Project Gutenberg's Die Hochzeit des Moenchs, by Conrad Ferdinand Meyer

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Title: Die Hochzeit des Moenchs

Author: Conrad Ferdinand Meyer

Release Date: December, 2005 [EBook #9495]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on October 5, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HOCHZEIT DES MOENCHS ***




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Die Hochzeit des Mnchs

Conrad Ferdinand Meyer



Es war in Verona.  Vor einem breiten Feuer das einen weitrumigen Herd
fllte, lagerte in den bequemsten Stellungen, welche der Anstand
erlaubt, ein junges Hofgesinde mnnlichen und weiblichen Geschlechts
um einen ebenso jugendlichen Herrscher und zwei blhende Frauen.  Dem
Herd zur Linken sa diese frstliche Gruppe, welcher die brigen in
einem Viertelkreis sich anschlossen, die ganze andere Seite des Herdes
nach hfischer Sitte frei lassend.  Der Gebieter war derjenige
Scaliger, welchen sie Cangrande nannten.  Von den Frauen, in deren
Mitte er sa, mochte die nchst dem Herd etwas zurck und ins
Halbdunkel gelehnte sein Eheweib, die andere, vollbeleuchtete, seine
Verwandte oder Freundin sein, und es wurden mit bedeutsamen Blicken
und halblautem Gelchter Geschichten erzhlt.

Jetzt trat in diesen sinnlichen und mutwilligen Kreis ein
gravittischer Mann, dessen groe Zge und lange Gewnder aus einer
andern Welt zu sein schienen.  "Herr, ich komme, mich an deinem Herde
zu wrmen", sprach der Fremdartige halb feierlich, halb geringschtzig
und verschmhte hinzuzufgen, da die lssige Dienerschaft trotz des
frostigen Novemberabends vergessen oder versumt hatte, Feuer in der
hoch gelegenen Kammer des Gastes zu machen.

"Setze dich neben mich, mein Dante", erwiderte Cangrande, "aber wenn
du dich gesellig wrmen willst, so blicke mir nicht nach deiner
Gewohnheit stumm in die Flamme!  Hier wird erzhlt, und die Hand,
welche heute Terzinen geschmiedet hat auf meine astrologische Kammer
steigend, hrte ich in der deinigen mit dumpfem Gesang Verse
skandieren--, diese wuchtige Hand darf es heute nicht verweigern, das
Spielzeug eines kurzweiligen Geschichtchens, ohne es zu zerbrechen,
zwischen ihre Finger zu nehmen.  Beurlaube die Gttinnen"--er meinte
wohl die Musen--"und vergnge dich mit diesen schnen Sterblichen."
Der Scaliger zeigte seinem Gast mit einer leichten Handbewegung die
zwei Frauen, von welchen die grere, die scheinbar gefhllos im
Schatten sa, nicht daran dachte zu rcken, whrend die kleinere und
aufgeweckte dem Florentiner bereitwillig neben sich Raum machte.  Aber
dieser gab der Einladung seines Wirtes keine Folge, sondern whlte
stolz den letzten Sitz am Ende des Kreises.  Ihm mifiel entweder die
Zweiweiberei des Frsten--wenn auch vielleicht nur das Spiel eines
Abends--oder dann ekelte ihn der Hofnarr, welcher, die Beine vor sich
hingestreckt, neben dem Sessel Cangrandes auf dem herabgeglittenen
Mantel desselben am Boden sa.

Dieser, ein alter, zahnloser Mensch mit Glotzaugen und einem schlaffen,
verschwtzten und vernaschten Maul--neben Dante der einzig Bejahrte
der Gesellschaft--, hie Gocciola, das heit das Trpfchen, weil er
die letzten klebrigen Tropfen aus den geleerten Glsern
zusammenzunaschen pflegte, und hate den Fremdling mit kindischer
Bosheit; denn er sah in Dante seinen Nebenbuhler um die nicht eben
whlerische Gunst des Herrn.  Er schnitt ein Gesicht und erfrechte
sich, seine hbsche Nachbarin zur Linken auf das an der hellen Decke
des hohen Gemaches sich abschattende Profil des Dichters hhnisch
grinsend aufmerksam zu machen.  Das Schattenbild Dantes glich einem
Riesenweibe mit langgebogener Nase und hangender Lippe, einer Parze
oder dergleichen.  Das lebhafte Mdchen verwand ein kindliches Lachen.
Ihr Nachbar, ein klug blickender Jngling, der Ascanio hie, half ihr
dasselbe ersticken, indem er sich an Dante wendete mit einer mavollen
Ehrerbietung, in welcher dieser angeredet zu werden liebte.

"Verschmhe es nicht, du Homer und Virgil Italiens", bat er, "dich in
unser harmloses Spiel zu mischen.  La dich zu uns herab und erzhle,
Meister, statt zu singen."

"Was ist euer Thema?" warf Dante hin, weniger ungesellig, als er
begonnen hatte, aber immer noch mrrisch genug.  "Pltzlicher
Berufswechsel", antwortete der Jngling bndig, "mit gutem oder
schlechtem oder lcherlichem Ausgang."

Dante besann sich.  Seine schwermtigen Augen betrachteten die
Gesellschaft, deren Zusammensetzung ihm nicht durchaus zu mifallen
schien; denn er entdeckte in derselben neben mancher flachen einige
bedeutende Stirnen.  "Hat einer unter euch den entkutteten Mnch
behandelt?" uerte der schon milder Gestimmte.

"Gewi, Dante!" antwortete, sein Italienisch mit einem leichten
deutschen Akzent aussprechend, ein Kriegsmann von treuherzigem
Aussehen, Germano mit Namen, der einen Ringelpanzer und einen lang
herabhngenden Schnurrbart trug.  "Ich selbst erzhlte den jungen
Manuccio, welcher ber die Mauern seines Klosters sprang, um Krieger
zu werden."

"Er tat recht", erklrte Dante, "er hatte sich selbst getuscht ber
seine Anlage."

"Ich, Meister", plauderte jetzt eine kecke, etwas ppige Paduanerin,
namens Isotta, "habe die Helene Manente erzhlt, welche eben die erste
Locke unter der geweihten Schere verscherzt hatte, aber schnell die
brigen mit den beiden Hnden deckte und ihr Nonnengelbde
verschluckte, denn sie hatte ihren in barbareske Sklaverei geratenen
und hchst wunderbar daraus erretteten Freund unter dem Volk im Schiff
der Kirche erblickt, wie er die gelsten Ketten"--sie wollte sagen: an
der Mauer aufhing, aber ihr Geschwtz wurde von dem Munde Dantes
zerschnitten.

"Sie tat gut", sagte er, "denn sie handelte aus der Wahrheit ihrer
verliebten Natur.  Von alledem ist hier die Rede nicht, sondern von
einem ganz andern Fall: Wenn nmlich ein Mnch nicht aus eigenem Trieb,
nicht aus erwachter Weltlust oder Weltkraft, nicht weil er sein Wesen
verkannt htte, sondern einem andern zuliebe, unter dem Druck eines
fremden Willens, wenn auch vielleicht aus heiligen Grnden der Piett,
untreu an sich wird, sich selbst mehr noch als der Kirche gegebene
Gelbde bricht und eine Kutte abwirft, die ihm auf dem Leib sa und
ihn nicht drckte.  Wurde das schon erzhlt?  Nein?  Gut, so werde ich
es tun.  Aber sage mir, wie endet solches Ding, mein Gnner und
Beschtzer?" Er hatte sich ganz gegen Cangrande gewendet.

"Notwendig schlimm", antwortete dieser ohne Besinnen.  "Wer mit freiem
Anlauf springt, springt gut; wer gestoen wird, springt schlecht."

"Du redest die Wahrheit, Herr", besttigte Dante, "und nicht anders,
wenn ich ihn verstehe, meint es auch der Apostel, wo er schreibt: da
Snde sei, was nicht aus dem Glauben gehe, das heit, aus der
berzeugung und Wahrheit unserer Natur."

"Mu es denn berhaupt Mnche geben?" kicherte eine gedmpfte Stimme
aus dem Halbdunkel, als wollte sie sagen: jede Befreiung aus einem an
sich unnatrlichen Stand ist eine Wohltat.

Die dreiste und ketzerische uerung erregte hier kein rgernis, denn
an diesem Hof wurde das khnste Reden ber kirchliche Dinge geduldet,
ja belchelt, whrend ein freies oder nur unvorsichtiges Wort ber den
Herrscher, seine Person oder seine Politik, verderben konnte.

Dantes Auge suchte den Sprecher und entdeckte denselben in einem
vornehmen, jungen Kleriker, dessen Finger mit dem kostbaren Kreuze
tndelten, welches er ber dem geistlichen Gewand trug.

"Nicht meinetwegen", gab der Florentiner bedchtig zur Antwort.
"Mgen die Mnche aussterben, sobald ein Geschlecht ersteht, welches
die beiden hchsten Krfte der Menschenseele, die sich auszuschlieen
scheinen, die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit vereinigen lernt.
Bis zu jener spten Weltstunde verwalte der Staat die eine, die Kirche
die andere.  Da aber die bung der Barmherzigkeit eine durchaus
selbstlose Seele fordert, so sind die drei mnchischen Gelbde
gerechtfertigt; denn es ist weniger schwer, wie die Erfahrung lehrt,
der Lust ganz als halb zu entsagen."

"Gibt es aber nicht mehr schlechte Mnche als gute?" fragte der
geistliche Zweifler weiter.

"Nein", behauptete Dante, "wenn man die menschliche Schwachheit
bercksichtigt.  Es mte denn mehr ungerechte Richter als gerechte,
mehr feige Krieger als beherzte, mehr schlechte Menschen als gute
geben."

"Und ist das nicht der Fall?" flsterte der im Halbdunkel.

"Nein", entschied Dante, und eine himmlische Verklrung erleuchtete
seine strengen Zge.  "Fragt und untersucht unsere Philosophie nicht:
wie ist das Bse in die Welt gekommen?  Wren die Bsen in der
Mehrzahl, so fragten wir: wie kam das Gute in die Welt?"

Diese stolzen und dunkeln Stze imponierten der Gesellschaft, erregten
aber auch die Besorgnis, der Florentiner mchte sich in seine
Scholastik vertiefen statt in seine Geschichte.

Cangrande sah, wie seine junge Freundin ein hbsches Ghnen verwand.
Unter solchen Umstnden ergriff er das Wort und fragte: "Erzhlst du
uns eine wahre Geschichte, mein Dante, nach Dokumenten? oder eine Sage
des Volksmunds? oder eine Erfindung deiner bekrnzten Stirne?"

Dieser antwortete langsam betonend: "Ich entwickle meine Geschichte
aus einer Grabschrift."

"Aus einer Grabschrift?"

"Aus einer Grabschrift, die ich vor Jahren bei den Franziskanern in
Padua gelesen habe.  Der Stein, welcher sie trgt, lag in einem Winkel
des Klostergartens, allerdings unter wildem Rosengestruch versteckt,
aber doch den Novizen zugnglich, wenn sie auf allen vieren krochen
und sich eine von Dornen zerkritzte Wange nicht reuen lieen.  Ich
befahl dem Prior--will sagen, ich ersuchte ihn, den fraglichen Stein
in die Bibliothek zu versetzen und unter die Hut eines Greises zu
stellen."

"Was sagte denn der Stein?" lie sich jetzt die Gemahlin des Frsten
nachlssig vernehmen.

"Die Inschrift", erwiderte Dante, "war lateinisch und lautete: Hic
jacet monachus Astorre cum uxore Antiope.  Sepeliebat Azzolinus."

"Was heit denn das?" fragte die andere neugierig.

Cangrande bersetzte flieend: "Hier schlummert der Mnch Astorre
neben seiner Gattin Antiope.  Beide begrub Ezzelin."

"Der abscheuliche Tyrann!" rief die Empfindsame.  "Gewi hat er die
beiden lebendig begraben lassen, weil sie sich liebten, und das Opfer
noch in der Gruft gehhnt, indem er es die Gattin des Mnches nannte.
Der Grausame!"

"Kaum", meinte Dante.  "Das hat sich in meinem Geiste anders gestaltet
und ist auch nach der Geschichte unwahrscheinlich.  Denn Ezzelin
bedrohte wohl eher den kirchlichen Gehorsam als den Bruch geistlicher
Gelbde.  Ich nehme das 'sepeliebat' in freundlicherem Sinne: er gab
den beiden ein Begrbnis."

"Recht", rief Cangrande freudig, "du denkst wie ich, Florentiner!
Ezzelino war eine Herrschernatur und, wie sie einmal sind, etwas rauh
und gewaltsam.  Neun Zehntel seiner Frevel haben ihm die Pfaffen und
das fabelschtige Volk angedichtet." "Mchte dem so sein!" seufzte
Dante.  "Wo er brigens in meiner Fabel auftritt, ist er noch nicht
das Ungeheuer, welches uns, wahr oder falsch, die Chronik schildert,
sondern seine Grausamkeit beginnt sich nur erst zu zeichnen, mit einem
Zug um den Mund sozusagen--"

"Eine gebietende Gestalt", vollendete Cangrande feurig das Bildnis,
"mit gestrubtem, schwarzem Stirnhaar, wie du ihn in deinem zwlften
Gesang als einen Bewohner der Hlle malst.  Woher hast du dieses
schwarzhaarige Haupt?"

"Es ist das deinige", versetzte Dante khn, und Cangrande fhlte sich
geschmeichelt.

"Auch die brigen Gestalten der Erzhlung", fuhr er mit lchelnder
Drohung fort, "werde ich, ihr gestattet es?"--und er wendete sich
gegen die Umsitzenden--"aus eurer Mitte nehmen und ihnen eure Namen
geben: euer Inneres lasse ich unangetastet, denn ich kann nicht darin
lesen."

"Meine Miene gebe ich dir preis", sagte groartig die Frstin, deren
Gleichgltigkeit zu weichen begann.

Ein Gemurmel der hchsten Aufregung lief durch die Zuhrer, und:
"Deine Geschichte, Dante!" raunte es von allen Seiten, "deine
Geschichte!"

"Hier ist sie", sagte dieser und erzhlte.

"Wo sich der Gang der Brenta in einem schlanken Bogen der Stadt Padua
nhert, ohne diese jedoch zu berhren, glitt an einem himmlischen
Sommertag unter gedmpftem Fltenschall eine bekrnzte, von festlich
Gekleideten berfllte Barke auf dem schnellen, aber ruhigen Wasser.
Es war die Brautfahrt des Umberto Vicedomini und der Diana Pizzaguerra.
Der Paduaner hatte sich seine Verlobte aus einem am obern Lauf des
Flusses gelegenen Kloster geholt, wohin, kraft einer alten stdtischen
Sitte, Mdchen von Stand vor ihrer Hochzeit zum Behufe frommer bungen
sich zurckzuziehen pflegen.  Sie sa in der Mitte der Barke auf einem
purpurnen Polster zwischen ihrem Brutigam und den drei blhenden
Knaben seines ersten Bettes.  Umberto Vicedomini hatte vor fnf Jahren,
da die Pest in Padua wtete, das Weib seiner Jugend begraben und,
obwohl in der Kraft der Mnnlichkeit stehend, nur schwer und
widerwillig, auf das tgliche Drngen eines alten und siechen Vaters,
zu diesem zweiten Ehebund sich entschlossen.

Mit eingezogenen Rudern fuhr die Barke, dem Willen des Stromes sich
berlassend.  Die Bootsknechte begleiteten die sanfte Musik mit einem
halblauten Gesang.  Da verstummten beide.  Aller Augen hatten sich
nach dem rechten Ufer gerichtet, an welchem ein groer Reiter seinen
Hengst bndigte und mit einer weiten Gebrde nach der Barke herber
grte.  Scheues Gemurmel durchlief die Reihen der Sitzenden.  Die
Ruderer rissen sich die roten Mtzen vom Kopf, und das ganze Fest
erhob sich in Furcht und Ehrerbietung, auch der Brutigam, Diana und
die Knaben.  Untertnige Gebrden, grende Arme, halbgebogene Knie
wendeten sich gegen den Strand mit einem solchen Ungestm und berma
der Bewegung, da die Barke aus dem Gleichgewicht kam, sich nach
rechts neigte und pltzlich berwog.  Ein Schrei des Entsetzens, ein
drehender Wirbel, eine leere Strommitte, die sich mit Auftauchenden,
wieder Versinkenden und den schwimmenden Krnzen der verunglckten
Barke bevlkerte.  Hilfe war nicht ferne, denn wenig weiter unten lag
ein kleiner Port, wo Fischer und Fhrleute hausten und heute auch die
Rosse und Snften warteten, welche die Gesellschaft, die jetzt im
Strom unterging, vollends nach Padua htten bringen sollen.

Die zwei ersten der rettenden Khne strebten sich von den
entgegengesetzten Ufern zu.  In dem einen stand neben einem alten
Fergen mit struppigem Bart Ezzelin, der Tyrann von Padua, der
unschuldige Urheber des Verderbens, in dem andern, vom linken Ufer
kommenden ein junger Mnch und sein Fhrmann, welcher den staubigen
Waller ber den Strom stie gerade in dem Augenblick, da sich darauf
das Unheil zutrug.  Die beiden Boote erreichten sich.  Zwischen ihnen
schwamm im Flusse etwas wie eine Flle blonden Haares, in das der
Mnch entschlossen hineingriff, knielings, mit weit ausgestrecktem
Arme, whrend sein Schiffer aus allen Krften sich auf die andere
Seite des Nachens zurckstemmte.  An einer dicken Strhne hob der
Mnch ein Haupt, das die Augen geschlossen hielt, und dann, mit Hilfe
des dicht herangekommenen Ezzelin, die Last eines von triefendem
Gewand beschwerten Weibes aus der Strmung.  Der Tyrann war von seinem
Nachen in den andern gesprungen und betrachtete jetzt das entseelte
Haupt, das einen Ausdruck von Trotz und Unglck trug, mit einer Art
von Wohlgefallen, sei es an den groen Zgen desselben, sei es an der
Ruhe des Todes.

'Kennst du sie, Astorre?' fragte er den Mnch.  Dieser schttelte
verneinend den Kopf, und der andere fuhr fort: 'Siehe, es ist das Weib
deines Bruders.'

Der Mnch warf auf das bleiche Antlitz einen mitleidigen, scheuen
Blick, welches unter demselben langsam die schlummernden Augen ffnete.

'Bringe sie ans Ufer!' befahl Ezzelin, allein der Mnch berlie sie
seinem Fhrmann.  'Ich will meinen Bruder suchen', rief er, 'bis ich
ihn finde.'--'Ich helfe dir, Mnch', sagte der Tyrann, 'doch ich
zweifle, da wir ihn retten: ich sah ihn, wie er seine Knaben
umschlang und, von den dreien umklammert, schwer in die Tiefe ging.'

Inzwischen hatte sich die Brenta mit Fahrzeugen bedeckt.  Es wurde
gefischt mit Stangen, Haken, Angeln, Netzen, und in der rasch
wechselnden Szene vervielfltigte sich ber den Suchenden und den
gehobenen Brden die Gestalt des Herrschers.

'Komm, Mnch!' sagte er endlich.  'Hier gibt es fr dich nichts mehr
zu tun.  Umberto und seine Knaben liegen nunmehr zu lang in der Tiefe,
um ins Leben zurckzukehren.  Der Strom hat sie verschleppt.  Er wird
sie ans Ufer legen, wann er ihrer mde ist.  Aber siehst du dort die
Zelte?' Man hatte deren eine Zahl am Strand der Brenta zum Empfang der
mit der Hochzeitsbarke Erwarteten aufgeschlagen und jetzt die Toten
oder Scheintoten hineingelegt, welche von ihren schon aus dem nahen
Padua herbeigeeilten Verwandten und Dienern umjammert wurden.  'Dort,
Mnch, verrichte, was deines Amtes ist: Werke der Barmherzigkeit!
Trste die Lebenden!  Bestatte die Toten!'

Der Mnch hatte das Ufer betreten und den Reichsvogt aus den Augen
verloren.  Da kam ihm aus dem Gedrnge Diana entgegen, die Braut und
Witwe seines Bruders, trostlos, aber ihrer Sinne wieder mchtig.  Noch
trieften die schweren Haare, aber auf ein gewechseltes Gewand: ein
mitleidiges Weib aus dem Volke hatte ihr im Gezelt das eigene gegeben
und sich des kostbaren Hochzeitskleides bemchtigt.  'Frommer Bruder',
wendete sie sich an Astorre, 'ich bin verlassen: die mir bestimmte
Snfte ist in der Verwirrung mit einer andern, Lebenden oder Toten, in
die Stadt zurckgekehrt.  Begleite mich nach dem Hause meines
Schwiegers, der dein Vater ist!'

Die junge Witwe tuschte sich.  Nicht in der Bestrzung und Verwirrung,
sondern aus Feigheit und Aberglauben hatte das Gesinde des alten
Vicedomini sie im Stiche gelassen.  Es frchtete sich, dem jhzornigen
Alten eine Wittib und, mit ihr die Kunde von dem Untergang seines
Hauses zu bringen.

Da der Mnch viele seinesgleichen unter den Zelten und im Freien mit
barmherzigen Werken beschftigt sah, willfahrte er dem Gesuch.  'Gehen
wir', sagte er und schlug mit dem jungen Weibe die Strae nach der
Stadt ein, deren Trme und Kuppeln auf dem blauen Himmel wuchsen.  Der
Weg war bedeckt mit Hunderten, die an den Strand eilten oder vom
Strande zurckkehrten.  Die beiden schritten, oft voneinander getrennt,
aber sich immer wieder findend, in der Mitte der Strae, ohne
miteinander zu reden, und wandelten jetzt schon durch die Vorstadt, wo
die Gewerbe hausen.  Hier standen berall--das Unglck auf der Brenta
hatte die ganze Bevlkerung auf die Beine gebracht--laut plaudernde
oder flsternde Gruppen, welche das zufllige Paar, das den Bruder und
den Brutigam verloren hatte, mit teilnehmender Neugierde betrachteten.

Der Mnch und Diana waren Gestalten, die jedes Kind in Padua kannte.
Astorre, wenn er nicht fr einen Heiligen galt, hatte doch den Ruf des
musterhaften Mnches.  Er konnte der Stadtmnch von Padua heien, den
das Volk verehrte und auf den es stolz war.  Und mit Grund: denn er
hatte auf die Vorrechte seines hohen Adels und den unermelichen
Besitz seines Hauses tapfer, ja freudig verzichtet und gab sein Leben
in Zeiten der Seuche oder bei andern ffentlichen Fhrlichkeiten, ohne
zu markten, fr den Geringsten und die rmste preis.  Dabei war er mit
seinem kastanienbraunen Kraushaar, seinen warmen Augen und seiner
edeln Gebrde ein anmutender Mann, wie das Volk seine Heiligen liebt.

Diana war in ihrer Weise nicht weniger namhaft, schon durch die
Vollkraft des Wuchses, welche das Volk mehr als die zarten Reize
bewundert.  Ihre Mutter war eine Deutsche gewesen, ja eine Staufin,
wie einige behaupteten, freilich nur dem Blute, nicht dem Gesetze nach.
Deutschland und Welschland hatten zusammen als gute Schwestern diese
groe Gestalt gebaut.

Wie herb und streng Diana mit ihresgleichen umging, mit den Geringen
war sie leutselig, lie sich ihre Hndel erzhlen, gab kurzen und
deutlichen Bescheid und kte die zerlumptesten Kinder.  Sie schenkte
und spendete ohne Besinnen, wohl weil ihr Vater, der alte Pizzaguerra,
nach Vicedomini der reichste Paduaner, zugleich der schmutzigste
Geizhals war, und Diana sich des vterlichen Lasters schmte.

So verheiratete das ihr geneigte Volk in seinen Schenken und
Plauderstuben Diana monatlich mit irgendeinem vornehmen Paduaner, doch
die Wirklichkeit trug diesen frommen Wnschen keine Rechnung.  Drei
Hindernisse erschwerten eine Brautschaft: die hohen und oft finsteren
Brauen Dianas, die geschlossene Hand ihres Vaters und die blinde
Anhnglichkeit ihres Bruders Germano an den Tyrannen, bei dessen
mglichem Falle der treue Diener mit zugrunde gehen mute, seine Sippe
nach sich ziehend.

Endlich verlobte sich mit ihr, ohne Liebe, wie es stadtkundig war,
Umberto Vicedomini, der jetzt in der Brenta lag.

brigens waren die beiden so versunken in ihren gerechten Schmerz, da
sie das eifrige Geschwtz, welches sich an ihre Fersen heftete,
entweder nicht vernahmen oder sich wenig um dasselbe bekmmerten.
Nicht das gab Ansto, da der Mnch und das Weib nebeneinander
schritten.  Es erschien in der Ordnung, da der Mnch an ihr zu trsten
hatte und sie wohl beide denselben Weg gingen: zu dem alten Vicedomini,
als die nchsten und natrlichen Boten des Geschehenen.

Die Weiber bejammerten Diana, da sie einen Mann habe heiraten mssen,
der sie nur als Ersatz fr eine teure Gestorbene genommen, und
beklagten sie in demselben Atemzug, da sie diesen Mann vor der Ehe
eingebt habe.

Die Mnner dagegen errterten mit wichtigen Gebrden und den
schlausten Mienen eine brennende Frage, welche sich ber den in der
Brenta versunkenen vier Stammhaltern des ersten paduanischen
Geschlechts erffnet hatte.  Die Glcksgter der Vicedomini waren
sprichwrtlich.  Das Familienhaupt, ein ebenso energischer wie
listiger Mensch, der es fertiggebracht hatte, mit beiden, dem fnffach
gebannten Tyrannen von Padua und der diesen verdammenden Kirche auf
gutem Fu zu bleiben, hatte sich lebelang nicht im geringsten mit
etwas ffentlichem beschftigt, sondern ein zhes Dasein und prchtige
Willenskrfte auf ein einziges Ziel gewendet: den Reichtum und das
Gedeihen seines Stammes.  Jetzt war dieser vernichtet.  Sein ltester
und die Enkel lagen in der Brenta.  Sein Zweiter und Dritter waren in
eben diesem Unglcksjahr, der eine vor zwei, der andere vor drei
Monden von der Erde verschwunden.  Den ltern hatte der Tyrann
verbraucht und auf einem seiner wilden Schlachtfelder zurckgelassen.
Der andere, aus welchem der vorurteilslose Vater einen groartigen
Kaufmann in venezianischem Stil gemacht, hatte sich an einer
morgenlndischen Kste auf dem Kreuz verblutet, an welches ihn
Seeruber geschlagen, verspteten Lsegeldes halber.  Als Vierter
blieb Astorre, der Mnch.  Da er diesen mit dem Aufwand seines
letzten Pulses den Klostergelbden zu entreien versuchen werde, daran
zweifelten die schnellrechnenden Paduaner keinen Augenblick.  Ob es
ihm gelinge und der Mnch sich dazu hergebe, darber stritt jetzt die
aufgeregte Gasse.

Und sie stritt sich am Ende so laut und heftig, da selbst der
trauernde Mnch nicht mehr im Zweifel darberbleiben konnte, wer mit
dem 'egli' und der 'ella' gemeint sei, welche aus den versammelten
Gruppen ertnten.  Dergestalt schlug er, mehr noch seiner Gefhrtin
als seinethalben, eine mit Gras bewachsene Gasse ein, die seinen
Sandalen wohlbekannt war, denn sie fhrte lngs der verwitterten
Ringmauer seines Klosters hin.  Hier war es bis zum Schauder khl,
aber die ganz Padua erfllende Schreckenskunde hatte selbst diese
Schatten erreicht.  Aus den offenen Fenstern des Refektoriums, das in
die dicke Mauer gebaut war, scholl an der verspteten
Mittagstafel--die Katastrophe auf der Brenta hatte in der Stadt alle
Zeiten und Stunden gestrt--das Tischgesprch der Brder so znkisch
und schreiend, so voller '-inibus' und '-atibus'--es wurde lateinisch
gefhrt--, oder dann stritt man sich mit Zitaten aus den Dekretalen,
da der Mnch unschwer erriet, auch hier werde dasselbe oder ein
hnliches Dilemma wie auf der Strae verhandelt.  Und wenn er sich
vielleicht nicht Rechenschaft gab, wovon, so wute er doch, von wem
die Rede ging.  Aber was er nicht entdeckte, waren--"

Mitten im Sprechen suchte Dante unter den Zuhrern den vornehmen
Kleriker, der sich hinter seinem Nachbarn verbarg.

"--waren zwei brennende, hohle Augen, welche durch eine Luke in der
Mauer auf ihn und das Weib an seiner Seite starrten.  Diese Augen
gehrten einer unseligen Kreatur, einem verlorenen Mnch, namens
Serapion, welcher sich, Seele und Leib, im Kloster verzehrte.  Mit
seiner voreiligen Einbildungskraft hatte dieser auf der Stelle
begriffen, da sein Mitbruder Astorre zum lngsten nach der Regel des
heiligen Franziskus gedarbt und gefastet habe und beneidete ihn rasend
um den ihm von der Laune des Todes zugeworfenen Besitz weltlicher
Gter und Freuden.  Er lauerte auf den Heimkehrenden, um die Mienen
desselben zu erforschen und darin zu lesen, was Astorre ber sich
beschlossen htte.  Seine Blicke verschlangen das Weib und hafteten an
ihren Stapfen."

Astorre lenkte die Schritte und die seiner Schwgerin auf einen
kleinen, von vier Stadtburgen gebildeten Platz und trat mit ihr in das
tiefe Tor der vornehmsten.  Auf einer Steinbank im Hof erblickte er
zwei Ruhende, einen vom Wirbel zur Zehe gepanzerten, blutjungen
Germanen und einen greisen Sarazenen.  Der hingestreckte Deutsche
hatte seinen schlummernden rotblonden Krauskopf in den Scho des
sitzenden Unglubigen gelegt, der, ebenfalls schlummernd, mit seinem
schneeweien Barte vterlich auf ihn niedernickte.  Die zwei gehrten
zur Leibwache Ezzelins, welche sich in Nachahmung derjenigen seines
Schwiegers, des Kaisers Friedrich, aus Deutschen und Sarazenen zu
gleichen Teilen zusammensetzte.  Der Tyrann war im Palaste.  Er mochte
es fr seine Pflicht gehalten haben, den alten Vicedomini zu besuchen.
In der Tat vernahmen Astorre und Diana schon auf der Wendeltreppe das
Gesprch, welches Ezzelin in kurzen, ruhigen Worten, der Alte dagegen,
der gnzlich auer sich zu sein schien, mit schreiender und
scheltender Stimme fhrte.  Mnch und Weib blieben am Eingang des
Saales unter dem bleichen Gesinde stehen.  Die Diener zitterten an
allen Gliedern.  Der Greis hatte sie mit den heftigsten Verwnschungen
berhuft und dann mit geballten Fusten weggejagt, weil sie ihm
versptete Botschaft vom Strand gebracht und dieselbe hervorzustottern
sich kaum getraut.  berdies hatte dieses Gesinde der gefrchtete
Schritt des Tyrannen versteinert.  Es war bei Todesstrafe verboten,
ihn anzumelden.  Unaufgehalten wie ein Geist betrat er Huser und
Gemcher.

'Und das berichtest du so gelassen, Grausamer', tobte der Alte in
seiner Verzweiflung, 'als erzhltest du den Verlust eines Rosses oder
einer Ernte?  Du hast mir die viere gettet, niemand anders als du!
Was brauchtest du gerade zu jener Stunde am Strande zu reiten?  Was
brauchtest du auf die Brenta hinauszugren?  Das hast du mir zuleide
getan!  Hrst du wohl?'

'Schicksal', antwortete Ezzelin.

'Schicksal?' schrie der Vicedomini.  'Schicksal und Sternguckerei und
Beschwrungen und Verschwrungen und Enthauptungen, von der Zinne auf
das Pflaster sich werfende Weiber und hundert pfeildurchbohrte
Jnglinge vom Ro sinkend in deinen versuchten, waghalsigen Schlachten,
das ist deine Zeit und Regierung, Ezzelin, du Verfluchter und
Verdammter!  Uns alle ziehst du in deine blutigen Gleise, alles Leben
und Sterben wird neben dir gewaltsam und unnatrlich, und niemand
endet mehr als reuiger Christ in seinem Bett!'

'Du tust mir unrecht', versetzte der andere.  Ich zwar habe mit der
Kirche nichts zu schaffen.  Sie lt mich gleichgltig.  Aber dich und
deinesgleichen habe ich nie gehindert, mit ihr zu verkehren.  Das
weit du, sonst wrdest du dich nicht erkhnen, mit dem Heiligen Stuhl
Briefe zu wechseln.  Was drehst du da in deinen Hnden und verbirgst
mir das ppstliche Siegel?  Einen Abla?  Ein Breve?  Gib her!
Wahrhaftig, ein Breve!  Darf ich es lesen?  Du erlaubst?  Dein Gnner,
der Heilige Vater, schreibt dir, da, wrde dein Stamm erlschen bis
auf deinen Vierten und Letzten, den Mnch, dieser ipso facto seiner
Gelbde ledig sei, wenn er aus freiem Willen und eigenem Entschlu in
die Welt zurckkehre.  Schlauer Fuchs, wie viele Unzen Goldes hat dich
dieses Pergament gekostet?'

'Verhhnst du mich?' heulte der Alte.  Was anderes blieb mir brig
nach dem Tod meines Zweiten und Dritten?  Fr wen htte ich gesammelt
und gespeichert?  Fr die Wrmer?  Fr dich?  Willst du mich berauben?
...  Nein?  So hilf mir, Gevatter'--der noch ungebannte Ezzelin hatte
den dritten Knaben Vicedominis aus der Taufe gehoben, denselben, der
sich fr ihn auf dem Schlachtfeld geopfert--, 'hilf mir den Mnch
berwinden, da er wieder weltlich werde und ein Weib nehme, befiehl
es ihm, du Allgewaltiger, gib ihn mir statt des Sohnes, den du mir
geschlachtet hast, halte mir den Daumen, wenn du mich liebst!'

'Das geht mich nichts an', erwiderte der Tyrann ohne die geringste
Erregung.  Das mache er mit sich selbst aus.  Freiwillig, sagt das
Breve.  Warum sollte er, wenn er ein guter Mnch ist, wie ich glaube,
seinen Stand wechseln?  Damit das Blut der Vicedomini nicht versiege?
Ist das eine Lebensbedingung der Welt?  Sind die Vicedomini eine
Notwendigkeit?'

Jetzt kreischte der andere in rasender Wut: 'Du Bser, du Mrder
meiner Kinder!  Ich durchblicke dich!  Du willst mich beerben und mit
meinem Geld deine wahnsinnigen Feldzge fhren!' Da gewahrte er seine
Schwiegertochter, welche vor dem zgernden Mnch durch das Gesinde und
ber die Schwelle getreten war.  Trotz seiner Leibesschwachheit
strzte er ihr mit wankenden Schritten entgegen, ergriff und ri ihre
Hnde, als wollte er sie zur Verantwortung ziehen fr das ber sie
beide gekommene Unheil.  'Wo hast du meinen Sohn, Diana?' keuchte er.

'Er liegt in der Brenta', antwortete sie traurig, und ihre blauen
Augen dunkelten.

'Wo meine drei Enkel?'

'In der Brenta', wiederholte sie.

'Und dich bringst du mir als Geschenk?  Dich behalte ich?' lachte der
Alte mitnig.

'Wollte der Allmchtige', sagte sie langsam, 'mich zgen die Wellen,
und die andern stnden hier statt meiner!'

Sie schwieg. Dann geriet sie in einen jhen Zorn.  'Beleidigt dich
mein Anblick und bin ich dir berlstig, so halte dich an diesen: er
hat mich, da ich schon gestorben war, an den Haaren gerissen und ins
Leben zurckgezogen!'

Jetzt erst erblickte der Alte den Mnch, seinen Sohn, und sein Geist
sammelte sich mit einer Kraft und Schnelligkeit, welche der schwere
Jammer eher gesthlt als gelhmt zu haben schien.

'Wirklich?  Dieser hat dich aus der Brenta geholt?  Hm!  Merkwrdig!
Die Wege Gottes sind doch wunderbar!'

Er ergriff den Mnch an Arm und Schulter, als wollte er sich desselben
Leib und Seele bemchtigen, und schleppte ihn und sich gegen seinen
Krankenstuhl, auf welchen er hinfiel, ohne den gepreten Arm des nicht
Widerstrebenden freizugeben.  Diana folgte und kniete sich auf der
andern Seite des Sessels nieder mit hngenden Armen und gefalteten
Hnden, das Haupt auf die Lehne legend, so da nur der Knoten ihres
blonden Haares wie ein lebloser Gegenstand sichtbar blieb.  Der Gruppe
gegenber sa Ezzelin, die Rechte auf das gerollte Breve wie auf einen
Feldherrnstab gesttzt.

'Shnchen, Shnchen', wimmerte der Alte mit einer aus Wahrheit und
List gemischten Zrtlichkeit, 'mein letzter und einziger Trost!  Du
Stab und Stecken meines Alters wirst mir nicht zwischen diesen
zitternden Hnden zerbrechen!...  Du begreifst', fuhr er in einem
schon trockneren, sachlichen Ton fort, 'da, wie die Dinge einmal
liegen, deines Bleibens im Kloster nicht lnger sein kann.  Ist es
doch kanonisch, nicht wahr, Shnchen, da ein Mnch, dessen Vater
verarmt oder versiecht, von seinem Prior beurlaubt wird, um das Erbgut
zu bebauen und den Urheber seiner Tage zu ernhren.  Ich aber brauche
dich noch viel notwendiger.  Deine Brder und Neffen sind weg, und
jetzt bist du es, der die Lebensfackel unseres Hauses trgt!  Du bist
ein Flmmchen, das ich angezndet habe, und mir kann nicht dienen, da
es in einer Zelle verglimme und verrauche!  Wisse eines'--er hatte in
den warmen, braunen Augen ein aufrichtiges Mitgefhl gelesen, und die
ehrerbietige Haltung des Mnches schien einen blinden Gehorsam zu
versprechen--, 'ich bin krnker, als du denkst.  Nicht wahr,
Isaschar?' Er wendete sich rckwrts gegen eine schmale Gestalt,
welche, mit Flschchen und Lffel in den Hnden, durch eine Nebentr
leise hinter den Stuhl des Alten getreten war und jetzt mit dem
blassen Haupt besttigend nickte.  Ich fahre dahin, aber ich sage dir,
Astorre: Lt du mich meines Wunsches ungewhrt, so weigert sich dein
Vterchen, in den Kahn des Totenfhrers zu steigen, und bleibt
zusammengekauert am Dmmerstrand sitzen!'

Der Mnch streichelte die fiebernde Hand des Alten zrtlich,
antwortete aber mit Sicherheit zwei Worte: 'Meine Gelbde!'

Ezzelin entfaltete das Breve.

'Deine Gelbde?' schmeichelte der alte Vicedomini.  Lose Stricke!
Durchfeilte Fesseln!  Mache eine Bewegung, und sie fallen.  Die
heilige Kirche, welcher du Ehrfurcht und Gehorsam schuldig bist,
erklrt sie fr ungltig und nichtig.  Da steht es geschrieben.' Sein
drrer Finger zeigte auf das Pergament mit dem ppstlichen Siegel.

Der Mnch nherte sich ehrerbietig dem Herrscher, empfing die Schrift
und las, von vier Augen beobachtet.  Schwindelnd tat er einen Schritt
rckwrts, als stnde er auf einer Turmhhe und she das Gelnder
pltzlich weichen.

Ezzelin griff dem Wankenden mit der kurzen Frage unter die Arme: 'Wem
hast du dein Gelbde gegeben, Mnch?  Dir? oder der Kirche?'

'Natrlich beiden!' schrie der Alte erbost.  'Das sind verfluchte
Spitzfindigkeiten!  Nimm dich vor dem dort in acht, Shnchen!  Er will
uns Vicedomini an den Bettelstab bringen!' Ohne Zorn legte Ezzelin die
Rechte auf den Bart und schwur: 'Stirbt Vicedomini, so beerbt ihn der
Mnch hier, sein Sohn, und stiftet--sollte das Geschlecht mit ihm
erlschen und wenn er mich und seine Vaterstadt lieb hat--ein Hospital
von einer gewissen Ausdehnung und Groartigkeit, um welches uns die
hundert Stdte'--er meinte die Stdte Italiens--'beneiden sollen.  Nun,
Gevatter, da ich mich von dem Vorwurf der Raubgier gereinigt habe,
darf ich an den Mnch ein paar weitere Fragen richten?  Du gestattest?'

Jetzt packte den Alten ein solcher Ingrimm, da er in Krmpfe fiel.
Noch aber lie er den Arm des Mnches, welchen er wieder ergriffen
hatte, nicht fahren.

Isaschar nherte den vollen, mit einer stark duftenden Essenz
gefllten Lffel vorsichtig den fahlen Lippen.  Der Gefolterte wendete
mit einer Anstrengung den Kopf ab.  'La mich in Ruhe!' sthnte er,
'du bist auch der Arzt des Vogts!' und schlo die Augen.

Der Jude wandte die seinigen, welche glnzend schwarz und sehr klug
waren, gegen den Tyrannen, als flehe er um Verzeihung fr diesen
Argwohn.  'Wird er zur Besinnung zurckkehren?' fragte Ezzelin.

'Ich glaube', antwortete der Jude.  'Noch lebt er und wird wieder
erwachen, aber nicht fr lange, frchte ich.  Diese Sonne sieht er
nicht untergehen.'

Der Tyrann ergriff den Augenblick, mit Astorre zu sprechen, der um den
ohnmchtigen Vater beschftigt war.

'Stehe mir Rede, Mnch!' sagte Ezzelin und whlte--seine
Lieblingsgebrde--mit den gespreizten Fingern der Rechten in dem
Gewelle seines Bartes.  'Wieviel haben dich die drei Gelbde gekostet,
die du vor zehn und einigen Jahren, ich gebe dir dreiig'--der Mnch
nickte--, beschworen hast?'

Astorre schlug die lautern Augen auf und erwiderte ohne Bedenken:
'Armut und Gehorsam, nichts sonst.  Ich habe keinen Sinn fr Besitz
und gehorche leicht.' Er hielt inne und errtete.

Der Tyrann fand ein Wohlgefallen an dieser mnnlichen Keuschheit.
'Hat dir dieser hier deinen Stand aufgentigt oder dich dazu
beschwatzt?' lenkte er ab.

'Nein', erklrte der Mnch.  Seit lange her, wie der Stammbaum erzhlt,
wird in unserm Hause von dreien oder vieren der letzte geistlich, sei
es, damit wir Vicedomini einen Frbitter besitzen, oder um das Erbe
und die Macht des Hauses zu wahren--gleichviel, der Brauch ist alt und
ehrwrdig.  Ich kannte mein Los, welches mir nicht zuwider war, von
jung an.  Mir wurde kein Zwang auferlegt.'

'Und das dritte?' holte Ezzelin nach--er meinte das dritte Gelbde.
Astorre verstand ihn.

Mit einem neuen, aber dieses Mal schwachen Errten erwiderte er: 'Es
ist mir nicht leicht geworden, doch ich vermochte es wie andere Mnche,
wenn sie gut beraten sind, und das war ich.  Von dem heiligen
Antonius', fgte er ehrfrchtig hinzu.

"Dieser verdienstliche Heilige, wie ihr wit, Herrschaften, hat einige
Jahre bei den Franziskanern in Padua gelebt", erluterte Dante.

"Wie sollten wir nicht?" scherzte einer unter den Zuhrern.  "Haben
wir doch die Reliquie verehrt, die in dem dortigen Klosterteich
herumschwimmt: ich meine den Hecht, welcher weiland der Predigt des
Heiligen beiwohnte, sich bekehrte, der Fleischspeise entsagte, im
Guten standhielt und jetzt noch in hohem Alter als strenger Vegetarier.
.. " Er verschluckte das Ende des Schwankes, denn Dante hatte gegen
ihn die Stirn gerunzelt.

'Und was riet er dir?' fragte Ezzelin.  'Meinen Stand einfach zu
fassen, schlecht und recht', berichtete der Mnch, als einen
pnktlichen Dienst, etwa wie einen Kriegsdienst, welcher ja auch
gehorsame Muskeln verlangt, und Entbehrungen, die ein wackerer Krieger
nicht einmal als solche fhlen darf: die Erde im Schwei meines
Angesichts zu graben, mig zu essen, mig zu fasten, weder Mdchen
noch jungen Frauen Beichte zu sitzen, im Angesicht Gottes zu wandeln
und seine Mutter nicht brnstiger anzubeten, als das Breviarium
vorschreibt.'

Der Tyrann lchelte.  Dann streckte er die Rechte gegen den Mnch aus,
ermahnend oder segnend, und sprach: 'Glcklicher!  Du hast einen Stern!
Dein Heute entsteht leicht aus deinem Gestern und wird unversehens
zu deinem Morgen!  Du bist etwas und nichts Geringes; denn du bst das
Amt der Barmherzigkeit, das ich gelten lasse, wiewohl ich ein anderes
bekleide.  Wrdest du in die Welt treten, die ihre eigenen Gesetze
befolgt, welche zu lernen es fr dich zu spt ist, so wrde dein
klarer Stern zum lcherlichen Irrwisch und zerplatzte zischend nach
ein paar albernen Sprngen unter dem Hohn der Himmlischen!

Noch eines, und dies rede ich als der, welcher ich bin: der Herr von
Padua.  Dein Wandel war meinem Volk eine Erbauung, ein Beispiel der
Entsagung.  Der rmste getrstete sich deiner, den er seine karge Kost
und sein hartes Tagewerk teilen sah.  Wirfst du die Kutte weg, freiest
du, ein Vornehmer, eine Vornehme, schpfst du mit vollen Hnden aus
dem Reichtum deines Hauses, so begehst du Raub an dem Volk, welches
dich als einen seinesgleichen in Besitz genommen hat, du machst mir
Unzufriedene und Ungengsame, und entstnde daraus Zorn, Ungehorsam,
Emprung, mich sollte es nicht wundern.  Die Dinge verketten sich!

Ich und Padua knnen dich nicht entbehren!  Mit deiner schnen und
ritterlichen Gestalt stichst du der Menge in die Augen und hast auch
mehr oder wenigstens einen edlern Mut als deine burischen Brder.
Wenn das Volk nach seiner rasenden Art diesen hier'--er deutete auf
Isaschar--'ermorden will, weil er ihm Hilfe bringt, was dem Juden in
der letzten Pestzeit--wenig fehlte--geschehen wre, wer verteidigt ihn,
wie du tatest, gegen die wahnsinnige Menge, bis ich da bin und Halt
gebiete?

Isaschar, hilf mir den Mnch berzeugen!' wendete sich Ezzelin gegen
den Arzt mit einem grausamen Lcheln.  Schon deinetwegen darf er sich
nicht entkutten!'

'Herr', lispelte dieser, unter deinem Zepter wird sich die
unvernnftige Szene, welche du so gerecht wie blutig gestraft hast,
kaum wiederholen, und meinethalb, dessen Glaube die Dauer des Stammes
als Gottes hchsten Segen preist, darf der Erlauchte'--so und schon
nicht mehr den Ehrwrdigen nannte er den Mnch--nicht unvermhlt
bleiben.'

Ezzelin lchelte ber die Feinheit des Juden.  'Und wohin gehen deine
Gedanken, Mnch?' fragte er.

'Sie stehen und beharren!  Doch ich wollte--Gott verzeihe mir die
Snde--, der Vater erwachte nicht mehr, da ich nicht hart gegen ihn
sein mu!  Htte er nur schon die Zehrung empfangen!' Er kte heftig
die Wange des Ohnmchtigen, welcher darber zur Besinnung kam.

Der wieder Belebte tat einen schweren Seufzer, hob die mden
Augenlider und richtete aus dem grauen Gebsch seiner hngenden Brauen
einen Blick des Flehens auf den Mnch.  'Wie steht's?' fragte er.  Was
hast du ber mich verhngt, Geliebtester?  Himmel oder Hlle?'

'Vater', bat Astorre mit bewegter Stimme, deine Zeit ist um!  Dein
Stndlein ist gekommen!  Entschlage dich der weltlichen Dinge und
Sorgen!  Denke an die Seele!  Siehe, deine Priester'--er meinte die
der Pfarrkirche--'sind nebenan versammelt und harren mit den
hochheiligen Sterbesakramenten.'

Es war so.  Die Tr des Nebengemaches hatte sich sachte geffnet, aus
demselben schimmerte schwaches, in der Tageshelle kaum sichtbares
Kerzenlicht, ein Chor prludierte gedmpft, und das leise Schttern
eines Glckchens wurde hrbar.

Jetzt klammerte sich der Alte, der seine Knie schon in die kalte Flut
der Lethe versinken fhlte, an den Mnch, wie weiland Sankt Petrus auf
dem See Genezareth an den Heiland.  'Du tust es mir!' lallte er.

'Knnte ich!  Drfte ich!' seufzte der Mnch.  'Bei allen Heiligen,
Vater, denke an die Ewigkeit!  La das Irdische!  Deine Stunde ist da!'

Diese verhallte Weigerung entzndete das letzte Leben des Vicedomini
zur lodernden Flamme.  'Ungehorsamer!  Undankbarer!' zrnte er.

Astorre winkte den Priestern.

'Bei allen Teufeln', raste der Alte, 'lat mich zufrieden mit eurem
Geknete und Gesalbe!  Ich habe nichts zu verspielen, ich bin schon ein
Verdammter und bliebe es mitten im himmlischen Reigen, wenn mein Sohn
mich mutwillig verstt und meinen Lebenskeim verdirbt!'

Der entsetzte Mnch, durch dieses grause Lstern im Tiefsten
erschttert, sah seinen Vater unwiderruflich der ewigen Unseligkeit
anheimfallen.  So meinte er und war fest davon berzeugt, wie ich es
an seiner Stelle auch gewesen wre.  Er warf sich vor dem Sterbenden
in dunkler Verzweiflung auf die Knie und flehte unter strzenden
Trnen: 'Herr, ich beschwre Euch, habt Erbarmen mit Euch und mit mir!'

'La den Schlaukopf seiner Wege gehen!', raunte der Tyrann.  Der Mnch
vernahm es nicht.

Wieder gab er den erstaunten Priestern ein Zeichen, und die
Sterbelitanei wollte beginnen.

Da kauerte sich der Alte zusammen wie ein trotziges Kind und
schttelte das graue Haupt.

'La den Arglistigen seine Strae ziehen!' mahnte Ezzelin lauter.
--'Vater, Vater!' schluchzte der Mnch, und seine Seele zerflo in
Mitleid.

'Erlauchter Herr und christlicher Bruder', fragte jetzt ein Priester
mit unsicherer Stimme, seid Ihr in der Verfassung, Euern Schpfer und
Heiland zu empfangen?'

Der Alte schwieg.

'Steht Ihr fest im Glauben an die Heilige Dreifaltigkeit?  Antwortet
mir, Herr!' fragte der Geistliche zum andern Male und wurde bleich wie
ein Tuch, denn: 'Geleugnet und gelstert sei sie!' rief der Sterbende
mit starker Stimme, gelstert und--'

'Nicht weiter!' schrie der Mnch und war aufgesprungen.  'Ich bin Euch
zu Willen, Herr!  Machet mit mir, was Ihr wollt!  Nur da Ihr Euch
nicht in die Flammen strzet!'

Der Alte seufzte wie nach einer schweren Anstrengung.  Dann blickte er
erleichtert, ich htte fast gesagt vergngt, um sich.  Er ergriff mit
tastender Hand den blonden Schopf Dianas, zog das sich von den Knien
erhebende Weib in die Hhe, nahm ihre Hand, die sich nicht weigerte,
ffnete die gekrampfte des Mnches und legte beide zusammen.

'Gltig! vor dem hochheiligen Sakrament!' frohlockte er und segnete
das Paar.  Der Mnch widersprach nicht, und Diana schlo die Augen.

'Jetzt rasch, ehrwrdige Vter?' drngte der Alte, 'es eilt, wie ich
meine, und ich bin in christlicher Verfassung.'

Der Mnch und seine Braut wollten hinter die priesterliche Schar
zurcktreten.  'Bleibt', murmelte der Sterbende, 'bleibt, da euch
meine getrsteten Augen zusammen sehen, bis sie brechen!' Astorre und
Diana, kaum einige Schritte zurckweichend, muten mit vereinigten
Hnden vor dem erlschenden Blick des hartnckigen Greises verharren.

Dieser murmelte eine kurze Beichte, empfing die letzte Zehrung und
verschied, whrend sie ihm die Sohlen salbten und der Priester den
schon tauben Ohren jenes groartige: 'Brich auf, christliche Seele!'
zurief.  Das gestorbene Antlitz trug den deutlichen Ausdruck
triumphierender List.

Der Tyrann hatte, whrend ringsum alles auf den Knien lag, die heilige
Handlung sitzend und mit ruhiger Aufmerksamkeit betrachtet, etwa wie
man eine fremde Sitte beschaut oder wie ein Gelehrter das auf einem
Sarkophag abgebildete Opfer eines alten Volkes besichtigt.  Er nherte
sich dem Toten und drckte ihm die Augen zu.

Dann wendete er sich gegen Diana.  'Edle Frau', sagte er, 'ich denke,
wir gehen nach Hause.  Eure Eltern, wenn auch von Eurer Rettung
unterrichtet, werden nach Euch verlangen.  Auch tragt Ihr ein Gewand
der Niedrigkeit, das Euch nicht kleidet.'

'Frst, ich danke und folge Euch', erwiderte Diana, lie aber ihre
Hand in der des Mnches ruhen, dessen Blick sie bis jetzt gemieden
hatte.  Nun schaute sie dem Gatten voll ins Gesicht und sprach mit
einer tiefen, aber wohlklingenden Stimme, whrend ihre Wangen sich mit
dunkler Glut bedeckten: 'Mein Herr und Gebieter, wir durften die Seele
des Vaters nicht umkommen lassen.  So wurde ich Euer.  Haltet mir
bessere Treue als dem Kloster.  Euer Bruder hat mich nicht geliebt.
Vergebet mir, wenn ich so rede: ich sage die einfache Wahrheit.  Ihr
werdet an mir ein gutes und gehorsames Weib besitzen.  Doch habe ich
zwei Eigenschaften, welche Ihr schonen mt.  Ich bin jhzornig, wenn
man mir Recht oder Ehre antastet, und darin peinlich, da man mir
nichts versprechen darf, ohne es zu halten.  Schon als Kind habe ich
das schwer oder nicht gelitten.  Ich bin von wenig Wnschen und
verlange nichts ber das Alltgliche hinaus; nur wo mir einmal etwas
gezeigt und zugesagt wurde, da bedarf ich der Erfllung, sonst
verliere ich den Glauben und krnke mich schwerer als andere Frauen
ber das Unrecht.  Doch wie darf ich so zu Euch reden, mein Herr und
Gebieter, den ich kaum kenne?  Lat mich verstummen.  Lebt wohl, mein
Gemahl, und gebt mir neun Tage, Euern Bruder zu betrauern.' Jetzt
lste sie langsam die Hand aus der seinigen und verschwand mit dem
Tyrannen.

Inzwischen hatte die geistliche Schar den Leichnam weggehoben, um ihn
in der Hauskapelle aufzubahren und einzusegnen.

Astorre stand allein in seinem verscherzten Mnchsgewande, welches
eine von Reue erfllte Brust bedeckte.  Ein Heer von Dienern, das den
seltsamen Vorgang belauscht und gengend begriffen hatte, nherte sich
in unterwrfigen Stellungen und mit furchtsamen Gebrden seinem neuen
Herrn, verblfft und eingeschchtert weniger noch durch den Wechsel
der Herrschaft als durch das vermeintliche Sakrilegium der gebrochenen
Gelbde--das leise gelesene Breve war nicht zu ihren Ohren
gelangt--und durch die Verweltlichung des ehrwrdigen Mnches.  Diesem
gelang es nicht, seinen Vater zu betrauern.  Ihn beschlich, jetzt da
er seines Willens wieder mchtig war, der Argwohn, was sage ich, ihn
berkam die emprende Gewiheit, da ein Sterbender seinen guten
Glauben betrogen und seine Barmherzigkeit mibraucht habe.  Er
entdeckte in der Verzweiflung des Alten den Schlupfwinkel der List und
in der wilden Lsterung das berechnete Spiel an der Schwelle des Todes.
Unwillig, fast feindselig wandte sich sein Gedanke gegen das ihm
zugefallene Weib.  Ihn versuchte der verzwickte mnchische Einfall,
dasselbe nicht aus eigenem Herzen, sondern nur als Stellvertreter
seines entseelten Bruders zu lieben; aber sein gesunder Sinn und sein
redliches Gemt verwarfen die schmhliche Auskunft.  Da er sie nun als
die Seinige betrachtete, erwehrte er sich einer gewissen Verwunderung
nicht, da ihm sein Weib mit so bndiger Rede und harter
Wahrheitsliebe entgegengetreten und so sachlich mit ihm sich
auseinandergesetzt habe, ohne Schleier und Wolke, eine viel derbere
und wirklichere Gestalt als die zarten Erscheinungen der Legende.  Er
hatte sich die Frauen weicher gedacht.

Jetzt gewahrte der Mnch pltzlich sein Ordenskleid und den
Widerspruch seiner Gefhle und Betrachtungen mit demselben.  Er
schmte sich vor seiner Kutte, und sie wurde ihm lstig.  'Gebt mir
weltliches Gewand!' befahl er.  Geschftige Diener umringten ihn, aus
welchen er bald in der Tracht seines ertrunkenen Bruders, mit dem er
ungefhr von gleichem Wuchs war, hervortrat.

In demselben Augenblick warf sich ihm der Narr seines Vaters, mit
Namen Gocciola, zu Fen und huldigte ihm, nicht um wie die andern
Verlngerung seines Dienstes sich zu erbitten, sondern seinen Abschied
und die Erlaubnis, den Stand zu wechseln, denn er sei der Welt
berdrssig, seine Haare ergrauten und es stnde ihm schlecht an, mit
der lutenden Schellenkappe ins Jenseits zu gehen.  Mit diesen
weinerlichen Worten bemchtigte er sich der abgeworfenen Kutte, welche
das Gesinde zu berhren sich gescheut hatte.  Aber sein buntscheckiges
Gehirn schlug einen Purzelbaum, und er fgte lstern bei: 'Einmal
mchte ich noch Amarellen essen, ehe ich der Welt und ihren
Tuschungen Valet sage!  Hochzeit lt hier nicht auf sich warten, wie
ich glaube.' Er beleckte sich die Maulwinkel mit seiner fahlen Zunge.
Dann bog er ein Knie vor dem Mnch, schttelte seine Schellen und
entsprang, die Kutte hinter sich herschleifend.

"Amarelle oder Amare", erluterte Dante, "heit das paduanische
Hochzeitsgebck wegen seines bitteren Mandelgeschmackes und zugleich
mit anmutiger Anspielung auf das Verbum der ersten Konjugation." Hier
machte der Erzhler eine Pause und verschattete Stirn und Augen mit
der Hand, den weitern Gang seiner Fabel bersinnend.

Inzwischen trat der Majordom des Frsten, ein Alsatier namens Burcardo,
mit abgemessenen Schritten, umstndlichen Bcklingen und weitlufigen
Entschuldigungen, da er die Unterhaltung stren msse, vor Cangrande,
welchen er in irgendeiner huslichen Angelegenheit um Befehl bat.
Deutsche waren dazumal an den ghibellinischen Hfen Italiens keine
eben seltene Erscheinung, ja sie wurden gesucht und den Einheimischen
vorgezogen wegen ihrer Redlichkeit und ihres angebotenen
Verstndnisses fr Zeremonien und Gebruche.

Als Dante das Haupt wieder hob, gewahrte er den Elssser und hrte
sein Welsch, das weich und hart beharrlich verwechselte, den Hof
ergtzend, das feine Ohr des Dichters aber empfindlich beleidigend.
Sein Blick verweilte dann mit sichtlichem Wohlgefallen auf den zwei
Jnglingen, Ascanio und dem bepanzerten Krieger.  Zuletzt lie er ihn
sinnend ruhen auf den beiden Frauen, der Herrin Diana, die sich belebt
und deren marmorne Wange sich leicht gertet hatte, und auf Antiope,
der Freundin Cangrandes, einem hbschen und natrlichen Wesen.  Dann
fuhr er fort:

"Hinter der Stadtburg der Vicedomini dehnte sich vormals--jetzt, da
das erlauchte Geschlecht lngst erloschen ist, hat sich jener Platz
vllig verndert--ein gerumiger Bezirk bis an den Fu der festen und
breiten Stadtmauer aus, so gerumig, da er Weidepltze fr Herden,
Gehege fr Hirsche und Rehe, mit Fischen gefllte Teiche, tiefe
Waldschatten und sonnige Weinlauben enthielt.  An einem leuchtenden
Morgen, sieben Tage nach der Totenfeier, sa im schwarzen Schatten
einer Zeder, den Rcken an den Stamm gelehnt und die Schnbel seiner
Schuhe in das brennende Sonnenlicht streckend, der Mnch Astorre; denn
diesen Namen behielt er unter den Paduanern, obwohl er weltlich
geworden war, whrend seines kurzen Wandels auf der Erde.  Er sa oder
lag einem Brunnen gegenber, der aus dem Mund einer gleichgltigen
Maske eine khle Flut sprudelte, unfern einer Steinbank, welcher er
das weiche Polster des schwellenden Rasens vorgezogen hatte.

Whrend er sann oder trumte, ich wei nicht was, sprangen auf dem
beinahe schon mittglich bersonnten Platz vor dem Palast zwei junge
Leute von staubbedeckten Gulen, der eine gepanzert, der andere mit
Wahl gekleidet, obschon im Reisegewand.  Ascanio und Germano, so
hieen die Reiter, waren die Gnstlinge des Vogtes und zugleich die
Jugendgespielen des Mnches, mit welchen er brderlich gelernt und
sich ergtzt hatte bis zu seinem fnfzehnten Jahr, dem Beginn seines
Noviziates.  Ezzelin hatte sie an seinen Schwieger, Kaiser Friedrich,
gesendet."

Dante hielt inne und verneigte sich vor dem groen Schatten.

"Mit beantworteten Auftrgen kehrten die zwei zu dem Tyrannen zurck,
welchem sie noch berdies die Neuigkeit des Tages mitbrachten: eine in
der kaiserlichen Kanzlei verfertigte Abschrift des an den christlichen
Klerus gerichteten Hirtenbriefes, worin der Heilige Vater den
geistvollen Kaiser vor dem Angesicht der Welt der uersten
Gottlosigkeit anklagt.

Obwohl mit wichtigen, vielleicht Eile heischenden Auftrgen und dem
unheilschweren Dokument betraut, brachten die beiden es nicht ber
sich, an dem Heim ihres Jugendgespielen vorbei nach dem Stadtturm des
Tyrannen zu sprengen.  Sie hatten in der letzten Herberge vor Padua,
wo sie, ohne den Bgel zu verlassen, ihre Pferde fressen und saufen
lieen, von dem geschwtzigen Schenkwirt das groe Stadtunglck und
das grere Stadtrgernis, den Untergang der Hochzeitsbarke und die
weggeschleuderte Kutte des Mnches, erfahren, so ziemlich mit allen
Umstnden, ohne die vereinigten Hnde Dianas und Astorres jedoch,
welche noch nicht offenbar geworden waren.  Unzerstrliche Bande, die
uns an die Gespielen unserer Kindheit fesseln!  Von dem seltsamen
Schicksal Astorres betroffen, konnten die beiden keine Ruhe finden,
bis sie ihn mit Augen gesehen, den Wiedergewonnenen.  Whrend langer
Jahre waren sie nur dem Mnch begegnet, zufllig auf der Strae, ihn
mit einem zwar freundlichen, aber durch aufrichtige Ehrfurcht
vertieften und etwas fremden Kopfnicken begrend.

Gocciola, den sie im Hofe des Palastes fanden, wie er mit einer Semmel
beschftigt auf einem Muerlein sa und die Beine baumeln lie, fhrte
sie in den Garten.  Ihnen voranwandelnd, unterhielt der Narr die
Jnglinge nicht von dem tragischen Schicksal des Hauses, sondern nur
von seinen eigenen Angelegenheiten, welche ihm als das weit Wichtigere
erschienen.  Er erzhlte, da er brnstig nach einem seligen Ende
strebe, und verschluckte darber den Rest der Semmel, ohne ihn mit
seinen wackligen Zhnen gekaut zu haben, so da er fast daran
erstickte.  ber die Gesichter, die er schnitt, und ber seine
Sehnsucht nach der Zelle brach Ascanio in ein so lustiges Gelchter
aus, da er damit den Himmel entwlkte, wenn dieser heute nicht schon
aus eigener Freude in leuchtenden Farben geschwelgt htte.

Ascanio versagte sich nicht, das Trpfchen zu foppen, schon um den
lstigen Begleiter loszuwerden.  'rmster', begann er, 'du wirst
die Zelle nicht erreichen, denn, unter uns, im tiefsten Vertrauen,
mein Ohm, der Tyrann, hat ein begehrliches Auge auf dich geworfen.
La dir sagen: Er besitzt vier Narren, den Stoiker, den Epikurer, den
Platoniker, den Skeptiker, wie er sie benennt.  Diese vier stellen
sich, wann der Ernste spaen will, auf seinen Wink in die vier Ecken
eines Saales, an dessen Wlbung der gestirnte Himmel und die
Planetenbilder prangen.  Der Ohm, im Hauskleid, tritt in die Mitte des
Raumes, klatscht in die Hnde, und die Philosophen wechseln hopsend
die Winkel.  Vorgestern ist der Stoiker heulend und winselnd
draufgegangen, weil der Unersttliche viele Pfunde Nudeln auf einmal
verschlang.  Der Ohm hat mir flchtig angedeutet, er gedenke ihn zu
ersetzen und werde sich von dem Mnch, deinem neuen Herrn, als
Erbsteuer dich, o Gocciola, erbitten.  So steht es.  Ezzelin fahndet
nach dir.  Wer wei, ob er nicht hinter dir geht.' Dies war eine
Anspielung auf die Allgegenwart des Tyrannen, welche die Paduaner in
Furcht und bestndigem Zittern hielt.  Gocciola stie einen Schrei aus,
als falle die Hand des Gewaltigen auf seine Schulter, blickte sich um,
und obwohl niemand hinter ihm ging als sein kurzer Schatten,
flchtete er sich zhneklappernd in irgendein Versteck."

"Ich streiche die Narren Ezzelins", unterbrach Dante mit einer
griffelhaltenden Gebrde, als schriebe er seine Fabel, statt sie zu
sprechen, wie er tat.  "Der Zug ist unwahr, oder dann log Ascanio.  Es
ist durchaus undenkbar, da ein so ernster und ursprnglich edler
Geist wie Ezzelin Narren gefttert und sich an ihrem Bldsinn ergtzt
habe." Diesen geraden Stich fhrte der Florentiner gegen seinen
Gastfreund, auf dessen Mantel Gocciola sa, den Dichter angrinsend.

Cangrande tat nicht dergleichen.  Er versprach sich im stillen, bei
erster Gelegenheit mit Wucher heimzuzahlen.

Befriedigt, fast heiter setzte Dante seine Erzhlung fort.

"Endlich entdeckten die beiden den entmnchten Mnch, welcher, wie
gesagt, den Rcken an den Stamm einer Pinie lehnte--"

"An den Stamm einer Zeder, Dante", verbesserte die aufmerksam
gewordene Frstin.

"--einer Zeder lehnte und sich die Fuspitzen sonnte.  Er bemerkte die
sich ihm von beiden Seiten Nhernden nicht, so tief war er in sein
leeres oder volles Trumen versunken.  Jetzt bckte sich der
mutwillige Ascanio nach einem Grashalm, brach denselben und kitzelte
damit die Nase des Mnches, da dieser dreimal krftig nieste.
Astorre ergriff freundlich die Hnde seiner Jugendgespielen und zog
sie rechts und links neben sich auf den Rasen nieder.  'Nun, was sagt
ihr dazu?' fragte er in einem Ton, der eher schchtern als
herausfordernd klang.

'Zuerst mein aufrichtiges Lob deines Priors und deines Klosters!'
scherzte Ascanio.  'Sie haben dich frisch bewahrt.  Du schaust
jugendlicher als wir beide.  Freilich, die knappe weltliche Tracht und
das glatte Kinn mgen dich auch verjngen.  Weit du, da du ein
schner Mann bist?  Du liegst unter deiner Riesenzeder gleich dem
ersten Menschen, den Gott, wie die Gelehrten behaupten, als einen
Dreiigjhrigen erschuf, und ich', fuhr er mit einer unschuldigen
Miene fort, da er den Mnch ber seinen Mutwillen errten sah, 'bin
wahrlich der letzte, dich zu tadeln, da du dich aus der Kutte
befreitest, denn sein Geschlecht zu erhalten, ist der Wunsch alles
Lebenden.'

'Es war nicht mein Wunsch noch freier Entschlu', bekannte der Mnch
wahrhaft.  Widerstrebend tat ich den Willen eines sterbenden Vaters.'

'Wirklich?' lchelte Ascanio.  Erzhle das niemandem, Astorre, als uns,
die dich lieben.  Andern wrde dich diese Unselbstndigkeit
lcherlich oder gar verchtlich machen.  Und, weil wir vom
Lcherlichen reden, gib acht, ich bitte dich, Astorre, da du den
Menschen aus dem Mnch entwickelst, ohne den guten Geschmack zu
beleidigen!  Der heikle bergang will sorgfltig geschont und
abgestuft sein.  Nimm Rat an!  Du reisest ein Jhrchen, zum Beispiel
an den Hof des Kaisers, von wo nach Padua und zurck die Boten nicht
zu laufen aufhren.  Du lt dich von Ezzelin nach Palermo senden!
Dort lernst du neben dem vollkommensten Ritter und dem
vorurteilslosesten Menschen--ich meine unsern zweiten Friedrich--auch
die Weiber kennen und gewhnst dir die Mnchsart ab, sie zu vergttern
oder geringzuschtzen.  Das Gemt des Herrschers frbt Hof und Stadt.
Wie das Leben hier in Padua geworden ist unter meinem Ohm, dem
Tyrannen, wild und bertrieben und gewaltttig, gibt es dir ein
falsches Weltbild.  Palermo, wo sich unter dem menschlichsten aller
Herrscher Spiel und Ernst, Tugend und Lust, Treue und Unbestand, guter
Glaube und kluges Mitrauen in den richtigen Verhltnissen mischen,
bietet das wahrere.  Dort vertndelst du den Reigen eines Jahres mit
unsern Freundinnen und Feindinnen in erlaubter oder llicher
Weise'--der Mnch runzelte die Stirn--, 'machst etwa einen Feldzug mit,
ohne jedoch unbesonnen dich auszusetzen--denke an deine Bestimmung--,
nur da du dich wieder erinnerst, wie Pferd und Klinge gefhrt
werden--als Knabe verstandest du das--, behltst deine muntern braunen
Augen, die--bei der Fackel der Aurora!--leuchten und sprhen, seit du
das Kloster verlassen hast, berall offen und kehrst uns als ein Mann
zurck, der sich und andere besitzt.'

'Er mu dort beim Kaiser eine Schwbin heiraten', riet der Gepanzerte
gutmtig.  'Sie sind frmmer und verllicher als unsere Weiber.'

'Schweigst du wohl?' drohte ihm Ascanio mit dem Finger.  'Mache mir
keine Langeweile mit semmelblonden Zpfen!' Der Mnch aber drckte die
Rechte Germanos, welche er noch nicht hatte fahren lassen.

'Aufrichtig, Germano', forschte er, was sagst du dazu?' 'Wozu?' fragte
dieser barsch.

'Nun, zu meinem neuen Stand?'

'Astorre, mein Freund', antwortete der Schnurrbrtige etwas verlegen,
'ist es getan, fragt man nicht mehr herum nach Beirat und Urteil.  Man
behauptet sich, wo man steht.  Willst du aber meine Meinung durchaus
wissen, nun, schau, Astorre, verletzte Treue, gebrochenes Wort,
Fahnenflucht und so weiter, dem gibt man in Germanien grobe Namen.
Natrlich bei dir ist's etwas ganz anderes, das lt sich gar nicht
vergleichen--und dann der sterbende Vater--Astorre, mein lieber Freund,
du hast ganz hbsch gehandelt, nur wre das Gegenteil noch hbscher
gewesen.  Das ist meine Meinung', schlo er treuherzig.

'So httest du mir, wrest du dagewesen, die Hand deiner Schwester
verweigert, Germano?'

Dieser fiel aus den Wolken.  'Die Hand meiner Schwester? der Diana?
Derselben, die deinen Bruder betrauert?' 'Derselben.  Sie ist meine
Verlobte.'

'O herrlich!' rief jetzt der weltkluge Ascanio, und 'Erfreulich!' fiel
Germano bei.  'La dich umarmen, Schwager!' Der Gepanzerte hatte trotz
seiner Geradheit gute Lebensart.  Aber er unterdrckte einen Seufzer.
So herzlich er die herbe Schwester achtete, dem Mnch, wie dieser
neben ihm sa, htte er, nach seinem natrlichen Gefhl, ein anderes
Weib gegeben.

So drehte er den Schnurrbart und Ascanio das Steuerruder des
Gesprches.  'Eigentlich, Astorre',--plauderte der Heitere, 'mssen
wir damit anfangen, uns wieder kennenzulernen; nicht weniger als deine
fnfzehn beschaulichen Klosterjahre liegen zwischen unserer Kindheit
und heute.  Nicht da wir inzwischen unser Wesen gendert htten, wer
ndert es?  Doch wir haben uns ausgewachsen.  Dieser zum Beispiel'--er
deutete gegen Germano--freut sich jetzt eines schnen Waffenruhmes;
aber ich habe ihn zu verklagen, da er ein halber Deutscher geworden
ist.  Er'--Ascanio krmmte den Arm, als leere er den Becher--'und
hernach wird er tiefsinnig oder hndelschtig.  Auch verachtet er
unser ses Italienisch: Ich werde deutsch mit euch reden! prahlt er
und brummt die Brenlaute einer unmenschlichen Sprache.  Dann
erbleicht sein Gesinde, seine Glubiger fliehen und unsere
Paduanerinnen kehren ihm die stattlichen Rcken zu.  Dergestalt ist er
vielleicht so jungfrulich geblieben wie du, Astorre', und er legte
dem Mnch traulich die Hand auf die Schulter.

Germano lachte herzlich und erwiderte, auf Ascanio zeigend: 'Und
dieser hier hat seine Bestimmung gefunden, indem er der perfekte
Hfling wurde.'

'Da irrst du dich, Germano', widersprach der Gnstling Ezzelins.
Meine Bestimmung war, das Leben leicht und heiter zu genieen.' Und
zum Beweise dessen rief er freundlich gebietend das Kind des Grtners
herbei, das er in einiger Entfernung sich vorberstehlen und nach
seiner neuen Herrschaft, dem Mnche, schielen sah.  Das hbsche Ding
trug einen mit Trauben und Feigen berhuften Korb auf dem lachenden
Haupte und schaute eher schelmisch als schchtern.  Ascanio war
aufgesprungen.  Er legte die Linke um die schlanke Seite des Mdchens
und holte sich mit der Rechten aus dem Korb eine Traube.  Zugleich
suchte sein Mund die schwellenden Lippen.  'Mich drstet', sagte er.
Das Mdchen tat schmig, hielt aber stille, weil es seine Frchte
nicht verschtten wollte.  Unmutig wendete sich der Mnch von den zwei
Leichtsinnigen ab, und das erschreckende Dirnchen entrann, da es die
harte mnchische Gebrde erblickte, den Pfad ihrer Flucht mit
rollenden Frchten bestreuend.  Ascanio, der seine Traube in der Hand
hielt, hob hinter den flchtigen Stapfen noch zwei andere auf, deren
eine er Germano bot, welcher aber die ungekelterte verchtlich ins
Gras warf.  Die andere reichte der Mutwillige dem Mnch, der sie eine
Weile ebenfalls unberhrt lie, dann aber gedankenlos eine saftige
Beere und bald noch eine zweite und die dritte kostete.

'Ein Hfling?' fuhr Ascanio fort, der sich, belustigt durch die
Zimperlichkeit des dreiigjhrigen Mnches, wieder neben ihn auf den
Rasen geworfen hatte.  'Glaube das nicht, Astorre!  Glaube das
Gegenteil!  Ich bin der einzige, welcher meinem Ohm leise, aber
verstndlich zuredet, da er nicht unbarmherzig werde, da er ein
Mensch bleibe.'

'Er ist nur gerecht und sich selbst getreu!' meinte Germano.  'ber
seine Gerechtigkeit!' jammerte Ascanio, 'und ber seine Logik!  Padua
ist Reichslehen.  Ezzelin ist Vogt.  Wer ihm mifllt, lehnt sich
gegen das Reich auf.  Hochverrter werden-'.  Er brachte es nicht ber
die Lippen.  'Abscheulich!' murmelte er.  'Und berhaupt: warum drfen
wir Welsche kein eigenes Leben unter unserer warmen Sonne fhren?
Warum dieses Nebelphantom des Reiches, das uns den Atem beengt?  Ich
rede nicht fr mich.  Ich bin an den Ohm gefesselt.  Stirbt der Kaiser,
den Gott erhalte, so wirft sich ganz Italien mit Flchen und
Verwnschungen ber den Tyrannen Ezzelin und den Neffen erwrgen sie
so nebenbei.' Ascanio betrachtete ber der ppigen Erde den
strahlenden Himmel und stie einen Seufzer aus.

'Uns beide', ergnzte Germano kaltbltig.  'Das aber hat Weile.  Der
Gebieter besitzt eine feste Prophezeiung.  Der Gelehrte Guido Bonatti
und Paul von Bagdad, welcher mit seinem langen Bart den Staub der
Gasse zusammenfegt, haben ihm, so sehr sich die aufeinander
Eiferschtigen gewhnlich widersprechen, ein neues seltsames Sternbild
einmtig folgendergestalt entrtselt: In einer Krze oder Lnge wird
ein Sohn der Halbinsel die ungeteilte Krone derselben erringen mit
Hilfe eines germanischen Kaisers, der fr sein Teil jenseits der
Gebirge alles Deutsche in einen harten Reichsapfel zusammenballt.  Ist
Friedrich dieser Kaiser?  Ist dieser Knig Ezzelin?  Das wei Gott,
der Zeit und Stunde kennt, aber der Gebieter hat darauf seinen Ruhm
und unsere Kpfe verwettet.'

'Geflechte von Vernunft und Wahn!' rgerte sich Ascanio, whrend der
Mnch erstaunte ber die Macht der Sterne, den weiten Ehrgeiz der
Herrscher und den alles mitreienden Strom der Welt.  Auch erschreckte
ihn das Gespenst der beginnenden Grausamkeit Ezzelins, in welchem der
Unschuldige die verkrperte Gerechtigkeit gesehen hatte.

Ascanio beantwortete seine schweigenden Zweifel, indem er fortfuhr:
'Mgen sie beide einen bsen Tod finden, der stirnrunzelnde Guido und
der brtige Heide!  Sie verleiten den Ohm, seinen Launen und Lsten zu
gehorchen, indem er das Notwendige zu tun glaubt.  Hast du ihm schon
zugeschaut, Germano, wie er bei seinem kargen Mahle in dem
durchsichtigen Kristall des Bechers sein Wasser mit den drei oder vier
blutroten Tropfen Sizilianers frbt, welche er sich gnnt? wie sein
aufmerksamer Blick das Blut verfolgt, das sich langsam wlkt und durch
den lautern Quell verbreitet? oder wie er den Toten die Lider
zuzudrcken liebt, so da es zur Hflichkeit geworden ist, den Vogt
wie zu einem Fest an die Sterbelager zu bitten und ihm diese traurige
Handlung zu berlassen?  Ezzelin, mein Frst, werde mir nicht grausam!'
rief der Jngling aus, von seinem Gefhl berwltigt.

'Ich denke nicht, Neffe', sprach es hinter ihm.  Es war Ezzelin,
welcher ungesehen herangetreten war und, obwohl kein Lauscher, den
letzten schmerzlichen Ausruf Ascanios vernommen hatte.

Die drei Jnglinge erhoben sich rasch und begrten den Herrscher, der
sich auf die Bank niederlie.  Sein Gesicht war ruhig wie die Maske
des Brunnens.

'Ihr meine Boten', stellte er Ascanio und Germano zur Rede, 'was kam
euch an, diesen hier'--er nickte leicht gegen den Mnch--'vor mir
aufzusuchen?'

'Er ist unser Jugendgespiele und hat Seltsames erfahren',
entschuldigte der Neffe, und Ezzelin lie es gelten.  Er empfing die
Briefschaften, die ihm Ascanio, das Knie biegend, berreichte.  Alles
schob er in den Busen auer der Bulle.  'Siehe da', sagte er, 'das
Neueste!  Lies vor, Ascanio!  Du hast jngere Augen als ich.'

Ascanio rezitierte den apostolischen Brief, whrend Ezzelin die Rechte
in den Bart vergrub und mit dmonischem Vergngen zuhrte.

Zuerst gab der dreigekrnte Schriftsteller dem geistreichen Kaiser den
Namen eines apokalyptischen Ungeheuers.  'Ich kenne das, es ist
absurd', sagte der Tyrann.  'Auch mich hat der Pontifex in seinen
Briefen ausschweifend betitelt, bis ich ihn ermahnte, mich, welcher
Ezzelin der Rmer heit, fortan in klassischer Sprache zu schelten.
Wie nennt er mich dieses Mal?  Ich bin neugierig.  Suche nur die
Stelle, Ascanio--es wird sich eine finden--, wo er meinem Schwieger
seinen bsen Umgang vorhlt.  Gib her!' Er ergriff das Schreiben und
fand bald den Ort: hier beschuldigte der Papst den Kaiser, den Gatten
seiner Tochter zu lieben, 'Ezzelino da Romano, den grten Verbrecher
der bewohnten Erde.'

'Korrekt!' lobte Ezzelin und gab Ascanio das Schreiben zurck.  'Lies
mir die Gottlosigkeiten des Kaisers, Neffe', lchelte er.

Ascanio las, Friedrich habe geuert, es gebe neben vielem Wahn nur
zwei wahre Gtter: Natur und Vernunft.  Der Tyrann zuckte die Achseln.

Ascanio las ferner, Friedrich habe geredet: drei Gaukler, Moses,
Mohammed und--er stockte--htten die Welt betrogen.  'Oberflchlich',
tadelte Ezzelin, 'sie hatten ihre Sterne; aber, gesagt oder nicht, der
Spruch grbt sich ein und wiegt fr den unter der Tiara ein Heer und
eine Flotte.  Weiter.'

Nun kam eine wunderliche Mr an die Reihe: Friedrich htte, durch ein
wogendes Kornfeld reitend, mit seinem Gefolge gescherzt und in
lsterlicher Anspielung auf die heilige Speise den Dreireim zum besten
gegeben:

So viele hren, so viele Gtter sind, Sie schieen empor in der Sonne
geschwind Und wiegen die goldenen Hupter im Wind--

Ezzelin besann sich.  'Seltsam!' flsterte er.  Mein Gedchtnis hat
dieses Verschen aufbewahrt.  Es ist durchaus authentisch.  Der Kaiser
hat es mir mit frhlich lachendem Mund zugerufen, da wir zusammen im
Angesicht der Tempeltrmmer von Enna jene strotzenden hrenfelder
durchritten, mit welchen Gttin Ceres die sizilische Scholle gesegnet
hat.  Darauf besinne ich mich mit derselben Klarheit, welche an jenem
Sommertag ber der Insel glnzte.  Ich bin es nicht, der diesen
heitern Scherz dem Pontifex mitgeteilt hat.  Dazu bin ich zu ernsthaft.
Wer tat es?  Ich mache euch zu Richtern, Jnglinge.  Wir ritten zu
dreien, und der dritte--auch dessen bin ich gewi, wie dieser
leuchtenden Sonne'--sie warf gerade einen Strahl durch das Laub--'war
Petrus de Vinea, der Unzertrennliche des Kaisers.  Htte der fromme
Kanzler fr seine Seele gebangt und sein Gewissen durch einen Brief
nach Rom erleichtert?  Reitet ein Sarazene heute?  Ja?  Rasch, Ascanio.
Ich diktiere dir eine Zeile.'

Dieser zog Tfelchen und Stift hervor, lie sich auf das rechte Knie
nieder und schrieb, das gebogene linke als Pult gebrauchend:

'Erhabener Herr und geliebter Schwieger!  Ein schnelles Wort.  Das
Verschen in der Bulle--Ihr seid zu geistreich, um Euch zu
wiederholen--haben nur vier Ohren gehrt, die meinigen und die Eures
Petrus, in den Kornfeldern von Enna, vor einem Jahr, da Ihr mich an
Euern Hof beriefet und ich mit Euch die Insel durchritt.  Kein Hahn
krht danach, wenn nicht der im Evangelium, welcher den Verrat des
Petrus bekrftigte.  Wenn Ihr mich und Euch liebet, Herr, so versuchet
Euern Kanzler mit einer scharfen Frage.'

'Blutiges Wortspiel!  Das schreibe ich nicht!  Die Hand zittert mir!'
rief der erblassende Ascanio.  'Ich bringe den Kanzler nicht auf die
Folter!' und er warf den Stift weg.

'Dienstsache', bemerkte Germano trocken, hob den Stift auf und
beendigte das Schreiben, welches er unter seine Eisenhaube schob.  Es
luft noch heute', sagte er.  'Mir fr meine einfache Person hat der
Capuaner nie gefallen: er hat einen verhllten Blick.'

Der Mnch Astorre schauderte zusammen trotz der Mittagssonne.  Zum
ersten Male griff der aus dem Klosterfrieden Geschiedene, gleichsam
mit Hnden, wie die schlpfrigen Windungen einer Natter den Argwohn
oder den Verrat der Welt.  Aus seinem Brten weckte ihn ein strenges
Wort Ezzelins, welches dieser an ihn richtete, von seiner Steinbank
sich erhebend.  'Sprich, Mnch, warum vergrbst du dich in dein Haus?
Du hast es noch nie verlassen, seit du weltliches Gewand trgst.  Du
scheust die ffentliche Meinung?  Tritt ihr entgegen!  Sie weicht
zurck.  Machst du aber eine Bewegung der Flucht, so heftet sie sich
an deine Sohle wie eine heulende Meute.  Hast du deine Braut Diana
besucht?  Die Trauerwoche ist vorber.  Ich rate dir: heute noch lade
deine Sippen, und heute noch vermhle dich mit Diana!'

'Und dann rasch mit euch auf dein entlegenstes Schlo!' beendigte
Ascanio.

'Das rate ich nicht', verbot der Tyrann.  'Keine Furcht.  Keine Flucht.
Heute vermhlst du dich, und morgen hltst du Hochzeit mit Masken.
Valete!' Er schied, Germano winkend ihm zu folgen."

"Darf ich unterbrechen?" fragte Cangrande, der hflich genug gewesen
war, eine natrliche Pause der Erzhlung abzuwarten.

"Du bist der Herr", versetzte der Florentiner mrrisch.  "Traust du
dem unsterblichen Kaiser jenes Wort von den drei groen Gauklern zu?"

"Non liquet."

"Ich meine: in deinem innersten Gefhl?"

Dante verneinte mit einer deutlichen Bewegung des Hauptes.  "Und doch
hast du ihn als einen Gottlosen in den sechsten Kreis deiner Hlle
verdammt.  Wie durftest du das?  Rechtfertige dich!"

"Herrlichkeit", antwortete der Florentiner, "die Komdie spricht zu
meinem Zeitalter.  Dieses aber liest die frchterlichste der
Lsterungen mit Recht oder Unrecht auf jener erhabenen Stirn.  Ich
vermag nichts gegen die fromme Meinung.  Anders vielleicht urteilen
die Knftigen."

"Mein Dante", fragte Cangrande zum andern Mal, "glaubst du Petrus de
Vinea unschuldig des Verrates an Kaiser und Reich?"

"Non liquet."

"Ich meine: in deinem innersten Gefhl?" Dante verneinte mit derselben
Gebrde.

"Und du lt den Verrter in deiner Komdie seine Unschuld beteuern?"

"Herr", rechtfertigte sich der Florentiner, "werde ich, wo klare
Beweise fehlen, einen Sohn der Halbinsel mehr des Verrates bezichtigen,
da schon so viele Arglistige und Zweideutige unter uns sind?"

"Dante, mein Dante", sagte der Frst, "du glaubst nicht an die Schuld
und du verdammst!  Du glaubst an die Schuld und du sprichst frei!"
Dann fhrte er die Erzhlung in spielendem Scherz weiter:

"Auch der Mnch und Ascanio verlieen jetzt den Garten und betraten
die Halle." Doch Dante nahm ihm das Wort:

"Keineswegs, sondern sie stiegen in eine Turmstube, dieselbe, die
Astorre als Knabe mit ungeschorenen Locken bewohnt; denn dieser mied
die groen und prunkenden Gemcher, welche er sich erst gewhnen mute
als sein Eigentum zu betrachten, wie er auch den ihm hinterlassenen
goldenen Hort noch mit keinem Finger berhrt hatte.  Den beiden folgte,
auf einen gebietenden Wink Ascanios, der Majordom Burcardo in
gemessener Entfernung mit steifen Schritten und verdrielichen Mienen."

Der gleichnamige Haushofmeister Cangrandes war nach verrichtetem
Geschft neugierig lauschend in den Saal zurckgetreten, denn er hatte
gemerkt, da es sich um wohlbekannte Personen handle; da er nun sich
selbst nennen hrte und unversehens und lebensgro im Spiegel der
Novelle erblickte, fand er diesen Mibrauch seiner Ehrenperson
verwegen und durchaus unziemlich im Munde des beherbergten Gelehrten
und geduldeten Flchtlings, welchem er in gerechter Erwgung der
Verhltnisse und Unterschiede auf dem oberen Stockwerk des frstlichen
Hauses eine denkbar einfache Kammer eingerumt hatte.  Was die andern
lchelnd gelitten, empfand er als ein rgernis.  Er runzelte die
Brauen und rollte die Augen.  Der Florentiner weidete sich mit
ernsthaftem Gesicht an der Entrstung des Pedanten und lie sich in
seiner Fabel nicht stren.

"'Wrdiger Herr', befragte Ascanio den Majordom--habe ich gesagt, da
dieser von Geburt ein Alsatier war?--'wie heiratet man in Padua?
Astorre und ich sind unerfahrene Kinder in dieser Wissenschaft.'

Der Haushofmeister warf sich in Positur, starr seinen Herrn anschauend,
ohne Ascanio, der ihm nach seinen Begriffen nichts zu befehlen hatte,
eines Blickes zu wrdigen.

'Distinguendum est', sagte er feierlich.  'Es ist auseinanderzuhalten:
Werbung, Vermhlung und Hochzeit.'

'Wo steht das geschrieben?' scherzte Ascanio.

'Ecce!' antwortete der Majordom, indem er ein groes Buch entfaltete,
das ihn niemals verlie.  'Hier!' und er wies mit dem gestreckten
Finger der linken Hand auf den Titel, welcher lautete: 'Die Zeremonien
von Padova nach genauer Erforschung zu Nutz und Frommen aller Ehrbaren
und Anstndigen, zusammengestellt von Messer Godoscalco Burcardo.' Er
bltterte und las: 'Erster Abschnitt: Die Werbung.  Paragraph eins.
Der ernsthafte Werber bringt einen Freund gleichen Standes als
gltigen Zeugen mit--'

'Bei den berflssigen Verdiensten meines Schutzheiligen', unterbrach
ihn Ascanio ungeduldig, 'la uns zufrieden mit ante und post, mit
Werbung und Hochzeit, serviere uns das Mittelstck: wie vermhlt man
sich in Padua?'

'In Batova', krhte der gereizte Alsatier, dessen barbarische
Aussprache in der Gemtsbewegung noch mehr als gewhnlich hervortrat,
'werden zu den adeligen Sbosalizien geladen die zwlf groen
Geschlechter'--er zhlte sie aus dem Gedchtnis her--'zehn Tage voraus,
nicht frher, nicht spter, von dem Majordom des Brutigams, gefolgt
von sechs Dienern.  In dieser erleuchten Versammlung werden die Ringe
gewechselt.  Man schlrft Cybrier und verzehrt als Hochzeitsgebck die
Amarellen--'

'Gott gebe, da wir uns nicht die Zhne ausreien!' lachte Ascanio,
und dem Majordom das Buch entreiend, durchlief er die Namen, von
welchen sechs Familienhupter--sechs von zwlfen--und einige Jnglinge
mit breiten Strichen ausgelscht waren.  Sie mochten sich in
irgendeine Verschwrung gegen den Tyrannen verwickelt und darin den
Untergang gefunden haben.  'Merk auf, Alter!' befahl Ascanio, fr den
Mnch handelnd, welcher in einen Sessel gesunken war und in Gedanken
verloren die freundliche Bevormundung sich gefallen lie.  'Du hltst
deinen Umgang mit den sechs Tagedieben zur Stunde, jetzt gleich, ohne
Verzug, verstehst du? und ladest auf heute zur Vesperzeit.' 'Zehn Tage
voraus', wiederholte Herr Burcardo majesttisch, als verknde er ein
Reichsgesetz.

'Heute und auf heute, Starrkopf!'

'Unmglich', sprach der Majordom ruhig.  ndert Ihr den Lauf der
Gestirne und Jahreszeiten?'

'Du rebellierst?  Juckt dich der Hals, Alter?' warnte Ascanio mit
einem sonderbaren Lcheln.

Das gengte.  Herr Burcardo erriet.  Ezzelin hatte befohlen, und der
hartnckigste der Pedanten fgte sich ohne Murren, so eisern war die
Rute des Tyrannen.

'Dann ladest du die beiden Herrinnen Canossa nicht, die Olympia und
die Antiope.'

'Warum diese nicht?' fragte der Mnch pltzlich, wie von einem
Zauberstab berhrt.  Die Luft frbte sich vor seinem Blick, und ein
Bild entstand, dessen erster Umri schon seine ganze Seele fesselte.

'Weil die Grfin Olympia eine Trin ist, Astorre.  Kennst du die
Geschichte des armen Weibes nicht?  Doch du stakest ja damals noch in
den Windeln, will sagen in der Kutte.  Es war vor drei Jahren, da die
Bltter gilbten.'

'Im Sommer, Ascanio.  Eben jhrt es sich', widersprach der Mnch.

'Du hast recht--kennst du denn die Geschichte?  Doch wie solltest du?
Zu jener Zeit munkelte der Graf Canossa mit dem Legaten, wurde
belauscht, ergriffen und verurteilt.  Die Grfin tat einen Fufall vor
dem Ohm, der sich in sein Schweigen hllte.  Sie wurde dann auf die
strflichste Weise von einem habgierigen Kmmerer getuscht, welcher
ihr Gewinnes wegen vorspiegelte, der Graf werde vor dem Block
begnadigt werden.  Das ging nicht in Erfllung, und da man der Grfin
einen Enthaupteten brachte, warf sich ihm die aus der Hoffnung
kopfber in die Verzweiflung Geschleuderte durch das Fenster entgegen,
wunderbarerweise ohne sich zu verletzen, auer da sie sich den Fu
verstauchte.  Aber von jenem Tag an war ihr Geist zerrttet.  Wenn
natrliche Stimmungen sich unmerklich ineinander verlieren wie das
erlschende Licht in die wachsende Dmmerung, wechseln die ihrigen in
rasendem Umschwung von Hell und Dunkel zwlfmal in zwlf Stunden.  Von
bestndiger Unruhe gestachelt, eilt das elende Weib aus ihrem
verdeten Stadtpalast auf ihr Landgut und aus diesem in die Stadt
zurck, in ewigem Irrgang.  Heute will sie ihr Kind einem Pchterssohn
vermhlen, weil nur Niedrigkeit Schutz und Frieden gewhre, morgen
wre ihr der edelste Freier, der brigens aus Scheu vor einer solchen
Mutter sich nicht einstellt, kaum vornehm genug--'

Htte Ascanio, whrend seine Rede flo, den flchtigsten Blick auf den
Mnch geworfen, er htte staunend innegehalten, denn das Antlitz des
Mnches verklrte sich vor Mitleid und Erbarmen.

'Wenn der Tyrann', fuhr der Achtlose fort, an der Behausung Olympias
vorber auf die Jagd reitet, strzt sie ans Fenster und erwartet, er
werde an ihrer Schwelle vom Pferd steigen und die in Ungnade Geratene,
aber nun genug Geprfte, gnstig und gndig an seinen Hof zurckfhren,
wozu er wahrlich keine Lust hat.  Eines andern Tages, oder noch an
demselben, whnt sie sich von Ezzelin, welcher sich nicht um sie
bekmmert, verfolgt und gechtet.  Sie glaubt sich verarmt und ihre
Gter, die er unberhrt lie, eingezogen.  So brennt und friert sie im
Wechselfieber der schroffsten Gegenstze, ist nicht nur selbst
verrckt, sondern verrckt auch, was sie in die wirbelnden Kreise
ihres Kopfes zieht, und stiftet--denn sie ist nur eine halbe Trin und
redet mitunter treffend und witzig--berall Unheil, wo ihr geglaubt
wird.  Es kann nicht die Rede davon sein, sie unter die Leute und an
ein Fest zu bringen.  Ein Wunder ist, da ihr Kind, die Antiope,
welches sie vergttert und dessen Verheiratung sich im Mittelpunkt
ihrer Phantasie dreht, auf diesem schwanken Boden den Verstand behlt.
Aber das Mdchen, das in seiner Frhblte steht und leidlich hbsch
ist, hat eine gute Natur..' So ging es noch eine Weile fort.

Astorre aber versank in seinem Traume.  So sage ich, weil das
Vergangene Traum ist.  Denn der Mnch sah, was er vor drei Jahren
erlebt hatte: einen Block, den Henker daneben und sich selbst an der
Stelle eines erkrankten Mitmnches als geistlichen Trster, der einen
armen Snder erwartet.  Dieser--der Graf Canossa--erschien gefesselt,
wollte aber durchaus nicht herhalten, sei es, weil er whnte, seine
Begnadigung werde, jetzt da er vor dem Blocke stehe, nicht sumen, sei
es einfach, weil er die Sonne liebte und die Gruft verabscheute.  Er
lie den Mnch hart an und verschmhte seine Gebete.  Ein
entsetzliches Ringen stand bevor, wenn er fortfuhr, sich zu struben
und zu stemmen; denn er hielt sein Kind an der Hand, welches ihm--von
den Wachen unbemerkt--zugesprungen war und ihn umklammerte, die
ausdrucksvollsten Augen und die flehendsten Blicke auf den Mnch
heftend.  Der Vater drckte das Mdchen fest an seine Brust und schien
sich mit diesem jungen Leben gegen die Vernichtung decken zu wollen,
wurde aber von dem Henker nieder und mit dem Haupt auf den Block
gedrckt.  Da legte das Kind Kopf und Nacken neben den vterlichen.
Wollte es das Mitleid des Henkers erwecken?  Wollte es den Vater
ermutigen, das Unabwendbare zu leiden?  Wollte es dem Unvershnten den
Namen eines Heiligen ins Ohr murmeln?  Tat es das Unerhrte ohne
Besinnen und berlegung, aus berstrmender kindlicher Liebe?  Wollte
es einfach mit ihm sterben?

Jetzt leuchteten die Farben so krftig, da der Mnch die zwei
nebeneinander liegenden Hlse, den ziegelroten Nacken des Grafen und
den schneeweien des Kindes mit dem gekruselten, goldbraunen Flaum
wenige Schritte vor sich in voller Lebenswahrheit erblickte.  Das
Hlschen war von der schnsten Bildung und ungewhnlicher Schlankheit.
Astorre bebte, das fallende Beil mchte sich irren, und fhlte sich
in tiefster Seele erschttert, nicht anders als das erste Mal, nur da
ihm die Sinne nicht schwanden, wie sie ihm damals geschwunden waren,
als die schreckliche Szene in Wahrheit und Wirklichkeit sich ereignete,
und er erst wieder zu sich kam, als alles vorber war.

'Hat mir mein Gebieter einen Auftrag zu geben?' strte den Verzckten
die schnurrende Stimme des Majordoms, der es schwer ertrug, von
Ascanio gemeistert zu werden.

'Burcardo', antwortete Astorre mit weicher Stimme, 'vergi nicht, die
zwei Frauen Canossa, Mutter und Tochter, zu laden.  Es sei nicht
gesagt, da der Mnch die von der Welt Gemiedenen und Verlassenen von
sich fernhlt.  Ich ehre das Recht einer Unglcklichen'--hier stimmte
der Majordom mit eifrigem Nicken bei--, 'von mir geladen und empfangen
zu werden.  Wrde sie bergangen, es drfte sie schwer krnken, wie
sie beschaffen ist.'

'Beileibe!' warnte Ascanio.  Tu dir doch das nicht zuleide!  Dein
Verlbnis ist schon abenteuerlich genug!  Und das Abenteuerliche
begeistert die Trichten.  Sie wird nach ihrer Art etwas Unglaubliches
beginnen und irgendein tolles Wort in die Feier schleudern, welche
sonst schon alle Paduanerinnen aufregt.'

Herr Burcardo aber, der die Berechtigung einer Canossa, ob sie bei
Verstande sei oder nicht, sich zu den Zwlfen zu versammeln, mit den
Zhnen festhielt und seinen Gehorsam dem Vicedomini und keinem andern
verpflichtet glaubte, verbeugte sich tief vor dem Mnch.  'Deiner
Herrlichkeit allein wird gehorcht', sprach er und entfernte sich.

'O Mnch, Mnch', rief Ascanio, 'der die Barmherzigkeit in eine Welt
trgt, wo kaum die Gte ungestraft bleibt!'

"Doch wie wir Menschen sind," flocht Dante ein, "oft zeigt uns ein
prophetisches Licht den Rand eines Abgrunds, aber dann kommt der Witz
und klgelt und lchelt und redet uns die Gefahr aus."

Dergestalt fragte und beruhigte sich der Leichtsinnige: Welche
Beziehung auf der Welt hat die Nrrin zu dem Mnch, in dessen Leben
sie nicht die geringste Rolle spielt?  Und am Ende--wenn sie zu lachen
gibt, so wrzt sie uns die Amarellen!  Er ahnte nicht von ferne, was
sich in der Seele Astorres begab, aber auch wenn er geraten und
geforscht, dieser htte sein keusches Geheimnis dem Weltkind nicht
preisgegeben.

So lie Ascanio es gut sein, und sich des andern Befehles des Tyrannen
erinnernd, den Mnch unter die Leute zu bringen, fragte er lustig:
'Ist fr den Ehereif gesorgt, Astorre?  Denn es steht in den
Zeremonien geschrieben, Abschnitt zwei, Paragraph soundso: Die Reife
werden gewechselt.' Dieser erwiderte, es werde sich dergleichen in dem
Hausschatz finden.

'Nicht so, Astorre', meinte Ascanio.  'Wenn du mir folgst, kaufst du
deiner Diana einen neuen.  Wer wei, was fr Geschichten an den
gebrauchten Ringen kleben.  Wirf das Alte hinter dich.  Auch schickt
es sich ganz allerliebst: du kaufst ihr einen Ring bei dem Florentiner
auf der Brcke.  Kennst du den Mann?  Doch wie solltest du!  Hre: Als
ich heute in der Frhstunde, mit Germano in die Stadt zurckkehrend,
unsere einzige Brcke ber den Kanal beschritt--wir muten absitzen
und die Pferde fhren, so dicht war dort das Gedrnge--, hatte, meiner
Treu, auf dem verwitterten Kopf des Brckenpfeilers ein Goldschmied
seinen Laden aufgetan, und ganz Padua kramte und feilschte vor
demselben.  Warum auf der engen Brcke, Astorre, da wir so viele
Pltze haben?  Weil in Florenz die Schmucklden auf der Arnobrcke
stehen.  Denn--bewundere die Logik der Mode! wo kauft man feinen
Schmuck, als bei einem Florentiner, und wo legt ein Florentiner aus,
wenn nicht auf einer Brcke?  Er tut es einmal nicht anders.  Sonst
wre seine Ware ein plumpes Zeug und er selbst kein echter Florentiner.
Doch dieser ist es, ich meine.  Hat er doch mit riesigen Buchstaben
ber seine Bude geschrieben: Niccola Lippo dei Lippi, der Goldschmied,
durch einen feilen und ungerechten Urteilsspruch, wie sie am Arno
gebruchlich sind, aus der Heimat vertrieben.  Auf, Astorre! gehen wir
nach der Brcke!'

Dieser weigerte sich nicht, da er selbst das Bedrfnis fhlen mochte,
den Bann des Hausbezirkes zu brechen, welchen er, seit er seine Kutte
niedergestreift, nicht mehr verlassen hatte.

'Hast du Geld zu dir gesteckt, Freund Mnch?' scherzte Ascanio.  'Dein
Gelbde der Armut ist hinfllig, und der Florentiner wird dich
berfordern.' Er pochte an das Schiebfensterchen des im untern Flur,
welchen die Jnglinge eben durchschritten, gelegenen Hauskontors.  Es
zeigte sich ein verschmitztes Gesicht, Jede Falte ein Betrug, und der
Verwalter der Vicedomini--ein Genuese, wenn ich recht berichtet
bin--reichte seinem Herrn mit kriechender Verbeugung einen mit
Goldbyzantinern gefllten Beutel.  Dann wurde der Mnch von einem
Diener in den bequemen paduanischen Sommermantel mit Kapuze gehllt.

Auf der Strae zog sich Astorre dieselbe tief ins Gesicht, weniger
gegen die brennenden Strahlen der Sonne als aus langer Gewhnung, und
wandte sich freundlich gegen seinen Begleiter.  'Nicht wahr, Ascanio',
sagte er, diesen Gang tue ich allein?  Einen einfachen Goldring zu
kaufen bersteigt meinen Mnchsverstand nicht.  Das traust du mir noch
zu?  Auf Wiedersehen bei meiner Vermhlung, wann es Vesper lutet!'
Ascanio ging und rief noch ber die Schulter zurck: 'Einen, nicht
zwei!  Den deinigen gibt dir Diana!  Merke dir das, Astorre!' Es war
eine jener farbigen Seifenblasen, deren der Lustige mehr als eine
tglich von den Lippen in die Luft jagte.

Fraget ihr mich, Herrschaften, warum der Mnch den Freund beurlaubte,
so sage ich: er wollte den himmlischen Ton, welchen die junge
Mrtyrerin der Kindesliebe in seinem Gemt geweckt hatte, rein
ausklingen lassen.

Astorre hatte die Brcke erreicht, welche trotz des Sonnenbrandes
randvoll war und von den nahen zwei Ufern ein doppeltes
Menschengedrnge vor den Laden des Florentiners fhrte.  Der Mnch
blieb unter seinem Mantel unerkannt, ob auch hin und wieder ein Auge
fragend auf dem unbedecktem Teil seines Gesichtes ruhte.  Adel und
Brgerschaft suchte sich den Vortritt abzugewinnen.  Vornehme Weiber
stiegen aus ihren Snften und lieen sich drngen und drcken, um ein
Paar Armringe oder ein Stirnband von neuester Mache zu erhandeln.  Der
Florentiner hatte auf allen Pltzen mit der Schelle verkndigen lassen,
er schliee heute nach dem Ave Maria.  Er dachte nicht daran.  Doch
was kostet einen Florentiner die Lge!

Endlich stand der Mnch, von Menschen eingeengt, vor der Bude.  Der
bestrmte Hndler, der sich verzehnfachte, streifte ihn mit einem
erfahrenen Seitenblick und erriet sofort den Neuling.  Womit diene ich
dem gebildeten Geschmack der Herrlichkeit?' fragte er.  Gib mir einen
einfachen Goldreif', antwortete der Mnch.  Der Kaufmann ergriff einen
Becher, auf welchem, nach florentinischer Kunst und Art, in erhabener
Arbeit irgend etwas ppiges zu sehen war.  Er schttelte den Kelch, in
dessen Bauch hundert Reifen wimmelten, und bot ihn Astorre.

Dieser geriet in eine peinliche Verlegenheit.  Er kannte den Umfang
des Fingers nicht, welchen er mit einem Reif bekleiden sollte, und
deren mehrere heraushebend, zauderte er sichtlich zwischen einem
weitern und einem engern.  Der Florentiner konnte den Spott nicht
lassen, wie denn ein versteckter Hohn aus aller Rede am Arno
hervorkichert.  'Kennt der Herr die Gestalt des Fingers nicht, welchen
er doch wohl zuweilen gedrckt hat?' fragte er mit einem unschuldigen
Gesicht, aber als ein kluger Mann verbesserte er sich alsobald, und in
der heimischen Meinung, der Verdacht der Unwissenheit sei beleidigend,
derjenige der Snde aber schmeichle, gab er Astorre zwei Ringe, einen
grern und einen kleinern, die er aus Daumen und Zeigefinger seiner
beiden Hnde geschickt zwischen die Daumen und Zeigefinger des Mnches
hinbergleiten lie.  'Fr die zwei Liebchen der Herrlichkeit',
wisperte er sich verneigend.

Ehe noch der Mnch ber diese lose Rede ungehalten werden konnte,
erhielt er einen harten Sto.  Es war das Schulterblatt eines
Ropanzers, das ihn so unsanft streifte, da er den kleinern Ring
fallen lie.  In demselben Augenblick schmetterte ihm der betubende
Ton von acht Tuben ins Ohr.  Die Feldmusik der germanischen Leibwache
des Vogtes ritt in zwei Reihen, beide vier Rosse hoch, ber die Brcke,
den ganzen Menscheninhalt derselben auseinanderwerfend und gegen die
steinernen Gelnder pressend.

Sobald die Blser vorber waren, strzte der Mnch, den festgehaltenen
grern Ring rasch in seinem Gewand bergend, dem kleinern nach,
welcher unter den Hufen der Gule weggerollt war.

Das alte Bauwerk der Brcke war in der Mitte ausgefahren und vertieft,
so da der Reif die Hhlung hinab und dann durch seine eigene Bewegung
getrieben die andere Seite hinanrollte.  Hier hatte eine junge Zofe,
namens Isotta oder, wie man in Padua den Namen krzt, Sotte, das
rollende und blitzende Ding gehascht, auf die Gefahr hin, von den
Pferden zerstampft zu werden.  'Ein Glcksring!' jubelte das unkluge
Geschpf und steckte einer jugendlichen Herrin, welcher sie das
Begleite gab, mit kindischem Frohlocken den Fund an den schlanken
Finger, den vierten der linken Hand, welcher ihr durch seine zierliche
Bildung des engen Schmuckes besonders wrdig und fhig schien.  In
Padua aber, wie auch hier in Verona, wenn mir recht ist, pflegt man
den Trauring an der linken Hand zu tragen.

Das Edelfrulein zeigte sich unwillig ber die Posse der Magd, war
aber doch auch ein bichen belustigt davon.  Sie bemhte sich eifrig,
den fremden Ring, der ihr wie angegossen sa, dem Finger wieder
abzuziehen.  Da stand unversehens der Mnch vor ihr und hob die Arme
in freudiger Verwunderung.  Seine Gebrde aber war, da er die
geffnete rechte Hand vor sich hinstreckte, die linke in der Hhe des
Herzens hielt; denn er hatte, trotz der entfalteten Blte, an der
auffallenden Schlankheit des Halses und wohl mehr noch an der Bewegung
seiner Seele das Kind wiedererkannt, dessen zartes Haupt er auf dem
Block gesehen hatte.

Whrend das Mdchen bestrzte, fragende Augen auf den Mnch richtete
und immerfort an dem widerspenstigen Ring drehte, zauderte Astorre,
denselben zurckzuverlangen.  Doch es mute geschehen.  Er ffnete den
Mund.  'Junge Herrin', begann er--und fhlte sich von zwei starken,
gepanzerten Armen umfat, die sich seiner bemchtigten und ihn
emporzogen.  Im Augenblick sah er sich, mit Hilfe eines andern
Gepanzerten, ein Bein rechts, ein Bein links, auf ein stampfendes Ro
gesetzt.  'La schauen', schallte ein gutmtiges Gelchter, 'ob du das
Reiten nicht verlernt hast!' Es war Germano, welcher an der Spitze der
von ihm befehligten deutschen Kohorte ritt, die der Vogt auf eine
Ebene unweit Padua zur Musterung befohlen hatte.  Da er unvermutet den
Freund und Schwager im Freien erblickte, hatte er sich den
unschuldigen Spa gemacht, denselben neben sich auf ein Pferd zu heben,
von welchem ein junger Schwabe auf seinen Wink abgesprungen war.  Das
feurige Tier, welches den vernderten Reiter sprte, tat ein paar
wilde Sprnge, es entstand ein Rossegedrng auf der nicht gerumigen
Brcke, und Astorre, dem die Kapuze zurckgefallen war und der sich
mit Mhe im Bgel hielt, wurde von dem entsetzt ausweichenden Volk
erkannt.  'Der Mnch! der Mnch!' rief und deutete es von allen Seiten,
aber schon hatte der kriegerische Tumult die Brcke hinter sich und
verschwand um eine Straenecke.  Der unbezahlt gebliebene Florentiner
rannte nach, aber kaum zwanzig Schritte, denn ihm wurde bange um seine
unter der schwachen Hut eines Jngelchens gelassene Ware, und dann
belehrte ihn der Zuruf der Menge, da er es mit einer bekannten und
leicht aufzufindenden Persnlichkeit zu tun habe.  Er lie sich den
Palast Astorres bezeichnen und meldete sich dort heute, morgen,
bermorgen.  Die zwei ersten Male richtete er nichts aus, weil in der
Behausung des Mnches alles drunter und drber ging, das dritte Mal
fand er die Siegel des Tyrannen an das verschlossene Tor geheftet.
Mit diesem wollte der Feigling nichts zu schaffen haben und so ging er
der Bezahlung verlustig.

Die Frauen aber--zu Antiope und der leichtfertigen Zofe hatte sich
noch eine dritte, durch den Brckentumult von ihnen abgedrngte
wiedergefunden--schritten in der entgegengesetzten Richtung.  Diese
war ein seltsam blickendes, vorzeitig, wie es schien, gealtertes Weib
mit tiefen Furchen, grauen Haarbscheln, aufgeregten Mienen, und
schleppte ihr vernachlssigtes, aber vornehmes Gewand mitten durch den
Straenstaub.

Sotte erzhlte eben der Alten, offenbar der Mutter des Fruleins, mit
dummem Jubel den Vorgang auf der Brcke: Astorre--auch ihr hatte der
Zuruf des Volkes ihn genannt--Astorre der Mnch, der stadtkundig
freien msse, habe Antiope verstohlenerweise einen Goldring zugerollt,
und als sie--Sotte--, den Wink der Vorsehung und die Schlauheit des
Mnches verstehend, ihn dem lieben Mdchen angesteckt, sei der Mnch
selbst vor dasselbe hingetreten, und da Antiope ihm den Ring in
Zchten habe zurckgeben wollen, habe er--sie ahmte den Mnch
nach--die Linke zrtlich auf das Herz gelegt, so! die Rechte aber
zurckweisend ausgestreckt mit einer Gebrde, die in ganz Italien
nichts anderes sage und bedeute als: Behalte, Schatz!

Endlich kam die erstaunte Antiope zu Wort und beschwor die Mutter, auf
das alberne Geschwtz Isottens nichts zu geben, aber umsonst.  Madonna
Olympia erhob die Arme gen Himmel und dankte auf offener Strae dem
heiligen Antonius mit Inbrunst, da er ihre tgliche Bitte ber alles
Hoffen und Erwarten erhrt und ihrem Kleinod einen ebenbrtigen und
tugendhaften Mann, einen seiner eigenen Shne beschert habe.  Dabei
gebrdete sie sich so abenteuerlich, da die Vorbeigehenden lachend
auf die Stirne wiesen.  Die verwirrte Antiope gab sich alle
erdenkliche Mhe, der Mutter das blendende Mrchen auszureden; aber
diese hrte nicht und baute leidenschaftlich an ihrem Luftschlo
weiter.

So langten die Frauen in dem Palast Canossa an und begegneten im
Torbogen einem steif geputzten Majordom, dem sechs verschwenderisch
gekleidete Diener folgten.  Herr Burcardo lie, ehrerbietig
zurcktretend, Madonna Olympia die Treppe voraufgehen, dann, in einer
den Halle angelangt, machte er drei abgezirkelte Verbeugungen, eine
immer nher und tiefer als die andere, und redete langsam und
feierlich: 'Herrlichkeiten, mich sendet Astorre Vicedomini,
hochdieselben untertnigst zu seinen Sbosalizien zu laden, heute'--er
verschluckte schmerzhaft 'in zehn Tagen'--'wann es Vesper lutet.'"

Dante hielt inne.  Seine Fabel lag in ausgeschtteter Flle vor ihm;
aber sein strenger Geist whlte und vereinfachte.  Da rief ihn
Cangrande.

"Mein Dante", hub er an, "ich wundere mich, mit wie harten und tzend
scharfen Zgen du deinen Florentiner umrissen hast!  Dein Niccol
Lippo dei Lippi ist verbannt durch ein feiles und ungerechtes Urteil.
Er selbst aber ist ein berteurer, ein Schmeichler, ein Lgner, ein
Sptter, ein Schlpfriger und eine Memme, alles nach Art der
Florentiner'.  Und das ist nur ein winziges Flmmchen aus dem
Feuerregen von Verwnschungen, womit du dein Florenz berschttest,
nur eine trpfelnde Neige jener bittern von Essig und Galle triefenden
Terzinen, die du in deiner Komdie der Vaterstadt zu kosten gibst.
Lasse dir sagen, es ist unedel, seine Wiege zu schmhen, seine Mutter
zu beschmen!  Es kleidet nicht gut!  Glaube mir, es macht einen
schlechten Eindruck!

Mein Dante, ich will dir erzhlen von einem Puppenspiel, dem ich
jngst, verkappt unter dem Volk mich umtreibend, in unserer Arena
zuschaute.  Du rmpfst die Nase, da ich den niedrigen Geschmack habe,
in migen Augenblicken an Puppen und Narren mich zu vergngen.
Dennoch begleite mich vor die kleine Bhne!  Was schaust du da?  Mann
und Weib zanken sich.  Sie wird geprgelt und weint.  Ein Nachbar
streckt den Kopf durch die Trspalte, predigt, straft, mischt sich ein.
Doch siehe! das tapfere Weib erhebt sich gegen den Eindringling und
nimmt Partei fr den Mann.  'Wenn es mir beliebt, geprgelt zu werden!'
heult sie.

hnlicherweise, mein Dante, spricht ein Hochherziger, welchen seine
Vaterstadt mihandelt: Ich will geschlagen sein!"

Viele junge und scharfe Augen hafteten auf dem Florentiner.  Dieser
verhllte sich schweigend das Haupt.  Was in ihm vorging, wei niemand.
Als er es wieder erhob, war seine Stirn vergrmter, sein Mund
bitterer und seine Nase lnger.

Dante lauschte.  Der Wind pfiff um die Ecken der Burg und stie einen
schlecht verwahrten Laden auf.  Monte Baldo hatte seine ersten Schauer
gesendet.  Man sah die Flocken stuben und wirbeln, von der Flamme des
Herdes beleuchtet.  Der Dichter betrachtete den Schneesturm, und seine
Tage, welche er sich entschlpfen fhlte, erschienen ihm unter der
Gestalt dieser bleichen Jagd und Flucht durch eine unstete Rte.  Er
bebte vor Frost.

Und seine feinfhligen Zuhrer empfanden mit ihm, da ihn kein eigenes
Heim, sondern nur wandelbare Gunst wechselnder Gnner bedache und vor
dem Winter beschirmen welcher Landstrae und Feldweg mit Schnee
bedeckte.  Alle wurden es inne, und Cangrande, der von groer
Gesinnung war, zuerst: Hier sitzt ein Heimatloser!

Der Frst erhob sich, den Narren wie eine Feder von seinem Mantel
schttelnd, trat auf den Verbannten zu, nahm ihn an der Hand und
fhrte ihn an seinen eigenen Platz, nahe dem Feuer.  "Er gebhrt dir",
sagte er, und Dante widersprach nicht.  Cangrande aber bediente sich
des frei gewordenen Schemels.  Er konnte dort bequem die beiden Frauen
betrachten, zwischen welchen jetzt der Wanderer durch die Hlle sa,
den das Feuer glhend beschien und der seine Erzhlung folgendermaen
fortsetzte.

"Whrend die mindern Glocken in Padua die Vesper luteten, versammelte
sich unter dem Zederngeblk des Prunksaales der Vicedomini, was von
den zwlf Geschlechtern briggeblieben war, den Eintritt des Hausherrn
erwartend.  Diana hielt sich zu Vater und Bruder.  Ein leises
Geschwtz lief um.  Die Mnner besprachen ernst und grndlich die
politische Seite der Vermhlung zweier groer stdtischer Geschlechter.
Die Jnglinge scherzten halblaut ber den heiratenden Mnch.  Die
Frauen schauderten, trotz dem Breve des Papstes, vor dem Sakrilegium,
welches nur die von knospenden Tchtern umringten in milderem Licht
sahen, mit dem Zwang der Umstnde entschuldigten oder aus der
Herzensgte des Mnches erklrten.  Die Mdchen waren lauter Erwartung.

Die Anwesenheit der Olympia Canossa erregte Verwunderung und Unbehagen,
denn sie war in auffallendem, fast kniglichem Staat, als ob ihr bei
der bevorstehenden Feier eine Hauptrolle zustnde, und redete mit
unheimlicher Zungenfertigkeit in Antiope hinein, welche bangen Herzens
die aufgebrachte Mutter flsternd und flehend zu beschwichtigen suchte.
Donna Olympia hatte sich schon auf den Treppen gewaltig gergert, wo
sie--Herr Burcardo beschftigte sich eben mit dem Empfang zweier
anderer Herrschaften--von Gocciola, der eine neue, scharlachrote Kappe
mit silbernen Schellen in der Hand hielt, ehrfrchtig willkommen
geheien wurde.  Jetzt mit den andern im Kreis stehend, belstigte
oder ngstigte sie durch ihr maloses Gebrdenspiel ihre
Standesgenossen.  Mit Augenwinken und Kinnheben wurde auf die rmste
gedeutet.  Keiner htte sie an des Mnches Statt geladen, und jeder
machte sich darauf gefat, sie werde diesem einen ihrer Streiche
spielen.

Burcardo meldete den Hausherrn.  Astorre hatte sich von den Germanen
bald losgemacht, war auf die Brcke zurckgeeilt, ohne dort den Ring
noch die Frauen mehr zu finden, und sich darber Vorwrfe machend,
obschon im Grunde nur der Zufall anzuklagen war, hatte er in der ihm
bis zur Vesper bleibenden Stunde den Entschlu gefat, in Zukunft
immerdar nach den Regeln der Klugheit zu handeln.  Mit diesem Vorsatz
trat er in den Saal und in die Mitte der Versammelten.  Der Druck der
auf ihn gerichteten Aufmerksamkeit und die sozusagen in der Luft
fhlbaren Formen und Forderungen der Gesellschaft lieen ihn empfinden,
da er nicht die Wirklichkeit der Dinge sagen drfe, energisch und
mitunter hlich wie sie ist, sondern ihr eine gemilderte und
gefllige Gestalt geben msse.  So hielt er sich unwillkrlich in der
Mitte zwischen Wahrheit und schnem Schein und redete untadelig.

'Herrschaften und Standesbrder', begann er, 'der Tod hat eine reiche
Ernte unter uns Vicedomini gehalten.  Wie ich in Schwarz gekleidet vor
euch stehe, trage ich Trauer um den Vater, drei Brder und drei Neffen.
Da ich, von der Kirche freigelassen, den Wunsch eines sterbenden
Vaters, in Sohn und Enkel fortzuleben, nach ernster Erwgung'--hier
verhallte sich der Klang seiner Stimme--'und gewissenhafter Prfung
vor Gott nicht glaubte ungewhrt lassen zu drfen, dieses werdet ihr
verschieden beurteilen, billigend oder tadelnd, nach der Gerechtigkeit
oder Milde, die euch innewohnt.  Darin aber werdet ihr einiggehen, da
es mir bei meiner Vergangenheit nicht angestanden htte zu zaudern und
zu whlen, und da hier nur das Nchstliegende und Ungesuchte Gott
gefllig sein konnte.  Wer aber stand mir nher als die schon mit mir
durch die trostlose Trauer um meinen letzten Bruder vereinigte
jungfruliche Witwe desselben?  Und so ergriff ich ber einem teuern
Sterbebett diese Hand, wie ich sie jetzt ergreife'--er trat zu Diana
und fhrte sie in die Mitte--'und ihr den Trauring um den Finger lege.'
So tat er.  Der Ring pate.  Diana tat dasselbe, indem sie dem Mnch
einen goldenen Reif anlegte.  'Es ist der meiner Mutter', sagte sie,
'die ein wahrhaftes und tugendsames Weib war.  Ich gebe dir einen Ring,
der Treue gehalten hat.' Ein feierlich gemurmelter Glckwunsch aller
Anwesenden beschlo die ernste Handlung, und der alte Pizzaguerra, ein
wrdiger Greis--denn der Geiz ist ein gesundes Laster und lt zu
Jahren kommen--, weinte die bliche Trne.

Donna Olympia sah ihr Traumschlo auflodern und brennen mit sinkenden
Sulen und krachenden Balken.  Sie tat einen Schritt vorwrts, als
wolle sie ihre Augen berfhren, da sie sich betrgen, dann einen
zweiten in wachsender Wildheit, und jetzt stand sie dicht vor Astorre
und Diana, die grauen Haare gestrubt, und ihre rasenden Worte rannten
und strzten wie ein Volk in Aufruhr.

'Elender!' schrie sie.  'Gegen den Ring an dem Finger dieser da zeugt
ein anderer und zuerst gegebener.' Sie ri Antiope, welche ihr in
wachsender Angst und mit den flehendsten Gebrden gefolgt war, hinter
sich hervor und hob die Hand des Mdchens.  'Den Ring hier hast du
meinem Kinde vor nicht einer Stunde auf der Brcke bei dem Florentiner
an den Finger gesteckt!' So hatte ihr ein falscher Spiegel den Vorgang
verschoben.  'Ruchloser Mensch!  Ehebrecherischer Mnch!  ffnet
sich die Erde nicht, dich zu verschlingen?  Hngt den Bruder Pfrtner,
der im Rausch schnarchte und dich deiner Zelle entspringen lie!
Deinen Lsten wolltest du frnen, aber du durftest dir eine andere
Beute whlen als eine ungerecht verfolgte, ratlose Wittib und eine
unbeschtzte Waise!'

Die Marmordiele ffnete sich nicht, und in den Blicken der Umstehenden
las die Unglckliche, die einem gerechten Mutterzorn arme und schwache
Worte zu geben glaubte, den hellen Hohn oder ein Mitleid anderer Art,
als sie es zu finden hoffte.  Sie vernahm hinter sich das verstndlich
geflsterte Wort: 'Nrrin!', und ihr Zorn schlug in ein wahnsinniges
Gelchter um.  'Ei, seht mir einmal den Toren', hohnlachte sie, 'der
so dumm zwischen diesen beiden whlen konnte!  Ich mache euch zu
Richtern, Herrschaften, und jeden, der Augen hat.  Hier das herzige
Kpfchen, die schwellende Jugend'--das brige verga ich, aber ich
wei eines: Alle Jnglinge im Saale Vicedominis, und mehr als einer
unter ihnen mochte locker leben, alle Jnglinge, die enthaltsamen und
die es nicht waren, wendeten Ohr und Auge ab von den emprenden Worten
und Gebrden einer Mutter, welche Zucht und Scham unter die Fe trat
vor dem Kind, das sie geboren, und dieses preisgab wie eine Kupplerin.

Alle im Saal bemitleideten Antiope.  Nur Diana, so wenig sie an der
Treue des Mnches zweifelte, empfand ich wei nicht welchen dumpfen
Groll ber die ihrem Brutigam frech gezeigte Schnheit.

Antiope mochte es verschuldet haben dadurch, da sie den unseligen
Reif am Finger behielt.  Vielleicht tat sie es, um die sich selbst
betrende Mutter nicht zu reizen, in dem Gedanken, diese werde, durch
die Wirklichkeit enttuscht, aus dem Hochmut, nach ihrer Art, in
Kleinmut verfallen und alles mit einem Augenrollen und ein paar
gemurmelten Worten vorbergehen.  Oder dann hatte die junge Antiope
selbst eine Fingerspitze in den sprudelnden Mrchenbrunnen getaucht.
War die Begegnung auf der Brcke nicht wunderbar, und wre ihre
Erkiesung durch den Mnch wunderbarer gewesen als das Schicksal, das
ihn dem Kloster entri?

Jetzt erlitt sie grausame Strafe.  Soweit es eine zgellose Rede
vermag, beraubte sie die eigene Mutter der schtzenden Hllen.

Eine dunkle Rte und eine noch dunklere fuhr ihr ber Stirn und Nacken.
Darauf begann sie in der allgemeinen Stille laut und bitterlich zu
weinen.

Selbst die graue Mnade lauschte betroffen.  Dann zuckte ihr ein
entsetzlicher Schmerz ber das Gesicht und verdoppelte ihre Wut.  'Und
die andere!' kreischte sie, auf Diana zeigend, 'dieses kaum aus dem
Rohen gehauene breite Stck Marmor!  Diese verpfuschte Riesin, die
Gott Vater stmperte, als er noch Gesell war und kneten lernte!  Pfui
ber den plumpen Leib ohne Leben und Seele!  Wer htte ihr auch eine
gespendet?  Die Bastardin, ihre Mutter? die stupide Orsola?  Oder der
drre Knicker dort?  Nur widerstrebend hat er ihr ein karges Almosen
von Seele verabfolgt!'

Der alte Pizzaguerra blieb gelassen.  Mit dem klaren Verstand der
Geizigen verga er nicht, wen er vor sich hatte.  Seine Tochter Diana
aber verga es.  Durch die rohe Verhhnung ihres Leibes und ihrer
Seele aufgebracht, tief emprt, zog sie die Brauen zusammen und ballte
die Hnde.  Jetzt geriet sie auer sich, da die Nrrin ihre Eltern ins
Spiel zog, ihr die Mutter im Grabe beschimpfte, den Vater an den
Pranger stellte.  Ein bleicher Jhzorn packte und bermannte sie.

'Hndin!' schrie sie und schlug--in Antiopes Angesicht; denn das
verzweifelnde und beherzte Mdchen hatte sich vor die Mutter geworfen.
Antiope stie einen Laut aus, der den Saal und alle Herzen
erschtterte.

Nun drehte sich das Rad in dem Kopf der Trin vollstndig um.  Die
hchste Wut ging unter in unsglichem Jammer.  'Sie haben mir mein
Kind geschlagen!' sthnte sie, sank auf die Knie und schluchzte: 'Gibt
es keinen Gott mehr im Himmel?'

Jetzt war das Ma voll.  Es wre schon frher berlaufen, doch das
Verhngnis schritt rascher, als mein Mund es erzhlte, so rasch, da
weder der Mnch noch der nahestehende Germano den gehobenen Arm Dianas
ergreifen und aufhalten konnte.  Ascanio umschlang die Trin, ein
anderer Jngling fate sie bei den Fen, die sich kaum Strubende
wurde fortgetragen, in ihre Snfte gehoben und nach Hause gebracht.

Noch stunden sich Diana und Antiope gegenber, eine bleicher als die
andere, Diana reuig und zerknirscht nach schnell verrauchtem Jhzorn,
Antiope nach Worten ringend; sie konnte nur nicht stammeln, sie
bewegte lautlos die Lippen.

Wenn jetzt der Mnch Antiopes Hand ergriff, um der von seinem
verlobten Weibe Mihandelten das Geleit zu geben, so erfllte er damit
nur die ritterliche und die gastwirtliche Pflicht.  Alle fanden es
selbstverstndlich.  Besonders Diana mute wnschen, das Opfer ihrer
Gewalttat aus den Augen zu verlieren.  Auch sie entfernte sich dann
mit Vater und Bruder.  Die versammelten Gste aber hielten es fr das
Zarteste, gleichfalls bis auf die letzte Ferse zu verschwinden.

Es klingelte unter dem mit Amarellen und Zyperwein bestellten
Kredenztisch.  Eine Narrenkappe kam zum Vorschein und Gocciola kroch
auf allen vieren aus seinem leckern Versteck hervor.  Alles war
kstlich verlaufen nach seiner Ansicht; denn er hatte jetzt die volle
Freiheit, Amarellen zu naschen und ein Glschen um das andere zu
leeren.  So vergngte er sich eine Weile, bis er nahende Schritte
vernahm.  Er wollte entwischen, aber einen verdrielichen Blick, nach
dem Strer werfend, erachtete er jede Flucht fr unntig.  Es war der
Mnch, der zurckkehrte, und der Mnch war ebenso frohlockend und
ebenso berauscht wie er; denn der Mnch--"

"--Liebte Antiope?" unterbrach den Erzhler die Freundin des Frsten
mit einem krankhaften Gelchter.

"Du sagst es, Herrin, er liebte Antiope", wiederholte Dante in
tragischem Ton.

"Natrlich!"--"Wie anders?"--"Es mute so kommen!--So geht es
gewhnlich!" scholl es dem Erzhler aus dem ganzen Hrerkreis entgegen.

"Sachte, Jnglinge", murrte Dante.  "Nein, so geht es nicht gewhnlich.
Meinet ihr denn, eine Liebe mit voller Hingabe des Lebens und der
Seele sei etwas Alltgliches, und glaubet wohl gar, so geliebt zu
haben oder zu lieben?  Enttuschet euch!  Jeder spricht von Geistern,
doch wenige haben sie gesehen.  Ich will euch einen unverwerflichen
Zeugen bringen.  Es schleppt sich hier im Hause ein modisches
Mrenbuch herum.  Darin mit vorsichtigen Fingern bltternd, habe ich
unter vielem Wust ein wahres Wort gefunden.  'Liebe', heit es an
einer Stelle, 'ist selten und nimmt meistens ein schlimmes Ende.'"
Dieses hatte Dante ernst gesprochen.  Dann spottete er: "Da ihr alle
in der Liebe so ausgelernt und bewandert seid und es mir berdies
nicht ansteht, einen von der Leidenschaft berwltigten Jngling aus
meinem zahnlosen Mund reden zu lassen, berspringe ich das
verrterische Selbstgesprch des zurckkehrenden Astorre und sage kurz:
Da ihn der verstndige Ascanio belauschte, erschrak er und predigte
ihm Vernunft."

"Wirst du deine rhrende Fabel so klglich verstmmeln, mein Dante?"
wendete sich die entzndliche Freundin des Frsten mit bittenden
Hnden gegen den Florentiner.  "La den Mnch reden, da wir
teilnehmend erfahren, wie er sich abwendete von einer Rohen zu einer
Zarten, einer Kalten zu einer Fhlenden, von einem steinernen zu einem
schlagenden Herzen--"

"Ja, Florentiner", unterbrach die Frstin in, tiefer Bewegung und mit
dunkel glhender Wange, "la deinen Mnch reden, da wir staunend
vernehmen, wie es kommen konnte, da Astorre, so unerfahren und
tuschbar er war, ein edles Weib verriet fr eine Verschmitzte--hast
du nicht gemerkt, Dante, da Antiope eine Verschmitzte ist?  Du kennst
die Weiber wenig!  In Wahrheit, ich sage dir"--sie hob den krftigen
Arm und ballte die Faust--, "auch ich htte geschlagen, nicht die arme
Trin, sondern wissentlich die Arglistige, die sich um jeden Preis dem
Mnch vor das Angesicht bringen wollte!" Und sie fhrte den Schlag in
die Luft.  Die andere erbebte leise.

Cangrande, welcher die zwei Frauen, denen er jetzt gegenbersa, nicht
aufhrte zu betrachten, bewunderte seine Frstin und freute sich ihrer
groen Leidenschaft.  In diesem Augenblick fand er sie unvergleichlich
schner als die kleinere und zarte Nebenbuhlerin, welche er ihr
gegeben hatte, denn das Hchste und Tiefste der Empfindung erreicht
seinen Ausdruck nur in einem starken Krper und in einer starken Seele.

Dante fr sein Teil lchelte zum ersten und einzigen Mal an diesem
Abend, da er die beiden Frauen so heftig auf der Schaukel seines
Mrchens sich wiegen sah.  Er brachte es sogar zu einer Neckerei.
"Herrinnen", sagte er, "was verlangt ihr von mir?  Selbstgesprch ist
unvernnftig.  Hat je ein weiser Mann mit sich selbst gesprochen?"

Nun erhob sich aus dem Halbdunkel ein mutwilliger Lockenkopf, und ein
Edelknabe, der hinter irgendeinem Sessel oder einer Schleppe in
traulichem Versteck mochte gekauert haben, rief herzhaft: "Groer
Meister, wie wenig du dich kennst oder zu kennen vorgibst!  Wisse,
Dante, niemand plaudert gelufiger mit sich selbst als du, in dem Grad,
da du nicht nur uns dumme Buben bersiehst, sondern selbst das
Schne dicht an dir vorbergehen lt, ohne es zu begren."

"Wirklich?" sagte Dante.  "Wo war das?  Wo und wann?"

"Nun gestern auf der Etschbrcke", lchelte der Knabe.  "Du lehntest
am Gelnder.  Da ging die reizende Lukrezia Nani vorber, deine Toga
streifend.  Wir Knaben folgten, sie bewundernd, und ihr entgegen
schritten zwei feurige Kriegsleute, nach einem Blick aus ihren sanften
Augen haschend.  Sie aber suchte die deinigen--denn nicht jeder hat
mit heiler Haut in der Hlle gelustwandelt!  Du, Meister,
betrachtetest eine rollende Welle, welche in der Mitte der Etsch
daherfuhr, und murmeltest etwas."

"Ich lie das Meer gren.  Die Woge war schner als das Mdchen.
Doch zurck zu den zwei Toren!  Horch, sie sprechen miteinander!  Und
bei allen Musen, fortan unterbreche mich keiner mehr, sonst findet uns
Mitternacht noch am Mrchenherde.

Als der Mnch, nachdem er Antiope heimgefhrt, seinen Saal wieder
betrat--doch ich verga zu sagen, da er Ascanio nicht begegnete,
obwohl dieser mit der Snfte und Madonna Olympia darin denselben Weg
gemacht hatte.  Denn der Neffe, nachdem er die gnzlich Vernichtete
ihrer Dienerschaft bergeben, war schleunig zu seinem Ohm, dem
Tyrannen, geeilt, ihm den tollen Vorgang als frisches Gebck
aufzutischen.  Er hinterbrachte Ezzelin lieber eine Stadtgeschichte
als eine Verschwrung.

Ich wei nicht, ob der Mnch so wohlgestaltet war, wie der Sptter
Ascanio ihn genannt hatte.  Aber ich sehe ihn, der wie der blhendste
Jngling schreitet.  Mit beflgelten Fen durchschwebt er den Saal,
als trge ihn Zephir oder fhrte ihn Iris.  Seine Augen sind voller
Sonne, und er murmelt Laute aus der Sprache der Seligen.  Gocciola,
der viel Zyperwein geschluckt hatte, fhlte sich gleichfalls beherzt
und verjngt.  Auch unter seinen Sohlen lste sich der Marmorboden in
weies Gewlk auf.  Er versprte einen unbesiegbaren Durst, das
Gemurmel auf den frischen Lippen Astorres, wie man sich ber eine
Quelle beugt, zu belauschen, und begann neben demselben die Lnge des
Saales zu durchmessen, bald mit gespreizten, bald mit hpfenden
Schritten, das Narrenzepter unter dem Arm.

'Das zrtliche Haupt, das sich fr den Vater bot, hat sich auch fr
die Mutter geboten und gegeben!' lispelte Astorre.  'Das schamhafte!
wie es brannte!  Das mihandelte! wie es litt!  Das geschlagene! wie
es aufschrie!  Hat es mich je verlassen, seit es auf dem Block lag?
Es wohnte in meinem Geist.  Es begleitete mich allgegenwrtig,
schwebte in meinem Gebet, strahlte in meiner Zelle, bettete sich auf
mein Kissen!  Lag das herzige Haupt mit dem weien, schmalen Hlschen
nicht neben dem des heiligen Paulus--'

'Des heiligen Paulus?' kicherte das Trpfchen.

'Des heiligen Paulus auf unserm Altarbild--'

'Mit dem schwarzen Kraushaar und dem roten Hals auf dem breiten Block
und dem Beil des Henkers darber?' Gocciola verrichtete bei den
Franziskanern zeitweilig seine Andacht.

Der Mnch nickte.  'Sah ich lange hin, so zuckte das Beil, und ich
bebte zusammen.  Habe ich es nicht dem Prior gebeichtet?'

'Und was sagte der Prior?' examinierte Gocciola.

'Mein Sohn', sagte er, 'was du sahest, war ein vorausgeeiltes Kind des
himmlischen Triumphzuges.  Frchte nichts!  Dem ambrosischen Hlschen
geschieht kein Leid!'

'Aber', reizte der bse Narr, 'das Kind ist gewachsen, so hoch!' Er
hob die Hand.  Dann senkte er sie und hielt sie ber dem Boden.  'Und
die Kutte Euer Herrlichkeit', grinste er, 'liegt so tief!'

Das Gemeine konnte den Mnch nicht berhren.  Ein schpferisches Feuer
war aus der Hand Antiopes in die seinige gefahren und begann zuerst
zart und sanft, dann immer heier und schrfer in seinen Adern zu
brennen.  'Gepriesen sei Gott Vater', frohlockte er pltzlich, 'der
Mann und Weib geschaffen hat!'

'Die Eva?' fragte der Narr.

'Die Antiope!' antwortete der Mnch.

'Und die andere?  Die Groe?  Was fngst du mit der an?  Schickst du
sie betteln?' Gocciola wischte sich die Augen.

'Welche andere?' fragte der Mnch.  'Gibt es ein Weib, das nicht
Antiope wre!'

Dies war selbst dem Narren zu stark.  Er glotzte Astorre erschreckt an,
wurde aber von einer Faust am Kragen gepackt, gegen die Pforte
geschleppt und auf den Flur gesetzt.  Dieselbe Hand legte sich dann
auf Astorres Schulter.

'Erwache, Traumwandler!' rief der zurckgekehrte Ascanio, welcher die
letzte schwrmerische Rede des Mnches belauscht hatte.  Er zog den
Verzckten auf eine Fensterbank nieder, heftete fest Augen auf Augen,
und: 'Astorre, du bist von Sinnen!' sprach er ihn an.  Dieser wich
zuerst den prfenden Blicken wie geblendet aus, dann begegnete er
ihnen mit den seinigen, die noch voller Jubel waren, um sie scheu
niederzuschlagen.

'Wunderst du dich?' sagte er dann.

'So wenig wie ber das Lodern einer Flamme', versetzte Ascanio.  'Aber
da du kein blindes Element, sondern eine Vernunft und ein Wille bist,
so tritt die Flamme aus, sonst frit sie dich und ganz Padua.  Mu dir
das Weltkind gttliches und menschliches Gesetz predigen?  Du bist
vermhlt!  So redet dieser Ring an deinem Finger.  Wenn du, wie erst
dein Gelbde, jetzt dein Verlbnis brichst, brichst du Sitte, Pflicht,
Ehre und den Stadtfrieden.  Wenn du dir den Pfeil des blinden Gottes
nicht rasch und heldenmtig aus dem Herzen ziehst, ermordet er dich,
Antiope und noch ein paar andere, wen es gerade treffen wird.  Astorre!
Astorre!'

Ascanios mutwillige Lippen erstaunten ber die groen und ernsten
Worte, welche er in seiner Herzensangst ihnen zu reden gab.  'Dein
Name, Astorre', sagte er dann halb scherzend, 'schmettert wie eine
Tuba und ruft dich zum Kampfe gegen dich selbst!'

Astorre ermannte sich.  'Man hat mir ein Philtrum gegeben!' rief er
aus.  'Ich rase, ich bin ein Wahnsinniger!  Ascanio, ich gebe dir
Macht ber mich, fele mich!'

'An Dianen will ich dich fesseln!' sagte Ascanio.  'Folge mir, da wir
sie suchen!'

'War es nicht Diana, die Antiope schlug?' fragte der Mnch.  'Das hast
du getrumt!  Du hast alles getrumt!  Du warst deiner Sinne nicht
mchtig!  Komm!  Ich beschwre dich!  Ich befehle es dir!  Ich
ergreife und fhre dich!'

Wenn Ascanio die Wirklichkeit verjagen wollte, so fhrte sie der auf
dem Flur klirrende Schritt Germanos zurck.  Mit einem entschlossenen
Gesicht trat der Bruder Dianens vor den Mnch und fate seine Hand.
'Ein gestrtes Fest, Schwager!' sagte er.  'Die Schwester schickt
mich--ich lge, sie schickt mich nicht.  Denn sie hat sich in ihre
Kammer eingeschlossen, und drinnen flennt sie und verflucht ihren
Jhzorn--heute ersaufen wir in Weibertrnen!  Sie liebt dich, nur
bringt sie es nicht ber die Lippen--es ist in der Familie: ich kann
es auch nicht.  An dir hat sie keinen Augenblick gezweifelt.  Es ist
einfach.- Du hast irgendwo einen Ring verschleudert--wenn es der
deinige war, den die kleine Canossa--wie heit sie doch? richtig: die
Antiope!--am Finger trug.  Die nrrische Mutter fand ihn und hat
daraus ihr Mrchen gesponnen.  Antiope ist natrlich an alledem
unschuldig wie ein neugeborenes Kind--wer es anders meint, hat es mit
mir zu tun!'

'Nicht ich!' rief Astorre.  'Antiope ist rein wie der Himmel!  Der
Ring wurde von einem Zufall gerollt!' und er erzhlte mit fliegenden
Worten.

'Aber auch der Schwester, die zufuhr, darfst du es nicht anrechnen,
Astorre', behauptete Germano.  'Ihr scho das Blut zu Kopf, sie sah
nicht, wen sie vor sich hatte.  Sie glaubte die Nrrin zu treffen, die
ihr die Eltern verhunzte, und schlug die liebe Unschuld.  Diese aber
mu vor Gott und Menschen wieder zu Ehren und Wrden gezogen werden.
La das meine Sache sein, Schwager!  Ich bin der Bruder.  Es ist
einfach.'

'Du redest in einem fort und bleibst doch dunkel, Germano!  Was hast
du vor?  Wie vergtest du es der rmsten?' fragte Ascanio.

'Es ist einfach', wiederholte Germano.  'Ich biete Antiope Canossa
meine Hand und mache sie zu meinem Weibe.'

Ascanio griff sich an die Stirn.  Der Streich betubte ihn.  Als er
dann aber, schnell besonnen, nher zusah, fand er das heroische Mittel
gar nicht so bel; doch warf er einen ngstlichen Blick auf den Mnch.
Dieser, seiner selbst wieder mchtig, hielt sich muschenstille und
horchte aufmerksam.  Das Ehrgefhl des Kriegers scholl wie ein heller
Ruf durch die Wildnis seiner Seele.

'So treffe ich zwei Fliegen mit einem Schlag, Schwager', erluterte
Germano.  'Das Mdchen wird in ihren Zchten und Ehren hergestellt.
Den mchte ich sehen, der hinter meinem Weibe zischelte!  Dann stifte
ich Frieden zwischen euch Eheleuten.  Diana braucht sich nicht lnger
vor dir noch vor sich selbst zu schmen und ist von ihrem Jhzorn
grndlich geheilt.  Ich sage dir: sie ist davon genesen, zeitlebens!'

Astorre drckte ihm die Hand.  'Du bist brav!' sagte er.  Der Wille,
seine himmlische oder irdische Lust tapfer zu berwinden, erstarkte in
dem Mnch.  Doch dieser Wille war nicht frei und diese Tugend nicht
selbstlos; denn sie klammerte sich an einen gefhrlichen Sophismus:
Nicht anders, als ich selbst eine Ungeliebte umarmen werde, trstete
sich Astorre, wird auch Antiope von einem Mann sich umfangen lassen,
welcher sie kurzerdinge freit, um fremdes Unrecht gutzumachen.  Wir
verzichten alle!  Entsagung und Kasteiung in der Welt wie im Kloster!

'Was geschehen mu, verschiebe ich nicht', drngte Germano.  'Sonst
wrde sie sich schlummerlos wlzen.' Ich wei nicht, meinte er Diana
oder Antiope.  'Schwager, du begleitest mich als Zeuge: ich tue es in
den Formen.'

'Nein, nein!' schrie Ascanio erschreckt.  'Nicht Astorre!  Nimm mich!'

Germano schttelte den Kopf.  'Ascanio, mein Freund', sagte er, 'dazu
eignest du dich nicht.  Du bist kein ernsthafter Zeuge in Ehesachen!
Auch wird mein Bruder Astorre es sich nicht nehmen lassen, fr mich zu
werben.  Es ist ja zum groen Teil seine eigene Angelegenheit.  Nicht
wahr, Astorre?' Dieser nickte.  'So bereite dich, Schwager.  Mache
dich hbsch!  Hnge dir eine Kette um!'

'Und', scherzte Ascanio gezwungen, 'wann du ber den Hof gehst, tauche
den Kopf in den Brunnen!  Du selbst aber, Germano, trgst Panzer?  So
kriegerisch?  Schickt sich das zur Freite?'

'Ich bin lange nicht aus der Rstung gekommen, und sie kleidet mich.
Was betrachtest du mich von Kopf zu Fen, Ascanio?'

'Ich frage mich, woher dieser Gepanzerte seine Sicherheit nimmt, nicht
mitsamt der Sturmleiter in den Graben geworfen zu werden?'

'Das kann nicht in Frage stehen', meinte Germano seelenruhig.  'Wird
sich eine Beschmte und Geschlagene einem Ritter verweigern?  Da wre
sie eine noch grere Nrrin als ihre Mutter.  Das ist doch sonnenklar,
Ascanio.  Komm, Astorre.'

Whrend der Zurckbleibende mit verschlungenen Armen diese neue
Wendung der Dinge bedachte, zweifelnd, ob dieselbe auf einen
Spielplatz blhender Kinder oder auf ein Camposanto fhre, schritten
seine Jugendfreunde den nicht langen Weg zum Palast Canossa.

Der wolkenlose Tag verglomm in einem reinglhenden Abendgold, und
horch! es lutete Ave. Der Mnch sprach innerlich die
Gewohnheitsgebete, und sein etwas erhht liegendes Kloster verlngerte
zufllig das vertraute Gelute um ein paar friedlich wehmtige Schlge,
welchen die andern Stadtglocken den Luftraum nicht lnger streitig
machten.  Auch der Mnch wurde des allgemeinen Friedens teilhaft.

Da traf sein Blick das Gesicht des Freundes und ruhte auf den
wetterharten Zgen.  Sie waren hell und freudig, von erfllter Pflicht
ohne Zweifel, aber doch auch von dem unbewuten oder unbewachten Glck,
unter dem von Ehre geschwellten Segel einer ritterlichen Handlung den
Port einer seligen Insel zu erreichen.  'Die se Unschuld!' seufzte
der Krieger.

Rasend schnell begriff der Mnch, da der Bruder Dianens sich selbst
tuschte, wenn er sich fr uneigenntzig hielt, da Germano Antiope zu
lieben begann und sein Nebenbuhler war.  Seine Brust empfand einen
scharfen Bi, dann einen zweiten noch schrfern, da er htte
aufschreien mgen.  Und jetzt whlte und wimmelte schon ein ganzes
Nest grimmiger Schlangen in seinem Busen.  Herrschaften, Gott mge uns
alle, Mnner und Weiber, vor der Eifersucht behten!  Sie ist die
qualvollste der Peinen, und wer sie leidet, ist unseliger als meine
Verdammten!

Mit verzogenem Gesicht und gepretem Herzen folgte der Mnch dem
selbstbewuten Freier die Treppen des erreichten Palastes hinauf.
Dieser stand leer und verwahrlost.  Madonna Olympia mochte sich
eingeschlossen haben.  Kein Gesinde, und alle Tren offen.  Sie
durchschritten ungemeldet eine Reihe schon dmmernder Gemcher: vor
der Schwelle der letzten Kammer hielten sie stille, denn die junge
Antiope sa am Fenster.

Sein in den Umri eines Kleeblattes endigender Bogen war voller
Abendglorie, welche die liebreizende Gestalt im Halbkreis von Brust zu
Nacken umfing.  Ihre gezauste Haarkrone hnelte den Spitzen eines
Dornenkranzes, und die schmachtenden Lippen schlrften den Himmel.
Das geschlagene Mdchen lag mde unter dem Druck der erduldeten
Schande, mit zugefallenen Augendeckeln und erschlafften Armen; aber in
der Stille ihres Herzens frohlockte sie und pries ihre Schmach, denn
diese hatte sie mit Astorre auf ewig vereinigt.

Und entzndet sich nicht heute noch und bis ans Ende der Tage aus
tiefstem Erbarmen hchste Liebe?  Wer widersteht dem Anblick des
Schnen, wenn es ungerecht leidet?  Ich lstere nicht und kenne die
Unterschiede, aber auch das Gttliche wurde geschlagen, und wir kssen
seine Striemen und Wunden.

Antiope grbelte nicht, ob Astorre sie liebe.  Sie wute es.  Da war
kein Zweifel.  Sie war davon berzeugter als von den Atemzgen ihrer
Brust und den Schlgen ihres Herzens.  Keine Silbe hatte sie mit
Astorre gewechselt vom ersten Schritt des Weges an, den sie zusammen
gingen.  Die Hnde hielten sich nicht fester beim letzten: sie
verwuchsen, ohne sich zu drcken.  Sie durchdrangen sich wie zwei
leichte, geistige Flammen und waren doch beim Scheiden wie die Wurzel
aus der Erde kaum auseinander zu lsen.

Antiope vergriff sich an fremdem Eigentum und beging Raub an Dianen
fast in Unschuld, denn sie hatte weder Gewissen mehr noch auch nur
Selbstbewutsein.  Padua, das mit seinen Trmen vor ihr lag, die
Mutter, des Mnches Verlbnis, Diana, die ganze Erde, alles war
vernichtet: nichts als der Abgrund des Himmels, und dieser gefllt mit
Licht und Liebe.

Astorre hatte von der ersten zur letzten Stufe der Treppe mit sich
gerungen und meinte den Sieg erkmpft zu haben.  Ich werde das Opfer
vollbringen, prahlte er gegen sich selbst, und Germano bei seiner
Werbung zur Seite stehen.  Auf dem obersten Tritt rief er noch alle
seine Heiligen an, voraus Sankt Franziskus, den Meister der
Selbstberwindung.  Er griff in die Brust und glaubte, durch den
himmlischen Beistand stark wie Herkules, die Schlangen erwrgt zu
haben.  Aber der Heilige mit den vier Wundmalen hatte sich abgewendet
von dem untreuen Jnger, der seinen Strick und seine Kutte verschmhte.

Der danebenstehende Germano entwarf indessen seine Rede, konnte aber
nicht ber die zwei Argumente hinauskommen, welche ihm gleich
anfnglich eingeleuchtet hatten.  brigens war er guten
Mutes--hatte er doch schon fter im Reiterkampf seine Germanen
angeredet--und frchtete sich nicht vor einem Mdchen.  Nur das Warten
ertrug er ebensowenig wie vor der Schlacht.  Er klirrte leis mit dem
Schwert an den Panzer.

Antiope schrak zusammen, blickte hin, erhob sich rasch und stand, den
Rcken gegen das Fenster gewendet, mit dunklem Antlitz den sich im
Dmmerlicht vor ihr verbeugenden Mnnern gegenber.

'Sei getrost, Antiope Canossa!' redete Germano.

'Ich bringe dir diesen mit, Astorre Vicedomini, welchen sie den Mnch
nennen, den Gatten meiner Schwester Diana, als gltigen Zeugen: siehe,
ich bin gekommen, dich--ohne Vater wie du bist und bei einer solchen
Mutter--von dir selbst zum Weib zu begehren.  Meine Schwester hat sich
gegen dich vergessen'--er strubte sich, ein strkeres Wort zu
brauchen und damit Dianen, die er verehrte, preiszugeben--'und ich,
der Bruder, bin da, gutzumachen, was die Schwester schlecht gemacht
hat.  Diana mit Astorre, du mit mir, so euch entgegenkommend, werdet
ihr Weiber euch die Hnde geben.'

Das empfindliche Gemt des lauschenden Mnches verwundete diese rohe
Gleichstellung des Mihandelns und des Leidens, der Schlagenden und
der Geschlagenen--oder krmmte sich eine Natter?--'Germano, so wirbt
man nicht!' raunte er dem Gepanzerten zu.

Dieser vernahm es, und da die dunkle Antiope muschenstille blieb,
verstimmte er sich.  Er fhlte, da er weicher reden sollte, und
redete barscher.  'Ohne Vater und mit einer solchen Mutter',
wiederholte er, bedrfet Ihr einer mnnlichen Hut!  Das konntet Ihr
heute lernen, junge Herrin.  Ihr werdet nicht zum andern Male vor ganz
Padua beschmt und geschlagen werden wollen!  Gebet Euch mir, wie Ihr
seid, und ich schirme Euch vom Wirbel zur Zehe!' Germano dachte an
seinen Panzer.

Astorre fand diese Werbung von emprender Hrte: Germano, so schien
ihm, behandelte Antiope wie seine Kriegsgefangene--oder zischte die
Schlange?--'So wirbt man nicht, Germano!' keuchte er.  Dieser wendete
sich halb.  'Wenn du es besser verstehst', sagte er mimutig, 'wirb du
fr mich, Schwager.' Er trat raumgebend beiseite.

Da nherte sich Astorre, das Knie gebogen, hob die Hnde mit sich
einander berhrenden Fingerspitzen, und seine bangen Blicke befragten
das zarte Haupt auf dem blassen Goldgrunde.  'Findet Liebe Worte?'
stammelte er.  Dmmerung und Schweigen.

Endlich lispelte Antiope: 'Fr wen wirbst du, Astorre?'

'Fr diesen hier, meinen Bruder Germano', prete er hervor.  Da barg
sie das Antlitz mit den Hnden.

Jetzt ri Germano die Geduld.  'Ich werde deutsch mit ihr reden',
brach er los und: 'Kurz und gut, Antiope Canossa', lie er das Mdchen
rauh an, 'wirst du mein Weib oder nicht?' Antiope wiegte das kleine
Haupt sanft und sachte, aber trotz der wachsenden Nacht mit deutlicher
Verneinung.

'Ich habe meinen Korb', sprach Germano trocken.  'Komm, Schwager!' und
er verlie den Saal mit ebenso festen Schritten, wie er ihn betreten
hatte.  Der Mnch aber folgte ihm nicht.

Astorre verharrte in seiner flehenden Stellung.  Dann ergriff er,
selbst zitternd, Antiopes zitternde Hnde und lste sie von dem
Antlitz.  Welcher Mund den andern suchte, wei ich nicht, denn die
Kammer war vllig finster geworden.

Auch wurde es darin so stille, da, wre ihr Ohr nicht voll
strmischen Jubels und seliger Chre gewesen, die Liebenden leicht in
einem anstoenden Gelasse gemurmelte Gebete htten vernehmen knnen.
Das verhielt sich so: Neben Antiopes Kammer, einige Stufen tiefer, lag
die Hauskapelle, und morgen jhrte sich zum dritten Male der Tod des
Grafen Canossa.  Nach berschrittener Mitternacht sollte in Gegenwart
der Witwe und der Waise die Seelenmesse gelesen werden.  Schon hatte
sich der Priester eingestellt, den Ministranten erwartend.

Ebensowenig wie das unterirdische Gemurmel vernahm das Paar die
schlurfenden Pantoffeln der Madonna Olympia, welche die Tochter suchte
und nun bei dem sprlichen Schein der Hausleuchte, die sie in der Hand
trug, die Liebenden still und aufmerksam betrachtete.  Da die
frechste Lge einer ausschweifenden Einbildungskraft vor ihren Augen
in diesen zrtlich verschlungenen Gestalten zu Tat und Wahrheit wurde,
darber wunderte sich Madonna Olympia nicht; aber, es sei der Trin
zum Lobe gesagt, ebensowenig kostete sie einen Genu der Rache.  Sie
weidete sich nicht an dem der gewaltttigen Diana bevorstehenden
bittern Leiden, sondern es berwog die einfache mtterliche Freude,
ihr Kind zu seinem Preise gewertet, begehrt und geliebt zu sehen.

Da jetzt, von einem scharfen Strahl aus ihrer Leuchte getroffen, die
beiden verwundert aufblickten, fragte sie mit einer weichen und
natrlichen Stimme: 'Astorre Vicedomini, liebst du die Antiope
Canossa?'

'ber alles, Madonna!' antwortete der Mnch.

'Und verteidigst sie?'

'Gegen eine Welt!' rief Astorre verwegen.

'So ist es recht', begtigte sie, 'aber nicht wahr, du meinst es
redlich?  Du verstoest sie nicht wie Dianen?  Du nrrst mich nicht?
Du machst eine arme Trin, wie sie mich nennen, nicht unglcklich?  Du
lt mein Kindchen nicht wieder zu Schanden kommen?  Du suchst keine
Ausflchte noch Aufschbe?  Du gibst den Augen die Gewiheit und
fhrst die Antiope gleich, als ein frommer Christ und wackerer
Edelmann, zum Altar?  Auch hast du nicht weit nach dem Pfaffen zu
gehen.  Hrst du es murmeln?  Da unten kniet einer.'

Und sie ffnete eine niedrige Tr, hinter welcher ein paar steile
Stufen in das husliche Heiligtum hinabfhrten.  Astorre warf einen
Blick: Unter dem plumpen Gewlbe vor einem kleinen Altar bei dem
ungewissen Licht einer Kerze betete ein Barfer, welcher ihm an Alter
und Gestalt nicht unhnlich war und auch die Kutte und den Strick des
heiligen Franziskus trug.

Ich glaube, da dieser Barfer hier und gerade zu dieser Stunde durch
gttliche Schickung knien und beten mute, um Astorre zum letzten Male
zu erschrecken und zu warnen.  Doch in seinen lodernden Adern wurde
die Arznei zum Gift.  Da er die Verkrperung seines Klosterlebens
erblickte, kam ein trotziger Geist des Frevels und der Sicherheit ber
ihn.  Mit gleichen Fen habe ich ber mein erstes Gelbde weggesetzt,
lachte er, und siehe, die Schranke fiel unter meinem Sprung--warum
nicht ber das zweite?  Meine Heiligen haben mich unterliegen lassen!
Vielleicht retten und beschtzen sie den Snder!  Der Verwildernde
bemchtigte sich Antiopes und trug sie, mehr als da er sie fhrte,
die Stufen hinunter; Madonna Olympia aber, die sich nach einem kurzen
lichten Moment wieder verwirrte, schlug hinter dem Mnch und ihrem
Kind die schwere Tre zu wie hinter einem gelungenen Fang, einer
gehuschten Beute und lauschte durch das Schlsselloch.

Was sie sah, bleibt ungewi.  Nach der Meinung des Volkes htte
Astorre den Barfer mit gezogenem Schwert bedroht und vergewaltigt.
Das ist unmglich, denn der Mann Astorre hat niemals den Leib mit
einem Schwert gegrtet.  Der Wahrheit nher mag es kommen, da der
Barfer--traurig zu sagen--ein schlechter Mnch war und vielleicht
derselbe Beutel unter seine Kutte wanderte, den Astorre zu sich
gesteckt hatte, da er fr Diana den Ehereif kaufen ging.

Da aber anfnglich der Priester sich sperrte, da die zwei Mnche
miteinander rangen, da das schwere Gewlbe eine hliche Szene
verbarg--solches lese ich in dem verzerrten und entsetzten Gesicht der
Lauscherin.  Donna Olympia verstand, da da unten ein Frevel begangen
werde, da sie als die Anstifterin und Mitschuldige desselben der
Strenge des Gesetzes und der Rache der Verratenen sich preisgebe, und
da sich die Hinrichtung des Grafen, ihres Gemahls, jhrte, glaubte sie
auch ihr trichtes Haupt dem Beil unrettbar verfallen.  Sie whnte den
nahenden Schritt Ezzelins zu vernehmen.  Da floh sie und schrie:
'Hilfe!  Mrder!'

Die Gequlte strzte auf den Flur und an das in den engen innern Hof
blickende Fenster.  'Mein Maultier!  Meine Snfte!' rief sie hinunter,
und lachend ber den doppelten Befehl--das Maultier war fr das Land,
die Snfte fr die Stadt--erhob sich das Gesinde der Trin langsam und
bequem aus einem Winkel, wo es bei einer Krbislaterne trank und
wrfelte.  Ein alter Stallmeister, welcher allein der unglcklichen
Herrin Treue hielt, sattelte bekmmert zwei Maultiere und fhrte sie
durch den Torweg auf den an der Gasse liegenden Vorplatz des Palastes.
Er hatte Donna Olympia schon auf mancher Irrfahrt begleitet.  Die
andern folgten witzereiend mit der Snfte.

Auf der groen Treppe stie die flchtige Trin, welche der auch bei
den Unseligen bermchtige Trieb der Selbsterhaltung ihr geliebtes
Kind vergessen lie, gegen den besorgten Ascanio, der, ohne Nachricht
gelassen und von Unruhe getrieben, auf Kundschaft ausgegangen war.

'Was ist geschehen, Signora?' fragte er eilig.

'Ein Unglck!' krchzte sie wie ein aufwiegender Rabe, rannte die
Treppe hinab, sa auf ihrem Tier, stachelte es mit rasender Ferse und
verschwand im Dunkel.

Ascanio suchte durch die finstern Gemcher bis in die von der
stehengebliebenen Ampel der Madonna Olympia erhellte Kammer Antiopes.
Wie er sich darin umblickte, wurde die Tr der Hauskapelle geffnet,
und zwei schne Gespenster entstiegen der Tiefe.  Der Mutige begann zu
zittern.  'Astorre, du bist mit ihr vermhlt!' Der schallvolle Name
drhnte im Echo des Gewlbes wie die Tuba jenes Tages.  'Und trgst
Dianens Ring am Finger!'

Astorre ri ihn ab und schleuderte ihn von sich.

Ascanio strzte an das offene Fenster, durch welches der Ring
gesprungen war.  'Er ist in eine Spalte zwischen zwei Quadern
geglitscht', sprach es aus der Gasse herauf.  Ascanio erblickte
Turbane und Eisenkappen.  Es waren die Leute des Vogtes, welche ihre
nchtliche Runde begannen.

'Auf ein Wort, Abu Mohammed!' rief er, rasch besonnen, einen
weibrtigen Greis, der hflich erwiderte: 'Dein Wunsch ist mir Befehl!'
und mit zwei anderen Sarazenen und einem Deutschen im Tore des
Palastes verschwand.

Abu-Mohammed-al-Tabb berwachte nicht nur die Sicherheit der Strae,
sondern betrat auch das Innerste der Huser, um Reichsverrter--oder
was der Vogt so benannte--zu verhaften.  Kaiser Friedrich hatte ihn
seinem Schwiegersohn, dem Tyrannen, gegeben, damit er diesem eine
sarazenische Leibwache werbe, und an deren Spitze war er in Padua
verblieben.  Abu Mohammed war eine feine Erscheinung und hatte
gewinnende Formen.  Er nahm Anteil an dem Schmerz der Familie, deren
Glied er in den Kerker oder zum Block fhrte, und trstete die
betrbte in seinem gebrochenen Italienisch mit Sprchen arabischer
Dichter.  Ich vermute, da er seinen Beinamen 'al Tabb', das ist der
Arzt, wenn er auch einige chirurgische Kenntnisse und Griffe besitzen
mochte, zuerst und voraus gewissen rztlichen Manieren verdankte:
ermutigenden Handgebrden, beruhigenden Worten, wie zum Beispiel: 'Es
tut nicht weh' oder: 'Es geht vorber', womit die Jnger Galens eine
schmerzliche Operation einzuleiten pflegen.  Kurz, Abu Mohammed
behandelte das Tragische gelinde und war zur Zeit meiner Fabel trotz
seines strengen und bittern Amtes in Padua keine verhate
Persnlichkeit.  Spter, da der Tyrann eine Lust daran fand,
menschliche Leiber zu martern, woran du nicht glauben kannst,
Cangrande!, verlie ihn Abu Mohammed und kehrte zu seinem gtigen
Kaiser zurck.

Auf der Schwelle des Gemaches winkte Abu Mohammed seinen drei
Begleitern, stehenzubleiben.  Der Deutsche, der die Fackel trug, ein
trotzig blickender Geselle, verharrte nicht lange.  Er hatte heute zur
Vesperstunde Germano nach dem Palaste Vicedomini begleitet und dieser
ihm zugelacht: 'La mich jetzt!  Ich verlobe hier mein Schwesterchen
Diana dem Mnche!' Der Germane kannte die Schwester seines Hauptmanns
und hatte eine Art stiller Neigung zu ihr, ihres hohen Wuchses und
ihrer redlichen Augen halber.  Da er nun den Mnch, welchem er heute
mittag zur Seite geritten, Hand in Hand mit einem kleinen und
zierlichen Weibe sah, das ihm, neben dem groen Bilde Dianens, als
eine Puppe erschien, witterte er Treubruch, schmi erzrnt die
lodernde Fackel auf den Steinboden, wo sie der eine der Sarazenen
behutsam aufhob, und eilte davon, Germano den Verrat des Mnches zu
melden.

Ascanio, der den Deutschen erriet, bat Abu Mohammed, ihn zurckzurufen.
Dieser aber weigerte sich.  'Er wrde nicht gehorchen', sagte er
sanft, 'und mir zwei oder drei meiner Leute niederhauen.  Mit welchem
andern Dienst, Herr, bin ich dir gefllig?  Verhafte ich diese
blhenden Jugenden?'

'Astorre, sie wollen uns trennen!' schrie Antiope und suchte Schutz in
den Armen des Mnches.  Die am Altare Frevelnde hatte mit einer
schuldlosen Seele auch die natrliche Beherztheit eingebt.  Der
Mnch, welchen seine Schuld vielmehr ermutigte und begeisterte, tat
einen Schritt gegen den Sarazenen und ri ihm unversehens das Schwert
aus der Scheide.  'Vorsichtig, Knabe, du knntest dich schneiden',
warnte dieser gutmtig.

'La dir sagen, Abu Mohammed', erklrte Ascanio, 'dieser Rasende ist
der Gespiele meiner Jugend und war lange Zeit der Mnch Astorre, den
du sicherlich auf den Straen Paduas gesehen hast.  Der eigene Vater
hat ihn um sein Klostergelbde geprellt und mit einem ungeliebten Weib
vermhlt.  Vor wenigen Stunden wechselte er mit ihr die Ringe, und
jetzt, wie du ihn hier siehst, ist er der Gatte dieser andern.'

'Verhngnis!' urteilte der Sarazene mild.

'Und die Verratene', fuhr Ascanio fort, 'ist Diana Pizzaguerra, die
Schwester Germanos!  Du kennst ihn.  Er glaubt und traut lange, sieht
und greift er aber, da er ein Getuschter und Betrogener ist, so
spritzt ihm das Blut in die Augen, und er ttet.'

'Nicht anders', besttigte Abu Mohammed.  'Er ist von der Mutter her
ein Deutscher, und diese sind Kinder der Treue!'

'Rate mir, Sarazene.  Ich wei nur eine Auskunft: vielleicht eine
Rettung.  Wir bringen die Sache vor den Vogt.  Ezzelin mag richten.
Inzwischen bewachen deine Leute den Mnch in seinem eigenen festen
Haus.  Ich eile zum Ohm.  Diese aber bringst du, Abu Mohammed, zu der
Markgrfin Cunizza, der Schwester des Vogts, der frommen und
leutseligen Domina, die hier seit einigen Wochen hofhlt.  Nimm die
hbsche Snderin!  Ich anvertraue sie deinem weien Barte.'--'Du
darfst es', versicherte Mohammed.

Antiope umklammerte den Mnch und schrie noch klglicher als das
erstemal: 'Sie wollen mich von dir trennen!  La mich nicht, Astorre!
keine Stunde! keinen Augenblick!  Oder ich sterbe!' Der Mnch hob das
Schwert.

Ascanio, der jede Gewalttat verabscheute, blickte den Sarazenen
fragend an.  Dieser betrachtete die sich umschlungen Haltenden mit
vterlichen Augen.  'La die Schatten sich umarmen!' sagte er dann
weichgestimmt, sei es, da er ein Philosoph war und das Leben fr
Schein hielt, sei es, da er sagen wollte: vielleicht verurteilt sie
morgen Ezzelin zum Tode, gnne den verliebten Faltern die Stunde!

Ascanio zweifelte nicht an der Wirklichkeit der Dinge; desto
zugnglicher war er dem zweiten Sinne des Spruches.  Nicht allein als
der Leichtfertige, der er war, sondern auch als ein Gtiger und
Menschlicher zauderte er, die Liebenden auseinanderzureien.

'Astorre', fragte er, kennst du mich?'

'Du warst mein Freund', antwortete dieser.

'Und bin es noch.  Du hast keinen treuern.'

'O trenne mich nicht von ihr!' flehte jetzt der Mnch in einem so
ergreifenden Ton, da Ascanio nicht widerstand.  'So bleibet zusammen',
sagte er, 'bis ihr vor das Gericht tretet.' Er flsterte mit Abu
Mohammed.

Dieser nherte sich dem Mnch, entwand ihm sachte das Schwert, Finger
um Finger von dem Griff lsend, und lie es in die Scheide an seiner
Hfte zurckfallen.  Dann trat er ans Fenster, winkte seiner Schar,
und die Sarazenen bemchtigten sich der auf dem Vorplatz
stehengebliebenen Snfte Madonna Olympias.

Durch eine enge, finstere Gasse bewegte sich die schleunige Flucht:
Antiope voran, von vier Sarazenen getragen, ihr zur Seite der Mnch
und Ascanio, dann die Turbane.  Abu Mohammed schlo den Zug.

Dieser eilte an einem kleinen Platz und einer erhellten Kirche vorber.
In die dunkle Fortsetzung der Gasse einmndend, stie er in hartem
Anprall mit einem ihm entgegenkommenden andern, von zahlreichem Volk
begleiteten Zuge zusammen.  Heftiges Geznk erhob sich.  'Raum der
Sposina!' rief die Menge.  Chorknaben brachten aus der Kirche lange
Kerzen herbei, deren wehende Flmmchen sie mit vorgehaltener Hand
schtzten.  Der gelbe Schimmer zeigte eine geneigte Snfte und eine
umgestrzte Bahre.  La Sposina war ein gestorbenes Brutchen aus dem
Volke, das zu Grabe getragen wurde.  Die Tote regte sich nicht und
lie sich gelassen wieder auf ihre Bahre legen.  Das versammelte Volk
aber erblickte den Mnch, der die aus der Snfte gesprungene Antiope
schirmend umfing, und es wute doch, da der Mnch heute mit Diana
Pizzaguerra sich vermhlt hatte.  Abu Mohammed schaffte Ordnung.  Ohne
weitern Unfall erreichte man den Palast.

Astorre und Antiope wurden von der Dienerschaft mit erstaunten und
bestrzten Blicken empfangen.  Sie verschwanden im Tore, ohne von Abu
Mohammed und Ascanio Abschied genommen zu haben.  Dieser wickelte sich
in sein Kleid und begleitete noch einige Schritte weit den Sarazenen,
welcher die Stadtburg, die er bewachen sollte, umging, ihre Tore
zhlend und mit dem Blick die Hhe ihrer Mauern messend.

'Ein gefllter Tag', sagte Ascanio.

'Eine selige Nacht', erwiderte der Sarazene, den sternbesten Himmel
betrachtend.  Die ewigen Lichter, ob sie nun unsere Schicksale
beherrschen oder nicht, wanderten nach ihren stillen Gesetzen, bis ein
junger Tag, der jngste und letzte Astorres und Antiopes, die
gttliche Fackel schwang.

In einer Morgenstunde desselben lauschte der Tyrann mit seinem Neffen
durch ein kleines Rundbogenfenster seines Stadtturmes auf den
anliegenden Platz hinunter, den eine aufgeregte Menge fllte, murmelnd
und tosend wie die wechselnde Meereswoge.

Die gestrige Begegnung der Snfte mit der Bahre und der daraus
entstandene Tumult hatten blitzschnell durch die ganze Stadt verlautet.
Alle Kpfe beschftigten sich wachend und trumend mit nichts anderm
mehr als mit dem Mnch und seiner Hochzeit: nicht nur dem Himmel habe
der Ruchlose sein Gelbde gebrochen, sondern jetzt auch der Erde,
seine Braut habe er verraten, seinen Reif verschleudert, in rasend
raschem Wechsel mit einmal aufgeloderten Sinnen ein neues Weib gefreit,
ein fnfzehnjhriges Mdchen, die Blte des Lebens, und aus der
zerrissenen Kutte sei ein gieriger Raubvogel aufgeflattert.  Aber der
gerechte Tyrann, der kein Ansehen der Person kenne, lasse das Haus,
das den Verbrecher und die Verbrecherin verberge, von seinen Sarazenen
bewachen; er werde heute, bald, jetzt die Missetat der zwei
Vornehmen--denn die junge Snderin Antiope sei eine Canossa--vor
seinen Stuhl ziehen, der keuschen Diana ihr Recht schaffen und dem
durch das schlechte Beispiel seines Adels beleidigten tugendhaften
Volk die blutenden Kpfe der zwei Schuldigen durch das Fenster
zuwerfen.

Der Tyrann lie sich, whrend er einen beobachtenden Blick auf die
grende Masse warf, von Ascanio das Gestrige berichten.  Die
Verliebung rhrte ihn nicht, nur der zugerollte Ring beschftigte ihn
einen Augenblick als eine neue Form des Schicksals.  'Ich tadle',
sagte er, 'da du sie gestern nicht auseinandergerissen hast!  Ich
lobe, da du sie bewachst!  Die Vermhlung mit Diana besteht zu Recht.
Das mit dem Schwert erzwungene oder mit dem Beutel gekaufte Sakrament
ist so nichtig wie mglich.  Der Pfaffe, der sich erschrecken oder
bestechen lie, verdient den Galgen und, wird er eingefangen, so
baumelt er.  Noch einmal: warum tratest du nicht zwischen den
Unmndigen und das Kind? warum zerrtest du nicht einen Taumelnden aus
den Armen einer Berauschten?  Du gabest sie ihm!  Jetzt sind sie
Gatten.'

Ascanio, welcher sich wieder hell und leichtfertig geschlafen hatte,
verbarg ein Lcheln.  'Epikurer!' strafte ihn Ezzelin.  Er aber
schmeichelte: 'Es ist geschehen, gestrenger Ohm.  Wenn du den Fall in
deinen Machtkreis ziehst, ist alles gerettet!  Beide Parteien habe ich
vor deinen Richterstuhl beschieden auf diese neunte Stunde.' Ein
gegenberstehender Campanile schlug sie.  'Wolle nur, Ezzelin, und
deine feste und kluge Hand lst den Knoten spielend.  Liebe
verschwendet, und Geist kennt Ehre nicht.  Der verliebte Mnch wird
dem niedertrchtigen Geizhals, als welchen wir alle diesen wrdigen
Pizzaguerra kennen, hinwerfen, was er verlangt.  Germano freilich wird
das Schwert ziehen, doch du heit es ihn in die Scheide zurckstoen.
Er ist dein Mann.  Er knirscht, aber er gehorcht.'

'Ich frage mich', sagte Ezzelin, 'ob ich recht tue, den Mnch dem
Schwert meines Germano zu entziehen.  Darf Astorre leben?  Kann er es,
jetzt, da er nach verschleuderter Sandale auch den angezogenen
ritterlichen Schuh zur Schlarpe tritt und der Cantus firmus des
Mnches in einem geltenden Gassenhauer vertnt?  Ich--was an mir
liegt--friste dem Wankelmtigen und Wertlosen das Dasein.  Allein ich
vermag nichts gegen sein Schicksal.  Ist Astorre dem Schwerte Germanos
bestimmt, so kann ich diesen es senken heien, jener rennt doch hinein.
Ich kenne das.  Ich habe das erfahren.' Und er verfiel in ein Brten.

Scheu wandte Ascanio den Blick seitwrts.  Er wute eine grausame
Geschichte.

Einst hatte der Tyrann ein Kastell erobert und die Emprer, die es
gehalten hatten, zum Schwerte verurteilt.  Der erste beste
Kriegsknecht schwang es.  Da kniete, um den Todesstreich zu empfangen,
ein schner Knabe, dessen Zge den Tyrannen fesselten.  Ezzelin
glaubte die seinigen zu erkennen und fragte den Jngling nach seinem
Ursprung.  Es war der Sohn eines Weibes, das Ezzelin in seiner Jugend
sndig geliebt hatte.  Er begnadigte den Verdammten.  Dieser, von der
eigenen Neugierde und den neidischen Sticheleien derer, welche ihre
Shne oder Verwandten durch jenes Bluturteil eingebt hatten, gereizt
und verfolgt, ruhte nicht, bis er das Rtsel seiner Bevorzugung lste.
Er soll den Dolch gegen die eigene Mutter gezckt und ihr das bse
Geheimnis entrissen haben.  Die enthllte unehrliche Geburt vergiftete
seine junge Seele.  Er verschwor sich von neuem gegen den Tyrannen,
berfiel ihn auf der Strae und wurde von demselben Kriegsknecht, der
zufllig der erste war, Ezzelin zu Hilfe zu eilen, und mit demselben
Schwert niedergestoen.

Ezzelin verbarg das Haupt eine Weile mit der Rechten und betrachtete
den Untergang seines Sohnes.  Dann erhob er es langsam und fragte: Was
aber wird aus Diana?'

Ascanio zuckte die Achseln.  'Diana hat einen Unstern.  Zwei Mnner
hat sie verloren, den einen an die Brenta, den andern an ein
lieblicheres Weib.  Und dazu der karge Vater!  Sie geht ins Kloster.
Was bliebe ihr sonst?'

Jetzt erhob sich drunten auf dem Platze ein Murren, ein Schelten, ein
Verwnschen, ein Drohen.  'Mordet den Mnch!' reizten einzelne Stimmen,
doch da sie sich in einen allgemeinen Schrei vereinigen wollten, ging
der Volkszorn auf eine seltsame Weise in ein erstauntes und
bewunderndes 'Ach!' ber.  'Ach, wie schn ist sie!' Der Tyrann und
Ascanio konnten durch ihr Fenster den Auftritt bequem beobachten:
Sarazenen auf schlanken Berbern, den Mnch Astorre und sein junges
Weib, die von Maultieren getragen wurden, umringend.  Die neue
Vicedomini ritt verhllt.  Aber wie die tausend Fuste des Volkes sich
gegen den Mnch, ihren Gemahl, ballten, hatte sie sich
leidenschaftlich vor ihn geworfen.  Die liebende Gebrde zerri den
Schleier.  Es war nicht der Reiz ihres Antlitzes allein, noch die
Jugend ihres Wuchses, sondern das volle Spiel der Seele, das
gestaltete Gefhl, der Atem des Lebens, was die Menge entwaffnete und
hinri, wie gestern den Mnch, der jetzt als ein blhender Triumphator
ohne die leiseste Furcht, denn er glaubte sich gefestet und gefeit,
mit seiner warmen Beute einherzog.

Ezzelin betrachtete diesen Sieg der Schnheit fast verchtlich.  Er
wandte sein Auge teilnehmend gegen den zweiten Auftritt, welcher aus
einer andern Gasse auf den Turmplatz mndete.  Drei Vornehme, wie
Astorre und Antiope zahlreich begleitet, suchten Bahn durch die Menge.
In der Mitte ein schneeweies Haupt: die wrdige Erscheinung des
alten Pizzaguerra.  Ihm zur Linken Germano.  Dieser hatte gestern
schrecklich gezrnt, als ihm sein Deutscher die Kunde des Verrates
brachte, und strzte spornstreichs zur Rache, wurde aber von dem
Sarazenen ereilt, welcher ihn, den Vater und die Schwester auf die
nchste Frhstunde in den Turm und vor das Gericht des Vogtes lud.  Er
hatte darauf der Schwester den Frevel des Mnches, welchen er ihr
lieber bis nach genommener Rache verheimlicht, offenbaren mssen und
sich ber ihre Fassung gewundert.  Diana ritt zur Rechten des Vaters,
keine andere als sonst, nur da sie den breiten Nacken um einen
schweren Gedanken tiefer als gestern trug.

Die Menge, welche die Gekrnkte und ihr Recht Fordernde eine Minute
frher mit zrnendem Jubel begrt htte, begngte sich jetzt, das
Auge noch geblendet von dem Glanze Antiopes und den Verrat des Mnches
begreifend und mitbegehend, der Gedrckten ein mitleidiges: 'Arme!
rmste!  Immer Geopferte!' zuzumurmeln.

Jetzt erschienen die fnf vor dem Tyrannen, der in einem nackten Saal
auf einem nur um zwei Stufen ber dem Boden erhhten Stuhle sa.  Vor
ihm standen Klger und Verklagte sich gegenber: hier die beiden
Pizzaguerra und, ein wenig beiseite, die groe Gestalt Dianas, dort,
Hand in Hand verschlungen, der Mnch und Antiope, alle in Ehrfurcht,
whrend Ascanio an dem hohen Sessel des Tyrannen lehnte, als wolle er
seine Unparteilichkeit und die Mitte wahren zwischen zwei
Jugendgespielen.

'Herrschaften', begann Ezzelin, ich werde euern Fall nicht als eine
Staatssache, wo Treubruch Verrat und Verrat Majesttsverbrechen ist,
behandeln, sondern als eine lliche Familienangelegenheit.  In der
Tat, die Pizzaguerra, die Vicedomini, die Canossa sind ebenso edeln
Blutes wie ich, nur da die Erhabenheit des Kaisers mich zu ihrem Vogt
in diesen ihren Lndern gemacht hat.' Ezzelin neigte das Haupt bei der
Nennung der hchsten Macht; er konnte es nicht entblen, da er
dasselbe, wenn er es nicht mit dem Streithelm bedeckte, berall,
selbst in Wind und Wetter, nach antiker Weise bar trug.  'So bilden
die zwlf Geschlechter eine groe Familie, zu der auch ich durch eine
meiner Ahnfrauen gehre.  Aber wie sind wir zusammengeschmolzen durch
unselige Verblendung und strafbare Auflehnung einiger unter uns gegen
das hchste weltliche Amt!  Wenn ihr mir glaubet, so sparen wir nach
Krften, was noch vorhanden ist.  In diesem Sinne halte ich die Rache
der Pizzaguerra gegen Astorre Vicedomini auf, obwohl ich sie ihrer
Natur nach eine gerechte nenne.  Seid ihr', er wendete sich gegen die
drei Pizzaguerra, 'mit meiner Milde nicht einverstanden, so hret und
bedenket eines: Ich, Ezzelino da Romano, bin der erste und darum der
Hauptschuldige.  Htte ich mein Ro nicht an einem gewissen Tage und
zu einer gewissen Stunde lngs der Brenta jagen lassen, Diana wre
standesgem vermhlt, und dieser hier murmelte sein Brevier.  Htte
ich meine Deutschen nicht zur Musterung befohlen an einem gewissen
Tage und zu einer gewissen Stunde, so htte mein Germano den Mnch
nicht unzeitig auf einen Gaul gesetzt und dieser der Frau, welche er
jetzt an der Hand hlt, den ihr von seinem bsen Dmon--'

'Von meinem guten!' frohlockte der Mnch.

'--von seinem Dmon zugerollten Brautring wieder vom Finger gezogen.
Darum, Herrschaften, begnstigt mich, indem ihr mir die verwickelte
Sache entwirren und schlichten helfet; denn bestandet ihr auf der
Strenge, so mte ich auch mich und mich zuerst verurteilen!'

Diese ungewhnliche Rede brachte den alten Pizzaguerra keineswegs aus
der Fassung, und als ihn der Tyrann ansprach: 'Edler Herr, Euer ist
die Klage', sagte er kurz und karg 'Herrlichkeit, Astorre Vicedomini
verlobte sich ffentlich und ganz nach den Gebruchen mit meinem Kinde
Diana.  Dann aber, ohne da Diana sich gegen ihn vergangen htte,
brach er sein Verlbnis.  Unbegrndet, ungesetzlich,
kirchenschnderisch.  Diese Tat wiegt schwer, und verlangt, wo nicht
Blut, welches Deine Herrlichkeit nicht vergossen sehen will, eine
schwere Shne', und er machte die Gebrde eines Krmers, der
Gewichtstein um Gewichtstein in eine Waagschale legt.

'Ohne da Diana sich vergangen htte?' wiederholte der Tyrann.  'Mich
dnkt, sie verging sich.  Hatte sie nicht eine Wahnsinnige vor sich?
Und Diana schilt und schlgt.  Denn Diana ist jhzornig und
unvernnftig, wenn sie sich in ihrem Recht gekrnkt glaubt.'

Da nickte Diana und sprach: 'Du sagst die Wahrheit, Ezzelin.'

'Das ist es auch', fuhr der Tyrann fort, 'warum Astorre sein Herz von
ihr abgekehrt hat: er erblickte eine Barbarin.'

'Nein, Herr', widersprach der Mnch, die Verratene von neuem
beleidigend, 'ich habe Diana nicht angeschaut, sondern das se
Antlitz, das den Schlag empfing, und mein Eingeweide erbarmte sich.'

Der Tyrann zuckte die Achseln.  'Du siehst, Pizzaguerra', lchelte er,
'der Mnch gleicht einem sittsamen Mdchen, das zum erstenmal einen
starken Wein geschlurft hat und sich danach gebrdet.  Wir aber sind
alte, nchterne Leute.  Sehen wir zu, wie die Sache sich austragen
lt.'

Pizzaguerra erwiderte: 'Viel, Ezzelin, tte ich dir zu Gefallen wegen
deiner Verdienste um Padua.  Doch lt sich beleidigte Hausehre shnen
anders als mit gezogenem Schwerte?' So redete der Vater Dianens und
machte mit dem Arm eine edle Bewegung, welche aber in eine Gebrde
ausartete, die einer geffneten, wo nicht hingehaltenen Hand zum
Verwechseln hnlich sah.  'Biete, Astorre!' sagte der Vogt mit dem
Doppelsinne: Biete die Hand! oder: Biete Geld und Gut!

'Herr', wendete sich jetzt der Mnch offen und edel gegen den Tyrannen,
'wenn du einen Haltlosen, ja einen Sinnberaubten in mir erblickst,
ich zrne dir es nicht, denn ein starker Gott, den ich leugnete, weil
ich sein Dasein nicht ahnen konnte, hat sich an mir gercht und mich
berwltigt.  Noch jetzt treibt er mich wie ein Sturm und jagt mir den
Mantel ber den Kopf.  Mu ich mein Glck--bettelhaftes Wort!
armselige Sprache!--mu ich das Hchste des Lebens mit dem Leben
bezahlen: ich begreife es und finde den Preis niedrig gestellt!  Darf
ich aber leben und mit dieser leben, so markte ich nicht!' Er lchelte
selig.  'Nimm meine Habe, Pizzaguerra!'

'Herrschaften', verfgte der Tyrann, ich bevormunde diesen
verschwenderischen Jngling.  Unterhandeln wir zusammen, Pizzaguerra.
Du hrtest es: ich habe weite Vollmacht.  Was denkst du von den
Bergwerken der Vicedomini?'

Der ehrbare Greis schwieg, aber seine nahe zusammenliegenden Augen
glitzerten wie zwei Diamanten.

'Nimm meine Perlfischereien dazu!' rief Astorre, doch Ascanio, der die
Stufen heruntergeglitten kam, verschlo ihm den Mund.

'Edler Pizzaguerra', versuchte jetzt Ezzelin den Alten, 'nimm die
Bergwerke!  Ich wei, die Ehre deines Hauses geht dir ber alles und
steht um keinen Preis feil, aber ich wei ebenfalls, du bist ein guter
Paduaner und tust dem Stadtfrieden etwas zuliebe.'

Der Alte schwieg hartnckig.

'Nimm die Minen', wiederholte Ezzelin, der das Wortspiel liebte, 'und
gib die Minne!'

'Die Bergwerke und die Fischereien?' fragte der Alte, als wre er
schwerhrig.

'Die Bergwerke, sagte ich, und damit gut.  Sie tragen viele tausend
Pfund.  Wrdest du mehr fordern, Pizzaguerra, so htte ich mich in
deiner Gesinnung betrogen und du setztest dich dem hlichen Verdacht
aus, um Ehre zu feilschen.'

Da der Geizhals den Tyrannen frchtete und nicht mehr erlangen konnte,
verschluckte er seinen Verdru und bot dem Mnch die trockene Hand.
'Ein schriftliches Wort, Lebens und Sterbens halber', sagte er dann,
zog Stift und Rechenbchlein aus der Grteltasche, entwarf mit
zitternden Fingern die Urkunde 'coram domino Azzolino' und lie den
Mnch unterzeichnen.  Hierauf verbeugte er sich vor dem Vogt und bat,
ihn zu entschuldigen, wenn er, obwohl einer aus den Zwlfen,
Altersschwche halber der Hochzeit des Mnches nicht beiwohne.

Germano hatte, seine Wut verbeiend, neben dem Vater gestanden.  Jetzt
lste er den einen seiner Eisenhandschuhe.  Er schleuderte ihn dem
Mnch ins Gesicht, htte ihm nicht eine Machtgebrde des Tyrannen Halt
geboten.

'Sohn, willst du den ffentlichen Frieden brechen?' mahnte jetzt auch
der alte Pizzaguerra.  Mein gegebenes Wort enthlt und verbrgt auch
das deinige.  Gehorche!  Bei meinem Fluch!  Bei deiner Enterbung!'
drohte er.

Germano lachte.  'Kmmert Euch um Eure schmutzigen Hndel, Vater!'
warf er verchtlich hin.  'Doch auch du, Ezzelin, Herr von Padua,
darfst es mir nicht verwehren!  Es ist Mannesrecht und Privatsache.
Verweigere ich dem Kaiser und dir, seinem Vogt, den Gehorsam, so
enthaupte mich; aber du hinderst mich nicht, gerecht wie du bist,
diesen Mnch zu erwrgen, der meine Schwester gefft und mich
beheuchelt hat.  Wre Untreue straflos, wer mchte leben?  Es ist des
Platzes auf der Erde zu wenig fr den Mnch und mich.  Das wird er
selbst begreifen, wann er wieder zu Sinnen kommt.'

'Germano', gebot Ezzelin, 'ich bin dein Kriegsherr.  Morgen vielleicht
ruft die Tuba.  Du bist nicht dein eigen, du gehrst dem Reich!'

Germano erwiderte nichts.  Er befestigte den Handschuh.  'Vorzeiten',
sagte er dann, 'unter den blinden Heiden gab es eine Gottheit, welche
gebrochene Treue rchte.  Das wird sich mit dem Glockengelute nicht
gendert haben.  Ihr befehle ich meine Sache!' Rasch erhob er die Hand.

'So steht es gut', lchelte Ezzelin.  'Heute abend wird im Palaste
Vicedomini Hochzeit mit Masken gefeiert, ganz wie gebruchlich.  Ich
gebe das Fest und lade euch ein, Germano und Diana.  Ungepanzert,
Germano!  Mit kurzem Schwert!'

'Grausamer!' sthnte der Krieger.  'Kommt, Vater!  Wie mget Ihr
lnger das Schauspiel unserer Schande geben?' Er ri den Alten mit
sich fort.

'Und du, Diana?' fragte Ezzelin, da er vor seinem Stuhl nur noch diese
und die Neuvermhlten sah.  'Begleitest du nicht Vater und Bruder?'

'Wenn du es gestattest, Herr', sagte sie, 'habe ich ein Wort mit der
Vicedomini zu reden.' An dem Mnche vorber blickte sie fest auf
Antiope.

Diese, deren Hand Astorre nicht losgab, hatte an dem Gericht des
Tyrannen einen leidenden, aber tief erregten Anteil genommen.  Bald
errtete das liebende Weib.  Bald entfrbte sich eine Schuldige, die
unter dem Lcheln und der Gnade Ezzelins sein wahres und ein sie
verdammendes Urteil entdeckte.  Bald jubelte ein der Strafe
entwischtes Kind.  Bald regte sich das erste Selbstgefhl der jungen
Herrin, der neuen Vicedomini.  Jetzt, von Diana ins Gesicht angeredet,
warf sie ihr scheue und feindselige Blicke entgegen.

Diese lie sich nicht beirren.  'Schau her, Antiope!' sagte sie.
'Hier mein Finger'--sie streckte ihn--'trgt den Ring deines Gatten.
Den darfst du nicht vergessen.  Ich bin nicht aberglubischer als
andere, aber an deiner Stelle wre mir schlimm zumute!  Schwer hast du
dich an mir versndigt, doch ich will gut und milde sein.  Heute abend
feierst du Hochzeit mit Masken nach den Gebruchen.  Ich werde dir
erscheinen.  Komme reuig und demtig und ziehe mir den Ring vom Finger!'

Antiope stie einen Schrei der Angst aus und klammerte sich an ihren
Gatten.  Dann, in seinen Armen geborgen, redete sie strmisch: 'Ich
soll mich erniedrigen?  Was befiehlst du, Astorre?  Meine Ehre ist
deine Ehre!  Ich bin nichts mehr als dein Eigentum, dein Herzklopfen,
dein Atemzug und deine Seele.  Wenn du willst und du gebietest, dann!'

Astorre sprach, sein Weib zrtlich beruhigend, gegen Diana: 'Sie wird
es tun.  Mge dich ihre Demut vershnen! und die meinige!  Sei mein
Gast heute nacht und bleibe meinem Hause gnstig!' Er wendete sich zu
Ezzelin, dankte ihm ehrerbietig fr Gericht und Gnade, verneigte sich
und entfhrte sein Weib.  Auf der Schwelle aber wandte er sich noch
fragend gegen Diana: 'Und in welcher Tracht wirst du bei uns
erscheinen, da wir dich kennen und dir Ehre bezeigen?'

Diese lchelte verchtlich.  Wieder, wendete sie sich gegen Antiope.
'Kommen werde ich als die, welche ich mich nenne und welche ich bin:
die Unberhrte, die Jungfruliche!' sagte sie stolz.  Dann wiederholte
sie: 'Antiope, denke daran: reuig und demtig!'

'Du meinst es ehrlich, Diana?  Du fhrst nichts im Schilde?' zweifelte
der Tyrann, da ihm jetzt die Pizzaguerra allein gegenberstand.

'Nichts', erwiderte sie, jede Beteurung verschmhend.

'Und was wird aus dir, Diana?' fragte er.

'Ezzelin', antwortete sie bitter, 'vor diesem deinem Richtstuhl hat
mein Vater die Ehre und Rache seines Kindes um ein paar Erzklumpen
verschachert.  Ich bin nicht wert, da mich die Sonne bescheine.  Fr
solche ist die Zelle!' Und sie verlie den Saal.

'Allervortrefflichster Ohm!' jubelte Ascanio.  'Du vermhlst das
seligste Paar in Padua und machst aus einer gefhrlichen Geschichte
ein reizendes Mrchen, womit ich einst, als ein ehrwrdiger Greis,
meine Enkel und Enkelinnen am Herdfeuer ergtzen werde!'

'Idyllischer Neffe', spottete der Tyrann.  Er trat ans Fenster und
blickte auf den Platz hinunter, wo die Menge noch in fieberhafter
Neugierde standhielt.  Ezzelin hatte Befehl gegeben, die vor ihn
Beschiedenen durch eine Hinterpforte zu entlassen.  'Paduaner!' redete
er jetzt mit gewaltiger Stimme, und Tausende schwiegen wie eine Einde.
'Ich habe den Handel untersucht.  Er war verwickelt und die Schuld
geteilt.  Ich vergab, denn ich bin zur Milde geneigt jedesmal, wo die
Majestt des Reiches nicht berhrt wird.  Heute abend halten Hochzeit
mit Masken Astorre Vicedomini und Antiope Canossa.  Ich, Ezzelin, gebe
das Fest und lade euch alle.  Lasset es euch schmecken, ich bin der
Wirt!  Euch gehren Schenke und Gasse!  Den Palast Vicedomini aber
betrete noch gefhrde mir keiner, sonst, bei meiner Hand!--und jetzt
kehre ruhig jeder in das Seinige, wenn ihr mich lieb habet!'

'Wie sie dich lieben!' scherzte Ascanio.--Ein unbestimmtes Gemurmel
drang empor.  Es verriegelte und verrann."

Dante schpfte Atem.  Dann endigte er in raschen Stzen.

"Nachdem der Tyrann sein Gericht gehalten hatte, verritt er um Mittag
nach einem seiner Kastelle, wo er baute.  Er begehrte rechtzeitig nach
Padua zurckzukehren, um die vor Diana sich demtigende Antiope zu
betrachten.

Aber gegen Voraussicht und Willen wurde er auf der mehrere Miglien von
der Stadt entfernten Burg festgehalten.  Dorthin kam ihm ein
staubbedeckter Sarazene nachgesprengt und berreichte ihm ein
eigenhndiges Schreiben des Kaisers, das umgehende Antwort verlangte.
Die Sache war von Bedeutung.  Ezzelin hatte vor kurzem eine
kaiserliche Burg im Ferraresischen, in deren Befehlshaber, einem
Sizilianer, sein Scharfblick den Verrter argwhnte, nchtlicherweile
berfallen, eingenommen und den zweideutigen kaiserlichen Burgvogt in
Fesseln gelegt.  Nun verlangte der Staufe Rechenschaft ber diesen
klugen, aber verwegenen Eingriff in seinen Machtkreis.  Die arbeitende
Stirn in die Linke gelegt, lie Ezzelin die Rechte ber das Pergament
gleiten, und sein Stift zog ihn vom ersten zum zweiten und vom zweiten
zu einem dritten.  Grndlich unterhielt er sich mit dem erleuchten
Schwiegervater ber die Mglichkeiten und Ziele eines bevorstehenden
oder wenigstens geplanten Feldzuges.  So verschwand ihm Stunde und
Zeitma.  Erst als er sich wieder zu Pferde warf, erkannte er aus dem
ihm vertrauten Wandel der Gestirne--sie blitzten in voller Klarheit--,
da er Padua kaum vor Mitternacht erreichen werde.  Sein Gefolge weit
hinter sich lassend, schnell wie ein Gespenst, flog er ber die
nchtige Ebene.  Doch er whlte seinen Weg und umritt vorsichtig einen
wenig tiefen Graben, ber welchen der khne Reiter an einem andern
Tage spielend gesetzt htte: er verhinderte das Schicksal, seine Fahrt
zu bedrohen und seinen Hengst zu strzen.  Wieder verschlang er auf
gestrecktem Renner den Raum, aber Paduas Lichter wollten noch nicht
schimmern.

Dort, vor der breiten Stadtfeste der Vicedomini, whrend sie sich in
rasch wachsender Dmmerung schwrzte, hatte sich das trunkene Volk
versammelt.  Zgellose wechselten mit possierlichen Szenen auf dem
nicht groen Platze.  In der gedrngten Menge gor eine wilde, zornige
Lust, ein bacchantischer Taumel, welchem die ausgelassene Jugend der
Hochschule ein Element des Spottes und Witzes beimischte.

Jetzt lie sich eine schleppende Kantilene vernehmen, in der Art einer
Litanei, wie unsere Landleute zu singen pflegen.  Es war ein Zug
Bauern, alt und jung, aus einem der zahlreichen Drfer im Besitz der
Vicedomini.  Dieses arme Volk, welches in seiner Abgelegenheit nichts
von der Verweltlichung des Mnches, sondern nur in unbestimmten
Umrissen die Vermhlung des Erben erfahren, hatte sich vor
Tagesanbruch mit den blichen Hochzeitsgeschenken aufgemacht und
erreichte nun sein Ziel nach einer langen Wallfahrt im Staub der
Landstrae.  Es hielt und duckte sich zusammen, langsam ber den
wogenden Platz vorrckend, hier ein lockiger Knabe, fast noch ein Kind,
mit einer goldenen Honigwabe, dort eine scheue, stolze Dirne, ein
blkendes, bebndertes Lmmchen in den sorglichen Armen.  Alle
verlangten sie sehnlich nach dem Angesicht ihres neuen Herrn.

Nun verschwanden sie nach und nach in der Wlbung des Tores, wo rechts
und links die angezndeten Fackeln in den Eisenringen loderten, mit
der letzten Tageshelle streitend.  Im Torweg befahl Ascanio als Ordner
des Festes, er, der sonst so freundliche, mit einer schreienden und
gereizten Stimme.

Von Stunde zu Stunde wuchs der Frevelmut des Volkes, und als endlich
die vornehmen Masken anlangten, wurden sie gestoen, dem Gesinde die
Fackeln entrissen und auf den Steinplatten ausgetreten, die Edelweiber
von ihren mnnlichen Begleitern abgedrngt und lstern gehnselt,
ungercht von dem Schwertstich, der an gewhnlichen Abenden die
Frechheit sofort gestraft htte.

Dergestalt kmpfte unweit des Palasttores ein hohes Weib in der Tracht
einer Diana mit einem immer enger sich schlieenden Ringe von
Klerikern und Schlern niedersten Ranges.  Ein hagerer Mensch lie
seine mythologischen Kenntnisse glnzen.  'Nicht Diana bist du!'
nselte er verbuhlt, 'du bist eine andere! ich erkenne dich.  Hier
sitzt dein Tubchen!' und er zeigte auf den silbernen Halbmond ber
der Stirne der Gttin.  Diese aber schmeichelte nicht wie Aphrodite,
sondern zrnte wie Artemis.  'Weg, Schweine!' schalt sie.  'Ich bin
eine reinliche Gttin und verabscheue die Kleriker!'--'Gurr, gurr!'
girrte die Hopfenstange und tastete mit den Knochenhnden, stie aber
auf der Stelle einen durchdringenden Schrei aus.  Wimmernd hob der
Elende die Hand und zeigte seinen Schaden.  Sie war durch und durch
gestochen und berquoll von Blut: das ergrimmte Mdchen hatte hinter
sich in den Kcher gelangt--den entwendeten Jagdkcher ihres
Bruders--und mit einem der scharfgeschliffenen Pfeile die ekle Hand
gezchtigt.  Schon wurde der rasche Auftritt von einem andern ebenso
grausamen, wenn auch unblutigen verdrngt.  Eine alle erdenklichen
Widersprche und schneidenden Mitne durcheinanderwerfende Musik, die
einem rasenden Zank der Verdammten in der Hlle glich, brach sich Bahn
durch die betubte und ergtzte Menge.  Das niederste und schlimmste
Volk--Beutelschneider, Kuppler, Dirnen, Betteljungen--blies, kratzte,
paukte, pfiff, quiekte, meckerte und grunzte vor und hinter einem
abenteuerlichen Paar.  Ein groes, verwildertes Weib von zerstrter
Schnheit ging Arm in Arm mit einem trunkenen Mnch in zerfetzter
Kutte.  Dieses war der Klosterbruder Serapion, der, von dem Beispiel
Astorres aufgestachelt, nchtlicherweile aus der Zelle entsprungen war
und sich seit einer Woche im Schlamm der Gasse wlzte.  Vor einem aus
der finstern Palastmauer vorspringenden erhellten Erker machte die
Horde halt, und mit einer geltenden Stimme und der Gebrde eines
ffentlichen Ausrufers schrie das Weib: 'Kund und zu wissen,
Herrschaften: ber ein kurzes schlummert der Mnch Astorre neben
seiner Gattin Antiope!' Ein unbndiges Gelchter begleitete diese
Verkndigung.

Jetzt nickte aus dem schmalen Bogenfenster des Erkers die lutende
Schellenkappe Gocciolas, und ein melancholisches Gesicht zeigte sich
der Gasse.

'Gutes Weib, sei stille!' klagte der Narr weinerlich auf den Platz
hinunter.  'Du verletzest meine Erziehung und beleidigst mein
Schamgefhl!'

'Guter Narr', antwortete die Schamlose, 'stoe dich nicht daran!  Was
die Vornehmen begehen, dem geben wir den Namen.  Wir setzen die Titel
auf die Bchsen der Apotheke!'

'Bei meinen Todsnden', jubelte Serapion, 'das tun wir!  Bis
Mitternacht soll die Hochzeit meines Brderchens auf allen Pltzen
Paduas ausgeschellt und hell verkndigt werden.  Vorwrts, marsch!
Hopsassa!' und er hob das nackte Bein mit der Sandale aus den
hngenden Lumpen der besudelten Kutte.

Dieser von der Menge wtend beklatschte Schwank verscholl an den
steilen Mauern der mchtigen Burg, deren Fenster und Gemcher zum
groen Teil gegen die innern Hofrume gingen.

In einem stillen, geschtzten Gemach wurde Antiope von ihren Zofen,
Sotte und einer andern, gekleidet und geschmckt, whrend Astorre den
nicht enden wollenden Schwarm der Gste oben an den Treppen empfing.
Sie schaute in ihre eigenen bangen Augen, die ihr aus einem
Silberspiegel begegneten, welchen die Unterzofe mit einem neidischen
Gesicht in nackten, frechen Armen hielt.

'Sotte', flsterte das junge Weib zu der Dienerin, die ihr die Haare
flocht, 'du hnelst mir und hast meinen Wuchs.--wechsle mit mir die
Kleider, wenn du mich lieb hast!  Gehe hin und ziehe ihr den Ring vom
Finger!  Reuig und demtig!  Verbeuge dich mit gekreuzten Armen vor
der Pizzaguerra, wie die letzte Sklavin!  Falle auf die Knie!  Wlze
dich am Boden!  Wirf dich ganz weg!  Nur nimm ihr den Ring!  Ich lohne
frstlich!' und da sie Sotte zaudern sah: 'Nimm und behalte alles, was
ich Kstliches trage!' flehte die Herrin, und dieser Versuchung
widerstand die eitle Sotte nicht.

Astorre, welcher der Pflicht des Wirtes einen Augenblick entwendete,
um sein Liebstes zu besuchen, fand im Gemach zwei sich umkleidende
Frauen.  Er erriet.  'Nein, Antiope!' verbot er.  'So darfst du nicht
durchschlpfen.  Es mu Wort gehalten werden!  Ich verlange es von
deiner Liebe.  Ich befehle es dir!' Indem er diesen strengen Spruch
mit einem Ku auf den geliebten Nacken zu einem Kosewort machte, wurde
er weggerissen von dem herbeieilenden Ascanio, welcher ihm vorstellte,
seine Bauern wnschten ihm ihre Gaben ohne Verzug zu berreichen, um
in der Khle der Nacht den Heimweg anzutreten.  Da sich Antiope
wendete, um den Gatten wiederzukssen, kte sie die Luft.

Jetzt lie sie sich rasch fertig kleiden.  Selbst die leichtfertige
Sotte erschrak vor der Blsse des Angesichts im Spiegel.  Nichts lebte
darin als die Angst der Augen und der Schimmer der zusarnmengepreten
Zhnchen.  Ein roter Streif, der Schlag Dianens, wurde auf der weien
Stirn sichtbar.

Nach beendigtem Putz erhob sich das Weib Astorres mit klopfenden
Pulsen und hmmernden Schlfen, verlie die sichere Kammer und
durcheilte die Sle, Dianen suchend.  Sie wurde gejagt von dem Mute
der Furcht.  Sie wollte jubelnd mit dem zurckeroberten Ring ihrem
Gatten entgegeneilen, dem sie den Anblick ihrer Bue erspart htte.

Bald unterschied sie aus den Masken die hochgewachsene Gttin der Jagd,
erkannte in ihr die Feindin und folgte, bebend und zornige Worte
murmelnd, der gemessen Schreitenden, welche den Hauptsaal verlie und
sich gndig in eines der schwachbeleuchteten und nur halb so hohen
Nebengemcher verlor.  Die Gttin schien nicht ffentliche Demtigung,
sondern Demut des Herzens zu verlangen.

Jetzt neigte sich im Halbdunkel Antiope vor Diana.  'Gib mir den Ring!'
prete sie hervor und tastete an dem krftigen Finger.

'Demtig und reuig?' fragte Diana.

'Wie anders, Herrin?' fieberte die Unselige.  'Aber du treibst dein
Spiel mit mir, Grausame!  Du biegst deinen Finger, jetzt krmmst du
ihn!'

Ob Antiope es sich einbildete?  Ob Diana wirklich dieses Spiel trieb?
Wie wenig ist ein gekrmmter Finger!  Cangrande, du hast mich der
Ungerechtigkeit bezichtigt.  Ich entscheide nicht.

Genug, die Vicedomini hob den geschmeidigen Leib und rief, die
flammenden Augen auf die strengen der Pizzaguerra gerichtet: 'Neckst
du eine Frau, Mdchen?' Dann bog sie sich wieder und suchte mit beiden
Hnden dem Finger den Ring zu entreien--da durchfuhr sie ein Blitz.
Ihr die linke Hand berlassend, hatte die strafende Diana mit der
Rechten einen Pfeil aus dem Kcher gezogen und Antiope gettet.  Diese
sank zuerst auf die linke, dann auf die rechte Hand, drehte sich und
lag, den Pfeil im Genick, auf die Seite gewendet.

Der Mnch, der nach Verabschiedung seiner lndlichen Gste
zurckgeeilt kam und sehnlich sein Weib suchte, fand eine Entseelte.
Mit einem erstickten Schrei warf er sich neben sie nieder und zog ihr
den Pfeil aus dem Halse.  Ein Blutstrahl folgte.  Astorre verlor die
Besinnung.

Als er aus seiner Ohnmacht erwachte, stand Germano vor ihm mit
gekreuzten Armen.  'Bist du der Mrder?' fragte der Mnch.

'Ich morde keine Weiber', antwortete der andere traurig.  'Es ist
meine Schwester, die ihr Recht gesucht hat.'

Astorre tastete nach dem Pfeil und fand ihn.  Aufgesprungen in einem
Satz und das lange Gescho mit der blutigen Spitze wie eine Klinge
handhabend, fiel er in blinder Wut den Jugendgespielen an.  Der
Krieger schauderte leicht vor dem schwarzgekleideten, fahlen Gespenst
mit den gestrubten Haaren und dem Pfeil in der Faust.

Er wich um einen Schritt.  Das kurze Schwert ziehend, welches der
Ungepanzerte heute trug, und den Pfeil damit festhaltend, sagte er
mitleidig: 'Geh in dein Kloster zurck, Astorre, das du nie httest
verlassen sollen!'

Da gewahrte er pltzlich den Tyrannen, der, gefolgt von dem ganzen
Feste, welches dem lngst Erwarteten bis ans Tor entgegengestrzt war,
ihm gerade gegenber durch die Tr trat.

Ezzelin streckte die Rechte, Friede gebietend, und Germano senkte
ehrfrchtig seine Waffe vor dem Kriegsherrn.  Diesen Augenblick
ergriff der rasende Mnch und stie dem Ezzelin Entgegenschauenden den
Pfeil in die Brust.  Aber auch sich traf er tdlich, von dem
blitzschnell wieder gehobenen Schwert des Kriegers erreicht.

Germano war stumm zusammengesunken.  Der Mnch, von Ascanio gesttzt,
tat noch einige wankende Schritte nach seinem Weib und bettete sich,
von dem Freund niedergelassen, zu ihr, Mund an Mund.

Die Hochzeitsgste umstanden die Vermhlten.  Ezzelin betrachtete den
Tod.  Hernach lie er sich auf ein Knie nieder und drckte erst
Antiope, darauf Astorre die Augen zu.  In die Stille klang es mitnig
herein durch ein offenes Fenster.  Man verstand aus dem Dunkel: 'Jetzt
schlummert der Mnch Astorre neben seiner Gattin Antiope.' Und ein
fernes Gelchter."

Dante erhob sich.  "Ich habe meinen Platz am Feuer bezahlt", sagte er,
"und suche nun das Glck des Schlummers.  Der Herr des Friedens behte
uns alle!" Er wendete sich und schritt durch die Pforte, welche ihm
der Edelknabe geffnet hatte.  Aller Augen folgten ihm, der die Stufen
einer fackelhellen Treppe langsam emporstieg.


Ende dieses PRojekt Gutenberg Etxtes Die Hochzeit des Mnchs, von
Conrad Ferdinand Meyer.






End of Project Gutenberg's Die Hochzeit des Moenchs,
by Conrad Ferdinand Meyer

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HOCHZEIT DES MOENCHS ***

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