lage war schrecklich, als ich so in der Einsamkeit darber
nachdachte.  Der Gedanke, gemordet zu haben, wenn auch ohne Willen,
kehrte immer wieder.  Auch konnte ich mir nicht verhehlen, da der
Glanz des Goldes meine Sinne befangen gehalten hatte; sonst htte ich
nicht so blindlings in die Falle gehen knnen.  Zwei Stunden nach
meiner Verhaftung wurde ich aus meinem Gemach gefhrt.  Mehrere
Treppen ging es hinab, dann kam man in einen groen Saal.  Um einen
langen, schwarzbehngten Tisch saen dort zwlf Mnner, meistens
Greise.  An den Seiten des Saales zogen sich Bnke herab, angefllt
mit den Vornehmsten von Florenz; auf den Galerien, die in der Hhe
angebracht waren, standen dicht gedrngt die Zuschauer.  Als ich bis
vor den schwarzen Tisch getreten war, erhob sich ein Mann mit
finsterer, trauriger Miene; es war der Gouverneur.  Er sprach zu den
Versammelten, da er als Vater in dieser Sache nicht richten knne
und da er seine Stelle fr diesmal an den ltesten der Senatoren
abtrete.  Der lteste der Senatoren war ein Greis von wenigstens
neunzig Jahren.  Er stand gebckt, und seine Schlfen waren mit
dnnem, weiem Haar umhngt; aber feurig brannten noch seine Augen,
und seine Stimme war stark und sicher.  Er hub an, mich zu fragen, ob
ich den Mord gestehe.  Ich bat ihn um Gehr und erzhlte
unerschrocken und mit vernehmlichen Stimme, was ich getan hatte und
was ich wute.  Ich bemerkte, da der Gouverneur whrend meiner
Erzhlung bald bla, bald rot wurde, und als ich geschlossen, fuhr er
wtend auf: "Wie, Elender!" rief er mir zu, "so willst du ein
Verbrechen, das du aus Habgier begangen, noch einem anderen
aufbrden?"

Der Senator verwies ihm seine Unterbrechung, da er sich freiwillig
seines Rechtes begeben habe; auch sei es gar nicht so erwiesen, da
ich aus Habgier gefrevelt; denn nach seiner eigenen Aussage sei ja
der Getteten nichts gestohlen worden.  Ja, er ging noch weiter; er
erklrte dem Gouverneur, da er ber das frhere Leben seiner Tochter
Rechenschaft geben msse; denn nur so knne man schlieen, ob ich die
Wahrheit gesagt habe oder nicht.  Zugleich hob er fr heute das
Gericht auf, um sich, wie er sagte, aus den Papieren der Verstorbenen,
die ihm der Gouverneur bergeben werde, Rat zu holen.  Ich wurde
wieder in mein Gefngnis zurckgefhrt, wo ich einen schaurigen Tag
verlebte, immer mit dem heien Wunsch beschftigt, da man doch
irgendeine Verbindung zwischen der Toten und dem Rotmantel entdecken
mchte.  Voll Hoffnung trat ich den anderen Tag in den Gerichtssaal.
Es lagen mehrere Briefe auf dem Tisch.  Der alte Senator fragte mich,
ob sie meine Handschrift seien.  Ich sah sie an und fand, da sie von
derselben Hand sein mten wie jene beiden Zettel, die ich erhalten.
Ich uerte dies den Senatoren; aber man schien nicht darauf zu
achten und antwortete, da ich beides geschrieben haben knne und
msse; denn der Namenszug unter den Briefen sei unverkennbar ein Z,
der Anfangsbuchstabe meines Namens.  Die Briefe aber enthielten
Drohungen an die Verstorbene und Warnungen vor der Hochzeit, die sie
zu vollziehen im Begriff war.

Der Gouverneur schien sonderbare Aufschlsse in Hinsicht auf meine
Person gegeben zu haben; denn man behandelte mich an diesem Tage
mitrauischer und strenger.  Ich berief mich zu meiner Rechtfertigung
auf meine Papiere, die sich in meinem Zimmer finden mten; aber man
sagte mir, man habe nachgesucht und nichts gefunden.  So schwand mir
am Schlusse dieses Gerichts alle Hoffnung, und als ich am dritten Tag
wieder in den Saal gefhrt wurde, las man mir das Urteil vor, da ich,
eines vorstzlichen Mordes berwiesen, zum Tode verurteilt sei.
Dahin also war es mit mir gekommen.  Verlassen von allem, was mir auf
Erden noch teuer war, fern von meiner Heimat, sollte ich unschuldig
in der Blte meiner Jahre vom Beile sterben.

Ich sa am Abend dieses schrecklichen Tages, der ber mein Schicksal
entschieden hatte, in meinem einsamen Kerker; meine Hoffnungen waren
dahin, meine Gedanken ernsthaft auf den Tod gerichtet.  Da tat sich
die Tre meines Gefngnisses auf, und ein Mann trat herein, der mich
lange schweigend betrachtete.  "So finde ich dich wieder, Zaleukos?"
sagte er; ich hatte ihn bei dem matten Schein meiner Lampe nicht
erkannt, aber der Klang seiner Stimme erweckte alte Erinnerungen in
mir, es war Valetty, einer jener wenigen Freunde, die ich in der
Stadt Paris whrend meiner Studien kannte.  Er sagte, da er zufllig
nach Florenz gekommen sei, wo sein Vater als angesehener Mann wohne,
er habe von meiner Geschichte gehrt und sei gekommen, um mich noch
einmal zu sehen und von mir selbst zu erfahren, wie ich mich so
schwer habe verschulden knnen.  Ich erzhlte ihm die ganze
Geschichte.  Er schien darber sehr verwundert und beschwor mich, ihm,
meinem einzigen Freunde, alles zu sagen, um nicht mit einer Lge von
hinnen zu gehen.  Ich schwor ihm mit dem teuersten Eid, da ich wahr
gesprochen und da keine andere Schuld mich drcke, als da ich, von
dem Glanze des Goldes geblendet, das Unwahrscheinliche der Erzhlung
des Unbekannten nicht erkannt habe.  "So hast du Bianka nicht
gekannt?" fragte jener.  Ich beteuerte ihm, sie nie gesehen zu haben.
Valetty erzhlte mir nun, da ein tiefes Geheimnis auf der Tat liege,
da der Gouverneur meine Verurteilung sehr hastig betrieben habe,
und es sei nun ein Gercht unter die Leute gekommen, da ich Bianka
schon lngst gekannt und aus Rache ber ihre Heirat mit einem anderen
sie ermordet habe.  Ich bemerkte ihm, da dies alles ganz auf den
Rotmantel passe, da ich aber seine Teilnahme an der Tat mit nichts
beweisen knne.  Valetty umarmte mich weinend und versprach mir,
alles zu tun, um wenigstens mein Leben zu retten.  Ich hatte wenig
Hoffnung; doch wute ich, da Valetty ein weiser und der Gesetze
kundiger Mann sei und da er alles tun werde, mich zu retten.  Zwei
lange Tage war ich in Ungewiheit: Endlich erschien auch Valetty.
"Ich bringe Trost, wenn auch einen schmerzlichen.  Du wirst leben und
frei sein; aber mit Verlust einer Hand."  Gerhrt dankte ich meinem
Freunde fr mein Leben.  Er sagte mir, da der Gouverneur
unerbittlich gewesen sei, die Sache noch einmal untersuchen zu lassen;
da er aber endlich, um nicht ungerecht zu erscheinen, bewilligt
habe, wenn man in den Bchern der florentinischen Geschichte einen
hnlichen Fall finde, so solle meine Strafe sich nach der Strafe, die
dort ausgesprochen sei, richten.  Er und sein Vater haben nun Tag und
Nacht in den alten Bchern gelesen und endlich einen ganz dem
meinigen hnlichen Fall gefunden.  Dort laute die Strafe: Es soll ihm
die linke Hand abgehauen, seine Gter eingezogen, er selbst auf ewig
verbannt werden.  So laute jetzt auch meine Strafe, und ich solle
mich jetzt bereiten zu der schmerzhaften Stunde, die meiner warte.
Ich will euch nicht diese schreckliche Stunde vor das Auge fhren, wo
ich auf offenem Markt meine Hand auf den Block legte, wo mein eigenes
Blut in weitem Bogen mich berstrmte!

Valetty nahm mich in sein Haus auf, bis ich genesen war, dann versah
er mich edelmtig mit Reisegeld; denn alles, was ich mir so mhsam
erworben, war eine Beute des Gerichts geworden.  Ich reiste von
Florenz nach Sizilien und von da mit dem ersten Schiff, das ich fand,
nach Konstantinopel.  Meine Hoffnung war auf die Summe gerichtet, die
ich meinem Freunde bergeben hatte, auch bat ich ihn, bei ihm wohnen
zu drfen; aber wie erstaunte ich, als dieser mich fragte, warum ich
denn nicht mein Haus beziehe!  Er sagte mir, da ein fremder Mann
unter meinem Namen ein Haus in dem Quartier der Griechen gekauft habe;
derselbe habe auch den Nachbarn gesagt, da ich bald selbst kommen
werde.  Ich ging sogleich mit meinem Freunde dahin und wurde von
allen meinen Bekannten freudig empfangen.  Ein alter Kaufmann gab mir
einen Brief, den der Mann, der fr mich gekauft hatte, hiergelassen
habe.

Ich las: "Zaleukos!  Zwei Hnde stehen bereit, rastlos zu schaffen,
da Du nicht fhlest den Verlust der einen.  Das Haus, das Du siehest,
und alles, was darin ist, ist Dein, und alle Jahre wird man Dir so
viel reichen, da Du zu den Reichen Deines Volkes gehren wirst.
Mgest Du dem vergeben, der unglcklicher ist als Du."  Ich konnte
ahnen, wer es geschrieben, und der Kaufmann sagte mir auf meine Frage:
Es sei ein Mann gewesen, den er fr einen Franken gehalten, er habe
einen roten Mantel angehabt.  Ich wute genug, um mir zu gestehen,
da der Unbekannte doch nicht ganz von aller edlen Gesinnung entblt
sein msse.  In meinem neuen Haus fand ich alles aufs beste
eingerichtet, auch ein Gewlbe mit Waren, schner als ich sie je
gehabt.  Zehn Jahre sind seitdem verstrichen; mehr aus alter
Gewohnheit, als weil ich es ntig habe, setze ich meine Handelsreisen
fort; doch habe ich jenes Land, wo ich so unglcklich wurde, nie mehr
gesehen.  Jedes Jahr erhielt ich seitdem tausend Goldstcke; aber,
wenn es mir auch Freude macht, jenen Unglcklichen edel zu wissen, so
kann er mir doch den Kummer meiner Seele nicht abkaufen, denn ewig
lebt in mir das grauenvolle Bild der ermordeten Bianka.

--------------------------Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte
seine Geschichte geendigt.  Mit groer Teilnahme hatten ihm die
brigen zugehrt, besonders der Fremde schien sehr davon ergriffen zu
sein; er hatte einigemal tief geseufzt, und Muley schien es sogar,
als habe er einmal Trnen in den Augen gehabt.  Sie besprachen sich
noch lange Zeit ber diese Geschichte.

"Und hat Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnd' um ein so
edles Glied Eures Krpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?"
fragte der Fremde.

"Wohl gab es in frherer Zeit Stunden", antwortete der Grieche, "in
denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, da er diesen Kummer ber
mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in
dem Glauben meiner Vter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu
lieben; auch ist er wohl noch unglcklicher als ich."

"Ihr seid ein edler Mann!" rief der Fremde und drckte gerhrt dem
Griechen die Hand.

Der Anfhrer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gesprch.  Er
trat mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, da man sich
nicht der Ruhe berlassen drfe; denn hier sei die Stelle, wo
gewhnlich die Karawanen angegriffen wrden, auch glaubten seine
Wachen, in der Entfernung mehrere Reiter zu sehen.

Die Kaufleute waren sehr bestrzt ber diese Nachricht; Selim, der
Fremde, aber wunderte sich ber ihre Bestrzung und meinte, da sie
so gut geschtzt wren, da sie einen Trupp ruberischer Araber nicht
zu frchten brauchten.

"Ja, Herr!" entgegnete ihm der Anfhrer der Wache.  "Wenn es nur
solches Gesindel wre, knnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen;
aber seit einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und
da gilt es, auf seiner Hut zu sein."

Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte
Kaufmann, antwortete ihm: "Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke
ber diesen wunderbaren Mann.  Die einen halten ihn fr ein
bermenschliches Wesen, weil er oft mit fnf bis sechs Mnnern zumal
einen Kampf besteht, andere halten ihn fr einen tapferen Franken,
den das Unglck in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist
nur so viel gewi, da er ein verruchter Mrder und Dieb ist."

"Das knnt Ihr aber doch nicht behaupten", entgegnete ihm Lezah,
einer der Kaufleute.  "Wenn er auch ein Ruber ist, so ist er doch
ein edler Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen,
wie ich Euch erzhlen knnte.  Er hat seinen ganzen Stamm zu
geordneten Menschen gemacht, und so lange er die Wste durchstreift,
darf kein anderer Stamm es wagen, sich sehen zu lassen.  Auch raubt
er nicht wie andere, sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den
Karawanen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet ungefhrdet
weiter; denn Orbasan ist der Herr der Wste."

Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die
um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden.  Ein
ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der
Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager
zuzureiten.  Einer der Mnner von der Wache ging daher in das Zelt,
um zu verknden, da sie wahrscheinlich angegriffen wrden.  Die
Kaufleute berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen
entgegengehen oder den Angriff abwarten solle.  Achmet und die zwei
lteren Kaufleute wollten das letztere, der feurige Muley aber und
Zaleukos verlangten das erstere und riefen den Fremden zu ihrem
Beistand auf.  Dieser zog ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten
Sternen aus seinem Grtel hervor, band es an eine Lanze und befahl
einem der Sklaven, es auf das Zelt zu stecken; er setze sein Leben
zum Pfand, sagte er, die Reiter werden, wenn sie dieses Zeichen sehen,
ruhig vorberziehen.  Muley glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave
aber steckte die Lanze auf das Zelt.  Inzwischen hatten alle, die im
Lager waren, zu den Waffen gegriffen und sahen in gespannter
Erwartung den Reitern entgegen.  Doch diese schienen das Zeichen auf
dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen pltzlich von ihrer Richtung
auf das Lager ab und zogen in einem groen Bogen auf der Seite hin.

Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald
auf die Reiter, bald auf den Fremden.  Dieser stand ganz gleichgltig,
wie wenn nichts vorgefallen wre, vor dem Zelte und blickte ber die
Ebene hin.  Endlich brach Muley das Stillschweigen.  "Wer bist du,
mchtiger Fremdling", rief er aus, "der du die wilden Horden der
Wste durch einen Wink bezhmst?"

"Ihr schlagt meine Kunst hher an, als sie ist", antwortete Selim
Baruch.  "Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der
Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, wei ich selbst nicht;
nur so viel wei ich, da, wer mit diesem Zeichen reiset, unter
mchtigem Schutze steht."

Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter.
Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so gro gewesen, da wohl die
Karawane nicht lange htte Widerstand leisten knnen.

Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die
Sonne zu sinken begann und der Abendwind ber die Sandebene hinstrich,
brachen sie auf und zogen weiter.

Am nchsten Tage lagerten sie ungefhr nur noch eine Tagreise von dem
Ausgang der Wste entfernt.  Als sich die Reisenden wieder in dem
groen Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort:

"Ich habe euch gestern gesagt, da der gefrchtete Orbasan ein edler
Mann sei, erlaubt mir, da ich es euch heute durch die Erzhlung der
Schicksale meines Bruders beweise.  Mein Vater war Kadi in Akara.  Er
hatte drei Kinder.  Ich war der lteste, ein Bruder und eine
Schwester waren bei weitem jnger als ich.  Als ich zwanzig Jahre alt
war, rief mich ein Bruder meines Vaters zu sich.  Er setzte mich zum
Erben seiner Gter ein, mit der Bedingung, da ich bis zu seinem Tode
bei ihm bleibe.  Aber er erreichte ein hohes Alter, so da ich erst
vor zwei Jahren in meine Heimat zurckkehrte und nichts davon wute,
welch schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gtig
Allah es gewendet hatte."




Die Errettung Fatmes

Wilhelm Hauff


Mein Bruder Mustapha und meine Schwester Fatme waren beinahe in
gleichem Alter; jener hatte hchstens zwei Jahre voraus.  Sie liebten
einander innig und trugen vereint alles bei, was unserem krnklichen
Vater die Last seines Alters erleichtern konnte.  An Fatmes
sechzehntem Geburtstage veranstaltete der Bruder ein Fest.  Er lie
alle ihre Gespielinnen einladen, setzte ihnen in dem Garten des
Vaters ausgesuchte Speisen vor, und als es Abend wurde, lud er sie
ein, auf einer Barke, die er gemietet und festlich geschmckt hatte,
ein wenig hinaus in die See zu fahren.  Fatme und ihre Gespielinnen
willigten mit Freuden ein; denn der Abend war schn, und die Stadt
gewhrte besonders abends, von dem Meere aus betrachtet, einen
herrlichen Anblick.  Den Mdchen aber gefiel es so gut auf der Barke,
da sie meinen Bruder bewogen, immer weiter in die See hinauszufahren.
Mustapha gab aber ungern nach, weil sich vor einigen Tagen ein
Korsar hatte sehen lassen.  Nicht weit von der Stadt zieht sich ein
Vorgebirge in das Meer.  Dorthin wollten noch die Mdchen, um von da
die Sonne in das Meer sinken zu sehen.  Als sie um das Vorgebirg'
herumruderten, sahen sie in geringer Entfernung eine Barke, die mit
Bewaffneten besetzt war.  Nichts Gutes ahnend, befahl mein Bruder den
Ruderern, sein Schiff zu drehen und dem Lande zuzurudern.  Wirklich
schien sich auch seine Besorgnis zu besttigen; denn jene Barke kam
der meines Bruders schnell nach, berholte sie, da sie mehr Ruder
hatte, und hielt sich immer zwischen dem Land, und unserer Barke.
Die Mdchen aber, als sie die Gefahr erkannten, in der sie schwebten,
sprangen auf und schrien und klagten; umsonst suchte sie Mustapha zu
beruhigen, umsonst stellte er ihnen vor, ruhig zu bleiben, weil sie
durch ihr Hin- und Herrennen die Barke in Gefahr brchten
umzuschlagen.  Es half nichts, und da sie sich endlich bei Annherung
des anderen Bootes alle auf die hintere Seite der Barke strzten,
schlug diese um.  Indessen aber hatte man vom Land aus die Bewegungen
des fremden Bootes beobachtet, und da man schon seit einiger Zeit
Besorgnisse wegen Korsaren hegte, hatte dieses Boot Verdacht erregt,
und mehrere Barken stieen vom Lande, um den Unsrigen beizustehen.
Aber sie kamen nur noch zu rechter Zeit, um die Untersinkenden
aufzunehmen.  In der Verwirrung war das feindliche Boot entwischt,
auf den beiden Barken aber, welche die Geretteten aufgenommen hatten,
war man ungewi, ob alle gerettet seien.  Man nherte sich
gegenseitig, und ach!  Es fand sich, da meine Schwester und eine
ihrer Gespielinnen fehlten; zugleich entdeckte man aber einen Fremden
in einer der Barken, den niemand kannte.  Auf die Drohungen Mustaphas
gestand er, da er zu dem feindlichen Schiff, das zwei Meilen
ostwrts vor Anker liege, gehre, und da ihn seine Gefhrten auf
ihrer eiligen Flucht im Stich gelassen htten, indem er im Begriff
gewesen sei, die Mdchen auffischen zu helfen; auch sagte er aus, da
er gesehen habe, wie man zwei derselben in das Schiff gezogen.

Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, aber auch Mustapha
war bis zum Tod betrbt, denn nicht nur, da seine geliebte Schwester
verloren war und da er sich anklagte, an ihrem Unglck schuld zu
sein--jene Freundin Fatmes, die ihr Unglck teilte, war von ihren
Eltern ihm zur Gattin zugesagt gewesen, und nur unserem Vater hatte
er es noch nicht zu gestehen gewagt, weil ihre Eltern arm und von
geringer Abkunft waren.  Mein Vater aber war ein strenger Mann; als
sein Schmerz sich ein wenig gelegt hatte, lie er Mustapha vor sich
kommen und sprach zu ihm: "Deine Torheit hat mir den Trost meines
Alters und die Freude meiner Augen geraubt.  Gehe hin, ich verbanne
dich auf ewig von meinem Angesicht, ich fluche dir und deinen
Nachkommen, aber nur, wenn du mir Fatme wiederbringst, soll dein
Haupt rein sein von dem Fluche des Vaters."

Dies hatte mein armer Bruder nicht erwartet; schon vorher hatte er
sich entschlossen gehabt, seine Schwester und ihre Freundin
aufzusuchen, und wollte sich nur noch den Segen des Vaters dazu
erbitten, und jetzt schickte er ihn, mit dem Fluch beladen, in die
Welt.  Aber hatte ihn jener Jammer vorher gebeugt, so sthlte jetzt
die Flle des Unglcks, das er nicht verdient hatte, seinen Mut.

Er ging zu dem gefangenen Seeruber und befragte ihn, wohin die Fahrt
seines Schiffes ginge, und erfuhr, da sie Sklavenhandel trieben und
gewhnlich in Balsora groen Markt hielten.

Als er wieder nach Hause kam, um sich zur Reise anzuschicken, schien
sich der Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er sandte
ihm einen Beutel mit Gold zur Untersttzung auf der Reise.  Mustapha
aber nahm weinend von den Eltern Zoraides, so hie seine geliebte
Braut, Abschied und machte sich auf den Weg nach Balsora.

Mustapha machte die Reise zu Land, weil von unserer kleinen Stadt aus
nicht gerade ein Schiff nach Balsora ging.  Er mute daher sehr
starke Tagreisen machen, um nicht zu lange nach den Seerubern nach
Balsora zu kommen; doch da er ein gutes Ro und kein Gepck hatte,
konnte er hoffen, diese Stadt am Ende des sechsten Tages zu erreichen.
Aber am Abend des vierten Tages, als er ganz allein seines Weges
ritt, fielen ihn pltzlich drei Mnner an.  Da er merkte, da sie gut
bewaffnet und stark seien und da es mehr auf sein Geld und sein Ro
als auf sein Leben abgesehen war, so rief er ihnen zu, da er sich
ihnen ergeben wolle.  Sie stiegen von ihren Pferden ab und banden ihm
die Fe unter dem Bauch seines Tieres zusammen; ihn selbst aber
nahmen sie in die Mitte und trabten, indem einer den Zgel seines
Pferdes ergriff, schnell mit ihm davon, ohne jedoch ein Wort zu
sprechen.

Mustapha gab sich einer dumpfen Verzweiflung hin, der Fluch seines
Vaters schien schon jetzt an dem Unglcklichen in Erfllung zu gehen,
und wie konnte er hoffen, seine Schwester und Zoraide zu retten, wenn
er, aller Mittel beraubt, nur sein rmliches Leben zu ihrer Befreiung
aufwenden konnte.  Mustapha und seine stummen Begleiter mochten wohl
eine Stunde geritten sein, als sie in ein kleines Seitental einbogen.
Das Tlchen war von hohen Bumen eingefat; ein weicher dunkelgrner
Rasen, ein Bach, der schnell durch seine Mitte hinrollte, luden zur
Ruhe ein.  Wirklich sah er auch fnfzehn bis zwanzig Zelte dort
aufgeschlagen; an den Pflcken der Zelte waren Kamele und schne
Pferde angebunden, aus einem der Zelte hervor tnte die lustige Weise
einer Zither und zweier schner Mnnerstimmen.  Meinem Bruder schien
es, als ob Leute, die ein so frhliches Lagerpltzchen sich erwhlt
hatten, nichts Bses gegen ihn im Sinne haben knnten, und er folgte
also ohne Bangigkeit dem Ruf seiner Fhrer, die, als sie seine Bande
gelst hatten, ihm winkten, abzusteigen.  Man fhrte ihn in ein Zelt,
das grer als die brigen und im Innern hbsch, fast zierlich
aufgeputzt war.  Prchtige, goldbestickte Polster, gewirkte
Futeppiche, bergoldete Rauchpfannen htten anderswo Reichtum und
Wohlleben verraten; hier schienen sie nur khner Raub.  Auf einem der
Polster sa ein alter kleiner Mann; sein Gesicht war hlich, seine
Haut schwarzbraun und glnzend, und ein widriger Zug von tckischer
Schlauheit um Augen und Mund machte seinen Anblick verhat.  Obgleich
sich dieser Mann einiges Ansehen zu geben suchte, so merkte doch
Mustapha bald, da nicht fr ihn das Zelt so reich geschmckt sei,
und die Unterredung seiner Fhrer schien seine Bemerkung zu
besttigen.  "Wo ist der Starke?" fragten sie den Kleinen.

"Er ist auf der kleinen Jagd", antwortete jener, "aber er hat mir
aufgetragen, seine Stelle zu versehen."

"Das hat er nicht gescheit gemacht", entgegnete einer der Ruber,
"denn es mu sich bald entscheiden, ob dieser Hund sterben oder
zahlen soll, und das wei der Starke besser als du."

Der kleine Mann erhob sich im Gefhl seiner Wrde, streckte sich lang
aus, um mit der Spitze seiner Hand das Ohr seines Gegners zu
erreichen, denn er schien Lust zu haben, sich durch einen Schlag zu
rchen, als er aber sah, da seine Bemhung fruchtlos sei, fing er an
zu schimpfen (und wahrlich!  Die anderen blieben ihm nichts schuldig),
da das Zelt von ihrem Streit erdrhnte.  Da tat sich auf einmal die
Tre des Zeltes auf, und herein trat ein hoher, stattlicher Mann,
jung und schn wie ein Perserprinz; seine Kleidung und seine Waffen
waren, auer einem reichbesetzten Dolch und einem glnzenden Sbel,
gering und einfach; aber sein ernstes Auge, sein ganzer Anstand gebot
Achtung, ohne Furcht einzuflen.

"Wer ist's, der es wagt, in meinem Zelte Streit zu beginnen?" rief er
den Erschrockenen zu.  Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille; endlich
erzhlte einer von denen, die Mustapha hergebracht hatten, wie es
gegangen sei.  Da schien sich das Gesicht "des Starken", wie sie ihn
nannten, vor Zorn zu rten.  "Wann htte ich dich je an meine Stelle
gesetzt, Hassan?" schrie er mit furchtbarer Stimme dem Kleinen zu.
Dieser zog sich vor Furcht in sich selbst zusammen, da er noch viel
kleiner aussah als zuvor, und schlich sich der Zelttre zu.  Ein
hinlnglicher Tritt des Starken machte, da er in einem groen
sonderbaren Sprung zur Zelttre hinausflog.

Als der Kleine verschwunden war, fhrten die drei Mnner Mustapha vor
den Herrn des Zeltes, der sich indes auf die Polster gelegt hatte.
"Hier bringen wir den, welchen du uns zu fangen befohlen hast."

Jener blickte den Gefangenen lange an und sprach sodann: "Bassa von
Sulieika!  Dein eigenes Gewissen wird dir sagen, warum du vor Orbasan
stehst."

Als mein Bruder dies hrte, warf er sich nieder vor jenem und
antwortete: "O Herr!  Du scheinst im Irrtum zu sein.  Ich bin ein
armer Unglcklicher, aber nicht der Bassa, den du suchst!"

Alle im Zelt waren ber diese Rede erstaunt.  Der Herr des Zeltes
aber sprach: "Es kann dir wenig helfen, dich zu verstellen; denn ich
will die Leute vorfhren, die dich wohl kennen."  Er befahl, Zuleima
vorzufahren.  Man brachte ein altes Weib in das Zelt, das auf die
Frage, ob sie in meinem Bruder nicht den Bassa von Sulieika erkenne,
antwortete: "Jawohl!"  Und sie schwre es beim Grab des Propheten, es
sei der Bassa und kein anderer.

"Siehst du, Erbrmlicher, wie deine List zu Wasser geworden ist!"
begann zrnend der Starke.  "Du bist mir zu elend, als da ich meinen
guten Dolch mit deinem Blut besudeln sollte, aber an den Schweif
meines Rosses will ich dich binden, morgen, wenn die Sonne aufgeht,
und durch die Wlder mit dir jagen, bis sie scheidet hinter die Hgel
von Sulieika!"

Da sank meinem armen Bruder der Mut.  "Das ist der Fluch meines
harten Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt", rief er
weinend, "und auch du bist verloren, se Schwester, auch du, Zoraide!"

"Deine Verstellung hilft dir nichts", sprach einer der Ruber, indem
er ihm die Hnde auf den Rcken band, "mach, da du aus dem Zelte
kommst!  Denn der Starke beit sich in die Lippen und blickt nach
seinem Dolch.  Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm!"

Als die Ruber gerade meinen Bruder aus dem Zelt fhren wollten,
begegneten sie drei anderen, die einen Gefangenen vor sich hintrieben.
Sie traten mit ihm ein.  "Hier bringen wir den Bassa, wie du uns
befohlen hast", sprachen sie und fhrten den Gefangenen vor das
Polster des Starken.  Als der Gefangene dorthin gefhrt wurde, hatte
mein Bruder Gelegenheit, ihn zu betrachten, und ihm selbst fiel die
hnlichkeit auf, die dieser Mann mit ihm hatte, nur war er dunkler im
Gesicht und hatte einen schwrzeren Bart.

Der Starke schien sehr erstaunt ber die Erscheinung des zweiten
Gefangenen.  "Wer von euch ist denn der Rechte?" sprach er, indem er
bald meinen Bruder, bald den anderen Mann ansah.

"Wenn du den Bassa von Sulieika meinst", antwortete in stolzem Ton
der Gefangene, "der bin ich!"  Der Starke sah ihn lange mit seinem
ernsten, furchtbaren Blick an; dann winkte er schweigend, den Bassa
wegzufhren.

Als dies geschehen war, ging er auf meinen Bruder zu, zerschnitt
seine Bande mit dem Dolch und winkte ihm, sich zu ihm aufs Polster zu
setzen.  "Es tut mir leid, Fremdling", sagte er, "da ich dich fr
jenes Ungeheuer hielt; schreibe es aber einer sonderbaren Fgung des
Himmels zu, die dich gerade in der Stunde, welche dem Untergang jenes
Verruchten geweiht war, in die Hnde meiner Brder fhrte."  Mein
Bruder bat ihn um die einzige Gunst, ihn gleich wieder weiterreisen
zu lassen, weil jeder Aufschub ihm verderblich werden knne.  Der
Starke erkundigte sich nach seinen eiligen Geschften, und als ihm
Mustapha alles erzhlt hatte, berredete ihn jener, diese Nacht in
seinem Zelt zu bleiben, er und sein Ro werden der Ruhe bedrfen; den
folgenden Tag aber wolle er ihm einen Weg zeigen, der ihn in
anderthalb Tagen nach Balsora bringe--Mein Bruder schlug ein, wurde
trefflich bewirtet und schlief sanft bis zum Morgen in dem Zelt des
Rubers.

Als er aufgewacht war, sah er sich ganz allein im Zelt; vor dem
Vorhang des Zeltes aber hrte er mehrere Stimmen zusammen sprechen,
die dem Herrn des Zeltes und dem kleinen schwarzbraunen Mann
anzugehren schienen.  Er lauschte ein wenig und hrte zu seinem
Schrecken, da der Kleine dringend den anderen aufforderte, den
Fremden zu tten, weil er, wenn er freigelassen wrde, sie alle
verraten knnte.

Mustapha merkte gleich, da der Kleine ihm gram sei, weil er die
Ursache war, da er gestern so bel behandelt wurde; der Starke
schien sich einige Augenblicke zu besinnen.  "Nein", sprach er, "er
ist mein Gastfreund, und das Gastrecht ist mir heilig; auch sieht er
mir nicht aus, als ob er uns verraten wollte."

Als er so gesprochen, schlug er den Vorhang zurck und trat ein.
"Friede sei mit dir, Mustapha!" sprach er, "la uns den Morgentrunk
kosten, und rste dich dann zum Aufbruch!"  Er reichte meinem Bruder
einen Becher Sorbet, und als sie getrunken hatten, zumten sie die
Pferde auf, und wahrlich, mit leichterem Herzen, als er gekommen war,
schwang sich Mustapha aufs Pferd.  Sie hatten bald die Zelte im
Rcken und schlugen dann einen breiten Pfad ein, der in den Wald
fhrte.  Der Starke erzhlte meinem Bruder, da jener Bassa, den sie
auf der Jagd gefangen htten, ihnen versprochen habe, sie ungefhrdet
in seinem Gebiete zu dulden; vor einigen Wochen aber habe er einen
ihrer tapfersten Mnner aufgefangen und nach den schrecklichsten
Martern aufhngen lassen.  Er habe ihm nun lange auflauern lassen,
und heute noch msse er sterben.  Mustapha wagte es nicht, etwas
dagegen einzuwenden; denn er war froh, selbst mit heiler Haut
davongekommen zu sein.

Am Ausgang des Waldes hielt der Starke sein Pferd an, beschrieb
meinem Bruder den Weg, bot ihm die Hand zum Abschied und sprach:
"Mustapha, du bist auf sonderbare Weise der Gastfreund des Rubers
Orbasan geworden; ich will dich nicht auffordern, nicht zu verraten,
was du gesehen und gehrt hast.  Du hast ungerechterweise Todesangst
ausgestanden, und ich bin dir Vergtung schuldig.  Nimm diesen Dolch
als Andenken, und so du Hilfe brauchst, so sende ihn mir zu, und ich
will eilen, dir beizustehen.  Diesen Beutel aber kannst du vielleicht
zu deiner Reise brauchen."  Mein Bruder dankte ihm fr seinen Edelmut;
er nahm den Dolch, den Beutel aber schlug er aus.  Doch Orbasan
drckte ihm noch einmal die Hand, lie den Beutel auf die Erde fallen
und sprengte mit Sturmeseile in den Wald.  Als Mustapha sah, da er
ihn doch nicht mehr werde einholen knnen, stieg er ab, um den Beutel
aufzuheben, und erschrak ber die Gre von seines Gastfreundes
Gromut; denn der Beutel enthielt eine Menge Gold.  Er dankte Allah
fr seine Rettung, empfahl ihm den edlen Ruber in seine Gnade und
zog dann heiteren Mutes weiter auf seinem Wege nach Balsora.

Lezah schwieg und sah Achmet, den alten Kaufmann, fragend an.  "Nein,
wenn es so ist", sprach dieser, "so verbessere ich gern mein Urteil
von Orbasan; denn wahrlich, an deinem Bruder hat er schn gehandelt."

"Er hat getan wie ein braver Muselmann", rief Muley; "aber ich hoffe,
du hast deine Geschichte damit nicht geschlossen; denn wie mich
bednkt, sind wir alle begierig, weiter zu hren, wie es deinem
Bruder erging und ob er Fatme, deine Schwester, und die schne
Zoraide befreit hat."

"Wenn ich euch nicht damit langweile, erzhle ich gerne weiter",
entgegnete Lezah, "denn die Geschichte meines Bruders ist allerdings
abenteuerlich und wundervoll."

Am Mittag des siebenten Tages nach seiner Abreise zog Mustapha in die
Tore von Balsora ein.  Sobald er in einer Karawanserei abgestiegen
war, fragte er, wann der Sklavenmarkt, der alljhrlich hier gehalten
werde, anfange.  Aber er erhielt die Schreckensantwort, da er zwei
Tage zu spt komme.  Man bedauerte seine Versptung und erzhlte ihm,
da er viel verloren habe; denn noch an dem letzten Tage des Marktes
seien zwei Sklavinnen angekommen, von so hoher Schnheit, da sie die
Augen aller Kufer auf sich gezogen htten.  Man habe sich ordentlich
um sie gerissen und geschlagen, und sie seien freilich auch zu einem
so hohen Preise verkauft worden, da ihn nur ihr jetziger Herr nicht
habe scheuen knnen.  Er erkundigte sich nher nach diesen beiden,
und es blieb ihm kein Zweifel, da es die Unglcklichen seien, die er
suchte.  Auch erfuhr er, da der Mann, der sie beide gekauft habe,
vierzig Stunden von Balsora wohne und Thiuli-Kos heie, ein vornehmer,
reicher, aber schon ltlicher Mann, der frher Kapudan-Bassa des
Groherrn gewesen, jetzt aber sich mit seinen gesammelten Reichtmern
zur Ruhe gesetzt habe.

Mustapha wollte von Anfang sich gleich wieder zu Pferd setzen, um dem
Thiuli-Kos, der kaum einen Tag Vorsprung haben konnte, nachzueilen.
Als er aber bedachte, da er als einzelner Mann dem mchtigen
Reisenden doch nichts anhaben noch weniger seine Beute ihm abjagen
konnte, sann er auf einen anderen Plan und hatte ihn auch bald
gefunden.  Die Verwechslung mit dem Bassa von Sulieika, die ihm
beinahe so gefhrlich geworden wre, brachte ihn auf den Gedanken,
unter diesem Namen in das Haus des Thiuli-Kos zu gehen und so einen
Versuch zur Rettung der beiden unglcklichen Mdchen zu wagen.  Er
mietete daher einige Diener und Pferde, wobei ihm Orbasans Geld
trefflich zustatten kam, schaffte sich und seinen Dienern prchtige
Kleider an und machte sich auf den Weg nach dem Schlosse Thiulis.
Nach fnf Tagen war er in die Nhe dieses Schlosses gekommen.  Es lag
in einer schnen Ebene und war rings von hohen Mauern umschlossen,
die nur ganz wenig von den Gebuden berragt wurden.  Als Mustapha
dort angekommen war, frbte er Haar und Bart schwarz, sein Gesicht
aber bestrich er mit dem Saft einer Pflanze, die ihm eine brunliche
Farbe gab, ganz wie sie jener Bassa gehabt hatte.  Er schickte
hierauf einen seiner Diener in das Schlo und lie im Namen des Bassa
von Sulieika um ein Nachtlager bitten.  Der Diener kam bald wieder,
und mit ihm vier schngekleidete Sklaven, die Mustaphas Pferd am
Zgel nahmen und in den Schlohof fhrten.  Dort halfen sie ihm
selbst vom Pferd, und vier andere geleiteten ihn eine breite
Marmortreppe hinauf zu Thiuli.

Dieser, ein alter, lustiger Geselle, empfing meinen Bruder
ehrerbietig und lie ihm das Beste, was sein Koch zubereiten konnte,
aufsetzen.  Nach Tisch brachte Mustapha das Gesprch nach und nach
auf die neuen Sklavinnen, und Thiuli rhmte ihre Schnheit und
beklagte nur, da sie immer so traurig seien; doch er glaubte, dieses
wrde sich bald geben.  Mein Bruder war sehr vergngt ber diesen
Empfang und legte sich mit den schnsten Hoffnungen zur Ruhe nieder.

Er mochte ungefhr eine Stunde geschlafen haben, da weckte ihn der
Schein einer Lampe, der blendend auf sein Auge fiel.  Als er sich
aufrichtete, glaubte er noch zu trumen; denn vor ihm stand jener
kleine, schwarzbraune Kerl aus Orbasans Zelt, eine Lampe in der Hand,
sein breites Maul zu einem widrigen Lcheln verzogen.  Mustapha
zwickte sich in den Arm, zupfte sich an der Nase, um sich zu
berzeugen, ob er denn wache; aber die Erscheinung blieb wie zuvor.
"Was willst du an meinem Bette?" rief Mustapha, als er sich von
seinem Erstaunen erholt hatte.

"Bemhet Euch doch nicht so, Herr!" sprach der Kleine.  "Ich habe
wohl erraten, weswegen Ihr hierherkommt.  Auch war mir Euer wertes
Gesicht noch wohl erinnerlich; doch wahrlich, wenn ich nicht den
Bassa mit eigener Hand htte erhngen helfen, so httet Ihr mich
vielleicht getuscht.  Jetzt aber bin ich da, um eine Frage zu machen."

"Vor allem sage, wie du hierherkommst", entgegnete ihm Mustapha voll
Wut, da er verraten war.

"Das will ich Euch sagen", antwortete jener, "ich konnte mich mit dem
Starken nicht lnger vertragen, deswegen floh ich; aber du, Mustapha,
warst eigentlich die Ursache unseres Streites, und dafr mut du mir
deine Schwester zur Frau geben, und ich will Euch zur Flucht
behilflich sein; gibst du sie nicht, so gehe ich zu meinem neuen
Herrn und erzhle ihm etwas von dem neuen Bassa."

Mustapha war vor Schrecken und Wut auer sich; jetzt, wo er sich am
sicheren Ziel seiner Wnsche glaubte, sollte dieser Elende kommen und
sie vereiteln; es war nur ein Mittel, das seinen Plan retten konnte:
Er mute das kleine Ungetm tten.  Mit einem Sprung fuhr er daher
aus dem Bette auf den Kleinen zu; doch dieser, der etwas Solches
geahnt haben mochte, lie die Lampe fallen, da sie verlschte, und
entsprang im Dunkeln, indem er mrderisch um Hilfe schrie.

Jetzt war guter Rat teuer; die Mdchen mute er fr den Augenblick
aufgeben und nur auf die eigene Rettung denken; daher ging er an das
Fenster, um zu sehen, ob er nicht entspringen knnte.  Es war eine
ziemliche Tiefe bis zum Boden, und auf der anderen Seite stand eine
hohe Mauer, die zu bersteigen war.  Sinnend stand er an dem Fenster;
da hrte er viele Stimmen sich seinem Zimmer nhern; schon waren sie
an der Tre; da fate er verzweiflungsvoll seinen Dolch und seine
Kleider und schwang sich zum Fenster hinaus.  Der Fall war hart; aber
er fhlte, da er kein Glied gebrochen hatte; drum sprang er auf und
lief der Mauer zu, die den Hof umschlo, stieg, zum Erstaunen seiner
Verfolger, hinauf und befand sich bald im Freien.  Er floh, bis er an
einen kleinen Wald kam, wo er sich erschpft niederwarf.  Hier
berlegte er, was zu tun sei.

Seine Pferde und seine Diener hatte er im Stiche lassen mssen; aber
sein Geld, das er in dem Grtel trug, hatte er gerettet.

Sein erfinderischer Kopf zeigte ihm bald einen anderen Weg zur
Rettung.  Er ging in dem Wald weiter, bis er an ein Dorf kam, wo er
um geringen Preis ein Pferd kaufte, das ihn in Blde in eine Stadt
trug.  Dort forschte er nach einem Arzt, und man riet ihm einen alten,
erfahrenen Mann.  Diesen bewog er durch einige Goldstcke, da er
ihm eine Arznei mitteilte, die einen todhnlichen Schlaf herbeifhrte,
der durch ein anderes Mittel augenblicklich wieder gehoben werden
knnte.  Als er im Besitz dieses Mittels war, kaufte er sich einen
langen falschen Bart, einen schwarzen Talar und allerlei Bchsen und
Kolben, so da er fglich einen reisenden Arzt vorstellen konnte, lud
seine Sachen auf einen Esel und reiste in das Schlo des Thiuli-Kos
zurck.  Er durfte gewi sein, diesmal nicht erkannt zu werden, denn
der Bart entstellte ihn so, da er sich selbst kaum mehr kannte.  Bei
Thiuli angekommen, lie er sich als den Arzt Chakamankabudibaba
anmelden, und, wie er es gedacht hatte, geschah es; der prachtvolle
Namen empfahl ihn bei dem alten Narren ungemein, so da er ihn gleich
zur Tafel einlud.

Chakamankabudibaba erschien vor Thiuli, und als sie sich kaum eine
Stunde besprochen hatten, beschlo der Alte, alle seine Sklavinnen
der Kur des weisen Arztes zu unterwerfen.  Dieser konnte seine Freude
kaum verbergen, da er jetzt seine geliebte Schwester wiedersehen
solle, und folgte mit klopfendem Herzen Thiuli, der ihn ins Serail
fhrte.  Sie waren in ein Zimmer gekommen, das schn ausgeschmckt
war, worin sich aber niemand befand.  "Chambaba oder wie du heit,
lieber Arzt", sprach Thiuli-Kos, "betrachte einmal jenes Loch dort in
der Mauer, dort wird jede meiner Sklavinnen einen Arm herausstrecken,
und du kannst dann untersuchen, ob der Puls krank oder gesund ist."
Mustapha mochte einwenden, was er wollte, zu sehen bekam er sie nicht;
doch willigte Thiuli ein, da er ihm allemal sagen wolle, wie sie
sich sonst gewhnlich befnden.  Thiuli zog nun einen langen Zettel
aus dem Grtel und begann mit lauter Stimme seine Sklavinnen einzeln
beim Namen zu rufen, worauf allemal eine Hand aus der Mauer kam und
der Arzt den Puls untersuchte.  Sechs waren schon abgelesen und
smtlich fr gesund erklrt; da las Thiuli als die siebente "Fatme"
ab, und eine kleine weie Hand schlpfte aus der Mauer.  Zitternd vor
Freude, ergreift Mustapha diese Hand und erklrt sie mit wichtiger
Miene fr bedeutend krank.  Thiuli ward sehr besorgt und befahl
seinem weisen Chakamankabudibaba, schnell eine Arznei fr sie zu
bereiten.  Der Arzt ging hinaus, schrieb auf einen kleinen Zettel:
Fatme!  Ich will Dich retten, wenn Du Dich entschlieen kannst, eine
Arznei zu nehmen, die Dich auf zwei Tage tot macht; doch ich besitze
das Mittel, Dich wieder zum Leben zu bringen.  Willst Du, so sage nur,
dieser Trank habe nicht geholfen, und es soll mir ein Zeichen sein,
da Du einwilligst.

Bald kam er in das Zimmer zurck, wo Thiuli seiner harrte.  Er
brachte ein unschdliches Trnklein mit, fhlte der kranken Fatme
noch einmal den Puls und schob ihr zugleich den Zettel unter ihr
Armband; das Trnklein aber reichte er ihr durch die ffnung in der
Mauer.  Thiuli schien in groen Sorgen wegen Fatme zu sein und schob
die Untersuchung der brigen bis auf eine gelegenere Zeit auf.  Als
er mit Mustapha das Zimmer verlassen hatte, sprach er in traurigem
Ton: "Chadibaba, sage aufrichtig, was hltst du von Fatmes Krankheit?"

Chakamankabudibaba antwortete mit einem tiefen Seufzer: "Ach Herr,
mge der Prophet dir Trost verleihen!  Sie hat ein schleichendes
Fieber, das ihr wohl den Garaus machen kann."  Da entbrannte der Zorn
Thiulis: "Was sagst du, verfluchter Hund von einem Arzt?  Sie, um die
ich zweitausend Goldstcke gab, soll mir sterben wie eine Kuh?  Wisse,
wenn du sie nicht rettest, so hau' ich dir den Kopf ab!"  Da merkte
mein Bruder, da er einen dummen Streich gemacht habe, und gab Thiuli
wieder Hoffnung.  Als sie noch so sprachen, kam ein schwarzer Sklave
aus dem Serail, dem Arzt zu sagen, da das Trnklein nicht geholfen
habe.  "Biete deine ganze Kunst auf, Chakamdababelba, oder wie du
dich schreibst, ich zahle dir, was du willst", schrie Thiuli-Kos,
fast heulend vor Angst, so viel Gold zu verlieren.

"Ich will ihr ein Sftlein geben, das sie von aller Not befreit",
antwortete der Arzt.

"Ja!  Ja!  Gib ihr ein Sftlein", schluchzte der alte Thiuli.

Frohen Mutes ging Mustapha, seinen Schlaftrunk zu holen, und als er
ihn dem schwarzen Sklaven gegeben und gezeigt hatte, wieviel man auf
einmal nehmen msse, ging er zu Thiuli und sagte, er msse noch
einige heilsame Kruter am See holen, und eilte zum Tor hinaus.  An
dem See, der nicht weit von dem Schlo entfernt war, zog er seine
falschen Kleider aus und warf sie ins Wasser, da sie lustig
umherschwammen; er selbst aber verbarg sich im Gestruch, wartete die
Nacht ab und schlich sich dann in den Begrbnisplatz an dem Schlosse
Thiulis.

Als Mustapha kaum eine Stunde lang aus dem Schlo abwesend sein
mochte, brachte man Thiuli die schreckliche Nachricht, da seine
Sklavin Fatme im Sterben liege.  Er schickte hinaus an den See, um
schnell den Arzt zu holen; aber bald kehrten seine Boten allein
zurck und erzhlten ihm, da der arme Arzt ins Wasser gefallen und
ertrunken sei; seinen schwarzen Talar sehe man im See schwimmen, und
hier und da gucke auch sein stattlicher Bart aus den Wellen hervor.
Als Thiuli keine Rettung mehr sah, verwnschte er sich und die ganze
Welt, raufte sich den Bart aus und rannte mit dem Kopf gegen die
Mauer.  Aber alles dies konnte nichts helfen; denn Fatme gab bald
unter den Hnden der brigen Weiber den Geist auf.  Als Thiuli die
Nachricht ihres Todes hrte, befahl er, schnell einen Sarg zu machen;
denn er konnte keinen Toten im Hause leiden und lie den Leichnam in
das Begrbnishaus tragen.  Die Trger brachten den Sarg dorthin,
setzten ihn schnell nieder und entflohen, denn sie hatten unter den
brigen Srgen Sthnen und Seufzen gehrt.

Mustapha, der sich hinter den Srgen verborgen und von dort aus die
Trger des Sarges in die Flucht gejagt hatte, kam hervor und zndete
sich eine Lampe an, die er zu diesem Zweck mitgebracht hatte.  Dann
zog er ein Glas hervor, das die erweckende Arznei enthielt, und hob
dann den Deckel von Fatmes Sarg.  Aber welches Entsetzen befiel ihn,
als sich ihm beim Scheine der Lampe ganz fremde Zge zeigten!  Weder
meine Schwester noch Zoraide, sondern eine ganz andere lag in dem
Sarg.  Er brauchte lange, um sich von dem neuen Schlag des Schicksals
zu fassen; endlich berwog doch Mitleid seinen Zorn.  Er ffnete sein
Glas und flte ihr die Arznei ein.  Sie atmete, sie schlug die Augen
auf und schien sich lange zu besinnen, wo sie sei.  Endlich erinnerte
sie sich des Vorgefallenen; sie stand auf aus dem Sarg und strzte zu
Mustaphas Fen.  "Wie kann ich dir danken, gtiges Wesen", rief sie
aus, "da du mich aus meiner schrecklichen Gefangenschaft befreitest!"
Mustapha unterbrach ihre Danksagungen mit der Frage, wie es denn
geschehen sei, da sie und nicht Fatme, seine Schwester, gerettet
worden sei?  Jene sah ihn staunend an.  "Jetzt wird mir meine Rettung
erst klar, die mir vorher unbegreiflich war", antwortete sie; "wisse,
man hie mich in jenem Schlo Fatme, und mir hast du deinen Zettel
und den Rettungstrank gegeben."  Mein Bruder forderte die Gerettete
auf, ihm von seiner Schwester und Zoraide Nachricht zu geben, und
erfuhr, da sie sich beide im Schlo befanden, aber nach der
Gewohnheit Thiulis andere Namen bekommen hatten; sie hieen jetzt
Mirza und Nurmahal."

Als Fatme, die gerettete Sklavin, sah, da mein Bruder durch diesen
Fehlgriff so niedergeschlagen sei, sprach sie ihm Mut ein und
versprach, ihm ein Mittel zu sagen, wie er jene beiden Mdchen
dennoch retten knne.  Aufgeweckt durch diesen Gedanken, schpfte
Mustapha von neuem Hoffnung und bat sie, dieses Mittel ihm zu nennen,
und sie sprach:

"Ich bin zwar erst seit fnf Monaten die Sklavin Thiulis, doch habe
ich gleich von Anfang auf Rettung gesonnen; aber fr mich allein war
sie zu schwer.  In dem inneren Hof des Schlosses wirst du einen
Brunnen bemerkt haben, der aus zehn Rhren Wasser speit; dieser
Brunnen fiel mir auf.  Ich erinnerte mich, in dem Hause meines Vaters
einen hnlichen gesehen zu haben, dessen Wasser durch eine gerumige
Wasserleitung herbeistrmt; um nun zu erfahren, ob dieser Brunnen
auch so gebaut ist, rhmte ich eines Tages vor Thiuli seine Pracht
und fragte nach seinem Baumeister. *Ich selbst habe ihn gebaut*,
antwortete er, *und das, was du hier siehst, ist noch das Geringste;
aber das Wasser dazu kommt wenigstens tausend Schritte weit von einem
Bach her und geht durch eine gewlbte Wasserleitung, die wenigstens
mannshoch ist; und alles dies habe ich selbst angegeben.* Als ich
dies gehrt hatte, wnschte ich mir oft, nur auf einen Augenblick die
Strke eines Mannes zu haben, um einen Stein an der Seite des
Brunnens ausheben zu knnen; dann knnte ich fliehen, wohin ich
wollte.  Die Wasserleitung nun will ich dir zeigen; durch sie kannst
du nachts in das Schlo gelangen und jene befreien.  Aber du mut
wenigstens noch zwei Mnner bei dir haben, um die Sklaven, die das
Serail bei Nacht bewachen, zu berwltigen."

So sprach sie; mein Bruder Mustapha aber, obgleich schon zweimal in
seinen Hoffnungen getuscht, fate noch einmal Mut und hoffte mit
Allahs Hilfe den Plan der Sklavin auszufhren.  Er versprach ihr, fr
ihr weiteres Fortkommen in ihre Heimat zu sorgen, wenn sie ihm
behilflich sein wollte, ins Schlo zu gelangen.  Aber ein Gedanke
machte ihm noch Sorge, nmlich der, woher er zwei oder drei treue
Gehilfen bekommen knnte.  Da fiel ihm Orbasans Dolch ein und das
Versprechen, das ihm jener gegeben hatte, ihm, wo er seiner bedrfe,
zu Hilfe zu eilen, und er machte sich daher mit Fatme aus dem
Begrbnis auf, um den Ruber aufzusuchen.

In der nmlichen Stadt, wo er sich zum Arzt umgewandelt hatte, kaufte
er um sein letztes Geld ein Ro und mietete Fatme bei einer armen
Frau in der Vorstadt ein.  Er selbst aber eilte dem Gebirge zu, wo er
Orbasan zum erstenmal getroffen hatte, und gelangte in drei Tagen
dahin.  Er fand bald wieder jene Zelte und trat unverhofft vor
Orbasan, der ihn freundlich bewillkommnete.  Er erzhlte ihm seine
milungenen Versuche, wobei sich der ernsthafte Orbasan nicht
enthalten konnte, hier und da ein wenig zu lachen, besonders, wenn er
sich den Arzt Chakamankabudibaba dachte.  ber die Verrterei des
Kleinen aber war er wtend; er schwur, ihn mit eigener Hand
aufzuhngen, wo er ihn finde.  Meinem Bruder aber versprach er,
sogleich zur Hilfe bereit zu sein, wenn er sich vorher von der Reise
gestrkt haben wrde.  Mustapha blieb daher diese Nacht wieder in
Orbasans Zelt; mit dem ersten Frhrot aber brachen sie auf, und
Orbasan nahm drei seiner tapfersten Mnner, wohl beritten und
bewaffnet, mit sich.  Sie ritten stark zu und kamen nach zwei Tagen
in die kleine Stadt, wo Mustapha die gerettete Fatme zurckgelassen
hatte.  Von da aus reisten sie mit dieser weiter bis zu dem kleinen
Wald, von wo aus man das Schlo Thiulis in geringer Entfernung sehen
konnte; dort lagerten sie sich, um die Nacht abzuwarten.

Sobald es dunkel wurde, schlichen sie sich, von Fatme gefhrt, an den
Bach, wo die Wasserleitung anfing, und fanden diese bald.  Dort
lieen sie Fatme und einen Diener mit den Rossen zurck und schickten
sich an, hinabzusteigen; ehe sie aber hinabstiegen, wiederholte ihnen
Fatme noch einmal alles genau, nmlich: da sie durch den Brunnen in
den inneren Schlohof kmen, dort seien rechts und links in der Ecke
zwei Trme, in der sechsten Tre, vom Turme rechts gerechnet,
befnden sich Fatme und Zoraide, bewacht von zwei schwarzen Sklaven.
Mit Waffen und Brecheisen wohl versehen, stiegen Mustapha, Orbasan
und zwei andere Mnner hinab in die Wasserleitung; sie sanken zwar
bis an den Grtel ins Wasser; aber nichtsdestoweniger gingen sie
rstig vorwrts.  Nach einer halben Stunde kamen sie an den Brunnen
selbst und setzten sogleich ihre Brecheisen an.  Die Mauer war dick
und fest; aber den vereinten Krften der vier Mnner konnte sie nicht
lange widerstehen; bald hatten sie eine ffnung eingebrochen, gro
genug, um bequem durchschlpfen zu knnen.  Orbasan schlpfte zuerst
durch und half den anderen nach.  Als sie alle im Hof waren,
betrachteten sie die Seite des Schlosses, die vor ihnen lag, um die
beschriebene Tre zu erforschen.  Aber sie waren nicht einig, welche
es sei; denn als sie von dem rechten Turm zum linken zhlten, fanden
sie eine Tre, die zugemauert war, und wuten nun nicht, ob Fatme
diese bersprungen oder mitgezhlt habe.  Aber Orbasan besann sich
nicht lange.  "Mein gutes Schwert wird mir jede Tr ffnen", rief er
aus, ging auf die sechste Tre zu, und die anderen folgten ihm.

Sie ffneten die Tre und fanden sechs schwarze Sklaven auf dem Boden
liegend und schlafend; sie wollten schon wieder leise sich
zurckziehen, weil sie sahen, da sie die rechte Tre verfehlt hatten,
als eine Gestalt in der Ecke sich aufrichtete und mit wohlbekannter
Stimme um Hilfe rief.  Es war der Kleine aus Orbasans Lager.  Aber
ehe noch die Schwarzen recht wuten, wie ihnen geschah, strzte
Orbasan auf den Kleinen zu, ri seinen Grtel entzwei, verstopfte ihm
den Mund und band ihm die Hnde auf den Rcken; dann wandte er sich
an die Sklaven, wovon schon einige von Mustapha und den zwei anderen
halb gebunden waren, und half sie vollends berwltigen.  Man setzte
den Sklaven den Dolch auf die Brust und fragte sie, wo Nurmahal und
Nrza wren, und sie gestanden, da sie im Gemach nebenan seien.
Mustapha strzte in das Gemach und fand Fatme und Zoraide, die der
Lrm erweckt hatte.  Schnell rafften diese ihren Schmuck und ihre
Kleider zusammen und folgten Mustapha; die beiden Ruber schlugen
indes Orbasan vor, zu plndern, was man fnde; doch dieser verbot es
ihnen und sprach: "Man soll nicht von Orbasan sagen knnen, da er
nachts in die Huser steige, um Gold zu stehlen!"  Mustapha und die
Geretteten schlpften schnell in die Wasserleitung, wohin ihnen
Orbasan sogleich zu folgen versprach.  Als jene in die Wasserleitung
hinabgestiegen waren, nahmen Orbasan und einer der Ruber den Kleinen
und fhrten ihn hinaus in den Hof; dort banden sie ihm eine seidene
Schnur, die sie deshalb mitgenommen hatten, um den Hals und hingen
ihn an der hchsten Spitze des Brunnens auf.  Nachdem sie so den
Verrat des Elenden bestraft hatten, stiegen sie selbst hinab in die
Wasserleitung und folgten Mustapha.  Mit Trnen dankten die beiden
ihrem edelmtigen Retter Orbasan; doch dieser trieb sie eilends zur
Flucht an, denn es war sehr wahrscheinlich, da sie Thiuli-Kos nach
allen Seiten verfolgen lie.  Mit tiefer Rhrung trennten sich am
anderen Tag Mustapha und seine Geretteten von Orbasan; wahrlich, sie
werden ihn nie vergessen.  Fatme aber, die befreite Sklavin, ging
verkleidet nach Balsora, um sich dort in ihre Heimat einzuschiffen.

Nach einer kurzen und vergngten Reise kamen die Meinigen in die
Heimat.  Meinen alten Vater ttete beinahe die Freude des
Wiedersehens; den anderen Tag nach ihrer Ankunft veranstaltete er ein
groes Fest, an welchem die ganze Stadt teilnahm.  Vor einer groen
Versammlung von Verwandten und Freunden mute mein Bruder seine
Geschichte erzhlen, und einstimmig priesen sie ihn und den edlen
Ruber.

Als aber mein Bruder geschlossen hatte, stand mein Vater auf und
fhrte Zoraide ihm zu.  "So lse ich denn", sprach er mit feierlicher
Stimme, "den Fluch von deinem Haupte; nimm diese hin als die
Belohnung, die du dir durch deinen rastlosen Eifer erkmpft hast;
nimm meinen vterlichen Segen, und mge es nie unserer Stadt an
Mnnern fehlen, die an brderlicher Liebe, an Klugheit und Eifer dir
gleichen!"

Die Karawane hatte das Ende der Wste erreicht, und frhlich
begrten die Reisenden die grnen Matten und die dichtbelaubten
Bume, deren lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten.  In
einem schnen Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager
whlten, und obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot,
so war doch die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je;
denn der Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise
durch die Wste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen
geffnet und die Gemter zu Scherz und Kurzweil gestimmt.  Muley, der
junge lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder
dazu, die selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lcheln entlockten.
Aber nicht genug, da er seine Gefhrten durch Tanz und Spiel
erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten,
die er ihnen versprochen hatte, und hub, als er von seinen
Luftsprngen sich erholt hatte, also zu erzhlen an: Die Geschichte
von dem kleinen Muck.




Die Geschichte von dem kleinen Muck

Wilhelm Hauff


In Nicea, meiner lieben Vaterstadt, wohnte ein Mann, den man den
kleinen Muck hie.  Ich kann mir ihn, ob ich gleich damals noch sehr
jung war, noch recht wohl denken, besonders weil ich einmal von
meinem Vater wegen seiner halbtot geprgelt wurde.  Der kleine Muck
nmlich war schon ein alter Geselle, als ich ihn kannte; doch war er
nur drei bis vier Schuh hoch, dabei hatte er eine sonderbare Gestalt,
denn sein Leib, so klein und zierlich er war, mute einen Kopf tragen,
viel grer und dicker als der Kopf anderer Leute; er wohnte ganz
allein in einem groen Haus und kochte sich sogar selbst, auch htte
man in der Stadt nicht gewut, ob er lebe oder gestorben sei, denn er
ging nur alle vier Wochen einmal aus, wenn nicht um die Mittagsstunde
ein mchtiger Dampf aus dem Hause aufgestiegen wre, doch sah man ihn
oft abends auf seinem Dache auf und ab gehen, von der Strae aus
glaubte man aber, nur sein groer Kopf allein laufe auf dem Dache
umher.  Ich und meine Kameraden waren bse Buben, die jedermann gerne
neckten und belachten, daher war es uns allemal ein Festtag, wenn der
kleine Muck ausging; wir versammelten uns an dem bestimmten Tage vor
seinem Haus und warteten, bis er herauskam; wenn dann die Tre
aufging und zuerst der groe Kopf mit dem noch greren Turban
herausguckte, wenn das brige Krperlein nachfolgte, angetan mit
einem abgeschabten Mntelein, weiten Beinkleidern und einem breiten
Grtel, an welchem ein langer Dolch hing, so lang, da man nicht
wute, ob Muck an dem Dolch, oder der Dolch an Muck stak, wenn er so
heraustrat, da ertnte die Luft von unserem Freudengeschrei, wir
warfen unsere Mtzen in die Hhe und tanzten wie toll um ihn her.
Der kleine Muck aber grte uns mit ernsthaftem Kopfnicken und ging
mit langsamen Schritten die Strae hinab.  Wir Knaben liefen hinter
ihm her und schrien immer: "Kleiner Muck, kleiner Muck!"  Auch hatten
wir ein lustiges Verslein, das wir ihm zu Ehren hier und da sangen;
es hie:

"Kleiner Muck, kleiner Muck,
Wohnst in einem groen Haus,
Gehst nur all vier Wochen aus,
Bist ein braver, kleiner Zwerg,
Hast ein Kpflein wie ein Berg,
Schau dich einmal um und guck,
Lauf und fang uns, kleiner Muck!"

So hatten wir schon oft unsere Kurzweil getrieben, und zu meiner
Schande mu ich es gestehen, ich trieb's am rgsten; denn ich zupfte
ihn oft am Mntelein, und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die
groen Pantoffeln, da er hinfiel.  Dies kam mir nun hchst
lcherlich vor, aber das Lachen verging mir, als ich den kleinen Muck
auf meines Vaters Haus zugehen sah.  Er ging richtig hinein und blieb
einige Zeit dort.  Ich versteckte mich an der Haustre und sah den
Muck wieder herauskommen, von meinem Vater begleitet, der ihn
ehrerbietig an der Hand hielt und an der Tre unter vielen Bcklingen
sich von ihm verabschiedete.  Mir war gar nicht wohl zumute; ich
blieb daher lange in meinem Versteck; endlich aber trieb mich der
Hunger, den ich rger frchtete als Schlge, heraus, und demtig und
mit gesenktem Kopf trat ich vor meinen Vater.  "Du hast, wie ich hre,
den guten Muck beschimpft?" sprach er in sehr ernstem Tone.  "Ich
will dir die Geschichte dieses Muck erzhlen, und du wirst ihn gewi
nicht mehr auslachen; vor- und nachher aber bekommst du das
Gewhnliche."  Das Gewhnliche aber waren fnfundzwanzig Hiebe, die er
nur allzu richtig aufzuzhlen pflegte.  Er nahm daher sein langes
Pfeifenrohr, schraubte die Bernsteinmundspitze ab und bearbeitete
mich rger als je zuvor.

Als die Fnfundzwanzig voll waren, befahl er mir, aufzumerken, und
erzhlte mir von dem kleinen Muck:

Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Muckrah heit, war ein
angesehener, aber armer Mann hier in Nicea.  Er lebte beinahe so
einsiedlerisch wie jetzt sein Sohn.  Diesen konnte er nicht wohl
leiden, weil er sich seiner Zwerggestalt schmte, und lie ihn daher
auch in Unwissenheit aufwachsen.  Der kleine Muck war noch in seinem
sechzehnten Jahr ein lustiges Kind, und der Vater, ein ernster Mann,
tadelte ihn immer, da er, der schon lngst die Kinderschuhe
zertreten haben sollte, noch so dumm und lppisch sei.

Der Alte tat aber einmal einen bsen Fall, an welchem er auch starb
und den kleinen Muck arm und unwissend zurcklie.  Die harten
Verwandten, denen der Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen
konnte, jagten den armen Kleinen aus dem Hause und rieten ihm, in die
Welt hinauszugehen und sein Glck zu suchen.  Der kleine Muck
antwortete, er sei schon reisefertig, bat sich aber nur noch den
Anzug seines Vaters aus, und dieser wurde ihm auch bewilligt.  Sein
Vater war ein groer, starker Mann gewesen, daher paten die Kleider
nicht.  Muck aber wute bald Rat; er schnitt ab, was zu lang war, und
zog dann die Kleider an.  Er schien aber vergessen zu haben, da er
auch in der Weite davon schneiden msse, daher sein sonderbarer
Aufzug, wie er noch heute zu sehen ist; der groe Turban, der breite
Grtel, die weiten Hosen, das blaue Mntelein, alles dies sind
Erbstcke seines Vaters, die er seitdem getragen; den langen
Damaszenerdolch seines Vaters aber steckte er in den Grtel, ergriff
ein Stcklein und wanderte zum Tor hinaus.

Frhlich wanderte er den ganzen Tag; denn er war ja ausgezogen, um
sein Glck zu suchen; wenn er eine Scherbe auf der Erde im
Sonnenschein glnzen sah, so steckte er sie gewi zu sich, im Glauben,
da sie sich in den schnsten Diamanten verwandeln werde; sah er in
der Ferne die Kuppel einer Moschee wie Feuer strahlen, sah er einen
See wie einen Spiegel blinken, so eilte er voll Freude darauf zu;
denn er dachte, in einem Zauberland angekommen zu sein.  Aber ach!
Jene Trugbilder verschwanden in der Nhe, und nur allzubald
erinnerten ihn seine Mdigkeit und sein vor Hunger knurrender Magen,
da er noch im Lande der Sterblichen sich befinde.  So war er zwei
Tage gereist unter Hunger und Kummer und verzweifelte, sein Glck zu
finden; die Frchte des Feldes waren seine einzige Nahrung, die harte
Erde sein Nachtlager.  Am Morgen des dritten Tages erblickte er von
einer Anhhe eine groe Stadt.

Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen
schimmerten auf den Dchern und schienen den kleinen Muck zu sich
herzuwinken.  berrascht stand er stille und betrachtete Stadt und
Gegend.  "Ja, dort wird Klein-Muck sein Glck finden", sprach er zu
sich und machte trotz seiner Mdigkeit einen Luftsprung, "dort oder
nirgends."  Er raffte alle seine Krfte zusammen und schritt auf die
Stadt zu.  Aber obgleich sie ganz nahe schien, konnte er sie doch
erst gegen Mittag erreichen; denn seine kleinen Glieder versagten ihm
beinahe gnzlich ihren Dienst, und er mute sich oft in den Schatten
einer Palme setzen, um auszuruhen.  Endlich war er an dem Tor der
Stadt angelangt.  Er legte sein Mntelein zurecht, band den Turban
schner um, zog den Grtel noch breiter an und steckte den langen
Dolch schiefer; dann wischte er den Staub von den Schuhen, ergriff
sein Stcklein und ging mutig zum Tor hinein.

Er hatte schon einige Straen durchwandert; aber nirgends ffnete
sich ihm die Tre, nirgends rief man, wie er sich vorgestellt hatte:
"Kleiner Muck, komm herein und i und trink und la deine Flein
ausruhen!"

Er schaute gerade auch wieder recht sehnschtig an einem groen,
schnen Haus hinauf; da ffnete sich ein Fenster, eine alte Frau
schaute heraus und rief mit singender Stimme:

"Herbei, herbei!
Gekocht ist der Brei,
Den Tisch lie ich decken,
Drum lat es euch schmecken;
Ihr Nachbarn herbei,
Gekocht ist der Brei."

Die Tre des Hauses ffnete sich, und Muck sah viele Hunde und Katzen
hineingehen.  Er stand einige Augenblicke in Zweifel, ob er der
Einladung folgen sollte; endlich aber fate er sich ein Herz und ging
in das Haus.  Vor ihm her gingen ein paar junge Ktzlein, und er
beschlo, ihnen zu folgen, weil sie vielleicht die Kche besser
wten als er.

Als Muck die Treppe hinaufgestiegen war, begegnete er jener alten
Frau, die zum Fenster herausgeschaut hatte.  Sie sah ihn mrrisch an
und fragte nach seinem Begehr.  "Du hast ja jedermann zu deinem Brei
eingeladen", antwortete der kleine Muck, "und weil ich so gar hungrig
bin, bin ich auch gekommen."

Die Alte lachte und sprach: "Woher kommst du denn, wunderlicher
Gesell?  Die ganze Stadt wei, da ich fr niemand koche als fr
meine lieben Katzen, und hier und da lade ich ihnen Gesellschaft aus
der Nachbarschaft ein, wie du siehst."

Der kleine Muck erzhlte der alten Frau, wie es ihm nach seines
Vaters Tod so hart ergangen sei, und bat sie, ihn heute mit ihren
Katzen speisen zu lassen.  Die Frau, welcher die treuherzige
Erzhlung des Kleinen wohl gefiel, erlaubte ihm, ihr Gast zu sein,
und gab ihm reichlich zu essen und zu trinken.  Als er gesttigt und
gestrkt war, betrachtete ihn die Frau lange und sagte dann: "Kleiner
Muck, bleibe bei mir in meinem Dienste!  Du hast geringe Mhe und
sollst gut gehalten sein."

Der kleine Muck, dem der Katzenbrei geschmeckt hatte, willigte ein
und wurde also der Bedienstete der Frau Ahavzi.  Er hatte einen
leichten, aber sonderbaren Dienst.  Frau Ahavzi hatte nmlich zwei
Kater und vier Katzen, diesen mute der kleine Muck alle Morgen den
Pelz kmmen und mit kstlichen Salben einreiben; wenn die Frau
ausging, mute er auf die Katzen Achtung geben, wenn sie aen, mute
er ihnen die Schsseln vorlegen, und nachts mute er sie auf seidene
Polster legen und sie mit samtenen Decken einhllen.  Auch waren noch
einige kleine Hunde im Haus, die er bedienen mute, doch wurden mit
diesen nicht so viele Umstnde gemacht wie mit den Katzen, welche
Frau Ahavzi wie ihre eigenen Kinder hielt.  brigens fhrte Muck
ein so einsames Leben wie in seines Vaters Haus, denn auer der Frau
sah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen.  Eine Zeitlang ging es
dem kleinen Muck ganz gut; er hatte immer zu essen und wenig zu
arbeiten, und die alte Frau schien recht zufrieden mit ihm zu sein,
aber nach und nach wurden die Katzen unartig, wenn die Alte
ausgegangen war, sprangen sie wie besessen in den Zimmern umher,
warfen alles durcheinander und zerbrachen manches schne Geschirr,
das ihnen im Weg stand.  Wenn sie aber die Frau die Treppe
heraufkommen hrten, verkrochen sie sich auf ihre Polster und
wedelten ihr mit den Schwnzen entgegen, wie wenn nichts geschehen
wre.  Die Frau Ahavzi geriet dann in Zorn, wenn sie ihre Zimmer so
verwstet sah, und schob alles auf Muck, er mochte seine Unschuld
beteuern, wie er wollte, sie glaubte ihren Katzen, die so unschuldig
aussahen, mehr als ihrem Diener.

Der kleine Muck war sehr traurig, da er also auch hier sein Glck
nicht gefunden hatte, und beschlo bei sich, den Dienst der Frau
Ahavzi zu verlassen.  Da er aber auf seiner ersten Reise erfahren
hatte, wie schlecht man ohne Geld lebt, so beschlo er, den Lohn, den
ihm seine Gebieterin immer versprochen, aber nie gegeben hatte, sich
auf irgendeine Art zu verschaffen.  Es befand sich in dem Hause der
Frau Ahavzi ein Zimmer, das immer verschlossen war und dessen Inneres
er nie gesehen hatte.  Doch hatte er die Frau oft darin rumoren
gehrt, und er htte oft fr sein Leben gern gewut, was sie dort
versteckt habe.  Als er nun an sein Reisegeld dachte, fiel ihm ein,
da dort die Schtze der Frau versteckt sein knnten.  Aber immer war
die Tr fest verschlossen, und er konnte daher den Schtzen nie
beikommen.

Eines Morgens, als die Frau Ahavzi ausgegangen war, zupfte ihn eines
der Hundlein, welches von der Frau immer sehr stiefmtterlich
behandelt wurde, dessen Gunst er sich aber durch allerlei
Liebesdienste in hohem Grade erworben hatte, an seinen weiten
Beinkleidern und gebrdete sich dabei, wie wenn Muck ihm folgen
sollte.  Muck, welcher gerne mit den Hunden spielte, folgte ihm, und
siehe da, das Hundlein fhrte ihn in die Schlafkammer der Frau Ahavzi
vor eine kleine Tre, die er nie zuvor dort bemerkt hatte.  Die Tre
war halb offen.  Das Hundlein ging hinein, und Muck folgte ihm, und
wie freudig war er berrascht, als er sah, da er sich in dem Gemach
befand, das schon lange das Ziel seiner Wnsche war.  Er sphte
berall umher, ob er kein Geld finden knne, fand aber nichts.  Nur
alte Kleider und wunderlich geformte Geschirre standen umher.  Eines
dieser Geschirre zog seine besondere Aufmerksamkeit auf sich.  Es war
von Kristall, und schne Figuren waren darauf ausgeschnitten.  Er hob
es auf und drehte es nach allen Seiten.  Aber, o Schrecken!  Er hatte
nicht bemerkt, da es einen Deckel hatte, der nur leicht darauf
hingesetzt war.  Der Deckel fiel herab und zerbrach in tausend Stcke.

Lange stand der kleine Muck vor Schrecken leblos.  Jetzt war sein
Schicksal entschieden, jetzt mute er entfliehen, sonst schlug ihn
die Alte tot.  Sogleich war auch seine Reise beschlossen, und nur
noch einmal wollte er sich umschauen, ob er nichts von den
Habseligkeiten der Frau Ahavzi zu seinem Marsch brauchen knnte.  Da
fielen ihm ein Paar mchtig groe Pantoffeln ins Auge; sie waren zwar
nicht schn; aber seine eigenen konnten keine Reise mehr mitmachen;
auch zogen ihn jene wegen ihrer Gre an; denn hatte er diese am Fu,
so muten ihm hoffentlich alle Leute ansehen, da er die Kinderschuhe
vertreten habe.  Er zog also schnell seine Tffelein aus und fuhr in
die groen hinein.  Ein Spazierstcklein mit einem schn
geschnittenen Lwenkopf schien ihm auch hier allzu mig in der Ecke
zu stehen; er nahm es also mit und eilte zum Zimmer hinaus.  Schnell
ging er jetzt auf seine Kammer, zog sein Mntelein an, setzte den
vterlichen Turban auf, steckte den Dolch in den Grtel und lief, so
schnell ihn seine Fe trugen, zum Haus und zur Stadt hinaus.  Vor
der Stadt lief er, aus Angst vor der Alten, immer weiter fort, bis er
vor Mdigkeit beinahe nicht mehr konnte.  So schnell war er in seinem
Leben nicht gegangen; ja, es schien ihm, als knne er gar nicht
aufhren zu rennen; denn eine unsichtbare Gewalt schien ihn
fortzureien.  Endlich bemerkte er, da es mit den Pantoffeln eine
eigene Bewandtnis haben msse; denn diese schossen immer fort und
fhrten ihn mit sich.  Er versuchte auf allerlei Weise stillzustehen;
aber es wollte nicht gelingen; da rief er in der hchsten Not, wie
man den Pferden zuruft, sich selbst zu: "Oh--oh, halt, oh!"  Da
hielten die Pantoffeln, und Muck warf sich erschpft auf die Erde
nieder.

Die Pantoffeln freuten ihn ungemein.  So hatte er sich denn doch
durch seine Verdienste etwas erworben, das ihm in der Welt auf seinem
Weg das Glck zu suchen, forthelfen konnte.  Er schlief trotz seiner
Freude vor Erschpfung ein; denn das Krperlein des kleinen Muck, das
einen so schweren Kopf zu tragen hatte, konnte nicht viel aushalten.
Im Traum erschien ihm das Hundlein, welches ihm im Hause der Frau
Ahavzi zu den Pantoffeln verholfen hatte, und sprach zu ihm: "Lieber
Muck, du verstehst den Gebrauch der Pantoffeln noch nicht recht;
wisse, wenn du dich in ihnen dreimal auf dem Absatz herumdrehst, so
kannst du hinfliegen, wohin du nur willst, und mit dem Stcklein
kannst du Schtze finden, denn wo Gold vergraben ist, da wird es
dreimal auf die Erde schlagen, bei Silber zweimal."  So trumte der
kleine Muck.  Als er aber aufwachte, dachte er ber den wunderbaren
Traum nach und beschlo, alsbald einen Versuch zu machen.  Er zog die
Pantoffeln an, lupfte einen Fu und begann sich auf dem Absatz
umzudrehen.  Wer es aber jemals versucht hat, in einem ungeheuer
weiten Pantoffel dieses Kunststck dreimal hintereinander zu machen,
der wird sich nicht wundern, wenn es dem kleinen Muck nicht gleich
glckte, besonders wenn man bedenkt, da ihn sein schwerer Kopf bald
auf diese, bald auf jene Seite hinberzog.

Der arme Kleine fiel einigemal tchtig auf die Nase; doch lie er
sich nicht abschrecken, den Versuch zu wiederholen, und endlich
glckte es.  Wie ein Rad fuhr er auf seinem Absatz herum, wnschte
sich in die nchste groe Stadt, und--die Pantoffeln ruderten hinauf
in die Lfte, liefen mit Windeseile durch die Wolken, und ehe sich
der kleine Muck noch besinnen konnte, wie ihm geschah, befand er sich
schon auf einem groen Marktplatz, wo viele Buden aufgeschlagen waren
und unzhlige Menschen geschftig hin und her liefen.  Er ging unter
den Leuten hin und her, hielt es aber fr ratsamer, sich in eine
einsamere Strae zu begeben; denn auf dem Markt trat ihm bald da
einer auf die Pantoffeln, da er beinahe umfiel, bald stie er mit
seinem weit hinausstehenden Dolch einen oder den anderen an, da er
mit Mhe den Schlgen entging.

Der kleine Muck bedachte nun ernstlich, was er wohl anfangen knnte,
um sich ein Stck Geld zu verdienen; er hatte zwar ein Stblein, das
ihm verborgene Schtze anzeigte, aber wo sollte er gleich einen Platz
finden, wo Gold oder Silber vergraben wre?  Auch htte er sich zur
Not fr Geld sehen lassen knnen; aber dazu war er doch zu stolz.
Endlich fiel ihm die Schnelligkeit seiner Fe ein, "vielleicht",
dachte er, "knnen mir meine Pantoffeln Unterhalt gewhren", und er
beschlo, sich als Schnellufer zu verdingen.  Da er aber hoffen
durfte, da der Knig dieser Stadt solche Dienste am besten bezahle,
so erfragte er den Palast.  Unter dem Tor des Palastes stand eine
Wache, die ihn fragte, was er hier zu suchen habe.  Auf seine Antwort,
da er einen Dienst suche, wies man ihn zum Aufseher der Sklaven.
Diesem trug er sein Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienst unter
den kniglichen Boten zu besorgen.  Der Aufseher ma ihn mit seinen
Augen von Kopf bis zu den Fen und sprach: "Wie, mit deinen Flein,
die kaum so lang als eine Spanne sind, willst du kniglicher
Schnellufer werden?  Hebe dich weg, ich bin nicht dazu da, mit jedem
Narren Kurzweil zu machen."  Der kleine Muck versicherte ihm aber, da
es ihm vollkommen ernst sei mit seinem Antrag und da er es mit dem
Schnellsten auf eine Wette ankommen lassen wollte.  Dem Aufseher kam
die Sache gar lcherlich vor; er befahl ihm, sich bis auf den Abend
zu einem Wettlauf bereitzuhalten, fhrte ihn in die Kche und sorgte
dafr, da ihm gehrig Speis' und Trank gereicht wurde; er selbst
aber begab sich zum Knig und erzhlte ihm vom kleinen Muck und
seinem Anerbieten.  Der Knig war ein lustiger Herr, daher gefiel es
ihm wohl, da der Aufseher der Sklaven den kleinen Menschen zu einem
Spa behalten habe, er befahl ihm, auf einer groen Wiese hinter dem
Schlo Anstalten zu treffen, da das Wettlaufen mit Bequemlichkeit
von seinem ganzen Hofstaat knnte gesehen werden, und empfahl ihm
nochmals, groe Sorgfalt fr den Zwerg zu haben.  Der Knig erzhlte
seinen Prinzen und Prinzessinnen, was sie diesen Abend fr ein
Schauspiel haben wrden, diese erzhlten es wieder ihren Dienern, und
als der Abend herankam, war man in gespannter Erwartung, und alles,
was Fe hatte, strmte hinaus auf die Wiese, wo Gerste
aufgeschlagen waren, um den grosprecherischen Zwerg laufen zu sehen.

Als der Knig und seine Shne und Tchter auf dem Gerst Platz
genommen hatten, trat der kleine Muck heraus auf die Wiese und machte
vor den hohen Herrschaften eine beraus zierliche Verbeugung.  Ein
allgemeines Freudengeschrei ertnte, als man des Kleinen ansichtig
wurde; eine solche Figur hatte man dort noch nie gesehen.  Das
Krperlein mit dem mchtigen Kopf, das Mntelein und die weiten
Beinkleider, der lange Dolch in dem breiten Grtel, die kleinen
Flein in den weiten Pantoffeln--nein!  Es war zu drollig anzusehen,
als da man nicht htte laut lachen sollen.  Der kleine Muck lie
sich aber durch das Gelchter nicht irremachen.  Er stellte sich
stolz, auf sein Stcklein gesttzt, hin und erwartete seinen Gegner.
Der Aufseher der Sklaven hatte nach Mucks eigenem Wunsche den besten
Lufer ausgesucht.  Dieser trat nun heraus, stellte sich neben den
Kleinen, und beide harrten auf das Zeichen.  Da winkte Prinzessin
Amarza, wie es ausgemacht war, mit ihrem Schleier, und wie zwei
Pfeile, auf dasselbe Ziel abgeschossen, flogen die beiden Wettlufer
ber die Wiese hin.

Von Anfang hatte Mucks Gegner einen bedeutenden Vorsprung, aber
dieser jagte ihm auf seinem Pantoffelfuhrwerk nach, holte ihn ein,
berfing ihn und stand lngst am Ziele, als jener noch, nach Luft
schnappend, daherlief.  Verwunderung und Staunen fesselten einige
Augenblicke die Zuschauer, als aber der Knig zuerst in die Hnde
klatschte, da jauchzte die Menge, und alle riefen: "Hoch lebe der
kleine Muck, der Sieger im Wettlauf!"

Man hatte indes den kleinen Muck herbeigebracht; er warf sich vor dem
Knig nieder und sprach: "Gromchtigster Knig, ich habe dir hier
nur eine kleine Probe meiner Kunst gegeben; wolle nur gestatten, da
man mir eine Stelle unter deinen Lufern gebe!"

Der Knig aber antwortete ihm: "Nein, du sollst mein Leiblufer und
immer um meine Person sein, lieber Muck, jhrlich sollst du hundert
Goldstcke erhalten als Lohn, und an der Tafel meiner ersten Diener
sollst du speisen."

So glaubte denn Muck, endlich das Glck gefunden zu haben, das er so
lange suchte, und war frhlich und wohlgemut in seinem Herzen.  Auch
erfreute er sich der besonderen Gnade des Knigs, denn dieser
gebrauchte ihn zu seinen schnellsten und geheimsten Sendungen, die er
dann mit der grten Genauigkeit und mit unbegreiflicher Schnelle
besorgte.

Aber die brigen Diener des Knigs waren ihm gar nicht zugetan, weil
sie sich ungern durch einen Zwerg, der nichts verstand, als schnell
zu laufen, in der Gunst ihres Herrn zurckgesetzt sahen.  Sie
veranstalteten daher manche Verschwrung gegen ihn, um ihn zu strzen;
aber alle schlugen fehl an dem groen Zutrauen, das der Knig in
seinen geheimen Oberleiblufer (denn zu dieser Wrde hatte er es in
so kurzer Zeit gebracht) setzte.

Muck, dem diese Bewegungen gegen ihn nicht entgingen, sann nicht auf
Rache, dazu hatte er ein zu gutes Herz, nein, auf Mittel dachte er,
sich bei seinen Feinden notwendig und beliebt zu machen.  Da fiel ihm
sein Stblein, das er in seinem Glck auer acht gelassen hatte, ein;
wenn er Schtze finde, dachte er, wrden ihm die Herren schon
geneigter werden.  Er hatte schon oft gehrt, da der Vater des
jetzigen Knigs viele seiner Schtze vergraben habe, als der Feind
sein Land berfallen; man sagte auch, er sei darber gestorben, ohne
da er sein Geheimnis habe seinem Sohn mitteilen knnen.  Von nun an
nahm Muck immer sein Stcklein mit, in der Hoffnung, einmal an einem
Ort vorberzugehen, wo das Geld des alten Knigs vergraben sei.
Eines Abends fhrte ihn der Zufall in einen entlegenen Teil des
Schlogartens, den er wenig besuchte, und pltzlich fhlte er das
Stcklein in seiner Hand zucken, und dreimal schlug es gegen den
Boden.  Nun wute er schon, was dies zu bedeuten hatte.  Er zog daher
seinen Dolch heraus, machte Zeichen in die umstellenden Bume und
schlich sich wieder in das Schlo; dort verschaffte er sich einen
Spaten und wartete die Nacht zu seinem Unternehmen ab.

Das Schatzgraben selbst machte brigens dem kleinen Muck mehr zu
schaffen, als er geglaubt hatte.

Seine Arme waren gar zu schwach, sein Spaten aber gro und schwer;
und er mochte wohl schon zwei Stunden gearbeitet haben, ehe er ein
paar Fu tief gegraben hatte.  Endlich stie er auf etwas Hartes, das
wie Eisen klang.  Er grub jetzt emsiger, und bald hatte er einen
groen eisernen Deckel zutage gefrdert; er stieg selbst in die Grube
hinab, um nachzusphen, was wohl der Deckel knnte bedeckt haben, und
fand richtig einen groen Topf, mit Goldstcken angefllt.  Aber
seine schwachen Krfte reichten nicht hin, den Topf zu heben, daher
steckte er in seine Beinkleider und seinen Grtel, so viel er zu
tragen vermochte, und auch sein Mntelein fllte er damit, bedeckte
das brige wieder sorgfltig und lud es auf den Rcken.  Aber
wahrlich, wenn er die Pantoffeln nicht an den Fen gehabt htte, er
wre nicht vom Fleck gekommen, so zog ihn die Last des Goldes nieder.
Doch unbemerkt kam er auf sein Zimmer und verwahrte dort sein Gold
unter den Polstern seines Sofas.

Als der kleine Muck sich im Besitz so vielen Goldes sah, glaubte er,
das Blatt werde sich jetzt wenden und er werde sich unter seinen
Feinden am Hofe viele Gnner und warme Anhnger erwerben.  Aber schon
daran konnte man erkennen, da der gute Muck keine gar sorgfltige
Erziehung genossen haben mute, sonst htte er sich wohl nicht
einbilden knnen, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen.  Ach, da er
damals seine Pantoffeln geschmiert und sich mit seinem Mntelein voll
Gold aus dem Staub gemacht htte!

Das Gold, das der kleine Muck von jetzt an mit vollen Hnden
austeilte, erweckte den Neid der brigen Hofbediensteten.  Der
Kchenmeister Ahuli sagte: "Er ist ein Falschmnzer."

Der Sklavenaufseher Achmet sagte: "Er hat's dem Knig abgeschwatzt."

Archaz, der Schatzmeister, aber, sein rgster Feind, der selbst hier
und da einen Griff in des Knigs Kasse tun mochte, sagte geradezu:
"Er hat's gestohlen."

Um nun ihrer Sache gewi zu sein, verabredeten sie sich, und der
Obermundschenk Korchuz stellte sich eines Tages recht traurig und
niedergeschlagen vor die Augen des Knigs.  Er machte seine traurigen
Gebrden so auffallend, da ihn der Knig fragte, was ihm fehle.

"Ah", antwortete er, "ich bin traurig, da ich die Gnade meines Herrn
verloren habe."

"Was fabelst du, Freund Korchuz?" entgegnete ihm der Knig.  "Seit
wann htte ich die Sonne meiner Gnade nicht ber dich leuchten
lassen?"  Der Obermundschenk antwortete ihm, da er ja den geheimen
Oberleiblufer mit Gold belade, seinen armen, treuen Dienern aber
nichts gebe.

Der Knig war sehr erstaunt ber diese Nachricht, lie sich die
Goldausteilungen des kleinen Muck erzhlen, und die Verschworenen
brachten ihm leicht den Verdacht bei, da Muck auf irgendeine Art das
Geld aus der Schatzkammer gestohlen habe.  Sehr lieb war diese
Wendung der Sache dem Schatzmeister, der ohnehin nicht gerne Rechnung
ablegte.  Der Knig gab daher den Befehl, heimlich auf alle Schritte
des kleinen Muck achtzugeben, um ihn womglich auf der Tat zu
ertappen.  Als nun in der Nacht, die auf diesen Unglckstag folgte,
der kleine Muck, da er durch seine Freigebigkeit seine Kasse sehr
erschpft sah, den Spaten nahm und in den Schlogarten schlich, um
dort von seinem geheimen Schatze neuen Vorrat zu holen, folgten ihm
von weitem die Wachen, von dem Kchenmeister Ahuli und Archaz, dem
Schatzmeister, angefhrt, und in dem Augenblick, da er das Gold aus
dem Topf in sein Mntelein legen wollte, fielen sie ber ihn her,
banden ihn und fhrten ihn sogleich vor den Knig.  Dieser, den
ohnehin die Unterbrechung seines Schlafes mrrisch gemacht hatte,
empfing seinen armen Oberleiblufer sehr ungndig und stellte
sogleich das Verhr ber ihn an.  Man hatte den Topf vollends aus der
Erde gegraben und mit dem Spaten und mit dem Mntelein voll Gold vor
die Fe des Knigs gesetzt.  Der Schatzmeister sagte aus, da er mit
seinen Wachen den Muck berrascht habe, wie er diesen Topf mit Gold
gerade in die Erde gegraben habe.

Der Knig befragte hierauf den Angeklagten, ob es wahr sei und woher
er das Gold, das er vergraben, bekommen habe.

Der kleine Muck, im Gefhl seiner Unschuld, sagte aus, da er diesen
Topf im Garten entdeckt habe, da er ihn habe nicht ein-, sondern
ausgraben wollen.

Alle Anwesenden lachten laut ber diese Entschuldigung, der Knig
aber, aufs hchste erzrnt ber die vermeintliche Frechheit des
Kleinen, rief aus: "Wie, Elender!  Du willst deinen Knig so dumm und
schndlich belgen, nachdem du ihn bestohlen hast?  Schatzmeister
Archaz!  Ich fordere dich auf, zu sagen, ob du diese Summe Goldes fr
die nmliche erkennst, die in meinem Schatze fehlt."

Der Schatzmeister aber antwortete, er sei seiner Sache ganz gewi, so
viel und noch mehr fehle seit einiger Zeit von dem kniglichen Schatz,
und er knne einen Eid darauf ablegen, da dies das Gestohlene sei.

Da befahl der Knig, den kleinen Muck in enge Ketten zu legen und in
den Turm zu fhren; dem Schatzmeister aber bergab er das Gold, um es
wieder in den Schatz zu tragen.  Vergngt ber den glcklichen
Ausgang der Sache, zog dieser ab und zhlte zu Haus die blinkenden
Goldstcke; aber das hat dieser schlechte Mann niemals angezeigt, da
unten in dem Topf ein Zettel lag, der sagte: "Der Feind hat mein Land
berschwemmt, daher verberge ich hier einen Teil meiner Schtze; wer
es auch finden mag, den treffe der Fluch seines Knigs, wenn er es
nicht sogleich meinem Sohne ausliefert!  Knig Sadi."

Der kleine Muck stellte in seinem Kerker traurige Betrachtungen an;
er wute, da auf Diebstahl an kniglichen Sachen der Tod gesetzt war,
und doch mochte er das Geheimnis mit dem Stbchen dem Knig nicht
verraten, weil er mit Recht frchtete, dieses und seiner Pantoffeln
beraubt zu werden.  Seine Pantoffeln konnten ihm leider auch keine
Hilfe bringen; denn da er in engen Ketten an die Mauer geschlossen
war, konnte er, so sehr er sich qulte, sich nicht auf dem Absatz
umdrehen.  Als ihm aber am anderen Tage sein Tod angekndigt wurde,
da gedachte er doch, es sei besser, ohne das Zauberstbchen zu leben
als mit ihm zu sterben, lie den Knig um geheimes Gehr bitten und
entdeckte ihm das Geheimnis.  Der Knig ma von Anfang an seinem
Gestndnis keinen Glauben bei; aber der kleine Muck versprach eine
Probe, wenn ihm der Knig zugestnde, da er nicht gettet werden
solle.

Der Knig gab ihm sein Wort darauf und lie, von Muck ungesehen,
einiges Gold in die Erde graben und befahl diesem, mit seinem
Stbchen zu suchen.  In wenigen Augenblicken hatte er es gefunden;
denn das Stbchen schlug deutlich dreimal auf die Erde.  Da merkte
der Knig, da ihn sein Schatzmeister betrogen hatte, und sandte ihm,
wie es im Morgenland gebruchlich ist, eine seidene Schnur, damit er
sich selbst erdrole.  Zum kleinen Muck aber sprach er: "Ich habe dir
zwar dein Leben versprochen; aber es scheint mir, als ob du nicht
allein dieses Geheimnis mit dem Stbchen besitzest; darum bleibst du
in ewiger Gefangenschaft, wenn du nicht gestehst, was fr eine
Bewandtnis es mit deinem Schnellaufen hat."  Der kleine Muck, den die
einzige Nacht im Turm alle Lust zu lngerer Gefangenschaft benommen
hatte, bekannte, da seine ganze Kunst in den Pantoffeln liege, doch
lehrte er den Knig nicht das Geheimnis von dem dreimaligen Umdrehen
auf dem Absatz.  Der Knig schlpfte selbst in die Pantoffeln, um die
Probe zu machen, und jagte wie unsinnig im Garten umher; oft wollte
er anhalten; aber er wute nicht, wie man die Pantoffeln zum Stehen
brachte, und der kleine Muck, der diese kleine Rache sich nicht
versagen konnte, lie ihn laufen, bis er ohnmchtig niederfiel.

Als der Knig wieder zur Besinnung zurckgekehrt war, war er
schrecklich aufgebracht ber den kleinen Muck, der ihn so ganz auer
Atem hatte laufen lassen.  "Ich habe dir mein Wort gegeben, dir
Freiheit und Leben zu schenken; aber innerhalb zwlf Stunden mut du
mein Land verlassen, sonst lasse ich dich aufknpfen!"  Die Pantoffeln
und das Stbchen aber lie er in seine Schatzkammer legen.

So arm als je wanderte der kleine Muck zum Land hinaus, seine Torheit
verwnschend, die ihm vorgespiegelt hatte, er knne eine bedeutende
Rolle am Hofe spielen.  Das Land, aus dem er gejagt wurde, war zum
Glck nicht gro, daher war er schon nach acht Stunden auf der Grenze,
obgleich ihn das Gehen, da er an seine lieben Pantoffeln gewhnt war,
sehr sauer ankam.

Als er ber der Grenze war, verlie er die gewhnliche Strae, um die
dichteste Einde der Wlder aufzusuchen und dort nur sich zu leben;
denn er war allen Menschen gram.  In einem dichten Walde traf er auf
einen Platz, der ihm zu dem Entschlu, den er gefat hatte, ganz
tauglich schien.  Ein klarer Bach, von groen, schattigen
Feigenbumen umgeben, ein weicher Rasen luden ihn ein; hier warf er
sich nieder mit dem Entschlu, keine Speise mehr zu sich zu nehmen,
sondern hier den Tod zu erwarten.  ber traurigen
Todesbetrachtungen schlief er ein; als er aber wieder aufwachte und
der Hunger ihn zu qulen anfing, bedachte er doch, da der Hungertod
eine gefhrliche Sache sei, und sah sich um, ob er nirgends etwas zu
essen bekommen knnte.

Kstliche reife Feigen hingen an dem Baume, unter welchem er
geschlafen hatte; er stieg hinauf, um sich einige zu pflcken, lie
es sich trefflich schmecken und ging dann hinunter an den Bach, um
seinen Durst zu lschen.  Aber wie gro war sein Schrecken, als ihm
das Wasser seinen Kopf mit zwei gewaltigen Ohren und einer dicken,
langen Nase geschmckt zeigte!  Bestrzt griff er mit den Hnden nach
den Ohren, und wirklich, sie waren ber eine halbe Elle lang.

"Ich verdiene Eselsohren!" rief er aus; "denn ich habe mein Glck wie
ein Esel mit Fen getreten."  Er wanderte unter den Bumen umher, und
als er wieder Hunger fhlte, mute er noch einmal zu den Feigen seine
Zuflucht nehmen; denn sonst fand er nichts Ebares an den Bumen.
Als ihm ber der zweiten Portion Feigen einfiel, ob wohl seine Ohren
nicht unter seinem groen Turban Platz htten, damit er doch nicht
gar zu lcherlich aussehe, fhlte er, da seine Ohren verschwunden
waren.  Er lief gleich an den Bach zurck, um sich davon zu
berzeugen, und wirklich, es war so, seine Ohren hatten ihre vorige
Gestalt, seine lange, unfrmliche Nase war nicht mehr.  Jetzt merkte
er aber, wie dies gekommen war; von dem ersten Feigenbaum hatte er
die lange Nase und Ohren bekommen, der zweite hatte ihn geheilt;
freudig erkannte er, da sein gtiges Geschick ihm noch einmal die
Mittel in die Hand gebe, glcklich zu sein.  Er pflckte daher von
jedem Baum so viel, wie er tragen konnte, und ging in das Land zurck,
das er vor kurzem verlassen hatte.  Dort machte er sich in dem
ersten Stdtchen durch andere Kleider ganz unkenntlich und ging dann
weiter auf die Stadt zu, die jener Knig bewohnte, und kam auch bald
dort an.

Es war gerade zu einer Jahreszeit, wo reife Frchte noch ziemlich
selten waren; der kleine Muck setzte sich daher unter das Tor des
Palastes; denn ihm war von frherer Zeit her wohl bekannt, da hier
solche Seltenheiten von dem Kchenmeister fr die knigliche Tafel
eingekauft wurden.  Muck hatte noch nicht lange gesessen, als er den
Kchenmeister ber den Hof herberschreiten sah.  Er musterte die
Waren der Verkufer, die sich am Tor des Palastes eingefunden hatten;
endlich fiel sein Blick auch auf Mucks Krbchen.  "Ah, ein seltener
Bissen", sagte er, "der Ihro Majestt gewi behagen wird.  Was willst
du fr den ganzen Korb?"  Der kleine Muck bestimmte einen migen
Preis, und sie waren bald des Handels einig.  Der Kchenmeister
bergab den Korb einem Sklaven und ging weiter; der kleine Muck aber
macht sich einstweilen aus dem Staub, weil er befrchtete, wenn sich
das Unglck an den Kpfen des Hofes zeigte, mchte man ihn als
Verkufer aufsuchen und bestrafen.

Der Knig war ber Tisch sehr heiter gestimmt und sagte seinem
Kchenmeister einmal ber das andere Lobsprche wegen seiner guten
Kche und der Sorgfalt, mit der er immer das Seltenste fr ihn
aussuche; der Kchenmeister aber, welcher wohl wute, welchen
Leckerbissen er noch im Hintergrund habe, schmunzelte gar freundlich
und lie nur einzelne Worte fallen, als: "Es ist noch nicht aller
Tage Abend", oder "Ende gut, alles gut", so da die Prinzessinnen
sehr neugierig wurden, was er wohl noch bringen werde.  Als er aber
die schnen, einladenden Feigen aufsetzen lie, da entfloh ein
allgemeines Ah! dem Munde der Anwesenden.

"Wie reif, wie appetitlich!" rief der Knig.  "Kchenmeister, du bist
ein ganzer Kerl und verdienst unsere ganz besondere Gnade!"  Also
sprechend, teilte der Knig, der mit solchen Leckerbissen sehr
sparsam zu sein pflegte, mit eigener Hand die Feigen an seiner Tafel
aus.  Jeder Prinz und jede Prinzessin bekam zwei, die Hofdamen und
die Wesire und Agas eine, die brigen stellte er vor sich hin und
begann mit groem Behagen sie zu verschlingen.

"Aber, lieber Gott, wie siehst du so wunderlich aus, Vater?" rief auf
einmal die Prinzessin Amarza.  Alle sahen den Knig erstaunt an;
ungeheure Ohren hingen ihm am Kopf, eine lange Nase zog sich ber
sein Kinn herunter; auch sich selbst betrachteten sie untereinander
mit Staunen und Schrecken; alle waren mehr oder minder mit dem
sonderbaren Kopfputz geschmeckt.

Man denke sich den Schrecken des Hofes!  Man schickte sogleich nach
allen rzten der Stadt; sie kamen haufenweise, verordneten Pillen und
Mixturen; aber die Ohren und die Nasen blieben.  Man operierte einen
der Prinzen; aber die Ohren wuchsen nach.

Muck hatte die ganze Geschichte in seinem Versteck, wohin er sich
zurckgezogen hatte, gehrt und erkannte, da es jetzt Zeit sei zu
handeln.  Er hatte sich schon vorher von dem aus den Feigen gelsten
Geld einen Anzug verschafft, der ihn als Gelehrten darstellen konnte;
ein langer Bart aus Ziegenhaaren vollendete die Tuschung.  Mit einem
Sckchen voll Feigen wanderte er in den Palast des Knigs und bot als
fremder Arzt seine Hilfe an.  Man war von Anfang sehr unglubig; als
aber der kleine Muck eine Feige einem der Prinzen zu essen gab und
Ohren und Nase dadurch in den alten Zustand zurckbrachte, da wollte
alles von dem fremden Arzte geheilt sein.  Aber der Knig nahm ihn
schweigend bei der Hand und fhrte ihn in sein Gemach; dort schlo er
eine Tre auf, die in die Schatzkammer fhrte, und winkte Muck, ihm
zu folgen.  "Hier sind meine Schtze", sprach der Knig, "whle dir,
was es auch sei, es soll dir gewhrt werden, wenn du mich von diesem
schmachvollen bel befreist."

Das war se Musik in des kleinen Muck Ohren; er hatte gleich beim
Eintritt seine Pantoffeln auf dem Boden stehen sehen, gleich daneben
lag auch sein Stbchen.  Er ging nun umher in dem Saal, wie wenn er
die Schtze des Knigs bewundern wollte; kaum aber war er an seine
Pantoffeln gekommen, so schlpfte er eilends hinein, ergriff sein
Stbchen, ri seinen falschen Bart herab und zeigte dem erstaunten
Knig das wohlbekannte Gesicht seines verstoenen Muck.  "Treuloser
Knig", sprach er, "der du treue Dienste mit Undank lohnst, nimm als
wohlverdiente Strafe die Migestalt, die du trgst.  Die Ohren la
ich dir zurck, damit sie dich tglich erinnern an den kleinen Muck."
Als er so gesprochen hatte, drehte er sich schnell auf dem Absatz
herum, wnschte sich weit hinweg, und ehe noch der Knig um Hilfe
rufen konnte, war der kleine Muck entflohen.  Seitdem lebt der kleine
Muck hier in groem Wohlstand, aber einsam; denn er verachtet die
Menschen.  Er ist durch Erfahrung ein weiser Mann geworden, welcher,
wenn auch sein ueres etwas Auffallendes haben mag, deine
Bewunderung mehr als deinen Spott verdient.

"So erzhlte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue ber mein
rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte
mir die andere Hlfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte.  Ich
erzhlte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und
wir gewannen ihn so lieb, da ihn keiner mehr schimpfte.  Im
Gegenteil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm
immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebckt."

Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu
machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu strken.  Die
gestrige Frhlichkeit ging auch auf diesen Tag ber, und sie
ergtzten sich in allerlei Spielen.  Nach dem Essen aber riefen sie
dem fnften Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich
den brigen zu tun und eine Geschichte zu erzhlen.  Er antwortete,
sein Leben sei zu arm an auffallenden Begebenheiten, als da er ihnen
etwas davon mitteilen mchte, daher wolle er ihnen etwas anderes
erzhlen, nmlich: Das Mrchen vom falschen Prinzen.




Das Mrchen vom falschen Prinzen

Wilhelm Hauff


Es war einmal ein ehrsamer Schneidergeselle, namens Labakan, der bei
einem geschickten Meister in Alessandria sein Handwerk lernte.  Man
konnte nicht sagen, da Labakan ungeschickt mit der Nadel war, im
Gegenteil, er konnte recht feine Arbeit machen.  Auch tat man ihm
unrecht, wenn man ihn geradezu faul schalt; aber ganz richtig war es
doch nicht mit dem Gesellen, denn er konnte oft stundenweis in einem
fort nhen, da ihm die Nadel in der Hand glhend ward und der Faden
rauchte, da gab es ihm dann ein Stck wie keinem anderen; ein
andermal aber, und dies geschah leider fters, sa er in tiefen
Gedanken, sah mit starren Augen vor sich hin und hatte dabei in
Gesicht und Wesen etwas so Eigenes, da sein Meister und die brigen
Gesellen von diesem Zustand nie anders sprachen als: "Labakan hat
wieder sein vornehmes Gesicht."

Am Freitag aber, wenn andere Leute vom Gebet ruhig nach Haus an ihre
Arbeit gingen, trat Labakan in einem schnen Kleid, das er sich mit
vieler Mhe zusammengespart hatte, aus der Moschee, ging langsam und
stolzen Schrittes durch die Pltze und Straen der Stadt, und wenn
ihm einer seiner Kameraden ein "Friede sei mit dir", oder "Wie geht
es, Freund Labakan?" bot, so winkte er gndig mit der Hand oder
nickte, wenn es hoch kam, vornehm mit dem Kopf.  Wenn dann sein
Meister im Spa zu ihm sagte: "An dir ist ein Prinz verlorengegangen,
Labakan", so freute er sich darber und antwortete: "Habt Ihr das
auch bemerkt?" oder: "Ich habe es schon lange gedacht!"

So trieb es der ehrsame Schneidergeselle Labakan schon eine geraume
Zeit, sein Meister aber duldete seine Narrheit, weil er sonst ein
guter Mensch und geschickter Arbeiter war.  Aber eines Tages schickte
Selim, der Bruder des Sultans, der gerade durch Alessandria reiste,
ein Festkleid zu dem Meister, um einiges daran verndern zu lassen,
und der Meister gab es Labakan, weil dieser die feinste Arbeit machte.
Als abends der Meister und die Gesellen sich hinwegbegeben hatten,
um nach des Tages Last sich zu erholen, trieb eine unwiderstehliche
Sehnsucht Labakan wieder in die Werkstatt zurck, wo das Kleid des
kaiserlichen Bruders hing.  Er stand lange sinnend davor, bald den
Glanz der Stickerei, bald die schillernden Farben des Samts und der
Seide an dem Kleide bewundernd.  Er konnte nicht anders, er mute es
anziehen, und siehe da, es pate ihm so trefflich, wie wenn es fr
ihn wre gemacht worden.  "Bin ich nicht so gut ein Prinz als einer?"
fragte er sich, indem er im Zimmer auf und ab schritt.  "Hat nicht
der Meister selbst schon gesagt, da ich zum Prinzen geboren sei?"
Mit den Kleidern schien der Geselle eine ganz knigliche Gesinnung
angezogen zu haben; er konnte sich nicht anders denken, als er sei
ein unbekannter Knigssohn, und als solcher beschlo er, in die Welt
zu reisen und einen Ort zu verlassen, wo die Leute bisher so tricht
gewesen waren, unter der Hlle seines niederen Standes nicht seine
angebotene Wrde zu erkennen.  Das prachtvolle Kleid schien ihm von
einer gtigen Fee geschickt, er htete sich daher wohl, ein so teures
Geschenk zu verschmhen, steckte seine geringe Barschaft zu sich und
wanderte, begnstigt von dem Dunkel der Nacht, aus Alessandrias Toren.

Der neue Prinz erregte berall auf seiner Wanderschaft Verwunderung,
denn das prachtvolle Kleid und sein ernstes, majesttisches Wesen
wollten gar nicht passen fr einen Fugnger.  Wenn man ihn darber
befragte, pflegte er mit geheimnisvoller Miene zu antworten, da das
seine eigenen Ursachen habe.  Als er aber merkte, da er sich durch
seine Fuwanderungen lcherlich machte, kaufte er um geringen Preis
ein altes Ro, welches sehr fr ihn pate, da es ihn mit seiner
gesetzten Ruhe und Sanftmut nie in die Verlegenheit brachte, sich als
geschickter Reiter zeigen zu mssen, was gar nicht seine Sache war.

Eines Tages, als er Schritt vor Schritt auf seinem Murva, so hatte er
sein Ro genannt,; seine Strae zog, schlo sich ein Reiter an ihn an
und bat ihn, in seiner Gesellschaft reiten zu drfen, weil ihm der
Weg viel krzer werde im Gesprch mit einem anderen.  Der Reiter war
ein frhlicher, junger Mann, schn und angenehm im Umgang.  Er hatte
mit Labakan bald ein Gesprch angeknpft ber Woher und Wohin, und es
traf sich, da auch er, wie der Schneidergeselle, ohne Plan in die
Welt hinauszog.  Er sagte, er heie Omar, sei der Neffe Elfi Beys,
des unglcklichen Bassas von Kairo, und reise nun umher, um einen
Auftrag, den ihm sein Oheim auf dem Sterbebette erteilt habe,
auszurichten.  Labakan lie sich nicht so offenherzig ber seine
Verhltnisse aus, er gab ihm zu verstehen, da er von hoher Abkunft
sei und zu seinem Vergngen reise.

Die beiden jungen Herren fanden Gefallen aneinander und zogen frder.
Am zweiten Tage ihrer gemeinschaftlichen Reise fragte Labakan seinen
Gefhrten Omar nach den Auftrgen, die er zu besorgen habe, und
erfuhr zu seinem Erstaunen folgendes: Elfi Bey, der Bassa von Kairo,
hatte den Omar seit seiner frhesten Kindheit erzogen, und dieser
hatte seine Eltern nie gekannt.  Als nun Elfi Bey von seinen Feinden
berfallen worden war und nach drei unglcklichen Schlachten, tdlich
verwundet, fliehen mute, entdeckte er seinem Zgling, da er nicht
sein Neffe sei, sondern der Sohn eines mchtigen Herrschers, welcher
aus Furcht vor den Prophezeiungen seiner Sterndeuter den jungen
Prinzen von seinem Hofe entfernt habe, mit dem Schwur, ihn erst an
seinem zweiundzwanzigsten Geburtstage wiedersehen zu wollen.  Elfi
Bey habe ihm den Namen seines Vaters nicht genannt, sondern ihm nur
aufs bestimmteste aufgetragen, am fnften Tage des kommenden Monats
Ramadan, an welchem Tage er zweiundzwanzig Jahre alt werde, sich an
der berhmten Sule El-Serujah, vier Tagreisen stlich von
Alessandria, einzufinden; dort soll er den Mnnern, die an der Sule
stehen wrden, einen Dolch, den er ihm gab, berreichen mit den
Worten: "leer bin ich, den ihr suchet"; wenn sie antworteten: "Gelobt
sei der Prophet, der dich erhielt!", so solle er ihnen folgen, sie
wrden ihn zu seinem Vater fhren.

Der Schneidergeselle Labakan war sehr erstaunt ber diese Mitteilung,
er betrachtete von jetzt an den Prinzen Omar mit neidischen Augen,
erzrnt darber, da das Schicksal jenem, obgleich er schon fr den
Neffen eines mchtigen Bassa galt, noch die Wrde eines Frstensohnes
verliehen, ihm aber, den es mit allem, was einem Prinzen nottut,
ausgerstet, gleichsam zum Hohn eine dunkle Geburt und einen
gewhnlichen Lebensweg verliehen habe.  Er stellte Vergleichungen
zwischen sich und dem Prinzen an.  Er mute sich gestehen, es sei
jener ein Mann von sehr vorteilhafter Gesichtsbildung; schne,
lebhafte Augen, eine khngebogene Nase, ein sanftes, zuvorkommendes
Benehmen, kurz, so viele Vorzge des ueren, die jemand empfehlen
knnen, waren jenem eigen.  Aber so viele Vorzge er auch an seinem
Begleiter fand, so gestand er sich doch bei diesen Beobachtungen, da
ein Labakan dem frstlichen Vater wohl noch willkommener sein drfte
als der wirkliche Prinz.

Diese Betrachtungen verfolgten Labakan den ganzen Tag, mit ihnen
schlief er im nchsten Nachtlager ein, aber als er morgens aufwachte
und sein Blick auf den neben ihm schlafenden Omar fiel, der so ruhig
schlafen und von seinem gewissen Glck trumen konnte, da erwachte in
ihm der Gedanke, sich durch List oder Gewalt zu erstreben, was ihm
das ungnstige Schicksal versagt hatte.  Der Dolch, das
Erkennungszeichen des heimkehrenden Prinzen, sah aus dem Grtel des
Schlafenden hervor, leise zog er ihn hervor, um ihn in die Brust des
Eigentmers zu stoen.  Doch vor dem Gedanken des Mordes entsetzte
sich die friedfertige Seele des Gesellen; er begngte sich, den Dolch
zu sich zu stecken, das schnellere Pferd des Prinzen fr sich
aufzumen zu lassen, und ehe Omar aufwachte und sich aller seiner
Hoffnungen beraubt sah, hatte sein treuloser Gefhrte schon einen
Vorsprung von mehreren Meilen.

Es war gerade der erste Tag des heiligen Monats Ramadan, an welchem
Labakan den Raub an dem Prinzen begangen hatte, und er hatte also
noch vier Tage, um zu der Sule El Serujah, welche ihm wohlbekannt
war, zu gelangen.  Obgleich die Gegend, worin sich diese Sule befand,
hchstens noch zwei Tagreisen entfernt sein konnte, so beeilte er
sich doch hinzukommen, weil er immer frchtete, von dem wahren
Prinzen eingeholt zu werden.

Am Ende des zweiten Tages erblickte Labakan die Sule El-Serujah.
Sie stand auf einer kleinen Anhhe in einer weiten Ebene und konnte
auf zwei bis drei Stunden gesehen werden.  Labakans Herz pochte
lauter bei diesem Anblick; obgleich er die letzten zwei Tage hindurch
Zeit genug gehabt, ber die Rolle, die er zu spielen hatte,
nachzudenken, so machte ihn doch das bse Gewissen etwas ngstlich,
aber der Gedanke, da er zum Prinzen geboren sei, strkte ihn wieder,
so da er getrsteter seinem Ziele entgegenging.

Die Gegend um die Sule El-Serujah war unbewohnt und de, und der
neue Prinz wre wegen seines Unterhalts etwas in Verlegenheit
gekommen, wenn er sich nicht auf mehrere Tage versehen htte.  Er
lagerte sich also neben seinem Pferd unter einigen Palmen und
erwartete dort sein ferneres Schicksal.

Gegen die Mitte des anderen Tages sah er einen groen Zug von Pferden
und Kamelen ber die Ebene her auf die Sule El-Serujah zuziehen.
Der Zug hielt am Fue des Hgels, auf welchem die Sule stand, man
schlug prchtige Zelte auf, und das Ganze sah aus wie der Reisezug
eines reichen Bassa oder Scheik.  Labakan ahnte, da die vielen Leute,
welche er sah, sich seinetwegen hierher bemht hatten, und htte
ihnen gerne schon heute ihren knftigen Gebieter gezeigt; aber er
migte seine Begierde, als Prinz aufzutreten, da ja doch der nchste
Morgen seine khnsten Wnsche vollkommen befriedigen mute.

Die Morgensonne weckte den berglcklichen Schneider zu dem
wichtigsten Augenblick seines Lebens, welcher ihn aus einem niederen,
unbekannten Sterblichen an die Seite eines frstlichen Vaters erheben
sollte; zwar fiel ihm, als er sein Pferd aufzumte, um zu der Sule
hinzureiten, wohl auch das Unrechtmige seines Schrittes ein; zwar
fhrten ihm seine Gedanken den Schmerz des in seinen schnen
Hoffnungen betrogenen Frstensohnes vor, aber--der Wrfel war
geworfen, er konnte nicht mehr ungeschehen machen, was geschehen war,
und seine Eigenliebe flsterte ihm zu, da er stattlich genug aussehe,
um dem mchtigsten Knig sich als Sohn vorzustellen; ermutigt durch
diesen Gedanken, schwang er sich auf sein Ro, nahm alle seine
Tapferkeit zusammen, um es in einen ordentlichen Galopp zu bringen,
und in weniger als einer Viertelstunde war er am Fue des Hgels
angelangt.  Er stieg ab von seinem Pferd und band es an eine Staude,
deren mehrere an dem Hgel wuchsen; hierauf zog er den Dolch des
Prinzen Omar hervor und stieg den Hgel hinan.  Am Fu der Sule
standen sechs Mnner um einen Greis von hohem, kniglichem Ansehen;
ein prachtvoller Kaftan von Goldstoff, mit einem weien Kaschmirschal
umgrtet, der weie, mit blitzenden Edelsteinen geschmckte Turban
bezeichneten ihn als einen Mann von Reichtum und Wrde.

Auf ihn ging Labakan zu, neigte sich tief vor ihm und sprach, indem
er den Dolch darreichte: "Hier bin ich, den Ihr suchet. "

"Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!" antwortete der Greis mit
Freudentrnen.  "Umarme deinen alten Vater, mein geliebter Sohn Omar!"
Der gute Schneider war sehr gerhrt durch diese feierlichen Worte
und sank mit einem Gemisch von Freude und Scham in die Arme des alten
Frsten.

Aber nur einen Augenblick sollte er ungetrbt die Wonne seines neuen
Standes genieen; als er sich aus den Armen des frstlichen Greises
aufrichtete, sah er einen Reiter ber die Ebene her auf den Hgel
zueilen.  Der Reiter und sein Ro gewhrten einen sonderbaren Anblick;
das Ro schien aus Eigensinn oder Mdigkeit nicht vorwrts zu wollen,
in einem stolpernden Gang, der weder Schritt noch Trab war, zog es
daher, der Reiter aber trieb es mit Hnden und Fen zu schnellerem
Laufe an.  Nur zu bald erkannte Labakan sein Ro Murva und den echten
Prinzen Omar, aber der bse Geist der Lge war einmal in ihn gefahren,
und er beschlo, wie es auch kommen mge, mit eiserner Stirne seine
angematen Rechte zu behaupten.

Schon aus der Ferne hatte man den Reiter winken gesehen; jetzt war er
trotz des schlechten Trabes des Rosses Murva am Fue des Hgels
angekommen, warf sich vom Pferd und strzte den Hgel hinan.  "Haltet
ein!" rief er.  "Wer ihr auch sein mget, haltet ein und lat euch
nicht von dem schndlichsten Betrger tuschen; ich heie Omar, und
kein Sterblicher wage es, meinen Namen zu mibrauchen!"

Auf den Gesichtern der Umstehenden malte sich tiefes Erstaunen ber
diese Wendung der Dinge; besonders schien der Greis sehr betroffen,
indem er bald den einen, bald den anderen fragend ansah; Labakan aber
sprach mit mhsam errungener Ruhe: "Gndigster Herr und Vater, lat
Euch nicht irremachen durch diesen Menschen da!  Es ist, soviel ich
wei, ein wahnsinniger Schneidergeselle aus Alessandria, Labakan
geheien, der mehr unser Mitleid als unseren Zorn verdient."

Bis zur Raserei aber brachten diese Worte den Prinzen; schumend vor
Wut wollte er auf Labakan eindringen, aber die Umstehenden warfen
sich dazwischen und hielten ihn fest, und der Frst sprach:
"Wahrhaftig, mein lieber Sohn, der arme Mensch ist verrckt; man
binde ihn und setze ihn auf eines unserer Dromedare, vielleicht, da
wir dem Unglcklichen Hilfe schaffen knnen."

Die Wut des Prinzen hatte sich gelegt, weinend rief er dem Frsten zu:
"Mein Herz sagt mir, da Ihr mein Vater seid; bei dem Andenken
meiner Mutter beschwre ich Euch, hrt mich an!"

"Ei, Gott bewahre uns!" antwortete dieser, "er fngt schon wieder an,
irre zu reden, wie doch der Mensch auf so tolle Gedanken kommen kann!"
Damit ergriff er Labakans Arm und lie sich von ihm den Hgel
hinuntergeleiten; sie setzten sich beide auf schne, mit reichen
Decken behngte Pferde und ritten an der Spitze des Zuges ber die
Ebene hin.  Dem unglcklichen Prinzen aber fesselte man die Hnde und
band ihn auf einem Dromedar fest, und zwei Reiter waren ihm immer zur
Seite, die ein wachsames Auge auf jede seiner Bewegungen hatten.

Der frstliche Greis war Saaud, der Sultan der Wechabiten.  Er hatte
lange ohne Kinder gelebt, endlich wurde ihm ein Prinz geboren, nach
dem er sich so lange gesehnt hatte; aber die Sterndeuter, welche er
um die Vorbedeutungen des Knaben befragte, taten den Ausspruch, "da
er bis ins zweiundzwanzigste Jahr in Gefahr stehe, von einem Feinde
verdrngt zu werden", deswegen, um recht sicherzugehen, hatte der
Sultan den Prinzen seinem alten, erprobten Freunde Elfi-Bey zum
Erziehen gegeben und zweiundzwanzig schmerzliche Jahre auf seinen
Anblick geharrt.

Dieses hatte der Sultan seinem (vermeintlichen) Sohne erzhlt und
sich ihm auerordentlich zufrieden mit seiner Gestalt und seinem
wrdevollen Benehmen gezeigt.

Als sie in das Land des Sultans kamen, wurden sie berall von den
Einwohnern mit Freudengeschrei empfangen; denn das Gercht von der
Ankunft des Prinzen hatte sich wie ein Lauffeuer durch alle Stdte
und Drfer verbreitet.  Auf den Straen, durch welche sie zogen,
waren Bgen von Blumen und Zweigen errichtet, glnzende Teppiche von
allen Farben schmeckten die Huser, und das Volk pries laut Gott und
seinen Propheten, der ihnen einen so schnen Prinzen gesandt habe.
Alles dies erfllte das stolze Herz des Schneiders mit Wonne; desto
unglcklicher mute sich aber der echte Omar fhlen, der, noch immer
gefesselt, in stiller Verzweiflung dem Zuge folgte.  Niemand kmmerte
sich um ihn bei dem allgemeinen Jubel, der doch ihm galt; den Namen
Omar riefen tausend und wieder tausend Stimmen, aber ihn, der diesen
Namen mit Recht trug, ihn beachtete keiner; hchstens fragte einer
oder der andere, wen man denn so fest gebunden mit fortfahre, und
schrecklich tnte in das Ohr des Prinzen die Antwort seiner Begleiter,
es sei ein wahnsinniger Schneider.

Der Zug war endlich in die Hauptstadt des Sultans gekommen, wo alles
noch glnzender zu ihrem Empfang bereitet war als in den brigen
Stdten.  Die Sultanin, eine ltliche, ehrwrdige Frau, erwartete sie
mit ihrem ganzen Hofstaat in dem prachtvollsten Saal des Schlosses.
Der Boden dieses Saales war mit einem ungeheuren Teppich bedeckt, die
Wnde waren mit hellblauem Tuch geschmeckt, das in goldenen Quasten
und Schnren an groen, silbernen Haken hing.

Es war schon dunkel, als der Zug anlangte, daher waren im Saale viele
kugelrunde, farbige Lampen angezndet, welche die Nacht zum Tag
erhellten.  Am klarsten und vielfarbigsten strahlten sie aber im
Hintergrund des Saales, wo die Sultanin auf einem Throne sa.  Der
Thron stand auf vier Stufen und war von lauterem Golde und mit groen
Amethysten ausgelegt.  Die vier vornehmsten Emire hielten einen
Baldachin von roter Seide ber dem Haupte der Sultanin, und der
Scheik von Medina fchelte ihr mit einer Windfuchtel von weien
Pfauenfedern Khlung zu.

So erwartete die Sultanin ihren Gemahl und ihren Sohn, auch sie hatte
ihn seit seiner Geburt nicht mehr gesehen, aber bedeutsam Trume
hatten ihr den Ersehnten gezeigt, da sie ihn aus Tausenden erkennen
wollte.  Jetzt hrte man das Gerusch des nahenden Zuges, Trompeten
und Trommeln mischten sich in das Zujauchzen der Menge, der Hufschlag
der Rosse tnte im Hof des Palastes, nher und nher rauschten die
Tritte der Kommenden, die Tren des Saales flogen auf, und durch die
Reihen der niederfallenden Diener eilte der Sultan an der Hand seines
Sohnes vor den Thron der Mutter.

"Hier", sprach er, "bringe ich dir den, nach welchem du dich so lange
gesehnet."

Die Sultanin aber fiel ihm in die Rede: "Das ist mein Sohn nicht!"
rief sie aus, "das sind nicht die Zge, die mir der Prophet im Traume
gezeigt hat!"

Gerade, als ihr der Sultan ihren Aberglauben verweisen wollte, sprang
die Tre des Saales auf.  Prinz Omar strzte herein, verfolgt von
seinen Wchtern, denen er sich mit Anstrengung aller seiner Kraft
entrissen hatte, er warf sich atemlos vor dem Throne nieder: "leer
will ich sterben, lat mich tten, grausamer Vater; denn diese
Schmach dulde ich nicht lnger!"

Alles war bestrzt ber diese Reden; man drngte sich um den
Unglcklichen her, und schon wollten ihn die herbeieilenden Wachen
ergreifen und ihm wieder seine Bande anlegen, als die Sultanin, die
in sprachlosem Erstaunen dieses alles mit angesehen hatte, von dem
Throne aufsprang.  "Haltet ein!" rief sie, "dieser und kein anderer
ist der Rechte, dieser ist's, den meine Augen nie gesehen und den
mein Herz doch gekannt hat!"

Die Wchter hatten unwillkrlich von Omar abgelassen, aber der Sultan,
entflammt von wtendem Zorn, rief ihnen zu, den Wahnsinnigen zu
binden: "Ich habe hier zu entscheiden", sprach er mit gebietender
Stimme, "und hier richtet man nicht nach den Trumen der Weiber,
sondern nach gewissen, untrglichen Zeichen.  Dieser hier (indem er
auf Labakan zeigte) ist mein Sohn; denn er hat mir das Wahrzeichen
meines Freundes Elfi, den Dolch, gebracht."

"Gestohlen hat er ihn", schrie Omar, "mein argloses Vertrauen hat er
zum Verrat mibraucht!"  Der Sultan aber hrte nicht auf die Stimme
seines Sohnes; denn er war in allen Dingen gewohnt, eigensinnig nur
seinem Urteil zu folgen; daher lie er den unglcklichen Omar mit
Gewalt aus dem Saal schleppen.  Er selbst aber begab sich mit Labakan
in sein Gemach, voll Wut ber die Sultanin, seine Gemahlin, mit der
er doch seit fnfundzwanzig Jahren in Frieden gelebt hatte.

Die Sultanin aber war voll Kummer ber diese Begebenheiten; sie war
vollkommen berzeugt, da ein Betrger sich des Herzens des Sultans
bemchtigt hatte, denn jenen Unglcklichen hatten ihr so viele
bedeutsam Trume als ihren Sohn gezeigt.

Als sich ihr Schmerz ein wenig gelegt hatte, sann sie auf Mittel, um
ihren Gemahl von seinem Unrecht zu berzeugen.  Es war dies
allerdings schwierig; denn jener, der sich fr ihren Sohn ausgab,
hatte das Erkennungszeichen, den Dolch, berreicht und hatte auch,
wie sie erfuhr, so viel von Omars frherem Leben von diesem selbst
sich erzhlen lassen, da er seine Rolle, ohne sich zu verraten,
spielte.

Sie berief die Mnner zu sich, die den Sultan zu der Sule El-Serujah
begleitet hatten, um sich alles genau erzhlen zu lassen, und hielt
dann mit ihren vertrautesten Sklavinnen Rat.  Sie whlten und
verwarfen dies und jenes Mittel; endlich sprach Melechsalah, eine
alte, kluge Zierkassierin: "Wenn ich recht gehrt habe, verehrte
Gebieterin, so nannte der berbringer des Dolches den, welchen du fr
deinen Sohn hltst, Labakan, einen verwirrten Schneider?"

"Ja, so ist es", antwortete die Sultanin, "aber was willst du damit?"

"Was meint Ihr", fuhr jene fort, "wenn dieser Betrger Eurem Sohn
seinen eigenen Namen aufgeheftet htte?--Und wenn dies ist, so gibt
es ein herrliches Mittel, den Betrger zu fangen, das ich Euch ganz
im geheimen sagen will."  Die Sultanin bot ihrer Sklavin das Ohr, und
diese flsterte ihr einen Rat zu, der ihr zu behagen schien, denn sie
schickte sich an, sogleich zum Sultan zu gehen.

Die Sultanin war eine kluge Frau, welche wohl die schwachen Seiten
des Sultans kannte und sie zu bentzen verstand.  Sie schien daher,
ihm nachgeben und den Sohn anerkennen zu wollen, und bat sich nur
eine Bedingung aus; der Sultan, dem sein Aufbrausen gegen seine Frau
leid tat, gestand die Bedingung zu, und sie sprach: "Ich mchte gerne
den beiden eine Probe ihrer Geschicklichkeit auferlegen; eine andere
wrde sie vielleicht reiten, fechten oder Speere werfen lassen, aber
das sind Sachen, die ein jeder kann; nein, ich will ihnen etwas geben,
wozu Scharfsinn gehrt!  Es soll nmlich jeder von ihnen einen
Kaftan und ein Paar Beinkleider verfertigen, und da wollen wir einmal
sehen, wer die schnsten macht."

Der Sultan lachte und sprach: "Ei, da hast du ja etwas recht Kluges
ausgesonnen.  Mein Sohn sollte mit deinem wahnsinnigen Schneider
wetteifern, wer den besten Kaftan macht?  Nein, das ist nichts."

Die Sultanin aber berief sich darauf, da er ihr die Bedingung zum
Voraus zugesagt habe, und der Sultan, welcher ein Mann von Wort war,
gab endlich nach, obgleich er schwor, wenn der wahnsinnige Schneider
seinen Kaftan auch noch so schn mache, knne er ihn doch nicht fr
seinen Sohn erkennen.

Der Sultan ging selbst zu seinem Sohn und bat ihn, sich in die
Grillen seiner Mutter zu schicken, die nun einmal durchaus einen
Kaftan von seiner Hand zu sehen wnsche.  Dem guten Labakan lachte
das Herz vor Freude; wenn es nur an dem fehlt, dachte er bei sich, da
soll die Frau Sultanin bald Freude an mir erleben.

Man hatte zwei Zimmer eingerichtet, eines fr den Prinzen, das andere
fr den Schneider; dort sollten sie ihre Kunst erproben, und man
hatte jedem nur ein hinlngliches Stck Seidenzeug, Schere, Nadel und
Faden gegeben.

Der Sultan war sehr begierig, was fr ein Ding von Kaftan wohl sein
Sohn zutage frdern werde, aber auch der Sultanin pochte unruhig das
Herz, ob ihre List wohl gelingen werde oder nicht.  Man hatte den
beiden zwei Tage zu ihrem Geschft ausgesetzt, am dritten lie der
Sultan seine Gemahlin rufen, und als sie erschienen war, schickte er
in jene zwei Zimmer, um die beiden Kaftane und ihre Verfertiger holen
zu lassen.  Triumphierend trat Labakan ein und breitete seinen Kaftan
vor den erstaunten Blicken des Sultans aus.  "Siehe her, Vater",
sprach er, "siehe her, verehrte Mutter, ob dies nicht ein
Meisterstck von einem Kaftan ist?  Da la ich es mit dem
geschicktesten Hofschneider auf eine Wette ankommen, ob er einen
solchen herausbringt."

Die Sultanin lchelte und wandte sich zu Omar: "Und was hast du
herausgebracht, mein Sohn?"

Unwillig warf dieser den Seidenstoff und die Schere auf den Boden:
"Man hat mich gelehrt, ein Ro zu bndigen und einen Sbel zu
schwingen, und meine Lanze trifft auf sechzig Gnge ihr Ziel--aber
die Knste der Nadel sind mir fremd, sie wren auch unwrdig fr
einen Zgling Elfi Beys, des Beherrschers von Kairo."

"Oh, du echter Sohn meines Herrn", rief die Sultanin, "ach, da ich
dich umarmen, dich Sohn nennen drfte!  Verzeihet, mein Gemahl und
Gebieter", sprach sie dann, indem sie sich zum Sultan wandte, "da
ich diese List gegen Euch gebraucht habe; sehet Ihr jetzt noch nicht
ein, wer Prinz und wer Schneider ist; frwahr, der Kaftan ist
kstlich, den Euer Herr Sohn gemacht hat, und ich mchte ihn gerne
fragen, bei welchem Meister er gelernt habe."

Der Sultan sa in tiefen Gedanken, mitrauisch bald seine Frau, bald
Labakan anschauend, der umsonst sein Errten und seine Bestrzung,
da er sich so dumm verraten habe, zu bekmpfen suchte.  "Auch dieser
Beweis gengt nicht", sprach er, "aber ich wei, Allah sei es gedankt,
ein Mittel, zu erfahren, ob ich betrogen bin oder nicht."

Er befahl, sein schnellstes Pferd vorzufahren, schwang sich auf und
ritt in einen Wald, der nicht weit von der Stadt begann.  Dort wohnte
nach einer alten Sage eine gtige Fee, Adolzaide geheien, welche oft
schon den Knigen seines Stammes in der Stunde der Not mit ihrem Rat
beigestanden war; dorthin eilte der Sultan.

In der Mitte des Waldes war ein freier Platz, von hohen Zedern
umgeben.  Dort wohnte nach der Sage die Fee, und selten betrat ein
Sterblicher diesen Platz, denn eine gewisse Scheu davor hatte sich
aus alten Zeiten vom Vater auf den Sohn vererbt.

Als der Sultan dort angekommen war, stieg er ab, band sein Pferd an
einen Baum, stellte sich in die Mitte des Platzes und sprach mit
lauter Stimme: "Wenn es wahr ist, da du meinen Vtern gtigen Rat
erteiltest in der Stunde der Not, so verschmhe nicht die Bitte ihres
Enkels und rate mir, wo menschlicher Verstand zu kurzsichtig ist!"

Er hatte kaum die letzten Worte gesprochen, als sich eine der Zedern
ffnete und eine verschleierte Frau in langen, weien Gewndern
hervortrat.  "Ich wei, warum du zu mir kommst, Sultan Saaud, dein
Wille ist redlich; darum soll dir auch meine Hilfe werden.  Nimm
diese zwei Kistchen!  La jene beiden, welche deine Shne sein wollen,
whlen!  Ich wei, da der, welcher der echte ist, das rechte nicht
verfehlen wird."  So sprach die Verschleierte und reichte ihm zwei
kleine Kistchen von Elfenbein, reich mit Gold und Perlen verziert;
auf den Deckeln, die der Sultan vergebens zu ffnen versuchte,
standen Inschriften von eingesetzten Diamanten.

Der Sultan besann sich, als er nach Hause ritt, hin und her, was wohl
in den Kistchen sein knnte, welche er mit aller Mhe nicht zu ffnen
vermochte.  Auch die Aufschrift gab ihm kein Licht in der Sache; denn
auf dem einen stand: "Ehre und Ruhm", auf dem anderen: "Glck und
Reichtum".  Der Sultan dachte bei sich, da wrde auch ihm die Wahl
schwer werden unter diesen beiden Dingen, die gleich anziehend,
gleich lockend seien.

Als er in seinen Palast zurckgekommen war, lie er die Sultanin
rufen und sagte ihr den Ausspruch der Fee, und eine wunderbare
Hoffnung erfllte sie, da jener, zu dem ihr Herz sie hinzog, das
Kistchen whlen Wrde, welches seine knigliche Abkunft beweisen
sollte.

Vor dem Ibrone des Sultans wurden zwei Tische aufgestellt; auf sie
setzte der Sultan mit eigener Hand die beiden Kistchen, bestieg dann
den Thron und winkte einem seiner Sklaven, die Pforte des Saales zu
ffnen.  Eine glnzende Versammlung von Bassas und Emiren des Reiches,
die der Sultan berufen hatte, strmte durch die geffnete Pforte.
Sie lieen sich auf prachtvollen Polstern nieder, welche die Wnde
entlang aufgestellt waren.

Als sie sich alle niedergelassen hatten, winkte der Knig zum
zweitenmal, und Labakan wurde hereingefhrt.  Mit stolzem Schritte
ging er durch den Saal, warf sich vor dem Throne nieder und sprach:
"Was befiehlt mein Herr und Vater?"

Der Sultan erhob sich auf seinem Thron und sprach: "Mein Sohn!  Es
sind Zweifel an der Echtheit deiner Ansprche auf diesen Namen
erhoben worden; eines jener Kistchen enthlt die Besttigung deiner
echten Geburt, whle!  Ich zweifle nicht, du wirst das rechte whlen!"

Labakan erhob sich und trat vor die Kistchen, er erwog lange, was er
whlen sollte, endlich sprach er: "Verehrter Vater!  Was kann es
Hheres geben als das Glck, dein Sohn zu sein, was Edleres als den
Reichtum deiner Gnade?  Ich whle das Kistchen, das die Aufschrift
"Gliick und Reichtum" zeigt."

"Wir werden nachher erfahren, ob du recht gewhlt hast; einstweilen
setze dich dort auf das Polster zum Bassa von Medina", sagte der
Sultan und winkte seinen Sklaven.

Omar wurde hereingefhrt; sein Blick war dster, seine Miene traurig,
und sein Anblick erregte allgemeine Teilnahme unter den Anwesenden.
Er warf sich vor dem Throne nieder und fragte nach dem Willen des
Sultans.

Der Sultan deutete ihm an, da er eines der Kistchen zu whlen habe,
er stand auf und trat vor den Tisch.

Er las aufmerksam beide Inschriften und sprach: "Die letzten Tage
haben mich gelehrt, wie unsicher das Glck, wie vergnglich der
Reichtum ist; sie haben mich aber auch gelehrt, da ein
unzerstrbares Gut in der Brust des Tapferen wohnt, die Ehre, und da
der leuchtende Stern des Ruhmes nicht mit dem Glck zugleich vergeht.
Und sollte ich einer Krone entsagen, der Wrfel liegt--Ehre und Ruhm,
ich whle euch!"

Er setzte seine Hand auf das Kistchen, das er erwhlt hatte; aber der
Sultan befahl ihm, einzuhalten; er winkte Labakan, gleichfalls vor
seinen Tisch zu treten, und auch dieser legte seine Hand auf sein
Kistchen.

Der Sultan aber lie sich ein Becken mit Wasser von dem heiligen
Brunnen Zemzem in Mekka bringen, wusch seine Hnde zum Gebet, wandte
sein Gesicht nach Osten, warf sich nieder und betete: "Gott meiner
Vter!  Der du seit Jahrhunderten unsern Stamm rein und unverflscht
bewahrtest, gib nicht zu, da ein Unwrdiger den Namen der Abassiden
schnde, sei mit deinem Schutze meinem echten Sohne nahe in dieser
Stunde der Prfung!"

Der Sultan erhob sich und bestieg seinen Thron wieder; allgemeine
Erwartung fesselte die Anwesenden, man wagte kaum zu atmen, man htte
ein Muschen ber den Saal gehen hren knnen, so still und gespannt
waren alle, die hintersten machten lange Hlse, um ber die vorderen
nach den Kistchen sehen zu knnen.  Jetzt sprach der Sultan: "ffnet
die Kistchen", und diese, die vorher keine Gewalt zu ffnen vermochte,
sprangen von selbst auf.

In dem Kistchen, das Omar gewhlt hatte, lagen auf einem samtenen
Kissen eine kleine goldene Krone und ein Zepter; in Labakans
Kistchen--eine groe Nadel und ein wenig Zwirn!  Der Sultan befahl
den beiden, ihre Kistchen vor ihn zu bringen.  Er nahm das Krnchen
von dem Kissen in seine Hand, und wunderbar war es anzusehen, wie er
es nahm, wurde es grer und grer, bis es die Gre einer rechten
Krone erreicht hatte.  Er setzte die Krone seinem Sohn Omar, der vor
ihm kniete, auf das Haupt, kte ihn auf die Stirne und hie ihn zu
seiner Rechten sich niedersetzen.  Zu Labakan aber wandte er sich und
sprach: "Es ist ein altes Sprichwort: Der Schuster bleibe bei seinem
Leisten!  Es scheint, als solltest du bei der Nadel bleiben.  Zwar
hast du meine Gnade nicht verdient, aber es hat jemand fr dich
gebeten, dem ich heute nichts abschlagen kann; drum schenke ich dir
dein armseliges Leben, aber wenn ich dir guten Rates bin, so beeile
dich, da du aus meinem Lande kommst!"

Beschmt, vernichtet, wie er war, vermochte der arme Schneidergeselle
nichts zu erwidern; er warf sich vor dem Prinzen nieder, und Trnen
drangen ihm aus den Augen: "Knnt Ihr mir vergeben, Prinz?" sagte er.

"Treue gegen den Freund, Gromut gegen den Feind ist des Abassiden
Stolz", antwortete der Prinz, indem er ihn aufhob, "gehe hin in
Frieden!"

"O du mein echter Sohn!" rief gerhrt der alte Sultan und sank an die
Brust des Sohnes; die Emire und Bassa und alle Groen des Reiches
standen auf von ihren Sitzen und riefen: "Heil dem neuen Knigssohn!"
Und unter dem allgemeinen Jubel schlich sich Labakan, sein Kistchen
unter dem Arm, aus dem Saal.

Er ging hinunter in die Stlle des Sultans, zumte sein Ro Murva auf
und ritt zum Tore hinaus, Alessandria zu.  Sein ganzes Prinzenleben
kam ihm wie ein Traum vor, und nur das prachtvolle Kistchen, reich
mit Perlen und Diamanten geschmckt, erinnerte ihn, da er doch nicht
getrumt habe.

Als er endlich wieder nach Alessandria kam, ritt er vor das Haus
seines alten Meisters, stieg ab, band sein Rlein an die Tre und
trat in die Werkstatt.  Der Meister, der ihn nicht gleich kannte,
machte ein groes Wesen und fragte, was ihm zu Dienst stehe; als er
aber den Gast nher ansah und seinen alten Labakan erkannte, rief er
seine Gesellen und Lehrlinge herbei, und alle strzten sich wie
wtend auf den armen Labakan, der keines solchen Empfangs gewrtig
war, stieen und schlugen ihn mit Bgeleisen und Ellenma, stachen
ihn mit Nadeln und zwickten ihn mit scharfen Scheren, bis er
erschpft auf einen Haufen alter Kleider niedersank.

Als er nun so dalag, hielt ihm der Meister eine Strafrede ber das
gestohlene Kleid; vergebens versicherte Labakan, da er nur deswegen
wiedergekommen sei, um ihm alles zu ersetzen, vergebens bot er ihm
den dreifachen Schadenersatz, der Meister und seine Gesellen fielen
wieder ber ihn her, schlugen ihn weidlich und warfen ihn zur Tre
hinaus; zerschlagen und zerfetzt stieg er auf das Ro Murva und ritt
in eine Karawanserei.  Dort legte er sein mdes, zerschlagenes Haupt
nieder und stellte Betrachtungen an ber die Leiden der Erde, ber
das so oft verkannte Verdienst und ber die Nichtigkeit und
Flchtigkeit aller Gter.  Er schlief mit dem Entschlu ein, aller
Gre zu entsagen und ein ehrsamer Brger zu werden.

Und den andere Tag gereute ihn sein Entschlu nicht; denn die
schweren Hnde des Meisters und seiner Gesellen schienen alle Hoheit
aus ihm herausgeprgelt zu haben.

Er verkaufte um einen hohen Preis sein Kistchen an einen
Juwelenhndler, kaufte sich ein Haus und richtete sich eine Werkstatt
zu seinem Gewerbe ein.  Als er alles eingerichtet und auch ein Schild
mit der Aufschrift Labakan, Kleidermacher vor sein Fenster gehngt
hatte, setzte er sich und begann mit jener Nadel und dem Zwirn, die
er in dem Kistchen gefunden, den Rock zu flicken, welchen ihm sein
Meister so grausam zerfetzt hatte.  Er wurde von seinem Geschft
abgerufen, und als er sich wieder an die Arbeit setzen wollte, welch
sonderbarer Anblick bot sich ihm dar!  Die Nadel nhte emsig fort,
ohne von jemand gefhrt zu werden; sie machte feine, zierliche Stiche,
wie sie selbst Labakan in seinen kunstreichsten Augenblicken nicht
gemacht hatte!

Wahrlich, auch das geringste Geschenk einer gtigen Fee ist ntzlich
und von groem Wert!  Noch einen andere Wert hatte aber dies Geschenk,
nmlich: Das Stckchen Zwirn ging nie aus, die Nadel mochte so
fleiig sein, als sie wollte.

Labakan bekam viele Kunden und war bald der berhmteste Schneider
weit und breit; er schnitt die Gewnder zu und machte den ersten
Stich mit der Nadel daran, und flugs arbeitete diese weiter ohne
Unterla, bis das Gewand fertig war.  Meister Labakan hatte bald die
ganze Stadt zu Kunden; denn er arbeitete schn und auerordentlich
billig, und nur ber eines schttelten die Leute von Alessandria den
Kopf, nmlich: da er ganz ohne Gesellen und bei verschlossenen Tren
arbeitete.

So war der Spruch des Kistchens, Glck und Reichtum verheiend, in
Erfllung gegangen; Glck und Reichtum begleiteten, wenn auch in
bescheidenem Mae, die Schritte des guten Schneiders, und wenn er von
dem Ruhm des jungen Sultans Omar, der in aller Munde lebte, hrte,
wenn er hrte, da dieser Tapfere der Stolz und die Liebe seines
Volkes und der Schrecken seiner Feinde sei, da dachte der ehemalige
Prinz bei sich: "Es ist doch besser, da ich ein Schneider geblieben
bin; denn um die Ehre und den Ruhm ist es eine gar gefhrliche Sache."
So lebte Labakan, zufrieden mit sich, geachtet von seinen
Mitbrgern, und wenn die Nadel indes nicht ihre Kraft verloren, so
nht sie noch jetzt mit dem ewigen Zwirn der gtigen Fee Adolzaide.

Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach
Birket el Had oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei
Stunden Weges nach Kairo waren--Man hatte um diese Zeit die Karawane
erwartet, und bald hatten die Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus
Kairo ihnen entgegenkommen zu sehen.  Sie zogen in die Stadt durch
das Tor Bebel Falch; denn es wird fr eine glckliche Vorbedeutung
gehalten, wenn man von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen,
weil der Prophet hindurchgezogen ist.

Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier trkischen Kaufleute von
dem Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit
ihren Freunden nach Haus.  Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute
Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen.  Der
Fremde sagte zu und versprach, wenn er nur vorher sich umgekleidet
habe, zu erscheinen.

Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er
auf der Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die
Speisen und Getrnke in gehriger Ordnung aufgestellt waren, setzte
er sich, seinen Gast zu erwarten.

Langsam und schweren Schrittes hrte er ihn den Gang, der zu seinem
Gemach fhrte, heraufkommen.  Er erhob sich, um ihm freundlich
entgegenzusehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll
Entsetzen fuhr er zurck, als er die Tre ffnete; denn jener
schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick
auf ihn, es war keine Tuschung; dieselbe hohe, gebietende Gestalt,
die Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote
Mantel mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus
den schrecklichsten Stunden seines Lebens.

Widerstreitende Gefhle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit
diesem Bild seiner Erinnerung lngst ausgeshnt und ihm vergeben, und
doch ri sein Anblick alle seine Wunden wieder auf; alle jene
qualvollen Stunden der Todesangst, jener Gram, der die Blte seines
Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augenblicks an seiner Seele
vorber.

"Was willst du, Schrecklicher?" rief der Grieche aus, als die
Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand.  "Weiche
schnell von hinnen, da ich dir nicht fluche!"

"Zaleukos!" sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor.
"Zaleukos!  So empfngst du deinen Gastfreund?" Der Sprechende nahm
die Larve ab, schlug den Mantel zurck; es war Selim Baruch, der
Fremde.

Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden;
denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte
vecchio erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte;
er winkte schweigend dem Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen.

"Ich errate deine Gedanken", nahm dieser das Wort, als sie sich
gesetzt hatten.  "Deine Augen sehen fragend auf mich--ich htte
schweigen und mich deinen Blicken nie mehr zeigen knnen, aber ich
bin dir Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die
Gefahr hin, da du mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu
erscheinen.  Du sagtest einst zu mir: Der Glaube meiner Vter
befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl unglcklicher als ich;
glaube dieses, mein Freund, und hre meine Rechtfertigung!

Ich mu weit ausholen, um mich dir ganz verstndlich zu machen.  Ich
bin in Alessandria von christlichen Eltern geboren.  Mein Vater, der
jngere Sohn eines alten, berhmten franzsischen Hauses, war Konsul
seines Landes in Alessandria.  Ich wurde von meinem zehnten Jahre an
in Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verlie erst
einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit
meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr sicher war,
ber dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen.  Voll
Hoffnung, die Ruhe und den Frieden, den uns das emprte Volk der
Franzosen entrissen, im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten
wir.  Aber ach!  Ich fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es
sein sollte; die ueren Strme der bewegten Zeit waren zwar noch
nicht bis hierher gelangt, desto unerwarteter hatte das Unglck mein
Haus im innersten Herzen heimgesucht.  Mein Bruder, ein junger,
hoffnungsvoller Mann, erster Sekretr meines Vaters, hatte sich erst
seit kurzem mit einem jungen Mdchen, der Tochter eines
florentinischen Edelmanns, der in unserer Nachbarschaft wohnte,
verheiratet; zwei Tage vor unserer Ankunft war diese auf einmal
verschwunden, ohne da weder unsere Familie noch ihr Vater die
geringste Spur von ihr auffinden konnten.  Man glaubte endlich, sie
habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in Ruberhnde
gefallen.  Beinahe trstlicher wre dieser Gedanke fr meinen armen
Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde.  Die
Treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie im Hause
ihres Vaters kennengelernt hatte, eingeschifft.  Mein Bruder, aufs
uerste emprt ber diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur
Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Versuche, die in Neapel und
Florenz Aufsehen erregt hatten, dienten nur dazu, sein und unser
aller Unglck zu vollenden.  Der florentinische Edelmann reiste in
sein Vaterland zurck, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht zu
verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben.  Er schlug in
Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknpft hatte,
nieder und wute seinen Einflu, den er auf alle Art sich verschafft
hatte, so gut zu bentzen, da mein Vater und mein Bruder ihrer
Regierung verdchtig gemacht und durch die schndlichsten Mittel
gefangen, nach Frankreich gefhrt und dort vom Beil des Henkers
gettet wurden.  Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und erst nach
zehn langen Monaten erlste sie der Tod von ihrem schrecklichen
Zustand, der aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewutsein
geworden war.  So stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur
ein Gedanke beschftigte meine Seele, nur ein Gedanke lie mich meine
Trauer vergessen, es war jene mchtige Flamme, die meine Mutter in
ihrer letzten Stunde in mir angefacht hatte.

In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewutsein
zurckgekehrt; sie lie mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem
Schicksal und ihrem Ende.  Dann aber lie sie alle aus dem Zimmer
gehen, richtete sich mit feierlicher Miene von ihrem rmlichen Lager
auf und sagte, ich knne mir ihren Segen erwerben, wenn ich ihr
schwre, etwas auszufahren, das sie mir auftragen wrde--Ergriffen
von den Worten der sterbenden Mutter, gelobte ich mit einem Eide zu
tun, wie sie mir sagen werde.  Sie brach nun in Verwnschungen gegen
den Florentiner und seine Tochter aus und legte mir mit den
frchterlichsten Drohungen ihres Fluches auf, mein unglckliches Haus
an ihm zu rchen.  Sie starb in meinen Armen.  Jener Gedanke der
Rache hatte schon lange in meiner Seele geschlummert; jetzt erwachte
er mit aller Macht.  Ich sammelte den Rest meines vterlichen
Vermgens und schwor mir, alles an meine Rache zu setzen oder selbst
mit unterzugehen.

Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als mglich aufhielt;
mein Plan war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher
sich meine Feinde befanden.  Der alte Florentiner war Gouverneur
geworden und hatte so alle Mittel in der Hand, sobald er das
geringste ahnte, mich zu verderben.  Ein Zufall kam mir zu Hilfe.
Eines Abends sah ich einen Menschen in bekannter Livree durch die
Straen gehen; sein unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das
halblaut herausgestoene "Santo sacramento", "Maledetto diavolo"
lieen mich den alten Pietro, einen Diener des Florentiners, den ich
schon in Alessandria gekannt hatte, erkennen.  Ich war nicht in
Zweifel, da er ber seinen Herrn in Zorn geraten sei, und beschlo,
seine Stimmung zu bentzen.  Er schien sehr berrascht, mich hier zu
sehen, klagte mir sein Leiden, da er seinem Herrn, seit er
Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen knne, und mein Gold,
untersttzt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite.  Das
Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann in meinem
Solde, der mir zu jeder Stunde die Tre meines Feindes ffnete, und
nun reifte mein Racheplan immer schneller heran.  Das Leben des alten
Florentiners schien mir ein zu geringes Gewicht, dem Untergang meines
Hauses gegenber, zu haben.  Sein Liebstes mute er gemordet sehen,
und dies war Bianka, seine Tochter.  Hatte ja sie so schndlich an
meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache unseres Unglcks.
Gar erwnscht kam sogar meinem rachedrstigen Herzen die Nachricht,
da in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermhlen wollte, es
war beschlossen, sie mute sterben.  Aber mir selbst graute vor der
Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum sphten wir
umher nach einem Mann, der das Geschft vollbringen knne.  Unter den
Florentinern wagte ich keinen zu dingen, denn gegen den Gouverneur
wrde keiner etwas Solches unternommen haben.  Da fiel Pietro der
Plan ein, den ich nachher ausgefhrt habe; zugleich schlug er dich
als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor.  Den Verlauf der Sache
weit du.  Nur an deiner groen Vorsicht und Ehrlichkeit schien mein
Unternehmen zu scheitern.  Daher der Zufall mit dem Mantel.

Pietro ffnete uns das Pfrtchen an dem Palast des Gouverneurs; er
htte uns auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht,
durch den schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Trspalte
darbot, erschreckt, entflohen wren.  Von Schrecken und Reue gejagt,
war ich ber zweihundert Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen
einer Kirche niedersank.  Dort erst sammelte ich mich wieder, und
mein erster Gedanke warst du und dein schreckliches Schicksal, wenn
man dich in dem Hause fnde.  Ich schlich an den Palast, aber weder
von Pietro noch von dir konnte ich eine Spur entdecken; das Pfrtchen
aber war offen, so konnte ich wenigstens hoffen, da du die
Gelegenheit zur Flucht bentzt haben knntest.

Als aber der Tag anbrach, lie mich die Angst vor der Entdeckung und
ein unabweisbares Gefhl von Reue nicht mehr in den Mauern von
Florenz.  Ich eilte nach Rom.  Aber denke dir meine Bestrzung, als
man dort nach einigen Tagen berall diese Geschichte erzhlte mit dem
Beisatz, man habe den Mrder, einen griechischen Arzt, gefangen.  Ich
kehrte in banger Besorgnis nach Florenz zurck; denn schien mir meine
Rache schon vorher zu stark, so verfluchte ich sie jetzt, denn sie
war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft.  Ich kam an demselben
Tage an, der dich der Hand beraubte.  Ich schweige von dem, was ich
fhlte, als ich dich das Schafott besteigen und so heldenmtig leiden
sah.  Aber damals, als dein Blut in Strmen aufspritzte, war der
Entschlu fest in mir, dir deine brigen Lebenstage zu versen.  Was
weiter geschehen ist, weit du, nur das bleibt mir noch zu sagen
brig, warum ich diese Reise mit dir machte.

Als eine schwere Last drckte mich der Gedanke, da du mir noch immer
nicht vergeben habest; darum entschlo ich mich, viele Tage mit dir
zu leben und dir endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit
dir getan."

Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehrt; mit sanftem Blick
bot er ihm, als er geendet hatte, seine Rechte.  "Ich wute wohl, da
du unglcklicher sein mtest als ich, denn jene grausame Tat wird
wie eine dunkle Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir
von Herzen.  Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter
dieser Gestalt in die Wste?  Was fingst du an, nachdem du in
Konstantinopel mir das Haus gekauft hattest?"

"Ich ging nach Alessandria zurck", antwortete der Gefragte.  "Ha
gegen alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Ha besonders
gegen jene Nationen, die man die gebildeten nennt.  Glaube mir, unter
meinen Moslemiten war mir wohler!  Kaum war ich einige Monate in
Alessandria, als jene Landung meiner Landsleute erfolgte.

Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders;
darum sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner
Bekanntschaft und schlo mich jenen tapferen Mamelucken an, die so
oft der Schrecken des franzsischen Heeres wurden.  Als der Feldzug
beendigt war, konnte ich mich nicht entschlieen, zu den Knsten des
Friedens zurckzukehren.  Ich lebte mit einer kleinen Anzahl
gleichdenkender Freunde ein unstetes und flchtiges, dem Kampf und
der Jagd geweihtes Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die
mich wie ihren Frsten ehren; denn wenn meine Asiaten auch nicht so
gebildet sind wie Eure Europer, so sind sie doch weit entfernt von
Neid und Verleumdung, von Selbstsucht und Ehrgeiz."

Zaleukos dankte dem Fremden fr seine Mitteilung, aber er verbarg ihm
nicht, da er es fr seinen Stand, fr seine Bildung angemessener
fnde, wenn er in christlichen, in europischen Lndern leben und
wirken wrde.  Er fate seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen,
bei ihm zu leben und zu sterben.

Gerhrt sah ihn der Gastfreund an.  "Daraus erkenne ich", sagte er,
"da du mir ganz vergeben hast, da du mich liebst.  Nimm meinen
innigsten Dank dafr!"  Er sprang auf und stand in seiner ganzen Gre
vor dem Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel
blitzenden Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute.
"Dein Vorschlag ist schn", sprach jener weiter, "er mchte fr jeden
andern lockend sein--ich kann ihn nicht bentzen.  Schon steht mein
Ro gesattelt, erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!"  Die
Freunde, die das Schicksal so wunderbar zusammengefhrt, umarmten
sich zum Abschied.  "Und wie nenne ich dich?  Wie heit mein
Gastfreund, der auf ewig in meinem Gedchtnis leben wird?" fragte der
Grieche.

Der Fremde sah ihn lange an, drckte ihm noch einmal die Hand und
sprach: "Man nennt mich den Herrn der Wste; ich bin der Ruber
Orbasan."


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Mrchen-Almanach auf das Jahr
1826", von Wilhelm Hauff.





*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1826 ***

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