The Project Gutenberg EBook of Helden, by George Bernard Shaw
(#37 in our series by George Bernard Shaw)

Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
copyright laws for your country before downloading or redistributing
this or any other Project Gutenberg eBook.

This header should be the first thing seen when viewing this Project
Gutenberg file.  Please do not remove it.  Do not change or edit the
header without written permission.

Please read the "legal small print," and other information about the
eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file.  Included is
important information about your specific rights and restrictions in
how the file may be used.  You can also find out about how to make a
donation to Project Gutenberg, and how to get involved.


**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**

**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**

*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****


Title: Helden

Author: George Bernard Shaw

Release Date: July, 2004  [EBook #6004]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on October 15, 2002]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, HELDEN ***




Produced by  Mike Pullen, Charles Franks and the Online Distributed
Proofreading Team.



HELDEN

Komdie in drei Akten

George Bernard Shaw




"Arms and the Man", der Titel der Komdie, sind die ersten Worte der
englischen bersetzung der neis.  Im Deutschen wre die bertragung
von "Arma virumque cano": "Waffentaten besingt mein Gesang und den
Mann..." zu langatmig geworden, weshalb ich das der Entthronung
unechter Helden geltende Werk "Helden" nannte.

Anmerkung des bersetzers.

PERSONEN

Paul Petkoff, bulgarischer Major.
Katharina, seine Frau.
Raina, ihre Tochter.
Sergius Saranoff, bulgarischer Major.
Bluntschli, Hauptmann in der serbischen Armes.
Louka, Stubenmdchen.
Nicola, ein Diener.
Ein russischer Offizier.
Ein bulgarischer Offizier.

Ort der Handlung: Eine kleine Stadt in Bulgarien in der Nhe des
Dragomanpasses.

Zeit: Das Jahr 1885.




ERSTER AKT

[Nacht.  Das Schlafzimmer eines jungen Mdchens in Bulgarien, in
einer kleinen Stadt nahe dem Dragomanpa.  Ende November 1885. Durch
ein groes offenes Fenster mit kleinem Balkon schimmert sternhell die
schneebedeckte Spitze eines Balkanberges wundervoll wei und schn
herein.  Das Gebirge scheint ganz nahe, obwohl es in Wirklichkeit
meilenweit entfernt ist.  Die innere Einrichtung des Zimmers hat
keinerlei hnlichkeit mit der im stlichen Europa blichen.  Sie ist
halb reich bulgarisch, halb billig wienerisch.  ber dem Kopfende des
Bettes, das gegen eine schmale Wand gelehnt ist, die die Ecke des
Zimmers in der Richtung der Diagonale abschneidet, steht ein blau und
goldbemalter hlzerner Schrein mit einem Christusbilde aus Elfenbein.
Darber schwebt in einer von drei Ketten gehaltenen durchbrochenen
Metallkugel eine Lampe.  Die Hauptsitzgelegenheit, eine trkische
Ottomane, befindet sich an der entgegengesetzten Seite des Zimmers,
dem Fenster gegenber.  Die Bettvorbnge und die Bettdecke, die
Fenstervorhnge, der kleine Teppich und alle Stoffe des Zimmers sind
prchtig und orientalisch.  Die Tapeten an den Wnden sind
abendlndisch und armselig.  Der Waschtisch an der Wand in der Nhe
des Fensters und der Ottomane besteht aus einem emaillierten eisernen
Becken und einem Eimer darunter, beides in einem bemalten
Eisenstnder.  Ein einziges Handtuch hngt ber dem Handtuchhalter an
der Seite.  Daneben steht ein Wiener Stuhl aus gebogenem Holz mit
Rohrsitz.  Der Ankleidetisch, zwischen dem Bett und dem Fenster ist
aus gewhnlichem Tannenholz, mit einer bunt farbigen Decke belegt,
darauf ein kostbarer Toilettespiegel.  Die Tr ist in der Nhe des
Bettes, zwischen Tr und Bett steht noch eine Kommode.  Diese Kommode
ist auch mit einem bunten bulgarischen Tuch berdeckt, und auf ihr
befindet sich ein Sto ungebundener Romane, eine Bonbonniere mit
Pralinen und eine Miniaturstaffelei mit der groen Photographie eines
uerst hbschen Offiziers, dessen stolze Haltung und magnetischer
Blick sogar aus dem Bilde erkennbar ist.--Das Zimmer wird von einer
auf der Kommode brennenden Kerze und von einer andern, die sich auf
dem Toilettentisch befindet, erhellt.  Neben letzterer liegt eine
Zndholzschachtel.  Das Fenster hat Lngsflgel, die weit offen
stehen; ein paar hlzerne Lden, die sich nach auen ffnen, sind
gleichfalls weit auf.  Auf dem Balkon eine junge Dame, in den Anblick
der Schneeberge versunken.  Sie ist sich der romantischen Schnheit
der Nacht, wie auch der Tatsache, da ihre eigene Jugend und
Schnheit ein Teil davon ist, sehr wohl bewut.  [Sie ist in einen
langen Pelzmantel gehllt, der, gering geschtzt, dreimal so viel
wert ist als die ganze Einrichtung des Zimmers.  Aus ihrer Trumerei
wird sie durch ihre Mutter, Katharina Petkoff, aufgeschreckt, eine
stattliche Frau ber vierzig, von gebieterischer Energie, mit
wunderbaren schwarzen Augen und Haaren.  Als Frau eines Gutsbesitzers
im Gebirge wrde sie prachtvoll wirken; sie will aber durchaus die
Wiener Dame spielen und trgt zu diesem Zwecke bei jeder Gelegenheit
ein hochmodernes Tea-gown.]

Katharina [tritt hastig ein, erfllt von guten Nachrichten]: Raina!
[Sie spricht Rahina mit Betonung des i.] Raina!  [Sie geht an das
Bett in der Erwartung, Raina dort zu finden.] Wo steckst du denn?
[Raina wendet sich nach dem Zimmer um.] Um Gottes willen, Kind, warum
da drauen in der Nachtluft statt im Bett!  Du wirst dir den Tod
holen.  Louka sagte mir doch, da du schliefest.

Raina [eintretend]: Ich habe sie fortgeschickt, weil ich allein sein
wollte--die Sterne sind so wundervoll.  Was ist denn los?

Katharina: Groe Neuigkeiten--eine Schlacht ist geschlagen worden!

Raina [mit weiten Augen]: Ah!  [Sie wirft ihren Pelz auf die Ottomane
und kommt in bloem Nachtkleid, einem hbschen Kleidungsstck, doch
sichtlich dem einzigen, das sie anhat, heftig auf Katharina zu.]

Katharina: Eine groe Schlacht, bei Slivnitza, ein Sieg! und Sergius
hat ihn erfochten.

Raina [mit einem Freudenschrei]: Ah--[Entzckt:] O Mutter!  [Dann
pltzlich ngstlich:] Ist der Vater gesund und unversehrt?

Katharina: Selbstverstndlich, von ihm kommt ja die Nachricht.
Sergius ist der Held des Tages, der Abgott seines Regiments.

Raina: Erzhle, erzhle! wie ist das zugegangen?  [Ekstatisch:] O
Mutter, Mutter, Mutter!  [Sie drckt ihre Mutter auf die Ottomane
nieder.  Sie kssen einander leidenschaftlich.]

Katharina [mit ungestmem Enthusiasmus]: Du kannst dir nicht
vorstellen, wie herrlich es ist.  Eine Kavallerieattacke, denke dir
nur!  Er hat unseren russischen Befehlshabern Trotz geboten, er
handelte ohne Kommando.  Auf eigene Faust fhrte er einen Angriff aus,
er selbst an der Spitze.  Er war der erste Mann, der die feindliche
Artillerie durchbrach!  Stell es dir nur einmal vor, Raina, wie
unsere khnen glnzenden Bulgaren mit blitzenden Schwertern und
blitzenden Augen einer Lawine gleich herniederdonnerten und die
elenden Serben mit ihren geckenhaften sterreichischen Offizieren
wegfegten wie Spreu.  Und du, du lieest Sergius ein Jahr lang warten,
bis du ihm dein Jawort gabst.  Oh, wenn du einen Tropfen
bulgarischen Blutes in den Adern hast, wirst du ihn jetzt anbeten,
wenn er zurckkommt.

Raina: Was wird ihm an meiner armseligen Anbetung liegen, nachdem ihm
eine Armee von Helden zugejubelt hat!  Doch einerlei.  Ich bin so
glcklich, so stolz!  [Sie steht auf und geht heftig bewegt auf und
ab.] Es beweist mir, da alle unsere Ideen doch Wahrheit waren.

Katharina [indigniert]: Unsere Ideen Wahrheit?  Was meinst du damit?

Raina: Unsere Vorstellungen von dem, was ein Mann wie Sergius einmal
vollbringen wrde--unsere Vorstellungen von Patriotismus, von
Heldentum.  Ich zweifelte manchmal, ob sie etwas anderes als Trume
wren.  Oh, was fr unglubige kleine Geschpfe wir Mdchen sind!
Als ich Sergius den Sbel umgrtete, sah er so edel aus.  Es war
Verrat von mir, da an Enttuschungen, Demtigung oder Mierfolg zu
denken, und doch--und doch...[Rasch:] Versprich mir, da du es ihm
niemals sagen wirst.

Katharina: Verlange kein Versprechen von mir, bevor ich wei, was ich
eigentlich versprechen soll.

Raina: Nun, als er mich in seinen Armen hielt und mir in die Augen
blickte, da fiel es mir ein, da wir vielleicht unsere Vorstellungen
von Heldengre blo deshalb haben, weil wir gar so gerne Byron und
Puschkin lesen und weil wir in diesem Jahre von der Oper in Bukarest
so entzckt waren.  Das wirkliche Leben gleicht so selten diesen
Bildern--ja niemals, soweit ich es bis dahin kannte...[reuevoll:]
Denk dir nur, Mutter, ich zweifelte an ihm.  Ich fragte mich, ob
nicht am Ende alle seine Soldateneigenschaften und sein Heldentum
sich als Einbildung erweisen wrden, sobald er sich in einer
wirklichen Schlacht befnde.  Ich hatte eine unangenehme Angst, da
er am Ende gar eine klgliche Figur inmitten all der klugen
russischen Offiziere abgeben wrde.

Katharina: Schmst du dich nicht--eine klgliche Figur?  Die Serben
haben sterreichische Offiziere, die genau so klug sind wie unsere
russischen, und wir haben sie trotzdem in jeder Schlacht geschlagen.

Raina [lacht und setzt sich wieder]: Jawohl! ich war blo ein
poesieloser kleiner Feigling.  Nein, zu denken, da dies alles wahr
ist--da Sergius genau so edel und khn ist, wie er aussieht--, da
die Welt tatschlich eine herrliche Welt fr Frauen ist, die ihre
Gre sehen knnen, und fr Mnner, die fhig sind, ihre Romantik
darzustellen!  Was fr ein Glck, was fr unaussprechliche
Erfllungen--ach!  [Sie wirft sich neben ihrer Mutter auf die Knie
und umschlingt sie leidenschaftlich mit den Armen.]

[Sie werden durch den Eintritt Loukas unterbrochen, eines hbschen
stolzen Mdchens in der hbschen bulgarischen Bauerntracbt mit
Klappschrze.  Sie benimmt sich so keck, da ihr dienstliches
Verhalten gegen Raina beinahe unverschmt aussieht; vor Katharina
frchtet sie sich, aber selbst mit ihr geht sie so weit, wie sie's
nur immer wagen zu drfen glaubt.  Sie ist jetzt ebenso aufgeregt wie
die anderen, aber sie sympathisiert nicht mit Rainas Begeisterung und
blickt verachtungsvoll auf die Verzckung der beiden, bevor sie sie
anredet.]

Louka: Entschuldigen Sie, gndige Frau, alle Fenster mssen
geschlossen und alle Lden verriegelt werden.  Man sagt, da
vielleicht in den Straen geschossen werden wird.  [Raina und
Katharina erheben sich gleichzeitig erschrocken.] Die Serben werden
durch den Pa zurckgejagt, und es heit, sie knnten sich in die
Stadt flchten.  Unsere Kavallerie wird ihnen nachsetzen, und Sie
knnen sicher sein, da unser Volk sie gebhrend empfangen wird;
jetzt, wo sie davonlaufen.  [Sie geht auf den Balkon hinaus, schliet
die Auenlden und tritt dann in das Zimmer zurck.]

Raina: Ich wollte, unsere Leute wren nicht so grausam.  Was ist das
fr ein Ruhm, arme Flchtlinge niederzumachen?

Katharina [geschftig, sich ihrer huslichen Pflichten erinnernd]:
Ich mu zusehen, da unten alles in Sicherheit gebracht wird.

Raina [zu Louka]: La die Lden so, da ich sie schnell schlieen
kann, sobald ich irgendwelchen Lrm hre.

Katharina [strenge, whrend sie ihren Weg nach der Tr fortsetzt]: O
nein, mein Kind, die Lden mssen verriegelt bleiben; du wrdest
sicher darber einschlafen und sie offen lassen.  Riegele sie ganz zu,
Louka.

Louka: Jawohl, gndige Frau.  [Sie schliet sie.]

Raina: Sei ohne Sorge meinetwegen, sobald ich einen Schu hre, werde
ich die Kerzen auslschen, mich in mein Bett verkriechen und die
Decke ber die Ohren ziehen.

Katharina: Das klgste, was du tun kannst, liebes Kind.  Gute Nacht.

Raina: Gute Nacht, Mama.  [Sie kssen einander, und Rainas
Ergriffenheit kehrt fr einen Augenblick zurck.] Beglckwnsche mich
zu der schnsten Nacht meines Lebens--wenn nur die Flchtlinge nicht
wren.

Katharina: Geh zu Bett, Liebling, und denk nicht daran.  [Geht ab.]

Louka [heimlich zu Raina]: Wenn Sie die Lden offen haben wollen,
stoen Sie nur ein wenig--so!  [Sie stt ein wenig gegen die Lden,
die Lden gehen auf, dann schliet sie sie wieder.] Der eine mte
unten verriegelt werden, aber der Riegel ist abgebrochen.

Raina [wrdevoll, mibilligend]: Danke, Louka, aber wir mssen tun,
was uns befohlen wird.  [Louka schneidet ein Gesicht.] Gute Nacht!

Louka [nachlssig]: Gute Nacht.  [Sie stolziert ab.]

Raina [allein gelassen, gebt nach der Kommode und betet das darauf
befindliche Bild mit Empfindungen an, die ber jeden Ausdruck sind.
Sie kt es weder, noch pret sie es ans Herz, noch gibt sie ihm
irgendein Zeichen von krperlicher Zrtlichkeit, aber sie nimmt es in
die Hnde und hebt es empor, wie eine Priesterin.--Das Bild
betrachtend]: Oh, ich werde mich nie mehr deiner unwert zeigen.  Held
meiner Seele--nie, nie, nie!  [Sie setzt das Bild ehrfrchtig zurck,
dann whlt sie einen Roman aus dem kleinen Bchersto.  Vertrumt
blttert sie darin, findet, wo sie stehen geblieben ist, biegt das
Buch an dieser Stelle nach auen zusammen, und mit einem glcklichen
Seufzer sinkt sie auf das Bett, um sich in den Schlaf zu lesen.
Bevor sie sich jedoch ihrem Roman berlt, blickt sie noch einmal
auf, gedenkt der seligen Wirklichkeit und murmelt]: Mein Held! mein
Held!  [Ein entfernter Schu durchbricht drauen die Stille der Nacht.
Sie fhrt horchend auf,--da fallen noch zwei Schsse aus viel
grerer Nhe.  Sie erschrickt, strzt aus dem Bett und blst die
Kerze auf der Kommode rasch aus.  Dann luft sie, mit den Hnden an
den Ohren, zum Toilettetisch, blst die Kerze auch dort aus und eilt
im Dunkeln in ihr Bett zurck, man unterscheidet nichts mehr in der
Stube als einen Lichtschimmer aus der durchbrochenen Metallkugel vor
dem Christusbilde und das Sternenlicht, das durch die Spalten der
Fensterlden glnzt.  Abermals fallen Schsse, ein frchterliches
Gewehrfeuer ist ganz nahe.  Whrend man noch das Echo der Salve hrt,
werden die Fensterlden von auen aufgestoen, fr einen Augenblick
flutet in einem Rechteck das schneeige Sternenlicht pltzlich herein,
von dem sich die dunkle Silhouette einer mnnlichen Gestalt abhebt.
Dann schlieen sich die Lden wieder, und das Zimmer liegt abermals
im Dunkeln.  Aber jetzt wird das Schweigen durch ein keuchendes
Atemholen unterbrochen, dann hrt man ein Kratzen, und die Flamme
eines Streichholzes wird in der Mitte des Zimmers sichtbar.]

Raina [aufs Bett gekauert]: Wer ist da?  [Das Streichholz verlischt
sofort wieder.] Wer ist da--wer ist da?

[Eines Mannes Stimme gedmpft aber drohend]: Scht!  Schreien Sie
nicht, sonst schiee ich!  Bleiben Sie ruhig, und es wird Ihnen
nichts geschehen.  [Man hrt, wie sie ihr Bett verlt und nach der
Tr tastet.] Nehmen Sie sich in acht, es hilft Ihnen nichts, wenn Sie
davonlaufen wollen.  Merken Sie sich, sobald Sie Ihre Stimme erheben,
wird mein Revolver losgehen.  [Befehlend:] Machen Sie Licht und
lassen Sie sich sehen!  Hren Sie!  [Noch ein Augenblick der Stille
und Dunkelheit, whrend Raina an den Toilettetisch zurcktritt.  Dann
zndet sie die Kerze an, und das Rtsel lst sich.--Ein Mann von
ungefhr fnfunddreiig Jahren, in bejammernswrdigem Zustande, mit
Kot, Blut und Schnee bespritzt, steht vor ihr.  Sein Degengehnge und
der Riemen seiner Revolvertasche halten die Fetzen des blauen
Waffenrocks eines serbischen Artillerieoffiziers zusammen.  Alles was
man beim Kerzenlichte aus dem ungewaschenen, verwahrlosten Aussehen
des Mannes halbwegs erkennen kann, ist, da er mittelgro, von nicht
sehr vornehmem Aussehen, breitschultrig und starkknochig ist.  Sein
rundlicher, eigensinnig aussehender Kopf ist mit kurzen braunen
Locken bedeckt.  Er hat klare, bewegliche, blaue Augen, gutmtige
Brauen und einen freundlichen Mund, eine hoffnungslos prosaische Nase
wie die eines besonders aufgeweckten Babys, aufrechte soldatische
Haltung und eine energische Art; er besitzt volle Geistesgegenwart
trotz seiner verzweifelten Lage, die er sogar mit einem Anflug von
Humor betrachtet, ohne jedoch im geringsten damit spielen zu wollen
oder eine Rettungsmglichkeit auer Acht zu lasten.--Er berlegt, was
er von Raina zu erwarten haben mag, schtzt ihr Alter, ihre
gesellschaftliche Stellung ab, ihren Charakter, den Grad ihrer Furcht,
alles mit einem Blick, und fhrt hflicher, aber immer uerst
entschlossen fort]: Entschuldigen Sie, da ich Sie stre, aber Sie
erkennen wahrscheinlich meine Uniform, ich bin Serbe!  Wenn ich
gefangen werde, wird man mich tten.  [Drohend]: Begreifen Sie das?

Raina: Ja.

Der Flchtling: Nun, ich habe keine Lust zu sterben, solange ich es
verhindern kann.  [Noch frchterlicher]: Begreifen Sie das?  [Er
verschliet die Tr mit einem kurzen Schnappen des Schlosses.]

Raina [verachtungsvoll]: Es scheint, Sie haben keine.  [Sie richtet
sich stolz auf und blickt ihm gerade ins Gesicht, whrend sie mit
scharfer Betonung spricht]: Es gibt Soldaten, die den Tod frchten,
das wei ich.

Der Flchtling [mit Galgenhumor]: Alle frchten ihn, verehrte Dame,
alle, glauben Sie mir.  Es ist unsere Pflicht, so lange zu leben, wie
wir nur knnen, und wenn Sie Lrm schlagen-Raina [ihn unterbrechend]:
Dann werden Sie mich erschieen!  Aber woher wissen Sie, da ich den
Tod frchte?

Der Flchtling [schlau]: Und wenn ich Sie nicht erschiee, was wird
dann geschehen?  Eine Rotte Ihrer Kavallerie--das elendeste Gesindel
Ihrer Armee--wird in dieses Ihr hbsches Zimmer einbrechen und mich
wie ein Schwein abschlachten.  Denn ich werde mich wehren und fechten
wie ein Teufel.  Sie sollen mich nicht auf die Strae bekommen und
sich an mir belustigen; ich wei, wozu sie imstande sind.  Sind Sie
bereit, in Ihrer augenblicklichen Verfassung, in dieser Toilette,
eine solche Gesellschaft zu empfangen?

[Raina besinnt sich in dem Moment auf ihr Nachtgewand, schreckt
instinktiv zusammen und zieht es enger um den Leib.  Er beobachtet
sie und fgt ohne Erbarmen hinzu]: Kaum prsentabel, was?  [Sie geht
nach der Ottomane, er richtet augenblicklich seine Pistole auf sie
und ruft]: Halt!  [Sie bleibt stehen.] Wohin wollen Sie?  Raina [mit
wrdevoller Geduld]: Ich will nur meinen Mantel holen.  Der
Flchtling [geht rasch nach der Ottomane und reit den Pelz an sich]:
Ein guter Gedanke.  Nein, den Mantel behalte ich; dann werden Sie
dafr sorgen, da niemand hier eindringt und Sie so sieht.  Das ist
eine bessere Waffe als mein Revolver.  [Er wirft den Revolver auf die
Ottomane.]

Raina [emprt]: Es ist nicht die Waffe eines Gentleman!

Der Flchtling: Gut genug fr einen Mann, wenn zwischen ihm und dem
Tod nur Sie stehen.  [Whrend sie einander nun einen Augenblick stumm
betrachten, in welchem Raina kaum zu glauben vermag, da selbst ein
serbischer Offizier so zynisch und selbstschtig und unritterlich
sein knne, werden sie durch ein scharfes Gewehrfeuer in der Strae
aufgeschreckt.  Furchtbare Todesangst lt den Flchtling seine
Stimme dmpfen, als er hinzufgt]: Hren Sie?  Wenn Sie diese
Halunken schon hereinlassen und auf mich hetzen wollen, so werden Sie
sie wenigstens empfangen, so wie Sie da sind.  [Raina begegnet seinen
Blicken mit unerschrockener Verachtung.  Pltzlich fhrt er horchend
auf; man hrt Schritte von auen, jemand drckt auf die Klinke und
klopft dann hastig und dringend.  Raina sieht den Flchtling atemlos
an, er wirft entschlossen den Kopf zurck, mit der Bewegung eines
Menschen, der nun wei, da er verloren ist, und indem er sein
Benehmen, das Raina einschchtern sollte, aufgibt, wirft er ihr den
Mantel zu und ruft aufrichtig und artig]: Es ist umsonst, ich bin
verloren!  Schnell, hllen Sie sich in den Mantel, sie kommen!

Raina [fngt den Mantel hastig auf]: Oh--ich danke!  [Sie wirft den
Mantel sehr erleichtert um, er zieht seinen Degen und wendet sich
nach der Tr und wartet.]

Louka [von auen klopfend]: Gndiges Frulein! gndiges Frulein!
Stehen Sie schnell auf und ffnen Sie die Tr!

Raina [ngstlich]: Was wollen Sie tun?

Der Flchtling [grimmig]: Das ist jetzt einerlei, gehen Sie nur aus
dem Weg, es wird nicht lange dauern.

Raina [impulsiv]: Ich will Ihnen helfen!  Verstecken Sie sich, oh,
verstecken Sie sich, schnell hinter diesen Vorhang.  [Sie fat ihn
bei einem zerrissenen Zipfel seines rmels und zieht ihn nach dem
Fenster.]

Der Flchtling [ihr nachgehend]: Es ist noch ein Funken Hoffnung
vorhanden, wenn Sie Ihre Geistesgegenwart bewahren.  Merken Sie sich:
von zehn Soldaten sind neun geborene Dummkpfe.  [Er versteckt sich
hinter dem Vorhang, sieht aber noch einmal heraus und sagt:] Wenn sie
mich dennoch finden, so verspreche ich Ihnen einen Teufelskampf.  [Er
verschwindet.  Raina nimmt den Mantel ab und wirft ihn an das Fuende
des Bettes, dann ffnet sie mit schlfrigem, verstrtem Wesen die Tr.
Louka tritt aufgeregt ein.]

Louka.  Ein Mann wurde gesehen, wie er die Dachrinne zu Ihrem Balkon
hinaufgeklettert ist, ein Serbe.  Die Soldaten wollen ihm nachsetzen
und sind so wild und betrunken und wtend.  Die Gndige lt sagen,
Sie mchten sich sofort ankleiden.

Raina [scheinbar rgerlich, da sie gestrt wird]: Hier lasse ich sie
nicht suchen.  Warum hat man sie eingelassen?!

Katharina [hastig hereinstrzend]: Raina, mein Liebling, dir ist doch
nichts passiert?  Hast du irgend etwas gesehen oder gehrt?

Raina: Ich hrte nur schieen; aber ich hoffe, die Soldaten werden es
nicht wagen, hier in mein Schlafzimmer einzudringen!

Katharina: An ihrer Spitze ist ein russischer Offizier--dem Himmel
sei Dank.  Er kennt Sergius.  [Spricht durch die Tr zu jemand, der
drauen steht:] Bitte treten Sie ein, Herr Leutnant; meine Tochter
ist bereit, Sie zu empfangen.  [Ein junger russischer Offizier in
bulgarischer Uniform tritt ein, den Sbel in der Faust.]

Russischer Offizier [mit sanfter geschmeidiger Hflichkeit und
steifer militrischer Haltung]: Guten Abend, gndiges Frulein.  Ich
bedaure, hier eindringen zu mssen, aber ein Flchtling ist auf Ihrem
Balkon versteckt.  Wollen Sie und Ihre gndige Frau Mutter so gut
sein und sich zurckziehen, whrend wir ihn suchen?

Raina [ungeduldig]: Unsinn!  Sie sehen von hier aus, da niemand auf
dem Balkon sein kann.  [Sie stt die Lden weit auf, steht mit dem
Rcken gegen den Vorhang, hinter dem der Flchtling versteckt ist und
zeigt auf den vom Mond beschienenen Balkon.  Zwei Schsse fallen
direkt unter dem Fenster, und eine Kugel zertrmmert das Fensterglas
gegenber von Raina, sie schliet einen Moment die Augen und atmet
schwer, aber hlt sich tapfer, whrend Katharina aufschreit und der
Offizier mit dem Ausruf "Geben Sie Acht" auf den Balkon hinausstrzt.]

Russischer Offizier [auf dem Balkon, schreit wtend in die Strae
hinunter]: Hrt auf, hier herein zu schieen, ihr Dummkpfe,
verstanden!  Hrt auf zu feuern, verfluchte Kerle!  [Er starrt einen
Augenblick hinunter, dann wendet er sich zu Raina und versucht, seine
hfliche Stellung von vorhin wieder einzunehmen.] Konnte jemand ohne
Ihr Wissen hier eindringen?  Schliefen Sie?

Raina: Nein, ich war noch nicht zu Bett.

Russischer Offizier [tritt ungeduldig in das Zimmer zurck]: Ihre
Nachbarn haben die Kpfe so voll mit davongelaufenen Serben, da sie
berall welche sehen.  [Hflich]: Gndiges Frulein, ich bitte
tausendmal um Verzeihung.  Gute Nacht.  [Verneigt sich militrisch.
Raina erwidert den Gru kalt, er verneigt sich vor Katharina, die ihn
hinausbegleitet.  Raina schliet die Lden.  Sie wendet sich um und
bemerkt Louka, die diese Szene neugierig beobachtet hat.]

Raina: Lassen Sie meine Mutter nicht allein, Louka, whrend die
Soldaten da sind.  [Louka blickt auf Raina, auf die Ottomane, auf den
Vorhang, dann spitzt sie die Lippen diskret, lacht in sich hinein und
geht hinaus.  Raina, durch dieses Mienenspiel sehr beleidigt, folgt
ihr bis an die Tr und schlgt sie hinter ihr zu, sie geruschvoll
verriegelnd.  Der Flchtling tritt sofort hinter dem Vorhang hervor,
steckt seinen Sbel ein und schttelt in gleichsam geschftlicher
Weise die Gefahr von sich ab.]

Der Flchtling: Um ein Haar,,, doch um ein Haar ist auch gefehlt.
Verehrtes Frulein, Ihr Sklave bis in den Tod!  Ich wnschte jetzt
Ihretwegen, ich wre in die bulgarische Armee statt in die serbische
eingetreten.  Ich bin kein Serbe von Geburt.

Raina [hochmtig]: Nein, Sie sind einer von jenen sterreichern, die
die Serben zum Raub unserer nationalen Freiheit verleiten und die
serbische Armee mit Offizieren versehen.  Wir hassen sie.

Der Flchtling: sterreicher?  O nein!  Ich bin keiner.  Hassen Sie
mich also nicht.  Ich bin Schweizer, gndiges Frulein, und kmpfe
blo als Berufssoldat; ich ging zu den Serben, weil sie auf dem Wege
aus der Schweiz mir zunchst waren.  Seien Sie gromtig.  Ihre
Landsleute haben uns ohnedies aufs Haupt geschlagen.

Raina: War ich vielleicht nicht gromtig?

Der Flchtling: Edel, heldenhaft!  Doch ich bin noch nicht gerettet.
Der schlimmste Ansturm ist bald vorber, aber die Verfolgung wird mit
Unterbrechungen die ganze Nacht hindurch fortgesetzt werden; ich mu
trachten, mich in einem gnstigen Augenblick aus dem Staube zu machen.
Sie sind doch nicht bse, wenn ich hier noch ein bis zwei Minuten
warte?

Raina: O nein, ich bedaure nur, da Sie sich abermals in Gefahr
begeben mssen.  [Auf die Ottomane weisend:] Bitte, setzen Sie sich!
[Sie hlt mit einem nicht zu unterdrckenden Angstschrei inne, als
sie die Pistole auf der Ottomane erblickt.]

Der Flchtling [bernervs, fhrt zurck wie ein scheuendes Pferd.
Erregt]: Mich so zu erschrecken!  Was ist denn los?

Raina: Ihre Pistole.  Der Offizier hat sie die ganze Zeit vor Augen
gehabt!  Ihre Rettung ist ein Wunder!

Der Flchtling [rgerlich, so unntigerweise gengstigt worden zu
sein]: Ach, weiter nichts?!

Raina [blickt ihn hochmtig an und fhlt sich desto wohler, je mehr
ihre gute Meinung von ihm abnimmt]: Ich bedaure, Sie gengstigt zu
haben.  [Sie nimmt die Pistole und reicht sie ihm]: Bitte, nehmen Sie,
zum Schutze gegen mich.

Der Flchtling [lchelt mde ber diesen Sarkasmus, whrend er die
Pistole nimmt]: Sie ntzt mir nichts, sie ist nicht geladen.  [Er
grinst die Pistole hhnisch an und schiebt sie verachtungsvoll in
seine Revolvertasche.]

Raina: So laden Sie sie meinetwegen!

Der Flchtling: Ich habe keine Munition.  Was ntzen einem in der
Schlacht Patronen?  Ich fhre statt dessen immer Schokolade mit und
habe schon vor Stunden mein letztes Stck verzehrt.

Raina [in ihren heiligsten Vorstellungen von Mnnlichkeit verletzt]:
Schokolade?  Sie stopfen Ihre Taschen mit Sigkeiten voll wie ein
Schuljunge, selbst auf dem Schlachtfeld?

Der Flchtling [hungrig]: Ich wollte, ich htte jetzt welche.  [Raina
starrt ihn an, unfhig ihre Gefhle zu uern; dann luft sie zu der
Kommode und eilt, die Bonbonniere in den Hnden, mit spttischer
Miene zurck.]

Raina: Erlauben Sie.  Ich bedaure, alles aufgegessen zu haben bis auf
diese Pralinbonbons.  [Sie bietet ihm die Schachtel an.]

Der Flchtling [heihungrig]: Sie sind ein Engel.  [Er verschlingt
die Sigkeiten]: Pralins--kstlich!  [Er berzeugt sich ngstlich,
ob noch mehr davon da sind; es waren die letzten.]

[Er fgt sich mit pathetischem Humor in das Unvermeidliche und sagt
mit dankbarer Rhrung]: Gott segne Sie, teuerstes Frulein.--Sie
knnen einen alten Soldaten immer an dem Inhalt seiner Sattel- und
Patronentaschen beurteilen.  Die jungen fhren Pistolen und Patronen
mit, die alten--Futter.  Ich danke Ihnen.  [Er gibt ihr die Schachtel
zurck, sie reit sie ihm verachtungsvoll aus der Hand und wirft sie
fort.  Er schrickt wieder zusammen, als wenn sie ihn htte schlagen
wollen.] Hu!  Ich beschwre Sie, machen Sie nicht alles so heftig und
pltzlich, gndiges Frulein; es ist nicht schn, sich jetzt dafr zu
rchen, da ich Sie vorhin erschreckt habe.

Raina [stolz]: Mich erschreckt!  Wissen Sie, da mein Herz, obwohl
ich nur ein Mdchen bin, mindestens ebenso mutig schlgt wie das
Ihre!?

Der Flchtling: Das will ich meinen.  Sie haben auch nicht drei
Tage lang im Feuer gestanden wie ich.  Zwei Tage kann ich das
aushalten, ohne da es mir viel ausmacht, aber kein Mensch hlt es
drei Tage lang aus.  Ich bin jetzt so nervs wie eine Maus.  [Er
setzt sich auf die Ottomane und sttzt den Kopf in die Hand.] Mchten
Sie mich weinen sehen?

Raina [bestrzt]: Nein!

Der Flchtling: Wenn Sie das wollen, brauchen Sie mich nur
auszuschelten als ob ich ein kleiner Bub wre und Sie das
Kindermdchen.  Wenn ich jetzt im Lager wre, wrde man allerhand
Spa mit mir treiben.

Raina [ein wenig gerhrt]: Sie tun mir leid, ich werde Sie nicht
ausschelten.  [Von dem Mitgefhl in ihrer Stimme ergriffen, hebt er
den Kopf und blickt dankbar zu ihr auf.  Sie wendet sich sofort von
ihm weg und sagt steif:] Sie mssen mich entschuldigen, UNSERE
Soldaten sind eben ganz anders.  [Sie geht von der Ottomane fort.]

Der Flchtling: O nein, ganz ebenso!  Es gibt berhaupt nur zweierlei
Arten Soldaten; junge und alte.  Ich diene seit vierzehn Jahren; die
Hlfte von Ihren Leuten hatte bisher noch kein Pulver gerochen!

Nun, wie kommt es, da sie uns eben geschlagen haben?  Nur infolge
gnzlicher Unkenntnis der Kriegskunst, durch nichts weiter.
[Verachtungsvoll:] Ich habe nie einen greren Mangel an
Berufskenntnis gesehen!

Raina [ironisch]: Oh, war es Mangel an Berufskenntnis, Sie zu
schlagen?

Der Flchtling: So hren Sie!  Halten Sie es fr militrisch, ein
Kavallerieregiment einer Schnellfeuerbatterie entgegenzuwerfen mit
der Gewiheit, da, falls die Kanonen losgehen, weder Pferd noch Mann
jemals der Batterie auf fnfzig Meter nahe kommen?  Ich traute meinen
Augen kaum, als ich den Bldsinn sah.

Raina [wendet sich freudig zu ihm, erregt, weil ihr Enthusiasmus und
ihre Ruhmestrume sie wieder berkommen]: Haben Sie die groe
Kavallerieattacke gesehen?  Oh, erzhlen Sie mir davon, beschreiben
Sie sie mir.

Der Flchtling: Sie haben noch niemals eine Kavallerieattacke gesehen,
nicht wahr?

Raina: Wie sollte ich!

Der Flchtling: Natrlich, woher auch!  Na, es ist ein spahafter
Anblick.  Gerade, als ob man eine Handvoll Erbsen gegen eine
Fensterscheibe schleuderte.  Erst kommt einer, dann zwei oder drei
dicht hinterher, und dann in einer Reihe die ganze Rotte.


Raina [mit weiten Augen, erbebt sich, whrend sie die Hnde
begeistert zusammenschlgt]: Ja, zuerst ein einziger, der Tapferste
der Tapferen!

Der Flchtling [prosaisch]: Na, Sie sollten sehen, wie der arme
Teufel versucht sein Pferd zurckzuhalten.

Raina: Warum sollte er sein Pferd zurckhalten?

Der Flchtling [ungeduldig ber die dumme Frage]: Na, weil es doch
mit ihm durchgeht, natrlich.  Glauben Sie, da der Bursche Lust hat,
als Erster anzukommen, um so vor allen andern gettet zu werden?
Dann kommen die brigen heran.  Alle.  Sie knnen die Jungen an ihrer
Wildheit und Schneidigkeit erkennen, die Alten kommen in
geschlossenen Haufen daher, sie wissen, da sie nur Kanonenfutter
sind und da es keinen Zweck hat, einen Kampf zu versuchen.  Die
meisten Wunden sind gebrochene Kniescheiben infolge des
Zusammenprallens der Pferde.

Raina: Schrecklich!  Aber ich glaube nicht, da der erste Reiter ein
Feigling ist--ich glaube, er ist ein Held.

Der Flchtling [gutmtig]: Das wrden Sie auch gesagt haben, wenn Sie
HEUTE den ersten Reiter bei der Attacke gesehen htten!!

Raina [atemlos, ihm alles verzeihend]: Ah, ich wute es!  Erzhlen
Sie, erzhlen Sie mir von ihm!

Der Flchtling: Er benahm sich wie ein Operettentenor--ein
wohlgebauter, hbscher Bursche mit sprhenden Augen und prachtvollem
Schnurrbart, der sein Hurra brllte und angriff wie Don Quijote die
Windmhlen.  Wir haben uns ber ihn halbtot gelacht!  Als aber der
Feldwebel gelaufen kam, bleich wie der Tod, und uns sagte, da wir
aus Versehen die falschen Patronen bekommen htten und da wir fr
die nchsten zehn Minuten keinen Schu abgeben knnten, da ist uns
das Lachen vergangen!  Mir war nie so schlecht in meinem ganzen Leben,
obwohl ich schon in mancher bsen Lage gewesen bin.  Ich hatte nicht
einmal eine Revolverpatrone, nichts als Schokolade, nicht einmal
Bajonette hatten wir--nichts.  Natrlich haben sie uns in Stcke
gehauen, und da kam dieser Don Quijote wie ein Tambourmajor
herangestrmt und glaubte, das Klgste von der Welt getan zu haben,
statt dessen verdiente er, dafr vor das Kriegsgericht gestellt zu
werden.  Von allen Narren, die jemals auf einem Schlachtfelde
losgelassen worden sind, mu das der schlimmste sein!  Er und sein
Regiment begingen einfach einen Selbstmord, nur ging die Pistole
nicht los, das war alles.

Raina [aufs tiefste verletzt, doch standhaft ihren Idealen treu]:
Wahrhaftig!  Wrden Sie ihn wiedererkennen, wenn Sie ihn shen?

Der Flchtling: Werde ich ihn je vergessen knnen!  [Sie geht wieder
zur Kommode, er beobachtet sie mit schchternen Hoffnungen, da sie
vielleicht noch etwas fr ihn zu essen habe.  Sie nimmt das Bild von
der Kommode und bringt es ihm.]

Raina: Das ist die Photographie jenes Reiters--des Patrioten und
Helden, dem ich verlobt bin.

Der Flchtling [das Bild mit Entsetzen erkennend]: Es tut mir
wirklich sehr leid,,, [Sieht sie an.] War das recht, mich so aufs
Glatteis zu fhren?  [Blickt wieder auf das Bild.] Ja, das ist er
ohne Zweifel.  [Er unterdrckt ein Lachen.]

Raina [rasch]: Warum lachen Sie?

Der Flchtling [beschmt, aber immer noch sehr belustigt]: Ich
versichere Ihnen--ich habe nicht gelacht--, zumindest hatte ich nicht
die Absicht.  Aber wenn ich an ihn denke, wie er die Windmhlen
strmte und dabei glaubte, die schnste Tat von der Welt zu
vollbringen!  [Er schttelt sich vor unterdrcktem Lachen.]

Raina [strenge]: Geben Sie mir das Bild zurck!

Der Flchtling [mit aufrichtiger Reue]: Hier, bitte.  Verzeihen Sie!
Es tut mir wirklich furchtbar leid.  [Sie kt das Bild bedachtsam
und sieht dem Flchtling gerade ins Gesicht, bevor sie es auf die
Kommode zurckstellt.  Er folgt ihr, sich entschuldigend]: Wissen Sie,
ich tu' ihm vielleicht sehr unrecht, sogar ganz gewi.  Hchstwahrscheinlich
hat er von der Munitionsgeschichte irgendwo Wind bekommen und wute,
da es eine gefahrlose Sache war.

Raina: Das soll heien, da er ein Aufschneider und ein Feigling ist.
Vorhin haben Sie das wenigstens nicht zu sagen gewagt.

Der Flchtling [mit einer komiscben Verzweiflungsgeste]: Ich bemhe
mich umsonst, verehrtes Frulein, es gelingt mir nicht, Ihnen die
Sache vom berufsmigen Standpunkt aus zu zeigen.  [Als er sich
umwendet, um zur Ottomane zu geben, wird neuerdings aus der Ferne
Gewehrfeuer vernehmbar]:

Raina [strenge, als sie bemerkt, wie er auf die Schsse horcht]:
Desto besser fr Sie.

Der Flchtling [sich umwendend]: Wie meinen Sie das?

Raina: Sie sind mein Feind und in meiner Gewalt--was wrde ich zu tun
haben vom berufsmigen Standpunkt aus?

Der Flchtling: Ah, das ist wahr!  Verehrtes Frulein, Sie haben
immer recht.  Ich wei, was Sie fr mich getan haben und was ich
Ihnen verdanke.  Bis zu meiner letzten Stunde werde ich der drei
Pralins gedenken.  Es war unmilitrisch, aber wie engelsgut von
Ihnen!

Raina [kalt]: Ich danke Ihnen, aber nun will ich mich militrisch
benehmen.  Sie knnen nicht hierbleiben, nach dem, was Sie ber
meinen zuknftigen Gatten gesagt haben, aber ich will auf den Balkon
gehen und nachsehen, ob Sie jetzt vollkommen gefahrlos auf die Strae
hinunterklettern knnen.  [Sie geht an das Fenster.]

Der Flchtling [seine Miene verndert sich]: Diese Wasserrinne
hinunter?  Halten Sie ein, das kann ich nicht, das mag ich nicht!
--der bloe Gedanke daran macht mich schon schwindlig.  Ich kam
leicht genug herauf mit dem Tode auf den Fersen, aber das jetzt
kalten Blutes riskieren...!  [Er sinkt auf die Ottomane.] Es ist
umsonst, ich bin besiegt, ich gebe den Kampf auf, ich bin
verloren--Sie knnen jetzt Lrm schlagen!  [Er sttzt den Kopf
todestraurig in die Hnde.]

Raina [von Mitleid entwaffnet]: Gehen Sie, verlieren Sie nicht den
Mut.  [Sie beugt sich beinahe mtterlich ber ihn, er schttelt den
Kopf.] Oh, Sie sind ein recht klglicher Krieger, ein Pralinsoldat.
Gehen Sie, fassen Sie sich.  Es gehrt weniger Mut dazu, da
hinunterzuklettern als der Gefangenschaft ins Auge zu sehen--bedenken
Sie das.

Der Flchtling [schlfrig, von ihrer Stimme eingewiegt]: Nein,
Gefangenschaft bedeutet nur Tod, und Tod ist Schlaf.--Oh schlafen,
schlafen, schlafen, ungestrt schlafen...Die Dachrinne hinabklettern
heit, etwas unternehmen, sich anstrengen, denken!  Zehnmal lieber
den Tod!

Raina [leise und verwundert, in seinen schlfrigen Ton verfallend]:
Sind Sie so schlfrig?

Der Flchtling: Ich habe keine zwei Stunden ungestrt geschlafen,
seit ich zur Truppe eingerckt bin.  Ich war im Generalstab.  Sie
wissen nicht, was das heit: ich habe seit achtundvierzig Stunden
kein Auge geschlossen.

Raina [am Ende ihrer Weisheit]: Aber was soll ich mit Ihnen anfangen?

Der Flchtling [fhrt taumelnd auf, von ihrer Verzweiflung
aufgestachelt]: Natrlich, ich mu etwas tun.  [Er schttelt sich,
rafft sich zusammen und spricht mit wiedergewonnener Kraft und Mut:]
Sehen Sie, schlfrig oder nicht schlfrig, hungrig oder nicht hungrig,
mde oder nicht mde--man kann eine Sache immer tun, wenn man wei,
da sie getan werden mu.  Gut denn, die Dachrinne mu hinabgeklettert
werden.  [Er schlgt sich mit der Faust an die Brust]: Hrst du das,
du Pralinsoldat?!  [Er geht an das Fenster.]

Raina [ngstlich]: Aber wenn Sie strzen?

Der Flchtling: Dann werde ich schlafen, als ob das Pflaster ein
Federbett wre.  Leben Sie wohl.  [Er tritt khn an das Fenster und
legt seine Hand an den Laden, da ertnt unten auf der Strae wieder
eine entsetzliche Salve.]

Raina [zu ihm eilend]: Bleiben Sie!  [Sie erfat ihn ohne Bedenken
und reit ihn zurck.] Man wird Sie tten.

Der Flchtling [khl, aber aufmerksam]: Das macht nichts und gehrt
eben zu meinem tglichen Beruf; ich mu es riskieren.  [Entschlossen]:
Nun tun Sie, was ich Ihnen sage: lschen Sie die Kerzen aus, damit
man das Licht nicht sehen kann, wenn ich die Lden ffne, und halten
Sie sich ja vom Fenster fern, was immer auch geschehen mag.  Wenn die
mich sehen, werden sie sicher nach mir schieen.

Raina [sich an ihn hngend]: Sie werden Sie ganz sicher sehen, der
Mond scheint hell.  Ich will Sie retten,,, Oh, wie knnen Sie nur so
gleichgltig sein!  Sie wollen doch, da ich Sie retten soll, nicht
wahr?

Der Flchtling: Ich mchte Sie wirklich nicht lnger stren.  [Sie
schttelt ihn in ihrer Ungeduld]: Ich bin durchaus nicht gleichgltig
gegen den Tod, verehrtes Frulein, glauben Sie mir, aber was soll ich
sonst anfangen?

Raina: Vor allem kommen Sie doch vom Fenster fort, ich bitte Sie.
[Sie schmeichelt ihn in die Mitte des Zimmers zurck, er ergibt sich
unterwrfig darein; sie lt ihn frei und spricht gnnerhaft zu ihm]:
Hren Sie, Sie mssen unserer Gastfreundschaft vertrauen; Sie wissen
noch nicht, in wessen Haus Sie sich befinden--ich bin eine Petkoff.

Der Flchtling [naiv]: Was ist das?

Raina [etwas entrstet]: Ich meine, da ich der Familie Petkoff
angehre, der reichsten und angesehensten unseres Landes.

Der Flchtling: O ja, natrlich!  Entschuldigen Sie--die Petkoffs!
freilich!  Wie dumm von mir!

Raina: Sie wissen ganz gut, da Sie bis zu dieser Minute den Namen
nie gehrt haben!  Wie knnen Sie sich dazu erniedrigen, so zu tun,
als ob er Ihnen bekannt vorkme?

Der Flchtling: Verzeihen Sie, ich bin zu mde, um zu denken, und der
Wechsel des Gesprchsthemas war zuviel fr mich; zanken Sie mich
nicht aus.

Raina: Ich verga--Sie knnten zu weinen anfangen.  [Er nickt ganz
ernst, sie schmollt und fhrt dann in gnnerhaftem Tone fort]: Ich
will Ihnen blo sagen, da mein Vater den hchsten Befehlshaberposten
in unserer Armee bekleidet, den irgend ein Bulgare innehat.  [Stolz]:
Er ist Major!

Der Flchtling [tut, als ob das einen tiefen Eindruck auf ihn machte]:
Major?  Du lieber Himmel!  Denken Sie nur!

Raina: Sie haben groe Ortsunkenntnis bewiesen, indem Sie es fr
ntig hielten, am Balkon heraufzuklettern, weil unser Haus das
einzige Privathaus ist, das zwei Reihen Fenster hat.  Es ist eine
Treppe im Flur, auf der man hinauf und hinunter kann.

Der Flchtling: Eine Treppe?  Wie groartig!  Sie sind aber von
ungewhnlichem Luxus umgeben, verehrtes Frulein.

Raina: Wissen Sie, was eine Bibliothek ist?

Der Flchtling: Eine Bibliothek?  Ein Zimmer voll Bcher?

Raina: Ja, wir haben ein solches, das einzige in ganz Bulgarien.

Der Flchtling: Wahrhaftig?  Ein wirkliches Bibliothekzimmer?  Das
mchte ich aber gerne sehen.

Raina [geziert]: Ich sage Ihnen diese Dinge blo, um Ihnen zu zeigen,
da Sie bei zivilisierten Leuten sind, nicht im Hause von
ungebildeten Bauern, die Sie tten wrden, sobald sie Ihre serbische
Uniform gewahrten.  Wir gehen jedes Jahr zur Opernsaison nach
Bukarest, und ich habe schon einen ganzen Monat in Wien zugebracht.

Der Flchtling: Das habe ich bemerkt, gndiges Frulein; ich habe
sofort gesehen, da Sie die Welt kennen.

Raina: Haben Sie jemals die Oper Hernani gehrt?

Der Flchtling: Ist das die, in der ein Soldatenchor und ein Teufel
in rotem Samt vorkommt?

Raina [verachtungsvoll]: Nein.

Der Flchtling [einen tiefen Mdigkeitsseufzer unterdrckend]: Dann
kenne ich die Oper nicht.

Raina: Ich dachte, Sie wrden sich vielleicht an die groe Szene
erinnern, in der Hernani auf der Flucht vor seinen Feinden--gerade so
wie Sie heute nacht--in das Schlo seines erbittertsten Gegners,
eines alten kastilianischen Granden, flchtet!  Der Edelmann
verweigert seine Auslieferung, sein Gast ist ihm heilig!

Der Flchtling [rasch, wacht wieder etwas auf]: Sind Ihre Angehrigen
auch dieser Ansicht?

Raina [mit Wrde]: Meine Mutter und ich, wir verstehen diese
"Ansicht", wie Sie sich ausdrcken, und wenn Sie, statt mich mit
Ihrer Pistole zu bedrohen, sich einfach als Flchtling unserer
Gastfreundschaft anvertraut htten, Sie wren sicher gewesen wie in
Ihrem Vaterhaus.

Der Flchtling: Ganz gewi?

Raina [kehrt ihm angewidert den Rcken]: Oh, es ist verlorene Mhe,
Ihnen etwas begreiflich machen zu wollen!

Der Flchtling: Bitte, seien Sie nicht bse, Sie knnen sich denken,
wie schlimm es fr mich wre, wenn da ein Irrtum vorlge.  Mein Vater
ist ein sehr gastfreundlicher Mann, er hat sechs Hotels, aber ich
knnte ihm nicht so weit vertrauen.  Wie ist es mit Ihrem Herrn Vater?

Raina: Er ist fort, in Slivnitza, um fr sein Vaterland zu kmpfen.
Ich brge fr Ihre Sicherheit.  Hier meine Hand darauf.  Wird Sie das
beruhigen?  [Sie bietet ihm ihre Hand.]

Der Flchtling [sieht seine eigene Hand zweifelhaft an]: Es ist
besser, wenn Sie meine Hand nicht berhren, verehrtes Frulein, ich
mu mich erst waschen.

Raina [gerhrt]: Das ist nett von Ihnen.  Ich sehe, Sie sind ein
Gentleman.

Der Flchtling [verwundert]: Wieso?

Raina: Sie drfen nicht glauben, da ich berrascht bin--die Bulgaren
aus besseren Kreisen, Leute in unserer Stellung zum Beispiel, waschen
sich auch fast tglich die Hnde--aber ich schtze Ihr Zartgefhl,
Sie drfen meine Hand nehmen.  [Bietet ihm abermals die Hand.]

Der Flchtling [kt ihr die Hand, seine Hnde auf dem Rcken]: Ich
danke Ihnen, mein liebenswrdiges Frulein.  Endlich fhle ich mich
geborgen.  Bitte, wollen Sie so gut sein und Ihre Frau Mutter von
meiner Anwesenheit bald benachrichtigen; es wrde sich nicht schicken,
wenn ich hier lnger als ntig im geheimen verweilte.

Raina: Wenn Sie sich ganz ruhig verhalten wollen, whrend ich weg bin.

Der Flchtling: Gewi.  [Er setzt sich auf die Ottomane, Raina geht
an das Bett, holt ihren Pelzmantel und wirft ihn um.  Ihm fallen die
Augen zu, sie geht zur Tr, wirft einen letzten Blick nach ihm hin
und sieht, da er im Begriff ist, einzuschlafen.]

Raina [an der Tr]: Sie werden jetzt doch nicht etwa einschlafen?
[Er murmelt unartikulierte Laute, sie luft zu ihm hin und schttelt
ihn.] Hren Sie?  So wachen Sie doch auf--Sie schlafen ja ein!

Der Flchtling: Was, ich schlafe ein?  O nein, nicht im
geringsten--ich habe nur nachgedacht,,, es ist schon gut--ich bin
ganz wach.

Raina [strenge]: Wollen Sie so gut sein, stehen zu bleiben, whrend
ich weg bin--ja?  [Er erhebt sich widerwillig]: Die ganze Zeit ber,
verstanden!

Der Flchtling [unruhig wankend]: Gewi, gewi, Sie knnen sich
darauf verlassen.  [Raina sieht ihn unglubig an, er lchelt matt,
sie geht zgernd zur Tr, wo sie sich umwendet, und ihn fast beim
Ghnen ertappt.  Sie geht ab.]

Der Flchtling [schlaftrunken]: Schlafen, schlafen, schlafen,
schlafen, schla,,,--[Die Worte gehen in ein Murmeln ber, er rafft
sich wieder auf, im Begriff umzufallen.] Wo bin ich?  Das mchte ich
gerne wissen,,, ich mu wach bleiben,,, nichts hlt mich aber wach
auer Gefahr, bedenke das--[Nachdrcklich]: Gefahr, Gefahr, Gefahr,
Gef...--[Knickt wieder zusammen, rttelt sich abermals auf.] Wo ist
Gefahr?  Das mu ich ausfindig machen,,, [Er geht unsicher umher, als
wenn er nach Gefahr suchte.] Was suche ich da?,,, Schlaf--Gefahr--ich
wei es nicht.  [Er strauchelt gegen das Bett zu.] Ach ja, nun wei
ich's,,, alles ist in Ordnung, ich soll zu Bett gehen--aber nicht
schlafen--ganz bestimmt nicht schlafen,,, wegen der Gefahr.  Auch
nicht niederlegen, nur niedersetzen.  [Er setzt sich auf das Bett,
sein Gesicht nimmt einen glcklichen Ausdruck an]: Ah,,,[Mit einem
freudigen Seufzer sinkt er der Lnge nach zurck, hebt mit einer
letzten Anstrengung seine gestiefelten Beine ins Bett und fllt
sofort in tiefen Schlaf.]

[Katharina tritt ein, Raina folgt ihr.]

Raina [auf die Ottomane blickend]: Er ist fort, hier verlie ich ihn.

Katharina: Hier?  Dann mu er hinuntergeklettert sein vom-Raina [ihn
erblickend]: Oh!  [Sie zeigt auf ihn.]

Katharina [emprt]: Ah!  [Sie geht mit groen Schritten auf das Bett
zu, Raina folgt ihr und bleibt ihr gegenber auf der andern Seite des
Bettes stehen.]Er ist fest eingeschlafen, dieser Unmensch!

Raina [ngstlich]: Scht!

Katharina [ihn schttelnd]: Herr!  [Ihn noch heftiger schttelnd:]
Herr!!  [Ihn auerordentlich stark schttelnd:] Herr!!!

Raina [fllt ihr in den Arm]: Nicht, Mama, der arme Mann ist ganz
erschpft, la ihn schlafen.

Katharina [lt ihn los und wendet sich erstaunt zu Raina]: Der arme
Mann!  Raina!  [Sieht ihre Tochter starr an, der Flchtling schlft
fest.]

[Vorhang]




ZWEITER AKT

[Am 6. Mrz 1886. In dem frischen hbschen Garten von Major Petkoffs
Haus an einem schnen Frhlingsmorgen.  Hinter dem Zaun tauchen die
Spitzen von zwei Minaretts auf, die Wahrzeichen einer kleinen Stadt
im Tal.  Ein paar Meilen davon entfernt erheben sich die Balkanberge
und umschlieen die Landschaft.  Wenn man vom Garten zu ihnen
hinberblickt, liegt zur Linken die Seite des Hauses, aus der eine
kleine Tr mit Stufen davor in den Garten fhrt.  Rechts schneidet
der Stallhof mit seinem Torweg in den Garten ein.  Den Zaun und das
Haus entlang stehen Beerenstrucher, die mit zum Trocknen
ausgespannter Wsche behngt sind.  Ein kleiner Weg fhrt an dem
Hause vorbei; er fhrt zwei Stufen empor an die Ecke und verliert
sich dann.--In der Mitte ein kleiner Tisch mit zwei Sthlen aus
gebogenem Holz.  Auf dem Tisch steht das Frhstck, eine trkische
Kaffeekanne, Kaffeetassen und Brtchen usw.  Die Schalen wurden schon
gebraucht, und das Brot ist angebrochen.--An der Mauer zur Rechten
steht eine hlzerne Gartenbank.

Louka steht, eine Zigarette rauchend, zwischen Tisch und Haus und
kehrt mit zorniger Verachtung einem mnnlichen Dienstboten den Rcken,
der ihr eben eine Strafpredigt hlt.  Es ist ein Mann in den besten
Jahren, phlegmatisch und von niedriger, aber klarer und rascher
Intelligenz.  Er hat die Selbstgeflligkeit eines Dieners, der seine
Dienste hoch einschtzt, und den unerschtterlichen Gleichmut eines
kalt berechnenden Menschen ohne Illusionen.  Er trgt weie
bulgarische Tracht, eine Jacke mit bunten Borten, weite Pumphosen,
Schrpe und verzierte Gamaschen.  Sein Kopf ist bis an den Scheitel
glattrasiert, was ihm eine hohe japanische Stirne gibt.  Sein Name
ist Nicola.]

Nicola: La dich rechtzeitig warnen, Louka, ndere dein Benehmen.
Ich kenne unsere Gndige.  Sie ist zu selbstbewut, um sich jemals
trumen zu lassen, da eine Dienerin es wagen knnte, ihr gegenber
respektlos zu sein.  Aber la sie nur einmal bemerken, da du ihr
Trotz bietest, und du fliegst hinaus.

Louka: Ich trotze ihr doch; ich will ihr trotzen--was liegt mir daran?

Nicola: Wenn du mit der Herrschaft Streit bekommst, kann ich dich
niemals heiraten; es ist genau so, als ob du dich mit mir nicht
vertragen wrdest.

Louka: Du nimmst also ihre Partei gegen mich?

Nicola [gelassen]: Ich werde immer von der Gnade unserer Herrschaft
abhngig sein.  Wenn ich den Dienst verlasse, um einen Laden in Sofia
aufzumachen, dann wird ihre Kundschaft mein halbes Kapital bedeuten.
Ein bses Wort von ihnen knnte mich zugrunde richten.

Louka: Du hast eben keine Kurage!  Ich mchte sehen, ob sie sich
unterstehen wrden, ber mich ein bses Wort zu sagen!

Nicola [mitleidig]: Ich htte dich fr gescheiter gehalten, Louka,
aber du bist eben jung--noch sehr jung.

Louka: Gewi.  Ja, und du liebst mich darum um so mehr, nicht wahr?
Aber so jung ich bin, kenne ich doch ein paar Familiengeheimnisse,
von denen sie nicht wnschen wrden, da ich sie ausplaudere.  Sie
sollen es nur wagen, mit mir anzubinden!

Nicola [mitleidig und berlegen]: Weit du, was sie tten, wenn sie
dich so sprechen hrten?

Louka: Was knnten sie tun?

Nicola: Dich wegen Lgenhaftigkeit entlassen.  Wer wrde dir dann
jemals wieder ein Wort glauben, wer dir eine andere Stellung
verschaffen?  Wer in diesem Hause wrde es wagen, auch nur wieder mit
dir zu sprechen?  Und wie lange wrde dein Vater auf seinem kleinen
Bauernhof belassen werden?!  [Sie wirft ungeduldig den Rest ihrer
Zigarette fort und tritt darauf]: Du groes Kind!  Du weit eben
nicht, was fr eine Macht so hohe Herrschaften ber unsereins haben,
sobald wir armen Teufel versuchen, uns gegen sie aufzulehnen.  [Er
tritt nahe an sie heran, mit leiser Stimme]: Schau mich an!  Seit
zehn Jahren diene ich in diesem Hause--glaubst du, da ich da keine
Geheimnisse wei?  Ich wei Dinge von unserer Frau!  Nicht um tausend
Leu wrde sie wollen, da ihr Mann sie erfhre!  Und ich wei Dinge
von ihm, wegen deren sie ihm ein halbes Jahr lang zusetzen wrde,
wenn ich sie ausplaudern wollte.  Ich wei Dinge von Frulein Raina!
Die Auflsung der Verlobung mit Sergius wre die Folge, wenn--

Louka [sich rasch zu ihm wendend]: Woher weit du denn das?  Ich habe
dir doch nie etwas gesagt?

Nicola [reit die Augen verschmitzt auf]: Das also ist dein kleines
Geheimnis!  Ich dachte gleich, es knnte so was sein.  Nun, befolge
meinen Rat, benimm dich ehrerbietig und la die Gndige fhlen, da,
ganz gleich, was du weit oder nicht weit, sie sich darauf verlassen
kann, da du reinen Mund halten und deiner Herrschaft treu bleiben
wirst.  Das ist's, was sie gern haben, und auf diese Weise wirst du
am meisten von ihnen herauskriegen.

Louka [verachtungsvoll]: Du bist eine Bedientenseele, Nicola!

Nicola [vergngt]: Jawohl, das ist das Geheimnis des Erfolges im
Dienste.  [Ein lautes Klopfen mit einem Peitschenknopf an das
hlzerne Tor wird vom Hofe her gehrt.]

Mnnliche Stimme [von auen]: Hallo!  Heda!  Nicola!

Louka: Der Herr, aus dem Kriege zurck!

Nicola [rasch]: Meiner Treu, Louka, der Krieg ist vorber!  Mach, da
du fortkommst, und bring frischen Kaffee!  [Er luft hinaus auf den
Stallhof.]

Louka [whrend sie Kaffeekanne und Tassen zusammenrumt und auf dem
Servierbrett in das Haus hineintrgt]: Du wirst aus mir niemals eine
Bedientenseele machen!  [Major Petkoff kommt vom Stallhofe her,
Nicola folgt ihm.  Der Major ist ein leicht erregbarer heiterer,
unbedeutender, ungebildeter Mann von ungefhr fnfzig Jahren.  Von
Natur aus ohne Ehrgeiz, nur um sein Einkommen und seine Wichtigkeit
in der Lokalgesellscbaft bekmmert, ist er jetzt doch uerst
zufrieden mit dem militrischen Rang, der ihm whrend des Krieges als
einer der Hauptpersonen seiner Stadt eingerumt wurde.  Das Fieber
eines tollkhnen Patriotismus, den der Angriff der Serben in allen
Bulgaren hervorrief, hat ihm durch den Krieg durchgeholfen, aber er
ist sichtlich froh, wieder zu Hause zu sein.]

Petkoff [mit seiner Peitsche auf den Tisch zeigend]: Hier drauen das
Frhstck?

Nicola: Jawohl, gndiger Herr.  Die gndige Frau und Frulein Raina
sind soeben ins Haus gegangen.

Petkoff [setzt sich und nimmt ein Brtchen]: Geh hinein und sage, da
ich gekommen bin, und bringe mir frischen Kaffee.

Nicola: Ist schon bestellt, gndiger Herr.  [Er wendet sich gegen die
Haustr, Louka kommt mit frischem Kaffee, einer reinen Tasse und
einer Flasche Schnaps auf ihrem Servierbrett]: Haben Sie die gndige
Frau verstndigt?

Louka: Ja, die Gndige kommt gleich.  [Nicola geht in das Haus hinein.
Louka stellt den Kaffee auf den Tisch.]

Petkoff: Na, die Serben scheinen dich nicht geraubt zu haben?

Louka: Nein, gndiger Herr.

Petkoff: Das ist recht.  Hast du mir Kognak gebracht?

Louka [die Flasche auf den Tisch setzend]: Hier, gndiger Herr.

Petkoff: So ist's recht.  [Er giet ein paar Tropfen Kognak in seinen
Kaffee.  Katharina, die zu der frhen Stunde nur eine sehr flchtige
Toilette gemacht hat, tritt aus dem Hause.  Sie trgt eine
bulgarische Schrze ber einem ehemals prchtigen, aber jetzt halb
abgetragenen roten Schlafrock.  Ein farbiges Kopftuch ist um ihr
dickes schwarzes Haar gewunden.  Sie hat trkische Pantoffeln an den
bloen Fen.  Sie sieht trotz ihrer Toilette erstaunlich hbsch und
stattlich aus.  Louka geht in das Haus zurck.]

Katharina: Mein lieber Paul, nein, ist das eine berraschung fr uns!
[Sie beugt sich ber die Lehne seines Stuhls, um ihn zu kssen]:
Hast du schon frischen Kaffee bekommen?

Petkoff: Ja, Louka hat schon fr mich gesorgt.--Der Krieg ist aus,
der Friede wurde schon vor drei Tagen in Bukarest unterzeichnet, und
der Abrstungsbefehl fr unsere Armee ist gestern ausgegeben worden.

Katharina [springt auf, mit sprhenden Augen]: Der Krieg zu Ende!
Paul, haben euch die sterreicher vielleicht GEZWUNGEN, Frieden zu
schlieen?

Petkoff [unterwrfig]: Meine Teuere, sie haben mich nicht gefragt,
was konnte ich tun?  [Sie setzt sich und wendet sich von ihm ab]:
Aber natrlich haben wir dafr gesorgt, da der Vertrag ein
ehrenhafter sei, er sichert den Frieden.

Katharina [beleidigt]: Frieden!

Petkoff [sie besnftigend]: Aber durchaus keine freundschaftlichen
Beziehungen, merke wohl.  Sie wollten das hineinsetzen, aber ich
bestand darauf, da es gestrichen wrde--was htte ich noch mehr tun
knnen?

Katharina: Du httest Serbien annektieren und den Prinzen Alexander
zum Kaiser des Balkans machen knnen; das htte ich getan!

Petkoff: Ich zweifle nicht daran, Teuerste.  Aber ich htte zuvor das
ganze sterreichische Kaiserreich unterwerfen mssen, und das htte
mich zu lange von dir ferne gehalten; du hast mir schon sehr gefehlt.

Katharina [freundlich]: Ah!  [Sie streckt ihren Arm liebevoll ber
den Tisch, um seine Hand zu drcken.]

Petkoff: Und wie ist es dir ergangen, Liebste?

Katharina: Oh, bis auf meine gewohnten Halsschmerzen recht gut.

Petkoff [mit berzeugung]: Das kommt davon, da du dir tglich den
Hals wschst; ich habe dich schon oft davor gewarnt.

Katharina: Das ist Unsinn, Paul.

Petkoff [ber seinem Kaffee und der Zigarette]: Ich bin sehr dagegen,
da man diese modernen Gewohnheiten zu sehr nachahmt; das ewige
Waschen kann nicht gesund sein, es ist unnatrlich.  In Philippopel
war ein Englnder, der die Gewohnheit hatte, sich jeden Morgen nach
dem Aufstehen ber und ber mit kaltem Wasser zu begieen.  Ekelhaft!
Der Unfug kommt berhaupt von den Englndern.  Ihr Klima macht sie
so schmutzig, da sie sich in einem fort waschen mssen.  Schau doch
meinen Vater an; er hat in seinem ganzen Leben nie gebadet und ist
dabei doch achtundneunzig Jahre alt geworden, der gesndeste Mann
Bulgariens.  Ich habe ja nichts dagegen, mich einmal in der Woche
ordentlich zu waschen, um meiner Stellung genge zu tun--aber jeden
Tag, das heit doch, die Sache in lcherlicher Weise bertreiben.

Katharina: Im Herzen bist du noch immer ein Barbar, mein lieber Paul.
Ich hoffe, du hast dich vor all den russischen Offizieren gut
benommen.

Petkoff: Ich tat, was ich konnte, und habe auch dafr gesorgt, da
sie erfuhren, da wir eine Bibliothek haben!

Katharina: Ah--aber da wir auch eine elektrische Klingel darin haben,
das wissen sie nicht!  Ich habe in deiner Abwesenheit eine anbringen
lassen.

Petkoff: Was ist das, eine elektrische Klingel?

Katharina: Du berhrst einen Knopf, es klingelt in der Kche, und
dann kommt Nicola herein.

Petkoff: Man kann ja nach ihm schreien!

Katharina: Zivilisierte Leute schreien nie nach ihren Dienstboten;
ich habe das gelernt, whrend du fort warst.

Petkoff: Nun, ich will dir auch sagen, was ich gelernt habe.
Zivilisierte Leute hngen ihre Wsche nicht so zum Trocknen auf, da
jeder Besucher sie sehen kann.  Es wre deshalb besser, du wrdest
all das Zeug [er zeigt auf die Wsche an den Bschen,] irgendwo
anders hinhngen.

Katharina: Aber das ist doch lcherlich, Paul; ich kann mir nicht
denken, da wirklich feine Leute solche Dinge berhaupt bemerken.
[Man hrt jemanden an das Hoftor klopfen.]

Petkoff: Das ist Sergius.  [Ruft]: Holla!  Nicola!

Katharina: Rufe doch nicht so laut, Paul.  Das ist wirklich nicht
fein!

Petkoff: Unsinn.  [Er ruft lauter als vorher:] Nicola!

Nicola [erscheint vor der Haustr]: Zu Befehl, gndiger Herr.

Petkoff: Wenn das Major Saranoff ist, fhre ihn hierher.  [Er spricht
den Namen mit einer Dehnung auf der zweiten Silbe aus: "Sarahnoff".]

Nicola: Sehr wohl, gndiger Herr!  [Er geht nach dem Stallhofe zu.]

Petkoff: Unterhalte du ihn, Teuerste, bis Raina ihn uns entzieht.  Er
qult mich sonst wieder mit Vorwurfen weil wir ihn nicht befrdert
haben--ber meinen Kopf hinweg, bitte!

Katharina: Gewi.  Er sollte auch gewi befrdert werden, wenn er
Raina heiratet.  berdies sollte das Land darauf bestehen, wenigstens
einen eingeborenen General zu bekommen.

Petkoff: Jawohl, damit er statt Regimenter ganze Brigaden zugrunde
richten knnte.  Gib dir keine Mhe, es ist umsonst--er hat nicht die
geringste Aussicht auf Befrderung, bevor wir nicht ganz sicher sind,
da der Friede dauernd sein wird.

Nicola [an der Tr anmeldend]: Major Sergius Saranoff.  [Er geht in
das Haus hinein und kommt gleich darauf mit einem dritten Stuhl
heraus, den er an den Tisch setzt, dann zieht er sich zurck.]

[Major Sergius Saranoff, das Original des Bildes in Rainas
Schlafzimmer, ist ein groer, romantisch schner Mann, von der
Verwegenheit, dem hohen Mut und der leicht erregbaren Phantasie eines
Huptlings wilder Bergbewohner, aber seine auffallende persnliche
Vornehmheit ist von charakteristisch zivilisierter Art; seine
Augenbrauen winden sich widderhornartig um die vorspringenden
Stirnknochen und reichen bis in die Schlfen.  Seine eiferschtig
beobachtenden Augen, seine dnne spitze Nase--furchtsam trotz der
breiten Nasenflgel und des streitschtigen hohen Rckens--sein
energisches Kinn wrden ganz gut in einen Pariser Salon passen, und
sie beweisen, da der gescheite, phantasiereiche Barbar scharfe
kritische Fhigkeiten besitzt, die sich infolge des Eindringens der
westlichen Zivilisation in den Balkan sehr merklich entwickelt hat.
Das Resultat ist ganz hnlich demjenigen, welches das Aufkommen der
Gedanken des 19. Jahrhunderts in England entstehen lie, nmlich
"Byronismus".  Durch das Grbeln ber die dauernde Erfolglosigkeit
nicht nur anderer, sondern auch seiner selbst, seinen Idealen
nachzuleben--durch seine beharrliche zynische Verachtung der
Menschheit, durch den geistlosen Glauben an den unbedingten Wert
seiner eigenen Entwrfe und die Unwrdigkeit der Welt, die sie
miachtet, durch die Empfindlichkeit und den Spott, den jede unter
Menschen verbrachte Stunde durch den Stachel kleinlicher
Enttuschungen seiner nervsen Aufmerksamkeit verursacht, hat er die
halb ironische, halb tragische Art angenommen, die mysterise
Traurigkeit, die Suggestion einer seltsamen und schrecklichen
Geschichte, die ihm nichts als ewige Reue hinterlassen hat, all das,
wodurch Childe Harold die Gromtter seiner englischen Zeitgenossen
bezauberte.  Es ist klar, da dieser oder keiner Rainas Held sein mu.
Katharina ist fr ihn kaum weniger begeistert als ihre Tochter, und
viel weniger zurckhaltend, ihm ihre Gefhle zu zeigen.  Als er durch
das Hoftor hereinkommt, erhebt sie sich berschwenglich, um ihn zu
begren.  Petkoff ist sichtlich weniger aufgelegt, viel aus ihm zu
machen.]

Petkoff: Schon hier, Sergius?  Freut mich, dich wieder zu sehen.
Katharina: Mein teuerer Sergius!  [Sie streckt ihm beide Hnde
entgegen.]

Sergius [kt diese mit skrupulser Galanterie]: Verehrte
Mutter--wenn ich Sie so nennen darf?

Petkoff [trocken]: Schwiegermutter, Sergius!  Schwiegermutter!  Nimm
Platz und bediene dich mit Kaffee.

Sergius: Danke schn, keinen Kaffee fr mich.  [Er entfernt sich vom
Tische mit einer gewissen verachtungsvollen Bewegung ber Petkoffs
Genu am Kaffeetrinken und stellt sich mit bewuter Wrde gegen das
Gelnder der Treppe, die zum Hause fhrt.]

Katharina: Sie sehen prchtig aus, vorzglich!  Der Feldzug ist Ihnen
gut bekommen.  Hier ist alles ganz begeistert fr Sie.  Wir waren
alle auer uns vor Enthusiasmus ber Ihre prachtvolle Kavallerieattacke.
Sergius [mit bitterer Ironie]: Sie war die Wiege und das Grab meines
militrischen Rufes, gndige Frau!

Katharina: Wieso?

Sergius: Ich gewann die Schlacht auf falsche Weise, whrend unsere
verdienten russischen Generale sie auf die richtige Art verloren.
Das warf ihre Plne ber den Haufen und verletzte ihre Eitelkeit.
Zwei ihrer Obristen wurden mit ihren Regimentern zurckgeschlagen,
aber auf Grund korrekter, wissenschaftlicher Kriegfhrung.  Zwei
Generalmajore wurden dabei sogar genau nach militrischer Vorschrift
gettet.  Jene zwei Obristen sind jetzt Generale, und ich bin noch
immer ein einfacher Major.

Katharina: Das werden Sie nicht bleiben, Sergius; Sie haben die
Frauen auf Ihrer Seite, und die werden schon dafr sorgen, da Ihnen
Gerechtigkeit widerfhrt.

Sergius: Es ist zu spt; ich habe nur auf den Frieden gewartet, um
mein Abschiedsgesuch einzureichen.

Petkoff [lt die Tasse vor Erstaunen fallen]: Dein Abschiedsgesuch?
Katharina: Oh, Sie mssen es zurckziehen.

Sergius [mit entschiedener mavoller Betonung, seine Arme kreuzend]:
Ich ziehe niemals zurck.

Petkoff [gergert]: Nein, wer konnte denken, da du dir so etwas
einfallen lassen wrdest!

Sergius [feurig]: Jeder, der mich kannte!--Doch genug von mir und
meinen Angelegenheiten!  Wie geht es Raina und wo ist sie?

Raina [tritt pltzlich um die Ecke aus dem Hause heraus und wird auf
der obersten Stufe bemerkbar]: Da ist Raina!  [Sie sieht reizend aus,
und alle wenden sich nach ihr um.  Sie trgt ein Unterkleid aus
blagrner Seide, das mit einem goldgestickten dnnen ekrfarbenen
berwurf bedeckt ist.  Auf dem Kopfe trgt sie eine hbsche
phrygische goldverbrmte Mtze.--Sergius geht ihr mit einem
Freudenruf lebhaft entgegen; sie streckt ihre Hand nach ihm aus, die
er, sich ritterlich auf ein Knie niederlassend, kt.]

Petkoff [zu Katharina, strahlend vor vterlichem Stolz]: Schn ist
sie, nicht wahr?  Sie erscheint immer im richtigen Augenblick.

Katharina [ungeduldig]: Ja, sie horcht deswegen, es ist eine
abscheuliche Gewohnheit.  [Sergius fhrt Raina nach vorne mit
auerordentlicher Galanterie, als ob sie eine Knigin wre.  Als sie
an den Tisch kommen, wendet sie sich mit einer Neigung ihres Kopfes
zu Sergius, er verbeugt sich und sie gehen auseinander, er zu seinem
Platz und sie hinter den Stuhl ihres Vaters.]

Raina [beugt sich nieder und kt ihren Vater]: Teurer Vater,
willkommen zu Hause!

Petkoff [ihre Wangen streichelnd]: Kleiner Liebling!  [Er kt sie,
sie tritt an den Stuhl heran, den Nicola fr Sergius gebracht hat,
und setzt sich.]

Katharina: Also, Sie sind nun nicht mehr Soldat, Sergius?

Sergius: Nein, ich bin nicht mehr Soldat.  "Soldat sein", gndige
Frau, das ist die Kunst des Feiglings, erbarmungslos anzugreifen,
wenn er die bermacht hat, und weit vom Schusse zu bleiben, sobald er
der Schwchere ist.  Trachte, deinen Feind zu bervorteilen, und
niemals, in keinem Falle, schlage dich mit ihm unter gleichen
Bedingungen--das ist das ganze Geheimnis erfolgreicher Schlachten,
was, Major?

Petkoff: Sie lieen uns zu gar keinem ordentlichen Gefechte Mann
gegen Mann kommen.  Indessen, ich vermute, da das Kriegshandwerk ein
Geschft sein mu wie jedes andere Geschft.

Sergius: Das ist es eben, aber mir fehlt der Ehrgeiz, als
Geschftsmann glnzen zu wollen; deshalb habe ich auch den Rat dieses
Handlungsreisenden von Hauptmann befolgt, der den Austausch der
Gefangenen bei Pirot besorgte, und meinen Beruf aufgegeben.

Petkoff: Was, jenes Schweizers?  Ich habe seitdem oft an diesen
Austausch gedacht, Sergius; er hat uns mit den Pferden bervorteilt.

Sergius: Natrlich hat er uns bervorteilt.  Sein Vater ist
Hotelbesitzer und Lohnfuhrwerker.  Er verdankte seine ersten Erfolge
seinen Kenntnissen im Pferdehandel.  [Mit hhnischem Enthusiasmus]:
Ah, das war ein Soldat, jeder Zoll ein Krieger!  Wenn ich doch blo
die Pferde fr mein Regiment vorteilhaft gekauft htte, anstatt es
tricht der Gefahr entgegenzufhren, ich wre jetzt Feldmarschall.

Katharina: Ein Schweizer?  Was hat der in der serbischen Armee zu
schaffen gehabt?

Petkoff: Ein Freiwilliger natrlich, darauf erpicht, seinen Beruf
auszuben.  [Lachend]: Wir wren nicht imstande gewesen zu kmpfen,
wenn diese Fremden uns nicht gezeigt htten, wie man es macht.  Wir
verstanden nichts davon, und die Serben auch nicht.  Bei Gott! ohne
die Auslnder wre ein Krieg unmglich gewesen.

Raina: Sind in der serbischen Armee viele Schweizer Offiziere?

Petkoff: Nein--alles sterreicher, so wie unsere Offiziere alle
Russen waren.  Das war der einzige Schweizer, dem ich begegnet bin.
Ich werde nie wieder einem Schweizer vertrauen; er hat uns betrogen,
beschwindelt, so da wir ihm fnfzig gesunde Mnner fr zweihundert
verdammte abgetriebene Pferde gegeben haben.  Sie waren nicht einmal
ebar.

Sergius: Wir waren wie zwei Kinder in den Hnden dieses erprobten
Soldaten, Major.  Ganz einfach zwei unschuldige kleine Kinder.

Raina: Wie sah er aus?

Katharina: Aber, Raina, was fr eine dumme Frage!

Sergius: Er sah aus wie ein Handlungsreisender in Uniform, Bourgeois
vom Scheitel bis zur Sohle.

Petkoff [grinsend]: Sergius, erzhle die merkwrdige Geschichte, die
sein Freund uns von ihm erzhlte.--Wie er nach der Schlacht bei
Slivnitza entkommen ist--erinnerst du dich?  Zwei Frauen sollen ihn
versteckt haben.

Sergius [mit bitterer Ironie]: Ja, ja, das ist ein ganzer Roman.  Er
diente in derselben Batterie, die ich so berufswidrig angegriffen
habe.  Da er ein ganzer Soldat ist, so lief er wie die brigen davon,
unsere Kavallerie auf den Fersen.  Um ihrer Aufmerksamkeit zu
entgehen, hatte er den geschmackvollen Einfall, sich in das Zimmer
irgend einer patriotischen jungen bulgarischen Dame zu flchten.  Die
junge Dame war entzckt von den gewinnenden Manieren dieses
verkleideten Handlungsreisenden und unterhielt ihn sehr zchtig
ungefhr eine Stunde lang und rief dann ihre Mutter dazu, damit ihr
Benehmen nicht unmdchenhaft erscheine.  Die alte Dame war
gleichfalls bezaubert, und der Flchtling wurde des Morgens, mit
einem Rock des im Kriege abwesenden Hausherrn verkleidet,
freundlichst entlassen.

Raina [erhebt sich mit groer Wrde]: Ihr Lagerleben hat Sie verroht,
Sergius.  Ich htte nie gedacht, da Sie es wagen wrden, eine solche
Geschichte in meiner Gegenwart zu erzhlen.  [Sie wendet sich kalt ab.]

Katharina [sich gleichfalls erhebend]: Raina hat recht, Sergius.
Wenn es solche Frauen gibt, uns sollte es erspart bleiben, von ihnen
zu hren.

Petkoff: Bah, Unsinn!  Was ist weiter dabei?

Sergius [beschmt]: Nein, Petkoff, ich war im Unrecht.  [Zu Raina,
mit ernsthafter Demut]: Verzeihen Sie mir, ich habe mich abscheulich
benommen--verzeihen Sie, Raina.  [Sie verneigt sich zurckhaltend]:
Und auch Sie, gndige Frau.  [Katharina verneigt sich liebenswrdig
und setzt sich.  Er fhrt feierlich fort, sich abermals zu Raina
wendend]: Ich habe die Schattenseiten des Lebens whrend der letzten
paar Monate kennen gelernt; da kann man wei Gott zynisch werden,
aber ich htte meinen Zynismus nicht hierher mitbringen sollen, am
wenigsten in Ihre Gesellschaft, Raina--[Dabei wendet er sich zu den
anderen und ist sichtlich im Begriff, eine lange Rede vom Stapel zu
lassen, als der Major ihn unterbricht.]

Petkoff: Dummes Zeug!  Unsinn, Sergius!  Es ist gerade genug
Aufhebens fr nichts und wieder nichts.  Ein Soldatenkind sollte
imstande sein, selbst etwas starke Unterhaltung zu vertragen, ohne
mit der Wimper zu zucken.  [Er erhebt sich]: Komm, es ist Zeit, da
wir an unser Geschft gehen.  Wir mssen bestimmen, wie jene drei
Regimenter nach Philippopel zurckgelangen sollen.  Auf der Route
nach Sofia fehlt jede Verpflegungsmglichkeit.  [Er geht auf das Haus
zu]: Gehen wir.  [Sergius ist im Begriff ihm zu folgen, da erhebt
sich Katharina und greift ein.]

Katharina: Ich bitte dich, Paul, kannst du Sergius nicht noch fr
einige Augenblicke entbehren?  Raina hat ihn ja kaum gesehen.
Vielleicht kann ich dir dabei behilflich sein, die Sache mit den
Regimentern ins reine zu bringen.

Sergius [protestierend]: Meine verehrte Gndige, das ist unmglich,
Sie-Katharina [hlt ihn tndelnd zurck]: Sie bleiben hier, mein
lieber Sergius.  Es hat gar keine Eile; ich habe meinem Mann auch ein
paar Worte zu sagen.  [Sergius verneigt sich sofort und tritt zurck]:
Nun, mein Lieber,

[Petkoffs Arm nehmend:] komm und sieh dir einmal die elektrische
Klingel an.

Petkoff: Oh, sehr gerne, sehr gerne.  [Sie gehen zusammen vertraulich
in das Haus.]

[Sergius, mit Raina allein geblieben, blickt aus Furcht, da sie noch
beleidigt sei, verlegen auf sie; sie lchelt und streckt die Arme
nach ihm aus.]

Sergius [eilt zu ihr]: Ist mir verziehen?

Raina [legt ihre Hnde auf seine Schultern und sieht mit Bewunderung
und Anbetung zu ihm auf]: Mein Held, mein Knig!

Sergius: Meine Knigin!  [Er kt sie auf die Stirne.]

Raina: Wie ich Sie beneidet habe, Sergius!  Sie waren drauen im
Leben und auf dem Schlachtfelde in der Lage, sich der besten Frau auf
Erden wert zu zeigen, whrend ich unttig zu Hause sitzen mute,
nutzlos trumend--ohne etwas zu vollbringen, das mir ein Recht geben
knnte, mich irgendeines Mannes wert zu halten.

Sergius: Teuerste, alle meine Taten gehren Ihnen, Sie haben mich
begeistert!  Ich bin in den Krieg gezogen, wie ein Ritter zu einem
Turnier zu Ehren seiner Dame.

Raina: Auch meine Gedanken haben Sie keinen Augenblick verlassen.
[Sehr feierlich]: Sergius, ich glaube, wir beide haben die ideale
Liebe gefunden.  Wenn ich an Sie denke, dann fhle ich, da ich
niemals einer gemeinen Handlungsweise oder eines niedrigen Gedankens
fhig sein knnte.

Sergius: Meine Knigin, meine Heilige!  [Er umarmt sie verehrungsvoll.]

Raina [seine Umarmung erwidernd]: Mein Herr und mein,,,

Sergius: Still!  Lassen Sie mich Anbeter sein, Teuerste; Sie wissen
ja gar nicht, wie unwert selbst der beste Mann der reinen
Leidenschaft eines Mdchens ist.

Raina: Ich vertraue Ihnen und liebe Sie, Sergius, Sie werden mich nie
enttuschen.  [Aus dem Hause heraus dringt Loukas Gesang; sie gehen
rasch auseinander]: Ich knnte es nicht ber mich bringen, jetzt
gleichgltige Dinge zu sprechen, mein Herz ist zu voll.  [Louka tritt
aus dem Hause mit ihrem Servierbrett, geht an den Tisch und fngt an,
ihn abzurumen.  Sie steht mit dem Rcken gegen das Paar]: Ich will
nur meinen Hut holen, dann knnen wir bis zum Mittagessen ausgehen.
Ist Ihnen das recht?

Sergius: Bitte, machen Sie schnell.  Die Minuten des Wartens werden
mir Stunden sein.  [Raina luft bis zur obersten Stufe der Stiege und
wendet sich dort um, tauscht beredte Blicke mit Sergius und wirft ihm
mit beiden Hnden Ksse zu.  Einen Augenblick sieht er ergriffen nach
ihr hin, dann wendet er sich langsam ab; sein Gesicht glht in
erhabenster Begeisterung.  Die Wendung ndert sein Gesichtsfeld, in
dessen Winkel jetzt Loukas Schrzenzipfel auftaucht.  Seine
Aufmerksamkeit wird sofort gefesselt.  Er sieht sie verstohlen an und
beginnt, seinen Schnurrbart mutwillig zu drehen.  Die linke Hand
stemmt er in die Seite und geht mit einem Anflug seines
grotuerischen Reiterschritts auf die andere Seite des Tisches Louka
gegenber.]

Sergius: Louka, wissen Sie, was ideale Liebe ist?

Louka [verwundert]: Nein, Herr Major.

Sergius: Eine fr die Dauer sehr ermdende Sache, Louka, und man hat
hinterher das Bedrfnis, davon auszuruhen.

Louka [unschuldig]: Vielleicht nehmen Sie etwas Kaffee, Herr Major?
[Sie langt mit der Hand ber den Tisch nach der Kaffeekanne.]

Sergius [ihre Hand ergreifend]: Ich danke Ihnen, Louka.

Louka [als ob sie die Hand zurckziehen wollte]: Oh, Herr Major, Sie
wissen ganz gut, da ich es nicht so gemeint habe.  Ich staune ber
Sie.

Sergius [verlt den Tisch und zieht sie mit sich fort]: Ich staune
ber mich selbst, Louka.  Was wrde Sergius, der Held von Slivnitza,
dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen knnte--was wrde Sergius, der
Apostel der idealen Liebe, dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen
knnte--was wrden ein halbes Dutzend Sergiusse sagen, die in meiner
schnen Gestalt ein und aus gehen, wenn sie uns jetzt hier
erwischten?  [Er lt ihre Hand fahren und fat sie geschickt mit
einem Arm um die Hften.] Finden Sie mich hbsch gewachsen, Louka?

Louka: Lassen Sie mich los, Sie bringen sonst schlechten Ruf ber
mich.  [Sie wehrt sich; er halt sie unerbittlich fest]: Au, wollen
Sie mich loslassen?

Sergius [ihr dicht in die Augen blickend]: Nein!

Louka: Dann treten Sie wenigstens etwas zurck, damit man uns nicht
sieht.  Wo haben Sie denn Ihren gesunden Menschenverstand gelassen?
Sergius: Ah, das ist wahr, Sie haben wirklich recht.  [Er fhrt sie
unter das Hoftor, wo sie vom Haus aus nicht gesehen werden knnen.]
Louka [klagend]: Man kann mich von den Fenstern aus gesehen
haben--Frulein Raina spioniert sicher hinter Ihnen her.

Sergius [gekrnkt, lt sie los]: Nehmen Sie sich in acht, Louka, ich
mag unwrdig genug sein, die Forderungen der idealen Liebe auer acht
zu lassen, aber beleidigen drfen Sie diese Liebe nicht!

Louka [mit Verstellung]: Nicht um die Welt, Herr Major!  Ich schwr'
es Ihnen.  Kann ich jetzt wieder an die Arbeit gehen?

Sergius [sie abermals umschlingend]: Sie sind eine verfhrerische
kleine Hexe, Louka.  Wenn Sie in mich verliebt wren, wrden Sie mich
ausspionieren?

Louka: Ja, sehen Sie, Herr Major, da Sie sagen, da in Ihnen
gleichzeitig ein halbes Dutzend verschiedener Herren ein und aus
gehen, so htte ich wohl viel zu tun.

Sergius [entzckt]: Sie sind ebenso geistreich wie hbsch.  [Versucht,
sie zu kssen.]

Louka [ihm ausweichend]: Nein, ich brauche Ihre Ksse nicht, die
Herrenleute sind doch alle gleich.  Sie liebugeln mit mir hinter
Frulein Rainas Rcken, und Frulein Raina tut dasselbe hinter Ihrem
Rcken.

Sergius [einen Schritt zurckweichend]: Louka!!

Louka: Das beweist, wie wenig euch eigentlich aneinander liegt.

Sergius [seine Freundlichkeit aufgebend, mit eisiger Hflichkeit]:
Wenn unser Gesprch fortgesetzt werden soll, Louka, werden Sie gut
tun, zu bedenken, da ein Edelmann das Benehmen der Dame, mit der er
verlobt ist, nicht mit ihrer Kammerzofe bespricht.

Louka: Es ist schwer zu beurteilen, was ein Edelmann fr richtig hlt;
ich dachte, da Sie versuchten, mich zu kssen, Sie htten aufgegeben,
alles gar so genau zu nehmen.

Sergius [wendet sich von ihr ab und schlgt sich auf die Stirne,
whrend er von der Einfahrt zurck in den Garten kommt]: Teufel,
Teufel!

Louka: Ha, ha, mir scheint, einer von den sechsen in Ihnen hat sehr
viel hnlichkeit mit mir, Herr Major, obwohl ich nur Frulein Rainas
Zofe bin.  [Sie geht zurck an den Tisch zu ihrer Arbeit, ohne weiter
Notiz von ihm zu nehmen.]

Sergius [zu sich selbst sprechend]: Welcher von den sechsen ist der
richtige? das ist die groe Frage, die mich qult.  Der eine ist ein
Held, der andere ein Narr, der dritte ein Schwindler, der vierte
vielleicht sogar ein Lump.  [Er hlt inne und sieht flchtig zu Louka
hin, whrend er mit tiefer Bitterkeit hinzufgt]: Und einer
wenigstens ist ein Feigling--eiferschtig wie alle Feiglinge.  [Er
geht an den Tisch.] Louka!

Louka: Ja!

Sergius: Wer ist mein Nebenbuhler?

Louka: Das werden Sie aus mir nie herausbekommen, weder fr Liebe
noch fr Geld.

Sergius: Warum nicht?

Louka: Es ist gleichgltig, warum.  berdies wrden Sie erzhlen, da
ich es Ihnen gesagt habe, und ich wrde meine Stelle verlieren.
Sergius [streckt seine rechte Hand beschwrend aus]: Nein, bei der
Ehre eines--[er unterbricht sich und seine Hand fllt kraftlos herab,
whrend er sardonisch fortfhrt]: eines Menschen, der fhig ist, sich
zu benehmen, wie ich mich in den letzten fnf Minuten benommen
habe--wer ist es?

Louka: Ich wei es nicht, ich habe ihn nie gesehen, ich habe nur
seine Stimme durch die Tr von Frulein Rainas Zimmer gehrt.

Sergius: Tod und Teufel! wie knnen Sie es wagen...?

Louka [zurckweichend]: Oh, ich meine nichts Schlimmes.  Was
berechtigt Sie, meine Worte so aufzufassen?  Die gndige Frau wei
alles, und ich sage Ihnen blo: wenn dieser Herr jemals wieder
hierherkommen sollte, so wird ihn Frulein Raina heiraten, ob er nun
wollen wird oder nicht.  Ich kenne den Unterschied zwischen der Art,
wie Sie und das gndige Frulein sich miteinander gehaben, und der
richtigen Art.  [Sergius fhrt zusammen, als wenn sie ihn gestochen
htte.  Dann runzelt er die Stirne, geht finster auf sie zu und
erfat ihre Arme oberhalb der Ellbogen mit beiden Hnden.]

Sergius: Jetzt passen Sie einmal auf!

Louka [zusammenzuckend]: Nicht so fest, Sie tun mir weh!

Sergius: Das schadet nichts.  Sie haben meine Ehre angegriffen, indem
Sie mich zum Mitwisser Ihrer Spionage machten, und Sie haben Ihre
Herrin verraten.

Louka [sich windend]: Bitte!

Sergius: Das zeigt, da Sie ein erbrmlicher, kleiner Klumpen Schmutz
mit einer Bedientenseele sind.  [Er lt sie los, als ob sie ein
unreines Ding wre, und macht eine Bewegung, als ob er seine Hand von
ihrer Berhrung reinigte.  Dann geht er nach der Bank an der Mauer,
wo er sich niedersetzt, mit schwerem Kopfe, dster vor sich
hinblickend.]

Louka [wimmert rgerlich, mit der Hand auf dem rmel, und befhlt
ihren schmerzenden Arm]: Sie verstehen es ebensogut, mit Ihrer Zunge
zu verletzen, wie mit Ihren Hnden!  Aber jetzt liegt mir nichts mehr
daran!  Aus was fr Schmutz ich auch sein mag, ich wei, Sie sind aus
demselben.  Und was Ihre Braut betrifft, so ist sie eine Lgnerin,
und ihre schnen Manieren sind Betrug; und ich bin mehr wert als
sechs solche.  [Sie verbeit ihren Schmerz; wirft den Kopf zurck und
geht an die Arbeit, den Tisch abzurumen.  Er sieht sie ein- bis
zweimal zweifelnd an.  Sie hat das Servierbrett vollgepackt und legt
das Tischtuch an den Enden zusammen, um alles auf einmal
hinauszutragen.  Als sie sich bckt, um das Brett aufzuheben, steht
Sergius auf.]

Sergius: Louka!  [Sie bleibt stehen und sieht ihn trotzig an]: Ein
Edelmann hat nicht das Recht, einer Frau unter irgendwelchen
Umstnden weh zu tun.  [Mit tiefer Demut seinen Kopf entblend]:
Verzeihen Sie mir.

Louka: Diese Art von Entschuldigung mag einer Dame gengen.  Was soll
sie einem Dienstboten?

Sergius [in seiner Vornehmheit sehr verletzt, lacht bitter auf, lt
sie fallen und sagt geringschtzig]: Oh, Sie wnschen bezahlt zu
werden fr Ihren Schmerz?  [Er setzt seinen Tschako auf und nimmt
etwas Geld aus der Tasche.]

Louka [gegen ihren Willen mit Trnen in den Augen]: Nein, ich wnsche,
da mein Schmerz gutgemacht werde.

Sergius [durch ihren Ton ernchtert]: Wie?  [Sie streift ihren linken
rmel hinauf, umfat ihren Arm mit dem Daumen und Zeigefinger der
rechten Hand und sieht herab auf den blauen Fleck; dann hebt sie den
Kopf in die Hhe und blickt Sergius fest an, endlich mit einer
prachtvollen Bewegung hlt sie ihm den Arm zum Kusse bin; erstaunt
sieht er bald sie, bald ihren Arm an, zgert und ruft dann mit
vibrierendem Nachdruck aus]: Niemals! [und geht soweit wie mglich
fort von ihr.  Der Arm fllt herab.  Ohne ein Wort und mit nicht
gespielter Wrde nimmt Louka ihr Servierbrett und nhert sich dem
Hause, aus dem Raina eben hervortritt, mit einer Jacke und einem Hut
bekleidet, ganz nach der Wiener Mode des vergangenen Jahres, 1885.
Louka weicht ihr stolz aus und geht dann in das Haus hinein.]

Raina: Ich bin bereit.  Was ist los?  [Lustig]: Haben Sie am Ende gar
mit Louka geflirtet?

Sergius [rasch]: Nein, nein, wie knnen Sie nur so etwas denken!
Raina [beschmt]: Verzeihen Sie, mein Lieber, es war nur ein Scherz;
ich bin heute so glcklich.  [Er geht rasch auf sie zu und kt ihr
reumtig die Hand.  Katharina erscheint auf der obersten Stufe der
aus dem Hause fhrenden Treppe und ruft nach ihnen.]

Katharina [zu ihnen hinunterkommend]: Ich bedaure, euch stren zu
mssen, Kinder, aber mein Mann ist in Verzweiflung ber jene drei
Regimenter; er wei nicht, wie er sie nach Philippopel befrdern soll,
und er widerspricht jedem meiner Vorschlge.  Sie mssen kommen und
ihm helfen, Sergius; er ist in der Bibliothek.

Raina [enttuscht]: Aber wir wollen eben spazierengehen.

Sergius: Es wird nicht lange dauern, bitte, warten Sie auf mich genau
fnf Minuten.  [Er luft die Treppe zur Tr hinauf.]

Raina [folgt ihm bis an den Fu der Treppe und blickt ihm mit
schchterner Koketterie nach]: Ich werde unter den Fenstern der
Bibliothek auf und ab gehen, so da man mich sehen kann, und warten.
Sie mssen Vaters Aufmerksamkeit auf mich lenken.  Wenn Sie aber eine
Sekunde lnger als fnf Minuten ausbleiben, dann werde ich
hineinkommen und Sie holen--Regimenter hin, Regimenter her!

Sergius [lachend:] Abgemacht!  [Er geht hinein, Raina folgt ihm mit
den Augen, bis er verschwunden ist; dann geht sie mit sichtlich
abgespanntem Wesen im Garten auf und ab, in dsteres Sinnen verloren.]

Katharina: Was sagst du dazu, da sie gerade diesem Schweizer
begegnen muten und nun die ganze Geschichte wissen!  Das allererste,
wonach dein Vater verlangt hat, war der alte Rock, in dem wir diesen
Menschen fortgeschickt haben.  Du hast uns da eine schne Suppe
eingebrockt!

Raina [blickt im Gehen gedankenvoll auf den Kies]: Das kleine
Ungeheuer!

Katharina: Kleines Ungeheuer! wer ist ein kleines Ungeheuer?

Raina: Hinzugehen und alles zu erzhlen,,, oh, wenn ich ihn blo hier
htte, ich wrde ihm den Mund mit Schokolade so vollstopfen, da er
nie wieder reden knnte.

Katharina: Sprich nicht solchen Unsinn, Raina.  Sag' mir lieber die
Wahrheit: Wie lange war er schon in deinem Zimmer, als du zu mir
gekommen bist?

Raina [kehrt schnell um und setzt ihren Marsch in der
entgegengesetzten Richtung fort]: Das habe ich lngst vergessen.

Katharina: Das kannst du nicht vergessen haben.  Ist er wirklich
heraufgeklettert, als die Soldaten fort waren, oder war er schon da,
als der Offizier das Zimmer durchsuchte?

Raina: Nein,,, ja,,, Ich glaube, er mu schon dagewesen sein.

Katharina: Du glaubst!  O Raina, Raina, wirst du jemals lernen
aufrichtig zu sein?  Wenn Sergius das erfhrt, ist es aus zwischen
euch.

Raina [mit kalter Impertinenz]: Oh, ich wei, Sergius ist dein
Liebling.  Manchmal wnschte ich, du knntest ihn heiraten an meiner
Stelle.  Du wrdest auch vortrefflich zu ihm passen, du wrdest ihn
verzrteln und verziehen und aufpppeln nach Herzenslust.

Katharina [mit weit aufgerissenen Augen]: Meiner Treu, das ist stark!

Raina [kaprizis, halb zu sich selbst]: Mich reizt es immer, ihm
etwas anzutun oder etwas zu sagen, was ihn verletzt--und um seine
fnf Sinne bringt.  [Zu Katharina, strrisch]: Es ist mir ganz
einerlei, ob er etwas ber den Pralinsoldaten erfhrt oder nicht!
Halb und halb wnsche ich es sogar.  [Sie wendet sich wieder ab und
geht leichtfig in der Richtung gegen die Ecke des Hauses.]

Katharina: Und was sollte ich deinem Vater sagen?

Raina [ber ihre Schulter, oben von der Treppe aus]: Der arme Papa!
als ob der sich selbst helfen knnte!  [Sie geht um die Ecke und
verschwindet.]

Katharina [ihr nachblickend, whrend es ihr in den Fingern zuckt]: Oh,
wenn du nur zehn Jahre jnger wrst!  [Louka kommt aus dem Hause und
trgt einen Prsentierteller in der herabhngenden Hand.] Was gibt's?

Louka: Ein Herr ist drauen, gndige Frau, und hat nach Ihnen
gefragt--ein serbischer Offizier.

Katharina [auer sich]: Ein Serbe!  Und er wagt es,,, [Fat sich;
bitter]: Oh, ich verga, wir haben ja Frieden jetzt!  Wir werden sie
nun wohl jeden Tag empfangen und uns von ihnen den Hof machen lassen
mssen.  Aber wenn er Offizier ist, warum meldest du ihn nicht dem
Herrn--er ist mit dem Major Saranoff in der Bibliothek--, warum
kommst du zu mir?

Louka: Weil er nach Ihnen gefragt hat, gndige Frau.  Aber ich glaube
nicht, da er wei, wer Sie sind.  Er sagte: "fr die Dame des
Hauses" und gab mir dieses kleine Billett.  [Sie nimmt eine Karte aus
ihrer Bluse, legt sie auf den Prsentierteller und bietet sie
Katharinen.]

Katharina [lesend]: Kapitn Bluntschli--das ist ein deutscher Name.

Louka: Ich glaube, ein Schweizer Name, gndige Frau!

Katharina [mit einem Satz, vor dem Louka eiligst zurckweicht]:
Schweizer! wie sieht er aus?

Louka [schchtern]: Er trgt eine groe Reisetasche, gndige Frau.

Katharina: Groer Gott! er kommt am Ende, um den Rock zurckzugeben,,,
Schick' ihn fort--schnell!  Sag' ihm, da wir nicht zu Hause sind.
Verlange seine Adresse, und ich werde ihm schreiben,,, Nein, nein,
bleib hier, das geht ja nicht,,, warte,,, [Sie wirft sich in einen
Sessel, um darber nachzudenken, Louka wartet.] Mein Mann und Major
Saranoff sind in der Bibliothek beschftigt, nicht wahr?

Louka: Jawohl, gndige Frau.

Katharina [entschieden]: Fhre den Herrn sofort hier heraus!
[Befehlend]: Und da du sehr hflich mit ihm bist,,, schnell, schnell!
[Ihr ungeduldig den Prsentierteller fortnehmend:] La das hier,
geh nur direkt zu ihm!

Louka: Zu Befehl, gndige Frau.  [Geht.]

Katharina: Louka!

Louka [bleibt stehen]: Gndige Frau?

Katharina: Ist die Tr zur Bibliothek geschlossen?

Louka: Ich glaube, gndige Frau.

Katharina: Wenn nicht, so schliee sie im Vorbergehen.

Louka: Wie Sie befehlen, gndige Frau.  [Sie geht.]

Katharina: Wart'!  [Louka bleibt stehen.] Er wird diesen Weg nehmen
mssen,,, [Sie weist auf das Stallhoftor.] Sage Nicola, er soll ihm
seine Tasche hierher nachbringen.  Vergi das ja nicht!

Louka [erstaunt]: Seine Tasche?

Katharina: Ja, hierher, so schnell wie mglich.  [Heftig]: Beeile
dich!

[Louka luft in das Haus hinein.]

Katharina [reit ihre Schrze ab und wirft sie hinter einen Busch,
dann nimmt sie den Prsentierteller und bentzt ihn als Spiegel.  Das
Resultat ist, da sie das Tuch, das sie um den Kopf gebunden trgt,
der Schrze nachfolgen lt.  Dann bringt sie ihr Haar in Ordnung und
zieht ihr Kleid zurecht, um empfangsfhig auszusehen]: Nein, nein,
ist das ein Narr, in einem solchen Augenblick hereinzuplatzen!

Louka [erscheint an der Tr und meldet]: "Herr Hauptmann Bluntschli!"
[sie steht an der obersten Stufe, um ihn durchzulassen, bevor sie
wieder zurcktritt.  Es ist tatschlich der Held des nchtlichen
Abenteuers in Rainas Zimmer, jetzt aber sauber und schn abgebrstet,
in eleganter Uniform und auer Gefahr; jedoch immerhin zweifellos
derselbe Mann.  Sobald Louka den Rcken gekehrt hat, wendet sich
Katharina heftig und dringend und in beschwrendem Ton an ihn.]

Katharina: Hauptmann Bluntschli, ich freue mich auerordentlich, Sie
wiederzusehen, aber Sie mssen dieses Haus sofort verlassen!  [Er
blickt sie gro an]: Mein Mann ist eben mit meinem zuknftigen
Schwiegersohn zurckgekehrt.  Noch wissen sie nichts; aber wenn sie
etwas erfhren, die Folgen wren frchterlich!  Sie sind Auslnder,
Sie knnen unsere nationalen Gehssigkeiten nicht nachfhlen, aber
wir hassen die Serben noch immer.  So ist beispielsweise bei meinem
Manne das einzige Resultat des Friedens, da er sich wie ein Lwe
fhlt, dem man seine sichere Beute entrissen hat.  Wenn er unser
Geheimnis erfhre, er wrde mir nie verzeihen, und sogar das Leben
meiner Tochter wre in Gefahr.  Wollen Sie, wie es sich fr einen
Ehrenmann und Soldaten, der Sie sind, geziemt, dieses Haus sofort
verlassen, bevor mein Mann Sie hier finden kann?

Bluntschli [enttuscht, aber gefat]: Augenblicklich, gndige Frau!
Ich bin nur gekommen, um Ihnen zu danken und Ihnen den Rock
zurckzustellen, den Sie mir so freundlich geliehen haben.  Wenn Sie
mir nur gestatten wollten, ihn aus meiner Reisetasche zu nehmen und
beim Hinausgehen Ihrem Diener einzuhndigen, so brauchte ich Sie
nicht lnger zu belstigen.  [Er macht kehrt, um in das Haus
zurckzugehen.]

Katharina [ihn am Arm fassend]: Oh, Sie drfen nicht daran denken,
auf dem selben Weg zu gehen, wie Sie gekommen sind.  [Ihn nach dem
Gitter der Stallungen fhrend]: Das ist der krzeste Weg ins Freie.
Vielen Dank--es freut mich unendlich, da ich Ihnen dienen konnte--,
leben Sie wohl!

Bluntschli: Aber meine Tasche?

Katharina: Sie wird Ihnen nachgeschickt werden, lassen Sie mir Ihre
Adresse da.

Bluntschli: Gut, dann erlauben Sie.  [Er zieht seine
Visitenkartentasche, nimmt eine Karte heraus und will seine Adresse
aufschreiben, whrend Katharina vor Ungeduld vergeht.  Als er ihr
eben die Karte einhndigt, kommt Petkoff ohne Hut aus dem Hause
gelaufen, in gastfreundlicher Aufregung.  Sergius folgt ihm.]

Petkoff [die Treppe herunterlaufend]: Mein lieber Hauptmann
Bluntschli!

Katharina: Himmel!  [Sie sinkt neben der Mauer auf einen Stuhl.]

Petkoff [zu sehr beschftigt, um das zu bemerken, schttelt
Bluntschli herzlich die Hand]: Meine dummen Dienstboten dachten, ich
wre hier drauen, statt--in der Bibliothek.  [Er kann die Bibliothek
nicht erwhnen, ohne zu verraten, wie stolz er darauf ist.] Ich habe
Sie vom Fenster aus gesehen und wunderte mich, da Sie nicht
hereinkamen.  Saranoff ist auch hier.  Sie erinnern sich doch seiner
noch, nicht wahr?

Sergius [grt lustig und bietet ihm dann mit groer
Liebenswrdigkeit die Hand]: Willkommen, unser Freund der Feind!

Petkoff: Glcklicherweise nicht lnger "der Feind".  [Ziemlich
ngstlich:] Ich hoffe, Sie kommen nur als Freund und nicht um Pferde
oder Gefangene.

Katharina: Oh, nur als Freund, Paul.  Ich habe Hauptmann Bluntschli
eben zum Mittagessen eingeladen, aber er erklrte, sofort gehen zu
mssen.

Sergius [sardonisch]: Unmglich, Bluntschli--wir brauchen Sie hier
sogar sehr dringend.  Wir sollen drei Kavallerieregimenter nach
Philippopel befrdern und haben keine Ahnung, wie das fertigbringen.

Bluntschli [pltzlich aufmerksam und berufsmig]: Philippopel; da
wird's mit der Verpflegung hapern, nicht wahr?

Petkoff [eifrig]: Ja, das ist es eben.  [Zu Sergius]: Wie er die
Sache gleich weg hat!

Bluntschli: Ich glaube, ich kann Ihnen zeigen, wie das zu machen ist.

Sergius: So kommen Sie mit uns, Sie unschtzbarer Mann!  [Bluntschli
berragend, legt er ihm die Hand auf die Scbulter und fhrt ihn gegen
die Stufen, Petkoff folgt.  Als Bluntschli seinen Fu auf die erste
Stufe setzt, tritt Raina aus dem Hause.]

Raina [alle Geistesgegenwart verlierend]: Oh, der Pralinsoldat!
[Bluntschli steht starr, Sergius blickt erstaunt auf Raina, dann auf
Petkoff, der wieder ihn ansieht und dann seine Frau fragend anstarrt.]

Katharina [mit befehlender Geistesgegenwart]: Meine liebe Raina,
siehst du nicht, da wir einen Gast haben?  [Vorstellend]: Hauptmann
Bluntschli, einer von unsern neuen serbischen Freunden.  [Raina
verbeugt sich.  Bluntschli verbeugt sich.]

Raina: Wie dumm von mir!  [Sie geht hinunter in die Mitte der Gruppe
zwischen Bluntschli und Petkoff.] Ich habe heute frh ein
wunderschnes Schokoladeornament fr den Eispudding gemacht, und der
dumme Nicola hat eben einen Sto Teller darauf gesetzt und alles
verdorben.  [Zu Bluntschli gewendet, liebenswrdig]: Ich hoffe, Sie
dachten nicht, da SIE der Pralinsoldat wren, Hauptmann Bluntschli.

Bluntschli [lachend]: Ich versichere Ihnen, da ich's dachte.  [Ihr
einen sonderbaren Blick zuwerfend]: Ihre Erklrung ist eine Erlsung
fr mich.

Petkoff [argwhnisch zu Raina]: Seit wann kochst du denn, Raina?

Katharina: Oh, whrend deiner Abwesenheit ist ihr das eingefallen.
Es ist ihr neuestes Steckenpferd.

Petkoff [mrrisch]: Und hat Nicola zu trinken angefangen?  Frher war
er ziemlich verllich.  Jetzt ist er wie umgewandelt.  Erst fhrt er
Hauptmann Bluntschli hierher, whrend er doch ganz gut wute, da ich
in der--Bibliothek war, dann geht er hin und zerstrt Rainas
Pralinsoldaten.  Er mu...

[Nicola tritt oben auf den Stufen mit einer Reisetasche aus dem Hause
heraus, er geht die Stufen hinab, stellt die Tasche ehrerbietig vor
Bluntschli auf die Erde und wartet auf weitere Befehle.  Allgemeines
Erstaunen.  Ahnungslos, was fr eine Wirkung er hervorgerufen, sieht
Nicola sehr zufrieden mit sich aus.  Als Petkoff seine Sprache
wiedererlangt, bricht er los.]

Petkoff: Bist du verrckt geworden, Nicola?

Nicola [erschrocken]: Gndiger Herr...

Petkoff: Wozu bringst du das hierher?

Nicola: Auf Befehl der gndigen Frau, Herr Major, Louka sagte mir,
da-Katharina [unterbricht ihn]: Auf meinen Befehl?  Warum sollte ich
dir befohlen haben, Hauptmann Bluntschlis Gepck hier herauszubringen?
Was fllt dir denn ein, Nicola?

Nicola [bleibt einen Augenblick unschlssig, dann hebt er das Gepck
auf und wendet sich zu Bluntschli mit vollendeter, unterwrfiger
Diskretion]: Ich bitte tausendmal um Vergebung.  [Zu Katharina]: Es
ist meine Schuld, gndige Frau, ich bitte Sie, es mir nicht
anzurechnen.  [Er verbeugt sich und geht mit dem Gepck gegen das
Haus zu, als Petkoff ihm wtend nachruft.]

Petkoff: Vielleicht wirfst du jetzt auch noch diese Tasche auf
Frulein Rainas Eispudding!  [Das ist zuviel fr Nicola, die Tasche
fllt ihm aus der Hand.] Aus meinen Augen, du ungeschickter Esel, du!

Nicola [reit das Gepck an sich und flieht in das Haus hinein]: Sehr
wohl, gndiger Herr!

Katharina: So beruhige dich doch, Paul, sei nicht so aufgebracht!

Petkoff [brummend]: Der Schuft ist in meiner Abwesenheit auer Rand
und Band geraten.  Ich werde ihn schon lehren...[Er erinnert sich
seines Gastes.] Ach, entschuldigen Sie!  Kommen Sie, Bluntschli, und
sprechen Sie nicht mehr vom Fortgehen.  Sie wissen ganz gut, da Sie
nicht sofort in die Schweiz zurckkehren, Sie knnen also vorerst
getrost bei uns bleiben.

Raina: Ach ja!  Bitte, bleiben Sie, Hauptmann Bluntschli.

Petkoff [zu Katharina]: Hauptmann Bluntschli zgert am Ende noch,
weil er glaubt, da du sein Bleiben nicht wnschest?  Bitte du ihn,
und er wird nachgeben.

Katharina: Aber selbstverstndlich!  Ich werde mich glcklich
schtzen, wenn Hauptmann Bluntschli wirklich bleiben will.  [Ihn mit
Blicken beschwrend]: Er kennt meine Wnsche.

Bluntschli [in seiner trockensten militrischen Art]: Ganz wie Sie
befehlen, gndige Frau.

Sergius [freundschaftlich]: Und damit abgemacht!

Petkoff [herzlich]: Abgemacht!

Raina: Sie sehen, da Sie bleiben MSSEN!

Bluntschli [lchelnd]: Nun, wenn ich mu, dann mu ich wohl.
[Gebrde der Verzweiflung von Katharina.]

[Vorhang]




DRITTER AKT

[Nach dem Mittagessen in der Bibliothek.--Nicht viel darin berechtigt
zu dieser Bezeichnung.  Die literarische Einrichtung dieses Raumes
besteht blo aus einem einzigen Bcherbrett, das mit alten
ungebundenen, zerrissenen, kaffeebefleckten und mit Daumenabdrcken
versehenen Romanen angefllt ist.  Ferner ein paar hngende
Wandetageren mit einigen Geschenkbnden.  Die andern Wnde sind mit
Jagd- und Kriegstrophen bedeckt, es ist im brigen ein uerst
behagliches Wohnzimmer.  Eine Front von drei breiten Fenstern
gestattet den Ausblick auf ein Bergpanorama, das man eben in sehr
freundlichem, mildem Nachmittagslichte bewundern kann.  In der Ecke
neben dem rechtseitigen Fenster verspricht ein viereckiger Kachelofen,
ein wahrer Turm farbiger Kacheln bis fast zur Zimmerdecke,
behagliche Wrme.  Die Ottomane in der Mitte ist rund, mit gestickten
Kissen bedeckt, und in den Fensternischen stehen gut gepolsterte
kleine Diwane.  Kleine trkische Tische--auf einem liegt eine
gutgearbeitete Wasserpfeife--und ein sie verbindender Wandschirm
vervollstndigen den angenehmen Eindruck der Einrichtung.  Nur ein
Mbelstck ist da, das gar nicht in den Rahmen des Zimmers pat,--das
ist ein kleiner, sehr abgentzter, in einen Schreibtisch
umgewandelter Kchentisch.  Eine alte, mit Federn gefllte
Blechbchse, ein mit Tinte gefllter Eierbecher und ein elender
Fetzen ganz verbrauchten rosaroten Lschpapiers liegen darauf.  An
diesem Tische, der dem linksseitigen Fenster gegenbersteht, sitzt
Bluntschli, in Arbeit vertieft.  Er hat ein paar Landkarten vor sich
und schreibt Befehle aus.  An der Schmalseite sitzt Sergius, der auch
so tut als ob er beschftigt wre, der aber eigentlich nur an seinem
Federhalter kaut.  Er beobachtet Bluntschlis raschen, sicheren,
berufsmigen Fortschritt bei der Arbeit mit einer Mischung von
neidischer Erregung in Anbetracht seiner eigenen Unfhigkeit, und
ehrfrchtigem Erstaunen ber eine Geschicklichkeit, die ihm beinahe
berirdisch erscheint, obgleich der prosaische Charakter der Arbeit
ihm verbietet, sie zu achten.  Major Petkoff lehnt behaglich mit
einer Zeitung auf der Ottomane, in erreichbarer Nhe steht die
Wasserpfeife.  Katharina sitzt am Ofen, kehrt der Gesellschaft den
Rcken zu und stickt.  Raina lehnt in den Kissen des Divans unter dem
rechtsseitigen Fenster und blickt trumerisch auf die Balkanlandschaft
hinaus, ein vernachlssigter Roman liegt in ihrem Schoe.  Die Tr ist
auf derselben Seite wie der Ofen, weiter vom Fenster entfernt.  Der
Knopf der elektrischen Klingel befindet sich zwischen der Tr und dem
Ofen.]

Petkoff [blickt von seiner Zeitung auf und beobachtet, wie es auf dem
Tische vorwrts geht]: Sind Sie ganz sicher, da ich Ihnen in keiner
Weise behilflich sein kann, Bluntschli?

Bluntschli [ohne seine Arbeit zu unterbrechen oder aufzusehen]: Ganz
sicher, ich danke.  Saranoff und ich, wir werden die Sache schon
fertigkriegen.

Sergius [grimmig]: Jawohl, WIR werden die Sache schon fertigkriegen.
Er tiftelt heraus und bestimmt, was zu geschehen hat, schreibt die
Ordres aus, und ich unterschreibe sie, das heit Arbeitsteilung,
Major.  [Bluntschli reicht ihm ein Papier.] Noch eins?  Ich danke
Ihnen.  [Er breitet den Bogen vor sich aus, setzt seinen Stuhl
sorgfltig davor zurecht und unterschreibt mit der Miene eines Mannes,
der entschlossen eine schwierige und gefahrvolle Tat vollbringt.]
Diese Hand ist mehr an das Schwert gewhnt als an die Feder.

Petkoff: Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Bluntschli,
wahrhaftig, da Sie sich in dieser Weise ausntzen lassen.  Sind Sie
GANZ sicher, da ich gar nichts weiter helfen kann?

Katharina [in leise verwarnendem Ton]: Du knntest aufhren zu
unterbrechen, Paul.

Petkoff [fhrt auf und blickt zu ihr hinber]: Was?  Wie?  Ganz
richtig, meine Liebe, ganz richtig.  [Er nimmt die Zeitung wieder auf,
lt sie aber sofort fallen.] Ah, du hast keinen Feldzug mitgemacht,
Katharina, du ahnst nicht, wie angenehm es uns ist, nach einem guten
Mittagessen hier zu sitzen, mit keiner andern Verpflichtung, als es
uns wohl sein zu lassen.  Etwas fehlt mir allerdings zu meiner
vollstndigen Behaglichkeit.

Katharina: Und das ist?

Petkoff: Mein alter Rock--ich fhle mich nicht zu Hause in diesem da.
Ich komme mir vor wie bei der Parade.

Katharina: Mein teurer Paul, wie tricht du nur wegen dieses alten
Rockes bist.  Er mu noch in der blauen Kammer hngen, wo du ihn
zurckgelassen hast.

Petkoff: Meine liebe Katharina, ich versichere dir, da ich dort
gesucht habe.  Darf ich meinen eigenen Augen glauben oder nicht?
[Katharina erhebt sich ruhig und drckt auf die elektrische Klingel
neben dem Ofen.] Wozu fhrst du diese Klingel vor?  [Sie sieht ihn
majesttisch, an, setzt sich schweigend in ihren Stuhl und nimmt ihre
Nharbeit wieder auf.] Meine Liebe, wenn du glaubst, da der
Eigensinn einer Frau aus zwei alten Schlafrcken Rainas, aus deinem
Regenmantel und meinem Mantel einen Rock machen kann, dann irrst du
ganz gewaltig, und DAS ist zu dieser Stunde einzig und allein der
Inhalt der blauen Kammer!  [Nicola erscheint auf der Schwelle.]

Katharina [ganz ruhig, trotz Petkoffs Ausfall]: Nicola! geh in die
blaue Kammer und bringe deines Herrn alten Rock hierher, den mit
Borten besetzten, den er gewhnlich im Hause trgt.

Nicola: Zu Befehl, gndige Frau.

Petkoff: Katharina!

Katharina: Ja, Paul.

Petkoff: Ich wette mit dir um jeden Schmuck, den du in Sofia
bestellen willst, gegen das Haushaltungsgeld einer Woche, da der
Rock nicht in der blauen Kammer ist.

Katharina: Abgemacht, Paul!

Petkoff [aufgeregt durch die Aussicht auf eine Wette]: Kommt, es gibt
hier einen Sport.  Wer will noch darauf wetten?  Bluntschli, ich
halte Ihnen sechs gegen eins.

Bluntschli [gelassen]: Das hiee Sie ausrauben, Major.  Die gndige
Frau hat sicher recht.  [Ohne aufzusehen reicht er Sergius abermals
einen Sto Papiere.]

Sergius [gleichfalls aufgeregt]: Bravo, Schweiz!  Major, ich wette
mein bestes Chargenpferd gegen eine arabische Stute fr Raina, da
Nicola den Rock in der blauen Kammer findet.

Petkoff [eifrig]: Dein bestes Chargenpferd?

Katharina [ihn rasch unterbrechend]: Sei nicht verrckt, Paul, eine
arabische Stute kann dich fnfzigtausend Leu kosten.

Raina [pltzlich aus ihrer trumerischen Bewunderung der Landschaft
erwachend]: Wahrhaftig, Mama, wenn du bereit bist, den Schmuck
anzunehmen, so sehe ich nicht ein, warum du mir meinen Araber
vorenthalten willst.

[Nicola kehrt mit dem Rock zurck und bringt ihn Petkoff, der kaum
seinen Augen traut.]

Katharina: Wo war er, Nicola?

Nicola: Er hing in der blauen Kammer, gndige Frau.

Petkoff: Na, ich will verdammt sein...

Katharina [einfallend]: Paul!

Petkoff: Ich htte schwren mgen, da er nicht dort war.  Das Alter
fngt an, bei mir anzuklopfen, ich bekomme schon Halluzinationen.
[Zu Nicola]: Da, hilf mir!  Entschuldigen Sie, Bluntschli.  [Er
wechselt seinen Rock, Nicola hilft ihm dienstbeflissen.] Ich mache
dich darauf aufmerksam, Sergius, da ich deine Wette nicht angenommen
habe.  Du knntest lieber selbst Raina die arabische Stute schenken,
da du nun schon einmal solche Erwartungen erweckt hast.  Nicht wahr,
Raina?  [Er wendet sich nach ihr um, aber sie ist wieder in den
Anblick der Landschaft vertieft; mit einem kleinen Ausbruch
vterlicher Liebe und Eitelkeit macht er die andern auf seine Tochter
aufmerksam und sagt]: Sie trumt schon wieder, wie gewhnlich.

Sergius: Keinesfalls soll sie dabei zu kurz kommen.

Petkoff: Um so besser fr Raina.  Ich frchte, ich werde nicht so
billig loskommen.  [Nun ist der Kleiderwechsel vollzogen, Nicola geht
mit dem abgelegten Rock hinaus.]

Petkoff: Ach, nun fhle ich mich endlich zu Hause!  [Er setzt sich
und nimmt seine Zeitung mit behaglichem Grunzen wieder zur Hand.]

Bluntschli [zu Sergius, ihm ein Papier reichend]: Das ist der letzte
Befehl.

Petkoff [aufspringend]: Was--schon fertig?

Bluntschli: Fertig!

Petkoff [geht zu Sergius, sieht neugierig ber seine linke Schulter
zu, wie er unterzeichnet, und sagt mit kindischem Neide]: Soll ich
denn gar nichts unterzeichnen?

Bluntschli: Es ist nicht ntig, seine Unterschrift wird gengen.

Petkoff: Nun gut, ich denke, wir haben ein verflucht anstndiges
Stck Arbeit vollbracht.  [Er entfernt sich vom Arbeitstisch]: Kann
ich sonst noch etwas tun?

Bluntschli: Gut wre es, wenn Sie beide die Kerle ansehen wrden, die
diese Befehle zu berbringen haben.  [Zu Sergius]: Schicken Sie die
Leute gleich fort und zeigen Sie ihnen, da ich auf der Marschroute
die Zeit angegeben habe, in der sie ausgehndigt sein MSSEN. Sagen
Sie ihnen auch, da ihnen die Haut ber die Ohren gezogen werden wird,
wenn sie trinken und schwatzen und sich dadurch auch nur um fnf
Minuten verspten.

Sergius [erhebt sich entrstet]: Das werde ich ausrichten!  Und wenn
einer von ihnen Manns genug ist, mir dafr ins Gesicht zu speien,
weil ich ihn beleidigt habe, so will ich ihn loskaufen und ihm eine
Pension bezahlen.  [Er geht mit groen Schritten ab, in seiner
Menschenwrde tief verletzt.]

Bluntschli [vertraulich zu Petkoff]: Sie passen auf, da er mit den
Leuten richtig spricht, Herr Major, nicht wahr?

Petkoff [diensteifrig]: Gewi, Bluntschli, gewi, ich will mich darum
kmmern.  [Er geht gewichtig zur Tr, zgert aber an der Schwelle]:
Apropos, Katharina, du kannst auch mitkommen.  Dein Anblick wird sie
weit mehr einschchtern als der meine.

Katharina [ihre Stickerei niederlegend]: Ich glaube selbst, da es
besser sein wird; du wirst dich hchstens blamieren.  [Petkoff ffnet
ihr die Tre, sie geht ab und er folgt ihr.]

Bluntschli: Was fr ein Volk!  Sie zimmern Kanonen aus Kirschbumen,
und die Offiziere schicken nach ihren Frauen, um die Disziplin
aufrechtzuerhalten.  [Er fngt an, die Papiere zusammenzufalten und
zu verzeichnen; Raina, die sich vom Diwan erhoben bat, geht im Zimmer
auf und ab, die Hnde auf dem Rcken geballt, blickt sie Bluntschli
mutwillig an.]

Raina: Sie sehen jetzt viel netter aus als damals, da wir uns zuletzt
getroffen haben.  [Er blickt berrascht auf.]--Wie haben Sie das nur
angestellt?

Bluntschli: Mich gewaschen, gebrstet, nachts gut geschlafen und
gefrhstckt--weiter nichts, gndiges Frulein.

Raina: Sind Sie an jenem Morgen gefahrlos durchgekommen?

Bluntschli: Vollkommen, ich danke Ihnen.

Raina: Waren Ihre Vorgesetzten ungehalten darber, da Sie bei
Sergius' Attacke davongelaufen sind?

Bluntschli: Nein, sie waren darber froh, weil sie alle genau
dasselbe getan hatten.

Raina [geht an den Tisch und beugt sich ber den Tisch zu ihm
hinber]: Es mu eine lustige Geschichte fr SIE gewesen sein--all
das von mir und meinem Zimmer!

Bluntschli: Ein famoses Abenteuer.  Aber ich habe es nur einem
einzigen Menschen erzhlt, einem alten Freunde.

Raina: Auf dessen Verschwiegenheit Sie unbedingt zhlen durften?

Bluntschli: Unbedingt.

Raina: So!  Nun denn, er hat meinem Vater und Sergius alles erzhlt
an jenem Tage, an dem Sie den Austausch der Gefangenen vornahmen.
[Sie wendet sich ab und schlendert nachlssig auf die gegenberliegende 
Seite des Zimmers.]

Bluntschli [sehr betroffen und halb unglubig]: Das ist doch nicht
Ihr Ernst--das ist unmglich!

Raina [mit pltzlichem Ernst, indem sie umkehrt]: Es ist so; aber die
beiden wissen nicht, da SIE es waren und da Sie in DIESES Haus
geflchtet sind.  Wenn Sergius das erfhre, er wrde Sie fordern und
im Duell tten.

Bluntschli: Gott behte, dann erzhlen Sie es ihm nur nicht!

Raina [vorwurfsvoll wegen seines Leichtsinns]: Knnen Sie sich
vorstellen, was es fr mich bedeutet, ihn betrgen zu mssen?  Ich
mchte ganz eins sein mit Sergius.  Keinerlei Niedrigkeiten, nichts
Verwerfliches, kein Betrug sollte zwischen uns stehen.  Meine
Beziehung zu ihm ist das wahrhaft schnste und erhabenste Ereignis
meines Lebens--ich hoffe, Sie knnen das begreifen.

Bluntschli [skeptisch]: Sie wollen sagen, da es Ihnen nicht angenehm
wre, wenn er herausfnde, da die Geschichte mit dem Eispudding
eine--eine...na--Sie wissen schon.

Raina [zusammenzuckend]: Ah, sprechen Sie darber nicht in so
leichtfertiger Weise!  Ja, ich habe gelogen, ich wei es, aber ich
habe gelogen, um Ihnen das Leben zu retten--er wrde Sie gettet
haben!  Es war das zweitemal, da ich in meinem Leben gelogen habe.

[Bluntschli erhebt sich rasch und blickt Raina zweifelnd und etwas
strenge an.]

Raina: Erinnern Sie sich an das erstemal?

Bluntschli: Ich? nein.  War ich denn zugegen?

Raina: Jawohl!  Und ich sagte dem russischen Offizier, der nach Ihnen
suchte, da Sie nicht zugegen wren.

Bluntschli: Bei Gott, das ist wahr, ich htte mich daran erinnern
sollen.

Raina [sehr ermutigt]: Ah, ich begreife, da SIE das vergessen haben;
Sie hat es ja nichts gekostet, aber mich kostete es eine Lge--eine
Lge!  [Sie setzt sich auf die Ottomane und blickt starr vor sich hin,
die Hnde ber das Knie gekreuzt.  Bluntschli nhert sich ihr sehr
ergriffen und setzt sich mit ganz besonders beruhigender und
rcksichtsvoller Gebrde neben sie.]

Bluntschli: Verehrtes gndiges Frulein, machen Sie sich darber
keine Gedanken!  Bedenken Sie, ich bin Soldat!  Nun welches sind die
beiden Dinge, die einem Soldaten so oft passieren, da er schon gar
nicht mehr darauf achtet?  Da er Leute Lgen erzhlen hrt, ist das
eine.  [Raina fhrt zurck.] Das andere, da ihm auf alle mgliche
Art und Weise von allen mglichen Leuten das Leben gerettet wird.

Raina [protestiert entrstet und erhebt sich]: Und so wird er ein
undankbares, treuloses Geschpf.

Bluntschli [ein saures Gesicht schneidend]: Lieben Sie Dankbarkeit?
Ich nicht.  Wenn Mitleid mit der Liebe blutsverwandt ist, so ist die
Dankbarkeit verwandt mit dem Gegenteil.

Raina: Dankbarkeit!  [Sich nach ihm umwendend]: Wenn Sie nicht
dankbar sein knnen, dann sind Sie berhaupt jeder edlen Regung
unfhig--selbst Tiere sind dankbar!  Oh, jetzt wei ich genau, was
Sie ber mich denken!  Sie waren nicht berrascht, mich lgen zu
hren, Sie waren berzeugt, da ich das tglich, ja stndlich tte!
So denken Mnner ber Frauen.  [Sie geht im Zimmer melodramatisch
umher.]

Bluntschli [mitrauisch]: Nicht so ganz ohne Berechtigung.  Sie
behaupten, da Sie in Ihrem ganzen Leben blo zweimal gelogen haben!
Verehrtes Frulein, ist das nicht gar zu wenig?!  Ich bin ein recht
wahrheitsliebender Kerl; aber bei mir wrde das nicht fr einen
einzigen Vormittag reichen.

Raina [ihn von oben herab ansehend]: Sie beleidigen mich, Herr
Hauptmann!

Bluntschli: Dafr kann ich nichts.  Wenn Sie diese edle Haltung
annehmen und in so hohem Tone sprechen, dann bewundere ich Sie--aber
es ist mir unmglich, Ihnen auch nur ein Wort zu glauben!

Raina [stolz]: Hauptmann Bluntschli!

Bluntschli [unbeweglich]: Sie befehlen?

Raina [geht ihm ein wenig entgegen, als ob sie ihren Ohren nicht
traute]: MEINEN Sie das, was Sie eben gesagt haben?  WISSEN Sie, was
Sie eben gesagt haben?

Bluntschli: Ganz genau.

Raina [keuchend]: Ich!  Ich!!  [Sie zeigt unglubig auf sich, als
wollte sie sagen: "Ich Raina Petkoff, bin eine Lgnerin."  Er
begegnet ihrem Blick unerschtterlich, pltzlich setzt sie sich neben
ihn und geht mit vollkommenem Wechsel ihres Benehmens von ihrer
aufgebrachten zu einer vertraulichen Art und Weise ber.] Wie haben
Sie mich so schnell durchschaut?

Bluntschli [sofort]: Instinkt, gndiges Frulein, Instinkt und
Welterfahrung!

Raina [verwundert]: Wissen Sie, da Sie der erste Mann in meinem
Leben sind, der mich nicht ernst genommen hat?

Bluntschli: Sie meinen, nicht wahr, da ich der erste Mann bin, der
Sie ganz ernst nimmt?

Raina: Ja, ich glaube, das meine ich.  [Gemtlich und sehr
unbefangen]: Wie sonderbar das ist, wenn mit einem so ehrlich
gesprochen wird!  Wissen Sie, ich hab' es immer so getrieben!--ich
meine die edle Haltung und den hohen Ton, so habe ich mich schon als
kleines Kind meiner Amme gegenber aufgespielt.  Sie hat daran
geglaubt.  Ich tue es vor meinen Eltern; sie glauben auch daran,
Sergius gegenber tue ich gleichfalls so, er glaubt auch daran.

Bluntschli: Jawohl, er posiert selbst ein wenig in dieser Art, nicht
wahr?

Raina [auffahrend]: Glauben Sie?

Bluntschli: Sie mssen ihn besser kennen als ich.

Raina: Ich wre begierig, zu erfahren, ob er wirklich auch so ist!
Wenn ich dchte, da er--!  [Entmutigt:] Doch wozu, was liegt daran?
Ich fhle, da Sie mich jetzt verachten, weil Sie mich erkannt haben.

Bluntschli [erhebt sich, warm]: Durchaus nicht, mein verehrtes
Frulein,--o nein, nein, tausendmal nein.  Ihr Gehaben macht einen
Teil Ihrer Jugend, Ihres Reizes aus.  Ich bin genau wie alle brigen,
wie Amme, Eltern und Sergius,--ich bin Ihr betrter Bewunderer.

Raina [erfreut]: Wirklich?

Bluntschli [sich nach deutscher Art auf die Brust schlagend]: Hand
aufs Herz, wahrhaftig!

Raina [sehr glcklich]: Aber was haben Sie dazu gesagt, da ich Ihnen
mein Bild geschenkt habe?

Bluntschli [erstaunt]: Ihr Bild?  Sie haben mir doch nie Ihr Bild
geschenkt.

Raina [rasch]: Wollen Sie behaupten, da Sie es NICHT erhalten haben?

Bluntschli: Gewi will ich das!  [Er setzt sich mit erneuertem
Interesse neben sie und sagt mit einer gewissen Selbstgeflligkeit]:
Wann haben Sie es mir denn geschickt?

Raina [entrstet]: Ich habe es Ihnen nicht geschickt!  [Sie wendet
den Kopf ab und fgt zgernd hinzu]: Es war in der Tasche jenes
Rockes...

Bluntschli [beit sich auf die Lippen und rollt die Augen]: Oh, oh,
oh, und ich hab' es nicht gefunden!  Es mu jetzt noch darin sein.

Raina [aufspringend]: Noch darin?!  Damit mein Vater es findet,
sobald er die Hnde in die Taschen steckt?  Nein, wie konnten Sie nur
so dumm sein!

Bluntschli [erhebt sich gleichfalls]: Machen Sie sich nichts daraus,
es ist doch nur eine Photographie,--wie kann er wissen, fr wen sie
bestimmt war?  Sagen Sie ihm einfach, da er sie selbst hineingetan
hat.

Raina [ungeduldig]: Ich danke Ihnen fr den guten Rat!  Sie sind gar
so gescheit!  Ach, ach, ach, was soll ich nur beginnen?

Bluntschli: Ah, ich verstehe: Sie haben etwas darauf geschrieben.
Das war freilich unvorsichtig.

Raina [fast bis zu Trnen verdrossen]: Nein, da ich so etwas fr Sie
tun konnte,--fr Sie, dem gar nichts daran liegt!  Der sich hchstens
ber mich lustig macht!  Sind Sie wenigstens sicher, da bis jetzt
niemand es berhrt hat?

Bluntschli: Nein, ganz sicher kann ich nicht sein.  Bedenken Sie doch:
ich konnte den Rock ja nicht immer mit mir herumtragen, man darf im
aktiven Dienst nicht viel Gepck mitfhren.

Raina: Was haben Sie denn aber damit gemacht?

Bluntschli: Als ich nach Pirot kam, da mute ich ihn irgendwo in
Sicherheit bringen, ich dachte an das Garderobezimmer der
Eisenbahnstation,--aber das ist bestimmt ein Platz, der bei unserer
modernen Kriegfhrung ganz ausgeplndert wird.  Da zog ich vor, den
Rock zu--versetzen!

Raina: Versetzt haben Sie ihn!

Bluntschli: Ich wei, es klingt nicht nett, aber das Versatzamt war
gewi der sicherste Ort.  Vorgestern habe ich ihn wieder ausgelst;
wei der Himmel, ob der Pfandleiher die Taschen ausgeleert hat oder
nicht.

Raina [wtend, ihm die Worte ins Gesicht schleudernd]: Sie haben eine
niedrige Krmerseele.  Sie denken an Dinge, die einem Ehrenmann
niemals einfallen knnten.

Bluntschli [phlegmatisch]: Das ist der Schweizer Nationalcharakter,
verehrtes Frulein.

Raina: Oh, wre ich Ihnen nie begegnet!  [Sie wendet sich heftig ab
und setzt sich wtend ans Fenster.]

[Louka kommt herein, einen Pack Briefe und Telegramme auf ihrem
Servierteller.  Sie geht mit ihrem khnen, freien Wesen an den Tisch;
ihr linker rmel ist mit einer Brosche an die Schulter hinaufgeheftet;
man sieht ihren bloen Arm, dessen blauer Fleck durch ein breites
vergoldetes Armband verdeckt ist.]

Louka [zu Bluntschli]: Das ist fr Sie; [sie leert ihre Platte
unbekmmert auf den Tisch aus:] der Bote wartet.  [Sie ist
entschlossen, gegen einen Serben nicht hflich zu sein, selbst wenn
sie ihm seine Briefe bringen mu.]

Bluntschli [zu Raina]: Wollen Sie mich einen Augenblick
entschuldigen?  Die letzte Post hat mich vor drei Wochen
erreicht--diese Anhufung ist die Folge davon,--vier Depeschen--eine
Woche alt.  [Er ffnet eine davon:] Oho! schlechte Nachrichten!

Raina [steht auf und nhert sich etwas reumtig]: Schlechte
Nachrichten?

Bluntschli: Mein Vater ist gestorben.  [Er blickt auf das Telegramm
mit geschlossenen Lippen, in Gedanken vertieft ber den unerwarteten
Umschlag in seinen Plnen.]

Raina: Oh! wie traurig.

Bluntschli: Jawohl!  Da werde ich in einer Stunde heimreisen mssen.
Mein Vater hat eine Menge groer Hotels hinterlassen, um die ich
mich nun bekmmern mu.  [Er greift ein dickes, langes, blaues
Kuvert heraus.] Da ist auch schon ein groer Brief von unserm
Familienadvokaten.  [Er reit die Papiere heraus und berfliegt sie.]
Groer Gott, siebzig--zweihundert--[mit wachsender Bestrzung:]
vierhundert--viertausend--neuntausendsechshundert...was, um des
Himmels willen, soll ich denn damit anfangen?!

Raina [schchtern]: Neuntausendsechshundert Hotels?

Bluntschli: Hotels!  Unsinn!  Wenn Sie nur wten,--aber es ist zu
lcherlich, entschuldigen Sie, ich mu Anordnungen wegen meiner
Abreise treffen.  [Er verlt rasch das Zimmer, die Papiere in der
Hand.]

Louka [spttisch]: Er hat nicht viel Herz, dieser Schweizer, obwohl
er die Serben liebt; er hat kein Wort der Trauer, des Kummers fr
seinen seligen Vater.

Raina [bitter]: Der und Kummer!  Ein Mensch, der jahrelang nichts
anderes getan hat, als Leute umbringen,--was liegt dem daran, wenn
sein alter Vater stirbt! was liegt einem Soldaten an irgend etwas?
[Sie geht zur Tr, ihre Trnen nur mhsam zurckhaltend.]

Louka: Major Saranoff hat auch gekmpft, und es ist ihm doch sehr
viel Herz briggeblieben.  [Raina blickt sie von der Tr aus
hochmtig an und geht hinaus.] Aha, ich habe es mir gedacht, da du
wenig Gefhl aus DEINEM Soldaten herauskriegen wrdest.  [Sie ist im
Begriff, Raina zu folgen, da tritt Nicola ein, Holz in den Armen, um
nachzulegen.]

Nicola [sie verliebt anlchelnd]: Den ganzen Nachmittag habe ich mich
umsonst bemht, dich allein anzutreffen, mein Schatz.  [Sein
Gesichtsausdruck verndert sich, als er ihren Arm bemerkt.] Was ist
das fr eine neue Mode, deine rmel zu tragen, mein Kind?

Louka [stolz]: Meine eigene Mode.

Nicola: In der Tat--! na! wenn dich die Frau so erwischt, wird sie
dich lehren.  [Er wirft das Holz auf die Ottomane und setzt sich
bequem daneben.]

Louka: Ist das ein Grund fr dich, mich zu lehren?

Nicola: Geh, sei nicht so widerspenstig gegen mich; ich habe eine
gute Nachricht fr uns.  [Er nimmt etwas Papiergeld aus der Tasche,
Louka kommt mit gierigem Augenblitzen nher, um es anzusehen.] Schau,
ein Zwanzigleuschein!  Sergius gab mir das Geld aus reiner
Prahlerei--so ein Narr!  Narrengeld ist bald dahin.  Und da sind noch
zehn Leu,--die gab mir der Schweizer dafr, da ich der Gndigen und
Rainas Lgen auf mich genommen habe.  Der ist kein Narr!  Du httest
die alte Katharina nur unten hren sollen, wie hflich sie mich bat,
mir nichts daraus zu machen, da der Major etwas ungeduldig gewesen
sei, denn sie wten ganz gut, was fr ein prchtiger Diener ich
sei--nachdem sie mich vor allen zu einem Narren und Lgner gestempelt
haben!  Die zwanzig Leu sind fr unsere Ersparnisse bestimmt, und dir
gebe ich die zehn, die kannst du nach Belieben ausgeben, wenn du
dafr mit mir nur so sprechen willst, als ob ich auch ein Mensch wre.
Manchmal habe ich es doch satt, Diener zu sein.

Louka [verachtungsvoll]: Ja, geh hin und verkaufe deine Manneswrde
fr dreiig Leu und kaufe mich fr zehn Leu dazu!  Behalte dein Geld!
Du bist zum Diener geboren, ich nicht!  Wenn du deinen Laden
eingerichtet hast, dann wirst du jedermanns Diener sein, statt, wie
jetzt, eines Mannes Diener.

Nicola [nimmt sein Holz auf und geht zum Ofen]: Pah, wart' es nur
erst ab, du wirst schon sehen!  Wir werden unsere Abende fr uns
haben, und ich werde der Herr in MEINEM Hause sein,--das verspreche
ich dir!  [Er wirft das Holz hinunter und kniet vor dem Ofen.]

Louka: Du wirst nie der Herr in meinem Hause sein.  [Sie setzt sich
stolz auf Sergius' Stuhl.]

Nicola [wendet sich um, immer auf den Knien, und kauert sich etwas
trostlos auf seine Fersen nieder, entmutigt von Loukas unerbittlicher
Miachtung.] Du bist sehr ehrgeizig, Louka; wenn dir irgendein
unverhofftes Glck widerfahren sollte, dann vergi nicht: ich war es,
der eine Frau aus dir gemacht hat.

Louka: Du?

Nicola [mit hartnckiger Selbstverteidigung]: Jawohl, ich.  Wer hat
dir abgewhnt, deinen Kopf mit falschen schwarzen Haaren zu behngen
und deine Lippen und Wangen rot zu schminken wie alle andern
bulgarischen Mdchen?  Ich war das.  Wer lehrte dich deine Ngel
putzen und deine Hnde pflegen und dich fein und sauber halten wie
eine groe russische Dame?  Ich!  Verstehst du mich?  Ich!  [Sie
wirft den Kopf verachtungsvoll in die Hhe und er erhebt sich
bellaunig und fgt khler hinzu:] Ich habe mir oft gedacht, wenn
Raina nicht im Wege stnde und du blo ein klein wenig klger wrest
und Sergius blo ein klein wenig dmmer, du knntest einmal zu meinen
grten Kunden zhlen, statt da du nur meine Frau wirst und mich
Geld kostest.

Louka: Ich glaube, du wrdest lieber mein Diener sein als mein Mann!
Du knntest dann auch mehr aus mir herausschlagen,--ich kenne deine
schne Seele.

Nicola [tritt nahe an sie heran, um mit grerem Nachdruck zu
sprechen]: La meine Seele aus dem Spiel, ein fr allemal, aber hre
auf meine Ratschlge!  Wenn du eine Dame werden willst, dann ist dein
augenblickliches Benehmen zu mir durchaus nicht angebracht,
ausgenommen, wenn wir allein sind; es ist zu scharf und zu frech, und
Frechheit verrt gewissermaen eine Vertraulichkeit, die als
Gunstbezeichnung ausgelegt werden knnte!  Dann werde ich dich auch
sehr bitten, nicht hochnsig und von oben herab mit mir zu verkehren!
Du bist darin wie alle Landgnschen.  Du glaubst, es ist vornehm,
einen Diener so zu behandeln, wie ich einen Stalljungen behandele;
daran ist aber nur deine Unbildung schuld; vergi das nicht und sei
nur nicht immer gar so bereit, jedem Menschen Trotz zu bieten!
Benimm dich, als ob du erwartetest deinen eigenen Willen
durchzusetzen, und nicht, als ob du gewohnt wrst, da mit dir
herumkommandiert wird.  Der Weg, sich als Dame oder als Diener
vorwrts zu bringen, ist ganz der gleiche.  Man mu wissen, was sich
gehrt, das ist das ganze Geheimnis.  Und auf mich kannst du dich
verlassen: ich wei, was sich fr mich gehrt, wenn du aufrckst.
Denke an mich, mein Schatz, ich will auch zu dir halten!  Ein Diener
sollte dem andern immer behilflich sein.

Louka [erhebt sich ungeduldig]: Oh, ich mu mich auf meine eigene Art
benehmen, du nimmst mir mit deiner kaltbltigen Weisheit nur alle
Unbefangenheit.  Geh, wirf das Holz ins Feuer, das ist eine Sache,
die du verstehst.  [Bevor Nicola etwas erwidern kann, tritt Sergius
ein; er hlt inne, als er Louka erblickt, dann geht er an den Ofen.]

Sergius [zu Nicola]: Ich hoffe, ich bin dir nicht im Weg bei deiner
Arbeit.

Nicola [glatt, den alten Diener spielend]: O nein, ich danke sehr;
ich habe nur mit diesem nrrischen Ding ber ihre Gepflogenheit
gesprochen, bei jedem Anla in die Bibliothek zu laufen, um die
Bcher anzusehen.  Es ist ein Fehler ihrer Erziehung, Herr Major; sie
gab ihr Gewohnheiten, die ber ihrem Stande sind.  [Zu Louka.] Mache
den Tisch fr den Herrn Major zurecht, Louka.  [Er geht gesetzt
hinaus; Louka beginnt, ohne Sergius anzublicken, die Papiere auf dem
Tisch zu ordnen; er kommt langsam auf sie zu und studiert aufmerksam
die Anordnung ihres rmels.]

Sergius: Lassen Sie mich sehn, haben Sie da noch einen blauen Fleck?
[Er nimmt das Armband ab und betrachtet den Fleck, der durch den
Druck seiner Finger entstanden ist.  Sie steht unbeweglich und sieht
ihn nicht an, sie ist wie bezaubert, aber auf ihrer Hut.  Er blst
auf die Stelle.] Tut's noch weh?

Louka: Jawohl!

Sergius: Soll ich es heilen?

Louka [zieht sofort ihren Arm stolz zurck, ohne ihn anzusehen]: Nein,
jetzt knnen Sie's nimmermehr.

Sergius [herrisch]: Sind Sie dessen ganz sicher?  [Er macht eine
Bewegung, als ob er sie umarmen wollte.]

Louka: Bitte, spielen Sie nicht mit mir; ein Offizier sollte nicht
mit einer Dienerin tndeln.

Sergius [berhrt ihren Arm mit einem unbarmherzigen Streich seines
Zeigefingers]: Das war kein Getndel, Louka.

Louka: Nein?  [Sieht ihn zum ersten Male an:] Tut es Ihnen leid?

Sergius [mit gemessenem Pathos, seine Arme kreuzend]: Mir tut NIE
etwas leid.

Louka [sehnschtig]: Ich wollte, ich knnte glauben, da ein Mann
einer Frau so wenig hnlich sein knnte.  Sagen Sie mir, sind Sie
wirklich ein tapferer Mann?

Sergius [einfach, seine Positur aufgebend]: Ja, mutig bin ich
wirklich.  Mein Herz schlug beim ersten Schu wie das eines Weibes,
aber bei der Attacke fand ich meine ganze Tapferkeit wieder; ja, das
wenigstens ist wahr und echt an mir.

Louka: Fanden Sie bei der Attacke die Leute armer Herkunft, wie
meinesgleichen, weniger tapfer als die, die reich waren wie Sie?

Sergius [bitter, leichthin]: Nicht im geringsten.  Sie fochten und
fluchten und schrien alle wie Helden!  Pah, der Mut zu wten und zu
tten ist billig.  Ich habe einen englischen Bullterrier, der von
dieser Art Mut so viel besitzt wie die ganze bulgarische Nation und
die ganze russische Armee dazu, aber er lt sich trotzdem von meinem
Stallknecht prgeln.  So sind eure Soldaten ganz genau.  Nein, Louka,
eure armen Teufel knnen zwar Hlse abschneiden, aber sie frchten
sich vor ihren Offizieren, sie lassen sich Beleidigungen und Schlge
gefallen, sie stehen dabei und sehen ruhig zu, wenn ihre Kameraden
bestraft werden wie kleine Kinder, ja und was noch schlimmer ist, sie
helfen selbst mit, wenn sie dazu befohlen werden.  Und die Offiziere
erst, na...  [Mit einem kurzen und bitteren Lachen:] Ich bin Offizier,
ach!  [Feurig:] Zeigen Sie mir einen Mann, der jeder Macht auf Erden
oder im Himmel, die ihn zwingen wollte, gegen seinen Willen oder sein
Gewissen zu handeln, Trotz bietet bis in den Tod!  Nur ein solcher
Mann ist tapfer.

Louka: So zu reden, das ist leicht.  Mir scheint die meisten Mnner
bleiben zeitlebens Knaben.  Sie haben alle Ideen wie die Schuljungen.
Sie wissen auch nicht, was wahrer Mut ist.

Sergius [ironisch]: Wirklich?  Ich lasse mich gerne belehren.

Louka: Sehen Sie mich an!  Wie oft darf ich mir den Luxus eines
eigenen Willens gestatten?  Ich mu Ihr Zimmer in Ordnung bringen,
mu abstauben und fegen, holen und laufen.  Wie kann mich das
erniedrigen, wenn es Sie nicht erniedrigt, fr den das alles
geschieht?!  Aber [mit unterdrcktem Zorn] wenn ich Kaiserin von
Ruland wre, ber alle Menschen erhaben, dann--wenn ich auch Ihrer
Meinung nach gar keinen Mut beweisen knnte,--na, Sie sollten schon
sehen.

Sergius: Was wrden Sie dann tun, edle Kaiserin?

Louka: Ich wrde den Mann heiraten, den ich liebte, wozu keine
Knigin Europas den Mut findet.  Wenn ich beispielsweise Sie liebte,
der Sie dann so tief unter mir stnden, wie ich jetzt unter Ihnen
stehe, ich wrde es wagen, mich meinem Untergebenen gleichzustellen!
Wrden Sie diesen Mut finden, wenn Sie mich liebten?  Nein!  Wenn Sie
fhlten, da Sie mich zu lieben beginnen, so wrden Sie dieses Gefhl
unterdrcken, Sie wrden nicht wagen, mich zu heiraten.  Sie wrden
die Tochter eines reichen Mannes heimfhren aus Angst, was "die Welt",
was andere Leute dazusagen knnten!

Sergius [hingerissen]: Sie lgen, das ist nicht der Fall--beim Himmel
nicht!  Wenn ich Sie liebte, und wre ich selbst der Zar, ich wrde
Sie neben mich auf den Thron setzen.  Sie wissen, da ich eine andere
Frau liebe, die so hoch ber Ihnen steht, wie der Himmel ber der
Erde.  Und Sie sind eiferschtig auf sie.

Louka: Dazu habe ich ja gar keinen Grund.  Sie wird Sie doch niemals
heiraten.  Der Mann, von dem ich Ihnen sprach, ist zurckgekehrt.
Sie wird den Schweizer heiraten!

Sergius [zurckfahrend]: Den Schweizer!

Louka: Einen Mann, der zehn Ihresgleichen aufwiegt.  Dann knnen Sie
zu mir kommen, aber ich werde Sie auch abweisen.  Sie sind mir nicht
gut genug.  [Sie wendet sich zur Tre.]

Sergius [springt ihr nach und fngt sie wild in seinen Armen auf]:
Ich werde den Schweizer tten, und mit Ihnen werde ich dann machen,
was mir beliebt.

Louka [in seinen Armen, ruhig und gefat]: Vielleicht wird der
Schweizer Sie tten.  In der Liebe hat er Sie schon geschlagen, er
kann Sie vielleicht auch im Kampfe besiegen.

Sergius [geqult]: Halten Sie es fr mglich, da ich jemals glauben
werde, da--"sie", deren rgste Gedanken noch hher stehen als Ihre
besten, da "sie" fhig wre, hinter meinem Rcken mit einem andern
Mann zu tndeln!?

Louka: Halten Sie es fr mglich, da "sie" dem Schweizer glauben
wrde, wenn er ihr jetzt erzhlte, da ich in Ihren Armen liege?

Sergius [lt sie verzweifelnd los]: Oh, zum Henker!  Verdammt!
Spott und Hohn berall!  Meine eigenen Taten machen meine erhabensten
Gedanken lcherlich.  [Er schlgt sich heftig vor die Brust.]
Feigling, Lgner, Narr!  Soll ich mich tten wie ein Mann, oder soll
ich weiterleben und vorgeben mich selbst zu verhhnen?  [Louka wendet
sich abermals der Tr zu.] Louka!  [Sie bleibt in der Nhe der Tr
stehen.] Merken Sie sich: Sie gehren zu mir!

Louka [ruhig]: Was heit das?  Soll das eine Beleidigung sein?

Sergius [befehlend]: Das heit, da Sie mich lieben und da ich Sie
hier in meinen Armen gehalten habe und Sie vielleicht wieder so
halten werde.  Ob das eine Beleidigung ist, das wei ich nicht, das
ist mir auch ganz einerlei,--nehmen Sie das, wie's Ihnen beliebt;
aber [heftig:] ich will kein Feigling und kein Lump sein!  Wenn es
mir gefllt, Sie zu lieben, so wage ich es auch,--ganz Bulgarien zum
Trotz--Sie zu heiraten.  Wenn diese Hnde Sie jemals wieder berhren,
dann werden sie meine angelobte Braut berhren.

Louka: Wir werden ja sehn, ob Sie es wagen, Ihr Wort zu halten; aber
nehmen Sie sich in acht, ich werde nicht lange warten.

Sergius [verschrnkt seine Arme wieder und bleibt unbeweglich in der
Mitte des Zimmers stehen]: Ja, das werden wir sehen, und Sie werden
warten, solange es mir beliebt!  [Bluntschli kommt, sehr beschftigt,
seine Papiere noch in Hnden, herein und lt die Tr fr Louka offen.
Er geht hinber an den Tisch und wirft ihr im Vorbergehen einen
flchtigen Blick zu.  Sergius, ohne seine entschlossene Stellung
aufzugeben, sieht ihn fest an, Louka geht hinaus und lt die Tr
offen.]

Bluntschli [zerstreut, sitzt am Tisch wie zuvor und legt sein Papiere
nieder]: Das ist eine auffallend hbsche junge Person.

Sergius [ernst, ohne sich zu rhren]: Hauptmann Bluntschli!

Bluntschli: Sie wnschen?

Sergius: Sie haben mich betrogen, Sie sind mein Nebenbuhler; ich
dulde keinen Rivalen!  Um sechs Uhr werde ich allein zu Pferd, mit
meinem Sbel, auf den Exerzierplatz an der Strae nach Klissura sein!
--Verstehen Sie mich?

Bluntschli [starrt ihn an, bleibt aber ganz gemtlich sitzen]: Ich
danke Ihnen.  Das ist der Vorschlag eines Kavalleristen.  Ich bin
Artillerist und habe die Wahl der Waffen.  Wenn ich komme, so bringe
ich eine Mitrailleuse mit.  Aber diesmal wird kein Irrtum mit der
Munition sein, verlassen Sie sich darauf.

Sergius [errtend, aber mit tdlicher Klte]: Nehmen Sie sich in acht,
Herr, es ist nicht unsere Gewohnheit in Bulgarien, mit solchen
Einladungen Scherz treiben zu lassen.

Bluntschli [warm]: Bah, reden Sie mir nicht von Bulgarien, Sie wissen
ja gar nicht, was "kmpfen" heit.  Aber meinetwegen.  Bringen Sie
Ihren Sbel mit.  Ich werde dort sein.

Sergius [sehr entzckt, in seinem Gegner einen Mann von Mut zu
finden]: Schn gesprochen, Schweizer.  Soll ich Ihnen mein bestes
Pferd leihen?

Bluntschli: Nein, der Teufel hole Ihr bestes Pferd!  Immerhin danke
ich Ihnen, lieber Freund.  [Raina kommt herein und hrt den nchsten
Satz.] Ich werde Sie zu Fu erwarten; zu Pferde ist das zu gefhrlich;
ich will Sie nicht tten, wenn ich es vermeiden kann.

Raina [luft ngstlich nach vorn]: Ich habe gehrt, was Hauptmann
Bluntschli eben gesagt hat, Sergius!  Ihr wollt euch schlagen! warum?
[Sergius wendet sich schweigend ab, geht nach dem Ofen und
beobachtet sie, whrend sie, zu Bluntschli gewendet, fortfhrt]:
Weswegen?

Bluntschli: Ich wei nicht, er hat es mir nicht anvertraut.  Mischen
Sie sich lieber nicht ein, verehrtes Frulein, es wird kein Unglck
geschehen; ich habe schon oft als Fechtlehrer gedient.  Er wird nicht
imstande sein, mich zu berhren, und ich werde ihm nicht weh tun.
Das wird immerhin Auseinandersetzungen ersparen.  Morgen frh werde
ich dann auf der Heimreise sein, und Sie werden mich niemals
wiedersehen oder je von mir hren.  Sie werden die Sache dann schon
mit ihm ins reine bringen; und nachher werden Sie glcklich
miteinander leben.

Raina [wendet sich tief verletzt ab; beinahe mit einem Seufzer in
ihrer Stimme]: Ich habe nie gesagt, da ich Sie wiederzusehen wnsche.

Sergius [vorwrtsschreitend]: Ha, das ist ein Gestndnis!

Raina [hoheitsvoll]: Was meinen Sie damit?

Sergius: Sie lieben diesen Mann!

Raina [emprt]: Sergius!

Sergius: Sie haben ihm gestattet, Ihnen hinter meinem Rcken
Liebeserklrungen zu machen, genau so wie Sie mich hinter seinem
Rcken zum Gatten haben wollten.  Bluntschli, Sie kannten unsere
Beziehungen und betrogen mich, das ist der Grund, warum ich von Ihnen
Genugtuung verlange,--nicht, weil Sie Begnstigungen empfangen haben,
die mir verweigert worden sind.

Bluntschli [emprt aufspringend]: Bldsinn, Unsinn!  Ich habe keine
Begnstigungen empfangen.  Das gndige Frulein wei ja nicht einmal,
ob ich verheiratet bin oder nicht.

Raina [sich vergessend]: Oh!  [Auf die Ottomane hinsinkend:] Sie sind
verheiratet??

Sergius: Sie sehen, welchen Eindruck diese Mglichkeit auf die junge
Dame macht!  Hauptmann Bluntschli: Leugnen ist vergeblich, Sie haben
den Vorzug genossen, spt nachts in Frulein Rainas Schlafzimmer
empfangen worden zu sein.

Bluntschli [unterbricht ihn heftig]: Ja, Sie Dummkopf, sie hat mich
empfangen, weil ich ihr meine Pistole auf die Brust gesetzt habe.
Eure Kavallerie war mir auf den Fersen.  Ich htte sie gettet, wenn
sie einen Laut von sich gegeben htte.

Sergius [verblfft]: Bluntschli--Raina--ist das wahr?

Raina [richtet sich in majesttischem Zorn auf]: Wie knnen Sie es
wagen?

Bluntschli: Entschuldigen Sie sich, Mann, entschuldigen Sie sich!
[Er nimmt seinen Platz am Tische wieder ein.]

Sergius [mit altgewohnter bertreibung, seine Arme kreuzend]: Ich
entschuldige mich nie!

Raina [leidenschaftlich]: Das verdanke ich Ihrem famosen Freunde,
Hauptmann Bluntschli, er hat diese emprende Geschichte ber mich
ausgesprengt.  [Sie geht sehr erregt auf und ab.]

Bluntschli: Nein, der schweigt, er ist tot, verbrannt bei lebendigem
Leibe!

Raina [einhaltend, entsetzt]: Lebendig verbrannt?

Bluntschli: Wurde auf einem Holzhof in die Hfte geschossen.  Konnte
sich nicht fortschleppen.  Da setzten die Granaten der Bulgaren das
Holz in Flammen und er verbrannte mit einem halben Dutzend anderer
armer Teufel, die in derselben Lage waren.

Raina: Wie schrecklich!

Sergius: Und wie lcherlich!  O Krieg, Krieg, Traum der Patrioten und
Helden!  Du bist ein Schwindel, eine hohle Phrase, wie die Liebe!

Raina [auer sich]: Wie die Liebe?!  Das sagen Sie vor mir?

Bluntschli: Lassen Sie's gut sein, Saranoff, die Sache ist erledigt!

Sergius: Eine hohle Phrase, sage ich.  Wren Sie hierher
zurckgekehrt, Herr Hauptmann, wenn sich zwischen Ihnen nichts als
die Geschichte mit der Pistole zugetragen htte?  Raina tuscht sich
ber unseren verbrannten Freund: er war es nicht, der mir die
Mitteilung machte!

Raina: Wer denn?  [Pltzlich die Wahrheit ahnend:] Ah, Louka, mein
Mdchen, meine Dienerin!  Sie waren ja mit ihr die ganze Zeit nach
dem Frhstck allein--oh, so also sieht der Gott aus, den ich
angebetet habe!  [Er begegnet ihrem Blick mit sardonischer Freude
ber ihre Ernchterung; um so gergerter tritt sie nher an ihn heran
und sagt in leisem, heftigem Tone:] Wissen Sie, da ich vom Fenster
aus, als ich mich umwandte, um noch einen Blick auf meinen Helden zu
werfen, etwas gesehen habe, was ich vorhin nicht verstand?  Jetzt
wei ich, da Sie mit Louka angebandelt haben!

Sergius [mit grimmigem Humor]: Haben Sie das bemerkt?

Raina: Nur zu gut.  [Sie wendet sich weg und wirft sich ganz
berwltigt auf den Diwan unter dem Mittelfenster.]

Sergius [zynisch]: Raina, unser Roman ist zu Ende.  Das Leben ist
eine Posse.

Bluntschli [gutmtig zu Raina]: Sehen Sie, jetzt hat er sich endlich
selbst durchschaut.

Sergius: Bluntschli: ich habe Ihnen erlaubt, mich einen Dummkopf zu
nennen; jetzt knnen Sie mich auch noch einen Feigling schelten: ich
weigere mich, mich mit Ihnen zu schlagen.  Wissen Sie, warum?

Bluntschli: Nein, aber das macht nichts.  Ich habe nicht gefragt,
warum Sie mich gefordert haben, und ich frage auch jetzt nicht, warum
Sie wieder abwinken.  Ich bin Berufssoldat, ich kmpfe, wenn ich
kmpfen mu, bin aber immer sehr froh, nicht kmpfen zu mssen, wenn
es nicht unbedingt notwendig ist.  Sie sind nur ein Amateur; Sie
glauben, Kmpfen ist ein Vergngen.

Sergius: Trotzdem will ich Ihnen den Grund sagen, Sie Berufssoldat,
Sie: Zu einem echten Kampf gehren zwei Mnner, wirkliche Mnner,
Mnner von Herz, Blut und Ehre.  Mit Ihnen knnte ich mich ebenso
wenig schlagen, wie ich einer hlichen Frau Liebeserklrungen machen
knnte.  Ihnen fehlt der Magnetismus fr ein Duell, Sie sind kein
Mann,--Sie sind eine Kampfmaschine.

Bluntschli [als wollte er sich entschuldigen]: Das ist vollkommen
richtig!  Wahrhaftig!  So ein Kerl war ich immer, ich bedaure!  Aber
jetzt, da Sie wieder entdeckt haben, da das Leben keine Posse,
sondern etwas ganz Vernnftiges und Ernsthaftes ist,--welches
Hindernis gibt es jetzt noch fr Ihr Glck?

Raina [sich erhebend]: Sie scheinen sehr besorgt um unser Glck.
Haben Sie seine neue Liebe vergessen--Louka? jetzt soll er nicht mit
Ihnen kmpfen, sondern mit seinem Nebenbuhler--Nicola.

Sergius: Nebenbuhler!!  [Sich an die Stirne schlagend.]

Raina: Wissen Sie nicht, da die beiden verlobt sind?

Sergius: Nicola?  ffnen sich neue Abgrnde?...Nicola?

Raina [sarkastisch]: Ein emprendes Opfer, nicht wahr?  Diese
Schnheit, dieser Geist, diese Anmut, vergeudet an einen Diener in
mittleren Jahren!  Wirklich, Sergius, Sie drfen das nicht lnger
dulden.  Das sind Sie Ihrer Ritterlichkeit schuldig.

Sergius [seine Selbstbeherrschung ganz verlierend]: Natter!  Schlange!
[Er luft schumend auf und ab.]

Bluntschli: Hren Sie, Saranoff, Sie ziehen den krzeren.

Raina [zorniger]: Begreifen Sie, was er getan hat, Hauptmann
Bluntschli?  Er hat uns dieses Mdchen als Spionin auf den Hals
geschickt, und zum Lohn dafr macht er ihr den Hof.

Sergius: Das ist nicht wahr!  Das ist ungeheuerlich!

Raina: Ungeheuerlich?  [Ihn mit den Blicken messend:] Knnen Sie
leugnen, da Louka Ihnen gesagt hat, Hauptmann Bluntschli sei in
meinem Zimmer gewesen?

Sergius: Nein, aber-Raina [unterbrechend]: Knnen Sie leugnen, da
Sie ihr Liebeserklrungen gemacht haben, als Sie Ihnen das sagte?

Sergius: Nein, aber ich sage Ihnen-Raina [ihm heftig und
verachtungsvoll ins Wort fallend]: Es ist ganz berflssig, uns noch
irgend etwas zu sagen.  Das gengt uns vollkommen!  [Sie wendet sich
von ihm ab und schwebt majesttisch zurck an das Fenster.]

Bluntschli [whrend Sergius aufs tiefste beleidigt und emprt auf die
Ottomane sinkt und abgewandt seinen Kopf zwischen die Fuste nimmt,
sehr ruhig]: Ich habe Ihnen doch gesagt, Saranoff, da Sie den
krzeren ziehen.

Sergius: Pantherkatze!

Raina [luft aufgeregt zu Bluntschli]: Sie hren, wie dieser Mensch
mich beschimpft, Hauptmann Bluntschli.

Bluntschli: Was soll er denn anfangen, verehrtes Frulein?  Irgendwie
mu er sich doch verteidigen.  [Mit viel Suada:] Gehen Sie; nicht
streiten! was ntzt das?  [Raina setzt sich schwer atmend auf die
Ottomane, und nach vergeblicher Anstrengung, Bluntschli bse
anzusehen, fllt sie ihrem Sinn fr Humor zum Opfer und kann sich
kaum des Lachens enthalten.]

Sergius: Verlobt mit Nicola!  [Er erhebt sich.] Haha!  [Geht nach dem
Ofen--steht mit dem Rcken dagegen.] Jawohl, Bluntschli, Sie tun
wirklich gut daran, diese schwindelhafte Welt ruhig aufzufassen.

Raina [schelmisch zu Bluntschli, mit unwillkrlichem Begreifen seines
Gedankenganges]: Mir scheint, Sie halten uns fr zwei groe Kinder.

Sergius [lacht hhnisch und grimmig]: Natrlich, natrlich Schweizer
Zivilisation bemuttert Bulgariens Barbarei, nicht wahr?

Bluntschli [errtend]: Durchaus nicht, ich versichere Ihnen, ganz
gewi nicht.  Ich bin nur froh, da Sie beide sich endlich etwas
beruhigen.  Na, gehen Sie, wir wollen vergngt sein und die Sache
freundschaftlich besprechen.  Wo ist die andere junge Dame?

Raina: Wahrscheinlich horcht sie an der Tr.

Sergius [zuckt zusammen, wie von einer Kugel getroffen; ruhig, aber
mit tiefer Entrstung]: Ich will beweisen, da dies wenigstens eine
Verleumdung ist.  [Er geht mit Wrde zur Tr und ffnet.  Ein
Wutschrei entringt sich seiner Brust, nachdem er hinausgesehen.  Er
springt in den Gang und kommt zurck, Louka nachschleppend, die er
heftig gegen den Tisch stt.  Er ruft aus:] Richten Sie diese Elende,
Bluntschli,--Sie, Sie, der kalte, unparteiische Mann!  Richten Sie
die Horcherin an der Wand!  [Louka bleibt aufrecht, stolz und ruhig.]

Bluntschli [den Kopf schttelnd]: Ich darf sie nicht richten.  Ich
habe selbst einmal vor einem Zelt gehorcht, als darin eine Meuterei
beschlossen wurde.  Es kommt immer auf die Veranlassung dazu an, und
was auf dem Spiele steht,--es ging um mein Leben!

Louka: Es ging um meine Liebe.  [Sergius zuckt zusammen und schmt
sich ihrer gegen seinen Willen.] Ich brauche mich nicht zu schmen.

Raina [verachtungsvoll]: Ihre Liebe?  Sie meinen Ihre Neugier!

Louka [blickt ihr ins Gesicht, und gibt ihr ihre Verachtung mit
Zinsen zurck]: Meine Liebe--die grer ist als alles, was Sie fhig
sind, zu empfinden, selbst fr Ihren Pralinsoldaten!

Sergius [mit pltzlichem Verdacht zu Louka]: Was soll das heien?

Louka [heftig]: Das heit-Sergius [sie geringschtzig unterbrechend]:
Oh, ich entsinne mich!  Der Eispudding!  Was fr eine armselige
Stichelei!  [Major Petkoff kommt in Hemdrmeln herein.]

Petkoff: Entschuldigen Sie die Hemdrmel, meine Herren!  Raina!
Einer hat meinen Rock angehabt, ich knnte darauf schwren, einer,
der breitere Schultern hat als ich.  Am Rcken ist die Naht ganz
aufgetrennt, deine Mutter nht sie eben zu.  Hoffentlich wird sie
bald fertig sein, ich werde mich sonst erklten.  [Er sieht
aufmerksam nach ihnen hin:] Ist etwas los?

Raina: Nein.  [Sie setzt sich an den Ofen, mit ruhiger Miene.]

Sergius: Gar nichts.  [Er setzt sich an das Tischende wie zuvor.]

Bluntschli [der schon sitzt]: Nichts, nichts!

Petkoff [der sich an seinen frheren Platz auf die Ottomane legt]:
Das ist recht.  [Er bemerkt Louka.] Ist etwas los Louka?

Louka: Nein, gndiger Herr.

Petkoff [gemtlich]: Das ist auch recht!  [Er niest:] Sei so gut, geh
zu meiner Frau und verlang meinen Rock, hrst du?  [Sie wendet sich
um und will gehorchen, aber Nicola tritt eben mit dem Rock ein.  Sie
tut, als htte sie Arbeit im Zimmer, und stellt den kleinen Tisch mit
der Tabakspfeife an die Wand in die Nhe des Fensters.]

Raina [erhebt sich rasch, als sie auf Nicolas Arm den Rock erkennt]:
Hier ist dein Rock, Papa; gib ihn mir, Nicola, und leg' im Ofen etwas
nach.  [Sie nimmt den Rock, bringt ihn dem Major, der aufsteht, um
ihn anzuziehen.  Nicola macht sich beim Feuer zu schaffen.]

Petkoff [zu Raina, sie liebenswrdig neckend]: Schau, schau, du
sorgst ja sehr lieb fr deinen armen alten Papa!  Wohl heute mal zur
Feier seiner Rckkehr aus dem Kriege?

Raina [mit feierlichem Vorwurf]: Oh, wie kannst du nur so etwas sagen,
Papa!

Petkoff: Es ist schon gut, nur ein kleiner Scherz--gib mir einen Ku.
[Sie kt ihn:] Jetzt gib mir den Rock.

Raina: Nein, ich will dir helfen, wende dich um.  [Er dreht sich um
und sucht mit den Armen nach den rmeln.  Raina nimmt geschickt die
Photographie aus der Tasche und wirft sie Bluntschli auf den Tisch zu,
der sie vor Sergius' Augen mit einem Bogen Papier bedeckt.  Dieser
sieht sprachlos vor Erstaunen zu, whrend sein Verdacht den
Siedepunkt erreicht.  Raina hilft dann Petkoff in den Rock hinein.]
So, mein lieber Papa...Fhlst du dich jetzt wohl?

Petkoff: Vollkommen, mein Schatz, ich danke dir.  [Er setzt sich,
Raina kehrt zu ihrem Platz an den Ofen zurck.] Apropos, ich habe
etwas Merkwrdiges in meiner Tasche gefunden!  Was soll das bedeuten?
[Er greift mit der Hand in die leere Tasche.] Was ist denn das?
[Sucht in der anderen Tasche:] Nein, ich htte schwren mgen...[Sehr
verdutzt sucht er in der Brusttasche.] Ich begreife nicht...[Wieder
in die erste Tasche greifend.] Wo kann sie nur sein--?[Ein Licht geht
ihm auf, er erhebt sich und ruft aus:] Deine Mutter wird sie
herausgenommen haben!

Raina [sehr rot]: Was denn?

Petkoff: Deine Photographie mit der Inschrift: "Raina ihrem
Pralinsoldaten zum Andenken".  Es ist klar, da da mehr
dahintersteckt, als man auf den ersten Blick sieht, und das mu ich
herausbringen.  [Laut rufend:] Nicola!

Nicola [lt ein Stck Holz fallen, wendet sich um]: Gndiger Herr!

Petkoff: Hast du heute morgen Frulein Raina irgendeine Speise
verdorben?

Nicola: Wie Sie gehrt haben, gndiger Herr; Frulein Raina hat es
gesagt.

Petkoff: Das wei ich, du Trottel!  Aber ist es wahr?

Nicola: Ich bin berzeugt, da Frulein Raina unfhig ist, etwas
anderes als die Wahrheit zu sagen, gndiger Herr.

Petkoff: Bist du das?  Wahrhaftig?  Dann bin ich es nicht.  [Sich zu
den anderen wendend:] Geht!  Glaubt Ihr, da ich nicht lngst alles
durchschaut habe?  [Er geht zu Sergius und klopft ihm auf die
Schulter.] Sergius, du bist der Pralinsoldat, nicht wahr?

Sergius [fhrt zusammen]: Ich! ein Pralinsoldat?  Gewi nicht.

Petkoff: Nicht?  [Er sieht sich um; sie sind alle sehr ernst und sehr
verstndnisvoll.] Willst du damit sagen, da Raina auch andern
Mnnern Photographien zum Andenken schenkt?

Sergius [rtselvoll]: Die Welt ist kein so unschuldiger Ort, wie wir
frher glaubten, Petkoff.

Bluntschli [sich erhebend]: Schon gut, Herr Major: ich bin der
Pralinsoldat.  [Petkoff und Sergius sind beide erstaunt.] Diese
liebenswrdige junge Dame hat mir das Leben gerettet!  Sie gab mir
Schokolade, als ich am Verhungern war; werde ich jemals ihren Duft
vergessen!  Mein verstorbener Freund Stolz hat Ihnen die Geschichte
in Pirot erzhlt--der Flchtling bin ich!

Petkoff: Sie?  [Er schnappt nach Luft.] Sergius, erinnerst du dich,
wie sich die beiden Damen benommen haben, als wir die Geschichte
heute morgen erzhlten?  [Sergius lchelt zynisch, Petkoff mustert
Raina strenge.] Du bist mir ein nettes Frauenzimmer, das mu ich
schon sagen!

Raina [bitter]: Major Saranoff hat seine Ansicht gendert, und als
ich diese Worte auf mein Bild schrieb, da wute ich nicht, da
Hauptmann Bluntschli verheiratet ist.

Bluntschli [fhrt heftig protestierend auf]: Ich bin nicht
verheiratet!

Raina [sehr vorwurfsvoll]: Sie sagten doch, da Sie verheiratet wren.

Bluntschli: Das habe ich nicht gesagt, ganz bestimmt nicht; ich war
in meinem ganzen Leben nie verheiratet.

Petkoff [auer sich]: Raina!  Willst du mir geflligst sagen,--wenn
es nicht zu unbescheiden ist, da ich frage--mit welchem von diesen
beiden Herren du verlobt bist?

Raina: Mit keinem von beiden.  Diese junge Dame, [zeigt auf Louka,
die sie alle stolz ansieht,] ist jetzt der Gegenstand von Major
Saranoffs Neigung.

Petkoff: Louka!?  Bist du verrckt geworden, Sergius?--das Mdchen
ist doch mit Nicola verlobt.

Nicola [nach vorne kommend]: Entschuldigen Sie, gndiger Herr, das
ist ein Irrtum; Louka ist nicht mit mir verlobt.

Petkoff: Nicht mit dir verlobt, du Schuft--was?  Du hast doch von mir
am Tage deiner Verlobung fnfundzwanzig Leu bekommen, und sie bekam
dieses goldene Armband von Frulein Raina.

Nicola [mit kalter Salbung]: So haben wir angegeben, aber es war nur
ein Schutz fr Louka; sie ist zu Hherem geboren, und ich war nichts
anderes als ihr vertrauter Diener.  Ich habe die Absicht, wie
gndiger Herr wissen, spter einen Laden in Sofia aufzumachen: und
ich hoffe auf Loukas Kundschaft und Empfehlung fr den Fall, da sie
in den Adel hineinheiraten sollte.  [Er geht mit sichtlicher
Diskretion hinaus, alle starren ihm nach.]

Petkoff [das Schweigen brechend]: Na, ich bin...hm!

Sergius: Das ist entweder edler Heroismus oder kriecherische
Niedrigkeit!  Entscheiden Sie, Bluntschli, was ist es?

Bluntschli: Kmmern Sie sich nicht darum, ob es Heldentum oder
Niedrigkeit ist.  Nicola ist der fhigste Mann, den ich bis jetzt in
Bulgarien kennen gelernt habe.  Ich werde ihn zum Leiter eines Hotels
machen, falls er Deutsch und Franzsisch sprechen kann.

Louka [bricht pltzlich gegen Sergius los]: Ich bin hier von
jedermann beleidigt worden.  Sie gingen sogar mit dem Beispiel voran.
Sie sind zu einer Entschuldigung verpflichtet!  [Sergius kreuzt
sofort die Arme ber der Brust, wie eine Repetieruhr, deren Feder
berhrt wurde.]

Bluntschli [bevor Sergius etwas sagen kann]: Vergebliche Mhe--er
entschuldigt sich nie!

Louka: Nicht vor Ihnen, seinesgleichen und seinen Feinden; mir,
seiner armen Dienerin, wird er eine Entschuldigung nicht versagen.

Sergius [zustimmend]: Sie haben recht.  [Er beugt das Knie; in seiner
pathetischesten Weise:] Verzeihen Sie mir.

Louka: Ich verzeihe Ihnen.  [Sie reicht ihm schchtern ihre Hand, die
er kt.] Diese Berhrung macht mich zu Ihrer Braut.

Sergius [aufspringend]: Oh, das habe ich vergessen!

Louka [kalt]: Sie knnen Ihr Wort zurcknehmen, wenn Sie wollen.

Sergius: Zurcknehmen?  Niemals!  Sie sind mein.  [Er umarmt sie,
Katharina kommt herein, findet Louka in Sergius' Armen und sieht, wie
alle Louka und Sergius fassungslos anstarren.]

Katharina: Was soll das heien?  [Sergius lt Louka los.]

Petkoff: Nun, meine Teure, es scheint, da Sergius jetzt die Absicht
hat, statt Raina Louka zu heiraten.  [Katharina will eben entrstet
gegen ihn losbrechen, er hlt sie zurck und ruft mrrisch aus:] Gib
mir nicht die Schuld, ich habe nichts damit zu schaffen.  [Er zieht
sich nach dem Ofen zurck.]

Katharina: Louka heiraten?!  Sergius, Sie sind gebunden!  Wir haben
Ihr Wort!

Sergius [seine Arme kreuzend]: Mich bindet nichts.

Bluntschli [sehr erfreut ber dieses vernnftige Vorgehen]: Saranoff,
Ihre Hand!  Ich gratuliere Ihnen, Ihr Heldentum ist in manchen Fllen
gut angebracht.  [Zu Louka.] Schnes Frulein, empfangen Sie die
herzlichsten Glckwnsche eines guten Republikaners.  [Er kt Louka
die Hand, zu Rainas grtem Widerwillen.]

Katharina [drohend]: Louka, du hast getratscht!

Louka: Ich habe Raina nicht geschadet.

Katharina [hochmtig]: Raina?!  [Raina ist gleichfalls emprt ber
diese Frechheit.]

Louka: Ich habe das Recht, sie Raina zu nennen, sie nennt mich ja
auch blo Louka.  Ich habe Major Saranoff gesagt, da sie ihn nie
heiraten wrde, falls der Schweizer Herr jemals wiederkommen sollte.

Bluntschli [berrascht]: Was ist das?

Louka [wendet sich zu Raina]: Ich dachte, Sie htten ihn lieber als
Sergius; Sie mssen am besten wissen, ob ich recht habe.

Bluntschli: Was ist das fr ein Unsinn?  Ich versichere Ihnen, mein
lieber Major, verehrte gndige Frau, Ihr reizendes Frulein Tochter
hat mir nur das Leben gerettet, nichts weiter; es war ihr niemals
etwas an mir gelegen.  Wie knnte das auch sein, um Gottes willen!
Sehen Sie sich blo einmal diese junge Dame an, und dann sehen Sie
mich an!  Sie: reich, jung, schn, ihre Phantasie voller
Mrchenprinzen und Heldentaten, Kavallerieattacken und wei Gott was
noch! und ich, ein gewhnlicher Schweizer Soldat, der sich kaum mehr
vorstellen kann, was ein geregeltes Dasein ist, nach fnfzehnjhrigem
Kasernen- und Schlachtenleben, ein Vagabund, ein Mann, der alle seine
Lebensaussichten durch eine unverbesserliche romantische Veranlagung
verdorben hat, ein Mann, der...

Sergius [auffahrend; wie von einer Tarantel gestochen unterbricht er
Bluntschli mit unglubiger Verwunderung]: Verzeihen Sie, Bluntschli:
was, sagen Sie, hat Ihre Lebensaussichten verdorben?

Bluntschli [sofort]: Eine unverbesserlich romantische Veranlagung.
Ich bin schon als Knabe zweimal von Hause durchgebrannt.  Ich ging
zur Armee statt in meines Vaters Geschft.  Ich kletterte auf den
Balkon dieses Hauses, statt mich wie ein vernnftiger Mensch im
erstbesten Keller zu verstecken!  Ich kam hierher zurckgeschlichen,
um diese junge Dame noch einmal zu sehen, wo jeder andere Mann in
meinem Alter den Rock einfach zurckgeschickt htte...

Petkoff: Meinen Rock?

Bluntschli:--Ja, Ihren Rock!  Jeder andere wrde ihn zurckgeschickt
haben und wre dann ruhig nach Hause gereist.  Glauben Sie wirklich,
da ein junges Mdchen sich in so einen Menschen verlieben wird?
Vergleichen Sie blo einmal unser Alter--ich bin vierunddreiig!  Ich
glaube nicht, da Frulein Raina viel ber siebzehn ist.  [Diese
Schtzung ruft eine bemerkbare Sensation hervor, alle wenden sich um
und blicken einander an; er fhrt unschuldig fort:] Dieses ganze
Abenteuer, dessen Ausgang fr mich Leben oder Tod bedeutet hat, war
ihr blo das Spiel eines Backfisches mit Schokoladenbonbons, ein
Versteckenspiel.  Hier ist der Beweis!  [Er nimmt die Photographie
vom Tisch.] Ich frage Sie: wrde mir eine Frau, die unsere Begegnung
ernst genommen htte, das geschickt haben mit dieser Inschrift:
"Raina ihrem Pralinsoldaten zum Andenken"?  [Er hlt die
Photographie triumphierend in die Hhe, als ob er die Angelegenheit
nun ber allen Zweifel erhaben geschlichtet htte.]

Petkoff: Dieses Bild habe ich ja gesucht.  Wie zum Teufel kam es
dorthin?

Bluntschli [zu Raina, wohlgefllig]: Nun habe ich aber hoffentlich
alles schn in Ordnung gebracht, verehrtes Frulein?

Raina [in unbeherrschbarer Krnkung]: Ich stimme vollkommen mit allem
berein, was Sie ber sich erzhlen.  Sie sind ein romantischer Idiot.
[Bluntschli fhrt sprachlos zurck.] Das nchste Mal, hoffe ich,
werden Sie den Unterschied zwischen einem Schulmdchen von siebzehn
und einer Frau von dreiundzwanzig bemerken.

Bluntschli [verblfft]: Dreiundzwanzig?  [Sie reit ihm die
Photographie verachtungsvoll aus der Hand, zerreit sie und wirft ihm
die Stcke vor die Fe.]

Sergius [sehr erfreut ber die Niederlage seines Nebenbuhlers]:
Bluntschli, mein letzter Glaube ist dahin,--Ihr Scharfsinn ist
Schwindel, wie alles andere--Sie sind noch dmmer als ich.

Bluntschli [berwltigt]: Dreiundzwanzig! dreiundzwanzig!  [Er denkt
nach:] Hm!  [Schnell einen Entschlu fassend:] In diesem Falle, Major
Petkoff, bitte ich Sie in aller Form um die Hand Ihrer verehrten
Tochter, an Stelle des zurckgetretenen Major Saranoff.

Raina: Sie wagen es?

Bluntschli: Wenn Sie dreiundzwanzig Jahre alt waren, als Sie mir
heute nachmittag jene Dinge sagten, dann nehme ich sie ernst.

Katharina [stolz, hflich]: Ich zweifle sehr, mein Herr, ob Sie sich
der Stellung meiner Tochter sowie der Stellung des Major Sergius
Saranoff, dessen Platz Sie einzunehmen wnschen, bewut sind.  Die
Petkoffs und die Saranoffs sind bekannt als die reichsten und
angesehensten Familien unseres Landes.  Unser Name ist beinahe
historisch, wir knnen bis auf nahezu zwanzig Jahre zurckblicken.

Petkoff: Oh, la das, Katharina.  [Zu Bluntschli:] Ihr Antrag wrde
uns sehr glcklich machen, Bluntschli, wenn es sich blo um Ihre
Stellung handelte.  Aber verwnscht!  Sie wissen, Raina ist an eine
sehr groartige Lebensfhrung gewhnt.  Sergius hlt zwanzig Pferde.

Bluntschli: Aber was sollen ihr denn zwanzig Pferde?  Das ist ja ein
wahrer Zirkus?

Katharina [strenge]: Meine Tochter ist an einen Stall ersten Ranges
gewhnt, Herr Hauptmann.

Raina: Aber Mama, du machst mich ja lcherlich!

Bluntschli: Na, gut! wenn es sich um wirtschaftliche Einrichtungen
handelt, da stelle ich meinen Mann!  [Er geht rasch, an den Tisch und
nimmt seine Papiere aus dem blauen Umschlag.] Wieviel Pferde, haben
Sie gesagt?

Sergius: Zwanzig, edler Schweizer!

Bluntschli: Ich habe zweihundert Pferde.  [Sie sind erstaunt]:
Wieviel Wagen haben Sie?

Sergius: Drei.

Bluntschli: Ich habe siebzig.  In vierundzwanzig davon haben je zwlf
Leute Platz und noch zwei auf dem Bock, ohne den Kutscher und den
Kondukteur zu rechnen.  Wieviel Tischtcher haben Sie?

Sergius: Wie, zum Teufel, soll ich das wissen?

Bluntschli: Haben Sie viertausend?

Sergius: Nein.

Bluntschli: Ich habe so viel; ferner neuntausendsechshundert Betttcher 
und Bettdecken, mit zweitausendvierhundert Eiderdaunenkissen.  Ich habe 
zehntausend Messer und Gabeln und die gleiche Anzahl Dessertlffel.
Ich habe sechshundert Diener, sechs palastartige Gebude, auerdem
zwei Mietstallungen, ein Gartenrestaurant und ein Wohnhaus.  Ich habe
vier Medaillen fr hervorragende Dienste, ich habe den Rang eines
Offiziers, und den Stand eines Gentleman, und drei Muttersprachen.
Zeigen Sie mir irgend einen Mann in Bulgarien, der so viel bieten
kann.

Petkoff [mit kindischer Scheu]: Sind Sie am Ende gar der Kaiser der
Schweiz?

Bluntschli: Mein Rang ist der hchste, den man in der Schweiz
anerkennt: ich bin ein freier Brger.

Katharina: Wenn dem so ist, Kapitn Bluntschli, so will ich, da meine
Tochter Sie auserkoren hat, Ihrem Glck nicht im Wege stehen.
[Petkoff will sprechen.] Major Petkoff teilt dieses Gefhl.

Petkoff: Oh, ich werde mich glcklich schtzen...  Zweihundert
Pferde--Donnerwetter!

Sergius [zu Raina gewendet]: Und was sagen Sie?

Raina [tut, ab ob sie schmollte]: Ich sage, da er seine Tischwsche
und seine Omnibusse behalten kann.  Ich lasse mich nicht an den
Meistbietenden verkaufen.

Bluntschli: Diese Antwort nehme ich nicht an.  Ich wandte mich an Sie
als Flchtling, als Bettler, als Verhungernder!  Sie haben mich
aufgenommen und mir Ihre Hand zum Kusse, Ihr Bett fr meine mden
Glieder und Ihr Dach zu meinem Schutze angeboten.

Raina [unterbricht ihn]: Dem Kaiser der Schweiz hab' ich das alles
nicht geboten!

Bluntschli: Das ist es ja gerade, was ich sage!  [Er ergreift ihre
Hand rasch und sieht ihr fest in die Augen, whrend er, seiner Macht
vertrauend, hinzufgt:] Bitte, sagen Sie uns nun, wem Sie dies alles
gaben?

Raina [ergibt sich mit scheuem Lcheln]: Meinem Pralinsoldaten.

Bluntschli [mit knabenhaft entzcktem Lachen]: Das gengt mir, ich
danke Ihnen!  [Er sieht auf seine Uhr und wird pltzlich Berufssoldat.]
Die Zeit ist um, ich mu nun fort, Major!  Sie haben die Regimenter
so trefflich dirigiert, da Sie berzeugt sein knnen, man wird Sie
ausersehen, um einige Infanterieregimenter der Timoklinien
loszuwerden.  Senden Sie die Leute auf dem Weg von Lom-Palanka heim;
Saranoff, verheiraten Sie sich nicht, bevor ich zurckkomme; ich
werde pnktlich Dienstag in vierzehn Tagen um fnf Uhr abends hier
sein!--Meine verehrten Damen, ich wnsche einen guten Abend!  [Er
macht ihnen eins militrische Verbeugung und geht ab.]

Sergius: Was fr ein Mann! was fr ein Mann!

Vorhang






*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, HELDEN ***

This file should be named 8hldn10.txt or 8hldn10.zip
Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8hldn11.txt
VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8hldn10a.txt

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
unless a copyright notice is included.  Thus, we usually do not
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

We are now trying to release all our eBooks one year in advance
of the official release dates, leaving time for better editing.
Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
even years after the official publication date.

Please note neither this listing nor its contents are final til
midnight of the last day of the month of any such announcement.
The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
Midnight, Central Time, of the last day of the stated month.  A
preliminary version may often be posted for suggestion, comment
and editing by those who wish to do so.

Most people start at our Web sites at:
http://gutenberg.net or
http://promo.net/pg

These Web sites include award-winning information about Project
Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).


Those of you who want to download any eBook before announcement
can get to them as follows, and just download by date.  This is
also a good way to get them instantly upon announcement, as the
indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04

Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90

Just search by the first five letters of the filename you want,
as it appears in our Newsletters.


Information about Project Gutenberg (one page)

We produce about two million dollars for each hour we work.  The
time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
searched and analyzed, the copyright letters written, etc.   Our
projected audience is one hundred million readers.  If the value
per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
files per month:  1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
If they reach just 1-2% of the world's population then the total
will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.

The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
which is only about 4% of the present number of computer users.

Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

    1  1971 July
   10  1991 January
  100  1994 January
 1000  1997 August
 1500  1998 October
 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
Among other things, this means that no one owns a United States copyright
on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
distribute it in the United States without permission and
without paying copyright royalties. Special rules, set forth
below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.

Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
any commercial products without permission.

To create these eBooks, the Project expends considerable
efforts to identify, transcribe and proofread public domain
works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
medium they may be on may contain "Defects". Among other
things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged
disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
codes that damage or cannot be read by your equipment.

LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
all liability to you for damages, costs and expenses, including
legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.

If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
you paid for it by sending an explanatory note within that
time to the person you received it from. If you received it
on a physical medium, you must return it with your note, and
such person may choose to alternatively give you a replacement
copy. If you received it electronically, such person may
choose to alternatively give you a second opportunity to
receive it electronically.

THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
PARTICULAR PURPOSE.

Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
the exclusion or limitation of consequential damages, so the
above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
may have other legal rights.

INDEMNITY
You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
and its trustees and agents, and any volunteers associated
with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
texts harmless, from all liability, cost and expense, including
legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
following that you do or cause:  [1] distribution of this eBook,
[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
or [3] any Defect.

DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
You may distribute copies of this eBook electronically, or by
disk, book or any other medium if you either delete this
"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
or:

[1]  Only give exact copies of it.  Among other things, this
     requires that you do not remove, alter or modify the
     eBook or this "small print!" statement.  You may however,
     if you wish, distribute this eBook in machine readable
     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
          eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
          or other equivalent proprietary form).

[2]  Honor the eBook refund and replacement provisions of this
     "Small Print!" statement.

[3]  Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
     gross profits you derive calculated using the method you
     already use to calculate your applicable taxes.  If you
     don't derive profits, no royalty is due.  Royalties are
     payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
     the 60 days following each date you prepare (or were
     legally required to prepare) your annual (or equivalent
     periodic) tax return.  Please contact us beforehand to
     let us know your plans and to work out the details.

WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form.

The Project gratefully accepts contributions of money, time,
public domain materials, or royalty free copyright licenses.
Money should be paid to the:
"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

If you are interested in contributing scanning equipment or
software or other items, please contact Michael Hart at:
hart@pobox.com

[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
when distributed free of all fees.  Copyright (C) 2001, 2002 by
Michael S. Hart.  Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
they hardware or software or any other related product without
express permission.]

*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

