The Project Gutenberg EBook of Die Leute von Seldwyla, Vol. 1, by Gottfried Keller

Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
copyright laws for your country before downloading or redistributing
this or any other Project Gutenberg eBook.

This header should be the first thing seen when viewing this Project
Gutenberg file.  Please do not remove it.  Do not change or edit the
header without written permission.

Please read the "legal small print," and other information about the
eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file.  Included is
important information about your specific rights and restrictions in
how the file may be used.  You can also find out about how to make a
donation to Project Gutenberg, and how to get involved.


**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**

**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**

*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****


Title: Die Leute von Seldwyla, Vol. 1

Author: Gottfried Keller

Release Date: October, 2004  [EBook #6696]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 16, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE LEUTE VON SELDWYLA, VOL. 1 ***




Delphine Lettau and the Online Distributed Proofreading Team.



GOTTFRIED KELLER

DIE LEUTE VON SELDWYLA

Erster Band




INHALT

Einleitung von Felix Rosenberg

Pankraz, der Schmoller

Romeo und Julia auf dem Dorfe

Frau Regel Amrain und ihr Jngster

Die drei gerechten Kammacher

Spiegel, das Ktzchen. Ein Mrchen




EINLEITUNG

Seldwyla bedeutet nach der lteren Sprache einen wonnigen und sonnigen
Ort, und so ist auch in der Tat die kleine Stadt dieses Namens gelegen
irgendwo in der Schweiz. Sie steckt noch in den gleichen alten
Ringmauern und Trmen, wie vor dreihundert Jahren, und ist also immer
das gleiche Nest; die ursprngliche tiefe Absicht dieser Anlage wird
durch den Umstand erhrtet, da die Grnder der Stadt dieselbe eine
gute halbe Stunde von einem schiffbaren Flusse angepflanzt, zum
deutlichen Zeichen, da nichts daraus werden solle. Aber schn ist sie
gelegen mitten in grnen Bergen, die nach der Mittagseite zu offen
sind, so da wohl die Sonne herein kann, aber kein rauhes Lftchen.
Deswegen gedeiht auch ein ziemlich guter Wein rings um die alte
Stadtmauer, whrend hher hinauf an den Bergen unabsehbare Waldungen
sich hinziehen, welche das Vermgen der Stadt ausmachen; denn dies ist
das Wahrzeichen und sonderbare Schicksal derselben, da die Gemeinde
reich ist und die Brgerschaft arm, und zwar so, da kein Mensch zu
Seldwyla etwas hat und niemand wei, wovon sie seit Jahrhunderten
eigentlich leben. Und sie leben sehr lustig und guter Dinge, halten
die Gemtlichkeit fr ihre besondere Kunst und, wenn sie irgendwo
hinkommen, wo man anderes Holz brennt, so kritisieren sie zuerst die
dortige Gemtlichkeit und meinen, ihnen tue es doch niemand zuvor in
dieser Hantierung.

Der Kern und der Glanz des Volkes besteht aus den jungen Leuten von
etwa zwanzig bis fnf-, sechsunddreiig Jahren, und diese sind es,
welche den Ton angeben, die Stange halten und die Herrlichkeit von
Seldwyla darstellen. Denn whrend dieses Alters ben sie das Geschft,
das Handwerk, den Vorteil oder was sie sonst gelernt haben, d. h. sie
lassen, solange es geht, fremde Leute fr sich arbeiten und benutzen
ihre Profession zur Betreibung eines trefflichen Schuldenverkehres,
der eben die Grundlage der Macht, Herrlichkeit und Gemtlichkeit der
Herren von Seldwyla bildet und mit einer ausgezeichneten
Gegenseitigkeit und Verstndnisinnigkeit gewahrt wird; aber
wohlgemerkt, nur unter dieser Aristokratie der Jugend. Denn sowie
einer die Grenze der besagten blhenden Jahre erreicht, wo die Mnner
anderer Stdtlein etwa anfangen, erst recht in sich zu gehen und zu
erstarken, so ist er in Seldwyla fertig; er mu fallen lassen und hlt
sich, wenn er ein ganz gewhnlicher Seldwyler ist, ferner am Orte auf,
als ein Entkrfteter und aus dem Paradies des Kredites Verstoener,
oder wenn noch etwas in ihm steckt, das noch nicht verbraucht ist, so
geht er in fremde Kriegsdienste und lernt dort fr einen fremden
Tyrannen, was er fr sich selbst zu ben verschmht hat, sich
einzuknpfen und steif aufrechtzuhalten. Diese kehren als tchtige
Kriegsmnner nach einer Reihe von Jahren zurck und gehren dann zu
den besten Exerziermeistern der Schweiz, welche die junge Mannschaft
zu erziehen wissen, da es eine Lust ist. Andere ziehen noch
anderwrts auf Abenteuer aus gegen das vierzigste Jahr hin, und in den
verschiedensten Weltteilen kann man Seldwyler treffen, die sich alle
dadurch auszeichnen, da sie sehr geschickt Fische zu essen verstehen,
in Australien, in Kalifornien, in Texas, wie in Paris oder
Konstantinopel.

Was aber zurckbleibt und am Orte alt wird, das lernt dann
nachtrglich arbeiten, und zwar jene krabbelige Arbeit von tausend
kleinen Dingen, die man eigentlich nicht gelernt, fr den tglichen
Kreuzer, und die alternden verarmten Seldwyler mit ihren Weibern und
Kindern sind die emsigsten Leutchen von der Welt, nachdem sie das
erlernte Handwerk aufgegeben, und es ist rhrend anzusehen, wie ttig
sie dahinter her sind, sich die Mittelchen zu einem guten Stckchen
Fleisch von ehedem zu erwerben. Holz haben alle Brger die Flle und
die Gemeinde verkauft jhrlich noch einen guten Teil, woraus die groe
Armut untersttzt und genhrt wird, und so steht das alte Stdtchen in
unvernderlichem Kreislauf der Dinge bis heute. Aber immer sind sie im
ganzen zufrieden und munter, und wenn je ein Schatten ihre Seele
trbt, wenn etwa eine allzu hartnckige Geldklemme ber der Stadt
weilt, so vertreiben sie sich die Zeit und ermuntern sich durch ihre
groe politische Beweglichkeit, welche ein weiterer Charakterzug der
Seldwyler ist. Sie sind nmlich leidenschaftliche Parteileute,
Verfassungsrevisoren und Antragsteller, und wenn sie eine recht
verrckte Motion ausgeheckt haben und durch ihr Groratsmitglied
stellen lassen, oder wenn der Ruf nach Verfassungsnderung in Seldwyla
ausgeht, so wei man im Lande, da im Augenblicke dort kein Geld
zirkuliert. Dabei lieben sie die Abwechselung der Meinungen und
Grundstze und sind stets den Tag darauf, nachdem eine Regierung
gewhlt ist, in der Opposition gegen dieselbe. Ist es ein radikales
Regiment, so scharen sie sich, um es zu rgern, um den konservativen
frmmlichen Stadtpfarrer, den sie noch gestern gehnselt, und machen
ihm den Hof, indem sie sich mit verstellter Begeisterung in seine
Kirche drngen, seine Predigten preisen und mit groem Gerusch seine
gedruckten Trakttchen und Berichte der Baseler Missionsgesellschaft
umherbieten, natrlich ohne ihm einen Pfennig beizusteuern. Ist aber
ein Regiment am Ruder, welches nur halbwegs konservativ aussieht,
stracks drngen sie sich um die Schullehrer der Stadt und der Pfarrer
hat genug an den Glaser zu zahlen fr eingeworfene Scheiben. Besteht
hingegen die Regierung aus liberalen Juristen, die viel auf die Form
halten, und aus hcklichen Geldmnnern, so laufen sie flugs dem
nchstwohnenden Sozialisten zu und rgern die Regierung, indem sie
denselben in den Rat whlen mit dem Feldgeschrei: Es sei nun genug des
politischen Formenwesens und die materiellen Interessen seien es,
welche allein das Volk noch kmmern knnten. Heute wollen sie das Veto
haben und sogar die unmittelbarste Selbstregierung mit permanenter
Volksversammlung, wozu freilich die Seldwyler am meisten Zeit htten,
morgen stellen sie sich bermdet und blasiert in ffentlichen Dingen
und lassen ein halbes Dutzend alte Stillstnder, die vor dreiig
Jahren falliert und sich seither stillschweigend rehabilitiert haben,
die Wahlen besorgen; alsdann sehen sie behaglich hinter den
Wirtshausfenstern hervor die Stillstnder in die Kirche schleichen und
lachen sich in die Faust, wie jener Knabe, welcher sagte: Es geschieht
meinem Vater schon recht, wenn ich mir die Hnde verfriere, warum
kauft er mir keine Handschuhe! Gestern schwrmten sie allein fr das
eidgenssische Bundesleben und waren hchlich emprt, da man Anno
achtundvierzig nicht gnzliche Einheit hergestellt habe; heute sind
sie ganz versessen auf die Kantonalsouvernitt und haben nicht mehr
in den Nationalrat gewhlt.

Wenn aber eine ihrer Aufregungen und Motionen der Landesmehrheit
strend und unbequem wird, so schickt ihnen die Regierung gewhnlich
als Beruhigungsmittel eine Untersuchungskommission auf den Hals,
welche die Verwaltung des Seldwyler Gemeindegutes regulieren soll;
dann haben sie vollauf mit sich selbst zu tun und die Gefahr ist
abgeleitet.

Alles dies macht ihnen groen Spa, der nur berboten wird, wenn sie
allherbstlich ihren jungen Wein trinken, den grenden Most, den sie
Sauser nennen; wenn er gut ist, so ist man des Lebens nicht sicher
unter ihnen, und sie machen einen Hllenlrm; die ganze Stadt duftet
nach jungem Wein und die Seldwyler taugen dann auch gar nichts. Je
weniger aber ein Seldwyler zu Hause was taugt, um so besser hlt er
sich sonderbarerweise, wenn er ausrckt, und ob sie einzeln oder in
Kompanie ausziehen, wie z.B. in frheren Kriegen, so haben sie sich
doch immer gut gehalten. Auch als Spekulant und Geschftsmann hat
schon mancher sich rstig umgetan, wenn er nur erst aus dem warmen
sonnigen Tale herauskam, wo er nicht gedieh.

In einer so lustigen und seltsamen Stadt kann es an allerhand
seltsamen Geschichten und Lebenslufen nicht fehlen, da Miggang
aller Laster Anfang ist. Doch nicht solche Geschichten, wie sie in dem
beschriebenen Charakter von Seldwyla liegen, will ich eigentlich in
diesem Bchlein erzhlen, sondern einige sonderbare Abfllsel, die so
zwischendurch passierten, gewissermaen ausnahmsweise, und doch auch
gerade nur zu Seldwyla vor sich gehen konnten.

*       *       *       *       *




PANKRAZ, DER SCHMOLLER

Auf einem stillen Seitenpltzchen, nahe an der Stadtmauer, lebte die
Witwe eines Seldwylers, der schon lange fertig geworden und unter dem
Boden lag. Dieser war keiner von den schlimmsten gewesen, vielmehr
fhlte er eine so starke Sehnsucht, ein ordentlicher und fester Mann
zu sein, da ihn der herrschende Ton, dem er als junger Mensch nicht
entgehen konnte, angriff; und als seine Glanzzeit vorbergegangen und
er der Sitte gem abtreten mute von dem Schauplatz der Taten, da
erschien ihm alles wie ein wster Traum und wie ein Betrug um das
Leben, und er bekam davon die Auszehrung und starb unverweilt.

Er hinterlie seiner Witwe ein kleines bauflliges Huschen, einen
Kartoffelacker vor dem Tore und zwei Kinder, einen Sohn und eine
Tochter. Mit dem Spinnrocken verdiente sie Milch und Butter, um die
Kartoffeln zu kochen, die sie pflanzte, und ein kleiner Witwengehalt,
den der Armenpfleger jhrlich auszahlte, nachdem er ihn jedesmal
einige Wochen ber den Termin hinaus in seinem Geschfte benutzt,
reichte gerade zu dem Kleiderbedarf und einigen anderen kleinen
Ausgaben hin. Dieses Geld wurde immer mit Schmerzen erwartet, indem
die rmlichen Gewnder der Kinder gerade um jene verlngerten Wochen
zu frh gnzlich schadhaft waren und der Buttertopf berall seinen
Grund durchblicken lie. Dieses Durchblicken des grnen Topfbodens war
eine so regelmige jhrliche Erscheinung, wie irgendeine am Himmel,
und verwandelte ebenso regelmig eine Zeitlang die khle, kmmerlich-
stille Zufriedenheit der Familie in eine wirkliche Unzufriedenheit.
Die Kinder plagten die Mutter um besseres und reichlicheres Essen;
denn sie hielten sie in ihrem Unverstande fr mchtig genug dazu, weil
sie ihr ein und alles, ihr einziger Schutz und ihre einzige
Oberbehrde war. Die Mutter war unzufrieden, da die Kinder nicht
entweder mehr Verstand, oder mehr zu essen, oder beides zusammen
erhielten.

Besagte Kinder aber zeigten verschiedene Eigenschaften. Der Sohn war
ein unansehnlicher Knabe von vierzehn Jahren, mit grauen Augen und
ernsthaften Gesichtszgen, welcher des Morgens lang im Bette lag, dann
ein wenig in einem zerrissenen Geschichts- und Geographiebuche las,
und alle Abend, Sommers wie Winters, auf den Berg lief, um dem
Sonnenuntergang beizuwohnen, welches die einzige glnzende und
pomphafte Begebenheit war, welche sich fr ihn zutrug. Sie schien fr
ihn etwa das zu sein, was fr die Kaufleute der Mittag auf der Brse;
wenigstens kam er mit ebenso abwechselnder Stimmung von diesem Vorgang
zurck, und wenn es recht rotes und gelbes Gewlk gegeben, welches
gleich groen Schlachtheeren in Blut und Feuer gestanden und
majesttisch manvriert hatte, so war er eigentlich vergngt zu
nennen.

Dann und wann, jedoch nur selten, beschrieb er ein Blatt Papier mit
seltsamen Listen und Zahlen, welches er dann zu einem kleinen Bndel
legte, das durch ein Endchen alte Goldtresse zusammengehalten wurde.
In diesem Bndelchen stak hauptschlich ein kleines Heft, aus einem
zusammengefalteten Bogen Goldpapier gefertigt, dessen weie Rckseiten
mit allerlei Linien, Figuren und aufgereihten Punkten, dazwischen
Rauchwolken und fliegende Bomben, gefllt und beschrieben waren. Dies
Bchlein betrachtete er oft mit groer Befriedigung und brachte neue
Zeichnungen darin an, meistens um die Zeit, wenn das Kartoffelfeld in
voller Blte stand. Er lag dann im blhenden Kraut unter dem blauen
Himmel, und wenn er eine weie beschriebene Seite betrachtet hatte, so
schaute er dreimal so lange in das gegenberstehende glnzende
Goldblatt, in welchem sich die Sonne brach. Im brigen war es ein
eigensinniger und zum Schmollen geneigter Junge, welcher nie lachte
und auf Gottes lieber Welt nichts tat oder lernte.

Seine Schwester war zwlf Jahre alt und ein bildschnes Kind mit
langem und dickem braunen Haar, groen braunen Augen und der
allerweiesten Hautfarbe. Dies Mdchen war sanft und still, lie sich
vieles gefallen und murrte weit seltener als sein Bruder. Es besa
eine helle Stimme und sang gleich einer Nachtigall; doch obgleich es
mit alle diesem freundlicher und lieblicher war, als der Knabe, so gab
die Mutter doch diesem scheinbar den Vorzug und begnstigte ihn in
seinem Wesen, weil sie Erbarmen mit ihm hatte, da er nichts lernen und
es ihm wahrscheinlicherweise einmal recht schlecht ergehen konnte,
whrend nach ihrer Ansicht das Mdchen nicht viel brauchte und schon
deshalb unterkommen wrde.

Dieses mute daher unaufhrlich spinnen, damit das Shnlein desto mehr
zu essen bekme und recht mit Mue sein einstiges Unheil erwarten
knne. Der Junge nahm dies ohne weiteres an und gebrdete sich wie ein
kleiner Indianer, der die Weiber arbeiten lt, und auch seine
Schwester empfand hiervon keinen Verdru und glaubte, das msse so
sein.

Die einzige Entschdigung und Rache nahm sie sich durch eine
allerdings arge Unzukmmlichkeit, welche sie sich beim Essen mit List
oder Gewalt immer wieder erlaubte. Die Mutter kochte nmlich jeden
Mittag einen dicken Kartoffelbrei, ber welchen sie eine fette Milch
oder eine Brhe von schner brauner Butter go. Diesen Kartoffelbrei
aen sie alle zusammen aus der Schssel mit ihren Blechlffeln, indem
jeder vor sich eine Vertiefung in das feste Kartoffelgebirge
heineingrub. Das Shnlein, welches bei aller Seltsamkeit in
Eangelegenheiten einen strengen Sinn fr militrische Regelmigkeit
beurkundete und streng daraufhielt, da jeder nicht mehr noch weniger
nahm, als was ihm zukomme, sah stets darauf, da die Milch oder die
gelbe Butter, welche am Rande der Schssel umherflo, gleichmig in
die abgeteilten Gruben laufe; das Schwesterchen hingegen, welches viel
harmloser war, suchte, sobald ihre Quellen versiegt waren, durch
allerhand knstliche Stollen und Abzugsgrben die wohlschmeckenden
Bchlein auf ihre Seite zu leiten, und wie sehr sich auch der Bruder
dem widersetzte und ebenso knstliche Dmme aufbaute und berall
verstopfte, wo sich ein verdchtiges Loch zeigen wollte, so wute sie
doch immer wieder eine geheime Ader des Breies zu erffnen oder langte
kurzweg in offenem Friedensbruch mit ihrem Lffel und mit lachenden
Augen in des Bruders gefllte Grube. Alsdann warf er den Lffel weg,
lamentierte und schmollte, bis die gute Mutter die Schssel zur Seite
neigte und ihre eigene Brhe voll in das Labyrinth der Kanle und
Dmme ihrer Kinder strmen lie. So lebte die kleine Familie einen Tag
wie den andern, und indem dies immer so blieb, whrend doch die Kinder
sich auswuchsen, ohne da sich eine gnstige Gelegenheit zeigte, die
Welt zu erfassen und irgend etwas zu werden, fhlten sich alle immer
unbehaglicher und kmmerlicher in ihrem Zusammensein. Pankraz, der
Sohn, tat und lernte fortwhrend nichts, als eine sehr ausgebildete
und knstliche Art zu schmollen, mit welcher er seine Mutter, seine
Schwester und sich selbst qulte. Es ward dies eine ordentliche und
interessante Beschftigung fr ihn, bei welcher er die migen
Seelenkrfte fleiig bte im Erfinden von hundert kleinen huslichen
Trauerspielen, die er veranlate und in welchen er behende und
meisterlich den steten Unrechtleider zu spielen wute. Estherchen, die
Schwester, wurde dadurch zu reichlichem Weinen gebracht, durch welches
aber die Sonne ihrer Heiterkeit schnell wieder hervorstrahlte. Diese
Oberflchlichkeit rgerte und krnkte dann den Pankraz so, da er
immer lngere Zeitrume hindurch schmollte und aus selbstgeschaffenem
rger selbst heimlich weinte.

Doch nahm er bei dieser Lebensart merklich zu an Gesundheit und
Krften, und als er diese in seinen Gliedern anwachsen fhlte,
erweiterte er seinen Wirkungskreis und strich mit einer tchtigen
Baumwurzel oder einem Besenstiel in der Hand durch Feld und Wald, um
zu sehen, wie er irgendwo ein tchtiges Unrecht auftreiben und
erleiden knne. Sobald sich ein solches zur Not dargestellt und
entwickelt, prgelte er unverweilt seine Widersacher auf das
jmmerlichste durch, und er erwarb sich und bewies in dieser seltsamen
Ttigkeit eine solche Gewandtheit, Energie und feine Taktik, sowohl im
Ausspren und Aufbringen des Feindes, als im Kampfe, da er sowohl
einzelne ihm an Strke weit berlegene Jnglinge als ganze Trupps
derselben entweder besiegte, oder wenigstens einen ungestraften
Rckzug ausfhrte.

War er von einem solchen wohlgelungenen Abenteuer zurckgekommen, so
schmeckte ihm das Essen doppelt gut und die Seinigen erfreuten sich
dann einer heitern Stimmung. Eines Tages aber war es ihm doch
begegnet, da er, statt welche auszuteilen, betrchtliche Schlge
selbst geerntet hatte, und als er voll Scham, Verdru und Wut nach
Hause kam, hatte Estherchen, welche den ganzen Tag gesponnen, dem
Gelste nicht widerstehen knnen und sich noch einmal ber das fr
Pankraz aufgehobene Essen hergemacht und davon einen Teil gegessen,
und zwar, wie es ihm vorkam, den besten. Traurig und wehmtig, mit
kaum verhaltenen Trnen in den Augen, besah er das unansehnliche,
kaltgewordene Restchen, whrend die schlimme Schwester, welche schon
wieder am Spinnrdchen sa, unmig lachte. Das war zu viel und nun
mute etwas Grndliches geschehen. Ohne zu essen, ging Pankraz hungrig
in seine Kammer, und als ihn am Morgen seine Mutter wecken wollte, da
er doch zum Frhstck kme, war er verschwunden und nirgends zu
finden. Der Tag verging, ohne da er kam, und ebenso der zweite und
dritte Tag. Die Mutter und Estherchen gerieten in groe Angst und Not;
sie sahen wohl, da er vorstzlich davongegangen, indem er seine
Habseligkeiten mitgenommen. Sie weinten und klagten unaufhrlich, wenn
alle Bemhungen fruchtlos blieben, eine Spur von ihm zu entdecken, und
als nach Verlauf eines halben Jahres Pankrazius verschwunden war und
blieb, ergaben sie sich mit trauriger Seele in ihr Schicksal, das
ihnen nun doppelt einsam und arm erschien.

Wie lang wird nicht eine Woche, ja nur ein Tag, wenn man nicht wei,
wo diejenigen, die man liebt, jetzt stehn und gehn, wenn eine solche
Stille darber durch die Welt herrscht, hab allnirgends auch nur der
leiseste Hauch von ihrem Namen ergeht, und man wei doch, sie sind da
und atmen irgendwo.

So erging es der Mutter und dem Estherlein fnf Jahre, zehn Jahre und
fnfzehn Jahre, einen Tag wie den andern, und sie wuten nicht, ob ihr
Pankrazius tot oder lebendig sei. Das war ein langes und grndliches
Schmollen, und Estherchen, welches eine schne Jungfrau geworden,
wurde darber zu einer hbschen und feinen alten Jungfer, welche nicht
nur aus Kindestreue bei der alternden Mutter blieb, sondern ebensowohl
aus Neugierde, um ja in dem Augenblicke da zu sein, wo der Bruder sich
endlich zeigen wrde, und zu sehen, wie die Sache eigentlich verlaufe.
Denn sie war guter Dinge und glaubte fest, da er eines Tages
wiederkme und da es dann etwas Rechtes auszulachen gbe. brigens
fiel es ihr nicht schwer, ledig zu bleiben, da sie klug war und wohl
sah, wie bei den Seldwylern nicht viel dahintersteckte an dauerhaftem
Lebensglcke und sie dagegen mit ihrer Mutter unvernderlich in einem
kleinen Wohlstndchen lebte, ruhig und ohne Sorgen; denn sie hatten ja
einen tchtigen Esser weniger und brauchten fr sich fast gar nichts.

Da war es einst ein heller schner Sommernachmittag, mitten in der
Woche, wo man so an gar nichts denkt und die Leute in den kleinen
Stdten fleiig arbeiten. Der Glanz von Seldwyla befand sich smtlich
mit dem Sonnenschein auf den bergrnten Kegelbahnen vor dem Tore oder
auch in khlen Schenkstuben in der Stadt. Die Falliten und Alten aber
hmmerten, nheten, schusterten, klebten, schnitzelten und bastelten
gar emsig darauf los, um den langen Tag zu benutzen und einen
vergngten Abend zu erwerben, den sie nunmehr zu wrdigen verstanden.
Auf dem kleinen Platze, wo die Witwe wohnte, war nichts als die stille
Sommersonne auf dem begrasten Pflaster zu sehen; an den offenen
Fenstern aber arbeiteten ringsum die alten Leute und spielten die
Kinder. Hinter einem blhenden Rosmaringrtchen auf einem Brette sa
die Witwe und spann, und ihr gegenber Estherchen und nhete. Es waren
schon einige Stunden seit dem Essen verflossen und noch hatte niemand
eine Zwiesprache gehalten von der ganzen Nachbarschaft. Da fand der
Schuhmacher wahrscheinlich, da es Zeit sei, eine kleine
Erholungspause zu erffnen, und nieste so laut und mutwillig: Hupschi!
da alle Fenster zitterten und der Buchbinder gegenber, der
eigentlich kein Buchbinder war, sondern nur so aus dem Stegreif
allerhand Pappkstchen zusammenleimte und an der Tre ein verwittertes
Glaskstchen hngen hatte, in welchem eine Stange Siegellack an der
Sonne krumm wurde, dieser Buchbinder rief: Zur Gesundheit! und alle
Nachbarsleute lachten. Einer nach dem andern steckte den Kopf durch
das Fenster, einige traten sogar vor die Tre und gaben sich Prisen,
und so war das Zeichen gegeben zu einer kleinen Nachmittagsunterhaltung
und zu einem frhlichen Gelchter whrend des Vesperkaffees, der schon
aus allen Husern duftete und zichorierte. Diese hatten endlich gelernt,
sich aus wenigem einen Spa zu machen. Da kam in dies Vergngen
herein ein fremder Leiermann mit einem schnpolierten Orgelkasten, was
in der Schweiz eine ziemliche Seltenheit ist, da sie keine eingeborenen
Leiermnner besitzt. Er spielte ein sehnschtiges Lied von der Ferne und
ihren Dingen, welches die Leute ber die Maen schn dnkte und
besonders der Witwe Trnen entlockte, da sie ihres Pankrzchens
gedachte, das nun schon viele Jahre verschwunden war. Der
Schuhmacher gab dem Manne einen Kreuzer, er zog ab und das Pltzchen
wurde wieder still. Aber nicht lange nachher kam ein anderer Herumtreiber
 mit einem groen fremden Vogel in einem Kfig, den er unaufhrlich
zwischen dem Gitter durch mit einem Stbchen anstach und erklrte, so da
der traurige Vogel keine Ruhe hatte. Es war ein Adler aus Amerika; und die
fernen blauesten Lnder, ber denen er in seiner Freiheit geschwebt, kamen
der Witwe in den Sinn und machten sie um so trauriger, als sie gar nicht
wute, was das fr Lnder wren, noch wo ihr Shnchen sei. Um den
Vogel zu sehen, hatten die Nachbarn auf das Pltzchen hinaustreten
mssen, und als er nun fort war, bildeten sie eine Gruppe, steckten die
Nasen in die Luft und lauerten auf noch mehr Merkwrdigkeiten, da sie nun
doch die Lust ankam, den brigen Tag zu vertrdeln.

Diese Lust wurde denn auch erfllt und es dauerte nicht lange, bis das
allergrte Spektakel sich mit groem Lrm nherte unter dem Zulauf
aller Kinder des Stdtchens. Denn ein mchtiges Kamel schwankte auf
den Platz, von mehreren Affen bewohnt; ein groer Br wurde an seinem
Nasenringe herbeigefhrt; zwei oder drei Mnner waren dabei, kurz ein
ganzer Brentanz fhrte sich auf und der Br tanzte und machte seine
possierlichen Knste, indem er von Zeit zu Zeit unwirsch brummte, da
die friedlichen Leute sich frchteten und in scheuer Entfernung dem
wilden Wesen zuschauten. Estherchen lachte und freute sich unbndig
ber den Bren, wie er so zierlich umherwatschelte mit seinem Stecken,
ber das Kamel mit seinem selbstvergngten Gesicht und ber die Affen.
Die Mutter dagegen mute fortwhrend weinen; denn der bse Br
erbarmte sie, und sie mute wiederum ihres verschollenen Sohnes
gedenken.

Als endlich auch dieser Aufzug wieder verschwunden und es wieder still
geworden, indem die aufgeregten Nachbarn sich mit seinem Gefolge
ebenfalls aus dem Staube gemacht, um da oder dort zu einem
Abendschppchen unterzukommen, sagte Estherchen: Mir ist es nun
zumute, als ob der Pankraz ganz gewi heute noch kommen wrde, da
schon so viele unerwartete Dinge geschehen und solche Kamele, Affen
und Bren dagewesen sind!" Die Mutter ward bse darber, da sie den
armen Pankraz mit diesen Bestien sozusagen zusammenzhlte und
auslachte, und hie sie schweigen, nicht innewerdend, da sie ja
selbst das gleiche getan in ihren Gedanken. Dann sagte sie seufzend:
Ich werde es nicht erleben, da er wiederkommt!"

Indem sie dies sagte, begab sich die grte Merkwrdigkeit dieses
Tages und ein offener Reisewagen mit einem Extrapostillion fuhr mit
Macht auf das stille Pltzchen, das von der Abendsonne noch halb
bestreift war. In dem Wagen sa ein Mann, der eine Mtze trug wie die
franzsischen Offiziere sie tragen, und ebenso trug er einen Schnurr-
und Kinnbart und ein gnzlich gebruntes und ausgedrrtes Gesicht zur
Schau, das berdies einige Spuren von Kugeln und Sbelhieben zeigte.
Auch war er in einen Burnus gehllt, alles dies, wie es franzsische
Militrs aus Afrika mitzubringen pflegen, und die Fe stemmte er
gegen eine kolossale Lwenhaut, welche auf dem Boden des Wagens lag;
auf dem Rcksitze vor ihm lag ein Sbel und eine halblange arabische
Pfeife neben anderen fremdartigen Gegenstnden.

Dieser Mann sperrte ungeachtet des ernsten Gesichtes, das er machte,
die Augen weit auf und suchte mit denselben rings auf dem Platze ein
Haus, wie einer, der aus einem schweren Traume erwacht. Beinahe
taumelnd, sprang er aus dem Wagen, der von ungefhr auf der Mitte des
Pltzchens stillhielt; doch ergriff er die Lwenhaut und seinen Sbel
und ging sogleich sicheren Schrittes in das Huschen der Witwe, als ob
er erst vor einer Stunde aus demselben gegangen wre. Die Mutter und
Estherchen sahen dies voll Verwunderung und Neugierde und horchten
auf, ob der Fremde die Treppe heraufkme; denn obgleich sie kaum noch
von Pankrazius gesprochen, hatten sie in diesem Augenblick keine
Ahnung, da er es sein knnte, und ihre Gedanken waren von der
berraschten Neugierde himmelweit von ihm weggefhrt. Doch urpltzlich
erkannten sie ihn an der Art, wie er die obersten Stufen bersprang
und ber den kurzen Flur weg fast gleichzeitig die Klinke der
Stubentr ergriff, nachdem er wie der Blitz vorher den lose steckenden
Stubenschlssel fester ins Schlo gestoen, was sonst immer die Art
des Verschwundenen gewesen, der in seinem Miggange eine seltsame
Ordnungsliebe bewhrt hatte. Sie schrien laut auf und standen
festgebannt vor ihren Sthlen, mit offenem Munde nach der aufgehenden
Tre sehend. Unter dieser stand der fremde Pankrazius mit dem drren
und harten Ernste eines fremden Kriegsmannes, nur zuckte es ihm
seltsam um die Augen, indessen die Mutter erzitterte bei seinem
Anblick und sich nicht zu helfen wute und selbst Estherchen zum
erstenmal gnzlich verblfft war und sich nicht zu regen wagte. Doch
alles dies dauerte nur einen Augenblick; der Herr Oberst, denn nichts
Geringeres war der verlorene Sohn, nahm mit der Hflichkeit und
Achtung, welche ihn die wilde Not des Lebens gelehrt, sogleich die
Mtze ab, was er nie getan, wenn er frher in die Stube getreten; eine
unaussprechliche Freundlichkeit, wenigstens wie es den Frauen vorkam,
die ihn nie freundlich gesehen noch also denken konnten, verbreitete
sich ber das gefurchte und doch noch nicht alte Soldatengesicht und
lie schneeweie Zhne sehen, als er auf sie zueilte und beide mit
ausbrechendem Herzensweh in die Arme schlo.

Hatte die Mutter erst vor dem martialischen und vermeintlich immer
noch bsen Sohne sonderbar gezittert, so zitterte sie jetzt erst recht
in scheuer Seligkeit, da sie sich in den Armen dieses wiedergekehrten
Sohnes fhlte, dessen achtungsvolles Mtzenabnehmen und dessen
aufleuchtende nie gesehene Anmut, wie sie nur die Rhrung und die Reue
gibt, sie schon wie mit einem Zauberschlage berhrt hatten. Denn noch
ehe das Brschchen sieben Jahre alt gewesen, hatte es schon
angefangen, sich ihren Liebkosungen zu entziehen und seither hatte
Pankraz in bitterer Sprdigkeit und Verstockung sich gehtet, seine
Mutter auch nur mit der Hand zu berhren, abgesehen davon, da er
unzhlige Male schmollend zu Bett gegangen war, ohne Gutenacht zu
sagen. Daher bednkte es sie nun ein unbegreiflicher und wundersamer
Augenblick, in welchem ein ganzes Leben lag, als sie jetzt nach wohl
dreiig Jahren sozusagen zum erstenmal sich von dem Sohne umfangen
sah. Aber auch Estherchen bednkte dieses vernderte Wesen so
ernsthaft und wichtig, da sie, die den Schmollenden tausendmal
ausgelacht hatte, jetzt nicht im mindesten den bekehrten Freundlichen
anzulachen vermochte, sondern mit klaren Trnen in den Augen nach
ihrem Sesselchen ging und den Bruder unverwandt anblickte.

Pankraz war der erste, der sich nach mehreren Minuten wieder
zusammennahm und als ein guter Soldat einen bergang und Ausweg
dadurch bewerkstelligte, da er sein Gepck heraufbefrderte. Die
Mutter wollte mit Estherchen helfen; aber er fhrte sie uerst
holdselig zu ihrem Sitze zurck und duldete nur, da Estherchen zum
Wagen herunterkam und sich mit einigen leichten Sachen belud. Den
weiteren Verlauf fhrte indessen Estherchen herbei, welche bald ihren
guten Humor wiedergewann und nicht lnger unterlassen konnte, die
Lwenhaut an dem langen gewaltigen Schwanze zu packen und auf dem
Boden herumzuziehen, indem sie sich kranklachen wollte und einmal ber
das andere rief: Was ist dies nur fr ein Pelz? Was ist dies fr ein
Ungeheuer?"

Dies ist," sagte Pankraz, seinen Fu auf das Fell stoend, vor drei
Monaten noch ein lebendiger Lwe gewesen, den ich gettet habe. Dieser
Bursche war mein Lehrer und Bekehrer und hat mir zwlf Stunden lang so
eindringlich gepredigt, da ich armer Kerl endlich von allem Schmollen
und Bssein fr immer geheilt wurde. Zum Andenken soll seine Haut
nicht mehr aus meiner Hand kommen. Das war eine schne Geschichte!"
setzte er mit einem Seufzer hinzu.

In der Voraussicht, da seine Leutchen, im Fall er sie noch lebendig
antrfe, jedenfalls nicht viel Kostbares im Hause htten, hatte er in
der letzten greren Stadt, wo er durchgereist, einen Korb guten
Weines eingekauft, sowie einen Korb mit verschiedenen guten Speisen,
damit in Seldwyla kein Gelaufe entstehen sollte und er in aller Stille
mit der Mutter und der Schwester ein Abendbrot einnehmen konnte. So
brauchte die Mutter nur den Tisch zu decken und Pankraz trug auf,
einige gebratene Hhner, eine herrliche Slzpastete und ein Paket
feiner kleiner Kuchen; ja noch mehr! Auf dem Wege hatte er bedacht,
wie dunkel einst das armselige Tranlmpchen gebrannt und wie oft er
sich ber die kmmerliche Beleuchtung gergert, wobei er kaum seine
migen Siebensachen handhaben gekonnt, ungeachtet die Mutter, die
doch ltere Augen hatte, ihm immer das Lmpchen vor die Nase
geschoben, wiederum zum groen Ergtzen Estherchens, die bei jeder
Gelegenheit ihm die Leuchte wieder wegzupraktizieren verstanden. Ach,
einmal hatte er sie zornig weinend ausgelscht, und als die Mutter sie
bekmmert wieder angezndet, blies sie Estherchen lachend wieder aus,
worauf er zerrissenen Herzens ins Bett gerannt. Dies und noch anderes
war ihm auf dem Wege eingefallen, und indem er schmerzlich und bang
kaum erleben mochte, ob er die Verlassenen wiedersehen wrde, hatte er
auch noch einige Wachskerzen eingekauft, und zndete jetzo zwei
derselben an, so da die Frauensleute sich nicht zu lassen wuten vor
Verwunderung ob all der Herrlichkeit.

Dergestalt ging es wie aus einer kleinen Hochzeit in dem Huschen der
Witwe, nur viel stiller, und Pankraz benutzte das helle Licht der
Kerzen, die gealterten Gesichter seiner Mutter und Schwester zu sehen,
und dies Sehen rhrte ihn strker, als alle Gefahren, denen er ins
Gesicht geschaut. Er verfiel in ein tiefes trauriges Sinnen ber die
menschliche Art und das menschliche Leben, und wie gerade unsere
kleineren Eigenschaften, eine freundliche oder herbe Gemtsart, nicht
nur unser Schicksal und Glck machen, sondern auch dasjenige der uns
Umgebenden und uns zu diesen in ein strenges Schuldverhltnis zu
bringen vermgen, ohne da wir wissen wie es zugegangen, da wir uns ja
unser Gemt nicht selbst gegeben. In diesen Betrachtungen ward er
jedoch gestrt durch die Nachbarn, welche jetzt ihre Neugierde nicht
lnger unterdrcken konnten und einer nach dem andern in die Stube
drangen, um das Wundertier zu sehen, da sich schon in der ganzen Stadt
das Gercht verbreitet hatte, der verschollene Pankrazius sei
erschienen, und zwar als ein franzsischer General in einem
vierspnnigen Wagen.

Dies war nun ein hchst verwickelter Fall fr die in ihren
Vergngungslokalen versammelten Seldwyler, sowohl fr die Jungen als
wie fr die Alten, und sie kratzten sich verdutzt hinter den Ohren.
Denn dies war gnzlich wider die Ordnung und wider den Strich zu
Seldwyl, da da einer wie vom Himmel geschneit als ein gemachter Mann
und General herkommen sollte gerade in dem Alter, wo man zu Seldwyl
sonst fertig war. Was wollte der denn nun beginnen? Wollte er wirklich
am Orte bleiben, ohne ein Herabgekommener zu sein die brige Zeit
seines Lebens hindurch, besonders wenn er etwa alt wrde? Und wie
hatte er es angefangen? Was zum Teufel hatte der unbeachtete und
unscheinbare junge Mensch betrieben die lange Jugend hindurch, ohne
sich aufzubrauchen? Das war die Frage, die alle Gemter bewegte, und
sie fanden durchaus keinen Schlssel, das Rtsel zu lsen, weil ihre
Menschen- oder Seelenkunde zu klein war, um zu wissen, da gerade die
herbe und bittere Gemtsart, welche ihm und seinen Angehrigen so
bittere Schmerzen bereitet, sein Wesen im brigen wohl konserviert,
wie der scharfe Essig ein Stck Schpfenfleisch, und ihm ber das
gefhrliche Seldwyler Glanzalter hinweggeholfen hatte. Um die Frage zu
lsen, stellte man berhaupt die Wahrheit des Ereignisses in Frage und
bestritt dessen Mglichkeit, und um diese Auffassung zu besttigen,
wurden verschiedene alte Falliten nach dem Pltzchen abgesandt, so da
Pankraz, dessen schon versammelte Nachbarn ohnehin diesem Stande
angehrten, sich von einer ganzen Versammlung neugieriger und
gemtlicher Falliten umgeben sah, wie ein alter Heros in der Unterwelt
von den herbeieilenden Schatten.

Er zndete nun seine trkische Pfeife an und erfllte das Zimmer mit
dem fremden Wohlgeruch des morgenlndischen Tabaks; die Schatten oder
Falliten witterten immer neugieriger in den blauen Duftwolken umher,
und Estherchen und die Mutter bestaunten unaufhrlich die
Leutseligkeit und Geschicklichkeit des Pankraz, mit welcher er die
Leute unterhielt, und zuletzt die freundliche, aber sichere
Gewandtheit, mit welcher er die Versammlung endlich entlie, als es
ihm Zeit dazu schien.

Da aber die Freuden, welche auf dem Familienglck und auf frohen
Ereignissen unter Blutsverwandten beruhen, auch nach den lngsten
Leiden die Beteiligten pltzlich immer jung und munter machen, statt
sie zu erschpfen, wie die Aufregungen der weitern Welt es tun, so
versprte die alte Mutter noch nicht die geringste Mdigkeit und
Schlaflust, so wenig als ihre Kinder, und von dem guten Weine erwrmt,
den sie mit Zufriedenheit genossen, verlangte sie endlich mit ihrer
noch viel ungeduldigeren Tochter etwas Nheres von Pankrazens
Schicksal zu wissen.

Ausfhrlich," erwiderte dieser, kann ich jetzt meine trbselige
Geschichte nicht mehr beginnen und es findet sich wohl die Zeit, wo
ich euch nach und nach meine Erlebnisse im einzelnen vorsagen werde.
Fr heute will ich euch aber nur einige Umrisse angeben, soviel als
ntig ist, um auf den Schlu zu kommen, nmlich auf meine Wiederkehr
und die Art, wie diese veranlat wurde, da sie eigentlich das rechte
Seitenstck bildet zu meiner ehemaligen Flucht und aus dem gleichen
Grundtone geht. Als ich damals auf so schnde Weise entwich, war ich
von einem unvertilgbaren Groll und Weh erfllt; doch nicht gegen euch,
sondern gegen mich selbst, gegen diese Gegend hier, diese unntze
Stadt, gegen meine ganze Jugend. Dies ist mir seither erst deutlich
geworden. Wenn ich hauptschlich immer des Essens wegen bs wurde und
schmollte, so war der geheime Grund hiervon das nagende Gefhl, da
ich mein Essen nicht verdiente, weil ich nichts lernte und nichts tat,
ja weil mich gar nichts reizte zu irgendeiner Beschftigung und also
keine Hoffnung war, da es je anders wrde; denn alles was ich andere
tun sah, kam mir erbrmlich und albern vor; selbst euer ewiges Spinnen
war mir unertrglich und machte mir Kopfweh, obgleich es mich Migen
erhielt. So rannte ich davon in einer Nacht in der bittersten
Herzensqual und lief bis zum Morgen, wohl sieben Stunden weit von
hier. Wie die Sonne aufging, sah ich Leute, die auf einer groen Wiese
Heu machten; ohne ein Wort zu sagen oder zu fragen, legte ich mein
Bndel an den Rand, ergriff einen Rechen oder eine Heugabel und
arbeitete wie ein Besessener mit den Leuten und mit der grten
Geschicklichkeit; denn ich hatte mir whrend meines Herumlungerns hier
alle Handgriffe und bungen derjenigen, welche arbeiteten,
wohlgemerkt, sogar fter dabei gedacht, wie sie dies und jenes
ungeschickt in die Hand nhmen und wie man eigentlich die Hnde ganz
anders mte fliegen lassen, wenn man erst einmal ein Arbeiter heien
wolle.

Die Leute sahen mir erstaunt zu und niemand hinderte mich an meiner
Arbeit; als sie das Morgenbrot aen, wurde ich dazu eingeladen; dieses
hatte ich bezweckt und so arbeitete ich weiter, bis das Mittagessen
kam, welches ich ebenfalls mit groem Appetit verzehrte. Doch nun
erstaunten die Bauersleute noch viel mehr und sandten mir ein
verdutztes Gelchter nach, als ich, anstatt die Heugabel wieder zu
ergreifen, pltzlich den Mund wischte, mein Bndelchen wieder ergriff
und ohne ein Wort weiter zu verlieren, meines Weges weiterzog. In
einem dichten khlen Buchenwldchen legte ich mich hin und schlief bis
zur Abenddmmerung; dann sprang ich auf, ging aus dem Wldchen hervor
und guckte am Himmel hin und her, an welchem die Sterne hervorzutreten
begannen. Die Stellung der Sterne gehrte auch zu den wenigen Dingen,
die ich whrend meines Migganges gemerkt, und da ich darin eine
groe Ordnung und Pnktlichkeit gefunden, so hatte sie mir immer
wohlgefallen, und zwar um so mehr, als diese glnzenden Geschpfe
solche Pnktlichkeit nicht um Taglohn und um eine Portion
Kartoffelsuppe zu ben schienen, sondern damit nur taten, was sie
nicht lassen konnten, wie zu ihrem Vergngen, und dabei wohl
bestanden. Da ich nun durch das allmhliche Auswendiglernen unsres
Geographiebuches, so einfach dieses war, auch auf dem Erdboden
Bescheid wute, so verstand ich meine Richtung wohl zu nehmen und
beschlo in diesem Augenblick, nordwrts durch ganz Deutschland zu
laufen, bis ich das Meer erreichte. Also lief ich die Nacht hindurch
wieder acht gute Stunden und kam mit der Morgensonne an eine wilde und
entlegene Stelle am Rhein, wo eben vor meinen Augen ein mit Kornscken
beladenes Schiff an einer Untiefe aufstie, indessen doch das Wasser
ber einen Teil der Ladung wegstrmte. Da sich nur drei Mnner bei dem
Schiffe befanden und weit und breit in dieser Frhe und in dieser
Wildnis niemand zu ersehen war, so kam ich sehr willkommen, als ich
sogleich Hand anlegte und den Schiffern die schwere Ladung ans Ufer
bringen und das Fahrzeug wieder flottmachen half. Was von dem Korne
nageworden, schtteten wir auf Bretter, die wir an die Sonne legten,
und wandten es fleiig um, und zuletzt beluden wir das Schiff wieder.
Doch nahm dies alles den grten Teil des Tages weg, und ich fand
dabei Gelegenheit, mit den Schiffsleuten unterschiedliche tchtige
Mahlzeiten zu teilen; ja, als wir fertig waren, gaben sie mir sogar
noch etwas Geld und setzten mich auf mein Verlangen an das andere Ufer
ber mittelst des kleinen Khnchens, das sie hinter dem groen Kahne
angebunden hatten.

Drben befand ich mich in einem groen Bergwald und schlief sofort bis
es Nacht wurde, worauf ich mich abermals auf die Fe machte und bis
zum Tagesanbruch lief. Mit wenig Worten zu sagen: auf diese nmliche
Art gelangte ich in wenig mehr als zwei Monaten nach Hamburg, indem
ich, ohne je viel mit den Leuten zu sprechen, berall des Tages
zugriff, wo sich eine Arbeit zeigte, und davonging, sobald ich
gesttigt war, um die Nacht hindurch wiederum zu wandern. Meine Art
berraschte die Leute immer, so da ich niemals einen Widerspruch
fand, und bis sie sich etwa widerhaarig oder neugierig zeigen wollten,
war ich schon wieder weg. Da ich zugleich die Stdte vermied und
meinen Arbeitsverkehr immer im freien Felde, auf Bergen und in Wldern
betrieb, wo nur ursprngliche und einfache Menschen waren, so reisete
ich wirklich wie zu der Zeit der Patriarchen. Ich sah nie eine Spur
von dem Regiment der Staaten, ber deren Boden ich hinlief, und mein
einziges Denken war, ber eben diesen Boden wegzukommen, ohne zu
betteln oder fr meine ntige Leibesnahrung jemandem verpflichtet sein
zu mssen, im brigen aber zu tun, was ich wollte, und insbesondere zu
ruhen, wenn es mir gefiel, und zu wandern, wenn es mir beliebte.
Spter habe ich freilich auch gelernt, mich an eine feste auer mir
liegende Ordnung und an eine regelmige Ausdauer zu halten, und wie
ich erst urpltzlich arbeiten gelernt, lernte ich auch dies sogleich
ohne weitere Anstrengung, sobald ich nur einmal eine erkleckliche
Notwendigkeit einsah.

brigens bekam mir dies Leben in der freien Luft, bei der steten
Abwechslung von schwerer Arbeit, tchtigem Essen und sorgloser Ruhe
vortrefflich und meine Glieder wurden so gebt, da ich als ein
krftiger und rhriger Kerl in der groen Handelsstadt Hamburg
anlangte, wo ich alsbald dem Wasser zulief und mich unter die Seeleute
mischte, welche sich da umtrieben und mit dem Befrachten ihrer Schiffe
beschftigt waren. Da ich berall zugriff und ohne albernes Gaffen
doch aufmerksam war, ohne ein Wort dabei zu sprechen, noch je den Mund
zu verziehen, so duldeten die einsilbigen derben Gesellen mich bald
unter sich und ich brachte eine Woche unter ihnen zu, worauf sie mich
auf einem englischen Kauffahrer einschmuggelten, dessen Kapitn mich
aufnahm unter der Bedingung, da ich ihm in seinem Privatgeschfte
helfe, das er whrend seiner Fahrten betrieb. Dieses bestand nmlich
im Zusammensetzen und Herstellen von allerhand Feuerwaffen und
Pistolen aus alten abgenutzten Bestandteilen, die er in groer Menge
zusammenkaufte, wenn er in der Alten Welt vor Anker ging. Es waren
seltsame und fabelhafte Todeswerkzeuge, die er so mit schrecklicher
Leidenschaft zusammenfgte und dann bei Gelegenheit an wilden Ksten
gegen wertvolle Friedensprodukte und sanfte Naturgegenstnde
austauschte. Ich hielt mich still zu der Arbeit, bte mich ein und war
bald ber und ber mit l, Schmirgel und Feilenstaub beschmiert als
ein wilder Bchsenmacher, und wenn ein solches Pistolengeschtz
notdrftig zusammenhielt, so wurde es mit einem starken Knall
probiert; doch nie zum zweitenmal, dieses wurde dem rothutigen oder
schwarzen Kufer berlassen auf den entlegenen Eilanden. Diesmal fuhr
er aber nur nach Neuyork und von da nach England zurck, wo ich, der
Bchsenmacherei nun genugsam kundig, mich von ihm entfernte und
sogleich in ein Regiment anwerben lie, das nach Ostindien abgehen
sollte.

In Neuyork hatte ich zwar den Fu an das Land gesetzt und auf einige
Stunden dies amerikanische Leben gesehen, welches mir eigentlich nun
recht htte zusagen mssen, da hier jeder tat, was er wollte, und sich
gnzlich nach Bedrfnis und Laune rhrte von einer Beschftigung zur
andern abspringend, wie es ihm eben besser schien, ohne sich
irgendeiner Arbeit zu schmen, oder die eine fr edler zu halten als
die andere. Doch wei ich nicht wie es kam, da ich mich schleunig
wieder auf unser Schiff sputete und so, statt in der Neuen Welt zu
bleiben, in den ltesten, trumerischen Teil unsrer Welt geriet, in
das uralte heie Indien, und zwar in einem roten Rocke, als ein
stiller englischer Soldat. Und ich kann nicht sagen, da mir das neue
Leben mifiel, das schon auf dem groen Linienschiffe begann, auf
welchem das Regiment sich befand. Schon der Umstand, da wir alle, so
viel wir waren, mit der grten Pnktlichkeit und Abgemessenheit
ernhrt wurden, indem jeder seine Ration so sicher bekam, wie die
Sterne am Himmel gehen, keiner mehr noch minder als der andere, und
ohne da einer den andern beeintrchtigen konnte, behagte mir
auerordentlich und um so mehr, als keiner dafr zu danken brauchte
und alles nur unserm bloen wohlgeordneten Dasein gebhrte. Wenn wir
Rekruten auch schon auf dem Schiffe eingeschult wurden und tglich
exerzieren muten, so gefiel mir doch diese Beschftigung ber die
Maen, da wir nicht das Bajonett herumschwenken muten, um etwa mit
Gewandtheit eine Kartoffel daran zu spieen, sondern es war lediglich
eine reine bung, welche mit dem Essen zunchst gar nicht
zusammenhing, und man brauchte nichts als pnktlich und aufmerksam
beim einen und dem andern zu sein und sich um weiter nichts zu
kmmern. Schon am zweiten Tage unserer Fahrt sah ich einen Soldaten
prgeln, der wider einen Vorgesetzten gemurrt, nachdem er schon
verschiedene Unregelmigkeiten begangen. Sogleich nahm ich mir vor,
da dies mir nie widerfahren solle, und nun kam mir mein Schmollwesen
sehr gut zustatten, indem es mir eine vortreffliche lautlose
Pnktlichkeit und Aufmerksamkeit erleichterte und es mir fortwhrend
mglich machte, mir in keiner Weise etwas zu vergeben.

So wurde ich ein ganz ordentlicher und brauchbarer Soldat; es machte
mir Freude, alles recht zu begreifen und so zu tun, wie es als
mustergltig vorgeschrieben war, und da es mir gelang, so fhlte ich
mich endlich ziemlich zufrieden, ohne jedoch mehr Worte zu verlieren
als bisher. Nur selten wurde ich beinahe ein wenig lustig und beging
etwa einen nrrischen halben Spa, was mir vollends den Anstrich eines
Soldaten gab, wie er sein soll, und zugleich verhinderte, da man mich
nicht leiden konnte, und so war kaum ein Jahr vergangen in dem heien,
seltsamen Lande, als ich anfing, vorzurcken und zuletzt ein
ansehnlicher Unteroffizier wurde. Nach einem Verlauf von Jahren war
ich ein groes Tier in meiner Art, war meistenteils in den Bureaus des
Regimentskommandeurs beschftigt und hatte mich als ein guter
Verwalter herausgestellt, indem ich die notwendigen Knste, die
Schreibereien und Rechnereien aus dem Gange der Dinge mir
augenblicklich aneignete ohne weiteres Kopfzerbrechen. Es ging mir
jetzt alles nach der Schnur und ich schien mir selbst zufrieden zu
sein, da ich ohne Mhe und Sorgen da sein konnte unter dem warmen
blauen Himmel; denn was ich zu verrichten hatte, geschah wie von
selbst, und ich fhlte keinen Unterschied, ob ich in Geschften oder
mig umherging. Das Essen war mir jetzt nichts Wichtiges mehr, und
ich beachtete kaum, wann und was ich a. Zweimal whrend dieser Zeit
hatte ich Nachricht an euch abgesandt nebst einigen ersparten
Geldmitteln; allein beide Schiffe gingen sonderbarerweise mit Mann und
Maus zugrunde und ich gab die Sache auf, rgerlich darber, und nahm
mir vor, sobald als tunlich selber heimzukehren und meine erworbene
Arbeitsfhigkeit und feste Lebensart in der Heimat zu verwenden. Denn
ich gedachte damit etwas Besseres nach Seldwyla zu bringen, als wenn
ich eine Million dahin brchte, und malte mir schon aus, wie ich die
Haselanten und Fischesser da anfahren wollte, wenn sie mir ber den
Weg liefen.

Doch damit hatte es noch gute Wege und ich sollte erst noch solche
Dinge erfahren und so in meinem Wesen verndert und aufgerttelt
werden, da mir die Lust verging, andere Leute anfahren zu wollen. Der
Kommandeur hatte mich gnzlich zu seinem Faktotum gemacht und ich
mute fast die ganze Zeit bei ihm zubringen. Er war ein seltsamen Mann
von etwa fnfzig Jahren, dessen Gattin in Irland lebte auf einem alten
Turm, da sie womglich noch wunderlicher sein mute, als er; solange
sie zusammengelebt, hatten sie sich fortwhrend angeknurrt, wie zwei
wilde Katzen, und sie litten beide an der fixen Idee, da sie sich
gegenseitig ineinander getuscht htten, obwohl niemand besser
freinander geschaffen war. Auch waren sie gesund und munter und
lebten behaglich in dieser Einbildung, ohne welche keines mehr htte
die Zeit verbringen knnen, und wenn sie weit auseinander waren, so
sorgte eines fr das andere mit rhrender Aufmerksamkeit. Die einzige
Tochter, die sie hatten, und die Lydia heit, lebte dagegen
meistenteils bei dem Vater und war ihm ergeben und zugetan, da der
Unterschied des Geschlechtes selbst zwischen Vater und Tochter diese
mehr zrtliches Mitleid fr den Vater empfinden lie, als fr die
Mutter, obgleich diese ebenso wenig oder so viel taugen mochte als
jener in dem vermeintlich unglcklichen Verhltnis. Der Kommandeur
hatte eine reizvolle luftige Wohnung bezogen, die auerhalb der Stadt
in einem ganz mit Palmen, Zypressen, Sykomoren und anderen Bumen
angefllten Tale lag. Unter diesen Bumen, rings um das leichte weie
Haus herum, waren Grten angelegt, in denen teils jederzeit frisches
Gemse, teils eine Menge Blumen gezogen wurden, welche zwar hier in
allen Ecken wild wuchsen, die aber der Alte liebte beisammen zu haben
in nchster Nhe und in mglichster Menge, so da in dem grnen
Schatten der Bume es ordentlich leuchtete von groen purpurroten und
weien Blumen. Wenn es nun im Dienste nichts mehr zu tun gab, so mute
ich als ein militrischer zuverlssiger Vertrauensmann diese Grten in
Ordnung halten, oder um darber nicht etwa zu verweichlichen, mit dem
Oberst auf die Jagd gehen, und ich wrde darber zu einem gewandten
Jger; denn gleich hinter dem Tale begann eine wilde, unfruchtbare
Landschaft, welche zuletzt gnzlich in eine Gebirgswildnis verlief,
die nicht nur Schwrme und Scharen unschuldigeren Gewildes, sondern
auch von Zeit zu Zeit reiende Tiere, besonders groe Tiger
beherbergte. Wenn ein solcher sich spren lie, so gab es einen groen
Auszug gegen ihn, und ich lernte bei diesen Gelegenheiten die Gefahr
lange kennen, ehe ich in das Gefecht mit Menschen kam. War aber weiter
gar nichts zu tun, so mute ich mit dem alten Herrn Schach spielen und
dadurch seine Tochter Lydia ersetzen, welche, da sie gar keinen Sinn
und Geschick dazu besa und ganz kindisch spielte, ihm zu wenig
Vergngen verschaffte. Ich hingegen hatte mich bald soweit eingebt,
da ich ihm einigermaen die Stange halten konnte, ohne ihn des
fteren Sieges zu berauben, und wenn mein Kopf nicht durch andere
Dinge verwirrt worden wre, so wrde ich dem grimmigen Alten bald
berlegen geworden sein.

Dergestalt war ich nun das merkwrdigste Institut von der Welt; ich
ging unter diesen Palmen einher gravittisch und wortlos in meiner
Scharlachuniform, ein leichtes Schilfstckchen in der Hand und ber
dem Kopfe ein weies Tuch zum Schutze gegen die heie Sonne. Ich war
Soldat, Verwaltungsmann, Grtner, Jger, Hausfreund und
Zeitvertreiber, und zwar ein ganz sonderbarer, da ich nie ein Wort
sprach; denn obgleich ich jetzt nicht mehr schmollte und leidlich
zufrieden war, so hatte ich mir das Schweigen doch so angewhnt, da
meine Zunge durch nichts zu bewegen war, als etwa durch ein
Kommandowort oder einen Fluch gegen unordentliche Soldaten. Doch
diente gerade diese Weise dem Kommandeur, ich blieb so an die fnf
Jahre bei ihm einen Tag wie den andern und konnte, wenn ich freie Zeit
hatte, im brigen tun, was mir beliebte. Diese Zeit benutzte ich dazu,
das Dutzend Bcher, so der alte Herr besa, immer wieder durchzulesen
und aus denselben, da sie alle dickleibig waren, ein sonderbares Stck
von der Welt kennenzulernen. Ich war so ein eifriger und stiller
Leser, der sich eine Weisheit ausbildete, von der er nicht recht
wute, ob sie in der Welt galt oder nicht galt, wie ich bald erfahren
sollte; denn obschon ich bereits vieles gesehen und erfahren, so war
dies doch nur gewissermaen strichweise und das meiste, was es gab,
lag zur Seite des Striches, den ich passiert.

Mein Kommandeur wurde endlich zum Gouverneur des ganzen Landstriches
ernannt, wo wir bisher gestanden; er wnschte mich in seiner Nhe zu
behalten und veranlate meine Versetzung aus dem Regiment, welches
wieder nach England zurckging, in dasjenige, welches dafr ankam, und
so fand sich wieder Gelegenheit, da ich als Militrperson sowohl wie
in allen brigen Eigenschaften um ihn sein konnte, was mir ganz recht
war; denn so blieb ich ein auf mich selbst gestellter Mensch, der
keinen andern Herrn, als seine Fahne ber sich hatte.

Um die gleiche Zeit kam auch die Tochter aus dem alten irlndischen
Turme an, um von nun an bei ihrem Vater, dem Gouverneur, zu leben. Es
war ein wohlgestaltetes Frauenzimmer von groer Schnheit; doch war
sie nicht nur eine Schnheit, sondern auch eine Person, die in ihren
eigenen feinen Schuhen stand und ging und sogleich den Eindruck
machte, da es fr den, der sich etwa in sie verliebte, nicht leicht
hinter jedem Hag einen Ersatz oder einen Trost fr diese gbe, eben
weil es eine ganze und selbstndige Person schien, die so nicht zum
zweiten Male vorkomme. Und zwar schien diese edle Selbstndigkeit
gepaart mit der einfachsten Kindlichkeit und Gte des Charakters und
mit jener Lauterkeit und Rckhaltlosigkeit in dieser Gte, welche,
wenn sie so mit Entschiedenheit und Bestimmtheit verbunden ist, eine
wahre berlegenheit verleiht und dem, was im Grunde nur ein
unbefangenes ursprngliches Gemtswesen ist, den Schein einer
weihevollen und genialen berlegenheit gibt. Indessen war sie sehr
gebildet in allen schnen Dingen, da sie nach Art solcher Geschpfe
die Kindheit und bisherige Jugend damit zugebracht, alles zu lernen,
was irgend wohl ansteht, und sie kannte sogar fast alle neueren
Sprachen, ohne da man jedoch viel davon bemerkte, so da unwissende
Mnner ihr gegenber nicht leicht in jene schreckliche Verlegenheit
gerieten, weniger zu verstehen, als ein miges Ziergewchs von
Jungfrulein. berhaupt schien ein gesunder und wohldurchgebildeter
Sinn in ihr sich mehr dadurch zu zeigen, da sie die vorkommenden
kleineren oder greren Dinge, Vorflle oder Gegenstnde durchaus
treffend beurteilte und behandelte, und dabei waren ihre Gedanken und
Worte so einfach und lieblich und bestimmt, wie der Ton ihrer Stimme
und die Bewegungen ihres Krpers. Und ber alles dies war sie, wie
gesagt, so kindlich, so wenig durchtrieben, da sie nicht imstande
war, eine berlegte Partie Schach spielenzulernen, und dennoch mit der
frhlichsten Geduld am Brette sa, um sich von ihrem Vater
unaufhrlich berrumpeln zu lassen. So ward es einem sogleich
heimatlich und wohl zumute in ihrer Nhe; man dachte unverweilt, diese
wre der wahre Jakob unter den Weibern und keine bessere gbe es in
der Welt. Ihre schnen blonden Locken und die dunkelblauen Augen, die
fast immer ernst und frei in die Welt sahen, taten freilich auch das
ihrige dazu, ja um so mehr, als ihre Schnheit, so sehr sie auffiel,
von echt weiblicher Bescheidenheit und Sittsamkeit durchdrungen war
und dabei gnzlich den Eindruck von etwas Einzigem und Persnlichem
machte; es war eben kurz und abermals gesagt: eine Person. Das heit,
ich sage es schien so, oder eigentlich, wei Gott, ob es am Ende doch
so war und es nur an mir lag, da es ein solcher trgerischer Schein
schien, kurz--"

Pankrazius verga hier weiterzureden und verfiel in ein schwermtiges
Nachdenken, wozu er ein ziemlich unkriegerisches und beinahe
einfltiges Gesicht machte. Die beiden Wachslichter waren ber die
Hlfte heruntergebrannt, die Mutter und die Schwester hatten die Kpfe
gesenkt und nickten, schon nichts mehr sehend und hrend,
schlaftrunken mit ihren Kpfen, denn schon seit Pankrazius die
Schilderung seiner vermutlichen Geliebten begonnen, hatten sie
angefangen, schlfrig zu werden, lieen ihn jetzt gnzlich im Stich
und schliefen wirklich ein. Zum Glck fr unsere Neugierde bemerkte
der Oberst dies nicht, hatte berhaupt vergessen, vor wem er erzhlte,
und fuhr, ohne die niedergeschlagenen Augen zu erheben, fort, vor den
schlafenden Frauen zu erzhlen, wie einer, der etwas lange
Verschwiegenes endlich mitzuteilen sich nicht mehr enthalten kann.

Ich hatte," sagte er, bis zu dieser Zeit noch kein Weib nher
angesehen und verstand oder wute von ihnen ungefhr soviel, wie ein
Nashorn vom Zitherspiel. Nicht da ich solche etwa nicht von jeher
gern gesehen htte, wenn ich unbemerkt und ohne Aufwand von Mhe nach
ihnen schielen konnte; doch war es mir uerst zuwider, mit
irgendeiner mich in den geringsten Wortwechsel einzulassen, da es mir
von jeher schien, als ob es smtlichen Weibern gar nicht um eine
vernunftgeme, klare und richtige Sache zu tun wre, da es ihnen
unmglich sei, nur sechs Worte lang in guter Ordnung bei der Sache zu
bleiben, sondern da sie einzig darauf ausgingen, wenn sie in diesem
Augenblicke etwas Zweckmiges und Gutes gesagt haben, gleich darauf
eine groe Albernheit oder Verdrehtheit einzuwerfen, was sie dann als
ihre weibliche Anmut und Beweglichkeit ausgben, im Grunde aber eine
Unredlichkeit sei, und um so abscheulicher, als sie halb und halb von
bewuter Absicht begleitet sei, um hinter diesem Durcheinander allen
schlechten Instinkten und Querkpfigkeiten desto bequemer zu frnen.
Deshalb schmollte und grollte ich von vornherein mit allem Weibervolk
und wrdigte keines eines offenkundigen Blickes. In Indien, als ich
mehr zufrieden war und keinen Groll frder hegte, gab es zwar viel
Frauensleute, sowohl indischen Gebltes, als auch eine Menge
englischer, da viele Kaufleute, Offiziere und Soldaten ihre Familie
bei sich hatten. Doch diese Indierinnen, die schn waren wie die
Blumen und gut wie Zucker aussahen und sprachen, waren eben nichts
weiter als dies und rhrten mich nicht im mindesten, da Schnheit und
Gte ohne Salz und Wehrbarkeit, mir langweilig vorkamen, und es war
mir peinlich zu denken, wie eine solche Frau, wenn sie mein wre, sich
auf keine Weise gegen meine etwaigen schlimmen Launen zu wehren
vermchte. Die europischen Weiber dagegen, die ich sah, welche
grtenteils aus Grobritannien herstammten, schienen schon eher
wehrhaft zu sein, jedoch waren sie weniger gut und selbst wenn sie es
waren, so betrieben sie die Gte und Ehrbarkeit wie ein abscheulich
nchternes und hausbackenes Handwerk, und selbst die edle
Weiblichkeit, auf die sich diese selbstbewuten respektablen Weibsen
so viel zugute taten, handhabten sie eher als Wrzkrmer, denn als
Weiber. Hier wird ein Quentchen ausgewogen und dort ein Quentchen
sorglich in die lschpapierne Dte der Philisterhaftigkeit gewickelt.
berdies war mir immer, als ob durch das Innerste aller dieser
abendlndischen Schnen und Unschnen ein tiefer Zug von Gemeinheit
zge, die Krankheit unserer Zeit, welche sie zwar nur von unserem
Geschlechte, von uns Herren Europern, berkommen konnten, aber die
gerade bei den anderen wieder zu einem neuen verdoppelten bel wird.
Denn es sind ble Zeiten, wo die Geschlechter ihre Krankheiten
austauschen und eines dem andern seine angeborenen Schwachheiten
mitteilt. Dies waren so meine unwissenden hypochondrischen Gedanken
ber die Weiber, welche meinem Verhalten gegen sie zugrunde lagen und
mit welchen ich meiner Wege ging, ohne mich um eine zu bekmmern.

Als nun die schne Lydia bei uns anlangte und ich mich tglich in
ihrer Nhe befand, erhielt meine ganze Weisheit einen Sto und fiel
zusammen. Es war mir gleich von Grund aus wohl zumute, wenn sie
zugegen war, und ich wute nicht, was ich hieraus machen sollte.
Hchlich verwundert war ich, weder Groll noch Verachtung gegen diese
zu empfinden, weder Geringschtzung, noch jene Lust, doch verstohlen
nach ihr hinzuschielen; vielmehr freute ich mich ganz unbefangen ber
ihr Dasein und sah sie ohne Unbescheidenheit, aber frei und offen an,
wenn ich in ihrer Nhe zu tun hatte. Dies fiel mir um so leichter, als
ich in meiner Stellung als armer Soldat kein Wort an sie zu richten
brauchte, ohne gefragt zu werden, und also kein anderes Benehmen zu
beobachten hatte, als dasjenige eines sich aufrechthaltenden
ernsthaften Unteroffiziers. Auch war mir das Schweigen, besonders
gegenber den Weibern, so zur andern Natur geworden durch das
langjhrige Kopfhngen, da ich beim besten Willen jetzt nicht htte
eine Ausnahme machen knnen, auch wenn es sich geschickt htte.
Dennoch fhlte ich ein groes und ungewhnliches Wohlwollen fr diese
Person, war in meinem Herzen sehr gut auf sie zu sprechen und ihr zu
Gefallen vernderte ich meine schlechten Ansichten von den Frauen und
dachte mir, es mte doch nicht so bel mit ihnen stehen, wenigstens
sollten sie um dieser einen willen von nun an mehr Gnade finden bei
mir. Ich war sehr froh, wenn Lydia zugegen war oder wenn ich
Veranlassung fand, mich dahin zu verfgen, wo sie eben war; doch tat
ich deswegen nicht einen Schritt mehr, als im natrlichen Gange der
Dinge lag; nicht einmal blickte oder ging ich, wenn ich mich im
gleichen Raume mit ihr befand, ohne einen bestimmten vernnftigen
Grund nach ihr hin und fhlte berhaupt eine solche Ruhe in mir, wie
das khle Meerwasser, wenn kein Wind sich regt und die Sonne obenhin
daraufscheint.

Dies verhielt sich so ungefhr ein halbes Jahr, ein Jahr oder auch
etwas darber, ich wei es nicht mehr genau; denn die ganze
Zeitrechnung von damals ist mir verlorengegangen, der ganze Zeitraum
schwebt mir nur noch wie ein schwler von Trumen durchzogener
Sommertag vor. Whrend dieses Anfanges nun, dessen lngere oder
krzere Dauer ich nicht mehr wei, ging so alles gut und ruhig
vonstatten. Die Dame, obgleich sie mich fters sehen mute, hatte
nicht besonders viel mit mir zu verkehren oder zu sprechen, wenn sie
es aber tat, so war sie auerordentlich freundlich und tat es nie,
ohne mit einem kindlichen harmlosen Lachen ihres schnen Gesichtes,
was ich dann dankbarst damit erwiderte, da ich ein um so ehrbareres
Gesicht machte und den Mund nicht verzog, indem ich sagte: Sehr wohl,
mein Frulein! oder auch unbefangen widersprach, wenn sie sich irrte,
was indes selten geschah. War sie aber nicht zugegen oder ich allein,
so dachte ich wohl vielfltig an sie, aber nicht im mindesten wie ein
Verliebter, sondern wie ein guter Freund oder Verwandter, welcher
aufrichtig um sie bekmmert war, ihr alles Wohlergehen wnschte und
allerlei gute Dinge fr sie ausdachte. Kaum ging eine leise
Vernderung dadurch mit mir vor, wenn ich mich recht entsinne, da ich
gegenber dem Gouverneur ein wenig mehr auf mich hielt, ein wenig mehr
den Soldaten hervorkehrte, der nichts als seine Pflicht kennt, und in
meinen brigen Dienstleistungen mehr den Schein der Unabhngigkeit
wahrte, wie ich denn auch in keinerlei Lohnverhltnis zu ihm stand
und, nachdem die eigentliche Arbeit auf seinem Bureau getan, wofr ich
besoldet war, alles brige als ein guter Vertrauter mitmachte und nur,
da es die Gelegenheit mit sich brachte, etwa mit ihm a und trank. Und
so war ich, wie schon gesagt, vollkommen ruhig und zufrieden, was sich
freilich auf meine besondere Weise ausnehmen mochte.

Da geschah es eines Tages, als ich unter den schattigen Bumen mir zu
tun machte, da die Lydia innerhalb einer kurzen Stunde dreimal
herkam, ohne da sie etwas da zu tun oder auszurichten hatte. Das
erstemal setzte sie sich auf einen umgestrzten Korb und a ein
kleines Krbchen voll roter Kirschen auf, indem sie fortwhrend mit
mir plauderte und mich zum Reden veranlate. Das andere Mal kam sie
und rckte den Korb ganz nahe an das Rosenbumchen, das ich eben
suberte, setzte sich abermals darauf und nhte ein weies seidenes
Band auf ein zierliches Nachthubchen oder was es war; denn genau
konnte ich es nicht unterscheiden, da ich diesmal kaum hinsah und ihr
nur wenig Bescheid gab, indem ich etwas verlegen wurde. Sie ging bald
wieder fort und kam zum dritten Male mit einem feinen kunstvoll in
Elfenbein gearbeiteten Geduldspiel aus China, packte den alten Korb
und schleppte ihn wieder weg, indem sie sich in einiger Entfernung
daraufsetzte, mir den Rcken zuwendend, und ganz still das Spiel zu
lsen versuchte. Ich blickte jetzt unverwandt nach ihr hin, bis sie,
das Spielzeug in die Tasche steckend, unversehens sich erhob und einen
seltsamen wohllautenden Triller singend davonging, ohne sich wieder
nach mir umzusehen. Dies alles wollte mir nicht klar sein noch
einleuchten, und meine Seele rmpfte leise die Nase zu diesem Tun;
aber von Stund an war ich verliebt in Lydia.

In der wunderbarsten gelinden Aufregung lie ich mein Bumchen stehen,
holte die Doppelbchse und streifte in den Abend hinaus weit in die
Wildnis. Viele Tiere sah ich wohl, aber alle verga ich zu schieen;
denn wie ich auf eines anschlagen wollte, dachte ich wieder an das
Benehmen dieser Dame und verlor so das Tier aus den Augen.

Was will sie von dir, dachte ich, und was soll das heien? Indem ich
aber hierber hin und her sann, entstand und lohete schon eine groe
Dankbarkeit in mir fr alles mgliche und unmgliche, was irgend in
dem Vorfalle liegen mochte, wogegen mein Ordnungssinn und das
Bewutsein meiner geringen und wenig anmutigen Person den
widerwrtigsten Streit erhob. Als ich hieraus nicht klug wurde,
verfielen meine Gedanken pltzlich auf den Ausweg, da diese scheinbar
so schne und tchtige Frau am Ende ganz einfach ein leichtfertiges
und verbuhltes Wesen sei, das sich zu schaffen mache, mit wem es sei,
und selbst mit einem armen Unteroffizier eine schlechte Geschichte
anzuheben nicht verschmhe. Diese verwnschte Ansicht tat mir so weh
und traf mich so unvermutet, da ich wutentbrannt einen ungeheuren
rauhen Eber niederscho, der eben durch die hohen Bergkruter
heranbrach, und meine Kugel sa fast gleichzeitig und ebenso
unvermutet und unwillkommen in seinem Gehirn, wie jener
niedertrchtige Gedanke in dem meinigen, und schon war mir zumute, als
ob das wilde Tier noch zu beneiden wre um seine Errungenschaft im
Vergleich zu der meinigen. Ich setzte mich auf die tote Bestie; vor
meinen Gedanken ging die schne Gestalt vorber und ich sah sie
deutlich, wie sie die drei Male gekommen war, mit jeder ihrer
Bewegungen, und jedes Wort tnte noch nach. Aber merkwrdigerweise
ging dies gute Gedchtnis noch ber diesen Tag hinaus und zurck
berhaupt bis auf den ersten Tag, wo ich sie gesehen, den ganzen
Zeitraum hindurch, wo ich doch gnzlich ruhig gewesen. Wie man bei
ganz durchsichtiger Luft, wenn es Regen geben will, an entfernten
Bergen viele Einzelheiten deutlich sieht, die man sonst nicht
wahrnimmt, und in stiller Nacht die fernsten Glocken schlagen hrt, so
entdeckte ich jetzt mit Verwunderung, da aus jenem ganzen Zeitraume
jede Art und Wendung ihrer Erscheinung, jedes einzelne Auftreten sich
ohne mein Wissen mir eingeprgt hatte, und fast jedes ihrer Worte,
selbst das gleichgltigste und vorbergehendste, hrte ich mit klar
vernehmlichem Ausdruck in der Stille dieser Wildnis wieder tnen.
Diese smtliche Herrlichkeit hatte also gleichsam schlafend oder
heimlicherweise sich in mir aufgehalten und der heutige Vorgang hatte
nur den Riegel davor weggeschoben oder eine Fackel in ein Bund Stroh
geworfen. Ich verga ber diesen Dingen wieder meinen schlechten Zorn
und beschftigte mich rckhaltlos mit der Ausbeutung meines guten
Gedchtnisses und schenkte demselben nicht den kleinsten Zug, den es
mir von dem Bilde Lydias irgend liefern konnte. Auf diese Weise
schlenderte ich denn auch wieder der Behausung zu und berlie mich
allein diesen angenehmen Vorstellungen; jedoch vermochte ich nun nicht
mehr so unbefangen und ruhig in ihrer Nhe zu sein, und da ich nichts
anderes anzufangen wute noch gesonnen war, so vermied ich mglichst
jeden Verkehr mit ihr, um desto eifriger an sie zu denken. So
vergingen drei oder vier Wochen, ohne da etwas weiteres vorfiel, als
da ich bemerkte, da sie bei aller Zurckhaltung, die sie nun
beobachtete, dennoch keine Gelegenheit versumte, irgend etwas zu
meinen Gunsten zu tun oder zu sagen, und sie fing an, mir vllig nach
dem Munde oder zu Gefallen zu sprechen, da sie Ausdrcke brauchte,
welche ich etwa gebraucht, und die Dinge so beurteilte, wie ich es zu
tun gewohnt war. Dies schien nun erst nichts Besonderes, weil es mich
eben von jeher angenehm dnkte, in ihr ganz dieselben Ansichten vom
Zweckmigen oder vom Verkehrten zu entdecken, deren ich mich selber
befleiigte; auch lachte sie ber dieselben Dinge, ber welche ich
lachen mute, oder rgerte sich ber die nmlichen Unschicklichkeiten,
so etwa vorfielen. Aber zuletzt ward es so auffllig, da sie mir, da
ich kaum ein Wort mit ihr zu sprechen hatte, zu Gefallen zu leben
suchte, und zwar nicht wie eine schelmische Kokette, sondern wie ein
einfaches argloses Kind, da ich in die grte Verwirrung geriet und
vollends nicht mehr wute, wie ich mich stellen sollte. So fand ich
denn, um mich zu salvieren, unverfnglich mein Heil in meiner alten
wohlhergestellten Schmollkunst und verhrtete mich vollkommen in
derselben, zumal ich mich nichts weniger als glcklich fhlte in
diesem sonderbaren Verhltnis. Nun schien sie wahrhaft bekmmert und
niedergeschlagen, kleinlaut und schchtern zu werden, was zu ihrem
sonstigen resoluten und tchtigen Wesen eine verfhrerische Wirkung
hervorbrachte, da man an den gewhnlichen Weibern und, je kleinlicher
sie sind, desto weniger gewohnt ist, sie durch solche schchterne
Bescheidenheit glnzen und bestechen zu sehen. Vielmehr glauben sie,
nichts stehe ihnen besser zu Gesicht, als eine schreckliche Sicherheit
und Unverschmtheit. Da nun sogar noch der alte Gouverneur anfing, in
einer mir unverstndlichen und wenig delikaten Laune zu sticheln und
zu scherzen und zehnmal des Tages sagte: Wahrhaftig, Lydia, du bist
verliebt in den Pankrazius!' so ward mir das Ding zu bunt; denn ich
hielt das fr einen sehr schlechten Spa, in betreff auf seine Tochter
fr geschmacklos und vom ordinrsten Tone, in bezug auf mich aber fr
gewissenlos und roh, und ich war oft im Begriff, es ihm offen zu sagen
und mich den Teufel um ihn weiter zu kmmern. Letzteres tat ich auch
insofern, als ich mich nun gnzlich zusammennahm und in mich selber
verschlo. Lydia wurde eintnig, ja sie schien nun sogar bleich und
leidend zu werden, was mich tief bekmmerte, ohne da ich daraus etwas
Kluges zu machen wute. Als sie aber trotz meines Verhaltens wieder
anfing, mir nachzugehen und sich fortwhrend zu schaffen machte, wo
ich mich aufhielt, geriet ich in Verzweiflung und in der Verzweiflung
begann ich, abgebrochene und ungeschickte Unterhaltungen mit ihr zu
pflegen. Es war gar nichts, was wir sprachen, ganz unartikuliertes
jmmerliches Zeug, als ob wir beide bldsinnig wren; allein beide
schienen gar nicht hieran zu denken, sondern lachten uns an wie
Kinder; denn auch ich verga darber alles andere und war endlich
froh, nur diese kurzen Reden mit ihr zu fhren. Allein das Glck
dauerte nie lnger als zwei Minuten, da wir den Faden aus Mangel an
Ruhe und Besonnenheit sogleich wieder verloren und dann zwei Kindern
glichen, die ein Perlenband aufgezettelt haben und mit Betrbnis die
schnen Perlen entgleiten sehen. Alsdann dauerte es wieder wochenlang,
bis eine dieser groen Unternehmungen wieder gelang, und nie tat ich
den ersten Schritt dazu, da ich gleich darauf wieder nur bedacht war,
mir nichts zu vergeben und keine Dummheiten zu begehen bei diesen
etwas ungewhnlichen Leuten. Hundertmal war ich entschlossen, auf und
davonzugehen, allein die Zeit verging mir so eilig, da ich die Tat
immer wieder hinausschieben mute. Denn meine Gedanken waren jetzt
ausschlielich mit dieser Sache beschftigt und es ging mir dabei
uerst seltsam.

Mit den Bchern des Gouverneurs war ich endlich so ziemlich fertig
geworden und wute nichts mehr aus denselben zu lernen. Lydia, welche
mich so oft lesen sah, benutzte diese Gelegenheit und gab mir von den
ihrigen. Darunter war ein dicker Band wie eine Handbibel und er sah
auch ganz geistlich aus, denn er war in schwarzes Leder gebunden und
vergoldet. Es waren aber lauter Schauspiele und Komdien darin mit der
kleinsten englischen Schrift gedruckt. Dies Buch nannte man den
Shakespeare, welches der Verfasser desselben und dessen Kopf auch
vorne drin zu sehen war. Dieser verfhrerische falsche Prophet fhrte
mich schn in die Patsche. Er schildert nmlich die Welt nach allen
Seiten hin durchaus einzig und wahr wie sie ist, aber nur wie sie es
in den ganzen Menschen ist, welche im Guten und im Schlechten das
Metier ihres Daseins und ihrer Neigungen vollstndig und
charakteristisch betreiben und dabei durchsichtig wie Kristall, jeder
vom reinsten Wasser in seiner Art, so da, wenn schlechte Skribenten
die Welt der Mittelmigkeit und farblosen Halbheit beherrschen und
malen und dadurch Schwachkpfe in die Irre fhren und mit tausend
unbedeutenden Tuschungen anfllen, dieser hingegen eben die Welt des
Ganzen und Gelungenen in seiner Art, d. h. wie es sein soll,
beherrscht, und dadurch gute Kpfe in die Irre fhrt, wenn sie in der
Welt dies wesentliche Leben zu sehen und wiederzufinden glauben. Ach
es ist schon in der Welt, aber nur niemals da, wo wir eben sind oder
dann, wann wir leben. Es gibt noch verwegene schlimme Weiber genug,
aber ohne den schnen Nachtwandel der Lady Macbeth und das bange
Reiben der kleinen Hand. Die Giftmischerinnen, die wir treffen, sind
nur frech und reulos und schreiben gar noch ihre Geschichte oder legen
einen Kramladen an, wenn sie ihre Strafe berstanden. Es gibt noch
Leute genug, die whnen Hamlet zu sein, und sie rhmen sich dessen,
ohne eine Ahnung zu haben von den groen Herzensgrnden eines wahren
Hamlet. Hier ist ein Blutmensch, ohne Macbeths dmonische und doch
wieder so menschliche Mannhaftigkeit, und dort ein Richard der Dritte,
ohne dessen Witz und Beredsamkeit. Hier ist eine Porzia, die nicht
schn, dort eine, die nicht geistreich, dort wieder eine, die
geistreich, aber nicht klug ist und wohl versteht, Leute unglcklich
zu machen, nicht aber sich selbst zu beglcken. Unsere Shylocks
mchten uns wohl das Fleisch ausschneiden, aber sie werden nun und
nimmer eine Barauslage zu diesem Behuf wagen, und unsere Kaufleute von
Venedig geraten nicht wegen eines lustigen Habenichts von Freund in
Gefahr, sondern wegen einfltigen Aktienschwindels und halten dann
nicht im mindesten so schne melancholische Reden, sondern machen ein
ganz dummes Gesicht dazu. Doch eigentlich sind, wie gesagt, alle
solche Leute wohl in der Welt, aber nicht so hbsch beisammen, wie in
jenen Gedichten; nie trifft ein ganzer Schurke auf einen ganzen
wehrbaren Mann, nie ein vollstndiger Narr auf einen unbedingt klugen
Frhlichen, so da es zu keinem rechten Trauerspiel und zu keiner
guten Komdie kommen kann.

Ich aber las nun die ganze Nacht in diesem Buche und verfing mich ganz
in demselben, da es mir gar so grndlich und sachgem geschrieben
schien und mir auerdem eine solche Arbeit ebenso neu als
verdienstlich vorkam. Weil nun alles brige so trefflich, wahr und
ganz erschien und ich es fr die eigentliche und richtige Welt hielt,
so verlie ich mich insbesondere auch bei den Weibern, die es
vorbrachte, ganz auf ihn, verlockt und geleitet von dem schnen Sterne
Lydia, und ich glaubte, hier ginge mir ein Licht auf und sei die
Lsung meiner zweifelvollen Verwirrung und Qual zu finden.

Gut! dachte ich, wenn ich diese schnen Bilder der Desdemona, der
Helena, der Imogen und anderer sah, die alle aus der hohen
Selbstherrlichkeit ihres Frauentums heraus so seltsamen Kuzen
nachgingen und anhingen, rckhaltlos wie unschuldige Kinder, edel,
stark und treu wie Helden, unwandelbar und treu wie die Sterne des
Himmels: gut! hier haben wir unsern Fall! Denn nichts anderes als ein
solches festes, schngebautes und gradausfahrendes Frauenfahrzeug ist
diese Lydia, die ihren Anker nur einmal und dann in eine
unergrndliche Tiefe auswirft und wohl wei, was sie will. Diese
Meinung ging gleich einer strahlenden heien Sonne in mir auf und in
deren Licht sah ich nun jede Bewegung und jede kleinste Handlung,
jedes Wort des schnen Geschpfes, und es dauerte nicht lange, so
berbot sie in meinen Augen alles, was der gute Dichter mit seiner
mchtigen Einbildungskraft erfunden, da dies lebendige Gedicht im
Lichte der Sonne umherging in Fleisch und Blut, mit wirklichen
Herzschlgen und einem tatschlichen Nacken voll goldener Locken.

Das unheimliche Rtsel war nun gelst und ich hatte nichts weiter zu
tun, als mich in diese mit dem Shakespeare in die Wette
zusammengedichtete Seligkeit zu finden und mit Mhe meine geringfgige
und unliebliche Person fr eine solche Laune des Schicksals oder des
kniglich gromtigen Frauengemtes einigermaen leidlich
zurechtzustutzen mittelst hundertfacher Plne und Aussichten, welche
sich an das groe schne Luftschlo anbaueten. Die unendliche
Dankbarkeit und Verehrung, welche ich solchergestalt gegen die
Geliebte empfand, hatte allerdings zum guten Teil ihren Grund in
meiner sich geschmeichelt fhlenden Eigenliebe; aber gewi auch zum
noch greren Teile darin, da diese Erklrungsweise die einzige war,
welche mir mglich schien, ohne dies teuerste Wesen verachten und
bemitleiden zu mssen; denn eine hohe Achtung, die ich fr sie
empfand, war mir zum Lebensbedrfnis geworden und mein Herz zitterte
vor ihr, das noch vor keinem Menschen und vor keinem wilden Tiere
gezittert hatte.

So ging ich wohl ein halbes Jahr lang herum wie ein Nachtwandler, von
Trumen so vollhngend, wie ein Baum voll pfel, alles, ohne mit Lydia
um einen Schritt weiterzukommen. Ich frchtete mich vor dem kleinsten
mglichen Ereignis, etwa wie ein guter Christ vor dem Tode, den er
zagend scheut, obgleich er durch selbigen in die ewige Seligkeit
einzugehen gewi ist. Desto bunter ging es in meinem Gehirn zu und die
Ereignisse und aufregendsten Geschichten, alles aufs schnste und
unzweifelhafteste sich begebend, drngten und blhten da
durcheinander. Ich versumte meine Geschfte und war zu nichts zu
gebrauchen. Das rgste war mir, wenn ich stundenlang mit dem Alten
Schach spielen mute, wo ich dann gezwungen war, meine Aufmerksamkeit
an das Spiel zu fesseln, und die einzige Mue fr meine schweren
Liebesgedanken gewhrte mir die kurze Zeit, wenn ein Spiel zu Ende war
und die Figuren wieder aufgestellt wurden. Ich lie mich daher sobald
als immer mglich, ohne da es zu sehr auffiel, matt machen und hielt
mich so lange mit dem Aufstellen des Knigs und der Knigin, der
Lufer, Springer und Bauern auf und rckte so lange an den Trmen hin
und her, da der Gouverneur glaubte, ich sei kindisch geworden und
tndle mit den Figrchen zu meinem Vergngen.

Endlich aber drohete meine ganze Existenz sich in mige
Traumseligkeit aufzulsen, und ich lief Gefahr, ein Tollhusler zu
werden. Zudem war ich trotz aller dieser goldenen Luftschlsser
unsglich kleinmtig und traurig, da, ehe das letzte Wort gesprochen
ist, die solchen wuchernden Trumen gegenber immer zurckstehende
Wirklichkeit niederdrckt und die leibhafte Gegenwart etwas
Abkhlendes und Abwehrendes behlt. Es ist das gewissermaen die
schtzende Dornenrstung, womit sich die schne Rose des krperlichen
Lebens umgibt. Je freundlicher und zutunlicher Lydia wurde, desto
ungewisser und zweifelhafter wurde ich, weil ich an mir selbst
entnahm, wie schwer es einem mglich wird, eine wirkliche Liebe zu
zeigen, ohne sie ganz bei ihrem Namen zu nennen. Nur wenn sie streng,
traurig und leidend schien, schpfte ich wieder einen halben Grund zu
einer vernnftigen Hoffnung, aber dies qulte mich alsdann noch viel
tiefer und ich hielt mich nicht wert, da sie nur eine schlimme Minute
um meinetwillen erleiden sollte, der ich gern den Kopf unter ihre Fe
gelegt htte. Dann rgerte ich mich wieder, da sie, um guter Dinge zu
sein, verlangte, ich sollte etwa aussehen wie ein verliebter
nrrischer Schneider, da ich doch kein solcher war und ich auf meine
Weise schon gedachte, beweglich zu werden zu ihrem Wohlgefallen. Kurz,
ich ging einer gnzlichen Verwirrung entgegen, war nicht mehr
imstande, ein einziges Geschft ordnungsgem zu verrichten, und lief
Gefahr, als Soldat rckwrts zu kommen oder gar verabschiedet zu
werden, wenn ich nicht als ein abhngiger dienstbarer Lckenber, der
zu weiter nichts zu brauchen, mich an das Haus des Gouverneurs hngen
wollte.

Als daher die Englnder in bedenkliche Feindseligkeiten mit indischen
Vlkern gerieten und ein Feldzug erffnet wurde, der nachher ziemlich
blutig fr sie ausfiel, entschlo ich mich kurz und trat wieder in
meine Kompanie als guter Kombattant, vom Gouverneur meinen Abschied
nehmend. Derselbe wollte zwar nichts davon wissen, sondern polterte,
bat und schmeichelte mir, da ich bleiben mchte, wie alle solche
Leute, die glauben, alles stehe mit seinem Leib und Leben, mit seinem
Wohl und Wehe nur zu ihrer Verfgung da, um ihnen die Zeit zu
vertreiben und zur Bequemlichkeit zu dienen. Lydia hingegen lie sich
whrend der drei oder vier Tage, whrend welcher von meinem Abzug die
Rede war, kaum sehen. Geschah es aber, so sah sie mich nicht an oder
warf einen kurzen Blick voll Zornes auf mich, wie es schien; aber nur
das Auge schien zornig, ihr Gang und die brigen Bewegungen waren
dabei so still, edel und an sich haltend, da dieser schne Zorn mir
das Herz zerri. Auch hrte ich, da sie des Morgens sehr spt zum
Vorschein kme und da man sich darber den Kopf zerbrche; denn es
deutete darauf, da sie des Nachts nicht schlafe, und als ich sie am
letzten Tage zufllig hinter ihrem Fenster sah, glaubte ich zu
bemerken, da sie ganz verweinte Augen hatte; auch zog sie sich
schnell zurck, als ich vorberging. Nichtsdestominder schritt ich
meinen steifen Feldwebelsgang ruhig fort und verrichtete alles, weder
rechts noch links sehend. So ging ich auch gegen Abend mit einem
Burschen noch einmal durch die Pflanzungen, um ihm die Obhut derselben
einigermaen zu zeigen und ihn, so gut es ging, zu einem
provisorischen Grtner zuzustutzen, bis sich ein tauglicheres Subjekt
zeigen wrde. Wir standen eben in einem schlanken Rosenwldchen, das
ich gezogen hatte; die Bumen ragten just in die Hhe des Gesichtes
und waren so dicht, da, wenn man darin herumging, die Rosen einem an
der Nase streiften, was sehr artig und bequem war und wozu der
Gouverneur sehr gelacht hatte, da er sich nun nicht mehr zu bcken
brauchte, um an den Rosen zu riechen. Als ich dem Burschen meine
Anweisungen erteilte, kam Lydia herbei und schickte ihn mit
irgendeinem Auftrage weg, und indem sie gleich mitzugehen willens
schien, zgerte sie doch eine kurze Zeit, einige Rosen brechend, bis
der Diener weg war. Ich zerrte ebenfalls noch ein Weilchen an einem
Zweige herum und wie ich mich umdrehte, um zu gehen, sah ich, da ihr
Trnen aus den Augen fielen. Ich hatte Mhe, mich zu bezwingen, doch
tat ich, als ob ich nichts gesehen, und eilte hinweg. Doch kaum war
ich zehn Schritte gegangen, als ich hrte und fhlte, wie sie, bald
laufend, bald stehenbleibend, hinter mir herkam, und so eine ganze
Strecke weit. Ich hielt dies nicht mehr aus, wandte mich pltzlich um
und sagte zu ihr, die kaum noch drei Schritte von mir entfernt war:
Warum gehen Sie mir nach, Frulein?'

Sie stand still, wie von einer Schlange erschreckt, und wurde, den
Blick zur Erde gesenkt, glhendrot im Gesicht; dann wurde sie bleich
und wei und zitterte am ganzen Leibe, whrend sie die groen blauen
Augen zu mir aufschlug und nicht ein Wort hervorbrachte. Endlich sagte
sie mit einer Stimme, in welcher emprter Stolz mit gern ertragener
Demtigung rang: Ich denke, ich kann in meinem Besitztume herumgehen,
wo ich will!'

Gewi!' erwiderte ich kleinlaut und setzte meinen Weg fort. Sie war
jetzt an meiner Seite und ging neben mir her. Ich ging aber in meiner
heftigen Aufregung mit so langen und raschen Schritten, da sie trotz
ihrer krftigen Bewegungen mir mit Mhe folgen konnte, und doch tat
sie es. Ich sah sie mehrmals gro an von der Seite und sah, da ihr
die Augen wieder voll Wasser standen, indessen dieselben wie
kummervoll und demtig auf den Boden gerichtet waren. Mir brannte es
ebenfalls siedendhei im Gesicht und meine Augen wurden auch na. Die
Sache stand jetzt dergestalt auf der Spitze, da ich entweder eine
Dummheit oder eine Gewissenlosigkeit zu begehen im Begriffe stand,
wovon ich weder das eine noch das andere zu tun gesonnen war. Doch
dachte ich, indem ich so neben ihr herschritt, in meinen armen
Gedanken: Wenn dies Weib dich liebt und du jemals mit Ehren an ihre
Hand gelangest, so sollst du ihr auch dienen bis in den Tod, und wenn
sie der Teufel selbst wre!

Indem erreichten wir eine Sttte, wo ein oder zwei Dutzend
Orangenbume standen und die Luft mit Wohlgeruch erfllten, whrend
ein ser frischer Lufthauch durch die reinlichen edelgeformten Stmme
wehte. Ich glaube diesen betrenden Hauch und Duft noch jetzt zu
fhlen, wenn ich daran denke, wahrscheinlich bte er eine hnliche
Wirkung auf das Geschpf, das neben mir ging, da es seine wundersame
Leidenschaft, welche die Liebe zu sich selbst war, so aufs uerste
empfand und darstellte, als ob es eine wirkliche Liebe zu einem Manne
wre; denn sie lie sich auf eine Bank unter den Orangen nieder und
senkte das schne Haupt auf die Hnde; die goldenen Haare fielen
darber und reiche Trnen quollen durch ihre Finger.

Ich stand vor ihr still und sagte mit versagender Stimme: Was wollen
Sie denn, was ist Ihnen, Frulein Lydia?'

Was wollen Sie denn!' sagte sie, ist es je erhrt, eine schne und
feine Dame so zu qulen und zu mihandeln! Aus welchem barbarischen
Lande kommen Sie denn? Was tragen Sie fr ein Stck Holz in der
Brust?'

Wie qule, wie mihandle ich denn?' erwiderte ich unschlssig und
betreten; denn obgleich sie einen guten Sinn haben konnte, schien mir
diese Sprache dennoch nicht die rechte zu sein.

Sie sind ein grober und bermtiger Mensch!' sagte sie, ohne
aufzublicken.

Nun konnte ich nicht mehr an mich halten und erwiderte, Sie wrden
dies nicht sagen, mein Frulein, wenn Sie wten, wie wenig grob und
bermtig ich in meinem Herzen gegen Sie gesinnt bin! Und es ist
gerade meine groe Hflichkeit und Demut, welche--'

Sie blickte, als ich wieder verstummte, auf, und das Gesicht mit einem
schmerzlichen, bittenden Lcheln aufgehellt, sagte sie hastig: Nun?'
Wobei sie mir einen Blick zuwarf, der mich jetzt um den letzten Rest
von berlegung brachte. Ich, der ich es nie fr mglich gehalten
htte, selbst dem geliebtesten Weibe zu Fen zu fallen, da ich
solches fr eine Torheit und Ziererei ansah, ich wute jetzt nicht,
wie ich dazu kam, pltzlich vor ihr zu liegen und meinen Kopf ganz
hinzugeben und zerknirscht in den Saum ihres Gewandes zu verbergen,
den ich mit heien Trnen benetzte. Sie stie mich jedoch
augenblicklich zurck und hie mich aufstehen; doch als ich dies tat,
hatte sich ihr Lcheln noch vermehrt und verschnert und ich rief nun:
Ja--so will ich es Ihnen nur sagen', und so weiter, und erzhlte ihr
meine ganze Geschichte mit einer Beredsamkeit, die ich mir kaum je
zugetraut. Sie horchte begierig auf, whrend ich ihr gar nichts
verschwieg vom Anfang bis zu dieser Stunde und besonders ihr auch aus
berstrmendem Herzen das Bild entwarf, das von ihr in meiner Seele
lebte und wie ich es seit einem halben Jahre oder mehr so emsig und
treu ausgearbeitet und vollendet. Sie lachte, vor sich niedersehend
und voll Zufriedenheit lauschend, die Hand unter das Kinn sttzend,
und sah immer mehr einem seligen Kinde gleich, dem man ein gewnschtes
Spielzeug gegeben, als sie hrte und vernahm, wie nicht einer ihrer
Vorzge und Reize und nicht eines ihrer Worte bei mir verlorengegangen
war. Dann reichte sie mir die Hand hin und sagte, freundlich errtend,
doch mit zufriedener Sicherheit: Ich danke Ihnen sehr, mein Freund,
fr Ihre herzliche Zuneigung! Glauben Sie, es schmerzt mich, da Sie
um meinetwillen so lange besorgt und eingenommen waren; aber Sie sind
ein ganzer Mann und ich mu Sie achten, da Sie einer so schnen und
tiefen Neigung fhig sind!'

Diese ruhige Rede fiel zwar wie ein Stck Eis in mein heies Blut;
doch gedachte ich sogleich, es ihr wohl und von Herzen zu gnnen, wenn
sie jetzt die gefate und sich zierende Dame machen wolle, und mich in
alles zu ergeben, was sie auch vornehmen und welchen Ton sie auch
anschlagen wrde.

Doch erwiderte ich bekmmert: Wer spricht denn von mir, schne,
schne Lydia! Was hat alles, was ich leide oder nicht leide, erlitten
habe oder noch erleiden werde, zu sagen, gegenber auch nur einer
unmutigen oder gequlten Minute, die Sie erleiden? Wie kann ich
unwerter und ungefger Geselle eine solche je ersetzen oder vergten?'

Nun,' sagte sie, immer vor sich niederblickend und immer noch
lchelnd, doch schon in einer etwas vernderten Weise, nun, ich mu
allerdings gestehen, da mich Ihr schroffes und ungeschicktes Benehmen
sehr gergert und sogar geqult hat; denn ich war an so etwas nicht
gewhnt, vielmehr da ich berall, wo ich hinkam, Artigkeit und
Ergebenheit um mich verbreitete. Ihre scheinbare grobe Fhllosigkeit
hat mich ganz schndlich gergert, sage ich Ihnen, und um so mehr, als
mein Vater und ich viel von Ihnen hielten. Um so lieber ist es mir
nun, zu sehen, da Sie doch auch ein bichen Gemt haben, und
besonders, da ich an meinem eigenen Werte nicht lnger zu zweifeln
brauche; denn was mich am meisten krnkte, war tiefer Zweifel an mir
selbst, an meinem persnlichen Wesen, der in mir sich zu regen begann.
brigens, bester Freund, empfinde ich keine Neigung zu Ihnen, so wenig
als zu jemand anderm, und hoffe, da Sie sich mit aller Hingebung und
Artigkeit, die Sie soeben beurkundet, in das Unabnderliche fgen
werden, ohne mir gram zu sein!'

Wenn sie geglaubt, da ich nach dieser unbefangenen Erffnung gnzlich
rat- und wehrlos vor ihr darniederliegen werde, so hatte sie sich
getuscht. Vor dem vermeintlich guten und liebevollen Weibe hatte mein
Herz gezittert, vor dem wilden Tiere dieser falschen gefhrlichen
Selbstsucht zitterte ich so wenig mehr, als ich es vor Tigern und
Schlangen zu tun gewohnt war. Im Gegenteil, anstatt verwirrt und
verzweifelt zu sein und die Tuschung nicht aufgeben zu wollen, wie es
sonst wohl geschieht in dergleichen Auftritten, war ich pltzlich so
kalt und besonnen, wie nur ein Mann es sein sonnte, der auf das
schmhlichste beleidigt und beschimpft worden ist, oder wie ein Jger
es sein kann, der statt eines edlen scheuen Rehes urpltzlich eine
wilde Sau vor sich sieht. Ein seltsam gemischtes, unheimliches Gefhl
von Klte freilich, wenn ich bei alledem die Schnheit ansehen mute,
die da vor mir glnzte. Doch dieses ist das unheimliche Geheimnis der
Schnheit.

Indessen, wre ich nicht von der Sonne ganz braungebrannt gewesen, so
wrde ich jetzt dennoch so wei ausgesehen haben, wie die
Orangenblten ber mir, als ich ihr nach einigem Schweigen erwiderte.
Und also um Ihren edlen Glauben an Ihre Persnlichkeit herzustellen,
war es Ihnen mglich, alle Zeichen der reinen und tiefen Liebe und
Selbstentuerung zu verwenden? Zu diesem Zwecke gingen Sie mir nach,
wie ein unschuldiges Kind, das seine Mutter sucht, redeten Sie mir
fortwhrend nach dem Munde, wurden Sie bleich und leidend, vergossen
Sie Trnen und zeigten eine so goldene und rckhaltlose Freude, wenn
ich mit Ihnen nur ein Wort sprach?'

Wenn es so ausgesehen hat, was ich tat,' sagte sie noch immer
selbstzufrieden, so wird es wohl so sein. Sie sind wohl ein wenig
bse, eitler Mann! da Sie nun doch nicht der Gegenstand einer gar so
demutvollen und grenzenlosen weiblichen Hingebung sind?' Da ich
rmste nicht das sehnlich blkende Lmmlein bin, fr das Sie mich in
Ihrer Vergngtheit gehalten?'

Ich war nicht vergngt, Frulein!' erwiderte ich. Indessen wenn die
Gtter, wenn Christus selbst einer unendlichen Liebe zu den Menschen
vielfach sich hingaben und wenn die Menschheit von jeher ihr hchstes
Glck darin fand, dieser rckhaltlosen Liebe der Gtter wert zu sein
und ihr nachzugehen: warum sollte ich mich schmen, mich hnlich
geliebt gewhnt zu haben? Nein, Frulein Lydia! Ich rechne es mir
sogar zur Ehre an, da ich mich von Ihnen fangen lie, da ich eher an
die einfache Liebe und Gte eines unbefangenen Gemtes glaubte, bei so
klaren und entschiedenen Zeichen, als da ich verdorbenerweise nichts
als eine einfltige Komdie dahinter gefrchtet. Denn einfltig ist
die Geschichte! Welche Garantie haben Sie denn nun fr Ihren Glauben
an sich selbst, da Sie solche Mittel angewendet, um nur den rmsten
aller armen Kriegsleute zu gewinnen, Sie, die schne und vornehme
englische Dame?'

Welche Garantie?' antwortete Lydia, die nun allmhlich bla und
verlegen wurde, ei! Ihre verliebte Neigung, zu deren Erklrung ich
Sie endlich gezwungen habe! Sie werden mir doch nicht leugnen wollen,
da Sie hingerissen waren und mir soeben erzhlten, wie ich Ihnen von
jeher gefallen? Warum lieen Sie das in Ihrer Grobheit nicht ein klein
weniges merken, so wie es dem schlichtesten und anspruchslosesten
Menschen wohl ansteht, und wenn er ein Schafhirt wre, so wurde uns
diese ganze Komdie, wie Sie es nennen, erspart worden sein und ich
htte mich begngt!'

Htten Sie mich in meiner Ruhe gelassen, meine Schne', erwiderte
ich, so htten Sie mehr gewonnen. Denn Sie scheinen zu vergessen, da
dies Wohlgefallen sich jetzt notwendig in sein Gegenteil verkehren
mu, zu meinen eigenen Schmerzen!'

Hilft Ihnen nichts,' sagte sie, ich wei einmal, da ich Ihnen
wohlgefallen habe und in Ihrem Blute wohne! Ich habe Ihr Gestndnis
angehrt und bin meiner Eroberung versichert. Alles brige ist
gleichgltig; so geht es zu, bester Herr Pankrazius, und so werden
diejenigen bestraft, die sich vergehen im Reiche der Knigin
Schnheit!' Das heit,' sagte ich, es scheint dies Reich eher einer
Zigeunerbande zu gleichen. Wie knnen Sie eine Feder auf den Hut
stecken, die Sie gestohlen haben, wie eine gemeine Ladendiebin? gegen
den Willen des Eigentmers?'

Sie antwortete: Auf diesem Felde, bester Herr Eigentmer, gereicht
der Diebstahl der Diebin zum Ruhm, und Ihr Zorn beweist nur aufs neue,
wie gut ich Sie getroffen habe!'

So zankten wir noch eine gute halbe Stunde herum in dem sen
Orangenhaine, aber mit bittern harten Worten, und ich suchte
vergeblich ihr begreiflich zu machen, wie diese abgestohlene und
erschlichene Liebesgeschichte durchaus nicht den Wert fr sie haben
knnte, den sie ihr beilegte. Ich fhrte diesen Beweis nicht nur aus
philisterhafter Verletztheit und Dummheit, sondern auch um irgendeinen
Funken vom Gefhl ihres Unrechtes und der Unsittlichkeit ihrer
Handlungsweise in ihr zu erwecken. Aber umsonst! Sie wollte nicht
einsehen, da eine rechte Gemtsverfassung erst dann in der vollen und
rckhaltlosen Liebe aufflammt, wenn sie Grund zur Hoffnung zu haben
glaubt; und also diesen Grund zu geben, ohne etwas zu fhlen, immer
ein grober und unsittlicher Betrug bleibt, und um so gewissenloser,
als der Betrogene einfacher, ehrlicher und argloser Art ist. Immer kam
sie auf das Faktum meiner Liebeserklrung zurck, und zwar warf sie,
die sonst ein so gesundes Urteil zu haben schien, die unsinnigsten,
kleinlichsten und unanstndigsten Reden und Argumente durcheinander
und tat einen wahren Kindskopf kund. Whrend der ganzen Jahre unsers
Zusammenseins hatte ich nicht so viel mit ihr gesprochen, wie in
dieser letzten znkischen Stunde, und nun sah ich, o gerechter Gott!
da es ein Weib war von einem groangelegten Wesen, mit den Manieren,
Bewegungen und Kennzeichen eines wirklich edeln und seltenen Weibes,
und bei alledem mit dem Gehirn--einer ganz gewhnlichen Soubrette, wie
ich sie nachmalen zu Dutzenden gesehen habe auf den Vaudevilletheatern
zu Paris! Whrend dieses Zankes aber verschlang ich sie dennoch
fortwhrend mit den Augen und ihre unbegreifliche grundlose, so
persnlich scheinende Schnheit qulte mein Herz in die Wette mit dem
Wortwechsel, den wir fhrten. Als sie aber zuletzt ganz sinnlose und
unverschmte Dinge sagte, rief ich, in bittere Trnen ausbrechend: O
Frulein! Sie sind ja der grte Esel, den ich je gesehen habe!'

Sie schttelte heftig die Wucht ihrer Locken und sah bleich und
erstaunt zu mir auf, wobei ein wilder schiefer Zug um ihren sonst so
schnen Mund schwebte. Es sollte wohl ein hhnisches Lcheln sein,
ward aber zu einem Zeichen seltsamer Verlegenheit.

Ja,' sagte ich, mit den Fusten meine Trnen zerreibend, nur wir
Mnner knnen sonst Esel sein, dies ist unser Vorrecht, und wenn ich
Sie auch so nenne, so ist es noch eine Art Auszeichnung und Ehre fr
Sie. Wren Sie nur ein bichen gewhnlicher und geringer, so wrde ich
Sie einfach eine schlechte Gans schelten!'

Mit diesen Worten wandte ich mich endlich von ihr ab und ging, ohne
ferner nach ihr hinzublicken, aber mit dem Gefhle, da ich das, was
mir jemals in meinem Leben von reinem Glck beschieden sein mochte,
jetzt fr immer hinter mir lasse, und da es jetzt vorbei wre mit
meiner glubigen Frmmigkeit in solchen Dingen.

Das hast du nun von deinem unglckseligen Schmollwesen! sagte ich zu
mir selbst, httest du von Anbeginn zuweilen nur halb so lange mit ihr
freundlich gesprochen, so htte es dir nicht verborgen bleiben knnen,
wes Geistes Kind sie ist, und du httest dich nicht so grblich
getuscht! Fahr hin und zerfliee denn, du schnes Luftgebilde!

Als ich mich nun mit zerrissenen Gedanken vom Gouverneur
verabschiedete, sah mich derselbe vergnglich und verschmitzt an und
blinzelte spttisch mit den Augen. Ich merkte, da er meine Affre
wohl kannte, berhaupt dieselbe von jeher beobachtet hatte und eine
Art von schadenfrohem Spa darber empfand. Da er sonst ein ganz
biederer und honetter Mann war, so konnte das nichts anderes sein, als
die einfltige Freude aller Philister an grausamen und schlechten
Bratenspen. Im vorigen Jahrhundert belustigten sich groe Herren
daran, ihre Narren, Zwerge und sonstigen Untergebenen betrunken zu
machen und dann mit Wasser zu begieen oder krperlich zu mihandeln.
Heutzutage wird dies bei den Gebildeten nicht mehr beliebt; dagegen
unterhlt man sich mit Vorliebe damit, allerlei feine Verwirrungen
anzuzetteln, und je weniger solche Philisterseelen selber einer
starken und grndlichen Leidenschaft fhig sind, desto mehr fhlen sie
das Bedrfnis, dergleichen mit mehr oder weniger plumpen Mitteln in
denen zu erwecken, die sich dazu eignen, in solche herzlos
aufgestellte Mausefallen zu geraten. Wenn nun der Gouverneur
seinerseits es nicht verschmhte, seine eigene Tochter als gebratenen
Speck zu verwenden, so war hiergegen nichts weiter zu sagen, und ich
nahm, obschon noch ein guter Gepckwagen abfuhr, eigensinnig meinen
schweren Tornister und die Muskete auf den Rcken und fhrte einen
zurckgebliebenen Trupp in die Nacht hinaus dem Regimente nach, das
schon in der Frhe abmarschiert war.

Ich sah mich nach einem mhseligen und heien Marsch nun in eine neue
Welt versetzt, als die Kampagne erffnet war und die Truppen der
ostindischen Kompanie sich mit den wilden Bergstmmen an der uersten
Grenze des indo-britischen Reiches herumschlugen. Einzelne Kompanien
unseres Regimentes waren fortwhrend vorgeschoben; eines Tages aber
wurde die meinige so mrderisch umzingelt, da wir uns mitten in einem
Knuel von banditenhnlichen Reitern, Elefanten und sonderbar bemalten
und vergoldeten Wagen befanden, auf denen stille schne hindostanische
Scheinfrsten saen, von den wilden Huptlingen als Puppen mitgefhrt.
Unsere smtlichen Offiziere fielen an diesen Tagen und die Kompanie
schmolz auf ein Drittel zusammen. Da ich mich ordentlich hielt und
einige Dienste leistete, so erlangte ich das Patent des ersten
Leutnants der Kompanie und nach Beendigung des Feldzuges war ich deren
Kapitn.

Als solcher hielt ich mit etwa hundertundfnfzig Mann zwei Jahre lang
einen kleinen Grenzbezirk besetzt, welcher zur Abrundung unseres
Gebietes erobert worden, und war whrend dieser Zeit der oberste
Machthaber in dieser heidnischen Wildnis. Ich war nun so einsam, als
ich je in meinem Leben gewesen, mitrauisch gegen alle Welt und
ziemlich streng in meinem Dienstverkehr, ohne gerade bse oder
ungerecht zu sein. Meine Hauptttigkeit bestand darin, christliche
Polizei einzufhren und unsern Religionsleuten nachdrcklichen Schutz
zu gewhren, damit sie ungefhrdet arbeiten konnten. Hauptschlich
aber hatte ich das Verbrennen indischer Weiber zu verhten, wenn ihre
Mnner gestorben, und da die Leute eine frmliche Sucht hatten, unser
englisches Verbot zu bertreten und einander bei lebendigem Leibe zu
braten zu Ehren der Gattentreue, so muten wir stets auf den Beinen
sein, um dergleichen zu hintertreiben. Sie waren dann ebenso mrrisch
und mivergngt, wie wenn hierzulande die Polizei ein unerlaubtes
Vergngen strt. Einmal hatten sie in einem entfernten Dorfe die Sache
ganz schlau und heimlich soweit gebracht, da der Scheiterhaufen schon
lichterloh brannte, als ich atemlos herzugeritten kam und das Vlkchen
auseinanderjagte. Auf dem Feuer lag die Leiche eines uralten, gnzlich
vertrockneten Gockelhahns, welcher schon ein wenig brenzelte. Neben
ihm aber lag ein bildschnes Weibchen von kaum sechzehn Jahren,
welches mit lchelndem Munde und silberner Stimme seine Gebete sang.
Glcklicherweise hatte das Geschpfchen noch nicht Feuer gefangen und
ich fand gerade noch Zeit, vom Pferde zu springen und sie bei den
zierlichen Fchen zu packen und vom Holzsto zu ziehen. Sie gebrdete
sich aber wie besessen und wollte durchaus verbrannt sein mit ihrem
alten Stnker, so da ich die grte Mhe hatte, sie zu bndigen und
zu beschwichtigen. Freilich gewannen diese armen Witwen nicht viel
durch solche Rettung; denn sie fielen hernach unter den Ihrigen der
uersten Schande und Verlassenheit anheim, ohne da das Gouvernement
etwas dafr tat, ihnen das gerettete Leben auch leichtzumachen. Diese
Kleine gelang es mir indessen zu versorgen, indem ich ihr eine
Aussteuer verschaffte und an einen getauften Hindu verheiratete der
bei uns diente, dem sie auch getreulich anhing.

Allein diese wunderlichen Vorflle beschftigten meine Gedanken und
erweckten allmhlich in mir den Wunsch nach dem Genusse solcher
unbedingten Treue, und da ich fr diese Laune kein Weib zu meiner
Verfgung hatte, verfiel ich einer ganz weichlichen Sehnsucht, selber
so treu zu sein, und damit zugleich einer heien Sehnsucht nach Lydia.
Da ich nun Rang und gute Aussichten besa, schien es mir nicht
unmglich, bei einem klugen Benehmen die schne Person, falls sie noch
zu haben wre, dennoch erlangen zu knnen, und in dieser tollen Idee
bestrkte mich noch der Umstand, da sie sich doch so viel aufrichtige
und sorgenvolle Mhe gegeben, mir den Kopf zu verdrehen. Irgendeinen
Wert mut du doch, dachte ich, in ihren Augen gehabt haben, sonst
htte sie gewi nicht so viel darangesetzt. Also gedacht, getan;
nmlich ich geriet jetzt auf die fixe Idee, die Lydia, wenn sie mich
mchte, zu heiraten, wie sie eben wre, und ihr um ihrer schnen
Persnlichkeit willen, fr die es nichts hnliches gab, treu und
ergeben zu sein ohne Schranken noch Ziel, auch ihre Verkehrtheit und
schlimmen Eigenschaften als Tugenden zu betrachten und dieselben zu
ertragen, als ob sie das seste Zuckerbrot wren. Ja, ich
phantasierte mich wieder so hinein, da mir ihre Fehler, selbst ihre
teilweise Dummheit zum wnschbarsten aller irdischen Gter wurden, und
in tausend erfundenen Variationen wandte ich dieselben hin und her und
malte mir ein Leben aus, wo ein kluger und geschickter Mann die
Verkehrtheiten und Mngel einer liebenswrdigen Frau tglich und
stndlich in ebensoviel artige und erfreuliche Abenteuer zu verwandeln
und ihren Dummheiten mittels einer von Liebe und Treue getragenen
Einbildungskraft einen goldenen Wert zu verleihen wisse, so da sie
lachend auf dieselben sich noch etwas zugut tun knne. Gott wei, wo
ich diese geschftige Einbildungskraft hernahm, wahrscheinlich immer
noch aus dem unglcklichen Shakespeare, den mir die Hexe gegeben und
womit sie mich doppelt vergiftet hatte. Es nimmt mich nur wunder, ob
sie auch selbst je mit Andacht darin gelesen hat!

Kurz, als ich hinlnglich wieder berauscht war von meinen Trumen und
von meinem entlegenen Posten zugleich abgelst wurde, nahm ich Urlaub
und begab mich Hals ber Kopf zu dem Gouverneur. Er lebte noch in den
alten Verhltnissen und empfing mich ganz gut und auch die Tochter war
noch bei ihm und empfing mich freundlicher, als ich erwartet. Kaum
hatte ich sie wieder gesehen und einige Worte sprechen gehrt, so war
ich wieder ganz in sie vernarrt und in meiner fixen Idee vollends
bestrkt, und es schien mir unmglich, ohne die Verwirklichung
derselben je frohzuwerden.

Allein sie betrieb nun das Geschft in krankhafter berreizung ganz
offen und groartig und frnte ihrer unglcklichen Selbstsucht ohne
allen Rckhalt. Sie war jetzt umgeben von einer Schar ziemlich roher
und eitler Offiziere, die ihr auf ganz ordinre Weise den Hof machten
und sagten, was sie gern hren mochte, kam es auch heraus, wie es
wollte. Es war eine vollstndige Hetzjagd von Trivialitten und hohlem
Wesen, und die derbsten Zudringlichkeiten wurden am liebsten
angenommen, wenn sie nur aus gnzlicher Ergebenheit herzurhren
schienen und die Unglckliche in ihrem Glauben an sich selbst aufrecht
erhielten. Auerdem hatte sie zur Zeit einem armen Tambour mit einem
einzigen Blick den Kopf verdreht, der nun ganz aufgeblasen umherging
und sich ihr berall in den Weg stellte; und einen Schuster, der fr
sie arbeitete, hatte sie dermaen betrt, da er jedesmal, wenn er ihr
Schuhe brachte, auf dem Hausflur ein Brstchen mit einem Spiegelchen
hervorzog und sich sorgfltig den Kopf putzte, wie eine Katze, da er
zuverlssig erwartete, es wrde diesmal etwas vorgehen. Wenn man ihn
kommen sah, so begab sich die ganze Gesellschaft auf eine verdeckte
Galerie, um dem armen Teufel in seinem feierlichen Werke zuzusehen.
Das Sonderbarste war, da niemand an diesem Wesen ein rgernis nahm,
man also nichts Besseres von Lydia zu erwarten schien und ihre
Auffhrung ihrer wrdig hielt und also ich der einzige war, der so
groe Meinungen von ihr im Herzen trug, so da alle diese Hausnarren,
die ich verachtete, die sie aber nahmen, wie sie war, klger zu sein
schienen, als ich in meiner tiefsinnigen Leidenschaft. Aber nein! rief
ich, sie ist doch so, wie ich sie denke, und eben weil das alles
Strohkpfe sind, sind sie so frech gegen sie und wissen nicht, was an
ihr ist oder sein knnte! Und ich zitterte danach, ihr noch einmal den
Spiegel vorzuhalten, aus dem ihr besseres Bild zurckstrahlte und
alles Wertlose um sie her wegblendete. Allein der uere Anstand und
die Haltung, welche ich auch bei aller Anstrengung nicht aufgeben
konnte, machten es mir unmglich, mich unter diese Affenschwnze zu
mischen und nur den kleinsten Schritt gegen Lydia zu tun. Ich ward
abermals konfus, ungeduldig, nahm pltzlich meinen Abschied aus der
indischen Armee und machte mich davon, um heimzukehren und die
Unselige zu vergessen.

So gelangte ich nach Paris und hielt mich daselbst einige Wochen auf.
Da ich eine groe Menge schner und kluger Weiber sah, dachte ich, es
wre das beste Mittel, meine unglckliche Geschichte loszuwerden, in
recht viele hbsche Frauengesichter zu blicken, und ging daher von
Theater zu Theater, und an alle Orte, wo dergleichen beisammen waren;
lie mich auch in verschiedene gute Huser und Gesellschaften
einfhren. Ich sah in der Tat viele tchtige Gestalten von edlem
Schwung und Zuschnitt und in deren Augen nicht unebene Gedanken lagen;
aber alles was ich sah, fhrte mich nur auf Lydia zurck und diente zu
deren Gunsten. Sie war nicht zu vergessen und ich war und blieb aufs
neue elend verliebt in sie. Ich hatte das allerunheimlichste,
sonderbarste Gefhl, wenn ich an sie dachte. Es war mir zumute, als ob
notwendigerweise ein weibliches Wesen in der Welt sein mte, welches
genau das uere und die Manieren dieser Lydia, krz deren bessere
Hlfte bese, dazu aber auch die entsprechende andere Hlfte, und da
ich nur dann wrde zur Ruhe kommen, wenn ich diese ganze Lydia fnde;
oder es war mir, als ob ich verpflichtet wre, die rechte Seele zu
diesem schnen halben Gespenste zu suchen; mit einem Worte, ich wurde
abermals krank vor Sehnsucht nach ihr, und da es doch nicht anging,
zurckzukehren, suchte ich neue Sonnenglut, Gefahr und Ttigkeit und
nahm Dienste in der franzsisch-afrikanischen Armee. Ich begab mich
sogleich nach Algier und befand mich bald am uersten Saume der
afrikanischen Provinz, wo ich im Sonnenbrand und auf dem glhenden
Sande mich herumtummelte und mit den Kabylen herumschlug."

Da in diesem Augenblick das schlafende Estherchen, das immer einen
Unfug machen mute, trumte, es falle eine Treppe hinunter, und
demgem auf seinem Stuhle ein pltzliches Gerusch erregte, blickte
der erzhlende Pankrazius endlich auf und bemerkte, da seine
Zuhrerinnen schliefen. Zugleich entdeckte er erst jetzt, da er
denselben eigentlich nichts als eine Liebesgeschichte erzhlt, schmte
sich dessen und wnschte, da sie gar nichts davon gehrt haben
mchten. Er weckte die Frauen auf und hie sie ins Bett gehen, und er
selbst suchte ebenfalls das Lager auf, wo er mit einem langen, aber
gemtlichen Seufzer einschlief. Er lag wohl so lange im Bette, wie
einst, als er der faule und unntze Pankrzlein gewesen, so da ihn
die Mutter wie ehedem wecken mute. Als sie nun zusammen beim
Frhstck saen und Kaffee tranken, sagte er, mit seinem Bericht
fortfahrend: Wenn ihr nicht geschlafen httet, so wrdet ihr gehrt
haben, wie ich in Ostindien im Begriffe war, aus einem Murrkopf ein
uerst zutunlicher und wohlwollender Mensch zu werden um eines
schnen Frauenzimmers willen, wie aber eben meine Schmollerei mir
einen argen Streich gespielt hat, da sie mich verhinderte, besagtes
Frauenzimmer nher zu kennen und mich blindlings in selbe verlieben
lie; wie ich dann betrogen wurde und als ein neugesthlter Schmoller
aus Indien nach Afrika ging zu den Franzosen, um dort den
Burnustrgern die lcherlichen turmartigen Strohhte herunterzuschlagen
und ihnen die Kpfe zu zerbluen, was ich mit so grimmigem Eifer tat,
da ich auch bei den Franzosen avancierte und Oberst ward, was ich
geblieben bin bis jetzt. Ich war wieder so einsilbig und trbselig als
je und kannte nur zwei Arten, mich zu vergngen: die Erfllung meiner
Pflicht als Soldat und die Lwenjagd. Letztere betrieb ich ganz
allein, indem ich mit nichts als mit einer guten Bchse bewaffnet zu
Fu ausging und das Tier aufsuchte, worauf es dann darauf ankam,
dasselbe sicher zu treffen, oder zugrunde zu gehen. Die stete
Wiederholung dieser einen groen Gefahr und das mgliche Eintreffen
eines endlichen Fehlschusses sagte meinem Wesen zu und nie war ich
behaglicher, als wenn ich so seelenallein auf den heien Hhen
herumstreifte und einem starken wilden Burschen auf der Spur war, der
mich gar wohl bemerkte und ein hnliches schmollendes Spiel trieb mit
mir, wie ich mit ihm. So war vor jetzt ungefhr vier Monaten ein
ungewhnlich groer Lwe in der Gegend erschienen, dieser, dessen Fell
hier liegt, und lichtete den Beduinen ihre Herden, ohne da man ihm
beikommen konnte; denn er schien ein durchtriebener Geselle zu sein
und machte tglich groe Mrsche kreuz und quer, so da ich bei meiner
Weise zu Fu zu jagen lange Zeit brauchte, bis ich ihn nur von ferne
zu Gesicht bekam. Als ich ihn zwei- oder dreimal gesehen, ohne zum
Schu zu kommen, kannte er mich schon und merkte, da ich gegen ihn
etwas im Schilde fhre. Er fing gewaltig an zu brllen und verzog
sich, um mir an einer andern Stelle wieder zu begegnen, und wir gingen
so umeinander herum whrend mehreren Tagen wie zwei Kater, die sich
zausen wollen, ich lautlos, wie das Grab, und er mit einem
zeitweiligen wilden Geknurre.

Eines Tages war ich vor Sonnenaufgang aufgebrochen und nach einer noch
nie eingeschlagenen Richtung hingegangen, weil der Lwe tags vorher
sich auf der entgegengesetzten Seite herumgetrieben und einen
vergeblichen Raubversuch gemacht; da die dortigen Leute mit ihren
Tieren abgezogen waren, so vermutete ich, der hungrige Herr werde
vergangene Nacht wohl diesen Weg eingeschlagen haben, wie es sich denn
auch erwies. Als die Sonne aufging, schlenderte ich gemchlich ber
ein hgeliges gold-gelbes Gefilde, dessen Unebenheiten lange
himmelblaue Schatten ber den goldenen Boden hinstreckten. Der Himmel
war so dunkelblau wie Lydias Augen, woran ich unversehens dadurch
erinnert wurde; in weiter Ferne zogen sich blaue Berge hin, an welchen
das arabische Stdtchen lag, das ich bewohnte, und am andern Rande der
Aussicht einige Wlder und grne Fluren, auf denen man den Rauch und
selbst die Zelte der Beduinen wie schwarze Punkte sehen konnte. Es war
totenstill berall und kein lebendes Wesen zu ersphen. Da stie ich
an den Rand einer Schlucht, welche sich durch die ganze steinige
Gegend hinzog und nicht zu sehen war, bis man dicht an ihr stand. Es
flo ein khler, frischer Bach auf ihrem Grunde, und wo ich eben
stand, war die Vertiefung ganz mit glhendem Oleandergebsch
angefllt. Nichts war schner zu sehen, als das frische Grn dieser
Strucher und ihre tausendfltigen rosenroten Blten und zu unterst
das flieende klare Wsserlein. Der Anblick lie eine verjhrte
Sehnsucht in mir aufsteigen und ich verga, warum ich hier
herumstrich. Ich wnschte, in den Oleander hinabzugehen und aus dem
Bach zu trinken, und in diesen zerstreuten Gedanken legte ich mein
Gewehr auf den Boden und kletterte eiligst in die Schlucht hinunter,
wo ich mich zur Erde warf, aus dem Bache trank, mein Gesicht benetzte
und dabei an die schne Lydia dachte. Ich grbelte, wo sie wohl sein
mchte, wo sie jetzt herumwandle und wie es ihr berhaupt gehen
mchte? Da hrte ich ganz nah den Lwen ein kurzes Gebrll ausstoen,
da der Boden zitterte. Wie besessen sprang ich auf und schwang mich
den Abhang hinauf, blieb aber wie angenagelt oben stehen, als ich sah,
da das groe Tier, kaum zehn Schritte von mir, eben bei meinem Gewehr
angekommen war. Und wie ich dastand, so blieb ich auch stehen, die
Augen auf die Bestie geheftet. Denn als er mich erblickte, kauerte er
zum Sprunge nieder, gerade ber meiner Doppelbchse, da sie quer
unter seinem Bauche lag, und wenn ich mich nur gerhrt htte, so wrde
er gesprungen sein und mich unfehlbar zerrissen haben. Aber ich stand
und stand so einige lange Stunden, ohne ein Auge von ihm zu verwenden
und ohne da er eines von mir verwandte. Er legte sich gemchlich
nieder und betrachtete mich. Die Sonne stieg hher; aber whrend die
furchtbarste Hitze mich zu qulen anfing, verging die Zeit so langsam,
wie die Ewigkeit der Hlle. Wei Gott was mir alles durch den Kopf
ging: ich verwnschte die Lydia, deren bloes Andenken mich abermals
in dieses Unheil gebracht, da ich darber meine Waffe vergessen hatte.
Hundertmal war ich versucht, allem ein Ende zu machen und auf das
wilde Tier loszuspringen mit bloen Hnden; allein die Liebe zum Leben
behielt die Oberhand und ich stand und stand wie das versteinerte Weib
des Loth oder wie der Zeiger einer Sonnenuhr; denn mein Schatten ging
mit den Stunden um mich herum, wurde ganz kurz und begann schon wieder
sich zu verlngern. Das war die bitterste Schmollerei, die ich je
verrichtet, und ich nahm mir vor und gelobte, wenn ich dieser Gefahr
entrnne, so wolle ich umgnglich und freundlich werden, nach Hause
gehen und mir und andern das Leben so angenehm als mglich machen. Der
Schwei lief an mir herunter, ich zitterte vor krampfhafter
Anstrengung, um mich auf selbem Fleck unbeweglich aufrechtzuhalten,
leise an allen Gliedern, und wenn ich nur die vertrockneten Lippen
bewegte, so richtete sich der Lwe halb auf, wackelte mit seinem
Hintergestell, funkelte mit den Augen und brllte, so da ich den Mund
schnell wieder schlo und die Zhne aufeinander bi. Indem ich aber so
eine lange Minute um die andere abwickeln und erleben mute,
verschwand der Zorn und die Bitterkeit in mir, selbst gegen den Lwen,
und je schwcher ich wurde, desto geschickter ward ich in einer mich
angenehm dnkenden, lieblichen Geduld, da ich alle Pein aushielt und
tapfer ertrug. Es wrde aber, als endlich der Tag schon vorgerckt
war, doch nicht mehr lange gegangen sein, als eine unverhoffte Rettung
sich auftat. Das Tier und ich waren so ineinander vernarrt, da keiner
von uns zwei Soldaten bemerkte, welche im Rcken des Lwen
hermarschiert kamen, bis sie auf hchstens dreiig Schritte nahe
waren. Es war eine Patrouille, die ausgesandt war, mich zu suchen, da
sich Geschfte eingestellt hatten. Sie trugen ihre Ordonnanzgewehre
auf der Schulter und ich sah gleichzeitig dieselben vor mir aufblitzen
gleich einer himmlischen Gnadensonne, als auch mein Widersacher ihre
Schritte hrte in der Stille der Landschaft; denn sie hatten schon von
weitem etwas bemerkt und waren so leise als mglich gegangen.
Pltzlich schrien sie jetzt: Schau die Bestie! Hilf dem Oberst!' Der
Lwe wandte sich um, sprang empor, sperrte wtend den Rachen auf,
erbost wie ein Satan, und war einen Augenblick lang unschlssig, auf
wen er sich zuerst strzen solle. Als aber die zwei Soldaten als brave
lustige Franzosen, ohne sich zu besinnen, auf ihn zusprangen, tat er
einen Satz gegen sie. Im gleichen Augenblick lag auch der eine unter
seinen Tatzen und es wre ihm schlecht ergangen, wenn nicht der andere
im gleichen Augenblicke dem Tier, zugleich den Schu abfeuernd, das
Bajonett ein halbes Dutzendmal in die Flanke gestoen htte. Aber auch
diesem wrde es schlielich schlimm ergangen sein, wenn ich nicht
endlich auf meine Bchse zugesprungen, auf den Kampfplatz getaumelt
wre und dem Lwen, ohne weitere Vorsicht, beide Kugeln in das Ohr
geschossen htte. Er streckte sich aus und sprang wieder auf, es war
noch der Schu aus der andern Muskete ntig, ihn abermals
hinzustrecken, und endlich zerschlugen wir alle drei unsere Kolben an
dem Tiere, so zh und wild war sein Leben. Es hatte merkwrdigerweise
keiner Schaden genommen, selbst der nicht, der unter dem Lwen
gelegen, ausgenommen seinen zerrissenen Rock und einige tchtige
Schrammen auf der Schulter. So war die Sache fr diesmal glcklich
abgelaufen und wir hatten obenein den lange gesuchten Lwen erlegt.
Ein wenig Wein und Brot stellte meinen guten Mut vollends wieder her,
und ich lachte wie ein Narr mit den guten Soldaten, welche ber die
Freundlichkeit und Gesprchigkeit ihres bsen Obersten sehr verwundert
und erbaut waren.

Noch in selber Woche aber fhrte ich mein Gelbde aus, kam um meine
Entlassung ein, und so bin ich nun hier." So lautete die Geschichte
von Pankrazens Leben und Bekehrung, und seine Leutchen waren hchlich
verwundert ber seine Meinungen und Taten. Er verlie mit ihnen das
Stdtchen Seldwyla und zog in den Hauptort des Kantons, wo er
Gelegenheit fand, mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen ein dem Lande
ntzlicher Mann zu sein und zu bleiben, und er ward sowohl dieser
Tchtigkeit, als seiner unverwstlichen ruhigen Freundlichkeit wegen
geachtet und beliebt; denn nie mehr zeigte sich ein Rckfall in das
frhere Wesen.

Nur rgerten sich Estherchen und die Mutter, da ihnen die Geschichte
mit der Lydia entgangen war, und wnschten unaufhrlich deren
Wiederholung. Allein Pankraz sagte, htten sie damals nicht
geschlafen, so htten sie dieselbe erfahren; er habe sie einmal
erzhlt und werde es nie wieder tun, es sei das erste und letzte Mal,
da er berhaupt gegen jemanden von diesem Liebeshandel gesprochen,
und damit Punktum. Die Moral von der Geschichte sei einfach, da er in
der Fremde durch ein Weib und ein wildes Tier von der Unart des
Schmollens entwhnt worden sei.

Nun wollten sie wenigstens den Namen jener Dame wissen, welcher ihnen
wegen seiner Fremdartigkeit wieder entfallen war, und fragten
unaufhrlich: Wie hie sie denn nur?" Aber Pankraz erwiderte ebenso
unaufhrlich: Httet ihr aufgemerkt! Ich nenne diesen Namen nicht
mehr!" Und er hielt Wort; niemand hrte ihn jemals wieder das Wort
aussprechen und er schien es endlich selbst vergessen zu haben.

*       *       *       *       *




ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE

Diese Geschichte zu erzhlen, wrde eine mige Nachahmung sein, wenn
sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief
im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die groen
alten Werke gebaut sind. Die Zahl solcher Fabeln ist mig; aber stets
treten sie in neuem Gewande wieder in die Erscheinung und zwingen
alsdann die Hand, sie festzuhalten.

An dem schnen Flusse, der eine halbe Stunde entfernt an Seldwyl
vorberzieht, erhebt sich eine weitgedehnte Erdwelle und verliert
sich, selber wohlbebaut, in der fruchtbaren Ebene. Fern an ihrem Fue
liegt ein Dorf, welches manche groe Bauernhfe enthlt, und ber die
sanfte Anhhe lagen vor Jahren drei prchtige lange cker
weithingestreckt, gleich drei riesigen Bndern nebeneinander. An einem
sonnigen Septembermorgen pflgten zwei Bauern auf zweien dieser cker,
und zwar auf jedem der beiden uersten; der mittlere schien seit
langen Jahren brach und wst zu liegen, denn er war mit Steinen und
hohem Unkraut bedeckt und eine Welt von geflgelten Tierchen summte
ungestrt ber ihm. Die Bauern aber, welche zu beiden Seiten hinter
ihrem Pfluge gingen, waren lange, knochige Mnner von ungefhr vierzig
Jahren und verkndeten auf den ersten Blick den sichern, gutbesorgten
Bauersmann. Sie trugen kurze Kniehosen von starkem Zwillich, an dem
jede Falte ihre unvernderliche Lage hatte und wie in Stein gemeielt
aussah. Wenn sie, auf ein Hindernis stoend, den Pflug fester faten,
so zitterten die groben Hemdrmel von der leichten Erschtterung,
indessen die wohlrasierten Gesichter ruhig und aufmerksam, aber ein
wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor sich hinschauten, die Furche
bemaen, oben auch zuweilen sich umsahen, wenn ein fernes Gerusch die
Stille des Landes unterbrach. Langsam und mit einer gewissen
natrlichen Zierlichkeit setzten sie einen Fu um den andern vorwrts
und keiner sprach ein Wort, auer wenn er etwa dem Knechte, der die
stattlichen Pferde antrieb, eine Anweisung gab. So glichen sie
einander vollkommen in einiger Entfernung; denn sie stellten die
ursprngliche Art dieser Gegend dar, und man htte sie auf den ersten
Blick nur daran unterscheiden knnen, da der eine den Zipfel seiner
weien Kappe nach vorn trug, der andere aber hinten im Nacken hngen
hatte. Aber das wechselte zwischen ihnen ab, indem sie in der
entgegengesetzten Richtung pflgten; denn wenn sie oben auf der Hhe
zusammentrafen und aneinander vorberkamen, so schlug dem, welcher
gegen den frischen Ostwind ging, die Zipfelkappe nach hinten ber,
whrend sie bei dem andern, der den Wind im Rcken hatte, sich nach
vorne strubte. Es gab auch jedesmal einen mittleren Augenblick, wo
die schimmernden Mtzen aufrecht in der Luft schwankten und wie zwei
weie Flammen gen Himmel zngelten. So pflgten sie beide ruhevoll und
es war schn anzusehen in der stillen goldenen Septembergegend, wenn
sie so auf der Hhe aneinander vorbeizogen, still und langsam und sich
mhlich voneinander entfernten, immer weiter auseinander, bis beide
wie zwei untergehende Gestirne hinter die Wlbung des Hgels
hinabgingen und verschwanden, um eine gute Weile darauf wieder zu
erscheinen. Wenn sie einen Stein in ihren Furchen fanden, so warfen
sie denselben auf den wsten Acker in der Mitte mit lssig krftigem
Schwunge, was aber nur selten geschah, da derselbe schon fast mit
allen Steinen belastet war, welche berhaupt auf den Nachbarckern zu
finden gewesen. So war der lange Morgen zum Teil vergangen, als von
dem Dorfe her ein kleines artiges Fuhrwerklein sich nherte, welches
kaum zu sehen war, als es begann, die gelinde Hhe heranzukommen. Das
war ein grnbemaltes Kinderwgelchen, in welchem die Kinder der beiden
Pflger, ein Knabe und ein kleines Ding von Mdchen, gemeinschaftlich
den Vormittagsimbi heranfuhren. Fr jeden Teil lag ein schnes Brot,
in eine Serviette gewickelt, eine Kanne Wein mit Glsern und noch
irgendein Zuttchen in dem Wagen, welches die zrtliche Buerin fr
den fleiigen Meister mitgesandt, und auerdem waren da noch verpackt
allerlei seltsam gestaltete angebissene pfel und Birnen, welche die
Kinder am Wege aufgelesen, und eine vllig nackte Puppe mit nur einem
Bein und einem verschmierten Gesicht, welches wie ein Frulein
zwischen den Broten sa und sich behaglich fahren lie. Dies Fuhrwerk
hielt nach manchem Ansto und Aufenthalt endlich auf der Hhe im
Schatten eines jungen Lindengebsches, welches da am Rande des Feldes
stand, und nun konnte man die beiden Fuhrleute nher betrachten. Es
war ein Junge von sieben Jahren und ein Dirnchen von fnfen, beide
gesund und munter, und weiter war nichts Aufflliges an ihnen, als da
beide sehr hbsche Augen hatten und das Mdchen dazu noch eine
brunliche Gesichtsfarbe und ganz krause, dunkle Haare, welche ihm ein
feuriges und treuherziges Ansehen gaben. Die Pflger waren jetzt auch
wieder oben angekommen, steckten den Pferden etwas Klee vor und lieen
die Pflge in der halbvollendeten Furche stehen, whrend sie als gute
Nachbarn sich zu dem gemeinschaftlichen Imbi begaben und sich da
zuerst begrten; denn bislang hatten sie sich noch nicht gesprochen
an diesem Tage.

Wie nun die Mnner mit Behagen ihr Frhstck einnahmen, und mit
zufriedenem Wohlwollen den Kindern mitteilten, die nicht von der
Stelle wichen, solange gegessen und getrunken wurde, lieen sie ihre
Blicke in der Nhe und Ferne herumschweifen und sahen das Stdtchen
rucherig glnzend in seinen Bergen liegen; denn das reichliche
Mittagsmahl, welches die Seldwyler alle Tage bereiteten, pflegte ein
weithin scheinendes Silbergewlk ber ihre Dcher emporzutragen,
welches lachend an ihren Bergen hinschwebte.

Die Lumpenhunde zu Seldwyl kochen wieder gut!" sagte Manz, der eine
der Bauern, und Marti, der andere, erwiderte: Gestern war einer bei
mir wegen des Ackers hier." Aus dem Bezirksrat? bei mir ist er auch
gewesen!" sagte Manz. So? und meinte wahrscheinlich auch, du solltest
das Land benutzen und den Herren die Pacht zahlen?" Ja, bis es sich
entschieden habe, wem der Acker gehre und was mit ihm anzufangen sei.
Ich habe mich aber bedankt, das verwilderte Wesen fr einen anderen
herzustellen, und sagte, sie sollten den Acker nur verkaufen und den
Ertrag aufheben, bis sich ein Eigentmer gefunden, was wohl nie
geschehen wird; denn was einmal auf der Kanzlei zu Seldwyl liegt, hat
da gute Weile, und berdem ist die Sache schwer zu entscheiden. Die
Lumpen mchten indessen gar zu gern etwas zu naschen bekommen
durch den Pachtzins, was sie freilich mit der Verkaufssumme auch tun
knnten; allein wir wrden uns hten, dieselbe zu hoch hinaufzutreiben,
und wir wten dann doch, was wir htten und wem das Land gehrt!"

Ganz so meine ich auch und habe dem Steckleinspringer eine hnliche
Antwort gegeben!"

Sie schwiegen eine Weile, dann fing Manz wiederum an: Schade ist es
aber doch, da der gute Boden so daliegen mu, es ist nicht zum
Ansehen, das geht nun schon in die zwanzig Jahre so, und keine Seele
fragt danach; denn hier im Dorf ist niemand, der irgendeinen Anspruch
auf den Acker hat, und niemand wei auch, wo die Kinder des
verdorbenen Trompeters hingekommen sind!"

Hm!" sagte Marti, das wre so eine Sache! Wenn ich den schwarzen
Geiger ansehe, der sich bald bei den Heimatlosen aufhlt, bald in den
Drfern zum Tanz aufspielt, so mchte ich darauf schwren, da er ein
Enkel des Trompeters ist, der freilich nicht wei, da er noch einen
Acker hat. Was tte er aber damit? Einen Monat lang sich besaufen und
dann nach wie vor! Zudem, wer drfte da einen Wink geben, da man es
doch nicht sicher wissen kann!"

Da knnte man eine schne Geschichte anrichten!" antwortete Manz,
wir haben so genug zu tun, diesem Geiger das Heimatsrecht in unserer
Gemeinde abzustreiten, da man uns den Fetzel fortwhrend aufhalsen
will. Haben sich seine Eltern einmal unter die Heimatlosen begeben, so
mag er auch dableiben und dem Kesselvolk das Geigelein streichen. Wie
in aller Welt knnen wir wissen, da er des Trompeters Sohnessohn ist?
Was mich betrifft, wenn ich den Alten auch in dem dunklen Gesicht
vollkommen zu erkennen glaube, so sage ich: Irren ist menschlich, und
das geringste Fetzchen Papier, ein Stcklein von einem Taufschein
wrde meinem Gewissen besser tun als zehn sndhafte
Menschengesichter!"

Eia, sicherlich!" sagte Marti, er sagt zwar, er sei nicht schuld, da man
ihn nicht getauft habe! Aber sollen wir unseren Taufstein tragbar machen
und in den Wldern herumtragen? Nein, er steht fest in der Kirche, und
dafr ist die Totenbahre tragbar, die drauen an der Mauer hngt. Wir
sind schon bervlkert im Dorf und brauchen bald zwei Schulmeister!"

Hiermit war die Mahlzeit und das Zwiegesprch der Bauern geendet, und
sie erhoben sich, den Rest ihrer heutigen Vormittagsarbeit zu
vollbringen. Die beiden Kinder hingegen, welche schon den Plan
entworfen hatten, mit den Vtern nach Hause zu ziehen, zogen ihr
Fuhrwerk unter den Schutz der jungen Linden und begaben sich dann auf
einen Streifzug in dem wilden Acker, da derselbe mit seinen
Unkrutern, Stauden und Steinhaufen eine ungewohnte und merkwrdige
Wildnis darstellte. Nachdem sie in der Mitte dieser grnen Wildnis
einige Zeit hingewandert, Hand in Hand, und sich daran belustigt, die
verschlungenen Hnde ber die hohen Distelstauden zu schwingen, lieen
sie sich endlich im Schatten einer solchen nieder, und das Mdchen
begann, seine Puppe mit den langen Blttern des Wegekrautes zu
bekleiden, so da sie einen schnen grnen und ausgezackten Rock
bekam; eine einsame rote Mohnblume, die da noch blhte, wurde ihr als
Haube ber den Kopf gezogen und mit einem Grase festgebunden, und nun
sah die kleine Person aus wie eine Zauberfrau, besonders nachdem sie
noch ein Halsband und einen Grtel von kleinen roten Beerchen
erhalten. Dann wurde sie hoch in die Stengel der Distel gesetzt und
eine Weile mit vereinten Blicken angeschaut, bis der Knabe sie
genugsam besehen und mit einem Steine herunterwarf. Dadurch geriet
aber ihr Putz in Unordnung, und das Mdchen entkleidete sie
schleunigst, um sie aufs neue zu schmcken; doch als die Puppe eben
wieder nackt und blo war und nur noch der roten Haube sich erfreute,
entri der wilde Junge seiner Gefhrtin das Spielzeug und warf es hoch
in die Luft. Das Mdchen sprang klagend danach, allein der Knabe fing
die Puppe zuerst wieder auf, warf sie aufs neue empor, und indem das
Mdchen sie vergeblich zu haschen bemhte, neckte er es auf diese
Weise eine gute Zeit. Unter seinen Hnden aber nahm die fliegende
Puppe Schaden, und zwar am Knie ihres einzigen Beines, allwo ein
kleines Loch einige Kleiekrner durchsickern lie. Kaum bemerkte der
Peiniger dies Loch, so verhielt er sich muschenstill und war mit
offenem Munde eifrig beflissen, das Loch mit seinen Ngeln zu
vergrern und dem Ursprung der Kleie nachzuspren. Seine Stille
erschien dem armen Mdchen hchst verdchtig, und es drngte sich
herzu und mute mit Schrecken sein bses Beginnen gewahren. Sieh
mal!" rief er und schlenkerte ihr das Bein vor der Nase herum, da ihr
die Kleie ins Gesicht flog, und wie sie danach langen wollte und
schrie und flehte, sprang er wieder fort und ruhte nicht eher, bis das
ganze Bein drr und leer herabhing als eine traurige Hlse. Dann warf
er das mihandelte Spielzeug hin und stellte sich hchst frech und
gleichgltig, als die Kleine sich weinend auf die Puppe warf und
dieselbe in ihre Schrze hllte. Sie nahm sie aber wieder hervor und
betrachtete wehselig die rmste, und als sie das Bein sah, fing sie
abermals an laut zu weinen, denn dasselbe hing an dem Rumpfe nicht
anders, denn das Schwnzchen an einem Molche. Als sie gar so unbndig
weinte, ward es dem Missetter endlich etwas bel zumut, und er stand
in Angst und Reue vor der Klagenden, und als sie dies merkte, hrte
sie pltzlich auf und schlug ihn einigemal mit der Puppe, und er tat,
als ob es ihm weh tte, und schrie au! so natrlich, da sie zufrieden
war und nun mit ihm gemeinschaftlich die Zerstrung und Zerlegung
fortsetzte. Sie bohrten Loch auf Loch in den Marterleib und lieen
aller Enden die Kleie entstrmen, welche sie sorgfltig auf einem
flachen Steine zu einem Hufchen sammelten, umrhrten und aufmerksam
betrachteten. Das einzige Feste, was noch an der Puppe bestand, war
der Kopf und mute jetzt vorzglich die Aufmerksamkeit der Kinder
erregen; sie trennten ihn sorgfltig los von dem ausgequetschten
Leichnam und guckten erstaunt in sein hohles Innere. Als sie die
bedenkliche Hhlung sahen und auch die Kleie sahen, war es der nchste
und natrlichste Gedankensprung, den Kopf mit der Kleie auszufllen,
und so waren die Fingerchen der Kinder nun beschftigt, um die Wette
Kleie in den Kopf zu tun, so da zum erstenmal in seinem Leben etwas
in ihm steckte. Der Knabe mochte es aber immer noch fr ein totes
Wissen halten, weil er pltzlich eine groe blaue Fliege fing und, die
Summende zwischen beiden hohlen Hnden haltend, dem Mdchen gebot, den
Kopf von der Kleie zu entleeren. Hierauf wurde die Fliege
hineingesperrt und das Loch mit Gras verstopft. Die Kinder hielten den
Kopf an die Ohren und setzten ihn dann feierlich auf einen Stein; da
er noch mit der roten Mohnblume bedeckt war, so glich der Tnende
jetzt einem weissagenden Haupte, und die Kinder lauschten in tiefer
Stille seinen Kunden und Mrchen, indessen sie sich umschlungen
hielten. Aber jeder Prophet erweckt Schrecken und Undank; das wenige
Leben in dem drftig geformten Bilde erregte die menschliche
Grausamkeit in den Kindern, und es wurde beschlossen, das Haupt zu
begraben. So machten sie ein Grab und legten den Kopf, ohne die
gefangene Fliege um ihre Meinung zu befragen, hinein und errichteten
ber dem Grabe ein ansehnliches Denkmal von Feldsteinen. Dann
empfanden sie einiges Grauen, da sie etwas Geformtes und Belebtes
begraben hatten und entfernten sich ein gutes Stck von der
unheimlichen Sttte. Auf einem ganz mit grnen Krutern bedeckten
Pltzchen legte sich das Dirnchen auf den Rcken, da es mde war, und
begann in eintniger Weise einige Worte zu singen, immer die
nmlichen, und der Junge kauerte daneben und half, indem er nicht
wute, ob er auch vollends umfallen solle, so lssig und mig war er.
Die Sonne schien dem singenden Mdchen in den geffneten Mund,
beleuchtete dessen blendend weie Zhnchen und durchschimmerte die
runden Purpurlippen. Der Knabe sah die Zhne, und dem Mdchen den Kopf
haltend und dessen Zhnchen neugierig untersuchend, rief er: Rate,
wieviel Zhne hat man?" Das Mdchen besann sich einen Augenblick, als
ob es reiflich nachzhlte, und sagte dann aufs Geratewohl: Hundert!"
Nein, zweiunddreiig!" rief er, wart', ich will einmal zhlen!" Da
zhlte er die Zhne des Kindes, und weil er nicht zweiunddreiig
herausbrachte, so fing er immer wieder von neuem an. Das Mdchen hielt
lange still, als aber der eifrige Zhler nicht zu Ende kam, raffte es
sich auf und rief: Nun will ich deine zhlen!" Nun legte sich der
Bursche hin ins Kraut, das Mdchen ber ihn, umschlang seinen Kopf, er
sperrte das Maul auf, und es zhlte: Eins, zwei, sieben, fnf, zwei,
eins;" denn die kleine Schne konnte noch nicht zhlen. Der Junge
verbesserte sie und gab ihr Anweisung, wie sie zhlen solle, und so
fing auch sie unzhligemal von neuem an, und das Spiel schien ihnen am
besten zu gefallen von allem, was sie heut unternommen. Endlich aber
sank das Mdchen ganz auf den kleinen Rechenmeister nieder, und die
Kinder schliefen ein in der hellen Mittagssonne.

Inzwischen hatten die Vter ihre cker fertig gepflgt und in
frischduftende braune Flche umgewandelt. Als nun, mit der letzten
Furche zu Ende gekommen, der Knecht des einen halten wollte, rief sein
Meister: Was hltst du? Kehr' noch einmal um!" Wir sind ja fertig!"
sagte der Knecht. Halt's Maul, und tu, wie ich dir sage!" der
Meister. Und sie kehrten um und rissen eine tchtige Furche in den
mittleren herrenlosen Acker hinein, da Kraut und Steine flogen. Der
Bauer hielt sich aber nicht mit der Beseitigung derselben auf, er
mochte denken, hierzu sei noch Zeit genug vorhanden, und er begngte
sich, fr heute die Sache nur aus dem Grbsten zu tun. So ging es
rasch die Hhe empor in sanftem Bogen, und als man oben angelangt und
das liebliche Windeswehen eben wieder den Kappenzipfel des Mannes
zurckwarf, pflgte auf der anderen Seite der Nachbar vorber, mit dem
Zipfel nach vorn, und schnitt ebenfalls eine ansehnliche Furche vom
mittleren Acker, da die Schollen nur so zur Seite flogen. Jeder sah
wohl, was der andere tat, aber keiner schien es zu sehen, und sie
entschwanden sich wieder, indem jedes Sternbild still am andern
vorberging und hinter diese runde Welt hinabtauchte. So gehen die
Weberschiffchen des Geschickes aneinander vorbei, und was er webt,
das wei kein Weber!"

Es kam eine Ernte um die andere, und jede sah die Kinder grer und
schner und den herrenlosen Acker schmler zwischen seinen
breitgewordenen Nachbarn. Mit jedem Pflgen verlor er hben und drben
eine Furche, ohne da ein Wort darber gesprochen worden wre und ohne
da ein Menschenauge den Frevel zu sehen schien. Die Steine wurden
immer mehr zusammengedrngt und bildeten schon einen ordentlichen Grat
auf der ganzen Lnge des Ackers, und das wilde Gestruch darauf war
schon so hoch, da die Kinder, obgleich sie gewachsen waren, sich
nicht mehr sehen konnten, wenn eines dies- und das andere jenseits
ging. Denn sie gingen nun nicht mehr gemeinschaftlich auf das Feld, da
der zehnjhrige Salomon oder Sali, wie er genannt wurde, sich schon
wacker auf Seite der greren Burschen und der Mnner hielt; und das
braune Vrenchen, obgleich es ein feuriges Dirnchen war, mute bereits
unter der Obhut seines Geschlechts gehen, sonst wre es von den andern
als ein Bubenmdchen ausgelacht worden. Dennoch nahmen sie whrend
jeder Ernte, wenn alles auf den ckern war, einmal Gelegenheit, den
wilden Steinkamm, der sie trennte, zu besteigen und sich gegenseitig
von demselben herunterzustoen.

Wenn sie auch sonst keinen Verkehr mehr miteinander hatten, so schien
diese jhrliche Zeremonie um so sorglicher gewahrt zu werden, als
sonst nirgends die Felder ihrer Vter zusammenstieen.

Indessen sollte der Acker doch endlich verkauft und der Erls
einstweilen amtlich aufgehoben werden. Die Versteigerung fand an Ort
und Stelle statt, wo sich aber nur einige Gaffer einfanden auer den
Bauern Manz und Marti, da niemand Lust hatte, das seltsame Stckchen
zu erstehen und zwischen den zwei Nachbarn zu bebauen. Denn obgleich
diese zu den besten Bauern des Dorfes gehrten und nichts weiter getan
hatten, als was zwei Drittel der brigen unter diesen Umstnden auch
getan haben wrden, so sah man sie doch jetzt stillschweigend darum
an, und niemand wollte zwischen ihnen eingeklemmt sein mit dem
geschmlerten Waisenfelde. Die meisten Menschen sind fhig oder
bereit, ein in den Lften umgehendes Unrecht zu verben, wenn sie mit
der Nase daraufstoen; sowie es aber von einem begangen ist, sind die
brigen froh, da sie es doch nicht gewesen sind, da die Versuchung
nicht sie betroffen hat, und sie machen nun den Auserwhlten zu dem
Schlechtigkeitsmesser ihrer Eigenschaften und behandeln ihn mit zarter
Scheu als einen Ableiter des bels, der von den Gttern gezeichnet
ist, whrend ihnen zugleich noch der Mund wssert nach den Vorteilen,
die er dabei genossen. Manz und Marti waren also die einzigen, welche
ernstlich auf den Acker boten; nach einem ziemlich hartnckigen
berbieten erstand ihn Manz, und er wurde ihm zugeschlagen. Die
Beamten und die Gaffer verloren sich vom Felde; die beiden Bauern,
welche sich auf ihren ckern noch zu schaffen gemacht, trafen beim
Weggehen wieder zusammen, und Marti sagte: Du wirst nun dein Land,
das alte und das neue, wohl zusammenschlagen und in zwei gleiche
Stcke teilen? Ich htte es wenigstens so gemacht, wenn ich das Ding
bekommen htte." Ich werde es allerdings auch tun," antwortete Manz,
denn als ein Acker wrde mir das Stck zu gro sein. Doch was ich
sagen wollte: Ich habe bemerkt, da du neulich noch am unteren Ende
dieses Ackers, der jetzt mir gehrt, schrg hineingefahren bist und
ein gutes Dreieck abgeschnitten hast. Du hast es vielleicht getan in
der Meinung, du werdest das ganze Stck an dich bringen, und es sei
dann sowieso dein. Da es nun aber mir gehrt, so, wirst du wohl
einsehen, da ich eine solche ungehrige Einkrmmung nicht brauchen
noch dulden kann, und wirst nichts dagegen haben, wenn ich den Strich
wieder grad mache! Streit wird das nicht abgeben sollen!"

Marti erwiderte ebenso kaltbltig, als ihn Manz angeredet hatte: Ich
sehe auch nicht, wo der Streit herkommen soll! Ich denke, du hast den
Acker gekauft, wie er da ist, wir haben ihn alle gemeinschaftlich
besehen, und er hat sich seit einer Stunde nicht um ein Haar
verndert!"

Larifari!" sagte Manz, was frher geschehen, wollen wir nicht
aufrhren! Was aber zu viel ist, ist zu viel, und alles mu zuletzt
eine ordentliche grade Art haben; diese drei cker sind von jeher so
gerade nebeneinander gelegen, wie nach dem Richtscheit gezeichnet; es
ist ein ganz absonderlicher Spa von dir, wenn du nun einen solchen
lcherlichen und unvernnftigen Schnrkel dazwischen bringen willst,
und wir beide wrden einen bernamen bekommen, wenn wir den krummen
Zipfel da bestehen lieen. Er mu durchaus weg!"

Marti lachte und sagte: Du hast ja auf einmal eine merkwrdige Furcht
vor dem Gesptte der Leute! Das lt sich aber ja wohl machen; mich
geniert das Krumme gar nicht; rgert es dich, gut, machen wir es grad,
aber nicht auf meiner Seite, das geb' ich dir schriftlich, wenn du
willst!"

Rede doch nicht so spahaft," sagte Manz, es wird wohl grad gemacht,
und zwar auf deiner Seite, darauf kannte du Gift nehmen!"

Das werden wir ja sehen und erleben!" sagte Marti, und beide Mnner
gingen auseinander, ohne sich weiter anzublicken; vielmehr starrten
sie nach verschiedener Richtung ins Blaue hinaus, als ob sie da wunder
was fr Merkwrdigkeiten im Auge htten, die sie betrachten mten mit
Aufbietung aller ihrer Geisteskrfte.

Schon am nchsten Tage schickte Manz einen Dienstboten, ein
Tagelhnermdchen und sein eigenes Shnchen Sali auf den Acker hinaus,
um das wilde Unkraut und Gestrpp auszureuten und auf Haufen zu
bringen, damit nachher die Steine um so bequemer weggefahren werden
konnten. Dies war eine nderung in seinem Wesen, da er den kaum
elfjhrigen Jungen, der noch zu keiner Arbeit angehalten worden, nun
mit hinaussandte, gegen die Einsprache der Mutter. Es schien, da er es
mit ernsthaften und gesalbten Worten tat, als ob er mit dieser
Arbeitsstrenge gegen sein eigenes Blut das Unrecht betuben wollte, in
dem er lebte, und welches nun begann, seine Folgen ruhig zu entfalten.
Das ausgesandte Vlklein jtete inzwischen lustig an dem Unkraut und
hackte mit Vergngen an den wunderlichen Stauden und Pflanzen aller
Art, die da seit Jahren wucherten. Denn da es eine auerordentliche
gleichsam wilde Arbeit war, bei der keine Regel und keine Sorgfalt
erheischt wurde, so galt sie als eine Lust. Das wilde Zeug, an der
Sonne gedrrt, wurde aufgehuft und mit groem Jubel verbrannt, da
der Qualm weithin sich verbreitete, und die jungen Leutchen dann
herumsprangen wie besessen. Dies war das letzte Freudenfest auf dem
Unglcksfelde, und das junge Vrenchen, Martis Tochter, kam auch
hinausgeschlichen und half tapfer mit. Das Ungewhnliche dieser
Begebenheit und die lustige Aufregung gaben einen guten Anla, sich
seinem kleinen Jugendgespielen wieder einmal zu nhern, und die Kinder
waren recht glcklich und munter bei ihrem Feuer. Es kamen noch andere
Kinder hinzu, und es sammelte sich eine ganz vergngte Gesellschaft;
doch immer, sobald sie getrennt wurden, suchte Sali alsobald wieder
neben Vrenchen zu gelangen, und dieses wute desgleichen immer
vergngt lchelnd zu ihm zu schlpfen, und es war beiden Kreaturen,
wie wenn dieser herrliche Tag nie enden mte und knnte. Doch der
alte Manz kam gegen Abend herbei, um zu sehen, was sie ausgerichtet,
und obgleich sie fertig waren, so schalt er doch ob dieser Lustbarkeit
und scheuchte die Gesellschaft auseinander. Zugleich zeigte sich Marti
auf seinem Grund und Boden und, seine Tochter gewahrend, pfiff er
derselben schrill und gebieterisch durch den Finger, da sie
erschrocken hineilte, und er gab ihr, ohne zu wissen warum, einige
Ohrfeigen, also da beide Kinder in groer Traurigkeit und weinend
nach Hause gingen, und sie wuten jetzt eigentlich so wenig, warum sie
so traurig waren, als warum sie vorhin so vergngt gewesen; denn die
Rauheit der Vter, an sich ziemlich neu, war von den arglosen
Geschpfen noch nicht begriffen und konnte sie nicht tiefer bewegen.
Die nchsten Tage war es schon eine hrtere Arbeit, zu welcher
Mannsleute gehrten, als Manz die Steine aufnehmen und wegfahren lie.
Es wollte kein Ende nehmen, und alle Steine der Welt schienen da
beisammen zu sein. Er lie sie aber nicht ganz vom Felde wegbringen,
sondern jede Fuhre auf jenem streitigen Dreiecke abwerfen, welches von
Marti schon suberlich umgepflgt war. Er hatte vorher einen geraden
Strich gezogen als Grenzscheide und belastete nun dies Fleckchen Erde
mit allen Steinen, welche beide Mnner seit unvordenklichen Zeiten
herbergeworfen, so da eine gewaltige Pyramide entstand, die
wegzubringen sein Gegner bleibenlassen wrde, dachte er. Marti hatte
dies am wenigsten erwartet; er glaubte, der andere werde nach alter
Weise mit dem Pfluge zu Werke gehen wollen, und hatte daher
abgewartet, bis er ihn als Pflger ausziehen she. Erst als die Sache
schon beinahe fertig, hrte er von dem schnen Denkmal, welches Manz
da errichtet, rannte voll Wut hinaus, sah die Bescherung, rannte
zurck und holte den Gemeindeammann, um vorlufig gegen den
Steinhaufen zu protestieren und den Fleck gerichtlich in Beschlag
nehmen zu lassen, und von diesem Tage an lagen die zwei Bauern im
Proze miteinander und ruhten nicht, ehe sie beide zugrunde gerichtet
waren.

Die Gedanken der sonst so wohlweisen Mnner waren nun so kurz
geschnitten wie Hcksel; der beschrnkteste Rechtssinn von der Welt
erfllte jeden von ihnen, indem keiner begreifen konnte noch wollte,
wie der andere so offenbar unrechtmig und unwillkrlich den
fraglichen unbedeutenden Ackerzipfel an sich reien knne. Bei Manz
kam noch ein wunderbarer Sinn fr Symmetrie und parallele Linien
hinzu, und er fhlte sich wahrhaft gekrnkt durch den aberwitzigen
Eigensinn, mit welchem Marti auf dem Dasein des unsinnigsten und
mutwilligsten Schnrkels beharrte. Beide aber trafen zusammen in der
berzeugung, da der andere, den anderen so frech und plump
bervorteilend, ihn notwendig fr einen verchtlichen Dummkopf halten
msse, da man dergleichen etwa einem armen haltlosen Teufel, nicht
aber einem aufrechten, klugen und wehrhaften Manne gegenber sich
erlauben knne, und jeher sah sich in seiner wunderlichen Ehre
gekrnkt und gab sich rckhaltlos der Leidenschaft des Streites und
dem daraus erfolgenden Verfalle hin, und ihr Leben glich fortan der
trumerischen Qual zweier Verdammten, welche auf einem schmalen Brette
einen dunklen Strom hinabtreibend sich befehden, in die Luft hauen und
sich selber anpacken und vernichten, in der Meinung, sie htten ihr
Unglck gefat. Da sie eine faule Sache hatten, so gerieten beide in
die allerschlimmsten Hnde von Tausendknstlern, welche ihre
verdorbene Phantasie auftrieben zu ungeheuren Blasen, die mit den
nichtsnutzigsten Dingen angefllt wurden. Vorzglich waren es die
Spekulanten aus der Stadt Seldwyla, welchen dieser Handel ein
gefundenes Essen war, und bald hatte jeder der Streitenden einen
Anhang von Unterhndlern, Zutrgern und Ratgebern hinter sich, die
alles bare Geld auf hundert Wegen abzuziehen wuten. Denn das
Fleckchen Erde mit dem Steinhaufen darber, auf welchem bereits wieder
ein Wald von Nesseln und Disteln blhte, war nur noch der erste Keim
oder der Grundstein einer verworrenen Geschichte und Lebensweise, in
welcher die zwei Fnfzigjhrigen noch neue Gewohnheiten und Sitten,
Grundstze und Hoffnungen annahmen, als sie bisher gebt. Je mehr Geld
sie verloren, desto sehnschtiger wnschten sie welches zu haben, und
je weniger sie besaen, desto hartnckiger dachten sie reich zu werden
und es dem andern zuvorzutun. Sie lieen sich zu jedem Schwindel
verleiten und setzten auch jahraus, jahrein in alle fremden Lotterien,
deren Lose massenhaft in Seldwyla zirkulierten. Aber nie bekamen sie
einen Taler Gewinn zu Gesicht, sondern hrten nur immer vom Gewinnen
anderer Leute und wie sie selbst beinahe gewonnen htten, indessen
diese Leidenschaft ein regelmiger Geldabflu fr sie war. Bisweilen
machten sich die Seldwyler den Spa, beide Bauern, ohne ihr Wissen, am
gleichen Lose teilnehmen zu lassen, so da beide die Hoffnung auf
Unterdrckung und Vernichtung des andern auf ein und dasselbe Los
setzten. Sie brachten die Hlfte ihrer Zeit in der Stadt zu, wo jeder
in einer Spelunke sein Hauptquartier hatte, sich den Kopf heimachen
und zu den lcherlichsten Ausgaben und einem elenden und ungeschickten
Schlemmen verleiten lie, bei welchem ihm heimlich doch selber das
Herz blutete, also da beide, welche eigentlich nur in diesem Hader
lebten, um fr keine Dummkpfe zu gelten, nun solche von der besten
Sorte darstellten und von jedermann dafr angesehen wurden. Die andere
Hlfte der Zeit lagen sie verdrossen zu Hause oder gingen ihrer Arbeit
nach, wobei sie dann durch ein tolles bses berhasten und Antreiben
das Versumte einzuholen suchten und damit jeden ordentlichen und
zuverlssigen Arbeiter verscheuchten. So ging es gewaltig rckwrts
mit ihnen, und ehe zehn Jahre vorber, steckten sie beide von Grund
aus in Schulden und standen wie die Strche auf einem Beine auf der
Schwelle ihrer Besitztmer, von der jeder Lufthauch sie herunterwehte.
Aber wie es ihnen auch erging, der Ha zwischen ihnen wurde tglich
grer, da jeder den andern als den Urheber seines Unsterns
betrachtete, als seinen Erbfeind und ganz unvernnftigen Widersacher,
den der Teufel absichtlich in die Welt gesetzt habe, um ihn zu
verderben. Sie spien aus, wenn sie sich nur von weitem sahen; kein
Glied ihres Hauses durfte mit Frau, Kind oder Gesinde des andern ein
Wort sprechen, bei Vermeidung der grbsten Mihandlung. Ihre Weiber
verhielten sich verschieden bei dieser Verarmung und Verschlechterung
des ganzen Wesens. Die Frau des Marti, welche von guter Art war, hielt
den Verfall nicht aus, hrmte sich ab und starb, ehe ihre Tochter
vierzehn Jahre alt war. Die Frau des Manz hingegen bequemte sich der
vernderten Lebensweise an, und um sich als eine schlechte Genossin zu
entfalten, hatte sie nichts zu tun, als einigen weiblichen Fehlern,
die ihr von jeher angehaftet, den Zgel schieen zu lassen und
dieselben zu Lastern auszubilden. Ihre Naschhaftigkeit wurde zu wilder
Begehrlichkeit, ihre Zungenfertigkeit zu einem grundfalschen und
verlogenen Schmeichel- und Verleumdungewesen, mit welchem sie jeden
Augenblick das Gegenteil von dem sagte, was sie dachte, alles
hintereinanderhetzte, und ihrem eigenen Manne ein X fr ein U
vormachte; ihre ursprngliche Offenheit, mit der sie sich der
unschuldigeren Plauderei erfreut, ward nun zur abgehrteten
Schamlosigkeit, mit der sie jenes falsche Wesen betrieb, und so, statt
unter ihrem Manne zu leiden, drehte sie ihm eine Nase; wenn er es arg
trieb, so machte sie es bunt, lie sich nichts abgehen und gedieh zu
der dicksten Blte einer Vorsteherin des zerfallenden Hauses. So war
es nun schlimm bestellt um die armen Kinder, welche weder eine gute
Hoffnung fr ihre Zukunft fassen konnten, noch sich auch nur einer
lieblich frohen Jugend erfreuten, da berall nichts als Zank und Sorge
war. Vrenchen hatte anscheinend einen schlimmeren Stand als Sali, da
seine Mutter tot und es einsam in einem wsten Hause der Tyrannei
eines verwilderten Vaters anheimgegeben war. Als es sechzehn Jahre
zhlte, war es schon ein schlank gewachsenes, ziervolles Mdchen;
seine dunkelbraunen Haare ringelten sich unablssig fast bis ber die
blitzenden braunen Augen, dunkelrotes Blut durchschimmerte die Wangen
des brunlichen Gesichtes und glnzte als tiefer Purpur auf den
frischen Lippen, wie man es selten sah und was dem dunklen Kinde ein
eigentmliches Ansehen und Kennzeichen gab. Feurige Lebenslust und
Frhlichkeit zitterte in jeder Fiber dieses Wesens; es lachte und war
aufgelegt zu Scherz und Spiel, wenn das Wetter nur im mindesten
lieblich war, d. h. wenn es nicht zu sehr geqult wurde und nicht zu
viel Sorgen ausstand. Diese plagten es aber hufig genug; denn nicht
nur hatte es den Kummer und das wachsende Elend des Hauses mit zu
tragen, sondern es mute noch sich selber in acht nehmen und mochte
sich gern halbwegs ordentlich und reinlich kleiden, ohne da der Vater
ihm die geringsten Mittel dazu geben wollte. So hatte Vrenchen die
grte Not, ihre anmutige Person einigermaen auszustaffieren, sich
ein allerbescheidenstes Sonntagskleid zu erobern und einige bunte,
fast wertlose Halstchelchen zusammenzuhalten. Darum war das schne
wohlgemute junge Blut in jeder Weise gedemtigt und gehemmt und konnte
am wenigsten der Hoffart anheimfallen. berdies hatte es bei schon
erwachendem Verstande das Leiden und den Tod seiner Mutter gesehen,
und dies Andenken war ein weiterer Zgel, der seinem lustigen und
feurigen Wesen angelegt war, so da es nun hchst lieblich,
unbedenklich und rhrend sich ansah, wenn trotz alledem das gute Kind
bei jedem Sonnenblick sich ermunterte und zum Lcheln bereit war. Sali
erging es nicht so hart auf den ersten Anschein; denn er war nun ein
hbscher und krftiger junger Bursche, der sich zu wehren wute und
dessen uere Haltung wenigstens eine schlechte Behandlung von selbst
unzulssig machte. Er sah wohl die ble Wirtschaft seiner Eltern und
glaubte sich erinnern zu knnen, da es einst nicht so gewesen; ja er
bewahrte noch das frhere Bild seines Vaters wohl in seinem
Gedchtnisse als eines festen, klugen und ruhigen Bauers, desselben
Mannes, den er jetzt als einen grauen Narren, Hndelfhrer und
Miggnger vor sich sah, der mit Toben und Prahlen auf hundert
trichten und verfnglichen Wegen wandelte und mit jeder Stunde
rckwrts ruderte, wie ein Krebs. Wenn ihm nun dies mifiel und ihn
oft mit Scham und Kummer erfllte, whrend es seiner Unerfahrenheit
nicht klar war, wie die Dinge so gekommen, so wurden seine Sorgen
wieder betubt durch die Schmeichelei, mit der ihn die Mutter
behandelte. Denn um in ihrem Unwesen ungestrter zu sein und einen
guten Parteignger zu haben, auch um ihrer Grotuerei zu gengen, lie
sie ihm zukommen, was er wnschte, kleidete ihn sauber und prahlerisch
und untersttzte ihn in allem, was er zu seinem Vergngen vornahm. Er
lie sich dies gefallen ohne viel Dankbarkeit, da ihm die Mutter viel
zu viel dazu schwatzte und log; und indem er so wenig Freude daran
empfand, tat er lssig und gedankenlos, was ihm gefiel, ohne da dies
jedoch etwas bles war, weil er fr jetzt noch unbeschdigt war von
dem Beispiele der Alten und das jugendliche Bedrfnis fhlte, im
ganzen einfach, ruhig und leidlich tchtig zu sein. Er war ziemlich
genau so, wie sein Vater in diesem Alter gewesen war, und dieses
flte demselben eine unwillkrliche Achtung vor dem Sohne ein, in
welchem er mit verwirrtem Gewissen und gepeinigter Erinnerung seine
eigene Jugend achtete. Trotz dieser Freiheit, welche Sali geno, ward
er seines Lebens doch nicht froh und fhlte wohl, wie er nichts
Rechtes vor sich hatte und ebensowenig etwas Rechtes lernte, da von
einem zusammenhngenden und vernunftgemen Arbeiten in Manzens Hause
lngst nicht mehr die Rede war. Sein bester Trost war daher, stolz auf
seine Unabhngigkeit und einstweilige Unbescholtenheit zu sein, und in
diesem Stolze lie er die Tage trotzig verstreichen und wandte die
Augen von der Zukunft ab. Der einzige Zwang, dem er unterworfen, war
die Feindschaft seines Vaters gegen alles, was Marti hie und an
diesen erinnerte. Doch wute er nichts anderes, als da Marti seinem
Vater Schaden zugefgt und da man in dessen Hause ebenso feindlich
gesinnt sei, und es fiel ihm daher nicht schwer, weder den Marti noch
seine Tochter anzusehen und seinerseits auch einen angehenden, doch
ziemlich zahmen Feind vorzustellen. Vrenchen hingegen, welches mehr
erdulden mute als Sali und in seinem Hause viel verlassener war,
fhlte sich weniger zu einer frmlichen Feindschaft aufgelegt und
glaubte sich nur verachtet von dem wohlgekleideten und scheinbar
glcklicheren Sali; deshalb verbarg sie sich vor ihm, und wenn er
irgendwo nur in der Nhe war, so entfernte sie sich eilig, ohne da er
sich die Mhe gab, ihr nachzublicken. So kam es, da er das Mdchen
schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Nhe gesehen und gar
nicht wute, wie es aussah, seit es herangewachsen. Und doch wunderte
es ihn zuweilen ganz gewaltig, und wenn berhaupt von den Martis
gesprochen wurde, so dachte er unwillkrlich nur an die Tochter, deren
jetziges Aussehen ihm nicht deutlich und deren Andenken ihm gar nicht
verhat war.

Doch war sein Vater Manz nun der erste von den beiden Feinden, der
sich nicht mehr halten konnte und von Haus und Hof springen mute.
Dieser Vortritt rhrte daher, da er eine Frau besa, die ihm
geholfen, und einen Sohn, der doch auch einiges mit brauchte, whrend
Marti der einzige Verzehrer war in seinem wackeligen Knigreich, und
seine Tochter durfte wohl arbeiten wie ein Haustierchen, aber nichts
gebrauchen. Manz aber wute nichts anderes anzufangen, als auf den Rat
seiner Seldwyler Gnner in die Stadt zu ziehen und da sich als Wirt
aufzutun. Es ist immer betrblich anzusehen, wenn ein ehemaliger
Landmann, der auf dem Felde alt geworden ist, mit den Trmmern seiner
Habe in eine Stadt zieht und da eine Schenke oder Kneipe auftut, um
als letzten Rettungsanker den freundlichen und gewandten Wirt zu
machen, whrend es ihm nichts weniger als freundlich zumut ist. Als
die Manzen vom Hofe zogen, sah man erst, wie arm sie bereits waren;
denn sie luden lauter alten und zerfallenden Hausrat auf, dem man es
ansah, da seit vielen Jahren nichts erneuert und angeschafft worden
war. Die Frau legte aber nichtsdestominder ihren besten Staat an, als
sie sich oben auf die Germpelfuhre setzte, und machte ein Gesicht
voller Hoffnungen, als knftige Stadtfrau schon mit Verachtung auf die
Dorfgenossen herabsehend, welche voll Mitleid hinter den Hecken hervor
dem bedenklichen Zuge zuschauten. Denn sie nahm sich vor, mit ihrer
Liebenswrdigkeit und Klugheit die ganze Stadt zu bezaubern, und was
ihr versimpelter Mann nicht machen knne, das wolle sie schon
ausrichten, wenn sie nur erst einmal als Frau Wirtin in einem
stattlichen Gasthofe se. Dieser Gasthof bestand aber in einer
trbseligen Winkelschenke in einem abgelegenen schmalen Gchen, auf
der eben ein anderer zugrunde gegangen war und welche die Seldwyler
dem Manz verpachteten, da er noch einige hundert Taler einzuziehen
hatte. Sie verkauften ihm auch ein paar Fchen angemachten Weines und
das Wirtschaftsmobiliar, das aus einem Dutzend weien geringen
Flaschen, ebensoviel Glsern und einigen tannenen Tischen und Bnken
bestand, welche einst blutrot angestrichen gewesen und jetzt
vielfltig abgescheuert waren. Vor dem Fenster knarrte ein eiserner
Reifen in einem Haken, und in dem Reifen schenkte eine blecherne Hand
Rotwein aus einem Schppchen in ein Glas. berdies hing ein verdorrter
Busch von Stechpalme ber der Haustre, was Manz alles mit in die
Pacht bekam. Um deswillen war er nicht so wohlgemut wie seine Frau,
sondern trieb mit schlimmer Ahnung und voll Ingrimm die magern Pferde
an, welche er vom neuen Bauern geliehen. Das letzte schbige
Knechtchen, das er gehabt, hatte ihn schon seit einigen Wochen
verlassen. Als er solcherweise abfuhr, sah er wohl, wie Marti voll
Hohn und Schadenfreude sich unfern der Strae zu schaffen machte,
fluchte ihm und hielt denselben fr den alleinigen Urheber seines
Unglckes. Sali aber, sobald das Fuhrwerk im Gange war, beschleunigte
seine Schritte, eilte voraus und ging allein auf Seitenwegen nach der
Stadt.

Da wren wir!" sagte Manz, als die Fuhre vor dem Spelunkelein
anhielt. Die Frau erschrak darber, denn das war in der Tat ein
trauriger Gasthof. Die Leute traten eilfertig unter die Fenster und
vor die Huser, um sich den neuen Bauernwirt anzusehen, und machten
mit ihrer Seldwyler berlegenheit mitleidig spttische Gesichter.
Zornig und mit nassen Augen kletterte die Manzin vom Wagen herunter
und lief, ihre Zunge vorlufig wetzend, in das Haus, um sich heute
vornehm nicht wieder blicken zu lassen; denn sie schmte sich des
schlechten Gertes und der verdorbenen Betten, welche nun abgeladen
wurden. Sali schmte sich auch, aber er mute helfen und machte mit
seinem Vater einen seltsamen Verlag in dem Gchen, auf welchem
alsbald die Kinder der Falliten herumsprangen und sich ber das
verlumpte Bauernpack lustig machten. Im Hause aber sah es noch
trbseliger aus, und es glich einer vollkommenen Ruberhhle. Die
Wnde waren schlechtgeweites, feuchtes Mauerwerk, auer der dunklen,
unfreundlichen Gaststube mit ihren ehemals blutroten Tischen waren nur
noch ein paar schlechte Kmmerchen da, und berall hatte der
ausgezogene Vorgnger den trostlosesten Schmutz und Kehricht
zurckgelassen.

So war der Anfang, und so ging es auch fort. Whrend der ersten Woche
kamen, besonders am Abend, wohl hin und wieder ein Tisch voll Leute
aus Neugierde, den Bauernwirt zu sehen, und ob es da vielleicht
einigen Spa absetzte. Am Wirt hatten sie nicht viel zu betrachten,
denn Manz war ungelenk, starr, unfreundlich und melancholisch und
wute sich gar nicht zu benehmen, wollte es auch nicht wissen. Er
fllte langsam und ungeschickt die Schppchen, stellte sie mrrisch
vor die Gste und versuchte etwas zu sagen, brachte aber nichts
heraus. Desto eifriger warf sich nun seine Frau ins Geschirr und hielt
die Leute wirklich einige Tage zusammen, aber in einem ganz anderen
Sinne, als sie meinte. Die ziemlich dicke Frau hatte sich eine eigene
Haustracht zusammengesetzt, in der sie unwiderstehlich zu sein
glaubte. Zu einem leinenen, ungefrbten Landrock trug sie einen alten,
grnseidenen Spenzer, eine baumwollene Schrze und einen schlimmen,
weien Halskragen. Von ihrem nicht mehr dichten Haar hatte sie an den
Schlfen possierliche Schnecken gewickelt und in das Zpfchen hinten
einen hohen Kamm gesteckt. So schwnzelte und tnzelte sie mit
angestrengter Anmut herum, spitzte lcherlich das Maul, da es s
aussehen sollte, hpfte elastisch an die Tische hin, und das Glas oder
den Teller mit gesalzenem Kse hinsetzend, sagte sie lchelnd: So so?
so soli! herrlich, herrlich, ihr Herren!" und solches dummes Zeug
mehr; denn obwohl sie sonst eine geschliffene Zunge hatte, so wute
sie jetzt doch nichts Gescheites vorzubringen, da sie fremd war und
die Leute nicht kannte. Die Seldwyler von der schlechtesten Sorte, die
da hockten, hielten die Hand vor den Mund, wollten vor Lachen
ersticken, stieen sich unter dem Tisch mit den Fen und sagten:
Potz tausig! Das ist ja eine Herrliche!" Eine Himmlische!" sagte ein
anderer, beim ewigen Hagel! Es ist der Mhe wert, hierherzukommen, so
eine haben wir lang nicht gesehen!" Ihr Mann bemerkte das wohl mit
finsterem Blicke; er gab ihr einen Sto in die Rippen und flsterte:
Du alte Kuh! Was machst du denn?" Stre mich nicht," sagte sie
unwillig, du alter Tolpatsch! Siehst du nicht, wie ich mir Mhe gebe
und mit den Leuten umzugehen wei? Das sind aber nur Lumpen von deinem
Anhang! La mich nur machen, ich will bald vornehmere Kundschaft hier
haben!" Dies alles war beleuchtet von einem oder zwei dnnen
Talglichten; Sali, der Sohn, aber ging hinaus in die dunkle Kche,
setzte sich auf den Herd und weinte ber Vater und Mutter.

Die Gste hatten aber das Schauspiel bald satt, welches ihnen die gute
Frau Manz gewhrte, und blieben wieder, wo es ihnen wohler war und sie
ber die wunderliche Wirtschaft lachen konnten; nur dann und wann
erschien ein einzelner, der ein Glas trank und die Wnde anghnte,
oder es kam ausnahmsweise eine ganze Bande, die armen Leute mit einem
vorbergehenden Trubel und Lrm zu tuschen. Es ward ihnen angst und
bange in dem engen Mauerwinkel, wo sie kaum die Sonne sahen; und Manz,
welcher sonst gewohnt war, tagelang in der Stadt zu liegen, fand es
jetzt unertrglich zwischen diesen Mauern. Wenn er an die freie Weite
der Felder dachte, so stierte er finster brtend an die Decke oder auf
den Boden, lief unter die enge Haustre und wieder zurck, da die
Nachbarn den bsen Wirt, wie sie ihn schon nannten, angafften. Nun
dauerte es aber nicht mehr lange und sie verarmten gnzlich und hatten
gar nichts mehr in der Hand; sie muten, um etwas zu essen, warten,
bis einer kam und fr wenig Geld etwas von dem noch vorhandenen Wein
verzehrte, und wenn er eine Wurst oder dergleichen begehrte, so hatten
sie oft die grte Angst und Sorge, dieselbe beizutreiben. Bald hatten
sie auch den Wein nur noch in einer groen Flasche verborgen, die sie
heimlich in einer andern Kneipe fllen lieen, und so sollten sie nun
die Wirte machen ohne Wein und Brot und freundlich sein, ohne
ordentlich gegessen zu haben. Sie waren beinahe froh, wenn nur niemand
kam, und hockten so in ihrem Kneipchen, ohne leben noch sterben zu
knnen. Als die Frau diese traurigen Erfahrungen machte, zog sie den
grnen Spenzer wieder aus und nahm abermals eine Vernderung vor,
indem sie nun, wie frher die Fehler, so nun einige weibliche Tugenden
aufkommen lie und mehr ausbildete, da Not an den Mann ging. Sie bte
Geduld und suchte den Alten aufrechtzuhalten und den Jungen zum Guten
anzuweisen; sie opferte sich vielfltig in allerlei Dingen, kurz sie
bte in ihrer Weise eine Art von wohlttigem Einflu, der zwar nicht
weit reichte und nicht viel besserte, aber immerhin besser war als gar
nichts oder als das Gegenteil und die Zeit wenigstens verbringen half,
welche sonst viel frher htte brechen mssen fr diese Leute. Sie
wute manchen Rat zu geben nunmehr in erbrmlichen Dingen, nach ihrem
Verstande, und wenn der Rat nichts zu taugen schien und fehlschlug, so
ertrug sie willig den Grimm der Mnner, kurzum, sie tat jetzt alles,
da sie alt war, was besser gedient htte, wenn sie es frher gebt.

Um wenigstens etwas Beibares zu erwerben und die Zeit zu verbringen,
verlegten sich Vater und Sohn auf die Fischerei, d. h. mit der
Angelrute, soweit es fr jeden erlaubt war, sie in den Flu zu hngen.
Dies war auch eine Hauptbeschftigung der Seldwyler, nachdem sie
falliert hatten. Bei gnstigem Wetter, wenn die Fische gern anbissen,
sah man sie dutzendweise hinauswandern mit Rute und Eimer, und wenn
man an den Ufern des Flusses wandelte, hockte alle Spanne lang einer,
der angelte, der eine in einem langen, braunen Brgerrock, die bloen
Fe im Wasser, der andere in einem spitzen, blauen Frack auf einer
alten Weide stehend, den alten Filz schief auf dem Ohre; weiterhin
angelte gar einer im zerrissenen, groblumigen Schlafrock, da er
keinen andern mehr besa, die lange Pfeife in der einen, die Rute in
der andern Hand, und wenn man um eine Krmmung des Flusses bog, stand
ein alter, kahlkpfiger Dickbauch faselnackt auf einem Stein und
angelte; dieser hatte, trotz des Aufenthaltes am Wasser, so schwarze
Fe, da man glaubte, er habe die Stiefel anbehalten. Jeder hatte ein
Tpfchen oder ein Schchtelchen neben sich, in welchem Regenwrmer
wimmelten, nach denen sie zu andern Stunden zu graben pflegten. Wenn
der Himmel mit Wolken bezogen und es ein schwles, dmmeriges Wetter
war, welches Regen verkndete, so standen diese Gestalten am
zahlreichsten an dem ziehenden Strome, regungslos gleich einer Galerie
von Heiligen, oder Prophetenbildern. Achtlos zogen die Landleute mit
Vieh und Wagen an ihnen vorber, und die Schiffer auf dem Flusse sahen
sie nicht an, whrend sie leise murrten ber die strenden Schiffe.

Wenn man Manz vor zwlf Jahren, als er mit einem schnen Gespann
pflgte auf dem Hgel ber dem Ufer, geweissagt htte, er wrde sich
einst zu diesen wunderlichen Heiligen gesellen und gleich ihnen Fische
fangen, so wre er nicht bel aufgefahren. Auch eilte er jetzt hastig
an ihnen vorber hinter ihrem Rcken und eilte stromaufwrts gleich
einem eigensinnigen Schatten der Unterwelt, der sich zu seiner
Verdammnis ein bequemes, einsames Pltzchen sucht an den dunkeln
Wssern. Mit der Angelrute zu stehen hatten er und sein Sohn indessen
keine Geduld, und sie erinnerten sich der Art, wie die Bauern auf
manche andere Weise etwa Fische fangen, wenn sie bermtig sind,
besonders mit den Hnden in den Bchen; daher nahmen sie die Ruten nur
zum Schein mit und gingen an den Borden der Bche hinauf, wo sie
wuten, da es teure und gute Forellen gab.

Dem auf dem Lande zurckgebliebenen Marti ging es inzwischen auch
immer schlimmer, und es war ihm hchst langweilig dabei, so da er,
anstatt auf seinem vernachlssigten Felde zu arbeiten, ebenfalls auf
das Fischen verfiel und tagelang im Wasser herumpltscherte. Vrenchen
durfte nicht von seiner Seite und mute ihm Eimer und Gerte
nachtragen durch nasse Wiesengrnde, durch Bche und Wassertmpel
aller Art, bei Regen und Sonnenschein, indessen sie das Notwendigste
zu Hause liegenlassen mute. Denn es war sonst keine Seele mehr da und
wurde auch keine gebraucht, da Marti das meiste Land schon verloren
hatte und nur noch wenige cker besa, die er mit seiner Tochter
liederlich genug oder gar nicht bebaute.

So kam es, da, als er eines Abends einen ziemlich tiefen und
reienden Bach entlang ging, in welchem die Forellen fleiig sprangen,
da der Himmel voll Gewitterwolken hing, er unverhofft auf seinen Feind
Manz traf, der an dem andern Ufer daherkam. Sobald er ihn sah, stieg
ein schrecklicher Groll und Hohn in ihm auf; sie waren sich seit
Jahren nicht so nahe gewesen, ausgenommen vor den Gerichtsschranken,
wo sie nicht schelten durften, und Marti rief jetzt voll Grimm: Was
tust du hier, du Hund? Kannst du nicht in deinem Lotterneste bleiben,
du Seldwyler Lumpenhund?"

Wirst nchstens wohl auch ankommen, du Schelm!" rief Manz. Fische
fngst du ja auch schon und wirst deshalb nicht viel mehr zu versumen
haben!"

Schweig, du Galgenhund!" schrie Marti, da hier die Wellen des Baches
strker rauschten, du hast mich ins Unglck gebracht!" Und da jetzt
auch die Weiden am Bache gewaltig zu rauschen anfingen im aufgehenden
Wetterwind, so mute Manz noch lauter schreien: Wenn dem nur so wre,
so wollte ich mich freuen, du elender Tropf!" O du Hund!" schrie
Marti herber und Manz hinber: O du Kalb, wie dumm tust du!" Und
jener sprang wie ein Tiger den Bach entlang und suchte herberzukommen.
Der Grund, warum er der Wtendere war, lag in seiner Meinung, da Manz
als Wirt wenigstens genug zu essen und zu trinken htte und
gewissermaen ein kurzweiliges Leben fhre, whrend es
ungerechterweise ihm so langweilig wre auf seinem zertrmmerten Hofe.
Manz schritt indessen auch grimmig genug an der andern Seite hin,
hinter ihm sein Sohn, welcher, statt auf den bsen Streit zu hren,
neugierig und verwundert nach Vrenchen hinbersah, welche hinter ihrem
Vater ging, vor Scham in die Erde sehend, da ihr die braunen, krausen
Haare ins Gesicht fielen. Sie trug einen hlzernen Fischeimer in der
einen Hand, in der andern hatte sie Schuh und Strmpfe getragen und
ihr Kleid der Nsse wegen aufgeschrzt. Seit aber Sali auf der andern
Seite ging, hatte sie es schamhaft sinken lassen und war nun dreifach
belstigt und geqult, da sie all das Zeug tragen, den Rock
zusammenhalten und des Streites wegen sich grmen mute. Htte sie
aufgesehen und nach Sali geblickt, so wrde sie entdeckt haben, da er
weder vornehm noch sehr stolz mehr aussah und selbst bekmmert genug
war. Whrend Vrenchen so ganz beschmt und verwirrt auf die Erde sah
und Sali nur diese in allem Elende schlanke und anmutige Gestalt im
Auge hatte, die so verlegen und demtig dahinschritt, beachteten sie
dabei nicht, wie ihre Vter stillgeworden, aber mit verstrkter Wut
einem hlzernen Stege zueilten, der in kleiner Entfernung ber den
Bach fhrte und eben sichtbar wurde. Es fing an zu blitzen und
erleuchtete seltsam die dunkle, melancholische Wassergegend; es
donnerte auch in den grauschwarzen Wolken mit dumpfem Grolle, und
schwere Regentropfen fielen, als die verwilderten Mnner gleichzeitig
auf die schmale, unter ihren Tritten schwankende Brcke strzten, sich
gegenseitig packten und die Fuste in die vor Zorn und ausbrechendem
Kummer bleichen, zitternden Gesichter schlugen. Es ist nichts
Anmutiges und nichts weniger als artig, wenn sonst gesetzte Menschen
noch in den Fall kommen, aus bermut, Unbedacht oder Notwehr unter
allerhand Volk, das sie nicht nher berhrt, Schlge auszuteilen oder
welche zu bekommen; allein dies ist eine harmlose Spielerei gegen das
tiefe Elend, das zwei alte Menschen berwltigt, die sich wohl kennen
und seit lange kennen, wenn diese aus innerster Feindschaft und aus
dem Gange einer ganzen Lebensgeschichte heraus sich mit nackten Hnden
anfassen und mit Fusten schlagen. So taten jetzt diese beiden
ergrauten Mnner; vor fnfzig Jahren vielleicht hatten sie sich als
Buben zum letztenmal gerauft, dann aber fnfzig lange Jahre mit keiner
Hand mehr berhrt, ausgenommen in ihrer guten Zeit, wo sie sich etwa
zum Grue die Hnde geschttelt, und auch dies nur selten bei ihrem
trockenen und sicheren Wesen. Nachdem sie ein= oder zweimal
geschlagen, hielten sie inne und rangen still zitternd miteinander,
nur zuweilen aufsthnend und elendiglich knirschend, und einer suchte
den andern ber das knackende Gelnder ins Wasser zu werfen. Jetzt
waren aber auch ihre Kinder nachgekommen und sahen den erbrmlichen
Auftritt. Sali sprang eines Satzes heran, um seinem Vater beizustehen
und ihm zu helfen, dem gehaten Feinde den Garaus zu machen, der
ohnehin der schwchere schien und eben zu unterliegen drohte: Aber
auch Vrenchen sprang, alles wegwerfend, mit einem langen Aufschrei
herzu und umklammerte ihren Vater, um ihn zu schtzen, whrend sie ihn
dadurch nur hinderte und beschwerte. Trnen strmten aus ihren Augen,
und sie sah flehend den Sali an, der im Begriff war, ihren Vater
ebenfalls zu fassen und vollends zu berwltigen. Unwillkrlich legte
er aber seine Hand an seinen eigenen Vater und suchte denselben mit
festem Arm von dem Gegner loszubringen und zu beruhigen, so da der
Kampf eine kleine Weile ruhte oder vielmehr die ganze Gruppe unruhig
hin und her drngte, ohne auseinander zu kommen. Darber waren die
jungen Leute, sich mehr zwischen die Alten schiebend, in dichte
Berhrung gekommen, und in diesem Augenblicke erhellte ein Wolkenri,
der den grellen Abendschein durchlie, das nahe Gesicht des Mdchens,
und Sali sah in dies ihm so wohlbekannte und doch so viel anders und
schner gewordene Gesicht. Vrenchen sah in diesem Augenblicke auch
sein Erstaunen, und es lchelte ganz kurz und geschwind mitten in
seinem Schrecken und seinen Trnen ihn an. Doch ermannte sich Sali,
geweckt durch die Anstrengungen seines Vaters, ihn abzuschtteln, und
brachte ihn mit eindringlich bittenden Worten und fester Haltung
endlich ganz von seinem Feinde weg. Beide alten Gesellen atmeten hoch
auf und begannen jetzt wieder zu schelten und zu schreien, sich
voneinander abwendend; ihre Kinder aber atmeten kaum und waren still
wie der Tod, gaben sich aber im Wegwenden und Trennen, ungesehen von
den Alten, schnell die Hnde, welche vom Wasser und von den Fischen
feucht und khl waren.

Als die grollenden Parteien ihrer Wege gingen, hatten die Wolken sich
wieder geschlossen, es dunkelte mehr und mehr und der Regen go nun in
Bchen durch die Luft. Manz schlenderte voraus auf den dunklen, nassen
Wegen, er duckte sich, beide Hnde in den Taschen, unter den
Regengssen, zitterte noch in seinen Gesichtszgen und mit den Zhnen,
und ungesehene Trnen rieselten ihm in den Stoppelbart, die er flieen
lie, um sie durch das Wegwischen nicht zu verraten. Sein Sohn hatte
aber nichts gesehen, weil er in glckseligen Bildern verloren
daherging. Er merkte weder Regen noch Sturm, weder Dunkelheit, noch
Elend; sondern leicht, hell und warm war es ihm innen und auen, und
er fhlte sich so reich und wohlgeborgen wie ein Knigssohn. Er sah
fortwhrend das sekundenlange Lcheln des nahen schnen Gesichtes und
erwiderte dasselbe erst jetzt, eine gute halbe Stunde nachher, indem
er voll Liebe in Nacht und Wetter hinein und das liebe Gesicht
anlachte, das ihm allerwegen aus dem Dunkel entgegentrat, so da er
glaubte, Vrenchen msse auf seinen Wegen dies Lachen notwendig sehen
und seiner innewerden.

Sein Vater war des andern Tags wie zerschlagen und wollte nicht aus
dem Hause. Der ganze Handel und das vieljhrige Elend nahm heute eine
neue, deutlichere Gestalt an und breitete sich dunkel aus in der
drckenden Luft der Spelunke, also da Mann und Frau matt und scheu um
das Gespenst herumschlichen, aus der Stube in die dunklen Kmmerchen,
von da in die Kche und aus dieser wieder sich in die Stube
schleppten, in welcher kein Gast sich sehen lie. Zuletzt hockte jedes
in einem Winkel und begann den Tag ber ein mdes, halbtotes Zanken
und Vorhalten mit dem andern, wobei sie zeitweise einschliefen, von
unruhigen Tagtrumen geplagt, welche aus dem Gewissen kamen und sie
wieder weckten. Nur Sali sah und hrte nichts davon, denn er dachte
nur an Vrenchen. Es war ihm immer noch zumut, nicht nur als ob er
unsglich reich wre, sondern auch was Rechtes gelernt htte und
unendlich viel Schnes und Gutes wte, da er nun so deutlich und
bestimmt um das wute, was er gestern gesehen. Diese Wissenschaft war
ihm wie vom Himmel gefallen, und er war in einer unaufhrlichen
glcklichen Verwunderung darber; und doch war es ihm, als ob er es
eigentlich von jeher gewut und gekannt htte, was ihn jetzt mit so
wundersamer Sigkeit erfllte. Denn nichts gleicht dem Reichtum und
der Unergrndlichkeit eines Glckes, das an den Menschen herantritt in
einer so klaren und deutlichen Gestalt, vom Pffflein getauft und
wohlversehen mit einem eigenen Namen, der nicht tnt wie andere Namen.

Sali fhlte sich an diesem Tage weder mig noch unglcklich, weder
arm noch hoffnungslos; vielmehr war er vollauf beschftigt, sich
Vrenchens Gesicht und Gestalt vorzustellen, unaufhrlich, eine Stunde
wie die andere; ber dieser aufgeregten Ttigkeit aber verschwand ihm
der Gegenstand derselben fast vollstndig, das heit, er bildete sich
endlich ein, nun doch nicht zu wissen, wie Vrenchen recht genau
aussehe, er habe wohl ein allgemeines Bild von ihr im Gedchtnis, aber
wenn er sie beschreiben sollte, so knnte er das nicht. Er sah
fortwhrend dies Bild, als ob es vor ihm stnde, und fhlte seinen
angenehmen Eindruck, und doch sah er es nur, wie etwas, das man eben
nur einmal gesehen, in dessen Gewalt man liegt und das man doch noch
nicht kennt. Er erinnerte sich genau der Gesichtszge, welche das
kleine Dirnchen einst gehabt, mit groem Wohlgefallen, aber nicht
eigentlich derjenigen, welche er gestern gesehen. Htte er Vrenchen
nie wieder zu sehen bekommen, so htten sich seine Erinnerungskrfte
schon behelfen mssen und das liebe Gesicht suberlich wieder
zusammengetragen, da nicht ein Zug daran fehlte. Jetzt aber versagten
sie schlau und hartnckig ihren Dienst, weil die Augen nach ihrem
Recht und ihrer Lust verlangten, und als am Nachmittage die Sonne warm
und hell die oberen Stockwerke der schwarzen Huser beschien, strich
Sali aus dem Tore und seiner alten Heimat zu, welche ihm jetzt erst
ein himmlisches Jerusalem zu sein schien mit zwlf glnzenden Pforten,
und die sein Herz klopfen machte, als er sich ihr nherte.

Er stie auf dem Wege auf Vrenchens Vater, welcher nach der Stadt zu
gehen schien. Der sah sehr wild und liederlich aus, sein
graugewordener Bart war seit Wochen nicht geschoren, und er sah aus
wie ein recht bser, verlorener Bauersmann, der sein Feld verscherzt
hat und nun geht, um andern bles zuzufgen. Dennoch sah ihn Sali, als
sie sich vorbergingen, nicht mehr mit Ha, sondern voll Furcht und
Scheu an, als ob sein Leben in dessen Hand stnde und er es lieber von
ihm erflehen als ertrotzen mchte. Marti aber ma ihn mit einem bsen
Blicke von oben bis unten und ging seines Weges. Das war indessen dem
Sali recht, welchem es nun, da er den Alten das Dorf verlassen sah,
deutlicher wurde, was er eigentlich da wolle, und er schlich sich auf
altbekannten Pfaden so lange um das Dorf herum und durch dessen
verdeckte Gchen, bis er sich Martis Haus und Hof gegenber befand.
Seit mehreren Jahren hatte er diese Sttte nicht mehr so nah gesehen;
denn auch als sie noch hier wohnten, hteten sich die verfeindeten
Leute gegenseitig, sich ins Gehege zu kommen. Deshalb war er nun
erstaunt ber das, was er doch an seinem eigenen Vaterhause erlebt,
und starrte voll Verwunderung in die Wstenei, die er vor sich sah.
Dem Marti war ein Stck Ackerland um das andere abgepfndet worden, er
besa nichts mehr als das Haus und den Platz davor nebst etwas Garten
und dem Acker auf der Hhe am Flusse, von welchem er hartnckig am
lngsten nicht lassen wollte.

Es war aber keine Rede mehr von einer ordentlichen Bebauung, und auf
dem Acker, der einst so schn im gleichmigen Korne gewogt, wenn die
Ernte kam, waren jetzt allerhand abfllige Samenreste gest und
aufgegangen, aus alten Schachteln und zerrissenen Tten
zusammengekehrt, Rben, Kraut und dergleichen und etwas Kartoffeln, so
da der Acker aussah wie ein recht bel gepflegter Gemseplatz, und
eine wunderliche Musterkarte war, dazu angelegt, um von der Hand in
den Mund zu leben, hier eine Handvoll Rben auszureien, wenn man
Hunger hatte und nichts Besseres wute, dort eine Tracht Kartoffeln
oder Kraut, und das brige fortwuchern oder verfaulen zu lassen, wie
es mochte. Auch lief jedermann darin herum, wie es ihm gefiel, und das
schne breite Stck Feld sah beinahe so aus, wie einst der herrenlose
Acker, von dem alles Unheil herkam. Deshalb war um das Haus nicht eine
Spur von Ackerwirtschaft zu sehen. Der Stall war leer, die Tre hing
nur in einer Angel, und unzhlige Kreuzspinnen, den Sommer hindurch
halbgro geworden, lieen ihre Fden in der Sonne glnzen vor dem
dunklen Eingang. An dem offenstehenden Scheunentor, wo einst die
Frchte des festen Landes eingefahren, hing schlechtes Fischergerte,
zum Zeugnis der verkehrten Wasserpfuscherei; auf dem Hofe war nicht
ein Huhn und nicht eine Taube, weder Katze noch Hund zu sehen; nur der
Brunnen war noch als etwas Lebendiges da, aber er flo nicht mehr
durch die Rhre, sondern sprang durch einen Ri nahe am Boden ber
diesen hin und setzte berall kleine Tmpel an, so da er das beste
Sinnbild der Faulheit abgab. Denn whrend mit wenig Mhe des Vaters
das Loch zu verstopfen und die Rhre herzustellen gewesen wre, mute
sich Vrenchen nun abqulen, selbst das lautere Wasser dieser
Verkommenheit abzugewinnen und seine Wscherei in den seichten
Sammlungen am Boden vorzunehmen, statt in dem vertrockneten und
zerspellten Troge. Das Haus selbst war ebenso klglich anzusehen; die
Fenster waren vielfltig zerbrochen und mit Papier verklebt, aber doch
waren sie das Freundlichste an dem Verfall; denn sie waren, selbst die
zerbrochenen Scheiben, klar und sauber gewaschen, ja frmlich poliert
und glnzten so hell, wie Vrenchens Augen, welche ihm in seiner Armut
ja auch allen brigen Staat ersetzen muten. Und wie die krausen Haare
und die rotgelben Kattunhalstcher zu Vrenchens Augen, stand zu diesen
blinkenden Fenstern das wilde grne Gewchs, was da durcheinander
rankte um das Haus, flatternde Bohnenwldchen und eine ganze duftende
Wildnis von rotgelbem Goldlack. Die Bohnen hielten sich, sogut sie
konnten, hier an einem Harkenstiel, oben an einem verkehrt in die Erde
gesteckten Stumpfbesen, dort an einer von Rost zerfressenen Helbarte
oder Sponton, wie man es nannte, als Vrenchens Grovater das Ding als
Wachtmeister getragen, welches es jetzt aus Not in die Bohnen
gepflanzt hatte; dort kletterten sie wieder lustig eine verwitterte
Leiter empor, die am Hause lehnte seit undenklichen Zeiten, und hingen
von da an in die klaren Fensterchen hinunter wie Vrenchens
Kruselhaare in seine Augen. Dieser mehr malerische als wirtliche Hof
lag etwas beiseit und hatte keine nheren Nachbarhuser, auch lie
sich in diesem Augenblicke nirgends eine lebendige Seele wahrnehmen;
Sali lehnte daher in aller Sicherheit an einem alten Scheunchen, etwa
dreiig Schritte entfernt, und schaute unverwandt nach dem stillen,
wsten Hause hinber. Eine geraume Zeit lehnte und schaute er so, als
Vrenchen unter die Haustr kam und lange vor sich hinblickte, wie mit
allen ihren Gedanken an einem Gegenstande hngend. Sali rhrte sich
nicht und wandte kein Auge von ihr. Als sie endlich zufllig in dieser
Richtung hinsah, fiel er ihr in die Augen. Sie sahen sich eine Weile
an, herber und hinber, als ob sie eine Lufterscheinung betrachteten,
bis sich Sali endlich aufrichtete und langsam ber die Strae und ber
den Hof ging auf Vrenchen los. Als er dem Mdchen nahe war, streckte
es seine Hnde gegen ihn aus und sagte: Sali!" Er ergriff die Hnde
und sah ihr immerfort ins Gesicht. Trnen strzten aus ihren Augen,
whrend sie unter seinen Blicken vollends dunkelrot wurde, und sie
sagte: Was willst du hier?" Nur dich sehen!" erwiderte er, wollen
wir nicht wieder gute Freunde sein?" Und unsere Eltern?" fragte
Vrenchen, sein weinendes Gesicht zur Seite neigend, da es die Hnde
nicht frei hatte, um es zu bedecken. Sind wir schuld an dem, was sie
getan und geworden sind?" sagte Sali, vielleicht knnen wir das Elend
nur gutmachen, wenn wir zwei zusammenhalten und uns recht lieb sind!"
Es wird nie gut kommen," antwortete Vrenchen mit einem tiefen
Seufzer, geh in Gottes Namen deiner Wege, Sali!" Bist du allein?"
fragte dieser, kann ich einen Augenblick hineinkommen?" Der Vater
ist zur Stadt, wie er sagte, um deinem Vater irgend etwas anzuhngen;
aber hereinkommen kannst du nicht, weil du spter vielleicht nicht so
ungesehen weggehen kannst wie jetzt. Noch ist alles still und niemand
um den Weg, ich bitte dich, geh jetzt!" Nein, so geh' ich nicht! Ich
mute seit gestern immer an dich denken, und ich geh' nicht so fort,
wir mssen miteinander reden, wenigstens eine halbe Stunde lang oder
eine Stunde, das wird uns gut tun!" Vrenchen besann sich ein Weilchen
und sagte dann: Ich geh' gegen Abend auf unsern Acker hinaus, du
weit welchen, wir haben nur noch den, und hole etwas Gemse. Ich
wei, da niemand weiter dort sein wird, weil die Leute anderswo
schneiden; wenn du willst, so komm dorthin, aber jetzt geh und nimm
dich in acht, da dich niemand sieht! Wenn auch kein Mensch hier mehr
mit uns umgeht, so wrden sie doch ein solches Gerede machen, da es
der Vater sogleich vernhme." Sie lieen sich jetzt die Hnde frei,
ergriffen sie aber auf der Stelle wieder, und beide sagten
gleichzeitig: Und wie geht es dir auch?" Aber statt sich zu
antworten, fragten sie das gleiche aufs neue, und die Antwort lag nur
in den beredten Augen, da sie nach Art der Verliebten die Worte nicht
mehr zu lenken wuten und ohne sich weiter etwas zu sagen, endlich
halb selig und halb traurig auseinanderhuschten. Ich komme recht bald
hinaus, geh nur gleich hin!" rief Vrenchen noch nach.

Sali ging auch alsobald auf die stille, schne Anhhe hinaus, ber
welche die zwei cker sich erstreckten, und die prchtige, stille
Junisonne, die fahrenden, weien Wolken, welche ber das reife,
wallende Kornfeld wegzogen, der glnzende, blaue Flu, der unten
vorberwallte, alles dies erfllte ihn zum ersten Male seit langen
Jahren wieder mit Glck und Zufriedenheit, statt mit Kummer, und er
warf sich der Lnge nach in den durchsichtigen Halbschatten des
Kornes, wo dasselbe Martis wilden Acker begrenzte, und guckte
glckselig in den Himmel.

Obgleich es kaum eine Viertelstunde whrte, bis Vrenchen nachkam und
er an nichts anderes dachte, als an sein Glck und dessen Namen, stand
es doch pltzlich und unverhofft vor ihm, auf ihn niederlchelnd, und
froh erschreckt sprang er auf. Vreeli!" rief er, und dieses gab ihm
still und lchelnd beide Hnde, und Hand in Hand gingen sie nun das
flsternde Korn entlang bis gegen den Flu hinunter und wieder zurck,
ohne viel zu reden; sie legten zwei- oder dreimal den Hin- und Herweg
zurck, still, glckselig und ruhig, so da dieses einige Paar nun
auch einem Sternbilde glich, welches ber die sonnige Rundung der
Anhhe und hinter derselben niederging, wie einst die sichergehenden
Pflugzge ihrer Vter. Als sie aber einsmals die Augen von den blauen
Kornblumen aufschlugen, an denen sie gehaftet, sahen sie pltzlich
einen andern dunkeln Stern vor sich hergehen, einen schwrzlichen
Kerl, von dem sie nicht wuten, woher er so unversehens gekommen. Er
mute im Korne gelegen haben; Vrenchen zuckte zusammen, und Sali sagte
erschreckt: Der schwarze Geiger!" In der Tat trug der Kerl, der vor
ihnen herstrich, eine Geige mit dem Bogen unter dem Arm und sah
brigens schwarz genug aus; neben einem schwarzen Filzhtchen und
einem schwarzen, ruigen Kittel, den er trug, war auch sein Haar
pechschwarz, so wie der ungeschorene Bart, das Gesicht und die Hnde
aber ebenfalls geschwrzt; denn er trieb allerlei Handwerk, meistens
Kesselflicken, half auch den Kohlenbrennern und Pechsiedern in den
Wldern und ging mit der Geige nur auf einen guten Schick aus, wenn
die Bauern irgendwo lustig waren und ein Fest feierten. Sali und
Vrenchen gingen muschenstill hinter ihm drein und dachten, er wrde
vom Felde gehen und verschwinden, ohne sich umzusehen, und so schien
es auch zu sein, denn er tat, als ob er nichts von ihnen merkte. Dazu
waren sie in einem seltsamen Bann, da sie nicht wagten, den schmalen
Pfad zu verlassen, und dem unheimlichen Gesellen unwillkrlich
folgten, bis an das Ende des Feldes, wo jener ungerechte Steinhaufen
lag, der das immer noch streitige Ackerzipfelchen bedeckte. Eine
zahllose Menge von Mohnblumen oder Klatschrosen hatte sich darauf
angesiedelt, weshalb der kleine Berg feuerrot aussah zurzeit.
Pltzlich sprang der schwarze Geiger mit einem Satze auf die
rotgekleidete Steinmasse hinauf, kehrte sich und sah ringsum. Das
Prchen blieb stehen und sah verlegen zu dem dunklen Burschen hinauf;
denn vorbei konnten sie nicht gehen, weil der Weg in das Dorf fhrte,
und umkehren mochten sie auch nicht vor seinen Augen. Er sah sie
scharf an und rief: Ich kenne euch, ihr seid die Kinder derer, die
mir den Boden hier gestohlen haben! Es freut mich zu sehen, wie gut
ihr gefahren seid, und werde gewi noch erleben, da ihr vor mir den
Weg alles Fleisches geht! Seht mich nur an, ihr zwei Spatzen! Gefllt
euch meine Nase, wie?" In der Tat besa er eine schreckbare Nase,
welche wie ein groes Winkelma aus dem drren, schwarzen Gesicht
ragte oder eigentlich mehr einem tchtigen Knebel oder Prgel glich,
welcher in dies Gesicht geworfen worden war, und unter dem ein
kleines, rundes Lchelchen von einem Munde sich seltsam stutzte und
zusammenzog, aus dem er unaufhrlich pustete, pfiff und zischte. Dazu
stand das kleine Filzhtchen ganz unheimlich, welches nicht rund und
nicht eckig und so sonderlich geformt war, da es alle Augenblicke
seine Gestalt zu verndern schien, obgleich es unbeweglich sa, und
von den Augen des Kerls war fast nichts als das Weie zu sehen, da die
Sterne unaufhrlich auf einer blitzschnellen Wanderung begriffen waren
und wie zwei Hasen im Zickzack umhersprangen. Seht mich nur an," fuhr
er fort, eure Vter kennen mich wohl, und jedermann in diesem Dorfe
wei, wer ich bin, wenn er nur meine Nase sieht. Da haben sie vor
Jahren ausgeschrieben, da ein Stck Geld fr den Erben dieses Ackers
bereitliege; ich habe mich zwanzigmal gemeldet, aber ich habe keinen
Taufschein und keinen Heimatschein, und meine Freunde, die
Heimatlosen, die meine Geburt gesehen, haben kein gltiges Zeugnis,
und so ist die Frist lngst verlaufen, und ich bin um den blutigen
Pfennig gekommen, mit dem ich htte auswandern knnen! Ich habe eure
Vter angefleht, da sie mir bezeugen mchten, sie mten mich nach
ihrem Gewissen fr den rechten Erben halten; aber sie haben mich von
ihren Hfen gejagt, und nun sind sie selbst zum Teufel gegangen! Item,
das ist der Welt Lauf, mir kann's recht sein, ich will euch doch
geigen, wenn ihr tanzen wollt!" Damit sprang er auf der andern Seite
von den Steinen hinunter und machte sich dem Dorfe zu, wo gegen Abend
der Erntesegen eingebracht wurde und die Leute guter Dinge waren. Als
er verschwunden, lie sich das Paar ganz mutlos und betrbt auf die
Steine nieder; sie lieen ihre verschlungenen Hnde fahren und
sttzten die traurigen Kpfe darauf; denn die Erscheinung des Geigers
und seine Worte hatten sie aus der glcklichen Vergessenheit gerissen,
in welcher sie wie zwei Kinder auf und ab gewandelt; und wie sie nun
auf dem harten Grund ihres Elendes saen, verdunkelte sich das heitere
Lebenslicht, und ihre Gemter wurden so schwer wie Steine.

Da erinnerte sich Vrenchen unversehens der wunderlichen Gestalt und
der Nase des Geigers, es mute pltzlich hell auslachen und rief: Der
arme Kerl sieht gar zu spahaft aus! Was fr eine Nase!" und eine
allerliebste, sonnenhelle Lustigkeit verbreitete sich ber des
Mdchens Gesicht, als ob sie nur geharrt htte, bis des Geigers Nase
die trben Wolken wegstiee. Sali sah Vrenchen an und sah diese
Frhlichkeit. Es hatte die Ursache aber schon wieder vergessen und
lachte nur noch auf eigene Rechnung dem Sali ins Gesicht. Dieser,
verblfft und erstaunt, starrte unwillkrlich mit lachendem Munde auf
die Augen, gleich einem Hungrigen, der ein ses Weizenbrot erblickt,
und rief: Bei Gott, Vreeli! Wie schn bist du!" Vrenchen lachte ihn
nur noch mehr an und hauchte dazu aus klangvoller Kehle einige kurze,
mutwillige Lachtne, welche dem armen Sali nicht anders dnkten, als
der Gesang einer Nachtigall. O du Hexe!" rief er, wo hast du das
gelernt? Welche Teufelsknste treibst du da?" Ach du lieber Gott!"
sagte Vrenchen mit schmeichelnder Stimme und nahm Salis Hand, das
sind keine Teufelsknste! Wie lange htte ich gern einmal gelacht! Ich
habe wohl zuweilen, wenn ich ganz allein war, ber irgend etwas lachen
mssen, aber es war nichts Rechtes dabei; jetzt aber mchte ich dich
immer und ewig anlachen, wenn ich dich sehe, und ich mchte dich wohl
immer und ewig sehen! Bist du mir auch ein bichen recht gut?" O
Vreeli!" sagte er und sah ihr ergeben und treuherzig in die Augen,
ich habe noch nie ein Mdchen angesehen, es war mir immer, als ob ich
dich einst liebhaben mte, und ohne da ich wollte oder wute, hast
du mir doch immer im Sinn gelegen!" Und du mir auch," sagte Vrenchen,
und das noch viel mehr; denn du hast mich nie angesehen und wutest
nicht, wie ich geworden bin; ich aber habe dich zuzeiten aus der Ferne
und sogar heimlich aus der Nhe recht gut betrachtet und wute immer,
wie du aussiehst! Weit du noch, wie oft wir als Kinder
hierhergekommen sind? Denkst du noch des kleinen Wagens? Wie kleine
Leute sind wir damals gewesen und wie lang ist es her! Man sollte
denken, wir wren recht alt." Wie alt bist du jetzt?" fragte Sali
voll Vergngen und Zufriedenheit, du mut ungefhr siebzehn sein?"
Siebzehn und ein halbes Jahr bin ich alt!" erwiderte Vrenchen, und
wie alt bist du? Ich wei aber schon, du bist bald zwanzig?" Woher
weit du das?" fragte Sali. Gelt, wenn ich es sagen wollte!" Du
willst es nicht sagen?" Nein!" Gewi nicht?" Nein, nein!" Du
sollst es sagen!" Willst du mich etwa zwingen?" Das wollen wir
sehen!" Diese einfltigen Reden fhrte Sali, um seine Hnde zu
beschftigen und mit ungeschickten Liebkosungen, welche wie eine
Strafe aussehen sollten, das schne Mdchen zu bedrngen. Sie fhrte
auch, sich wehrend, mit vieler Langmut den albernen Wortwechsel fort,
der trotz seiner Leerheit beide witzig und s genug dnkte, bis Sali
erbost und khn genug war, Vrenchens Hnde zu bezwingen und es in die
Mohnblumen zu drcken. Da lag es nun und zwinkerte in der Sonne mit
den Augen; seine Wangen glhten wie Purpur und sein Mund war halb
geffnet und lie zwei Reihen weie Zhne durchschimmern. Fein und
schn flossen die dunklen Augenbrauen ineinander und die junge Brust
hob und senkte sich mutwillig unter smtlichen vier Hnden, welche
sich kunterbunt darauf streichelten und bekriegten. Sali wute sich
nicht zu lassen vor Freuden, das schlanke schne Geschpf vor sich zu
sehen, es sein eigen zu wissen, und es dnkte ihm ein Knigreich.
Alle deine weien Zhne hast du noch!" lachte er, weit du noch, wie
oft wir sie einst gezhlt haben? Kannst du jetzt zhlen?" Das sind ja
nicht die gleichen, du Kind!" sagte Vrenchen, jene sind lngst
ausgefallen!" Sali wollte nun in seiner Einfalt jenes Spiel wieder
erneuern und die glnzenden Zahnperlen zhlen; aber Vrenchen verschlo
pltzlich den roten Mund, richtete sich auf und begann einen Kranz von
Mohnrosen zu winden, den es sich auf den Kopf setzte. Der Kranz war
voll und breit und gab der brunlichen Dirne ein fabelhaftes,
reizendes Ansehen, und der arme Sali hielt in seinem Arm, was reiche
Leute teuer bezahlt htten, wenn sie es nur gemalt an ihren Wnden
htten sehen knnen. Jetzt sprang sie aber empor und rief: Himmel,
wie hei ist es hier! Da sitzen wir wie die Narren und lassen uns
versengen! Komm, mein Lieber! la uns ins hohe Korn sitzen!" Sie
schlpften hinein so geschickt und sachte, da sie kaum eine Spur
zurcklieen, und bauten sich einen engen Kerker in den goldenen
hren, die ihnen hoch ber den Kopf ragten, als sie drin saen, so da
sie nur den tiefblauen Himmel ber sich sahen und sonst nichts von der
Welt. Sie umhalsten sich und kten sich unverweilt und so lange, bis
sie einstweilen mde waren, oder wie man es nennen will, wenn das
Kssen zweier Verliebter auf eine oder zwei Minuten sich selbst
berlebt und die Vergnglichkeit alles Lebens mitten im Rausche der
Bltezeit ahnen lt. Sie hrten die Lerchen singen hoch ber sich und
suchten dieselben mit ihren scharfen Augen, und wenn sie glaubten,
flchtig eine in der Sonne aufblitzen zu sehen, gleich einem pltzlich
aufleuchtenden oder hinschieenden Stern am blauen Himmel, so kten
sie sich wieder zur Belohnung und suchten einander zu bervorteilen
und zu tuschen, soviel sie konnten. Siehst du, dort blitzt eine!"
flsterte Sali und Vrenchen erwiderte ebenso leise: Ich hre sie
wohl, aber ich sehe sie nicht!" Doch, pa nur auf, dort, wo das weie
Wlkchen steht, ein wenig rechts davon!" Und beide sahen eifrig hin
und sperrten vorlufig ihre Schnbel auf, wie die jungen Wachteln im
Neste, um sie unverzglich aufeinanderzuheften, wenn sie sich
einbildeten, die Lerche gesehen zu haben. Auf einmal hielt Vrenchen
inne und sagte: Dies ist also eine ausgemachte Sache, da jedes von
uns einen Schatz hat, dnkt es dich nicht so?" Ja," sagte Sali, es
scheint mir auch so!" Wie gefllt dir denn dein Schtzchen," sagte
Vrenchen, was ist es fr ein Ding, was hast du von ihm zu melden?"
Es ist ein gar feines Ding," sagte Sali, es hat zwei braune Augen,
einen roten Mund und luft auf zwei Fssen; aber seinen Sinn kenn' ich
weniger, als den Papst zu Rom! Und was kannst du von deinem Schatz
berichten?" Er hat zwei blaue Augen, einen nichtsnutzigen Mund und
braucht zwei verwegene starke Arme; aber seine Gedanken sind mir
unbekannter, als der trkische Kaiser!" Es ist eigentlich wahr,"
sagte Sali, da wir uns weniger kennen, als wenn wir uns nie gesehen
htten, so fremd hat uns die lange Zeit gemacht, seit wir gro
geworden sind! Was ist alles vorgegangen in deinem Kpfchen, mein
liebes Kind?" Ach, nicht viel! Tausend Narrenspossen haben sich
wollen regen, aber es ist mir immer so trbselig ergangen, da sie
nicht aufkommen konnten!" Du armes Schtzchen," sagte Sali, ich
glaube aber, du hast es hinter den Ohren, nicht?" Das kannst du ja
nach und nach erfahren, wenn du mich recht lieb hast!" Wenn du einst
meine Frau bist?" Vrenchen zitterte leis bei diesem letzten Worte und
schmiegte sich tiefer in Salis Arme, ihn von neuem lange und zrtlich
kssend. Es traten ihr dabei Trnen in die Augen und beide wurden auf
einmal traurig, da ihnen ihre hoffnungsarme Zukunft in den Sinn kam
und die Feindschaft ihrer Eltern. Vrenchen seufzte und sagte: Komm,
ich mu nun gehen!" und so erhoben sie sich und gingen Hand in Hand
aus dem Kornfeld, als sie Vrenchens Vater sphend vor sich sahen. Mit
dem kleinlichen Scharfsinn des migen Elends hatte dieser, als er dem
Sali begegnet, neugierig gegrbelt, was der wohl allein im Dorfe zu
suchen ginge, und sich des gestrigen Vorfalles erinnernd, verfiel er,
immer nach der Stadt zu schlendernd, endlich auf die richtige Spur,
rein aus Groll und unbeschftigter Bosheit, und nicht so bald gewann
der Verdacht eine bestimmte Gestalt, als er mitten in den Gassen von
Seldwyla umkehrte und wieder in das Dorf hinaustrollte, wo er seine
Tochter in Haus und Hof und rings in den Hecken vergeblich suchte. Mit
wachsender Neugier rannte er auf den Acker hinaus, und als er da
Vrenchens Korb liegen sah, in welchem es die Frchte zu holen pflegte,
das Mdchen selbst aber nirgends erblickte, sphte er eben am Korne
des Nachbars herum, als die erschrockenen Kinder herauskamen. Sie
standen wie versteinert und Marti stand erst auch da und beschaute sie
mit bsen Blicken, bleich wie Blei; dann fing er frchterlich an zu
toben in Gebrden und Schimpfworten und langte zugleich grimmig nach
dem jungen Burschen, um ihn zu wrgen; Sali wich aus und floh einige
Schritte zurck, entsetzt ber den wilden Mann, sprang aber sogleich
wieder zu, als er sah, da der Alte statt seiner nun das zitternde
Mdchen fate, ihm eine Ohrfeige gab, da der rote Kranz herunterflog,
und seine Haare um die Hand wickelte, um es mit sich fortzureien und
weiter zu mihandeln. Ohne sich zu besinnen, raffte er einen Stein auf
und schlug mit demselben den Alten gegen den Kopf, halb in Angst um
Vrenchen und halb im Jhzorn. Marti taumelte erst ein wenig, sank dann
bewutlos auf den Steinhaufen nieder und zog das erbrmlich
aufschreiende Vrenchen mit. Sali befreite noch dessen Haare aus der
Hand des Bewutlosen und richtete es auf; dann stand er da wie eine
Bildsule, ratlos und gedankenlos. Das Mdchen, als es den wie tot
daliegenden Vater sah, fuhr sich mit den Hnden ber das erbleichende
Gesicht, schttelte sich und sagte: Hast du ihn erschlagen?" Sali
nickte lautlos und Vrenchen schrie: O Gott, du lieber Gott! Es ist
mein Vater! Der arme Mann!" und sinnlos warf es sich ber ihn und hob
seinen Kopf auf, an welchem indessen kein Blut flo. Es lie ihn
wieder sinken; Sali lie sich auf der andern Seite den Mannes nieder,
und beide schauten, still wie das Grab und mit erlahmten, reglosen
Hnden in das leblose Gesicht. Um nur etwas anzufangen, sagte endlich
Sali: Er wird doch nicht gleich tot sein mssen? Das ist gar nicht
ausgemacht!" Vrenchen ri ein Blatt von einer Klatschrose ab und legte
es auf die erblaten Lippen und es bewegte sich schwach. Er atmet
noch," rief es, so lauf doch ins Dorf und hol' Hilfe." Als Sali
aufsprang und laufen wollte, streckte es ihm die Hand nach und rief
ihn zurck: Komm aber nicht mit zurck und sage nichts, wie es
zugegangen, ich werde auch schweigen, man soll nichts aus mir
herausbringen!" sagte es und sein Gesicht, das es dem armen, ratlosen
Burschen zuwandte, berflo von schmerzlichen Trnen. Komm, k' mich
noch einmal! Nein, geh, mach' dich fort! Es ist aus, es ist ewig aus,
wir knnen nicht zusammenkommen!" Es stie ihn fort und er lief
willenlos dem Dorfe zu. Er begegnete einem Knbchen, das ihn nicht
kannte; diesem trug er auf, die nchsten Leute zu holen, und beschrieb
ihm genau, wo die Hilfe ntig sei. Dann machte er sich verzweifelt
fort und irrte die ganze Nacht im Gehlze herum. Am Morgen schlich er
in die Felder, um zu sphen, wie es gegangen sei, und hrte von frhen
Leuten, welche miteinander sprachen, da Marti noch lebe, aber nichts
von sich wisse, und wie das eine seltsame Sache wre, da kein Mensch
wisse, was ihm zugestoen. Erst jetzt ging er in die Stadt zurck und
verbarg sich in dem dunkeln Elend des Hauses.

Vrenchen hielt ihm Wort; es war nichts aus ihm herauszufragen, als da
es selbst den Vater so gefunden habe, und da er am andern Tage sich
wieder tchtig regte und atmete, freilich ohne Bewutsein, und
berdies kein Klger da war, so nahm man an, er sei betrunken gewesen
und auf die Steine gefallen, und lie die Sache auf sich beruhen.
Vrenchen pflegte ihn und ging nicht von seiner Seite, auer um die
Arzneimittel zu holen beim Doktor und etwa fr sich selbst eine
schlechte Suppe zu kochen; denn es lebte beinahe von nichts, obgleich
es Tag und Nacht wach sein mute und niemand ihm half. Es dauerte
beinahe sechs Wochen, bis der Kranke allmhlich zu seinem Bewutsein
kam, obgleich er vorher schon wieder a und in seinem Bette ziemlich
munter war. Aber es war nicht das alte Bewutsein, das er jetzt
erlangte, sondern es zeigte sich immer deutlicher, je mehr er sprach,
da er bldsinnig geworden, und zwar auf die wunderlichste Weise. Er
erinnerte sich nur dunkel an das Geschehene und wie an etwas sehr
Lustiges, was ihn nicht weiter berhre, lachte immer wie ein Narr und
war guter Dinge. Noch im Bette liegend, brachte er hundert nrrische,
sinnlos mutwillige Redensarten und Einflle zum Vorschein, schnitt
Gesichter und zog sich die schwarzwollene Zipfelmtze in die Augen und
ber die Nase herunter, da diese aussah, wie ein Sarg unter einem
Bahrtuch. Das bleiche und abgehrmte Vrenchen hrte ihm geduldig zu,
Trnen vergieend ber das trichte Wesen, welches die arme Tochter
noch mehr ngstigte, als die frhere Bosheit; aber wenn der Alte
zuweilen etwas gar zu Drolliges anstellte, so mute es mitten in
seiner Qual laut auflachen, da sein unterdrcktes Wesen immer zur Lust
aufzuspringen bereit war, wie ein gespannter Bogen, worauf dann eine
um so tiefere Betrbnis erfolgte. Als der Alte aber aufstehen konnte,
war gar nichts mehr mit ihm anzustellen; er machte nichts als
Dummheiten, lachte und stberte um das Haus herum, setzte sich in die
Sonne und streckte die Zunge heraus oder hielt lange Reden in die
Bohnen hinein.

Um die gleiche Zeit aber war es auch aus mit den wenigen berbleibseln
seines ehemaligen Besitzes und die Unordnung so weit gediehen, da
auch sein Haus und der letzte Acker, seit geraumer Zeit verpfndet,
nun gerichtlich verkauft wurden. Denn der Bauer, welcher die zwei
cker des Manz gekauft, benutzte die gnzliche Verkommenheit Martis
und seine Krankheit und fhrte den alten Streit wegen des streitigen
Steinfleckes kurz und entschlossen zu Ende, und der verlorene Proze
trieb Martis Fa vollends den Boden aus, indessen er in seinem
Bldsinne nichts mehr von diesen Dingen wute. Die Versteigerung fand
statt; Marti wurde von der Gemeinde in einer Stiftung fr dergleichen
arme Trpfe auf ffentliche Kosten untergebracht. Diese Anstalt befand
sich in der Hauptstadt des Lndchens; der gesunde und ebegierige
Bldsinnige wurde noch gut gefttert, dann auf ein mit Ochsen
bespanntes Wgelchen geladen, das ein rmlicher Bauersmann nach der
Stadt fhrte, um zugleich einen oder zwei Scke Kartoffeln zu
verkaufen, und Vrenchen setzte sich zu dem Vater auf das Fuhrwerk, um
ihn auf diesem letzten Gange zu dem lebendigen Begrbnis zu begleiten.
Es war eine traurige und bittere Fahrt, aber Vrenchen wachte
sorgfltig ber seinen Vater und lie es ihm an nichts fehlen, und es
sah sich nicht um und ward nicht ungeduldig, wenn durch die Kapriolen
des Unglcklichen die Leute aufmerksam wurden und dem Wgelchen
nachliefen, wo sie durchfuhren. Endlich erreichten sie das weitlufige
Gebude in der Stadt, wo die langen Gnge, die Hfe und ein
freundlicher Garten von einer Menge hnlicher Trpfe belebt waren, die
alle in weie Kittel gekleidet waren und dauerhafte Lederkppchen auf
den harten Kpfen trugen. Auch Marti wurde noch vor Vrenchens Augen in
diese Tracht gekleidet, und er freute sich wie ein Kind darber und
tanzte singend umher. Gott gr euch, ihr geehrten Herren!" rief er
seine neuen Genossen an, ein schnes Haus habt ihr hier! Geh heim,
Vrenggel, und sag' der Mutter, ich komme nicht mehr nach Haus, hier
gefllt's mir bei Gott! Juchhei! Es kreucht ein Igel ber den Hag, ich
hab' ihn hren bellen! O Meitli, k' kein' alten Knab', k' nur die
jungen Gesellen! Alle die Wsserlein laufen in Rhein, die mit dem
Pflaumenaug', die mu es sein! Gehst du schon, Vreeli? Du siehst ja
aus wie der Tod im Hfelein und geht es mir doch so erfreulich! Die
Fchsin schreit im Felde: Halleo, halleo! Das Herz tut ihr weho!
hoho!" Ein Aufseher gebot ihm Ruhe und fhrte ihn zu einer leichten
Arbeit, und Vrenchen ging das Fuhrwerk aufzusuchen. Es setzte sich auf
den Wagen, zog ein Stckchen Brot hervor und a dasselbe; dann schlief
es, bis der Bauer kam und mit ihm nach dem Dorfe zurckfuhr. Sie kamen
erst in der Nacht an. Vrenchen ging nach dem Hause, in dem es geboren
und nur zwei Tage bleiben durfte, und es war jetzt zum erstenmal in
seinem Leben ganz allein darin. Es machte ein Feuer, um das letzte
Restchen Kaffee zu kochen, das es noch besa, und setzte sich auf den
Herd, denn es war ihm ganz elendiglich zumut. Es sehnte sich und
hrmte sich ab, den Sali nur ein einziges Mal zu sehen, und dachte
inbrnstig an ihn; aber die Sorgen und der Kummer verbitterten seine
Sehnsucht und diese machten die Sorgen wieder viel schwerer. So sa es
und sttzte den Kopf in die Hnde, als jemand durch die offenstehende
Tr hereinkam. Sali!" rief Vrenchen, als es aufsah, und fiel ihm um
den Hals; dann sahen sich aber beide erschrocken an und riefen: Wie
siehst du elend aus!" Denn Sali sah nicht minder als Vrenchen bleich
und abgezehrt aus. Alles vergessend, zog es ihn zu sich auf den Herd
und sagte: Bist du krank gewesen, oder ist es dir auch so schlimm
gegangen?" Sali antwortete: Nein, ich bin gerade nicht krank, auer
vor Heimweh nach dir! Bei uns geht es jetzt hoch und herrlich zu; der
Vater hat einen Einzug und Unterschleif von auswrtigem Gesindel und
ich glaube, soviel ich merke, ist er ein Diebeshehler geworden.
Deshalb ist jetzt einstweilen Hlle und Flle in unserer Taverne,
solang es geht und bis es ein Ende mit Schrecken nimmt. Die Mutter
hilft dazu, aus bitterlicher Gier, nur etwas im Hause zu sehen, und
glaubt den Unfug noch durch eine gewisse Aufsicht und Ordnung
annehmlich und ntzlich zu machen! Mich fragt man nicht und ich konnte
mich nicht viel darum kmmern; denn ich kann nur an dich denken Tag
und Nacht. Da allerhand Landstreicher bei uns einkehren, so haben wir
alle Tage gehrt, was bei euch vorgeht, worber mein Vater sich freut
wie ein kleines Kind. Da dein Vater heute nach dem Spittel gebracht
wurde, haben wir auch vernommen; ich habe gedacht, du werdest jetzt
allein sein, und bin gekommen, um dich zu sehen!" Vrenchen klagte ihm
jetzt auch alles, was sie drckte und was sie erlitt, aber mit so
leichter, zutraulicher Zunge, als ob sie ein groes Glck beschriebe,
weil sie glcklich war, Sali neben sich zu sehen. Sie brachte
inzwischen notdrftig ein Becken voll warmen Kaffee zusammen, welchen
mit ihr zu teilen sie den Geliebten zwang. Also bermorgen mut du
hier weg?" sagte Sali, was soll denn ums Himmels willen werden?" Das
wei ich nicht," sagte Vrenchen, ich werde dienen mssen und in die
Welt hinaus! Ich werde es aber nicht aushalten ohne dich, und doch
kann ich dich nie bekommen, auch wenn alles andere nicht wre, blo
weil du meinen Vater geschlagen und um dem Verstand gebracht hast!
Dies wrde immer ein schlechter Grundstein unserer Ehe sein und wir
beide nie sorglos werden, nie!" Sali seufzte und sagte: Ich wollte
auch schon hundertmal Soldat werden oder mich in einer fremden Gegend
als Knecht verdingen, aber ich kann noch nicht fortgehen, solange du
hier bist, und hernach wird es mich aufreiben. Ich glaube, das Elend
macht meine Liebe zu dir strker und schmerzhafter, so da es um Leben
und Tod geht! Ich habe von dergleichen keine Ahnung gehabt!" Vrenchen
sah ihn liebevoll lchelnd an; sie lehnten sich an die Wand zurck und
sprachen nichts mehr, sondern gaben sich schweigend der glckseligen
Empfindung hin, die sich ber allen Gram erhob, da sie sich im
grten Ernste gut wren und geliebt wten. Darber schliefen sie
friedlich ein auf dem unbequemen Herde, ohne Kissen und Pfhl, und
schliefen so sanft und ruhig wie zwei Kinder in einer Wiege. Schon
graute der Morgen, als Sali zuerst erwachte; er weckte Vrenchen, so
sacht er konnte; aber es duckte sich immer wieder an ihn,
schlaftrunken, und wollte sich nicht ermuntern. Da kte er es heftig
auf den Mund und Vrenchen fuhr empor, machte die Augen weit auf, und
als es Sali erblickte, rief es: Herrgott! Ich habe eben noch von dir
getrumt! Es trumte mir, wir tanzten miteinander auf unserer
Hochzeit, lange, lange Stunden! und waren so glcklich, sauber
geschmckt und es fehlte uns an nichts. Da wollten wir uns endlich
kssen und drsteten danach, aber immer zog uns etwas auseinander und
nun bist du es selbst gewesen, der uns gestrt und gehindert hat! Aber
wie gut, da du gleich da bist!" Gierig fiel es ihm um den Hals und
kte ihn, als ob es kein Ende nehmen sollte. Und was hast du denn
getrumt?" fragte sie und streichelte ihm Wangen und Kinn. Mir
trumte, ich ginge endlos auf einer langen Strae durch einen Wald und
du in der Ferne immer vor mir her; zuweilen sahest du nach mir um,
winktest mir und lachtest und dann war ich wie im Himmel. Das ist
alles!" Sie traten unter die offengebliebene Kchentre, die
unmittelbar ins Freie fhrte, und muten lachen, als sie sich ins
Gesicht sahen. Denn die rechte Wange Vrenchens und die linke Salis,
welche im Schlafe aneinandergelehnt hatten, waren von dem Drucke ganz
rotgefrbt, whrend die Blsse der andern durch die khle Nachtluft
noch erhht war. Sie rieben sich zrtlich die kalte bleiche Seite
ihrer Gesichter, um sie auch rot zu machen; die frische Morgenluft,
der tauige stille Frieden, der ber der Gegend lag, das junge
Morgenrot machten sie frhlich und selbstvergessen und besonders in
Vrenchen schien ein freundlicher Geist der Sorglosigkeit gefahren zu
sein. Morgen abend mu ich also aus diesem Hause fort," sagte es,
und ein anderes Obdach suchen. Vorher aber mchte ich einmal, nur
einmal recht lustig sein, und zwar mit dir; ich mchte recht herzlich
und fleiig mit dir tanzen irgendwo, denn das Tanzen aus dem Traume
steckt mir immerfort im Sinn!" Jedenfalls will ich dabei sein und
sehen, wo du unterkommst," sagte Sali, und tanzen wollte ich auch
gerne mit dir, du herziges Kind! Aber wo?" Es ist morgen Kirchweih an
zwei Orten nicht sehr weit von hier," erwiderte Vrenchen, da kennt
und beachtet man uns weniger; drauen am Wasser will ich auf dich
warten und dann knnen wir gehen, wohin es uns gefllt, um uns lustig
zu machen, einmal, Einmal nur! Aber je, wir haben ja gar kein Geld!"
setzte es traurig hinzu, da kann nichts daraus werden!" La nur,"
sagte Sali, ich will schon etwas mitbringen!" Doch nicht von deinem
Vater, von--von dem Gestohlenen?" Nein, sei nur ruhig! Ich habe noch
meine silberne Uhr bewahrt bis dahin, die will ich verkaufen." Ich
will dir nicht abraten," sagte Vrenchen errtend, denn ich glaube,
ich mte sterben, wenn ich nicht morgen mit dir tanzen knnte." Es
wre das beste, wir beide knnten sterben!" sagte Sali; sie umarmten
sich wehmtig und schmerzlich zum Abschied, und als sie
voneinanderlieen, lachten sie sich doch freundlich an in der sicheren
Hoffnung auf den nchsten Tag. Aber wann willst du denn kommen?" rief
Vrenchen noch. Sptestens um elf Uhr mittags," erwiderte er, wir
wollen recht ordentlich zusammen Mittag essen!" Gut, gut! Komm lieber
um halb elf schon!" Doch als Sali schon im Gehen war, rief sie ihn
noch einmal zurck und zeigte ein pltzlich verndertes
verzweiflungsvolles Gesicht. Es wird doch nichts daraus," sagte sie
bitterlich weinend, ich habe keine Sonntagsschuhe mehr. Schon gestern
habe ich diese groben hier anziehen mssen, um nach der Stadt zu
kommen! Ich wei keine Schuhe aufzubringen!" Sali stand ratlos und
verblfft. Keine Schuhe!" sagte er, da mut du halt in diesen
kommen!" Nein, nein, in denen kann ich nicht tanzen!" Nun, so mssen
wir welche kaufen!" Wo, mit was?" Ei, in Seldwyl da gibt es
Schuhlden genug! Geld werde ich in minder als zwei Stunden haben."
Aber, ich kann doch nicht mit dir in Seldwyl herumgehen, und dann
wird das Geld nicht langen, auch noch Schuhe zu kaufen!" Es mu! Und
ich will die Schuhe kaufen und morgen mitbringen!" O du Nrrchen, sie
werden ja nicht passen, die du kaufst!" So gib mir einen alten Schuh
mit, oder halt, noch besser, ich will dir das Ma nehmen, das wird
doch kein Hexenwerk sein!" Das Ma nehmen? Wahrhaftig, daran hab' ich
nicht gedacht! Komm, komm, ich will dir ein Schnrchen suchen!" Sie
setzte sich wieder auf den Herd, zog den Rock etwas zurck und
streifte den Schuh vom Fue, der noch von der gestrigen Reise her mit
einem weien Strumpfe bekleidet war. Sali kniete nieder und nahm, so
gut er es verstand, das Ma, indem er den zierlichen Fu der Lnge und
Breite nach umspannte mit dem Schnrchen und sorgfltig Knoten in
dasselbe knpfte. Du Schuhmacher!" sagte Vrenchen und lachte errtend
und freundschaftlich zu ihm nieder. Sali wurde aber auch rot und hielt
den Fu fest in seinen Hnden, lnger als ntig war, so da Vrenchen
ihn noch tiefer errtend zurckzog, den verwirrten Sali aber noch
einmal strmisch umhalste und kte, dann aber fortschickte.

Sobald er in der Stadt war, trug er seine Uhr zu einem Uhrmacher, der
ihm sechs oder sieben Gulden dafr gab; fr die silberne Kette bekam
er auch einige Gulden, und er dnkte sich nun reich genug, denn er
hatte, seit er gro war, nie so viel Geld besessen auf einmal. Wenn
nur erst der Tag vorber und der Sonntag angebrochen wre, um das
Glck damit zu erkaufen, das er sich von dem Tage versprach, dachte
er; denn wenn das bermorgen auch um so dunkler und unbekannter
hereinragte, so gewann die ersehnte Lustbarkeit von morgen nur einen
seltsamern erhhten Glanz und Schein. Indessen brachte er die Zeit
noch leidlich hin, indem er ein Paar Schuhe fr Vrenchen suchte, und
dies war ihm das vergngteste Geschft, das er je betrieben. Er ging
von einem Schuhmacher zum andern, lie sich alle Weiberschuhe zeigen,
die vorhanden waren, und endlich handelte er ein leichtes und feines
Paar ein, so hbsch, wie sie Vrenchen noch nie getragen. Er verbarg
die Schuhe unter seiner Weste und tat sie die brige Zeit des Tages
nicht mehr von sich; er nahm sie sogar mit ins Bett und legte sie
unter das Kopfkissen. Da er das Mdchen heute frh noch gesehen und
morgen wieder sehen sollte, so schlief er fest und ruhig, war aber in
aller Frhe munter und begann seinen drftigen Sonntagsstaat
zurechtzumachen und auszuputzen, so gut es gelingen wollte. Es fiel
seiner Mutter auf und sie fragte verwundert, was er vorhabe, da er
sich schon lange nicht mehr so sorglich angezogen. Er wolle einmal
ber Land gehen und sich ein wenig umtun, erwiderte er, er werde sonst
krank in diesem Hause. Das ist mir die Zeit her ein merkwrdiges
Leben," murrte der Vater, und ein Herumschleichen!" La ihn nur
gehen," sagte aber die Mutter, es tut ihm vielleicht gut, es ist ja
ein Elend, wie er aussieht!" Hast du Geld zum Spazierengehen? Woher
hast du es?" fragte der Alte. Ich brauche keines!" sagte Sali. Da
hast du einen Gulden!" versetzte der Alte und warf ihm denselben hin.
Du kannst im Dorf ins Wirtshaus gehen und ihn dort verzehren, damit
sie nicht glauben, wir seien hier so bel dran." Ich will nicht ins
Dorf und brauche den Gulden nicht, behaltet ihn nur!" So hast du ihn
gehabt, es wre schad, wenn du ihn haben mtest, du Starrkopf!" rief
Manz und schob seinen Gulden wieder in die Tasche. Seine Frau aber,
welche nicht wute, warum sie heute ihres Sohnes wegen so wehmtig und
gerhrt war, brachte ihm ein groes schwarzes Mailnder Halstuch mit
rotem Rande, das sie nur selten getragen und er schon frher gern
gehabt htte. Er schlang es um den Hals und lie die langen Zipfel
fliegen; auch stellte er zum erstenmal den Hemdkragen, den er sonst
immer umgeschlagen, ehrbar und mnnlich in die Hhe, bis ber die
Ohren hinauf, in einer Anwandlung lndlichen Stolzes, und machte sich
dann, seine Schuhe in der Brusttasche des Rockes, schon nach sieben
Uhr auf den Weg. Als er die Stube verlie, drngte ihn ein seltsames
Gefhl, Vater und Mutter die Hand zu geben, und auf der Strae sah er
sich noch einmal nach dem Hause um. Ich glaube am Ende," sagte Manz,
der Bursche streicht irgendeinem Weibsbild nach; das htten wir
gerade noch ntig!" Die Frau sagte: O wollte Gott! da er vielleicht
ein Glck machte! Das tte dem armen Buben gut!" Richtig!" sagte der
Mann, das fehlt nicht! Das wird ein himmlisches Glck geben, wenn er
nur erst an eine solche Maultasche zu geraten das Unglck hat! Das
tte dem armen Bbchen gut! Natrlich!"

Sali richtete seinen Schritt erst nach dem Flusse zu, wo er Vrenchen
erwarten wollte; aber unterwegs ward er anderen Sinnes und ging
geradezu ins Dorf, um Vrenchen im Hause selbst abzuholen, weil es ihm
zu lang whrte bis halb elf! Was kmmern uns die Leute!" dachte er.
Niemand hilft uns und ich bin ehrlich und frchte niemand!" So trat
er unerwartet in Vrenchens Stube und ebenso unerwartet fand er es
schon vollkommen angekleidet und geschmckt dasitzen und der Zeit
harren, wo es gehen knne, nur die Schuhe fehlten ihm noch. Aber Sali
stand mit offenem Munde still in der Mitte der Stube, als er das
Mdchen erblickte, so schn sah es aus. Es hatte nur ein einfaches
Kleid an von blaugefrbter Leinwand, aber dasselbe war frisch und
sauber und sa ihm sehr gut um den schlanken Leib. Darber trug es ein
schneeweies Musselinehalstuch und dies war der ganze Anzug. Das
braune gekruselte Haar war sehr wohl geordnet und die sonst so wilden
Lckchen lagen nun fein und lieblich um den Kopf; da Vrenchen seit
vielen Wochen fast nicht aus dem Hause gekommen, so war seine Farbe
zarter und durchsichtiger geworden, so wie auch vom Kummer; aber in
diese Durchsichtigkeit go jetzt die Liebe und die Freude ein Rot um
das andere, und an der Brust trug es einen schnen Blumenstrau von
Rosmarin, Rosen und prchtigen Astern. Es sa am offenen Fenster und
atmete still und hold die frischdurchsonnte Morgenluft; wie es aber
Sali erscheinen sah, streckte es ihm beide hbsche Arme entgegen,
welche vom Ellbogen an blo waren, und rief: Wie recht hast du, da
du schon jetzt und hierher kommst! Aber hast du mir Schuhe gebracht?
Gewi? Nun steh' ich nicht auf, bis ich sie anhabe!" Er zog die
ersehnten aus der Tasche und gab sie dem begierigen schnen Mdchen;
es schleuderte die alten von sich, schlpfte in die neuen und sie
paten sehr gut. Erst jetzt erhob es sich vom Stuhl, wiegte sich in
den neuen Schuhen und ging eifrig einigemal auf und nieder. Es zog das
lange, blaue Kleid etwas zurck und beschaute wohlgefllig die roten
wollenen Schleifen, welche die Schuhe zierten, whrend Sali
unaufhrlich die feine reizende Gestalt betrachtete, welche da in
lieblicher Aufregung vor ihm sich regte und freute. Du beschaust
meinen Strau?" sagte Vrenchen, hab' ich nicht einen schnen
zusammengebracht? Du mut wissen, dies sind die letzten Blumen, die
ich noch aufgefunden in dieser Wstenei. Hier war noch ein Rschen,
dort eine Aster, und wie sie nun gebunden sind, wrde man es ihnen
nicht ansehen, da sie aus einem Untergange zusammengesucht sind! Nun
ist es aber Zeit, da ich fortkomme, nicht ein Blmchen mehr im Garten
und das Haus auch leer!" Sali sah sich um und bemerkte erst jetzt, da
alle Fahrhabe, die noch dagewesen, weggebracht war. Du armes Vreeli!"
sagte er, haben sie dir schon alles genommen?" Gestern," erwiderte
es, haben sie's weggeholt, was sich von der Stelle bewegen lie, und
mir kaum mehr als mein Bett gelassen. Ich hab's aber auch gleich
verkauft und hab' jetzt auch Geld, sieh!" Es holte einige neue
glnzende Talerstcke aus der Tasche seines Kleides und zeigte sie
ihm. Damit," fuhr es fort, sagte der Waisenvogt, der auch hier war,
solle ich mir einen Dienst suchen in einer Stadt und ich solle mich
heute gleich auf den Weg machen!" Da ist aber auch gar nichts mehr
vorhanden," sagte Sali, nachdem er in die Kche geguckt hatte, ich
sehe kein Hlzchen, kein Pfnnchen, kein Messer! Hast du denn auch
nicht zu Morgen gegessen?" Nichts!" sagte Vrenchen, ich htte mir
etwas holen knnen, aber ich dachte, ich wolle lieber hungrig bleiben,
damit ich recht viel essen knne mit dir zusammen, denn ich freue mich
so sehr darauf, du glaubst nicht, wie ich mich freue!" Wenn ich dich
nur anrhren drfte," sagte Sali, so wollte ich dir zeigen, wie es
mir ist, du schnes, schnes Ding!" Du hast recht, du wrdest meinen
ganzen Staat verderben, und wenn wir die Blumen ein bichen schonen,
so kommt es zugleich meinem armen Kopf zugut, den du mir bel
zuzurichten pflegst!" So komm, jetzt wollen wir ausrcken!" Noch
mssen wir warten, bis das Bett abgeholt wird; denn nachher schliee
ich das leere Haus zu und gehe nicht mehr hierher zurck! Mein
Bndelchen gebe ich der Frau aufzuheben, die das Bett gekauft hat."
Sie setzten sich daher einander gegenber und warteten; die Buerin
kam bald, eine vierschrtige Frau mit lautem Mundwerk, und hatte einen
Burschen bei sich, welcher die Bettstelle tragen sollte. Als diese
Frau Vrenchens Liebhaber erblickte und das geputzte Mdchen selbst,
sperrte sie Mund und Augen auf, stemmte die Arme unter und schrie:
Ei, sieh da, Vreeli! Du treibst es ja schon gut! Hast einen Besucher
und bist gerstet wie eine Prinze?" Gelt aber!" sagte Vrenchen
freundlich lachend, wit Ihr auch, wer das ist?" Ei, ich denke, das
ist wohl der Sali Manz? Berg und Tal kommen nicht zusammen, sagt man,
aber die Leute! Aber nimm dich doch in acht, Kind, und denk, wie es
euren Eltern ergangen ist!" Ei, das hat sich jetzt gewendet und alles
ist gut geworden," erwiderte Vrenchen lchelnd und freundlich
mitteilsam, ja beinahe herablassend, seht, Sali ist mein Hochzeiter!"
Dein Hochzeiter! Was du sagst!" Ja und er ist ein reicher Herr, er
hat hunderttausend Gulden in der Lotterie gewonnen! Denket einmal,
Frau!" Diese tat einen Sprung, schlug ganz erschrocken die Hnde
zusammen und schrie: Hund--hunderttausend Gulden!" Hunderttausend
Gulden!" versicherte Vrenchen ernsthaft. Herr du meines Lebens! Es
ist aber nicht wahr, du lgst mich an, Kind!" Nun, glaubt was Ihr
wollt!" Aber, wenn es wahr ist und du heiratest ihn, was wollt ihr
denn machen mit dem Gelde? Willst du wirklich eine vornehme Frau
werden?" Versteht sich, in drei Wochen halten wir die Hochzeit!" Geh
mir weg, du bist eine hliche Lgnerin!" Das schnste Haus hat er
schon gekauft in Seldwyl mit einem groen Garten und Weinberg; Ihr
mt mich auch besuchen, wenn wir eingerichtet sind, ich zhle
darauf!" Allweg, du Teufelshexlein, was du bist!" Ihr werdet sehen,
wie schn es da ist! Einen herrlichen Kaffee werde ich machen und Euch
mit seinem Eierbrot aufwarten, mit Butter und Honig!" O du
Schelmenkind! Zhl' drauf, da ich komme!" rief die Frau mit lsternem
Gesicht und der Mund wsserte ihr. Kommt Ihr aber um die Mittagszeit
und seid ermdet vom Markt, so soll Euch eine krftige Fleischbrhe
und ein Glas Wein immer bereitstehen!" Das wird mir ba tun!" Und an
etwas Zuckerwerk oder weien Wecken fr die lieben Kinder zu Hause
soll es Euch auch nicht fehlen!" Es wird mir ganz schmachtend!" Ein
artiges Halstchelchen oder ein Restchen Seidenzeug oder ein hbsches
altes Band fr Eure Rcke, oder ein Stck Zeug zu einer neuen Schrze
wird gewi auch zu finden sein, wenn wir meine Kisten und Kasten
durchmustern in einer vertrauten Stunde!" Die Frau drehte sich auf den
Hacken herum und schttelte jauchzend ihre Rcke. Und wenn Euer Mann
ein vorteilhaftes Geschft machen knnte mit einem Land- oder
Viehhandel, und er mangelt des Geldes, so wit Ihr, wo Ihr anklopfen
sollt. Mein lieber Sali wird froh sein, jederzeit ein Stck Bares
sicher und erfreulich anzulegen! Ich selbst werde auch etwa einen
Sparpfennig haben, einer vertrauten Freundin beizustehen!" Jetzt war
der Frau nicht mehr zu helfen, sie sagte gerhrt: Ich habe immer
gesagt, du seiest ein braves und gutes und schnes Kind! Der Herr
wolle es dir wohlergehen lassen immer und ewiglich und es dir
gesegnen, was du an mir tust!" Dagegen verlange ich aber auch, da
Ihr es gut mit mir meint!" Allweg kannst du das verlangen!" Und da
Ihr jederzeit Eure Ware, sei es Obst, seien es Kartoffeln, sei es
Gemse, erst zu mir bringet und mir anbietet, ehe Ihr auf den Markt
gehet, damit ich sicher sei, eine rechte Buerin an der Hand zu haben,
auf die ich mich verlassen kann! Was irgendeiner gibt fr die Ware,
werde ich gewi auch geben mit tausend Freuden, Ihr kennt mich ja!
Ach, es ist nichts Schneres, als wenn eine wohlhabende Stadtfrau, die
so ratlos in ihren Mauern sitzt und doch so vieler Dinge bentigt ist,
und eine rechtschaffene ehrliche Landfrau, erfahren in allem Wichtigen
und Ntzlichen, eine gute und dauerhafte Freundschaft zusammen haben!
Es kommt einem zugut in hundert Fllen, in Freud und Leid, bei
Gevatterschaften und Hochzeiten, wenn die Kinder unterrichtet werden
und konfirmiert, wenn sie in die Lehre kommen und wenn sie in die
Fremde sollen! Bei Miwachs und berschwemmungen, bei Feuersbrnsten
und Hagelschlag, wofr uns Gott behte!" Wofr uns Gott behte!"
sagte die gute Frau schluchzend und trocknete mit ihrer Schrze die
Augen; welch ein verstndiges und tiefsinniges Brutlein bist du, ja,
dir wird es gut gehen, da mte keine Gerechtigkeit in der Welt sein!
Schn, sauber, klug und weise bist du, arbeitsam und geschickt zu
allen Dingen! Keine ist feiner und besser als du, in und auer dem
Dorfe, und wer dich hat, der mu meinen, er sei im Himmelreich, oder
er ist ein Schelm und hat es mit mir zu tun. Hr', Sali! Da du nur
recht artlich bist mit meinem Vreeli, oder ich will dir den Meister
zeigen, du Glckskind, das du bist, ein solches Rslein zu brechen!"
So nehmt jetzt auch hier noch mein Bndel mit, wie Ihr mir
versprochen habt, bis ich es abholen lassen werde! Vielleicht komme
ich aber selbst in der Kutsche und hole es ab, wenn Ihr nichts dagegen
habt! Ein Tpfchen Milch werdet Ihr mir nicht abschlagen alsdann, und
etwa eine schne Mandeltorte dazu werde ich schon selbst mitbringen!"
Tausendskind! Gib her den Bndel!" Vrenchen lud ihr auf das
zusammengebundene Bett, das sie schon auf dem Kopfe trug, einen langen
Sack, in welchen es sein Plunder und Habseliges gestopft, so da die
arme Frau mit einem schwankenden Turme auf dem Haupte dastand. Es
wird mir doch fast zu schwer auf einmal," sagte sie, knnte ich nicht
zweimal dran machen?" Nein, nein! Wir mssen jetzt augenblicklich
gehen, denn wir haben einen weiten Weg, um vornehme Verwandte zu
besuchen, die sich jetzt gezeigt haben, seit wir reich sind! Ihr wit
ja, wie es geht!" Wei wohl! So beht' dich Gott, und denk' an mich
in deiner Herrlichkeit!"

Die Buerin zog ab mit ihrem Bndelturme, mit Mhe das Gleichgewicht
behauptend, und hinter ihr drein ging ihr Knechtchen, das sich in
Vrenchens einst buntbemalte Bettstatt hineinstellte, den Kopf gegen
den mit verblichenen Sternen bedeckten Himmel derselben stemmte und,
ein zweiter Simson, die zwei vorderen zierlich geschnitzten Sulen
fate, welche diesen Himmel trugen. Als Vrenchen, an Sali gelehnt, dem
Zuge nachschaute und den wandelnden Tempel zwischen den Grten sah,
sagte es: Das gbe noch ein artiges Gartenhuschen oder eine Laube,
wenn man's in einen Garten pflanzte, ein Tischchen und ein Bnklein
dreinstellte und Winden drum herumste! Wolltest du mit darin sitzen,
Sali?" Ja, Vreeli! Besonders wenn die Winden aufgewachsen wren!"
Was stehen wir noch?" sagte Vrenchen, nichts hlt uns mehr zurck!"
So komm und schlie das Haus zu!" Wem willst du denn den Schlssel
bergeben?" Vrenchen sah sich um. Hier an die Helbart wollen wir ihn
hngen; sie ist ber hundert Jahr in diesem Hause gewesen, habe ich
den Vater oft sagen hren, nun steht sie da als der letzte Wchter!"
Sie hingen den rostigen Hausschlssel an einen rostigen Schnrkel der
alten Waffe, an welcher die Bohnen rankten, und gingen davon. Vrenchen
wurde aber bleicher und verhllte ein Weilchen die Augen, da Sali es
fhren mute, bis sie ein Dutzend Schritte entfernt waren. Es sah aber
nicht zurck. Wo gehen wir nun zuerst hin?" fragte es. Wir wollen
ordentlich ber Land gehen," erwiderte Sali, wo es uns freut den
ganzen Tag, uns nicht bereilen, und gegen Abend werden wir dann schon
einen Tanzplatz finden!" Gut!" sagte Vrenchen, den ganzen Tag werden
wir beisammensein und gehen, wo wir Lust haben. Jetzt ist mir aber
elend, wir wollen gleich im andern Dorf einen Kaffee trinken!"
Versteht sich!" sagte Sali, mach' nur, da wir aus diesem Dorf
wegkommen!" Bald waren sie auch im freien Felde und gingen still
nebeneinander durch die Fluren; es war ein schner Sonntagmorgen im
September, keine Wolke stand am Himmel, die Hhen und die Wlder waren
mit einem zarten Duftgewebe bekleidet, welches die Gegend
geheimnisvoller und feierlicher machte, und von allen Seiten tnten
die Kirchenglocken herber, hier das harmonische tiefe Gelute einer
reichen Ortschaft, dort die geschwtzigen zwei Bimmelglcklein eines
kleinen armen Drfchens. Das liebende Paar verga, was am Ende dieses
Tages werden sollte, und gab sich einzig der hochaufatmenden wortlosen
Freude hin, sauber gekleidet und frei, wie zwei Glckliche, die sich
von Rechts wegen angehren, in den Sonntag hineinzuwandeln. Jeder in
der Sonntagsstille verhallende Ton oder ferne Ruf klang ihnen
erschtternd durch die Seele; denn die Liebe ist eine Glocke, welche
das Entlegenste und Gleichgltigste widertnen lt und in eine
besondere Musik verwandelt. Obgleich sie hungrig waren, dnkte sie die
halbe Stunde Weges bis zum nchsten Dorfe nur ein Katzensprung lang zu
sein und sie betraten zgernd das Wirtshaus am Eingange des Ortes.
Sali bestellte ein gutes Frhstck, und whrend es bereitet wurde,
sahen sie muschenstill der sichern und freundlichen Wirtschaft in der
groen reinlichen Gaststube zu. Der Wirt war zugleich ein Bcker, das
eben Gebackene durchduftete angenehm das ganze Haus, und Brot aller
Art wurde in gehuften Krben herbeigetragen, da nach der Kirche die
Leute hier ihr Weibrot holten oder ihren Frhschoppen tranken. Die
Wirtin, eine artige und saubere Frau, putzte gelassen und freundlich
ihre Kinder heraus, und sowie eines entlassen war, kam es zutraulich
zu Vrenchen gelaufen, zeigte ihm seine Herrlichkeiten und erzhlte von
allem, dessen es sich erfreute und rhmte. Wie nun der wohlduftende
starke Kaffee kam, setzten sich die zwei Leutchen schchtern an den
Tisch, als ob sie da zu Gast gebeten wren. Sie ermunterten sich
jedoch bald und flsterten bescheiden, aber glckselig miteinander;
ach, wie schmeckte dem aufblhenden Vrenchen der gute Kaffee, der
fette Rahm, die frischen noch warmen Brtchen, die schne Butter und
der Honig, der Eierkuchen und was alles noch fr Leckerbissen da
waren! Sie schmeckten ihm, weil es den Sali dazu ansah, und es a so
vergngt, als ob es ein Jahr lang gefastet htte. Dazu freute es sich
ber das feine Geschirr, ber die silbernen Kaffeelffelchen; denn die
Wirtin schien sie fr rechtliche junge Leutchen zu halten, die man
anstndig bedienen msse, und setzte sich auch ab und zu plaudernd zu
ihnen, und die beiden gaben ihr verstndigen Bescheid, welches ihr
gefiel. Es war dem guten Vrenchen so whlig zumut, da es nicht wute,
mochte es lieber wieder ins Freie, um allein mit seinem Schatz
herumzuschweifen durch Auen und Wlder, oder mochte es lieber in der
gastlichen Stube bleiben, um wenigstens auf Stunden sich an einem
stattlichen Orte zu Hause zu trumen. Doch Sali erleichterte die Wahl,
indem er ehrbar und geschftig zum Aufbruch mahnte, als ob sie einen
bestimmten und wichtigen Weg zu machen htten. Die Wirtin und der Wirt
begleiteten sie bis vor das Haus und entlieen sie auf das
wohlwollendste wegen ihres guten Benehmens, trotz der durchscheinenden
Drftigkeit, und das arme junge Blut verabschiedete sich mit den
besten Manieren von der Welt und wandelte sittig und ehrbar von
hinnen. Aber auch als sie schon wieder im Freien waren und einen
stundenlangen Eichwald betraten, gingen sie noch in dieser Weise
nebeneinander her, in angenehme Trume vertieft, als ob sie nicht aus
zank- und elenderfllten vernichteten Husern herkmen, sondern guter
Leute Kinder wren, welche in lieblicher Hoffnung wandelten. Vrenchen
senkte das Kpfchen tiefsinnig gegen seine blumengeschmckte Brust und
ging, die Hnde sorglich an das Gewand gelegt, einher auf dem glatten
feuchten Waldboden; Sali dagegen schritt schlank aufgerichtet, rasch
und nachdenklich, die Augen auf die festen Eichenstmme geheftet wie
ein Bauer, der berlegt, welche Bume er am vorteilhaftesten fllen
soll. Endlich erwachten sie aus diesen vergeblichen Trumen, sahen
sich an und entdeckten, da sie immer noch in der Haltung gingen, in
welcher sie das Gasthaus verlassen, errteten und lieen traurig die
Kpfe hngen. Aber Jugend hat keine Tugend, der Wald war grn, der
Himmel blau und sie allein in der weiten Welt, und sie berlieen sich
alsbald wieder diesem Gefhle. Doch blieben sie nicht lange mehr
allein, da die schne Waldstrae sich belebte mit lustwandelnden
Gruppen von jungen Leuten, sowie mit einzelnen Paaren, welche
schkernd und singend die Zeit nach der Kirche verbrachten. Denn die
Landleute haben so gut ihre ausgesuchten Promenaden und Lustwlder,
wie die Stdter, nur mit dem Unterschied, da dieselben keine
Unterhaltung kosten und noch schner sind; sie spazieren nicht nur mit
einem besonderen Sinn des Sonntags durch ihre blhenden und reifenden
Felder, sondern sie machen sehr gewhlte Gnge durch Gehlze und an
grnen Halden entlang, setzen sich hier auf eine anmutige,
fernsichtige Hhe, dort an einen Waldrand, lassen ihre Lieder ertnen
und die schne Wildnis ganz behaglich auf sich einwirken; und da sie
dies offenbar nicht zu ihrer Pnitenz tun, sondern zu ihrem Vergngen,
so ist wohl anzunehmen, da sie Sinn fr die Natur haben, auch
abgesehen von ihrer Ntzlichkeit. Immer brechen sie was Grnes ab,
junge Bursche wie alte Mtterchen, welche die alten Wege ihrer Jugend
aufsuchen, und selbst steife Landmnner in den besten Geschftsjahren,
wenn sie ber Land gehen, schneiden sich gern eine schlanke Gerte,
sobald sie durch einen Wald gehen, und schlen die Bltter ab, von
denen sie nur oben ein grnes Bschel stehenlassen. Solche Rute tragen
sie wie ein Zepter vor sich hin; wenn sie in eine Amtsstube oder
Kanzlei treten, so stellen sie die Gerte ehrerbietig in einen Winkel,
vergessen aber auch nach den ernstesten Verhandlungen nie, dieselbe
suberlich wieder mitzunehmen und unversehrt nach Hause zu tragen, wo
es erst dem kleinsten Shnchen gestattet ist, sie zugrunde zu
richten.--Als Sali und Vrenchen die vielen Spaziergnger sahen,
lachten sie ins Fustchen und freuten sich, auch gepaart zu sein,
schlpften aber seitwrts auf engere Waldpfade, wo sie sich in tiefen
Einsamkeiten verloren. Sie hielten sich auf, wo es sie freute, eilten
vorwrts und ruhten wieder, und wie keine Wolke am reinen Himmel
stand, trbte auch keine Sorge in diesen Stunden ihr Gemt; sie
vergaen, woher sie kamen und wohin sie gingen, und benahmen sich so
fein und ordentlich dabei, da trotz aller frohen Erregung und
Bewegung Vrenchens niedlicher einfacher Aufputz so frisch und
unversehrt blieb, wie er am Morgen gewesen war. Sali betrug sich auf
diesem Wege nicht wie ein beinahe zwanzigjhriger Landbursche oder der
Sohn eines verkommenen Schenkwirtes, sondern wie wenn er einige Jahre
jnger und sehr wohlerzogen wre, und es war beinahe komisch, wie er
nur immer sein feines lustiges Vrenchen ansah, voll Zrtlichkeit,
Sorgfalt und Achtung. Denn die armen Leutchen muten an diesem einen
Tage, der ihnen vergnnt war, alle Manieren und Stimmungen der Liebe
durchleben und sowohl die verlorenen Tage der zarteren Zeit nachholen
als das leidenschaftliche Ende vorausnehmen mit der Hingabe ihres
Lebens.

So liefen sie sich wieder hungrig und waren erfreut, von der Hhe
eines schattenreichen Berges ein glnzendes Dorf vor sich zu sehen, wo
sie Mittag halten wollten. Sie stiegen rasch hinunter, betraten dann
ebenso sittsam diesen Ort, wie sie den vorigen verlassen. Es war
niemand um den Weg, der sie erkannt htte; denn besonders Vrenchen war
die letzten Jahre hindurch gar nicht unter die Leute und noch weniger
in andere Drfer gekommen. Deshalb stellten sie ein wohlgeflliges
ehrsames Prchen vor, das irgendeinen angelegentlichen Gang tut. Sie
gingen ins erste Wirtshaus des Dorfes, wo Sali ein erkleckliches Mahl
bestellte; ein eigener Tisch wurde ihnen sonntglich gedeckt, und sie
saen wieder still und bescheiden daran und beguckten die
schngetfelten Wnde von gebohntem Nubaumholz, das lndliche aber
glnzende und wohlbestellte Bfett von gleichem Holze, und die klaren
weien Fenstervorhnge. Die Wirtin trat zutulich herzu und setzte ein
Geschirr voll frischer Blumen auf den Tisch. Bis die Suppe kommt",
sagte sie, knnt ihr, wenn es euch gefllig ist, einstweilen die
Augen sttigen an dem Straue. Allem Anschein nach, wenn es erlaubt
ist zu fragen, seit ihr ein junges Brautpaar, das gewi nach der Stadt
geht, um sich morgen kopulieren zu lassen?" Vrenchen wurde rot und
wagte nicht aufzusehen, Sali sagte auch nichts, und die Wirtin fuhr
fort: Nun, ihr seid freilich beide noch wohl jung, aber jung
geheiratet lebt lang, sagt man zuweilen, und ihr seht wenigstens
hbsch und brav aus und braucht euch nicht zu verbergen. Ordentliche
Leute knnen etwas zuwege bringen, wenn sie so jung zusammenkommen und
fleiig und treu sind. Aber das mu man freilich sein, denn die Zeit
ist kurz und doch lang, und es kommen viele Tage, viele Tage! Je nun,
schn genug sind sie und amsant dazu, wenn man gut haushlt damit!
Nichts fr ungut, aber es freut mich, euch anzusehen, so ein schmuckes
Prchen seid ihr!" Die Kellnerin brachte die Suppe, und da sie einen
Teil dieser Worte noch gehrt und lieber selbst geheiratet htte, so
sah sie Vrenchen mit scheelen Augen an, welches nach ihrer Meinung so
gedeihliche Wege ging. In der Nebenstube lie die unliebliche Person
ihren Unmut frei und sagte zur Wirtin, welche dort zu schaffen hatte,
so laut, da man es hren konnte: Das ist wieder ein rechtes
Hudelvlkchen, das wie es geht und steht nach der Stadt luft und sich
kopulieren lt, ohne einen Pfennig, ohne Freunde, ohne Aussteuer und
ohne Aussicht, als auf Armut und Bettelei! Wo soll das noch hinaus,
wenn solche Dinger heiraten, die die Jppe noch nicht allein anziehen
und keine Suppe kochen knnen? Ach, der hbsche junge Mensch kann mich
nur dauern, der ist schn petschiert mit seiner jungen Gungeline!"
Bscht! Willst du wohl schweigen, du gehssiges Ding!" sagte die
Wirtin, denen lasse ich nichts geschehen! Das sind gewi zwei recht
ordentliche Leutlein aus den Bergen, wo die Fabriken sind; drftig
sind sie gekleidet, aber sauber, und wenn sie sich nur gernhaben und
arbeitsam sind, so werden sie weiter kommen, als du mit deinem bsen
Maul! Du kannst freilich noch lang warten, bis dich einer abholt, wenn
du nicht freundlicher bist, du Essighafen!"

So geno Vrenchen alle Wonnen einer Braut, die zur Hochzeit reiset:
die wohlwollende Ansprache und Aufmunterung einer sehr vernnftigen
Frau, den Neid einer heiratslustigen bsen Person, welche aus rger
den Geliebten lobte und bedauerte, und ein leckeres Mittagsmahl an der
Seite eben dieses Geliebten. Es glhte im Gesicht, wie eine rote
Nelke, das Herz klopfte ihm, aber es a und trank nichtsdestominder
mit gutem Appetit und war mit der aufwartenden Kellnerin nur um so
artiger, konnte aber nicht unterlassen, dabei den Sali zrtlich
anzusehen und mit ihm zu lispeln, so da es diesem auch ganz kraus im
Gemt wurde. Sie saen indessen lang und gemchlich am Tische, wie
wenn sie zgerten und sich scheuten, aus der halben Tuschung
herauszugehen. Die Wirtin brachte zum Nachtisch ses Backwerk, und
Sali bestellte feineren und strkeren Wein dazu, welcher Vrenchen
feurig durch die Adern rollte, als es ein wenig davon trank; aber es
nahm sich in acht, nippte blo zuweilen und sa so zchtig und
verschmt da, wie eine wirkliche Braut. Halb spielte es aus Schalkheit
diese Rolle und aus Lust, zu versuchen, wie es tue, halb war es ihm in
der Tat so zumut und vor Bangigkeit und heier Liebe wollte ihm das
Herz brechen, so da es ihm zu eng ward innerhalb der vier Wnde und
es zu gehen begehrte. Es war, als ob sie sich scheuten, auf dem Wege
wieder so abseits und allein zu sein; denn sie gingen unverabredet auf
der Hauptstrae weiter, mitten durch die Leute und sahen weder rechts
noch links. Als sie aber aus dem Dorfe waren und auf das
nchstgelegene zugingen, wo Kirchweih war, hing sich Vrenchen an Salis
Arm und flsterte mit zitternden Worten: Sali! warum sollen wir uns
nicht haben und glcklich sein!" Ich wei auch nicht warum!"
erwiderte er und heftete seine Augen an den milden Herbstsonnenschein,
der auf den Auen webte, und er mute sich bezwingen und das Gesicht
ganz sonderbar verziehen. Sie standen still, um sich zu kssen; aber
es zeigten sich Leute und sie unterlieen es und zogen weiter. Das
groe Kirchdorf, in dem Kirchweih war, belebte sich schon von der Lust
des Volkes; und aus dem stattlichen Gasthofe tnte eine pomphafte
Tanzmusik, da die jungen Drfler bereits um Mittag den Tanz angehoben,
und auf dem Platz vor dem Wirtshause war ein kleiner Markt
aufgeschlagen, bestehend aus einigen Tischen mit Sigkeiten und
Backwerk und ein paar Buden mit Flitterstaat, um welche sich die
Kinder und dasjenige Volk drngten, welches sich einstweilen mehr mit
Zusehen begngte. Sali und Vrenchen traten auch zu den Herrlichkeiten
und lieen ihre Augen darberfliegen; denn beide hatten zugleich die
Hand in der Tasche und jedes wnschte dem andern etwas zu schenken, da
sie zum ersten und einzigen Male miteinander zu Markt waren; Sali
kaufte ein groes Haus von Lebkuchen, das mit Zuckergu freundlich
geweit war, mit einem grnen Dach, auf welchem weie Tauben saen und
aus dessen Schornstein ein Amrchen guckte als Kaminfeger; an den
offenen Fenstern umarmten sich pausbckige Leutchen mit winzig kleinen
roten Mndchen, die sich recht eigentlich kten, da der flchtige
praktische Maler mit einem Kleckschen gleich zwei Mndchen gemacht,
die so ineinander verflossen. Schwarze Pnktchen stellten muntere
uglein vor. Auf der rosenroten Haustr aber waren diese Verse zu
lesen:

  Tritt in mein Haus, o Liebste!
  Doch sei dir unverhehlt:
  Drin wird allein nach Kssen
  Gerechnet und gezhlt!

  Die Liebste sprach: O Liebster,
  Mich schrecket nichts zurck!
  Hab' alles wohl erwogen:
  In dir nur lebt mein Glck!

  Und wenn ich's recht bedenke,
  Kam ich deswegen auch!"
  Nun denn, spazier' mit Segen
  Herein und b' den Brauch!

Ein Herr in einem blauen Frack und eine Dame mit einem sehr hohen
Busen komplimentierten sich diesen Versen gem in das Haus hinein,
links und rechts an die Mauer gemalt. Vrenchen schenkte Sali dagegen
ein Herz, auf dessen einer Seite ein Zettelchen klebte mit den Worten:

  Ein ser Mandelkern steckt in dem Herze hier,
  Doch ser als der Mandelkern ist meine Lieb' zu dir!

Und auf der andern Seite:

  Wenn du dies Herz gegessen, vergi dies Sprchlein nicht!
  Viel eh'r als meine Liebe mein braunes Auge bricht!

Sie lasen eifrig die Sprche und nie ist etwas Gereimtes und
Gedrucktes schner befunden und tiefer empfunden worden, als diese
Pfefferkuchensprche; sie hielten, was sie lasen, in besonderer
Absicht auf sich gemacht, so gut schien es ihnen zu passen. Ach,"
seufzte Vrenchen, du schenkst mir ein Haus! Ich habe dir auch eines
und erst das wahre geschenkt; denn unser Herz ist jetzt unser Haus,
darin wir wohnen, und wir tragen so unsere Wohnung mit uns, wie die
Schnecken! Andere haben wir nicht!" Dann sind wir aber zwei
Schnecken, von denen jede das Huschen der andern trgt!" sagte Sali,
und Vrenchen erwiderte: Desto weniger drfen wir voneinander gehen,
damit jedes seiner Wohnung nahbleibt!" Doch wuten sie nicht, da sie
in ihren Reden ebensolche Witze machten, als auf den vielfach
geformten Lebkuchen zu lesen waren, und fuhren fort, diese se
einfache Liebesliteratur zu studieren, die da ausgebreitet lag und
besonders auf vielfach verzierte kleine und groe Herzen geklebt war.
Alles dnkte sie schn und einzig zutreffend; als Vrenchen auf einem
vergoldeten Herzen, das wie eine Lyra mit Saiten bespannt war, las:
Mein Herz ist wie ein Zitherspiel, rhrt man es viel, so tnt es viel!
ward ihm so musikalisch zumut, da es glaubte, sein eigenes Herz
klingen zu hren. Ein Napoleonsbild war da, welches aber auch der
Trger eines verliebten Spruches sein mute, denn es stand darunter
geschrieben: Gro war der Held Napoleon, sein Schwert von Stahl, sein
Herz von Ton; meine Liebe trgt ein Rslein frei, doch ist ihr Herz
wie Stahl so treu!--Whrend sie aber beiderseitig in das Lesen
vertieft schienen, nahm jedes die Gelegenheit wahr, einen heimlichen
Einkauf zu machen. Sali kaufte fr Vrenchen ein vergoldetes Ringelchen
mit einem grnen Glassteinchen, und Vrenchen einen Ring von schwarzem
Gemshorn, auf welchem ein goldenes Vergimeinnicht eingelegt war.
Wahrscheinlich hatten sie die gleichen Gedanken, sich diese armen
Zeichen bei der Trennung zu geben.

Whrend sie in diese Dinge sich versenkten, waren sie so vergessen,
da sie nicht bemerkten, wie nach und nach ein weiter Ring sich um sie
gebildet hatte von Leuten, die sie aufmerksam und neugierig
betrachteten. Denn da viele junge Burschen und Mdchen aus ihrem Dorfe
hier waren, so waren sie erkannt worden, und alles stand jetzt in
einiger Entfernung um sie herum und sah mit Verwunderung auf das
wohlgeputzte Paar, welches in andchtiger Innigkeit die Welt um sich
her zu vergessen schien. Ei seht!" hie es, das ist ja wahrhaftig
das Vrenchen Marti und der Sali aus der Stadt! Die haben sich ja
suberlich gefunden und verbunden! Und welche Zrtlichkeit und
Freundschaft, seht doch, seht! Wo die wohl hinauswollen?" Die
Verwunderung dieser Zuschauer war ganz seltsam gemischt aus Mitleid
mit dem Unglck, aus Verachtung der Verkommenheit und Schlechtigkeit
der Eltern und aus Neid gegen das Glck und die Einigkeit des Paares,
welches auf eine ganz ungewhnliche und fast vornehme Weise verliebt
und aufgeregt war und in dieser rckhaltlosen Hingebung und
Selbstvergessenheit dem rohen Vlkchen ebenso fremd erschien, wie in
seiner Verlassenheit und Armut. Als sie daher endlich aufwachten und
um sich sahen, erschauten sie nichts als gaffende Gesichter von allen
Seiten; niemand grte sie und sie wuten nicht, sollten sie jemand
gren, und diese Verfremdung und Unfreundlichkeit war von beiden
Seiten mehr Verlegenheit als Absicht. Es wurde Vrenchen bang und hei,
es wurde bleich und rot, Sali nahm es aber bei der Hand und fhrte das
arme Wesen hinweg, das ihm mit seinem Haus in der Hand willig folgte,
obgleich die Trompeten im Wirtshause lustig schmetterten und Vrenchen
so gern tanzen wollte. Hier knnen wir nicht tanzen!" sagte Sali, als
sie sich etwas entfernt hatten, wir wrden hier wenig Freude haben,
wie es scheint!" Jedenfalls," sagte Vrenchen traurig, es wird auch
am besten sein, wir lassen es ganz bleiben und ich sehe, wo ich ein
Unterkommen finde!" Nein," rief Sali, du sollst einmal tanzen, ich
habe dir darum Schuhe gebracht! Wir wollen gehen, wo das arme Volk
sich lustig macht, zu dem wir jetzt auch gehren, da werden sie uns
nicht verachten; im Paradiesgrtchen wird jedesmal auch getanzt, wenn
hier Kirchweih ist, da es in die Kirchgemeinde gehrt, und dorthin
wollen wir gehen, dort kannst du zur Not auch bernachten." Vrenchen
schauerte zusammen bei dem Gedanken, nun zum erstenmal an einem
unbekannten Ort zu schlafen; doch folgte es willenlos seinem Fhrer,
der jetzt alles war, was es in der Welt hatte. Das Paradiesgrtlein
war ein schngelegenes Wirtshaus an einer einsamen Berghalde, das weit
ber das Land wegsah, in welchem aber an solchen Vergngungstagen nur
das rmere Volk, die Kinder der ganz kleinen Bauern und Tagelhner und
sogar mancherlei fahrendes Gesinde verkehrte. Vor hundert Jahren war
es als ein kleines Landhaus von einem reichen Sonderling gebaut
worden, nach welchem niemand mehr da wohnen mochte, und da der Platz
sonst zu nichts zu gebrauchen war, so geriet der wunderliche Landsitz
in Verfall und zuletzt in die Hnde eines Wirtes, der da sein Wesen
trieb. Der Name und die demselben entsprechende Bauart waren aber dem
Hause geblieben. Es bestand nur aus einem Erdgescho, ber welchem ein
offener Estrich gebaut war, dessen Dach an den vier Ecken von Bildern
aus Sandstein getragen wurde, so die vier Erzengel vorstellten und
gnzlich verwittert waren. Auf dem Gesimse des Daches saen ringsherum
kleine musizierende Engel mit dicken Kpfen und Buchen, den Triangel,
die Geige, die Flte, Zimbel und Tamburin spielend, ebenfalls aus
Sandstein, und die Instrumente waren ursprnglich vergoldet gewesen.
Die Decke inwendig, sowie die Brustwehr des Estrichs und das brige
Gemuer des Hauses waren mit verwaschenen Freskomalereien bedeckt,
welche lustige Engelscharen, sowie singende und tanzende Heilige
darstellten. Aber alles war verwischt und undeutlich wie ein Traum und
berdies reichlich mit Weinreben bersponnen, und blaue reifende
Trauben hingen berall in dem Laube. Um das Haus herum standen
verwilderte Kastanienbume, und knorrige starke Rosenbsche, auf
eigene Hand fortlebend, wuchsen da und dort so wild herum, wie
anderswo die Holunderbume. Der Estrich diente zum Tanzsaal; als Sali
mit Vrenchen daherkam, sahen sie schon von weitem die Paare unter dem
offenen Dache sich drehen und rund um das Haus zechten und lrmten
eine Menge lustiger Gste. Vrenchen, welches andchtig und wehmtig
sein Liebeshaus trug, glich einer heiligen Kirchenpatronin auf alten
Bildern, welche das Modell eines Domes oder Klosters auf der Hand
hlt, so sie gestiftet; aber aus der frommen Stiftung, die ihr im
Sinne lag, konnte nichts werden. Als es aber die wilde Musik hrte,
welche vom Estrich ertnte, verga es sein Leid und verlangte endlich
nichts, als mit Sali zu tanzen. Sie drngten sich durch die Gste, die
vor dem Hause saen und in der Stube, verlumpte Leute aus Seldwyla,
die eine billige Landpartie machten, armes Volk von allen Enden, und
stiegen die Treppe hinauf, und sogleich drehten sie sich im Walzer
herum, keinen Blick voneinander abwendend. Erst als der Walzer zu
Ende, sahen sie sich um, Vrenchen hatte sein Haus zerdrckt und
zerbrochen und wollte eben betrbt darber werden, als es noch mehr
erschrak ber den schwarzen Geiger, in dessen Nhe sie standen. Er sa
auf einer Bank, die auf einem Tische stand, und sah so schwarz aus wie
gewhnlich; nur hatte er heute einen grnen Tannenbusch auf sein
Htchen gesteckt, zu seinen Fen hatte er eine Flasche Rotwein und
ein Glas stehen, welche er nie umstie, obgleich er fortwhrend mit
den Beinen strampelte, wenn er geigte, und so eine Art von Eiertanz
damit vollbrachte. Neben ihm sa noch ein schner aber trauriger
junger Mensch mit einem Waldhorn, und ein Buckliger stand an einer
Bageige. Sali erschrak auch, als er den Geiger erblickte; dieser
grte sie aber auf das freundlichste und rief: Ich habe doch gewut,
da ich euch noch einmal aufspielen werde! So macht euch nur recht
lustig, ihr Schtzchen, und tut mir Bescheid!" Er bot Sali das volle
Glas und Sali trank und tat ihm Bescheid. Als der Geiger sah, wie
erschrocken Vrenchen war, suchte er ihm freundlich zuzureden und
machte einige fast anmutige Scherze, die es zum Lachen brachten. Es
ermunterte sich wieder, und nun waren sie froh, hier einen Bekannten
zu haben und gewissermaen unter dem besonderen Schutze des Geigers zu
stehen. Sie tanzten nun ohne Unterla, sich und die Welt vergessend in
dem Drehen, Singen und Lrmen, welches in und auer dem Hause rumorte
und vom Berge weit in die Gegend hinausschallte, welche sich
allmhlich in den silbernen Duft des Herbstabends hllte. Sie tanzten,
bis es dunkelte und der grere Teil der lustigen Gste sich
schwankend und johlend nach allen Seiten entfernte. Was noch
zurckblieb, war das eigentliche Hudelvlkchen, welches nirgends zu
Hause war und sich zum guten Tag auch noch eine gute Nacht machen
wollte. Unter diesen waren einige, welche mit dem Geiger gut bekannt
schienen und fremdartig aussahen in ihrer zusammengewrfelten Tracht.
Besonders ein junger Bursche fiel auf, der eine grne Manchesterjacke
trug und einen zerknitterten Strohhut, um den er einen Kranz von
Ebereschen oder Vogelbeerbscheln gebunden hatte. Dieser fhrte eine
wilde Person mit sich, die einen Rock von kirschrotem, weigetpfeltem
Kattun trug und sich einen Reifen von Rebenschossen um den Kopf
gebunden, so da an jeder Schlfe eine blaue Traube hing. Dies Paar
war das ausgelassenste von allen, tanzte und sang unermdlich und war
in allen Ecken zugleich. Dann war noch ein schlankes hbsches Mdchen
da, welches ein schwarzseidenes abgeschossenes Kleid trug und ein
weies Tuch um den Kopf, da der Zipfel ber den Rcken fiel. Das Tuch
zeigte rote, eingewobene Streifen und war eine gute leinene Handzwehle
oder Serviette. Darunter leuchteten aber ein Paar veilchenblaue Augen
hervor. Um den Hals und auf der Brust hing eine sechsfache Kette von
Vogelbeeren auf einen Faden gezogen und ersetzte die schnste
Korallenschnur. Diese Gestalt tanzte fortwhrend allein mit sich
selbst und verweigerte hartnckig, mit einem der Gesellen zu tanzen.
Nichtsdestominder bewegte sie sich anmutig und leicht herum und
lchelte jedesmal, wenn sie sich an dem traurigen Waldhornblser
vorberdrehte, wozu dieser immer den Kopf abwandte. Noch einige andere
vergngte Frauensleute waren da mit ihren Beschtzern, alle von
drftigem Aussehen, aber sie waren um so lustiger und in bester
Eintracht untereinander. Als es gnzlich dunkel war, wollte der Wirt
keine Lichter anznden, da er behauptete, der Wind lsche sie aus,
auch ginge der Vollmond sogleich auf und fr das, was ihm diese
Herrschaften einbrchten, sei das Mondlicht gut genug. Diese Erffnung
wurde mit groem Wohlgefallen aufgenommen; die ganze Gesellschaft
stellte sich an die Brstung des luftigen Saales und sah dem Aufgange
des Gestirnes entgegen, dessen Rte schon am Horizonte stand; und
sobald der Mond aufging und sein Licht quer durch den Estrich des
Paradiesgrtels warf, tanzten sie im Mondschein weiter, und zwar so
still, artig und seelenvergngt, als ob sie im Glanze von hundert
Wachskerzen tanzten. Das seltsame Licht machte alle vertrauter und so
konnten Sali und Vrenchen nicht umhin, sich unter die gemeinsame
Lustbarkeit zu mischen und auch mit andern zu tanzen. Aber jedesmal,
wenn sie ein Weilchen getrennt gewesen, flogen sie zusammen und
feierten ein Wiedersehen, als ob sie sich jahrelang gesucht und
endlich gefunden. Sali machte ein trauriges und unmutiges Gesicht,
wenn er mit einer andern tanzte, und drehte fortwhrend das Gesicht
nach Vrenchen hin, welches ihn nicht ansah, wenn es vorberschwebte,
glhte wie eine Purpurrose und berglcklich schien, mit wem es auch
tanzte. Bist du eiferschtig, Sali?" fragte es ihn, als die
Musikanten mde waren und aufhrten. Gott bewahre!" sagte er, ich
wte nicht, wie ich es anfangen sollte!" Warum bist du denn so bs,
wenn ich mit andern tanze?" Ich bin nicht darber bs, sondern weil
ich mit andern tanzen mu! Ich kann kein anderes Mdchen ausstehen, es
ist mir, als wenn ich ein Stck Holz im Arm habe, wenn du es nicht
bist! Und du? Wie geht es dir?" Oh, ich bin immer wie im Himmel, wenn
ich nur tanze und wei, da du zugegen bist! Aber ich glaube, ich
wrde sogleich tot umfallen, wenn du weggingest und mich dalieest!"
Sie waren hinabgegangen und standen vor dem Hause! Vrenchen umschlo
ihn mit beiden Armen, schmiegte seinen schlanken zitternden Leib an
ihn, drckte seine glhende Wange, die von heien Trnen feucht war,
an sein Gesicht und sagte schluchzend: Wir knnen nicht zusammensein
und doch kann ich nicht von dir lassen, nicht einen Augenblick mehr,
nicht eine Minute!" Sali umarmte und drckte das Mdchen heftig an
sich und bedeckte es mit Kssen. Seine verwirrten Gedanken rangen nach
einem Ausweg, aber er sah keinen. Wenn auch das Elend und die
Hoffnungslosigkeit seiner Herkunft zu berwinden gewesen wren, so war
seine Jugend und unerfahrene Leidenschaft nicht beschaffen, sich eine
lange Zeit der Prfung und Entsagung vorzunehmen und zu berstehen,
und dann wre erst noch Vrenchens Vater dagewesen, welchen er
zeitlebens elend gemacht. Das Gefhl, in der brgerlichen Welt nur in
einer ganz ehrlichen und gewissenfreien Ehe glcklich sein zu knnen,
war in ihm ebenso lebendig wie in Vrenchen, und in beiden verlassenen
Wesen war es die letzte Flamme der Ehre, die in frheren Zeiten in
ihren Husern geglht hatte und welche die sich sicher fhlenden Vter
durch einen unscheinbaren Migriff ausgeblasen und zerstrt hatten,
als sie, eben diese Ehre zu ufnen whnend durch Vermehrung ihres
Eigentums, so gedankenlos sich das Gut eines Verschollenen aneigneten,
ganz gefahrlos, wie sie meinten. Das geschieht nun freilich alle Tage;
aber zuweilen stellt das Schicksal ein Exempel auf und lt zwei
solche ufner ihrer Hausehre und ihres Gutes zusammentreffen, die sich
dann unfehlbar aufreiben und auffressen wie zwei wilde Tiere. Denn die
Mehrer des Reiches verrechnen sich nicht nur auf den Thronen, sondern
zuweilen auch in den niedersten Htten und langen ganz am
entgegengesetzten Ende an, als wohin sie zu kommen trachteten, und der
Schild der Ehre ist im Umsehen eine Tafel der Schande. Sali und
Vrenchen hatten aber noch die Ehre ihres Hauses gesehen in zarten
Kinderjahren und erinnerten sich, wie wohlgepflegte Kinderchen sie
gewesen und da ihre Vter ausgesehen wie andere Mnner, geachtet und
sicher. Dann waren sie auf lange getrennt worden, und als sie sich
wiederfanden, sahen sie in sich zugleich das verschwundene Glck des
Hauses, und beider Neigung klammerte sich nur um so heftiger
ineinander. Sie mochten so gern frhlich und glcklich sein, aber nur
auf einem guten Grund und Boden, und dieser schien ihnen unerreichbar,
whrend ihr wallendes Blut am liebsten gleich zusammengestrmt wre.
Nun ist es Nacht," rief Vrenchen, und wir sollen uns trennen!" Ich
soll nach Hause gehen und dich allein lassen?" rief Sali, nein, das
kann ich nicht!" Dann wird es Tag werden und nicht besser um uns
stehen!"

Ich will euch einen Rat geben, ihr nrrischen Dinger!" tnte eine
schrille Stimme hinter ihnen, und der Geiger trat vor sie hin. Da
steht ihr," sagte er, wit nicht wo hinaus und httet euch gern. Ich
rate euch, nehmt euch, wie ihr seid, und sumet nicht. Kommt mit mir
und meinen guten Freunden in die Berge, da brauchet ihr keinen
Pfarrer, kein Geld, keine Schriften, keine Ehre, kein Bett, nichts als
eueren guten Willen! Es ist gar nicht so bel bei uns, gesunde Luft
und genug zu essen, wenn man ttig ist; die grnen Wlder sind unser
Haus, wo wir uns liebhaben, wie es uns gefllt, und im Winter machen
wir uns die wrmsten Schlupfwinkel oder kriechen den Bauern ins warme
Heu. Also kurz entschlossen, haltet gleich hier Hochzeit und kommt mit
uns, dann seid ihr aller Sorgen los und habt euch fr immer und
ewiglich, solang es euch gefllt wenigstens; denn alt werdet ihr bei
unserem freien Leben, das knnt ihr glauben! Denkt nicht etwa, da ich
euch nachtragen will, was eure Alten an mir getan! Nein! Es macht mir
zwar Vergngen, euch da angekommen zu sehen, wo ihr seid; allein damit
bin ich zufrieden und werde euch behilflich und dienstfertig sein,
wenn ihr mir folgt." Er sagte das wirklich in einem aufrichtigen und
gemtlichen Tone. Nun, besinnt euch ein bichen, aber folget mir,
wenn ich euch gut zum Rat bin! Lat fahren die Welt und nehmet euch
und fraget niemandem was nach! Denkt an das luftige Hochzeitbett im
tiefen Wald oder auf einem Heustock, wenn es euch zu kalt ist!" Damit
ging er ins Haus. Vrenchen zitterte in Salis Armen und dieser sagte:
Was meinst du dazu? Mich dnkt, es wre nicht bel, die ganze Welt in
den Wind zu schlagen und uns dafr zu lieben ohne Hindernis und
Schranken!" Er sagte es aber mehr als einen verzweifelten Scherz, denn
im Ernst. Vrenchen aber erwiderte ganz treuherzig und kte ihn:
Nein, dahin mchte ich nicht gehen, denn da geht es auch nicht nach
meinem Sinne zu. Der junge Mensch mit dem Waldhorn und das Mdchen mit
dem seidenen Rocke gehren auch so zueinander und sollen sehr verliebt
gewesen sein. Nun sei letzte Woche die Person ihm zum erstenmal untreu
geworden, was ihm nicht in den Kopf wolle, und deshalb sei er so
traurig und schmolle mit ihr und mit den andern, die ihn auslachen.
Sie aber tut eine mutwillige Bue, indem sie allein tanzt und mit
niemandem spricht, und lacht ihn auch nur aus damit. Dem armen
Musikanten sieht man es jedoch an, da er sich noch heute mit ihr
vershnen wird. Wo es aber so hergeht, mchte ich nicht sein, denn nie
mcht' ich dir untreu werden, wenn ich auch sonst noch alles ertragen
wrde, um dich zu besitzen !" Indessen aber fieberte das arme Vrenchen
immer heftiger an Salis Brust; denn schon seit dem Mittag, wo jene
Wirtin es fr eine Braut gehalten und es eine solche ohne Widerrede
vorgestellt, lohte ihm das Brautwesen im Blute, und je hoffnungsloser
es war, um so wilder und unbezwinglicher. Dem Sali erging es ebenso
schlimm, da die Reden des Geigers, so wenig er ihnen folgen mochte,
dennoch seinen Kopf verwirrten, und er sagte mit ratlos stockender
Stimme: Komm herein, wir mssen wenigstens noch was essen und
trinken." Sie gingen in die Gaststube, wo niemand mehr war, als die
kleine Gesellschaft der Heimatlosen, welche bereits um einen Tisch sa
und eine sprliche Mahlzeit hielt. Da kommt unser Hochzeitpaar!" rief
der Geiger, jetzt seid lustig und frhlich und lat euch
zusammengeben!" Sie wurden an den Tisch gentigt und flchteten sich
vor sich selbst an denselben hin; sie waren froh, nur fr den
Augenblick unter Leuten zu sein. Sali bestellte Wein und reichlichere
Speisen, und es begann eine groe Frhlichkeit. Der Schmollende hatte
sich mit der Untreuen vershnt, und das Paar liebkoste sich in
begieriger Seligkeit; das andere wilde Paar sang und trank und lie es
ebenfalls nicht an Liebesbezeigungen fehlen, und der Geiger nebst dem
buckligen Bageiger lrmten ins Blaue hinein. Sali und Vrenchen waren
still und hielten sich umschlungen; auf einmal gebot der Geiger Stille
und fhrte eine spahafte Zeremonie auf, welche eine Trauung
vorstellen sollte. Sie muten sich die Hnde geben und die
Gesellschaft stand auf und trat der Reihe nach zu ihnen, um sie zu
beglckwnschen und in ihrer Verbrderung willkommen zu heien. Sie
lieen es geschehen, ohne ein Wort zu sagen, und betrachteten es als
einen Spa, whrend es sie doch kalt und hei durchschauerte.

Die kleine Versammlung wurde jetzt immer lauter und aufgeregter,
angefeuert durch den strkeren Wein, bis pltzlich der Geiger zum
Aufbruch mahnte. Wir haben weit," rief er, und Mitternacht ist
vorber! Auf! Wir wollen dem Brautpaar das Geleit geben und ich will
vorausgeigen, da es eine Art hat!" Da die ratlosen Verlassenen nichts
Besseres wuten und berhaupt ganz verwirrt waren, lieen sie abermals
geschehen, da man sie voranstellte und die brigen zwei Paare einen
Zug hinter ihnen formierten, welchen der Bucklige abschlo mit seiner
Bageige ber der Schulter. Der Schwarze zog voraus und spielte auf
seiner Geige wie besessen den Berg hinunter, und die andern lachten,
sangen und sprangen hintendrein. So strich der tolle nchtliche Zug
durch die stillen Felder und durch das Heimatdorf Salis und Vrenchens,
dessen Bewohner lngst schliefen.

Als sie durch die stillen Gassen kamen und an ihren verlorenen
Vaterhusern vorber, ergriff sie eine schmerzhaft wilde Laune und sie
tanzten mit den andern um die Wette hinter dem Geiger her, kten
sich, lachten und weinten. Sie tanzten auch den Hgel hinauf, ber
welchen der Geiger sie fhrte, wo die drei cker lagen, und oben
strich der schwrzliche Kerl die Geige noch einmal so wild, sprang und
hpfte wie ein Gespenst, und seine Gefhrten blieben nicht zurck in
der Ausgelassenheit, so da es ein wahrer Blocksberg war auf der
stillen Hhe; selbst der Bucklige sprang keuchend mit seiner Last
herum und keines schien mehr das andere zu sehen. Sali fate Vrenchen
fester in den Arm und zwang es, stillzustehen; denn er war zuerst zu
sich gekommen. Er kte es, damit es schweige, heftig auf den Mund, da
es sich ganz vergessen hatte und laut sang. Es verstand ihn endlich,
und sie standen still und lauschend, bis ihr tobendes Hochzeitsgeleite
das Feld entlang gerast war und, ohne sie zu vermissen, am Ufer des
Stromes hinauf sich verzog. Die Geige, das Gelchter der Mdchen und
die Jauchzer der Burschen tnten aber noch eine gute Zeit durch die
Nacht, bis zuletzt alles verklang und still wurde.

Diesen sind wir entflohen," sagte Sali, aber wie entfliehen wir uns
selbst? Wie meiden wir uns?"

Vrenchen war nicht imstande zu antworten und lag hochaufatmend an
seinem Halse. Soll ich dich nicht lieber ins Dorf zurckbringen und
Leute wecken, da sie dich aufnehmen? Morgen kannst du ja dann deinen
Weges ziehen und gewi wird es dir wohlgehen, du kommst berall fort!"

Fortkommen, ohne dich!"

Du mut mich vergessen!"

Das werde ich nie! Knntest denn du es tun?"

Darauf kommt's nicht an, mein Herz!" sagte Sali und streichelte ihm
die heien Wangen, je nachdem es sie leidenschaftlich an seiner Brust
herumwarf, es handelt sich jetzt nur um dich; du bist noch so ganz
jung und es kann dir noch auf allen Wegen gut gehen!"

Und dir nicht auch, du alter Mann?"

Komm!" sagte Sali und zog es fort. Aber sie gingen nur einige
Schritte und standen wieder still, um sich bequemer zu umschlingen und
zu herzen. Die Stille der Welt sang und musizierte ihnen durch die
Seelen, man hrte nur den Flu unten sacht und lieblich rauschen im
langsamen Ziehen.

Wie schn ist es da ringsherum! Hrst du nicht etwas tnen, wie ein
schner Gesang oder ein Gelute!"

Es ist das Wasser, das rauscht! Sonst ist alles still."

Nein, es ist noch etwas anderes, hier, dort, hinaus berall tnt's!"

Ich glaube, wir hren unser eigenes Blut in unsern Ohren rauschen!"

Sie horchten ein Weilchen auf diese eingebildeten oder wirklichen
Tne, welche von der groen Stille herrhrten, oder welche sie mit den
magischen Wirkungen des Mondlichtes verwechselten, welches nah und
fern ber die weien Herbstnebel wallte, welche tief auf den Grnden
lagen. Pltzlich fiel Vrenchen etwas ein: es suchte in seinem
Brustgewand und sagte: Ich habe dir noch ein Andenken gekauft, das
ich dir geben wollte!" Und es gab ihm den einfachen Ring und steckte
ihm denselben selbst an den Finger. Sali nahm sein Ringlein auch
hervor und steckte ihn an Vrenchens Hand, indem er sagte: So haben
wir die gleichen Gedanken gehabt!" Vrenchen hielt seine Hand in das
bleiche Silberlicht und betrachtete den Ring. Ei, wie ein feiner
Ring!" sagte es lachend; nun sind wir aber doch verlobt und
versprochen, du bist mein Mann und ich deine Frau, wir wollen es
einmal einen Augenblick lang denken, nur bis jener Nebelstreif am Mond
vorber ist, oder bis wir zwlf gezhlt haben! Ksse mich zwlfmal!"

Sali liebte gewi ebenso stark als Vrenchen, aber die Heiratsfrage war
in ihm doch nicht so leidenschaftlich lebendig, als ein bestimmtes
Entweder--Oder, als ein unmittelbares Sein oder Nichtsein, wie in
Vrenchen, welches nur das eine zu fhlen fhig war und mit
leidenschaftlicher Entschiedenheit unmittelbar Tod oder Leben darin
sah. Aber jetzt ging ihm endlich ein Licht auf und das weibliche
Gefhl des jungen Mdchens ward in ihm auf der Stelle zu einem wilden
und heien Verlangen und eine glhende Klarheit erhellte ihm die
Sinne. So heftig er Vrenchen schon umarmt und liebkost hatte, tat er
es jetzt doch ganz anders und strmischer und berste es mit Kssen.
Vrenchen fhlte trotz aller eigenen Leidenschaft auf der Stelle diesen
Wechsel und ein heftiges Zittern durchfuhr sein ganzes Wesen, aber ehe
jener Nebelstreif am Monde vorber war, war es auch davon ergriffen.
Im heftigen Schmeicheln und Ringen begegneten sich ihre
ringgeschmckten Hnde und faten sich fest, wie von selbst eine
Trauung vollziehend, ohne den Befehl eines Willens. Salis Herz klopfte
halb wie mit Hmmern, bald stand es still, er atmete schwer und sagte
leise: Es gibt eines fr uns, Vrenchen, wir halten Hochzeit zu dieser
Stunde und gehen dann aus der Welt--dort ist das tiefe Wasser--dort
scheidet uns niemand mehr und wir sind zusammengewesen--ob kurz oder
lang, das kann uns dann gleich sein."--

Vrenchen sagte sogleich: Sali--was du da sagst, habe ich schon lang
bei mir gedacht und ausgemacht, nmlich, da wir sterben knnten und
dann alles vorbei wre--so schwre mir es, da du es mit mir tun
willst!"

Es ist schon so gut wie getan, es nimmt dich niemand mehr aus meiner
Hand, als der Tod!" rief Sali auer sich. Vrenchen aber atmete hoch
auf, Trnen der Freude entstrmten seinen Augen; es raffte sich auf
und sprang leicht wie ein Vogel ber das Feld gegen den Flu hinunter.
Sali eilte ihm nach; denn er glaubte, es wolle ihm entfliehen, und
Vrenchen glaubte, er wolle es zurckhalten, so sprangen sie einander
nach und Vrenchen lachte wie ein Kind, welches sich nicht will fangen
lassen. Bereust du es schon?" rief eines zum andern, als sie am
Flusse angekommen waren und sich ergriffen; nein, es freut mich immer
mehr!" erwiderte ein jedes. Aller Sorgen ledig, gingen sie am Ufer
hinunter und berholten die eilenden Wasser, so astig suchten sie eine
Sttte, um sich niederzulassen; denn ihre Leidenschaft sah jetzt nur
den Rausch der Seligkeit, der in ihrer Vereinigung lag, und der ganze
Wert und Inhalt des brigen Lebens drngte sich in diesem zusammen;
was danach kam, Tod und Untergang, war ihnen ein Hauch, ein Nichts,
und sie dachten weniger daran, als ein Leichtsinniger denkt, wie er
den anderen Tag leben will, wenn er seine letzte Habe verzehrt.

Meine Blumen gehen mir voraus," rief Vrenchen, sieh, sie sind ganz
dahin und verwelkt!" Es nahm sie von der Brust, warf sie ins Wasser
und sang laut dazu: Doch ser als ein Mandelkern ist meine Lieb' zu
dir!"

Halt!" rief Sali, hier ist dein Brautbett!"

Sie waren an einen Fahrweg gekommen, der vom Dorfe her an den Flu
fhrte, und hier war eine Landungsstelle, wo ein groes Schiff, hoch
mit Heu beladen, angebunden lag. In wilder Laune begann er unverweilt
die starken Seile loszubinden, Vrenchen fiel ihm lachend in den Arm
und rief: Was willst du tun? Wollen mir den Bauern ihr Heuschiff
stehlen zu guter Letzt?" Das soll die Aussteuer sein, die sie uns
geben, eine schwimmende Bettstelle und ein Bett, wie noch keine Braut
gehabt! Sie werden berdies ihr Eigentum unten wieder finden, wo es ja
dochhin soll, und werden nicht wissen, was damit geschehen ist. Sieh,
schon schwankt es und will hinaus!"

Das Schiff lag einige Schritte vom Ufer entfernt im tieferen Wasser.
Sali hob Vrenchen mit seinen Armen hoch empor und schritt durch das
Wasser gegen das Schiff; aber es liebkoste ihn so heftig ungebrdig
und zappelte wie ein Fisch, da er im ziehenden Wasser keinen Stand
halten konnte. Es strebte Gesicht und Hnde ins Wasser zu tauchen und
rief: Ich will auch das khle Wasser versuchen! Weit du noch, wie
kalt und na unsere Hnde waren, als wir sie uns zum erstenmal gaben?
Fische fingen wir damals, jetzt werden wir selber Fische sein und zwei
schne groe!" Sei ruhig, du lieber Teufel!" sagte Sali, der Mhe
hatte, zwischen dem tobenden Liebchen und den Wellen sich
aufrechtzuhalten, es zieht mich sonst fort!" Er hob seine Last in das
Schiff und schwang sich nach; er hob sie auf die hochgebettete weiche
und duftende Ladung und schwang sich auch hinauf, und als sie oben
saen, trieb das Schiff allmhlich in die Mitte des Stromes hinaus und
schwamm dann, sich langsam drehend, zu Tal.

Der Flu zog bald durch hohe dunkle Wlder, die ihn berschatteten,
bald durch offenes Land; bald an stillen Drfern vorbei, bald an
einzelnen Htten; hier geriet er in eine Stille, da er einem ruhigen
See glich und das Schiff beinah stillhielt, dort strmte er um Felsen
und lie die schlafenden Ufer schnell hinter sich; und als die
Morgenrte auf stieg, tauchte zugleich eine Stadt mit ihren Trmen aus
dem silbergrauen Strome. Der untergehende Mond, rot wie Gold, legte
eine glnzende Bahn den Strom hinauf und auf dieser kam das Schiff
langsam berquer gefahren. Als es sich der Stadt nherte, glitten im
Froste des Herbstmorgens zwei bleiche Gestalten, die sich fest
umwanden, von der dunklen Masse herunter in die kalten Fluten.

Das Schiff legte sich eine Weile nachher unbeschdigt an eine Brcke
und blieb da stehen. Als man spter unterhalb der Stadt die Leichen
fand und ihre Herkunft ausgemittelt hatte, war in den Zeitungen zu
lesen, zwei junge Leute, die Kinder zweier blutarmen zugrunde
gegangenen Familien, welche in unvershnlicher Feindschaft lebten,
htten im Wasser den Tod gesucht, nachdem sie einen ganzen Nachmittag
herzlich miteinander getanzt und sich belustigt auf einer Kirchweih.
Es sei dies Ereignis vermutlich in Verbindung zu bringen mit einem
Heuschiff aus jener Gegend, welches ohne Schiffsleute in der Stadt
gelandet sei, und man nehme an, die jungen Leute haben das Schiff
entwendet, um darauf ihre verzweifelte und gottverlassene Hochzeit zu
halten, abermals ein Zeichen von der umsichgreifenden Entsittlichung
und Verwilderung der Leidenschaften.

*       *       *       *       *


FRAU REGEL AMRAIN UND IHR JNGSTER

Regula Amrain war die Frau eines abwesenden Seldwylers; dieser hatte
einen groen Steinbruch hinter dem Stdtchen besessen und eine
Zeitlang ausgebeutet, und zwar auf Seldwyler Art. Das ganze Nest war
beinahe aus dem guten Sandstein gebaut, aus welchem der Berg bestand;
aber das Schuldenwesen, das auf den Husern ruhte, hatte von jeher
recht eigentlich schon mit den Steinen begonnen, aus denen sie gebaut
waren; denn nichts schien den Seldwylern so wohlgeeignet, als Stoff
und Gegenstand eines muntern Verkehrs, als ein solcher Steinbruch, und
derselbe glich einer in Felsen gehauenen rmischen Schaubhne, ber
welche die Besitzer emsig hinwegliefen, einer den andern jagend.

Herr Amrain, ein ansehnlicher Mann, der eine ansehnliche Menge
Fleisch, Fische und Wein verzehren mute und mchtige Stcke
Seidenzeug zu seinen breiten schnen Westen brauchte, himmelblaue,
kirschrote und groartig gewrfelte, war ursprnglich ein Knopfmacher
gewesen und hatte auch die eine und andere Stunde des Tages Knpfe
besponnen. Als er aber mit den Jahren gar so fest und breit wurde,
sagte ihm die sitzende Lebensart nicht mehr zu, und als er berhaupt
den rechten Phakenaufschwung genommen: die rote Sammetweste, die
goldene Uhrkette und den Siegelring, liquidierte er die Knopfmacherei
und bernahm in einer wichtigen Hauptsitzung der Seldwyler Spekulanten
jenen Steinbruch. Nun hatte er die angemessene bewegliche Lebensweise
gefunden, indem er mit einer roten Brieftasche voll Papiere und einem
eleganten Spazierstock, auf welchem mit silbernen Stiften ein Zollma
angebracht war, etwa in den Steinbruch hinaus lustwandelte, wenn das
Wetter lieblich war, und dort mit dem besagten Stocke an den
verpfndeten Steinlagern herumstocherte, den Schwei von der Stirn
wischte, in die schne Gegend hinausschaute und dann schleunigst in
die Stadt zurckkehrte, um den eigentlichen Geschften nachzugehen,
dem Umsatz der verschiedenen Papiere in der Brieftasche, was in den
khlen Gaststuben auf das beste vor sich ging. Kurz, er war ein
vollkommener Seldwyler, bis auf die politische Vernderlichkeit,
welche aber die Ursache seines zu frhen Falles wurde. Denn ein
konservativer Kapitalist aus einer Finanzstadt, welcher keinen Spa
verstand, hatte auf den Steinbruch einiges Geld hergegeben und damit
geglaubt, einem wackern Parteigenossen unter die Arme zu greifen. Als
daher Herr Amrain in einem Anfall gnzlicher Gedankenlosigkeit eines
Tages hchst verfngliche liberale Redensarten vernehmen lie, welche
ruchbar wurden, erzrnte sich jener Herr mit Recht; denn nirgends ist
politische Gesinnungslosigkeit widerwrtiger, als an einem groen
dicken Manne, der eine bunte Sammetweste trgt! Der erboste Gnner zog
daher jhlings sein Geld zurck, als kein Mensch daran dachte, und
trieb dadurch vor der Zeit den bestrzten Amrain vom Steinbruch in die
Welt hinaus.

Man wird selten sehen, da es groen schweren Mnnern schlecht ergeht,
weil sie eine durchgreifende und berzeugende Gabe besitzen, fr ihren
anspruchsvollen Krperbau zu sorgen, und die Nahrungsmittel knnen
sich demselben nicht lange entziehen, sondern werden von dem
Magnetgebirge des Bauches mchtig angezogen. So fra sich der
landflchtige Amrain auch glcklich durch die Fernen; und obgleich er
nichts Groes mehr wurde, a und trank er doch irgendwo in der Fremde
so weidlich wie zu Hause.

Doch den Seldwylern, welche jetzt ratschlagten, welcher von ihnen nun
am tauglichsten wre, eine Zeitlang die Honneurs am Steinbruch zu
machen, wurde abermals ein Strich durch die Rechnung gezogen, als die
zurckgebliebene Ehefrau des Herrn Amrain unerwartet ihren Fu auf den
Sandstein setzte und kraft ihres herzugebrachten Weibergutes den
Steinbruch an sich zog und erklrte, das Geschft fortsetzen und
mglicherweise die Glubiger ihres Mannes befriedigen zu wollen. Sie
tat dies erst, als derselbe schon jenseits des Atlantischen Weltmeers
war und nicht mehr zurckkommen konnte. Man suchte sie auf jede Weise
von diesem Vorhaben abzubringen und zu hindern; allein sie zeigte eine
solche Entschlossenheit, Rhrigkeit und Besonnenheit, da nichts gegen
sie auszurichten war und sie wirklich die Besitzerin des Steinbruches
wurde. Sie lie fleiig und ordentlich darin arbeiten unter der
Leitung eines guten fremden Werkfhrers und grndete zum erstenmal die
Unternehmung, statt auf den Scheinverkehr, auf wirkliche Produktion.
Hieran wollte man sie nun erst recht behindern; allein, es war nicht
gegen sie aufzukommen, da sie als Frau und sparsame Mutter keine
Ausgaben hatte, im Vergleich zu den Herren von Seldwyla, und daher auf
die einfachste Weise imstande war, alle Strme abzuschlagen und alle
begrndeten Forderungen zu bezahlen. Aber dennoch hielt es schwer, und
sie mute Tag und Nacht mit Mut, List und Kraft bei der Hand sein,
sinnen und sorgen, um sich zu behaupten.

Frau Regel hatte von auswrts in das Stdtchen geheiratet und war eine
sehr frische, groe und handfeste Dame mit krftigen schwarzen
Haarflechten und einem festen, dunklen Blick. Von ihrem Manne hatte
sie drei Buben von ungefhr zehn, acht und fnf Jahren, welche sie
oftmals aufmerksam und ernsthaft betrachtete, darber sinnend, ob
dieselben auch wert seien, da sie das Haus fr sie aufrechthalte, da
sie ja doch Seldwyler wren und bleiben wrden. Doch weil die Burschen
einmal ihre Kinder waren, so lie die Eigenliebe und die Mutterliebe
sie immer wieder einen guten Mut fassen, und sie traute sich zu, auch
in dieser Sache das Steuer am Ende anders zu lenken, als es zu Seldwyl
Mode war.

In solche Gedanken versunken, sa sie einst nach dem Nachtessen am
Tische und hatte das Geschftsbuch und eine Menge Rechnungen vor sich
liegen. Die Buben lagen im Bette und schliefen in der Kammer, deren
Tre offen stand, und sie hatte eben die drei schlafenden kleinen
Gesellen mit der Lampe in der Hand betrachtet und besonders den
kleinsten Kerl ins Auge gefat, der ihr am wenigsten glich. Er war
blond, hatte ein keckes Stumpfnschen, whrend sie eine ernsthafte
gerade, lange Nase besa, und statt ihres strenggeschnittenen Mundes
zeigte der kleine Fritz trotzig aufgeworfene Lippen, selbst wenn er
schlief. Dies hatte er alles vom Vater, und es war das gewesen, was
ihr eben so wohlgefallen hatte, als sie ihn heiratete, und was ihr
jetzt auch an dem kleinen Burschen so wohlgefiel und doch schwere
Sorgen machte. Wenn eine Gesichtsart einem einmal wohlgefllt, so
hilft hiergegen kein Kraut; deswegen war Frau Amrain froh, da der
Alte weg war und sie ihn nicht mehr sah; aber er hatte ihr in dem
jngsten Kinde ein treues Abbild seiner ueren Art hinterlassen,
welches sie nie genug ansehen konnte. ber diesen Sorgen traf sie der
Werkfhrer oder oberste Arbeiter, der jetzt eintrat, um mit ihr die
Angelegenheiten und den Bestand der Geschfte durchzusehen und manche
wichtige Dinge zu besprechen. Es war ein hbscher und unternehmender
Bursche von schlankem, krftigem Krperbau, mig in seiner
Lebensweise, fleiig und ausdauernd und dabei in seinen Gedanken von
einer gewissen einfachen Schlauheit, welche zusammen mit den
erklecklichen Eigenschaften seiner Meisterin eben das Geschft in
gutem Gange erhielt und die gedankenlosen Spitzfindigkeiten der
Seldwyler zu schanden werden lie. Inzwischen war er aber ein Mensch
und dachte daher vor allem an sich selber und in diesem Denken hatte
er es nicht bel gefunden, selber der Herr und Meister hier zu sein
und sich eine bleibende Sttte zu grnden, daher auch in aller
Ehrerbietung der Frau Regula wiederholt nahegelegt, eine gesetzliche
Scheidung von ihrem abwesenden Manne herbeizufhren.

Sie hatte ihn wohl verstanden; doch widerstrebte es ihrem Stolz, sich
ffentlich und mit schimpflichen Beweisgrnden von einem Manne zu
trennen, der ihr einmal wohlgefallen, mit dem sie gelebt und von dem
sie drei Kinder hatte; und in der Sorge fr diese Kinder wollte sie
auch keinen fremden Mann ber das Haus setzen und wenigstens die
uere Einheit desselben bewahren, bis die Shne herangewachsen wren
und ein unzersplittertes Erbe aus ihrer Hand empfangen knnten; denn
ein solches gedachte sie trotz aller Schwierigkeiten zusammenzubringen
und den Hiesigen zu zeigen, was da Brauch sei, wo sie hergekommen. Sie
hielt daher den Werkfhrer knapp im Zgel und brachte sich dadurch nur
in grere Verlegenheit; denn als derselbe ihren Widerstand und ihren
festen Charakter ersah, verliebte er sich frmlich in sie und gedachte
erst recht seine Wnsche zu erreichen. Er nderte sein Benehmen, also
da er, statt wie bisher ehrbar um ihre Hand als Meisterin sich zu
bewerben, nun um ihre Person schmachtete, wo sie ging, und sie stets
mit verliebten Augen ansah, wo es immer tunlich war. Dies schien fr
ihn eine zweckdienliche Vernderung, da die eigentliche Verliebtheit
in die Person eines Menschen denselben viel mehr besticht und
bezwingt, als alle noch so ehrbaren Heiratsabsichten. Wenn nun Frau
Regel auch nicht die Haltung verlor und sich in ihn nicht wieder
verliebte, so wurde es doch schwerer fr sie, ihn abzuwehren, ohne mit
ihm zu brechen und ihn zu verlieren, und es ist bekanntlich eine
Hauptliebhaberei der Frauen, sich ntzliche Freunde und Parteignger
zu erhalten, wenn es immer geschehen kann, ohne groe Opfer.

Als der Werkfhrer in die Stube trat, funkelten seine Augen mit
ungewhnlichem Glanze, denn er hatte im Verkehr mit einigen
Geschftsleuten, mit denen er sich zum Vorteil der Frau wacker
herumgeschlagen, eine Flasche krftigen Wein getrunken. Whrend er ihr
Bericht erstattete und dann in den Papieren mit ihr rechnete, blickte
er sie oftmals unversehens an und wurde zerstreut und aufgeregt, wie
einer, der etwas vorhat. Sie rckte mit ihrem Sessel etwas zur Seite
und begann sich in acht zu nehmen, dabei kaum ein feines Lcheln
unterdrckend, wie aus Spott ber die pltzliche Unternehmungslust des
jungen Mannes. Dieser aber fate unversehens ihre beiden Hnde und
suchte die hbsche Frau an sich zu ziehen, indem er sogleich in
demselben halblauten Tone, in welchem sie der schlafenden Kinder wegen
die ganze Verhandlung gefhrt hatten, so heftig und feurig anfing zu
schmeicheln und zuzureden, ihr Leben doch nicht so de und unbenutzt
entfliehen zu lassen, sondern klug zu sein und sich seiner treuen
Ergebenheit zu erfreuen. Sie wagte keine rasche Bewegung und kein
lautes Wort, aus Furcht, die Kinder zur Unzeit zu wecken; doch
flsterte sie voll Zorn, er solle ihre Hnde freilassen und
augenblicklich hinausgehen. Er lie sie aber nicht frei, sondern fate
sie nur um so fester und hielt ihr mit eindringlichen Worten ihre
Jugend und schne Gestalt vor und ihre Torheit, so gute Dinge
ungenossen vergehen zu lassen. Sie durchschaute ihren Feind wohl,
dessen Augen ebenso stark von Schlauheit als von Lebenslust glnzten,
und merkte, da er auf diesem leidenschaftlich-sinnlichen Wege nur
beabsichtigte, sie sich zu unterwerfen und dienstbar zu machen, also
da ihre Selbstndigkeit ein schlimmes Ende nhme. Sie gab ihm dies
auch mit hhnischen Blicken zu verstehen, whrend sie fortfuhr, so
still als mglich sich von ihm loszumachen, was er nur mit vermehrter
Kraft und Eindringlichkeit erwiderte. Auf diese Weise rang sie mit dem
starken Gesellen eine gute Weile hin und her, ohne da es dem einen
oder andern Teile gelang, weiter zu kommen, whrend nur zuweilen der
erschtterte Tisch oder ein unterdrckter zorniger Ausruf oder ein
Seufzer ein Gerusch verursachte, und so schwebte die brave Frau
peinvoll zwischen ihrer in der Kammer dreifach schlafenden Sorge und
zwischen dem heien Anstrmen des wachen Lebens. Sie war kaum dreiig
Jahre alt und schon seit einigen Jahren von ihrem Manne verlassen und
ihr Blut flo so rasch und warm, wie eines; was Wunder, da sie daher
endlich einen Augenblick innehielt und tief aufseufzte, und da ihr in
diesem Augenblick der Zweifel durch den Kopf ging, ob es sich auch der
Mhe lohne, so treu und ausdauernd in Entbehrung und Arbeit zu sein,
und ob nicht das eigene Leben am Ende die Hauptsache und es klger
sei, zu tun wie die andern und, nicht dem verwegenen und frechen
Andringling, sondern sich selbst zu gewhren, was ihr Lust und
Erfrischung bieten knne; die Dinge gingen zu Seldwyla vielleicht so
oder so ihren Weg! Indem sie einen Augenblick dies bedachte, zitterten
ihre Hnde in denjenigen des Werkfhrers, und nicht sobald fhlte
dieser solche liebliche nderung des Wetters, als er seine
Anstrengungen erneuerte und vielleicht trotz der abermaligen Gegenwehr
der tapfern Frau gesiegt haben wrde, wenn nicht jetzt eine
unerwartete Hilfe erschienen wre.

Denn mit dem bangen, zornigen Ausruf: Mutter! Es ist ein Dieb da!"
sprang der jngste Knabe, der kleine Fritzchen, in die Stube und glich
vollstndig einem kleinen Sankt Georg. Seine goldenen Ringellocken
flogen um das vom Schlafe gertete Gesicht; feurig blickten aber die
blauen Augen in lieblichem Zorn und mutig warf sich der trotzige Mund
auf. Das kurze schneeige Hemdchen flatterte wie die Tunika eines
Kreuzfahrers und in den nackten rmchen schwang der kleine Rittersmann
eine lange Gardinenstange mit dickem vergoldeten Knopf, den er auch
mit aller erdenklichen Kraft dem aufspringenden Werkmeister auf den
Kopf schlug, da sich dieser die entstehende Beule verlegen rieb und
ihm ordentlich die Augen bergingen. Frau Amrain aber hielt den Knaben
auf, tief errtend, und rief: Was ist dir denn, Fritzchen? Es ist ja
nur der Florian und tut uns nichts!" Der Knabe fing bitterlich an zu
weinen, sich voll Verlegenheit an die Knie der Mutter klammernd; diese
hob ihn auf den Arm und das Kind an sich drckend, entlie sie mit
einem kaum verhaltenen Lachen den verblfften Florian, der, obgleich
er den Kleinen gern geohrfeigt htte, gute Miene zum bsen Spiel
machte und sich verlegen zurckzog. Sie riegelte die Tr rasch hinter
ihm zu; dann stand sie tief aufatmend und nachdenklich mitten in der
Stube, das tapfere Kind auf dem Arm, welches das linke rmchen um
ihren Hals schlang und mit dem rechten Hndchen die lange Stange mit
dem glnzenden Knopf, die es noch immer umfat hielt, gegen den Boden
stemmte. Dann sah sie aufmerksam in das nahe Gesicht des Kindes und
bedeckte es mit Kssen, und endlich ergriff sie abermals die Lampe und
ging in die Kammer, um nach den beiden ltesten Knaben zu sehen.
Dieselben schliefen wie Murmeltiere und hatten von allem nichts
gehrt. Also schienen sie Nachtmtzen zu sein, obschon sie ihr selbst
glichen; der Jngste aber, der dem Vater glich, hatte sich als
wachsam, feinfhlend und mutvoll erwiesen, und schien das werden zu
wollen, was der Alte eigentlich sein sollte und was sie einst auch
hinter ihm gesucht. Indem sie ber dies geheimnisvolle Spiel der Natur
nachdachte und nicht wute, ob sie froh sein sollte, da das Abbild
des einst geliebten Mannes besser schien, als ihre eigenen so trge
daliegenden Bilder, legte sie das Kind in sein Bettchen zurck, deckte
es zu und beschlo, von Stund an alle ihre Treue und Hoffnung auf den
kleinen Sankt Georg zu setzen und ihm seine junge Ritterlichkeit zu
vergelten. Wenn die zwei Schlafkappen," dachte sie, welche
nichtsdestominder meine Kinder sind, dann auch mitgehen wollen auf
einem guten Wege, so mgen sie es tun."

Am nchsten Morgen schien Fritzchen den Vorfall schon vergessen zu
haben, und so alt auch die Mutter und der Sohn wurden, so ward doch
nie mehr mit einer Silbe desselben erwhnt zwischen ihnen. Der Sohn
behielt ihn nichtsdestoweniger in deutlicher Erinnerung, obgleich er
viel sptere Erlebnisse mit der Zeit gnzlich verga. Er erinnerte
sich genau, schon bei dem Eintritte des Werkmeisters erwacht zu sein,
da er trotz eines gesunden Schlafes alles hrte und ein wachsames
Brschchen war. Er hatte sodann jedes Wort der Unterredung, bis sie
bedenklich wurde, gehrt, und ohne etwas davon zu verstehen, doch
etwas Gefhrliches und Ungehriges geahnt und war in eine heftige
Angst um seine Mutter verfallen, so da er, als er das leise Ringen
mehr fhlte als hrte, aufsprang, um ihr zu helfen. Und dann, wer
verfolgt die geheimen Wege der Fhigkeiten, wie sie im Menschenkind
sich verlieren? Als er den Werkfhrer recht wohl erkannt: wer lehrte
den kleinen Bold die unbewute blitzschnelle Heuchelei des
Zartgefhles, mit der er sich stellte, als ob er einen Dieb she, und
die ihn so unbefangen den Widersacher vor den Kopf schlagen lie?

Seine Mutter aber hielt ihr Wort und erzog ihn so, da er ein braver
Mann wurde in Seldwyl und zu den wenigen gehrte, die aufrecht
blieben, solange sie lebten. Wie sie dies eigentlich anfing und
bewirkte, wre schwer zu sagen; denn sie erzog eigentlich so wenig als
mglich und das Werk bestand fast lediglich darin, da das junge
Bumchen, so vom gleichen Holze mit ihr war, eben in ihrer Nhe wuchs
und sich nach ihr richtete. Tchtige und wohlgeartete Leute haben
immer weit weniger Mhe, ihre Kinder ordentlich zu ziehen, wie es
hinwieder einem Tlpel, der selbst nicht lesen kann, schwer fllt, ein
Kind lesen zu lehren. Im ganzen lief ihre Erziehungskunst darauf
hinaus, da sie das Shnchen ohne Empfindsamkeit merken lie, wie sehr
sie es liebte, und dadurch dessen Bedrfnis, ihr immer zu gefallen,
erweckte und so erreichte, da es bei jeder Gelegenheit an sie dachte.
Ohne dessen freie Bewegungen einzeln zu hindern, hatte sie den Kleinen
viel um sich, so da er ihre Manieren und ihre Denkungsart annahm und
bald von selbst nichts tat, was nicht im Geschmack der Mutter lag. Sie
hielt ihn stets einfach, aber gut und mit einem gewissen gewhlten
Geschmack in der Kleidung: dadurch fhlte er sich sicher, bequem und
zufrieden in seinem Anzuge und wurde nie veranlat, an denselben zu
denken, wurde mithin nicht eitel und lernte gar nie die Sucht kennen,
sich besser oder anders zu kleiden, als er eben war. hnlich hielt sie
es mit dem Essen; sie erfllte alle billigen und unschdlichen Wnsche
aller drei Kinder und niemand bekam in ihrem Hause etwas zu essen,
wovon diese nicht auch ihren Teil erhielten; aber trotz aller
Regelmigkeit und Ausgiebigkeit behandelte sie die Nahrungsmittel mit
solcher Leichtigkeit und Geringschtzung, da Fritzchen abermals von
selbst lernte, kein besonderes Gewicht auf dieselben zu legen und,
wenn er satt war, nicht von neuem an etwas unerhrt Gutes zu denken.
Nur die entsetzliche Wichtigtuerei und Breitspurigkeit, mit welcher
die meisten guten Frauen die Lebensmittel und deren Bereitung
behandeln, erweckt gewhnlich in den Kindern jene Gelstigkeit und
Tellerleckerei, die, wenn sie gro werden, zum Hang nach Wohlleben und
zur Verschwendung wird. Sonderbarerweise gilt durch den ganzen
germanischen Vlkerstrich diejenige fr die beste und tugendhafteste
Hausfrau, welche am meisten Gerusch macht mit ihren Schsseln und
Pfannen und nie zu sehen ist, ohne da sie etwas Ebares zwischen den
Fingern herumzerrt; was Wunder, da die Herren Germanen dabei die
grten Esser werden, das ganze Lebensglck auf eine wohlbestellte
Kche gegrndet wird und man ganz vergit, welche Nebensache
eigentlich das Essen auf dieser schnellen Lebensfahrt sei. Ebenso
verfuhr sie mit dem, was sonst von den Eltern mit einer schrecklich
ungeschickten Heiligkeit behandelt wird, mit dem Gelde. Sobald als
tunlich lie sie ihren Sohn ihren Vermgensstand mitwissen, fr sie
Geldsummen zhlen und in das Behltnis legen, und sobald er nur
imstande war, die Mnzen zu unterscheiden, lie sie ihm eine kleine
Sparbchse zu gnzlich freier Verfgung. Wenn er nun eine Dummheit
machte oder eine arge Nascherei beging, so behandelte sie das nicht
wie ein Kriminalverbrechen, sondern wies ihm mit wenig Worten die
Lcherlichkeit und Unzweckmigkeit nach. Wenn er etwas entwendete
oder sich aneignete, was ihm nicht zukam, oder einen jener heimlichen
Ankufe machte, welche die Eltern so sehr erschrecken, machte sie
keine Katastrophe daraus, sondern beschmte ihn einfach und offen als
einen trichten und gedankenlosen Burschen. Desto strenger war sie
gegen ihn, wenn er in Worten oder Gebrden sich unedel und kleinlich
betrug, was zwar nur selten vorkam; aber dann las sie ihm hart und
schonungslos den Text und gab ihm so derbe Ohrfeigen, da er die
leidige Begebenheit nie verga. Dies alles pflegt sonst
entgegengesetzt behandelt zu werden. Wenn ein Kind mit Geld sich
vergeht oder gar etwas irgendwo wegnimmt, so befllt die Eltern und
Lehrer eine ganz sonderbare Furcht vor einer verbrecherischen Zukunft,
als ob sie selbst wten, wie schwierig es sei, kein Dieb oder
Betrger zu werden! Was unter hundert Fllen in neunundneunzig nur die
momentan unerklrlichen Einflle und Gelste des trumerisch
wachsenden Kindes sind, das wird zum Gegenstand eines furchtbaren
Strafgerichtes gemacht und von nichts als Galgen und Zuchthaus
gesprochen. Als ob alle diese lieben Pflnzchen bei erwachender
Vernunft nicht von selbst durch die menschliche Selbstliebe, sogar
blo durch die Eitelkeit, davor gesichert wrden, Diebe und Schelme
sein zu wollen. Dagegen wie milde und freundschaftlich werden da
tausend kleinere Zge und Zeichen des Neides, der Migunst, der
Eitelkeit, der Anmaung, der moralischen Selbstsucht und
Selbstgeflligkeit behandelt und gehtschelt! Wie schwer merken die
wackern Erziehungsleute ein frh verlogenes und verblmtes inneres
Wesen an einem Kinde, whrend sie mit hllischem Zeter ber ein
anderes herfahren, das aus bermut oder Verlegenheit ganz naiv eine
vereinzelte derbe Lge gesagt hat. Denn hier haben sie eine greifliche
bequeme Handhabe, um ihr donnerndes: Du sollst nicht lgen! dem
kleinen erstaunten Erfindungsgenie in die Ohren zu schreien. Wenn
Fritzchen eine solche derbe Lge vorbrachte, so sagte Frau Regel
einfach, indem sie ihn gro ansah: Was soll denn das heien, du Affe?
Warum lgst du solche Dummheiten? Glaubst du die groen Leute zum
Narren halten zu knnen? Sei du froh, wenn dich niemand anlgt, und
la dergleichen Spe!" Wenn er eine Notlge vorbrachte, um eine
begangene Snde zu vertuschen, zeigte sie ihm mit ernsten aber
liebevollen Worten, da die Sache deswegen nicht ungeschehen sei, und
wute ihm klarzumachen, da er sich besser befinde, wenn er offen und
ehrlich einen begangenen Fehler eingestehe; aber sie baute keinen
neuen Strafproze auf die Lge, sondern behandelte die Sache ganz
abgesehen davon, ob er gelogen oder nicht gelogen habe, so, da er das
Zwecklose und Kleinliche des Herauslgens bald fhlte und hierfr zu
stolz wurde. Wenn er dagegen nur die leiseste Neigung verriet, sich
irgend Eigenschaften beizulegen, die er nicht besa, oder etwas zu
bertreiben, was ihm gut zu stehen schien, oder sich mit etwas zu
zieren, wozu er das Zeug nicht hatte, so tadelte sie ihn mit
schneidenden harten Worten und versetzte ihm selbst einige Knffe,
wenn ihr die Sache zu arg und widerlich war. Ebenso, wenn sie
bemerkte, da er andere Kinder beim Spielen belog, um sich kleine
Vorteile zu erwerben, strafte sie ihn hrter, als wenn er ein
erkleckliches Vergehen abgeleugnet htte.

Diese ganze Erzieherei kostete indessen kaum soviel Worte, als hier
gebraucht wurden, um sie zu schildern, und sie beruhte allerdings mehr
im Charakter der Frau Amrain, als in einem vorbedachten oder gar
angelesenen System. Daher wird ein Teil ihres Verfahrens von Leuten,
die nicht ihren Charakter besitzen, nicht befolgt werden knnen,
whrend ein anderer Teil, wie z. B. ihr Verhalten mit den Kleidern,
mit der Nahrung und mit dem Gelde, von ganz armen Leuten nicht kann
angewendet werden. Denn wo z. B. gar nichts zu essen ist, da wird
dieses natrlich jeden Augenblick zur nchsten Hauptsache, und
Kindern, unter solchen Umstnden erzogen, wird man schwer die
Gelstigkeit abgewhnen knnen, da alles Sinnen und Trachten des
Hauses nach dem Essen gerichtet ist. Besonders whrend der kleineren
Jugend des Knaben war die Erziehungsmhe seiner Mutter sehr gering, da
sie, wie gesagt, weniger mit der Zunge, als mit ihrer ganzen Person
erzog, wie sie leibte und lebte, und es also in einem zu ging mit
ihrem sonstigen Dasein. Sollte man fragen, worin denn bei dieser
leichten Art und Mhelosigkeit ihre besondere Treue und ihr Vorsatz
bestand? so wre zu antworten: lediglich in der zugewandten Liebe, mit
welcher sich das Wesen ihrer Person dem seinigen einprgte und sie
ihre Instinkte die seinigen werden lie. Doch blieb die Zeit nicht
aus, wo sie allerdings einige vorstzliche und krftige
Erziehungsmaregeln anwenden mute, als nmlich der gute Fritz
herangewachsen war und sich fr allbereits erzogen hielt, die Mutter
aber erst recht auf der Wacht stand, da es sich nun entscheiden
sollte, ob er in das gute oder schlechte Fahrwasser einlaufen wrde.
Es waren nur wenige Momente, wo sie etwas Entscheidendes und
Energisches gegen seine junge Selbstndigkeit unternahm, aber jedesmal
zur rechten Zeit und so pltzlich, einleuchtend und bedeutsam, da es
nie seiner bleibenden Wirkung ermangelte.

Als Fritz bald achtzehn Jahre zhlte, war er ein schnes junges
Brschchen, fein anzusehen mit seinem blonden Haare und seinen blauen
Augen, und von einer groen Selbstndigkeit und Sicherheit in allem
was er tat. Er hatte bereits die Leitung des Geschftes bernommen,
was die Arbeit im Freien betraf, nachdem er schon vom vierzehnten
Jahre an im Steinbruch tchtig gearbeitet. Er machte ein ernsthaftes
und kluges Gesicht und war dennoch aufgerumt und guter Dinge, und was
seiner Mutter am besten gefiel, war seine Fhigkeit, mit allen Leuten
umzugehen, ohne ihre Art anzunehmen. Sie hielt ihn nicht ab
auszugehen, wenn es ihm langweilig war zu Hause, und mit anderen
jungen Burschen zu verkehren; aber die scharf Aufmerkende sah mit
Vergngen, da er an der Weise der jungen Seldwyler, mit denen er
abwechselnd verkehrte, bald mit diesem, bald mit jenem, keinen
sonderlichen Geschmack gewann, sie berschaute und nur sich etwas mit
ihnen die Zeit vertrieb, wie und solange er es fr gut fand. Mit
Vergngen sah sie auch, da er sich nicht lumpen lie und bei Gelagen
manche Flasche zum besten gab, ohne je fr sich selbst schlimme Folgen
davonzutragen, und da er nicht in einen schlimmen oder schimpflichen
Handel verwickelt wurde, obgleich er berall sich zu schaffen machte
und wute, wie es zugegangen, ohne da er brigens ein Duckmuser und
Aufpasser war. Auch hielt er was auf sich, ohne hochmtig zu sein, und
wute s ich zu wehren, wenn es galt. Frau Regula war daher guten Mutes
und dachte, das wre gerade die rechte Weise und ihr Shnchen sei
nicht auf den Kopf gefallen. Da bemerkte sie, da er anfing zu
errten, wenn schne Mdchen ihm in den Weg kamen, da er selbst
hliche Mdchen aufmerksam und kritisch betrachtete und da er
verlegen wurde, wenn eine hbsche runde und muntere Frau in der Stube
war, whrend er dieselbe doch heimlicherweise mit den Augen
verschlang. Aus diesen drei Zeichen entnahm sie zwei Dinge: erstens,
da noch nichts an ihm verdorben sei, zweitens aber, da wenn eine
Gefahr fr ihn vorhanden wre, auf den breiten Weg der Stadt zu
tlpeln, diese Gefahr nur von seiten der Damen von Seldwyla herkommen
knne, und sie sagte sogleich in ihrem Herzen: Also da willst du
hinaus, du Schuft?

Die Schnen dieser Stadt waren nicht schlimmer gesinnt als ihre Mnner
und sie hielten, wenn sie erst zu Jahren kamen, noch manches zusammen,
was diese lieber auch noch zerstreut htten. Allein, da die Mnner
sich gern lustig machten, so wollten sie, solange es ihnen gut erging,
auch nicht zurckbleiben, und bei dem schnen Geschlecht laufen
bekanntlich alle Abirrungen und Unzukmmlichkeiten zuletzt nur auf ein
und dasselbe Ende hinaus, jene alte Geschichte, welche vielfltige
Rckwirkungen auf das Wohl oder Weh der Herren Mitschuldigen mit sich
fhrt. Sonach ging es auch in dieser Hinsicht zu Seldwyla etwas
lustiger zu, als an anderen Orten.

Wie nun Frau Amrain ihre schwarzen Augen offenhielt und mit zorniger
Bangigkeit aufmerkte, wann und wie man etwa ihr Kind verderben wolle,
ergab sich bald eine Gelegenheit fr ihr mtterliches Einschreiten. Es
wurde eine groe Hochzeit gefeiert auf dem Rathause und das
neuvermhlte Paar gehrte den geruschvollsten und lustigsten Kreisen
an, die gerade im Flor waren. Wie an anderen Orten der Schweiz, gibt
es an den Hochzeiten zu Seldwyl, wenn Bankett und Ball am Abend
stattfinden, zweierlei Gste: die eigentlichen geladenen
Hochzeitsgste und dann die Freunde oder Verwandten dieser, welche
ihnen scherzhafte Hochzeit- oder Tafelgeschenke berbringen mit
allerlei Witzen, Gedichten und Anspielungen. Sie verkleiden sich zu
diesem Ende hin in allerhand lustige Trachten, welche dem zu
berbringenden Geschenk entsprechen, und sind maskiert, indem jeder
seinen Freund oder seine Verwandte aufsucht, sich hinter deren Stuhl
begibt, seine Gabe berreicht und seine Rede hlt. Fritz Amrain hatte
sich schon vorgenommen, einem kleinen Bschen einige Geschenke zu
bringen, und die Mutter nichts dagegen gehabt, da das Mdchen noch
sehr jung und sonst wohlgeartet war. Allein, weniger das Bschen
lockte ihn, als ein dunkles Verlangen, sich unter den lustigen Damen
von Seldwyl einmal recht herumzutummeln, deren Frhlichkeit, wenn
viele beisammen waren, ihm schon oft sehr anmutig geschildert worden.
Er war nur noch unschlssig, welche Verkleidung er whlen sollte, um
auf der Hochzeit zu erscheinen, und erst am Abend entschlo er sich
auf den Rat einiger Bekannten, sich als Frauenzimmer zu kleiden. Seine
Mutter war eben ausgegangen, als er mit diesem lustigen Vorsatz nach
Hause gelaufen kam und denselben sogleich ins Werk setzte. Ohne
Schlimmes zu ahnen, geriet er ber den Kleiderschrank seiner Mutter
und warf da so lange alles durcheinander, von einem lachenden
Dienstmdchen untersttzt, bis er die besten und buntesten
Toilettenstcke zusammengesucht und sich angeeignet hatte. Er zog das
schnste und beste Kleid der Mutter an, das sie selbst nur bei
feierlichen Gelegenheiten trug, und whlte dazu aus den reichlichen
Schachteln Krausen, Bnder und sonstigen Putz hervor. Zum berflu
hing er sich noch die Halskette der Mutter um und zog so, aus dem
Grbsten geputzt, zu seinen Genossen, die sich inzwischen ebenfalls
angekleidet. Dort vollendeten zwei muntere Schwestern seinen Anzug,
indem sie vornehmlich seinen blonden Kopf auf das zierlichste
frisierten und seine Brust mit einem sachgemen Frauenbusen
ausschmckten. Indem er so auf seinem Stuhle sa und diese Bemhungen
der wenig schchternen Mdchen um sich geschehen lie, errtete er
einmal um das andere und das Herz klopfte ihm vor erwartungsvollem
Vergngen, whrend zugleich das bse Gewissen sich regte und ihm
anfing zuzuflstern, die Sache mochte doch nicht so recht in der
Ordnung sein. Als er daher mit seiner Gesellschaft dem Rathause zuzog,
ein Krbchen mit den Geschenken tragend, sah er so verschmt und
verwirrt aus, wie ein wirkliches Mdchen, und schlug die Augen nieder,
und als er so auf der Hochzeit erschien, erregte er den allgemeinen
Beifall besonders der versammelten Frauen. Whrend der Zeit war aber
seine Mutter nach Hause zurckgekehrt und sah ihren offenstehenden
Kleiderschrank sowie die Verwstung, die er in Schachteln und Ksten
angerichtet. Als sie vollends vernahm, zu welchem Ende hin dies
geschehen und da ihre Hoffnung in Weiberkleidern, und noch dazu in
ihren besten, ausgezogen sei, berfiel sie erst ein groer Zorn, dann
aber eine noch grere Unruhe; denn nichts schien ihr geeigneter,
einen jungen Menschen in das Lotterleben zu bringen, als wenn er in
Weiberkleidern auf eine Seldwyler Hochzeit ging. Sie lie daher ihr
Abendessen ungenossen stehen und ging eine Stunde lang in der grten
Unruhe umher, nicht wissend, wie sie ihren Sohn den drohenden Gefahren
entreien sollte. Es widerstrebte ihr, ihn kurzweg abrufen zu lassen
und dadurch zu beschmen; auch frchtete sie nicht mit Unrecht, da er
wrde zurckgehalten werden oder aus eigenem Willen nicht kommen
drfte. Und dennoch fhlte sie wohl, wie er durch diese einzige Nacht
auf eine entscheidende Weise auf die schlechte Seite verschlagen
werden knne. Sie entschlo sich endlich kurz, da es ihr nicht Ruhe
lie, ihren Sohn selbst wegzuholen, und da sie mannigfacher
Beziehungen wegen einen halben Vorwand hatte, selbst etwa ein
Stndchen auf der Hochzeit zu erscheinen, kleidete sie sich rasch um
und whlte einen Anzug, ein wenig besser als der alltgliche und doch
nicht festlich genug, um etwa zu hohe Achtung vor der lustigen
Versammlung zu verraten. So begab sie sich also nach dem Rathaus, nur
von dem Dienstmdchen begleitet, welches ihr eine Laterne vorantrug.
Sie betrat zuerst den Speisesaal; allein die erste Tafel und die
Lustbarkeit mit den Geschenken war schon vorber und die berbringer
derselben hatten ihre Masken abgenommen und sich unter die brigen
Gste gemischt. In dem Saale war nichts zu sehen als einige
Herrengesellschaften, die teils Karten spielten, teils zechten, und so
stieg sie die Treppe nach einer altertmlichen Galerie hinauf, von wo
man den Saal bersehen konnte, in welchem getanzt wurde. Diese Galerie
war mit allerlei Volk angefllt, das nicht im Flor war und hier dem
Tanze zusehen durfte wie etwa die Einwohner einer Residenz einer
Frstenhochzeit. Frau Regula konnte daher unbemerkt den Ball
bersehen, der so ziemlich feierlich vor sich ging und die allgemeine
Lsternheit und Begehrlichkeit mit seinem steifen und lcherlichen
Zeremoniell zur Not verdeckte. Denn dies htten die Seldwyler nicht
anders getan; sie huldigten vielmehr dem Spruch: Alles zu seiner Zeit!
und wenn sie mit wenig Mhe das Schauspiel eines nach ihren Begriffen
noblen Balles geben oder genieen konnten, warum sollten sie es
unterlassen?

Fritzchen Amrain aber war unter den Tanzenden nicht zu erblicken, und
je lnger ihn seine Mutter mit den Augen suchte, desto weniger fand
sie ihn. Je lnger sie ihn aber nicht fand, desto mehr wnschte sie
ihn zu sehen, nicht allein mehr aus Besorgnis, sondern auch um
wirklich zu schauen, wie er sich eigentlich ausnhme und ob er in
seiner Dummheit nicht noch die Lcherlichkeit zum Leichtsinn
hinzugefgt habe, indem er als eine ungeschickt angezogene schlottrige
Weibsperson sich wei Gott wo herumtreibe? In diesen Untersuchungen
geriet sie auf einen Seitengang der hohen Galerie, welcher mit einem
Fenster endigte, das mit einem Vorhang versehen und bestimmt war,
Licht in eben diesen Gang einzulassen. Das Fenster aber ging in das
kleinere Ratszimmer, ein altes gotisches Gemach, und war hoch an
dessen Wand zu sehen. Wie sie nun jenen Vorhang ein wenig lftete und
in das tiefe Gemach hinunterschaute, welches durch einen seltsamen
Firlefanz von Kronleuchtern ziemlich schwach erleuchtet war, erblickte
sie eine kleinere Gesellschaft, die da in aller Stille und
Frhlichkeit sich zu unterhalten schien. Als Frau Regel genauer
hinsah, erkannte sie sieben bis acht verheiratete, Frauen, deren
Mnner sie schon in dem Speisesaal hatte spielen sehen zu einem hohen
und prahlerischen Satze. Diese Frauen saen in einem engen Halbkreise
und vor ihnen ebensoviel junge Mnner, die ihnen den Hof machten.
Unter letzteren war Fritz abermals nicht zu finden und seine Mutter
hierber sehr froh, da der Kreis dieser Damen nichts weniger als
beruhigend anzusehen war. Denn als sie dieselben einzeln musterte,
waren es lauter jngere Frauen, welche jede auf ihre Weise fr
gefhrlich galt und in der Stadt, wenn auch nicht eines schlimmen,
doch eines geheimnisvollen Rufes geno, was bei der herrschenden
Duldsamkeit immer noch genug war. Da sa erstens die nicht hliche
Adele Anderau, welche ppig und verlockend anzusehen war, ohne da man
recht wute, woran es lag, und welche alle jungen Leute jezuweilen mit
halbgeschlossenen Augen so anzublicken wute in einem windstillen
Augenblick, da sie einen seltsamen Funken von hoffnungsreichem
Verlangen in ihr Herz schleuderte. Aber zehn derselben lie sie
schonungslos und mit Aufsehen abziehen, um desto regelmiger den
elften in einer sichern Stunde zu beglcken. Da war ferner die
leidenschaftliche Julie Haider, welche ihren Mann ffentlich und vor
so vielen Zeugen als mglich strmisch liebkoste, die glhendste
Eifersucht auf ihn an den Tag legte und fortwhrend der Untreue
anklagte, dies alles solange, bis irgendein dritter den fhllosen
Gatten beneidete und solcher Leidenschaftlichkeit teilhaftig zu werden
trachtete. Da trauerte auch die sanfte Emmeline Ackerstein, welche
eine Dulderin war und von ihrem Manne mihandelt wurde, weil sie gar
nichts gelernt hatte und das Hauswesen vernachlssigte; diese sah
bleich und schmachtend aus und sank mit Trnen dem in die Arme, der
sie trsten mochte. Auch die schlimme Lieschen Aufdermaur war da,
welche solange Klatschereien und Znkereien anrichtete, bis irgendein
Aufgebrachter, den sie verleumdet, sie unter vier Augen in die Klemme
brachte und sich an ihr rchte. Dann folgte, auer zwei oder drei
aufgeweckten Wesen, welche ohne weitere Begrndungen schlechtweg taten
was sie mochten, die stille Theresa Gut, welche uerst teilnahmlos
weder rechts noch links sah, niemandem entgegenkam und kaum
antwortete, wenn man sie anredete, welche aber, zufllig in ein
Abenteuer verwickelt und angegriffen, unerwarteterweise lachte wie
eine Nrrin und alles geschehen lie. Endlich sa auch dort das
leichtsinnige Kthchen Amhag, welches immer eine Menge heimlicher
Schulden zu tragen hatte.

Nachdem Frau Amrain die Beschaffenheit dieses weiblichen Kreises
erkannt, wollte sie eben Gott danken, da ihr Sohn wenigstens auch da
nicht zu erblicken sei, als sie noch eine weibliche Gestalt zwischen
ihnen entdeckte, die sie im ersten Augenblick nicht kannte, obgleich
sie dieselbe schon gesehen zu haben glaubte. Es war ein groes
prchtig gewachsenes Wesen von amazonenhafter Haltung und mit einem
kecken blonden Lockenkopfe, das aber hold verschmt und verliebt unter
den lustigen Frauen sa und von ihnen sehr aufmerksam behandelt wurde.
Beim zweiten Blick erkannte sie jedoch ihren Sohn und ihr violettes
Seidenkleid zugleich und sah, wie trefflich ihm dasselbe sa, und
mute sich auch gestehen, da er ganz geschickt und reizend ausgeputzt
sei. Aber im gleichen Augenblicke sah sie auch, wie ihn seine eine
Nachbarin kte, infolge irgendeines Unterhaltungsspieles, das die
frhliche Gesellschaft eben beschftigte, und wie er gleichzeitig die
andere Nachbarin kte, und nun hielt sie den Zeitpunkt fr gekommen,
wo sie ihrem Sohne den Dienst, welchen er ihr als fnfjhriges
Knblein geleistet, erwidern konnte.

Sie stieg ungesumt die Treppe hinunter und trat in das Zimmer, die
berraschte Gesellschaft bescheiden und hflich begrend. Alles erhob
sich verlegen; denn obgleich sie sattsam durchgehechelt wurde in der
Stadt, so flte sie doch Achtung ein, wo sie erschien. Die jungen
Mnner grten sie mit aufrichtig verlegener Ehrerbietung, und um so
aufrichtiger, je wilder sie sonst waren; von den Frauen aber wollte
keine scheinen, als ob sie mit der achtbarsten Frau der Stadt etwa
schlecht stnde und nicht mit ihr umzugehen wte, weshalb sie sich
mit groem Gerusch um sie drngten, als sie sich von ihrer
berraschung etwas erholt. Am verblfftesten war jedoch Fritz, welcher
nicht mehr wute, wie er sich in dem Kleide seiner Mutter zu gebrden
habe; denn dies war jetzt pltzlich sein erster Schrecken und er bezog
den ernsten Blick, den sie einstweilen auf ihn geworfen, nur auf die
gute Seide dieses Kleides. Andere Bedenken waren noch nicht ernstlich
in ihm aufgestiegen, da in der allgemeinen Lust der Scherz zu
gewhnlich und erlaubt schien. Als alle sich wieder gesetzt hatten und
nachdem sich Frau Amrain ein Viertelstndchen freundlich mit den
jungen Leuten unterhalten, winkte sie ihren Sohn zu sich und sagte
ihm, er mchte sie nach Hause begleiten, da sie gehen wolle. Als er
sich dazu ganz bereit erklrte, flsterte sie ihm aber mit strengem
Tone zu: Wenn ich von einem Weibe will begleitet sein, so konnte ich
die Grete hier behalten, die mir hergeleuchtet hat! Du wirst so gut
sein und erst heimlaufen, um Kleider anzuziehen, die dir besser
stehen, als diese hier!"

Erst jetzt merkte er, da die Sache nicht richtig sei; tief errtend
machte er sich fort, und als er ber die Strae eilte und das
rauschende Kleid ihm so ungewohnt gegen die Fe schlug, whrend der
Nachtwchter ihm verdchtig nachsah, merkte er erst recht, da das
eine ungeeignete Tracht wre fr einen jungen Republikaner, in der man
niemandem ins Gesicht sehen drfe. Als er aber, zu Hause angekommen,
sich hastig umkleidete, fiel es ihm ein, da nun die Mutter allein
unter dem Volke auf dem Rathause sitze, und dieser Gedanke machte ihn
pltzlich und sonderbarerweise so zornig und besorgt um ihre Ehre, da
er sich beeilte nur wieder hinzukommen und sie abzuholen. Auch glaubte
er ihr einen rechten Ritterdienst damit zu erweisen, da er so
pnktlich wieder erschien, und alle etwaigen Unebenheiten dadurch aufs
schnste ausgeglichen. Frau Amrain aber empfahl sich der Gesellschaft
und ging ernst und schweigsam neben ihrem Sohne nach Hause. Dort
setzte sie sich seufzend auf ihren gewohnten Sessel und schwieg eine
Weile; dann aber stand sie auf, ergriff das daliegende Staatskleid und
zerri es in Stcken, indem sie sagte: Das kann ich nun wegwerfen,
denn tragen werde ich es nie mehr!"

Warum denn?" sagte Fritz erstaunt und wieder kleinlaut. Wie werde
ich," erwiderte sie, ein Kleid ferner tragen, in welchem mein Sohn
unter liederlichen Weibern gesessen hat, selber einem gleichsehend?"
Und sie brach in Trnen aus und hie ihn zu Bette gehen. Hoho", sagte
er, als er ging, das wird denn doch nicht so gefhrlich sein." Er
konnte aber nicht einschlafen, da sein Kopf sowohl von der
unterbrochenen Lustbarkeit als auch von den Worten der Mutter
aufgeregt war; es gab also Mue, ber die Sache nachzudenken, und er
fand, da die Mutter einigermaen recht habe, aber er fand dies nur
insofern, als er selbst die Leute verachtete, mit denen er sich eben
vergngt hatte. Auch fhlte er sich durch diese Auslegung eher
geschmeichelt in seinem Stolze, und erst, als die Mutter am Morgen und
die folgenden Tage ernst und traurig blieb, kam er dem Grunde der
Sache nher. Es wurde kein Wort mehr darber gesprochen; aber Fritz
war fr einmal gerettet, denn er schmte sich vor seiner Mutter mehr,
als vor der ganzen brigen Welt.

Whrend einiger Monate fand sie keine Ursache, neue Besorgnisse zu
hegen, bis eines Tages, als ein blhendes junges Landmdchen sich
einfand, um den Dienst bei ihr nachzusuchen, Fritz dasselbe unverwandt
betrachtete und endlich auf es zutrat und, alles andere vergessend,
ihm die Wangen streichelte. Er erschrak sogleich selbst darber und
ging hinaus; die Mutter erschrak auch und das Mdchen wurde rot und
zornig und wandte sich, ohne weitern Aufenthalt zu gehen. Als Frau
Amrain dies sah, hielt sie es zurck und nahm es mit einiger
berredung in ihren Dienst. Nun mu es biegen oder brechen, dachte sie
und fhlte gleichzeitig, da auf dem bisherigen, blo verneinenden
Wege dies Blut sich nicht lnger meistern lie. Sie nherte sich
deshalb noch am selben Tage ihrem Sohne, als er mit seinem Vesperbrote
sich unter eine schattige Rebenlaube gesetzt hatte hinter dem Hause,
von wo man zum Teil hinaus in die Ferne sah nach blauen Hhenstrichen,
wo andere Leute wohnten. Sie legte ihren Arm um seine Schultern, sah
ihm freundlich in die Augen und sagte: Lieber Fritz! Sei mir jetzt
nur noch zwei oder drei Jhrchen brav und gehorsam, und ich will dir
das schnste und beste Frauchen verschaffen aus meinem Ort, da du dir
was darauf einbilden kannst!"

Fritz schlug errtend die Augen nieder, wurde ganz verlegen und
erwiderte mrrisch: Wer sagt denn, da ich eine Frau haben wolle?"
Du sollst aber eine haben!" versetzte sie, und wie ich sage, eine
von guter und schner Art; aber nur, wenn du sie verdienst; denn ich
werde mich hten, eine rechtschaffene Tochter hierher ins Elend zu
bringen!" Damit kte sie ihren Sohn, wie sie seit undenklicher Zeit
nicht getan, und ging ins Haus zurck.

Es ward ihm aber auf einmal ganz seltsam zumute und von Stund an waren
seine Gedanken auf eine solche gute und schne Frau gerichtet, und
diese Gedanken schmeichelten ihm so sehr und beschftigten ihn so
anhaltend, da er darber keine Frauensperson in Seldwyla mehr ansah.
Die Zrtlichkeit, mit welcher die Mutter ihm solche Ideen beigebracht,
gab seinen Wnschen eine innigere und edlere Richtung, und er fhlte
sich wohlgeborgen, da man es so gut mit ihm meine. Er wartete aber die
zwei Jahre und die Anstalten seiner Mutter nicht ab, sondern fing
schon in der nchsten Zeit an, an schnen Sonntagen ins Land hinaus zu
gehen und insbesondere in der Heimat der Mutter herumzukreuzen. Er war
bis jetzt kaum einmal dort gewesen und wurde von den Verwandten und
Freunden seiner Mutter um so freundlicher aufgenommen, als sie groes
Wohlgefallen an dem hbschen Jngling fanden und er zudem eine Art
Merkwrdigkeit war als ein wohlgeratener, fester und nicht
prahlerischer Seldwyler. Er machte sich ordentlich heimisch in jenen
Gegenden, was seine Mutter wohl merkte und geschehen lie, aber sie
ahnte nicht, da er, ehe sie es vermutete, schon in bester Form einen
Schatz hatte, der ihm allen von der Mutter ihm gemachten
Vorspiegelungen vollkommen zu entsprechen schien. Als sie davon
erfuhr, machte sie sich dahinter her, voll Besorgnis, wer es sein
mchte, und fand zu ihrer frohen Verwunderung, da er nun gnzlich auf
einem guten Wege sei; denn sie mute den Geschmack und das Urteil des
Sohnes nur loben und ebenso dessen ungetrbte Treue und Frhlichkeit,
mit welcher er dem erwhlten Mdchen anhing, so da sie sich aller
weitern Zucht und aller Listen endlich enthoben sah.

Diese Klippe war unterdessen kaum glcklich umschifft, als sich eine
andere zeigte, welche noch gefhrlicher zu werden drohte, und der Frau
Regula abermals Gelegenheit gab, ihre Klugheit zu erproben. Denn die
Zeit war nun da, wo Fritz, der Sohn, anfing zu politisieren und damit
mehr als durch alles andere in die Gemeinschaft seiner Mitbrger
gezogen wurde. Er war ein liberaler Gesell, wegen seiner Jugend,
seines Verstandes, seines ruhigen Gewissens in Hinsicht seiner
persnlichen Pflichterfllung und aus anererbtem Mutterwitz. Obgleich
man nach gewhnlicher oberflchlicher Anschauungsweise etwa htte
meinen knnen, Frau Amrain wre aristokratischer Gesinnung gewesen,
weil sie die meisten Leute verachten mute, unter denen sie lebte, so
war dem doch nicht also; denn hher und feiner als die Verachtung ist
die Achtung vor der Welt im ganzen. Wer freisinnig ist, traut sich und
der Welt etwas Gutes zu und wei mannhaft von nichts anderem, als da
man hierfr einzustehen vermge, whrend der Unfreisinn oder der
Konservatismus auf Zaghaftigkeit und Beschrnktheit gegrndet ist.
Diese lassen sich aber schwer mit wahrer Mnnlichkeit vereinigen. Vor
tausend Jahren begann die Zeit, da nur derjenige fr einen
vollkommenen Helden und Rittersmann galt, der zugleich ein frommer
Christ war; denn im Christentum lag damals die Menschlichkeit und
Aufklrung. Heute kann man sagen: sei einer so tapfer und resolut, als
er wolle, wenn er nicht vermag freisinnig zu sein, so ist er kein
ganzer Mann. Und die Frau Regula hatte, nachdem sie sich einmal an
ihrem Eheherrn so getuscht, zu strenge Regeln in ihrem Geschmack
betreffs der Mannestugend angenommen, als da sie eine feste und
sichere Freisinnigkeit daran vermissen wollte. brigens, als ihr Mann
um sie geworben, hatte er in allem Flor eines jugendlichen
Radikalismus geglnzt, welchen er freilich mehr in der Weise
handhabte, wie ein Lehrling die erste silberne Sackuhr.

Abgesehen von diesen Geschmacksgrnden aber war sie aus einem Orte
gebrtig, wo seit unvordenklichen Zeiten jedermann freisinnig gewesen
und der im Laufe der Zeit bei jeder Gelegenheit sich als ein
entschlossenes, tatkrftiges und sich gleichbleibendes Brgernest
hervorgetan, so da, wenn es hie: die von So und So haben dies gesagt
oder jenes getan! sie gleich einen ganzen Landstrich mitnahmen und
einen krftigen Ansto gaben. Wenn also Frau Amrain in den Fall kam,
ihre Meinung ber einen Streit festzustellen, so hrte sie nicht auf
das, was die Seldwyler, sondern auf das, was die Leute ihrer
Jugendheimat sagten, und richtete ihre Gedanken dorthin.

Alles das waren Grnde genug fr Fritz, ein guter Liberaler zu sein,
ohne absonderliche Studien gemacht zu haben. Was nun die nchste
Gefahr anbelangt, welche da, wo das Wort und die rechtlichen
Handlungen frei sind und die Leute sich das Wetter selbst machen, fr
einen politisch Aufgeregten entsteht, nmlich die Gefahr, ein
Miggnger und Schenkelufer zu werden, so war dieselbe zu Seldwyla
allerdings noch grer, als an anderen Schweizerorten, welche mit der
ganzen Alten Welt noch an der gemtlichen ostlndischen Weise
festhalten, das Wichtigste in breiter halbtrumender Ruhe an den
Quellen des Getrnkes oder bei irgendeinem Genusse zu verhandeln und
immer wieder zu verhandeln. Und doch sollte das nicht so sein; denn
ein gutes Glas in frhlicher Ruhe zu trinken, ist ein Zweck, ein Lohn
oder eine Frucht, und, wenn man das in einem tiefern Sinne nimmt, das
Ausben politischer Rechte blo ein Mittel, dazu zu gelangen. Indessen
war fr Fritz diese Gefahr nicht betrchtlich, weil er schon zu sehr
an Ordnung und Arbeit gewhnt war und es ihn gerade zu Seldwyla nicht
reizte, den anderen nachzufahren. Grer war schon die Gefahr fr ihn,
ein Schwtzer und Prahler zu werden, der immer das gleiche sagt und
sich selbst gern reden hrt; denn in solcher Jugend verfhrt nichts so
leicht dazu, als das lebendige Empfinden von Grundstzen und
Meinungen, welche man zur Schau stellen darf ohne Rckhalt, da sie
gemeinntzig sind und das Wohl aller betreffen.

Als er aber wirklich begann, Tag und Nacht von Politik zu sprechen,
ein und dieselbe Sache ewig herumzerrte und jene kindische Manier
annahm, durch blindes Behaupten sich selbst zu betuben und zu tun,
als ob es wirklich so gehen msse, wie man wnscht und behauptet, da
sagte seine Mutter ein einzigesmal, als er eben im schnsten Eifer
war, ganz unerwartet: Was ist denn das fr ein ewiges Schwatzen und
Kannegieern? Ich mag das nicht hren! Wenn du es nicht lassen kannst,
so geh auf die Gasse oder ins Wirtshaus, hier in der Stube will ich
den Lrm nicht haben!"

Dies war ein Wort zur rechten Zeit gesprochen; Fritz blieb in seiner
also durchschnittenen Rede ganz verblfft stecken und wute gar nichts
zu sagen. Er ging hinaus, und indem er ber dies wunderliche Ereignis
nachgrbelte, fing er an sich zu schmen, so da er erst eine gute
halbe Stunde nachher rot wurde bis hinter die Ohren, von Stund an
geheilt war und seine Politik mit weniger Worten und mehr Gedanken
abzumachen sich gewhnte. So gut traf ihn der einmalige Vorwurf aus
Frauenmund, ein Schwtzer und Kannegieer zu sein.

Um so grer erwies sich nun die dritte, entgegengesetzte Gefahr, an
bel gewendeter Tatkraft zu verderben. So wetterwendisch nmlich sonst
die Seldwyler in ihren politischen Stimmungen waren, so beharrlich
blieben sie in der Teilnahme an allem Freischaren- und Zuzgerwesen,
und wenn irgendwo in der Nachbarschaft es galt, gewaltsam ein
widerstehendes Regiment zu sprengen, eine schwache Mehrheit
einzuschchtern oder einer trotzigen ungefgigen Minderheit bewaffnet
beizuspringen, so zog jedesmal, mochte nun die herrschende Stimmung
sein, welche sie wollte, von Seldwyla ein Trupp bewaffneter Leute aus,
nach dem aufgeregten Punkte hin, bald bei Nacht und Nebel auf
Seitenwegen, bald am hellen Tage auf offener Landstrae, je nachdem
ihnen die Luft sicher schien. Denn nichts dnkte sie so ergtzlich,
als bei schnem Wetter einige Tage im Lande herumzustreichen, so
sechzig oder siebenzig, wohlbewaffnet mit feinen Zielgewehren,
versehen mit gewichtigen drohenden Bleikugeln und silbernen Talern,
mittelst letzterer sich in den besetzten Wirtshusern gtlich zu tun
und mit tchtigem Hallo, das Glas in der Hand, auf andere Zuzge zu
stoen, denen es ebenfalls mehr oder minder Ernst war. Da nun das
Gesetzliche und das Leidenschaftliche, das Vertragsmige und das
ursprnglich Naturwchsige, der Bestand und das Revolutionre zusammen
erst das Leben ausmachen und es vorwrts bringen, so war hiergegen
nichts zu sagen, als: seht euch vor, was ihr ausrichtet! Nun aber
erfuhren die Seldwyler den eigenen Unstern, da sie bei ihren Auszgen
immerdar entweder zu frh oder zu spt und am unrechten Orte eintrafen
und gar nicht zum Schusse kamen, wenn sie nicht auf dem Heimwege, der
dann nach mannigfachem Hin- und Herreden und genugsamem Trinken
eingeschlagen wurde, zum Vergngen wenigstens einige Patronen in die
Luft schossen. Doch dies gengte ihnen, sie waren gewissermaen dabei
gewesen und es hie im Lande, die Seldwyler seien auch ausgerckt in
schner Haltung, lauter Mnner mit gezogenen Bchsen und goldenen
Uhren in der Tasche.

Als es das erstemal begegnete, da Fritz Amrain von einem solchen
Ausrcken hrte und zugleich seines Alters halber fhig war
mitzugehen, lief er, da es soweit eine gute Sache betraf, sogleich
nach Hause, denn es war eben die hchste Zeit und der Trupp im Begriff
aufzubrechen. Zu Hause zog er seine besten Kleider an, steckte
genugsam Geld zu sich, hing seine Patronentasche um und ergriff sein
wohl instand gehaltenes Infanteriegewehr, denn da er bereits ein
ordentlicher und handfester junger Flgelmann war, dachte er nicht
daran, mit einer kostbaren Schtzenwaffe zu prahlen, die er nicht zu
handhaben verstand, sondern aufrichtig und emsig sein leichtes Gewehr
zu laden und loszubrennen, sobald er irgend vor den Mann kommen wrde;
und er sah sehnschtig im Geiste schon nichts anderes mehr, als den
letzten Hgel, die letzte Straenecke, um welche herumbiegend man den
verhaten Gegner erblicken und es losgehen wrde mit Puffen und
Knallen.

Er nahm nicht das geringste Gepck mit und verabschiedete sich kaum
bei der Mutter, die ihm aufgebracht und mit klopfendem Herzen, aber
schweigend zusah. Adieu!" sagte er, morgen oder bermorgen frh
sptestens sind wir wieder hier!" und ging weg, ohne ihr nur die Hand
zu geben, als ob er nur in den Steinbruch hinausginge, um die Arbeiter
anzutreiben. So lie sie ihn auch gehen ohne Einwendung, da es ihr
widerstand, den hbschen jungen Burschen von solcher ersten
Mutesuerung abzuhalten, ehe die Zeit und die Erfahrung ihn selber
belehrt. Vielmehr sah sie ihm durch das Fenster wohlgefllig nach, als
er so leicht und froh dahinschritt. Doch ging sie nicht einmal ganz an
das Fenster, sondern blieb in der Mitte der Stube stehen und schaute
von da aus hin. brigens war sie selbst mutigen Charakters und hegte
nicht sonderliche Sorgen, zumal sie wohl wute, wie diese Auszge von
Seldwyla abzulaufen pflegten.

Fritz kam denn auch richtig schon am anderen Morgen ganz in der Frhe
wieder an und stahl sich ziemlich verschmt in das Haus. Er war
ermdet, berwacht, von vielem Weintrinken abgespannt und schlechter
Laune und hatte nicht das mindeste erlebt oder ausgerichtet, auer da
er seinen feinen Rock verdorben durch das Herumlungern und sein
Geldbeutel geleert war.

Als seine Mutter dies bemerkte und als sie berdies sah, da er nicht
wie die anderen, die inzwischen auch gruppenweise zurckgeschlendert
kamen, nur die Kleider wechselte, neues Geld zu sich steckte und nach
dem Wirtshause eilte, um da den milungenen Feldzug
auseinanderzusetzen und sich nach den ermdenden Nichttaten zu
strken, sondern da er eine Stunde lang schlief und dann schweigend
an seine Geschfte ging, da ward sie in ihrem Herzen froh und dachte,
dieser merke von selber, was die Glocke geschlagen. Indessen dauerte
es kaum ein halbes Jahr, als sich eine neue Gelegenheit zeigte,
auszuziehen nach einer anderen Seite hin, und die Seldwyler auch
wirklich wieder auszogen. Eine benachbarte Regierung sollte gestrzt
werden, welche sich auf eine ganz kleine Mehrheit eines andchtigen
gutkatholischen Landvolkes sttzte. Da aber dies Landvolk seine
andchtige Gesinnung und politische Meinung ebenso handlich, munter
und leidenschaftlich betrieb und bei den Wahlvorgngen ebenso
geschlossen und prgelfertig zusammenhielt, wie die aufgeklrten Gegner,
so empfanden diese einen heftigen und ungeduldigen Verdru, und es
wurde beschlossen, jenen vernagelten Dummkpfen durch einen mutigen
 Handstreich zu zeigen, wer Meister im Lande sei, und zahlreiche
Parteigenossen umliegender Kantone hatten ihren Zuzug zugesagt, als ob
 ein Hering zu einem Lachs wrde, wenn man ihm den Kopf abbeit und
sagt: dies soll ein Lachs sein! Aber in Zeiten des Umschwunges, wenn ein
neuer Geist umgeht, hat die alte Schale des gewohnten Rechtes keinen
Wert mehr, da der Kern heraus ist, und ein neues Rechtsbewutsein
mu erst erlernt und angewhnt werden, damit rechtlich am lngsten
wre", das heit, solange der neue Geist lebt und whrt, bis er wiederum
veraltet ist und das Auslegen und Zanken um die Schale des Rechtes von
neuem angeht. Als gewohnterweise wieder einige Dutzend Seldwyler
beisammen waren, um als ein tapferes Huflein auszurcken und der
verhaten Nachbarregierung vom Amte zu helfen, war Frau Regel Amrain
guter Laune, indem sie dachte, diese bewaffneten Kannegieer wren
diesmal recht angefhrt, wenn sie glaubten, da ihr Sohn mitginge; denn
nach ihren bisherigen Erfahrungen, laut welchen das wackere Blut stets
durch eine einmalige Lehre sich gebessert, mute es ihm jetzt nicht
einfallen mitzugehen. Aber siehe da! Fritz erschien unversehens; als
sie ihn bei seinen Geschften glaubte, im Hause, brstete seine
starken Werkeltagskleider wohl aus und steckte die Brste nebst
anderen Ausrstungsgegenstnden und einige Wsche in eine
Reisetasche, welche er umhing, kreuzweise mit der wohlgefllten
Patrontasche; dann ergriff er abermals sein Gewehr und senkte es zum
Gehen, nachdem er mit dem Daumen einige Male den Hahn hin und her
gezogen, um die Federkraft des Schlosses zu erproben.

Diesmal", sagte er, wollen wir die Sache anders angreifen, adieu!"
und so zog er ab, ungehindert von der Mutter, welcher es abermals
unmglich war, ihn von seinem Tun abzuhalten, da sie Wohl sah, da es
ihm Ernst war. Um so besorgter war sie jetzt pltzlich und sie
erbleichte einen Augenblick lang, whrend sie abermals mit
Wohlgefallen seine Entschlossenheit bemerkte. Die Seldwyler Schar
kehrte am nchsten Tage ganz in der alten Weise zurck, ohne noch zu
wissen, wie es auf dem Kampfplatze ergangen; denn da sie die Grenze
ein bichen berschritten hatten, fanden sie das dasige Lndchen sehr
aufgeregt und die Bauern darber erbost, da man solchergestalt auf
ihrem Territorium erscheine, wie zu den Zeiten des Faustrechtes. Sie
stellten jedoch kein Hindernis entgegen, sondern standen nur an den
Wegen mit spttischen Gesichtern, welche zu sagen schienen, da sie
die Eindringlinge einstweilen vorwrts spazieren lassen, aber auf dem
Rckwege dann nher ansehen wollten. Dies kam den Seldwylern gar nicht
geheuer vor und sie beschlossen deshalb, das versprochene Eintreffen
anderer Zuzge abzuwarten, ehe sie weiter gingen. Als diese aber nicht
kamen und ein Gercht sich verbreitete, der Putsch sei schon vorber
und gnstig abgelaufen, machten sie sich endlich wieder auf den
Rckweg mit Ausnahme des Fritz Amrain, welcher seelenallein und
trotzig verwegen sich von ihnen trennte und mitten durch das
gegnerische Gebiet wegmarschierte auf dessen Hauptstadt zu. Denn er
hatte, indem er seine Gefhrten zechen und schwatzen lie, sich
erkundigt und vernommen, da ein Huflein Bursche aus dem Geburtsorte
seiner Mutter einige Stunden von da eintreffen wrde, und zu diesen
gedachte er zu stoen. Er erreichte sie auch ohne Gefhrde, weil er
rasch und unbekmmert seinen Weg ging, und drang mit ihnen ungesumt
vorwrts. Allein die Sache schlug fehl, jene schwankhafte Regierung
behauptete sich fr diesmal wieder durch einige gnstige Zuflle, und
sobald diese sich deutlich entwickelt, tat sich das Landvolk zusammen,
strmte der Hauptstadt zu in die Wette mit den Freizgern und
versperrte diesen die Wege, so da Fritz und seine Genossen, noch ehe
sie die Stadt erreichten, zwischen zwei groen Haufen bewaffneter
Bauern gerieten, und, da sie sich mannlich durchzuschlagen gedachten,
ein Gefecht sich unverweilt entspann. So sah sich denn Fritz
angesichts fremder Dorfschaften und Kirchtrme ladend, schieend und
wieder ladend, indessen die Glocken strmten und heulten ber den
verwegenen Einbruch und den Verdru des beleidigten Bodens auszuklagen
schienen. Wo sich die kleine Schar hinwandte, wichen die Landleute mit
groem Lrm etwas zurck; denn ihre junge Mannschaft war im
Soldatenrock schon nach der Stadt gezogen worden, und was sich hier
den Angreifern entgegenstellte, bestand mehr aus alten und ganz jungen
unerwachsenen Leuten, von Priestern, Kstern und selbst Weibern
angefeuert. Aber sie zogen sich dennoch immer dichter zusammen, und
nachdem erst einige unter ihnen verwundet waren, stellte gerade dieser
dunkle Saum erschreckter alter Menschen, Weiber und Priester, die sich
zusammen den Landsturm nannten, das aufgebrachte und beleidigte Gebiet
vor und die Glocken schrien den Zorn ber alles Getse hinweg weit in
das Land hinaus. Aber der drohende Saum zog sich immer enger und enger
um die fechtenden Parteignger, einige entschlossene und erfahrene
Alte gingen voran, und es dauerte nicht mehr lange, so waren die
Freischrler gefangen. Sie ergaben sich ohne weiteres, als sie sahen,
da sie alles gegen sich hatten, was hier wohnte. Wenn man im offenen
Kriege vom Reichsfeind gefangen wird, so ist das ein Unstern wie ein
anderer und krnkt den Mann nicht tiefer; aber von seinen Mitbrgern
als ein gewaltttiger politischer Widersacher gefangen zu werden, ist
so demtigend und krnkend, als irgend etwas auf Erden sein kann. Kaum
waren sie entwaffnet und von dem Volke umringt, als alle mglichen
Ehrentitel auf sie niederregneten: Landfriedenbrecher, Freischrler,
Ruber, Buben waren noch die mildesten Ausrufe, die sie zu hren
bekamen. Zudem wurden sie von vorn und hinten betrachtet wie wilde
Tiere, und je solider sie in ihrer Tracht und Haltung aussahen, desto
erboster schienen die Bauern darber zu werden, da solche Leute
solche Streiche machten.

So hatten sie nun nichts weiter zu tun, als zu stehen oder zu gehen,
wo und wie man ihnen befahl, hierhin, dorthin, wie es dem vielkpfigen
Souvern beliebte, welchem sie sein Recht hatten nehmen wollen. Und er
bte es jetzt in reichlichem Mae aus und es fehlte nicht an Knffen
und Pffen, wenn die Herren Gefangenen sich trotzig zeigten oder nicht
gehorchen wollten. Jeder schrie ihnen eine gute Lehre zu: Wret ihr
zu Hause geblieben, so brauchtet ihr uns nicht zu gehorchen! Wer hat
euch hergerufen? Da ihr uns regieren wolltet, so wollen wir nun euch
auch regieren, ihr Spitzbuben! Was bezieht ihr fr Gehalt fr euer
Geschft, was fr Sold fr euer Kriegswesen? Wo habt ihr eure
Kriegskasse und wo euren General? Pflegt ihr oft auszuziehen ohne
Trompeter, so in der Stille? Oder habt ihr den Trompeter
heimgeschickt, um euren Sieg zu verknden? Glaubtet ihr, die Luft in
unserm Gebiet sei schlechter als eure, da ihr kamet, sie mit
Bleikugeln zu peitschen? Habt ihr schon gefrhstckt, ihr Herren? Oder
wollt ihr ins Gras beien? Verdienen wrdet ihr es wohl! Habt ihr
geglaubt, wir htten hier keinen ordentlichen Staat, wir stellten gar
nichts vor in unserem Lndchen, da ihr da rottenweise herumstreicht
ohne Erlaubnis? Wolltet ihr Fchse fangen oder Kaninchen? Schne
Bundesgenossen, die uns mit dem Schieprgel in der Hand unser gutes
Recht stellen wollen! Ihr knnt euch bei denen bedanken, die euch
hergerufen; denn man wird euch eine schne Mahlzeit anrichten! Ihr
drfet einstweilen unsere Zuchthauskost versuchen; es ist eine ganz
entschiedene Majoritt von gesunden Erbsen, gewrzt mit dem Salze
eines handlichen Strafgesetzes gegen Hochverrat, und wenn ihr Jahr und
Tag gesessen habt, so wird man euch erlauben, zur Feier eures
glorreichen Einzuges auch eine kleine Minoritt von Speck zu
berwltigen, aber beit euch alsdann die Zhne nicht daran aus! Es
geht allerdings nichts ber einen gesunden Spaziergang und ist
zutrglich fr die Gesundheit, insbesondere wenn man keine regelmige
Arbeit und Bewegung zu haben scheint; aber man mu sich doch immer in
acht nehmen, wo man spazieren geht, und es ist unhflich, mit dem Hut
auf dem Kopfe in eine Kirche und mit dem Gewehr in der Hand in ein
friedfertiges Staatswesen hereinzuspazieren! Oder habt ihr geglaubt,
wir stellen keinen Staat vor, weil wir noch Religion haben und unsere
Pfaffen zu ehren belieben? Dieses gefllt uns einmal so, und wir
wohnen gerade so lang im Lande, als ihr, ihr Maulaffen, die ihr nun
dasteht und euch nicht zu helfen wit!"

So tnte es unaufhrlich um sie her, und die Beredsamkeit der Sieger
war um so unerschpflicher, als sie das gleiche, dessen sie ihre
Gegner nun anklagten, entweder selbst schon getan oder es jeden
Augenblick zu tun bereit waren, wenn die Umstnde und die persnliche
Rstigkeit es erlaubten, gleich wie ein Dieb die beredteste Entrstung
verlauten lt, wenn ein Kleinod, das er selbst gestohlen, ihm
abermals entfremdet wird. Denn der Mensch trgt die unbefangene
Schamlosigkeit des Tieres geradeswegs in das moralische Gebiet hinber
und gebrdet sich da im guten Glauben an das ntzliche Recht seiner
Willkr so naiv, wie die Hndlein auf den Gassen. Die gefangenen
Freischrler muten indessen alles ber sich ergehen lassen und waren
nur bedacht, durch keinerlei Herausforderung eine krperliche
Mihandlung zu veranlassen. Dies war das einzige, was sie tun konnten
und die lteren und Erfahreneren unter ihnen ertrugen das bel mit
mglichstem Humor, da sie voraussahen, da die Sache nicht so
gefhrlich abliefe, als es schien. Der eine oder andere merkte sich
ein schimpfendes Buerlein, das in seinem Laden etwa eine Sense oder
ein Ma Kleesamen gekauft und schuldig geblieben war, und gedachte,
demselben seinerzeit seine beienden Anmerkungen mit Zinsen
zurckzugeben, und wenn ein solches Buerlein solchen Blick bemerkte
und den Absender erkannte, so hrte es darum nicht pltzlich auf zu
schelten, aber richtete unvermerkt seine Augen und seine Worte
anderswohin in den Haufen und verzog sich allmhlich hinter die Front;
so gemtlich und seltsam spielen die Menschlichkeiten durcheinander.
Fritz Amrain aber war im hchsten Grade niedergeschlagen und trostlos.
Zwei oder drei seiner Gefhrten waren gefallen und lagen noch da,
andere waren verwundet und er sah den Boden um sich her mit Blut
gefrbt; sein Gewehr und seine Taschen waren ihm abgenommen, ringsum
erblickte er drohende Gesichter, und so war er pltzlich aus seiner
bedachtlosen und fieberhaften Aufregung erwacht, der Sonnenschein des
lustigen Kampftages war verwischt und verdunkelt, das lustige Knallen
der Schsse und die angenehme Musik des kurzen Gefechtslrmens
verklungen, und als nun gar endlich die Behrden oder
Landesautoritten sich hervortaten aus dem Wirrsal und eine trockene
geschftliche Einteilung und Abfhrung der Gefangenen begann, war es
ihm zumute wie einem Schulknaben, welcher aus einer mutwilligen
Herrlichkeit, die ihm fr die Ewigkeit gegrndet und hchst rechtmig
schien, unversehens von dem hlichsten Schulmeister aufgerttelt und
beigesteckt wird, und der nun in seinem Gram alles verloren und das
Ende der Welt herbeigekommen whnt. Er schmte sich, ohne zu wissen
vor wem, er verachtete seine Feinde und war doch in ihrer Hand. Er war
begeistert gewesen, gegen sie auszuziehen, und doch waren sie jetzt in
jeder Hinsicht in ihrem Rechte; denn selbst ihre Beschrnktheit oder
ihre Dummheit war ihr gutes rechtliches Eigentum und es gab kein
Mandat dagegen, als dasjenige des Erfolges, der nun leider
ausgeblieben war. Die leidenschaftlich erbosten Gesichter aller dieser
bejahrten und gefurchten Landleute, welche auf ihren gefundenen Sieg
trotzten, traten ihm in seiner helldunklen Trostlosigkeit mit einer
seltsamen Deutlichkeit vor die Augen; berall, wo er durchgefhrt
wurde, gab es neue Gesichter, die er nie gesehen, die er nicht einzeln
und nicht mit Willen ansah, und die sich ihm dennoch scharf und
trefflich beleuchtet einprgten als ebenso viele Vorwrfe,
Beleidigungen und Strafgerichte. Je nher der Zug der Gefangenen der
Stadt kam, desto lebendiger wurde es; die Stadt selbst war mit
Soldaten und bewaffneten Landleuten angefllt, welche sich um die neu
befestigte Regierung scharten, und die Gefangenen wurden im Triumphe
durchgefhrt. Von der Opposition, welche gestern noch so mchtig
gewesen, da sie um die Herrschaft ringen konnte, und sich bewegte,
wie es ihr gefiel, war nicht die leiseste Spur mehr zu erblicken; es
war eine ganz andere grobe und widerstehende Welt, als sich Fritz
gedacht hatte, welche sich fr unzweifelhaft und aufs beste begrndet
ausgab und nur verwundert schien, wie man sie irgend habe in Frage
stellen und angreifen knnen. Denn jeder tanzt, wenn seine Geige
gestrichen wird, und wenn viele Menschen zusammen sich was einbilden,
so blhet sich eine Unendlichkeit in dieser Einbildung. Endlich aber
waren die Gefangenen in Trmen und andern Baulichkeiten untergebracht,
alle schon bewohnt von hnlichen Unternehmungslustigen, und so befand
sich auch Fritz hinter Schlo und Riegel und war es erklrlich, da er
nicht mit den Seldwylern zurckgekehrt war. Diese rchten sich fr
ihren milungenen Zug dadurch, da sie den sieghaften Gegnern auf der
Stelle die abscheulichste und rcksichtsloseste Rachsucht zuschrieben
und da jeder, der entkommen war, es als fr gewi annahm, die
Gefangenen wrden erschossen werden. Es gab Leute, die sonst nicht
ganz unklug waren, welche allen Ernstes glaubten und wieder sagten,
da die fanatisierten Bauern gefangene Freischrler zwischen zwei
Bretter gebunden und entzweigesgt oder auch etliche derselben
gekreuzigt htten.

Sobald Frau Regula diese bertreibungen und dies unmige Mitrauen
vernahm, verlor sie die Hlfte des Schreckens, welchen sie zuerst
empfunden, da die Torheit der Leute ihren Einflu auf die
Wohlbestellten immer selbst reguliert und unschdlich macht. Denn
htten die Seldwyler nur etwa die Befrchtung ausgesprochen, die
Gefangenen knnten vielleicht wohl erschossen werden nach dem
Standrecht, so wre sie in tdlicher Besorgnis geblieben; als man aber
sagte, sie seien entzweigesgt und gekreuzigt, glaubte sie auch jenes
nicht mehr. Dagegen erhielt sie bald einen kurzen Brief von ihrem
Sohne, laut welchem er wirklich eingetrmt war und sie um die
sofortige Erlegung einer Geldbrgschaft bat, gegen welche er entlassen
wrde. Mehrere Kameraden seien schon auf diese Weise freigegeben
worden. Denn die sieghafte Regierung war in groen Geldnten und
verschaffte sich auf diese Weise einige willkommene auerordentliche
Einknfte, da sie nachher nur die hinterlegten Summen in ebenso viele
Geldbuen zu verwandeln brauchte. Frau Amrain steckte den Brief ganz
vergngt in ihren Busen und begann gemchlich und ohne sich zu
bereilen, die erforderlichen Geldmittel beizubringen und
zurechtzulegen, so da wohl acht Tage vergingen, ehe sie Anstalt
machte, damit abzureisen. Da kam ein zweiter Brief, welchen der Sohn
Gelegenheit gefunden, heimlich abzuschicken und worin er sie beschwor,
sich ja zu eilen, da es ganz unertrglich sei, seinen Leib dergestalt
in der Gewalt verhater Menschen zu sehen. Sie wren eingesperrt wie
wilde Tiere, ohne frische Luft und Bewegung, und mten Habermus und
Erbsenkost aus einer hlzernen Btte gemeinschaftlich essen mit
hlzernen Lffeln. Da schob sie lchelnd ihre Abreise noch um einige
Tage auf, und erst als der eingepferchte Tatkrftige volle vierzehn
Tage gesessen, nahm sie ein Gefhrt, packte die Erlsungsgelder nebst
frischer Wsche und guten Kleidern ein und begab sich auf den Weg. Als
sie aber ankam, vernahm sie, da ehestens eine Amnestie ausgesprochen
wrde ber alle, die nicht ausgezeichnete Rdelsfhrer seien, und
besonders ber die Fremden, da man diese nicht unntz zu fttern
gedachte und jetzt keine eingehenden Gelder mehr erwartete. Da blieb
sie noch zwei oder drei Tage in einem Gasthofe, bereit, ihren Sohn
jeden Augenblick zu erlsen, der brigens seiner Jugend wegen nicht
sehr beachtet wurde. Die Amnestie wrde auch wirklich verkndet, da
diesmal die siegende Partei aus Sparsamkeit die wahre Weise befolgte:
im Siege selbst, und nicht in der Rache oder Strafe, ihr Bewutsein
und ihre Genugtuung zu finden. So fand denn der verzweifelte Fritz
seine Mutter an der Pforte des Gefngnisses seiner harrend. Sie
speiste und trnkte ihn, gab ihm neue Kleider und fuhr mit ihm nebst
der geretteten Brgschaft von dannen. Als er sich nun wohlgeborgen und
gestrkt neben seiner Mutter sah, fragte er sie, warum sie ihn denn so
lange habe sitzen lassen? Sie erwiderte kurz und ziemlich vergngt,
wie ihm schien, da das Geld eben nicht frher wre aufzutreiben
gewesen. Er kannte aber den Stand ihrer Angelegenheiten nur zu wohl
und wute genau, wo die Mittel zu suchen und zu beziehen waren. Er
lie also diese Ausflucht nicht gelten und fragte abermals. Sie
meinte, er mchte sich nur zufrieden geben, da er durch sein Sitzen in
dem Turme ein gutes Stck Geld verdient und berdies Gelegenheit
erhalten, eine schne Erfahrung zu machen. Gewi habe er diesen oder
jenen vernnftigen Gedanken zu fassen die Mue gehabt. Du hast mich
am Ende absichtlich stecken lassen," erwiderte er und sah sie gro an,
und hast mir in deinem mtterlichen Sinne das Gefngnis frmlich
zuerkannt?" Hierauf antwortete sie nichts, sondern lachte laut und
lustig in dem rollenden Wagen, wie er sie noch nie lachen gesehen. Als
er hierauf nicht wute, welches Gesicht er machen sollte, und seltsam
die Nase rmpfte, umhalste sie ihn noch lauter lachend und gab ihm
einen Ku. Er sagte aber kein Wort mehr, und es zeigte sich von nun
an, da er in dem Gefngnis in der Tat etwas gelernt habe.

Denn er hielt sich in seinem Wesen jetzt viel ernster und
geschlossener zusammen und geriet nie wieder in Versuchung, durch eine
unrechtmige oder leichtsinnige Tatlust eine Gewalt herauszufordern
und seine Person in ihre Hand zu geben zu seiner Schmach und niemand
zu Nutzen. Er nahm sich nicht gerade vor, nie mehr auszuziehen, da die
Ereignisse nicht zum voraus gezhlt werden knnen und niemand seinem
Blut gebieten kann, stille zu stehn, wenn es rascher fliet; aber er
war nun sicher vor jeder nur uerlichen und unbedachten Kampflust.
Diese Erfahrung wirkte berhaupt dermaen auf den jungen Mann, da er
mit verdoppeltem Fortschritt an Tchtigkeit in allen Dingen zuzunehmen
schien und den Sachen schon mit voller Mnnlichkeit vorstand, als er
kaum zwanzig Jahre alt war. Frau Amrain gab ihm deswegen nun die junge
Frau, welche er wnschte, und nach Verlauf eines Jahres, als er
bereits ein kleines hbsches Shnchen besa, war er zwar immer
wohlgemut, aber um so ernsthafter und gemessener in seinen fleiigen
Geschften, als seine Frau lustig, voll Gelchter und guter Dinge war;
denn es gefiel ihr ber die Maen in diesem Hause und sie kam
vortrefflich mit ihrer Schwiegermutter aus, obgleich sie von dieser
verschieden und wieder eine andere Art von gutem Charakter war.

So schien nun das Erziehungswerk der Frau Regula auf das beste
gekrnt, um der Zukunft mit Ruhe entgegenzusehen; denn auch die beiden
lteren Shne, welche zwar trgen Wesens, aber sonst gutartig waren,
hatte sie hinter dem wackeren Fritz her leidlich durchgeschleppt, und
als dieselben herangewachsen, die Vorsicht gebraucht, sie in anderen
Stdten in die Lehre zu geben, wo sie denn auch blieben und ihr
ferneres Leben begrndeten als ziemlich bequemliche, aber sonst
ordentliche Menschen, von denen nachher so wenig zu sagen war, wie
vorher.

Fritz aber, da er bereits ein wrdiger Familienvater war, mute doch
noch einmal in die Schule genommen werden von der Mutter, und zwar in
einer Sache, um die sich manche Mutter vom gemeinen Schlage wenig
bekmmert htte. Der Sohn war ungefhr zwei Jahre schon verheiratet,
als das Lndchen, welchem Seldwyla angehrte, seinen obersten
magebenden Rat neu zu bestellen und deshalben die vierjhrigen Wahlen
vorzunehmen hatte, infolge deren denn auch die verwaltenden und
richterlichen Behrden bestellt wurden. Bei den letzten Hauptwahlen
war Fritz noch nicht stimmfhig gewesen und es war jetzt das erstemal,
wo er dergleichen beiwohnen sollte. Es war aber eine groe Stille im
Lande. Die Gegenstze hatten sich einigermaen ausgeglichen und die
Parteien einander abgeschliffen; es wurde in allen Ecken fleiig
gearbeitet, man lichtete die alten Winkeleien in der Gesetzsammlung
und machte fleiig neue, gute und schlechte, bauete ffentliche Werke,
bte sich in einer geschickten Verwaltung ohne Unbesonnenheit, doch
auch ohne Zopf, und ging darauf aus, jeden an seiner Stelle zu
verwenden, die er verstand und treulich versah, und endlich gegen
jedermann artig und gerecht zu sein, der es in seiner Weise gut meinte
und selbst kein Zwinger und Hasser war. Dies alles war nun den
Seldwylern hchst langweilig, da bei solcher stillgewordenen
Entwicklung keine Aufregung stattfand. Denn Wahlen ohne Aufregung,
ohne Vorversammlungen, Zechgelage, Reden, Aufrufe, ohne Umtriebe und
heftige schwankende Krisen, waren ihnen so gut wie gar keine Wahlen,
und so war es diesmal entschieden schlechter Ton zu Seldwyla, von den
Wahlen nur zu sprechen, wogegen sie sehr beschftigt taten mit
Errichtung einer groen Aktienbierbrauerei und Anlegung einer
Aktienhopfenpflanzung, da sie pltzlich auf den Gedanken gekommen
waren, eine solche stattliche Bieranstalt mit weitlufigen guten
Kellereien, Trinkhallen und Terrassen werde der Stadt einen neuen
Aufschwung geben und dieselbe berhmt und vielbesucht machen. Fritz
Amrain nahm an diesen Bestrebungen eben keinen Anteil, allein er
kmmerte sich auch wenig um die Wahlen, so sehr er sich vor vier
Jahren gesehnt hatte, daran teilzunehmen. Er dachte sich, da alles gut
ginge im Lande, so sei kein Grund, den ffentlichen Dingen
nachzugehen, und die Maschine wrde deswegen nicht stille stehen, wenn
er schon nicht whle. Es war ihm unbequem, an dem schnen Tage in der
Kirche zu sitzen mit einigen alten Leuten; und, wenn man es recht
betrachtete, schien sogar ein Anflug von philisterhafter
Lcherlichkeit zu kleben an den diesjhrigen Wahlen, da sie eine gar
so stille und regelmige Pflichterfllung waren. Fritz scheuete die
Pflicht nicht; wohl aber hate er nach Art aller jungen Leute kleinere
Pflichten, welche uns zwingen, zu ungelegener Stunde den guten Rock
anzuziehen, den besseren Hut zu nehmen und uns an einen hchst
langweiligen oder trbseligen Ort hinzubegeben, als wie ein Taufstein,
ein Kirchhof oder ein Gerichtszimmer. Frau Amrain jedoch hielt gerade
diese Weise der Seldwyler, die sie nun angenommen, fr unertrglich
und unverschmt, und weil eben niemand hinging, so wnschte sie
doppelt, da ihr Sohn es tte. Sie steckte es daher hinter seine Frau
und trug dieser auf, ihn zu berreden, da er am Wahltage ordentlich
in die Versammlung ginge und einem tchtigen Manne seine Stimme gebe,
und wenn er auch ganz allein stnde mit derselben. Allein mochte nun
das junge Weibchen nicht die ntige Beredsamkeit besitzen in einer
Sache, die es selber nicht viel kmmerte, oder mochte der junge Mann
nicht gesonnen sein, sich in ihr eine neue Erzieherin zu nhren und
grozuziehen, genug, er ging an dem betreffenden Morgen in aller Frhe
in seinen Steinbruch hinaus und schaffte dort in der warmen Maisonne
so eifrig und ernsthaft herum, als ob an diesem einen Tage noch alle
Arbeit der Welt abgetan werden mte und nie wieder die Sonne aufginge
hernach. Da ward seine Mutter ungehalten und setzte ihren Kopf darauf,
da er dennoch in die Kirche gehen solle; und sie band ihre immer noch
glnzend schwarzen Zpfe auf, nahm einen breiten Strohhut darber und
Fritzens Rock und Hut an den Arm und wanderte rasch hinter das
Stdtchen hinaus, wo der weitlufige Steinbruch an der Hhe lag. Als
sie den langen krummen Fahrweg hinanstieg, auf welchem die Steinlasten
herabgebracht wurden, bemerkte sie, wie tief der Bruch seit zwanzig
Jahren in den Berg hineingegangen, und berschlug das unzweifelhafte
gute Erbtum, das sie erworben und zusammengehalten. Auf verschiedenen
Abstufungen hmmerten zahlreiche Arbeiter, welchen Fritz lngst ohne
Werkfhrer vorstand, und zu oberst, wo grnes Buchenholz die frischen
weien Brche krnte, erkannte sie ihn jetzt selbst an seinem weieren
Hemde, da er Weste und Jacke weggeworfen, wie er mit einem Trppchen
Leute die Kpfe zusammensteckte ber einem Punkte. Gleichzeitig aber
sah man sie und rief ihr zu, sich in acht zu nehmen. Sie duckte sich
unter einen Felsen, worauf in der Hhe nach einer kleinen Stille ein
starker Schlag erfolgte und eine Menge kleiner Steine und Erde rings
herniederregneten. Da glaubt er nun," sagte sie zu sich selbst, was
er fr Heldenwerk verrichtet, wenn er hier Steine gen Himmel sprengt,
statt seine Pflicht als Brger zu tun!" Als sie oben ankam und
verschnaufte, schien er, nachdem er flchtig auf den Rock und Hut
geschielt, den sie trug, sie nicht zu bemerken, sondern untersuchte
eifrig die Lcher, die er eben gesprengt, und fuhr mit dem Zollstock
an den Steinen herum. Als er sie aber nicht mehr vermeiden konnte,
sagte er: Guten Tag, Mutter! Spazierest ein wenig? Schn ist das
Wetter dazu!" und wollte sich wieder wegmachen. Sie ergriff ihn aber
bei der Hand und fhrte ihn etwas zur Seite, indem sie sagte: Hier
habe ich dir Rock und Hut gebracht, nun tu mir den Gefallen und geh zu
den Wahlen! Es ist eine wahre Schande, wenn niemand geht aus der
Stadt!" Das fehlte auch noch," erwiderte Fritz ungeduldig, jetzt
abermals bei diesem Wetter in der langweiligen Kirche zu sitzen und
Stimmzettel umherzubieten. Natrlich wirst du dann fr den Nachmittag
schon irgendein Leichenbegngnis in Bereitschaft haben, wo ich wieder
mithumpeln soll, damit der Tag ja ganz verschleudert werde! Da ihr
Weibsleute unsereinen immer an Begrbnisse und Kindertaufen
hinspediert, ist begreiflich; da ihr euch aber so sehr um die Politik
bekmmert, ist mir ganz etwas Neues!"

Schande genug," sagte sie, da die Frauen euch vermahnen sollen zu
tun, was sich gebhrt und was eine verschworene Pflicht und
Schuldigkeit ist!"

Ei so tue doch nicht so," erwiderte Fritz, seit wann wird denn der
Staat stille stehn, wenn einer mehr oder weniger mitgeht, und seit
wann ist es denn ntig, da ich gerade berall dabei bin?"

Dies ist keine Bescheidenheit, die dies sagt," antwortete die Mutter,
dies ist vielmehr verborgener Hochmut! Denn ihr glaubt wohl, da ihr
mt dabei sein, wenn es irgend darauf ankme, und nur weil ihr den
gewohnten stillen Gang der Dinge verachtet, so haltet ihr euch fr zu
gut, dabei zu sein!"

Es ist aber in der Tat lcherlich, allein dahin zu gehen," sagte
Fritz, jedermann sieht einen hingehen, wo dann niemand als die
Kirchenmaus zu sehen ist."

Frau Amrain lie aber nicht nach und erwiderte: Es gengt nicht, da
du unterlassest, was du an den Seldwylern lcherlich findest! Du mut
auerdem noch tun grade, was sie fr lcherlich halten; denn was
diesen Eseln so vorkommt, ist gewi etwas Gutes und Vernnftiges! Man
kennt die Vgel an den Federn, so die Seldwyler an dem, was sie fr
lcherlich halten. Bei allen kleinen Angelegenheiten, bei allen
schlechten Geschichten, eitlen Vergngungen und Dummheiten, bei allem
Gevatter- und Geschnatterwesen befleiigt man sich der grten
Pnktlichkeit; aber alle vier Jahre einmal sich pnktlich und
vollzhlig zu einer Wahlhandlung einzufinden, welche die Grundlage
unsers ganzen ffentlichen Wesens und Regimentes ist, das soll
langweilig, unausstehlich und lcherlich sein! Das soll in dem
Belieben und in der Bequemlichkeit jedes einzelnen stehen, der immer
nach seinem Rechte schreit, aber sobald dies Recht nur ein bichen
auch nach Pflicht riecht, sein Recht darin sucht, keines zu ben! Wie,
ihr wollt einen freien Staat vorstellen und seid zu faul, alle vier
Jahre einen halben Tag zu opfern, einige Aufmerksamkeit zu bezeigen
und eure Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit dem Regiment, das ihr
vertragsmig eingesetzt, zu offenbaren? Sagt nicht, da ihr immer da
wret, wenn es sein mte! Wer nur da ist, wenn es ihn belustigt und
seine Leidenschaft kitzelt, der wird einmal ausbleiben und sich eine
Nase drehen lassen, grade wenn er am wenigsten daran denkt.

Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, und so auch der, welcher fr
das Wohl des Landes arbeitet und dessen ffentliche Dinge besorgt, die
in jedem Hause in Einrichtungen und Gesetzen auf das tiefste
eingreifen. Schon die alleruerlichste Artigkeit und Hflichkeit
gegen die betrauten Mnner erforderte es, wenigstens an diesem Tage
sich vollzhlig einzufinden, damit sie sehen, da sie nicht in der
Luft stehen. Der Anstand vor den Nachbarn und das Beispiel fr die
Kinder verlangen es ebenfalls, da diese Handlung mit Kraft und Wrde
begangen wird, und da finden es diese Helden unbequem und lcherlich,
die gleichen, welche tglich die grte Pnktlichkeit innehalten, um
einer Kegelpartie oder einer nichtssagenden aberwitzigen Geschichte
beizuwohnen.

Wie, wenn nun die smtlichen Behrden, ber solche Unhflichkeit
erbittert, euch den Sack vor die Tr wrfen und auf einmal abtreten
wrden? Sag' nicht, da dies nie geschehen werde! Es wre doch immer
mglich, und alsdann wrde eure Selbstherrlichkeit dastehen, wie die
Butter an der Sonne; denn nur durch gute Gewhnung, Ordnung und
regelrechte Ablsung oder krftige Besttigung ist in Friedenszeiten
diese Selbstherrlichkeit zu brauchen und bemerklich zu machen.
Wenigstens ist es die allerverkehrteste Anwendung oder Offenbarung
derselben, sich gar nicht zu zeigen, warum? weil es ihr so beliebt!

Nimm mir nicht bel, das sind Kindesgedanken und Weiberncken; wenn
ihr glaubt, da solche Auffhrung euch wohl anstehe, so seid ihr im
Irrtum. Aber ihr beneidet euch selbst um die Ruhe und um den Frieden,
und damit die Dinge, obgleich ihr nichts dagegen einzuwenden wit, und
nur auf alle Flle hin so ins Blaue hinein schlecht begrndet
erscheinen, so whlt ihr nicht oder berlat die Handlung den
Nachtwchtern, damit, wie gesagt; vorkommendenfalls von eurem Neste
Seldwyla ausgeschrien werden knne, die ffentliche Gewalt habe keinen
festen Fu im Volke. Bbisch ist aber dieses und es ist gut, da eure
Macht nicht weiter reicht, als eure lotterige Stadtmauer!"

Ihr und immer ihr!" sagte Fritz ungehalten, was hab' ich denn mit
diesen Leuten zu schaffen? Wenn dieselben solche elende Launen und
Beweggrnde haben, was geht das mich an?"

Gut denn," rief Frau Regel, so benimm dich auch anders als sie in
dieser Sache und geh' zu den Wahlen!"

Damit", wandte ihr Sohn lchelnd ein, man auerhalb sage, der
einzige Seldwyler, welcher denselben beigewohnt, sei noch von den
Weibern hingeschickt worden?"

Frau Amrain legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: Wenn es
heit, da deine Mutter dich hingeschickt habe, so bringt dir dies
keine Schande und mir bringt es Ehre, wenn ein solcher tchtiger
Gesell sich von seiner Mutter schicken lt! Ich wrde wahrhaftig
stolz darauf sein und du kannst mir am Ende den kleinen Gefallen zu
meinem Vergngen erweisen, nicht so?"

Fritz wute hiergegen nichts mehr vorzubringen und zog den Rock an und
setzte den Brgerhut auf. Als er mit der trefflichen Frau den Berg
hinunterging, sagte er: Ich habe dich in meinem Leben nie so viel
politisieren hren, wie soeben, Mutter! Ich habe dir so lange Reden
gar nicht zugetraut!"

Sie lachte, erwiderte dann aber ernsthaft: Was ich gesagt, ist
eigentlich weniger politisch gemeint, als gut hausmtterlich. Wenn du
nicht bereits Frau und Kind httest, so wrde es mir vielleicht nicht
eingefallen sein, dich zu berreden; so aber, da ich ein
wohlerhaltenes Haus von meinem Geblte in Aussicht sehe, so halte ich
es fr ein gutes Erbteil solchen Hauses, wenn darin in allen Dingen
das rechte Ma gehalten wird. Wenn die Shne eines Hauses beizeiten
sehen und lernen, wie die ffentlichen Dinge auf rechte Weise zu ehren
sind, so bewahrt sie vielleicht gerade dies vor unrechten und
unbesonnenen Streichen. Ferner, wenn sie das eine ehren und
zuverlssig tun, so werden sie es auch mit dem andern so halten, und
so, siehst du, habe ich am Ende nur als frsichtige husliche
Gromutter gehandelt, whrend man sagen wird, ich sei die rgste alte
Kannegieerin!"

In der Kirche fand Fritz statt einer Zahl von sechs- oder
siebenhundert Mnnern kaum deren vier Dutzend, und diese waren beinahe
ausschlielich Landleute aus umliegenden Gehften, welche mit den
Seldwylern zu whlen hatten. Diese Landleute htten zwar auch eine
sechsmal strkere Zahl zu stellen gehabt; aber da die Ausgebliebenen
wirklich im Schweie ihres Angesichts auf den Feldern arbeiteten, so
war ihr Wegbleiben mehr eine harmlose Gedankenlosigkeit und ein
buerlicher Geiz mit dem schnen Wetter, und weil sie einen weiten Weg
zu machen hatten, erschien das Dasein der Anwesenden um so lblicher.
Aus der Stadt selbst war niemand da als der Gemeindeprsident, die
Wahlen zu leiten, der Gemeindeschreiber, das Protokoll zu fhren, dann
der Nachtwchter und zwei oder drei arme Teufel, welche kein Geld
hatten, um mit den lachenden Seldwylern den Frhschoppen zu trinken.
Der Herr Prsident aber war ein Gastwirt, welcher vor Jahren schon
falliert hatte und seither die Wirtschaft auf Rechnung seiner Frau
fortbetrieb. Hierin wurde er von seinen Mitbrgern reichlich
untersttzt, da er ganz ihr Mann war, das groe Wort zu fhren wute
und bei allen Hndeln als ein erfahrener Wirt auf dem Posten war. Da
er aber in Amt und Wrden stand und hier den Wahlen prsidierte,
gehrte zu jenen Snden der Seldwyler, die sich zeitweise so lange
anhuften, bis ihnen die Regierung mit einer Untersuchung auf den Leib
rckte. Die Landleute wuten teilweise wohl, da es nicht ganz richtig
war mit diesem Prsidenten, allein sie waren viel zu langsam und zu
hcklich, als da sie etwas gegen ihn unternommen htten, und so hatte
er sich bereits in einem Handumdrehen mit seinen drei oder vier
Mitbrgern das Geschft des Tages zugeeignet, als Fritz ankam. Dieser,
als er das Huflein rechtlicher Landleute sah, freute sich, wenigstens
nicht ganz allein da zu sein, und es fuhr pltzlich ein unternehmender
Geist in ihn, da er unversehens das Wort verlangte und gegen den
Prsidenten protestierte, da derselbe falliert und brgerlich tot sei.

Dies war ein Donnerschlag aus heiterm Himmel. Der ansehnliche Gastwirt
machte ein Gesicht, wie einer, der tausend Jahre begraben lag und
wieder auferstanden ist; jedermann sah sich nach dem khnen Redner um;
aber die Sache war so kindlich einfach, da auch nicht ein Laut
dagegen ertnen konnte, in keiner Weise; nicht die leiseste Diskussion
lie sich erffnen. Je unerhrter und unverhoffter das Ereignis war,
um so begreiflicher und natrlicher erschien es jetzt, und je
begreiflicher es erschien, um so zorniger und emprter waren die paar
Seldwyler gerade ber diese Begreiflichkeit, ber sich selbst, ber
den jungen Amrain, ber die heimtckische Trivialitt der Welt, welche
das Unscheinbarste und Naheliegendste ergreift, um Groe zu strzen
und die Verhltnisse umzukehren. Der Herr Prsident Usurpator sagte
nach einer minutenlangen Verblffung, nach welcher er wieder so klug
wie zu Anfang war, gar nichts, als: Wenn--wenn man gegen meine Person
Einwendungen--allerdings, ich werde mich nicht aufdringen, so ersuche
ich die geehrte Versammlung, zu einer neuen Wahl des Prsidenten zu
schreiten, und die Stimmenzhler, die betreffenden Stimmzettel
auszuteilen."

Ihr habt berhaupt weder etwas vorzuschlagen hier, noch den
Stimmenzhlern etwas aufzutragen!" rief Fritz Amrain, und dem groen
Magnaten und Gastwirt blieb nichts anderes brig, als das Unerhrte
abermals so begreiflich zu finden, da es ans Triviale grenzte, und
ohne ein Wort weiter zu sagen, verlie er die Kirche, gefolgt von dem
bestrzten Nachtwchter und den andern Lumpen. Nur der Schreiber
blieb, um das Protokoll weiterzufhren, und Fritz Amrain begab sich in
dessen Nhe und sah ihm auf die Finger. Die Bauern aber erholten sich
endlich aus ihrer Verwunderung und benutzten die Gelegenheit, das
Wahlgeschft rasch zu beendigen und statt der bisherigen zwei
Mitglieder zwei tchtige Mnner aus ihrer Gegend zu whlen, die sie
schon lange gerne im Rate gesehen, wenn die Seldwyler ihnen irgend
Raum gegnnt htten. Dies lag nun am wenigsten im Plane der
nichterschienenen Seldwyler; denn sie hatten sich doch gedacht, da
ihr Prsident und der Nachtwchter unfehlbar die alten zwei Popanze
whlen wrden, wie es auch ausgemacht war in einer flchtigen
Viertelstunde in irgendeinem Hinterstbchen. Wie erstaunten sie daher,
als sie nun, durch den heimgeschickten falschen Prsidenten
aufgeschreckt, in hellen Haufen dahergerannt kamen und das Protokoll
rechtskrftig geschlossen fanden samt dem Resultat. Ruhig lchelnd
gingen die Landleute auseinander; Fritz Amrain aber, welcher nach
seiner Behausung schritt, wurde von den Brgern aufgebracht, verlegen
und wild hhnisch betrachtet, mit halbem Blicke oder weit
aufgesperrten Augen. Der eine rief ein abgebrochenes Ha! der andere
ein Ho! Fritz fhlte, da er jetzt zum ersten Male wirkliche Feinde
habe, und zwar gefhrlicher als jene, gegen welche er einst mit Blei
und Pulver ausgezogen. Auch wute er, da er so unerbittlich ber einen
Mann gerichtet, der zwanzig Jahre lter war als er, da er sich nun
doppelt wehren msse, selber nicht in die Grube zu fallen, und so
hatte das Leben nun wieder ein ganz anderes Gesicht fr ihn, als noch
vor kaum zwei Stunden. Mit ernsten Gedanken trat er in sein Haus und
gedachte, um sich aufzuheitern, seine Mutter zu prfen, ob ihr diese
Wendung der Dinge auch genehm sei, da sie ihn allein veranlat hatte,
sich in die Gefahr zu begeben.

Allein da er den Hausflur betrat, kam ihm seine Mutter entgegen, fiel
ihm weinend um den Hals und sagte nichts als: Dein Vater ist
wiedergekommen!" Da sie aber sah, da ihn dieser Bericht noch
verlegener und ungewisser machte, als sie selbst war, fate sie sich,
nachdem sie den Sohn an sich gedrckt, und sagte: Nun, er soll uns
nichts anhaben! Sei nur freundlich gegen ihn, wie es einem Kinde
zukommt!" So hatten sich in der Tat die Dinge abermals verndert; noch
vor wenig Augenblicken, da er auf der Strae ging, schien es ihm
hchst bedenklich, sich eine ganze Stadt verfeindet zu wissen, und
jetzt, was war dies Bedenken gegen die Lage, urpltzlich sich einem
Vater gegenberzusehen, den er nie gekannt, von dem er nur wute, da
er ein eitler, wilder und leichtsinniger Mann war, der zudem die ganze
Welt durchzogen whrend zwanzig Jahren und nun wei der Himmel welch
ein fremdartiger und erschrecklicher Kumpan sein mochte. Wo kommt er
denn her? Was will er, wie sieht er denn aus, was will er denn?" sagte
Fritz, und die Mutter erwiderte: Er scheint irgendein Glck gemacht
und was erschnappt zu haben und nun kommt er mit Gebrden
dahergefahren, als ob er uns in Gnaden auffressen wollte! Fremd und
wild sieht er aus, aber er ist der Alte, das hab' ich gleich gesehen."
Fritz war aber jetzt doch neugierig und ging festen Schrittes die
Treppe hinauf und auf die Wohnstube zu, whrend die Mutter in die
Kche huschte und auf einem andern Wege fast gleichzeitig in die Stube
trat; denn das dnkte sie nun der beste Lohn und Triumph fr alle
Mhsal, zu sehen, wie ihrem Manne der eigne Sohn, den sie erzogen,
entgegentrat. Als Fritz die Tre ffnete und eintrat, sah er einen
groen schweren Mann am Tische sitzen, der ihm wohl er selbst zu sein
schien, wenn er zwanzig Jahre lter wre. Der Fremde war fein, aber
unordentlich gekleidet, hatte etwas Ruhig-Trotziges in seinem Wesen
und doch etwas Unstetes in seinem Blicke, als er jetzt aufstand und
ganz erschrocken sein junges Ebenbild eintreten sah, hoch aufgerichtet
und nicht um eine Linie krzer als er selbst. Aber um das Haupt des
Jungen wehten starke goldene Locken, und whrend sein Angesicht ebenso
ruhig-trotzig dreinsah, wie das des Alten, errtete er bei aller Kraft
doch in Unschuld und Bescheidenheit. Als der Alte ihn mit der
verlegenen Unverschmtheit der Zerfahrenen ansah und sagte: So wirst
du also mein Sohn sein?" schlug der Junge die Augen nieder und sagte:
Ja, und Ihr seid also mein Vater? Es freut mich, Euch endlich zu
sehen!" Dann schaute er neugierig empor und betrachtete gutmtig den
Alten; als dieser aber ihm nun die Hand gab und die seinige mit einem
prahlerischen Druck schttelte, um ihm seine groe Kraft und Gewalt
anzuknden, erwiderte der Sohn unverweilt diesen Druck, so da die
Gewalt wie ein Blitz in den Arm des Alten zurckstrmte und den ganzen
Mann gelinde erschtterte. Als aber vollends der Junge nun mit ruhigem
Anstand den Alten zu seinem Stuhle zurckfhrte und ihn mit
freundlicher Bestimmtheit zu sitzen ntigte, da ward es dem
Zurckgekehrten ganz wunderlich zumut, ein solch wohlgeratenes
Ebenbild vor sich zu sehen, das er selbst und doch wieder ganz ein
anderer war. Frau Regula sprach beinahe kein Wort und ergriff den
klugen Ausweg, den Mann auf seine Weise zu ehren, indem sie ihn
reichlich bewirtete und sich mit dem Vorweisen und Einschenken ihres
besten Weines zu schaffen machte. Dadurch wurde seine Verlegenheit,
als er so zwischen seiner Frau und seinem Sohne sa, etwas gemildert,
und das Loben des guten Weines gab ihm Veranlassung, die Vermutung
auszusprechen, da es also mit ihnen gut stehen msse, wie er zu
seiner Befriedigung ersehe, was denn den besten bergang gab zu der
Auseinandersetzung ihrer Verhltnisse. Frau und Sohn suchten nun nicht
ngstlich zurckzuhalten und heimlich zu tun, sondern sie legten ihm
offen den Stand ihres Hauses und ihres Vermgens dar; Fritz holte die
Bcher und Papiere herbei und wies ihm die Dinge mit solchem Verstand
und Klarheit nach, da er erstaunt die Augen aufsperrte ber die gute
Geschftsfhrung und ber die Wohlhabenheit seiner Familie. Indessen
reckte er sich empor und sprach: Da steht ihr ja herrlich im Zeuge
und habt euch gut gehalten, was mir lieb ist. Ich komme aber auch
nicht mit leeren Hnden und habe mir einen Pfennig erworben, durch
Flei und Rhrigkeit!" Und er zog einige Wechselbriefe hervor, sowie
einen mit Gold angefllten Gurt, was er alles auf den Tisch warf, und
es waren allerdings einige Tausend Gulden oder Taler. Allein er hatte
sie nicht nach und nach erworben und verschwieg weislich, da er diese
Habe auf einmal durch irgendeinen Glcksfall erwischt, nachdem er sich
lange genug rmlich herumgetrieben in allen nordamerikanischen
Staaten. Dies wollen wir", sagte er, nun sogleich in das Geschft
stecken und mit vereinten Krften weiter schaffen; denn ich habe eine
ordentliche Lust, hier, da es nun geht, wieder ans Zeug zu gehen und
den Hunden etwas vorzuspielen, die mich damals fortgetrieben." Sein
Sohn schenkte ihm aber ruhig ein anderes Glas Wein ein und sagte:
Vater, ich wollte Euch raten, da Ihr vorderhand Euch ausruhet und es
Euch wohl sein lasset. Eure Schulden sind lngst bezahlt und so knnet
Ihr Euer Geldchen gebrauchen, wie es Euch gutdnkt, und ohnedies soll
es Euch an nichts bei uns fehlen! Was aber das Geschft betrifft, so
habe ich selbiges von Jugend auf gelernt und wei nun, woran es lag,
da es Euch damals milang. Ich mu aber freie Hand darin haben, wenn
es nicht abermals rckwrts gehen soll. Wenn es Euch Lust macht, hier
und da ein wenig mitzuhelfen und Euch die Sache anzusehen, so ist es
zu Eurem Zeitvertreib hinreichend, da Ihr es tut. Wenn Ihr aber nicht
nur mein Vater, sondern sogar ein Engel vom Himmel wret, so wrde ich
Euch nicht zum frmlichen Anteilhaber annehmen, weil Ihr das Werk
nicht gelernt habt und, verzeiht mir meine Unhflichkeit, nicht
versteht!" Der Alte wurde durch diese Rede hchst verstimmt und
verlegen, wute aber nichts darauf zu erwidern, da sie mit groer
Entschiedenheit gesprochen war und er sah, da sein Sohn wute, was er
wollte. Er packte seine Reichtmer zusammen und ging aus, sich in der
Stadt umzusehen. Er trat in verschiedene Wirtshuser; allein er fand
da ein neues Geschlecht an der Tagesordnung und seine alten Genossen
waren lngst in die Dunkelheit verschwunden. Zudem hatte er in Amerika
doch etwas andere Manieren bekommen. Er hatte sich gewhnen mssen,
sein Glschen stehend zu trinken, um unverweilt dem Drange und der
einsilbigen Jagd des Lebens wieder nachzugehen; er hatte ein tchtiges
rastloses Arbeiten wenigstens mit angesehen und sich unter den
Amerikanern ein wenig abgerieben, so da ihm diese ewige Sitzerei und
Schwtzerei nun selbst nicht mehr zusagte. Er fhlte, da er in seinem
wohlbestellten Hause doch besser aufgehoben wre, als in diesen
Wirtshusern, und kehrte unwillkrlich dahin zurck, ohne zu wissen,
ob er dort bleiben oder wieder fortgehen solle? So ging er in die
Stube, die man ihm eingerumt; dort warf der alternde Mann seine
Barschaft unmutig in einen Winkel, setzte sich rittlings auf einen
Stuhl, senkte den groen betrbten Kopf auf die Lehne und fing ganz
bitterlich an zu weinen. Da trat seine Frau herein, sah, da er sich
elend fhlte, und mute sein Elend achten. Sowie sie aber wieder etwas
an ihm achten konnte, kehrte ihre Liebe augenblicklich zurck. Sie
sprach nicht mit ihm, blieb aber den brigen Teil des Tages in der
Kammer, ordnete erst dies und jenes zu seiner Bequemlichkeit und
setzte sich endlich mit ihrem Strickzeug schweigend ans Fenster, indem
sich erst nach und nach ein Gesprch zwischen den lange getrennten
Eheleuten entwickelte. Was sie gesprochen, wre schwer zu schildern,
aber es ward beiden wohler zumut, und der alte Herr lie sich von da
an von seinem wohlerzogenen Sohne nachtrglich noch ein bichen
erziehen und leiten ohne Widerrede und ohne da der Sohn sich eine
Unkindlichkeit zuschulden kommen lie. Aber der seltsame Kursus
dauerte nicht einmal sehr lange, und der Alte ward doch noch ein
gelassener und zuverlssiger Teilnehmer an der Arbeit, mit manchen
Ruhepunkten und kleinen Abschweifungen, aber ohne dem blhenden
Hausstande Nachteile oder Unehre zu bringen. Sie lebten alle zufrieden
und wohlbegtert und das Glck der Frau Regula Amrain wucherte so
krftig in diesem Hause, da auch die zahlreichen Kinder des Fritz vor
dem Untergang gesichert blieben. Sie selbst streckte sich, als sie
starb, im Tode noch stolz aus, und noch nie ward ein so langer
Frauensarg in die Kirche getragen und der eine so edle Leiche barg zu
Seldwyla.

*       *       *       *       *


DIE DREI GERECHTEN KAMMACHER

Die Leute von Seldwyla haben bewiesen, da eine ganze Stadt von
Ungerechten oder Leichtsinnigen zur Not fortbestehen kann im Wechsel
der Zeiten und des Verkehrs; die drei Kammacher aber, da nicht drei
Gerechte lang unter einem Dache leben knnen, ohne sich in die Haare
zu geraten. Es ist hier aber nicht die himmlische Gerechtigkeit
gemeint oder die natrliche Gerechtigkeit des menschlichen Gewissens,
sondern jene blutlose Gerechtigkeit, welche aus dem Vaterunser die
Bitte gestrichen hat: Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir
vergeben unsern Schuldnern! weil sie keine Schulden macht und auch
keine ausstehen hat; welche niemandem zuleid lebt, aber auch niemandem
zu Gefallen, wohl arbeiten und erwerben, aber nichts ausgeben will und
an der Arbeitstreue nur einen Nutzen, aber keine Freude findet. Solche
Gerechte werfen keine Laternen ein, aber sie znden auch keine an und
kein Licht geht von ihnen aus; sie treiben allerlei Hantierung und
eine ist ihnen so gut wie die andere, wenn sie nur mit keiner
Fhrlichkeit verbunden ist; am liebsten siedeln sie sich dort an, wo
recht viele Ungerechte in ihrem Sinne sind; denn sie untereinander,
wenn keine solche zwischen ihnen wren, wrden sich bald abreiben, wie
Mhlsteine, zwischen denen kein Korn liegt. Wenn diese ein Unglck
betrifft, so sind sie hchst verwundert und jammern, als ob sie am
Spiee stken, da sie doch niemanden etwas zuleid getan haben; denn
sie betrachten die Welt als eine groe wohlgesicherte Polizeianstalt,
wo keiner eine Kontraventionsbue zu frchten braucht, wenn er vor
seiner Tre fleiig kehrt, keine Blumentpfe unverwahrt vor das
Fenster stellt und kein Wasser aus demselben giet.

Zu Seldwyl bestand ein Kammachergeschft, dessen Inhaber
gewohnterweise alle fnf bis sechs Jahre wechselten, obgleich es ein
gutes Geschft war, wenn es fleiig betrieben wurde; denn die Krmer,
welche die umliegenden Jahrmrkte besuchten, holten da ihre Kammwaren.
Auer den notwendigen Hornstriegeln aller Art wurden auch die
wunderbarsten Schmuckkmme fr die Dorfschnen und Dienstmgde
verfertigt aus schnem, durchsichtigem Ochsenhorn, in welches die
Kunst der Gesellen (denn die Meister arbeiteten nie) ein tchtiges
braunrotes Schildpattgewlke beizte, je nach ihrer Phantasie, so da,
wenn man die Kmme gegen das Licht hielt, man die herrlichsten
Sonnenauf- und Niedergnge zu sehen glaubte, rote Schfchenhimmel,
Gewitterstrme und andere gesprenkelte Naturerscheinungen. Im Sommer,
wenn die Gesellen gerne wanderten und rar waren, wurden sie mit
Hflichkeit behandelt und bekamen guten Lohn und gutes Essen; im
Winter aber, wenn sie ein Unterkommen suchten und hufig zu haben
waren, muten sie sich ducken, Kmme machen, was das Zeug halten
wollte, fr geringen Lohn; die Meisterin stellte einen Tag wie den
andern eine Schssel Sauerkraut auf den Tisch und der Meister sagte:
Das sind Fische!" Wenn dann ein Geselle zu sagen wagte: Bitt' um
Verzeihung, es ist Sauerkraut!" so bekam er auf der Stelle den
Abschied und mute wandern in den Winter hinaus. Sobald aber die
Wiesen grn wurden und die Wege gangbar, sagten sie: Es ist doch
Sauerkraut!" und schnrten ihr Bndel. Denn wenn dann auch die
Meisterin auf der Stelle einen Schinken auf das Kraut warf, und der
Meister sagte: Meiner Seel'! ich glaubte, es wren Fische! Nun, dies
es ist doch gewi ein Schinken!" so sehnten sie sich doch hinaus, da
alle drei Gesellen in einem zweispnnigen Bett schlafen muten und
sich den Winter durch herzlich satt bekamen wegen der Rippenste und
erfrorenen Seiten.

Einsmals aber kam ein ordentlicher und sanfter Geselle angereist aus
irgendeinem der schsischen Lande, der fgte sich in alles, arbeitete
wie ein Tierlein und war nicht zu vertreiben, so da er zuletzt ein
bleibender Hausrat wurde in dem Geschft und mehrmals den Meister
wechseln sah, da es die Jahre her gerade etwas strmischer herging als
sonst. Jobst streckte sich in dem Bette so steif er konnte und
behauptete seinen Platz zunchst der Wand Winter und Sommer; er nahm
das Sauerkraut willig fr Fische und im Frhjahr mit bescheidenem Dank
ein Stckchen von dem Schinken. Den kleineren Lohn legte er so gut zur
Seite, wie den greren; denn er gab nichts aus, sondern sparte sich
alles auf. Er lebte nicht wie andere Handwerksgesellen, trank nie
einen Schoppen, verkehrte mit keinem Landsmann noch mit anderen jungen
Gesellen, sondern stellte sich des Abends unter die Haustre und
schkerte mit den alten Weibern, hob ihnen die Wassereimer auf den
Kopf, wenn er besonders freigebiger Laune war, und ging mit den
Hhnern zu Bett, wenn nicht reichliche Arbeit da war, da er fr
besondere Rechnung die Nacht durcharbeiten konnte. Am Sonntag
arbeitete er ebenfalls bis in den Nachmittag hinein, und wenn es das
herrlichste Wetter war; man denke aber nicht, da er dies mit Frohsinn
und Vergngen tat, wie Johann der muntere Seifensieder; vielmehr war
er bei dieser freiwilligen Mhe niedergeschlagen und beklagte sich
fortwhrend ber die Mhseligkeit des Lebens. War dann der
Sonntagnachmittag gekommen, so ging er in seinem Arbeitsschmutz und in
den klappernden Pantoffeln ber die Gasse und holte sich bei der
Wscherin das frische Hemd und das geglttete Vorhemdchen, den
Vatermrder oder das bessere Schnupftuch, und trug diese
Herrlichkeiten auf der flachen Hand mit elegantem Gesellenschritt vor
sich her nach Hause. Denn im Arbeitsschurz und in den Schlappschuhen
beobachten manche Gesellen immer einen eigentmlich gezierten Gang,
als ob sie in hheren Sphren schwebten, besonders die gebildeten
Buchbinder, die lustigen Schuhmacher und die seltenen sonderbaren
Kammacher. In seiner Kammer bedachte sich Jobst aber noch wohl, ob er
das Hemd oder das Vorhemdchen auch wirklich anziehen wolle, denn er
war bei aller Sanftmut und Gerechtigkeit ein kleiner Schweinigel, oder
ob es die alte Wsche noch fr eine Woche tun msse und er bei Hause
bleiben und noch ein bichen arbeiten wolle. In diesem Falle setzte er
sich mit einem Seufzer ber die Schwierigkeit und Mhsal der Welt von
neuem dahinter und schnitt verdrossen seine Zhne in die Kmme oder er
wandelte das Horn in Schildkrtschalen um, wobei er aber so nchtern
und phantasielos verfuhr, da er immer die gleichen drei trostlosen
Kleckse darauf schmierte; denn wenn es nicht unzweifelhaft
vorgeschrieben war, so wandte er nicht die kleinste Mhe an eine
Sache. Entschlo er sich aber zu einem Spaziergang, so putzte er sich
eine oder zwei Stunden lang peinlich heraus, nahm sein
Spazierstckchen und wandelte steif ein wenig vors Tor, wo er demtig
und langweilig herumstand und langweilige Gesprche fhrte mit andern
Herumstndern, die auch nichts Besseres zu tun wuten, etwa alte arme
Seldwyler, welche nicht mehr ins Wirtshaus gehen konnten. Mit solchen
stellte er sich dann gern vor ein im Bau begriffenes Haus, vor ein
Saatfeld, vor einen wetterbeschdigten Apfelbaum oder vor eine neue
Zwirnfabrik und tftelte auf das angelegentlichste ber diese Dinge,
deren Zweckmigkeit und den Kostenpunkt, ber die Jahrshoffnungen und
den Stand der Feldfrchte, von was allem er nicht den Teufel verstand.
Es war ihm auch nicht darum zu tun; aber die Zeit verging ihm so auf
die billigste und kurzweiligste Weise nach seiner Art und die alten
Leute nannten ihn nur den artigen und vernnftigen Sachsen, denn sie
verstanden auch nichts. Als die Seldwyler eine groe Aktienbrauerei
anlegten, von der sie sich ein gewaltiges Leben versprachen, und die
weitlufigen Fundamente aus dem Boden ragten, stckerte er manchen
Sonntagabend darin herum, mit Kennerblicken und mit dem scheinbar
lebendigsten Interesse die Fortschritte des Baues untersuchend, wie
wenn er ein alter Bauverstndiger und der grte Biertrinker wre.
Aber nein!" rief er einmal um das andere, des is ein fameses Wergg!
Des gibt eine groartigte Anstalt! Aber Geld kosten duht's, na das
Geld! Aber schade, hier mite mir des Gewehlbe doch en bigen diefer
sein und die Mauer um eine Idee strger!" Bei alledem dachte er sich
gar nichts, als da er noch rechtzeitig zum Abendessen wolle, eh' es
dunkel werde; denn dieses war der einzige Tort, den er seiner Frau
Meisterin antat, da er nie das Abendbrot versumte am Sonntag, wie
etwa die anderen Gesellen, sondern da sie seinetwegen allein zu Hause
bleiben oder sonstwie Bedacht auf ihn nehmen mute. Hatte er sein
Stckchen Braten oder Wurst versorgt, so wurmisierte er noch ein
Weilchen in der Kammer herum und ging dann zu Bett; dies war dann ein
vergngter Sonntag fr ihn gewesen.

Bei all diesem anspruchlosen, sanften und ehrbaren Wesen ging ihm aber
nicht ein leiser Zug von innerlicher Ironie ab, wie wenn er sich
heimlich ber die Leichtsinnigkeit und Eitelkeit der Welt lustig
machte, und er schien die Gre und Erheblichkeit der Dinge nicht
undeutlich zu bezweifeln und sich eines viel tieferen Gedankenplanes
bewut zu sein. In der Tat machte er auch zuweilen ein so kluges
Gesicht, besonders wenn er die sachverstndigen sonntglichen Reden
fhrte, da man ihm wohl ansah, wie er heimlich viel wichtigere Dinge
im Sinne trage, wogegen alles, was andere unternahmen, bauten und
aufrichteten, nur ein Kinderspiel wre. Der groe Plan, welchen er Tag
und Nacht mit sich herumtrug und welcher sein stiller Leitstern war
die ganzen Jahre lang, whrend er in Seldwyl Geselle war, bestand
darin, sich so lange seinen Arbeitslohn aufzusparen, bis er hinreiche,
eines schnen Morgens das Geschft, wenn es gerade vakant wrde,
anzukaufen und ihn selbst zum Inhaber und Meister zu machen. Dies lag
all seinem Tun und Trachten zugrunde, da er wohl bemerkt hatte, wie
ein fleiiger und sparsamer Mann allhier wohl gedeihen mte, ein
Mann, welcher seinen eigenen stillen Weg ginge und von der
Sorglosigkeit der andern nur den Nutzen, aber nicht die Nachteile zu
ziehen wte. Wenn er aber erst Meister wre, dann wollte er bald so
viel erworben haben, um sich auch einzubrgern, und dann erst gedachte
er so klug und zweckmig zu leben, wie noch nie ein Brger in
Seldwyl, sich um gar nichts zu kmmern, was nicht seinen Wohlstand
mehre, nicht einen Deut auszugeben, aber deren so viele als mglich an
sich zu ziehen in dem leichtsinnigen Strudel dieser Stadt. Dieser Plan
war ebenso einfach als richtig und begreiflich, besonders da er ihn
auch ganz gut und ausdauernd durchfhrte; denn er hatte schon ein
hbsches Smmchen zurckgelegt, welches er sorgfltig verwahrte und
sicherer Berechnung nach mit der Zeit gro genug werden mute zur
Erreichung dieses Zieles. Aber das Unmenschliche an diesem so stillen
und friedfertigen Plane war nur, da Jobst ihn berhaupt gefat hatte;
denn nichts in seinem Herzen zwang ihn, gerade in Seldwyla zu bleiben,
weder eine Vorliebe fr die Gegend, noch fr die Leute, weder fr die
politische Verfassung dieses Landes, noch fr seine Sitten. Dies alles
war ihm so gleichgltig, wie seine eigene Heimat, nach welcher er sich
gar nicht zurcksehnte; an hundert Orten in der Welt konnte er sich
mit seinem Flei und mit seiner Gerechtigkeit ebensowohl festhalten,
wie hier; aber er hatte keine freie Wahl und ergriff in seinem den
Sinne die erste zufllige Hoffnungsfaser, die sich ihm bot, um sich
daran zu hngen und sich daran gro zu saugen. Wo es mir wohl geht, da
ist mein Vaterland! heit es sonst und dieses Sprichwort soll
unangetastet bleiben fr diejenigen, welche auch wirklich eine bessere
und notwendige Ursache ihres Wohlergehens im neuen Vaterlande haben,
welche in freiem Entschlusse in die Welt hinausgegangen, um sich
rstig einen Vorteil zu erringen und als geborgene Leute
zurckzukehren, oder welche einem unwohnlichen Zustande in Scharen
entfliehen und, dem Zuge der Zeit gehorchend, die neue Vlkerwanderung
ber die Meere mitwandern; oder welche irgendwo treuere Freunde
gefunden haben als daheim, oder ihren eigensten Neigungen mehr
entsprechende Verhltnisse oder durch irgendein schneres menschliches
Band festgebunden werden. Aber auch das neue Land ihres Wohlergehens
werden alle diese wenigstens lieben mssen, wo sie immerhin sind, und
auch da zur Not einen Menschen vorstellen. Aber Jobst wute kaum, wo
er war; die Einrichtungen und Gebruche der Schweizer waren ihm
unverstndlich, und er sagte blo zuweilen: Ja, ja, die Schweizer
sind politische Leute! Es ist gewilich, wie ich glaube, eine schne
Sache um die Politik, wenn man Liebhaber davon ist! Ich fr meinen
Teil bin kein Kenner davon, wo ich zu Haus bin, da ist es nicht der
Brauch gewesen." Die Sitten der Seldwyler waren ihm zuwider und
machten ihn ngstlich, und wenn sie einen Tumult oder Zug vorhatten,
hockte er zitternd zu hinterst in der Werkstatt und frchtete Mord und
Totschlag. Und dennoch war es sein einziges Denken und sein groes
Geheimnis, hier zu bleiben bis an das Ende seiner Tage. Auf alle
Punkte der Erde sind solche Gerechte hingestreut, die aus keinem
anderen Grunde sich dahin verkrmelten, als weil sie zufllig an ein
Saugerhrchen des guten Auskommens gerieten, und sie saugen still
daran ohne Heimweh nach dem alten, ohne Liebe zu dem neuen Lande, ohne
einen Blick in die Weite und ohne einen fr die Nhe, und gleichen
daher weniger dem freien Menschen, als jenen niederen Organismen,
wunderlichen Tierchen und Pflanzensamen, die durch Luft und Wasser an
die zufllige Sttte ihres Gedeihens getragen worden.

So lebte er ein Jhrchen um das andere in Seldwyla und ufnete seinen
heimlichen Schatz, welchen er unter einer Fliese seines Kammerbodens
vergraben hielt. Noch konnte sich kein Schneider rhmen, einen Batzen
an ihm verdient zu haben, denn noch war der Sonntagsrock, mit dem er
angereist, im gleichen Zustande wie damals. Noch hatte kein Schuster
einen Pfennig von ihm gelst, denn noch waren nicht einmal die
Stiefelsohlen durchgelaufen, die bei seiner Ankunft das uere seines
Felleisens geziert; denn das Jahr hat nur zweiundfnfzig Sonntage, und
von diesen wurde nur die Hlfte zu einem kleinen Spaziergange
verwandt. Niemand konnte sich rhmen, je ein kleines oder groes Stck
Geld in seiner Hand gesehen zu haben; denn wenn er seinen Lohn
empfing, verschwand dieser auf der Stelle auf die geheimnisvollste
Weise, und selbst wenn er vor das Tor ging, steckte er nicht einen
Deut zu sich, so da es ihm gar nicht mglich war, etwas auszugeben.
Wenn Weiber mit Kirschen, Pflaumen oder Birnen in die Werkstatt kamen
und die anderen Arbeiter ihre Gelste befriedigten, hatte er auch
tausend und ein Gelste, welche er dadurch zu beruhigen wute, da er
mit der grten Aufmerksamkeit die Verhandlung mit fhrte, die
hbschen Kirschen und Pflaumen streichelte und betastete und zuletzt
die Weiber, welche ihn fr den eifrigsten Kufer genommen, verblfft
abziehen lie, sich seiner Enthaltsamkeit freuend; und mit zufriedenem
Vergngen, mit tausend kleinen Ratschlgen, wie sie die gekauften
pfel braten oder schlen sollten, sah er seine Mitgesellen essen.
Aber so wenig jemand eine Mnze von ihm zu besehen kriegte,
ebensowenig erhielt jemand von ihm je ein barsches Wort, eine
unbillige Zumutung oder ein schiefes Gesicht; er wich vielmehr allen
Hndeln auf das sorgfltigste aus und nahm keinen Scherz bel, den man
sich mit ihm erlaubte; und so neugierig er war, den Verlauf von
allerlei Klatschereien und Streitigkeiten zu betrachten und zu
beurteilen, da solche jederzeit einen kostenfreien Zeitvertreib
gewhrten, whrend andere Gesellen ihren rohen Gelagen nachgingen, so
htete er sich wohl, sich in etwas zu mischen und ber einer
Unvorsichtigkeit betreffen zu lassen. Kurz, er war die merkwrdigste
Mischung von wahrhaft heroischer Weisheit und Ausdauer und von sanfter
schnder Herz- und Gefhllosigkeit.

Einst war er schon seit vielen Wochen der einzige Geselle in dem
Geschft und es ging ihm so wohl in dieser Ungestrtheit wie einem
Fisch im Wasser. Besonders des Nachts freute er sich des breiten
Raumes im Bette und benutzte sehr konomisch diese schne Zeit, sich
fr die kommenden Tage zu entschdigen und seine Person gleichsam zu
verdreifachen, indem er unaufhrlich die Lage wechselte und sich
vorstellte, als ob drei zumal im Bette lgen, von denen zwei den
Dritten ersuchten, sich doch nicht zu genieren und es sich bequem zu
machen. Dieser Dritte war er selbst und er wickelte sich auf die
Einladung hin wollstig in die ganze Decke oder spreizte die Beine
weit auseinander, legte sich quer ber das Bett oder schlug in
harmloser Lust Purzelbume darin. Eines Tages aber, als er noch beim
Abendscheine schon im Bette lag, kam unverhofft noch ein fremder
Geselle zugesprochen und wurde von der Meisterin in die Schlafkammer
gewiesen. Jobst lag eben in wohligem Behagen mit dem Kopfe am Fuende
und mit den Fen auf den Pflmen, als der Fremde eintrat, sein
schweres Felleisen abstellte und unverweilt anfing, sich auszuziehen,
da er mde war. Jobst schnellte blitzschnell herum und streckte sich
steif an seinen ursprnglichen Platz an der Wand, und er dachte: Der
wird bald wieder ausreien, da es Sommer ist und lieblich zu wandern!"
In dieser Hoffnung ergab er sich mit stillen Seufzern in sein
Schicksal und war der nchtlichen Rippenste und des Streites um die
Decke gewrtig, die es nun absetzen wrde. Aber wie erstaunt war er,
als der Neuangekommene, obgleich es ein Bayer war, sich mit hflichem
Grue zu ihm ins Bett legte, sich ebenso friedlich und manierlich, wie
er selbst, am andern Ende des Bettes verhielt und ihn whrend der
ganzen Nacht nicht im mindesten belstigte. Dies unerhrte Abenteuer
brachte ihn so um alle Ruhe, da er, whrend der Bayer wohlgemut
schlief, diese Nacht kein Auge zutat. Am Morgen betrachtete er den
wundersamen Schlafgefhrten mit uerst aufmerksamen Mienen und sah,
da es ein ebenfalls nicht mehr junger Geselle war, der sich mit
anstndigen Worten nach den Umstnden und dem Leben hier erkundigte,
ganz in der Weise, wie er es etwa selbst getan haben wrde. Sobald er
dies nur bemerkte, hielt er an sich und verschwieg die einfachsten
Dinge, wie ein groes Geheimnis, trachtete aber dagegen das Geheimnis
des Bayers zu ergrnden; denn da derselbe ebenfalls eines besa, war
ihm von weitem anzusehen; wozu sollte er sonst ein so verstndiger,
sanftmtiger und gewiegter Mensch sein, wenn er nicht irgend etwas
Heimliches, sehr Vorteilhaftes vorhatte? Nun suchten sie sich
gegenseitig die Wrmer aus der Nase zu ziehen, mit der grten
Vorsicht und Friedfertigkeit, in halben Worten und auf anmutigen
Umwegen. Keiner gab eine vernnftige klare Antwort und doch wute nach
Verlauf einiger Stunden jeder, da der andere nichts mehr oder minder
als sein vollkommener Doppelgnger sei. Als im Laufe des Tages
Fridolin, der Bayer, mehrmals nach der Kammer lief und sich dort zu
schaffen machte, nahm Jobst die Gelegenheit wahr, auch einmal
hinzuschleichen, als jener bei der Arbeit sa, und durchmusterte im
Fluge die Habseligkeiten Fridolins; er entdeckte aber nichts weiter,
als fast die gleichen Siebenschelchen, die er selbst besa, bis auf
die hlzerne Nadelbchse, welche aber hier einen Fisch vorstellte,
whrend Jobst scherzhafterweise ein kleines Wickelkindchen besa, und
statt einer zerrissenen franzsischen Sprachlehre fr das Volk, welche
Jobst bisweilen durchbltterte, war bei dem Bayer ein gut gebundenes
Bchlein zu finden, betitelt: Die kalte und warme Kpe, ein
unentbehrliches Handbuch fr Blaufrber. Darin war aber mit Bleistift
geschrieben: Unterfand fr die 3 Kreizer, welche ich dem Nassauer
geborgt. Hieraus schlo er, da es ein Mann war, der das Seinige
zusammenhielt, und sphete unwillkrlich am Boden herum, und bald
entdeckte er eine Fliese, die ihm gerade so vorkam, als ob sie
krzlich herausgenommen wre, und unter derselben lag auch richtig ein
Schatz in ein altes halbes Schnupftuch und mit Zwirn umwickelt, fast
ganz so schwer wie der seinige, welcher zum Unterschied in einem
zugebundenen Socken steckte. Zitternd drckte er die Backsteinplatte
wieder zurecht, zitternd aus Aufregung und Bewunderung der fremden
Gre und aus tiefer Sorge um sein Geheimnis. Stracks lief er hinunter
in die Werkstatt und arbeitete, als ob es gelte, die Welt mit Kmmen
zu versehen, und der Bayer arbeitete, als ob der Himmel noch dazu
gekmmt werden mte. Die nchsten acht Tage besttigten durchaus
diese erste gegenseitige Auffassung; denn war Jobst fleiig und
gengsam, so war Fridolin ttig und enthaltsam mit den gleichen
bedenklichen Seufzern ber das Schwierige solcher Tugend; war aber
Jobst heiter und weise, so zeigte sich Fridolin spahaft und klug; war
jener bescheiden, so war dieser demtig, jener schlau und ironisch,
dieser durchtrieben und beinahe satirisch, und machte Jobst ein
friedlich einfltiges Gesicht zu einer Sache, die ihn ngstigte, so
sah Fridolin unbertrefflich wie ein Esel aus. Es war nicht sowohl ein
Wettkampf, als die bung wohlbewuter Meisterschaft, die sie beseelte,
wobei keiner verschmhte, sich den andern zum Vorbild zu nehmen und
ihm die feinsten Zge eines vollkommenen Lebenswandels, die ihm etwa
noch fehlten, nachzuahmen. Sie sahen sogar so eintrchtig und
verstndnisinnig aus, da sie eine gemeinsame Sache zu machen
schienen, und glichen so zwei tchtigen Helden, die sich ritterlich
vertragen und gegenseitig sthlen, ehe sie sich befehden. Aber nach
kaum acht Tagen kam abermals einer zugereist, ein Schwabe, namens
Dietrich, worber die beiden eine stillschweigende Freude empfanden,
wie ber einen lustigen Mastab, an welchem ihre stille Gre sich
messen konnte, und sie gedachten das arme Schwbchen, welches gewi
ein rechter Taugenichts war, in die Mitte zwischen ihre Tugenden zu
nehmen, wie zwei Lwen ein ffchen, mit dem sie spielen.

Aber wer beschreibt ihr Erstaunen, als der Schwabe sich gerade so
benahm, wie sie selbst, und sich die Erkennung, die zwischen ihnen
vorgegangen, noch einmal wiederholte zu dritt, wodurch sie nicht nur
dem Dritten gegenber in eine unverhoffte Stellung gerieten, sondern
sie selbst unter sich in eine ganz vernderte Lage kamen.

Schon als sie ihn im Bette zwischen sich nahmen, zeigte sich der
Schwabe als vollkommen ebenbrtig und lag wie ein Schwefelholz so
strack und ruhig, so da immer noch ein bichen Raum zwischen jedem
der Gesellen blieb und das Deckbett auf ihnen lag, wie ein Papier auf
drei Heringen. Die Lage wurde nun ernster, und indem alle drei
gleichmig sich gegenberstanden, wie die Winkel eines gleichseitigen
Dreiecks, und kein vertrauliches Verhltnis mehr zwischen zweien
mglich war, kein Waffenstillstand oder anmutiger Wettstreit, waren
sie allen Ernstes beflissen, einander aus dem Bett und dem Haus hinaus
zu dulden. Als der Meister sah, da diese drei Kuze sich alles
gefallen lieen, um nur dazubleiben, brach er ihnen am Lohn ab und gab
ihnen geringere Kost; aber desto fleiiger arbeiteten sie und setzten
ihn in den Stand, groe Vorrte von billigen Waren in Umlauf zu
bringen und vermehrten Bestellungen zu gengen, also da er ein
Heidengeld durch die stillen Gesellen verdiente und eine wahre
Goldgrube an ihnen besa. Er schnallte sich den Gurt um einige XXX
Lcher weiter und spielte eine groe Rolle in der Stadt, whrend die
trichten Arbeiter in der dunklen Werkstatt Tag und Nacht sich
abmhten und sich gegenseitig hinausarbeiten wollten. Dietrich, der
Schwabe, welcher der jngste war, erwies sich als ganz vom gleichen
Holze geschnitten, wie die zwei andern, nur besa er noch keine
Ersparnis, denn er war noch zu wenig gereist. Dies wre ein
bedenklicher Umstand fr ihn gewesen, da Jobst und Fridolin einen zu
groen Vorsprung gewannen, wenn er nicht als ein erfindungsreiches
Schwblein eine neue Zaubermacht heraufbeschworen htte, um den
Vorteil der andern aufzuwiegen. Da sein Gemt nmlich von jeglicher
Leidenschaft frei war, so frei wie dasjenige seiner Nebengesellen,
auer von der Leidenschaft, gerade hier und nirgends anders sich
anzusiedeln und den Vorteil wahrzunehmen, so erfand er den Gedanken,
sich zu verlieben und um die Hand einer Person zu werben, welche
ungefhr so viel besa, als der Sachse und der Bayer unter den Fliesen
liegen hatten. Es gehrte zu den besseren Eigentmlichkeiten der
Seldwyler, da sie um einiger Mittel willen keine hlichen oder
unliebenswrdigen Frauen nahmen; in groe Versuchung gerieten sie
ohnehin nicht, da es in ihrer Stadt keine reichen Erbinnen gab, weder
schne noch unschne, und so behaupteten sie wenigstens die
Tapferkeit, auch die kleineren Brocken zu verschmhen und sich lieber
mit lustigen und hbschen Wesen zu verbinden, mit welchen sie einige
Jahre Staat machen konnten. Daher wurde es dem aussphenden Schwaben
nicht schwer, sich den Weg zu einer tugendhaften Jungfrau zu bahnen,
welche in derselben Strae wohnte und von der er, im klugen Gesprche
mit alten Weibern, in Erfahrung gebracht, da sie einen Gltbrief von
siebenhundert Gulden ihr Eigentum nenne. Dies war Zs Bnzlin, eine
Tochter von achtundzwanzig Jahren, welche mit ihrer Mutter, der
Wscherin, zusammenlebte, aber ber jenes vterliche Erbteil
unbeschrnkt herrschte. Sie hatte den Brief in einer kleinen
lackierten Lade liegen, wo sie auch die Zinsen davon, ihren
Taufzettel, ihren Konfirmationsschein und ein bemaltes und vergoldetes
Osterei bewahrte; ferner ein halbes Dutzend silberne Teelffel, ein
Vaterunser mit Gold auf einen roten durchsichtigen Glasstoff gedruckt,
den sie Menschenhaut nannte, einen Kirschkern, in welchen das Leiden
Christi geschnitten war, und eine Bchse aus durchbrochenem und mit
rotem Taft unterlegtem Elfenbein, in welcher ein Spiegelchen war und
ein silberner Fingerhut; ferner war darin ein anderer Kirschkern, in
welchem ein winziges Kegelspiel klapperte, eine Nu, worin eine kleine
Muttergottes hinter Glas lag, wenn man sie ffnete, ein silbernes
Herz, worin ein Riechschwmmchen steckte, und eine Bonbonbchse aus
Zitronenschale, auf deren Deckel eine Erdbeere gemalt war, und in
welcher eine goldene Stecknadel auf Baumwolle lag, die ein
Vergimeinnicht vorstellte, und ein Medaillon mit einem Monument von
Haaren; ferner ein Bndel vergilbter Papiere mit Rezepten und
Geheimnissen, ein Flschchen mit Hoffmannstropfen, ein anderes mit
Klnischem Wasser und eine Bchse mit Moschus; eine andere, worin ein
Endchen Marderdreck lag, und ein Krbchen, aus wohlriechenden Halmen
geflochten, sowie eines, aus Glasperlen und Gewrzngelein
zusammengesetzt; endlich ein kleines Buch, in himmelblaues geripptes
Papier gebunden mit silbernem Schnitt, betitelt: Goldene Lebensregeln
fr die Jungfrau als Braut, Gattin und Mutter; und ein Traumbchlein,
ein Briefsteller, fnf oder sechs Liebesbriefe und ein Schnepper zum
Aderlassen; denn einst hatte sie ein Verhltnis mit einem
Barbiergesellen oder Chirurgiegehilfen gepflogen, welchen sie zu
ehelichen gedachte; und da sie eine geschickte und beraus verstndige
Person war, so hatte sie von ihrem Liebhaber gelernt, die Ader zu
schlagen, Blutegel und Schrpfkpfe anzusetzen und dergleichen mehr
und konnte ihn selbst sogar schon rasieren. Allein er hatte sich als
ein unwrdiger Mensch gezeigt, bei welchem leichtlich ihr ganzes
Lebensglck aufs Spiel gesetzt war, und so hatte sie mit trauriger,
aber weiser Entschlossenheit das Verhltnis gelst. Die Geschenke
wurden von beiden Seiten zurckgegeben mit Ausnahme des Schneppers;
diesen vorenthielt sie als ein Unterpfand fr einen Gulden und
achtundvierzig Kreuzer, welche sie ihm einst bar geliehen; der
Unwrdige behauptete aber, solche nicht schuldig zu sein, da sie das
Geld ihm bei Gelegenheit eines Balles in die Hand gegeben, um die
Auslagen zu bestreiten, und sie htte zweimal soviel verzehrt als er.
So behielt er den Gulden und die achtundvierzig Kreuzer und sie den
Schnepper, mit welchem sie unter der Hand allen Frauen ihrer
Bekanntschaft Ader lie und manchen schnen Batzen verdiente. Aber
jedesmal, wenn sie das Instrument gebrauchte, mute sie mit Schmerzen
der niedrigen Gesinnungsart dessen gedenken, der ihr so nahegestanden
und beinahe ihr Gemahl geworden wre!

Dies alles war in der lackierten Lade enthalten, wohlverschlossen, und
diese war wiederum in einem alten Nubaumschrank aufgehoben, dessen
Schlssel die Zs Bnzlin allfort in der Tasche trug. Die Person
selbst hatte dnne rtliche Haare und wasserblaue Augen, welche nicht
ohne Reiz waren und zuweilen sanft und weise zu blicken wuten; sie
besa eine groe Menge Kleider, von denen sie nur wenige und stets die
ltesten trug, aber immer war sie sorgsam und reinlich angezogen, und
ebenso sauber und aufgerumt sah es in der Stube aus. Sie war sehr
fleiig und half ihrer Mutter bei ihrer Wscherei, indem sie die
feineren Sachen plttete und die Hauben und Manschetten der
Seldwylerinnen wusch, womit sie einen schnen Pfennig gewann; von
dieser Ttigkeit mochte es auch kommen, da sie allwchentlich die
Tage hindurch, wo gewaschen wurde, jene strenge und gemessene Stimmung
innehielt, welche die Weiber immer whrend einer Wsche befllt, und
da diese Stimmung sich in ihr festsetzte ein fr allemal an diesen
Tagen; erst wenn das Gltten anging, griff eine grere Heiterkeit
Platz, welche bei Zsi aber jederzeit mit Weisheit gewrzt war. Den
gemessenen Geist beurkundete auch die Hauptzierde der Wohnung, ein
Kranz von viereckigen, genau abgezirkelten Seifenstcken, welche rings
auf das Gesimse des Tannengetfels gelegt waren zum Hartwerden, behufs
besserer Nutznieung. Diese Stcke zirkelte ab und schnitt aus den
frischen Tafeln mittelst eines Messingdrahtes jederzeit Zs selbst.
Der Draht hatte zwei Querhlzchen an den Enden zum bequemen Anfassen
und Durchschneiden der weichen Seife; einen schnen Zirkel aber zum
Einteilen hatte ihr ein Zeugschmiedgesell verfertigt und geschenkt,
mit welchem sie einst so gut wie versprochen war. Von demselben rhrte
auch ein blanker kleiner Gewrzmrser her, welcher das Gesimse ihres
Schrankes zierte zwischen der blauen Teekanne und dem bemalten
Blumenglas; schon lange war ein solches artiges Mrserchen ihr Wunsch
gewesen, und der aufmerksame Zeugschmied kam daher wie gerufen, als er
an ihrem Namenstage damit erschien und auch was zum Stoen mitbrachte:
eine Schachtel voll Zimmet, Zucker, Ngelein und Pfeffer. Den Mrser
hing er dazumal vor der Stubentre, ehe er eintrat, mit dem einen
Henkel an den kleinen Finger, und hub mit dem Stel ein schnes
Gelute an, wie mit einer Glocke, so da es ein frhlicher Morgen
ward. Aber kurz darauf entfloh der falsche Mensch aus der Gegend und
lie nie wieder von sich hren. Sein Meister verlangte obenein noch
den Mrser zurck, da der Entflohene ihn seinem Laden entnommen, aber
nicht bezahlt habe. Aber Zs Bnzlin gab das werte Andenken nicht
heraus, sondern fhrte einen tapfern und heftigen kleinen Proze
darum, den sie selbst vor Gericht verteidigte auf Grundlage einer
Rechnung fr gewaschene Vorhemden des Entwichenen. Dies waren, als sie
den Streit um den Mrser fhren mute, die bedeutsamsten und
schmerzhaftesten Tage ihres Lebens, da sie mit ihrem tiefen Verstande
die Dinge und besonders das Erscheinen vor Gericht um solch zarter
Sache willen viel lebendiger begriff und empfand als andere leichtere
Leute. Doch erstritt sie den Sieg und behielt den Mrser.

Wenn aber die zierliche Seifengalerie ihre Werkttigkeit und ihren
exakten Sinn verkndete, so pries nicht minder ihren erbaulichen und
geschulten Geist ein Hufchen unterschiedlicher Bcher, welches am
Fenster ordentlich aufgeschichtet lag und in denen sie des Sonntags
fleiig las. Sie besa noch alle ihre Schulbcher seit vielen Jahren
her und hatte auch nicht eines verloren, sowie sie auch noch die ganze
kleine Gelehrsamkeit im Gedchtnis trug, und sie wute noch den
Katechismus auswendig wie das Deklinierbuch, das Rechenbuch wie das
Geographiebuch, die biblische Geschichte und die weltlichen
Lesebcher; auch besa sie einige der hbschen Geschichten von
Christoph Schmid und dessen kleine Erzhlungen mit den artigen
Spruchversen am Ende, wenigstens ein halbes Dutzend verschiedene
Schatzkstlein und Rosengrtchen zum Aufschlagen, eine Sammlung
Kalender voll bewhrter mannigfacher Erfahrung und Weisheit, einige
merkwrdige Prophezeiungen, eine Anleitung zum Kartenschlagen, ein
Erbauungsbuch auf alle Tage des Jahres fr denkende Jungfrauen und ein
altes Exemplar von Schillers Rubern, welches sie so oft las, als sie
glaubte es genugsam vergessen zu haben, und jedesmal wurde sie von
neuem gerhrt, hielt aber sehr verstndige und sichtende Reden
darber. Alles, was in diesen Bchern stand, hatte sie auch im Kopfe
und wute auf das schnste darber und ber noch viel mehr zu
sprechen. Wenn sie zufrieden und nicht zu sehr beschftigt war, so
ertnten unaufhrliche Reden aus ihrem Munde und alle Dinge wute sie
heimzuweisen und zu beurteilen, und jung und alt, hoch und niedrig,
gelehrt und ungelehrt mute von ihr lernen und sich ihrem Urteile
unterziehen, wenn sie lchelnd oder sinnig erst ein Weilchen
aufgemerkt hatte, worum es sich handle; sie sprach zuweilen so viel
und salbungsvoll wie eine gelehrte Blinde, die nichts von der Welt
sieht und deren einziger Genu ist, sich selbst reden zu hren. Von
der Stadtschule her und aus dem Konfirmationsunterrichte hatte sie die
bung ununterbrochen beibehalten, Aufstze und geistliche
Memorierungen und allerhand spruchweise Schemata zu schreiben, und so
verfertigte sie zuweilen an stillen Sonntagen die wunderbarsten
Aufstze, indem sie an irgendeinen wohlklingenden Titel, den sie
gehrt oder gelesen, die sonderbarsten und unsinnigsten Stze
anreihte, ganze Bogen voll, wie sie ihrem seltsamen Gehirn
entsprangen, wie z.B. ber das Nutzbringende eines Krankenbettes, ber
den Tod, ber die Heilsamkeit des Entsagens, ber die Gre der
sichtbaren Welt und das Geheimnisvolle der unsichtbaren, ber das
Landleben und dessen Freuden, ber die Natur, ber die Trume, ber
die Liebe, einiges ber das Erlsungswerk Christi, drei Punkte ber
die Selbstgerechtigkeit, Gedanken ber die Unsterblichkeit. Sie las
ihren Freunden und Anbetern diese Arbeiten laut vor, und wem sie recht
wohlwollte, dem schenkte sie einen oder zwei solcher Aufstze und der
mute sie in die Bibel legen, wenn er eine hatte. Diese ihre geistige
Seite hatte ihr einst die tiefe und aufrichtige Neigung eines jungen
Buchbindergesellen zugezogen, welcher alle Bcher las, die er einband,
und ein strebsamer, gefhlvoller und unerfahrener Mensch war. Wenn er
sein Waschbndel zu Zsis Mutter brachte, dnkte er im Himmel zu sein,
so wohl gefiel es ihm, solche herrliche Reden zu hren, die er sich
selbst schon so oft idealisch gedacht, aber nicht auszustoen getraut
hatte. Schchtern und ehrerbietig nherte er sich der abwechselnd
strengen und beredten Jungfrau, und sie gewhrte ihm ihren Umgang und
band ihn an sich whrend eines Jahres, aber nicht ohne ihn ganz in den
Schranken klarer Hoffnungslosigkeit zu halten, die sie mit sanfter,
aber unerbittlicher Hand vorzeichnete. Denn da er neun Jahre jnger
war als sie, arm wie eine Maus und ungeschickt zum Erwerb, der fr
einen Buchbinder in Seldwyla ohnehin nicht erheblich war, weil die
Leute da nicht lasen und wenig Bcher binden lieen, so verbarg sie
sich keinen Augenblick die Unmglichkeit einer Vereinigung und suchte
nur seinen Geist auf alle Weise an ihrer eigenen Entsagungsfhigkeit
heranzubilden und in einer Wolke von buntscheckigen Phrasen
einzubalsamieren. Er hrte ihr andchtig zu und wagte zuweilen selbst
einen schnen Ausspruch, den sie ihm aber, kaum geboren, totmachte mit
einem noch schneren; dies war das geistigste und edelste ihrer Jahre,
durch keinen grberen Hauch getrbt, und der junge Mensch band ihr
whrend derselben alle ihre Bcher neu ein und bauete berdies whrend
vieler Nchte und vieler Feiertage ein kunstreiches und kostbares
Denkmal seiner Verehrung. Es war ein groer chinesischer Tempel aus
Papparbeit mit unzhligen Behltern und geheimen Fchern, den man in
vielen Stcken auseinandernehmen konnte. Mit den feinsten farbigen und
gepreten Papieren war er beklebt und berall mit Goldbrtchen
geziert. Spiegelwnde und Sulen wechselten ab, und hob man ein Stck
ab oder ffnete ein Gela, so erblickte man neue Spiegel und
verborgene Bilderchen, Blumenbuketts und liebende Prchen; an den
ausgeschweiften Spitzen der Dcher hingen allwrts kleine Glcklein.
Auch ein Uhrgehuse fr eine Damenuhr war angebracht mit schnen
Hkchen an den Sulen, um die goldene Kette daran zu henken und an dem
Gebude hin und her zu schlngeln; aber bis jetzt hatte sich noch kein
Uhrenmacher genhert, welcher eine Uhr, und kein Goldschmied, welcher
eine Kette auf diesen Altar gelegt htte. Eine unendliche Mhe und
Kunstfertigkeit war an diesem sinnreichen Tempel verschwendet und der
geometrische Plan nicht minder mhevoll als die saubere genaue Arbeit.
Als das Denkmal eines schn verlebten Jahrs fertig war, ermunterte Zs
Bnzlin den guten Buchbinder, mit Bezwingung ihrer selbst, sich nun
loszureien und seinen Stab weiterzusetzen, da ihm die Welt offenstehe
und ihm, nachdem er in ihrem Umgange, in ihrer Schule so sehr sein
Herz veredelt habe, gewi noch das schnste Glck lachen werde,
whrend sie ihn nie vergessen und sich der Einsamkeit ergeben wolle.
Er weinte wahrhaftige Trnen, als er sich so schicken lie und aus dem
Stdtlein zog. Sein Werk dagegen thronte seitdem auf Zsis
altvterischer Kommode, von einem meergrnen Gazeschleier bedeckt, dem
Staub und allen unwrdigen Blicken entzogen. Sie hielt es so heilig,
da sie es ungebraucht und neu erhielt und gar nichts in die
Behltnisse steckte, auch nannte sie den Urheber desselben in der
Erinnerung Emanuel, whrend er Veit geheien, und sagte jedermann, nur
Emanuel habe sie verstanden und ihr Wesen erfat. Nur ihm selber hatte
sie das selten zugestanden, sondern ihn in ihrem strengen Sinne kurz
gehalten und zur hheren Anspornung ihm hufig gezeigt, da er sie am
wenigsten verstehe, wenn er sich am meisten einbilde, es zu tun.
Dagegen spielte er ihr auch einen Streich und legte in einen doppelten
Boden, auf dem innersten Grunde des Tempels, den allerschnsten Brief,
von Trnen benetzt, worin er eine unsgliche Betrbnis, Liebe,
Verehrung und ewige Treue aussprach, und in so hbschen und
unbefangenen Worten, wie sie nur das wahre Gefhl findet, welches sich
in eine Vexiergasse verrannt hat. So schne Dinge hatte er gar nie
ausgesprochen, weil sie ihn niemals zu Worte kommen lie. Da sie aber
keine Ahnung hatte von dem verborgenen Schatze, so geschah es hier,
da das Schicksal gerecht war und eine falsche Schne nicht das zu
Gesicht bekam, was sie nicht zu sehen verdiente. Auch war es ein
Symbol, da sie es war, welche das trichte, aber innige und
aufrichtig gemeinte Wesen des Buchbinders nicht verstanden.

Schon lange hatte sie das Leben der drei Kammacher gelobt und
dieselben drei gerechte und verstndige Mnner genannt; denn sie hatte
sie wohl beobachtet. Als daher Dietrich der Schwabe begann, sich
lnger bei ihr aufzuhalten, wenn er sein Hemd brachte oder holte, und
ihr den Hof zu machen, benahm sie sich freundschaftlich gegen ihn und
hielt ihn mit trefflichen Gesprchen stundenlang bei sich fest, und
Dietrich redete ihr voll Bewunderung nach dem Munde, so stark er
konnte; und sie vermochte ein tchtiges Lob zu ertragen, ja sie liebte
den Pfeffer desselben um so mehr, je strker er war, und wenn man ihre
Weisheit pries, hielt sie sich mglichst still, bis man das Herz
geleert, worauf sie mit erhhter Salbung den Faden aufnahm und das
Gemlde da und dort ergnzte, das man von ihr entworfen. Nicht lange
war Dietrich bei Zs aus und ein gegangen, so hatte sie ihm auch schon
den Gltbrief gezeigt, und er war voll guter Dinge und tat gegen seine
Gefhrten so heimlich wie einer, der das Perpetuum mobile erfunden
hat. Jobst und Fridolin kamen ihm jedoch bald auf die Spur und
erstaunten ber seinen tiefen Geist und ber seine Gewandtheit. Jobst
besonders schlug sich frmlich vor den Kopf; denn schon seit Jahren
ging er ja auch in das Haus und noch nie war ihm eingefallen, etwas
anderes da zu suchen als seine Wsche; er hate vielmehr die Leute
beinahe, weil sie die einzigen waren, bei welchen er einige bare
Pfennige herausklauben mute allwchentlich. An eine eheliche
Verbindung pflegte er nie zu denken, weil er unter einer Frau nichts
anderes denken konnte als ein Wesen, das etwas von ihm wollte, was er
nicht schuldig sei, und etwas von einer selbst zu wollen, was ihm
ntzlich sein knnte, fiel ihm auch nicht ein, da er nur sich selbst
vertraute und seine kurzen Gedanken nicht ber den nchsten und
allerengsten Kreis seines Geheimnisses hinausgingen. Aber jetzt galt
es, dem Schwbchen den Rang abzulaufen, denn dieses konnte mit den
siebenhundert Gulden der Jungfer Zs schlimme Geschichten aufstellen,
wenn es sie erhielt, und die siebenhundert Gulden selbst bekamen auf
einmal einen verklrten Glanz und Schimmer in den Augen des Sachsen
wie des Bayers. So hatte Dietrich, der erfindungsreiche, nur ein Land
entdeckt, welches alsobald Gemeingut wurde, und teilte das herbe
Schicksal aller Entdecker; denn die zwei andern folgten sogleich
seiner Fhrte und stellten sich ebenfalls bei Zs Bnzlin auf, und
diese sah sich von einem ganzen Hof verstndiger und ehrbarer
Kammacher umgeben. Das gefiel ihr ausnehmend wohl; noch nie hatte sie
mehrere Verehrer auf einmal besessen, weshalb es eine neue
Geistesbung fr sie ward, diese drei mit der grten Klugheit und
Unparteilichkeit zu behandeln und im Zaume zu halten und sie so lange
mit wunderbaren Reden zur Entsagung und Uneigenntzigkeit
aufzumuntern, bis der Himmel ber das Unabnderliche etwas entschiede.
Denn da jeder von ihnen ihr insbesondere sein Geheimnis und seinen
Plan vertraut hatte, so entschlo sie sich auf der Stelle, denjenigen
zu beglcken, welcher sein Ziel erreiche und Inhaber des Geschftes
wrde. Den Schwaben, welcher es nur durch sie werden konnte, schlo
sie aber davon aus und nahm sich vor, diesen jedenfalls nicht zu
heiraten; weil er aber der jngste, klgste und liebenswrdigste der
Gesellen war, so gab sie ihm durch manche stille Zeichen noch am
ehesten einige Hoffnung und spornte durch die Freundlichkeit, mit
welcher sie ihn besonders zu beaufsichtigen und zu regieren schien,
die anderen zu grerem Eifer an, so da dieser arme Kolumbus, der das
schne Land erfunden hatte, vollstndig der Narr im Spiele ward. Alle
drei wetteiferten miteinander in der Ergebenheit, Bescheidenheit und
Verstndigkeit und in der anmutigen Kunst, sich von der gestrengen
Jungfrau im Zaume halten zu lassen und sie ohne Eigennutz zu
bewundern, und wenn die ganze Gesellschaft beieinander war, glich sie
einem seltsamen Konventikel, in welchem die sonderbarsten Reden
gefhrt wurden. Trotz aller Frmmigkeit und Demut geschah es doch alle
Augenblicke, da einer oder der andere, vom Lobpreisen der gemeinsamen
Herrin pltzlich abspringend, sich selbst zu loben und herauszustreichen
versuchte und sich, sanft von ihr zurechtgewiesen, beschmt unterbrochen
 sah oder anhren mute, wie sie ihm die Tugenden der brigen
entgegenhielt, die er eiligst anerkannte und besttigte.

Aber dies war ein strenges Leben fr die armen Kammacher; so khl sie
von Gemt waren, gab es doch, seit einmal ein Weib im Spiele, ganz
ungewohnte Erregungen der Eifersucht, der Besorgnis, der Furcht und
der Hoffnung; sie rieben sich in Arbeit und Sparsamkeit beinahe auf
und magerten sichtlich ab; sie wurden schwermtig, und whrend sie vor
den Leuten und besonders bei Zs sich der friedlichsten Beredsamkeit
beflissen, sprachen sie, wenn sie zusammen bei der Arbeit oder in
ihrer Schlafkammer saen, kaum ein Wort miteinander und legten sich
seufzend in ihr gemeinschaftliches Bett, noch immer so still und
vertrglich wie drei Bleistifte. Ein und derselbe Traum schwebte
allnchtlich ber dem Kleeblatt, bis er einst so lebendig wurde, da
Jobst an der Wand sich herumwarf und den Dietrich anstie; Dietrich
fuhr zurck und stie den Fridolin, und nun brach in den
schlummertrunkenen Gesellen ein wilder Groll aus und in dem Bette der
schreckbarste Kampf, indem sie whrend drei Minuten sich so heftig mit
den Fen stieen, traten und ausschlugen, da alle sechs Beine sich
ineinander verwickelten und der ganze Knuel unter furchtbarem
Geschrei aus dem Bette purzelte. Sie glaubten, vllig erwachend, der
Teufel wolle sie holen, oder es seien Ruber in die Kammer gebrochen;
sie sprangen schreiend auf, Jobst stellte sich auf seinen Stein,
Fridolin eiligst auf seinen und Dietrich auf denjenigen, unter welchem
sich bereits auch seine kleine Ersparnis angesetzt hatte, und indem
sie so in einem Dreieck standen, zitterten und mit den Armen vor sich
hin in die Luft schlugen, schrien sie Zeter Mordio und riefen: Geh
fort! Geh fort!" bis der erschreckte Meister in die Kammer drang und
die tollen Gesellen beruhigte. Zitternd vor Furcht, Groll und Scham
zugleich krochen sie endlich wieder ins Bett und lagen lautlos
nebeneinander bis zum Morgen. Aber der nchtliche Spuk war nur ein
Vorspiel gewesen eines greren Schreckens, der sie jetzt erwartete,
als der Meister ihnen beim Frhstck erffnete, da er nicht mehr drei
Arbeiter brauchen knne und daher zwei von ihnen wandern mten. Sie
hatten nmlich des Guten zu viel getan und so viel Ware zuweg
gebracht, da ein Teil davon liegen blieb, indes der Meister den
vermehrten Erwerb dazu verwendet hatte, das Geschft, als es auf dem
Gipfelpunkt stand, um so rascher rckwrts zu bringen, und ein solch
lustiges Leben fhrte, da er bald doppelt soviel Schulden hatte, als
er einnahm. Daher waren ihm die Gesellen, so fleiig und enthaltsam
sie auch waren, pltzlich eine berflssige Last. Er sagte ihnen zum
Trost, da sie ihm alle drei gleich lieb und wert wren und es ihnen
berliee, unter sich auszumachen, welcher dableiben und welche
wandern sollten. Aber sie machten nichts aus, sondern standen da
bleich wie der Tod und lchelten einer den andern an; dann gerieten
sie in eine furchtbare Aufregung, da dies die verhngnisvollste Stunde
war; denn die Ankndigung des Meisters war ein sicheres Zeichen, da
er es nicht lange mehr treiben und das Kammfabrikchen endlich wieder
kuflich wrde. Also war das Ziel, nach dem sie alle gestrebt, nahe
und glnzte wie ein himmlisches Jerusalem, und zwei sollten vor den
Toren desselben umkehren und ihm den Rcken wenden. Ohne alle frdere
Rcksicht erklrte jeder, dableiben zu wollen, und wenn er ganz
umsonst arbeiten msse. Der Meister konnte aber auch dies nicht
brauchen und versicherte sie, da zwei von ihnen jedenfalls gehen
mten; sie fielen ihm zu Fen, sie rangen die Hnde, sie beschworen
ihn und jeder bat insbesondere fr sich, da er ihn behalten mchte,
nur noch zwei Monate, nur noch vier Wochen: Allein er wute wohl,
worauf sie spekulierten, rgerte sich darber und machte sich ber sie
lustig, indem er pltzlich einen spahaften Ausweg vorschlug, wie sie
die Sache entscheiden sollten. Wenn ihr euch durchaus nicht einigen
knnt," sagte er, welche von euch den Abschied wollen, so will ich
euch die Weise angeben, wie ihr die Sache entscheidet, und so soll es
dann sein und bleiben! Morgen ist Sonntag, da zahle ich euch aus, ihr
packt euer Felleisen, ergreift euren Stab und wandert alle drei
eintrchtiglich zum Tore hinaus, eine gute halbe Stnde weit, auf
welche Seite ihr wollt. Alsdann ruhet ihr euch aus und knnt auch
einen Schoppen trinken, wenn ihr mgt, und habt ihr das getan, so
wandert ihr wieder in die Stadt herein, und welcher dann der erste
sein wird, der mich von neuem um Arbeit anspricht, den werde ich
behalten; die anderen aber werden unausbleiblich gehen, wo es ihnen
beliebt!" Sie fielen ihm abermals zu Fen und baten ihn, von diesem
grausamen Vorhaben abzustehen, aber umsonst; er blieb fest und
unerbittlich. Unversehens sprang der Schwabe auf und rannte wie
besessen zum Hause hinaus und zu Zs Bnzlin hinber; kaum gewahrten
dies Jobst und der Bayer, so unterbrachen sie ihr Lamentieren und
rannten ihm nach, und die verzweifelte Szene war alsobald in die
Wohnung der erschrockenen Jungfrau verlegt.

Diese war sehr betroffen und bewegt durch das unerwartete Abenteuer;
doch fate sie sich zuerst, und die Lage der Dinge berschauend,
beschlo sie, ihr eigenes Schicksal an des Meisters wunderlichen
Einfall zu knpfen, und betrachtete diesen als eine hhere Eingebung;
sie holte gerhrt ein Schatzkstlein hervor und stach mit einer Nadel
zwischen die Bltter, und der Spruch, welchen sie aufschlug, handelte
vom unentwegten Verfolgen eines guten Zieles. Sodann lie sie die
aufgeregten Gesellen aufschlagen, und alles, was diese aufschlugen,
handelte vom eifrigen Wandel auf dem schmalen Wege, vom Vorwrtsgehen
ohne Rckschauen, von einer Laufbahn, kurz vom Laufen und Rennen aller
Art, so da der morgende Wettlauf deutlich vom Himmel vorgeschrieben
schien. Da sie aber befrchtete, da Dietrich als der Jngste leicht
am besten springen und die Palme erringen knnte, beschlo sie, selbst
mit den drei Liebhabern auszuziehen und zu sehen, was etwa zu ihrem
Vorteil zu machen wre; denn sie wnschte, da nur einer der zwei
lteren Sieger wrde, und es war ihr ganz gleichgltig, welcher. Sie
befahl daher den Wehklagenden und sich Bezankenden Ruhe und Ergebung
und sagte: Wisset, meine Freunde, da nichts ohne Bedeutung
geschieht, und so merkwrdig und ungewhnlich die Zumutung eures
Meisters ist, so mssen wir sie doch als eine Fgung ansehen und uns
mit einer hheren Weisheit, von welcher der mutwillige Mann nichts
ahnt, dieser jhen Entscheidung unterwerfen. Unser friedliches und
verstndiges Zusammenleben ist zu schn gewesen, als da es noch lange
so erbaulich stattfinden knnte; denn ach! Alles Schne und
Ersprieliche ist ja so vergnglich und vorbergehend, und nichts
besteht in die Lnge als das bel, das Hartnckige und die Einsamkeit
der Seele, die wir alsdann mit unserer frommen Vernnftigkeit
betrachten und beobachten. Daher wollen wir, ehe sich etwa ein bser
Dmon des Zwiespaltes unter uns erhebt, uns lieber vorher freiwillig
trennen und auseinanderscheiden wie die lieben Frhlingslftlein, wenn
sie ihren eilenden Lauf am Himmel nehmen, ehe wir auseinanderfahren
wie der Sturmwind des Herbstes. Ich selbst will euch hinausbegleiten
auf dem schweren Wege und zugegen sein, wenn ihr den Prfungslauf
antretet, damit ihr einen frhlichen Mut fasset und einen schnen
Antrieb hinter euch habt, whrend vor euch das Ziel des Sieges winkt.
Aber so wie der Sieger sich seines Glckes nicht berheben wird, so
sollen die, welche unterliegen, nicht verzagen und keinen Gram oder
Groll von dannen nehmen, sondern unsers liebevollen Andenkens gewrtig
sein und als vergngte Wanderjnglinge in die weite Welt ziehen; denn
die Menschen haben viele Stdte gebauet, welche so schn oder noch
schner sind wie Seldwyla; Rom ist eine groe, merkwrdige Stadt,
allwo der heilige Vater wohnt, und Paris ist eine gar mchtige Stadt
mit vielen Seelen und herrlichen Palsten, und in Konstantinopel
herrscht der Sultan, von trkischem Glauben, und Lissabon, welches
einst durch ein Erdbeben verschttet ward, ist desto schner wieder
aufgebaut worden. Wien ist die Hauptstadt von Osterreich und die
Kaiserstadt genannt, und London ist die reichste Stadt der Welt, in
Engelland gelegen, an einem Flu, der die Themse benannt wird. Zwei
Millionen Menschen wohnen da! Petersburg aber ist die Haupt- und
Residenzstadt von Ruland, so wie Neapel die Hauptstadt des
Knigreiches gleichen Namens, mit dem feuerspeienden Berg Vesuvius,
auf welchem einst einem englischen Schiffshauptmann eine verdammte
Seele erschienen ist, wie ich in einer merkwrdigen Reisebeschreibung
gelesen habe, welche Seele einem gewissen John Smidt angehret, der
vor hundertundfnfzig Jahren ein gottloser Mann gewesen und nun
besagtem Hauptmann einen Auftrag erteilte an seine Nachkommen in
England, damit er erlst wrde; denn der ganze Feuerberg ist ein
Aufenthalt der Verdammten, wie auch in des gelehrten Peter Haslers
Traktatus ber die mutmaliche Gelegenheit der Hlle zu lesen ist.
Noch viele andere Stdte gibt es, wovon ich nur noch Mailand, Venedig,
das ganz im Wasser gebaut ist, Lyon, Marseilingen, Straburg, Kllen
und Amsterdam nennen will; Paris hab' ich schon gesagt, aber noch
nicht Nrnberg, Augsburg und Frankfurt, Basel, Bern und Genf, alles
schne Stdte, sowie das schne Zrich, und weiterhin noch eine Menge,
mit deren Aufzhlung ich nicht fertig wrde. Denn alles hat seine
Grenzen, nur nicht die Erfindungsgabe der Menschen, welche sich
allwrts ausbreiten und alles unternehmen, was ihnen ntzlich scheint.
Wenn sie gerecht sind, so wird es ihnen gelingen, aber der Ungerechte
vergehet wie das Gras der Felder und wie ein Rauch. Viele sind
erwhlt, aber nur wenige sind berufen. Aus allen diesen Grnden und in
noch manch anderer Hinsicht, die uns die Pflicht und die Tugend
unseres reinen Gewissens auferlegen, wollen wir uns dem Schicksalsrufe
unterziehen. Darum gehet und bereitet euch zur Wanderschaft, aber als
gerechte und sanftmtige Mnner, die ihren Wert in sich tragen, wo sie
auch hingehen, und deren Stab berall Wurzel schlgt, welche, was sie
auch ergreifen mgen, sich sagen knnen: ich habe das bessere Teil
erwhlt!"

Die Kammacher wollten aber von allem nichts hren, sondern bestrmten
die kluge Zs, da sie einen von ihnen auserwhlen und dableiben
heien solle, und jeder meinte damit sich selbst. Aber sie htete
sich, eine Wahl zu treffen, und kndigte ihnen ernsthaft und
gebieterisch an, da sie ihr gehorchen mten, ansonst sie ihnen ihre
Freundschaft auf immer entziehen wrde. Jetzt rannte Jobst, der
lteste, wieder davon und in das Haus des Meisters hinber, und
spornstreichs rannten die anderen hinter ihm her, befrchtend, da er
dort etwas gegen sie unternhme, und so schossen sie den ganzen Tag
umher wie Sternschnuppen und wurden sich untereinander so zuwider wie
drei Spinnen in einem Netz. Die halbe Stadt sah dies seltsame
Schauspiel der verstrten Kammacher, die bislang so still und ruhig
gewesen, und die alten Leute wurden darber ngstlich und hielten die
Erscheinung fr ein geheimnisvolles Vorzeichen schwerer Begebenheiten.
Gegen Abend wurden sie matt und erschpft, ohne da sie sich eines
Besseren besonnen und zu etwas entschieden hatten, und legten sich
zhneklappernd in das alte Bett; einer nach dem andern kroch unter die
Decke und lag da wie vom Tode hingestreckt, in verwirrten Gedanken,
bis ein heilsamer Schlaf ihn umfing. Jobst war der erste, welcher in
aller Frhe erwachte und sah, da ein heiterer Frhlingsmorgen in die
Kammer schien, in welcher er nun schon seit sechs Jahren geschlafen.
So drftig das Gemach aussah, so erschien es ihm doch wie ein
Paradies, welches er verlassen sollte, und zwar so ungerechterweise.
Er lie seine Augen umhergehen an den Wnden und zhlte alle die
vertrauten Spuren von den vielen Gesellen, die hier schon gewohnt
krzere oder lngere Zeit; hier hatte der seinen Kopf zu reiben
gepflegt und einen dunklen Fleck verfertigt, dort hatte jener einen
Nagel eingeschlagen, um seine Pfeife daranzuhngen, und das rote
Schnrchen hing noch daran. Welche guten Menschen waren das gewesen,
da sie so harmlos wieder davongegangen, whrend diese, welche neben
ihm lagen, durchaus nicht weichen wollten. Dann heftete er sein Auge
auf die Gegend zunchst seinem Gesichte und betrachtete da die
kleineren Gegenstnde, welche er schon tausendmal betrachtet, wenn er
des Morgens oder am Abend noch bei Tageshelle im Bette lag und sich
eines seligen, kostenfreien Daseins erfreute. Da war eine beschdigte
Stelle in dem Bewurf, welche wie ein Land aussah mit Seen und
Stdtchen, und ein Hufchen von groben Sandkrnern stellte eine
glckselige Inselgruppe vor; weiterhin erstreckte sich eine lange
Schweinsborste, welche aus dem Pinsel gefallen und in der blauen
Tnche steckengeblieben war; denn Jobst hatte im letzten Herbst einmal
ein kleines Restchen solcher Tnche gefunden und, damit es nicht
umkommen sollte, eine Viertelswandseite damit angestrichen, soweit es
reichen wollte, und zwar hatte er die Stelle bemalt, wo er zunchst im
Bette lag. Jenseits der Schweinsborste aber ragte eine ganz geringe
Erhhung, wie ein kleines, blaues Gebirge, welches einen zarten
Schlagschatten ber die Borste weg nach den glckseligen Inseln
hinberwarf. ber dies Gebirge hatte er schon den ganzen Winter
gegrbelt, da es ihn dnkte, als ob es frher nicht dagewesen wre.
Wie er nun mit seinem traurigen, duselnden Auge dasselbe suchte und
pltzlich vermite, traute er seinen Sinnen kaum, als er statt
desselben einen kleinen kahlen Fleck an der Mauer fand, dagegen sah,
wie der winzige blaue Berg nicht weit davon sich bewegte und zu
wandeln schien. Erstaunt fuhr Jobst in die Hhe, als ob er ein blaues
Wunder she, und sah, da es eine Wanze war, welche er also im vorigen
Herbst achtlos mit der Farbe berstrichen, als sie schon in Erstarrung
dagesessen hatte. Jetzt aber war sie von der Frhlingswrme neu
belebt, hatte sich aufgemacht und stieg eben in diesem Augenblicke mit
ihrem blauen Rcken unverdrossen die Wand hinan. Er blickte ihr
gerhrt und voll Verwunderung nach; solange sie im Blauen ging, war
sie kaum von der Wand zu unterscheiden; als sie aber aus dem
gestrichenen Bereich hinaustrat und die letzten vereinzelten Spritze
hinter sich hatte, wandelte das gute himmelblaue Tierchen weithin
sichtbar seine Bahn durch die dunkleren Bezirke. Wehmtig sank Jobst
in den Pflmen zurck; so wenig er sich sonst aus dergleichen machte,
rhrte diese Erscheinung doch jetzt ein Gefhl in ihm auf, als ob er
doch auch endlich wieder wandern mte, und es bednkte ihn ein gutes
Zeichen zu sein, da er sich in das Unabnderliche ergeben und sich
wenigstens mit gutem Willen auf den Weg machen solle. Durch diese
ruhigeren Gedanken kehrte seine natrliche Besonnenheit und Weisheit
zurck, und indem er die Sache nher berlegte, fand er, da, wenn er
sich ergebungsvoll und bescheiden anstelle, sich dem schwierigen Werke
unterziehe und dabei sich zusammennehme und klug verhalte, er noch am
ehesten ber seine Nebenbuhler obsiegen knne. Sachte stieg er aus dem
Bette und begann seine Sachen zu ordnen und vor allem seinen Schatz zu
heben und zu unterst in das alte Felleisen zu verpacken. Darber
erwachten sogleich seine Gefhrten; wie diese sahen, da er so
gelassen sein Bndel schnrte, verwunderten sie sich sehr und noch
mehr, als Jobst sie mit vershnlichen Worten anredete und ihnen einen
guten Morgen wnschte. Weiter lie er sich aber nicht aus, sondern
fuhr in seinem Geschfte still und friedfertig fort. Sogleich, obschon
sie nicht wuten, was er im Schilde fhre, witterten sie eine
Kriegslist in seinem Benehmen und ahmten es auf der Stelle nach,
hchst aufmerksam auf alles, was er ferner beginnen wrde. Hierbei war
es seltsam, wie sie alle drei zum erstenmal offen ihre Schtze unter
den Fliesen hervorholten und dieselben, ohne sie zu zhlen, in die
Ranzen versorgten. Denn sie wuten schon lange, da jeder das
Geheimnis der brigen kannte, und nach alter ehrbarer Art mitrauten
sie sich nicht in der Weise, da sie eine Verletzung des Eigentums
befrchteten, und jeder wute wohl, da ihn die anderen nicht berauben
wrden, wie denn in den Schlafkammern der Handwerksgesellen, Soldaten
und dergleichen kein Verschlu und kein Mitrauen bestehen soll.

So waren sie unversehens zum Aufbruch gerstet, der Meister zahlte
ihnen den Lohn aus und gab ihnen ihre Wanderbcher, in welche von der
Stadt und vom Meister die allerschnsten Zeugnisse geschrieben waren
ber ihre gute andauernde Fhrung und Vortrefflichkeit, und sie
standen wehmutsvoll vor der Haustre der Zs Bnzlin, in lange braune
Rcke gekleidet, mit alten, verwaschenen Staubhemden darber, und die
Hte, obgleich sie verjhrt und abgebrstet genug waren, sorglich mit
Wachsleinwand berzogen. Hinten auf dem Felleisen hatte jeder ein
kleines Wgelchen befestigt, um das Gepck darauf zu ziehen, wenn es
ins Weite ginge; sie dachten aber die Rder nicht zu brauchen, und
deswegen ragten dieselben hoch ber ihrem Rcken. Jobst sttzte sich
auf einen ehrbaren Rohrstock, Fridolin auf einen rot und schwarz
geflammten und gemalten Eschenstab und Dietrich auf ein
abenteuerliches Stockungeheuer, um welches sich ein wildes Geflecht
von Zweigen wand. Er schmte sich aber beinahe dieses prahlerischen
Dinges, da es noch aus der ersten Wanderzeit herstammte, wo er bei
weitem noch nicht so sehr gesetzt und vernnftig gewesen wie jetzt.
Viele Nachbarn und deren Kinder umstanden die ernsten drei Mnner und
wnschten ihnen Glck auf den Weg. Da erschien Zs unter der Tre, mit
feierlicher Miene, und zog an der Spitze der Gesellen gefaten Mutes
aus dem Tore. Sie hatte ihnen zu Ehren einen ungewhnlichen Staat
angelegt, trug einen groen Hut mit mchtigen gelben Bndern, ein
rosafarbenes Indiennekleid mit verschollenen Ausladungen und
Verzierungen, eine schwarze Sammetschrpe mit einer Tombakschnalle und
rote Saffianschuhe mit Fransen besetzt. Dazu trug sie einen
grnseidenen groen Ritikl, welchen sie mit gedrrten Birnen und
Pflaumen gefllt hatte, und hielt ein Sonnenschirmchen ausgespannt,
auf welchem oben eine groe Lyra aus Elfenbein stand. Sie hatte auch
ihr Medaillon mit dem blonden Haardenkmal umgehngt und das goldene
Vergimeinnicht vorgesteckt und trug weie gestrickte Handschuhe. Sie
sah freundlich und zart aus in all diesem Schmuck, ihr Antlitz war
leicht gertet und ihr Busen schien sich hher als sonst zu heben, und
die ausziehenden Nebenbuhler wuten sich nicht zu lassen vor Wehmut
und Betrbnis; denn die uerste Lage der Dinge, der schne
Frhlingstag, der ihren Auszug beschien, und Zsis Putz mischten in
ihre gespannten Empfindungen fast etwas von dem, was man wirklich
Liebe nennt. Vor dem Tore ermahnte aber die freundliche Jungfrau ihre
Liebhaber, die Felleisen auf die Rderchen zu stellen und zu ziehen,
damit sie sich nicht unntigerweise ermdeten. Sie taten es, und als
sie hinter dem Stdtlein hinaus die Berge hinanfuhren, war es fast wie
ein Artilleriewesen, das da hinauffuhrwerkte, um oben eine Batterie zu
besetzen. Als sie eine gute halbe Stunde dahingezogen, machten sie
halt auf einer anmutigen Anhhe, ber welche ein Kreuzweg ging, und
setzten sich unter einer Linde in einen Halbkreis, wo man einer weiten
Aussicht geno und ber Wlder, Seen und Ortschaften wegsah. Zs
ffnete ihren Beutel und gab jedem eine Handvoll Birnen und Pflaumen,
um sich zu erfrischen, und sie saen so eine geraume Weile schweigend
und ernst, nur mit den schnalzenden Zungen, wenn sie die sen Frchte
damit zerdrckten, ein sanftes Gerusch erregend.

Dann begann Zs, indem sie einen Pflaumenkern fortwarf und die davon
gefrbten Fingerspitzen am jungen Grase abwischte, zu sprechen:
Lieben Freunde! Sehet, wie schn und weitlufig die Welt ist,
ringsherum voll herrlicher Sachen und voll Wohnungen der Menschen! Und
dennoch wollte ich wetten, da in dieser feierlichen Stunde nirgends
in dieser weiten Welt vier so rechtfertige und gutartige Seelen
beieinander versammelt sitzen, wie wir hier sind, so sinnreich und
bedachtsam von Gemt, so zugetan allen arbeitsamen bungen und
Tugenden, der Eingezogenheit, der Sparsamkeit, der Friedfertigkeit und
der innigen Freundschaft. Wie viele Blumen stehen hier um uns herum,
von allen Arten, die der Frhling hervorbringt, besonders die gelben
Schlsselblumen, welche einen wohlschmeckenden und gesunden Tee geben;
aber sind sie gerecht oder arbeitsam? sparsam, vorsichtig und
geschickt zu klugen und lehrreichen Gedanken? Nein, es sind unwissende
und geistlose Geschpfe, unbeseelt und vernunftlos vergeuden sie ihre
Zeit, und so schn sie sind, wird ein totes Heu daraus, whrend wir in
unserer Tugend ihnen so weit berlegen sind und ihnen wahrlich an Zier
der Gestalt nichts nachgeben; denn Gott hat uns nach seinem Bilde
geschaffen und uns seinen gttlichen Odem eingeblasen. Oh, knnten wir
doch ewig hier sitzen in diesem Paradiese und in solcher Unschuld; ja,
meine Freunde, es ist mir so, als wren wir smtlich im Stande der
Unschuld, aber durch eine sndenlose Erkenntnis veredelt; denn wir
alle knnen, Gott sei Dank, lesen und schreiben und haben alle eine
geschickte Hantierung gelernt. Zu vielem htte ich Geschick und
Anlagen und getraute mir wohl, Dinge zu verrichten, wie sie das
gelehrteste Frulein nicht kann, wenn ich ber meinen Stand
hinausgehen wollte; aber die Bescheidenheit und die Demut sind die
vornehmste Tugend eines rechtschaffenen Frauenzimmers, und es gengt
mir zu wissen, da mein Geist nicht wertlos und verachtet ist vor
einer hheren Einsicht. Schon viele haben mich begehrt, die meiner
nicht wert waren, und nun auf einmal sehe ich drei wrdige
Junggesellen um mich versammelt, von denen ein jeder gleich wert wre,
mich zu besitzen! Bemesset danach, wie mein Herz in diesem wunderbaren
berflusse schmachten mu, und nehmet euch jeder ein Beispiel an mir
und denket euch, jeder wre von drei gleichwerten Jungfrauen umblhet,
die sein begehrten, und er knnte sich um deswillen zu keiner
hinneigen und gar keine bekommen! Stellt euch doch recht lebhaft vor,
um jeden von euch buhleten drei Jungfern Bnzlin, und sen so um euch
her, gekleidet wie ich und von gleichem Ansehen, so da ich gleichsam
verneunfacht hier vorhanden wre und euch von allen Seiten anblickte
und nach euch schmachtete! Tut ihr dies?"

Die wackeren Gesellen hrten verwundert auf zu kauen und studierten
mit einfltigen Gesichtern, die seltsame Aufgabe zu lsen. Das
Schwblein kam zuerst damit zustande und rief mit lsternem Gesicht:
Ja, werteste Jungfer Zs! Wenn Sie es denn gtigst erlauben, so sehe
ich Sie nicht nur dreifach, sondern verhundertfacht um mich
herumschweben und mich mit huldreichen uglein anblicken und mir
tausend Klein anbieten!"

Nicht doch!" sagte Zs unwillig verweisend, nicht in so ungehriger
und bertriebener Weise! Was fllt Ihnen denn ein, unbescheidener
Dietrich? Nicht hundertfach und nicht Klein anbietend habe ich es
erlaubt, sondern nur dreifach fr jeden und in zchtiger und ehrbarer
Manier, da mir nicht zu nahe geschieht!"

Ja," rief jetzt endlich Jobst und zeigte mit einem abgenagten
Birnenstiel um sich her, nur dreifach, aber in grter Ehrbarkeit
sehe ich die liebste Jungfer Bnzli um mich her spazieren und mir
wohlwollend zuwinken, indem sie die Hand aufs Herz legt! Ich danke
sehr, danke, danke ergebenst!" sagte er schmunzelnd, sich nach drei
Seiten verneigend, als ob er wirklich die Erscheinungen she. So
ist's recht," sagte Zs lchelnd, wenn irgendein Unterschied zwischen
euch besteht, so seid Ihr doch der Begabteste, lieber Jobst,
wenigstens der Verstndigste!" Der Bayer Fridolin war immer noch nicht
fertig mit seiner Vorstellung, da er aber den Jobst so loben hrte,
wurde es ihm angst und er rief eilig: Ich sehe auch die liebste
Jungfrau Bnzli dreifach um mich herspazieren in grter Ehrbarkeit
und mir wollstig zuwinken, indem sie die Hand auf--"

Pfui, Bayer!" schrie Zs und wandte das Gesicht ab, nicht ein Wort
weiter! Woher nehmen Sie den Mut, von mir in so wsten Worten zu reden
und sich solche Sauereien einzubilden! Pfui, pfui!" Der arme Bayer war
wie vom Donner gerhrt und wurde glhend rot, ohne zu wissen, wofr;
denn er hatte sich gar nichts eingebildet und nur ungefhr dem Klange
nach gesagt, was er von Jobsten gehrt, da er gesehen, wie dieser fr
seine Rede belobt worden. Zs wandte sich wieder zu Dietrich und
sagte: Nun, lieber Dietrich, haben Sie's noch nicht auf eine etwas
bescheidenere Art zuwege gebracht?" Ja, mit Ihrer Erlaubnis,"
erwiderte er, froh, wieder angeredet zu werden, ich erblicke Sie
jetzt nur dreimal um mich her, freundlich, aber anstndig mich
anschauend und mir drei weie Hnde bietend, welche ich ksse!"

Gut denn!" sagte Zs, und Sie, Fridolin? Sind Sie noch nicht von
Ihrer Abirrung zurckgekehrt? Kann sich Ihr ungestmes Blut noch nicht
zu einer wohlanstndigen Vorstellung beruhigen?" Um Vergebung!" sagte
Fridolin kleinlaut, ich glaube jetzt drei Jungfern zu sehen, die mir
gedrrte Birnen anbieten und mir nicht abgeneigt scheinen. Es ist
keine schner als die andere, und die Wahl unter ihnen scheint mir ein
bitteres Kraut zu sein."

Nun also," sprach Zs, da ihr in euerer Einbildungskraft von neun
solchen ganz gleichwerten Personen umgeben seid und in diesem
liebreizenden berflusse dennoch Mangel in euerem Herzen leidet,
ermesset danach meinen eigenen Zustand; und wie ihr an mir sahet, da
ich mich weisen und bescheidenen Herzens zu fassen wei, so nehmet
doch ein Beispiel an meiner Strke und gelobet mir und euch
untereinander, euch ferner zu vertragen und, wie ich liebevoll von
euch scheide, euch ebenso liebevoll voneinander zu trennen, wie auch
das Schicksal, das eurer wartet, entscheiden mge! So leget denn alle
eure Hnde zusammen in meine Hand und gelobt es!"

Ja, wahrhaftig," rief Jobst, ich will es wenigstens tun, an mir
soll's nicht fehlen!" und die andern zwei riefen eiligst: An mir auch
nicht, an mir auch nicht!" und sie legten alle die Hnde zusammen,
wobei sich jedoch jeder vornahm, auf alle Flle zu springen, sogut er
vermchte. An mir soll es wahrhaftig nicht fehlen!" wiederholte
Jobst, denn ich bin von Jugend auf barmherziger und eintrchtiger
Natur gewesen. Noch nie habe ich einen Streit gehabt und konnte nie
ein Tierlein leiden sehen; wo ich noch gewesen bin, habe ich mich gut
vertragen und das beste Lob geerntet ob meines geruhsamen Betragens;
denn obgleich ich gar manche Dinge auch ein bichen verstehe und ein
verstndiger junger Mann bin, so hat man nie gesehen, da ich mich in
etwas mischte, was mich nichts anging, und habe stets meine Pflicht
auf eine einsichtsvolle Weise getan. Ich kann arbeiten soviel ich
will, und es schadet mir nichts, da ich gesund und wohlauf bin und in
den besten Jahren! Alle meine Meisterinnen haben noch gesagt, ich sei
ein Tausendsmensch, ein Ausbund, und mit mir sei gut auskommen! Ach!
ich glaube wirklich selbst, ich knnte leben wie im Himmel mit Ihnen,
allerliebste Jungfer Zs!"

Ei!" sagte der Bayer eifrig, das glaub' ich wohl, das wre auch
keine Kunst, mit der Jungfer wie im Himmel zu leben! Das wollt' ich
mir auch zutrauen, denn ich bin nicht auf den Kopf gefallen! Mein
Handwerk versteh' ich aus dem Grund und wei die Dinge in Ordnung zu
halten, ohne ein Unwort zu verlieren. Nirgends habe ich Hndel
bekommen, obgleich ich in den grten Stdten gearbeitet habe, und
niemals habe ich eine Katze geschlagen oder eine Spinne gettet. Ich
bin mig und enthaltsam und mit jeder Nahrung zufrieden, und ich wei
mich am Geringfgigsten zu vergngen und damit zufrieden zu sein. Aber
ich bin auch gesund und munter und kann etwas aushalten, ein gutes
Gewissen ist das beste Lebenselixier, alle Tiere lieben mich und
laufen mir nach, weil sie mein gutes Gewissen wittern, denn bei einem
ungerechten Menschen wollen sie nicht bleiben. Ein Pudelhund ist mir
einst drei Tage lang nachgefolgt, als ich aus der Stadt Ulm verreiste,
und ich mute ihn endlich einem Bauersmann in Gewahrsam geben, da ich
als ein demtiger Handwerksgesell kein solches Tier ernhren konnte,
und als ich durch den Bhmerwald reiste, sind die Hirsche und Rehe auf
zwanzig Schritt noch stehen geblieben und haben sich nicht vor mir
gefrchtet. Es ist wunderbar, wie selbst die wilden Tiere sich bei den
Menschen auskennen und wissen, welche guten Herzens sind!"

Ja, das mu wahr sein!" rief der Schwabe, seht ihr nicht, wie dieser
Fink schon die ganze Zeit da vor mir herumfliegt und sich mir zu
nhern sucht? Und jenes Eichhrnchen auf der Tanne sieht sich
immerfort nach mir um, und hier kriecht ein kleiner Kfer allfort an
meinem Beine und will sich durchaus nicht vertreiben lassen. Dem mu
es gewi recht wohl sein bei mir, dem lieben guten Tierchen!"

Jetzt wurde aber Zs eiferschtig und sagte etwas heftig: Bei mir
wollen alle Tiere gern bleiben! Einen Vogel hab' ich acht Jahre gehabt
und er ist sehr ungern von mir weggestorben; unsere Katze streicht mir
nach, wo ich geh' und stehe, und des Nachbars Tauben drngen und
zanken sich vor meinem Fenster, wenn ich ihnen Brosamen streue!
Wunderbare Eigenschaften haben die Tiere je nach ihrer Art! Der Lwe
folgt gern den Knigen nach und den Helden, und der Elefant begleitet
den Frsten und den tapfern Krieger; das Kamel trgt den Kaufmann
durch die Wste und bewahrt ihm frisches Wasser in seinem Bauch, und
der Hund begleitet seinen Herrn durch alle Gefahren und strzt sich
fr ihn in das Meer! Der Delphin liebt die Musik und folgt den
Schiffen, und der Adler den Kriegsheeren. Der Affe ist ein
menschenhnliches Wesen und tut alles, was er die Menschen tun sieht,
und der Papagei versteht unsere Sprache und plaudert mit uns, wie ein
Alter! Selbst die Schlangen lassen sich zhmen und tanzen auf der
Spitze ihres Schwanzes; das Krokodil weint menschliche Trnen und wird
von den Brgern dort geachtet und verschont; der Strau lt sich
satteln und reiten wie ein Ro; der wilde Bffel ziehet den Wagen des
Menschen und das gehrnte Renntier seinen Schlitten. Das Einhorn
liefert ihm das schneeweie Elfenbein und die Schildkrte ihre
durchsichtigen Knochen--"

Mit Verlaub," sagten alle drei Kammacher zugleich, hierin irren Sie
sich gewilich, das Elfenbein wird aus den Elefantenzhnen gewonnen
und die Schildpattkmme macht man aus der Schale und nicht aus den
Knochen der Schildkrte!"

Zs wurde feuerrot und sagte: Das ist noch die Frage, denn ihr habt
gewi nicht gesehen, wo man es hernimmt, sondern verarbeitet nur die
Stcke; ich irre mich sonst selten, doch sei dem wie ihm wolle, so
lasset mich ausreden; nicht nur die Tiere haben ihre merkwrdigen von
Gott eingepflanzten Besonderheiten, sondern selbst das tote Gestein,
so aus den Bergen gegraben wird. Der Kristall ist durchsichtig wie
Glas, der Marmor aber hart und gedert, bald wei und bald schwarz;
der Bernstein hat elektrische Eigenschaften und ziehet den Blitz an;
aber dann verbrennt er und riecht wie Weihrauch. Der Magnet zieht
Eisen an, auf die Schiefertafel kann man schreiben, aber nicht auf den
Diamant, denn dieser ist hart wie Stahl; auch gebraucht ihn der Glaser
zum Glasschneiden, weil er klein und spitzig ist. Ihr sehet, liebe
Freunde, da ich auch ein weniges von den Tieren zu sagen wei! Was
aber mein Verhltnis zu ihnen betrifft, so ist dies zu bemerken: Die
Katze ist ein schlaues und listiges Tier und ist daher nur schlauen
und listigen Menschen anhnglich; die Taube aber ist ein Sinnbild der
Unschuld und Einfalt und kann sich nur von einfltigen, schuldlosen
Seelen angezogen fhlen. Da mir nun Katzen und Tauben anhnglich sind,
so folgt hieraus, da ich klug und einfltig, schlau und unschuldig
zugleich bin, wie es denn auch heit: Seid klug wie die Schlangen und
einfltig wie die Tauben! Auf diese Weise knnen wir allerdings die
Tiere und ihr Verhltnis zu uns wrdigen und manches daraus lernen,
wenn wir die Sache recht zu betrachten wissen."

Die armen Gesellen wagten nicht ein Wort weiter zu sagen; Zs hatte
sie gut zugedeckt und sprach noch viele hochtrabende Dinge
durcheinander, da ihnen Hren und Sehen verging. Sie bewunderten aber
Zsis Geist und Beredsamkeit, und in solcher Bewunderung dnkte sich
keiner zu schlecht, das Kleinod zu besitzen, besonders da diese Zierde
eines Hauses so wohlfeil war und nur in einer rastlosen Zunge bestand.
Ob sie selbst dessen, was sie so hoch stellen, auch wert seien und
etwas damit anzufangen wten, fragen sich solche Schwachkpfe zu
allerletzt oder auch gar nicht, sondern sie sind wie die Kinder,
welche nach allem greifen, was ihnen in die Augen glnzt, von allen
bunten Dingen die Farben abschlecken und ein Schellenspiel ganz in den
Mund stecken wollen, statt es blo an die Ohren zu halten. So
erhitzten sie sich immer mehr in der Begierde und Einbildung, diese
ausgezeichnete Person zu erwerben, und je schnder, herzlos er und
eitler Zsens unsinnige Phrasen wurden, desto gerhrter und
jmmerlicher waren die Kammacher daran. Zugleich fhlten sie einen
heftigen Durst von dem trockenen Obste, welches sie inzwischen
aufgegessen; Jobst und der Bayer suchten im Gehlz nach Wasser, fanden
eine Quelle und tranken sich voll kaltes Wasser. Der Schwabe hingegen
hatte listigerweise ein Flschchen mitgenommen, in welchem er
Kirschgeist mit Wasser und Zucker gemischt, welches liebliche Getrnk
ihn strken und ihm einen Vorschub gewhren sollte beim Laufen; denn
er wute, da die anderen zu sparsam waren, um etwas mitzunehmen oder
eine Einkehr zu halten. Dies Flschchen zog er jetzt eilig hervor,
whrend jene sich mit Wasser fllten, und bot es der Jungfer Zs an;
sie trank es halb aus, es schmeckte ihr vortrefflich und erquickte sie
und sie sah den Dietrich dabei berquer ganz holdselig an, da ihm der
Rest, welchen er selber trank, so lieblich schmeckte wie Cyperwein und
ihn gewaltig strkte. Er konnte sich nicht enthalten, Zsis Hand zu
ergreifen und ihr zierlich die Fingerspitzen zu kssen; sie tippte ihm
leicht mit dem Zeigefinger auf die Lippen und er tat, als ob er danach
schnappen wollte und machte dazu ein Maul, wie ein lchelnder Karpfen;
Zs schmunzelte falsch und freundlich, Dietrich schmunzelte schlau und
slich; sie saen auf der Erde sich gegenber und ttschelten
zuweilen mit den Schuhsohlen gegeneinander, wie wenn sie sich mit den
Fen die Hnde geben wollten. Zs beugte sich ein wenig vornber und
legte die Hand auf seine Schulter, und Dietrich wollte eben dieses
holde Spiel erwidern und fortsetzen, als der Sachse und der Bayer
zurckkamen und bleich und sthnend zuschauten. Denn es war ihnen von
dem vielen Wasser, welches sie an die genossenen Backbirnen
geschttet, pltzlich elend geworden und das Herzeleid, welches sie
bei dem Anblicke den spielenden Paares empfanden, vereinigte sich mit
dem den Gefhle des Bauches, so da ihnen der kalte Schwei auf der
Stirne stand. Zs verlor aber die Fassung nicht, sondern winkte ihnen
beraus freundlich zu und rief: Kommet, ihr Lieben, und setzet euch
doch auch noch ein bichen zu mir her, da wir noch ein Weilchen und
zum letztenmal unsere Eintracht und Freundschaft genieen!" Jobst und
Fridolin drngten sich hastig herbei und streckten ihre Beine aus; Zs
lie dem Schwaben die eine Hand, gab Jobsten die andere und berhrte
mit den Fen Fridolins Stiefelsohlen, whrend sie mit dem Angesicht
einen nach dem andern der Reihe nach anlchelte. So gibt es Virtuosen,
welche viele Instrumente zugleich spielen, auf dem Kopfe ein
Glockenspiel schtteln, mit dem Munde die Panspfeife blasen, mit den
Hnden die Gitarre spielen, mit den Knien die Zimbel schlagen, mit dem
Fu den Dreiangel und mit den Ellbogen eine Trommel, die ihnen auf dem
Rcken hngt.

Dann aber erhob sie sich von der Erde, strich ihr Kleid, welches sie
sorgfltig aufgeschrzt hatte, zurecht und sagte: Nun ist es wohl Zeit,
liebe Freunde! da wir uns aufmachen und da ihr euch zu jenem
ernsthaften Gange rstet, welchen euch der Meister in seiner Torheit
auferlegt, wir aber als die Anordnung eines hheren Geschickes ansehen!
Tretet diesen Weg an voll schnen Eifers, aber ohne Feindschaft noch
Neid gegeneinander, und berlasset dem Sieger willig die Krone!" Wie
von einer Wespe gestochen, sprangen die Gesellen auf und stellten sich
 auf die Beine. Da standen sie nun und sollten mit denselben einander
den Rang ablaufen, mit denselben guten Beinen, welche bislang nur in
bedachtem, ehrbarem Schritt gewandelt! Keiner wute sich mehr zu
entsinnen, da er je einmal gesprungen oder gelaufen wre; am ehesten
 schien sich noch der Schwabe zu trauen und mit den Fen sogar leise
zu scharren und dieselben ungeduldig zu heben. Sie  sahen sich ganz
sonderbar und verdchtig an, waren bleich und schwitzten dabei, als ob
sie schon im heftigsten Laufen begriffen wren.

Gebet euch," sagte Zs, noch einmal die Hand!" Sie taten es, aber so
willenlos und lssig, da die drei Hnde kalt voneinander abglitten
und abfielen wie Bleihnde. Sollen wir denn wirklich das Torenwerk
beginnen?" sagte Jobst und wischte sich die Augen, welche anfingen zu
trufeln. Ja," versetzte der Bayer, sollen wir wirklich laufen und
springen?" und begann zu weinen. Und Sie, allerliebste Jungfer
Bnzlin?" sagte Jobst heulend, wie werden Sie sich denn verhalten?"
Mir geziemt," antwortete sie und hielt sich das Schnupftuch vor die
Augen, mir geziemt zu schweigen, zu leiden und zuzusehen!" Der Schwabe
sagte freundlich und listig: Aber dann nachher, Jungfer Zsi?" O
Dietrich!" erwiderte sie sanft, wissen Sie nicht, da es heit, der
Zug des Schicksals ist des Herzens Stimme?" Und dabei sah sie ihn von
der Seite so verblmt an, da er abermals die Beine hob und Lust
versprte, sogleich in Trab zu geraten. Whrend die zwei Nebenbuhler
ihre kleinen Felleisenfuhrwerke in Ordnung brachten und Dietrich das
gleiche tat, streifte sie abermals mit Nachdruck seinen Ellbogen oder
trat ihm auf den Fu; auch wischte sie ihm den Staub von dem Hute,
lchelte aber gleichzeitig den andern zu, wie wenn sie den Schwaben
auslachte, doch so, da es dieser nicht sehen konnte. Alle drei bliesen
jetzt mchtig die Backen auf und sandten groe Seufzer in die Luft. Sie
sahen sich um nach allen Seiten, nahmen die Hte ab, wischten sich den
Schwei von der Stirn, strichen die steif geklebten Haare und setzten
die Hte wieder auf. Nochmals schauten sie nach allen Winden und
schnappten nach Luft. Zs erbarmte sich ihrer und war so gerhrt,
da sie selbst weinte. Hier sind noch drei drre Pflaumen," sagte
sie, nehmt jeder eine in den Mund und behaltet sie darin, das wird
euch erquicken! So ziehet denn dahin und kehret die Torheit der
Schlechten um in Weisheit der Gerechten! Was sie zum Mutwillen
ausgesonnen, das verwandelt in ein erbauliches Werk der Prfung und
der Selbstbeherrschung, in eine sinnreiche Schluhandlung eines
langjhrigen Wohlverhaltens und Wettlaufes in der Tugend!" Jedem
steckte sie die Pflaume in den Mund, und er sog daran. Jobst drckte
die Hand auf seinen Magen und rief: Wenn es denn sein mu, so sei es
in Himmels Namen!" und pltzlich fing er, indem er den Stock erhob,
mit stark gebogenen Knien mchtig an auszuschreiten und zog sein
Felleisen an sich. Kaum sah dies Fridolin, so folgte er ihm nach mit
langen Schritten, und ohne sich ferner umzusehen, eilten sie schon
ziemlich hastig die Strae hinab.

Der Schwabe war der letzte, der sich aufmachte, und ging mit listig
vergngtem Gesicht und scheinbar ganz gemchlich neben Zs her, wie
wenn er seiner Sache sicher und edelmtig seinen Gefhrten einen
Vorsprung gnnen wollte. Zs belobte seine freundliche Gelassenheit
und hing sich vertraulich an seinen Arm. Ach, es ist doch schn,"
sagte sie mit einem Seufzer, eine feste Sttze zu haben im Leben!
Selbst wenn man hinlnglich begabt ist mit Klugheit und Einsicht und
einen tugendhaften Weg wandelt, so geht es sich auf diesem Wege doch
viel gemtlicher am vertrauten Freundesarme!" Der Tausend, ei ja
wohl, das wollte ich wirklich meinen!" erwiderte Dietrich und stie
ihr den Ellbogen tchtig in die Seite, indem er zugleich nach seinen
Nebenbuhlern sphte, ob der Vorsprung auch nicht zu gro wrde, sehen
Sie wohl, werteste Jungfer! Kommt es Ihnen allendlich? Merken Sie, wo
Barthel den Most holt?" O Dietrich, lieber Dietrich," sagte sie mit
einem noch viel strkeren Seufzer, ich fhle mich oft recht einsam!"
Hopsele, so mu es kommen!" rief er und sein Herz hpfte wie ein
Hschen im Weikohl. O Dietrich!" rief sie und drckte sich fester an
ihn; es ward ihm schwl und sein Herz wollte zerspringen vor pfiffigem
Vergngen; aber zugleich entdeckte er, da seine Vorlufer nicht mehr
sichtbar, sondern um eine Ecke herum verschwunden waren. Sogleich
wollte er sich losreien von Zsis Arm und jenen nachspringen; aber
sie hielt ihn so fest, da es ihm nicht gelang, und klammerte sich an,
wie wenn sie schwach wrde. Dietrich!" flsterte sie, die Augen
verdrehend, lassen Sie mich jetzt nicht allein, ich vertraue auf Sie,
sttzen Sie mich!" Den Teufel noch einmal, lassen Sie mich los,
Jungfer!" rief er ngstlich, oder ich komm' zu spt und dann ade
Zipfelmtze!" Nein, nein! Sie drfen mich nicht verlassen, ich fhle,
mir wird bel!" jammerte sie. bel oder nicht bel!" schrie er und
ri sich gewaltsam los; er sprang auf eine Erhhung und sah sich um
und sah die Lufer schon im vollen Rennen weit den Berg hinunter. Nun
setzte er zum Sprung an, schaute sich aber im selben Augenblick noch
einmal nach Zs um. Da sah er sie, wie sie am Eingange eines engen
schattigen Waldpfades sa und lieblich lockend ihm mit den Hnden
winkte. Diesem Anblicke konnte er nicht widerstehen, sondern eilte,
statt den Berg hinunter, wieder zu ihr hin. Als sie ihn kommen sah,
stand sie auf und ging tiefer in das Holz hinein, sich nach ihm
umsehend; denn sie dachte ihn auf alle Weise vom Laufen abzuhalten und
so lange zu vexieren, bis er zu spt kme und nicht in Seldwyl bleiben
knne.

Allein der erfindungsreiche Schwabe nderte zu selber Zeit seine
Gedanken und nahm sich vor, sein Heil hier oben zu erkmpfen, und so
geschah es, da es ganz anders kam, als die listige Person es hoffte.
Sobald er sie erreicht und an einem verborgenen Pltzchen mit ihr
allein war, fiel er ihr zu Fen und bestrmte sie mit den feurigsten
Liebeserklrungen, welche ein Kammacher je gemacht hat. Erst suchte
sie ihm Ruhe zu gebieten und, ohne ihn fortzuscheuchen, auf gute
Manier hinzuhalten, indem sie alle ihre Weisheiten und Anmutungen
spielen lie. Als er ihr aber Himmel und Hlle vorstellte, wozu ihm
sein aufgeregter und gespannter Unternehmungsgeist herrliche
Zauberworte verlieh, als er sie mit Zrtlichkeiten jeder Art
berhufte und bald ihrer Hnde, bald ihrer Fue sich zu bemchtigen
suchte und ihren Leib und ihren Geist, alles was an ihr war, lobte und
rhmte, da der Himmel htte grn werden mgen, als dazu die Witterung
und der Wald so still und lieblich waren, verlor Zs endlich den
Kompa, als ein Wesen, dessen Gedanken am Ende doch so kurz sind als
seine Sinne; ihr Herz krabbelte so ngstlich und wehrlos, wie ein
Kfer, der auf dem Rcken liegt, und Dietrich besiegte es in jeder
Weise. Sie hatte ihn in dies Dickicht verlockt, um ihn zu verraten,
und war im Handumdrehen von dem Schwbchen erobert; dies geschah
nicht, weil sie etwa eine besonders verliebte Person war, sondern weil
sie als eine kurze Natur trotz aller eingebildeten Weisheit doch nicht
ber ihre eigene Nase wegsah. Sie blieben wohl eine Stunde in dieser
kurzweiligen Einsamkeit, umarmten sich immer aufs neue und gaben sich
tausend Kchen. Sie schwuren sich ewige Treue und in aller
Aufrichtigkeit und wurden einig, sich zu heiraten auf alle Flle.

Unterdessen hatte sich in der Stadt die Kunde von dem seltsamen
Unternehmen der drei Gesellen verbreitet und der Meister selbst zu
seiner Belustigung die Sache bekannt gemacht; deshalb freuten sich die
Seldwyler auf das unverhoffte Schauspiel und waren begierig, die
gerechten und ehrbaren Kammacher zu ihrem Spae laufen und ankommen zu
sehen. Eine groe Menschenmenge zog vor das Tor und lagerte sich zu
beiden Seiten der Strae, wie wenn man einen Schnellufer erwartet.
Die Knaben kletterten auf die Bume, die Alten und Rckgesetzten saen
im Grase und rauchten ihr Pfeifchen, zufrieden, da sich ihnen ein so
wohlfeiles Vergngen aufgetan. Selbst die Herren waren ausgerckt, um
den Hauptspa mit anzusehen, saen frhlich diskurierend in den Grten
und Lauben der Wirtshuser und bereiteten eine Menge Wetten vor. In
den Straen, durch welche die Lufer kommen muten, waren alle Fenster
geffnet, die Frauen hatten in den Visitenstuben rote und weie Kissen
ausgelegt, die Arme darauf zu legen, und zahlreichen Damenbesuch
empfangen, so da frhliche Kaffeegesellschaften aus dem Stegreif
entstanden und die Mgde genug zu laufen hatten, um Kuchen und
Zwieback zu holen. Vor dem Tore aber sahen jetzt die Buben auf den
hchsten Bumen eine kleine Staubwolke sich nhern und begannen zu
rufen: Sie kommen, sie kommen!" Und nicht lange dauerte es, so kamen
Fridolin und Jobst wirklich wie ein Sturmwind herangesaust, mitten auf
der Strae, eine dicke Wolke Staubes aufrhrend. Mit der einen Hand
zogen sie die Felleisen, welche wie toll ber die Steine flogen, mit
der andern hielten sie die Hte fest, welche ihnen' im Nacken saen,
und ihre langen Rcke flogen und wehten um die Wette. Beide waren von
Schwei und Staub bedeckt, sie sperrten den Mund auf und lechzten nach
Atem, sahen und hrten nichts, was um sie her vorging und dicke Trnen
rollten den armen Mnnern ber die Gesichter, welche sie nicht
abzuwischen Zeit hatten. Sie liefen sich dicht auf den Fersen, doch
war der Bayer voraus um eine Spanne. Ein entsetzliches Geschrei und
Gelchter erhob sich und drhnte, so weit das Ohr reichte. Alles
raffte sich auf und drngte sich dicht an den Weg, von allen Seiten
rief es: So recht, so recht! Lauft, wehr' dich, Sachs! Halt dich
brav, Bayer! Einer ist schon abgefallen, es sind nur noch zwei!" Die
Herren in den Grten standen auf den Tischen und wollten sich
ausschtten vor Lachen. Ihr Gelchter drhnte aber donnernd und fest
ber den haltlosen Lrm der Menge weg, die auf der Strae lagerte, und
gab das Signal zu einem unerhrten Freudentage. Die Buben und das
Gesindel strmten hinter den zwei armen Gesellen zusammen und ein
wilder Haufen, eine furchtbare Wolke erregend, wlzte sich mit ihnen
dem Tore zu; selbst Weiber und junge Gassenmdchen liefen mit und
mischten ihre hellen quiekenden Stimmen in das Geschrei der Burschen.
Schon waren sie dem Tore nah, dessen Trme von Neugierigen besetzt
waren, die ihre Mtzen schwenkten; die zwei rannten wie scheu
gewordene Pferde, das Herz voll Qual und Angst; da kniete ein
Gassenjunge wie ein Kobold auf Jobstens fahrendes Felleisen und lie
sich unter dem Beifallsgeschrei der Menge mitfahren. Jobst wandte sich
und flehte ihn an, loszulassen, auch schlug er mit dem Stocke nach
ihm; aber der Junge duckte sich und grinste ihn an. Darber gewann
Fridolin einen greren Vorsprung, und wie Jobst es merkte, warf er
ihm den Stock zwischen die Fe, da er hinstrzte. Wie aber Jobst
ber ihn wegspringen wollte, erwischte ihn der Bayer am Rockscho und
zog sich daran in die Hhe; Jobst schlug ihm auf die Hnde und schrie:
La los, la los!" Fridolin lie aber nicht los, Jobst packte dafr
seinen Rockscho und nun hielten sie sich gegenseitig fest und drehten
sich langsam zum Tore hinein, nur zuweilen einen Sprung versuchend, um
einer dem andern zu entrinnen. Sie weinten, schluchzten und heulten
wie Kinder und schrien in unsglicher Beklemmung: O Gott, la los! Du
lieber Heiland, la los, Jobst! La los, Fridolin! La los, du Satan!"
Dazwischen schlugen sie sich fleiig auf die Hnde, kamen aber immer
um ein weniges vorwrts. Hut und Stock hatten sie verloren, zwei Buben
trugen dieselben, die Hte auf die Stcke gesteckt, voran und hinter
ihnen her wlzte sich der tobende Haufen; alle Fenster waren von der
Damenwelt besetzt, welche ihr silbernes Gelchter in die unten tosende
Brandung warf, und seit langer Zeit war man nicht mehr so frhlich
gestimmt gewesen in dieser Stadt. Das rauschende Vergngen schmeckte
den Bewohnern so gut, da kein Mensch den zwei Ringenden ihr Ziel
zeigte, des Meisters Haus, an welchem sie endlich angelangt. Sie
selben sahen es nicht, sie sahen berhaupt nichts, und so wlzte sich
der tolle Zug durch das ganze Stdtchen und zum anderen Tore wieder
hinaus. Der Meister hatte lachend unter dem Fenster gelegen, und
nachdem er noch ein Stndchen auf den endlichen Sieger gewartet,
wollte er eben weggehen, um die Frchte seines Schwankes zu genieen,
als Dietrich und Zs still und unversehens bei ihm eintraten.

Diese hatten nmlich unterdessen ihre Gedanken zusammengetan und
beraten, da der Kammachermeister wohl geneigt sein drfte, da er doch
nicht lang mehr machen wrde, sein Geschft gegen eine bare Summe zu
verkaufen. Zs wollte ihren Gltbrief dazu hergeben und der Schwabe
sein Geldchen auch dazutun, und dann wren sie die Herren der Sachlage
und knnten die andern zwei auslachen. Sie trugen ihre Vereinigung dem
berraschten Meister vor; diesem leuchtete es sogleich ein, hinter dem
Rcken seiner Glubiger, ehe es zum Bruch kam, noch schnell den Handel
abzuschlieen und unverhofft des baren Kaufpreises habhaft zu werden.
Rasch wurde alles festgestellt, und ehe die Sonne unterging, war
Jungfer Bnzlin die rechtmige Besitzerin des Kammachergeschftes und
ihr Brutigam der Mieter des Hauses, in welchem dasselbe lag, und so
war Zs, ohne es am Morgen geahnt zu haben, endlich erobert und
gebunden durch die Handlichkeit des Schwbchens.

Halbtot vor Scham, Mattigkeit und rger lagen Jobst und Fridolin in
der Herberge, wohin man sie gefhrt hatte, nachdem sie auf dem freien
Felde endlich umgefallen waren, ganz ineinander verbissen. Die ganze
Stadt, da sie einmal aufgeregt war, hatte die Ursache schon vergessen
und feierte eine lustige Nacht. In vielen Husern wurde getanzt und in
den Schenken wurde gezecht und gesungen, wie an den grten
Seldwylertagen; denn die Seldwyler brauchten nicht viel Zeug, um mit
Meisterhand eine Lustbarkeit daraus zu formen. Als die beiden armen
Teufel sahen, wie ihre Tapferkeit, mit welcher sie gedacht hatten, die
Torheit der Welt zu benutzen, nur dazu gedient hatte, dieselbe
triumphieren zu lassen und sich selbst zum allgemeinen Gesptt zu
machen, wollte ihnen das Herz brechen; denn sie hatten nicht nur den
weisen Plan mancher Jahre verfehlt und vernichtet, sondern auch den
Ruhm besonnener und rechtlich ruhiger Leute eingebt.

Jobst, der der lteste war und sieben Jahre hier gewesen, war ganz
verloren und konnte sich nicht zurechtfinden. Ganz schwermtig zog er
vor Tag wieder aus der Stadt, und hing sich an der Stelle, wo sie alle
gestern gesessen, an einen Baum. Als der Bayer eine Stunde spter da
vorberkam und ihn erblickte, fate ihn ein solches Entsetzen, da er
wie wahnsinnig davonrannte, sein ganzes Wesen vernderte und, wie man
nachher hrte, ein liederlicher Mensch und alter Handwerksbursch
wurde, der keines Menschen Freund war.

Dietrich der Schwabe allein blieb ein Gerechter und hielt sich oben in
dem Stdtchen; aber er hatte nicht viel Freude davon; denn Zs lie
ihm gar nicht den Ruhm, regierte und unterdrckte ihn und betrachtete
sich selbst als die alleinige Quelle alles Guten.

*       *       *       *       *



SPIEGEL, DAS KTZCHEN

EIN MRCHEN

Wenn ein Seldwyler einen schlechten Handel gemacht hat oder angefhrt
worden ist, so sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer
abgekauft! Dies Sprichwort ist zwar auch anderwrts gebruchlich, aber
nirgends hrt man es so oft wie dort, was vielleicht daher rhren mag,
da es in dieser Stadt eine alte Sage gibt ber den Ursprung und die
Bedeutung dieses Sprichwortes.

Vor mehreren hundert Jahren, heit es, wohnte in Seldwyla eine
ltliche Person allein mit einem schnen, grau und schwarzen Ktzchen,
welches in aller Vergngtheit und Klugheit mit ihr lebte und
niemandem, der es ruhig lie, etwas zuleide tat. Seine einzige
Leidenschaft war die Jagd, welche es jedoch mit Vernunft und Migung
befriedigte, ohne sich durch den Umstand, da diese Leidenschaft
zugleich einen ntzlichen Zweck hatte und seiner Herrin wohlgefiel,
beschnigen zu wollen und allzusehr zur Grausamkeit hinreien zu
lassen. Es fing und ttete daher nur die zudringlichsten und frechsten
Muse, welche sich in einem gewissen Umkreise des Hauses betreten
lieen, aber diese dann mit zuverlssiger Geschicklichkeit; nur selten
verfolgte es eine besonders pfiffige Maus, welche seinen Zorn gereizt
hatte, ber diesen Umkreis hinaus und erbat sich in diesem Falle mit
vieler Hflichkeit von den Herren Nachbarn die Erlaubnis, in ihren
Husern ein wenig mausen zu drfen, was ihm gerne gewhrt wurde, da es
die Milchtpfe stehenlie, nicht an die Schinken hinaufsprang, welche
etwa an den Wnden hingen, sondern seinem Geschfte still und
aufmerksam oblag und, nachdem es dieses verrichtet, sich mit dem
Muslein im Maule anstndig entfernte. Auch war das Ktzchen gar nicht
scheu und unartig, sondern zutraulich gegen jedermann, und floh nicht
vor vernnftigen Leuten; vielmehr lie es sich von solchen einen guten
Spa gefallen und selbst ein bichen an den Ohren zupfen, ohne zu
kratzen; dagegen lie es sich von einer Art dummer Menschen, von
welchen es behauptete, da die Dummheit aus einem unreifen und
nichtsnutzigen Herzen kme, nicht das mindeste gefallen und ging ihnen
entweder aus dem Wege oder versetzte ihnen einen ausreichenden Hieb
ber die Hand, wenn sie es mit einer Plumpheit molestierten.

Spiegel, so war der Name des Ktzchens wegen seines glatten und
glnzenden Pelzes, lebte so seine Tage heiter, zierlich und
beschaulich dahin, in anstndiger Wohlhabenheit und ohne berhebung.
Er sa nicht zu oft auf der Schulter seiner freundlichen Gebieterin,
um ihr die Bissen von der Gabel wegzufangen, sondern nur, wenn er
merkte, da ihr dieser Spa angenehm war, auch lag und schlief er den
Tag ber selten auf seinem warmen Kissen hinter dem Ofen, sondern
hielt sich munter und liebte es eher, auf einem schmalen
Treppengelnder oder in der Dachrinne zu liegen und sich
philosophischen Betrachtungen und der Beobachtung der Welt zu
berlassen. Nur jeden Frhling und Herbst einmal wurde dies ruhige
Leben eine Woche lang unterbrochen, wenn die Veilchen blhten oder die
milde Wrme des Altweibersommers die Veilchenzeit nachffte. Alsdann
ging Spiegel seine eigenen Wege, streifte in verliebter Begeisterung
ber die fernsten Dcher und sang die allerschnsten Lieder. Als ein
rechter Don Juan bestand er bei Tag und Nacht die bedenklichsten
Abenteuer, und wenn er sich zur Seltenheit einmal im Hause sehen lie,
so erschien er mit einem so verwegenen, burschikosen, ja liederlichen
und zerzausten Aussehen, da die stille Person, seine Gebieterin, fast
unwillig ausrief: Aber Spiegel! Schmst du dich denn nicht, ein
solches Leben zu fhren?" Wer sich aber nicht schmte, war Spiegel;
als ein Mann von Grundstzen, der wohl wute, was er sich zur
wohlttigen Abwechslung erlauben durfte, beschftigte er sich ganz
ruhig damit, die Gltte seines Pelzes und die unschuldige Munterkeit
seines Aussehens wiederherzustellen, und er fuhr sich so unbefangen
mit dem feuchten Pftchen ber die Nase, als ob gar nichts geschehen
wre.

Allein dies gleichmige Leben nahm pltzlich ein trauriges Ende. Als
das Ktzchen Spiegel eben in der Blte seiner Jahre stand, starb die
Herrin unversehens an Altersschwche und lie das schne Ktzchen
herrenlos und verwaist zurck. Es war das erste Unglck, welches ihm
widerfuhr, und mit jenen Klagetnen, welche so schneidend den bangen
Zweifel an der wirklichen und rechtmigen Ursache eines groen
Schmerzes ausdrcken, begleitete es die Leiche bis auf die Strae und
strich den ganzen brigen Tag ratlos im Hause und rings um dasselbe
her. Doch seine gute Natur, seine Vernunft und Philosophie geboten ihm
bald, sich zu fassen, das Unabnderliche zu tragen und seine dankbare
Anhnglichkeit an das Haus seiner toten Gebieterin dadurch zu
beweisen, da er ihren ladenden Erben seine Dienste anbot und sich
bereitmachte, denselben mit Rat und Tat beizustehen, die Muse ferner
im Zaume zu halten und berdies ihnen manche gute Mitteilung zu
machen, welche die Trichten nicht verschmht htten, wenn sie eben
nicht unvernnftige Menschen gewesen wren. Aber diese Leute lieen
Spiegel gar nicht zu Wort kommen, sondern warfen ihm die Pantoffeln
und das artige Fuschemelchen der Seligen an den Kopf, sooft er sich
blicken lie, zankten sich acht Tage lang untereinander, begannen
endlich einen Proze und schlossen das Haus bis auf weiteres zu, so
da nun gar niemand darin wohnte.

Da sa nun der arme Spiegel traurig und verlassen auf der steinernen
Stufe vor der Haustre und hatte niemand, der ihn hineinlie. Des
Nachts begab er sich wohl auf Umwegen unter das Dach den Hauses, und
im Anfang hielt er sich einen groen Teil den Tages dort verborgen und
suchte seinen Kummer zu verschlafen; doch der Hunger trieb ihn bald an
das Licht und ntigte ihn, an der warmen Sonne und unter den Leuten zu
erscheinen, um bei der Hand zu sein und zu gewrtigen, wo sich etwa
ein Maulvoll geringer Nahrung neigen mchte. Je seltener dies geschah,
desto aufmerksamer wurde der gute Spiegel, und alle seine moralischen
Eigenschaften gingen in dieser Aufmerksamkeit auf, so da er sehr bald
sich selber nicht mehr gleichsah. Er machte zahlreiche Ausflge von
seiner Haustre aus und stahl sich scheu und flchtig ber die Strae,
um manchmal mit einem schlechten, unappetitlichen Bissen, dergleichen
er frher nie gesehen, manchmal mit gar nichts zurckzukehren. Er
wurde von Tag zu Tag magerer und zerzauster, dabei gierig, kriechend
und feig; all sein Mut, seine zierliche Katzenwrde, seine Vernunft
und Philosophie waren dahin. Wenn die Buben aus der Schule kamen, so
kroch er in einen verborgenen Winkel, sobald er sie kommen hrte, und
guckte nur hervor, um aufzupassen, welcher von ihnen etwa eine
Brotrinde wegwrfe, und merkte sich den Ort, wo sie hinfiel. Wenn der
schlechteste Kter von weitem ankam, so sprang er hastig fort, whrend
er frher gelassen der Gefahr ins Auge geschaut und bse Hunde oft
tapfer gezchtigt hatte. Nur wenn ein grober und einfltiger Mensch
daherkam, dergleichen er sonst klglich gemieden, blieb er sitzen,
obgleich das arme Ktzchen mit dem Reste seiner Menschenkenntnis den
Lmmel recht gut erkannte; allein die Not zwang Spiegelchen, sich zu
tuschen und zu hoffen, da der Schlimme ausnahmsweise einmal es
freundlich streicheln und ihm einen Bissen darreichen werde. Und
selbst wenn er statt dessen nun doch geschlagen oder in den Schwanz
gekneift wrde, so kratzte er nicht, sondern duckte sich lautlos zur
Seite und sah dann noch verlangend nach der Hand, die es geschlagen
und gekneift, und welche nach Wurst oder Hering roch.

Als der edle und kluge Spiegel so heruntergekommen war, sa er eines
Tages ganz mager und traurig auf seinem Stein und blinzelte in der
Sonne. Da kam der Stadthexenmeister Pinei des Weges, sah das Ktzchen
und stand vor ihm still. Etwas Gutes hoffend, obgleich es den
Unheimlichen wohl kannte, sa Spiegelchen demtig auf dem Stein und
erwartete, was der Herr Pinei etwa tun oder sagen wrde. Als dieser
aber begann und sagte: Na, Katze! Soll ich dir deinen Schmer
abkaufen?" da verlor es die Hoffnung, denn es glaubte, der
Stadthexenmeister wolle es seiner Magerkeit wegen verhhnen. Doch
erwiderte er bescheiden und lchelnd, um es mit niemand zu verderben:
Ach, der Herr Pinei belieben zu scherzen!" Mitnichten!" rief
Pinei, es ist mir voller Ernst! Ich brauche Katzenschmer vorzglich
zur Hexerei; aber er mu mir vertragsmig und freiwillig von den
werten Herren Katzen abgetreten werden, sonst ist er unwirksam. Ich
denke, wenn je ein wackeres Ktzlein in der Lage war, einen
vorteilhaften Handel abzuschlieen, so bist es du! Begib dich in
meinen Dienst; ich fttere dich herrlich heraus, mache dich fett und
kugelrund mit Wrstchen und gebratenen Wachteln. Auf dem ungeheuer
hohen alten Dache meines Hauses, welches nebenbei gesagt das
kstlichste Dach von der Welt ist fr eine Katze, voll interessanter
Gegenden und Winkel, wchst auf den sonnigsten Hhen treffliches
Spitzgras, grn wie Smaragd, schlank und fein in den Lften
schwankend, dich einladend, die zartesten Spitzen abzubeien und zu
genieen, wenn du dir an meinen Leckerbissen eine leichte
Unverdaulichkeit zugezogen hast. So wirst du bei trefflicher
Gesundheit bleiben und mir dereinst einen krftigen brauchbaren Schmer
liefern!"

Spiegel hatte schon lngst die Ohren gespitzt und mit wsserndem
Mulchen gelauscht; doch war seinem geschwchten Verstande die Sache
noch nicht klar und er versetzte daher: Das ist soweit nicht bel,
Herr Pinei! Wenn ich nur wte, wie ich alsdann, wenn ich doch, um
Euch meinen Schmer abzutreten, mein Leben lassen mu, des verabredeten
Preises habhaft werden und ihn genieen soll, da ich nicht mehr bin?"
Des Preises habhaft werden?" sagte der Hexenmeister verwundert, den
Preis genieest du ja eben in den reichlichen und ppigen Speisen,
womit ich dich fettmache, das versteht sich von selber! Doch will ich
dich zu dem Handel nicht zwingen!" Und er machte Miene, sich von
dannen begeben zu wollen. Aber Spiegel sagte hastig und ngstlich:
Ihr mt mir wenigstens eine mige Frist gewhren ber die Zeit
meiner hchsten erreichten Rundheit und Fettigkeit hinaus, da ich
nicht so jhlings von hinnen gehen mu, wenn jener angenehme und ach!
so traurige Zeitpunkt herangekommen und entdeckt ist!"

Es sei!" sagte Herr Pinei mit anscheinender Gutmtigkeit, bis zum
nchsten Vollmond sollst du dich alsdann deines angenehmen Zustandes
erfreuen drfen, aber nicht lnger! Denn in den abnehmenden Mond
hinein darf es nicht gehen, weil dieser einen verminderten Einflu auf
mein wohlerworbenes Eigentum ausben wrde."

Das Ktzchen beeilte sich zuzuschlagen und unterzeichnete einen
Vertrag, welchen der Hexenmeister im Vorrat bei sich fhrte, mit
seiner scharfen Handschrift, welche sein letztes Besitztum und Zeichen
besserer Tage war.

Du kannst dich nun zum Mittagessen bei mir einfinden, Kater!" sagte
der Hexer, Punkt zwlf Uhr wird gegessen!" Ich werde so frei sein,
wenn Ihr's erlaubt!" sagte Spiegel und fand sich pnktlich um die
Mittagsstunde bei Herrn Pinei ein. Dort begann nun whrend einiger
Monate ein hchst angenehmes Leben fr das Ktzchen; denn es hatte auf
der Welt weiter nichts zu tun, als die guten Dinge zu verzehren, die
man ihm vorsetzte, dem Meister bei der Hexerei zuzuschauen, wenn es
mochte, und auf dem Dache spazierenzugehen. Dies Dach glich einem
ungeheuren schwarzen Nebelspalter oder Dreirhrenhut, wie man die
groen Hte der schwbischen Bauern nennt, und wie ein solcher Hut ein
Gehirn voller Ncken und Finten berschattet, so bedeckte dies Dach
ein groes, dunkles und winkliges Haus voll Hexenwerk und
Tausendsgeschichten. Herr Pinei war ein Kannalles, welcher hundert
mtchen versah, Leute kurierte, Wanzen vertilgte, Zhne auszog und
Geld auf Zinsen lieh; er war der Vormnder aller Waisen und Witwen,
schnitt in seinen Muestunden Federn, das Dutzend fr einen Pfennig,
und machte schne schwarze Tinte; er handelte mit Ingwer und Pfeffer,
mit Wagenschmiere und Rosoli, mit Hftlein und Schuhngeln, er
renovierte die Turmuhr und machte jhrlich den Kalender mit der
Witterung, den Bauernregeln, und dem Aderlamnnchen; er verrichtete
zehntausend rechtliche Dinge am hellen Tag um migen Lohn, und einige
unrechtliche nur in der Finsternis und aus Privatleidenschaft, oder
hing auch den rechtlichen, ehe er sie aus seiner Hand entlie, schnell
noch ein unrechtliches Schwnzchen an, so klein wie die Schwnzchen
der jungen Frsche, gleichsam nur der Possierlichkeit wegen. berdies
machte er das Wetter in schwierigen Zeiten, berwachte mit seiner
Kunst die Hexen, und wenn sie reif waren, lie er sie verbrennen; fr
sich trieb er die Hexerei nur als wissenschaftlichen Versuch und zum
Hausgebrauch, sowie er auch die Stadtgesetze, die er redigierte und
ins reine schrieb, unter der Hand probierte und verdrehte, um ihre
Dauerhaftigkeit zu ergrnden. Da die Seldwyler stets einen solchen
Brger brauchten, der alle unlustigen kleinen und groen Dinge fr sie
tat, so war er zum Stadthexenmeister ernannt worden und bekleidete
dies Amt schon seit vielen Jahren mit unermdlicher Hingebung und
Geschicklichkeit, frh und spt. Daher war sein Haus von unten bis
oben vollgestopft mit allen erdenklichen Dingen, und Spiegel hatte
viel Kurzweil, alles zu besehen und zu beriechen. Doch im Anfang
gewann er keine Aufmerksamkeit fr andere Dinge, als fr das Essen. Er
schlang gierig alles hinunter, was Pinei ihm darreichte, und mochte
kaum von einer Zeit zur andern warten. Dabei berlud er sich den Magen
und mute wirklich auf das Dach gehen, um dort von den grnen Grsern
abzubeien und sich von allerhand Unwohlsein zu kurieren. Als der
Meister diesen Heihunger bemerkte, freute er sich und dachte, das
Ktzchen wrde solcherweise recht bald fett werden, und je besser er
daran wende, desto klger verfahre und spare er im ganzen. Er baute
daher fr Spiegel eine ordentliche Landschaft in seiner Stube, indem
er ein Wldchen von Tannenbumchen aufstellte, kleine Hgel von
Steinen und Moos errichtete und einen kleinen See anlegte. Auf die
Bumchen setzte er duftig gebratene Lerchen, Finken, Meisen und
Sperlinge, je nach der Jahreszeit, so da da Spiegel immer etwas
herunterzuholen und zu knabbern vorfand. In die kleinen Berge
versteckte er in knstlichen Mauslchern herrliche Muse, welche er
sorgfltig mit Weizenmehl gemstet, dann ausgeweidet, mit zarten
Speckriemchen gespickt und gebraten hatte. Einige dieser Muse konnte
Spiegel mit der Hand hervorholen, andere waren zur Erhhung des
Vergngens tiefer verborgen, aber an einen Faden gebunden, an welchem
Spiegel sie behutsam hervorziehen mute, wenn er diese Lustbarkeit
einer nachgeahmten Jagd genieen wollte. Das Becken des Sees aber
fllte Pinei alle Tage mit frischer Milch, damit Spiegel in der sen
seinen Durst lsche, und lie gebratene Grndlinge darin schwimmen, da
er wute, da Katzen zuweilen auch die Fischerei lieben. Aber da nun
Spiegel ein so herrliches Leben fhrte, tun und lassen, essen und
trinken konnte, was ihm beliebte und wann es ihm einfiel, so gedieh er
allerdings zusehends an seinem Leibe; sein Pelz wurde wieder glatt und
glnzend und sein Auge munter; aber zugleich nahm er, da sich seine
Geisteskrfte in gleichem Mae wieder ansammelten, bessere Sitten an;
die wilde Gier legte sich, und weil er jetzt eine traurige Erfahrung
hinter sich hatte, so wurde er nun klger als zuvor. Er migte sich
in seinen Gelsten und fra nicht mehr als ihm zutrglich war, indem
er zugleich wieder vernnftigen und tiefsinnigen Betrachtungen
nachhing und die Dinge weder durchschaute. So holte er eines Tages
einen hbschen Krammetsvogel von den sten herunter, und als er
denselben nachdenklich zerlegte, fand er dessen kleinen Magen ganz
kugelrund angefllt mit frischer unversehrter Speise. Grne Krutchen,
artig zusammengerollt, schwarze und weie Samenkrner und eine
glnzendrote Beere waren da so niedlich und dicht ineinander
gepfropft, als ob ein Mtterchen fr ihren Sohn das Rnzchen zur Reise
gepackt htte. Als Spiegel den Vogel langsam verzehrt und das so
vergnglich gefllte Mglein an seine Klaue hing und philosophisch
betrachtete, rhrte ihn das Schicksal des armen Vogels, welcher nach
so friedlich verbrachtem Geschft so schnell sein Leben lassen gemut,
da er nicht einmal die eingepackten Sachen verdauen konnte. Was hat
er nun davon gehabt, der arme Kerl," sagte Spiegel, da er sich so
fleiig und eifrig genhrt hat, da dies kleine Sckchen aussieht, wie
ein wohl vollbrachtes Tagewerk? Diese rote Beere ist es, die ihn aus
dem freien Walde in die Schlinge des Vogelstellers gelockt hat. Aber
er dachte doch seine Sache noch besser zu machen und sein Leben an
solchen Beeren zu fristen, whrend ich, der ich soeben den
unglcklichen Vogel gegessen, daran mich nur um einen Schritt nher
zum Tode gegessen habe! Kann man einen elenderen und feigeren Vertrag
abschlieen, als sein Leben noch ein Weilen fristenzulassen, um es
dann um diesen Preis doch zu verlieren? Wre nicht ein freiwilliger
und schneller Tod vorzuziehen gewesen fr einen entschlossenen Kater?
Aber ich habe keine Gedanken gehabt, und nun da ich wieder solche
habe, sehe ich nichts vor mir, als das Schicksal dieses
Krammetsvogels; wenn ich rund genug bin, so mu ich von hinnen, aus
keinem andern Grunde, als weil ich rund bin. Ein schner Grund fr
einen lebenslustigen und gedankenreichen Katzmann! Ach, knnte ich aus
dieser Schlinge kommen!" Er vertiefte sich nun in vielfltige
Grbeleien, wie das gelingen mchte; aber da die Zeit der Gefahr noch
nicht da war, so wurde es ihm nicht klar und er fand keinen Ausweg;
aber als ein kluger Mann ergab er sich bis dahin der Tugend der
Selbstbeherrschung, welches immer die beste Vorschule und
Zeitverwendung ist, bis sich etwas entscheiden soll. Er verschmhte
das weiche Kissen, welches ihm Pinei zurechtgelegt hatte, damit er
fleiig darauf schlafen und fett werden sollte, und zog es vor, wieder
auf schmalen Gesimsen und hohen gefhrlichen Stellen zu liegen, wenn
er ruhen wollte. Ebenso verschmhte er die gebratenen Vgel und die
gespickten Muse und fing sich lieber auf den Dchern, da er nun
wieder einen rechtmigen Jagdgrund hatte, mit List und Gewandtheit
einen schlichten lebendigen Sperling, oder auf den Speichern eine
flinke Maus, und solche Beute schmeckte ihm vortrefflicher, als das
gebratene Wild in Pineiens knstlichem Gehege, whrend sie ihn nicht
zu fett machte; auch die Bewegung und Tapferkeit, sowie der
wiedererlangte Gebrauch der Tugend und Philosophie verhinderten ein zu
schnelles Fettwerden, so da Spiegel zwar gesund und glnzend aussah,
aber zu Pineiens Verwunderung auf einer gewissen Stufe der
Beleibtheit stehen blieb, welche lange nicht das erreichte, was der
Hexenmeister mit seiner freundlichen Mstung bezweckte; denn dieser
stellte sich darunter ein kugelrundes, schwerflliges Tier vor,
welches sich nicht vom Ruhekissen bewegte und aus eitel Schmer
bestand. Aber hierin hatte sich seine Hexerei eben geirrt und er wute
bei aller Schlauheit nicht, da wenn man einen Esel fttert, derselbe
ein Esel bleibt, wenn man aber einen Fuchsen speiset, derselbe nichts
anders wird als ein Fuchs; denn jede Kreatur wchst sich nach ihrer
Weise aus. Als Herr Pinei entdeckte, wie Spiegel immer auf demselben
Punkte einer wohlgenhrten, aber geschmeidigen und zgigen Schlankheit
stehen blieb, ohne eine erkleckliche Fettigkeit anzusetzen, stellte er
ihn eines Abends pltzlich zur Rede und sagte barsch: Was ist das,
Spiegel? Warum frissest du die guten Speisen nicht, die ich dir mit so
viel Sorgfalt und Kunst prpariere und herstelle? Warum fngst du die
gebratenen Vgel nicht auf den Bumen, warum suchst du die leckeren
Muschen nicht in den Berghhlen? Warum fischest du nicht mehr in dem
See? Warum pflegst du dich nicht? Warum schlfst du nicht auf dem
Kissen? Warum strapazierst du dich und wirst mir nicht fett?" Ei,
Herr Pinei!" sagte Spiegel, weil es mir wohler ist auf diese Weise!
Soll ich meine kurze Frist nicht auf die Art verbringen, die mir am
angenehmsten ist!" Wie!" rief Pinei, du sollst so leben, da du
dick und rund wirst und nicht dich abjagen! Ich merke aber wohl, wo du
hinauswillst! Du denkst mich zu ffen und hinzuhalten, da ich dich in
Ewigkeit in diesem Mittelzustande herumlaufen lasse? Mitnichten soll
dir das gelingen! Es ist deine Pflicht, zu essen und zu trinken und
dich zu pflegen, auf da du dick werdest und Schmer bekommst! Auf der
Stelle entsage daher dieser hinterlistigen und kontraktwidrigen
Migkeit, oder ich werde ein Wrtlein mit dir sprechen!" Spiegel
unterbrach sein behagliches Spinnen, das er angefangen, um seine
Fassung zu behaupten, und sagte: Ich wei kein Sterbenswrtchen
davon, da in dem Kontrakt steht, ich solle der Migkeit und einem
gesunden Lebenswandel entsagen! Wenn der Herr Stadthexenmeister darauf
gerechnet hat, da ich ein fauler Schlemmer sei, so ist das nicht
meine Schuld! Ihr tut tausend rechtliche Dinge des Tages, so lasset
dieses auch noch hinzukommen und uns beide hbsch in der Ordnung
bleiben; denn Ihr wit ja wohl, da Euch mein Schmer nur ntzlich ist,
wenn er auf rechtliche Weise erwachsen!" Ei du Schwtzer!" rief
Pinei erbost, willst du mich belehren? Zeig' her, wieweit bist du
denn eigentlich gediehen, du Miggnger? Vielleicht kann man dich
doch bald abtun!" Er griff dem Ktzchen an den Bauch; allein dieses
fhlte sich dadurch unangenehm gekitzelt und hieb dem Hexenmeister
einen scharfen Kratz ber die Hand. Diesen betrachtete Pinei
aufmerksam, dann sprach er: Stehen wir so miteinander, du Bestie?
Wohlan, so erklre ich dich hiermit feierlich, kraft des Vertrages,
fr fett genug! Ich begnge mich mit dem Ergebnis und werde mich
desselben zu versichern wissen! In fnf Tagen ist der Mond voll, und
bis dahin magst du dich noch deines Lebens erfreuen, wie es
geschrieben steht, und nicht eine Minute lnger!" Damit kehrte er ihm
den Rcken und berlie ihn seinen Gedanken.

Diese waren jetzt sehr bedenklich und dster; so war denn die Stunde
doch nahe, wo der gute Spiegel seine Haut lassen sollte? Und war mit
aller Klugheit gar nichts mehr zu machen? Seufzend stieg er auf das
hohe Dach, dessen Firste dunkel in den schnen Herbstabendhimmel
emporragten. Da ging der Mond ber der Stadt auf und warf seinen
Schein auf die schwarzen bemoosten Hohlziegel des alten Daches, ein
lieblicher Gesang tnte in Spiegels Ohren und eine schneeweie Ktzin
wandelte glnzend ber einen benachbarten First weg. Sogleich verga
Spiegel die Todesaussichten, in welchen er lebte, und erwiderte mit
seinem schnsten Katerliede den Lobgesang der Schnen. Er eilte ihr
entgegen und war bald im hitzigen Gefecht mit drei fremden Katern
begriffen, die er mutig und wild in die Flucht schlug. Dann machte er
der Dame feurig und ergeben den Hof und brachte Tag und Nacht bei ihr
zu, ohne an den Pinei zu denken oder im Hause sich sehenzulassen. Er
sang wie eine Nachtigall die schnen Mondnchte hindurch, jagte hinter
der weien Geliebten her ber die Dcher, durch die Grten, und rollte
mehr als einmal im heftigen Minnespiel oder im Kampfe mit den Rivalen
ber hohe Dcher hinunter und fiel auf die Strae; aber nur um sich
aufzuraffen, das Fell zu schtteln und die wilde Jagd seiner
Leidenschaften von neuem anzuheben. Stille und laute Stunden, se
Gefhle und sonniger Streit, anmutiges Zwiegesprch, witziger
Gedankenaustausch, Rnke und Schwnke der Liebe und Eifersucht,
Liebkosungen und Raufereien, die Gewalt des Glckes und die Leiden des
Unsterns lieen den verliebten Spiegel nicht zu sich selbst kommen,
und als die Scheibe des Mondes vollgeworden, war er von allen diesen
Aufregungen und Leidenschaften so heruntergekommen, da er
jmmerlicher, magerer und zerzauster aussah, als je. Im selben
Augenblicke rief ihm Pinei aus einem Dachtrmchen: Spiegelchen,
Spiegelchen! Wo bist du? Komm doch ein bichen nach Hause!"

Da schied Spiegel von der weien Freundin, welche zufrieden und khl
miauend ihrer Wege ging, und wandte sich stolz seinem Henker zu.
Dieser stieg in die Kche hinunter, raschelte mit dem Kontrakt und
sagte: Komm, Spiegelchen, komm, Spiegelchen!" und Spiegel folgte ihm
und setzte sich in der Hexenkche trotzig vor den Meister hin in all
seiner Magerkeit und Zerzaustheit. Als Herr Pinei erblickte, wie er
so schmhlich um seinen Gewinn gebracht war, sprang er wie besessen in
die Hhe und schrie wtend: Was seh' ich? Du Schelm, du gewissenloser
Spitzbube! Was hast du mir getan?" Auer sich vor Zorn griff er nach
einem Besen und wollte Spiegelein schlagen; aber dieser krmmte den
schwarzen Rcken, lie die Haare emporstarren, da ein fahler Schein
darber knisterte, legte die Ohren zurck, prustete und funkelte den
Alten so grimmig an, da dieser voll Furcht und Entsetzen drei Schritt
zurcksprang. Er begann zu frchten, da er einen Hexenmeister vor
sich habe, welcher ihn foppe und mehr knne, als er selbst. Ungewi
und kleinlaut sagte er: Ist der ehrsame Herr Spiegel vielleicht vom
Handwerk? Sollte ein gelehrter Zaubermeister beliebt haben, sich in
dero uere Gestalt zu verkleiden, da er nach Gefallen ber sein
Leibliches gebieten und genau so beleibt werden kann, als es ihm
angenehm dnkt, nicht zu wenig und nicht zu viel, oder unversehens so
mager wird, wie ein Gerippe, um dem Tode zu entschlpfen?"

Spiegel beruhigte sich wieder und sprach ehrlich: Nein, ich bin kein
Zauberer! Es ist allein die se Gewalt der Leidenschaft, welche mich
so heruntergebracht und zu meinem Vergngen Euer Fett dahingenommen
hat. Wenn wir brigens jetzt unser Geschft von neuem beginnen wollen,
so will ich tapfer dabei sein und dreinbeien! Setzt mir nur eine
recht schne und groe Bratwurst vor, denn ich bin ganz erschpft und
hungrig!" Da packte Pinei den Spiegel wtend am Kragen, sperrte ihn
in den Gnsestall, der immer leer war, und schrie: Da sieh zu, ob dir
deine se Gewalt der Leidenschaft noch einmal heraushilft und ob sie
strker ist, als die Gewalt der Hexerei und meines rechtlichen
Vertrages! Jetzt heit's: Vogel fri und stirb!" Sogleich briet er
eine lange Wurst, die so lecker duftete, da er sich nicht enthalten
konnte, selbst ein bichen an beiden Zipfeln zu lecken, ehe er sie
durch das Gitter steckte. Spiegel fra sie von vorn bis hinten auf,
und indem er sich behaglich den Schnurrbart putzte und den Pelz
leckte, sagte er zu sich selber: Meiner Seel! Es ist doch eine schne
Sache um die Liebe! Sie hat mich fr diesmal wieder aus der Schlinge
gezogen. Jetzt will ich mich ein wenig ausruhen und trachten, da ich
durch Beschaulichkeit und gute Nahrung wieder zu vernnftigen Gedanken
komme! Alles hat seine Zeit! Heute ein bichen Leidenschaft, morgen
ein wenig Besonnenheit und Ruhe, ist jedes in seiner Weise gut. Dies
Gefngnis ist gar nicht so bel und es lt sich gewi etwas
Ersprieliches darin ausdenken!" Pinei aber nahm sich nun zusammen
und bereitete alle Tage mit aller seiner Kunst solche Leckerbissen und
in solch reizender Abwechslung und Zutrglichkeit, da der gefangene
Spiegel denselben nicht widerstehen konnte; denn Pineiens Vorrat an
freiwilligem und rechtmigem Katzenschmer nahm alle Tage mehr ab und
drohte nchstens ganz auszugehen, und dann war der Hexer ohne dies
Hauptmittel ein geschlagener Mann. Aber der gute Hexenmeister nhrte
mit dem Leibe Spiegels dessen Geist immer wieder mit, und es war
durchaus nicht von dieser unbequemen Zutat loszukommen, weshalb auch
seine Hexerei sich hier als lckenhaft erwies.

Als Spiegel in seinem Kfig ihm endlich fett genug dnkte, sumte er
nicht lnger, sondern stellte vor den Augen des aufmerksamen Katers
alle Geschirre zurecht und machte ein helles Feuer auf dem Herd, um
den langersehnten Gewinn auszukochen. Dann wetzte er ein groes
Messer, ffnete den Kerker, zog Spiegelchen hervor, nachdem er die
Kchentre wohlverschlossen, und sagte wohlgemut: Komm, du
Sapperlter! Wir wollen dir den Kopf abschneiden vorderhand, und dann
das Fell abziehen! Dieses wird eine warme Mtze fr mich geben, woran
ich Einfltiger noch gar nicht gedacht habe! Oder soll ich dir erst
das Fell abziehen und dann den Kopf abschneiden?" Nein, wenn es Euch
gefllig ist," sagte Spiegel demtig, lieber zuerst den Kopf
abschneiden!" Hast recht, du armer Kerl!" sagte Herr Pinei, wir
wollen dich nicht unntz qulen! Alles was recht ist!" Dies ist ein
wahres Wort!" sagte Spiegel mit einem erbrmlichen Seufzer und legte
das Haupt ergebungsvoll auf die Seite, o htt' ich doch jederzeit
getan, was recht ist, und nicht eine so wichtige Sache leichtsinnig
unterlassen, so knnte ich jetzt mit besserem Gewissen sterben, denn
ich sterbe gern; aber ein Unrecht erschwert mir den sonst so
willkommenen Tod; denn was bietet mir das Leben? Nichts als Furcht,
Sorge und Armut und zur Abwechslung einen Sturm verzehrender
Leidenschaft, die noch schlimmer ist, als die stille zitternde
Furcht!" Ei, welches Unrecht, welche wichtige Sache?" fragte Pinei
neugierig. Ach was hilft das Reden jetzt noch," seufzte Spiegel,
geschehen ist geschehen und jetzt ist Reue zu spt!" Siehst du,
Sappermenter, was fr ein Snder du bist?" sagte Pinei, und wiewohl
du deinen Tod verdienst? Aber was tausend hast du denn angestellt?
Hast du mir vielleicht etwas entwendet, entfremdet, verdorben? Hast du
mir ein himmelschreiendes Unrecht getan, von dem ich noch gar nichts
wei, ahne, vermute, du Satan? Das sind mir schne Geschichten! Gut,
da ich noch dahinterkomme! Auf der Stelle beichte mir, oder ich
schinde und siede dich lebendig aus! Wirst du sprechen oder nicht?"
Ach nein!" sagte Spiegel, wegen Euch habe ich mir nichts
vorzuwerfen. Es betrifft die zehntausend Goldglden meiner seligen
Gebieterin--aber was hilft Reden!--Zwar--wenn ich bedenke und Euch
ansehe, so mchte es vielleicht doch nicht ganz zu spt sein--wenn ich
Euch betrachte, so sehe ich, da Ihr ein noch ganz schner und
rstiger Mann seid, in den besten Jahren--sagt doch, Herr Pinei! Habt
Ihr noch nie etwa den Wunsch versprt, Euch zu verehelichen, ehrbar
und vorteilhaft? Aber was schwatze ich! Wie wird ein so kluger und
kunstreicher Mann auf dergleichen mige Gedanken kommen! Wie wird ein
so ntzlich beschftigter Meister an trichte Weiber denken! Zwar
allerdings hat auch die Schlimmste noch irgendwas an sich, was etwa
ntzlich fr einen Mann ist, das ist nicht abzuleugnen! Und wenn sie
nur halbwegs was taugt, so ist eine gute Hausfrau etwa wei am Leibe,
sorgfltig im Sinne, zutulich von Sitten, treu von Herzen, sparsam im
Verwalten, aber verschwenderisch in der Pflege ihres Mannes,
kurzweilig in Worten und angenehm in ihren Taten, einschmeichelnd in
ihren Handlungen! Sie kt den Mann mit ihrem Munde und streichelt ihm
den Bart, sie umschliet ihn mit ihren Armen und kraut ihm hinter den
Ohren, wie er es wnscht, kurz, sie tut tausend Dinge, die nicht zu
verwerfen sind. Sie hlt sich ihm ganz nah zu oder in bescheidener
Entfernung, je nach seiner Stimmung, und wenn er seinen Geschften
nachgeht, so strt sie ihn nicht, sondern verbreitet unterdessen sein
Lob in und auer dem Hause; denn sie lt nichts an ihn kommen und
rhmt alles, was an ihm ist! Aber das Anmutigste ist die wunderbare
Beschaffenheit ihres zarten leiblichen Daseins, welche die Natur so
verschieden gemacht hat von unserm Wesen bei anscheinender
Menschenhnlichkeit, da es ein fortwhrendes Meerwunder in einer
glckhaften Ehe bewirkt und eigentlich die allerdurchtriebenste
Hexerei in sich birgt! Doch was schwatze ich da wie ein Tor an der
Schwelle des Todes! Wie wird ein weiser Mann auf dergleichen
Eitelkeiten sein Augenmerk richten! Verzeiht, Herr Pinei, und
schneidet mir den Kopf ab!"

Pinei aber rief heftig: So halt doch endlich inne, du Schwtzer! und
sage mir: Wo ist eine solche und hat sie zehntausend Goldglden?"

Zehntausend Goldglden?" sagte Spiegel.

Nun ja," rief Pinei ungeduldig, sprachest du nicht eben erst
davon?"

Nein," antwortete jener, das ist eine andere Sache! Die liegen
vergraben an einem Orte!"

Und was tun sie da, wem gehren sie?" schrie Pinei.

Niemand gehren sie, das ist eben meine Gewissensbrde, denn ich
htte sie unterbringen sollen! Eigentlich gehren sie jenem, der eine
solche Person heiratet, wie ich eben beschrieben habe. Aber wie soll
man drei solche Dinge zusammenbringen in dieser gottlosen Stadt:
zehntausend Goldglden, eine weie, feine und gute Hausfrau und einen
weisen rechtschaffenen Mann? Daher ist eigentlich meine Snde nicht
allzu gro, denn der Auftrag war zu schwer fr eine arme Katze!"

Wenn du jetzt", rief Pinei, nicht bei der Sache bleibst, und sie
verstndlich der Ordnung nach dartust, so schneide ich dir vorlufig
den Schwanz und beide Ohren ab! Jetzt fang an!"

Da Ihr es befehlt, so mu ich die Sache wohl erzhlen," sagte Spiegel
und setzte sich gelassen auf seine Hinterfe, obgleich dieser
Aufschub meine Leiden nur vergrert!" Pinei steckte das scharfe
Messer zwischen sich und Spiegel in die Diele und setzte sich
neugierig auf ein Fchen, um zuzuhren, und Spiegel fuhr fort:

Ihr wisset doch, Herr Pinei, da die brave Person, meine selige
Meisterin, unverheiratet gestorben ist als eine alte Jungfer, die in
aller Stille viel Gutes getan und niemandem zuwidergelebt hat. Aber
nicht immer war es um sie her so still und ruhig zugegangen, und
obgleich sie niemals von bsem Gemt gewesen, so hatte sie doch einst
viel Leid und Schaden angerichtet; denn in ihrer Jugend war sie das
schnste Frulein weit und breit, und was von jungen Herren und kecken
Gesellen in der Gegend war oder des Weges kam, verliebte sich in sie
und wollte sie durchaus heiraten. Nun hatte sie wohl groe Lust, zu
heiraten und einen hbschen, ehrenfesten und klugen Mann zu nehmen,
und sie hatte die Auswahl, da sich Einheimische und Fremde um sie
stritten und einander mehr als einmal die Degen in den Leib rannten,
um den Vorrang zu gewinnen. Es bewarben sich um sie und versammelten
sich khne und verzagte, listige und treuherzige, reiche und arme
Freier, solche mit einem guten und anstndigen Geschft, und solche,
welche als Kavaliere zierlich von ihren Renten lebten; dieser mit
diesen, jener mit jenen Vorzgen, beredt oder schweigsam, der eine
munter und liebenswrdig, und ein anderer schien es mehr in sich zu
haben, wenn er auch etwas einfltig aussah; kurz, das Frulein hatte
eine so vollkommene Auswahl, wie es ein mannbares Frauenzimmer sich
nur wnschen kann. Allein sie besa auer ihrer Schnheit ein schnes
Vermgen von vielen tausend Goldglden, und diese waren die Ursache,
da sie nie dazukam, eine Wahl treffen und einen Mann nehmen zu
knnen, denn sie verwaltete ihr Gut mit trefflicher Umsicht und
Klugheit und legte einen groen Wert auf dasselbe, und da nun der
Mensch immer von seinen eigenen Neigungen aus andere beurteilt, so
geschah es, da sie, sobald sich ihr ein achtungswerter Freier
genhert und ihr halbwegs gefiel, alsobald sich einbildete, derselbe
begehre sie nur um ihres Gutes willen. War einer reich, so glaubte
sie, er wrde sie doch nicht begehren, wenn sie nicht auch reich wre,
und von den Unbemittelten nahm sie vollends als gewi an, da sie nur
ihre Goldglden im Auge htten und sich daran gedchten gtlich zu
tun, und das arme Frulein, welches doch selbst so groe Dinge auf den
irdischen Besitz hielt, war nicht imstande, diese Liebe zu Geld und
Gut an ihren Freiern von der Liebe zu ihr selbst zu unterscheiden,
oder wenn sie wirklich etwa vorhanden war, dieselbe nachzusehen und zu
verzeihen. Mehrere Male war sie schon sogut wie verlobt und ihr Herz
klopfte endlich strker; aber pltzlich glaubte sie aus irgendeinem
Zuge zu entnehmen, da sie verraten sei und man einzig an ihr Vermgen
denke, und sie brach unverweilt die Geschichte entzwei und zog sich
voll Schmerzen, aber unerbittlich zurck. Sie prfte alle, welche ihr
nicht mifielen, auf hundert Arten, so da eine groe Gewandtheit dazu
gehrte, nicht in die Falle zu gehen, und zuletzt keiner mehr sich mit
einiger Hoffnung nhern konnte, als wer ein durchaus geriebener und
verstellter Mensch war, so da schon aus diesen Grnden endlich die
Wahl wirklich schwer wurde, weil solche Menschen dann zuletzt doch
eine unheimliche Unruhe erwecken und die peinlichste Ungewiheit bei
einer Schnen zurcklassen, je geriebener und geschickter sie sind.
Das Hauptmittel, ihre Anbeter zu prfen, war, da sie ihre
Uneigenntzigkeit auf die Probe stellte und sie alle Tage zu groen
Ausgaben, zu reichen Geschenken und zu wohlttigen Handlungen
veranlate. Aber sie mochten es machen, wie sie wollten, so trafen sie
doch nie das Rechte; denn zeigten sie sich freigebig und aufopfernd,
gaben sie glnzende Feste, brachten sie ihr Geschenke dar, oder
anvertrauten ihr betrchtliche Gelder fr die Armen, so sagte sie
pltzlich, dies alles geschehe nur, um mit einem Wrmchen den Lachs zu
fangen oder mit der Wurst nach der Speckseite zu werfen, wie man zu
sagen pflegt. Und sie vergabte die Geschenke sowohl wie das
anvertraute Geld an Klster und milde Stiftungen und speisete die
Armen; aber die betrogenen Freier wies sie unbarmherzig ab. Bezeigten
sich dieselben aber zurckhaltend oder gar knauserig, so war der Stab
sogleich ber sie gebrochen, da sie das noch viel bler nahm und daran
eine schnde und nackte Rcksichtslosigkeit und Eigenliebe zu erkennen
glaubte. So kam es, da sie, welche ein reines und nur ihrer Person
hingegebenes Herz suchte, zuletzt von lauter verstellten, listigen und
eigenschtigen Freiersleuten umgeben war, aus denen sie nie klug wurde
und die ihr das Leben verbitterten. Eines Tages fhlte sie sich so
mimutig und trostlos, da sie ihren ganzen Hof aus dem Hause wies,
dasselbe zuschlo und nach Mailand verreiste, wo sie eine Base hatte.
Als sie ber den Sankt Gotthard ritt auf einem Eselein, war ihre
Gesinnung so schwarz und schaurig, wie das wilde Gestein, das sich aus
den Abgrnden emportrmte, und sie fhlte die heftigste Versuchung,
sich von der Teufelsbrcke in die tobenden Gewsser der Reu
hinabzustrzen. Nur mit der grten Mhe gelang es den zwei Mgden,
die sie bei sich hatte, und die ich selbst noch gekannt habe, welche
aber nun schon lange tot sind, und dem Fhrer, sie zu beruhigen und
von der finstern Anwandlung abzubringen. Doch langte sie bleich und
traurig in dem schnen Land Italien an, und so blau dort der Himmel
war, wollten sich ihre dunklen Gedanken doch nicht aufhellen. Aber als
sie einige Tage bei ihrer Base verweilt, sollte unverhofft eine andere
Melodie ertnen und ein Frhlingsanfang in ihr aufgehen, von dem sie
his dato noch nicht viel gewut. Denn es kam ein junger Landsmann in
das Haus der Base, der ihr gleich beim ersten Anblick so wohl gefiel,
da man wohl sagen kann, sie verliebte sich jetzt von selbst und zum
erstenmal. Es war ein schner Jngling, von guter Erziehung und edlem
Benehmen, nicht arm und nicht reich zur Zeit, denn er hatte nichts als
zehntausend Goldgulden, welche er von seinen verstorbenen Eltern
ererbt und womit er, da er die Kaufmannschaft erlernt hatte, in
Mailand einen Handel mit Seide begrnden wollte; denn er war
unternehmend und klar von Gedanken und hatte eine glckliche Hand, wie
es unbefangene und unschuldige Leute oft haben; denn auch dies war der
junge Mann; er schien, so wohlgelehrt er war, doch so arglos und
unschuldig wie ein Kind. Und obgleich er ein Kaufmann war und ein so
unbefangenes Gemt, was schon zusammen eine kstliche Seltenheit ist,
so war er doch fest und ritterlich in seiner Haltung und trug sein
Schwert so keck zur Seite, wie nur ein gebter Kriegsmann es tragen
kann. Dies alles, sowie seine frische Schnheit und Jugend bezwangen
das Herz des Fruleins dermaen, da sie kaum an sich halten konnte
und ihm mit groer Freundlichkeit begegnete. Sie wurde wieder heiter,
und wenn sie dazwischen auch traurig war, so geschah dies in dem
Wechsel der Liebesfurcht und Hoffnung, welche immerhin ein edleres und
angenehmeres Gefhl war, als jene peinliche Verlegenheit in der Wahl,
welche sie frher unter den vielen Freiern empfunden. Jetzt kannte sie
nur eine Mhe und Besorgnis, diejenige nmlich, dem schnen und guten
Jngling zu gefallen, und je schner sie selbst war, desto demtiger
und unsicherer war sie jetzt, da sie zum ersten Male eine wahre
Neigung gefat hatte. Aber auch der junge Kaufmann hatte noch nie eine
solche Schnheit gesehen, oder war wenigstens noch keiner so nahe
gewesen, und von ihr so freundlich und artig behandelt worden. Da sie
nun, wie gesagt, nicht nur schn, sondern auch gut von Herzen und fein
von Sitten war, so ist es nicht zu verwundern, da der offene und frische
Jngling, dessen Herz noch ganz frei und unerfahren war, sich ebenfalls
in sie verliebte und das mit aller Kraft und Rckhaltlosigkeit, die in seiner
ganzen Natur lag. Aber vielleicht htte das nie jemand erfahren,  wenn er
in seiner Einfalt nicht aufgemuntert worden wre durch des Fruleins
Zutulichkeit, welche er mit heimlichem Zittern und Zagen fr eine
Erwiderung seiner Liebe zu halten wagte, da er selber keine Verstellung
kannte. Doch bezwang er sich einige Wochen und glaubte die Sache zu
verheimlichen; aber jeder sah ihm von weitem an, da er zum Sterben
verliebt war, und wenn er irgend in die Nhe des Fruleins geriet oder sie
nur genannt wurde, so sah man auch gleich, in wen er verliebt war. Er war
aber nicht lange verliebt, sondern begann wirklich zu lieben mit aller
Heftigkeit seiner Jugend, soda ihm das Frulein das Hchste und Beste
auf der Welt wurde, an welches er ein fr allemal das Heil und den
ganzen Wert seiner eigenen Person setzte. Dies gefiel ihr ber die Maen
wohl; denn es war in allem, was er sagte oder tat, eine andere Art, als sie
bislang erfahren, und dies bestrkte und rhrte sie so tief, da sie
nun gleichermaen der strksten Liebe anheimfiel und nun nicht mehr
von einer Wahl fr sie die Rede war. Jedermann sah diese Geschichte
spielen, und es wurde offen darber gesprochen und vielfach gescherzt.
Dem Frulein war es hchlich wohl dabei, und indem ihr das Herz vor
banger Erwartung zerspringen wollte, half sie den Roman von ihrer
Seite doch ein wenig verwickeln und ausspinnen, um ihn recht
auszukosten und zu genieen. Denn der junge Mann beging in seiner
Verwirrung so kstliche und kindliche Dinge, dergleichen sie niemals
erfahren, und fr sie einmal schmeichelhafter und angenehmer waren als
das andere. Er aber in seiner Gradheit und Ehrlichkeit konnte es nicht
lange so aushalten; da jeder darauf anspielte und sich einen Scherz
erlaubte, so schien es ihm eine Komdie zu werden, als deren
Gegenstand ihm seine Geliebte viel zu gut und heilig war, und was ihr
ausnehmend behagte, das machte ihn bekmmert, ungewi und verlegen um
sie selber. Auch glaubte er sie zu beleidigen und zu hintergehen, wenn
er da lange eine so heftige Leidenschaft zu ihr herumtrge und
unaufhrlich an sie denke, ohne da sie eine Ahnung davon habe, was
doch gar nicht schicklich sei und ihm selber nicht recht! Daher sah
man ihm eines Morgens von weitem an, da er etwas vorhatte, und er
bekannte ihr seine Liebe in einigen Worten, um es einmal und nie zum
zweitenmal zu sagen, wenn er nicht glcklich sein sollte. Denn er war
nicht gewohnt zu denken, da ein solches schnes und wohlbeschaffenes
Frulein etwa nicht ihre wahre Meinung sagen und nicht auch gleich zum
erstenmal ihr unwiderrufliches Ja oder Nein erwidern sollte. Er war
ebenso zart gesinnt als heftig verliebt, ebenso sprde als kindlich
und ebenso stolz als unbefangen, und bei ihm galt es gleich auf Tod
und Leben, auf Ja oder Nein, Schlag um Schlag. In demselben
Augenblicke aber, in welchem das Frulein sein Gestndnis anhrte, das
sie so sehnlich erwartet, berfiel sie ihr altes Mitrauen, und es
fiel ihr zur unglcklichen Stunde ein, da ihr Liebhaber ein Kaufmann
sei, welcher am Ende nur ihr Vermgen zu erlangen wnsche, um seine
Unternehmungen zu erweitern. Wenn er daneben auch ein wenig in ihre
Person verliebt sein sollte, so wre ja das bei ihrer Schnheit kein
sonderliches Verdienst und nur um so emprender, wenn sie eine bloe
erwnschte Zugabe zu ihrem Golde vorstellen sollte. Anstatt ihm daher
ihre Gegenliebe zu gestehen und ihn wohl aufzunehmen, wie sie am
liebsten getan htte, ersann sie auf der Stelle eine neue List, um
seine Hingebung zu prfen, und nahm eine ernste, fast traurige Miene
an, indem sie ihm vertraute, wie sie bereits mit einem jungen Mann
verlobt sei in ihrer Heimat, welchen sie auf das allerherzlichste
liebe. Sie habe ihm das schon mehrmals mitteilen wollen, da sie ihn,
den Kaufmann nmlich, als Freund sehr lieb habe, wie er habe wohl
sehen knnen aus ihrem Benehmen, und sie vertraue ihm wie einem
Bruder. Aber die ungeschickten Scherze, welche in der Gesellschaft
aufgekommen seien, htten ihr eine vertrauliche Unterhaltung
erschwert; da er nun aber selbst sie mit feinem braven und edlen
Herzen berrascht und dasselbe vor ihr aufgetan, so knne sie ihm fr
seine Neigung nicht besser danken, als indem sie ihm ebenso offen sich
anvertraue. Ja, fuhr sie fort, nur demjenigen knne sie angehren,
welchen sie einmal erwhlt habe, und nie wrde es ihr mglich sein,
ihr Herz einem anderen Mannsbilde zuzuwenden, dies stehe mit goldenem
Feuer in ihrer Seele geschrieben und der liebe Mann wisse selbst
nicht, wie lieb er ihr sei, so wohl er sie auch kenne! Aber ein trber
Unstern htte sie betroffen; ihr Brutigam sei ein Kaufmann, aber so
arm wie eine Maus; darum htten sie den Plan gefat, da er aus den
Mitteln der Braut einen Handel begrnden solle; der Anfang sei gemacht
und alles auf das beste eingeleitet, die Hochzeit sollte in diesen
Tagen gefeiert werden, da wollte ein unverhofftes Migeschick, da ihr
ganzes Vermgen pltzlich ihr angetastet und abgestritten wrde und
vielleicht fr immer verloren gehe, whrend der arme Brutigam in
nchster Zeit seine ersten Zahlungen zu leisten habe an die Mailnder
und Venezianischen Kaufleute, worauf sein ganzer Kredit, sein Gedeihen
und seine Ehre beruhe, nicht zu sprechen von ihrer Vereinigung und
glcklichen Hochzeit! Sie sei in der Eile nach Mailand gekommen, wo
sie begterte Verwandte habe, um da Mittel und Auswege zu finden; aber
zu einer schlimmen Stunde sei sie gekommen, denn nichts wolle sich
fgen und schicken, whrend der Tag immer nher rcke, und wenn sie
ihrem Geliebten nicht helfen knne, so msse sie sterben vor
Traurigkeit. Denn es sei der liebste und beste Mensch, den man sich
denken knne, und wrde sicherlich ein groer Kaufherr werden, wenn
ihm geholfen wrde, und sie kenne kein anderes Glck mehr auf Erden,
als dann dessen Gemahlin zu sein! Als sie diese Erzhlung beendet,
hatte sich der arme schne Jngling schon lange entfrbt und war
bleich wie ein weies Tuch. Aber er lie keinen Laut der Klage
vernehmen und sprach nicht ein Sterbenswrtchen mehr von sich selbst
und von seiner Liebe, sondern fragte blo traurig, auf wieviel sich
denn die eingegangenen Verpflichtungen des glcklich unglcklichen
Brutigams beliefen? Auf zehntausend Goldgulden! antwortete sie noch
viel trauriger. Der junge traurige Kaufherr stand auf, ermahnte das
Frulein, guten Mutes zu sein, da sich gewi ein Ausweg zeigen werde,
und entfernte sich von ihr, ohne da er sie anzusehen wagte, so sehr
fhlte er sich betroffen und beschmt, da er sein Auge auf eine Dame
geworfen, die so treu und leidenschaftlich einen andern liebte. Denn
der Arme glaubte jedes Wort von ihrer Erzhlung wie ein Evangelium.
Dann begab er sich ohne Sumnis zu seinen Handelsfreunden und brachte
sie durch Bitten und Einbung einer gewissen Summe dahin, seine
Bestellungen und Einkufe wieder rckgngig zu machen, welche er
selbst in diesen Tagen auch grad mit seinen zehntausend Goldgulden
bezahlen sollte und worauf er seine ganze Laufbahn bauete, und ehe
sechs Stunden verflossen waren, erschien er wieder bei dem Frulein
mit seinem ganzen Besitztum und bat sie um Gottes willen, diese
Aushilfe von ihm annehmen zu wollen. Ihre Augen funkelten vor
freudiger berraschung und ihre Brust pochte wie ein Hammerwerk; sie
fragte ihn, wo er denn dies Kapital hergenommen, und er erwiderte, er
habe es auf seinen guten Namen geliehen und wrde es, da seine
Geschfte sich glcklich wendeten, ohne Unbequemlichkeit
zurckerstatten knnen. Sie sah ihm deutlich an, da er log und da es
sein einziges Vermgen und ganze Hoffnung war, welche er ihrem Glcke
opferte; doch stellte sie sich, als glaubte sie seinen Worten. Sie
lie ihren freudigen Empfindungen freien Lauf und tat grausamerweise,
als ob diese dem Glcke glten, nun doch ihren Erwhlten retten und
heiraten zu drfen, und sie konnte nicht Worte finden, ihre
Dankbarkeit auszudrcken. Doch pltzlich besann sie sich und erklrte,
nur unter einer Bedingung die gromtige Tat annehmen zu knnen, da
sonst alles Zureden unntz wre. Befragt, worin diese Bedingung
bestehe, verlangte sie das heilige Versprechen, da er an einem
bestimmten Tage sich bei ihr einfinden wolle, um ihrer Hochzeit
beizuwohnen und der beste Freund und Gnner ihres zuknftigen
Ehegemahls zu werden, sowie der treuste Freund, Schtzer und Berater
ihrer selbst. Errtend bat er sie, von diesem Begehren abzustehen;
aber umsonst wandte er alle Grnde an, um sie davon abzubringen,
umsonst stellte er ihr vor, da seine Angelegenheiten jetzt nicht
erlaubten, nach der Schweiz zurckzureisen, und da er von einem
solchen Abstecher einen erheblichen Schaden erleiden wrde. Sie
beharrte entschieden auf ihrem Verlangen und schob ihm sogar sein Geld
wieder zu, da er sich nicht dazu verstehen wollte. Endlich versprach
er es, aber er mute ihr die Hand daraufgeben und es ihr bei seiner
Ehre und Seligkeit beschwren. Sie bezeichnete ihm genau den Tag und
die Stunde, wann er eintreffen solle, und alles dies mute er bei
seinem Christenglauben und bei seiner Seligkeit beschwren. Erst dann
nahm sie sein Opfer an und lie den Schatz vergngt in ihre
Schlafkammer tragen, wo sie ihn eigenhndig in ihrer Reisetruhe
verschlo und den Schlssel in den Busen steckte. Nun hielt sie sich
nicht lnger in Mailand auf, sondern reiste ebenso frhlich ber den
Sankt Gotthard zurck, als schwermtig sie hergekommen war. Auf der
Teufelsbrcke, wo sie hatte hinabspringen wollen, lachte sie wie eine
Unkluge und warf mit hellem Jauchzen ihrer wohlklingenden Stimme einen
Granatbltenstrau in die Reu, welchen sie vor der Brust trug, kurz,
ihre Lust war nicht zu bndigen, und es war die frhlichste Reise, die
je getan wurde. Heimgekehrt, ffnete und lftete sie ihr Haus von oben
bis unten und schmckte es, als ob sie einen Prinzen erwartete. Aber
zu Hupten ihres Bettes legte sie den Sack mit den zehntausend
Goldgulden und legte des Nachts den Kopf so glckselig auf den harten
Klumpen, und schlief darauf, wie wenn es das weichste Flaumkissen
gewesen wre. Kaum konnte sie den verabredeten Tag erwarten, wo sie
ihn sicher kommen sah, da sie wute, da er nicht das einfachste
Versprechen, geschweige denn einen Schwur brechen wrde, und wenn es
ihm um das Leben ginge. Aber der Tag brach an und der Geliebte
erschien nicht, und es vergingen viele Tage und Wochen, ohne da er
von sich hren lie. Da fing sie an allen Gliedern an zu zittern und
verfiel in die grte Angst und Bangigkeit; sie schickte Briefe ber
Briefe nach Mailand, aber niemand wute ihr zu sagen, wo er geblieben
sei. Endlich aber stellte es sich durch einen Zufall heraus, da der
junge Kaufherr aus einem blutroten Stck Seidendamast, welches er von
seinem Handelsanfang her im Haus liegen und bereits bezahlt hatte,
sich ein Kriegskleid hatte anfertigen lassen und unter die Schweizer
gegangen war, welche damals eben im Solde des Knigs Franz von
Frankreich den Mailndischen Krieg mitstritten. Nach der Schlacht bei
Pavia, in welcher so viele Schweizer das Leben verloren, wurde er auf
einem Haufen erschlagener Spaniolen liegend gefunden, von vielen
tdlichen Wunden zerrissen und sein rotes Seidengewand von unten bis
oben zerschlitzt und zerfetzt. Eh' er den Geist aufgab, jagte er einem
neben ihm liegenden Seldwyler, der minder bel zugerichtet war,
folgende Botschaft ins Gedchtnis und bat ihn, dieselbe auszurichten,
wenn er mit dem Leben davonkme: Liebstes Frulein! Obgleich ich Euch
bei meiner Ehre, bei meinem Christenglauben und bei meiner Seligkeit
geschworen habe, auf Euerer Hochzeit zu erscheinen, so ist es mir
dennoch nicht mglich gewesen, Euch nochmals zu sehen und einen andern
des hchsten Glckes teilhaftig zu erblicken, das es fr mich geben
knnte. Dieses habe ich erst in Euerer Abwesenheit versprt und habe
vorher nicht gewut, welch eine strenge und unheimliche Sache es ist
um solche Liebe, wie ich zu Euch habe, sonst wrde ich mich
zweifelsohne besser davor gehtet haben. Da es aber einmal so ist, so
wollte ich lieber meiner weltlichen Ehre und meiner geistlichen
Seligkeit verloren und in die ewige Verdammnis eingehen als ein
Meineidiger, denn noch einmal in Euerer Nhe erscheinen mit einem
Feuer in der Brust, welches strker und unauslschlicher ist als das
Hllenfeuer, und mich dieses kaum wird verspren lassen. Betet nicht
etwa fr mich, schnstes Frulein, denn ich kann und werde nie selig
werden ohne Euch, sei es hier oder dort, und somit lebet glcklich und
seid gegrt!' So hatte in dieser Schlacht, nach welcher Knig
Franziskus sagte: Alles verloren, auer der Ehre!' der unglckliche
Liebhaber alles verloren, die Hoffnung, die Ehre, das Leben und die
ewige Seligkeit, nur die Liebe nicht, die ihn verzehrte. Der Seldwyler
kam glcklich davon, und sobald er sich in etwas erholt und auer
Gefahr sah, schrieb er die Worte des Umgekommenen getreu auf seine
Schreibtafel, um sie nicht zu vergessen, reiste nach Hause, meldete
sich bei dem unglcklichen Frulein und las ihr die Botschaft so steif
und kriegerisch vor, wie er zu tun gewohnt war, wenn er sonst die
Mannschaft seines Fhnleins verlas; denn er war ein Feldleutnant. Das
Frulein aber zerraufte sich die Haare, zerri ihre Kleider und begann
so laut zu schreien und zu weinen, da man es die Strae auf und
nieder hrte und die Leute zusammenliefen. Sie schleppte wie
wahnsinnig die zehntausend Goldgulden herbei, zerstreute sie auf dem
Boden, warf sich der Lnge nach darauf hin und kte die glnzenden
Goldstcke. Ganz von Sinnen, suchte sie den umherrollenden Schatz
zusammenzuraffen und zu umarmen, als ob der verlorene Geliebte darin
zugegen wre. Sie lag Tag und Nacht auf dem Golde und wollte weder
Speise noch Trank zu sich nehmen; unaufhrlich liebkoste und kte sie
das kalte Metall, bis sie mitten in einer Nacht pltzlich aufstand,
den Schatz emsig hin und her eilend nach dem Garten trug und dort
unter bitteren Trnen in den tiefen Brunnen warf und einen Fluch
darber aussprach, da er niemals jemand anderm angehren solle."

Als Spiegel soweit erzhlt hatte, sagte Pinei: Und liegt das schne
Geld noch in dem Brunnen?" Ja, wo sollte es sonst liegen?" antwortete
Spiegel, denn nur ich kann es herausbringen und habe es bis zur
Stunde noch nicht getan!" Ei ja so, richtig!" sagte Pinei, ich habe
es ganz vergessen ber deiner Geschichte! Du kannst nicht bel
erzhlen, du Sapperlter! Und es ist mir ganz gelstig geworden nach
einem Weibchen, die so fr mich eingenommen wre; aber sehr schn
mte sie sein! Doch erzhle jetzt schnell noch, wie die Sache
eigentlich zusammenhngt!" Es dauerte manche Jahre," sagte Spiegel,
bis das Frulein aus bittern Seelenleiden so weit zu sich kam, da
sie anfangen konnte, die stille alte Jungfer zu werden, als welche ich
sie kennen lernte. Ich darf mich berhmen, da ich ihr einziger Trost
und ihr vertrautester Freund geworden bin in ihrem einsamen Leben bis
an ihr stilles Ende. Als sie aber dieses herannahen sah,
vergegenwrtigte sie sich noch einmal die Zeit ihrer fernen Jugend und
Schnheit und erlitt noch einmal mit milderen ergebenen Gedanken erst
die sen Erregungen und dann die bittern Leiden jener Zeit, und sie
weinte still sieben Tage und Nchte hindurch ber die Liebe des
Jnglings, deren Genu sie durch ihr Mitrauen verloren hatte, so da
ihre alten Augen noch kurz vor dem Tode erblindeten. Dann bereute sie
den Fluch, welchen sie ber jenen Schatz ausgesprochen, und sagte zu
mir, indem sie mich mit dieser wichtigen Sache beauftragte: Ich
bestimme nun anders, lieber Spiegel! und gebe dir die Vollmacht, da
du meine Verordnung vollziehest. Sieh dich um und suche, bis du eine
bildschne, aber unbemittelte Frauensperson findest, welcher es ihrer
Armut wegen an Freiern gebricht! Wenn sich dann ein verstndiger,
rechtlicher und hbscher Mann finden sollte, der sein gutes Auskommen
hat, und die Jungfrau ungeachtet ihrer Armut, nur allein von ihrer
Schnheit bewegt, zur Frau begehrt, so soll dieser Mann mit den
strksten Eiden sich verpflichten, derselben so treu, aufopfernd und
unabnderlich ergeben zu sein, wie es mein unglcklicher Liebster
gewesen ist, und dieser Frau sein Leben lang in allen Dingen zu
willfahren. Dann gib der Braut die zehntausend Goldgulden, welche im
Brunnen liegen, zur Mitgift, da sie ihren Brutigam am Hochzeitmorgen
damit berrasche!' So sprach die Selige, und ich habe meiner widrigen
Geschicke wegen versumt, dieser Sache nachzugehen, und mu nun
befrchten, da die Arme deswegen im Grabe noch beunruhigt sei, was
fr mich eben auch nicht die angenehmsten Folgen haben kann!"

Pinei sah den Spiegel mitrauisch an und sagte: Wrst du wohl
imstande, Brschchen! mir den Schatz ein wenig nachzuweisen und
augenscheinlich zu machen?"

Zu jeder Stunde!" versetzte Spiegel, aber Ihr mt wissen, Herr
Stadthexenmeister! da Ihr das Gold nicht etwa so ohne weiteres
herausfischen drftet. Man wrde Euch unfehlbar das Genick umdrehen;
denn es ist nicht ganz geheuer in dem Brunnen, ich habe darber
bestimmte Inzichten, welche ich aus Rcksichten nicht nher berhren
darf!"

Hei, wer spricht denn von Herausholen?" sagte Pinei etwas furchtsam,
fhre mich einmal hin und zeige mir den Schatz! Oder vielmehr will
ich dich fhren an einem guten Schnrlein, damit du mir nicht
entwischest!"

Wie Ihr wollt!" sagte Spiegel, aber nehmt auch eine andere lange
Schnur mit und eine Blendlaterne, welche Ihr daran in den Brunnen
hinablassen knnt; denn der ist sehr tief und dunkel!" Pinei befolgte
diesen Rat und fhrte das muntere Ktzchen nach dem Garten jener
Verstorbenen. Sie berstiegen miteinander die Mauer, und Spiegel
zeigte dem Hexer den Weg zu dem alten Brunnen, welcher unter
verwildertem Gebsche verborgen war. Dort lie Pinei sein Laternchen
hinunter, begierig nachblickend, whrend er den angebundenen Spiegel
nicht von der Hand lie. Aber richtig sah er in der Tiefe das Gold
funkeln unter dem grnlichen Wasser und rief: Wahrhaftig, ich seh's,
es ist wahr! Spiegel, du bist ein Tausendskerl!" Dann guckte er wieder
eifrig hinunter und sagte: Mgen es auch zehntausend sein?" Ja, das
ist nun nicht zu schwren!" sagte Spiegel, ich bin nie da unten
gewesen und hab's nicht gezhlt! Ist auch mglich, da die Dame
dazumal einige Stcke auf dem Wege verloren hat, als sie den Schatz
hierher trug, da sie in einem aufgeregten Zustande war." Nun, seien
es auch ein Dutzend oder mehr weniger!" sagte Herr Pinei, es soll
mir darauf nicht ankommen!" Er setzte sich auf den Rand des Brunnens,
Spiegel setzte sich auch nieder und leckte sich das Pftchen. Da wre
nun der Schatz!" sagte Pinei, indem er sich hinter den Ohren kratzte,
und hier wre auch der Mann dazu; fehlt nur noch das bildschne
Weib!" Wie?" sagte Spiegel. Ich meine, es fehlt nur noch diejenige,
welche die Zehntausend als Mitgift bekommen soll, um mich damit zu
berraschen am Hochzeitmorgen, und welche alle jene angenehmen
Tugenden hat, von denen du gesprochen !" Hm!" versetzte Spiegel, die
Sache verhlt sich nicht ganz so, wie Ihr sagt! Der Schatz ist da, wie
Ihr richtig einseht; das schne Weib habe ich, um es aufrichtig zu
gestehen, allbereits auch schon ausgesprt; aber mit dem Mann, der sie
unter diesen schwierigen Umstnden heiraten mchte, da hapert es eben;
denn heutzutage mu die Schnheit obenein vergoldet sein, wie die
Weihnachtsnsse, und je hohler die Kpfe werden, desto mehr sind sie
bestrebt, die Leere mit einigem Weibergut nachzufllen, damit sie die
Zeit besser zu verbringen vermgen; da wird dann mit wichtigem Gesicht
ein Pferd besehen und ein Stck Sammet gekauft, mit Laufen und Rennen
eine gute Armbrust bestellt, und der Bchsenschmied kommt nicht aus
dem Hause; da heit es, ich mu meinen Wein einheimsen und meine
Fsser putzen, meine Bume putzen lassen und mein Dach decken; ich mu
meine Frau ins Bad schicken, sie krnkelt und kostet mich viel Geld,
und mu mein Holz fahren lassen und mein Ausstehendes eintreiben; ich
habe ein Paar Windspiele gekauft und meine Bracken vertauscht, ich
habe einen schnen eichenen Ausziehtisch eingehandelt und meine groe
Nubaumlade drangegeben; ich habe meine Bohnenstangen geschnitten,
meinen Grtner fortgejagt, mein Heu verkauft und meinen Salat gest,
immer mein und mein vom Morgen bis zu Abend. Manche sagen sogar: ich
habe meine Wsche die nchste Woche, ich mu meine Betten sonnen, ich
mu eine Magd dingen und einen neuen Metzger haben, denn den alten
will ich abschaffen; ich habe ein allerliebstes Waffeleisen erstanden,
durch Zufall, und habe mein silbernes Zimmetbchschen verkauft, es war
mir so nichts ntze; alles das sind wohlverstanden die Sachen der
Frau, und so verbringt ein solcher Kerl die Zeit und stiehlt unserm
Herrgott den Tag ab, indem er alle diese Verrichtungen aufzhlt, ohne
einen Streich zu tun. Wenn es hochkommt und ein solcher Patron sich
etwa ducken mu, so wird er vielleicht sagen: unsere Khe und unsere
Schweine, aber--" Pinei ri den Spiegel an der Schnur, da er miau!
schrie, und rief: Genug, du Plappermaul! Sag' jetzt unverzglich: wo
ist sie, von der du weit?" Denn die Aufzhlung aller dieser
Herrlichkeiten und Verrichtungen, die mit einem Weibergute verbunden
sind, hatte dem drren Hexenmeister den Mund nur noch wsseriger
gemacht. Spiegel sagte erstaunt: Wollt Ihr denn wirklich das Ding
unternehmen, Herr Pinei?"

Versteht sich, will ich! Wer sonst als ich? Drum heraus damit: wo ist
diejenige?"

Damit Ihr hingehen und sie freien knnt?"

Ohne Zweifel!" So wisset, die Sache geht nur durch meine Hand! mit
mir mt Ihr sprechen, wenn Ihr Geld und Frau wollt!" sagte Spiegel
kaltbltig und gleichgltig und fuhr sich mit den beiden Pfoten eifrig
ber die Ohren, nachdem er sie jedesmal ein bichen na gemacht.
Pinei besann sich sorgfltig, sthnte ein bichen und sagte: Ich
merke, du willst unsern Kontrakt aufheben und deinen Kopf salvieren!"

Schiene Euch das so uneben und unnatrlich?"

Du betrgst mich am Ende und belgst mich, wie ein Schelm!"

Dies ist auch mglich!" sagte Spiegel.

Ich sage dir: Betrge mich nicht!" rief Pinei gebieterisch.

Gut, so betrge ich Euch nicht!" sagte Spiegel.

Wenn du's tust!"

So tu' ich's."

Qule mich nicht, Spiegelchen!" sprach Pinei beinahe weinerlich, und
Spiegel erwiderte jetzt ernsthaft: Ihr seid ein wunderbarer Mensch,
Herr Pinei! Da haltet Ihr mich an einer Schnur gefangen und zerrt
daran, da mir der Atem vergeht! Ihr lasset das Schwert des Todes ber
mir schweben seit lnger als zwei Stunden, was sag' ich! seit einem
halben Jahre! und nun sprecht Ihr: Qule mich nicht, Spiegelchen!

Wenn Ihr erlaubt, so sage ich Euch in Krze: Es kann mir nur lieb
sein, jene Liebespflicht gegen die Tote doch noch zu erfllen und fr
das bewute Frauenzimmer einen tauglichen Mann zu finden, und Ihr
scheint mir allerdings in aller Hinsicht zu gengen; es ist keine
Leichtigkeit, ein Weibstck wohl unterzubringen, so sehr dies auch
scheint, und ich sage noch einmal: ich bin froh, da Ihr Euch hierzu
bereitfinden lasset! Aber umsonst ist der Tod! Eh' ich ein Wort weiter
spreche, einen Schritt tue, ja eh' ich nur den Mund noch einmal
aufmache, will ich erst meine Freiheit wieder haben und mein Leben
versichert! Daher nehmt diese Schnur weg und legt den Kontrakt hier
auf den Brunnen, hier auf diesen Stein, oder schneidet mir den Kopf
ab, eins von beiden!"

Ei du Tollhusler und Obenhinaus!" sagte Pinei, du Hitzkopf, so
streng wird es nicht gemeint sein? Das will ordentlich besprochen sein
und mu jedenfalls ein neuer Vertrag geschlossen werden!" Spiegel gab
keine Antwort mehr und sa unbeweglich da, ein, zwei und drei Minuten.
Da ward dem Meister bnglich, er zog seine Brieftasche hervor, klaubte
seufzend den Schein heraus, las ihn noch einmal durch und legte ihn
dann zgernd vor Spiegel hin. Kaum lag das Papier dort, so schnappte
es Spiegel auf und verschlang es; und obgleich er heftig daran zu
wrgen hatte, so dnkte es ihn doch die beste und gedeihlichste Speise
zu sein, die er je genossen, und er hoffte, da sie ihm noch auf lange
wohlbekommen und ihn rundlich und munter machen wrde. Als er mit der
angenehmen Mahlzeit fertig war, begrte er den Hexenmeister hflich
und sagte: Ihr werdet unfehlbar von mir hren, Herr Pinei, und Weib
und Geld sollen Euch nicht entgehen. Dagegen macht Euch bereit, recht
verliebt zu sein, damit Ihr jene Bedingungen einer unverbrchlichen
Hingebung an die Liebkosungen Eurer Frau, die schon sogut wie Euer
ist, ja beschwren und erfllen knnt! Und hiermit bedanke ich mich
des vorlufigen fr genossene Pflege und Bekstigung und beurlaube
mich."

Somit ging Spiegel seines Weges und freute sich ber die Dummheit des
Hexenmeisters, welcher glaubte, sich selbst und alle Welt betrgen zu
knnen, indem er ja die gehoffte Braut nicht uneigenntzig, aus bloer
Liebe zur Schnheit ehelichen wollte, sondern den Umstand mit den
zehntausend Goldgulden vorher wute. Indessen hatte er schon eine
Person im Auge, welche er dem trichten Hexenmeister aufzuhalsen
gedachte fr seine gebratenen Krammetsvgel, Muse und Wrstchen.

Dem Hause des Herrn Pinei gegenber war ein anderes Haus, dessen
vordere Seite auf das sauberste geweit war und dessen Fenster immer
frisch gewaschen glnzten. Die bescheidenen Fenstervorhnge waren
immer schneewei und wie soeben geplttet, und ebenso wei war der
Habit und das Kopf- und Halstuch einer alten Beghine, welche in dem
Hause wohnte, also da ihr nonnenartiger Kopfputz, der ihre Brust
bekleidete, immer wie aus Schreibpapier gefaltet aussah, so da man
gleich darauf htte schreiben mgen; das htte man wenigstens auf der
Brust bequem tun knnen, da sie so eben und so hart war wie ein Brett.
So scharf die weien Kanten und Ecken ihrer Kleidung, so scharf war
auch die lange Nase und das Kinn der Beghine, ihre Zunge und der bse
Blick ihrer Augen; doch sprach sie nur wenig mit der Zunge und blickte
wenig mit den Augen, da sie die Verschwendung nicht liebte und alles
nur zur rechten Zeit und mit Bedacht verwendete. Alle Tage ging sie
dreimal in die Kirche, und wenn sie in ihrem frischen, weien und
knitternden Zeuge und mit ihrer weien spitzigen Nase ber die Strae
ging, liefen die Kinder furchtsam davon, und selbst erwachsene Leute
traten gern hinter die Haustre, wenn es noch Zeit war. Sie stand aber
wegen ihrer strengen Frmmigkeit und Eingezogenheit in groem Rufe und
besonders bei der Geistlichkeit in hohem Ansehen, aber selbst die
Pfaffen verkehrten lieber schriftlich mit ihr als mndlich, und wenn
sie beichtete, so scho der Pfarrer jedesmal so schweitriefend aus
dem Beichtstuhl heraus, als ob er aus einem Backofen kme. So lebte
die fromme Beghine, die keinen Spa verstand, in tiefem Frieden und
blieb ungeschoren. Sie machte sich auch mit niemand zu schaffen und
lie die Leute gehen, vorausgesetzt, da sie ihr aus dem Wege gingen;
nur auf ihren Nachbar Pinei schien sie einen besonderen Ha geworfen
zu haben; denn so oft er sich an seinem Fenster blicken lie, warf sie
ihm einen bsen Blick hinber und zog augenblicklich ihre weien
Vorhnge vor, und Pinei frchtete sie wie das Feuer, und wagte nur
zuhinterst in seinem Hause, wenn alles gut verschlossen war, etwa
einen Witz ber sie zu machen. So wei und hell aber das Haus der
Beghine nach der Strae zu aussah, so schwarz und rucherig,
unheimlich und seltsam sah es von hinten aus, wo es jedoch fast gar
nicht gesehen werden konnte, als von den Vgeln des Himmels und den
Katzen auf den Dchern, weil es in eine dunkle Winkelei von
himmelhohen Brandmauern ohne Fenster hineingebaut war, wo nirgends ein
menschliches Gesicht sich sehen lie. Unter dem Dache dort hingen alte
zerrissene Unterrcke, Krbe und Kruterscke, auf dem Dache wuchsen
ordentliche Eibenbumchen und Dornstrucher, und ein groer ruiger
Schornstein ragte unheimlich in die Luft. Aus diesem Schornstein aber
fuhr in der dunklen Nacht nicht selten eine Hexe auf ihrem Besen in
die Hhe, jung und schn und splitternackt, wie Gott die Weiber
geschaffen und der Teufel sie gern sieht. Wenn sie aus dem Schornstein
fuhr, so schnupperte sie mit dem feinsten Nschen und mit lchelnden
Kirschenlippen in der frischen Nachtluft und fuhr in dem weien
Scheine ihres Leibes dahin, indes ihr langes rabenschwarzes Haar wie
eine Nachtfahne hinter ihr herflatterte. In einem Loch am Schornstein
sa ein alter Eulenvogel, und zu diesem begab sich jetzt der befreite
Spiegel, eine fette Maus im Maule, die er unterwegs gefangen.

Wnsch' guten Abend, liebe Frau Eule! Eifrig auf der Wacht?" sagte
er, und die Eule erwiderte: Mu wohl! Wnsch' gleichfalls guten
Abend! Ihr habt Euch lange nicht sehen lassen, Herr Spiegel!"

Hat seine Grnde gehabt, werde Euch das erzhlen. Hier habe ich Euch
ein Muschen gebracht, schlecht und recht, wie es die Jahreszeit gibt,
wenn Ihr's nicht verschmhen wollt! Ist die Meisterin ausgeritten?"

Noch nicht, sie will erst gegen Morgen auf ein Stndchen hinaus. Habt
Dank fr die schne Maus! Seid doch immer der hfliche Spiegel! Habe
hier einen schlechten Sperling zur Seite gelegt, der mir heut zu nahe
flog; wenn Euch beliebt, so kostet den Vogel! Und wie ist es Euch denn
ergangen?"

Fast wunderlich," erwiderte Spiegel, sie wollten mir an den Kragen.
Hrt, wenn es Euch gefllig ist." Whrend sie nun vergnglich ihr
Abendessen einnahmen, erzhlte Spiegel der aufmerksamen Eule alles,
was ihn betroffen und wie er sich aus den Hnden des Herrn Pinei
befreit habe. Die Eule sagte: Da wnsch' ich tausendmal Glck, nun
seid Ihr wieder ein gemachter Mann, und knnt gehen, wo Ihr wollt,
nachdem Ihr mancherlei erfahren!"

Damit sind wir noch nicht zu Ende," sagte Spiegel, der Mann mu
seine Frau und seine Goldgulden haben!"

Seid Ihr von Sinnen, dem Schelm noch wohlzutun, der Euch das Fell
abziehen wollte?"

Ei, er hat es doch rechtlich und vertragsmig tun knnen, und da ich
ihn in gleicher Mnze wieder bedienen kann, warum sollt' ich es
unterlassen? Wer sagt denn, da ich ihm wohltun will? Jene Erzhlung
war eine reine Erfindung von mir, meine in Gott ruhende Meisterin war
eine simple Person, welche in ihrem Leben nie verliebt, noch von
Anbetern umringt war, und jener Schatz ist ein ungerechtes Gut, das
sie einst ererbt und in den Brunnen geworfen hat, damit sie kein
Unglck daran erlebe. Verflucht sei, wer es da herausnimmt und
verbraucht,' sagte sie. Es macht sich also in Betreff des Wohltuns!"

Dann ist die Sache freilich anders! Aber nun, wo wollt Ihr die
entsprechende Frau hernehmen?" Hier aus diesem Schornstein! Deshalb
bin ich gekommen, um ein vernnftiges Wort mit Euch zu reden! Mchtet
Ihr denn nicht einmal wieder freiwerden aus den Banden dieser Hexe?
Sinnt nach, wie wir sie fangen und mit dem alten Bsewicht
verheiraten!"

Spiegel, Ihr braucht Euch nur zu nhern, so weckt Ihr mir
ersprieliche Gedanken."

Das wut' ich wohl, da Ihr klug seid! Ich habe das Meinige getan und
es ist besser, da Ihr auch Euren Senf dazugebt und neue Krfte
vorspannt, so kann es gewi nicht fehlen!"

Da alle Dinge so schn zusammentreffen, so brauche ich nicht lang zu
sinnen, mein Plan ist lngst gemacht!" Wie fangen wir sie?" Mit
einem neuen Schnepfengarn aus guten starken Hanfschnren; geflochten
mu es sein von einem zwanzigjhrigen Jgerssohn, der noch kein Weib
angesehen hat, und es mu schon dreimal der Nachttau daraufgefallen
sein, ohne da sich eine Schnepfe gefangen; der Grund aber hiervon mu
dreimal eine gute Handlung sein. Ein solches Netz ist stark genug, die
Hexe zu fangen."

Nun bin ich neugierig, wo Ihr ein solches hernehmt," sagte Spiegel,
denn ich wei, da Ihr keine vergeblichen Worte schwatzt!"

Es ist auch schon gefunden, wie fr uns gemacht; in einem Walde nicht
weit von hier sitzt ein zwanzigjhriger Jgerssohn, welcher noch kein
Weib angesehen hat; denn er ist blindgeboren. Deswegen ist er auch zu
nichts zu gebrauchen, als zum Garnflechten und hat vor einigen Tagen
ein neues, sehr schnes Schnepfengarn zustande gebracht. Aber als der
alte Jger es zum ersten Male ausspannen wollte, kam ein Weib daher,
welches ihn zur Snde verlocken wollte; es war aber so hlich, da
der alte Mann voll Schreckens davonlief und das Garn am Boden
liegenlie. Darum ist ein Tau darauf gefallen, ohne da sich eine
Schnepfe fing, und war also eine gute Handlung daran schuld. Als er
des andern Tages hinging, um das Garn abermals auszuspannen, kam eben
ein Reiter daher, welcher einen schweren Mantelsack hinter sich hatte;
in diesem war ein Loch, aus welchem von Zeit zu Zeit ein Goldstck auf
die Erde fiel. Da lie der Jger das Garn abermals fallen und lief
eifrig hinter dem Reiter her und sammelte die Goldstcke in seinen
Hut, bis der Reiter sich umkehrte, es sah und voll Grimm seine Lanze
auf ihn richtete. Da bckte der Jger sich erschrocken, reichte ihm
den Hut dar und sagte: Erlaubt, gndiger Herr, Ihr habt hier viel
Gold verloren, das ich Euch sorgfltig aufgelesen!' Dies war wiederum
eine gute Handlung, indem das ehrliche Finden eine der schwierigsten
und besten ist; er war aber so weit von dem Schnepfengarn entfernt,
da er es die zweite Nacht im Walde liegenlie und den nhern Weg nach
Hause ging. Am dritten Tage endlich, nmlich gestern, als er eben
wieder auf dem Wege war, traf er eine hbsche Gevattersfrau an, die
dem Alten um den Bart zu gehen pflegte und der er schon manches
Hslein geschenkt hat. Darber verga er die Schnepfen gnzlich und
sagte am Morgen: Ich habe den armen Schnepflein das Leben geschenkt;
auch gegen Tiere mu man barmherzig sein!' Und um dieser drei guten
Handlungen willen fand er, da er jetzt zu gut sei fr diese Welt, und
ist heute Vormittag beizeiten in ein Kloster gegangen. So liegt das
Garn noch ungebraucht im Walde und ich darf es nur holen." Holt es
geschwind!" sagte Spiegel, es wird gut sein zu unserm Zweck!" Ich
will es holen," sagte die Eule,  steht nur solang Wache fr mich in
diesem Loch, und wenn etwa die Meisterin den Schornstein hinaufrufen
sollte, ob die Luft rein sei? so antwortet, indem Ihr meine Stimme
nachahmt: Nein, es stinkt noch nicht in der Fechtschul'!'" Spiegel
stellte sich in die Nische, und die Eule flog still ber die Stadt weg
nach dem Wald. Bald kam sie mit dem Schnepfengarn zurck und fragte:
Hat sie schon gerufen?" Noch nicht!" sagte Spiegel.

Da spannten sie das Garn aus ber den Schornstein und setzten sich
daneben still und klug: die Luft war dunkel, und es ging ein leichtes
Morgenwindchen, in welchem ein paar Sternbilder flackerten. Ihr sollt
sehen," flsterte die Eule, wie geschickt die durch den Schornstein
heraufzususeln versteht, ohne sich die blanken Schultern schwarz zu
machen!" Ich hab' sie noch nie so nah gesehen," erwiderte Spiegel
leise, wenn sie uns nur nicht zu fassen kriegt!" Da rief die Hexe von
unten: Ist die Luft rein?" Die Eule rief: Ganz rein, es stinkt
herrlich in der Fechtschul'!" und alsobald kam die Hexe heraufgefahren
und wurde in dem Garne gefangen, welches die Katze und die Eule
eiligst zusammenzogen und verbanden. Haltet fest!" sagte Spiegel, und
Binde gut!" die Eule. Die Hexe zappelte und tobte muschenstill, wie
ein Fisch im Netz; aber es half ihr nichts und das Garn bewhrte sich
auf das beste. Nur der Stiel ihres Besens ragte durch die Maschen.
Spiegel wollte ihn sachte herausziehen, erhielt aber einen solchen
Nasenstber, da er beinahe in Ohnmacht fiel und einsah, wie man auch
einer Lwin im Netz nicht zu nahe kommen drfe. Endlich hielt die Hexe
still und sagte: Was wollt ihr denn von mir, ihr wunderlichen Tiere?"
Ihr sollt mich aus Eurem Dienste entlassen und meine Freiheit
zurckgeben!" sagte die Eule. So viel Geschrei und wenig Wolle!"
sagte die Hexe, du bist frei, mach' dies Garn auf!" Noch nicht!"
sagte Spiegel, der immer noch seine Nase rieb, Ihr mt Euch
verpflichten, den Stadthexenmeister Pinei, Euren Nachbar, zu heiraten
auf die Weise, wie wir euch sagen werden, und ihn nicht mehr zu
verlassen!" Da fing die Hexe wieder an zu zappeln und zu prusten wie
der Teufel, und die Eule sagte: Sie will nicht dran!" Spiegel aber
sagte: Wenn Ihr nicht ruhig seid, und alles tut, was wir wnschen, so
hngen wir das Garn samt seinem Inhalte da vorn an den Drachenkopf der
Dachtraufe, nach der Strae zu, da man Euch morgen sieht und die Hexe
erkennt! Sagt also: Wollt Ihr lieber unter dem Vorsitze des Herrn
Pinei gebraten werden, oder ihn braten, indem Ihr ihn heiratet?"

Da sagte die Hexe mit einem Seufzer: So sprecht, wie meint Ihr die
Sache?" Und Spiegel setzte ihr alles zierlich auseinander, wie es
gemeint sei und was sie zu tun htte. Das ist allenfalls noch
auszuhalten, wenn es nicht anders sein kann!" sagte sie und ergab sich
unter den strksten Formeln, die eine Hexe binden knnen. Da taten die
Tiere das Gefngnis auf und lieen sie heraus. Sie bestieg sogleich
den Besen, die Eule setzte sich hinter sie auf den Stiel und Spiegel
zuhinderst auf das Reisigbndel und hielt sich da fest, und so ritten
sie nach dem Brunnen, in welchen die Hexe hinabfuhr, um den Schatz
heraufzuholen.

Am Morgen erschien Spiegel bei Herrn Pinei und meldete ihm, da er
die bewute Person angehen und freien knne; sie sei aber allbereits
so arm geworden, da sie, gnzlich verlassen und verstoen, vor dem
Tore unter einem Baum sitze und bitterlich weine. Sogleich kleidete
sich Herr Pinei in sein abgeschabtes gelbes Sammetwmschen, das er
nur bei feierlichen Gelegenheiten trug, setzte die bessere Pudelmtze
auf und umgrtete sich mit seinem Degen; in die Hand nahm er einen
alten grnen Handschuh, ein Balsamflschchen, worin einst Balsam
gewesen und das noch ein bichen roch, und eine papierne Nelke, worauf
er mit Spiegel vor das Tor ging, um zu freien. Dort traf er ein
weinendes Frauenzimmer sitzend unter einem Weidenbaum, von so groer
Schnheit, wie er noch nie gesehen; aber ihr Gewand war so drftig und
zerrissen, da, sie mochte sich auch schamhaft gebrden wie sie
wollte, immer da oder dort der schneeweie Leib ein bichen
durchschimmerte. Pinei ri die Augen auf und konnte vor heftigem
Entzcken kaum seine Bewerbung vorbringen. Da trocknete die Schne
ihre Trnen, gab ihm mit sem Lcheln die Hand, dankte ihm mit einer
himmlischen Glockenstimme fr seine Gromut und schwur, ihm ewig treu
zu sein. Aber im selben Augenblicke erfllte ihn eine solche
Eifersucht und Neideswut auf seine Braut, da er beschlo, sie vor
keinem menschlichen Auge jemals sehen zu lassen. Er lie sich bei
einem uralten Einsiedler mit ihr trauen und feierte das Hochzeitsmahl
in seinem Hause, ohne andere Gste, als Spiegel und die Eule, welche
ersterer mitzubringen sich die Erlaubnis erbeten hatte. Die
zehntausend Goldgulden standen in einer Schssel auf dem Tisch, und
Pinei griff zuweilen hinein und whlte in dem Golde; dann sah er
wieder die schne Frau an, welche in einem meerblauen Sammetkleide
dasa, das Haar mit einem goldenen Netze umflochten und mit Blumen
geschmckt, und den weien Hals mit Perlen umgeben. Er wollte sie
fortwhrend kssen, aber sie wute verschmt und zchtig ihn
abzuhalten, mit einem verfhrerischen Lcheln, und schwur, da sie
dieses vor Zeugen und vor Anbruch der Nacht nicht tun wrde. Dies
machte ihn nur noch verliebter und glckseliger, und Spiegel wrzte
das Mahl mit lieblichen Gesprchen, welche die schne Frau mit den
angenehmsten, witzigsten und einschmeichelndsten Worten fortfhrte, so
da der Hexenmeister nicht wute, wie ihm geschah vor Zufriedenheit.
Als es aber dunkel geworden, beurlaubten sich die Eule und die Katze
und entfernten sich bescheiden; Herr Pinei begleitete sie bis unter
die Haustre mit einem Lichte und dankte dem Spiegel nochmals, indem
er ihn einen trefflichen und hflichen Mann nannte, und als er in die
Stube zurckkehrte, sa die alte weie Beghine, seine Nachbarin, am
Tisch und sah ihn mit einem bsen Blick an. Entsetzt lie Pinei den
Leuchter fallen und lehnte sich zitternd an die Wand. Er hing die
Zunge heraus, und sein Gesicht war so fahl und spitzig geworden, wie
das der Beghine. Diese aber stand auf, nherte sich ihm und trieb ihn
vor sich her in die Hochzeitskammer, wo sie mit hllischen Knsten ihn
auf eine Folter spannte, wie noch kein Sterblicher erlebt. So war er
nun mit der Alten unauflslich verehelicht, und in der Stadt hie es,
als es ruchbar wrde: Ei seht, wie stille Wasser tief sind! Wer htte
gedacht, da die fromme Beghine und der Herr Stadthexenmeister sich
noch verheiraten wrden! Nun, es ist ein ehrbares und rechtliches
Paar, wenn auch nicht sehr liebenswrdig!

Herr Pinei aber fhrte von nun an ein erbrmliches Leben; seine
Gattin hatte sich sogleich in den Besitz aller seiner Geheimnisse
gesetzt und beherrschte ihn vollstndig. Es war ihm nicht die
geringste Freiheit und Erholung gestattet, er mute hexen vom Morgen
bis zum Abend, was das Zeug halten wollte, und wenn Spiegel
vorberging und es sah, sagte er freundlich: Immer fleiig, fleiig,
Herr Pinei?"

Seit dieser Zeit sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer
abgekauft! besonders wenn einer eine bse und widerwrtige Frau
erhandelt hat.

*       *       *       *       *




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE LEUTE VON SELDWYLA, VOL. 1 ***

This file should be named 8dls110.txt or 8dls110.zip
Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8dls111.txt
VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8dls110a.txt

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
unless a copyright notice is included.  Thus, we usually do not
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

We are now trying to release all our eBooks one year in advance
of the official release dates, leaving time for better editing.
Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
even years after the official publication date.

Please note neither this listing nor its contents are final til
midnight of the last day of the month of any such announcement.
The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
Midnight, Central Time, of the last day of the stated month.  A
preliminary version may often be posted for suggestion, comment
and editing by those who wish to do so.

Most people start at our Web sites at:
http://gutenberg.net or
http://promo.net/pg

These Web sites include award-winning information about Project
Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).


Those of you who want to download any eBook before announcement
can get to them as follows, and just download by date.  This is
also a good way to get them instantly upon announcement, as the
indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04

Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90

Just search by the first five letters of the filename you want,
as it appears in our Newsletters.


Information about Project Gutenberg (one page)

We produce about two million dollars for each hour we work.  The
time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
searched and analyzed, the copyright letters written, etc.   Our
projected audience is one hundred million readers.  If the value
per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
files per month:  1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
If they reach just 1-2% of the world's population then the total
will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.

The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
which is only about 4% of the present number of computer users.

Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

    1  1971 July
   10  1991 January
  100  1994 January
 1000  1997 August
 1500  1998 October
 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
Among other things, this means that no one owns a United States copyright
on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
distribute it in the United States without permission and
without paying copyright royalties. Special rules, set forth
below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.

Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
any commercial products without permission.

To create these eBooks, the Project expends considerable
efforts to identify, transcribe and proofread public domain
works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
medium they may be on may contain "Defects". Among other
things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged
disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
codes that damage or cannot be read by your equipment.

LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
all liability to you for damages, costs and expenses, including
legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.

If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
you paid for it by sending an explanatory note within that
time to the person you received it from. If you received it
on a physical medium, you must return it with your note, and
such person may choose to alternatively give you a replacement
copy. If you received it electronically, such person may
choose to alternatively give you a second opportunity to
receive it electronically.

THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
PARTICULAR PURPOSE.

Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
the exclusion or limitation of consequential damages, so the
above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
may have other legal rights.

INDEMNITY
You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
and its trustees and agents, and any volunteers associated
with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
texts harmless, from all liability, cost and expense, including
legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
following that you do or cause:  [1] distribution of this eBook,
[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
or [3] any Defect.

DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
You may distribute copies of this eBook electronically, or by
disk, book or any other medium if you either delete this
"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
or:

[1]  Only give exact copies of it.  Among other things, this
     requires that you do not remove, alter or modify the
     eBook or this "small print!" statement.  You may however,
     if you wish, distribute this eBook in machine readable
     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
          eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
          or other equivalent proprietary form).

[2]  Honor the eBook refund and replacement provisions of this
     "Small Print!" statement.

[3]  Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
     gross profits you derive calculated using the method you
     already use to calculate your applicable taxes.  If you
     don't derive profits, no royalty is due.  Royalties are
     payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
     the 60 days following each date you prepare (or were
     legally required to prepare) your annual (or equivalent
     periodic) tax return.  Please contact us beforehand to
     let us know your plans and to work out the details.

WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form.

The Project gratefully accepts contributions of money, time,
public domain materials, or royalty free copyright licenses.
Money should be paid to the:
"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

If you are interested in contributing scanning equipment or
software or other items, please contact Michael Hart at:
hart@pobox.com

[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
when distributed free of all fees.  Copyright (C) 2001, 2002 by
Michael S. Hart.  Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
they hardware or software or any other related product without
express permission.]

*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

