The Project Gutenberg EBook of Romeo und Julia, by William Shakespeare
(#16 in our series by William Shakespeare)

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Title: Romeo und Julia

Author: William Shakespeare

Release Date: November, 2004  [EBook #6996]
[This file was first posted on February 20, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ROMEO UND JULIA ***




Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
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Romeo und Julia

William Shakespeare

bersetzt von August Wilhelm von Schlegel


PERSONEN

ESCALUS, Prinz von Verona

[GRAF] PARIS, ein junger Edelmann, Verwandter des Prinzen

MONTAGUE und CAPULET } Hupter zweier Huser, welche in Zwist
miteinander sind

[Ein andrer CAPULET, des Vorigen Verwandter] Ein alter Mann,
ein Onkel von Capulet

ROMEO, Montagues Sohn

MERCUTIO, Verwandter des Prinzen und Romeos Freund

BENVOLIO, Montagues Neffe und Romeos Freund

TYBALT, Neffe der Grfin Capulet

Bruder LORENZO, ein Franziskaner

Bruder MARKUS, von demselben Orden

ABRAHAM, Diener im Hause Montague

BALTHASAR, Romeos Diener

[SIMSON, GREGORIO, PETER und andere DIENER im Hause Capulet]

SIMSON, Diener des Capulet

GREGORIO, Diener des Capulet

PETER, Diener von Julias Amme

Drei MUSIKANTEN

Ein PAGE des Paris; ein weiterer Page

Ein APOTHEKER

CHORUS

Ein Offizier

Grfin MONTAGUE, Ehefrau des Montague

Grfin CAPULET, Ehefrau des Capulet

JULIA, Capulets Tochter

[WRTERIN, frher] Juliens Amme

Brger von Verona.  Verschiedene Mnner und Frauen, Verwandte
beider Huser.

Masken, Garde, Wchter, Gefolge


Die Szene ist den grten Teil des Stcks hindurch in Verona;
zu Anfange des fnften Aktes in Mantua



PROLOG


(Der Chorus tritt auf.)

CHORUS
Zwei Huser waren--gleich an Wrdigkeit--
 Hier in Verona, wo die Handlung steckt,
Durch alten Groll zu neuem Kampf bereit,
 Wo Brgerblut die Brgerhand befleckt.
Aus dieser Feinde unheilvollem Scho
 Das Leben zweier Liebender entsprang,
Die durch ihr unglckselges Ende blo
 Im Tod begraben elterlichen Zank.
Der Hergang ihrer todgeweihten Lieb
 Und der Verlauf der elterlichen Wut,
Die nur der Kinder Tod von dannen trieb,
 Ist nun zwei Stunden lang der Bhne Gut;
Was dran noch fehlt, hrt mit geduldgem Ohr,
Bringt hoffentlich nun unsre Mh hervor.




ERSTER AKT



ERSTE SZENE

(Ein ffentlicher Platz)

(Simson und Gregorio, [zwei Bediente Capulets,] treten
bewaffnet mit
Schwertern und Schilden auf.)


SIMSON
Auf mein Wort, Gregorio, wir wollen nichts in die Tasche
stecken.

GREGORIO
Freilich nicht, sonst wren wir Taschenspieler.

SIMSON
Ich meine, ich werde den Koller kriegen und vom Leder
ziehn.

GREGORIO
Ne, Freund, deinen ledernen Koller mut du bei Leibe
nicht ausziehen.

SIMSON
Ich schlage geschwind zu, wenn ich aufgebracht bin.

GREGORIO
Aber du wirst nicht geschwind aufgebracht.

SIMSON
Ein Hund aus Montagues Hause bringt mich schon auf.

GREGORIO
Einen aufbringen heit: ihn von der Stelle schaffen.
Um tapfer zu sein, mu man standhalten.  Wenn du dich
also aufbringen lt, so lufst du davon.

SIMSON
Ein Hund aus dem Hause bringt mich zum Standhalten.
[Mit jedem Bedienten und jedem Mdchen Montagues will ich
es aufnehmen.] Ich habe bei jedem Bedienten und Mdchen
der Montagues den Vorrang und nehme also die Mauerseite
ein, [so da ich nicht auf die schmutzige Straenmitte
treten mu.]


GREGORIO
Daran sieht man, da du ein schwacher Sklave bist;
denn der schwchste geht gegen die Mauer.

SIMSON
Das ist wahr; und daher werden die Weiber, da sie die
schwcheren sind, immer gegen die Mauer gedrckt:
folglich werde ich Montagues Bediente von der Mauer
wegstoen und seine Mdchen gegen die Mauer drcken.

GREGORIO
Der Streit ist nur zwischen unseren Herrschaften und uns,
ihren Bedienten.  [Es mit den Mdchen aufnehmen?  Pfui doch!
Du solltest dich lieber von ihnen aufnehmen lassen.]

SIMSON
Einerlei!  Ich will barbarisch zu Werke gehn.  Hab ichs
mit den Bedienten erst ausgefochten, so will ich mir die
Mdchen unterwerfen.  [Sie sollen die Spitze meines Degens
fhlen, bis er stumpf wird.] Ich werde sie ihrer
jungfrulichen Hupter berauben.

GREGORIO
Die Jungfrauen enthaupten?

SIMSON
Jawohl, die Jungfrauen enthaupten oder ihnen die
Jungfrulichkeit nehmen, nimm es in dem einen oder
anderen Sinn, ganz wie du willt.

GREGORIO
Sie werden es sinngem aufnehmen mssen, die es zu
spren bekommen.

SIMSON
Mich sollen sie zu spren bekommen, solange ich noch
standhalten kann: und es ist bekannt, da ich ein hbsches
Stck Fleisches bin.

GREGORIO
Nur gut, da du nicht Fisch bist, sonst wrst du ein
rmlicher Drr-Hering.--Zieh nur gleich vom Leder: Da
kommen zwei aus dem Hause der Montagues.

(Abraham und Balthasar treten auf.)

SIMSON
Hier, meine Waffe ist blank.  Fang nur Hndel an, ich will
den Rcken decken.

GREGORIO
Den Rcken?  Willst du Reiaus nehmen?

SIMSON
Frchte nichts von mir!

GREGORIO
Ne, wahrhaftig!  Ich dich frchten?

SIMSON
La uns das Recht auf unsrer Seite behalten, la sie
anfangen!

GREGORIO
Ich will ihnen im Vorbeigehn ein Gesicht ziehen, sie
mgens nehmen, wie sie wollen.

SIMSON
Wie sie wagen, lieber.  Ich will ihnen einen Esel bohren;
wenn sie es einstecken, so haben sie den Schimpf.

(Abraham und Balthasar treten auf.)

ABRAHAM
Bohrt Ihr uns einen Esel, mein Herr?

SIMSON
Ich bohre einen Esel, mein Herr.

ABRAHAM
Bohrt Ihr uns einen Esel, mein Herr?

SIMSON
Ist das Recht auf unsrer Seite, wenn ich ja sage?

GREGORIO
Nein.

SIMSON
Nein, mein Herr!  Ich bohre Euch keinen Esel, mein Herr.
Aber ich bohre einen Esel, mein Herr.

GREGORIO
Sucht Ihr Hndel, mein Herr?

ABRAHAM
Hndel, Herr?  Nein, mein Herr.

SIMSON
Wenn Ihr sonst Hndel sucht, mein Herr: ich steh zu Diensten.
Ich bediene einen ebenso guten Herrn wie Ihr.

ABRAHAM
Keinen bessern.

SIMSON
Sehr wohl, mein Herr!

(Benvolio tritt auf.)

GREGORIO
Sag: einen bessern; hier kommt ein Vetter meiner Herrschaft.

SIMSON
Ja doch, einen bessern, mein Herr.

ABRAHAM
Ihr lgt!

SIMSON
Zieht, falls ihr Kerls seid!  Frisch, Gregorio!  denk mir an
deinen Schwadronierhieb.

(Sie fechten.  Benvolio tritt auf.)

BENVOLIO
Ihr Narren, fort!  Steckt eure Schwerter ein;
Ihr wit nicht, was ihr tut.

(Er schlgt ihre Schwerter nieder.  Tybalt tritt auf.)

TYBALT
Was?  Ziehst du unter den verzagten Knechten?
Hieher, Benvolio!  Biet die Stirn dem Tode!

BENVOLIO
Ich stifte Frieden, steck dein Schwert nur ein!
Wo nicht, so fhr es, diese hier zu trennen!

TYBALT
Was?  Ziehn und Friede rufen?  Wie die Hlle
Ha ich das Wort, wie alle Montagues
Und dich!  Wehr dich, du Memme!

(Sie fechten.  Verschiedene Anhnger beider Huser kommen
und mischen sich in den Streit; dann Brger mit Kntteln.)

ERSTER BRGER
He!  Spie' und Stangen her!--Schlagt auf sie los!
Weg mit den Capulets!--Weg mit den Montagues!

(Capulet im Schlafrock und Grfin Capulet.)

CAPULET
Was fr ein Lrm?--Holla, mein langes Schwert!

GRFIN CAPULET
Nein, Krcken, Krcken!  Wozu soll ein Schwert!

CAPULET
Mein Schwert, sag ich!  Der alte Montague
Kommt dort und schwingt die Klinge mir zum Hohn.

(Montague und Grfin Montague.)

MONTAGUE
Du Schurke Capulet!--

MONTAGUE
Schon manchen Morgen ward er dort gesehn,
Wie er den frischen Tau durch Trnen mehrte
Und, tief erseufzend, Wolk an Wolke drngte.
Allein sobald im fernsten Ost die Sonne,
Die allerfreunde, von Auroras Bett
Den Schattenvorhang wegzuziehn beginnt,
Stiehlt vor dem Licht mein finstrer Sohn sich heim
Und sperrt sich einsam in sein Kmmerlein,
Verschliet dem schnen Tageslicht die Fenster
Und schaffet knstlich Nacht um sich herum.
In schwarzes Migeschick wird er sich trumen,
Wei guter Rat den Grund nicht wegzurumen.

BENVOLIO
Mein edler Oheim, wisset Ihr den Grund?

MONTAGUE
Ich wei ihn nicht und kann ihn nicht erforschen.

BENVOLIO
Lagt Ihr ihm jemals schon deswegen an?

MONTAGUE
Ich selbst sowohl als mancher andre Freund.
Doch er, der eignen Neigungen Vertrauter,
Ist gegen sich, wie treu, will ich nicht sagen,
Doch so geheim und in sich selbst gekehrt,
So unergrndlich forschendem Bemhn
Wie eine Knospe, die ein Wurm zernagt,
Eh sie der Luft ihr zartes Laub entfalten
Und ihren Reiz der Sonne weihen kann.
Erfhren wir, woher sein Leid entsteht,
Wir heilten es so gern, als wirs erspht.

(Romeo erscheint in einiger Entfernung.)

BENVOLIO
Da kommt er, seht!  Geruht, uns zu verlassen;
Galt ich ihm je was, will ich schon ihn fassen.

MONTAGUE
O beichtet' er fr dein Verweilen dir
Die Wahrheit doch!--Kommt, Grfin, gehen wir!

(Montague und Grfin Montague gehen ab.  Romeo tritt auf.)

BENVOLIO
Ha, guten Morgen, Vetter!

ROMEO
 Erst so weit?

BENVOLIO
Kaum schlug es neun.

ROMEO
 Weh mir.  Gram dehnt die Zeit.
War das mein Vater, der so eilig ging?

BENVOLIO
Er wars.  Und welcher Gram dehnt Euch die Stunden?

ROMEO
Da ich entbehren mu, was sie verkrzt.

BENVOLIO
Entbehrt Ihr Liebe?

ROMEO
 Nein.

BENVOLIO
 So ward sie Euch zuteil?

ROMEO
Nein, Lieb entbehr ich, wo ich lieben mu.

BENVOLIO
Ach, da der Liebesgott, so mild im Scheine,
So grausam in der Prob erfunden wird!

ROMEO
Ach, da der Liebesgott, trotz seinen Binden,
Zu seinem Ziel stets Pfade wei zu finden!
Wo speisen wir?--Ach, welch ein Streit war hier?
Doch sagt mirs nicht, ich hrt es alles schon:
Ha gibt hier viel zu schaffen, Liebe mehr.
Nun denn: Liebreicher Ha!  Streitschtge Liebe!
Du Alles, aus dem Nichts zuerst erschaffen!
Schwermtger Leichtsinn!  Ernste Tndelei!
Entstelltes Chaos glnzender Gestalten!
Bleischwinge!  Lichter Rauch und kalte Glut!
Stets wacher Schlaf, dein eignes Widerspiel!
So fhl ich Lieb und hasse, was ich fhl!
Du lachst nicht?

BENVOLIO
 Nein, das Weinen ist mir nher.

ROMEO
Warum, mein Herz?

BENVOLIO
 Um deines Herzens Qual.

ROMEO
Das ist der Liebe Unbill nun einmal.
Schon eignes Leid will mir die Brust zerpressen,
Dein Gram um mich wird voll das Ma mir messen.
Die Freundschaft, die du zeigst, mehrt meinen Schmerz;
Denn, wie sich selbst, so qult auch dich mein Herz.
Lieb ist ein Rauch, den Seufzerdmpf erzeugten,
Geschrt, ein Feur, von dem die Augen leuchten,
Geqult, ein Meer, von Trnen angeschwellt;
Was ist sie sonst?  Verstndge Raserei
Und ekle Gall und se Spezerei.
Lebt wohl, mein Freund!

(Im Gehen.)

BENVOLIO
 Sacht!  Ich will mit Euch gehen;
Ihr tut mir Unglimpf, lat Ihr so mich stehen.

ROMEO
Ach, ich verlor mich selbst; ich bin nicht Romeo.
Der ist nicht hier: er ist--ich wei nicht, wo.

BENVOLIO
Entdeckt mir ohne Mutwill, wen Ihr liebt.

ROMEO
Bin ich nicht ohne Mut und ohne Willen?

BENVOLIO
Nein, sagt mirs ernsthaft doch!

ROMEO
Bitt einen ernsthaft um sein Testament,
Den Kranken qults, wenn man das Wort ihm nennt!
Hrt, Vetter, denn im Ernst: Ich lieb ein Weib.

BENVOLIO
Ich trafs doch gut, da ich verliebt Euch glaubte.

ROMEO
Ein wackrer Schtz!--Und die ich lieb, ist schn.

BENVOLIO
Ein glnzend Ziel kann man am ersten treffen.

ROMEO
Dies Treffen traf dir fehl, mein guter Schtz;
Sie weicht dem Pfeil aus, sie hat Dianens Witz
Umsonst hat ihren Panzer keuscher Sitten
Der Liebe kindisches Gescho bestritten.
Sie wehrt den Sturm der Liebesbitten ab,
Steht nicht dem Angriff kecker Augen, ffnet
Nicht ihren Scho dem Gold, das Heilge lockt.
O sie ist reich an Schnheit; arm allein,
Weil, wenn sie stirbt, ihr Reichtum hin wird sein.

BENVOLIO
Beschwor sie der Enthaltsamkeit Gesetze?

ROMEO
Sie tats, und dieser Geiz vergeudet Schtze.
Denn Schnheit, die der Lust sich streng enthlt,
Bringt um ihr Erb die ungeborne Welt.
Sie ist zu schn und weis', um Heil zu erben,
Weil sie, mit Weisheit schn, mich zwingt zu sterben.
Sie schwor zu lieben ab, und dies Gelbd
Ist Tod fr den, der lebt, nur weil er liebt.

BENVOLIO
Folg meinem Rat, vergi an sie zu denken!

ROMEO
So lehre mich, das Denken zu vergessen.

BENVOLIO
Gib deinen Augen Freiheit, lenke sie
Auf andre Reize hin.

ROMEO
 Das ist der Weg,
Mir ihren Reiz in vollem Licht zu zeigen.
Die Schwrze jener neidenswerten Larven,
Die schner Frauen Stirne kssen, bringt
Uns in den Sinn, da sie das Schne bergen.
Der, welchen Blindheit schlug, kann nie das Kleinod
Des eingebten Augenlichts vergessen.
Zeigt mir ein Weib, unbertroffen schn:
Mir gilt ihr Reiz wie eine Weisung nur,
Worin ich lese, wer sie bertrifft.
Leb wohl!  Vergessen lehrest du mich nie.

BENVOLIO
Dein Schuldner sterb ich, glckt mir nicht die Mh.

(Beide ab.)



ZWEITE SZENE

(Eine Strae)

(Capulet, Paris und ein Diener kommen.)


CAPULET
Und Montague ist mit derselben Bue
Wie ich bedroht?  Fr Greise, wie wir sind,
Ist Frieden halten, denk ich, nicht so schwer.

PARIS
Ihr geltet beid als ehrenwerte Mnner,
Und Jammer ists um Euren langen Zwiespalt.
Doch, edler Graf, wie dnkt Euch mein Gesuch?

CAPULET
Es dnkt mich so, wie ich vorhin gesagt.
Mein Kind ist noch ein Fremdling in der Welt,
Sie hat kaum vierzehn Jahre wechseln sehn.
Lat noch zwei Sommer prangen und verschwinden,
Eh wir sie reif, um Braut zu werden, finden.

PARIS
Noch jngre wurden oft beglckte Mtter.

CAPULET
Wer vor der Zeit beginnt, der endigt frh.
All meine Hoffnungen verschlang die Erde;
Mir blieb nur dieses hoffnungsvolle Kind.
Doch werbt nur, lieber Graf!  Sucht Euer Heil!
Mein Will ist von dem ihren nur ein Teil.
Wenn sie aus Wahl in Eure Bitten willigt,
So hab ich im voraus ihr Wort gebilligt,
Ich gebe heut ein Fest, von alters hergebracht,
Und lud darauf der Gste viel zu Nacht,
Was meine Freunde sind: Ihr, der dazu gehret,
Sollt hoch willkommen sein, wenn Ihr die Zahl vermehret.
In meinem armen Haus sollt Ihr des Himmels Glanz
Heut nacht verdunkelt sehn durch irdscher Sterne Tanz.
Wie muntre Jnglinge mit neuem Mut sich freuen,
Wenn auf die Fersen nun der Fu des holden Maien
Dem lahmen Winter tritt: die Lust steht Euch bevor,
Wann Euch in meinem Haus ein frischer Mdchenflor
Von jeder Seit umgibt.  Ihr hrt, Ihr seht sie alle,
Da, die am schnsten prangt, am meisten Euch gefalle.
Dann mgt Ihr in der Zahl auch meine Tochter sehn,
Sie zhlt fr eine mit, gilt sie schon nicht fr schn.
Kommt, geht mit mir!--Du, Bursch, nimm das Papier mit Namen,
Trab in der Stadt herum, such alle Herrn und Damen,
So hier geschrieben stehn,

(bergibt ein Papier)

 und sag mit Hflichkeit:
Mein Haus und mein Empfang steh ihrem Dienst bereit.

(Capulet und Paris gehen ab.)

DIENER
Die Leute soll ich suchen, wovon die Namen hier geschrieben
stehn?  Es steht geschrieben, der Schuster soll sich um seine
Elle kmmern, der Schneider um seinen Leisten, der Fischer
um seinen Pinsel, der Maler um seine Netze.  Aber mich schicken
sie, um die Leute ausfindig zu machen, wovon die Namen hier
geschrieben stehn, und ich kann doch gar nicht ausfindig
machen, was fr Namen der Schreiber hier aufgeschrieben hat.
Ich mu zu den Gelahrten!--



DRITTE SZENE

(Ein Zimmer in Capulets Hause)

(Grfin Capulet und die Wrterin.)


GRFIN CAPULET
Ruft meine Tochter her; wo ist sie, Amme?

WRTERIN
Bei meiner Jungfernschaft im zwlften Jahr,
Ich rief sie schon.--He, Lmmchen!  zartes Tubchen--
Da Gott!  wo ist das Kind?  He, Juliette!

(Julia kommt.)

JULIA
Was ist?  Wer ruft mich?

WRTERIN
Eure Mutter.

JULIA
Hier bin ich, gndge Mutter!  Was beliebt?

GRFIN CAPULET
Die Sach ist diese!--Amme, geh beiseit,
Wir mssen heimlich sprechen.--Amme, komm
Nur wieder her, ich habe mich besonnen,
Ich will dich mit zur berlegung ziehn.
Du weit, mein Kind hat schon ein hbsches Alter.

WRTERIN
Das zhl ich, meiner Treu, am Finger her.

GRFIN CAPULET
Sie ist nicht vierzehn Jahre.

WRTERIN
Ich wette vierzehn meiner Zhne drauf--
Zwar hab ich nur vier Zahn, ich arme Frau--,
Sie ist noch nicht vierzehn.  Wie lang ists bis Johannis?

GRFIN CAPULET
Ein vierzehn Tag und drber.

WRTERIN
Nun, drber oder drunter.  Just den Tag,
Johannistag zu Abend, wird sie vierzehn.
Suschen und sie--Gott gebe jedem Christen
Das ewge Leben!--waren eines Alters.
Nun, Suschen ist bei Gott;
Sie war zu gut fr mich.  Doch wie ich sagte,
Johannistag zu Abend wird sie vierzehn.
Das wird sie, meiner Treu; ich wei recht gut.
Elf Jahr ists her, seit wir 's Erdbeben hatten;
Und ich entwhnte sie--mein Leben lang
Verge ichs nicht--just auf denselben Tag.
Ich hatte Wermut auf die Brust gelegt
Und sa am Taubenschlage in der Sonne;
Die gndge Herrschaft war zu Mantua.
Ja, ja!  Ich habe Grtz im Kopf!  Nun, wie ich sagte:
Als es den Wermut auf der Warze schmeckte
Und fand ihn bitter--nrrsches, kleines Ding--,
Wie's bse ward und zog der Brust ein Gsicht!
Krach!  sagt' der Taubenschlag; und ich, frwahr,
Ich wute nicht, wie ich mich tummeln sollte,
Und seit der Zeit ists nun elf Jahre her.
Denn damals stand sie schon allein; mein Treu,
Sie lief und watschelt' Euch schon flink herum.
Denn tags zuvor fiel sie die Stirn entzwei,
Und da hob sie mein Mann--Gott hab ihn selig!
Er war ein lustger Mann--vom Boden auf.
Ei, sagt' er, fllst du so auf dein Gesicht?
Wirst rcklings fallen, wenn du klger bist,
Nicht wahr, mein Kind?  Und liebe, heilge Frau!
Das Mdchen schrie nicht mehr und sagte: Ja.
Da seh man, wie so 'n Spa zum Vorschein kommt!
Und lebt ich tausend Jahre lang, ich wette,
Da ich es nie verga.  Nicht wahr, mein Kind?  sagt' er;
Und 's liebe Nrrchen ward still und sagte: Ja.

GRFIN CAPULET
Genug davon, ich bitte, halt dich ruhig.

WRTERIN
Ja, gndge Frau.  Doch lcherts mich noch immer,
Wie 's Kind sein Schreien lie und sagte: Ja,
Und sa ihm, meiner Treu, doch eine Beule,
So dick wie 'n Hhnerei, auf seiner Stirn,
Recht gfhrlich dick, und es schrie bitterlich.
Mein Mann, der sagte: Ei, fllst aufs Gesicht?
Wirst rcklings fallen, wenn du lter bist.
Nicht wahr, mein Kind?  Still wards und sagte: Ja.

JULIA
Ich bitt dich, Amme, sei doch auch nur still.

WRTERIN
Gut, ich bin fertig.  Gott behte dich!
Du warst das feinste Pppchen, das ich sugte.
Erleb ich deine Hochzeit noch einmal,
So wnsch ich weiter nichts.

GRFIN CAPULET
Die Hochzeit, ja, das ist der Punkt, von dem
Ich sprechen wollte.  Sag mir, liebe Tochter,
Wie stehts mit deiner Lust, dich zu vermhlen?

JULIA
Ich trumte nie von dieser Ehre noch.

WRTERIN
Ein Ehre!  Httst du eine andre Amme
Als mich gehabt, so wollt ich sagen: Kind,
Du habest Weisheit mit der Milch gesogen.

GRFIN CAPULET
Gut, denke jetzt dran; jnger noch als du
Sind angesehne Fraun hier in Verona
Schon Mtter worden.  Ist mir recht, so war
Ich deine Mutter in demselben Alter,
Wo du noch Mdchen bist.  Mit einem Wort:
Der brave Paris wirbt um deine Hand.

WRTERIN
Das ist ein Mann, mein Frulein!  Solch ein Mann,
Als alle Welt--ein wahrer Zuckermann!

GRFIN CAPULET
Die schnste Blume von Veronas Flor.

WRTERIN
Ach ja, 'ne Blume!  Gelt, 'ne rechte Blume!

GRFIN CAPULET
Was sagst du?  Wie gefllt dir dieser Mann?
Heut abend siehst du ihn bei unserm Fest.
Dann lies im Buche seines Angesichts,
In das der Schnheit Griffel Wonne schrieb,
Betrachte seiner Zge Lieblichkeit,
Wie jeglicher dem andern Zierde leiht.
Was dunkel in dem holden Buch geblieben,
Das lies in seinem Aug am Rand geschrieben.
Und dieses Freiers ungebundner Stand,
Dies Buch der Liebe braucht nur einen Band.
Der Fisch lebt in der See, und doppelt teuer
Wird ures Schn' als innrer Schnheit Schleier.
Das Buch glnzt allermeist im Aug der Welt,
Das goldne Lehr in goldnen Spangen hlt.
So wirst du alles, was er hat, genieen,
Wenn du ihn hast, ohn etwas einzuben.

WRTERIN
Einben?  Nein, zunehmen wird sie eher;
Die Weiber nehmen oft durch Mnner zu.

GRFIN CAPULET
Sag kurz, fhlst du dem Grafen dich geneigt?

JULIA
Gern will ich sehn, ob Sehen Neigung zeugt;
Doch weiter soll mein Blick den Flug nicht wagen,
Als ihn die Schwingen Eures Beifalls tragen.

(Ein Diener kommt.)

DIENER
Gndige Frau, die Gste sind da, das Abendessen auf dem
Tisch; Ihr werdet gerufen, das Frulein gesucht, die Amme
in der Speisekammer zum Henker gewnscht, und alles geht
drunter und drber.  Ich mu fort, aufwarten; ich bitte Euch,
kommt unverzglich!

GRFIN CAPULET
Gleich!--

(Der Diener geht ab.)

 Paris wartet; Julia, komm geschwind!

WRTERIN
Such frohe Nacht auf frohe Tage, Kind!

(Alle ab.)



VIERTE SZENE

(Eine Strae)

(Romeo, Mercutio, Benvolio mit fnf oder sechs Masken,
Fackeltrgern und anderen.)


ROMEO
Soll diese Red uns zur Entschuldgung dienen?
Wie?  Oder treten wir nur grad hinein?

BENVOLIO
Umschweife solcher Art sind nicht mehr Sitte.
Wir wollen keinen Amor, mit der Schrpe
Geblendet, der den bunt bemalten Bogen
Wie ein Tatar geschnitzt aus Latten trgt
Und wie 'ne Vogelscheuch die Frauen schreckt;
Auch keinen hergebeteten Prolog,
Wobei viel zugeblasen wird, zum Eintritt.
Lat sie uns nur, wofr sie wollen, nehmen,
Wir nehmen ein paar Tnze mit und gehn.

ROMEO
Ich mag nicht springen; gebt mir eine Fackel!
Da ich so finster bin, so will ich leuchten.

MERCUTIO
Nein, du mut tanzen, lieber Romeo.

ROMEO
Ich wahrlich nicht!  Ihr seid so leicht von Sinn
Als leicht beschuht; mich drckt ein Herz von Blei
Zu Boden, da ich kaum mich regen kann.

MERCUTIO
Ihr seid ein Liebender; borgt Amors Flgel
und schwebet frei in ungewohnten Hhn.

ROMEO
Ich bin zu tief von seinem Pfeil durchbohrt,
Auf seinen leichten Schwingen hoch zu schweben.
Gewohnte Fesseln lassen mich nicht frei;
Ich sinke unter schwerer Liebeslast.

MERCUTIO
Und wolltet Ihr denn in die Liebe sinken?
Ihr seid zu schwer fr ein so zartes Ding.

ROMEO
Ist Lieb ein zartes Ding?  Sie ist zu rauh,
Zu wild, zu tobend; und sie sticht wie Dorn.

MERCUTIO
Begegnet Lieb Euch rauh, so tut desgleichen!
Stecht Liebe, wenn sie sticht; das schlgt sie nieder.

(Zu einem andern aus dem Gefolge.)

Gebt ein Gehuse fr mein Antlitz mir:

(Eine Maske aufsetzend.)

'ne Larve fr 'ne Larve!

(Bindet die Maske vor.)

 Nun ersphe
Die Neugier Migestalt: was kmmerts mich?
Errten wird fr mich dies Wachsgesicht.

BENVOLIO
Fort!  Klopft, und dann hinein!  Und sind wir drinnen,
So rhre gleich ein jeder flink die Beine!

ROMEO
Mir eine Fackel!  Leichtgeherzte Buben,
Die lat das Estrich mit den Sohlen kitzeln.
Ich habe mich verbrmt mit einem alten
Grovaterspruch: Wer 's Licht hlt, schauet zu!
Nie war das Spiel so schn; doch ich bin matt.

MERCUTIO
Jawohl, zu matt, dich aus dem Schlamme--nein,
Der Liebe wollt ich sagen--dich zu ziehn,
Worin du leider steckst bis an die Ohren.
Macht fort, wir leuchten ja dem Tage hier.

ROMEO
Das tun wir nicht.

MERCUTIO
 Ich meine, wir verscherzen,
Wie Licht bei Tag, durch Zgern unsre Kerzen.
Nehmt meine Meinung nach dem guten Sinn
Und sucht nicht Spiele des Verstandes drin.

ROMEO
Wir meinens gut, da wir zum Balle gehen;
Doch es ist Unverstand.

MERCUTIO
 Wie?  Lat doch sehen!

ROMEO
Ich hatte diese Nacht 'nen Traum.

MERCUTIO
 Auch ich.

ROMEO
Was war der Eure?

MERCUTIO
 Da auf Trume sich
Nichts bauen lt, da Trume fters lgen.

ROMEO
Sie trumen Wahres, weil sie schlafend liegen.

MERCUTIO
Nun seh ich wohl, Frau Mab hat Euch besucht.

[ROMEO
Frau Mab, wer ist sie?

MERCUTIO]
Sie ist der Feenwelt Entbinderin.
Sie kommt, nicht grer als der Edelstein
Am Zeigefinger eines Aldermanns,
Und fhrt mit 'nem Gespann von Sonnenstubchen
Den Schlafenden quer auf der Nase hin.
Die Speichen sind gemacht aus Spinnenbeinen,
Des Wagens Deck aus eines Heupferds Flgeln,
Aus feinem Spinngewebe das Geschirr,
Die Zgel aus des Mondes feuchtem Strahl;
Aus Heimchenknochen ist der Peitsche Griff,
Die Schnur aus Fasern; eine kleine Mcke
Im grauen Mantel sitzt als Fuhrmann vorn,
Nicht halb so gro als wie ein kleines Wrmchen,
Das in des Mdchens mgem Finger nistet.
Die Kutsch ist eine hohle Haselnu,
Vom Tischler Eichhorn oder Meister Wurm
Zurechtgemacht, die seit uralten Zeiten
Der Feen Wagner sind.  In diesem Staat
Trabt sie dann Nacht fr Nacht; befhrt das Hirn
Verliebter, und sie trumen dann von Liebe,
Des Schranzen Knie, der schnell von Reverenzen,
Des Anwalts Finger, der von Sporteln gleich,
Der Schnen Lippen, die von Kssen trumen;
Oft plagt die bse Mab mit Blschen diese,
Weil ihren Odem Nscherei verdarb.
Bald trabt sie ber eines Hofmanns Nase,
Dann wittert er im Traum sich mter aus,
Bald kitzelt sie mit eines Zinshahns Federn
Des Pfarrers Nase, wenn er schlafend liegt,
Von einer bessern Pfrnde trumt ihm dann;
Bald fhrt sie ber des Soldaten Nacken,
Der trumt sofort von Niedersbeln, trumt
Von Breschen, Hinterhalten, Damaszenern,
Von manchem klaftertiefen Ehrentrunk;
Nun trommelts ihm ins Ohr: da fhrt er auf
Und flucht in seinem Schreck ein paar Gebete
Und schlft von neuem.  Eben diese Mab
Verwirrt der Pferde Mhnen in der Nacht
Und flicht in struppges Haar die Weichselzpfe,
Die, wiederum entwirrt, auf Unglck deuten.
Dies ist die Hexe, welche Mdchen drckt,
Die auf dem Rcken ruhn, und die sie lehrt,
Als Weiber einst die Mnner zu ertragen.
Dies ist sie--

ROMEO
 Still, o still, Mercutio!
Du sprichst von einem Nichts.

MERCUTIO
 Wohl wahr, ich rede
Von Trumen, Kindern eines mgen Hirns,
Von nichts als eitler Phantasie erzeugt,
Die aus so dnnem Stoff als Luft besteht
Und flchtger wechselt als der Wind, der bald
Um die erfrorne Brust des Nordens buhlt
Und, schnell erzrnt, hinweg von dannen schnaubend,
Die Stirn zum taubetruften Sden kehrt.

BENVOLIO
Der Wind, von dem Ihr sprecht, entfhrt uns selbst.
Man hat gespeist; wir kamen schon zu spt.

ROMEO
Zu frh, befrcht ich; denn mein Herz erbangt
Und ahnet ein Verhngnis, welches, noch
Verborgen in den Sternen, heute nacht
Bei dieser Lustbarkeit den furchtbarn Zeitlauf
Beginnen und das Ziel des lstgen Lebens,
Das meine Brust verschliet, mir krzen wird
Durch einen schnd verwirkten frhen Tod.
Doch er, der mir zur Fahrt das Steuer lenkt,
Richt auch mein Segel!--Auf, ihr lustgen Freunde!

BENVOLIO
Rhrt Trommeln!

(Alle ab.)



FNFTE SZENE

(Ein Saal in Capulets Hause)

(Musikanten warten.  Diener kommen.)


ERSTER DIENER
Wo ist Schmorpfanne, da er nicht abrumen hilft?  Der wird
Teller wechseln, Teller scheuern!

ZWEITER DIENER
Wenn die gute Lebensart in eines oder zweier Menschen Hnden
sein soll, die noch obendrein ungewaschen sind: 's ist ein
unsaubrer Handel.

ERSTER DIENER
Die Klappsthle fort!  Rckt den Schenktisch beiseit!  Seht
nach dem Silberzeuge!  Kamerad, heb mir ein Stck Marzipan
auf, und wo du mich liebhast, sag dem Pfrtner, da er Suse
Mhlstein und Lene hereinlt.  Anton!  Schmorpfanne!

(Andre Diener kommen.)

ZWEITER DIENER
Hier, Bursch, wir sind parat.

ERSTER DIENER
Im groen Saale verlangt man euch, vermit man euch, sucht man
euch.

ZWEITER DIENER
Wir knnen nicht zugleich hier und dort sein.--Lustig, Kerle,
haltet euch brav; wer am lngsten lebt, kriegt den ganzen Bettel.

(Sie ziehen sich in den Hintergrund zurck.  Capulet etc.
[und die Seinen] mit den Gsten und Masken [und Dienerschaft].)

CAPULET
Willkommen, meine Herrn!  Wenn Eure Fe
Kein Leichdorn plagt.  Ihr Damen, flink ans Werk!
He, he.  Ihr schnen Fraun, wer von Euch allen
Schlgts nun wohl ab zu tanzen?  Ziert sich eine,
Ich wette, die hat Hhneraugen.  Nun,
Hab ichs Euch nah gelegt?  Ihr Herrn, willkommen!
Ich wei die Zeit, da ich 'ne Larve trug
Und einer Schnen eine Weis' ins Ohr
Zu flstern wute, die ihr wohlgefiel.
Das ist vorbei, vorbei!  Willkommen, Herren!
Kommt, Musikanten, spielt!  Macht Platz da, Platz!
Ihr Mdchen, frisch gesprungen!

(Musik und Tanz.  [--Zu den Dienern:])

Mehr Licht, ihr Burschen, und beiseit die Tische!
Das Feuer weg!  Das Zimmer ist zu hei.--
Ha, recht gelegen kommt der unverhoffte Spa.
Na, setzt Euch, setzt Euch, Vetter Capulet!
Wir beide sind ja bers Tanzen hin.
Wie lang ists jetzo, seit wir uns zuletzt
In Larven steckten?

ZWEITER CAPULET
 Dreiig Jahr, mein Seel.

CAPULET
Wie, Schatz?  So lang noch nicht, so lang noch nicht.
Denn seit der Hochzeit des Lucentio
Ists etwa fnfundzwanzig Jahr, sobald
Wir Pfingsten haben; und da tanzten wir.

ZWEITER CAPULET
's ist mehr, 's ist mehr!  Sein Sohn ist lter, Herr,
Sein Sohn ist dreiig.

CAPULET
 Sagt mir das doch nicht!
Sein Sohn war noch nicht mndig vor zwei Jahren.

ROMEO
(zu einem Diener aus seinem Gefolge.)
Wer ist das Frulein, welche dort den Ritter
Mit ihrer Hand beehrt?

DER DIENER
 Ich wei nicht, Herr.

ROMEO
Oh, sie nur lehrt die Kerzen, hell zu glhn!
Wie in dem Ohr des Mohren ein Rubin,
So hngt der Holden Schnheit an den Wangen
Der Nacht; zu hoch, zu himmlisch dem Verlangen.
Sie stellt sich unter den Gespielen dar
Als weie Taub in einer Krhenschar.
Schliet sich der Tanz, so nah ich ihr: ein Drcken
Der zarten Hand soll meine Hand beglcken.
Liebt ich wohl je?  Nein, schwr es ab, Gesicht!
Du sahst bis jetzt noch wahre Schnheit nicht.

TYBALT
Nach seiner Stimm ist dies ein Montague.
(Zu einem Diener.)
Hol meinen Degen, Bursch!--Was?  Wagt der Schurk,
Vermummt in eine Fratze, herzukommen
Zu Hohn und Schimpfe gegen unser Fest?
Frwahr, bei meines Stammes Ruhm und Adel,
Wer tot ihn schlg, verdiente keinen Tadel!

CAPULET
Was habt Ihr, Vetter?  Welch ein Sturm?  Wozu?

TYBALT
Seht, Oheim, der da ist ein Montague!
Der Schurke drngt sich unter Eure Gste
Und macht sich einen Spott an diesem Feste.

CAPULET
Ist es der junge Romeo?

TYBALT
Der Schurke Romeo!

CAPULET
Seid ruhig, Herzensvetter!  Lat ihn gehn!
Er hlt sich wie ein wackrer Edelmann;
Und in der Tat, Verona preiset ihn
Als einen sittgen, tugendsamen Jngling.
Ich mchte nicht fr alles Gut der Stadt
In meinem Haus ihm einen Unglimpf tun.
Drum seid geduldig; merket nicht auf ihn.
Das ist mein Will, und wenn du diesen ehrst,
So zeig dich freundlich, streif die Runzeln weg,
Die bel sich bei einem Feste ziemen.

TYBALT
Kommt solch ein Schurk als Gast, so stehn sie wohl.
Ich leid ihn nicht.

CAPULET
 Er soll gelitten werden,
Er soll!--Herr Junge, hrt Er das?  Nur zu!
Wer ist hier Herr?  Er oder ich?  Nur zu!
So, will Er ihn nicht leiden?--Helf mir Gott!--
Will Hader unter meinen Gsten stiften?
Will sich als starken Mann hier wichtig machen?

TYBALT
Ists nicht 'ne Schande, Oheim?

CAPULET
 Zu!  Nur zu!
Ihr seid ein kecker Bursch.  Ei, seht mir doch!
Der Streich mag Euch gereun; ich wei schon was.
Ihr macht mirs bunt!  Ja, das km eben recht!--
Brav, Herzenskinder!--Geht, vorwitzig seid Ihr!
Seid ruhig, sonst--Mehr Licht, mehr Licht, zum Kuckuck!--
Will ich zur Ruh Euch bringen!--Lustig, Kinder!

TYBALT
Mir kmpft Geduld aus Zwang mit willger Wut
Im Innern und emprt mein siedend Blut.
Ich gehe.--Hand ist frommer Waller Ku.

ROMEO
Haben nicht Heilge Lippen wie die Waller?

JULIA
Ja, doch Gebet ist die Bestimmung aller.

ROMEO
O so vergnne, teure Heilge nun,
Da auch die Lippen wie die Hnde tun.
Voll Inbrunst beten sie zu dir: erhre,
Da Glaube nicht sich in Verzweiflung kehre!

JULIA
Du weit, ein Heilger pflegt sich nicht zu regen,
Auch wenn er eine Bitte zugesteht.

ROMEO
So reg dich, Holde, nicht, wie Heilge pflegen,
Derweil mein Mund dir nimmt, was er erfleht.

(Er kt sie.)

Nun hat dein Mund ihn aller Snd entbunden.

JULIA
So hat mein Mund zum Lohn Snd fr die Gunst?

ROMEO
Zum Lohn die Snd?  O Vorwurf, s erfunden!
Gebt sie zurck!

(Kt sie wieder.)

JULIA
 Ihr kt recht nach der Kunst.

WRTERIN (tritt heran.)
Mama will Euch ein Wrtchen sagen, Frulein.

ROMEO
Wer ist des Fruleins Mutter?

WRTERIN
 Ei nun, Junker,
Das ist die gndge Frau vom Hause hier,
Gar eine wackre Frau und klug und ehrsam.
Die Tochter, die Ihr spracht, hab ich gesugt.
Ich sag Euch, wer ihr' habhaft werden kann,
Ist wohl gebettet.

ROMEO
Sie eine Capulet?  O teurer Preis!  Mein Leben
Ist meinem Feind als Schuld dahingegeben!

BENVOLIO
Fort, lat uns gehn; die Lust ist bald dahin.

ROMEO
Ach, leider wohl!  Das ngstet meinen Sinn.

CAPULET
Nein, liebe Herrn, denkt noch ans Weggehn nicht!
Ein kleines, schlichtes Mahl ist schon bereitet.--
Mu es denn sein?  Nun wohl, ich dank Euch allen;
Ich dank Euch, edle Herren: Gute Nacht!--
Mehr Fackeln her!--Kommt nun, bringt mich zu Bett.

(Zum zweiten Capulet.)

Wahrhaftig, es wird spt, ich will zur Ruh.

(Alle ab, auer Julia und Wrterin.)

JULIA
Komm zu mir, Amme; wer ist dort der Herr?

WRTERIN
Tiberios, des alten, Sohn und Erbe.

JULIA
Wer ists, der eben aus der Tre geht?

WRTERIN
Das, denk ich, ist der junge [Marcellin] Petruchio.

JULIA
Wer folgt ihm da, der gar nicht tanzen wollte?

WRTERIN
Ich wei nicht.

JULIA
Geh, frage, wie er heit!--Ist er vermhlt,
So ist das Grab zum Brautbett mir erwhlt.

WRTERIN (kommt zurck.)
Sein Nam ist Romeo, ein Montague
Und Eures groen Feindes einzger Sohn.

JULIA
So einzge Lieb aus groem Ha entbrannt!
Ich sah zu frh, den ich zu spt erkannt.
O Wunderwerk: ich fhle mich getrieben,
Den rgsten Feind aufs zrtlichste zu lieben.

WRTERIN
Wieso, wieso?

JULIA
Es ist ein Reim, den ich von einem Tnzer
Soeben lernte.

(Man ruft drinnen: Julia!)

WRTERIN
 Gleich, wir kommen ja!
Kommt, lat uns gehn; kein Fremder ist mehr da.

(Ab.)

(Der Chorus tritt auf.)

CHORUS
Die alte Liebe stirbt in ihm dahin,
 Und junge Zuneigung beerbt sie da;
Die Schne, nach der schmachtend stand sein Sinn,
 Scheint nicht mehr schn nun neben Julia.
Er wird geliebt und liebt nun auch zum Schlu,
 Ein Zauberblick kann beiderseits nicht fehln,
Doch scheint als Feind sie, der ers klagen mu,
 Und seiner Falle Kder mu sie stehln.
Als Feind gesehn, darf er nicht zu ihr her,
 Zu schwrn, wie wirs sonst bei Verliebten sehn;
Auch sie liebt ihn, doch kann noch weniger
 Zum neu geliebten irgendwohin gehn:
Doch Zeit schafft Rat, Verlangen leiht die Kraft
Und lindert Leid durch se Leidenschaft.

(Geht ab.)




ZWEITER AKT



ERSTE SZENE

(Ein offner Platz, der an Capulets Garten stt)

(Romeo tritt auf.)


ROMEO
Kann ich von hinnen, da mein Herz hier bleibt?
Geh, frostge Erde, suche deine Sonne!

(Er ersteigt die Mauer und springt hinunter.
Benvolio und Mercutio treten auf.)

BENVOLIO
He, Romeo, he, Vetter!

MERCUTIO
 Er ist klug
Und hat, mein Seel, sich heim ins Bett gestohlen.

BENVOLIO
Er lief hieher und sprang die Gartenmauer
Hinber.  Ruf ihn, Freund Mercutio!

MERCUTIO
Ja, auch beschwren will ich.  Romeo!
Was?  Grillen!  Toller!  Leidenschaft!  Verliebter!
Erscheine du, gestaltet wie ein Seufzer;
Sprich nur ein Reimchen, so gengt mirs schon;
Ein Ach nur jammre, paare Lieb und Triebe;
Gib der Gevattrin Venus ein gut Wort,
Schimpf eins auf ihren blinden Sohn und Erben,
Held Amor, der so flink gezielt, als Knig
Kophetua das Bettlermdchen liebte.
Er hret nicht, er regt sich nicht, er rhrt sich nicht.
Der Aff ist tot; ich mu ihn wohl beschwren.
Nun wohl: Bei Rosalindens hellem Auge,
Bei ihrer Purpurlipp und hohen Stirn,
Bei ihrem zarten Fu, dem schlanken Bein,
Den ppgen Hften und der Region,
Die ihnen nahe liegt, beschwr ich dich,
Da du in eigner Bildung uns erscheinest.

BENVOLIO
Wenn er dich hrt, so wird er zornig werden.

MERCUTIO
Hierber kann ers nicht; er htte Grund,
Bannt ich hinauf in seiner Dame Kreis
Ihm einen Geist von seltsam eigner Art
Und liee den da stehn, bis sie den Trotz
Gezhmt und nieder ihn beschworen htte.
Das wr Beschimpfung!  Meine Anrufung
Ist gut und ehrlich; mit der Liebsten Namen
Beschwr ich ihn, blo um ihn aufzurichten.

BENVOLIO
Komm!  Er verbarg sich unter jenen Bumen
Und pflegt des Umgangs mit der feuchten Nacht.
Die Lieb ist blind, das Dunkel ist ihr recht.

MERCUTIO
Ist Liebe blind, so zielt sie freilich schlecht.
Nun sitzt er wohl an einen Baum gelehnt
Und wnscht, sein Liebchen wr die reife Frucht
Und fiel ihm in den Scho.  Doch, gute Nacht,
Freund Romeo!  Ich will ins Federbett;
Das Feldbett ist zum Schlafen mir zu kalt.
Komm, gehn wir?

BENVOLIO
 Ja, es ist vergeblich, ihn
Zu suchen, der nicht will gefunden sein.

(Beide ab.)



ZWEITE SZENE

(Capulets Garten)

(Romeo kommt.)


ROMEO
Der Narben lacht, wer Wunden nie gefhlt.

(Julia erscheint oben an einem Fenster.)

Doch still, was schimmert durch das Fenster dort?
Es ist der Ost, und Julia die Sonne!--
Geh auf, du holde Sonn!  Ertte Lunen,
Die neidisch ist und schon vor Grame bleich,
Da du viel schner bist, obwohl ihr dienend.
O da sie neidisch ist, so dien ihr nicht!
Nur Toren gehn in ihrer blassen, kranken
Vestalentracht einher; wirf du sie ab!
Sie ist es, meine Gttin, meine Liebe!
O wte sie, da sie es ist!--
Sie spricht, doch sagt sie nichts: was schadet das?
Ihr Auge redt, ich will ihm Antwort geben.--
Ich bin zu khn, es redet nicht zu mir.
Ein Paar der schnsten Stern am ganzen Himmel
Wird ausgesandt und bittet Juliens Augen,
In ihren Kreisen unterdes zu funkeln.
Doch wren ihre Augen dort, die Sterne
In ihrem Antlitz?  Wrde nicht der Glanz
Von ihren Wangen jene so beschmen
Wie Sonnenlicht die Lampe?  Wrd ihr Aug
Aus luftgen Hhn sich nicht so hell ergieen,
Da Vgel sngen, froh den Tag zu gren?
O wie sie auf die Hand die Wange lehnt!
Wr ich der Handschuh doch auf dieser Hand
Und kte diese Wange!

JULIA
 Weh mir!

ROMEO
 Horch!
Sie spricht.  O sprich noch einmal, holder Engel!
Denn ber meinem Haupt erscheinest du
Der Nacht so glorreich, wie ein Flgelbote
Des Himmels dem erstaunten, ber sich
Gekehrten Aug der Menschenshne, die
Sich rcklings werfen, um ihm nachzuschaun,
Wenn er dahin fhrt auf den trgen Wolken
Und auf der Luft gewlbtem Busen schwebt.

JULIA
O Romeo!  Warum denn Romeo?
Verleugne deinen Vater, deinen Namen!
Willst du das nicht, schwr dich zu meinem Liebsten,
Und ich bin lnger keine Capulet!

ROMEO (fr sich.)
Hr ich noch lnger, oder soll ich reden?

JULIA
Dein Nam ist nur mein Feind.  Du bliebst du selbst,
Und wrst du auch kein Montague.  Was ist
Denn Montague?  Es ist nicht Hand, nicht Fu,
Nicht Arm noch Antlitz, noch ein andrer Teil
Von einem Menschen.  Sei ein andrer Name!
Was ist ein Name?  Was uns Rose heit,
Wie es auch hiee, wrde lieblich duften;
So Romeo, wenn er auch anders hiee,
Er wrde doch den kstlichen Gehalt
Bewahren, welcher sein ist ohne Titel.
O Romeo, leg deinen Namen ab,
Und fr den Namen, der dein Selbst nicht ist,
Nimm meines ganz!

ROMEO (indem er nher hinzutritt.)
 Ich nehme dich beim Wort.
Nenn Liebster mich, so bin ich neu getauft
Und will hinfort nicht Romeo mehr sein.

JULIA
Wer bist du, der du, von der Nacht beschirmt,
Dich drngst in meines Herzens Rat?

ROMEO
 Mit Namen
Wei ich dir nicht zu sagen, wer ich bin.
Mein eigner Name, teure Heilge, wird,
Weil er dein Feind ist, von mir selbst gehat;
Htt ich ihn schriftlich, so zerriss' ich ihn.

JULIA
Mein Ohr trank keine hundert Worte noch
Von diesen Lippen, doch es kennt den Ton.
Bist du nicht Romeo, ein Montague?

ROMEO
Nein, Holde; keines, wenn dir eins mifllt.

JULIA
Wie kamst du her?  O sag mir, und warum?
Die Gartenmaur ist hoch, schwer zu erklimmen;
Die Sttt ist Tod--bedenk nur, wer du bist--,
Wenn einer meiner Vettern dich hier findet.

ROMEO
Der Liebe leichte Schwingen trugen mich,
Kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren;
Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann,
Drum hielten deine Vettern mich nicht auf.

JULIA
Wenn sie dich sehn, sie werden dich ermorden.

ROMEO
Ach, deine Augen drohn mir mehr Gefahr
Als zwanzig ihrer Schwerter; blick du freundlich,
So bin ich gegen ihren Ha gesthlt.

JULIA
Ich wollt um alles nicht, da sie dich shn.

ROMEO
Vor ihnen hllt mich Nacht in ihren Mantel.
Liebst du mich nicht, so la sie nur mich finden;
Durch ihren Ha zu sterben wr mir besser
Als ohne deine Liebe Lebensfrist.

JULIA
Wer zeigte dir den Weg zu diesem Ort?

ROMEO
Die Liebe, die zuerst mich forschen hie;
Sie lieh mir Rat, ich lieh ihr meine Augen.
Ich bin kein Steuermann, doch wrst du fern
Wie Ufer, von dem fernsten Meer besplt,
Ich wagte mich nach solchem Kleinod hin.

JULIA
Du weit, die Nacht verschleiert mein Gesicht,
Sonst frbte Mdchenrte meine Wangen
Um das, was du vorhin mich sagen hrtest.
Gern hielt ich streng auf Sitte, mchte gern
Verleugnen, was ich sprach; doch weg mit Form!
Sag, liebst du mich?  Ich wei, du wirsts bejahn,
Und will dem Worte traun; doch wenn du schwrst,
So kannst du treulos werden; wie sie sagen,
Lacht Jupiter des Meineids der Verliebten.
O holder Romeo, wenn du mich liebst:
Sags ohne Falsch!  Doch dchtest du, ich sei
Zu schnell besiegt, so will ich finster blicken,
Will widerspenstig sein und Nein dir sagen,
So du dann werben willst; sonst nicht um alles.
Gewi, mein Montague, ich bin zu herzlich,
Du knntest denken, ich sei leichten Sinns.
Ich glaube, Mann, ich werde treuer sein
Als sie, die fremd zu tun geschickter sind.
Auch ich, bekenn ich, htte fremd getan,
Wr ich von dir, eh ichs gewahrte, nicht
Belauscht in Liebesklagen.  Drum vergib!
Schilt diese Hingebung nicht Flatterliebe,
Die so die stille Nacht verraten hat.

ROMEO
Ich schwre, Frulein, bei dem heilgen Mond,
Der silbern dieser Bume Wipfel sumt--Lieben sei!

ROMEO
Wobei denn soll ich schwren?

JULIA
 La es ganz!
Doch willst du, schwr bei deinem edlen Selbst,
Dem Gtterbilde meiner Anbetung;
So will ich glauben.

ROMEO
 Wenn die Herzensliebe--

JULIA
Gut, schwre nicht!  Obwohl ich dein mich freue,
Freu ich mich nicht des Bundes dieser Nacht.
Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu pltzlich,
Gleicht allzusehr dem Blitz, der nicht mehr ist,
Noch eh man sagen kann: es blitzt.--Schlaf s!
Des Sommers warmer Hauch kann diese Knospe
Der Liebe wohl zur schnen Blum entfalten,
Bis wir das nchste Mal uns wiedersehn.
Nun gute Nacht!  So se Ruh und Frieden,
Als mir im Busen wohnt, sei dir beschieden.

ROMEO
Ach, willst du lassen mich so ungetrstet?

JULIA
Welch Trstung kannst du diese Nacht begehren?

ROMEO
Gib deinen treuen Liebesschwur fr meinen!

JULIA
Ich gab ihn dir, eh du darum gefleht;
Und doch, ich wollt, er stnde noch zu geben.

ROMEO
Wolltst du mir ihn entziehn?  Wozu das, Liebe?

JULIA
Um unverstellt ihn dir zurckzugeben.
Allein ich wnsche, was ich habe, nur.
So grenzenlos ist meine Huld, die Liebe
So tief ja wie das Meer.  Je mehr ich gebe,
Je mehr auch hab ich: beides ist unendlich.
Ich hr im Haus Gerusch; leb wohl.  Geliebter!

(Die Wrterin ruft hinter der Szene.)

Gleich, Amme!  Holder Montague, sei treu!
Wart einen Augenblick; ich komme wieder!

(Sie geht zurck.)

ROMEO
O selge, selge Nacht!  Nur frcht ich, weil
Mich Nacht umgibt, dies alles sei nur Traum,
Zu schmeichelnd s, um wirklich zu bestehn.

(Julia erscheint wieder am Fenster.)

JULIA
Drei Worte, Romeo, dann gute Nacht!
Wenn deine Liebe tugendsam gesinnt
Vermhlung wnscht, so la mich morgen wissen
Durch jemand, den ich zu dir senden will,
Wo du und wann die Trauung willst vollziehn.
Dann leg ich dir mein ganzes Glck zu Fen
Und folge durch die Welt dir, meinem Herrn.

(Die Wrterin hinter der Szene: Frulein!)

Ich komme, gleich!--Doch meinst du es nicht gut,
So bitt ich dich--

(Die Wrterin hinter der Szene: Frulein!)

 Im Augenblick, ich komme!
--Hr auf zu werben, la mich meinem Gram!
Ich sende morgen frh.

ROMEO
 Beim ewgen Heil!

JULIA
Nun tausend gute Nacht!

(Geht zurck.)

ROMEO
Raubst du dein Licht ihr, wird sie bang durchwacht.
Wie Knaben aus der Schul eilt Liebe hin zum Lieben,
Wie Knaben an ihr Buch wird sie hinweggetrieben.

(Er entfernt sich langsam.  Julia erscheint wieder am Fenster.)

JULIA
St!  Romeo, st!  O eines Jgers Stimme,
Den edlen Falken wieder herzulocken!
Abhngigkeit ist heiser, wagt nicht laut
Zu reden, sonst zersprengt ich Echos Kluft
Und machte heisrer ihre luftge Kehle
Als meine mit dem Namen Romeo.

ROMEO (umkehrend.)
Mein Leben ists, das meinen Namen ruft.
Wie silbers tnt bei der Nacht die Stimme
Der Liebenden, gleich lieblicher Musik
Dem Ohr des Lauschers!

JULIA
 Romeo!

ROMEO
 Mein Frulein!

JULIA
Um welche Stunde soll ich morgen schicken?

ROMEO
Um neun.

JULIA
 Ich will nicht sumen; zwanzig Jahre
Sinds bis dahin.  Doch ich verga, warum
Ich dich zurckgerufen.

ROMEO
La hier mich stehn, derweil du dich bedenkst.

JULIA
Auf da du stets hier weilst, werd ich vergessen,
Bedenkend, wie mir deine Nh so lieb.

ROMEO
Auf da du stets vergessest, werd ich weilen,
Vergessend, da ich irgend sonst daheim.

JULIA
Es tagt beinah, ich wollte nun, du gingst;
Doch weiter nicht, als wie ein tndelnd Mdchen
Ihr Vgelchen der Hand entschlpfen lt,
Gleich einem Armen in der Banden Druck,
Und dann zurck ihn zieht am seidnen Faden;
So liebevoll mignnt sie ihm die Freiheit.

ROMEO
War ich dein Vgelchen!

JULIA
 Ach wrst du's.  Lieber!
Doch hegt und pflegt ich dich gewi zu Tod.
Nun gute Nacht!  So s ist Trennungswehe,
Ich rief wohl gute Nacht, bis ich den Morgen she.

(Sie geht zurck.)

ROMEO
Schlaf wohn auf deinem Aug, Fried in der Brust!
O wr ich Fried und Schlaf und ruht in solcher Lust!
Ich will zur Zell des frommen Vaters gehen,
Mein Glck ihm sagen und um Hlf ihn flehen.

(Ab.)



DRITTE SZENE

([Ein Klostergarten] Bruder Lorenzos Zelle)

(Bruder Lorenzo mit einem Krbchen.)


LORENZO
Der Morgen lchelt froh der Nacht ins Angesicht
Und sumet das Gewlk im Ost mit Streifen Licht.
Die matte Finsternis flieht wankend, wie betrunken,
Von Titans Pfad, besprht von seiner Rosse Funken.
Eh hher nun die Sonn ihr glhend Aug erhebt,
Den Tau der Nacht verzehrt und neu die Welt belebt,
Mu ich dies Krbchen hier voll Kraut und Blumen lesen,
Voll Pflanzen giftger Art und diensam zum Genesen.
Die Mutter der Natur, die Erd, ist auch ihr Grab,
Und was ihr Scho gebar, sinkt tot in ihn hinab,
Und Kinder mannigfalt, so all ihr Scho empfangen,
Sehn wir, gesugt von ihr, an ihren Brsten hangen.
An vielen Tugenden sind viele drunter reich,
Ganz ohne Wert nicht eins, doch keins dem andern gleich.
Oh, groe Krfte sinds, wei man sie recht zu pflegen,
Die Pflanzen, Kruter, Stein in ihrem Innern hegen;
Was nur auf Erden lebt, da ist auch nichts so schlecht,
Da es der Erde nicht besondern Nutzen brcht.
Doch ist auch nichts so gut, das, diesem Ziel entwendet,
Abtrnnig seiner Art, sich nicht durch Mibrauch schndet.
In Laster wandelt sich selbst Tugend, falsch gebt,
Wie Ausfhrung auch wohl dem Laster Wrde gibt.
Die kleine Blume hier beherbergt giftge Sfte
In ihrer zarten Hll und milde Heilungskrfte!
Sie labet den Geruch und dadurch jeden Sinn;
Gekostet, dringt sie gleich zum Herzen ttend hin.
Zwei Feinde lagern so im menschlichen Gemte
Sich immerdar im Kampf: verderbter Will und Gte,
Und wo das Schlechtre herrscht mit siegender Gewalt,
Dergleichen Pflanze frit des Todes Wurm gar bald.

(Romeo tritt auf.)

ROMEO
Mein Vater, guten Morgen!

LORENZO
 Sei der Herr gesegnet!
Wes ist der frhe Gru, der freundlich mir begegnet?
Mein junger Sohn, es zeigt, da wildes Blut dich plagt,
Da du dem Bett so frh schon Lebewohl gesagt.
Die wache Sorge lauscht im Auge jedes Alten,
Und Schlummer bettet nie sich da, wo Sorgen walten;
Doch da wohnt goldner Schlaf, wo mit gesundem Blut
Und grillenfreiem Hirn die frische Jugend ruht.
Drum lt mich sicherlich dein frhes Kommen wissen,
Da innre Unordnung vom Lager dich gerissen.
Wie?  Oder htte gar mein Romeo die Nacht
--Nun rat ichs besser--nicht im Bette hingebracht?

ROMEO
So ists, ich wute mir viel sre Ruh zu finden.

LORENZO
Verzeih die Snde Gott!  Warst du bei Rosalinden?

ROMEO
Bei Rosalinden, ich?  Ehrwrdger Vater, nein!
Vergessen ist der Nam und dieses Namens Pein.

LORENZO
Das ist mein wackrer Sohn!  Allein wo warst du?  Sage!

ROMEO
So hr; ich sparte gern dir eine zweite Frage.
Ich war bei meinem Feind auf einem Freudenmahl,
Und da verwundete mich jemand auf einmal.
Desgleichen tat ich ihm, und fr die beiden Wunden
Wird heilge Arzenei bei deinem Amt gefunden.
Ich hege keinen Groll, mein frommer, alter Freund,
Denn sieh, zustatten kommt die Bitt auch meinem Feind.

LORENZO
Einfltig, lieber Sohn!  Nicht Silben fein gestochen!
Wer Rtsel beichtet, wird in Rtseln losgesprochen.

ROMEO
So wiss' einfltiglich: Ich wandte Seel und Sinn
In Lieb auf Capulets holdselge Tochter hin.
Sie gab ihr ganzes Herz zurck mir fr das meine,
Und uns Vereinten fehlt zum innigsten Vereine
Die heilge Trauung nur; doch wie und wo und wann
Wir uns gesehn, erklrt und Schwur um Schwur getan,
Das alles will ich dir auf unserm Weg erzhlen;
Nur bitt ich, willge drein, noch heut uns zu vermhlen!

LORENZO
O heiliger Sankt Franz!  Was fr ein Unbestand!
Ist Rosalinde schon aus deiner Brust verbannt,
Die du so hei geliebt?  Liegt junger Mnner Liebe
Denn in den Augen nur, nicht in des Herzens Triebe?
O heiliger Sankt Franz!  Wie wusch ein salzig Na
Um Rosalinden dir so oft die Wangen bla!
Und lschen konnten doch so viele Trnenfluten
Die Liebe nimmer dir; sie schrten ihre Gluten.
Noch schwebt der Sonn ein Dunst von deinen Seufzern vor,
Dein altes Sthnen summt mir noch im alten Ohr,
Sieh, auf der Wange hier ist noch die Spur zu sehen
Von einer alten Trn, die noch nicht will vergehen.
Und warst du je du selbst und diese Schmerzen dein,
So war der Schmerz und du fr Rosalind allein.
Und so verwandelt nun?  Dann leide, da ich spreche:
Ein Weib darf fallen, wohnt in Mnnern solche Schwche.

ROMEO
Oft schmltest du mit mir um Rosalinden schon.

LORENZO
Weil sie dein Abgott war, nicht weil du liebtest, Sohn.

ROMEO
Und mahntest oft mich an, die Liebe zu besiegen.

LORENZO
Nicht um in deinem Sieg der zweiten zu erliegen.

ROMEO
Ich bitt dich, schml nicht!  Sie, der jetzt mein Herz gehrt,
Hat Lieb um Liebe mir und Gunst um Gunst gewhrt.
Das tat die andre nie.

LORENZO
 Sie wute wohl, dein Lieben
Sei zwar ein kstlich Wort, doch nur in Sand geschrieben.
Komm, junger Flattergeist!  Komm nur, wir wollen gehn;
Ich bin aus einem Grund geneigt, dir beizustehn:
Vielleicht, da dieser Bund zu groem Glck sich wendet
Und eurer Huser Groll durch ihn in Freundschaft endet.

ROMEO
O la uns fort von hier!  Ich bin in groer Eil.

LORENZO
Wer hastig luft, der fllt; drum eile nur mit Weil.

(Beide ab.)



VIERTE SZENE

(Eine Strae)

(Benvolio und Mercutio kommen.)


MERCUTIO
Wo, Teufel, kann der Romeo stecken?  Kam er heute nacht nicht
nach Hause?

BENVOLIO
Nach seines Vaters Hause nicht; ich sprach seinen Diener.

MERCUTIO
Ja, dies hartherzge Frauenbild, die Rosalinde,
Sie qult ihn so, er wird gewi verrckt.

BENVOLIO
Tybalt, des alten Capulet Verwandter,
Hat dort ins Haus ihm einen Brief geschickt.

MERCUTIO
Eine Ausforderung, so wahr ich lebe!

BENVOLIO
Romeo wird ihm die Antwort nicht schuldig bleiben.

MERCUTIO
Auf einen Brief kann ein jeder antworten, wenn er schreiben kann.

BENVOLIO
Nein, ich meine, er wird dem Briefsteller zeigen, da er Mut
hat, wenn man ihm so was zumutet.

MERCUTIO
Ach, der arme Romeo; er ist ja schon tot!  Durchbohrt von einer
weien Dirne schwarzem Auge; durchs Ohr geschossen mit einem
Liebesliedchen; seine Herzensscheibe durch den Pfeil des
kleinen blinden Schtzen mitten entzweigespalten.  Ist er der
Mann darnach, es mit dem Tybalt aufzunehmen?

BENVOLIO
Nun, was ist Tybalt denn Groes?

MERCUTIO
Kein papierner Held, das kann ich dir sagen!  Oh, er ist ein
beherzter Zeremonienmeister der Ehre.  Er ficht, wie Ihr ein
Liedlein singt, hlt Takt und Ma und Ton.  Er beobachtet seine
Pausen; eins--zwei--drei; dann sitzt Euch der Sto in der
Brust!  Er bringt Euch einen seidnen Knopf unfehlbar ums Leben.
Ein Raufer, ein Raufer!  Ein Ritter vom ersten Range, der Euch
alle Grnde eines Ehrenstreits an den Fingern herzuzhlen wei.
Ach die gttliche Passade!  Die doppelte Finte!  Der!

BENVOLIO
Der--was?

MERCUTIO
Der Henker hole diese phantastischen, gezierten, lispelnden
Eisenfresser!  Was sie fr neue Tne anstimmen!--"Eine sehr
gute Klinge"--"Ein sehr wohlgewachsener Mann!"--"Eine sehr
gute Hure!"--Wetter, sie hatte doch einen bessern Liebhaber,
um sie zu bereimen!--, Dido eine Trutschel, Kleopatra eine
Zigeunerin, Helena und Hero Metzen und lose Dirnen, Thisbe ein
artiges Blauauge oder sonst so was, will aber nichts vorstellen.

(Romeo tritt auf.)

Signor Romeo, bonjour!  Da habt Ihr einen franzsischen Gru
fr Eure franzsischen Pumphosen!  Ihr spieltet uns diese
Nacht einen schnen Streich.

ROMEO
Guten Morgen, meine Freunde!  Was fr einen Streich?

MERCUTIO
Einen Diebesstreich.  Ihr stahlt Euch unversehens davon.

ROMEO
Verzeihung, guter Mercutio.  Ich hatte etwas Wichtiges vor,
und in einem solchen Falle tut man wohl einmal der Hflichkeit
Gewalt an.

MERCUTIO
Das soll wohl heien, da in einem solchen Falle ein Mann dazu
vergewaltigt wird, sich in den Schenkeln zu verbeugen.

ROMEO
Das bedeutet, einen hflichen Knicks zu machen.

MERCUTIO
Du hast es allergndigst erfat.

ROMEO
Eine uerst hfliche Auslegung.

MERCUTIO
Ich bringe die Hflichkeit zur hchsten Blte.

ROMEO
Blte steht fr Blume.

MERCUTIO
Richtig.

ROMEO
Nun, dann ist mein Tanzschuh gut geblmt.

MERCUTIO
Gut gesagt: spinne mir nun diesen Scherz weiter, bis du deinen
Tanzschuh abgenutzt hast; so da, wenn seine einzige Sohle
abgenutzt ist, der Scherz solo und einzigartig hernach brig
bleibe.

ROMEO
Oh einfachbesohlter Scherz, einfach einzigartig in seiner Einfalt!

MERCUTIO
Tritt zwischen uns, guter Benvolio; mein Witz schwindet mir.

ROMEO
Dann gib ihm Peitsche und Sporen, Peitsche und Sporen; oder
ich rufe mich zum Sieger aus.

MERCUTIO
Nein, wenn dein Witz ebenso ziellos herumgaloppiert wie bei einer
Wildgansjagd, bin ich fertig; denn du hast mehr von einer
schnatternden Wildgans in einem deiner Sinne, da bin ich mir
sicher, als ich in meinen ganzen fnfen: bin ich Euch mit der
Schnatterei zu nahe getreten?

{Wildgansjagd (wild-goose chase}: Ein Wettrennen zu Pferde, bei
dem der fhrende Reiter die Strecke bestimmt.  Im bertragenen
Sinn: ein sehr wenig erfolgversprechendes Unternehmen.}

ROMEO
Du bist nie nahe zu mir getreten, auer mit Schnatterei.

MERCUTIO
Fr diesen Scherz werde ich dir am Ohr knabbern.

ROMEO
Nein, guter Gnserich, bei mich nicht.

MERCUTIO
Dein Witz ist wie ein sehr bitterer Sapfel; er ist eine uerst
scharfe Soe.

ROMEO
Und ist er dann nicht genau die richtige Beilage zu einer sen
Gans?

MERCUTIO
Oh, das ist ein Witz aus Glacleder, der sich von einem kleinen
Zoll auf eine groe Elle dehnen lt!

ROMEO
Ich werde ihn durch das Wort "gro" ausdehnen, welches, wenn es
der Gans hinzugefgt wird, dich weit und breit als eine groe
Schnattergans dastehen lt.

MERCUTIO
Wie nun?  [Du sprichst ja ganz menschlich.  Wie kommt es, da du
auf einmal deine aufgeweckte Zunge und deine muntern Augen
wiedergefunden hast?  So hab ich dich gern.] Ist das nicht besser
als das ewige Liebesgekrchze?  Jetzt bist du umgnglich, jetzt
bist du Romeo; jetzt bist du was du bist, in deiner Kunst ebenso
wie in deiner Natur, denn dieser faselnde Amor ist wie ein groer
Einfaltspinsel, der lchsend auf und ab rennt, um sein Stckchen
in einem Loch zu verstecken.

BENVOLIO
Halt ein, halt ein.

MERCUTIO
Du wnschst, da ich meine Erge unzeitig beende.

BENVOLIO
Ansonsten wre es dir zu lang geworden.

MERCUTIO
O, du irrst dich; es wre sogleich wieder kurz geworden, denn ich
bin bereits in die volle Tiefe vorgedrungen und beabsichtigte in
der Tat, auf dem Fall nicht lnger herumzureiten.

ROMEO
Seht den prchtigen Aufzug!

(Die Wrterin und Peter hinter ihr.)

MERCUTIO
Was kommt da angesegelt?

BENVOLIO
Zwei, zwei: ein Mnnerhemd und ein Unterrock.

WRTERIN
Peter!

PETER
Was beliebt?

WRTERIN
Meinen Fcher, Peter!

MERCUTIO
Gib ihn ihr, guter Peter, um ihr Gesicht zu verstecken.
Ihr Fcher ist viel hbscher wie ihr Gesicht.

WRTERIN
Schnen guten Morgen, Ihr Herren!

MERCUTIO
Schnen guten Abend, schne Dame!

WRTERIN
Warum guten Abend?

MERCUTIO
Euer Brusttuch deutet auf Sonnenuntergang.

WRTERIN
Pfui, was ist das fr ein Mensch?

ROMEO
Einer, Verehrte, den Gott geschaffen hat, da er sich selbst
verderbe.

WRTERIN
Schn gesagt, bei meiner Seele!  Da er sich selbst verderbe!
Ganz recht!  Aber, Ihr Herren, kann mir keiner von Euch sagen,
wo ich den jungen Romeo finde?

ROMEO
Ich kanns Euch sagen; aber der junge Romeo wird lter sein, wenn
Ihr ihn gefunden habt, als er war, da Ihr ihn suchtet.
Ich bin der Jngste, der den Namen fhrt, weil kein schlechterer
da war.

WRTERIN
Gut gegeben.

MERCUTIO
So?  Ist das Schlechteste gut gegeben?  Nun wahrhaftig: gut
begriffen!  Sehr vernnftig!

WRTERIN
Wenn Ihr Romeo seid, mein Herr, so wnsche ich Euch insgeheim
zu sprechen.

BENVOLIO
Sie wird ihn irgendwohin auf den Abend bitten.

MERCUTIO
Eine Kupplerin, eine Kupplerin!  Ho, ho!

BENVOLIO
Was witterst du?

MERCUTIO
[Neue Jagd, neue Jagd!--] Kein Hschen, mein Herr; auer vielleicht
einer Hsin, mein Herr, in einer Fastenspeise, die schon etwas
schal und schimmelig-grau geworden ist, bevor sie vernascht wurde.
(Singt.)  Ein Has', ergraut,
 Und ein Has', ergraut,
Welch sehr gute Fastenspeis';
 Doch ein Has', der ergraut,
 Ist zu viel zugetraut,
Wenns ergraut eh' ichs verspeis.

{Es ist sicher kein Zufall, da das Wort "hoar" (ergraut) genauso
klingt wie "whore" (Hure) und da die sprichwrtliche
Vermehrungsfreudigkeit der Hasen auch eine Interpretation von
"hare" (Hase) als Hure nahelegt.  So lautet die erste Zeile wrtlich
"Ein alter Hase, (der) ergraut (ist)", doch der Zuhrer versteht
"Eine alte Hure".}

Romeo, kommt nach Eures Vaters Hause, wir wollen zu Mittag
da essen.

ROMEO
Ich komme euch nach.

MERCUTIO
Lebt wohl, alte Schne!  Lebt wohl,
(Singt.)
o Schne--Schne--Schne!

(Benvolio und Mercutio gehen ab.)

WRTERIN
Sagt mir doch, was war das fr ein unverschmter Gesell, der
nichts als Schelmstcke im Kopfe hatte?

ROMEO
Jemand, der sich selbst gern reden hrt, meine gute Frau, und der
in einer Minute mehr spricht, als er in einem Monate verantworten
kann.

WRTERIN
Ja, und wenn er auf mich was zu sagen hat, so will ich ihn bei den
Ohren kriegen, und wre er auch noch vierschrtiger, als er ist,
und zwanzig solcher Hasenfe obendrein; und kann ichs nicht, so
knnens andre.  So 'n Lausekerl!  Ich bin keine von seinen Kreaturen,
ich bin keine von seinen Karnuten.
(Zu Peter.)
Und du mut auch dabeistehen und leiden, da jeder Schuft sich nach
Belieben ber mich hermacht!

PETER
Ich habe nicht gesehn, da sich jemand ber Euch hergemacht htte,
sonst htte ich geschwind vom Leder gezogen, das knnt Ihr glauben.
Ich kann so gut ausziehen wie ein andrer, wo es einen ehrlichen Zank
gibt und das Recht auf meiner Seite ist.

WRTERIN
Nu, wei Gott, ich habe mich so gergert, da ich am ganzen Leibe
zittre.  So 'n Lausekerl!--Seid so gtig, mein Herr, auf ein Wort!
Und was ich Euch sagte: Mein junges Frulein befahl mir.  Euch zu
suchen.  Was sie mir befahl.  Euch zu sagen, das will ich fr mich
behalten; aber erst lat mich Euch sagen, wenn Ihr sie wolltet bei
der Nase herumfhren, sozusagen, das wre eine unartige Auffhrung,
sozusagen.  Denn seht, das Frulein ist jung, und also, wenn Ihr
falsch gegen sie zu Werke gingt, das wrde sich gar nicht gegen
ein Frulein schicken und wre ein recht nichtsnutziger Handel.

ROMEO
Empfiehl mich deinem Frulein!  Ich beteure dir--

WRTERIN
Du meine Zeit!  Gewi und wahrhaftig, das will ich ihr wiedersagen.
O jemine, sie wird sich vor Freude nicht zu lassen wissen!

ROMEO
Was willst du ihr sagen, gute Frau?  Du gibst nicht Achtung.

WRTERIN
Ich will ihr sagen, da Ihr beteuert, und ich meine, das ist
recht wie ein Kavalier gesprochen.

ROMEO
Sag ihr, sie mg ein Mittel doch ersinnen,
Zur Beichte diesen Nachmittag zu gehn.
Dort in Lorenzos Zelle soll alsdann,
Wenn sie gebeichtet, unsre Trauung sein.
Hier ist fr deine Mh.

WRTERIN
Nein, wahrhaftig, Herr, keinen Pfennig!

ROMEO
Nimm, sag ich dir; du mut!

WRTERIN
Heut nachmittag?  Nun gut, sie wird Euch treffen.

ROMEO
Du, gute Frau, wart hinter der Abtei,
Mein Diener soll dir diese Stunde noch,
Geknpft aus Seilen, eine Leiter bringen,
Die zu dem Gipfel meiner Freuden ich
Hinan will klimmen in geheimer Nacht.
Leb wohl!  Sei treu, so lohn ich deine Mh.
Leb wohl!  Empfiehl mich deinem Frulein!

WRTERIN
Nun, Gott der Herr gesegn es!--Hrt, noch eins!

ROMEO
Was willst du, gute Frau?

WRTERIN
Schweigt Euer Diener?  Habt Ihr nie vernommen:
Wo zwei zu Rate gehn, lat keinen dritten kommen?

ROMEO
Verla dich drauf, der Mensch ist treu wie Gold.

WRTERIN
Nun gut, Herr, meine Herrschaft ist ein allerliebstes Frulein.
O jemine, als sie noch so ein kleines Dingelchen war--Oh, da ist
ein Edelmann in der Stadt, einer, der Paris heit, der gern
einhaken mchte; aber das gute Herz mag ebenso lieb eine Krte
sehn, eine rechte Krte, als ihn.--Ich rgre sie zuweilen und sag
ihr: Paris wr doch der hbscheste; aber Ihr knnt mirs glauben,
wenn ich das sage, so wird sie so bla wie ein Tischtuch.  Fngt
nicht Rosmarin und Romeo mit demselben Buchstaben an?

ROMEO
Ja, gute Frau; beide mit einem R.

WRTERIN
Ach, Spavogel, warum nicht gar?  Das schnurrt ja wie 'n Spinnrad.
Nein, ich wei wohl, es fngt mit einem andern Buchstaben an, und
sie hat die prchtigsten Reime und Sprichwrter darauf, da Euch
das Herz im Leibe lachen tt, wenn Ihrs hrtet.

ROMEO
Empfiehl mich deinem Frulein!

(Ab.)

WRTERIN
Jawohl, viel tausendmal!

(Romeo geht ab.)

--Peter!

PETER
Was beliebt?

WRTERIN
Peter, nimm meinen Fcher und geh vorauf!

(Beide ab.)



FNFTE SZENE

(Capulets Garten)

(Julia tritt auf.)


JULIA
Neun schlug die Glock, als ich die Amme sandte.
In einer halben Stunde wollte sie
Schon wieder hier sein.  Kann sie ihn vielleicht
Nicht treffen?  Nein, das nicht.  Oh, sie ist lahm!
Zu Liebesboten taugen nur Gedanken,
Die zehnmal schneller fliehn als Sonnenstrahlen,
Wenn sie die Nacht von finstern Hgeln scheuchen.
Deswegen ziehn ja leichtbeschwingte Tauben
Der Liebe Wagen, und Cupido hat
Windschnelle Flgel.  Auf der steilsten Hhe
Der Tagereise steht die Sonne jetzt;
Von neun bis zwlf, drei lange Stunden sinds,
Und dennoch bleibt sie aus.  O htte sie
Ein Herz und warmes, jugendliches Blut,
Sie wrde wie ein Ball behende fliegen,
Es schnellte sie mein Wort dem Trauten zu
Und seines mir.
Doch Alte tun, als lebten sie nicht mehr,
Trg, unbehlflich, und wie Blei so schwer.

(Die Wrterin und Peter kommen.)

O Gott, sie kommt!

(Die Amme und Peter treten auf.)

 Was bringst du, goldne Amme?
Trafst du ihn an?  Schick deinen Diener weg!

WRTERIN
Wart vor der Tre, Peter!

(Peter ab.)

JULIA
Nun, Mtterchen?  Gott, warum blickst du traurig?
Ist dein Bericht schon traurig, gib ihn frhlich,
Und klingt er gut, verdirb die Weise nicht,
Indem du sie mit saurer Miene spielst.

WRTERIN
Ich bin ermattet; lat ein Weilchen mich!
Das war 'ne Jagd!  Das reit in Gliedern mir!

JULIA
Ich wollt, ich htte deine Neuigkeit,
Du meine Glieder.  Nun, so sprich geschwind!
Ich bitt dich, liebe, liebe Amme, sprich!

WRTERIN
Was fr 'ne Hast!  Knnt Ihr kein Weilchen warten?
Seht Ihr nicht, da ich auer Atem bin?

JULIA
Wie auer Atem, wenn du Atem hast,
Um mir zu sagen, da du keinen hast?
Der Vorwand deines Zgerns whrt ja lnger
Als der Bericht, den du dadurch verzgerst.
Gib Antwort: Bringst du Gutes oder Bses!
Nur das, so wart ich auf das Nhere gern.
Beruhge mich!  Ists Gutes oder Bses?

WRTERIN
Ei, Ihr habt mir eine recht einfltige Wahl getroffen; Ihr versteht
auch einen Mann auszulosen!  Romeo--ja, das ist der rechte!--Er hat
zwar ein hbscher Gesicht wie andre Leute; aber seine Beine gehen
ber alle Beine, und Hand und Fu und die ganze Positur--es lt
sich eben nicht viel davon sagen, aber man kann sie mit nichts
vergleichen.  Er ist kein Ausbund von feinen Manieren, doch wett
ich drauf, wie ein Lamm so sanft.--Treibs nur so fort, Kind, und
frchte Gott!--Habt Ihr diesen Mittag zu Hause gegessen?

JULIA
Nein, nein!  Doch all dies wut ich schon zuvor.
Was sagt er von der Trauung?  Hurtig: was?

WRTERIN
O je, wie schmerzt der Kopf mir!  Welch ein Kopf!
Er schlgt, als wollt er gleich in Stcke springen.
Da hier mein Rcken, o mein armer Rcken!
Gott sei Euch gndig, da Ihr hin und her
So viel mich schickt, mich bald zu Tode hetzt.

JULIA
Im Ernst, da du nicht wohl bist, tut mir leid.
Doch, beste, beste Amme, sage mir:
Was macht mein Liebster?

WRTERIN
Eur Liebster sagt, so wie ein wackrer Herr--und ein artiger und
ein freundlicher und ein hbscher Herr und, auf mein Wort, ein
tugendsamer Herr.--Wo ist denn Eure Mutter?

JULIA
Wo meine Mutter ist?  Nun, sie ist drinnen;
Wo wr sie sonst?  Wie seltsam du erwiderst:
Eur Liebster sagt, so wie ein wackrer Herr--
Wo ist denn Eure Mutter?

WRTERIN
 Jemine!
Seid Ihr so hitzig?  Seht doch!  Kommt mir nur!
Ist das die Bhung fr mein Gliederweh?
Geht knftig selbst, wenn Ihr 'ne Botschaft habt.

JULIA
Das ist 'ne Not!  Was sagt er?  Bitte, sprich!

WRTERIN
Habt Ihr Erlaubnis, heut zu beichten?

JULIA
 Ja.

WRTERIN
So macht Euch auf zu Eures Paters Zelle,
Da harrt ein Mann, um Euch zur Frau zu machen.
Nun steigt das lose Blut Euch in die Wangen,
Gleich sind sie Scharlach, wenns was Neues gibt.
Eilt Ihr ins Kloster; ich mu sonst wohin,
Die Leiter holen, die der Liebste bald
Zum Nest hinan, wenns Nacht wird, klimmen soll.
Ich bin das Lasttier, mu fr Euch mich plagen,
Doch Ihr sollt Eure Last zur Nacht schon tragen.
Ich will zur Mahlzeit erst; eilt Ihr zur Zelle hin!

JULIA
Zu hohem Glcke, treue Pflegerin!

(Beide ab.)



SECHSTE SZENE

(Bruder Lorenzos Zelle)

(Lorenzo und Romeo.)


LORENZO
Der Himmel lchle so dem heilgen Bund,
Da knftge Tag' uns nicht durch Kummer schelten!

ROMEO
Amen!  So sei's!  Doch la den Kummer kommen,
So sehr er mag; wiegt er die Freuden auf,
Die mir in ihrem Anblick eine flchtge
Minute gibt?  Fg unsre Hnde nur
Durch deinen Segensspruch in eins, dann tue
Sein uerstes der Liebeswrger Tod;
Genug, da ich nur mein sie nennen darf.

LORENZO
So wilde Freude nimmt ein wildes Ende
Und stirbt im hchsten Sieg, wie Feur und Pulver
Im Kusse sich verzehrt.  Die Sigkeit
Des Honigs widert durch ihr berma,
Und im Geschmack erstickt sie unsre Lust.
Drum liebe mig; solche Lieb ist stet;
Zu hastig und zu trge kommt gleich spt.

(Julia tritt auf.)

Hier kommt das Frulein, sieh,
Mit leichtem Tritt, der keine Blume biegt.
Sieh, wie die Macht der Lieb und Wonne siegt!

(Julia tritt auf.)

JULIA
Ehrwrdger Herr, ich sag Euch guten Abend.

LORENZO
Fr mich und sich dankt Romeo, mein Kind.

JULIA
Es gilt ihm mit, sonst wr sein Dank zuviel.

ROMEO
Ach Julia!  Ist deiner Freude Ma
Gehuft wie meins und weit du mehr die Kunst,
Ihr Schmuck zu leihn, so wrze rings die Luft
Durch deinen Hauch; la des Gesanges Mund
Die Seligkeit verknden, die wir beide
Bei dieser teuern Nh im andern finden.

JULIA
Gefhl, an Inhalt reicher als an Worten,
Ist stolz auf seinen Wert und nicht auf Schmuck.
Nur Bettler wissen ihres Guts Betrag;
Doch meine treue Liebe stieg so hoch,
Da keine Schtzung ihre Schtz erreicht.

LORENZO
Kommt, kommt mit mir, wir schreiten gleich zur Sache.
Ich leide nicht, da ihr allein mir bleibt,
Bis euch die Kirch einander einverleibt.

(Alle ab.)




DRITTER AKT



ERSTE SZENE

(Ein ffentlicher Platz)

(Mercutio, Benvolio, Page und Diener.)


BENVOLIO
Ich bitt dich, Freund, la uns nach Hause gehn!
Der Tag ist hei, die Capulets sind drauen,
Und treffen wir, so gibt es sicher Zank:
Denn bei der Hitze tobt das tolle Blut.

MERCUTIO
Du bist mir so ein Zeisig, der, sobald er die Schwelle eines
Wirtshauses betritt, mit dem Degen auf den Tisch schlgt und
ausruft: Gebe Gott, da ich dich nicht ntig habe!--a kommen
die Capulets.

MERCUTIO
Bei meiner Sohle!  Mich kmmerts nicht.

(Tybalt und andre kommen.)

TYBALT (zu seinen Leuten.)
Schliet euch mir an, ich will mit ihnen reden.--
Guten Tag, Ihr Herrn!  Ein Wort mit Euer einem!

MERCUTIO
Nur ein Wort mit einem von uns?  Gebt noch was zu, lat es ein Wort
und einen Schlag sein!

TYBALT
Dazu werdet Ihr mich bereit genug finden, wenn Ihr mir Anla gebt.

MERCUTIO
Knntet Ihr ihn nicht nehmen, ohne da wir ihn gben?

TYBALT
Mercutio, du harmonierst mit Romeo.

MERCUTIO
Harmonierst?  Was?  Machst du uns zu Musikanten?  Wenn du uns zu
Musikanten machen willst, so sollst du auch nichts als Dissonanzen
zu hren kriegen.  Hier ist mein Fiedelbogen, wart, der soll Euch
tanzen lehren!  Alle Wetter!  ber das Harmonieren!

BENVOLIO
Wir reden hier auf ffentlichem Markt;
Entweder sucht Euch einen stillern Ort,
Wo nicht, besprecht Euch khl von Eurem Zwist.
Sonst geht!  Hier gafft ein jedes Aug auf uns.

MERCUTIO
Zum Gaffen hat das Volk die Augen; la sie!
Ich weich und wank um keines willen, ich!

(Romeo tritt auf.)

TYBALT
Herr, zieht in Frieden!  Hier kommt mein Gesell.

(Romeo tritt auf.)

MERCUTIO
Ich will gehngt sein, Herr, wenn Ihr sein Meister seid.
Doch stellt Euch nur, er wird sich zu Euch halten;
In dem Sinn mgen Eure Gnaden wohl
Gesell ihn nennen.

TYBALT
Hr, Romeo!  Der Ha, den ich dir schwur,
Gnnt diesen Gru dir nur: Du bist ein Schurke!

ROMEO
Tybalt, die Ursach, die ich habe, dich
Zu lieben, mildert sehr die Wut, die sonst
Auf diesen Gru sich ziemt.  Ich bin kein Schurke,
Drum lebe wohl!  Ich seh, du kennst mich nicht.

TYBALT
Nein, Knabe, dies entschuldigt nicht den Hohn,
Den du mir angetan; kehr um und zieh!

ROMEO
Ich schwre dir, nie tat ich Hohn dir an.
Ich liebe mehr dich, als du denken kannst,
Bis du die Ursach meiner Liebe weit.
Drum, guter Capulet, ein Name, den
Ich wert wie meinen halte, sei zufrieden!

MERCUTIO
O zahme, schimpfliche, verhate Demut!
Die Kunst des Raufers trgt den Sieg davon.--

(Er zieht.)

Tybalt, du Ratzenfnger, willst du dran?

TYBALT
Was willst du denn von mir?

MERCUTIO
Mein guter Katzenknig, nichts als eins von Euern neun Leben;
damit will ich mich nebenbei lustig machen, und wenn Ihr mir
wieder ber den Weg lauft, auch die andern acht ausklopfen.
Wollt Ihr bald Euren Degen bei den Ohren aus der Scheide ziehn?
Macht zu, sonst habt Ihr meinen um die Ohren, eh er heraus ist.

TYBALT
Ich steh zu Dienst.

(Er zieht.)

ROMEO
Lieber Mercutio, steck den Degen ein!

MERCUTIO
Kommt, Herr!  Lat Eure Finten sehn!

(Sie fechten.)

ROMEO
Zieh, Benvolio!
Schlag zwischen ihre Degen!  Schmt euch doch
Und haltet ein mit Wten!  Tybalt!  Mercutio!
Der Prinz verbot ausdrcklich solchen Aufruhr
In Veronas Gassen.  Halt, Tybalt!  Freund Mercutio!

(Tybalt entfernt sich mit seinen Anhngern.)

MERCUTIO
Ich bin verwundet.--
Zum Teufel beider Sippschaft!  Ich bin hin.
Und ist er fort?  Und hat nichts abgekriegt?

BENVOLIO
Bist du verwundet, wie?

MERCUTIO
Ja, ja, geritzt, geritzt!--Wetter, 's ist genug.--
Wo ist mein Page?--Bursch, hol einen Wundarzt!

(Der Page geht ab.)

ROMEO
Sei guten Muts, Freund!  Die Wunde kann nicht betrchtlich sein.

MERCUTIO
Nein, nicht so tief wie ein Brunnen noch so weit wie eine
Kirchtre; aber es reicht eben hin.  Fragt morgen nach mir,
und Ihr werdet einen stillen Mann an mir finden.  Fr diese
Welt, glaubts nur, ist mir der Spa versalzen.--Hol der Henker
eure beiden Huser!--Was?  Von einem Hund, einer Maus, einer
Ratze, einer Katze zu Tode gekratzt zu werden!  Von so einem
Prahler, einem Schuft, der nach dem Rechenbuche ficht!--Warum
zum Teufel kamt Ihr zwischen uns?  Unter Eurem Arm wurde ich
verwundet.

ROMEO
Ich dacht es gut zu machen.

MERCUTIO
O hilf mir in ein Haus hinein, Benvolio.
Sonst sink ich hin.--Zum Teufel eure Huser!
Sie haben Wrmerspeis aus mir gemacht.
Ich hab es tchtig weg; verdammte Sippschaft!

(Mercutio und Benvolio ab.)

ROMEO
Um meinetwillen wurde dieser Ritter,
Dem Prinzen nah verwandt, mein eigner Freund,
Verwundet auf den Tod; mein Ruf befleckt
Durch Tybalts Lsterungen, Tybalts, der
Seit einer Stunde mir verschwgert war.
O se Julia, deine Schnheit hat
So weibisch mich gemacht; sie hat den Stahl
Der Tapferkeit in meiner Brust erweicht.

(Benvolio kommt zurck.)

BENVOLIO
O Romeo, der wackre Freund ist tot,
Sein edler Geist schwang in die Wolken sich,
Der allzu frh der Erde Staub verschmht.

ROMEO
Nichts kann den Unstern dieses Tages wenden;
Er hebt das Weh an, andre mssens enden.

(Tybalt kommt zurck.)

BENVOLIO
Da kommt der grimmige Tybalt wieder her.

ROMEO
Am Leben!  Siegreich!  Und mein Freund erschlagen!
Nun flieh gen Himmel, schonungsreiche Milde!
Entflammte Wut, sei meine Fhrerin!

(Tybalt kommt zurck.)

Nun, Tybalt, nimm den Schurken wieder, den du
Mir eben gabst!  Der Geist Mercutios
Schwebt nah noch ber unsern Huptern hin
Und harrt, da deiner sich ihm zugeselle.
Du oder ich!  sonst folgen wir ihm beide.

TYBALT
Elendes Kind, hier hieltest du's mit ihm
Und sollst mit ihm von hinnen.

ROMEO
 Dies entscheide!

(Sie fechten; Tybalt fllt.)

BENVOLIO
Flieh, Romeo, die Brger sind in Wehr
Und Tybalt tot.  Steh so versteinert nicht!
Flieh, flieh, der Prinz verdammt zum Tode dich,
Wenn sie dich greifen.  Fort, nur fort mit dir!

ROMEO
Weh mir, ich Narr des Glcks!

BENVOLIO
 Was weilst du noch?

(Romeo ab.  Brger treten auf.)

EIN BRGER
Wo lief er hin, der den Mercutio totschlug?
Der Mrder Tybalts?  Hat ihn wer gesehn?

BENVOLIO
Da liegt der Tybalt.

EIN BRGER
 Auf, Herr, geht mit mir!
Gehorcht!  Ich mahn Euch von des Frsten wegen.

(Der Prinz mit Gefolge, Montague, Capulet, ihre
Gemahlinnen und andre.)

PRINZ
Wer durfte freventlich hier Streit erregen?

BENVOLIO
O edler Frst, ich kann verknden recht
Nach seinem Hergang dies unselige Gefecht.
Der deinen wackren Freund Mercutio
Erschlagen, liegt hier tot, entleibt vom Romeo.

GRFIN CAPULET
Mein Vetter!  Tybalt!  Meines Bruders Kind!
O Frst!  O mein Gemahl!  O seht, noch rinnt
Das teure Blut!  Mein Frst, bei Ehr und Huld,
Im Blut der Montagues tilg ihre Schuld!--
O Vetter, Vetter!

PRINZ
Benvolio, sprich, wer hat den Streit erregt?

BENVOLIO
Der tot hier liegt, von Romeo erlegt.
Viel gute Worte gab ihm Romeo,
Hie ihn bedenken, wie gering der Anla,
Wie sehr zu frchten Euer hchster Zorn.
Dies alles, vorgebracht mit sanftem Ton,
Gelanem Blick, bescheidner Stellung, konnte
Nicht Tybalts ungezhmte Wut entwaffnen.
Dem Frieden taub, berennt mit scharfem Stahl
Er die entschlone Brust Mercutios;
Der kehrt gleich rasch ihm Spitze gegen Spitze
Und wehrt mit Kmpfertrotz mit einer Hand
Den kalten Tod ab, schickt ihn mit der andern
Dem Gegner wieder, des Behendigkeit
Zurck ihn schleudert.  Romeo ruft laut:
Halt, Freunde, auseinander!  Und geschwinder
Als seine Zunge schlgt sein rstger Arm,
Dazwischen strzend, beider Mordstahl nieder.
Recht unter diesem Arm traf des Mercutio Leben
Ein falscher Sto vom Tybalt.  Der entfloh,
Kam aber gleich zum Romeo zurck,
Der eben erst der Rache Raum gegeben.
Nun fallen sie mit Blitzeseil sich an,
Denn eh ich ziehen konnt, um sie zu trennen,
War der beherzte Tybalt umgebracht.
Er fiel, und Romeo, bestrzt, entwich.
Ich rede wahr, sonst fhrt zum Tode mich.

GRFIN CAPULET
Er ist verwandt mit Montagues Geschlecht,
Aus Freundschaft spricht er falsch, verletzt das Recht.
Die Fehd erhoben sie zu ganzen Horden,
Und alle konnten nur ein Leben morden.
Ich fleh um Recht; Frst, weise mich nicht ab:
Gib Romeo, was er dem Tybalt gab!

PRINZ
Er hat Mercutio, ihn Romeo erschlagen;
Wer soll die Schuld des teuren Blutes tragen?

GRFIN MONTAGUE
Frst, nicht mein Sohn, der Freund Mercutios;
Was dem Gesetz doch heimfiel, nahm er blo:
Das Leben Tybalts.

PRINZ
 Weil er das verbrochen,
Sei ber ihn sofort der Bann gesprochen.
Mich selber trifft der Ausbruch eurer Wut,
Um euren Zwiespalt fliet mein eignes Blut;
Allein ich will dafr so streng euch ben,
Da mein Verlust euch ewig soll verdrieen.
Taub bin ich jeglicher Beschnigung,
Kein Flehn, kein Weinen kauft Begnadigung;
Drum spart sie.  Romeo flieh schnell von hinnen!
Greift man ihn, soll er nicht dem Tod entrinnen.
Tragt diese Leiche weg!  Vernehmt mein Wort!
Wenn Gnade Mrder schont, verbt sie Mord!

(Alle ab.)



ZWEITE SZENE

(Ein Zimmer in Capulets Hause)

(Julia tritt auf.)


JULIA
Hinab, du flammenhufiges Gespann,
Zu Phbus' Wohnung!  Solch ein Wagenlenker
Wie Phaethon jagt' euch gen Westen wohl
Und brchte schnell die wolkige Nacht herauf.
Verbreite deinen dichten Vorhang, Nacht,
Du Liebespflegerin, damit das Auge
Der Neubegier sich schlie und Romeo
Mir unbelauscht in diese Arme schlpfe.
Verliebten gngt zu der geheimen Weihe
Das Licht der eignen Schnheit, oder wenn
Die Liebe blind ist, stimmt sie wohl zur Nacht.
Komm, ernste Nacht, du zchtig stille Frau,
Ganz angetan mit Schwarz, und lehre mich
Ein Spiel, wo jedes reiner Jugend Blte
Zum Pfnde setzt, gewinnend zu verlieren!
Verhlle mit dem schwarzen Mantel mir
Das wilde Blut, das in den Wangen flattert,
Bis scheue Liebe khner wird und nichts
Als Unschuld sieht in innger Liebe Tun.
Komm, Nacht!  Komm, Romeo, du Tag in Nacht,
Denn du wirst ruhn auf Fittichen der Nacht
Wie frischer Schnee auf eines Raben Rcken.
Komm, milde, liebevolle Nacht!  Komm, gib
Mir meinen Romeo!  Und stirbt er einst,
Nimm ihn, zerteil in kleine Sterne ihn:
Er wird des Himmels Antlitz so verschnen,
Da alle Welt sich in die Nacht verliebt
Und niemand mehr der eitlen Sonne huldigt.--
Ich habe Lieb erworben wie ein Haus,
Und durfte noch nicht einziehn; bin verkauft,
Doch noch nicht bergeben.  Dieser Tag
Whrt so verdrielich lang mir wie die Nacht
Vor einem Fest dem ungeduldgen Kinde,
Das noch sein neues Kleid nicht tragen durfte.

(Die Wrterin mit einer Strickleiter.)

Da kommt die Amme ja, die bringt Bericht,
Und jede Zunge, die nur Romeo
Beim Namen nennt, spricht so beredt wie Engel.

(Die Amme tritt auf mit einer Strickleiter.)

Nun, Amme?  Sag, was gibts, was hast du da?
Die Stricke, die dich Romeo hie holen?

WRTERIN
Ja, ja, die Stricke!

(Sie wirft sie auf die Erde.)

JULIA
Weh mir!  Was gibts?  Was ringst du so die Hnde?

WRTERIN
Da Gott erbarm!  Er ist tot, er ist tot, er ist tot!
Wir sind verloren, Frulein, sind verloren!
O weh uns!  Er ist hin!  Ermordet!  Tot!

JULIA
So neidisch kann der Himmel sein?

WRTERIN
Ja, das kann Romeo; der Himmel nicht.
O Romeo, wer htt es je gedacht?
O Romeo, Romeo!

JULIA
Welch Teufel bist du, da du so mich folterst?
Die grause Hlle nur brllt solche Qual.
Hat Romeo sich selbst ermordet?  Sprich!
Und sagt du "Ja", vergiftet dieser Laut
Mehr als des Basilisks todbringend "Aug".
Ich bin nicht "ich", wenns gibt ein solches "Ja",
Dies Auge zu, das dich zwingt zu dem "Ja".

{Ein Wortspiel mit den Wrtern "aye" (ja), "I" (ich) und
"eye" (Auge), die alle gleich ausgesprochen werden.}

Ist er entleibt, sag ja, wo nicht, sag nein!
Ein kurzer Laut entscheidet Wonn und Pein.

WRTERIN
Ich sah die Wunde, meine Augen sahn sie
--Behte Gott!--auf seiner tapfern Brust;
Die blutge Leiche, jmmerlich und blutig,
Bleich, bleich wie Asche, ganz mit Blut besudelt,
Ganz starres Blut--de wieder!  Pulsschlag, hemme dich!
Ein Sarg empfange Romeo und mich!

WRTERIN
O Tybalt, Tybalt!  O mein bester Freund!
Leutselger Tybalt, wohlgesinnter Herr!
So mut ich leben, um dich tot zu sehn?

JULIA
Was fr ein Sturm tobt so von jeder Seite?
Ist Romeo erschlagen?  Tybalt tot?
Mein teurer Vetter?  Teuerster Gemahl?
Dann tne nur des Weltgerichts Posaune!
Wer lebt noch, wenn dahin die beiden sind?

WRTERIN
Dahin ist Tybalt, Romeo verbannt;
Verbannt ist Romeo, der ihn erschlug.

JULIA
Gott!  Seine Hand, vergo sie Tybalts Blut?

WRTERIN
Sie tats, sie tats!  O weh uns, weh, sie tats!

JULIA
O Schlangenherz, von Blumen berdeckt!
Wohnt' in so schner Hhl ein Drache je?
Holdselger Wtrich!  Engelgleicher Unhold!
Ergrimmte Taube!  Lamm mit Wolfesgier!
Verworfne Art in gttlichster Gestalt!
Das rechte Gegenteil des, was mit Recht
Du scheinest: ein verdammter Heiliger,
Ein ehrenwerter Schurke!--O Natur!
Was hattest du zu schaffen in der Hlle,
Als du des holden Leibes Paradies
Zum Lustsitz einem Teufel bergabst?
War je ein Buch, so arger Dinge voll,
So schn gebunden?  Oh, da Falschheit doch
Solch herrlichen Palast bewohnen kann!

WRTERIN
Kein Glaube, keine Treu noch Redlichkeit
Ist unter Mnnern mehr.  Sie sind meineidig,
Falsch sind sie, lauter Schelme, lauter Heuchler!--
Wo ist mein Diener?  Gebt mir Aquavit!
Die Not, die Angst, der Jammer macht mich alt.
Zu Schanden werde Romeo!

JULIA
 Die Zunge
Erkranke dir fr einen solchen Wunsch!
Er war zur Schande nicht geboren; Schande
Weilt mit Beschmung nur auf seiner Stirn.
Sie ist ein Thron, wo man die Ehre mag
Als Allbeherrscherin der Erde krnen.
O wie unmenschlich war ich, ihn zu schelten!

WRTERIN
Von Eures Vetters Mrder sprecht Ihr Gutes?

JULIA
Soll ich von meinem Gatten bles reden?
Ach, armer Gatte!  Welche Zunge wird
Wohl deinem Namen Liebes tun, wenn ich,
Dein Weib von wenig Stunden, ihn zerrissen?
Doch, Arger, was erschlugst du meinen Vetter?
Der Arge wollte den Gemahl erschlagen.
Zurck zu eurem Quell, verkehrte Trnen!
Dem Schmerz gebhret eurer Tropfen Zoll,
Ihr bringt aus Irrtum ihn der Freude dar.
Mein Gatte lebt, den Tybalt fast gettet,
Und tot ist Tybalt, der ihn tten wollte.
Dies alles ist ja Trost: was wein ich denn?
Ich hrt ein schlimmres Wort als Tybalts Tod,
Das mich erwrgte; ich verg es gern!
Doch ach, es drckt auf mein Gedchtnis schwer
Wie Freveltaten auf des Snders Seele.
Tybalt ist tot und Romeo verbannt!
O dies "Verbannt", dies eine Wort "Verbannt"
Erschlug zehntausend Tybalts.  Tybalts Tod
War gnug des Wehes, htt es da geendet!
Und liebt das Leid Gefhrten, reiht durchaus
An andre Leiden sich, warum denn folgte
Auf ihre Botschaft: tot ist Tybalt, nicht:
Dein Vater, deine Mutter, oder beide?
Das htte sanftre Klage wohl erregt.
Allein dies Wort: verbannt ist Romeo,
Aus jenes Todes Hinterhalt gesprochen,
Bringt Vater, Mutter, Tybalt, Romeo
Und Julien um!  Verbannt ist Romeo!
Nicht Ma noch Ziel kennt dieses Wortes Tod,
Und keine Zung erschpfet meine Not.--
Wo mag mein Vater, meine Mutter sein?

WRTERIN
Bei Tybalts Leiche heulen sie und schrein.
Wollt Ihr zu ihnen gehn?  Ich bring Euch hin.

JULIA
So waschen sie die Wunden ihm mit Trnen?
Ich spare meine fr ein bngres Sehnen.
Nimm diese Seile auf.--Ach, armer Strick,
Getuscht wie ich!  Wer bringt ihn uns zurck?
Zum Steg der Liebe knpft' er deine Bande,
Ich aber sterb als Braut im Witwenstande.
Komm, Amme, komm!  Ich will ins Brautbett!  Fort!
Nicht Romeo, den Tod umarm ich dort.

WRTERIN
Geht nur ins Schlafgemach!  Zum Troste find ich
Euch Romeo: ich wei wohl, wo er steckt.
Hrt, Romeo soll Euch zur Nacht erfreuen;
Ich geh zu ihm; beim Pater wartet er.

JULIA
O such ihn auf!  Gib diesen Ring dem Treuen;
Bescheid aufs letzte Lebewohl ihn her!

(Beide ab.)



DRITTE SZENE

(Bruder Lorenzos Zelle)

(Lorenzo und Romeo kommen.] Bruder Lorenzo tritt auf.)


LORENZO
Komm, Romeo!  Hervor, du Mann der Furcht!
Bekmmernis hngt sich mit Lieb an dich,
Und mit dem Migeschick bist du vermhlt.

(Romeo tritt auf.)

ROMEO
Vater, was gibts?  Wie heit des Prinzen Spruch?
Wie heit der Kummer, der sich zu mir drngt
Und noch mir fremd ist?

LORENZO
 Zu vertraut, mein Sohn,
Bist du mit solchen widrigen Gefhrten.
Ich bring dir Nachricht von des Prinzen Spruch.

ROMEO
Und hat sein Spruch mir nicht den Stab gebrochen?

LORENZO
Ein mildres Urteil flo von seinen Lippen:
Nicht Leibes Tod, nur leibliche Verbannung.

ROMEO
Verbannung?  Sei barmherzig!  Sage: Tod!
Verbannung trgt der Schrecken mehr im Blick,
Weit mehr als Tod!--O sage nicht Verbannung!

LORENZO
Hier aus Verona bist du nur verbannt;
Sei ruhig, denn die Welt ist gro und weit.

ROMEO
Die Welt ist nirgends auer diesen Mauern;
Nur Fegefeuer, Qual, die Hlle selbst.
Von hier verbannt ist aus der Welt verbannt,
Und solcher Bann ist Tod.  Drum gibst du ihm
Den falschen Namen.--Nennst du Tod Verbannung,
Enthauptest du mit goldnem Beile mich
Und lchelst zu dem Streich, der mich ermordet.

LORENZO
O schwere Snd, o undankbarer Trotz!
Dein Fehltritt heit nach unsrer Satzung Tod;
Doch dir zulieb hat sie der gtge Frst
Beiseit gestoen und Verbannung nur
Statt jenes schwarzen Wortes ausgesprochen.
Und diese teure Gnad erkennst du nicht?

ROMEO
Nein, Folter; Gnade nicht!  Hier ist der Himmel,
Wo Julia lebt, und jeder Hund und Katze
Und kleine Maus, das schlechteste Geschpf,
Lebt hier im Himmel, darf ihr Antlitz sehn;
Doch Romeo darf nicht.  Mehr Wrdigkeit,
Mehr Ansehn, mehr gefllge Sitte lebt
In Fliegen als in Romeo.  Sie drfen
Das Wunderwerk der weien Hand berhren
Und Himmelswonne rauben ihren Lippen,
Die sittsam in Vestalenunschuld stets
Errten, gleich als wre Snd ihr Ku.
Dies drfen Fliegen tun, ich mu entfliehn;
Sie sind ein freies Volk, ich bin verbannt.
Und sagst du noch, Verbannung sei nicht Tod?
So hattest du kein Gift gemischt, kein Messer
Geschrft, kein schmhlich Mittel schnellen Todes,
Als dies "Verbannt", zu tten mich?  Verbannt!
O Mnch!  Verdammte sprechen in der Hlle
Dies Wort mit Heulen aus; hast du das Herz,
Da du ein heilger Mann, ein Beichtiger bist,
Ein Sndenlser, mein erklrter Freund,
Mich zu zermalmen mit dem Wort Verbannung?

LORENZO
Du kindisch blder Mann, hr doch ein Wort!

ROMEO
O du willst wieder von Verbannung sprechen!

LORENZO
Ich will dir eine Wehr dagegen leihn,
Der Trbsal se Milch, Philosophie,
Um dich zu trsten, bist du gleich verbannt.

ROMEO
Und noch verbannt?  Hngt die Philosophie!
Kann sie nicht schaffen eine Julia,
Aufheben eines Frsten Urteilspruch,
Verpflanzen eine Stadt, so hilft sie nicht,
So taugt sie nicht, so rede lnger nicht!

LORENZO
Nun seh ich wohl.  Wahnsinnige sind taub.

ROMEO
Wrs anders mglich?  Sind doch Weise blind.

LORENZO
La ber deinen Fall mit dir mich rechten!

ROMEO
Du kannst von dem, was du nicht fhlst, nicht reden.
Wrst du so jung wie ich und Julia dein,
Vermhlt seit einer Stund, erschlagen Tybalt,
Wie ich von Lieb entglht, wie ich verbannt,
Dann mchtest du nur reden, mchtest nur
Das Haar dir raufen, dich zu Boden werfen
Wie ich und so dein knftges Grab dir messen.

([Er wirft sich an den Boden.] Man klopft drauen.)

LORENZO
Steh auf, man klopft; verbirg dich, lieber Freund!

ROMEO
O nein, wo nicht des bangen Sthnens Hauch
Gleich Nebeln mich vor Spheraugen schirmt.

(Man klopft.)

LORENZO
Horch, wie man klopft!--Wer da?--Fort, Romeo!
Man wird dich fangen.--Wartet doch ein Weilchen!--
Steh auf

(Man klopft.)

 und rett ins Lesezimmer dich!--

(Man klopft.)

Ja, ja!  im Augenblick!--Gerechter Gott,
Was fr ein starrer Sinn!--ehn und dich zurckzurufen
Mit zwanzighunderttausendmal mehr Freude,
Als du mit Jammer jetzt von hinnen ziehst.
Geh, Wrterin, voraus, gr mir dein Frulein;
Hei sie das ganze Haus zu Bette treiben,
Wohin der schwere Gram von selbst sie treibt;
Denn Romeo soll kommen.

WRTERIN
O je, ich blieb hier gern die ganze Nacht
Und hrte gute Lehr.  Da sieht man doch,
Was die Gelahrtheit ist!--Nun, gndger Herr,
Ich will dem Frulein sagen, da Ihr kommt.

ROMEO
Tu das und sag der Holden, da sie sich
Bereite, mich zu schelten.

WRTERIN
 Gndger Herr,
Hier ist ein Ring, den sie fr Euch mir gab.
Eilt Euch, macht fort, sonst wird es gar zu spt.

(Ab.)

ROMEO
Wie ist mein Mut nun wieder neu belebt!

LORENZO
Geh!  Gute Nacht!  Und hieran hngt dein Los:
Entweder geh, bevor man Wachen stellt,
Wo nicht, verkleidet in der Frhe fort.
Verweil in Mantua; ich forsch indessen
Nach deinem Diener, und er meldet dir
Von Zeit zu Zeit ein jedes gute Glck,
Das hier begegnet.  Gib mir deine Hand!
Es ist schon spt.  Fahr wohl denn!  Gute Nacht!

ROMEO
Mich rufen Freuden ber alle Freuden,
Sonst wrs ein Leid, von dir so schnell zu scheiden.
Leb wohl!

(Beide ab.)



VIERTE SZENE

(Ein Zimmer in Capulets Hause)

(Capulet, Grfin Capulet, Paris.)


CAPULET
Es ist so schlimm ergangen, Graf, da wir
Nicht Zeit gehabt, die Tochter anzumahnen.
Denn seht, sie liebte herzlich ihren Vetter.
Das tat ich auch; nun, einmal stirbt man doch.--
Es ist schon spt, sie kommt nicht mehr herunter,
Ich sag Euch, wrs nicht der Gesellschaft wegen,
Seit einer Stunde lg ich schon im Bett.

PARIS
So trbe Zeit gewhrt nicht Zeit zum Frein;
Grfin, schlaft wohl, empfehlt mich Eurer Tochter!

GRFIN CAPULET
Ich tu's und forsche morgen frh sie aus.
Heut nacht verschlo sie sich mit ihrem Gram.

CAPULET
Graf Paris, ich vermesse mich zu stehn
Fr meines Kindes Lieb; ich denke wohl,
Sie wird von mir in allen Stcken sich
Bedeuten lassen, ja ich zweifle nicht.--
Frau, geh noch zu ihr, eh du schlafen gehst,
Tu meines Sohnes Paris Lieb ihr kund
Und sag ihr, merk es wohl: auf nchsten Mittwoch!
Still, was ist heute?

PARIS
 Montag, edler Herr.

CAPULET
Montag?  So, so!  Gut, Mittwoch ist zu frh.
Sei's Donnerstag!--Sag ihr: am Donnerstag
Wird sie vermhlt mit diesem edlen Grafen.
Wollt Ihr bereit sein?  Liebt Ihr diese Eil?
Wir tuns im stillen ab: nur ein paar Freunde;
Denn seht, weil Tybalt erst erschlagen ist,
So dchte man, er lg uns nicht am Herzen,
Als unser Blutsfreund, schwrmten wir zu viel.
Drum lat uns ein halb Dutzend Freunde laden
Und damit gut.  Wie dnkt Euch Donnerstag?

PARIS
Mein Graf, ich wollte, Donnerstag wr morgen.

CAPULET
Gut, geht nur heim!  Sei's denn am Donnerstag.--
Geh, Frau, zu Julien, eh du schlafen gehst,
Bereite sie auf diesen Hochzeittag.--
Lebt wohl, mein Graf!

(Paris ab.)

 He!  Licht auf meine Kammer!
Nach meiner Weise ists so spt, da wir
Bald frh es nennen knnen.  Gute Nacht!

([Capulet und die Grfin ab.] Alle ab.)



FNFTE SZENE

(Eine offene Galerie vor Juliens Zimmer mit Blick auf den Garten)

(Romeo und Julia.)


JULIA
Willst du schon gehn?  Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub, Lieber, mir: es war die Nachtigall.

ROMEO
Die Lerche wars, die Tagverknderin,
Nicht Philomele; sieh den neidschen Streif,
Der dort im Ost der Frhe Wolken sumt.
Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,
Der muntre Tag erklimmt die dunstgen Hhn;
Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod.

JULIA
Trau mir, das Licht ist nicht des Tages Licht,
Die Sonne hauchte dieses Luftbild aus,
Dein Fackeltrger diese Nacht zu sein,
Dir auf dem Weg nach Mantua zu leuchten.
Drum bleibe noch; zu gehn ist noch nicht not.

ROMEO
La sie mich greifen, ja, la sie mich tten!
Ich gebe gern mich drein, wenn du es willst.
Nein, jenes Grau ist nicht des Morgens Auge,
Der bleiche Abglanz nur von Cynthias Stirn.
Das ist auch nicht die Lerche, deren Schlag
Hoch ber uns des Himmels Wlbung trifft.
Ich bleibe gern; zum Gehn bin ich verdrossen.
Willkommen, Tod, hat Julia dich beschlossen!--
Nun, Herz?  Noch tagt es nicht, noch plaudern wir.

JULIA
Es tagt, es tagt!  Auf, eile, fort von hier!
Es ist die Lerche, die so heiser singt
Und falsche Weisen, rauhen Miton gurgelt.
Man sagt, der Lerche Harmonie sei s;
Nicht diese: sie zerreit die unsre ja.
Die Lerche, sagt man, wechselt mit der Krte
Die Augen; mchte sie doch auch die Stimme!
Die Stimm ists ja, die Arm aus Arm uns schreckt,
Dich von mir jagt, da sie den Tag erweckt.
Stets hell und heller wirds: wir mssen scheiden.

ROMEO
Hell?  Dunkler stets und dunkler unsre Leiden!

(Die Wrterin kommt herein.)

WRTERIN
Frulein!

JULIA
Amme?

WRTERIN
Die gndge Grfin kommt in Eure Kammer;
Seid auf der Hut; schon regt man sich im Haus.

(Wrterin ab.)

JULIA (das Fenster ffnend.)
Tag, schein herein, und Leben, flieh hinaus!

ROMEO
Ich steig hinab; la dich noch einmal kssen!

(Er steigt [aus dem Fenster] herab.)

JULIA (aus dem Fenster ihm nachsehend.)
Freund!  Gatte!  Trauter!  Bist du mir entrissen?
Gib Nachricht jeden Tag, zu jeder Stunde;
Schon die Minut enthlt der Tage viel.
Ach, so zu rechnen bin ich hoch in Jahren,
Eh meinen Romeo ich wiederseh.

ROMEO (auerhalb.)
Leb wohl!  Kein Mittel la ich aus den Hnden,
Um dir, du Liebe, meinen Gru zu senden.

JULIA
O denkst du, da wir je uns wiedersehn?

ROMEO
Ich zweifle nicht, und all dies Leiden dient
In Zukunft uns zu serem Geschwtz.

JULIA
O Gott, ich hab ein Unglck ahnend Herz,
Mir deucht, ich sh dich, da du unten bist,
Als lgst du tot in eines Grabes Tiefe.
Mein Auge trgt mich, oder du bist bleich.

ROMEO
So, Liebe, scheinst du meinen Augen auch.
Der Schmerz trinkt unser Blut.  Leb wohl, leb wohl!

(Ab.)

JULIA
O Glck, ein jeder nennt dich unbestndig;
Wenn du es bist: was tust du mit dem Treuen?
Sei unbestndig.  Glck!  Dann hltst du ihn
Nicht lange, hoff ich, sendest ihn zurck.

GRFIN CAPULET (hinter der Szene.)
He, Tochter, bist du auf?

JULIA
Wer ruft mich?  Ist es meine gndge Mutter?
Wacht sie so spt noch, oder schon so frh?
Welch ungewohnter Anla bringt sie her?

(Grfin Capulet kommt herein.)

GRFIN CAPULET
Nun, Julia, wie gehts?

JULIA
 Mir ist nicht gut.

GRFIN CAPULET
Noch immer weinend um des Vetters Tod?
Willst du mit Trnen aus der Gruft ihn waschen?
Und knntest du's, das rief' ihn nicht ins Leben;
Drum la das!  Trauern zeugt von vieler Liebe,
Doch zu viel trauern zeugt von wenig Witz.

JULIA
Um einen Schlag, der so empfindlich traf,
Erlaubt zu weinen mir!

GRFIN CAPULET
 So trifft er dich;
Der Freund empfindet nichts, den du beweinst.

JULIA
Doch ich empfind und mu den Freund beweinen.

GRFIN CAPULET
Mein Kind, nicht seinen Tod so sehr beweinst du,
Als da der Schurke lebt, der ihn erschlug.

JULIA
Was fr ein Schurke?

GRFIN CAPULET
 Nun, der Romeo.

JULIA (beiseit.)
Er und ein Schurk sind himmelweit entfernt.--

(Laut.)

Vergeb ihm Gott!  Ich tu's von ganzem Herzen;
Und dennoch krnkt kein Mann, wie er, mein Herz.

GRFIN CAPULET
Ja freilich, weil der Meuchelmrder lebt.

JULIA
Ja, wo ihn diese Hnde nicht erreichen!--
O rchte niemand doch als ich den Vetter!

GRFIN CAPULET
Wir wollen Rache nehmen, sorge nicht;
Drum weine du nicht mehr.  Ich send an jemand
Zu Mantua, wo der Verlaufne lebt,
Der soll ein krftig Trnkchen ihm bereiten,
Das bald ihn zum Gefhrten Tybalts macht.
Dann wirst du hoffentlich zufrieden sein.

JULIA
Frwahr, ich werde nie mit Romeo
Zufrieden sein, erblick ich ihn nicht--tot--,
Wenn so mein Herz um einen Blutsfreund leidet.
Ach, fndet Ihr nur jemand, der ein Gift
Ihm reichte, gndge Frau; ich wollt es mischen,
Da Romeo, wenn ers genommen, bald
In Ruhe schliefe.--Wie mein Herz es hat,
Ihn nennen hren--und nicht zu ihm knnen,
Die Liebe, die ich zu dem Vetter trug,
An dem, der ihn erschlagen hat, zu ben!

GRFIN CAPULET
Findst du das Mittel, find ich wohl den Mann.
Doch bring ich jetzt dir frohe Zeitung, Mdchen.

JULIA
In so bedrngter Zeit kommt Freude recht.
Wie lautet sie, ich bitt Euch, gndge Mutter?

GRFIN CAPULET
Nun Kind, du hast 'nen aufmerksamen Vater:
Um dich von deinem Trbsinn abzubringen,
Ersann er dir ein pltzlich Freudenfest,
Des ich so wenig mich versah wie du.

JULIA
Ei, wie erwnscht!  Was wr das, gndge Mutter?

GRFIN CAPULET
Ja, denk dir, Kind, am Donnerstag frhmorgens
Soll der hochedle, wackre junge Herr,
Graf Paris, in Sankt Peters Kirche dich
Als frohe Braut an den Altar geleiten.

JULIA
Nun, bei Sankt Peters Kirch und Petrus selbst,
Er soll mich nicht als frohe Braut geleiten!
Mich wundert diese Eil, da ich vermhlt
Mu werden, eh mein Freier kommt zu werben.
Ich bitt Euch, gndge Frau, sagt meinem Vater
Und Herrn, ich wollte noch mich nicht vermhlen,
Und wenn ichs tue, schwr ich: Romeo,
Von dem Ihr wit, ich ha ihn, soll es lieber
Als Paris sein.--Frwahr, das ist wohl Zeitung!

GRFIN CAPULET
Da kommt dein Vater, sag du selbst ihm das,
Sieh, wie er sichs von dir gefallen lt.

(Capulet und die Wrterin kommen.)

CAPULET
Die Luft sprht Tau beim Sonnenuntergang,
Doch bei dem Untergange meines Neffen,
Da giet der Regen recht.
Was?  Eine Traufe, Mdchen?  Stets in Trnen?
Stets Regenschauer?  In so kleinem Krper
Spielst du auf einmal See und Wind und Kahn,
Denn deine Augen ebben stets und fluten
Von Trnen wie die See; dein Krper ist der Kahn,
Der diese salzge Flut befhrt; die Seufzer
Sind Winde, die, mit deinen Trnen tobend,
Wie die mit ihnen, wenn nicht Stille pltzlich
Erfolgt, den hin und her geworfnen Krper
Zertrmmern werden.--Nun, wie steht es, Frau?
Hast du ihr unsern Ratschlu hinterbracht?

GRFIN CAPULET
Ja, doch sie will es nicht, sie dankt Euch sehr.
Wr doch die Trin ihrem Grab vermhlt!

CAPULET
Sacht, rede deutlich, rede deutlich, Frau!
Was?  Will sie nicht?  Wei sie uns keinen Dank?
Ist sie nicht stolz?  Schtzt sie sich nicht beglckt,
Da wir solch einen wrdgen Herrn vermocht,
Trotz ihrem Unwert, ihr Gemahl zu sein?

JULIA
Nicht stolz darauf, doch dankbar, da Ihrs tatet.
Stolz kann ich nie auf das sein, was ich hasse,
Doch dankbar selbst fr Ha, gemeint wie Liebe.

CAPULET
Ei seht mir, seht mir!  Kramst du Weisheit aus?
Stolz--und ich dank Euch--ner Schleife hin.
Pfui, du bleichschtges Ding, du lose Dirne!
Du Talggesicht!

GRFIN CAPULET
 O pfui!  Seid Ihr von Sinnen?

JULIA
Ich fleh Euch auf den Knien, mein guter Vater,
Hrt mit Geduld ein einzig Wort nur an!

CAPULET
Geh mir zum Henker, widerspenstge Dirne!
Ich sage dirs: zur Kirch auf Donnerstag,
Sonst komm mir niemals wieder vors Gesicht.
Sprich nicht!  Erwidre nicht!  Gib keine Antwort!
Die Finger jucken mir.  O Weib, wir glaubten
Uns kaum genug gesegnet, weil uns Gott
Dies eine Kind nur sandte; doch nun seh ich,
Dies eine war um eines schon zuviel,
Und nur ein Fluch ward uns in ihr beschert.
Du Hexe!

WRTERIN
 Gott im Himmel segne sie!
Eur Gnaden tun nicht wohl, sie so zu schelten.

CAPULET
Warum, Frau Weisheit?  Haltet Euern Mund,
Prophetin!  Schnattert mit Gevatterinnen!

WRTERIN
Ich sage keine Schelmstck!

CAPULET
 Geht mit Gott!

WRTERIN
Darf man nicht sprechen?

CAPULET
 Still doch, altes Waschmaul!
Spart Eure Predigt zum Gevatterschmaus;
Hier brauchen wir sie nicht.

GRFIN CAPULET
 Ihr seid zu hitzig!

CAPULET
Gotts Sakrament, es macht mich toll!  Bei Tag,
Bei Nacht, spt, frh, allein und in Gesellschaft,
Zu Hause, drauen, wachend und im Schlaf,
War meine Sorge stets, sie zu vermhlen.
Nun, da ich einen Herrn ihr ausgemittelt,
Von frstlicher Verwandtschaft, schnen Gtern,
Jung, edel auferzogen, ausstaffiert,
Wie man wohl sagt, mit ritterlichen Gaben,
Kurz, wie man einen Mann sich wnschen mchte,
Und dann ein albern, winselndes Geschpf,
Ein weinerliches Pppchen da zu haben,
Die, wenn ihr Glck erscheint, zur Antwort gibt:
Heiraten will ich nicht, ich kann nicht lieben,
Ich bin zu jung, ich bitt, entschuldigt mich.--
Gut, willst du nicht, du sollst entschuldigt sein;
Gras', wo du willst, du sollst bei mir nicht hausen.
Sieh zu!  Bedenk!  Ich pflege nicht zu spaen.
Der Donnerstag ist nah: die Hand aufs Herz!
Und bist du mein, so soll mein Freund dich haben;
Wo nicht, geh, bettle, hungre, stirb am Wege!
Denn nie, bei meiner Seel, erkenn ich dich,
Und nichts, was mein, soll dir zugute kommen.
Bedenk dich!  Glaub, ich halte, was ich schwur!

(Ab.)

JULIA
Und wohnt kein Mitleid droben in den Wolken,
Das in die Tiefe meines Jammers schaut?
O se Mutter, sto mich doch nicht weg!
Nur einen Monat, eine Woche Frist!
Wo nicht, bereite mir das Hochzeitsbette
In jener dstern Gruft, wo Tybalt liegt!

GRFIN CAPULET
Sprich nicht zu mir, ich sage nicht ein Wort.
Tu, was du willst, denn ich bin mit dir fertig.

(Ab.)

JULIA
O Gott!  Wie ist dem vorzubeugen, Amme?
Mein Gatt auf Erden, meine Treu im Himmel--
Wie soll die Treu zur Erde wiederkehren,
Wenn sie der Gatte nicht, der Erd entweichend,
Vom Himmel sendet?  Trste, rate, hilf!
Weh, weh mir, da der Himmel solche Tcken
An einem sanften Wesen bt wie mir!
Was sagst du?  Hast du kein erfreuend Wort,
Kein Wort des Trostes?

WRTERIN
 Meiner Seel, hier ists:
Er ist verbannt, und tausend gegen eins,
Da er sich nimmer wieder her getraut,
Euch anzusprechen; oder tt ers doch,
So mt es schlechterdings verstohlen sein.
Nun, weil denn so die Sachen stehn, so denk ich,
Das beste wr, da Ihr den Grafen nhmt.
Ach, er ist solch ein allerliebster Herr!
Ein Lump ist Romeo nur gegen ihn.
Ein Adlersauge, Frulein, ist so grell,
So schn, so feurig nicht, wie Paris seins.
Ich will verwnscht sein, ist die zweite Heirat
Nicht wahres Glck fr Euch; weit vorzuziehn
Ist sie der ersten.  Oder wr sie's nicht?
Der erste Mann ist tot, so gut als tot;
Denn lebt er schon, habt Ihr doch nichts von ihm.

JULIA
Sprichst du von Herzen?

WRTERIN
 Und von ganzer Seele,
Sonst mge Gott mich strafen!

JULIA
 Amen!

WRTERIN
 Was?

JULIA
Nun ja, du hast mich wunderbar getrstet.
Geh, sag der Mutter, weil ich meinen Vater
Erzrnt, so woll ich nach Lorenzos Zelle,
Zu beichten und Vergebung zu empfangen.

WRTERIN
Gewi, das will ich; Ihr tut weislich dran.

(Ab.)

JULIA
O alter Erzfeind, hllischer Versucher!
Ists rgre Snde, so zum Meineid mich
Verleiten, oder meinen Gatten schmhn
Mit eben dieser Zunge, die zuvor
Viel tausendmal ihn ohne Ma und Ziel
Gepriesen hat?--
Seht, wie sie frhlich aus der Beichte kommt!

(Julia tritt auf.)

CAPULET
Nun, Starrkopf?  Sag, wo bist herumgeschwrmt?

JULIA
Wo ich gelernt, die Snde zu bereun
Hartnckgen Ungehorsams gegen Euch
Und Eur Gebot, und wo der heilge Mann
Mir auferlegt, vor Euch mich hinzuwerfen,
Vergebung zu erflehn.--Vergebt, ich bitt Euch!
Von nun an will ich stets Euch folgsam sein.

CAPULET
Schickt nach dem Grafen, geht und sagt ihm dies.
Gleich morgen frh will ich dies Band geknpft sehn.

JULIA
Ich traf den jungen Grafen bei Lorenzo,
Und alle Huld und Lieb erwies ich ihm,
So das Gesetz der Zucht nicht bertritt.

CAPULET
Nun wohl, das freut mich, das ist gut.--Steh auf!
So ist es recht.--Lat mich den Grafen sehn.
Potztausend, geht, sag ich, und holt ihn her!--
So wahr Gott lebt, der wrdge fromme Pater,
Von unsrer ganzen Stadt verdient er Dank.

JULIA
Kommt, Amme, wollt Ihr mit mir auf mein Zimmer?
Mir helfen Putz erlesen, wie Ihr glaubt,
Da mir geziemt, ihn morgen anzulegen?

GRFIN CAPULET
Nein, nicht vor Donnerstag; es hat noch Zeit.

CAPULET
Geh mit ihr, Amme, morgen gehts zur Kirche.

(Julia und die Wrterin ab.)

GRFIN CAPULET
Die Zeit wird kurz zu unsrer Anstalt fallen;
Es ist fast Nacht.

CAPULET
 Blitz!  Ich will frisch mich rhren,
Und alles soll schon gehn, Frau, dafr steh ich.
Geh du zu Julien, hilf an ihrem Putz.
Ich gehe nicht zu Bett; la mich gewhren,
Ich will die Hausfrau diesmal machen.--Heda!--
Kein Mensch zur Hand?--Gut, ich will selber gehn
Zum Grafen Paris, um ihn anzutreiben
Auf morgen frh; mein Herz ist mchtig leicht,
Seit dies verkehrte Mdchen sich besonnen.

(Capulet und die Grfin ab.)



DRITTE SZENE

(Juliens Kammer)

(Julia und die Wrterin.)


JULIA
Ja, dieser Anzug ist der beste.--Doch
Ich bitt dich, liebe Amme, la mich nun
Fr diese Nacht allein; denn viel Gebete
Tun not mir, um den Himmel zu bewegen,
Da er auf meinen Zustand gndig lchle,
Der, wie du weit, verderbt und sndlich ist.

(Grfin Capulet kommt.)

GRFIN CAPULET
Seid ihr geschftig?  Braucht ihr meine Hlfe?

JULIA
Nein, gndge Mutter, wir erwhlten schon
Zur Tracht fr morgen alles Zubehr.
Gefllt es Euch, so lat mich jetzt allein
Und lat zu Nacht die Amme mit Euch wachen,
Denn sicher habt Ihr alle Hnde voll
Bei dieser eilgen Anstalt.

GRFIN CAPULET
 Gute Nacht!
Geh nun zu Bett und ruh; du hast es ntig.

(Grfin Capulet und die Wrterin ab.)

JULIA
Lebt wohl!--Gott wei, wann wir uns wiedersehn.
Kalt rieselt matter Schau'r durch meine Adern,
Der fast die Lebenswrm erstarren macht.
Ich will zurck sie rufen mir zum Trost.
Amme!--Doch was soll sie hier?
Mein dstres Spiel mu ich allein vollenden.
Komm du, mein Kelch!--
Doch wie, wenn dieser Trank nun gar nichts wirkte,
Wird man dem Grafen mit Gewalt mich geben?
Nein, nein!  Dies solls verwehren.  Lieg du hier!--

(Sie legt einen Dolch neben sich.)

Wie?  Wr es Gift, das mir mit schlauer Kunst
Der Mnch bereitet, mir den Tod zu bringen,
Auf da ihn diese Heirat nicht entehre,
Weil er zuvor mich Romeo vermhlt?
So, frcht ich, ists!--Doch dnkt mich, kanns nicht sein,
Denn er ward stets ein frommer Mann erfunden.
Ich will nicht Raum so bsem Argwohn geben.
Wie aber, wenn ich, in die Gruft gelegt,
Erwache vor der Zeit, da Romeo
Mich zu erlsen kommt?  Furchtbarer Fall!
Werd ich dann nicht in dem Gewlb ersticken,
Des giftger Mund nie reine Lfte einhaucht,
Und so erwrgt da liegen, wann er kommt?
Und leb ich auch, knnt es nicht leicht geschehn,
Da mich das grause Bild von Tod und Nacht
Zusammen mit den Schrecken jenes Ortes
Dort im Gewlb in alter Katakombe,
Wo die Gebeine aller meiner Ahnen
Seit vielen hundert Jahren aufgehuft,
Wo frisch beerdigt erst der blutge Tybalt
Im Leichentuch verwest; wo, wie man sagt,
In mitternchtger Stunde Geister hausen--
Weh, weh!--knnt es nicht leicht geschehn, da ich,
Zu frh erwachend--und nun ekler Dunst,
Gekreisch wie von Alraunen, die man aufwhlt,
Das Sterbliche, die's hren, sinnlos macht--
Oh, wach ich auf, werd ich nicht rasend werden,
Umringt von all den greuelvollen Schrecken,
Und toll mit meiner Vter Gliedern spielen?
Und Tybalt aus dem Leichentuche zerren?
Und in der Wut mit irgendeines Ahnherrn
Gebein zerschlagen mein zerrttet Hirn?
O da!  Mich dnkt, ich sehe Tybalts Geist!
Er spht nach Romeo, der seinen Leib
Auf einen Degen spiete.--Tybalt, halt!--
Ich komme, Romeo!  Dies trink ich dir!

([Sie trinkt und] wirft sich auf das Bett.)



VIERTE SZENE

(Ein Saal in Capulets Hause)

(Grfin Capulet und die Wrterin.)


GRFIN CAPULET
Da, nehmt die Schlssel, holt noch mehr Gewrz!

WRTERIN
Sie wollen Quitten und Orangen haben
Fr ihre Bckerei.

(Capulet kommt.)

CAPULET
Auf, rhrt euch, frisch!  Schon krht der zweite Hahn,
Die Morgenglocke lutet; 's ist drei Uhr.
Sieh nach dem Backwerk, Frau Angelika,
Spar nichts daran!

WRTERIN
 Topfgucker!  Geht nur, geht!
Macht Euch zu Bett!  Ja, Ihr seid morgen krank,
Wenn Ihr die ganze Nacht nicht schlaf!

CAPULET
Kein bichen!  Was!  Ich hab um Kleiners wohl
Die Nchte durchgewacht und war nie krank.

GRFIN CAPULET
Ja, ja!  Ihr wart ein feiner Vogelsteller
Zu Eurer Zeit!  Nun aber will ich Euch
Vor solchem Wachen schon bewachen.

(Grfin und Wrterin ab.)

CAPULET
O Ehestand, o Wehestand!  Nun, Kerle!

(Diener mit Bratspieen, Scheiten und Krben treten auf.)

Was bringt ihr da!

(Diener mit Bratspieen, Scheiten und Krben gehn ber die Bhne.)

ERSTER DIENER
's ist fr den Koch, Herr; was, das wei ich nicht.

CAPULET
Macht zu, macht zu!

(Erster Diener ab.)

 Hol trockne Kltze, Bursch!
Ruf Petern, denn der wei es, wo sie sind.

ZWEITER DIENER
Braucht Ihr 'nen Klotz, Herr, bin ich selber da
Und hab nicht ntig, Petern anzugehn.

(Ab.)

CAPULET
Blitz!  Gut gesagt!  Ein lustger Teufel!  ha,
Du sollst das Haupt der Kltze sein.--Wahrhaftig,
's ist Tag; der Graf wird mit Musik gleich kommen.
Das woll er, sagt' er ja; ich hr ihn schon.

(Musik hinter der Szene.)

Frau!  Wrterin!  He, sag ich, Wrterin!

(Die Wrterin kommt.)

Weckt Julien auf!  Geht, putzt sie mir heraus!
Ich geh indes und plaudre mit dem Grafen.
Eilt Euch, macht fort!  Der Brutgam ist schon da.
Fort, sag ich Euch.

(Beide ab.)



FNFTE SZENE

(Juliens Kammer)

(Julia auf dem Bett.  Die Wrterin kommt.)


WRTERIN
Frulein!--Nun, Frulein!  Julia!--Nun, das schlft!
He, Lamm!  He, Frulein!  Pfui, Langschlferin!
Mein Schtzchen, sag ich!  Ses Herz!  Mein Brutchen!
Was, nicht ein Laut?  Ihr nehmt Eur Teil voraus,
Schlaft fr 'ne Woche; denn ich steh dafr,
Auf nchste Nacht hat seine Ruh Graf Paris
Daran gesetzt, da wenig Ruh Ihr habt!
Beht der Herr sie!  Wie gesund sie schlft!
Ich mu sie aber wecken.--Frulein!  Frulein!
Lat Euch den Grafen nur im Bett ertappen,
Der wird Euch schon ermuntern; meint Ihr nicht?--
Was, schon in vollen Kleidern?  Und so wieder
Sich hingelegt?  Ich mu durchaus Euch wecken.
He, Frulein!  Frulein!  Frulein!--
Da Gott, da Gott!  Zu Hlfe!  Sie ist tot!
Ach, liebe Zeit!  Da ich je ward geboren!
Bringt Weingeist, he!  He, gndger Herr!  Frau Grfin!

(Grafin Capulet kommt.)

GRFIN CAPULET
Was ist das fr ein Lrm?

WRTERIN
 O Unglckstag!

GRFIN CAPULET
Was gibts?

WRTERIN
 Seht, seht nur!  O betrbter Tag!

GRFIN CAPULET
O weh, o weh!  Mein Kind, mein einzig Leben!
Erwach, leb auf, ich sterbe sonst mit dir!
O Hlfe, Hlfe!  Ruft doch Hlfe!

(Capulet kommt.)

CAPULET
Schmt euch!  Bringt Julien her!  Der Graf ist da.

WRTERIN
Ach sie ist tot, verblichen, tot!  O wehe!

GRFIN CAPULET
O wehe, wehe, sie ist tot, tot, tot!

CAPULET
Lat mich sie sehn!--Gott helf uns!  Sie ist kalt,
Ihr Blut steht still, die Glieder sind ganz starr,
Von diesen Lippen schied das Leben lngst,
Der Tod liegt auf ihr, wie ein Maienfrost
Auf des Gefildes schnster Blume liegt.
Fluch dieser Stund!  Ich armer alter Mann!

WRTERIN
O Unglckstag!

GRFIN CAPULET
 O jammervolle Stunde!

CAPULET
Der Tod, der mir sie nahm, mir Klagen auszupressen,
Er bindet meine Zung und macht sie stumm.

(Bruder Lorenzo, Graf Paris und Musikanten treten auf.)

LORENZO
Kommt!  Ist die Braut bereit zur Kirch zu gehn?

CAPULET
Bereit zu gehn, um nie zurckzukehren.--
O Sohn, die Nacht vor deiner Hochzeit buhlte
Der Tod mit deiner Braut.  Sieh, wie sie liegt,
Die Blume, die in seinem Arm verblhte.
Mein Eidam ist der Tod, der Tod mein Erbe;
Er freite meine Tochter.  Ich will sterben,
Ihm alles lassen; wer das Leben lt,
Der lt dem Tode alles.

PARIS
Hab ich nach dieses Morgens Licht geschmachtet,
Und bietet es mir solchen Anblick dar?

GRFIN CAPULET
Unseliger, verhater, schwarzer Tag!
Der Stunden jammervollste, so die Zeit
Seit ihrer langen Pilgerschaft gesehn.
Nur eins, ein einzig armes, liebes Kind,
Ein Wesen nur, mich dran zu freun, zu laben--
Und grausam ri es nun der Tod mir weg!

WRTERIN
O Weh!  O Jammer--Jammer--Sachen hier sehn gar erbrmlich aus.

(Ab.)

[ZWEITER] ERSTER MUSIKANT (zeigt auf sein Instrument.)
Ja, meiner Treu, die Sachen hier knnten wohl besser aussehen,
aber sie klingen doch gut.

{Im Original bezieht der Musiker den Ausspruch der Amme aufgrund
der Doppeldeutigkeit des Wortes "case" (Sache, Kasten) auf den
Kasten fr sein Instrument: "Ja, bei meiner Treu, den Kasten kann
man doch ausbessern."}

PETER
O Musikanten, Musikanten, spielt:
"Frisch auf, mein Herz!  Frisch auf, mein Herz, und singe!"
O spielt, wenn euch mein Leben lieb ist, spielt:
"Frisch auf, mein Herz!"

ERSTER MUSIKANT
Warum: "Frisch auf, mein Herz?"

PETER
O Musikanten, weil mein Herz selber spielt: "Mein Herz voll Angst
und Nten." O spielt mir eine lustige Litanei, um mich aufzurichten.

[ZWEITER] ERSTER MUSIKANT
Nichts da von Litanei!  Es ist jetzt nicht Spielens Zeit.

PETER
Ihr wollt es also nicht?

[MUSIKANTEN] ERSTER MUSIKANT
Nein.

PETER
Nun, so will ich es euch schon [eintrnken] grndlich geben.

ERSTER MUSIKANT
Was wollt Ihr uns [eintrnken] geben?

PETER
[Keinen Wein] Kein Geld, wahrhaftig; sondern Spott,--ich werde
es euch geben, indem ich euch als Spielmnner beschimpfe.

ERSTER MUSIKANT
Dann werde ich Euch eine Dienstboten-Kreatur nennen.

PETER
Dann wird Euer Schdel den Dolch dieser Dienstboten-Kreatur zu
spren bekommen.  Ich dulde solche Tne nicht: [ich will euch eure
Instrumente um den Kopf schlagen.] Ich will euch befa-sol-laen.
Das notiert euch!

ERSTER MUSIKANT
Wenn Ihr uns befa-sol-laet, so notiert Ihr uns.

ZWEITER MUSIKANT
Bitte steckt Euren Dolch ein und zieht Euren Witz hervor.

PETER
Dann legt euch mit meinem Witz an!  Ich werde euch mit eisernem
Witz verbleuen und meinen eisernen Dolch einstecken.--
[Hrt, spannt mir einmal eure Schafskpfe wie die Schafsdrme an
euren Geigen.] Antwortet verstndlich: Wenn in der Leiden hartem Drang
Das bange Herze will erliegen,
Musik mit ihrem Silberklang--Warum "Silberklang"?  warum "Musik
mit ihrem Silberklang"?  Was sagt Ihr, Hans Kolophonium?

ERSTER MUSIKANT
Ei nun, Musje, weil Silber einen feinen Klang hat.

PETER
Recht artig!  Was sagt Ihr, Michel Hackebrett?

ZWEITER MUSIKANT
Ich sage "Silberklang", weil Musik nur fr Silber klingt.

PETER
Auch recht artig!  Was sagt Ihr, Jakob Gellohr?

DRITTER MUSIKANT
Mein Seel, ich wei nicht, was ich sagen soll.

PETER
Oh, ich bitt Euch um Vergebung!  Ihr seid der Snger, Ihr singt
nur; so will ich es denn fr Euch sagen.  Es heit "Musik mit
ihrem Silberklang", weil solche Kerle wie Ihr kein Gold frs
Spielen kriegen!  Musik mit ihrem Silberklang
Wei hlfreich ihnen obzusiegen.

(Geht [singend] ab.)

ERSTER MUSIKANT
Was fr ein Pestkerl ist das?

ZWEITER MUSIKANT
Hol ihn der Henker!  Kommt, wir wollen hier hineingehn, auf
die Trauerleute warten und sehen, ob es nichts zu essen gibt.

(Alle ab.)




FNFTER AKT



ERSTE SZENE

(Mantua.  Eine Strae)

(Romeo tritt auf.)


ROMEO
Darf ich dem Schmeichelblick des Schlafes traun,
So deuten meine Trum ein nahes Glck.
Leicht auf dem Thron sitzt meiner Brust Gebieter;
Mich hebt ein ungewohnter Geist mit frohen
Gedanken diesen ganzen Tag empor.
Mein Mdchen, trumt ich, kam und fand mich tot
--Seltsamer Traum, der Tote denken lt!--
Und hauchte mir solch Leben ein mit Kssen,
Da ich vom Tod erstand und Kaiser war.
Ach Herz!  Wie s ist Liebe selbst begabt,
Da schon so reich an Freud ihr Schatten ist!

(Balthasar tritt auf.)

Ha, Neues von Verona!  Sag, wie stehts?
Bringst du vom Pater keine Briefe mit?
Was macht mein teures Weib?  Wie lebt mein Vater?
Ist meine Julie wohl?  Das frag ich wieder,
Denn nichts kann bel stehn, gehts ihr nur wohl.

BALTHASAR
Nun, ihr gehts wohl, und nichts kann bel stehn.
Ihr Krper schlft in Capulets Begrbnis,
Und ihr unsterblich Teil lebt bei den Engeln.
Ich sah sie senken in der Vter Gruft
Und ritt in Eil hieher, es Euch zu melden.
O Herr, verzeiht die schlimme Botschaft mir,
Weil Ihr dazu den Auftrag selbst mir gabt!

ROMEO
Ist es denn so?  Ich biet euch Trotz, ihr Sterne!--
Du kennst mein Haus, hol mir Papier und Tinte
Und miete Pferde; ich will fort zu Nacht.

BALTHASAR
Verzeiht, ich darf Euch so nicht lassen, Herr!
Ihr seht so bla und wild, und Eure Blicke
Weissagen Unglck.

ROMEO
 Nicht doch, du betrgst dich.
La mich und tu, was ich dich heie tun.
Hast du fr mich vom Pater keine Briefe?

BALTHASAR
Nein, bester Herr.

ROMEO
 Es tut nichts; mach dich auf
Und miete Pferd', ich komme gleich nach Haus.

(Balthasar ab.)

Wohl, Julia, heute nacht ruh ich bei dir.
Ich mu auf Mittel sinnen.--O wie schnell
Drngt Unheil sich in der Verzweiflung Rat!
Mir fllt ein Apotheker ein; er wohnt
Hier irgendwo herum.--Ich sah ihn neulich,
Zerlumpt, die Augenbrauen berhangend;
Er suchte Kruter aus; hohl war sein Blick,
Ihn hatte herbes Elend ausgemergelt.
Ein Schildpatt hing in seinem drftgen Laden,
Ein ausgestopftes Krokodil und Hute
Von migestalten Fischen; auf dem Sims
Ein bettelhafter Prunk von leeren Bchsen
Und grne Tpfe, Blasen, muffger Samen,
Bindfaden-Endchen, alte Rosenkuchen,
Das alles dnn verteilt, zur Schau zu dienen.
Betrachtend diesen Mangel, sagt ich mir:
Bedrfte jemand Gift hier, des Verkauf
In Mantua sogleich zum Tode fhrt,
Da lebt ein armer Schelm, ders ihm verkaufte.
Oh, der Gedanke zielt' auf mein Bedrfnis,
Und dieser drftge Mann mu mirs verkaufen.
Soviel ich mich entsinn, ist dies das Haus.
Weils Festtag ist, schlo seinen Kram der Bettler.
Hei Holla!  Apotheker!

(Der Apotheker kommt heraus.)

APOTHEKER
 Wer ruft so laut?

ROMEO
Mann, komm hieher!--erregt mir Schrecken.

(Entfernt sich.)

ROMEO
O du verhater Schlund, du Bauch des Todes,
Der du der Erde Kstlichstes verschlangst,
So brech ich deine morschen Kiefer auf

(Er bricht die Tr des Grabmals auf.)

Und will, zum Trotz, noch mehr dich berfllen.

(Er bricht die Tr des Gewlbes auf.)

PARIS
Ha, der verbannte, stolze Montague,
Der Juliens Vetter mordete; man glaubt,
An diesem Grame starb das holde Wesen.
Hier kommt er jetzt, um niedertrchtgen Schimpf
Den Leichen anzutun; ich will ihn greifen!

(Tritt hervor.)

La dein verruchtes Werk, du Montague!
Wird Rache bern Tod hinaus verfolgt?
Verdammter Bube, ich verhafte dich;
Gehorch und folge mir, denn du mut sterben.

ROMEO
Frwahr, das mu ich; darum kam ich her.
Versuch nicht, guter Jngling, den Verzweifelnden!
Entflieh und la mich; denke dieser Toten!
La sie dich schrecken!--Ich beschwr dich, Jngling,
Lad auf mein Haupt nicht eine neue Snde,
Wenn du zur Wut mich reizest; geh, o geh,
Bei Gott, ich liebe mehr dich wie mich selbst,
Denn gegen mich gewaffnet komm ich her.
Fort, eile, leb und nenn barmherzig ihn,
Den Rasenden, der dir gebot zu fliehn!

PARIS
Ich kmmre mich um dein Beschwren nicht
Und greife dich als Missetter hier.

ROMEO
Willst du mich zwingen?  Knabe, sieh dich vor!

(Sie fechten.)

PAGE
Sie fechten!  Gott, ich will die Wache rufen.

PARIS
O ich bin hin!--

(Fllt.)

 Hast du Erbarmen, ffne
Die Gruft und lege mich zu Julien.

(Er stirbt.)

ROMEO
Auf Ehr, ich wills.--Lat sein Gesicht mich schaun.
Mercutios edler Vetter ists, Graf Paris.
Was sagte doch mein Diener, weil wir ritten,
Als die bestrmte Seel es nicht vernahm?
Ich glaube, Julia habe sich mit Paris
Vermhlen sollen: sagt' er mir nicht so?
Wie, oder trumt ichs?  Oder bild ichs mir
Im Wahnsinn ein, weil er von Julien sprach?
O gib mir deine Hand, du, so wie ich,
Ins Buch des herben Unglcks eingezeichnet!
Ich bette dich in eine stolze Gruft.
Doch Gruft?  Nein, helle Wlbung, Jungerschlagner!
Denn hier liegt Julia: ihre Schnheit macht
Dies Grab zur Feierhalle voll von Licht.
Toter, lieg da, von totem Mann begraben!

(Er legt Paris in das Begrbnis.)

Wie oft sind Menschen, schon des Todes Raub,
Noch frhlich worden!  Ihre Wrter nennens
Den letzten Lebensblitz.  Wohl mag nun dies
Ein Blitz mir heien.--O mein Herz!  Mein Weib!
Der Tod, der deines Odems Balsam sog,
Hat ber deine Schnheit nichts vermocht.
Noch bist du nicht besiegt; der Schnheit Fahne
Weht purpurn noch auf Lipp und Wange dir;
Hier pflanzte nicht der Tod sein bleiches Banner.--
Liegst du da, Tybalt, in dem blutgen Tuch?
O welchen grern Dienst kann ich dir tun,
Als mit der Hand, die deine Jugend fllte,
Des Jugend, der dein Feind war, zu zerreien?
Vergib mir, Vetter!--Liebe Julia,
Warum bist du so schn noch?  Soll ich glauben,
Der krperlose Tod entbrenn in Lieb
Und der verhate, hagre Unhold halte
Als seine Buhle hier im Dunkeln dich?
Aus Furcht davor will ich dich nie verlassen
Und will aus diesem Palast dichter Nacht
Nie wieder weichen.  Hier, hier will ich bleiben
Mit Wrmern, so dir Dienerinnen sind.
O hier bau ich die ewge Ruhstatt mir
Und schttle von dem lebensmden Leibe
Das Joch feindseliger Gestirne.--Augen,
Blickt euer Letztes!  Arme, nehmt die letzte
Umarmung!  Und, o Lippen, ihr, die Tore
Des Odems, siegelt mit rechtmgem Kusse
Den ewigen Vertrag dem Wuchrer Tod.
Komm, bittrer Fhrer, widriger Gefhrt,
Verzweifelter Pilot!  Nun treib auf einmal
Dein sturmerkranktes Schiff in Felsenbrandung!
Dies auf dein Wohl, wo du auch stranden magst!
Dies meiner Lieben!--

(Er trinkt.)

 O wackrer Apotheker,
Dein Trank wirkt schnell.--Und so im Kusse sterb ich.

(Er stirbt, Bruder Lorenzo kommt vom andern Ende des Kirchhofes
mit Laterne Brecheisen und Spaten.)

LORENZO
Helf mir Sankt Franz!  Wie oft sind ber Grber
Nicht meine alten Fe heut gestolpert.
Wer ist da?
Wer ists, der noch so spt zu Toten geht?

{"Who is it that consorts, so late, the dead?" Dieser Vers findet
sich in der Fassung des "Project Gutenberg Shakespeare Team's",
fehlt aber in allen anderen mir bekannten Ausgaben.}

BALTHASAR
Ein Freund, und einer, dem Ihr wohl bekannt.

LORENZO
Gott segne dich!  Sag mir, mein guter Freund,
Welch eine Fackel ists, die dort ihr Licht
Umsonst den Wrmern leiht und blinden Schdeln?
Mir scheint, sie brennt in Capulets Begrbnis.

BALTHASAR
Ja, wrdger Pater, und mein Herr ist dort,
Ein Freund von Euch.

LORENZO
 Wer ist es?

BALTHASAR
 Romeo.

LORENZO
Wie lange schon?

BALTHASAR
 Voll eine halbe Stunde.

LORENZO
Geh mit mir zu der Gruft!

BALTHASAR
 Ich darf nicht, Herr.
Mein Herr wei anders nicht, als ich sei fort,
Und drohte furchtbarlich den Tod mir an,
Blieb ich, um seinen Vorsatz auszusphn.

LORENZO
So bleib, ich geh allein.--Ein Graun befllt mich;
Oh, ich befrchte sehr ein schlimmes Unglck!

BALTHASAR
Derweil ich unter dieser Eibe schlief,
Trumt ich, mein Herr und noch ein andrer fchten,
Und er erschlge jenen.

LORENZO
 Romeo?

(Er geht weiter nach vorn.)

O wehe, weh mir!  Was fr Blut befleckt
Die Steine hier an dieses Grabmals Schwelle?
Was wollen diese herrenlosen Schwerter,
Da sie verfrbt hier liegen an der Sttte
Des Friedens?

(Er geht in das Begrbnis.)

 Romeo?--Ach, bleich!--Wer sonst?
Wie?  Paris auch?  Und in sein Blut getaucht?
O welche unmitleidge Stund ist schuld
An dieser klglichen Begebenheit?--
Das Frulein regt sich.

JULIA (erwachend.)
O Trostesbringer!  Wo ist mein Gemahl?
Ich wei recht gut noch, wo ich sollte sein;
Da bin ich auch.  Wo ist mein Romeo?

(Gerusch von Kommenden.)

LORENZO
Ich hre Lrm.--Kommt, Frulein, flieht die Grube
Des Tods, der Seuchen, des erzwungnen Schlafs;
Denn eine Macht, zu hoch dem Widerspruch,
Hat unsern Rat vereitelt.  Komm, o komm!
Dein Gatte liegt an deinem Busen tot,
Und Paris auch; komm, ich versorge dich
Bei einer Schwesternschaft von heilgen Nonnen.
Verweil mit Fragen nicht; die Wache kommt.
Geh, gutes Kind!

(Gerusch hinter der Szene.)

 Ich darf nicht lnger bleiben.

(Ab.)

JULIA
Geh nur, entweich, denn ich will nicht von hinnen.--

(Bruder Lorenzo geht ab.)

Was ist das hier?  Ein Becher, festgeklemmt
In meines Trauten Hand?--Gift, seh ich, war
Sein Ende vor der Zeit.--O Bser!  Alles
Zu trinken, keinen gtgen Tropfen mir
Zu gnnen, der mich zu dir brcht?--Ich will
Dir deine Lippen kssen.  Ach, vielleicht
Hngt noch ein wenig Gift daran und lt mich
An einer Labung sterben.

(Sie kt ihn.)

 Deine Lippen
Sind warm.

ERSTER WCHTER (hinter der Szene.)
 Wo ist es, Knabe?  Fhr uns!

JULIA
Wie?  Lrm?--Dann schnell nur!

(Sie ergreift Romeos Dolch.)

 O willkommner Dolch!

(Sie ergreift Romeos Dolch.)

Dies werde deine Scheide.

(Ersticht sich.)

 Roste da
Und la mich sterben!

(Sie fllt auf Romeos Leiche und stirbt.
Wchter mit dem Pagen des Paris.)

PAGE
Dies ist der Ort, da, wo die Fackel brennt.

ERSTER WCHTER
Der Boden ist voll Blut; durchsucht den Kirchhof,
Ein paar von euch; geht, greifet, wen ihr trefft.

(Einige von der Wache ab.)

Betrbt zu sehn!  Hier liegt der Graf erschlagen,
Und Julia blutend, warm und kaum verschieden,
Die schon zwei Tage hier begraben lag.--
Geht, sagts dem Frsten!  Weckt die Capulets!
Lauft zu den Montagues!  Ihr andern sucht!

(Andre Wchter ab.)

Wir sehn den Grund, der diesen Jammer trgt;
Allein den wahren Grund des bittern Jammers
Erfahren wir durch nh're Kundschaft nur.

(Einige von der Wache kommen mit Balthasar zurck.)

ZWEITER WCHTER
Hier ist der Diener Romeos; wir fanden
Ihn auf dem Kirchhof.

ERSTER WCHTER
Bewahrt ihn sicher, bis der Frst erscheint!

([Ein andrer] Andere Wchter kommen zurck mit Lorenzo.)

DRITTER WCHTER
Hier ist ein Mnch, der zittert, weint und chzt;
Wir nahmen ihm den Spaten und die Haue,
Als er von jener Seit des Kirchhofs kam.

ERSTER WCHTER
Verdchtges Zeichen!  Haltet auch den Mnch!

(Der Prinz und sein Gefolge.)

PRINZ
Was fr ein Unglck ist so frh schon wach,
Das Uns aus Unsrer Morgenruhe strt?

(Capulet, Grfin Capulet und andre kommen.)

CAPULET
Was ists, da drauen so die Leute schrein?

GRFIN CAPULET
Das Volk ruft auf den Straen: "Romeo"
Und "Julia" und "Paris"; alles rennt
Mit lautem Ausruf unserm Grabmal zu.

PRINZ
Welch Schrecken ists, das Unser Ohr betubt?

ERSTER WCHTER
Durchlauchtger Herr, entleibt liegt hier Graf Paris;
Tot Romeo; und Julia, tot zuvor,
Noch warm und erst gettet.

PRINZ
Sucht, spht, erforscht die Tter dieser Greuel!

ERSTER WCHTER
Hier ist ein Mnch und Romeos Bedienter;
Man fand Gert bei ihnen, das die Grber
Der Toten aufzubrechen dient.

CAPULET
 O Himmel!
O Weib!  Sieh hier, wie unsre Tochter blutet.
Der Dolch hat sich verirrt; sieh seine Scheide
Liegt ledig auf dem Rcken Montagues,
Er selbst steckt fehl in unsrer Tochter Busen.

GRFIN CAPULET
O weh mir!  Dieser Todesanblick mahnt
Wie Grabgelut mein Alter an die Grube.

(Montague und andre kommen.)

PRINZ
Komm, Montague!  Frh hast du dich erhoben,
Um frh gefallen deinen Sohn zu sehn.

MONTAGUE
Ach, gndger Frst, mein Weib starb diese Nacht;
Gram um des Sohnes Bann entseelte sie.
Welch neues Leid bricht auf mein Alter ein?

PRINZ
Schau hin, und du wirst sehn.

MONTAGUE
O Ungeratner!  Was ist das fr Sitte,
Vor deinem Vater dich ins Grab zu drngen?

PRINZ
Versiegelt noch den Mund des Ungestms,
Bis wir die Dunkelheiten aufgehellt
Und ihren Quell und wahren Ursprung wissen.
Dann will ich Eurer Leiden Hauptmann sein
Und selbst zum Tod Euch fhren.--Still indes!
Das Migeschick sei Sklave der Geduld. -
Fhrt die verdchtigen Personen vor!

LORENZO
Mich trifft, obschon den Unvermgendsten,
Am meisten der Verdacht des grausen Mordes,
Weil Zeit und Ort sich gegen mich erklrt.
Hier steh ich, mich verdammend und verteidgend,
Der Klger und der Anwalt meiner selbst.

PRINZ
So sag ohn Umschweif, was du hievon weit!

LORENZO
Kurz will ich sein, denn kurze Frist des Atems
Versagt gedehnte Reden. Romeo,
Der tot hier liegt, war dieser Julia Gatte,
Und sie, die tot hier liegt, sein treues Weib.
Ich traute heimlich sie, ihr Hochzeittag
War Tybalts letzter, des unzeitger Tod
Den jungen Gatten aus der Stadt verbannte;
Und Julia weint' um ihn, nicht um den Vetter.
Ihr, um den Gram aus ihrer Brust zu treiben,
Verspracht und wolltet sie dem Grafen Paris
Vermhlen mit Gewalt.  Da kommt sie zu mir
Mit wildem Blick, heit mich auf Mittel sinnen,
Um dieser zweiten Heirat zu entgehn,
Sonst wollt in meiner Zelle sie sich tten.
Da gab ich, so belehrt durch meine Kunst,
Ihr einen Schlaftrunk; er bewies sich wirksam
Nach meiner Absicht, denn er go den Schein
Des Todes ber sie.  Indessen schrieb ich
An Romeo, da er sich herbegbe
Und hlf aus dem erborgten Grab sie holen
In dieser Schreckensnacht, als um die Zeit,
Wo jenes Trankes Kraft erlsche.  Doch
Den Trger meines Briefs, den Bruder Markus,
Hielt Zufall auf, und gestern abend bracht er
Ihn mir zurck.  Nun ging ich ganz allein
Um die bestimmte Stunde des Erwachens,
Sie zu befrein aus ihrer Ahnen Gruft,
Und dacht in meiner Zelle sie zu bergen,
Bis ich es Romeo berichten knnte.
Doch wie ich kam, Minuten frher nur,
Eh sie erwacht', fand ich hier tot zu frh
Den treuen Romeo, den edlen Paris.
Jetzt wacht' sie auf; ich bat sie, fortzugehn
Und mit Geduld des Himmels Hand zu tragen;
Doch da verscheucht' ein Lrm mich aus der Gruft.
Sie, in Verzweiflung, wollte mir nicht folgen
Und tat, so scheints, sich selbst ein Leides an.
Dies wei ich nur; und ihre Heirat war
Der Wrterin vertraut.  Ist etwas hier
Durch mich verschuldet, lat mein altes Leben,
Nur wenig Stunden vor der Zeit, der Hrte
Des strengsten Richterspruchs geopfert werden.

PRINZ
Wir kennen dich als einen heilgen Mann.--
Wo ist der Diener Romeos?  Was sagt er?

BALTHASAR
Ich brachte meinem Herrn von Juliens Tod
Die Zeitung, und er ritt von Mantua
In Eil zu diesem Platz, zu diesem Grabmal.
Den Brief hier gab er mir fr seinen Vater,
Und drohte Tod mir, als er in die Gruft ging,
Wo ich mich nicht entfernt und dort ihn liee.

PRINZ
Gib mir den Brief; ich will ihn berlesen.--
Wo ist der Bub des Grafen, der die Wache
Geholt?--Sag, Bursch, was machte hier dein Herr?

PAGE
Er kam, um Blumen seiner Braut aufs Grab
Zu streun, und hie mich fern stehn, und das tat ich.
Drauf naht' sich wer mit Licht, das Grab zu ffnen,
Und gleich zog gegen ihn mein Herr den Degen;
Alsbald lief ich davon und holte Wache.

PRINZ
Hier dieser Brief bewhrt das Wort des Mnchs,
Den Liebesbund, die Zeitung ihres Todes;
Auch schreibt er, da ein armer Apotheker
Ihm Gift verkauft, womit er gehen wolle
Zu Juliens Gruft, um neben ihr zu sterben.--
Wo sind sie, diese Feinde?--Capulet, Montague!
Seht, welch ein Fluch auf eurem Hasse ruht,
Da Liebe eure Freuden tten mu!
Und ich, weil ich dem Zwiespalt nachgesehn,
Verlor auch zwei Verwandte.  Alle ben.

CAPULET
O Bruder Montague, gib mir die Hand!
Das ist das Leibgedinge meiner Tochter,
Denn mehr kann ich nicht fordern.

MONTAGUE
 Aber ich
Vermag dir mehr zu geben; denn ich will
Aus klarem Gold ihr Bildnis fertgen lassen.
Solang Verona seinen Namen trgt,
Komm nie ein Bild an Wert dem Bilde nah
Der treuen, liebevollen Julia.

CAPULET
So reich will ich es Romeo bereiten.
O arme Opfer unsrer Zwistigkeiten!

PRINZ
Nur dstern Frieden bringt uns dieser Morgen;
Die Sonne scheint, verhllt vor Weh, zu weilen.
Kommt, offenbart mir ferner, was verborgen,
Ich will dann strafen oder Gnad erteilen,
Denn nie verdarben Liebende noch so
Wie diese: Julia und ihr Romeo.

(Alle ab.)



Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Romeo und Julia, von
William Shakespeare (bersetzt von August Wilhelm von Schlegel)





*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ROMEO UND JULIA ***

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