The Project Gutenberg EBook of Ausgewaehlte Schriften, by Heinrich von Kleist

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Title: Ausgewaehlte Schriften

Author: Heinrich von Kleist

Release Date: October, 2004  [EBook #6645]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 9, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AUSGEWAEHLTE SCHRIFTEN ***




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Ausgewhlte Schriften

Heinrich von Kleist

Gesammelte Kleine Werke

Inhalt:

Das Bettelweib von Locarno
Das Erdbeben in Chili
Der Findling
Der Zweikampf
Die heilige Ccilie
Die Marquise von O...
Die Verlobung in St. Domingo
Geistererscheinung
Michael Kohlhaas



Das Bettelweib von Locarno


Am Fue der Alpen bei Locarno im oberen Italien befand sich ein altes,
einem Marchese gehriges Schlo, das man jetzt, wenn man vom St.
Gotthard kommt, in Schutt und Trmmern liegen sieht: ein Schlo mit
hohen und weitlufigen Zimmern, in deren einem einst auf Stroh, das
man ihr unterschttete, eine alte kranke Frau, die sich bettelnd vor
der Tr eingefunden hatte, von der Hausfrau aus Mitleiden gebettet
worden war.  Der Marchese, der bei der Rckkehr von der Jagd zufllig
in das Zimmer trat, wo er seine Bchse abzusetzen pflegte, befahl der
Frau unwillig, aus dem Winkel, in welchem sie lag, aufzustehn und
sich hinter den Ofen zu verfgen.  Die Frau, da sie sich erhob,
glitschte mit der Krcke auf dem glatten Boden aus und beschdigte
sich auf eine gefhrliche Weise das Kreuz; dergestalt, da sie zwar
noch mit unsglicher Mhe aufstand und quer, wie es ihr
vorgeschrieben war, ber das Zimmer ging, hinter dem Ofen aber unter
Sthnen und chzen niedersank und verschied.

Mehrere Jahre nachher, da der Marchese durch Krieg und Miwachs in
bedenkliche Vermgensumstnde geraten war, fand sich ein
florentinischer Ritter bei ihm ein, der das Schlo seiner schnen
Lage wegen von ihm kaufen wollte.  Der Marchese, dem viel an dem
Handel gelegen war, gab seiner Frau auf, den Fremden in dem
obenerwhnten leerstehenden Zimmer, das sehr schn und prchtig
eingerichtet war, unterzubringen.  Aber wie betreten war das Ehepaar,
als der Ritter mitten in der Nacht verstrt und bleich zu ihnen
herunterkam, hoch und teuer versichernd, da es in dem Zimmer spuke,
indem etwas, das dem Blick unsichtbar gewesen, mit einem Gerusch,
als ob es auf Stroh gelegen, im Zimmerwinkel aufgestanden mit
vernehmlichen Schritten langsam und gebrechlich quer ber drei Zimmer
gegangen und hinter dem Ofen unter Sthnen und chzen niedergesunken
sei.

Der Marchese, erschrocken, er wute selbst nicht recht warum, lachte
den Ritter mit erknstelter Heiterkeit aus und sagte, er wolle
sogleich aufstehen und die Nacht zu seiner Beruhigung mit ihm in dem
Zimmer zubringen.  Doch der Ritter bat um die Geflligkeit, ihm zu
erlauben, da er auf einem Lehnstuhl in seinem Schlafzimmer
bernachte; und als der Morgen kam, lie er anspannen, empfahl sich
und reiste ab.

Dieser Vorfall, der auerordentliches Aufsehen machte, schreckte auf
eine dem Marchese hchst unangenehme Weise mehrere Kufer ab;
dergestalt, da, da sich unter seinem eignen Hausgesinde, befremdend
und unbegreiflich, das Gercht erhob, da es in dem Zimmer zur
Mitternachtstunde umgehe, er, um es mit einem entscheidenden
Verfahren niederzuschlagen, beschlo, die Sache in der nchsten Nacht
selbst zu untersuchen.  Demnach lie er beim Einbruch der Dmmerung
sein Bett in dem besagten Zimmer aufschlagen und erharrte, ohne zu
schlafen, die Mitternacht.  Aber wie erschttert war er, als er in
der Tat mit dem Schlage der Geisterstunde das unbegreifliche Gerusch
wahrnahm; es war, als ob ein Mensch sich von Stroh, das unter ihm
knisterte, erhob, quer ber das Zimmer ging, und hinter dem Ofen
unter Geseufz und Gerchel niedersank.  Die Marquise, am andern
Morgen, da er herunterkam, fragte ihn, wie die Untersuchung
abgelaufen; und da er sich mit scheuen und ungewissen Blicken umsah
und, nachdem er die Tr verriegelt, versicherte, da es mit dem Spuk
seine Richtigkeit habe: so erschrak sie, wie sie in ihrem Leben nicht
getan und bat ihn, bevor er die Sache verlauten liee, sie noch
einmal in ihrer Gesellschaft einer kaltbltigen Prfung zu
unterwerfen.  Sie hrten aber samt einem treuen Bedienten, den sie
mitgenommen hatten, in der Tat in der nchsten Nacht dasselbe
unbegreifliche, gespensterartige Gerusch; und nur der dringende
Wunsch, das Schlo, es koste was es wolle, loszuwerden, vermochte sie,
das Entsetzen, das sie ergriff, in Gegenwart ihres Dieners zu
unterdrcken und dem Vorfall irgendeine gleichgltige und zufllige
Ursache, die sich entdecken lassen msse, unterzuschieben.  Am Abend
des dritten Tages, da beide, um der Sache auf den Grund zu kommen,
mit Herzklopfen wieder die Treppe zu dem Fremdenzimmer bestiegen,
fand sich zufllig der Haushund, den man von der Kette losgelassen
hatte, vor der Tr desselben ein; dergestalt da beide, ohne sich
bestimmt zu erklren, vielleicht in der unwillkrlichen Absicht,
auer sich selbst noch etwas Drittes, Lebendiges, bei sich zu haben,
den Hund mit sich in das Zimmer nahmen.  Das Ehepaar, zwei Lichter
auf dem Tisch, die Marquise unausgezogen, der Marchese Degen und
Pistolen, die er aus dem Schrank genommen, neben sich, setzen sich
gegen elf Uhr jeder auf sein Bett; und whrend sie sich mit
Gesprchen, so gut sie vermgen, zu unterhalten suchen, legt sich der
Hund, Kopf und Beine zusammengekauert, in der Mitte des Zimmers
nieder und schlft ein, Drauf, in dem Augenblick der Mitternacht,
lt sich das entsetzliche Gerusch wieder hren; jemand, den kein
Mensch mit Augen sehen kann, hebt sich auf Krcken im Zimmerwinkel
empor; man hrt das Stroh, das unter ihm rauscht; und mit dem ersten
Schritt: tapp! tapp! erwacht der Hund, hebt sich pltzlich, die Ohren
spitzend, vom Boden empor, und knurrend und bellend, grad' als ob ein
Mensch auf ihn eingeschritten kme, rckwrts gegen den Ofen weicht
er aus.  Bei diesem Anblick strzt die Marquise mit strubenden
Haaren aus dem Zimmer; und whrend der Marchese, der den Degen
ergriffen: "Wer da?" ruft, und, da ihm niemand antwortet, gleich
einem Rasenden nach allen Richtungen die Luft durchhaut, lt sie
anspannen, entschlossen, augenblicklich nach der Stadt abzufahren.
Aber ehe sie noch nach Zusammenraffung einiger Sachen aus dem Tore
herausgerasselt, sieht sie schon das Schlo ringsum in Flammen
aufgehen.  Der Marchese, von Entsetzen berreizt, hatte eine Kerze
genommen und dasselbe, berall mit Holz getfelt wie es war, an allen
vier Ecken, mde seines Lebens, angesteckt.  Vergebens schickte sie
Leute hinein, den Unglcklichen zu retten; er war auf die
elendiglichste Weise bereits umgekommen; und noch jetzt liegen, von
den Landleuten zusammengetragen, seine weien Gebeine in dem Winkel
des Zimmers, von welchem er das Bettelweib von Locarno hatte
aufstehen heien.




Das Erdbeben in Chili


In St. Jago, der Hauptstadt des Knigreichs Chili, stand gerade in
dem Augenblicke der groen Erderschtterung vom Jahre 1647, bei
welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger,
auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an
einem Pfeiler des Gefngnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte,
und wollte sich erhenken.  Don Henrico Asteron, einer der reichsten
Edelleute der Stadt, hatte ihn ungefhr ein Jahr zuvor aus seinem
Hause, wo er als Lehrer angestellt war, entfernt, weil er sich mit
Donna Josephe, seiner einzigen Tochter, in einem zrtlichen
Einverstndnis befunden hatte.  Eine geheime Bestellung, die dem
alten Don, nachdem er die Tochter nachdrcklich gewarnt hatte, durch
die hmische Aufmerksamkeit seines stolzen Sohnes verraten worden war,
entrstete ihn dergestalt, da er sie in dem Karmeliterkloster
unsrer lieben Frauen vom Berge daselbst unterbrachte.

Durch einen glcklichen Zufall hatte Jeronimo hier die Verbindung von
neuem anzuknpfen gewut, und in einer verschwiegenen Nacht den
Klostergarten zum Schauplatze seines vollen Glckes gemacht.  Es war
am Fronleichnamsfeste, und die feierliche Prozession der Nonnen,
welchen die Novizen folgten, nahm eben ihren Anfang, als die
unglckliche Josephe, bei dem Anklange der Glocken, in Mutterwehen
auf den Stufen der Kathedrale niedersank.

Dieser Vorfall machte auerordentliches Aufsehn; man brachte die
junge Snderin, ohne Rcksicht auf ihren Zustand, sogleich in ein
Gefngnis, und kaum war sie aus den Wochen erstanden, als ihr schon,
auf Befehl des Erzbischofs, der geschrfteste Proze gemacht ward.
Man sprach in der Stadt mit einer so groen Erbitterung von diesem
Skandal, und die Zungen fielen so scharf ber das ganze Kloster her,
in welchem er sich zugetragen hatte, da weder die Frbitte der
Familie Asteron, noch auch der Wunsch der btissin selbst, welche das
junge Mdchen wegen ihres sonst untadelhaften Betragens liebgewonnen
hatte, die Strenge, mit welcher das mit welcher das klsterliche
Gesetz sie bedrohte, mildern konnte.  Alles, was geschehen konnte,
war, da der Feuertod, zu dem sie verurteilt wurde, zur groen
Entrstung der Matronen und Jungfrauen von St. Jago, durch einen
Machtspruch des Vizeknigs, in eine Enthauptung verwandelt ward.

Man vermietete in den Straen, durch welche der Hinrichtungszug gehen
sollte, die Fenster, man trug die Dcher der Huser ab, und die
frommen Tchter der Stadt luden ihre Freundinnen ein, um dem
Schauspiele, das der gttlichen Rache gegeben wurde, an ihrer
schwesterlichen Seite beizuwohnen.

Jeronimo, der inzwischen auch in ein Gefngnis gesetzt worden war,
wollte die Besinnung verlieren, als er diese ungeheure Wendung der
Dinge erfuhr.  Vergebens sann er auf Rettung: berall, wohin ihn auch
der Fittig der vermessensten Gedanken trug, stie er auf Riegel und
Mauern, und ein Versuch, die Gitterfenster zu durchfeilen, zog ihm,
da er entdeckt ward, eine nur noch engere Einsperrung zu.  Er warf
sich vor dem Bildnisse der heiligen Mutter Gottes nieder, und betete
mit unendlicher Inbrunst zu ihr, als der einzigen, von der ihm jetzt
noch Rettung kommen knnte.

Doch der gefrchtete Tag erschien, und mit ihm in seiner Brust die
berzeugung von der vlligen Hoffnungslosigkeit seiner Lage.  Die
Glocken, welche Josephen zum Richtplatz begleiteten, ertnten, und
Verzweiflung bemchtigte sich seiner Seele.  Das Leben schien ihm
verhat, und er beschlo, sich durch einen Strick, den ihm der Zufall
gelassen hatte, den Tod zu geben.  Eben stand er, wie schon gesagt,
an einem Wandpfeiler und befestigen den Strick, der ihn dieser
jammervollen Welt entreien sollte, an eine Eisenklammer, die an dem
Gesimse derselben eingefugt war; als pltzlich der grte Teil der
Stadt, mit einem Gekrache, als ob das Firmament einstrzte, versank,
und alles, was Leben atmete, unter seinen Trmmern begrub.  Jeronimo
Rugera war starr vor Entsetzen; und gleich als ob sein ganzes
Bewutsein zerschmettert worden wre, hielt er sich jetzt an dem
Pfeiler, an welchem er hatte sterben wollen, um nicht umzufallen.
Der Boden wankte unter seinen Fen, alle Wnde des Gefngnisses
rissen, der ganze Bau neigte sich, nach der Strae zu einzustrzen,
und nur der, seinem langsamen Fall begegnende, Fall des
gegenberstehenden Gebudes verhinderte, durch eine zufllige Wlbung,
die gnzliche Zubodenstreckung desselben.  Zitternd, mit strubenden
Haaren, und Knieen, die unter ihm brechen wollten, glitt Jeronimo
ber den schiefgesenkten Fuboden hinweg, der ffnung zu, die der
Zusammenschlag beider Huser in die vordere Wand des Gefngnisses
eingerissen hatte.

Kaum befand er sich im Freien, als die ganze, schon erschtterte
Strae auf eine zweite Bewegung der Erde vllig zusammenfiel.
Besinnungslos, wie er sich aus diesem allgemeinen Verderben retten
wrde, eilte er, ber Schutt und Geblk hinweg, indessen der Tod von
allen Seiten Angriffe auf ihn machte, nach einem der nchsten Tore
der Stadt.  Hier strzte noch ein Haus zusammen, und jagte ihn, die
Trmmer weit umherschleudernd, in eine Nebenstrae; hier leckte die
Flamme schon, in Dampfwolken blitzend, aus allen Giebeln, und trieb
ihn schreckenvoll in eine andere; hier wlzte sich, aus seinem
Gestade gehoben, der Mapochoflu auf ihn heran, und ri ihn brllend
in eine dritte.  Hier lag ein Haufen Erschlagener, hier chzte noch
eine Stimme unter dem Schutte, hier schrieen Leute von brennenden
Dchern herab, hier kmpften Menschen und Tiere mit den Wellen, hier
war ein mutiger Retter bemht, zu helfen; hier stand ein anderer,
bleich wie der Tod, und streckte sprachlos zitternde Hnde zum Himmel.
Als Jeronimo das Tor erreicht, und einen Hgel jenseits desselben
bestiegen hatte, sank er ohnmchtig auf demselben nieder.

Er mochte wohl eine Viertelstunde in der tiefsten Bewutlosigkeit
gelegen haben, als er endlich wieder erwachte, und sich, mit nach der
Stadt gekehrtem Rcken, halb auf dem Erdboden erhob.  Er befhlte
sich Stirn und Brust, unwissend, was er aus seinem Zustande machen
sollte, und ein unsgliches Wonnegefhl ergriff ihn, als ein Westwind,
vom Meere her, sein wiederkehrendes Leben anwehte, und sein Auge
sich nach allen Richtungen ber die blhende Gegend von St. Jago
hinwandte.  Nur die verstrten Menschenhaufen, die sich berall
blicken lieen, beklemmten sein Herz; er begriff nicht, was ihn und
sie hiehergefhrt haben konnte, und erst, da er sich umkehrte, und
die Stadt hinter sich versunken sah, erinnerte er sich des
schrecklichen Augenblicks, den er erlebt hatte.  Er senkte sich so
tief, da seine Stirn den Boden berhrte, Gott fr seine wunderbare
Errettung zu danken; und gleich, als ob der eine entsetzliche
Eindruck, der sich seinem Gemt eingeprgt hatte, alle frheren
daraus verdrngt htte, weinte er vor Lust, da er sich des
lieblichen Lebens, voll bunter Erscheinungen, noch erfreue.

Drauf, als er eines Ringes an seiner Hand gewahrte, erinnerte er sich
pltzlich auch Josephens, und mit ihr seines Gefngnisses, der
Glocken, die er dort gehrt hatte, und des Augenblicks, der dem
Einsturze desselben vorangegangen war.  Tiefe Schwermut erfllte
wieder seine Brust; sein Gebet fing ihn zu reuen an, und frchterlich
schien ihm das Wesen, das ber den Wolken waltet.  Er mischte sich
unter das Volk, das berall, mit Rettung des Eigentums beschftigt,
aus den Toren strzte, und wagte schchtern nach der Tochter Asterons,
und ob die Hinrichtung an ihr vollzogen worden sei, zu fragen; doch
niemand war, der ihm umstndliche Auskunft gab.  Eine Frau, die auf
einem fast zur Erde gedrckten Nacken eine ungeheure Last von
Gertschaften und zwei Kinder, an der Brust hngend, trug, sagte im
Vorbeigehen, als ob sie es selbst angesehen htte: da sie enthauptet
worden sei.  Jeronimo kehrte sich um; und da er, wenn er die Zeit
berechnete, selbst an ihrer Vollendung nicht zweifeln konnte, so
setzte er sich in einem einsamen Walde nieder, und berlie sich
seinem vollen Schmerz.  Er wnschte, da die zerstrende Gewalt der
Natur von neuem ber ihn einbrechen mchte.  Er begriff nicht, warum
er dem Tode, den seine jammervolle Seele so suchte, in jenen
Augenblicken, da er ihm freiwillig von allen Seiten rettend erschien,
entflohen sei.  Er nahm sich fest vor, nicht zu wanken, wenn auch
jetzt die Eichen entwurzelt werden, und ihre Wipfel ber ihn
zusammenstrzen sollten.  Darauf nun, da er sich ausgeweint hatte,
und ihm, mitten unter den heiesten Trnen, die Hoffnung wieder
erschienen war, stand er auf, und durchstreifte nach allen Richtungen
das Feld.  Jeden Berggipfel, auf dem sich die Menschen versammelt
hatten, besuchte er; auf allen Wegen, wo sich der Strom der Flucht
noch bewegte, begegnete er ihnen; wo nur irgend ein weibliches Gewand
im Winde flatterte, da trug ihn sein zitternder Fu hin: doch keines
deckte die geliebte Tochter Asterons.  Die Sonne neigte sich, und mit
ihr seine Hoffnung schon wieder zum Untergange, als er den Rand eines
Felsens betrat, und sich ihm die Aussicht in ein weites, nur von
wenig Menschen besuchtes Tal erffnete.  Er durchlief, unschlssig,
was er tun sollte, die einzelnen Gruppen derselben, und wollte sich
schon wieder wenden, als er pltzlich an einer Quelle, die die
Schlucht bewsserte, ein junges Weib erblickte, beschftigt, ein Kind
in seinen Fluten zu reinigen.  Und das Herz hpfte ihm bei diesem
Anblick: er sprang voll Ahndung ber die Gesteine herab, und rief: O
Mutter Gottes, du Heilige! und erkannte Josephen, als sie sich bei
dem Gerusche schchtern umsah.  Mit welcher Seligkeit umarmten sie
sich, die Unglcklichen, die ein Wunder des Himmels gerettet hatte!

Josephe war, auf ihrem Gang zum Tode, dem Richtplatze schon ganz nahe
gewesen, als durch den krachenden Einsturz der Gebude pltzlich der
ganze Hinrichtungszug auseinander gesprengt ward.  Ihre ersten
entsetzensvollen Schritte trugen sie hierauf dem nchsten Tore zu;
doch die Besinnung kehrte ihr bald wieder, und sie wandte sich, um
nach dem Kloster zu eilen, wo ihr kleiner, hlfloser Knabe
zurckgeblieben war.  Sie fand das ganze Kloster schon in Flammen,
und die btissin, die ihr in jenen Augenblicken, die ihre letzten
sein sollten, Sorge fr den Sugling angelobt hatte, schrie eben, vor
den Pforten stehend, nach Hlfe, um ihn zu retten.  Josephe strzte
sich, unerschrocken durch den Dampf, der ihr entgegenqualmte, in das
von allen Seiten schon zusammenfallende Gebude, und gleich, als ob
alle Engel des Himmels sie umschirmten, trat sie mit ihm unbeschdigt
wieder aus dem Portal hervor.  Sie wollte der btissin, welche die
Hnde ber ihr Haupt zusammenschlug, eben in die Arme sinken, als
diese, mit fast allen ihren Klosterfrauen, von einem herabfallenden
Giebel des Hauses, auf eine schmhliche Art erschlagen ward.  Josephe
bebte bei diesem entsetzlichen Anblicke zurck; sie drckte der
btissin flchtig die Augen zu, und floh, ganz von Schrecken erfllt,
den teuern Knaben, den ihr der Himmel wieder geschenkt hatte, dem
Verderben zu entreien.

Sie hatte noch wenig Schritte getan, als ihr auch schon die Leiche
des Erzbischofs begegnete, die man soeben zerschmettert aus dem
Schutt der Kathedrale hervorgezogen hatte.  Der Palast des Vizeknigs
war versunken, der Gerichtshof, in welchem ihr das Urteil gesprochen
worden war, stand in Flammen, und an die Stelle, wo sich ihr
vterliches Haus befunden hatte, war ein See getreten, und kochte
rtliche Dmpfe aus.  Josephe raffte alle ihre Krfte zusammen, sich
zu halten.  Sie schritt, den Jammer von ihrer Brust entfernend, mutig
mit ihrer Beute von Strae zu Strae, und war schon dem Tore nah, als
sie auch das Gefngnis, in welchem Jeronimo geseufzt hatte, in
Trmmern sah.  Bei diesem Anblicke wankte sie, und wollte
besinnungslos an einer Ecke niedersinken; doch in demselben
Augenblick jagte sie der Sturz eines Gebudes hinter ihr, das die
Erschtterungen schon ganz aufgelst hatten, durch das Entsetzen
gestrkt, wieder auf; sie kte das Kind, drckte sich die Trnen aus
den Augen, und erreichte, nicht mehr auf die Greuel, die sie
umringten, achtend, das Tor.  Als sie sich im Freien sah, schlo sie
bald, da nicht jeder, der ein zertrmmertes Gebude bewohnt hatte,
unter ihm notwendig msse zerschmettert worden sein.

An dem nchsten Scheidewege stand sie still, und harrte, ob nicht
einer, der ihr, nach dem kleinen Philipp, der liebste auf der Welt
war, noch erscheinen wrde.  Sie ging, weil niemand kam, und das
Gewhl der Menschen anwuchs, weiter, und kehrte sich wieder um, und
harrte wieder; und schlich, viel Trnen vergieend, in ein dunkles,
von Pinien beschattetes Tal, um seiner Seele, die sie entflohen
glaubte, nachzubeten; und fand ihn hier, diesen Geliebten, im Tale,
und Seligkeit, als ob es das Tal von Eden gewesen wre.

Dies alles erzhlte sie jetzt voll Rhrung dem Jeronimo, und reichte
ihm, da sie vollendet hatte, den Knaben zum Kssen dar.--Jeronimo
nahm ihn, und htschelte ihn in unsglicher Vaterfreude, und
verschlo ihm, da er das fremde Antlitz anweinte, mit Liebkosungen
ohne Ende den Mund.  Indessen war die schnste Nacht herabgestiegen,
voll wundermilden Duftes, so silberglnzend und still, wie nur ein
Dichter davon trumen mag.  berall, lngs der Talquelle, hatten
sich, im Schimmer des Mondscheins, Menschen niedergelassen, und
bereiteten sich sanfte Lager von Moos und Laub, um von einem so
qualvollen Tage auszuruhen.  Und weil die Armen immer noch jammerten;
dieser, da er sein Haus, jener, da er Weib und Kind, und der dritte,
da er alles verloren habe: so schlichen Jeronimo und Josephe in ein
dichteres Gebsch, um durch das heimliche Gejauchz ihrer Seelen
niemand zu betrben.  Sie fanden einen prachtvollen Granatapfelbaum,
der seine Zweige, voll duftender Frchte, weit ausbreitete; und die
Nachtigall fltete im Wipfel ihr wollstiges Lied.  Hier lie sich
Jeronimo am Stamme nieder, und Josephe in seinem, Philipp in
Josephens Scho, saen sie, von seinem Mantel bedeckt, und ruhten.
Der Baumschatten zog, mit seinen verstreuten Lichtern, ber sie
hinweg, und der Mond erblate schon wieder vor der Morgenrte, ehe
sie einschliefen.  Denn Unendliches hatten sie zu schwatzen vom
Klostergarten und den Gefngnissen, und was sie um einander gelitten
htten; und waren sehr gerhrt, wenn sie dachten, wie viel Elend ber
die Welt kommen mute, damit sie glcklich wrden!

Sie beschlossen, sobald die Erderschtterungen aufgehrt haben wrden,
nach La Conception zu gehen, wo Josephe eine vertraute Freundin
hatte, sich mit einem kleinen Vorschu, den sie von ihr zu erhalten
hoffte, von dort nach Spanien einzuschiffen, wo Jeronimos mtterliche
Verwandten wohnten, und daselbst ihr glckliches Leben zu beschlieen.
Hierauf, unter vielen Kssen, schliefen sie ein.

Als sie erwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und sie
bemerkten in ihrer Nhe mehrere Familien, beschftigt, sich am Feuer
ein kleines Morgenbrot zu bereiten.  Jeronimo dachte eben auch, wie
er Nahrung fr die Seinigen herbeischaffen sollte, als ein junger
wohlgekleideter Mann, mit einem Kinde auf dem Arm, zu Josephen trat,
und sie mit Bescheidenheit fragte: ob sie diesem armen Wurme, dessen
Mutter dort unter den Bumen beschdigt liege, nicht auf kurze Zeit
ihre Brust reichen wolle?  Josephe war ein wenig verwirrt, als sie in
ihm einen Bekannten erblickte; doch da er, indem er ihre Verwirrung
falsch deutete, fortfuhr: es ist nur auf wenige Augenblicke, Donna
Josephe, und dieses Kind hat, seit jener Stunde, die uns alle
unglcklich gemacht hat, nichts genossen; so sagte sie: "ich
schwieg--aus einem andern Grunde, Don Fernando; in diesen
schrecklichen Zeiten weigert sich niemand, von dem, was er besitzen
mag, mitzuteilen": und nahm den kleinen Fremdling, indem sie ihr
eigenes Kind dem Vater gab, und legte ihn an ihre Brust.  Don
Fernando war sehr dankbar fr diese Gte, und fragte: ob sie sich
nicht mit ihm zu jener Gesellschaft verfgen wollten, wo eben jetzt
beim Feuer ein kleines Frhstck bereitet werde?  Josephe antwortete,
da sie dies Anerbieten mit Vergngen annehmen wrde, und folgte ihm,
da auch Jeronimo nichts einzuwenden hatte, zu seiner Familie, wo sie
auf das innigste und zrtlichste von Don Fernandos beiden
Schwgerinnen, die sie als sehr wrdige junge Damen kannte, empfangen
ward.

Donna Elvire, Don Fernandos Gemahlin, welche schwer an den Fen
verwundet auf der Erde lag, zog Josephen, da sie ihren abgehrmten
Knaben an der Brust derselben sah, mit vieler Freundlichkeit zu sich
nieder.  Auch Don Pedro, sein Schwiegervater, der an der Schulter
verwundet war, nickte ihr liebreich mit dem Haupte zu.-In Jeronimos
und Josephens Brust regten sich Gedanken von seltsamer Art.  Wenn sie
sich mit so vieler Vertraulichkeit und Gte behandelt sahen, so
wuten sie nicht, was sie von der Vergangenheit denken sollten, vom
Richtplatze, von dem Gefngnisse, und der Glocke; und ob sie blo
davon getrumt htten?  Es war, als ob die Gemter, seit dem
frchterlichen Schlage, der sie durchdrhnt hatte, alle vershnt
wren.  Sie konnten in der Erinnerung gar nicht weiter, als bis auf
ihn, zurckgehen.  Nur Donna Elisabeth, welche bei einer Freundin,
auf das Schauspiel des gestrigen Morgens, eingeladen worden war, die
Einladung aber nicht angenommen hatte, ruhte zuweilen mit
trumerischem Blicke auf Josephen; doch der Bericht, der ber irgend
ein neues grliches Unglck erstattet ward, ri ihre, der Gegenwart
kaum entflohene Seele schon wieder in dieselbe zurck.

Man erzhlte, wie die Stadt gleich nach der ersten Haupterschtterung
von Weibern ganz voll gewesen, die vor den Augen aller Mnner
niedergekommen seien; wie die Mnche darin, mit dem Kruzifix in der
Hand, umhergelaufen wren, und geschrieen htten: das Ende der Welt
sei da! wie man einer Wache, die auf Befehl des Vizeknigs verlangte,
eine Kirche zu rumen, geantwortet htte: es gbe keinen Vizeknig
von Chili mehr! wie der Vizeknig in den schrecklichsten Augenblicken
htte mssen Galgen aufrichten lassen, um der Dieberei Einhalt zu tun;
und wie ein Unschuldiger, der sich von hinten durch ein brennendes
Haus gerettet, von dem Besitzer aus bereilung ergriffen, und
sogleich auch aufgeknpft worden wre.

Donna Elvire, bei deren Verletzungen Josephe viel beschftigt war,
hatte in einem Augenblick, da gerade die Erzhlungen sich am
lebhaftesten kreuzten, Gelegenheit genommen, sie zu fragen: wie es
denn ihr an diesem frchterlichen Tag ergangen sei?  Und da Josephe
ihr, mit beklemmtem Herzen, einige Hauptzge davon angab, so ward ihr
die Wollust, Trnen in die Augen dieser Dame treten zu sehen; Donna
Elvire ergriff ihre Hand, und drckte sie, und winkte ihr, zu
schweigen.  Josephe dnkte sich unter den Seligen.  Ein Gefhl, das
sie nicht unterdrcken konnte, nannte den verflonen Tag, so viel
Elend er auch ber die Welt gebracht hatte, eine Wohltat, wie der
Himmel noch keine ber sie verhngt hatte.  Und in der Tat schien,
mitten in diesen grlichen Augenblicken, in welchen alle irdischen
Gter der Menschen zu Grunde gingen, und die ganze Natur verschttet
zu werden drohte, der menschliche Geist selbst, wie eine schne Blume,
aufzugehn.  Auf den Feldern, so weit das Auge reichte, sah man
Menschen von allen Stnden durcheinander liegen, Frsten und Bettler,
Matronen und Buerinnen, Staatsbeamte und Tagelhner, Klosterherren
und Klosterfrauen: einander bemitleiden, sich wechselseitig Hlfe
reichen, von dem, was sie zur Erhaltung ihres Lebens gerettet haben
mochten, freudig mitteilen, als ob das allgemeine Unglck alles, was
ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht htte.

Statt der nichtssagenden Unterhaltungen, zu welchen sonst die Welt an
den Teetischen den Stoff hergegeben hatte, erzhlte man jetzt
Beispiele von ungeheuern Taten: Menschen, die man sonst in der
Gesellschaft wenig geachtet hatte, hatten Rmergre gezeigt;
Beispiele zu Haufen von Unerschrockenheit, von freudiger Verachtung
der Gefahr, von Selbstverleugnung und der gttlichen Aufopferung, von
ungesumter Wegwerfung des Lebens, als ob es, dem nichtswrdigsten
Gute gleich, auf dem nchsten Schritte schon wiedergefunden wrde.
Ja, da nicht einer war, fr den nicht an diesem Tage etwas Rhrendes
geschehen wre, oder der nicht selbst etwas Gromtiges getan htte,
so war der Schmerz in jeder Menschenbrust mit so viel ser Lust
vermischt, da sich, wie sie meinte, gar nicht angeben lie, ob die
Summe des allgemeinen Wohlseins nicht von der einen Seite um ebenso
viel gewachsen war, als sie von der anderen abgenommen hatte.

Jeronimo nahm Josephen, nachdem sich beide in diesen Betrachtungen
stillschweigend erschpft hatten, beim Arm, und fhrte sie mit
unaussprechlicher Heiterkeit unter den schattigen Lauben des
Granatwaldes auf und nieder.  Er sagte ihr, da er, bei dieser
Stimmung der Gemter und dem Umsturz aller Verhltnisse, seinen
Entschlu, sich nach Europa einzuschiffen, aufgebe; da er vor dem
Vizeknig, der sich seiner Sache immer gnstig gezeigt, falls er noch
am Leben sei, einen Fufall wagen wrde; und da er Hoffnung habe
(wobei er ihr einen Ku aufdrckte), mit ihr in Chili zurckzubleiben.
Josephe antwortete, da hnliche Gedanken in ihr aufgestiegen wren;
da auch sie nicht mehr, falls ihr Vater nur noch am Leben sei, ihn
zu vershnen zweifle; da sie aber statt des Fufalles lieber nach La
Conception zu gehen, und von dort aus schriftlich das
Vershnungsgeschft mit dem Vizeknig zu betreiben rate, wo man auf
jeden Fall in der Nhe des Hafens wre, und fr den besten, wenn das
Geschft die erwnschte Wendung nhme, ja leicht wieder nach St. Jago
zurckkehren knnte.  Nach einer kurzen berlegung gab Jeronimo der
Klugheit dieser Maregel seinen Beifall, fhrte sie noch ein wenig,
die heitern Momente der Zukunft berfliegend, in den Gngen umher,
und kehrte mit ihr zur Gesellschaft zurck.

Inzwischen war der Nachmittag herangekommen, und die Gemter der
herumschwrmenden Flchtlinge hatten sich, da die Erdste nachlieen,
nur kaum wieder ein wenig beruhigt, als sich schon die Nachricht
verbreitete, da in der Dominikanerkirche, der einzigen, welche das
Erdbeben verschont hatte, eine feierliche Messe von dem Prlaten des
Klosters selbst gelesen werden wrde, den Himmel um Verhtung
ferneren Unglcks anzuflehen.

Das Volk brach schon aus allen Gegenden auf, und eilte in Strmen zur
Stadt.  In Don Fernandos Gesellschaft ward die Frage aufgeworfen, ob
man nicht auch an dieser Feierlichkeit Teil nehmen, und sich dem
allgemeinen Zuge anschlieen solle?  Donna Elisabeth erinnerte, mit
einiger Beklemmung, was fr ein Unheil gestern in der Kirche
vorgefallen sei; da solche Dankfeste ja wiederholt werden wrden,
und da man sich der Empfindung alsdann, weil die Gefahr schon mehr
vorber wre, mit desto grerer Heiterkeit und Ruhe berlassen
knnte.  Josephe uerte, indem sie mit einiger Begeisterung sogleich
aufstand, da sie den Drang, ihr Antlitz vor dem Schpfer in den
Staub zu legen, niemals lebhafter empfunden habe, als eben jetzt, wo
er seine unbegreifliche und erhabene Macht so entwickle.  Donna
Elvire erklrte sich mit Lebhaftigkeit fr Josephens Meinung.  Sie
bestand darauf, da man die Messe hren sollte, und rief Don Fernando
auf, die Gesellschaft zu fhren, worauf sich alles, Donna Elisabeth
auch, von den Sitzen erhob.  Da man jedoch letztere, mit heftig
arbeitender Brust, die kleinen Anstalten zum Aufbruche zaudernd
betreiben sah, und sie, auf die Frage: was ihr fehle? antwortete: sie
wisse nicht, welch eine unglckliche Ahndung in ihr sei? so beruhigte
sie Donna Elvire, und forderte sie auf, bei ihr und ihrem kranken
Vater zurckzubleiben.  Josephe sagte: so werden Sie mir wohl, Donna
Elisabeth, diesen kleinen Liebling abnehmen, der sich schon wieder,
wie Sie sehen, bei mir eingefunden hat.  Sehr gern, antwortete Donna
Elisabeth, und machte Anstalten ihn zu ergreifen; doch da dieser ber
das Unrecht, das ihm geschah, klglich schrie, und auf keine Art
darein willigte, so sagte Josephe lchelnd, da sie ihn nur behalten
wolle, und kte ihn wieder still.  Hierauf bot Don Fernando, dem die
ganze Wrdigkeit und Anmut ihres Betragens sehr gefiel, ihr den Arm;
Jeronimo, welcher den kleinen Philipp trug, fhrte Donna Constanzen;
die brigen Mitglieder, die sich bei der Gesellschaft eingefunden
hatten, folgten; und in dieser Ordnung ging der Zug nach der Stadt.

Sie waren kaum funfzig Schritte gegangen, als man Donna Elisabeth
welche inzwischen heftig und heimlich mit Donna Elvire gesprochen
hatte.  Don Fernando! rufen hrte, und dem Zuge mit unruhigen Tritten
nacheilen sah.  Don Fernando hielt, und kehrte sich um; harrte ihrer,
ohne Josephen loszulassen, und fragte, da sie, gleich als ob sie auf
sein Entgegenkommen wartete, in einiger Ferne stehen blieb: was sie
wolle?  Donna Elisabeth nherte sich ihm hierauf, obschon, wie es
schien, mit Widerwillen, und raunte ihm, doch so, da Josephe es
nicht hren konnte, einige Worte ins Ohr.  Nun? fragte Don Fernando:
und das Unglck, das daraus entstehen kann?  Donna Elisabeth fuhr
fort, ihm mit verstrtem Gesicht ins Ohr zu zischeln.  Don Fernando
stieg eine Rte des Unwillens ins Gesicht; er antwortete: es wre gut!
Donna Elvire mchte sich beruhigen; und fhrte seine Dame weiter.
-Als sie in der Kirche der Dominikaner ankamen, lie sich die Orgel
schon mit musikalischer Pracht hren, und eine unermeliche
Menschenmenge wogte darin.  Das Gedrnge erstreckte sich bis weit vor
den Portalen auf den Vorplatz der Kirche hinaus, und an den Wnden
hoch, in den Rahmen der Gemlde, hingen Knaben, und hielten mit
erwartungsvollen Blicken ihre Mtzen in der Hand.  Von allen
Kronleuchtern strahlte es herab, die Pfeiler warfen, bei der
einbrechenden Dmmerung, geheimnisvolle Schatten, die groe von
gefrbtem Glas gearbeitete Rose in der Kirche uerstem Hintergrunde
glhte, wie die Abendsonne selbst, die sie erleuchtete, und Stille
herrschte, da die Orgel jetzt schwieg, in der ganzen Versammlung, als
htte keiner einen Laut in der Brust.  Niemals schlug aus einem
christlichen Dom eine solche Flamme der Inbrunst gen Himmel, wie
heute aus dem Dominikanerdom zu St. Jago; und keine menschliche Brust
gab wrmere Glut dazu her, als Jeronimos und Josephens!

Die Feierlichkeit fing mit einer Predigt an, die der ltesten
Chorherren einer, mit dem Festschmuck angetan, von der Kanzel hielt.
Er begann gleich mit Lob, Preis und Dank, seine zitternden, vom
Chorhemde weit umflossenen Hnde hoch gen Himmel erhebend, da noch
Menschen seien, auf diesem, in Trmmer zerfallenden Teile der Welt,
fhig, zu Gott empor zu stammeln.  Er schilderte, was auf den Wink
des Allmchtigen geschehen war; das Weltgericht kann nicht
entsetzlicher sein; und als er das gestrige Erdbeben gleichwohl, auf
einen Ri, den der Dom erhalten hatte, hinzeigend, einen bloen
Vorboten davon nannte, lief ein Schauder ber die ganze Versammlung.
Hierauf kam er, im Flusse priesterlicher Beredsamkeit, auf das
Sittenverderbnis der Stadt; Greuel, wie Sodom und Gomorrha sie nicht
sahen, straft' er an ihr; und nur der unendlichen Langmut Gottes
schrieb er es zu, da sie noch nicht gnzlich vom Erdboden vertilgt
worden sei.

Aber wie dem Dolche gleich fuhr es durch die von dieser Predigt schon
ganz zerrissenen Herzen unserer beiden Unglcklichen, als der
Chorherr bei dieser Gelegenheit umstndlich des Frevels erwhnte, der
in dem Klostergarten der Karmeliterinnen verbt worden war; die
Schonung, die er bei der Welt gefunden hatte, gottlos nannte, und in
einer von Verwnschungen erfllten Seitenwendung, die Seelen der
Tter, wrtlich genannt, allen Frsten der Hlle bergab!  Donna
Constanze rief, indem sie an Jeronimos Armen zuckte: Don Fernando!
Doch dieser antwortete so nachdrcklich und doch so heimlich, wie
sich beides verbinden lie: "Sie schweigen, Donna, Sie rhren auch
den Augapfel nicht, und tun, als ob Sie in eine Ohnmacht versunken;
worauf wir die Kirche verlassen." Doch, ehe Donna Constanze diese
sinnreiche zur Rettung erfundene Maregel noch ausgefhrt hatte, rief
schon eine Stimme, des Chorherrn Predigt laut unterbrechend, aus:
Weichet fern hinweg, ihr Brger von St. Jago, hier stehen diese
gottlosen Menschen!  Und als eine andere Stimme schreckenvoll,
indessen sich ein weiter Kreis des Entsetzens um sie bildete, fragte:
wo? hier! versetzte ein Dritter, und zog, heiliger Ruchlosigkeit voll,
Josephen bei den Haaren nieder, da sie mit Don Fernandos Sohne zu
Boden getaumelt wre, wenn dieser sie nicht gehalten htte.  "Seid
ihr wahnsinnig?" rief der Jngling, und schlug den Arm um Josephen:
"ich bin Don Fernando Ormez, Sohn des Kommandanten der Stadt, den ihr
alle kennt." Don Fernando Ormez? rief, dicht vor ihn hingestellt, ein
Schuhflicker, der fr Josephen gearbeitet hatte, und diese wenigstens
so genau kannte, als ihre kleinen Fe.  Wer ist der Vater zu diesem
Kinde? wandte er sich mit frechem Trotz zur Tochter Asterons.  Don
Fernando erblate bei dieser Frage.  Er sah bald den Jeronimo
schchtern an, bald berflog er die Versammlung, ob nicht einer sei,
der ihn kenne?  Josephe rief, von entsetzlichen Verhltnissen
gedrngt: dies ist nicht mein Kind, Meister Pedrillo, wie Er glaubt;
indem sie, in unendlicher Angst der Seele, auf Don Fernando blickte:
dieser junge Herr ist Don Fernando Ormez, Sohn des Kommandanten der
Stadt, den ihr alle kennt!  Der Schuster fragte: wer von euch, ihr
Brger, kennt diesen jungen Mann?  Und mehrere der Umstehenden
wiederholten: wer kennt den Jeronimo Rugera?  Der trete vor!  Nun
traf es sich, da in demselben Augenblicke der kleine Juan, durch den
Tumult erschreckt, von Josephens Brust weg Don Fernando in die Arme
strebte.  Hierauf: Er ist der Vater! schrie eine Stimme; und: er ist
Jeronimo Rugera! eine andere; und: sie sind die gotteslsterlichen
Menschen! eine dritte; und: steinigt sie! steinigt sie! die ganze im
Tempel Jesu versammelte Christenheit!  Drauf jetzt Jeronimo: Halt!
Ihr Unmenschlichen!  Wenn ihr den Jeronimo Rugera sucht: hier ist er!
Befreit jenen Mann, welcher unschuldig ist!-Der wtende Haufen,
durch die uerung Jeronimos verwirrt, stutzte; mehrere Hnde lieen
Don Fernando los; und da in demselben Augenblick ein Marine-Offizier
von bedeutendem Rang herbeieilte, und, indem er sich durch den Tumult
drngte, fragte: Don Fernando Ormez!  Was ist Euch widerfahren? so
antwortete dieser, nun vllig befreit, mit wahrer heldenmtiger
Besonnenheit: "Ja, sehen Sie, Don Alonzo, die Mordknechte!  Ich wre
verloren gewesen, wenn dieser wrdige Mann sich nicht, die rasende
Menge zu beruhigen, fr Jeronimo Rugera ausgegeben htte.  Verhaften
Sie ihn, wenn Sie die Gte haben wollen, nebst dieser jungen Dame, zu
ihrer beiderseitigen Sicherheit; und diesen Nichtswrdigen", indem er
Meister Pedrillo ergriff, "der den ganzen Aufruhr angezettelt hat!"
Der Schuster rief: Don Alonzo Onoreja, ich frage Euch auf Euer
Gewissen, ist dieses Mdchen nicht Josephe Asteron?  Da nun Don
Alonzo, welcher Josephen sehr genau kannte, mit der Antwort zauderte,
und mehrere Stimmen, dadurch von neuem zur Wut entflammt, riefen: sie
ists, sie ists! und: bringt sie zu Tode! so setzte Josephe den
kleinen Philipp, den Jeronimo bisher getragen hatte, samt dem kleinen
Juan, auf Don Fernandos Arm, und sprach: gehn Sie, Don Fernando,
retten Sie Ihre beiden Kinder, und berlassen Sie uns unserm
Schicksale!

Don Fernando nahm die beiden Kinder und sagte: er wolle eher umkommen,
als zugeben, da seiner Gesellschaft etwas zu Leide geschehe.  Er
bot Josephen, nachdem er sich den Degen des Marine-Offiziers
ausgebeten hatte, den Arm, und forderte das hintere Paar auf, ihm zu
folgen.  Sie kamen auch wirklich, indem man ihnen, bei solchen
Anstalten, mit hinlnglicher Ehrerbietigkeit Platz machte, aus der
Kirche heraus, und glaubten sich gerettet.  Doch kaum waren sie auf
den von Menschen gleichfalls erfllten Vorplatz derselben getreten,
als eine Stimme aus dem rasenden Haufen, der sie verfolgt hatte, rief:
dies ist Jeronimo Rugera, ihr Brger, denn ich bin sein eigner Vater!
und ihn an Donna Constanzens Seite mit einem ungeheuren
Keulenschlage zu Boden streckte.  Jesus Maria! rief Donna Constanze,
und floh zu ihrem Schwager; doch: Klostermetze! erscholl es schon,
mit einem zweiten Keulenschlage, von einer andern Seite, der sie
leblos neben Jeronimo niederwarf.  Ungeheuer! rief ein Unbekannter:
dies war Donna Constanze Xares!  Warum belogen sie uns! antwortete
der Schuster; sucht die rechte auf, und bringt sie um!  Don Fernando,
als er Constanzens Leichnam erblickte, glhte vor Zorn; er zog und
schwang das Schwert, und hieb, da er ihn gespalten htte, den
fanatischen Mordknecht, der diese Greuel veranlate, wenn derselbe
nicht, durch eine Wendung, dem wtenden Schlag entwichen wre.  Doch
da er die Menge, die auf ihn eindrang, nicht berwltigen konnte:
leben Sie wohl, Don Fernando mit den Kindern! rief Josephe--und: hier
mordet mich, ihr blutdrstenden Tiger! und strzte sich freiwillig
unter sie, um dem Kampf ein Ende zu machen.  Meister Pedrillo schlug
sie mit der Keule nieder.  Darauf ganz mit ihrem Blute besprtzt:
schickt ihr den Bastard zur Hlle nach! rief er, und drang, mit noch
ungesttigter Mordlust, von neuem vor.

Don Fernando, dieser gttliche Held, stand jetzt, den Rcken an die
Kirche gelehnt; in der Linken hielt er die Kinder, in der Rechten das
Schwert.  Mit jedem Hiebe wetterstrahlte er einen zu Boden; ein Lwe
wehrt sich nicht besser.  Sieben Bluthunde lagen tot vor ihm, der
Frst der satanischen Rotte selbst war verwundet.  Doch Meister
Pedrillo ruhte nicht eher, als bis er der Kinder eines bei den Beinen
von seiner Brust gerissen, und, hochher im Kreise geschwungen, an
eines Kirchpfeilers Ecke zerschmettert hatte.  Hierauf ward es still,
und alles entfernte sich.  Don Fernando, als er seinen kleinen Juan
vor sich liegen sah, mit aus dem Hirne vorquellenden Mark, hob, voll
namenlosen Schmerzes, seine Augen gen Himmel.

Der Marine-Offizier fand sich wieder bei ihm ein, suchte ihn zu
trsten, und versicherte ihn, da seine Unttigkeit bei diesem
Unglck, obschon durch mehrere Umstnde gerechtfertigt, ihn reue;
doch Don Fernando sagte, da ihm nichts vorzuwerfen sei, und bat ihn
nur, die Leichname jetzt fortschaffen zu helfen.  Man trug sie alle,
bei der Finsternis der einbrechenden Nacht, in Don Alonzos Wohnung,
wohin Don Fernando ihnen, viel ber das Antlitz des kleinen Philipp
weinend, folgte.  Er bernachtete auch bei Don Alonzo, und sumte
lange, unter falschen Vorspiegelungen, seine Gemahlin von dem ganzen
Umfang des Unglcks zu unterrichten; einmal, weil sie krank war, und
dann, weil er auch nicht wute, wie sie sein Verhalten bei dieser
Begebenheit beurteilen wrde; doch kurze Zeit nachher, durch einen
Besuch zufllig von allem, was geschehen war, benachrichtigt, weinte
diese treffliche Dame im Stillen ihren mtterlichen Schmerz aus, und
fiel ihm mit dem Rest einer erglnzenden Trne eines Morgens um den
Hals und kte ihn.  Don Fernando und Donna Elvire nahmen hierauf den
kleinen Fremdling zum Pflegesohn an; und wenn Don Fernando Philippen
mit Juan verglich, und wie er beide erworben hatte, so war es ihm
fast, als mt er sich freuen.




Der Findling


Antonio Piachi, ein wohlhabender Gterhndler in Rom, war gentigt,
in seinen Handelsgeschften zuweilen groe Reisen zu machen.  Er
pflegte dann gewhnlich Elvire, seine junge Frau, unter dem Schutz
ihrer Verwandten, daselbst zurckzulassen.  Eine dieser Reisen fhrte
ihn mit seinem Sohn Paolo, einem eilfjhrigen Knaben, den ihm seine
erste Frau geboren hatte, nach Ragusa.  Es traf sich, da hier eben
eine pestartige Krankheit ausgebrochen war, welche die Stadt und
Gegend umher in groes Schrecken setzte.  Piachi, dem die Nachricht
davon erst auf der Reise zu Ohren gekommen war, hielt in der Vorstadt
an, um sich nach der Natur derselben zu erkundigen.  Doch da er hrte,
da das bel von Tage zu Tage bedenklicher werde, und da man damit
umgehe, die Tore zu sperren; so berwand die Sorge fr seinen Sohn
alle kaufmnnischen Interessen: er nahm Pferde und reisete wieder ab.

Er bemerkte, da er im Freien war, einen Knaben neben seinem Wagen,
der, nach Art der Flehenden, die Hnde zu ihm ausstreckte und in
groer Gemtsbewegung zu sein schien.  Piachi lie halten; und auf
die Frage: was er wolle? antwortete der Knabe in seiner Unschuld: er
sei angesteckt; die Hscher verfolgten ihn, um ihn ins Krankenhaus zu
bringen, wo sein Vater und seine Mutter schon gestorben wren; er
bitte um aller Heiligen willen, ihn mitzunehmen, und nicht in der
Stadt umkommen zu lassen.  Dabei fate er des Alten Hand, drckte und
kte sie und weinte darauf nieder.  Piachi wollte in der ersten
Regung des Entsetzens, den Jungen weit von sich schleudern; doch da
dieser, in eben diesem Augenblick, seine Farbe vernderte und
ohnmchtig auf den Boden niedersank, so regte sich des guten Alten
Mitleid: er stieg mit seinem Sohn aus, legte den Jungen in den Wagen,
und fuhr mit ihm fort, obschon er auf der Welt nicht wute, was er
mit demselben anfangen sollte.

Er unterhandelte noch, in der ersten Station, mit den Wirtsleuten,
ber die Art und Weise, wie er seiner wieder los werden knne: als er
schon auf Befehl der Polizei, welche davon Wind bekommen hatte,
arretiert und unter einer Bedeckung, er, sein Sohn und Nicolo, so
hie der kranke Knabe, wieder nach Ragusa zurck transportiert ward.
Alle Vorstellungen von Seiten Piachis, ber die Grausamkeit dieser
Maregel, halfen zu nichts; in Ragusa angekommen, wurden nunmehr alle
drei, unter Aufsicht eines Hschers, nach dem Krankenhause abgefhrt,
wo er zwar, Piachi, gesund blieb, und Nicolo, der Knabe, sich von dem
bel wieder erholte: sein Sohn aber, der eilfjhrige Paolo, von
demselben angesteckt ward, und in drei Tagen starb.

Die Tore wurden nun wieder geffnet und Piachi, nachdem er seinen
Sohn begraben hatte, erhielt von der Polizei Erlaubnis, zu reisen.
Er bestieg eben, sehr von Schmerz bewegt, den Wagen und nahm, bei dem
Anblick des Platzes, der neben ihm leer blieb, sein Schnupftuch
heraus, um seine Trnen flieen zu lassen: als Nicolo, mit der Mtze
in der Hand, an seinen Wagen trat und ihm eine glckliche Reise
wnschte.  Piachi beugte sich aus dem Schlage heraus und fragte ihn,
mit einer von heftigem Schluchzen unterbrochenen Stimme: ob er mit
ihm reisen wollte?  Der Junge, sobald er den Alten nur verstanden
hatte, nickte und sprach: o ja! sehr gern; und da die Vorsteher des
Krankenhauses, auf die Frage des Gterhndlers: ob es dem Jungen wohl
erlaubt wre, einzusteigen? lchelten und versicherten: da er Gottes
Sohn wre und niemand ihn vermissen wrde; so hob ihn Piachi, in
einer groen Bewegung, in den Wagen, und nahm ihn, an seines Sohnes
Statt, mit sich nach Rom.

Auf der Strae, vor den Toren der Stadt, sah sich der Landmkler den
Jungen erst recht an.  Er war von einer besonderen, etwas starren
Schnheit, seine schwarzen Haare hingen ihm, in schlichten Spitzen,
von der Stirn herab, ein Gesicht beschattend, das, ernst und klug,
seine Mienen niemals vernderte.  Der Alte tat mehrere Fragen an ihn,
worauf jener aber nur kurz antwortete: ungesprchig und in sich
gekehrt sa er, die Hnde in die Hosen gesteckt, im Winkel da, und
sah sich, mit gedankenvoll scheuen Blicken, die Gegenstnde an, die
an dem Wagen vorberflogen.  Von Zeit zu Zeit holte er sich, mit
stillen und geruschlosen Bewegungen, eine Handvoll Nsse aus der
Tasche, die er bei sich trug, und whrend Piachi sich die Trnen vom
Auge wischte, nahm er sie zwischen die Zhne und knackte sie auf.

In Rom stellte ihn Piachi, unter einer kurzen Erzhlung des Vorfalls,
Elviren, seiner jungen trefflichen Gemahlin vor, welche sich zwar
nicht enthalten konnte, bei dem Gedanken an Paolo, ihren kleinen
Stiefsohn, den sie sehr geliebt hatte, herzlich zu weinen; gleichwohl
aber den Nicolo, so fremd und steif er auch vor ihr stand, an ihre
Brust drckte, ihm das Bette, worin jener geschlafen hatte, zum Lager
anwies, und smtliche Kleider desselben zum Geschenk machte.  Piachi
schickte ihn in die Schule, wo er Schreiben, Lesen und Rechnen lernte,
und da er, auf eine leicht begreifliche Weise, den Jungen in dem
Mae lieb gewonnen, als er ihm teuer zu stehen gekommen war, so
adoptierte er ihn, mit Einwilligung der guten Elvire, welche von dem
Alten keine Kinder mehr zu erhalten hoffen konnte, schon nach wenigen
Wochen, als seinen Sohn.  Er dankte spterhin einen Kommis ab, mit
dem er, aus mancherlei Grnden, unzufrieden war, und hatte, da er den
Nicolo, statt seiner, in dem Kontor anstellte, die Freude zu sehn,
da derselbe die weitluftigen Geschfte, in welchen er verwickelt
war, auf das ttigste und vorteilhafteste verwaltete.  Nichts hatte
der Vater, der ein geschworner Feind aller Bigotterie war, an ihm
auszusetzen, als den Umgang mit den Mnchen des Karmeliterklosters,
die dem jungen Mann, wegen des betrchtlichen Vermgens das ihm einst,
aus der Hinterlassenschaft des Alten, zufallen sollte, mit groer
Gunst zugetan waren; und nichts ihrerseits die Mutter, als einen frh,
wie es ihr schien, in der Brust desselben sich regenden Hang fr das
weibliche Geschlecht.  Denn schon in seinem funfzehnten Jahre, war er,
bei Gelegenheit dieser Mnchsbesuche, die Beute der Verfhrung einer
gewissen Xaviera Tartini, Beischlferin ihres Bischofs, geworden, und
ob er gleich, durch die strenge Forderung des Alten gentigt, diese
Verbindung zerri, so hatte Elvire doch mancherlei Grnde zu glauben,
da seine Enthaltsamkeit auf diesem gefhrlichen Felde nicht eben
gro war.  Doch da Nicolo sich, in seinem zwanzigsten Jahre, mit
Constanza Parquet, einer jungen liebenswrdigen Genueserin, Elvirens
Nichte, die unter ihrer Aufsicht in Rom erzogen wurde, vermhlte, so
schien wenigstens das letzte bel damit an der Quelle verstopft;
beide Eltern vereinigten sich in der Zufriedenheit mit ihm, und um
ihm davon einen Beweis zu geben, ward ihm eine glnzende Ausstattung
zuteil, wobei sie ihm einen betrchtlichen Teil ihres schnen und
weitluftigen Wohnhauses einrumten.  Kurz, als Piachi sein
sechzigstes Jahr erreicht hatte, tat er das Letzte und uerste, was
er fr ihn tun konnte: er berlie ihm, auf gerichtliche Weise, mit
Ausnahme eines kleinen Kapitals, das er sich vorbehielt, das ganze
Vermgen, das seinem Gterhandel zum Grunde lag, und zog sich, mit
seiner treuen, trefflichen Elvire, die wenige Wnsche in der Welt
hatte, in den Ruhestand zurck.

Elvire hatte einen stillen Zug von Traurigkeit im Gemt, der ihr aus
einem rhrenden Vorfall, aus der Geschichte ihrer Kindheit,
zurckgeblieben war.  Philippo Parquet, ihr Vater, ein bemittelter
Tuchfrber in Genua, bewohnte ein Haus, das, wie es sein Handwerk
erforderte, mit der hinteren Seite hart an den, mit Quadersteinen
eingefaten, Rand des Meeres stie; groe, am Giebel eingefugte
Balken, an welchen die gefrbten Tcher aufgehngt wurden, liefen,
mehrere Ellen weit, ber die See hinaus.  Einst, in einer
unglcklichen Nacht, da Feuer das Haus ergriff, und gleich, als ob es
von Pech und Schwefel erbaut wre, zu gleicher Zeit in allen
Gemchern, aus welchen es zusammengesetzt war, emporknitterte,
flchtete sich, berall von Flammen geschreckt, die dreizehnjhrige
Elvire von Treppe zu Treppe, und befand sich, sie wute selbst nicht
wie, auf einem dieser Balken.  Das arme Kind wute, zwischen Himmel
und Erde schwebend, gar nicht, wie es sich retten sollte; hinter ihr
der brennende Giebel, dessen Glut, vom Winde gepeitscht, schon den
Balken angefressen hatte, und unter ihr die weite, de, entsetzliche
See.  Schon wollte sie sich allen Heiligen empfehlen und unter zwei
beln das kleinere whlend, in die Fluten hinabspringen; als
pltzlich ein junger Genueser, vom Geschlecht der Patrizier, am
Eingang erschien, seinen Mantel ber den Balken warf, sie umfate,
und sich, mit eben so viel Mut als Gewandtheit, an einem der feuchten
Tcher, die von dem Balken niederhingen, in die See mit ihr herablie.
Hier griffen Gondeln, die auf dem Hafen schwammen, sie auf, und
brachten sie, unter vielem Jauchzen des Volks, ans Ufer; doch es fand
sich, da der junge Held, schon beim Durchgang durch das Haus, durch
einen vom Gesims desselben herabfallenden Stein, eine schwere Wunde
am Kopf empfangen hatte, die ihn auch bald, seiner Sinne nicht
mchtig, am Boden niederstreckte.  Der Marquis, sein Vater, in dessen
Hotel er gebracht ward, rief, da seine Wiederherstellung sich in die
Lnge zog, rzte aus allen Gegenden Italiens herbei, die ihn zu
verschiedenen Malen trepanierten und ihm mehrere Knochen aus dem
Gehirn nahmen; doch alle Kunst war, durch eine unbegreifliche
Schickung des Himmels, vergeblich: er erstand nur selten an der Hand
Elvirens, die seine Mutter zu seiner Pflege herbeigerufen hatte, und
nach einem dreijhrigen hchst schmerzenvollen Krankenlager, whrend
dessen das Mdchen nicht von seiner Seite wich, reichte er ihr noch
einmal freundlich die Hand und verschied.

Piachi, der mit dem Hause dieses Herrn in Handelsverbindungen stand,
und Elviren eben dort, da sie ihn pflegte, kennen gelernt und zwei
Jahre darauf geheiratet hatte, htete sich sehr, seinen Namen vor ihr
zu nennen, oder sie sonst an ihn zu erinnern, weil er wute, da es
ihr schnes und empfindliches Gemt auf das heftigste bewegte.  Die
mindeste Veranlassung, die sie auch nur von fern an die Zeit
erinnerte, da der Jngling fr sie litt und starb, rhrte sie immer
bis zu Trnen, und alsdann gab es keinen Trost und keine Beruhigung
fr sie; sie brach, wo sie auch sein mochte, auf, und keiner folgte
ihr, weil man schon erprobt hatte, da jedes andere Mittel vergeblich
war, als sie still fr sich, in der Einsamkeit, ihren Schmerz
ausweinen zu lassen.  Niemand, auer Piachi, kannte die Ursache
dieser sonderbaren und hufigen Erschtterungen, denn niemals, so
lange sie lebte, war ein Wort, jene Begebenheit betreffend, ber ihre
Lippen gekommen.  Man war gewohnt, sie auf Rechnung eines berreizten
Nervensystems zu setzen, das ihr aus einem hitzigen Fieber, in
welches sie gleich nach ihrer Verheiratung verfiel, zurckgeblieben
war, und somit allen Nachforschungen ber die Veranlassung derselben
ein Ende zu machen.

Einstmals war Nicolo, mit jener Xaviera Tartini, mit welcher er,
trotz des Verbots des Vaters, die Verbindung nie ganz aufgegeben
hatte, heimlich, und ohne Vorwissen seiner Gemahlin, unter der
Vorspiegelung, da er bei einem Freund eingeladen sei, auf dem
Karneval gewesen und kam, in der Maske eines genuesischen Ritters,
die er zufllig gewhlt hatte, spt in der Nacht, da schon alles
schlief, in sein Haus zurck.  Es traf sich, da dem Alten pltzlich
eine Unplichkeit zugestoen war, und Elvire, um ihm zu helfen, in
Ermangelung der Mgde, aufgestanden, und in den Speisesaal gegangen
war, um ihm eine Flasche mit Essig zu holen.  Eben hatte sie einen
Schrank, der in dem Winkel stand, geffnet, und suchte, auf der Kante
eines Stuhles stehend, unter den Glsern und Caravinen umher: als
Nicolo die Tr sacht ffnete, und mit einem Licht, das er sich auf
dem Flur angesteckt hatte, mit Federhut, Mantel und Degen, durch den
Saal ging.  Harmlos, ohne Elviren zu sehen, trat er an die Tr, die
in sein Schlafgemach fhrte, und bemerkte eben mit Bestrzung, da
sie verschlossen war: als Elvire hinter ihm, mit Flaschen und Glsern,
die sie in der Hand hielt, wie durch einen unsichtbaren Blitz
getroffen, bei seinem Anblick von dem Schemel, auf welchem sie stand,
auf das Getfel des Bodens niederfiel.  Nicolo, von Schrecken bleich,
wandte sich um und wollte der Unglcklichen beispringen; doch da das
Gerusch, das sie gemacht hatte, notwendig den Alten herbeiziehen
mute, so unterdrckte die Besorgnis, einen Verweis von ihm zu
erhalten, alle andere Rcksichten: er ri ihr, mit verstrter
Beeiferung, ein Bund Schlssel von der Hfte, das sie bei sich trug,
und einen gefunden, der pate, warf er den Bund in den Saal zurck
und verschwand.  Bald darauf, da Piachi, krank wie er war, aus dem
Bette gesprungen war, und sie aufgehoben hatte, und auch Bediente und
Mgde, von ihm zusammengeklingelt, mit Licht erschienen waren, kam
auch Nicolo in seinem Schlafrock, und fragte, was vorgefallen sei;
doch da Elvire, starr vor Entsetzen, wie ihre Zunge war, nicht
sprechen konnte, und auer ihr nur er selbst noch Auskunft auf diese
Frage geben konnte, so blieb der Zusammenhang der Sache in ein ewiges
Geheimnis gehllt; man trug Elviren, die an allen Gliedern zitterte,
zu Bett, wo sie mehrere Tage lang an einem heftigen Fieber
darniederlag, gleichwohl aber durch die natrliche Kraft ihrer
Gesundheit den Zufall berwand, und bis auf eine sonderbare Schwermut,
die ihr zurckblieb, sich ziemlich wieder erholte.

So verflo ein Jahr, als Constanze, Nicolos Gemahlin, niederkam, und
samt dem Kinde, das sie geboren hatte, in den Wochen starb.  Dieser
Vorfall, bedauernswrdig an sich, weil ein tugendhaftes und
wohlerzogenes Wesen verloren ging, war es doppelt, weil er den beiden
Leidenschaften Nicolos, seiner Bigotterie und seinem Hange zu den
Weibern, wieder Tor und Tr ffnete.  Ganze Tage lang trieb er sich
wieder, unter dem Vorwand, sich zu trsten, in den Zellen der
Karmelitermnche umher, und gleichwohl wute man, da er whrend der
Lebzeiten seiner Frau, nur mit geringer Liebe und Treue an ihr
gehangen hatte.  Ja, Constanze war noch nicht unter der Erde, als
Elvire schon zur Abendzeit, in Geschften des bevorstehenden
Begrbnisses in sein Zimmer tretend, ein Mdchen bei ihm fand, das,
geschrzt und geschminkt, ihr als die Zofe der Xaviera Tartini nur zu
wohl bekannt war.  Elvire schlug bei diesem Anblick die Augen nieder,
kehrte sich, ohne ein Wort zu sagen, um, und verlie das Zimmer;
weder Piachi, noch sonst jemand, erfuhr ein Wort von diesem Vorfall,
sie begngte sich, mit betrbtem Herzen bei der Leiche Constanzens,
die den Nicolo sehr geliebt hatte, niederzuknieen und zu weinen.
Zufllig aber traf es sich, da Piachi, der in der Stadt gewesen war,
beim Eintritt in sein Haus dem Mdchen begegnete, und da er wohl
merkte, was sie hier zu schaffen gehabt hatte, sie heftig anging und
ihr halb mit List, halb mit Gewalt, den Brief, den sie bei sich trug,
abgewann.  Er ging auf sein Zimmer, um ihn zu lesen, und fand, was er
vorausgesehen hatte, eine dringende Bitte Nicolos an Xaviera, ihm,
behufs einer Zusammenkunft, nach der er sich sehne, geflligst Ort
und Stunde zu bestimmen.  Piachi setzte sich nieder und antwortete,
mit verstellter Schrift, im Namen Xavieras: "gleich, noch vor Nacht,
in der Magdalenenkirche."--siegelte diesen Zettel mit einem fremden
Wappen zu, und lie ihn, gleich als ob er von der Dame kme, in
Nicolos Zimmer abgeben.  Die List glckte vollkommen; Nicolo nahm
augenblicklich seinen Mantel, und begab sich in Vergessenheit
Constanzens, die im Sarg ausgestellt war, aus dem Hause.  Hierauf
bestellte Piachi, tief entwrdigt, das feierliche, fr den kommenden
Tag festgesetzte Leichenbegrbnis ab, lie die Leiche, so wie sie
ausgesetzt war, von einigen Trgern aufheben, und blo von Elviren,
ihm und einigen Verwandten begleitet, ganz in der Stille in dem
Gewlbe der Magdalenenkirche, das fr sie bereitet war, beisetzen.
Nicolo, der in dem Mantel gehllt, unter den Hallen der Kirche stand,
und zu seinem Erstaunen einen ihm wohlbekannten Leichenzug herannahen
sah, fragte den Alten, der dem Sarge folgte: was dies bedeute? und
wen man herantrge?  Doch dieser, das Gebetbuch in der Hand, ohne das
Haupt zu erheben, antwortete blo: Xaviera Tartini:--worauf die
Leiche, als ob Nicolo gar nicht gegenwrtig wre, noch einmal
entdeckelt, durch die Anwesenden gesegnet, und alsdann versenkt und
in dem Gewlbe verschlossen ward.

Dieser Vorfall, der ihn tief beschmte, erweckte in der Brust des
Unglcklichen einen brennenden Ha gegen Elviren; denn ihr glaubte er
den Schimpf, den ihm der Alte vor allem Volk angetan hatte, zu
verdanken zu haben.  Mehrere Tage lang sprach Piachi kein Wort mit
ihm; und da er gleichwohl, wegen der Hinterlassenschaft Constanzens,
seiner Geneigtheit und Geflligkeit bedurfte: so sah er sich gentigt,
an einem Abend des Alten Hand zu ergreifen und ihm mit der Miene der
Reue, unverzglich und auf immerdar, die Verabschiedung der Xaviera
anzugeloben.  Aber dies Versprechen war er wenig gesonnen zu halten;
vielmehr schrfte der Widerstand, den man ihm entgegen setzte, nur
seinen Trotz, und bte ihn in der Kunst, die Aufmerksamkeit des
redlichen Alten zu umgehen.  Zugleich war ihm Elvire niemals schner
vorgekommen, als in dem Augenblick, da sie, zu seiner Vernichtung,
das Zimmer, in welchem sich das Mdchen befand, ffnete und wieder
schlo.  Der Unwille, der sich mit sanfter Glut auf ihren Wangen
entzndete, go einen unendlichen Reiz ber ihr mildes, von Affekten
nur selten bewegtes Antlitz; es schien ihm unglaublich, da sie, bei
soviel Lockungen dazu, nicht selbst zuweilen auf dem Wege wandeln
sollte, dessen Blumen zu brechen er eben so schmhlich von ihr
gestraft worden war.  Er glhte vor Begierde, ihr, falls dies der
Fall sein sollte, bei dem Alten denselben Dienst zu erweisen, als sie
ihm, und bedurfte und suchte nichts, als die Gelegenheit, diesen
Vorsatz ins Werk zu richten.

Einst ging er, zu einer Zeit, da gerade Piachi auer dem Hause war,
an Elvirens Zimmer vorbei, und hrte, zu seinem Befremden, da man
darin sprach.  Von raschen, heimtckischen Hoffnungen durchzuckt,
beugte er sich mit Augen und Ohren gegen das Schlo nieder,
und--Himmel! was erblickte er?  Da lag sie, in der Stellung der
Verzckung, zu jemandes Fen, und ob er gleich die Person nicht
erkennen konnte, so vernahm er doch ganz deutlich, recht mit dem
Akzent der Liebe ausgesprochen, das geflsterte Wort: Colino.  Er
legte sich mit klopfendem Herzen in das Fenster des Korridors, von wo
aus er, ohne seine Absicht zu verraten, den Eingang des Zimmers
beobachten konnte; und schon glaubte er, bei einem Gerusch, das sich
ganz leise am Riegel erhob, den unschtzbaren Augenblick, da er die
Scheinheilige entlarven knne, gekommen: als, statt des Unbekannten
den er erwartete, Elvire selbst, ohne irgend eine Begleitung, mit
einem ganz gleichgltigen und ruhigen Blick, den sie aus der Ferne
auf ihn warf, aus dem Zimmer hervortrat.  Sie hatte ein Stck
selbstgewebter Leinwand unter dem Arm; und nachdem sie das Gemach,
mit einem Schlssel, den sie sich von der Hfte nahm, verschlossen
hatte, stieg sie ganz ruhig, die Hand ans Gelnder gelehnt, die
Treppe hinab.  Diese Verstellung, diese scheinbare Gleichgltigkeit,
schien ihm der Gipfel der Frechheit und Arglist, und kaum war sie ihm
aus dem Gesicht, als er schon lief, einen Hauptschlssel
herbeizuholen, und nachdem er die Umringung, mit scheuen Blicken, ein
wenig geprft hatte, heimlich die Tr des Gemachs ffnete.  Aber wie
erstaunte er, als er alles leer fand, und in allen vier Winkeln, die
er durchsphte, nichts, das einem Menschen auch nur hnlich war,
entdeckte: auer dem Bild eines jungen Ritters in Lebensgre, das in
einer Nische der Wand, hinter einem rotseidenen Vorhang, von einem
besondern Lichte bestrahlt, aufgestellt war.  Nicolo erschrak, er
wute selbst nicht warum: und eine Menge Gedanken fuhren ihm, den
groen Augen des Bildes, das ihn starr ansah, gegenber, durch die
Brust: doch ehe er sie noch gesammelt und geordnet hatte, ergriff ihn
schon Furcht, von Elviren entdeckt und gestraft zu werden; er schlo,
in nicht geringer Verwirrung, die Tr wieder zu, und entfernte sich.

Je mehr er ber diesen sonderbaren Vorfall nachdachte, je wichtiger
ward ihm das Bild, das er entdeckt hatte, und je peinlicher und
brennender war die Neugierde in ihm, zu wissen, wer damit gemeint sei.
Denn er hatte sie, im ganzen Umri ihrer Stellung auf Knieen liegen
gesehen, und es war nur zu gewi, da derjenige, vor dem dies
geschehen war, die Gestalt des jungen Ritters auf der Leinwand war.
In der Unruhe des Gemts, die sich seiner bemeisterte, ging er zu
Xaviera Tartini, und erzhlte ihr die wunderbare Begebenheit, die er
erlebt hatte.  Diese, die in dem Interesse, Elviren zu strzen, mit
ihm zusammentraf, indem alle Schwierigkeiten, die sie in ihrem Umgang
fanden, von ihr herrhrten, uerte den Wunsch, das Bild, das in dem
Zimmer derselben aufgestellt war, einmal zu sehen.  Denn einer
ausgebreiteten Bekanntschaft unter den Edelleuten Italiens konnte sie
sich rhmen, und falls derjenige, der hier in Rede stand, nur irgend
einmal in Rom gewesen und von einiger Bedeutung war, so durfte sie
hoffen, ihn zu kennen.  Es fgte sich auch bald, da die beiden
Eheleute Piachi, da sie einen Verwandten besuchen wollten, an einem
Sonntag auf das Land reiseten, und kaum wute Nicolo auf diese Weise
das Feld rein, als er schon zu Xavieren eilte, und diese mit einer
kleinen Tochter, die sie von dem Kardinal hatte, unter dem Vorwande,
Gemlde und Stickereien zu besehen, als eine fremde Dame in Elvirens
Zimmer fhrte.  Doch wie betroffen war Nicolo, als die kleine Klara
(so hie die Tochter), sobald er nur den Vorhang erhoben hatte,
ausrief: "Gott, mein Vater!  Signor Nicolo, wer ist das anders, als
Sie?"--Xaviera verstummte.  Das Bild, in der Tat, je lnger sie es
ansah, hatte eine auffallende hnlichkeit mit ihm: besonders wenn sie
sich ihn, wie ihrem Gedchtnis gar wohl mglich war, in dem
ritterlichen Aufzug dachte, in welchem er, vor wenigen Monaten,
heimlich mit ihr auf dem Karneval gewesen war.  Nocolo versuchte ein
pltzliches Errten, das sich ber seine Wangen ergo, wegzuspotten;
er sagte, indem er die Kleine kte: wahrhaftig, liebste Klara, das
Bild gleicht mir, wie du demjenigen, der sich deinen Vater glaubt!
--Doch Xaviera, in deren Brust das bittere Gefhl der Eifersucht rege
geworden war, warf einen Blick auf ihn; sie sagte, indem sie vor den
Spiegel trat, zuletzt sei es gleichgltig, wer die Person sei;
empfahl sich ihm ziemlich kalt und verlie das Zimmer.

Nicolo verfiel, sobald Xaviera sich entfernt hatte, in die
lebhafteste Bewegung ber diesen Auftritt.  Er erinnerte sich, mit
vieler Freude, der sonderbaren und lebhaften Erschtterung, in welche
er, durch die phantastische Erscheinung jener Nacht, Elviren versetzt
hatte.  Der Gedanke, die Leidenschaft dieser, als ein Muster der
Tugend umwandelnden Frau erweckt zu haben, schmeichelte ihn fast eben
so sehr, als die Begierde, sich an ihr zu rchen; und da sich ihm die
Aussicht erffnete, mit einem und demselben Schlage beide, das eine
Gelst, wie das andere, zu befriedigen, so erwartete er mit vieler
Ungeduld Elvirens Wiederkunft, und die Stunde, da ein Blick in ihr
Auge seine schwankende berzeugung krnen wrde.  Nichts strte ihn
in dem Taumel, der ihn ergriffen hatte, als die bestimmte Erinnerung,
da Elvire das Bild, vor dem sie auf Knieen lag, damals, als er sie
durch das Schlsselloch belauschte: Colino, genannt hatte; doch auch
in dem Klang dieses, im Lande nicht eben gebruchlichen Namens, lag
mancherlei, das sein Herz, er wute nicht warum, in se Trume
wiegte, und in der Alternative, einem von beiden Sinnen, seinem Auge
oder seinem Ohr zu mitrauen, neigte er sich, wie natrlich, zu
demjenigen hinber, der seiner Begierde am lebhaftesten schmeichelte.

Inzwischen kam Elvire erst nach Verlauf mehrer Tage von dem Lande
zurck, und da sie aus dem Hause des Vetters, den sie besucht hatte,
eine junge Verwandte mitbrachte, die sich in Rom umzusehen wnschte,
so warf sie, mit Artigkeiten gegen diese beschftigt, auf Nicolo, der
sie sehr freundlich aus dem Wagen hob, nur einen flchtigen
nichtsbedeutenden Blick.  Mehrere Wochen, der Gastfreundin, die man
bewirtete, aufgeopfert, vergingen in einer dem Hause ungewhnlichen
Unruhe; man besuchte, in- und auerhalb der Stadt, was einem Mdchen,
jung und lebensfroh, wie sie war, merkwrdig sein mochte; und Nicolo,
seiner Geschfte im Kontor halber, zu allen diesen kleinen Fahrten
nicht eingeladen, fiel wieder, in Bezug auf Elviren, in die belste
Laune zurck.  Er begann wieder, mit den bittersten und qulendsten
Gefhlen, an den Unbekannten zurck zu denken, den sie in heimlicher
Ergebung vergtterte; und dies Gefhl zerri besonders am Abend der
lngst mit Sehnsucht erharrten Abreise jener jungen Verwandten sein
verwildertes Herz, da Elvire, statt nun mit ihm zu sprechen,
schweigend, whrend einer ganzen Stunde, mit einer kleinen,
weiblichen Arbeit beschftigt, am Speisetisch sa.  Es traf sich, da
Piachi, wenige Tage zuvor, nach einer Schachtel mit kleinen,
elfenbeinernen Buchstaben gefragt hatte, vermittelst welcher Nicolo
in seiner Kindheit unterrichtet worden, und die dem Alten nun, weil
sie niemand mehr brauchte, in den Sinn gekommen war, an ein kleines
Kind in der Nachbarschaft zu verschenken.  Die Magd, der man
aufgegeben hatte, sie, unter vielen anderen, alten Sachen,
aufzusuchen, hatte inzwischen nicht mehr gefunden, als die sechs, die
den Namen: Nicolo ausmachen; wahrscheinlich weil die andern, ihrer
geringeren Beziehung auf den Knaben wegen, minder in Acht genommen
und, bei welcher Gelegenheit es sei, verschleudert worden waren.  Da
nun Nicolo die Lettern, welche seit mehreren Tagen auf dem Tisch
lagen, in die Hand nahm, und whrend er, mit dem Arm auf die Platte
gesttzt, in trben Gedanken brtete, damit spielte, fand
er--zufllig, in der Tat, selbst, denn er erstaunte darber, wie er
noch in seinem Leben nicht getan--die Verbindung heraus, welche den
Namen: Colino bildet.  Nicolo, dem diese logogriphische Eigenschaft
seines Namens fremd war, warf, von rasenden Hoffnungen von neuem
getroffen, einen ungewissen und scheuen Blick auf die ihm zur Seite
sitzende Elvire.  Die bereinstimmung, die sich zwischen beiden
Wrtern angeordnet fand, schien ihm mehr als ein bloer Zufall, er
erwog, in unterdrckter Freude, den Umfang dieser sonderbaren
Entdeckung, und harrte, die Hnde vom Tisch genommen, mit klopfendem
Herzen des Augenblicks, da Elvire aufsehen und den Namen, der offen
da lag, erblicken wrde.  Die Erwartung, in der er stand, tuschte
ihn auch keineswegs; denn kaum hatte Elvire, in einem migen Moment,
die Aufstellung der Buchstaben bemerkt, und harmlos und gedankenlos,
weil sie ein wenig kurzsichtig war, sich nher darber hingebeugt, um
sie zu lesen: als sie schon Nicolos Antlitz, der in scheinbarer
Gleichgltigkeit darauf niedersah, mit einem sonderbar beklommenen
Blick berflog, ihre Arbeit, mit einer Wehmut, die man nicht
beschreiben kann, wieder aufnahm, und, unbemerkt wie sie sich glaubte,
eine Trne nach der anderen, unter sanftem Errten, auf ihren Scho
fallen lie.  Nicolo, der alle diese innerlichen Bewegungen, ohne sie
anzusehen, beobachtete, zweifelte gar nicht mehr, da sie unter
dieser Versetzung der Buchstaben nur seinen eignen Namen verberge.
Er sah sie die Buchstaben mit einemmal sanft bereinander schieben,
und seine wilden Hoffnungen erreichten den Gipfel der Zuversicht, als
sie aufstand, ihre Handarbeit weglegte und in ihr Schlafzimmer
verschwand.  Schon wollte er aufstehen und ihr dahin folgen: als
Piachi eintrat, und von einer Hausmagd, auf die Frage, wo Elvire sei?
zur Antwort erhielt: "da sie sich nicht wohl befinde und sich auf
das Bett gelegt habe." Piachi, ohne eben groe Bestrzung zu zeigen,
wandte sich um, und ging, um zu sehen, was sie mache; und da er nach
einer Viertelstunde, mit der Nachricht, da sie nicht zu Tische
kommen wrde, wiederkehrte und weiter kein Wort darber verlor: so
glaubte Nicolo den Schlssel zu allen rtselhaften Auftritten dieser
Art, die er erlebt hatte, gefunden zu haben.

Am andern Morgen, da er, in seiner schndlichen Freude, beschftigt
war, den Nutzen, den er aus dieser Entdeckung zu ziehen hoffte, zu
berlegen, erhielt er ein Billet von Xavieren, worin sie ihn bat, zu
ihr zu kommen, indem sie ihm, Elviren betreffend, etwas, das ihm
interessant sein wrde, zu erffnen htte.  Xaviera stand, durch den
Bischof, der sie unterhielt, in der engsten Verbindung mit den
Mnchen des Karmeliterklosters; und da seine Mutter in diesem Kloster
zur Beichte ging, so zweifelte er nicht, da es jener mglich gewesen
wre, ber die geheime Geschichte ihrer Empfindungen Nachrichten, die
seine unnatrlichen Hoffnungen besttigen konnten, einzuziehen.  Aber
wie unangenehm, nach einer sonderbaren schalkhaften Begrung
Xavierens, ward er aus der Wiege genommen, als sie ihn lchelnd auf
den Diwan, auf welchem sie sa, niederzog, und ihm sagte: sie msse
ihm nur erffnen, da der Gegenstand von Elvirens Liebe ein, schon
seit zwlf Jahren, im Grabe schlummernder Toter sei.--Aloysius,
Marquis von Montferrat, dem ein Oheim zu Paris, bei dem er erzogen
worden war, den Zunamen Collin, spterhin in Italien scherzhafter
Weise in Colino umgewandelt, gegeben hatte, war das Original des
Bildes, das er in der Nische, hinter dem rotseidenen Vorhang, in
Elvirens Zimmer entdeckt hatte; der junge, genuesische Ritter, der
sie, in ihrer Kindheit, auf so edelmtige Weise aus dem Feuer
gerettet und an den Wunden, die er dabei empfangen hatte, gestorben
war.--Sie setzte hinzu, da sie ihn nur bitte, von diesem Geheimnis
weiter keinen Gebrauch zu machen, indem es ihr, unter dem Siegel der
uersten Verschwiegenheit, von einer Person, die selbst kein
eigentliches Recht darber habe, im Karmeliterkloster anvertraut
worden sei.  Nicolo versicherte, indem Blsse und Rte auf seinem
Gesicht wechselten, da sie nichts zu befrchten habe; und gnzlich
auer Stand, wie er war, Xavierens schelmischen Blicken gegenber,
die Verlegenheit, in welche ihn diese Erffnung gestrzt hatte, zu
verbergen, schtzte er ein Geschft vor, das ihn abrufe, nahm, unter
einem hlichen Zucken seiner Oberlippe, seinen Hut, empfahl sich und
ging ab.

Beschmung, Wollust und Rache vereinigten sich jetzt, um die
abscheulichste Tat, die je verbt worden ist, auszubrten.  Er fhlte
wohl, da Elvirens reiner Seele nur durch einen Betrug beizukommen
sei; und kaum hatte ihm Piachi, der auf einige Tage aufs Land ging,
das Feld gerumt, als er auch schon Anstalten traf, den satanischen
Plan, den er sich ausgedacht hatte, ins Werk zu richten.  Er besorgte
sich genau denselben Anzug wieder, in welchem er, vor wenig Monaten,
da er zur Nachtzeit heimlich vom Karneval zurckkehrte, Elviren
erschienen war; und Mantel, Kollett und Federhut, genuesischen
Zuschnittts, genau so, wie sie das Bild trug, umgeworfen, schlich er
sich, kurz vor dem Schlafengehen, in Elvirens Zimmer, hing ein
schwarzes Tuch ber das in der Nische stehende Bild, und wartete,
einen Stab in der Hand, ganz in der Stellung des gemalten jungen
Patriziers, Elvirens Vergtterung ab.  Er hatte auch, im Scharfsinn
seiner schndlichen Leidenschaft, ganz richtig gerechnet; denn kaum
hatte Elvire, die bald darauf eintrat, nach einer stillen und ruhigen
Entkleidung, wie sie gewhnlich zu tun pflegte, den seidnen Vorhang,
der die Nische bedeckte, erffnet und ihn erblickt: als sie schon:
Colino!  Mein Geliebter! rief und ohnmchtig auf das Getfel des
Bodens niedersank.  Nicolo trat aus der Nische hervor; er stand einen
Augenblick, im Anschauen ihrer Reize versunken, und betrachtete ihre
zarte, unter dem Ku des Todes pltzlich erblassende Gestalt: hob sie
aber bald, da keine Zeit zu verlieren war, in seinen Armen auf, und
trug sie, indem er das schwarze Tuch von dem Bild herabri, auf das
im Winkel des Zimmers stehende Bett.  Dies abgetan, ging er, die Tr
zu verriegeln, fand aber, da sie schon verschlossen war; und sicher,
da sie auch nach Wiederkehr ihrer verstrten Sinne, seiner
phantastischen, dem Ansehen nach berirdischen Erscheinung keinen
Widerstand leisten wrde, kehrte er jetzt zu dem Lager zurck, bemht,
sie mit heien Kssen auf Brust und Lippen aufzuwecken.  Aber die
Nemesis, die dem Frevel auf dem Fu folgt, wollte, da Piachi, den
der Elende noch auf mehrere Tage entfernt glaubte, unvermutet, in
eben dieser Stunde, in seine Wohnung zurckkehren mute; leise, da er
Elviren schon schlafen glaubte, schlich er durch den Korridor heran,
und da er immer den Schlssel bei sich trug, so gelang es ihm,
pltzlich, ohne da irgend ein Gerusch ihn angekndigt htte, in das
Zimmer einzutreten.  Nicolo stand wie vom Donner gerhrt; er warf
sich, da seine Bberei auf keine Weise zu bemnteln war, dem Alten zu
Fen, und bat ihn, unter der Beteurung, den Blick nie wieder zu
seiner Frau zu erheben, um Vergebung.  Und in der Tat war der Alte
auch geneigt, die Sache still abzumachen; sprachlos, wie ihn einige
Worte Elvirens gemacht hatten, die sich von seinen Armen umfat, mit
einem entsetzlichen Blick, den sie auf den Elenden warf, erholt hatte,
nahm er blo, indem er die Vorhnge des Bettes, auf welchem sie
ruhte, zuzog, die Peitsche von der Wand, ffnete ihm die Tr und
zeigte ihm den Weg, den er unmittelbar wandern sollte.  Doch dieser,
eines Tartffe vllig wrdig, sah nicht sobald, da auf diesem Wege
nichts auszurichten war, als er pltzlich vom Fuboden erstand und
erklrte: an ihm, dem Alten, sei es, das Haus zu rumen, denn er
durch vollgltige Dokumente eingesetzt, sei der Besitzer und werde
sein Recht, gegen wen immer auf der Welt es sei, zu behaupten wissen!
--Piachi traute seinen Sinnen nicht; durch diese unerhrte Frechheit
wie entwaffnet, legte er die Peitsche weg, nahm Hut und Stock, lief
augenblicklich zu seinem alten Rechtsfreund, dem Doktor Valerio,
klingelte eine Magd heraus, die ihm ffnete, und fiel, da er sein
Zimmer erreicht hatte, bewutlos, noch ehe er ein Wort vorgebracht
hatte, an seinem Bette nieder.  Der Doktor, der ihn und spterhin
auch Elviren in seinem Hause aufnahm, eilte gleich am andern Morgen,
die Festsetzung des hllischen Bsewichts, der mancherlei Vorteile
fr sich hatte, auszuwirken; doch whrend Piachi seine machtlosen
Hebel ansetzte, ihn aus den Besitzungen, die ihm einmal zugeschrieben
waren, wieder zu verdrngen, flog jener schon mit einer Verschreibung
ber den ganzen Inbegriff derselben, zu den Karmelitermnchen, seinen
Freunden, und forderte sie auf, ihn gegen den alten Narren, er ihn
daraus vertreiben wolle, zu beschtzen.  Kurz, da er Xavieren, welche
der Bischof los zu sein wnschte, zu heiraten willigte, siegte die
Bosheit, und die Regierung erlie, auf Vermittelung dieses
geistlichen Herrn, ein Dekret, in welchem Nicolo in den Besitz
besttigt und dem Piachi aufgegeben ward, ihn nicht darin zu
belstigen.

Piachi hatte gerade Tags zuvor die unglckliche Elvire begraben, die
an den Folgen eines hitzigen Fiebers, das ihr jener Vorfall zugezogen
hatte, gestorben war.  Durch diesen doppelten Schmerz gereizt, ging
er, das Dekret in der Tasche, in das Haus, und stark, wie die Wut ihn
machte, warf er den von Natur schwcheren Nicolo nieder und drckte
ihm das Gehirn an der Wand ein.  Die Leute die im Hause waren,
bemerkten ihn nicht eher, als bis die Tat geschehen war; sie fanden
ihn noch, da er den Nicolo zwischen den Knien hielt, und ihm das
Dekret in den Mund stopfte.  Dies abgemacht, stand er, indem er alle
seine Waffen abgab, auf; ward ins Gefngnis gesetzt, verhrt und
verurteilt, mit dem Strange vom Leben zum Tode gebracht zu werden.

In dem Kirchenstaat herrscht ein Gesetz, nach welchem kein Verbrecher
zum Tode gefhrt werden kann, bevor er die Absolution empfangen.
Piachi, als ihm der Stab gebrochen war, verweigerte sich hartnckig
der Absolution.  Nachdem man vergebens alles, was die Religion an die
Hand gab, versucht hatte, ihm die Strafwrdigkeit seiner Handlung
fhlbar zu machen, hoffte man, ihn durch den Anblick des Todes, der
seiner wartete, in das Gefhl der Reue hineinzuschrecken, und fhrte
ihn nach dem Galgen hinaus.  Hier stand ein Priester und schilderte
ihm, mit der Lunge der letzten Posaune, alle Schrecknisse der Hlle,
in die seine Seele hinabzufahren im Begriff war; dort ein anderer,
den Leib des Herrn, das heilige Entshnungsmittel in der Hand, und
pries ihm die Wohnungen des ewigen Friedens.--"Willst du der Wohltat
der Erlsung teilhaftig werden?" fragten ihn beide.  "Willst du das
Abendmahl empfangen?"--Nein, antwortete Piachi.--"Warum nicht?"--Ich
will nicht selig sein.  Ich will in den untersten Grund der Hlle
hinabfahren.  Ich will den Nicolo, der nicht im Himmel sein wird,
wiederfinden, und meine Rache, die ich hier nur unvollstndig
befriedigen konnte, wieder aufnehmen!--Und damit bestieg er die
Leiter und forderte den Nachrichter auf, sein Amt zu tun.  Kurz, man
sah sich gentigt, mit der Hinrichtung einzuhalten, und den
Unglcklichen, den das Gesetz in Schutz nahm, wieder in das Gefngnis
zurckzufhren.  Drei hinter einander folgende Tage machte man
dieselben Versuche und immer mit demselben Erfolg.  Als er am dritten
Tage wieder, ohne an den Galgen geknpft zu werden, die Leiter
herabsteigen mute: hob er, mit einer grimmigen Gebrde, die Hnde
empor, das unmenschliche Gesetz verfluchend, das ihn nicht zur Hlle
fahren lassen wolle.  Er rief die ganze Schar der Teufel herbei, ihn
zu holen, verschwor sich, sein einziger Wunsch sei, gerichtet und
verdammt zu werden, und versicherte, er wrde noch dem ersten, besten
Priester an den Hals kommen, um des Nicolo in der Hlle wieder
habhaft zu werden!--Als man dem Papst dies meldete, befahl er, ihn
ohne Absolution hinzurichten; kein Priester begleitete ihn, man
knpfte ihn, ganz in der Stille, auf dem Platz del popolo auf.




Der Zweikampf


Herzog Wilhelm von Breysach, der, seit seiner heimlichen Verbindung
mit einer Grfin, namens Katharina von Heersbruck, aus dem Hause
Alt-Hningen, die unter seinem Range zu sein schien, mit seinem
Halbbruder, dem Grafen Jakob dem Rotbart, in Feindschaft lebte, kam
gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da die Nacht des heiligen
Remigius zu dmmern begann, von einer in Worms mit dem deutschen
Kaiser abgehaltenen Zusammenkunft zurck, worin er sich von diesem
Herrn, in Ermangelung ehelicher Kinder, die ihm gestorben waren, die
Legitimation eines, mit seiner Gemahlin vor der Ehe erzeugten,
natrlichen Sohnes, des Grafen Philipp von Hningen, ausgewirkt hatte.
Freudiger, als whrend des ganzen Laufs seiner Regierung in die
Zukunft blickend, hatte er schon den Park, der hinter seinem Schlosse
lag, erreicht: als pltzlich ein Pfeilschu aus dem Dunkel der
Gebsche hervorbrach, und ihm, dicht unter dem Brustknochen, den Leib
durchbohrte.  Herr Friedrich von Trota, sein Kmmerer, brachte ihn,
ber diesen Vorfall uerst betroffen, mit Hlfe einiger andern
Ritter, in das Schlo, wo er nur noch, in Armen seiner bestrzten
Gemahlin, die Kraft hatte, einer Versammlung von Reichsvasallen, die
schleunigst, auf Veranstaltung der letztern, zusammenberufen worden
war, die kaiserliche Legitimationsakte vorzulegen; und nachdem, nicht
ohne lebhaften Widerstand, indem, in Folge des Gesetzes, die Krone an
seinen Halbbruder, den Grafen Jakob den Rotbart, fiel, die Vasallen
seinen letzten bestimmten Willen erfllt, und unter dem Vorbehalt,
die Genehmigung des Kaisers einzuholen, den Grafen Philipp als
Thronerben, die Mutter aber, wegen Minderjhrigkeit desselben, als
Vormnderin und Regentin anerkannt hatten: legte er sich nieder und
starb.

Die Herzogin bestieg nun, ohne weiteres, unter einer bloen Anzeige,
die sie, durch einige Abgeordnete, an ihren Schwager, den Grafen
Jakob den Rotbart, tun lie, den Thron; und was mehrere Ritter des
Hofes, welche die abgeschlossene Gemtsart des letzteren zu
durchschauen meinten, vorausgesagt hatten, das traf, wenigstens dem
ueren Anschein nach, ein: Jakob der Rotbart verschmerzte, in kluger
Erwgung der obwaltenden Umstnde, das Unrecht, das ihm sein Bruder
zugefgt hatte; zum mindesten enthielt er sich aller und jeder
Schritte, den letzten Willen des Herzogs umzustoen, und wnschte
seinem jungen Neffen zu dem Thron, den er erlangt hatte, von Herzen
Glck.  Er beschrieb den Abgeordneten, die er sehr heiter und
freundlich an seine Tafel zog, wie er seit dem Tode seiner Gemahlin,
die ihm ein knigliches Vermgen hinterlassen, frei und unabhngig
auf seiner Burg lebe; wie er die Weiber der angrenzenden Edelleute,
seinen eignen Wein, und, in Gesellschaft munterer Freunde, die Jagd
liebe, und wie ein Kreuzzug nach Palstina, auf welchem er die Snden
einer raschen Jugend, auch leider, wie er zugab, im Alter noch
wachsend, abzuben dachte, die ganze Unternehmung sei, auf die er
noch, am Schlu seines Lebens, hinausgehe.  Vergebens machten ihm
seine beiden Shne, welche in der bestimmten Hoffnung der Thronfolge
erzogen worden waren, wegen der Unempfindlichkeit und
Gleichgltigkeit mit welcher er, auf ganz unerwartete Weise, in diese
unheilbare Krnkung ihrer Ansprche willigte, die bittersten Vorwrfe:
er wies sie, die noch unbrtig waren, mit kurzen und spttischen
Machtsprchen zur Ruhe, ntigte sie, ihm am Tage des feierlichen
Leichenbegngnisses, in die Stadt zu folgen, und daselbst, an seiner
Seite, den alten Herzog, ihren Oheim, wie es sich gebhre, zur Gruft
zu bestatten; und nachdem er im Thronsaal des herzoglichen Palastes,
dem jungen Prinzen, seinem Neffen, in Gegenwart der Regentin Mutter,
gleich allen andern Groen des Hofes, die Huldigung geleistet hatte,
kehrte er unter Ablehnung aller mter und Wrden, welche die letztere
ihm antrug, begleitet von den Segnungen des, ihn um seine Gromut und
Migung doppelt verehrenden Volks, wieder auf seine Burg zurck.

Die Herzogin schritt nun, nach dieser unverhofft glcklichen
Beseitigung der ersten Interessen, zur Erfllung ihrer zweiten
Regentenpflicht, nmlich, wegen der Mrder ihres Gemahls, deren man
im Park eine ganze Schar wahrgenommen haben wollte, Untersuchungen
anzustellen, und prfte zu diesem Zweck selbst, mit Herrn Godwin von
Herrthal, ihrem Kanzler, den Pfeil, der seinem Leben ein Ende gemacht
hatte.  Inzwischen fand man an demselben nichts, das den Eigentmer
htte verraten knnen, auer etwa, da er, auf befremdende Weise,
zierlich und prchtig gearbeitet war.  Starke, krause und glnzende
Federn steckten in einem Stiel, der, schlank und krftig, von dunkelm
Nubaumholz, gedrechselt war; die Bekleidung des vorderen Endes war
von glnzendem Messing, und nur die uerste Spitze selbst, scharf
wie die Grte eines Fisches, war von Stahl.  Der Pfeil schien fr die
Rstkammer eines vornehmen und reichen Mannes verfertigt zu sein, der
entweder in Fehden verwickelt, oder ein groer Liebhaber von der Jagd
war; und da man aus einer, dem Knopf eingegrabenen, Jahrszahl ersah,
da dies erst vor kurzem geschehen sein konnte: so schickte die
Herzogin, auf Anraten des Kanzlers, den Pfeil, mit dem Kronsiegel
versehen, in alle Werksttten von Deutschland umher, um den Meister,
der ihn gedrechselt hatte, aufzufinden, und, falls dies gelang, von
demselben den Namen dessen zu erfahren, auf dessen Bestellung er
gedrechselt worden war.

Fnf Monden darauf lief an Herrn Godwin, den Kanzler, dem die
Herzogin die ganze Untersuchung der Sache bergeben hatte, die
Erklrung von einem Pfeilmacher aus Straburg ein, da er ein Schock
solcher Pfeile, samt dem dazu gehrigen Kcher, vor drei Jahren fr
den Grafen Jakob den Rotbart verfertigt habe.  Der Kanzler, ber
diese Erklrung uerst betroffen, hielt dieselbe mehrere Wochen lang
in seinem Geheimschrank zurck; zum Teil kannte er, wie er meinte,
trotz der freien und ausschweifenden Lebensweise des Grafen, den
Edelmut desselben zu gut, als da er ihn einer so abscheulichen Tat,
als die Ermordung eines Bruders war, htte fr fhig halten sollen;
zum Teil auch, trotz vieler andern guten Eigenschaften, die
Gerechtigkeit der Regentin zu wenig, als da er, in einer Sache, die
das Leben ihres schlimmsten Feindes galt, nicht mit der grten
Vorsicht htte verfahren sollen.  Inzwischen stellte er, unter der
Hand, in der Richtung dieser sonderbaren Anzeige, Untersuchungen an,
und da er durch die Beamten der Stadtvogtei zufllig ausmittelte, da
der Graf, der seine Burg sonst nie oder nur hchst selten zu
verlassen pflegte, in der Nacht der Ermordung des Herzogs daraus
abwesend gewesen war: so hielt er es fr seine Pflicht, das Geheimnis
fallen zu lassen, und die Herzogin, in einer der nchsten Sitzungen
des Staatsrats, von dem befremdenden und seltsamen Verdacht, der
durch diese beiden Klagpunkte auf ihren Schwager, den Grafen Jakob
den Rotbart fiel, umstndlich zu unterrichten.

Die Herzogin, die sich glcklich pries, mit dem Grafen, ihrem
Schwager, auf einem so freundschaftlichen Fu zu stehen, und nichts
mehr frchtete, als seine Empfindlichkeit durch unberlegte Schritte
zu reizen, gab inzwischen, zum Befremden des Kanzlers, bei dieser
zweideutigen Erffnung nicht das mindeste Zeichen der Freude von sich;
vielmehr, als sie die Papiere zweimal mit Aufmerksamkeit berlesen
hatte, uerte sie lebhaft ihr Mifallen, da man eine Sache, die so
ungewi und bedenklich sei, ffentlich im Staatsrat zur Sprache
bringe.  Sie war der Meinung, da ein Irrtum oder eine Verleumdung
dabei statt finden msse, und befahl, von der Anzeige schlechthin bei
den Gerichten keinen Gebrauch zu machen.  Ja, bei der
auerordentlichen, fast schwrmerischen Volksverehrung, deren der
Graf, nach einer natrlichen Wendung der Dinge, seit seiner
Ausschlieung vom Throne geno, schien ihr auch schon dieser bloe
Vortrag im Staatsrat uerst gefhrlich; und da sie voraus sah, da
ein Stadtgeschwtz darber zu seinen Ohren kommen wrde, so schickte
sie, von einem wahrhaft edelmtigen Schreiben begleitet, die beiden
Klagpunkte, die sie das Spiel eines sonderbaren Miverstndnisses
nannte, samt dem, worauf sie sich sttzen sollten, zu ihm hinaus, mit
der bestimmten Bitte, sie, die im voraus von seiner Unschuld
berzeugt sei, mit aller Widerlegung derselben zu verschonen.

Der Graf der eben mit einer Gesellschaft von Freunden bei der Tafel
sa, stand, als der Ritter mit der Botschaft der Herzogin, zu ihm
eintrat, verbindlich von seinem Sessel auf; aber kaum, whrend die
Freunde den feierlichen Mann, der sich nicht niederlassen wollte,
betrachteten, hatte er in der Wlbung des Fensters den Brief
berlesen: als er die Farbe wechselte, und die Papiere mit den Worten
den Freunden bergab: Brder, seht! welch eine schndliche Anklage,
auf den Mord meines Bruders, wider mich zusammengeschmiedet worden
ist!  Er nahm dem Ritter, mit einem funkelnden Blick, den Pfeil aus
der Hand, und setzte, die Vernichtung seiner Seele verbergend,
inzwischen die Freunde sich unruhig um ihn versammelten, hinzu: da
in der Tat das Gescho sein gehre und auch der Umstand, da er in
der Nacht des heiligen Remigius aus seinem Schlo abwesend gewesen,
gegrndet sei!  Die Freunde fluchten ber diese hmische und
niedertrchtige Arglistigkeit; sie schoben den Verdacht des Mordes
auf die versuchten Anklger selbst zurck, und schon waren sie im
Begriff, gegen den Abgeordneten, der die Herzogin, seine Frau, in
Schutz nahm, beleidigend zu werden: als der Graf, der die Papiere
noch einmal berlesen hatte, indem er pltzlich unter sie trat,
ausrief: ruhig, meine Freunde!--und damit nahm er sein Schwert, das
im Winkel stand, und bergab es dem Ritter mit den Worten: da er
sein Gefangener sei!  Auf die betroffene Frage des Ritters: ob er
recht gehrt, und ob er in der Tat die beiden Klagpunkte, die der
Kanzler aufgesetzt, anerkenne? antwortete der Graf: ja! ja! ja!
--Inzwischen hoffe er der Notwendigkeit berhoben zu sein, den Beweis
wegen seiner Unschuld anders, als vor den Schranken eines frmlich
von der Herzogin niedergesetzten Gerichts zu fhren.  Vergebens
bewiesen die Ritter, mit dieser uerung hchst unzufrieden, da er
in diesem Fall wenigstens keinem andern, als dem Kaiser, von dem
Zusammenhang der Sache Rechenschaft zu geben brauche; der Graf, der
sich in einer sonderbar pltzlichen Wendung der Gesinnung, auf die
Gerechtigkeit der Regentin berief, bestand darauf, sich vor dem
Landestribunal zu stellen, und schon, indem er sich aus ihren Armen
losri, rief er, aus dem Fenster hinaus, nach seinen Pferden, willens,
wie er sagte, dem Abgeordneten unmittelbar in die Ritterhaft zu
folgen: als die Waffengefhrten ihm gewaltsam, mit einem Vorschlag,
den er endlich annehmen mute, in den Weg traten.  Sie setzten in
ihrer Gesamtzahl ein Schreiben an die Herzogin auf, forderten als ein
Recht, das jedem Ritter in solchem Fall zustehe, freies Geleit fr
ihn, und boten ihr zur Sicherheit, da er sich dem von ihr
errichteten Tribunal stellen, auch allem, was dasselbe ber ihn
verhngen mchte, unterwerfen wrde, eine Brgschaft von 20 000 Mark
Silbers an.

Die Herzogin, auf diese unerwartete und ihr unbegreifliche Erklrung,
hielt es, bei den abscheulichen Gerchten, die bereits ber die
Veranlassung der Klage, im Volk herrschten, fr das Ratsamste, mit
gnzlichem Zurcktreten ihrer eignen Person, dem Kaiser die ganze
Streitsache vorzulegen.  Sie schickte ihm, auf den Rat des Kanzlers,
smtliche ber den Vorfall lautende Aktenstcke zu, und bat, in
seiner Eigenschaft als Reichsoberhaupt ihr die Untersuchung in einer
Sache abzunehmen, in der sie selber als Partei befangen sei.  Der
Kaiser, der sich wegen Verhandlungen mit der Eidgenossenschaft grade
damals in Basel aufhielt, willigte in diesen Wunsch; er setzte
daselbst ein Gericht von drei Grafen, zwlf Rittern und zwei
Gerichtsassessoren nieder; und nachdem er dem Grafen Jakob dem
Rotbart, dem Antrag seiner Freunde gem, gegen die dargebotene
Brgschaft von 20 000 Mark Silbers freies Geleit zugestanden hatte,
forderte er ihn auf, sich dem erwhnten Gericht zu stellen, und
demselben ber die beiden Punkte: wie der Pfeil, der, nach seinem
eignen Gestndnis, sein gehre, in die Hnde des Mrders gekommen?
auch: an welchem dritten Ort er sich in der Nacht des heiligen
Remigius aufgehalten habe, Red und Antwort zu geben.

Es war am Montag nach Trinitatis, als er Graf Jakob der Rotbart, mit
einem glnzenden Gefolge von Rittern, der an ihn ergangenen
Aufforderung gem, in Basel vor den Schranken des Gerichts erschien,
und sich daselbst, mit bergehung der ersten, ihm, wie er vorgab,
gnzlich unauflslichen Frage, in Bezug auf die zweite, welche fr
den Streitpunkt entscheidend war, folgendermaen fate: "Edle Herren!"
und damit sttzte er seine Hnde auf das Gelnder, und schaute aus
seinen kleinen blitzenden Augen, von rtlichen Augenwimpern
berschattet, die Versammlung an.  "Ihr beschuldigt mich, der von
seiner Gleichgltigkeit gegen Krone und Szepter Proben genug gegeben
hat, der abscheulichsten Handlung, die begangen werden kann, der
Ermordung meines, mir in der Tat wenig geneigten, aber darum nicht
minder teuren Bruders; und als einen der Grnde, worauf ihr eure
Anklage sttzt, fhrt ihr an, da ich in der Nacht des heiligen
Remigius, da jener Frevel verbt ward, gegen eine durch viele Jahre
beobachtete Gewohnheit, aus meinem Schlosse abwesend war.  Nun ist
mir gar wohl bekannt, was ein Ritter, der Ehre solcher Damen, deren
Gunst ihm heimlich zuteil wird, schuldig ist; und wahrlich! htte der
Himmel nicht, aus heiterer Luft, dies sonderbare Verhngnis ber mein
Haupt zusammengefhrt: so wrde das Geheimnis, das in meiner Brust
schlft, mit mir gestorben, zu Staub verwest, und erst auf den
Posaunenruf des Engels, der die Grber sprengt, vor Gott mit mir
erstanden sein.  Die Frage aber, die kaiserliche Majestt durch euren
Mund an mein Gewissen richtet, macht, wie ihr wohl selbst einseht,
alle Rcksichten und alle Bedenklichkeiten zu Schanden; und weil ihr
denn wissen wollt, warum es weder wahrscheinlich, noch auch selbst
mglich sei, da ich an dem Mord meines Bruders, es sei nun
persnlich oder mittelbar, Teil genommen, so vernehmt, da ich in der
Nacht des heiligen Remigius, also zur Zeit, da er verbt worden,
heimlich bei der schnen, in Liebe mir ergebenen Tochter des
Landdrosts Winfried von Breda, Frau Wittib Littegarde von Auerstein
war."

Nun mu man wissen, da Frau Wittib Littegarde von Auerstein, so wie
die schnste, so auch, bis auf den Augenblick dieser schmhlichen
Anklage, die unbescholtenste und makelloseste Frau des Landes war.
Sie lebte, seit dem Tode des Schlohauptmanns von Auerstein, ihres
Gemahls, den sie wenige Monden nach ihrer Vermhlung an einem
ansteckenden Fieber verloren hatte, still und eingezogen auf der Burg
ihres Vaters; und nur auf den Wunsch dieses alten Herrn, der sie gern
wieder vermhlt zu sehen wnschte, ergab sie sich darin, dann und
wann bei den Jagdfesten und Banketten zu erscheinen, welche von der
Ritterschaft der umliegenden Gegend, und hauptschlich von Herrn
Jakob dem Rotbart, angestellt wurden.  Viele Grafen und Herren, aus
den edelsten und begtertsten Geschlechtern des Landes, fanden sich
mit ihren Werbungen, bei solchen Gelegenheiten um sie ein, und unter
diesen war ihr Herr Friedrich von Trota, der Kmmerer, der ihr einst
auf der Jagd gegen den Anlauf eines verwundeten Ebers tchtiger Weise
das Leben gerettet hatte, der Teuerste und Liebste; inzwischen hatte
sie sich aus Besorgnis, ihren beiden, auf die Hinterlassenschaft
ihres Vermgens rechnenden Brdern dadurch zu mifallen, aller
Ermahnungen ihres Vaters ungeachtet, noch nicht entschlieen knnen,
ihm ihre Hand zu geben.  Ja, als Rudolf, der ltere von beiden sich
mit einem reichen Frulein aus der Nachbarschaft vermhlte, und ihm,
nach einer dreijhrigen kinderlosen Ehe, zur groen Freude der
Familie, ein Stammhalter geboren ward: so nahm sie, durch manche
deutliche und undeutliche Erklrung bewogen, von Herrn Friedrich,
Ihrem Freunde, in einem unter vielen Trnen abgefaten Schreiben,
frmlich Abschied, und willigte, um die Einigkeit des Hauses zu
erhalten, in den Vorschlag ihres Bruders, den Platz als btissin in
einem Frauenstift einzunehmen, das unfern ihrer vterlichen Burg an
den Ufern des Rheins lag.

Grade um die Zeit, da bei dem Erzbischof von Straburg dieser Plan
betrieben ward, und die Sache im Begriff war zur Ausfhrung zu kommen,
war es, als der Landdrost, Herr Winfried von Breda, durch das von
dem Kaiser eingesetzte Gericht, die Anzeige von der Schande seiner
Tochter Littegarde, und die Aufforderung erhielt, dieselbe zur
Verantwortung gegen die von dem Grafen Jakob wider sie angebrachte
Beschuldigung nach Basel zu befrdern.  Man bezeichnete ihm, im
Verlauf des Schreibens, genau die Stunde und den Ort, in welchem der
Graf, seinem Vorgeben gem, bei Frau Littegarde seinen Besuch
heimlich abgestattet haben wollte, und schickte ihm sogar einen, von
ihrem verstorbenen Gemahl herrhrenden Ring mit, den er beim Abschied,
zum Andenken an die verflossene Nacht, aus ihrer Hand empfangen zu
haben versicherte.  Nun litt Herr Winfried eben, am Tage der Ankunft
dieses Schreibens, an einer schweren und schmerzvollen Unplichkeit
des Alters; er wankte, in einem uerst gereizten Zustande, an der
Hand seiner Tochter im Zimmer umher, das Ziel schon ins Auge fassend,
das allem was Leben atmet gesteckt ist; dergestalt, da ihn, bei
berlesung dieser frchterlichen Anzeige, der Schlag augenblicklich
rhrte, und er, indem er das Blatt fallen lie, mit gelhmten
Gliedern auf den Fuboden niederschlug.  Die Brder, die gegenwrtig
waren, hoben ihn bestrzt vom Boden auf, und riefen einen Arzt herbei,
der zu seiner Pflege, in den Nebengebuden wohnte; aber alle Mhe,
ihn wieder ins Leben zurck zu bringen, war umsonst: er gab, whrend
Frau Littegarde besinnungslos in dem Scho ihrer Frauen lag, seinen
Geist auf, und diese, da sie erwachte, hatte auch nicht den letzten
bittersen Trost, ihm ein Wort zur Verteidigung ihrer Ehre in die
Ewigkeit mitgegeben zu haben.  Das Schrecken der beiden Brder ber
diesen heillosen Vorfall, und ihre Wut ber die der Schwester
angeschuldigte und leider nur zu wahrscheinliche Schandtat, die ihn
veranlat hatte, war unbeschreiblich.  Denn sie wuten nur zu wohl,
da Graf Jakob der Rotbart ihr in der Tat, whrend des ganzen
vergangenen Sommers, angelegentlich den Hof gemacht hatte; mehrere
Turniere und Bankette waren blo ihr zu Ehren von ihm angestellt, und
sie, auf eine schon damals sehr anstige Weise, vor allen andern
Frauen, die er zur Gesellschaft zog, von ihm ausgezeichnet worden.
Ja, sie erinnerten sich, da Littegarde, grade um die Zeit des
besagten Remigiustages, eben diesen von ihrem Gemahl herstammenden
Ring, der sich jetzt, auf sonderbare Weise in den Hnden des Grafen
Jakob wieder fand, auf einem Spaziergang verloren zu haben vorgegeben
hatte; dergestalt, da sie nicht einen Augenblick an der
Wahrhaftigkeit der Aussage, die der Graf vor Gericht gegen sie
abgeleistet hatte, zweifelten.  Vergebens--inzwischen unter den
Klagen des Hofgesindes die vterliche Leiche weggetragen
ward--umklammerte sie, nur um einen Augenblick Gehr bittend, die
Kniee ihrer Brder; Rudolf, vor Entrstung flammend, fragte sie,
indem er sich zu ihr wandte: ob sie einen Zeugen fr die Nichtigkeit
der Beschuldigung fr sich aufstellen knne? und da sie unter Zittern
und Beben erwiderte: da sie sich leider auf nichts, als die
Unstrflichkeit ihres Lebenswandels berufen knne, indem ihre Zofe
grade wegen eines Besuchs, den sie in der bewuten Nacht bei ihren
Eltern abgestattet, aus ihrem Schlafzimmer abwesend gewesen sei: so
stie Rudolf sie mit Fen von sich, ri ein Schwert das an der Wand
hing, aus der Scheide, und befahl ihr, in migeschaffner Leidenschaft
tobend, indem er Hunde und Knechte herbeirief, augenblicklich das
Haus und die Burg zu verlassen.  Littegarde stand bleich wie Kreide,
vom Boden auf; sie bat, indem sie seinen Mihandlungen schweigend
auswich, ihr wenigstens zur Anordnung der erforderten Abreise die
ntige Zeit zu lassen; doch Rudolf antwortete weiter nichts, als, vor
Wut schumend: hinaus, aus dem Schlo! dergestalt, da da er auf
seine eigne Frau, die ihm mit der Bitte um Schonung und
Menschlichkeit, in den Weg trat, nicht hrte, und Sie, durch einen
Sto mit dem Griff des Schwerts, der ihr das Blut flieen machte,
rasend auf die Seite warf, die unglckliche Littegarde, mehr tot als
lebendig, das Zimmer verlie: sie wankte, von den Blicken der
gemeinen Menge umstellt, ber den Hofraum der Schlopforte zu, wo
Rudolf ihr ein Bndel mit Wsche, wozu er einiges Geld legte,
hinausreichen lie, und selbst hinter ihr, unter Flchen und
Verwnschungen, die Torflgel verschlo.

Dieser pltzliche Sturz, von der Hhe eines heiteren und fast
ungetrbten Glcks, in die Tiefe eines unabsehbaren und gnzlich
hilflosen Elends, war mehr als das arme Weib ertragen konnte.
Unwissend, wohin sie sich wenden solle, wankte sie, gesttzt am
Gelnder, den Felsenpfad hinab, um sich wenigstens fr die
einbrechende Nacht ein Unterkommen zu verschaffen; doch ehe sie noch
den Eingang des Drfchens, das verstreut im Tale lag, erreicht hatte,
sank sie schon ihrer Krfte beraubt, auf den Fuboden nieder.  Sie
mochte, allen Erdenleiden entrckt, wohl eine Stunde so gelegen haben,
und vllige Finsternis deckte schon die Gegend, als sie, umringt von
mehreren mitleidigen Einwohnern des Orts, erwachte.  Denn ein Knabe,
der am Felsenabhang spielte, hatte sie daselbst bemerkt, und in dem
Hause seiner Eltern von einer so sonderbaren und auffallenden
Erscheinung Bericht abgestattet; worauf diese, die von Littegarden
mancherlei Wohltaten empfangen hatten, uerst bestrzt sie in einer
so trostlosen Lage zu wissen, sogleich aufbrachen, um ihr mit Hlfe,
so gut es in ihren Krften stand, beizuspringen.  Sie erholte sich
durch die Bemhungen dieser Leute gar bald, und gewann auch, bei dem
Anblick der Burg, die hinter ihr verschlossen war, ihre Besinnung
wieder; sie weigerte sich aber das Anerbieten zweier Weiber, sie
wieder auf das Schlo hinauf zu fhren, anzunehmen, und bat nur um
die Geflligkeit, ihr sogleich einen Fhrer herbei zu schaffen, um
ihre Wanderung fortzusetzen.  Vergebens stellten ihr die Leute vor,
da sie in ihrem Zustande keine Reise antreten knne; Littegarde
bestand unter dem Vorwand, da ihr Leben in Gefahr sei, darauf,
augenblicklich die Grenzen des Burggebiets zu verlassen; ja, sie
machte, da sich der Haufen um sie, ohne ihr zu helfen, immer
vergrerte, Anstalten, sich mit Gewalt los zu reien, und sich
allein, trotz der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht, auf den Weg
zu begeben; dergestalt da die Leute notgedrungen, aus Furcht, von
der Herrschaft, falls ihr ein Unglck zustiee, dafr in Anspruch
genommen zu werden, in ihren Wunsch willigten, und ihr ein Fuhrwerk
herbeischafften, das mit ihr, auf die wiederholt an sie gerichtete
Frage, wohin sie sich denn eigentlich wenden wolle, nach Basel fuhr.

Aber schon vor dem Dorfe nderte sie, nach einer aufmerksamem
Erwgung der Umstnde, ihren Entschlu, und befahl ihrem Fhrer
umzukehren, und sie nach der, nur wenige Meilen entfernten Trotenburg
zu fahren.  Denn sie fhlte wohl, da sie ohne Beistand, gegen einen
solchen Gegner, als der Graf Jakob der Rotbart war, vor dem Gericht
zu Basel nichts ausrichten wrde; und niemand schien ihr des
Vertrauens, zur Verteidigung ihrer Ehre aufgerufen zu werden,
wrdiger, als ihr wackerer, ihr in Liebe, wie sie wohl wute, immer
noch ergebener Freund, der treffliche Kmmerer Herr Friedrich von
Trota.  Es mochte ohngefhr Mitternacht sein, und die Lichter im
Schlosse schimmerten noch, als sie uerst ermdet von der Reise, mit
ihrem Fuhrwerk daselbst ankam.  Sie schickte einen Diener des Hauses,
der ihr entgegen kam, hinauf, um der Familie ihre Ankunft anmelden zu
lassen; doch ehe dieser noch seinen Auftrag vollfhrt hatte, traten
auch schon Frulein Bertha und Kunigunde, Herrn Friedrichs Schwestern,
vor die Tr hinaus, die zufllig, in Geschften des Haushalts, im
untern Vorsaal waren.  Die Freundinnen hoben Littegarden, die ihnen
gar wohl bekannt war, unter freudigen Begrungen vom Wagen, und
fhrten sie, obschon nicht ohne einige Beklemmung, zu ihrem Bruder
hinauf, der in Akten, womit ihn ein Proze berschttete, versenkt,
an einem Tische sa.  Aber wer beschreibt das Erstaunen Herrn
Friedrichs, als er auf das Gerusch, das sich hinter ihm erhob, sein
Antlitz wandte, und Frau Littegarden, bleich und entstellt, ein
wahres Bild der Verzweiflung, vor ihm auf Knieen nieder sinken sah.
"Meine teuerste Littegarde!" rief er, indem er aufstand, und sie vom
Fuboden erhob: "was ist Euch widerfahren?" Littegarde, nachdem sie
sich auf einen Sessel niedergelassen hatte, erzhlte ihm, was
vorgefallen; welch eine verruchte Anzeige der Graf Jakob der Rotbart,
um sich von dem Verdacht, wegen Ermordung des Herzogs, zu reinigen,
vor dem Gericht zu Basel in Bezug auf sie, vorgebracht habe; wie die
Nachricht davon ihrem alten, eben an einer Unplichkeit leidenden
Vater augenblicklich den Nervenschlag zugezogen, an welchem er auch,
wenige Minuten darauf, in den Armen seiner Shne verschieden sei; und
wie diese in Entrstung darber rasend, ohne auf das, was sie zu
ihrer Verteidigung vorbringen knne, zu hren, sie mit den
entsetzlichsten Mihandlungen berhuft, und zuletzt, gleich einer
Verbrecherin, aus dem Hause gejagt hatten.  Sie bat Herrn Friedrich,
sie unter einer schicklichen Begleitung nach Basel zu befrdern, und
ihr daselbst einen Rechtsgehlfen anzuweisen, der ihr, bei ihrer
Erscheinung vor dem von dem Kaiser eingesetzten Gericht, mit klugem
und besonnenen Rat, gegen jene schndliche Beschuldigung, zur Seite
stehen knne.  Sie versicherte, da ihr aus dem Munde eines Parthers
oder Persers, den sie nie mit Augen gesehen, eine solche Behauptung
nicht htte unerwarteter kommen knnen, als aus dem Munde des Grafen
Jakobs des Rotbarts, indem ihr derselbe seines schlechten Rufs sowohl,
als seiner ueren Bildung wegen, immer in der tiefsten Seele
verhat gewesen sei, und sie die Artigkeiten, die er sich, bei den
Festgelagen des vergangenen Sommers, zuweilen die Freiheit genommen
ihr zu sagen, stets mit der grten Klte und Verachtung abgewiesen
habe.  "Genug, meine teuerste Littegarde!" rief Herr Friedrich, indem
er mit edlem Eifer ihre Hand nahm, und an seine Lippen drckte:
"verliert kein Wort zur Verteidigung und Rechtfertigung Eurer
Unschuld!  In meiner Brust spricht eine Stimme fr Euch, weit
lebhafter und berzeugender, als alle Versicherungen, ja selbst als
alle Rechtsgrnde und Beweise, die Ihr vielleicht aus der Verbindung
der Umstnde und Begebenheiten, vor dem Gericht zu Basel fr Euch
aufzubringen vermgt.  Nehmt mich, weil Eure ungerechten und
ungromtigen Brder Euch verlassen, als Euren Freund und Bruder an,
und gnnt mir den Ruhm, Euer Anwalt in dieser Sache zu sein; ich will
den Glanz Eurer Ehre vor dem Gericht zu Basel und vor dem Urteil der
ganzen Welt wiederherstellen!" Damit fhrte er Littegarden, deren
Trnen vor Dankbarkeit und Rhrung, bei so edelmtigen uerungen
heftig flossen, zu Frau Helenen, seiner Mutter hinauf, die sich
bereits in ihr Schlafzimmer zurckgezogen hatte; er stellte sie
dieser wrdigen alten Dame, die ihr mit besonderer Liebe zugetan war,
als eine Gastfreundin vor, die sich, wegen eines Zwistes, der in
ihrer Familie ausgebrochen, entschlossen habe, ihren Aufenthalt
whrend einiger Zeit auf seiner Burg zu nehmen; man rumte ihr noch
in derselben Nacht einen ganzen Flgel des weitlufigen Schlosses ein,
erfllte, aus dem Vorrat der Schwestern, die Schrnke, die sich
darin befanden, reichlich mit Kleidern und Wsche fr sie, wies ihr
auch, ganz ihrem Range gem, eine anstndige ja prchtige
Dienerschaft an: und schon am dritten Tage befand sich Herr Friedrich
von Trota, ohne sich ber die Art und Weise, wie er seinen Beweis vor
Gericht zu fhren gedachte, auszulassen, mit einem zahlreichen
Gefolge von Reisigen und Knappen auf der Strae nach Basel.

Inzwischen war, von den Herren von Breda, Littegardens Brdern, ein
Schreiben, den auf der Burg statt gehabten Vorfall anbetreffend, bei
dem Gericht zu Basel eingelaufen, worin sie das arme Weib, sei es nun,
da sie dieselbe wirklich fr schuldig hielten, oder da sie sonst
Grnde haben mochten, sie zu verderben, ganz und gar, als eine
berwiesene Verbrecherin, der Verfolgung der Gesetze preis gaben.
Wenigstens nannten sie die Verstoung derselben aus der Burg,
unedelmtiger und unwahrhaftiger Weise, eine freiwillige Entweichung;
sie beschrieben, wie sie sogleich, ohne irgend etwas zur Verteidigung
ihrer Unschuld aufbringen zu knnen, auf einige entrstete uerungen,
die ihnen entfahren wren, das Schlo verlassen habe; und waren, bei
der Vergeblichkeit aller Nachforschungen, die sie beteuerten,
ihrethalb angestellt zu haben, der Meinung, da sie jetzt
wahrscheinlich, an der Seite eines dritten Abenteurers, in der Welt
umirre, um das Ma ihrer Schande zu erfllen.  Dabei trugen sie, zur
Ehrenrettung der durch sie beleidigten Familie, darauf an, ihren
Namen aus der Geschlechtstafel des Bredaschen Hauses auszustreichen,
und begehrten, unter weitlufigen Rechtsdeduktionen, sie, zur Strafe
wegen so unerhrter Vergehungen, aller Ansprche auf die
Verlassenschaft des edlen Vaters, den ihre Schande ins Grab gestrzt,
fr verlustig zu erklren.  Nun waren die Richter zu Basel zwar weit
entfernt, diesem Antrag, der ohnehin gar nicht vor ihr Forum gehrte,
zu willfahren; da inzwischen der Graf Jakob, beim Empfang dieser
Nachricht, von seiner Teilnahme an dem Schicksal Littegardens die
unzweideutigsten und entscheidendsten Beweise gab, und heimlich, wie
man erfuhr, Reuter ausschickte, um sie aufzusuchen und ihr einen
Aufenthalt auf seiner Burg anzubieten: so setzte das Gericht in die
Wahrhaftigkeit seiner Aussage keinen Zweifel mehr, und beschlo die
Klage die wegen Ermordung des Herzogs ber ihn schwebte, sofort
aufzuheben.  Ja, diese Teilnahme, die er der Unglcklichen in diesem
Augenblick der Not schenkte, wirkte selbst hchst vorteilhaft auf die
Meinung des in seinem Wohlwollen fr ihn sehr wankenden Volks; man
entschuldigte jetzt, was man frherhin schwer gemibilligt hatte, die
Preisgebung einer ihm in Liebe ergebenen Frau, vor der Verachtung
aller Welt, und fand, da ihm unter so auerordentlichen und
ungeheuren Umstnden, da es ihm nichts Geringeres, als Leben und Ehre
galt, nichts brig geblieben sei, als rcksichtslose Aufdeckung des
Abenteuers, das sich in der Nacht des heiligen Remigius zugetragen
hatte.  Demnach ward, auf ausdrcklichen Befehl des Kaisers, der Graf
Jakob der Rotbart von neuem vor Gericht geladen, um feierlich, bei
offnen Tren, von dem Verdacht, zur Ermordung des Herzogs mitgewirkt
zu haben, freigesprochen zu werden.  Eben hatte der Herold, unter den
Hallen des weitlufigen Gerichtssaals, das Schreiben der Herren von
Breda abgelesen, und das Gericht machte sich bereit, dem Schlu des
Kaisers gem, in Bezug auf den ihm zur Seite stehenden Angeklagten,
zu einer frmlichen Ehrenerklrung zu schreiten: als Herr Friedrich
von Trota vor die Schranken trat, und sich, auf das allgemeine Recht
jedes unparteiischen Zuschauers gesttzt, den Brief auf einen
Augenblick zur Durchsicht ausbat.  Man willigte, whrend die Augen
alles Volks auf ihn gerichtet waren, in seinen Wunsch; aber kaum
hatte Herr Friedrich aus den Hnden des Herolds das Schreiben
erhalten, als er es, nach einem flchtig hinein geworfenen Blick, von
oben bis unten zerri, und die Stcken, samt seinem Handschuh, die er
zusammen wickelte, mit der Erklrung dem Grafen Jakob dem Rotbart ins
Gesicht warf: da er ein schndlicher und niedertrchtiger Verleumder,
und er entschlossen sei, die Schuldlosigkeit Frau Littegardens an
dem Frevel, den er ihr vorgeworfen, auf Tod und Leben, vor aller Welt,
im Gottesurteil zu beweisen!--Graf Jakob der Rotbart, nachdem er,
bla im Gesicht, den Handschuh aufgenommen, sagte: "so gewi als Gott
gerecht, im Urteil der Waffen, entscheidet, so gewi werde ich dir
die Wahrhaftigkeit dessen, was ich, Frau Littegarden betreffend,
notgedrungen verlautbart, im ehrlichen ritterlichen Zweikampf
beweisen!  Erstattet, edle Herren", sprach er, indem er sich zu den
Richtern wandte, "kaiserlicher Majestt Bericht von dem Einspruch,
welchen Herr Friedrich getan, und ersucht sie, uns Stunde und Ort zu
bestimmen, wo wir uns, mit dem Schwert in der Hand, zur Entscheidung
dieser Streitsache begegnen knnen!" Dem gem schickten die Richter,
unter Aufhebung der Session, eine Deputation, mit dem Bericht ber
diesen Vorfall an den Kaiser ab; und da dieser durch das Auftreten
Herrn Friedrichs, als Verteidiger Littegardens, nicht wenig in seinem
Glauben an die Unschuld des Grafen irre geworden war: so rief er, wie
es die Ehrengesetze erforderten, Frau Littegarden, zur Beiwohnung des
Zweikampfs, nach Basel, und setzte zur Aufklrung des sonderbaren
Geheimnisses, das ber dieser Sache schwebte, den Tag der heiligen
Margarethe als die Zeit, und den Schloplatz zu Basel als den Ort an,
wo beide, Herr Friedrich von Trota und der Graf Jakob der Rotbart, in
Gegenwart Frau Littegardens einander treffen sollten.

Eben ging, diesem Schlu gem, die Mittagssonne des Margarethentages
ber die Trme der Stadt Basel, und eine unermeliche Menschenmenge,
fr welche man Bnke und Gerste zusammen gezimmert hatte, war auf
dem Schloplatz versammelt, als auf den dreifachen Ruf des vor dem
Altan der Kampfrichter stehenden Herolds, beide, von Kopf zu Fu in
schimmerndes Erz gerstet, Herr Friedrich und der Graf Jakob, zur
Ausfechtung ihrer Sache, in die Schranken traten.  Fast die ganze
Ritterschaft von Schwaben und der Schweiz war auf der Rampe des im
Hintergrund befindlichen Schlosses gegenwrtig; und auf dem Balkon
desselben sa, von seinem Hofgesinde umgeben, der Kaiser selbst,
nebst seiner Gemahlin, und den Prinzen und Prinzessinnen, seinen
Shnen und Tchtern.  Kurz vor Beginn des Kampfes, whrend die
Richter Licht und Schatten zwischen den Kmpfern teilten, traten Frau
Helena und ihre beiden Tchter Bertha und Kunigunde, welche
Littegarden nach Basel begleitet hatten, noch einmal an die Pforten
des Platzes, und baten die Wchter, die daselbst standen, um die
Erlaubnis, eintreten, und mit Frau Littegarden, welche, einem uralten
Gebrauch gem, auf einem Gerst innerhalb der Schranken sa, ein
Wort sprechen zu drfen.  Denn obschon der Lebenswandel dieser Dame
die vollkommenste Achtung und ein ganz uneingeschrnktes Vertrauen in
die Wahrhaftigkeit ihrer Versicherungen zu erfordern schien, so
strzte doch der Ring, den der Graf Jakob aufzuweisen hatte, und noch
mehr der Umstand, da Littegarde ihre Kammerzofe, die einzige, die
ihr htte zum Zeugnis dienen knnen, in der Nacht des heiligen
Remigius beurlaubt hatte, ihre Gemter in die lebhafteste Besorgnis;
sie beschlossen die Sicherheit des Bewutseins, das der Angeklagten
inwohnte, im Drang dieses entscheidenden Augenblicks, noch einmal zu
prfen, und ihr die Vergeblichkeit, ja Gotteslsterlichkeit des
Unternehmens, falls wirklich eine Schuld ihre Seele drckte,
auseinander zu setzen, sich durch den heiligen Ausspruch der Waffen,
der die Wahrheit unfehlbar ans Licht bringen wrde, davon reinigen zu
wollen.  Und in der Tat hatte Littegarde alle Ursache, den Schritt,
den Herr Friedrich jetzt fr sie tat, wohl zu berlegen; der
Scheiterhaufen wartete ihrer sowohl, als ihres Freundes, des Ritters
von Trota, falls Gott sich im eisernen Urteil nicht fr ihn, sondern
fr den Grafen Jakob den Rotbart, und fr die Wahrheit der Aussage
entschied, die derselbe vor Gericht gegen sie abgeleistet hatte.
Frau Littegarde, als sie Herrn Friedrichs Mutter und Schwestern zur
Seite eintreten sah, stand, mit dem ihr eigenen Ausdruck von Wrde,
der durch den Schmerz, welcher ber ihr Wesen verbreitet war, noch
rhrender ward, von ihrem Sessel auf, und fragte sie, indem sie ihnen
entgegen ging: was sie in einem so verhngnisvollen Augenblick zu ihr
fhre?  "Mein liebes Tchterchen", sprach Frau Helena, indem sie
dieselbe auf die Seite fhrte: "wollt Ihr einer Mutter, die keinen
Trost im den Alter, als den Besitz ihres Sohnes hat, den Kummer
ersparen, ihn an seinem Grabe beweinen zu mssen; Euch, ehe noch der
Zweikampf beginnt, reichlich beschenkt und ausgestattet, auf einen
Wagen setzen, und eins von unsern Gtern, das jenseits des Rheins
liegt, und Euch anstndig und freundlich empfangen wird, von uns zum
Geschenk annehmen?" Littegarde, nachdem sie ihr, mit einer Blsse,
die ihr ber das Antlitz flog, einen Augenblick starr ins Gesicht
gesehen hatte, bog, sobald sie die Bedeutung dieser Worte in ihrem
ganzen Umfang verstanden hatte, ein Knie vor ihr.
Verehrungswrdigste und vortreffliche Frau! sprach sie; kommt die
Besorgnis, da Gott sich, in dieser entscheidenden Stunde, gegen die
Unschuld meiner Brust erklren werde, aus dem Herzen Eures edlen
Sohnes?--"Weshalb?" fragte Frau Helena.--Weil ich ihn in diesem Falle
beschwre das Schwert, das keine vertrauensvolle Hand fhrt, lieber
nicht zu zcken, und die Schranken, unter welchem schicklichen
Vorwand es sei, seinem Gegner zu rumen: mich aber, ohne dem Gefhl
des Mitleids, von dem ich nichts annehmen kann, ein unzeitiges Gehr
zu geben, meinem Schicksal, das ich in Gottes Hand stelle, zu
berlassen!--"Nein!" sagte Frau Helena verwirrt; "mein Sohn wei von
nichts!  Es wrde ihm, der vor Gericht sein Wort gegeben hat, Eure
Sache zu verfechten, wenig anstehen, Euch jetzt, da die Stunde der
Entscheidung schlgt, einen solchen Antrag zu machen.  Im festen
Glauben an Eure Unschuld steht er, wie Ihr seht, bereits zum Kampf
gerstet, dem Grafen Eurem Gegner gegenber; es war ein Vorschlag,
den wir uns, meine Tchter und ich, in der Bedrngnis des Augenblicks,
zur Bercksichtigung aller Vorteile und Vermeidung alles Unglcks
ausgedacht haben."--Nun, sagte Frau Littegarde, indem sie die Hand
der alten Dame, unter einem heien Ku, mit ihren Trnen befeuchtete:
so lat ihn sein Wort lsen!  Keine Schuld befleckt mein Gewissen;
und ginge er ohne Helm und Harnisch in den Kampf, Gott und alle seine
Engel beschirmen ihn!  Und damit stand sie vom Boden auf, und fhrte
Frau Helena und ihre Tchter auf einige, innerhalb des Gerstes
befindliche Sitze, die hinter dem, mit roten Tuch beschlagenen Sessel,
auf dem sie sich selbst niederlie, aufgestellt waren.

Hierauf blies der Herold, auf den Wink des Kaisers, zum Kampf, und
beide Ritter, Schild und Schwert in der Hand, gingen auf einander los.
Herr Friedrich verwundete gleich auf den ersten Hieb den Grafen; er
verletzte ihn mit der Spitze seines, nicht eben langen Schwertes da,
wo zwischen Arm und Hand die Gelenke der Rstung in einander griffen;
aber der Graf, der, durch die Empfindung geschreckt, zurcksprang,
und die Wunde untersuchte, fand, da, obschon das Blut heftig flo,
doch nur die Haut obenhin geritzt war: dergestalt, da er auf das
Murren der auf den Rampe befindlichen Ritter, ber die
Unschicklichkeit dieser Auffhrung, wieder vordrang, und den Kampf,
mit erneuerten Krften, einem vllig Gesunden gleich, wieder
fortsetzte.  Jetzt wogte zwischen beiden Kmpfern der Streit, wie
zwei Sturmwinde einander begegnen, wie zwei Gewitterwolken, ihre
Blitze einander zusendend, sich treffen, und, ohne sich zu vermischen,
unter dem Gekrach hufiger Donner, getrmt um einander herumschweben.
Herr Friedrich stand, Schild und Schwert vorstreckend, auf dem
Boden, als ob er darin Wurzel fassen wollte, da; bis an die Sporen
grub er sich, bis an die Knchel und Waden, in dem, von seinem
Pflaster befreiten, absichtlich aufgelockerten, Erdreich ein, die
tckischen Ste des Grafen, der, klein und behend, gleichsam von
allen Seiten zugleich angriff, von seiner Brust und seinem Haupt
abwehrend.  Schon hatte der Kampf, die Augenblicke der Ruhe, zu
welcher Entatmung beide Parteien zwang, mitgerechnet, fast eine
Stunde gedauert. als sich von neuem ein Murren unter den auf dem
Gerst befindlichen Zuschauern erhob.  Es schien, es galt diesmal
nicht den Grafen Jakob, der es an Eifer, den Kampf zu Ende zu bringen
nicht fehlen lie, sondern Herrn Friedrichs Einpfhlung auf einem und
demselben Fleck, und seine seltsame, im Anschein nach fast
eingeschchterte, wenigstens starrsinnige Enthaltung alles eignen
Angriffs.  Herr Friedrich, obschon sein Verfahren auf guten Grnden
beruhen mochte, fhlte dennoch zu leise, als da er es nicht sogleich
gegen die Forderung derer, die in diesem Augenblick ber seine Ehre
entschieden, htte aufopfern sollen; er trat mit einem mutigen
Schritt aus dem, sich von Anfang herein gewhlten Standpunkt, und der
Art natrlicher Verschanzung, die sich um seinen Futritt gebildet
hatte, hervor, ber das Haupt seines Gegners, dessen Krfte schon zu
sinken anfingen, mehrere derbe und ungeschwchte Streiche, die
derselbe jedoch unter geschickten Seitenbewegungen mit seinem Schild
aufzufangen wute, danieder schmetternd.  Aber schon in den ersten
Momenten dieses dergestalt vernderten Kampfs, hatte Herr Friedrich
ein Unglck, das die Anwesenheit hherer, ber den Kampf waltender
Mchte nicht eben anzudeuten schien; er strzte, den Futritt in
seinen Sporen verwickelnd, stolpernd abwrts, und whrend er, unter
der Last des Helms und des Harnisches, die seine oberen Teile
beschwerten, mit in dem Staub vorgesttzter Hand, in die Kniee sank,
stie ihm Graf Jakob der Rotbart, nicht eben auf die edelmtigste und
ritterlichste Weise, das Schwert in die dadurch blogegebene Seite.
Herr Friedrich sprang, mit einem Laut des augenblicklichen Schmerzes,
von der Erde empor.  Er drckte sich zwar den Helm in die Augen, und
machte, das Antlitz rasch seinem Gegner wieder zuwendend, Anstalten,
den Kampf fortzusetzen: aber whrend er sich, mit vor Schmerz
krummgebeugtem Leibe auf seinen Degen sttzte, und Dunkelheit seine
Augen umflo: stie ihm der Graf seinen Flammberg noch zweimal, dicht
unter dem Herzen, in die Brust; worauf er, von seiner Rstung
umrasselt, zu Boden schmetterte, und Schwert und Schild neben sich
niederfallen lie.  Der Graf setzte ihm, nachdem er die Waffen ber
die Seite geschleudert, unter einem dreifachen Tusch der Trompeten,
den Fu auf die Brust; und inzwischen alle Zuschauer, der Kaiser
selbst an der Spitze, unter dumpfen Ausrufungen des Schreckens und
Mitleidens, von ihren Sitzen aufstanden: strzte sich Frau Helena, im
Gefolge ihrer beiden Tchter, ber ihren teuern, sich in Staub und
Blut wlzenden Sohn.  "O mein Friedrich!" rief sie, an seinem Haupt
jammernd niederknieend; whrend Frau Littegarde ohnmchtig und
besinnungslos, durch zwei Hscher, von dem Boden des Gerstes, auf
welchen sie herab gesunken war, aufgehoben und in ein Gefngnis
getragen ward.  "Und o die Verruchte", setzte sie hinzu, "die
Verworfene, die, das Bewutsein der Schuld im Busen, hierher zu
treten, und den Arm des treusten und edelmtigsten Freundes zu
bewaffnen wagt, um ihr ein Gottesurteil, in einem ungerechten
Zweikampf zu erstreiten!" Und damit hob sie den geliebten Sohn,
inzwischen die Tchter ihn von seinem Harnisch befreiten, wehklagend
vom Boden auf, und suchte ihm das Blut, das aus seiner edlen Brust
vordrang, zu stillen.  Aber Hscher traten auf Befehl des Kaisers
herbei, die auch ihn, als einen dem Gesetz Verfallenen, in Verwahrsam
nahmen; man legte ihn, unter Beihlfe einiger rzte, auf eine Bahre,
und trug ihn, unter der Begleitung einer groen Volksmenge
gleichfalls in ein Gefngnis, wohin Frau Helena jedoch und ihre
Tchter, die Erlaubnis bekamen, ihm, bis an seinen Tod, an dem
niemand zweifelte, folgen zu drfen.

Es zeigte sich aber gar bald, da Herrn Friedrichs Wunden, so
lebensgefhrliche und zarte Teile sie auch berhrten, durch eine
besondere Fgung des Himmels nicht tdlich waren; vielmehr konnten
die rzte, die man ihm zugeordnet hatte, schon wenige Tage darauf die
bestimmte Versicherung an die Familie geben, da er am Leben erhalten
werden wrde, ja, da er, bei der Strke seiner Natur, binnen wenigen
Wochen, ohne irgend eine Verstmmlung an seinem Krper zu erleiden,
wieder hergestellt sein wrde.  Sobald ihm seine Besinnung, deren ihn
der Schmerz whrend langer Zeit beraubte, wiederkehrte, war seine an
die Mutter gerichtete Frage unaufhrlich: was Frau Littegarde mache?
Er konnte sich der Trnen nicht enthalten, wenn er sich dieselbe in
der de des Gefngnisses, der entsetzlichsten Verzweiflung zum Raube
hingegeben dachte, und forderte die Schwestern, indem er ihnen
liebkosend das Kinn streichelte, auf, sie zu besuchen und sie zu
trsten.  Frau Helena, ber diese uerung betroffen, bat ihn, diese
Schndliche und Niedertrchtige zu vergessen; sie meinte, da das
Verbrechen, dessen der Graf Jakob vor Gericht Erwhnung getan, und
das nun durch den Ausgang des Zweikampfs ans Tageslicht gekommen,
verziehen werden knne, nicht aber die Schamlosigkeit und Frechheit,
mit dem Bewutsein dieser Schuld, ohne Rcksicht auf den edelsten
Freund, den sie dadurch ins Verderben strze, das geheiligte Urteil
Gottes, gleich einer Unschuldigen, fr sich aufzurufen.  Ach, meine
Mutter, sprach der Kmmerer, wo ist der Sterbliche, und wre die
Weisheit aller Zeiten sein, der es wagen darf, den geheimnisvollen
Spruch, den Gott in diesem Zweikampf getan hat, auszulegen?  "Wie?"
rief Frau Helena: "blieb der Sinn dieses gttlichen Spruchs dir
dunkel?  Hast du nicht, auf eine nur leider zu bestimmte und
unzweideutige Weise, dem Schwert deines Gegners im Kampf
unterlegen?"--Sei es! versetzte Herr Friedrich: auf einen Augenblick
unterlag ich ihm.  Aber ward ich durch den Grafen berwunden?  Leb
ich nicht?  Blhe ich nicht, wie unter dem Hauch des Himmels,
wunderbar wieder empor, vielleicht in wenig Tagen schon mit der Kraft
doppelt und dreifach ausgerstet, den Kampf, in dem ich durch einen
nichtigen Zufall gestrt ward, von neuem wieder
aufzunehmen?--"Trichter Mensch!" rief die Mutter.  "Und weit du
nicht, da ein Gesetz besteht, nach welchem ein Kampf, der einmal
nach dem Ausspruch der Kampfrichter abgeschlossen ist, nicht wieder
zur Ausfechtung derselben Sache vor den Schranken des gttlichen
Gerichts aufgenommen werden darf?" Gleichviel! versetzte der Kmmerer
unwillig.  Was kmmern mich diese willkrlichen Gesetze der Menschen?
Kann ein Kampf, der nicht bis an den Tod eines der beiden Kmpfer
fortgefhrt worden ist, nach jeder vernnftigen Schtzung der
Verhltnisse fr abgeschlossen gehalten werden? und drfte ich nicht,
falls mir ihn wieder aufzunehmen gestattet wre, hoffen, den Unfall,
der mich betroffen, wieder herzustellen, und mir mit dem Schwert
einen ganz andern Spruch Gottes zu erkmpfen, als den, der jetzt
beschrnkter und kurzsichtiger Weise dafr angenommen wird?
"Gleichwohl", entgegnete die Mutter bedenklich, "sind diese Gesetze,
um welche du dich nicht zu bekmmern vorgibst, die waltenden und
herrschenden; sie ben, verstndig oder nicht, die Kraft gttlicher
Satzungen aus, und berliefern dich und sie, wie ein
verabscheuungswrdiges Frevelpaar, der ganzen Strenge der peinlichen
Gerichtsbarkeit."--Ach, rief Herr Friedrich; das eben ist es, was
mich Jammervollen in Verzweiflung strzt!  Der Stab ist, einer
berwiesenen gleich, ber sie gebrochen; und ich, der ihre Tugend und
Unschuld vor der Welt erweisen wollte, bin es, der dies Elend ber
sie gebracht: ein heilloser Fehltritt in die Riemen meiner Sporen,
durch den Gott mich vielleicht, ganz unabhngig von ihrer Sache, der
Snden meiner eignen Brust wegen, strafen wollte, gibt ihre blhenden
Glieder der Flamme und ihr Andenken ewiger Schande preis!--Bei diesen
Worten stieg ihm die Trne heien mnnlichen Schmerzes ins Auge; er
kehrte sich, indem er ein Tuch ergriff, der Wand zu, und Frau Helena
und ihre Tchter knieten in stiller Rhrung an seinem Bett nieder,
und mischten, indem sie seine Hand kten, ihre Trnen mit den
seinigen.  Inzwischen war der Turmwchter, mit Speisen fr ihn und
die Seinigen, in sein Zimmer getreten, und da Herr Friedrich ihn
fragte, wie sich Frau Littegarde befinde: vernahm er in abgerissenen
und nachlssigen Worten desselben, da sie auf einem Bndel Stroh
liege, und noch seit dem Tage, da sie eingesetzt worden, kein Wort
von sich gegeben habe.  Herr Friedrich ward durch diese Nachricht in
die uerste Besorgnis gestrzt; er trug ihm auf, der Dame, zu ihrer
Beruhigung zu sagen, da er, durch eine sonderbare Schickung des
Himmels, in seiner vlligen Besserung begriffen sei, und bat sich von
ihr die Erlaubnis aus, sie nach Wiederherstellung seiner Gesundheit,
mit Genehmigung des Schlovogts, einmal in ihrem Gefngnis besuchen
zu drfen.  Doch die Antwort, die der Turmwchter von ihr, nach
mehrmaligem Rtteln derselben am Arm, da sie wie eine Wahnsinnige,
ohne zu hren und zu sehen, auf dem Stroh lag, empfangen zu haben,
vorgab, war: nein, sie wolle, so lange sie auf Erden sei, keinen
Menschen mehr sehen;--ja, man erfuhr, da sie noch an demselben Tage
dem Schlovogt, in einer eigenhndigen Zuschrift, befohlen hatte,
niemanden, wer es auch sei, den Kmmerer von Trota aber am
allerwenigsten, zu ihr zu lassen; dergestalt, da Herr Friedrich, von
der heftigsten Bekmmernis ber ihren Zustand getrieben, an einem
Tage, an welchem er seine Kraft besonders lebhaft wiederkehren fhlte,
mit Erlaubnis des Schlovogts aufbrach, und sich, ihrer Verzeihung
gewi, ohne bei ihr angemeldet worden zu sein, in Begleitung seiner
Mutter und beiden Schwestern, nach ihrem Zimmer verfgte.

Aber wer beschreibt das Entsetzen der unglcklichen Littegarde, als
sie sich, bei dem an der Tr entstehenden Gerusch, mit halb offner
Brust und aufgelstem Haar, von dem Stroh, das ihr untergeschttet
war, erhob und statt des Turmwchters, den sie erwartete, den
Kmmerer, ihren edlen und vortrefflichen Freund, mit manchen Spuren
der ausgestandenen Leiden, eine wehmtige und rhrende Erscheinung,
an Berthas und Kunigundens Arm bei sich eintreten sah.  "Hinweg!"
rief sie, indem sie sich mit dem Ausdruck der Verzweiflung rckwrts
auf die Decken ihres Lagers zurckwarf, und die Hnde vor ihr Antlitz
drckte: "wenn dir ein Funken von Mitleid im Busen glimmt, hinweg!
"--Wie, meine teuerste Littegarde? versetzte Herr Friedrich.  Er
stellte sich ihr, gesttzt auf seine Mutter, zur Seite und neigte
sich in unaussprechlicher Rhrung ber sie, um ihre Hand zu ergreifen.
"Hinweg!" rief sie, mehrere Schritt weit auf Knien vor ihm auf dem
Stroh zurckbebend: "wenn ich nicht wahnsinnig werden soll, so
berhre mich nicht!  Du bist mir ein Greuel; loderndes Feuer ist mir
minder schrecklich, als du!"--Ich dir ein Greuel? versetzte Herr
Friedrich betroffen.  Womit, meine edelmtige Littegarde, hat dein
Friedrich diesen Empfang verdient?--Bei diesen Worten setzte ihm
Kunigunde, auf den Wink der Mutter, einen Stuhl hin, und lud ihn,
schwach wie er war, ein, sich darauf zu setzen.  "O Jesus!" rief jene,
indem sie sich, in der entsetzlichsten Angst, das Antlitz ganz auf
den Boden gestreckt, vor ihm niederwarf: "rume das Zimmer, mein
Geliebter, und verla mich!  Ich umfasse in heier Inbrunst deine
Kniee, ich wasche deine Fe mit meinen Trnen, ich flehe dich, wie
ein Wurm vor dir im Staube gekrmmt, um die einzige Erbarmung an:
rume, mein Herr und Gebieter, rume mir das Zimmer, rume es
augenblicklich und verla mich!"--Herr Friedrich stand durch und
durch erschttert vor ihr da.  Ist dir mein Anblick so unerfreulich
Littegarde? fragte er, indem er ernst auf sie niederschaute.
"Entsetzlich, unertrglich, vernichtend!" antwortete Littegarde, ihr
Gesicht mit verzweiflungsvoll vorgesttzten Hnden, ganz zwischen die
Sohlen seiner F bergend.  "Die Hlle, mit allen Schauern und
Schrecknissen, ist ser mir und anzuschauen lieblicher, als der
Frhling deines mir in Huld und Liebe zugekehrten Angesichts!"--Gott
im Himmel! rief der Kmmerer; was soll ich von dieser Zerknirschung
deiner Seele denken?  Sprach das Gottesurteil, Unglckliche, die
Wahrheit, und bist du des Verbrechens, dessen dich der Graf vor
Gericht geziehen hat, bist du dessen schuldig?--"Schuldig, berwiesen,
verworfen, in Zeitlichkeit und Ewigkeit verdammt und verurteilt!"
rief Littegarde, indem sie sich den Busen, wie eine Rasende zerschlug:
"Gott ist wahrhaftig und untrglich; geh, meine Sinne reien, und
meine Kraft bricht.  La mich mit meinem Jammer und meiner
Verzweiflung allein!"--Bei diesen Worten fiel Herr Friedrich in
Ohnmacht; und whrend Littegarde sich mit einem Schleier das Haupt
verhllte, und sich, wie in gnzlicher Verabschiedung von der Welt,
auf ihr Lager zurcklegte, strzten Bertha und Kunigunde jammernd
ber ihren entseelten Bruder, um ihn wieder ins Leben zurck zu rufen.
"O sei verflucht!" rief Frau Helena, da der Kmmerer wieder die
Augen aufschlug: "verflucht zu ewiger Reue diesseits des Grabes, und
jenseits desselben zu ewiger Verdammnis: nicht wegen der Schuld, die
du jetzt eingestehst, sondern wegen der Unbarmherzigkeit und
Unmenschlichkeit, sie eher nicht, als bis du meinen schuldlosen Sohn
mit dir ins Verderben herabgerissen, einzugestehn!  Ich Trin!" fuhr
sie fort, indem sie sich verachtungsvoll von ihr abwandte, "htte ich
doch einem Wort, das mir, noch kurz vor Erffnung des Gottesgerichts,
der Prior des hiesigen Augustinerklosters anvertraut, bei dem der
Graf, in frommer Vorbereitung zu der entscheidenden Stunde, die ihm
bevorstand, zur Beichte gewesen, Glauben geschenkt! ihm hat er, auf
die heilige Hostie, die Wahrhaftigkeit der Angabe, die er vor Gericht
in Bezug auf die Elende, niedergelegt, beschworen; die Gartenpforte
hat er ihm bezeichnet, an welcher sie ihn, der Verabredung gem,
beim Einbruch der Nacht erwartet und empfangen, das Zimmer ihm, ein
Seitengemach des unbewohnten Schloturms, beschrieben, worin sie ihn,
von den Wchtern unbemerkt, eingefhrt, das Lager, von Polstern
bequem und prchtig unter einem Thronhimmel aufgestapelt, worauf sie
sich, in schamloser Schwelgerei, heimlich mit ihm gebettet!  Ein
Eidschwur in einer solchen Stunde getan, enthlt keine Lge: und
htte ich, Verblendete, meinem Sohn, auch nur noch in dem Augenblick
des ausbrechenden Zweikampfs, eine Anzeige davon gemacht: so wrde
ich ihm die Augen geffnet haben, und er vor dem Abgrund an welchem
er stand, zurckgebebt sein.--Aber komm!" rief Frau Helena, indem sie
Herrn Friedrich sanft umschlo, und ihm einen Ku auf die Stirne
drckte: "Entrstung, die sie der Worte wrdigt, ehrt sie; unsern
Rcken mag sie erschaun, und vernichtet durch die Vorwrfe, womit wir
sie verschonen, verzweifeln!"--Der Elende! versetzte Littegarde,
indem sie sich gereizt durch diese Worte emporrichtete.  Sie sttzte
ihr Haupt schmerzvoll auf ihre Kniee, und indem sie heie Trnen auf
ihr Tuch niederweinte, sprach sie: Ich erinnere mich, da meine
Brder und ich, drei Tage vor jener Nacht des heiligen Remigius, auf
seinem Schlosse waren; er hatte, wie er oft zu tun pflegte, ein Fest
mir zu Ehren veranstaltet, und mein Vater, der den Reiz meiner
aufblhenden Jugend gern gefeiert sah, mich bewogen, die Einladung,
in Begleitung meiner Brder, anzunehmen.  Spt, nach Beendigung des
Tanzes, da ich mein Schlafzimmer besteige, finde ich einen Zettel auf
meinem Tisch liegen, der, von unbekannter Hand geschrieben und ohne
Namensunterschrift, eine frmliche Liebeserklrung enthielt.  Es traf
sich, da meine beiden Brder grade wegen Verabredung unserer Abreise,
die auf den kommenden Tag festgesetzt war, in dem Zimmer gegenwrtig
waren; und da ich keine Art des Geheimnisses vor ihnen zu haben
gewohnt war, so zeigte ich ihnen, von sprachlosem Erstaunen ergriffen,
den sonderbaren Fund, den ich soeben gemacht hatte.  Diese, welche
sogleich des Grafen Hand erkannten, schumten vor Wut, und der ltere
war willens, sich Augenblicks mit dem Papier in sein Gemach zu
verfgen; doch der jngere stellte ihm vor, wie bedenklich dieser
Schritt sei, da der Graf die Klugheit gehabt, den Zettel nicht zu
unterschreiben; worauf beide in der tiefsten Entwrdigung ber eine
so beleidigende Auffhrung, sich noch in derselben Nacht mit mir in
den Wagen setzten, und mit dem Entschlu, seine Burg nie wieder mit
ihrer Gegenwart zu beehren, auf das Schlo ihres Vaters zurck
kehrten.--Dies ist die einzige Gemeinschaft, setzte sie hinzu, die
ich jemals mit diesem Nichtswrdigen und Niedertrchtigen gehabt!
--"Wie?" sagte der Kmmerer, indem er ihr sein trnenvolles Gesicht
zukehrte: "diese Worte waren Musik meinem Ohr!--Wiederhole sie mir!"
sprach er nach einer Pause, indem er sich auf Knieen vor ihr
niederlie, und seine Hnde faltete: "Hast du mich, um jenes Elenden
willen, nicht verraten, und bist du rein von der Schuld, deren er
dich vor Gericht geziehen?" Lieber! flsterte Littegarde, indem sie
seine Hand an ihre Lippen drckte--"Bist dus?" rief der Kmmerer:
"bist dus?-- Wie die Brust eines neugebornen Kindes, wie das
Gewissen eines aus der Beichte kommenden Menschen, wie die Leiche
einer, in der Sakristei, unter der Einkleidung, verschiedenen Nonne!
--"O Gott, der Allmchtige!" rief Herr Friedrich, ihre Kniee
umfassend: "habe Dank!  Deine Worte geben mir das Leben wieder; der
Tod schreckt mich nicht mehr, und die Ewigkeit, soeben noch wie ein
Meer unabsehbaren Elends vor mir ausgebreitet, geht wieder, wie ein
Reich voll tausend glnziger Sonnen, vor mir auf!"--Du Unglcklicher,
sagte Littegarde, indem sie sich zurck zog: wie kannst du dem, was
dir mein Mund sagt, Glauben schenken?--"Warum nicht?" fragte Herr
Friedrich glhend.--Wahnsinniger!  Rasender! rief Littegarde; hat das
geheiligte Urteil Gottes nicht gegen mich entschieden?  Hast du dem
Grafen nicht in jenem verhngnisvollen Zweikampf unterlegen, und er
nicht die Wahrhaftigkeit dessen, was er vor Gericht gegen mich
angebracht, ausgekmpft?--"O meine teuerste Littegarde", rief der
Kmmerer: "bewahre deine Sinne vor Verzweiflung! trme das Gefhl,
das in deiner Brust lebt, wie einen Felsen empor: halte dich daran
und wanke nicht, und wenn Erd und Himmel unter dir und ber dir zu
Grunde gingen!  La uns, von zwei Gedanken, die die Sinne verwirren,
den verstndlicheren und begreiflicheren denken, und ehe du dich
schuldig glaubst, lieber glauben, da ich in dem Zweikampf, den ich
fr dich gefochten, siegte!--Gott, Herr meines Lebens", setzte er in
diesem Augenblick hinzu, indem er seine Hnde vor sein Antlitz legte,
"bewahre meine Seele selbst vor Verwirrung!  Ich meine, so wahr ich
selig werden will, vom Schwert meines Gegners nicht berwunden worden
zu sein, da ich schon unter den Staub seines Futritts hingeworfen,
wieder ins Dasein erstanden bin.  Wo liegt die Verpflichtung der
hchsten gttlichen Weisheit, die Wahrheit im Augenblick der
glaubensvollen Anrufung selbst, anzuzeigen und auszusprechen?  O
Littegarde", beschlo er, indem er ihre Hand zwischen die seinigen
drckte: "im Leben la uns auf den Tod, und im Tode auf die Ewigkeit
hinaus sehen, und des festen, unerschtterlichen Glaubens sein: deine
Unschuld wird, und wird durch den Zweikampf, den ich fr dich
gefochten, zum heitern, hellen Licht der Sonne gebracht werden!"--Bei
diesen Worten trat der Schlovogt ein; und da er Frau Helena, welche
weinend an einem Tisch sa, erinnerte, da so viele Gemtsbewegungen
ihrem Sohne schdlich werden knnten: so kehrte Herr Friedrich, auf
das Zureden der Seinigen, nicht ohne das Bewutsein, einigen Trost
gegeben und empfangen zu haben, wieder in sein Gefngnis zurck.

Inzwischen war, vor dem zu Basel von dem Kaiser eingesetzten Tribunal,
gegen Herrn Friedrich von Trota sowohl, als seine Freundin, Frau
Littegarde von Auerstein, die Klage wegen sndhaft angerufenen
gttlichen Schiedsurteils eingeleitet, und beide, dem bestehenden
Gesetz gem, verurteilt worden, auf dem Platz des Zweikampfs selbst,
den schmhlichen Tod der Flammen zu erleiden.  Man schickte eine
Deputation von Rten ab, um es den Gefangenen anzukndigen, und das
Urteil wrde auch, gleich nach Wiederherstellung des Kmmerers an
ihnen vollstreckt worden sein, wenn es des Kaisers geheime Absicht
nicht gewesen wre, den Grafen Jakob den Rotbart, gegen den er eine
Art von Mitrauen nicht unterdrcken konnte, dabei gegenwrtig zu
sehen.  Aber dieser lag, auf eine in der Tat sonderbare und
merkwrdige Weise, an der kleinen, dem Anschein nach unbedeutenden
Wunde, die er, zu Anfang des Zweikampfs, von Herrn Friedrich erhalten
hatte, noch immer krank; ein uerst verderbter Zustand seiner Sfte
verhinderte, von Tage zu Tage, und von Woche zu Woche, die Heilung
derselben, und die ganze Kunst der rzte, die man nach und nach aus
Schwaben und der Schweiz herbeirief, vermochte nicht, sie zu
schlieen.  Ja, ein tzender der ganzen damaligen Heilkunst
unbekannter Eiter, fra auf eine krebsartige Weise, bis auf den
Knochen herab im ganzen System seiner Hand um sich, dergestalt, da
man zum Entsetzen aller seiner Freunde gentigt gewesen war, ihm die
ganze schadhafte Hand, und spterhin, da auch hierdurch dem Eiterfra
kein Ziel gesetzt ward, den Arm selbst abzunehmen.  Aber auch dies,
als eine Radikalkur gepriesene Heilmittel vergrerte nur, wie man
heutzutage leicht eingesehen haben wrde, statt ihm abzuhelfen, das
bel; und die rzte, da sich sein ganzer Krper nach und nach in
Eiterung und Fulnis auflste, erklrten, da keine Rettung fr ihn
sei, und er noch, vor Abschlu der laufenden Woche, sterben msse.
Vergebens forderte ihn der Prior des Augustinerklosters, der in
dieser unerwarteten Wendung der Dinge die furchtbare Hand Gottes zu
erblicken glaubte, auf, im Bezug auf den zwischen ihm und der
Herzogin Regentin bestehenden Streit, die Wahrheit einzugestehen; der
Graf nahm, durch und durch erschttert, noch einmal das heilige
Sakrament auf die Wahrhaftigkeit seiner Aussage, und gab, unter allen
Zeichen der entsetzlichsten Angst, falls er Frau Littegarden
verleumderischer Weise angeklagt htte, seine Seele der ewigen
Verdammnis preis.  Nun hatte man, trotz der Sittenlosigkeit seines
Lebenswandels, doppelte Grnde, an die innerliche Redlichkeit dieser
Versicherung zu glauben: einmal, weil der Kranke in der Tat von einer
gewissen Frmmigkeit war, die einen falschen Eidschwur, in solchem
Augenblick getan, nicht zu gestatten schien, und dann, weil sich aus
einem Verhr, das ber den Turmwchter des Schlosses derer von Breda
angestellt worden war, welchen er, behufs eines heimlichen Eintritts
in die Burg, bestochen zu haben vorgegeben hatte, bestimmt ergab, da
dieser Umstand gegrndet, und der Graf wirklich in der Nacht des
heiligen Remigius, im Innern des Bredaschen Schlosses gewesen war.
Demnach blieb dem Prior fast nichts brig, als an eine Tuschung des
Grafen selbst, durch eine dritte ihm unbekannte Person zu glauben;
und noch hatte der Unglckliche, der, bei der Nachricht von der
wunderbaren Wiederherstellung des Kmmerers, selbst auf diesen
schrecklichen Gedanken geriet, das Ende seines Lebens nicht erreicht,
als sich dieser Glaube schon zu seiner Verzweiflung vollkommen
besttigte.  Man mu nmlich wissen, da der Graf schon lange, ehe
seine Begierde sich auf Frau Littegarden stellte, mit Rosalien, ihrer
Kammerzofe, auf einem nichtswrdigen Fu lebte; fast bei jedem Besuch,
den ihre Herrschaft auf seinem Schlosse abstattete, pflegte er dies
Mdchen, welches ein leichtfertiges und sittenloses Geschpft war,
zur Nachtzeit auf sein Zimmer zu ziehen.  Da nun Littegarde, bei dem
letzten Aufenthalt, den sie mit ihren Brdern auf seiner Burg nahm,
jenen zrtlichen Brief, worin er ihr seine Leidenschaft erklrte, von
ihm empfing: so erweckte dies die Empfindlichkeit und Eifersucht
dieses seit mehreren Monden schon von ihm vernachlssigten Mdchens;
sie lie, bei der bald darauf erfolgten Abreise Littegardens, welche
sie begleiten mute, im Namen derselben einen Zettel an den Grafen
zurck, worin sie ihm meldete, da die Entrstung ihrer Brder ber
den Schritt, den er getan, ihr zwar keine unmittelbare Zusammenkunft
gestattete: ihn aber einlud, sie zu diesem Zweck, in der Nacht des
heiligen Remigius, in den Gemchern ihrer vterlichen Burg zu
besuchen.  Jener, voll Freude ber das Glck seiner Unternehmung,
fertigte sogleich einen zweiten Brief an Littegarden ab, worin er ihr
seine bestimmte Ankunft in der gesagten Nacht meldete, und sie nur
bat, ihm, zur Vermeidung aller Irrung, einen treuen Fhrer, der ihn
nach ihren Zimmern geleiten knne, entgegen zu schicken; und da die
Zofe, in jeder Art der Rnke gebt, auf eine solche Anzeige rechnete,
so glckte es ihr, dies Schreiben aufzufangen, und ihm in einer
zweiten falschen Antwort zu sagen, da sie ihn selbst an der
Gartenpforte erwarten wrde.  Darauf, am Abend vor der verabredeten
Nacht, bat sie sich unter dem Vorwand, da ihre Schwester krank sei,
und da sie dieselbe besuchen wolle, von Littegarden einen Urlaub
aufs Land aus; sie verlie auch, da sie denselben erhielt, wirklich,
spt am Nachmittag, mit einem Bndel Wsche den sie unter dem Arm
trug, das Schlo, und begab sich, vor aller Augen nach der Gegend, wo
jene Frau wohnte, auf den Weg. Statt aber diese Reise zu vollenden,
fand sie sich bei Einbruch der Nacht, unter dem Vorgeben, da ein
Gewitter heranziehe, wieder auf der Burg ein, und mittelte sich, um
ihre Herrschaft, wie sie sagte, nicht zu stren, indem es ihre
Absicht sei in der Frhe des kommenden Morgens ihre Wanderung
anzutreten, ein Nachtlager in einem der leerstehenden Zimmer des
verdeten und wenig besuchten Schloturms aus.  Der Graf, der sich
bei dem Turmwchter durch Geld den Eingang in die Burg zu verschaffen
wute, und in der Stunde der Mitternacht, der Verabredung gem, von
einer verschleierten Person an der Gartenpforte empfangen ward,
ahndete, wie man leicht begreift, nichts von dem ihm gespielten
Betrug; das Mdchen drckte ihm flchtig einen Ku auf den Mund, und
fhrte ihn, ber mehrere Treppen und Gnge des verdeten
Seitenflgels, in eines der prchtigsten Gemcher des Schlosses
selbst, dessen Fenster vorher sorgsam von ihr verschlossen worden
waren.  Hier, nachdem sie seine Hand haltend, auf geheimnisvolle
Weise an den Tren umhergehorcht, und ihm, mit flsternder Stimme,
unter dem Vorgeben, da das Schlafzimmer des Bruders ganz in der Nhe
sei, Schweigen geboten hatte, lie sie sich mit ihm auf dem zur Seite
stehenden Ruhebette nieder; der Graf, durch ihre Gestalt und Bildung
getuscht, schwamm im Taumel des Vergngens, in seinem Alter noch
eine solche Eroberung gemacht zu haben; und als sie ihn beim ersten
Dmmerlicht des Morgens entlie, und ihm zum Andenken an die
verflossene Nacht einen Ring, den Littegarde von ihrem Gemahl
empfangen und den sie ihr am Abend zuvor zu diesem Zweck entwendet
hatte, an den Finger steckte, versprach er ihr, sobald er zu Hause
angelangt sein wrde, zum Gegengeschenk einen anderen, der ihm am
Hochzeitstage von seiner verstorbenen Gemahlin verehrt worden war.
Drei Tage darauf hielt er auch Wort, und schickte diesen Ring, den
Rosalie wieder geschickt genug war aufzufangen, heimlich auf die Burg;
lie aber, wahrscheinlich aus Furcht, da dies Abenteuer ihn zu weit
fhren knne, weiter nichts von sich hren, und wich, unter
mancherlei Vorwnden, einer zweiten Zusammenkunft aus.  Spterhin war
das Mdchen eines Diebstahls wegen, wovon der Verdacht mit ziemlicher
Gewiheit auf ihr ruhte, verabschiedet und in das Haus ihrer Eltern,
welche am Rhein wohnten, zurckgeschickt worden, und da, nach Verlauf
von neun Monaten, die Folgen ihres ausschweifenden Lebens sichtbar
wurden, und die Mutter sie mit groer Strenge verhrte, gab sie den
Grafen Jakob den Rotbart, unter Entdeckung der ganzen geheimen
Geschichte, die sie mit ihm gespielt hatte, als den Vater ihres
Kindes an.  Glcklicherweise hatte sie den Ring, der ihr von dem
Grafen bersendet worden war, aus Furcht, fr eine Diebin gehalten zu
werden, nur sehr schchtern zum Verkauf ausbieten knnen, auch in der
Tat, seines groen Werts wegen, niemand gefunden, der ihn zu erstehen
Lust gezeigt htte: dergestalt, da die Wahrhaftigkeit ihrer Aussage
nicht in Zweifel gezogen werden konnte, und die Eltern, auf dies
augenscheinliche Zeugnis gesttzt, klagbar, wegen Unterhaltung des
Kindes, bei den Gerichten gegen den Grafen Jakob einkamen.  Die
Gerichte, welche von dem sonderbaren Rechtsstreit, der in Basel
anhngig gemacht worden war, schon gehrt hatten, beeilten sich,
diese Entdeckung, die fr den Ausgang desselben von der grten
Wichtigkeit war, zur Kenntnis des Tribunals zu bringen; und da eben
ein Ratsherr in ffentlichen Geschften nach dieser Stadt abging, so
gaben sie ihm, zur Auflsung des frchterlichen Rtsels, das ganz
Schwaben und die Schweiz beschftigte, einen Brief mit der
gerichtlichen Aussage des Mdchens, dem sie den Ring beifgten, fr
den Grafen Jakob den Rotbart mit.

Es war eben an dem zur Hinrichtung Herrn Friedrichs und Littegardens
bestimmten Tage, welche der Kaiser, unbekannt mit den Zweifeln, die
sich in der Brust des Grafen selbst erhoben hatten, nicht mehr
aufschieben zu drfen glaubte, als der Ratsherr zu dem Kranken, der
sich in jammervoller Verzweiflung auf seinem Lager wlzte, mit diesem
Schreiben ins Zimmer trat.  "Es ist genug!" rief dieser, da er den
Brief berlesen, und den Ring empfangen hatte: "ich bin das Licht der
Sonne zu schauen, mde!  Verschafft mir", wandte er sich zum Prior,
"eine Bahre, und fhrt mich Elenden, dessen Kraft zu Staub versinkt,
auf den Richtplatz hinaus: ich will nicht, ohne eine Tat der
Gerechtigkeit verbt zu haben, sterben!" Der Prior, durch diesen
Vorfall tief erschttert, lie ihn sogleich, wie er begehrte, durch
vier Knechte auf ein Traggestell heben; und zugleich mit einer
unermelichen Menschenmenge, welche das Glockengelut um den
Scheiterhaufen, auf welchen Herr Friedrich und Littegarde bereits
festgebunden waren, versammelte, kam er, mit dem Unglcklichen, der
ein Kruzifix in der Hand hielt, daselbst an.  "Halt!" rief der Prior,
indem er die Bahre, dem Altan des Kaisers gegenber, niedersetzen
lie: "bevor ihr das Feuer an jenen Scheiterhaufen legt, vernehmt ein
Wort, das euch der Mund dieses Snders zu erffnen hat!"--Wie? rief
der Kaiser, indem er sich leichenbla von seinem Sitz erhob, hat das
geheiligte Urteil Gottes nicht fr die Gerechtigkeit seiner Sache
entschieden, und ist es, nach dem was vorgefallen, auch nur zu denken
erlaubt, da Littegarde an dem Frevel, dessen er sie geziehen,
unschuldig sei?--Bei diesen Worten stieg er betroffen vom Altan herab;
und mehr denn tausend Ritter, denen alles Volk, ber Bnke und
Schranken herab, folgte, drngten sich um das Lager des Kranken
zusammen.  "Unschuldig", versetzte dieser, indem er sich gesttzt auf
den Prior, halb darauf emporrichtete: "wie es der Spruch des hchsten
Gottes, an jenem verhngnisvollen Tage, vor den Augen aller
versammelten Brger von Basel entschieden hat!  Denn er, von drei
Wunden, jede tdlich, getroffen, blht, wie ihr seht, in Kraft und
Lebensflle; indessen ein Hieb von seiner Hand, der kaum die uerste
Hlle meines Lebens zu berhren schien, in langsam frchterlicher
Fortwirkung den Kern desselben selbst getroffen, und meine Kraft, wie
der Sturmwind eine Eiche, gefllt hat.  Aber hier, falls ein
Unglubiger noch Zweifel nhren sollte, sind die Beweise: Rosalie,
ihre Kammerzofe, war es, die mich in jener Nacht des heiligen
Remigius empfing, whrend ich Elender in der Verblendung meiner Sinne,
sie selbst, die meine Antrge stets mit Verachtung zurckgewiesen
hat, in meinen Armen zu halten meinte!" Der Kaiser stand erstarrt wie
zu Stein, bei diesen Worten da.  Er schickte, indem er sich nach dem
Scheiterhaufen umkehrte, einen Ritter ab, mit dem Befehl, selbst die
Leiter zu besteigen, und den Kmmerer sowohl als die Dame, welche
letztere bereits in den Armen ihrer Mutter in Ohnmacht lag,
loszubinden und zu ihm heranzufhren.  "Nun, jedes Haar auf eurem
Haupt bewacht ein Engel!" rief er, da Littegarde, mit halb offner
Brust und entfesselten Haaren, an der Hand Herrn Friedrichs, ihres
Freundes, dessen Kniee selbst, unter dem Gefhl dieser wunderbaren
Rettung, wankten, durch den Kreis des in Ehrfurcht und Erstaunen
ausweichenden Volks, zu ihm herantrat.  Er kte beiden, die vor ihm
niederknieten, die Stirn; und nachdem er sich den Hermelin, den seine
Gemahlin trug, erbeten, und ihn Littegarden um die Schultern gehngt
hatte, nahm er, vor den Augen aller versammelten Ritter, ihren Arm,
in der Absicht, sie selbst in die Gemcher seines kaiserlichen
Schlosses zu fhren.  Er wandte sich, whrend der Kmmerer
gleichfalls statt des Snderkleids, das ihn deckte, mit Federhut und
ritterlichem Mantel geschmckt ward, gegen den auf der Bahre
jammervoll sich wlzenden Grafen zurck, und von einem Gefhl des
Mitleidens bewegt, da derselbe sich doch in den Zweikampf, der ihn zu
Grunde gerichtet, nicht eben auf frevelhafte und gotteslsterliche
Weise eingelassen hatte, fragte er den ihm zur Seite stehenden Arzt:
ob keine Rettung fr den Unglcklichen sei?--"Vergebens!" antwortete
Jakob der Rotbart, indem er sich, unter schrecklichen Zuckungen, auf
den Scho seines Arztes sttzte: "und ich habe den Tod, den ich
erleide, verdient.  Denn wit, weil mich doch der Arm der weltlichen
Gerechtigkeit nicht mehr ereilen wird, ich bin der Mrder meines
Bruders, des edeln Herzogs Wilhelm von Breysach: der Bsewicht, der
ihn mit dem Pfeil aus meiner Rstkammer nieder warf, war sechs Wochen
vorher, zu dieser Tat, die mir die Krone verschaffen sollte, von mir
gedungen!"--Bei dieser Erklrung sank er auf die Bahre zurck und
hauchte seine schwarze Seele aus.  "Ha, die Ahndung meines Gemahls,
des Herzogs, selbst!" rief die an der Seite des Kaisers stehende
Regentin, die sich gleichfalls vom Altan des Schlosses herab, im
Gefolge der Kaiserin, auf den Schloplatz begeben hatte: "mir noch im
Augenblick des Todes, mit gebrochenen Worten, die ich gleichwohl
damals nur unvollkommen verstand, kund getan!"--Der Kaiser versetzte
in Entrstung: so soll der Arm der Gerechtigkeit noch deine Leiche
ereilen! nehmt ihn, rief er, indem er sich umkehrte, den Hschern zu,
und bergebt ihn gleich, gerichtet wie er ist, den Henkern: er mge,
zur Brandmarkung seines Andenkens, auf jenem Scheiterhaufen verderben,
auf welchem wir eben, um seinetwillen, im Begriff waren, zwei
Unschuldige zu opfern!  Und damit, whrend die Leiche des Elenden in
rtlichen Flammen aufprasselnd, vom Hauche des Nordwindes in alle
Lfte verstreut und verweht ward, fhrte er Frau Littegarden, im
Gefolge aller seiner Ritter, auf das Schlo.  Er setzte sie, durch
einen kaiserlichen Schlu, wieder in ihr vterliches Erbe ein, von
welchem die Brder in ihrer unedelmtigen Habsucht schon Besitz
genommen hatten; und schon nach drei Wochen ward, auf dem Schlosse zu
Breysach, die Hochzeit der beiden trefflichen Brautleute gefeiert,
bei welcher die Herzogin Regentin, ber die ganze Wendung, die die
Sache genommen hatte, sehr erfreut, Littegarden einen groen Teil der
Besitzungen des Grafen, die dem Gesetz verfielen, zum Brautgeschenk
machte.  Der Kaiser aber hing Herrn Friedrich, nach der Trauung, eine
Gnadenkette um den Hals; und sobald er, nach Vollendung seiner
Geschfte mit der Schweiz, wieder in Worms angekommen war, lie er in
die Statuten des geheiligten gttlichen Zweikampfs, berall wo
vorausgesetzt wird, da die Schuld dadurch unmittelbar ans Tageslicht
komme, die Worte einrcken: "wenn es Gottes Wille ist."



Die heilige Ccilie
oder
die Gewalt der Musik
(Eine Legende)


Um das Ende des sechzehnten Jahrhunderts, als die Bilderstrmerei in
den Niederlanden wtete, trafen drei Brder, junge in Wittenberg
studierende Leute, mit einem vierten, der in Antwerpen als Prdikant
angestellt war, in der Stadt Aachen zusammen.  Sie wollten daselbst
eine Erbschaft erheben, die ihnen von Seiten eines alten, ihnen allen
unbekannten Oheims zugefallen war, und kehrten, weil niemand in dem
Ort war, an den sie sich htten wenden knnen, in einem Gasthof ein.
Nach Verlauf einiger Tage, die sie damit zugebracht hatten, den
Prdikanten ber die merkwrdigen Auftritte, die in den Niederlanden
vorgefallen waren, anzuhren, traf es sich, da von den Nonnen im
Kloster der heiligen Ccilie, das damals vor den Toren dieser Stadt
lag, der Fronleichnamstag festlich begangen werden sollte; dergestalt,
da die vier Brder, von Schwrmerei, Jugend und dem Beispiel der
Niederlnder erhitzt, beschlossen, auch der Stadt Aachen das
Schauspiel einer Bilderstrmerei zu geben.  Der Prdikant, der
dergleichen Unternehmungen mehr als einmal schon geleitet hatte,
versammelte, am Abend zuvor, eine Anzahl junger, der neuen Lehre
ergebener Kaufmannsshne und Studenten, welche, in dem Gasthofe, bei
Wein und Speisen, unter Verwnschungen des Papsttums, die Nacht
zubrachten; und, da der Tag ber die Zinnen der Stadt aufgegangen,
versahen sie sich mit xten und Zerstrungswerkzeugen aller Art, um
ihr ausgelassenes Geschft zu beginnen.  Sie verabredeten frohlockend
ein Zeichen, auf welches sie damit anfangen wollten, die
Fensterscheiben, mit biblischen Geschichten bemalt, einzuwerfen; und
eines groen Anhangs, den sie unter dem Volk finden wrden, gewi,
verfgten sie sich, entschlossen keinen Stein auf dem andern zu
lassen, in der Stunde, da die Glocken luteten, in den Dom.  Die
btissin, die, schon beim Anbruch des Tages, durch einen Freund von
der Gefahr, in welcher das Kloster schwebte, benachrichtigt worden
war, schickte vergebens, zu wiederholten Malen, zu dem kaiserlichen
Offizier, der in der Stadt kommandierte, und bat sich, zum Schutz des
Klosters, eine Wache aus; der Offizier, der selbst ein Feind des
Papsttums, und als solcher, wenigstens unter der Hand, der neuen
Lehre zugetan war, wute ihr unter dem staatsklugen Vorgeben, da sie
Geister she, und fr ihr Kloster auch nicht der Schatten einer
Gefahr vorhanden sei, die Wache zu verweigern.  Inzwischen brach die
Stunde an, da die Feierlichkeiten beginnen sollten, und die Nonnen
schickten sich, unter Angst und Beten, und jammervoller Erwartung der
Dinge, die da kommen sollten, zur Messe an.  Niemand beschtzte sie,
als ein alter, siebenzigjhriger Klostervogt, der sich, mit einigen
bewaffneten Troknechten, am Eingang der Kirche aufstellte.  In den
Nonnenklstern fhren, auf das Spiel jeder Art der Instrumente gebt,
die Nonnen, wie bekannt, ihre Musiken selber auf; oft mit einer
Przision, einem Verstand und einer Empfindung, die man in mnnlichen
Orchestern (vielleicht wegen der weiblichen Geschlechtsart dieser
geheimnisvollen Kunst) vermit.  Nun fgte es sich, zur Verdoppelung
der Bedrngnis, da die Kapellmeisterin, Schwester Antonia, welche
die Musik auf dem Orchester zu dirigieren pflegte, wenige Tage zuvor,
an einem Nervenfieber heftig erkrankte; dergestalt, da abgesehen von
den vier gotteslsterlichen Brdern, die man bereits, in Mnteln
gehllt, unter den Pfeilern der Kirche erblickte, das Kloster auch,
wegen Auffhrung eines schicklichen Musikwerks, in der lebhaftesten
Verlegenheit war.  Die btissin, die am Abend des vorhergehenden
Tages befohlen hatte, da eine uralte von einem unbekannten Meister
herrhrende, italienische Messe aufgefhrt werden mchte, mit welcher
die Kapelle mehrmals schon, einer besondern Heiligkeit und
Herrlichkeit wegen, mit welcher sie gedichtet war, die gresten
Wirkungen hervorgebracht hatte, schickte, mehr als jemals auf ihren
Willen beharrend, noch einmal zur Schwester Antonia herab, um zu
hren, wie sich dieselbe befinde; die Nonne aber, die dies Geschft
bernahm, kam mit der Nachricht zurck, da die Schwester in gnzlich
bewutlosem Zustande daniederliege, und da an ihre Direktionsfhrung,
bei der vorhabenden Musik, auf keine Weise zu denken sei.
Inzwischen waren in dem Dom, in welchem sich nach und nach mehr denn
hundert, mit Beilen und Brechstangen versehene Frevler, von allen
Stnden und Altern, eingefunden hatten, bereits die bedenklichsten
Auftritte vorgefallen; man hatte einige Troknechte, die an den
Portlen standen, auf die unanstndigste Weise geneckt, und sich die
frechsten und unverschmtesten uerungen gegen die Nonnen erlaubt,
die sich hin und wieder, in frommen Geschften, einzeln in den Hallen
blicken lieen: dergestalt, da der Klostervogt sich in die Sakristei
verfgte, und die btissin auf Knieen beschwor, das Fest einzustellen
und sich in die Stadt, unter den Schutz des Kommandanten zu begeben.
Aber die btissin bestand unerschtterlich darauf, da das zur Ehre
des hchsten Gottes angeordnete Fest begangen werden msse; sie
erinnerte den Klostervogt an seine Pflicht, die Messe und den
feierlichen Umgang, der in dem Dom gehalten werden wrde, mit Leib
und Leben zu beschirmen; und befahl, weil eben die Glocke schlug, den
Nonnen, die sie, unter Zittern und Beben umringten, ein Oratorium,
gleichviel welches und von welchem Wert es sei, zu nehmen, und mit
dessen Auffhrung sofort den Anfang zu machen.

Eben schickten sich die Nonnen auf dem Altan der Orgel dazu an; die
Partitur eines Musikwerks, das man schon hufig gegeben hatte, ward
verteilt, Geigen, Hoboen und Bsse geprft und gestimmt: als
Schwester Antonia pltzlich, frisch und gesund, ein wenig bleich im
Gesicht, von der Treppe her erschien; sie trug die Partitur der
uralten, italienischen Messe, auf deren Auffhrung die btissin so
dringend bestanden hatte, unter dem Arm.  Auf die erstaunte Frage der
Nonnen.  "Wo sie herkomme?  Und wie sie sich pltzlich so erholt
habe?" antwortete sie: gleichviel, Freundinnen, gleichviel! verteilte
die Partitur, die sie bei sich trug, und setzte sich selbst, von
Begeisterung glhend, an die Orgel, um die Direktion des
vortrefflichen Musikstcks zu bernehmen.  Demnach kam es, wie ein
wunderbarer, himmlischer Trost, in die Herzen der frommen Frauen; sie
stellten sich augenblicklich mit ihren Instrumenten an die Pulte; die
Beklemmung selbst, in der sie sich befanden, kam hinzu, um ihre
Seelen, wie auf Schwingen, durch alle Himmel des Wohlklangs zu fhren;
das Oratorium ward mit der hchsten und herrlichsten musikalischen
Pracht ausgefhrt; es regte sich, whrend der ganzen Darstellung,
kein Odem in den Hallen und Bnken; besonders bei dem salve regina
und noch mehr bei dem gloria in excelsis, war es, als ob die ganze
Bevlkerung der Kirche tot sei: dergestalt, da den vier
gottverdammten Brdern und ihrem Anhang zum Trotz, auch der Staub auf
dem Estrich nicht verweht ward, und das Kloster noch bis an den
Schlu des dreiigjhrigen Krieges bestanden hat, wo man es, vermge
eines Artikels im westflischen Frieden, gleichwohl skularisierte.

Sechs Jahre darauf, da diese Begebenheit lngst vergessen war, kam
die Mutter dieser vier Jnglinge aus dem Haag an, und stellte, unter
dem betrbten Vorgeben, da dieselben gnzlich verschollen wren, bei
dem Magistrat zu Aachen, wegen der Strae, die sie von hier aus
genommen haben mochten, gerichtliche Untersuchungen an.  Die letzten
Nachrichten, die man von ihnen in den Niederlanden, wo sie eigentlich
zu Hause gehrten, gehabt hatte, waren, wie sie meldete, ein vor dem
angegebenen Zeitraum, am Vorabend eines Fronleichnamsfestes,
geschriebener Brief des Prdikanten, an seinen Freund, einen
Schullehrer in Antwerpen, worin er demselben, mit vieler Heiterkeit
oder vielmehr Ausgelassenheit, von einer gegen das Kloster der
heiligen Ccilie entworfenen Unternehmung, ber welche sich die
Mutter jedoch nicht nher auslassen wollte, auf vier dichtgedrngten
Seiten vorlufige Anzeige machte.  Nach mancherlei vergeblichen
Bemhungen, die Personen, welche diese bekmmerte Frau suchte,
auszumitteln, erinnerte man sich endlich, da sich schon seit einer
Reihe von Jahren, welche ohngefhr auf die Angabe pate, vier junge
Leute, deren Vaterland und Herkunft unbekannt sei, in dem durch des
Kaisers Vorsorge unlngst gestifteten Irrenhause der Stadt befanden.
Da dieselben jedoch an der Ausschweifung einer religisen Idee krank
lagen, und ihre Auffhrung, wie das Gericht dunkel gehrt zu haben
meinte, uerst trbselig und melancholisch war; so pate dies so
wenig auf den, der Mutter nur leider zu bekannten Gemtsstand ihrer
Shne, als da sie auf diese Anzeige, besonders da es fast herauskam,
als ob die Leute katholisch wren, viel htte geben sollen.
Gleichwohl, durch mancherlei Kennzeichen, womit man sie beschrieb,
seltsam getroffen, begab sie sich eines Tages, in Begleitung eines
Gerichtsboten, in das Irrenhaus, und bat die Vorsteher um die
Geflligkeit, ihr zu den vier unglcklichen, sinnverwirrten Mnnern,
die man daselbst aufbewahre, einen prfenden Zutritt zu gestatten.
Aber wer beschreibt das Entsetzen der armen Frau, als sie gleich auf
den ersten Blick, so wie sie in die Tr trat, ihre Shne erkannte:
sie saen, in langen, schwarzen Talaren, um einen Tisch, auf welchem
ein Kruzifix stand, und schienen, mit gefalteten Hnden schweigend
auf die Platte gesttzt, dasselbe anzubeten.  Auf die Frage der Frau,
die ihrer Krfte beraubt, auf einen Stuhl niedergesunken war: was sie
daselbst machten?  Antworteten ihr die Vorsteher: "da sie blo in
der Verherrlichung des Heilands begriffen wren, von dem sie, nach
ihrem Vorgeben, besser als andre, einzusehen glaubten, da er der
wahrhaftige Sohn des alleinigen Gottes sei." Sie setzten hinzu: "da
die Jnglinge, seit nun schon sechs Jahren, dies geisterartige Leben
fhrten; da sie wenig schliefen und wenig genssen; da kein Laut
ber ihre Lippen kme; da sie sich blo in der Stunde der
Mitternacht einmal von ihren Sitzen erhben; und da sie alsdann, mit
einer Stimme, welche die Fenster des Hauses bersten machte, das
gloria in excelsis intonierten." Die Vorsteher schlossen mit der
Versicherung: da die jungen Mnner dabei krperlich vollkommen
gesund wren; da man ihnen sogar eine gewisse, obschon sehr ernste
und feierliche, Heiterkeit nicht absprechen knnte; da sie, wenn man
sie fr verrckt erklrte, mitleidig die Achseln zuckten, und da sie
schon mehr als einmal geuert htten: "wenn die gute Stadt Aachen
wte, was sie, so wrde dieselbe ihre Geschfte bei Seite legen, und
sich gleichfalls, zur Absingung des gloria, um das Kruzifix des Herrn
niederlassen."

Die Frau, die den schauderhaften Anblick dieser Unglcklichen nicht
ertragen konnte und sich bald darauf, auf wankenden Knieen, wieder
hatte zu Hause fhren lassen, begab sich, um ber die Veranlassung
dieser ungeheuren Begebenheit Auskunft zu erhalten, am Morgen des
folgenden Tages, zu Herrn Veit Gotthelf, berhmten Tuchhndler der
Stadt; denn dieses Mannes erwhnte der von dem Prdikanten
geschriebene Brief, und es ging daraus hervor, da derselbe an dem
Projekt, das Kloster der heiligen Ccilie am Tage des
Fronleichnamsfestes zu zerstren, eifrigen Anteil genommen habe.
Veit Gotthelf, der Tuchhndler, der sich inzwischen verheiratet,
mehrere Kinder gezeugt, und die betrchtliche Handlung seines Vaters
bernommen hatte, empfing die Fremde sehr liebreich: und da er erfuhr,
welch ein Anliegen sie zu ihm fhre, so verriegelte er die Tr, und
lie sich, nachdem er sie auf einen Stuhl niedergentigt hatte,
folgendermaen vernehmen: "Meine liebe Frau!  Wenn Ihr mich, der mit
Euren Shnen vor sechs Jahren in genauer Verbindung gestanden, in
keine Untersuchung deshalb verwickeln wollt, so will ich Euch
offenherzig und ohne Rckhalt gestehen: ja, wir haben den Vorsatz
gehabt, dessen der Brief erwhnt!  Wodurch diese Tat, zu deren
Ausfhrung alles, auf das Genaueste, mit wahrhaft gottlosem
Scharfsinn, angeordnet war, gescheitert ist, ist mir unbegreiflich;
der Himmel selbst scheint das Kloster der frommen Frauen in seinen
heiligen Schutz genommen zu haben.  Denn wit, da sich Eure Shne
bereits, zur Einleitung entscheidenderer Auftritte, mehrere
mutwillige, den Gottesdienst strende Possen erlaubt hatten: mehr
denn dreihundert, mit Beilen und Pechkrnzen versehene Bsewichter,
aus den Mauern unserer damals irregeleiteten Stadt, erwarteten nichts
als das Zeichen, das der Prdikant geben sollte, um den Dom der Erde
gleich zu machen.  Dagegen, bei Anhebung der Musik, nehmen Eure Shne
pltzlich, in gleichzeitiger Bewegung, und auf eine uns auffallende
Weise, die Hte ab, sie legen, nach und nach, wie in tiefer
unaussprechlicher Rhrung, die Hnde vor ihr herabgebeugtes Gesicht,
und der Prdikant, indem er sich, nach einer erschtternden Pause,
pltzlich umwendet, ruft uns allen mit lauter frchterlicher Stimme
zu: gleichfalls unsere Hupter zu entblen!  Vergebens fordern ihn
einige Genossen flsternd, indem sie ihn mit ihren Armen leichtfertig
anstoen, auf, das zur Bilderstrmerei verabredete Zeichen zu geben:
der Prdikant, statt zu antworten, lt sich, mit kreuzweis auf die
Brust gelegten Hnden, auf Knieen nieder und murmelt, samt den
Brdern, die Stirn inbrnstig in den Staub herab gedrckt, die ganze
Reihe noch kurz vorher von ihm verspotteter Gebete ab.  Durch diesen
Anblick tief im Innersten verwirrt, steht der Haufen der jmmerlichen
Schwrmer, seiner Anfhrer beraubt, in Unschlssigkeit und
Unttigkeit, bis an den Schlu des, vom Altan wunderbar
herabrauschenden Oratoriums da; und da, auf Befehl des Kommandanten,
in eben diesem Augenblick mehrere Arretierungen verfgt, und einige
Frevler, die sich Unordnungen erlaubt hatten, von einer Wache
aufgegriffen und abgefhrt wurden, so bleibt der elenden Schar nichts
brig, als sich schleunigst, unter dem Schutz der gedrngt
aufbrechenden Volksmenge, aus dem Gotteshause zu entfernen.  Am Abend,
da ich in dem Gasthofe vergebens mehrere Mal nach Euren Shnen,
welche nicht wiedergekehrt waren, gefragt hatte, gehe ich, in der
entsetzlichsten Unruhe, mit einigen Freunden wieder nach dem Kloster
hinaus, um mich bei den Trstehern, welche der kaiserlichen Wache
hilfreich an die Hand gegangen waren, nach ihnen zu erkundigen.  Aber
wie schildere ich Euch mein Entsetzen, edle Frau, da ich diese vier
Mnner nach wie vor, mit gefalteten Hnden, den Boden mit Brust und
Scheiteln kssend, als ob sie zu Stein erstarrt wren, heier
Inbrunst voll vor dem Altar der Kirche daniedergestreckt liegen sehe!
Umsonst forderte sie der Klostervogt, der in eben diesem Augenblick
herbeikommt, indem er sie am Mantel zupft und an den Armen rttelt,
auf, den Dom, in welchem es schon ganz finster werde, und kein Mensch
mehr gegenwrtig sei, zu verlassen: sie hren, auf trumerische Weise
halb aufstehend, nicht eher auf ihn, als bis er sie durch seine
Knechte unter den Arm nehmen, und vor das Portal hinaus fhren lt:
wo sie uns endlich, obschon unter Seufzern und hufigem
herzzerreienden Umsehen nach der Kathedrale, die hinter uns im Glanz
der Sonne prchtig funkelte, nach der Stadt folgen.  Die Freunde und
ich, wir fragen sie, zu wiederholten Malen, zrtlich und liebreich
auf dem Rckwege, was ihnen in aller Welt Schreckliches, fhig, ihr
innerstes Gemt dergestalt umzukehren, zugestoen sei; sie drcken
uns, indem sie uns freundlich ansehen, die Hnde, schauen
gedankenvoll auf den Boden nieder und wischen sich--ach! von Zeit zu
Zeit, mit einem Ausdruck, der mir noch jetzt das Herz spaltet, die
Trnen aus den Augen.  Drauf, in ihre Wohnungen angekommen, binden
sie sich ein Kreuz, sinnreich und zierlich von Birkenreisern zusammen,
und setzen es, einem kleinen Hgel von Wachs eingedrckt, zwischen
zwei Lichtern, womit die Magd erscheint, auf dem groen Tisch in des
Zimmers Mitte nieder, und whrend die Freunde, deren Schar sich von
Stunde zu Stunde vergrert, hnderingend zur Seite stehen, und in
zerstreuten Gruppen, sprachlos vor Jammer, ihrem stillen,
gespensterartigen Treiben zusehen: lassen sie sich, gleich als ob
ihre Sinne vor jeder andern Erscheinung verschlossen wren, um den
Tisch nieder, und schicken sich still, mit gefalteten Hnden, zur
Anbetung an.  Weder des Essens begehren sie, das ihnen, zur Bewirtung
der Genossen, ihrem am Morgen gegebenen Befehl gem, die Magd bringt,
noch spterhin, da die Nacht sinkt, des Lagers, das sie ihnen, weil
sie mde scheinen, im Nebengemach aufgestapelt hat; die Freunde, um
die Entrstung des Wirts, den diese Auffhrung befremdet, nicht zu
reizen, mssen sich an einen, zur Seite ppig gedeckten Tisch
niederlassen, und die, fr eine zahlreiche Gesellschaft zubereiteten
Speisen, mit dem Salz ihrer bitterlichen Trnen gebeizt, einnehmen.
Jetzt pltzlich schlgt die Stunde der Mitternacht; Eure vier Shne,
nachdem sie einen Augenblick gegen den dumpfen Klang der Glocke
aufgehorcht, heben sich pltzlich in gleichzeitiger Bewegung, von
ihren Sitzen empor; und whrend wir, mit niedergelegten Tischtchern,
zu ihnen hinberschauen, ngstlicher Erwartung voll, was auf so
seltsames und befremdendes Beginnen erfolgen werde: fangen sie, mit
einer entsetzlichen und grlichen Stimme, das gloria in excelsis zu
intonieren an.  So mgen sich Leoparden und Wlfe anhren lassen,
wenn sie zur eisigen Winterzeit, das Firmament anbrllen: die Pfeiler
des Hauses, versichere ich Euch, erschtterten, und die Fenster, von
ihrer Lungen sichtbarem Atem getroffen, drohten klirrend, als ob man
Hnde voll schweren Sandes gegen ihre Flchen wrfe, zusammen zu
brechen.  Bei diesem grausenhaften Auftritt strzen wir besinnungslos,
mit strubenden Haaren auseinander; wir zerstreuen uns, Mntel und
Hte zurcklassend, durch die umliegenden Straen, welche in kurzer
Zeit, statt unsrer, von mehr denn hundert, aus dem Schlaf
geschreckter Menschen, angefllt waren; das Volk drngt sich, die
Haustre sprengend, ber die Stiege dem Saale zu, um die Quelle
dieses schauderhaften und emprenden Gebrlls, das, wie von den
Lippen ewig verdammter Snder, aus dem tiefsten Grund der
flammenvollen Hlle, jammervoll um Erbarmung zu Gottes Ohren
heraufdrang, aufzusuchen.  Endlich, mit dem Schlage der Glocke Eins,
ohne auf das Zrnen des Wirts, noch auf die erschtterten Ausrufungen
des sie umringenden Volks gehrt zu haben, schlieen sie den Mund;
sie wischen sich mit einem Tuch den Schwei von der Stirn, der ihnen,
in groen Tropfen, auf Kinn und Brust niedertruft; und breiten ihre
Mntel aus, und legen sich, um eine Stunde von so qualvollen
Geschften auszuruhen, auf das Getfel des Bodens nieder.  Der Wirt,
der sie gewhren lt, schlgt, sobald er sie schlummern sieht, ein
Kreuz ber sie; und froh, des Elends fr den Augenblick erledigt zu
sein, bewegt er, unter der Versicherung, der Morgen werde eine
heilsame Vernderung herbeifhren, den Mnnerhaufen, der gegenwrtig
ist, und der geheimnisvoll mit einander murmelt, das Zimmer zu
verlassen.  Aber leider! schon mit dem ersten Schrei des Hahns,
stehen die Unglcklichen wieder auf, um dem auf dem Tisch
befindlichen Kreuz gegenber, dasselbe de, gespensterartige
Klosterleben, das nur Erschpfung sie auf einen Augenblick
auszusetzen zwang, wieder anzufangen.  Sie nehmen von dem Wirt,
dessen Herz ihr jammervoller Anblick schmelzt, keine Ermahnung, keine
Hlfe an; sie bitten ihn, die Freunde liebreich abzuweisen, die sich
sonst regelmig am Morgen jedes Tages bei ihnen zu versammeln
pflegten; sie begehren nichts von ihm, als Wasser und Brot, und eine
Streu, wenn es sein kann, fr die Nacht: dergestalt, da dieser Mann,
der sonst viel Geld von ihrer Heiterkeit zog, sich gentigt sah, den
ganzen Vorfall den Gerichten anzuzeigen und sie zu bitten, ihm diese
vier Menschen, in welchen ohne Zweifel der bse Geist walten msse,
aus dem Hause zu schaffen.  Worauf sie, auf Befehl des Magistrats, in
rztliche Untersuchung genommen, und, da man sie verrckt befand, wie
Ihr wit, in die Gemcher des Irrenhauses untergebracht wurden, das
die Milde des letzt verstorbenen Kaisers, zum Besten der
Unglcklichen dieser Art, innerhalb der Mauern unserer Stadt
gegrndet hat." Dies und noch Mehreres sagte Veit Gotthelf, der
Tuchhndler, das wir hier, weil wir zur Einsicht in den inneren
Zusammenhang der Sache genug gesagt zu haben meinen, unterdrcken;
und forderte die Frau nochmals auf, ihn auf keine Weise, falls es zu
gerichtlichen Nachforschungen ber diese Begebenheit kommen sollte,
darin zu verstricken.

Drei Tage darauf, da die Frau, durch diesen Bericht tief im Innersten
erschttert, am Arm einer Freundin nach dem Kloster hinausgegangen
war, in der wehmtigen Absicht, auf einem Spaziergang, weil eben das
Wetter schn war, den entsetzlichen Schauplatz in Augenschein zu
nehmen, auf welchem Gott ihre Shne wie durch unsichtbare Blitze zu
Grunde gerichtet hatte: fanden die Weiber den Dom, weil eben gebaut
wurde, am Eingang durch Planken versperrt, und konnten, wenn sie sich
mhsam erhoben, durch die ffnungen der Bretter hindurch von dem
Inneren nichts, als die prchtig funkelnde Rose im Hintergrund der
Kirche wahrnehmen.  Viele hundert Arbeiter, welche frhliche Lieder
sangen, waren auf schlanken, vielfach verschlungenen Gersten
beschftigt, die Trme noch um ein gutes Dritteil zu erhhen, und die
Dcher und Zinnen derselben, welche bis jetzt nur mit Schiefer
bedeckt gewesen waren, mit starkem, hellen, im Strahl der Sonne
glnzigen Kupfer zu belegen.  Dabei stand ein Gewitter, dunkelschwarz,
mit vergoldeten Rndern, im Hintergrunde des Baus; dasselbe hatte
schon ber die Gegend von Aachen ausgedonnert, und nachdem es noch
einige kraftlose Blitze, gegen die Richtung, wo der Dom stand,
geschleudert hatte, sank es, zu Dnsten aufgelst, mivergngt
murmelnd in Osten herab.  Es traf sich, da da die Frauen von der
Treppe des weitlufigen klsterlichen Wohngebudes herab, in
mancherlei Gedanken vertieft, dies doppelte Schauspiel betrachteten,
eine Klosterschwester, welche vorberging, zufllig erfuhr, wer die
unter dem Portal stehende Frau sei; dergestalt, da die btissin, die
von einem, den Fronleichnamstag betreffenden Brief, den dieselbe bei
sich trug, gehrt hatte, unmittelbar darauf die Schwester zu ihr
herabschickte, und die niederlndische Frau ersuchen lie, zu ihr
herauf zu kommen.  Die Niederlnderin, obschon einen Augenblick
dadurch betroffen, schickte sich nichts desto weniger ehrfurchtsvoll
an, dem Befehl, den man ihr angekndigt hatte, zu gehorchen; und
whrend die Freundin, auf die Einladung der Nonne, in ein dicht an
dem Eingang befindliches Nebenzimmer abtrat, ffnete man der Fremden,
welche die Treppe hinaufsteigen mute, die Flgeltren des schn
gebildeten Sllers selbst.  Daselbst fand sie die btissin, welches
eine edle Frau, von stillem kniglichen Ansehn war, auf einem Sessel
sitzen, den Fu auf einem Schemel gesttzt, der auf Drachenklauen
ruhte; ihr zur Seite, auf einem Pulte, lag die Partitur einer Musik.
Die btissin, nachdem sie befohlen hatte, der Fremden einen Stuhl
hinzusetzen, entdeckte ihr, da sie bereits durch den Brgermeister
von ihrer Ankunft in der Stadt gehrt; und nachdem sie sich, auf
menschenfreundliche Weise, nach dem Befinden ihrer unglcklichen
Shne erkundigt, auch sie ermuntert hatte, sich ber das Schicksal,
das dieselben betroffen, weil es einmal nicht zu ndern sei,
mglichst zu fassen: erffnete sie ihr den Wunsch, den Brief zu sehen,
den der Prdikant an seinen Freund, den Schullehrer in Antwerpen
geschrieben hatte.  Die Frau, welche Erfahrung genug besa,
einzusehen, von welchen Folgen dieser Schritt sein konnte, fhlte
sich dadurch auf einen Augenblick in Verlegenheit gestrzt; da jedoch
das ehrwrdige Antlitz der Dame unbedingtes Vertrauen erforderte, und
auf keine Weise schicklich war, zu glauben, da ihre Absicht sein
knne, von dem Inhalt desselben einen ffentlichen Gebrauch zu machen;
so nahm sie, nach einer kurzen Besinnung, den Brief aus ihrem Busen,
und reichte ihn, unter einem heien Ku auf ihre Hand, der
frstlichen Dame dar.  Die Frau, whrend die btissin den Brief
berlas, warf nunmehr einen Blick auf die nachlssig ber dem Pult
aufgeschlagene Partitur; und da sie, durch den Bericht des
Tuchhndlers, auf den Gedanken gekommen war, es knne wohl die Gewalt
der Tne gewesen sein, die, an jenem schauerlichen Tage, das Gemt
ihrer armen Shne zerstrt und verwirrt habe: so fragte sie die
Klosterschwester, die hinter ihrem Stuhle stand, indem sie sich zu
ihr umkehrte, schchtern: "ob dies das Musikwerk wre, das vor sechs
Jahren, am Morgen jenes merkwrdigen Fronleichnamsfestes, in der
Kathedrale aufgefhrt worden sei?" Auf die Antwort der jungen
Klosterschwester: ja! sie erinnere sich davon gehrt zu haben, und es
pflege seitdem, wenn man es nicht brauche, im Zimmer der
hochwrdigsten Frau zu liegen: stand, lebhaft erschttert, die Frau
auf, und stellte sich, von mancherlei Gedanken durchkreuzt, vor den
Pult.  Sie betrachtete die unbekannten zauberischen Zeichen, womit
sich ein frchterlicher Geist geheimnisvoll den Kreis abzustecken
schien, und meinte, in die Erde zu sinken, da sie grade das gloria in
excelsis aufgeschlagen fand.  Es war ihr, als ob das ganze Schrecken
der Tonkunst, das ihre Shne verderbt hatte, ber ihrem Haupte
rauschend daherzge; sie glaubte, bei dem bloen Anblick ihre Sinne
zu verlieren, und nachdem sie schnell, mit einer unendlichen Regung
von Demut und Unterwerfung unter die gttliche Allmacht, das Blatt an
ihre Lippen gedrckt hatte, setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl
zurck.  Inzwischen hatte die btissin den Brief ausgelesen und sagte,
indem sie ihn zusammen faltete: "Gott selbst hat das Kloster, an
jenem wunderbaren Tage, gegen den bermut Eurer schwer verirrten
Shne beschirmt.  Welcher Mittel er sich dabei bedient, kann Euch,
die Ihr eine Protestantin seid, gleichgltig sein: Ihr wrdet auch
das, was ich Euch darber sagen knnte, schwerlich begreifen.  Denn
vernehmt, da schlechterdings niemand wei, wer eigentlich das Werk,
das Ihr dort aufgeschlagen findet, im Drang der schreckenvollen
Stunde, da die Bilderstrmerei ber uns hereinbrechen sollte, ruhig
auf dem Sitz der Orgel dirigiert habe.  Durch ein Zeugnis, das am
Morgen des folgenden Tages, in Gegenwart des Klostervogts und
mehrerer anderen Mnner aufgenommen und im Archiv niedergelgt ward,
ist erwiesen, da Schwester Antonia, die das Werk dirigieren konnte,
whrend des ganzen Zeitraums seiner Auffhrung, krank, bewutlos,
ihrer Glieder schlechthin unmchtig, im Winkel ihrer Klosterzelle
darniedergelegen habe; eine Klosterschwester, die ihr als leibliche
Verwandte zur Pflege ihres Krpers beigeordnet war, ist whrend des
ganzen Vormittags, da das Fronleichnamsfest in der Kathedrale
gefeiert worden, nicht von ihrem Bette gewichen.  Ja, Schwester
Antonia wrde ohnfehlbar selbst den Umstand, da sie es nicht gewesen
sei, die, auf so seltsame und befremdende Weise, auf dem Altan der
Orgel erschien, besttigt und bewahrheitet haben: wenn ihr gnzlich
sinnberaubter Zustand erlaubt htte, sie darum zu befragen, und die
Kranke nicht noch am Abend desselben Tages, an dem Nervenfieber, an
dem sie danieder lag, und welches frherhin gar nicht
lebensgefhrlich schien, verschieden wre.  Auch hat der Erzbischof
von Trier, an den dieser Vorfall berichtet ward, bereits das Wort
ausgesprochen, das ihn allein erklrt, nmlich, da die heilige
Ccilie selbst dieses zu gleicher Zeit schreckliche und herrliche
Wunder vollbracht habe; und von dem Papst habe ich soeben ein Breve
erhalten, wodurch er dies besttigt." Und damit gab sie der Frau den
Brief, den sie sich blo von ihr erbeten hatte, um ber das, was sie
schon wute, nhere Auskunft zu erhalten, unter dem Versprechen, da
sie davon keinen Gebrauch machen wrde, zurck; und nachdem sie
dieselbe noch gefragt hatte, ob zur Wiederherstellung ihrer Shne
Hoffnung sei, und ob sie ihr vielleicht mit irgend etwas, Geld oder
eine andere Untersttzung, zu diesem Zweck dienen knne, welches die
Frau, indem sie ihr den Rock kte, weinend verneinte: grte sie
dieselbe freundlich mit der Hand und entlie sie.

Hier endigt diese Legende.  Die Frau, deren Anwesenheit in Aachen
gnzlich nutzlos war, ging mit Zurcklassung eines kleinen Kapitals,
das sie zum Besten ihrer armen Shne bei den Gerichten niederlegte,
nach dem Haag zurck, wo sie ein Jahr darauf, durch diesen Vorfall
tief bewegt, in den Scho der katholischen Kirche zurckkehrte: die
Shne aber starben, im spten Alter, eines heitern und vergngten
Todes, nachdem sie noch einmal, ihrer Gewohnheit gem, das gloria in
excelsis abgesungen hatten.




Die Marquise von O...


(Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem
Sden verlegt worden)

In M..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, lie die
verwitwete Marquise von O..., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und
Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen
bekannt machen: da sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstnde gekommen
sei, da der Vater zu dem Kinde, das sie gebren wrde, sich melden
solle; und da sie, aus Familienrcksichten, entschlossen wre, ihn
zu heiraten.  Die Dame, die einen so sonderbaren, den Spott der Welt
reizenden Schritt, beim Drang unabnderlicher Umstnde, mit solcher
Sicherheit tat, war die Tochter des Herrn von G..., Kommandanten der
Zitadelle bei M...  Sie hatte, vor ungefhr drei Jahren, ihren Gemahl,
den Marquis von O..., dem sie auf das innigste und zrtlichste
zugetan war, auf einer Reise verloren, die er, in Geschften der
Familie, nach Paris gemacht hatte.  Auf Frau von G...s, ihrer
wrdigen Mutter, Wunsch, hatte sie, nach seinem Tode, den Landsitz
verlassen, den sie bisher bei V... bewohnt hatte, und war, mit ihren
beiden Kindern, in das Kommandantenhaus, zu ihrem Vater,
zurckgekehrt.  Hier hatte sie die nchsten Jahre mit Kunst, Lektre,
mit Erziehung, und ihrer Eltern Pflege beschftigt, in der grten
Eingezogenheit zugebracht: bis der...  Krieg pltzlich die Gegend
umher mit den Truppen fast aller Mchte und auch mit russischen
erfllte.  Der Obrist von G..., welcher den Platz zu verteidigen
Order hatte, forderte seine Gemahlin und seine Tochter auf, sich auf
das Landgut, entweder der letzteren, oder seines Sohnes, das bei V...
lag, zurckzuziehen.  Doch ehe sich die Abschtzung noch, hier der
Bedrngnisse, denen man in der Festung, dort der Greuel, denen man
auf dem platten Lande ausgesetzt sein konnte, auf der Waage der
weiblichen berlegung entschieden hatte: war die Zitadelle von den
russischen Truppen schon berennt, und aufgefordert, sich zu ergeben.
Der Obrist erklrte gegen seine Familie, da er sich nunmehr
verhalten wrde, als ob sie nicht vorhanden wre; und antwortete mit
Kugeln und Granaten.  Der Feind, seinerseits, bombardierte die
Zitadelle.  Er steckte die Magazine in Brand, eroberte ein Auenwerk,
und als der Kommandant, nach einer nochmaligen Aufforderung, mit der
bergabe zauderte, so ordnete er einen nchtlichen berfall an, und
eroberte die Festung mit Sturm.

Eben als die russischen Truppen, unter einem heftigen Haubitzenspiel,
von auen eindrangen, fing der linke Flgel des Kommandantenhauses
Feuer und ntigte die Frauen, ihn zu verlassen.  Die Obristin, indem
sie der Tochter, die mit den Kindern die Treppe hinabfloh, nacheilte,
rief, da man zusammenbleiben, und sich in die unteren Gewlbe
flchten mchte; doch eine Granate, die, eben in diesem Augenblicke,
in dem Hause zerplatzte, vollendete die gnzliche Verwirrung in
demselben.  Die Marquise kam, mit ihren beiden Kindern, auf den
Vorplatz des Schlosses, wo die Schsse schon, im heftigsten Kampf,
durch die Nacht blitzten, und sie, besinnungslos, wohin sie sich
wenden solle, wieder in das brennende Gebude zurckjagten.  Hier,
unglcklicher Weise, begegnete ihr, da sie eben durch die Hintertr
entschlpfen wollte, ein Trupp feindlicher Scharfschtzen, der, bei
ihrem Anblick, pltzlich still ward, die Gewehre ber die Schultern
hing, und sie, unter abscheulichen Gebrden, mit sich fortfhrte.
Vergebens rief die Marquise, von der entsetzlichen, sich unter
einander selbst bekmpfenden, Rotte bald hier, bald dorthin gezerrt,
ihre zitternden, durch die Pforte zurckfliehenden Frauen, zu Hlfe.
Man schleppte sie in den hinteren Schlohof, wie sie eben, unter den
schndlichsten Mihandlungen, zu Boden sinken wollte, als, von dem
Zetergeschrei der Dame herbeigerufen, ein russischer Offizier
erschien, und die Hunde, die nach solchem Raub lstern waren, mit
wtenden Hieben zerstreute.  Der Marquise schien er ein Engel des
Himmels zu sein.  Er stie noch dem letzten viehischen Mordknecht,
der ihren schlanken Leib umfat hielt, mit dem Griff des Degens ins
Gesicht, da er, mit aus dem Mund vorquellendem Blut, zurcktaumelte;
bot dann der Dame, unter einer verbindlichen, franzsischen Anrede
den Arm, und fhrte sie, die von allen solchen Auftritten sprachlos
war, in den anderen, von der Flamme noch nicht ergriffenen, Flgel
des Palastes, wo sie auch vllig bewutlos niedersank.  Hier traf er,
da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen
Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, da sie
sich bald erholen wrde; und kehrte in den Kampf zurck.

Der Platz war in kurzer Zeit vllig erobert, und der Kommandant, der
sich nur noch wehrte, weil man ihm keinen Pardon geben wollte, zog
sich eben mit sinkenden Krften nach dem Portal des Hauses zurck,
als der russische Offizier, sehr erhitzt im Gesicht, aus demselben
hervortrat, und ihm zurief, sich zu ergeben.  Der Kommandant
antwortete, da er auf diese Aufforderung nur gewartet habe, reichte
ihm seinen Degen dar, und bat sich die Erlaubnis aus, sich ins Schlo
begeben, und nach seiner Familie umsehen zu drfen.  Der russische
Offizier, der, nach der Rolle zu urteilen, die er spielte, einer der
Anfhrer des Sturms zu sein schien, gab ihm, unter Begleitung einer
Wache, diese Freiheit; setzte sich, mit einiger Eilfertigkeit, an die
Spitze eines Detachements, entschied, wo er noch zweifelhaft sein
mochte, den Kampf, und bemannte schleunigst die festen Punkte des
Forts.  Bald darauf kehrte er auf den Waffenplatz zurck, gab Befehl,
der Flamme, welche wtend um sich zu greifen anfing, Einhalt zu tun,
und leistete selbst hierbei Wunder der Anstrengung, als man seine
Befehle nicht mit dem gehrigen Eifer befolgte.  Bald kletterte er,
den Schlauch in der Hand, mitten unter brennenden Giebeln umher, und
regierte den Wasserstrahl; bald steckte er, die Naturen der Asiaten
mit Schaudern erfllend, in den Arsenlen, und wlzte Pulverfsser
und gefllte Bomben heraus.  Der Kommandant, der inzwischen in das
Haus getreten war, geriet auf die Nachricht von dem Unfall, der die
Marquise betroffen hatte, in die uerste Bestrzung.  Die Marquise,
die sich schon vllig, ohne Beihlfe des Arztes, wie der russische
Offizier vorher gesagt hatte, aus ihrer Ohnmacht wieder erholt hatte,
und bei der Freude, alle die Ihrigen gesund und wohl zu sehen, nur
noch, um die bermige Sorge derselben zu beschwichtigen, das Bett
htete, versicherte ihn, da sie keinen andern Wunsch habe, als
aufstehen zu drfen, um ihrem Retter ihre Dankbarkeit zu bezeugen.
Sie wute schon, da er der Graf F..., Obristlieutenant vom t...n
Jgerkorps, und Ritter eines Verdienst- und mehrerer anderen Orden
war.  Sie bat ihren Vater, ihn instndigst zu ersuchen, da er die
Zitadelle nicht verlasse, ohne sich einen Augenblick im Schlo
gezeigt zu haben.  Der Kommandant, der das Gefhl seiner Tochter
ehrte, kehrte auch ungesumt in das Fort zurck, und trug ihm, da er
unter unaufhrlichen Kriegsanordnungen umherschweifte, und keine
bessere Gelegenheit zu finden war, auf den Wllen, wo er eben die
zerschossenen Rotten revidierte, den Wunsch seiner gerhrten Tochter
vor.  Der Graf versicherte ihn, da er nur auf den Augenblick warte,
den er seinen Geschften wrde abmigen knnen, um ihr seine
Ehrerbietigkeit zu bezeugen.  Er wollte noch hren, wie sich die Frau
Marquise befinde?  Als ihn die Rapporte mehrerer Offiziere schon
wieder in das Gewhl des Krieges zurckrissen.  Als der Tag anbrach,
erschien der Befehlshaber der russischen Truppen, und besichtigte das
Fort.  Er bezeugte dem Kommandanten seine Hochachtung, bedauerte, da
das Glck seinen Mut nicht besser untersttzt habe, und gab ihm, auf
sein Ehrenwort, die Freiheit, sich hinzubegeben, wohin er wolle.  Der
Kommandant versicherte ihn seiner Dankbarkeit, und uerte, wie viel
er, an diesem Tage, den Russen berhaupt, und besonders dem jungen
Grafen F..., Obristlieutenant vom t...n Jgerkorps, schuldig geworden
sei.  Der General fragte, was vorgefallen sei; und als man ihn von
dem frevelhaften Anschlag auf die Tochter desselben unterrichtete,
zeigte er sich auf das uerste entrstet.  Er rief den Grafen F...
bei Namen vor.  Nachdem er ihm zuvrderst wegen seines eignen
edelmtigen Verhaltens eine kurze Lobrede gehalten hatte: wobei der
Graf ber das ganze Gesicht rot ward; schlo er, da er die
Schandkerle, die den Namen des Kaisers brandmarkten, niederschieen
lassen wolle; und befahl ihm, zu sagen, wer sie seien?  Der Graf F...
antwortete, in einer verwirrten Rede, da er nicht im Stande sei,
ihre Namen anzugeben, indem es ihm, bei dem schwachen Schimmer der
Reverberen im Schlohof, unmglich gewesen wre, ihre Gesichter zu
erkennen.  Der General, welcher gehrt hatte, da damals schon das
Schlo in Flammen stand, wunderte sich darber; er bemerkte, wie man
wohl bekannte Leute in der Nacht an ihren Stimmen erkennen knnte;
und gab ihm, da er mit einem verlegenen Gesicht die Achseln zuckte,
auf, der Sache auf das allereifrigste und strengste nachzuspren.  In
diesem Augenblick berichtete jemand, der sich aus dem hintern Kreise
hervordrngte, da einer von den, durch den Grafen F... verwundeten,
Frevlern, da er in dem Korridor niedergesunken, von den Leuten des
Kommandanten in ein Behltnis geschleppt worden, und darin noch
befindlich sei.  Der General lie diesen hierauf durch eine Wache
herbeifhren, ein kurzes Verhr ber ihn halten; und die ganze Rotte,
nachdem jener sie genannt hatte, fnf an der Zahl zusammen,
erschieen.  Dies abgemacht, gab der General, nach Zurcklassung
einer kleinen Besatzung, Befehl zum allgemeinen Aufbruch der brigen
Truppen; die Offiziere zerstreuten sich eiligst zu ihren Korps; der
Graf trat, durch die Verwirrung der Auseinander-Eilenden, zum
Kommandanten, und bedauerte, da er sich der Frau Marquise, unter
diesen Umstnden, gehorsamst empfehlen msse: und in weniger, als
einer Stunde, war das ganze Fort von Russen wieder leer.

Die Familie dachte nun darauf, wie sie in der Zukunft eine
Gelegenheit finden wrde, dem Grafen irgend eine uerung ihrer
Dankbarkeit zu geben; doch wie gro war ihr Schrecken, als sie erfuhr,
da derselbe noch am Tage seines Aufbruchs aus dem Fort, in einem
Gefecht mit den feindlichen Truppen, seinen Tod gefunden habe.  Der
Kurier, der diese Nachricht nach M... brachte, hatte ihn mit eignen
Augen, tdlich durch die Brust geschossen, nach P... tragen sehen, wo
er, wie man sichere Nachricht hatte, in dem Augenblick, da ihn die
Trger von den Schultern nehmen wollten, verblichen war.  Der
Kommandant, der sich selbst auf das Posthaus verfgte, und sich nach
den nheren Umstnden dieses Vorfalls erkundigte, erfuhr noch, da er
auf dem Schlachtfeld, in dem Moment, da ihn der Schu traf, gerufen
habe: "Julietta!  Diese Kugel rcht dich!" und nachher seine Lippen
auf immer geschlossen htte.  Die Marquise war untrstlich, da sie
die Gelegenheit hatte vorbeigehen lassen, sich zu seinen Fen zu
werfen.  Sie machte sich die lebhaftesten Vorwrfe, da sie ihn, bei
seiner, vielleicht aus Bescheidenheit, wie sie meinte, herrhrenden
Weigerung, im Schlosse zu erscheinen, nicht selbst aufgesucht habe;
bedauerte die Unglckliche, ihre Namensschwester, an die er noch im
Tode gedacht hatte; bemhte sich vergebens, ihren Aufenthalt zu
erforschen, um sie von diesem unglcklichen und rhrenden Vorfall zu
unterrichten; und mehrere Monden vergingen, ehe sie selbst ihn
vergessen konnte.

Die Familie mute nun das Kommandantenhaus rumen, um dem russischen
Befehlshaber darin Platz zu machen.  Man berlegte anfangs, ob man
sich nicht auf die Gter des Kommandanten begeben sollte, wozu die
Marquise einen groen Hang hatte; doch da der Obrist das Landleben
nicht liebte, so bezog die Familie ein Haus in der Stadt, und
richtete sich dasselbe zu einer immerwhrenden Wohnung ein.  Alles
kehrte nun in die alte Ordnung der Dinge zurck.  Die Marquise
knpfte den lange unterbrochenen Unterricht ihrer Kinder wieder an,
und suchte, fr die Feierstunden, ihre Staffelei und Bcher hervor:
als sie sich, sonst die Gttin der Gesundheit selbst, von
wiederholten Unplichkeiten befallen fhlte, die sie ganze Wochen
lang, fr die Gesellschaft untauglich machten.  Sie litt an
belkeiten, Schwindeln und Ohnmachten, und wute nicht, was sie aus
diesem sonderbaren Zustand machen solle.  Eines Morgens, da die
Familie beim Tee sa, und der Vater sich, auf einen Augenblick, aus
dem Zimmer entfernt hatte, sagte die Marquise, aus einer langen
Gedankenlosigkeit erwachend, zu ihrer Mutter: wenn mir eine Frau
sagte, da sie ein Gefhl htte, ebenso, wie ich jetzt, da ich die
Tasse ergriff, so wrde ich bei mir denken, da sie in gesegneten
Leibesumstnden wre.  Frau von G... sagte, sie verstnde sie nicht.
Die Marquise erklrte sich noch einmal, da sie eben jetzt eine
Sensation gehabt htte, wie damals, als sie mit ihrer zweiten Tochter
schwanger war.  Frau von G... sagte, sie wrde vielleicht den
Phantasus gebren, und lachte.  Morpheus wenigstens, versetzte die
Marquise, oder einer der Trume aus seinem Gefolge wrde sein Vater
sein; und scherzte gleichfalls.  Doch der Obrist kam, das Gesprch
ward abgebrochen, und der ganze Gegenstand, da die Marquise sich in
einigen Tagen wieder erholte, vergessen.

Bald darauf ward der Familie, eben zu einer Zeit, da sich auch der
Forstmeister von G..., des Kommandanten Sohn, in dem Hause
eingefunden hatte, der sonderbare Schrecken, durch einen Kammerdiener,
der ins Zimmer trat, den Grafen F... anmelden zu hren.  Der Graf F..
.! sagte der Vater und die Tochter zugleich; und das Erstaunen machte
alle sprachlos.  Der Kammerdiener versicherte, da er recht gesehen
und gehrt habe, und da der Graf schon im Vorzimmer stehe, und warte.
Der Kommandant sprang sogleich selbst auf, ihm zu ffnen, worauf er,
schn, wie ein junger Gott, ein wenig bleich im Gesicht, eintrat.
Nachdem die Szene unbegreiflicher Verwunderung vorber war, und der
Graf, auf die Anschuldigung der Eltern, da er ja tot sei, versichert
hatte, da er lebe; wandte er sich, mit vieler Rhrung im Gesicht,
zur Tochter, und seine erste Frage war gleich, wie sie sich befinde?
Die Marquise versicherte, sehr wohl, und wollte nur wissen, wie er
ins Leben erstanden sei?  Doch er, auf seinem Gegenstand beharrend,
erwiderte: da sie ihm nicht die Wahrheit sage; auf ihrem Antlitz
drcke sich eine seltsame Mattigkeit aus; ihn msse alles trgen,
oder sie sei unplich, und leide.  Die Marquise, durch die
Herzlichkeit, womit er dies vorbrachte, gut gestimmt, versetzte: nun
ja; diese Mattigkeit, wenn er wolle, knne fr die Spur einer
Krnklichkeit gelten, an welcher sie vor einigen Wochen gelitten
htte; sie frchte inzwischen nicht, da diese weiter von Folgen sein
wrde.  Worauf er, mit einer aufflammenden Freude, erwiderte: er auch
nicht! und hinzusetzte, ob sie ihn heiraten wolle?  Die Marquise
wute nicht, was sie von dieser Auffhrung denken solle.  Sie sah,
ber und ber rot, ihre Mutter, und diese, mit Verlegenheit, den Sohn
und den Vater an; whrend der Graf vor die Marquise trat, und indem
er ihre Hand nahm, als ob er sie kssen wollte, wiederholte: ob sie
ihn verstanden htte?  Der Kommandant sagte: ob er nicht Platz nehmen
wolle; und setzte ihm, auf eine verbindliche, obschon etwas
ernsthafte, Art einen Stuhl hin.  Die Obristin sprach: in der Tat,
wir werden glauben, da Sie ein Geist sind, bis Sie uns werden
erffnet haben, wie Sie aus dem Grabe, in welches man Sie zu P...
gelegt hatte, erstanden sind.  Der Graf setzte sich, indem er die
Hand der Dame fahren lie, nieder, und sagte, da er, durch die
Umstnde gezwungen, sich sehr kurz fassen msse; da er, tdlich
durch die Brust geschossen, nach P... gebracht worden wre; da er
mehrere Monate daselbst an seinem Leben verzweifelt htte; da
whrend dessen die Frau Marquise sein einziger Gedanke gewesen wre;
da er die Lust und den Schmerz nicht beschreiben knnte, die sich in
dieser Vorstellung umarmt htten; da er endlich, nach seiner
Wiederherstellung, wieder zur Armee gegangen wre; da er daselbst
die lebhafteste Unruhe empfunden htte; da er mehrere Male die Feder
ergriffen, um in einem Briefe, an den Herrn Obristen und die Frau
Marquise, seinem Herzen Luft zu machen; da er pltzlich mit
Depeschen nach Neapel geschickt worden wre; da er nicht wisse, ob
er nicht von dort weiter nach Konstantinopel werde abgeordert werden;
da er vielleicht gar nach St. Petersburg werde gehen mssen; da ihm
inzwischen unmglich wre, lnger zu leben, ohne ber eine notwendige
Forderung seiner Seele ins Reine zu sein; da er dem Drang bei seiner
Durchreise durch M..., einige Schritte zu diesem Zweck zu tun, nicht
habe widerstehen knnen; kurz, da er den Wunsch hege, mit der Hand
der Frau Marquise beglckt zu werden, und da er auf das
ehrfurchtsvollste, instndigste und dringendste bitte, sich ihm
hierber gtig zu erklren.--Der Kommandant, nach einer langen Pause,
erwiderte: da ihm dieser Antrag zwar, wenn er, wie er nicht zweifle,
ernsthaft gemeint sei, sehr schmeichelhaft wre.  Bei dem Tode ihres
Gemahls, des Marquis von O..., htte sich seine Tochter aber
entschlossen, in keine zweite Vermhlung einzugehen.  Da ihr jedoch
krzlich von ihm eine so groe Verbindlichkeit auferlegt worden sei:
so wre es nicht unmglich, da ihr Entschlu dadurch, seinen
Wnschen gem, eine Abnderung erleide; er bitte sich inzwischen die
Erlaubnis fr sie aus, darber im Stillen whrend einiger Zeit
nachdenken zu drfen.  Der Graf versicherte, da diese gtige
Erklrung zwar alle seine Hoffnungen befriedige; da sie ihn, unter
anderen Umstnden, auch vllig beglcken wrde; da er die ganze
Unschicklichkeit fhle, sich mit derselben nicht zu beruhigen: da
dringende Verhltnisse jedoch, ber welche er sich nher auszulassen
nicht im Stande sei, ihm eine bestimmtere Erklrung uerst
wnschenswert machten; da die Pferde, die ihn nach Neapel tragen
sollten, vor seinem Wagen stnden; und da er instndigst bitte, wenn
irgend etwas in diesem Hause gnstig fr ihn spreche,--wobei er die
Marquise ansah--ihn nicht, ohne eine gtige uerung darber,
abreisen zu lassen.  Der Obrist, durch diese Auffhrung ein wenig
betreten, antwortete, da die Dankbarkeit, die die Marquise fr ihn
empfnde, ihn zwar zu groen Voraussetzungen berechtige: doch nicht
zu so groen; sie werde bei einem Schritte, bei welchem es das Glck
ihres Lebens gelte, nicht ohne die gehrige Klugheit verfahren.  Es
wre unerllich, da seiner Tochter, bevor sie sich erklre, das
Glck seiner nheren Bekanntschaft wrde.  Er lade ihn ein, nach
Vollendung seiner Geschftsreise, nach M... zurckzukehren, und auf
einige Zeit der Gast seines Hauses zu sein.  Wenn alsdann die Frau
Marquise hoffen knne, durch ihn glcklich zu werden, so werde auch
er, eher aber nicht, mit Freuden vernehmen, da sie ihm eine
bestimmte Antwort gegeben habe.  Der Graf uerte, indem ihm eine
Rte ins Gesicht stieg, da er seinen ungeduldigen Wnschen, whrend
seiner ganzen Reise, dies Schicksal vorausgesagt habe; da er sich
inzwischen dadurch in die uerste Bekmmernis gestrzt sehe; da ihm,
bei der ungnstigen Rolle, die er eben jetzt zu spielen gezwungen
sei, eine nhere Bekanntschaft nicht anders als vorteilhaft sein
knne; da er fr seinen Ruf, wenn anders diese zweideutigste aller
Eigenschaften in Erwgung gezogen werden solle, einstehen zu drfen
glaube; da die einzige nichtswrdige Handlung, die er in seinem
Leben begangen htte, der Welt unbekannt, und er schon im Begriff sei,
sie wieder gut zu machen; da er, mit einem Wort, ein ehrlicher Mann
sei, und die Versicherung anzunehmen bitte, da diese Versicherung
wahrhaftig sei.--Der Kommandant erwiderte, indem er ein wenig,
obschon ohne Ironie, lchelte, da er alle diese uerungen
unterschreibe.  Noch htte er keines jungen Mannes Bekanntschaft
gemacht, der, in so kurzer Zeit, so viele vortreffliche Eigenschaften
des Charakters entwickelt htte.  Er glaube fast, da eine kurze
Bedenkzeit die Unschlssigkeit, die noch obwalte, heben wrde; bevor
er jedoch Rcksprache genommen htte, mit seiner sowohl, als des
Herrn Grafen Familie, knne keine andere Erklrung, als die gegebene,
erfolgen.  Hierauf uerte der Graf, da er ohne Eltern und frei sei.
Sein Onkel sei der General K..., fr dessen Einwilligung er stehe.
Er setzte hinzu, da er Herr eines ansehnlichen Vermgens wre, und
sich wrde entschlieen knnen, Italien zu seinem Vaterlande zu
machen.--Der Kommandant machte ihm eine verbindliche Verbeugung,
erklrte seinen Willen noch einmal; und bat ihn, bis nach vollendeter
Reise, von dieser Sache abzubrechen.  Der Graf, nach einer kurzen
Pause, in welcher er alle Merkmale der grten Unruhe gegeben hatte,
sagte, indem er sich zur Mutter wandte, da er sein uerstes getan
htte, um dieser Geschftsreise auszuweichen; da die Schritte, die
er deshalb beim General en Chef, und dem General K..., seinem Onkel,
gewagt htte, die entscheidendsten gewesen wren, die sich htten tun
lassen; da man aber geglaubt htte, ihn dadurch aus einer Schwermut
aufzurtteln, die ihm von seiner Krankheit noch zurckgeblieben wre;
und da er sich jetzt vllig dadurch ins Elend gestrzt sehe.--Die
Familie wute nicht, was sie zu dieser uerung sagen sollte.  Der
Graf fuhr fort, indem er sich die Stirn rieb, da wenn irgend
Hoffnung wre, dem Ziele seiner Wnsche dadurch nher zu kommen, er
seine Reise auf einen Tag, auch wohl noch etwas darber, aussetzen
wrde, um es zu versuchen.--Hierbei sah er, nach der Reihe, den
Kommandanten, die Marquise und die Mutter an.  Der Kommandant blickte
mivergngt vor sich nieder, und antwortete ihm nicht.  Die Obristin
sagte: gehn Sie, gehn Sie, Herr Graf; reisen Sie nach Neapel;
schenken Sie uns, wenn Sie wiederkehren, auf einige Zeit das Glck
Ihrer Gegenwart; so wird sich das brige finden.--Der Graf sa einen
Augenblick, und schien zu suchen, was er zu tun habe.  Drauf, indem
er sich erhob, und seinen Stuhl wegsetzte: da er die Hoffnungen,
sprach er, mit denen er in dies Haus getreten sei, als bereilt
erkennen msse, und die Familie, wie er nicht mibillige, auf eine
nhere Bekanntschaft bestehe: so werde er seine Depeschen, zu einer
anderweitigen Expedition, nach Z..., in das Hauptquartier,
zurckschicken, und das gtige Anerbieten, der Gast dieses Hauses zu
sein, auf einige Wochen annehmen.  Worauf er noch, den Stuhl in der
Hand, an der Wand stehend, einen Augenblick verharrte, und den
Kommandanten ansah.  Der Kommandant versetzte, da es ihm uerst
leid tun wrde, wenn die Leidenschaft, die er zu seiner Tochter
gefat zu haben scheine, ihm Unannehmlichkeiten von der
ernsthaftesten Art zuzge: da er indessen wissen msse, was er zu
tun und zu lassen habe, die Depeschen abschicken, und die fr ihn
bestimmten Zimmer, beziehen mchte.  Man sah ihn bei diesen Worten
sich entfrben, der Mutter ehrerbietig die Hand kssen, sich gegen
die brigen verneigen und sich entfernen.

Als er das Zimmer verlassen hatte, wute die Familie nicht, was sie
aus dieser Erscheinung machen solle.  Die Mutter sagte, es wre wohl
nicht mglich, da er Depeschen, mit denen er nach Neapel ginge, nach
Z... zurckschicken wolle, blo, weil es ihm nicht gelungen wre, auf
seiner Durchreise durch M..., in einer fnf Minuten langen
Unterredung, von einer ihm ganz unbekannten Dame ein Jawort zu
erhalten.  Der Forstmeister uerte, da eine so leichtsinnige Tat ja
mit nichts Geringerem, als Festungsarrest, bestraft werden wrde!
Und Kassation obenein, setzte der Kommandant hinzu.  Es habe aber
damit keine Gefahr, fuhr er fort.  Es sei ein bloer Schreckschu
beim Sturm; er werde sich wohl noch, ehe er die Depeschen abgeschickt,
wieder besinnen.  Die Mutter, als sie von dieser Gefahr unterrichtet
ward, uerte die lebhafteste Besorgnis, da er sie abschicken werde.
Sein heftiger, auf einen Punkt hintreibender Wille, meinte sie,
scheine ihr gerade einer solchen Tat fhig.  Sie bat den Forstmeister
auf das dringendste, ihm sogleich nachzugehen, und ihn von einer so
unglckdrohenden Handlung abzuhalten.  Der Forstmeister erwiderte,
da ein solcher Schritt gerade das Gegenteil bewirken, und ihn nur in
der Hoffnung, durch seine Kriegslist zu siegen, bestrken wrde.  Die
Marquise war derselben Meinung, obschon sie versicherte, da ohne ihn
die Absendung der Depeschen unfehlbar erfolgen wrde, indem er lieber
werde unglcklich werden, als sich eine Ble geben wollen.  Alle
kamen darin berein, da sein Betragen sehr sonderbar sei, und da er
Damenherzen durch Anlauf, wie Festungen, zu erobern gewohnt scheine.
In diesem Augenblick bemerkte der Kommandant den angespannten Wagen
des Grafen vor seiner Tr.  Er rief die Familie ans Fenster, und
fragte einen eben eintretenden Bedienten, erstaunt, ob der Graf noch
im Hause sei?  Der Bediente antwortete, da er unten, in der
Domestikenstube, in Gesellschaft eines Adjutanten, Briefe schreibe
und Pakete versiegle.  Der Kommandant, der seine Bestrzung
unterdrckte, eilte mit dem Forstmeister hinunter, und fragte den
Grafen, da er ihn auf dazu nicht schicklichen Tischen seine Geschfte
betreiben sah, ob er nicht in seine Zimmer treten wolle?  Und ob er
sonst irgend etwas befehle?  Der Graf erwiderte, indem er mit
Eilfertigkeit fortschrieb, da er untertnigst danke, und da sein
Geschft abgemacht sei; fragte noch, indem er den Brief zusiegelte,
nach der Uhr; und wnschte dem Adjutanten, nachdem er ihm das ganze
Portefeuille bergeben hatte, eine glckliche Reise.  Der Kommandant,
der seinen Augen nicht traute, sagte, indem der Adjutant zum Hause
hinausging: Herr Graf, wenn Sie nicht sehr wichtige Grnde
haben--Entscheidende! fiel ihm der Graf ins Wort; begleitete den
Adjutanten zum Wagen, und ffnete ihm die Tr.  In diesem Fall wrde
ich wenigstens, fuhr der Kommandant fort, die Depeschen--Es ist nicht
mglich, antwortete der Graf, indem er den Adjutanten in den Sitz hob.
Die Depeschen gelten nichts in Neapel ohne mich.  Ich habe auch
daran gedacht.  Fahr zu!--Und die Briefe Ihres Herrn Onkels? rief der
Adjutant, sich aus der Tr hervorbeugend.  Treffen mich, erwiderte
der Graf, in M...  Fahr zu, sagte der Adjutant, und rollte mit dem
Wagen dahin.

Hierauf fragte der Graf F..., indem er sich zum Kommandanten wandte,
ob er ihm geflligst sein Zimmer anweisen lassen wolle?  Er wrde
gleich selbst die Ehre haben, antwortete der verwirrte Obrist; rief
seinen und des Grafen Leuten, das Gepck desselben aufzunehmen: und
fhrte ihn in die fr fremden Besuch bestimmten Gemcher des Hauses,
wo er sich ihm mit einem trocknen Gesicht empfahl.  Der Graf kleidete
sich um; verlie das Haus, um sich bei dem Gouverneur des Platzes zu
melden, und fr den ganzen weiteren Rest des Tages im Hause
unsichtbar, kehrte er erst kurz vor der Abendtafel dahin zurck.

Inzwischen war die Familie in der lebhaftesten Unruhe.  Der
Forstmeister erzhlte, wie bestimmt, auf einige Vorstellungen des
Kommandanten, des Grafen Antworten ausgefallen wren; meinte, da
sein Verhalten einem vllig berlegten Schritt hnlich sehe; und
fragte, in aller Welt, nach den Ursachen einer so auf Kurierpferden
gehenden Bewerbung.  Der Kommandant sagte, da er von der Sache
nichts verstehe, und forderte die Familie auf, davon weiter nicht in
seiner Gegenwart zu sprechen.  Die Mutter sah alle Augenblicke aus
dem Fenster, ob er nicht kommen, seine leichtsinnige Tat bereuen, und
wieder gut machen werde.  Endlich, da es finster ward, setzte sie
sich zur Marquise nieder, welche, mit vieler Emsigkeit, an einem
Tisch arbeitete, und das Gesprch zu vermeiden schien.  Sie fragte
sie halblaut, whrend der Vater auf und niederging, ob sie begreife,
was aus dieser Sache werden solle?  Die Marquise antwortete, mit
einem schchtern nach dem Kommandanten gewandten Blick: wenn der
Vater bewirkt htte, da er nach Neapel gereist wre, so wre alles
gut.  Nach Neapel! rief der Kommandant, der dies gehrt hatte.  Sollt
ich den Priester holen lassen?  Oder htt ich ihn schlieen lassen
und arretieren, und mit Bewachung nach Neapel schicken sollen?--Nein,
antwortete die Marquise, aber lebhafte und eindringliche
Vorstellungen tun ihre Wirkung; und sah, ein wenig unwillig, wieder
auf ihre Arbeit nieder.--Endlich gegen die Nacht erschien der Graf.
Man erwartete nur, nach den ersten Hflichkeitsbezeugungen, da
dieser Gegenstand zur Sprache kommen werde, um ihn mit vereinter
Kraft zu bestrmen, den Schritt, den er gewagt hatte, wenn es noch
mglich sei, wieder zurckzunehmen.  Doch vergebens, whrend der
ganzen Abendtafel, erharrte man diesen Augenblick.  Geflissentlich
alles, was darauf fhren konnte, vermeidend, unterhielt er den
Kommandanten vom Kriege, und den Forstmeister von der Jagd.  Als er
des Gefechts bei P..., in welchem er verwundet worden war, erwhnte,
verwickelte ihn die Mutter bei der Geschichte seiner Krankheit,
fragte ihn, wie es ihm an diesem kleinen Orte ergangen sei, und ob er
die gehrigen Bequemlichkeiten gefunden htte.  Hierauf erzhlte er
mehrere, durch seine Leidenschaft zur Marquise interessanten, Zge:
wie sie bestndig, whrend seiner Krankheit, an seinem Bette gesessen
htte; wie er die Vorstellung von ihr, in der Hitze des Wundfiebers,
immer mit der Vorstellung eines Schwans verwechselt htte, den er,
als Knabe, auf seines Onkels Gtern gesehen; da ihm besonders eine
Erinnerung rhrend gewesen wre, da er diesen Schwan einst mit Kot
beworfen, worauf dieser still untergetaucht, und rein aus der Flut
wieder emporgekommen sei; da sie immer auf feurigen Fluten
umhergeschwommen wre, und er Thinka gerufen htte, welches der Name
jenes Schwans gewesen, da er aber nicht im Stande gewesen wre, sie
an sich zu locken, indem sie ihre Freude gehabt htte, blo am Rudern
und In-die-Brust-sich-werfen; versicherte pltzlich, blutrot im
Gesicht, da er sie auerordentlich liebe: sah wieder auf seinen
Teller nieder, und schwieg. Man mute endlich von der Tafel aufstehen;
und da der Graf, nach einem kurzen Gesprch mit der Mutter, sich
sogleich gegen die Gesellschaft verneigte, und wieder in sein Zimmer
zurckzog: so standen die Mitglieder derselben wieder, und wuten
nicht, was sie denken sollten.  Der Kommandant meinte: man msse der
Sache ihren Lauf lassen.  Er rechne wahrscheinlich auf seine
Verwandten bei diesem Schritte.  Infame Kassation stnde sonst darauf.
Frau von G... fragte ihre Tochter, was sie denn von ihm halte?  Und
ob sie sich wohl zu irgend einer uerung, die ein Unglck vermiede,
wrde verstehen knnen?  Die Marquise antwortete: Liebste Mutter!
Das ist nicht mglich.  Es tut mir leid, da meine Dankbarkeit auf
eine so harte Probe gestellt wird.  Doch es war mein Entschlu, mich
nicht wieder zu vermhlen; ich mag mein Glck nicht, und nicht so
unberlegt, auf ein zweites Spiel setzen.  Der Forstmeister bemerkte,
da wenn dies ihr fester Wille wre, auch diese Erklrung ihm Nutzen
schaffen knne, und da es fast notwendig scheinen ihm irgend eine
bestimmte zu geben.  Die Obristin versetzte, da da dieser junge Mann,
den so viele auerordentliche Eigenschaften empfehlen, seinen
Aufenthalt in Italien nehmen zu wollen, erklrt habe, sein Antrag,
nach ihrer Meinung, einige Rcksicht, und der Entschlu der Marquise
Prfung verdiene.  Der Forstmeister, indem er sich bei ihr niederlie,
fragte, wie er ihr denn, was seine Person anbetreffe, gefalle?  Die
Marquise antwortete, mit einiger Verlegenheit: er gefllt und
mifllt mir; und berief sich auf das Gefhl der anderen.  Die
Obristin sagte: wenn er von Neapel zurckkehrt, und die Erkundigungen,
die wir inzwischen ber ihn einziehen knnten, dem Gesamteindruck,
den du von ihm empfangen hast, nicht widersprchen: wie wrdest du
dich, falls er alsdann seinen Antrag wiederholte, erklren?  In
diesem Fall, versetzte die Marquise, wrd ich--da in der Tat seine
Wnsche so lebhaft scheinen, diese Wnsche--sie stockte, und ihre
Augen glnzten, indem sie dies sagte--um der Verbindlichkeit willen,
die ich ihm schuldig bin, erfllen.  Die Mutter, die eine zweite
Vermhlung ihrer Tochter immer gewnscht hatte, hatte Mhe, ihre
Freude ber diese Erklrung zu verbergen, und sann, was sich wohl
daraus machen lasse.  Der Forstmeister sagte, indem er unruhig vom
Sitz wieder aufstand, da wenn die Marquise irgend an die Mglichkeit
denke, ihn einst mit ihrer Hand zu erfreuen, jetzt gleich notwendig
ein Schritt dazu geschehen msse, um den Folgen seiner rasenden Tat
vorzubeugen.  Die Mutter war derselben Meinung, und behauptete, da
zuletzt das Wagstck nicht gro wre, indem bei so vielen
vortrefflichen Eigenschaften, die er in jener Nacht, da das Fort von
den Russen erstrmt ward, entwickelte, kaum zu frchten sei, da sein
briger Lebenswandel ihnen nicht entsprechen sollte.  Die Marquise
sah, mit dem Ausdruck der lebhaftesten Unruhe, vor sich nieder.  Man
knnte ihm ja, fuhr die Mutter fort, indem sie ihre Hand ergriff,
etwa eine Erklrung, da du, bis zu seiner Rckkehr von Neapel, in
keine andere Verbindung eingehen wollest, zukommen lassen.  Die
Marquise sagte: diese Erklrung, liebste Mutter, kann ich ihm geben;
ich frchte nur, da sie ihn nicht beruhigen, und uns verwickeln wird.
Das sei meine Sorge! erwiderte die Mutter, mit lebhafter Freude;
und sah sich nach dem Kommandanten um.  Lorenzo! fragte sie, was
meinst du?  Und machte Anstalten, sich vom Sitz zu erheben.  Der
Kommandant, der alles gehrt hatte, stand am Fenster, sah auf die
Strae hinaus, und sagte nichts.  Der Forstmeister versicherte, da
er, mit dieser unschdlichen Erklrung, den Grafen aus dem Hause zu
schaffen, sich anheischig mache.  Nun so macht! macht! macht! rief
der Vater, indem er sich umkehrte: ich mu mich diesem Russen schon
zum zweitenmal ergeben!--Hierauf sprang die Mutter auf, kte ihn und
die Tochter, und fragte, indem der Vater ber ihre Geschftigkeit
lchelte, wie man dem Grafen jetzt diese Erklrung augenblicklich
hinterbringen solle?  Man beschlo, auf den Vorschlag des
Forstmeisters, ihn bitten zu lassen, sich, falls er noch nicht
entkleidet sei, geflligst auf einen Augenblick zur Familie zu
verfgen.  Er werde gleich die Ehre haben zu erscheinen! lie der
Graf antworten, und kaum war der Kammerdiener mit dieser Meldung
zurck, als er schon selbst, mit Schritten, die die Freude beflgelte,
ins Zimmer trat, und zu den Fen der Marquise, in der
allerlebhaftesten Rhrung niedersank.  Der Kommandant wollte etwas
sagen: doch er, indem er aufstand, versetzte, er wisse genug! kte
ihm und der Mutter die Hand, umarmte den Bruder, und bat nur um die
Geflligkeit, ihm sogleich zu einem Reisewagen zu verhelfen.  Die
Marquise, obschon von diesem Auftritt bewegt, sagte doch: ich frchte
nicht, Herr Graf, da Ihre rasche Hoffnung Sie zu weit--Nichts!
Nichts! versetzte der Graf; es ist nichts geschehen, wenn die
Erkundigungen, die Sie ber mich einziehen mgen, dem Gefhl
widersprechen, das mich zu Ihnen in dies Zimmer zurckberief.
Hierauf umarmte der Kommandant ihn auf das herzlichste, der
Forstmeister bot ihm sogleich seinen eigenen Reisewagen an, ein Jger
flog auf die Post, Kurierpferde auf Prmien zu bestellen, und Freude
war bei dieser Abreise, wie noch niemals bei einem Empfang.  Er hoffe,
sagte der Graf, die Depeschen in B... einzuholen, von wo er jetzt
einen nheren Weg nach Neapel, als ber M... einschlagen wrde; in
Neapel wrde er sein Mglichstes tun, die fernere Geschftsreise nach
Konstantinopel abzulehnen; und da er, auf den uersten Fall,
entschlossen wre, sich krank anzugeben, so versicherte er, da wenn
nicht unvermeidliche Hindernisse ihn abhielten, er in Zeit von vier
bis sechs Wochen unfehlbar wieder in M... sein wrde.  Hierauf
meldete sein Jger, da der Wagen angespannt, und alles zur Abreise
bereit sei.  Der Graf nahm seinen Hut, trat vor die Marquise, und
ergriff ihre Hand.  Nun denn, sprach er, Julietta, so bin ich
einigermaen beruhigt; und legte seine Hand in die ihrige; obschon es
mein sehnlichster Wunsch war, mich noch vor meiner Abreise mit Ihnen
zu vermhlen.  Vermhlen! riefen alle Mitglieder der Familie aus.
Vermhlen, wiederholte der Graf, kte der Marquise die Hand, und
versicherte, da diese fragte, ob er von Sinnen sei: es wrde ein Tag
kommen, wo sie ihn verstehen wrde!  Die Familie wollte auf ihn bse
werden; doch er nahm gleich auf das wrmste von allen Abschied, bat
sie, ber diese uerung nicht weiter nachzudenken, und reiste ab.

Mehrere Wochen, in welchen die Familie, mit sehr verschiedenen
Empfindungen, auf den Ausgang dieser sonderbaren Sache gespannt war,
verstrichen.  Der Kommandant empfing vom General K..., dem Onkel des
Grafen, eine hfliche Zuschrift; der Graf selbst schrieb aus Neapel;
die Erkundigungen, die man ber ihn einzog, sprachen ziemlich zu
seinem Vorteil; kurz, man hielt die Verlobung schon fr so gut, wie
abgemacht: als sich die Krnklichkeiten der Marquise, mit grerer
Lebhaftigkeit, als jemals, wieder einstellten.  Sie bemerkte eine
unbegreifliche Vernderung ihrer Gestalt.  Sie entdeckte sich mit
vlliger Freimtigkeit ihrer Mutter, und sagte, sie wisse nicht, was
sie von ihrem Zustand denken solle.  Die Mutter, welche so sonderbare
Zuflle fr die Gesundheit ihrer Tochter uerst besorgt machten,
verlangte, da sie einen Arzt zu Rate ziehe.  Die Marquise, die durch
ihre Natur zu siegen hoffte, strubte sich dagegen; sie brachte
mehrere Tage noch, ohne dem Rat der Mutter zu folgen, unter den
empfindlichsten Leiden zu: bis Gefhle, immer wiederkehrend und von
so wunderbarer Art, sie in die lebhafteste Unruhe strzten.  Sie lie
einen Arzt rufen, der das Vertrauen ihres Vaters besa, ntigte ihn,
da gerade die Mutter abwesend war, auf den Diwan nieder, und
erffnete ihm, nach einer kurzen Einleitung, scherzend, was sie von
sich glaube.  Der Arzt warf einen forschenden Blick auf sie; schwieg
noch, nachdem er eine genaue Untersuchung vollendet hatte, eine
Zeitlang: und antwortete dann mit einer sehr ernsthaften Miene, da
die Frau Marquise ganz richtig urteile.  Nachdem er sich auf die
Frage der Dame, wie er dies verstehe, ganz deutlich erklrt, und mit
einem Lcheln, das er nicht unterdrcken konnte, gesagt hatte, da
sie ganz gesund sei, und keinen Arzt brauche, zog die Marquise, und
sah ihn sehr streng von der Seite an, die Klingel, und bat ihn, sich
zu entfernen.  Sie uerte halblaut, als ob er der Rede nicht wert
wre, vor sich nieder murmelnd: da sie nicht Lust htte, mit ihm
ber Gegenstnde dieser Art zu scherzen.  Der Doktor erwiderte
empfindlich: er msse wnschen, da sie immer zum Scherz so wenig
aufgelegt gewesen wre, wie jetzt; nahm Stock und Hut, und machte
Anstalten, sich sogleich zu empfehlen.  Die Marquise versicherte, da
sie von diesen Beleidigungen ihren Vater unterrichten wrde.  Der
Arzt antwortete, da er seine Aussage vor Gericht beschwren knne:
ffnete die Tr, verneigte sich, und wollte das Zimmer verlassen.
Die Marquise fragte, da er noch einen Handschuh, den er hatte fallen
lassen, von der Erde aufnahm: und die Mglichkeit davon, Herr Doktor?
Der Doktor erwiderte, da er ihr die letzten Grnde der Dinge nicht
werde zu erklren brauchen; verneigte sich ihr noch einmal, und ging
ab.

Die Marquise stand, wie vom Donner gerhrt.  Sie raffte sich auf, und
wollte zu ihrem Vater eilen; doch der sonderbare Ernst des Mannes,
von dem sie sich beleidigt sah, lhmte alle ihre Glieder.  Sie warf
sich in der grten Bewegung auf den Diwan nieder.  Sie durchlief,
gegen sich selbst mitrauisch, alle Momente des verflossenen Jahres,
und hielt sich fr verrckt, wenn sie an den letzten dachte.  Endlich
erschien die Mutter; und auf die bestrzte Frage, warum sie so
unruhig sei? erzhlte ihr die Tochter, was ihr der Arzt soeben
erffnet hatte.  Frau von G... nannte ihn einen Unverschmten und
Nichtswrdigen, und bestrkte die Tochter in dem Entschlu, diese
Beleidigung dem Vater zu entdecken.  Die Marquise versicherte, da es
sein vlliger Ernst gewesen sei, und da er entschlossen scheine, dem
Vater ins Gesicht seine rasende Behauptung zu wiederholen.  Frau von
G... fragte, nicht wenig erschrocken, ob sie denn an die Mglichkeit
eines solchen Zustandes glaube?  Eher, antwortete die Marquise, da
die Grber befruchtet werden, und sich dem Schoe der Leichen eine
Geburt entwickeln wird!  Nun, du liebes wunderliches Weib, sagte die
Obristin, indem sie sie fest an sich drckte: was beunruhigt dich
denn?  Wenn dein Bewutsein dich rein spricht: wie kann dich ein
Urteil, und wre es das einer ganzen Konsulta von rzten, nur
kmmern?  Ob das seinige aus Irrtum, ob es aus Bosheit entsprang:
gilt es dir nicht vllig gleichviel?  Doch schicklich ist es, da wir
es dem Vater entdecken.--O Gott! sagte die Marquise, mit einer
konvulsivischen Bewegung: wie kann ich mich beruhigen.  Hab ich nicht
mein eignes, innerliches, mir nur allzuwohlbekanntes Gefhl gegen
mich?  Wrd ich nicht, wenn ich in einer andern meine Empfindung
wte, von ihr selbst urteilen, da es damit seine Richtigkeit habe?
Es ist entsetzlich, versetzte die Obristin.  Bosheit!  Irrtum! fuhr
die Marquise fort.  Was kann dieser Mann, der uns bis auf den
heutigen Tag schtzenswrdig erschien, fr Grnde haben, mich auf
eine so mutwillige und niedertrchtige Art zu krnken?  Mich, die ihn
nie beleidigt hatte?  Die ihn mit Vertrauen, und dem Vorgefhl
zuknftiger Dankbarkeit, empfing?  Bei der er, wie seine ersten Worte
zeugten, mit dem reinen und unverflschten Willen erschien, zu helfen,
nicht Schmerzen, grimmigere, als ich empfand, erst zu erregen?  Und
wenn ich in der Notwendigkeit der Wahl, fuhr sie fort, whrend die
Mutter sie unverwandt ansah, an einen Irrtum glauben wollte: ist es
wohl mglich, da ein Arzt, auch nur von mittelmiger
Geschicklichkeit, in solchem Falle irre?  Die Obristin sagte ein
wenig spitz: und gleichwohl mu es doch notwendig eins oder das
andere gewesen sein.  Ja! versetzte die Marquise, meine teuerste
Mutter, indem sie ihr, mit dem Ausdruck der gekrnkten Wrde, hochrot
im Gesicht glhend, die Hand kte: das mu es!  Obschon die Umstnde
so auerordentlich sind, da es mir erlaubt ist, daran zu zweifeln.
Ich schwre, weil es doch einer Versicherung bedarf, da mein
Bewutsein, gleich dem meiner Kinder ist; nicht reiner,
Verehrungswrdigste, kann das Ihrige sein.  Gleichwohl bitte ich Sie,
mir eine Hebamme rufen zu lassen, damit ich mich von dem, was ist,
berzeuge, und gleichviel alsdann, was es sei, beruhige.  Eine
Hebamme! rief Frau von G... mit Entwrdigung.  Ein reines Bewutsein,
und eine Hebamme!  Und die Sprache ging ihr aus.  Eine Hebamme, meine
teuerste Mutter, wiederholte die Marquise, indem sie sich auf Knieen
vor ihr niederlie; und das augenblicklich, wenn ich nicht wahnsinnig
werden soll.  O sehr gern, versetzte die Obristin; nur bitte ich, das
Wochenlager nicht in meinem Hause zu halten.  Und damit stand sie auf,
und wollte das Zimmer verlassen.  Die Marquise, ihr mit
ausgebreiteten Armen folgend, fiel ganz auf das Gesicht nieder, und
umfate ihre Kniee.  Wenn irgend ein unstrfliches Leben, rief sie,
mit der Beredsamkeit des Schmerzes, ein Leben, nach Ihrem Muster
gefhrt, mir ein Recht auf Ihre Achtung gibt, wenn irgend ein
mtterliches Gefhl auch nur, so lange meine Schuld nicht sonnenklar
entschieden ist, in Ihrem Busen fr mich spricht: so verlassen Sie
mich in diesen entsetzlichen Augenblicken nicht.--Was ist es, das
dich beunruhigt? fragte die Mutter.  Ist es weiter nichts, als der
Ausspruch des Arztes?  Weiter nichts, als dein innerliches Gefhl?
Nichts weiter, meine Mutter, versetzte die Marquise, und legte ihre
Hand auf die Brust.  Nichts, Julietta? fuhr die Mutter fort.  Besinne
dich.  Ein Fehltritt, so unsglich er mich schmerzen wrde, er liee
sich, und ich mte ihn zuletzt verzeihn; doch wenn du, um einem
mtterlichen Verweis auszuweichen, ein Mrchen von der Umwlzung der
Weltordnung ersinnen, und gotteslsterliche Schwre hufen knntest,
um es meinem, dir nur allzugernglubigen, Herzen aufzubrden: so wre
das schndlich; ich wrde dir niemals wieder gut werden.--Mge das
Reich der Erlsung einst so offen vor mir liegen, wie meine Seele vor
Ihnen, rief die Marquise.  Ich verschwieg Ihnen nichts, meine Mutter.
--Diese uerung, voll Pathos getan, erschtterte die Mutter.  O
Himmel! rief sie: mein liebenswrdiges Kind!  Wie rhrst du mich!
Und hob sie auf, und kte sie, und drckte sie ihre Brust.  Was denn,
in aller Welt, frchtest du?  Komm, du bist sehr krank.  Sie wollte
sie in ein Bett fhren.  Doch die Marquise, welcher die Trnen hufig
flossen, versicherte, da sie sehr gesund wre, und das ihr gar
nichts fehle, auer jenem sonderbaren und unbegreiflichen Zustand.
--Zustand! rief die Mutter wieder; welch ein Zustand?  Wenn dein
Gedchtnis ber die Vergangenheit so sicher ist, welch ein Wahnsinn
der Furcht ergriff dich?  Kann ein innerliches Gefhl denn, das doch
nur dunkel sich regt, nicht trgen?  Nein!  Nein! sagte die Marquise,
es trgt mich nicht!  Und wenn Sie die Hebamme rufen lassen wollen,
so werden Sie hren, da das Entsetzliche, mich Vernichtende, wahr
ist.  Komm, meine liebste Tochter, sagte Frau von G..., die fr ihren
Verstand zu frchten anfing.  Komm, folge mir, und lege dich zu Bett.
Was meintest du, da dir der Arzt gesagt hat?  Wie dein Gesicht
glht!  Wie du an allen Gliedern so zitterst!  Was war es schon, das
dir der Arzt gesagt hat?  Und damit zog sie die Marquise, unglubig
nunmehr an den ganzen Auftritt, den sie ihr erzhlt hatte, mit sich
fort.--Die Marquise sagte: Liebe!  Vortreffliche! indem sie mit
weinenden Augen lchelte.  Ich bin meiner Sinne mchtig.  Der Arzt
hat mir gesagt, da ich in gesegneten Leibesumstnden bin.  Lassen
Sie die Hebamme rufen: und sobald sie sagt, da es nicht wahr ist,
bin ich wieder ruhig.  Gut, gut! erwiderte die Obristin, die ihre
Angst unterdrckte.  Sie soll gleich kommen; sie soll gleich, wenn du
dich von ihr willst auslachen lassen, erscheinen, und dir sagen, da
du eine Trumerin, und nicht recht klug bist.  Und damit zog sie die
Klingel, und schickte augenblicklich einen ihrer Leute, der die
Hebamme rufe.

Die Marquise lag noch, mit unruhig sich hebender Brust, in den Armen
ihrer Mutter, als diese Frau erschien, und die Obristin ihr, an
welcher seltsamen Vorstellung ihre Tochter krank liege, erffnete.
Die Frau Marquise schwre, da sie sich tugendhaft verhalten habe,
und gleichwohl halte sie, von einer unbegreiflichen Empfindung
getuscht, fr ntig, da eine sachverstndige Frau ihren Zustand
untersuche.  Die Hebamme, whrend sie sich von demselben
unterrichtete, sprach von jungem Blut und der Arglist der Welt;
uerte, als sie ihr Geschft vollendet hatte, dergleichen Flle
wren ihr schon vorgekommen; die jungen Witwen, die in ihre Lage
kmen, meinten alle auf wsten Inseln gelebt zu haben; beruhigte
inzwischen die Frau Marquise, und versicherte sie, da sich der
muntere Korsar, der zur Nachtzeit gelandet, schon finden wrde.  Bei
diesen Worten fiel die Marquise in Ohnmacht.  Die Obristin, die ihr
mtterliches Gefhl nicht berwltigen konnte, brachte sie zwar, mit
Hlfe der Hebamme, wieder ins Leben zurck.  Doch die Entrstung
siegte, da sie erwacht war.  Julietta! rief die Mutter mit dem
lebhaftesten Schmerz.  Willst du dich mir entdecken, willst du den
Vater mir nennen?  Und schien noch zur Vershnung geneigt.  Doch als
die Marquise sagte, da sie wahnsinnig werden wrde, sprach die
Mutter, indem sie sich vom Diwan erhob: geh! geh! du bist
nichtswrdig!  Verflucht sei die Stunde, da ich dich gebar! und
verlie das Zimmer.

Die Marquise, der das Tageslicht von neuem schwinden wollte, zog die
Geburtshelferin vor sich nieder, und legte ihr Haupt heftig zitternd
an ihre Brust.  Sie fragte, mit gebrochener Stimme, wie denn die
Natur auf ihren Wegen walte?  Und ob die Mglichkeit einer
unwissentlichen Empfngnis sei?--Die Hebamme lchelte, machte ihr das
Tuch los, und sagte, das wrde ja doch der Frau Marquise Fall nicht
sein.  Nein, nein, antwortete die Marquise, sie habe wissentlich
empfangen, sie wolle nur im allgemeinen wissen, ob diese Erscheinung
im Reiche der Natur sei?  Die Hebamme versetzte, da dies, auer der
heiligen Jungfrau, noch keinem Weibe auf Erden zugestoen wre.  Die
Marquise zitterte immer heftiger.  Sie glaubte, da sie
augenblicklich niederkommen wrde, und bat die Geburtshelferin, indem
sie sich mit krampfhafter Bengstigung an sie schlo, sie nicht zu
verlassen.  Die Hebamme beruhigte sie.  Sie versicherte, da das
Wochenbett noch betrchtlich entfernt wre, gab ihr auch die Mittel
an, wie man, in solchen Fllen, dem Leumund der Welt ausweichen knne,
und meinte, es wrde noch alles gut werden.  Doch da diese
Trostgrnde der unglcklichen Dame vllig wie Messerstiche durch die
Brust fuhren, so sammelte sie sich, sagte, sie befnde sich besser,
und bat ihre Gesellschafterin sich zu entfernen.

Kaum war die Hebamme aus dem Zimmer, als ihr ein Schreiben von der
Mutter gebracht ward, in welchem diese sich so auslie: "Herr von G...
wnsche, unter den obwaltenden Umstnden, da sie sein Haus verlasse.
Er sende ihr hierbei die ber ihr Vermgen lautenden Papiere, und
hoffe da ihm Gott den Jammer ersparen werde, sie wieder zu sehen.
"--Der Brief war inzwischen von Trnen benetzt; und in einem Winkel
stand ein vermischtes Wort: diktiert.--Der Marquise strzte der
Schmerz aus den Augen.  Sie ging, heftig ber den Irrtum ihrer Eltern
weinend, und ber die Ungerechtigkeit, zu welcher diese
vortrefflichen Menschen verfhrt wurden, nach den Gemchern ihrer
Mutter.  Es hie, sie sei bei ihrem Vater; sie wankte nach den
Gemchern ihres Vaters.  Sie sank, als sie die Tre verschlossen fand,
mit jammernder Stimme, alle Heiligen zu Zeugen ihrer Unschuld
anrufend, vor derselben nieder.  Sie mochte wohl schon einige Minuten
hier gelegen haben, als der Forstmeister daraus hervortrat, und zu
ihr mit flammendem Gesicht sagte: sie hre da der Kommandant sie
nicht sehen wolle.  Die Marquise rief: mein liebster Bruder! unter
vielem Schluchzen; drngte sich ins Zimmer, und rief: mein teuerster
Vater! und streckte die Arme nach ihm aus.  Der Kommandant wandte ihr,
bei ihrem Anblick, den Rcken zu, und eilte in sein Schlafgemach.
Er rief, als sie ihn dahin verfolgte, hinweg! und wollte die Tre
zuwerfen; doch da sie, unter Jammern und Flehen, da er sie schliee,
verhinderte, so gab er pltzlich nach und eilte, whrend die Marquise
zu ihm hineintrat, nach der hintern Wand.  Sie warf sich ihm, der ihr
den Rcken zugekehrt hatte, eben zu Fen, und umfate zitternd seine
Kniee, als ein Pistol, das er ergriffen hatte, in dem Augenblick, da
er es von der Wand herabri, losging, und der Schu schmetternd in
die Decke fuhr.  Herr meines Lebens! rief die Marquise, erhob sich
leichenbla von ihren Knieen, und eilte aus seinen Gemchern wieder
hinweg. Man soll sogleich anspannen, sagte sie, indem sie in die
ihrigen trat; setzte sich, matt bis in den Tod, auf einen Sessel
nieder, zog ihre Kinder eilfertig an, und lie die Sachen einpacken.
Sie hatte eben ihr Kleinstes zwischen den Knieen, und schlug ihm noch
ein Tuch um, um nunmehr, da alles zur Abreise bereit war, in den
Wagen zu steigen: als der Forstmeister eintrat, und auf Befehl des
Kommandanten die Zurcklassung und berlieferung der Kinder von ihr
forderte.  Dieser Kinder? fragte sie; und stand auf.  Sag deinem
unmenschlichen Vater, da er kommen, und mich niederschieen, nicht
aber mir meine Kinder entreien knne!  Und hob, mit dem ganzen Stolz
der Unschuld gerstet, ihre Kinder auf, trug sie ohne da der Bruder
wagt htte, sie anzuhalten, in den Wagen, und fuhr ab.

Durch diese schne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob
sie sie sich pltzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen
Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestrzt hatte, empor.  Der
Aufruhr, der ihre Brust zerri, legte sich, als sie im Freien war,
sie kte hufig die Kinder, diese ihre liebe Beute, und mit groer
Selbstzufriedenheit gedachte sie, welch einen Sieg sie, durch die
Kraft ihres schuldfreien Bewutseins, ber ihren Bruder davon
getragen hatte.  Ihr Verstand, stark genug, in ihrer sonderbaren Lage
nicht zu reien, gab sich ganz unter der groen, heiligen und
unerklrlichen Einrichtung der Welt gefangen.  Sie sah die
Unmglichkeit ein, ihre Familie von ihrer Unschuld zu berzeugen,
begriff, da sie sich darber trsten msse, falls sie nicht
untergehen wolle, und wenige Tage nur waren nach ihrer Ankunft in V...
verflossen, als der Schmerz ganz und gar dem heldenmtigen Vorsatz
Platz machte, sich mit Stolz gegen die Anflle der Welt zu rsten.
Sie beschlo, sich ganz in ihr Innerstes zurckzuziehen, sich, mit
ausschlieendem Eifer, der Erziehung ihrer beiden Kinder zu widmen,
und des Geschenks, das ihr Gott mit dem dritten gemacht hatte, mit
voller mtterlichen Liebe zu pflegen.  Sie machte Anstalten, in wenig
Wochen, sobald sie ihre Niederkunft berstanden haben wrde, ihren
schnen, aber durch die lange Abwesenheit ein wenig verfallenen
Landsitz wieder herzustellen; sa in der Gartenlaube, und dachte,
whrend sie kleine Mtzen, und Strmpfe fr kleine Beine strickte,
wie sie die Zimmer bequem verteilen wrde; auch, welches sie mit
Bchern fllen, und in welchem die Staffelei am schicklichsten stehen
wrde.  Und so war der Zeitpunkt, da der Graf F... von Neapel
wiederkehren sollte, noch nicht abgelaufen, als sie schon vllig mit
dem Schicksal, in ewig klsterlicher Eingezogenheit zu leben,
vertraut war.  Der Trsteher erhielt Befehl, keinen Menschen im Hause
vorzulassen.  Nur der Gedanke war ihr unertrglich, da dem jungen
Wesen, das sie in der grten Unschuld und Reinheit empfangen hatte,
und dessen Ursprung, eben weil er geheimnisvoller war, auch
gttlicher zu sein schien, als der anderer Menschen, ein Schandfleck
in der brgerlichen Gesellschaft ankleben sollte.  Ein sonderbares
Mittel war ihr eingefallen, den Vater zu entdecken: ein Mittel, bei
dem sie, als sie es zuerst dachte, das Strickzeug selbst vor
Schrecken aus der Hand fallen lie.  Durch ganze Nchte, in unruhiger
Schlaflosigkeit durchwacht, ward es gedreht und gewendet um sich an
seine ihr innerstes Gefhl verletzende, Natur zu gewhnen.  Immer
noch strubte sie sich, mit dem Menschen, der sie so hintergangen
hatte, in irgend ein Verhltnis zu treten: indem sie sehr richtig
schlo, da derselbe doch, ohne alle Rettung, zum Auswurf seiner
Gattung gehren msse, und, auf welchem Platz der Welt man ihn auch
denken wolle, nur aus dem zertretensten und unfltigsten Schlamm
derselben, hervorgegangen sein knne.  Doch da das Gefhl ihrer
Selbstndigkeit immer lebhafter in ihr ward, und sie bedachte da der
Stein seinen Wert behlt, er mag auch eingefat sein, wie man wolle,
so griff sie eines Morgens, da sich das junge Leben wieder in ihr
regte, ein Herz, und lie jene sonderbare Aufforderung in die
Intelligenzbltter von M... rcken, die man am Eingang dieser
Erzhlung gelesen hat.

Der Graf F..., den unvermeidliche Geschfte in Neapel aufhielten,
hatte inzwischen zum zweitenmal an die Marquise geschrieben, und sie
aufgefordert, es mchten fremde Umstnde eintreten, welche da wollten,
ihrer, ihm gegebenen, stillschweigenden Erklrung getreu zu bleiben.
Sobald es ihm geglckt war, seine fernere Geschftsreise nach
Konstantinopel abzulehnen, und es seine brigen Verhltnisse
gestatteten, ging er augenblicklich von Neapel ab, und kam auch
richtig, nur wenige Tage nach der von ihm bestimmten Frist, in M...
an.  Der Kommandant empfing ihn mit einem verlegenen Gesicht, sagte,
da ein notwendiges Geschft ihn aus dem Hause ntige, und forderte
den Forstmeister auf, ihn inzwischen zu unterhalten.  Der
Forstmeister zog ihn auf sein Zimmer, und fragte ihn, nach einer
kurzen Begrung, ob er schon wisse, was sich whrend seiner
Abwesenheit in dem Hause des Kommandanten zugetragen habe.  Der Graf
antwortete, mit einer flchtigen Blsse: nein.  Hierauf unterrichtete
ihn der Forstmeister von der Schande, die die Marquise ber die
Familie gebracht hatte, und gab ihm die Geschichtserzhlung dessen,
was unsre Leser soeben erfahren haben.  Der Graf schlug sich mit der
Hand vor die Stirn.  Warum legte man mir so viele Hindernissen in den
Weg! rief er in der Vergessenheit seiner.  Wenn die Vermhlung
erfolgt wre: so wre alle Schmach und jedes Unglck uns erspart!
Der Forstmeister fragte, indem er ihn anglotzte, ob er rasend genug
wre, zu wnschen, mit dieser Nichtswrdigen vermhlt zu sein?  Der
Graf erwiderte, da sie mehr wert wre, als die ganze Welt, die sie
verachtete; da ihre Erklrung ber ihre Unschuld vollkommnen Glauben
bei ihm fnde; und da er noch heute nach V... gehen, und seinen
Antrag bei ihr wiederholen wrde.  Er ergriff auch sogleich seinen
Hut, empfahl sich dem Forstmeister, der ihn fr seiner Sinne vllig
beraubt hielt, und ging ab.

Er bestieg ein Pferd und sprengte nach V... hinaus.  Als er am Tore
abgestiegen war, und in den Vorplatz treten wollte, sagte ihm der
Trsteher, da die Frau Marquise keinen Menschen sprche.  Der Graf
fragte, ob diese, fr Fremde getroffene, Maregel auch einem Freund
des Hauses glte; worauf jener antwortete, da er von keiner Ausnahme
wisse, und bald darauf, auf eine zweideutige Art hinzusetzte: ob er
vielleicht der Graf F... wre?  Der Graf erwiderte, nach einem
forschenden Blick, nein; und uerte, zu seinem Bedienten gewandt,
doch so, da jener es hren konnte, er werde, unter solchen Umstnden,
in einem Gasthofe absteigen, und sich bei der Frau Marquise
schriftlich anmelden.  Sobald er inzwischen dem Trsteher aus den
Augen war, bog er um eine Ecke, und umschlich die Mauer eines
weitlufigen Gartens, der sich hinter dem Hause ausbreitete.  Er trat
durch eine Pforte, die er offen fand, in den Garten, durchstrich die
Gnge desselben, und wollte eben die hintere Rampe hinaufsteigen, als
er, in einer Laube, die zur Seite lag, die Marquise, in ihrer
lieblichen und geheimnisvollen Gestalt, an einem kleinen Tischchen
emsig arbeiten sah.  Er nherte sich ihr so, da sie ihn nicht frher
erblicken konnte, als bis er am Eingang der Laube, drei kleine
Schritte von ihren Fen, stand.  Der Graf F...! sagte die Marquise,
als sie die Augen aufschlug und die Rte der berraschung berflog
ihr Gesicht.  Der Graf lchelte, blieb noch eine Zeitlang, ohne sich
im Eingang zu rhren, stehen; setzte sich dann, mit so bescheidener
Zudringlichkeit, als sie nicht zu erschrecken ntig war, neben ihr
nieder, und schlug, ehe sie noch, in ihrer sonderbaren Lage, einen
Entschlu gefat hatte, seinen Arm sanft um ihren lieben Leib.  Von
wo, Herr Graf, ist es mglich, fragte die Marquise--und sah
schchtern vor sich auf die Erde nieder.  Der Graf sagte: von M...,
und drckte sie ganz leise an sich; durch eine hintere Pforte, die
ich offen fand.  Ich glaubte auf Ihre Verzeihung rechnen zu drfen,
und trat ein.  Hat man Ihnen denn in M... nicht gesagt--?--fragte sie,
und rhrte noch kein Glied in seinen Armen.  Alles, geliebte Frau,
versetzte der Graf; doch von Ihrer Unschuld vllig berzeugt--Wie!
rief die Marquise, indem sie aufstand, und sich loswickelte; und Sie
kommen gleichwohl?--Der Welt zum Trotz, fuhr er fort, indem er sie
festhielt, und Ihrer Familie zum Trotz, und dieser lieblichen
Erscheinung sogar zum Trotz; wobei er einen glhenden Ku auf ihre
Brust drckte.--Hinweg! rief die Marquise--So berzeugt, sagte er,
Julietta, als ob ich allwissend wre, als ob meine Seele in deiner
Brust wohnte--Die Marquise rief: Lassen Sie mich!  Ich komme, schlo
er--und lie sie nicht--meinen Antrag zu wiederholen, und das Los der
Seligen, wenn Sie mich erhren wollen, von Ihrer Hand zu empfangen.
Lassen Sie mich augenblicklich! rief die Marquise; ich befehls Ihnen!
ri sich gewaltsam aus seinen Armen, und entfloh.  Geliebte!
Vortreffliche! flsterte er, indem er wieder aufstand, und ihr folgte.
--Sie hren! rief die Marquise, und wandte sich, und wich ihm aus.
Ein einziges, heimliches, geflstertes--! sagte der Graf, und griff
hastig nach ihrem glatten, ihm entschlpfenden Arm.--Ich will nichts
wissen, versetzte die Marquise, stie ihn heftig vor die Brust zurck,
eilte auf die Rampe, und verschwand.

Er war schon halb auf die Rampe gekommen, um sich, es koste, was es
wolle, bei ihr Gehr zu verschaffen, als die Tr vor ihm zuflog, und
der Riegel heftig, mit verstrter Beeiferung, vor seinen Schritten
zurasselte.  Unschlssig, einen Augenblick, was unter solchen
Umstnden zu tun sei, stand er, und berlegte, ob er durch ein, zur
Seite offen stehendes Fenster einsteigen, und seinen Zweck, bis er
ihn erreicht, verfolgen solle; doch so schwer es ihm auch in jedem
Sinne war, umzukehren, diesmal schien es die Notwendigkeit zu
erfordern, und grimmig erbittert ber sich, da er sie aus seinen
Armen gelassen hatte, schlich er die Rampe hinab, und verlie den
Garten, um seine Pferde aufzusuchen.  Er fhlte da der Versuch, sich
an ihrem Busen zu erklren, fr immer fehlgeschlagen sei, und ritt
schrittweise indem er einen Brief berlegte, den er jetzt zu
schreiben verdammt war, nach M... zurck.  Abends, da er sich, in der
belsten Laune von der Welt, bei einer ffentlichen Tafel eingefunden
hatte, traf er den Forstmeister an, der ihn auch sogleich befragte,
ob er seinen Antrag in V... glcklich angebracht habe?  Der Graf
antwortete kurz: nein! und war sehr gestimmt, ihn mit einer bitteren
Wendung abzufertigen; doch um der Hflichkeit ein Genge zu tun,
setzte er nach einer Weile hinzu: er habe sich entschlossen, sich
schriftlich an sie zu wenden, und werde damit in kurzem ins Reine
sein.  Der Forstmeister sagte: er sehe mit Bedauern, da seine
Leidenschaft fr die Marquise ihn seiner Sinne beraube.  Er msse ihm
inzwischen versichern, da sie bereits auf dem Wege sei, eine andere
Wahl zu treffen; klingelte nach den neuesten Zeitungen, und gab ihm
das Blatt, in welchem die Aufforderung derselben an den Vater ihres
Kindes eingerckt war.  Der Graf durchlief, indem ihm das Blut ins
Gesicht scho, die Schrift.  Ein Wechsel von Gefhlen durchkreuzte
ihn.  Der Forstmeister fragte, ob er nicht glaube, da die Person,
die die Frau Marquise suche, sich finden werde?--Unzweifelhaft!
versetzte der Graf, indessen er mit ganzer Seele ber dem Papier lag,
und den Sinn desselben gierig verschlang.  Darauf nachdem er einen
Augenblick, whrend er das Blatt zusammenlegte, an das Fenster
getreten war, sagte er: nun ist es gut! nun wei ich, was ich zu tun
habe! kehrte sich sodann um; und fragte den Forstmeister noch, auf
eine verbindliche Art, ob man ihn bald wiedersehen werde; empfahl
sich ihm, und ging, vllig ausgeshnt mit seinem Schicksal, fort.
-Inzwischen waren in dem Hause des Kommandanten die lebhaftesten
Auftritte vorgefallen.  Die Obristin war ber die zerstrende
Heftigkeit ihres Gatten und ber die Schwche, mit welcher sie sich,
bei der tyrannischen Verstoung der Tochter, von ihm hatte
unterjochen lassen, uerst erbittert.  Sie war, als der Schu in des
Kommandanten Schlafgemach fiel, und die Tochter aus demselben
hervorstrzte, in eine Ohnmacht gesunken, aus der sie sich zwar bald
wieder erholte; doch der Kommandant hatte, in dem Augenblick ihres
Erwachens, weiter nichts gesagt, als, es tte ihm leid, da sie
diesen Schrecken umsonst gehabt, und das abgeschossene Pistol auf
einen Tisch geworfen.  Nachher, da von der Abforderung der Kinder die
Rede war, war sie schchtern, zu erklren, da man zu einem solchen
Schritt kein Recht habe; sie bat mit einer, durch die gehabte
Anwandlung, schwachen und rhrenden Stimme, heftige Auftritte im
Hause zu vermeiden; doch der Kommandant erwiderte weiter nichts, als,
indem er sich zum Forstmeister wandte, vor Wut schumend: geh! und
schaff sie mir!  Als der zweite Brief des Grafen F... ankam, hatte
der Kommandant befohlen, da er nach V... zur Marquise
herausgeschickt werden solle, welche ihn, wie man nachher durch den
Boten erfuhr, bei Seite gelegt, und gesagt hatte, es wre gut.  Die
Obristin, der in der ganzen Begebenheit so vieles, und besonders die
Geneigtheit der Marquise, eine neue, ihr ganz gleichgltige
Vermhlung einzusehen, dunkel war, suchte vergebens, diesen Umstand
zur Sprache zu bringen.  Der Kommandant bat immer, auf eine Art, die
einem Befehle gleich sah, zu schweigen; versicherte, indem er einst,
bei einer solchen Gelegenheit, ein Portrt herabnahm, das noch von
ihr an der Wand hing, da er sein Gedchtnis ihrer ganz zu vertilgen
wnsche; und meinte, er htte keine Tochter mehr.  Drauf erschien der
sonderbare Aufruf der Marquise in den Zeitungen.  Die Obristin, die
auf das lebhafteste darber betroffen war, ging mit dem Zeitungsblatt,
das sie von dem Kommandanten erhalten hatte, in sein Zimmer, wo sie
ihn an einem Tisch arbeitend fand, und fragte ihn, was er in aller
Welt davon halte?  Der Kommandant sagte, indem er fortschrieb: o! sie
ist unschuldig.  Wie! rief Frau von G..., mit dem alleruersten
Erstaunen: unschuldig?  Sie hat es im Schlaf getan, sagte der
Kommandant, ohne aufzusehen.  Im Schlafe! versetzte Frau von G...
Und ein so ungeheurer Vorfall wre--?  Die Nrrin! rief der
Kommandant, schob die Papiere ber einander, und ging weg.

Am nchsten Zeitungstage las die Obristin, da beide beim Frhstck
saen, in einem Intelligenzblatt, das eben ganz feucht von der Presse
kam, folgende Antwort:

"Wenn die Frau Marquise von O... sich, am 3ten... 11 Uhr morgens, im
Hause des Herrn von G..., ihres Vaters, einfinden will: so wird sich
derjenige, den sie sucht, ihr daselbst zu Fen werfen."-Der Obristin
verging, ehe sie noch auf die Hlfte dieses unerhrten Artikels
gekommen war, die Sprache; sie berflog das Ende, und reichte das
Blatt dem Kommandanten dar.  Der Obrist durchlas das Blatt dreimal,
als ob er seinen eignen Augen nicht traute.  Nun sage mir, um des
Himmels willen, Lorenzo, rief die Obristin, was hltst du davon?  O
die Schndliche! versetzte der Kommandant, und stand auf; o die
verschmitzte Heuchlerin!  Zehnmal die Schamlosigkeit einer Hndin,
mit zehnfacher List des Fuchses gepaart, reichen noch an die ihrige
nicht!  Solch eine Miene!  Zwei solche Augen!  Ein Cherub hat sie
nicht treuer!--und jammerte und konnte sich nicht beruhigen.  Aber
was in aller Welt, fragte die Obristin, wenn es eine List ist, kann
sie damit bezwecken?  Was sie damit bezweckt?  Ihre nichtswrdige
Betrgerei, mit Gewalt will sie sie durchsetzen, erwiderte der Obrist.
Auswendig gelernt ist sie schon, die Fabel, die sie uns beide, sie
und er, am Dritten 11 Uhr morgens hier aufbrden wollen.  Mein liebes
Tchterchen, soll ich sagen, das wute ich nicht, wer konnte das
denken, vergib mir, nimm meinen Segen, und sei wieder gut.  Aber die
Kugel dem, der am Dritten morgens ber meine Schwelle tritt!  Es
mte denn schicklicher sein, ihn mir durch Bedienten aus dem Hause
zu schaffen.--Frau von G... sagte, nach einer nochmaligen berlesung
des Zeitungsblattes, da wenn sie, von zwei unbegreiflichen Dingen,
einem, Glauben beimessen solle, sie lieber an ein unerhrtes Spiel
des Schicksals, als an diese Niedertrchtigkeit ihrer sonst so
vortrefflichen Tochter glauben wolle.  Doch ehe sie noch vollendet
hatte, rief der Kommandant schon: tu mir den Gefallen und schweig!
und verlie das Zimmer.  Es ist mir verhat, wenn ich nur davon hre.

Wenige Tage nachher erhielt der Kommandant, in Beziehung auf diesen
Zeitungsartikel, einen Brief von der Marquise, in welchem sie ihn, da
ihr die Gnade versagt wre, in seinem Hause erscheinen zu drfen, auf
eine ehrfurchtsvolle und rhrende Art bat, denjenigen, der sich am
Dritten morgens bei ihm zeigen wrde, geflligst zu ihr nach V...
hinauszuschicken.  Die Obristin war gerade gegenwrtig, als der
Kommandant diesen Brief empfing; und da sie auf seinem Gesicht
deutlich bemerkte, da er in seiner Empfindung irre geworden war:
denn welch ein Motiv jetzt, falls es eine Betrgerei war, sollte er
ihr unterlegen, da sie auf seine Verzeihung gar keine Ansprche zu
machen schien? so rckte sie, dadurch dreist gemacht, mit einem Plan
hervor, den sie schon lange, in ihrer von Zweifeln bewegten Brust,
mit sich herum getragen hatte.  Sie sagte, whrend der Obrist noch,
mit einer nichtssagenden Miene, in das Papier hineinsah: sie habe
einen Einfall.  Ob er ihr erlauben wolle, auf einen oder zwei Tage,
nach V... hinauszufahren?  Sie werde die Marquise, falls sie wirklich
denjenigen, der ihr durch die Zeitungen, als ein Unbekannter,
geantwortet, schon kenne, in eine Lage zu versetzen wissen, in
welcher sich ihre Seele verraten mte, und wenn sie die
abgefeimteste Verrterin wre.  Der Kommandant erwiderte, indem er,
mit einer pltzlich heftigen Bewegung, den Brief zerri: sie wisse,
da er mit ihr nichts zu schaffen haben wolle, und er verbiete ihr,
in irgend eine Gemeinschaft mit ihr zu treten.  Er siegelte die
zerrissenen Stcke ein, schrieb eine Adresse an die Marquise, und gab
sie dem Boten, als Antwort, zurck.  Die Obristin, durch diesen
hartnckigen Eigensinn, der alle Mglichkeit der Aufklrung
vernichtete, heimlich erbittert, beschlo ihren Plan jetzt, gegen
seinen Willen, auszufhren.  Sie nahm einen von den Jgern des
Kommandanten, und fuhr am nchstfolgenden Morgen, da ihr Gemahl noch
im Bette lag, mit demselben nach V... hinaus.  Als sie am Tore des
Landsitzes angekommen war, sagte ihr der Trsteher, da niemand bei
der Frau Marquise vorgelassen wrde.  Frau von G... antwortete, da
sie von dieser Maregel unterrichtet wre, da er aber gleichwohl nur
gehen, und die Obristin von G... bei ihr anmelden mchte.  Worauf
dieser versetzte, da dies zu nichts helfen wrde, indem die Frau
Marquise keinen Menschen auf der Welt sprche.  Frau von G...
antwortete, da sie von ihr gesprochen werden wrde, indem sie ihre
Mutter wre, und da er nur nicht lnger sumen, und sein Geschft
verrichten mchte.  Kaum aber war noch der Trsteher zu diesem, wie
er meinte, gleichwohl vergeblichen Versuche ins Haus gegangen, als
man schon die Marquise daraus hervortreten, nach dem Tore eilen, und
sich auf Knieen vor dem Wagen der Obristin niederstrzen sah.  Frau
von G... stieg, von ihrem Jger untersttzt, aus, und hob die
Marquise, nicht ohne einige Bewegung, vom Boden auf.  Die Marquise
drckte sich, von Gefhlen berwltigt, tief auf ihre Hand hinab, und
fhrte sie, indem ihr die Trnen hufig flossen, ehrfurchtsvoll in
die Zimmer ihres Hauses.  Meine teuerste Mutter! rief sie, nachdem
sie ihr den Diwan angewiesen hatte, und noch vor ihr stehen blieb,
und sich die Augen trocknete: welch ein glcklicher Zufall ist es,
dem ich Ihre, mir unschtzbare Erscheinung verdanke?  Frau von G...
sagte, indem sie ihre Tochter vertraulich fate, sie msse ihr nur
sagen, da sie komme, sie wegen der Hrte, mit welcher sie aus dem
vterlichen Hause verstoen worden sei, um Verzeihung zu bitten.
Verzeihung! fiel ihr die Marquise ins Wort, und wollte ihre Hnde
kssen.  Doch diese, indem sie den Handku vermied, fuhr fort: denn
nicht nur, da die, in den letzten ffentlichen Blttern eingerckte
Antwort auf die bewute Bekanntmachung, mir sowohl als dem Vater, die
berzeugung von deiner Unschuld gegeben hat; so mu ich dir auch
erffnen, da er sich selbst schon, zu unserm groen und freudigen
Erstaunen, gestern im Hause gezeigt hat.  Wer hat sich--? fragte die
Marquise, und setzte sich bei ihrer Mutter nieder;--welcher er selbst
hat sich gezeigt--? und Erwartung spannte jede ihrer Mienen.  Er,
erwiderte Frau von G..., der Verfasser jener Antwort, er persnlich
selbst, an welchen dein Aufruf gerichtet war.--Nun denn, sagte die
Marquise, mit unruhig arbeitender Brust: wer ist es?  Und noch einmal:
wer ist es?--Das, erwiderte Frau von G..., mchte ich dich erraten
lassen.  Denn denke, da sich gestern, da wir beim Tee sitzen, und
eben das sonderbare Zeitungsblatt lesen, ein Mensch, von unsrer
genauesten Bekanntschaft, mit Gebrden der Verzweiflung ins Zimmer
strzt, und deinem Vater, und bald darauf auch mir, zu Fen fllt.
Wir, unwissend, was wir davon denken sollen, fordern ihn auf, zu
reden.  Darauf spricht er: sein Gewissen lasse ihm keine Ruhe; er sei
der Schndliche, der die Frau Marquise betrogen, er msse wissen, wie
man sein Verbrechen beurteile, und wenn Rache ber ihn verhngt
werden solle, so komme er, sich ihr selbst darzubieten.  Aber wer?
wer? wer? versetzte die Marquise.  Wie sagt, fuhr Frau von G... fort,
ein junger, sonst wohlerzogener Mensch, dem wir eine solche
Nichtswrdigkeit niemals zugetraut htten.  Doch erschrecken wirst du
nicht, meine Tochter, wenn du erfhrst, da er von niedrigem Stande,
und von allen Forderungen, die man sonst an deinen Gemahl machen
drfte, entblt ist.  Gleichviel, meine vortreffliche Mutter, sagte
die Marquise, er kann nicht ganz unwrdig sein, da er sich Ihnen
frher als mir, zu Fen geworfen hat.  Aber, wer? wer?  Sagen Sie
mir nur: wer?

Nun denn, versetzte die Mutter, es ist Leopardo, der Jger, den sich
der Vater jngst aus Tirol verschrieb, und den ich, wenn du ihn
wahrnahmst, schon mitgebracht habe, um ihn dir als Brutigam
vorzustellen.  Leopardo, der Jger! rief die Marquise, und drckte
ihre Hand, mit dem Ausdruck der Verzweiflung, vor die Stirn.  Was
erschreckt dich? fragte die Obristin.  Hast du Grnde, daran zu
zweifeln?--Wie?  Wo?  Wann? fragte die Marquise verwirrt.  Das,
antwortete jene, will er nur dir anvertrauen.  Scham und Liebe,
meinte er, machten es ihm unmglich, sich einer andern hierber zu
erklren, als dir.  Doch wenn du willst, so ffnen wir das Vorzimmer,
wo er, mit klopfendem Herzen, auf den Ausgang wartet; und du magst
sehen, ob du ihm sein Geheimnis, indessen ich abtrete, entlockst.
--Gott, mein Vater! rief die Marquise; ich war einst in der
Mittagshitze eingeschlummert, und sah ihn von meinem Diwan gehen, als
ich erwachte!--Und damit legte sie ihre kleinen Hnde vor ihr in
Scham erglhendes Gesicht.  Bei diesen Worten sank die Mutter auf
Knieen vor ihr nieder.  O meine Tochter! rief sie; o du Vortreffliche!
und schlug die Arme um sie.  Und o ich Nichtswrdige! und verbarg
das Antlitz in ihren Scho.  Die Marquise fragte bestrzt: was ist
Ihnen, meine Mutter?  Denn begreife, fuhr diese fort, o du Reinere
als Engel sind, da von allem, was ich dir sagte, nichts wahr ist;
da meine verderbte Seele an solche Unschuld nicht, als von der du
umstrahlt bist, glauben konnte, und da ich dieser schndlichen List
erst bedurfte, um mich davon zu berzeugen.  Meine teuerste Mutter,
rief die Marquise, und neigte sich voll froher Rhrung zu ihr herab,
und wollte sie aufheben.  Jene versetzte darauf: nein, eher nicht von
deinen Fen weich ich, bis du mir sagst, ob du mir die Niedrigkeit
meines Verhaltens, du Herrliche, berirdische, verzeihen kannst.  Ich
Ihnen verzeihen, meine Mutter!  Stehen Sie auf, rief die Marquise,
ich beschwre Sie--Du hrst, sagte Frau von G..., ich will wissen, ob
du mich noch lieben, und so aufrichtig verehren kannst, als sonst?
Meine angebetete Mutter! rief die Marquise, und legte sich
gleichfalls auf Knieen vor ihr nieder; Ehrfurcht und Liebe sind nie
aus meinem Herzen gewichen.  Wer konnte mir, unter so unerhrten
Umstnden, Vertrauen schenken?  Wie glcklich bin ich, da Sie von
meiner Unstrflichkeit berzeugt sind!  Nun denn, versetzte Frau von
G..., indem sie, von ihrer Tochter untersttzt, aufstand: so will ich
dich auf Hnden tragen, mein liebstes Kind.  Du sollst bei mir dein
Wochenlager halten; und wren die Verhltnisse so, da ich einen
jungen Frsten von dir erwartete, mit grerer Zrtlichkeit nicht und
Wrdigkeit knnt ich dein pflegen.  Die Tage meines Lebens nicht mehr
von deiner Seite weich ich.  Ich biete der ganzen Welt Trotz; ich
will keine andre Ehre mehr, als deine Schande; wenn du mir nur wieder
gut wirst, und der Hrte nicht, mit welcher ich dich verstie, mehr
gedenkst.  Die Marquise suchte sie mit Liebkosungen und Beschwrungen
ohne Ende zu trsten; doch der Abend kam heran, und Mitternacht
schlug, ehe es ihr gelang.  Am folgenden Tage, da sich der Affekt der
alten Dame, der ihr whrend der Nacht eine Fieberhitze zugezogen
hatte, ein wenig gelegt hatte, fuhren Mutter und Tochter und Enkel,
wie im Triumph, wieder nach M... zurck.  Sie waren uerst vergngt
auf der Reise, scherzten ber Leopardo, den Jger, der vorn auf dem
Bock sa; und die Mutter sagte zur Marquise, sie bemerke, da sie rot
wrde, so oft sie seinen breiten Rcken anshe.  Die Marquise
antwortete, mit einer Regung, die halb ein Seufzer, halb ein Lcheln
war: wer wei, wer zuletzt noch am Dritten 11 Uhr morgens bei uns
erscheint!--Drauf, je mehr man sich M... nherte, je ernsthafter
stimmten sich wieder die Gemter, in der Vorahndung entscheidender
Auftritte, die ihnen noch bevorstanden.  Frau von G..., die sich von
ihren Plnen nichts merken lie, fhrte ihre Tochter, da sie vor dem
Hause ausgestiegen waren, wieder in ihre alten Zimmer ein; sagte, sie
mchte es sich nur bequem machen, sie wrde gleich wieder bei ihr
sein, und schlpfte ab.  Nach einer Stunde kam sie mit einem ganz
erhitzten Gesicht wieder.  Nein, solch ein Thomas! sprach sie mit
heimlich vergngter Seele; solch ein unglubiger Thomas!  Hab ich
nicht eine Seigerstunde gebraucht, ihn zu berzeugen.  Aber nun sitzt
er, und weint.  Wer? fragte die Marquise.  Er, antwortete die Mutter.
Wer sonst, als wer die grte Ursache dazu hat.  Der Vater doch
nicht? rief die Marquise.  Wie ein Kind, erwiderte die Mutter; da
ich, wenn ich mir nicht selbst htte die Trnen aus den Augen wischen
mssen, gelacht htte, so wie ich nur aus der Tre heraus war.  Und
das wegen meiner? fragte die Marquise, und stand auf; und ich sollte
hier--?  Nicht von der Stelle! sagte Frau von G...  Warum diktierte
er mir den Brief!  Hier sucht er dich auf, wenn er mich, so lange ich
lebe, wiederfinden will.  Meine teuerste Mutter, flehte die
Marquise--Unerbittlich! fiel ihr die Obristin ins Wort.  Warum griff
er nach der Pistole.--Aber ich beschwre Sie--Du sollst nicht,
versetzte Frau von G..., indem sie die Tochter wieder auf ihren
Sessel niederdrckte.  Und wenn er nicht heut vor Abend noch kommt,
zieh ich morgen mit dir weiter.  Die Marquise nannte dies Verfahren
hart und ungerecht.  Doch die Mutter erwiderte: Beruhige dich--denn
eben hrte sie jemand von weitem heranschluchzen: er kmmt schon!
Wo? fragte die Marquise, und horchte.  Ist wer hier drauen vor der
Tr; dies heftige--?  Allerdings, versetzte Frau von G...  Er will,
da wir ihm die Tre ffnen.  Lassen Sie mich! rief die Marquise, und
ri sich vom Stuhl empor.  Doch: wenn du mir gut bist, Julietta,
versetzte die Obristin, so bleib; und in dem Augenblick trat auch der
Kommandant schon, das Tuch vor das Gesicht haltend, ein.  Die Mutter
stellte sich breit vor ihre Tochter, und kehrte ihm den Rcken zu.
Mein teuerster Vater! rief die Marquise, und streckte ihre Arme nach
ihm aus.  Nicht von der Stelle, sagte Frau von G..., du hrst!  Der
Kommandant stand in der Stube und weinte.  Er soll dir abbitten, fuhr
Frau von G... fort.  Warum ist er so heftig!  Und warum ist er so
hartnckig!  Ich liebe ihn, aber dich auch; ich ehre ihn, aber dich
auch.  Und mu ich eine Wahl treffen, so bist du vortrefflicher, als
er, und ich bleibe bei dir.  Der Kommandant beugte sich ganz krumm,
und heulte, da die Wnde erschallten.  Aber mein Gott! rief die
Marquise, gab der Mutter pltzlich nach, und nahm ihr Tuch, ihre
eigenen Trnen flieen zu lassen.  Frau von G... sagte:--er kann nur
nicht sprechen! und wich ein wenig zur Seite aus.  Hierauf erhob sich
die Marquise, umarmte den Kommandanten, und bat ihn, sich zu
beruhigen.  Sie weinte selbst heftig.  Sie fragte ihn, ob er sich
nicht setzen wolle? sie wollte ihn auf einen Sessel niederziehen; sie
schob ihm einen Sessel hin, damit er sich darauf setze: doch er
antwortete nicht; er war nicht von der Stelle zu bringen; er setzte
sich auch nicht, und stand blo, das Gesicht tief zur Erde gebeugt,
und weinte.  Die Marquise sagte, indem sie ihn aufrecht hielt, halb
zur Mutter gewandt: er werde krank werden; die Mutter selbst schien,
da er sich ganz konvulsivisch gebrdete, ihre Standhaftigkeit
verlieren zu wollen.  Doch da der Kommandant sich endlich, auf die
wiederholten Anforderungen der Tochter, niedergesetzt hatte, und
diese ihm, mit unendlichen Liebkosungen, zu Fen gesunken war: so
nahm sie wieder das Wort, sagte, es geschehe ihm ganz recht, er werde
nun wohl zur Vernunft kommen, entfernte sich aus dem Zimmer, und lie
sie allein.

Sobald sie drauen war, wischte sie sich selbst die Trnen ab, dachte,
ob ihm die heftige Erschtterung, in welche sie ihn versetzt hatte,
nicht doch gefhrlich sein knnte, und ob es wohl ratsam sei, einen
Arzt rufen zu lassen?  Sie kochte ihm fr den Abend alles, was sie
nur Strkendes und Beruhigendes aufzutreiben wute, in der Kche
zusammen, bereitete und wrmte ihm das Bett, um ihn sogleich
hineinzulegen, sobald er nur, an der Hand der Tochter, erscheinen
wrde, und schlich, da er immer noch nicht kam, und schon die
Abendtafel gedeckt war, dem Zimmer der Marquise zu, um doch zu hren,
was sich zutrage?  Sie vernahm, da sie mit sanft an die Tr gelegtem
Ohr horchte, ein leises, eben verhallendes Gelispel, das, wie es ihr
schien, von der Marquise kam; und, wie sie durchs Schlsselloch
bemerkte, sa sie auch auf des Kommandanten Scho, was er sonst in
seinem Leben nicht zugegeben hatte.  Drauf endlich ffnete sie die
Tr, und sah nun--und das Herz quoll ihr vor Freuden empor: die
Tochter still, mit zurckgebeugtem Nacken, die Augen fest geschlossen,
in des Vaters Armen liegen; indessen dieser, auf dem Lehnstuhl
sitzend, lange, heie und lechzende Ksse, das groe Auge voll
glnzender Trnen, auf ihren Mund drckte: gerade wie ein Verliebter!
Die Tochter sprach nicht, er sprach nicht; mit ber sie gebeugtem
Antlitz sa er, wie ber das Mdchen seiner ersten Liebe, und legte
ihr den Mund zurecht, und kte sie.  Die Mutter fhlte sich, wie
eine Selige; ungesehen, wie sie hinter seinem Stuhle stand, sumte
sie, die Lust der himmelfrohen Vershnung, die ihrem Hause wieder
geworden war, zu stren.  Sie nahte sich dem Vater endlich, und sah
ihn, da er eben wieder mit Fingern und Lippen in unsglicher Lust
ber den Mund seiner Tochter beschftigt war, sich um den Stuhl
herumbeugend, von der Seite an.  Der Kommandant schlug, bei ihrem
Anblick, das Gesicht schon wieder ganz kraus nieder, und wollte etwas
sagen; doch sie rief: o was fr ein Gesicht ist das! kte es jetzt
auch ihrerseits in Ordnung, und machte der Rhrung durch Scherzen ein
Ende.  Sie lud und fhrte beide, die wie Brautleute gingen, zur
Abendtafel, an welcher der Kommandant zwar sehr heiter war, aber noch
von Zeit zu Zeit schluchzte, wenig a und sprach, auf den Teller
niedersah, und mit der Hand seiner Tochter spielte.

Nun galt es, beim Anbruch des nchsten Tages, die Frage: wer nur, in
aller Welt, morgen um 11 Uhr sich zeigen wrde; denn morgen war der
gefrchtete Dritte.  Vater und Mutter, und auch der Bruder, der sich
mit seiner Vershnung eingefunden hatte, stimmten unbedingt, falls
die Person nur von einiger Ertrglichkeit sein wrde, fr Vermhlung;
alles, was nur immer mglich war, sollte geschehen, um die Lage der
Marquise glcklich zu machen.  Sollten die Verhltnisse derselben
jedoch so beschaffen sein, da sie selbst dann, wenn man ihnen durch
Begnstigungen zu Hlfe kme, zu weit hinter den Verhltnissen der
Marquise zurckblieben, so widersetzten sich die Eltern der Heirat;
sie beschlossen, die Marquise nach wie vor bei sich zu behalten, und
das Kind zu adoptieren.  Die Marquise hingegen schien willens, in
jedem Falle, wenn die Person nur nicht ruchlos wre, ihr gegebenes
Wort in Erfllung zu bringen, und dem Kinde, es koste was es wolle,
einen Vater zu verschaffen.  Am Abend fragte die Mutter, wie es denn
mit dem Empfang der Person gehalten werden solle?  Der Kommandant
meinte, da es am schicklichsten sein wrde, wenn man die Marquise um
11 Uhr allein liee.  Die Marquise hingegen bestand darauf, da beide
Eltern, und auch der Bruder, gegenwrtig sein mchten, indem sie
keine Art des Geheimnisses mit dieser Person zu teilen haben wolle.
Auch meinte sie, da dieser Wunsch sogar in der Antwort derselben,
dadurch, da sie das Haus des Kommandanten zur Zusammenkunft
vorgeschlagen, ausgedrckt scheine; ein Umstand, um dessentwillen ihr
gerade diese Antwort, wie sie frei gestehen msse, sehr gefallen habe.
Die Mutter bemerkte die Unschicklichkeit der Rollen, die der Vater
und der Bruder dabei zu spielen haben wrden, bat die Tochter, die
Entfernung der Mnner zuzulassen, wogegen sie in ihren Wunsch
willigen, und bei dem Empfang der Person gegenwrtig sein wolle.
Nach einer kurzen Besinnung der Tochter ward dieser letzte Vorschlag
endlich angenommen.  Drauf nun erschien, nach einer, unter den
gespanntesten Erwartungen zugebrachten, Nacht der Morgen des
gefrchteten Dritten.  Als die Glocke eilf Uhr schlug, saen beide
Frauen, festlich, wie zur Verlobung angekleidet, im Besuchzimmer; das
Herz klopfte ihnen, da man es gehrt haben wrde, wenn das Gerusch
des Tages geschwiegen htte.  Der eilfte Glockenschlag summte noch,
als Leopardo, der Jger, eintrat, den der Vater aus Tirol
verschrieben hatte.  Die Weiber erblaten bei diesem Anblick.  Der
Graf F..., sprach er, ist vorgefahren, und lt sich anmelden.  Der
Graf F...! riefen beide zugleich, von einer Art der Bestrzung in die
andre geworfen.  Die Marquise rief: Verschliet die Tren!  Wir sind
fr ihn nicht zu Hause; stand auf, das Zimmer gleich selbst zu
verriegeln, und wollte eben den Jger, der ihr im Wege stand,
hinausdrngen, als der Graf schon, in genau demselben Kriegsrock, mit
Orden und Waffen, wie er sie bei der Eroberung des Forts getragen
hatte, zu ihr eintrat.  Die Marquise glaubte vor Verwirrung in die
Erde zu sinken; sie griff nach einem Tuch, das sie auf dem Stuhl
hatte liegen lassen, und wollte eben in ein Seitenzimmer entfliehn;
doch Frau von G..., indem sie die Hand derselben ergriff, rief:
Julietta--! und wie erstickt von Gedanken, ging ihr die Sprache aus.
Sie heftete die Augen fest auf den Grafen und wiederholte: ich bitte
dich, Julietta! indem sie sie nach sich zog: wen erwarten wir denn--?
Die Marquise rief, indem sie sich pltzlich wandte: nun? doch ihn
nicht--? und schlug mit einem Blick funkelnd, wie ein Wetterstrahl,
auf ihn ein, indessen Blsse des Todes ihr Antlitz berflog.  Der
Graf hatte ein Knie vor ihr gesenkt; die rechte Hand lag auf seinem
Herzen, das Haupt sanft auf seine Brust gebeugt, lag er, und blickte
hochglhend vor sich nieder, und schwieg. Wen sonst, rief die
Obristin mit beklemmter Stimme, wen sonst, wir Sinnberaubten, als
ihn--?  Die Marquise stand starr ber ihm, und sagte: ich werde
wahnsinnig werden, meine Mutter!  Du Trin, erwiderte die Mutter, zog
sie zu sich, und flsterte ihr etwas in das Ohr.  Die Marquise wandte
sich, und strzte, beide Hnde vor das Gesicht, auf den Sofa nieder.
Die Mutter rief.  Unglckliche!  Was fehlt dir?  Was ist geschehn,
worauf du nicht vorbereitet warst?--Der Graf wich nicht von der Seite
der Obristin; er fate, immer noch auf seinen Knieen liegend, den
uersten Saum ihres Kleides, und kte ihn.  Liebe!  Gndige!
Verehrungswrdigste! flsterte er: eine Trne rollte ihm die Wangen
herab.  Die Obristin sagte: stehn Sie auf, Herr Graf, stehn Sie auf!
Trsten Sie jene; so sind wir alle vershnt, so ist alles vergeben
und vergessen.  Der Graf erhob sich weinend.  Er lie sich von neuem
vor der Marquise nieder, er fate leise ihre Hand, als ob sie von
Gold wre, und der Duft der seinigen sie trben knnte.  Doch diese--:
gehn Sie! gehn Sie! gehn Sie! rief sie, indem sie aufstand; auf
einen Lasterhaften war ich gefat, aber auf keinen--Teufel! ffnete,
indem sie ihm dabei, gleich einem Pestvergifteten, auswich, die Tr
des Zimmers, und sagte: ruft den Obristen!  Julietta! rief die
Obristin mit Erstaunen.  Die Marquise blickte, mit ttender Wildheit,
bald auf den Grafen, bald auf die Mutter ein; ihre Brust flog, ihr
Antlitz loderte: eine Furie blickt nicht schrecklicher.  Der Obrist
und der Forstmeister kamen.  Diesem Mann, Vater, sprach sie, als jene
noch unter dem Eingang waren, kann ich mich nicht vermhlen! griff in
ein Gef mit Weihwasser, das an der hinteren Tr befestigt war,
besprengte, in einem groen Wurf, Vater und Mutter und Bruder damit,
und verschwand.

Der Kommandant, von dieser seltsamen Erscheinung betroffen, fragte,
was vorgefallen sei; und erblate, da er, in diesem entscheidenden
Augenblick, den Grafen F... im Zimmer erblickte.  Die Mutter nahm den
Grafen bei der Hand und sagte: frage nicht; dieser junge Mann bereut
von Herzen alles, was geschehen ist; gib deinen Segen, gib, gib: so
wird sich alles noch glcklich endigen.  Der Graf stand wie
vernichtet.  Der Kommandant legte seine Hand auf ihn; seine
Augenwimpern zuckten, seine Lippen waren wei, wie Kreide.  Mge der
Fluch des Himmels von diesen Scheiteln weichen! rief er: wann
gedenken Sie zu heiraten?--Morgen, antwortete die Mutter fr ihn,
denn er konnte kein Wort hervorbringen, morgen oder heute, wie du
willst; dem Herrn Grafen, der so viel schne Beeiferung gezeigt hat,
sein Vergehen wieder gut zu machen, wird immer die nchste Stunde die
liebste sein.--So habe ich das Vergngen, Sie morgen um 11 Uhr in der
Augustinerkirche zu finden! sagte der Kommandant; verneigte sich
gegen ihn, rief Frau und Sohn ab, um sich in das Zimmer der Marquise
zu verfgen, und lie ihn stehen.

Man bemhte sich vergebens, von der Marquise den Grund ihres
sonderbaren Betragens zu erfahren; sie lag im heftigsten Fieber,
wollte durchaus von Vermhlung nichts wissen, und bat, sie allein zu
lassen.  Auf die Frage: warum sie denn ihren Entschlu pltzlich
gendert habe? und was ihr den Grafen gehssiger mache, als einen
andern? sah sie den Vater mit groen Augen zerstreut an, und
antwortete nichts.  Die Obristin sprach: ob sie vergessen habe, da
sie Mutter sei? worauf sie erwiderte, da sie, in diesem Falle, mehr
an sich, als ihr Kind, denken msse, und nochmals, indem sie alle
Engel und Heiligen zu Zeugen anrief, versicherte, da sie nicht
heiraten wrde.  Der Vater, der sie offenbar in einem berreizten
Gemtszustande sah, erklrte, da sie ihr Wort halten msse; verlie
sie, und ordnete alles, nach gehriger schriftlicher Rcksprache mit
dem Grafen, zur Vermhlung an.  Er legte demselben einen
Heiratskontrakt vor, in welchem dieser auf alle Rechte eines Gemahls
Verzicht tat, dagegen sich zu allen Pflichten, die man von ihm
fordern wrde, verstehen sollte.  Der Graf sandte das Blatt, ganz von
Trnen durchfeuchtet, mit seiner Unterschrift zurck.  Als der
Kommandant am andern Morgen der Marquise dieses Papier berreichte,
hatten sich ihre Geister ein wenig beruhigt.  Sie durchlas es, noch
im Bette sitzend, mehrere Male, legte es sinnend zusammen, ffnete es,
und durchlas es wieder; und erklrte hierauf, da sie sich um 11 Uhr
in der Augustinerkirche einfinden wrde.  Sie stand auf, zog sich,
ohne ein Wort zu sprechen, an, stieg, als die Glocke schlug, mit
allen Ihrigen in den Wagen, und fuhr dahin ab.

Erst an dem Portal der Kirche war es dem Grafen erlaubt, sich an die
Familie anzuschlieen.  Die Marquise sah, whrend der Feierlichkeit,
starr auf das Altarbild; nicht ein flchtiger Blick ward dem Manne
zuteil, mit welchem sie die Ringe wechselte.  Der Graf bot ihr, als
die Trauung vorber war, den Arm; doch sobald sie wieder aus der
Kirche heraus waren, verneigte sich die Grfin vor ihm: der
Kommandant fragte, ob er die Ehre haben wrde, ihn zuweilen in den
Gemchern seiner Tochter zu sehen, worauf der Graf etwas stammelte,
das niemand verstand, den Hut vor der Gesellschaft abnahm, und
verschwand.  Er bezog eine Wohnung in M..., in welcher er mehrere
Monate zubrachte, ohne auch nur den Fu in des Kommandanten Haus zu
setzen, bei welchem die Grfin zurckgeblieben war.  Nur seinem
zarten, wrdigen und vllig musterhaften Betragen berall, wo er mit
der Familie in irgend eine Berhrung kam, hatte er es zu verdanken,
da er, nach der nunmehr erfolgten Entbindung der Grfin von einem
jungen Sohne, zur Taufe desselben eingeladen ward.  Die Grfin, die,
mit Teppichen bedeckt, auf dem Wochenbette sa, sah ihn nur auf einen
Augenblick, da er unter die Tr trat, und sie von weitem
ehrfurchtsvoll grte.  Er warf unter den Geschenken, womit die Gste
den Neugebornen bewillkommten, zwei Papiere auf die Wiege desselben,
deren eines, wie sich nach seiner Entfernung auswies, eine Schenkung
von 20000 Rubel an den Knaben, und das andere ein Testament war, in
dem er die Mutter, falls er strbe, zur Erbin seines ganzen Vermgens
einsetzte.  Von diesem Tage an ward er, auf Veranstaltung der Frau
von G..., fter eingeladen; das Haus stand seinem Eintritt offen, es
verging bald kein Abend, da er sich nicht darin gezeigt htte.  Er
fing, da sein Gefhl ihm sagte, da ihm von allen Seiten, um der
gebrechlichen Einrichtung der Welt willen, verziehen sei, seine
Bewerbung um die Grfin, seine Gemahlin, von neuem an, erhielt, nach
Verlauf eines Jahres, ein zweites Jawort von ihr, und auch eine
zweite Hochzeit ward gefeiert, froher, als die erste, nach deren
Abschlu die ganze Familie nach V... hinauszog.  Eine ganze Reihe von
jungen Russen folgte jetzt noch dem ersten; und da der Graf, in einer
glcklichen Stunde, seine Frau einst fragte, warum sie, an jenem
frchterlichen Dritten, da sie auf jeden Lasterhaften gefat schien,
vor ihm, gleich einem Teufel, geflohen wre, antwortete sie, indem
sie ihm um den Hals fiel: er wrde ihr damals nicht wie ein Teufel
erschienen sein, wenn er ihr nicht, bei seiner ersten Erscheinung,
wie ein Engel vorgekommen wre.




Die Verlobung in St. Domingo


Zu Port au Prince, auf dem franzsischen Anteil der Insel St. Domingo,
lebte, zu Anfange dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weien
ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve, ein
frchterlicher alter Neger, namens Congo Hoango.  Dieser von der
Goldkste von Afrika herstammende Mensch, der in seiner Jugend von
treuer und rechtschaffener Gemtsart schien, war von seinem Herrn,
weil er ihm einst auf einer berfahrt nach Cuba das Leben gerettet
hatte, mit unendlichen Wohltaten berhuft worden.  Nicht nur, da
Herr Guillaume ihm auf der Stelle seine Freiheit schenkte, und ihm,
bei seiner Rckkehr nach St. Domingo, Haus und Hof anwies; er machte
ihn sogar, einige Jahre darauf, gegen die Gewohnheit des Landes, zum
Aufseher seiner betrchtlichen Besitzung, und legte ihm, weil er
nicht wieder heiraten wollte, an Weibes Statt eine alte Mulattin,
namens Babekan, aus seinerPflanzung bei, mit welcher er durch seine
erste verstorbene Frau weitluftig verwandt war.  Ja, als der Neger
sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, setzte er ihn mit einem
ansehnlichen Gehalt in den Ruhestand und krnte seine Wohltaten noch
damit, da er ihm in seinem Vermchtnis sogar ein Legat auswarf; und
doch konnten alle diese Beweise von Dankbarkeit Herrn Villeneuve vor
der Wut dieses grimmigen Menschen nicht schtzen.  Congo Hoango war,
bei dem allgemeinen Taumel der Rache, der auf die unbesonnenen
Schritte des Nationalkonvents in diesen Pflanzungen aufloderte, einer
der ersten, der die Bchse ergriff, und, eingedenk der Tyrannei, die
ihn seinem Vaterlande entrissen hatte, seinem Herrn die Kugel durch
den Kopf jagte.  Er steckte das Haus, worein die Gemahlin desselben
mit ihren drei Kindern und den brigen Weien der Niederlassung sich
geflchtet hatte, in Brand, verwstete die ganze Pflanzung, worauf
die Erben, die in Port au Prince wohnten, htten Anspruch machen
knnen, und zog, als smtliche zur Besitzung gehrige Etablissements
der Erde gleich gemacht waren, mit den Negern, die er versammelt und
bewaffnet hatte, in der Nachbarschaft umher, um seinen Mitbrdern in
dem Kampfe gegen die Weien beizustehen.  Bald lauerte er den
Reisenden auf, die in bewaffneten Haufen das Land durchkreuzten; bald
fiel er am hellen Tage die in ihren Niederlassungen verschanzten
Pflanzer selbst an, und lie alles, was er darin vorfand, ber die
Klinge springen.  Ja, er forderte, in seiner unmenschlichen Rachsucht,
sogar die alte Babekan mit ihrer Tochter, einer jungen
fnfzehnjhrigen Mestize, namens Toni, auf, an diesem grimmigen
Kriege, bei dem er sich ganz verjngte, Anteil zu nehmen; und weil
das Hauptgebude der Pflanzung, das er jetzt bewohnte, einsam an der
Landstrae lag und sich hufig, whrend seiner Abwesenheit, weie
oder kreolische Flchtlinge einfanden, welche darin Nahrung oder ein
Unterkommen suchten, so unterrichtete er die Weiber, diese weien
Hunde, wie er sie nannte, mit Untersttzungen und Geflligkeiten bis
zu seiner Wiederkehr hinzuhalten.  Babekan, welche in Folge einer
grausamen Strafe, die sie in ihrer Jugend erhalten hatte, an der
Schwindsucht litt, pflegte in solchen Fllen die junge Toni, die,
wegen ihrer ins Gelbliche gehenden Gesichtsfarbe, zu dieser
grlichen List besonders brauchbar war, mit ihren besten Kleidern
auszunutzen; sie ermunterte dieselbe, den Fremden keine Liebkosung zu
versagen, bis auf die letzte, die ihr bei Todesstrafe verboten war:
und wenn Congo Hoango mit seinem Negertrupp von den Streifereien, die
er in der Gegend gemacht hatte, wiederkehrte, war unmittelbarer Tod
das Los der Armen, die sich durch diese Knste hatten tuschen lassen.

Nun wei jedermann, da im Jahr 1803, als der General Dessalines mit
30000 Negern gegen Port au Prince vorrckte, alles, was die weie
Farbe trug, sich in diesen Platz warf, um ihn zu verteidigen.  Denn
er war der letzte Sttzpunkt der franzsischen Macht auf dieser Insel,
und wenn er fiel, waren alle Weien, die sich darauf befanden,
smtlich ohne Rettung verloren.  Demnach traf es sich, da gerade in
der Abwesenheit des alten Hoango, der mit den Schwarzen, die er um
sich hatte, aufgebrochen war, um dem General Dessalines mitten durch
die franzsischen Posten einen Transport von Pulver und Blei
zuzufhren, in der Finsternis einer strmischen und regnerischen
Nacht, jemand an die hintere Tr seines Hauses klopfte.  Die alte
Babekan, welche schon im Bette lag, erhob sich, ffnete, einen bloen
Rock um die Hften geworfen, das Fenster, und fragte, wer da sei?
"Bei Maria und allen Heiligen," sagte der Fremde leise, indem er sich
unter das Fenster stellte: "beantwortet mir, ehe ich Euch dies
entdecke, eine Frage!" Und damit streckte er, durch die Dunkelheit
der Nacht, seine Hand aus, um die Hand der Alten zu ergreifen, und
fragte:

"Seid Ihr eine Negerin?" Babekan sagte: "nun, Ihr seid gewi ein
Weier, da Ihr dieser stockfinstern Nacht lieber ins Antlitz schaut,
als einer Negerin!  "Kommt herein", setzte sie hinzu, "und frchtet
nichts; hier wohnt eine Mulattin, und die einzige, die sich auer mir
noch im Hause befindet, ist meine Tochter, eine Mestize!"

Und damit machte sie das Fenster zu, als wollte sie hinabsteigen und
ihm die Tr ffnen; schlich aber, unter dem Vorwand, da sie den
Schlssel nicht sogleich finden knne, mit einigen Kleidern, die sie
schnell aus dem Schrank zusammenraffte, in die Kammer hinauf und
weckte ihre Tochter.  "Toni!" sprach sie: "Toni!"

"Was gibts, Mutter?--"Geschwind!" sprach sie.  "Aufgestanden und dich
angezogen!  Hier sind Kleider, weie Wsche und Strmpfe!  Ein Weier,
der verfolgt wird, ist vor der Tr und begehrt eingelassen zu werden!
"

Toni fragte: "ein Weier?", indem sie sich halb im Bett aufrichtete.
Sie nahm die Kleider, welche die Alte in der Hand hielt, und sprach:
"ist er auch allein, Mutter?  Und haben wir, wenn wir ihn einlassen,
nichts zu befrchten?"

"Nichts, nichts!" versetzte die Alte, indem sie Licht anmachte: "er
ist ohne Waffen und allein, und Furcht, da wir ber ihn herfallen
mchten, zittert in allen seinen Gebeinen!"

Und damit, whrend Toni aufstand und sich Rock und Strmpfe anzog,
zndete sie die groe Laterne an, die in dem Winkel des Zimmers stand,
band dem Mdchen geschwind das Haar, nach der Landesart, ber dem
Kopf zusammen, bedeckte sie, nachdem sie ihr den Latz zugeschnrt
hatte, mit einem Hut, gab ihr die Laterne in die Hand und befahl ihr,
auf den Hof hinab zu gehen und den Fremden herein zu holen.

Inzwischen war auf das Gebell einiger Hofhunde ein Knabe, namens
Nanky, den Hoango auf unehelichem Wege mit einer Negerin erzeugt
hatte, und der mit seinem Bruder Seppy in den Nebengebuden schlief,
erwacht; und da er beim Schein des Mondes einen einzelnen Mann auf
der hinteren Treppe des Hauses stehen sah; so eilte er sogleich, wie
er in solchen Fllen angewiesen war, nach dem Hoftor, durch welches
derselbe hereingekommen war, um es zu verschlieen.  Der Fremde, der
nicht begriff,was dieseArlstalten zu bedeuten hatten, fragte den
Knaben, den er mit Entsetzen, als er ihm nahe stand, fr einen
Negerknaben erkannte: wer in dieser Niederlassung wohne und schon war
er auf die Antwort desselben: "da die Besitzung, seit dem Tode Herrn
Villeneuves dem Neger Hoango anheim gefallen," im Begriff, den Jungen
niederzuwerfen, ihm den Schlssel der Hofpforte, den er in der Hand
hielt, zu entreien und das weite Feld zu suchen, als Toni, die
Laterne in der Hand, vor das Haus hinaus trat.

"Geschwind!" sprach sie, indem sie seine Hand ergriff und ihn nach
der Tr zog: "Hier herein!" Sie trug Sorge, indem sie dies sagte, das
Licht so zu stellen, da der volle Strahl davon auf ihr Gesicht fiel.
--"Wer bist du?" rief der Fremde strubend, indem er, um mehr als
einer Ursache willen betroffen, ihre junge liebliche Gestalt
betrachtete.  "Wer wohnt in diesem Hause, in welchem ich, wie du
vorgibst, meine Rettung finden soll?"--"Niemand, bei dem Licht der
Sonne", sprach das Mdchen, "als meine Mutter und ich!" und bestrebte
und beeiferte sich, ihn mit sich fortzureien.  "Was, niemand!" rief
der Fremde, indem er, mit einem Schritt rckwrts, seine Hand losri:
"hat mir dieser Knabe nicht eben gesagt, da ein Neger, namens Hoango,
darin befindlich sei?"--"Ich sage, nein!" sprach das Mdchen, indem
sie, mit einem Ausdruck von Unwillen, mit dem Fu stampfte; "und wenn
gleich einem Wterich, der diesen Namen fhrt, das Haus gehrt:
abwesend ist er in diesem Augenblick und auf zehn Meilen davon
entfernt!" Und damit zog sie den Fremden mit ihren beiden Hnden in
das Haus hinein, befahl dem Knaben, keinem Menschen zu sagen, wer
angekommen sei, ergriff, nachdem sie die Tr erreicht, des Fremden
Hand und fhrte ihn die Treppe hinauf, nach dem Zimmer ihrer Mutter.

"Nun", sagte die Alte, welche das ganze Gesprch, von dem Fenster
herab, mit angehrt und bei dem Schein des Lichts bemerkt hatte, da
er ein Offizier war: "was bedeutet der Degen, den Ihr so schlagfertig
unter Eurem Arme tragt?  Wir haben Euch", setzte sie hinzu, indem sie
sich die Brille aufdrckte, "mit Gefahr unseres Lebens eine Zuflucht
in unserm Hause gestattet; seid Ihr herein gekommen, um diese Wohltat,
nach der Sitte Eurer Landsleute, mit Verrterei zu vergelten?"

"Behte der Himmel!" erwiderte der Fremde, der dicht vor ihren Sessel
getreten war.  Er ergriff die Hand der Alten, drckte sie an sein
Herz, und indem er, nach einigen im Zimmer schchtern umhergeworfenen
Blicken, den Degen, den er an der Hfte trug, abschnallte, sprach er:
"Ihr seht den elendesten der Menschen, aber keinen undankbaren und
schlechten vor Euch!"

"Wer seid Ihr?" fragte die Alte; und damit schob sie ihm mit dem Fu
einen Stuhl hin, und befahl dem Mdchen, in die Kche zu gehen, und
ihm, so gut es sich in der Eil tun lie, ein Abendbrot zu bereiten.

Der Fremde erwiderte: "ich bin ein Offizier von der franzsischen
Macht, obschon, wie Ihr wohl selbst urteilt, kein Franzose; mein
Vaterland ist die Schweiz und mein Name Gustav von der Ried.  Ach,
htte ich es niemals verlassen und gegen dies unselige Eiland
vertauscht!  Ich komme von Fort Dauphin, wo, wie Ihr wit, alle
Weien ermordet worden sind, umd meine Absicht ist, Port au Prince zu
erreichen, bevor es dem General Dessalines noch gelungen ist, es mit
den Truppen, die er anfhrt, einzuschlieen und zu belagern."

"Von Fort Dauphin!" rief die Alte.  "Und es ist Euch mit Eurer
Gesichtsfarbe geglckt, diesen ungeheuren Weg, mitten durch ein in
Emprung begriffenes Mohrenland, zurckzulegen?"

"Gott und alle Heiligen", erwiderte der Fremde, "haben mich beschtzt!
--Und ich bin nicht allein, gutes Mtterchen; in meinem Gefolge, das
ich zurckgelassen, befindet sich ein ehrwrdiger alter Greis, mein
Oheim, mit seiner Gemahlin und fnf Kindem; mehrere Bediente und
Mgde, die zur Familie gehren, nicht zu erwhnen; ein Tro von zwlf
Menschen, den ich, mit Hlfe zweier elenden Maulesel, in unsglich
mhevollen Nachtwanderungen, da wir uns bei Tage auf der Heerstrae
nicht zeigen drfen, mit mir fortfhren mu."

"Ei, mein Himmel!" rief die Alte, indem sie, unter mitleidigem
Kopfschtteln, eine Prise Tabak nahm.  "Wo befindet sich denn in
diesem Augenblick Eure Reisegesellschaft?"--"Euch", versetzte der
Fremde, nachdem er sich ein wenig besonnen hatte, "Euch kann ich mich
anvertrauen; aus der Farbe Eures Gesichts schimmert mir ein Strahl
von der meinigen entgegen.  Die Familie befindet sich, da Ihr es
wit, eine Meile von hier, zunchst dem Mwenweiher, in der Wildnis
der angrenzenden Gebirgswaldung: Hunger und Durst zwangen uns
vorgestem, diese Zuflucht aufzusuchen.  Vergebens schickten wir in
der verflossenen Nacht unsere Bedienten aus, um ein wenig Brot und
Wein bei den Einwohnern des Landes aufzutreiben; Furcht, ergriffen
und gettet zu werden, hielt sie ab, die entscheidenden Schritte
deshalb zu tun, dergestalt, da ich mich selbst heute mit Gefahr
meines Lebens habe aumachen mssen, um mein Glck zu versuchen.  Der
Himmel, wenn mich nicht alles trgt", fuhr er fort, indem er die Hand
der Alten drckte, "hat mich mitleidigen Menschen zugefhrt, die jene
grausame und unerhrte Erbitterung, welche alle Einwohner dieser
Insel ergriffen hat, nicht teilen.  Habt die Geflligkeit, mir fr
reichlichen Lohn einige Krbe mit Lebensmitteln und Erfrischungen
anzufllen; wir haben nur noch fnf Tagereisen bis Port au Prince,
und wenn ihr uns die Mittel verschafft, diese Stadt zu erreichen, so
werden wir euch ewig als die Retter unseres Lebens ansehen."

"Ja, diese rasende Erbitterung", heuchelte die Alte.  "Ist es nicht,
als ob die Hnde eines Krpers, oder die Zhne eines Mundes gegen
einander wten wollten, weil das eine Glied nicht geschaffen ist, wie
das andere?  Was kann ich, deren Vater aus St. Jago, von der Insel
Cuba war, fr den Schimmer von Licht, der auf meinem Antlitz, wenn es
Tag wird, erdmmert?  Und was kann meine Tochter, die in Europa
empfangen und geboren ist, dafr, da der volle Tag jenes Weltteils
von dem ihrigen widerscheint?"

"Wie?" rief der Fremde.  "Ihr, die Ihr nach Eurer ganzen
Gesichtsbildung eine Mulattin, und mithin afrikanischen Ursprungs
seid, Ihr wret samt der lieblichen jungen Mestize, die mir das Haus
aufmachte, mit uns Europern in einer Verdammnis?"

"Beim Himmel!" erwiderte die Alte, indem sie die Brille von der Nase
nahm; "meint Ihr, da das kleine Eigentum, das wir uns in mhseligen
und jammervollen Jahren durch die Arbeit unserer Hnde erworben haben,
dies grimmige, aus der Hlle stammende Rubergesindel nicht reizt?
Wenn wir uns nicht durch List und den ganzen Inbegriff jener Knste,
die die Notwehr dem Schwachen in die Hnde gibt, vor ihrer Verfolgung
zu sichern wten: der Schatten von Verwandtschaft, der ber unsere
Gesichter ausgebreitet ist, der, knnt Ihr sicher glauben, tut es
nicht!"

"Es ist nicht mglich!" rief der Fremde; "und wer auf dieser Insel
verfolgt euch?"

"Der Besitzer dieses Hauses", antwortete die Alte: "der Neger Congo
Hoango!  Seit dem Tode Herrn Guillaumes, des vormaligen Eigentmers
dieser Pflanzung, der durch seine grimmige Hand beim Ausbruch der
Emprung fiel, sind wir, die wir ihm als Verwandte die Wirtschaft
fhren, seiner ganzen Willkr und Gewaltttigkeit preis gegeben.
Jedes Stck Brot, jeden Labetrunk den wir aus Menschlichkeit einem
oder dem andern der weien Flchtlinge, die hier zuweilen die Strae
vorberziehen, gewhren, rechnet er uns mit Schimpfwrtern und
Mihandlungen an; und nichts wnscht er mehr, als die Rache der
Schwarzen ber uns weie und kreolische Halbhunde, wie er uns nennt,
hereinhetzen zu knnen, teils um unserer berhaupt, die wir seine
Wildheit gegen die Weien tadeln, los zu werden, teils, um das kleine
Eigentum, das wir hinterlassen wrden, in Besitz zu nehmend"

"Ihr Unglcklichen!" sagte der Fremde; "ihr Bejammernswrdigen!--Und
wo befindet sich in diesem Augenblick dieser Wterich?" "Bei dem
Heere des Generals Dessalines," antwortete die Alte, "dem er, mit den
brigen Schwarzen, die zu dieser Pflanzung gehren, einen Transport
von Pulver und Blei zufhrt, dessen der General bedrftig war.  Wir
erwarten ihn, falls er nicht auf neue Unternehmungen auszieht, in
zehn oder zwlf Tagen zurck; und wenn er alsdann, was Gott verhten
wolle, erfhre, da wir einem Weien, der nach Port au Prince wandert,
Schutz und Obdach gegeben, whrend er aus allen Krften an dem
Geschft Teil nimmt, das ganze Geschlecht derselben von der Insel zu
vertilgen, wir wren alle, das knnt Ihr glauben, Kinder des Todes."
"Der Himmel, der Menschlichkeit und Mitleiden liebt", antwortete der
Fremde, "wird Euch in dem, was Ihr einem Unglcklichen tut,
beschtzen!--Und weil Ihr Euch", setzte er, indem er der Alten nher
rckte, hinzu, "einmal in diesem Falle des Negers Unwillen zugezogen
haben wrdet, und der Gehorsam, wenn Ihr auch dazu zurckkehren
wolltet, Euch frderhin zu nichts helfen wrde; knnt Ihr Euch wohl,
fr jede Belohnung, die Ihr nur verlangen mgt, entschlieen, meinem
Oheim und seiner Familie, die durch die Reise aufs uerste
angegriffen sind, auf einen oder zwei Tage in Eurem Hause Obdach zu
geben, damit sie sich ein wenig erholten?"

"Junger Herr!" sprach die Alte betroffen, "was verlangt Ihr da?  Wie
ist es, in einem Hause, das an der Landstrae liegt, mglich, einen
Tro von solcher Gre, als der Eurige ist, zu beherbergen, ohne da
er den Einwohnern des Landes verraten wrde?"

"Warum nicht?" versetzte der Fremde dringend: "wenn ich sogleich
selbst an den Mwen Weiher hinausginge, und die Gesellschaft, noch
vor Anbruch des Tages, in die Niederlassung einfhrte; wenn man alles,
Herrschaft und Dienerschaft, in einem und demselben Gemach des
Hauses unterbrchte, und fr den schlimmsten Fall,etwa noch die
Vorsicht gebrauchte, Tren und Fenster desselben sorgfltig zu
verschlieen"

Die Alte erwiderte, nachdem sie den Vorschlag whrend einiger Zeit
erwogen hatte: "da, wenn er, in der heutigen Nacht, unternehmen
wollte, den Tro aus seiner Bergschlucht in die Niederlassung
einzufhren, er, bei der Rckkehr von dort, unfehlbar auf einen Trupp
bewaffneter Neger stoen wrde, der, durch einige vorangeschickte
Schtzen, auf der Heerstrae angesagt worden wren"

"Wohlan!" versetzte der Fremde: "so begngen wir uns, fr diesen
Augenblick, den Unglcklichen einen Korb mit Lebensmitteln zuzusenden,
und sparen das Geschft, sie in die Niederlassung einzufhren, fr
die nchstfolgende Nacht auf.  Wollt Ihr, gutes Mtterchen, das tun?"

"Nun", sprach die Alte, unter vielfachen Kssen, die von den Lippen
des Fremden auf ihre kncherne Hand niederregneten: "um des Europers,
meiner Tochter Vater willen, will ich euch, seinen bedrngten
Landsleuten, diese Geflligkeit erweisen.  Setzt Euch beim Anbruch
des morgenden Tages hin, und ladet die Eurigen in einem Schreiben ein,
sich zu mir in die Niederlassung zu verfgen; der Knabe, den Ihr im
Hofe gesehen, mag ihnen das Schreiben mit einigem Mundvorrat
berbringen, die Nacht ber zu ihrer Sicherheit in den Bergen
verweilen, und dem Trosse beim Anbruch des nchstfolgenden Tages,
wenn die Einladung angenommen wird, auf seinem Wege hierher zum
Fhrer dienen." Inzwischen war Toni mit einem Mahl, das sie in der
Kche bereitet hatte, wiedergekehrt, und fragte die Alte mit einem
Blick auf den Fremden, schkernd, indem sie den Tisch deckte: "Nun,
Mutter, sagt an!  Hat sich der Herr von dem Schreck, der ihn vor der
Tr ergriff, erholt?  Hat er sich berzeugt, da weder Gift noch
Dolch auf ihn warten, und da der Neger Hoango nicht zu Hause ist?"
Die Mutter sagte mit einem Seufzer: "mein Kind, der Gebrannte scheut,
nach dem Sprichwort, das Feuer.  Der Herr wrde tricht gehandelt
haben, wenn er sich frher in das Haus hineingewagt htte, als bis er
sich von dem Volksstamm, zu welchem seine Bewohner gehren, berzeugt
hatten" Das Mdchen stellte sich vor die Mutter, und erzhlte ihr:
wie sie die Laterne so gehalten, da ihr der volle Strahl davon ins
Gesicht gefallen wre.  Aber seine Einbildung, sprach sie, war ganz
von Mohren und Negern erfllt; und wenn ihm eine Dame von Paris oder
Marseille die Tre geffnet htte, er wrde sie fr eine Negerin
gehalten haben.  Der Fremde, indem er den Arm sanft um ihren Leib
schlug, sagte verlegen: da der Hut, den sie aufgehabt, ihn
verhindert htte, ihr ins Gesicht zu schaun.  Htte ich dir, fuhr er
fort, indem er sie lebhaft an seine Brust drckte, ins Auge sehen
knnen, so wie ich es jetzt kann: so htte ich, auch wenn alles
brige an dir schwarz gewesen wre, aus einem vergifteten Becher mit
dir trinken wollen.  Die Mutter ntigte ihn, der bei diesen Worten
rot geworden war, sich zu setzen, worauf Toni sich neben ihm an der
Tafel niederlie, und mit aufgesttzten Armen, whrend der Fremde a,
in sein Antlitz sah.  Der Fremde fragte sie: wie alt sie wret und
wie ihre Vaterstadt hiee?  Worauf die Mutter das Wort nahm und ihm
sagte: "da Toni vor fnfzehn Jahren auf einer Reise, welche sie mit
der Frau des Herrn Villeneuve, ihres vormaligen Prinzipals, nach
Europa gemacht htte, in Paris von ihr empfangen und geboren worden
wre".  Sie setzte hinzu, da der Neger Komar, den sie nachher
geheiratet, sie zwar an Kindes Statt angenommen htte, da ihr Vater
aber eigentlich ein reicher Marseiller Kaufmann, namens Bertrand wre,
von dem sie auch Toni Bertrand hiee.--Toni fragte ihn: ob er einen
solchen Herrn in Frankreich kenne?  Der Fremde erwiderte: nein!  Das
Land wre gro, und whrend des kurzen Aufenthalts, den er bei seiner
Einschiffung nach Westindien darin genommen, sei ihm keine Person
dieses Namens vorgekommen.  Die Alte versetzte da Herr Bertrand auch
nach ziemlich sicheren Nachrichten, die sie eingezogen, nicht mehr in
Frankreich befindlich sei.  Sein ehrgeiziges und aufstrebendes Gemt,
sprach sie, gefiel sich in dem Kreis brgerlicher Ttigkeit nicht; er
mischte sich beim Ausbruch der Revolution in die ffentlichen
Geschfte, und ging im Jahr 1795 mit einer franzsischen
Gesandtschaft an den trkischen Hof, von wo er, meines Wissens, bis
diesen Augenblick noch nicht zurckgekehrt ist.  Der Fremde sagte
lchelnd zu Toni, indem er ihre Hand fate: da sie ja in diesem
Falle ein vornehmes und reiches Mdchen wre.  Er munterte sie auf,
diese Vorteile geltend zu machen, und meinte, da sie Hoffnung htte,
noch einmal an der Hand ihres Vaters in glnzendere Verhltnisse, als
in denen sie jetzt lebte, eingefhrt zu werden!  "Schwerlich",
versetzte die Alte mit unterdrckter Empfindlichkeit.  "Herr Bertrand
leugnete mir, whrend meiner Schwangerschaft zu Paris, aus Scham vor
einer jungen reichen Braut, die er heiraten wollte, die Vaterschaft
zu diesem Kinde vor Gericht ab.  Ich werde den Eidschwur, den er die
Frechheit hatte, mir ins Gesicht zu leisten, niemals vergessen, ein
Gallenfieber war die Folge davon, und bald darauf noch sechzig
Peitschenhiebe, die mir Herr Villeneuve geben lie, und in deren
Folge ich noch bis auf diesen Tag an der Schwindsucht leide."

Toni, welche den Kopf gedankenvoll auf ihre Hand gelegt hatte, fragte
den Fremden: wer er denn wre?  Wo er herkme und wo er hinginge?
Worauf dieser nach einer kurzen Verlegenheit, worin ihn die
erbitterte Rede der Alten versetzt hatte, erwiderte: da er mit Herrn
Strmlis, seines Oheims Familie, die er, unter dem Schutze zweier
jungen Vettern, in der Bergwaldung am Mwenweiher zurckgelassen, vom
Fort Dauphin kme.  Er erzhlte, auf des Mdchens Bitte, mehrere Zge
der in dieser Stadt ausgebrochenen Emprung; wie zur Zeit der
Mitternacht, da alles geschlafen, auf ein verrterisch gegebenes
Zeichen, das Gemetzel der Schwarzen gegen die Weien losgegangen wre;
wie der Chef der Negern, ein Sergeant bei dem franzsischen
Pionierkorps, die Bosheit gehabt, sogleich alle Schiffe im Hafen in
Brand zu stecken, um den Weien die Flucht nach Europa abzuschneiden;
wie die Familie kaum Zeit gehabt, sich mit einigen Habseligkeiten vor
die Tore der Stadt zu retten, und wie ihr, bei dem gleichzeitigen
Auflodern der Emprung in allen Kstenpltzen, nichts brig geblieben
wre, als mitHlfe zweier Maulesel, die sie aufgetrieben, den Weg
quer durch das ganze Land nach Port au Prince einzuschlagen, das
allein noch, von einem starken franzsischen Heere beschtzt, der
berhand nehmenden Macht der Negern in diesem Augenblick Widerstand
leiste.  Toni fragte: wodurch sich denn die Weien daselbst so
verhat gemacht htten?--Der Fremde erwiderte betroffen: durch das
allgemeine Verhltnis, das sie, als Herren der Insel, zu den
Schwarzen hatten, und das ich, die Wahrheit zu gestehen, mich nicht
unterfangen will, in Schutz zu nehmen; das aber schon seit vielen
Jahrhunderten auf diese Weise bestand!  Der Wahnsinn der Freiheit,
der alle diese Pflanzungen ergriffen hat, trieb die Negern und
Kreolen, die Ketten, die sie drckten, zu brechen, und an den Weien
wegen vielfacher und tadelnswrdiger Mihandlungen, die sie von
einigen schlechten Mitgliedern derselben erlitten, Rache zu nehmen.
--Besonders, fuhr er nach einem kurzen Stillschweigen fort, war mir
die Tat eines jungen Mdchens schauderhaft und merkwrdig.  Dieses
Mdchen, vom Stamm der Negern, lag gerade zur Zeit, da die Emprung
aufloderte, an dem gelben Fieber krank, das zur Verdoppelung des
Elends in der Stadt ausgebrochen war.  Sie hatte drei Jahre zuvor
einem Pflanzer vom Geschlecht der Weien als Sklavin gedient, der sie
aus Empfindlichkeit, weil sie sich seinen Wnschen nicht willfhrig
gezeigt hatte, hart behandelt und nachher an einen kreolischen
Pflanzer verkauft hatte.  Da num das Mdchen an dem Tage des
allgemeinen Aufruhrs erfuhr, da sich der Pflanzer, ihr ehemaliger
Herr, vor der Wut der Negern, die ihn verfolgten, in einen
nahegelegenen Holzstall geflchtet hatte: so schickte sie, jener
Mihandlungen eingedenk, beim Anbruch der Dmmerung, ihren Bruder zu
ihm, mit der Einladung, bei ihr zu bernachten.  Der Unglckliche,
der weder wute, da das Mdchen unplich war, noch an welcher
Krankheit sie litt, kam und schlo sie voll Dankbarkeit, da er sich
gerettet glaubte, in seine Arme: doch kaum hatte er eine halbe Stunde
unter Liebkosungen und Zrtlichkeiten in ihrem Bette zugebracht, als
sie sich pltzlich mit dem Ausdruck wilder und kalter Wut, darin
erhob und sprach: eine Pestkranke, die den Tod in der Brust trgt,
hast du gekt: geh umd gib das gelbe Fieber allen denen, die dir
gleichen!--Der Offizier, whrend die Alte mit lauten Worten ihren
Abscheu hierber zu erkennen gab, fragte Toni: ob sie wohl einer
solchen Tat fhig wre?  Nein!  Sagte Toni, indem sie verwirrt vor
sich niedersah.  Der Fremde, indem er das Tuch auf dem Tische legte,
versetzte: da, nach dem Gefhl seiner Seele, keine Tyrannei, die die
Weien je verbt, einen Verrat, so niedertrchtig und abscheulich,
rechtfertigen knnte.  Die Rache des Himmels, meinte er, indem er
sich mit einem leidenschaftlichen Ausdruck erhob, wrde dadurch
entwaffnet; die Engel selbst, dadurch emprt, stellten sich auf
Seiten derer, die Unrecht htten, und nhmen, zur Aufrechthaltung
menschlicher und gttlicher Ordnung, ihre Sache!  Er trat bei diesen
Worten auf einen Augenblick an das Fenster, und sah in die Nacht
hinaus, die mit strmischen Wolken ber den Mond und die Sterne
vorber zog; und da es ihm schien, als ob Mutter und Tochter einander
anshen, obschon er auf keine Weise merkte, da sie sich Winke
zugeworfen htten: so bernahm ihn ein widerwrtiges und
verdrieliches Gefhl; er wandte sich und bat, da man ihm das Zimmer
anweisen mchte, wo er schlafen knne.  Die Mutter bemerkte, indem
sie nach der Wanduhr sah, da es berdies nahe an Mitternacht sei,
nahm ein Licht in die Hand, und forderte den Fremden auf, ihr zu
folgen.  Sie fhrte ihn durch einen langen Gang in das fr ihn
bestimmte Zimmer; Toni trug den berrock des Fremden und mehrere
andere Sachen, die er abgelegt hatte; die Mutter zeigte ihm ein von
Polstern bequem aufgestapeltes Bett, worin er schlafen sollte, und
nachdem sie Toni noch befohlen hatte, dem Herrn ein Fubad zu
bereiten, wnschte sie ihm eine gute Nacht und empfahl sich.  Der
Fremde stellte seinen Degen in den Winkel und legte ein Paar Pistolen,
die er im Grtel trug, auf den Tisch.  Er sah sich, whrend Toni das
Bett vorschob und ein weies Tuch darber breitete, im Zimmer um; und
da er gar bald, aus der Pracht und dem Geschmack, die darin
herrschten, schlo, da es dem vormaligen Besitzer der Pflanzung
angehrt haben msse: so legte sich ein Gefhl der Unruhe wie ein
Geier um sein Herz, und er wnschte sich, hungrig und durstig, wie er
gekommen war, wieder in die Waldung zu den Seinigen zurck.  Das
Mdchen hatte mittlerweile, aus der nahbelegenen Kche, ein Gef mit
warmem Wasser, von wohlriechenden Krutern duftend, hereingeholt, tmd
forderte den Offizier, der sich in das Fenster gelehnt hatte, auf,
sich darin zu erquicken.  Der Offizier lie sich, whrend er sich
schweigend von der Halsbinde und der Weste befreite, auf den Stuhl
nieder; er schickte sich an, sich die Fe zu entblen, und whrend
das Mdchen, auf ihre Knien vor ihm hingekauert, die kleinen
Vorkehrungen zum Bade besorgte, betrachtete er ihre einnehmende
Gestalt.  Ihr Haar, in dunkeln Locken schwellend, war ihr, als sie
niederknieete, auf ihre jungen Brste herabgerollt; ein Zug von
ausnehmender Anmut spielte um ihre Lippen und ber ihre langen, ber
die gesenkten Augen hervorragenden Augenwimpern; er htte, bis auf
die Farbe, die ihm anstig war, schwren mgen, da er nie etwas
Schneres gesehen.  Dabei fiel ihm eine entfernte hnlichkeit, er
wute noch selbst nicht recht mit wem, auf, die er schon bei seinem
Eintritt in das Haus bemerkt hatte, und die seine ganze Seele fr sie
in Anspruch nahm.  Er ergriff sie, als sie in den Geschften, die sie
betrieb, aufstand, bei der Hand, und da er gar richtig schlo, da es
nur ein Mittel gab, zu prfen, ob das Mdchen ein Herz habe oder
nicht, so zog er sie auf seinen Scho nieder und fragte sie: "ob sie
schon einem Brutigam verlobt Wre?" "Nein!" lispelte das Mdchen,
indem sie ihre groen schwarzen Augen in lieblicher Verschmtheit zur
Erde schlug.  Sie setzte, ohne sich auf seinem Scho zu rhren, hinzu:
Kondly, der junge Neger aus der Nachbarschaft, htte zwar vor drei
Monaten um sie angehalten; sie htte ihn aber, weil sie noch zu jung
wre, ausgeschlagen.  Der Fremde, der, mit seinen beiden Hnden,
ihren schlanken Leib umfat hielt, sagte: "in seinem Vaterlande wre,
nach einem daselbst herrschenden Sprichwort, ein Mdchen von vierzehn
Jahren und sieben Wochen bejahrt genug, um zu heiraten." Er fragte,
whrend sie ein kleines, goldenes Kreuz, das er auf der Brust trug,
betrachtete: "wie alt sie wre?"

"Funfzehn Jahre", erwiderte Toni.  "Nun also!" sprach der Fremde.
--"Fehlt es ihm denn an Vermgen, um sich huslich, wie du es
wnschest, mit dir Niederzulassen?" Toni, ohne die Augen zu ihm
aufzuschlagen, erwiderte: "o nein!--Vielmehr", sprach sie, indem sie
das Kreuz, das sie in der Hand hielt, fahren lie: "Kondly ist, seit
der letzten Wendung der Dinge, ein reicher Mann geworden; seinem
Vater ist die ganze Niederlassung, die sonst dem Pflanzer, seinem
Herrn, gehrte, zugefallen."--"Warum lehntest du denn seinen Antrag
ab?" fragte der Fremde.  Er streichelte ihr freundlich das Haar von
der Stirn und sprach: "gefiel er dir etwa nicht?" Das Mdchen, indem
sie kurz mit dem Kopf schttelte, lachte; und auf die Frage des
Fremden, ihr scherzend ins Ohr geflstert: ob es vielleicht ein
Weier sein msse, der ihre Gunst davon tragen solle, legte sie sich
pltzlich, nach einem flchtigen, trumerischen Bedenken, unter einem
beraus reizenden Errten, das ber ihr verbranntes Gesicht
aufloderte, an seine Brust.  Der Fremde, von ihrer Anmut und
Lieblichkeit gerhrt, nannte sie sein liebes Mdchen, und schlo sie,
wie durch gttliche Hand von jeder Sorge erlst, in seine Arme.  Es
war ihm unmglich zu glauben, da alle diese Bewegungen, die er an
ihr wahrnahm, der bloe elende Ausdruck einer kalten und grlichen
Verrterei sein sollten.  Die Gedanken, die ihn beunruhigt hatten,
wichen, wie ein Heer schauerlicher Vgel, von ihm; er schalt sich,
ihr Herz nur einen Augenblick verkannt zu haben, und whrend er sie
auf seinen Knieen schaukelte, und den sen Atem einsog, den sie ihm
heraufsandte, drckte er, gleichsam zum Zeichen der Ausshnung und
Vergebung, einen Ku auf ihre Stirn.  Inzwischen hatte sich das
Mdchen, unter einem sonderbar pltzlichen Aufhorchen, als ob jemand
von dem Gange her der Tr nahte, emporgerichtet; sie rckte sich
gedankenvoll und trumerisch das Tuch, das sich ber ihrer Brust
verschoben hatte, zurecht; und erst als sie sah, da sie von einem
Irrtum getuscht worden war, wandte sie sich mit einigem Ausdruck von
Heiterkeit wieder zu dem Fremden zurck und erinnerte ihn: da sich
das Wasser, wenn er nicht bald Gebrauch davon machte, abklten wrde.
--"Nun?" sagte sie betreten, da der Fremde schwieg und sie
gedankenvoll betrachtete: "was seht Ihr mich so aufmerksam an?" Sie
suchte, indem sie sich mit ihrem Latz beschftigte, die Verlegenheit,
die sie ergriffen, zu verbergen, und rief lachend: "wunderlicher Herr,
was fllt Euch in meinem Anblick so auf?" Der Fremde, der sich mit
der Hand ber die Stirn gefahren war, sagte, einen Seufzer
unterdrckend, indem er sie von seinem Scho herunterhob: "eine
wunderbare hnlichkeit zwischen dir und einer Freundin!" Toni, welche
sichtbar bemerkte, da sich seine Heiterkeit zerstreut hatte, nahm
ihn freundlich und teilnehmend bei der Hand, und fragte: mit welcher?
Worauf jener, nach einer kurzen Besinnung das Wort nahm und sprach:
"Ihr Name war Mariane Congreve und ihre Vaterstadt Straburg.  Ich
hatte sie in dieser Staelt, wo ihr Vater Kaufmann war, kurz vor dem
Ausbruch der Revolution kennen gelernt, und war glcklich genug
gewesen, ihr Jawort und vorlufig auch ihrer Mutter Zustimmung zu
erhalten.  Ach, es war die treuste Seele umter der Sonne; und die
schrecklichen und rhrenden Umstnde, unter denen ich sie verlor,
werden mir, wenn ich dich ansehe, so gegenwrtig, da ich mich vor
Wehmut der Trnen nicht enthalten kann." "Wie?" sagte Toni, indem sie
sich herzlich und innig an ihn drckte: "sie lebt nicht mehr?"

"Sie starb", antwortete der Fremde, "und ich lernte den Inbegriff
aller Gte und Vortrefflichkeit erst mit ihrem Tode kennen.  Gott
wei", fuhr er fort, indem er sein Haupt schmerzlich an ihre Schulter
lehnte, "wie ich die Unbesonnenheit so weit treiben konnte, mir eines
Abends an einem ffentlichen Ort uerungen ber das eben errichtete
furchtbare Revolutionstribunal zu erlauben.  Man verklagte, man
suchte mich--ja, in Ermangelung meiner, der glcklich genug gewesen
war, sich in die Vorstadt zu retten, lief die Rotte meiner rasenden
Verfolger, die ein Opfer haben mute, nach der Wohnung meiner Braut,
und durch ihre wahrhaftige Versicherung, da sie nicht wisse, wo ich
sei, erbittert, schleppte man dieselbe, unter dem Vorwand, da sie
mit mir im Einverstndnis sei, mit unerhrter Leichtfertigkeit statt
meiner auf den Richtplatz.  Kaum war mir diese entsetzliche Nachricht
hinterbracht worden, als ich sogleich aus dem Schlupfwinkel, in
welchen ich mich geflchtet hatte, hervortrat, und indem ich, die
Menge durchbrechend, nach dem Richtplatz eilte, laut ausrief: Hier,
ihr Unmenschlichen, hier bin ich!  Doch sie, die schon auf dem
Gerste der Guillotine stand, antwortete auf die Frage einiger
Richter, denen ich unglcklicher Weise fremd sein mute, indem sie
sich mit einem Blick, der mir unauslschlich in die Seele geprgt ist,
von mir abwandte: diesen Menschen kenne ich nicht!--worauf unter
Trommeln und Larmen, von den ungeduldigen Blutmenschen angezettelt,
das Eisen, wenige Augenblicke nachher, herabfiel, und ihr Haupt von
seinem Rumpfe trennte.--Wie ich gerettet worden bin, das wei ich
nicht; ich befand mich, eine Viertelstunde darauf, in der Wohnung
eines Freundes, wo ich aus einer Ohnmacht in die andere fiel, und
halbwahnwitzig gegen Abend aufeinen Wagen geladen und ber den Rhein
geschafft wurden"

Bei diesen Worten trat der Fremde, indem er das Mdchen loslie, an
das Fenster; und da diese sah, da er sein Gesicht sehr gerhrt in
ein Tuch drckte: so bernahm sie, von manchen Seiten geweckt, ein
menschliches Gefhl; sie folgte ihm mit einer pltzlichen Bewegung,
fiel ihm um den Hals, und mischte ihre Trnen mit den seinigen.  Was
weiter erfolgte, brauchen wir nicht zu melden, weil es jeder, der an
diese Stelle kommt, von selbst liest.  Der Fremde, als er sich wieder
gesammlet hatte, wute nicht, wohin ihn die Tat, die er begangen,
fhren wrde; inzwischen sah er so viel ein, da er gerettet, und in
dem Hause, in welchem er sich befand, fr ihn nichts von dem Mdchen
zu befrchten war.  Er versuchte, da er sie mit verschrnkten Armen
auf dem Bett weinen sah, alles nur Mgliche, um sie zu beruhigen.  Er
nahm sich das kleine goldene Kreuz, ein Geschenk der treuen Mariane,
seiner abgeschiedenen Braut, von der Brust; und, indem er sich unter
unendlichen Liebkosungen ber sie neigte, hing er es ihr als ein
Brautgeschenk, wie er es nannte, um den Hals.  Er setzte sich, da sie
in Trnen zerflo und auf seine Worte nicht hrte, auf den Rand des
Bettes nieder, und sagte ihr, indem er ihre Hand bald streichelte,
bald kte: da er bei ihrer Mutter am Morgen des nchsten Tages um
sie anhalten wolle.  Er beschrieb ihr, welch ein kleines Eigentum,
frei und unabhngig, er an den Ufern der Aar besitze; eine Wohnung,
bequem und gerumig genug, sie und auch ihre Mutter, wenn ihr Alter
die Reise zulasse, darin aufzunehmen; Felder, Grten, Wiesen und
Weinberge; und einen alten ehrwrdigen Vater, der sie dankbar und
liebreich daselbst, weil sie seinen Sohn gerettet, empfangen wrde.
Er schlo sie, da ihre Trnen in umendlichen Ergieungen auf das
Bettkissen niederflossen, in seine Arme, und fragte sie, von Rhrung
selber ergriffen: was er ihr zu Leide getan und ob sie ihm nicht
vergeben knne?  Er schwor ihr, da die Liebe fr sie nie aus seinem
Herzen weichen wrde, und da nur, im Taumel wunderbar verwirrter
Sinne, eine Mischung von Begierde und Angst, die sie ihm eingeflt,
ihn zu einer solchen Tat habe verfhren knnen.  Er erinnerte sie
zuletzt, da die Morgensterne funkelten, und da, wenn sie lnger im
Bette verweilte, die Mutter kommen und sie darin berraschen wrde;
er forderte sie, ihrer Gesundheit wegen, auf, sich zu erheben und
noch einige Stunden auf ihrem eignen Lager auszuruhen; er fragte sie,
durch ihren Zustand in die entsetzlichsten Besorgnisse gestrzt, ob
er sie vielleicht in seinen Armen aufheben und in ihre Kammer tragen
solle; doch da sie auf alles, was er vorbrachte, nicht antwortete,
und, ihr Haupt stilljammernd, ohne sich zu rhren, in ihre Arme
gedrckt, auf den verwirrten Kissen des Bettes dalag: so blieb ihm
zuletzt, hell wie der Tag schon durch beide Fenster schimmerte,
nichts brig, als sie, ohne weitere Rcksprache, aufzuheben; er trug
sie, die wie eine Leblose von seiner Schulter niederhing, die Treppe
hinauf in ihre Kammer, und nachdem er sie auf ihr Bette niedergelegt,
und ihr unter tausend Liebkosungen noch einmal alles, was er ihr
schon gesagt, wiederholt hatte, nannte er sie noch einmal seine liebe
Braut, drckte einen Ku auf ihre Wangen, und eilte in sein Zimmer
zurck.  Sobald der Tag vllig angebrochen war, begab sich die alte
Babekan zu ihrer Tochter hinauf, und erffnete ihr, indem sie sich an
ihr Bett niedersetzte, welch einen Plan sie mit dem Fremden sowohl,
als seiner Reisegesellschaft vorhabe.  Sie meinte, da, da der Neger
Congo Hoango erst in zwei Tagen wiederkehre, alles darauf ankme, den
Fremden whrend dieser Zeit in dem Hause hinzuhalten, ohne die
Familie seiner Angehrigen, deren Gegenwart, ihrer Menge wegen,
gefhrlich werden knnte, darin zuzulassen.  Zu diesem Zweck, sprach
sie, habe sie erdacht, dem Fremden vorzuspiegeln, da, einer soeben
eingelaufenen Nachricht zufolge, der General Dessalines sich mit
seinem Heer in diese Gegend wenden werde, und da man mithin, wegen
allzugroer Gefahr, erst am dritten Tage, wenn er vorber wre, wrde
mglich machen knnen, die Familie, seinem Wunsche gem, in dem
Hause aufzunehmen.  Die Gesellschaft selbst, schlo sie, msse
inzwischen, damit sie nicht weiter reise, mit Lebensmitteln versorgt,
und gleichfalls, um sich ihrer spterhin zu bemchtigen, in dem Wahn,
da sie eine Zuflucht in dem Hause finden werde, hingehalten werden.
Sie bemerkte, da die Sache wichtig sei, indem die Familie
wahrscheinlich betrchtliche Habseligkeiten mit sich fhre; und
forderte die Tochter auf, sie aus allen Krften in dem Vorhaben, das
sie ihr angegeben, zu untersttzen.  Toni, halb im Bette aufgerichtet,
indem die Rte des Unwillens ihr Gesicht berflog, versetzte: "da
es schndlich tmd niedertrchtig wre, das Gastrecht an Personen, die
man in das Haus gelockt, also zu verletzen".  Sie meinte, da ein
Verfolgter, der sich ihrem Schutz anvertraut, doppelt sicher bei
ihnen sein sollte; und versicherte, da, wenn sie den blutigen
Anschlag, den sie ihr geuert, nicht aufgbe, sie aufder Stelle
hingehen und dem Fremden anzeigen wrde, welch eine Mrdergrube das
Haus sei, in welchem er geglaubt habe, seine Rettung zu finden.
"Toni!" sagte die Mutter, indem sie die Arme in die Seite stemmte,
und dieselbe mit groen Augen ansah.--"Gewi!" erwiderte Toni, indem
sie die Stimme senkte.  "Was hat uns dieser Jngling, der von Geburt
gar nicht einmal ein Franzose, sondern, wie wir gesehen haben, ein
Schweizer ist, zu Leide getan, da wir, nach Art der Ruber, ber ihn
herfallen, ihn tten und ausplndern wollen?  Gelten die Beschwerden,
die man hier gegen die Pflanzer fhrt, auch in der Gegend der Insel,
aus welcher er herkmmt?  Zeigt nicht vielmehr alles, da er der
edelste und vortrefflichste Mensch ist, und gewi das Unrecht, das
die Schwarzen seiner Gattung vorwerfen mgen, auf keine Weise teilt?"

Die Alte, whrend sie den sonderbaren Ausdruck des Mdchens
betrachtete, sagte blo mit bebenden Lippen: da sie erstaune.  Sie
fragte, was der junge Portugiese verschuldet, den man unter dem
Torweg krzlich mit Keulen zu Boden geworfen habe?  Sie fragte, was
die beiden Hollnder verbrochen, die vor drei Wochen durch die Kugeln
der Neger im Hofe gefallen wren?  Sie wollte wissen, was man den
drei Franzosen und so vielen andern einzelnen Flchtlingen, vom
Geschlecht der Weien, zur Last gelegt habe, die mit Bchsen, Spieen
und Dolchen, seit dem Ausbruch der Emprung, im Hause hingerichtet
worden wren?  "Beim Licht der Sonne", sagte die Tochter, indem sie
wild aufstand "du hast sehr Unrecht, mich an diese Greueltaten zu
erinnern!  Die Unmenschlichkeiten, an denen ihr mich Teil zu nehmen
zwingt, emprten lngst mein innerstes Gefhl; und um mir Gottes
Rache wegen alles, was vorgefallen, zu vershnen, so schwre ich dir,
da ich eher zehnfachen Todes sterben, als zugeben werde, da diesem
Jngling, so lange er sich in unserm Hause befindet, auch nur ein
Haar gekrmmt werde."

"Wohlan", sagte die Alte, mit einem pltzlichen Ausdruck von
Nachgiebigkeit: "so mag der Fremde reisen!  Aber wenn Congo Hoango
zurckkmmt", setzte sie hinzu, indem sie um das Zimmer zu verlassen,
aufstand, "und erfhrt, da ein Weier in unsern Hause bernachtet
hat, so magst du das Mitleiden, das dich bewog, ihn gegen das
ausdrckliche Gebot wieder abziehen zu lassen, verantworten".  Auf
diese uerung, bei welcher, trotz aller scheinbarerz Milde, der
Ingrimm der Alten heimlich hervorbrach, blieb das Mdchen in nicht
geringer Bestrzung im Zimmer zurck.  Sie kannte den Ha der Alten
gegen die Weien zu gut, als da sie htte glauben knnen, sie werde
eine solche Gelegenheit, ihn zu sttigen, ungenutzt vorber gehen
lassen.  Furcht, da sie sogleich in die benachbarten Pflanzungen
schicken und die Neger zur berwltigung des Fremden herbeirufen
mchte, bewog sie, sich anzukleiden und ihr unverzglich in das
untere Wohnzimmer zu folgen.  Sie stellte sich, whrend diese
verstrt den Speiseschrank, bei welchem sie ein Geschft zu haben
schien, verlie, und sich an einen Spinnrocken niedersetzte, vor das
an die Tr geschlagene Mandat, in welchem allen Schwarzen bei
Lebensstrafe verboten war, den Weien Schutz und Obdach zu geben; und
gleichsam als ob sie, von Schrecken ergriffen, das Unrecht, das sie
begangen, einshe, wandte sie sich pltzlich, und fiel der Mutter,
die sie, wie sie wohl wute, von hinten beobachtet hatte, zu Fen.
Sie bat, die Kniee derselben umklammernd, ihr die rasenden uerungen,
die sie sich zu Gunsten des Fremden erlaubt, zu vergeben;
entschuldigte sich mit dem Zustand, halb trumend, halb wachend, in
welchem sie von ihr mit den Vorschlgen zu seiner berlistung, da sie
noch im Bette gelegen, berrascht worden sei, und meinte, da sie ihn
ganz und gar der Rache der bestehenden Landesgesetze, die seine
Vernichtung einmal beschlossen, preis gbe.  Die Alte, nach einer
Pause, in der sie das Mdchen unverwandt betrachtete, sagte: "Beim
Himmel, diese deine Erklrung rettet ihm fr heute das Leben!  Denn
die Speise, da du ihn in deinen Schutz zu nehmen drohtest, war schon
vergiftet, die ihn der Gewalt Congo Hoangos, seinem Befehl gem,
wenigstens tot berliefert haben wrde." Und damit stand sie auf und
schttete einen Topf mit Milch, der auf dem Tisch stand, aus dem
Fenster.  Toni, welche ihren Sinnen nicht traute, starrte, von
Entsetzen ergriffen, die Mutter an.  Die Alte whrend sie sich wieder
niedersetzte, und das Mdchen, das noch immer auf den Knieen dalag,
vom Boden aufhob, fragte: "was denn im Lauf einer einzigen Nacht ihre
Gedanken so pltzlich umgewandelt htte?  Ob sie gestern, nachdem sie
ihm das Bad bereitet, noch lange bei ihm gewesen wre?  Und ob sie
viel mit dem Fremden gesprochen htten?" Doch Toni, deren Brust flog,
antwortete hierauf nicht, oder nichts Bestimmtes; das Auge zu Boden
geschlagen, stand sie, indem sie sich den Kopf hielt, und berief sich
auf einen Traum; ein Blick jedoch auf die Brust ihrer unglcklichen
Mutter, sprach sie, indem sie sich rasch bckte und ihre Hand kte,
rufe ihr die ganze Unmenschlichkeit der Gattung, zu der dieser Fremde
gekre, wieder ins Gedchtnis zurck: und beteuerte, indem sie sich
umkehrte und das Gesicht im ihre Schrze drckte, da, sobald der
Neger Hoango eingetroffen wre, sie sehen wrde, was sie an ihr fr
eine Tochter habe.  Babekan sa noch in Gedanken versenkt, und erwog,
woher wohl die sonderbare Leidenschaftlichkeit des Mdchens
entspringe: als der Fremde mit einem in seinem Schlafgemach
geschriebenen Zettel, worin er die Familie einlud, einige Tage in der
Pflanzung des Negers Hoango zuzubringen, in das Zimmer trat.  Er
grte sehr heiter und freundlich die Mutter und die Tochter, und bat,
indem er der Alten den Zettel bergab: da man sogleich in die
Waldung schicken und fr die Gesellschaft, dem ihm gegebenen
Versprechen gem, Sorge tragen mchte.  Babekan stand auf und sagte,
mit einem Ausdruck von Unruhe, indem sie den Zettel in den
Wandschrank legte: "Herr, wir mssen Euch bitten, Euch sogleich in
Euer Schlafzimmer zurck zu verfgen.  Die Strae ist voll von
einzelnen Negertrupps, die vorberziehen und uns anmelden, da sich
der General Dessalines mit seinem Heer in diese Gegend wenden werde.
Dies Haus, das jedem offen steht, gewhrt Euch keine Sicherheit,
falls Ihr Euch nicht in Eurem, auf den Hof hinausgehenden,
Schlafgemach verbergt, und die Tren sowohl, als auch die
Fensterladen, auf das sorgfltigste verschliet."

"Wie?" sagte der Fremde betroffen: "der General Dessalines?"--"Fragt
nicht!" unterbrach ihn die Alte, indem sie mit einem Stock dreimal
auf den Fuboden klopfte: "in Eurem Schlafgemach, wohin ich Euch
folgen werde, will ich Euch alles erklren." Der Fremde von der Alten
mit ngstlichen Gebrden aus dem Zimmer gedrngt, wandte sich noch
einmal unter der Tr und rief: "aber wird man der Familie, die meiner
harrt, nicht wenigstens einen Boten zusenden mssen, der sie--?" "Es
wird alles besorgt werdeng fiel ihm die Alte ein, whrend, durch ihr
Klopfen gerufen, der Bastardknabe, den wir schon kennen, hereinkam;
und damit befahl sie Toni, die, dem Fremden den Rcken zukehrend, vor
den Spiegel getreten war, einen Korb mit Lebensmitteln, der in dem
Winkel stand, aufzunehmen; und Mutter, Tochter, der Fremde und der
Knabe begaben sich im das Schlafzimmer hinauf Hier erzhlte die Alte,
indem sie sich auf gemchliche Weise auf den Sessel niederlie, wie
man die ganze Nacht ber auf den, den Horizont abschneidenden Bergen,
die Feuer des Generals Dessalines schimmern gesehen: ein Umstand, der
in der Tat gegrndet war, obschon sich bis diesen Augenblick noch
kein einziger Neger von seinem Heer, das sdwestlich gegen Port au
Prince anrckte, in dieser Gegend gezeigt hatte.  Es gelang ihr, den
Fremden dadurch in einen Wirbel von Unruhe zu strzen, den sie jedoch
nachher wieder durch die Versicherung, da sie alles Mgliche, selbst
in dem schlimmen Fall, da sie Einquartierung bekme, zu seiner
Rettung beitragen wrde, zu stillen wute.  Sie nahm, auf die
wiederholte instndige Erinnerung desselben, unter diesen Umstnden
seiner Familie wenigstens mit Lebensmitteln beizuspringen, der
Tochter den Korb aus der Hand, und indem sie ihn dem Knaben gab,
sagte sie ihm: er solle an den Mwenweiher, in die nahgelegnen
Waldberge hinaus gehen, und ihn der daselbst befindlichen Familie des
fremden 0ffziers berbringen.  "Der Offizier selbst", solle er
hinzusetzen, "befinde sich wohl; Freunde der Weien, die selbst viel
der Partei wegen, die sie ergriffen, von den Schwarzen leiden mten,
htten ihn in ihrem Hause mitleidig aufgenommen." Sie schlo, da
sobald die Landstrae nur von den bewaffneten Negerhaufen, die man
erwartete, befreit wre, man sogleich Anstalten treffen wrde, auch
ihr, der Familie, ein Unterkommen in diesem Hause zu verschaffen.
--"Hast du verstanden?" fragte sie, da sie geendet hatte.  Der Knabe,
indem er den Korb aufseinen Kopfsetzte, antwortete: da er den ihm
beschriebenen Mwenweiher, ars dem er zuweilen mit seinen Kameraden
zu fischen pflege, gar wohl kenne, und da er alles, wie man es ihm
aufgetragen, an die da selbst bemachtende Familie des fremden Herrn
bestellen wrde.  Der Fremde zog sich, auf die Frage der Alten: "ob
er noch etwas hinzuzusetzen htte?" noch einen Ring vom Finger, und
hndigte ihn dem Knaben ein, mit dem Auftrag, ihn zum Zeichen, da es
mit den berbrachten Meldungen seine Richtigkeit habe, dem Oberhaupt
der Familie, Herrn Strmli, zu bergeben.  Hierauf traf die Mutter
mehrere, die Sicherheit des Fremden, wie sie sagte, abzweckende
Veranstaltungen; befahl Toni, die Fensterladen zu verschlieen, und
zndete selbst, um die Nacht, die dadurch in dem Zimmer herrschend
geworden war, zu zerstreuen, an einem auf dem Kaminsims befindlichen
Feuerzeug, nicht ohne Mhseligkeit, indem der Zunder nicht fangen
wollte, ein Licht an.  Der Fremde benutzte diesen Augenblick, um den
Arm sanft um Tonis Leib zu legen, und ihr ins Ohr zu flstern: wie
sie geschlafen?  Und: ob er die Mutter nicht von dem, was vorgefallen,
unterrichten solle?  Doch auf die erste Frage antwortete Toni nicht,
und auf die andere versetzte sie, indem sie sich aus seinem Arm
loswand: nein, wenn Ihr mich liebt, kein Wort!  Sie unterdrckte die
Angst, die alle diese lgenhaften Anstalten in ihr erweckten; und
unter dem Vorwand, dem Fremden ein Frhstck zu bereiten, strzte sie
eilig in das untere Wohnzimmer herab.  Sie nahm aus dem Schrank der
Mutter den Brief, worin der Fremde in seiner Unschuld die Familie
eingeladen hatte, dem Knaben in die Niederlassung zu folgen: und auf
gut Glck hin, ob die Mutter ihn vermissen wrde, entschlossen, im
schlimmsten Falle den Tod mit ihm zu leiden, flog sie damit dem schon
auf der Landstrae wandernden Knaben nach.  Denn sie sah den Jngling,
vor Gott und ihrem Herzen, nicht mehr als einen bloen Gast, dem sie
Schutz und Obdach gegeben, sondern als ihren Verlobten und Gemahl an,
und war willens, sobald nur seine Partei im Hause stark genug sein
wrde, dies der Mutter, auf deren Bestrzung sie unter diesen
Umstnden rechnete, ohne Rckhalt zu erklren.  "Nanky", sprach sie,
da sie den Knaben atemlos und eilfertig auf der Landstrae erreicht
hatte: "die Mutter hat ihren Plan, die Familie Herrn Strmlis
anbetreffend, umgendert.  Nimm diesen Brief!  Er lautet an Herrn
Strmli, das alte Oberhaupt der Familie, und enthlt die Einladung,
einige Tage mit allem, was zu ihm gehrt, in unserer Niederlassung zu
verweilen.--Sei klug und trage selbst alles Mgliche dazu bei, diesen
Entschlu zur Reife zu bringen; Congo Hoango, der Neger, wird, wenn
er wiederkommt, es dir lohnen!" "Gut, gut, Base Toni", antwortete der
Knabe.  Er fragte, indem er den Brief sorgsam eingewickelt in seine
Tasche steckte: "und ich soll dem Zuge, auf seinem Wege hierher, zum
Fhrer dienen?" "AIIerdings", versetzte Toni; "das versteht sich,
weil sie die Gegend nicht kennen, von selbst.  Doch wirst du,
mglicher Truppenmrsche wegen, die auf der Landstrae statt finden
knnten, die Wanderung eher nicht, als um Mitternacht antreten; aber
dann dieselbe auch so beschleunigen, da du vor der Dmmerung des
Tages hier eintriffst.--Kann man sich auf dich verlassen?" fragte sie.
"Verlat euch auf Nanky!" antwortete der Knabe; "ich wei, warum
ihr diese weien Flchtlinge in die Pflanzung lockt, und der Neger
Hoango soll mit mir zufrieden sein!" Hierauf trug Toni dem Fremden
das Frhstck auf; und nachdem es wieder abgenommen war, begaben sich
Mutter und Tochter, ihrer huslichen Geschfte wegen, in das vordere
Wohnzimmer zurck.  Es konnte nicht auffallen, da die Mutter einige
Zeit darauf an den Schrank trat, und, wie es natrlich war, den Brief
vermite.  Sie legte die Hand, unglubig gegen ihr Gedchtnis, einen
Augenblick an den Kopf, und fragte Toni: wo sie den Brief, den ihr
der Fremde gegeben, wohl hingelegt haben knne?  Toni antwortete nach
einer kurzen Pause, in der sie auf den Boden niedersa: da ihn der
Fremde ja, ihres Wissens, wieder eingesteckt und oben im Zimmer, in
ihrer beider Gegenwart, zerrissen habe!  Die Mutter schaute das
Mdchen mit groen Augen an; sie meinte, sich bestimmt zu erinnern,
da sie den Brief aus seiner Hand empfangen und in den Schrank gelegt
habe; doch da sie ihn nach vielem vergeblichen Suchen darin nicht
fand und ihrem Gedchtnis, mehrere hnlichen Vorflle wegen,
mitraute: so blieb ihr zuletzt nichts brig, als der Meinung, die
ihr die Tochter geuert, Glauben zu schenken.  Inzwischen konnte sie
ihr lebhaftes Mivergngen ber diesen Umstand nicht unterdrcken,
und meinte, da der Brief dem Neger Hoango, um die Familie in die
Pflanzung hereinzubringen, von der grten Wichtigkeit gewesen sein
wrde.  Am Mittag und Abend, da Toni den Fremden mit Speisen bediente,
nahm sie, zu seiner Unterhaltung an der Tischecke sitzend,
mehreremal Gelegenheit, ihn nach dem Briefe zu fragen; doch Toni war
geschickt genug, das Gesprch, so oft es auf diesen gefhrlichen
Punkt kam, abzulenken oder zu verwirren; dergestalt, da die Mutter
durch die Erklrungen des Fremden ber das eigentliche Schicksal des
Briefes auf keine Weise ins Reine kam.  So verflo der Tag; die
Mutter verschlo nach dem Abendessen aus Vorsicht, wie sie sagte, des
Fremden Zimmer; und nachdem sie noch mit Toni berlegt hatte, durch
welche List sie sich von neuem, am folgenden Tage, in den Besitz
eines solchen Briefes setzen knne, begab sie sich zur Ruhe, und
befahl dem Mdchen gleichfalls, zu Bette zu gehen.  Sobald Toni, die
diesen Augenblick mit Sehnsucht erwartet hatte, ihre Schlafkammer
erreicht und sich berzeugt hatte, da die Mutter entschlummert war,
stellte sie das Bildnis der heiligen Jungfrau, das neben ihrem Bette
hing, auf einen Sessel, und lie sich mit verschrnkten Hnden auf
Knieen davor nieder.  Sie flehte den Erlser, ihren gttlichen Sohn,
in einem Gebet voll unendlicher Inbrunst, um Mut und Standhaftigkeit
an, dem Jngling, dem sie sich zu eigen gegeben, das Gestndnis der
Verbrechen, die ihren jungen Busen beschwerten, abzulegen.  Sie
gelobte, diesem, was es ihrem Herzen auch kosten wrde, nichts, auch
nicht die Absicht, erbarmungslos und entsetzlich, in der sie ihn
gestern in das Haus gelockt, zu verbergen; doch um der Schritte
willen, die sie bereits zu seines Rettung getan, wnschte sie, da
ihr vergeben, und sie als sein treues Weib mit sich nach Europa
fhren mchte.  Durch dies Gebet wunderbar gestrkt, ergriff sie,
indem sie aufstand, den Hauptschlssel, das alle Gemcher des Hauses
schlo, und schritt damit langsam, ohne Licht, ber den schmalen Gang,
den das Gebude durchschnitt, dem Schlafgemach des Fremden zu.  Sie
ffnete das Zimmer leise und trat vor sein Bett, wo er in tiefen
Schlaf versenkt ruhte.  Der Mond beschien sein blhendes Antlitz, und
der Nachtwind, das durch die geffneten Fenster eindrang, spielte mit
dem Haar auf seiner Stirn.  Sie neigte sich sanft ber ihn und rief
ihn, seinen sen Atem einsaugend beim Namen; aber ein tiefer Traum,
von dem sie der Gegenstand zu sein schien, beschftigte ihn:
wenigstens hrte sie, zu wiederholten Malen, von seinen glhenden,
zitternden Lippen das geflsterte Wort: Toni!  Wehmut, die nicht zu
beschreiben ist, ergriff sie; sie konnte sich nicht entschlieen, ihn
aus den Hirnmeln lieblicher Einbildung in die Tiefe einer gemeinen
und elenden Wirklichkeit herabzureiben; und in der Gewiheit, da er
ja frh oder spt von selbst erwachen msse, kniete sie an seinem
Bette nieder und berdeckte seine teure Hand mit Kssen.  Aber wer
beschreibt das Entsetzen, das wenige Augenblicke darauf ihren Busen
ergriff, als sie pltzlich, im Innern des Hofraums, ein Gerusch von
Menschen, Pferden und Waffen hrte, und darunter ganz deutlich die
Stimme des Negers Congo Hoango erkannte, der unvermuteter Weise mit
seinem ganzen Tro aus dem Lager des Generals Dessalines
zurckgekehrt war.  Sie strzte, den Mondschein, der sie zu verraten
drohte, sorgsam vermeidend, hinter die Vorhnge des Fensters, und
hrte auch schon die Mutter, welche dem Neger von allem, was whrend
dessen vorgefallen war, auch von der Anwesenheit des europischen
Flchtlings im Hause, Nachricht gab.  Der Neger befahl den Seinigen,
mit gedmpfter Stimme, im Hofe still zu sein.  Er fragte die Alte, wo
der Fremde in diesem Augenblick befindlich sei?  Worauf diese ihm das
Zimmer bezeichnete, und sogleich auch Gelegenheit nahm, ihn von dem
sonderbaren und auffallenden Gesprch, das sie, den Fluchding
betreffend, mit der Tochter gehabt hatte, zu unterrichten.  Sie
versicherte dem Neger, da das Mdchen eine Verrterin, und der ganze
Anschlag, desselben habhaft zu werden, in Gefahr sei, zu scheitern.
Wenigstens sei die Spitzbbin, wie sie bemerkt, heimlich beim
Einbruch der Nacht in sein Bette geschlichen, wo sie noch bis diesen
Augenblick in guter Ruhe befindlich sei; und wahrscheinlich, wenn der
Fremde nicht schon entflohen sei, werde derselbe eben jetzt gewarnt,
und die Mittel, wie seine Flucht zu bewerkstelligen sei, mit ihm
verabredet.  Der Neger, der die Treue des Mdchens schon in hnlichen
Fllen erprobt hatte, antwortete: es wre wohl nicht mglich!  Und:
"Kelly!" rief er wtend, und: "Omra!  Nehmt eure Bchsen!" Und damit,
ohne weiter ein Wort zu sagen, stieg er, im Gefolge aller seiner
Neger, die Treppe hinauf, und begab sich in das Zimmer des Fremden.
Toni, vor deren Augen sich, whrend weniger Minuten, dieser ganze
Auftritt abgespielt hatte, stand, gelhmt an allen Gliedern, als ob
sie ein Wetterstrahl getroffen htte, da.  Sie dachte einen
Augenblick daran, den Fremden zu wecken; doch teils war, wegen
Besetzung des Hofraums, keine Flucht fr ihn mglich, teils auch sah
sie voraus, da er zu den Waffen greifen, und somit bei der
berlegenheit der Neger, Zubodenstreckung unmittelbar sein Los sein
wrde.  Ja, die entsetzlichste Rcksicht, die sie zu nehmen gentigt
war, war diese, da der Unglckliche sie selbst, wenn er sie in
dieser Stunde bei seinem Bette fnde, fr eine Verrterin halten, und,
statt auf ihren Rat zu hren, in der Raserei eines so heillosen
Wahns, dem Neger Hoango vllig besinnungslos in die Arme laufen wrde.
In dieser unaussprechlichen Angst fiel ihr ein Strick in die Augen,
welcher, der Himmel wei durch welchen Zufall, an dem Riegel der Wand
hing.  Gott selbst, meinte sie, indem sie ihn herabri, htte ihn zu
ihrer und des Freundes Rettung dahin gefhrt.  Sie umschlang den
Jngling, vielfache Knoten schrzend, an Hnden und Fen damit; und
nachdem sie, ohne darauf zu achten, da er sich rhrte und strubte,
die Enden angezogen und an das Gestell des Bettes festgebunden hatte:
drckte sie, froh, des Augenblicks mchtig geworden zu sein, einen
Ku auf seine Lippen, und eilte dem Neger Hoango, der schon auf der
Treppe klirrte, entgegen.  Der Neger, der dem Bericht der Alten, Toni
anbetreffend, immer noch keinen Glauben schenkte, stand, als er sie
aus dem bezeichneten Zimmer hervortreten sah, bestrzt und verwirrt,
im Korridor mit seinem Tro von Fackeln und Bewaffneten still.  Er
rief: "die Treulose!  Die Bundbrchige!" und indem er sich zu Babekan
wandte, welche einige Schritte vorwrts gegen die Tr des Fremden
getan hatte, fragte er: "ist der Fremde entflohn?" Babekan, welche
die Tr, ohne hineinzusehen, offen gefunden hatte, rief, indem sie
als eine Wtende zurckkehrte: "Die Gaunerin!  Sie hat ihn entwischen
lassen!  Eilt, und besetzt die Ausgnge, ehe er das weite Feld
erreicht!" "Was gibts?" fragte Toni, indem sie mit dem Ausdruck des
Erstaunens den Alten und die Neger, die ihn umringten, ansah.  "Was
es gibt?" erwiderte Hoango; und damit ergriff er sie bei der Brust
und schleppte sie nach dem Zimmer hin.  "Seid ihr rasend?" rief Toni,
indem sie den Alten, der bei dem sich ihm darbietenden Anblick
erstarrte, von sich stie: "da liegt der Fremde, von mir in seinem
Bette festgebunden; und, beim Himmel, es ist nicht die schlechteste
Tat, die ich in meinem Leben getan!" Bei diesen Worten kehrte sie ihm
den Rcken zu, und setzte sich, als ob sie weinte, an einen Tisch
nieder.  Der Alte wandte sich gegen die in Verwirrung zur Seite
stehende Mutter und sprach: "o Babekan, mit welchem Mrchen hast du
mich getuscht?" "Dem Himmel sei Dank", antwortete die Mutter, indem
sie die Stricke, mit welchen der Fremde gebunden war, verlegen
untersuchte; "der Fremde ist da, obschon ich von dem Zusammenhang
nichts begreife." Der Neger trat, das Schwert in die Scheide steckend,
an das Bett und fragte den Fremden: wer er sei?  Woher er komme und
wohin er reise?  Doch da dieser, unter krampfhaften Anstrengungen
sich loszuwinken, nichts hervorbrachte, als, auf jmmerlich
schmerzhafte Weise: "O Toni!  O Toni!"--so nahm die Mutter das Wort
und bedeutete ihm, da er ein Schweizer sei, namens Gustav von der
Ried, und da er mit einer ganzen Familie europischer Hunde, welche
in diesem Augenblick in den Berghhlen am Mwenweiher versteckt sei,
von dem Kstenplatz Fort Dauphin komme.  Hoango, der das Mdchen, den
Kopf schwermtig auf ihre Hnde gesttzt, dasitzen sah, trat zu ihr
und nannte sie sein liebes Mdchen; klopfte ihr die Wangen, und
forderte sie auf, ihm den bereilten Verdacht, den er ihr geuert,
zu vergeben.  Die Alte, die gleichfalls vor das Mdchen hingetreten
war, stemmte die Arme kopschttelnd in die Seite und fragte: weshalb
sie denn den Fremden, der doch von der Gefahr, in der er sich
befunden, gar nichts gewut, mit Stricken in dem Bette festgebunden
habe?  Toni, vor Schmerz und Wut in der Tat weinend, antwortete,
pltzlich zur Mutter gekehrt: "weil du keine Augen und Ohren hast!
Weil er die Gefahr, in der er schwebte, gar wohl begriff!  Weil er
entfliehen wollte; weil er mich gebeten hatte, ihm zu seiner Flucht
behlflich zu sein; weil er einen Anschlag auf dein eignes Leben
gemacht hatte, und sein Vorhaben bei Anbruch das Tages ohne Zweifel,
wenn ich ihn nicht schlafend gebunden htte, in Ausfhrung gebracht
haben wrden".  Der Alte liebkosete und beruhigte das Mdchen, und
befahl Babekan, von dieser Sache zu schweigen.  Er rief ein paar
Schtzen mit Bchsen vor, um das Gesetz, dem der Fremdling verfallen
war, augenblicklich an demselben zu vollstrecken; aber Babekan
flsterte ihrn heimlich zu: "nein, ums Himmels willen, Hoango!"

Sie nahm ihn auf die Seite und bedeutete ihm: "Der Fremde msse,
bevor er hingerichtet werde, eine Einladung aufsetzen, um vermittelst
derselben die Familie, deren Bekmpfung im Walde manchen Gefahren
ausgesetzt sei, in die Pflanzung zu locken"

Hoango, in Erwgung, da die Familie wahrscheinlich nicht unbewaffnet
sein werde, gab diesem Vorschlage seinen Beifall; er stellte, weil es
zu spt war, den Brief verabredetermaen schreiben zu lassen, zwei
Wachen bei dem weien Flchtling aus; und nachdem er noch, der
Sicherheit wegen, die Stricke untersucht, auch, weil er sie zu locker
befand, ein paar Leute herbeigerufen hatte, um sie noch enger
zusammenzuziehen, verlie er mit seinem ganzen Tro das Zimmer, und
alles nach und nach begab sich zur Ruh.  Aber Toni, welche nur
scheinbar dem Alten, der ihr noch einmal die Hand gereicht, gute
Nacht gesagt und sich zu Bette gelegt hatte, stand, sobald sie alles
im Hause still sah, wieder auf, schlich sich durch eine Hinterpforte
des Hauses auf das freie Feld hinaus, und lief, die wildeste
Verzweiflung im Herzen, auf dem, die Landstrae durchkreuzenden, Wege
der Gegend zu, von welcher die Farnilie Herrn Strmlis herankommen
mute.  Denn die Blicke voll Verachtung, die der Fremde von seinem
Bette aus auf sie geworfen hatte, waren ihr empfindlich, wie
Messerstiche, durchs Herz gegangen; es mischte sich ein Gefhl heier
Bitterkeit in ihre Liebe zu ihm, und sie frohlockte bei dem Gedanken,
in dieser zu seiner Rettung angeordneten Unternehmung zu sterben.
Sie stellte sich, in der Besorgnis, die Familie zu verfehlen, an den
Stamm einer Pinie, bei welcher, falls die Einladung angenommen worden
war, die Gesellschaft vorberziehen mute, und kaum war auch, der
Verabredung gem, der erste Strahl der Dmmerung am Horizont
angebrochen, als Nankys, des Knaben, Stimme, der dem Trosse zum
Fhrer diente, schon fernher unter den Bumen des Waldes hrbar ward.
Der Zug bestand aus Herrn Strmli und seiner Gemahlin, welche
letztere auf einem Maulesel ritt, fnf Kindern desselben, deren zwei,
Adalbert und Gottfried, Jnglinge von 18 und 17 Jahren, neben dem
Maulesel hergingen; drei Dienern und zwei Mgden, wovon die eine,
einen Sugling an der Brust, auf dem andern Maulesel ritt; in allem
aus zwlf Personen.  Er bewegte sich langsam ber die den Weg
durchflechtenden Kienwurzeln, dem Stamm der Pinie zu; wo Toni, so
geruschlos, als niemand zu erschrecken ntig war, aus dem Schatten
des Baums hervortrat, und dem Zuge zurief: "Halt!" Der Knabe kannte
sie sogleich; und auf ihre Frage: wo Herr Strmli sei? whrend Mnner,
Weiber und Kinder sie umringten, stellte dieser sie freudig dem
alten Oberhaupt der Familie, Herrn Strmli, vor.  "Edler Herr!" sagte
Toni, indem sie die Begrungen desselben mit fester Stimme
unterbrach: "der Neger Hoango ist, auf berraschende Weise, mit
seinem ganzenTro in die Niederlassung zurck gekommen.  Ihr knnt
jetzt, ohne die greste Lebensgefahr, nicht darin einkehren; ja,
euer Vetter, der zu seinem Unglck eine Aufnahme darin fand, ist
verloren, wenn ihr nicht zu denWaffen greift, und rnir, zu seiner
Befreiung aus der Haft, in welcher ihn der Neger Hoango gefangen hlt,
in die Pflanzung folgt!" "Gott im Himmel!" riefen, von Schrecken
erfat, alle Mitglieder der Familie; und die Muter, die krank und von
der Reise erschpft war, fiel von dem Maultier ohnmchtig auf den
Boden nieder.  Toni, whrend, auf den Ruf Herrn Strmlis die Mgde
herbeieilten, um ihrer Frau zu helfen, fhrte, von denJnglingen mit
Fragen bestrmt, Herrn Strmli und die brigen Mnner, aus Furcht vor
dem Knaben Nanky, auf die Seite.  Sie erzhlte den Mnnern, ihre
Trnen vor Scham und Reue nicht zurckhaltend, alles, was vorgefallen;
wie die Verhltnisse, in dem Augenblick, da derJngling eingetroffen,
im Hause bestanden; wie das Gesprch, das sie unter vier Augen rnit
ihm gehabt, dieselben auf ganz unbegreifliche Weise verndert; was
sie bei der Ankunft des Negers, fast wahnsinnig vorAngst getan, und
wie sie nun Tod und Lebend aransetzen wolle, ihn aus der
Gefangenschaft, worin sie ihn selbst gestrzt, wieder zu befreien.
"Meine Waffen!" rief Herr Strmli, indem er zu dem Maultier seiner
Frau eilte und seine Bchse herabnahm.  Er sagte, whrend auch
Adelbert und Gottfried, seine rstigen Shne, und die drei wackern
Diener sich bewaffneten: "Vetter Gustav hat mehr als einem von uns
das Leben gerettet; jetzt ist es an uns, ihm den gleichen Dienst zu
tun"; und damit hob er seine Frau, welche sich erholt hatte, wieder
auf das Maultier, lie dem Knaben Nanky, aus Vorsicht, als eine Art
von Geisel, die Hnde binden; schickte den ganzen Tro, Weiber und
Kinder, unter dem bloen Schutz seines dreizehnjhrigen, gleichfalls
bewaffneten Sohnes, Ferdinand, an den Mwenweiher zurck; und nachdem
er noch Toni, welche selbst einen Helm und einen Spie genommen hatte,
ber die Strke der Neger und ihre Verteilung im Hofraume ausgefragt
und ihr versprochen hatte, Hoangos sowohl, als ihrer Mutter, so viel
es sich tun lie, bei dieser Unternehmung zu schonen; stellte er sich
mutig, und auf Gott vertrauend, an die Spitze seines kleinen Haufens,
und brach, von Toni gefhrt, in die Niederlassung auf.  Toni, sobald
der Haufen durch die hintere Pforte eingeschlichen war, zeigte Herrn
Strmli das Zimmer, in welchem Hoango und Babekan ruhten; und whrend
Herr Strmli geruschlos mit seinen Leuten in das offne Haus eintrat,
und sich smtlicher zusammengesetzter Gewehre der Neger bemchtigte,
schlich sie zur Seite ab in den Stall, in welchem der fnfjhrige
Halbbruder des Nanky, Seppy, schlief Denn Nanky und Seppy,
Bastardkinder des alten Hoango, waren diesem, besonders der letze,
dessen Mutter krzlich gestorben war, sehr teuer; und da, selbst in
dem Fall, da man den gefangenen Jngling befreite, der Rckzug an
den Mwenweiher und die Flucht von dort nach Port au Prince, der sie
sich anzuschlieen gedachte, noch mancherlei Schwierigkeiten
ausgesetzt war: so schlo sie nicht unrichtig, da der Besitz beider
Knaben, als einer Art von Unterpfand, dem Zuge, bei etwaiger
Verfolgung der Neger, von groem Vorteil sein wrde.  Es gelang ihr,
den Knaben ungesehen aus seinem Bette zu heben, und in ihren Armen,
halb schlafend, halb wachend, in das Hauptgebude hinberzutragen.
Inzwischen war Herr Strmli, so heirnlich, als es sich tun lie, mit
seinem Haufen in Hoangos Stubentre eingetreten; aber statt ihn und
Babekan, wie er glaubte, im Bette zu finden, standen, durch das
Gerusch geweckt, beide, obschon halbnackt und hilflos, in der Mitte
des Zimmers da.  Herr Strmli, indem er seine Bchse in die Hand nahm,
rief: sie sollten sich ergeben, oder sie wren des Todes!  Doch
Hoango, statt aller Antwort, ri ein Pistol von der Wand und platzte
es, Herrn Strmli am Kopf streifend, unter die Menge los.  Herrn
Strmlis Haufen, auf dies Signal, fiel wtend ber ihn her; Hoango,
nach einem zweiten Schu, der einem Diener die Schulter durchbohrte,
ward durch einen Sbelhieb an der Hand verwundet, und beide, Babekan
und er, wurden niedergeworfen und mit Stricken am Gestell eines
groen Tisches fest gebunden.  Mittlerweile waren, durch die Schsse
geweckt, die Neger des Hoango, zwanzig und mehr an der Zahl, aus
ihren Stallen hervorgestrzt, und drangen, da sie die alte Babekan im
Hause schreien hrten, wtend gegen dasselbe vor, um ihre Waffen
wieder zu erobern.  Vergebens postierte Herr Strmli, dessen Wunde
von keiner Bedeutung war, seine Leute an die Fenster des Hauses, und
lie, um die Kerle im Zaum zu halten, mit Bchsen unter sie feuern;
sie achteten zweier Toten nicht, die schon auf dem Hofe umher lagen,
und waren im Begriff, xte und Brechstangen zu holen, um die Haustr,
welche Herr Strmli verriegelt hatte, einzusprengen, als Toni,
zitternd und bebend, den Knaben Seppy auf dem Arm, in Hoangos Zimmer
trat.  Herr Strmli, dem diese Erscheinung uerst erwnscht war, ri
ihr den Knaben vom Arm; er wandte sich, indem er seinen Hirschfnger
zog, zu Hoango, und schwor, da er den Jungen augenblicklich tten
wrde, wenn er den Negern nicht zuriefe, von ihrem Vorhaben
abzustehen.  Hoango, dessen Kraft durch den Hieb ber die drei Finger
der Hand gebrochen war, und der sein eignes Leben, im Fall einer
Weigerung, ausgesetzt haben wrde, erwiderte nach einigen Bedenken,
indem er sich vom Boden aufheben lie: da er dies tun wolle; er
stellte sich, von Herrn Strmli gefhrt, an das Fenster, und mit
einem Schnupftuch, das er in die linke Hand nahm, ber den Hof
hinauswindend, rief er den Negern zu: "da sie die Tr, indem es,
sein Leben zu retten, keiner Hlfe bedrfe, unberhrt lassen sollten
und in ihre Stlle zurckkehren mchten!" Hierauf beruhigte sich der
Kampf ein wenig; Hoango schickte, auf Verlangen Herrn Strmlis, einen
im Hause eingefangenen Neger, mit der Wiederholung dieses Befehls, zu
dem im Hofe noch verweilenden und sich beratschlagenden Haufen hinab;
und da die Schwarzen, so wenig sie auch von der Sache begriffen, den
Worten dieses frmlichen Botschafters Folge leisten muten, so gaben
sie ihren Anschlag, zu dessen Ausfhrung schon alles in Bereitschaft
war, auf, und verfgten sich nach und nach, obschon murrend und
schimpfend, in ihre Stlle zurck.  Herr Strmli, indem er dem Knaben
Seppy vor den Augen Hoangos die Hnde binden lie, sagte diesem: da
seine Absicht keine andere sei, als den Offizier, seinen Vetter aus
der in der Pflanzung ber ihn verhngten Haft zu befreien, und da,
wenn seiner Flucht nach Port au Prince keine Hindernisse in den Weg
gelegt wrden, weder fr sein, Hoangos, noch fr seiner Kinder Leben,
die er ihm wiedergeben wrde, etwas zu befrchten sein wrde.
Babekan, welcher Toni sich nherte und zum Abschied in einer Rhrung,
die sie nicht unterdrcken konnte, die Hand geben wollte, stie diese
heftig von sich.  Sie nannte sie eine Niedertrchtige und Verrterin,
und meinte, indem sie sich am Gestell des Tisches, an dem sie lag,
umkehrte: die Rache Gottes wrde sie, noch ehe sie ihrer Schandtat
froh geworden, ereilen.  Toni antwortete: "ich habe euch nicht
verraten; ich bin eine Weie, und dem Jngling, den ihr gefangen
haltet, verlobt; ich gehre zu dem Geschlecht derer, mit denen ihr im
offenen Kriege liegt, und werde vor Gott, da ich mich auf ihre Seite
stellte, zu verantworten wissen" Hierauf gab Herr Strmli dem Neger
Hoango, den er zur Sicherheit wieder hatte fesseln und an die Pfosten
der Tr festbinden lassen, eine Wache; er lie den Diener, der, mit
zersplittertem Schulterknochen, ohnmchtig am Boden lag, aufheben und
wegtragen; und nachdem er dem Hoango noch gesagt hatte, da er beide
Kinder,den Nanky sowohl als den Seppy, nach Verlauf einiger Tage, in
Sainte Lze, wo die ersten franzsischen Vorposten stnden, abholen
lassen knne, nahm er Toni, die, von mancherlei Gefhlen bestrmt,
sich nicht enthalten konnte zu weinen, bei der Hand, und fhrte sie,
unter den Flchen Babekans und des alten Hoango, aus dem
Schlafzirnmer fort.  Inzwischen waren Adelbert und Gottfried, Herrn
Strmlis Shne, schon nach Beendigung des ersten, an den Fenstern
gefochtenen Hauptkampfs, auf Befehl des Vaters, in das Zimmer ihres
Vetters Gustav geeilt, und waren glcklich genug gewesen, die beiden
Schwarzen, die diesen bewachten, nach einem hartnckigen Widerstand
zu berwltigen.  Der eine lag tot im Zimmer; der andere hatte sich
mit einer schweren Schuwunde bis auf den Korridor hinausgeschleppt.
Die Brder, deren einer, der ltere, dabei selbst, obschon nur leicht,
am Schenkel verwundet worden war, banden den teuren lieben Vetter
los: sie umarmten und kten ihn, und forderten ihn jauchzend, indem
sie ihm Gewehr und Waffen gaben, auf, ihnen nach dem vorderen Zimmer,
in welchem, da der Sieg entschieden, Herr Strmli wahrscheinlich
alles schon zum Rckzug anordne, zu folgen.  Aber Vetter Gustav, halb
im Bette aufgerichtet, drckte ihnen freundlich die Hand; im brigen
war er still und zerstreut, und statt die Pistolen, die sie ihm
darreichten, zu ergreifen, hob er die Rechte, und strich sich, mit
einem unaussprechlichen Ausdruck von Gram, damit ber die Stirn.  Die
Jnglinge, die sich bei ihm niedergesetzt hatten, fragten: was ihm
fehle?  Und schon, da er sie mit seinem Arm umschlo, und sich mit
dem Kopf schweigend an die Schulter des Jngern lehnte, wollte
Adelbert sich erheben, um ihm im Wahn, da ihn eine Ohnmacht anwandle,
einen Trunk Wasser herbeizuholen: als Toni, den Knaben Seppy auf dem
Arm, an der Hand Herrn Strmlis, in das Zimmer trat.  Gustav
wechselte bei diesem Anblick die Farbe; er hielt sich, indem er
aufstand, als ob er umsinken wollte, an den Leibern der Freunde fest;
und ehe die Jnglinge noch wuten, was er mit dem Pistol, das er
ihnen jetzt aus der Hand nahm, anfangen wollte: drckte er dasselbe
schon, knirschend vor Wut, gegen Toni ab.  Der Schu war ihr mitten
durch die Brust gegangen; und da sie, mit einem gebrochenen Laut des
Schmerzes, noch einige Schritte gegen ihn tat, und sodann, indem sie
den Knaben an Herrn Strmli gab, vor ihm niedersank: schleuderte er
das Pistol ber sie, stie sie mit dem Fu von sich, und warf sich,
indem er sie eine Hure nannte, wieder auf das Bette nieder.  "Du
ungeheurer Mensch!" riefen Herr Strrnli und seine beiden Shne.  Die
Jnglinge warfen sich ber das Mdchen, und riefen, indem sie es
aufhoben, einen der alten Diener herbei, der dem Zuge schon in
manchen hnlichen, verzweiflungsvollen Fllen die Hlfe eines Arztes
geleistet hatte; aber das Mdchen, das sich mit der Hand krampfhaft
die Wunde hielt, drckte die Freunde hinweg, und: "sagt ihm--!"
stammelte sie rchelnd, auf ihn, der sie erschossen, hindeutend, und
wiederholte: "sagt ihm--!" "Was sollen wir ihm sagen?" fragte Herr
Strmli, da der Tod ihr die Sprache raubte.  Adelbert und Gottfried
standen auf und riefen dem unbegreiflich grlichen Mrder zu: ob er
wisse, da das Mdchen seine Retterin sei; da sie ihn liebe und da
es ihre Absicht gewesen sei, mit ihm, dem sie alles, Eltern und
Eigentum, aufgeopfert, nach Port au Prince zu entliehen.--Sie
donnerten ihm Gustav! in die Ohren, und fragten ihn: ob er nichts
hre?  Und schttelten ihn und griffen ihm in die Haare, da er
unempfindlich, und ohne auf sie zu achten, auf dem Bette lag.  Gustav
richtete sich auf.  Er warf einen Blick auf das in seinem Blut sich
wlzende Mdchen; und die Wut, die diese Tat veranlat hatte, machte,
auf natrliche Weise, einem Gefhl gemeinen Mitleidens Platz.  Herr
Strmli; heie Trnen auf sein Schnupftuch niederweinend, fragte:
"warum, Elender, hast du das getan?" Vetter Gustav, der von dem Bette
aufgestanden war, und das Mdchen, indem er sich den Schwei von der
Stirn abwischte, betrachtete, antwortete: da sie ihn schndlicher
Weise zur Nachtzeit gebunden, und dem Neger Hoango bergeben habe.
"Ach!" rief Toni, und streckte, rnit einem unbeschreiblichen Blick,
ihre Hand nach ihm aus: "dich, liebsten Freund, band ich, weil--!"
Aber sie konnte nicht reden und ihn auch mit der Hand nicht erreichen;
sie fiel, mit einer pltzlichen Erschlaffung der Kraft, wieder auf
den Scho Herrn Strmlis zurck.  "Weshalb?" fragte Gustav bla,
indem er zu ihr niederkniete.  Herr Strmli, nach einer langen, nur
durch das Rcheln Tonis unterbrochenen Pause, in welcher man
vergebens auf eine Antwort von ihr gehofft hatte, nahm das Wort und
sprach: "weil, nach der Ankunft Hoangos, dich, Unglcklichen, zu
retten, kein anderes Mittel war; weil sie den Kampf, den du unfehlbar
eingegangen wrest, vermeiden, weil sie Zeit gewinnen wollte, bis wir,
die wir schon vermge ihrer Veranstaltung herbeieilten, deine
Befreiung mit den Waffen in der Hand erzwingen konnten".  Gustav
legte die Hnde vor sein Gesicht.  "Oh!" rief er, ohne aufzusehen,
und meinte, die Erde versnke unter seinen Fen: "ist das, was ihr
mir sagt, wahr?" Er legte seine Arme um ihren Leib und sah ihr mit
jammervoll zerrissenem Herzen ins Gesicht.  "Ach", rief Toni, und
dies waren ihre letzten Worte: "du httest mir nicht mitrauen sollen!"
Und damit hauchte sie ihre schne Seele aus.  Gustav raufte sich
die Haare.  "Gewi!" sagte er, da ihn die Vettern von der Leiche
wegrissen: "ich htte dir nicht mitrauen sollen; denn du warst mir
durch einen Eidschwur verlobt, obschon wir keine Worte darber
gewechselt hatten!" Herr Strrnli drckte jammernd den Latz, der des
Mdchens Brust umschlo, nieder.  Er ermunterte den Diener, der mit
einigen unvollkommenen Rettungswerkzeugen neben ihm stand, die Kugel,
die, wie er meinte, in dem Brustknochen stecken msse, auszuziehen;
aber alle Bemhung, wie gesagt, war vergebens, sie war von dem Blei
ganz durchbohrt, umd ihre Seele schon zu besseren Sternen entflohn.
--Inzwischen war Gustav ans Fenster getreten; und whrend Herr
Strmli und seine Shne unter stillen Trnen beratschlagten, was mit
der Leiche anzufangen sei, und ob man nicht die Mutter herbeirufen
solle, jagte Gustav sich die Kugel, womit das andere Pistol geladen
war, durchs Hirn.  Diese neue Schreckenstat raubte den Verwandten
vllig alle Besinnung.  Die Hlfe wandte sich jetzt auf ihn; aber des
rmsten Schdel war ganz zerschmettert, und hing, da er sich das
Pistol in den Mund gesetzt hatte, zum Teil an den Wnden umher.  Herr
Strmli war der erste, der sich wieder sammelte.  Denn da der Tag
schon ganz hell durch die Fenster schien, und auch Nachrichten
einliefen, da die Neger sich schon wieder auf dem Hofe zeigten: so
blieb nichts brig, als ungesumt an den Rckzug zu denken.  Man
legte die beiden Leichen, die man nicht der mutwilligen Gewalt der
Neger berlassen wollte, auf ein Brett, und nachdem die Bchsen von
neuem geladen waren, brach der traurige Zug nach dem Mwenweiher auf.
Herr Strmli, den Knaben Seppy auf dem Arm, ging voran; ihm folgten
die beiden strksten Diener, welche auf ihren Schultern die Leichen
trugen; der Verwundete schwankte an einem Stabe hinterher; und
Adelbert und Gottfried gingen mit gespannten Bchsen dem langsam
fortschreitenden Leichenzuge zur Seite.  Die Neger, da sie den Haufen
so schwach erblickten, traten mit Spieen und Gabeln aus ihren
Wohnungen hervor, und schienen Miene zu machen, angreifen zu wollen;
aber Hoango, den man die Vorsicht beobachtet hatte, loszubinden, trat
auf die Treppe des Hauses hinaus, und winkte den Negern, zu ruhen.
"In Sainte Lze!" rief er Herrn Strmli zu, der schon mit den Leichen
unter dem Torweg war.  "In Sainte Lze!" antwortete dieser; worauf
der Zug, ohne verfolgt zu werden, auf das Feld hinauskam und die
Waldung erreichte.  Am Mwenweiher, wo man die Familie fand, grub man,
unter vielen Trnen, den Leichen ein Grab; und nachdem man noch die
Ringe, die sie an der Hand trugen, gewechselt hatte, senkte man sie
unter stillen Gebeten in die Wohnungen des ewigen Friedens ein.  Herr
Strmli war glcklich genug, mit seiner Frau und seinen Kindern, fnf
Tage darauf, Sainte Lze zu erreichen, wo er die beiden Negerknaben,
seinem Versprechen gem, zurcklie.  Er traf kurz vor Anfang der
Belagerung in Port au Prince ein, wo er noch auf den Wllen fr die
Sache der Weien focht; und als die Stadt nach einer hartnckigen
Gegenwehr an den General Dessalines berging, rettete er sich mit dem
franzsischen Heer auf die englische Flotte, von wo die Familie nach
Europa berschiffte, und ohne weitere Unflle ihr Vaterland, die
Schweiz, erreichte.  Herr Strmli kaufte sich daselbst mit dem Rest
seines kleinen Vermgens, in der Gegend des Rigi, an; und noch im
Jahr 1807 war unter den Bschen seines Gartens das Denkmal zu sehen,
das er Gustav, seinem Vetter, und der Verlobten desselben, der treuen
Toni, hatte setzen lassen.




Geistererscheinung


Im Anfange des Herbstes 1809 verbreitete sich in der Gegend von
Schlan (einem Stdtchen vier Meilen von Prag auf der Strae nach
Sachsen) das Gercht einer Geistererscheinung, die ein Bauernknabe
aus Stredokluk (einem Dorfe auf dem halben Wege von Schlan nach Prag)
gehabt habe.  Dies Gercht ward endlich so allgemein und so laut, da
endlich ein Hochlbl.  Kreisamt zu Schlan eine gerichtliche
Untersuchung der ganzen Sache beschlo, und demzufolge eine eigene
Komission ernannte, aus deren Akten zum Teil, und zum Teil aus
mndlichen Berichten an Ort und Stelle, nachstehende Geschichte
gezogen ist.

Ein Bauernknabe von ungefhr elf Jahren aus Stredokluk, mit Namen
Joseph, bekannt bei seiner Familie sowohl als im ganzen Dorfe fr
einen erzdummen Jungen, schlief fr gewhnlich mit einem alten Onkel
und einigen seiner Geschwister, von seinen Eltern getrennt, in einer
besondern Kammer.  Eines Nachts wird er durch Schtteln geweckt, und
wie er aus dem Schlafe aufschreckt, sieht er eine Gestalt sich
langsam vom Fue seines Bettes fortbewegen und im Dunkel verschwinden.
Joseph, dem Schlafen ber alles geht, nimmt es gewaltig bel, so
mutwillig gestrt zu werden, und in der Meinung, die Gestalt sei der
Onkel gewesen, der ihn habe necken wollen, fngt er an, sich laut zu
beklagen und sich derartige Scherze scheltend zu verbitten.  Der
Onkel, ein alter Invalide, wacht ber den Lrm ebenfalls auf, fragt
ziemlich barsch nach der Ursache, und da Joseph ihn zu Rede stellt,
warum er ihn necke und nicht schlafen lasse, so ergrimmt der alte
Soldat, und nach einigen Beteuerungen und Fluchen, da er von nichts
wisse, die aber unserm Joseph nicht einleuchten wollen, steht er auf
und, um seinen Grnden Gewicht zu geben, nimmt er den Stock und
zerprgelt den unglubigen Herrn Neffen.  Joseph schreit frchterlich,
alle seine Geschwister werden wach und schreien mit, die Eltern
eilen voll Angst herbei, sie besorgen Feuer oder Mord, beruhigen sich
aber bald, da sie sehen, da nur der dumme Joseph etwas geprgelt
wird.  Sie fragen nach dem Anlasse des Tumults; Joseph erzhlt
schluchzend seine Geschichte; der Onkel flucht laut ber den Lgner;
den Eltern ist der Fall zu spitzig; zum Untersuchen ist nicht Zeit,
und da Joseph von seinem Satz nicht abgeht, so vereinigen sie sich
der Krze halber mit dem Onkel, prgeln gemeinschaftlich auf den
rmsten und schicken ihn zu Bette.  In der folgenden Nacht geht
derselbe Spa von neuem an, Joseph wird wieder geweckt, sieht eine
Gestalt, hlt sie wieder fr den Onkel und, da er diesmal seiner
Sache noch gewisser zu sein glaubt, als das erstemal, so beklagt er
sich noch ungestmer; der alte Onkel erwacht, prgelt, die Eltern
kommen herbei, prgeln auch, und Joseph flchtet sich, ein gutes Teil
mrber als die vergangene Nacht, in sein Bett.  In der dritten Nacht
dieselbe Erscheinung, aber nicht dieselben Prgel.  In dem Kopfe des
dummen Josephs entwickelt sich allmhlich die Idee vom ewigen
Unrechte des Schwchern, er schweigt demnach, und versucht es, mit
einem uerst verdrielichen Gesicht, sobald wie mglich wieder
einzuschlafen, was ihm denn auch gelingt.  Den Tag darauf kmmt
Joseph abends vom Felde nach Hause, und erzhlt der Mutter, wie um
die Mittagsstunde ein fremder Herr zu ihm gekommen sei, in einem
weien Mantel und mit sehr bleichem Angesichte; wie dieser, als er
sich anfangs vor ihm gefrchtet und davonlaufen wollte, ihm
freundlich zugeredet habe, er solle sich nicht frchten, er meine es
gut mit ihm und wolle ihn belohnen, wenn er hbsch folgsam wre.  Als
er sich hierauf beruhigt, habe der fremde Herr mit tiefbetrbter
Miene gesagt, da er schon sehr lange, lange auf ihn gewartet habe,
da er ihm die drei vergangenen Nchte erschienen sei, und jetzt
komme, um von ihm einen Dienst zu begehren, dessen Gewhrleistung er
nicht zu bereuen Ursach haben wrde.  Morgen nmlich mit
Sonnenaufgang solle er, mit einem Spaten versehen, aufs Feld
hinausgehn und an einem Orte, den er ihm zeigen wrde, nachgraben; er
werde dort Menschenknochen finden, an denen fnf eiserne Ringe
befestigt wren; diese wren seine Gebeine, ber die sein Geist nun
schon seit fnfhundert Jahren ohne Ruhe und ohne Rast herumirre; habe
er die Gebeine gefunden und herausgenommen, so solle er noch tiefer
graben, wo er sodann auf fnf verschlossene irdene Truhen stoen
werde; was damit zu tun, wrde er ihm spter entdecken.  Nachdem er
ihm dies alles gesagt, sei der Herr pltzlich weggekommen, er wisse
nicht wohin.  Die Mutter hatte mit offenem Munde zugehrt, und voller
Verwunderung ihren Joseph betrachtet, welcher, da er sonst in dummer
Unbehilflichkeit kaum ein halb Dutzend Worte aneinander zu reihen
wute, jetzt mit flieender Rede, im reinsten Bhmisch, seine
Geschichte vortrug.  So unheimlich ihr auch bei dieser Erzhlung
zumute sein mochte, so witterte sie doch als eine kluge Frau in den
verheienen Truhen so etwas von einem Schatze, und um des Schatzes
willen beschlo sie, mit ihrem Joseph gemeinschaftlich das Abenteuer
zu bestehn.

Den andern Morgen in aller Frhe machten Mutter und Sohn gehrig zum
Graben gerstet sich auf und gingen dem Felde zu, wo der Geist sich
hatte sehn lassen; kaum waren sie vor das Dorf gekommen, als Joseph
sagte: "Ei seht doch Mutter, da ist der Herr schon."--"Wo?" rief die
Mutter erblassend und schlug ein Kreuz ber ihren ganzen Leib.  "Hier
dicht vor uns," antwortete Joseph, "er hat mir aber gesagt, er komme,
uns zu fhren." Die Mutter sahe nichts; der Geist, nur dem
auserwhlten Joseph sichtbar, zog still vor ihnen her.  Die Reise
ging querfeldein, einer Heide zu, die an einem Feldwege hinlief; dort
steht Joseph still und sagt zur Mutter: "Hier Mutter, hier sollen wir
graben, spricht der Herr." Die Mutter, den Angstschwei auf der Stirn,
setzt den Spaten an und grbt hastig darauf los.  Sie mochte
ungefhr zwei Schuh tief gegraben haben, als sie auf Totengebeine
stt; der Herr sehe dem Dinge sehr freundlich zu, versichert Joseph
der Mutter, die fr die Freundlichkeit des fnfhundertjhrigen Herrn
wenig Sinn hat, und geistliche Lieder und Ave's und
Beschwrungsformeln bunt durcheinander sich immer lauter in Gedanken
zuschreit.  Der Gebeine wurden immer mehrere, sie waren mit einem
gewhnlichen Schimmel berzogen und zerfielen an der Luft in Asche,
um beiden Arm- und Beinrhren, dicht ber den Hand- und Fugelenken,
lagen starke eiserne Bnder.  Auf einmal ruft Joseph in die Grube
hinein: "Mutter, der Herr will, da ihr dort mehr rechts grabet; dort,
wo er mit dem Degen hinzeigt, da liege sein Kopf, spricht er." Die
Mutter gehorcht und nach einigen Spatenstichen hebt sie einen
Totenkopf heraus, dessen Stirn ein groer eiserner Ring umgibt.  Nun
war's mit der Mutter am Ende; mit jedem Knochen, den sie
herausgegraben, hatte die Angst und das innere Lrmen sich gemehrt;
halb in Verzweiflung hatte sie nach dem Schdel gesucht, sein Anblick
gab ihr den Rest, sie warf den Spaten hin, und floh laut schreiend
dem Dorfe zu.  Joseph begriff die Mutter nicht, ihm war nie so wohl
in seiner Haut gewesen.  Als er den fremden Herrn fragen wollte, was
denn das bedeute, war dieser verschwunden; kopfschttelnd nahm Joseph
seine fnf Ringe um den Spaten, spielte noch ein wenig mit der
Knochenasche, und ging dann jubelnd dem Dorfe zu.  Die fnf Ringe
wurden spter bei den Gerichten deponiert, wo sie noch jetzt zu sehen
sind.

Als die Kommission die Untersuchung dieser Geschichte geendigt hatte,
ohne die Sache selbst ins reine gebracht zu haben, entschlo sich
eine hohe Amtsobrigkeit, durch die fnf Ringe aufgemuntert, den
verheienen fnf Truhen nachzuspren: es ward von Amts wegen weiter
nachgegraben.  Im November 1809, wo Erzhler die Grube selbst gesehn,
war man schon zu einer betrchtlichen Tiefe gelangt.  Da die weitere
Fortsetzung der Arbeit die Krfte gewhnlicher Tagelhner berstieg,
so lie man, um nicht den Vorwurf halber Maregeln auf sich zu laden,
endlich gar Bergleute kommen.  Diese erweiterten den Bau und trieben
Gnge rechts und links; nicht lange, so wollte man es haben hohl
klingen hren, man grub und grub; umsonst, die Truhen zeigten sich
nicht; man kam auf Schutt, die Hoffnung wuchs; der Schutt wurde
durchwhlt, er verlor sich, die Hoffnung sank.  In der Verlegenheit,
worin man sich befand, fiel es einem gescheiten Kopfe ein, da
Schtze ihre Kaprizen haben, die respektiert sein wollen, da sie
nicht jeder rohen Faust in die Hnde laufen, sondern sich nur von
sympathetischen Fingern berhren lassen, und tat daher den Vorschlag,
den Joseph kommen zu lassen, um knftig bei der Arbeit gegenwrtig zu
sein.

Da man schon im Dezember ziemlich weit vorgerckt war, so packte man
den armen Jungen warm ein, gab ihm einen kleinen Spaten in die Hand,
und hie ihm hin und her ein Schaufelchen Erde herausheben.  Man
versprach sich sehr viel von dieser List, doch es schien, als wre es
dem Geiste mehr um seine Knochen als um die Truhen zu tun gewesen,
denn auch die Gegenwart unsers Josephs verfing nichts.  Der
zunehmende Frost machte endlich dem Suchen ein Ende; im Frhjahr,
beschlo man, sollte die Arbeit fortgesetzt werden, hat es jedoch
unterlassen.  brigens hat der Geist gegen Joseph nicht ganz
undankbar gehandelt, als es auf den ersten Anblick scheinen mchte;
denn wenn er ihm auch den gehofften Schatz, den er ihm brigens nie
versprach, entrckte, so hatte er doch wahrscheinlich veranstaltet,
da die Leute von nah und von fern herbeistrmten, um den kleinen
Geisterseher zu sehn und reichlich zu beschenken.



Michael Kohlhaas

Aus einer alten Chronik
(1810)


An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten
Jahrhunderts, ein Rohndler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines
Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und
entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.--Dieser auerordentliche Mann
wrde, bis in sein dreiigstes Jahr fr das Muster eines guten
Staatsbrgers haben gelten knnen.  Er besa in einem Dorfe, das noch
von ihm den Namen fhrt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch
sein Gewerbe ruhig ernhrte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte,
erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht
einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohlttigkeit,
oder seiner Gerechtigkeit erfreut htte; kurz, die Welt wrde sein
Andenken haben segnen mssen, wenn er in einer Tugend nicht
ausgeschweift htte.  Das Rechtgefhl aber machte ihn zum Ruber und
Mrder.

Er ritt einst, mit einer Koppel junger Pferde, wohlgenhrt alle und
glnzend, ins Ausland, und berschlug eben, wie er den Gewinst, den
er auf den Mrkten damit zu machen hoffte, anlegen wolle: teils, nach
Art guter Wirte, auf neuen Gewinst, teils aber auch auf den Genu der
Gegenwart: als er an die Elbe kam, und bei einer stattlichen
Ritterburg, auf schsischem Gebiete, einen Schlagbaum traf, den er
sonst auf diesem Wege nicht gefunden hatte.  Er hielt, in einem
Augenblick, da eben der Regen heftig strmte, mit den Pferden still,
und rief den Schlagwrter, der auch bald darauf, mit einem grmlichen
Gesicht, aus dem Fenster sah.  Der Rohndler sagte, da er ihm
ffnen solle.  Was gibts hier Neues? fragte er, da der Zllner, nach
einer geraumen Zeit, aus dem Hause trat.  Landesherrliches
Privilegium, antwortete dieser, indem er aufschlo: dem Junker Wenzel
von Tronka verliehen.--So, sagte Kohlhaas.  Wenzel heit der Junker?
und sah sich das Schlo an, das mit glnzenden Zinnen ber das Feld
blickte.  Ist der alte Herr tot?--Am Schlagflu gestorben, erwiderte
der Zllner, indem er den Baum in die Hhe lie.--Hm!  Schade!
versetzte Kohlhaas.  Ein wrdiger alter Herr, der seine Freude am
Verkehr der Menschen hatte, Handel und Wandel, wo er nur vermochte,
forthalf, und einen Steindamm einst bauen lie, weil mir eine Stute,
drauen, wo der Weg ins Dorf geht, das Bein gebrochen.  Nun!  Was bin
ich schuldig?--fragte er; und holte die Groschen, die der Zollwrter
verlangte, mhselig unter dem im Winde flatternden Mantel hervor.
"Ja, Alter", setzte er noch hinzu, da dieser: hurtig! hurtig!
murmelte, und ber die Witterung fluchte: "wenn der Baum im Walde
stehen geblieben wre, wrs besser gewesen, fr mich und Euch"; und
damit gab er ihm das Geld und wollte reiten.  Er war aber noch kaum
unter den Schlagbaum gekommen, als eine neue Stimme schon: halt dort,
der Rokamm! hinter ihm vom Turm erscholl, und er den Burgvogt ein
Fenster zuwerfen und zu ihm herabeilen sah.  Nun, was gibts Neues?
fragte Kohlhaas bei sich selbst, und hielt mit den Pferden an.  Der
Burgvogt, indem er sich noch eine Weste ber seinen weitlufigen Leib
zuknpfte, kam, und fragte, schief gegen die Witterung gestellt, nach
dem Paschein.--Kohlhaas fragte: der Paschein?  Er sagte ein wenig
betreten, da er, soviel er wisse, keinen habe; da man ihm aber nur
beschreiben mchte, was dies fr ein Ding des Herrn sei: so werde er
vielleicht zuflligerweise damit versehen sein.  Der Schlovogt,
indem er ihn von der Seite ansah, versetzte, da ohne einen
landesherrlichen Erlaubnisschein, kein Rokamm mit Pferden ber die
Grenze gelassen wrde.  Der Rokamm versicherte, da er siebzehn Mal
in seinem Leben, ohne einen solchen Schein, ber die Grenze gezogen
sei; da er alle landesherrlichen Verfgungen, die sein Gewerbe
angingen, genau kennte; da dies wohl nur ein Irrtum sein wrde,
wegen dessen er sich zu bedenken bitte, und da man ihn, da seine
Tagereise lang sei, nicht lnger unntzer Weise hier aufhalten mge.
Doch der Vogt erwiderte, da er das achtzehnte Mal nicht
durchschlpfen wrde, da die Verordnung deshalb erst neuerlich
erschienen wre, und da er entweder den Paschein noch hier lsen,
oder zurckkehren msse, wo er hergekommen sei.  Der Rohndler, den
diese ungesetzlichen Erpressungen zu erbittern anfingen, stieg, nach
einer kurzen Besinnung, vom Pferde, gab es einem Knecht, und sagte,
da er den Junker von Tronka selbst darber sprechen wrde.  Er ging
auch auf die Burg; der Vogt folgte ihm, indem er von filzigen
Geldraffern und ntzlichen Aderlssen derselben murmelte; und beide
traten, mit ihren Blicken einander messend, in den Saal.  Es traf
sich, da der Junker eben, mit einigen muntern Freunden, beim Becher
sa, und, um eines Schwanks willen, ein unendliches Gelchter unter
ihnen erscholl, als Kohlhaas, um seine Beschwerde anzubringen, sich
ihm nherte.  Der Junker fragte, was er wolle; die Ritter, als sie
den fremden Mann erblickten, wurden still; doch kaum hatte dieser
sein Gesuch, die Pferde betreffend, angefangen, als der ganze Tro
schon: Pferde?  Wo sind sie? ausrief, und an die Fenster eilte, um
sie zu betrachten.  Sie flogen, da sie die glnzende Koppel sahen,
auf den Vorschlag des Junkers, in den Hof hinab; der Regen hatte
aufgehrt; Schlovogt und Verwalter und Knechte versammelten sich um
sie, und alle musterten die Tiere.  Der eine lobte den Schweifuchs
mit der Blesse, dem andern gefiel der Kastanienbraune, der dritte
streichelte den Schecken mit schwarzgelben Flecken; und alle meinten,
da die Pferde wie Hirsche wren, und im Lande keine bessern gezogen
wrden.  Kohlhaas erwiderte munter, da die Pferde nicht besser wren,
als die Ritter, die sie reiten sollten; und forderte sie auf, zu
kaufen.  Der Junker, den der mchtige Schweihengst sehr reizte,
befragte ihn auch um den Preis; der Verwalter lag ihm an, ein Paar
Rappen zu kaufen, die er, wegen Pferdemangels, in der Wirtschaft
gebrauchen zu knnen glaubte; doch als der Rokamm sich erklrt hatte,
fanden die Ritter ihn zu teuer, und der Junker sagte, da er nach
der Tafelrunde reiten und sich den Knig Arthur aufsuchen msse, wenn
er die Pferde so anschlage.  Kohlhaas, der den Schlovogt und den
Verwalter, indem sie sprechende Blicke auf die Rappen warfen, mit
einander flstern sah, lie es, aus einer dunkeln Vorahndung, an
nichts fehlen, die Pferde an sie los zu werden.  Er sagte zum Junker:
"Herr, die Rappen habe ich vor sechs Monaten fr 25 Goldglden
gekauft; gebt mir 30, so sollt Ihr sie haben." Zwei Ritter, die neben
dem Junker standen, uerten nicht undeutlich, da die Pferde wohl so
viel wert wren; doch der Junker meinte, da er fr den Schweifuchs
wohl, aber nicht eben fr die Rappen, Geld ausgeben mchte, und
machte Anstalten, aufzubrechen; worauf Kohlhaas sagte, er wrde
vielleicht das nchste Mal, wenn er wieder mit seinen Gaulen
durchzge, einen Handel mit ihm machen; sich dem Junker empfahl, und
die Zgel seines Pferdes ergriff, um abzureisen.  In diesem
Augenblick trat der Schlovogt aus dem Haufen vor, und sagte, er hre,
da er ohne einen Paschein nicht reisen drfe.  Kohlhaas wandte
sich und fragte den Junker, ob es denn mit diesem Umstand, der sein
ganzes Gewerbe zerstre, in der Tat seine Richtigkeit habe?  Der
Junker antwortete, mit einem verlegnen Gesicht, indem er abging: ja,
Kohlhaas, den Pa mut du lsen.  Sprich mit dem Schlovogt, und zieh
deiner Wege.  Kohlhaas versicherte ihn, da es gar nicht seine
Absicht sei, die Verordnungen, die wegen Ausfhrung der Pferde
bestehen mchten, zu umgehen; versprach, bei seinem Durchzug durch
Dresden, den Pa in der Geheimschreiberei zu lsen, und bat, ihn nur
diesmal, da er von dieser Forderung durchaus nichts gewut, ziehen zu
lassen.  Nun! sprach der Junker, da eben das Wetter wieder zu strmen
anfing, und seine drren Glieder durchsauste: lat den Schlucker
laufen.  Kommt! sagte er zu den Rittern, kehrte sich um, und wollte
nach dem Schlosse gehen.  Der Schlovogt sagte, zum Junker gewandt,
da er wenigstens ein Pfand, zur Sicherheit, da er den Schein lsen
wrde, zurcklassen msse.  Der Junker blieb wieder unter dem
Schlotor stehen.  Kohlhaas fragte, welchen Wert er denn, an Geld
oder an Sachen, zum Pfande, wegen der Rappen, zurcklassen solle?
Der Verwalter meinte, in den Bart murmelnd, er knne ja die Rappen
selbst zurcklassen.  Allerdings, sagte der Schlovogt, das ist das
Zweckmigste; ist der Pa gelst, so kann er sie zu jeder Zeit
wieder abholen.  Kohlhaas, ber eine so unverschmte Forderung
betreten, sagte dem Junker, der sich die Wamssche frierend vor den
Leib hielt, da er die Rappen ja verkaufen wolle; doch dieser, da in
demselben Augenblick ein Windsto eine ganze Last von Regen und Hagel
durchs Tor jagte, rief, um der Sache ein Ende zu machen: wenn er die
Pferde nicht loslassen will, so schmeit ihn wieder ber den
Schlagbaum zurck; und ging ab.  Der Rokamm, der wohl sah, da er
hier der Gewaltttigkeit weichen mute, entschlo sich, die Forderung,
weil doch nichts anders brig blieb, zu erfllen; spannte die Rappen
aus, und fhrte sie in einen Stall, den ihm der Schlovogt anwies.
Er lie einen Knecht bei ihnen zurck, versah ihn mit Geld, ermahnte
ihn, die Pferde, bis zu seiner Zurckkunft, wohl in acht zu nehmen,
und setzte seine Reise, mit dem Rest der Koppel, halb und halb
ungewi, ob nicht doch wohl, wegen aufkeimender Pferdezucht, ein
solches Gebot, im Schsischen, erschienen sein knne nach Leipzig, wo
er auf die Messe wollte, fort.

In Dresden, wo er, in einer der Vorstdte der Stadt, ein Haus mit
einigen Stllen besa, weil er von hier aus seinen Handel auf den
kleineren Mrkten des Landes zu bestreiten pflegte, begab er sich,
gleich nach seiner Ankunft, auf die Geheimschreiberei, wo er von den
Rten, deren er einige kannte, erfuhr, was ihm allerdings sein erster
Glaube schon gesagt hatte, da die Geschichte von dem Paschein ein
Mrchen sei.  Kohlhaas, dem die mivergngten Rte, auf sein Ansuchen,
einen schriftlichen Schein ber den Ungrund derselben gaben,
lchelte ber den Witz des drren Junkers, obschon er noch nicht
recht einsah, was er damit bezwecken mochte; und die Koppel der
Pferde, die er bei sich fhrte, einige Wochen darauf, zu seiner
Zufriedenheit, verkauft, kehrte er, ohne irgend weiter ein bitteres
Gefhl, als das der allgemeinen Not der Welt, zur Tronkenburg zurck.
Der Schlovogt, dem er den Schein zeigte, lie sich nicht weiter
darber aus, und sagte, auf die Frage des Rokamms, ob er die Pferde
jetzt wieder bekommen knne: er mchte nur hinunter gehen und sie
holen.  Kohlhaas hatte aber schon, da er ber den Hof ging, den
unangenehmen Auftritt, zu erfahren, da sein Knecht, ungebhrlichen
Betragens halber, wie es hie, wenige Tage nach dessen Zurcklassung
in der Tronkenburg, zerprgelt und weggejagt worden sei.  Er fragte
den Jungen, der ihm diese Nachricht gab, was denn derselbe getan? und
wer whrend dessen die Pferde besorgt htte? worauf dieser aber
erwiderte, er wisse es nicht, und darauf dem Rokamm, dem das Herz
schon von Ahnungen schwoll, den Stall, in welchem sie standen,
ffnete.  Wie gro war aber sein Erstaunen, als er, statt seiner zwei
glatten und wohlgenhrten Rappen, ein Paar drre, abgehrmte Mhren
erblickte; Knochen, denen man, wie Riegeln, htte Sachen aufhngen
knnen; Mhnen und Haare, ohne Wartung und Pflege, zusammengeknetet:
das wahre Bild des Elends im Tierreiche!  Kohlhaas, den die Pferde,
mit einer schwachen Bewegung, anwieherten, war auf das uerste
entrstet, und fragte, was seinen Gaulen widerfahren wre?  Der Junge,
der bei ihm stand, antwortete, da ihnen weiter kein Unglck
zugestoen wre, da sie auch das gehrige Futter bekommen htten,
da sie aber, da gerade Ernte gewesen sei, wegen Mangels an Zugvieh,
ein wenig auf den Feldern gebraucht worden wren.  Kohlhaas fluchte
ber diese schndliche und abgekartete Gewaltttigkeit, verbi jedoch,
im Gefhl seiner Ohnmacht, seinen Ingrimm, und machte schon, da doch
nichts anders brig blieb, Anstalten, das Raubnest mit den Pferden
nur wieder zu verlassen, als der Schlovogt, von dem Wortwechsel
herbeigerufen, erschien, und fragte, was es hier gbe?  Was es gibt?
antwortete Kohlhaas.  Wer hat dem Junker von Tronka und dessen Leuten
die Erlaubnis gegeben, sich meiner bei ihm zurckgelassenen Rappen
zur Feldarbeit zu bedienen?  Er setzte hinzu, ob das wohl menschlich
wre? versuchte, die erschpften Gaule durch einen Gertenstreich zu
erregen, und zeigte ihm, da sie sich nicht rhrten.  Der Schlovogt,
nachdem er ihn eine Weile trotzig angesehen hatte, versetzte: seht
den Grobian!  Ob der Flegel nicht Gott danken sollte, da die Mhren
berhaupt noch leben?  Er fragte, wer sie, da der Knecht weggelaufen,
htte pflegen sollen?  Ob es nicht billig gewesen wre, da die
Pferde das Futter, das man ihnen gereicht habe, auf den Feldern
abverdient htten?  Er schlo, da er hier keine Flausen machen
mchte, oder da er die Hunde rufen, und sich durch sie Ruhe im Hofe
zu verschaffen wissen wrde.--Dem Rohndler schlug das Herz gegen
den Wams.  Es drngte ihn, den nichtswrdigen Dickwanst in den Kot zu
werfen, und den Fu auf sein kupfernes Antlitz zu setzen.  Doch sein
Rechtgefhl, das einer Goldwaage glich, wankte noch; er war, vor der
Schranke seiner eigenen Brust, noch nicht gewi, ob eine Schuld
seinen Gegner drcke; und whrend er, die Schimpfreden
niederschluckend, zu den Pferden trat, und ihnen, in stiller Erwgung
der Umstnde, die Mhnen zurecht legte, fragte er mit gesenkter
Stimme: um welchen Versehens halber der Knecht denn aus der Burg
entfernt worden sei?  Der Schlovogt erwiderte: weil der Schlingel
trotzig im Hofe gewesen ist!  Weil er sich gegen einen notwendigen
Stallwechsel gestrubt, und verlangt hat, da die Pferde zweier
Jungherren, die auf die Tronkenburg kamen, um seiner Mhren willen,
auf der freien Strae bernachten sollten!--Kohlhaas htte den Wert
der Pferde darum gegeben, wenn er den Knecht zur Hand gehabt, und
dessen Aussage mit der Aussage dieses dickmuligen Burgvogts htte
vergleichen knnen.  Er stand noch, und streifte den Rappen die
Zoddeln aus, und sann, was in seiner Lage zu tun sei, als sich die
Szene pltzlich nderte, und der Junker Wenzel von Tronka, mit einem
Schwarm von Rittern, Knechten und Hunden, von der Hasenhetze kommend,
in den Schloplatz sprengte.  Der Schlovogt, als er fragte, was
vorgefallen sei, nahm sogleich das Wort, und whrend die Hunde, beim
Anblick des Fremden, von der einen Seite, ein Mordgeheul gegen ihn
anstimmten, und die Ritter ihnen, von der andern, zu schweigen
geboten, zeigte er ihm, unter der gehssigsten Entstellung der Sache,
an, was dieser Rokamm, weil seine Rappen ein wenig gebraucht worden
wren, fr eine Rebellion verfhre.  Er sagte, mit Hohngelchter, da
er sich weigere, die Pferde als die seinigen anzuerkennen.  Kohlhaas
rief: "das sind nicht meine Pferde, gestrenger Herr!  Das sind die
Pferde nicht, die dreiig Goldglden wert waren!  Ich will meine
wohlgenhrten und gesunden Pferde wieder haben!"--Der Junker, indem
ihm eine flchtige Blsse ins Gesicht trat, stieg vom Pferde, und
sagte: wenn der H...  A... die Pferde nicht wiedernehmen will, so mag
er es bleiben lassen.  Komm, Gnther! rief er--Hans!  Kommt! indem er
sich den Staub mit der Hand von den Beinkleidern schttelte; und:
schafft Wein! rief er noch, da er mit den Rittern unter der Tr war;
und ging ins Haus.  Kohlhaas sagte, da er eher den Abdecker rufen,
und die Pferde auf den Schindanger schmeien lassen, als sie so, wie
sie wren, in seinen Stall zu Kohlhaasenbrck fhren wolle.  Er lie
die Gaule, ohne sich um sie zu bekmmern, auf dem Platz stehen,
schwang sich, indem er versicherte, da er sich Recht zu verschaffen
wissen wrde, auf seinen Braunen, und ritt davon.

Spornstreichs auf dem Wege nach Dresden war er schon, als er, bei dem
Gedanken an den Knecht, und an die Klage, die man auf der Burg gegen
ihn fhrte, schrittweis zu reiten anfing, sein Pferd, ehe er noch
tausend Schritt gemacht hatte, wieder wandte, und zur vorgngigen
Vernehmung des Knechts, wie es ihm klug und gerecht schien, nach
Kohlhaasenbrck einbog.  Denn ein richtiges, mit der gebrechlichen
Einrichtung der Welt schon bekanntes Gefhl machte ihn, trotz der
erlittenen Beleidigungen, geneigt, falls nur wirklich dem Knecht, wie
der Schlovogt behauptete, eine Art von Schuld beizumessen sei, den
Verlust der Pferde, als eine gerechte Folge davon, zu verschmerzen.
Dagegen sagte ihm ein ebenso vertreffliches Gefhl, und dies Gefhl
fate tiefere und tiefere Wurzeln, in dem Mae, als er weiter ritt,
und berall, wo er einkehrte, von den Ungerechtigkeiten hrte, die
tglich auf der Tronkenburg gegen die Reisenden verbt wurden: da
wenn der ganze Vorfall, wie es allen Anschein habe, blo abgekartet
sein sollte, er mit seinen Krften der Welt in der Pflicht verfallen
sei, sich Genugtuung fr die erlittene Krnkung, und Sicherheit fr
zuknftige seinen Mitbrgern zu verschaffen.

Sobald er, bei seiner Ankunft in Kohlhaasenbrck, Lisbeth, sein
treues Weib, umarmt, und seine Kinder, die um seine Kniee frohlockten,
gekt hatte, fragte er gleich nach Herse, dem Groknecht: und ob
man nichts von ihm gehrt habe?  Lisbeth sagte: ja liebster Michael,
dieser Herse!  Denke dir, da dieser unselige Mensch, vor etwa
vierzehn Tagen, auf das jmmerlichste zerschlagen, hier eintrifft;
nein, so zerschlagen, da er auch nicht frei atmen kann.  Wir bringen
ihn zu Bett, wo er heftig Blut speit, und vernehmen, auf unsre
wiederholten Fragen, eine Geschichte, die keiner versteht.  Wie er
von dir mit Pferden, denen man den Durchgang nicht verstattet, auf
der Tronkenburg zurckgelassen worden sei, wie man ihn, durch die
schndlichsten Mihandlungen, gezwungen habe, die Burg zu verlassen,
und wie es ihm unmglich gewesen wre, die Pferde mitzunehmen.  So?
sagte Kohlhaas, indem er den Mantel ablegte.  Ist er denn schon
wieder hergestellt?--Bis auf das Blutspeien, antwortete sie, halb und
halb.  Ich wollte sogleich einen Knecht nach der Tronkenburg schicken,
um die Pflege der Rosse, bis zu deiner Ankunft daselbst, besorgen zu
lassen.  Denn da sich der Herse immer wahrhaftig gezeigt hat, und so
getreu uns, in der Tat wie kein anderer, so kam es mir nicht zu, in
seine Aussage, von so viel Merkmalen untersttzt, einen Zweifel zu
setzen, und etwa zu glauben, da er der Pferde auf eine andere Art
verlustig gegangen wre.  Doch er beschwrt mich, niemandem zuzumuten,
sich in diesem Raubneste zu zeigen, und die Tiere aufzugeben, wenn
ich keinen Menschen dafr aufopfern wolle.--Liegt er denn noch im
Bette? fragte Kohlhaas, indem er sich von der Halsbinde befreite.--Er
geht, erwiderte sie, seit einigen Tagen schon wieder im Hofe umher.
Kurz, du wirst sehen, fuhr sie fort, da alles seine Richtigkeit hat,
und da diese Begebenheit einer von den Freveln ist, die man sich
seit kurzem auf der Tronkenburg gegen die Fremden erlaubt.--Das mu
ich doch erst untersuchen, erwiderte Kohlhaas.  Ruf ihn mir, Lisbeth,
wenn er auf ist, doch her!  Mit diesen Worten setzte er sich in den
Lehnstuhl; und die Hausfrau, die sich ber seine Gelassenheit sehr
freute, ging, und holte den Knecht.

Was hast du in der Tronkenburg gemacht? fragte Kohlhaas, da Lisbeth
mit ihm in das Zimmer trat.  Ich bin nicht eben wohl mit dir
zufrieden.--Der Knecht, auf dessen blassem Gesicht sich, bei diesen
Worten, eine Rte fleckig zeigte, schwieg eine Weile; und: da habt
Ihr recht, Herr! antwortete er; denn einen Schwefelfaden, den ich
durch Gottes Fgung bei mir trug, um das Raubnest, aus dem ich
verjagt worden war, in Brand zu stecken, warf ich, als ich ein Kind
darin jammern hrte, in das Elbwasser, und dachte: mag es Gottes
Blitz einschern; ich wills nicht!--Kohlhaas sagte betroffen: wodurch
aber hast du dir die Verjagung aus der Tronkenburg zugezogen?  Drauf
Herse: durch einen schlechten Streich, Herr; und trocknete sich den
Schwei von der Stirn: Geschehenes ist aber nicht zu ndern.  Ich
wollte die Pferde nicht auf der Feldarbeit zu Grunde richten lassen,
und sagte, da sie noch jung wren und nicht gezogen htten.
--Kohlhaas erwiderte, indem er seine Verwirrung zu verbergen suchte,
da er hierin nicht ganz die Wahrheit gesagt, indem die Pferde schon
zu Anfange des verflossenen Frhjahrs ein wenig im Geschirr gewesen
wren.  Du httest dich auf der Burg, fuhr er fort, wo du doch eine
Art von Gast warest, schon ein oder etliche Mal, wenn gerade, wegen
schleunigst Einfhrung der Ernte Not war, gefllig zeigen knnen.
--Das habe ich auch getan, Herr, sprach Herse.  Ich dachte, da sie
mir grmliche Gesichter machten, es wird doch die Rappen just nicht
kosten.  Am dritten Vormittag spannt ich sie vor, und drei Fuhren
Getreide fhrt ich ein.  Kohlhaas, dem das Herz emporquoll, schlug
die Augen zu Boden, und versetzte: davon hat man mir nichts gesagt,
Herse!--Herse versicherte ihn, da es so sei.  Meine Ungeflligkeit,
sprach er, bestand darin, da ich die Pferde, als sie zu Mittag kaum
ausgefressen hatten, nicht wieder ins Joch spannen wollte; und da
ich dem Schlovogt und dem Verwalter, als sie mir vorschlugen frei
Futter dafr anzunehmen, und das Geld, das Ihr mir fr Futterkosten
zurckgelassen hattet, in den Sack zu stecken, antwortete--ich wrde
ihnen sonst was tun; mich umkehrte und wegging.--Um dieser
Ungeflligkeit aber, sagte Kohlhaas, bist du von der Tronkenburg
nicht weggejagt worden.--Behte Gott, rief der Knecht, um eine
gottvergessene Missetat!  Denn auf den Abend wurden die Pferde zweier
Ritter, welche auf die Tronkenburg kamen, in den Stall gefhrt, und
meine an die Stalltr angebunden.  Und da ich dem Schlovogt, der sie
daselbst einquartierte, die Rappen aus der Hand nahm, und fragte, wo
die Tiere jetzo bleiben sollten, so zeigte er mir einen Schweinekoben
an, der von Latten und Brettern an der Schlomauer auferbaut war.--Du
meinst, unterbrach ihn Kohlhaas, es war ein so schlechtes Behltnis
fr Pferde, da es einem Schweinekoben hnlicher war, als einem Stall.
--Es war ein Schweinekoben, Herr, antwortete Herse; wirklich und
wahrhaftig ein Schweinekoben, in welchem die Schweine aus- und
einliefen, und ich nicht aufrecht stehen konnte.--Vielleicht war
sonst kein Unterkommen fr die Rappen aufzufinden, versetzte Kohlhaas;
die Pferde der Ritter gingen, auf eine gewisse Art, vor.--Der Platz,
erwiderte der Knecht, indem er die Stimme fallen lie, war eng.  Es
hauseten jetzt in allem sieben Ritter auf der Burg.  Wenn Ihr es
gewesen wret, Ihr httet die Pferde ein wenig zusammenrcken lassen.
Ich sagte, ich wolle mir im Dorf einen Stall zu mieten suchen; doch
der Schlovogt versetzte, da er die Pferde unter seinen Augen
behalten msse, und da ich mich nicht unterstehen solle, sie vom
Hofe wegzufhren.--Hm! sagte Kohlhaas.  Was gabst du darauf an?--Weil
der Verwalter sprach, die beiden Gste wrden blo bernachten, und
am andern Morgen weiter reiten, so fhrte ich die Pferde in den
Schweinekoben hinein.  Aber der folgende Tag verflo, ohne da es
geschah; und als der dritte anbrach, hie es, die Herren wrden noch
einige Wochen auf der Burg verweilen.--Am Ende wars nicht so schlimm,
Herse, im Schweinekoben, sagte Kohlhaas, als es dir, da du zuerst die
Nase hineinstecktest, vorkam.--'s ist wahr, erwiderte jener.  Da ich
den Ort ein bissel ausfegte, gings an.  Ich gab der Magd einen
Groschen, da sie die Schweine woanders einstecke.  Und den Tag ber
bewerkstelligte ich auch, da die Pferde aufrecht stehen konnten,
indem ich die Bretter oben, wenn der Morgen dmmerte, von den Latten
abnahm, und abends wieder auflegte.  Sie guckten nun, wie Gnse, aus
dem Dach vor, und sahen sich nach Kohlhaasenbrck, oder sonst, wo es
besser ist, um.--Nun denn, fragte Kohlhaas, warum also, in aller Welt,
jagte man dich fort?--Herr, ich sags Euch, versetzte der Knecht,
weil man meiner los sein wollte.  Weil sie die Pferde, so lange ich
dabei war, nicht zu Grunde richten konnten. berall schnitten sie mir,
im Hofe und in der Gesindestube, widerwrtige Gesichter; und weil
ich dachte, zieht ihr die Muler, da sie verrenken, so brachen sie
die Gelegenheit vom Zaune, und warfen mich vom Hofe herunter.--Aber
die Veranlassung! rief Kohlhaas.  Sie werden doch irgend eine
Veranlassung gehabt haben!--O allerdings, antwortete Herse, und die
allergerechteste.  Ich nahm, am Abend des zweiten Tages, den ich im
Schweinekoben zugebracht, die Pferde, die sich darin doch zugesudelt
hatten, und wollte sie zur Schwemme reiten.  Und da ich eben unter
dem Schlotore bin, und mich wenden will, hr ich den Vogt und den
Verwalter, mit Knechten, Hunden und Prgeln, aus der Gesindestube
hinter mir herstrzen, und: halt, den Spitzbuben! rufen: halt, den
Galgenstrick! als ob sie besessen wren.  Der Torwchter tritt mir in
den Weg; und da ich ihn und den rasenden Haufen, der auf mich anluft,
frage: was auch gibts? was es gibt? antwortete der Schlovogt; und
greift meinen beiden Rappen in den Zgel.  Wo will Er hin mit den
Pferden? fragt er, und packt mich an die Brust.  Ich sage, wo ich hin
will?  Himmeldonner!  Zur Schwemme will ich reiten.  Denkt Er, da
ich--?  Zur Schwemme? ruft der Schlovogt.  Ich will dich, Gauner,
auf der Heerstrae, nach Kohlhaasenbrck schwimmen lehren! und
schmeit mich, mit einem hmischen Mordzug, er und der Verwalter, der
mir das Bein gefat hat, vom Pferd herunter, da ich mich, lang wie
ich bin, in den Kot messe.  Mord!  Hagel! ruf ich, Sielzeug und
Decken liegen, und ein Bndel Wsche von mir, im Stall; doch er und
die Knechte, indessen der Verwalter die Pferde wegfhrt, mit Fen
und Peitschen und Prgeln ber mich her, da ich halbtot hinter dem
Schlotor niedersinke.  Und da ich sage: die Raubhunde!  Wo fhren
sie mir die Pferde hin? und mich erhebe: heraus aus dem Schlohof!
schreit der Vogt, und: hetz, Kaiser! hetz, Jger! erschallt es, und:
hetz, Spitz! und eine Koppel von mehr denn zwlf Hunden fllt ber
mich her.  Drauf brech ich, war es eine Latte, ich wei nicht was,
vom Zaune, und drei Hunde tot streck ich neben mir nieder; doch da
ich, von jmmerlichen Zerfleischungen geqult, weichen mu: Flt!
gellt eine Pfeife; die Hunde in den Hof, die Torflgel zusammen, der
Riegel vor: und auf der Strae ohnmchtig sink ich nieder.--Kohlhaas
sagte, bleich im Gesicht, mit erzwungener Schelmerei: hast du auch
nicht entweichen wollen, Herse?  Und da dieser, mit dunkler Rte, vor
sich niedersah: gesteh mirs, sagte er; es gefiel dir im Schweinekoben
nicht; du dachtest, im Stall zu Kohlhaasenbrck ists doch besser.
--Himmelschlag! rief Herse: Sielzeug und Decken lie ich ja, und
einen Bndel Wsche, im Schweinekoben zurck.  Wrd ich drei
Reichsglden nicht zu mir gesteckt haben, die ich, im rotseidnen
Halstuch, hinter der Krippe versteckt hatte?  Blitz, Hll und Teufel!
Wenn Ihr so sprecht, so mcht ich nur gleich den Schwefelfaden, den
ich wegwarf, wieder anznden!  Nun, nun! sagte der Rohndler; es war
eben nicht bse gemeint!  Was du gesagt hast, schau, Wort fr Wort,
ich glaub es dir; und das Abendmahl, wenn es zur Sprache kommt, will
ich selbst nun darauf nehmen.  Es tut mir leid, da es dir in meinen
Diensten nicht besser ergangen ist; geh, Herse, geh zu Bett, la dir
eine Flasche Wein geben, und trste dich: dir soll Gerechtigkeit
widerfahren!  Und damit stand er auf, fertigte ein Verzeichnis der
Sachen an, die der Groknecht im Schweinekoben zurckgelassen;
spezifizierte den Wert derselben, fragte ihn auch, wie hoch er die
Kurkosten anschlage; und lie ihn, nachdem er ihm noch einmal die
Hand gereicht, abtreten.

Hierauf erzhlte er Lisbeth, seiner Frau, den ganzen Verlauf und
inneren Zusammenhang der Geschichte, erklrte ihr, wie er
entschlossen sei, die ffentliche Gerechtigkeit fr sich aufzufordern,
und hatte die Freude, zu sehen, da sie ihn, in diesem Vorsatz, aus
voller Seele bestrkte.  Denn sie sagte, da noch mancher andre
Reisende, vielleicht minder duldsam, als er, ber jene Burg ziehen
wrde; da es ein Werk Gottes wre, Unordnungen, gleich diesen,
Einhalt zu tun; und da sie die Kosten, die ihm die Fhrung des
Prozesses verursachen wrde, schon beitreiben wolle.  Kohlhaas nannte
sie ein wackeres Weib, erfreute sich diesen und den folgenden Tag in
ihrer und seiner Kinder Mitte, und brach sobald es seine Geschfte
irgend zulieen, nach Dresden auf, um seine Klage vor Gericht zu
bringen.

Hier verfate er, mit Hlfe eines Rechtsgelehrten, den er kannte,
eine Beschwerde, in welcher er, nach einer umstndlichen Schilderung
des Frevels, den der Junker Wenzel von Tronka, an ihm sowohl, als an
seinem Knecht Herse, verbt hatte, auf gesetzmige Bestrafung
desselben, Wiederherstellung der Pferde in den vorigen Stand, und auf
Ersatz des Schadens antrug, den er sowohl, als sein Knecht, dadurch
erlitten hatten.  Die Rechtssache war in der Tat klar.  Der Umstand,
da die Pferde gesetzwidriger Weise festgehalten worden waren, warf
ein entscheidendes Licht auf alles brige; und selbst wenn man htte
annehmen wollen, da die Pferde durch einen bloen Zufall erkrankt
wren, so wrde die Forderung des Rokamms, sie ihm gesund wieder
zuzustellen, noch gerecht gewesen sein.  Es fehlte Kohlhaas auch,
whrend er sich in der Residenz umsah, keineswegs an Freunden, die
seine Sache lebhaft zu untersttzen versprachen; der ausgebreitete
Handel, den er mit Pferden trieb, hatte ihm die Bekanntschaft, und
die Redlichkeit, mit welcher er dabei zu Werke ging, ihm das
Wohlwollen der bedeutendsten Mnner des Landes verschafft.  Er
speisete bei seinem Advokaten, der selbst ein ansehnlicher Mann war,
mehrere Mal heiter zu Tisch; legte eine Summe Geldes, zur Bestreitung
der Prozekosten, bei ihm nieder; und kehrte, nach Verlauf einiger
Wochen, vllig von demselben ber den Ausgang seiner Rechtssache
beruhigt, zu Lisbeth, seinem Weibe, nach Kohlhaasenbrck zurck.
Gleichwohl vergingen Monate, und das Jahr war daran, abzuschlieen,
bevor er, von Sachsen aus, auch nur eine Erklrung ber die Klage,
die er daselbst anhngig gemacht hatte, geschweige denn die
Resolution selbst, erhielt.  Er fragte, nachdem er mehrere Male von
neuem bei dem Tribunal eingekommen war, seinen Rechtsgehlfen, in
einem vertrauten Briefe, was eine so bergroe Verzgerung verursache;
und erfuhr, da die Klage, auf eine hhere Insinuation, bei dem
Dresdner Gerichtshofe, gnzlich niedergeschlagen worden sei.--Auf die
befremdete Rckschrift des Rokamms, worin dies seinen Grund habe,
meldete ihm jener: da der Junker Wenzel von Tronka mit zwei
Jungherren, Hinz und Kunz von Tronka, verwandt sei, deren einer, bei
der Person des Herrn, Mundschenk, der andre gar Kmmerer sei.--Er
riet ihm noch, er mchte, ohne weitere Bemhungen bei der
Rechtsinstanz, seiner, auf der Tronkenburg befindlichen, Pferde
wieder habhaft zu werden suchen; gab ihm zu verstehen, da der Junker,
der sich jetzt in der Hauptstadt aufhalte, seine Leute angewiesen zu
haben scheine, sie ihm auszuliefern; und schlo mit dem Gesuch, ihn
wenigstens, falls er sich hiermit nicht beruhigen wolle, mit ferneren
Auftrgen in dieser Sache zu verschonen.

Kohlhaas befand sich um diese Zeit gerade in Brandenburg, wo der
Stadthauptmann, Heinrich von Geusau, unter dessen Regierungsbezirk
Kohlhaasenbrck gehrte, eben beschftigt war, aus einem
betrchtlichen Fonds, der der Stadt zugefallen war, mehrere
wohlttige Anstalten, fr Kranke und Arme, einzurichten.  Besonders
war er bemht, einen mineralischen Quell, der auf einem Dorf in der
Gegend sprang, und von dessen Heilkrften man sich mehr, als die
Zukunft nachher bewhrte, versprach, fr den Gebrauch der Prehaften
einzurichten; und da Kohlhaas ihm, wegen manchen Verkehrs, in dem er,
zur Zeit seines Aufenthalts am Hofe, mit demselben gestanden hatte,
bekannt war, so erlaubte er Hersen, dem Groknecht, dem ein Schmerz
beim Atemholen ber der Brust, seit jenem schlimmen Tage auf der
Tronkenburg, zurckgeblieben war, die Wirkung der kleinen, mit Dach
und Einfassung versehenen, Heilquelle zu versuchen.  Es traf sich,
da der Stadthauptmann eben, am Rande des Kessels, in welchen
Kohlhaas den Herse gelegt hatte, gegenwrtig war, um einige
Anordnungen zu treffen, als jener, durch einen Boten, den ihm seine
Frau nachschickte, den niederschlagenden Brief seines Rechtsgehlfen
aus Dresden empfing.  Der Stadthauptmann, der, whrend er mit dem
Arzte sprach, bemerkte, da Kohlhaas eine Trne auf den Brief, den er
bekommen und erffnet hatte, fallen lie, nherte sich ihm, auf eine
freundliche und herzliche Weise, und fragte ihn, was fr ein Unfall
ihn betroffen; und da der Rohndler ihm, ohne ihm zu antworten, den
Brief berreichte: so klopfte ihm dieser wrdige Mann, dem die
abscheuliche Ungerechtigkeit, die man auf der Tronkenburg an ihm
verbt hatte, und an deren Folgen Herse eben, vielleicht auf die
Lebenszeit, krank danieder lag, bekannt war, auf die Schulter, und
sagte ihm: er solle nicht mutlos sein; er werde ihm zu seiner
Genugtuung verhelfen!  Am Abend, da sich der Rokamm, seinem Befehl
gem, zu ihm aufs Schlo begeben hatte, sagte er ihm, da er nur
eine Supplik, mit einer kurzen Darstellung des Vorfalls, an den
Kurfrsten von Brandenburg aufsetzen, den Brief des Advokaten
beilegen, und wegen der Gewaltttigkeit, die man sich, auf
schsischem Gebiet, gegen ihn erlaubt, den landesherrlichen Schutz
aufrufen mchte.  Er versprach ihm, die Bittschrift, unter einem
anderen Paket, das schon bereit liege, in die Hnde des Kurfrsten zu
bringen, der seinethalb unfehlbar, wenn es die Verhltnisse zulieen,
bei dem Kurfrsten von Sachsen einkommen wrde; und mehr als eines
solchen Schrittes bedrfe es nicht, um ihm bei dem Tribunal in
Dresden, den Knsten des Junkers und seines Anhanges zum Trotz,
Gerechtigkeit zu verschaffen.  Kohlhaas lebhaft erfreut, dankte dem
Stadthauptmann, fr diesen neuen Beweis seiner Gewogenheit, aufs
herzlichste; sagte, es tue ihm nur leid, da er nicht, ohne irgend
Schritte in Dresden zu tun, seine Sache gleich in Berlin anhngig
gemacht habe; und nachdem er, in der Schreiberei des Stadtgerichts,
die Beschwerde, ganz den Forderungen gem, verfat, und dem
Stadthauptmann bergeben hatte, kehrte er, beruhigter ber den
Ausgang seiner Geschichte, als je, nach Kohlhaasenbrck zurck.  Er
hatte aber schon, in wenig Wochen, den Kummer, durch einen
Gerichtsherrn, der in Geschften des Stadthauptmanns nach Potsdam
ging, zu erfahren, da der Kurfrst die Supplik seinem Kanzler, dem
Grafen Kallheim, bergeben habe, und da dieser nicht unmittelbar,
wie es zweckmig schien, bei dem Hofe zu Dresden, um Untersuchung
und Bestrafung der Gewalttat, sondern um vorlufige, nhere
Information bei dem Junker von Tronka eingekommen sei.  Der
Gerichtsherr, der, vor Kohlhaasens Wohnung, im Wagen haltend, den
Auftrag zu haben schien, dem Rohndler diese Erffnung zu machen,
konnte ihm auf die betroffene Frage: warum man also verfahren? keine
befriedigende Auskunft geben.  Er fgte nur noch hinzu: der
Stadthauptmann liee ihm sagen, er mchte sich in Geduld fassen;
schien bedrngt, seine Reise fortzusetzen; und erst am Schlu der
kurzen Unterredung erriet Kohlhaas, aus einigen hingeworfenen Worten,
da der Graf Kallheim mit dem Hause derer von Tronka verschwgert sei.
--Kohlhaas, der keine Freude mehr, weder an seiner Pferdezucht, noch
an Haus und Hof, kaum an Weib und Kind hatte, durchharrte, in trber
Ahndung der Zukunft, den nchsten Mond; und ganz seiner Erwartung
gem kam, nach Verlauf dieser Zeit, Herse, dem das Bad einige
Linderung verschafft hatte, von Brandenburg zurck, mit einem, ein
greres Reskript begleitenden, Schreiben des Stadthauptmanns, des
Inhalts: es tue ihm leid, da er nichts in seiner Sache tun knne; er
schicke ihm eine, an ihn ergangene, Resolution der Staatskanzlei, und
rate ihm, die Pferde, die er in der Tronkenburg zurckgelassen,
wieder abfhren, und die Sache brigens ruhen zu lassen.--Die
Resolution lautete: "er sei, nach dem Bericht des Tribunals in
Dresden, ein unntzer Querulant; der Junker, bei dem er die Pferde
zurckgelassen, halte ihm dieselben, auf keine Weise, zurck; er
mchte nach der Burg schicken, und sie holen, oder dem Junker
wenigstens wissen lassen, wohin er sie ihm senden solle; die
Staatskanzlei aber, auf jeden Fall, mit solchen Plackereien und
Stnkereien verschonen." Kohlhaas, dem es nicht um die Pferde zu tun
war--er htte gleichen Schmerz empfunden, wenn es ein Paar Hunde
gegolten htte--Kohlhaas schumte vor Wut, als er diesen Brief
empfing.  Er sah, so oft sich ein Gerusch im Hofe hren lie, mit
der widerwrtigsten Erwartung, die seine Brust jemals bewegt hatte,
nach dem Torwege, ob die Leute des Jungherren erscheinen, und ihm,
vielleicht gar mit einer Entschuldigung, die Pferde, abgehungert und
abgehrmt, wieder zustellen wrden; der einzige Fall, in welchem
seine von der Welt wohlerzogene Seele, auf nichts das ihrem Gefhl
vllig entsprach gefat war.  Er hrte aber in kurzer Zeit schon,
durch einen Bekannten, der die Strae gereiset war, da die Gaule auf
der Tronkenburg, nach wie vor, den brigen Pferden des Landjunkers
gleich, auf dem Felde gebraucht wrden; und mitten durch den Schmerz,
die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken, zuckte die
innerliche Zufriedenheit empor, seine eigne Brust nunmehr in Ordnung
zu sehen.  Er lud einen Amtmann, seinen Nachbar, zu sich, der lngst
mit dem Plan umgegangen war, seine Besitzungen durch den Ankauf der,
ihre Grenze berhrenden, Grundstcke zu vergrern, und fragte ihn,
nachdem sich derselbe bei ihm niedergelassen, was er fr seine
Besitzungen, im Brandenburgischen und im Schsischen, Haus und Hof,
in Pausch und Bogen, es sei nagelfest oder nicht, geben wolle?
Lisbeth, sein Weib, erblate bei diesen Worten.  Sie wandte sich, und
hob ihr Jngstes auf, das hinter ihr auf dem Boden spielte, Blicke,
in welchen sich der Tod malte, bei den roten Wangen des Knaben vorbei,
der mit ihren Halsbndern spielte, auf den Rokamm, und ein Papier
werfend, das er in der Hand hielt.  Der Amtmann fragte, indem er ihn
befremdet ansah, was ihn pltzlich auf so sonderbare Gedanken bringe;
worauf jener, mit so viel Heiterkeit, als er erzwingen konnte,
erwiderte: der Gedanke, seinen Meierhof, an den Ufern der Havel, zu
verkaufen, sei nicht allzuneu; sie htten beide schon oft ber diesen
Gegenstand verhandelt; sein Haus in der Vorstadt in Dresden sei, in
Vergleich damit, ein bloer Anhang, der nicht in Erwgung komme; und
kurz, wenn er ihm seinen Willen tun, und beide Grundstcke bernehmen
wolle, so sei er bereit, den Kontrakt darber mit ihm abzuschlieen.
Er setzte, mit einem etwas erzwungenen Scherz hinzu, Kohlhaasenbrck
sei ja nicht die Welt; es knne Zwecke geben, in Vergleich mit
welchen, seinem Hauswesen, als ein ordentlicher Vater, vorzustehen,
untergeordnet und nichtswrdig sei; und kurz, seine Seele, msse er
ihm sagen, sei auf groe Dinge gestellt, von welchen er vielleicht
bald hren werde.  Der Amtmann, durch diese Worte beruhigt, sagte,
auf eine lustige Art, zur Frau, die das Kind einmal ber das andere
kte: er werde doch nicht gleich Bezahlung verlangen? legte Hut und
Stock, die er zwischen den Knieen gehalten hatte, auf den Tisch, und
nahm das Blatt, das der Rokamm in der Hand hielt, um es zu
durchlesen.  Kohlhaas, indem er demselben nher rckte, erklrte ihm,
da es ein von ihm aufgesetzter eventueller in vier Wochen
verfallener Kaufkontrakt sei; zeigte ihm, da darin nichts fehle, als
die Unterschriften, und die Einrckung der Summen, sowohl was den
Kaufpreis selbst, als auch den Reukauf, d. h. die Leistung betreffe,
zu der er sich, falls er binnen vier Wochen zurcktrte, verstehen
wolle; und forderte ihn noch einmal munter auf, ein Gebot zu tun,
indem er ihm versicherte, da er billig sein, und keine groen
Umstnde machen wrde.  Die Frau ging in der Stube auf und ab; ihre
Brust flog, da das Tuch, an welchem der Knabe gezupft hatte, ihr
vllig von der Schulter herabzufallen drohte.  Der Amtmann sagte, da
er ja den Wert der Besitzung in Dresden keineswegs beurteilen knne;
worauf ihm Kohlhaas, Briefe, die bei ihrem Ankauf gewechselt worden
waren, hinschiebend, antwortete: da er sie zu 100 Goldglden
anschlage; obschon daraus hervorging, da sie ihm fast um die Hlfte
mehr gekostet hatte.  Der Amtmann, der den Kaufkontrakt noch einmal
berlas, und darin auch von seiner Seite, auf eine sonderbare Art,
die Freiheit stipuliert fand, zurckzutreten, sagte, schon halb
entschlossen: da er ja die Gesttpferde, die in seinen Stllen wren,
nicht brauchen knne; doch da Kohlhaas erwiderte, da er die Pferde
auch gar nicht loszuschlagen willens sei, und da er auch einige
Waffen, die in der Rstkammer hingen, fr sich behalten wolle,
so--zgerte jener noch und zgerte, und wiederholte endlich ein Gebot,
das er ihm vor kurzem schon einmal, halb im Scherz, halb im Ernst,
nichtswrdig gegen den Wert der Besitzung, auf einem Spaziergange
gemacht hatte.  Kohlhaas schob ihm Tinte und Feder hin, um zu
schreiben; und da der Amtmann, der seinen Sinnen nicht traute, ihn
noch einmal gefragt hatte, ob es sein Ernst sei? und der Rokamm ihm
ein wenig empfindlich geantwortet hatte: ob er glaube, da er blo
seinen Scherz mit ihm treibe? so nahm jener zwar, mit einem
bedenklichen Gesicht, die Feder, und schrieb; dagegen durchstrich er
den Punkt, in welchem von der Leistung, falls dem Verkufer der
Handel gereuen sollte, die Rede war; verpflichtete sich zu einem
Darlehn von 100 Goldglden, auf die Hypothek des Dresdenschen
Grundstcks, das er auf keine Weise kuflich an sich bringen wollte;
und lie ihm, binnen zwei Monaten vllige Freiheit, von dem Handel
wieder zurckzutreten.  Der Rokamm, von diesem Verfahren gerhrt,
schttelte ihm mit vieler Herzlichkeit die Hand; und nachdem sie noch,
welches eine Hauptbedingung war, bereingekommen waren, da des
Kaufpreises vierter Teil unfehlbar gleich bar, und der Rest, in drei
Monaten, in der Hamburger Bank, gezahlt werden sollte, rief jener
nach Wein, um sich eines so glcklich abgemachten Geschfts zu
erfreuen.  Er sagte einer Magd, die mit den Flaschen hereintrat,
Sternbald, der Knecht, solle ihm den Fuchs satteln; er msse, gab er
an, nach der Hauptstadt reiten, wo er Verrichtungen habe; und gab zu
verstehen, da er in kurzem, wenn er zurckkehre, sich offenherziger
ber das, was er jetzt noch fr sich behalten msse, auslassen wrde.
Hierauf, indem er die Glser einschenkte, fragte er nach dem Polen
und Trken, die gerade damals mit einander im Streit lagen;
verwickelte den Amtmann in mancherlei politische Konjekturen darber;
trank ihm schllich hierauf noch einmal das Gedeihen ihres Geschfts
zu, und entlie ihn.--Als der Amtmann das Zimmer verlassen hatte,
fiel Lisbeth auf Knieen vor ihm nieder.  Wenn du mich irgend, rief
sie, mich und die Kinder, die ich dir geboren habe, in deinem Herzen
trgst; wenn wir nicht im voraus schon, um welcher Ursach willen,
wei ich nicht, verstoen sind: so sage mir, was diese entsetzlichen
Anstalten zu bedeuten haben!  Kohlhaas sagte: liebstes Weib, nichts,
das dich noch, so wie die Sachen stehn, beunruhigen drfte.  Ich habe
eine Resolution erhalten, in welcher man mir sagt, da meine Klage
gegen den Junker Wenzel von Tronka eine nichtsnutzige Stnkerei sei.
Und weil hier ein Miverstndnis obwalten mu: so habe ich mich
entschlossen, meine Klage noch einmal, persnlich bei dem Landesherrn
selbst, einzureichen.--Warum willst du dein Haus verkaufen? rief sie,
indem sie mit einer verstrten Gebrde, aufstand.  Der Rokamm, indem
er sie sanft an seine Brust drckte, erwiderte: weil ich in einem
Lande, liebste Lisbeth, in welchem man mich, in meinen Rechten, nicht
schtzen will, nicht bleiben mag.  Lieber ein Hund sein, wenn ich von
Fen getreten werden soll, als ein Mensch!  Ich bin gewi, da meine
Frau hierin so denkt, als ich.--Woher weit du, fragte jene wild, da
man dich in deinen Rechten nicht schtzen wird?  Wenn du dem Herrn
bescheiden, wie es dir zukommt, mit deiner Bittschrift nahst: woher
weit du, da sie beiseite geworfen, oder mit Verweigerung, dich zu
hren, beantwortet werden wird?--Wohlan, antwortete Kohlhaas, wenn
meine Furcht hierin ungegrndet ist, so ist auch mein Haus noch nicht
verkauft.  Der Herr selbst, wei ich, ist gerecht; und wenn es mir
nur gelingt, durch die, die ihn umringen, bis an seine Person zu
kommen, so zweifle ich nicht, ich verschaffe mir Recht, und kehre
frhlich, noch ehe die Woche verstreicht, zu dir und meinen alten
Geschften zurck.  Mcht ich alsdann noch, setzt' er hinzu, indem er
sie kte, bis an das Ende meines Lebens bei dir verharren!--Doch
ratsam ist es, fuhr er fort, da ich mich auf jeden Fall gefat mache;
und daher wnschte ich, da du dich, auf einige Zeit, wenn es sein
kann, entferntest, und mit den Kindern zu deiner Muhme nach Schwerin
gingst, die du berdies lngst hast besuchen wollen.--Wie? rief die
Hausfrau.  Ich soll nach Schwerin gehen? ber die Grenze mit den
Kindern, zu meiner Muhme nach Schwerin?  Und das Entsetzen erstickte
ihr die Sprache.--Allerdings, antwortete Kohlhaas, und das, wenn es
sein kann, gleich, damit ich in den Schritten, die ich fr meine
Sache tun will, durch keine Rcksichten gestrt werde.--"O! ich
verstehe dich!" rief sie.  "Du brauchst jetzt nichts mehr, als Waffen
und Pferde; alles andere kann nehmen, wer will!" Und damit wandte sie
sich, warf sich auf einen Sessel nieder, und weinte.  Kohlhaas sagte
betroffen: liebste Lisbeth, was machst du?  Gott hat mich mit Weib
und Kindern und Gtern gesegnet; soll ich heute zum erstenmal
wnschen, da es anders wre?--Er setzte sich zu ihr, die ihm, bei
diesen Worten, errtend um den Hals gefallen war, freundlich nieder.
--Sag mir an, sprach er, indem er ihr die Locken von der Stirne
strich: was soll ich tun?  Soll ich meine Sache aufgeben?  Soll ich
nach der Tronkenburg gehen, und den Ritter bitten, da er mir die
Pferde wieder gebe, mich aufschwingen, und sie dir
herreiten?--Lisbeth wagte nicht: ja! ja! ja! zu sagen--sie schttelte
weinend mit dem Kopf, sie drckte ihn heftig an sich, und berdeckte
mit heien Kssen seine Brust.  "Nun also!" rief Kohlhaas.  "Wenn du
fhlst, da mir, falls ich mein Gewerbe forttreiben soll, Recht
werden mu: so gnne mir auch die Freiheit, die mir ntig ist, es mir
zu verschaffen!" Und damit stand er auf, und sagte dem Knecht, der
ihm meldete, da der Fuchs gesattelt stnde: morgen mten auch die
Braunen eingeschirrt werden, um seine Frau nach Schwerin zu fhren.
Lisbeth sagte: sie habe einen Einfall!  Sie erhob sich, wischte sich
die Trnen aus den Augen, und fragte ihn, der sich an einem Pult
niedergesetzt hatte: ob er ihr die Bittschrift geben, und sie, statt
seiner, nach Berlin gehen lassen wolle, um sie dem Landesherrn zu
berreichen.  Kohlhaas, von dieser Wendung, um mehr als einer Ursach
willen, gerhrt, zog sie auf seinen Scho nieder, und sprach: liebste
Frau, das ist nicht wohl mglich!  Der Landesherr ist vielfach
umringt, mancherlei Verdrielichkeiten ist der ausgesetzt, der ihm
naht.  Lisbeth versetzte, da es in tausend Fllen einer Frau
leichter sei, als einem Mann, ihm zu nahen.  Gib mir die Bittschrift,
wiederholte sie; und wenn du weiter nichts willst, als sie in seinen
Hnden wissen, so verbrge ich mich dafr: er soll sie bekommen!
Kohlhaas, der von ihrem Mut sowohl, als ihrer Klugheit, mancherlei
Proben hatte, fragte, wie sie es denn anzustellen denke; worauf sie,
indem sie verschmt vor sich niedersah, erwiderte: da der Kastellan
des kurfrstlichen Schlosses, in frheren Zeiten, da er zu Schwerin
in Diensten gestanden, um sie geworben habe; da derselbe zwar jetzt
verheiratet sei, und mehrere Kinder habe; da sie aber immer noch
nicht ganz vergessen wre;--und kurz, da er es ihr nur berlassen
mchte, aus diesem und manchem andern Umstand, der zu beschreiben zu
weitlufig wre, Vorteil zu ziehen.  Kohlhaas kte sie mit vieler
Freude, sagte, da er ihren Vorschlag annhme, belehrte sie, da es
weiter nichts bedrfe, als einer Wohnung bei der Frau desselben, um
den Landesherrn, im Schlosse selbst, anzutreten, gab ihr die
Bittschrift, lie die Braunen anspannen, und schickte sie mit
Sternbald, seinem treuen Knecht, wohleingepackt ab.

Diese Reise war aber von allen erfolglosen Schritten, die er in
seiner Sache getan hatte, der allerunglcklichste.  Denn schon nach
wenigen Tagen zog Sternbald in den Hof wieder ein, Schritt vor
Schritt den Wagen fhrend, in welchem die Frau, mit einer
gefhrlichen Quetschung an der Brust, ausgestreckt darnieder lag.
Kohlhaas, der bleich an das Fuhrwerk trat, konnte nichts
Zusammenhngendes ber das, was dieses Unglck verursacht hatte,
erfahren.  Der Kastellan war, wie der Knecht sagte, nicht zu Hause
gewesen; man war also gentigt worden, in einem Wirtshause, das in
der Nhe des Schlosses lag, abzusteigen; dies Wirtshaus hatte Lisbeth
am andern Morgen verlassen, und dem Knecht befohlen, bei den Pferden
zurckzubleiben; und eher nicht, als am Abend, sei sie, in diesem
Zustand, zurckgekommen.  Es schien, sie hatte sich zu dreist an die
Person des Landesherrn vorgedrngt, und, ohne Verschulden desselben,
von dem bloen rohen Eifer einer Wache, die ihn umringte, einen Sto,
mit dem Schaft einer Lanze, vor die Brust erhalten.  Wenigstens
berichteten die Leute so, die sie, in bewutlosem Zustand, gegen
Abend in den Gasthof brachten; denn sie selbst konnte, von aus dem
Mund vorquellendem Blute gehindert, wenig sprechen.  Die Bittschrift
war ihr nachher durch einen Ritter abgenommen worden.  Sternbald
sagte, da es sein Wille gewesen sei, sich gleich auf ein Pferd zu
setzen, und ihm von diesem unglcklichen Vorfall Nachricht zu geben;
doch sie habe, trotz der Vorstellungen des herbeigerufenen Wundarztes,
darauf bestanden, ohne alle vorgngige Benachrichtigungen, zu ihrem
Manne nach Kohlhaasenbrck abgefhrt zu werden.  Kohlhaas brachte sie,
die von der Reise vllig zu Grunde gerichtet worden war, in ein Bett,
wo sie, unter schmerzhaften Bemhungen, Atem zu holen, noch einige
Tage lebte.  Man versuchte vergebens, ihr das Bewutsein wieder zu
geben, um ber das, was vorgefallen war, einige Aufschlsse zu
erhalten; sie lag, mit starrem, schon gebrochenen Auge, da, und
antwortete nicht.  Nur kurz vor ihrem Tode kehrte ihr noch einmal die
Besinnung wieder.  Denn da ein Geistlicher lutherischer Religion (zu
welchem eben damals aufkeimenden Glauben sie sich, nach dem Beispiel
ihres Mannes, bekannt hatte) neben ihrem Bette stand, und ihr mit
lauter und empfindlich-feierlicher Stimme, ein Kapitel aus der Bibel
vorlas: so sah sie ihn pltzlich, mit einem finstern Ausdruck, an,
nahm ihm, als ob ihr daraus nichts vorzulesen wre, die Bibel aus der
Hand, bltterte und bltterte, und schien etwas darin zu suchen; und
zeigte dem Kohlhaas, der an ihrem Bette sa, mit dem Zeigefinger, den
Vers: "Vergib deinen Feinden; tue wohl auch denen, die dich hassen.
"--Sie drckte ihm dabei mit einem beraus seelenvollen Blick die
Hand, und starb.--Kohlhaas dachte: "so mge mir Gott nie vergeben,
wie ich dem Junker vergebe!" kte sie, indem ihm hufig die Trnen
flossen, drckte ihr die Augen zu, und verlie das Gemach.  Er nahm
die hundert Goldglden, die ihm der Amtmann schon, fr die Stlle in
Dresden, zugefertigt hatte, und bestellte ein Leichenbegrbnis, das
weniger fr sie, als fr eine Frstin, angeordnet schien: ein
eichener Sarg, stark mit Metall beschlagen, Kissen von Seide, mit
goldnen und silbernen Troddeln, und ein Grab von acht Ellen Tiefe,
mit Feldsteinen gefttert und Kalk.  Er stand selbst, sein jngstes
auf dem Arm, bei der Gruft, und sah der Arbeit zu.  Als der
Begrbnistag kam, ward die Leiche, wei wie Schnee, in einen Saal
aufgestellt, den er mit schwarzem Tuch hatte beschlagen lassen.  Der
Geistliche hatte eben eine rhrende Rede an ihrer Bahre vollendet,
als ihm die landesherrliche Resolution auf die Bittschrift zugestellt
ward, welche die Abgeschiedene bergeben hatte, des Inhalts: er solle
die Pferde von der Tronkenburg abholen, und bei Strafe, in das
Gefngnis geworfen zu werden, nicht weiter in dieser Sache einkommen.
Kohlhaas steckte den Brief ein, und lie den Sarg auf den Wagen
bringen.  Sobald der Hgel geworfen, das Kreuz darauf gepflanzt, und
die Gste, die die Leiche bestattet hatten, entlassen waren, warf er
sich noch einmal vor ihrem, nun verdeten Bette nieder, und bernahm
sodann das Geschft der Rache.  Er setzte sich nieder und verfate
einen Rechtsschlu, in welchem er den Junker Wenzel von Tronka, kraft
der ihm angebotenen Macht, verdammte, die Rappen, die er ihm
abgenommen, und auf den Feldern zu Grunde gerichtet, binnen drei
Tagen nach Sicht, nach Kohlhaasenbrck zu fhren, und in Person in
seinen Stllen dick zu fttern.  Diesen Schlu sandte er durch einen
reitenden Boten an ihn ab, und instruierte denselben, flugs nach
bergabe des Papiers, wieder bei ihm in Kohlhaasenbrck zu sein.  Da
die drei Tage, ohne berlieferung der Pferde, verflossen, so rief er
Hersen; erffnete ihm, was er dem Jungherrn, die Dickftterung
derselben anbetreffend, aufgegeben; fragte ihn zweierlei, ob er mit
ihm nach der Tronkenburg reiten und den Jungherrn holen; auch, ob er
ber den Hergeholten, wenn er bei Erfllung des Rechtsschlusses in
den Stllen von Kohlhaasenbrck, faul sei, die Peitsche fhren wolle?
und da Herse, so wie er ihn nur verstanden hatte: "Herr, heute noch!"
aufjauchzte, und, indem er die Mtze in die Hhe warf, versicherte:
einen Riemen, mit zehn Knoten, um ihm das Striegeln zu lehren, lasse
er sich flechten! so verkaufte Kohlhaas das Haus, schickte die Kinder,
in einen Wagen gepackt, ber die Grenze; rief, bei Anbruch der Nacht,
auch die brigen Knechte zusammen, sieben an der Zahl, treu ihm
jedweder, wie Gold; bewaffnete und beritt sie, und brach nach der
Tronkenburg auf.

Er fiel auch, mit diesem kleinen Haufen, schon, beim Einbruch der
dritten Nacht, den Zollwrter und Torwchter, die im Gesprch unter
dem Tor standen, niederreitend, in die Burg, und whrend, unter
pltzlicher Aufprasselung aller Baracken im Schloraum, die sie mit
Feuer bewarfen, Herse, ber die Windeltreppe, in den Turm der Vogtei
eilte, und den Schlovogt und Verwalter, die, halb entkleidet, beim
Spiel saen, mit Hieben und Stichen berfiel, strzte Kohlhaas zum
Junker Wenzel ins Schlo.  Der Engel des Gerichts fhrt also vom
Himmel herab; und der Junker, der eben, unter vielem Gelchter, dem
Tro junger Freunde, der bei ihm war, den Rechtsschlu, den ihm der
Rokamm bermacht hatte, vorlas, hatte nicht sobald dessen Stimme im
Schlohof vernommen: als er den Herren schon, pltzlich leichenbleich:
Brder, rettet euch! zurief, und verschwand.  Kohlhaas, der, beim
Eintritt in den Saal, einen Junker Hans von Tronka, der ihm entgegen
kam, bei der Brust fate, und in den Winkel des Saals schleuderte,
da er sein Hirn an den Steinen versprtzte, fragte, whrend die
Knechte die anderen Ritter, die zu den Waffen gegriffen hatten,
berwltigten, und zerstreuten: wo der Junker Wenzel von Tronka sei?
Und da er, bei der Unwissenheit der betubten Mnner, die Tren
zweier Gemcher, die in die Seitenflgel des Schlosses fhrten, mit
einem Futritt sprengte, und in allen Richtungen, in denen er das
weitlufige Gebude durchkreuzte, niemanden fand, so stieg er
fluchend in den Schlohof hinab, um die Ausgnge besetzen zu lassen.
Inzwischen war, vom Feuer der Baracken ergriffen, nun schon das
Schlo, mit allen Seitengebuden, starken Rauch gen Himmel qualmend,
angegangen, und whrend Sternbald, mit drei geschftigen Knechten,
alles, was nicht niet- und nagelfest war, zusammenschleppten, und
zwischen den Pferden, als gute Beute, umstrzten, flogen, unter dem
Jubel Hersens, aus den offenen Fenstern der Vogtei, die Leichen des
Schlovogts und Verwalters, mit Weib und Kindern, herab.  Kohlhaas,
dem sich, als er die Treppe vom Schlo niederstieg, die alte, von der
Gicht geplagte Haushlterin, die dem Junker die Wirtschaft fhrte, zu
Fen warf, fragte sie, indem er auf der Stufe stehen blieb: wo der
Junker Wenzel von Tronka sei? und da sie ihm, mit schwacher,
zitternder Stimme, zur Antwort gab: sie glaube, er habe sich in die
Kapelle geflchtet; so rief er zwei Knechte mit Fackeln, lie in
Ermangelung der Schlssel, den Eingang mit Brechstangen und Beilen
erffnen, kehrte Altre und Bnke um, und fand gleichwohl, zu seinem
grimmigen Schmerz, den Junker nicht.  Es traf sich, da ein junger,
zum Gesinde der Tronkenburg gehriger Knecht, in dem Augenblick, da
Kohlhaas aus der Kapelle zurckkam, herbeieilte, um aus einem
weitlufigen, steinernen Stall, den die Flamme bedrohte, die
Streithengste des Junkers herauszuziehen.  Kohlhaas, der, in eben
diesem Augenblick, in einem kleinen, mit Stroh bedeckten Schuppen,
seine beiden Rappen erblickte, fragte den Knecht: warum er die Rappen
nicht rette? und da dieser, indem er den Schlssel in die Stalltr
steckte, antwortete: der Schuppen stehe ja schon in Flammen; so warf
Kohlhaas den Schlssel, nachdem er ihm mit Heftigkeit aus der
Stalltre gerissen, ber die Mauer, trieb den Knecht, mit
hageldichten, flachen Hieben der Klinge, in den brennenden Schuppen
hinein, und zwang ihn, unter entsetzlichem Gelchter der Umstehenden,
die Rappen zu retten.  Gleichwohl, als der Knecht schreckenbla,
wenige Momente nachdem der Schuppen hinter ihm zusammenstrzte, mit
den Pferden, die er an der Hand hielt, daraus hervortrat, fand er den
Kohlhaas nicht mehr; und da er sich zu den Knechten auf den
Schloplatz begab, und den Rohndler, der ihm mehreremal den Rcken
zukehrte, fragte: was er mit den Tieren nun anfangen solle?--hob
dieser pltzlich, mit einer frchterlichen Gebrde, den Fu, da der
Tritt, wenn er ihn getan htte, sein Tod gewesen wre: bestieg, ohne
ihm zu antworten, seinen Braunen, setzte sich unter das Tor der Burg,
und erharrte, inzwischen die Knechte ihr Wesen forttrieben,
schweigend den Tag.

Als der Morgen anbrach, war das ganze Schlo, bis auf die Mauern,
niedergebrannt, und niemand befand sich mehr darin, als Kohlhaas und
seine sieben Knechte.  Er stieg vom Pferde, und untersuchte noch
einmal, beim hellen Schein der Sonne, den ganzen, in allen seinen
Winkeln jetzt von ihr erleuchteten Platz, und da er sich, so schwer
es ihm auch ward, berzeugen mute, da die Unternehmung auf die Burg
fehlgeschlagen war, so schickte er, die Brust voll Schmerz und Jammer,
Hersen mit einigen Knechten aus, um ber die Richtung, die der
Junker auf seiner Flucht genommen, Nachricht einzuziehen.  Besonders
beunruhigte ihn ein reiches Fruleinstift, namens Erlabrunn, das an
den Ufern der Mulde lag, und dessen btissin, Antonia von Tronka, als
eine fromme, wohlttige und heilige Frau, in der Gegend bekannt war;
denn es schien dem unglcklichen Kohlhaas nur zu wahrscheinlich, da
der Junker sich, entblt von aller Notdurft, wie er war, in dieses
Stift geflchtet hatte, indem die btissin seine leibliche Tante und
die Erzieherin seiner ersten Kindheit war.  Kohlhaas, nachdem er sich
von diesem Umstand unterrichtet hatte, bestieg den Turm der Vogtei,
in dessen Innerem sich noch ein Zimmer, zur Bewohnung brauchbar,
darbot, und verfate ein sogenanntes "Kohlhaasisches Mandat", worin
er das Land aufforderte, dem Junker Wenzel von Tronka, mit dem er in
einem gerechten Krieg liege, keinen Vorschub zu tun, vielmehr jeden
Bewohner, seine Verwandten und Freunde nicht ausgenommen,
verpflichtete, denselben bei Strafe Leibes und des Lebens, und
unvermeidlicher Einscherung alles dessen, was ein Besitztum heien
mag, an ihn auszuliefern.  Diese Erklrung streute er, durch Reisende
und Fremde, in der Gegend aus; ja, er gab Waldmann, dem Knecht, eine
Abschrift davon, mit dem bestimmten Auftrage, sie in die Hnde der
Dame Antonia nach Erlabrunn zu bringen.  Hierauf besprach er einige
Tronkenburgische Knechte, die mit dem Junker unzufrieden waren, und
von der Aussicht auf Beute gereizt, in seine Dienste zu treten
wnschten; bewaffnete sie, nach Art des Fuvolks, mit Armbrsten und
Dolchen, und lehrte sie, hinter den berittenen Knechten aufsitzen;
und nachdem er alles, was der Tro zusammengeschleppt hatte, zu Geld
gemacht und das Geld unter denselben verteilt hatte, ruhete er einige
Stunden, unter dem Burgtor, von seinen jmmerlichen Geschften aus.

Gegen Mittag kam Herse und besttigte ihm, was ihm sein Herz, immer
auf die trbsten Ahnungen gestellt, schon gesagt hatte: nmlich, da
der Junker in dem Stift zu Erlabrunn, bei der alten Dame Antonia von
Tronka, seiner Tante, befindlich sei.  Es schien, er hatte sich,
durch eine Tr, die, an der hinteren Wand des Schlosses, in die Luft
hinausging, ber eine schmale, steinerne Treppe gerettet, die, unter
einem kleinen Dach, zu einigen Khnen in die Elbe hinablief.
Wenigstens berichtete Herse, da er, in einem Elbdorf, zum Befremden
der Leute, die wegen des Brandes in der Tronkenburg versammelt
gewesen, um Mitternacht, in einem Nachen, ohne Steuer und Ruder,
angekommen, und mit einem Dorffuhrwerk nach Erlabrunn weiter gereiset
sei.--Kohlhaas seufzte bei dieser Nachricht tief auf; er fragte, ob
die Pferde gefressen htten? und da man ihm antwortete: ja: so lie
er den Haufen aufsitzen, und stand schon in drei Stunden vor
Erlabrunn.  Eben, unter dem Gemurmel eines entfernten Gewitters am
Horizont, mit Fackeln, die er sich vor dem Ort angesteckt, zog er mit
seiner Schar in den Klosterhof ein, und Waldmann, der Knecht, der ihm
entgegen trat, meldete ihm, da das Mandat richtig abgegeben sei, als
er die btissin und den Stiftsvogt, in einem verstrten Wortwechsel,
unter das Portal des Klosters treten sah; und whrend jener, der
Stiftsvogt, ein kleiner, alter, schneeweier Mann, grimmige Blicke
auf Kohlhaas schieend, sich den Harnisch anlegen lie, und den
Knechten, die ihn umringten, mit dreister Stimme zurief, die
Sturmglocke zu ziehn: trat jene, die Stiftsfrau, das silberne Bildnis
des Gekreuzigten in der Hand, bleich, wie Linnenzeug, von der Rampe
herab, und warf sich mit allen ihren Jungfrauen, vor Kohlhaasens
Pferd nieder.  Kohlhaas, whrend Herse und Sternbald den Stiftsvogt,
der kein Schwert in der Hand hatte, berwltigten, und als Gefangenen
zwischen die Pferde fhrten, fragte sie: wo der Junker Wenzel von
Tronka sei? und da sie, einen groen Ring mit Schlsseln von ihrem
Gurt loslsend: in Wittenberg, Kohlhaas, wrdiger Mann! antwortete,
und, mit bebender Stimme, hinzusetzte: frchte Gott und tue kein
Unrecht!--so wandte Kohlhaas, in die Hlle unbefriedigter Rache
zurckgeschleudert, das Pferd, und war im Begriff: steckt an! zu
rufen, als ein ungeheurer Wetterschlag, dicht neben ihm, zur Erde
niederfiel.  Kohlhaas, indem er sein Pferd zu ihr zurckwandte,
fragte sie: ob sie sein Mandat erhalten? und da die Dame mit
schwacher, kaum hrbarer Stimme, antwortete: eben jetzt!
--"Wann?"--Zwei Stunden, so wahr mir Gott helfe, nach des Junkers,
meines Vetters, bereits vollzogener Abreise!--und Waldmann, der
Knecht, zu dem Kohlhaas sich, unter finsteren Blicken, umkehrte,
stotternd diesen Umstand besttigte, indem er sagte, da die Gewsser
der Mulde, vom Regen geschwellt, ihn verhindert htten, frher, als
eben jetzt, einzutreffen: so sammelte sich Kohlhaas; ein pltzlich
furchtbarer Regengu, der die Fackeln verlschend, auf das Pflaster
des Platzes niederrauschte, lste den Schmerz in seiner unglcklichen
Brust; er wandte, indem er kurz den Hut vor der Dame rckte, sein
Pferd, drckte ihm, mit den Worten: folgt mir meine Brder; der
Junker ist in Wittenberg! die Sporen ein, und verlie das Stift.

Er kehrte, da die Nacht einbrach, in einem Wirtshause auf der
Landstrae ein, wo er, wegen groer Ermdung der Pferde, einen Tag
ausruhen mute, und da er wohl einsah, da er mit einem Haufen von
zehn Mann (denn so stark war er jetzt), einem Platz wie Wittenberg
war, nicht trotzen konnte, so verfate er ein zweites Mandat, worin
er, nach einer kurzen Erzhlung dessen, was ihm im Lande begegnet,
"jeden guten Christen", wie er sich ausdrckte, "unter Angelobung
eines Handgelds und anderer kriegerischen Vorteile", aufforderte
"seine Sache gegen den Junker von Tronka, als dem allgemeinen Feind
aller Christen, zu ergreifen".  In einem anderen Mandat, das bald
darauf erschien, nannte er sich: "einen Reichs- und Weltfreien, Gott
allein unterworfenen Herrn"; eine Schwrmerei krankhafter und
migeschaffener Art, die ihm gleichwohl, bei dem Klang seines Geldes
und der Aussicht auf Beute, unter dem Gesindel, das der Friede mit
Polen auer Brot gesetzt hatte, Zulauf in Menge verschaffte:
dergestalt, da er in der Tat dreiig und etliche Kpfe zhlte, als
er sich, zur Einscherung von Wittenberg, auf die rechte Seite der
Elbe zurckbegab.  Er lagerte sich, mit Pferden und Knechten, unter
dem Dache einer alten verfallenen Ziegelscheune, in der Einsamkeit
eines finsteren Waldes, der damals diesen Platz umschlo, und hatte
nicht sobald durch Sternbald, den er, mit dem Mandat, verkleidet in
die Stadt schickte, erfahren, da das Mandat daselbst schon bekannt
sei, als er auch mit seinen Haufen schon, am heiligen Abend vor
Pfingsten, aufbrach, und den Platz, whrend die Bewohner im tiefsten
Schlaf lagen, an mehreren Ecken zugleich, in Brand steckte.  Dabei
klebte er, whrend die Knechte in der Vorstadt plnderten, ein Blatt
an den Trpfeiler einer Kirche an, des Inhalts: "er, Kohlhaas, habe
die Stadt in Brand gesteckt, und werde sie, wenn man ihm den Junker
nicht ausliefere, dergestalt einschern, da er", wie er sich
ausdrckte, "hinter keiner Wand werde zu sehen brauchen, um ihn zu
finden."--Das Entsetzen der Einwohner, ber diesen unerhrten Frevel,
war unbeschreiblich; und die Flamme, die bei einer zum Glck ziemlich
ruhigen Sommernacht, zwar nicht mehr als neunzehn Huser, worunter
gleichwohl eine Kirche war, in den Grund gelegt hatte, war nicht
sobald, gegen Anbruch des Tages, einigermaen gedmpft worden, als
der alte Landvogt, Otto von Gorgas, bereits ein Fhnlein von funfzig
Mann aussandte, um den entsetzlichen Wterich aufzuheben.  Der
Hauptmann aber, der es fhrte, namens Gerstenberg, benahm sich so
schlecht dabei, da die ganze Expedition Kohlhaasen, statt ihn zu
strzen, vielmehr zu einem hchst gefhrlichen kriegerischen Ruhm
verhalf; denn da dieser Kriegsmann sich in mehrere Abteilungen
auflsete, um ihn, wie er meinte, zu umzingeln und zu erdrcken, ward
er von Kohlhaas, der seinen Haufen zusammenhielt, auf vereinzelten
Punkten, angegriffen und geschlagen, dergestalt, da schon, am Abend
des nchstfolgenden Tages, kein Mann mehr von dem ganzen Haufen, auf
den die Hoffnung des Landes gerichtet war, gegen ihm im Felde stand.
Kohlhaas, der durch diese Gefechte einige Leute eingebt hatte,
steckte die Stadt, am Morgen des nchsten Tages, von neuem in Brand,
und seine mrderischen Anstalten waren so gut, da wiederum eine
Menge Huser, und fast alle Scheunen der Vorstadt, in die Asche
gelegt wurden.  Dabei plackte er das bewute Mandat wieder, und zwar
an die Ecken des Rathauses selbst, an, und fgte eine Nachricht ber
das Schicksal des, von dem Landvogt abgeschickten und von ihm zu
Grunde gerichteten, Hauptmanns von Gerstenberg bei.  Der Landvogt,
von diesem Trotz aufs uerste entrstet, setzte sich selbst, mit
mehreren Rittern, an die Spitze eines Haufens von hundert und funfzig
Mann.  Er gab dem Junker Wenzel von Tronka, auf seine schriftliche
Bitte, eine Wache, die ihn vor der Gewaltttigkeit des Volks, das ihn
platterdings aus der Stadt entfernt wissen wollte, schtzte; und
nachdem er, auf allen Drfern in der Gegend, Wachen ausgestellt, auch
die Ringmauer der Stadt, um sie vor einem berfall zu decken, mit
Posten besetzt hatte, zog er, am Tage des heiligen Gervasius, selbst
aus, um den Drachen, der das Land verwstete, zu fangen.  Diesen
Haufen war der Rokamm klug genug, zu vermeiden; und nachdem er den
Landvogt, durch geschickte Mrsche, fnf Meilen von der Stadt
hinweggelockt, und vermitteltet mehrerer Anstalten, die er traf, zu
dem Wahn verleitet hatte, da er sich, von der bermacht gedrngt,
ins Brandenburgische werfen wrde: wandte er sich pltzlich, beim
Einbruch der dritten Nacht, kehrte, in einem Gewaltritt, nach
Wittenberg zurck, und steckte die Stadt zum drittenmal in Brand.
Herse, der sich verkleidet in die Stadt schlich, fhrte dieses
entsetzliche Kunststck aus; und die Feuersbrunst war, wegen eines
scharf wehenden Nordwindes, so verderblich und um sich fressend, da,
in weniger als drei Stunden, zwei und vierzig Huser, zwei Kirchen,
mehrere Klster und Schulen, und das Gebude der kurfrstlichen
Landvogtei selbst, in Schutt und Asche lagen.  Der Landvogt, der
seinen Gegner, beim Anbruch des Tages, im Brandenburgischen glaubte,
fand, als er von dem, was vorgefallen, benachrichtigt, in bestrzten
Mrschen zurckkehrte, die Stadt in allgemeinem Aufruhr; das Volk
hatte sich zu Tausenden vor dem, mit Balken und Pfhlen versammelten,
Hause des Junkers gelagert, und forderte, mit rasendem Geschrei,
seine Abfhrung aus der Stadt.  Zwei Brgermeister, namens Jenkens
und Otto, die in Amtskleidern an der Spitze des ganzen Magistrats
gegenwrtig waren, bewiesen vergebens, da man platterdings die
Rckkehr eines Eilboten abwarten msse, den man wegen Erlaubnis den
Junker nach Dresden bringen zu drfen, wohin er selbst aus mancherlei
Grnden abzugehen wnsche, an den Prsidenten der Staatskanzlei
geschickt habe; der unvernnftige, mit Spieen und Stangen bewaffnete
Haufen gab auf diese Worte nichts, und eben war man, unter
Mihandlung einiger zu krftigen Maregeln auffordernden Rte, im
Begriff das Haus worin der Junker war zu strmen, und der Erde gleich
zu machen, als der Landvogt, Otto von Gorgas, an der Spitze seines
Reuterhaufens, in der Stadt erschien.  Diesem wrdigen Herrn, der
schon durch seine bloe Gegenwart dem Volk Ehrfurcht und Gehorsam
einzuflen gewohnt war, war es, gleichsam zum Ersatz fr die
fehlgeschlagene Unternehmung, von welcher er zurckkam, gelungen,
dicht vor den Toren der Stadt drei zersprengte Knechte von der Bande
des Mordbrenners aufzufangen; und da er, inzwischen die Kerle vor dem
Angesicht des Volks mit Ketten belastet wurden, den Magistrat in
einer klugen Anrede versicherte, den Kohlhaas selbst denke er in
kurzem, indem er ihm auf die Spur sei, gefesselt einzubringen: so
glckte es ihm, durch die Kraft aller dieser beschwichtigenden
Umstnde, die Angst des versammelten Volks zu entwaffnen, und ber
die Anwesenheit des Junkers, bis zur Zurckkunft des Eilboten aus
Dresden, einigermaen zu beruhigen.  Er stieg, in Begleitung einiger
Ritter, vom Pferde, und verfgte sich, nach Wegrumung der Palisaden
und Pfhle, in das Haus, wo er den Junker, der aus einer Ohnmacht in
die andere fiel, unter den Hnden zweier rzte fand, die ihn mit
Essenzen und Irritanzen wieder ins Leben zurck zu bringen suchten;
und da Herr Otto von Gorgas wohl fhlte, da dies der Augenblick
nicht war, wegen der Auffhrung, die er sich zu Schulden kommen lasse,
Worte mit ihm zu wechseln: so sagte er ihm blo, mit einem Blick
stiller Verachtung, da er sich ankleiden, und ihm, zu seiner eigenen
Sicherheit, in die Gemcher der Ritterhaft folgen mchte.  Als man
dem Junker ein Wams angelegt, und einen Helm aufgesetzt hatte, und er,
die Brust, wegen Mangels an Luft, noch halb offen, am Arm des
Landvogts und seines Schwagers, des Grafen von Gerschau, auf der
Strae erschien, stiegen gotteslsterliche und entsetzliche
Verwnschungen gegen ihn zum Himmel auf.  Das Volk, von den
Landsknechten nur mhsam zurckgehalten, nannte ihn einen Blutigel,
einen elenden Landplager und Menschenquler, den Fluch der Stadt
Wittenberg, und das Verderben von Sachsen; und nach einem
jmmerlichen Zuge durch die in Trmmern liegende Stadt, whrend
welchem er mehreremal, ohne ihn zu vermissen, den Helm verlor, den
ihm ein Ritter von hinten wieder aufsetzte, erreichte man endlich das
Gefngnis, wo er in einem Turm, unter dem Schutz einer starken Wache,
verschwand.  Mittlerweile setzte die Rckkehr des Eilboten, mit der
kurfrstlichen Resolution, die Stadt in neue Besorgnis.  Denn die
Landesregierung, bei welcher die Brgerschaft von Dresden, in einer
dringenden Supplik, unmittelbar eingekommen war, wollte, vor
berwltigung des Mordbrenners, von dem Aufenthalt des Junkers in der
Residenz nichts wissen; vielmehr verpflichtete sie den Landvogt,
denselben da, wo er sei, weil er irgendwo sein msse, mit der Macht,
die ihm zu Gebote stehe, zu beschirmen: wogegen sie der guten Stadt
Wittenberg, zu ihrer Beruhigung, meldete, da bereits ein Heerhaufen
von fnfhundert Mann, unter Anfhrung des Prinzen Friedrich von
Meien im Anzuge sei, um sie vor den ferneren Belstigungen desselben
zu beschtzen.  Der Landvogt, der wohl einsah, da eine Resolution
dieser Art, das Volk keinesweges beruhigen konnte: denn nicht nur,
da mehrere kleine Vorteile, die der Rohndler, an verschiedenen
Punkten, vor der Stadt erfochten, ber die Strke, zu der er
herangewachsen, uerst unangenehme Gerchte verbreiteten; der Krieg,
den er, in der Finsternis der Nacht, durch verkleidetes Gesindel, mit
Pech, Stroh und Schwefel fhrte, htte, unerhrt und beispiellos, wie
er war, selbst einen greren Schutz, als mit welchem der Prinz von
Meien heranrckte, unwirksam machen knnen: der Landvogt, nach einer
kurzen berlegung, entschlo sich, die Resolution, die er empfangen,
ganz und gar zu unterdrcken.  Er plackte blo einen Brief, in
welchem ihm der Prinz von Meien seine Ankunft meldete, an die Ecken
der Stadt an; ein verdeckter Wagen, der, beim Anbruch des Tages, aus
dem Hofe des Herrenzwingers kam, fuhr, von vier schwer bewaffneten
Reutern begleitet, auf die Strae nach Leipzig hinaus, wobei die
Reuter, auf eine unbestimmte Art verlauten lieen, da es nach der
Pleienburg gehe; und da das Volk ber den heillosen Junker, an
dessen Dasein Feuer und Schwert gebunden, dergestalt beschwichtigt
war, brach er selbst, mit einem Haufen von dreihundert Mann, auf, um
sich mit dem Prinzen Friedrich von Meien zu vereinigen.  Inzwischen
war Kohlhaas in der Tat, durch die sonderbare Stellung, die er in der
Welt einnahm, auf hundert und neun Kpfe herangewachsen; und da er
auch in Jassen einen Vorrat an Waffen aufgetrieben, und seine Schar,
auf das vollstndigste, damit ausgerstet hatte: so fate er, von dem
doppelten Ungewitter, das auf ihn heranzog, benachrichtigt, den
Entschlu, demselben, mit der Schnelligkeit des Sturmwinds, ehe es
ber ihn zusammenschlge, zu begegnen.  Demnach griff er schon, Tags
darauf, den Prinzen von Meien, in einem nchtlichen berfall, bei
Mhlberg an; bei welchem Gefechte er zwar, zu seinem groen Leidwesen,
den Herse einbte, der gleich durch die ersten Schsse an seiner
Seite zusammenstrzte: durch diesen Verlust erbittert aber, in einem
drei Stunden langen Kampfe, den Prinzen, unfhig sich in dem Flecken
zu sammeln, so zurichtete, da er beim Anbruch des Tages, mehrerer
schweren Wunden, und einer gnzlichen Unordnung seines Haufens wegen,
gentigt war, den Rckweg nach Dresden einzuschlagen.  Durch diesen
Vorteil tollkhn gemacht, wandte er sich, ehe derselbe noch davon
unterrichtet sein konnte, zu dem Landvogt zurck, fiel ihn bei dem
Dorfe Damerow, am hellen Mittag, auf freiem Felde an, und schlug sich,
unter mrderischem Verlust zwar, aber mit gleichen Vorteilen, bis in
die sinkende Nacht mit ihm herum.  Ja, er wrde den Landvogt, der
sich in den Kirchhof zu Damerow geworfen hatte, am andern Morgen
unfehlbar mit dem Rest seines Haufens wieder angegriffen haben, wenn
derselbe nicht durch Kundschafter von der Niederlage, die der Prinz
bei Mhlberg erlitten, benachrichtigt worden wre, und somit fr
ratsamer gehalten htte, gleichfalls, bis auf einen besseren
Zeitpunkt, nach Wittenberg zurckzukehren.  Fnf Tage, nach
Zersprengung dieser beiden Haufen, stand er vor Leipzig, und steckte
die Stadt an drei Seiten in Brand.--Er nannte sich in dem Mandat, das
er, bei dieser Gelegenheit, ausstreute, "einen Statthalter Michaels,
des Erzengels, der gekommen sei, an allen, die in dieser Streitsache
des Junkers Partei ergreifen wrden, mit Feuer und Schwert, die
Arglist, in welcher die ganze Welt versunken sei, zu bestrafen".
Dabei rief er, von dem Ltzner Schlo aus, das er berrumpelt, und
worin er sich festgesetzt hatte, das Volk auf, sich zur Errichtung
einer besseren Ordnung der Dinge, an ihn anzuschlieen; und das
Mandat war, mit einer Art von Verrckung, unterzeichnet: "Gegeben auf
dem Sitz unserer provisorischen Weltregierung, dem Erzschlosse zu
Ltzen." Das Glck der Einwohner von Leipzig wollte, da das Feuer,
wegen eines anhaltenden Regens der vom Himmel fiel, nicht um sich
griff, dergestalt, da bei der Schnelligkeit der bestehenden
Lschanstalten, nur einige Kramlden, die um die Pleienburg lagen,
in Flammen aufloderten.  Gleichwohl war die Bestrzung in der Stadt,
ber das Dasein des rasenden Mordbrenners, und den Wahn, in welchem
derselbe stand, da der Junker in Leipzig sei, unaussprechlich; und
da ein Haufen von hundert und achtzig Reisigen, den man gegen ihn
ausschickte, zersprengt in die Stadt zurckkam: so blieb dem
Magistrat, der den Reichtum der Stadt nicht aussetzen wollte, nichts
anderes brig, als die Tore gnzlich zu sperren, und die Brgerschaft
Tag und Nacht, auerhalb der Mauern, wachen zu lassen.  Vergebens
lie der Magistrat, auf den Drfern der umliegenden Gegend,
Deklarationen anheften, mit der bestimmten Versicherung, da der
Junker nicht in der Pleienburg sei; der Rokamm, in hnlichen
Blttern, bestand darauf, da er in der Pleienburg sei, und erklrte,
da, wenn derselbe nicht darin befindlich wre, er mindestens
verfahren wrde, als ob er darin wre, bis man ihm den Ort, mit Namen
genannt, werde angezeigt haben, worin er befindlich sei.  Der
Kurfrst, durch einen Eilboten, von der Not, in welcher sich die
Stadt Leipzig befand, benachrichtigt, erklrte, da er bereits einen
Heerhaufen von zweitausend Mann zusammenzge, und sich selbst an
dessen Spitze setzen wrde, um den Kohlhaas zu fangen.  Er erteilte
dem Herrn Otto von Gorgas einen schweren Verweis, wegen der
zweideutigen und unberlegten List, die er angewendet, um des
Mordbrenners aus der Gegend von Wittenberg loszuwerden; und niemand
beschreibt die Verwirrung, die ganz Sachsen und insbesondere die
Residenz ergriff, als man daselbst erfuhr, da, auf den Drfern bei
Leipzig, man wute nicht von wem, eine Deklaration an den Kohlhaas
angeschlagen worden sei, des Inhalts: "Wenzel, der Junker, befinde
sich bei seinen Vettern Hinz und Kunz, in Dresden."

Unter diesen Umstnden bernahm der Doktor Martin Luther das Geschft,
den Kohlhaas, durch die Kraft beschwichtigender Worte, von dem
Ansehn, das ihm seine Stellung in der Welt gab, untersttzt, in den
Damm der menschlichen Ordnung zurckzudrcken, und auf ein tchtiges
Element in der Brust des Mordbrenners bauend, erlie er ein Plakat
folgenden Inhalts an ihn, das in allen Stdten und Flecken des
Kurfrstentums angeschlagen ward:

"Kohlhaas, der du dich gesandt zu sein vorgibst, das Schwert der
Gerechtigkeit zu handhaben, was unterfngst du dich, Vermessener, im
Wahnsinn stockblinder Leidenschaft, du, den Ungerechtigkeit selbst,
vom Wirbel bis zur Sohle erfllt?  Weil der Landesherr dir, dem du
untertan bist, dein Recht verweigert hat, dein Recht in dem Streit um
ein nichtiges Gut, erhebst du dich, Heilloser, mit Feuer und Schwert,
und brichst, wie der Wolf der Wste, in die friedliche Gemeinheit,
die er beschirmt.  Du, der die Menschen mit dieser Angabe, voll
Unwahrhaftigkeit und Arglist, verfhrt: meinst du, Snder, vor Gott
dereinst, an dem Tage, der in die Falten aller Herzen scheinen wird,
damit auszukommen?  Wie kannst du sagen, da dir dein Recht
verweigert worden ist, du, dessen grimmige Brust, vom Kitzel schnder
Selbstrache gereizt, nach den ersten, leichtfertigen Versuchen, die
dir gescheitert, die Bemhung gnzlich aufgegeben hat, es dir zu
verschaffen?  Ist eine Bank voll Gerichtsdienern und Schergen, die
einen Brief, der gebracht wird, unterschlagen, oder ein Erkenntnis,
das sie abliefern sollen, zurckhalten, deine Obrigkeit?  Und mu ich
dir sagen, Gottvergessener, da deine Obrigkeit von deiner Sache
nichts wei--was sag ich? da der Landesherr, gegen den du dich
auflehnst, auch deinen Namen nicht kennt, dergestalt, da wenn
dereinst du vor Gottes Thron trittst, in der Meinung, ihn anzuklagen,
er, heiteren Antlitzes, wird sprechen knnen: diesem Mann, Herr, tat
ich kein Unrecht, denn sein Dasein ist meiner Seele fremd?  Das
Schwert, wisse, das du fhrst, ist das Schwert des Raubes und der
Mordlust, ein Rebell bist du und kein Krieger des gerechten Gottes,
und dein Ziel auf Erden ist Rad und Galgen, und jenseits die
Verdammnis, die ber die Missetat und die Gottlosigkeit verhngt ist.

Wittenberg, usw.

Martin Luther."

Kohlhaas wlzte eben, auf dem Schlosse zu Ltzen, einen neuen Plan,
Leipzig einzuschern, in seiner zerrissenen Brust herum:--denn auf
die, in den Drfern angeschlagene Nachricht, da der Junker Wenzel in
Dresden sei, gab er nichts, weil sie von niemand, geschweige denn vom
Magistrat, wie er verlangt hatte, unterschrieben war:--als Sternbald
und Waldmann das Plakat, das, zur Nachtzeit, an den Torweg des
Schlosses, angeschlagen worden war, zu ihrer groen Bestrzung,
bemerkten.  Vergebens hofften sie, durch mehrere Tage, da Kohlhaas,
den sie nicht gern deshalb antreten wollten, es erblicken wrde;
finster und in sich gekehrt, in der Abendstunde erschien er zwar,
aber blo, um seine kurzen Befehle zu geben, und sah nichts:
dergestalt, da sie an einem Morgen, da er ein paar Knechte, die in
der Gegend, wider seinen Willen, geplndert hatten, aufknpfen lassen
wollte, den Entschlu faten, ihn darauf aufmerksam zu machen.  Eben
kam er, whrend das Volk von beiden Seiten schchtern auswich, in dem
Aufzuge, der ihm, seit seinem letzten Mandat, gewhnlich war, von dem
Richtplatz zurck, ein groes Cherubsschwert, auf einem rotledernen
Kissen, mit Quasten von Gold verziert, ward ihm vorangetragen, und
zwlf Knechte, mit brennenden Fackeln folgten ihm, da traten die
beiden Mnner, ihre Schwerter unter dem Arm, so, da es ihn befremden
mute, um den Pfeiler, an welchen das Plakat angeheftet war, herum.
Kohlhaas, als er, mit auf dem Rcken zusammengelegten Hnden, in
Gedanken vertieft, unter das Portal kam, schlug die Augen auf und
stutzte; und da die Knechte, bei seinem Anblick, ehrerbietig
auswichen: so trat er, indem er sie zerstreut ansah, mit einigen
raschen Schritten, an den Pfeiler heran.  Aber wer beschreibt, was in
seiner Seele vorging, als er das Blatt, dessen Inhalt ihn der
Ungerechtigkeit zieh, daran erblickte: unterzeichnet von dem
teuersten und verehrungswrdigsten Namen, den er kannte, von dem
Namen Martin Luthers!  Eine dunkle Rte stieg in sein Antlitz empor;
er durchlas es, indem er den Helm abnahm, zweimal von Anfang bis zu
Ende; wandte sich, mit ungewissen Blicken, mitten unter die Knechte
zurck, als ob er etwas sagen wollte, und sagte nichts; lste das
Blatt von der Wand los, durchlas es noch einmal; und rief: Waldmann!
la mir mein Pferd satteln! sodann: Sternbald! folge mir ins Schlo!
und verschwand.  Mehr als dieser wenigen Worte bedurfte es nicht, um
ihn, in der ganzen Verderblichkeit, in der er dastand, pltzlich zu
entwaffnen.  Er warf sich in die Verkleidung eines thringischen
Landpchters; sagte Sternbald, da ein Geschft, von bedeutender
Wichtigkeit, ihn nach Wittenberg zu reisen ntige; bergab ihm, in
Gegenwart einiger der vorzglichsten Knechte, die Anfhrung des in
Ltzen zurckbleibenden Haufens; und zog, unter der Versicherung, da
er in drei Tagen, binnen welcher Zeit kein Angriff zu frchten sei,
wieder zurck sein werde, nach Wittenberg ab.

Er kehrte, unter einem fremden Namen, in ein Wirtshaus ein, wo er,
sobald die Nacht angebrochen war, in seinem Mantel, und mit einem
Paar Pistolen versehen, die er in der Tronkenburg erbeutet hatte, zu
Luthern ins Zimmer trat.  Luther, der unter Schriften und Bchern an
seinem Pulte sa, und den fremden, besonderen Mann die Tr ffnen und
hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: wer er sei? und was er wolle?
und der Mann, der seinen Hut ehrerbietig in der Hand hielt, hatte
nicht sobald, mit dem schchternen Vorgefhl des Schreckens, den er
verursachen wrde, erwidert: da er Michael Kohlhaas, der Rohndler
sei; als Luther schon: weiche fern hinweg! ausrief, und indem er, vom
Pult erstehend, nach einer Klingel eilte, hinzusetzte: dein Odem ist
Pest und deine Nhe Verderben!  Kohlhaas, indem er, ohne sich vom
Platz zu regen, sein Pistol zog, sagte: Hochwrdiger Herr, dies
Pistol, wenn Ihr die Klingel rhrt, streckt mich leblos zu Euren
Fen nieder!  Setzt Euch und hrt mich an; unter den Engeln, deren
Psalmen Ihr aufschreibt, seid Ihr nicht sicherer, als bei mir.
Luther, indem er sich niedersetzte, fragte: was willst du?  Kohlhaas
erwiderte: Eure Meinung von mir, da ich ein ungerechter Mann sei,
widerlegen!  Ihr habt mir in Eurem Plakat gesagt, da meine Obrigkeit
von meiner Sache nichts wei: wohlan, verschafft mir freies Geleit,
so gehe ich nach Dresden, und lege sie ihr vor.--"Heilloser und
entsetzlicher Mann!" rief Luther, durch diese Worte verwirrt zugleich
und beruhigt: "wer gab dir das Recht, den Junker von Tronka, in
Verfolg eigenmchtiger Rechtsschlsse, zu berfallen, und da du ihn
auf seiner Burg nicht fandst mit Feuer und Schwert die ganze
Gemeinschaft heimzusuchen, die ihn beschirmt?" Kohlhaas erwiderte:
hochwrdiger Herr, niemand, fortan!  Eine Nachricht, die ich aus
Dresden erhielt, hat mich getuscht, mich verfhrt!  Der Krieg, den
ich mit der Gemeinheit der Menschen fhre, ist eine Missetat, sobald
ich aus ihr nicht, wie Ihr mir die Versicherung gegeben habt,
verstoen war!  Verstoen! rief Luther, indem er ihn ansah.  Welch
eine Raserei der Gedanken ergriff dich?  Wer htte dich aus der
Gemeinschaft des Staats, in welchem du lebtest, verstoen?  Ja, wo
ist, so lange Staaten bestehen, ein Fall, da jemand, wer es auch sei,
daraus verstoen worden wre?--Verstoen, antwortete Kohlhaas, indem
er die Hand zusammendrckte, nenne ich den, dem der Schutz der
Gesetze versagt ist!  Denn dieses Schutzes, zum Gedeihen meines
friedlichen Gewerbes, bedarf ich; ja, er ist es, dessenhalb ich mich,
mit dem Kreis dessen, was ich erworben, in diese Gemeinschaft flchte;
und wer mir ihn versagt, der stt mich zu den Wilden der Einde
hinaus; er gibt mir, wie wollt Ihr das leugnen, die Keule, die mich
selbst schtzt, in die Hand.--Wer hat dir den Schutz der Gesetze
versagt? rief Luther.  Schrieb ich dir nicht, da die Klage, die du
eingereicht, dem Landesherrn, dem du sie eingereicht, fremd ist?
Wenn Staatsdiener hinter seinem Rcken Prozesse unterschlagen, oder
sonst seines geheiligten Namens, in seiner Unwissenheit, spotten; wer
anders als Gott darf ihn wegen der Wahl solcher Diener zur
Rechenschaft ziehen, und bist du, gottverdammter und entsetzlicher
Mensch, befugt, ihn deshalb zu richten?--Wohlan, versetzte Kohlhaas,
wenn mich der Landesherr nicht verstt, so kehre ich auch wieder in
die Gemeinschaft, die er beschirmt, zurck.  Verschafft mir, ich
wiederhol es, freies Geleit nach Dresden: so lasse ich den Haufen,
den ich im Schlo zu Ltzen versammelt, auseinander gehen, und bringe
die Klage, mit der ich abgewiesen worden bin, noch einmal bei dem
Tribunal des Landes vor.--Luther, mit einem verdrielichen Gesicht,
warf die Papiere, die auf seinem Tisch lagen, bereinander, und
schwieg. Die trotzige Stellung, die dieser seltsame Mensch im Staat
einnahm, verdro ihn; und den Rechtsschlu, den er, von
Kohlhaasenbrck aus, an den Junker erlassen, erwgend, fragte er: was
er denn von dem Tribunal zu Dresden verlange?  Kohlhaas antwortete:
Bestrafung des Junkers, den Gesetzen gem; Wiederherstellung der
Pferde in den vorigen Stand; und Ersatz des Schadens, den ich sowohl,
als mein bei Mhlberg gefallener Knecht Herse, durch die Gewalttat,
die man an uns verbte, erlitten.--Luther rief: Ersatz des Schadens!
Summen zu Tausenden, bei Juden und Christen, auf Wechseln und
Pfndern, hast du, zur Bestreitung deiner wilden Selbstrache,
aufgenommen.  Wirst du den Wert auch, auf der Rechnung, wenn es zur
Nachfrage kommt, ansetzen?--Gott behte! erwiderte Kohlhaas.  Haus
und Hof, und den Wohlstand, den ich besessen, fordere ich nicht
zurck; so wenig als die Kosten des Begrbnisses meiner Frau!
Hersens alte Mutter wird eine Berechnung der Heilkosten, und eine
Spezifikation dessen, was ihr Sohn in der Tronkenburg eingebt,
beibringen; und den Schaden, den ich wegen Nichtverkaufs der Rappen
erlitten, mag die Regierung durch einen Sachverstndigen abschtzen
lassen.--Luther sagte: rasender, unbegreiflicher und entsetzlicher
Mensch! und sah ihn an.  Nachdem dein Schwert sich, an dem Junker,
Rache, die grimmigste, genommen, die sich erdenken lt: was treibt
dich, auf ein Erkenntnis gegen ihn zu bestehen, dessen Schrfe, wenn
es zuletzt fllt, ihn mit einem Gewicht von so geringer Erheblichkeit
nur trifft?--Kohlhaas erwiderte, indem ihm eine Trne ber die Wangen
rollte: hochwrdiger Herr! es hat mich meine Frau gekostet; Kohlhaas
will der Welt zeigen, da sie in keinem ungerechten Handel umgekommen
ist.  Fgt Euch in diesen Stcken meinem Willen, und lat den
Gerichtshof sprechen; in allem anderen, was sonst noch streitig sein
mag, fge ich mich Euch.--Luther sagte: schau her, was du forderst,
wenn anders die Umstnde so sind, wie die ffentliche Stimme hren
lt, ist gerecht; und httest du den Streit, bevor du eigenmchtig
zur Selbstrache geschritten, zu des Landesherrn Entscheidung zu
bringen gewut, so wre dir deine Forderung, zweifle ich nicht, Punkt
vor Punkt bewilligt worden.  Doch httest du nicht, alles wohl
erwogen, besser getan, du httest, um deines Erlsers willen, dem
Junker vergeben, die Rappen, drre und abgehrmt, wie sie waren, bei
der Hand genommen, dich aufgesetzt, und zur Dickftterung in deinen
Stall nach Kohlhaasenbrck heimgeritten?--Kohlhaas antwortete: kann
sein! indem er ans Fenster trat: kann sein, auch nicht!  Htte ich
gewut, da ich sie mit Blut aus dem Herzen meiner lieben Frau wrde
auf die Beine bringen mssen: kann sein, ich htte getan, wie Ihr
gesagt, hochwrdiger Herr, und einen Scheffel Hafer nicht gescheut!
Doch, weil sie mir einmal so teuer zu stehen gekommen sind, so habe
es denn, meine ich, seinen Lauf: lat das Erkenntnis, wie es mir
zukmmt, sprechen, und den Junker mir die Rappen auffttern.--Luther
sagte, indem er, unter mancherlei Gedanken, wieder zu seinen Papieren
griff: er wolle mit dem Kurfrsten seinethalben in Unterhandlung
treten.  Inzwischen mchte er sich, auf dem Schlosse zu Ltzen, still
halten; wenn der Herr ihm freies Geleit bewillige, so werde man es
ihm auf dem Wege ffentlicher Anplackung bekannt machen.--Zwar, fuhr
er fort, da Kohlhaas sich herabbog, um seine Hand zu kssen: ob der
Kurfrst Gnade fr Recht ergehen lassen wird, wei ich nicht; denn
einen Heerhaufen, vernehm ich, zog er zusammen, und steht im Begriff,
dich im Schlosse zu Ltzen aufzuheben: inzwischen, wie ich dir schon
gesagt habe, an meinem Bemhen soll es nicht liegen.  Und damit stand
er auf, und machte Anstalt, ihn zu entlassen.  Kohlhaas meinte, da
seine Frsprache ihn ber diesen Punkt vllig beruhige; worauf Luther
ihn mit der Hand grte, jener aber pltzlich ein Knie vor ihm senkte
und sprach: er habe noch eine Bitte auf seinem Herzen.  Zu Pfingsten
nmlich, wo er an den Tisch des Herrn zu gehen pflege, habe er die
Kirche, dieser seiner kriegerischen Unternehmungen wegen, versumt;
ob er die Gewogenheit haben wolle, ohne weitere Vorbereitung, seine
Beichte zu empfangen, und ihm, zur Auswechselung dagegen, die Wohltat
des heiligen Sakraments zu erteilen?  Luther, nach einer kurzen
Besinnung, indem er ihn scharf ansah, sagte: ja, Kohlhaas, das will
ich tun!  Der Herr aber, dessen Leib du begehrst, vergab seinem Feind.
--Willst du, setzte er, da jener ihn betreten ansah, hinzu, dem
Junker, der dich beleidigt hat, gleichfalls vergeben: nach der
Tronkenburg gehen, dich auf deine Rappen setzen, und sie zur
Dickftterung nach Kohlhaasenbrck heimreisen?--"Hochwrdiger Herr",
sagte Kohlhaas errtend, indem er seine Hand ergriff,--nun?--"der
Herr auch vergab allen seinen Feinden nicht.  Lat mich den
Kurfrsten, meinen beiden Herren, dem Schlovogt und Verwalter, den
Herren Hinz und Kunz, und wer mich sonst in dieser Sache gekrnkt
haben mag, vergeben: den Junker aber, wenn es sein kann, ntigen, da
er mir die Rappen wieder dick fttere."--Bei diesen Worten kehrte ihm
Luther, mit einem mivergnglichen Blick, den Rcken zu, und zog die
Klingel.  Kohlhaas, whrend, dadurch herbeigerufen, ein Famulus sich
mit Licht in dem Vorsaal meldete, stand betreten, indem er sich die
Augen trocknete, vom Boden auf; und da der Famulus vergebens, weil
der Riegel vorgeschoben war, an der Tre wirkte, Luther aber sich
wieder zu seinen Papieren niedergesetzt hatte: so machte Kohlhaas dem
Mann die Tre auf.  Luther, mit einem kurzen, auf den fremden Mann
gerichteten Seitenblick, sagte dem Famulus: leuchte! worauf dieser,
ber den Besuch, den er erblickte, ein wenig befremdet, den
Hausschlssel von der Wand nahm, und sich, auf die Entfernung
desselben wartend, unter die halboffene Tr des Zimmers zurckbegab.
--Kohlhaas sprach, indem er seinen Hut bewegt zwischen beide Hnde
nahm: und so kann ich, hochwrdigster Herr, der Wohltat vershnt zu
werden, die ich mir von Euch erbat, nicht teilhaftig werden?  Luther
antwortete kurz: deinem Heiland, nein; dem Landesherrn,--das bleibt
einem Versuch, wie ich dir versprach, vorbehalten!  Und damit winkte
er dem Famulus, das Geschft, das er ihm aufgetragen, ohne weiteren
Aufschub, abzumachen.  Kohlhaas legte, mit dem Ausdruck schmerzlicher
Empfindung, seine beiden Hnde auf die Brust; folgte dem Mann, der
ihm die Treppe hinunter leuchtete, und verschwand.

Am anderen Morgen erlie Luther ein Sendschreiben an den Kurfrsten
von Sachsen, worin er, nach einem bitteren Seitenblick auf die seine
Person umgebenden Herren Hinz und Kunz, Kmmerer und Mundschenk von
Tronka, welche die Klage, wie allgemein bekannt war, untergeschlagen
hatten, dem Herrn, mit der Freimtigkeit, die ihm eigen war,
erffnete, da bei so rgerlichen Umstnden, nichts anderes zu tun
brig sei, als den Vorschlag des Rohndlers anzunehmen, und ihm des
Vorgefallenen wegen, zur Erneuerung seines Prozesses, Amnestie zu
erteilen.  Die ffentliche Meinung, bemerkte er, sei auf eine hchst
gefhrliche Weise, auf dieses Mannes Seite, dergestalt, da selbst in
dem dreimal von ihm eingescherten Wittenberg, eine Stimme zu seinem
Vorteil spreche; und da er sein Anerbieten, falls er damit abgewiesen
werden sollte, unfehlbar, unter gehssigen Bemerkungen, zur
Wissenschaft des Volks bringen wrde, so knne dasselbe leicht in dem
Grade verfhrt werden, da mit der Staatsgewalt gar nichts mehr gegen
ihn auszurichten sei.  Er schlo, da man, in diesem
auerordentlichen Fall, ber die Bedenklichkeit, mit einem
Staatsbrger, der die Waffen ergriffen, in Unterhandlung zu treten,
hinweggehen msse; da derselbe in der Tat durch das Verfahren, das
man gegen ihn beobachtet, auf gewisse Weise auer der
Staatsverbindung gesetzt worden sei; und kurz, da man ihn, um aus
dem Handel zu kommen, mehr als eine fremde, in das Land gefallene
Macht, wozu er sich auch, da er ein Auslnder sei, gewissermaen
qualifiziere, als einen Rebellen, der sich gegen den Thron auflehne,
betrachten msse.--Der Kurfrst erhielt diesen Brief eben, als der
Prinz Christiern von Meien, Generalissimus des Reichs, Oheim des bei
Mhlberg geschlagenen und an seinen Wunden noch daniederliegenden
Prinzen Friedrich von Meien; der Grokanzler des Tribunals, Graf
Wrede; Graf Kallheim, Prsident der Staatskanzlei; und die beiden
Herren Hinz und Kunz von Tronka, dieser Kmmerer, jener Mundschenk,
die Jugendfreunde und Vertrauten des Herrn, in dem Schlosse
gegenwrtig waren.  Der Kmmerer, Herr Kunz, der, in der Qualitt
eines Geheimenrats, des Herrn geheime Korrespondenz, mit der Befugnis,
sich seines Namens und Wappens zu bedienen, besorgte, nahm zuerst
das Wort, und nachdem er noch einmal weitlufig auseinander gelegt
hatte, da er die Klage, die der Rohndler gegen den Junker, seinen
Vetter, bei dem Tribunal eingereicht, nimmermehr durch eine
eigenmchtige Verfgung niedergeschlagen haben wrde, wenn er sie
nicht, durch falsche Angaben verfhrt, fr eine vllig grundlose und
nichtsnutzige Plackerei gehalten htte, kam er auf die gegenwrtige
Lage der Dinge.  Er bemerkte, da, weder nach gttlichen noch
menschlichen Gesetzen, der Rokamm, um dieses Migriffs willen,
befugt gewesen wre, eine so ungeheure Selbstrache, als er sich
erlaubt, auszuben; schilderte den Glanz, der durch eine Verhandlung
mit demselben, als einer rechtlichen Kriegsgewalt, auf sein
gottverdammtes Haupt falle; und die Schmach, die dadurch auf die
geheiligte Person des Kurfrsten zurckspringe, schien ihm so
unertrglich, da er, im Feuer der Beredsamkeit, lieber das uerste
erleben, den Rechtsschlu des rasenden Rebellen erfllt, und den
Junker, seinen Vetter, zur Dickftterung der Rappen nach
Kohlhaasenbrck abgefhrt sehen, als den Vorschlag, den der Doktor
Luther gemacht, angenommen wissen wollte.  Der Grokanzler des
Tribunals, Graf Wrede, uerte, halb zu ihm gewandt, sein Bedauern,
da eine so zarte Sorgfalt, als er, bei der Auflsung dieser
allerdings milichen Sache, fr den Ruhm des Herrn zeige, ihn nicht,
bei der ersten Veranlassung derselben, erfllt htte.  Er stellte dem
Kurfrsten sein Bedenken vor, die Staatsgewalt, zur Durchsetzung
einer offenbar unrechtlichen Maregel, in Anspruch zu nehmen;
bemerkte, mit einem bedeutenden Blick auf den Zulauf, den der
Rohndler fortdauernd im Lande fand, da der Faden der Freveltaten
sich auf diese Weise ins Unendliche fortzuspinnen drohe, und erklrte,
da nur ein schlichtes Rechttun, indem man unmittelbar und
rcksichtslos den Fehltritt, den man sich zu Schulden kommen lassen,
wieder gut machte, ihn abreien und die Regierung glcklich aus
diesem hlichen Handel herausziehen knne.  Der Prinz Christiern von
Meien, auf die Frage des Herrn, was er davon halte? uerte, mit
Verehrung gegen den Grokanzler gewandt: die Denkungsart, die er an
den Tag lege, erflle ihn zwar mit dem gresten Respekt; indem er
aber dem Kohlhaas zu seinem Recht verhelfen wolle, bedenke er nicht
da er Wittenberg und Leipzig, und das ganze durch ihn mihandelte
Land, in seinem gerechten Anspruch auf Schadenersatz, oder wenigstens
Bestrafung, beeintrchtige.  Die Ordnung des Staats sei, in Beziehung
auf diesen Mann, so verrckt, da man sie schwerlich durch einen
Grundsatz, aus der Wissenschaft des Rechts entlehnt, werde einrenken
knnen.  Daher stimme er, nach der Meinung des Kmmerers, dafr, das
Mittel, das fr solche Flle eingesetzt sei, ins Spiel zu ziehen:
einen Kriegshaufen, von hinreichender Gre zusammenzuraffen, und den
Rohndler, der in Ltzen aufgepflanzt sei, damit aufzuheben oder zu
erdrcken.  Der Kmmerer, indem er fr ihn und den Kurfrsten Sthle
von der Wand nahm, und auf eine verbindliche Weise ins Zimmer setzte,
sagte: er freue sich, da ein Mann von seiner Rechtschaffenheit und
Einsicht mit ihm in dem Mittel, diese Sache zweideutiger Art
beizulegen, bereinstimme.  Der Prinz, indem er den Stuhl, ohne sich
zu setzen, in der Hand hielt, und ihn ansah, versicherte ihn: da er
gar nicht Ursache htte sich deshalb zu freuen, indem die damit
verbundene Maregel notwendig die wre, einen Verhaftungsbefehl
vorher gegen ihn zu erlassen, und wegen Mibrauchs des
landesherrlichen Namens den Proze zu machen.  Denn wenn
Notwendigkeit erfordere, den Schleier vor dem Thron der Gerechtigkeit
niederzulassen, ber eine Reihe von Freveltaten, die unabsehbar wie
sie sich forterzeugt, vor den Schranken desselben zu erscheinen,
nicht mehr Raum fnden, so gelte das nicht von der ersten, die sie
veranlat; und allererst seine Anklage auf Leben und Tod knne den
Staat zur Zermalmung des Rohndlers bevollmchtigen, dessen Sache,
wie bekannt, sehr gerecht sei, und dem man das Schwert, das er fhre,
selbst in die Hand gegeben.  Der Kurfrst, den der Junker bei diesen
Worten betroffen ansah, wandte sich, indem er ber das ganze Gesicht
rot ward, und trat ans Fenster.  Der Graf Kallheim, nach einer
verlegenen Pause von allen Seiten, sagte, da man auf diese Weise aus
dem Zauberkreise, in dem man befangen, nicht herauskme.  Mit
demselben Rechte knne seinem Neffen, dem Prinzen Friedrich, der
Proze gemacht werden; denn auch er htte, auf dem Streifzug
sonderbarer Art, den er gegen den Kohlhaas unternommen, seine
Instruktion auf mancherlei Weise berschritten: dergestalt, da wenn
man nach der weitlufigen Schar derjenigen frage, die die
Verlegenheit, in welcher man sich befinde, veranlat, er gleichfalls
unter die Zahl derselben wrde benannt, und von dem Landesherrn wegen
dessen was bei Mhlberg vorgefallen, zur Rechenschaft gezogen werden
mssen.  Der Mundschenk, Herr Hinz von Tronka, whrend der Kurfrst
mit ungewissen Blicken an seinen Tisch trat, nahm das Wort und sagte:
er begriffe nicht, wie der Staatsbeschlu, der zu fassen sei, Mnnern
von solcher Weisheit, als hier versammelt wren, entgehen knne.  Der
Rohndler habe, seines Wissens, gegen blo freies Geleit nach
Dresden, und erneuerte Untersuchung seiner Sache, versprochen, den
Haufen, mit dem er in das Land gefallen, auseinander gehen zu lassen.
Daraus aber folge nicht, da man ihm, wegen dieser frevelhaften
Selbstrache, Amnestie erteilen msse: zwei Rechtsbegriffe, die der
Doktor Luther sowohl, als auch der Staatsrat zu verwechseln scheine.
Wenn, fuhr er fort, indem er den Finger an die Nase legte, bei dem
Tribunal zu Dresden, gleichviel wie, das Erkenntnis der Rappen wegen
gefallen ist; so hindert nichts, den Kohlhaas auf den Grund seiner
Mordbrennereien und Rubereien einzustecken: eine staatskluge Wendung,
die die Vorteile der Ansichten beider Staatsmnner vereinigt, und
des Beifalls der Welt und Nachwelt gewi ist.--Der Kurfrst, da der
Prinz sowohl als der Grokanzler dem Mundschenk, Herrn Hinz, auf
diese Rede mit einem bloen Blick antworteten, und die Verhandlung
mithin geschlossen schien, sagte: da er die verschiedenen Meinungen,
die sie ihm vorgetragen, bis zur nchsten Sitzung des Staatsrats bei
sich selbst berlegen wrde.--Es schien, die Prliminar-Maregel,
deren der Prinz gedacht, hatte seinem fr Freundschaft sehr
empfnglichen Herzen die Lust benommen, den Heereszug gegen den
Kohlhaas, zu welchem schon alles vorbereitet war, auszufhren
Wenigstens behielt er den Grokanzler, Grafen Wrede, dessen Meinung
ihm die zweckmigste schien, bei sich zurck; und da dieser ihm
Briefe vorzeigte, aus welchen hervorging, da der Rohndler in der
Tat schon zu einer Strke von vierhundert Mann herangewachsen sei; ja,
bei der allgemeinen Unzufriedenheit, die wegen der Unziemlichkeiten
des Kmmerers im Lande herrschte, in kurzem auf eine doppelte und
dreifache Strke rechnen knne: so entschlo sich der Kurfrst, ohne
weiteren Anstand, den Rat, den ihm der Doktor Luther erteilt,
anzunehmen.  Dem gem bergab er dem Grafen Wrede die ganze Leitung
der Kohlhaasischen Sache; und schon nach wenigen Tagen erschien ein
Plakat, das wir, dem Hauptinhalt nach, folgendermaen mitteilen:

"Wir etc, etc. Kurfrst von Sachsen, erteilen, in besonders gndiger
Rcksicht auf die an Uns ergangene Frsprache des Doktors Martin
Luther, dem Michael Kohlhaas, Rohndler aus dem Brandenburgischen,
unter der Bedingung, binnen drei Tagen nach Sicht die Waffen, die er
ergriffen, niederzulegen, behufs einer erneuerten Untersuchung seiner
Sache, freies Geleit nach Dresden; dergestalt zwar, da, wenn
derselbe, wie nicht zu erwarten, bei dem Tribunal zu Dresden mit
seiner Klage, der Rappen wegen, abgewiesen werden sollte, gegen ihn,
seines eigenmchtigen Unternehmens wegen, sich selbst Recht zu
verschaffen, mit der ganzen Strenge des Gesetzes verfahren werden
solle; im entgegengesetzten Fall aber, ihm mit seinem ganzen Haufen,
Gnade fr Recht bewilligt, und vllige Amnestie, seiner in Sachsen
ausgebten Gewaltttigkeiten wegen, zugestanden sein solle."

Kohlhaas hatte nicht sobald, durch den Doktor Luther, ein Exemplar
dieses in allen Pltzen des Landes angeschlagenen Plakats erhalten,
als er, so bedingungsweise auch die darin gefhrte Sprache war,
seinen ganzen Haufen schon, mit Geschenken, Danksagungen und
zweckmigen Ermahnungen auseinander gehen lie.  Er legte alles, was
er an Geld, Waffen und Gertschaften erbeutet haben mochte, bei den
Gerichten zu Ltzen, als kurfrstliches Eigentum, nieder; und nachdem
er den Waldmann mit Briefen, wegen Wiederkaufs seiner Meierei, wenn
es mglich sei, an den Amtmann nach Kohlhaasenbrck, und den
Sternbald zur Abholung seiner Kinder, die er wieder bei sich zu haben
wnschte, nach Schwerin geschickt hatte, verlie er das Schlo zu
Ltzen, und ging, unerkannt, mit dem Rest seines kleinen Vermgens,
das er in Papieren bei sich trug, nach Dresden.

Der Tag brach eben an, und die ganze Stadt schlief noch, als er an
die Tr der kleinen, in der Pirnaischen Vorstadt gelegenen Besitzung,
die ihm durch die Rechtschaffenheit des Amtmanns brig geblieben war,
anklopfte, und Thomas, dem alten, die Wirtschaft fhrenden Hausmann,
der ihm mit Erstaunen und Bestrzung aufmachte, sagte: er mchte dem
Prinzen von Meien auf dem Gubernium melden, da er, Kohlhaas der
Rohndler, da wre.  Der Prinz von Meien, der auf diese Meldung fr
zweckmig hielt, augenblicklich sich selbst von dem Verhltnis, in
welchem man mit diesem Mann stand, zu unterrichten, fand, als er mit
einem Gefolge von Rittern und Troknechten bald darauf erschien, in
den Straen, die zu Kohlhaasens Wohnung fhrten, schon eine
unermeliche Menschenmenge versammelt.  Die Nachricht, da der
Wrgengel da sei, der die Volksbedrcker mit Feuer und Schwert
verfolgte, hatte ganz Dresden, Stadt und Vorstadt, auf die Beine
gebracht; man mute die Haustr vor dem Andrang des neugierigen
Haufens verriegeln, und die Jungen kletterten an den Fenstern heran,
um den Mordbrenner, der darin frhstckte, in Augenschein zu nehmen.
Sobald der Prinz, mit Hlfe der ihm Platz machenden Wache, ins Haus
gedrungen, und in Kohlhaasens Zimmer getreten war, fragte er diesen,
welcher halb entkleidet an einem Tische stand: ob er Kohlhaas, der
Rohndler, wre? worauf Kohlhaas, indem er eine Brieftasche mit
mehreren ber sein Verhltnis lautenden Papieren aus seinem Gurt nahm,
und ihm ehrerbietig berreichte, antwortete: ja! und hinzusetzte: er
finde sich nach Auflsung seines Kriegshaufens, der ihm erteilten
landesherrlichen Freiheit gem, in Dresden ein, um seine Klage, der
Rappen wegen, gegen den Junker Wenzel von Tronka vor Gericht zu
bringen.  Der Prinz, nach einem flchtigen Blick, womit er ihn von
Kopf zu Fu berschaute, durchlief die in der Brieftasche
befindlichen Papiere; lie sich von ihm erklren, was es mit einem
von dem Gericht zu Ltzen ausgestellten Schein, den er darin fand,
ber die zu Gunsten des kurfrstlichen Schatzes gemachte Deposition
fr eine Bewandtnis habe; und nachdem er die Art des Mannes noch,
durch Fragen mancherlei Gattung, nach seinen Kindern, seinem Vermgen
und der Lebensart die er knftig zu fhren denke, geprft, und
berall so, da man wohl seinetwegen ruhig sein konnte, befunden
hatte, gab er ihm die Briefschaften wieder, und sagte: da seinem
Proze nichts im Wege stnde, und da er sich nur unmittelbar, um ihn
einzuleiten, an den Grokanzler des Tribunals, Grafen Wrede, selbst
wenden mchte.  Inzwischen, sagte der Prinz, nach einer Pause, indem
er ans Fenster trat, und mit groen Augen das Volk, das vor dem Hause
versammelt war, berschaute: du wirst auf die ersten Tage eine Wache
annehmen mssen, die dich, in deinem Hause sowohl, als wenn du
ausgehst, schtze!--Kohlhaas sah betroffen vor sich nieder, und
schwieg. Der Prinz sagte: "gleichviel!" indem er das Fenster wieder
verlie.  "Was daraus entsteht, du hast es dir selbst beizumessen";
und damit wandte er sich wieder nach der Tr, in der Absicht, das
Haus zu verlassen.  Kohlhaas, der sich besonnen hatte, sprach:
Gndigster Herr! tut, was Ihr wollt!  Gebt mir Euer Wort, die Wache,
sobald ich es wnsche, wieder aufzuheben: so habe ich gegen diese
Maregel nichts einzuwenden!  Der Prinz erwiderte: das bedrfe der
Rede nicht; und nachdem er drei Landsknechten, die man ihm zu diesem
Zweck vorstellte, bedeutet hatte: da der Mann, in dessen Hause sie
zurckblieben, frei wre, und da sie ihm blo zu seinem Schutz, wenn
er ausginge, folgen sollten, grte er den Rohndler mit einer
herablassenden Bewegung der Hand, und entfernte sich.

Gegen Mittag begab sich Kohlhaas, von seinen drei Landsknechten
begleitet, unter dem Gefolge einer unabsehbaren Menge, die ihm aber
auf keine Weise, weil sie durch die Polizei gewarnt war, etwas zu
Leide tat, zu dem Grokanzler des Tribunals, Grafen Wrede.  Der
Grokanzler, der ihn mit Milde und Freundlichkeit in seinem Vorgemach
empfing, unterhielt sich whrend zwei ganzer Stunden mit ihm, und
nachdem er sich den ganzen Verlauf der Sache, von Anfang bis zu Ende,
hatte erzhlen lassen, wies er ihn, zur unmittelbaren Abfassung und
Einreichung der Klage, an einen, bei dem Gericht angestellten,
berhmten Advokaten der Stadt.  Kohlhaas, ohne weiteren Verzug,
verfgte sich in dessen Wohnung; und nachdem die Klage, ganz der
ersten niedergeschlagenen gem, auf Bestrafung des Junkers nach den
Gesetzen, Wiederherstellung der Pferde in den vorigen Stand, und
Ersatz seines Schadens sowohl, als auch dessen, den sein bei Mhlberg
gefallener Knecht Herse erlitten hatte, zu Gunsten der alten Mutter
desselben, aufgesetzt war, begab er sich wieder, unter Begleitung des
ihn immer noch angaffenden Volks, nach Hause zurck, wohl
entschlossen, es anders nicht, als nur wenn notwendige Geschfte ihn
riefen, zu verlassen.

Inzwischen war auch der Junker seiner Haft in Wittenberg entlassen,
und nach Herstellung von einer gefhrlichen Rose, die seinen Fu
entzndet hatte, von dem Landesgericht unter peremtorischen
Bedingungen aufgefordert worden, sich zur Verantwortung auf die von
dem Rohndler Kohlhaas gegen ihn eingereichte Klage, wegen
widerrechtlich abgenommener und zu Grunde gerichteter Rappen, in
Dresden zu stellen.  Die Gebrder Kmmerer und Mundschenk von Tronka,
Lehnsvettern des Junkers, in deren Hause er abtrat, empfingen ihn mit
der gresten Erbitterung und Verachtung; sie nannten ihn einen
Elenden und Nichtswrdigen, der Schande und Schmach ber die ganze
Familie bringe, kndigten ihm an, da er seinen Proze nunmehr
unfehlbar verlieren wrde, und forderten ihn auf, nur gleich zur
Herbeischaffung der Rappen, zu deren Dickftterung er, zum
Hohngelchter der Welt, verdammt werden werde, Anstalt zu machen.
Der Junker sagte, mit schwacher, zitternder Stimme: er sei der
bejammernswrdigste Mensch von der Welt.  Er verschwor sich, da er
von dem ganzen verwnschten Handel, der ihn ins Unglck strze, nur
wenig gewut, und da der Schlovogt und der Verwalter an allem
schuld wren, indem sie die Pferde, ohne sein entferntestes Wissen
und Wollen, bei der Ernte gebraucht, und durch unmige Anstrengungen,
zum Teil auf ihren eigenen Feldern, zu Grunde gerichtet htten.  Er
setzte sich, indem er dies sagte, und bat ihn nicht durch Krnkungen
und Beleidigungen in das bel, von dem er nur soeben erst erstanden
sei, mutwillig zurckzustrzen.  Am andern Tage schrieben die Herren
Hinz und Kunz, die in der Gegend der eingescherten Tronkenburg Gter
besaen, auf Ansuchen des Junkers, ihres Vetters, weil doch nichts
anders brig blieb, an ihre dort befindlichen Verwalter und Pchter,
um Nachricht ber die an jenem unglcklichen Tage abhanden gekommenen
und seitdem gnzlich verschollenen Rappen einzuziehn.  Aber alles,
was sie bei der gnzlichen Verwstung des Platzes, und der
Niedermetzelung fast aller Einwohner, erfahren konnten, war, da ein
Knecht sie, von den flachen Hieben des Mordbrenners getrieben, aus
dem brennenden Schuppen, in welchem sie standen, gerettet, nachher
aber auf die Frage, wo er sie hinfhren, und was er damit anfangen
solle, von dem grimmigen Wterich einen Futritt zur Antwort erhalten
habe.  Die alte, von der Gicht geplagte Haushlterin des Junkers, die
sich nach Meien geflchtet hatte, versicherte demselben, auf eine
schriftliche Anfrage, da der Knecht sich, am Morgen jener
entsetzlichen Nacht, mit den Pferden nach der brandenburgischen
Grenze gewandt habe; doch alle Nachfragen, die man daselbst anstellte,
waren vergeblich, und es schien dieser Nachricht ein Irrtum zum
Grunde zu liegen, indem der Junker keinen Knecht hatte, der im
Brandenburgischen, oder auch nur auf der Strae dorthin, zu Hause war.
Mnner aus Dresden, die wenige Tage nach dem Brande der Tronkenburg
in Wilsdruf gewesen waren, sagten aus, da um die benannte Zeit ein
Knecht mit zwei an der Halfter gehenden Pferden dort angekommen, und
die Tiere, weil sie sehr elend gewesen wren, und nicht weiter fort
gekonnt htten, im Kuhstall eines Schfers, der sie wieder htte
aufbringen wollen, stehen gelassen htte.  Es schien mancherlei
Grnde wegen sehr wahrscheinlich, da dies die in Untersuchung
stehenden Rappen waren; aber der Schfer aus Wilsdruf hatte sie, wie
Leute, die dorther kamen, versicherten, schon wieder, man wute nicht
an wen, verhandelt; und ein drittes Gercht, dessen Urheber
unentdeckt blieb, sagte gar aus, da die Pferde bereits in Gott
verschieden, und in der Knochengrube zu Wilsdruf begraben wren.  Die
Herren Hinz und Kunz, denen diese Wendung der Dinge, wie man leicht
begreift, die erwnschteste war, indem sie dadurch, bei des Junkers
ihres Vetters Ermangelung eigener Stlle, der Notwendigkeit, die
Rappen in den ihrigen aufzufttern, berhoben waren, wnschten
gleichwohl, vlliger Sicherheit wegen, diesen Umstand zu bewahrheiten.
Herr Wenzel von Tronka erlie demnach, als Erb-, Lehns- und
Gerichtsherr, ein Schreiben an die Gerichte zu Wilsdruf, worin er
dieselben, nach einer weitlufigen Beschreibung der Rappen, die, wie
er sagte, ihm anvertraut und durch einen Unfall abhanden gekommen
wren, dienstfreundlichst ersuchte, den dermaligen Aufenthalt
derselben zu erforschen, und den Eigner, wer er auch sei,
aufzufordern und anzuhalten, sie, gegen reichliche Wiedererstattung
aller Kosten, in den Stllen des Kmmerers, Herrn Kunz, zu Dresden
abzuliefern.  Dem gem erschien auch wirklich, wenige Tage darauf,
der Mann an den sie der Schfer aus Wilsdruf verhandelt hatte, und
fhrte sie, drr und wankend, an die Runge seines Karrens gebunden,
auf den Markt der Stadt; das Unglck aber Herrn Wenzels, und noch
mehr des ehrlichen Kohlhaas wollte, da es der Abdecker aus Dbbeln
war.

Sobald Herr Wenzel, in Gegenwart des Kmmerers, seines Vetters, durch
ein unbestimmtes Gercht vernommen hatte, da ein Mann mit zwei
schwarzen aus dem Brande der Tronkenburg entkommenen Pferden in der
Stadt angelangt sei, begaben sich beide, in Begleitung einiger aus
dem Hause zusammengerafften Knechte, auf den Schloplatz, wo er stand,
um sie demselben, falls es die dem Kohlhaas zugehrigen wren, gegen
Erstattung der Kosten abzunehmen, und nach Hause zu fhren.  Aber wie
betreten waren die Ritter, als sie bereits einen, von Augenblick zu
Augenblick sich vergrernden Haufen von Menschen, den das Schauspiel
herbeigezogen, um den zweirdrigen Karren, an dem die Tiere befestigt
waren, erblickten; unter unendlichem Gelchter einander zurufend, da
die Pferde schon, um derenthalben der Staat wanke, an den Schinder
gekommen wren!  Der Junker, der um den Karren herumgegangen war, und
die jmmerlichen Tiere, die alle Augenblicke sterben zu wollen
schienen, betrachtet hatte, sagte verlegen: das wren die Pferde
nicht, die er dem Kohlhaas abgenommen; doch Herr Kunz, der Kmmerer,
einen Blick sprachlosen Grimms voll auf ihn werfend, der, wenn er von
Eisen gewesen wre, ihn zerschmettert htte, trat, indem er seinen
Mantel, Orden und Kette entblend, zurckschlug, zu dem Abdecker
heran, und fragte ihn: ob das die Rappen wren, die der Schfer von
Wilsdruf an sich gebracht, und der Junker Wenzel von Tronka, dem sie
gehrten, bei den Gerichten daselbst requiriert htte?  Der Abdecker,
der, einen Eimer Wasser in der Hand, beschftigt war, einen dicken,
wohlbeleibten Gaul, der seinen Karren zog, zu trnken, sagte: "die
schwarzen?"--Er streifte dem Gaul, nachdem er den Eimer niedergesetzt,
das Gebi aus dem Maul, und sagte: "die Rappen, die an die Runge
gebunden wren, htte ihm der Schweinehirte von Hainichen verkauft.
Wo der sie her htte, und ob sie von dem Wilsdrufer Schfer kmen,
das wisse er nicht.  Ihm htte", sprach er, whrend er den Eimer
wieder aufnahm, und zwischen Deichsel und Knie anstemmte: "ihm htte
der Gerichtsbote aus Wilsdruf gesagt, da er sie nach Dresden in das
Haus derer von Tronka bringen solle; aber der Junker, an den er
gewiesen sei, heie Kunz." Bei diesen Worten wandte er sich mit dem
Rest des Wassers, den der Gaul im Eimer brig gelassen hatte, und
schttete ihn auf das Pflaster der Strae aus.  Der Kmmerer, der,
von den Blicken der hohnlachenden Menge umstellt, den Kerl, der mit
empfindungslosem Eifer seine Geschfte betrieb, nicht bewegen konnte,
da er ihn ansah, sagte: da er der Kmmerer, Kunz von Tronka, wre;
die Rappen aber, die er an sich bringen solle, mten dem Junker,
seinem Vetter, gehren; von einem Knecht, der bei Gelegenheit des
Brandes aus der Tronkenburg entwichen, an den Schfer zu Wilsdruf
gekommen, und ursprnglich zwei dem Rohndler Kohlhaas zugehrige
Pferde sein!  Er fragte den Kerl, der mit gespreizten Beinen dastand,
und sich die Hosen in die Hhe zog: ob er davon nichts wisse?  Und ob
sie der Schweinehirte von Hainichen nicht vielleicht, auf welchen
Umstand alles ankomme, von dem Wilsdrufer Schfer, oder von einem
Dritten, der sie seinerseits von demselben gekauft, erstanden
htte?--Der Abdecker, der sich an den Wagen gestellt und sein Wasser
abgeschlagen hatte, sagte: "er wre mit den Rappen nach Dresden
bestellt, um in dem Hause derer von Tronka sein Geld dafr zu
empfangen.  Was er da vorbrchte, verstnde er nicht; und ob sie, vor
dem Schweinehirten aus Hainichen, Peter oder Paul besessen htte,
oder der Schfer aus Wilsdruf, gelte ihm, da sie nicht gestohlen
wren, gleich." Und damit ging er, die Peitsche quer ber seinen
breiten Rcken, nach einer Kneipe, die auf dem Platze lag, in der
Absicht, hungrig wie er war, ein Frhstck einzunehmen.  Der Kmmerer,
der auf der Welt Gottes nicht wute, was er mit Pferden, die der
Schweinehirte von Hainichen an den Schinder in Dbbeln verkauft,
machen solle, falls es nicht diejenigen wren, auf welchen der Teufel
durch Sachsen ritt, forderte den Junker auf, ein Wort zu sprechen;
doch da dieser mit bleichen, bebenden Lippen erwiderte: das Ratsamste
wre, da man die Rappen kaufe, sie mchten dem Kohlhaas gehren oder
nicht: so trat der Kmmerer, Vater und Mutter, die ihn geboren,
verfluchend, indem er sich den Mantel zurckschlug, gnzlich
unwissend, was er zu tun oder zu lassen habe, aus dem Haufen des
Volks zurck.  Er rief den Freiherrn von Wenk, einen Bekannten, der
ber die Strae ritt, zu sich heran, und trotzig, den Platz nicht zu
verlassen, eben weil das Gesindel hhnisch auf ihn einblickte, und,
mit vor dem Mund zusammengedrckten Schnupftchern, nur auf seine
Entfernung zu warten schien, um loszuplatzen, bat er ihn, bei dem
Grokanzler, Grafen Wrede, abzusteigen, und durch dessen Vermittelung
den Kohlhaas zur Besichtigung der Rappen herbeizuschaffen.  Es traf
sich, da Kohlhaas eben, durch einen Gerichtsboten herbeigerufen, in
dem Gemach des Grokanzlers, gewisser, die Deposition in Ltzen
betreffenden Erluterungen wegen, die man von ihm bedurfte,
gegenwrtig war, als der Freiherr, in der eben erwhnten Absicht, zu
ihm ins Zimmer trat; und whrend der Grokanzler sich mit einem
verdrielichen Gesicht vom Sessel erhob, und den Rohndler, dessen
Person jenem unbekannt war, mit den Papieren, die er in der Hand
hielt, zur Seite stehen lie, stellte der Freiherr ihm die
Verlegenheit, in welcher sich die Herren von Tronka befanden, vor.
Der Abdecker von Dbbeln sei, auf mangelhafte Requisition der
Wilsdrufer Gerichte, mit Pferden erschienen, deren Zustand so heillos
beschaffen wre, da der Junker Wenzel anstehen msse, sie fr die
dem Kohlhaas gehrigen anzuerkennen; dergestalt, da, falls man sie
gleichwohl dem Abdecker abnehmen solle, um in den Stllen der Ritter,
zu ihrer Wiederherstellung, einen Versuch zu machen, vorher eine
Okular-Inspektion des Kohlhaas, um den besagten Umstand auer Zweifel
zu setzen, notwendig sei.  "Habt demnach die Gte, schlo er, den
Rohndler durch eine Wache aus seinem Hause abholen und auf den
Markt, wo die Pferde stehen, hinfhren zu lassen." Der Grokanzler,
indem er sich eine Brille von der Nase nahm, sagte: da er in einem
doppelten Irrtum stnde; einmal, wenn er glaube, da der in Rede
stehende Umstand anders nicht, als durch eine Okular-Inspektion des
Kohlhaas auszumitteln sei; und dann, wenn er sich einbilde, er, der
Kanzler, sei befugt, den Kohlhaas durch eine Wache, wohin es dem
Junker beliebe, abfhren zu lassen.  Dabei stellte er ihm den
Rohndler, der hinter ihm stand, vor, und bat ihn, indem er sich
niederlie und seine Brille wieder aufsetzte, sich in dieser Sache an
ihn selbst zu wenden.--Kohlhaas, der mit keiner Miene, was in seiner
Seele vorging, zu erkennen gab, sagte: da er bereit wre, ihm zur
Besichtigung der Rappen, die der Abdecker in die Stadt gebracht, auf
den Markt zu folgen.  Er trat, whrend der Freiherr sich betroffen zu
ihm umkehrte, wieder an den Tisch des Grokanzlers heran, und nachdem
er demselben noch, aus den Papieren seiner Brieftasche, mehrere, die
Deposition in Ltzen betreffende Nachrichten gegeben hatte,
beurlaubte er sich von ihm; der Freiherr, der, ber das ganze Gesicht
rot, ans Fenster getreten war, empfahl sich ihm gleichfalls; und
beide gingen, begleitet von den drei durch den Prinzen von Meien
eingesetzten Landsknechten, unter dem Tro einer Menge von Menschen,
nach dem Schloplatz hin.  Der Kmmerer, Herr Kunz, der inzwischen
den Vorstellungen mehrerer Freunde, die sich um ihn eingefunden
hatten, zum Trotz, seinen Platz, dem Abdecker von Dbbeln gegenber,
unter dem Volke behauptet hatte, trat, sobald der Freiherr mit dem
Rohndler erschien, an den letzteren heran, und fragte ihn, indem er
sein Schwert, mit Stolz und Ansehen, unter dem Arm hielt: ob die
Pferde, die hinter dem Wagen stnden, die seinigen wren?  Der
Rohndler, nachdem er, mit einer bescheidenen Wendung gegen den die
Frage an ihn richtenden Herrn, den er nicht kannte, den Hut gerckt
hatte, trat, ohne ihm zu antworten, im Gefolge smtlicher Ritter, an
den Schinderkarren heran; und die Tiere, die, auf wankenden Beinen,
die Hupter zur Erde gebeugt, dastanden, und von dem Heu, das ihnen
der Abdecker vorgelegt hatte, nicht fraen, flchtig, aus einer Ferne
von zwlf Schritt, in welcher er stehen blieb, betrachtet: gndigster
Herr! wandte er sich wieder zu dem Kmmerer zurck, der Abdecker hat
ganz recht; die Pferde, die an seinen Karren gebunden sind, gehren
mir!  Und damit, indem er sich in dem ganzen Kreise der Herren umsah,
rckte er den Hut noch einmal, und begab sich, von seiner Wache
begleitet, wieder von dem Platz hinweg. Bei diesen Worten trat der
Kmmerer, mit einem raschen, seinen Helmbusch erschtternden Schritt
zu dem Abdecker heran, und warf ihm einen Beutel mit Geld zu; und
whrend dieser sich, den Beutel in der Hand, mit einem bleiernen Kamm
die Haare ber die Stirn zurckkmmte, und das Geld betrachtete,
befahl er einem Knecht, die Pferde abzulsen und nach Hause zu fhren!
Der Knecht, der auf den Ruf des Herrn, einen Kreis von Freunden und
Verwandten, die er unter dem Volke besa, verlassen hatte, trat auch,
in der Tat, ein wenig rot im Gesicht, ber eine groe Mistpftze, die
sich zu ihren Fen gebildet hatte, zu den Pferden heran; doch kaum
hatte er ihre Halftern erfat, um sie loszubinden, als ihn Meister
Himboldt, sein Vetter, schon beim Arm ergriff, und mit den Worten: du
rhrst die Schindmhren nicht an! von dem Karren hinwegschleuderte.
Er setzte, indem er sich mit ungewissen Schritten ber die Mistpftze
wieder zu dem Kmmerer, der ber diesen Vorfall sprachlos dastand,
zurck wandte, hinzu: da er sich einen Schinderknecht anschaffen
msse, um ihm einen solchen Dienst zu leisten!  Der Kmmerer, der,
vor Wut schumend, den Meister auf einen Augenblick betrachtet hatte,
kehrte sich um, und rief ber die Hupter der Ritter, die ihn
umringten, hinweg, nach der Wache; und sobald, auf die Bestellung des
Freiherrn von Wenk, ein Offizier mit einigen kurfrstlichen Trabanten,
aus dem Schlo erschienen war, forderte er denselben unter einer
kurzen Darstellung der schndlichen Aufhetzerei, die sich die Brger
der Stadt erlaubten, auf, den Rdelsfhrer, Meister Himboldt, in
Verhaft zu nehmen.  Er verklagte den Meister, indem er ihn bei der
Brust fate: da er seinen, die Rappen auf seinen Befehl losbindenden
Knecht von dem Karren hinwegeschleudert und mihandelt htte.  Der
Meister, indem er den Kmmerer mit einer geschickten Wendung, die ihn
befreiete, zurckwies, sagte: gndigster Herr! einem Burschen von
zwanzig Jahren bedeuten, was er zu tun hat, heit nicht, ihn
verhetzen!  Befragt ihn, ob er sich gegen Herkommen und
Schicklichkeit mit den Pferden, die an die Karre gebunden sind,
befassen will; will er es, nach dem, was ich gesagt, tun: sei's!
Meinethalb mag er sie jetzt abludern und huten!  Bei diesen Worten
wandte sich der Kmmerer zu dem Knecht herum, und fragte ihn: ob er
irgend Anstand nhme, seinen Befehl zu erfllen, und die Pferde, die
dem Kohlhaas gehrten, loszubinden, und nach Hause zu fhren? und da
dieser schchtern, indem er sich unter die Brger mischte, erwiderte:
die Pferde mten erst ehrlich gemacht werden, bevor man ihm das
zumute; so folgte ihm der Kmmerer von hinten, ri ihm den Hut ab,
der mit seinem Hauszeichen geschmckt war, zog, nachdem er den Hut
mit Fen getreten, von Leder, und jagte den Knecht mit wtenden
Hieben der Klinge augenblicklich vom Platz weg und aus seinen
Diensten.  Meister Himboldt rief: schmeit den Mordwterich doch
gleich zu Boden! und whrend die Brger, von diesem Auftritt emprt,
zusammentraten, und die Wache hinwegdrngten, warf er den Kmmerer
von hinten nieder, ri ihm Mantel, Kragen und Helm ab, wand ihm das
Schwert aus der Hand, und schleuderte es, in einem grimmigen Wurf,
weit ber den Platz hinweg. Vergebens rief der Junker Wenzel, indem
er sich aus dem Tumult rettete, den Rittern zu, seinem Vetter
beizuspringen; ehe sie noch einen Schritt dazu getan hatten, waren
sie schon von dem Andrang des Volks zerstreut, dergestalt, da der
Kmmerer, der sich den Kopf beim Fallen verletzt hatte, der ganzen
Wut der Menge preis gegeben war.  Nichts, als die Erscheinung eines
Trupps berittener Landsknechte, die zufllig ber den Platz zogen,
und die der Offizier der kurfrstlichen Trabanten zu seiner
Untersttzung herbeirief, konnte den Kmmerer retten.  Der Offizier,
nachdem er den Haufen verjagt, ergriff den wtenden Meister, und
whrend derselbe durch einige Reuter nach dem Gefngnis gebracht ward,
hoben zwei Freunde den unglcklichen mit Blut bedeckten Kmmerer vom
Boden auf, und fhrten ihn nach Hause.  Einen so heillosen Ausgang
nahm der wohlgemeinte und redliche Versuch, dem Rohndler wegen des
Unrechts, das man ihm zugefgt, Genugtuung zu verschaffen.  Der
Abdecker von Dbbeln, dessen Geschft abgemacht war, und der sich
nicht lnger aufhalten wollte, band, da sich das Volk zu zerstreuen
anfing, die Pferde an einen Laternenpfahl, wo sie, den ganzen Tag
ber, ohne da sich jemand um sie bekmmerte, ein Spott der
Straenjungen und Tagediebe, stehen blieben; dergestalt, da in
Ermangelung aller Pflege und Wartung die Polizei sich ihrer annehmen
mute, und gegen Einbruch der Nacht den Abdecker von Dresden
herbeirief, um sie, bis auf weitere Verfgung, auf der Schinderei vor
der Stadt zu besorgen.

Dieser Vorfall, so wenig der Rohndler ihn in der Tat verschuldet
hatte, erweckte gleichwohl, auch bei den Gemigtern und Besseren,
eine, dem Ausgang seiner Streitsache hchst gefhrliche Stimmung im
Lande.  Man fand das Verhltnis desselben zum Staat ganz unertrglich,
und in Privathusern und auf ffentlichen Pltzen, erhob sich die
Meinung, da es besser sei, ein offenbares Unrecht an ihm zu verben,
und die ganze Sache von neuem niederzuschlagen, als ihm Gerechtigkeit,
durch Gewalttaten ertrotzt, in einer so nichtigen Sache, zur bloen
Befriedigung seines rasenden Starrsinns, zukommen zu lassen.  Zum
vlligen Verderben des armen Kohlhaas mute der Grokanzler selbst,
aus bergroer Rechtlichkeit, und einem davon herrhrenden Ha gegen
die Familie von Tronka, beitragen, diese Stimmung zu befestigen und
zu verbreiten.  Es war hchst unwahrscheinlich, da die Pferde, die
der Abdecker von Dresden jetzt besorgte, jemals wieder in den Stand,
wie sie aus dem Stall zu Kohlhaasenbrck gekommen waren, hergestellt
werden wrden; doch gesetzt, da es durch Kunst und anhaltende Pflege
mglich gewesen wre: die Schmach, die zufolge der bestehenden
Umstnde, dadurch auf die Familie des Junkers fiel, war so gro, da
bei dem staatsbrgerlichen Gewicht, den sie, als eine der ersten und
edelsten, im Lande hatte, nichts billiger und zweckmiger schien,
als eine Vergtigung der Pferde in Geld einzuleiten.  Gleichwohl, auf
einen Brief, in welchem der Prsident, Graf Kallheim, im Namen des
Kmmerers, den seine Krankheit abhielt, dem Grokanzler, einige Tage
darauf, diesen Vorschlag machte, erlie derselbe zwar ein Schreiben
an den Kohlhaas, worin er ihn ermahnte, einen solchen Antrag, wenn er
an ihn ergehen sollte, nicht von der Hand zu weisen; den Prsidenten
selbst aber bat er, in einer kurzen, wenig verbindlichen Antwort, ihn
mit Privatauftrgen in dieser Sache zu verschonen, und forderte den
Kmmerer auf, sich an den Rohndler selbst zu wenden, den er ihm als
einen sehr billigen und bescheidenen Mann schilderte.  Der Rohndler,
dessen Wille, durch den Vorfall, der sich auf dem Markt zugetragen,
in der Tat gebrochen war, wartete auch nur, dem Rat des Grokanzlers
gem, auf eine Erffnung von Seiten des Junkers, oder seiner
Angehrigen, um ihnen mit vlliger Bereitwilligkeit und Vergebung
alles Geschehenen, entgegenzukommen; doch eben diese Erffnung war
den stolzen Rittern zu tun empfindlich; und schwer erbittert ber die
Antwort, die sie von dem Grokanzler empfangen hatten, zeigten sie
dieselbe dem Kurfrsten, der, am Morgen des nchstfolgenden Tages,
den Kmmerer krank, wie er an seinen Wunden daniederlag, in seinem
Zimmer besucht hatte.  Der Kmmerer, mit einer, durch seinen Zustand,
schwachen und rhrenden Stimme, fragte ihn, ob er, nachdem er sein
Leben daran gesetzt, um diese Sache, seinen Wnschen gem,
beizulegen, auch noch seine Ehre dem Tadel der Welt aussetzen, und
mit einer Bitte um Vergleich und Nachgiebigkeit, vor einem Manne
erscheinen solle, der alle nur erdenkliche Schmach und Schande ber
ihn und seine Familie gebracht habe.  Der Kurfrst, nachdem er den
Brief gelesen hatte, fragte den Grafen Kallheim verlegen: ob das
Tribunal nicht befugt sei, ohne weitere Rcksprache mit dem Kohlhaas,
auf den Umstand, da die Pferde nicht wieder herzustellen wren, zu
fuen, und dem gem das Urteil, gleich, als ob sie tot wren, auf
bloe Vergtigung derselben in Geld abzufassen?  Der Graf antwortete:
"gndigster Herr, sie sind tot: sind in staatsrechtlicher Bedeutung
tot, weil sie keinen Wert haben, und werden es physisch sein, bevor
man sie, aus der Abdeckerei, in die Stlle der Ritter gebracht hat";
worauf der Kurfrst, indem er den Brief einsteckte, sagte, da er mit
dem Grokanzler selbst darber sprechen wolle, den Kmmerer, der sich
halb aufrichtete und seine Hand dankbar ergriff, beruhigte, und
nachdem er ihm noch empfohlen hatte, fr seine Gesundheit Sorge zu
tragen, mit vieler Huld sich von seinem Sessel erhob, und das Zimmer
verlie.

So standen die Sachen in Dresden, als sich ber den armen Kohlhaas,
noch ein anderes, bedeutenderes Gewitter, von Ltzen her, zusammenzog,
dessen Strahl die arglistigen Ritter geschickt genug waren, auf das
unglckliche Haupt desselben herabzuleiten.  Johann Nagelschmidt
nmlich, einer von den durch den Rohndler zusammengebrachten, und
nach Erscheinung der kurfrstlichen Amnestie wieder abgedankten
Knechten, hatte fr gut befunden, wenige Wochen nachher, an der
bhmischen Grenze, einen Teil dieses zu allen Schandtaten aufgelegten
Gesindels von neuem zusammenzuraffen, und das Gewerbe, auf dessen
Spur ihn Kohlhaas gefhrt hatte, auf seine eigne Hand fortzusetzen.
Dieser nichtsnutzige Kerl nannte sich, teils um den Hschern von
denen er verfolgt ward, Furcht einzuflen, teils um das Landvolk,
auf die gewohnte Weise, zur Teilnahme an seinen Spitzbbereien zu
verleiten, einen Statthalter des Kohlhaas; sprengte mit einer seinem
Herrn abgelernten Klugheit aus, da die Amnestie an mehreren, in ihre
Heimat ruhig zurckgekehrten Knechten nicht gehalten, ja der Kohlhaas
selbst, mit himmelschreiender Wortbrchigkeit, bei seiner Ankunft in
Dresden eingesteckt, und einer Wache bergeben worden sei; dergestalt,
da in Plakaten, die den Kohlhaasischen ganz hnlich waren, sein
Mordbrennerhaufen als ein zur bloen Ehre Gottes aufgestandener
Kriegshaufen erschien, bestimmt, ber die Befolgung der ihnen von dem
Kurfrsten angelobten Amnestie zu wachen; alles, wie schon gesagt,
keineswegs zur Ehre Gottes, noch aus Anhnglichkeit an den Kohlhaas,
dessen Schicksal ihnen vllig gleichgltig war, sondern um unter dem
Schutz solcher Vorspiegelungen desto ungestrafter und bequemer zu
sengen und zu plndern.  Die Ritter, sobald die ersten Nachrichten
davon nach Dresden kamen, konnten ihre Freude ber diesen, dem ganzen
Handel eine andere Gestalt gebenden Vorfall nicht unterdrcken.  Sie
erinnerten mit weisen und mivergngten Seitenblicken an den Migriff,
den man begangen, indem man dem Kohlhaas, ihren dringenden und
wiederholten Warnungen zum Trotz, Amnestie erteilt, gleichsam als
htte man die Absicht gehabt Bsewichtern aller Art dadurch, zur
Nachfolge auf seinem Wege, das Signal zu geben; und nicht zufrieden,
dem Vorgeben des Nagelschmidt, zur bloen Aufrechthaltung und
Sicherheit seines unterdrckten Herrn die Waffen ergriffen zu haben,
Glauben zu schenken, uerten sie sogar die bestimmte Meinung, da
die ganze Erscheinung desselben nichts, als ein von dem Kohlhaas
angezetteltes Unternehmen sei, um die Regierung in Furcht zu setzen,
und den Fall des Rechtsspruchs, Punkt vor Punkt, seinem rasenden
Eigensinn gem, durchzusetzen und zu beschleunigen.  Ja, der
Mundschenk, Herr Hinz, ging so weit, einigen Jagdjunkern und
Hofherren, die sich nach der Tafel im Vorzimmer des Kurfrsten um ihn
versammelt hatten, die Auflsung des Ruberhaufens in Ltzen als eine
verwnschte Spiegelfechterei darzustellen; und indem er sich ber die
Gerechtigkeitsliebe des Grokanzlers sehr lustig machte, erwies er
aus mehreren witzig zusammengestellten Umstnden, da der Haufen,
nach wie vor, noch in den Wldern des Kurfrstentums vorhanden sei,
und nur auf den Wink des Rohndlers warte, um daraus von neuem mit
Feuer und Schwert hervorzubrechen.  Der Prinz Christiern von Meien,
ber diese Wendung der Dinge, die seines Herrn Ruhm auf die
empfindlichste Weise zu beflecken drohete, sehr mivergngt, begab
sich sogleich zu demselben aufs Schlo; und das Interesse der Ritter,
den Kohlhaas, wenn es mglich wre, auf den Grund neuer Vergehungen
zu strzen, wohl durchschauend, bat er sich von demselben die
Erlaubnis aus, unverzglich ein Verhr ber den Rohndler anstellen
zu drfen.  Der Rohndler, nicht ohne Befremden, durch einen Hscher
in das Gubernium abgefhrt, erschien, den Heinrich und Leopold, seine
beiden kleinen Knaben auf dem Arm; denn Sternbald, der Knecht, war
Tags zuvor mit seinen fnf Kindern aus dem Mecklenburgischen, wo sie
sich aufgehalten hatten, bei ihm angekommen, und Gedanken mancherlei
Art, die zu entwickeln zu weitlufig sind, bestimmten ihn, die Jungen,
die ihn bei seiner Entfernung unter dem Ergu kindischer Trnen
darum baten, aufzuheben, und in das Verhr mitzunehmen.  Der Prinz,
nachdem er die Kinder, die Kohlhaas neben sich niedergesetzt hatte,
wohlgefllig betrachtet und auf eine freundliche Weise nach ihrem
Alter und Namen gefragt hatte, erffnete ihm, was der Nagelschmidt,
sein ehemaliger Knecht, sich in den Tlern des Erzgebirges fr
Freiheiten herausnehme; und indem er ihm die sogenannten Mandate
desselben berreichte, forderte er ihn auf, dagegen vorzubringen, was
er zu seiner Rechtfertigung vorzubringen wte.  Der Rohndler, so
schwer er auch in der Tat ber diese schndlichen und verrterischen
Papiere erschrak, hatte gleichwohl, einem so rechtschaffenen Manne,
als der Prinz war, gegenber, wenig Mhe, die Grundlosigkeit der
gegen ihn auf die Bahn gebrachten Beschuldigungen, befriedigend
auseinander zu legen.  Nicht nur, da zufolge seiner Bemerkung er, so
wie die Sachen standen, berhaupt noch zur Entscheidung seines, im
besten Fortgang begriffenen Rechtsstreits, keiner Hlfe von Seiten
eines Dritten bedrfte: aus einigen Briefschaften, die er bei sich
trug, und die er dem Prinzen vorzeigte, ging sogar eine
Unwahrscheinlichkeit ganz eigner Art hervor, da das Herz des
Nagelschmidts gestimmt sein sollte, ihm dergleichen Hlfe zu leisten,
indem er den Kerl, wegen auf dem platten Lande verbter Notzucht und
anderer Schelmereien, kurz vor Auflsung des Haufens in Ltzen hatte
hngen lassen wollen; dergestalt, da nur die Erscheinung der
kurfrstlichen Amnestie, indem sie das ganze Verhltnis aufhob, ihn
gerettet hatte, und beide Tags darauf, als Todfeinde auseinander
gegangen waren.  Kohlhaas, auf seinen von dem Prinzen angenommenen
Vorschlag, setzte sich nieder, und erlie ein Sendschreiben an den
Nagelschmidt, worin er das Vorgeben desselben zur Aufrechthaltung der
an ihm und seinen Haufen gebrochenen Amnestie aufgestanden zu sein,
fr eine schndliche und ruchlose Erfindung erklrte; ihm sagte, da
er bei seiner Ankunft in Dresden weder eingesteckt, noch einer Wache
bergeben, auch seine Rechtssache ganz so, wie er es wnsche, im
Fortgang sei; und ihn wegen der, nach Publikation der Amnestie im
Erzgebirge ausgebten Mordbrennereien, zur Warnung des um ihn
versammelten Gesindels, der ganzen Rache der Gesetze preis gab.
Dabei wurden einige Fragmente der Kriminalverhandlung, die der
Rohndler auf dem Schlosse zu Ltzen, in Bezug auf die oben
erwhnten Schndlichkeiten, ber ihn hatte anstellen lassen, zur
Belehrung des Volks ber diesen nichtsnutzigen, schon damals dem
Galgen bestimmten, und, wie schon erwhnt, nur durch das Patent das
der Kurfrst erlie, geretteten Kerl, angehngt.  Dem gem beruhigte
der Prinz den Kohlhaas ber den Verdacht, den man ihm, durch die
Umstnde notgedrungen, in diesem Verhr habe uern mssen;
versicherte ihn, da so lange er in Dresden wre, die ihm erteilte
Amnestie auf keine Weise gebrochen werden solle; reichte den Knaben
noch einmal, indem er sie mit Obst, das auf seinem Tische stand,
beschenkte, die Hand, grte den Kohlhaas und entlie ihn.  Der
Grokanzler, der gleichwohl die Gefahr, die ber den Rohndler
schwebte, erkannte, tat sein uerstes, um die Sache desselben, bevor
sie durch neue Ereignisse verwickelt und verworren wrde, zu Ende zu
bringen; das aber wnschten und bezweckten die staatsklugen Ritter
eben, und statt, wie zuvor, mit stillschweigendem Eingestndnis der
Schuld, ihren Widerstand auf ein blo gemildertes Rechtserkenntnis
einzuschrnken, fingen sie jetzt an, in Wendungen arglistiger und
rabulistischer Art, diese Schuld selbst gnzlich zu leugnen.  Bald
gaben sie vor, da die Rappen des Kohlhaas, in Folge eines blo
eigenmchtigen Verfahrens des Schlovogts und Verwalters, von welchem
der Junker nichts oder nur Unvollstndiges gewut, auf der
Tronkenburg zurckgehalten worden seien; bald versicherten sie, da
die Tiere schon, bei ihrer Ankunft daselbst, an einem heftigen und
gefhrlichen Husten krank gewesen wren, und beriefen sich deshalb
auf Zeugen, die sie herbeizuschaffen sich anheischig machten; und als
sie mit diesen Argumenten, nach weitlufigen Untersuchungen und
Auseinandersetzungen, aus dem Felde geschlagen waren, brachten sie
gar ein kurfrstliches Edikt bei, worin, vor einem Zeitraum von zwlf
Jahren, einer Viehseuche wegen, die Einfhrung der Pferde aus dem
Brandenburgischen ins Schsische, in der Tat verboten worden war: zum
sonnenklaren Beleg nicht nur der Befugnis, sondern sogar der
Verpflichtung des Junkers, die von dem Kohlhaas ber die Grenze
gebrachten Pferde anzuhalten.--Kohlhaas, der inzwischen von dem
wackern Amtmann zu Kohlhaasenbrck seine Meierei, gegen eine geringe
Vergtigung des dabei gehabten Schadens, kuflich wieder erlangt
hatte, wnschte, wie es scheint wegen gerichtlicher Abmachung dieses
Geschfts, Dresden auf einige Tage zu verlassen, und in diese seine
Heimat zu reisen; ein Entschlu, an welchem gleichwohl, wie wir nicht
zweifeln, weniger das besagte Geschft, so dringend es auch in der
Tat, wegen Bestellung der Wintersaat, sein mochte, als die Absicht
unter so sonderbaren und bedenklichen Umstnden seine Lage zu prfen,
Anteil hatte: zu welchem vielleicht auch noch Grnde anderer Art
mitwirkten, die wir jedem, der in seiner Brust Bescheid wei, zu
erraten berlassen wollen.  Demnach verfgte er sich, mit
Zurcklassung der Wache, die ihm zugeordnet war, zum Grokanzler, und
erffnete ihm, die Briefe des Amtmanns in der Hand: da er willens
sei, falls man seiner, wie es den Anschein habe, bei dem Gericht
nicht notwendig bedrfe, die Stadt zu verlassen, und auf einen
Zeitraum von acht oder zwlf Tagen, binnen welcher Zeit er wieder
zurck zu sein versprach, nach dem Brandenburgischen zu reisen.  Der
Grokanzler, indem er mit einem mivergngten und bedenklichen
Gesichte zur Erde sah, versetzte: er msse gestehen, da seine
Anwesenheit grade jetzt notwendiger sei als jemals, indem das Gericht
wegen arglistiger und winkelziehender Einwendungen der Gegenpart,
seiner Aussagen und Errterungen, in tausenderlei nicht
vorherzusehenden Fllen, bedrfe; doch da Kohlhaas ihn auf seinen,
von dem Rechtsfall wohl unterrichteten Advokaten verwies, und mit
bescheidener Zudringlichkeit, indem er sich auf acht Tage
einzuschrnken versprach, auf seine Bitte beharrte, so sagte der
Grokanzler nach einer Pause kurz, indem er ihn entlie: "er hoffe,
da er sich deshalb Psse, bei dem Prinzen Christiern von Meien,
ausbitten wrde."--Kohlhaas, der sich auf das Gesicht des
Grokanzlers gar wohl verstand, setzte sich, in seinem Entschlu nur
bestrkt, auf der Stelle nieder, und bat, ohne irgend einen Grund
anzugeben, den Prinzen von Meien, als Chef des Guberniums, um Psse
auf acht Tage nach Kohlhaasenbrck, und zurck.  Auf dieses Schreiben
erhielt er eine, von dem Schlohauptmann, Freiherrn Siegfried von
Wenk, unterzeichnete Gubernial-Resolution, des Inhalts: "sein Gesuch
um Psse nach Kohlhaasenbrck werde des Kurfrsten Durchlaucht
vorgelegt werden, auf dessen hchster Bewilligung, sobald sie
eingingen ihm die Psse zugeschickt werden wrden." Auf die
Erkundigung Kohlhaasens bei seinem Advokaten, wie es zuginge, da die
Gubernial-Resolution von einem Freiherrn Siegfried von Wenk, und
nicht von dem Prinzen Christiern von Meien, an den er sich gewendet,
unterschrieben sei, erhielt er zur Antwort: da der Prinz vor drei
Tagen auf seine Gter gereist, und die Gubernialgeschfte whrend
seiner Abwesenheit dem Schlohauptmann Freiherrn Siegfried von Wenk,
einem Vetter des oben erwhnten Herren gleiches Namens, bergeben
worden wren.--Kohlhaas, dem das Herz unter allen diesen Umstnden
unruhig zu klopfen anfing, harrte durch mehrere Tage auf die
Entscheidung seiner, der Person des Landesherrn mit befremdender
Weitlufigkeit vorgelegten Bitte; doch es verging eine Woche, und es
verging mehr, ohne da weder diese Entscheidung einlief, noch auch
das Rechtserkenntnis, so bestimmt man es ihm auch verkndigt hatte,
bei dem Tribunal gefllt ward: dergestalt, da er am zwlften Tage,
fest entschlossen, die Gesinnung der Regierung gegen ihn, sie mge
sein, welche man wolle, zur Sprache zu bringen, sich niedersetzte,
und das Gubernium von neuem in einer dringenden Vorstellung um die
erforderten Psse bat.  Aber wie betreten war er, als er am Abend des
folgenden, gleichfalls ohne die erwartete Antwort verstrichenen Tages,
mit einem Schritt, den er gedankenvoll, in Erwgung seiner Lage, und
besonders der ihm von dem Doktor Luther ausgewirkten Amnestie, an das
Fenster seines Hinterstbchens tat, in dem kleinen, auf dem Hofe
befindlichen Nebengebude, das er ihr zum Aufenthalte angewiesen
hatte, die Wache nicht erblickte, die ihm bei seiner Ankunft der
Prinz von Meien eingesetzt hatte.  Thomas, der alte Hausmann, den er
herbeirief und fragte: was dies zu bedeuten habe? antwortete ihm
seufzend: Herr! es ist nicht alles wie es sein soll; die Landsknechte,
deren heute mehr sind wie gewhnlich, haben sich bei Einbruch der
Nacht um das ganze Haus verteilt; zwei stehen, mit Schild und Spie,
an der vordern Tr auf der Strae; zwei an der hintern im Garten: und
noch zwei andere liegen im Vorsaal auf ein Bund Stroh, und sagen, da
sie daselbst schlafen wrden.  Kohlhaas, der seine Farbe verlor,
wandte sich und versetzte: "es wre gleichviel, wenn sie nur da wren;
und er mchte den Landsknechten, sobald er auf den Flur kme, Licht
hinsetzen, damit sie sehen knnten." Nachdem er noch, unter dem
Vorwande, ein Geschirr auszugieen, den vordern Fensterladen erffnet,
und sich von der Wahrheit des Umstands, den ihm der Alte entdeckt,
berzeugt hatte: denn eben ward sogar in geruschloser Ablsung die
Wache erneuert, an welche Maregel bisher, so lange die Einrichtung
bestand, noch niemand gedacht hatte: so legte er sich, wenig
schlaflustig allerdings, zu Bette, und sein Entschlu war fr den
kommenden Tag sogleich gefat.  Denn nichts mignnte er der
Regierung, mit der er zu tun hatte, mehr, als den Schein der
Gerechtigkeit, whrend sie in der Tat die Amnestie, die sie ihm
angelobt hatte, an ihm brach; und falls er wirklich ein Gefangener
sein sollte, wie es keinem Zweifel mehr unterworfen war, wollte er
derselben auch die bestimmte und unumwundene Erklrung, da es so sei,
abntigen.  Demnach lie er, sobald der Morgen des nchsten Tages
anbrach, durch Sternbald, seinen Knecht, den Wagen anspannen und
vorfhren, um wie er vorgab, zu dem Verwalter nach Lockewitz zu
fahren, der ihn, als ein alter Bekannter, einige Tage zuvor in
Dresden gesprochen und eingeladen hatte, ihn einmal mit seinen
Kindern zu besuchen.  Die Landsknechte, welche mit zusammengesteckten
Kpfen, die dadurch veranlaten Bewegungen im Hause wahrnahmen,
schickten einen aus ihrer Mitte heimlich in die Stadt, worauf binnen
wenigen Minuten ein Gubernial-Offiziant an der Spitze mehrerer
Hscher erschien, und sich, als ob er daselbst ein Geschft htte, in
das gegenberliegende Haus begab.  Kohlhaas der mit der Ankleidung
seiner Knaben beschftigt, diese Bewegungen gleichfalls bemerkte, und
den Wagen absichtlich lnger, als eben ntig gewesen wre, vor dem
Hause halten lie, trat, sobald er die Anstalten der Polizei
vollendet sah, mit seinen Kindern, ohne darauf Rcksicht zu nehmen,
vor das Haus hinaus; und whrend er dem Tro der Landsknechte, die
unter der Tr standen, im Vorbergehen sagte, da sie nicht ntig
htten, ihm zu folgen, hob er die Jungen in den Wagen und kte und
trstete die kleinen weinenden Mdchen, die, seiner Anordnung gem,
bei der Tochter des alten Hausmanns zurckbleiben sollten.  Kaum
hatte er selbst den Wagen bestiegen, als der Gubernial-Offiziant mit
seinem Gefolge von Hschern, aus dem gegenberliegenden Hause, zu ihm
herantrat, und ihn fragte: wohin er wolle?  Auf die Antwort
Kohlhaasens: "da er zu seinem Freund, dem Amtmann nach Lockewitz
fahren wolle, der ihn vor einigen Tagen mit seinen beiden Knaben zu
sich aufs Land geladen", antwortete der Gubernial-Offiziant: da er
in diesem Fall einige Augenblicke warten msse, indem einige
berittene Landsknechte, dem Befehl des Prinzen von Meien gem, ihn
begleiten wrden.  Kohlhaas fragte lchelnd von dem Wagen herab: "ob
er glaube, da seine Person in dem Hause eines Freundes, der sich
erboten, ihn auf einen Tag an seiner Tafel zu bewirten, nicht sicher
sei?" Der Offiziant erwiderte auf eine heitere und angenehme Art: da
die Gefahr allerdings nicht gro sei; wobei er hinzusetzte: da ihm
die Knechte auch auf keine Weise zur Last fallen sollten.  Kohlhaas
versetzte ernsthaft: "da ihm der Prinz von Meien, bei seiner
Ankunft in Dresden, freigestellt, ob er sich der Wache bedienen wolle
oder nicht"; und da der Offiziant sich ber diesen Umstand wunderte,
und sich mit vorsichtigen Wendungen auf den Gebrauch, whrend der
ganzen Zeit seiner Anwesenheit, berief: so erzhlte der Rohndler
ihm den Vorfall, der die Einsetzung der Wache in seinem Hause
veranlat hatte.  Der Offiziant versicherte ihn, da die Befehle des
Schlohauptmanns, Freiherrn von Wenk, der in diesem Augenblick Chef
der Polizei sei, ihm die unausgesetzte Beschtzung seiner Person zur
Pflicht mache; und bat ihn, falls er sich die Begleitung nicht
gefallen lassen wolle, selbst auf das Gubernium zu gehen, um den
Irrtum, der dabei obwalten msse, zu berichtigen.  Kohlhaas, mit
einem sprechenden Blick, den er auf den Offizianten warf, sagte,
entschlossen die Sache zu beugen oder zu brechen: "da er dies tun
wolle"; stieg mit klopfendem Herzen von dem Wagen, lie die Kinder
durch den Hausmann in den Flur tragen, und verfgte sich, whrend der
Knecht mit dem Fuhrwerk vor dem Hause halten blieb, mit dem
Offizianten und seiner Wache in das Gubernium.  Es traf sich, da der
Schlohauptmann, Freiherr Wenk eben mit der Besichtigung einer Bande,
am Abend zuvor eingebrachter Nagelschmidtscher Knechte, die man in
der Gegend von Leipzig aufgefangen hatte, beschftigt war, und die
Kerle ber manche Dinge, die man gern von ihnen gehrt htte, von den
Rittern, die bei ihm waren, befragt wurden, als der Rohndler mit
seiner Begleitung zu ihm in den Saal trat.  Der Freiherr, sobald er
den Rohndler erblickte, ging, whrend die Ritter pltzlich still
wurden, und mit dem Verhr der Knechte einhielten, auf ihn zu, und
fragte ihn: was er wolle? und da der Rokamm ihm auf ehrerbietige
Weise sein Vorhaben, bei dem Verwalter in Lockewitz zu Mittag zu
speisen, und den Wunsch, die Landsknechte deren er dabei nicht
bedrfe zurcklassen zu drfen, vorgetragen hatte, antwortete der
Freiherr, die Farbe im Gesicht wechselnd, indem er eine andere Rede
zu verschlucken schien: "er wrde wohl tun, wenn er sich still in
seinem Hause hielte, und den Schmaus bei dem Lockewitzer Amtmann vor
der Hand noch aussetzte."--Dabei wandte er sich, das ganze Gesprch
zerschneidend, dem Offizianten zu, und sagte ihm: "da es mit dem
Befehl, den er ihm, in Bezug auf den Mann gegeben, sein Bewenden
htte, und da derselbe anders nicht, als in Begleitung sechs
berittener Landsknechte die Stadt verlassen drfe."--Kohlhaas fragte:
ob er ein Gefangener wre, und ob er glauben solle, da die ihm
feierlich, vor den Augen der ganzen Welt angelobte Amnestie gebrochen
sei? worauf der Freiherr sich pltzlich glutrot im Gesichte zu ihm
wandte, und, indem er dicht vor ihn trat, und ihm in das Auge sah,
antwortete: ja! ja! ja!--ihm den Rcken zukehrte, ihn stehen lie,
und wieder zu den Nagelschmidtschen Knechten ging.  Hierauf verlie
Kohlhaas den Saal, und ob er schon einsah, da er sich das einzige
Rettungsmittel, das ihm brig blieb, die Flucht, durch die Schritte
die er getan, sehr erschwert hatte, so lobte er sein Verfahren
gleichwohl, weil er sich nunmehr auch seinerseits von der
Verbindlichkeit den Artikeln der Amnestie nachzukommen, befreit sah.
Er lie, da er zu Hause kam, die Pferde ausspannen, und begab sich,
in Begleitung des Gubernial-Offizianten, sehr traurig und erschttert
in sein Zimmer; und whrend dieser Mann auf eine dem Rohndler Ekel
erregende Weise, versicherte, da alles nur auf einem Miverstndnis
beruhen msse, das sich in Kurzem lsen wrde, verriegelten die
Hscher, auf seinen Wink, alle Ausgnge der Wohnung die auf den Hof
fhrten; wobei der Offiziant ihm versicherte, da ihm der vordere
Haupteingang nach wie vor, zu seinem beliebigen Gebrauch offen stehe.

Inzwischen war der Nagelschmidt in den Wldern des Erzgebirgs, durch
Hscher und Landsknechte von allen Seiten so gedrngt worden, da er
bei dem gnzlichen Mangel an Hlfsmitteln, eine Rolle der Art, wie er
sie bernommen, durchzufhren, auf den Gedanken verfiel, den Kohlhaas
in der Tat ins Interesse zu ziehen; und da er von der Lage seines
Rechtsstreits in Dresden durch einen Reisenden, der die Strae zog,
mit ziemlicher Genauigkeit unterrichtet war: so glaubte er, der
offenbaren Feindschaft, die unter ihnen bestand, zum Trotz, den
Rohndler bewegen zu knnen, eine neue Verbindung mit ihm einzugehen.
Demnach schickte er einen Knecht, mit einem, in kaum leserlichem
Deutsch abgefaten Schreiben an ihn ab, des Inhalts: "Wenn er nach
dem Altenburgischen kommen, und die Anfhrung des Haufens, der sich
daselbst, aus Resten des aufgelsten zusammengefunden, wieder
bernehmen wolle, so sei er erbtig, ihm zur Flucht aus seiner Haft
in Dresden mit Pferden, Leuten und Geld an die Hand zu gehen; wobei
er ihm versprach, knftig gehorsamer und berhaupt ordentlicher und
besser zu sein, als vorher, und sich zum Beweis seiner Treue und
Anhnglichkeit anheischig machte, selbst in die Gegend von Dresden zu
kommen, um seine Befreiung aus seinem Kerker zu bewirken." Nun hatte
der, mit diesem Brief beauftragte Kerl das Unglck, in einem Dorf
dicht vor Dresden, in Krmpfen hlicher Art, denen er von Jugend auf
unterworfen war, niederzusinken; bei welcher Gelegenheit der Brief,
den er im Brustlatz trug, von Leuten, die ihm zu Hlfe kamen,
gefunden, er selbst aber, sobald er sich erholt, arretiert, und durch
eine Wache unter Begleitung vielen Volks, auf das Gubernium
transportiert ward.  Sobald der Schlohauptmann von Wenk diesen Brief
gelesen hatte, verfgte er sich unverzglich zum Kurfrsten aufs
Schlo, wo er die Herren Kunz und Hinz, welcher ersterer von seinen
Wunden wieder hergestellt war, und den Prsidenten der Staatskanzelei,
Grafen Kallheim, gegenwrtig fand.  Die Herren waren der Meinung,
da der Kohlhaas ohne weiteres arretiert, und ihm, auf den Grund
geheimer Einverstndnisse mit dem Nagelschmidt, der Proze gemacht
werden msse; indem sie bewiesen, da ein solcher Brief nicht, ohne
da frhere auch von Seiten des Rohndlers vorangegangen, und ohne
da berhaupt eine frevelhafte und verbrecherische Verbindung, zu
Schmiedung neuer Greuel, unter ihnen statt finden sollte, geschrieben
sein knne.  Der Kurfrst weigerte sich standhaft, auf den Grund blo
dieses Briefes, dem Kohlhaas das freie Geleit, das er ihm angelobt,
zu brechen; er war vielmehr der Meinung, da eine Art von
Wahrscheinlichkeit aus dem Briefe des Nagelschmidt hervorgehe, da
keine frhere Verbindung zwischen ihnen statt gefunden habe; und
alles, wozu er sich, um hierber aufs Reine zu kommen, auf den
Vorschlag des Prsidenten, obschon nach groer Zgerung entschlo,
war, den Brief durch den von dem Nagelschmidt abgeschickten Knecht,
gleichsam als ob derselbe nach wie vor frei sei, an ihn abgeben zu
lassen, und zu prfen, ob er ihn beantworten wrde.  Dem gem ward
der Knecht, den man in ein Gefngnis gesteckt hatte, am andern Morgen
auf das Gubernium gefhrt, wo der Schlohauptmann ihm den Brief
wieder zustellte, und ihn unter dem Versprechen, da er frei sein,
und die Strafe die er verwirkt, ihm erlassen sein solle, aufforderte,
das Schreiben, als sei nichts vorgefallen, dem Rohndler zu
bergeben; zu welcher List schlechter Art sich dieser Kerl auch ohne
weiteres gebrauchen lie, und auf scheinbar geheimnisvolle Weise,
unter dem Vorwand, da er Krebse zu verkaufen habe, womit ihn der
Gubernial-Offiziant, auf dem Markte, versorgt hatte, zu Kohlhaas ins
Zimmer trat.  Kohlhaas, der den Brief, whrend die Kinder mit den
Krebsen spielten, las, wrde den Gauner gewi unter andern Umstnden
beim Kragen genommen, und den Landsknechten, die vor seiner Tr
standen, berliefert haben; doch da bei der Stimmung der Gemter auch
selbst dieser Schritt noch einer gleichgltigen Auslegung fhig war,
und er sich vollkommen berzeugt hatte, da nichts auf der Welt ihn
aus dem Handel, in dem er verwickelt war, retten konnte: so sah er
dem Kerl, mit einem traurigen Blick, in sein ihm wohlbekanntes
Gesicht, fragte ihn, wo er wohnte, und beschied ihn, in einigen
Stunden, wieder zu sich, wo er ihm, in Bezug auf seinen Herrn, seinen
Beschlu erffnen wolle.  Er hie dem Sternbald, der zufllig in die
Tr trat, dem Mann, der im Zimmer war, etliche Krebse abkaufen; und
nachdem dies Geschft abgemacht war, und beide sich ohne einander zu
kennen, entfernt hatten, setzte er sich nieder und schrieb einen
Brief folgenden Inhalts an den Nagelschmidt: "Zuvrderst da er
seinen Vorschlag, die Oberanfhrung seines Haufens im Altenburgischen
betreffend, annhme; da er dem gem, zur Befreiung aus der
vorlufigen Haft, in welcher er mit seinen fnf Kindern gehalten
werde, ihm einen Wagen mit zwei Pferden nach der Neustadt bei Dresden
schicken solle; da er auch, rascheren Fortkommens wegen, noch eines
Gespannes von zwei Pferden auf der Strae nach Wittenberg bedrfe,
auf welchem Umweg er allein, aus Grnden, die anzugeben zu weitlufig
wren, zu ihm kommen knne; da er die Landsknechte, die ihn
bewachten, zwar durch Bestechung gewinnen zu knnen glaube, fr den
Fall aber da Gewalt ntig sei, ein paar beherzte, gescheute und
wohlbewaffnete Knechte, in der Neustadt bei Dresden gegenwrtig
wissen wolle; da er ihm zur Bestreitung der mit allen diesen
Anstalten verbundenen Kosten, eine Rolle von zwanzig Goldkronen durch
den Knecht zuschicke, ber deren Verwendung er sich, nach abgemachter
Sache, mit ihm berechnen wolle; da er sich brigens, weil sie
unntig sei, seine eigne Anwesenheit bei seiner Befreiung in Dresden
verbitte, ja ihm vielmehr den bestimmten Befehl erteile, zur
einstweiligen Anfhrung der Bande, die nicht ohne Oberhaupt sein
knne, im Altenburgischen zurckzubleiben."--Diesen Brief, als der
Knecht gegen Abend kam, berlieferte er ihm; beschenkte ihn selbst
reichlich, und schrfte ihm ein, denselben wohl in acht zu nehmen.
--Seine Absicht war mit seinen fnf Kindern nach Hamburg zu gehen,
und sich von dort nach der Levante oder nach Ostindien, oder so weit
der Himmel ber andere Menschen, als die er kannte, blau war,
einzuschiffen: denn die Dickftterung der Rappen hatte seine, von
Gram sehr gebeugte Seele auch unabhngig von dem Widerwillen, mit dem
Nagelschmidt deshalb gemeinschaftliche Sache zu machen, aufgegeben.
--Kaum hatte der Kerl diese Antwort dem Schlohauptmann berbracht,
als der Grokanzler abgesetzt, der Prsident, Graf Kallheim, an
dessen Stelle, zum Chef des Tribunals ernannt, und Kohlhaas, durch
einen Kabinettsbefehl des Kurfrsten arretiert, und schwer mit Ketten
beladen in die Stadttrme gebracht ward.  Man machte ihm auf den
Grund dieses Briefes, der an alle Ecken der Stadt angeschlagen ward,
den Proze; und da er vor den Schranken des Tribunals auf die Frage,
ob er die Handschrift anerkenne, dem Rat, der sie ihm vorhielt,
antwortete: "ja!" zur Antwort aber auf die Frage, ob er zu seiner
Verteidigung etwas vorzubringen wisse, indem er den Blick zur Erde
schlug, erwiderte, "nein!" so ward er verurteilt, mit glhenden
Zangen von Schinderknechten gekniffen, gevierteilt, und sein Krper,
zwischen Rad und Galgen, verbrannt zu werden.

So standen die Sachen fr den armen Kohlhaas in Dresden, als der
Kurfrst von Brandenburg zu seiner Rettung aus den Hnden der
bermacht und Willkr auftrat, und ihn, in einer bei der
kurfrstlichen Staatskanzlei daselbst eingereichten Note, als
brandenburgischen Untertan reklamierte.  Denn der wackere
Stadthauptmann, Herr Heinrich von Geusau, hatte ihn, auf einem
Spaziergange an den Ufern der Spree, von der Geschichte dieses
sonderbaren und nicht verwerflichen Mannes unterrichtet, bei welcher
Gelegenheit er von den Fragen des erstaunten Herrn gedrngt, nicht
umhin konnte, der Schuld zu erwhnen, die durch die Unziemlichkeiten
seines Erzkanzlers, des Grafen Siegfried von Kallheim, seine eigene
Person drckte: worber der Kurfrst schwer entrstet, den Erzkanzler,
nachdem er ihn zur Rede gestellt und befunden, da die
Verwandtschaft desselben mit dem Hause derer von Tronka an allem
schuld sei, ohne weiteres, mit mehreren Zeichen seiner Ungnade
entsetzte, und den Herrn Heinrich von Geusau zum Erzkanzler ernannte.

Es traf sich aber, da die Krone Polen grade damals, indem sie mit
dem Hause Sachsen, um welchen Gegenstandes willen wissen wir nicht,
im Streit lag, den Kurfrsten von Brandenburg, in wiederholten und
dringenden Vorstellungen anging, sich mit ihr in gemeinschaftlicher
Sache gegen das Haus Sachsen zu verbinden; dergestalt, da der
Erzkanzler, Herr Geusau, der in solchen Dingen nicht ungeschickt war,
wohl hoffen durfte, den Wunsch seines Herrn, dem Kohlhaas, es koste
was es wolle, Gerechtigkeit zu verschaffen, zu erfllen, ohne die
Ruhe des Ganzen auf eine milichere Art, als die Rcksicht auf einen
einzelnen erlaubt, aufs Spiel zu setzen.  Demnach forderte der
Erzkanzler nicht nur wegen gnzlich willkrlichen, Gott und Menschen
migeflligen Verfahrens, die unbedingte und ungesumte Auslieferung
des Kohlhaas, um denselben, falls ihn eine Schuld drcke, nach
brandenburgischen Gesetzen, auf Klageartikel, die der Dresdner Hof
deshalb durch einen Anwalt in Berlin anhngig machen knne, zu
richten; sondern er begehrte sogar selbst Psse fr einen Anwalt, den
der Kurfrst nach Dresden zu schicken willens sei, um dem Kohlhaas,
wegen der ihm auf schsischem Grund und Boden abgenommenen Rappen und
anderer himmelschreienden Mihandlungen und Gewalttaten halber, gegen
den Junker Wenzel von Tronka, Recht zu verschaffen.  Der Kmmerer,
Herr Kunz, der bei der Vernderung der Staatsmter in Sachsen zum
Prsidenten der Staatskanzlei ernannt worden war, und der aus
mancherlei Grnden den Berliner Hof, in der Bedrngnis in der er sich
befand, nicht verletzen wollte, antwortete im Namen seines ber die
eingegangene Note sehr niedergeschlagenen Herrn: "da man sich ber
die Unfreundschaftlichkeit und Unbilligkeit wundere, mit welcher man
dem Hofe zu Dresden das Recht abspreche, den Kohlhaas wegen
Verbrechen, die er im Lande begangen, den Gesetzen gem zu richten,
da doch weltbekannt sei, da derselbe ein betrchtliches Grundstck
in der Hauptstadt besitze, und sich selbst in der Qualitt als
schsischen Brger gar nicht verleugne." Doch da die Krone Polen
bereits zur Ausfechtung ihrer Ansprche einen Heerhaufen von
fnftausend Mann an der Grenze von Sachsen zusammenzog, und der
Erzkanzler, Herr Heinrich von Geusau, erklrte: "da Kohlhaasenbrck,
der Ort, nach welchem der Rohndler heie, im Brandenburgischen
liege, und da man die Vollstreckung des ber ihn ausgesprochenen
Todesurteils fr eine Verletzung des Vlkerrechts halten wrde": so
rief der Kurfrst, auf den Rat des Kmmerers, Herrn Kunz selbst, der
sich aus diesem Handel zurckzuziehen wnschte, den Prinzen
Christiern von Meien von seinen Gtern herbei, und entschlo sich,
auf wenige Worte dieses verstndigen Herrn, den Kohlhaas, der
Forderung gem, an den Berliner Hof auszuliefern.  Der Prinz, der
obschon mit den Unziemlichkeiten die vorgefallen waren, wenig
zufrieden, die Leitung der Kohlhaasischen Sache auf den Wunsch seines
bedrngten Herrn, bernehmen mute, fragte ihn, auf welchen Grund er
nunmehr den Rohndler bei dem Kammergericht zu Berlin verklagt
wissen wolle; und da man sich auf den leidigen Brief desselben an den
Nagelschmidt, wegen der zweideutigen und unklaren Umstnde, unter
welchen er geschrieben war, nicht berufen konnte, der frheren
Plnderungen und Einscherungen aber, wegen des Plakats, worin sie
ihm vergeben worden waren, nicht erwhnen durfte: so beschlo der
Kurfrst, der Majestt des Kaisers zu Wien einen Bericht ber den
bewaffneten Einfall des Kohlhaas in Sachsen vorzulegen, sich ber den
Bruch des von ihm eingesetzten ffentlichen Landfriedens zu
beschweren, und sie, die allerdings durch keine Amnestie gebunden war,
anzuliegen, den Kohlhaas bei dem Hofgericht zu Berlin deshalb durch
einen Reichsanklger zur Rechenschaft zu ziehen.  Acht Tage darauf
ward der Rokamm durch den Ritter Friedrich von Malzahn, den der
Kurfrst von Brandenburg mit sechs Reutern nach Dresden geschickt
hatte, geschlossen wie er war, auf einen Wagen geladen, und mit
seinen fnf Kindern, die man auf seine Bitte aus Findel- und
Waisenhusern wieder zusammengesucht hatte, nach Berlin transportiert.
Es traf sich da der Kurfrst von Sachsen auf die Einladung des
Landdrosts, Grafen Aloysius von Kallheim, der damals an der Grenze
von Sachsen betrchtliche Besitzungen hatte, in Gesellschaft des
Kmmerers, Herrn Kunz, und seiner Gemahlin, der Dame Heloise, Tochter
des Landdrosts und Schwester des Prsidenten, andrer glnzenden
Herren und Damen, Jagdjunker und Hofherren, die dabei waren, nicht zu
erwhnen, zu einem groen Hirschjagen, das man, um ihn zu erheitern,
angestellt hatte, nach Dahme gereist war; dergestalt, da unter dem
Dach bewimpelter Zelte, die quer ber die Strae auf einem Hgel
erbaut waren, die ganze Gesellschaft vom Staub der Jagd noch bedeckt
unter dem Schall einer heitern vom Stamm einer Eiche herschallenden
Musik, von Pagen bedient und Edelknaben, an der Tafel sa, als der
Rohndler langsam mit seiner Reuterbedeckung die Strae von Dresden
daher gezogen kam.  Denn die Erkrankung eines der kleinen, zarten
Kinder des Kohlhaas, hatte den Ritter von Malzahn, der ihn begleitete,
gentigt, drei Tage lang in Herzberg zurckzubleiben; von welcher
Maregel er, dem Frsten dem er diente deshalb allein verantwortlich,
nicht ntig befunden hatte, der Regierung zu Dresden weitere Kenntnis
zu geben.  Der Kurfrst, der mit halboffener Brust, den Federhut,
nach Art der Jger, mit Tannenzweigen geschmckt, neben der Dame
Heloise sa, die, in Zeiten frherer Jugend, seine erste Liebe
gewesen war, sagte von der Anmut des Festes, das ihn umgaukelte,
heiter gestimmt: "Lasset uns hingehen, und dem Unglcklichen, wer es
auch sei, diesen Becher mit Wein reichen!" Die Dame Heloise, mit
einem herzlichen Blick auf ihn, stand sogleich auf, und fllte, die
ganze Tafel plndernd, ein silbernes Geschirr, das ihr ein Page
reichte, mit Frchten, Kuchen und Brot an; und schon hatte, mit
Erquickungen jeglicher Art, die ganze Gesellschaft wimmelnd das Zelt
verlassen, als der Landdrost ihnen mit einem verlegenen Gesicht
entgegen kam, und sie bat zurckzubleiben.  Auf die betretene Frage
des Kurfrsten was vorgefallen wre, da er so bestrzt sei?
antwortete der Landdrost stotternd gegen den Kmmerer gewandt, da
der Kohlhaas im Wagen sei; auf welche jedermann unbegreifliche
Nachricht, indem weltbekannt war, da derselbe bereits vor sechs
Tagen abgereist war, der Kmmerer, Herr Kunz, seinen Becher mit Wein
nahm, und ihn, mit einer Rckwendung gegen das Zelt, in den Sand
schttete.  Der Kurfrst setzte, ber und ber rot, den seinigen auf
einen Teller, den ihm ein Edelknabe auf den Wink des Kmmerers zu
diesem Zweck vorhielt; und whrend der Ritter Friedrich von Malzahn,
unter ehrfurchtsvoller Begrung der Gesellschaft, die er nicht
kannte, langsam durch die Zeltleinen, die ber die Strae liefen,
nach Dahme weiter zog, begaben sich die Herrschaften, auf die
Einladung des Landdrosts, ohne weiter davon Notiz zu nehmen, ins Zelt
zurck.  Der Landdrost, sobald sich der Kurfrst niedergelassen hatte,
schickte unter der Hand nach Dahme, um bei dem Magistrat daselbst
die unmittelbare Weiterschaffung des Rohndlers bewirken zu lassen;
doch da der Ritter, wegen bereits zu weit vorgerckter Tageszeit,
bestimmt in dem Ort bernachten zu wollen erklrte, so mute man sich
begngen, ihn in einer dem Magistrat zugehrigen Meierei, die, in
Gebschen versteckt, auf der Seite lag, geruschlos unterzubringen.

Nun begab es sich, da gegen Abend, da die Herrschaften vom Wein und
dem Genu eines ppigen Nachtisches zerstreut, den ganzen Vorfall
wieder vergessen hatten, der Landdrost den Gedanken auf die Bahn
brachte, sich noch einmal, eines Rudels Hirsche wegen, der sich hatte
blicken lassen, auf den Anstand zu stellen; welchen Vorschlag die
ganze Gesellschaft mit Freuden ergriff, und paarweise nachdem sie
sich mit Bchsen versorgt, ber Grben und Hecken in die nahe Forst
eilte: dergestalt, da der Kurfrst und die Dame Heloise, die sich,
um dem Schauspiel beizuwohnen, an seinen Arm hing, von einem Boten,
den man ihnen zugeordnet hatte, unmittelbar, zu ihrem Erstaunen,
durch den Hof des Hauses gefhrt wurden, in welchem Kohlhaas mit den
brandenburgischen Reutern befindlich war.  Die Dame als sie dies
hrte, sagte: "kommt, gndigster Herr, kommt!" und versteckte die
Kette, die ihm vom Halse herabhing, schkernd in seinen seidenen
Brustlatz: "lat uns ehe der Tro nachkommt in die Meierei schleichen,
und den wunderlichen Mann, der darin bernachtet, betrachten!" Der
Kurfrst, indem er errtend ihre Hand ergriff, sagte: Heloise! was
fllt Euch ein?  Doch da sie, indem sie ihn betreten ansah, versetzte:
"da ihn ja in der Jgertracht, die ihn decke, kein Mensch erkenne!"
und ihn fortzog; und in eben diesem Augenblick ein paar Jagdjunker,
die ihre Neugierde schon befriedigt hatten, aus dem Hause
heraustreten, versichernd, da in der Tat, vermge einer
Veranstaltung, die der Landdrost getroffen, weder der Ritter noch der
Rohndler wisse, welche Gesellschaft in der Gegend von Dahme
versammelt sei; so drckte der Kurfrst sich den Hut lchelnd in die
Augen, und sagte: "Torheit, du regierst die Welt, und dein Sitz ist
ein schner weiblicher Mund!"--Es traf sich da Kohlhaas eben mit dem
Rcken gegen die Wand auf einem Bund Stroh sa, und sein, ihm in
Herzberg erkranktes Kind mit Semmel und Milch ftterte, als die
Herrschaften, um ihn zu besuchen, in die Meierei traten; und da die
Dame ihn, um ein Gesprch einzuleiten, fragte: wer er sei? und was
dem Kinde fehle? auch was er verbrochen und wohin man ihn unter
solcher Bedeckung abfhre? so rckte er seine lederne Mtze vor ihr,
und gab ihr auf alle diese Fragen, indem er sein Geschft fortsetzte,
unreichliche aber befriedigende Antwort.  Der Kurfrst, der hinter
den Jagdjunkern stand, und eine kleine bleierne Kapsel, die ihm an
einem seidenen Faden vom Halse herabhing, bemerkte, fragte ihn, da
sich grade nichts Besseres zur Unterhaltung darbot: was diese zu
bedeuten htte und was darin befindlich wre?  Kohlhaas erwiderte:
"ja, gestrenger Herr, diese Kapsel!"--und damit streifte er sie vom
Nacken ab, ffnete sie und nahm einen kleinen mit Mundlack
versiegelten Zettel heraus--"mit dieser Kugel hat es eine wunderliche
Bewandtnis!  Sieben Monden mgen es etwa sein, genau am Tage nach dem
Begrbnis meiner Frau; und von Kohlhaasenbrck, wie Euch vielleicht
bekannt sein wird, war ich aufgebrochen, um des Junkers von Tronka,
der mir viel Unrecht zugefgt, habhaft zu werden, als um einer
Verhandlung willen, die mir unbekannt ist, der Kurfrst von Sachsen
und der Kurfrst von Brandenburg in Jterbock, einem Marktflecken,
durch den der Streifzug mich fhrte, eine Zusammenkunft hielten; und
da sie sich gegen Abend ihren Wnschen gem vereinigt hatten, so
gingen sie, in freundschaftlichem Gesprch, durch die Straen der
Stadt, um den Jahrmarkt, der eben darin frhlich abgehalten ward, in
Augenschein zu nehmen.  Da trafen sie auf eine Zigeunerin, die, auf
einem Schemel sitzend, dem Volk, das sie umringte, aus dem Kalender
wahrsagte, und fragten sie scherzhafter Weise: ob sie ihnen nicht
auch etwas, das ihnen lieb wre, zu erffnen htte?  Ich, der mit
meinem Haufen eben in einem Wirtshause abgestiegen, und auf dem Platz,
wo dieser Vorfall sich zutrug, gegenwrtig war, konnte hinter allem
Volk, am Eingang einer Kirche, wo ich stand, nicht vernehmen, was die
wunderliche Frau den Herren sagte; dergestalt, da, da die Leute
lachend einander zuflsterten, sie teile nicht jedermann ihre
Wissenschaft mit, und sich des Schauspiels wegen das sich bereitete,
sehr bedrngten, ich, weniger neugierig, in der Tat, als um den
Neugierigen Platz zu machen, auf eine Bank stieg, die hinter mir im
Kircheneingange ausgehauen war.  Kaum hatte ich von diesem Standpunkt
aus, mit vlliger Freiheit der Aussicht, die Herrschaften und das
Weib, das auf dem Schemel vor ihnen sa und etwas aufzukritzeln
schien, erblickt: da steht sie pltzlich auf ihre Krcken gelehnt,
indem sie sich im Volk umsieht, auf; fat mich, der nie ein Wort mit
ihr wechselte, noch ihrer Wissenschaft Zeit seines Lebens begehrte,
ins Auge; drngt sich durch den ganzen dichten Auflauf der Menschen
zu mir heran und spricht: da! wenn es der Herr wissen will, so mag
er dich danach fragen! Und damit, gestrenger Herr, reichte sie mir
mit ihren drren knchernen Hnden diesen Zettel dar.  Und da ich
betreten, whrend sich alles Volk zu mir umwendet, spreche:
Mtterchen, was auch verehrst du mir da? antwortete sie, nach vielem
unvernehmlichen Zeug, worunter ich jedoch zu meinem groen Befremden
meinen Namen hre: ein Amulett, Kohlhaas, der Rohndler; verwahr es
wohl, es wird dir dereinst das Leben retten! und verschwindet.--Nun!"
fuhr Kohlhaas gutmtig fort: "die Wahrheit zu gestehen, hats mir in
Dresden, so scharf es herging, das Leben nicht gekostet; und wie es
mir in Berlin gehen wird, und ob ich auch dort damit bestehen werde,
soll die Zukunft lehren."--Bei diesen Worten setzte sich der Kurfrst
auf eine Bank; und ob er schon auf die betretne Frage der Dame: was
ihm fehle? antwortete: nichts, gar nichts! so fiel er doch schon
ohnmchtig auf den Boden nieder, ehe sie noch Zeit hatte ihm
beizuspringen, und in ihre Arme aufzunehmen.  Der Ritter von Malzahn,
der in eben diesem Augenblick, eines Geschfts halber, ins Zimmer
trat, sprach: heiliger Gott! was fehlt dem Herrn?  Die Dame rief:
schafft Wasser her!  Die Jagdjunker hoben ihn auf und trugen ihn auf
ein im Nebenzimmer befindliches Bett; und die Bestrzung erreichte
ihren Gipfel, als der Kmmerer, den ein Page herbeirief, nach
mehreren vergeblichen Bemhungen, ihn ins Leben zurckzubringen,
erklrte: er gebe alle Zeichen von sich, als ob ihn der Schlag
gerhrt!  Der Landdrost, whrend der Mundschenk einen reitenden Boten
nach Luckau schickte, um einen Arzt herbeizuholen, lie ihn, da er
die Augen aufschlug, in einen Wagen bringen, und Schritt vor Schritt
nach seinem in der Gegend befindlichen Jagdschlo abfhren; aber
diese Reise zog ihm, nach seiner Ankunft daselbst, zwei neue
Ohnmachten zu: dergestalt, da er sich erst spt am andern Morgen,
bei der Ankunft des Arztes aus Luckau, unter gleichwohl
entscheidenden Symptomen eines herannahenden Nervenfiebers,
einigermaen erholte.  Sobald er seiner Sinne mchtig geworden war,
richtete er sich halb im Bette auf, und seine erste Frage war gleich:
wo der Kohlhaas sei?  Der Kmmerer, der seine Frage miverstand,
sagte, indem er seine Hand ergriff: da er sich dieses entsetzlichen
Menschen wegen beruhigen mchte, indem derselbe, seiner Bestimmung
gem, nach jenem sonderbaren und unbegreiflichen Vorfall, in der
Meierei zu Dahme, unter brandenburgischer Bedeckung, zurckgeblieben
wre.  Er fragte ihn, unter der Versicherung seiner lebhaftesten
Teilnahme und der Beteurung, da er seiner Frau, wegen des
unverantwortlichen Leichtsinns, ihn mit diesem Mann zusammenzubringen,
die bittersten Vorwrfe gemacht htte: was ihn denn so wunderbar und
ungeheuer in der Unterredung mit demselben ergriffen htte?  Der
Kurfrst sagte: er msse ihm nur gestehen, da der Anblick eines
nichtigen Zettels, den der Mann in einer bleiernen Kapsel mit sich
fhre, schuld an dem ganzen unangenehmen Zufall sei, der ihm
zugestoen.  Er setzte noch mancherlei zur Erklrung dieses Umstands,
das der Kmmerer nicht verstand, hinzu; versicherte ihn pltzlich,
indem er seine Hand zwischen die seinigen drckte, da ihm der Besitz
dieses Zettels von der uersten Wichtigkeit sei; und bat ihn,
unverzglich aufzusitzen, nach Dahme zu reiten, und ihm den Zettel,
um welchen Preis es immer sei, von demselben zu erhandeln.  Der
Kmmerer, der Mhe hatte, seine Verlegenheit zu verbergen,
versicherte ihn: da, falls dieser Zettel einigen Wert fr ihn htte,
nichts auf der Welt notwendiger wre, als dem Kohlhaas diesen Umstand
zu verschweigen; indem, sobald derselbe durch eine unvorsichtige
uerung Kenntnis davon nhme, alle Reichtmer, die er bese, nicht
hinreichen wrden, ihn aus den Hnden dieses grimmigen, in seiner
Rachsucht unersttlichen Kerls zu erkaufen.  Er fgte, um ihn zu
beruhigen, hinzu, da man auf ein anderes Mittel denken msse, und
da es vielleicht durch List, vermge eines Dritten ganz Unbefangenen,
indem der Bsewicht wahrscheinlich, an und fr sich, nicht sehr
daran hnge, mglich sein wrde, sich den Besitz des Zettels, an dem
ihm so viel gelegen sei, zu verschaffen.  Der Kurfrst, indem er sich
den Schwei abtrocknete, fragte: ob man nicht unmittelbar zu diesem
Zweck nach Dahme schicken, und den weiteren Transport des Rohndlers,
vorlufig, bis man des Blattes, auf welche Weise es sei, habhaft
geworden, einstellen knne?  Der Kmmerer, der seinen Sinnen nicht
traute, versetzte: da leider allen wahrscheinlichen Berechnungen
zufolge, der Rohndler Dahme bereits verlassen haben, und sich
jenseits der Grenze, auf brandenburgischem Grund und Boden befinden
msse, wo das Unternehmen, die Fortschaffung desselben zu hemmen,
oder wohl gar rckgngig zu machen, die unangenehmsten und
weitlufigsten, ja solche Schwierigkeiten, die vielleicht gar nicht
zu beseitigen wren, veranlassen wrde.  Er fragte ihn, da der
Kurfrst sich schweigend, mit der Gebrde eines ganz Hoffnungslosen,
auf das Kissen zurcklegte: was denn der Zettel enthalte? und durch
welchen Zufall befremdlicher und unerklrlicher Art ihm, da der
Inhalt ihn betreffe, bekannt sei?  Hierauf aber, unter zweideutigen
Blicken auf den Kmmerer, dessen Willfhrigkeit er in diesem Falle
mitraute, antwortete der Kurfrst nicht: starr, mit unruhig
klopfendem Herzen lag er da, und sah auf die Spitze des Schnupftuches
nieder, das er gedankenvoll zwischen den Hnden hielt; und bat ihn
pltzlich, den Jagdjunker vom Stein, einen jungen, rstigen und
gewandten Herrn, dessen er sich fter schon zu geheimen Geschften
bedient hatte, unter dem Vorwand, da er ein anderweitiges Geschft
mit ihm abzumachen habe, ins Zimmer zu rufen.  Den Jagdjunker,
nachdem er ihm die Sache auseinandergelegt, und von der Wichtigkeit
des Zettels, in dessen Besitz der Kohlhaas war, unterrichtet hatte,
fragte er, ob er sich ein ewiges Recht auf seine Freundschaft
erwerben, und ihm den Zettel, noch ehe derselbe Berlin erreicht,
verschaffen wolle? und da der Junker, sobald er das Verhltnis nur,
sonderbar wie es war, einigermaen berschaute, versicherte, da er
ihm mit allen seinen Krften zu Diensten stehe: so trug ihm der
Kurfrst auf, dem Kohlhaas nachzureiten, und ihm, da demselben mit
Geld wahrscheinlich nicht beizukommen sei, in einer mit Klugheit
angeordneten Unterredung, Freiheit und Leben dafr anzubieten, ja ihm,
wenn er darauf bestehe, unmittelbar, obschon mit Vorsicht, zur
Flucht aus den Hnden der brandenburgischen Reuter, die ihn
transportierten, mit Pferden, Leuten und Geld an die Hand zu gehen.
Der Jagdjunker, nachdem er sich ein Blatt von der Hand des Kurfrsten
zur Beglaubigung ausgebeten, brach auch sogleich mit einigen Knechten
auf, und hatte, da er den Odem der Pferde nicht sparte, das Glck,
den Kohlhaas auf einem Grenzdorf zu treffen, wo derselbe mit dem
Ritter von Malzahn und seinen fnf Kindern ein Mittagsmahl, das im
Freien vor der Tr eines Hauses angerichtet war, zu sich nahm.  Der
Ritter von Malzahn, dem der Junker sich als einen Fremden, der bei
seiner Durchreise den seltsamen Mann, den er mit sich fhre, in
Augenschein zu nehmen wnsche, vorstellte, ntigte ihn sogleich auf
zuvorkommende Art, indem er ihn mit dem Kohlhaas bekannt machte, an
der Tafel nieder; und da der Ritter in Geschften der Abreise ab und
zuging, die Reuter aber an einem, auf des Hauses anderer Seite
befindlichen Tisch, ihre Mahlzeit hielten: so traf sich die
Gelegenheit bald, wo der Junker dem Rohndler erffnen konnte, wer
er sei, und in welchen besonderen Auftrgen er zu ihm komme.  Der
Rohndler, der bereits Rang und Namen dessen, der beim Anblick der
in Rede stehenden Kapsel, in der Meierei zu Dahme in Ohnmacht
gefallen war, kannte, und der zur Krnung des Taumels, in welchen ihn
diese Entdeckung versetzt hatte, nichts bedurfte, als Einsicht in die
Geheimnisse des Zettels, den er, um mancherlei Grnde willen,
entschlossen war, aus bloer Neugierde nicht zu erffnen: der
Rohndler sagte, eingedenk der unedelmtigen und unfrstlichen
Behandlung, die er in Dresden, bei seiner gnzlichen Bereitwilligkeit,
alle nur mglichen Opfer zu bringen, hatte erfahren mssen: "da er
den Zettel behalten wolle." Auf die Frage des Jagdjunkers: was ihn zu
dieser sonderbaren Weigerung, da man ihm doch nichts Minderes, als
Freiheit und Leben dafr anbiete, veranlasse? antwortete Kohlhaas:
"Edler Herr!  Wenn Euer Landesherr kme, und sprche, ich will mich,
mit dem ganzen Tro derer, die mir das Szepter fhren helfen,
vernichten--vernichten, versteht Ihr, welches allerdings der greste
Wunsch ist, den meine Seele hegt: so wrde ich ihm doch den Zettel
noch, der ihm mehr wert ist, als das Dasein, verweigern und sprechen:
du kannst mich auf das Schafott bringen, ich aber kann dir weh tun,
und ich wills!" Und damit, im Antlitz den Tod, rief er einen Reuter
herbei, unter der Aufforderung, ein gutes Stck Essen, das in der
Schssel brig geblieben war, zu sich zu nehmen; und fr den ganzen
Rest der Stunde, die er im Flecken zubrachte, fr den Junker, der an
der Tafel sa, wie nicht vorhanden, wandte er sich erst wieder, als
er den Wagen bestieg, mit einem Blick, der ihn abschiedlich grte,
zu ihm zurck.

Der Zustand des Kurfrsten, als er diese Nachricht bekam,
verschlimmerte sich in dem Grade, da der Arzt, whrend drei
verhngnisvoller Tage, seines Lebens wegen, das zu gleicher Zeit, von
so vielen Seiten angegriffen ward, in der gresten Besorgnis war.
Gleichwohl stellte er sich, durch die Kraft seiner natrlichen
Gesundheit, nach dem Krankenlager einiger peinlich zugebrachten
Wochen wieder her; dergestalt wenigstens, da man ihn in einen Wagen
bringen, und mit Kissen und Decken wohl versehen, nach Dresden zu
seinen Regierungsgeschften wieder zurckfhren konnte.  Sobald er in
dieser Stadt angekommen war, lie er den Prinzen Christiern von
Meien rufen, und fragte denselben: wie es mit der Abfertigung des
Gerichtsrats Eibenmayer stnde, den man, als Anwalt in der Sache des
Kohlhaas, nach Wien zu schicken gesonnen gewesen wre, um
kaiserlicher Majestt daselbst die Beschwerde wegen gebrochenen,
kaiserlichen Landfriedens, vorzulegen?  Der Prinz antwortete ihm: da
derselbe, dem, bei seiner Abreise nach Dahme hinterlassenen Befehl
gem, gleich nach Ankunft des Rechtsgelehrten Zuner, den der
Kurfrst von Brandenburg als Anwalt nach Dresden geschickt htte, um
die Klage desselben, gegen den Junker Wenzel von Tronka, der Rappen
wegen, vor Gericht zu bringen, nach Wien abgegangen wre.  Der
Kurfrst, indem er errtend an seinen Arbeitstisch trat, wunderte
sich ber diese Eilfertigkeit, indem er seines Wissens erklrt htte,
die definitive Abreise des Eibenmayer, wegen vorher notwendiger
Rcksprache mit dem Doktor Luther, der dem Kohlhaas die Amnestie
ausgewirkt, einem nheren und bestimmteren Befehl vorbehalten zu
wollen.  Dabei warf er einige Briefschaften und Akten, die auf dem
Tisch lagen, mit dem Ausdruck zurckgehaltenen Unwillens, ber
einander.  Der Prinz, nach einer Pause, in welcher er ihn mit groen
Augen ansah, versetzte, da es ihm leid tte, wenn er seine
Zufriedenheit in dieser Sache verfehlt habe; inzwischen knne er ihm
den Beschlu des Staatsrats vorzeigen, worin ihm die Abschickung des
Rechtsanwalts, zu dem besagten Zeitpunkt, zur Pflicht gemacht worden
wre.  Er setzte hinzu, da im Staatsrat von einer Rcksprache mit
dem Doktor Luther, auf keine Weise die Rede gewesen wre; da es
frherhin vielleicht zweckmig gewesen sein mchte, diesen
geistlichen Herrn, wegen der Verwendung, die er dem Kohlhaas
angedeihen lassen, zu bercksichtigen, nicht aber jetzt mehr, nachdem
man demselben die Amnestie vor den Augen der ganzen Welt gebrochen,
ihn arretiert, und zur Verurteilung und Hinrichtung an die
brandenburgischen Gerichte ausgeliefert htte.  Der Kurfrst sagte:
das Versehen, den Eibenmayer abgeschickt zu haben, wre auch in der
Tat nicht gro; inzwischen wnsche er, da derselbe vorlufig, bis
auf weiteren Befehl, in seiner Eigenschaft als Anklger zu Wien nicht
auftrte, und bat den Prinzen, deshalb das Erforderliche unverzglich
durch einen Expressen, an ihn zu erlassen.  Der Prinz antwortete: da
dieser Befehl leider um einen Tag zu spt kme, indem der Eibenmayer
bereits nach einem Berichte, der eben heute eingelaufen, in seiner
Qualitt als Anwalt aufgetreten, und mit Einreichung der Klage bei
der Wiener Staatskanzlei vorgegangen wre.  Er setzte auf die
betroffene Frage des Kurfrsten: wie dies berall in so kurzer Zeit
mglich sei? hinzu: da bereits, seit der Abreise dieses Mannes drei
Wochen verstrichen wren, und da die Instruktion, die er erhalten,
ihm eine ungesumte Abmachung dieses Geschfts, gleich nach seiner
Ankunft in Wien zur Pflicht gemacht htte.  Eine Verzgerung,
bemerkte der Prinz, wrde in diesem Fall um so unschicklicher gewesen
sein, da der brandenburgische Anwalt Zuner, gegen den Junker Wenzel
von Tronka mit dem trotzigsten Nachdruck verfahre, und bereits auf
eine vorlufige Zurckziehung der Rappen, aus den Hnden des
Abdeckers, behufs ihrer knftigen Wiederherstellung, bei dem
Gerichtshof angetragen, und auch aller Einwendungen der Gegenpart
ungeachtet, durchgesetzt habe.  Der Kurfrst, indem er die Klingel
zog, sagte: "gleichviel! es htte nichts zu bedeuten!" und nachdem er
sich mit gleichgltigen Fragen: wie es sonst in Dresden stehe? und
was in seiner Abwesenheit vorgefallen sei? zu dem Prinzen
zurckgewandt hatte: grte er ihn, unfhig seinen innersten Zustand
zu verbergen, mit der Hand, und entlie ihn.  Er forderte ihm noch an
demselben Tage schriftlich, unter dem Vorwande, da er die Sache,
ihrer politischen Wichtigkeit wegen, selbst bearbeiten wolle, die
smtlichen Kohlhaasischen Akten ab; und da ihm der Gedanke,
denjenigen zu verderben, von dem er allein ber die Geheimnisse des
Zettels Auskunft erhalten konnte, unertrglich war: so verfate er
einen eigenhndigen Brief an den Kaiser, worin er ihn auf herzliche
und dringende Weise bat, aus wichtigen Grnden, die er ihm vielleicht
in kurzer Zeit bestimmter auseinander legen wrde, die Klage, die der
Eibenmayer gegen den Kohlhaas eingereicht, vorlufig bis auf einen
weitern Beschlu, zurcknehmen zu drfen.  Der Kaiser, in einer durch
die Staatskanzlei ausgefertigten Note, antwortete ihm: "da der
Wechsel, der pltzlich in seiner Brust vorgegangen zu sein scheine,
ihn aufs uerste befremde; da der schsischerseits an ihn erlassene
Bericht, die Sache des Kohlhaas zu einer Angelegenheit gesamten
heiligen rmischen Reichs gemacht htte; da demgem er, der Kaiser,
als Oberhaupt desselben, sich verpflichtet gesehen htte, als
Anklger in dieser Sache bei dem Hause Brandenburg aufzutreten;
dergestalt, da da bereits der Hof-Assessor Franz Mller, in der
Eigenschaft als Anwalt nach Berlin gegangen wre, um den Kohlhaas
daselbst, wegen Verletzung des ffentlichen Landfriedens, zur
Rechenschaft zu ziehen, die Beschwerde nunmehr auf keine Weise
zurckgenommen werden knne, und die Sache den Gesetzen gem, ihren
weiteren Fortgang nehmen msse." Dieser Brief schlug den Kurfrsten
vllig nieder; und da, zu seiner uersten Betrbnis, in einiger Zeit
Privatschreiben aus Berlin einliefen, in welchen die Einleitung des
Prozesses bei dem Kammergericht gemeldet, und bemerkt ward, da der
Kohlhaas wahrscheinlich, aller Bemhungen des ihm zugeordneten
Advokaten ungeachtet, auf dem Schafott enden werde: so beschlo
dieser unglckliche Herr noch einen Versuch zu machen, und bat den
Kurfrsten von Brandenburg, in einer eigenhndigen Zuschrift, um des
Rohndlers Leben.  Er schtzte vor, da die Amnestie, die man diesem
Manne angelobt, die Vollstreckung eines Todesurteils an demselben,
fglicher Weise, nicht zulasse; versicherte ihn, da es, trotz der
scheinbaren Strenge, mit welcher man gegen ihn verfahren, nie seine
Absicht gewesen wre, ihn sterben zu lassen; und beschrieb ihm, wie
trostlos er sein wrde, wenn der Schutz, den man vorgegeben htte,
ihm von Berlin aus angedeihen lassen zu wollen, zuletzt, in einer
unerwarteten Wendung, zu seinem greren Nachteile ausschlage, als
wenn er in Dresden geblieben, und seine Sache nach schsischen
Gesetzen entschieden worden wre.  Der Kurfrst von Brandenburg, dem
in dieser Angabe mancherlei zweideutig und unklar schien, antwortete
ihm: "da der Nachdruck, mit welchem der Anwalt kaiserlicher Majestt
verfhre, platterdings nicht erlaube, dem Wunsch, den er ihm geuert,
gem, von der strengen Vorschrift der Gesetze abzuweichen.  Er
bemerkte, da die ihm vorgelegte Besorgnis in der Tat zu weit ginge,
indem die Beschwerde, wegen der dem Kohlhaas in der Amnestie
verziehenen Verbrechen ja nicht von ihm, der demselben die Amnestie
erteilt, sondern von dem Reichsoberhaupt, das daran auf keine Weise
gebunden sei, bei dem Kammergericht zu Berlin anhngig gemacht worden
wre.  Dabei stellte er ihm vor, wie notwendig bei den fortdauernden
Gewaltttigkeiten des Nagelschmidt, die sich sogar schon, mit
unerhrter Dreistigkeit, bis aufs brandenburgische Gebiet erstreckten,
die Statuierung eines abschreckenden Beispiels wre, und bat ihn,
falls er dies alles nicht bercksichtigen wolle, sich an des Kaisers
Majestt selbst zu wenden, indem, wenn dem Kohlhaas zu Gunsten ein
Machtspruch fallen sollte, dies allein auf eine Erklrung von dieser
Seite her geschehen knne." Der Kurfrst, aus Gram und rger ber
alle diese miglckten Versuche, verfiel in eine neue Krankheit; und
da der Kmmerer ihn an einem Morgen besuchte, zeigte er ihm die
Briefe, die er, um dem Kohlhaas das Leben zu fristen, und somit
wenigstens Zeit zu gewinnen, des Zettels, den er bese, habhaft zu
werden, an den Wiener und Berliner Hof erlassen.  Der Kmmerer warf
sich auf Knieen vor ihm nieder, und bat ihn, um alles was ihm heilig
und teuer sei, ihm zu sagen, was dieser Zettel enthalte?  Der
Kurfrst sprach, er mchte das Zimmer verriegeln, und sich auf das
Bett niedersetzen; und nachdem er seine Hand ergriffen, und mit einem
Seufzer an sein Herz gedrckt hatte, begann er folgendergestalt:
"Deine Frau hat dir, wie ich hre, schon erzhlt, da der Kurfrst
von Brandenburg und ich, am dritten Tage der Zusammenkunft, die wir
in Jterbock hielten, auf eine Zigeunerin trafen; und da der Kurfrst,
aufgeweckt wie er von Natur ist, beschlo, den Ruf dieser
abenteuerlichen Frau, von deren Kunst, eben bei der Tafel, auf
ungebhrliche Weise die Rede gewesen war, durch einen Scherz im
Angesicht alles Volks zu nichte zu machen: so trat er mit
verschrnkten Armen vor ihren Tisch, und forderte, der Weissagung
wegen, die sie ihm machen sollte, ein Zeichen von ihr, das sich noch
heute erproben liee, vorschtzend, da er sonst nicht, und wre sie
auch die rmische Sibylle selbst, an ihre Worte glauben knne.  Die
Frau, indem sie uns flchtig von Kopf zu Fu ma, sagte: das Zeichen
wrde sein, da uns der groe, gehrnte Rehbock, den der Sohn des
Grtners im Park erzog, auf dem Markt, worauf wir uns befanden, bevor
wir ihn noch verlassen, entgegenkommen wrde.  Nun mut du wissen,
da dieser, fr die Dresdner Kche bestimmte Rehbock, in einem mit
Latten hoch verzunten Verschlage, den die Eichen des Parks
beschatteten, hinter Schlo und Riegel aufbewahrt ward, dergestalt,
da, da berdies anderen kleineren Wildes und Geflgels wegen, der
Park berhaupt und obenein der Garten, der zu ihm fhrte, in
sorgfltigem Beschlu gehalten ward, schlechterdings nicht abzusehen
war, wie uns das Tier, diesem sonderbaren Vorgeben gem, bis auf dem
Platz, wo wir standen, entgegenkommen wrde; gleichwohl schickte der
Kurfrst aus Besorgnis vor einer dahinter steckenden Schelmerei, nach
einer kurzen Abrede mit mir, entschlossen, auf unabnderliche Weise,
alles was sie noch vorbringen wurde, des Spaes wegen, zu Schanden zu
machen, ins Schlo, und befahl, da der Rehbock augenblicklich
gettet, und fr die Tafel, an einem der nchsten Tage, zubereitet
werden solle.  Hierauf wandte er sich zu der Frau, vor welcher diese
Sache laut verhandelt worden war, zurck, und sagte: nun, Wohlan! was
hast du mir fr die Zukunft zu entdecken?  Die Frau, indem sie in
seine Hand sah, sprach: Heil meinem Kurfrsten und Herrn!  Deine
Gnaden wird lange regieren, das Haus, aus dem du stammst, lange
bestehen, und deine Nachkommen gro und herrlich werden und zu Macht
gelangen, vor allen Frsten und Herren der Welt!  Der Kurfrst, nach
einer Pause, in welcher er die Frau gedankenvoll ansah, sagte
halblaut, mit einem Schritte, den er zu mir tat, da es ihm jetzo
fast leid tte, einen Boten abgeschickt zu haben, um die Weissagung
zu nichte zu machen; und whrend das Geld aus den Hnden der Ritter,
die ihm folgten, der Frau haufenweise unter vielem Jubel, in den
Scho regnete, fragte er sie, indem er selbst in die Tasche griff,
und ein Goldstck dazu legte: ob der Gru, den sie mir zu erffnen
htte, auch von so silbernem Klang wre, als der seinige?  Die Frau,
nachdem sie einen Kasten, der ihr zur Seite stand, aufgemacht, und
das Geld, nach Sorte und Menge, weitlufig und umstndlich darin
geordnet, und den Kasten wieder verschlossen hatte, schtzte ihre
Hand vor die Sonne, gleichsam als ob sie ihr lstig wre, und sah
mich an; und da ich die Frage an sie wiederholte, und, auf
scherzhafte Weise, whrend sie meine Hand prfte, zum Kurfrsten
sagte: mir, scheint es, hat sie nichts, das eben angenehm wre, zu
verkndigen: so ergriff sie ihre Krcken, hob sich langsam daran vom
Schemel empor, und indem sie sich, mit geheimnisvoll vorgehaltenen
Hnden, dicht zu mir heran drngte, flsterte sie mir vernehmlich ins
Ohr: nein!--So! sagt ich verwirrt, und trat einen Schritt vor der
Gestalt zurck, die sich, mit einem Blick, kalt und leblos, wie aus
marmornen Augen, auf den Schemel, der hinter ihr stand, zurcksetzte:
von welcher Seite her droht meinem Hause Gefahr?  Die Frau, indem sie
eine Kohle und ein Papier zur Hand nahm und ihre Kniee kreuzte,
fragte: ob sie es mir aufschreiben solle? und da ich, verlegen in der
Tat, blo weil mir, unter den bestehenden Umstnden, nichts anders
brig blieb, antwortete: ja! das tu! so versetzte sie: wohlan!
dreierlei schreib ich dir auf: den Namen des letzten Regenten deines
Hauses, die Jahreszahl, da er sein Reich verlieren, und den Namen
dessen, der es, durch die Gewalt der Waffen, an sich reien wird.
Dies, vor den Augen allen Volks abgemacht, erhebt sie sich, verklebt
den Zettel mit Lack, den sie in ihrem welken Munde befeuchtet, und
drckt einen bleiernen, an ihrem Mittelfinger befindlichen Siegelring
darauf.  Und da ich den Zettel, neugierig, wie du leicht begreifst,
mehr als Worte sagen knnen, erfassen will, spricht sie: mit nichten,
Hoheit! und wendet sich und hebt ihrer Krcken eine empor: von
jenem Mann dort, der, mit dem Federhut, auf der Bank steht, hinter
allem Volk, am Kircheneingang, lsest du, wenn es dir beliebt, den
Zettel ein! Und damit, ehe ich noch recht begriffen, was sie sagt,
auf dem Platz, vor Erstaunen sprachlos, lt sie mich stehen; und
whrend sie den Kasten, der hinter ihr stand, zusammenschlug, und
ber den Rcken warf, mischt sie sich, ohne da ich weiter bemerken
konnte, was sie tut, unter den Haufen des uns umringenden Volks.  Nun
trat, zu meinem in der Tat herzlichen Trost, in eben diesem
Augenblick der Ritter auf, den der Kurfrst ins Schlo geschickt
hatte, und meldete ihm, mit lachendem Munde, da der Rehbock gettet,
und durch zwei Jger, vor seinen Augen, in die Kche geschleppt
worden sei.  Der Kurfrst, indem er seinen Arm munter in den meinigen
legte, in der Absicht, mich von dem Platz hinwegzufhren, sagte: nun,
wohlan! so war die Prophezeiung eine alltgliche Gaunerei, und Zeit
und Gold, die sie uns gekostet nicht wert!  Aber wie gro war unser
Erstaunen, da sich, noch whrend dieser Worte, ein Geschrei rings auf
dem Platze erhob, und aller Augen sich einem groen, vom Schlohof
herantrabenden Schlchterhund zuwandten, der in der Kche den Rehbock
als gute Beute beim Nacken erfat, und das Tier drei Schritte von uns,
verfolgt von Knechten und Mgden, auf den Boden fallen lie:
dergestalt, da in der Tat die Prophezeiung des Weibes, zum
Unterpfand alles dessen, was sie vorgebracht, erfllt, und der
Rehbock uns bis auf den Markt, obschon allerdings tot, entgegen
gekommen war.  Der Blitz, der an einem Wintertag vom Himmel fllt,
kann nicht vernichtender treffen, als mich dieser Anblick, und meine
erste Bemhung, sobald ich der Gesellschaft in der ich mich befand,
berhoben, war gleich, den Mann mit dem Federhut, den mir das Weib
bezeichnet hatte, auszumitteln; doch keiner meiner Leute,
unausgesetzt whrend drei Tage auf Kundschaft geschickt, war im
Stande mir auch nur auf die entfernteste Weise Nachricht davon zu
geben: und jetzt, Freund Kunz, vor wenig Wochen, in der Meierei zu
Dahme, habe ich den Mann mit meinem eigenen Augen gesehn."--Und damit
lie er die Hand des Kmmerers fahren; und whrend er sich den
Schwei abtrocknete, sank er wieder auf das Lager zurck.  Der
Kmmerer, der es fr vergebliche Mhe hielt, mit seiner Ansicht von
diesem Vorfall die Ansicht, die der Kurfrst davon hatte, zu
durchkreuzen und zu berichtigen, bat ihn, doch irgend ein Mittel zu
versuchen, des Zettels habhaft zu werden, und den Kerl nachher seinem
Schicksal zu berlassen; doch der Kurfrst antwortete, da er
platterdings kein Mittel dazu she, obschon der Gedanke, ihn
entbehren zu mssen, oder wohl gar die Wissenschaft davon mit diesem
Menschen untergehen zu sehen, ihn dem Jammer und der Verzweiflung
nahe brchte.  Auf die Frage des Freundes: ob er denn Versuche
gemacht, die Person der Zigeunerin selbst auszuforschen? erwiderte
der Kurfrst, da das Gubernium, auf einen Befehl, den er unter einem
falschen Vorwand an dasselbe erlassen, diesem Weibe vergebens, bis
auf den heutigen Tag, in allen Pltzen des Kurfrstentums nachspre:
wobei er, aus Grnden, die er jedoch nher zu entwickeln sich
weigerte, berhaupt zweifelte, da sie in Sachsen auszumitteln sei.
Nun traf es sich, da der Kmmerer, mehrerer betrchtlichen Gter
wegen, die seiner Frau aus der Hinterlassenschaft des abgesetzten und
bald darauf verstorbenen Erzkanzlers, Grafen Kallheim, in der Neumark
zugefallen waren, nach Berlin reisen wollte; dergestalt, da, da er
den Kurfrsten in der Tat liebte, er ihn nach einer kurzen berlegung
fragte: ob er ihm in dieser Sache freie Hand lassen wolle? und da
dieser, indem er seine Hand herzlich an seine Brust drckte,
antwortete: "denke, du seist ich, und schaff mir den Zettel!" so
beschleunigte der Kmmerer, nachdem er seine Geschfte abgegeben, um
einige Tage seine Abreise, und fuhr, mit Zurcklassung seiner Frau,
blo von einigen Bedienten begleitet, nach Berlin ab.

Kohlhaas, der inzwischen, wie schon gesagt, in Berlin angekommen, und,
auf einen Spezialbefehl des Kurfrsten, in ein ritterliches
Gefngnis gebracht worden war, das ihn mit seinen fnf Kindern, so
bequem als es sich tun lie, empfing, war gleich nach Erscheinung des
kaiserlichen Anwalts aus Wien, auf den Grund wegen Verletzung des
ffentlichen, kaiserlichen Landfriedens, vor den Schranken des
Kammergerichts zur Rechenschaft gezogen worden; und ob er schon in
seiner Verantwortung einwandte, da er wegen seines bewaffneten
Einfalls in Sachsen, und der dabei verbten Gewaltttigkeiten, kraft
des mit dem Kurfrsten von Sachsen zu Ltzen abgeschlossenen
Vergleichs, nicht belangt werden knne: so erfuhr er doch, zu seiner
Belehrung, da des Kaisers Majestt, deren Anwalt hier die Beschwerde
fhre, darauf keine Rcksicht nehmen knne: lie sich auch sehr bald,
da man ihm die Sache auseinander setzte und erklrte, wie ihm dagegen
von Dresden her, in seiner Sache gegen den Junker Wenzel von Tronka,
vllige Genugtuung widerfahren werde, die Sache gefallen.  Demnach
traf es sich, da grade am Tage der Ankunft des Kmmerers, das Gesetz
ber ihn sprach, und er verurteilt ward mit dem Schwerte vom Leben
zum Tode gebracht zu werden; ein Urteil, an dessen Vollstreckung
gleichwohl, bei der verwickelten Lage der Dinge, seiner Milde
ungeachtet, niemand glaubte, ja, das die ganze Stadt, bei dem
Wohlwollen das der Kurfrst fr den Kohlhaas trug, unfehlbar durch
ein Machtwort desselben, in eine bloe, vielleicht beschwerliche und
langwierige Gefngnisstrafe verwandelt zu sehen hoffte.  Der Kmmerer,
der gleichwohl einsah, da keine Zeit zu verlieren sein mchte,
falls der Auftrag, den ihm sein Herr gegeben, in Erfllung gehen
sollte, fing sein Geschft damit an, sich dem Kohlhaas, am Morgen
eines Tages, da derselbe in harmloser Betrachtung der Vorbergehenden,
am Fenster seines Gefngnisses stand, in seiner gewhnlichen
Hoftracht, genau und umstndlich zu zeigen; und da er, aus einer
pltzlichen Bewegung seines Kopfes, schlo, da der Rohndler ihn
bemerkt hatte, und besonders, mit groem Vergngen, einen
unwillkrlichen Griff desselben mit der Hand auf die Gegend der Brust,
wo die Kapsel lag, wahrnahm: so hielt er das, was in der Seele
desselben in diesem Augenblick vorgegangen war, fr eine hinlngliche
Vorbereitung, um in dem Versuch, des Zettels habhaft zu werden, einen
Schritt weiter vorzurcken.  Er bestellte ein altes, auf Krcken
herumwandelndes Trdelweib zu sich, das er in den Straen von Berlin,
unter einem Tro andern, mit Lumpen handelnden Gesindels bemerkt
hatte, und das ihm, dem Alter und der Tracht nach, ziemlich mit dem,
das ihm der Kurfrst beschrieben hatte, bereinzustimmen schien; und
in der Voraussetzung, der Kohlhaas werde sich die Zge derjenigen,
die ihm in einer flchtigen Erscheinung den Zettel berreicht hatte,
nicht eben tief eingeprgt haben, beschlo er, das gedachte Weib
statt ihrer unterzuschieben, und bei Kohlhaas, wenn es sich tun liee,
die Rolle, als ob sie die Zigeunerin wre, spielen zu lassen.  Dem
gem, um sie dazu in Stand zu setzen, unterrichtete er sie
umstndlich von allem, was zwischen dem Kurfrsten und der gedachten
Zigeunerin in Jterbock vorgefallen war, wobei er, weil er nicht
wute, wie weit das Weib in ihren Erffnungen gegen den Kohlhaas
gegangen war, nicht verga, ihr besonders die drei geheimnisvollen,
in dem Zettel enthaltenen Artikel einzuschrfen; und nachdem er ihr
auseinandergesetzt hatte, was sie, auf abgerissene und
unverstndliche Weise, fallen lassen msse, gewisser Anstalten wegen,
die man getroffen, sei es durch List oder durch Gewalt, des Zettels,
der dem schsischen Hofe von der uersten Wichtigkeit sei, habhaft
zu werden, trug er ihr auf, dem Kohlhaas den Zettel, unter dem
Vorwand, da derselbe bei ihm nicht mehr sicher sei, zur Aufbewahrung
whrend einiger verhngnisvollen Tage, abzufordern.  Das Trdelweib
bernahm auch sogleich gegen die Verheiung einer betrchtlichen
Belohnung, wovon der Kmmerer ihr auf ihre Forderung einen Teil im
voraus bezahlen mute, die Ausfhrung des besagten Geschfts; und da
die Mutter des bei Mhlberg gefallenen Knechts Herse, den Kohlhaas,
mit Erlaubnis der Regierung, zuweilen besuchte, diese Frau ihr aber
seit einigen Monden her, bekannt war: so gelang es ihr, an einem der
nchsten Tage, vermittelst einer kleinen Gabe an den Kerkermeister,
sich bei dem Rokamm Eingang zu verschaffen.--Kohlhaas aber, als
diese Frau zu ihm eintrat, meinte, an einem Siegelring, den sie an
der Hand trug, und einer ihr vom Hals herabhngenden Korallenkette,
die bekannte alte Zigeunerin selbst wieder zu erkennen, die ihm in
Jterbock den Zettel berreicht hatte; und wie denn die
Wahrscheinlichkeit nicht immer auf Seiten der Wahrheit ist, so traf
es sich, da hier etwas geschehen war, das wir zwar berichten: die
Freiheit aber, daran zu zweifeln, demjenigen, dem es wohlgefllt,
zugestehen mssen: der Kmmerer hatte den ungeheuersten Migriff
begangen, und in dem alten Trdelweib, das er in den Straen von
Berlin aufgriff, um die Zigeunerin nachzuahmen, die geheimnisreiche
Zigeunerin selbst getroffen, die er nachgeahmt wissen wollte.
Wenigstens berichtete das Weib, indem sie, auf ihre Krcken gesttzt,
die Wangen der Kinder streichelte, die sich, betroffen von ihrem
wunderlichen Anblick, an den Vater lehnten: da sie schon seit
geraumer Zeit aus dem Schsischen ins Brandenburgische zurckgekehrt
sei, und sich, auf eine, in den Straen von Berlin unvorsichtig
gewagte Frage des Kmmerers, nach der Zigeunerin, die im Frhjahr des
verflossenen Jahres, in Jterbock gewesen, sogleich an ihn gedrngt,
und, unter einem falschen Namen, zu dem Geschfte, das er besorgt
wissen wollte, angeraten habe.  Der Rohndler, der eine sonderbare
hnlichkeit zwischen ihr und seinem verstorbenen Weibe Lisbeth
bemerkte, dergestalt, da er sie htte fragen knnen, ob sie ihre
Gromutter sei: denn nicht nur, da die Zge ihres Gesichts, ihre
Hnde, auch in ihrem knchernen Bau noch schn, und besonders der
Gebrauch, den sie davon im Reden machte, ihn aufs lebhafteste an sie
erinnerten: auch ein Mal, womit seiner Frauen Hals bezeichnet war,
bemerkte er an dem ihrigen--der Rohndler ntigte sie, unter
Gedanken, die sich seltsam in ihm kreuzten, auf einen Stuhl nieder,
und fragte, was sie in aller Welt in Geschften des Kmmerers zu ihm
fhre?  Die Frau, whrend der alte Hund des Kohlhaas ihre Kniee
umschnffelte, und von ihrer Hand gekraut, mit dem Schwanz wedelte,
antwortete: "der Auftrag, den ihr der Kmmerer gegeben, wre, ihm zu
erffnen, auf welche drei dem schsischen Hofe wichtigen Fragen der
Zettel geheimnisvolle Antwort enthalte; ihn vor einem Abgesandten,
der sich in Berlin befinde, um seiner habhaft zu werden, zu warnen:
und ihm den Zettel, unter dem Vorwande, da er an seiner Brust, wo er
ihn trage, nicht mehr sicher sei, abzufordern.  Die Absicht aber, in
der sie komme, sei, ihm zu sagen, da die Drohung ihn durch Arglist
oder Gewaltttigkeit um den Zettel zu bringen, abgeschmackt, und ein
leeres Trugbild sei; da er unter dem Schutz des Kurfrsten von
Brandenburg, in dessen Verwahrsam er sich befinde, nicht das Mindeste
fr denselben zu befrchten habe, ja, da das Blatt bei ihm weit
sicherer sei, als bei ihr, und da er sich wohl hten mchte, sich
durch Ablieferung desselben, an wen und unter welchem Vorwand es auch
sei, darum bringen zu lassen.--Gleichwohl schlo sie, da sie es fr
klug hielte, von dem Zettel den Gebrauch zu machen, zu welchem sie
ihm denselben auf dem Jahrmarkt zu Jterbock eingehndigt, dem Antrag,
den man ihm auf der Grenze durch den Junker vom Stein gemacht, Gehr
zu geben, und den Zettel, der ihm selbst weiter nichts nutzen knne,
fr Freiheit und Leben an den Kurfrsten von Sachsen auszuliefern."
Kohlhaas, der ber die Macht jauchzte, die ihm gegeben war, seines
Feindes Ferse, in dem Augenblick, da sie ihn in den Staub trat,
tdlich zu verwunden, antwortete: nicht um die Welt, Mtterchen,
nicht um die Welt! und drckte der Alten Hand, und wollte nur wissen,
was fr Antworten auf die ungeheuren Fragen im Zettel enthalten
wren?  Die Frau, inzwischen sie das Jngste, das sich zu ihren Fen
niedergekauert hatte, auf den Scho nahm, sprach: "nicht um die Welt,
Kohlhaas, der Rohndler; aber um diesen hbschen, kleinen, blonden
Jungen!" und damit lachte sie ihn an, hetzte und kte ihn, der sie
mit groen Augen ansah, und reichte ihm, mit ihren drren Hnden,
einen Apfel, den sie in ihrer Tasche trug, dar.  Kohlhaas sagte
verwirrt: da die Kinder selbst, wenn sie gro wren, ihn, um seines
Verfahrens loben wrden, und da er, fr sie und ihre Enkel nichts
Heilsameres tun knne, als den Zettel behalten.  Zudem fragte er, wer
ihn, nach der Erfahrung, die er gemacht, vor einem neuen Betrug
sicher stelle, und ob er nicht zuletzt, unntzer Weise, den Zettel,
wie jngst den Kriegshaufen, den er in Ltzen zusammengebracht, an
den Kurfrsten aufopfern wrde?  "Wer mir sein Wort einmal gebrochen",
sprach er, "mit dem wechsle ich keins mehr; und nur deine Forderung,
bestimmt und unzweideutig, trennt mich, gutes Mtterchen, von dem
Blatt, durch welches mir fr alles, was ich erlitten, auf so
wunderbare Weise Genugtuung geworden ist." Die Frau, indem sie das
Kind auf den Boden setzte, sagte: da er in mancherlei Hinsicht recht
htte, und da er tun und lassen knnte, was er wollte!  Und damit
nahm sie ihre Krcken wieder zur Hand, und wollte gehn.  Kohlhaas
wiederholte seine Frage, den Inhalt des wunderbaren Zettels
betreffend; er wnschte, da sie flchtig antwortete: "da er ihn ja
erffnen knne, obschon es eine bloe Neugierde wre", noch ber
tausend andere Dinge, bevor sie ihn verliee, Aufschlu zu erhalten;
wer sie eigentlich sei, woher sie zu der Wissenschaft, die ihr
inwohne, komme, warum sie dem Kurfrsten, fr den er doch geschrieben,
den Zettel verweigert, und grade ihm, unter so vielen tausend
Menschen, der ihrer Wissenschaft nie begehrt, das Wunderblatt
berreicht habe?--Nun traf es sich, da in eben diesem Augenblick ein
Gerusch hrbar ward, das einige Polizei-Offizianten, die die Treppe
heraufstiegen, verursachten; dergestalt, da das Weib, von
pltzlicher Besorgnis, in diesen Gemchern von ihnen betroffen zu
werden, ergriffen, antwortete: "auf Wiedersehen Kohlhaas, auf
Wiedersehn!  Es soll dir, wenn wir uns wiedertreffen, an Kenntnis
ber dies alles nicht fehlen!" Und damit, indem sie sich gegen die
Tr wandte, rief sie: "lebt wohl, Kinderchen, lebt wohl!" kte das
kleine Geschlecht nach der Reihe, und ging ab.

Inzwischen hatte der Kurfrst von Sachsen, seinen jammervollen
Gedanken preisgegeben, zwei Astrologen, namens Oldenholm und Olearius,
welche damals in Sachsen in groem Ansehen standen, herbeigerufen,
und wegen des Inhalts des geheimnisvollen, ihm und dem ganzen
Geschlecht seiner Nachkommen so wichtigen Zettels zu Rate gezogen;
und da die Mnner, nach einer, mehrere Tage lang im Schloturm zu
Dresden fortgesetzten, tiefsinnigen Untersuchung, nicht einig werden
konnten, ob die Prophezeiung sich auf spte Jahrhunderte oder aber
auf die jetzige Zeit beziehe, und vielleicht die Krone Polen, mit
welcher die Verhltnisse immer noch sehr kriegerisch waren, damit
gemeint sei: so wurde durch solchen gelehrten Streit, statt sie zu
zerstreuen, die Unruhe, um nicht zu sagen, Verzweiflung, in welcher
sich dieser unglckliche Herr befand, nur geschrft, und zuletzt bis
auf einen Grad, der seiner Seele ganz unertrglich war, vermehrt.
Dazu kam, da der Kmmerer um diese Zeit seiner Frau, die im Begriff
stand, ihm nach Berlin zu folgen, auftrug, dem Kurfrsten, bevor sie
abreiste, auf eine geschickte Art beizubringen, wie milich es nach
einem verunglckten Versuch, den er mit einem Weibe gemacht, das sich
seitdem nicht wieder habe blicken lassen, mit der Hoffnung aussehe,
des Zettels in dessen Besitz der Kohlhaas sei, habhaft zu werden,
indem das ber ihn gefllte Todesurteil, nunmehr, nach einer
umstndlichen Prfung der Akten, von dem Kurfrsten von Brandenburg
unterzeichnet, und der Hinrichtungstag bereits auf den Montag nach
Palmarum festgesetzt sei; auf welche Nachricht der Kurfrst sich, das
Herz von Kummer und Reue zerrissen, gleich einem ganz Verlorenen, in
seinem Zimmer verschlo, whrend zwei Tage, des Lebens satt, keine
Speise zu sich nahm, und am dritten pltzlich, unter der kurzen
Anzeige an das Gubernium, da er zu dem Frsten von Dessau auf die
Jagd reise, aus Dresden verschwand.  Wohin er eigentlich ging, und ob
er sich nach Dessau wandte, lassen wir dahin gestellt sein, indem die
Chroniken, aus deren Vergleichung wir Bericht erstatten, an dieser
Stelle, auf befremdende Weise, einander widersprechen und aufheben.
Gewi ist, da der Frst von Dessau, unfhig zu jagen, um diese Zeit
krank in Braunschweig, bei seinem Oheim, dem Herzog Heinrich, lag,
und da die Dame Heloise, am Abend des folgenden Tages, in
Gesellschaft eines Grafen von Knigstein, den sie fr ihren Vetter
ausgab, bei dem Kmmerer Herrn Kunz, ihrem Gemahl, in Berlin eintraf.
--Inzwischen war dem Kohlhaas, auf Befehl des Kurfrsten, das
Todesurteil vorgelesen, die Ketten abgenommen, und die ber sein
Vermgen lautenden Papiere, die ihm in Dresden abgesprochen worden
waren, wieder zugestellt worden; und da die Rte, die das Gericht an
ihn abgeordnet hatte, ihn fragten, wie er es mit dem, was er besitze,
nach seinem Tode gehalten wissen wolle: so verfertigte er, mit Hlfe
eines Notars, zu seiner Kinder Gunsten ein Testament, und setzte den
Amtmann zu Kohlhaasenbrck, seinen wackern Freund, zum Vormund
derselben ein.  Demnach glich nichts der Ruhe und Zufriedenheit
seiner letzten Tage; denn auf eine sonderbare Spezial-Verordnung des
Kurfrsten war bald darauf auch noch der Zwinger, in welchem er sich
befand, erffnet, und allen seinen Freunden, deren er sehr viele in
der Stadt besa, bei Tag und Nacht freier Zutritt zu ihm verstattet
worden.  Ja, er hatte noch die Genugtuung, den Theologen Jakob
Freising, als einen Abgesandten Doktor Luthers, mit einem
eigenhndigen, ohne Zweifel sehr merkwrdigen Brief, der aber
verloren gegangen ist, in sein Gefngnis treten zu sehen, und von
diesem geistlichen Herrn in Gegenwart zweier brandenburgischen
Dechanten, die ihm an die Hand gingen, die Wohltat der heiligen
Kommunion zu empfangen.  Hierauf erschien nun, unter einer
allgemeinen Bewegung der Stadt, die sich immer noch nicht entwhnen
konnte, auf ein Machtwort, das ihn rettete, zu hoffen, der
verhngnisvolle Montag nach Palmarum, an welchem er die Welt, wegen
des allzuraschen Versuchs, sich selbst in ihr Recht verschaffen zu
wollen, vershnen sollte.  Eben trat er, in Begleitung einer starken
Wache, seine beiden Knaben auf dem Arm (denn diese Vergnstigung
hatte er sich ausdrcklich vor den Schranken des Gerichts ausgebeten),
von dem Theologen Jakob Freising gefhrt, aus dem Tor seines
Gefngnisses, als unter einem wehmtigen Gewimmel von Bekannten, die
ihm die Hnde drckten, und von ihm Abschied nahmen, der Kastellan
des kurfrstlichen Schlosses, verstrt im Gesicht, zu ihm herantrat,
und ihm ein Blatt gab, das ihm, wie er sagte, ein altes Weib fr ihn
eingehndigt.  Kohlhaas, whrend er den Mann der ihm nur wenig
bekannt war, befremdet ansah, erffnete das Blatt, dessen Siegelring
ihn, im Mundlack ausgedrckt, sogleich an die bekannte Zigeunerin
erinnerte.  Aber wer beschreibt das Erstaunen, das ihn ergriff, als
er folgende Nachricht darin fand: "Kohlhaas, der Kurfrst von Sachsen
ist in Berlin; auf den Richtplatz schon ist er vorangegangen, und
wird, wenn dir daran liegt, an einem Hut, mit blauen und weien
Federbschen kenntlich sein.  Die Absicht, in der er kmmt, brauche
ich dir nicht zu sagen; er will die Kapsel, sobald du verscharrt bist,
ausgraben, und den Zettel, der darin befindlich ist, erffnen lassen.
--Deine Elisabeth."--Kohlhaas, indem er sich auf das uerste
bestrzt zu dem Kastellan umwandte, fragte ihn: ob er das wunderbare
Weib, das ihm den Zettel bergeben, kenne?  Doch da der Kastellan
antwortete: "Kohlhaas, das Weib"--und in Mitten der Rede auf
sonderbare Weise stockte, so konnte er, von dem Zuge, der in diesem
Augenblick wieder antrat, fortgerissen, nicht vernehmen, was der Mann,
der an allen Gliedern zu zittern schien, vorbrachte.--Als er auf dem
Richtplatz ankam, fand er den Kurfrsten von Brandenburg mit seinem
Gefolge, worunter sich auch der Erzkanzler, Herr Heinrich von Geusau
befand, unter einer unermelichen Menschenmenge, daselbst zu Pferde
halten: ihm zur Rechten der kaiserliche Anwalt Franz Mller, eine
Abschrift des Todesurteils in der Hand; ihm zur Linken, mit dem
Konklusum des Dresdner Hofgerichts, sein eigener Anwalt, der
Rechtsgelehrte Anton Zuner; ein Herold in der Mitte des halboffenen
Kreises, den das Volk schlo, mit einem Bndel Sachen, und den beiden,
von Wohlsein glnzenden, die Erde mit ihren Hufen stampfenden Rappen.
Denn der Erzkanzler, Herr Heinrich, hatte die Klage, die er, im
Namen seines Herrn, in Dresden anhngig gemacht, Punkt fr Punkt, und
ohne die mindeste Einschrnkung gegen den Junker Wenzel von Tronka,
durchgesetzt; dergestalt, da die Pferde, nachdem man sie durch
Schwingung einer Fahne ber ihre Hupter, ehrlich gemacht, und aus
den Hnden des Abdeckers, der sie ernhrt, zurckgezogen hatte, von
den Leuten des Junkers dickgefttert, und in Gegenwart einer eigens
dazu niedergesetzten Kommission, dem Anwalt, auf dem Markt zu Dresden,
bergeben worden waren.  Demnach sprach der Kurfrst, als Kohlhaas
von der Wache begleitet, auf den Hgel zu ihm heranschritt: Nun,
Kohlhaas, heut ist der Tag, an dem dir dein Recht geschieht!  Schau
her, hier liefere ich dir alles, was du auf der Tronkenburg
gewaltsamer Weise eingebt, und was ich, als dein Landesherr, dir
wieder zu verschaffen, schuldig war, zurck: Rappen, Halstuch,
Reichsgulden, Wsche, bis auf die Kurkosten sogar fr deinen bei
Mhlberg gefallenen Knecht Herse.  Bist du mit mir
zufrieden?--Kohlhaas, whrend er das, ihm auf den Wink des
Erzkanzlers eingehndigte Konklusum, mit groen, funkelnden Augen
berlas, setzte die beiden Kinder, die er auf dem Arm trug, neben
sich auf den Boden nieder; und da er auch einen Artikel darin fand,
in welchem der Junker Wenzel zu zweijhriger Gefngnisstrafe
verurteilt ward: so lie er sich, aus der Ferne, ganz berwltigt von
Gefhlen, mit kreuzweis auf die Brust gelegten Hnden, vor dem
Kurfrsten nieder.  Er versicherte freudig dem Erzkanzler, indem er
aufstand, und die Hand auf seinen Scho legte, da sein hchster
Wunsch auf Erden erfllt sei; trat an die Pferde heran, musterte sie,
und klopfte ihren feisten Hals; und erklrte dem Kanzler, indem er
wieder zu ihm zurckkam, heiter: "da er sie seinen beiden Shnen
Heinrich und Leopold schenke!" Der Kanzler, Herr Heinrich von Geusau,
vom Pferde herab mild zu ihm gewandt, versprach ihm, in des
Kurfrsten Namen, da sein letzter Wille heilig gehalten werden solle:
und forderte ihn auf, auch ber die brigen im Bndel befindlichen
Sachen, nach seinem Gutdnken zu schalten.  Hierauf rief Kohlhaas die
alte Mutter Hersens, die er auf dem Platz wahrgenommen hatte, aus dem
Haufen des Volks hervor, und indem er ihr die Sachen bergab, sprach
er: "da, Mtterchen; das gehrt dir!"--die Summe, die, als
Schadenersatz fr ihn, bei dem im Bndel liegenden Gelde befindlich
war, als ein Geschenk noch, zur Pflege und Erquickung ihrer alten
Tage, hinzufgend.--Der Kurfrst rief: "nun, Kohlhaas, der Rohndler,
du, dem solchergestalt Genugtuung geworden, mache dich bereit,
kaiserlicher Majestt, deren Anwalt hier steht, wegen des Bruchs
ihres Landfriedens, deinerseits Genugtuung zu geben!" Kohlhaas, indem
er seinen Hut abnahm, und auf die Erde warf, sagte: da er bereit
dazu wre! bergab die Kinder, nachdem er sie noch einmal vom Boden
erhoben, und an seine Brust gedrckt hatte, dem Amtmann von
Kohlhaasenbrck, und trat, whrend dieser sie unter stillen Trnen,
vom Platz hinwegfhrte, an den Block.  Eben knpfte er sich das Tuch
vom Hals ab und ffnete seinen Brustlatz: als er, mit einem
flchtigen Blick auf den Kreis, den das Volk bildete, in geringer
Entfernung von sich, zwischen zwei Rittern, die ihn mit ihren Leibern
halb deckten, den wohlbekannten Mann mit blauen und weien
Federbschen wahrnahm.  Kohlhaas lste sich, indem er mit einem
pltzlichen, die Wache, die ihn umringte, befremdenden Schritt, dicht
vor ihn trat, die Kapsel von der Brust; er nahm den Zettel heraus,
entsiegelte ihn, und berlas ihn: und das Auge unverwandt auf den
Mann mit blauen und weien Federbschen gerichtet, der bereits sen
Hoffnungen Raum zu geben anfing, steckte er ihn in den Mund und
verschlang ihn.  Der Mann mit blauen und weien Federbschen sank,
bei diesem Anblick, ohnmchtig, in Krmpfen nieder.  Kohlhaas aber,
whrend die bestrzten Begleiter desselben sich herabbeugten, und ihn
vom Boden aufhoben, wandte sich zu dem Schafott, wo sein Haupt unter
dem Beil des Scharfrichters fiel.  Hier endigt die Geschichte vom
Kohlhaas.  Man legte die Leiche unter einer allgemeinen Klage des
Volks in einen Sarg; und whrend die Trger sie aufhoben, um sie
anstndig auf den Kirchhof der Vorstadt zu begraben, rief der
Kurfrst die Shne des Abgeschiedenen herbei und schlug sie, mit der
Erklrung an den Erzkanzler, da sie in seiner Pagenschule erzogen
werden sollten, zu Rittern.  Der Kurfrst von Sachsen kam bald darauf,
zerrissen an Leib und Seele, nach Dresden zurck, wo man das Weitere
in der Geschichte nachlesen mu.  Vom Kohlhaas aber haben noch im
vergangenen Jahrhundert, im Mecklenburgischen, einige frohe und
rstige Nachkommen gelebt.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ausgewhlte Schriften, von
Heinrich von Kleist.





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