The Project Gutenberg EBook of Grosse und Kleine Welt, by Honore De Balzac

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Title: Grosse und Kleine Welt

Author: Honore De Balzac

Release Date: September, 2005 [EBook #8803]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on August 10, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GROSSE UND KLEINE WELT ***




Produced by Charles Aldorondo, Tiffany Vergon, Charlie Kirschner and
the Online Distributed Proofreading Team.




HONORE DE BALZAC


GROSSE UND KLEINE WELT


MIT HOLZSCHNITTEN VON DAUMIER UND GAVARNI




PIERRE GRASSOU



Wer als ernsthafter Betrachter die Kunstausstellungen, die nach der
Revolution von 1830 stattfanden, besucht hat, wird sich beim Anschauen
der endlosen, ueberhaeuften Galerien kaum eines Gefuehls des Unbehagens
und der Langeweile, vielleicht sogar der Trauer haben erwehren koennen.
Seit 1830 gibt es keinen "Salon" mehr. Der Louvre ist ein zweites Mal
erstuermt worden durch die Kuenstler; und sie haben es verstanden, sich
dort zu behaupten. Die Zulassung zum "Salon" bedeutete ehemals fuer den
kleinen Kreis, der in Frage kam, bereits eine hohe Auszeichnung, und
ueber die bedeutendsten der etwa zweihundert Bilder, die ausgewaehlt
worden, entspann sich beim Publikum und bei der Kritik ein
leidenschaftlicher Widerstreit der Meinungen. Die Ueberfuelle der
Gemaelde, vor die sich heute der Besucher gestellt sieht, erschoepft
seine Aufmerksamkeit, und die Ausstellung wird geschlossen, bevor er
aus der Menge das wenige Gute ausfindig gemacht hat. Statt eines
Ritterspiels haben wir einen Volksjahrmarkt, statt eines kuenstlerischen
Ereignisses ein lautes Warenhaus, statt sorgfaeltiger Auslese--alles.
Was ist die Folge? In der Menge verliert sich das Genie. Der Katalog
ist zu einem dicken Buch angewachsen, in dem mancher Name auch dadurch
nicht bekannter wird, dass zehn oder zwoelf ausgestellte Bilder dahinter
aufgefuehrt sind. Unter allen aber am unbekanntesten ist vielleicht
derjenige des Malers Pierre Grassou aus Fougeres, den man in der
Kuenstlerwelt einfach Fougeres nennt.

Fougeres wohnte 1832 im vierten Stockwerk eines jener hohen, schmalen
Haeuser der Rue de Navarin, die aussehen wie der Obelisk von Luxor. Sie
besitzen einen Hausflur, eine enge, duestere, halsbrecherische
Wendeltreppe, in jedem Stock nicht mehr als drei Fenster und einen Hof,
der nicht mehr als ein viereckiger Schacht ist.

Ueber den drei oder vier Raeumen, die Grassou von Fougeres bewohnte, lag
ein Atelier, dessen Fenster auf Montmartre hinausgingen. Die Waende
waren rot gestrichen, der Boden braun gewaechst, auf jedem Stuhl lag ein
gesticktes Deckchen, das altmodische Sofa war sauber wie das im
Schlafzimmer einer Kraemerin. Alles liess auf das wohlgeordnete Dasein
eines gesetzten Buergers von engem Horizont schliessen. Das Atelier
enthielt ausserdem eine Kommode zum Aufbewahren der Malgeraete, einen
Fruehstueckstisch, einen Schreibtisch und einen grossen Ofen, ferner die
zum Malen erforderlichen Gegenstaende. Alles dies war sauber und in
guter Ordnung.

Eines Tages zu Anfang Dezember, dieses fuer den Portraetisten besonders
guenstigen Monats, war Pierre Grassou fruehzeitig aufgestanden, hatte den
Ofen angezuendet, die Palette hergerichtet, und wartete nun, dass die
Scheiben des Atelierfensters auftauen wuerden, um das Tageslicht
ungehindert einzulassen. Unterdessen verzehrte er gedankenlos sein
Fruehstueck, ein in Milch getunktes Hoernchen.

Da klang von der Treppe her ein wohlbekannter Schritt. Als der Maler
eben mit der Arbeit beginnen wollte, ueberraschte ihn Elias Magus,
Bilderhaendler und Leinwandwucherer.

"Wie gehts, alter Halunke?" begruesste ihn Grassou. Elias nahm ihm seine
Gemaelde ab, das Stueck fuer zweibis dreihundert Francs. Sie liebten es,
im Verkehr mit einander sich des sogenannten Kuenstlertons zu bedienen.

"Schlechte Geschaefte," sagte Elias. "Ihr Kuenstler stellt unverschaemte
Forderungen. Wenn Ihr fuer sechs Sous Farbe auf die Leinwand klext,
verlangt Ihr gleich zweihundert Francs dafuer. Aber Sie, Fougeres, sind
ein anstaendiger Kerl. Darum lasse ich Ihnen auch etwas Gutes zukommen."

"Timeo Danaos et dona ferentes," sagte Fougeres; "verstehen Sie
lateinisch?"

"Nein."

"Nun, das heisst soviel, als dass die Griechen den Trojanern nichts
anboten, ohne selbst einen Profit dabei zu haben. Und so wirds wohl
auch heute noch sein, Herr Odysseus-Magus!" Diese Worte waren eine
Musterwendung des unter den Malern gebraeuchlichen Atelierstils, den
Fougeres, wie man sieht, vollkommen beherrschte.

"Ich verlange doch nicht, dass Sie mir Ihre Bilder umsonst geben sollen!
Sie sind ein ehrenwerter Kuenstler."

"Nun--und?"

"Also kurzum: Ich bringe Ihnen einen Vater, eine Mutter und eine
Tochter."

"Alle drei auf einen Schlag?"

"Meiner Treu, ja! Sie wollen sich portraetieren lassen. Diese
Spiessbuerger, die sich fuer Kunst begeistern, haben es noch nie gewagt,
ein Atelier zu betreten. Uebrigens hat die Tochter eine Mitgift von
hunderttausend Francs zu erwarten. Malen Sie die Leute nur ruhig.
Vielleicht werden es einmal Ihre Familienbilder." Dieser alte Klotz von
Mensch, Elias Magus genannt, unterbrach sich hier mit einem so heiseren
Lachen, dass der Maler erschrak. Es war ihm, als haette der Teufel selbst
diese Worte vom Heiraten gesprochen. "Fuenfhundert Francs sind fuer jedes
Portraet gezahlt. Sie koennen also drei Bilder machen."

"Natuerlich, mit Freuden!" rief Fougeres.

"Und sollten Sie die Tochter heiraten, so erinnern Sie sich hoffentlich
meiner."

"Ich heiraten!?" rief Pierre Grassou. "Wo ich gewohnt bin, ganz allein
schlafen zu gehen und mit der Morgensonne aufzustehen? Ich, der sein
Leben geregelt hat...."

"Hunderttausend Francs," sagte Magus, "und ein entzueckendes Maedchen,
mit Goldton wie ein echter Tizian."

"Was fuer Leute sind es?"

"Der Alte war Kaufmann. Jetzt ist er Kunstliebhaber und Besitzer eines
Landhauses in Ville d'Avray mit zehn--bis zwoelftausend Pfund Rente."

"Und worin bestand sein Handel?"

"In Flaschen."

"Beim Himmel, hoeren Sie auf! Mir ist, als hoerte ich schon Pfropfen
knallen...."

"Darf ich die Leute herbringen?"

"Drei Portraets.... Ich werde sie in den 'Salon' schicken.... Ich werde
ins Fach des Portraetisten uebergehen. Nun denn, in Gottes Namen!"

Der alte Elias entfernte sich, um die Familie Vervelle zu verstaendigen.
Werfen wir inzwischen einen Blick auf die Vergangenheit Pierre Grassous
de Fougeres, um ermessen zu koennen, von welcher Bedeutung ein solcher
Auftrag fuer ihn sein konnte und welchen Eindruck das Ehepaar Vervelle
mit seiner einzigen Tochter auf ihn machen musste.

Bei Servin, der in der Kuenstlerwelt den Ruf als Meister des Stiftes
genoss, hatte Fougeres zeichnen gelernt und war dann als Schueler zu
Schinner gegangen, um von ihm in das Geheimnis seiner wunderbaren
Farben eingeweiht zu werden. Aber der Meister gab seinem Schueler nichts
von diesem Geheimnis preis--Pierre entlockte ihm nichts. Hierauf
besuchte er das Atelier Sommervieux, um die Gesetze der Komposition zu
studieren, aber sie blieben ihm ein versiegeltes Buch. Er ging zu
Granet und Drolling, um ihnen die Technik ihrer effektvollen Interieurs
abzusehen, doch vergebens, auch ihnen war nichts zu entreissen. Endlich
beschloss Fougeres seine Studienzeit bei Duval-Lecamus. Sein stilles,
gemaessigtes Wesen wurde in den Ateliers zur Zielscheibe des Spottes,
doch entwaffnete seine Bescheidenheit und ruehrende Geduld bald die
Kameraden. Bei den Lehrern fand er wenig Sympathie; sie bevorzugten das
exzentrische, uebermuetige, spruehende Temperament, oder aber den ernsten,
grueblerischen Charakter, der das Zeichen des Genies ist; bei Fougeres
fanden sie nichts als Mittelmaessigkeit.

Sein Aeusseres entsprach seinem Namen, er war fett und plump, mittelgross
von Gestalt und von blasser Gesichtsfarbe. Er hatte schwarze Haare,
braune Augen, lange Ohren, eine aufwaerts gebogene Nase und einen
breiten Mund. Keinem dieser Merkmale seines gesunden aber
ausdruckslosen Gesichtes verlieh sein mildes, leidendes, resigniertes
Wesen irgendwie eine besondere Bedeutung. Ihn beunruhigte weder das
leidenschaftliche Draengen des Blutes, noch die Uebermacht der Gedanken,
noch die maechtige Begeisterung, die das Zeichen der genialen Kuenstler
sind.

Geboren, ein ehrenwerter Buerger zu sein, war dieser junge Mann nach
Paris gekommen, um hier bei einem Farbenhaendler Gehilfe zu werden; aber
in seiner bretonischen Hartnaeckigkeit hatte er es sich in den Kopf
gesetzt, Maler zu werden, Gott mag wissen, was er aushielt, wie er es
zuwege brachte, sich durch seine Studienjahre durchzudarben. Er
durchlitt die Entbehrungen der Grossen, die das Unglueck verfolgt und die
wie wilde Tiere von der Meute der Mittelmaessigkeit und der Neider
verfolgt werden. Kaum meinte er auf eigenen Fuessen stehen zu koennen, so
nahm er ein Atelier in der Rue des Martyrs und fing an, zu arbeiten. Im
Jahre 1819 trat er mit seinem ersten Werk an die Oeffentlichkeit. Das
der Jury zur Ausstellung im Louvre eingereichte Gemaelde stellte eine
Bauernhochzeit dar und war eine wohlgelungene Nachahmung des bekannten
Bildes von Greuze. Es wurde zurueckgewiesen. Fougeres, als er diese
enttaeuschende Mitteilung erhielt, tobte nicht, wie es die Grossen tun,
verfiel auch nicht einer jener epileptischen Anwandlungen, die so
haeufig mit einer Herausforderung des Direktors oder des Sekretaers der
Ausstellung oder mit blutduerstigen Drohungen enden. Nichts von alledem
geschah, sondern Fougeres nahm seelenruhig seine Leinwand zurueck,
bedeckte sie mit seinem Taschentuch und trug sie wieder in sein Atelier
zurueck. Aber er schwur es sich zu, ein grosser Kuenstler zu werden. Das
Bild stellte er auf eine Staffelei und begab sich zu seinem frueheren
Lehrer Schinner, einem Maler von ausserordentlichem Talent, einem
weichen und geduldigen Menschen, dem die letzte Ausstellung des
"Salons" seinen Erfolg garantiert hatte. Grassou bat ihn, er moege das
zurueckgewiesene Werk seiner Kritik unterziehen. Der grosse Maler kam
sofort von seiner Arbeit weg. Kaum hatte er das Bild mit einem Blick
gestreift, drueckte er dem armen Fougeres die Hand: "Guter Junge, du
hast ein Herz von Gold, man darf dich nicht hintergehen. Also hoere: du
hast alles gehalten, was du als Schueler versprachst. Mein lieber
Fougeres, statt dass man etwas Derartiges zusammenpinselt, tut man
besser, den andern nicht Farbe und Leinwand zu stehlen. Sattle um,
solange es noch Zeit ist! Zieh dir eine Schlafmuetze ueber und kriech um
neun Uhr ins Bett. Morgen aber, gegen zehn, gehst du zu irgend einem
Bureau und suchst dir einen Posten. Von der Kunst aber lass die Finger!"

"Mein Freund," sagte Fougeres, "mein Werk ist bereits verurteilt
worden, und ich bat dich nicht, es zu tadeln, sondern mir die Gruende
fuer seine Ablehnung auseinanderzusetzen."

"Nun also: du hast keine Farbe, du malst alles grau und tot, du siehst
die Natur durch einen Schleier. In der Zeichnung bist du grob und
ungeschickt, in der Komposition kopierst du Greuze, den zu verbessern
du nicht berufen bist." Als Schinner die Fehler des Bildes aufzaehlte,
bemerkte er in den Zuegen des jungen Malers den Ausdruck einer so tiefen
Traurigkeit, dass er ihn zum Mittagessen einlud und ihn zu troesten
suchte.

Am naechsten Tage sass Fougeres schon um sieben in der Fruehe vor der
Staffelei und pinselte an seinem verworfenen Bilde herum. Er vertiefte
die Farben, beseitigte die von Schinner geruegten Maengel und arbeitete
die Koepfe besser heraus. Als ihn die Korrekturarbeit anwiderte, trug er
das Bild zu Elias Magus. Dieser Herr Magus war ein hollaendisch-
belgischer Flame, und in dieser Mischung lag wohl die dreifache
Vorbedingung fuer das, was er geworden war: geizig und reich. Von
Bordeaux nach Paris gekommen, eroeffnete er auf dem Boulevard Bonne-
Nouvelle eine Gemaeldehandlung. Das erste Bild, das Pierre ihm brachte,
betrachtete er sehr genau; dann zahlte er ihm fuenfzehn Francs dafuer.

Fougeres, der von der Palette leben musste, und, wie es die Jahreszeit
brachte, Brot und Nuesse oder Brot und Milch oder Brot und Kirschen oder
Brot und Kaese verzehrte, laechelte und meinte: "Fuenfzehn Francs
verdienen und tausend Francs verbrauchen, damit kann man es weit
bringen."

Elias Magus zuckte die Achseln. Er nagte an den Fingernaegeln und
dachte, dass er das Bild auch schon fuer hundert Sous haette erhandeln
koennen.

Jeden Morgen spazierte Fougeres nun von der Rue des Martyrs nach dem
Boulevard Bonnes-Nouvelle hinab und mischte sich der Gemaeldehandlung
gegenueber unter die Passanten. Seine Augen hingen an dem Bilde, das
aber selten einmal die Aufmerksamkeit eines Voruebergehenden auf sich
lenkte. Aber eines Morgens, gegen Ende der Woche, war das Bild
verschwunden. Fougeres schlenderte die Strasse zurueck, ging auf die
andere Seite hinueber und schritt gerade auf den Laden zu, indem er tat,
als fuehre ein Zufall ihn des Weges. Der Haendler stand auf der Schwelle.

"Nun, haben Sie mein Bild verkauft?"

"Nein," sagte Magus, "ich lasse einen Rahmen darum machen, damit ich es
einem anbieten kann, der glaubt, er verstehe etwas von Bildern."

Fougeres wagte nicht mehr, sich auf dem Boulevard zu zeigen. Er
arbeitete an einem neuen Gemaelde. Mit der Unermuedlichkeit eines Mannes
plagte er sich zwei Monate lang wie ein Galeerensklave. Eines Tages
ging er, fast ohne es zu wollen, wieder zum Laden des Magus. Das Bild
war nicht mehr da.

"Ich habe Ihr Bild verkauft," sagte der Haendler.

"Zu welchem Preise?"

"Ich habe meine Unkosten eingebracht und noch eine Kleinigkeit daran
verdient. Malen Sie mir flaemische Interieurs, eine Anatomiestudie, eine
Landschaft. Ich werde sie Ihnen abkaufen," sagte Magus.

Fougeres waere dem Alten am liebsten um den Hals gefallen. Er blickte zu
ihm wie zu einem Vater auf. Freude im Herzen, kehrte er heim. Also
hatte der grosse Schinner sich doch in ihm getaeuscht. Noch gab es in
dieser Riesenstadt Herzen, die in gleichem Takt mit seinem eigenen
schlugen. Man erkannte und schaetzte seine Begabung. Dieser arme Bursche
von siebenundzwanzig Jahren besass die Einfalt eines sechzehnjaehrigen
Juenglings. Jedem andern wuerde die diabolische Miene des Elias Magus
aufgefallen sein. Das Beben der Bartspitzen, die Haltung des Kopfes
waeren ihm nicht entgangen.

Wie ein Schueler, der eine Dame begleiten darf, stolzierte Fougeres mit
freudestrahlendem Gesicht durch die Strassen. Er begegnete seinem
ehemaligen Mitschueler Josef Bridau, einem vom Unglueck verfolgten,
vielversprechenden Talente. Da Bridau, wie er erklaerte, noch ein paar
Sous in der Tasche hatte, nahm er Fougeres mit in die Oper. Aber
Fougeres sah nichts von dem Ballet, hoerte nichts von der Musik; er
entwarf Bilder, er malte. Noch waehrend der Vorstellung verabschiedete
er sich von seinem Freunde und eilte nach Hause. Er fing an, beim
Schein der Lampe zu skizzieren, erfand dreissig Bilder voll von
Reminiszenzen und hielt sich fuer ein Genie.

Gleich am andern Morgen kaufte er Farben und Leinwand in allen Groessen.
Brot und Kaese stellte er auf den Tisch, fuellte den Krug mit frischem
Wasser und haeufte Brennholz auf. Dann ging er an die Arbeit. Er hatte
einige Modelle, und Magus lieh ihm ein paar Gewaender. Nach zwei Monaten
vollkommener Zurueckgezogenheit hatte der Bretone vier Gemaelde
vollendet. Wieder bat er Schinner um sein Urteil und lud auch Josef
Bridau dazu ein. Die beiden Maler bezeichneten die Bilder als treue
Kopien der Hollaendischen Landschaften und der Interieurs von Metsu,
waehrend das vierte eine missratene Nachbildung von Rembrandts Anatomie
sei.

"Nichts als Nachahmungen," sagte Schinner; "Fougeres wird es schwerlich
dazu bringen, etwas Eigenes zu geben."

"Du solltest etwas anderes tun als Bilder malen," sagte Bridau.

"Was denn?" fragte Fougeres.

"Wirf Dich auf die Literatur," sagte Bridau.

Fougeres liess den Kopf haengen wie ein Schaf im Regen. Dennoch liess er
sich einige technische Winke geben und arbeitete danach noch an seinen
Bildern, bevor er sie zu Elias brachte. Dieser zahlte ihm
fuenfundzwanzig Francs fuer das Stueck. Fougeres verdiente dabei nichts,
verlor aber auch nichts, denn er lebte sehr anspruchslos.

Wieder nahm er nun seine Spaziergaenge auf, um das Schicksal seiner
Bilder zu verfolgen. Da hatte er eine merkwuerdige Halluzination: seine
so klar und genau gemalten Bilder, die von der Haltbarkeit des
Eisenblechs und glaenzend wie Porzellan waren, schienen wie von einem
grauen Nebel ueberzogen; sie glichen alten Gemaelden. Elias war
ausgegangen, und so konnte sich Fougeres keine Erklaerung dieses
Phaenomens einholen. Er dachte, es muesse eine Taeuschung sein. Er kehrte
heim und fing von neuem an, alte Bilder zu malen.

Nach sieben Jahren unermuedlicher, eifriger Arbeit brachte Fougeres es
so weit, dass er ertraegliche Bilder komponieren und ausfuehren konnte. Er
leistete etwas Mittelmaessiges, wie viele andere Maler auch. Elias kaufte
und verkaufte alle diese Bilder des armen Bretonen, der jaehrlich muehsam
hundert Louis verdiente, waehrend er kaum zwoelfhundert Francs
verbrauchte. Bei der Ausstellung des Jahres 1829 wurden Leon de Lora,
Schinner und Bridau, die von grossem Einfluss waren und an der Spitze der
kuenstlerischen Bewegung standen, so ergriffen von der Beharrlichkeit
und der Armut ihres einstigen Kameraden, dass sie eines seiner Bilder
zum grossen Salon der Ausstellung zuliessen. Dies Gemaelde zeigte einen
jungen Straefling, dem die Haare geschoren wurden. Er sass zwischen einem
Priester und einem jungen und einem alten Weibe, die weinten, waehrend
ein Schreiber ein gestempeltes Schriftstueck las. Unberuehrt standen auf
einem schmutzigen Tische Speisen; zwischen den Gitterstaeben eines
hochgelegenen Fensters fiel das erste Tageslicht herein. Ein Etwas in
diesem Bilde musste die Buerger erschauern lassen--und sie erschauerten.
Unverkennbar war Fougeres von Gerard Dous bekanntem Meisterwerk
beeinflusst worden; er hatte die Gruppe im Gemaelde "Die wassersuechtige
Frau" zum Fenster gedreht, statt sie von vorne zu zeigen und die
Sterbende durch den Verurteilten ersetzt; es war dasselbe fahle
Gesicht, derselbe Blick, derselbe Aufschrei zu Gott. Statt des
flaemischen Arztes hatte er den schwarzgekleideten Schreiber mit seiner
kalten Amtsmiene hingemalt, und dem Maedchen auf dem Bilde Gerard Dous
ein greises Weib zugesellt. Beherrscht wurde die Gruppe von dem brutal
gleichgueltigen Gesicht des Henkers. Das Plagiat war raffiniert
ausgefuehrt, und niemand erkannte es als solches. Der Katalog vermerkte:
"No. 510. Grassou de Fougeres, Pierre, 2 Rue de Navarin. Toilette eines
im Jahre 1809 zum Tode verurteilten Verbrechers".

Trotz seiner Talentlosigkeit wurde dem Bilde ein beispielloser Erfolg
zuteil; erinnerte es doch an den Fall der Heizer von Mortagne. Das
Publikum sammelte sich. Tag fuer Tag vor dem Bilde, das die Sensation
von Paris bildete. Auch Karl X. blieb davor stehen. Madame, der man von
dem kuemmerlichen Dasein des Bretonen erzaehlt hatte, begeisterte sich
fuer ihn. Der Herzog von Orleans bemuehte sich um das Gemaelde. Von
Praelaten hoerte Madame la Dauphine, dass das Bild eine gute Moral
enthalte, und es war in der Tat von sympathischen religioesen Gedanken
erfuellt. Monseigneur le Dauphin bewunderte, wie der Staub auf den
Mauersteinen gemalt sei, worin er uebrigens irrte, denn Fougeres hatte
durch gruenliche Reflexe die schimmlige Feuchtigkeit der Waende andeuten
wollen. Madame erwarb das Bild fuer tausend Francs, und der Dauphin
erteilte dem Kuenstler den Auftrag auf ein zweites, aehnliches. Fougeres,
dessen Vater 1799 fuer die Sache des Koenigs gefochten hatte, wurde von
Karl X. durch Verleihung des Ehrenkreuzes ausgezeichnet, waehrend Josef
Bridau, der grosse Kuenstler, leer ausging. Der Minister des Innern
uebertrug Fougeres die Ausfuehrung zweier Kirchengemaelde. Somit bedeutete
diese Ausstellung des Salon fuer Pierre Grassou Reichtum, Ruhm und
Zukunft. Schoepfer sein, heisst am langsamen Feuer schmoren; nachahmen,
das heisst leben!

Eine Goldquelle hatte sich Grassou eroeffnet. In seinem skrupellosen
Missbrauch der Kunst war er wieder einmal ein Beispiel dafuer, dass die
ueberwaeltigende Mehrheit der Unfaehigen in unseren Tagen ueberall das
Aufkommen der wahrhaft Begabten erschwert und einen erbarmungslosen
Kampf gegen das wirkliche Talent fuehrt. Fougeres wunderte sich selbst
ueber seinen Erfolg, und seine Bescheidenheit und Schlichtheit liessen
Neid und Missgunst verstummen. Ausserdem hatte er alle Grassous, die
schon ihr Glueck gemacht hatten, auf seiner Seite, mehr aber noch jene,
die darauf hofften. Einige waren von der Willenskraft dieses Mannes,
den nichts hatte niederwerfen koennen, begeistert und sagten: "Man muss
seinen Willen zur Kunst anerkennen! Grassou hat sein Glueck nicht
gestohlen; der arme Kerl hat sich zehn Jahre lang hart darum
geschunden!" Alle Glueckwuensche, die dem Maler dargebracht wurden,
klangen aus in diesem Ausruf: "Der arme Kerl!" Vom Mitleid wird ja
ebensoviel Mittelmaessigkeit erhoben, als vom Neid Groesse und Bedeutung
gestuerzt. Die Zeitungen hatten in ihren Kritiken nicht mit bitterer
Schaerfe gespart, aber Fougeres schluckte sie, ebenso wie die
verbessernden Ratschlaege seiner Kameraden, mit Engelsgeduld hinunter.

Nachdem er sich nun im Besitz von fuenfzehntausend Francs sah, die sauer
genug verdient worden waren, richtete er sich in der Rue de Navarin
seine Wohnung und sein Atelier ein und gab sich an das vom Dauphin in
Auftrag gegebene Gemaelde. Auch die vom Ministerium bestellten beiden
Kirchenbilder lieferte er so genau am festgesetzten Termin ab, dass der
Minister ebenso wie seine Kasse von der unerwarteten Puenktlichkeit des
Kuenstlers aufs hoechste ueberrascht und in Verlegenheit gebracht wurde.
Allein den ordnungsliebenden Leuten ist das Glueck wohlgesonnen. Haette
Grassou mit der Ablieferung gesaeumt, so waere er wohl infolge der
Julirevolution niemals bezahlt worden. Mit siebenunddreissig Jahren
hatte Fougeres fuer Elias Magus nahezu zweihundert Bilder fabriziert.
Sie blieben zwar gaenzlich unbekannt, aber er war zufrieden damit, und
diese Arbeit hatte sein Schaffen so zum Handwerk gemacht, dass die
Kuenstler die Achseln zuckten. Die Buerger liebten ihn. Die Freunde
schaetzten Fougeres wegen seines biederen und mitfuehlenden Wesens, wegen
seiner Freundlichkeit und Anhaenglichkeit. Waehrend sie seine Palette
missachteten, achteten sie doch den Mann, der sie hielt. "Ein Jammer,
dass Fougeres dem Laster des Malens verfallen ist," sagten die Freunde
untereinander.

Trotz seiner Talentlosigkeit war Grassou ein schaetzenswerter Berater,
wie es auch in der Literatur Leute gibt, die selbst kein brauchbares
Buch zustandebringen, aber einen guten Blick fuer die Fehler anderer
Werke haben. Dennoch war zwischen dieser Art literarischer Kritik und
der Fougeres ein Unterschied; Grassou war im hoechsten Grade empfaenglich
fuer das Schoene, er war dankbar dafuer, und so kamen seine Ratschlaege aus
einem aufrichtigen Empfinden, dem man wirklich vertrauen durfte.

Seit der Julirevolution schickte Fougeres zu jeder Ausstellung ein
Dutzend Bilder, von denen vier oder fuenf durch die Jury zugelassen
wurden. Der Maler lebte aeusserst bescheiden und hielt sich zur Bedienung
nur eine Haushaelterin. Seine einzige Unterhaltung fand er in Besuchen
bei seinen Freunden, im Anschauen von Kunstsammlungen und hin und
wieder in einer kleinen Reise, die ihn aber nie ueber die Grenzen
Frankreichs hinausfuehrte. Er beabsichtigte aber, sich demnaechst in der
Schweiz neue Anregung zu holen. Unser Kuenstler war ein durchaus
einwandfreier Staatsbuerger, der seiner Wehrpflicht genuegte, sich zu den
Musterungen einstellte und seine Steuern ebenso wie seine Miete mit
peinlicher Puenktlichkeit entrichtete.

Da sein Leben in Arbeit und Sorgen aufgegangen war, hatte er keine Zeit
gefunden, an die Liebe zu denken. Dem armen Junggesellen kam es auch
garnicht in den Sinn, sein einsames Leben aufzugeben, und da er nicht
wusste, wie er sein Geld nutzbringend anlegen koenne, brachte er jeweils
die Ersparnisse des Quartals zu seinem Notar Cardot. Als die Summe auf
tausend Taler angewachsen war, legte dieser sie als erste Hypothek an.
Der Maler wartete auf den gluecklichen Augenblick, wo seine Papiere die
imposante Summe von zweitausend Francs Rente abwerfen wuerden, um sich
das otium cum dignitate des Kuenstlers zu geben und Bilder zu malen, oh,
wirkliche, vollendete Kunstwerke. Seine Zukunft, seinen Traum von
Glueck, seiner Hoffnungen Superlativ--wollt ihr ihn hoeren? Mitglied des
Instituts werden und die Rosette der Offiziere der Ehrenlegion
erwerben. Seite an Seite mit Schinner und Leon de Lora sitzen, frueher
als Bridau. Eine Rosette im Knopfloch tragen! Welcher Traum!--Welch
kleiner Geist, der nur an diese Dinge denkt!...

Als Fougeres Schritte aus der Treppe vernahm, fuhr er sich durch das
Haar, knoepfte seine flaschengruene Sammetweste zu und war nicht wenig
entsetzt, als er gleich darauf ein Gesicht vor sich sah, das man in der
Sprache der Ateliers treffend "Melone" nennt. Diese Frucht sass auf
einem mit blauem Tuch bekleideten und mit einem Gehaenge klingender
Berlocks geschmueckten Kuerbis, dem zwei Steckrueben, die man nur
irrtuemlicherweise als Beine bezeichnen konnte, zum Gehen dienten. Die
Melone schnaufte wie ein Walross. Ein echter Kuenstler haette den hiermit
charakterisierten kleinen Flaschenhaendler unverzueglich vor die Tuer
gesetzt, mit dem Bedauern, dass er leider kein Gemuese male. Fougeres
aber sah sich seine Kundschaft erst, ohne eine Miene zu verziehen, an,
denn im Vorhemd des Herrn Vervelle prangte ein Diamant von tausend
Talern Wert. Der Blick, den hierauf Fougeres dem Magus zuwarf,
bedeutete etwa: "Ein feister Brocken!", waehrend Herr Vervelle die Stirn
runzelte. Der Ehrenmann fuehrte noch zwei andere Gemuesesorten in Gestalt
seiner Frau und seiner Tochter mit sich. Die Gattin glich mit ihrem
mahagonifarbenen Gesicht einer auf unfoermlichen Fuessen stehenden
Kokosnuss, die nur mit einem Kopf gekroent und von einem Guertel
eingeschnuert war. Sie trug ein gelbes Kleid mit schwarzen Streifen.
Ihre geschwollenen Haende staken kokett in unvorstellbaren
Fausthandschuhen, die einem Korporal haetten gehoeren koennen. Ihren
riesigen Hut ueberfluteten maechtige Straussenfedern, und ihre runden
massigen Schultern waren mit Spitzen geschmueckt. Dergestalt war die
elfenhafte Erscheinung der Kokosnuss. Die Fuesse, die man treffender als
Wurzelkloetze bezeichnen wuerde, quollen in sechs Wuelsten ueber die
Lackschuhe hervor. Wie waren sie nur in die Schuhe hineingekommen?! Man
weiss es nicht.

Ihr folgte ein junger, gruen-gelber Spargel, dessen kleinen Kopf eine
von Schleifchen gehaltene, rueben-rote Lockenfrisur zierte. Sie hatte
spindelduerre Arme, einen leidlich weissen Teint, der mit Sommersprossen
uebersaet war, grosse Unschuldsaugen mit fahlen Wimpern, fast gar keine
Augenbrauen, einen Florentiner Strohhut, den zuechtig zwei von weissen
Satinlitzen eingefasste Rosetten garnierten, die roten Haende der Tugend
und die Fuesse der Mutter.

Aus der beglueckten Miene, mit der diese drei Wesen in dem Atelier des
Malers Umschau hielten, verriet sich ihre ehrfuerchtige Begeisterung fuer
die Kunst.

"Sie also werden uns malen, mein Herr?" fragte der wuerdige Vater.

"Ja, mein Herr!" anwortete Grassou.

"Vervelle, er hat das Ehrenkreuz!" fluesterte die Frau ihrem Manne zu,
als der Maler ihnen den Ruecken zuwandte.

"Glaubst du, ich wuerde unsere Bilder von einem Maler ohne Auszeichnung
malen lassen?" sagte der gewesene Flaschenhaendler.

Elias Magus verabschiedete sich von der Familie Vervelle und ging.
Grassou begleitete ihn zur Treppe.

"Das war auch nur Ihnen moeglich, solche Kugeln aufzufangen," sagte er.

"Hunderttausend Francs Mitgift!" sagte Magus.

"Ja, aber was fuer eine Familie!"

"Dreihunderttausend Francs spaeteres Erbteil, ein Haus in der Rue
Boucherat und ein Landhaus in Ville d'Avray. Sie waeren fuer Lebenszeit
versorgt," sagte Elias.

Dieser Gedanke durchzuckte Grassous Gehirn wie die Morgensonne seine
Mansarde.

Waehrend er dem Vater des jungen Maedchens behilflich war, die richtige
Stellung zum Portraetieren einzunehmen, erfreute er sich an dem
gutmuetigen Ausdruck dieses Mannes und bewunderte die violetten Farbtoene
dieses Gesichts. Mutter und Tochter flatterten um den Maler herum und
beobachteten voller Entzuecken seine Vorbereitungen; er erschien ihnen
wie ein Gott. Fougeres gefiel sich in dieser Bewunderung. Das goldne
Kalb strahlte sein phantastisches Licht ueber diese Familie.

"Sie muessen unheimliche Summen verdienen, nicht wahr?" sagte die
Mutter. "Aber Sie geben das Geld wahrscheinlich ebenso schnell, wie Sie
es verdienen, wieder aus."

"Nein, gnaedige Frau," erwiderte der Maler, "ich gebe es nicht aus, denn
ich wuesste nicht, wozu. Mein Notar arbeitet mit dem Gelde und fuehrt Buch
darueber; und sobald ich es ihm gegeben habe, denke ich nicht mehr
daran."

"Ich habe mir sagen lassen," rief Papa Vervelle, "Ihr Kuenstler waeret
wie die Siebe."

"Wer ist Ihr Notar, wenn es erlaubt ist?" fragte Frau Vervelle.

"Oh, ein guter Kerl, der runde Cardot."

"Aber nein, wie komisch!" lachte Vervelle. "Cardot ist auch unser
Notar."

"Sie duerfen sich nicht bewegen," sagte der Maler.

"Aber so bleibe doch ruhig," rief die Gattin. "Du wirst schuld sein,
wenn der Herr einen Fehler macht. Du solltest ihn nur bei der Arbeit
sehen, so wuerdest Du verstehen...." "Ach Gott! Warum habt Ihr mich
nicht im Malen unterrichten lassen!" sagte Fraeulein Vervelle zu den
Eltern.

"Virginie," rief die Mutter, "es gibt gewisse Dinge, die ein junges
Maedchen nicht kennen darf. Bist Du erst einmal verheiratet--gut! Aber
bis dahin gib Dich zufrieden."

Diese erste Sitzung genuegte, um den ehrenwerten Kuenstler mit der
Familie Vervelle schon recht befreundet werden zu lassen. In zwei Tagen
sollten die Vervelles wiederkommen. Vater und Mutter liessen Virginie
auf dem Heimweg ein wenig vorausgehen, aber trotz der Entfernung
erlauschte sie folgende Worte, die ihre Neugier erweckten: "Ein
dekorierter Mann ... siebenunddreissig Jahre ... ein Kuenstler mit
Auftraegen, dessen Geld von unserm Notar verwaltet wird ... wie waere es,
wenn wir Cardot zu Rate zoegen? Ha! Madame de Fougeres waere nicht
uebel!... Er sieht nicht aus wie ein uebler Mensch.... Du meinst, besser
ein Grosshaendler? Aber bei einem Kaufmann kannst Du, wenn er sich nicht
bereits vom Geschaeft zurueckgezogen hat, nie wissen, wie es Deiner
Tochter ergehen wird. Ein sparsamer Kuenstler dagegen ... ausserdem
lieben wir die Kunst ... kurz und gut...."

Waehrend die Familie Vervelle ihre Eindruecke ueber den Maler austauschte,
bildete sich auch Fougeres seinerseits sein Urteil ueber die drei. Aber
das Atelier war ihm zu eng und still dazu. Er begab sich auf die Strasse
und musterte die rothaarigen Frauen unter den Voruebergehenden, wobei er
die seltsamsten Schlussfolgerungen zog: Gold sei das schoenste der
Metalle, und die gelbe Farbe kennzeichne das Gold, die Roemer liebten
Frauen mit goldrotem Haar und er fuehle wie ein Roemer ... und
dergleichen mehr. Welcher Mann kuemmert sich, nach zwei Jahren der Ehe
noch um die Haarfarbe seiner Frau? Schoenheit vergeht, aber die
Haesslichkeit besteht. Geld ist der halbe Weg zum Glueck.

Als der Maler abends zur Ruhe ging, fand er Virginie Vervelle bereits
entzueckend.

Als die drei Vervelles zur zweiten Sitzung das Atelier betraten,
empfing der Maler sie mit einem liebenswuerdigen Laecheln. Der Schelm
hatte heute seinem Bart besondere Aufmerksamkeit gewidmet; seine Waesche
war bluetenweiss; anmutig hatte er sein Haar geordnet, und er trug eine
sehr kleidsame Hose und puterrote Hausschuhe. Sein Gruss wurde von der
Familie ebenfalls mit einem gewinnenden Laecheln beantwortet. Virginie,
die so rot wurde wie ihr Haar, senkte die Augen und wandte den Kopf ab,
als versenke sie sich in die Studien. Pierre Grassou war von diesen
kleinen Zierereien entzueckt; er fand Virginie grazioes und
gluecklicherweise weder ihrem Vater noch ihrer Mutter aehnlich.

Waehrend der Sitzung entspann sich eine angeregte Unterhaltung zwischen
der Familie und dem Maler, der so kuehn war, den Vater Vervelle
geistvoll zu finden. Die Vervelles nahmen mit ihren Schmeichelworten
das Herz des Kuenstlers im Sturm. Er schenkte Virginie eine seiner
Skizzen und der Mutter eine Studie. "Umsonst?" fragten sie. Pierre
Grassou musste lachen. "Sie duerfen Ihre Bilder nicht so wegschenken,"
sagte Vervelle, "das ist doch so gut wie bares Geld."--

Bei der dritten Sitzung erzaehlte Papa Vervelle von einer schoenen


Gemaeldegalerie, die er sich in seinem Landhaus in Ville d'Avray
zugelegt habe. Sie enthalte Werke von Rubens, Gerard Dou, Mieris,
Terborch, Rembrandt, Paul Potter, einen Tizian und anderes. "Herr
Vervelle hat sich eine Torheit geleistet," sagte Frau Vervelle sehr
wichtig, "er besitzt fuer hunderttausend Francs Bilder."--"Ich bin eben
Kunstliebhaber," sagte der ehemalige Flaschenhaendler.

Als der Maler das Portraet der Frau Vervelle begann, nachdem das ihres
Gatten nahezu vollendet war, fand die Bewunderung der Familie kein
Ende. Der Notar hatte von dem Maler eine geradezu glaenzende Schilderung
gegeben: Pierre Grassou war in seinen Augen der ehrenwerteste Mann der
Welt, einer der bestsituierten Kuenstler, der sich bis jetzt
sechsunddreissigtausend Francs zusammengespart habe; die Tage des Elends
seien fuer ihn vorbei, er habe eine Jahreseinnahme von zehntausend
Francs; alles in allem, es sei ausgeschlossen, dass er eine Frau
ungluecklich machen werde. Diese Schlussbemerkung fiel entscheidend in
die Wagschale. Die Vervelles unterhielten ihre Freunde nur noch mit
Gespraechen ueber den beruehmten Fougeres. An dem Tage, da Fougeres das
Bild Virginiens in Angriff nahm, galt er schon als der zukuenftige
Schwiegersohn der Familie. Die drei Vervelles bluehten und gediehen in
der Atmosphaere dieses Ateliers, das sie nun schon als eine ihrer
Residenzen ansahen. Eine unerklaerliche Anziehungskraft ging von diesem
sauberen, freundlich geordneten Raum auf sie aus. Abyssus, abyssum--der
Buerger zieht den Buerger an.

Als die Sitzung zu Ende ging, erzitterte die Treppe unter
heraufstuermenden schweren Schritten. Die Tuere wurde aufgerissen und
Josef Bridau trat ein. Er war erhitzt und aufgeregt, seine Haare
wehten, sein dicker Schaedel gluehte. Wie Blitze flogen seine Blicke
umher und er wirbelte alles im Atelier durcheinander, um sich dann
ploetzlich an Grassou zu wenden, waehrend er versuchte, den ueber den
Bauch zusammengezogenen Rock zuzuknoepfen, was nicht gelang, da von dem
betreffenden Knopf nur noch der leere Stoffueberzug vorhanden war. "Das
Holz ist teuer," sagte er zu Grassou.

"Ah!"

"Die Glaeubiger sind hinter mir her.... Aber sag, malst Du dies Zeug
da?"

"So schweig doch!"

"Ach so! Ja!"

Familie Vervelle fuehlte sich durch das ungewoehnliche Auftreten dieses
Menschen im tiefsten verletzt. Ihre natuerliche Roete steigerte sich ins
Kirschfarbene und endlich zu flammendem Purpur.

"Allerdings, so etwas bringt was ein!" begann Bridau wieder. "Hast Du
Geld?"

"Brauchst Du viel?"

"Fuenfhundert.... Ich bin einem Bluthund von Wucherer in die Finger
gefallen. Wenn so eine Bestie einmal zugepackt hat, so laesst sie nicht
locker, bis sie den Bissen geschluckt hat. Welche Rasse!"

"Ich werde Dir ein paar Zeilen an meinen Notar mitgeben...."

"Was, Du hast einen Notar?"

"Ja!"

"Nun, dann weiss ich doch wenigstens, warum Du die Wangen mit Rosentoenen
malst, die einen Parfuemeur begeistern wuerden."

Grassou konnte es nicht verhindern, dass er erroetete. Virginie verzog
das Gesicht.

"Warum haeltst Du Dich nicht an die Natur?" fuhr der grosse Maler fort.
"Das Fraeulein ist rot--nun also, ist denn das so schlimm? In der Kunst
ist alles schoen. Tu Zinnober auf Deine Palette und belebe die Wangen
damit. Pinsele getrost die kleinen braunen Tuepfelchen hin und gib dem
Ganzen etwas mehr Fettglanz. Willst Du mehr Geist haben als die Natur?"

"Hier...." sagte Fougeres, "Du kannst mich ja solange vertreten,
waehrend ich schreibe."

Vervelle schob seinen Kugelkoerper leise an den Tisch heran und beugte
sich zum Ohr des Malers herab. "Dieser Brausekopf wird aber doch alles
verderben!" fluesterte der besorgte Kaufmann.

"Wenn er das Bild Ihrer Virginie malte," erwiderte Fougeres entruestet,
"so wuerde es tausendmal besser als meine Arbeit."

Auf diese Auskunft hin zog Vervelle sich vorsichtig wieder zurueck und
begab sich an die Seite seiner Frau, die ueber diesen Berserker einfach
sprachlos war und sich nur hoechst beunruhigt darueber zeigte, dass er an
dem Portraet ihrer Tochter herumwerkelte.

"So--halte Dich an diese Angaben," sagte Bridau, als er die Palette
gegen das Schreiben eintauschte. "Ich danke Dir nicht weiter! Nun kann
ich doch nach Chateau d'Arthey zurueckkehren, wo ich einen Speisesaal
auszufuehren habe; Leon de Lora macht die Tuerfuellungen. Wahre
Meisterwerke! Du solltest uns einmal besuchen!" Er ging ohne Gruss; er
hatte von dem Anblick Virginies genug bekommen.

"Wer ist denn dieser Mensch?" fragte Madame Vervelle.--"Ein grosser
Kuenstler," antwortete Grassou. Nach einer Minute des Schweigens fragte
Virginie: "Sind Sie auch sicher, dass er an meinem Bilde nichts
verdorben hat? Er hat mich erschreckt!"

"Er hat es verbessert," antwortete Grassou.--"Wenn dieser ein grosser
Kuenstler ist," sagte Madame Vervelle, "so muss ich doch sagen, dass ich
die grossen Kuenstler Ihrer Art vorziehe."--"Aber Mama, Herr Grassou ist
doch ein viel groesserer Maler; er malt mich in ganzer Figur," plapperte
Virginie. Diese braven Leute fuehlten sich durch die Allueren des Genies
vor den Kopf gestossen.--

Es war im Spaetsommer, als Vervelle sich ein Herz fasste und den Maler
zum naechsten Sonntag auf sein Landhaus einlud. "Ich weiss ja," sagte er
bescheiden, "dass wir Buergersleute einem Kuenstler nicht viel Anziehendes
bieten koennen. Die Kuenstler brauchen Anregung, Schaugepraenge und eine
Umgebung geistvoller Personen. Bei mir werden Sie nichts finden als
einen guten Wein; ich hoffe aber auch, dass meine Gemaeldegalerie Ihnen
hilft, die Langeweile zu verscheuchen, die einen Kuenstler wie Sie unter
so einfachen Leuten befallen koennte."

Es entzueckte den armen Pierre Grassou, der so wenig an Lobeserhebungen
gewoehnt war, sich so gefeiert zu sehen. Dieser guetige Mensch, dieser
kaum mittelmaessige Kuenstler, dies goldene Herz, diese treue Seele,
dieser miserable Zeichner und brave Junge, den der koenigliche Orden der
Ehrenlegion zierte, warf sich in Gala, um die letzten schoenen Tage des
Jahres in Ville d'Avray zu geniessen. Er fuhr bescheiden im Omnibus. Das
Schloesschen des ehemaligen Flaschenhaendlers, das auf der Hoehe von Ville
d'Avray, dem schoensten Punkt der Ortschaft, mitten in einem fuenf Morgen
grossen Park lag, erregte Grassous hoechste Bewunderung. Virginie
heiraten, hiess also, eines Tages Besitzer dieser schoenen Villa werden!

Von den Vervelles wurde er mit so begeisterter Freude, Liebenswuerdigkeit
und ungeschickter Herzlichkeit aufgenommen, dass er sich beschaemt fuehlte.
Es war ein Tag des Triumphes fuer ihn. In den zu Ehren des hohen Besuches
sorgfaeltig geharkten Wegen fuehrte man seine Zukunftsplaene spazieren.

Sogar die Baeume sahen aus, als ob sie gekaemmt worden waeren. Die
Rasenplaetze waren frisch gemaeht. Durch die reine Landluft schwebten
verheissungsvoll wunderbare Kuechengerueche herueber. Alles im Hause schien
sich zuzufluestern: "Wir haben einen grossen Kuenstler zu Gast!" Papa
Vervelle kugelte wie ein Apfel durch seinen Park, die Tochter
schlaengelte sich wie ein Aal daher, und die Mutter folgte mit
wichtigtuerischer Miene hinterdrein.

Unermuedlich beschaeftigten die drei Leute sich ohne Unterbrechung sieben
Stunden lang um ihren Gast. Auf das Diner, das sich in seiner
koestlichen Reichhaltigkeit sehr in die Laenge zog, folgte der grosse Coup
des Tages, die Besichtigung der Galerie. Drei Nachbarn, ehemalige
Kaufleute, ein Erbonkel, den man zu Ehren des grossen Kuenstlers
eingeladen hatte, ein altes Fraeulein Vervelle und die Gastgeber selbst
folgten dem Maler in die Galerie. Sie waren alle begierig, sein Urteil
ueber die beruehmte Sammlung des kleinen Papa Vervelle zu hoeren und ueber
den fabelhaften Wert der Bilder Gewissheit zu erlangen. Es schien, dass
der Flaschenhaendler mit Koenig Louis Philipp und den Galerien von
Versailles hatte wetteifern wollen. An den kostbaren Rahmen waren
kleine Taefelchen angebracht, die auf goldenem Grund schwarze
Aufschriften trugen. Sie lauteten: "Rubens, Tanz der Faune und
Nymphen."--"Rembrandt, Inneres eines Anatomiesaales.--Dr. Tromp mit
seinen Schuelern." Die Galerie wurde durch Lampen erhellt, die besondere
Beleuchtungseffekte erzielen sollten. Sie enthielt hundertfuenfzig alte,
verstaubte Gemaelde. Vor einigen hingen gruene Vorhaenge, die man in
Gegenwart der jungen Leute geschlossen liess. Der Kuenstler stand da, die
Arme verschraenkt und mit offenem Munde; er war sprachlos: in dieser
Galerie fand er die Haelfte seiner eigenen Bilder wieder. Rubens, Paul
Potter, Mieris, Gerard Dou,--zwanzig der groessten Meister waren Werke
seiner Hand.

"Mein Gott! Was fehlt Ihnen? Wie bleich Sie geworden sind! Schnell ein
Glas Wasser, Kind!" rief Mutter Vervelle. Der Maler zog Papa Vervelle
am Rockknopf in einen Winkel der Galerie, unter dem Vorwand, einen
Murillo betrachten zu wollen; die Bilder der Spanier waren damals in
Mode. "Sagen Sie, haben Sie diese Gemaelde bei Elias Magus erstanden?"
--"Ja, lauter Originale!"

"Unter uns gesagt, zu welchem Preise hat er Ihnen diejenigen verkauft,
die ich Ihnen jetzt bezeichnen werde?" Sie machten nebeneinander einen
Rundgang durch den Raum. Die Gaeste waren entzueckt davon, mit welchem
Ernst der Kuenstler sich an der Seite seines Gastgebers dem Studium der
Meisterwerke hingab. "Dreitausend Francs!" sagte Vervelle mit
fluesternder Stimme, als sie vor dem letzten Bilde angelangt waren,
"aber ich gab ihm viertausend dafuer."--"Einen Tizian fuer viertausend
Francs?" sagte der Maler mit erhobener Stimme; "aber das waere ja
geschenkt!"--"Wie ich Ihnen sagte. Ich besitze hier fuer zusammen
hunderttausend Taler Bilder!" rief Vervelle.

"Alle diese Bilder habe ich gemalt," sagte Pierre Grassou ihm ins Ohr,
"und ich habe fuer alle zusammen nicht mehr als zehntausend Francs
bekommen." "Beweisen Sie mir das," sagte der Flaschenhaendler, "und ich
werde die Mitgift meiner Tochter verdoppeln, denn dann sind Sie ja
Rubens, Rembrandt, Terborch, Tizian in einer Person!"

"Und unser Magus ist ein hoechst talentierter Bilderhaendler!" meinte der
Maler, der nun endlich begriff, warum seine Bilder im Laden des Elias
ein so merkwuerdiges Aussehen bekamen und weshalb der Alte immer so
sonderbare Motive von ihm verlangt hatte.

Wollte man nun annehmen, dass Herr von Fougeres--auf diesen Namen
bestand seine Familie--bei seinen Bewunderern an Hochachtung eingebuesst
haette, so irrte man darin. Sein Ansehen stieg ueber alles Mass. Die
Portraets der Familie Vervelle fuehrte der Glueckliche aber nun
unentgeltlich aus und brachte sie seinem Schwiegervater, seiner
Schwiegermutter und seiner jungen Gattin als Geschenk dar.... Pierre
Grassou, der heute bei keiner Ausstellung fehlt, gilt in der Welt der
Kleinbuerger als ein guter Portraetmaler. Er hat ein Einkommen von
zwoelfhundert Francs im Jahre und bekleckst fuer fuenfhundert Francs
Leinwand. Seine Frau hat eine jaehrliche Rente von sechstausend Francs
als Mitgift bekommen und die Eheleute wohnen im Hause der Schwieger-
eltern. Die Vervelles und die Grassous verstehen sich ganz ausgezeichnet
miteinander; sie halten sich eine gemeinsame Equipage und sind die
gluecklichsten Menschen von der Welt. Wo Pierre Grassou in buergerlicher
Sphaere eine Gesellschaft besucht, wird er als der groesste Kuenstler seiner
Zeit gefeiert. Von der Barriere du Trone bis zur Rue du Temple wird kein
Familienbild in Auftrag gegeben, das nicht dieser grosse Maler ausfuehrt
und sich mit mindestens fuenfhundert Francs bezahlen laesst. Fragt man die
Buerger, warum sie gerade ihm den Vorzug geben, so antworten sie: "Man
mag sagen, was man will, er ist ein Mann, der im Jahre seine zwanzig-
tausend Francs zum Notar bringt!"

Da Grassou sich bei den Aufstaenden am 12 Mai trefflich gehalten hatte,
wurde er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Er ist Bataillonschef
der Nationalgarde. Es blieb nicht aus, dass das Museum von Versailles
einem so ausgezeichneten Staatsbuerger ein Schlachtengemaelde in Auftrag
gab. Fougeres trug seine Freude vor ganz Paris zur Schau und erzaehlte
seinen ehemaligen Kameraden, die ihm begegneten, mit gleichgueltiger
Miene: "Der Koenig hat ein Schlachtengemaelde bei mir bestellt."

Frau von Fougeres, die ihren Gatten mit zwei Kindern beschenkt hat,
betet ihn an. Ein ausgezeichneter Gatte und guter Vater ist dieser
Maler, aber er kann nicht den schmerzlichen Gedanken verwinden, dass die
Kuenstler sich ueber ihn lustig machen, sein Name in den Ateliers nur als
abschreckendes Beispiel genannt wird, die Presse sich nicht mit seinen
Werken beschaeftigt. Doch er arbeitet unentwegt weiter und hegt die
Hoffnung, dass man ihn in die Akademie aufnehmen werde. Und, ein Akt
herzerfreuender Rache, den beruehmten Malern kauft er, wenn sie in
Geldverlegenheit sind, ihre Bilder ab. Auf diese Weise tauscht er die
elenden Schinken der Galerie in Ville d'Avray aus gegen wirkliche
Meisterwerke, die nicht von ihm stammen.




DIE BOeRSE


Es gibt eine koestliche Stunde fuer Herzen, die sich leicht oeffnen, fuer
frische Herzen, die stets jung und zaertlich bleiben, und diese Stunde,
die unbestimmteste und veraenderlichste von allen, aus denen ein Tag
besteht, beginnt in dem Augenblick, wo es noch nicht Nacht und nicht
mehr Tag ist. Die Abenddaemmerung wirft ihre matten Faerbungen und
wunderlichen Beleuchtungen auf alle Gegenstaende, und suesse Traeumereien
entstehen dann, waehrend Licht und Dunkelheit miteinander kaempfen. Das
Schweigen, das fast stets waehrend dieses an Inspirationen reichen
Augenblickes herrscht, macht ihn besonders den Dichtern, Malern und
Bildhauern teuer. Sie sammeln sich, treten ein wenig von ihren Werken
zurueck, und da sie nicht mehr daran arbeiten koennen, so beurteilen sie
sie und berauschen sich mit Wonne an ihren Schoepfungen, deren ganze
Schoenheit sich vor dem inneren Auge ihres Genius entfaltet.

Derjenige, der noch nie waehrend dieses Augenblicks in poetische
Traeumereien versunken neben einem Freunde sass, wird nur schwer die
unnennbaren Wohltaten desselben begreifen. Infolge des Halbdunkels
verschwindet der materielle Trug, den die Kunst anwendet, um an die
Wirklichkeit des Lebens glauben zu machen. Der Schatten wird dann
Schatten, Licht ist Licht, das Fleisch wird lebendig, die Augen
leuchten, Blut fliesst durch die Adern und die Gewaender der gemalten
Figuren scheinen zu rauschen. Die Einbildungskraft kommt auf wundersame
Weise zu Hilfe, um an die Natuerlichkeit der Einzelheiten glauben zu
machen; man sieht nur noch die Schoenheit des Werks, und wenn es sich um
ein Gemaelde handelt, so scheint es uns, als ob die dargestellten
Personen redeten und sich bewegten.

Despotisch herrscht in dieser Stunde die Illusion; sie erhebt sich mit
der Nacht. Und ist sie fuer den Verstand nicht eine Art von Nacht, an
die wir so gern glauben? Die Illusion hat dann Schwingen, sie fuehrt den
Geist in die Welt der Phantasien, in eine Welt, die fruchtbar an
wolluestigen Launen ist, und in welcher der Kuenstler ganz und gar die
wirkliche Welt vergisst, die Vergangenheit, die Zukunft, sogar sein
Elend.

In dieser magischen Stunde war es, als ein junger Maler, ein
talentvoller Mann, der in der Kunst nur die Kunst selbst erblickte, die
Doppelleiter bestiegen hatte, deren er sich bediente, um ein grosses und
hohes Gemaelde zu entwerfen, das bereits zu einem grossen Teile vollendet
war. Er beurteilte sich jetzt selbst, bewunderte sich aufrichtig,
ueberliess sich dem Strome seiner Gedanken und versank in eine jener
Ueberlegungen, die das Herz entzuecken und erheben, die ihm schmeicheln
und es troesten. Seine Traeumerei dauerte ohne Zweifel lange Zeit; die
Nacht erschien, und sei es nun, dass er von seiner Leiter herabsteigen
wollte, sei es, dass er eine unvorsichtige Bewegung machte, indem er
sich auf ebener Erde glaubte, denn das Ereignis erlaubte ihm nicht,
sich genau an die Ursachen seines Ungluecks zu erinnern.... Er fiel.

Sein Kopf schlug gegen einen Sessel, so dass er das Bewusstsein verlor
und eine Zeit lang regungslos liegen blieb. Wie lange er in diesem
bewusstlosen Zustande verblieb, konnte er selbst nicht angeben. Eine
sanfte Stimme erweckte ihn aus der Betaeubung, in die er versunken war.
Als er die Augen aufschlug, drang ein so lebhaftes Licht durch die
Lider, dass er sie sogleich wieder schliessen musste. Nun vernahm er durch
den Schleier hindurch, der seine Sinne gewissermassen umhuellte, das
Gespraech zweier weiblichen Personen, und fuehlte jugendliche schuechterne
Haende sein Haupt betasten. Als er dann sein Bewusstsein vollkommen
wiedergewonnen, vermochte er beim Schein einer altmodischen Lampe das
wonnigste Koepfchen eines jungen Maedchens zu unterscheiden, das er je
gesehen hatte, einen von jenen Koepfen, die man oft fuer eine Laune des
Pinsels halten moechte, der aber fuer ihn sein schoenes Ideal ploetzlich
verwirklichte, denn jeder Kuenstler hat ein Ideal, und daher eben
entspringt sein Talent.

Das Antlitz der Unbekannten gehoerte gewissermassen zu dem feinen und
zarten Typus der Schule von Prudhon und besass ueberdies jene
phantastische Poesie, mit der Girodet seine Gestalten bekleidet hat.
Die Frische der Schlaefen, die Regelmaessigkeit der Brauen, die Reinheit
der Linien, die in allen Zuegen dieser Physiognomie kraeftig ausgepraegte
Jungfraeulichkeit machten gewissermassen eine vollendete Schoepfung aus
dem jungen Maedchen. Es hatte einen schlanken und geschmeidigen Wuchs,
hatte zarte Formen. Die einfache und saubere Kleidung deutete weder auf
Reichtum noch auf Armut.

Als der junge Maler die Besinnung wiedererlangt hatte, drueckte er seine
Bewunderung durch einen Blick der Ueberraschung aus und stotterte
verlegene Worte des Dankes. Er fand seine Stirn mit einem Taschentuch
umwunden und erkannte trotz des Geruchs, der den Malerwerkstaetten eigen
ist, den starken Duft des Aethers, der ohne Zweifel angewandt war, um
ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken. Dann bemerkte er endlich auch noch
eine alte Dame, die den Marquisen des Ancien Regime glich, die eine
Lampe hielt und der jungen Dame Ratschlaege gab.

"Mein Herr," antwortete das junge Maedchen auf eine der Fragen, die der
Maler an sie richtete, waehrend seine Gedanken noch von dem Falle
verwirrt waren, "meine Mutter und ich, wir hoerten den dumpfen Fall
eines Koerpers in Ihrem Zimmer und glaubten darauf, ein Seufzen zu
unterscheiden; die schreckliche Stille, die darauf folgte, veranlasste
uns, zu Ihnen herauf zu eilen. Wir fanden den Schluessel in der Tuer und
erlaubten uns, einzutreten, worauf wir Sie bewegungslos auf der Erde
liegen sahen. Im ersten Augenblick fuerchteten wir fuer ihr Leben. Meine
Mutter holte sogleich alles, was fuer eine Kompresse und zu Ihrer
Wiederbelebung noetig war. Sie sind an der Stirn verletzt ... hier ...
fuehlen Sie's?"

"Ja ... jetzt ..." sagte er.

"O! es hat nichts zu sagen ..." versetzte die alte Mutter. "Ihr Kopf
ist zum Glueck auf die Gliederpuppe gefallen."

"Ich fuehle mich schon wieder besser," antwortete der Maler, "und bedarf
nur eines Wagens, um nach meiner Wohnung zurueckzukehren. Die
Tuerschliesserin wird mir einen besorgen...."

Er wollte seinen Dank gegen die beiden Unbekannten wiederholen, wurde
aber bei jedem Worte von der alten Dame unterbrochen, die zu ihm sagte:
"Mein Herr, vergessen Sie nicht, morgen Blutegel anzusetzen oder sich
schroepfen zu lassen.... Trinken Sie einige Tassen Arnikatee...."

Das junge Maedchen schwieg. Es betrachtete auf verstohlene Weise den
Maler und die Gemaelde der Werkstaette; in seiner Haltung und seinen
Blicken lag eine vollkommene Schicklichkeit. Seine Neugierde glich nur
der Zerstreuung, und seine Augen schienen jenen Anteil auszudruecken,
den das weibliche Geschlecht an jedem Ungluecklichen nimmt. Die beiden
Unbekannten schienen die Werke des Malers zu vergessen, waehrend sie in
Gegenwart des leidenden Malers waren, und als er sie hinsichtlich
seiner Lage ermutigt hatte, gingen sie, indem sie sich nach manchem
noch mit einer sanften Besorgnis erkundigten, die jedoch fern von jeder
Vertraulichkeit blieb. Sie richteten keine unbescheidenen Fragen an ihn
und suchten nicht, in ihm den Wunsch zu erwecken, seine Retterinnen
kennen zu lernen. In allen ihren Handlungen lag eine seltene
Natuerlichkeit, ein guter Geschmack, und wenn auch ihr edles und
einfaches Benehmen fuer den Augenblick wenig Wirkung auf den Maler
hervorbrachte, so ueberraschte es ihn doch lebhaft, als er sich
hinterher die Einzelheiten dieses Auftritts in sein Gedaechtnis
zurueckrief.

Als die alte Dame in das Stockwerk hinabgestiegen war, das sich unter
der Werkstaette des Malers befand, sagte sie mit sanfter Stimme:
"Adelaide, Du hast die Tuer offen gelassen."

"Um mir zu Hilfe zu kommen!" antwortete der Maler mit einem Laecheln des
Danks.

"Meine Mutter! Sie sind zuletzt unten gewesen!..." entgegnete das junge
Maedchen erroetend.

"Sollen wir Sie hinunter begleiten?..." fragte die Mutter den Maler,
"die Treppe ist sehr dunkel!"

"Ich danke Ihnen, meine Damen ... ich fuehle mich vollkommen besser."

"Halten Sie sich ja an dem Gelaender fest!"

Die beiden Damen blieben auf dem Absatz der Treppe stehen, leuchteten
dem jungen Manne und lauschten auf das Geraeusch seiner Schritte.

Um zu begreifen, wie ueberraschend und unerwartet dieser ganze Auftritt
fuer den Maler sein musste, duerfen wir nur bemerken, dass er erst seit
wenigen Tagen seine Werkstatt in einen Dachraum dieses Hauses verlegt
hatte, das in dem dunkelsten, engsten und kotigsten Teile der Rue de
Suresne lag, unweit der Magdalenenkirche, und ebenfalls unfern seiner
Wohnung, die sich in der Rue des Champs-Elysees befand.

Die Beruehmtheit, die ihm sein Talent erworben und aus ihm einen der
beliebtesten Kuenstler gemacht hatte, liess ihn seine fruehere Armut
vergessen und so kannte er die Not allmaehlich nicht mehr. Statt daher
fern in einer jener entlegenen Werkstaetten in der Naehe der Barrieren zu
arbeiten, deren maessige Miete vordem im Verhaeltnis zu der Maessigkeit
seines Verdienstes stand, hatte er einem Wunsche genuegt, der mit jedem
Tage bei ihm wach geworden war, und die naeher gelegene Werkstatt
gemietet, die ihm weitere Wege ersparte und somit einen Verlust der
Zeit, die fuer ihn jetzt kostbarer geworden war als je. Niemand in der
Welt wuerde mehr Teilnahme eingefloesst haben, als Hippolyt Schinner, wenn
er sich dazu haette verstehen koennen, sich zu erkennen zu geben; allein
er offenbarte nicht gern die Geheimnisse seines Lebens.

Er war der Abgott einer armen Mutter, die sich selbst die haertesten
Entbehrungen aufgelegt hatte, um ihn erziehen zu koennen. Jungfer
Schinner, die Tochter eines Bauern im Elsass, war nie verheiratet
gewesen. Ihr empfindsames Herz war grausam geknickt durch einen reichen
Mann, der in der Liebe nicht sehr zartfuehlend war. Der Tag, an dem sie
als junges Maedchen und in dem ganzen Glanze ihrer Schoenheit auf Kosten
ihres Herzens und ihrer schoensten Illusion jene Entzauberung erlitt,
die uns so langsam erreicht und doch auch so schnell, da wir stets erst
so spaet als moeglich an das Boese glauben wollen, wie uns das Boese immer
noch zu schnell zu kommen scheint, jener Tag war demnach fuer sie ein
ganzes Jahrhundert des Nachdenkens, sowie zugleich der Tag der frommen
Gedanken und der Entsagung. Sie verschmaehte die Almosen dessen, der sie
betrogen hatte, entsagte der Welt und machte sich einen Ruhm aus ihrem
Fehltritt. Sie widmete sich ganz und gar nur der muetterlichen Liebe und
verlangte von dieser, waehrend sie allen weltlichen Genuessen entsagte,
die geheimen Wonnen eines ruhigen und ungekannten Lebens. Sie lebte von
ihrer Arbeit und haeufte sich einen Schatz auf in ihrem Sohne. Ein Tag,
eine Stunde vergalt ihr daher spaeter die langen und langsamen Opfer
ihrer Armut. Bei der letzten Ausstellung hatte ihr Sohn, Hippolyt
Schinner, das Kreuz der Ehrenlegion erhalten, und die Zeitungen, die
einmuetig das unbekannte Talent feierten, ergingen sich noch immer in
aufrichtigen Lobspruechen. Die Kuenstler selbst erkannten in Schinner
einen Meister, und seine Gemaelde wurden mit Gold aufgewogen. In seinem
fuenfundzwanzigsten Jahre hatte Hippolyt Schinner, dem seine Mutter eine
weibliche Seele, eine grosse Zartheit der Organe und unendliche
Reichtuemer des Herzens vererbt hatte, besser denn je seine Stellung in
der Welt erkannt. Er wollte seiner Mutter alle die Freuden erstatten,
deren sie so lange Zeit entbehrte, lebte daher nur fuer sie und hoffte,
durch seinen Ruhm und seinen Reichtum auch sie gluecklich, reich und
angesehen zu machen.

Schinner hatte seine Freunde unter den achtenswertesten und
ausgezeichnetsten Maennern gewaehlt; er war peinlich in der Wahl seiner
Bekannten und wollte durch diese seine Stellung noch mehr erhoehen, die
ohnedies schon durch sein Talent eine hohe war. Die hartnaeckige Arbeit,
der er sich von seiner Jugend an weihte, hatte ihm den schoenen Glauben
erhalten, der die ersten Tage des Lebens schmueckt, indem sie ihn zwang,
in der Einsamkeit zu bleiben, bei dieser Mutter der grossen Gedanken.
Sein reifender Geist verkannte das tausendfaeltige Schamgefuehl nicht,
das aus einem junge Manne ein besonderes Wesen macht, dessen Herz reich
ist an Glueckseligkeiten, an Poesien und jungfraeulichen Hoffnungen, ein
Wesen, das schwach erscheint in den Augen stumpfsinniger Menschen, aber
tief ist, weil es einfach ist. Er besass jenes sanfte und hoefliche
Benehmen, das die Herzen gewinnt und selbst die bezaubert, von denen es
nicht begriffen wird. Er war schoen gewachsen und seine Stimme hatte
einen silberreinen Ton. Sah man ihn, so fuehlte man sich zu ihm
hingezogen durch eine jener moralischen Anziehungskraefte, die unsere
allwissenden Psychologen gluecklicherweise noch nicht zu erklaeren
verstehen; sie haetten in derselben vielleicht eine Erscheinung des
Galvanismus erkannt oder das Spiel irgend eines Fluidums; denn wir
moechten ja jetzt selbst unsere Gefuehle durch elektrische oder
magnetische Stroemungen erklaeren. Diese Einzelheiten machen vielleicht
den Maennern von kuehnem Charakter mit wohlbestellten Halsbinden
begreiflich, warum Hippolyt Schinner nicht eine Frage inbezug auf die
beiden Damen, deren gutes Herz er kennen gelernt hatte, an die
Tuersteherin richtete, waehrend der Mann derselben nach dem Ende der Rue
de la Madelaine geeilt war, um einen Wagen zu holen. Obgleich er nur
mit Ja und Nein auf die bei einer solchen Gelegenheit natuerlichen
Fragen antwortete, die die Tuersteherin im Hinblick auf seinen Unfall
und auf die Hilfeleistung der Mieterinnen im vierten Stock an ihn
richtete, so konnte er dieselbe doch nicht verhindern, dem Instinkt der
Tuersteher zu folgen, und sie erzaehlte ihm nun nach ihrer Weise, was sie
von den beiden Unbekannten wusste.

"Ach!" sagte sie, "das ist ohne Zweifel Fraeulein Leseigneur mit ihrer
Mutter gewesen! Sie wohnen hier seit vier Jahren und wir wissen immer
noch nicht, was sie treiben. Nur des Morgens, bis Mittag etwa,
erscheint eine alte Aufwaerterin, die halb taub ist und stumm wie eine
Wand, um sie zu bedienen; abends kommen dann zwei oder drei alte
Herren, die ebenfalls Orden tragen, wie Sie, mein Herr. Der eine hat
eine Kutsche, Bediente und gegen fuenfzigtausend Livres Rente. Oft
bleiben die alten Herren bis spaet in die Nacht. Uebrigens sind sie recht
ruhige Mietleute, wie Sie, mein Herr; aber sparsam; o, ich sage Ihnen,
sie leben gleichsam von Nichts!... Wenn ein Brief kommt, so bezahlen
sie ihn auf der Stelle. Wunderlich ist es, mein Herr, dass die Mutter
anders heisst als die Tochter.... Ach! wenn sie in die Tuilerien gehen,
so ueberstrahlt das Fraeulein alle andern jungen Damen, die jungen Herren
laufen ihr bis vor das Haus nach, sie aber schlaegt ihnen die Tuer vor
der Nase zu. Na, der Hauseigentuemer wuerde aber auch nicht dulden...."

Der Wagen war jetzt angekommen; Hippolyt hoerte nicht weiter auf die
alte Schwaetzerin, sondern fuhr sogleich nach Hause. Seine Mutter, der
er seinen Ungluecksfall erzaehlte, verband nochmals die Wunde an der
Stirn und erlaubte ihm am folgenden Tage nicht, in seine Werkstatt zu
gehen. Sie rief einen Arzt herbei; verschiedene Vorschriften wurden von
demselben gegeben und Hippolyt blieb zwei Tage zu Hause. Waehrenddessen
rief ihm seine unbeschaeftigte Einbildungskraft die Einzelheiten des
Auftrittes ins Gedaechtnis zurueck, der sich nach seiner Ohnmacht vor
seinen Augen zugetragen hatte. Die Zuege des jungen Maedchens schwebten
dabei haeufig an seinen Blicken vorueber und dann sah er das gewelkte
Antlitz der Mutter, oder fuehlte noch Adelaidens sanfte Haende. Manchmal
erinnerte er sich an eine Bewegung oder einen Blick des Maedchens, das
er anfangs unbeachtet gelassen hatte, deren Erinnerung ihm aber jetzt
eine seltene Anmut enthuellte; ein andermal erinnerte er sich an eine
Stellung oder an den Klang ihrer melodischen Stimme; die Erinnerung
verschoenerte die geringsten Zufaelligkeiten aus diesem Abschnitt seines
Lebens. Als er am dritten Tage fruehzeitig nach seiner Werkstatt eilte,
waren nicht seine begonnenen Gemaelde, sondern der Besuch, den er bei
seinen Nachbarinnen abstatten musste, der wahre Grund seiner Eile. In
dem Augenblicke, in dem sich eine Liebe aus ihrem Keime entwickelt,
werden wir von unerklaerlichen Wonnen ergriffen. Das wissen alle, die je
geliebt haben. Mancher Leser wird daher begreifen, weshalb der Maler so
langsam die Stufen zum vierten Stock hinanstieg, weshalb sein Herz so
schnell und heftig schlug, als er die braune Tuer der bescheidenen
Wohnung erblickte, in der er Fraeulein Leseigneur wusste. Dieses Maedchen,
das den Namen seiner Mutter nicht fuehrte, hatte tausend Sympathien in
dem Herzen des jungen Malers erweckt. Er glaubte, eine Aehnlichkeit
zwischen ihrer Lage und der seinigen zu finden, und stattete sie mit
allen Leiden seins eigenen Ursprungs aus. Er arbeitet und ueberliess sich
dabei wonnigen Gedanken der Liebe, machte in einer Absicht, die er sich
selbst nicht besonders zu erklaeren wusste, viel Geraeusch, gleichsam als
wolle er die beiden Damen dadurch zwingen, ebenso an ihn zu denken, wie
er an sie dachte. Er blieb sehr lange in seiner Werkstatt, speiste dort
und begab sich dann gegen sieben Uhr zu seinen Nachbarinnen.

Selten haben uns die Sittenschilderer durch ihre Erzaehlungen oder
Schriften in das wahrhaft merkwuerdige Innere eines gewissen Pariser
Daseins eingeweiht, in das Geheimnis jener Wohnungen naemlich, aus denen
so elegante Toiletten, so strahlende Damen hervorgehen, die, reich nach
aussen, zuhause allenthalben die Zeichen eines zweifelhaften Vermoegens
erblicken lassen. Wenn wir hier das Gemaelde einer solchen Haeuslichkeit
mit raschen Pinselstrichen entwerfen, so beschuldige man die Erzaehlung
nicht etwa der Breite; denn diese Beschreibung bildet gewissermassen ein
wichtiges Glied der Erzaehlung. Der Anblick der Wohnung, die die beiden
Damen innehatten, erzeugte einen bedeutenden Einfluss auf Hippolyt
Schinners Gefuehle und Hoffnungen. Zunaechst zwingt uns die
geschichtliche Wahrheit zu dem Bekenntnis, dass der Besitzer des Hauses
zu jenen Leuten gehoerte, die einen tiefen Abscheu gegen alle
Ausbesserungen und Verschoenerungen hegen, zu jenen Maennern, die ihre
Stellung als Pariser Hauseigentuemer gleichsam als einen Stand
betrachten, der in der grossen Kette der moralischen Spezies zwischen
den Geizhaelsen und Wucherern die gerechte Mitte einnimmt. Optimisten
durch Berechnung, sind sie saemtlich dem System des Status quo des Herrn
von Metternich treu. Spricht man davon, eine Tuer, irgend eine
Bekleidung sei zu veraendern oder auch nur die notwendigste Ausbesserung
vorzunehmen, so beginnen ihre Augen sich zu trueben, ihre Galle kommt in
Aufregung und sie baeumen sich, gleich erschreckten Pferden. Hat der
Wind einige Ziegeln von ihren Daechern herabgeworfen, so werden sie
krank und vermeiden fuer einige Zeit den Besuch des Theaters oder
Bierhauses, um das wieder zu ersparen, was die Ausbesserung kostet.

Hippolyt hatte bei Gelegenheit einiger Ausbesserungen und
Verschoenerungen, die in seiner Werkstatt vorzunehmen waren, die
Gratisvorstellung einer komischen Szene von seinem Hauswirte bekommen
und wunderte sich daher nicht ueber die schwarzen und fetten Toene, ueber
die oeligen Faerbungen, ueber die Flecken und das andere widerwaertige
Zubehoer, das sich an dem Holzwerk der Wohnung zeigte. Diese Merkmale
der Armut sind in den Augen eines Kuenstlers nicht ohne Poesie. Fraeulein
Leseigneur oeffnete selbst die Tuer. Als sie den jungen Maler sah,
begruesste sie ihn, wandte sich aber mit jener Pariser Gewandtheit und
jener durch den Stolz verliebenen Geistesgegenwart um, die Glastuere
eines Verschlages zu schliessen, durch die Hippolyt zum Trocknen
aufgehaengte Waesche haette sehen koennen, sowie auch ein altes Gurtenbett,
ein Kohlenbecken, Kohlen, Plaetteisen und all jenes Geraet, das in
kleinen Wirtschaften stets zur Hand ist. Vorhaenge von Musselin, die vor
den Glasscheiben der Tuer angebracht waren, verhinderten nun jeden
Einblick in dieses "Kapernaum", wie man jetzt in der Sprache von Paris
solche Arten von Wirtschafts und Vorratskammern nennt; diese hier wurde
durch kleine Fenster erhellt, die auf einen benachbarten Hof fuehrten.
Mit jenem grausamen und schnellen Beobachtungsblick, der den Kuenstlern
eigen ist, erkannte Hippolyt die Bestimmung, die Moebel und den Zustand
dieses ersten Raumes, der in zwei Abteilungen geschieden war. Der
bessere Teil, der zu gleicher Zeit als Vorzimmer und Speisesaal diente,
war mit einer alten, rosenfarbenen Papiertapete beklebt, deren Flecken
und Loecher ziemlich sorgfaeltig unter Bildern versteckt waren, von deren
Rahmen das Gold laengst geschwunden. In der Mitte dieses Zimmers stand
ein Tisch von altertuemlicher Form und mit abgenutzten Raendern. Die
Stuehle zeigten einige Spuren verschwundenen Glanzes; allein der rote
Maroquin des Sitzes und die vergoldeten Naegel hatten ebensoviele
Wunden, wie die alten Sergeanten des Kaiserreiches. Ueberdies befanden
sich in diesem Zimmer noch manche Gegenstaende, die man nur in solchen
Wirtschaften antrifft, die man mit Amphibien vergleichen koennte, indem
sie halb an den Glanz und halb an das Elend grenzen. So erblickte
Hippolyt zum Beispiel ein sehr schoenes Perspektiv, das ueber dem kleinen
gruenlichen Spiegel hing, der den Kamin zierte. Um dieses wunderliche
Mobiliar vollstaendig zu machen, stand zwischen dem Kamin und dem
Verschlag noch ein schlechtes Buffet, das nach Acajou-art angestrichen
war, obgleich das Acajou von allen Hoelzern dasjenige ist, dessen
Nachahmung am wenigsten gelingt. Der rote und glatte Fussboden, die
schlechten kleinen Teppiche, die vor den Stuehlen lagen, die Sauberkeit
der Moebel, das alles zeugte jedoch von jener Aufmerksamkeit, die den
Altertuemern einen falschen Glanz verleiht, und deren Gebrechlichkeit,
Alter und Abgenutztheit nur noch mehr hervorhebt. Es herrschte in
diesem Zimmer ein unbeschreiblicher Geruch, der notwendig von den
Ausduenstungen des "Kapernaum" in Verbindung mit den Geruechen des
Speisezimmers und der Treppe entstehen musste, abschon ein Fenster halb
geoeffnet war. Die Luft von der Strasse bewegte die Vorhaenge von Perkal,
die mit einer solchen Sorgfalt vorgesteckt waren, dass sie die
Fensterbekleidung den Blicken entzogen, denn an dieser hatten alle
frueheren Bewohner des Zimmers durch verschiedene Inkrustationen,
gewissermassen haeusliche Freskogemaelde, Beweise ihres Daseins
zurueckgelassen.

Adelaide oeffnete rasch die Tuer des anderen Zimmers und fuehrte den Maler
mit einer gewissen Freude hinein. Hippolyt hatte einst bei seiner
Mutter dieselben Zeichen der Armut kennen gelernt, und als er sie jetzt
mit jener eigentuemlichen Lebhaftigkeit, die die ersten Eindruecke
unseres Gedaechtnisses charakterisiert, wahrnahm, erschlossen sich ihm
weit mehr als jedem andern die Einzelheiten dieses Lebens. Er erkannte
hier die Dinge seiner Kindheit wieder und empfand weder Verachtung
gegen diese versteckte Armut, noch Stolz auf den Luxus, mit dem er
neuerdings seine Mutter umgeben hatte.--"Nun, mein Herr, ich hoffe, dass
Sie die Folgen Ihres Sturzes ueberwunden haben!..." sagte die alte
Mutter zu ihm, waehrend sie sich aus einem altertuemlichen Armsessel
erhob, der neben dem Kamin stand, und ihm einen Stuhl herbeizog.
"Vollkommen, meine Dame, und ich komme, Ihnen fuer die Sorgfalt, die Sie
mir bewiesen haben, meinen Dank zu sagen, besonders dem Fraeulein, das
meinen Fall gehoert hat...."

Hippolyt sprach diese Worte mit jener anmutigen Befangenheit aus, die
durch die erste Verwirrung der wahren Liebe hervorgerufen wird, und
blickte zugleich das junge Maedchen an; Adelaide zuendete eben eine
Schirmlampe an, um einen grossen kupfernen Leuchter entfernen zu koennen,
der bisher gebrannt hatte. Sie verneigte sich leicht und trug dann den
kupfernen Leuchter in das Vorzimmer, stellte die Schirmlampe auf den
Kamin und nahm darauf neben ihrer Mutter, etwas hinter dem Maler,
Platz, um ihn nach Gefallen betrachten zu koennen.

Ueber dem Kamine befand sich ein grosser Spiegel, und da Hippolyt fast
fortwaehrend seine Augen nach demselben richtete, um Adelaide darin
ansehen zu koennen, so diente jene kleine Maedchenlist nur dazu, beide
abwechselnd in Verlegenheit zu bringen. Waehrend Hippolyt mit Frau
Leseigneur sprach, denn er erteilte auch ihr diesen Namen, pruefte er
den Salon, aber auf dezente und verstohlene Weise. Der Herd das Kamins
war voll Asche, und auf den Eisenstaeben lagen zwei Feuerbraende, die
kaum noch glimmten. Gluecklicherweise lag ein alter und vielfach
geflickter Teppich, der abgenutzt war wie der Rock eines Invaliden, auf
dem Fussboden und machte gegen dessen Kaelte unempfindlich. Die Waende
waren mit einer Tapete bekleidet, die gelbe Zeichnungen auf roetlichem
Grunde auswies. In der Mitte der Wand, den Fenstern gegenueber, bemerkte
Hippolyt die Spalten einer Tapetentuer, die wahrscheinlich nach einem
Alkoven fuehrte, in dem Frau Leseigneur schlief. Ein Kanapee war vor
diese geheime Tuer gestellt, verhehlte sie aber nur unvollkommen. Dem
Kamine gegenueber sah man eine sehr schoene Komode von Acajou, deren
Verzierung es weder an Reichtum noch an gutem Geschmack fehlte. Darueber
hing ein Bild, das einen hoeheren Offizier darstellte, doch vermochte
der Maler bei der geringen Beleuchtung die Waffengattung nicht zu
unterscheiden, der jener angehoerte. Uebrigens war es auch eine
schreckliche Kleckserei, die mehr chinesischen als Pariser Ursprungs zu
sein schien. Die Vorhaenge der Fenster waren von roter Seide, aber
verblichen, wie die Ueberzuege der Stuehle. Auf dem Marmor der Kommode
stand ein kostbares Tablett von gruenem Malachit, das ein Dutzend
bemalter Kaffeetassen trug, und auf dem Kamine eine Pendeluhr, darauf
ein Krieger ein Viergespann fuehrte. Die Kerzen der Leuchter, die zu
beiden Seiten der Uhr standen, waren durch den Rauch vergilbt. Die
beiden Ecken des Kaminsimses trugen eine Vase von Porzellan mit einem
Strauss kuenstlicher Blumen, die mit Moos geschmueckt und voll Staub
waren. In der Mitte des Zimmers bemerkte Hippolyt einen aufgeklappten
Spieltisch mit neuen Karten.

Fuer den Beobachter lag etwas Trostloses in dem Anblick dieses Elends,
das sich hinter einem gewissen Glanz zu verstecken suchte, wie eine
alte Frau hinter den Spitzen der Haube und der Fuelle falscher Locken
die Runzeln ihres Antlitzes zu verbergen bemueht ist. Jeder verstaendige
Mann haette sich bei diesem Anblick in einem Dilema befunden: entweder
sind diese beiden Frauen die Rechtschaffenheit selbst, oder sie leben
von Intrigen und vom Spiel. Wenn aber ein junger und unschuldiger Mann,
wie Hippolyt, Adelaide sah, so musste er an die vollkommenste Unschuld
glauben und den Maengeln des Mobiliars die ehrenvollsten Ursachen
unterlegen.

"Meine Tochter," sagte die alte Dame zu dem jungen Maedchen, "mich
friert, heize ein wenig ein und gib mir meinen Schal."

Adelaide ging in eine Kammer, die an das Wohnzimmer stiess, und in der
sie ohne Zweifel schlief. Als sie zurueckkehrte, uebergab sie ihrer
Mutter einen Schal von Kaschmir, der, als er noch neu war, fuer eine
Koenigin nicht zu schlecht gewesen sein mochte. Hippolyt erinnerte sich
nicht, je so reiche Farben, ein so vollendetes Muster gesehen zu haben,
wie in diesem schoenen Gewebe, allein der Schal war nun alt, hatte seine
Frische verloren, war voll geschickt eingesetzter Flicken und
harmonierte vollkommen mit dem uebrigen Geraet. Frau Leseigneur huellte
sich kunstvoll hinein und in einer Art, die bewies, dass sie wirklich
friere. Das junge Maedchen eilte darauf schnell in das "Kapernaum" und
kehrte mit einer Hand voll Spaene zurueck, die sie in den Kamin warf, um
die erloschenen Braende wieder anzufachen.

Es wuerde eine schwierige Aufgabe sein, die Unterhaltung wiederzugeben,
die zwischen den drei Personen stattfand. Geleitet durch jenen Takt,
den man fast stets durch Leiden erlangt, unter denen man von Kindheit
an geseufzt hat, erlaubte sich Hippolyt nicht die geringste Bemerkung
bezueglich der Lage seiner beiden Nachbarinnen, waehrend er allenthalben
die Kennzeichen einer grossen und schlecht verhehlten Duerftigkeit
erblickte. Auch die einfachste Frage wuerde unbescheiden gewesen sein
und haette nur einem alten Freunde verziehen werden koennen. Dennoch
wurde der Maler sehr von diesem verborgenen Elend geruehrt, sein
edelmuetiges Herz litt darunter; aber er wusste, dass auch das
freundschaftlichste Mitleid beleidigend sein kann, und fand sich daher
durch den Missklang beengt, der zwischen seinen Gedanken und seinen
Worten bestand. Die beiden Damen errieten gar leicht die geheime
Verlegenheit, die durch einen ersten Besuch veranlasst wird, vielleicht,
weil sie dieselbe mitfuehlen und die Natur ihres Geistes ihnen tausend
Hilfsquellen gewaehrt, um jene Verlegenheit aufzuheben. Adelaide und
ihre Mutter fragten den jungen Mann nach dem materiellen Verfahren
seiner Kunst und nach seinen Studien, indem sie ihn allmaehlich zum
Sprechen aufzumuntern suchten. Die Nichtigkeit ihrer von Wohlwollen
beseelten Unterhaltung fuehrte ohne Zwang dahin, dass er Bemerkungen und
Reflexionen machte, die die Beschaffenheit seiner Sitten und seiner
Seele verrieten.

Die alte Dame mochte einmal schoen gewesen sein, allein ein geheimer
Kummer hatte ihr Antlitz vor der Zeit welken lassen, so dass ihr nur
noch die hervorspringenden Zuege, die Umrisse, kurz, das Skelett einer
Physiognomie uebrig geblieben war, deren Gesamtheit auf eine grosse
Feinheit deutete, waehrend besonders das Spiel der Augen viel Anmut und
jenen Ausdruck zeigte, der den Damen des alten franzoesischen Hofes
eigentuemlich ist, und den man durch Worte nicht zu beschreiben vermag.
Allein die Gesamtheit dieser feinen und hervortretenden Zuege konnte
ebensogut schlechte Gesinnung verraten, weibliche List und Schlauheit,
selbst einen hohen Grad der Verdorbenheit vermuten lassen, als die
Zartheit einer schoenen Seele offenbaren. Der gewoehnliche Beobachter
geraet vor weiblichen Gesichtern oft in Verlegenheit und weiss die
Offenheit von der Verstellung, das Talent der Intrige von der
Herzlichkeit nicht zu unterscheiden. Man muss die fast unmerklichen
Nuancen zu erraten wissen. Es ist bald eine mehr oder weniger gekruemmte
Linie, bald ein mehr oder weniger ausgehoehltes Gruebchen, eine mehr oder
weniger gewoelbte oder hervorspringende Biegung, die man zu wuerdigen
suchen muss; die Augen allein koennen uns das entdecken lassen, was ein
jeder zu verstecken sucht, und die Wissenschaft des Beobachters liegt
in der schnellen Wahrnehmungskraft seines Blickes. Es ging demnach mit
dem Antlitz der alten Dame wie mit der Wohnung, die sie innehatte; es
schien ebenso schwierig zu durchblikken, ob dieses Elend Laster berge
oder eine hohe Rechtschaffenheit, sowie es schwierig war, zu erkennen,
ob Adelaidens Mutter eine alte Kokette sei, gewoehnt, alles zu erwaegen,
alles zu berechnen, alles zu verkaufen, oder ein liebendes und
schwaches Weib, voll Anmut und Zartgefuehl. In jenem Alter, in dem
Hippolyt Schinner stand, glaubt man aber am liebsten an das Gute, und
er glaubte daher gewissermassen den angenehmen und bescheidenen Duft der
Tugend einzuatmen, indem er Adelaides Stirn sah und in ihre Augen
blickte, die voll Herz und Geist waren. Waehrend der Unterhaltung
ergriff er die Gelegenheit, von den Portraets im allgemeinen zu
sprechen, um dann zu dem schrecklichen Pastellgemaelde uebergehen zu
koennen, von dem die Farben groesstenteils abgefallen waren.

"Sie lieben diese Malerei wohl wegen der Aehnlichkeit, meine Damen, denn
die Zeichnung selbst ist schauderhaft ..." sagte er mit einem Blick auf
Adelaide.

"Es ist in Kalkutta gemalt, und zwar in grosser Eile!" antwortete die
Mutter mit bewegter Stimme. Dann betrachtete sie die formlose Skizze
mit jener tiefen Versunkenheit, die die ploetzliche Erinnerung an ein
Glueck verraet, das wohltuend fuer das Herz gewesen ist, wie der Tau des
Morgens fuer die Blumen des Sommers. Zugleich lagen aber in dem
Ausdruck, den die Zuege der alten Dame zeigten, die Spuren einer tiefen
Trauer; wenigstens glaubte sich der Maler die Haltung und das Aussehen
seiner Nachbarin so erklaeren zu muessen. Er setzte sich neben sie und
sagte mit freundschaftlicher Stimme: "Meine Dame, noch kurze Zeit, und
die Farben dieses Pastellbildes werden verschwunden sein. Das Portraet
wird bald nur noch in Ihrer Erinnerung bestehen, und wo Sie geliebte
Zuege erblickten, werden andere nichts mehr wahrnehmen koennen. Wollen
Sie mir erlauben, dieses Bild auf die Leinwand zu uebertragen? So wird
es dauerhafter sein, als auf Papier.... Gewaehren Sie mir, als ihrem
Nachbar, die Gunst, Ihnen diesen Dienst zu leisten. Es gibt Stunden,
waehrend deren ein Kuenstler sich gern von seinen grossen Kompositionen
erholt und dagegen eine einfachere Arbeit vornimmt. Es wird eine
Zerstreuung fuer mich sein, dieses Bild zu malen."

Die alte Dame wurde lebhaft bewegt durch diese Worte, und Adelaide warf
dem Maler einen jener verstohlenen Blicke zu, in denen sich das ganze
Herz widerzuspiegeln scheint.

Hippolyt wollte auf irgendeine Weise mit seinen beiden Nachbarinnen in
Verbindung treten und das Recht erlangen, an ihrem Leben teilzunehmen.
Das einzige aber, was er tun konnte, war jenes Anerbieten; es
befriedigte seinen Kuenstlerstolz und hatte nichts Verletzendes fuer die
beiden Damen.--Frau Leseigneur nahm das Anerbieten an.

"Es scheint mir," sagte Hippolyt, "als ob die Uniform auf einen
Marineoffizier deutete?"

"Ja," antwortete sie, "es ist die Uniform der Schiffskapitaene. Herr von
Rouville, mein Mann, starb in Batavia an den Folgen einer Wunde, die er
in einem Gefecht mit einem englischen Schiffe erhielt, dem er an Asiens
Kuesten begegnete. Er befehligte eine Fregatte von sechzig Kanonen,
waehrend die Revenge ein Schiff mit sechsundneunzig Kanonen war. Der
Kampf war demnach sehr ungleich, aber Herr von Rouville verteidigte
sich so mutig, dass er sich bis zum Eintritt der Nacht halten konnte,
worauf er seinem Feind durch die Flucht entging. Als ich nach
Frankreich zurueckkehrte, war Bonaparte nicht mehr im Besitz der Macht,
und man verweigerte mir eine Pension. Als ich abermals um eine solche
nachsuchte, entgegnete mir der Minister mit Haerte, dass der Baron von
Rouville noch leben und ohne Zweifel Kontreadmiral sein wuerde, wenn er
emigriert waere. Ich haette jene demuetigenden Schritte gar nicht getan,
haette ich nicht um meiner armen Adelaide willen sie zu tun muessen
geglaubt, und waere ich nicht von meinen Freunden dazu veranlasst worden.
Was mich betrifft, so widerstrebte es mir stets, meine Hand
auszustrecken und mich dabei auf einen Schmerz zu berufen, der einer
Gattin weder Kraft noch Worte lassen kann. Ich hasse diesen Geldlohn
fuer untadelhaft vergossenes Blut...."

"Meine Mutter, diese Erinnerung erschuettert Dich...." Nach dieser
Bemerkung ihrer Tochter neigte die Baronin von Rouville ihr Haupt und
schwieg.

"Mein Herr," sagte das junge Maedchen zu Hippolyt, "ich glaubte, die
Arbeiten der Maler seien im allgemeinen wenig geraeuschvoll.... Sie
scheinen aber...."

Schinner erroetete bei diesen Worten und laechelte; Adelaide endete aber
ihre Bemerkung nicht und ersparte ihm eine Luege, indem sie sich bei dem
Rollen einer Kutsche, die vor der Tuere anhielt, rasch erhob. Sie ging
in ihre Kammer und kehrte sogleich mit zwei vergoldeten Leuchtern
zurueck, deren Kerzen sie schnell anzuendete. Die Lampe stellte sie
darauf in das Vorzimmer und oeffnete sofort die Tuer, ohne erst zu
warten, dass die Klingel gezogen werde. Hippolyt hoerte darauf einen Kuss
empfangen und erwidern, und empfand einen peinlichen Schmerz. Der junge
Mann erwartete mit Ungeduld den zu erblicken, der Adelaide so
vertraulich behandelte; allein die Angekommenen unterhielten sich erst
leise mit dem jungen Maedchen. Das Gespraech kam ihm zu lang vor. Endlich
erschien sie wieder, und ihr folgten zwei Manner, deren Anzug,
Physiognomie und Aussehen eine ganze Geschichte enthielten.

Der erstere mochte etwa sechzig Jahre alt sein und trug eines jener
Kleider, die unter der Regierung Ludwig XVIII. erfunden wurden, und in
denen der Schneider, der die Unsterblichkeit verdiente, das
schwierigste Kleidungsproblem geloest hatte. Dieser Meister verstand
sich gewiss auf die Kunst der Uebergaenge, da jene so politisch bewegte
Zeit ueberhaupt eine Zeit der Uebergaenge war. Jedesmal aber muessen wir
demjenigen ein seltenes Verdienst zuerkennen, der seine Zeit zu
beurteilen versteht. Jenes Gewand, an dessen Schnitt sich noch mancher
in unserer Zeit erinnert, war weder buergerlich noch militaerisch, konnte
aber nach dem Beduerfnis abwechselnd fuer buergerlich und fuer militaerisch
gelten. Lilien waren auf die Umschlaege der beiden Schoesse gestickt, die
vergoldeten Knoepfe waren gleichfalls mit Lilien geschmueckt, und auf den
Schultern erblickte man Knoepfe, um die Epauletten zu befestigen. Hose
und Rock des Greises waren von koenigsblauem Tuche, und in dem Knopfloch
erblickte man ein Ludwigskreuz. Das entbloesste Haupt des Greises war
gepudert, und in der Hand trug er einen dreieckigen Hut. Uebrigens
schien er noch so ruestig wie ein Fuenfziger und sich einer kraeftigen
Gesundheit zu erfreuen. Seine Zuege deuteten gleichzeitig auf den
gesetzten und offenen Charakter der alten Emigranten und auf die freien
und leichten Sitten, auf die heitern und sorglosen Leidenschaften jener
Musketiere, die vordem in den Jahrbuechern der Galanterie so beruehmt
waren. Seine Bewegungen, sein Benehmen deuteten darauf, dass er den
Anspruechen seiner Jugend noch nicht entsagt habe und entschlossen sei,
weder von seinem Royalismus abzulassen, noch von seiner Religion und
seiner Neigung zu Liebeshaendeln.

Ihm folgte eine ganz phantastische Gestalt, die man in den Vordergrund
des Gemaeldes heben muesste, um sie richtig zu schildern, die jedoch nur
eine Nebenrolle spielt. Man denke sich eine trockene und hagere Person,
ebenso gekleidet wie ersterer, aber gewissermassen nur als dessen
Widerschein, oder, wenn man lieber will, als dessen Schatten
auftretend. Der Rock, der bei jenem neu war, erschien bei diesem
abgenutzt, der Puder in den Haaren weniger weiss, die goldenen Lilien
weniger glaenzend, der Verstand schwaecher, das Leben dem Endziel naeher
gerueckt. Kurz, er verwirklichte auf bewundernswuerdige Weise Rivarols
witzigen Ausspruch in Bezug auf Champcenetz: "Er ist mein Mondschein!"
Er war nur Doppelgaenger des andern, aber blass und arm, und zwischen
beiden war ein Unterschied, wie zwischen dem ersten und dem letzten
Abzuge einer Lithographie. Dieser stumme Greis war ein Geheimnis fuer
den Maler und blieb auch ein solches, denn er sprach nicht und niemand
sprach von ihm. War er ein Freund, ein armer Verwandter, ein Mann, der
bei dem alten Stutzer blieb, wie ein Gesellschaftsfraeulein bei einer
alten Dame? War er ein Mittelding zwischen Hund, Papagei und Freund?
Hatte er das Vermoegen oder auch nur das Leben seines Wohltaeters
gerettet? War er der Trim eines neuen Kapitaen Toby? An anderen Orten,
als bei der Baronin von Rouville erregte er stets Neugierde, ohne sie
je zu befriedigen.

Der Mann, der von den beiden Ruinen am besten erhalten war, ging
hoeflich auf die Baronin von Rouville zu, kuesste ihre Hand und setzte
sich an ihre Seite; der andere begruesste dieselbe und setzte sich dann
neben sein Vorbild. Adelaide stuetzte ihre Ellenbogen auf die
Rueckenlehne des Stuhles, den der alte Edelmann eingenommen hatte, und
ahmte so, ohne es zu wissen, die Stellung nach, die Guerin auf seinem
beruehmten Gemaelde der Schwester Dido's gegeben hat. Die Vertraulichkeit
des Edelmanns war die eines Bruders, und er nahm sich gewisse
Freiheiten gegen Adelaide heraus, die dem jungen Maedchen fuer den
Augenblick zu missfallen schienen.

"Nun, Du schmollst wohl mit mir?" fragte er.

Dann warf er waehrend seines weiteren Gespraechs auf Hippolyt Schinner
jene schlauen und feinen Seitenblicke, die echt diplomatische Blicke
sind, und deren Ausdruck stets eine kluge Besorgnis verraet.

"Sie sehen hier unsern Nachbarn," sagte die alte Dame, indem sie auf
Hippolyt Schinner deutete. "Der Herr ist ein bekannter Maler, dessen
Namen Ihnen trotz Ihrer Gleichgueltigkeit gegen die Kuenste bekannt sein
muss."

Der Edelmann erkannte die Bosheit seiner alten Freundin darin, dass sie
den Namen verschwieg, und begruesste den jungen Mann.

"Gewiss!" sagte er, "ich habe schon viel von Ihren Gemaelden sprechen
gehoert.... Das Talent hat schoene Vorrechte, mein Herr," fuhr er dann
fort, waehrend er auf Hippolyts rotes Band blickte, "und diese
Auszeichnung, die wir durch unser Blut und lange Dienstzeit erwerben
muessen, erlangen Sie schon in der Jugend.... Allein die Arten des Ruhms
sind Schwestern." Der Edelmann fasste dabei an sein Kreuz des heiligen
Ludwig.

Hippolyt stotterte einige Worte des Danks und schwieg dann wieder,
indem er sich begnuegte, mit einer stets wachsenden Begeisterung den
schoenen jungfraeulichen Kopf zu betrachten, der ihn entzueckte. Bald
versenkte er sich ganz und gar in diese Betrachtung und vergass das
tiefe Elend, das durch die Wohnung angedeutet wurde, denn fuer ihn war
Adelaides Antlitz von einer leuchtenden Atmosphaere umgeben. Er
antwortete kurz auf die Fragen, die an ihn gerichtet wurden und die er
gluecklicherweise hoerte, denn es ist eine eigentuemliche Faehigkeit
unseres Geistes, dass er sich bisweilen gewissermassen verdoppeln kann.
Wem ist es nicht schon vorgekommen, dass er in ein angenehmes oder
trauriges Nachdenken versunken, die Stimme seines Innern hoerte und doch
zu gleicher Zeit an einer Unterhaltung teilnahm oder ein Buch las? Es
ist das ein wundersamer Dualismus, der oft dazu beitraegt, dass wir die
Langweiligen mit mehr Geduld ertragen. Seine Hoffnung erfuellte ihn mit
tausend Gedanken an das Glueck, und er wollte nichts beobachten, was ihn
umgab, denn er hatte noch ein kindliches und vertrauensvolles Herz.

Nach Verlauf einiger Zeit bemerkte er, dass die alte Dame und ihre
Tochter mit dem alten Edelmann spielten. Der Trabant des Letzteren
blieb seinem Stande als Schatten treu, stand hinter seinem Freunde,
betrachtete dessen Spiel und antwortete auf die stummen Fragen, die der
Spieler an ihn richtete, durch billigende Winke, die nur eine
Wiederholung der fragenden Bewegung seiner doppelgaengerischen
Verkoerperung waren.

"Ich verliere immer...!" sagte der Edelmann.

"Sie werfen falsch ab...!" anwortete die Baronin von Rouville.

"Seit drei Monaten habe ich Ihnen nicht eine einzige Partie abgewinnen
koennen..." sagte er.

"Haben Sie die Ass?" fragte die alte Dame.

"Ja," antwortete er.

"Soll ich Ihnen einen Rat geben?" fragte Adelaide.

"Nein, nein...! Bleib mir gegenueber! Palsambleu! Ich verloere zu viel,
wenn ich dich nicht mehr vor mir saehe."

Endlich war das Spiel beendet, der Edelmann zog seine Boerse und warf
zwei Louisdor auf den Tisch, waehrend er nicht ohne einigen Unwillen
sagte: "Vierzig Franken! Gerade zwei Louis...! Ha! Teufel! Es ist elf
Uhr...!" "Es ist elf Uhr...!" wiederholte die stumme Person mit einem
Blick auf Hippolyt Schinner.

Der junge Mann hoerte diese Worte etwas deutlicher als alle uebrigen und
dachte, dass es Zeit sei, sich zu entfernen. Er kehrte nun in die Welt
der gewoehnlichen Ideen zurueck und fand einige Gemeinplaetze, um wieder
das Wort nehmen zu koennen, begruesste die Baronin, ihre Tochter, die
beiden Unbekannten und ging, waehrend er nur an das erste Glueck der
wahren Liebe dachte, ohne dass er sich die kleinen Ereignisse zu
erklaeren suchte, die waehrend dieses Abends unter seinen Augen
vorgegangen waren. Am folgenden Tage fuehlte der junge Maler die
heisseste Sehnsucht, Adelaide wiederzusehen, und waere er seiner
Leidenschaft gefolgt, so haette er schon um 6 Uhr morgens, als er nach
seiner Werkstatt eilte, seine Nachbarinnen besucht. Er besass indes noch
Vernunft genug, um den Nachmittag zu erwarten; sobald er aber glaubte,
bei Frau von Rouville eintreten zu duerfen, eilte er die Treppe hinab,
klingelte unter lautem Herzpochen und bat Fraeulein Leseigneur, die ihm
die Tuer oeffnete, schuechtern um das Bild des Barons von Rouville,
waehrend er erroetete, wie ein junges Maedchen.

"Treten Sie doch ein!..." sagte Adelaide zu ihm, die ohne Zweifel
Hippolyt bereits die Treppe von seiner Werkstatt herabkommen gehoert und
ihm entgegengeeilt war. Der Maler folgte ihr, beschaemt, ausser Fassung,
ohne zu wissen, was er sagen sollte, vollkommen verwirrt durch das
Glueck, Adelaide zu sehen, das Rauschen ihres Gewandes zu hoeren, nachdem
er den ganzen Morgen gewuenscht hatte, in ihrer Naehe zu sein, nachdem er
sich hundertmal erhoben hatte, um hinabzueilen.... Das Herz besitzt die
wunderbare Macht, auch den unbedeutendsten Dingen einen ausserordentlichen
Wert zu verleihen. Welche Freude ist es nicht fuer einen Reisenden, ein
Kraut, ein unbekanntes Blatt zu finden, nachdem er sein ganzes Leben an
eine solche Nachforschung gewagt hat! Ebenso verhaelt es sich mit den
Nichtigkeiten in der Liebe!

Die alte Dame war nicht in dem Salon. Als das junge Maedchen mit dem
Maler allein war, brachte es einen Stuhl, um das Bild herabzunehmen;
als es aber bemerkte, dass es auf die Kommode treten muesse, um das Bild
von dem Nagel abzuhaengen, wandte es sich an Hippolyt und sagte
erroetend:

"Ich bin nicht gross genug.... Haetten Sie vielleicht die Guete?"

Ein Gefuehl der Scham, das sich im Ausdruck der Zuege und im Ton der
Stimme Adelaidens verriet, war der wahre Grund ihrer Bitte; Hippolyt
begriff sie und warf ihr einen jener verstaendigen Blicke zu, die die
suesseste Sprache der Liebe sind. Adelaide sah, dass sie von dem Maler
verstanden sei und schlug daher ihre Augen mit einer Bewegung des
Stolzes nieder, dessen Geheimnis allein die jungen Maedchen besitzen.

Der Maler fand kein Wort zu sagen, war fast eingeschuechtert und nahm
das Gemaelde herab, um es mit ernsten Blicken am Fenster zu betrachten.
Dann ging er, ohne etwas anderes zu Fraeulein Leseigneur zu sagen, als:
"Ich werde es Ihnen bald wiederbringen." Beide hatten waehrend dieses
fluechtigen Augenblicks eine von jenen lebhaften Herzensregungen
gefuehlt, deren Wirkung auf den Geist mit jener Bewegung verglichen
werden kann, die ein Stein hervorbringt, den man in einen See wirft,
die suessesten Gedanken entstehen und folgen einander, endlos, vielfach,
ohne Ziel, und das Herz, ebenso erregt wie jene kreisfoermigen Wellen,
die sich noch lange auf der Oberflaeche des Wassers zeigen und saemtlich
von dem Punkte ausgehen, wo der Stein hineingeworfen ist.

Hippolyt Schinner kehrte mit dem Bilde in seine Werkstatt zurueck. Dass
eine Leinwand bereits auf der Staffelei lag, dass die Palette bereits
mit Farben bedeckt war, dass er die Pinsel gereinigt, zurechtgelegt, und
das richtige Tageslicht gewaehlt hatte, brauchen wir wohl nicht erst zu
sagen. Bis zur Essenszeit arbeitete er an dem Bilde mit jenem Eifer,
den die Kuenstler bei allen ihren Launen beweisen. Abends besuchte er
wieder die Baronin von Rouville und blieb von neun bis elf Uhr; ausser
eine Abwechslung in den Gegenstaenden der Unterhaltung, glich dieser
Abend in allem dem vorhergehenden. Die beiden alten Herren erschienen
wieder zu derselben Stunde; es wurde abermals Pikett gespielt,
dieselben Redensarten wurden von den Spielern ausgesprochen; selbst die
verlorene Summe war die naemliche; nur war Hippolyt etwas kuehner und
wagte mit dem jungen Maedchen zu plaudern.

So vergingen acht Tage, waehrend deren die Gefuehle des Malers und
Adelaidens jene wonnigen und suessen Umbildungen erfuhren, durch die die
Herzen zu einem vollkommenen Verstaendnis gefuehrt werden. Der Blick, mit
dem Adelaide den Maler empfing, wurde von Tag zu Tag inniger,
vertrauensvoller, heiterer und offenherziger, ihre Stimme, ihr Benehmen
nahm etwas Vertrauliches und Inniges an. Beide lachten, plauderten,
teilten sich ihre Gedanken mit und sprachen ueber sich selbst mit der
Unschuld zweier Kinder, die in einem Tage mit ihrer Bekanntschaft
soweit gediehen, als haetten sie einander seit drei Jahren gekannt.
Hippolyt spielte Pikett, aber wie der Greis verlor auch er fast alle
Partien. Ohne sich noch ihre Liebe gestanden zu haben, wussten die
beiden Liebenden schon, dass sie einander angehoerten. Hippolyt hatte mit
Glueck eine gewisse Macht ueber seine schuechterne Freundin erlangt und
manche Zugestaendnisse waren ihm durch Adelaide gemacht, die furchtsam
und ergeben war, und durch jenes falsche Schmollen getaeuscht wurde,
dessen Geheimnis auch der am wenigsten gewandte Liebhaber, die
kindlichste Jungfrau besitzt und fortwaehrend anwendet, gleich wie
verhaetschelte Kinder die Macht missbrauchen, die ihnen die Liebe ihrer
Muetter verleiht. Jene Vertraulichkeit zwischen dem Edelmanne und
Adelaide hoerte infolgedessen auf. Das junge Maedchen hatte
natuerlicherweise die Traurigkeit des Malers erraten und alle die
Gedanken, die in den Falten seiner Stirn verborgen waren oder sich
verrieten durch den kurzen Ton der wenigen Worte, die er sprach, wenn
der Greis ohne Umstaende Adelaidens Haende oder Hals kuesste. Fraeulein
Leseigneur verlangte auch ihrerseits von ihrem Liebhaber eine strenge
Rechenschaft ueber seine geringsten Handlungen. Sie war so ungluecklich,
so besorgt, wenn Hippolyt nicht kam; sie verstand so allerliebst zu
zanken, dass der Maler seine Freunde nicht mehr besuchte und alle
anderen Gesellschaften vermied. Adelaide liess die dem weiblichen
Geschlecht angeborene Eifersucht durchblicken, als sie erfuhr, dass
Hippolyt, wenn er sich um elf Uhr von Frau von Rouville entfernte,
bisweilen noch in den glaenzendsten Salons von Paris Besuche abstattete.
Anfangs gab sie vor, dass diese Lebensart fuer die Gesundheit nachteilig
sei; dann fand sie Gelegenheit, ihm mit jener tiefen Ueberzeugung, der
der Ton, das Benehmen und der Blick einer geliebten Person soviel
Gewalt verleihen, zu sagen, "dass ein Mann, der verpflichtet sei,
zwischen so vielen Frauen seine Zeit und die Anmut seines Geistes zu
zersplittern, keiner wahrhaft innigen Zuneigung faehig sei". Nun wurde
Hippolyt sowohl durch den Despotismus der Leidenschaft, wie durch die
Anforderungen des liebenden jungen Maedchens veranlasst, nur in dieser
kleinen Wohnung zu leben, in der ihm alles gefiel. Kurz, nie gab es
eine reinere und zugleich heissere Liebe. Von beiden Seiten wurde
dasselbe Zutrauen, dasselbe Zartgefuehl gezeigt, so dass diese
jungfraeuliche Leidenschaft ohne jene Opfer sich entwickelte, durch die
sich viele Leute ihre Liebe zu beweisen suchen. Es bestand zwischen
ihnen ein bestaendiger Austausch suesser Gefuehle, und sie wussten nicht,
wer dabei mehr gab oder empfing; eine unwillkuerliche Neigung verband
ihre Herzen immer enger. Die Fortschritte dieses wahren Gefuehls
geschahen so schnell, dass schon zwanzig Tage nach dem Zufall, durch den
Hippolyt seine junge Nachbarin kennen gelernt hatte, ihr beiderseitiges
Leben ein einziges geworden war. Vom fruehen Morgen an, wenn das junge
Maedchen die Schritte des Malers hoerte, konnte es sagen: "Er ist in
meiner Naehe!" Wenn Hippolyt um die Zeit des Mittagessens zu seiner
Mutter zurueckkehrte, so verfehlte er nie, seine Nachbarinnen zu
begruessen, und des Abends erschien er zu der gewoehnlichen Stunde mit
einer Puenktlichkeit, wie sie nur ein Liebhaber zeigen kann. Ein
Maedchen, das die hoechsten Anforderungen in der Liebe stellt, haette dem
jungen Maler nicht den geringsten Vorwurf machen koennen. Adelaide genoss
daher ein Glueck ohne Truebung und ohne Grenzen, als sie das Ideal
verwirklicht sah, das sich jedes junge Maedchen in ihrem Alter traeumt.

Der alte Edelmann erschien jetzt weniger oft, und Hippolyt, der nicht
mehr eifersuechtig auf ihn war, ersetzte ihn beim Spiel, aber auch mit
stets gleichem Unglueck.

Inmitten seines Gluecks dachte er jedoch an die unangenehme Lage der
Frau von Rouville, denn er hatte mehr als einen Beweis ihrer Armut
erlangt, und vermochte daher einen unangenehmen Gedanken nicht zu
verbannen; schon oefter hatte er beim Gehen gedacht: "Wie! Alle Abend
zwanzig Franken!?..." Er wagte indes nicht, sich einen so haesslichen
Verdacht einzugestehen.

Hippolyt verwandte einen ganzen Monat auf die Vollendung des Bildes.
Als es beendet, gefirnisst und eingerahmt war, betrachtete er es als
eines seiner besten Werke. Die Baronin von Rouville hatte nicht wieder
mit ihm darueber gesprochen. War es Sorglosigkeit oder Stolz? Der Maler
wollte sich dieses Schweigen nicht erklaeren.

Er kam mit Adelaide dahin ueberein, dass er das Bild waehrend der
Abwesenheit der Frau von Rouville an seine Stelle haengen wolle. Es
wurde dazu der achte Juli gewaehlt, und waehrend eines Spazierganges, den
die Mutter taeglich nach den Tuilerien unternahm, begab sich Adelaide
allein und zum ersten Male in Hippolyts Werkstatt, unter dem Vorwand,
das Bild in der guenstigen Beleuchtung zu sehen, in der es vollendet
war. Sie blieb stumm und unbeweglich stehen und versank in eine wonnige
Betrachtung, waehrend der alle ihre weiblichen Gefuehle in ein einziges
verschmolzen, in die gerechte Bewunderung des geliebten Mannes. Als
sich der Maler, beunruhigt durch dieses Schweigen, vorneigte, um dem
jungen Maedchen ins Gesicht zu schauen, reichte sie ihm die Hand, ohne
ein Wort sagen zu koennen; zwei Traenen rannen aus ihren Augen. Hippolyt
ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Kuessen. Einen Augenblick lang
betrachteten sie sich schweigend, wollten sich ihre Liebe gestehen und
wagten es dennoch nicht. Der Maler hatte Adelaidens Hand in der
seinigen behalten und erkannte aus der Gleichheit der Waerme und des
Pulsschlages, dass ihre beiden Herzen gleich stark fuer einander
schlugen. Das junge Maedchen entfernte sich sanft von Hippolyt und sagte
mit einem kindlichen Blick: "Sie werden meine Mutter sehr gluecklich
machen!..."

"Wie? Nur Ihre Mutter?" fragte er.

"Oh!... Ich ... ich bin es schon...."

Der Maler senkte seine Blicke und schwieg, erschreckt durch die
Heftigkeit der Gefuehle, die diese Worte in seinem Herzen erweckt
hatten. Beide begriffen die Gefahr dieses Augenblicks und begaben sich
daher hinunter, um das Bild an seinen Platz zu haengen.

Hippolyt speiste zum ersten Mal mit der Baronin und ihrer Tochter. Frau
von Rouville war so geruehrt, dass sie dem Maler haette um den Hals fallen
koennen. Abends erschien der alte Emigrierte, der ehemalige Kamerad des
Barons von Rouville, der mit ihm auf bruederlichem Fusse gelebt hatte,
und meldete seinen beiden Freundinnen, dass er zum Kontreadmiral ernannt
sei, da man ihm seine Landfahrten durch Deutschland und Russland als
ebensoviele im Seedienst verlebte Jahre angerechnet habe. Als er das
Bild sah, drueckte er mit Herzlichkeit die Hand des Malers und sagte:
"Meiner Treu! Obgleich mein alter Leichnam nicht der Muehe wert ist, fuer
die Nachwelt aufbewahrt zu werden, so wuerde ich doch fuenfhundert
Louisdor geben, wenn ich mich ebenso getreu dargestellt sehen koennte,
wie mein alter Rouville!"

Bei diesem Vorschlag blickte die Baronin ihren Freund an, laechelte und
liess auf ihrem Antlitz den Ausdruck eines Dankgefuehls erscheinen.
Hippolyt glaubte zu erraten, dass ihm der alte Admiral den Wert fuer
beide Bilder geben wolle, indem er das seinige bezahlte, und
antwortete, weil sich sein Kuenstlerstolz, sowie auch vielleicht seine
Eifersucht bei diesem Gedanken empoerte: "Mein Herr, wenn ich ueberhaupt
Portraets malte, so wuerde ich dieses nicht gemacht haben...."

Der Admiral biss sich auf die Lippen und setzte sich an den Spieltisch.
Hippolyt blieb der Adelaide, die ihm ebenfalls eine Partie vorschlug,
was er auch annahm. Der Maler bemerkte bei Frau von Rouville einen
Eifer fuer das Spiel, der ihn ueberraschte. Nie hatte sie so sehr den
Wunsch gezeigt, zu gewinnen, und sie gewann. Waehrend dieses Abends
beunruhigte ein boeser Verdacht den Maler, stoerte sein Glueck und floesste
ihm Misstrauen ein. Frau von Rouville lebte also vom Spiel. Spielte sie
nicht in diesem Augenblick, um irgend eine Schuld abzutragen oder durch
irgend eine Notwendigkeit gedraengt? Vielleicht hatte sie ihre Miete
noch nicht bezahlt? Der Greis schien uebrigens schlau genug zu sein, um
sich nicht um nichts und wieder nichts sein Geld abnehmen zu lassen!
Welches Interesse konnte den reichen Mann in dieses arme Haus fuehren?
Warum war er ehedem so vertraulich gegen Adelaide, und warum hatte er
so ploetzlich den Vertraulichkeiten entsagt, die man sich vielfach von
ihm gefallen lassen musste?--Diese Gedanken kamen ihm unwillkuerlich in
den Sinn und veranlassten ihn, mit neuer Aufmerksamkeit den Greis und
die Baronin zu beobachten. Ihre Blicke des Einverstaendnisses, die sie
von der Seite auf Adelaide und ihn warfen, missfielen ihm. "Sollte man
mich hintergehen?" dachte Hippolyt, und es war das fuer ihn ein
schrecklicher, ein verletzender Gedanke, den er trotzdem nicht
verscheuchen konnte. Um vielleicht eine Gewissheit zu erlangen, blieb er
bis zuletzt. Er hatte hundert Sous verloren und seine Boerse gezogen, um
Adelaide zu bezahlen. Doch von seinen peinigenden Gedanken ueberwaeltigt,
legte er seine Boerse auf den Tisch. Als er aus seinem Nachdenken wieder
erwachte, schaemte er sich ueber sein Schweigen, dachte aber nicht mehr
an seine Boerse, sondern erhob sich, antwortete auf eine gleichgueltige
Frage, die Frau von Rouville an ihn richtete, und trat ihr naeher, um
beim Sprechen ihre alten Zuege besser pruefen zu koennen. Von einer
peinigenden Ungewissheit ergriffen, entfernte er sich, doch war er kaum
einige Stufen der Treppe hinabgeeilt, als er sich erinnerte, seine
Boerse auf dem Tisch liegen gelassen zu haben, und er kehrte zurueck.

"Ich habe meine Boerse bei Ihnen vergessen," sagte er zu Adelaide.
--"Nein ..." anwortete sie erroetend.

"Ich glaubte sie hier zu finden!" Er zeigte bei diesen Worten auf den
Spieltisch, schaemte sich aber im Herzen des jungen Maedchens und der
Baronin, als er seine Boerse nicht erblickte, und sah die beiden Frauen
auf eine so verlegene Weise an, dass diese lachten. Dann erbleichte er
und sagte: "Ach, nein, ich habe mich getaeuscht!... Ich habe die Boerse."
Er empfahl sich und ging. In einem Abteil der Boerse befanden sich
dreihundert Franken in Gold und in dem anderen einige kleine Muenzen.
Der Diebstahl war so klar, auf eine so kecke Weise geleugnet, dass
Hippolyt keinen Zweifel ueber die Moralitaet seiner Nachbarinnen mehr
hegen konnte. Er blieb auf der Treppe stehen, stieg mit Muehe hinab,
seine Beine zitterten, Schwindel ergriff ihn, kalter Schweiss trat ihm
auf die Stirn, und er fuehlte sich ausserstande, zu gehen und die heftige
Aufregung zu ertragen, die der Zusammenbruch aller seiner Hoffnungen in
ihm hervorgerufen hatte.

Er erinnerte sich jetzt einer Menge von Beobachtungen, die anscheinend
geringfuegig waren, aber dennoch den schrecklichen Verdacht bestaerkten,
der ihn ergriffen hatte, und ihm die Augen inbezug auf den Charakter
und das Leben der beiden Frauen oeffnete. Sie hatten also gewartet, bis
das Bild beendet und uebergeben war, ehe sie ihm die Boerse raubten!?...

Der Diebstahl erschien noch haesslicher, indem er sich als ein
berechneter herausstellte. Der Maler erinnerte sich zu seinem Kummer,
dass Adelaide schon seit zwei oder drei Abenden mit maedchenhafter
Neugierde die kunstreiche Filetarbeit der abgenutzten seidenen Boerse
betrachtet habe; allein wahrscheinlich nur, um sich zu ueberzeugen,
wieviel Geld in dem Beutel enthalten sei. Die anscheinend unschuldigen
Scherze, die sie dabei machte, bezweckten wahrscheinlich nur, den
Augenblick zu erspaehen, wo die Summe gross genug sein wuerde, um eines
Diebstahls wert zu sein.--"Der alte Admiral hat vielleicht seine guten
Gruende, Adelaide nicht zu heiraten, und die Baronin wird daher versucht
haben, mich...." Er wollte eine Vermutung aussprechen, unterbrach sich
aber und vollendete seinen Gedanken nicht, da derselbe zudem durch eine
ganz richtige Betrachtung widerlegt wurde. "Wenn die Baronin," dachte
er naemlich, "mich mit ihrer Tochter haette verheiraten wollen, so wuerde
man mich nicht bestohlen haben...." Um nicht ganz aus seinen Illusionen
gerissen zu werden, versuchte dann seine Liebe, die bereits so tief
eingewurzelt war, in einem Zufall irgend eine Rechtfertigung zu finden.
"Meine Boerse kann auf die Erde gefallen sein," dachte er, "sie kann
vielleicht auf meinem Stuhle liegen geblieben sein. Ich habe sie
vielleicht in meiner Zerstreuung in die Tasche gestickt...." Und er
durchsuchte hastig alle seine Taschen, fand aber nirgends die
verwuenschte Boerse. Sein grausames Gedaechtnis bestaetigte ihm nur die
betruebende Wahrheit. Er sah deutlich seine Boerse auf dem Tische liegen,
zweifelte nicht mehr an dem Diebstahl, entschuldigte aber dennoch
Adelaide, indem er dachte, dass man Unglueckliche nicht zu schnell
richten duerfe, dass ohne Zweifel irgend ein Geheimnis dieser dem
Anschein nach ehrlosen Handlung zugrunde liege. Es wollte ihm nicht in
den Sinn, dass ein so edles und stolzes Antlitz Luege sein koenne. Dennoch
erschien ihm jetzt die armselige Wohnung als vollkommen entbloesst von
der Poesie der Liebe, die alles verschoenert; er sah sie jetzt
schmutzig, verwohnt, und betrachtete sie als die Darstellung eines
Lebens ohne Adel, ohne edle Handlungen, denn unsere Gefuehle sind
gewissermassen den Dingen aufgepraegt, die uns umgeben.

Am folgenden Morgen erhob er sich, ohne geschlafen zu haben. Der
Schmerz seines Herzens, diese schwere moralische Krankheit, hatte
furchtbare Fortschritte bei ihm gemacht. Ein getraeumtes Glueck zu
verlieren, einer ganzen Zukunft zu entsagen, dies ist ein Leiden,
bitterer als jedes andere, das durch den Untergang eines genossenen
Gluecks veranlasst wird, wie vollkommen dasselbe auch sein mochte. Die
Gedanken, denen sich dann ploetzlich unser Geist ueberlaesst, gleichen
einem Meer ohne Ufer, in dem unsere Liebe sich zwar einen Augenblick
schwimmend erhalten kann, aber dennoch endlich untergehen und ertrinken
muss. Das ist ein schrecklicher Tod: sind nicht die Gefuehle der
glaenzendste Teil unseres Lebens? Aus diesem teilweisen Tode entspringen
bei gewissen zarten oder starken Konstitutionen die grossen
Verheerungen, die durch die Entzauberung durch getaeuschte Hoffnungen
und Leidenschaften hervorgebracht werden.

So ging es Hippolyt. Am fruehen Morgen ging er aus und wandelte in dem
kuehlen Schatten der Tuilerien, waehrend er in seine Gedanken versank und
alles in der Welt vergass. Ein Zufall, der gar nichts Ungewoehnliches
hatte, liess ihn einen seiner vertrautesten Freunde treffen, der auf dem
Kollegium und in der Malschule sein Kamerad gewesen war, mit dem er
vertrauter gelebt hatte, als man mit einem Bruder zu leben pflegt. "Was
fehlt Dir?" fragte Daniel Vallier, ein junger Bildhauer, der kuerzlich
den ersten Preis erlangt hatte und naechstens nach Italien reisen
sollte. "Ich bin sehr ungluecklich ..." antwortete Hippolyt ernst.

"Nur eine Herzensangelegenheit kann Dich so sehr bekuemmern, denn an
Geld, Ruhm und Ansehen fehlt es Dir nicht." Allmaehlich entspann sich
ein vertrautes Gespraech, und der Maler gestand seine Liebe. Als
Hippolyt von der Rue de Suresne und von einem jungen Maedchen erzaehlte,
das in einem vierten Stock wohnte, da rief Daniel mit ungewoehnlicher
Heiterkeit aus: "Halt! das ist das junge Maedchen, das ich jeden Morgen
in der Assomption sehe und dem ich den Hof mache. Aber, mein Lieber,
die kennen wir alle! Ihre Mutter ist eine Baronin! Glaubst Du denn an
Baroninnen, die im vierten Stock wohnen?... Brr!... Du bist ein guter
Junge, der noch im goldenen Zeitalter lebt!... Wir sehen die alte
Mutter alle Tage in dieser Allee; allein sie hat ein Antlitz und eine
Haltung, die alles erraten lassen.... Wie! hast Du an der Art, wie sie
ihren Strickbeutel haelt, nicht schon erkannt, was sie ist?"

Die beiden Freunde lustwandelten lange Zeit, und mehrere junge Maenner,
die entweder Daniel oder Hippolyt kannten, gesellten sich zu ihnen. Der
Bildhauer erzaehlte ihnen das Abenteuer des Malers, weil er es fuer sehr
unwichtig hielt. Nun wurden Bemerkungen vorgebracht, Spoetteleien wurden
unschuldig und mit der ganzen Heiterkeit, die Kuenstlern eigen ist, zum
besten gegeben. Hippolyt litt furchtbar darunter. Er schaemte sich, als
er das Geheimnis seines Herzens so leichtsinnig behandelt, seine Liebe
in Fetzen zerrissen sah, als er hoerte, dass man ein junges unbekanntes
Maedchen, dessen Leben ihm so bescheiden geschienen hatte, den
ruecksichtslosesten Beurteilungen unterwarf, mochten dieselben richtig
sein oder falsch. Aus einem Gefuehl des Widerspruchs verlangte er
ernstlich von einem jeden Beweis fuer seine Behauptungen; doch gab dies
nur Anlass zu neuen Spoettereien.

"Aber, mein lieber, hast Du den Shawl der Baronin gesehen?" fragte
einer.

"Hast Du die Kleine gesehen, wenn sie des Morgens nach der Assomption
geht?" fragte ein anderer.

"Die Mutter besitzt unter anderen Tugenden auch ein gewisses graues
Kleid, das ich als einen Typus betrachte."

"Hoere, Hippolyt ..." sagte ein Kupferstecher, "komm um vier Uhr hierher
und beobachte ein wenig den Gang der Mutter und der Tochter.... Wenn Du
dann noch Zweifel hast ... nun, dann wird im Leben nichts aus Dir....
Du waerest faehig, die Tochter Deiner Tuersteherin zu heiraten."

Hippolyt wurde von den widerstreitendsten Gefuehlen ergriffen und
verliess seine Freunde. Adelaide erschien ihm ueber alle Anklagen
erhaben, und er empfand im Innersten seines Herzens eine gewisse Reue,
dass er an der Reinheit eines so schoenen und einfachen jungen Maedchens
gezweifelt habe. Er kehrte nach seiner Werkstatt zurueck, ging an der
Tuer vor Adelaides Wohnung vorueber und fuehlte einen inneren Schmerz,
hinsichtlich dessen sich kein Mann taeuscht. Er liebte Fraeulein von
Rouville leidenschaftlich und betete sie selbst jetzt noch an,
ungeachtet des Diebstahls seiner Boerse. Seine Liebe war wie die des
Chevaliers Desgrieux, der seine Geliebte selbst auf dem Karren, der die
verlorenen Weiber in das Gefaengnis faehrt, noch bewunderte und fuer rein
hielt. "Warum sollte sie nicht durch meine Liebe das reinste von allen
weiblichen Wesen werden!... Warum sollte ich sie dem Unglueck und dem
Laster ueberlassen, ohne ihr eine freundschaftliche Hand zu
reichen!?..." Diese Aufgabe gefiel ihm, denn die Liebe weiss alles zu
benutzen, und nichts lockt einen jungen Mann mehr, als die Aussicht,
bei einem jungen Maedchen die Rolle eines guten Engels spielen zu
koennen. Es liegt etwas Romantisches in diesem Unternehmen, das
empfindsamen Seelen so sehr gefaellt. Es ist Aufopferung in ihrer
erhabensten und anmutigsten Form; es liegt soviel geistige Groesse darin,
sich bewusst zu sein, dass man hinreichend liebt, um selbst da noch zu
lieben, wo bei anderen die Liebe erlischt und stirbt!

Hippolyt begab sich in seine Werkstaette und betrachtete seine Gemaelde,
ohne daran zu arbeiten; er erblickte die Gestalten nur durch die
Traenen, die ihm in die Augen traten, hielt fortwaehrend seinen Pinsel in
der Hand und naeherte sich der Leinwand, beruehrte sie aber nicht. Die
Nacht ueberraschte ihn in seinen Traeumereien; er eilte die Treppe hinab,
begegnete dem alten Admiral, warf ihm einen finsteren Blick zu, waehrend
er ihn begruesste, und eilte hinweg. Es war seine Absicht gewesen, bei
seinen Nachbarinnen einzutreten, aber der Anblick von Adelaides Goenner
liess ihm das Herz erstarren und ihn seinen Entschluss aufgeben. Er
fragte sich zum hundertsten Male, was den alten reichen Mann, der
fuenfzigtausend Livres Renten hatte, so unwiderstehlich in jenen vierten
Stock ziehe, wo er alle Abende zehn bis zwanzig Franken verlor, und er
erriet seinen Zweck.

An den folgenden Tagen widmete sich Hippolyt mit allem Eifer seinen
Arbeiten, um durch diese und durch die Ablenkung seiner Phantasie auf
einen anderen Gegenstand seine Leidenschaft zu bekaempfen. Seine Absicht
gelang ihm zur Haelfte; die Arbeiten troesteten ihn, vermochten aber die
Erinnerung an so viele glueckliche Stunden, die er neben Adelaide
verlebt hatte, nicht zu verbannen. Als er an einem der naechsten Abende
seine Werkstatt verliess, fand er die Tuer zu der Wohnung der beiden
Damen halb geoeffnet.

Eine weibliche Gestalt stand in der Bruestung des Fensters, und er
konnte nicht voruebergehen, ohne von Adelaide gesehen zu werden. Er
begruesste sie kalt und warf ihr einen gleichgueltigen Blick zu, schloss
dann aber von seinem Kummer auf den des jungen Maedchens und fuehlte eine
heftige Ruehrung, als er die ganze Bitterkeit erwog, die sein Blick und
seine Kaelte in einem liebenden Herzen hervorbringen mussten.

Eine Wonne, wie die beiden sie genossen, durch so tiefe Vernachlaessigung,
durch so tiefe Verachtung zu kroenen, das war in der Tat ein schreckliches
Ende!

Vielleicht hatten sie die Boerse wiedergefunden, vielleicht hatte
Adelaide an jenem Abend ihren Freund erwartet! Dieser Gedanke, der so
einfach und natuerlich war, erweckte bei Hippolyt eine neue Reue, und er
fragte sich, ob die Beweise von Zartgefuehl und Anhaenglichkeit, die ihm
das Maedchen gegeben hatte, ob die reizenden und liebevollen Plaudereien,
die ihn entzueckt hatten, nicht wenigstens eine Frage, eine Rechtfertigung
verdienten. Er schaemte sich, eine ganze Woche lang den Wuenschen seines
Herzens widerstanden zu haben, betrachtete sich fast als den schuldigen
Teil und begab sich noch an demselben Abend zu Frau von Rouville. Sein
ganzer Verdacht, alle seine boesen Gedanken entschwanden bei dem Anblick
des jungen Maedchens, das bleich und abgehaermt erschien.

"Was fehlt Ihnen?" fragte er, nachdem er die Baronin begruesst hatte.
Adelaide antwortete ihm nicht, sondern richtete nur einen
schwermutsvollen, traurigen und entmutigten Blick auf ihn, der ihm wehe
tat.

"Sie haben ohne Zweifel viel gearbeitet?" fragte die alte Dame; "Sie
haben sich sehr veraendert, und wir sind gewiss die Ursache, weshalb Sie
sich jetzt so bestaendig in Ihrer Werkstaette einschliessen. Das fuer uns
gemalte Bild hat wahrscheinlich einige Arbeiten verzoegert, die fuer
Ihren Ruf von Wichtigkeit sind."

Hippolyt freute sich, eine so schoene Entschuldigung seiner
Unhoeflichkeit zu finden. "Ja," antwortete er, "ich bin sehr fleissig
gewesen, aber ich habe auch viel gelitten...." Bei diesen Worten erhob
Adelaide den Kopf und blickte Hippolyt an; ihre Augen drueckten nur noch
Sorge aus, aber keinen Vorwurf mehr.

"Haben Sie denn gedacht, wir waeren so gleichgueltig gegen Ihr Glueck oder
Ihr Unglueck?" fragte die alte Dame.

"Ich habe Unrecht gehabt!" versetzte Hippolyt; "aber dennoch gibt es
Leiden, die man nicht mitzuteilen wagt, selbst dann nicht, wenn die
Freundschaft bereits aelter ist als die unsrige."

"Aufrichtigkeit und Staerke der Freundschaft duerfen nicht nach der Dauer
der Zeit gemessen werden. Es gibt alte Freunde, von denen der eine
nicht einmal eine Traene fuer das Unglueck des andern hat," sagte die
Baronin.

"Aber was fehlt Ihnen?" wandte sich Hippolyt an Adelaide.

"Oh, gar nichts," antwortete die Mutter. "Sie hat einige Naechte bei
einer weiblichen Arbeit gesessen und nicht auf mich hoeren wollen,
obgleich ich ihr sagte, dass es auf einen Tag mehr oder weniger nicht
ankomme."

Hippolyt verlor sich abermals in wunderlichen Gedanken. Wenn er diese
edlen und ruhigen Zuege betrachtete, so musste er ueber seinen Verdacht
erroeten und den Verlust seiner Boerse irgend einem unbekannten Zufall
zuschreiben.

Dieser Abend war ein koestlicher fuer ihn, und vielleicht auch fuer
Adelaide. Es gibt Geheimnisse, die jugendliche Herzen so leicht
erraten; das junge Maedchen erriet jedenfalls die Gedanken des Malers.
Der Maler dagegen erriet die Gedanken des Maedchens, kehrte liebevoller
und freundlicher zu seiner Geliebten zurueck und suchte sich eine
stillschweigende Verzeihung zu erwerben. Adelaide genoss dagegen so
vollkommene, so suesse Freuden, dass es ihr schien, als habe sie dieselben
nicht zu teuer durch das Unglueck erkauft, das ihre Liebe so grausam
verletzt hatte. Dieser so aufrichtige Einklang ihrer Herzen, dieses
zauberische gegenseitige Verstaendnis wurde dennoch durch eine Bemerkung
der Baronin von Rouville gestoert.

"Lassen Sie uns ein Spielchen machen," sagte sie zu Hippolyt.

Diese Worte erweckten alle Befuerchtungen des jungen Mannes von neuem.
Er erroetete, waehrend er Adelaidens Mutter anblickte, bemerkte aber auf
ihrem Antlitz nur den Ausdruck einer untruegerischen Herzensguete. Er
setzte sich an den Spieltisch, und Adelaide wollte mit ihm in
Gemeinschaft spielen, indem sie vorgab, dass er das Pikett nicht
verstehe und daher eines Partners beduerfe. Frau von Rouville und ihre
Tochter gaben sich waehrend des Spieles Zeichen des Einverstaendnisses,
die Hippolyt umsomehr beunruhigten, da er der gewinnende Teil war;
zuletzt aber wurden die beiden Liebenden Schuldner der Baronin, und der
Maler hob seine Hand empor, um Geld aus seiner Tasche zu nehmen. Da sah
er ploetzlich eine Boerse vor sich, die Adelaide dort hingelegt hatte,
ohne dass er es bemerkte; sie aber hielt seine alte Boerse in der Hand
und nahm Geld daraus, um ihre Mutter zu bezahlen. Hippolyt fuehlte, wie
ihm alles Blut zum Herzen stroemte und er nahe daran war, das Bewusstsein
zu verlieren. Die neue Boerse, die ihm anstatt der alten gegeben war,
enthielt sein Geld; sie war mit Goldperlen durchwirkt, und alles an
derselben war ein Beweis von Adelaidens gutem Geschmack. Es war dies
ein entzueckender Dank des jungen Maedchens. Es war unmoeglich, auf eine
zartere Weise zu erkennen zu geben, dass das Geschenk des Malers nur
durch ein Pfand der Zaertlichkeit belohnt werden koenne. Als Hippolyt im
Uebermass seines Glueckes seine Augen auf Adelaide und die Baronin
richtete, sah er beide vor Freude zittern und befriedigt, dass ihnen ihr
Betrug so schoen gelungen war. Nun fand er sich selbst kleinlich,
veraechtlich, albern und haette sich strafen moegen; aber ein paar Traenen
traten ihm in die Augen, unwiderstehlich zwang ihn sein Herz, sich zu
erheben, Adelaide in seine Arme zu nehmen, an seine Brust zu druecken,
ihr einen Kuss zu rauben und dann mit der Aufrichtigkeit eines Kuenstlers
zu der Baronin zu sagen: "Ich erbitte sie mir zur Gattin".

Adelaide warf dem Maler einen halb zuernenden Blick zu, und Frau von
Rouville suchte in ihrer Bestuerzung nach einer Antwort, als diese Szene
durch ein ploetzliches Klingeln unterbrochen wurde. Der alte Admiral
erschien, gefolgt von seinem Schatten und von Frau Schinner.

Hippolyts Mutter hatte den Grund des Kummers erraten, den ihr Sohn ihr
vergebens zu verbergen suchte, und bei einigen ihrer Freunde
Erkundigungen ueber das junge Maedchen, das er liebte, eingezogen. Als
sie dann in gerechte Besorgnisse durch die Verleumdungen ueber Adelaide
versetzt war, hatte sie dieselben auch dem alten Emigrierten
mitgeteilt, der in seinem Zorne sagte, dass er "den Neidhammeln die
Ohren abschneiden werde". In seinem Zorneseifer verriet er Frau
Schinner dann auch noch, dass er absichtlich beim Spiel verliere, weil
der Stolz der Baronin es ihm nicht erlaube, sie auf andere Weise zu
unterstuetzen.

Als Frau Schinner Frau von Rouville begruesst hatte, blickte diese den
Kontreadmiral, Adelaide und Hippolyt an und sagte mit unaussprechlicher
Herzensguete: "Nun sind wir also heute abend im Familienkreise."




EHELICHER FRIEDEN


Unsere Erzaehlung spielt in der Zeit, in der Napoleons vergaengliche
Herrschaft den hoechsten Gipfel ihres Glanzes und ihrer Macht erreicht
hatte. Es war gegen Ende des Monats November 1809. Der Kanonendonner
und das Trompetengeschmetter der beruehmten Schlacht bei Wagram hallte
noch im Herzen der oesterreichischen Monarchie wieder. Der Friede war
zwischen Frankreich und den Maechten des Festlandes unterzeichnet,
Koenige und Fuersten demuetigten sich vor Napoleon, der sich die Freude
machte, ganz Europa in seinem Gefolge zu sehen und eine prachtvolle
Vorfeier der Macht zu veranstalten, die er spaeter in Dresden entfalten
sollte.

Die Zeitgenossen behaupten, dass Paris nie schoenere Feste gesehen habe,
als jene, die der Vermaehlung Napoleons mit einer Erzherzogin von
Oesterreich vorangingen und ihr folgten. Nie hatten sich in den
schoensten Tagen der aelteren Monarchie so viele gekroente Haeupter an den
Ufern der Seine gedraengt, nie war die franzoesische Aristokratie reicher
und glaenzender erschienen als damals. Diamanten waren mit einer solchen
Verschwendung in Schmuckstuecken zur Schau getragen, Gold und Silber
strahlte von so vielen Uniformen wieder, dass es schien, als waeren alle
Reichtuemer des Erdballs in den Salons von Paris angehaeuft worden.

Eine allgemeine Trunkenheit hatte sich gewissermassen des ganzen Reiches
bemaechtigt, und alle Soldaten, den Herrn nicht ausgenommen, erfreuten
sich als Emporkoemmlinge der Schaetze, die eine Million von Kriegern im
Auslande zusammengerafft hatte.

Einige Damen aus den hoeheren Sphaeren der Gesellschaft trugen damals
jene leichten Sitten und jene Lockerung der Moral zur Schau, die
ehemals der Regierungszeit Ludwigs XV. den Stempel der Schande
aufgedrueckt hatten. Wollten sie den alten Ton der gesunkenen Monarchie
nachahmen oder wollten sie das Beispiel befolgen, das gewisse
Mitglieder der kaiserlichen Familie gegeben hatten, wie einige Haeupter
der Vorstadt Saint-Germain behaupteten, so viel ist gewiss, dass sich
alle, Maenner und Frauen, mit einer Unerschrockenheit in den Strudel der
Genuesse stuerzten, die an das Ende der Welt haette glauben lassen koennen.
Allein es gab damals einen besonderen Grund fuer diese Freisinnigkeit.
Die Vorliebe des weiblichen Geschlechts fuer die Krieger war zu einer
Art von Wahnsinn geworden. Diese Begeisterung, die den Wuenschen
Napoleons zusagte, wurde durch keine Zuegel gehemmt. Der Kaiser liess
seinen Armeen selten Ruhe und die vorgeblichen Leidenschaften jener
Zeit entwickelten sich daher mit einer ziemlich erklaerlichen
Schnelligkeit; die Ehen wurden auf eine so rasche Weise eingegangen,
wie das oberste Haupt der Kolbacs, der Dolmans und der Epauletten, von
denen die Frauen so sehr entzueckt waren, selbst rasch in seinen
Entscheidungen war. Die Herzen waren damals nomadisch, wie die Armeen.
Die haeufigen Friedensbrueche, die alle zwischen Europa und Frankreich
abgeschlossenen Buendnisse nur als Waffenstillstand erscheinen liessen,
fuehrten ebenso haeufige Trennungen zwischen den Kriegern und ihren
Gattinnen herbei. In der Zeit von einem ersten bis zu einem fuenften
Bulletin der grossen Armee sah sich daher manches Weib als Braut,
Gattin, Mutter und Witwe.

War es die Aussicht auf eine nahe Witwenschaft, die Aussicht auf
Mitgift, oder die Hoffnung, den Glanz eines historischen Namens zu
teilen, durch welche die Krieger so verfuehrerische Reize fuer das
weibliche Geschlecht erlangten? Wurde das schoene Geschlecht durch die
Gewissheit, dass die Toten das Geheimnis der Leidenschaften nicht
ausplaudern koennen, zu den Kriegern hingezogen? Oder muss man die
Ursache fuer jenen suessen Fanatismus in dem edlen Reize suchen, den der
Mut fuer das weibliche Geschlecht besitzt?

Vielleicht waren es diese Gruende zusammengenommen, die der kuenftige
Geschichtsschreiber der Sitten des Kaiserreichs ohne Zweifel erwaegen
muss, vielleicht trugen alle jene Gruende zu dem Leichtsinn bei, mit dem
sich die Damen der Liebe und der Ehe ueberlieferten. Wie dem auch sein
mochte, es mag hinreichen, dass wir hier bemerken, wie durch den Ruhm
und die Lorbeeren so manche Fehler geweckt wurden, wie das weibliche
Geschlecht mit Eifer jene kuehnen Abenteurer aufsuchte, die ihm damals
als wahre Quellen der Ehre, der Reichtuemer und der Freuden erschienen,
und wie damals eine Epaulette in den Augen eines jungen Maedchens einer
Hieroglyphe glich, die Glueck und Freiheit bedeutete. Ein Zug, der jene
Epoche charakterisiert, war eine gewisse zuegellose Leidenschaft fuer
alles Glaenzende. Nie wurden so viele Feuerwerke veranstaltet; zu keiner
Zeit hatten die Diamanten einen so hohen Wert erreicht. Die Maenner
waren ebenso begierig nach jenen klaren Kieseln wie die Frauen und
schmueckten sich mit ihnen, gleich diesen. Vielleicht hatte der Wunsch,
die gemachte Beute in der leichtesten Gestalt mit sich fuehren zu
koennen, die Juwelen bei der Armee in ein so hohes Ansehen gebracht. Der
Mann erschien damals nicht so laecherlich, wie das jetzt der Fall sein
wuerde, wenn die Krause seines Hemdes oder die Finger den Blicken
schwere Diamanten darboten, und Murat, dieser echte Suedlaender, hatte
den Soldaten das Beispiel eines abgeschmackten Luxus gegeben.

Der Graf von Gondreville, einer der Luculle jenes erhaltenden Senats,
der nichts erhielt, hatte nur darum so lange gezoegert, ein Fest zu
Ehren des Friedens zu veranstalten, um desto glaenzender Napoleon den
Hof zu machen und alle die Schmeichler zu ueberstrahlen, die ihm
zuvorgekommen waren. Die Gesandten aller mit Frankreich befreundeten
Maechte, die wichtigsten Persoenlichkeiten des Kaiserreichs, selbst
einige Fuersten waren in dem prachtvollen Hotel des reichen Senators
versammelt. Wenn der Tanz noch nicht in Schwung kommen wollte, so
ruehrte das daher, weil man auf den Kaiser wartete; denn dieser hatte
versprochen, dass er erscheinen werde, und haette gewiss sein Wort
gehalten, waere nicht an demselben Abende zwischen ihm und Josephine ein
Auf tritt vorgefallen, der die Scheidung des gekroenten Gattenpaares
voraussehen liess. Die Nachricht von jenem unangenehmen Auftritt war
noch nicht bis zu den Ohren der Hofleute gelangt, und auf die
Heiterkeit des Festes, das der Graf von Gondreville gab, hatte daher
nur der eine Umstand Einfluss, dass Napoleon nicht erschien. Die
schoensten Frauen von Paris hatten sich in den geschmueckten Salons
eingefunden, um durch die Ueppigkeit ihres Schmuckes und ihrer Schoenheit
vor den Augen des Kaisers zu glaenzen.

Die auf ihre Reichtuemer stolze Finanzwelt ueberstrahlte die glaenzenden
Generaele und hohen Offiziere des Kaiserreichs, die mit Kreuzen der
Ehrenlegion und Titeln ueberhaeuft waren; denn solche Feierlichkeiten
waren stets Gelegenheit, die von den reichen Familien ergriffen wurden,
um ihre Erbinnen den Augen der napoleonischen Praetorianer vorzufuehren,
in der Hoffnung, dass diese ihre Titel mit der prachtvollen Ausstattung
der Erbinnen verbinden wuerden. Diejenigen Damen, die sich nur
hinsichtlich ihrer Schoenheit stark wussten, erschienen ebenfalls, um die
Macht ihrer Reize zu versuchen. Es war dort, wie fast ueberall, die
Freude nur eine Maske. Die heiteren und lachenden Gesichter, die
ruhigen Stirnen verdeckten gehaessige Berechnungen. Die Freundschafts-
bezeigungen logen, und mehr als einer misstraute seinen Feinden weniger
als seinen Freunden.

Diese kurzen Bemerkungen sind bestimmt, nicht nur die kleinen
Verwicklungen des Auftritts, der sich vor unseren Augen entfalten wird,
zu verraten, sondern auch das Fest einigermassen kennen zu lernen, bei
dem sie sich ereigneten. Zugleich wollten wir den Ton schildern, der
damals in den Salons von Paris herrschte, und das bisherige darf daher
gewissermassen nur als eine Vorrede oder als ein geschichtlicher Prolog
betrachtet werden, den die andersgestalteten heutigen Sitten
erforderten.

       *       *       *       *       *

"Schauen Sie einmal nach jener gebrochenen Saeule, die einen Kandelaber
traegt! Sehen Sie die junge Dame, deren Haar nach chinesischer Art
geflochten ist? Dort, links in der Ecke! Sie hat blaue Glockenblumen in
dem Busche kastanienbrauner Haare, die in Garben ueber ihren Kopf
herabfallen. Sehen Sie sie nicht? Sie ist so bleich, dass man glauben
sollte, sie sei krank. Sie ist eine allerliebste Kleine. Jetzt richtet
sie die Augen gerade auf uns. Ihre blauen Augen, die mandelartig
gespalten sind und suess zum Entzuecken, scheinen ganz besonders zum
Weinen geschaffen. Aber sehen Sie doch! Jetzt beugt sie sich, um Madame
Vaudremont durch die Masse von Koepfen hindurch zu erblicken, die in
bestaendiger Bewegung sind und ihr die Aussicht abschneiden...."

"Ja, jetzt habe ich sie, mein Lieber!... Du haettest sie mir nur als die
bleichste von allen hier versammelten Damen bezeichnen sollen, so wuerde
ich sie schon erkannt haben, denn ich habe sie bereits bemerkt. Sie hat
den schoensten Teint, den ich je bewundert habe. Von hier aus duerftest
Du wohl die weisse Haut ihres Halses nicht genau sehen koennen und die
Perlen nicht, die die Saphire ihres Halsschmuckes unterbrechen. Aber
von hier aus scheint es, als saehe man Tuerkise auf Schnee gesaet. Sie
besitzt feine Sitten, oder ist sehr kokett. Welche Schultern! Welche
Lilienweisse!..."

"Wer ist es denn?" fragte jener, der zuerst gesprochen hatte. "Ich weiss
es nicht."

"Aristokrat! Sie wollen wohl alle fuer sich behalten...."

"Das passt zu Dir, mich zu verspotten!" versetzte der Soldat laechelnd.
"Glaubst Du das Recht zu haben, einen armen Oberst, wie ich bin, zu
verspotten, weil Du als gluecklicher Nebenbuhler des armen Soulanges
nicht eine einzige Pirouette machen kannst, ohne dass zugleich das Herz
der Frau von Vaudremont tanzt? Oder deswegen, weil ich erst seit
Monaten in dieses gelobte Land gekommen bin?... Ihr seid ein
unverschaemtes Volk, ihr Verwaltungsbeamten, die Ihr auf euren Stuehlen
sitzen bleibt, waehrend wir Kommissbrot essen muessen! Wohlan, Herr
Requetenmeister, lassen Sie uns einmal das Feld rekognoszieren, in dem
Ihr nicht eher wieder ruhig herrschen sollt, bis wir abgezogen sind!
Was Teufel! Jedermann muss leben." "Oberst, da Sie mit Ihrer ganzen
Aufmerksamkeit die schoene Unbekannte beehrt haben, die ich hier zum
ersten Male bemerke, so haben Sie doch die Guete, mir zu sagen, ob Sie
sie bereits tanzen sahen." "Ei! mein lieber Martial, was faellt Dir ein?
Wenn man Dich als Gesandten abschickte, so moechtest Du wohl schlechte
Geschaefte machen. Siehst Du nicht drei Reihen der unerschrockensten
Koketten von Paris zwischen meiner huebschen Dame und dem glaenzenden
Schwarm von Taenzern, der unter dem Kronleuchter summt? Hast Du Dich
nicht der Hilfe Deines Lorgnons bedienen muessen, um sie in dem Winkel
jener Saeule zu entdecken, wo sie in ein tiefes Dunkel vergraben
scheint? Trotz der fuenfzig Kerzen, die um ihr blondes Haupt
herumflackern, denn es ist zwischen ihr und uns eine solche Menge von
Diamanten und funkelnden Blicken, von schwankenden Federn, Spitzen und
Blumen, dass es ein wahres Wunder waere, wenn irgendein Taenzer sie
inmitten dieser blendenden Gestirne bemerken wuerde! wie, Martial, hast
Du nicht erraten, dass sie die Gattin irgendeines Unterpraefekten aus
einem entlegenen Departement ist, die hier in Paris versuchen will,
ihren Mann zum Praefekten zu machen?..."

"O! er soll es werden!" rief lebhaft der Requetenmeister aus.

"Ich bezweifle," sagte der Oberst lachend, "denn sie scheint mir in der
Intrige ebenso unbewandert, wie Du in der Diplomatie. Ich wette,
Martial, dass Du nicht weisst, wie sie an ihre Stelle gekommen ist."

Der Requetenmeister blickte den Oberst auf seine Weise an, die
ebensoviel Verachtung als Neugierde verriet.

"Nun," fuhr der Oberst fort, "das arme Kind wird ohne Zweifel puenktlich
neun Uhr gekommen sein. Vielleicht ist sie die Erste gewesen ...
Wahrscheinlich wird sie die Graefin von Gondreville in grosse
Verlegenheit versetzt haben, da diese nicht zwei Gedanken
zusammenreimen kann; verstossen von der Hausfrau, wird sie dann durch
jede Neuangekommene von Stuhl zu Stuhl weiter gedraengt worden sein, bis
in das helle Dunkel jenes kleinen Winkels, wo sie nun als Opfer ihrer
Demut eingeschlossen ist, und als Opfer der Eifersucht jener Damen,
deren eifrigstes Bestreben es gewesen ist, eine so gefaehrliche und
reizende Gestalt in den Hintergrund zu versetzen. Sie wird keinen
Freund gehabt haben, der sie ermutigt haette, den Platz zu verteidigen,
den sie dem ersten Plane gemaess eingenommen haben muss, und jede von
diesen treulosen Taenzerinnen hat gewiss unter Androhung der
schrecklichsten Strafe allen ihren Anhaengern verboten, unsere schoene
Freundin aufzufordern. Sieh nur, mein Lieber, diese zaertlichen und
offenen Augen haben gewiss eine allgemeine Verschwoerung gegen die
Unbekannte veranlasst!... Diese Verschwoerung wird zustande gekommen
sein, ohne dass eine einzige dieser Damen ein Woertchen gesagt haette,
als: 'Meine Liebe, kennen Sie diese kleine blaue Dame?'--Hoere, Martial,
willst Du binnen einer Viertelstunde von mehr schmeichelhaften Blicken
beglueckt werden, als Du vielleicht in Deinem ganzen Leben einernten
kannst, so tue, als wolltest Du den dreifachen Wall durchdringen, der
unsere Andromeda umschliesst.... Du wirst sehen, wie auch die Duemmste
von diesen schoenen Goettinnen sofort eine List erfindet, die faehig waere,
den Mann einzuhalten, der sich am entschiedensten zeigte, um die
klagende Unbekannte in das Licht zu ziehen, denn Du wirst gestehen, dass
sie ganz aussieht wie eine Elegie."

"Sie glauben also, Oberst, dass es eine verheiratete Frau ist?"

"Nun, vielleicht ist sie Witwe."

"Dann waere sie nicht so traurig!" sagte der Requetenmeister lachend.

"Vielleicht ist sie Witwe, obgleich ihr Mann noch lebt!" versetzte der
Oberst.

"In der Tat gibt es unter den Damen viele solcher Witwen seit dem
Frieden ..." antwortete Martial. "Aber, Oberst, wir taeuschen uns beide.
Es liegt zu viel Unschuld in diesen Augen, als dass es eine Frau sein
sollte. Es liegt noch zu viel Jugend und Frische auf der Stirn und auf
den Schlaefen! Welch kraeftige Toene des Fleisches! Nichts ist an Lippen
und Kinn verwelkt. Alles ist noch frisch wie die Knospe einer weissen
Rose, aber auch alles durch Wolken der Trauer verhuellt. Die Dame
weint...."

"Wie?..." sagte der Oberst.

"Es kommt mir wenigstens so vor; aber sie weint nicht deshalb, weil sie
ohne zu tanzen da sitzt," versetzte Martial, "Ihr Kummer ruehrt nicht
von heute her, und man sieht, dass sie sich absichtlich so schoen gemacht
hat. Ich moechte wetten, dass sie schon liebt." "Bah! Sie ist vielleicht
die Tochter irgendeines kleinen Fuersten aus Deutschland!" sagte der
Oberst.

"Ach! wie ungluecklich ist doch ein armes Maedchen, das allein und
vergessen dasteht!" versetzte Martial. "Kann man eine groessere Anmut
entfalten, als unsere kleine Unbekannte? Sie ist reizend!... Und nicht
eine von den hoefischen und haesslichen Megaeren, die sie umgeben, und die
so empfindsam scheinen moechten, richtet ein Woertchen an sie!... Spraeche
sie, so wuerden wir wenigstens ihre Zaehne sehen!..."

"O! Du wirst sauer, wie die Milch bei der geringsten
Temperaturveraenderung," sagte der Oberst sanft, aber doch etwas
geaergert, einen Nebenbuhler in seinem Freunde zu erkennen.

"Wie!" sagte der Requetenmeister, ohne die Bemerkung des Obersten zu
hoeren und richtete sein Lorgnon auf alle Personen, die in seiner Naehe
standen; "wie, ist denn niemand hier, der uns diese liebliche Blume
nennen koennte, die erst jetzt ganz neu in diesen Garten verpflanzt
ist?..."

"Nun, es ist vielleicht ein Gesellschaftsfraeulein...!" sagte der
Oberst.

"Herrlich! Ein Gesellschaftsfraeulein mit Saphiren, deren sich eine
Koenigin nicht zu schaemen brauchte!... Das machen Sie andern weis, Sie
werden wohl nicht staerker in der Diplomatie sein als ich, wenn Sie eine
deutsche Prinzessin fuer ein Gesellschaftsfraeulein halten."

Der Oberst, der weniger gespraechig, dafuer aber neugieriger war, ergriff
einen kleinen rundlichen Mann beim Arm, dessen graue Haare und
geistreiche Augen man in jedem Augenblicke in einem anderen Teile des
Salons erblickte. Dieses wundersam behende Maennchen mischte sich in
alle Gruppen und wurde ueberall mit einer gewissen Achtung aufgenommen.

"Gondreville, mein lieber Freund," sagte der Soldat zu ihm, "wer ist
das allerliebste kleine Weibchen dort hinter Deinem gewaltigen
vergoldeten Kandelaber?"

"Der Kandelaber?... Er ist von Ravrio, mein Lieber, und Isabey hat die
Zeichnung dazu geliefert...."

"O, ich habe Deinen Geschmack schon anerkannt, und mich an dem
prachtvollen Kandelaber erfreut; ich meine aber die Dame, die Dame...."

"Ach so, die kenne ich nicht!... Es ist ohne Zweifel eine Freundin
meiner Frau."

"Oder Deine Geliebte, alter Spitzbube!..."

"Nein, auf Ehre nicht. Allein nur die Graefin von Gondreville kann Leute
einladen, die niemand kennt."

Der kleine dicke Mann sprach diese Bemerkung mit einiger Bitterkeit aus
und entfernte sich dann; aber auf seinen Lippen schwebte doch ein
Laecheln innerer Zufriedenheit, die durch die Vermutung des Obersten
hervorgerufen war. Dieser trat nun wieder zu dem Requetenmeister, der
sich indes einer benachbarten Gruppe angeschlossen hatte, um
Erkundigungen ueber die Unbekannte einzuziehen. Der Oberst nahm den
Requetenmeister beim Arm und fluesterte ihm ins Ohr: "Mein lieber
Martial, nimm Dich in acht. Frau von Vaudremont blickt Dich seit
einigen Minuten mit einer verzweifelten Aufmerksamkeit an. Sie ist
faehig, schon an der Bewegung Deiner Lippen zu erkennen, was Du mir
sagst. Unsere Blicke sind ueberdies bereits zu bezeichnend gewesen. Sie
hat dieselben bemerkt und ist ihrer Richtung gefolgt. Wenn ich nicht
irre, so zerbricht sie sich in diesem Augenblick den Kopf mehr ueber
unsere Dame, als wir selbst es tun."

"Das ist eine alte Kriegslist! Was kuemmert mich das uebrigens. Ich mache
es wie der Kaiser: wenn ich Eroberungen mache, so behaupte ich
dieselben auch." "Martial, Deine Eitelkeit verdient eine Lehre. Wie,
Schurke, Du hast das Glueck, mit Frau von Vaudremont verlobt zu sein,
mit einer Witwe von zweiundzwanzig Jahren, die jaehrlich zweitausend
doppelte Napoleons zu verzehren und Dir Diamanten von dreitausend Taler
Wert an die Finger gesteckt hat ... und Du willst dennoch den Lovelac
spielen, als waerst Du ein Oberst, der naechstens die Garnison
vertauschen wird?... Pfui!... Bedenke doch wenigstens, was Du verlieren
kannst!..."

"Dann werde ich wenigstens meine Freiheit nicht verlieren," versetzte
Martial mit einem erzwungenen Laecheln. Er warf einen leidenschaftlichen
Blick auf Frau von Vaudremont, die nur mit einem unruhigen Laecheln
antwortete, denn sie hatte gesehen, wie der Oberst die Hand des
Requetenmeisters ergriff, um den kostbaren Ring zu betrachten, den sie
diesem geschenkt hatte.

"Hoere, Martial!" versetzte der Oberst. "Wenn Du noch laenger um meine
junge Unbekannte herumflatterst, so unternehme ich die Eroberung der
Frau von Vaudremont."

"Das ist Ihnen erlaubt, reizender Kuerassier, allein Sie werden den
Platz nicht einnehmen."

"Bedenke, dass ich Junggeselle bin," sagte der Oberst, "dass mein Degen
mein einziges Vermoegen ist und Du mich durch eine solche Antwort
durchaus herausfordern musst."

"Brrr." Diese scherzhafte Haeufung von Konsonanten war die einzige
Antwort auf die Drohung des Obersten, den sein Freund vom Kopf bis zu
den Fuessen mass, bevor er ihn verliess. Der Oberst war ein Mann von etwa
fuenfunddreissig Jahren und trug nach der Mode jener Zeit kurze
Beinkleider von weissem Kaschmir und seidene Struempfe, die die seltene
Vollendung seiner Formen verrieten. Er hatte jenen hohen Wuchs, der die
Kuerassiere der kaiserlichen Garde auszeichnete. Seine Uniform erhoehte
noch die Anmut seines Koerpers, der durch den Dienst zu Pferde nicht
entstellt war, sondern vielmehr die noetige Fuelle erlangt hatte, die fuer
seine koerperlichen Verhaeltnisse passte. Ein schwarzer Schnauzbart
vollendete den aufrichtigen Ausdruck seines nicht militaerischen
Antlitzes, dessen Stirn breit und offen war. Unter der Adlernase
zeigten sich die purpurroten Lippen seines Mundes. In dem Benehmen des
Obersten lag ein gewisser Adel, den er der Gewohnheit des Befehlens
verdankte, und der sehr wohl einer Frau gefallen konnte, die keinen
Sklaven aus ihrem Manne zu machen wuenschte. Der Oberst laechelte, indem
er dem Requetenmeister, der einer seiner besten Freunde vom Kollegium
her war, nachblickte und sah, wie wenig gut dieser gewachsen war.

Der Baron Martial de la Roche-Hugon war ein junger Provencale von etwa
dreissig Jahren, den Napoleon damals mit ausserordentlichen Gunstbeweisen
auszeichnete. Martial schien zu irgendeinem wichtigen Gesandtschafts-
posten bestimmt. Er besass in hohem Grade den Geist der Intrige, jene
Beredsamkeit des Salons und jene Gewandtheit des Benehmens, die so
leicht die weniger glaenzenden Eigenschaeften eines soliden Mannes
ersetzten. Die lebhaften Zuege seines Gesichts, dessen Hautfarbe unter
den dichten Locken eines Waldes von schwarzen Haaren noch weisser erschien,
als sie wirklich war, verrieten viel Geist und Anmut.--Die beiden Freunde
waren gezwungen, sich zu trennen, indem sie sich herzlich die Haende
drueckten, denn die Toene des Orchesters gaben den Damen das Zeichen, dass
die Quadrillen des vierten Contretanzes gebildet werden sollten, und alle
Maenner mussten sich daher aus dem weiten Raume entfernen, den sie bisher
in der Mitte des Salons
eingenommen hatten.

Die fluechtige Unterhaltung der Freunde war waehrend der Ruhepause
gefuehrt worden, die stets die Contretaenze trennt, und zwar vor einem
Kamin von weissem Marmor, einer prachtvollen Zierde des groessten der drei
Salons im Hotel Gondreville. Die meisten Fragen und Antworten dieser
Plauderei hatten die beiden Sprechenden einander ins Ohr gefluestert.
Allein die Girandolen und Leuchter, mit denen der Kamin
verschwenderisch geschmueckt war, ergossen so reichliche Stroeme von
Licht ueber den Oberst und den Requetenmeister, dass ihre zu lebhaft
erleuchteten Gesichter trotz einer diplomatischen Selbstbeherrschung
den Ausdruck der Gefuehle den schlauen Augen der Frau von Vaudremont und
den aufrichtigen Blicken der jungen Unbekannten nicht zu verhehlen
vermochten. Bei Leuten, die gern die Gefuehle anderer entdecken, bildet
es eines der groessten Vergnuegen, beim Besuch von Gesellschaften die
Gedanken auszukundschaften, und sie gelangen dadurch oft zu koestlichen
Genuessen, waehrend andere sich langweilen, ohne dass sie es wagen, ihre
Langeweile zu gestehen. Um das geheime Interesse zu begreifen, das in
der Unterhaltung liegt, mit der diese Erzaehlung beginnt, muessen wir
notwendig ein Ereignis kennen lernen, das ein fast unbedeutendes
scheinen koennte, das aber dennoch durch unsichtbare Bande die Personen
dieses kleinen Dramas vereinigte, obgleich sie in den Salons zerstreut
waren, die von dem Geraeusch des glaenzenden Festes widerhallten.

Dieses Ereignis hatte sich einige Minuten frueher zugetragen, als der
Oberst und Baron Martial miteinander sprachen. Etwa um elf Uhr abends,
als die Taenzerinnen ihre Plaetze einnahmen, sah die glaenzende
Versammlung im Hotel Gondreville die schoenste Frau von Paris
erscheinen, die Koenigin der Mode, die einzige, die noch bei der
Versammlung gefehlt hatte. Sie hatte es sich zum Gesetz gemacht, nie
eher zu erscheinen, als in dem Augenblick, wo sich die Salons in
festlicher Erregung befanden, in jenem anmutigen Tumult, waehrenddessen
es den Damen nicht moeglich ist, ihre Aufmerksamkeit lange auf die
Frische der verschiedenen Gesichter oder auf die Schoenheit der
Toiletten zu richten. Dieser fluechtige Augenblick ist gleichsam der
Fruehling eines Balles, eine Stunde spaeter ist die Freude vergangen, die
Ermattung tritt ein, und alles welkt. Frau von Vaudremont verfiel daher
niemals in den grossen Fehler, so lange auf einem Ball zu bleiben, bis
die Blumen sich neigten, die Locken schlaff wurden, der Spitzenbesatz
zerknittert war und das Antlitz jenen Ausdruck annahm, der die Folge
einer durchschwaermten Nacht ist und nie verborgen bleibt. Sie huetete
sich wohl, den Fehler ihrer Nebenbuhlerinnen zu begehen und das
Ablassen ihrer Schoenheit bemerken zu lassen. Sie wusste dagegen
geschickt ihren Ruf als die koketteste Dame zu behaupten, indem sie
sich stets ebenso glaenzend von einem Ball zurueckzog, als sie dort
erschienen war. Die Damen fluesterten einander mit einem gewissen Neide
zu, dass sie ebenso oft ihren Schmuck wechsle, als sie einen neuen Ball
besuche. Diesmal stand es aber der Frau von Vaudremont nicht frei, sich
nach ihrem Belieben von dem Ball wieder zu entfernen, auf dem sie als
Siegesgoettin erschienen war. Einen Augenblick blieb sie an der Schwelle
der Tuer stehen, um beobachtende, aber fluechtige Blicke auf die ganze
Damenwelt zu werfen, die Kostueme zu mustern und sich zu ueberzeugen, dass
sie durch ihren Schmuck alle uebrigen verdunkeln wuerde. Die beruehmte und
huebsche Kokette hatte sich dann der Bewunderung aller Anwesenden
dargestellt, indem sie von einem der tapferen Obersten der grossen Armee
gefuehrt wurde, der damals Liebling des Kaisers und ueberdies jung und
schoen war. Er hiess Graf von Soulanges. Die zufaellige und voruebergehende
Vereinigung dieser beiden Personen bot ohne Zweifel etwas Raetselhaftes
dar; denn als der Diener an der Tuer Herrn von Soulanges und Graefin von
Vaudremont anmeldete, erhoben sich einige Damen, die etwas zu weit
abseits sassen, um neugierige Blicke auf die Eintretenden zu werfen.
Auch einige Herren eilten aus den anstossenden Salons vorbei und
draengten sich an die Tueren des Hauptsaales. Einer von jenen Witzbolden,
an denen es bei so grossen Gesellschaften nie fehlt, bemerkte, als er
die Graefin mit ihrem Kavalier eintreten sah, dass die Damen mit ebenso
grosser Neugierde auf einen seiner Geliebten ergebenen Mann schauten,
wie die Maenner ein schwer zu fesselndes huebsches Weib betrachteten.

Graf von Soulanges war ein junger Mann von etwa zweiunddreissig Jahren;
er schien haltlos, war aber nervig. Seine hageren Formen und sein
blasser Teint nahmen wenig zu seinen Gunsten ein. Obgleich seine
schwarzen Augen eine sehr grosse Lebhaftigkeit besassen, war er doch
schweigsam. Indes galt er fuer einen sehr verfuehrerischen Mann, und man
gestand ihm grosse Beredsamkeit in Verbindung mit vielen Faehigkeiten zu.

Die Graefin von Vaudremont war eine ziemlich grosse Erscheinung von
angenehmer Koerperfuelle, blendend weisser Haut, trug ihr kleines
anmutiges Koepfchen sehr schoen und besass den gewaltigen Vorteil, durch
die Anmut ihres Benehmens Liebe einfloessen zu koennen. Man empfand stets
eine neue Freude, wenn man sie anblicken oder mit ihr sprechen konnte.
Sie war eine von jenen Frauen, die alle Verheissungen erfuellen, welche
ihre Schoenheit gewaehrt.

Dieses raetselhafte und glaenzende Paar, das fuer einige Augenblicke
Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war, erlaubte der
Neugierde nicht lange, sich mit ihm zu beschaeftigen, denn der Oberst
und die Dame schienen vollkommen zu begreifen, dass der Zufall sie in
eine schwierige Lage gebracht habe. Als der Baron Martial die Graefin
und ihren Kavalier miteinander vorwaerts schreiten sah, mischte er sich
in eine Gruppe von Maennern, die den Kamin umstanden, und beobachtete
zwischen den Koepfen hindurch, die gleichsam einen Wall um ihn bildeten,
Frau von Vaudremont mit der ganzen eifersuechtigen Aufmerksamkeit, die
das erste Feuer der Leidenschaft erregt. Eine innere Stimme schien ihm
zu sagen, dass der Erfolg, auf den er stolz gewesen sei, noch immer
nicht als ein ganz gewisser betrachtet werden koenne. Allein das Laecheln
kalter Hoeflichkeit, mit dem die Graefin Herrn von Soulanges dankte, und
die Verneigung, mit der sie ihn verabschiedete, als sie sich zu Frau
von Gondreville setzte, entspannte die Muskeln wieder, die die
Eifersucht auf dem jugendlichen Antlitz des Requetenmeisters krampfhaft
zusammengezogen hatte.

Als indes der eifersuechtige Provencale bemerkte, dass Herr von Soulanges
zwei Schritte von dem Sofa stehen blieb, in dem Frau von Vaudremont
Platz genommen hatte, ohne auf den Blick zu achten, durch den die junge
Kokette ihrem getaeuschten Liebhaber zu sagen schien, dass sie beide eine
laecherliche Rolle spielten, da zog er von neuem die schwarzen Brauen
zusammen, die seine blauen Augen beschatteten, fuhr, um sich Haltung zu
geben, mit den Fingern durch die Locken seiner braunen Haare und
beobachtete das Benehmen der Graefin und des Herrn von Soulanges, ohne
die Aufregung zu verraten, die sein Herz heftiger schlagen liess. Der
Requetenmeister schien mit seinen Nachbarn zu plaudern, aber das Feuer
einer heftigen Leidenschaft entflammte sein unruhiges Auge. Nun trat
der Oberst zu ihm und reichte ihm die Hand, um seine Bekanntschaft zu
erneuern, worauf er die kriegerische Odyssee seines Freundes anhoerte,
ohne sie zu hoeren, denn er blickte stets nur auf Herrn von Soulanges.

Dieser ueberschaute mit ruhigen Blicken die vierfache Reihe von Damen,
die den gewaltigen Salon des Senators einrahmte. Er schien jene
Einfassung von Diamanten, von Rubinen, von goldenen Aehren und reizenden
Koepfen zu bewundern, deren Glanz fast die Helligkeit der Kerzen, das
Kristall der Kronleuchter, die silberne Stickerei der Tapeten und die
Vergoldung der Bronzen ueberstrahlte. Die sorglose Ruhe seines
Nebenbuhlers brachte den Requetenmeister ausser Fassung, und unfaehig,
laenger die aufwallende und geheime Ungeduld zu beherrschen, die sich
seiner bemaechtigte, trat er auf Frau von Vaudremont zu, um sie zu
begruessen. Als der Provencale erschien, richtete Herr von Soulanges
einen finsteren Blick auf ihn und wandte dann ungeduldig den Kopf.

Ein ernstes Schweigen herrschte in dem Salon. Die Neugierde war auf den
hoechsten Gipfel gestiegen. Die emporgereckten Koepfe zeigten die
wunderlichsten Mienen, und jeder befuerchtete oder erwartete einen von
jenen Auftritten, vor denen sich jedoch wohlerzogene Leute stets zu
hueten wissen. Ploetzlich wurde das bleiche Antlitz des Grafen so rot,
wie der Scharlach seiner Aufschlaege, und seine Blicke senkten sich auf
den Fussboden, damit sie den Gegenstand seiner Unruhe nicht erraten
liessen. Gleichsam durch einen Zufall hatte er die Unbekannte erblickt,
die bescheiden am Fusse des Kandelabers sass. Ein finsterer Gedanke
bemaechtigte sich seiner, und er ging mit trauriger Miene an dem
Requetenmeister vorueber, um sich in einen der Spielsalons zu fluechten.
Der Baron Martial sowie die uebrigen Versammelten glaubten, dass
Soulanges ihm das Feld raeume, um die Laecherlichkeit zu vermeiden, die
sich entthronte Liebhaber stets zuziehen; nun erhob er stolz das Haupt,
blickte ebenfalls nach dem koestlichen Kandelaber und bemerkte die
Unbekannte. Er setzte sich mit gefaelligem Anstaende neben Frau von
Vaudremont, hoerte aber so zerstreut auf die Worte, die die Kokette
hinter dem Faecher ihm zufluesterte, dass er sie fast gar nicht verstand.

"Martial, Sie werden mir die Freude machen, den Diamant heute abend
nicht zu tragen, den ich Ihnen geschenkt habe. Ich habe meine Gruende
und werde sie Ihnen erklaeren, wenn wir uns entfernen; denn Sie werden
mir bald den Arm reichen, um mich zur Fuerstin von Wagram zu begleiten."

"Warum hatten Sie den Arm jenes haesslichen Obersten angenommen?" fragte
der Baron.

"Ich bin ihm in der Vorhalle begegnet ..." anwortete sie; "aber nun
verlassen Sie mich, man sieht zu uns herueber...."

"Ich bin stolz darauf!..." sagte Martial, erhob sich aber dennoch und
ging. Nun trat er zu dem Kuerassier-Oberst, und jetzt wurde die kleine
blaue Dame das gemeinschaftliche Band der Unruhe, die sich zu gleicher
Zeit, aber auf andere Art, der Gedanken des schoenen Kuerassier-Obersten
bemaechtigt hatte, wie auch des betruebten Herzens des Grafen von
Soulanges und des flatterhaften Sinnes des Barons Martial und der
Graefin von Vaudremont.

Als sich die beiden Freunde nach den herausfordernden Schlussworten
ihrer langen Unterhaltung trennten, trat der junge Requetenmeister auf
die schoene Frau von Vaudremont zu und wusste ihr einen Platz in der
Mitte der glaenzendsten Quadrille zu verschaffen. Beguenstigt durch jene
Art von Rausch, in die eine Frau fast immer versetzt wird, und durch
das Schauspiel eines Balles, bei dem die Maenner wenigstens ebenso
geschmueckt sind wie die Damen, glaubte Martial ungestraft dem Anreiz
nachgeben zu koennen, der seine Blicke stets wieder zu jenem Winkel
hinzog, in dem die Unbekannte gleichsam wie eine Gefangene sass. Es
gelang ihm, der lebhaften Graefin den ersten und den zweiten Blick zu
entziehen, den er auf die blaue Dame warf, endlich aber wurde er auf
der Tat ertappt. Er wollte sich mit Zerstreuung entschuldigen,
rechtfertigte aber dadurch das ungeziemende Schweigen nicht, mit dem er
auf die meistverfuehrerische aller Fragen antwortete, die eine Frau
aussprechen kann. Je nachdenkender er wurde, desto gereizter zeigte
sich die Graefin.

Waehrend Martial nur widerwillig tanzte, ging der Oberst bei den Gruppen
der Zuschauer umher, um Erkundigungen ueber die junge Unbekannte
einzuziehen. Nachdem er die Gefaelligkeit aller Anwesenden, selbst der
Gleichgueltigen, gemissbraucht hatte, wollte er einen Augenblick
benuetzen, in dem die Graefin von Gondreville frei schien, um sie selbst
nach dem Namen der raetselhaften Dame zu fragen, als er eine leichte
Luecke zwischen der Saeule des Kandelabers und den Divans, die zu beiden
Seiten standen, bemerkte.

Der unerschrockene Kuerassier benutzte den Augenblick, waehrenddessen der
Contretanz einen grossen Teil der Stuehle leer liess, die eine dreifache
Festungslinie bildeten, welche jetzt nur noch von Muettern und Frauen
eines gewissen Alters verteidigt wurde, und er wagte durch diese mit
farbigen Schals und gestickten Taschentuechern bedeckten Palisaden
durchzudringen.

Er begruesste einige Witwen, und von Dame zu Dame, von Hoeflichkeit zu
Hoeflichkeit, gelangte er endlich zu dem Platz der Unbekannten, den er
erspaeht hatte. Auf die Gefahr hin, an den Klauen und Chimaeren des
gewaltigen Leuchters haengen zu bleiben, errang er sich eine Stelle
unter den Flammen der Wachskerzen, waehrend ihn Martial mit grosser
Unzufriedenheit anblickte. Der Oberst war zu gewandt, als dass er ohne
weiteres die kleine blaue Dame haette anreden sollen, die zu seiner
Rechten sass; dagegen wandte er sich zunaechst an eine ziemlich haessliche,
links von ihm sitzende Dame und sagte zu ihr: "Das ist ein herrlicher
Ball, meine Dame! Welche Pracht, welches Leben! Auf Ehre, es sind hier
nur schoene Damen versammelt. Warum tanzen Sie aber nicht?... Sie haben
gewiss recht boshafte Koerbe ausgeteilt."

Die geschmacklose Unterhaltung, in die sich der Oberst einliess, hatte
nur den Zweck, seine Nachbarin zur Rechten in ein Gespraech, zu ziehen.
Sie blieb aber stumm und in Gedanken versunken und schenkte ihm nicht
die geringste Aufmerksamkeit. Der Offizier wurde von einem sonderbaren
Staunen ergriffen, als er die Unbekannte wie in einer vollkommenen
Erstarrung sah. Er bemerkte sogar Traenen in dem blauen Kristall ihrer
Augen, und sein Staunen kannte keine Grenzen mehr, als er bemerkte, dass
die Aufmerksamkeit der betruebten jungen Dame nur durch Frau von
Vaudremont gefesselt wurde.

"Madame ist ohne Zweifel verheiratet?" fragte er endlich.

"Ja, mein Herr."

"Ihr Herr Gemahl ist ohne Zweifel ebenfalls hier anwesend?"

"Ja, mein Herr."

"Und warum bleiben Sie so an Ihrem Platz? Etwa aus Koketterie?..."

Die Unbekannte laechelte traurig.

"Geben Sie mir die Ehre, bei dem naechsten Contretanz meine Taenzerin zu
sein! Ich werde Sie gewiss nicht an diesen Platz zurueckfuehren; ich sehe
neben dem Kamin eine leere Gondole, und dort sollen Sie fuer den Rest
des Abends ihren Sitz haben. Waehrend so viele Damen hier zu glaenzen
suchen und die Narrheit des Tages ihre Kroenung feiert, begreife ich Sie
nicht, warum Sie sich weigern wollten, die Koenigin des Balles zu
werden, wozu Ihnen Ihre Schoenheit die gerechtesten Ansprueche bietet."

"Mein Herr, ich werde nie tanzen." Die sanfte, aber kurze Betonung der
lakonischen Antworten, die die Unbekannte gab, war so entmutigend, dass
sich der Oberst gezwungen sah, den Platz zu verlassen. Martial hatte
waehrend des Tanzens nicht nur die letzte Bitte des Obersten erraten,
sondern auch die abschlaegige Antwort, die er erhielt, weshalb er
laechelte und sein Kinn streichelte, indem er dabei den Diamant an
seinem Finger erglaenzen liess.

"Worueber lachen Sie?" fragte ihn die Graefin.

"Ueber den Misserfolg des armen Obersten. Er hat einen Holzweg
betreten...."

"Ich hatte Sie gebeten, den Diamant abzunehmen," bemerkte darauf die
Graefin.

"Ich habe es nicht gehoert."

"Sie hoeren aber heute abend auch gar nichts, Herr Baron!..." antwortete
Frau von Vaudremont sehr gereizt.

"Sehen Sie den jungen Mann dort, der einen sehr schoenen Diamanten am
Finger traegt," sagte in diesem Augenblicke die Unbekannte zu dem
Obersten, der sich eben entfernen wollte. "Es ist ein prachtvoller
Diamant," antwortete dieser. "Der junge Mann ist der Baron Martial de
la Roche-Hugon, einer meiner vertrautesten Freunde."

"Ich danke Ihnen, dass Sie mir diesen Namen genannt haben," versetzte
die Unbekannte. "Er scheint mir sehr liebenswuerdig!..." fuhr sie fort.

"Ja, allein er ist ein wenig leichtsinnig."

"Man koennte glauben, dass er mit der Graefin von Vaudremont sehr vertraut
sei!..." versetzte die junge Dame und sah den Obersten fragend an.

"Er wird sich mit ihr verheiraten." Die Unbekannte erbleichte. "Zum
Teufel!" dachte der Krieger, "sie liebt diesen verdammten Martial!"

"Ich glaubte, Frau von Vaudremont stehe seit laengerer Zeit in einem
Verhaeltnis mit Herrn von Soulanges?..." versetzte die junge Dame, indem
sie sich von einem inneren Leiden erholte, das fuer einen Augenblick den
uebernatuerlichen Glanz ihres Antlitzes aufgehoben hatte.

"Seit acht Tagen taeuscht ihn die Graefin," antwortete der Oberst. "Sie
muessen aber den armen Soulanges gesehen haben, als er eintrat.... Er
versucht noch, den Glauben an sein Unglueck von sich fernzuhalten...."

"Ich habe ihn gesehen," sagte die Dame in einem vielsagenden Tone. Dann
fuhr sie fort: "Mein Herr, ich danke Ihnen fuer Ihre Mitteilung!" Die
Betonung dieser Worte galt einer Verabschiedung gleich.--In diesem
Augenblick ging der Contretanz seinem Ende entgegen, und der aus dem
Felde geschlagene Oberst hatte kaum noch Zeit, sich aus den
Festungslinien der Damen zurueckzuziehen, indem er sich gewissermassen
zum Trost sagte: "Sie ist verheiratet!..."

"Nun, mutiger Kuerassier!" sagte der Baron, indem er den Obersten mit
sich in eine Fensternische zog, um die reine Luft des Gartens
einzuatmen. "Wie weit sind Sie gekommen?"

"Sie ist verheiratet, mein Lieber."

"Was schadet das?"

"Ha, der Teufel, ich halte auf die guten Sitten!..." antwortete der
Oberst. "Ich will mich nur noch an solche Damen wenden, die ich
heiraten kann.... Ueberdies, Martial, hat sie mir deutlich erklaert, dass
sie nicht tanzen wolle."

"Oberst, verwetten Sie Ihren Apfelschimmel gegen hundert Napoleons, dass
sie heute abend noch mit mir tanzt?"

"Abgemacht ..." sagte der Oberst und reichte dem Gecken die Hand.
"Unterdes werde ich zu Soulanges gehen, der vielleicht diese Dame
kennt.... Es schien mir, als waere sie hinsichtlich mancher Dinge unter
richtet."

"Mein Tapferer, Sie haben verloren!" sagte Martial lachend; "meine
Augen sind eben mit den ihrigen zusammengetroffen und--ich verstehe
mich darauf.... Aber, Oberst, Sie werden doch nicht boese werden, wenn
sie mit mir tanzt, nachdem Sie einen Korb empfangen haben?"

"Nein, nein; der lacht am besten, der am laengsten lacht!... Uebrigens,
Martial, bin ich ein guter Spieler und ein guter Feind, weshalb ich
Dich darauf aufmerksam mache, dass sie Diamanten liebt."

Nach diesem Gespraech trennten sich die beiden Freunde abermals. Der
Oberst begab sich zum Spielsalon und bemerkte den Grafen von Soulanges
an einem Bouillottetische.

Obgleich zwischen den beiden Obersten nur jene Freundschaft des
aeusserlichen Umgangs bestand, wie sie durch die Gefahren des Krieges und
die Pflichten eines gleichen Dienstes herbeigefuehrt wird, schmerzte es
den Kuerassier-Oberst dennoch, den Grafen von Soulanges, den er als
einen klugen jungen Mann kannte, bei einem Spiel zu finden, das ihn
zugrunde richten konnte. Die Haufen von Gold und Banknoten, die auf dem
unglueckseligen gruenen Tisch lagen, bezeugten die Wut des Spiels. Ein
Kreis schweigender Maenner umstand die ernsten Spieler, die beim
Bouillotte sassen. Einige Worte wurden hier und da laut, wenn man aber
die unbeweglichen Spieler sah, so haette man glauben sollen, dass sie nur
mit den Augen sich unterhielten. Als der Oberst, der durch die
bleifarbene Blaesse des Herrn von Soulanges erschreckt wurde, sich
diesem naeherte, war der Graf eben gewinnender Teil. Der oesterreichische
Gesandte und ein beruehmter Bankier erhoben sich, nachdem sie bedeutende
Summen verloren hatten. Der Graf von Soulanges wurde noch finsterer,
als er es vorher gewesen war, waehrend er eine ungeheuere Menge Gold und
Banknoten einstrich. Er zaehlte seinen Gewinn nicht einmal. Ein bitterer
Spott zeigte sich auf seinen Lippen. Er schien das Glueck und das Leben
zu bedrohen, anstatt ihnen zu danken, wie so viele andere getan haben
wuerden.

"Mut," sagte der Oberst zu ihm; "Mut, Soulanges!" Dann glaubte er ihm
einen wahren Dienst zu leisten, indem er ihn vom Spiel wegfuehrte und
sagte: "Kommen Sie, ich habe Ihnen eine angenehme Neuigkeit
mitzuteilen, aber nur unter einer Bedingung."

"Und die ist?" fragte Soulanges.

"Dass Sie mir auf die Frage antworten, die ich an Sie richten werde."

Der Graf von Soulanges erhob sich rasch. Er schob seinen ganzen Gewinn
hoechst sorglos in sein Taschentuch, das er auf krampfhafte Weise
zusammenzog. Sein Gesicht zeigte einen so verzweifelten Ausdruck, dass
keiner seiner Mitspieler eine Aeusserung der Missbilligung ueber die
abgebrochene Partie zu tun wagte, und die Zuege der uebrigen schienen
sich sogar noch zu erheitern, als seine finsteren und unwilligen Blicke
aus dem Kreis verschwanden, den eine Bouillote-Lampe um den Tisch
beschrieb. Ein Diplomat, der bisher unter den Zuschauenden gestanden
hatte, sagte indes, als er den Platz einnahm, den der Oberst verlassen
hatte: "Diese verteufelten Soldaten verstehen sich doch untereinander,
wie die Weisskaeufer auf einem Jahrmarkt!" Ein einziges bleiches und
verlebtes Gesicht wandte sich gegen den neuen Teilnehmer am Spiel,
indem es ihm einen Blick zuwarf, der erglaenzte und erlosch, wie das
Feuer eines Diamanten, den man spielen laesst. Dieses Gesicht war das des
Fuersten von Benevent.

"Mein Lieber!" sagte der Oberst zu Soulanges, den er mit sich in eine
Ecke gezogen hatte, "heute Morgen hat der Kaiser mit grossem Lobe von
Ihnen gesprochen, und Ihre Befoerderung in der Garde ist nicht mehr
zweifelhaft. Der Herrscher hat ausgesprochen, dass diejenigen, die
waehrend des Feldzuges in Paris zurueckgeblieben waeren, nicht als in
Ungnade gefallen angesehen werden duerften.... Nun...?"

Der Graf von Soulanges schien nichts von diesen Worten verstanden zu
haben.

"Nun hoffe ich," versetzte der Oberst, "dass Sie mir sagen werden, ob
Sie die kleine allerliebste Person kennen, die am Fusse des Kandelabers
sitzt."

Bei diesen Worten leuchtete aus den Augen des Grafen ein ungewoehnliches
Feuer. Er ergriff mit ausserordentlicher Heftigkeit die Hand des
Obersten und sagte mit einer offenbar erregten Stimme zu ihm: "Mein
tapferer Kamerad, wenn Sie es nicht waeren ... wenn ein Anderer diese
Frage an mich richtete ... so wuerde ich ihm mit diesem Haufen Goldes
den Schaedel zerschmettern.... Verlassen Sie mich, ich bitte Sie
darum.... Ich moechte mir lieber heute Abend eine Kugel durch das Hirn
jagen, als.... Ich hasse alles, was ich sehe ... daher will ich auch
sogleich fort; denn diese Freude, diese Musik, diese lachenden
Schafgesichter sind mir grauenhaft."

"Mein armer Freund..." sagte der Oberst mit sanfter Stimme und drueckte
freundschaftlich die Hand des Grafen, "Sie sind so aufgeregt... Was
wuerden Sie sagen, wenn ich Ihnen mitteilte, dass Martial jetzt noch so
wenig an Frau von Vaudremont denkt, dass er sich vielmehr in jene kleine
Dame verliebt hat?"

"Wenn er mit ihr spricht," sagte Soulanges, indem er vor Wut seine
Worte stotternd vorbrachte, "so werde ich ihn zusammenklappen wie eine
Brieftasche, und verkroeche er sich unter dem Rock des Kaisers...."

Bei diesen Worten sank der Graf halb ohnmaechtig in den Armstuhl, zu dem
ihn der Oberst gefuehrt hatte. Dieser zog sich langsam zurueck, nachdem
er bemerkt hatte, dass Herr von Soulanges von einem zu heftigen Zorn
ergriffen sei, als dass ihn die Scherze oder die Sorgfalt einer
oberflaechlichen Freundschaft zu beruhigen vermoechten. Als sich der
schoene Kuerassier in den grossen Tanzsaal begab, war Frau von Vaudremont
die erste, auf die seine Blicke fielen. Er gewahrte in ihren gewoehnlich
so ruhigen Zuegen einige Spuren einer schlecht verhehlten Aufregung. Der
Oberst bemerkte einen leeren Stuhl neben ihr und eilte zu ihr hin.

"Ich moechte wetten, dass Sie sehr aufgeregt sind," sagte er.

"O, es ist eine Kleinigkeit, Oberst. Ich wollte mich eigentlich schon
von hier entfernt haben, denn ich habe versprochen, auf dem Ball der
Grossherzogin von Berg zu erscheinen, und vorher muss ich noch einen
Besuch bei der Fuerstin von Wagram machen. Herr de la Roche-Hugon weiss
es, aber er belustigt sich damit, noch immer mit den alten Witwen von
frueheren Zeiten zu schwatzen."

"Das ist nicht die Ursache Ihrer Unruhe.... Ich wette hundert
Louisdors, dass Sie hier bleiben."

"Sie Unverschaemter!..."

"Also habe ich die Wahrheit gesagt."

"Boesewicht!" versetzte die schoene Graefin und schlug mit ihrem Faecher
auf die Finger des Oberst.

"Nun, woran dachte ich denn?... Ich bin faehig, Sie zu belohnen, wenn
Sie die Wahrheit erraten."

"Ich kann die Wette nicht eingehen, denn ich habe zu viele Vorteile."

"Anmassender!..."

"Sie befuerchten, Martial zu den Fuessen einer Dame zu sehen...."

"Welcher Dame?" fragte die Graefin, indem sie sich ueberrascht stellte.

"Der Dame, die neben dem Kandelaber sitzt ..." antwortete der Oberst
und deutete nach der Ecke, in der die schoene Unbekannte sass, die keinen
Blick von der Graefin wandte.

"Ja, Sie haben es erraten!" antwortete die Kokette und verbarg ihr
Antlitz hinter ihrem Faecher, indem sie sich stellte, als spiele sie mit
demselben. "Die alte Frau von Marigny, die, wie Sie wissen, boshaft ist
wie ein alter Affe," fuhr sie fort, nachdem sie einen Augenblick
geschwiegen hatte, "hat mir eben gesagt, dass Herr de la Roche-Hugon
einige Gefahr laufen wuerde, wenn er der Unbekannten den Hof machen
wollte, die sich, wie ein Stoerenfried, auf diesem Balle gezeigt hat.
Ich moechte lieber den Tod sehen, als dieses Antlitz, das so grausam
schoen und zugleich so bleich, so unbeweglich ist, wie eine
Geistererscheinung. Frau von Marigny," fuhr sie dann fort, "die auf den
Baellen erscheint, um alles zu sehen, waehrend sie zu schlafen scheint,
hat mich ungemein beunruhigt. Gewiss, Martial soll mir den Possen, den
er mir gespielt, teuer bezahlen. Ersuchen Sie ihn indes, Oberst, da er
Ihr Freund ist, mir keinen Kummer zu machen."

"Ich habe eben mit einem Manne gesprochen, der an nichts weniger denkt,
als ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er mit der kleinen
Dame spricht. Und jener Mann, meine Dame, haelt sein Wort. Indes kenne
ich Martial. Gefahren ermutigen ihn nur. Ueberdies haben wir eine Wette
miteinander gemacht...." Diese Worte sprach der Oberst mit leiser
Stimme.

"Sollte es wahr sein?..." antwortete Frau von Vaudremont, waehrend sie
einen gefallsuechtigen Blick auf ihn richtete. "Wuerden Sie mir die Ehre
erweisen, bei dem naechsten Contretanz mit mir anzutreten?..."

"Nicht bei dem ersten, aber bei dem zweiten; jetzt will ich erst sehen,
was aus dieser Intrige werden kann, und will wissen, wer die kleine
blaue Dame ist. Sie sieht sehr geistreich aus."

Der Oberst erriet, dass Frau von Vaudremont jetzt allein sein wollte,
und entfernte sich, zufrieden, den beabsichtigten Angriff auf
geschickte Weise begonnen zu haben.

Es gibt bei allen Baellen Damen, die, aehnlich der Frau von Marigny, das
Amt alter Seemaenner uebernehmen, die am Ufer des Meeres den Stuermen
zuschauen, mit denen sich junge Matrosen herumschlagen. Frau von
Marigny, die an den Personen dieses Auftritts Teil zu nehmen schien,
vermochte nun in diesem Augenblick sehr leicht den grausamen Kampf zu
erraten, der in dem Herzen der Graefin vor sich ging. Vergebens faecherte
sich die junge Kokette auf die anmutigste Art Kuehlung zu, vergebens
laechelte sie den jungen Leuten entgegen, von denen sie begruesst wurde,
und wandte alle weibliche List an, um ihre Aufregung zu verbergen, die
alte Witwe, eine der kluegsten Herzoginnen am Hofe Ludwigs XV., schien
die Geheimnisse zu durchblicken, die sich hinter den Zuegen der Graefin
bargen. Die alte Dame schien fast jene unmerklichen Bewegungen des
Augensterns wahrzunehmen, die die Wallungen des Herzens verraten. Die
leichtesten Falten, die die weisse und reine Stirn runzelten, das
unmerkliche Zittern der Zuege, das Spiel der anklaegerischen Augenbrauen,
die fast unsichtbare Bewegung der Lippen, dies alles wusste die alte
Herzogin so gut zu lesen, wie die geschriebenen Worte eines Buches. Die
Kokette ausser Dienst sass in einem Armstuhl, den sie vollkommen
ausfuellte, und plauderte mit einem Diplomaten, der sie aufgesucht
hatte, weil sie in unvergleichlicher Weise Anekdoten vom alten Hofe
erzaehlen konnte, aber sie beobachtete dabei mit ununterbrochener
Aufmerksamkeit die junge Kokette, die ihr wie eine neue Auflage ihres
eigenen Ichs vorkam. Sie fand sie ganz nach ihrem Geschmack, als sie
sah, dass sie so gut ihren Kummer verberge und die Schmerzen ihres
Herzens zu verhehlen wisse.

Frau von Vaudremont fuehlte sich in der Tat ebenso schmerzlich
ergriffen, als sie sich heiter stellte. Sie hatte geglaubt, in Martial
einen Mann von Talent anzutreffen, der ihr Leben durch die Genuesse des
Hofes, nach denen sie sich sehnte, verschoenern sollte. Sie erkannte in
diesem Augenblick einen Irrtum, der ebenso grausam fuer ihren Ruf, wie
fuer ihre Eigenliebe war. Es ging ihr, wie den uebrigen Frauen jener
Epoche, indem die ploetzliche Regung der Leidenschaften die
Lebhaftigkeit der Gefuehle nur vermehren konnte. Die Herzen, die viel
und schnell leben, dulden nicht weniger, als die, die sich in einer
einzigen Leidenschaft verzehren. Mehr als ein Faecher verbarg damals
kurze, aber schreckliche Qualen. Die Vorliebe der Graefin fuer Martial
war allerdings erst Tags zuvor entstanden, allein auch der
unerfahrenste Chirurg weiss, dass die Abtrennung eines lebenden Gliedes
weit schmerzhafter ist, als die eines abgestorbenen. Bei Frau von
Vaudremonts Neigung zu Martial kamen die Aussichten auf die Zukunft
hinzu, waehrend ihre fruehere Leidenschaft ohne Hoffnung war und durch
die Gewissensbisse des Grafen von Soulanges vergiftet wurde.

Die alte Herzogin wusste alles zu erraten und beeilte sich nun, den
Gesandten zu entlassen, von dem sie belagert wurde, denn in Gegenwart
entzweiter Geliebten und Liebhaber erbleicht jedes andere Interesse,
selbst bei einer alten Frau. Frau von Marigny richtete daher, um den
Kampf anzufachen, einen sardonischen Blick auf Frau von Vaudremont.
Dieser schreckliche Blick liess die junge Kokette befuerchten, ihr Los
moege in die Haende der Witwe geraten. Es gibt in der Tat Blicke, die ein
Weib dem andern zuwirft, die gleichsam tragische Fackeln sind, welche
den naechtlichen Ausgang eines Dramas beleuchten. Man muesste die
Exherzogin genauer kennen, um den ganzen Schrecken zu wuerdigen, den das
Spiel ihrer Physiognomie der Graefin einfloesste. Frau von Marigny war
hoch gewachsen, und wenn man sie sah, so musste man sagen: "Die Frau ist
gewiss huebsch gewesen!" Sie verbarg die Runzeln ihrer Wangen durch eine
so starke Auflage von Rot, dass sie fast gar nicht sichtbar wurden,
allein ihre Augen empfingen keinen kuenstlichen Glanz durch dieses satte
Karmin, sondern wurden dadurch nur noch duesterer. Sie trug eine Menge
von Diamanten und kleidete sich mit hinreichendem Geschmack, um nicht
laecherlich zu erscheinen. Ihr Mund war durch ein kuenstliches Gebiss
verschoent und daher keineswegs eingefallen, sondern zeigte nur einen
ironischen Zug, der ihr eine Aehnlichkeit mit Voltaire gab. Ihre spitze
Nase deutete auf scharfen Witz, aber dennoch milderte die ausgesuchte
Feinheit ihres Benehmens den Spott ihrer Einfaelle so sehr, dass man sie
nicht der Bosheit beschuldigen konnte.

Ein triumphierender Blick belebte die beiden grauen Augen der alten
Dame und schien den Salon zu durchfliegen, um das Rot der Hoffnung auf
die bleichen Wangen der kleinen Dame zu ergiessen, die zu den Fuessen des
Kandelabers seufzte. Diesen durchdringenden Blick begleitete ein
Laecheln, das zu sagen schien: "Das hatte ich Ihnen bereits verheissen!"

Diese unvorsichtige Enthuellung einer Verbindung, die zwischen Frau von
Marigny und der Unbekannten bestand, vermochte dem geuebten Auge der
Graefin von Voudremont nicht zu entgehen. Sie erblickte ein Geheimnis
und wollte es durchdringen. Die Neugierde verringerte ihren
voruebergehenden Schmerz.

In diesem Augenblick hatte der Baron de la Roche-Hugon die ganze Reihe
der alten Witwen durchgemacht, um den Namen der blauen Dame zu
erfahren, aber gleich vielen Altertuemlern hatte er sein ganzes Latein
bei diesen ungluecklichen Nachforschungen verloren. In seiner
Verzweiflung hatte er sich sogar an die Graefin von Gondreville gewandt;
aber auch von ihr nur wenig befriedigende Antwort erhalten: "Es ist
eine Dame, die mir von der ehemaligen Herzogin von Marigny vorgestellt
wurde...."

Nun wandte sich der Requetenmeister schnell zu dem Armstuhle, den die
alte Dame einnahm, und ueberraschte sie bei jenem Blick des
Einverstaendnisses, der mit der Unbekannten gewechselt wurde. Die
Faerbung, die sich ueber die Wangen der einsamen Dame ergoss, verlieh ihr
einen solchen Glanz, dass der Requetenmeister, bewegt durch den Anblick
einer so maechtigen Schoenheit, zu Frau von Marigny zu treten beschloss,
obgleich er seit einiger Zeit ziemlich schlecht mit ihr gestanden
hatte. Als die Herzogin den Baron um ihren Armstuhl herumschweifen sah,
laechelte sie mit sardonischer Bosheit und blickte mit einer so
triumphierenden Miene auf Frau von Voudremont, dass der Oberst darueber
laechelte. "Sie nimmt eine freundliche Miene an, die alte Zigeunerin,"
dachte er, "sie wird mir ohne Zweifel einen boesen Streich spielen
wollen." "Meine Dame," sagte er, "wie man mir gesagt hat, sind Sie
beauftragt, ueber einen koestlichen Schatz zu wachen."

"Sehen Sie mich fuer einen schwarzen Hund mit gluehenden Augen an?"
fragte die alte Dame und ergoetzte sich fuer einen Augenblick an der
Verlegenheit des jungen Mannes. "Aber von welchem Schatze sprechen
Sie?" fuhr sie dann mit einer suessen Stimme fort, durch die Martial neue
Hoffnung erhielt.

"Von der kleinen unbekannten Dame, die durch den Neid der koketten
Damen in jene Ecke verdraengt ist ... Sie sind ohne Zweifel mit ihr
bekannt?...."

"Ja," sagte die Herzogin und laechelte wieder boshaft. "Warum tanzt sie
nicht? Sie ist so schoen! Wollen Sie, dass wir Friede miteinander
schliessen? Wenn Sie mich ueber das belehren wollen, was ich gern
erfahren moechte, so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort darauf, dass Ihr
Gesuch um Zurueckgabe der Waldungen von Marigny bei dem Kaiser kraeftig
unterstuetzt werden soll."

"Herr Baron," antwortete die alte Dame mit einem truegerischen Ernst,
"fuhren Sie mir die Graefin von Vaudremont zu. Ich verspreche Ihnen, dass
ich ihr das ganze Geheimnis enthuellen will, das unsere Unbekannte so
anziehend macht. Alle Maenner, die auf dem Ball anwesend sind, scheinen
ebenso neugierig geworden zu sein, wie Sie. Aller Augen richten sich
unwillkuerlich nach jenem Kandelaber, neben dem das arme Kind so
bescheiden sitzt. Sie erntet alle Huldigungen, die man ihr hat
entreissen wollen. Der muss gluecklich sein, der mit ihr tanzen wird!..."
Bei diesen Worten unterbrach sie sich, indem sie einen Blick auf die
Graefin von Vaudremont richtete, der deutlich sagte: "Wir sprechen von
Ihnen." Dann fuhr sie fort: "Ich denke, dass Sie den Namen der
Unbekannten lieber aus dem Munde der schoenen Graefin hoeren werden, als
aus dem meinigen." Die Haltung der Herzogin war so herausfordernd, dass
Frau von Vaudremont sich erhob, zu ihr kam, sich auf den Stuhl setzte,
den ihr Martial anbot, und dann, ohne auf ihn zu achten, lachend sagte:
"Ich errate, meine Dame, dass Sie von mir sprechen, aber ich muss meine
Schwaeche anerkennen und gestehen, dass ich nicht erkenne, ob Sie Gutes
oder Boeses von mir reden."

Frau von Marigny drueckte mit ihrer trockenen und verschrumpften Hand
die huebsche Hand der jungen Dame und antwortete mit leiser Stimme und
im Tone des Mitleids: "Arme Kleine!"

Die beiden Frauen blickten einander an. Frau von Vaudremont begriff,
dass der Baron von Martial ueberfluessig sei und verabschiedete ihn mit
einem gebieterischen Blick, der ihm sagte: "Verlassen Sie uns
augenblicklich!"

Den Requetenmeister freute es wenig, die Graefin von den Kuensten der
gefaehrlichen Sybille gefesselt zu sehen und richtete einen jener
maennlichen Blicke auf sie, die so viel Macht ueber ein liebendes Herz
besitzen, aber auch einer Frau so laecherlich erscheinen, wenn sie kalt
gegen den geworden sind, in den sie verliebt war.

"Wollen Sie vielleicht dem Kaiser nachaeffen?..." sagte Frau von
Vaudremont und wandte ihren Kopf, um den Requetenmeister spoettisch
anzusehen.

Er kannte die Welt zu gut, besass zu viel Feinheit und guten Geschmack,
als dass er sich einem Bruch mit der huebschen Kokette haette aussetzen
wollen; ueberdies rechnete er auf die Eifersucht, die er bei ihr
erwecken wollte, als auf das beste Mittel, das Geheimnis ihrer
ploetzlichen Kaelte zu entdecken. Er entfernte sich umso williger, als in
diesem Augenblick ein neuer Contretanz alle Taenzerinnen in Bewegung
setzte. Die heiteren Toene des Orchesters erklangen und man haette die
durcheinander wogende Menge mit einer Wolke tausendfarbiger
Schmetterlinge vergleichen koennen, die sich bei dem harmonischen
Konzert der Voegel eines Gebueschs ueber einer Waldwiese erheben.

Der Baron schien den antretenden Quadrillen zu weichen und stuetzte sich
auf den Marmor einer Konsole. Er kreuzte die Arme ueber der Brust und
blieb einige Schritte vor den beiden Damen stehen, die sich heimlich
miteinander unterhielten. Von Zeit zu Zeit folgte er den Blicken, die
beide wiederholt auf die Unbekannte richteten, und der Baron befand
sich in einer schrecklichen Unentschlossenheit, waehrend er die Graefin
mit jener neuen Schoenheit verglich, die noch mehr gehoben wurde durch
das Geheimnis, das sie umgab. Er schwankte, ob er ein reicher Mann
werden oder eine Laune befriedigen solle.

Der Glanz der Lichter liess so kraeftig das schwermuetige und duestere
Antlitz unter seinen schwarzen Haaren hervorstechen, dass man ihn mit
einem boesen Geist haette vergleichen koennen, und mehr als ein
fernstehender Beobachter mochte sich wohl sagen, "Der arme Teufel
scheint auch nicht zu seiner Freude hier zu sein!"

Die rechte Schulter leicht an die vergoldete Einfassung der Tuer
zwischen dem Spielzimmer und dem Tanzsaale gestuetzt, konnte der Oberst
unbemerkt lachen. Er freute sich ueber den berauschenden Laerm des
Balles. Er sah hundert huebsche Koepfe, die je nach den Launen des Tanzes
hin und her schwebten. Er las in manchen Zuegen, ebenso wie in denen der
Graefin und seines Freundes Martial, die Geheimnisse der Seelen. Dann
wandte er sein Gesicht und verglich das duestere Aussehen des Grafen
Soulanges, der noch immer in dem Armstuhle sass, wo er ihn verlassen
hatte, mit den sanften und klagenden Zuegen der unbekannten Dame, auf
deren Antlitz abwechselnd die Freuden der Hoffnung und die Angst eines
unwillkuerliehen Schreckens erschienen. Der glueckliche Kuerassier hatte
soviele Geheimnisse zu erraten, Reichtum von einer keimenden Liebe zu
hoffen, die Lehren zu merken, die der gekraenkte Ehrgeiz gibt, das
Schauspiel einer heftigen Leidenschaft zu beobachten und das Laecheln
von hundert huebschen Damen ueber Soulanges, Martial, die Graefin oder die
Unbekannte mit seinen Blicken zu erfassen, und er war daher so heiter,
als sei er der Koenig des Festes. Das lebhafte Bild gab ihm ein
vollkommenes Gleichnis der Welt und des Lebens; aber er lachte, ohne
dass er hinter das Wesen dieser Dinge zu kommen versucht haette. Es war
etwa Mitternacht, und die Unterhaltungen, das Spiel, der Tanz, die
Selbstsucht, die Bosheit und die verschiedenartigsten Plaene, alles war
auf jenem Siedepunkt angelangt, wo sich einem jungen Manne der Ruf
entringt: "Es ist doch eine huebsche Sache um einen Ball!..."

"Mein kleiner Engel," sagte Frau von Marigny zu der Graefin, "ich bin
weit aelter, als ich scheine, denn ich zaehle fuenfundsechzig Jahre; ich
habe fast ein Jahrhundert gelebt. Sie, meine Liebe, stehen jetzt in
einem Alter, in dem ich tausend Fehler begangen habe, und da ich Sie
jetzt bittere Qualen erdulden sah, so fiel es mir ein, Ihnen einige
liebevolle Winke zu geben. Wer Fehler im zweiundzwanzigsten Jahre
begeht, verdirbt sich dadurch seine Zukunft, zerreisst das Kleid, das er
erst anziehen soll. Ach, meine Liebe, wir lernen erst zu spaet uns des
Gewandes zu bedienen, ohne es zu zerknittern.... Fahren Sie fort, mein
schoenes Kind, sich redliche Feinde zu machen und diejenigen als Freunde
zu erwerben, die den Geist der Welt nicht besitzen, und Sie sollen
sehen, was fuer ein angenehmes Leben Sie fuehren werden!"...

"Ach, Herzogin, es macht uns recht viel Muehe, gluecklich zu werden!
Nicht wahr?" rief die Graefin kindlich aus.

"Meine Kleine, man muss es nur verstehen, in Ihrem Alter zwischen dem
Vergnuegen und dem Glueck die Wahl treffen zu koennen. Hoeren Sie mich an!
Sie wollen Martial heiraten. Er ist aber auf der einen Seite nicht dumm
genug, um ein Ehemann zu werden, und auf der anderen Seite nicht gut
genug, um sie gluecklich zu machen. Er hat Schulden, meine Liebe!... Er
ist ganz der Mann, der Ihr Vermoegen verzehren koennte. Er ist ein
Raenkeschmied, der sich ausgezeichnet in die Geschaefte einleben kann, er
weiss angenehm zu plaudern, aber er besitzt zu viele Vorteile, als dass
er ein wahres Verdienst haben wollte. Er wird nicht weit gehen.
Ueberdies, sehen Sie ihn nur an!... Werfen Sie nur einen Blick auf
ihn!... Liest man es nicht auf seiner Stirn, dass er in diesem
Augenblick keineswegs das huebsche junge Weib sieht, sondern nur die
Besitzerin von zwei Millionen?... Er liebt Sie nicht, meine Liebe; er
berechnet Sie, als ob es sich um eine Multiplikation handelte. Wenn Sie
sich verheiraten wollen, so nehmen Sie einen bejahrten Mann, der
zugleich Ansehen geniesst. Eine Witwe darf ihre Wiederverheiratung nicht
zu einem Geschaeft der Liebe machen. Faengt man je eine Maus zweimal in
derselben Falle? Jetzt muss ein neuer Kontrakt eine Spekulation sein,
und wenn Sie sich wieder verheiraten, so muessen Sie dabei wenigstens
die Hoffnung haben, sich dereinst Frau Marschallin nennen zu hoeren!" In
diesem Augenblick richteten sich die Augen der beiden Damen natuerlich
auf das huebsche Antlitz des Obersten. "Wollen Sie die schwierige Rolle
einer Kokette spielen und sich nicht wieder verheiraten ..." fuhr die
Herzogin gutmuetig fort; "ach, meine arme Kleine, dann verstehen Sie
besser als jede andere, die Wolken eines Ungewitters zu haeufen und auch
wieder zu zerstreuen.... Allein ich beschwoere Sie, machen Sie sich nie
eine Freude daraus, den ehelichen Frieden zu stoeren, die Eintracht der
Familien und das Glueck der gluecklichen Frauen zu vernichten. Ich habe
diese gefaehrliche Rolle gespielt, meine Liebe ... und etwas zu spaet
habe ich erkennen gelernt, dass, wie jener Diplomat gesagt hat, ein
Lachs besser ist als tausend Froesche! Ja, meine Liebe, um einen Triumph
der Eigenliebe zu feiern, meuchelt man oft arme tugendhafte Geschoepfe;
denn es gibt wirklich tugendhafte Frauen, meine Liebe. Lernen Sie
einsehen, dass eine wabrhafte Liebe tausendmal mehr Genuesse gewaehrt, als
die vergaenglichen Leidenschaften, die man erregt. Gewiss, ich bin
hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten.... Ja, Sie, mein
guter kleiner Engel, sind die Ursache, weshalb ich in diesem Salon
erschienen bin, der nach Poebel stinkt. Sieht man hier nicht sogar
Schauspieler?... Man empfing diese Leute auch sonst, meine Liebe, aber
in seinem Boudoir; in einem Salon jedoch, pfui!... Ja, ja, sehen Sie
mich nicht so erstaunt an.--Hoeren Sie mich an! Wollen Sie ueber die
Maenner lachen," fuhr die alte Dame fort, "so begeistern Sie nur die
Herzen derer, die keine feste Bestimmung haben, die keine Pflichten zu
erfuellen haben.... Das ist eine Lehre, die ich meiner alten Erfahrung
verdanke; nutzen Sie dieselbe. Dieser arme Soulanges zum Beispiel, dem
Sie den Kopf verdreht haben, den Sie seit fuenfzehn Monaten, Gott weiss
wie, berauscht haben ... ihn haben Sie fuer sein ganzes Leben
ungluecklich gemacht. Er ist verheiratet. Er wird von einem kleinen
Weibe angebetet, das er auch liebte, aber getaeuscht hat. Soulanges
leidet zuweilen an Gewissensbissen, die grausamer sind, als seine
Freuden suess waren, und Sie, kleiner Schlaukopf, haben ihn getaeuscht!
Kommen Sie nun und sehen Sie Ihr Werk!" Die alte Herzogin fasste die
Hand der Frau von Vaudremont, und beide erhoben sich.

"Sehen Sie!" sagte Frau von Marigny zu ihr, indem sie mit den Augen auf
die bleiche und zitternde Unbekannte zeigte. "Das ist meine Nichte, die
Graefin Soulanges!... Sie hat heute endlich meinen Bitten nachgegeben
und ihr Schmerzenszimmer verlassen, in dem ihr der Anblick ihres Kindes
nur einen sehr schwachen Trost gewaehrt.... Sehen Sie sie an.... Sie
erscheint Ihnen reizend. Beurteilen Sie nun, was sie damals war, als
Glueck und Liebe noch ihren Glanz ueber dieses jetzt gewelkte Antlitz
verbreiteten!"

Die Graefin wandte schweigend das Haupt und schien in ernstes Nachdenken
versunken. Die Herzogin fuehrte sie allmaehlich bis an die Tuer des
Spielzimmers, blickte hinein, als suche sie jemand, und sagte dann mit
einer fast geisterhaften Stimme zu der jungen Kokette: "Und dort sehen
Sie Soulanges!..."

Die junge und glaenzende Graefin schauderte zusammen als sie in der am
wenigsten erhellten Ecke des Spielzimmers ein bleiches und verzerrtes
Antlitz erblickte. Herr von Soulanges hatte sich in den, Armstuhl
zurueckgelehnt. Die Erschlaffung seiner Glieder und die Bewegungslosigkeit
seiner Stirn deuteten auf einen hohen Grad des Schmerzes. Er war allein.
Die Spieler kamen und gingen an ihm vorueber, ohne ihm mehr Aufmerksamkeit
zu widmen, als einem leblosen Wesen. Er war in der Tat mehr ein Schatten,
als ein Mensch.

Der Anblick der trauernden Gattin und des duestern und finstern Gatten,
die inmitten dieses Festes von einander getrennt waren, wie die beiden
Haelften eines durch den Blitz getroffenen Baumes, erfuellte die Graefin
mit grossem Schrecken und boeser Vorahnung. Sie fuerchtete ein Bild dessen
zu sehen, was die eigene Zukunft fuer sie aufbewahrte. Ihr Herz war noch
nicht so weit verhaertet, dass ihm Empfindsamkeit, und Nachsicht gaenzlich
fremd geworden, und sie presste die Hand der Herzogin, waehrend sie ihr
mit einem freundlichen Laecheln dankte, in dem eine gewisse kindliche
Anmut lag.

"Mein Kind," sagte ihr jetzt die alte Frau ins Ohr, "bedenken Sie
fortan, dass wir es ebenso gut verstehen muessen, die Huldigungen der
Maenner von uns zu weisen, als sie zu erlangen...."--

"Sie gehoert Ihnen, wenn Sie kein Dummkopf sind!" Diese Worte fluesterte
Frau von Marigny dem Obersten ins Ohr, waehrend sich die schoene Graefin
ganz dem Mitleid hingab, das der Anblick des Herrn von Soulanges ihr
einfloesste. Sie liebte ihn noch aufrichtig genug, um ihn seinem Gluecke
wiedergeben zu wollen, und im Herzen versprach sie sich, die
unwiderstehliche Macht anzuwenden, die ihre Verfuehrungskuenste noch auf
ihn ausuebten, um ihn in die Arme seiner Frau zurueckzufuehren. "O! die
Strafreden, die ich ihm halten werde!..." sagte sie zu Frau von
Marigny. "Sie werden das nicht tun, meine Schoene, wie ich hoffe!" sagte
die Herzogin, waehrend sie sich zu ihrem Armstuhl zurueckbegab. "Waehlen
Sie sich dagegen einen braven Ehemann und verschliessen Sie meinem
Neffen die Tuer. Vermeiden Sie, ihm in Gesellschaften zu begegnen, und
wenn er von seiner Krankheit geheilt ist, so bieten Sie ihm Ihre
Freundschaft.... Glauben Sie mir, mein Engel, eine Frau empfaengt nie
von einer anderen Frau das Herz ihres Mannes. Sie wird hundertmal
gluecklicher sein, wenn sie glauben kann, es durch sich selbst
wiedererlangt zu haben, und ich glaube, meiner Nichte ein herrliches
Mittel gewaehrt zu haben, durch das sie die Freundschaft ihres Mannes
wiedererlangen kann, indem ich sie hierherfuehrte.--Ich verlange keine
andere Mithilfe von Ihnen, als dass Sie unsern schoenen Kuerassier-Oberst
mit Neckereien der Liebe ueberhaeufen." Bei diesen Worten zeigte sie auf
den Freund des Requetenmeisters, und die Graefin lachte.

"Nun, meine Dame, wissen Sie endlich den Namen der Unbekannten?" fragte
der Baron auf etwas gereizte Art die Graefin, als diese wieder allein
war.

"Ja," anwortete Frau von Vaudremont. Es lag dabei in ihren Zuegen
ebensoviel Schlauheit als Heiterkeit. Das Laecheln, das ueber ihre Lippen
und ihre Wangen Leben verbreitete, der feuchte Glanz ihrer Augen war
mit jenen Irrlichtern zu vergleichen, die den verspaeteten Wanderer
taeuschen. Martial glaubte sich noch immer geliebt; er nahm jene kokette
Haltung an, in der sich ein Mann so selbstgefaellig in der Naehe der von
ihm Geliebten wiegt, und sagte mit Geckenhaftigkeit: "Werden Sie mir
nicht boese werden, wenn es scheint, als legte ich grossen Wert darauf,
den Namen der Unbekannten zu erfahren...."

"Und werden Sie mir nicht boese werden," versetzte Frau von Vaudremont,
"wenn ich Ihnen infolge einer letzten Spur von Liebe den Namen nicht
sage und Ihnen zugleich verbiete, die geringste Annaeherung an jene
junge Dame zu wagen? Sie koennten vielleicht Ihr Leben aufs Spiel
setzen."

"Meine Dame, Ihre Liebe zu verlieren ist schmerzlicher, als das Leben
zu verlieren...."

"Martial!..." sagte die Graefin ernst, "es ist Frau von Soulanges! Und
ihr Mann wuerde Ihnen eine Kugel durch das Hirn jagen, wenn Sie ein
solches haben, sobald Sie...."

"Ach!" fiel ihr der Geck lachend in die Rede, "der Oberst laesst den in
Frieden leben, der ihm Ihr Herz entrissen hat, und er sollte sich fuer
seine Frau schlagen?... Welche Umkehrung der Grundsaetze!... Ich bitte
Sie, lassen Sie mich mit der kleinen Dame tanzen. Sie werden auf diese
Weise am schnellsten den Beweis erhalten, wie wenig Liebe das eiskalte
Herz besitzt, das Sie verabschiedet haben, denn wird der Oberst boese
darueber, dass ich seine Gattin zum Tanzen veranlasse...."

"Sie liebt aber ihren Mann...."

"Das ist wieder ein Einwurf, der...."

"Sie ist aber verheiratet...."

"Koestliche Einwaende in Ihrem Munde!"

"Ach!" sagte die Graefin mit einem bitteren Laecheln, "Ihr bestraft uns
bitter fuer unsere Fehltritte und unsere Reue! Dann beklagt Ihr Euch
noch ueber unsern Leichtsinn! So wirft der Herr seinen Sklaven die
Sklaverei vor. Welche Ungerechtigkeit!" "Betrueben Sie sich nicht!"
sagte Martial lebhaft. "Oh, ich bitte Sie darum, verzeihen Sie mir!
Hoeren Sie! Ich denke nicht mehr an Frau von Soulanges."

"Sie verdienten, dass ich Sie zu ihr schickte!"

"Ich gehe schon...." sagte der Baron lachend; "allein ich werde
verliebter in Sie zurueckkehren, als ich es je gewesen bin, und Sie
werden sehen, dass sich auch das huebscheste Weib von der Welt eines
Herzens nicht bemaechtigen kann, das Ihnen gehoert."

"Das heisst, Sie wollen das Pferd des Obersten gewinnen?"

"Ha, der Verraeter!" antwortete er lachend und drohte seinem laechelnden
Freunde mit dem Finger.

Nun naeherte sich der Oberst, und der Baron trat ihm seinen Platz neben
der Graefin ab, zu der er noch spoettisch sagte: "Meine Dame, dieser Herr
hat sich geruehmt dass er an einem Abend Ihre Liebe erwerben koenne!"

Er entfernte sich, waehrend er sich freute, die Eigenliebe der Graefin
erweckt und dem Obersten ein Bein gestellt zu haben; ungeachtet seiner
gewoehnlichen Schlauheit, hatte er doch nicht den ganzen Spott erraten,
der in den Reden der Frau von Vaudremont lag; er hatte nicht einmal
bemerkt, dass sie ebensoviele Schritte seinem Freunde entgegengetan
habe, als dieser ihr entgegengegangen war.

Als sich Martial dem glaenzenden Kandelaber naeherte, hinter dem die
Graefin von Soulanges sass, trat deren Gemahl mit wilden Blicken in die
Tuer des Salons und zeigte zwei Augen, in denen das Feuer der
Leidenschaft flammte. Die alte Herzogin, die auf alles aufmerksam war,
naeherte sich ihrem Neffen mit der Lebendigkeit einer jungen Frau und
bat ihn um seinen Arm und um seine Kutsche, um sich entfernen zu
koennen, indem sie eine schreckliche Langeweile vorschuetzte und sich
schmeichelte, auf solche Weise ein peinliches Aufsehen zu vermeiden.
Bevor sie ging, gab sie noch ihrer Nichte ein Zeichen des
Einverstaendnisses, indem sie zugleich auf den kuehnen Kavalier deutete,
der sich bereit machte, sie anzureden. Ihr strahlender Blick schien zu
sagen: "Da ist er, raeche Dich!"

Frau von Vaudremont fing den Blick der Tante und den der Nichte auf.
Ein ploetzliches Licht fiel in ihr Herz, und die junge Kokette
befuerchtete, von der alten, in Raenken so erfahrenen Dame genarrt worden
zu sein.

"Diese treulose Herzogin," dachte sie, "wird es vielleicht ergoetzlich
gefunden haben, mir eine moralische Vorlesung zu halten und zugleich
einen schlechten Streich nach ihrer Weise zu spielen." Bei diesem
Gedanken wurde die Eigenliebe der Frau von Vaudremont vielleicht noch
lebhafter ins Spiel gezogen, als ihre Neugierde, den Knaeuel dieser
Intrigen entwirrt zu sehen. Der innere Sturm, von dem sie ergriffen
wurde, raubte ihr die Selbstbeherrschung. Der Oberst erklaerte sich nun
zu seinem Vorteil die Verlegenheit, die sich in den Reden und in der
Haltung der Graefin zeigte, und wurde deshalb noch gluehender und
draengender.

Neue Geheimnisse, gleich anziehend wie die frueheren, belebten nun diese
bewegte Szene. Die Leidenschaften der beiden Paare, deren Abenteuer
diese Erzaehlung wiedergibt, sprangen auf alle Teilnehmer des glaenzenden
Balles ueber und veranlassten die verschiedensten Faerbungen der
Teilnahme.

Die alten abgestumpften Diplomaten, denen es so viel Freude machte, das
Spiel der Mienen zu beobachten und die angesponnenen Raenke zu erraten
und zu verfolgen, hatten noch nie eine so reiche Ernte der Unterhaltung
gefunden, dennoch liess das Schauspiel so vieler, lebhafter
Leidenschaften, liessen die Zaenkereien der Liebe, diese suessen Aeusserungen
der Rache, diese grausamen Gunstbeweise, diese entflammten Blicke, liess
das ganze gluehende Leben, das rund um sie her ergossen war, sie nur
umso lebhafter ihre Ohnmacht erraten.

Endlich war es dem Baron gelungen, in der Naehe der Graefin von Soulanges
einen Sitz zu finden. Seine Augen schweiften verstohlen ueber einen
Hals, der frisch war wie der Tau, wohlduftend wie ein Blumenbeet. Er
bewunderte in der Naehe die Schoenheiten, die ihn schon aus der Ferne
ueberrascht hatten, er konnte einen kleinen, schoenbekleideten Fuss sehen,
und eine geschmeidige anmutige Taille mit den Augen messen. Damals
knuepften die Frauen die Guertel ihrer Kleider dicht unter dem Busen, wie
man es bei den griechischen Statuen erblickt! Diese Mode war grausam
fuer jene Frauen, deren Wuchs irgendeinen Fehler hatte. Martial warf
fluechtige Blicke auf den Busen und wurde entzueckt durch die Vollendung
der himmlischen Formen der Graefin. Er war trunken vor Liebe und
Hoffnung. "Sie haben heute abend noch nicht ein einziges Mal getanzt?"
fragte er mit sanfter und schmeichelnder Stimme; "hoffentlich ist dies
nicht die Schuld der Herren."--"Es ist nun bald zwei Jahre, dass ich
mich nirgends gezeigt habe, und ich bin unbekannt in der Welt ..."
antwortete Frau von Soulanges; denn sie hatte den Blick nicht
begriffen, durch den ihre Tante sie aufforderte, sich gefaellig gegen
den Baron zu zeigen. Dieser liess aus Gewohnheit den schoenen Diamant
spielen, der den Ringfinger seiner linken Hand schmueckte. Das Feuer,
das die geschliffenen Flaechen des Steines ausstrahlten, schien ein
ploetzliches Licht in das Herz der jungen Graefin zu werfen. Sie erroetete
und blickte den Baron mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an.

"Tanzen Sie gern?" fragte der Provencale, um es zu versuchen, die
Unterhaltung wieder anzuknuepfen.

"Sehr gern, mein Herr."

Bei dieser Antwort trafen ihre Blicke einander; denn der junge Mann
wurde von dem suessen und zum Herzen sprechenden Tone ueberrascht, der
eine unbestimmte Hoffnung bei ihm erweckte, und hatte daher schnell die
Augen der Graefin geprueft.

"Wuerden Sie es nicht als eine Verwegenheit von meiner Seite betrachten,
wenn ich Sie baete, bei dem naechsten Contretanz mit mir anzutreten?"

Eine kindliche Verlegenheit roetete die bleichen Wangen der Graefin, wie
einige Tropfen eines roten Weines sich allmaehlich in einem Glase klaren
Wassers verbreiten und dasselbe roeten.

"Aber, mein Herr ... ich habe bereits einem Taenzer eine abschlaegige
Antwort gegeben, einem Oberst...."

"Vielleicht dem langen Kavallerie-Oberst dort?"

"Ganz recht."

"Der ist mein Freund, befuerchten Sie nichts. Ich hoffe, Sie werden mir
meine Bitte gewaehren."

"Ja, mein Herr...."

Der zitternde Klang ihrer wohltoenenden Stimme deutete auf eine so neue
und tiefe Bewegung, dass selbst das abgestumpfte Herz Martials dadurch
schwankend gemacht wurde. Er fuehlte sich von der Bloedigkeit eines
Schulknaben ergriffen. Er verlor seine Sicherheit, und sein
suedlaendisches Blut geriet in Flammen. Er wollte sprechen, allein seine
Ausdruecke erschienen ihm im Vergleich zu den geistreichen und feinen
Antworten der Frau von Soulanges ohne Anmut. Es war ein Glueck fuer ihn,
dass der Contretanz begann, denn als er neben seiner schoenen Taenzerin
stand, fuehlte er sich wieder erleichert. Es gibt viele Maenner, fuer die
der Tanz eine Art weltmaennischer Gewandtheit ist, und die, indem sie
die Anmut ihres Koerpers zu entfalten suchen, staerker auf das Herz der
weiblichen Welt einzuwirken glauben, als durch ihren Geist. Der
Provencale wollte ohne Zweifel in diesem Augenblick alle seine
Verfuehrungskuenste entfalten, wenn man dies aus der Sorgfalt schliessen
darf, die er auf alle seine Bewegungen verwandte. Aus Eitelkeit hatte
er seine Eroberung zu der Quadrille gefuehrt, zu der sich die
glaenzendsten Damen des Salons aufgestellt hatten, waehrend sie eine
besondere Wichtigkeit darauf legten, schoener zu tanzen, als die
Taenzerinnen aller anderen Quadrillen.

Waehrend das Orchester das Vorspiel der ersten Figur beendete, empfand
der Baron eine unglaubliche Befriedigung des Stolzes, als er bemerkte,
dass Frau von Soulanges die schoenste Taenzerin unter allen sei, die sich
auf den Linien dieses glaenzenden Vierecks aufgestellt hatten. Ihre
Toilette ueberstrahlte selbst die der Frau von Vaudremont, die sich
infolge eines vielleicht absichtlich gesuchten Zufalles mit dem
Obersten dem Baron und der blauen Dame gegenueber gestellt hatte. Die
Blicke aller Maenner hafteten fuer einen Augenblick auf Frau von
Soulanges, und ein schmeichelhaftes Gemurmel deutete darauf, dass alle
Taenzer mit ihren Damen gegenwaertig von ihr sprachen. Blicke des Neides
und der Bewunderung wurden mit einer solchen Lebhaftigkeit gegen die
junge Dame abgeschossen, dass diese gleichsam beschaemt wurde durch einen
Triumph, dem sie sich gern entzogen haette, bescheiden ihre Augen
senkte, erroetete und dadurch noch reizender wurde. Wenn sie ihre weissen
Augenlieder aufschlug, so geschah es nur, um ihren Taenzer anzublicken,
als haette sie den Ruhm dieser Huldigungen auf ihn zurueckzufuehren und
ihm sagen wollen, dass sie die seinigen allen anderen vorzoege. Sie legte
Unschuld in ihre Koketterie oder schien sich vielmehr einem neuen
Gefuehl, einer kindlichen Bewunderung mit jener Aufrichtigkeit zu
ueberlassen, die man nur in jugendlichen Herzen antrifft. Wenn sie
tanzte, so konnten die Zuschauer leicht glauben, dass die
Verschlingungen der launenhaften Pas, die sie auf eine reizende Weise
ausfuehrte, nur fuer Martial vollbracht waeren, denn die luftige Sylphide
wusste gleich der verstaendigen Kokette ihre Augen zu rechter Zeit gegen
ihn zu erheben oder auch mit verstellter Bescheidenheit wieder zu
senken.

Als eine Bewegung des Tanzes Martial dem Obersten entgegenfuehrte, sagte
er lachend zu ihm: "Ich habe Dein Pferd gewinnen...."

"Ja, aber Du hast achtzigtausend Livres Rente verloren," entgegnete ihm
der Oberst und zeigte auf die strengen Blicke der Frau von Vaudremont.

"Was kuemmert mich das," antwortete Martial mit leichtem Trotz. "Frau
von Soulanges ist Millionen wert!"

Nach Schluss des Contretanzes wurde mehr als eine Bemerkung von den
Zuschauern und Mittaenzern den Nachbarn und Bekannten ins Ohr
gefluestert. Die weniger huebschen Damen sprachen mit ihren Taenzern ueber
die Moral und spielten dabei auf die keimende Zuneigung des Barons und
der Graefin von Soulanges an. Selbst die Schoensten wunderten sich ueber
den Leichtsinn, mit dem dies Buendnis abgeschlossen war. Die Maenner
begriffen umsoweniger das Glueck des kleinen Requetenmeisters, da er gar
nichts Verfuehrerisches an sich zu haben schien. Einige nachsichtigere
Damen sagten, dass man nicht so voreilig urteilen duerfe, und die Jugend
sei sehr zu beklagen, wenn ein ausdrucksvoller Blick und ein anmutiger
Tanz hinreichten, um so ernste Anklagen darauf zu stuetzen.

Nur Martial kannte den Umfang seines Glueckes. In der letzten Figur
hatten die Damen der Quadrille die Windmuehle zu bilden. Seine Finger
drueckten die der Graefin, und er glaubte durch die feinen parfuemierten
Handschuhe hindurch zu fuehlen, dass die Finger des jungen Weibes seinem
verliebten Druck antworteten.

"Meine Dame," sagte er in dem Augenblicke zu ihr, als der Contretanz
endete, "kehren Sie nicht in jene abscheuliche Ecke zurueck, in der Sie
bis jetzt Ihre Schoenheit und Ihren Schmuck verborgen haben. Die
Bewunderung ist der einzige Zoll den Sie durch Ihre Diamanten erreichen
koennen, die Ihren weissen Hals und Ihre so schoen geflochtenen Haare
schmuecken. Machen Sie mit mir eine kleine Runde durch die Salons und
geniessen Sie einen Anblick des ganzen Festes."

Frau von Soulanges folgte dem geschickten Verfuehrer, der dachte, dass
sie ihm umso sicherer angehoeren wuerde, wenn es ihm gelaenge, sie vor der
Welt blosszustellen. Sie machten nun eine angenehme Wanderung zwischen
den Gruppen hindurch, die die prachtvollen Salons des Hotels erfuellten.
Die Graefin von Soulanges blieb furchtsam einen Augenblick an der Tuer
eines jeden Salons stehen und trat nicht eher ein, bis sie einen
durchdringenden Blick nach allen Maennern geworfen hatte. Diese
Besorgnis erfuellte den Requetenmeister mit noch groesserer Freude, denn
er sah, dass sie sich nicht eher beruhigte, bis er gesagt hatte:
"Ermutigen Sie sich, er ist nicht da."

So gelangten sie bis in eine Gemaeldegalerie von ungemeinem Umfange, die
in einem Fluegel des Hotels lag, und wo man sich zum Voraus des
grossartigsten Anblicks eines Imbisses erfreute, der fuer dreihundert
Personen aufgetragen war. Der Requetenmeister erriet, dass das Mahl bald
beginnen werde, und zog daher die Graefin mit sich nach einem Boudoir,
das er ausfindig gemacht hatte. Es war ein laenglich-rundes Zimmer, das
nach dem Garten ging. Die seltensten Blumen und Straeucher bildeten
gewissermassen ein Dickicht, durch dessen Blaetter hindurch das Auge die
glaenzenden Tapeten erblickte. Das Geraeusch des Festes erstarb hier wie
das Geraeusch der Welt in der Naehe eines heiligen Asyls. Die Graefin
zitterte beim Eintreten und weigerte sich hartnaeckig, dem jungen Manne
zu folgen; nachdem sie aber einen Blick in einen Spiegel geworfen und
in demselben ohne Zweifel Verteidiger erblickt hatte, liess sie sich
anmutig auf eine wolluestige Ottomane nieder.

"Was fuer ein koestliches Gemach," sagte sie und bewunderte eine
himmelblaue Tapete, die durch Perlen gehoben wurde.

"Hier atmet alles Liebe und Wollust ..." sagte Martial. Dann
betrachtete er bei dem geheimnisvollen Halbdunkel, das in dieser suessen
Einsamkeit herrschte, die Graefin, und bemerkte in ihren stark erregten
Zuegen einen Ausdruck der Verwirrung, der Scham und der Sehnsucht, durch
den er bezaubert wurde. Sie laechelte, und dieses Laecheln schien dem
Kampfe aller Gefuehle, die in ihrem Herzen miteinander rangen, ein Ende
zu machen; der Baron war entzueckt. Auf die verfuehrerischste Weise der
Welt ergriff sie die linke Hand ihres Anbeters und zog den Ring von
seinem Finger, auf den sie bereits so feurige Blicke der Sehnsucht
geworfen hatte.

"Das ist ein recht schoener Diamant!..." sagte sie sanft und mit dem
unschuldigen Ausdruck eines jungen Maedchens, das die ganze Macht seiner
ersten Lockung fuehlen laesst. Martial war durch die unwillkuerliche, aber
berauschende Beruehrung, die ihm von den Fingern der Graefin beim
Abziehen des Ringes zuteil geworden war, erregt und betrachtete ihn mit
Blicken, die ebensosehr funkelten wie der Ring.

"Behalten Sie ihn als Erinnerung an diese himmlische Stunde und aus
Liebe fuer..."

Er vermochte seine Worte nicht auszusprechen, denn der Ausdruck der
Begeisterung, der in ihren Zuegen lag, erregte ihn zu lebhaft. Er kuesste
ihre Hand.

"Sie schenken ihn mir?..." fragte sie mit erstaunten Blicken.

"Ich moechte Ihnen die ganze Welt darbringen koennen...."

"Scherzen Sie nicht vielleicht?..." fragte sie dann abermals, und man
erkannte in dem Ausdruck dieser Worte ihre lebhafte Freude.

"Nehmen Sie meinen Diamanten nur an!"

"Und Sie werden ihn nie von mir wieder verlangen?" fragte die Graefin.

"Nie!"

Sie steckte den Ring an ihren Finger. Martial glaubte, dass nun nichts
mehr an seinem Glueck fehle und machte eine kuehne Bewegung; allein die
Graefin erhob sich ploetzlich und sagte mit einer hellen Stimme, die
durchaus keine Erregung verriet: "Mein Herr, ich nehme diesen Diamanten
mit umsoweniger Bedenken an, da er mir gehoert."

Der Requetenmeister wusste nicht, was er sagen sollte, und blieb
unbeweglich, mit weitgeoeffnetem Munde sitzen.

"Herr von Soulanges hat ihn vor sechs Monaten aus meinem Schmuckkasten
genommen und dann vorgegeben, dass er ihn verloren habe."

"Sie irren sich, meine Dame," sagte Martial in gereiztem Tone; "denn
ich habe den Ring von Frau von Vaudremont."

"Ganz recht!" erwiderte sie laechelnd, "mein Mann hat den Ring entfuehrt,
hat ihn ihr gegeben, und sie hat ihn wieder verschenkt. Gewiss, mein
Herr, ich wuerde nie gewagt haben, ihn um denselben Preis
wiederzuerwerben, um den ihn die Graefin erworben hat, wenn er nicht mir
gehoerte.... Aber, sehen Sie hier," fuhr sie dann fort und liess eine
kleine Feder aufspringen, die unter dem Steine verborgen war, "hier
befinden sich noch die Haare des Herrn von Soulanges."

Sie brach in ein lautes und spoettisches Gelaechter aus und eilte dann
mit einer solchen Schnelligkeit in den Garten, dass jeder Versuch, sie
wieder einzuholen, ueberfluessig erscheinen musste. Ueberdies war Martial
so niedergeschlagen, dass er keine Lust hatte, das Abenteuer
fortzusetzen. In der Tat hatte das Lachen der Frau von Soulanges ein
Echo in dem Boudoir gefunden, und der junge Geck bemerkte zwischen zwei
Orangenbaeumen den Obersten und Frau von Vaudremont, die ebenfalls
herzlich lachten.

"Willst Du mein Pferd haben, um dieser boshaften Person nachzusetzen?"
fragte der Oberst.

Der Baron stimmte in dies Lachen ein, denn es war offenbar das Kluegste,
was er tun konnte. Er erkaufte das vollkommene Schweigen der beiden
Zeugen dieses Auftritts durch die Demut, mit der er die Scherze der
kuenftigen Gattin des Obersten und des Obersten selbst ertrug, nachdem
dieser an dem heutigen Abend sein Kampfross gegen eine junge, reiche und
huebsche Frau eingetauscht hatte.

       *       *       *       *       *

Die Graefin von Soulanges erreichte es mit einiger Muehe, dass ihr Wagen
vorfuhr, und kehrte nun, gegen zwei Uhr morgens, nach Hause zurueck.
Waehrend sie von der Chaussee d'Antin nach der Vorstadt Saint-Germain
fuhr, in der sie wohnte, wurde sie von einer lebhaften Unruhe
ergriffen.

Bevor sie das Hotel de Gondreville verliess, hatte sie nochmals die
Salons durchsucht, ohne ihre Tante oder ihren Mann anzutreffen, deren
Abfahrt ihr unbekannt geblieben war. Schreckliche Ahnungen quaelten ihr
edles Herz. Sie hatte die Leiden erkannt, die ihr Mann seit dem Tage
fuehlte, an dem ihn Frau von Voudremont an ihren Triumphwagen spannte,
und hoffte vertrauensvoll, dass ihr die Reue bald ihren Mann wieder
zufuehren wuerde. Mit einem unglaublichen Widerstreben hatte sie daher in
den Plan eingewilligt, den ihre Tante, Frau von Marigny, entworfen, und
befuerchtete jetzt, einen Fehler begangen zu haben.

Der Besuch des Balles hatte ihr aufrichtiges Herz betruebt. Erst war sie
durch das leidende und finstere Aussehen des Grafen von Soulanges
erschreckt worden, dann aber noch mehr durch die Schoenheit ihrer
Nebenbuhlerin. Zuletzt hatte noch die Verderbnis der Welt ihr Herz
beengt. Waehrend sie ueber den Pont-Royal fuhr, warf sie die entweihten
Haare, die unter dem Diamant lagen und ihr ehedem als ein Unterpfand
reiner Liebe waren dargebracht worden, weg. Sie weinte, indem sie sich
der lebhaften Leiden entsann, deren Beute sie seit langer Zeit gewesen,
und mehr als einmal seufzte sie, wenn sie daran dachte, dass Frauen, die
den ehelichen Frieden erlangen wollen, ohne Klagen im Innersten ihres
Herzens Qualen verschliessen mussten, die so grausam waren wie die
ihrigen.

"Ach!" dachte sie, "wie moegen es die Frauen haben, die nicht lieben?
Worin beruht die Quelle ihrer Gleichgueltigkeit? Ich moechte meiner Tante
nicht glauben, dass die Vernunft hinreicht, um sie bei einer solchen
Ergebenheit zu erhalten." Sie seufzte nochmals, als ihr Jaeger den
eleganten Tritt niederschlug, von dem sie unter das Vordach ihres
Hotels sprang. Hastig eilte sie die Treppe hinauf und trat in ihr
Zimmer, zuckte aber vor Schrecken zusammen, als sie ihren Mann auf
einem Stuhl neben dem Kamin sitzen sah. Er zeigte ihr ein erzuerntes
Antlitz. "Seit wann besuchen Sie die Baelle ohne mich, meine Liebe?...
Ohne mich davon zu benachrichtigen?..." fragte er mit erregter Stimme.
"Wissen Sie, dass eine Frau nie den gebuehrenden Platz findet, wenn sie
ohne ihren Mann irgendwo erscheint?... Sie wurden ausserordentlich
zurueckgesetzt, indem man Sie in jenen dunklen Winkel draengte!..."

"O mein guter Leon," sagte sie in einem schmeichelnden Ton. "Ich
vermochte dem Glueck nicht zu widerstehen, Dich zu sehen, ohne dass Du
mich saehest. Meine Tante hat mich auf den Ball gefuehrt und ich war dort
sehr gluecklich!"

Diese Worte verbannten ploetzlich aus den Blicken des Grafen die
erzwungene Strenge. Es war leicht zu erraten, dass er sich selbst die
lebhaftesten Vorwuerfe mache, dass er die Rueckkehr seiner Frau gefuerchtet
habe und ueberzeugt sei, sie habe auf dem Balle sich von einer Untreue
ueberzeugt, die er ihr hoffte verbergen zu koennen. Er folgte daher dem
Gebrauch solcher Liebenden, die ihre Schuld erkennen, und versuchte den
gerechten Zorn der Graefin zu vermeiden, indem er sich erzuernt gegen sie
stellte. Ueberrascht blickte er nun schweigend seine Gattin an. Sie
schien ihm schoener als je, in dem glaenzenden Schmuck, der in diesem
Augenblick ihre Reize hob.

Was dagegen die Graefin betraf, so freute sie sich, ihren Mann laecheln
zu sehen und ihn zu dieser naechtlichen Stunde in einem Zimmer zu
finden, das er seit einiger Zeit weniger haeufig besucht hatte. Sie
erroetete und richtete verstohlene Blicke auf ihn, in denen aber ein
Reichtum der Liebe und Hoffnung lag. Soulanges wurde umso trunkener
durch sein Glueck und seine Liebe, da dieser Auftritt auf die Qualen
folgte, die er waehrend des Balles erlitten hatte, und ergriff die Hand
seiner Frau, um sie dankbar zu kuessen.

"Hortense, was traegst Du denn an Deinem Finger, das mich so hart an die
Lippen drueckt?" fragte er lachend.

"Es ist mein Diamant, den Du verloren zu haben glaubtest. Ich habe ihn
heute Abend in einem Schubfach meiner Toilette wiedergefunden."

Der Graf bewunderte eine so grosse Nachsicht, und am folgenden Morgen
konnte Frau von Soulanges unter den wiedergefundenen Diamanten neue
Haare legen, die nicht wieder weggeworfen wurden, wie die frueheren.




DER ARM


In einer Gesellschaft erzaehlte einer der Anwesenden folgende
Geschichte:

Einige Zeit nach seinem Einzug in Madrid lud der Grossherzog von Berg
die vornehmsten Familien dieser Stadt zu einem Balle ein, den die
franzoesische Armee der neuerworbenen Hauptstadt gab. Ungeachtet des
Galaglanzes waren die Spanier sehr ernst, ihre Frauen tanzten wenig,
und der groesste Teil der Geladenen setzte sich an die Spieltische. Die
Gaerten des Palastes waren glaenzend genug erleuchtet, dass sich die Damen
mit derselben Sicherheit in ihnen ergehen konnten, als waere es heller
Tag gewesen. Das Fest war kaiserlich schoen. Nichts wurde aber auch
gespart, um den Spaniern einen hohen Begriff von dem Kaiser zu geben,
wenn es ihnen beliebte, von seinen Offizieren auf ihn zu urteilen. In
einem Boskett nahe dem Palaste unterhielten sich zwischen ein und zwei
Uhr morgens mehrere franzoesische Krieger von den Wechselfaellen des
Krieges und von der Zukunft, die wenig erbaulich sein konnte, wenn man
aus der Haltung der bei diesem Feste anwesenden Spanier einen Schluss
ziehen durfte.

"Meiner Treu," sagte der Ober-Chirurg des Armeekorps, bei dem ich
Generalzahlmeister war, "gestern habe ich den Fuersten Murat foermlich um
meine Zurueckberufung gebeten. Ohne gerade zu fuerchten, dass ich meine
Gebeine auf der Halbinsel zuruecklassen muesse, ziehe ich es doch vor,
die Wunden zu verbinden, die unsere guten deutschen Nachbarn geschlagen
haben; ihre Saebel dringen nicht so tief in den Leib, wie die
kastilianischen Dolche. Dazu kommt noch, dass die Furcht vor Spanien bei
mir gleichsam zu einem Aberglauben geworden ist. Seit meiner Kindheit
habe ich spanische Buecher gelesen, einen Haufen duesterer
Nachtgeschichten und tausend Erzaehlungen von diesem Lande, die mich
lebhaft gegen seine Sitten eingenommen haben. Und was meint Ihr wohl!
Schon in der kurzen Zeit unseres Hierseins bin ich, wenn nicht der
Held, doch wenigstens der Mitschuldige einer gefaehrlichen Intrige
geworden, die so schwarz und finster ist, wie nur ein Roman der Lady
Redcliffe sein kann. Ich folge gern meinen Vorgefuehlen, und schon
morgen mache ich mich aus dem Staube. Murat wird mir gewiss meinen
Abschied nicht verweigern, denn Dank den Diensten, die wir leisten,
haben wir immer wirksame Fuersprecher."

"Da Du Dich sobald davon machst, erzaehle uns doch Dein Abenteuer,"
forderte ihn ein Obrist auf, ein alter Republikaner, der sich um die
schoene Sprache und Hoeflichkeiten der Kaiserzeit wenig kuemmerte.

Der Chirurg blickte sorgfaeltig um sich, als wolle er jeden pruefen, der
in seiner Naehe staende, und erst, als er sicher war, kein Spanier sei in
seiner Nachbarschaft, begann er: "Gern, Obrist Hulot, denn wir sind
hier nur Franzosen. Es sind nun sechs Tage her, dass ich gegen elf Uhr
abends vom General Montcornet kam und mich nach meiner Wohnung
zurueckbegab, die nur wenige Schritte von der Wohnung des Generals
entfernt ist. Da warfen sich ploetzlich an der Ecke einer kleinen Strasse
zwei Unbekannte oder vielmehr zwei Teufel ueber mich her und huellten mir
Kopf und Arme mit einem grossen Mantel ein. Ihr koennt es mir glauben,
dass ich schrie wie ein getretener Hund; aber das Tuch erstickte meine
Stimme, und ich wurde mit einer ausserordentlichen Gewandtheit in einen
Wagen gehoben. Als mich meine Gefaehrten von dem Mantel wieder
befreiten, richtete eine weibliche Stimme folgende Worte in schlechtem
Franzoesisch an mich:

'Wenn Ihr um Hilfe ruft oder Miene macht, zu entfliehen, wenn Ihr Euch
nur die geringste zweideutige Bewegung erlaubt, so ist der Herr, der
Euch gegenuebersitzt, imstande, Euch ohne Bedenken niederzustossen.
Haltet Euch also ruhig. Die Ursache Eurer Entfuehrung sollt Ihr jetzt
erfahren. Wollt Ihr Euch die Muehe geben, Eure Haende gegen mich
auszustrekken, so werdet Ihr finden, dass Eure chirurgischen Instrumente
zwischen uns beiden liegen, denn wir haben sie aus Eurer Wohnung holen
lassen; sie werden Euch notwendig sein, denn wir fuehren Euch in ein
Haus, wo Ihr die Ehre einer Dame retten sollt, die eben im Begriff ist,
ein Kind zu gebaeren, das sie, ohne dass ihr Gemahl es weiss, diesem Euch
gegenuebersitzenden Edelmanne schenkt. Obgleich mein Herr seine Frau
selten verlaesst, da er noch immer leidenschaftlich in sie verliebt ist
und sie mit der Aufmerksamkeit spanischer Eifersucht bewacht, so hat
sie ihm dennoch ihre Schwangerschaft zu verbergen gewusst, und er haelt
sie fuer krank. Ihr sollt sie jetzt entbinden. Die Gefahren des
Unternehmens gehen Euch nichts an, nur habt Ihr uns zu gehorchen, sonst
wuerde der Geliebte, der, wie schon bemerkt, Euch gegenueber im Wagen
sitzt und kein Wort Franzoesisch versteht, Euch bei der geringsten
Unbedachtsamkeit erdolchen.'

'Und wer seid Ihr?' fragte ich, und suchte die Hand der Sprecherin,
deren Arm in den Aermel eines Mantels gehuellt war.

'Ich bin die Kammerfrau meiner Herrin, ihre Vertraute, und bereit, Euch
durch mich selbst zu belohnen, wenn Ihr uns in unserer misslichen Lage
unterstuetzen wollt.'

'Gern,' antwortete ich, als ich mich mit Gewalt in ein gefaehrliches
Abenteuer hineingezogen sah. Unter dem Schutze der Dunkelheit
ueberzeugte ich mich, ob Gesicht und Umrisse dieses Maedchens im
Einklange staenden mit der Vorstellung, die ihre Stimme bei mir gebildet
hatte. Dieses gute Geschoepf hatte sich ohne Zweifel gleich im voraus
allen Zufaelligkeiten dieser sonderbaren Entfuehrung geopfert, denn sie
beobachtete das gefaelligste Schweigen, und der Wagen war kaum zehn
Minuten durch die Strassen von Madrid gerollt, als sie schon einen Kuss
von mir erhielt und mir denselben freundlich wiedergab. Der Liebhaber,
der mir gegenueber sass, schien sich nichts daraus zu machen, dass ich ihn
gegen meinen Willen mit einigen Fusstritten bedachte. Ich glaube, er
beachtete sie nicht, weil er kein Franzoesisch verstand.

'Nur unter einer Bedingung kann ich Eure Geliebte sein,' antwortete mir
die Kammerfrau auf die Dummheiten, mit denen ich sie in der Hitze
meiner improvisierten und auf Hindernisse aller Art stossenden
Leidenschaft unterhielt.

'Und welches ist die Bedingung?'

'Ihr duerft nie zu erfahren suchen, wem ich angehoere. Wenn ich zu Euch
komme, so wird das Nachts geschehen, und Ihr werdet mich ohne Licht
empfangen.'

'Gut,' erwiderte ich.

Unsere Unterhaltung war bis zu diesem Punkt gediehen, als der Wagen an
der Mauer eines Gartens hielt.

'Jetzt werde ich Euch die Augen verbinden,' sagte die Kammerfrau zu
mir, 'und dann stuetzt Euch auf meinen Arm, damit ich Euch fuehren kann.'

Sie schlang ein Taschentuch um meine Augen und band es fest an meinem
Hinterhaupte zu. Ich hoerte das Geraeusch eines Schluessels, der mit
Vorsicht von dem schweigenden Geliebten, der mir gegenueber gesessen
hatte, in das Schloss einer kleinen Pforte gesteckt wurde. Gleich darauf
fuehrte mich die Kammerfrau mit gebeugtem Koerper durch die sandigen
Gaenge eines grossen Gartens, bis zu einem gewissen Platz, wo sie stehen
blieb. An dem Widerhall unserer Schritte bemerkte ich, dass wir vor
einem Hause standen.

'Jetzt still,' sagte sie mir ins Ohr, 'und wacht wohl ueber Euch selbst.
Lasst kein einziges meiner Zeichen Euch entgehen; ich kann ohne Gefahr
fuer uns beide nicht mehr zu Euch sprechen, und es handelt sich in
diesem Augenblicke darum, Euer eigenes Leben zu retten.' Dann fuhr sie
mit lauter Stimme fort: 'Meine Frau ist in einem Zimmer im Erdgeschoss;
um in dieses zu gelangen, muessen wir durch das Zimmer ihres Gatten und
an seinem Bette vorueber; hustet nicht, geht leise und folgt genau
meinen Schritten, damit Ihr nirgends anstosst, noch mit dem Fusse von dem
Teppich tretet, den ich auf den Boden gelegt habe.' Der Liebhaber
murrte, wie ein Mann, der unwillig ueber zu langes Zoegern ist. Die
Kammerfrau schwieg, ich hoerte eine Tuer oeffnen und fuehlte die warme Luft
eines Zimmers; wir schlichen mit Wolfsschritten, wie Diebe bei einem
Einbruch. Endlich nahm mir die sanfte Hand des Maedchens meine Binde ab.
Ich befand mich in einem grossen und hohen Zimmer, das von einer
dampfenden Lampe schlecht erleuchtet wurde. Das Fenster war offen, aber
durch den eifersuechtigen Edelmann mit starken Eisenstaeben versehen. Ich
stak in diesem Zimmer wie in einem Sacke. Auf der Erde, auf einer
Decke, lag eine Frau, deren Haupt mit einem Schleier von Musselin
bedeckt war; aber durch diesen Schleier leuchteten mit dem Glanze
zweier Sterne ihre traenenvollen Augen, vor den Mund drueckte sie mit
Kraft ein Taschentuch und biss so fest darauf, dass ihre Zaehne
hineindrangen; nie hatte ich einen so schoenen Koerper gesehen, aber
dieser Koerper kruemmte sich unter den Schmerzen, wie eine ins Feuer
geworfene Harfensaite. Die Unglueckliche hatte zwei Bogen aus ihren
Beinen gemacht und stuetzte sich gegen eine Art Kommode, mit ihren
Haenden hielt sie sich an zwei Stuhlbeinen, und alle Adern ihrer Arme
waren schrecklich angeschwollen. So glich sie einem Verbrecher, der auf
einer Folterbank gemartert wird. Uebrigens liess sie keinen Schrei hoeren,
und das dumpfe Krachen ihrer Knochen war das einzige Geraeusch, das die
Stille unterbrach. Wir drei standen stumm und unbeweglich. Das
Schnarchen des Ehemannes verhallte in troestender Regelmaessigkeit. Ich
wollte die Kammerfrau anblicken, aber sie hatte die Maske wieder
vorgelegt, die sie ohne Zweifel auf dem Wege abgenommen gehabt hatte,
und sah weiter nichts als zwei schwarze Augen und liebliche Umrisse.
Der Liebhaber warf sogleich Tuecher ueber die Beine seiner Geliebten und
legte den Schleier, der ihre Zuege verhuellte, doppelt zusammen. Als ich
die Frau sorgfaeltig beobachtet hatte, erkannte ich an gewissen Zeichen,
die ich erst unlaengst bei einem der traurigsten Ereignisse meines
Lebens bemerkt hatte, dass das Kind tot war. Ich neigte mich gegen die
Kammerfrau, um ihr meine Bemerkung mitzuteilen. In diesem Augenblick
zog der misstrauische Unbekannte seinen Dolch, allein ich hatte noch
Zeit, der Kammerfrau alles zu sagen, die ihm darauf zwei Worte mit
leiser Stimme zufluesterte. Als der Liebhaber die Ursache meines
Zauderns erkannt hatte, durchfuhr ihn ein leichter Schauder von den
Fuessen bis zum Kopfe, und ich glaubte durch die Maske von schwarzem
Sammt hindurch zu erkennen, wie sein Antlitz bleich wurde. Die
Kammerfrau benutzte einen Augenblick, wo der verzweifelte Mann die
schon blau werdende Sterbende betrachtete, um mich mit einem warnenden
Zeichen auf mehrere Glaeser Limonade aufmerksam zu machen, die fertig
zubereitet auf einem Tische standen. Ich begriff, dass ich, ungeachtet
der schrecklichen Hitze, die meine Kehle austrocknete, nicht trinken
duerfte. Der Liebhaber hatte Durst; er nahm ein leeres Glas, fuellte es
mit Limonade und trank. In diesem Augenblick bekam die Dame
schreckliche Kraempfe, die mir den guenstigen Augenblick zur Operation
andeuteten; ich ergriff meine Lanzette und liess sie schnell und mit
Geschick am rechten Arm zur Ader. Die Kammerfrau fing das reichlich
hervorspringende Blut mit Tuechern auf, und die Unbekannte fiel dann in
eine willkommene Ohnmacht. Ich waffnete mich mit Mut und konnte,
nachdem ich eine Stunde gearbeitet hatte, das Kind in Stuecken
herausziehen. Als der Spanier begriff, dass ich seine Geliebte gerettet
hatte, dachte er nicht mehr daran, mich zu vergiften. Dicke Traenen
fielen in Zwischenraeumen auf seinen Mantel. Die Frau stiess nicht einen
Laut aus, aber sie zitterte wie ein wildes Tier, das in einer Schlinge
gefangen ist, und der Schweiss rann in starken Tropfen von ihr. In einem
furchtbar kritischen Augenblicke machte sie ein Zeichen, um uns auf das
Zimmer ihres Gatten aufmerksam zu machen. Dieser hatte sich eben in
seinem Bette gewaelzt. Von uns vieren hatte sie allein das Geraeusch der
Decke oder des Vorhangs gehoert. Wir lauschten, und durch die Oeffnungen
ihrer Masken hindurch warfen sich die Kammerfrau und der Liebhaber
Flammenblicke zu, die zu fragen schienen: 'Sollen wir ihn toeten?' Dann
streckte ich meine Hand aus, als wollte ich ein Glas der Limonade
nehmen, die der Unbekannte vergiftet hatte. Der Spanier glaubte, dass
ich eins der vollen Glaeser trinken wollte; leicht wie eine Katze sprang
er hinzu, legte seinen langen Dolch ueber die beiden vergifteten Glaeser
und liess mir das seinige, indem er mir andeutete, den Rest aus
demselben zu trinken. In diesem Zeichen und in seiner lebhaften
Bewegung lagen so viele Gedanken, so viel Gefuehl, dass ich ihm verzieh,
wenn er auf meinen Tod gesonnen hat, um so jede Erinnerung an dieses
Ereignis zu begraben. Als ich getrunken hatte, drueckte er mir die Hand
und huellte selbst die Truemmer seines Kindes sorgfaeltig ein. Nach zwei
Stunden voll Sorge und Furcht brachten wir, die Kammerfrau und ich, die
Unbekannte wieder in ihr Bett. Der Liebhaber hatte bei einer so
abenteuerlichen Unternehmung alle Hilfsmittel zu einer Flucht bedacht
und seine Diamanten daher auf ein Papier gelegt; jetzt steckte er sie,
ohne dass ich es wusste, in meine Tasche. Nebenbei muss ich bemerken, dass
ich das wertvolle Geschenk des Spaniers garnicht kannte und mein
Bedienter am folgenden Tage den Schatz raubte, um mit diesem grossen
Vermoegen zu entfliehen. Ich sprach mit der Kammerfrau noch ueber die
Vorsichtsmassregeln, die sie zu treffen haette, und wollte gehen. Die
Kammerfrau blieb bei ihrer Herrin, allerdings ein Umstand, der mich
nicht sehr ermutigte; ich beschloss indes auf meiner Hut zu sein. Der
Liebhaber packte das tote Kind und die Waesche, mit der die Kammerfrau
das Blut ihrer Herrin aufgefangen hatte, in ein Buendel zusammen. Er
band es fest zusammen, nahm es unter seinen Mantel, fuhr mit der Hand
ueber meine Augen, als wollte er mir sagen, dass ich sie schliessen
sollte, und ging dann voraus, mich durch ein Zeichen auffordernd, den
Zipfel seines Rockes zu ergreifen; ich gehorchte ihm, warf aber noch
einen letzten Blick auf meine so zufaellig erlangte Geliebte. Die
Kammerfrau riss ihre Maske ab, als sie den Spanier draussen sah, und
zeigte mir das lieblichste Gesicht von der Welt. Als ich mich wieder im
Garten befand und die freie Luft einatmete, da, ich gestehe es, war
mir, als fiele ein ungeheures Gewicht von meiner Brust. Ich ging in
achtungsvoller Entfernung hinter meinem Fuehrer her und beobachtete die
geringste seiner Bewegungen mit der groessten Aufmerksamkeit. Als wir an
der kleinen Pforte wieder angekommen waren, fasste er meine Hand und
drueckte mir das Petschaft eines Ringes, den ich an einem Finger seiner
linken Hand gesehen hatte, auf den Mund, ich aber gab ihm zu verstehen,
dass ich dieses beredte Zeichen begriffe. Auf der Strasse warteten unsere
zwei Pferde; jeder von uns bestieg eins; mein Spanier bemaechtigte sich
meines Zuegels, und nahm den seinigen zwischen die Zaehne, denn in seiner
Rechten hatte er das blutige Paket. Mit der Schnelligkeit des Blitzes
ritten wir davon. Es war mir unmoeglich, auch nur den geringsten
Gegenstand zu merken, an dem ich spaeter den Weg wieder haette erkennen
koennen, den wir gekommen waren. Mit Tagesanbruch befand ich mich vor
meiner Tuer und der Spanier entfloh nach dem Tore von Atocha hin."

"Und Du konntest gar nichts entdecken, woran man spaeter jene Frau haette
wiedererkennen koennen?" fragte der Obrist den Chirurgen.

"Nur ein einziges Mal," antwortete dieser.

"Als ich die Unbekannte zur Ader liess, bemerkte ich an ihrem Arm, ein
wenig ueber der Mitte desselben, ein kleines Mal, etwa wie eine Linse
gross und von braunen Haaren umgeben."

In diesem Augenblicke erbleichte der Chirurg, der die gelobte
Verschwiegenheit verletzt hatte; aller Augen hefteten sich auf die
seinigen und folgten dann der Richtung seines Blickes. Die Franzosen
sahen einen Spanier, der in einen Mantel gehuellt war, und dessen Augen
durch ein Gebuesch von Orangen blitzten. Kaum hatten indes die Offiziere
ihre Blicke auf diesen Mann gerichtet, als er mit der Leichtigkeit
einer Sylphe entfloh. Ein Hauptmann verfolgte ihn schnell. "Teufel,
meine Freunde!" rief der Chirurg aus, "dieses Basiliskenauge hat mich
zu Eis erstarrt. Ist es mir doch, als hoerte ich Totenglocken laeuten!
Empfangt mein Lebewohl, Ihr werdet mich hier begraben!"

"Bist Du dumm," meinte der Obrist Hulot. "Falcon verfolgt den Spanier
und wird uns schon Rechenschaft zu geben wissen."

"Da kommt er!" riefen die Offiziere aus, als sie den Hauptmann atemlos
zurueckkehren sahen.

"Zum Teufel!" versetzte Falcon, "der ist, glaube ich, ueber die Mauer
gesprungen. Ein Hexenmeister kann er nicht sein, also muss er hier ins
Haus gehoeren! Der kennt hier alle Wege und Schliche, deswegen ist er
mir so leicht entgangen."

"Ich bin verloren!" versetzte der Chirurg mit trueber Stimme.

"Beruhige Dich," antwortete ich, "wir werden der Reihe nach bis zu
Deiner Abreise bei Dir wachen. Heute Abend begleiten wir Dich!"

In der Tat fuehrten drei junge Offiziere, die ihr Geld beim Spiel
verloren hatten, den Chirurg in seine Wohnung zurueck, und einer von
ihnen erbot sich, bei ihm zu bleiben. Am zweiten Tage darauf hatte der
Chirurg seine Versetzung zu einem in Frankreich stehenden Heere erlangt
und traf alle Vorbereitungen, um in Gesellschaft einer Dame abzureisen,
die von Murat eine starke Bedeckung erhielt. Zuletzt speiste er noch
einmal in Gesellschaft seiner Freunde, als ihn sein Bedienter
benachrichtigte, dass eine junge Dame mit ihm sprechen wolle. Der
Chirurg ging sogleich mit drei Offizieren hinaus, da er irgend eine
Falle befuerchtete, und die Unbekannte konnte ihrem Geliebten nur noch
zurufen: "Nimm Dich in acht!" und stuerzte tot nieder. Es war die
Kammerfrau, die, als sie sich vergiftet fuehlte, noch zur rechten Zeit
anzukommen gehofft hatte, um den Chirurg zu warnen.

"Teufel, Teufel!" rief der Hauptmann Falcon aus, "das heisst lieben.
Aber auch nur eine Spanierin kann noch zu ihrem Geliebten laufen, wenn
ihr der Tod schon auf der Zunge sitzt."

Der Chirurg versank in tiefes Nachdenken. Um die unheilvollen
Vorgefuehle, die ihn quaelten, zu ersticken, setzte er sich wieder an den
Tisch und trank unmaessig, wie auch seine Gaeste taten. Als alle halb
berauscht waren, begaben sie sich fruehzeitig zur Ruhe. Mitten in der
Nacht wurde der Chirurg durch ein schrillendes Geraeusch erweckt, das
von den Ringen seiner Bettvorhaenge herruehrte, die heftig an den Staeben
zurueckgerissen wurden. Er richtete sich von seinem Lager auf und war
eine Beute jenes mechanischen Zitterns, das uns bei einem solchen
Erwachen zu ergreifen pflegt. Da sah er vor sich einen Spanier, der in
einen Mantel gehuellt war und ihm denselben Flammenblick zuwarf, der am
Abend des Balles durch das Orangengebuesch geleuchtet hatte. Der Chirurg
schrie auf: "Zu Hilfe, zu Hilfe! Zu mir, meine Freunde!" Der Spanier
antwortete auf dieses Angstgeschrei nur mit einem bittern Laecheln.

"Das Opium waechst fuer jedermann!" versetzte er dann. Als er diese Worte
gesagt hatte, zeigte er auf die drei in festem Schlaf liegenden Freunde
und zog dann unter seinem Mantel einen frisch abgeschnittenen Frauenarm
hervor, den er mit einer lebhaften Bewegung dem Chirurg zeigte, um ihn
auf ein Mal aufmerksam zu machen, welches jenem aehnlich war, das dieser
so unklugerweise beschrieben hatte.

"Ist es derselbe?" fragte er.

Beim Scheine einer Laterne, die neben das Bett gestellt war, erkannte
der Chirurg den Arm wieder und antwortete durch sein Staunen. Ohne
weitere Eroerterungen senkte der Gatte der Unbekannten seinen Dolch in
das Herz des Chirurgen."--

"Ihre Erzaehlung ist furchtbar schwer zu glauben," sagte ein Zuhoerer zu
dem Erzaehler. "Koennen Sie mir wohl erklaeren, wer sie Ihnen erzaehlt hat,
ob der Tote oder der Spanier?"

"Mein Herr," antwortete der Erzaehler, "ich habe den armen Mann
gepflegt, da er erst fuenf Tage spaeter unter schrecklichen Leiden starb.
Zur Zeit des Feldzuges, der unternommen wurde, um Ferdinand VII. wieder
einzusetzen, wurde ich zu einem Posten in Spanien ernannt, kam aber
gluecklicherweise nicht weiter, als nach Tours, denn man machte mir
Hoffnung auf die Einnehmerstelle von Sancerre. Am Abend vor meiner
Abreise war ich auf einem Ball bei Frau von Listomere, wo sich auch
mehrere angesehene Spanier eingefunden hatten. Als ich den Spieltisch
verliess, bemerkte ich einen spanischen Grande, einen Afrancesado im
Exil, der seit fuenfzehn Tagen in der Touraine angekommen war. Erst sehr
spaet war er zu diesem Ball gekommen. Er erschien zum ersten Male vor
Leuten und besuchte die Salons in Begleitung seiner Frau, deren Arm
durchaus unbeweglich war. Wir wichen schweigend auseinander, um dieses
Paar hindurchgehen zu lassen, das wir nicht ohne tiefe Bewegung sahen.
Denkt Euch, ein lebendiges Gemaelde von Murillo. Unter gewoelbten und
schwarzen Brauen zeigte der Mann ein starres Flammenauge; sein Antlitz
war eingefallen, und sein kahler Scheitel zeigte gluehende Tinten; sein
Koerper war so leidend, dass man ihn nur mit Beben ansehen konnte. Und
diese Frau! Man kann sie sich gar nicht vorstellen, ohne sie gesehen zu
haben. Sie hatte jenen bewunderungswuerdigen Wuchs, fuer den die
spanische Sprache ein besonderes Wort geschaffen hat; obgleich bleich,
war sie noch immer schoen; ihre Gesichtsfarbe war blendend, infolge
eines fuer eine Spanierin sonst unerhoerten Privilegiums; aber aus ihren
Blicken strahlte die ganze Sonne Spaniens, und sie trafen den, der sie
ansah, wie geschmolzenes Blei.

"Meine Dame," fragte ich die Dame gegen Ende der Soiree, "durch welchen
Zufall haben Sie Ihren Arm verloren?"

"Im Unabhaengigkeitskriege," antwortete sie mir.




NACHWORT


Die Holzschnitte von Honore Daumier und Paul Gavarni, welche die
vorliegende Ausgabe schmuecken, sind nicht urspruenglich zu diesen
Novellen Balzacs geschaffen worden. Sie wurden vom Herausgeber aus dem
reichen Werk der beiden bedeutendsten Graphiker ihrer Zeit ausgewaehlt,
weil sie sich einerseits zwanglos dem Text anpassen und ihn trefflich
illustrieren, anderseits ihren Wert als selbstaendige Kunstwerke
behaupten. Wie Balzac als Romandichter aus engem Verbundensein mit
seiner Zeit heraus die grossen Menschheitskomoedien und tragoedien
gestaltete, so schuf mit gleicher Genialitaet der Zeichner Daumier sein
Werk und gab dem Gesicht der buergerlichen Welt die letzte, gueltige
Praegung. Balzac war in seinem Werk der miterlebende und dennoch kuehl
betrachtende Geschichtsschreiber der Gesellschaft und der Chronist der
von allen Leidenschaften erschuetterten Seele; Daumier enthuellt in
seinen Physigonomien mit unbekuemmerter Kuenstler-objektivitaet das
Innenleben des Buergers und entlarvt ihn mit genialem Federzug bis zur
Karikatur. Zu diesen grossen Beiden gesellt sich Gavarni, leichteren
Blutes und von beweglicherem, spielerischem Geiste, als grazioeser,
spoettischer Sittenschilderer. Balzac selbst gehoerte zu den Bewunderern
Daumiers, und von ihm soll die Aeusserung herruehren: "Dieser Kerl hat
Michelangelo im Leibe!" Und Baudelaire schreibt in seinen Aufsaetzen
ueber Maler und Malerei: "Der wahre Ruhm und die wirkliche Sendung
Gavarnis und Daumiers bestand darin, Balzac zu ergaenzen, der dies
uebrigens bald erkannte und Bundesgenossen und Dolmetscher in ihnen
erblickte und sie als solche ehrte."


CURT MORECK




 INHALTSVERZEICHNIS

 Pierre Grassou
 Die Boerse
 Ehelicher Frieden
 Der Arm


Balzacs Novellen wurden im Auftrag von G. Hirth's Verlag, Muenchen, ins
Deutsche uebertragen und herausgegeben von Gurt Moreck. Gedruckt und
gebunden in der Offizin Knorr & Hirth in Muenchen.





End of Project Gutenberg's Grosse und Kleine Welt, by Honore De Balzac

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International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
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deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
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tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

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***

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you can always email directly to:

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**The Legal Small Print**


(Three Pages)

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They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
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