The Project Gutenberg EBook of Die Goettliche Komoedie, by Dante Alighieri

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Title: Die Goettliche Komoedie

Author: Dante Alighieri

Release Date: May, 2005 [EBook #8085]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was last updated March 17, 2004]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: iso-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GOETTLICHE KOMOEDIE ***




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Die Gttliche Komdie

Dante Alighieri


Inhalt:

Die Hlle
Das Fegefeuer
Das Paradies




Die Hlle


Erster Gesang

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.
Wie schwer ists doch, von diesem Wald zu sagen,
Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not;
Schon der Gedank erneuert noch mein Zagen.
Nur wenig bitterer ist selbst der Tod;
Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu knden,
Sag ich, was sonst sich dort den Blicken bot.
Nicht wei ich, wie ich mich hineingewunden,
So ganz war ich von tiefem Schlaf berckt,
Zur Zeit, da mir der wahre Weg verschwunden.
Doch bis zum Fu des Hgels vorgerckt,
Der an dem Ende lag von jenem Tale,
Das mir mit schwerer Furcht das Herz gedrckt,
Schaut ich empor und sah, den Rcken male
Ihm der Planet, der uns auf jeder Bahn
Gerad zum Ziele fhrt mit feinem Strahle.
Da fingen Angst und Furcht zu Schwinden an,
Die mir des Herzens Blut erstarren machten,
In jener Nacht, da Grausen mich umfahn.
Und so wie atemlos, nach Angst und Schmachten,
Schiffbrchige vom Strand, entflohn der Flut,
Starr rckwrts schauend, ihren Grimm betrachten;
So kehrt ich, noch mit halberstorbnem Mut,
Mich jetzt zurck, nach jenem Passe sehend,
Der jeglichem verlscht des Lebens Glut.
Und, etwas ausgerastet, weitergehend,
Whlt ich bergan den Weg der Wildnis mir,
Fest immer auf dem tiefern Fue stehend.
Sieh, beim Beginn des steilen Weges schier,
Bedeckt mit buntgeflecktem Fell die Glieder,
Gewandt und sehr behend ein Panthertier.
Nicht wichs von meinem Angesichte wieder,
Und also hemmt es meinen weitern Lauf,
Da ich mich fters wandt ins Tal hernieder.
Am Morgen wars, die Sonne stieg itzt auf,
Von jenen Sternen, so wie einst, umgeben,
Als Gottes Lieb aus dem Nichts herauf
Die schne Welt berief zu Sein und Leben;
So ward mir Grund zu guter Hoffnung zwar
Durch jenes Tieres heitres Fell gegeben
Und durch die Frhstund und das junge Jahr
Doch so nicht, da in mir nicht Furcht sich regte,
Als furchtbar mir ein Leu erschienen war.
Es schien, da er sich gegen mich bewegte,
Mit hohem Haupt und mit des Hungers Wut,
So da er Schrecken, schiens, der Luft erregte.
Auch eine Wlfin, welche jede Glut
Der Gier durch Magerkeit mir schien zu zeigen,
Die schon auf viele schweren Jammer lud.
Vor dieser mute so mein Mut sich neigen
Aus Furcht, die bei dem Anblick mich durchbebt,
Da mir die Hoffnung schwand, zur Hhn zu steigen.
Wie der, der eifrig zu gewinnen strebt,
Wenn zum Verlieren nun die Zeit gekommen,
In Kmmernis und tiefem Bangen lebt;
So machte dieses Untier mich beklommen;
Von ihm gedrngt, mut ich mich rckwrts ziehn
Dorthin, wo nimmer noch der Tag entkommen.
Als ich zur Tiefe niederstrzt im Fliehn,
Da war ein Wesen dorten zu erkennen,
Das durch zu langes Schweigen heiser schien.
Ich rief, sobald ichs nur gewahren knnen
In groer Wildnis: "O erbarme dich,
Du, seist du Schatten, seist du Mensch zu nennen."
Und jener sprach: "Nicht bin, doch Mensch war ich;
Lombarden waren die, so mich erzeugten,
Und beide priesen Mantuaner sich.
Eh, spt, die Rmer sich dem Julius beugten,
Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron,
Zur Zeit der Gtter, jener Trugerzeugten.
Ich war Poet und sang Anchises Sohn,
Der Troja floh, besiegt durch Feindestcke,
Als, einst so stolz, in Staub sank Ilion.
Und du--du kehrst zu solchem Gram zurcke?
Was bleibt die freudge Hhe nicht dein Ziel,
Die Anfang ist und Grund zum vollen Glcke?"
"So bist du," rief ich, "bist du der Virgil,
Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?"
Ich sprachs mit Scham, die meine Stirn befiel.
"O Ehr und Licht der andern Kunstgenossen,
Mir gelt itzt groe Lieb und langer Flei,
Die meinem Forschen dein Gedicht erschlossen.
Mein Meister, Vorbild! dir gebhrt der Preis,
Den ich durch schnen Stil davongetragen,
Denn dir entnahm ich, was ich kann und wei.
Sieh dieses Tier, o sieh michs rckwrts jagen,
Berhmter Weiser, sei vor ihm mein Hort.
Es macht mir zitternd Puls und Adern schlagen."
"Du mut auf einem andern Wege fort,"
Sprach er zu mir, den ganz der Schmerz bezwungen,
"Willst du entfliehn aus diesem wilden Ort,
Denn dieses Tier, das dich mit Graun durchdrungen,
Lt keinen ziehn auf seines Weges Spur,
Hemmt jeden, bis es endlich ihn verschlungen.
Es ist von bser, tckischer Natur
Und nimmer fhlts die wilde Gier ermatten,
Ja, jeder Fra schrft seinen Hunger nur.
Mit vielen Tieren wird sichs noch begatten,
Bis da die edle Dogge kommt, die khn
Es wrgt und hinstrzt in die ewgen Schatten.
Nicht wird nach Land und Erz ihr Hunger glhn,
Doch wird sie nie an Lieb und Weisheit darben;
Inmitten Feltr und Feltro wird sie blhn,
Zu Welschlands Heil, des Ruhm und Glck verdarben,
Obwohl vordem Camilla fr dies Land,
Eurialus, Turnus und Nisus starben.
Nicht wird sie ruhn, bis sie dies Tier verbannt;
Sie wird es wieder in die Hlle senken,
Von wos zuerst der Neid heraufgesandt.
Du folg itzt mir zu deinem Heil--mein Denken
Und Urteil ists--ich will dein Fhrer sein,
Und dich durch ewgen Ort von hinnen lenken.
Dort wirst du hren der Verzweiflung Schrein,
Wirst alte Geister schaun, die brnstig flehen
Um zweiten Tod in ihrer langen Pein.
Wirst jene dann im Feur zufrieden sehen,
Weil sie verhoffen, zu dem selgen Chor,
Seis wann es immer sei, noch einzugehen.
Und willst du auch zu diesem dann empor,
Wrdger als ich, wird eine Seel erscheinen,
Die geht, schied ich, als Fhrerin dir vor.
Denn jener, der dort oben herrscht, lt keinen
Eingehn, von mir gefhrt, in seine Stadt,
Weil ich mich nicht verbunden mit den Seinen.
Er herrscht im All, dort ist die Herrscherstatt,
Sein Thron und seine Burg in jener Hhe.
Heil dem, den er erwhlt dort oben hat"
"O Dichter," Sprach ich jetzt zu ihm, "ich flehe
Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt,
Da diesem Leid und schlimmerm ich entgehe,
Bring an die Orte mich, die du genannt,
So, da ich Petri Tor erschauen mge
Und jene, wie du sprachst, zur Qual verbannt."
Da schritt er fort, ich folgte seinem Wege.


Zweiter Gesang

Der Tag verging, das Dunkel brach herein,
Und Nacht entzog die Wesen auf der Erden
All ihren Mhn; da rstet ich allein
Mich zu dem harten Krieg und den Beschwerden
Des Wegs und Mitleids, und jetzt soll ihr Bild
Gemalt aus sicherer Erinnrung werden.
O Mus, o hoher Geist, jetzt helft mir mild!
Erinnrung, die du schriebst, was ich gesehen,
Hier wird sichs zeigen, ob dein Adel gilt!
"Jetzt, Dichter," fing ich an, "bevor wir gehen,
Erwge meine Kraft und Tchtigkeit,
Kann sie die groe Reise wohl bestehen?
Du sagst, da Silvius Vater in der Zeit,
im Krper noch und noch ein sterblich Wesen,
Sei eingedrungen zur Unsterblichkeit.
Doch da der ewge Gegner alles Bsen
in seinen Empiren zum Stifter ihn
Der Mutter Roma und des Reichs erlesen,
Kann jeder, dem Vernunft ihr Licht verliehn,
Beim hocherhabnen Zweck es wohl ergrnden,
Da er nicht unwert solcher Huld erschien.
Denn Rom und Reich, um Wahres zu verknden,
Gestiftet wurden sie, die heilge Stadt
Zum Sitz fr Petri Folger zu begrnden.
Durch diesen Gang, den du ihm nachrhmst, hat
Er Kunde des, wodurch er siegt, empfangen
Und Grund gelegt zur heilgen Herrscherstatt.
Ist das erwhlte Rstzeug hingegangen,
So strkt es in dem Glauben dann die Welt,
In dem der Weg des Heiles angefangen.
Doch ich? Warum? Wer hat mirs freigestellt?
neas nicht noch Paul, ich, dessen Schwche
Nicht ich, noch jemand dessen wrdig hlt,
Wenn ich dorthin zu kommen mich erfreche,
So frcht ich, da mein Kommen tricht sei.
Du, Weiser, weit es besser, als ich spreche."
Und wie wer will und nicht will, mancherlei
Erwgt und prft und fhlt im bangen Schwanken,
Mit dem, was er begonnen, seis vorbei;
So ich--das, was ich leicht und ohne Wanken
Begonnen hatte, gab ich wieder auf,
Entmutigt von den wechselnden Gedanken.
"Verstand ich dich," so sprach der Schatten drauf,
"So fhlst du Angst und Schrecken sich erneuen,
Und Feigheit nur hemmt deinen weitern Lauf.
Das Beste macht sie oft den Mann bereuen,
Da er zurckespringt von hoher Tat,
Gleich Rossen, die vor Truggebilden scheuen.
Doch hindre sie dich nicht am weitern Pfad,
Drum hre jetzt, was ich zuerst vernommen,
Da mirs um dich im Herzen wehe tat.
Mich, nicht in Hll und Himmel aufgenommen,
Rief eine Frau, so selig und so schn,
Da ihr Gehei mir wert war und willkommen.
Mit Augen, gleich dem Licht an Himmelshhn
Begann sie gegen mich gelind und Ieise,
Und jeder Laut war englisches Getn:
O Geist, geboren einst zu Mantuas Preise,
Des Ruhm gedauert hat und dauern wird,
Solang die Sterne ziehn in ihrem Kreise,
Mein Freund, doch nicht der Freund des Glckes, irrt
In Wildnis dort, weil Wahn im Weg ihn strte,
So da er sich gewandt, von Furcht verwirrt.
Schon irrte, frcht ich, also der Betrte,
Da ich zu spt zum Schutz mich aufgerafft,
Nach dem, was ich von ihm im Himmel hrte.
Du geh; es sei durch deiner Rede Kraft,
Durch das, was sonst ihm Not, sein Leid geendet,
So sei ihm Hilf und Ruhe mir verschafft.
Beatrix; bin ich, die ich dich gesendet;
Mich trieb die Lieb und spricht aus meinem Wort.
Vom Ort komm ich, wohin mein Wunsch sich wendet.
Und steh ich erst vor meinem Knig dort,
So werd ich oft dich loben und ihm preisen--
Sie sprachs und schwieg, und ich begann sofort:
O Weib voll Kraft, du Lehrerin der Weisen,
Durch das die Menschheit alles berragt,
Was lebt in jenes Himmels kleinern Kreisen!
Spt dcht ich, wie mir dein Befehl behagt,
Zu tun, tat ich sogleich, was du gebietest.
Wohl deutlich haft du deinen Wunsch gesagt,
Doch sage mir, warum du dich nicht htest
Herabzugehn zum Mittelpunkt vom Licht,
Wohin du schon zurckzukehren glhtest.
Willst du es denn so tief ergrnden, spricht
Die Hohe darauf, so will ichs krzlich sagen.
Ich frchte mich vor diesem Dunkel nicht.
Vor solchem bel ziemt sich wohl zu zagen,
Das mchtig ist und leicht uns Schaden tut,
Vor solchem nicht, bei welchem nichts zu wagen.
Gott schuf mich so, da ich in seiner Hut
Frei von den Nten bin, die euch durchschauern,
Und nicht ergreift mich dieses Brandes Glut.
Ein edles Weib im Himmel sieht mit Trauern
Das Hindernis, zu dem ich dich gesandt,
Drum kann der harte Spruch nicht lnger dauern.
Sie flehte, zu Lucien hingewandt:
Dein Treuer braucht dich jetzt im harten Streite,
Darum empfehl ich ihn in deine Hand.
Lucia, die sich ganz dem Mitleid weihte,
Bewegte sich zum Orte, wo ich war,
In Ruhe sitzend an der Rahel Seite.
Sie sprach: Beatrix, Gottes Preis frwahr!
Hilfst du ihm nicht, ihm, der aus groer Liebe
Fr dich entrann aus der gemeinen Schar,
Als ob dein Ohr taub seinen Klagen bliebe,
Als shest du ihn nicht im Wirbel dort,
Bedroht, mehr als ob Meeressturm ihn triebe?
Nicht eilt so schnell auf Erden einer fort,
Den Gier nach Glck und Furcht vor Leid betren,
Wie ich herabgeeilt bei solchem Wort,
Von meinem Sitz in jenen selgen Chren,
Vertraund auf deiner wrdgen Rede Macht,
Die Ruhm dir bringt und allen, die sie hren--
Als nun Beatrix solches vorgebracht,
Da wandte sie die Augenstern in Zhren,
Und dies hat mich nur schneller hergebracht.
So komm ich denn daher auf ihr Begehren,
Das Untier von dir scheuchend, dems gelang,
Den kurzen Weg des schnen Bergs zu wehren.
Was also ist dir? Warum weilst du bang?
Was herbergst du die Feigheit im Gemte?
Was weicht dein Mut, dein khner Tatendrang,
Da sich drei heilge Himmelsfraun voll Gte
Fr dich bemhn und dir mein Mund verspricht,
Da ihre treue Sorge dich behte?"
Gleichwie die Blum im ersten Sonnenlicht,
Beim nchtgen Reif gesunken und verschlossen,
Den Stiel erhebt und ihren Kelch entflicht;
So hob die Kraft, erst schmachtend und verdrossen,
In meinem Herzen sich zu gutem Mut,
Und ich begann, frohsinnig und entschlossen:
"O wie ist sie, die fr mich sorgte, gut!
Wie freundlich bist auch du, der den Befehlen
Der Herrlichen so schnell Genge tut l
Schon fhl ich mich zu heier Sehnsucht sthlen
Von deinem Wort, schon fhl ich, nicht mehr bang,
Vom ersten Vorsatz wieder mich beseelen.
Drum auf, in beiden ist ein gleicher Drang,
Herr, Fhrer, Meister, auf zum groen Wege!"
Ich sprachs zu ihm, und, folgend seinem Gang,
Schritt ich daher auf waldig rauhem Stege.


Dritter Gesang

Durch mich gehts ein zur Stadt der Qualerkornen,
Durch mich gehts ein zum ewgen Weheschlund,
Durch mich gehts ein zum Volke der Verlornen.
Das Recht war meines hohen Schpfers Grund;
Die Allmacht wollt in mir sich offenbaren;
Allweisheit ward und erste Liebe kund.
Die schon vor mir erschaffnen Dinge waren
Nur ewige; und ewig daur auch ich.
Lat, die ihr eingeht jede Hoffnung fahren.
Die Inschrift zeigt in dunkler Farbe sich
Geschrieben dort am Gipfel einer Pforte,
Drum ich: Hart, Meister, ist ihr Sinn fr mich.
Er, als Erfahrner, sprach dann diese Worte:
"Hier sei jedweder Argwohn weggebannt,
Und jede Feigheit sterb an diesem Orte.
Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt,
Hier wirst du jene Jammervollen schauen,
Fr die das Heil des wahren Lichtes schwand."
Er fate meine Hand, daher Vertrauen
Durch sein Gesicht voll Mut auch ich gewann.
Drauf fhrt er mich in das geheime Grauen.
Dort hob Gechz, Geschrei und Klagen an,
Laut durch die sternenlose Luft ertnend,
So da ich selber weinte, das begann.
Verschiedne Sprachen, Worte, grlich drhnend,
Handschlge, Klnge heiseren Geschreis,
Die Wut, aufkreischend, und der Schmerz, ersthnend--
Dies alles wogte tosend stets, als seis
Im Wirbel Sand, durch Lfte, die zu schwrzen
Es keiner Nacht bedarf, im ewgen Kreis.
Und, ich vom Wahn umstrickt und bang im Herzen,
Sprach: Meister, welch Geschrei, das sich erhebt?
Wer ist doch hier so ganz besiegt von Schmerzen?
Und er: "Der Klang, der durch die Lfte bebt,
Kommt von den Jammerseelen jener Wesen,
Die ohne Schimpf und ohne Lob gelebt.
Gemischt find die Nicht-Guten und Nicht-Bsen
Den Engeln, die nicht Gott getreu im Strau,
Auch Meutrer nicht und nur fr sich gewesen.
Die Himmel trieben sie als Mizier aus,
Und da durch sie der Snder Stolz erstnde,
Nimmt sie nicht ein der tiefen Hlle Graus."
Ich drauf: Was fllt ihr Wehlaut diese Grnde?
Was ist das Leiden, das so hart sie drckt?
Und er: "Vernimm, was ich dir kurz verknde.
Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrckt.
Im blinden Leben, trb und immer trber,
Scheint ihrem Neid jed andres Los beglckt.
Sie kamen lautlos aus der Welt herber,
Von Recht und Gnade werden sie verschmht.
Doch still von ihnen--Schau und geh vorber."
Ich schaute hin und sah im Kreis geweht,
Ein Fhnlein ziehn, so eilig umgeschwungen,
Da sichs zum Ruhn, so schien mirs, nie versteht.
In langer Reihe folgten ihm, gezwungen,
So viele Leute, da ich kaum geglaubt,
Da je der Tod so vieles Volk verschlungen.
Und hier erblickt ich manch bekanntes Haupt,
Auch jenes Schatten, der aus Angst und Zagen
Sich den Verzicht, den groen, feig erlaubt.
Ich war sogleich gewi, auch hrt ich sagen,
Dies sei der Schlechten jmmerliche Schar,
Die Gott und seinen Feinden mibehagen.
Dies Jammervolk, das niemals lebend war,
War nackend und von Flieg und Wesp umflogen,
Und ward gestachelt viel und immerdar.
Trnen und Blut aus ihren Wunden zogen
In Streifen durch das Antlitz bis zum Grund,
Wo ekle Wrmer draus sich Nahrung sogen.
Drauf, als ich weiter blickt im dstern Schlund,
Erblickt ich Leut an einem Stromgestade
Und sprach: "Jetzt tu, ich bitte, Herr, mir kund,
Von welcher Art sind die, die so gerade,
Wie ich beim dstern Dmmerlicht ersehn,
So eilig weiterziehn auf ihrem Pfade?"
Und er darauf: "Dir wird genug geschehn
Am Acheron--dort wird sich alles zeigen,
Wenn wir am traurgen Ufer stillestehn."
Da zwang mich Scham, die Augen tief zu neigen,
Aus Furcht, da ihm mein Fragen lstig sei,
Und ich gebot mir bis zum Strome Schweigen.
Und sieh, es kam ein Mann zu Schiff herbei,
Ein Greis, bedeckt mit schneeig weien Haaren.
"Weh euch, Verworfne!" tnte sein Geschrei.
"Nicht hofft, den Himmel jemals zu gewahren.
Ich komm, euch jenseits hin an das Gestad
In ewge Nacht, in Hitz und Frost zu fahren.
Und du, lebendge Seele, die genaht,
Mut dich von diesen, die gestorben, trennen!"--
Dann, da er sah, da ich nicht rckwrts trat:
"Hier kann ich dir den bergang nicht gnnen,
Fr dich geziemen andre Wege sich,
Ein leichtrer Kahn nur wird dich tragen knnen."
Virgil drauf: "Charon, nicht erbose dich.
Dort, wo der Wille Macht ist, wards verhangen;
Dies sei genug, nicht weiter frage mich."
Hierauf lie ruhen die bewollten Wangen
Des fahlen Sumpfs erzrnter Steuermann,
Des Augen Flammenrder rings umschlangen.
Da hob graunvolles Zhneklappen an,
Und es entfrbten sich die Tiefgebeugten,
Seit Charon jenen grausen Spruch begann.
Sie fluchten Gott und denen, die sie zeugten,
Dem menschlichen Geschlecht, dem Vaterland,
Dem ersten Licht, den Brsten, die sie sugten.
Dann drngten sie zusammen sich am Strand,
Dem Schrecklichen, zu welchem alle kommen,
Die Gott nicht scheun, und laut Geheul entstand.
Charon, mit Augen, die wie Kohlen glommen,
Winkt ihnen und schlug mit dem Ruder los,
Wenn einer sich zum Warten Zeit genommen.
Gleich wie im Herbste bei des Nordwinds Sto
Ein Blatt zum ndern fllt, bis da sie alle
Der Baum erstattet hat dem Erdenscho;
So strzen, hergewinkt, in jhem Falle
Sich Adams schlechte Sprossen in den Kahn,
Wie angelockte Vgel in die Falle.
Durch schwarze Fluten geht des Nachens Bahn,
Und eh sie noch das Ufer dort erreichen,
Drngt hier schon eine neue Schar heran.
"Mein Sohn," sprach mild der Meister, "die erbleichen
In Gottes Zorne, werden alle hier
Am Strand vereint aus allen Erdenreichen.
Man scheint zur berfahrt sehr eilig dir,
Doch die Gerechtigkeit treibt diese Leute
Und wandelt ihre bange Furcht in Gier.
Kein guter Geist macht diese Fahrt; und drute
Dir Charon, weil du hier dich eingestellt,
So kannst du wissen, was sein Wort bedeute"--
Hier wankte so mit Macht das dunkle Feld,
Da mich noch jetzt Schweitropfen bertauen,
Sooft dies Schreckensbild mich berfllt.
Ein Windsto fuhr aus den betrnten Auen,
Und blitzt ein rotes Licht, das jeden Sinn
Bewltigte mit ungeheurem Grauen,
Und, wie vom Schlaf befallen, strzt ich hin--


Vierter Gesang

Mir brach den Schlaf im Haupt ein Donnerkrachen,
So schwer, da ich zusammenfuhr dabei,
Wie einer, den Gewalt zwingt, zu erwachen.
Ich warf umher das Auge wach und frei,
Emporgerichtet sphend, da ich she
Und unterschied, an welchem Ort ich sei.
So fand ich mich am Talrand, in der Nhe
Des qualenvollen Abgrunds, dessen Kluft
Zum Donnerhall vereint unendlich Wehe.
Tief war er, dunkel, nebelhaft die Luft,
Drum wollte nichts sich klar dem Blicke zeigen,
Den ich geheftet an den Grund der Gruft.
"La uns zur blinden Welt hinunter steigen,
Ich bin der Erste, du der Zweite dann."
So sprach Virgil, um drauf erblat zu schweigen.
Ich, sehend, wie die Blss ihn berrann,
Sprach: Scheust du selber dich, wie kann ichs wagen
Der Trost im Zweifel nur durch dich gewann?
Und er zu mir: "Des tiefen Abgrunds Plagen
Entfrben mir durch Mitleid das Gesicht,
Und nicht, so wie du meinst, durch feiges Zagen.
Fort, zaudern lt des Weges Lng uns nicht."
So ging er fort und rief zum ersten Kreise
Mich auch hinein, der jene Kluft umflicht.
Mir schien, nach meinem Ohr, des Klanges Weise,
Der durch die Luft hier bebt im ewgen Tal,
Nicht Klaggeschrei, nur Seufzer dumpf und leise.
Und dieses kam vom Leiden ohne Qual
Der Kinder, Mnner und der Fraun, in Scharen,
Die viele waren und von groer Zahl-
Da sprach der Meister: "Willst du nicht erfahren,
Zu welchen Geistern du gekommen bist?
Bevor wir fortgehn, will ich offenbaren,
Da sie nicht sndigten; doch gngend mit
Nicht ihr Verdienst, da sie der Tauf entbehrten,
Die Pfort und Eingang deines Glaubens ist.
Und lebten sie vor Christo auch, so ehrten
Sie doch den Hchsten nicht, wie sichs gebhrt;
Und diese Geister nenn ich selbst Gefhrten.
Nur dies, nichts andres hat uns hergefhrt.
Da wir in Sehnsucht ohne Hoffnung leben,
Ward uns Verlornen nur als Straf erkrt."
Gro war mein Schmerz, als er dies kundgegeben,
Denn Leute groen Wertes zeigten sich,
Die unentschieden hier im Vorhof schweben.
Und ich begann: Mein Herr und Meister, sprich
(Ich wollte mich in jenem Glauben strken,
Vor dessen Licht des Irrtums Nacht entwich),
Kam keiner je durch Kraft von eignen Werken,
Durch fremd Verdienst von hier zur Seligkeit?--
Er schien des Worts versteckten Sinn zu merken
Und sprach: "Ich war noch neu in diesem Leid,
Da ist ein Mchtiger hereingedrungen.
Bekrnt mit Siegesglanz und Herrlichkeit.
Der hat des Urahns Geist der Hll" entrungen,
Auch Abels, Noahs; und auch Moses hat,
Der Gott gehorcht, mit ihm sich aufgeschwungen.
Abram und David folgten seinem Pfad,
Jakob, sein Vater, seine Shne schieden,
Und Rahel auch, fr die so viel er tat.
Sie und viel andre fhrt er ein zum Frieden,
Und wissen sollst du nun: Vor diesen war
Erlsung keinem Menschengeist beschieden."
Obwohl er sprach, gings vorwrts immerdar,
So da wir unterdes den Wald durchdrangen,
Den Wald, mein ich, der dichten Geisterschar.
Nicht weit von oben waren wir gegangen,
Als ich ein Feur in lichten Flammen sah,
Die rings im halben Kreis die Nacht bezwangen.
Zwar waren wir dem Ort nicht vllig nah,
Doch einen Kreis von ehrenhaften Leuten,
Die diesen Platz besetzt, erkannt ich da.
"Du, des sich Wissenschaft und Kunst erfreuten,
Beliebe, wer sie sind, und was sie ehrt
Und von den andern trennt, mir auszudeuten."
Ich sprachs, und er: "Fr hochgepriesnen Wert,
Der oben widerklingt in deinem Leben,
Ward ihnen hier vom Himmel Huld gewhrt."
Da hrt ich eine Stimme sich erheben:
Der hohe Dichter, auf jetzt zum Empfang!
Sein Schatten kehrt, der jngst sich fortbegeben.
Sobald die Stimme, die dies sprach, verklang,
Sah ich heran vier groe Geister schreiten,
Im Angesicht nicht frhlich und nicht bang.
Da sprach der gute Meister mir zur Seiten:
"Sieh diesen, in der Hand das Schwert, voran
Den andern gehn, um sie als Frst zu leiten.
Du siehst Homer, den Dichterknig, nahn;
Ihm folgt Horaz, berhmt durch Spott dort oben
Ovid der Dritt, als letzter kommt Lukan.
Im Namen, den die eine Stimm erhoben,
Kommt mit mir selber jeder berein,
Drum ehren sie mich, und dies ist zu loben."
So war die schne Schul hier im Verein
Des hohen Herrn der hchsten Sangesweise,
Der ob den andern fliegt, ein Aar, allein.
Ein Weilchen sprachen sie im trauten Greise,
Doch als sie grend sich zu mir gekehrt,
Da lchelte Virgtl zu solchem Preise.
Allein noch hher ward ich dort geehrt,
Indem sie mich in ihrer Schar empfingen
Als Sechsten unter solchem Geist und Wert,
Wobei wir hin bis zu dem Lichte gingen,
Sprechend, wovon ich schicklich schweigen mu,
Wie man dort schicklich sprach von solchen Dingen.
Bald kamen wir an eines Schlosses Fu,
Von siebenfacher hoher Maur umfangen,
Und rings beschtzt von einem schnen Flu.
Als wir mit trocknem Fue durchgegangen,
Gings weiter dann durch sieben Tore fort,
Und eine Wiese sah ich grnend prangen.
Wir fanden Leute strengen Blickes dort,
Mit groer Wrd in Ansehn, Gang und Mienen
Und wenig sprechend, doch mit sanftem Wort.
Und wir ersahn dort seitwrts nah bei ihnen
Frei eine Hh hellem Lichte glhn,
Vor welcher alle klar vor uns erschienen.
Dort gegenber auf dem samtnen Grn
Sah ich die Groen, ewig Denkenswerten,
Die heut mir noch in solzer Seele blhn.
Elektren sah ich dort mit viel Gefhrten,
neas, Hektorn hatt ich bald erkannt,
Csarn, den mit dem Adlerblick bewehrten.
Penthesilea war auf grnem Land;
Zur andern Seite sah ich auch Latinen,
Der bei Lavinien, seiner Tochter, stand.
Ich sah den Brutus, der verjagt Tarquinen,
Lucrezien, Julien, Marzien, und, allein
Beiseite sitzend, sah ich Saladinen.
Dann, hher blickend, sah im hellen Schein
Ich auch den Meister derer, welche wissen,
Der von den Seinen schien umringt zu sein,
Sie all ihn hochzuehren sehr beflissen;
Den Plato ihm zunchst und Sokrates,
Die dort den Sitz vor andern an sich rissen.
Den Anaxagoras, Diogenes,
Den Demokrit, des Welt der Zufall machte,
Den Zeno, Heraklit, Empedokles.
Ihn, der ans Licht der Pflanzen Krfte brachte,
Den Dioskorides, den Orpheus dann,
Den Seneka, der Schmerz und Luft verlachte.
Auch Ptolemus kam, Euklid heran,
So auch Averroes, der, seinen Weisen
Erklrend, selbst der Weisheit Ruhm gewann.
Doch nicht vermag ich jeden hier zu greifen,
Denn also drngt des Stoffes Gre mich,
Da ihren Dienst mir kaum die Wort erweisen.
Hier teilten nun die sechs Gefhrten sich.
Mich fhrt auf anderm Weg mein weiser Leiter
Dahin, wo Stille lautem Tosen wich,
Und dorthin, wo nichts leuchtet, schritt ich weiter.


Fnfter Gesang

So gings hinab vom ersten Kreis zum zweiten,
Der kleinern Raum, doch grres Weh umringt,
Das antreibt, Klag und Winseln zu verbreiten.
Graus steht dort Minos, fletscht die Zhn und bringt
Die Schuld ans Licht, wie tief sie sich verfehle,
Urteilt, schickt fort, je wie er sich umschlingt.
Ich sage, wenn die schlechtgeborne Seele
Ihm vorkommt, beichtet sie der Snden Last;
Und jener Kenner aller Menschenfehle,
Sieht, welcher Ort des Abgrunds fr die pat,
Und schickt sie soviel Grad hinab zur Hlle,
Als oft er sich mit seinem Schweif umfat.
Von vielem Volk ist stets besetzt die Schwelle,
Und nach und nach kommt jeder zum Gericht,
Spricht, hrt und eilt zu der bestimmten Stelle.
"Du, der in diese Qualbehausung bricht,"
So rief mir Minos, als er mich ersehen,
Und lie indes die bung groer Pflicht;
"Schau, wem du traust! Leicht ists hineinzugehen,
Doch tusche nicht dich ein verwegner Drang."
Mein Fhrer drauf: "La dir den Groll vergehen!
Nicht hindre den von Gott gebotnen Gang,
Dort will mans, wo das Knnen gleicht dem Wollen.
Nicht mehr gefragt, denn unser Weg ist lang."
Bald hrt ich nun, wie Jammertn erschollen,
Denn ich gelangte nieder zu dem Haus,
Zur Klag und dem Geheul der Unglckvollen.
Jedwedes Licht verstummt im dunkeln Graus,
Das brllte, wie wenn sich der Sturm erhoben,
Beim Kampf der Winde lautes Meergebraus.
Nie ruht der Hllenwirbelwind vom Toben
Und reit zu ihrer Qual die Geister fort
Und dreht sie um nach unten und nach oben.
Ihr Jammerschrei, Geheul und Klagewort,
Nahn sie den trmmervollen Felsenklften,
Verlstern fluchend Gottes Tugend dort.
Da Fleischessnder dies erdulden mten,
Vernahm ich, die, verlockt vom Sinnentrug,
Einst unterwarfen die Vernunft den Lsten.
So wie zur Winterszeit mit irrem Flug
Ein dichtgedrngter breiter Tro von Staren,
So sah ich hier im Sturm der Snder Zug
Hierhin und dort, hinauf, hinunterfahren,
Gestrkt von keiner Hoffnung, mindres Leid,
Geschweige jemals Ruhe zu erfahren.
Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht
In hoher Luft die Klagelieder krchzen,
So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit
Die Schatten hergeweht mit bangem chzen.
"Wer sind die, Meister, welche her und hin
Der Sturmwind treibt, und die nach Ruhe lechzen?"
So ich--und er: "Des Zuges Fhrerin,
Von welchem du gewnscht, Bericht zu hren,
War vieler Zungen groe Kaiserin.
Sie lie von Wollust also sich betren,
Da sie fr das Gelst Gesetz erfand.
Um nur der tiefen Schmach sich zu erwehren.
Sie ist Semiramis, wie allbekannt,
Nachfolgerin des Ninus, ihres Gatten,
Einst herrschend in des Sultans Stadt und Land.
Dann Sie, die, ungetreu Sichus Schatten,
Aus Liebe selber sich geweiht dem Tod"
Sieh dann Kleopatra im Flug ermatten."
Auch Helena, die Ursach groer Not,
Im Sturme sah ich den Achill sich heben,
Der allem Trotz, nur nicht der Liebe, bot.
Den Paris sah ich dort, den Tristan schweben,
Und tausend andre zeigt und nannt er dann,
Die Liebe fortgejagt aus unserm Leben.
Lang hrt ich den Bericht des Lehrers an,
Von diesen Rittern und den Fraun der Alten,
Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann:
Mit diesen Zwein, die sich zusammenhalten,
Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind,
Mcht ich, o Dichter, gern mich unterhalten.
Und er darauf: "Gib Achtung, wenn der Wind
Sie nher fhrt, dann bei der Liebe flehe,
Die beide fhrt, da kommen sie geschwind."
Kaum waren sie geweht in unsre Nhe,
Als ich begann: Gequlte Geister, weilt,
Wenns niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe.
Gleich wie ein Taubenpaar die Lfte teilt,
Wenns mit weitausgespreizten steten Schwingen
Zum sen Nest herab voll Sehnsucht eilt;
So sah ich sie dem Schwarme sich entringen,
Bewegt vom Ruf der heien Ungeduld,
Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen.
"Du, der du uns besuchst voll Gut und Huld
In purpurschwarzer Nacht, uns, die die Erde
Vordem mit Blut getncht durch unsre Schuld,
Gern bten wir, da Fried und Ruh dir werde,
War uns der Frst des Weltenalls geneigt,
Denn dich erbarmt der seltsamen Beschwerde.
Wie ihr zu Red und Hren Lust bezeigt,
So reden wir, so leihn wir euch die Ohren,
Wenn nur, wie eben jetzt, der Sturmwind schweigt.
Ich ward am Meerstrand in der Stadt geboren,
Wo Seinen Lauf der Po zur Ruhe lenkt,
Bald mit dem Flugefolg im Meer verloren.
Die Liebe, die in edles Herz sich senkt,
Fing diesen durch den Leib, den Liebreiz schmckte,
Der mir geraubt ward, wies noch jetzt mich krnkt.
Die Liebe, die Geliebte stets berckte,
Ergriff fr diesen mich mit solchem Brand,
Da, wie du stehst, kein Leid ihn unterdrckte.
Die Liebe hat uns in ein Grab gesandt--
Kaina harret des, der uns erschlagen."
Der Schatten sprachs, uns klglich zugewandt.
Vernehmend der bedrngten Seelen Klagen,
Neigt ich mein Angesicht und stand gebckt.
Was denkst du? hrt ich drauf den Dichter fragen.
Weh, sprach ich, welche Glut, die sie durchzckt,
Welch ses Sinnen, liebliches Begehren
Hat sie in dieses Qualenland entrckt?
Drauf sumt ich nicht, zu jener mich zu kehren.
"Franziska," So begann ich nun, "dein Leid
Drngt mir ins Auge fromme Mitleidszhren.
Doch sage mir: In ser Seufzer Zeit,
Wodurch und wie verriet die Lieb euch beiden
Den zweifelhaften Wunsch der Zrtlichkeit."
Und sie zu mir: Wer fhlt wohl grres Leiden
Als der, dem schner Zeiten Bild erscheint
Im Migeschick? Dein Lehrer mags entscheiden.
Doch da dein Wunsch so warm und eifrig scheint,
Zu wissen, was hervor die Liebe brachte,
So will ich tun, wie wer da spricht und weint.
Wir lasen einst, weils beiden Kurzweil machte,
Von Lanzelot, wie ihn die Lieb umschlang.
Wir waren einsam, ferne von Verdachte.
Das Buch regt in uns auf des Herzens Drang,
Trieb unsre Blick und macht uns oft erblassen,
Doch eine Stelle wars, die uns bezwang,
Als das ersehnte Lcheln kssen lassen,
Der, so dies schrieb, vom Buhlen schn und hehr.
Da naht er, der mich nimmer wird verlassen,
da kte zitternd meinen Mund auch er--
Galeotto war das Buch, und ders verfate--
An jenem Tage lasen wir nicht mehr.
Der eine Schatten sprachs, der andre fate
Sich kaum vor Weinen, und mir schwand der Sinn
Vor Mitleid, da ich wie im Tod erblate,
Und wie ein Leichnam hinfllt, fiel ich hin.


Sechster Gesang

Bei Rckkehr der Erinnrung, die sich schlo
Vor Mitleid um die zwei, das so mich qulte,
Da das Bewutsein mir vor Schmerz zerflo,
Erblickt ich neue Qualen und Gequlte
Rings um mich her, ob den, ob jenen Pfad
Zum Gehn und Schaun sich Fu und Auge whlte.
Es war der dritte Kreis, den ich betrat,
Von ewgem, kaltem, maledeitem Regen
Von gleicher Art und Regel frh und spat.
Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegen
Die Nacht dort zu durchziehn in wildem Gu;
Stank qualmt die Erde, dies empfngt, entgegen.
Ein Untier, wild und seltsam, Zerberus,
Bellt, wie ein bser Hund, aus dreien Kehlen
Jedweden an, der dort hinunter mu.
Schwarz, feucht der Bart, die Augen rote Hhlen
Mit weitem Bauch, die Hnde scharf beklaut,
Vierteilt, zerkratzt und schindet er die Seelen.
Sie heulen, wie die Hund, im Regen laut,
Und sie verschaffen sich durch ftres Drehen
Auf einer Seite mindstens trockne Haut.
Der groe Hllenwurm, der uns ersehen,
Ri auf die Rachen, zeigt uns ihr Gebi
Und lie kein Glied am Leibe stillestehen.
Virgil streckt aus die offnen Hnd und ri
Erd aus dem Grund, die in die giergen Rachen
Er alsogleich mit vollen Fusten schmi.
Wies pflegt ein keifig bser Hund zu machen,
Des Bellen schweigt, wenn er den Fra erbeit,
Der wilden Grimm vermocht, ihm anzufachen;
So jetzt mit schmutzgen Schlnden jener Geist,
Der so durchdrhnt die armen Leidensmatten,
Da jeder hochbeglckt die Taubheit preist.
Wir gingen ber die gequlten Schatten,
Indem wir auf ihr Nichts, das Krper schien,
Im tiefen Schlamm gestellt die Sohlen hatten.
Sie lagen allesamt am Boden hin,
Nur einen sahn wir sich zum Sitzen heben,
Wie er uns dort erblickt im Weiterziehn.
Er sprach: "Der du zur Hlle dich begeben,
Erkenne mich, dafern dirs mglich ist;
Du Iebtest, eh ich aufgehrt zu leben."
Und ich zu ihm: "Die Angst, in der du bist,
Zieht dich vielleicht aus meinem Angedenken;
Mir scheint, ich she dich zu keiner Frist.
Wer bist du? Sprich, was konnte dich versenken
In eine Qual, die, gibts auch grre Pein,
Nicht widriger kann sein, noch rger krnken."
"In eurer Stadt," so sprach er, "die allein
Der Neid erfllt, und bis zum berflieen,
Geno ich einst des Tages heitern Schein.
Ich bins, den Ciacco eure Brger hieen,
Zur Qual fr schnde Schuld des Gaumens mu,
Du siehsts, auf mich sich ewger Regen gieen.
Und mich allein nicht zchtigt dieser Gu,
Nein, alle diese leiden gleiche Plagen
Fr gleiche Schuld."--So seiner Rede Schlu.
Und ich: "Mich haben, Ciacco, deine Klagen
Zum Mitleid und zu Trnen fast gerhrt.
Allein, wenn du es weit, so magst du sagen,
Wohin noch unsrer Stadt Parteiung fhrt?
Ob wer gerecht ist? Was in diesen Zeiten
In ihr die Glut der wilden Zwietracht schrt?"
Und er darauf zu mir: "Nach langem Streiten
Kommts dort zu Blut, dann treibt die Waldpartei
Die andre fort mit vielen Grausamkeiten.
Doch in drei Sonnen ists mit ihr vorbei,
Neu gnstig sind der andern die Gestirne,
Durch eines Mannes Macht und Heuchelei.
Hoch hebt sie dann auf lange Zeit die Stirne
Und hlt den Feind mit groer Last beschwert,
Wie er auch sich beklag und sich erzrne.
Zwei find gerecht dort, aber nicht gehrt.
Neid, Geiz und Hochmut--diese drei sind Gluten,
In welchen sich der Brger Herz verzehrt."
Als hier des Schattens Jammertne ruhten,
Sprach ich zu ihm: "Noch weiteren Bericht
Erlaube mir, dir bittend anzumuten.
Tegghiajo, Farinata, treu der Pflicht,
Arrigo, Rusticucci, Mosca--sage!--
Und andre, nur auf Gutestun erpicht,
Wo find sie? Welches ist ihr Los? Ich trage
Verlangen, hier ihr Schicksal zu ersphn,
Obs Himmelswonne sei, ob Hllenplage?"
Und er: "Sie strzte mancherlei Vergehn
Zu schwrzern Seelen nach den tiefern Grnden.
Steigst du so tief, so wirst du alle sehn--
Kehrst du zur sen Welt aus diesen Schlnden,
Bring ins Gedchtnis dann der Menschen mich.
Mehr sag ich nicht, mehr darf ich nicht verknden."
Scheel ward sein grades Aug und wandte sich
Nach mir; dann sank er mit dem Haupte nieder,
So da er ganz den andern Blinden glich.
Drauf sprach mein Fhrer: "Nie erwacht er wieder,
Bis er vor englischer Posaun ergraust,
Und der Gewalt, dem Sndenvolk zuwider.
Zum Grab kehrt jeder, wo sein Krper haust,
Empfngt sein Fleisch zurck und die Gestaltung
Und hrt, was ewig widerhallend braust."
Wir gingen langsam fort in schwerer Haltung,
Durchs Kotgemisch von Schatten und von Flut.
Vom knftgen Leben war die Unterhaltung.
Drum ich: "Mein Meister, wird der Qualen Wut
Sich nach dem groen Urteilsspruch vermehren?
Vermindert sich, bleibt sich nur gleich die Glut?"
Und er: "Gedenk an deines Weisen Lehren:
So sehr ein Ding vollkommen ist, so sehr
Wird sichs im Glcke freun, im Schmerz verzehren
Und kann gleich der Verdammten zahllos Heer
Vollkommenheit, die wahre, nie erringen,
So harrt es doch in jener Zeit auf mehr."
Wir fuhren fort, im Kreise vorzudringen,
Mehr sprechend, als zu sagen gut erscheint,
Bis hin zum Platz, wo Stufen niedergingen,
Und fanden Plutus dort, den groen Feind.


Siebenter Gesang

Aleph, Pape Satan, Pape Satan!
Erhob, rauh kluchzend, Plutus seine Stimme.
Und er, der alles wohl verstand, begann:
"Getrost, nicht frchte dich vor seinem Grimme,
Durch alle seine Macht wirds nicht verwehrt,
Da ich mit dir den Felsen niederklimme."
Und dann, zu dem geschwollnen Mund gekehrt,
Rief er: "Wolf, schweige, du Vermaledeiter!
Von deiner Wut sei in dir selbst verzehrt!
Wir gehn nicht ohne Grund zur Tiefe weiter,
Dort will mans, dort, wo einst den Stolz mit Schmach
Gezchtigt Michael, der Himmelsstreiter."
Gleichwie die Segel, wenn der Mast zerbrach,
Erst aufgeblht zum Knuel niederrollen,
So fiel das Untier, das so drohend sprach.
So gings zum vierten Kreis im schmerzenvollen
Unselgen Schacht, der alle Schuld umfngt,
Von welcher je im Weltall Kund erschollen.
Gerechtigkeit des Herrn, dein Walten drngt
So neue Mhn zusammen, solche Plagen!
O blinde Schuld, die hier den Lohn empfngt!
Wie der Charybdis Wogen sich zerschlagen,
Zum Gegensto gewlzt von Sd und Nord,
So mu sich hier das Volk im Wirbel jagen.
Noch nirgend war die Schar so gro wie dort.
Laut heulend kamen sie von beiden Enden
Und wlzten Lasten mit den Brsten fort.
Und stieen sich, um sich beim Prall zu wenden,
Und dann zurck im Bogenlauf zu ziehn,
Und schrien sich zu: Was halten?--Was verschwenden?
So durch den Kreis, in dem kein Lichtstrahl schien,
Gings beiderseits dann nach der andern Seite,
Indem sie beid ihr schndlich Schmhwort schrien.
Dann wandte jeder sich zum neuen Streite,
Sobald er seines Zirkels Hlft umkreist;
Und ich, der ich den Armen Mitleid weihte,
Sprach: "Meister, o wie zagt, wie bangt mein Geist
Wer ist dies Volk? Die links hier scheinen Pfaffen!
Ists jeder, der uns eine Glatze weist?
Und er: "Dies sind die Blinden, Geistesschlaffen.
Sie wuten in der Welt zum Geben nie
Und nie zum Sparen sich ein Ma zu schaffen.
Und dies erhellt aus dem, was jeder schrie,
Wenn sie im Kreis gelangt zu zweien Orten;
Da trennt der Gegensatz des Lasters sie.
Die mit den Glatzen waren Pfaffen dorten;
Auch ffneten wohl Papst und Kardinal
Dem Geiz als Zwingherrn ihres Herzens Pforten."
Drauf sprach ich: "Meister, kenn in dieser Zahl
Ich keinen, der im Schmutz so eitlen Strebens
Sich hier erworben hat die ewge Qual?"
Und er zu mir: "Dein Suchen ist vergebens,
Unkenntlich macht sie ihr verdientes Los
Durch Kot und Schmutz bewutlos dunkeln Lebens.
So kommen stets zum Sto und Gegensto,
Bis sie erstehn--die mit verschnittnen Haaren,
Die mit geschlossner Faust--dem Grabesscho.
Versetzt hat sie schlecht Geben und schlecht Sparen
Von jener heitern Welt in diesen Zwist;
Nicht sag ich welchen, denn du kannsts gewahren.
Sieh hier, mein Sohn, welch eitles Ding es ist
Um jenes Gut Fortunens, das die Leute
Zum Kampfe reizt und zu Gewalt und List.
Gib diesen Mden alles Gold zur Beute,
Das sie gehabt, ja alles Gold der Welt,
Und keine Stunde Ruh gibts ihnen heute."
Und ich: "Mein Meister, sprich, wenn dirs gefllt,
Wer ist Fortuna doch, die, wie ich hrte,
In ihren Klaun der Erde Gter hlt?"
Und er zu mir: "O Arme, Trugbetrte!
Unwissende, zum Schlimmsten stets geneigt!
O da mein Spruch jetzt aller Wahn zerstrte!
Er, dessen Weisheit alles bersteigt,
Erschuf die Himmel und gab ihnen Leitung,
Da jedem Teil sich jeder leuchtend zeigt,
Durch seines Lichts gleichmige Verbreitung.
So gab er schaffend auch die Dienerin
Dem Erdenglanz zur Fhrung und Begleitung.
Von Volk zu Volk, von Blut zu Blute hin,
Bringt sie das eitle Gut, das nirgends dauert,
Und kmmert nicht sich um der Menschen Sinn.
Dies Volk befiehlt, ein andres dient und trauert,
Wie jene Fhrerin das Urteil spricht,
Die, wie die Schlang im Gras, verborgen lauert.
Nichts gegen sie hilft eurer Weisheit Licht,
Sie sorgt, erkennt, vollzieht in ihrem Reiche,
Und weicht darin den andern Gttern nicht.
Nie haben Stillstand ihre Wechselstreiche;
So macht sie, von Notwendigkeit gejagt,
Aus Reichen Arme, dann aus Armen Reiche.
Sie ists, die ihr ans Kreuz oft wtend schlagt,
Von der ihr oft, wenn ihr, anstatt zu schmollen,
Sie loben solltet, flschlich Bses sagt.
Doch sie, die Selge, hrt nicht euer Grollen;
In andrer erstgeschaffnen Seligkeit
Und Wonne, lt sie ihre Kugel rollen.--
Doch eilig weiter jetzt zu grerm Leid!
Die Stern, aufsteigend, als ich fortgeschritten,
Gehn abwrts itzt, und unser Weg ist weit."
Am andern Rand ward nun der Kreis durchschnitten,
An einem Quell, der siedend dort entspringt,
Des Wellen fort durch einen Graben glitten.
Mehr trb als schwarz ist seine Flut und bringt,
Wenn man ihr folgt, hinab zu rauhen Wegen,
Durch die man mit Beschwerde niederdringt.
Dann qualmt ein Sumpf, mit Namen Styx, entgegen
Dort, wo der traurge Flu vom Laufe ruht,
Am Fu des greulichen Gestads gelegen.
Dort stand ich nun und sah nach jener Flut,
Und jh im Sumpfe Leute, kotge, nackte,
Zugleich des Jammers Bilder und der Wut.
Man schlug sich nicht mit Fusten nur, man hackte
Mit Haupt und Brust und Fen auf sich ein,
Indem man wild sich mit den Zhnen packte.
Mein Meister sprach: "Sohn, sieh in dieser Pein
Die Seelen derer, so der Zorn bezwungen.
Auch unterm Wasser mssen viele sein;
Und wenn ein Seufzer ihnen sich entrungen.
Dann steigen Blasen auf von ihrer Not,
Drum sieh von Kreisen diese Flut durchschwungen.
Und immer rufen sie, versenkt im Kot:
Wir waren elend einst im Sonnenschimmer
Und hegten Groll und Tcke bis zum Tod,
Und elend sind wir nun im Schlamm noch immer.
Dies Lied klingt gurgelnd vor aus ihrem Schlund,
Stets schluckend, enden sie die Worte nimmer.
So gingen, zwischen Pfuhl und festem Grund,
Wir an dem schmutzgen Teich in weitem Bogen,
Den Blick gewandt zum Volk mit Schlamm im Mund,
Bis wir zu eines Turmes Fu gezogen.


Achter Gesang

Lang eh wir noch, so fahr ich fort, zu sagen,
Dem Fu des hohen Turms uns konnten nahn,
War unser Blick zur Zinn emporgeschlagen,
Weil wir zwei Flmmchen dort entznden sahn,
Als Rcksignal ein andres, So entlegen,
Da es das Auge kaum noch knnt erfahn.
Da kehrt ich meinem Weisen mich entgegen:
"Was ist dies? Welch ein Zeichen wohl bezweckt
Das dritte Feur? Wer sind sie, dies erregen?"
Und er zu mir: "Sieh hin, dein Aug entdeckt.
Was unsrer harrt, dort auf den schmutzgen Wogen,
Wenn dirs der Qualm des Sumpfes nicht versteckt."
Und rasch, wie ich den leichten Pfeil vom Bogen
Je fortgeschnellt durch hohe Lfte sah,
Kam durch das Moor ein kleiner Kahn gezogen.
Bald war er uns am grauen Strande nah,
Obwohl von einem Rudrer nur gefahren,
Der schrie: Verruchte Seele, bist du da?
"Phlegias, Phlegias, du magst dein Schreien sparen,"
So sprach mein Herr, "umsonst ists angestimmt;
Wir sind nur dein, solang wir berfahren."
Wie wer von einem groen Trug vernimmt,
Den man ihm angetan zu Schmach und Schaden,
So zeigte Phlegias wild sich und ergrimmt.
Mein Fhrer stieg ins Schiff von den Gestaden,
Und zu sich setzen hie er mich sodann,
Und als ich drin war, schien es erst beladen.
Sobald wir beid uns eingesetzt, begann
Des Nachens Fahrt und furchte tiefre Zeilen,
Als er mit andrer Brde furchen kann.
Indessen wir die tote Moorflut teilen,
Kommt einer, kotbedeckt, vor mich und spricht:
"Wer heit dich vor der Zeit herniedereilen?"
"Ich komme," sprach ich, "aber bleibe nicht.
Doch wer bist du, So widrig und abscheulich?"--
"Ein Heulender, dies sagt dir dein Gesicht."--
Und ich: "Denkst du, dein Heulen sei erfreulich?
Vermaledeiter Geist, fort, weg von mir!
Ich kenne dich, sei noch so wild und greulich!"
Die Hnde streckt er nun zum Kahn voll Gier,
Und mit Gewalt mut ihn mein Herr verjagen,
Der sprach: "Mit andern Hunden, weg von hier!"
Drauf hielt er seinen Arm um mich geschlagen
Und kte mich und sprach: "Erzrnter Geist,
Beglckt die Mutter, welche dich getragen!
Stolz war im Leben dieser--niemand preist
Von ihm nur einen guten Zug auf Erden,
Daher er hier sich noch in Wut zerreit.
Viel Frsten gibts dort, die sich stolz gebrden,
Die, Schmach nur hinterlassend, wie die Saun,
Im Schlamme hier auf ewig whlen werden."
Und ich: "Begierig war ich wohl, zu schaun,
Wie er in diesem Schlamme tauchen mte,
Eh wir verlassen diesen See voll Graun."
Und er zu mir: "Bevor sich noch die Kste
Dir sehen lt, erfreut dich der Genu.
Befriedigung gebhret dem Gelste."
Bald sah ich, wie zu Qual ihm und Verdru
Die Kotigen mit ihm beschftigt waren,
Drob ich Gott loben noch und danken mu.
Frisch, auf Philipp Argenti! schrien die Scharen;
Dann sah ich, selbst sich beiend, auf sie los
Den tollen Geist des Florentiners fahren.
Und dies erzhl ich nur von seinem Los.
Ich lie ihn dort und hrt ein Schmerzensbrllen
Und macht, um vorzuschaun, die Augen gro.
"Bald wird sich, Sohn, dir jene Stadt enthllen,"
So sprach mein guter Meister, " Dis genannt,
Die scharenweis unselge Brger fllen."
Und ich: "Mein Meister, deutlich schon erkannt
Hab ich im Tale jener Stadt Moscheen,
Glutrot, als ragten sie aus lichtem Brand."
Drauf sprach mein Fhrer: "Ewge Flammen wehen
In ihrem Innern, drum im roten Schein
Sind sie in diesem Hllengrund zu sehen."
Bald fuhren wir in tiefe Grben ein,
Den Zugang sperrend zu dem grausen Orte;
Die Mauer schien von Eisen mir zu sein.
Dann aber hrten wir des Steurers Worte,
Nachdem vorher wir auf dem Pfuhle weit
Umhergekreuzt: "Steigt aus, hier ist die Pforte."
Wohl tausend standen auf dem Tor bereit,
Vom Himmel hergestrzt. Es schrien die Frechen:
"Wer wagts, noch lebend, voll Verwegenheit
Ins tiefe Reich der Toten einzubrechen?"
Mein Meister aber, ihnen winkend, lud
Sie klglich ein, ihn erst geheim zu sprechen.
Da legte sich ein wenig ihre Wut.
Sie sprachen: "Komm allein, la gehn den Toren,
Der hier hereindrang mit so keckem Mut.
Find er den Weg, den sich sein Wahn erkoren,
Allein zurck--erprob er doch, wie er
Sich durch die Nacht fhrt, wenn er dich verloren."
Und nun bedenk, o Leser, wie so schwer
Mich der Verdammten Rede niederdrckte,
Denn ich verzweifelt an der Wiederkehr.
"Mein teurer Fhrer, du, durch den mirs glckte,
Da ich gerettet ward schon siebenmal,
Des Schutz mich drohender Gefahr entrckte,
Verla mich", sprach ich, "nicht in dieser Qual,
Und darf ich auch nicht weiter vorwrts dringen,
So komm mit mir zurck durchs dunkle Tal."
Und er, befehligt, mich hierher zu bringen,
Sprach: "Frchte nichts; erlaubt hat unsern Gang
Er, dem nichts wehrt, drum wird er wohl gelingen.
Hier harre mein, und ist die Seele bang,
So magst du sie mit guter Hoffnung speisen,
Denn nicht verlass ich dich in solchem Drang."
So ging er.--ich, getrennt von meinem Weisen,
Dem sen Vater, fhlte Ja und Nein
Beim Zweifelkampf in meinem Haupte kreisen.
Nicht hrt ich, was sein Antrag mochte sein,
Allein er blieb bei jenem Volk nicht lange,
Denn alle rannten in die Stadt hinein
Und schlugen ihm das Tor im wilden Drange
Vorm Antlitz zu und sperrten ihn heraus.
Da kehrt er sich zu mir mit schwerem Gange.
Den Blick gesenkt, die Braun verstrt und kraus,
Lie er in Seufzern diese Worte hren:
"Wer schliet mich von der Stadt der Schmerzen aus?"
Und dann zu mir: "Nicht mg es dich verstren,
Wenn du mich zrnen siehst--ich siege doch,
Wie keck sie auch dort drinnen sich empren.
Schon frher stieg ihr kecker Mut so hoch,
An einem Tor, nicht so geheim gelegen,
Und ohne Schlo und Riegel heute noch,
Am Tor, von dem die schwarze Schrift entgegen
Dem Wandrer droht--doch diesseits schon von dort
Kommt, ohne Leitung, auf den dunkeln Wegen
Ein andrer her und ffnet uns den Ort."


Neunter Gesang

Weil ich vor Angst und banger Furcht erblich,
Als ich den Herrn sah sich zurckbewegen,
Verschlo Virgil die eigne Furcht in sich.
Aufmerksam stand er dort, wie Horcher pflegen,
Denn, weit zu schaun, war ihm die Dunkelheit
Der schwarzen Luft und Nebelqualm entgegen.
Er sprach: "Wir siegen doch in diesem Streit--
Wenn nicht--doch hab ich nicht ihr Wort vernommen?
Er sumt frwahr doch gar zu lange Zeit."
Ich sah es deutlich ein, zurckgenommen
Sei durch der Rede Folge der Beginn,
Da beide mir verschieden vorgekommen.
Drum lauscht ich sorgenvoll und zagend hin,
Denn ich erklrte mir vielleicht noch schlimmer,
Als er es war, des halben Wortes Sinn.
"Kommt wohl ein Geist in diese Tiefe nimmer
Vom ersten Grad, wo nichts zur Qual gereicht,
Als da erstorben jeder Hoffnungsschimmer?"
So fragt ich ihn, und jener sprach: "Nicht leicht
Geschiehts, da auf dem Weg, den wir durchliefen,
Ein andrer meines Grads dies Land erreicht.
Wahr ists, da ich vordem in diesen Tiefen
Durch der Erichtho Zauberein erschien,
Die oft den Geist zum Leib zurckberiefen.
Kaum war mein Geist vom Fleisch entblt, als ihn
Die Zauberin beschwor in jene Mauer,
Um eine Seel aus Judas Kreis zu ziehn.
Dort ist die tiefste Nacht, der bngste Schauer,
Am fernsten von des Himmels ewgem Licht.
Ich wei den Weg--drum scheuche Furcht und Trauer.
Der Sumpf hier, welcher Stank verhaucht, umflicht
Die qualenvolle Stadt, durch deren Pforten
Man ohne Zorn die Bahn sich nimmer bricht."
Mehr sprach er, doch mich zog von seinen Worten
Der hohe Turm und bannte mit Gewalt
Den Blick ans Feuer auf dem Gipfel dorten.
Drei Hllenfurien sah ich dort alsbald,
Die, blutbefleckt, grad aufgerichtet, stunden,
Und Weibern gleich an Haltung und Gestalt,
Mit grnen Hadern statt des Gurts umbunden,
Mit kleinern Schlangen aber, wie mit Haar,
Und Ottern rings die grausen Schlf umwunden.
Und jener, dem bekannt ihr Anblick war,
Der Sklavinnen der Frstin ewger Plagen,
Sprach: "Nimm die wilden Erinnyen wahr.
Zur linken Seite sieh Megren ragen,
Inmitten ist Tisiphone zu schaun,
Und rechts Alecto in Geheul und Klagen."
Die Brust zerri sich jede mit den Klaun,
Und sie zerschlugen sich mit solchem Brllen,
Da ich mich an den Dichter drngt aus Graun.
"Medusas Haupt! auf, lat es uns enthllen,"
Sie riefens, niederbckend, allzugleich.
"Was wir versumt an Theseus, zu erfllen."
"Wende dich um, die Augen schliee gleich!
Wenn sie bei Gorgos Anblick offenstnden,
Du kehrtest nimmer in des Tages Reich!"
Er sprachs und eilte, selbst mich umzuwenden,
Verlie sich auch auf meine Hnde nicht
Und schlo die Augen mir mit seinen Hnden.
Ihr, die erhellt gesunden Geistes Licht,
Bemerkt die Lehre, die, vom Schleir umgeben,
In dich verbirgt dies seltsame Gedicht.
Ich hrt ein Krachen mchtig sich erheben
Auf trber Flut, mit einem Ton voll Graus,
Da die und jene Hfte schien zu beben.
Nicht anders war es, als des Sturms Gebraus--
Wild durch der kalten Dnste Kampf mit lauen,
Strzt er durch Wlder, ste reit er aus,
Durch nichts gehemmt, jagt Blten durch die Auen;
Stolz wlzt er sich in Staubeswirbeln vor,
Und Hirt und Herden fliehn voll Angst und Grauen.
Die Augen lst er mir. "Jetzt schau empor,
Dorthin, wo du den schrfsten Rauch entquellen
Dem Schaume siehst auf diesem alten Moor."
Wie Frsche, sich zerstreuend, durch die Wellen
Vor ihrem Feind, der Wasserschlange, fliehn,
Bis sie am Strand in Scharen sich gesellen,
So sah ich schnell, als einer dort erschien,
Das Tor von den zerstrten Seelen leeren
Und ihn mit trocknem Fu den Styx durchziehn.
Er schien den Qualm vom Antlitz abzuwehren,
Vor sich bewegend seine linke Hand,
Und dieser Dunst nur schien ihn zu beschweren.
Ich sahs, er sei vom Himmel hergesandt.
Zum Meister kehrt ich mich, doch, auf sein Zeichen,
Neigt ich mich schweigend, jenem zugewandt.
Mir schien er einem Zornigen zu gleichen.
Er kam zum Tore, das sein Stab erschlo,
Und ohne Widerstreben sah ichs weichen.
"O ihr verachteter, vestoner Tro!"
Begann er an dem Tor, dem schreckensvollen,
"Woher die Frechheit, die hier berflo?
Was seid ihr widerspenstig jenem Wollen,
Das nimmermehr sein Ziel verfehlen kann?
Wird er die Qual, wie oft, euch mehren sollen?
Was kmpft ihr gegen das Verhngnis an,
Obwohl eur Zerberus, ihr mgts bedenken,
Mit kahlem Kinn und Halse nur entrann?"
Dann sah ich ihn zurck die Schritte lenken.
Uns sagt er nichts, und achtlos ging er fort,
Als msst er ernst auf andre Sorgen denken,
Als die um kleine Ding am nchsten Ort.
Worauf wir beide nach der Festung schritten,
Nun vllig sicher durch das heilge Wort.
Auch ward der Eingang uns nicht mehr bestritten;
Und ich, des Wunsches voll, mich umzusehn
Nach dieser Stadt Verhltnis, Art und Sitten,
Lie, drinnen kaum, das Aug im Kreise gehn,
Und rechts und links war weites Feld zu schauen,
Von Martern voll und ungeheuren Wehn.
Gleichwie wo sich der Rhone Wogen stauen,
Bei Arles, und bei Pola dort am Meer,
Das Welschland schliet und netzt der Grenze Gauen,
Grabhgel sind im Lande rings umher,
Wo auf unebnem Grunde Tote modern;
So hier, doch schreckte dieser Anblick mehr,
Denn zwischen Grbern sieht man Flammen lodern,
Und alle sind so durch und durch entflammt,
Da keine Kunst mehr Stahl und Eisen fodern.
Halboffen ihre Deckel allesamt,
Und draus erklingen solche Klagetne,
Da man erkennt, wer drinnen, sei verdammt.
Und ich: Verknde, Meister, wer sind jene,
Die, hier begraben, sonder Ruh und Rast
Vernehmen lassen solches Schmerzgesthne?
Und er: "Hauptketzer hlt der Ort umfat,
Und die den Sekten angehangen haben,
In grrer Zahl, als du gerechnet hast-
Denn Gleiche sind zu Gleichen hier begraben,
Und mehr und minder glht jedwedes Mal"--
Er sprachs, worauf wir rechtshin uns begaben,
Fortschreitend zwischen hoher Maur und Qual.


Zehnter Gesang

Fort ging nun, hier die Mauer, dort die Pein,
Auf einem engen Pfad der edle Weise,
Er mir voraus und ich ihm hinterdrein.
Der du mich fhrst durch die verruchten Kreise,
Sprach ich, ich wnsche, da, wenn dirs gefllt,
Dein Wort auch hier mich ferner unterweise.
Darf man die sehn, die jedes Grab enthlt?
Die Deckel, offen schon, sind nicht dawider,
Auch ist zur Wache niemand aufgestellt.
"Iedweder Deckel sinkt geschlossen nieder,"
Sprach er, "wenn sie gekehrt von Josaphat,
Mitbringend ihre dort gelassnen Glieder.
Wiss, Epicurus liegt an dieser Statt
Samt seinen Jngern, die vom Tode lehren,
Da er so Seel als Leib vernichtet hat.
Befriedigung soll also dem Begehren,
Das du entdecktest, dies Begrbnis hier,
Sowie dem Wunsch, den du verschwiegst, gewhren."
Und ich: Mein Herz verberg ich nimmer dir,
Nur redet ich in bndig kurzem Worte,
Und nicht nur jetzt empfahlst du solches mir.
"Toskaner, du, der lebend durch die Pforte
Der Feuerstadt, so ehrbar sprechend, drang,
Verweil, ich bitte dich, an diesem Orte.
ich erkenn an deiner Sprache Klang,
Du seist dem edlen Vaterland entsprungen,
Dem ich, ihm nur zu lstig, auch entsprang."
Urpltzlich war dies einem Sarg entklungen,
Drum trat ich etwas nher meinem Hort,
Denn wieder war mein Herz von Furcht durchdrungen.
"Was tust du? Wende dich!" rief er sofort,
"Sieh grad empor den Farinata ragen,
Vom Grtel bis zum Haupte sieh ihn dort!"
Ich, der auf sein Gesicht den Blick geschlagen,
Sah, wie er hoch mit Brust und Stirne stand,
Als lach er nur der Hh und ihrer Plagen.
Mein Fhrer, der mich schnell mit mutger Hand
Durch Grber bis zu ihm mit fortgenommen,
Sprach: Was er fragt, mach offen ihm bekannt.
Er sah mich, als ich bis zum Grab gekommen,
Ein wenig an. "Wer deine Vter? Sprich!"
So fragt er mich und schien von Zorn entglommen.
Gern fgt ich dem Befehl des Meisters mich,
Ihm alles unverstellt zu offenbaren,
Da hoben etwas seine Brauen sich.
Er sprach darauf: "Furchtbare Gegner waren
Sie meinen Ahnen, mir und meinem Teil,
Und zweimal drum vertrieb ich sie in Scharen."
"Wenn auch vertrieben, kehrten sie in Eil",
Sprach ich, "zweimal zurck aus jeder Gegend.
Doch nicht den euren ward die Kunst zuteil."
Sieh, da erhob, sich neben jenem regend,
Ein Schatten sich urpltzlich bis zum Kinn,
Sich auf den Knien, so schiens, empor bewegend.
Er blickt um mich nach beiden Seiten hin,
Als woll er sehn, ob jemand mich begleite,
Doch floh der Irrtum bald aus seinem Sinn,
Und weinend sprach er dann: "Wenn dein Geleite
Des Geistes Hoheit ist durch diese Nacht,
Wo ist mein Sohn? Warum nicht dir zur Seite?"--
"Nicht eigner Geist hat mich hierher gebracht,
Der dort harrt, fhrte mich ins Land der Klagen.
Dein Guido hatte sein vielleicht nicht acht."
So ich--beim Wort und bei der Art der Plagen
Knnt ich wohl seines Namens sicher sein
Und drum ihm auch so sicher Antwort sagen,
Schnell richtet er sich auf mit lautem Schrein:
"Er hatte, sagst du? Ist er nicht am Leben?
Saugt nicht sein Auge mehr den sen Schein?"
Und da ich nun, statt Antwort ihm zu geben,
Noch zauderte, so fiel er rcklings hin,
Um frder sich nicht wieder zu erheben.
Doch jener andre mit dem stolzen Sinn,
Der mich gerufen, blieb auf seiner Sttte
Starr, ungebeugt und trotzig wie vorhin.
Er, wieder knpfend des Gesprches Kette:
"Ward jene Kunst zuteil den Meinen nicht?
Dies martert mehr mich noch als dieses Bette.
Doch wird nicht fnfzigmal sich das Gesicht
Der Herrin dieses Dunkels neu entznden,
So wirst du fhlen dieser Kunst Gewicht.
Sprich, willst du je zurck aus diesen Grnden,
Wie gegen mein Geschlecht mag solche Wut
Das Volk in jeglichem Gesetz verknden?"
Ich sprach: "Das groe Morden ists, das Blut,
Das rotgefrbt der Arbia klare Wogen,
Das eur Geschlecht mit solchem Fluch belud."
Er seufzt und schttelte das Haupt: "Vollzogen
Hab ich allein nicht diese blutge Tat,
Und. alle hat uns triftger Grund bewogen.
Doch ich allein wars, der dem grausen Rat;
Es msse bis zum Grund Florenz verschwinden,
Mit offnem Angesicht entgegentrat."
"Soll euer Same jemals Ruhe finden,"
So sprach ich bittend, "lst die Schlingen hier,
Die noch, mein Urteil hemmend, mich umwinden.
Versteh ich recht, so scheint es wohl, da ihr
Erkennen mgt, was knftge Zeiten bringen,
Doch mit der Gegenwart scheints anders mir."
Er sprach: "Uns trgt der Blick nach fernen Dingen,
Wies fters wohl der Schwachen Sehkraft geht,
Denn dahin lt der hchste Herr uns dringen.
Doch naht sich und erscheint, was wir erspht,
Weg ist das Wissen, und nur durch Berichte
Erfahren wir, wies jetzt auf Erden steht.
Darum begreifst du: einst beim Weltgerichte,
Wenn sich der Zukunft Tor auf ewig schliet,
Wird die Erkenntnis unsers Geists zunichte."
Drauf ich: "Wie jetzt mein Fehler mich verdriet!
O sagt dem Hingesunknen, Trostentblten,
Da noch sein Sohn das heitre Licht geniet.
Und war ich vorhin sumig, ihn zu trsten,
So sagt ihm, da ich Raum dem Irrtum gab,
Den eben jetzt mir eure Worte lsten."
Hier rief mein Meister schon mich wieder ab,
Drum bat ich schnell den Geist, mir zu erzhlen,
Wer noch verborgen sei in seinem Grab.
Er sprach: "Hier liegen mehr als tausend Seelen,
Der Kardinal, der zweite Friederich
Und andre, dies nicht nottut, aufzuzhlen."
Und er versank ich aber kehrte mich
Zum alten Dichter, jene Red erwgend,
Die einer Unglcksprophezeiung glich.
Er aber ging und sprach, sich vorbewegend,
Zu mir gewandt: "Was bist du so verstrt?"
Ich tats ihm kund, die Angst im Herzen hegend.
"Behalte, was du Widriges gehrt,"
Sprach mit erhobnem Finger jener Weise,
"Und merk itzt auf, da dich kein Trug betrt.
Bist du dereinst im sen Strahlenkreise,
Verstrmt vom schnen Blick, der alles sieht,
Dann deutet sie dir deine Lebensreise."
Nun ging es links ins hllische Gebiet,
Um von der Maur der Mitte zuzuschreiten,
Wo sich der Pfad nach einem Tale zieht,
Von dem Gestank und Qualm sich weit verbreiten.


Elfter Gesang

Am uern Saum von einem hohen Strande,
Umkreist von Felsentrmmern ohne Zahl,
Gelangten wir zu einem grausern Lande.
Dort bargen wir vor des Gestankes Qual,
Der grlich dampft aus jenen tiefen Grnden,
Uns hinter eines hohen Grabes Mal.
Wir sahn den Inhalt diese Schrift verknden:
Hier liegt Papst Anastasius, den Photin
Vom rechten Pfad verfhrt zu Schmach und Snden.
"Wir mssen," sprach er, "langsam abwrtsziehn;
Ertrglicher wird nach und nach den Sinnen
Der schlechte Dunst, der unertrglich schien."
"So la uns etwas," sprach ich drauf, "beginnen,
Das uns die hier verbrachte Zeit ersetzt."
"Du siehst," erwidert er, "darauf mich sinnen."
"Mein Sohn, du wirst in diesen Steinen jetzt,"
So fuhr er fort, "drei kleinre Kreise zhlen,
Nach Stufen, wie die andern, fortgesetzt.
Erfllt sind alle von verdammten Seelen,
Doch weil du selbst sie sehn wirst, so vernimm,
Wie und warum sie sich hier unten qulen.
Jedwede Bosheit weckt des Himmels Grimm,
Der Unrecht Zweck ist, denn sie macht es immer
Durch Trug und durch Gewalt mit andern schlimm.
Doch Trug, des Menschen eigne Snd, ist schlimmer,
Und die Betrger bannt des Herrn Gehei,
Drum tiefer hin zu schmerzlichem Gewimmer.
Gewalttat wird bestraft im ersten Kreis,
Doch, nach dreifacher Gattung von Vergehen,
In dreien Binnenkreisen stufenweis.
An Gott, an sich, am Nchsten kanns geschehen,
Da man Gewalt verbt, an Leib und Gut.
Wie? Sollst du jetzt mit klaren Grnden sehen.
Gewalttat an des Nchsten Leib und Blut
Geschieht durch Totschlag und durch schlimme Wunden,
Am Gute durch Verwstung, Raub und Glut.
Totschlger werden, die, so schwer verwunden,
Verwster, Ruber, drum hinabgebannt
Zur Pein im ersten Binnenkreis gefunden.
Gewalt bt man an sich mit eigner Hand,
Und seinem Gut.--Um fruchtlos zu bereuen,
Sind drum zum zweiten Binnenkreis gesandt,
Die selber sich zu tten sich nicht scheuen,
Die, so im Spielhaus all ihr Gut vertan
Und dorten weinten, statt sich zu erfreuen.
Gewalt auch tut der Mensch der Gottheit an,
Im Herzen sie verleugnend und nicht achtend,
Was er durch Gte der Natur empfahn.
Du wirst, den kleinsten Binnenkreis betrachtend,
Drum die von Sodom und von Cahors schaun,
Und Volk, im Herzen seinen Gott verachtend.
Trug, des Gewissens Qual, ist am Vertraun,
Und ist auch oft verbt an solchen worden,
Die nicht als Freund auf den Betrger baun.
Die letzte Gattung scheint das Band zu morden,
Das die Natur aus Lieb um alle flicht;
Drum nisten in dem zweiten Kreis die Horden
Der Heuchler, Schmeichler, die, so falsch Gewicht
Gebrauchen, Simonisten, Zaubrer, Diebe
Und Kuppler und dergleichen Schandgezcht.
Zerrissen wird von jenem Trug die Liebe,
So die Natur macht; die auch, die vermehrt,
Noch Treue fordert aus besonderm Triebe.
Drum auf dem Punkte, den das All beschwert,
Wo Dis den Stand hat, dort, im kleinsten Kreise,
Wird, wer Verrat bt, ewiglich verzehrt."
Und ich: Du stellt nach deiner klaren Weise
Wohlabgeteilt den Hllenschlund mir dar,
Und welche Snder jedes Rund umkreise;
Doch sprich: Das Volk, das dort im Sumpfe war,
Die, so der Wind fhrt und die Regen schlagen,
Die mit Geschrei sich stoen immerdar,
Wie kommts, wenn sie den Zorn des Himmels tragen,
Da nicht die Feuerstadt ihr Strafort wird?
Wenn nicht, was leiden sie doch solche Plagen?
Und er darauf zu mir: "Was schweift verwirrt
Dein Geist hier ab von den gewohnten Wegen?
Woandershin hat sich dein Sinn verirrt?
Willst du nicht deine Sittenlehr erwgen,
Die Kunde von drei Neigungen verleiht,
Die Gottes Zorn und seinen Ha erregen,
Von Tollwut, Bosheit, Unenthaltsamkeit?
Die dritt ist, da sie minderes Verachten
Des Herrn verrt, von mindrer Strafbarkeit.
Willst du den Spruch bedenken und betrachten,
Wer jene sind, die vor der Stadt voll Glut
Dort oben, ihre Straf erduldend, schmachten,
So wirst du sehn, wie sie von dieser Brut
Geschieden sind, und minder sie beschwerend
Auf ihnen das Gewicht des Himmels ruht."--
"O Sonne, du, die trbsten Blicke klrend,
Wie Wissen, so erfreut der Zweifel mich,
Vernehm ich dich ihn lsend, mich belehrend.
Drum wend ein wenig," sprach ich, "rckwrts dich.
Da sagtest, da die Wuchrer Gott verletzen,
Jetzt sage mir, wie lst dies Rtsel sich?"
Weltweisheit, sprach er, lehrt in mehrern Stzen,
Da nur aus Gottes Geist und Kunst und Kraft
Natur entstand mit allen ihren Schtzen;
Und berdenkst du deine Wissenschaft
Von der Natur, so wirst du bald erkennen,
Da eure Kunst, mit allem, was sie schafft,
Nur der Natur folgt, wie nach bestem Knnen
Der Schler geht auf seines Meisters Spur;
Drum ist sie Gottes Enkelin zu nennen
Vergleiche nun mit Kunst und mit Natur
Die Genesis, wos also lautet: Leben
Sollst du im Schwei des Angesichtes nur.--
Weil Wuchrer nun nach anderm Wege Streben,
Schmhn sie Natur und ihre Folgerin,
Indem sie andrer Hoffnung sich ergeben.
Doch folge mir, denn vorwrts strebt mein Sinn,
Da schon die Fisch empor am Himmel springen;
Schon auf den Caurus sinkt der Wagen hin,
Und weit ists noch, eh wir zur Tiefe dringen.


Zwlfter Gesang

Rauhfelsig war der Steig am Strand hernieder,
Ob des, was sonst dort war, der Schauer gro,
Und jedem Auge drum der Ort zuwider.
Dem Bergsturz gleich bei Trento--in den Scho
Der Etsch ist seitwrts Trmmerschutt geschmissen,
Durch Unterwhlung oder Erdensto--
Wo von dem Gipfel, dem er sich entrissen,
Der Fels so schrg ist, da zum ebnen Land,
Die oben sind, den Steg nicht ganz vermissen;
So dieses Abgrunds Hang, und dort am Rand
Wars, wo von Felsentrmmern berhangen
Sich ausgestreckt die Schande Kretas fand,
Einst von dem Scheinbild einer Kuh empfangen.
Sich selber bi er, als er uns erblickt,
Wie innerlich von wildem Grimm befangen.
Mein Meister rief: "Bist du vom Wahn bestrickt.
Als shst du hier den Theseus vor dir stehen,
Der dich von dort zur HIl herabgeschickt?
Fort, Untier, fort! Den Weg, auf dem wir gehen,
Nicht deine Schwester hat ihn uns gelehrt,
Doch dieser kommt, um eure Qual zu sehen."
So wie der Stier, vom Todesstreich versehrt,
Sich losreit und nicht gehen kann, nur springen.
Und Satz um Satz hierhin und dorthin fhrt;
So sahen wir den Minotaurus ringen,
Drum rief Virgil: "Itzt weiter ohne Rast;
Indes er tobt, ists gut, hinabzudringen."
So klommen wir, von Trmmern rings umfat,
Auf Trmmern sorglich fort, und oft bewegte
Ein Stein sich unter mir der neuen Last.
Ich ging, indem ich sinnend berlegte.
Und er: "Du denkst an diesen Schutt, bewacht
Von Zornwut, die vor meinem Wort sich legte.
Vernimm jetzt, als ich in der Hlle Nacht
Zum erstenmal so tief hereingedrungen.
War dieser Fels noch nicht herabgekracht.
Doch kurz eh jener sich herabgeschwungen
Vom hchsten Kreis des Himmels, der dem Dis
So edler Seelen groen Raub entrungen.
Erbebte so die grause Finsternis,
Da ich die Meinung fate, Liebe zcke
Durchs Weltenall und strz in mchtgern Ri
Ins alte Chaos neu die Welt zurcke.
Der Fels, der seit dem Anfang fest geruht,
Ging damals hier und anderwrts in Stcke.
Doch blick ins Tal, schon naht der Strom von Blut,
In welchem jeder siedet, der dort oben
Dem Nchsten durch Gewalttat wehe tut."
O blinde Gier, o toller Zorn! eur Toben,
Es spornt uns dort im kurzen Leben an
Und macht uns ewig dann dies Bad erproben--
Hier ist ein weiter Graben, der den Plan
Ringshin umfat im weiten runden Bogen,
Wie mir mein weiser Fhrer kundgetan.
Zentauren, rennend, pfeilbewaffnet, zogen,
Sich folgend, zwischen Flu und Felsenwand,
Wie in der Welt, wenn sie der Jagd gepflogen.
Als sie uns klimmen sahn, ward Stillestand;
Drei traten vor mit ausgesuchten Pfeilen
Und schubereit den Bogen in der Hand.
Und einer rief von fern: "Ihr mt verweilen!
Zu welcher Qual kommt ihr an diesen Ort?
Von dort sprecht, sonst soll euch mein Pfeil ereilen!
"Dem Chiron sag ich in der Nh ein Wort,"
Sprach drauf Virgil. "Zum Unheil dich verfhrend,
Ri vorschnell stets der blinde Trieb dich fort."
"Nessus ist dieser," sprach er, mich berhrend,
"Der starb, als Dejaniren er geraubt,
Die Rache noch vor seinem Tod vollfhrend.
Der in der Mitt ist, mit gesenktem Haupt,
Der groe Chiron, der Achillen nhrte;
Dort Pholus, welcher stets vor Zorn geschnaubt.
Am Graben rings gehn tausend Pfeilbewehrte
Und schieen die, so aus dem Pfuhl herauf
Mehr tauchen, als der Richterspruch gewhrte."
Wir beide nahten uns dem flinken Hauf,
Chiron nahm einen Pfeil und strich vom Barte
Das Haar nach hinten sich mit seinem Knauf.
Als nun das groe Maul sich offenbarte,
Sprach er: "Bemerkt: der hinten kommt, bewegt.
Was er berhrt, wie ich es wohl gewahrte.
Und wies kein Totenfu zu machen pflegt."
Da trat ihm an die Brust mein weiser Leiter,
Wo Mensch und Ro sich einigt und vertrgt.
"Lebendig ist," so sprach er, "der Begleiter,
Der dieses dunkle Tal mit mir bereist;
Notwendigkeit, nicht Neugier, zieht uns weiter.
Von dort, wo Gott ihr Halleluja preist,
Kam eine her, dies Amt mir aufzutragen.
Er ist kein Ruber, ich kein bser Geist.
Doch, bei der Kraft, durch die ich sonder Zagen
Auf wildem Pfad im Schmerzensland erschien.
Gib einen uns von diesen, die hier jagen.
Da er die Furt uns zeig, und jenseits ihn
Trag auf dem Kreuz ans andere Gestade,
Denn er, kein Geist, kann durch die Luft nicht ziehn."
"Auf, Nessus, leite sie auf ihrem Pfade,"
Rief Chiron rechts gewandt, "bewahre sie,
Da sonst kein Trupp der unsern ihnen schade."
Da solch Geleit uns Sicherheit verlieh,
So gingen wir am roten Sud von hinnen.
Aus dem die Rotte der Gesottnen schrie.
Bis zu den Brauen waren viele drinnen.
"Tyrannen sinds, erpicht auf Gut und Blut,"
So hrt ich den Zentauren nun beginnen,
"Jetzt heulen sie in ihrer Qualen Wut.
Den Alexander sieh und Dionysen,
Der auf Sizilien Schmerzensjahre lud.
Die schwarzbehaarte Stirn sieh neben diesen,
Den Ezzelin--und jener Blonde dort
Ist Obiz Este, der, wies klar erwiesen,
Vertilgt ward durch des Rabensohnes Mord."
Den Dichter sah ich an, der sprach: "Der Zweite
Bin ich, der Erste der, merk auf sein Wort."
Und weiter gab uns Nessus das Geleite
Zu Volke, das, bis an des Mundes Rand
Im heien Sprudel, heult und maledeite.
Und seitwrts zeigt er einen mit der Hand:
" Der macht einst am Altar das Herz verbluten,
Das man noch jetzt verehrt am Themsestrand."
Und viele hielten aus den heien Fluten
Das ganze Haupt, dann Brust und Leib gestreckt,
Auch kannt ich manchen in den nassen Gluten.
Stets seichter ward das Blut, so da bedeckt
Am Ende nur der Schatten Fe waren,
Und dorten ward des Grabens Furt entdeckt.
Da sagte der Zentaur: "Du wirst gewahren,
Wie immer seichter hier das Blut sich zeigt.
Jetzt aber, will ich, sollst du auch erfahren,
Da dort der Grund je mehr und mehr sich neigt.
Bis wo die Flut verrinnt in jenen Tiefen,
Woraus das Seufzen der Tyrannen steigt.
Gerechter Zorn und Rache Gottes riefen
Dorthin der Erde Geiel, Attila,
Pyrrhus und Sextus; und von Trnen triefen.
Von Trnen, ausgekocht vom Blute, da
Die beiden Rinier, arge Raubgesellen,
Die man die Straen hart bekriegen sah--"
Hier wandt er sich, rckeilend durch die Wellen.


Dreizehnter Gesang

Noch war nicht Nessus jenseits am Gestade,
Da schritten wir in einen Wald voll Graun,
Und nirgend war die Spur von einem Pfade.
Nicht grn war dort das Laub, nur schwrzlichbraun,
Nicht glatt ein Zweig, nur knotige, verwirrte,
Nicht Frucht daran, nur giftger Dorn zu schaun.
Nie bei Cornet und der Cecina irrte
Damhirsch und Eber durch so dichten Hain,
Dies Wild, das nie die Saat des Feldes kirrte.
Hier aber nisten die Harpyn sich ein,
Die, von den Inseln Trojas Volk zu scheuchen,
Es ngsteten mit Unglcksprophezein,
Mit breiten Schwingen, Federn an den Buchen,
Klaun an den Fen, menschlich von Gesicht,
Wehklagend aus den seltsamen Gestruchen.
"Bevor du eindringst, wisse, dich umflicht",
Sprach er, "der zweite Binnenkreis; zu schauen,
Indes du weitergehst, versume nicht.
So kommst du, schauend, in den Sand voll Grauen,
Und gib wohl acht; denn allem, was ich sprach,
Wirst du dann durch den Augenschein vertrauen."
Schon hrt ich rings Geheul und Oh und Ach,
Doch sah ich keinen, der so chzt und schnaubte,
So da mein Knie mir fast vor Schauder brach.
Ich glaub, er mochte glauben, da ich glaubte.
Verborgne sthnten aus dem dunkeln Raum,
Die mir zu sehn das Dickicht nicht erlaubte.
"Brich nur ein Zweiglein ab von einem Baum,"
Begann mein Meister, "und du wirst entdecken.
Was du vermutest, sei ein leerer Traum.
Da sumt ich nicht,- die Finger auszustrecken.
Ri einen Zweig von einem groen Dorn,
Und pltzlich schrie der stumpf zu meinem Schrecken:
"Was brichst du mich?"--worauf ein blutger Born
Aus ihm entquoll, und diese Wort erklangen:
"Was peinigt uns dein rnitleidloser Zorn?
Uns, Menschen einst, von Rinden jetzt umfangen.
Wohl grre Schonung ziemte deiner Hand,
Und wren wir auch Seelen nur von Schlangen."
Gleich wie ein grner Ast, hier angebrannt,
Dort chzt und sprht, wenn, aufgelst in Winde,
Der feuchte Dunst den Weg nach auen fand;
So drangen Wort und Blut aus Holz und Rinde,
Und mir entsank das Reis, da ich geraubt;
Dann stand ich dort, als ob ich Furcht empfinde.
"Verletzte Seele, htt er je geglaubt.
Was frher schon ihm mein Gedicht entdeckte,"
So sprach Virgil, "nie htt er sichs erlaubt.
Wenn er die Hand nach deinem Aste streckte,
So reuts mich itzt, da, weils unglaublich schien,
Ich Lust in ihm zu solcher Tat erweckte.
Doch sag ihm, wer du warst. Er wird, wenn ihn
Der Tag einst neu umfngt, den Fehl zu ben,
Dort frisch ans Licht dein Angedenken ziehn."
Der Stamm: "Ein Kder ist im Wort, dem sen,
Der mich zum Sprechen lockt; mag euchs, wenn mich
Der Leim beim Reden festhlt, nicht verdrieen.
Ich bins, der einst das Herz des Friederich
Mit zweien Schlsseln auf- und zugeschlossen
Und sie so sanft und leis gedreht, da ich,
Nur ich, sonst keiner, sein Vertraun genossen--
Und bis ich ihm geopfert Schlaf und Blut,
Weiht ich dem hohen Amt mich unverdrossen.
Die Hure, die mit buhlerischer Glut
Auf Csars Haus die geilen Blicke spannte,
Sie, aller Hfe Tod und Snd und Wut,
Schrt an, bis alles gegen mich entbrannte,
Und alle schrten Friedrichs Gluten an.
Da heitrer Ruhm in dstres Leid sich wandte.
Da hat mein zornentflammter Geist, im Wahn,
Durch Sterben aller Schmach sich zu entwinden.
Mir, dem Gerechten, Unrecht angetan.
Bei diesen Wurzeln schwr ich, diesen Rinden:
Stets wars um meine Treue wohlbestellt
Fr ihn, der wert war, ewgen Ruhm zu finden;
Kehrt einer je von euch zurck zur Welt,
So mg er dort mein Angedenken heben,
Das jener Streich des Neids noch niederhlt."
Hier hielt er an, ich aber schwieg mit Beben.
Da sprach der Dichter: "Ohne Zeitverlust
Frag ihn, er wird auf alles Antwort geben."
Ich aber: "Frag ihn selbst. Dir ist bewut,
Was mir ersprielich sei, ihm abzufragen;
Ich knnt es nicht, denn Leid drckt meine Brust."
Und er: "Soll einst, was du ihm aufgetragen,--
Er frei vollziehn, dann, o gefangner Geist,
Beliebe dir, zuvor uns anzusagen,
Wie dieser Stmme Band die Seel umkreist?
Und, wenn um sie sich starre Rinden legen,
Ob diesen Gliedern eine sich entreit?
Ein starker Hauch schien sich im Stamm zu regen,
Dann aber ward der Wind zu diesem Wort:
"In kurzer Rede sag ich dies dagegen:
Wenn die vom Leib sich trennen, welche dort
Sich frevelhaft in wildern Grimm entleiben,
Schickt Minos sie zu diesem Schlunde fort.
Hier fallen sie, wie sie die Strme treiben,
In diesen Wald nach Zufall, ohne Wahl,
Um wie ein Speltkorn wuchernd zu bekleiben.
So wachsen Bsch und Bum in diesem Tal,
Und die Harpyn, die sich vom Laube weiden,
Sie machen Qual, und ffnung fr die Qual.
Einst eilen wir nach unserm Leib, doch kleiden
Uns nie darein; denn was man selbst sich nahm.
Will Gott uns nimmer wieder neu bescheiden.
Wir schleppen ihn in diesen Wald voll Gram,
Und jeder Leib wird an den Baum gehangen.
Den hier zur ewgen Haft sein Geist bekam."
Wir horchten auf den Stamm noch, voll Verlangen,
Mehr zu vernehmen, als urpltzlich schnell
Schrein und Getos zu unsern Ohren drangen.
Als ob hier Eber, Hund und Jagdgesell,
Die ganze Jagd, heran laut tosend brauste
Mit Waldesrauschen, Schreien und Gebell.--
Und sieh, linksher, zwei Nackende, Zerzauste,
Fortstrmen, wie vom uersten bedroht,
Da das Gezweig zertrmmert kracht und sauste.
Der Vordre schrie: "Zu Hilfe, Hilfe, Tod!"
Dem andern schiens, da es mehr Eile brauche;
"Lan," rief er, "dort bei Toppo in der Not
Schien nicht dein Fuwerk gut zu dem Gebrauche."
Dann, weil erschpft vielleicht des Odems Rest,
Macht er ein Knul aus sich und einem Strauche.
Sieh schwarze Hunde, durchs Gestrpp gepret.
Schnell hinterdrein, die wild die Lufe streckten,
Wie Doggen, die man von der Kett entlt.
Sie schlugen ihre Zahn in den Versteckten,
Zerrissen ihn und trugen stckweis dann
Die Glieder fort, die frischen, blutbefleckten.
Mein Fhrer fate bei der Hand mich an
Und fhrte mich zum Busche, der vergebens
Aus Rissen klagte, welchen Blut entrann.
Er sprach: "Was machtest du doch eitlen Strebens,
O Jakob, meinen Busch zu deiner Hut?
Trag ich die Schulden deines Lasterlebens?"
Mein Meister, dessen Schritt bei ihm geruht,
Sprach: "Wer bist du? Warum aus so viel Rissen
Hauchst du zugleich die Schmerzensred und Blut?"
Und er: "Die ihr gekommen, um zu wissen,
Wie harte Schmach ich hier erdulden mu,
Zu sehn, wie man mir so mein Laub entrissen.
O sammelts an des traurgen Stammes Fu.
Ich bin aus jener Stadt, die statt des alten
Den Tufer whlt als Schutzherrn. Voll Verdru
Wird jener drum als Feind ihr grausam walten,
Und htte man nicht noch sein Bild geschaut.
Das dort sich auf der Arnobrck erhalten.
Die Brger, die sie wieder aufgebaut
Vom Brand des Attila, aus Schutt und Grause,
Sie htten ihrer Mh umsonst vertraut.
Den Galgen macht ich mir aus meinem Hause."


Vierzehnter Gesang

Weil ich der Vaterstadt mit Rhrung dachte,
Las ich das Laub, das ich, das Herz soll Leid,
Zurck zum Stamm, der kaum noch chzte, brachte.
Drauf kamen wir zur Grenz in kurzer Zeit
Vom zweiten Binnenkreis und sahn im dritten
Ein krauses Kunstwerk der Gerechtigkeit.
Denn dort erffnete vor unsern Schritten
Und unsern Blicken sich ein ebnes Land,
Des Boden nimmer Pflanz und Gras gelitten.
Und wie sich um den Wald der Graben wand,
War dieses von dem Schmerzenswald umwunden.
Hier weilten wir an beider Kreise Rand.
Dort ward ein tiefer, drrer Sand gefunden.
Der dem, den Catos Fe stampften, glich,
Wie wir vernehmen aus den alten Kunden.
O Gottes Rache! Jeder frchte dich,
Dem, was ich sah, mein Lied wird offenbaren,
Und wende schnell vom Lasterwege sich.
Denn nackte Seelen sah ich dort in Scharen,
Die, alle klagend jmmerlich und schwer,
Doch sich nicht gleich in ihren Strafen waren.
Die lagen rcklings auf der Erd umher,
Die sah ich sich zusammenkrmmend kauern.
Noch andre gingen immer hin und her.
Die Mehrzahl mut im Gehn die Straf erdauern.
Der Liegenden war die geringre Zahl,
Doch mehr gedrngt zum Klagen und zum Trauern.
Langsamen Falls sah ich mit rotem Strahl
Hernieder breite Feuerflocken wallen,
Wie Schnee bei stiller Luft im Alpental.
Wie Alexander einstens Feuerballen,
Fest bis zur Erde, sah auf seine Schar
In jener heien Gegend Indiens fallen,
Daher sein Volk, vorbeugend der Gefahr,
Den Boden stampfen mut, um sie zu tten,
Weil einzeln sie zu tilgen leichter war;
So sah ich von der Glut den Boden rten;
Wie unterm Stahle Schwamm, entglomm der Sand,
Wodurch die Qualen zwiefach sich erhhten.
Nie hatten hier die Hnde Stillestand,
Und hier- und dorthin sah ich sie bewegen,
Abschttelnd von der Haut den frischen Brand.
Da sprach ich: "Du, dem alles unterlegen,
Bis auf die Geister, die sich dort voll Wut
Am Tor zur Wehr gestellt und dir entgegen.
Wer ist der groe, welcher, diese Glut
Verachtend, liegt, die Blicke trotzig hebend,
Noch nicht erweicht von dieser Feuerflut?"
Und jener rief, mir selber Antwort gebend,
Weil er gemerkt, da ich nach ihm gefragt,
Uns grimmig zu: "Tot bin ich, wie einst lebend.
Sei auch mit Arbeit Jovis Schmied geplagt,
Von welchem er den spitzen Pfeil bekommen,
Den er zuletzt in meine Brust gejagt;
Zur Hilfe sei die ganze Schar genommen,
Die rastlos schmiedet in des tna Nacht;
Hilf, hilf, Vulkan, so schrei er zornentglommen,
Wie er bei Phlgra tat in jener Schlacht;
Mit aller Macht sei das Gescho geschwungen,
Gewi, da nie ihm frohe Rache lacht--"
Da hob so stark, wie sie mir nie erklungen,
Mein Meister seine Stimm, ihm zuzuschrein:
"O Kapaneus, da ewig unbezwungen
Dich Hochmut nagt, ist deine wahre Pein,
Denn keine Marter, als dein eignes Wten,
Kann deiner Wut vollkommne Strafe sein."
Drauf schien des Meisters Zorn sich zu begten.
Von jenen sieben war er, sagt er mir,
Die Theben zu erobern sich bemhten.
Er hhnt, so scheints, noch Gott in wilder Gier,
Und, wie ich sprach, sein Stolz bleibt seine Schande,
Sein Trotz des Busens wohlverdiente Zier.
Jetzt folge mir, doch vor dem heien Sande
Verwahr im Gehen sorglich deinen Fu
Und halte nah dich an des Waldes Rande.
Ich ging und schwieg, und einen kleinen Flu
Sah ich diesseits des Waldes sprudelnd quellen.
Vor dessen Rot ich jetzt noch schaudern mu.
Den Bach aus jenem Sprudel gleichzustellen.
Der Buhlerinnen schndlichem Verein,
Flo er den Sand hinab mit dunkeln Wellen.
Und Grund und Ufer waren dort von Stein,
Auch beide Rnder, die den Flu umfassen.
Drum mute hier der Weg hinber sein.
"Von allem, was ich noch dich sehen lassen.
Seit wir durch jenes Tor hier eingekehrt.
Das uns, wie alle, ruhig eingelassen,
War noch bis jetzt nichts so bemerkenswert.
Als dieser Flu, zu dem du eben ziehest,
Der ber sich die Flmmchen schnell verzehrt."
So er zu mir und ich darauf: "Du siehest
Mich lstern schon genug, drum speist ich gern;
Gib Kost nur, wie du Essenslust verliehest."
Und er: "d liegt ein Land im Meere fern,
Das Kreta hie, und Keuschheit hat gewaltet,
Als noch die Welt stand unter seinem Herrn.
Ein Berg dort, Ida, war einst schn gestaltet,
Mit Quellen, Laub und Blumen reich geschmckt,
Jetzt ist er d, verwittert und veraltet.
Dorthin hat Rhea ihren Sohn entrckt.
Und, alle Spher listig hintergehend,
Des Kindes Schrein durch Tosen unterdrckt.
Ein hoher Greis ist drin, grad aufrecht stehend,
Den Rcken nach Damiette hingewandt,
Nach Rom hin, wie in seinen Spiegel, sehend;
Das Haupt von feinem Gold; Brust, Arm und Hand
Von reinem Silber; weiter dann hernieder
Von Kupfer nur bis an der Hften Rand;
Von tchtgem Eisen bis zur Sohle nieder;
Nur von gebranntem Ton der rechte Fu,
Doch ruht auf diesem meist die Last der Glieder.
Das Gold allein ist von gediegnem Gu;
Die andern haben Spalt und trufeln Zhren,
Und diese brechen durch die Grott als Flu,
Um ihren Lauf nach diesem Tal zu kehren.
Als Acheron, als Styx, als Phlegethon,
Und bilden, wenn sie zu den tiefsten Sphren
Durch diesen engen Graben hingeflohn,
Dort den Kozyt; doch nahst du diesem Teiche
Bald selber dich, drum hier nichts mehr davon."
Und ich zu ihm: "Wenn auf der Erd, im Reiche
Des Tages, schon der kleine Flu entstund,
Wie kommt es, da ich ihn erst hier erreiche?"
Und er zu mir: "Du weit, der Ort ist rund,
Und ob wir gleich schon tief hernieder drangen,
Doch haben wir, da wir uns links zum Grund
Herabgewandt, den Kreis nicht ganz umgangen,
Und wenn du auch noch manches Neue siehst,
Mag Staunen drum dein Auge nicht befangen."
"Sprich noch, wo Phlegethon, wo Lethe fliet?
Du schweigst von der; von jenem hrt ich sagen,
Da er aus diesem Regen sich ergiet."
So ich; und er: "Gern hr ich deine Fragen,
Doch sollte wohl des roten Wassers Sud
Auf jene selbst die Antwort in sich tragen.
Nicht in der Hlle fliet der Lethe Flut,
Dort siehst du sie beim groen Seelenbade,
Wenn die bereute Schuld auf ewig ruht."
Und drauf: "Jetzt weg vom Wald, und komm gerade
Denselben Weg, den meine Spur dich lehrt;
Die Rnder, nicht entzndet, bilden Pfade,
Und ber ihnen wird der Dunst verzehrt."


Fnfzehnter Gesang

Wir gehen nun auf hartem Rand zusammen,
Und Dampf des Bachs, der drber nebelt, schtzt
Das Wasser und die Dmme vor den Flammen.
So wie sein Land der Flandrer untersttzt,
Bang vor der Springflut Ansturz, die vom Baue
Des festen Damms rckprallend schumt und spritzt;
Wie lngs der Brenta Schlo und Dorf und Aue
Die Paduaner sorglich wohl verwahrt,
Bevor der Chiarentana Frost erlaue;
So war der Damm auch hier von gleicher Art,
Nur da in minder hohen, dicken Massen
Vom Meister dieser Bau errichtet ward.
Schon weit zurck hatt ich den Wald gelassen,
So da der Blick, nach ihm zurckgewandt,
Doch nicht vermgend war, ihn zu erfassen.
Da kam am Fu des Damms ein Schwarm gerannt.
Und wie am Neumond bei des Abends Grauen
Nach dem und jenem man die Blicke spannt,
So sahn wir sie auf uns nach oben schauen;
Und wie der alte Schneider nach dem hr,
So spitzten sie nach uns die Augenbrauen.
Und wie sie alle gafften, fate wer
Mich bei dem Saum, indem er mich erkannte,
Und rief erstaunt: "Welch Wunder! Du? Woher?"
Und ich, wie er nach mir gegriffen, wandte
Den Blick ihm fest aufs Angesicht, das schier
Gerstet war; doch zeigte das verbrannte
Sogleich die wohlbekannten Zge mir;
Drum, neigend, auf sein Antlitz zu, die Arme,
Rief ich: "Ei, Herr Brunetto, seid ihr hier?"
"Mein Sohn," sprach jener, "da dich mein erbarme!
Gern sprche wohl Brunett Latini dich
Ein wenig hier, entfernt von diesem Schwarme."
"Ich bitt euch selbst darum," entgegnet ich,
"Daher ich gern mit euch mich setzen werde,
Wenns dieser billigt, denn er leitet mich."
Und er: "Ach Sohn, wer weilt von dieser Herde,
Darf sich nicht wedeln hundert Jahr hernach
Und liegt, die Glut erduldend, auf der Erde.
Drum geh, ich folge deinem Tritte nach,
Bis wir aufs neu zu meiner Rotte kommen,
Die weinend geht in Leid und ewger Schmach."
Gern war ich neben ihn hinabgeklommen.
Doch wagt ichs nicht und ging, das Haupt geneigt,
Wie wer da geht von Ehrfurcht eingenommen,
"Du, welcher vor dem Tod herniedersteigt,"
Begann er nun, "welch Schicksal fhrt dein Streben?
Und wer ist der, der dir die Pfade zeigt?"
"Dort oben," sprach ich, "in dem heitern Leben
War ich, eh reif mein Alter, ohne Rat
Verirrt und rings von einem Tal umgeben.
Aus dem ich eben gestern morgens trat.
Zurck ins Tal wollt ich, da kam mein Leiter
Und fhrt mich wieder heim auf diesem Pfad."
Drauf sprach er: "Folgst du deinem Sterne weiter.
Dann, wenn ich recht bemerkt im Leben, schafft
Er dich zum Hafen, ehrenvoll und heiter.
Und htte mich der Tod nicht weggerafft,
Hart ich, da dir so hold die Sterne waren,
Dich selbst zum Werk gestrkt mit Mut und Kraft.
Doch jenem Volk von schnden, Undankbaren,
Das niederstieg von Fiesole und fast
Des Bruchsteins Hrte noch scheint zu bewahren,
Ihm bist du, weil du wacker tust, verhat;
Mit Recht, weil bel stets zu Dorngewinden
Mit herber Frucht die se Feige pat.
Man heit sie dort nach altem Ruf die Blinden,
Voll Geiz, Neid, Hochmut, faul an Schal und Kern--
La rein dich stets von ihren Sitten finden,
So groen Ruhm bewahrt dir noch dein Stern,
Da beide Teile hungrig nach dir ringen,
Doch dieses Kraut bleibt ihrem Schnabel fern.
Das Fiesolaner Vieh mag sich verschlingen,
Sich gegenseits, doch nie berhrs ein Kraut,
Kann noch sein Mist hervor ein solches bringen,
In dem man neubelebt den Samen schaut
Von jenen Rmern, welche dort geblieben.
Als man dies Nest der Bosheit auferbaut."
"War einst, was ich gewnscht, des Herrn Belieben,"
Entgegnet ich, "gewi, ihr wret nicht
Noch aus der menschlichen Natur vertrieben.
Das teure, gute Vaterangesicht,
Noch seh ichs vor betrbtem Geiste schweben,
Noch denk ich, wie ihr mich im heitern Licht
Gelehrt, wie Menschen ewgen Ruhm erstreben,
Und wie mir dies noch teuer ist und wert,
Soll kund, solang ich bin, die Zunge geben.
Was ihr von meiner Laufbahn mich gelehrt,
Bewahr ich wohl--Werd ich die Herrin schauen
Nebst anderm Text wird mir auch dies erklrt.
Dem aber, will ich, sollt ihr fest vertrauen:
Ists nur mit dem Gewissen wohlbestellt,
Dann macht kein Schicksal, wies auch sei, mir Grauen.
Mir ist nicht neu, was eure Red enthlt.
Doch mag der Bauer seine Hacke schwingen
Und seinen Kreis das Glck, wies ihm gefllt."
Rechts kehrte sich Virgil, indem wir gingen,
Nach mir zurck und sah mich an und sprach:
"Gut hren, dies behalten und vollbringen."
Ich aber lie drum nicht im Sprechen nach,
Und wnschte die berhmtesten zu kennen
Von den Genossen dieser Pein und Schmach.
Drauf Herr Brunett: "Gut ist es, einge nennen,
So wie von andern schweigen lblich scheint,
Auch wrd ich nicht von allen sagen knnen.
Gelehrte sind und Pfaffen hier vereint
Von groem Ruf, die einst besudelt waren
Mit jenem Fehl, den jeder nun beweint.
Franz von Accorso geht in diesen Scharen,
Auch Priscian, und war dirs nicht zu schlecht,
Vorhin so schnden Aussatz zu gewahren,
So sahst du jenen, den der Knechte Knecht
Zwang, nach Vicenz vom Arno aufzubrechen,
Allwo der Tod sein toll Gelst gercht.
Gern sagt ich mehr--doch mit dir gehn und sprechen
Darf ich nicht lnger, denn schon hebt sich dicht
Ein neuer Rauch auf jenen sandgen Flchen.
Auch naht hier Volk, von dem mich das Gericht
Geschieden hat--Mein Schatz sei dir empfohlen,
Ich leb in ihm noch--mehr begehr ich nicht."
Hier wandt er sich, die andern einzuholen,
Wie nach dem Ziel mit grnem Tuch geziert.
Der Veroneser luft mit flchtgen Sohlen,
Und schien, wie wer gewinnt, nicht wer verliert


Sechzehnter Gesang

Ich war am Ort, wos widerhallend brauste
Vom Wasser, das da strzt ins nchste Tal,
Als ob ein Schwarm von Bienen summt und sauste;
Da rannten Schatten her, drei an der Zahl,
Und trennten sich von einer grern Bande,
Die hinlief durch des Feuerregens Qual,
Und schrien: "Halt du, wir sehn es am Gewande
Dir deutlich an, du bist hierher versetzt
Aus unserm eignen schnden Vaterlande."
Ach, alt und neue Wunden, eingetzt
Von Flammen, sah ich nun in ihrem Fleische,
Und noch voll Mitleid denk ich ihrer jetzt.
Mein Meister horcht auf dieses Schmerzgekreische
Und sah mich an und sprach: "Hier harren wir!
Bedenke jetzt, was Hflichkeit erheische.
Denn wre nicht der Feuerregen hier,
Nach der Natur des Orts, so wrd ich sagen:
Die Eile zieme, mehr als ihnen, dir."
Ich stand und hrte neu ihr altes Klagen;
Zu uns gekommen waren alle nun,
Da sah ich sie sich selbst im Kreise jagen.
Wie nackende gesalbte Kmpfer tun,
Die Griff und Vorteil zu erforschen pflegen,
Indessen noch die Pff und Ste ruhn;
So sah ich sie im Kreise sich bewegen,
Mir immerdar das Antlitz zugewandt,
Und Hals und Fu an Richtung sich entgegen.
Und einer sprach: "Wenn dieser lockre Sand
Und unsre Not uns nicht verchtlich machte.
Und unsre Haut, so ruig und verbrannt,
Dann unser Flehn, ob unsers Rufs, beachte;
Sprich, wer bist du? Wie lebend hier erscheinst?
Und was dich sicher her zur Hlle brachte?
Der, welchem du mich folgen siehst, war einst,
Mu er auch nackt hier und geschunden rennen.
Von hherm Range wohl, als du vermeinst.
Wer hrte nicht Gualdradas Enkel nennen,
Den Guidoguerra, dessen Schwert und Geist
Wohl Puglia und Florenz als tchtig kennen?
Der hinter mir den lockern Sand durchkreist,
Tegghiajo ists, des Rat man noch auf Erden,
Obwohl man ihm nicht folgt, als heilsam preist.
Ich, ihr Genoss in schrecklichen Beschwerden,
Bin Jakob Rusticucci, und mich lie
Mein bses, wildes Weib so elend werden."--
Wenn irgend was vorm Feuer Schutz verhie.
So strzt ich gern mich unter sie hernieder,
Auch litt, so glaub ich, wohl mein Meister dies.
Allein verbrannt htt ich auch meine Glieder,
Drum unterdrckte Furcht in mir die Lust,
Die Jammervollen zu umarmen, wieder.
"Nicht der Verachtung bin ich mir bewut,"
Begann ich, "nur des Leids fr euch Geplagte,
Und schwer verwinden wird es meine Brust.
Ich fhlt es, als mein Herr mir Worte sagte,
Durch welche mir es deutlich ward und klar,
Da, wer hier komme, hoch auf Erden ragte.
Ich bin aus eurer Stadt, und nimmerdar
Wird eures Tuns ruhmvoll Gedchtnis schwinden,
Das immer mir auch lieb und teuer war.
Ich lieߒ die Gall, um se Frucht zu finden,
Die mein wahrhafter Fhrer prophezeit,
Doch mu ich erst zum Mittelpunkt mich winden."
"Soll lang noch deine Seele das Geleit
Der Glieder sein," so sprach nun er dagegen,
"Soll leuchten noch dein Ruf nach deiner Zeit,
So sage mir, bewohnen, wie sie pflegen,
Wohl unsre Stadt noch Kraft und Edelmut?
Sind sie verbannt und vllig unterlegen?
Denn Borsiere, welcher diese Glut
Seit kurzem teilt, und dort mit andern schreitet,
Erzhlt uns manches, was uns wehe tut!--"
"Neu Volk und schleuniger Gewinn verleitet
Zu Unma dich und Stolz, der dich betrt,
Florenz, und dir viel Leiden schon bereitet!"
Ich riefs, das Aug emporgewandt, verstrt.
Starr sahn die drei sich an bei meinen Reden,
Wie man sich anstarrt, wenn man Wahrheit hrt.
"Wir wnschen Glck, wenn du so wohlfeil jeden
Abfertgen kannst," war aller Gegenwort,
"Und dirs bekommt, nach Herzenslust zu reden.
Entkommst du einst aus diesem dunkeln Ort
Und siehst den Sternenglanz, den schnen, sen,
Und sagst dann froh und heiter: Ich war dort,
Vergi dann nicht, die Welt von uns zu gren!"--
Hier aber brachen sie den Kreis und flohn
Voll Eil und wie mit Flgeln an den Fen.
Eh man ein Amen ausspricht, waren schon
Sie alle drei aus meinem Blick verschwunden.
Drum ging sogleich mein Meister auch davon.
Ich folgt ihm nach, um Weitres zu erkunden,
Worauf uns bald des Stroms Gebraus erklang,
So nah, da wir uns sprechend kaum verstunden.
Gleich jenem Flusse mit dem eignen Gang,
Des Fluten ostwrts vom Berg Veso toben.
Vom Apennin an seinem linken Hang;
Das stille Wasser heit er erst dort oben,
Dann senkt er sich und wird bei Forli bald
Des ersten Namens wiederum enthoben--
Des Sturz dort ob Sankt Benedikt erschallt.
Wo seine Wellen in den Abhang brausen,
Der gro fr Tausend ist zum Aufenthalt:
So brach von einem Felsenhang voll Grausen
Der rotgefrbte Flu sich brllend Bahn,
Und kaum ertrug das Ohr sein wildes Sausen.
Mit einem Stricke war ich umgetan,
Und manches Mal mit diesem Gurte dachte
Ich das gefleckte Panthertier zu sehn.
Nachdem ich los von mir den Grtel machte,
Wie ich vom Fhrer mir geboten fand,
Macht ich ein Knuel draus, das ich ihm brachte.
Er aber kehrte dann sich rechter Hand
Und schleuderte zum tiefen Felsenschlunde
Das Knul hinunter ziemlich weit vom Rand.
"Entsprechend", dacht ich, "mu die neue Kunde
Dem neuen Wink und diesem Blicke sein,
Womit mein Meister schaut zum tiefen Grunde."
Stets prge doch der Mensch sich Vorsicht ein
Mit solchen, die des Herzens Sinn ersphen,
Und nicht sich halten an die Tat allein.
Er sprach: "Bald werden wir auftauchen sehen,
Was ich erwart; und das, was du gedacht,
Wird deutlich bald vor deinen Blicken stehen."
Bei Wahrheit, die der Lge gleicht, habt acht,
Soviel ihr knnt, euch nimmer auszusprechen,
Sonst werdet ihr ohn eure Schuld verlacht.
Doch kann ich mich zu reden nicht entbrechen
Und schwr, o Leser, dir, bei dem Gedicht,
Dem nimmer mge Huld und Gunst gebrechen:
Ich sah durch jene Lfte schwarz und dicht
Ein Bild, nach oben schwimmend, sich erheben,
Dem Khnsten wohl ein wunderbar Gesicht--
Wie jemand kehrt, der sich hinabbegeben.
Den Anker, der im Felsenrisse steckt,
Zu lsen, wenn er sich beim Aufwrtsstreben
Von unten einzieht und nach oben streckt.


Siebzehnter Gesang

Sieh hier das Untier mit dem spitzen Schwanze,
Der Berge spaltet, Mauer bricht und Tor!
Sieh, was mit Stank erfllt das groe Ganze!
So hob mein Fhrer seine Stimm empor
Und rief mit seinem Wink das Tier zum Rande,
Bis nah zu unserm Marmorpfade vor.
Da kam des Truges Greuelbild zum Lande
Und schob den Kopf und dann den Rumpf heran,
Doch zog es nicht den scharfen Schweif zum Strande.
Von Antlitz glich es einem Biedermann
Und lie von auen Mild und Huld gewahren,
Doch dann fing die Gestalt des Drachen an.
Mit zweien Tatzen, die bedeckt mit Haaren,
Und Rcken, Brust und Seiten, die bemalt
Mit Knoten und mit kleinen Schnrkeln waren;
Vielfarbig, wie kein Werk Arachnes strahlt,
Wie, was auch Trk und Tatar je gewoben,
So bunt doch nichts an Grund und Muster prahlt.
Wie man den Kahn, im Wasser halb, halb oben,
Am Lande sieht an unsrer Flsse Strand,
Und wie, zum Kampf den Vorderleib erhoben.
Der Biber in der deutschen Fresser Land;
So sah ich jetzt das Ungeheuer, ragend
Und vorgestreckt auf unsers Dammes Rand,
Wild zappelnd, mit dem Schweif durchs Leere schlagend,
Und, mit der Skorpionen Wehr versehn,
Die Gabel windend und sie aufwrts tragend.
Mein Fhrer sprach: Jetzt mssen wir uns drehn
Und auf gewundnem Pfad zum Ungeheuer
Dorthin, wos jetzo liegt, hinuntergehn.
Nun fhrte rechter Hand mich mein Getreuer
Nur wenig Schritt hinab am Rande fort,
Den heien Sand vermeidend und das Feuer.
Und unten angelangt, erkannt ich dort
Noch etwas vorwrts auf dem Sande Leute,
Nah sitzend an des Abgrunds dunklem Bord,
Mein Meister sprach: "Erkennen sollst du heute
Den ganzen Binnenkreis mit seiner Pein,
Drum geh und sieh, was jenes Volk bedeute.
Doch kurz nur drfen deine Worte sein.
Ich will indes mich mit dem Tier vernehmen,
Den starken Rcken uns zur Fahrt zu leihn."
So mut ich einsam mich zu gehn bequemen
Am Rand des siebenten der Kreis und nahm
Den Weg zum Sitze der betrbten Schemen.
Aus jedem Auge starrte Schmerz und Gram,
Indes die Hand, jetzt vor dem heien Grunde,
Jetzt vor dem Dunst dem Leib zu Hilfe kam.
So scharren sich zur Sommerzeit die Hunde,
Wenn Floh sie oder Flieg und Wespe sticht,
Jetzt mit dem einen Fu, jetzt mit dem Munde.
Die Augen wandt ich manchem ins Gesicht,
Der dort im Feuer sa und heier Asche;
Und keinen kannt ich, doch entging mir nicht,
Vom Halse hnge jedem eine Tasche,
Bezeichnet und bemalt, und wie voll Gier
Nach diesem Anblick noch ihr Auge hasche.
Ich sah, wie ich genaht, ein blaues Tier
Auf gelbem Beutel, wie auf einem Schilde,
Das schien ein Leu an Kopf und Haltung mir.
Dann blickt ich weiter durch dies Qualgefilde,
Und sieh, ein andrer Beutel, blutigrot,
Zeigt eine butterweie Gans im Bilde.
Ein blaues Schwein auf weiem Sacke bot
Sich dann dem Blick, und seine Stimm erheben
Hrt ich den Trger: "Du hier vor dem Tod?
Fort! Fort! Doch wisse, weil du noch am Leben
Bald findet mir mein Nachbar Vitalian,
Zur Linken seinen Sitz, hier gleich daneben.
Oft schrein mich diese Florentiner an,
Mich Paduaner, mir zum grten Schrecken:
Mcht aller Ritter Ausbund endlich nahn!
Wo mag doch die Dreischnabeltasche stecken?"--
Hier zerrt ers Maul schief, und die Zunge zog
Er vor, gleich Ochsen, so die Nase lecken.
Schon frchtet ich, da ich so lang verzog,
Den Zorn des Meisters, der auf Eil gedrungen,
Daher ich schnell mich wieder rckwrts bog.
Auch fand ich, da er schon sich aufgeschwungen
Und auf das Kreuz des Ungetms gesetzt.
Er sprach: "Stark sei dein Mut und unbezwungen!
Hinunter gehts auf solcher Leiter jetzt.
Steig vorn nur auf, ich will inmitten sitzen.
Da dich des Schwanzes Stachel nicht verletzt."
Wie wer mit totenkalten Fingerspitzen
Das Fieber nahen fhlt und doch nicht wagt,
Wenn er schon zitternd bebt, sich zu erhitzen,
So wurd ich jetzt bei dem, was er gesagt,
Doch machte mich die Scham, gleich einem Knechte,
Wenn ihm ein gtger Herr droht, unverzagt.
Drum setzt ich auf dem Untier mich zurechte.
Und bitten wollt ich (doch erstarb der Ton),
Da er mich halten und umfassen mchte.
Doch er, der oft bei der Dmonen Drohn
Mich untersttzt und der Gefahr entzogen,
Umfate mich mit seinen Armen schon.
Und sprach: "Geryon, auf! Nun fortgeflogen!
Allein bedenke, wen dein Rcken trgt,
Drum steige sanft hinab in weiten Bogen."
Wie rckwrts sich vom Strand der Kahn bewegt,
Schob sichs vom Damm, doch, kaum hinabgeklommen,
Ward dann im freien Spielraum umgelegt.
Als, wo die Brust war, nun der Schweif gekommen,
Ward dieser, wie ein Aalschweif, ausgestreckt,
Und mit dem Tatzenpaar die Luft durchschwommen.
So, glaub ich, war nicht Phaethon erschreckt,
Als einst die Zgel seiner Hand entgingen,
Beim Himmelsbrand, des Spur man noch entdeckt;
Noch Icarus, als von erwrmten Schwingen
Das Wachs herniedertroff, bei Ddals Schrein:
Dein Weg ist schlecht, dein Flug wird nicht gelingen;
Wie ich, nichts sehend, als das Tier allein,
Und rings umher von der Luft umfangen,
Wo nie entglomm des Lichtes heitrer Schein.
Da wir uns langsam, langsam niederschwangen,
Im Bogenflug, bemerkt ich nur beim Wehn
Der Luft von unten her an Stirn und Wangen.
Rechts hrt ich schon das Wirbeln und das Drehn
Des Wasserfalls und sein entsetzlich Brausen,
Und bog mich vorwrts, um hinabzusehn.
Doch schchtern wieder bei des Abgrunds Sausen,
Bei Klag und Glut, die ich vernahm und sah,
Duckt ich mich hin und zitterte vor Grausen.
Was ich erst nicht gesehn, das sah ich da:
Wie wir im weiten Kreis hinunterstiegen.
Und sah mich berall den Qualen nah--
Gleich wie ein Falk, wenn er, nach langem Wiegen
In hoher Luft, nicht Raub noch Lockbild steht,
Und ihn der Falkner ruft, herabzufliegen,
So schnell er stieg, so langsam niederzieht
Und, zrnend, wenn der Herr ihn eingeladen,
Im Bogenflug zum fernen Sitze flieht;
So setzt uns an den steilen Felsgestaden
Geryon ab und flog in groer Eil,
Sobald er nur sich unsrer Last entladen,
Hinweg, gleich einem abgeschnellten Pfeil.


Achtzehnter Gesang

Ein Ort der Hlle, namens belscken,
ist eisenfarbig, ganz erbaut von Stein,
So auch die Dmme, die ringsum ihn decken.
Grad in der Mitte dieses Lands der Pein
Ghnt hohl ein Brunnen, weit, mit tiefem Schlunde.
Von dem wird seines Orts die Rede sein.
Und zwischen Hhl und Felswand gehn im Runde
Rings so die Dmme, da der Tler zehn
Abschnitte bilden in dem tiefen Grunde.
Wie um ein Schlo mehrfache Grben gehn.
Dahinter wohlverwahrt die Mauern ragen
Und sicherer den Feinden widerstehn;
So war umgrtet dieser Ort der Plagen;
Und wie man Brcken pflegt zum andern Strand
Aus solcher festen Schlsser Tor zu schlagen,
So sprangen Zacken aus der Felsenwand,
Durchschnitten Wll und Grben erst und gingen.
Wie Rderspeichen, bis zum Brunnenrand.
Kaum konnten wir vom Kreuz Geryons springen,
So ging links hin mein Meister und befahl
Auch mir, auf seinen Spuren vorzudringen.
Und ganz erfllt sah ich das erste Tal
Rechts, wohin Klagen meine Blicke riefen.
Von neuen Peinigern und neuer Qual.
Es waren nackte Snder in den Tiefen,
Geteilt, denn hier zog gegen uns die Schar,
Und dort mit uns, nur da sie schneller liefen;
Gleichwie man pflegt in Rom beim Jubeljahr
Zum bergang die Brcke herzurichten
Ob bergroen Andrangs, also zwar,
Da hier gewendet sind mit den Gesichten,
Die zu Sankt Peter wallen, nach dem Schlo,
Die andern dort sich nach dem Berge richten.
Auf schwarzem Stein sprang hier und dort ein Tro
Von Teufeln nach, von schrecklichen, gehrnten.
Die schlugen wild auf sie von hinten los.
Wie sie beim ersten Schlage laufen lernten!
Wie sie, nicht harrend auf den zweiten Hieb,
Mit jhen, langen Sprngen sich entfernten!
So fiel auf einen, den die Geiel trieb,
Mein Auge jetzt hinab, bei dem ich dachte,
Da er nicht fremd mir auf der Erde blieb.
Scharf blickt ich hin, damit ich ihn betrachte,
Auch hielt mein Fhrer an, ders zugestand,
Da ich zurck erst einge Schritte machte.
Zwar sucht er, bodenwrts den Blick gewandt,
Mir mit Gestalt und Angesicht zu geizen,
Doch rief ich, da ich dennoch ihn erkannt:
"Wenn deine Zge nicht zum Irrtum reizen,
So mein ich, da du Venedigo seist;
Doch weshalb steckst du so in scharfen Beizen?"
"Nur ungern sag ichs," sprach er drauf, "doch reit
Dein klares Wort mich hin, das mich bezwungen,
Weils alte Zeit zurckfhrt meinem Geist.
Ich bins, der in Ghifolen so gedrungen,
Da sie nach des Markgrafen Willen tat,
Wie ganz entstellt auch das Gercht erklungen.
Und aus Bologna ist auf gleichem Pfad
An diesen Qualort so viel Volk gekommen,
Als jetzo diese Stadt kaum Brger hat.
Und sollte dir hierbei ein Zweifel kommen,
So denk, um sicher auf mein Wort zu baun.
Wie Habsucht uns die Herzen eingenommen."
Sprachs, und ein Teufel kam, um einzuhaun,
Mit hochgeschwungner Geiel her und sagte:
"Fort, Kuppler, fort, hier gibts nicht feile Fraun."
Zum Fhrer ging ich, da ich bebt und zagte,
Und bald gelangten wir an einen Ort,
Wo aus der Wand ein Felsen vorwrts ragte.
Und dieser Zacken dient als Brcke dort;
Leicht klommen beide wir hinauf und zogen
Rechts hin aus jenen ewgen Kreisen fort.
Bald dort, wo unter uns der Fels als Bogen
Sich hhlt und Durchgang der Gepeitschten war,
Sprach er: "In gleicher Richtung fortgezogen,
Sind wir bis jetzt mit jener zweiten Schar,
Drum konnten wir sie nicht von vorne sehen.
ietzt aber nimm die Angesichter wahr."
Wir blieben nun am Rand der Brcke stehen
Und sahn den Schwarm, der uns entgegensprang,
Denn eilig hie die Geiel alle gehen.
Da sprach mein Hort: "Sieh, noch mit Stolz im Gang,
Den Groen, der sich keine Klag erlaubte,
Dem aller Schmerz noch keine Trn entrang.
So kniglich noch an Gestalt und Haupte!
Der Jason ists, der durch Verstand und Mut
Das Widdervlies dem Volk von Kolchis raubte.
Nach Lemnos kam er, als in ihrer Wut
Die Fraun, die glhend Eifersucht durchzuckte,
Vergossen hatten aller Mnner Blut;
Wo er durch Worte, tuschend ausgeschmckte.
Berckt Hypsipylen, das junge Herz,
Die alle Fraun von Lemnos erst berckte.
Dort lie er schwanger sie in ihrem Schmerz.
Dies bracht ihn her; und gleiche Straf erheischen
Medeas Leiden, einst ihm Spiel und Scherz--
Auch gehn mit ihm, die gleicherweise tauschen.
Allein dies sei vorn ersten Tal genug
Und denen, so die Geieln drin zerfleischen."
Im Kreuz den zweiten Damm durchschneidend, trug
Der Felspfad uns, der, auf den Widerlagen
Der Dmme, hier den andern Bogen schlug.
Dort, aus dem zweiten Sack, klang dumpfes Klagen,
Und Leute sahn wir tief im Grunde sich
Laut schnaufend mit den flachen Hnden schlagen.
Der Dmme Seiten waren schimmelig
Vom untern Dunste, der wie Teig dort klebte.
Fr Aug und Nase feindlich widerlich.
Doch vor dem Blick, so sehr ich forschte, schwebte;
Noch dunkle Nacht, weil tief der Abgrund ist,
Bis ich des Felsenbogens Hh erstrebte.
Von hier, wo erst der Blick die Tiefe mit.
Sah ich viel Leut in tiefem Kote stecken,
Und, wie mirs vorkam, war es Menschenmist.
Ich forscht und sah ein Haupt sich vorwrts strecken,
Doch ganz beschmutzt mit Kot, drum knnt ich nicht,
Obs Lai, ob Pfaffe sei, genau entdecken.
Da schrie er her: "Was bist du so erpicht,
Mich mehr als andre Schmutzge zu gewahren?"
Und ich: "Weil, ist mir recht, ich dein Gesicht
Bereits gesehm, allein mit trocknen Haaren.
Alex, Interminei heiest du,
Drum seh ich mehr auf dich als jene Scharen."
Und er, die Stirn sich schlagend, rief mir zu:
"Mich strzte Schmeichelei herab zur Hlle,
Die ich dort bte sonder Rast und Ruh."
Da sprach zu mir mein guter Meister: "Stelle
Dich etwas vor, und in die Augen fllt
Dir eine schmutzge Dirn an jener Stelle.
Sieh die Zerzauste, die sich kratzt und krellt
Mit kotgen Ngeln, jetzt aufs neue greulich
im Mist versinkt und jetzt sich aufrecht stellt,
Die Hure Thais ists, jetzt so abscheulich.
Fragt einst ihr Buhl: "Steh ich in Gunst bei dir?"
Versetzte sie: "Ei, ganz erstaunlich! Freilich!"
Doch sei gesttigt unsre Schaulust hier.


Neunzehnter Gesang

Simon Magus, ihr, o Arme, Blde,
Die, was der Tugend ihr vermhlen sollt.
Die Dinge Gottes, ruberisch und schnde,
Ihr euch erbuhlt durch Silber und durch Gold,
Von euch soll jetzo die Posaun erschallen;
Euch zahlt der dritte Sack der Snden Sold.
Erstiegen hatten wir die Felsenhallen
Des Stegs, von welchem mitten in den Scho
Des nchsten Schlunds die Blicke senkrecht fallen.
Allweisheit, wie ist deine Kunst so gro
Im Himmel, auf der Erd, im Hllenschlunde,
Und wie gerecht verteilst du jedes Los!
Ich sah dort an den Seiten und im Grunde
Viel Lcher im schwarzblulichen Gestein,
Gleich weit und smtlich ausgehhlt zum Runde.
Sie mochten so, wie jene, wo hinein
Beim Taufstein Sankt Johanns die Tufer treten,
Und enger nicht, doch auch nicht weiter sein.
Eins dieser sprengt ich einst, weil ich in Nten
Ein halbersticktes Kindlein drin entdeckt;
So seis besiegelt, so will ichs vertreten;
Ich sah, da sich, aus jedem Loch gestreckt,
Zwei Fߒ und Beine bis zum Dicken fanden,
Der andre Leib blieb innerhalb versteckt;
Sah, wie die Sohlen beid in Flammen standen,
Und sah die Knorren zappeln und sich drehn
So stark, da sie wohl sprengten Kett und Banden.
Wie wirs an lgetrnkten Dingen sehn,
Wo obenhin die Flammen flackernd rennen,
So von der Ferse dort bis zu den Zehn.
"Gern, Meister," sprach ich, "mcht ich diesen kennen.
Der wilder zuckt als die, so ihm gesellt,
Und dessen beide Sohlen rter brennen."
Und er: "Ich trage dich, wenn dirs gefllt,
Arn schiefen Hang hinab--er wird dir zeigen,
Wer einst er war, und was im Loch ihn hlt."
Drauf ich: "Du bist der Herr, und mein Bezeigen
Folgt dem gern, was mir als dein Wille kund,
Und du verstehst mich auch bei meinem Schweigen."
Drauf gings zum vierten Damm, und links zum Schlund
Trug mich mein Herr hinab zu neuen Leiden
In den durchlcherten und engen Grund.
Er lie mich nicht von seiner Hfte scheiden,
Auf die er mich gesetzt, bis bei dem Ort
Des, der da weinte mit den Fen beiden.
"Du, mit dem Obern unten," sprach ich dort,
"Hier eingerammt gleich einem Pfahl, verknde:
Wer bist du? Sprich, ist dir vergnnt dies Wort."
Ich stand, dem Pfaffen gleich, dem seine Snde
Der Mrder beichtet, welcher, schon im Loch,
Ihn rckruft, da der Tod noch Aufschub finde.
Da schrie er: "Bonifaz, so kommst du doch,
So kommst du doch schon jetzt, mich fortzusenden?
Und man versprach dir manche Jahre noch?
Schon satt des Guts, ob des mit frechen Hnden
Du trgerisch die schne Frau geraubt,
Um ungescheut und frevelnd sie zu schnden?"
Ich stand verlegen, mit gesenktem Haupt,
Wie wer nicht recht versteht, was er vernommen.
Und sich beschmt kein Gegenwort erlaubt.
Da sprach Virgil: "Was stehst du so beklommen?
Sag ihm geschwind, da du nicht jener seist,
Den er gemeint!"--Ich eilt, ihm nachzukommen.
Die Fue nun verdrehte wild der Geist
Und sprach mit Seufzern und mit dumpfen Klagen:
"Was also ists, das so dich fragen heit?
Doch standest du nicht an, dich herzuwagen.
Um mich zu kennen, wohl, so sag ich dir,
Da ich den groen Mantel einst getragen.
Der Brin wahrer Sohn war ich, voll Gier
Frs Wohl der Brlein, und fr diese steckte
Ich in den Sack dort Gold, mich selber hier.
Auch unter meinem Haupt gibts viel Versteckte.
Dort, durchgepret durch einen Felsenspalt,
Sind, die vor mir die Simonie befleckte.
Und dort hinab versink auch ich, sobald
Der kommt, fr welchen ich dich angesehen.
Und der mir folgt in diesem Aufenthalt;
Doch wird er nicht so lang, als mir geschehen,
Die Fe brennend, kpflings eingesteckt,
Fest eingepfhlt in diesem Loche stehen.
Denn nach ihm kommt, zu schlechterm Werk erweckt,
Ein Hirt vom Westen, ein gesetzlos Wesen,
Das, wie sich ziemt, mich und auch ihn bedeckt.
Ein neuer Jason ists, von dem zu lesen
Im Makkaberbuch, dem Philipp wird.
Was diesem einst Antiochus
Ich wei nicht, ob ich nicht zu sehr geirrt,
Auf solche Red ihm dieses zu versetzen:
"Sprich, was verlangt einst unser Herr und Hirt,
Zuerst von Petrus wohl an Gold und Schtzen,
Um ihm das Amt der Schlssel zu verleihn?"
Komm, sprach er, um mein Werk nun fortzusetzen
Was trugs dem Petrus und den andern ein.
Als man durch Los einst den Matthias krte
Statt dessen, der ein Raub ward ewger Pein?
Nichts ward dir hier, als das, was sich gebhrte;
Betrachte nur das schlechterworbne Geld,
Das gegen Karln zur Khnheit dich verfhrte.
Und nur weil Ehrfurcht meine Zunge hlt
Fr jene Schlssel, die du einst getragen,
Da du gewandelt in der heitern Welt,
Enthalt ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:
Da schlecht die Welt durch eure Habsucht ist.
Die Guten sanken und die Schlechten ragen.
Euch Hirten meinte der Evangelist
Bei ihr, die sitzend auf den Wasserwogen
Mit Knigen zu huren sich vermit.
Sie, mit den sieben Huptern auferzogen,
Sie hatt in zehen Hrnern Kraft und Macht,
Solang der Tugend ihr Gemahl gewogen.
Eur Gott ist Gold und Silber, Glanz und Pracht.
Wohl besser sind die, so an Gtzen hangen,
Die einen haben, wo ihr hundert macht.
Welch Unheil, Konstantin, ist aufgegangen,
Nicht, weil du dich bekehrt, nein, weil das Gut
Der erste reiche Papst von dir empfangen!"
Indes ich also sprach mit keckem Mut,
Da, seis da Zorn ihn, da ihn Reue nagte.
Verdreht er beide Bein in groer Wut.
Doch schiens, da es dem Fhrer wohlbehagte;
So stand er dort, zufrieden, aufmerksam.
Als ich so nachdrucksvoll die Wahrheit sagte;
Worauf er mich mit beiden Armen nahm,
Und als er mich an seine Brust gewunden,
Den Weg zurckestieg, auf dem er kam.
Er trug, nie matt, wie fest er mich umwunden.
Mich auf des Bogens Hhe sonder Rast,
Durch den der viert und fnfte Damm verbunden.
Dort setzt er sanft zu Boden meine Last,
Sanft, ob der Fels auch, steil emporgeschossen,
Zum Wege kaum fr eine Ziege pat;
Da ward ein andres Tal mir aufgeschlossen.


Zwanzigster Gesang

Die neue Qual, zu der ich jetzt gewandelt.
Sie gibt dem zwanzigsten Gesange Stoff
Des ersten Lieds, das von Verdammten handelt.
Ich stand auf jenem Felsen rauh und schroff
Und sphte scharf hinab zum offnen Schlunde,
Der ganz von angsterpreten Zhren troff.
Viel Leute gingen langsam in der Runde,
So, wie ein Wallfahrtszug die Schritte lenkt.
Stillschweigend, weinend in dem tiefen Grunde.
Als tiefer ich auf sie den Blick gesenkt,
Sah ich--ein Wunder scheint es und erdichtet--
Vorn Kinn sie bis zum Achselbein verrenkt,
Das Angesicht zum Rcken hin gerichtet;
Drum muten sie gezwungen rckwrts gehn,
Und ihnen war das Vorwrtsschaun vernichtet.
So soll der Fallsucht Krampf das Haupt verdrehn,
Wie man erzhlt in wunderlichen Sagen,
Doch glaub ichs nicht, da ich es nie gesehn.
Lt Gott dein Lesen, Leser, Frchte tragen,
So frage selber dich, wie mir geschah,
Ob ich nicht weinen mut und ganz verzagen,
Als ich des Menschen Ebenbild so nah
Verrenkt, verdreht und von der Augen Trnen
Genetzt den Spalt der Hinterbacken sah?
Wahr ists, auf eine von den Felsenlehnen
Stand ich gesttzt und weinte ganz verzagt;
Da sprach mein Herr: "Willst du, gleich Toren, whnen?
Fromm ist nur, wer das Mitleid hier versagt.
Wer ist verruchter wohl, als wer zu schmhen
Durch sein Bedauern Gottes Urteil wagt?
Empor das Haupt, empor! Den wirst du sehen,
Den einst vor Thebens Blick der Grund verschlang;
Drob alle schrien: Wohin? Was ist geschehen?
Amphiaraus, wird der Kampf zu lang?--
Doch strzt er fort und fort im tiefen Schachte,
Bis Minos ihn, gleich anderm Volk, bezwang.
Schau, wie er ihm die Brust zum Rcken machte!
Schau, wie er rckwrts schreitet, rckwrts steht,
Weil er zu weit voraus zu sehen dachte.
Tiresias sieh, der uns entgegenzieht.
Er, erst ein Mann, ward durch des Zaubers Gabe
Verwandelt in ein Weib an jedem Glied.
Dann aber schlug er mit dem Zauberstabe
Zuvor auf zwei verwundne Schlangen ein,
Damit er wieder Mannsgestaltung habe.
Den Rcken ihm am Bauch, kommt hinterdrein,
Nah angedrngt an ihn, des Aruns Schatte,
Der lebend einst in Lunis Felsenreihn
Als Haus die weie Marmorhhle hatte,
Wohl ausgesucht, da sie zum Meeresstrand
Und zu den Sternen freien Blick gestatte.--
Die mit den wilden Haaren ohne Band
Die Brste deckt, die sich nach hinten kehren,
Was sonst behaart ist, hinterwrts gewandt.
War Manto, die in Lndern und auf Meeren
Umirrte bis zum Ort, der mich gebar.
Von dieser will ich nher dich belehren.
Nachdem der Welt entrckt ihr Vater war
Und Bacchus Stadt verfiel in Sklavenbande,
Durchstreifte sie die Welt so manches Jahr.
Ein See liegt an des schnen Welschlands Rande,
Am Fu des Alpgebirgs, das Deutschland schliet,
Benaco heiend, beim Tiroler Lande.
Zwischen Camonica und Gard ergiet,
Und Apennin, sich Flut in tausend Bchen,
Die in besagtem See zusammenfliet.
Inmitten aber liegen ebne Flchen,
Und drei verschiedne Hirten knnten dort
Auf einem Grenzpunkt ihren Segen sprechen.
Hier liegt Peschiera dann, ein starker Ort
Um Bergamo von Brescia abzuschneiden,
Und rings geht flacher dann die Gegend fort.
Hier mu sich von dem See das Wasser scheiden,
Das nicht mehr Raum in seinem Scho gewinnt,
Und strmt als Flu herab durch grne Weiden.
Das Wasser, das hier seinen Lauf beginnt,
Heit Mincio nun, und seine Wellen gleiten
Bis nach Governo, wos im Po verrinnt.
Nicht weit gelaufen, trifft es ebne Weiten,
Wo es sich ausdehnt und zum Sumpfe staut,
Der bsen Dunst verhaucht zu Sommerszeiten.
Als dort das rauhe Weib ein Land erschaut,
Das jenes Sumpfes Wogen rings umgaben.
Entblt von Leuten und unangebaut,
Da blieb, um nichts von Menschen nah zu haben.
Sie mit den Dienern da, trieb Zauberei
Und lebt und ward in diesem Land begraben.
Bald kamen Menschen, rings zerstreut, herbei.
Die, weil sie sich auf diesen Ort verlieen,
Und sahn, da durch das Moor kein Zugang sei,
Sich auf dem Grabe Mantos niederlieen,
Und dann nach ihr, die erst den Ort erwhlt,
Die Stadt, ohn andres Zeichen, Mantua hieen.
Sie hat vordem des Volkes mehr gezhlt,
Eh Pinamont, den Toren zu betrgen.
Dem Cassalodi seinen Trug verhehlt.
Drum merke wohl, und sollt es ja sich fgen,
Da Mantuas Ursprung man nicht so erklrt,
So la der Wahrheit nichts entziehn durch Lgen."
Und ich: "Mein Meister, was dein Wort mich lehrt.
Ist mir gewi und dient zu meinem Frommen,
All andres ist nur tote Kohl an Wert.
Doch sprich, von diesen, die uns nher kommen,
Ist irgend wer bemerkenswerter Art?
Denn dies nur hat den Geist mir eingenommen."
Und er: "Des Augurs Trug hat der, des Bart
Die braunen Schultern deckt, zur Zeit getrieben,
Als Griechenland so leer an Mnnern ward,
Da Knaben kaum noch fr die Wiegen blieben.
In Aulis sagt er da mit Kalchas wahr,
Zeit seis, da sie das erste Tau zerhieben.
Kund tut mein tragisch Lied dir, wer er war.
Du wirst dich des Eurypylus entsinnen,
Denn mein Gedicht ja kennst du ganz und gar.
Sieh Michael Scotto auch, den magern, dnnen.
Der jeden Trug des Zaubers klug gelenkt
Und solches Spiel verstanden zu gewinnen.
Bonatti sieh--Asdent, dens jetzo krnkt.
Allein zu spt, da er in eitlem Trachten
Dort nicht auf seinen Leisten sich beschrnkt.
Sich Vetteln, die statt Spill und Rad zu achten
Und Weberschiff, wies einem Weib gebhrt,
Mit Kraut und Bildern Hexereien machten.
Jetzt komm! Indes ich dich hierher gefhrt,
Hat an der Grenze beider Hemisphren
Der Mond im Westen schon die Flut berhrt.
Du sahst ihn gestern vllig sich erklren
Und sahst ihn dir im dichtverwachsnen Wald
Verschiedne Mal willkommnes Licht gewhren."
Er sprachs, doch gingen wir ohn Aufenthalt.


Einundzwanzigster Gesang

So gings von Brck auf Brck, in manchem Wort,
Das ich zu sagen nicht fr ntig halte;
Und oben, an des Bogens hchstem Ort,
Verweilten wir ob einer neuen Spalte
Und hrten draus den eitlen Laut der Qual
Und sahn, wie unten tiefes Dunkel walte.
Gleich wie man in Venedigs Arsenal
Das Pech im Winter sieht aufsiedend wogen,
Womit das lecke Schiff, das manches Mal
Bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen,
Kalfatert wird--da stopft nun der in Eil
Mit Werg die Lcher aus am Seitenbogen,
Der klopft am Vorder-, der am Hinterteil
Der ist bemht, die Segel auszuflicken,
Der bessert Ruder aus, der dreht ein Seil;
So ist ein See von Pech dort zu erblicken,
Das kocht durch Gottes Kunst, und nicht durch Glut,
Des Dnste sich am Strand zum Leim verdicken.
Ich sah den See, doch nichts in seiner Flut,
Die jetzt sich senkt und jetzt sich wieder blhte.
Als Blasen, ausgehaucht vom regen Sud.
Indes ich scharfen Blicks hinuntersphte,
Zog mich, indem er rief: "Hab acht! Hab acht!"
Mein Meister zu sich hin von meiner Sttte.
Da wandt ich mich, gleich einem, den mit Macht
Die Neugier zieht, das Schreckliche zu sehen,
Und der, da jhe Furcht ihn schaudern macht,
Doch, um zu schaun, nicht zgert, fortzugehen.
Und sieh, ein rabenschwarzer Teufel sprang
Uns hinterdrein auf jenen Felsenhhen.
Ach, wie sein Ansehn mich mit Graus durchdrang,
Wie wild er schien, wie froh in andrer Schaden!
Gespreizt die Schwingen, leicht und schnell den Gang,
Kam er, die Schultern hoch gespitzt, beladen
Mit einem Snder her, der oben ritt,
Und mit den Klauen packt er seine Waden.
"Von Lucca bring ich einen Ratsherrn mit"--
Schrie er, "auf, taucht ihn unter, Grimmetatzen!
Und jene Stadt ist wohlversehn damit,
Drum hol ich gleich noch mehr von solchen Fratzen.
Gauner sind alle dort, nur nicht Bontur,
Und machen Ja aus Nein fr blanke Batzen."
Hinunterwarf er noch den Snder nur,
Und rannte gleich zurck in solcher Eile,
Wie je der Hofhund nach dem Diebe fuhr.
Der Snder sank, doch hob sich sonder Weile,
Da schrien die Teufel unten: "Fort mit dir,
Hier dient kein Heilgenbild zu deinem Heile.
Ganz anders als in Serchio schwimmt man hier.
Und sollen dich nicht unsre Haken packen.
So bleib im Peche nur, sonst fassen wir."
Gleich stieen sie mit tausend scharfen Zacken
Und schrien: "Dein Tnzchen mache hier versteckt.
Such unten einem etwas abzuzwacken."
Nicht anders machts ein Koch, wenn er entdeckt.
Das Fleisch im Kessel komm emporgeschwommen,
Und schnell es mit dem Haken untersteckt.
Virgil sprach: "Geh, eh sie dich wahrgenommen.
Und ducke dich bei jener Felsenbank;
Durch diese wirst du eingen Schirm bekommen.
Mir ist das Ding nicht fremd, drum bleibe frank
Von jeder Furcht, was man mir auch erzeige.
Denn frher war ich schon in solchem Zank."
Dann ging er jenseits auf dem Felsensteige,
Und wie er hingelangt zum sechsten Strand,
Tats not ihm, da er sichre Stirne zeige.
Denn wie in Sturm und Wut hervorgerannt,
Die Haushund auf den armen Bettler fallen.
Wenn er am Haus, laut flehend, stillestand;
So strzten jen aus dunkeln Felsenhallen
Und streckten all auf ihn die Haken hin,
Er aber schrie: "Zurck jetzt mit euch allen.
Mich anzuhaken habt ihr wohl im Sinn?
Doch tret erst einer vor, um mich zu sprechen,
Und dann bedenkt, ob ich zu packen bin."
"Geh vor denn, Stachelschwanz." So schrien die Frechen,
Und einer kam, die andern blieben stehn--
Und fragte, wie er wag, hier einzubrechen?
"Wie", sprach mein Meister, "wrdest du mich sehn.
Wie wrd ich wagen, je hier einzudringen,
War ich auch sicher, euch zu wiederstehn,
Wenns Gott und Schicksal also nicht verhingen?
Drum la mich ziehn, der Himmel will, ich soll
Als Fhrer einen durch die Hlle bringen."
Der Haken fiel, da dieses Wort erscholl,
Ihm aus der Hand, so hatt ihn Furcht durchschauert.
"Gesellen," rief er aus, "lat euren Groll!"
"Du, der dort zwischen Felsenstcken kauert,"
Rief nun mein Meister, "eile zu mir her,
Da jetzt kein Feind mehr auf dem Wege lauert."
Und vorwrts trat ich und kam schnell daher,
Doch sah ich vorwrts auch die Teufel fahren,
Als gelte nichts die bereinkunft mehr;
Und war voll Schrecken, wie Capronas Scharen,
Die, dem Vertrag zum Trotz, dem Tode nah.
Als sie die Festung bergeben, waren.
Fest drngt ich mich an meinen Fhrer da
Und hielt den Blick gespannt auf ihre Mienen,
Aus denen ich nichts Gutes mir ersah.
Und diese Rede hrt ich zwischen ihnen:
"Den Haken ihm ins Kreuz? Was meinst du? Sprich!"
Der andre: "Ja, du magst ihn nur bedienen!"
Doch jener Geist, der mit dem Meister sich
Besprochen, wandte schleunig sich zurcke
Und rief: "Still, Raufbold, ruhig halte dich."
Und dann zu uns: "Auf diesem Felsenstcke
Kommt ihr nicht weiter, denn im tiefen Grund
Liegt lngst zertrmmert schon die sechste Brcke.
Und wollt ihr fort, geht oben, lngs dem Schlund,
Dann seht ihr vorwrts einen Felsen ragen
Und kommt darauf bis zu dem nchsten Rund.
Denn gestern, um euch alles anzusagen,
Wars just zwlfhundertsechsundsechzig Jahr,
Seit jenen Weg ein Erdensto zerschlagen.
Dorthin entsend ich einge meiner Schar,
Um Sndern, die sich lften, nachzuspren;
Mit ihnen geht und frchtet nicht Gefahr.
Auf, ihr Gesellen, jetzt, euch frisch zu rhren;
Eistreter, Senkflug, Bluthund, kommt heran,
Du, Strubebart, sollst alle zehen fhren.
Auf, Drachenblut, Kratzkrall und Eberzahn,
Scharfhaker, und auch du, Grimmrot der Tolle,
Und Firlefanz, schickt euch zum Wandern an.
Schaut, wer etwa im Pech auftauchen wolle,
Doch wit, da dieses Paar in Sicherheit
Bis zu der nchsten Brcke reisen solle."
"Ach, guter Meister," rief ich, "welch Geleit?
Ich, meinerseits, ich will es gern entbehren,
Und bin mit dir allein zu gehn bereit.
Sieh nur, wie sie vor Grimm im Innern gren,
Wie sie die Zhne fletschen und mit Drohn
Nach uns die tiefgezognen Brauen kehren."
Und er zu mir: "Nicht frchte dich, mein Sohn,
La sie nur fletschen ganz nach Gutbednken,
Sie tun dies nur zu der Verdammten Hohn"
Sie schwenkten dann sich auf den Damm zur Linken,
Nachdem vorher die Zunge jeder wies,
Hervorgestreckt, dem Hauptmann zuzuwinken,
Der mit dem hintern Mund zum Abmarsch blies.


Zweiundzwanzigster Gesang

Schon sah ich Reiter aus dem Lager ziehn,
Die Mustrung machen, in die Feinde brechen,
Auch wohl sich schwenken und zurckefliehn;
Von Streifpartein sah ich in euren Flchen,
Ihr Aretiner, einst euch hart bedrohn;
Sah Festturnier und groe Lanzenstechen;
Drommeten hrt ich, Trommeln, Glockenton,
Sah Rauch und Feuer auch als Kriegeszeichen,
Und fremd und heimische Signale schon;
Doch nimmer hie ein Tonwerkzeug, dergleichen
Ich hier gehrt, das Volk zu Ro und Fu,
Zu Land und Meer, noch vorgehn oder weichen.
Mit zehen Teufeln ging ich, voll Verdru,
Doch wut ich, da man Sufer in den Schenken
Und Beter in den Kirchen suchen mu,
Auch war aufs Pech gerichtet all mein Denken,
Um ganz des Orts Bewandtnis zu ersphn.
Und welche Leut in diese Glut versnken.
Wie die Delphine, die vor Sturmeswehn
Mit den gebognen Rcken oft verknden,
Zeit seis, sich mit den Schiffen vorzusehn;
So, um Erleichterung der Qual zu finden,
Taucht oft ein Snderrcken auf und schwand
Im Peche dann so schnell, wie Blitze schwinden.
Und wie die Frsch an eines Grabens Rand
Mit Beinen, Bauch und Brust im Wasser stecken,
Die Schnauzen nur nach auen hingewandt;
So sah man jen hervor die Muler strecken,
Allein, wenn sie den Strubebart erschaut,
Sich schleunig in dem heien Pech verstecken.
Ich sah, und jetzt noch schaudert mir die Haut,
Nur einen harren, wie, wenn all entsprangen.
Ein einzler Frosch noch aus dem Pfuhle schaut.
Kratzkralle, der am weitsten vorgegangen,
Schlug ihm den Haken ins bepichte Haar
Und zog ihn auf, Fischottern gleich, gefangen.
Ich wute schon, wie jedes Name war
Von ihrer Wahl und, da mir nichts entfalle.
Nahm ich der Namen dann im Sprechen wahr.
"Frisch, Grimmrot, mit den scharfen Klauen falle
Auf diesen Wicht und zieht ihm ab das Fell."
So schrien zusammen die Verfluchten alle.
Und ich: "Mein Meister, o erforsche schnell,
Wer hier in seiner Feinde Hand gerate?
Wer ist wohl der unselige Gesell?"
Worauf mein Fhrer seiner Seite nahte,
Ihn fragend, wer er sei, wo sein Geschlecht?
"Ich bin gebrtig aus Navarras Staate.
Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knecht,
Weil sie von einem Prasser mich geboren,
Der all sein Gut und auch sich selbst verzecht.
Zum Freunde dann vom Theobald erkoren,
Dem guten Knig, trieb ich Gaunerei.
Jetzt leg ich Rechnung ab in diesen Mooren."
Und Eberzahn, aus dessen Munde zwei
Hauzhne ragten, wie aus Schweinefratzen,
Bewies ihm jetzt, wie scharf der eine sei.
Die Maus war in den Krallen arger Katzen,
Doch Strubebart umarmt ihn fest und dicht
Und rief: "Ich halt ihn, fort mit euren Tatzen."
Und zu dem Meister kehrt er das Gesicht.
"Willst du, bevor die andern ihn zerreien,
Noch etwas fragen, wohl, so zaudre nicht."
Mein Fhrer: "Sprich, wie andre Snder heien,
Dort unterm Pech? Sind auch Lateiner da?"
Und jener sprach: "Mir war dort in der heien
Pechflut vor kurzer Zeit noch einer nah!
Was mut ich doch darber mich erheben,
Da ich dort nichts von Klaun und Haken sah!"
"Wir habens schon zu lange zugegeben!"
Scharfhaker schries und hakt auf ihn hinein,
Auch blieb ein Stck vom Arm am Haken kleben.
Schon zielte Drachenblut ihm nach dem Bein,
Allein der Hauptmann blickt auf seine Scharen
Im Kreis herum und schien ergrimmt zu sein.
Da wandte sich, sobald sie stille waren,
Mein Herr zu ihm, der auf sein wundes Glied
Herniedersah, um mehr noch zu erfahren.
"Wer ists, von dem dein Migeschick dich schied,
Als du dich nach der Oberflch erhoben?"--
"Der von Gallura ists, der Mnch Gomit.
Im Trug bestand er all und jede Proben,
Des Herrschers Feinde hielt er im Verlies
Und tat mit ihnen, was sie alle loben,
Geld nahm er, wie er selber sagt, und lie
Sie sachte ziehn, er, der in Amt und Ehren
Sich sonst als Schelm nicht klein, nein gro erwies.
Viel pflegt mit ihm Herr Zanche zu verkehren
Von Logodor--sie schwatzen immerfort.
Als ob sie jetzt noch in Sardinien wren.
Ach, Seht, wie fletscht die Zhne jener dort!
Gern sprach ich mehr, doch wrd er mich kuranzen!
Er droht ja wtend schon bei jedem Wort."
Doch Strubebart, gewandt zu Firlefanzen,
Des Auge grimmig glotzte, schalt ihn sehr:
"Verdammter Vogel, wirst du rckwrts tanzen?"
"Willst du," begann der bange Wicht nunmehr,
"Willst du Toskaner und Lombarden sehen?
Ich schaffe sie dir nach Belieben her,
Wenn nur die Grimmetatzen ferne stehen.
Und deren Rache sie nicht zittern macht.
Und ich, ich will nicht von der Stelle gehen,
Und locke doch dir leicht statt eines acht,
Sobald ich pfeife, wie wir immer pflegen,
Um anzudeuten, da kein Teufel wacht."
Da streckt ihm Bluthund seine Schnauz entgegen
Und schrie kopfschttelnd: "Hrt die Bberei!
Er will ins Pech, sobald wir uns bewegen."
Allein der Snder, reich an Schelmerei,
Sprach: "Wahrlich, bbisch bin ich wohl zu nennen.
Denn zu der Meinen Unglck trag ich bei."
Und Senkflug wollt ihm den Versuch vergnnen;
"Springst du," hob er mit jenen uneins an,
"So werd ich nicht zu Fue nach dir rennen.
Nein, berm Pech schlag ich die Flgel dann.
Lat Platz uns hinter diesem Damme nehmen,
Zu sehn, ob mehr als wir der eine kann."
Jetzt werdet ihr ein neues Spiel vernehmen.
Die Blicke wandten sie, und sehr bereit
War, der der Schlimmste schien, sich zu bequemen.
Doch wohl ersah der Gauner seine Zeit,
Stemmt ein die Fuߒ und war mit einem Satze
Von dem, was sie ihm zugedacht, befreit.
Dort standen alle mit verblffter Fratze.
Und jener, der die Schuld des Fehlers trug,
Flog nach und schrie: "Du bist in meiner Tatze!"
Umsonst! die Furcht war schneller als der Flug.
Das Pech verbarg bereits den Gauner wieder,
Und rckwrts nahm der Teufel seinen Zug.
So taucht die Ente vor dem Falken nieder,
Und dieser hebt, ergrimmt und matt, vom Teich
Zur Luft empor das strubende Gefieder.
Eistreter kam, wie jener sank, sogleich
Im schnellsten Fluge durch die Luft geschossen
Und fiel, erbost von diesem Narrenstreich,
Mit seinen scharfen Klaun auf den Genossen,
Und beide hielten berm Pech voll Wut
In wilder Balgerei sich fest umchlossen.
Doch braucht auch jener seine Krallen gut.
Und beide strzten bald zu den Bepichten,
Die sie bewachten, in die heie Flut.
Der Hitze ward es leicht, den Kampf zu schlichten,
Doch, ganz bepicht das rasche Flgelpaar,
Vermochten sie es nicht, sich aufzurichten.
Und Strubebart, der sehr betreten war,
Lie vier der Seinen rasch zu Hilfe fliegen.
Die uerst schnell mit ihren Haken zwar,
Auf sein Gehei zum Peche niederstiegen.
Wo jeder den Besalbten Hilfe bot,
Doch sahn wir sie gekocht im Sude liegen
Und lieen sie in dieser groen Not.


Dreiundzwanzigster Gesang

Wir gingen einsam, schweigend, unbegleitet.
Ich hinterdrein, der Meister mir voraus,
Wie auf dem Weg ein Franziskaner schreitet.
Mir mute wohl der Teufel wilder Strau
sopens Fabel ins Gedchtnis bringen,
Worin er spricht vom Frosch und von der Maus.
Denn wer Beginn und Schlu von beiden Dingen
Mit reiflicher Erwgung wohl verglich,
Dem konnte Jetzt und Itzt nicht gleicher klingen.
Und wie aus einem der Gedanken sich
Der zweit entspinnt, so mut ich weiterdenken,
Und doppelt fate Furcht und Schrecken mich.
Ich dachte so: Die sind in ihren Rnken
Durch uns gestrt, beschdigt und geneckt
Und mssen drob sich rgern und sich krnken.
Wenn dies zur Bosheit noch den Zorn erweckt,
So werden sie uns nach im Fluge brausen,
Wie wild ein Hund sich nach dem Hafen streckt.
Schon fhlt ich mir das Haar gestrubt vor Grausen,
Und rckwrts lauschend, rief ich: "Meister, flieh!
Verbirg uns wo in diesen Felsenklausen.
Die Grimmetatzen kommen schon. O sieh,
Sie kommen schon mit einem ganzen Heere!
So, wie ich sie mir denke, fhl ich sie!"
Und er zu mir: "Wenn ich ein Spiegel wre,
Kaum fat ich doch dein ures Bild so klar.
Als ich dein inneres mir leicht erklre.
Jetzt aber nimmst auch du mein Innres wahr
Und kommst mir selber schon mit dem entgegen,
Was fr uns beid in mir beschlossen war.
Und ist der Abhang rechts nur so gelegen,
Da man zum nchsten Schlund hinunter kann,
So sollen sie umsonst die Flgel regen."
Kaum sprach ers, als die Teufelsjagd begann,
Und mit gespreizter Schwing, um uns zu fangen.
Kam, nicht gar fern, der wilde Zug heran.
Mein Fhrer eilte nun, mich zu umfangen,
Der Mutter gleich, die aufwacht beim Getos
Und nahe sieht die Flammen aufgegangen,
Ihr Kind erfat und, nur um dessen Los
Bekmmert, nicht um ihrs, enteilt ins Weite
Entkleidet noch und bis aufs Hemde blo.
Da er herab am harten Felsen gleite,
Streckt er sich rcklings an den steilen Hang,
Der jenen Sack verstopft von einer Seite.
Nie hat ein Mhlbach sich mit schnellerm Drang
Aufs Mhlenrad durch seine Rinn ergossen,
Als jetzt mein Meister, vor Verfolgung bang,
Von jenem Felsenhang herabgeschossen,
Mich mit sich nehmend, an die Brust gepret
Und fest umstrickt, als Kind, nicht als Genossen.
Kaum stand sein Fu am Rand der Tiefe fest,
So hrten wir sie ber jenem Grunde,
Doch er blieb ohne Furcht; denn nimmer lt
Die ewge Vorsicht, die im fnften Runde
Als Diener ihrer Macht sie eingesetzt,
Sie wieder vor aus diesem schmalen Schlunde.
Getnchte Leute sahn wir unten jetzt
Im Kreise ziehn mit langsam-schweren Tritten,
Matt und erschpft, von Trnen ganz benetzt.
Verhllt die Augen von Kapuzen, schritten
Sie trg dahin in Kutten, gleich der Tracht
Der Mnch in Kln am Rheine zugeschnitten;
Gold auen, blendend durch des Glanzes Pracht,
Von innen Blei, schwer, da von Stroh erscheinen,
Die Friedrich fr den Hochverrat erdacht.
O Mantel, lastend unter ewgen Peinen!
Wir gingen, folgend, zu der Rechten mit,
Aufmerksam auf ihr jammervolles Weinen.
Doch so erschwert war durch die Last ihr Tritt,
Da neben uns, so oft wir vorwrts traten,
Ein neuer Snder durch das Dunkel schritt.
Ich sprach: "Oh sieh dich um! ist wohl durch Taten
Und Namen mir von diesen wer bekannt?
Und sage mirs, sobald wir einem nahten!"
Und einer, der Toskanisch wohl verstand,
Rief hinter uns: "Oh bleibt ein wenig stehen,
Ihr, die ihr rennt durch dieses dunkle Land.
Was du verlangst, kann wohl durch mich geschehen!"
Da wandte sich mein Herr und sprach: "Halt an
Und suche langsam, wie er selbst, zu gehen."
Ich stand und sah nun zwei, die, um zu nahn,
Sich sehr anstrengten und sich weidlich plagten.
Gehemmt von schwerer Last und enger Bahn;
Dann, angelangt, mit keinem Worte fragten,
Vielmehr nach mir den scheelen Blick gedreht,
Sich unter sich besprechend, dieses sagten:
" Der lebt, wie ihr am Zug des Odems seht,
Und welcher Freibrief dient zu ihrem Schilde,
Da der und jener ohne Bleirock geht?"
Zu mir dann: "Tusker, der du zu der Gilde
Der Heuchler kommst, zu ihrem trben Leid,
Wer bist du? Sag es uns mit Huld und Milde."
Und ich: "Mich hat die Stadt voll Herrlichkeit
Am Arnostrand geboren und erzogen,
Und diesen Krper trug ich jederzeit.
Doch wer seid ihr, von deren Wang in Wogen
Ein Trnenstrom so schmerzlich niederrinnt?
Und was hat euch solch bel zugezogen?"
Und einer sprach: "Die gelben Kutten sind
Von Blei, so schwer, da ihr Gewicht der Wage,
Dies trgt, ein heulend Knarren abgewinnt.
Lustbrder waren wir von gleichem Schlage,
Ich Catalano, Loderingo er,
Von deiner Stadt erwhlt an einem Tage,
Weil sich zum Friedensstifter eignet, wer
Parteilos selber ist--und wer wir waren,
Zeigt beim Gardingo noch sich ringsumher."
Und ich begann: "Das Leid, das ihr erfahren--"
Doch schwieg und mut an dreien Pfhlen dort
Gekreuzigt einen auf dem Grund gewahren.
Als er mich sah, verrenkt er sich sofort
Und haucht in seinen Bart mit lautem Sthnen,
Und Bruder Catalan sprach dieses Wort:
"Der Angepfhlte, dessen Klagen tnen,
Gab einst den Pharisern diesen Rat:
Mg eines Tod frs Volk den Zorn vershnen;
Nun liegt er nackt und quer auf unserm Pfad,
Und fhlen mu er, wenn wir drberwallen,
Wieviel Gewicht von uns ein jeder hat.
So wird sein Schwher auch gestraft, mit allen
Vom Phariserrat, durch den so viel
Der schlimmen Saat fr Judas Volk gefallen."
Und wie ich sah, erstaunte selbst Virgil,
Da er gestreckt am Kreuz an diesem Orte
So schmhlich lag im ewigen Exil.
Zum Bruder richtet er dann diese Worte:
"Sagt, wenn ihr drft, ist rechts die Strae frei,
Und ist wohl eine Schlucht dort, die als Pforte
Zu brauchen ist zum Ausgang fr uns zwei,
Ohn einen von den Teufeln erst zu bannen,
Da er zum Weitergehn uns Fhrer sei?"
Und jener drauf: "Ihr geht nicht weit von dannen,
So seht ihr einen Stein vom groen Rund
Als Steg sich ber alle Tler Spannen.
Er ist nur eingestrzt ob diesem Schlund,
Allein ihr knnt die Trmmer leicht ersteigen,
Denn, schief sich lagernd, stehn sie aus dem Grund."
Ich sah den Herrn das Haupt ein wenig neigen.
Drauf sprach er: "Mute doch der Teufel hier
Sich wiederum in schlechtem Ratschlag zeigen."
Und jener: "In Bologna merkt ichs mir,
Der Teufel sei ein Lgner stets, ein dreister,
Ja, aller Lgen Vater fr und fr."
Nun ging davon mit groem Schritt mein Meister
Und schien ein wenig zornig und erbost,
Und ich verlie die bleibeschwerten Geister
Und folgte der verehrten Spur getrost.


Vierundzwanzigster Gesang

In jenem Teil vom jugendlichen Jahre,
Wo Nacht den halben Tag nur deckt, und mild
Im Wassermann erglnzen Phbus Haare,
Malt oft der Reif, wenn Nebel das Gefild
Am Abend deckt, bei scharfen Morgenlften
Vom Bruder Schnee ein schnellverwischtes Bild.
Wenn dann der Hirt, der Futter von den Triften
Gar ntig braucht, aufsteht und jeden Ort
Schneewei erblickt, dann schlgt er sich die Hften
Und kehrt zum Haus, beklagt sich hier und dort
Und wei nicht, was zu tun vor groem Leide--
Doch frische Hoffnung fat er dann sofort.
Denn schon erscheint die Welt in anderm Kleide;
Schnell kommt er nun mit seinem Stab herbei
Und treibt die muntern Schflein auf die Weide.
So staunt ich, da mein Meister zornig sei,
Da ungewohnter Mimut ihn bedrcke;
So schnell auch kam zum Schmerz die Arzenei.
Denn kaum gelangt zu der verfallnen Brcke,
Kehrt ihm die Huld, mit der er zu mir trat
Am Fu des Bergs, aufs Angesicht zurcke.
Die Arme breitet er, nachdem er Rat
Mit sich gepflogen, wohl den Schutt betrachtend,
Und dann erfat er mich mit rascher Tat.
Und wie ein Mann, der wohl auf alles achtend.
Im voraus scharf erwgt, was er vermag,
Hob er mich auf ein Felsenstck, beachtend,
Da nahe dort ein andrer Zacken lag,
Und sprach: "Anklammre dich, doch wahrgenommen
Sei durch Versuch erst, obs dich tragen mag.
Kein Kuttentrger war hinaufgekommen.
Da wir, ich fortgeschoben, er so Ieicht,
Mit Mhe nur von Block zu Blocke klommen.
Auch htt ich nimmermehr, und er vielleicht,
Wenn niedrer nicht, als jenseits diesem Grunde
Das Ufer war, des Dammes Hh erreicht.
Doch weil sich belscken nach dem Munde
Des tiefen Brunnens hin allmhlich neigt,
So liegts von selbst im Bau von jedem Runde,
Da hier der Damm sich senkt, dort hher steigt.
Am Ende kamen wir bis zu der Spitze,
Wo sich der Felsentrmmer letzte zeigt-
Mir glhte Wang und Blut in solcher Hitze,
Da ich. sobald ich mich hinaufgerafft,
Mich keuchend niederlie auf einem Sitze.
Mein Meister sprach: "Jetzt ziemt dir frische Kraft;
Denn nimmer kommt der Ruhm dem zugeflogen,
Der unter Flaum auf weichem Pfhl erschlafft.
Und wer durchs Leben ruhmlos hingezogen,
Der lt nur so viel Spur in dieser Welt,
Wie in den Lften Rauch, Schaum in den Wogen.
Drum auf! wenn Mattigkeit dich niederhlt,
Wird sie der Geist, wird jeden Feind besiegen,
Wenn er nicht wie der schwere Leib verfllt.
Erklimmen mut du noch weit lngre Stiegen;
Nicht gngts, von hier gerettet fortzuziehn,
Verstehe mich, so wirst du nie erliegen!"--
Da stand ich auf; mehr, als ichs fhlte, schien
Mein Odem frei, die Brust der Brd enthoben,
Auch rief ich: Fort, denn ich bin stark und khn!
Wir gingen fort--der Fels war rauh, verschoben,
Von Hckern voll und schwierig zu begehn,
Bei weitem steiler auch, als weiter oben.
Um frisch zu scheinen, sprach ich laut im Gehn,
Bis eine Stimm aus jenem Grund erschollen,
Verworren, wild und schwierig zu verstehn.
Nicht wei ich, was die Stimme sagen wollen,
Obwohl ich auf des Bogens Hhe stand,
Doch schien, der sprach, zu zrnen und zu grollen.
Ich stand, das Angesicht zum Grund gewandt,
Doch drang kein Menschenblick in seine Schauer,
Drum sprach ich: "Meister, komm zum nchsten Strand
Und fhre mich hinab von dieser Mauer.
Hier hr ich zwar, doch ich verstehe nicht,
Und, sehend, unterscheid ich nichts genauer."
"Die Tat", sprach er mit freundlichem Gesicht,
"Sei Antwort dir, weil sichs geziemt, mit Schweigen
Zu tun, was der verstnd gen Bitt entspricht."
Wir eilten, bei der Brck hinabzusteigen,
Da, wo sie auf dem achten Damme ruht,
Und hier begann die Tiefe sich zu zeigen.
Ich sah in Knueln grause Schlangenbrut,--
Und denk ich heut der ekeln, mannigfachen
Scheusale noch, so starrt vor Graun mein Blut.
Nicht mag sichs Libyen mehr zum Ruhme machen,
Da es Blindschleichen, Nattern, Ottern hegt
Und Vipernbrut und giftge Wasserdrachen.
Wie solche Pest nicht thiopien trgt,
So tnt am ganzen Strand kein solch Gezische,
An den die Flut des Roten Meeres schlgt.
Und unter diesem greulichen Gemische
Lief eine nackte, schreckensvolle Schar,
Nicht hoffend, da sie je von dort entwische.
Am Rcken band die Hand ein Schlangenpaar,
Das Schwanz und Haupt durch Kreuz und Nieren steckte
Und vorn zu einem KnuI verschlungen war.
Da strzt auf einen, den ich dort entdeckte,
Ein Ungeheur, das ihm den Hals durchstach
Und aus dem Nacken vor die Zunge streckte.
Und eh man Amen sagt und Oh und Ach,
Sah ich, wie er, entzndet und in Flammen,
Auch schon als Staub in sich zusammenbrach.
Und wie die Glieder kaum in nichts verschwammen,
So fgte sich, gesammelt, alsobald
Der Staub zur vorigen Gestalt zusammen.
So stirbt der Phnix, fnf Jahrhundert alt,
(Die groen Weisen sagens) sich bekleidend
Mit neuerzeugter Jugend und Gestalt,
Sich nicht von Krutern noch von Krnern weidend,
Von Weihrauchtrnen und Amomen nur,
In einer Hll aus Nard und Myrrhe scheidend.
Und gleich wie der, der ohne Lebensspur
Zu Boden sank, vielleicht vom Krampf gebunden,
Vielleicht auch, weil in ihn ein Dmon fuhr.
Sich umschaut, wenn er sich emporgewunden,
Und um sich schauend sthnt, verwirrt,
Von groer Todesangst, die er empfunden;
So war der aufgestandne Snder jetzt.--
Oh mge keiner Gottes Rach entznden,
Der solche Streich in deinem Zorn versetzt!
Gebeten, seinen Namen zu verknden,
Entgegnet er: "Ich bin seit kurzem hier,
Von Tuscien hergestrzt nach diesen Schlnden.
Ich lebte nicht als Mensch, ich lebt als Tier,
Ich, Bastard Fucci, den man Vieh benannte.
Und wrdge Hhle war Pistoja mir."
Ich sprach, indem ich mich zum Meister wandte:
"Er weicht uns aus--doch frag ihn: weshalb kam
Er hierher, da er stets von Blutdurst brannte?"
Aufrichtig ward er, als er dies vernahm,
Und Geist und Angesicht mir zugewendet,
Begann er nun, gedrckt von trber Scham:
"Mehr schmerzt michs, da dein Schicksal dich gesendet,
Um mich in diesem Jammerstand zu schaun,
Als da ich oben meinen Lauf geendet.
Doch was du fragtest, mu ich dir vertraun:
Da ich im Heiligtum zu stehlen wagte,
Hat mich herabgestrzt in tiefres Graun.
Drob litten manche flschlich Angeklagte.--
Da du mich sahst, soll wenig dich erfreun,
Kommst du je fort von hier, wos nimmer tagte.
Drum hr, um jetzt dein Hierein zu bereun:
Pistoja wird die Schwarzen erst verjagen,
Und dann Florenz so Volk als Sitt erneun.
Aus Nebeln, die auf Magras Tale lagen,
Zieht Mars den schweren Wetterdunst heraus,
Und Sturme tosen dann und Blitze schlagen
Auf dem Picener Feld im wilden Strau,
Da sich zerstreut die Nebel pltzlich senken,
Und alle Weien fliehn in Angst und Graus.
Dies aber sagt ich dir, um dich zu krnken."


Fnfundzwanzigster Gesang

Er sprachs und hob die Hand empor mit Spott,
Lie beide Daumen durch die Finger ragen
Und rief dann aus: "Nimms hin, dies gilt dir, Gott!"
Seitdem seh ich die Schlangen mit Behagen,
Weil gleich um seinen Hals sich eine wand,
Als sagte sie: Du sollst nichts weiter sagen.
Die zweite schlang sich um die Arm und band
Sie vorn, sich selbst umwickelnd, so zusammen,
Da er nicht Raum damit zu zucken fand.
Was bergibst du dich nicht selbst den Flammen,
Pistoja, du, und tilgst dich in der Glut?
Sind Frevler alle doch, die dir entstammen?
Nie fand ich so verruchten bermut.
Selbst Kapaneus gottlsterndes Erfrechen
Erhob sich nicht zu dieses Diebes Wut.
Er floh von dannen, ohn ein Wort zu sprechen,
Und ein Zentaur kam rennend, pfeilgeschwind,
Und schrie voll Wut: "Wo find ich diesen Frechen?"
Nicht glaub ich, da so viel der Schlangen sind
An Tusciens Strand, als ihm am Kreuze hingen.
Bis dahin, wo des Menschen Form beginnt.
Ein Drache hielt mit ausgespreizten Schwingen
Sich an den Schultern fest und spie mit Macht
Glut auf uns alle, die vorbergingen.
Da sprach mein Meister: "Kakus ists, hab acht!
Er ist es, der so oft zu blutgen Teichen
Die Auen unterm Aventin gemacht.
Er geht nicht einen Weg mit seinesgleichen,
Weil er als Dieb den schlauen Trug vollfhrt,
Mit jener groen Herde zu entweichen.
Dafr ward ihm der Lohn, der ihm gebhrt,
Weil Herkuls Keul ihn traf mit hundert Schlgen,
Von welchen er vielleicht nicht zehn gesprt."
Enteilt war Kakus schon und uns entgegen
Herkamen drei an jenem tiefen Ort,
Doch knnt uns erst ihr laut Geschrei bewegen,
Auf sie hinabzuschaun: "Wer seid ihr dort?"
Drum blieben wir in der Erzhlung stehen
Und horchten hin nach dieser Schatten Wort.
Von ihnen hatt ich keinen je gesehen,
Da rief den andern einer dieser drei
Und nannt ihn, wies durch Zufall oft geschehen.
"Wo bleibst du, Cianfa?" rief er, "Komm herbei!"
Drum legt ich auf die Lippen meinen Finger,
Damit mein Fhrer horch und stille sei.
Meinst du jetzt, Leser, da ich Hinterbringer
Von eiteln Fabeln sei, so staun ich nicht;
Ich sahs, doch ist mein Zweifel kaum geringer.
Von vornher warf sich, wie ich das Gesicht
Auf sie gekehrt, schnell eine von den Schlangen
Mit drei Paar Fen her und packt ihn dicht.
Der Bauch ward von dem mittlern Paar umfangen,
Indes das vordre Paar die Arm umfing,
Dann schlug sie ihre Zhn in beide Wangen.
Wie an den Lenden drauf das Hintre hing,
Schlug sie den Schwanz durch zwischen beiden Beinen
Und drckt ihn hinten an als engen Ring.
Kein Efeu kann dem Baum sich so vereinen,
Wie dieses Ungetm sich wunderbar
An jenes Glieder schmiegte mit den seinen.
Zusammen klebte pltzlich dann dies Paar,
Wie warmes Wachs, die Farben so vermengend,
Da keins von beiden mehr dasselbe war,
Gleichwie die Flammen, ein Papier versengend,
Bevor es brennt, mit Braun es berziehn,
Noch eh es Schwarz wird, schon das Wei verdrngend.
Die andern beiden, ihn betrachtend, schrien:
"Weh dir, Agnel, du bist nicht zwei, nicht einer!
Doch sieh, dir ist ein andres Bild verliehn!"
Schon war vereint der Schlange Kopf und seiner,
Aus zwei Gestalten sah man ein entstehn,
Vermischt, verwirrt, doch gleich von beiden keiner.
Die Arme sah man auseinandergehn;
Sie wurden vier, und Bauch und Brust und Lenden,
Sie wurden Glieder, wie man nie gesehn.
Es schien, als ob die vorgen ganz verschwnden.
Nicht zwei, nicht einer schiens, und ganz entstellt
Sah ich das Bild sich langsam abwrts wenden.
Gleichwie die Eidechs fters, wenn die Welt
Der Hundstern peitscht, blitzschnell von Dorn zu Dorne,
Von Zaun zu Zaun quer durch die Strae schnellt,
So fuhr jetzt eine Schlang in wildem Zorne
Auf jene zwei nach ihren Buchen hin,
Blulich und schwarz, gleich einem Pfefferkorne.
Und durch den Teil, der bei des Seins Beginn
Uns Nahrung zufhrt, bohrte sie den einen,
Dann fiel sie ausgestreckt vor ihm dahin.
Er sah sie starr, mit festgeschlossnen Beinen,
Stillschweigend, ghnend, an, und mute mir
Wie schlfrig oder fieberhaft erscheinen.
Nach ihm hin sah die Schlang und er nach ihr,
Sie rauchend aus dem Maul, er aus der Wunde,
Dann nahte sich der Rauch von dort und hier.
Still schweige jetzt Lucan mit seiner Kunde
Vom Unglck des Sabell und vom Nasid,
Und horchend hng er nur an meinem Munde.
Von Arethus und Kadmus schweig Ovid;
Denn wenn er ihn zum Drachen umgedichtet.
Und Sie zum Quell, so neid ich nicht sein Lied.
Nie hat er von zwei Wesen uns berichtet,
Die umgetauscht Gestalt und Stoff und Sein,
Indem sie starr auf sich den Blick gerichtet.
Gleich ging die Wandlung fort in jenen zwein.
Zur Gabel spaltete den Schwanz die Schlange,
Und der Gestochne drckte Bein an Bein.
Sie klebten aneinander, und nicht lange
Hatt es gewhrt, als auch die Fuge schwand,
Verdrngt vom vlligen Zusammenhange.
Der Lenden Form, die hier entwich, entstand
Am Gabelschweif; die Haut schien zu erweichen;
Hart ward sie dort, nach Schlangenart gespannt.
Die Arme sah ich in die Schultern weichen,
Der Schlange kurze Vorderfe dann,
Wie jene schwanden, weiter vorwrts reichen.
Wie drauf zu jedem Gliede, das der Mann
Zu bergen pflegt, die hinten sich verbanden,
So fing sich seins in zwei zu teilen an.
Und unterm Rauch, der beide deckt, entstanden
Ganz neue Farben, sproten Haare vor
Und zeigten hier sich, wenn sie dort verschwanden.
Er sank dahin, Sie raffte sich empor,
Doch blieb der Kopf mit jenen starren Blicken,
Durch die er selbst nun seine Form verlor.
An dem, der stand, schien er sich platt zu drcken,
Auch sah man von dem Fleisch, das hinter drang,
Die Ohren seitwrts aus den Wangen rcken.
Aus dem, was vorn zurckeblieb, entsprang
Ein Lippenpaar, wie sichs gebhrt, erhoben.
Und eine Nase, zugespitzt und lang.
An dem, der dort lag, trieb der Mund nach oben,
Auch wurden nach der Schneckenhrner Brauch
Die Ohren in den Kopf zurckgeschoben.
Die Zung, erst ganz, zur Rede schnell, ward auch
Nunmehr geteilt, und ganz ward die geteilte
Im Mund des andern, und es blieb der Rauch.
Der Geist, jetzt Schlange, zischte laut und eilte
Durchs Tal davon--der andre spuckt ihr nach,
Indem er noch, sie schmhend, dort verweilte.
Dann kehrt er ihr den Rucken zu und sprach:
"So schlpfe, Buoso, nun durch diese Grnde,
Statt meiner, auf dem Bauch in Qual und Schmach."
So mischt im siebenten der Lasterschlnde
Sich Bild und Bild, drum werde mirs verziehn,
Wenn ich so Neues etwas breit verknde.
Doch ob mir gleich der Blick geblendet schien,
Und kaum mein Geist vom Staunen sich ermannte,
Doch bargen jene sich nicht so im Fliehn,
Da ich den Puccio nicht gar wohl erkannte,
Der einzig von den drein, erst hier vereint,
Sich unverwandelt jetzt von dannen wandte.
Der andre wars, um den Gaville weint.


Sechsundzwanzigster Gesang

Erfreue dich, Florenz, du bist so gro,
Da du zu Land und Meer die Flgel schwingest,
Und selbst dein Nam erklingt im Hllenscho.
Fnf deiner Brger fand ich--also zwingest
Du mich zur Scham--den Dieben beigefgt,
Wodurch du dir nicht grern Ruhm erringest.
Doch wenn, was man am Morgen trumt, nicht lgt,
So wirst du groes Unglck bald empfinden,
Und Prato selbst, so nah dir, siehts vergngt.
Wars jetzt, nicht wrde mans zu zeitig finden,
So, das nun einmal sein mu, wars jetzt doch.
Denn, lter, werd ichs schwerer nur verwinden.
Wir gingen fort, und bers Felsenjoch
Stieg, wie hinab, hinauf die Zackenleiter
Mein Fhrer und war meine Sttze noch.
Und, folgend zwischen mancher Felsenscheiter
Und manchem Block dem Pfad im den Raum,
Kam, wenn die Hand nicht half, der Fu nicht weiter.
Ich fhlte Schmerz--jetzt fhl ich mindern kaum,
Wenn ich zurck an das Erblickte denke,
Und schrfer fass ich da des Geistes Zaum,
Damit ich nicht den Lauf vom Rechten lenke,
Und, was zu meinem Wohl mein Stern bezweckt,
Was hhre Huld, mir selber feind, nicht krnke.
Soviel der Baur, am Hgel hingestreckt,
Zur Zeit, da er, des Blick die Erde lichtet,
Sein Antlitz uns am wenigsten versteckt,
Wenn sich die Fliege vor der Mcke flchtet,
Johanniswrmchen sieht im Tal entlang,
Wo er mit Hipp und Pflug sein Tun verrichtet;
So viele Flammen sah den tiefen Gang
Des achten Tals mein Auge jetzt verklren,
Sobald ich dort war, wos zur Tiefe drang.
Wie der, der sich gercht durch wilde Bren,
Elias Wagen sah von dannen ziehn,
Als das Gespann aufstieg zu Himmelssphren,
Umonst ihm mit dem Auge folgt und ihn
Gestaltlos nur als ferne Flamm erkannte.
Die wie ein leichtes Abendwlkchen schien.
So wars, wie wandelnd hier manch Flmmchen brannte,
Doch keines war, das seine Beute wies,
Ob jegliches gleich einem Geist entwandte.
Am Brckenrande stehend, sah ich dies
Und fiel, hielt ich nicht fest an einem Blocke,
Hinunter, ohne da mich jemand stie.
Virgil, der sah, wie mich der Anblick locke,
Sprach nun: "Jedwedes Feur birgt einen Geist,
Und das, worin er brennt, dient ihm zum Rocke."
Drauf ich: "Die Kunde, die du mir verleihst
Macht mich gewi; schon glaubt ichs zu erkennen.
Und fragen wollt ich schon, wie jener heit.
Ich sah die Flamm in zwei sich oben trennen.
Als sah ich in des Scheiterhaufens Glut
Eteokles und seinen Bruder brennen."
Und er: "Sie dmpft Ulysseus bermut
Und Diomeds. Sie laufen hier zusammen
In ihrer Qual, wie einst in ihrer Wut.
Ums Trugro klagen sie in diesen Flammen,
Und um das Tor, das Ausgang jenen bot,
Der Heldenschar, von der die Rmer stammen.
Die List beweinen sie, durch die, schon tot,
Noch Deidamia den Achill beklagte,
Auch das Palladium rcht nun ihre Not."
"Vermgen sie noch hier zu sprechen," sagte
Ich drauf zum Meister, "o, dann bitt ich dich
Vieltausendmal, da ich sie gern befragte,
La mich, bis die geteilte Flamme sich
Zu uns hierherbewegt, ein wenig weilen.
Sieh, hin zu ihr zieht die Begierde mich."
"Der Bitte", sprach er, "mu ich Lob erteilen,
Wie sie verdient; sie sei darum gewhrt,
Doch la die Sprechlust nicht dich bereilen.
La mir das Wort; ich wei, was du begehrt.
Sprd blieben sie gewi bei deinem Worte,
Denn Griechen sind sie, stolz auf ihren Wert.
Als nun die Flamme nah war unserm Orte,
Da hrt ich diese Red, als Ort und Zeit
Er fr geeignet hielt, von meinem Horte:
"Ihr, die ihr zwei in einer Flamme seid,
Wenn ich euch jemals Grund gab, mich zu lieben,
Da ich dem Ruhm der Helden mich geweiht,
Und in der Welt das hohe Lied geschrieben,
So weilt bei mir und sag Uly mir an,
Wo auf der Irrfahrt sein Gebein geblieben."
Der alten Flamme grres Horn begann
Zu flackern erst und murmelnd sich zu regen.
Als wre sie vom Wind gefat, und dann
Rasch hin und her die Spitze zu bewegen,
Gleich einer Zung, und deutlich tnt und klar
Dann aus der Flamm uns dieses Wort entgegen:
"Als ich von Circen schied, die mich ein Jahr
Und lnger bei Gata festgehalten,
Ehs so benannt noch von neas war,
Da lie ich nicht das Mitleid fr den alten
Gebeugten Vater, nicht die Gattenpflicht,
Noch Vaterzrtlichkeit im Herzen walten.
Sie tilgten all in mir das Sehnen nicht,
Die Welt zu sehn und alles zu erkunden,
Was sie besitzt, wie das, was ihr gebricht.
Drum warf ich mich, kaum meiner Haft entbunden,
In einem einzgen Schiff ins offne Meer,
Samt einem Huflein, das ich treu erfunden.
Nach Spanien fhrt und Libyen hin und her
Ich meine wackre Schar, als khner Leiter,
Und jedem Eiland jenes Meers umher.
Alt war ich schon und schwach, auch die Begleiter,
Da war mein Schiff am engen Schlunde dort,
Wo Herkuls Sulenpaar gebeut: Nicht weiter!
Als hinter uns nun rechts Sevillas Bord
Und links in Libyen Septas Zinnen waren,
Sprach ich zu den Gefhrten dieses Wort:
Brder, die durch Tausend von Gefahren
Ihr hier im Abend khn euch eingestellt,
Verwendet jetzt, um Neues zu erfahren,
Weil Seele noch und Leib zusammenhlt,
Den kurzen Rest von eurem Erdenleben;
Der Sonne nach zur unbewohnten Welt!
Bedenkt, wozu dies Dasein euch gegeben;
Nicht um dem Viehe gleich zu brten, nein,
Um Wissenschaft und Jugend zu erstreben.
Den Meinen schien dies Wort ein Sporn zu sein,
Kaum hielt ich sie, htt ich gewollt, im Zgel,
Und rastlos gings ins weite Meer hinein.
Erst morgenwrts gewandt des Schiffes Spiegel
Ging unser toller Flug dann linker Hand,
Und seiner Eil verliehn die Ruder Flgel.
Schon alle Sterne jenes Poles fand
Der Blick der Nacht, und die des unsern klommen
Kaum bers Meer noch an des Himmels Rand.
Schon fnfmal war entzndet und verglommen
Des Mondes Licht, seit wir, dem Glck vertraut,
Durch den verhngnisvollen Pa geschwommen,
Als uns ein Berg erschien, von Dunst umgraut
Vor weiter Fern, und schien so hoch zu ragen,
Wie ich noch keinen auf der Erd erschaut.
Erst jubeln lie er uns, dann bang verzagen,
Denn einen Wirbelwind fhlt ich entstehn
Vom neuen Land und unsern Vorbord schlagen.
Er macht uns dreimal mit den Fluten drehn,
Dann, als der hintre Teil emporgeschossen,
Nach hhrem Spruch, den vordern untergehn,
Bis ber uns die Wogen sich verschlossen."


Siebenundzwanzigster Gesang

Schon aufrecht stand und still der Flamme Haupt,
Und sie entfernte sich in tiefem Schweigen,
Nachdem der se Dichter ihrs erlaubt.
Wir sahn nach ihr sich eine zweite zeigen,
Und ein verwirrt Gesthn, das ihr entquoll,
Macht unsern Blick zu ihrer Spitze steigen.
Gleich wie Siziliens Stier, der jammervoll
Zuerst von seines Bildners Schrein erbrllte,
--Und so wars recht--von dessen Klag erscholl,
Den er im innern hohlen Raum verhllte,
Und, ganz von Erz, in seinem Angstgesthn
Erschien, als ob ihn selbst der Schmerz erfllte;
So schien das Klagewort, das in den Hhn
Und an den Seiten nirgend durchgedrungen,
Erst gleich des Feuers knisterndem Getn.
Doch als es sich zur Spitz emporgerungen,
Die, wie die Zunge hin und wieder fhrt,
Sich bei dem Durchgang hin und her geschwungen.
Da sprachs: O du, an den mein Wort sich kehrt,
Der du, wie ich vernahm, mit welschem Klange
Gesprochen: Geh, nicht weiter sei beschwert!
Obwohl ich etwas spt hierhergelange,
Doch weil und gib auf meine Fragen acht,
Denn sieh, ich weile trotz der Gluten Drange.
Bist du zur Reif in diesen dunklen Schacht
Erst jetzt vom sen Latierland geschieden,
Von dem ich alle Schuld hierhergebracht,
So sprich:Hat Krieg Romagna oder Frieden?
Denn da das schne Land auch mich erzeugt,
So kmmert mich sein Schicksal noch hienieden."
Ich stand aufmerksam niederwrts gebeugt,
Da stie Virgil mich leis und sagte: "Rede,
Ein Latier ist er, wie sein Wort bezeugt."
Worauf ich schon bereit zur Gegenrede,
Ihn also sonder Zgerung beschied:
"O Seele, hier verborgen, sonder Fehde
War nimmer deines Vaterlands Gebiet,
Weil stets im Kampf der Zwingherrn Herzen wten;
Doch offenbar war keine, da ich schied.
Ravenna ist, wies war; dort pflegt zu brten,
So wie seit Jahren schon, Polentas Aar,
Des Flgel unter sich auch Cervia hten
Die Stadt, die fest in langer Probe war,
Wo rote Strme Frankenblutes wallten,
Liegt unterm grnen Leun nun ganz und gar.
Verruchios alt und neuer Hund, sie walten
Schlimm, wie sie den Montagna einst belohnt,
Da, wo sie eingeholt die Zhne halten.
Das, was am Lamon und Santerno wohnt,
Lt sich vom Leun im weien Neste leiten,
Der die Partei vertauscht mit jedem Mond.
Sie, welchen Savios Flut benetzt die Seiten,
Lebt zwischen Sklaverei und freiem Stand,
Wie zwischen dem Gebirg und ebnen Weiten.
Jetzt, bitt ich, mach uns, wer du bist, bekannt;
Wie der Vergessenheit dein Nam enttauche,
So sei nicht hrter, als ich andre fand."
Da grunzt und braust es in der Flamme Bauche,
Wie Feuer braust; sie regte hin und her
Das spitze Haupt und gab dann diese Hauche:
"Sprach ich zu einem, dessen Wiederkehr
Nach jener Welt ich jemals mglich glaubte,
So regte nie sich diese Flamme mehr.
Doch da dies keinem je die Hll erlaubte,
So sag ich ohne Furcht vor Schand und Schmach,
Was mich hierher stie und des Heils beraubte.
Ich war erst Kriegsmann und Mnch hernach,
Um mich vom Fall durch Buߒ emporzurichten;
Gewi geschah auch, was ich mir versprach.
Allein der Erzpfaff--mg ihn Gott vernichten--
Er hat mich neu den Sndern beigesellt,
Wie und warum? das will ich jetzt berichten.
Als ich noch oben lebt in eurer Welt,
Da ward ich nimmer mit dem Leun verglichen,
Doch fters wohl dem Fuchse gleichgestellt.
In allen Rnken und geheimen Schlichen
War ich geschickt, in ihrer bung schlau
Und drum berhmt in allen Himmelsstrichen.
Doch als die Zeit kam, da des Haares Grau
Uns dringend mahnt, das hohe Meer zu scheuen
Und einzuziehn das Segel und das Tau,
Da mut ich, was mir erst gefiel, bereuen,
Ward Mnch und tat nun Buߒ am heilgen Ort,
Ach, und noch knnt ich mich des Heils erfreuen.
Der neuen Phariser Herr und Hort
(Im Krieg, mit Juden nicht und Trkenscharen,
Vielmehr am Lateran und nahe dort,
Weil alle seine Feinde Christen waren,
Die nicht bei Acri mit gesiegt und nicht
Des Sultans Land als Schacherer befahren),
Nicht achtet er an sich die hchste Pflicht
Und nicht den Strick, der meinen Leib umfangen,
Der jeden mager macht, den er umflicht.
Wie Konstantin Silvestern angegangen,
Ihm Hilf und Rat beim Aussatz zu verleihn;
So sollt ich jetzt als Arzt auf sein Verlangen
Vom Fieber seines Hochmuts ihn befrein.
Doch schweigen mut ich und mich selber schmen,
Denn eines Trunknen schien sein Wort zu sein.
Du darfst nicht sorgen, sprach er, noch dich grmen;
Abla erteil ich dir, mich lehre du:
Wie fang ichs an, Preneste wegzunehmen.
Du weit, den Himmel schlieߒ ich auf und zu,
Denn beide Schlssel sind mir bergeben,
Die Clestin vertauscht um trge Ruh.
Nicht war so triftgem Grund zu widerstreben,
Und da hier schweigen mir das Schlimmste schien,
So sprach ich endlich: Vater, da du eben
Die Snde, die ich tun soll, mir verziehn,
So wisse: Viel versprechen, wenig halten,
Dadurch wird deinem Stuhl der Sieg verliehn--
Franz wollte, wie ich starb, sein Amt verwalten,
Mich heimzufhren, doch ein Teufel kam
Und sprach: Halt ein, denn den mu ich erhalten.
Er kommt mit mir hinab zu ewgem Gram,
Weil ich, seitdem er jenen Trug geraten,
Ihn bei dem Haar als meine Beute nahm.
Wer Abla will, bereu erst seine Taten.
Doch wer bereut und Bses will, der mu
Wohl mit sich selbst in Widerspruch geraten.
Ach! wie ich zuckt in Schrecken und Verdru,
Als er mich fat und, mich von dannen reiend,
Sprach: Meintest du, ich sei kein Logikus?
Zu Minos trug er mich, der, sich umkreisend
Den harten Rcken, bei dem achten Mal
Ausrief, sich in den Schweif vor Ingrimm beiend:
Der wird der Flamme Raub im achten Tal!
Und also ward ich von dem Schlund verschlungen
Und geh im Feuerkleid zu ewger Qual."
Hier endet er, und als das Wort verklungen,
Da ging sogleich die Flamme jammernd fort,
Das Horn gedreht und hin und her geschwungen.
Und weiter ging ich nun mit meinem Hort
Zur nchsten Brck auf rauhen Felsenpfaden
Und sah im Grund, den Lohn empfangend, dort
Die, Zwiespalt stiftend, sich mit Schuld beladen.


Achtundzwanzigster Gesang

Wer knnte je, auch mit dem freisten Wort,
Das Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen,
Erzhlt er auch die Kunde fort und fort.
Jedwede Zunge mu den Dienst versagen,
Da Sprach und Geist zu eng und schwach erscheint,
So Schreckliches zu fassen und zu tragen.
Und wre das gesamte Volk vereint,
Das Puglien, das verhngnisvolle, hegte,
Dies Land, das einst die blutge Schar beweint,
Die Rom und jener lange Krieg erlegte,
Wo man so groe Beut an Ringen fand,
Wie Livius schrieb, der nicht zu irren pflegte,
Vereint mit dem, das harte Schlg empfand,
Weils gegen Robert Guiscard ausgezogen;
Mit dem, des Knochen modern, dort im Land
Bei Ceperan, wo Pugliens Schar gelogen;
Mit dem von Tagliacozzo, wo Alard,
Der Greis, durch List die Waffen aufgewogen;
Und zeigte, wie es dort verstmmelt ward,
Sich jedes Glied, nicht war es zu vergleichen
Mit dieses neunten Schlundes Weis und Art.
Ein Fa, von welchem Reif und Dauben weichen,
Ist nicht durchlchert, wie hier einer ging,
Zerfetzt vom Kinn bis zu Gef und Weichen,
Dem aus dem Bauch in manchem ekeln Ring
Gedrm und Eingeweid, wo sich die Speise
In Kot verwandelt, samt dem Magen hing.
Ich schaut ihn an und er mich gleicherweise,
Dann ri er mit der Hand die Brust sich auf
Und sprach zu mir: "Sieh, wie ich mich zerreie!
Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf!
Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten
Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf.
Sieh alle, die, da sie auf Erden wallten,
Dort rgernis und Trennung ausgest,
Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten.
Ein wilder Teufel, der dort hinten steht,
Er ists, der jeglichen zerfetzt und schndet,
Mit scharfem Schwert, der dort vorbergeht,
Wenn wir den schmerzensvollen Kreis vollendet;
Weil jede Wunde heilt, wie weit sie klafft,
Eh unser Lauf zu ihm zurck sich wendet.
Doch wer bist du, der dort herniedergafft?
Weilst du noch zgernd ber diesen Schlnden,
In welche Klag und Urteilsspruch dich schafft?"
"Er ist nicht tot, noch hergefhrt von Snden,"
So sprach mein Meister drauf, zu Mahoms Pein,
"Doch soll er, was die Hll umfat, ergrnden,
Und ich, der tot bin, soll sein Fhrer sein.
Drum fhr ich ihn hinab von Rund zu Runde,
Und Glauben knnt ihr meinem Wort verleihn."
Jetzt blieben hundert wohl im tiefen Grunde,
Nach mir hinblickend, still verwundert stehn,
Vergessend ihre Qual bei dieser Kunde.
"Du wirst vielleicht die Sonn in kurzem sehn,
Dann sage dem Dolcin, er soll mit Speisen,
Eh ihn der Schnee belagert, sich versehn,
Wenn er nicht Lust hat, bald mir nachzureisen.
Allein vollbringt er, was ich riet, so mu
Novaras Heer ihn lang umsonst umkreisen."
Zum Weitergehn erhoben einen Fu,
Rief dieses Wort mir zu des Mahom Seele,
Und setzt ihn hin und ging dann voll Verdru.
Dann sah ich einen mit durchbohrter "Kehle,
Die Nase bis zum Auge hin zerhaun,
Und wohl bemerkt ich, da ein Ohr ihm fehle.
Und staunend sah auf mich dies Bild voll Graun
Und ffnete zuerst des Schlundes Rhre,
Von auen rot und blutig anzuschaun.
"Du, nicht verdammt fr Snden, wie ich hre,
Den ich bereits im Latierlande sah,
Wenn ich durch hnlichkeit mich nicht betre,
"Kommst du den schnen Ebnen wieder nah,
Die von Vercell nach Marcabo sich neigen,
So denk an Pier von Medicina da.
Du magst den Besten Panos nicht verschweigen,
Dem Guid und Angiolell, da, wenn nicht irrt
Mein Geist, dem sich der Zukunft Bilder zeigen,
Nah bei Cattolica, schlau angekirrt,
Vom schndlichsten der Wteriche verraten,
Das edle Paar ersuft im Meere wird.
Noch nimmer hat Neptun so schnde Taten
Von Zypern bis Majorka hin geschaut,
Von Griechenscharen nicht, noch von Piraten.
Der Bub, auf einem Aug von Nacht umgraut,
Jetzt Herr des Lands, von welchem mein Geselle
Hier neben wnscht, er htt es nie erschaut,
Ruft sie als Freund und tut an jener Stelle
So, da sie nicht Gelbd tun, noch sich scheun,
Wie wild der Wind auch von Focara schwelle."
Drauf ich: "Soll dein Gedchtnis sich erneun,
So magst du dich zu sagen nicht entbrechen,
Wer mu den Anblick jenes Lands bereun?"
Da griff er, um den Mund ihm aufzubrechen,
Nach eines andern Kiefer hin und schrie:
"Sieh her, der ists, allein er kann nicht sprechen,
Er, der verbannt, einst Csarn Mut verlieh,
Und alle seine Zweifel scheucht, ihm sagend:
"Dem Kampfbereiten fromme Zgern nie."
O wie jetzt Curio ganz verblfft und zagend,
Die Zunge tief am Schlund verschnitten, stand,
Die Zung, einst khn und eilig alles wagend--
Und abgeschnitten die und jene Hand,
Stand einer, in die Nacht die Stmpf erhoben,
Das Antlitz blutbespritzt mir zugewandt,
Und rief: "Denkt man des Mosca noch dort oben?
Ich bins, der meine Hand zum Morde bot,
Ob des jetzt Tuscien die Partein durchtoben."
"Der Grund auch war zu deines Stammes Tod!"
Setzt ich hinzu--und, hufend Graun auf Grauen,
Zog er davon in hchster Angst und Not.
Ich aber blieb, die andern anzuschauen,
Und was ich sah, so furchtbar und so neu,
Nicht wagt ichs unverbrgt euch zu vertrauen,
Fhlt ich nicht mein Gewissen rein und treu,
Dies gute feste Schild, den sichern Leiter,
Und so mein Herz befreit von Furcht und Scheu.
Ich sah--noch ist dies Schreckbild mein Begleiter--
Ein Rumpf ging ohne Haupt mit jener Schar
Von Unglckselgen in der Tiefe weiter.
Er hielt das abgedchnittne Haupt beim Haar
Und lie es von der Hand als Leuchte hangen
Und seufzte tief, wie er uns nahe war.
So kam er eins in zwein dahergegangen
Und leuchtet als Laterne sich mit sich--
Wies mglich, wei nur der, ders so verhangen.
Nachdem er bis zum Fu der Brcke schlich,
Hob er, um nher mir ein Wort zu sagen,
Den Arm zusamt dem Haupte gegen mich,
Und sprach: "Hier sieh die schrecklichste der Plagen!
Du, der du atmend in der Hll erscheinst,
Sprich: Ist wohl eine schwerer zu ertragen?
Jetzt horch, wenn du von mir zu knden meinst;
Beltram von Bornio bin ich, und Johannen,
Dem Knig, gab ich bsen Ratschlag einst,
Darob dann Sohn und Vater Krieg begannen,
Wie zwischen David einst und Absalon,
Durch Ahitophel Fehden sich entspannen.
Mein Hirn nun mu ich zum gerechten Lohn
Getrennt von seinem Quell im Rumpfe sehen,
Weil ich getrennt den Vater und den Sohn,
Und so, wie ich getan, ist mir geschehen."


Neunundzwanzigster Gesang

Das viele Volk und die verschiednen Wunden,
Sie hatten so die Augen mir berauscht,
Da sie vom Schaun mir ganz voll Zhren stunden.
Da sprach Virgil: "Was willst du noch? Was lauscht
Und starrt dein Auge so nach diesen Grnden,
Wos Greuelbild um Greuelbild vertauscht?
Nicht also tatst du in den andern Schlnden.
An zweiundzwanzig Miglien kreist dies Tal,
Drum kannst du hier nicht jegliches ergrnden.
Schon unter unserm Fu glnzt Lunens Strahl,
Und wenig drfen wir uns nur verweilen,
Denn noch zu sehn ist viel und groe Qual."
Ich sprach: "Erlaubtest du, dir mitzuteilen,
Welch einen Grund ich hatt, hinabzusphn,
So wrdest du wohl minder mich beeilen."
Er ging und ich ihm nach und gab im Gehn
Dem Meister von dem Grund des Forschens Kunde
Und sprach: "Wohl hab ich scharf hinabgesehn,
Denn eine Seele wohnt in diesem Schlunde
Von meinem Stamm, und sicher ist an ihr
Bestraft die Schuld durch manche schwere Wunde."
Mein Meister sprach darauf: "Nicht mache dir
Noch lnger Sorg um diesen Anverwandten;
An andres denk, er aber bleibe hier.
Ich sah ihn bei der Brcke den Bekannten
Dich zeigen und dir mit dem Finger drohn
Und hrte, wie sie ihn del Bello nannten.
Doch du bemerktest eben nichts davon,
Weil auf dem Beltram deine Blicke weilten.
Als dieser ging, war jener schon entflohn."
"Weil Rach und Schwert des Feindes ihn ereilten",
Sprach ich, "und keiner seinen Tod gercht,
Von allen denen, so die Krnkung teilten,
Zrnt er auf mich und zrnt auf sein Geschlecht
Und ging drum, ohne mich zu sprechen, weiter,
Und darin, glaub ich, hat der Arme recht."
Nun folgt ich hin zum Felsen meinem Leiter,
Von wo man berblickt den nchsten Schlund,
Wr irgend nur von Licht die Tiefe heiter.
Von seiner Hh ward unserm Auge kund
Der letzte Klosterbann von belscken,
Und viel Bekehrte waren tief im Grund.
Und gleich den Pfeilen drangen, mir zum Schrecken,
Gespitzt durch Mitleid, Jammertn heraus
Und zwangen mich, die Ohren zu bedecken.
Wr aller Schmerz aus jedem Krankenhaus
Zur Zeit, da wild die Sommergluten flammen,
Und Valdichianas und Sardiniens Graus
Und Seuch und Pest in einem Schlund beisammen,
Nicht rger wrs als hier, wo fauler Duft
Und Stank vom Eiter in den Lften schwammen.
Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft
Vom langen Felsen niederwrts zur Linken,
Und deutlicher erschien der Scho der Gruft.
In diesem Grund lt nach des Hchsten Winken
Die nimmer irrende Gerechtigkeit
Zur wohlverdienten Qul die Flscher sinken.
Nicht in gina ist vor alter Zeit
Des Volkes Anblick trauriger gewesen,
Das krank darniedersank, dem Tod geweiht,
Ja bis zum kleinsten Wurm jedwedes Wesen,
Durch tckisch bse Luft, worauf im Land,
Wie wir fr sicher in den Dichtern lesen,
Ein neues Volk aus msenbrut entstand;
Als hier zu sehn war, wie sich schwach und siechend
Das Geistervolk in manchem Haufen wand.
Die einen auf der andern Rcken liegend,
Die auf dem Bauch, und die von einem Ort
Zum andern hin auf allen vieren kriechend.
Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort,
Sahn Kranke dort, unfhig aufzustehen
Und horchten auf ihr klglich Jammerwort.
Sich gegenseitig sttzend, saen zween,
Wie in der Kche Pfann an Pfanne lehnt,
Mit Grind gefleckt vom Kopf bis zu den Zehen.
Gleich wie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehnt
Und bald sein Tagwerk hofft vollbracht zu haben,
Die Striegel eiligst fhrt und fters ghnt;
So sah ich sie sich mit den Ngeln schaben
Und hier und dort sich kratzen und geschwind,
So gut es ging, ihr wtend Jucken laben.
Und schnell war unter ihren Klaun der Grind
Wie Schuppen von den Barschen abgegangen,
Die unterm Messer schneller Kche sind.
"Du, vor des Fingern Schien und Masche sprangen,"
Begann Virgil zu einem von den zwein,
"Und der du sie auch oft gebrauchst wie Zangen,
Sprich: Fanden sich auch hier Lateiner ein
Und mgen dich zu kratzen und zu krauen,
Dafr dir ewig scharf die Ngel sein."
"Lateiner kannst du in uns beiden schauen,"
Erwidert einer drauf, von Qual durchbebt,
"Doch wer du bist, magst du mir erst vertrauen."
Mein Fhrer sprach: "Von Fels zu Felsen strebt
Mein Fu hinab in diesen Finsternissen;
Die Hll zeig ich diesem, der da lebt."
Da schien das Band, das beide hielt, zerrissen,
Und jeder, dems der Rckhall kundgetan,
War zitternd nur mich anzuschaun beflissen.
Dicht drngte sich an mich mein Meister an
Und sprach: "Du magst sie nach Belieben fragen!"
Und ich, da er es so gewollt, begann:
"Soll dein Gedchtnis noch in spten Tagen
Auf unsrer Welt und in der Menschen Geist
Erhalten sein, so magst du jetzo sagen,
Wie du dich nennst und deine Heimat heit?
Und, trotz der ekeln Qual, nimm dich zusammen,
Da du in deinen Reden offen seist."
"Mich zeugt Arezzo, und den Tod in Flammen
Verschafft einst Albero von Siena mir,
Doch andrer Grund hie Minos mich verdammen.
Wahr ists, ich sagt im Scherz: ins Luftrevier
Verstnd ich mich im Fluge hinzuschwingen.
Er, klein an Witz und gro an Neubegier,
Bat mich, ihm diese Kenntnis beizubringen,
Und nur weil er durch mich kein Ddal ward,
Befahl sein Vater dann, mich umzubringen.
Doch Minos, dem sich alles offenbart,
Hat, weil ich mich der Alchimie ergeben,
Im letzten Schlund der zehen mich verwahrt."
Zum Dichter sagt ich: "Sprich, ob man im Leben
So eitles Volk wie die Sanesen fand?
Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben."
Der andre Grindge, welcher mich verstand,
Rief: "Mag nur Stricca ausgenommen bleiben,
Der all sein Gut so klglich angewandt;
Und Nikel, dem die Ehre zuzuschreiben,
Da er zuerst die Braten wohl gewrzt,
Dort, wo dergleichen Saaten wohl bekleiben;
Und jener Klub, der wohl die Zeit gekrzt,
In dem Caccia dAscian samt seinem Witze,
Auch Wald und Weinberg durch den Schlund gestrzt.
Doch willst du wissen, wer dir half, so spitze
Den Blick auf mich und stelle dich dahin,
Gerade gegenber meinem Sitze;
Dann wirst du sehn, da ich Capocchio bin.
Metall verflscht ich, da ich Gold erschaffe,
Und, sah ich recht, so ist dirs noch im Sinn,
Ich war von der Natur ein guter Affe".


Dreiigster Gesang

Zur Zeit, da Junos Herz in Zorn geraten
Ob Semeles, in Zorn auf Thebens Blut,
Wie sie so manches Mal gezeigt durch Taten,
Ergriff den Athamas so tolle Wut,
Da er, als auf sein Weib der Blick gefallen,
Das jeden Arm mit einem Sohn belud,
Den wilden Ruf des Wahnsinns lie erschallen:
"Die Lwin samt den Jungen sei gefat!"
Dann streckt er aus die mitleidlosen Krallen;
Und wie er einen, den Learch, mit Hast
Gepackt, geschwenkt und am Gestein zerschlagen,
Ertrnkte sie sich mit der zweiten Last.
Und als das Glck, das alles khn zu wagen,
Die stolzen Troer trieb, sein Rad gewandt,
So da zusammen Reich und Frst erlagen,
Und Hekuba, gefangen und verbannt,
Geopfert die Polyxena erblickte,
Und sie ihr Migeschick an Thraziens Strand
Zum Leichnam ihres Polydorus schickte,
Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund,
Weil Schmerz den Geist verkehrt und ganz bestrickte.
Doch nichts in Theben ward noch Troja kund
Von einer Wut, die Vieh und Menschen packte,
Wie ich hier sah in diesem zehnten Schlund.
Ein Paar von Geistern, totenfahle, nackte,
Brach vor, so wie aus seinem Stall das Schwein,
Indems auf alles mit den Hauern hackte.
Der schlug sie in den Hals Capocchios ein
Und schleppt ihn fort, und nicht gar sanft gerieben
Ward ihm dabei der Bauch am harten Stein.
Der Aretiner, der voll Angst geblieben,
Sprach: "Schicchi ists, der tolle Poltergeist,
Der solch ein wtend Spiel schon oft getrieben."
"Wie du geschtzt vor jenes Hauern seist,"
Entgegnet ich, "so sprich, eh er entronnen,
Wer dieser Schatten ist und wie er heit."
"Die Myrrha ists, die schnden Trug ersonnen,"
Erwidert er, "die mehr als sich gebhrt
Vor alter Zeit den Vater liebgewonnen,
Und die mit ihm das Werk der Lust vollfhrt,
Weil sie die fremde Form sich angedichtet;
Wie jener, der Capocchio dort entfhrt,
Weil Simon ihn durchs beste Ro verpflichtet,
Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt
Und so fr ihn ein Testament errichtet."
Als nun die Tollen sich vorbeibewegt,
Lie ich mein Auge durch die Tiefe streichen
Und sah, was sonst der Schlund an Sndern hegt.
Der eine war der Laute zu vergleichen,
Htt ihm ein Schnitt die Gabel weggeschafft,
Die jeder Mensch hat abwrts von den Weichen.
Die Wassersucht, durch schlechtverkochten Saft
Ein Glied abmagernd und das andre blhend,
Die hart den Bauch macht, das Gesicht erschlafft,
Hielt ihm die beiden Lippen offen stehend,
Die nach dem Kinn, und die emporgekehrt,
Und dem Schwindschtgen gleich, vor Durst vergehend.
"Ihr, die ihr schmerzlos geht und unversehrt,
Wie? wei ich nicht, in diesen Schmerzenstalen,"
Er sprachs, "o schaut und merkt und seid belehrt
Von Meister Adams schreckenvollen Qualen.
Kein Trpflein, ach, stillt hier des Durstes Glhn;
Dort konnt ich, was ich nur gewnscht, bezahlen.
Die muntern Bchlein, die vom Hgelgrn
Des Casentin zum Arno niederrollen
Und frisch und lind des Bettes Rand besprhn,
Ach, da sie mir sich ewig zeigen sollen,
Und nicht umsonst--mehr, als die Wassersucht,
Entflammt dies Bild den Durst des Jammervollen.
Denn die Gerechtigkeit, die mich verflucht,
Treibt durch den Ort, wo ich in Schuld verfallen,
Zu grrer Eile meiner Seufzer Flucht.
Dort liegt Romena, wo ich mit Metallen
Geringern Werts verflscht das gute Geld,
Weshalb ich dort der Flamm anheimgefallen.
Doch wre Guido nur mir beigesellt,
Und jeder, der zum Laster mich verfhrte,
Ich gbe drum den schnsten Quell der Welt.
Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so sprte
Er jngst den einen auf in dieser Nacht.
Doch da dies bel meine Glieder schnrte,
Was hilft es mir? Htt ich nur so viel Macht,
Um zollweis im Jahrhundert vorzuschreiten,
Ich htte schon mich auf den Weg gemacht,
Ihn suchend durch dies Tal nach allen Seiten,
Mags in der Rund auch sich elf Miglien ziehn,
Und minder nicht als eine halbe breiten.
Bei diesen Krppeln hier bin ich durch ihn,
Denn er hat mich verfhrt, da ich den Gulden
An schlechterm Zusatz drei Karat verliehn."
Und ich: "Was mochten jene zwei verschulden,
Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand,
Fest an dir liegend, ihre Straf erdulden?"
Er sprach: "Sie liegen fest, wie ich sie fand,
Als ich hierhergeschneit nach Minos Winken,
Und werden ewiglich nicht umgewandt.
Die ist das Weib des Potiphar; zur Linken
Liegt Sinon mir, berhmt durch Trojas Ro.
Im faulen Fieber liegen sie und stinken."
Und dieser Letzte, dens vielleicht verdro,
Da Meister Adams Wort ihn so verhhnte,
Gab auf den harten Wanst ihm einen Sto,
Da dieser gleich der besten Trommel tnte.
Doch in das Angesicht des andern warf
Herr Adam die gleich harte Faust und sthnte:
"Ob ich mich gleich nicht fortbewegen darf,
Doch ist mein Arm noch, wie du eben sprtest,
Noch frei und flink zu solcherlei Bedarf."
"Als du zum Feuer gingst," rief Sinon, "rhrtest
Du nicht den Arm schnell, wie er eben war,
Doch schneller, da du einst den Stempel fhrtest."
Der Wasserschtge: "Darin sprichst du wahr,
Doch stelltest du in Troja kein Exempel
Von einem so wahrhaftgen Zeugnis dar."
"Flscht ich das Wort, so flschtest du den Stempel.
Hier bin ich doch fr einen Fehler nur,
Du aber dientest stets in Satans Tempel."
So Sinon. "Denk ans Ro, du Schelm!" so fuhr
Ihn jener an mit dem geschwollnen Bauche,
"Qual sei dir, da es alle Welt erfuhr."
"Qual sei dir", rief der Grieche drauf, "die Jauche,
Und blhe stets zum Bollwerk deinen Wanst,
Der Durst, der deine Zung in Flammen tauche."
Der Mnzer: "Der du stets auf Lgen sannst,
Dein Maul zerreie dir fr solch Erfrechen!
Wenn du mich drstend. schwellend sehen kannst,
So mge Durst dich qulen, Kopfweh stechen.
Sprach einer kurz: Sauf aus den ganzen Bach!
Du wrdest dessen wohl dich nicht entbrechen."
Ich horchte stumm, was der und jener sprach,
Da rief Virgil: "Nun, wirst du endlich kommen?
Zu lange sah ich schon der Neugier nach."
Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen,
Wandt ich voll Scham zu ihm das Angesicht
Und fhle jetzt noch mich von Scham entglommen.
Wie man im schreckenvollen Traumgesicht
Zu wnschen pflegt, da man nur trumen mge,
Und das, was ist, ersehnt, als wr es nicht;
So bangt ich, da mir Scham das Wort entzge;
Entschuldgen wollt ich mich--Entschuldgung kam,
Indem ich glaubte, da ichs nicht vermge.
Da sprach mein guter Meister: "Mindre Scham
Wscht grern Fehler ab, als du begangen,
Darum entlaste dich von jedem Gram;
Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen,
So denke stets, da ich dir nahe bin,
Und bleibe nicht daran voll Neugier hangen;
Denn drauf zu horchen, zeigt gemeinen Sinn."


Einunddreiigster Gesang

Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte
Und beide Wangen berzog mit Rot,
Wars, die mich dann mit Arzeneien letzte.
So, hr ich, hat der Speer Achills gedroht,
Und seines Vaters, der mit einem Zcken
Verletzt und mit dem andern Hilfe bot.
Wir kehrten nun dem Jammertal den Rcken,
Den Damm durchschneidend, der es rings umlag,
Um, schweigend, mehr nach innen vorzurcken.
Dort wars nicht vllig Nacht, nicht vllig Tag,
Daher die Blicke wenig vorwrts gingen;
Doch tnt ein Horn--der strkste Donner mag
Bei solchem Ton kaum hrbar noch erklingen--
Drum sucht ich nur, entgegen dem Gebraus,
Mit meinem Blick zu seinem Quell zu dringen.
Nicht tnte nach dem unglckselgen Strau,
Der Karls des Groen heilgen Plan vernichtet,
Des Grafen Roland Horn mit solchem Graus.
Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet,
Glaubt ich, viel hohe Trme zu ersehn,
Und sprach: "Ist eine Feste dort errichtet?"
Mein Meister drauf: "Weil du zu weit zu sphn
Versuchst in diesen nachterfllten Rumen,
Mut du dich selber fters hintergehn.
Dort siehst du, da, wie oft, zu eitlen Trumen
Aus der Entfernung das Geschaute schwoll,
Drum schreite vorwrts, ohne lang zu sumen."
Dann fat er bei der Hand mich liebevoll
Und sprach: "Ich will dir die Bewandtnis sagen,
Weils nah dann minder seltsam scheinen soll.
Obs Trme wren, wolltest du mich fragen?
Nein, Riesen sinds, die rings am Brunnenrand
Vom Nabel aufwrts in die Lfte ragen."
Wie wenn der Nebel fortzieht, der das Land
In Dunst gehllt, allmhlich unsre Blicke
Das klar erkennen, was er erst umwand;
So, bohrend durch die Luft, die trbe, dicke,
Und mehr und mehr genaht dem tiefen Schlund,
Scheucht ich den Wahn, doch kam die Furcht zurcke
Wie um Montereggiones Zinnenrund
Rings eine Krone hohe Trme machen,
So trmten sich, mit halbem Leib im Grund,
Mit halbem Leib rings um des Brunnens Rachen
Giganten, Kmpfer jenes groen Streits,
Sie, welchen nach die Donner Jovis krachen.
Von einem sah ich das Gesicht bereits
Und Schultern, Brust und groen Teil vom Bauche,
Herabgestreckt die Arme beiderseits.
Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche
Dergleichen Wesen schafft, so tut sie recht,
Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche.
Schafft sie den Walfisch auch und das Geschlecht
Der Elefanten noch, doch sicher findet,
Wer reiflich urteilt, sie hierin gerecht,
Weil, wenn die berlegung sich verbindet
Mit bsem Willen und mit groer Macht,
Jedwede Schutzwehr dann dem Volke schwindet.
Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,
Dem Turmknopf von Sankt Peter zu vergleichen,
Und jedes Glied nach solchem Ma gemacht.
Es mochten wohl vom Strand, der von den Weichen
Ihn abwrts barg, der oberen Gestalt
Drei Friesen ausgestreckt nicht dahin reichen,
Wo seine Stirn das borstge Haar umwallt,
Denn aufwrts ma er dreiig groe Palmen,
Bis zu dem Ort, wo man den Mantel schnallt.
Raphegi mai amech itzabi Almen!
So tnt es aus den dicken Lippen vor,
Fr die sich nicht geziemten sanftre Psalmen.
Mein Fhrer rief: "Nimm doch dein Horn, du Tor,
Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden,
So sprudl ihn flugs durch seinen Bauch hervor.
Du kannst an deinem Hals den Riemen finden,
Verwirrter Geist, ders angebunden hlt.
Sieh doch ihn dort die dicke Brust umwinden!"
Darauf zu mir: "Sich selbst verklagt der Held;
Der Nimrod ists, durch dessen toll Vergehen
Man nicht mehr eine Sprach bt in der Welt.
Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen!
Kein Mensch versteht von seiner Sprach ein Wort,
Und er kann keines andern Wort verstehen."
Wir gingen nun zur Linken weiter fort,
Und fanden schon in Bogenschusses Weite
Den zweiten grern, wilden Riesen dort.
Nicht wei ich, wems gelang, da er im Streite
Ihn fing und band, doch vorn geschnrt erschien
Sein linker Arm und hinter ihm der zweite;
Denn eine Kett umwand vom Nacken ihn,
Um, was von seinem Leib nach oben ragte,
Nach unten hin fnf Male zu umziehn.
Da sprach mein Meister: "Mit dem Donnrer wagte
Sein khner Stolz des groen Kampfes Los.
Hier aber sieh den Preis, den er erjagte.
Ephialtes ists. Sein Tun war khn und gro
Im Riesenkampfe, zu der Gtter Schrecken;
Nun ist sein drohnder Arm bewegungslos."
Und ich zu ihm: "Den ungeheuern Recken,
Den Briareus, wenn dies geschehen kann,
Mcht ich wohl gern in diesem Tal entdecken."
Mein Fhrer drauf: "Du siehst hier nebenan
Antus stehn. Er spricht, ist ungebunden
Und setzt uns nieder in den tiefsten Bann.
Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden,
Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schaun,
Allein wie er mit Ketten fest umwunden."
Hier schttelt Ephialtes sich, und traun!
Kein Erdensto, von dem die Trme schwanken,
War heftiger, erregte tiefres Graun.
Ich glaubte schon dem Tode zuzuwanken,
Und sah ich nicht, wie ihn die Kett umschlo,
So gengten, mich zu tten, die Gedanken.
Wir gingen weiter, ich und mein Geno,
Und sahn Antus, der dem tiefen Bronnen,
Zehn Ellen bis zum Haupte hoch, entspro.
"Der du im Tal, das ewgen Ruhm gewonnen,
Weil Hannibal in ihm, der khne Feind,
Mit seiner Schar vor Scipios Mut entronnen,
Einst tausend Lwen fingst, wenn du, vereint
Mit deinen Brdern khn den Arm geschwungen
Im hohen Krieg, so htten, wie man meint,
Die Erdenshne doch den Sieg errungen.
Jetzt setz uns dort hinab, wo, fern dem Licht,
Die starre Klte den Kozyt bezwungen.
Zu Tiphus oder Tityus schick uns nicht.
Das, was man hier ersehnt, kann dieser geben,
Drum wende nicht so mrrisch dein Gesicht.
Er kann auf Erden deinen Ruf erheben.
Er lebt und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit
Die Gnade zu sich ruft, noch lang zu leben."
Er sprachs, und jener, schnell zum Griff bereit,
Streckt aus die Hand, um auf ihn loszufahren,
Die Hand, die Herkul fhlt im groen Streit.
Virgil, kaum konnt er sich gepackt gewahren,
Rief: "Komm hierher, wo dich mein Arm umstrickt!"
Drauf macht ers, da wir zwei ein Bndel waren.
Wie Carisenda, unterm Hang erblickt,
Sich vorzubeugen scheint und selbst zu regen,
Wenn Wolken ihr den Wind entgegenschickt,
So schien Antus jetzt sich zu bewegen,
Als er sich niederbog, und groen Hang
Empfand ich, fortzugehn auf andern Wegen.
Doch leicht zum Grund, der Luzifern verschlang
Und Judas, setzt er nieder unsre Last,
Und, so geneigt, verweilt er dort nicht lang
Und schnellt empor, als wie im Schiff der Mast.


Zweiunddreiigster Gesang

O htt ich Reime von so heiserm Schalle,
So rauh, wie sie erheischt dies Loch voll Graus,
Auf welchem ruhn die andern Felsen alle,
Dann drckt ich, was ich will, vollkommner aus,
Doch, sie nicht habend, geh ich nur mit Bangen
Jetzt an die Rede, wie zum harten Strau.
Denn nicht ein Spiel ist ja mein Unterfangen,
Den Grund des Alls dem Liede zu vertraun,
Und nicht mit Kinderlallen auszulangen.
Doch frdern meine Reim itzt jene Fraun,
Amphions Hilf an Thebens Maur und Toren,
Dann wohl entspricht mein Lied der Tat an Graun.
O schlechtster Pbel, an dem Ort verloren,
Der hart zu schildern ist, oh wrst du doch
In unsrer Welt als Zieg und Schaf geboren.
Wir waren nun im dunkeln Brunnenloch
Tief unterm Riesen, nher schon der Mitte,
Und nach der hohen Mauer sah ich noch.
Da hrt ich sagen: "Schau auf deine Schritte,
Da du den Armen nicht im Weiterziehn
Die Hupter stampfen magst mit deinem Tritte."
Drum wandt ich mich, und vor mir hin erschien
Und unter meinen Fen auch ein Weiher,
Der durch den Frost Glas, und nicht Wasser, schien.
Die Donau bleibt im Frost vom Eise freier,
Und nah dem Pol, selbst in der lngsten Nacht,
Deckt nicht den Sanais ein so dichter Schleier.
Und wre Tabernik herabgekracht
Und Pietrapan, nicht htte nur am Saume
Bei ihrem Sturz das Eis krick krick gemacht.
Wie abends, wenn die Buerin im Traume
Noch hren liest--die Schnauze vorgestreckt,
Der Frsche Volk qukt aus dem nassen Raume;
So bis dahin, wo sich die Scham entdeckt,
Fahl, mit dem Ton des Storchs die Zhne schlagend,
War elend Geistervolk im Eis versteckt,
Zur Tiefe hingewandt das Antlitz tragend,
Vom Froste mit dem Mund und von den Wehn
Des Herzens mit den Augen Zeugnis sagend.
Als ich ein Weilchen erst mich umgesehn,
Schaut ich zum Boden hin und sah von oben
Zwei, eng umfat, vermischt das Haupthaar, stehn.
"Ihr, die ihr drngend Brust an Brust geschoben,
Wer seid ihr?" sprach ich--dann, als sie auf mich,
Die Hlse rckend, ihre Blick erhoben,
Sah ich die Augen, feucht erst innerlich,
Von Trnen trufeln, die, noch kaum ergossen,
Zu Eis erstarrten; und sie schlossen sich,
Fest, wie nie Klammern Holz an Holz geschlossen,
Drum stieen sich im Grimme wilden Streits,
Gleich zweien Bcken, diese Qualgenossen.
Und einer, der sein Ohrenpaar bereits
Durch Frost verlor, brach, stets gebckt, das Schweigen:
Was hngst du so am Schauspiel unsres Leids?
Soll ich, wer diese beiden sind, dir zeigen?
Das Tal, das des Bisenzio Flut benetzt,
War ihnen einst und ihrem Vater eigen.
Ein Leib gebar sie, und durchsuche jetzt
Kaina ganz, du findest sicher keinen
Mit besserm Grund in dieses Eis versetzt;
Nicht ihn, des Brust und Schatten einst durch einen
Sto seines Speers durchbohrt des Artus Hand;
Focaccia nicht, noch ihn, des Kopf den meinen
So deckt, da mir die Aussicht gnzlich schwand.
Den, hrst du Sassol Mascheroni nennen,
Du, ein Toskaner, sicher leicht erkannt.
Jetzt hr, um mir nur schleunig Ruh zu gnnen,
Ich, Camicion, erwarte den Carlin
Und werde neben ihm mich brsten knnen:"
Noch sah ich viele Hundesfratzen ziehn
Vor groem Frost in diesem tiefen Kreise,
Und schaudre noch vor dem, was mir erschien.
Und weiter ging zum Mittelpunkt die Reise,
Auf welchem ruht des ganzen Alls Gewicht,
Und selber zittert ich beim ewgen Eise.
Wars Vorsatz, wars Geschick--ich wei es nicht,
Genug, es stie mein Fu beim Weitergehen
Durch viele Hupter, eins ins Angesicht.
"Was trittst du mich?"--so hrt ichs heulend schmhen,
"Rchst du noch schrfer Montapert an mir?
Wenn aber nicht, weswegen ists geschehen?--"
"Mein Meister," sprach ich, "harr ein wenig hier,
Denn gern belehrt ich mich von diesem nher,
Dann folg ich, wie dirs gut dnkt, eilig dir."
Still stand, wie ich gewnscht, der hohe Seher,
Und jener fluchte noch so wild wie erst,
Da sprach ich: "Wer bist du, du arger Schmher?"
"Und du, der du durch Antenora fhrst,"
Sprach er, "wer du, der so stt andrer Wangen,
Da es zu arg war, wenn du lebend wrst?"--
"Ich lebe", sagt ich. "Httest du Verlangen
Nach Ruf, so wird er dir durch mich zuteil,
Drum wirst du wohl mit Freuden mich empfangen."
Drauf er: "Ich wnsche nur das Gegenteil,
Drum packe dich--in diesen Eisesmassen
Verspricht solch Schmeichelwort ein schlechtes Heil."
Da griff ich nieder, ihn beim Schopf zu fassen,
Und sagt ihm: "Ntig wirds, da du dich nennst,
Soll ich ein Haar auf deinem Kopfe lassen."
Und er: "Ob du mich zausen magst, du kennst
Mich dennoch nicht--nichts sollst du hier erkunden,
Wenn du mir tausendmal ins Antlitz rennst."
Ich hielt sein Haar um meine Hand gewunden,
Und ob schon ausgerauft manch Bschel war,
Schaut er hinab und bellte gleich den Hunden.
Da rief ein andrer: "Bocca, nun frwahr,
Du lieest schon genug die Kiefern klingen,
Jetzt bellst du noch? Plagt dich der Teufel gar?"
"Dich", rief ich, "mag ich nicht zum Reden zwingen,
Verrter du, allein zu deiner Schmach
Will ich zur Erde wahre Nachricht bringen."
"Erzhle, was du willst, doch hintennach",
Rief Bocca, "magst du diesen nur nicht schnen,
Der eben jetzo so gelufig sprach.
Sieh ihn frs Gold der Franken hier belohnen
Und sage, da Duera da nicht fehlt,
Wo ziemlich khl und frisch die Snder wohnen.
Und fragt man noch, wen sonst dies Eis verhehlt,
Dort siehst du Becherias Augen triefen,
Den jngst die Florentiner abgekehlt.
Auch wohnt Soldanier jetzt in diesen Tiefen,
Gan, Sribaldello, der Faenzas Tor
Den Feinden aufschlo, da noch alle schliefen."
Wir gingen fort, und, etwas weiter vor,
War, Haupt auf Haupt gedrckt, ein Paar zu finden,
Das fest in einem Loch zusammenfror.
Wie man aus Hunger nagt an harten Rinden,
So fra der Obre hier den Untern an
Da, wo sich Nacken und Gehirn verbinden.
Wie in die Schlfe Menalipps den Zahn
Einst Sydeus voll von wilder Wut geschlagen,
So ward von ihm dem Schdel hier getan.
"O du, der du mit viehischem Behagen
Den Ha an diesem stillst, an dem du nagst,
Weshalb", begann ich, "magst du dich beklagen?
Und hr ich, da du dich mit Recht beklagst,
Und wer er sei, und was dein Nagen rche,
So sollst du dort erstehn, wo du erlagst,
Wenn diese nicht verdorrt, mit der ich spreche."


Dreiunddreiigster Gesang

Den Mund erhob vom schaudervollen Schmaus
Der Snder jetzt und wischt ihn mit den Locken
Des angefressnen Hinterkopfes aus.
Er sprach: "Du willst zum Reden mich verlocken?
Verzweiflungsvollen Schmerz soll ich erneun,
Bei des Erinnrung schon die Pulse stocken?
Doch dient mein Wort, um Saaten auszustreun,
Die Frucht der Schande dem Verrter bringen,
Nicht Reden werd ich dann noch Trnen scheun.
Zwar, wer du bist, wie dir hierherzudringen
Gelungen, wei ich nicht, doch schien vorhin
Wie Florentiner Laut dein Wort zu klingen.
Du hre jetzt: Ich war Graf Ugolin,
Erzbischof Roger er, den ich zerbissen.
Nun horch, warum ich solch ein Nachbar bin.
Da er die Freiheit tckisch mir entrissen,
Als er durch Arglist mein Vertraun betrt,
Und mich gettet hat, das wirst du wissen.
Vernimm darum, was du noch nicht gehrt,
Noch haben kannst--den Tod voll Graus und Schauer,
Und fass es, wie sich noch mein Herz emprt.
Ein enges Loch in des Verlieses Mauer,
Durch mich benannt vom Hunger, wo gewi
Man manchen noch verschliet zu bittrer Trauer,
Es zeigte kaum nach nchtger Finsternis
Das erste Zwielicht, als ein Traum voll Grauen
Der dunkeln Zukunft Schleier mir zerri.
Er jagt, als Herr und Meister, durch die Auen
Den Wolf und seine Brut zum Berg hinaus,
Der Pisa hindert, Lucca zu erschauen.
Mit Hunden, mager, gierig und zum Strau
Wohleingebt, entsendet er Sismunden,
Lanfranken samt Gualanden sich voraus.
Bald schien im Lauf des Wolfes Kraft geschwunden
Und seiner Jungen Kraft, und bis zum Tod
Sah ich von scharfen Zhnen sie verwunden.
Als ich erwacht im ersten Morgenrot,
Da jammerten, halb schlafend noch, die Meinen,
Die bei mir waren, und verlangten Brot.
Teilst du nicht meinen Schmerz, so teilst du keinen,
Und denkst du, was mein Herz mir kundgetan,
Und weinest nicht, wann pflegst du denn zu weinen?
Schon wachten sie, die Stunde naht heran,
Wo man uns sonst die Speise bracht, und jeden
Weht ob des Traumes Unglcksahndung an.
Verriegeln hrt ich unter mir den den,
Graunvollen Turm--und ins Gesicht sah ich
Den Kindern allen, ohn ein Wort zu reden.
Ich weinte nicht. So starrt ich innerlich,
Sie weinten, und mein Anselmuccio fragte:
Du blickst so,--Vater! Ach, was hast du? Sprich!
Doch weint ich nicht, und diesen Tag lang sagte
Ich nichts und nichts die Nacht, bis abermal
Des Morgens Licht der Welt im Osten tagte.
Als in mein jammervoll Verlies sein Strahl
Ein wenig fiel, da schien es mir, ich fnde
Auf vier Gesichtern meins und meine Qual.
Ich bi vor Jammer mich in beide Hnde,
Und jene, whnend, da ich es aus Gier
Nach Speise tat, erhoben sich behende
Und schrien: I uns, und minder leiden wir!
Wie wir von dir die arme Hll erhalten,
Oh, so entkleid uns, Vater, auch von ihr.
Da sucht ich ihrethalb mich still zu halten;
Stumm blieben wir den Tag, den andern noch.
Und du, o Erde, konntest dich nicht spalten?
Als wir den vierten Tag erreicht, da kroch
Mein Gaddo zu mir hin mit leisem Flehen:
Was hilfst du nicht? Mein Vater, hilf mir doch!
Dort starb er--und so hab ich sie gesehen,
Wie du mich siehst, am fnften, sechsten Tag,
Jetzt den, jetzt den hinsinken und vergehen.
Schon blind, tappt ich dahin, wo jeder lag,
Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen,
Bis Hunger tat, was Kummer nicht vermag."
Und scheelen Blickes fiel er, dies gesprochen,
Den Schdel an, den er zerri, zerbrach,
Mit Zhnen, wie des Hundes, stark fr Knochen.
Pisa, du, des schnen Landes Schmach,
In dem das Si erklingt mit sem Tone,
Sieht trg dein Nachbar deinen Freveln nach,
So schwimme her, Capraja und Gorgone,
Des Arno Mund zu stopfen, da die Flut
Dich ganz ersuf und keiner Seele schone.
Denn, wenn auch Ugolinos Frevelmut,
Wie man gesagt, die Schlsser dir verraten,
Was schlachtete die Kinder deine Wut?
Oh neues Theben, war an solchen Taten
Nicht ohne Schuld das zarte Knabenpaar,
Das ich genannt? nicht Hugo samt Brigaten?--
Wir gingen nun zu einer andern Schar,
Die, statt wie jene, sich hinabzukehren,
Das Antlitz aufwrts, eingefroren war.
Die Zhren selber hemmen hier die Zhren,
Drum wlzt der Schmerz, der nicht nach auen kann,
Sich ganz nach innen, um die Angst zu mehren.
Denn, was zuerst dem trben Aug entrann,
Das war zum Klumpen von Kristall verdichtet
Und fllte ganz die Augenhhlen an.
Und ob vom Frost, der solches Eis geschichtet,
Mein Antlitz wie bedeckt mit Schwielen schien,
Und deshalb jegliches Gefhl vernichtet,
Doch fhlt ich, schiens mir Luft entgegenziehn,
Drum sprach ich: "Herr, wie mag hier Luft sich regen,
Wo nie die Sonne, dunstentwickelnd, schien?"
Und er: "Du gehst der Antwort schnell entgegen
Und siehst, wenn wir noch weiter fortgereist,
Aus welchem Grund die Lfte sich bewegen."
Da rief ein eisumstarrter armer Geist:
"Grausame Seelen, ihr, die jetzt vom Lichte
Zu dieser letzten Stelle Minos weist,
Hebt mir den harten Schleier vom Gesichte,
Damit ich lfte meines Herzens Wehn,
Eh neu die Trne sich zu Eis verdichte."
Ich sprach: "Soll dirs nach deinem Wunsch geschehn,
So nenne dich, und wenn ichs nicht erzeige,
So will ich selbst zum Grund des Eises gehn."
Drauf er: "Ich bins, der Frucht vom bsen Zweige
Als Bruder Alberich dort angeschafft,
Und speise hier die Dattel fr die Feige."
"Oh," rief ich, "hat der Tod dich hingerafft?"
Und er zu mir: "Ob noch mein Leib am Leben,
Davon bekam ich keine Wissenschaft.
Denn Ptolomma hat den Vorzug eben,
Da oft die Seele strzt in dies Gebiet,
Eh ihr den Ansto Atropos gegeben.
Und da du lieber mir vom Augenlid
Verglaste Trnen nehmest sollst du wissen:
Sobald die Seele den Verrat vollzieht,
Wie ich getan, wird ihr der Leib entrissen
Von einem Teufel, der dann drin regiert
Bis an den Tod, indes in Finsternissen
Des kalten Brunnens sie sich selbst verliert.
Vielleicht ist oben noch der Krper dessen,
Der hinter mir in diesem Eise friert.
Kommst du von dort, so magst dus selbst ermessen.
Herr Branca dOria ists, der jmmerlich
Schon manches Jahr im Eise fest gesessen."
"Ich glaube," Sprach ich, "du betrgest mich,
Denn Branca dOria ist noch nicht begraben
Und it und trinkt und schlft und kleidet sich."
Und er darauf: "Es konnte jenen Graben,
An dem beim Pech die Schar von Teufeln wacht,
Noch nicht erreicht Herr Michel Zanche haben,
Da war sein Leib schon in des Dmons Macht.
So gings auch dem von dOrias Geschlechte,
Der den Verrat zugleich mit ihm vollbracht.
Jetzt aber strecke zu mir her die Rechte
Und nimm das Eis hinweg!--doch tat ichs nicht,
Denn gegen ihn war Schlechtsein nur das Rechte.
Genua, Feindin jeder Sitt und Pflicht,
Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen,
Was tilgt euch nicht des Himmels Strafgericht?
Ich fand mit der Romagna schlimmsten Sprossen
Der euren einen, fr sein Tun belohnt,
Die Seel in des Kozytus Eis verschlossen,
Des Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt.


Vierunddreiigster Gesang

"Uns naht des Hllenkniges Panier!
Schau hin, ob du vermagst ihn zu ersphen."
So sprach mein edler Meister jetzt zu mir.
Und wie, wenn dichte Nebel uns umwehen,
Wie in der Dmmerung, vom fernen Ort
Windmhlenflgel aussehn, die sich drehen;
So sah ich jetzo ein Gebude dort--
Nichts fand ich sonst, mich vor dem Wind zu decken,
Drum drngt ich fest mich hinter meinen Hort.
Dort war ich, wo--ich sing es noch mit Schrecken--
Die Geister, in durchsichtges Eis gebannt,
Ganz drin, wie Splitterchen im Glase, stecken.
Der lag darin gestreckt, und mancher stand,
Der aufrecht, jener auf dem Kopf; der bckte
Sich sprenkelkrumm, das Haupt zum Fu gewandt.
Als hinter ihm ich so weit vorwrts rckte,
Da es dem Meister nun gefllig schien,
Mir den zu zeigen, den einst Schnheit schmckte.
Da trat er weg von mir, hie mich verziehn,
Und sprach zu mir: "Bleib, um den Dis zu schauen,
Und hier la nicht dir Mut und Kraft entfliehn."
Wie ich da starr und heiser ward vor Grauen,
Darber schweigt, o Leser, mein Bericht,
Denn keiner Sprache lt sich dies vertrauen.
Nicht starb ich hier, auch lebend blieb ich nicht.
Nun denke, was dem Zustand dessen gleiche,
Dem Tod und Leben allzugleich gebricht.
Der Kaiser von dem trnenvollen Reiche
Entragte mit der halben Brust dem Glas,
Und wie ich eines Riesen Ma erreiche,
Erreicht ein Riese seines Armes Ma.
Nun siehst du selbst das ungeheure Wesen,
Dem solch ein Glied verhltnismig sa.
Ist er, wie hlich jetzt, einst schn gewesen,
Und hat den gtgen Schpfer doch bedroht,
So mu er wohl der Quell sein alles Bsen.
O Wunder, das sein Kopf dem Auge bot!
Mit drei Gesichtern sah ich ihn erscheinen,
Von diesen aber war das vordre rot.
Anfgten sich die andern zwei dem einen,
Gerad ob beiden Schultern hingestellt,
Um oben sich beim Kamme zu vereinen;
Das Antlitz links weigelblich--ihm gesellt
Das links, gleich dem der Leute, die aus Landen
Von jenseits kommen, wo der Nilus fllt.
Gro, angemessen solchem Vogel, standen
Zwei Flgel unter jedem weit heraus,
Die wir den Segeln gleich, nur grer, fanden,
Und federlos, wie die der Fledermaus.
Sie flatterten ohn Unterla und gossen
Drei Winde nach verschiedner Richtung aus.
Dadurch ward der Kozyt mit Eis verschlossen.
Sechs Augen waren nie von Trnen frei,
Die auf drei Kinn in blutgem Geifer flossen.
Und einen armen Snder malmt entzwei
Und kaute jeder Mund, daher zerbissen,
Flachsbrechen gleich, die scharfen Zhne drei.
Der vordre Mund schien sanft in seinen Bissen,
Verglichen mit den scharfen Klaun, zu sein,
Die oft die Haut vom Fleisch des Snders rissen.
Da sprach Virgil: "Sieh hier die grte Pein!
Ischariots Kopf steckt zwischen scharfen Fngen,
Und auen zappelt er mit Arm und Bein.
Zwei andre sieh, den Kopf nach unten hngen;
Hier Brutus an der schwarzen Schnauze Schlund
Sich ohne Laute winden, drehn und drngen;
Dort Cassius, krftig, wohlbeleibt und rund--
Doch naht die Nacht, drum sei jetzt fortgegangen,
Denn ganz erforscht ist nun der Hlle Grund."
Jetzt winkte mir, den Hals ihm zu umfangen,
Und Zeit und Ort ersah sich mein Gesell,
Und, als sich weit gespreizt die Flgel schwangen,
Hing er sich an die zottge Seite schnell,
Griff Zott auf Zott, um sich herabzusenken
Inmitten eisger Rind und rauhem Fell.
Dort angelangt, wo in den Hftgelenken
Des Riesen sich der Lenden Kugeln drehn,
Eilt er, mit Mh und Angst, sich umzuschwenken.
Wo erst der Fu war, kam das Haupt zu stehn;
Die Zotten fassend, klomm er aufwrts weiter,
Als sollten wir zurck zur Hlle gehn.
"Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter
Entkommt man nur so groem Leid," so sprach
Tiefkeuchend, wie ein Mder, mein Begleiter.
Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach,
Dann setzt er mich auf einen Rand daneben
Und streckte mir den Fu behutsam nach.
Ich blickt empor und glaubte, wie ich eben
Den Dis gesehn, so stell er noch sich dar.
Doch seine Fe sah ich sich erheben.
Wie ich erschrak, bedenk, o dumme Schar,
Ders nottut, da sie erst erkennen lerne,
Durch welchen Punkt ich jetzt gedrungen war.
Da sprach Virgil: "Jetzt auf, das Ziel ist ferne,
Der Weg auch schwierig, den du vor dir hast;
Und Sol, aufsteigend. scheucht bereits die Sternen
Nicht wars ein Gang durch einen Prachtpalast,
Der vor mir lag; er lief auf rauhem Grunde
Durch eine Felsschlucht, vllig dunkel fast.
Ich, aufrecht stehend, sprach: "Eh aus dem Schlunde
Der Weg, den du mich leitest, mich entlt,
Rei aus dem Irrtum mich und gib mir Kunde:
Wo ist das Eis? Wie steckt Dis kpflings fest?
Und wie hat Sol so schnell aus solchen Weiten
Die berfahrt gemacht zum Ost vom West?
"Du glaubst dich auf des Zentrums andern Seiten,
Wo du am Wurme, der die Erde krnkt
Und sie durchbohrt, mich sahst herniedergleiten.
Du warsts, solang ich mich hinabgesenkt;
Allein den Punkt, der anzieht alle Schwere,
Durchdrngest du, da ich mich umgeschwenkt.
Jetzt kamst du zu der andern Hemisphre,
Entgegen der, die groes trocknes Land
Bedeckt, und unter deren Zelt der Hehre
So fehllos lebt und starb, wie er entstand.
Du stehest jetzo auf dem kleinen Kreise,
Der hier Judokas andre Seit umspannt.
Und hier beginnt der Sonne Tagesreise,
Wenn sie dort endet, und im Brunnen steckt
Noch immer Luzifer nach alter Weise.
Vom Himmel ward er hier herabgestreckt.
Das Land, das erst hier ragte, hat sich droben
Aus Furcht vor ihm im Meeresgrund versteckt
Und sich auf jenem Halbkreis dort erhoben.
Um ihn zu fliehn, drang auch die Erde vor
Aus dieser Hhl und drngte sich nach oben."
So sprach Virgil--und sieh, vom Dis empor
Ging eine Schlucht, tief wie die ganze Hlle,
Zwar nicht erkannt vom Auge, doch vom Ohr;
Denn rauschend lief ein Bach, des rasche Welle
Sich Bahn durch Felsen brach, mit sanftem Hang
Und vielgewunden, bis zu jener Stelle.
Nun trat mein Fhrer auf verborgnem Gang
Den Rckweg an entlang des Baches Windung;
Und wie ich, rastlos folgend, aufwrts drang,
Da blickte durch der Felsschlucht obre Rundung
Der schne Himmel mir aus heitrer Ferne,
Und eilig stiegen wir aus enger Mundung
Und traten vor zum Wiedersehn der Sterne.




Das Fegefeuer


Erster Gesang

Zur Fahrt in bessre Fluten aufgezogen
Hat seine Segel meines Geistes Kahn,
Und lt nun hinter sich so grimme Wogen.
Zum zweiten Reiche hin geht seine Bahn,
Wohin zur Reinigung die Geister schweben,
Um wrdig dann dem Himmelreich zu nahn.
Doch hier mag sich die tote Dichtung heben,
O heilge Musen, da ich euer bin!
Hier mg empor Kalliopeia streben!
Sie folge mir mit jenem Ton dahin,
Des Streich, die armen Elstern einst erschreckend,
Verzweiflung bracht in ihren stolzen Sinn.
Des Saphirs holde Farbe, ganz bedeckend
Des reinen thers heiteres Gebu
Und bis zum ersten Kreise sich erstreckend,
Erschuf vor mir der Augen Wonne neu,
Sobald ich jetzt der toten Luft entklommen,
Die Aug und Brust getrbt in Nacht und Scheu.
Der schne Stern, der Lieb erregt, entglommen
Im Osten, hatt in Lcheln ihn verklrt,
Die Fisch umschleiernd, die mit ihm gekommen.
Dann rechts, dem andern Pole zugekehrt,
Erblickt ich eines Viergestirnes Schimmer,
Des Anschaun nur dem ersten Paar gewhrt.
Der Himmel schien entzckt durch sein Geflimmer.
O du verwaistes Land, du der Nord,
Du siehst den Glanz der schnen Lichter nimmer.
Als ich darauf vom Viergestirne fort
Ein wenig hin zum andern Pole sah,
Da war verschwunden schon der Wagen dort.
Und einen Greis, allein, sah ich mir nahe,
Der Ehrfurcht also wert an Mien und Art,
Da mir, als obs mein Vater sei, geschhe.
Lang war, mit weiem Haar vermischt, sein Bart
Und gleich dem Haar des Haupts, das, niedersinkend
Als Doppelstreif, der Brust zur Hlle ward.
Sein Angesicht, die heilgen Strahlen trinkend
Des Viergestirnes, war so schn und klar,
Als sah ich es, vom Schein der Sonne blinkend.
"Wer seid ihr, die ihr fortflieht, wunderbar,
Aus ewger Haft, dem blinden Strom entgegen"
Er sprachs, bewegt des Bartes greises Haar,
"Wer leitet euch? Wer leuchtet euren Wegen,
Da ihr entstiegt den Schatten tiefer Nacht,
Die, ewig achwarz, der Hlle Tler hegend
Verlor des Abgrunds Satzung ihre Macht?
Hat neuer Ratschlu durch der Hlle Pforte
Verdammt in meine Grotten hergebracht?"--
Hier fhlt ich mich erfat von meinem Horte,
Und ehrerbietig macht er Braun und Knie
Mir alsogleich mit Hand und Wink und Worte
Und sprach: "Nicht durch mich selber bin ich hie;
Ein Weib kam bittend aus den hchsten Sphren,
Darob ich diesem mein Geleit verlieh.
Doch das dein Will ist, da ich dich belehren
Von unserm wahren Zustand soll, wie mag
Mein Will ein andrer sein, als zu gewhren!
Nicht sahe dieser noch den letzten Tag,
Doch war er nah ihm, so vom Wahn verblendet,
Da er gewi in kurzer Frist erlag.
Um ihn zu retten, ward ich abgesendet,
Und hierzu fand ich diesen Weg nur gut,
Auf welchem ich mich jetzt hierher gewendet.
Ich zeigt ihm schon der Snder ganze Brut,
Nun aber ist er die zu sehn bereitet,
Die hier sich lutern unter deiner Hut.
Lang wrs zu sagen, wie ich ihn begleitet.
Kraft kam von oben, helfend, da ich ihn,
Um dich zu hren und zu sehn, geleitet.
La dirs gefallen, da er hier erschien.
Er sucht die Freiheit--wie sie wert zu halten,
Wei, wer um sie des Lebens sich verziehn.
Du weits, du lieest gern sie zu erhalten,
In Utica die Hlle blutbenetzt,
Die hell am groen Tag sich wird entfalten.
Nicht ward der ewge Schlu von uns verletzt.
Er lebt und mich hlt Minos nicht gefangen.
Ich bin vom Kreis, wo deine Martia jetzt,
Noch keuschen Augs, dir ausspricht das Verlangen,
O heilge Brust, als dein sie anzusehn,
Drum woll uns, ihr zuliebe, wohl empfangen.
La uns durch deine sieben Reiche gehn,
Dann grߒ ich sie von dir in jenen Hallen,
Willst, dort erwhnt zu sein, du nicht verschmhn."
"Gefiel auch", sprach er, "Martia mir vor allen,
Da ich gelebt, so da ich ihr erwies,
Wodurch ich irgend wut, ihr zu gefallen,
Doch jetzt nicht mehr bewegen darf mich dies,
Da sie dort wohnt jenseits der nchtgen Wogen,
Wie festgesetzt ward, als ich sie verlie.
Doch hat ein Himmelsweib dich hergezogen,
Wie du gesagt, was brauchts da Schmeichelein?
Sie will, dies gngt, und treulich wirds vollzogen
Drum geh, zum weitern Weg ihn einzuweihn.
Ihn mu ein Gurt von glatter Bins umschnren,
Dann wasch ihm das Gesicht vom Schmutze rein.
Das Aug umnebelt, will sichs nicht gebhren,
Zum ersten Diener, der vom selgen Land
Herabgekommen ist, ihn hinzufhren.
Rings trgt der kleinen Insel tiefster Strand,
Wo Wog und Woge sich im Wechsel jagen,
Viel Binsen am morastig weichen Rand.
Die andern Pflanzen, welche Bltter tragen
Und sich verhrten, kommen da nicht auf,
Wos gilt, sich schmiegen, wenn die Wellen schlagen.
Doch kehrt von dort nicht rckwrts euren Lauf;
Die Sonne zeigt--seht, dort ersteht sie eben!--
Euch dann den leichtern Weg den Berg hinauf."
Hier sah ich ihn vor meinem Blick verschweben;
Stumm stand ich auf und sah auf meinen Hort,
In seinen Schutz und Willen ganz ergeben.
Er sprach: "Sohn, folge mir jetzt rckwrts. Dort
Neigt mehr und mehr die Ebene sich immer
Nach ihren letzten tiefsten Grenzen fort."
Schon trieb das Morgenrot mit lichtem Schimmer
Die Frhe vor sich her, und vom Gestad
Erkannt ich weit hinaus des Meers Geflimmer.
Nun gingen wir dahin auf dem Pfad,
Wie wer, verirrt, zum rechten Wege schreitend,
Sein Gehn umsonst glaubt, bis er ihn betrat.
Wir sahn den Tau bald, mit der Sonne streitend,
Doch, weil er dort an schattger Stelle war,
Sich minder schnell in leichtem Dunst verbreitend.
Worauf mein Hort mit seiner Hnde Paar
Sanft die zerstreuten, weichen Grser deckte,
Drob ich, denn seinen Vorsatz nahm ich wahr,
Ihm die betrnte Wang entgegenstreckte.
Rein wusch er mir die Farbe der Natur,
Die erst der Schmutz der Hlle ganz versteckte.
Nun gingen wir dahin auf der Flur
Am Strande fort, der nie ein Schiff erblickte,
Das wieder heim zum Vaterlande fuhr.
Dort, so wie der geboten, der uns schickte,
Umgrtet er mit schwachen Binsen mich,
Und wo er nur die niedre Pflanze knickte,
Erhob sie neu aus ihrer Wurzel sich.


Zweiter Gesang

Sol war zum Horizont herabgestiegen,
Des Mittagskreis, wo er am hchsten steht,
Sieht unter sich die Feste Zions liegen.
Nacht, welche sich ihm gegenber dreht,
War mit der Wag am Ganges vorgegangen,
Die, wenn sie zunimmt, ihrer Hand entgeht.
Drum hatten Eos weiߒ und rote Wangen
Dort, wo ich war, weil ihre Jugend schwand,
In hohem Gelb zu schimmern angefangen.
Wir waren noch am niedern Meeresstrand,
Und gingen, ob des fernen Wegs in Sorgen,
Im Herzen fort, indes der Krper stand.
Und wie in trber Rte, wenn der Morgen
Sich nhert, Mars, im Westen, nah dem Meer
Sich zeigt, von dichten Dnsten fast verborgen,
So sah ich jetzt ein Licht--o sh ichs mehr!
Und eilig, wie kein Vogel je geflogen,
Glitts auf des Meeres glattem Spiegel her.
Als ich von ihm die Augen abgezogen
Ein wenig hatt und zu dem Fhrer sprach,
Schiens heller dann und grer ob den Wogen.
Dann auf des Lichtes beiden Seiten brach
Ein weier Glanz hervor, und er entbrannte,
Wies nher kam, von unten nach und nach.
Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte,
Solang der Flgel erstes Wei erschien,
Rief, wie er nun den hehren Schiffer kannte:
"O eile jetzt, o eile, hinzuknien!
Sieh Gottes Engel! Falte deine Hndel
Nun siehst du solche Gottes Wink vollziehen.
Sieh, er verschmht, was Menschenwitz erfnde.
Nicht Segel, Ruder nicht--sein Flgelpaar
Braucht er zur Fahrt ans ferneste Gelnde.
Sieh, wies gen Himmel strebt so schn und klar!
Die Luft bewegt das ewige Gefieder,
Das nicht sich ndert wie der Menschen Haar."
Und wieder naht er sich indes und wieder
In hellerm Glanz, da nher solchen Schein
Mein Auge nicht ertrug, drum schlug ichs nieder.
Und leicht und schnell sah ich durch ihn allein
Das Schiff des Eilands niedern Strand gewinnen,
Auch drckt es kaum die Spur den Fluten ein.
Und als ein Selger stand vor meinen Sinnen
Am Hinterteil des Schiffes Steuermann,
Und mehr als hundert Geister saen drinnen.
"Als aus gypten Israel entrann";
Die Schar, gewi, das Ufer zu erreichen,
Fing diesen Psalm einstimmgen Sanges an.
Er macht auf sie des heilgen Kreuzes Zeichen,
Drum warf sich jeder hin am Meeresbord,
Dann sah man ihn schnell, wie er kam, entweichen.
Fremd schienen alle, welche blieben, dort,
Und um sich blickend sah ich sie verweilen,
Wie den, der Neues sieht am fremden Ort.
Von allen Seiten scho mit Feuerpfeilen
Den Tag die Sonne, die vom Meridian
Den Steinbock schon gezwungen, zu enteilen
Da hoben, die wir eben kommen sahn,
Nach uns die Stirn empor mit diesem Worte:
"Zeigt uns, dafern ihr knnt, zum Berg die Bahn."
Erwidert ward darauf von meinem Horte:
"Wit, wenn ihr whnt, wir wten hier Bescheid;
Wir sind so fremd wie ihr an diesem Orte.
Denn kurz vorher, eh ihr gekommen seid,
Sind auf so rauhem Weg wir angekommen,
Da hier zu klimmen Spiel, nicht Mh und Leid."
Wie jene nun am Atmen wahrgenommen,
Da ich noch lebe, schienen sie bewegt,
Ja, vor Erstaunen ngstlich und beklommen.
Und wie dem Boten, der den lzweig trgt,
Die Menge folgt, voll Neubegier sich pressend,
Und Tritt und Ste sonder Scheu ertrgt,
So drngten jetzt, mich mit den Augen messend,
Zu mir die hochbeglckten Seelen sich,
Beinah den Gang zur Reinigung vergessend.
Hervor trat eine jetzt, so inniglich
Mich zu umarmen, mit so holden Mienen,
Da mein Verlangen ganz dem ihren glich.
Leere Schatten, die Gestalt nur schienen!
Dreimal halt ich die Hnde hinter ihr,
Und dreimal kehrt ich zu der Brust mit ihnen.
Das Antlitz, glaub ich, malt Erstaunen mir,
Und jenen sah ich lchelnd rckwrts schweben,
Doch folgt ich ihm mit liebender Begier.
Und lieblich hrt ich ihn die Stimm erheben:
"Sei ruhig!" Da erkannt ich ihn und bat,
Er mge weilen und mir Antwort geben.
"Dich lieb ich," sprach er, als ich ihn genaht,
"Wie einst im Leib, so jetzt der Haft entbunden,
Drum weil ich--doch was gehst du diesen Pfad?"
"O mein Casella, hier nur eingefunden
Hab ich mich, um zur Welt zurckzugehn.
Doch wie bist du beraubt so vieler Stunden?"
Und er: "Drob ist kein Unrecht mir geschehn.
Mut er auch fters mich zurckeweisen,
Der mit sich fortnimmt, wann er will und wen.
Denn sein Will ist nur der des Ewig-Weisen.
Und seit drei Monden hat er gern gewhrt,
Wenn irgendwer verlangt hat, mitzureisen.
Auch mich, der ich mich zu dem Strand gekehrt,
Wo salzig wird der Tiber se Welle,
Empfing er liebevoll, da ichs begehrt.
Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle,
Wo er vereint mit freudigem Empfang
Die, so nicht Snde strzt zur Nacht der Hlle."
Und ich: "Hat dir nicht jenen Liebessang,
Den du gebt, ein neu Gesetz entrissen,
Der fters mir gestillt des Herzens Drang,
So la mich jetzt nicht seinen Trost vermissen;
Denn meine Seele, die der Leib umflicht,
Schwebt, da sie hier erscheint, in Kmmernissen."
"Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht
Begann er jetzt, und ach, die se Weise
Verklingt noch jetzt in meinem Innern nicht.
Mein Herr und ich, wir standen still im Kreise
Der andern dort und alle so beglckt,
Als kennten wir kein andres Ziel der Reise,
Nur seinen Tnen horchend, hochentzckt.
Da sieh bei uns den ehrenhaften Alten:
"Was, trge Geister, ists, das euch berckt?
Nachlssige, so lang euch aufzuhalten!
Zum Berg hin, wo man frei der Hllen wird,
Die Gottes Anblick noch euch vorenthalten!
Wie wenn, von Weizen oder Lolch gekirrt,
Die Tauben still im Stoppelfelde schmausen
Und keine mehr umherstolziert und girrt,
Dann aber, wenn erscheint, wovor sie grausen,
Sie alle jh, mit grrer Sorg im Sinn,
Von ihrer Weid empor im Fluge brausen;
So lief die Schar der Seelen jetzt dahin,
Vom Sange fort, zum Berge sonder Weile,
Wie wer da luft, allein nicht wei wohin;
Wir aber folgten mit nicht mindrer Eile.


Dritter Gesang

Trieb jhe Flucht auch alles, was vereinigt
Beim Snger war, zerstreut jetzt durch den Plan
Dem Berge zu, wo die Vernunft uns peinigt,
Doch drngt ich mich dem treuen Fhrer an.
Wie knnt ich ihn auch bei der Reife missen?
Wie kam ich wohl ohn ihn den Berg hinauf?
Er schien gepeinigt von Gewissensbissen.
wrdig reine Seele, wie emprt,
Wie qult der kleinste Fehler dein Gewissen!
Als seines Laufes Eil nun aufgehrt,
Bei welcher Wrd im Anstand nimmer waltet,
Da ward mein Geist, verengt erst und verstrt,
Zum Streben neu erweitert und entfaltet,
Und, das Gesicht dem Berge zugewandt,
Sah ich, dem Himmel zu, ihm hochgestaltet.
Die Sonne, hinter mir in rotem Brand,
War vor mir, nach Gestaltung und Gebrde,
Gebrochen, da mein Leib ihr widerstand.
Und bang, da ich allein gelassen werde,
Kehrt ich mich schleunig seitwrts, da ich sah,
Beschattet sei vor mir allein die Erde.
"Was argwhnst du" begann mein Trster da,
Zu mir gewandt, erratend, was ich dachte,
"Glaubst du, ich sei dir nicht, wie immer, nah?
Dort liegt der Leib, in dem ich Schatten machte,
An Napels Strand, den jetzt schon Nacht umflicht,
Wohin man einst von Brindisi ihn brachte.
Beschatt ich jetzt vor mir die Erde nicht,
So staune nicht darum--deckt doch der Schimmer
Des einen Himmels nie des andern Licht.
Dergleichen Krper schafft der Herr noch immer,
Damit sie dulden Hitz und Frost und Pein,
Doch wie ers macht, entschleiert er uns nimmer.
Tor, wer da hofft, er dring in alles ein
Mit der Vernunft, selbst in endlose Sphren,
Wo er, der Ewge, einer ist in drein.
Strebt, Menschen, doch das Wie nicht aufzuklren;
Denn wrs gestattet, alles zu erschaun,
Nicht brauchte dann Maria zu gebren.
Wohl mancher drft auf seinen Geist vertrauen,
Dem noch die Sehnsucht, alles zu erkunden,
Geblieben ist zu ewiglichem Graun.
Du weit, wo wir den Plato aufgefunden
Und manchen sonst." Er schwieg, die Stirn geneigt,
Und alle Heiterkeit schien ihm geschwunden.
Wir kamen hin, von wo man aufwrts steigt.
Dort oben ist der Fels so steil gelegen,
Da sich kein Raum zu einem Dritte zeigt.
Der rauhste von den den Felsenwegen
Inmitten Lerci und Turbia schmiegt
Sich sanft und leicht, stellt man ihn dem entgegen.
"Wer wei, zu welcher Hand der Hang sich biegt."
Der Meister sprachs und hielt jetzt ein im Schreiten,
"So da auch der hinauf kann, der nicht fliegt?"
Er lie indes den Blick zum Boden gleiten
Und nahm im Geist des Pfades Prfung wahr.
Doch ich sah aufwrts nach des Berges Seiten,
Und da erschien mir linksher eine Schar,
Die schien so langsam zu uns her zu schweben,
Da kaum Bewegung zu bemerken war.
"La," sprach ich, "Meister, deinen Blick sich heben,
Die Rat erteilen knnen, nahen schon,
Dafern du nicht vermagst, ihn selbst zu geben."
Frei schaut er auf, und alle Sorgen flohn.
"Nur langsam". sprach er, "geht ihr Gang vonstatten,
Drum gehn wir hin. Getrost jetzt, ser Sohn!"
Wir waren noch entfernt von jenen Schatten
Und ihnen etwa steinwurfweit genaht,
Als wir getan an tausend Schritte hatten.
Da drngten alle sich ans Felsgestad
Und standen still und dicht, uns zugewendet,
Wie wen Bedenken hemmt auf seinem Pfad.
"O Auserwhlte, die ihr wohl geendet,"
Begann Virgil, "wie einst euch Friede jetzt,
Den, wie ich glaube, Gott euch allen spendet,
So zeigt uns des Gebirges Abhang jetzt
Und lat uns einen Weg nach oben sehen,
Denn Zeitverlieren schmerzt den, der sie schtzt."
Gleichwie die Schflein aus dem Stalle gehen,
Eins, zwei und drei, indessen noch verzagt
Die andern mit gebeugten Kpfen stehen,
Bis was das erste tat, nun jedes wagt,
Wenn jenes harrt, geduldig die Beschwerde
Des Drangs ertrgt und nach dem Grund nicht fragt;
So sah ich jetzt von der beglckten Herde
Die vordem sich bewegen und uns nahn,
Das Antlitz zchtig, ehrbar die Gebrde.
Wie sie das Licht zur Rechten meiner Bahn
Geteilt und, als des Erdenleibes Zeichen,
Die Felsenwand von mir beschattet sahn,
Sah ich sie stehn und etwas rckwrts weichen.
Die andern wuten zwar nicht, was geschehn,
Doch alle taten sie sofort desgleichen.
"Ohn eure Frage will ich euch gestehn,
Noch einem Menschen ist der Krper eigen,
Von welchem ihr das Licht geteilt gesehn.
Doch lat Verwunderung und Staunen schweigen;
Nicht ohne Kraft, die Gott nur geben kann,
Sucht er die schroffe Wand zu bersteigen."
Mein Hort sprachs, und die wrdge Schar begann,
Uns mit der Hnde Rcken Zeichen gebend:
"Kehrt wieder um und schreitet uns voran!"
Und einer drauf, zu mir die Stimm erhebend:
"Wer du auch seist, blick um, mich anzuschaun,
Besinne dich: Sahst du mich jemals lebend`?"
Ich wandt auf ihn die Augen voll Vertraun.
Blond war er, schn, von wrdigen Gebrden,
Doch war gespalten eine seiner Braun.
Demtig sagt ich, da ich ihn auf Erden
Niemals gesehn; da aber hie er mich
Aufmerksam auf die Wund am Busen werden,
Und lchelnd sprach er dann: "Manfred bin ich!
Wenn dich zur Welt zurck die Schritte tragen,
Zu meiner Tochter geh, ich bitte dich,
Die unterm Herzen jenes Paar getragen,
Das Aragonien und Sizilien ehrt,
Ihr Wahres, wenn man andres sagt, zu sagen.
Als zweimal mich durchbohrt des Feindes Schwert,
Da bergab ich weinend meine Seele
Dem Richter, der Verzeihung gern gewhrt.
Oh gro und schrecklich waren meine Fehle,
Doch gro ist Gottes Gnadenarm und fat,
Was sich ihm zukehrt, so da keiner fehle.
Und wenn Cosenzas Hirt, der sonder Rast,
Wie Clemens wollte, mich gejagt, dies eine
Erhabne Wort der Schrift wohl aufgefat,
So lgen dort noch meines Leibs Gebeine
Am Brckenkopf bei Benevent, vom Mal
Geschtzt der schweren aufgehuften Steine.
Nun netzts der Regen, dorrts der Sonnenstrahl,
Dort, wo ers hinwarf mit verlschten Lichten,
Dem Reich entfhrt, entlang dem Verdetal.
Doch kann ihr Fluch die Seele nicht vernichten,
Aus welcher nicht die frohe Hoffnung weicht,
An ewger Liebe neu sich aufzurichten.
Wahr ists, da, wer im Kirchenbann erbleicht,
War auch zuletzt in ihm die Reu entglommen,
Doch dieser Felswand Hhe nicht erreicht,
Bis dreiigmal die Zeit, seit ihm genommen
Der Kirche Segen ward, verflossen ist,
Krzt diese Zeit nicht ab das Flehn der Frommen.
Sieh, ob du mir zum Heil gekommen bist,
Wenn du Konstanzen, wie du mich gesehen,
Entdeckst und ihr verkndest jene Frist,
Denn viel gewinnt man hier durch euer Flehen."


Vierter Gesang

Wenn etwas, was uns wohltut oder krnkt,
Uns eine Seelenkraft in Aufruhr brachte,
Und sich die Seel in diese ganz versenkt,
Dann scheints, als ob sie keiner andern achte;
Und dies beweist genugsam gegen den,
Der uns belebt von mehrern Seelen dachte.
Indem wir etwas hren oder sehn,
Was stark uns anzieht, ist die Zeit verschwunden,
Bevor wirs glauben und es uns versehn.
Denn anders wird die Kraft, die hrt, empfunden,
Und anders unsrer Seele ganze Kraft;
Frei ist die erste, diese scheint gebunden.
Davon erhielt ich jetzo Wissenschaft--
Indessen ich gehorcht und stillgeschwiegen,
Weil Staunen mir die Seele hingerafft,
War fnfzig Grad die Sonn emporgestiegen,
Eh ichs bemerkt--da ward ein Ruf mir kund
Von den gesamten Seelen: "Seht die Stiegen!"
Die ffnung, die mit einem Dorngebund,
Wenn sich die Traube brunt, die Winzer schlieen,
Ist weiter oft als hier der Felsenschlund,
Durch welchen uns die Seelen klimmen hieen.
Er vor, ich folgend, stiegen wir allein
Den Felsweg, da die ndern uns verlieen.
Empor zu Bismantova und bergein
Bei Noli kann man auf den Fen dringen,
Doch wer hier aufstrebt, mu beflgelt sein;
Ich meine, mit der groen Sehnsucht Schwingen,
Die mich dem Fhrer nachzog mit Gewalt,
Der Licht mir gab und Hoffnung zum Gelingen.
Wir stiegen innerhalb dem Felsenspalt,
Von ihm bedrngt, und fanden kaum mit Hnden
Und Fen unter uns am Boden Halt.
Nachdem wir aus den rauhen. schroffen Wnden
Emporgelangt zum offenen Gestad,
Da fragt ich: "Meister, sprich, wohin uns wendend"
Und er: "Mir nach, zur Hhe geht dein Pfad!
Rckwrts darf keiner deiner Schritte weichen,
Bis irgendwo ein kundger Fhrer naht!"
Den Gipfel konnte kaum der Blick erreichen;
Die Seite ging, stolz, senkrecht fast, hinan,
Dem Hang der Pyramide zu vergleichen.
Ich war bereits ermattet und begann:
"O ser Vater, peinlich wird die Reife!
Schau her und sieh, da ich nicht folgen kann!"
"Bis dorthin schleppe dich!" So sprach der Weise
Und zeigt auf einen Vorsprung nahe dort,
Von dem es schien, da er den Berg umkreise.
Mir war ein Sporn des edlen Meisters Wort,
Mit aller Kraft die Reise fortzusetzen;
So kroch ich bis zum Bergesgrtel fort.
Und dort verweilten wir, um uns zu setzen,
Ostwrts, nach dem erklommnen Pfad gewandt,
An dem sich gern der Wandrer Blicke letzen.
Die Augen kehrt ich erst zum tiefen Strand,
Dann als ich sie zur Sonn emporgeschlagen,
Die uns zur Linken, Gluten sprhend, stand,
Da sah Virgil, da ich des Lichtes Wagen
Anstaunte, weil er zwischen Mitternacht
Und unserm Standort schien dahinzujagen,
Und sprach: "Wenn jenem Spiegel ewger Macht
Castor und Pollux jetzt Begleiter wren,
Ihm, welcher auf- und abfhrt Licht und Pracht,
So wrd er, kreisend nher bei den Bren,
Wenn er vom alten Weg nicht abgeirrt,
Mit seiner Glut den Zodiak verklren.
Bedenke nur, wenn dich dies Wort verwirrt,
Da dieser Berg mit Zions heilgen Hhen
Begrenzt von einem Horizonte wird,
Doch beid auf andern Hemisphren stehen;
Die Bahn, die Phaethon, der Tor, durchreist,
Ist drum von hier zur linken Hand zu sehen,
Indes sie dorten sich zur rechten weist--
So hoff ich denn, da du zur klaren Kenntnis,
Wenn du wohl aufgemerkt, gefrdert seist."
"Gewi, mir ward so klar noch kein Verstndnis
Als hier," begann ich, "wo mir dein Beweis
Ersetzt den Mangel eigener Erkenntnis.
Der ewigen Bewegung mittler Kreis,
Den man quator in der Kunst benannte,
Der fest bleibt zwischen Sonn und Wintereis,
Zeigt, wie ich wohl aus deiner Red erkannte,
Sich nordwrts hier, wie ihn die Juden sahn,
Wenn sich ihr Antlitz gegen Sden wandte.
Doch sprich, wie weit hinauf geht unsre Bahn?
Denn sieh, so hoch, wie kaum die Augen kommen,
Steigt ja des Berges Gipfel himmelan."
Und er: "Wer ihn zu steigen unternommen,
trifft groe Schwierigkeit an seinem Fu,
Die kleiner wird, je mehr man aufgeklommen.
Drum, wird dir erst die Mhe zum Genu,
Erscheint dirs dann so leicht, emporzusteigen,
Als gings im Kahn hinab den muntern Flu,
Dann wird sich bald das Ziel des Weges zeigen,
Dann wirst du sanft von deinen Mhen ruhn.
Dies ist gewi, vom andern will ich schweigen."
Er sprachs, und eine Stimm ertnte nun
Ganz nah bei uns: "Eh ihr so weit gegangen,
Wird euch vielleicht zu sitzen ntig tun."
Wir sahn dorthin, woher die Wort erklangen,
Und linkshin lag ein Felsenblock uns nah,
Der bis dahin mir und auch ihm entgangen.
Hin schritten wir und fanden Leute da
Verdeckt vom Felsen und in seinem Schatten,
In welchen ich ein Bild der Trgheit sah.
Und einer, wie im gnzlichen Ermatten,
Sa dorten und umarmte seine Knie,
Die das gesunkne Haupt inmitten hatten.
"Der ist gewi der Faulheit Bruder! sieh,"
Begann ich, "sieh nur hin, mein ser Leiter,
Denn sicher sahst du einen Trgern nie."
Da kehrt er sich zu mir und dem Begleiter,
Hob, doch nur bis zum Schenkel, das Gesicht
Und sprach: "Bist du so stark, so geh nur weiter."
Und da erkannt ich ihn und sumte nicht,
Noch atemlos vom Klettern, vorzustreben
Bis hin zu ihm, und sah ihn, als ich dicht
Schon bei ihm stand, das Haupt kaum merkbar heben.
"Zur Linken fhrt der Sonnenwagen fort,"
Begann er nun, "hast du wohl acht gegeben?"
Ich mute lcheln bei dem kurzen Wort
Und bei den faulen, langsamen Gebrden;
Worauf ich sprach: "Belaqua, dieser Ort
Bezeugt mir deutlich, du wirst selig werden.
Doch sprich: harrst du des Fhrers sitzend hier?
Wie? oder treibst dus hier noch wie auf Erden?"
"Bruder," sprach er, "was hilft das Steigen mir?
Ich wrde doch zur Qual nicht kommen sollen,
Denn Gottes Pfrtner weist mich weg von ihr.
Hier auen mu um mich der Himmel rollen,
So oft als er im Leben tat, da spt
Und erst im Tod mein Herz bereuen wollen,
Wenn mir nicht frher beispringt das Gebet,
Das sich aus glubger Brust emporgerungen.
Was hlf ein andres, da es Gott verschmht?"
Schon war vor mir Virgil hinaufgedrungen,
Und rief: "Jetzt komm, schon hat in lichter Pracht
Die Sonne sich zum Mittagskreis geschwungen,
Und Mauritanien deckt der Fu der Nacht."


Fnfter Gesang

Schon hatt ich, auf der Spur des Fhrers steigend,
Mich ganz von jenen Seelen abgewandt,
Als ein, auf mich mit ihrem Finger zeigend,
Mir nachrief: "Seht den untern linker Hand
Die Sonne teilen und den Grund beschatten
Und tun, als lebt er noch in jenem Land."
Sobald mein Ohr erreicht die Tne hatten,
Kehrt ich mich ihnen zu, und jene sahn
Erstaunt nur mich, nur mich und meinen Schatten.
Da sprach Virgil: "Was zieht dich also an,
Da du den Gang zum Gipfel aufgeschoben"
Und jenes Flstern, was hat dirs getan?
Was man auch spreche, folge mir nach oben!
Steh wie ein fester Turm, des stolzes Haupt
Nie wankend ragt, wenn auch die Winde toben.
Das Ziel entweicht, dem man sich nah geglaubt,
Wenn sich Gedanken und Gedanken jagen
Und einer stets die Kraft dem andern raubt."
"Ich komme schon!" Was knnt ich anders sagen,
Da mich mein Fehler zum Errten zwang,
Das oft mir schon Verzeihung eingetragen?
Indessen sahn wir quer am Bergeshang
Nah vor uns eine Schar von Seelen kommen,
Die Vers fr Vers ihr Miserere sang.
Wie sie an meinem Leibe wahrgenommen,
Da er den Strahlen undurchdringlich sei,
Da ward ihr Sang zum Oh! lang und beklommen.
Und, gleich Gesandten, kamen ihrer zwei,
Uns beide zu befragen, wer wir wren,
In vollem Laufe bis zu uns herbei.
Da rief Virgil: "Ihr knnt zurckekehren.
Sein Leib ist wirklich ganz von Fleisch und Bein,
Und solches mgt ihr jenen dort erklren.
Und wenn sie, wie ich glaube, dort allein,
Um seinen Schatten anzusehn, verweilen,
So wissen sie genug, um froh zu sein."
Und schnell hingleitend, wie, gleich Feuerpfeilen,
Entflammte Dnste, wenn die Nacht beginnt,
Durchs heitere Gewlb des Himmels eilen;
So kehrten sie empor, um dann geschwind
Sich mit den andern nach uns umzudrehen,
Gleich einer Schar, die ohne Zaum entrinnt.
"Sieh, viele kommen jetzt, dich anzuflehen,
In dichtem Drang," so sprach mein Meister drauf,
"Doch geh nur immer fort und horch im Gehen."
"O du, der du zum Heil den Berg herauf
Die Glieder trgst, die immer dich umfingen,"
So riefen sie, "hemm etwas deinen Lauf.
Sieh, um zur Welt von uns Bericht zu bringen,
Uns an--erkennst du Antlitz und Gestalt?
Was weilst du nicht? Was eilst du, vorzudringen?
Gettet sind wir alle durch Gewalt.
Der Snd uns bis zur letzten Stunde weihend,
Allein im Tod von Himmelsglanz umwallt,
Verstarben wir, bereuend und verzeihend,
Und fhlten Gottes Frieden und das Licht,
Nach seinem Anschaun Sehnsucht uns verleihend."
Und ich: "Zwar kenn ich keinen von Gesicht,
Doch fordert nur, ihr, die ihr wohl geboren,
Und das, was ich vermag, verweigr ich nicht.
Bei jenem Frieden sei es euch beschworen,
Den ich, fortklimmend auf des Fhrers Spur,
Von Welt zu Welt, zum Ziele mir erkoren."
Darauf begann der eine: "Hindert nur
Nicht Ohnmacht deinen Willen, so vertrauen
Wir dem, was du versprachst, auch ohne Schwur.
Und solltest du, ein Lebender, die Auen
Der Mark Ankona jemals wiedersehn
So will ich fest auf deine Gte bauen.
La die von Fano glubig fr mich flehn,
Da mir gestatten himmlische Gewalten,
Zur Reinigung von schwerer Schuld zu gehn.
Von dort war ich--allein die tiefen Spalten,
Woraus das Blut, in dem ich lebte, flo,
Hab ich in Paduas Bezirk erhalten,
Des Scho mich, den Vertrauenden, umschlo.
Zum Mord hatt Este den Befehl gegeben,
Der mehr der Gall, als Recht, auf mich ergo.
Den Mordstahl sah ich bei Oriac sich heben,
Doch wenn ich Mira mir zur Flucht erkor,
So wrd ich dort noch, wo man atmet, leben.
Ich lief zum Sumpf, und dort, in Schlamm und Rohr,
Verstrickt ich mich und fiel und sah die Erde
Rings um mich her gemacht zum blutgen Moor."
Ein andrer: "Wie dein Wunsch befriedigt werde,
Des Fittich hin zum Bergesgipfel fleugt,
So krz auch mir mitleidig die Beschwerde.
In Montefeltro hat mich Guid erzeugt;
Ach wenn Johannen noch mein Schicksal rhrte,
Nicht ging ich mehr mit diesem hier gebeugt."
"Welche Gewalttat, welch Verhngnis fhrte,"
So sprach ich, "dich so weit vom Campaldin,
Da niemand noch bis jetzt dein Grab ersprte."
"Oh," sprach er drauf, "am Fu des Casentin
Strmt vor der Archian, ein Flu, entsprungen
Beim Kloster oberhalb im Apennin.
Bis dorthin, wo sein Namenslaut verklungen,
Floh ich, durchbohrt den Hals, zu Fue fort;
Und blutleer schon, von Todesfrost durchdrungen,
Verlor ich dorten Augenlicht und Wort,
Um in Marias Namen wohl zu enden,
Und fiel und lie die leere Hlle dort.
Da fhlt ich mich in eines Engels Hnden,
Doch schreiend fuhr ein Teufel auch herzu:
"Wie, du vom Himmel, willst mir den entwenden?
Wahr ists, was ewig ist, erbeutest du
Nur durch ein Trnlein, das ihn mir entzogen,
Doch gnn ich nun dem andern keine Ruh."
Du weit, wenn feuchten Dunst emporgezogen
Die Sonne hat, so strzt er, wenn ihn dann
Die Klte fat, zurck in Regenwogen.
Zum Willen nun, der stets nur Bses sann,
Fgt er Verstand, und Rauch und Sturm erregte
Die Kraft in ihm, die sie erregen kann.
Als drauf der Tag erloschen war, belegte
Er Pratomagnos Tal mit schwarzem Duft,
Der vom Gebirg sich drohend herbewegte.
Zu Fluten wurde nun die schwangre Luft,
Zum Strombett rann, was von den Regengssen
Der Grund nicht trank, hervor aus Tal und Kluft.
Der Archian, gleich andern groen Flssen,
Ergo zum Knigsstrom den Sturmeslauf,
Dem Fels und Baum zertrmmert weichen mssen.
Wie nun den starren Leib, nicht weit herauf
Von seiner Mndung, jene Flut gefunden,
Da lste sie das Kreuz am Busen auf,
Das ich gemacht, da Schmerz mich berwunden,
Und wirbelte zum Strom die trge Last.
Dort liegt sie nun im Grund, von Schlamm umwunden."
Als drauf der dritte Geist das Wort gefat,
Sprach er: "Wenn du, zur Welt zurckgekommen,
Erst ausgeruht vom langen Wege hast,
So la dein Hiersein auch der Pia frommen.
Siena gebar, Maremma tilgte mich,
Und er, von dem ich einst den Ring bekommen,
Der Treue Pfand, er wei, wie ich erblich."


Sechster Gesang

Wenn Spieler sich vom Wrfelspiel entfernen,
Bleibt, der verlor, betrbt und rgerlich
Und wirft und wirft, ums besser zu erlernen
Doch alles drngt um den Gewinner sich.
Der folgt und sucht, wie er sein Kleid erlange,
Ein andrer, seitwrts, spricht: Gedenk an mich.
Doch er verweilt nicht, hrt auf keinen lange,
Und wem er etwas gibt, der macht sich fort;
So kommt er los vom lstigen Gedrange.
So war ich in dem dichten Haufen dort,
Und mute hier den Kopf und dorthin wenden
Und lste mich durch manch Verheiungswort;
Sah Benincasa, der den Wtrichshnden
Des Ghin erlag, und sah darauf auch ihn,
Des Los war, jagend in der Flut zu enden.
Novelle bat mich flehend, zu verziehn;
Auch der von Pisa dann, durch den der gute,
Der wackere Marzucco stark erschien.
Graf Orfo auch, und der im Frevelmute
Vertilgt ward, wie er sagt, aus Neid und Groll,
Nicht weil auf ihm ein schwer Verbrechen ruhte,
Den Broccia mein ich--mag sich demutsvoll
Zur Reue die Brabanterin bequemen,
Wenn sie zu schlechterm Tro nicht kommen soll.
Kaum war ich frei von allen jenen Schemen,
Die dort mich angefleht, zu flehn, da sie
Zur Heiligung mit grrer Eile kmen;
Da sprach ich: "Du, der stets mir Licht verlieh,
Hast irgendwo in deinem Werk geschrieben,
Den Schlu des Himmels beuge Flehen nie.
Doch hrtest du, wozu mich diese trieben.
Tuscht nun vielleicht die Hoffnung diese Schar?
Ist unklar mir vielleicht dein Sinn geblieben?"
"Nicht tuscht sie Hoffnung, und mein Wort ist klar,"
So sprach er drauf, "du magst es nur betrachten
Mit hellem Geist, so wird dirs offenbar.
Ist fr gebeugt das strenge Recht zu achten,
Wenn das erfllt der Liebe heier Trieb,
Was jenen oblag und sie nicht vollbrachten?
Da, wo ich jenen Grundsatz niederschrieb,
Da shnte man durch Bitten keine Snden,
Weil ungehrt von Gott die Bitte blieb.
Doch kannst du jetzt so tiefes nicht ergrnden,
So harr auf sie, die zwischen deinem Geist
Und ewger Wahrheit wird ein Licht entznden.
Beatrix ists, wenn dus vielleicht nicht weit,
Die Lchelnde, Beglckte, die zu sehen
Des hohen Berges Gipfel dir verheit."
Und ich: "Mein Meister, la uns schneller gehen!
Mir kehrt die Kraft, die kaum noch unterlag,
Und sieh, schon werfen Schatten jene Hhen."
"Wir gehn soweit als mglich diesen Tag,"
Entgegnet er, "doch andres wirst du finden,
Als eben jetzt dein Geist sich denken mag.
Die Sonne, deren Strahlen jetzt verschwinden,
So, da zugleich dein Schatten flieht, sie kehrt,
Bevor wir uns empor zum Gipfel winden.
Doch eine Seele sieh, uns zugekehrt,
Allein, betrachtend, wie du dich bewegtest.
Gewi, da sie den nchsten Weg uns lehrt."
O Geist von Mantua, wie du lebend pflegtest,
So bliebst du stolzen, strengen Angesichts,
Indem du langsam ernst die Augen regtest.
Er lie uns beide gehn und sagte nichts,
Gleich einem Leun, der ruht, uns still betrachtend
Mit scharfem Strahle seines Augenlichts.
Allein Virgil, nur nach der Hhe trachtend,
Befragt ihn: "Wo erklimmt man diese Wand?"
Doch jener, nicht auf seine Fragen achtend,
Fragt uns nach unserm Leben, unserm Land.
Und: "Mantua"--begann nun mein Begleiter;
Da hob der Schatten, erst in sich gewandt,
Sich schnell vom Sitz und ward teilnehmend heiter.
"Sordell bin ich, dein Landsmann!" rief er aus,
Und, selbst umarmt, umarmt er meinen Leiter--
Italien, Sklavin, Schlund voll Schmerz und Graus,
Schiff ohne Steurer auf durchstrmten Meeren,
Nicht Herrscherin der Welt, nein, Hurenhaus;
Wie sah ich jenen Schatten dort, den hehren,
Beim sen Klange seiner Vaterstadt
Hereilen, um den Landsmann froh zu ehren.
Doch deine Lebenden sind nimmer satt,
Im tollen Kampf sich wechselweis zu morden,
Selbst die umschlossen eine Mauer hat.
Elende, such an deinen Meeresborden,
Im Innern such und keinen Winkel letzt
Des Friedens Glck im Sden und im Norden.
Was hilft dirs, da dein Sattel unbesetzt,
Da Justinian die Zgel dir erneute?
Ohn ihn wr minder deine Schande jetzt.
Ihr hattet lngst mit frommem Sinn, ihr Leute,
Zu Csars Sitz den Sattel eingerumt,
Verstndet ihr, was Gottes Wort bedeute.
Seht, wie das wilde Tier sich tckisch bumt,
Seit niemand es die Sporen fhlen lassen,
Und ihr es, die ihrs zhmen wollt, entzumt.
O deutscher Albrecht, der dies Tier verlassen,
Das drum nun tobt in ungezhmter Wut,
Statt mit den Schenkeln krftig es zu fassen,
Gerechtes Strafgericht fall auf dein Blut
Vom Sternenzelt, auch sei es neu und offen,
Dann ist dein Folger wohl auf seiner Hut.
Was hat dich und den Vater schon betroffen,
Weil ihr, verdend diese Gartenaun,
Nach jenseits nur gestellt das gierge Hoffen.
Komm her, der Philipeschi Stamm zu schaun
Leichtsinniger, komm, sieh die Cappelletten,
Die schon gebeugt, und die voll Angst und Graun!
Komm, Grausamer, die Treuen zu erretten!
Sieh, ungestraft drngt sie der schnde Feind!
Sieh Santafior in wilder Ruber Ketten!
Komm her und sieh, wie deine Roma weint,
Und hre Tag und Nacht die Witwe sthnen:
Mein Csar, ach, warum nicht mir vereint?
Komm her und sieh, wie alle sich vershnen,
Komm her, und fhlst du dann auch Mitleid nicht,
So schme dich, da alle dich verhhnen.
Verzeih, o hchster Zeus im ewgen Licht,
Der du fr uns gekreuzigt wardst auf Erden,
Ist anderwrts gewandt dein Angesicht?
Wie? oder soll aus schrecklichen Beschwerden,
Ein neues Heil, von keinem Aug entdeckt,
Nach deinem tiefen Rat bereitet werden?
Wie voll Italien von Tyrannen steckt!
Will sich ein Bauer der Partei verschwren,
Gleich heits von ihm, Marcell sei auferweckt.
Du, mein Florenz, du kannst dies ruhig hren,
Da dieser Abschweif nimmer dich berhrt.
Nie lie sich ja dein wackres Volk betren.
Gerechtigkeit hegt vieler Herz, nur sprt
Man etwas spt, wie sehr es ihr gewogen,
Indes dein Volk sie stets im Munde fhrt.
Wenn Brgermtern viele sich entzogen,
Nimmt sie dein Volk freiwillig an und schreit:
Seht her, mich hat die Brde krumm gebogen!
Nun freue dich, wenn du verdienest Neid,
Du Reiche, du Friedselige, du Weise--
Ich red im Ernst, die Wahrheit liegt nicht weit.
Man spreche von Athen und Sparta leise!
Sollt ihr Gesetz wohl wert der Rede sein,
Wie sehr mans anpreist, neben deinem Preise?
Das, was du vorkehrst, ist gar dnn und fein;
Denn wenn dus im Oktober angesponnen,
Zerreit es im November kurz und klein.
Wie oft hast du geendet und begonnen,
Hast ber Mnz und Art, Gesetz und Pflicht,
Und Haupt und Glieder anders dich besonnen;
Bist du nicht vllig blind fr jedes Licht,
So mut du dich gleich einer Kranken sehen.
Ruh findet sie auf ihren Kissen nicht
Und wendet sich, den Schmerzen zu entgehen.


Siebenter Gesang

Nachdem sie wrdig und voll Freudigkeit
Drei-, viermal mit den Armen sich umgaben,
Da trat Sordell zurck: "Sprecht, wer ihr seid?"
"Eh sich zu diesem Berg gewendet haben
Die Seelen, welche Gott zu schauen wert,
Hat Octavianus mein Gebein begraben.
Ich bin Virgil.--Des Himmels Eingang wehrt
Mir Glaubensmangel nur, nicht andre Snde,"
So sprach Virgil, als jener es begehrt.
Als ob ein Wunder pltzlich hier entstnde,
Bei dem man sagt: Es ist! dann: Es ist nicht!
Und staunend glaubt, und nicht, da mans ergrnde;
So schien Sordell--dann neigt er das Gesicht,
Worauf er zu den Knien Virgils sich beugte
Und ihn umflocht, wo man den Herrn umflicht.
"O Latiums Ruhm, du, dessen Werk bezeugte,
Wie reich die Sprache sei an Kraft und Zier,
O ewger Preis der Stadt, die mich erzeugte,
Bringt mein Verdienst, mein Glck dich her zu mir?
Und wenn ich wert mich solcher Huld erweise,
So sprich, auf welchem Wege bist du hier?"
Virgil darauf: "Ich kam durch alle Kreise
Des wehevollen Reichs in dieses Land,
Und Himmelskraft bewegte mich zur Reise.
Nicht Tun, nein. Nichttun nur, hat mich verbannt,
Hinab verbannt von hoher Sonne Strahlen,
Die du ersehnst, die ich zu spt erkannt,
Zu jenen tiefen nachterfllten Talen,
Zum Ort, wo leises Seufzen nur ertnt,
Nicht Weheruf, noch Angstgeschrei von Qualen;
Wo um mich her die Schar der Kindlein sthnt,
Die ungetauft aus jener Welt geschieden,
Mit Gott fr Adams Schuld noch unvershnt.
Wo die sind, die mit irdschem Wert zufrieden,
Die Tugenden, bis auf die heilgen Drei,
Smtlich gebt und jede Schuld gemieden.
Doch, wenn du kannst, so bring uns Kunde bei,
Um schneller uns zu unserm Ziel zu leiten,
Wo wohl der Lutrung wahrer Anfang sei."
Und er: "Ich darf umher und aufwrts schreiten,
Denn kein gewisser Ort ist uns bestimmt.
Soweit ich gehn darf, will ich dich begleiten.
Doch sieh, wie schon des Tages Licht verglimmt,
Drum ist auf guten Aufenthalt zu sinnen,
Weil man bei Nacht nicht in die Hhe klimmt.
Dort rechts sind Seelen, nicht gar weit von hinnen;
Zu diesen, wenn du einstimmst, fhr ich dich,
Und denke wohl, du wirst dabei gewinnen."--
Virgil: "Wenns Nacht wird, steigt man nicht? So sprich,
Erliegt vielleicht die Kraft dann der Beschwerde?
Wie, oder widersetzt dann jemand sich?"
Mit seinem Finger streifte nun die Erde
Sordell und sprach: "Nicht hoffe, da bei Nacht
Dein Fu den Strich nur berschreiten werde.
An Steigen hindert sonst dich keine Macht
Als Dunkelheit, die, wie sie uns ermattet,
Verwirrt durch Ohnmacht unsern Willen macht.
Hinabzugehn und rckwrts ist gestattet,
Und irrend ringsumher zu gehn am Bord,
Wenn auch ihr Schleier noch die Welt umschattet."
Mein Meister stand erst wie bewundernd dort;
"Wie du versprachst," So hrt ich drauf ihn bitten,
"Geleit uns an den angenehmen Ort."
Wir waren eben noch nicht weit geschritten,
Da war ein hohler Raum am Berg zu sehn,
Ein Tal, das dort den Felsenrand durchschnitten.
"Dorthin", So sprach der Schatten, "la uns gehn,
Seht dort den Berg von einer Hhlung teilen,
Dort sehen wir den Morgen auferstehn."
Ein krummer Fupfad fhrte zwischen steilen
Felshhn und Ebene zum Rand der Schlucht,
Da hie Sordell am Abhang uns verweilen.
Gold, feines Silber und des Coccums Frucht,
Bleiwei und Indiens Blau in hellster Reine,
Smaragd, zerbrochen kaum--in dieser Bucht,
Bei dieses Grases, dieser Blumen Scheine
Schwnd ihrer Farben ganzer Glanz dahin,
Wie seinem Grern unterliegt das Kleine;
Nicht war Natur allein hier Malerin,
Mit laufend wunderbar gemischten Dften
Ergtzte sie auch des Geruches Sinn.
Salve, Regina, tnt es in den Lften
Von Seelen auf dem blumenreichen Beet,
Versteckt hierinnen zwischen Felsenklften.
"Bevor die Sonne ganz zu Rste geht,
Gehn", sprach Sordell, "wir nicht hinab zu ihnen,
Denn, wenn ihr hier auf diesem Felsen steht,
Erkennt ihr besser aller Art und Mienen,
Als sie im Tale selber, im Gedrang
So vieler groer Schatten euch erschienen.
Der hher sitzt und scheint, als htt er lang
Versumt, wozu ihn seine Pflicht verbunden,
Und nicht den Mund regt bei der andern Sang,
Jst Kaiser Rudolf, der Italiens Wunden
Zu heilen zwar vermocht, doch nicht geheilt,
So da es spt durch andre wird gefunden.
Der, dessen Anblick jetzt ihm Trost erteilt,
Einst Herr des Landes, das der Flu durchschneidet,
Der in die Elb, in ihr zur Meerflut eilt,
Hie Ottokar--mit Windeln noch umkleidet,
Weit besser doch, als Wenzeslaus, sein Sohn,
Der Brtge, der an ppigkeit sich weidet.
Der Kleingenaste dort--von Reich und Thron
Scheints, da er mit dem andern, Gtgen spreche--
Starb fliehend, zu der Lilien Schmach und Hohn.
Er schlgt die Brust, als ob das Herz ihm breche.
Den andern fehl--es ruhet sein Gesicht
In seiner aufgesttzten Linken Flche.
An Frankreichs Aussatz, an den Bsewicht,
Den Sohn und Eidam, denken sie, des Leben
Voll Schmutz und Schmach sie feindlich qult und sticht
Den Gliederstarken sieh! Mit dem daneben,
Dem Adlernasgen, singt er im Akkord
Und ragt einst hoch in jedem wackern Streben.
Und knnt, als er verstarb, der Jngling dort,
Der hinten sitzt, den Knigsthron ererben,
So ging von Stamm zu Stamm die Tugend fort.
Jakob und Friederich, die andern Erben,
Sie sollten zwar des Thrones Herrlichkeit,
Doch nicht des Vaters bessres Gut erwerben.
Denn selten nur soll Menschenredlichkeit,
Nach Gottes Schlu, neu aus der Wurzel Schlagen,
Weil er sie nur auf frommes Flehn verleiht.
Dem Adlernasgen ist dies auch zu sagen,
So gut als feiern, welcher mit ihm singt,
Weshalb Provence und Puglien sich beklagen,
Weil so viel schlechtem Keim sein Same bringt,
Als hher sich Konstanzas Gatt im Preise
Vor Beatrixens und Margretens schwingt.
Den Knig seht von schlichter Lebensweise,
Der einsam sitzt, Heinrich von Engelland,
Vergngt, da sich ihm gleich sein Spro erweise.
Der tiefer sitzt, den Blick emporgewandt,
Ist Markgraf Wilhelm, welchen noch die Seinen
In Montferrat, in Canaveser Land
Und Alessandrias Tck und Krieg beweinen.


Achter Gesang

Die Stunde war es, die zu stillem Weinen
Vor Heimweh den gerhrten Schiffer zwingt,
Am Tag, da er verlie die teuren Seinen,
Die Liebesleid dem neuen Pilgram bringt,
Wenn fernher, klagend ob des Tags Erbleichen,
Der Abendglocken Trauerlied erklingt.
Jedweder Laut schien mit dem Licht zu weichen,
Und eine von den Seelen trat hervor
Und heischt Aufmerksamkeit mit einem Zeichen
Und naht und hob die beiden Hnd empor,
Als sagte sie: Du, Gott, nur bist mein Trachten!
Indem ihr Blick im Osten sich verlor.
Te Lucis Ante--diese Worte brachten
Dann ihre Lippen vor. So fromm, so schn,
Da sie mich meiner Selbst vergessen machten.
Mit andachtsvollem lieblichem Getn
Stimmt ein der Chor zu reicher Wohllauts Flle,
Den Blick emporgewandt zu Himmelshhn.
Die Wahrheit liegt hier unter leichter Hlle;
Ist, Leser, jetzt dein Blick nur scharf und klar,
So wirst du leicht ersphn, was sie verhlle.
Demtig, bleich, sah ich die edle Schar
Nach oben schaun, erwartungsvoll und schweigend,
Und sah aus himmlischem Gewlb ein Paar
Von Engeln durch die Luft herniedersteigend,
Zwei Flammenschwerter zwar in ihrer Hand,
Allein mit abgebrochnen Spitzen zeigend;
Grn wie das Laub, das eben erst entstand,
Und, von der grnen Flgel Wehn getrieben,
Nach hinten zu leicht flatternd das Gewand.
Der eine blieb nah ber uns, und drben,
Jenseit des Tales, blieb der andre stehn,
So, da die Schatten in der Mitte blieben.
Ich konnte wohl die blonden Hupter sehn,
Doch am Gesicht verging mein Blick, geblendet,
Wie oft die Sinn am berma vergehn.
"Dies Paar ist aus Marias Scho gesendet,
Zur Hut des Tales, weil die Schlange naht."
So sprach Sordell, uns beiden zugewendet.
Und ich, der ich nicht wut, auf welchem Pfad,
Ich schaut umher, indem ich starr vor Grauen
Fest an des treuen Fhrers Rcken trat.
Sordell begann aufs neu: "Geht mit Vertrauen
Jetzt zu den Groen hin und sprecht sie an,
Denn lieb wirds ihnen sein, euch hier zu schauen.
Ich war im Grund, wie ich drei Schritt getan,
Und nach mir forschend sphn sah ich den einen,
Als sah er ein bekanntes Antlitz nahn.
Schon schwrzte sich die Luft, doch zwischen seinen
Und meinen Blicken lie sie, nah, was sich
Vorher durch sie verschlossen, klar erscheinen.
Nun ging ich auf ihn zu und er auf mich.
"Mein edler Richter Nin, o welch Vergngen!
Hier--nicht bei den Verdammten--find ich dich!"
Kein schner Gru ward zwischen uns verschwiegen.
Und er: "Wann bist du aus dem weiten Meer
Am Fue dieses Berges ausgestiegen?"
"Heut morgen kam ich aus der Hlle her",
Entgegnet ich, "und bin im ersten Leben,
Doch suche hier des knftigen Gewhr."
Und wie ich ihnen den Bescheid gegeben,
Da fuhr Sordell und er zurck, verstrt,
Als halt ein Wunder pltzlich sich begeben,
Der dem Virgil, der einem zugekehrt,
Der dorten sa, am grnen Talgestade:
"Auf, Konrad, sieh, was uns der Herr beschert."
Und drauf zu mir: "Erwies besondre Gnade
Dir der, des erster Grund verborgen ruht,
Wohin kein Geist je findet Furt und Pfade,
So sag einst jenseits dieser weiten Flut
Meiner Johanna, da sie fr mich flehe,
Zu ihm, der nach dem Flehn der Unschuld tut.
Nicht liebt die Mutter wohl mich noch wie ehe,
Da sie den Witwenschleier abgelegt,
Nach dem sie bald sich sehnt in ihrem Wehe.
An ihr sieh, wie ein Weib zu lieben pflegt,
Wenn ihre Liebesglut nicht um die Wette
Jetzt Anschaun, jetzt Betastung, neu erregt.
Gewi wird einstens ihre Grabessttte
Von Mailands Schlange nicht so schn geschmckt,
Als sie geschmckt der Hahn Galluras htte."
Er sprachs, und ihm im Antlitz ausgedrckt
War ein gerechter Eifer, der dem Weisen
Wohl durch das Herz, doch nur gemigt, zckt.
Ich blickte sehnlich nach des Himmels Kreisen
Dorthin, wo trger ist der Sterne Lauf,
So wie, der Achse nah, des Rades Kreisen.
Mein Fhrer sprach: "Was blickst du dort hinauf?"
Und ich: "Nach den drei Lichtern, denn mit ihnen
Geht ja am ganzen Pol ein Feuer auf."
Und er: "Die vier, die dir heut morgen schienen,
Sind tief jetzt unterm Horizont versteckt,
Und diese sind an ihrer Stell erschienen."
Hier ward ich durch den Ruf Sordells erschreckt:
"Den Widersacher seht!" Er sprachs und zeigte
Zur Gegend hin, den Finger ausgestreckt,
Wo sich das kleine Tal geffnet neigte;
Dort war die Schlange, die wohl jener glich,
Die Even einst die bittre Speise reichte.
Wie sie daher durch Gras und Blumen strich,
Hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf zum Rcken
Verdreht empor und leckt und putzte sich.
Nicht sah ich und vermags nicht auszudrcken,
Wie die zwei Engel sich bewegt zum Flug,
Doch deutlich sah ich sie herniederzcken.
Und wie ihr Flgelpaar die Lfte schlug,
Entfloh die Schlang, und jene beiden flogen
Zu ihrem Platz zurck in gleichem Zug.
Der Schatten, der von Ninos Ruf bewogen
Sich uns genhert, hatte bei dem Strau
Die Blicke nimmer von mir abgezogen.
"Die Leuchte, die dich fhrt zu Gottes Haus,
Sie find in deinem Willen und Verstande
Ihr l und gehe bis zum Ziel nicht aus."
So sprach er, "doch wenn von der Magra Strande
Du wahre Kunde hast, so gib sie mir,
Denn wiss, ich war einst gro in seinem Lande.
Corrado Malaspina spricht mit dir,
Der Alte bin ich nicht, doch ihm entsprungen;
Die Meinen liebt ich stets, doch reiner hier."
"Oh," sprach ich, "nimmer noch ist mirs gelungen,
Dies Land zu sehn, allein sein Nam und Wert
Ist, wo man in Europa sei, erklungen.
Der Ruf, der euer Haus erhebt und ehrt,
Schallt zu der Herrn, schallt zu des Landes Preise,
So da, wer dort nicht war, davon erfhrt.
Ich schwr es dir beim Ziele meiner Reise,
Da dein Geschlecht in voller Blte steht,
Des Muts, der Gastlichkeit, der edlen Weise.
Und wenn die Tollheit alle Welt verdreht,
Sitt und Natur wird ihm den Vorzug schenken,
Da es allein den schlechten Weg verschmht."
Und er: "Jetzt geh, nicht siebenmal versenken
Wird sich die Sonn im Bett an jenem Ort,
Den ringsumher des Widders Fߒ umschrnken,
So wird dir diese gute Meinung dort
In deinem Kopfe festgenagelt werden,
Mit bessern Ngeln als mit andrer Wort,
Wird nicht des Schicksals Lauf gehemmt auf Erden."


Neunter Gesang

Schon Thithons Buhlerin, entgleitend
Dem Arm des sen Freunds und einen Kranz
Von weiem Licht im Orient verbreitend,
Geschmckt die Stirn mit der Demanten Glanz,
Die jenes kalten Tiers Gestaltung zeigen,
Das tdlich sticht mit seinem giftgen Schwanz.
Zwei Schritte hatte, wo ich war, im Steigen
Die Nacht getan, um sich beim dritten jetzt
Mit ihren Fittichen herabzuneigen,
Als meine Sinne, da ich herversetzt
Mit Adams Erbschaft war, dem Schlaf erlagen
Und ich ins Gras sank, wo wir uns gesetzt.
Zur Stunde war es, wo mit bangen Klagen,
Wenn sich der Morgen naht, die Schwalbe girrt,
Vielleicht gedenkend ihrer ersten Plagen,
Und wo der Geist, vom Leibe nicht verwirrt,
Frei und entledigt von den Sorgen allen,
Im Traumgesicht beinahe gttlich wird.
Da sah ich, trumend, an des Himmels Hallen
Mit goldenem Gefieder einen Aar,
Gespreizt die Flgel, um herabzufallen.
Mir schiens der Ort, wo Ganymedes war,
Als er, indem die Seinen ihn umfingen,
Entrckt ward zu der ewgen Gtter Schar.
"Er pflegt vielleicht sich hier herabzuschwingen",
So dacht ich, "und verschmht, von anderm Ort
In seinen Klauen uns emporzubringen."
Ein wenig kreist er erst im Bogen dort,
Dann scho er, schrecklich, wie ein Blitz, hernieder
Und ri mich bis zum Feuer aufwrts fort.
Mir schien, ich brenn, auch brenne sein Gefieder,
Und ganz erglht von dem ertrumten Brand,
Erwacht ich jh aus meinem Schlummer wieder.
So fuhr Achill empor im fremden Land
Und drehte dann die wachen Blick im Kreise,
Weil er nicht wute, wo er sich befand,
Als Thetis ihn im Schlaf dem Chiron leise
Entfhrt und ihn nach Skyros hingebracht,
Von wo Uly ihn rief zur groen Reise;
Wie ich emporfuhr, da ich aufgewacht;
Doch fhlt ich Frost sich ber mich verbreiten,
Gleich einem, den der Schreck erstarren macht.
Mein treuer Hort allein war mir zur Seiten--
Zwei Stunden aufwrts stieg die Sonne schon
Und vor mir lagen frei des Meeres Weiten.
Da sprach mein Herr: "Nicht frchte dich, mein Sohn.
Mut, denn uns ist das Schwerste nun gelungen,
Drum halte fest die Kraft, die fast entflohn.
Zum Fegefeuer bist du nun gedrungen.
Den Felsen sieh, ders einschliet--sieh das Tor
Dort, wo, wies scheint, der Stein entzweigesprungen,
Noch glnzt Aurora nicht dem Tage vor,
Du aber lagst, den Geist vom Schlaf befangen,
Im Tale dort auf jenem Blumenflor,
Da kam ein Himmelsweib dahergegangen.
Lucien seh--den Schlfer nehm ich fort,
Und leichter soll er so zum Ziel gelangen.
Sordell blieb mit den andern Seelen dort;
Sie fate dich, und als der Tag begonnen,
Stieg sie empor mit dir an diesen Ort.
Ich folgt ihr; und als mir ihr Blick voll Wonnen
Das Tor gewiesen, legte sie dich hin
Und ging, und mit ihr war dein Schlaf entronnen."
Gleichwie wir, wenn uns offenen Gewinn
Die Wahrheit zeigte. Sorg und Furcht verjagen,
Von Mut und Lust erfllt den freien Sinn,
So ich--und da mich frei von Angst und Zagen
Mein Meister sah, so schritt er zu den Hhn,
Und ich auch stand nicht an, den Gang zu wagen.
Sieh, Leser, hier sich meinen Stoff erhhn,
Drum staune nicht, wenn grre Kunst die Worte,
Dem Stoff gem, sich aussucht, hoch und schn.
Wir gingen fort und nahten einem Orte,
Der erst als Felsenspalt erschien; doch nah
Erkannt ich in der ffnung eine Pforte.
Drei Stufen von verschiednen Farben sah
Ich unter ihr, um zu ihr aufzusteigen;
Dann auch erkannt ich einen Pfrtner da,
Der auf der hchsten sa in tiefem Schweigen,
Doch wie ich auf sein Antlitz hingewandt
Mein Auge hatte, mut ichs wieder neigen.
Er hatt ein nacktes Schwert in seiner Hand,
Und wollt ich auf dies Schwert die Blicke kehren,
So blitzt es her der Sonne Glanz und Brand.
"Von dorten sprecht: Was mgt ihr hier begehren?"
Sprach er. "Wer bracht euch bis zu mir empor?
Habt acht, sonst wird das Kommen euch beschweren."
Mein Meister drauf: "Uns sagte kurz zuvor
Ein Weib, vom Himmel selbst dazu berufen:
Kehrt dorthin euren Schritt, dort ist das Tor!
Da hrt ich gleich den edlen Pfrtner rufen:
"So mgt ihr denn durch sie zum Heile ziehen;
Kommt, schreitet weiter vor zu unsern Stufen!"
Wir kamen hin--die erste Stufe schien
Von Marmor, wei, von hchster Gltt und Reine,
Drin spiegelt ich mich ab, wie ich erschien.
Die zweite schien mir von verbranntem Steine,
Rauh, lang und quer geborsten und zerschlitzt,
Und ihre Farbe schwrzlichdunkle Brune.
Die dritte hchste Stuf erschien mir itzt
Wie Porphyr, flammend, gleich des Blutes Quelle,
Die frisch und warm aus einer Ader spritzt.
Dem Pfrtner diente sie zur Ruhestelle
Fr seine Fuߒ, und hher sa er dann
Auf der durchsichtgen diamantnen Schwelle.
Gern folgt ich meinem Fhrer dorthinan,
Der sprach: "Jetzt geh, ihn flehend zu begren,
Denn er ists, der das Schlo dir ffnen kann."
Demtig sank ich zu des Engels Fen,
Schlug dreimal erst auf meinen Busen mich
Und bat ihn, aus Erbarmen aufzuschlieen.
Mit seines Schwertes scharfer Spitze strich
Er sieben P auf meine Stirn und machte
Sie wund und sprach: "Dort drinnen wasche dich."
Noch, wenn ich Asch und Erdenstaub betrachte,
Seh ich des Kleides Farb, aus welchem er
Mit seiner Hand hervor zwei Schlssel brachte.
Von Gold war dieser und von Silber der.
Den weien sah ich ihn, den gelben drehen,
Und sieh, verschlossen war das Tor nicht mehr.
Er sprach darauf: "Trifft einer von den zween
Im Schlo beim Umdrehn irgend Widerstand,
So bleibt die Tre fest verschlossen stehen.
Mehr Wert hat der von Gold, doch mehr Verstand
Und Kunst wird jener, eh er schliet, bedrfen,
Denn er nur lst das vielverschlungne Band.
Beim ffnen sollt ich eher irren drfen,
Sprach Petrus, der sie gab, als beim Verschlu,
Wenn nur, die kmen, erst sich niederwrfen."
Er stie ans heilge Tor und sprach zum Schlu:
"So geht denn ein, doch da euchs nie entfalle,
Da, wer rckblickt, nach auen kehren mu."
Beim ffnen drehte mit so lautem Schalle
Die heilge Pfort in ihren Angeln sich,
Gemacht von starkem, klingendem Metalle,
Da es dem Knarren jenes Tores glich,
Vom Schlo Tarpeja, dessen Riegel sprangen,
Als der Gewalt Metell, sein Wchter, wich.
Ich horcht aufmerksam hin, denn Stimmen sangen,
Und ein Tedeum schien mir, was man sang,
Zu welchem volle se Tn erklangen.
Denn das, was jetzt zu meinen Ohren drang,
War, wie wenn zu Gesngen Orgeln gehen,
Und wir vor ihrem vollen hellen Klang
Die Worte halb verstehn, bald nicht verstehen.


Zehnter Gesang

Kaum war ich innerhalb der Tr der Gnade,
Die selten aufgeht durch den schlechten Hang,
Der grad erscheinen lt die krummen Pfade,
Da hrt ich, wie sie beim Verschlieen klang.
Wie wards auch wohl entschuldigt, wie verziehen,
Wenn nach ihr umzuschaun mich Neugier zwang?
Wir muten durch gespaltnen Felsen ziehen,
Der vor- und rckwrts sprang vor unsrer Bahn,
Wie Wogen sich anwlzen erst, dann fliehen.
"Jetzt gilt es", also fing mein Fhrer an,
"Wohl etwas Kunst, um hier und dort den Seiten,
Da, wo sie rckwrts weichen, uns zu nahn."
Wir durften drum nur Iangsam vorwrts schreiten,
Und schon war Lunas Rand dem Meer genaht,
Schon sah ich sie hinab ins Bette gleiten,
Eh wir zurckgelegt den engen Pfad;
Doch blieben wir an seinem offnen Rande,
Da, wo der Berg etwas zurcke trat,
Ich matt, und fremd wir beid in diesem Lande,
In Zweifeln stehn auf einem ebnen Ort,
Der d war wie ein Berg in Lybiens Sande.
Von wo sein Rand ans Leere grenzt, bis dort
Zum Fu der Felsen, die sich jenseits heben,
Ging ebner Raum drei Menschenlngen fort.
Soweit gradaus der Blicke Flgel schweben,
schien solch ein Raum zur recht und linken Hand
Den Berg, gleich einem Kranze, zu umgeben.
Wie ich dort still mit meinem Fhrer stand,
Erkannt ich, da der Felsrand, uns entgegen,
Der steil sich hob, gleich einer schroffen Wand,
Von weiem Marmor war und allerwegen
Voll Bildnerei, um Polyklet zur Scham,
Ja die Natur zum Neide zu erregen.
Der mit dem Friedensfchlu, den lngst in Gram
Die Welt ersehnt, aufs irdische Gefilde,
Den lang verschlonen Himmel ffnend, kam,
Der Engel war dort eingehaun, und Milde
Und Liebe tat so wahr sein Wesen kund,
Da niemand glaubt, es sei ein stumm Gebilde.
Man schwor, ein Ave schweb auf seinem Mund,
Denn sie war dort, durch die des Himmels Riegel
Der Hchste lst im neuen Liebesbund.
Es zeigte der Gebrde reiner Spiegel
Das Wort: Sieh Gottes Magd, so ausgeprgt,
Wie sich im Wachs ausprgt das schne Siegel.
"Was schaust du", sprach Virgil, "so unbewegt,
Als ob nur diesem Bild dein Blick gebhrte?"--
Ich ging zur Seit ihm, wo das Herz uns schlgt,
Daher sich jetzt dorthin mein Auge rhrte;
Und hinter der Maria war der Stein,
Zur andern Seite dessen, der mich fhrte,
Geschmckt mit andern schnen Schilderein.
Drum trat ich, vor Virgil vorbeigeschritten,
Ihm nher, um zum Schaun bequem zu sein.
Der Wagen war, in Marmor eingeshnitten,
Die stierbespannte Bundeslade da,
Drob ungeheischtes Dienen Straf erlitten.
Das Volk voraus, in sieben Chren, sah
Ich jubelnd ziehn und sagt ich: Ob sie singen?
So sagt ein Sinn mir nein, der andre ja!
Sah Weihrauchduft sich in die Lfte schwingen,
Und auch bei diesem Bilde lieen schwer
Geruch sich und Gesicht zum Einklang bringen.
Im Tanze vor der heilgen Lade her,
Sah ich erhht in Demut den Psalmisten,
Der minder hier, als Knig, war, und mehr,
Und, wie erfllt von Rnken und von Listen,
Am Fenster des Palasts mit schndem Wort
spttisch bewundernd sich die Michal brsten.
Darauf bewegt ich mich von meinem Ort,
Um weiterhin ein andres Bild zu schauen,
Und sah den edlen Rmerherrscher dort
Zu hohem Ruhm in Marmor eingehauen,
Ihn, der zum groen Siege den Gregor
Beseelt mit Kraft und glubigem Vertrauen.
Trajan, den Imperator, stellt es vor,
Und eine Witw, ihm in die Zgel fallend,
Die, schmerzerfllt, mit Flehen ihn beschwor.
Rings Reiterei gedrngt. Trompeten schallend,
--so schiens dem Aug--im goldenen Panier
Die Adler drberhin im Winde wallend.
Die Arme schrie mit Macht, so schien es mir:
"Verweile, Herr, mir ward der Sohn erschlagen,
Du rche mich, die Rache ziemet dir."--
So warte, bis ich kehre!" Dies zu sagen
schien er, und sie darauf: "Und wenn du nun"
(Und ihre Worte schien der Schmerz zu jagen)
"Nicht wiederkehrst?"--So wirds mein Folger tun!"
"Vertraust du, was dir obliegt, fremden Armen,
Mag auch indes die Pflicht vergessen ruhn?"--
"So trste dich," entgegnet er der Armen,
"Bevor ich ziehe, ls ich meine Pflicht,
Gerechtigkeit gebeuts, mich hlt Erbarmen!"--
Sichtbar macht er die Red, er, des Gesicht
Von Ewigkeit nichts Neues noch gesehen,
Doch uns ists neu, weil uns die Kunst gebricht.
Indes ich mich ergtzte, hinzusphen
Nach solcher Demut Bildern, deren Wert
Noch er erhht, durch welchen sie entstehen,
Da lispelte Virgil, mir zugekehrt:
Sieh jene dort, die langsam, langsam schreiten,
Von diesen wird uns wohl der Weg gelehrt."
Ich lie, da immer hier nach Neuigkeiten
Mein ganzes Streben war, voll Ungeduld
Nach dieser Seite hin die Blicke gleiten,
Vernimmst du, Leser, wie sich Gott die Schuld
Bezahlen lt, nicht denke drum zu weichen
Vom guten Pfad und trau auf seine Huld.
Mag diese Qual auch der der Hlle gleichen,
Denk an die Folg--im schlimmsten Falle wird
Nur bis zum groen Spruch die Marter reichen.
Ich sprach: "Nur unklar seh ich und verwirrt,
Was dort sich naht. Sinds menschliche Gestalten,
Was unstet itzt vor meinem Auge flirrt?"--
"Kaum seh ich selbst ihr Bild sich klar entfalten,"
Entgegnet er, "weil erdwrts tiefgebckt
Vor schwerer Last sie Haupt und Schultern halten.
Sieh, was dort unter Steinen nher rckt,
Sieh scharf, und du entwirrst gequlte Schatten
Und siehst genau, was jeden niederdrckt."--
Stolze Christen, o ihr Armen, Matten!
Der Fu schlpft rckwrts, doch, an Geiste blind,
Glaubt ihr, vortrefflich geh eur Lauf vonstatten.
Bemerkt ihr nicht, da wir nur Wrmer sind,
Bestimmt zu jenes Schmetterlings Entfaltung,
Des Flug nie der Gerechtigkeit entrinnt.
Was tragt ihr hoch das Haupt in stolzer Haltung?
Gewrm, das fters, wenns der Pupp entflieht,
Verkrppelt ist zu schnder Migestaltung;
Wie man zuweilen wohl Gestalten sieht,
Anstatt des Simses tragend Dach und Decken,
Gekrmmt, da sich das Knie zum Busen zieht,
Die im Beschauer wahres Leid erwecken
Durch falschen Schmerz--so knnt ich jetzo klar
Bei schrferm Hinschaun jene dort entdecken,
Den mehr, den minder tiefgebogen zwar,
Als ob die Last hier mehr, dort minder wiege,
Doch der auch, der am meisten duldsam war,
Schien trnenvoll zu sagen: Ich erliege!


Elfter Gesang

"Oh Vater unser, in den Himmeln wohnend,
Du, nimmer zwar von ihrer Schrank umkreist,
Doch lieber bei den ersten Werken thronend,
Es preis deinen Namen, deinen Geist,
Was lebt, weil deinem sen Hauch hienieden
Der Mensch nur wrdig dankt, wenn er ihn preist.
Zu uns, Herr, komme deines Reiches Frieden,
Den keiner je durch eigne Kraft errang,
Und der zu uns nur kommt, von dir beschieden.
Gleichwie die Engel beim Hosiannasang
Ihr Wollen auf das Deine nur beschrnken,
So opfre dir der Mensch des Herzens Hang.
Wollt unser tglich Manna heut uns schenken;
Zurckgehn ohne dies auf rauher Bahn
Die, so am meisten vorzuschreiten denken.
Wie wir, was andre Bses uns getan,
Verzeihn, oh so verzeih uns du in Hulden
Und sieh nicht das, was wir verdienen, an.
Nicht la die schwanke Kraft Versuchung dulden
Vom alten Feinde, sondern mache los
Von ihm, des Arglist reizt zu Snd und Schulden.
Fr uns nicht, teurer Herr, fr jene blo
Geschieht, tut not die letzte dieser Bitten,
Die dort noch sind in unentschiednem Los."
So fr sich selbst, fr uns auch betend, schritten
Die Schatten langsam unter schwerer Last,
Wie man im Traum oft ihren Druck erlitten,
Im ersten Kreise, der den Berg umfat;
Sie lutern sich vom Erdenqualm und tragen
Ungleiche Brden, matt, doch ohne Rast.
Wenn stets fr uns dort jene Gutes sagen,
Was kann fr sie von solchen hier geschehn,
Die Wurzeln schon im bessern Sein geschlagen?
Sie untersttze treulich unser Flehn,
Da sie der Erdenschuld sich bald entringen
Und leicht und rein die Sternenkreise sehn.
"Euch mge Recht und Huld Erleichtrung bringen,
Um zu dem Ziel, da euch die Sehnsucht zeigt,
Mit freien Flgeln bald euch aufzuschwingen.
Ihr aber zeigt uns, wo man aufwrts steigt,
Weist uns den Weg, und gibt es mehr als einen,
So lehrt uns den, der minder steil sich neigt.
Denn dieser hier, mit Fleisch und mit Gebeinen
Von Adam her bekleidet und beschwert,
Mu wider Willen trg im Steigen scheinen."
So sprach mein Fhrer, jenen zugekehrt,
Und diese Rede ward darauf vernommen,
Doch wut ich nicht, von wem ich sie gehrt.
"Ihr knnt mit uns zur rechten Seite kommen,
Dort ist ein Pa, nicht steiler, als der Fu
Des Lebenden schon anderwrts erklommen.
Und drckte nicht der Stein nach Gottes Schlu
Den stolzen Nacken jetzt der Erd entgegen,
So da ich stets zu Boden blicken mu,
So wrd ich nach ihm hin den Blick bewegen,
Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt,
Erkenn, und um sein Mitleid zu erregen.
Wilhelm Aldobrandeschi, der dem Land,
Das ihn geboren, Ruhm und Ehre brachte,
Erzeugte mich, und ist euch wohl bekannt.
Das alte Blut, der Ruhm der Ahnen machte
So bermtig mich und stolz und roh,
Da ich nicht mehr der Mutter aller dachte.
Und ich verachtete die Menschen so,
Da ich drum starb, wie die Sanesen wissen
Und jedes Kind in Campagnatico.
Omberto bin ich; nicht nur mein Gewissen
Befleckt der Stolz, er hat auch alle schier
Von meinem Stamm ins Elend fortgerissen.
Bis ich dem Herrn genugtat, ruht auf mir
Die schwere Last, und was ich dort im Leben
Nicht tat, da tu ich bei den Toten hier."
Ich horcht und ging gesenkten Blicks daneben,
Ein andrer aber, unterm Steine, fing
sich an zu winden, um den Blick zu heben.
Er sah, erkannt und nannte mich und hing,
Kaum fhig, doch den Blick vom Grund zu trennen,
An mir, der ganz gebckt mit ihnen ging,
"Du Odrisl" rief ich, froh, ihn zu erkennen,
Scheinst Gubbios Ruhm, der Ruhm der Kunst zu sein,
Die Miniaturkunst die Pariser nennen."
"Ach, Bruder, heitrer sind die Schilderein,"
Versetzte jener, "Franks, des Bolognesen,
Sein ist der Ruhm nun ganz, zum Teil nur mein.
So edel war ich, lebend, nicht gewesen,
Dies zu gestehn, denn ach! vor Ruhmgier schwoll
Damals mein stolzes Herz, mein ganzes Wesen.
Frs solchen Stolz bezahlt man hier den Zoll.
Wo ich, weil ich bereute, durch Beschwerden
Von seinem finstern Dampf mich lutern soll.
O eitler Ruhm des Knnens auf der Erden!
Wie wenig dauert deines Gipfels Grn,
Wenn roher nicht darauf die Zeiten werden.
Als Maler sah man Cimabue blhn,
Jetzt sieht man ber ihn den Giotto ragen,
Und jenes Glanz in trber Nacht erglhn.
Den Ruhm der Sprache nahm in diesen Tagen
Ein Guid dem andern, und ein andrer lauscht
Vielleicht versteckt, auch ihn vom Nest zu jagen.
Ein Windsto nur ist Erdenruhm. Er rauscht
Von hier, von dort, um schleunig zu verhallen,
Indem er Seit und Namen nur vertauscht.
Wird lauter wohl dereinst dein Ruhm erschallen,
Wenn du als Greis vom Leib geschieden bist,
Als wenn du stirbst beim ersten Kinderlallen,
Eh tausend Jahr entfliehn?--wohl krzre Frist
Zur Ewigkeit, als zu dem trgsten Kreise
Des Himmels deines Auges Blinken ist.
Ganz Tuscien scholl einst laut von dessen Preise,
Der dort vor mir so trg und langsam schleicht,
Jetzt flsterts kaum von ihm in Siena leise.
Dort herrscht er, als, von dem Geschick erreicht,
Fiorenzas Wut erlag, der stolzen, khnen,
Der Stadt, die jetzt der feilen Hure gleicht.
Dem Grase gleicht der Menschenruhm, dem Grnen,
Das kommt und geht, und durch die Glut verdorrt,
Die erst es mild hervorrief, zu ergrnen."
Und ich: "Mir dmpft den Stolz dein wahres Wort
Und wei mir trefflich Demut einzuprgen;
Doch sprich: Wer geht so schwer belastet dort?"
Silvani," sprach er, "ist es, hier deswegen,
Weil sich so weit sein toller Stolz verga,
Dem freien Siena Ketten anzulegen.
Drum ging er so und geht ohn Unterla,
Seitdem er starb--der Zoll wird hier erhoben
Von jedem, der sich dort zu hoch verma."
Und ich: "Weilt jeder, welcher aufgeschoben
Bis zu dem Rand des Lebens Reu und Leid.
Dort unten erst und dringet nicht nach oben,
Wenn ihm nicht Hilfe glubig Flehn verleiht,
Bis so viel Jahr, als er gelebt, vergangen,
Wie kam denn er herauf in krzrer Zeit?"--
Und er: "Er ist auf Sienas Markt gegangen
Zur Zeit, da er den hchsten Ruhm erstrebt,
Hat dort gestanden, nicht von Scham befangen,
Und, weil sein Freund in Carlos Haft gelebt,
Um Hilf ihm und Befreiung zu gewhren,
Als Bettler dort an jedem Puls gebebt.
Ich red unklar, doch wirds nicht lange whren,
So handelt also deine Nachbarschaft,
Da du vermagst, dir alles zu erklren--
Die Tat hat jene Schrank ihm weggeschafft."


Zwlfter Gesang

Gleichmig, wie zwei Stier im Joche ziehn,
Ging ich dem schwerbeladnen Geist zur Seiten,
Solang es gut dem sen Lehrer schien.
Doch als er sprach: "La ihn, um vorzuschreiten,
Hier gilts. soviel man immer kann, den Kahn
Mit Segeln und mit Rudern fortzuleiten!"
Da richtet ich mich auf zur weitern Bahn
Mit meinem Leib, obwohl gebeugt und bange
Des Geistes Blicke noch zu Boden sahn,
Und folgte meinem Hort im regen Drange
Der Wibegier, und beide zeigten wir,
Wie leicht wir waren, schon im raschen Gange;
Bis da er sprach: "Zu Boden blicke hier,
Um, was dein Fu beschreitet, zu gewahren,
Denn zu des Weges Krzung frommt es dir."
Wie, um der Freund Erinnrung zu bewahren,
Auf irdschen Grbern dargestellt erscheint,
Was, die drin ruhen, einst im Leben waren,
So da bei diesem Anblick jeder weint,
Gereizt vom Schmerz der aufgerinen Wunde,
Ders gut und fromm mit ihnen einst gemeint;
So wies der Vorsprung mir, der in der Runde,
Den Pfad dort bildend, jenen Berg umschlo,
Manch Bild, doch trefflicher, auf seinem Grunde
Ihn, edler, als was je der Erd entspro,
Erschaffen, sah ich, welcher mit der Eile
Des Blitzes hier vom Himmel niederscho.
Dort aber auf des Weges anderm Teile,
In starrem Todesfrost und trg und schwer,
Lag Briareus, durchbohrt vom Himmelspfeile.
Mars, Phbus, Pallas standen hoch und hehr,
Auf die zerstreuten Riesenglieder sehend,
Bewaffnet noch, um ihren Vater her.
Am Fu des groen Werks den Nimrod stehend,
Erblickt ich dann, und wie verwirrt und toll
Nach den Genossen seiner Arbeit sphend.
Dich Niobe, dich sah ich jammervoll,
Hier sieben Kinder tot, dort andre sieben;
Wie jedem Aug ein Trnenstrom entquoll.
Saul, du schienst, ins eigne Schwert getrieben,
Tot, wie auf Gilboa, das seit der Zeit
Von Tau und Regen unbenetzt geblieben.
Arachne, Trin, einst voll Eitelkeit,
Halb Spinn itzt, auf den Fetzen vom Gewebe,
Das du, o Arme, wobst zu deinem Leid.
Rehabeam--es schien, als ob er bebe,
Als ob er, statt wie immer sonst, zu drohn,
Im Wagen flchtig, unverjagt, entschwebe.
Man sah Eriphylen und ihren Lohn,
Wie teuer das unselige Geschmeide
Ihr hier bezahlt ward von dem eignen Sohn:
Den Sanherib, den seine Shne beide
Im Tempel tteten voll Frevelmut
Und liegen lieen in dem letzten Leide.
Des Cyrus Tod und der Tomyris Wut--
Sie schien zum abgeschnittnen Haupt zu sagen:
Dein Durst war Blut, nun fll ich dich mit Blut.
Dann der Assyrer Heer--es floh, geschlagen,
Nach Holofernes Tod, und hinterdrein
Sah man mit grimmer Wut die Feinde jagen.
O Ilion, wie niedrig und wie klein!
Wohl standest du auf Trojas Fluren dreister
Als hier, in Asch und Schutt, auf dem Gestein!
Wer war des Griffels und des Pinsels Meister,
Der Formen und Gebrden ausgedrckt
Selbst zur Bewunderung der feinsten Geister?
Mir schien, wie ich dahinging, tiefgebckt,
Was tot war, tot, was lebend war, zu leben,
Nicht besser hats, wers wirklich sah, erblickt.
Stolziert nur hin, fahrt fort, das Haupt zu heben,
Senkt nicht den Blick, ihr, Evens Shn, er weist
Euch sonst den schlechten Weg, das eitle Streben!--
Schon hatten wir vom Berge mehr umkreist,
Schon war die Sonne weiter fortgegangen,
Als ich bemerkt mit dem befangnen Geist;
Als er, des Fu und Seele vorwrts drangen,
Begann: "Blick auf, erhebe Haupt und Sinn!
Nicht ists mehr Zeit, den Bildern anzuhangen.
Ein Engel naht--drum blick empor, dorthin!
Schon kehrt, von schnellen Fittichen getragen,
Zurck des Tages sechste Dienerin.
Schmck itzt mit Ehrfurcht Antlitz und Betragen,
Dann fhrt er wohl mit Freuden uns empor.
Denk, nie wird dieser Tag dir wieder tagen."
Und da er mich ermahnt schon oft zuvor,
Die Zeit zu nutzen, kam es, da ich nimmer
Den Sinn, den solch ein Wort verschlo, verlor.
Das schne Wesen naht--ein weier Schimmer
War sein Gewand; dem Stern des Morgens war
Sein Antlitz gleich an zitterndem Geflimmer.
Die Arm erschlo er, dann das Flgelpaar,
Und sprach: "Kommt jetzt, denn nahe sind die Stufen
Und leicht erklimmt ihr sie und ohne Fahr.
Nur wenge nahn von vielen, die berufen.
O Mensch, du fllst bei jedes Windes Wehn,
Du, den zum Aufflug Gottes Hnd erschufen."
Bald lie er uns des Felsen ffnung sehn.
Dort schlug er meine Stirn mit seinem Flgel
Und hie mich dann gesichert weitergehn.
Wie ob der Stadt, die ihrer Herrschaft Zgel
So wohl zu fhren wei wie Recht und Pflicht,
Am Weg zur Kirche, rechts am steilen Hgel,
Den khnen Schwung des Bergs die Treppe bricht,
Die man gebaut in jenen guten Zeiten,
Wo sicher war das Ma und das Gewicht;
So war der Fels, durch Stufen zu beschreiten,
Obwohl er jh sich senkt als steile Wand,
Doch streift man das Gestein von beiden Seiten.
Laut klangs, indem ich dort mich aufwrts wand,
"Den geistlich Armen Heil!"--mit einem Sange,
Wie ich so s noch keinen je empfand.
Wie anders war es hier, als bei dem Gange
Ins Hllenreich! Bei Liedern klomm ich auf,
Und dort hinab bei wildem Jammerklange.
Die heilgen Stiegen klommen wir hinauf,
Und leichter schien mirs hier, emporzukommen,
Als erst auf ebner Bahn der leichtste Lauf.
Sprich, Meister, welche Last ist mir entnommen,"
So rief ich, da ich dies bemerkt, zuletzt,
"Da ich fast mhelos emporgeklommen?"
Und er: sind diese P, die zwar noch jetzt
Dein Antlitz trgt, doch die schon halb verschwunden,
Erst, wie das eine, vllig ausgewetzt,
Dann wird den Fu dein Streben berwinden,
So da ihm Klimmen keine Mhe macht,
Ja, Wonne wird er dann im Steigen finden."
Da tat ich jenen gleich, die, sonder Acht,
Etwas mit sich am Haupte tragend, gehen,
Bis sie bemerkt, da man sich winkt und lacht;
Drum sie die Hand gebrauchen, um zu sphen,
Mit dieser suchen, finden und damit
Zuletzt erschaun, was nicht die Augen sehen.
Denn mit den ausgespreizten Fingern glitt
Ich an der Stirne hin, und sieh, vergangen
War eins der Zeichen, das der Engel schnitt.
Da schwebt ein Lcheln um des Meisters Wangen.


Dreizehnter Gesang

Wir waren auf dem Gipfel jener Stiegen,
Wo sich des Berges zweiter Abschnitt zeigt,
Des Bergs, der lutert, die hinaufgestiegen.
Hier, wo man auf den zweiten Vorsprung steigt,
Der, gleich dem ersten, rings die Hh umwindet,
Nur da ein Bogen noch sich schneller beugt,
Hier ist kein Bild, und jedes Zeichen schwindet,
Daher man glatt den Weg und das Gestad
Von des Gesteins schwarzgelber Farbe findet.
"Dafern wir harrten, bis der Fhrer naht,"
So sprach Virgil darauf, "hier sumig stehend,
So whlten wir zu spt wohl unsern Pfad."
Dann macht er, festen Blicks zur Sonne sehend,
Fr die Bewegung seinen rechten Fu
Zum Mittelpunkt, sich mit dem linken drehend.
"O ses Licht, du flest den Entschlu
Zum neuen Weg mir ein, du fhr uns weiter,"
Begann er, "wie ein treuer Fhrer mu.
Du wrmst die Welt, du machst sie hell und heiter;
Nie wandle man, wenn sich dein Glanz verhehlt,
Drngt nicht die Not, und er sei unser Leiter."
Soviel man hier auf eine Miglie zhlt,
So weit schon gingen wir auf jenen Pfaden
In wenig Zeit, vom regen Trieb beseelt.
Ein Geisterzug flog lngs den Felsgestaden,
Gehrt, doch nicht gesehn, herbei und schien
Zum Tisch der Lieb uns freundlich einzuladen.
Der erste Geist rief im Vorberfliehn:
Sie haben keinen Wein! Die Worte klangen
Dann nochmals hinter uns im Weiterziehn.
Und eh sie, sich entfernend, ganz verklangen,
Da rief: Ich bin Orest!--ein zweiter Geist,
Und war im schnellen Flug vorbeigegangen.
"O", sprach ich, "Vater, sage, was dies heit?"
Da klang die dritte Stimm in meine Frage
Und rief: Liebt den, der Bses euch erweist.
Und er: "Du findest hier des Neides Plage!
Gegeielt wird er hier, doch Liebe schwingt
Der strengen Geiel Schnur zu jedem Schlage.
Doch wisse, da der Zgel anders klingt.
Du wirst ihn hren, eh im Weitergehen
Dein Fu zum Passe der Verzeihung dringt.
Versuch es jetzo, scharf dorthin zu sphen,
Und vor uns wirst du Leute, langgereiht,
An dieser Wand des Felsens sitzen sehen.
Da ffnet ich sogleich die Augen weit
Und sah die Schatten an der Felsenhalle,
An Farbe dem Gesteine gleich ihr Kleid.
Und nher hrt ich sie mit lautem Schalle
"Bitte fr uns, Maria!" brnstig schrein,
"Michael und Petrus und ihr Heilgen alle!"
Mcht einer noch so hart und grausam sein,
Vor Mitleid wre doch sein Herz entglommen,
Hlt er, wie ich, gesehn der Armen Pein.
Denn als ich nun so nahe hingekommen,
Da ich Gebrd und Angesicht erkannt,
Da ward mein Herz durchs Auge schwer beklommen.
Ihr Anzug war ein schlechtes Bugewand;
Sie lehnten sich an sich und ihren Rcken
Sie allesamt an jene Felsenwand;
Den Blinden gleich, die Not und Hunger drcken,
Und die an Ablatagen bettelnd stehn,
Und, Kopf an Kopf gedrngt, sich klglich bcken,
Indem sie, um das Mitleid zu erhhn,
Nicht minder mit den jmmerlichen Mienen,
Als mit den lauten Jammerworten flehn.
Und, gleich den armen Blinden, war auch ihnen
Den bangen Schatten, welchen ich genaht,
Der Glanz des Himmelslichts umsonst erschienen.
Gebohrt war durch die Augenlider Draht,
Ihr Auge, wie des Sperbers, ganz vernhen;
Der, wild, nicht nach des Jgers Willen tat.
Mir aber schien es unrecht, da ich sehend,
Doch ungesehn dort ging, drum wandt ich mich
Zum weisen Rat, nach seiner Meinung sphend.
Er, der sogleich erriet, weswegen ich
Noch stumm, auf ihn die Blicke fragend lenkte,
Sprach: "Rede jetzt, doch kurz und sinnig sprich."
An jener Seite, wo der Fels sich senkte,
Ging mir Virgil, wo leicht zu fallen war,
Weil kein Gelnder dort den Rand verschrnkte;
Zur andern Seite sa die fromme Schar,
Und durch die grause Naht geprete Zhren,
Die ihre Wangen netzten, nahm ich wahr.
"Ihr, sicher, euch im Lichte zu verklren,"
Begann ich nun, "das einzig euer Traum,
Das einzig euer Wunsch ist und Begehren,
Die Gnade ls euch des Gewissens Schaum
Und mache drin auf reinem lauterm Grunde
Der Seele klaren Flu zum Strmen Raum.
Doch bitt ich euch, gebt mir gefllig Kunde:
Ist eine Seel aus Latium hier?--Ich bin
Fr sie vielleicht dann hier zur guten Stunde."
"O Bruder, jede Seel ist Brgerin
Von einer wahren Stadt--doch willst du fragen,
Ob ein in Welschland lebt als Pilgerin."
So schiens, von mir noch etwas fern, zu sagen,
Daher ich, weil ich fast das Wort verlor,
Sogleich beschlo, mich weiter vor zu wagen.
Und eine wartete, so kam mirs vor,
Auf Antwort, und, ums deutlicher zu zeigen,
Hob sie, dem Blinden gleich, das Kinn empor.
"Du," sprach ich, "die sich beugt, um aufzusteigen,
Warst dus, die Antwort gab, so magst du mir
Jetzt deinen Ort und Namen nicht verschweigen."
"Ich war von Siena, und mit diesen hier",
So sprach sie, "lutr ich mich vom Lasterleben,
Und weinend flehn um Gottes Gnade wir.
Sapia hie ich, ob ich gleich ergeben
Der Torheit war, denn mir schien andrer Leid
Weit grre Lust, als eignes Glck zu geben.
Doch zweifelst du an meinem tollen Neid,
So hre nur!--Die Jugend war verflossen,
Und abwrts ging der Bogen meiner Zeit,
Als nah bei Colle meine Landsgenossen
Den kampfbereiten starken Feind erreicht;
Da bat ich Gott um das, was er beschlossen.
Drauf wird ihr Heer geschlagen und entweicht,
Und ich, erblickend, wie der Feind es jage,
Fhl eine Lust, der keine weiter gleicht,
So da ich khn den Blick gen Himmel schlage
Und rufe: Gott, nicht frcht ich mehr dich jetzt!
Der Amsel gleich am ersten warmen Tage.
Nach Gottes Frieden sehnt ich mich zuletzt
Am Rand des Lebens, aber meine Schulden,
Durch Reue wren sie nicht ausgewetzt,
Wenn Pettinagno meiner nicht in Hulden
Gedacht in seinem heiligen Gebet;
Noch mt ich vor dem Tore harrend dulden.
Doch wer bist du, der offnen Auges geht,
So scheints, um unsern Zustand zu erkunden,
Und dessen Atem noch beim Sprechen weht?"--
"Mit Draht wird einst mein Auge hier durchwunden,"
So sprach ich, "doch ich hoffe kurze Frist,
Weil mans nur selten scheel vor Neid gefunden.
Mehr als das Leid, ob des du traurig bist,
Hat Sorge mir die untre Qual bereitet.
Schon fhl ich, wie die Brde drckend ist."
Und sie: "Wer also hat dich hergeleitet,
Da du, um rckzukehren, hier erscheinst?"
"Er, der dort schweigend steht, hat mich begleitet.
Ich leb, erwhlter Geist, und wenn ich einst
Jenseits als Sterblicher fr dich bewegen
Die Fe soll, so fordre, was du meinst."
"So Neues sagtest du," sprach sie dagegen,
"Da es dir sicher Gottes Huld bewhrt.
Verwende drum dein Flehn zu meinem Segen.
Ich bitte dich, bei allem, was dir wert,
Wirst du dich je im Tuscierland befinden,
So sei zum Bessern dort mein Ruf gekehrt.
Beim eiteln Volk wirst du die Meinen finden,
Das Talamon verlockt zum Hoffnungswahn;
Und wie bei Dianas Quelle wird er schwinden,
Doch setzen mehr die Admirale dran."


Vierzehnter Gesang

"Wer ist der, welcher unsern Berg umgeht,
Eh ihn der Tod beschwingt--dem, nach Behagen,
Das Auge bald sich schliet, bald offen steht?"
"Da er allein nicht ist, das kann ich sagen,
Nicht wer er ist. Da ich ihm ferner bin,
Magst du, damit er red, ihn hflich fragen."
So redeten, von mir zur Rechten hin,
Zwei Geister dort, sich zueinander neigend,
Dann, um zu sprechen, hoben sie das Kinn.
"O Seele, die, empor zum Himmel steigend,"
Sprach dann der eine, "noch im Krper steckt,
O sprich, dich hold und trostreich uns erzeigend,
Woher? Wer bist du? Denn solch Staunen weckt
Die Gnade, die wir an dir schauen sollen,
Wie wenn, was nie geschehn, sich uns entdeckt."
Und ich: "Ein Flu, der Falteron entquollen,
Lustwandelt mitten durch das Tuscierland,
Dem hundert Miglien Laufs nicht gngen wollen.
Ich bringe diesen Leib von seinem Strand.
Doch sagt ich, wer ich sei--nicht wrd euchs frommen,
Da wenig Ruhm bis jetzt mein Name fand."
"Bin ich auf deiner Meinung Grund gekommen,
Meinst du den Arno und sein Talgebiet?"
So sprach jetzt, der zuerst das Wort genommen.
Der zweite sprach darauf: "Warum vermied
Er, jenes Flusses Namen zu verknden,
Wies sonst nur mit Abscheulichem geschieht?"
Und jener sprach: "Nicht kann ich dies ergrnden,
Doch wert des Untergangs ist jenes Wort,
Das nur Erinnrung weckt an Schmach und Snden.
Denn von dem Ursprung im Gebirge dort,
Von dem sich einst Pelorum trennen mssen,
Dort wasserreich, wie sonst an keinem Ort,
Bis dahin, wo der Flu mit ewgen Gssen
Das, was dem Meer die Sonn entsaugt, ersetzt,
Was Nahrung gibt den Bchen und den Flssen,
Wird, seis durch schlechte Sitt und Neigung jetzt,
Seis, da der Ort an einem Fluche leide,
Die Tugend, gleich den Schlangen, fortgehetzt.
Denn was im Tal, gedrckt von schwerem Leide,
Nur irgend wohnt, hat die Natur verkehrt,
Als htt es mitgeschmaust auf Circes Weide.
Zu garstgen Schweinen, mehr der Eicheln wert
Als dessen, was Natur den Menschen spendet,
Ist erst sein wasserarmer Lauf gekehrt.
Dann, wie er weiter seine Wogen sendet,
Trifft er ohnmchtge kleine Klffer an,
Von welchen er die Stirn unwillig wendet
Je mehr er schwillt in seiner tiefern Bahn,
Sieht der unselge maledeite Graben
Die Hund an Art sich mehr den Wlfen nahn.
In tiefen Tmpeln scheint er drauf vergraben
Und trifft dann Fchs, in List so eingeweiht,
Da sie nicht scheu mehr vor dem Schlausten haben.
Frei red ich. Sei der Horcher auch nicht weit,
Und gut wirds diesem sein, das zu behalten,
Was der wahrhafte Geist mir prophezeit.
Ich sehe deinen Neffen furchtbar schalten,
Der jene Wlfe so zu jagen wei,
Da sie vor grauser Todesangst erkalten.
Denn er verkauft sie lebend scharenweis,
Dann sticht er sie, gleich einem alten Schlachtvieh, nieder.
Das Leben raubt er vielen, sich den Preis.
Zuletzt verlt er, blutbespritzt die Glieder,
Den Wald gefllt, und ringsum d und tot,
Und tausend Jahr erneun sein Laub nicht wieder."
Wie bei Verkndigung zuknftger Not
Des bangen Hrers Zge sich umschatten,
Der sich gefhrdet glaubt und rings bedroht,
So sah ich jetzo jenen andern Schatten,
Der zugehorcht, verstrt und bange stehn,
Wie seinen Geist erfllt die Worte hatten.
Was ich von dem gehrt, von dem gesehn,
Mich reizt es, ihren Namen nachzufragen,
Und bittend lie ich meine Frag ergehn.
Und den, der erst gesprochen, hrt ich sagen:
"Du also willst, fr dich tun soll ich dies,
Was du fr mich zu tun mir abgeschlagen?
Doch kargen will ich nicht, denn herrlich lie
Gott in dir strahlen seine Huld und Gte.
Drum wisse, da ich Guid del Duca hie.
Von Neid verbrannt war also mein Gemte,
Da, wenn ich sah, ein andrer sei erfreut,
Ich schwarz vor Gall in bitterm Ingrimm glhte.
Hier mh ich Saat, die ich dort ausgestreut.
O Sterbliche, was mt ihr das begehren,
Was Ausschlu der Genossenschaft gebeut!
Der hier ist Rainer, der zu Preis und Ehren
Das Haus von Calboli gebracht, des Mut
Und Kraft und Wert die Erben ganz entbehren.
Denn alle sieht man jetzt aus seinem Blut
Das Schlechte tun, das Rechte trg versumen,
Und zwischen Po, Berg, Ren und Meeresflut
Sieht mans nur sprossen noch in giftgen Bumen,
Und keinem Grtner glckts, der schlechten Art
Wildwucherndes Gewrzel wegzurumen.
Wo mag der wackre Licio, wo Manard,
Wo Traversar, wo Guid Carpigna bleiben?
Ist jeder Romagnol heut ein Bastard?
Ein Schmied mu in Bologna ste treiben,
Und in Faenza jetzt ein Bernardin,
Der edle Spro aus niederm Keim, bekleiden!
Nicht staune, Tuscier, da ich traurig bin,
Wenn ich des Guid von Prata noch gedenke,
Und des, der mit uns war, des Ugolin.
Dann auf Tignoso die Erinnrung lenke,
Auf Traversars und Anastasens Haus,
Und ber den enterbten Stamm mich krnke;
Auf Ritter, Fraun, auf Ruhe, Mh und Strau,
Was wir aus Lieb und Edelsinn begannen,
Wo jetzt die Herzen sind voll Tck und Graus.
Brettinoro, fliehst du nicht von dannen,
Da, um zu fliehn Verderben, Schand und Hohn,
Die Guten allesamt aus dir entrannen!
Wohl dir, Bagnacaval, dir fehlt der Sohn!
Weh, Castrocaro, dir, da mit Verderben
Dich solche Grafen, wie du zeugst, bedrohen!
Gut handeln einst, wird erst ihr Dmon sterben,
Faenzas Herrn, doch nimmer werden sie
Des Ruhmes reines Zeugnis sich erwerben.
Dir, Ugolin von Fantoli, wird nie
Des edlen Namens reiner Glanz gebrechen,
Da dir das Schicksal keinen Sohn verlieh.
Doch jetzt, Toskaner, geh; denn nicht zum Sprechen,
Mich reizt zum Weinen nur mein armes Land,
Und pret mein Herz durch Untat und Verbrechen."
Durchs Ohr ward jenen unser Gehn bekannt,
Drum wuten wir, da sie es schweigend litten,
Da wir uns auf den rechten Weg gewandt.
Indem wir einsam nun von dannen schritten,
Scholl eine Stimm uns zu, eh wirs gedacht,
Gleich einem Blitze, der die Luft durchschnitten:
Mich ttet, .wer mich trifft! Sie riefs mit Macht
Und floh im schnellen Flug dann und verhallte,
Dem Donner gleich, der aus den Wolken kracht.
Und wie sie kaum an uns vorberwallte,
Braust eine zweite schon an unser Ohr,
Die schrecklich, wie ein zweiter Donner schallte:
Ich bin Aglauros, die zum Stein erfror!
Und als ich an Virgil mich drngen wollte,
Schritt ich vor groer Angst zurck, nicht vor.
Schon schwieg die Luft, kein dritter Donner rollte,
Da sprach Virgil: "Dies ist der harte Zaum,
Der auf der rechten Bahn euch halten sollte.
Doch winkt des alten Feindes Kder kaum,
So lat ihr euch in seinem Hamen fangen,
Gebt nicht dem Rufe, nicht dem Zgel Raum.
Euch rufend, hlt der Himmel euch umfangen,
Der, ewig schn, rings seine Kreise zieht,
Doch euer Blick bleibt an der Erde hangen,
Und deshalb schlgt euch der, der alles sieht."


Fnfzehnter Gesang

So viel, als bis zum Schlu der dritten Stunde,
Vom Tagsbeginn des Wegs die Sphre macht,
Die wie ein Kindlein tanzt im ewgen Runde,
So viel des Weges halt, eh noch vollbracht
Ihr Tageslauf, die Sonne zu vollbringen;
Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht.
Auf jenen Pfaden, die den Berg umringen,
Schien uns die Sonne mitten ins Gesicht,
Weil wir jetzt grade gegen Westen gingen.
Da fiel ein Glanz mit lastendem Gewicht
Mir auf die Stirn, mich mehr als erst zu blenden.
Ich staunt, und was es war, begriff ich nicht.
Schnell deckt ich mir die Augen mit den Hnden
Als wie mit einem Schirm, da vor der Glut
Die schwachen Blicke Schutz und Ruhe fnden.
Gleich wie der Strahl vom Spiegel, von der Flut
Nach jenseits hpft, und dann beim Aufwrtssteigen,
So wie vorher beim Niedersteigen tut,
Weil er von Linien, die sich senkrecht neigen,
So hier wie dort abweicht in gleichem Zug,
Wie uns die Kunst und die Erfahrung zeigen;
So ward mein Auge jetzt in jhem Flug
Getroffen vom zurckgeworfnen Lichte,
Drob ichs in Eile schlo und niederschlug.
"Was, ser Vater, ist dies? Dem Gesichte
Will, was ich tue, nicht zum Schutz gedeihn.
Es scheint, als ob der Glanz hierher sich richte!"
Drauf er: "Nicht staune, wenn in solchem Schein
Noch blendend dir des Himmels Diener nahen.
Ein Bote kommt und ldt zum Steigen ein.
Bald wird, was erst die Augen trnend sahen,
Dir so zur Lust, als du nur Fhigkeit,
Sie zu empfinden, von Natur empfahen."
Der Engel sprach zu uns voll Freudigkeit:
"Geht dorten ein auf minder schroffen Stiegen,
Als jene sind, die ihr gestiegen seid."
Indem wir nun zusammen aufwrts stiegen,
Sangs hinter uns: "Heil den Barmherzgen, Heil!"
Und wieder klangs: "Sei froh in deinen Siegen!"
Und da wir beid allein, und minder steil
Die Treppen waren, dacht ich: Noch im Gehen
Wird Lehre wohl vom Meister dir zuteil.
"Was mochte Guido bei dem Gut verstehen,
Das Ausschlu der Genossenschaft gebeut?"
Ich sprachs, gewandt, ihm ins Gesicht zu sehen.
"Weil stets sein Hauptfehl ihm den Schmerz erneut"
Sprach drauf Virgil, "will er dich weiser machen
Und tadelt drum, was er nun schwer bereut.
Denn euer Sehnen geht nach solchen Sachen,
Die Mitbesitz verringert, die durch Neid
In eurer Brust der Seufzer Glut entfachen.
Doch mchten in des Himmels Herrlichkeit
Des Menschen Wnsch ihr rechtes Ziel erkennen,
War eure Brust von solcher Angst befreit.
Je mehrere dies Gut ihr eigen nennen,
Je mehr besitzt des Guts ein jeder dort,
Je strker fhlt er sich in Lieb entbrennen."
"Noch fass ich nichts," versetzt ich meinem Hort,
"Und mindre Zweifel hat vorher das Schweigen
In meiner Seel erweckt, als jetzt dein Wort.
Kann hher je der Reichtum vieler steigen,
Wenn man ein Gut verteilt, als wenn es nicht
Gemeinsam wre. Sondern einem eigen?"
Und er: "Weil, nur auf Erdengut erpicht,
Dein Geist noch nicht den hhern Flug gewonnen,
Drum schpfst du Finsternis aus wahrem Licht.
Des Himmels unaussprechlich groe Wonnen,
Sie eilen so ins liebende Gemt,
Wie nach dem Spiegel hin der Strahl der Sonnen
Sie geben sich je mehr, je mehr es glht,
Und reicher strmt die ewge Kraft hernieder,
Je freudiger des Herzens Lieb erblht.
Erhebt die Seel erst aufwrts ihr Gefieder,
Dann liebt sie mehr, je mehr zu lieben ist,
Denn eine strahlt den Glanz der andern wieder--
Und gngt mein Wort dir nicht, in kurzer Frist
Wird dort von dir Beatrix aufgefunden,
Durch welche du dann ganz befriedigt bist.
Jetzt sorge nur, da bald von deinen Wunden
Die fnf sich schlieen wie das erste Paar,
Das von der Stirn durch Reu und Leid geschwunden."
Schon wollt ich sagen: Deine Red ist klar!
Da war ich an des andern Kreises Saume,
Wo schnell mein Wort gehemmt durch Schaulust war.
In einen Tempel schien, von wachem Traume
Dahingerissen, meine Seel entflohn,
Und Leute sah ich viel in seinem Raume.
Am Eingang schien mit sem Mutterton
Und zrtlicher Gebrd ein Weib zu sagen:
"Was hast du dies an uns getan, mein Sohn?
Wir suchten dich voll Angst seit dreien Tagen,
Ich und der Vater"--sprachs, und wundersam
Schien sie vom Wehn der Luft davongetragen.
Drauf vors Gesicht mir eine zweite kam,
Von Zhren na, die--wohl wars zu erkennen--
Dem Aug entprete zornerzeugter Gram.
Sie rief: "Willst du den Herrn der Stadt dich nennen,
Ob deren Namen Gtter sich gegrollt,
Wo Strahlen jeder Wissenschaft entbrennen,
Dann, Pisistrat, zahl ihm der Frechheit Sold,
Ders wagte, deine Tochter zu umfassen!"
Allein der Herr, der liebreich schien und hold,
Entgegnet ihr, die also rief, gelassen:
"Wird jener, der uns liebt, von uns verdammt,
Was tun wir dann an solchen, die uns hoffen?"--
Dann sah ich eine Schar, von Zorn entflammt,
Und einen Jngling dort, von ihr gesteinigt,
Tod! Tod! so schrien sie wtend allesamt.
Er beugte sich, schon bis zum Tod gepeinigt,
Des Last ihn zu der Erde niederrang,
Doch seinen Blick dem Himmel stets vereinigt,
Und fleht empor zu Gott in solchem Drang:
"Vergib der Wut, die gegen mich entbrannte!"
Mit einem Blicke, der zum Mitleid zwang.
Als meine Seele sich von auen wandte
Zurck zu dem, was wahr ist auer ihr,
Und ich nun den nicht falschen Wahn erkannte,
Da sprach mein Fhrer, der, nicht weit von mir,
Mich gleich dem Schlfer, der erwacht, erblickte:
"Nicht halten kannst du dich! Was ist mit dir?
Bereits seit einer halben Stunde knickte
Dein Knie, du taumeltest, dein Auge brach,
Als ob dich Schlummer oder Wein bestrickte."
"O ser Vater, hrst dus an"--dies sprach
Ich drauf zu ihm--"so will ich dir verknden,
Was mir erschien, als mir die Kraft gebrach."
"Ob mir entgegen hundert Masken stnden,"
Entgegnet er, "und deckten dein Gesicht,
Doch wrd ich, was du denkst, genau ergrnden.
Das, was du sahst, du sahsts, damit du nicht
Dich ungemahnt verschlssest jenem Frieden,
Des Strom hervor aus ewger Quelle bricht.
Was ist dir? fragt ich nicht, wie der danieden
Zu fragen pflegt, des Auge nicht mehr schaut,
Sobald die Seel aus seinem Leib geschieden.
Die Fe dir zu krftgen, fragt ich laut,
Denn treiben mu man so den wachen Trgen,
Den Tag zu ntzen, eh der Abend graut."
Wir gingen beid in sinnigem Erwgen
Dem Abend zu und sahn, soweit man kann,
Der Sonne tiefem Strahlenglanz entgegen.
Und sieh, ein Rauch kam nach und nach heran,
Der, schwarz wie Nacht, sich bis zu uns erstreckte,
Und nirgends traf man Raum zum Weichen an,
Daher er bald uns Aug und Himmel deckte.


Sechzehnter Gesang

Das Schwarz der Hll und einer Nacht, durchfunkelt
Nicht von des rmsten Himmels bleichstem Schein,
Vom dichtesten der Nebel rings umdunkelt,
Nie schlo es mich in grobem Schleier ein,
Als jener Rauch, der dorten uns umflossen;
Nie schien es mir so schmerzlich rauh zu sein.
Nicht knnt ich stehn, die Augen unverschlossen,
Drum nahte sich, und seine Schulter bot
Mein Fhrer mir treu, weis und unverdrossen.
So wie der Blinde gern in seiner Not
Dem Fhrer nachfolgt, um nicht anzurennen
An was Gefahr bring und vielleicht den Tod,
So folgt ich ihm, ohn etwas zu erkennen,
Durch widrig bittern Qualm und horcht auf ihn,
Der sprach: "Gib Achtung, da wir uns nicht trennen."
Ich hrte Stimmen dort, und jede schien
Um Gnad und Frieden zu dem Lamm zu sthnen,
Ob des der Herr die Snden uns verziehn.
Agnus Dei hrt ich den Anfang tnen,
Wobei sich aller Wort und Weise glich,
Und voller Einklang herrscht in ihren Tnen.
"Dies sind wohl Geister, Herr!" so wandt ich mich
An ihn, und er: "Es ist, wie du entscheidest;
Sie lsen von der Zornwut Schlingen sich."
"Wer bist du, der du unsern Rauch durchschneidest,
Von dem man, wie du von uns sprichst, vernimmt,
Da du die Zeit dir noch nach Monden scheidest?"
Die Rede ward von einem angestimmt,
Drum sprach mein Meister: "Stille sein Begehren
Und frag ihn, ob man hier nach oben klimmt."
"Geschpf, das, um zum Schpfer heimzukehren,
Sich reiniget und schn wird wie zuvor,
Begleite mich, dann sollst du Wunder hren!"
So ich, und er: "Ich schreite mit dir vor,
So weit ich darf, und, um uns nicht zu scheiden,
Fhr uns im Rauch an Auges Statt das Ohr."
Drauf ich: "Obschon die Hllen mich umkleiden,
Die nur der Tod lst, schreit ich doch hinauf
Und drang bis hierher durch der Hlle Leiden.
Und nahm der Herr mich so zu Gnaden auf,
Da ich vermag zu ihm emporzustreben,
Ganz gegen dieser Zeit gewohnten Lauf,
So sage mir, wer warst du einst im Leben,
Und ob ich hier die rechte Strae hielt,
Denn unsre Richtung wird dein Wort uns geben."--
"Mark hie ich einst, und was die Welt enthielt,
Ich konnt es wohl und strebte nach dem Preise,
Nach welchem jetzt auf Erden keiner zielt.
Grad vor dir ist der Weg zum hhern Kreise."
Er sprachs: "Noch bitt ich dich," So fgt er bei,
"Frbittend denke mein am Ziel der Reise."
Und ich zu ihm: "Bei meiner Treu, es sei!
Doch wisse, da ich einen Zweifel finde,
An dem ich berste, sag ich ihn nicht frei.
Er war einst einfach; doppelt jetzt empfinde
Ich ihn in mir, nach dem, was du gesagt,
Sobald ich mit dem Dort das Hier verbinde.
Wahr ists, die Welt, so wie du mir geklagt,
Ist d an jeder Tugend, jeder Ehre,
Und ganz mit Bosheit schwanger und geplagt.
Doch da ich sie erkenn und ndern lehre,
So bitt ich, deute jetzt die Ursach mir.
Der sucht sie dort, der in des Himmels Sphre."
Ein bang gepretes Ach! entwand sich hier
Laut seiner Brust, und dann begann er: "Wisse,
Die Welt ist blind, und du, Freund, kommst von ihr.
Ihr, die ihr lebt, sprecht immer nur, es msse
Der Himmel selber Schuld an allem sein,
Als ob er euch gewaltsam mit sich risse.
Wrs also, sprich, wo wre nur ein Schein
Von freiem Willen? Wie entsprchs dem Rechte,
Da Lust der Tugend folgt, dem Laster Pein?
Die Triebe pflanzen ein des Himmels Mchte,
Nicht sag ich all; allein auch dies gesetzt,
Ward euch Erkenntnis auch frs Gut und Schlechte,
Und freier Will--und, wenn er, auch verletzt
Und mde, standhaft mit dem Himmel streitet,
So siegt er, wohlgenhrt, doch stets zuletzt.
Die Urkraft, welche sich durchs All verbreitet,
Beherrscht die Freien und erschafft den Geist,
Den nicht der Himmel mehr als Vormund leitet.
Drum, wenn die Gegenwart euch mit sich reit,
In euch nur liegt der Grund, liegt in euch allen,
Wie, was ich sage, deutlich dir beweist.
Es kommt aus dessen Hand, des Wohlgefallen
Ihr lchelt, eh sie ist, gleich einem Kind,
Das lacht und weint in unschuldsvollem Lallen,
Die junge Seele, die nichts wei und sinnt,
Als da, vom heitern Schpfer ausgegangen,
Sie gern dahin kehrt, wo die Freuden sind.
Sie schmeckt ein kleines Gut erst, fhlt Verlangen
Und rennt ihm nach, wenn sie kein Fhrer hlt,
Kein Zaum sie hemmt, der Neigung nachzuhangen.
Gesetz, als Zaum, ist ntig drum der Welt,
Ein Herrscher auch, der von der Stadt, der wahren,
Im Auge mindestens den Turm behlt.
Gesetze sind, doch wer mag sie bewahren?
Kein Mensch! Denn seht, ein Hirt, der wiederkaut,
Doch nicht gespaltne Klaun hat, fhrt die Scharen;
Daher die Herde, die dem Fhrer traut,
Der das verschlingt, wonach sie selber lstert,
Nur dies verzehrt und nicht nach Hherm schaut.
Drum, was man auch von anderm Grunde flstert,
Nicht die Natur ist ruchlos und verkehrt,
Nur schlechte Fhrung hat die Welt verdstert.
Rom hatte, das zum Glck die Welt bekehrt,
Zwei Sonnen, und den Weg der Welt hatt eine,
Die andere den Weg zu Gott verklrt.
Verlscht ward eine von der andern Scheine,
Und Schwert und Hirtenstab von einer Hand
Gefat im bel passenden Vereine.
Denn nicht mehr frchten, wenn man sie verband,
Sich Hirtenstab und Schwert--du kannsts begreifen,
Denn an den Frchten wird der Baum erkannt.
Man sah im Land, das Etsch und Po durchstreifen
Eh man dem Kaiser Widerstand getan,
Stets edle Sitt und Kraft und Tugend reifen.
Jetzt finden, die den Guten sich zu nahn
Und sie zu sprechen, sich errtend scheuen,
In jenem Land vollkommen sichre Bahn.
Die alten Zeiten schelten dort die neuen
Noch durch drei Greise von der echten Art,
Die sich des nahen Todes harrend freuen.
Konrad Pallazzo ist es, und Gherard
Und Guid Castel, der besser heien wrde
Nach frnkscher Art: der ehrliche Lombard.
Roms Kirche fllt, weil sie die Doppelwrde,
Die Doppelherrschaft jetzt in sich vermengt,
In Kot, besudelnd sich und ihre Brde"--
"Mein Marco," sprach ich, "klares Licht empfngt
Durch deine Rede jetzt mein Geist--ich sehe,
Was aus der Erbschaft Levis Stamm verdrngt.
Doch sage, welcher Gherard, meinst du, stehe
Als Trmmer noch versunkner guter Zeit,
So, da er dieser Zeit Verderbnis schmhe?--
"Betrgst, versuchst du mich in meinem Leid?"
So er: "Du, Tuscisch sprechend, tust dergleichen,
Als kenntest du nicht Gherards Trefflichkeit?
Den Namen kenn ich, sonst kein andres Zeichen,
Wenn mans von seiner Gaja nicht entnimmt,
Gott sei mit dir, hier mu ich von euch weichen.
Sieh, wie in weiem Glanz der Rauch entglimmt.
Fort mu ich, denn schon ist der Engel dorten;
Ich scheid, eh er mich wahr hier sprechend nimmt."
Er sprachs und horchte nicht mehr meinen Worten.


Siebzehnter Gesang

Denk, Leser, wenn dich Nebel je umstrickte,
Auf Alpenhhn, durch den, wie durch die Haut
Des Maulwurfs Auge blickt, das deine blickte,
Wie, wenn der feuchte Qualm, der dich umgraut,
Nun dnn wird und beginnt, sich zu erhellen,
Dann matt hinein das Rund der Sonne schaut;
Und doch vermagst du kaum, dir vorzustellen,
Wie ich die Sonn itzt wiedersah, die sich
Soeben senken wollt ins Bett der Wellen.
So, gleichen Schritts mit meinem Hort, entwich
Ich aus der Wolk, als wie aus dunkler Klause,
Zum Strahl, der sterbend schon am Strand erblich.
Phantasie, die du aus ihrem Hause
Weithin die Seel entrckst, da mans nicht sprt,
Ob ringsumher Trompetenschall erbrause,
Was regt dich auf, wenn nichts den Sinn berhrt?
Das Himmelslicht erregt dich, das hernieder
Von selber strmt, das auch ein Wille fhrt.
Die Arge sah ich, die sich im Gefieder
Des Vogels barg, der ewig Reu und Gram
Verhaucht im Klang der sen Klagelieder.
Und ganz zurckgedrngt ward wundersam
Hier meine Seel in sich, zu nichts sich neigend
Und nichts aufnehmend, was von auen kam.
Darauf erschien, der Phantasie entsteigend,
Ein Mann am Kreuz, so trotzig-stolz wie er
Von Ansehn war, sich auch im Tode zeigend.
Ich sah dabei den groen Ahasver,
Esther, sein Weib, und Mardochai, den Frommen,
In Wort und Tat so ganz, rund um ihn her.
Und dieses Bild zersprang, kaum wahrgenommen,
Gleich einer Blase, die mit kurzem Schein
Im Wasser glnzt, wenn sie emporgeschwommen.
Dann zeigte mein Gesicht ein Mgdelein.
"O Frstin, Mutter!" rief die Trnenvolle,
"Was wolltest du aus Zorn vernichtet sein!
Du starbst, da dein Lavinia bleiben solle.
Bin ich nun dein? Nicht andrer Tod, es zwingt
Der deine mich zu bittrem Trnenzolle."
Gleich wie der Schlaf in jhem Schreck zerspringt,
Wenn Strahlen an des Schlfers Antlitz prallen,
Doch eh er ganz erstirbt, sich strubt und ringt,
So sah ich jetzt mein Traumbild niederfallen,
Als mir ein Licht ins Antlitz schlug, so klar,
Wies nie zur Erde strmt aus Himmelshallen.
Ich wandte mich, zu sehen, wo ich war,
Als eine Stimm erklang: "Hier mt ihr steigen!"
Und ich verga des andern ganz und gar.
Sie zwang den Willen, sich dorthin zu neigen,
Zu sehn, wer sprach, und lie, bis ich belehrt,
Die Unruh nicht in meinem Innern Schweigen.
Wie von der Sonne, die den Blick beschwert,
Durch zuviel Licht ihr eignes Bild bedeckend,
Ward von dem Glanze meine Kraft verzehrt.
"Ein Himmelsgeist ists, uns den Weg entdeckend,
Der aufwrts fhrt, auch ohne da wir flehn,
Und selber sich in seinem Licht versteckend.
Wie wir uns selber tun, ist uns geschehn,
Denn wer die Not erblickt und harrt der Bitte,
Ist bslich schon geneigt, sie zu verschmhn.
Auf! Solchem Rufe nach mit raschem Tritte!
Wir mssen aufwrts, eh das Dunkel naht,
Sonst lst der Tag erst die gehemmten Schritte."
Mein Fhrer sprachs, worauf zum Felsgestad
Wir, hingewandt nach einer Stiege, gingen,
Und wie ich auf die erste Stufe trat,
Fhlt ich ein Wehn, wie von bewegten Schwingen
Im Angesicht, und laut erklangs, mir nah:
"Heil den Friedfertgen, die den Zorn bezwingen."
Der Sonne letzte bleiche Strahlen sah
Ich ber uns, gefolgt von nchtgen Schatten.
Und schon erschienen Sternlein hier und da.
"O meine Kraft, was mut du so ermatten!"
So dacht ich still bei mir, denn ich empfand,
Da sich entstrickt der Fe Nerven hatten.
Wir waren auf der hchsten Stufe Rand
Und standen fest, wie angeheftet, dorten,
Gleich einem Kahn in des Gestades Sand.
Aufmerksam lauscht ich erst nach allen Orten,
Ob nichts zu hren sei, und wandte nun
Zu meinem Meister mich mit diesen Worten:
"Mein ser Vater, sprich, welch bles Tun
Fhrt uns zur Luterung in diesem Kreise.
La nicht die Rede, gleich den Fen, ruhn."
"Trgheit zum Guten", Sprach darauf der Weise,
"Zahlt hier die dort gemachten Schulden erst;
Hier wird der trge Rudrer schnell zur Reife.
Merk auf, damit dus deutlicher erfhrst,
Weil ungenutzt sonst unser Stillstand bliebe--
Frucht bringt dein Weilen, wenn du dich belehrst.
Nicht Schpfer, noch Geschpf ist ohne Liebe,
Noch war es je. Du weit, in der Natur
Und in der Seel entkeimen ihre Triebe.
Nie irrt die erste von der rechten Spur.
Die zweite kann im Gegenstande fehlen
Und bald zu stark sein, bald zu lssig nur.
Wei sie zum Ziel das erste Gut zu whlen,
Ist sie beim zweiten nicht zu hei, zu kalt,
Dann reizt sie nicht zu schlechter Lust die Seelen
Doch schweift sie ab zum Bsen, ist sie bald
Zum Guten lau, zu eifrig bald im Rennen,
So tut dem Schpfer das Geschpf Gewalt.
So mu die Liebe, wie du wirst erkennen,
In euch die Saat zu jeder Tugend streun,
Doch auch zu allem, was wir Laster nennen.
Nun, weil ob ihres Gegenstands sich freun
Die Liebe mu, an dessen Heil sich weiden,
Drum hat kein Ding den eignen Ha zu scheuen.
Und weil kein Sein sich kann vom Ursein scheiden
Und ohne dieses fr sich selbst bestehn,
Mu dies zu hoffen jeder Trieb vermeiden.
Drum kannst du, folgr ich richtig, deutlich sehn:
Dem Nchsten gilt die Liebe nur zum Schlimmen
Und kann aus dreifach schmutzgem Quell entstehn.
Der hofft zur Herrlichkeit emporzuklimmen
Durch andrer Fall, und dieses mu zur Lust,
Die Gre zu erniedrigen, ihn stimmen.
Der Gunst, des Ruhmes und der Macht Verlust
Scheut der, wenn sich ein andrer aufgeschwungen,
Und liebt das Gegenteil mit banger Brust.
Der ist entrstet von Beleidigungen,
Drob Durst nach Rach in ihm sich offenbart,
Bis ihm dem andern weh zu tun gelungen.
Ob dieser Liebe von dreifacher Art
Weint man dort unten--jetzt vernimm von Liebe,
Die nicht durch rechtes Ma geregelt ward.
Nach einem Gute strebt mit dunkelm Triebe
Der Mensch und fhlt, da seiner Wnsche Glut,
Erreicht ers nicht, ihm unbefriedigt bliebe.
Die trge Lieb ists zu dem wahren Gut,
Die sumt, es zu erschaun, es zu erringen,
Die hier nach echter Reue Bue tut.
Gut scheinen andre Gter, doch sie bringen
Nicht wahres Glck, sind Stoff und Wurzel nicht,
Aus welchen Frchte wahren Heils entspringen.
Die Lieb, auf solches Gut zu sehr erpicht,
Bt in drei Kreisen oberhalb mit Zhren;
Doch wie sie dreifach irrt von Recht und Pflicht,
Das sollst du selbst dir suchen und erklren."


Achtzehnter Gesang

Mein hoher Lehrer hatte seiner Lehre
Ein Ziel gesetzt und blickt aufmerksam mir
Ins Angesicht, ob ich zufrieden wre.
Ich, noch gereizt von frischem Durst nach ihr,
Schwieg uerlich, doch sprach bei mir im stillen:
"Beschwert ihn wohl zu viele Wibegier?"
Doch der wahrhafte Vater, der den Willen,
Den schchternen, bemerkt, gab sprechend jetzt
Mir neuen Mut, des Sprechens Lust zu stillen.
Drum ich: "Dein Licht, mein teurer Meister, letzt
Mein Auge so, da es an allen Dingen,
Die du beschreibst, klar schauend sich ergtzt.
Doch, ser Vater, la es tiefer dringen.
Was ist doch jene Lieb--ich bitte, sprich!--
Aus welcher gut und schlechte Werk entspringen?"
"Scharf richte deines Geistes Aug auf mich,"
Versetzt er, "und den Irrtum jener Blinden,
Die sich zu Fhrern machen, lehr ich dich.
Der Geist, geschaffen, Liebe zu empfinden,
Bewegt sich schnell zu allem, was gefllt,
Wenn Reize sich, ihn zu erwecken, finden.
Was Wirklichkeit euch vor die Augen stellt,
pat der Begriff, um es dem Geist zu zeigen,
Der dann dorthin nur sich gerichtet hlt.
Und diese Richtung, dies Entgegenneigen,
Lieb ist es, ist Natur, die dem, was schn
Und reizend ist, sich hingibt als ihm eigen.
Dann, wie die Flamm emporglht zu den Hhn
Durch ihre Form bestimmt, dorthin zu streben,
Wo ihre Stoffe minder schnell vergehn,
So scheint der Geist der Sehnsucht nur zu leben,
Der geistigen Bewegung, die nicht ruht,
Bis, was er liebt, sich zum Genu ergeben.
Drum sieh, wie not die Wahrheit jenen tut,
Die, lehren wollend, noch den Irrwahn hegen,
Jedwede Lieb an sich sei recht und gut.
Gut ist vielleicht ihr Grundstoff allerwegen;
Doch sei das Wachs auch echt und gut, man preist
Das Bild, drin abgedrckt, noch nicht deswegen."
Drauf ich: "Dein Wort und mein folgsamer Geist,
Sie lassen mich der Liebe Wesen sehen,
Obgleich der Geist noch zweifelschwanger kreist.
Denn, mu durch uern Reiz die Lieb entstehen,
Lenkt die Natur die Seele, wie ists dann
Verdienstlich, ob wir krumm, ob grade gehen?"--
"Hr itzt, wie weit Vernunft hier schauen kann,"
So er, "dort stellt Beatrix dich zufrieden,
Denn jenseits fngt das Werk des Glaubens an.
Die wesentliche Form--sie ist geschieden
Vom Stoff und ihm vereint, und eine Kraft,
Die ihr nur eigen ist, ist ihr beschieden.
Sie kann, nicht fhlbar, bis sie wirkt und schafft,
Durch Wirkung nur sich zeigen und bewhren,
Wie durch das Laub des Baumes Lebenssaft.
Daher vermag der Mensch nicht, zu erklren,
Woher zuerst in ihm Begriff entstehn,
Woher das erste Sehnen und Begehren.
Denn wie den Trieb, dem Honig nachzugehn,
Die Bien erhielt, so habt ihr sie erhalten,
Die nicht zu loben ist und nicht zu schmhn.
Doch fhlt ihr auch die Kraft, die Rat gibt, walten,
Und sie, der andern Haupt und Herrscherin,
Soll Wach an eures Beifalls Schwelle halten.
Sie, des Verdienstes und der Schuld Beginn,
Nimmt, wie euch gut und schlechte Lieb entzndet,
Sie auf und lenkt zu eurer Wahl euch hin.
Drum haben jene, so die Sach ergrndet,
Die angeborne Freiheit wohl bedacht,
Und euch die Lehren der Moral verkndet.
Mag wirklich nun im Innern, angefacht
Von der Notwendigkeit, die Lieb entbrennen,
So habt ihr doch auch sie zu zgeln Macht.
Die edle Kraft wird Beatrice nennen,
Wenn sie dir kund vom freien Willen tut,
Drum merk es, um des Wortes Sinn zu kennen."
Der Mond, der fast bis Mitternacht geruht,
Kam itzt hervor, der Sterne Zahl beschrnkend,
Gleich einem Kessel anzusehn von Glut,
Den Pfad dem Himmelslauf entgegenlenkend,
Den Pfad, den Sol, von Rom gesehn, durchglhe
Inmitten Sard und Cors ins Meer sich senkend.
Der edle Geist, ob des im Ruhme blht
Pietola vor Mantuas andern Orten,
War jetzt nicht mehr durch meine Last bemht.
Ich, der die Zweifel all in seinen Worten
Gelset sah und alles hell und klar,
Stand wie ein Schlfriger hinbrtend dorten.
Doch pltzlich naht im Kreislauf eine Schar
Und scheuchte diese Schlfrigkeit des Matten,
Da sie bereits in unserm Rcken war.
Und wie Botiens Flss in nchtgen Schatten
Ein wild Gedrng an ihrem Strande sahn,
Wenn die Thebaner Bacchus ntig hatten,
So sah ich jen im Kreise trabend nahn,
Und alle trieb--so wollte mirs erscheinen--
Gerechte Lieb und wackrer Eifer an.
Und schon bei uns, denn zgern sah ich keinen,
War angelangt der ganze groe Hauf,
Da riefen die zwei Vordersten mit Weinen:
"Rasch zum Gebirge ging Marions Lauf;
Und Csar, um Ilerda zu gewinnen,
Umschlo Marseill und brach nach Spanien auf."
"Rasch, lat aus Trgheit nicht die Zeit entrinnen,"
Schrien alle nun, "es macht der rege Flei
Zum Guten neu der Gnade Lenz beginnen."--
"O ihr, in denen Eifer scharf und hei
Das, was ihr dort aus Lauheit nicht vollbrachtet,
Was ihr versumt, wohl zu ersetzen wei,
Der, welcher lebt--nicht sag ich Lgen--trachtet
Emporzusteigen, eh der Morgen wach,
Drum sagt den Weg, den ihr den nchsten achtet."
Mein Fhrer sagte dies, und einer sprach:
"Wollt ihr zum Orte, wo der Fels, gespalten
Zur Schlucht, euch durchziehn lt. So folgt uns nach.
Uns ist es nicht erlaubt, uns aufzuhalten,
Denn Eile treibt uns fort, drum mgt ihr nicht,
Was uns das Recht gebeut, fr Grobheit halten.
Ich bt in Zenos Haus des Abtes Pflicht,
Unter des guten Rotbart Herrscherstabe,
Von welchem Mailand noch mit Schmerzen spricht.
Und einer, schon mit einem Fu im Grabe,
Er weint, gedenkend jenes Klosters, bald,
Da er gehabt dort Macht und Ansehn habe,
Weil er den Sohn, verpfuscht an der Gestalt,
Noch mehr verpfuscht an Geiste, schlechtgeboren,
Anstatt des wahren Hirten dort bestallt."
Ob er noch sprach? Ob schwieg?--vor meinen Ohren
Verklang, sich schnell entfernend, jener Ton.
Doch merkt ich dies und hab es nicht verloren.
Und er, in jeder Not mein Helfer schon,
Sprach: "Sieh dorthin, woher die beiden kommen,
Die Trgheit scheuchend und ihr selbst entflohn."
Sie riefen jenen nach: "Erst umgekommen
War jenes Volk, dem sich das Meer erschlo,
Bevor der Jordan seine Herrn bekommen.
Und jenes, das die edle Mh verdro,
Bis an sein Ziel neen zu begleiten,
Es ward seitdem ein ruhmlos schlechter Tro."
Die Schatten schwanden kaum in fernen Weiten,
Als ein Gedank aufs neu in mir entstand,
Und dieser erste zeigte bald den zweiten,
Dem sich verwirrt der dritte, viert entwand,
Bis mir zuletzt die Augenlider sanken;
Und wie verschmelzend Bild um Bild verschwand,
Da ward zum Traum das Wogen der Gedanken.


Neunzehnter Gesang

Zur Stunde, da, vom Erdqualm berwunden,
Oft vom Saturn, den Nachtfrost zu durchlaun,
Der Tagesglut die Kraft dahingeschwunden,
Wenn in dem Osten vor des Frhlichts Grauen
Ihr grtes Glck die Geomanten sehen,
Wos kurze Zeit sich hlt in nchtgem Braun,
Sah ich ein Weib im Traume vor mir stehen,
Kalkwei, verstmmelt, stotternd, krummgebckt,
Und schielend sah ich sie die Augen drehen.
Ich schaut auf sie--wie der, den Nachtfrost drckt,
Gestrkt wird und belebt vom Blick der Sonnen,
So wurde sie von meinem Blick durchzckt.
Schnell sprang das Band, das ihre Zung umsponnen;
Sie richtete sich auf; ein roter Schein
Frbt ihr Gesicht, wie Hauch der Liebeswonnen.
Kaum fhlte sie die Zunge sich befrein,
Als sie ein Lied begann, so holden Sanges,
Da ich auf nichts horcht, als auf sie allein.
"Ich, der Sirenen Seste," so klang es,
"Ich bins, durch die vom Weg der Schiffer schweift;
Denn wer mich hrt, ist voll des Wonnedranges.
Mir folgt Uly, der lang umhergestreift,
Und wie Entzcken ihn und Wollust kirren,
Verlt mich keiner, der mich ganz begreift."
Noch hrt ich in der Luft die Tne schwirren,
Sieh, da erschien ein heilges Weib, mir nah,
Die Sngerin beschmend zu verwirren.
"Virgil! Virgil! sprich, wer ist diese da?"
Sie riefs mit Zorn, als sie dies Weib entdeckte
Indes er fest nur ihr ins Auge fah.
Sie aber ri das Kleid, das jene deckte,
Ihr vorn entzwei, da mir der Bauch erschien,
Aus dem Gestank quoll, welcher mich erweckte.
Ich schlug die Augen auf und sah auf ihn.
"Schon dreimal rief ich dich," begann der Weise.
"Auf, la uns jetzt zur Felsenffnung ziehn."
Ich richtete mich auf, und alle Kreise
Des heilgen Bergs erfllte Morgenpracht
Und leuchtet hinter uns zu unsrer Reise.
Ich folgt ihm nach und neigte, lngst erwacht,
Die Stirn, wie einer, der in schweren Sinnen
Sich selbst zum halben Brckenbogen macht.
"Kommt, hier steigt auf!" So hrt ichs nun beginnen,
Mit Tnen, wie sie nie im irdschen Land,
So huldvoll und so s, das Herz gewinnen.
Die Flgel, wie des Schwanes, ausgespannt,
Winkt uns der Engel vor, und beide gingen
Wir durch des Felsens enge Doppelwand.
Er weht uns an mit den bewegten Schwingen
Und sprach: "Heil dem, der stark das Leid ertrgt,
Denn reichen Trost wird seine Seel erringen."
"Was hast du, das dich immer noch erregt?
Was sinkt verworren noch dein Blick zur Erden?"
So sprach Virgil, als wir uns fortbewegt.
"Ein neu Gesicht--noch seh ich die Gebrden"--
Versetzt ich, "macht mich so in Zweifeln gehn!
Noch kann ich dieses Bilds nicht ledig werden."--
"Die alte Hexe--hast du sie gesehn,
Ob der man dorten klagt, wohin wir reisen,"
Sprach er, "und wie mans macht, ihr zu entgehn?
Doch weiter jetzt. Schau auf! In mchtgen Kreisen
Wird dort im klaren himmlischen Gebiet
Lockbilder dir der ewge Knig weisen!"
Wie erst der Falk auf seine Fe sieht,
Doch dann nicht sumt, sich nach dem Ruf zu wenden,
Sich streckt und fliegt, wohin die Beut ihn zieht.
So ich--so klomm ich zwischen Felsenwnden,
Soweit der Weg sich hebt im engen Schlund,
Bis wo die Stiegen auf dem Vorsprung enden.
Und als ich frei im fnften Kreise stund,
Da lagen Leute, die sich weinend plagten,
Das Auge ganz hinabgewandt, am Grund.
"Ach, meine Seele klebt am Staube!" klagten
Sie all, und ihrer Seufzer laut Getn,
Es lie mich kaum vernehmen, was sie sagten.
"Ihr Gotterwhlte, deren Angstgesthn
Gerechtigkeit und Hoffnung mild versen,
O sprecht, wo ist die Stiege zu den Hhn?"
"Kommt ihr, gewi, nicht liegend hier zu ben,
So nehmt nur links den Felsen euren Lauf,
Dann liegt der Eingang bald vor euren Fen."
So bat Virgil, und so versetzt es drauf
Nicht weit von uns, und, schnell erratend, klrte
Ich, was drin sonst verborgen war, mir auf.
Als ich den Blick nach dem des Fhrers kehrte, .
Stimmt er mit frohem Winke gern mir bei,
Ich mge tun, was mein Gesicht begehrte.
Kaum stand mir nun nach Wunsch zu handeln frei,
So sucht ich ihn, des Wort den Sinn verborgen:
Er wisse nicht, da ich noch lebend sei.
Und sprach: "O Geist, fr den des Heiles Morgen
Durch Trnen frher tagt, o la fr mich
Ein wenig ab von deinen grern Sorgen.
Wer warst du? Und was kehrt dein Rcken sich
Empor? Und dort, woher ich, noch im Leben,
Gekommen bin, dort bitt ich dann fr dich."
"Wie wir hier liegen fr verkehrtes Streben,
Bald hrst dus," sprach er, "doch vernimm zuvor:
Mir waren Petri Schlssel bergeben.
Bei Siestri rollt aus einem Tal hervor
Ein schner Flu, den das Geschlecht der Meinen
Zu seinem ersten Titel sich erkor.
Ich fhlt als Papst fnf Wochen lang, da einen,
Der rein die Stola hlt, sie so beschwert,
Da leicht, wie Flaum, all andre Brden scheinen.
Und leider, ward ich nur zu spt bekehrt;
Doch als ich zu dem Heilgen Stuhl gelangte,
Da ward ich von des Lebens Trug belehrt.
Ich sah, da dort das Herz nie Ruh erlangte,
Da jenes Leben mir nichts Hhres bot,
Daher ich hei nach diesem nur verlangte.
Bis dahin war ich arm, getrennt von Gott,
Und vllig machte mich der Geiz zum Sklaven,
Dafr sie mich bestraft mit dieser Not.
Die Lutrungsqualen, die mich hier betrafen,
Tun dir des Geizes Art und Wesen kund,
Und auf dem Berg gibts keine hrtern Strafen.
Wie einst das Auge nicht nach oben stund,
Und nur gefesselt war von irdschen Dingen,
So drckts Gerechtigkeit hier an den Grund.
Und wie den Trieb, das Gute zu vollbringen,
Der Geiz erstickt und nimmer handeln lt,
So hlt Gerechtigkeit in festen Schlingen
Hier Hand und Fu gebunden und gepret;
So liegen wir, bis uns der Herr die Glieder
Einst wieder lst, hier unbeweglich fest."
Antworten wollt ich ihm und kniete nieder,
Doch, da ich sprach und er durchs Ohr erkannt,
Da Ehrfurcht mich gebeugt, begann er wieder:
"Was kniest du hier?" Und ich drauf: "Ich empfand
Ob deiner Wrde Vorwrf im Gewissen,
Da ich vor dir noch grad und aufrecht stand."
"Bruder, steh auf!"--so er--"du mut ja wissen,
Dein Mitknecht bin ich nur von einer Macht,
Der du und ich und all uns beugen mssen.
Und hattest du des heilgen Spruches acht:
Sie freien nicht, so wirst du dir erklren,
Was ich bei meiner Rede mir gedacht.
Jetzt geh. Dein Weilen hemmt den Lauf der Zhren,
Die frher mir--denk an dein eignes Wort--
Das Morgenlicht des ewgen Heils gewhren.
Alagia, eine Nichte, hab ich dort,
Gut von Natur, reit nicht zu schlechten Trieben
Sie der Verwandten bles Beispiel fort,
Und sie allein ist jenseits mir geblieben."


Zwanzigster Gesang

Schwer kmpft der Wille gegen bessern Willen,
Drum zog ich ungern jetzt vom Quell den Mund,
Weil er es wnscht, ohn erst den Durst zu stillen.
Wir gingen einen Weg, wo frei der Grund
Zum Gehen war, entlang dem Felsgestade,
Gleich engem Steg am Mauerzinnenrund.
Denn jene Schar, die sich im Trnenbade
Vom bel, das die Welt erfllt, befreit,
Versperrt uns mehr nach auen hin die Pfade.
Du alte Wlfin, sei vermaledeit!
Kein Tier erjagt sich Beute gleich der deinen,
Doch bleibt dein Bauch noch endlos hohl und weit.
O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir meinen,
Der Erde Sein und Zustand wandeln soll,
Wann wird der Held, der sie vertreibt, erscheinen?
Wir gingen langsam fort und mhevoll
Ich, horchend, als aus jener Schatten Mitte
Ein jammervoller Klageton erscholl.
"Maria, Se!" klangs vor meinem Schritte,
Und wie ein kreiend Weib zu jammern pflegt,
So klglich schien der Ruf der frommen Bitte.
"Du warst so arm!" so sagt es dann bewegt,
"Der Armut sehn wir jene Kripp entsprechen,
In welche du die heilge Frucht gelegt."
"Fabricius, Wackrer!" hrt ichs weiter sprechen,
"Tugend mit Armut schien dir mehr Gewinn
Als der Besitz des Reichtums mit Verbrechen."
Gar wohl gefiel mir dieser Rede Sinn,
Und um zu sehn, wer von den Felsenbnken
Sie ausgesprochen, wandt ich mich dahin.
Und weiter sprach er noch von den Geschenken,
Die Nikolaus gemacht den Mgdelein,
Um sie zum Weg der Ehre hinzulenken.
"O Geist, der du so wohl sprichst," fiel ich ein,
"Sprich jetzt, wer warst du und aus welchem Grunde
Erneust du hier so wrdges Lob allein?
Nicht unbelohnt soll bleiben solche Kunde,
Kehr ich zurck zum Rest der kurzen Bahn
Des Lebens, das da eilt zur letzten Stunde."
Und er: "Nicht will von dort ich Hilf empfahn,
Doch red ich, denn mir strahlt im hellen Lichte
Die Huld, die Gott dir vor dem Tod getan.
Des Baumes Wurzel bin ich, der in dichte
Umschattung hllt die ganze Christenheit,
Von dem man selten nur pflckt gute Frchte.
Doch wre schon die Rache nicht mehr weit,
Wenn Macht Gent, Brgge, Lille und Douai htten,
Auch bitt ich drum des Herrn Gerechtigkeit.
Hugo bin ich, der Stammherr der Capetten,
Philipp und Ludwige, die auf den Thron
Des schnen Frankreichs jetzt sich ppig betten.
Als ich lebt in Paris, ein Metzgersohn,
Erstarb der Knigsstamm in allen Zweigen,
Und nur noch einer lebt in Schmach und Hohn;
Da macht ich mir des Reiches Zaum zu eigen,
Und so vermehrt ich meine Macht alsdann,
So sah ich sie durch Land und Freunde steigen,
Da den verwaisten Thron mein Sohn gewann,
Von welchem nach dem Walten ewger Mchte
Die Reihe der Gesalbten dort begann.
Bis der Provence Mitgift dem Geschlechte
Der Meinen nicht die heilge Scham entri,
Galts wenig zwar, allein vermied das Schlechte.
Seitdem verbt es Tat der Finsternis,
Log, raubt und stahl, woraufs, aus Reu und Bue,
Die Normandie und Ponthieu an sich ri.
Karl kam nach Welschland, und, aus Reu und Bue,
Kpft er den Konradin und sandte drauf
Den Thomas heim zu Gott, aus Reu und Bue.
Bald bricht ein andrer Karl im vollen Lauf,
Denn besser sollt ihr seine Sitt erkennen
Und seines Stammes Art, aus Frankreich auf.
Zur Rstung wird er nicht sich Zeit vergnnen,
Und nur mit Judas Lanze, so, da dir,
Florenz, der Wanst platzt, in die Schranken rennen.
Nicht Land, nur Snd und Schmach gewinnt er hier.
Und trgt er sie gar leicht und unbefangen,
So wird er einst noch mehr gedrckt von ihr.
Ein andrer Karl, im Seegefecht gefangen,
Verschachert, wie die Sklavin der Korsar,
Die Tochter, um das Kaufgeld zu empfangen.
Ach, was vermagst nicht du, o Geiz! Sogar
Sein eignes Fleisch beut, schmhlich berwunden
Von deiner Macht, mein Blut zum Kaufe dar.
Doch ist der Frevel schon in nichts verschwunden;
Ich seh Alagna, wo die Lilie weht!
Seh im Statthalter Christum selbst gebunden.
Seh ihn drauf verspottet und geschmht!
Seh ihn aufs neue Gall und Essig schmecken!
Seh ihn, der unter Rubern dann vergeht!
Den grimmigen Pilatus seh ich schrecken
Und, noch nicht satt, ihn, ohne Kirchenschlu,
Die gierge Hand nach Kirchengtern strecken.
Gott, was sumt dein Rcherarm? Was mu
So lang an mir gerechter Unmut nagen?
Die Frevler strafend, stille den Verdru!--
Du hrtest mich vorhin von jener sagen,
Die einzig ist des Heilgen Geistes Braut,
Und dies beweg dich, nach dem Grund zu fragen.
Von ihr erklingt das Flehen leis und laut
Beim Tageslicht, doch von den Gegenstzen
Tnt unsre Klage, wenn die Nacht ergraut.
Dann denken wir Pygmalions mit Entsetzen,
Der ein Verwandtenmrder ward, ein Dieb
Und ein Verrter aus Begier nach Schtzen;
Des Midas, der so lang im Elend blieb,
Das jedem, der ihn sah, weils ihn nicht freute,
Als er die Gier gestillt, zum Lachen trieb;
Des tollen Achan auch, des Diebs der Beute,
Der, wie es scheint, noch hier nicht tragen kann
Des Josua Zorn, der ihm im Leben drute.
Sapphiren tadeln wir und ihren Mann
Und loben den, der hinwarf Heliodoren;
Den ganzen Berg umkreist mit Schande dann
Polynestor, der totschlug Polydoren.
Zuletzt erklingt es: Crassus, sprich, wie schmeckt
Das Gold, das du zur Lieblingsspeis erkoren?
Der redet laut, der leis und unentdeckt,
Je wie der Drang des Leids, das wir erproben,
Uns minder oder mehr erregt und weckt.
Ich sprach vom Heil, das wir am Tage loben,
Hier nicht allein, nur da zu lautem Klang,
Die mir hier nah sind, nicht die Stimm erhoben."
Wir richteten nun vorwrts unsern Gang,
Nachdem wir diesen Schatten kaum verlassen,
So schleunig, als es nur der Kraft gelang.
Da aber zitterten des Berges Massen,
Als strz er hin, und Furcht erfate mich,
Wie sie den, der zum Tod geht, pflegt zu fassen.
Nicht schttelte so heftig Delos sich,
Eh, beide Himmelsaugen zu gebren,
Dorthin zum sichern Nest Laton entwich.
Rings braust ein Ruf, um meine Furcht zu mehren,
Doch nher trat zu mir mein Meister da:
"Ich fhre dichl--was magst du Sorgen nhren?"
Und knnt ich aus den Stimmen, die mir nah
Erklangen, recht das ganze Lied verstehen,
Klangs: Deo in excelsis gloria!
Wir blieben staunend, gleich den Hirten, stehen,
Die diesen Sang zum erstenmal gehrt,
Und lieen Erdensto und Lied vergehen.
Doch dann, zum heilgen Weg zurckgekehrt,
Sahn wir die Schatten, die am Boden lagen,
Schon wieder vom gewohnten Leid beschwert.
Noch nie bekmpften sich mit solchen Plagen
In mir Unwissenheit und Wibegier,
Mag ich auch forschend die Erinnrung fragen:
Wonach ich grbelnd je gespht?--wie hier.
Nicht fragen drft ich, denn er ging von hinnen,
Und nichts erklren knnt ich selber mir;
So ging ich schchtern fort in tiefem Sinnen.


Einundzwanzigster Gesang

Der Durst, den die Natur gegeben hat,
Den nur das Wasser stillt, um dessen Gnade
Die Samariterin den Heiland bat,
Verzehrte mich, und auf verengtem Pfade
Trieb Eile mich, dem Fhrer nachzuziehn,
Voll Gram, da Schuld uns so mit Leid belade.
Und sieh, wie Kunde Lukas uns verliehn,
Da Christus zween, die unterweges waren,
Erstanden aus dem Grabgewlb, erschien;
So uns ein Schatten--hinter uns, die Scharen,
Dort ausgestreckt, betrachtend, ging er fort
Und lie sich sprechend erst von uns gewahren.
"Gott geb euch Frieden, Brder!" war sein Wort,
Das pltzlich hin zu ihm uns beide kehrte;
Und ziemend dankt ihm mein getreuer Hort
Und sprach: "Zu denen, so der Herr verklrte,
Versetz er dich, zu jenem selgen Chor,
Des Frieden er auf ewig mir verwehrte."
Und jener sprach: "Wenn Gott euch nicht erkor,"
(Doch sumte nicht, indessen fortzugehen,)
"Wer leitet euch die heilge Stieg empor?"
Virgil darauf: "Sieh hier die Zeichen stehen,
Die diesem eingeprgt vom Engel sind,
Und da er auserwhlt ist, wirst du sehen.
Allein weil sie, die unablssig spinnt,--
Ihm noch nicht ganz den Rocken abgesponnen,
Den Klotho anlegt, wenn ein Sein beginnt,
Htt er, allein, die Hhe nie gewonnen,
Weil seine Seele, Schwester dir und mir,
Noch nicht nach unsrer Art zu sehn begonnen.
Drum bin ich aus dem Hllenschlunde hier,
Und meine Schule wies und weist ihm alles,
Was sie gewhren kann der Wibegier.
Doch sprich, was schwankte so gewaltgen Pralles
Vorhin der Berg? Was tnte bis zum Strand
Der allgemeine Ruf so lauten Schalles?"
Mein teurer Meister, also fragend, fand
So meiner Sehnsucht Ohr, da mein Begehren,
Mein Durst durch Hoffnung Lindrung schon empfand.
Und jener sprach: "Den Berg, den heilgen, hehren,
Nichts trifft ihn sonder Ordnung, was es sei,
Und ewge Regel herrscht in diesen Sphren.
Stets ist er hier von jeder Strung frei;
Wenn einen Geist von ihm Gott aufgenommen,
Verkndens Erdensto und Jubelschrei.
Wer jene kleine Stieg emporgeklommen
Von dreien Stufen, sieht nicht Reif noch Tau,
Nicht Hagel mehr, noch Schnee, noch Regen kommen.
Kein Wlkchen trbt hier je des Himmels Blau,
Nie blinkt des Blitzes Schnell verschwundne Helle
Nie baut sich Iris Brck auf dunkelm Grau.
Kein trockner Dunst steigt ber jene Stelle,
Von der ich sprach, auf der die Fe stehn
Des Pfrtners von der diamantnen Schwelle.
Von Strmen, die im Erdenscho entstehn,
Mags sein, da unten oft der Berg erdrhne,
Hier--wie, begreif ich nicht--ists nie geschehn.
Hier bebt er, wenn in neuer Rein und Schne
Die Seele fhlt, sie woll erhoben sein.
Ihr Steigen frdern dann die Jubeltne.
Der Reinheit Prob ist dieser Will allein;
Frei, treibt er sie, zum Zuge sich zu rsten,
Und er verleiht ihr sicheres Gedeihn.
Erst will sie zwar, doch fhlt auch, mit Gelsten
Nach lngrer Qual, da nach Gerechtigkeit,
Die, so einst sndigten, erst leiden mten.
Ich lag fnfhundert Jahr in diesem Leid
Und lnger noch und fhlte mir soeben .
Zum Aufwrtsziehn den Willen erst befreit.
Drum fhltest du den ganzen Berg erbeben,
Drum pries den Herrn die ganze fromme Schar,
In Hoffnung, bald sich selber zu erheben."
Sprachs, und je heier die Begierde war,
Je mehr fhlt ich vom Tranke mich erquicken
Und fhlte mich gestrkt und frei und klar.
Virgil drauf: "Welche Netz euch hier umstricken,
Wie ihr entschlpft, was durch den Berg gezckt,
Was Jubeltn empor die Seelen schicken,
Das hat dein Wort mir deutlich ausgedrckt.
Jetzt sage mir: Wer bist du einst gewesen?
Und was hat hier so lang dich schwer gedrckt?"
Drauf jener: "Damals, als das hchste Wesen,
Das Blut zu rchen, das fr schndes Geld
Judas verkauft, den Titus auserlesen,
Da lebt ich mit dem Namen, der bei Welt
Und Nachwelt gilt, geschmckt mit hchstem Preise,
Doch war noch nicht vom Glaubenslicht erhellt.
So s war des klangreichen Geistes Weise,
Da Rom mich Tolosanen rief und hoch
Mich ehrte mit verdientem Myrtenreise.
Mich, Statius, nennt man jenseits heute noch.
Von Theben hob ich, vom Achill gesungen,
Bis unterwegs ich sank dem zweiten Joch.
Auch meine Glut ist an der Flamm entsprungen,
Der gttlichen, die Funken ausgesprht
Und Tausende mit ihrem Licht durchdrungen.
Sie, die neis, ists, die mich durchglht,
Sie nur war Mutter, Amme mir im Dichten,
Und ohne sie war ich umsonst bemht.
O htt ich mit Virgil gelebt! Mit nichten
Schien mirs zu schwer, ein Jahr lang, noch im Bann,
Dafr auf die Befreiung zu verzichten."
Bei diesen Worten sah Virgil mich an
Mit einem Blick, der schweigend sagte: Schweige!
Doch weil die Kraft, die will, nicht alles kann,
Nicht hindern kann, da sich die Seele zeige,
Und, wie durch sie die jhe Regung blitzt,
Trn oder Lcheln uns ins Antlitz steige,
So blinkt ich lchelnd mit den Augen itzt,
Drum sah mir jener, dem dies nicht entgangen,
Ins Auge, wo das Bild der Seele sitzt.
"So wie du mgst zum groen Ziel gelangen,"
Begann er drauf, mir zugewandt, "So sprich:
Was schwebt ein Lcheln jetzt um deine Wangen?"
Nun zeigen hier und dorten Schlingen sich.
Der heit mich schweigen, jener, offenbaren.
Ich seufze nur, doch man ergrndet mich.
"Du magst dir jetzt das lngre Schweigen sparen,"
Begann Virgil, "sprich nur, denn er beweist
.Zu groe Sehnsucht, alles zu erfahren."
"Vielleicht wohl wunderts dich, du alter Geist,"
Also begann ich jetzo, "da ich lachte,
Doch will ich, da du mehr verwundert seist.
Er, der mich aufwrts fhrt, wohin ich trachte,
Es ist Virgil, der Quell, der deinen Sang
Von Helden und von Gttern strmen machte.
Glaubst du, das andrer Grund des Lachens Drang
In mir erregt, magst du den Glauben lassen;
Es war dein Wort, das mich zum Lachen zwang."
Da neigt er sich, die Knie ihm zu umfassen,
Zu meinem Hort, der sprach: "La, Bruder, la!
Wir sind ja Schatten beid und nicht zu fassen."
Und er stand auf und sprach: "Du wirst das Ma
Der Liebe, die mich an dich zieht begreifen,
Da ich der Krper Mangel ganz verga
Und Schatten sucht als Festes zu ergreifen."


Zweiundzwanzigster Gesang

Schon hinter uns geblieben war der Engel,
Der unsern Schritt zum sechsten Kreis gekehrt
Und mir getilgt ein Zeichen meiner Mngel.
Sie, deren Wunsch Gerechtigkeit begehrt,
Sie riefen: "Heil dem Drstenden!" und schwiegen,
Und ohne weitres war ihr Sinn erklrt.
Ich, leichter als auf andern Felsenstiegen,
Ging aufwrts, den behenden Geistern nach,
Und sonder Mhe ward der Kreis erstiegen.
"An Lieb, entzndet von der Tugend," sprach
Mein Meister nun, "ist andre stets entglommen,
Wenn sichtbar nur hervor die Flamme brach.
Darum, seit Juvenal hinabgekommen
Zum Hllenvorhof, und mit uns vereint,
Von dem ich, wie du mich geliebt, vernommen,
War ich in Liebe dir so wohlgemeint,
Wie wir sie selten Niegesehnen weihen,
So, da nun kurz mir diese Stiege scheint.
Doch sprich und wolle mir als Freund verzeihen,
Lst mir zu groe Sicherheit den Zaum,
Und wolle Kunde mir als Freund verleihen:
Wie fand der Geiz doch--ich begreif es kaum--
Bei solcher Weisheit, wie dein eifrig Streben
Errungen hat, in deinem Busen Raum?"
Hier sah ich Lcheln jenes Mund umschweben,
Dann sprach er: "Jedes Wort aus deinem Mund,
Zeugts nur von Liebe, mu mir Freude geben.
Oft werden uns von auen Dinge kund,
Die falsche Zweifel in der Seel erregen,
Weil tief verborgen ist ihr wahrer Grund.
Du scheinst--die Frage zeigts--den Wahn zu hegen,
Da mich der Geiz auf Erden einst geplagt,
Vielleicht weil ich in diesem Kreis gelegen.
Jetzt wisse, da ich ihm zu sehr entsagt,
Und dieses Unma hab ich hier in Schlingen
So viele tausend Monden lang beklagt.
Dort unten mt ich, Steine wlzend, ringen,
Htt ich dein zrnend Warnen nicht gehrt:
Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen.
Verfluchter Durst nach Gold, der uns betrt!--
Die ernste Mahnung hrt ich dich verknden
Und ward aus eitlen Trumen aufgestrt.
Da nur zu offen meine Hnde stnden,
Dies ward mir nun in meinem Geiste klar,
Mit Reu ob dieser und der andern Snden.
Wieviel erstehn einst mit verschnittnem Haar,
Weil bis zum Tod sie nicht erkannt, da Shne
Durch Reu auch diesem Fehler ntig war.
Wisse, die Schuld, die auf des Lebens Bhne
Sich einer andern grad entgegensetzt,
Verliert zugleich mit ihr hier ihre Grne.
Drum sahst du mich bei jenen Scharen jetzt
Der Reuigen, die einst der Geiz bezwungen;
Drum hat das Gegenteil mich herversetzt."
"Zur Zeit, da du der Waffen Graus gesungen.
Die Jokasten Gram zu Gram gefgt,"
Sprach jener, dem das Hirtenlied gelungen,
"War, wenn, was Klio aus dir singt, nicht trgt,
Nicht durch den Glauben noch dein Herz gelichtet,
Bei dessen Mangel keine Tugend gngt.
Nun, welche Sonne hat die Nacht vernichtet,
Welch irdisch Licht, da du an deinem Kahn
Die Segel dann, dem Fischer nach, gerichtet?"
Und er: "Du zeigtest mir zuerst die Bahn
Zu dem Parna und seinen sen Quellen
Und warst mein erstes Licht, um Gott zu nahn.
Dem, der bei Nacht geht, warst du gleichzustellen,
Dem seine Leuchte selbst kein Licht verleiht,
Um hinter ihm die Strae zu erhellen,
Indem du sprachst: Erneuert wird die Zeit,
Ich seh ein neu Geschlecht vom Himmel steigen
Und Ordnung herrschen und Gerechtigkeit.
Durch dich ward mir der Ruhm des Dichters eigen,
Durch dich ward ich den Christen beigesellt;
Wie? Soll sich dir in klarem Bilde zeigen.
Vom wahren Glauben schwanger war die Welt
Schon berall; es streuten diesen Samen
Die Boten ewgen Reichs ins weite Feld.
Mit deinem oft berhrten Worte kamen
Die neuen Predger smtlich berein,
Drum folgt ich denen, die ihr Wort vernahmen.
Sie schienen mir so heilig und so rein--
Und als sie Domitian verfolgte, machten
Mich weinen ihre Klag und ihre Pein.
Und ihnen beizustehn war all mein Trachten,
Da mir so redlich ihre Sitt erschien;
All andre Sekten mut ich drum verachten.
Eh dichtend, ich an Thebens Flsse ziehn
Die Griechen lie, hatt ich die Tauf empfangen,
Obwohl ich uerlich als Heid erschien,
Und ein versteckter Christ verblieb aus Bangen;
Und ob der Lauheit hab ich mehr als vier
Jahrhunderte den vierten Kreis umgangen.
Sprich jetzo du, der du den Schleier mit
Gehoben hast vom Heile, das ich preise,
Denn Zeit genug beim Steigen haben wir:
Wo Freund Terenz, wo Varro ist, der Weise,
Ccilius, Plautus?--sprich, ich bitte sehr,
Ob sie verdammt sind und in welchem Kreise?"
"Sie, ich und mancher sonst," erwidert er,
"Wir sind beim Griechen, jenem blinden Alten,
Den Musenmilch getrnkt, wie keinen mehr,
Im ersten Kreis der blinden Haft enthalten;
Oft sprachen wir von jenem Berge schon,
Wo unsre sen Nhrerinnen walten.
Dort ist Euripides, Anakreon
Mit vielen Griechen, die der Lorbeer krnte,
Mit dem Simonides und Agathon.
Auch sie, von welchen einst dein Lied ertnte,
Antigone, Ismene, so gebeugt,
Wie einst, da sie um den Verlobten sthnte.
Auch jene, die das Kind, das sie gesugt,
Rckkehrend von Langia, tot gefunden,
Und Daphne, von Tiresias erzeugt."
Die Dichter schwiegen beide jetzt und stunden,
Vom Steigen frei und von der Felsenwand,
Und sahn umher, das Weitre zu erkunden.
Die fnfte Dienerin des Tages stand
Am Wagen schon, um seinen Lauf zu leiten,
Der Deichsel Flammenspitz emporgewandt.
"Wir kehren, denk ich, unsre rechten Seiten",
Begann mein Herr, "zum freien Rande hin,
Um, wie wir pflegen, um den Berg zu schreiten."
So ward Gewohnheit unsre Fhrerin;
Auch Statius winkte Beifall dem Genossen,
Drum gingen wir mit sorgenfreiem Sinn,
Sie mir voraus, ich einsam, unverdrossen,
Ging hinterdrein, den Reden horchend, fort,
Die meinem Geist der Dichtung Tief erschlossen.
Doch machte bald der Dichter ses Wort
Ein Baum mit wrzig duftgen pfeln schweigen.
Inmitten unsers Weges stand er dort;
Und wie die Tann aufwrts, von Zweig zu Zweigen
Sich enger abstuft, so von Spro zu Spro
Er niederwrts, erschwerend das Ersteigen.
Auf jener Seite, wo der Weg sich schlo,
Fiel klares Na vom hohen Felsensaume,
Das auf die Bltter sprhend sich ergo.
Da nahte sich das Dichterpaar dem Baume,
Aus dessen Zweigen eine Stimm erscholl:
"Die Speise hier wird teuer eurem Gaume."
"Der Hochzeit nur, um ganz und ehrenvoll
Sie auszurichten, galt Marias Sinnen,
Nicht ihrem Mund, der fr euch sprechen soll.
Nur Wasser tranken einst die Rmerinnen;
Nicht Knigskost hat Daniel gewollt,
Um reichen Schatz der Weisheit zu gewinnen.
Die Urzeit war so schn wie lautres Gold,
Als Eichen noch dem Hunger leckre Speisen
Und Nektar jeder Bach dem Durst gezollt.
Heuschrecken hat und Honig einst zu speisen
Der Tufer in der Wste nicht verschmht,
Und hoch und herrlich ist er drob zu preisen,
Wies offenbart im Evangelium steht."


Dreiundzwanzigster Gesang

Indes ins Laubwerk meine Blicke drangen,
So scharf und sphend, wie sie einer spannt,
Der seine Zeit verliert mit Vogelfangen,
Rief er, der mehr als Vatersorg empfand:
"Sohn, komm. Die Zeit, die uns verliehn zum Reisen,
Sei eingeteilt und ntzlicher verwandt."
Schnell wandt ich Blick und Schritt zu beiden Weisen,
Die also sprachen, da zum leichten Gang
Die Mhe ward, den Felsen zu umkreisen.
Sieh, da erklangen Klagen und Gesang:
"Herr, meine Lippen," klangs mit einem Sthnen,
Das mich zugleich mit Lust und Leid durchdrang.
"Mein ser Vater, welche Stimmen tnen?"
Ich riefs, und er drauf: "Schatten sinds, die nun
Fr einst versumte Pflicht den Herrn vershnen."
Wie unterweges eilge Wandrer tun,
Die Leut einholen, welche sie nicht kennen,
Und sich zwar umsehn, doch nicht stehn und ruhn;
So kam jetzt hinter uns in schnellerm Rennen
Ein frommer Haufe, lief vorbei und schaut
Uns staunend an, um schweigend fortzurennen.
Die Augen tief und hohl und nachtumgraut,
Erschienen sie, die Hagern, die Erblaten,
Die Knochen alle sichtbar durch die Haut.
So mager, glaub ich, war nach langem Fasten,
So ausgetrocknet nicht Erisichthon,
Als nun sein eignes Fleisch die Zhn erfaten.
Sie gleichen jenen, dacht ich, da sie flohn,
Die einst Jerusalem verloren haben,
Wo selbst die Mutter fra den eignen Sohn.
Tief war das Aug in seinem Rund vergraben,
Das einem Ringe sonder Gemme glich,
Und Nas und rings die Knochen scharf erhaben.
Da eines Apfels Duft so jmmerlich
Zurichten knn und Duft von einer Quelle,
Begier erzeugend, wer wohl dcht es sich?
Schon staunt ich, wie der Hunger sie entstelle,
Indem ich noch die Ursach nicht verstund,
Von ihrem magern Leib und traurgem Felle.
Da sah ich, wie aus seines Hauptes Grund
Ein Geist auf mich die Augen forschend richte,
Der ausrief: Welche Gnade wird mir kund?
Nie htt ich ihn erkannt am Angesichte,
Doch durch die Stimme ward mir offenbart,
Wie Hunger Ansehn und Gestalt vernichte.
Und dieser Funke machte vllig klar
Mir die Erinnrung, da ich sein gedachte,
Und sah, da dies Foreses Antlitz war.
Und er begann nun flehend: "Ach, verachte
Die drre Haut nicht, noch mein bla Gesicht,
Ob auch die Schuld um alles Fleisch mich brachte.
Gib wahrhaft mir von deinem Los Bericht,
Und von den zwein, die bei dir sind--ich flehe!--
Verweigre mir erwnschte Kunde nicht."
"Dein Angesicht, bei dem mit tiefem Wehe,"
Begann ich, "als ichs tot sah, ich geklagt,
Betrbt mich mehr, da ichs so hager sehe.
Drum sprich, bei Gott, was so dein Laub zernagt.
Nicht wolle, da ich, weil ich staun, erzhle,
Denn bel spricht, wen selbst die Neugier plagt."--
"Vom ewgen Rat", so sprach Foreses Seele,
"Sinkt eine Kraft, die Bach und Baum durchdringt,
Durch die ich hier mich abgemagert qule.
Sie ists, die jeden, der hier weinend singt,
Zur Heiligkeit vom wsten Schwelgerleben
Durch Hunger und durch Durst zurckebringt.
Der Duft, den jene Frchte von sich geben,
Der Quell auch, der sie netzt, entflammt der Brust
Nach Speis und Trank ein nie gestilltes Streben.
Sooft im Kreis wir dorthin ziehn gemut,
Wird immer diese Pein in uns erneuert.
Ich sage Pein und sollte sagen: Lust,
Weil nach dem Baum uns jener Drang befeuert,
Der Christum froh dahin zum Kreuz gebracht,
Wo unsrer Schmach sein teures Blut gesteuert."
Drauf ich: "Forese, seit du jene Nacht
Vertauscht mit diesem bessern Leben, zhlte
Man nur fnf Jahr, die kaum den Lauf vollbracht.
Wenn dir die Kraft zu sndgen eher fehlte,
Als du durchdrungen warst von gutem Leid,
Das stets die Seele neu mit Gott vermhlte,
Wie stiegst du in so kurzer Frist so weit?
Dort unten dich zu finden mut ich meinen,
Wo man verlorne Zeit ersetzt durch Zeit."
Und er: "Zum sen Wermutstrank der Peinen
Hat mich befrdert meiner Nella Flei
In frommem Flehn und ihr unendlich Weinen.
Denn ihr Gebet, ihr Sthnen fromm und hei,
Hat mich der Kste, wo man harrt, entzogen
Und mich befreit aus jedem andern Kreis.
Ihr. die ich so geliebt, ist Gott gewogen,
Weil sie, der nur der Tugend Reiz gefllt,
Sich ganz vom Pfad der andern abgezogen.
Der Sarden rohes Bergesland enthlt
Mehr Scham und Sitte noch in feinen Frauen
Als das, wo ich sie lie in jener Welt.
O ser Bruder, soll ich dirs vertrauen?
Ich glaube schon die Zukunft, der das Heut
Nicht alt erscheinen wird, vor mir zu schauen,
Wo man den frechen Fraun, die ungescheut
Den Busen mit den Brsten offenbaren,
Dies von der Kanzel in Florenz verbeut.
Wann muten Fraun von Trken und Barbaren,
Um mit bedeckter Brust einherzugehn,
Von Staat und Kirche Rgen erst erfahren?
Doch knnten nur die Unverschmten sehn,
Was ihnen schon der Himmel vorbereitet,
Sie wurden heulend, offnen Mundes, stehn.
Sie jammern, wenn kein Wahn mich hier verleitet,
Eh auf des Wange, der jetzt eingelullt
Von Eipopeia wird, sich Flaum verbreitet.
Jetzt sprich von dir und zahle mir die Schuld.
Sieh alle, die dorthin die Augen lenken,
Wo du die Sonne deckst, voll Ungeduld."
Und ich versetzt ihm: "Willst du des gedenken,
Was du mit mir einst warst, und ich mit dir,
So wird noch jetzt dich die Erinnrung krnken.
Vor kurzem hat von dort er, der vor mir
Als Fhrer geht, mich mit sich fortgenommen,
Als rund euch schien der Bruder dieser hier."
--Die Sonne zeigt ich--"Mir zum Heil und Frommen
Bin ich durch wahren Todes tiefe Nacht
Mit ihm in diesem wahren Fleisch gekommen.
Er hat im Kreislauf mich emporgebracht
Zu diesem Berg, wo die sich grad erheben,
Die einst das Erdenleben krumm gemacht.
Er wird mir sein Geleit so lange geben,
Bis ich gelangt zu Beatricen bin;
Ohn ihn dann mu ich weiter aufwrts streben.
Es ist Virgil"--hier zeigt ich nach ihm hin--
"Sieh auch den andern und erkenne diesen
Als den, ob des der Berg gebebt vorhin,
Da euer Reich ihn von sich weggewiesen."


Vierundzwanzigster Gesang

Nicht hemmt uns Gehn im Reden, Red im Gehn;
Der Lauf ging beim Gesprch so rasch vonstatten,
Wie eines Schiffs bei guten Windes Wehn.
Und die, wies schien, zweimal gestorbnen Schatten,
Sie sogen Staunen durch die Augen ein,
Da sie bemerkt mein irdisch Leben hatten.
"Wohl eilger", sprach ich weiter, "wrd er sein,
Zum Platz zu ziehn, der dort ihm angewiesen,
War er nicht aufgehalten von uns zwein.
Doch sprich, wo ist Piccarda? Wer von diesen,
Von welchen jeder Blick jetzt auf mir ruht,
Ward durch den Ruf im Leben einst gepriesen?"
"Sie, meine Schwester, einst so schn als gut,
Trgt dort, wo wir das ewge Licht erkennen,
Die Krone des Triumphs mit heiterm Mut."
Sprachs, und darauf: "Hier darf man alle nennen,
Denn, vom heilsamen Fasten abgezehrt,
Wrd einer sonst den andern nimmer kennen.
Sieh dort"--er sprachs, den Finger hingekehrt--
"Den Buonagiunta; sieh dort den Erblaten,
Vom Hunger mehr als jeden sonst, verheert,
Des Arme dort die heilge Kirch umfaten.
Er war von Tours und bt hier manchen Schmaus
Von weinersuften Aal mit schwerem Fasten."
Noch whlt er manchen von der Schar heraus
Und nannt ihn mir, was jeden sehr erfreute,
Und keiner sah drum trb und finster aus.
Ich Sah den Bonifaz, der viel Leute
Mit Pfrndenfett geatzt; den Ubaldin,
Der an den Zhnen selbst vor Hunger kute;
Sah den Marchese, den, trotz allem Ziehn
Aus seinem Krug, der Durst nur rger brannte,
Und dem der Mund bestndig trocken schien.
Doch wie, wer viel sah, eins nur whlt. So wandte
Ich mein Gesicht nun zu dem Buonagiunt,
Der, wie es schien, mich dort am besten kannte.
Er murmelt in sich, und von seinem Mund,
An dem sich hier der Schlemmer Snden rchen,
Ward etwas wie das Wort Gentucca kund.
Ich sprach: "Der du das Schweigen abzubrechen
So lstern scheinst, sprich so, da mans versteht,
Und dich und mich befriedige dein Sprechen."
Drauf er: "Ein Weib, das noch entschleiert geht,
Gibt dir dereinst an meiner Stadt Behagen,
So sehr man diese Stadt auch immer schmht.
Du wirst dorthin die Rede mit dir tragen,
Und trog mein Murmeln dich, in kurzer Zeit
Wird dir die Wirklichkeit er klarer sagen.
Doch sprich, erblick ich den in meinem Leid,
Der jene neuen Weisen fand, beginnend:
Ihr Fraun, die ihr der Liebe kundig seid."
Drauf ich: "Dem Hauch der Liebe lausch ich sinnend;
Was sie mir immer vorspricht, nehm ich wahr
Und schreib es nach, nichts aus mir selbst ersinnend."
"Die Schlinge, Bruder," sprach er, "seh ich klar,
Die von dem neuen sen Stil gehalten
Mich diesseits hat, Guitton und den Notar.
Ich seh, ihr lasset nur die Liebe walten,
Und eure Feder folgt, wie sie gebeut,
Wir aber lieen sie nicht also schalten.
Wer, Beifall suchend, keck sie berbeut,
Gibt Schwulst, statt des, was euch Natur verliehen."
Er schwieg und schien befriedigt und erfreut.
Wie Vgel, die zum Nil im Winter ziehen,
Sich oft versammeln in gedrngtem Hauf
Und schneller dann in Streifen weiterfliehen;
So machten alle dort sich wieder auf,
Die, abgewandt, sich eilig fort begaben,
Durch Magerkeit und Willen leicht zum Lauf.
Und gleich wie einer, atemlos vom Traben,
Die andern lt, um ganz gemach zu gehn,
Bis ausgeschnauft die heien Laugen haben,
So war es mit Forese jetzt geschehn;
Er, hinter mir, lie ziehn die heilge Herde
Und sprach: "Wann werd ich wohl dich wiedersehn?"
"Nicht wei ich es. Doch glaub ich, da der Erde",
Versetzt ich, "nicht so schnell mein Geist entfleugt,
Als ich nach diesem Strand mich sehnen werde.
Denn seh ich dort den Ort, der mich erzeugt,
Tagtglich mehr vom Guten sich entblen
Und jmmerlich bereits zum Sturz gebeugt!"
Und er: "Jetzt geh, den Stifter alles Bsen
Seh ich am Schweif des Pferds geschleppt zum Ort,
Von welchem Reu und Trnen nie erlsen.
Stets schneller geht der Lauf des Tieres fort,
Und endlich lts den Leib des Jammervollen
Zerstampft, entstellt, ein widrig Scheusal, dort.
Nicht lange werden diese Kreise rollen"
--Zum Himmel blickt er auf--"und klar wird dir,
Was dmmernd nur mein Wort dir zeigen sollen.
Du bleibe jetzt; die Zeit ist teuer hier,
Und da ich gleichen Schritts mit dir gegangen,
Dies kostet mich bereits zuviel von ihr."
Wie einer, wenn die Reiter vorwrts drangen,
Hervorsprengt aus der Reih, in der er ritt,
Den Ruhm des ersten Angriffs zu erlangen,
So trennt er sich von uns mit grerm Schritt,
Indes ich hinter ihm mit meinem Horte
Und mit dem andern Meister weiterschritt.
Schon war er vor uns an so fernem Orte,
Da ihm mein Blick dahin durch weiten Raum,
Wie die Erinnrung folgte seinem Worte;
Als wir voll Obstes einen andern Baum
Mit ppigem Gezweig nicht fern entdeckten,
Da wir uns bogen um des Kreises Saum.
Und Leute, die hinauf die Hnde streckten,
Schrien auf zum Laub, das in die Lfte steigt,
Den Kindlein gleich, den gierigen, geneckten,
Die bitten, whrend der Gebetne schweigt,
Und, um zu schrfen die Begier, ihr Sehnen
Hoch hinhlt und es frei und offen zeigt.
Dann gingen sie, geheilt vom eitlen Whnen;
Wir aber schritten zu dem Baum heran,
Der alle Bitten abweist, alle Trnen.
"Vorber schreitet, denn ihr drft nicht nahn!
Der Baum, der Even reizt, ist weiter oben.
Von ihm hat dieser seinen Keim empfahn."
So sprach, ich wei nicht wer, vom Baume droben,
Weshalb Virgil mit Statius, engverschrnkt,
Und mir hinging, wo sich die Felsen hoben.
"An die verfluchten Wolkenshne denkt,"
Sprachs, "die dem Theseus mit den Doppelbrsten
Im Kampf getrotzt, von zuviel Wein getrnkt.
An die Hebrer denkt und ihr Gelsten,
Und denkt, weshalb verschmht hat Gideon,
Mit ihnen gegen Midian sich zu rsten."
So gingen wir, dem Felsen nah, davon,
Und hrten aus des Laubs geheimer Regung
Des Gaumens Schuld und ihren schlechten Lohn.
Dann aber gings mit freierer Bewegung
Auf breitem Pfad an laufend Schritte fort,
Und jeder schwieg in sinniger Erwgung.
"Was geht ihr drei so ernst erwgend dort?"
Riefs pltzlich nun, ich aber fuhr zusammen,
Gleich einem scheuen Ro, bei diesem Wort.
Mein Haupt kehrt ich dorthin, woher zu stammen
Die Rede schien, und sah in rotem Schein
Glas und Metall nie so im Ofen flammen,
Wie einen hier, der sprach: "Hier geht ihr ein,
Wollt ihr empor zur freien Hhe kommen,
Und im Genu des ewgen Friedens sein."
Mir hatte das Gesicht sein Glanz benommen,
Drum wandt ich mich zu meinen Fhrern hin,
Wie wer dem folgt, was er durchs Ohr vernommen.
Und wie des Morgenrots Verknderin,
Die, Dfte raubend, in den Blten whlte,
Die Mailuft, weht, die se Schmeichlerin,
So fhlt ich an der Stirn ein Wehn, so fhlte
Ich ein Gefieder, sanft bewegt, das mir
Das Antlitz mit Ambrosiadften khlte.
Und dann erklang dies Wort: "O selig ihr,
Die ihr die Gnad empfingt, da unverdstert
Des Geistes Licht euch bleibt von der Begier,
Indem euch nur, wies ziemt, nach Speise lstert."


Fnfundzwanzigster Gesang

Die Stund erheischte rasches Steigen schon,
Nachdem die Sonne hier den Mittagsbogen
Dem Stier gerumt, dort Nacht dem Skorpion.
Drum, wie ein Mann, der, von nichts angezogen,
Was sich auch zeige, seines Weges zieht
Vom Drang der Not zu grter Eil bewogen,
So drangen wir ins hhere Gebiet
Durch eine Stiege, die uns so beschrnkte,
Da uns die Enge voneinander schied.
Und wie ein Strchlein, das die Flgel schwenkte,
Aus Luft zum Flug, dann aber, sonder Mut,
Vom Neste fortzuziehn, sie wieder senkte,
So ich, bald lodernd, bald verlscht die Glut
Der Fragelust, das Antlitz also zeigend,
Wie der, der sich zum Sprechen anschickt, tut.
Da sprach mein Herr, obwohl voll Eifer steigend:
"La nicht der Rede Pfeil unabgeschnellt,
Die Sehne nur bis hin zum Drcker beugend."
Worauf ich, sicher durch dies Wort gestellt,
Den Mund erschlo: "Wie wird man hier so mager,
Hier, wo kein Leib ist, welchen Speis erhlt?"
Drauf er: "Gedchtest du an Meleager,
Der eben, wie verzehrt ein Holzbrand ward,
Sich abgezehrt, du wrst kein solcher Frager.
Und dchtest du, wie gleich an Mien und Art
Sich euer Antlitz regt in Spiegelbildern,
Dann schiene lind und weich dir, was jetzt hart.
Allein um alles dir nach Wunsch zu schildern,
Sieh hier den Statius, welcher dir verspricht,
Weil ich ihn bitte, deinen Durst zu mildern."
"Entwickl ich ihm das gttliche Gericht,"
Sprach Statius drauf, "hier, wo du gegenwrtig,
So seis verziehn--du willst, drum weigr ich nicht."
Und dann: "Jetzt sei dein Geist bereit und fertig
Fr meine Rede, Sohn--dann sei des Wie?
Das du erfragst, in vollem Licht gewrtig.
Das reinste Blut, das von den Adern nie
Getrunken wird, vergleichbar einer Speise,
Die ber den Bedarf Natur verlieh,
Empfngt im Herzen wunderbarerweise
Die Bildungskraft fr menschliche Gestalt,
Geht dann mit dieser durch der Adern Kreise,
Noch mehr verkocht, zu einem Aufenthalt,
Den man nicht nennt, von wos zu anderm Blute
In ein natrlich Becken berwallt.
Da beides zum Gebild zusammenflute,
Ist leidend dies, und ttig das, vom Ort,
In dem die hohe Bildungskraft beruhte.
Drin angelangt, beginnts sein Wirken dort;
Geronnen erst, erzeugt es junges Leben
Und schreitet in des Stoffs Verdichtung fort.
Die Seel entsteht aus ttger Krfte Streben,
Wie die der Pflanze, die schon stillesteht,
Wenn jene kaum beginnt, sich zu erheben.
Bewegung zeigt sich dann, Gefhl entsteht,
Wie in dem Schwamm des Meers, und zu entfalten
Beginnt die ttge Kraft, was sie gest.
Nun beugt, nun dehnt die Frucht sich aus, beim Walten
Der Kraft des Zeugenden, die, nie verwirrt
Von fremdem Trieb, nur ist, um zu gestalten.
Doch, Sohn, wie nun das Tier zum Menschen wird,
Noch siehst dus nicht, und dies ist eine Lehre,
Worin ein Weiserer als du geirrt.
Er war der Meinung, von der Seele wre
Gesondert die Vernunft, weil kein Organ
Die uerung der letztern uns erklre.
Jetzt sei dein Herz der Wahrheit aufgetan,
Damit dein Geist, was folgen wird, bemerke!
Wenn Bildung das Gehirn der Frucht empfahn,
Kehrt, froh ob der Natur kunstvollem Werke,
Zu ihr der Schpfer sich und haucht den Geist,
Den neuen Geist ihr ein, von solcher Strke,
Da er, was ttig dort ist, an sich reit,
Und mit ihm sich vereint zu einer Seele,
Die lebt und fhlt und in sich wogt und kreist.
Und, da dirs nicht an hellerm Lichte fehle,
So denke nur, wie sich zum edlen Wein
Die Sonnenglut dem Rebensaft vermalte.
Gebricht es dann der Lachesis an Lein,
Dann trgt sie mit sich aus des Leibes Hlle
Des Menschlichen und Gttlichen Verein;
Die andern Krfte smtlich stumm und stille,
Doch schrfer als vorher in Macht und Tat,
Erinnerung, Verstandeskraft und Wille.
Und ohne Sumen fllt sie am Gestad,
An dem, an jenem, wunderbarlich nieder,
Und hier erkennt sie erst den weitern Pfad.
Kaum ist sie nun auf sicherm Orte wieder,
Da strahlt die Bildungskraft rings um sie her,
So hell wie einst beim Leben ihrer Glieder.
Und wie die Luft, vom Regen feucht und Schwer.
Sich glnzend schmckt mit buntem Farbenbogen
Im Widerglanz vom Sonnenfeuermeer;
So jetzt die Lfte, so die Seel umwogen,
Worein die Bildungskraft ein Bildnis prgt,
Sobald die Seel an jenen Strand gezogen.
Und gleich der Flamme, die sich nachbewegt,
Wo irgendhin des Feuers Pfade gehen,
So folgt die Form, wohin der Geist sie trgt.
Sieh daher die Erscheinung dann entstehen,
Die Schatten heit; so bildet sich in ihr
Jedwed Gefhl, das Hren und das Sehen.
Und daher sprechen, daher lachen wir,
Und daher weinen wir die bittern Zhren
Und seufzen laut auf unserm Berge hier.
Der Schatten bildet sich, je wie Begehren
Und Leidenschaft uns reizt und Lust und Gram.
Dies mag dir, was du angestaunt, erklren."
Und schon als ich zur letzten Marter kam,
Indem wir, rechts gewandt, die Schlucht verlieen,
Ward ich auf das, was dort war, aufmerksam.
Den Felsen sah ich Flammen vorwrts schieen,
Der Vorsprung aber haucht empor zur Wand
Windste, die zurck die Flammen stieen.
Wir muten einzeln gehn am freien Rand,
Und ngstlich hrt ich hier die Flamme schwirren,
Indes sich dort ein tiefer Abgrund fand.
Mein Fhrer sprach: "Hier la dich nichts verwirren
Und halte straff der schnellen Augen Zaum,
Denn leicht ists hier, mit einem Tritt zu irren."
Gott hchster Gnade! hrt ichs aus dem Raum,
Den jene groe Glut erfllte, singen
Und hielt den Blick an meinem Wege kaum.
Ich sah dort Geister, die durchs Feuer gingen,
Und sah auf meinen bald, bald ihren Gang
Und lie den Blick von hier nach dorten springen.
Ich wei von keinem Mann--dies Wort erklang
Mit lautem Ruf, als jenes Lied verklungen,
Und neu begannen sies mit leisem Sang,
Und riefen wieder, als sies ausgesungen:
"Diana blieb im Hain und jagt ergrimmt
Kalisto fort, die Venus Gift durchdrungen."
Dann ward die Hymne wieder angestimmt,
Dann riefen sie von keuschen Fraun und Gatten,
Die lebten, wies zu Eh und Tugend stimmt.
Und dies nur tun sie, ohne zu ermatten,
Wies scheint, solang die Flamme sie umfliet,
Bis solche Pfleg und Arzenei den Schatten
Zuletzt die Wund auf ewig wieder schliet.


Sechsundzwanzigster Gesang

Indem wir, einer so dem andern nach,
Am Rand hingingen, sprach mein treu Geleite:
"Gib acht und ntze, was ich warnend sprach."
Die Sonne schlug auf meine rechte Seite
Und bergo, ein blendend Strahlenmeer,
Mit lichtem Wei des Westens blaue Weite.
In meinem Schatten schien die Glut noch mehr
Hochrot zu glhn, drum sahn bei solchem Zeichen
Der Schatten viel im Gehen nach mir her.
Und dieses schien zum Anla zu gereichen,
Da ber mich sich ein Gesprch erhob:
" Der scheinet einem Scheinleib nicht zu gleichen."
Soviel sie konnten, richteten sie drob
Sich zu mir hin, doch immer wohl beachtend,
Da nie ihr Fu der Flamme sich enthob.
"Du, der du wohl, sie ehrerbietig achtend,
Und nicht aus Trgheit nachgehst diesen zwein,
Oh, sieh mich hier in Durst und Feuer schmachtend
Und sprich, uns allen Labung zu verleihn;
Denn wie wir jetzt nach deinem Wort verlangen,
Kann durstger nach dem Quell kein Libyer sein.
Wie machst dus doch, die Strahlen aufzufangen,
Gleich einer Wand, als wrest du dem Tod
Bis jetzt noch nicht, wie wir, ins Netz gegangen."
So rief der ein in seiner Flammennot,
Und eben wollt ich alles ihm verknden,
Als meinem Blick sich etwas Neues bot.
Denn auf dem Weg, den Flammen rings entznden,
Entgegen jenen, kam ein zweiter Hauf,
Drum spht ich hin, das Weitre zu ergrnden.
Und die und jene machten schnell sich auf
Und kten sich mit kurzer Lust und waren
Zufrieden schon und flohn im vollen Lauf.
So sieht man im Gewhl der braunen Scharen
Sich ms und mse mit den Rsseln nahn,
Vielleicht: Wies geht? Wes Weges? zu erfahren,
Sobald der Gru der Freundschaft abgetan,
Hob, eh sie weiterzog, nach kurzer Weile
Die Schar wetteifernd laut zu schreien an.
"Sodom! Gomorra!" klangs von diesem Teile;
Von dort: "Pasiphae kroch in die Kuh,
Und also lockt an sich den Stier die Geile."
Wie Kranichscharen teils nach kurzer Ruh
Gen Libyen fliegen, scheu vor Frost und Eise,
Teils scheu vor Hitze den Riphen zu,
So ziehn die hier-, die dortenhin im Kreise
Und singen dann ihr Lied mit Reu und Gram
Und schrein von ihrer Schuld nach alter Weise.
Doch jener, der vorhin mir nher kam
Und bat, blieb wieder mit den andern stehen,
Dem Ansehn nach herhorchend, aufmerksam.
Ich, der ich zweimal ihren Wunsch ersehen,
Begann: "O ihr, die Hoffnung aufrechthlt,
Seis, wann es sei, zum Frieden einzugehen,
Nicht reif noch unreif lie ich auf der Welt
Den Leib zurck und hob auf diesen Wegen
Mit Fleisch und Bein und Blut mich eingestellt.
Ich stieg empor, die Blindheit abzulegen,
Und geh--ein Himmelsweib erfleht es mir--
Mit dem, was sterblich ist, dem Licht entgegen.
Doch wie sich euch erfllen mag, was ihr
So hei ersehnt: zum Himmel euch zu Schwingen,
Dem lieberfllten rumigen Revier;
So sprecht, ich wills zu aller Kunde bringen:
Wer seid dort ihr, um die die Flamme schwirrt,
Und wer sind die, die euch entgegengingen?"
So stutzt, erstaunt, verblfft, der Bergeshirt,
Dem beim Umherschaun selbst die Worte fehlen,
Wenn, roh und wild, er sich zur Stadt verirrt,
Wie sie--ihr Ansehn knnt es nicht verhehlen--
Allein sobald ihr trbes Staunen schwand,
Das bald sich abklrt in erhabnen Seelen,
"Heil dir, des Fu den Weg in unser Land,"
Sprach er, den ich aus frhrer Frage kannte,
"Des Geist zur Besserung Erfahrung fand!
Vernimm, da jene Schar im Trieb entbrannte,
Ob des man Csarn, so, da ers gehrt,
Einst beim Triumphe Knigin benannte,
Drum schrien sie: Sodom!--was sie einst betrt,
Voll Reue tadelnd, wie du jetzt vernommen;
So wird der Brand durch Scham noch aufgestrt.
Im Zwittertriebe waren wir entglommen,
Doch weil wir menschliches Gesetz verlacht,
Von tierischen Gelsten eingenommen.
Drum rufen wir, auf eigne Schmach bedacht,
Des Weibes Namen aus, wenn wir uns trennen,
Das sich im Viehgebild zum Vieh gemacht.
Nun hortest du mich unsre Schuld bekennen,
Doch unsre Namen kundzutun verbeut
Die Zeit; auch wt ich alle nicht zu nennen.
Wer ich bin, hre, wenn es dich erfreut.
Guid Guinicell, zur Lutrung zugelassen,
Weil ich vor meinem Tod die Schuld bereut."--
Wie hergestrzt, die Mutter zu umfassen,
Die Shne, da sein Schwert Lykurgus schwang,
So wollt ich tun, doch mut ich mehr mich fassen,
Als meines Vaters Name mir erklang,
Des Vaters manches, der vom sen Minnen
Besser als ich in holden Weisen sang.
Ich ging und sah ihn an in tiefem Sinnen
Und sagte nichts und hrte keinen Laut,
Auch lie die Glut nicht weiter mich nach innen.
Doch als ich satt mich dann an ihm geschaut,
Erbot ich mich, in allem ihm zu dienen,
In solcher Art, der gern der andre traut.
Und er: "Wie du so freundlich mir erschienen.
Tilgt deine Spur in mir nicht Leibes Flut,
Und ewig wirst du meinen Dank verdienen.
Doch meinst dus wirklich denn mit mir so gut,
So sprich, warum? Sprich, weshalb eben wieder
So liebevoll auf mir dein Auge ruht?"
Und ich darauf: "Ob deiner sen Lieder,
Die teuer sind den Herzen fort und fort,
Sinkt nicht der neuern Sprache ganz danieder."
"Ach, Bruder," sprach er, und bei diesem Wort
Zeigt er mit seinem Finger hin auf einen,
"Der Sprache bessrer Schmied war jener dort,
Der in Romanz und Liebesliedern keinen
Unberwunden lie; und Toren sind,
Die ihn von Giraut bertroffen meinen.
Nicht nach der Wahrheit--nach des Rufes Wind
Gerichtet werden Meinung und Gesichter;
So lt Vernunft und Kunst sie taub und blind.
So machtens mit Guitton viel alte Richter,
Des Lob so viele schrien, weil andre schrien,
Bis Wahrheit ihn besiegt und andre Dichter.
Jetzt, wenn so weites Vorrecht dir verliehn,
Da dirs erlaubt ist, zu dem Kloster droben,
Wo Christus selber Abt ist, hinzuziehn,
So bet ein Paternoster doch dort oben
Bei ihm fr mich, soweits in dieser Welt
Noch not fr uns, die wir der Snd enthoben."
Drauf schwand er, jenem, der sich nah gestellt,
Vielleicht Platz machend, in der Flammen Rte,
Wie in der Flut ein Fisch, der niederschnellt.
Und dem Gewiesnen naht ich mich und flehte
Ihn inniglich um seinen Namen an,
Dem schon Willkommen! meine Sehnsucht bte.
Worauf er gleich mit frohem Mut begann:
"Die edle Frage weit du zu verschnen,
Da ich mich bergen weder will noch kann.
Ich bin Arnald und geh in Schmerz und Sthnen,
Den Wahn erkennend der Vergangenheit,
Und singe, hoffend, dann in Jubeltnen.
Jetzt bitt ich dich, hast du die Herrlichkeit
Auf dieses Berges Gipfel aufgefunden,
Dann denke meines Leids zur rechten Zeit."
Hier war er in der Lutrungsglut verschwunden.


Siebenundzwanzigster Gesang

Wie wenn der erste Strahl vom jungen Tage
Im Lande glnzt, benetzt von Gottes Blut,
Wenn Ebro hinfliet unter hoher Wage.
Und Mittagshitz erwrmt des Ganges Flut,
So stand die Sonn itzt, drob der Tag entflohe,
Als uns ein Engel glnzt in heitrer Glut.
Er sang am Felsrand, auerhalb der Lohe:
"Beglckt, die reines Herzens sind!"--und mehr
Als menschlich war sein Ton, der mchtge, frohe.
Drauf: "Weiter nicht, ihr Heilgen, bis vorher
Die Glut euch nagte! Tretet in die Flammen,
Und seid nicht taub dem Sang von dortenher!"
Dies Wort ertnte jetzt, da wir zusammen
Uns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr,
Als hrt ich mich zum schwersten Tod verdammen.
Ich sank auf die gefaltnen Hnde vor,
Ins Feuer schauend--wen ich brennen sehen,
Des Bild stieg jetzt vor meinem Geist empor.
Die Fhrer nahten sich, mir beizustehen,
Und trstend sprach zu mir Virgil: "Mein Sohn,
Du kannst zur Qual hier, nicht zum Tode gehen.
Gedenk, gedenke--konnt ich frher schon
Dich sicher auf Geryons Rcken fhren
Wie jetzt, viel nher hier bei Gottes Thron?
War auch die Glut noch loher anzuschren,
Und stndest du auch tausend Jahre drin,
Doch drfte sie dir nicht ein Haar berhren.
Glaubst du, da ich nicht treu der Wahrheit bin,
So nahe dich und halt, um selbst zu schauen,
Des Kleides Saum mit deinen Hnden hin.
Leg ab, mein Sohn, leg ab hier jedes Grauen,
Dorthin sei sicher jetzt dein Fu gewandt!"
Doch sumt ich, wider besseres Vertrauen.
Er, sehend, da ich starr und stille stand,
Sprach, fast unwillig: "Wie, Sohn, noch verdrossen?
Von Beatricen trennt dich diese Wand!"
Wie sterbend Ppyramus den Blick erschlossen,
Das: Thisbe! klang, gekehrt zum teuren Bild,
Als blutges Rot die Maulbeer bergossen;
So kehrt ich, nicht mehr hart, nein, sanft und mild,
Zum Fhrer mich, sobald der Nam erschollen,
Der ewig frisch in meinem Herzen quillt.
Drob schttelt er das Haupt und sagte: "Sollen
Wir diesseits bleiben?" lchelnd, denn ich tat
Wie Knaben, die, besiegt vom Apfel, wollen.
Drauf trat er vor mir in die Flamm und bat
Den Statius, uns folgend, nachzukommen,
Der uns vorher getrennt den langen Pfad.
Ich folgt und htt, um Khlung zu bekommen,
Mich in geschmolznes Glas gestrzt. So war
Im hchsten berma die Flamm entglommen.
Doch bot mir Trost mein ser Vater dar,
Sprechend von ihr, und half mir weiter dringen,
Und sprach: "Ich seh im Geist ihr Augenpaar!"
Wir hrten jenseits eine Stimme singen,
Und dieser folgten wir, ihr horchend, nach,
Indem wir, wo man stieg, der Flamm entgingen.
"Gesegnete des Vaters, kommt!" so sprach
Die Stimm aus einem Licht, dort aufgegangen,
Bei dessen Anschaun mir das Auge brach.
"Die Sonne geht, der Abend kommt"--so klangen
Die Tne fort--"nicht weilt, beeilt den Lauf,
Bevor den Westen dunkles Grau umfangen."
Grad durch den Felsen ging der Weg hinauf,
Und, ostwrts steigend, hielt vor meinen Tritten
Ich die schon matten Sonnenstrahlen auf.
Und als wir wenig Stufen aufgeschritten,
Bemerkten wir am Schatten, der verging,
Sol, uns im Rcken, sei ins Meer geglitten.
Eh gleiches Grau den Horizont umfing
In allen seinen unermenen Teilen,
Eh Nacht um alles ihren Schleier hing,
Da mut auf einer Stufe jeder weilen,
Die uns zum Bett ward, denn die Zeit benahm
Die Macht mehr, als die Lust, empor zu eilen.
Gleichwie die Ziegenherde, satt und zahm,
Im Schatten wiederkut in stillem Brten,
Die, hungrig, jhen Sprungs zur Hhe kam,
Wenn nun im Mittagsbrand die Luft entglhten,
Indes der Hirt den Stab zur Sttze macht,
Und dorten steht, gesttzt, um sie zu hten;
Und wie ein Hirt im freien Feld bei Nacht,
Damit kein wildes Tier der Herde schade,
Und sie zerstreu, entlang der Hrde wacht;
So jetzt wir drei auf engem Bergespfade,
Der Zieg ich gleich, den Hirten jenes Paar,
Umschlossen hier und dort vom Felsgestade.
Ob wenig gleich zu sehn nach auen war,
Doch sah ich durch dies wenige die Sterne
Weit mehr, als sonst gewhnlich, gro und klar.
Indes ich staunt in unermene Ferne,
Befiel mich Schlaf, der fters uns befllt,
Damit der Geist die Zukunft kennen lerne.
Zur Stunde, glaub ich, da vom Sternenzelt
Cytherens erster Strahl die Hhe schmckte.
Wie immerdar, von Liebesglut erhellt,
Sah ich im Traum, der mich mir selbst entrckte,
Ein schnes junges Weib, das hold bewegt,
Durch Wiesen ging und singend Blumen pflckte.
"Lea bin ich, dies wisse, wer mich fragt,
Ich liebe, Krnze windend, hier zu wallen,
Und emsig wird die schne Hand geregt.
Ich will, geschmckt, im Spiegel mir gefallen.
Die Schwester Rahel liebt es, stets zu ruhn,
Und lt dem Spiegel keinen Blick entfallen.
Und freut sie sich der schnen Augen nun,
So bin ich froh, mich mit den Hnden schmckend,
Denn schaun befriedigt sie, und mich das Tun."
Des Tages Vorlicht, um so mehr entzckend,
Je mehr des Pilgrims Nachtquartier dem Ort
Der Heimat nah ist, scheuchte, hher ruckend,
Die Finsternis von allen Seiten fort,
Mit ihr den Traum; drum eilt ich, aufzusteigen,
Und sah schon aufrecht beide Meister dort.
"Die se Frucht, die auf so vielen Zweigen
Voll Eifer sucht der Sterblichen Begier,
Bringt alle deine Wnsche heut zum Schweigen!"
Mit dieser Rede sprach Virgil zu mir,
Und nie empfand bei Erdenherrlichkeiten
Ein Mensch noch solche Lust, als ich bei ihr.
Hinauf! Mich triebs und triebs, hinauf zu schreiten!
So fhlt ich nun mit jedem Schritt zum Flug
Die Schwingen wachten und sich freier breiten.
Und wie er mich empor die Stufen trug,
Stand bald ich auf der hchsten dort mit beiden,
Wo fest auf mich Virgil die Augen schlug.
"Des zeitlichen und ewgen Feuers Leiden
Sahst du, und bist, wo weiterhin nichts mehr
Ich durch mich selbst vermag zu unterscheiden.
Durch Geist und Kunst geleitet ich dich her;
Zum Fhrer nimm fortan dein Gutbednken;
Dein Pfad ist frderhin nicht steil und schwer.
Sieh dort die Sonn auf deine Stirne blinken,
Sieh, durch des Bodens Kraft und ohne Saat
Entkeimt, dir Gras, Gestruch und Blumen winken.
Bis sich dir froh ihr schnes Auge naht
Das mich zu dir einst rief mit bittern Zhren,
Ruh oder wandle hier auf heiterm Pfad.
Nicht harre frder meiner Wink und Lehren,
Frei, grad, gesund ist, was du wollen wirst,
Und Fehler wr es, deiner Willkr wehren,
Drum sei fortan dein Bischof und dein Frst.


Achtundzwanzigster Gesang

Begierig schon, zu sphn umher und innen
Im gttlichen, lebendgen, dichten Wald,
Der sanft den Morgen milderte den Sinnen,
Verlie ich das Gestad nun alsobald,
Um langsam, langsam in das Feld zu treten,
Auf einem Grund, dem ringsum Duft entwallt.
Von einem Lftchen, einem sanften, steten,
Ward leiser Zug an meiner Stirn erregt,
Nicht mehr, als ob mich Frhlingswind umwehten.
Er zwang das Laub, zum Zittern leicht bewegt,
Sich ganz nach jener Seite hin zu neigen,
Wohin der Berg den ersten Schatten schlgt.
Doch nicht so heftig whlt er in den Zweigen,
Da es die Vglein hindert, im Gesang
Aus grnen Hhn all ihre Kunst zu zeigen.
Nein, wie der Lfte Hauch ins Dickicht drang,
Frohlockten sie ihr Morgenlied entgegen,
Wozu, begleitend. Laubgeflster klang,
So klingts, wenn Zweig um Zweige sich bewegen
Im Fichtenwald an Chiassis Meergestad,
Sobald sich des Schirokko Schwingen regen.
Schon war ich mit langsamem Schritt genaht,
Und bald so dicht vom alten Hain umschlossen,
Da nicht zu sehn war, wo ich ihn betrat.
Da sieh die Bahn durch einen Bach verschlossen,
Der links hin, mit der kleinen Wellen Schlag
Die Grser bog, die seinem Bord entsprossen.
Das reinste Wasser hier am klarsten Tag,
Trb scheint es und vermischt mit fremden Dingen,
Vergleicht mans dem, wo nichts sich bergen mag,
Obwohl, da Schatten ewig es umringen,
Es dunkel, dunkel strmt und nie hinein
Der Sonne noch des Mondes Strahlen dringen.
Es stand mein Fu; doch jenseits in den Hain
Lie bern Flu ich meine Blicke schreiten,
Und sah dort mannigfache grne Main.
Und mir erschien--so stellt dem Blick zuzeiten
Sich unversehn Erstaunenswertes dar,
Den Geist von allem andern abzuleiten--
Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar
Im Gehen sang, aufsammelnd Blt um Blte,
Womit vor ihr bemalt der Boden war.
"O Schne, die du, zeigt sich das Gemte,
Wies pflegt, im uern, mich zu glauben zwingst,
Da an der Liebe Strahl dein Herz entglhte,
O kme Lust dir, da du nher gingst,"
Ich sprachs zu ihr, den Fu zum Bache lenkend,
"Da ich verstehen knne, was du singst.
Dich seh ich jetzt, Proserpinens gedenkend,
Des Orts auch, wo die Mutter sie verlor,
Und sie den Lenz, sich in die Nacht versenkend."
Und wie die Tnzerin, die kaum empor
Die Sohlen hebt, mit engen Schritten gleitend,
Ein zartes Flein kaum dem andern vor;
So sah ich sie, durch bunte Blumen schreitend,
Jungfrulich bodenwrts den Blick gewandt,
Und Ehrbarkeit und Wrde sie begleitend,
5o da ich bald den Wunsch befriedigt fand,
Indem ich, wie sie nher hergezogen,
Den Sinn des sen Liedes wohl verstand.
Sobald sie dort war, wo des Flusses Wogen
Den grnen Rasen am Gestad besprhn,
Erhob sie hold der Wimpern schne Bogen.
Nicht mocht, als Amor, bermig khn,
Die Mutter wund mit seinem Pfeile machte,
In solcher Lust Cytherens Auge glhn.
Am rechten Ufer stand sie dort und lachte,
Und pflckte Blumen von der Wiese Saum,
Die ohne Saat hervor die Hhe brachte.
Das Bchlein trennt uns um drei Schritte kaum,
Doch Hellespont, den Xexes berschritten,
Noch jetzt dem hchsten Menschenstolz ein Zaum,
Hat schrfer nicht Leanders Ha erlitten,
Indem er Sestos und Abydos schied,
Als meinen er, ein Hemmnis meinen Schritten.
"Ihr seid hier neu und weil in dem Gebiet,"
Begann sie nun, "das an der Menschheit Morgen
Zu ihrer Wiege Gott, der Herr, beschied,
Ich lchle, staunt ihr noch und seid in Sorgen.
Doch zeigt der Psalm: Herr, du erfreutest mich--
Euch klar das Licht, das Nebel noch verborgen.
Du, der du vorn stehst und mich batest, sprich;
Noch scheinst du einem Zweifel nachzuhngen,
Drum frage nur, und ich befriedge dich."
"Das Wasser," sprach ich, "samt des Waldes Klngen,
Sie mssen das, worauf ich kaum getraut,
Da sie ihm widersprechen, hart bedrngen."
Drum sie: "Vom Grunde des, was du geschaut,
Und was gehrt, sei Kunde dir beschieden;
Sie scheucht den Nebel, welcher dich umgraut.
Das hchste Gut, allein in sich zufrieden,
Den Menschen schufs zum Guten gut, und wies
Dies Land ihm an, als Pfand fr ewgen Frieden,
Aus welchem bald ihn seine Schuld verstie,
Die Schuld, die se Spiele mit Beschwerden,
Mit Zhren ehrbar Lachen wechseln lie.
Damit, entqualmt dem Wasser und der Erden
Die Dnste, die der Hitze nach, so weit
Es mglich ist, emporgezogen werden,
Ihn nicht befehdeten mit ihrem Streit,
Stieg himmelwrts der Berg in solcher Weise,
Und ist vom Tor an ganz von Dunst befreit.
Nun, weil noch immerfort im ersten Gleise
Der Lfte ganzer Zirkellauf sich dreht,
Wenn nichts ihn unterbricht in seinem Kreise,
Trifft diesen Gipfel, der frei ragend steht,
Die Lebensluft, die, jedes Blatt bewegend,
Den dichten Wald mit diesem Klang durchweht.
Die Pflanze, sich in ihrem Hauche regend,
Beschwngert dann die Luft mit ihrer Kraft,
Und diese streut sie aus in jede Gegend.
Die Lnder, wie ihr Boden wirkt und schafft,
Ihr Himmelsstrich und ihre Lage, treiben
Dann Bume von verschiedner Eigenschaft.
Nun wird dies frder nicht ein Wunder bleiben,
Wie manche Pflanzen, wo man nicht bestellt,
Ja, ohne sichtbarn Samen doch bekleiben.
Und wissen sollst du, da im heilgen Feld,
In dem du bist, die Samen alle sprieen,
Und Frchte, nie gepflckt in eurer Welt.
Den Flu auch siehst du nicht aus Adern flieen,
Genhrt vom Dunst, den Klte niederpret,
Die bald vertrocknen, bald sich wild ergieen.
Ihm ward ein Quell, aus welchem, stt und fest,
Die Wsser, die dem Doppelarm entfluten,
Die Wille Gottes neu ersetzen lt.
Der Arm hier hat die Kraft, da in den Fluten
Jedweder Schuld Erinnerung versinkt;
Der andre dort erneuert die des Guten,
Der hier heit Lethe; aber dorten winkt
Dir Eunoe--allein nur jenen letzen
Wird seine Kraft, der aus dem erstem trinkt.
Kein Wohlgeschmack ist seinem gleich zu schtzen;
Und wre schon gengend, was ich sprach,
Vermcht ich auch nichts weiter zuzusetzen,
Doch bring ich gern noch einen Zusatz nach,
Und deinen Dank vermein ich zu verdienen,
Wenn ich dir mehr erfll, als ich versprach.
Den alten Dichtern, glaub ich, wenn von ihnen
Gepriesen ward das Glck der goldnen Zeit,
War dieser Ort im Traumgesicht erschienen.
Hier spro die Menschheit ohne Schuld und Leid,
Hier jede Frucht in ewgem Frhlingsleben,
Hier schmeckst du noch des Nektars Lieblichkeit."
Und als sie noch mir solches kundgegeben,
Kehrt ich mich um, und sah ein Lcheln hier,
Bei diesem Schlu, der Dichter Mund umschweben,
Dann aber wandt ich wieder mich zu ihr.


Neunundzwanzigster Gesang

In Sang, nach liebentglhter Frauen Art,
lie sie zuletzt der Rede Schlu verhallen:
"Heil, wem bedeckt jedwede Snde ward."
Und gleichwie Nymphen, in der Waldnacht Hallen,
Hier vor der Sonne Strahlen fliehend, dort
Aufsuchend ihren Schimmer, einsam wallen;
Ging sie dem Strom entgegen hin am Bord,
Ich, folgend kleinem Schritt mit kleinem Schritte,
Ging sie begleitend gegenber fort.
Kaum hundert waren mein und ihrer Tritte,
Da bog mit beiden Ufern sich der Bach,
Und ostwrts ging ich durch des Waldes Mitte.
Nicht lange zog ich dieser Richtung nach,
Da sah ich sich zu mir die Schne wenden:
"Mein Bruder, halt itzt Ohr und Auge wach!"
Sie sprachs, und gleich durchlief von allen Enden
Ein schnell entstandner Glanz den groen Hain;
Ich glaubt, es mge mich ein Blitzstrahl blenden,
Doch weil, wie kommt, so geht des Blitzes Schein
Und dieser Glanz sich dauernd nur vermehrte,
So dacht ich still bei mir: Was mag das sein?
Und durch die Luft, die helle, lichtverklrte,
Zog ser Laut, und eifrig schalt ich jetzt.
Da Evas Frevelmut zu viel begehrte.
Wo Erd und Himmel nicht sich widersetzt,
Da fhlt ein Weib sich, kaum der Ripp entsprossen,
Vom Schleier, der ihr Aug umzog, verletzt.
O htte sie sich fromm in ihm verschlossen,
Htt ich die berschwnglich groe Lust,
Wohl frher schon und lnger dann genossen.
Nachdem ich zweifelnd, meiner kaum bewut,
In diesen Erstlingswonnen fortgegangen,
Mit Drang nach grern Freuden in der Brust,
Da glht, als war ein Feuer aufgegangen,
Die Luft im Laubgewlb--es scholl ein Ton,
Und deutlich hrt ich bald, da Stimmen sangen.
Hochheilge Jungfraun, wenn ich fter schon
Frost, Hunger, Wachen treu fr euch ertragen,
Jetzt treibt der Anla mich, jetzt fordr ich Lohn.
Lat auf mich her des Pindus Wellen schlagen,
Urania sei meine Helferin,
Was schwer zu denken ist, im Lied zu sagen.
Ich glaubte sieben Bume weiterhin
Von Gold zu schaun, allein vom Schein betrogen
War durch den weiten Zwischenraum mein Sinn.
Denn als ich nun so nahe hingezogen,
Da sich vom Umri, der den Sinn betrt,
Gestalt und Art durch Ferne nicht entzogen,
Da lie die Kraft, die den Verstand belehrt,
Anstatt der Bume Leuchter mich erkennen,
Und deutlich ward Hosiannasang gehrt.
Und oben sah ich das Gerte brennen,
Und heller ward die Flamm als Lunas Licht
In Monats Mitt um Mitternacht zu nennen.
Zum Fhrer wandt ich staunend mein Gesicht,
Doch nichts vermocht er weiter vorzubringen,
Als was ein tief erstauntes Antlitz spricht.
Da blickt ich wieder nach den hohen Dingen,
Die langsamer als eine junge Braut,
Sich stillbewegend, mir entgegengingen.
"Was bist du doch", so schalt die Schne laut,
"Fr die lebendgen Lichter so entglommen,
Da nicht auf das, was folgt, dein Auge schaut?"
Und hinter ihnen sah ich Leute kommen,
Wie man dem Fhrer folgt, wei ihr Gewand,
Wei, wie man nichts auf Erden wahrgenommen.
Das Wasser glnzte mir zur linken Hand,
Worin, wenn ich in seinen Spiegel she,
Ich meine linke Seite wiederfand.
Als ich am rechten Platze war, so nahe,
Da nur der Flu mich schied, hemmt ich den Schritt,
Um besser zu erschaun, was dort geschahe.
Ich sah, wie jede Flamme vorwrts glitt,
Und hinter jeder blieb ein helles Strahlen,
Das, Pinselstrichen gleich, die Luft durchschnitt.
So sah man sieben Streifen oben strahlen,
Sie allesamt in jenen Farben bunt,
Die Phbes Gurt und Phbus Bogen malen.
Nicht ward ihr Ende meinem Auge kund,
Doch sah ich, da an beiden uern Grenzen
Zehn Schritt der erste von dem letzten stund.
Und wie ich also sah den Himmel glnzen,
Da zogen drunten, zwei an zwei gereiht,
Zweimal zwlf Greise her in Lilienkrnzen.
Und alle sangen: "Sei gebenedeit
In Adams Tchtern! Herrlich und gepriesen
Sei deine Huld und Schn in Ewigkeit."
Und als nun die beblmten frischen Wiesen,
Die jenseits das Gestad des Bachs begrenzt,
Die Auserwhlten nach und nach verlieen,
Sah ich, wie Stern um Stern am Himmel glnzt,
Vier Tiere dort zunchst sich offenbaren,
Und jedes ward mit grnem Laub bekrnzt
Und war versehn mit dreien Flgelpaaren,
Mit Augen ihre Federn ganz besetzt,
Wie die des Argus, als er lebte, waren.
Nicht viel der Reime, Leser, wend ich jetzt
Auf ihre Form, denn sparsam mu ich bleiben,
Da grrer Stoff mich noch in Kosten setzt.
La von Ezechiel sie dir beschreiben;
Von Norden sah er sie, so wie er spricht,
Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuer treiben.
Wie ich sie fand, beschreibt sie sein Bericht,
Nur stimmt Johannes in der Zahl der Schwingen
Mir vllig bei und dem Propheten nicht.
Es stellt im Raum sich, den die Tier umfingen,
Ein Siegeswagen auf zwei Rdern dar,
Des Seil an eines Greifen Hlse hingen.
Und in die Streifen ging der Flgel Paar,
Die hoch, den mittelsten umschlieend, standen,
So, da kein Streif davon durchschnitten war.
Sie hoben sich so hoch, da sie verschwanden;
Gold schien, soweit er Vogel, jedes Glied,
Wie sich im andern Wei und Rot verbanden.
Nicht solchen Wagen zum Triumph beschied
Rom dem Augustus, noch den Afrikanen;
Ja, arm erschiene dem, der diesen sieht,
Sols Wagen, der, entrckt aus seinen Bahnen,
Verbrannt ward auf der Erde frommes Flehn
Durch Zeus gerechten Ratschlu, wie wir ahnen,
Man sah im Kreis drei Fraun sich tanzend drehn
Am Rande rechts, und hochrot war die eine,
Gleich lichter Glut der Flammen anzusehn.
Die zweite glnzte hell in grnem Scheine,
Gleich dem Smaragden, und die dritte schien
Wie frisch gefallner Schnee an Weiߒ und Reine.
Die Weie sah man bald den Reigen ziehn,
Die Rote dann, und nach dem Sang der letzten
Die andern langsam gehn und eilig fliehn.
Links vier im Purpurkleid, die sich ergtzten,
Und, wie die eine, mit drei Augen, sang,
Nach ihrer Weis im Tanz die Schritte setzten.
Nach allen diesen kam den Pfad entlang,
Ungleich in ihrer Tracht, ein paar von Alten,
Doch gleich an Ernst und Wrd in Mien und Gang.
Der erste war fr einen Freund zu halten
Des Hippokrat, den die Natur gemacht,
Um ihrer Kinder liebste zu erhalten.
Der andre schien aufs Gegenteil bedacht,
Mit einem Schwert, und durch das scharfe, lichte,
Ward ich diesseits des Bachs in Angst gebracht.
Dann kamen vier daher, demtge, schlichte,
Und hinter ihnen kam ein Greis, allein
Und schlafend, mit scharfsinnigem Gesichte.
Die sieben schienen gleich an Tracht zu sein
Den ersten zweimal zwlf, doch nicht umblhten
Die Hupter Lilienkrnz in weiem Schein,
Rosen vielmehr und andre rote Blten,
Und wer vom weiten sie erblickte, schwor,
Da oberhalb der Braun sie alle glhten.
Mir gegenber fuhr der Wagen vor,
Worauf ein Donnerhall mein Ohr ereilte,
Und sich des Zugs Bewegung schnell verlor,
Der jetzt zugleich mit seinen Fahnen weilte.


Dreiigster Gesang

Sobald der Empyren Gestirn des Norden,
(Das nimmer aufgeht, noch sich wieder senkt,
Und das durch Snden nur umnebelt worden;
Bei welchem jeder dort der Pflicht gedenkt,
Zu der es leitet, wie den Kahn hienieden,
Das, welches tiefer steht, zum Hafen lenkt),
Stillstand, da wandten, dies vom Greifen schieden,
Die zweimal zwlf und vier Wahrhaften, sich
Zum Wagen hin als wie zu ihrem Frieden.
Und einer, der des Himmels Boten glich,
Rief dreimal singend zu der andern Sange:
"Komm, Braut vom Libanon, und zeige dich!"
Wie bei des Weltgerichts Posaunenklange
Der Selgen Schar, mit leichtem Leib umfahn,
Dem Grab erstehen wird mit eilgem Drange,
So hoben von des heilgen Wagens Bahn
Wohl hundert sich bei solcher Stimme Schalle,
Des ewgen Lebens Diener, himmelan.
"Heil dir, der kommt!" so klangs im Widerhalle,
"Streut Lilien jetzt mit vollen Hnden hin!"
Und Blumen warfen rings und oben alle.
Schon sah ich bei des Tages Anbeginn
Geschmckt den Osten sich mit Rosen zeigen,
Sah klar den Himmel und die Knigin
Des Tages, sanft umschattet, hher steigen,
So da, da ihren Schimmer Dunst umflo,
Mein Blick ihn aushielt, ohne sich zu neigen.
Hier, durch die. Blumenflut, die sie umschlo,
Und niederstrzend um und in den Wagen,
Sich aus der Himmelsboten Hand ergo,
Sah ich ein Weib in weiem Schleier ragen,
Olivenzweig ihr Kranz, und ums Gewand,
Das Feuer schien, des Mantels Grn geschlagen.
Mein Geist, dem schon so manches Jahr entschwand,
Seit er in ihrer Gegenwart mit Beben
Demtgen Staunens bange Lust empfand,
Fhlt, eh das Aug ihm-Kunde noch gegeben,
Durch die geheime Kraft, die ihr entquoll,
Die alte Liebe mchtig sich erheben.
Kaum war der hohen Kraft die Seele voll,
Der Kraft, durch die, bevor ich noch entgangen
Der Knabenzeit, mein wundes Herz erschwoll,
So wandt ich links mich hin, mit dem Verlangen,
Mit dem ein Kind zur Mutter luft und Mut
Im Schrecken sucht und Trost im Leid und Bangen,
Um zu Virgil zu sagen: "Ach mein Blut!
Kein Trpflein blieb mir, das nicht bebend zcke--
Ich kenne schon die Zeichen alter Glut."
Doch sein beraubt lie uns Virgil zurcke,
Virgil, der vterliche Freund--Virgil,
Dem sie mich bergab zu meinem Glcke.
Was Eva einst verloren, da sie fiel,
Nicht half es mir, die Trnen zu vermeiden,
Wovon ein Strom die Wangen niederfiel.
"O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden,
Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht;
Zu weinen ziemt dir ber andres Leiden!"
Und wie mit ernstgebietendem Gesicht
Ein Admiral, der, musternd seine Scharen
Vom hohen Bord, sie mahnt an ihre Pflicht,
So war sie links im Wagen zu gewahren,
Als ich nach meines Namens Klang mich bog,
Den hier die Not mich zwang, zu offenbaren;
Ich sah die Frau, die erst sich mir entzog,
Als sie erschien, in jener Engelfeier,
Wie nach mir her ihr Blick von jenseits flog.
Doch ihr vom Haupte wallend lie der Schleier,
Der von Minervens Laub umkrnzet ward,
Mir ihren Anblick nur noch wenig freier.
Stolz sprach sie nun mit kniglicher Art,
Gleich einem, der erst mild spricht, anzuschauen,
Und sich das hrtre Wort frs Ende spart:
"Schau her, Beatrix bin ich! Welch Vertrauen
Fhrt dich zu diesen Hhn? Wie? Weit du nicht,
Beglckte wohnen nur in diesen Auen."
Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht,
Sah auf die Blumen dann, die mich umgaben,
Gedrckt die Stirn von schwerer Scham Gewicht.
So stolz erscheint die Mutter ihrem Knaben,
Wie sie mir schien; denn ihr mitleidig Wort
Schien den Geschmack der Bitterkeit zu haben.
Sie schwieg, da sang der Engel Chor sofort
Den Psalmen: Herr, auf dich nur steht mein Hoffen,
Bis: Stellest meine Fu auf weiten Ort.
Wie auf den Rcken Welschlands, welcher offen
Den Strmen ragt, der Schnee, im Frost gehuft,
Zu Eis erstarrt, vom slawschen Wind getroffen,
Dann, in sich selbst versickernd, niedertruft,
Wenn laue Wind aus Libyen ihn verzeihen,
So wie, dem Feuer nah, das Wachs zerluft;
So war ich ohne Seufzer, ohne Zhren,
Bevor die Engel sangen, deren Sang
Nur Nachklang ist vom Lied der ewgen Sphren.
Doch als im Lied ihr Mitleid mir erklang,
Wohl heller klang, als htten sie gesungen:
"Was, Herrin, machst du ihm das Herz so bang?"
Da ward das Eis, das fest mein Herz umschlungen,
Zu Hauch und Wasser bald und kam durch Mund
Und Auge bang aus meiner Brust gedrungen.
Sie, welche, wie zuvor, im Wagen stund,
Sie wandte sich dem Engelchor entgegen,
Und tat den heilgen Scharen dieses kund:
"Ihr wacht im ewgen Tag, und nimmer mgen
Euch einen Schritt entziehen Schlaf und Nacht,
Den das Jahrhundert tut auf seinen Wegen.
Drum ist die Antwort wohl fr ihn bedacht,
Der drben weint, damit sie klar beweise,
Da groe Schuld auch groe Schmerzen macht.
Nicht durch die Kraft allein der ewgen Kreise,
Die jedes Wesen zu dem Ziele lenkt,
Das ihm sein Stern gesteckt fr seine Reise,
Durch das auch, was die Gnade Gottes schenkt,
Sie, deren Regen solche Dnst umgeben,
Da sich kein Blick in ihre Tiefen senkt,
War dieser einst in seinem neuen Leben
Gar hoch begabt, um sich zur Trefflichkeit
Durch rechte Sitte mchtig zu erheben.
Doch wilder wird in schnder ppigkeit
Jedweder schlechte Same sich entfalten,
Je krftger ist des Bodens Fruchtbarkeit.
Wohl wut ich einge Zeit ihn festzuhalten,
Indem ich ihm die jungen Augen wies;
Da lie er gern als Fhrerin mich walten.
Doch hatt er, als ich kaum die Welt verlie,
Zum bessern Sein zu gehn, sich mir entzogen,
Indem er andern ganz sich berlie.
Als ich vom Fleisch zum Geist emporgeflogen,
Und hhre Tugend, hhern Reiz empfahn,
Da war er minder hold mir und gewogen.
Er wandte seinen Schritt zur falschen Bahn,
Trugbildern folgend schnden Wonnelebens,
Den falschen Lockungen und leerem Wahn.
Im Traum und Wachen rief ich ihn vergebens,
Und Mahnung haucht ich ihm und Warnung ein,
Doch blieb er taub im Leichtsinn eiteln Strebens.
Ein Mittel knnt ihm nur zum Heil gedeihn,
So tief schon hatt er sich im Wahn verloren,
Und solches war der Anblick ewger Pein.
Deswegen drang ich zu der Hlle Toren
Und habe den, der ihn herauf gefhrt,
Mit Bitten und mit Trnen dort beschworen.
Nicht wrs, wie sichs nach ewgem Rat gebhrt,
Wenn er durch Lethe ging und sie gensse,
Und nicht vorher, bufertig und gerhrt,
In Reuezhren seine Schuld ergsse.


Einunddreiigster Gesang

"Du, jenseits dort am heilgen Strom," so kehrte
Sie jetzt der Rede Spitze gegen mich,
Nachdem die Schneide schon mich hart versehrte,
Fortfahrend ohne Sumen: "Sprich, o sprich,
Ist dieses wahr? Erkennst du deine Fehle?
Auf solche Klage ziemt die Beichte sich."
Die Stimme regte sich, doch in der Kehle
Erstarb das Wort; denn, statt gehoffter Huld.
Verwirrte finstre Strenge meine Seele.
Nur wenig hatte sie mit mir Geduld:
"Was sinnst du? Sprich! Noch tilgten nicht die Wogen
Der Lethe die Erinnrung deiner Schuld."
Furcht und Verwirrung, sich vermischend, zogen
Ein Ja! aus meinem Mund, das zwar erblickt
Vom Auge ward, allein dem Ohr entzogen.
Gleichwie zu scharf gespannt die Armbrust knickt,
Und, wenn sich Sehn und Bogen berschlagen,
Den Pfeil mit mindrer Kraft zum Ziele Schickt,
So brach, zu schwach, so schwere Last zu tragen,
Ich jetzt in Seufzer aus und Trnenflut
Und lie den Ton sich nicht ins Freie wagen.
Drum sie zu mir: "In meiner Wnsche Glut,
Die einst dich jenes Gut zu lieben fhrte,
Das unserm Wunsch entrckt all andres Gut.
Welch eine Kette wars, die dich umschnrte,
Das auf den Fortschritt, mit verzagtem Sinn,
Die Hoffnung abzulegen dir gebhrte.
Und welche Frdrung, welcherlei Gewinn,
Die lockend dir von andrer Stirne lachten?
Was fhrte dich zu ihrem Wege hin?"
Nach einem tiefen, bittern Seufzer machten
Sich Tne mhsam frei aus meiner Brust,
Die kaum als Wort hervor die Lippen brachten.
"Die Gegenwart, mit ihrer falschen Lust,"
So weint ich, "hat, als eure Blick entschwanden,
Rckwrts zu wenden meinen Schritt gewut."
"Verschwiegst, vermeintest du, was du gestanden,"
Sprach sie, "nicht minder wrs dem Richter kund,
Vor dessen Blick die Lge nie bestanden.
Doch wenn man sich verklagt mit eignem Mund.
So wird hier abgestumpft das Schwert der Rache,
Und Gnade macht des Snders Herz gesund.
Drum, da dein Wahn dich mehr errten mache,
Und da dein Herz zu jeder andern Zeit
Die Lockung der Sirenen khn verlache,
La ab vom Weinen jetzt und Traurigkeit;
Vernimm vielmehr, welch andern Weg zu wallen
Dir ziemend war, als mich der Tod befreit.
Nichts lie Natur und Kunst dir je gefallen,
Wie jenen Leib, in dem ich dort erschien,
Des schne Glieder jetzt in Staub zerfallen.
Und sahest du die hchste Wonn entfliehn
Bei meinem Tod, was konnte dich besiegen?
Welch irdsche Lust dich frder an sich ziehn?
Beim Reiz der Dinge, die das Herz betrgen,
Bei ihrem ersten Pfeil, wars ziemend, mir,
Die ich mein Sein verwandelt, nachzufliegen.
Nicht niederziehn sollt er die Schwingen dir,
Nicht harren solltest du der andern Pfeile,
Des Mgdleins nicht, nach andrer eitlen Zier.
Der junge Vogel harrt in trger Weile
Des zweiten Pfeils, doch der beschwingte flieht
Und schtzt vor Netz und Pfeilen sich durch Eile."
Gleichwie ein Knabe schweigend niedersieht,
Wenn Vorwurf und Bewutsein ihn verstren,
Und Reue sein Gesicht zur Erde zieht;
So stand ich dort: "Betrbt dich schon das Hren,"
Sie sprachs, "So sei emporgewandt dein Bart;
Das Schauen wird noch deinen Schmerz vermehren."-
In ihrem Widerstande minder hart,
Lt ihrem Grund die Eiche sich entreien,
Wenn sie von Nordsturms Macht durchschttelt ward,
Als ich das Kinn erhob, da sies geheien.
Auch fhlt ich, da sie Bart fr Antlitz sprach,
Des Wortes Gift an meinem Herzen reien.
Das Antlitz hob ich zgernd und gemach,
Und sieh, die schnen englischen Gestalten,
Sie lieen jetzt im Blumenstreuen nach.
Mein Blick, kaum fhig noch, ein Bild zu halten,
Erschaute sie, dem Greifen zugewandt,
In dem, dem einen, zwei Naturen walten.
Sie schien, verschleiert, jenseits dort am Strand,
Das, was sie einst war, jetzt zu berwinden,
Wie sie vordem die andern berwand.
Wie mut ich da der Reue Schmerz empfinden!
Wie, was mich von ihr abgewandt, die Lust
Der eiteln Welt jetzt hassenswrdig finden!
So nagte Selbstbewutsein meine Brust,
Da ich hinsank--mit welchem innrem Beben,
Ihr, die es mir erregt, ihr ists bewut.
Als ure Kraft das Herz mir neu gegeben,
Sprach ber mir sie, die mir erst allein
Erschienen war: "Mich fass, um dich zu heben!"
Sie zog mich bis zum Hals den Flu hinein,
Glitt, wie ein Webschiff, ohne sich zu senken,
Auf seiner Flch und zog mich hinterdrein,
Um mich zum selgen Ufer hinzulenken.
Dort klangs: "Entsndge mich!" so s--ich kann
Es nicht beschreiben, ja, nicht wieder denken.
Die schne Frau erschlo die Arme dann,
Umschlang mein Haupt und taucht es in die Wogen,
Drob ich vom Wasser trank, das mich umrann.
Drauf, als sie mich gebadet vorgezogen,
Bot sie zum Tanze mich den schnen vier,
Die hold um meinen Hals die Arme bogen.
"Wir sind am Himmel Sterne, Nymphen hier.
Und als zur Welt Beatrix kam, so gingen
Als ihre Dienerinnen wir mit ihr.
Wir werden dich ihr vor die Augen bringen;
Dir schrfen dann, frs holde Licht darin
Den Blick die drei, die schauend tiefer dringen."
Sie sangen diese Worte zum Beginn,
Worauf sie mich zur Brust des Greifen brachten.
Dort wandte sie nach uns das Antlitz hin.
Sie sprachen dann: "Hier darfst du frei betrachten,
Wir stellten dich vor der Smaragden Licht,
Woraus dich wund der Liebe Pfeile machten."
Mir weckt ein glhend Sehnen ihr Gesicht
Und band an ihrer Augen Glanz die meinen;
Die ihren wichen vor dem Greifen nicht.
Und drinnen sah ich den zwiefachen Einen,
Gleichwie die Sonn im Spiegel, schimmernd klar,
Als diesen bald, als jenen bald erscheinen.
Nun denke, Leser, selbst, wie wunderbar,
Das Abbild, sich verwandelnd, zu erblicken,
Obwohl das Urbild stets dasselbe war.
Indes die Seel in Staunen und Entzcken
Die Speise kostete, die grern Drang
Nach sich erweckt, je mehr wir uns erquicken,
Da sah ich jene drei vom hchsten Rang,
Dies zeigte die Gebrd, uns nahe kommen,
Den Engeltanz begleitend mit Gesang.
"Beatrix, la den Blick, den heilgen, frommen,"
So sangen sie, "auf deinen Treuen sehn,
Der dich zu schaun so hoch emporgeklommen.
Enthll aus Gnad ihm deinen Mund, wir flehnl
Die zweite Schnheit, die du noch verborgen,
O la sie auf vor seinen Augen gehen!"
O Glanz lebendgen Lichts! o ewger Morgen!
Wer trank so tief aus des Parnassus Flut,
Wer ward so bleich in seinen Mhn und Sorgen,
Da er vermag, mit freiem, khnem Mut
Sich deiner Schilderung zu unterfangen,
Wenn du bei Himmelsharmonien in Glut
Den unbewlkten Lften aufgegangen?


Zweiunddreiigster Gesang

Den zehenjhrgen Durst zu lschen, hingen
An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier,
Da mir die andern Sinne ganz vergingen.
Seitwrts baut eine Mauer dort und hier
Nichtachtung auf, denn mit dem Netz, dem alten,
Zog mich ihr heilges Lcheln hin zu ihr.
Da wandten mir die himmlischen Gestalten
Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht,
Mit diesem Ruf: Im Schauen Ma gehalten!
Nun stand ich dort wie einer, den das Licht
Der Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet,
Und dem zunchst die Sehkraft ganz gebricht.
Doch als das wenge sie mir neu gespendet--
Nach jenem vielen wenig und gering,
Von dem ich mit Gewalt mich abgewendet--
Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fing
Sich rechts zu kehren an, indems den Lichten,
Den sieben, nach, der Sonn entgegenging.
Wie, wenn die Scharen auf den Sieg verzichten,
Sie unterm Schild sich mit der Fahne drehn,
Eh sie, geschwenkt, sich ganz zum Rckzug richten,
So war die Schar des Himmelreichs zu sehn,
Und eh sich um des Wagens Deichsel legte,
Sah man den Zug vor und vorbergehn.
Die sieben Frauen rechts und links, bewegte
Der Greif die heilge Last mit stiller Macht,
So da an ihm sich keine Feder regte.
Ich, Statius, sie, die mich zum Furt gebracht,
Wir leiteten dem Rade nach die Schritte,
Das, umgeschwenkt, den kleinern Bogen macht.
So ging es durch des hohen Waldes Mitte,
d, weil der Schlang einst Eva Glauben gab,
Und Engelsang gab Ma fr unsre Tritte.
Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab
Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen,
Und Beatrice stieg vom Wagen ab.
"Adam!" so ward ein Murmeln rings vernommen,
Und einen Baum, von Laub und Blten leer,
Umringt im Kreise nun die Schar der Frommen.
Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr
Er aufwrts steigt, hoch, da er selbst den Indern
Durch seine Hhe zum Erstaunen war.
"Heil dir, o Greif, mit deinem Schnabel plndern
Willst du nicht diesen Baum, der Ses zwar
Dem Gaumen gibt, doch Marter dann den Sndern."
So rief rings um den starken Baum die Schar.
Und er, in dem sich Leu und Aar verbunden:
"So nimmt man jedes Rechtes Samen wahr."
Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden,
Schob er zum den Stamm und lie am Baum,
Aus ihm entnommen, sie an ihn gebunden.
Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum
Das groe Licht sich senkt, von dem umschlossen,
Das nach den Fischen glnzt am Himmelsraum,
Sich ppig blhn zu neuen jungen Sprossen,
Jede gefrbt nach der Natur Gebot, .
Eh Sol den Stier erreicht mit seinen Rossen;
So, mehr als Veilchen zwar, doch minder rot
Als Rosenglut, erneute sich die Pflanze,
Die erst verwaist erschien und kahl und tot.
Und wie sie nun erblht im neuen Glanze,
Ertnt ein nie gehrter Lobgesang,
Doch nicht ertrug mein mder Sinn das Ganze.
Knnt ich euch malen, wie mit sem Klang
Von Pan und Syrinx einst Merkur den Spher,
Den unbarmherzgen, zum Entschlummern zwang,
So zeigt ich, wie nach einem Urbild, eher,
Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht,
Doch das Entschlummern sing ein bessrer Seher.
Ich springe bis zur Zeit, da ich erwacht,
Da mir ein Glanz zerri den dunkeln Schleier,
Und eine Stimme rief: Steh auf, hab acht!
Wie zu der Blut des Baums, des Apfel teuer
Den Engeln sind, den nichts erschpfen kann,
Der Speise gibt zur ewgen Hochzeitsfeier,
Gefhrt, Jakobus, Petrus und Johann
Aus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden,
Bei dessen Klang wohl tiefrer Schlaf entrann,
Und nun vermindert ihre Schule fanden.
Denn Moses und Elias waren fort,
Und ihren Herrn in anderen Gewanden;
So ich--und ber mich gebogen dort
Stand jetzt die Schne, wie um mein zu hten,
Die mich gefhrt entlang des Flusses Bord.
"Wo ist Beatrix?" rief ich, und mir glhten
Vor Angst die Wangen. "Auf der Wurzel", sprach
Die Schne, "sitzt sie unter neuen Blten.
Sieh hin, wer sie umgibt. Dem Greifen nach
Entflohn empor die anderen, mit Sange,
Der ser, tiefer klang, als dort am Bach.
Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange,
Nicht wei ich es, denn mir im Auge stand
Sie, die mein Ohr versperrte jedem Klange.
Sie sa allein auf jenem reinen Land,
Wies schien, zur Hut des Wagens dort gelassen,
Den an den Baum der Zweigestaltge band.
Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen,
Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist
Des Nord- und Sdwinds nie sich lschen lassen.
"Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist
Und wirst mit mir als ewger Brger bleiben
In jenem Rom, wo Christus Rmer ist.
Zum Heil der Welt mit ihrem bsen Treiben
Schau auf den Wagen, um, was du gesehn,
Zurckgekehrt, den Menschen zu beschreiben."
Beatrix sprachs--wie knnt ich widerstehn?
Ganz so, wies der Gebieterin gefallen,
Lie ich voll Demut Geist und Auge gehn.
Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen.
Aus dichter Wlk, ein flammendes Gescho,
Den Blitz aus fernster Hhe niederfallen,
Als auf den Baum Zeus Vogel niederscho,
Nicht whlend blo in Blten und in Blttern,
Die Rind auch brechend, die sein Mark umschlo.
Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern,
Der bei dem Stoe rechts und links sich bog,
Gleich einem Schiff im Kampf mit wilden Wettern.
Dann war ein Fuchs, der jhen Sprunges flog,
Ins Innre selbst des Wagens eingebrochen,
Wohin ihn Gier nach berer Speise zog.
Doch mit dem Vorwurf des, was er verbrochen,
Trieb meine Herrin ihn so eilig fort,
Als laufen konnten seine magern Knochen.
Und nochmals strzte von dem hohen Ort,
Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen,
Und lie ihm viel von seinen Federn dort.
Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen,
Klang aus dem Himmel eine Stimm und sprach:
"Mein Schifflein, schlechte Ladung mut du tragen!"
Und unten, zwischen beiden Rdern, brach
Der Erde Grund, ausspeiend einen Drachen,
Der nach dem Wagen mit dem Schwanze stach.
Dann zog er ihn zurck, wies Wespen machen,
Nahm einen Teil des Bodens mit und schien,
Von dannen eilend, des Gewinns zu lachen.
Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn
Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet,
Wie ppig Land mit Gras, sich berziehn.
Und dieses Werk war so geschwind vollendet,
Und voll die Deichsel und das Rderpaar,
Bevor die Brust ein Oh! und Ach! beendet.
Und Hupter trieb, als er verwandelt war,
Der Wagen vor, an den vier Ecken viere,
Drei aber nahm man auf der Deichsel wahr,
Die letzten drei gehrnt wie die der Stiere,
Die ersten vier mit einem Horn versehn;
So glich er nie geschautem Wundertiere.
Und sicher, wie auf Bergen Schlsser stehn,
Sa eine zgellose Hure drinnen
Und lie umher die flinken Augen sphn.
Und, gleich, als solle sie ihm nicht entrinnen,
Stand ihr zur Seit ein Ries, und diese zwei
Sah ich sich kssen und sich zrtlich minnen.
Allein, weil sie die Augen gierig frei
Auf mich gewandt, schlug sie der wilde Freier
Vom Kopf zum Fu mit wtendem Geschrei.
Drauf lst er ab vom Baum das Ungeheuer,
Von Argwohn voll und wildem Zorn und Arg,
Und zog es durch den Wald, des dichter Schleier
Die Hure samt dem Wundertier verbarg.


Dreiunddreiigster Gesang

Herr, eingefallen sind die Heiden! fingen,
Abwechselnd drei und vier, mit sem Klang,
Doch trnenvoll, die Frauen an zu singen.
Beatrix horchte schweigend dem Gesang,
Verwandelt wie Maria, die mit Grauen
Des Mutterschmerzes unterm Kreuze rang.
Doch als nun ihrem Wort die andern Frauen
Erst Raum gegeben, sah ich sie erstehn,
Grad, aufrecht, gleich dem Feuer anzuschauen.
" ber ein kleines sollt ihr nicht mich sehn,
Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben,
ber ein kleines werdet ihr mich sehn."
Sie sprachs und stellte vor sich alle sieben,
Und hinter sich, durch ihren Wink allein,
Die Frau, mich und den Weisen, der geblieben.
Sie ging, doch mochtens kaum zehn Schritte sein,
Die sie gegangen und uns gehen lassen,
Da blitzt ins Auge mir des ihren Schein.
"Geh itzt geschwinder," sagte sie gelassen,
"Komm nher her, da, red ich nun mit dir,
Du wohl vermgend seist, mein Wort zu fassen."
Kaum war ich, wie ich sollte, nah bei ihr,
Da sprach sie: "Bruder, bist mir nah gekommen,
Doch zu erfragen wagst du nichts von mir?"
Wie wenn von zuviel Ehrfurcht schwer beklommen
Mit seiner Obrigkeit ein niedrer Mann
Halblaut und stockend spricht und kaum vernommen,
So sprach ich jetzt, da ich zu ihr begann:
"O Herrin, Ihr erkennt ja mein Verlangen,
Und was ich brauch, und was mir frommen kann."
Und sie: "Mach itzt dich los von Scham und Bangen,
Ich wills, und rede sicher nun und klar,
Und nicht wie einer, der im Traum befangen.
Der Wagen, den die Schlange brach, er war,
Doch wer dies zu verschulden sich nicht scheute,
Er frchte Gottes Rach auf immerdar!
Nicht immer sonder Erben wird, wie heute
Der Adler sein, der ihm die Federn lie,
Drob er erst Ungeheuer ward, dann Beute.
Schon nahen Sterne sich--wie ichs gewi
Im Geist erkannt, so sei es ausgesprochen--
Da kommt, von Schranke frei und Hindernis,
Fnfhundert fnf und zehn hervorgebrochen,
Ein Gottgesandter, der die Dirn erschlgt
Zusamt dem Riesen, der mit ihr verbrochen.
Und hab ich jetzt dir Worte vorgelegt,
Wie Sphinx und Themis, schwierig zu erraten,
Daher dein Geist im Dunkel Zweifel hegt,
So lsen bald dies Rtsel dir die Taten
Statt der Najaden auf, und unbedroht
Verbleiben drob die Herden und die Saaten.
Merk, was ich sagt, und hre mein Gebot:
Du sollst es dort den Lebenden erzhlen,
Im Leben, das ein Rennen ist zum Tod.
Nicht sollst du, wenn du dorten schreibst, verhehlen,
Wie du den Baum gesehn. Erinnre dich:
Du sahst zu zweien Malen ihn bestehlen.
Wer diesen Baum bestiehlt und freventlich
Verletzt, krnkt Gott mit ttgen Lsterungen,
Denn er schuf heilig nur den Baum fr sich.
Fr solchen Raub hat qualenvoll gerungen
Fnftausend Jahr und mehr der erste Geist
Nach ihm, des Tod des Bisses Fluch bezwungen.
Wohl schlummert dein Verstand, wenn du nicht weit,
So hoch sei jener Baum aus tiefen Grnden,
Wenn dir des Gipfels Bau dies nicht beweist.
Und htte nicht, wie Elsas Flut, mit Rinden
Von Stein dein Grbeln die Vernunft bedeckt,
Und war ihr Licht dir nicht getrbt von Snden,
So httest du, was das Verbot bezweckt,
Und wie darin der Herr gerecht erscheine,
Am Baum durch solche Zeichen leicht entdeckt.
Doch weil dein Geist verhrtet ist zum Steine,
Befleckt von Schuld, verworren und berckt
Und blde bei der Wahrheit hellem Scheine,
So nimm, zwar nicht als Wort, doch ausgedrckt
Als Bild, in dir die Rede mit von hinnen,
Wie man den Pilgerstab mit Palmen schmckt."
Und ich: "So fest, als nur im Wachse drinnen
Das Bild sich hlt, das drein das Siegel grbt,
Trag ich, was ihr gezeichnet habt, hier innen.
Doch was, wenn sich so hoch mein Blick nicht hebt,
Fliegt eur ersehntes Wort in solche Sphren,
Da er es mehr verliert, je mehr er strebt."
"Auf, da du wissest, welcher Schule Lehren",
So sprach sie, "du gefolgt, und sehst, wie weit
Sie meinem Wort zu folgen sich bewhren;
Und wie ihr fern mit eurem Wege seid
Von Gottes Weg, so fern, wie von der Erden
Des hchsten Himmels Glanz und Herrlichkeit."
Und ich: "Nicht wills mir klar im Geiste werden,
Da ich mich je entfernt von eurer Spur;
Nicht fhl ich im Gewissen drob Beschwerden."
"Entsinnst du dessen dich nicht mehr?" so fuhr
Sie lchelnd fort; "doch von der Lethe Fluten
Trankst du noch heute, des gedenke nur.
Und, wie man richtig schliet vom Rauch auf Gluten,
So siehest du durch dies Vergessen klar,
Da du dich abgewandt vom wahren Guten.
Jetzt wahrlich stellt, von jeder Hlle bar,
Soviel, im engsten Kreise sich bewegend,
Dein Blick es fassen kann, mein Wort sich dar."
Und flammender, sich trgem Schrittes regend,
Betrat jetzt Sol des Meridians Gebiet,
Das stets ein andres ist in andrer Gegend.
Da standen still, wie, wer als Fhrer zieht
Vor einer Schar, sich schickt zum Stillestande,
Wenn er auf seinem Wege Neues sieht,
Die sieben Fraun an dichten Schattens Rande.
Wie grnbelaubt schwarzstig Waldgeheg
Auf kalte Flss ihn fliet im Alpenlande.
Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg
Sich aus derselben Quelle zu ergieen,
Sich dann, wie Freunde, trennend, still und trg.
"O Licht, der Menschheit Ruhm, welch Wasser sprieen
Seh ich aus einem Ursprung hier und dann
Sich von sich selbst entfernend weiterflieen?"
Auf diese Bitte hob Beatrix an:
"Mathilden bitt,"--und diese sprach dagegen,
Wie wer vom Vorwurf leicht sich lsen kann:
"Dies und noch anderes ihm auszulegen,
Versumt ich nicht, was, des bin ich gewi,
Der Lethe Wsser nicht zu tilgen pflegen."
Beatrix drauf: "Die grre Sorg entri,
Wies oft geschieht, dies seinem Angedenken
Und lie sein geistig Aug in Finsternis.
Doch Eunoe sieh--eil, ihn dahin zu lenken,
Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut
Mit Leben die erstorbne Kraft zu trnken."
Wie ohn Entschuldigung, wer, mild und gut,
Als eignen Willen fremden aufgenommen,
Der sich durch Wink und Wort ihm zeigte, tut,
So ging, nachdem sie mich am Arm genommen,
Die schne Frau und sagte weiblich mild
Zu Statius: "Auch du sollst mit ihm kommen."
Htt ich, o Leser, Raum zu grerm Bild,
So wrd ich dir zum Teil die Wonnen singen
Des Tranks, der Durst erregt, wenn er ihn stillt.
Doch lt sich nichts mehr auf die Bltter bringen,
Die ich zu diesem zweiten Lied erkor,
Drum hemmt der Zaum der Kunst mein Weiterdringen.
Ich ging aus jener heilgen Flut hervor,
Wie neu erzeugt, von Leid und Schwche ferne,
Gleich neuer Pflanz in neuen Lenzes Flor,
Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne.




Das Paradies


Erster Gesang

Der Ruhm des, der bewegt das groe Ganze,
Durchdringt das All, und diesem Teil gewhrt
Er minder, jenem mehr von seinem Glanze.
Im Himmel, den sein hellstes Licht verklrt,--
War ich und sah, was wiederzuerzhlen
Der nicht vermag, der von dort oben kehrt.
Denn, nahn dem Ziel des Sehnens unsre Seelen,
Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht,
Dann mu der Rckweg dem Gedchtnis fehlen.
Doch alles, was im heiligen Gebiet
Nur einzusammeln war von selger Schne,
Der edle Schatz, sei Stoff jetzt meinem Lied.
Apollo, Gtger, leih mir deine Tne
Zum letzten Werk--mach ein Gef aus mir,
Wert, da es dein geliebter Lorbeer krne.
Mir gngt ein Gipfel des Parna bis hier,
Doch, soll der Rennbahn Ziel der Sieger gren,
So fleh ich jetzt um beid empor zu dir.
Den Odem hauch in mich, den reinen, sen,
Da du hier stark, wie bei dem Wettkampf, seist,
Den Marsyas kmpft, um frevlen Stolz zu ben.
O Gtterkraft, wenn du dich jetzt mir leihst,
Den Nachschein von des selgen Reiches Glanze
Zu malen aus dem Bild in meinem Geist,
Dann siehest du mich nahn der teuren Pflanze
Und, durch den Stoff und dich des wert, geschmckt
Und reichgekrnt mein Haupt mit ihrem Kranze.
Wenn man ihr Laub, o Vater, selten pflckt,
Um Csars und des Dichters Sieg zu ehren,
Weil Schuld und Schmach den Willen niederdrckt,
Mu Freud es wohl dem freudgen Gott gewhren,
Den Delphos preist, kehrt nun mit khnem Mut
Nach Daphnes Laub ein Herz all sein Begehren.
Und weckt ein kleiner Funk oft groe Glut,
So fleht nach mir zu hherer Verkndung
Ein andrer wohl um deine Hilf und Hut.--
Den Sterblichen entsteigt aus mancher Mndung
Das Licht der Welt; allein in einer sind
Vier Kreise mit drei Kreuzen in Verbindung,
Wos bessern Lauf mit besserm Stern beginnt,
So da der Erde Wachs in diesem Zeichen
Von ihm ein schneres Geprg gewinnt.
In ihm hie Sol den Tag bei uns erbleichen
Und dort entglhn; und auf dem Halbkreis hier
Die schwarze Nacht sich nahn und dort entweichen.
Und links gewandt erschien Beatrix mir,
Und wie kein Aar je fest und ungeblendet
Zur Sonne sah, so blickte sie zu ihr.
Und wie der erste Strahl den zweiten sendet,
Der, ihm entflammt, hell auf- und rckwrts blitzt,
Dem Pilgrim gleich, der sich zur Heimat wendet,
So macht ihr Blick, der durch die Augen itzt
Mein Innres traf, zur Sonn auch meinen steigen,
Mit grrer Kraft, als onst der Mensch besitzt.
Viel darf man dort, was hier zu bersteigen
Die Kraft pflegt, die uns nimmer dort gebricht,
Am Ort, den Gott schuf als der Menschheit eigen.
Nicht lang ertrug ichs, doch so wenig nicht,
Um nicht zu sehn, da, wie dem Feur entnommen,
Das Eisen sprht, sie sprht in Glut und Licht.
Und pltzlich schien ein Tag zum Tag zu kommen,
Als sei durch den, ders kann, am Himmelsrand
Noch eine zweite neue Sonn entglommen.
Fest schauend nach den ewgen Kreisen, stand
Beatrix dort, und ihr ins glanzerhellte
Gesicht sah ich, von oben abgewandt,
Und fhlte, da mir Lust das Innre schwellte,
Was Glaukus fhlt, als er das Kraut geschmeckt,
Das ihn im Meer den Gttern zugesellte.
Verzckung fhlt ich. Was sie sei, entdeckt
Die Sprache nicht, mags drum dies Beispiel Iehren,
Wenn je in euch die Gnade sie erweckt.
Ob ich nur Seele war?--Du magsts erklren,
O Liebe, Himmelslenkerin, die mich
Mit ihrem Licht erhob zu jenen Sphren.
Als nun der Kreis, der durch dich ewiglich
In Sehnsucht rollt, mein Aug an sich gezogen
Mit Harmonien, verteilt, gemischt durch dich,
Durchflammte Sonnenglut des Himmels Bogen
So weit hin, wie von Strom und Regenflut
Kein See noch je erstreckt die breiten Wogen.
Des Klanges Neuheit und die lichte Glut,
Sie machten, da ich vor Begierde brannte,
Wie nimmer sie erweckt ein andres Gut;
Drob sie, die mich, wie ich mich selbst, erkannte,
Mir zu befriedgen den erregten Geist,
Noch eh ich fragte, schon sich zu mir wandte
Und sprach: "Ein Wahn ist Schuld, da du nicht weit,
Was du sogleich erkennen wirst und sehen,
Sobald du dich von seinem Trug befreist.
Du glaubst noch auf der Erde fest zu stehen,
Doch flieht kein Blitz aus seinem Vaterland
So schnell, wie du jetzt eilst, hinaufzugehen."
Kaum da der erste Zweifel mir verschwand,
Durchs kurze Wort und ihres Lchelns Frieden,
Als wieder schon ein neuer mich umwand.
Ich sprach: "Vom Staunen ruht ich schon zufrieden;
Doch steig ich jetzt durch leichte Stoff empor,
Drum ist dazu mir neuer Grund beschieden."
Ein Seufzer weht aus ihrem Mund hervor,
Dann sah sie hin auf mich, wie auf den Knaben
Die Mutter blickt, die sagen will: Du Tor!
"Die Dinge smtlich", so begann sie, "haben
Unter sich Ordnung, und das All ist nur
Durch diese Form gotthnlich und erhaben.
Die hhern Wesen sehn in ihr die Spur
Der Kraft, der ewgen, die zum Ziel gegeben
Vom Schpfer ward der Ordnung der Natur.
Nach ihr nun sehn wir alle Wesen streben,
Ob hoch ihr Los, ob niedrig sei; ob mehr,
Ob minder nah sie ihrem Ursprung leben.
Sie treiben durch des Seins unendlich Meer,
Geleitet vom Instinkt, den Gott als Steuer
Jedwedem gab, auf mancher Bahn daher.
Er trgt zum Mond empor das rege Feuer,
Er ists, der rund den Bau der Erde drckt,
Er ist der Herzschlg Ordner und Erneurer.
Nicht nur auf Wesen, die vernunftlos, zckt
Er, wie ein Bogen, seine sichern Pfeile,
Auf die auch, die Vernunft und Liebe schmckt.
Die Vorsicht, die zum Ganzen eint die Teile,
Die durch ihr Licht des Himmels Ruh erhlt,
In dem der Kreis sich dreht von grter Eile,
Lt zum bestimmten Platz in jener Welt
Uns jetzo durch die Kraft der Sehne bringen,
Die, was sie treibt, nach heiterm Ziele schnellt.
Wahr ists, da, wie oft Formen nicht gelingen,
Wie sie in sich des Knstlers Geist empfahn,
Wenn sprde mit der Kunst die Stoffe ringen,-
So das Geschpf oft weicht von seiner Bahn,
Denn ihm ist von Natur die Kraft verliehen,
Trotz jener Kraft, sich anderm Ziel zu nahn,
Wenn erdenwrts es falsche Reize ziehen;
Wie aus der Wolke, wenn das Wetter grollt,
Zum Boden hin des Feuers Strahlen fliehen.
Nun staunst du, war ich klar, wie ich gewollt,
So wenig drob, da du emporgestiegen,
Als da der Bach vom Berg zur Tiefe rollt.
Bliebst du, von Hemmnis frei, am Boden liegen,
Erstaunenswerter wrs, als shest du
Trg an den Grund sich lebend Feuer schmiegen."
Hier wandt ihr Antlitz sich dem Himmel zu.


Zweiter Gesang

O ihr, die ihr, von Hrbegier verleitet,
Des Nachens Fahrt nach meinem Schiff gewandt,
Das mit Gesange durch die Fluten gleitet,
Kehrt wieder heim zu dem verlanen Strand,
Schifft nicht ins Meer, denn, die mir folgen, wren
Vielleicht verirrt, wenn meine Spur verschwand.
Ich steure hin zu nie befahrnen Meeren;
Minerva haucht, Apoll ist mein Geleit,
Neun Musen zeigen mir am Pol die Bren.
Ihr andern wengen, die zur rechten Zeit
Ihr euch geneigt zum Engelsbrot, das Leben
Hienieden uns nie Sttigung verleiht,
Ihr knnt euch khn aufs hohe Meer begeben,
Wenn ihr daher auf meiner Furche fahrt,
Eh wieder gleich das Wasser wird und eben.
Anstaunen sollt ihr, was ihr bald gewahrt,
Mehr als die Helden, die nach Kolchis zogen,
Anstaunten, da zum Pflger Jason ward.
So schnell fast, als des Himmels Kreise, flogen
- Wir fort, zum Reich, dem Gott die Form verlieh,
Vom angebornen, ewgen Durst gezogen.
Beatrix blickt empor und ich auf sie,
Doch kaum so lang, als sich ein Pfeil zu schwingen
Vom Bogen pflegt und fliegt und ruht--da sieh
Mich dort, wo mir der Blick von Wunderdingen
Gefesselt ward, schon angelangt mit ihr;
Und sie, gewohnt, mein Innres zu durchdringen,
Sie wandte sich so froh, wie schn, zu mir:
"Auf, bring itzt Gott des Dankes Huldigungen!
Wir sind durch ihn im ersten Sterne hier."
Mir schiens, als hielt uns eine Wolk umschlungen,
Von Glanz durchstrahlt, dicht, ungetrennt und rein,
Wie Diamant, vom Sonnenstrahl durchdrungen.
Die ewge Perle nahm uns also ein,
Gleichwie das Wasser, ohne sich zu trennen,
In sich aufnimmt des Strahles goldnen Schein.
Wenn ich nun Leib war, und wir nicht erkennen,
Wie sich in einem Raum ein zweiter fand,
So, da im Krper Krper tauchen knnen,
Was sind wir drum nicht mehr vom Trieb entbrannt,
Das Ursein zu erschaun, in dem wir schauen,
Wie unserer Natur sich Gott verband.
Dort wird uns das, worauf wir glubig bauen,
Nicht durch Beweis, nein, durch sich selber klar,
Der ersten Wahrheit gleich, auf die wir trauen.
"Ihm, Herrin," sprach ich, "der mich wunderbar
Der Erd entrckt, ihm bring ich jetzt, entglommen
Von frommer Glut, des Dankes Opfer dar.
Doch sprecht, woher die dunkeln Flecken kommen
Auf dieses Krpers Scheib, aus welchen man
Zur Kainsfabel dort den Stoff entnommen."
Sie lchelt erst ein wenig und begann:
"Irrt sich des Menschen Geist in solchen Dingen,
Die nicht der Sinne Schlssel ffnen kann,
So solltest du dein Staunen jetzt bezwingen,
Erkennend, da, den Sinnen nach, nicht weit
Sich die Vernunft erhebt mit ihren Schwingen.
Allein was meinst du selbst? Gib mir Bescheid!"
Und ich: "Von dnnern oder dichtern Stellen
Kommt, wie mir scheint, des Lichts Verschiedenheit."
Drauf sie: "Du wirst bald selbst das Urteil fllen,
Da falsch die Meinung sei, drum gib wohl acht,
Was ich fr Grnd ihr werd entgegenstellen.
Der achte Kreis zeigt vieler Sterne Pracht,
An Groߒ und Eigenschaften sehr verschieden,
Wie ihr verschiednes Ansehn kenntlich macht.
War dies durch Dnn und Dichtigkeit entschieden,
So gbs in allen ja nur eine Kraft,
Dem mehr, dem minder, jenen gleich beschieden.
Doch der verschiedne Bildungsgrund erschafft
Verschiedne Krft, und alle diese schwanden,
Nach deinem Satz, vor einer Eigenschaft.
Dann, wenn die Flecken durch die Dnn entstnden,
So denke, da entweder hier und dort
Sich durch und durch stoffarme Stellen fnden;
Oder, gleichwie im Leib an manchem Ort
Die Fettigkeit das Magre deckt, so gingen
Die Schichten durch den Mond abwechselnd fort.
Das Erste wrd ans Licht die Sonne bringen,
Wenn sie verfinstert ist--es ward ihr Schein
Dann wie durch andre dnne Stoffs dringen.
Doch dies ist nicht, drum bleibt das Zweit allein,
Und wenn wir widerlegt auch dieses sehen,
Dann wird dein Satz als falsch erwiesen sein.
Kann durch und durch der dnne Stoff nicht gehen,
So mu wohl eine Grenze sein, und hier
Der dichte Stoff den Strahlen widerstehen.
Zurcke blitzt sodann der Strahl von ihr--
So wirft das Glas, auf seiner hintern Seite
Mit Blei belegt, zurck dein Bildnis dir--
Nun sagst du wohl, da, weil aus grrer Weite
Der Strahl sodann auf dich zurckeprallt,
Er deshalb auch geringres Licht verbreite.
Doch diesen Einwurf widerlegt dir bald
Erfahrung, der, als seiner ersten Quelle,
Jedweder Strom der Wissenschaft entwallt.
Drei Spiegel nimm und zwei von diesen stelle
Gleich weit von dir--dem dritten gib sodann
Entfernter zwischen beiden seine Stelle.
Kehrst du dich ihnen zu, so stelle man
Drauf hinter dich ein Licht, das sich in allen
Zum Widerstrahl des Schimmers spiegeln kann.
Ins Auge wird der fernre kleiner fallen,
Doch wird auf dich von ihnen allzumal
Ein gleich lebendig Licht zurckeprallen.
Jetzt aber, wie beim warmen Sonnenstrahl
Des Schnees Massen in sich selbst zergehen,
Und Farb und Frost zerrinnt im lauen Tal,
So solls dem Wahn in deinem Geist geschehen,
Und durch mein Wort sollst du lebendge Glut
Vor deinem Blick in regem Schimmer sehen.
Im Himmel, wo der Frieden Gottes ruht,
Dreht sich ein Kreis, in dessen Kraft und Walten
Das Sein all des, was er enthlt, beruht.
Der nchste Himmel, reich an Lichtgestalten,
Verteilt dies Sein verschiednen Krpern drauf,
Von ihm gesondert, doch in ihm enthalten.
Aus ndern Kreisen von verschiednem Lauf
Nimmt die verschiedne Kraft, in ihnen lebend,
Dann jeder Stern nach seinen Zwecken auf.
So siehst du diese Weltorgane schwebend,
In sich im Kreis bewegt von Grad zu Grad,
Von oben nehmend und nach unten gebend.
Betrachte wohl den Weg, den ich betrat,
Auf dem ich dir erwnschte Wahrheit weise,
Dann findest du wohl knftig selbst den Pfad.
Kraft und Bewegung nehmen jene Kreise
Von Lenkern an, die ewges Heil beglckt,
Wie Stein sich formt nach seines Knstlers Weise.
Den Himmel, den die Schar der Sterne schmckt,
Wird von dem Geist, durch den sie rollend Schweben,
Geprg und Bildnis mchtig eingedrckt.
Und wie die Seele, noch vom Staub umgeben,
Durch Glieder von verschiedner Art beweist,
Was in ihr fr verschiedne Krfte leben,
So zeiget seine Huld der Weltengeist,
Der ewig einer ist, hier, vielgestaltet,
Im Sternenheer, das durch die Himmel kreist.
Daher verschiedne Kraft verschieden waltet
Im edlen Krper, welchen sie durchdrang,
In dem sie, wie in euch das Leben, schaltet.
Und da sie heiterer Natur entsprang,
Glnzt diese Kraft in jedes Sternes Lichte,
Gleichwie im Augenstern der Wonne Drang.
Durch sie also, und nicht durchs Dnn und Dichte,
Erhlt verschiednen Glanz der Sterne Schar;
Da sie ein Denkmal ihrer Huld errichte,
Schafft diese Bildnerin, was trb und klar."


Dritter Gesang

Die Sonne, die mich einst mit Glut erfllt,
Beweisend hatte sie und widerlegend
Der Wahrheit holdes Antlitz mir enthllt.
Und ich, belehrt, nicht lnger Zweifel hegend,
Wollt eben, da ichs sei, gestehn und stand,
Das Haupt, soweit sichs ziemt, emporbewegend.
Doch ein Gesicht erschien, und so gespannt
Hielt ich den Blick darauf, ums zu gewahren,
Da mein Gestndnis der Erinnrung schwand.
Und wie von Glsern, von durchsichtgen, klaren,
Von Weihern, welche seicht, doch still und rein,
Den Boden unverdunkelt offenbaren,
Ein Antlitz widerstrahlt, so schwach und fein,
Da man erkennen wrd in grrer Schnelle
Auf weier Stirn der Perle bleichen Schein;
So sah ich manch Gesicht an jener Stelle
Und war im Gegensatz des Wahns, durch den
Einst Lieb entflammt ward zwischen Mann und Quelle.
Denn pltzlich glaubt ich, wie ich sie ersehn,
Es wren Spiegelbilder, und bemhte
Mich, ringsumher ihr Urbild zu ersphn.
Doch sah ich nichts, und, zweifelnd im Gemte,
Schaut ich ins Licht der sen Fhrerin,
Die lchelnd in den heilgen Augen glhte.
Und sie begann: "Nicht staun in deinem Sinn.
Belacht ich deine kindischen Gedanken.
Noch gehst du auf der Wahrheit strauchelnd hin,
Um, wie du pflegst, dem Wahne zuzuwanken.
Wirkliche Wesen zeigt dir dies Gesicht,
Die, untreu dem Gelbd, in Schuld versanken.
Sprich, hr und glaube; denn das wahre Licht,
Das sie beseligt, wird es nie gestatten,
Da ihm zu folgen sich ihr Fu entbricht.
Ich wandte mich und sprach zu einem Schatten,
Der sprechenslustig schien, schnell, als ein Mann,
Den lngst geqult der Neugier Stacheln hatten:
"O Seele, die das ewge Licht gewann,
Die selig hier die Sigkeiten machten,
Die nur, wer sie geschmeckt, begreifen kann,
O sei jetzt freundlich mir. Mein ganzes Trachten
Ist ja dein Nam und euer Los. Drum sprich!"--
Und sie, bereit, mit Augen, welche lachten,
Sprach: "Unsre Lieb erschliet sich williglich
Gerechtem Wunsch, gleich der, der Liebe Bronnen,
Die ihr Gefolg gebildet will nach sich.
Dort auf der Welt gehrt ich zu den Nonnen,
Doch wende nur mir die Erinnrung zu,
Und durch die hhre Schnheit, hhern Wonnen,
Da ich Piccarda bin, erkennest du,
Mit diesen allen, die sich selig nennen,
Zum trgsten Kreis versetzt in Wonn und Ruh.
All unsre Triebe, die allein entbrennen
In Lust des Heilgen Geists, sind hoch ergetzt,
Weil sie in seiner Weihe sich erkennen.
Dies Los, von dir vielleicht geringgeschtzt,
Ward uns zuteile, weil wir dort auf Erden
Verabsumt die Gelbd und sie verletzt."
Drauf ich: "Euch glnzt in Antlitz und Gebrden,
Ich wei nicht was, von Gottheit, wunderbar,
Und lt die ersten Zg unkenntlich werden,
Drob ich so sumig im Erkennen war,
Jetzt hilft mir, was du sprichst, dem Auge trauen
Und stellt mir deutlicher dein Bildnis dar.
Doch sprich: Ihr, glcklich hier in diesen Auen,
Zieht euch nach hherm Ort nicht die Begier,
Um mehr euch zu befreunden, mehr zu schauen?"
Ein wenig lchelten die Schatten hier,
Denn, als ob sie in erster Liebe glhte,
Erwiderte sie froh und wonnig mir:
"Bruder, hier stillt die Kraft der Lieb und Gte
Jedweden Wunsch, und vllig gngt uns dies,
Und nicht nach anderm drstet das Gemte.
Denn wenn es hherm Wunsch sich berlie,
So wrd es ja dem Willen widerstehen,
Der uns in diesen niedern Kreis verwies.
Dies kann in diesen Sphren nicht geschehen;
Lieb ist das Band des ewigen Vereins,
Mit der nicht Kampf noch Widerstand bestehen.
Vielmehr ists Wesen dieses selgen Seins,
Nur in dem Willen Gottes hinzuwallen,
Drum schmilzt hier aller Wunsch und Trieb in eins.
Und, wie wir sind von Grad zu Grad, mu allen
Wie ihm, des Will allein nach seiner Spur
Den unsern lenkt, dies ganze Reich gefallen.
Und unser Frieden ist sein Wille nur,
Dies Meer, wohin sich alles mu bewegen,
Was er schafft, was hervorbringt die Natur."--
Nun sah ich: Paradies ist allerwegen
Wo Himmel ist, strmt auch von oben her
Vom hchsten Gut nicht gleich der Gnade Regen.--
Wie bei verschiednen Speisen man nicht mehr
Von dieser will und sich nach jener wendet,
Fr diese dankt und noch verlangt von der,
So ich mit Wink und Wort, als sie geendet,
Um zu erfahren, was sie dort gewebt,
Allein verlassen, ehe sies vollendet.
"Vollkommnes Leben und Verdienst erhebt
Ein Weib", so sprach sie, "zu den hhern Kreisen,
In deren Tracht und Schleier manche strebt,
In Schlaf und Wachen treu sich zu erweisen
Dem Brutigam, dem jeder Schwur gefllt,
Den reine Liebestrieb ihm schwren heien.
Ihr nachzufolgen floh ich jung die Welt,
Weiht ihrem Orden mich und war beflissen,
Dem gnugzutun, was sein Gesetz enthlt.
Doch Menschen, ruchlos mehr, als gut, entrissen
Gewaltsam dem Verlies, dem sen, mich
Wie drauf mein Leben war--Gott wird es wissen--
Der andre Glanz, der mir zur Rechten dich
So freudig hell bestrahlt, denn er entzndet
In unsrer Sphre ganzem Schimmer sich,
Versteht von sich, was ich von mir verkndet.
Denn man entri, wie meinem, ihrem Haupt
Den Schleier, der der Nonnen Stirn umwindet.
Doch, ob man Rckkehr ihr zur Welt erlaubt,
Blieb doch ihr Herz bekrnt mit jenem Kranze,
Den ihrer Stirn verruchte Tat geraubt.
Sie ist das Licht der trefflichen Konstanze,
Die mit dem zweiten Sturm aus Schwabenland
Den dritten zeugt, umstrahlt vom letzten Glanze."
Piccarda sprachs, mir heiter zugewandt,
Und fing ein Ave an, indem sie singend,
Wie Schweres in der tiefen Flut, verschwand.
Mein Blick, ihr nach, soweit er konnte, dringend,
Erhob sich dann, sobald er sie verlor,
Nach einem Ziele grern Sehnens ringend,
Zu Beatricens Antlitz ganz empor,
Doch als ihr Aug, ein Blitz, in meins geschlagen,
So da zuerst es niedersank davor,
Da macht es zgern mich mit weitern Fragen.


Vierter Gesang

Zwischen zwei Speisen, gleich entfernt und lockend,
Ging hungrig wohl ein freier Mann zugrund,
Nicht von der einen noch der andern brockend.
So stund ein Lmmchen zwischen Schlund und Schlund
Von zweien Wlfen fest, in gleichem Zagen,
So stund auch zwischen zweien Rehn ein Hund.
So lieߒ verschiedner Zweifel mich nicht fragen.
Ich schwieg nur, weil ich mut, und kann davon
Drum weder Gutes jetzt noch Bses sagen.
Ich schwieg, doch ward mein Wunsch vom Antlitz schon
Klar ausgedrckt und deutlicher vernommen,
Als htt ich ihn erklrt mit klarem Ton.
Beatrix tat wie Daniel, als entglommen
Nebukadnezar war in blinder Wut,
Die des Propheten Deutung ihm benommen.
"Da dich zwei Wnsche drngen, seh ich gut,"
Begann sie, "die dich fesseln. So da keiner
Von beiden sich nun kund nach auen tut.
Du fragst: Bleibt unser Will ein guter, reiner,
Wie macht Gewalttat andrer dann den Wert
Und wie den Umfang des Verdienstes kleiner?
Hiernchst auch zweifelst du, weil Plato lehrt,
Da, wies ihm scheint, zu ihrem Sternenkreise
Die Seele von der Erde wiederkehrt.
Die beiden Zweifel drngen gleicherweise
Auf deinen Willen ein, daher ich Ietzt
Der schlimmern Meinung Falschheit erst beweise.
Der Seraph, den der reinste Schimmer letzt,
Moses und Samuel--die je heilig waren,
Ja, selbst Marien nenn ich dir zuletzt,
Sind nicht in anderm Himmel als die Scharen
Der selgen Geister, die du jetzt gesehn,
Sind reicher nicht und rmer nicht an Jahren.
Die erste Sphre machen alle schn,
Doch ist verschiedner Art ihr ses Leben,
Wie mehr und minder Gottes Hauche wehn.
Sie zeigten hier sich, nicht, weil ihnen eben
Der Kreis zuteil ward, nein, weil dies beweist,
Da sie zum Hchsten minder sich erheben.
So sprechen mu man ja zu eurem Geist,
Den nur die Sinne zu dem allen leiten.
Was die Vernunft sodann ihr eigen heit.
Drum lt sich auch zu euren Fhigkeiten
Die Schrift herab, wenn sie von Gott euch spricht,
Von Hand und Fu, um andres anzudeuten.
Die Kirche zeigt mit menschlichem Gesicht
Gabriel und Michael und Raphaelen,
Der neu geklrt Tobias Augenlicht.
Doch des Timus Lehre von den Seelen
Ist andrer Art. Er glaubt auch, was er lehrt,
Und scheint darin kein Sinnbild zu verhehlen.
Da sich zu ihrem Stern die Seele kehrt,
Er sprichts und glaubt, da sie von dort gekommen,
Als die Natur sie uns zur Form gewhrt.
Allein wird dies nicht wrtlich angenommen,
So kann er doch vielleicht mit dem Beweis
Dem Ziel der Wahrheit ziemlich nahekommen,
Dafern er meinte, da aus jedem Kreis
Das Gut und Bse stamm, und deshalb lehrte,
Dem kehre Schimpf zurck und jenem Preis.
Und dieser schlechtverstandne Satz verkehrte
Fast alle Welt, so da in Sternen man
Den Mars, Merkur und Jupiter verehrte.--
Der andre Zweifel, welcher dich umspann,
Hat mindres Gift, indem er nicht entrcken
Dich meinem Pfad durch seine Schlingen kann.
Denn scheint auch ungerecht den Menschenblicken
Unsre Gerechtigkeit, nun, so beweist
Dies Glauben nur, nicht ketzerische Tcken.
Allein wohl fhig ist des Menschen Geist,
In diese Wahrheit tiefer einzudringen,
Drum will ich jetzt, da du befriedigt seist.
Ist das Gewalt, wenn jenen, welche zwingen,
Der, welcher leidet, nie sich willig zeigt,
So kann sie jenen nicht Entschuldgung bringen.
Denn Wille, der nicht will, bleibt ungebeugt,
Wie Feuer, mag der Sturmwind tosend Schwellen,
Oft hingeweht, neu in die Hhe steigt.
Der Wille wird zu der Gewalt Gesellen,
Wenn er sich beugt; drum fehlte jenes Paar
Rckkehren knnend zu den heilgen Zellen.
Blieb jener Nonnen Will unwandelbar,
Wie auf dem Rost Laurentius geblieben,
Wie Scvola, der streng der Rechten war,
So htt er sie, befreit, zurckgetrieben
Denselben Pfad, auf dem man sie entfhrt;
Doch selten sind, die solchen Willen lieben.
Noch httest du den Zweifel oft gesprt,
Der jetzt gewi vor meinem Wort geschwunden,
Wenn du wohl aufgemerkt, wie sichs gebhrt.
Doch hlt ein andrer schon dein Aug umwunden,
Und gnzlich schwnde deine Kraft dahin,
Eh du dich Selbst aus ihm herausgefunden.
Ich legt es als gewi in deinen Sinn,
Die Seele, die der ersten Wahrheit Pforten
Stets nahe bleibt, sei niemals Lgnerin.
Doch nun erfuhrst du durch Piccarda dorten,
Da ihren Schleir Konstanze nie verga,
Und dies scheint Widerspruch mit meinen Worten.
Oft, Bruder, die Gefahr zu fliehn, geschahs,
Da sich ein Mensch, auch wider Willen, dessen,
Was nimmer sich zu tun geziemt, verma.
So hat Alkmon, welcher sich vermessen
Des Muttermords, weil ihn sein Vater bat,
Die Sohnespflicht aus Sohnespflicht vergessen.
Daraus erkennst du diese Wahrheit: hat
Der Wille sich vermischt dem uern Drange,
So liegt in ihm die Schuld der bsen Tat.
Der unbedingte Wille trotzt dem Zwange,
Doch stimmt insofern bei, als der Gefahr
Er zagend weicht, vor grerm Schaden bange.
Piccarda sprach, dies siehst du jetzo klar,
Vom unbedingten Willen nur zum Guten,
Vom zweiten Ich, und beider Wort ist wahr."
So war das Wogen jener heilgen Fluten
Dem Quell entstrmt, dem Wahrheit nur entquillt,
Da s befriedigt meine Wnsche ruhten.
"Liebste des ersten Liebenden, o Bild
Der Gottheit," rief ich, "deren Rede regnet,
Erwrmt und mehr und mehr belebt und stillt.
Oh, war mit Inbrunst doch mein Herz gesegnet
Zum Dank, der gngte deiner Huld--doch dir
Sei nur von ihm, der sieht und kann, entgegnet.
Nie sttigt sich der Geist, dies seh ich hier,
Als in der Wahrheit Glanz, dem Quell des Lebens,
Die uns als Wahn zeigt alles auer ihr.
Doch fand er sie, dann ruht die Qual des Strebens,
Und finden kann er sie, sonst wre ja
Jedweder Wunsch der Menschenbrust vergebens.
Dann lt der Geist, wenn er die Wahrheit sah,
An ihrem Fu den Zweifel Wurzel schlagen
Und treibt von Hhn zu Hhn dem Hchsten nah.
Dies ladet nun mich ein, dies heit mich wagen,
Nach einer andern dunkeln Wahrheit jetzt
Voll Ehrfurcht, hohe Herrin, Euch zu fragen.
Kann wohl der Mensch, der ein Gelbd verletzt,
Durch andres gutes Werk dies so vergten,
Da Ihrs, nach Eurer Wag, als gngend schtzt?
Sie sah mich an, und Liebesfunken sprhten
Aus ihrem Aug so gttlich klar hervor,
Da ich, besiegt, sobald sie mir erglhten,
Gesenkten Blicks mich selber fast verlor.


Fnfter Gesang

"Wenn ich in Liebesglut dir flammend funkle,
Mehr, als es je ein irdisch Auge sieht,
So, da ich deines Auges Licht verdunkle,
Nicht staune drum--es macht, da dies geschieht,
Vollkommnes Schauen, welches, wies ergrndet,
In dem Ergrndeten uns weiterzieht.
Schon glnzt, ich sehs in deinem Blick verkndet.
In deinem Geist ein Schein vom ewgen Licht,
Das, kaum gesehen, Liebe stets entzndet.
Und liebt ihr, weil euch andrer Reiz besticht,
So ists, weil, unerkannt, vom Licht, dem wahren,
Ein Strahl herein auf das Geliebte bricht.
Ob andrer Dienst, dies willst du jetzt erfahren,
Gebrochenes Gelbd ersetzen kann,
Um vor dem Vorwurf euer Herz zu wahren."
So fing ihr heilges Wort Beatrix an
Und setzte dann, die Rede zu vollenden,
Ununterbrochen fort, was sie begann.
"Die grte Gab aus Gottes Vaterhnden
Und seiner reichen Gte klarste Spur,
Von ihm geschtzt als hchste seiner Spenden,
Ist Willensfreiheit, so die Kreatur,
Der er Vernunft verlieh, von ihm bekommen,
Von diesen jede, doch auch diese nur.
Hieraus ersieh den hohen Wert des frommen
Gelbdes, wenn es so beschaffen ist,
Da Gott, was du geboten, angenommen.
Denn, wer mit Gott Vertrag schliet, der vermit
Sich, diesen Schatz zum Opfer darzubringen,
Mit dessen Werte sich kein andrer mit.
Wie kann drum je hier ein Ersatz gelingen?
Brauchst du auch wohl, was du geopfert hast,
So ists nur Wohltat mit gestohlnen Dingen.
Du hast das Wichtigste nun aufgefat,
Doch weil die Kirche vom Gelbd entbindet,
So zweifelst du an meiner Wahrheit fast.
Drum bleib am Tisch ein wenig noch. Hier findet,
Ob du auch Unverdauliches gespeist,
Das Mittel sich, vor dem der Schmerz verschwindet.
Dem, was ich sag, erschliee deinen Geist,
Denn Hren gibt nicht Weisheit, nein, Behalten;
Behalt es drum, damit du weise seist.
In diesem Opfer sind zwei Ding enthalten;
Das erste: des Gelbdes Gegenst and--
Das zweite: der Vertrag, es treu zu halten.
Der letztere hat ewigen Bestand,
Bis er erfllt ist, und wie er zu achten,
Dies macht ich oben dir genau bekannt.
Drum muten die Hebrer Opfer schlachten,
Obwohl fr das Gelobte dann und wann
Sie, wie du wissen mut, ein andres brachten.
Der Gegenstand kann also sein, da man,
Auch ohne Reu und Vorwurf zu empfinden,
Mit einem andern ihn vertauschen kann.
Nur mag sich dessen niemand unterwinden
Nach eigner Wahl, wenn ihn der ersten Last
Der gelb und weie Schlssel nicht entbinden.
Und jeder Tausch der Brd ist Gott verhat,
Wenn, die wir nehmen, die wir von uns legen,
Nicht wie die Sechs die Vier, voll in sich fat.
Drum, ziehet das, was man gelobt, beim Wgen
Jedwede Wag herab durch sein Gewicht,
So gibts auch nirgendwo Ersatz dagegen.
Scherzt, Sterbliche, mit dem Gelbde nicht.
Seid treu, doch seht euch vor; denn schwer beklagen
Wirds jeder, der, wie Jephtha, blind verspricht.
Ihm ziemt es besser: Ich tat schlimm! zu sagen,
Als, haltend, schlimmer tun--und gleiche Scham
Sah man davon den Griechenfeldherrn tragen;
Drob Iphigenia weint in bitterm Gram
Und um sich weinen Weis und Toren machte,
Ja, jeden, der von solchem Dienst vernahm.
Sei nicht leichtglubig, Christenvolk, und trachte,
Nicht wie der Flaum im Windeshauch zu sein;
Da dich nicht jedes Wasser wscht, beachtet
Das Alt und Neue Testament ist dein,
Der Kirche Hirt ist Fhrer ihren Shnen,
Und dieses gngt zu eurem Heil allein.
Und reizt euch jemand, schlechtem Trieb zu frnen,
Nicht Schafe seid ihr, eurer unbewut,
Drum lat vom Nachbar Juden euch nicht hhnen.
Tut nicht dem Lamm gleich, das der Mutter Brust
Aus Einfalt lt und, dumm und geil, vergebens
Nur mit sich selber kmpft nach seiner Lust."
Beatrix sprachs und wandte, regen Strebens,
Ganz Sehnen, ihren Blick zum hellem Licht,
Empor zur schnen Welt des hhern Lebens.
Ihr Schweigen, ihr verwandelt Angesicht
Geboten dem begiergen Geiste Schweigen
Und lieen mich zu neuen Fragen nicht.
Und schnell, wie sich beschwingte Pfeile zeigen,
Ins Ziel einbohrend, eh die Sehne ruht,
So eilten wir, zum zweiten Reich zu steigen.
Die Herrin sah ich so in frohem Mut,
Da uns der Flug zum neuen Glnze brachte,
Da heller ward des Sternes Licht und Glut.
Wenn der Planet nun, sich verwandelnd, lachte,
Wie ward wohl mir, mir, den verwandelbar
Schon die Natur auf alle Weisen machte?
Gleichwie im Teich, der ruhig ist und klar,
Wenn das, wovon die Fischlein sich ernhren,
Von auen kommt, her eilt die muntre Schar,
So sah ich hier zu uns sich Strahlen kehren
Wohl Tausende, von welchen jeder sprach:
"Seht, der da kommt, wird unser Lieben mehren!"
Und wie sie uns sich nahten nach und nach,
Da sah ich ser Wonne voll die Seelen,
Im Glanz, der hell hervor aus jeder brach.
Bedenke, Leser, wollt ich dir verhehlen,
Was ich noch sah, und schweigend von dir gehn,
Wie wrde dich der Durst nach Wissen qulen?
Du wirst daraus wohl durch dich selbst verstehn,
Wie ich ihr Los mich sehnte zu erfahren,
Sobald mein Aug in ihren Glanz gesehn.
"Begnadigter, dem hier sich offenbaren
Des ewigen Triumphes Thron, eh dort
Du noch verlassen hast der Krieger Scharen,
Wir sind entglht vom Licht, das fort und fort
Den Himmel fllt--drum, wnschest du Erklrung,
So sttige nach Wunsch dich unser Wort."
Ein frommer Geist verhie mir so Gewhrung,
Beatrix drauf: "Sprich, sprich und glaub ihm fest,
So fest, als war es gttliche Belehrung."
"Ich sehe, wrdger Geist, du hast dein Nest
Im eignen Licht, das, wie du lchelst, immer
Mit hellerm Glanz dein Auge strahlen lt,
Doch wer bist du? Was ward der schwache Flimmer
Der niedern Sphre dir zum Sitz gewhrt,
Die uns umschleiert wird durch fremden Schimmer?"
So sprach ich, jenem Lichte zugekehrt,
Das erst gesprochen hatt, und sahs in Wogen
Von Strahlen drum weit mehr als erst verklrt.
Denn gleichwie Sol, von dichtem, Dunst umzogen,
In zu gewaltgen Glanz sich selber hllt,
Wenn Glut der Nebel Schleier weggesogen,
So barg sich jetzt, von grrer Lust erfllt,
Die heilige Gestalt im Strahlenringe,
Und sie entgegnete mir, so verhllt,
Das, was ich bald im nchsten Sange singe.


Sechster Gesang

"Nachdem der Kaiser Konstantin, entgegen
Der Himmelsbahn, gewendet jenen Aar,
Der einst ihr folgt auf des neas Wegen,
Da sah man mehr als schon zweihundert Jahr
Zeus Vogel an Europens Rand verbringen,
Nah dem Gebirg, dem er entflogen war.
Beherrschend unterm Schatten heilger Schwingen
Von dort die Welt, ging er von Hand zu Hand,
Bis ihm beim Wechsel meine Hand empfingen.
Csar war ich, Justinian genannt,
Der, nach der ersten heilgen Liebe Walten,
Unma und Leeres ins Gesetz gebannt.
Und eh ichs unternahm, dies zu gestalten,
Lebt ich zufrieden in dem Wahne fort,
Ein Wesen sei in Christo nur enthalten.
Doch Agapet, der hchste Hirt und Hort,
Er lenkte mich zurck zum Echten, Wahren,
Zum rechten Glauben durch sein heilig Wort.
Ich glaubt ihm und bin jetzt ob des im klaren,
Was er mir sagt--und du auch wirst nun sehn,
Da Wahr und Falsch im Gegensatz sich paaren.
Kaum fing ich an, der Kirche nachzugehn,
So flt es Gott mir ein, mich aufzuraffen,
Und nur dem hohen Werke vorzustehn.
Dem Belisar vertraut ich meine Waffen,
Und ihm verband des Himmels Rechte sich
Zum Zeichen mir, ich soll in Ruhe schaffen.
Befriedigt hab ich nun im ersten dich,
Was du gefragt; allein die Art der Frage
Verbindet noch zu einem Zusatz mich,
Damit du sehst, welch Unrecht jeder trage,
Der dieses hehren, heilgen Zeichens Macht
An sich zu ziehn und ihr zu trotzen wage.
Du siehst die Kraft, dies wert der Ehrfurcht macht,
Seit seiner Herrschaft Pallas, berwunden,
Sein Leben selbst zum Opfer dargebracht;
Weit, da es drauf den Aufenthalt gefunden,
Dreihundert Jahr und mehr in Albas Aun,
Bis drei und drei dafr den Kampf bestunden;
Weit, was vom Raube der Sabinerfraun
Es tat bis zu Lukreziens Schmerz, durch sieben,
Die ringsumher besiegt die Nachbargaun.
Weit, wie es Brennus, Pyrrhus auch vertrieben,
Getragen vor der wackern Rmer Schar
Und siegreich noch in manchem Kampf geblieben;
Drob Quinctius, benannt vom wirren Haar,
Drob auch Torquatus, Decier, Fabier glnzen
In freudgem Ruhme durch den heilgen Aar.
Er schlug der Libyer Stolz, die, Welschlands Grenzen
Einst Hannibal verfhrt, zu berziehn,
Wo Alpen deinen Quell, o Po, umkrnzen.
Ein Jngling noch, hob Scipio sich durch ihn.
Pompejus auch, zu des Triumphes Ehren,
Der bitter deinem Vaterlande schien.
Dann, nah der Zeit, in der die Welt verklren
Der Himmel wollt in seinem eignen Schein,
Nahm Julius Csar ihn auf Roms Begehren.
Was er dann tat vom Varus bis zum Rhein,
Jser und Seine sahns, es sahns, bezwungen,
Die Tale, die der Rhon ihr Wasser Ieihn.
Wie er den Rubikon dann bersprungen,
Was er dann tat, das war von solchem Flug,
Da Zung und Feder nie sich nachgeschwungen.
Nach Spanien lenkt er dann den Siegerzug,
Dann nach Durazz und traf Pharsaliens Auen
So, da man Leid am heien Nile trug.
Sah wieder dann den Simois, die Gauen,
Von wo er kam, wo Hektor ruht und schwang
Sich auf dann, zu des Ptolemus Grauen.
Worauf er blitzend hin zum Juba drang;
Dann sah man ihn die Flgel westwrts schlagen,
Wo ihm Pompejus Kriegsdrommet erklang.
Was er mit dem tat, der ihn dann getragen,
Bellt Brutus, Cafsius noch in ewger Not,
Sagt Modena, Perugia noch mit Klagen.
Kleopatra beweints noch, die, bedroht
Von seinem Zorn, entfloh und an die Brste
Die Schlange nahm zu schnellem, schwarzem Tod.
Mit diesem eilt er bis zur roten Kste,
Mit diesem schlo er fest des Janus Tor,
Weil Fried und Ruh den ganzen Erdball kte.
Doch was der Adler je getan zuvor,
Und was noch drauf getan dies hohe Zeichen,
Das Gott zur Herrschaft irdschen Reichs erkor,
Mu dem gering erscheinen und erbleichen,
Ders in der Hand des dritten Csar schaut
Mit klarem Blick, dem Wahn und Irrtum weichen.
Denn die Gerechtigkeit, die jeden Laut
Mir einhaucht, hat ihn, ihren Zorn zu rchen.
Der Hand des, den ich dir benannt, vertraut.
Jetzt staun ob dessen, was ich werde sprechen:
Er nahm, begleitend dann des Titus Bahn,
Rach an der Rache fr ein alt Verbrechen.
Und als darauf der Langobarden Zahn
Die Kirche bi, sah unter seinen Schwingen
Man Karl den Groen ihr mit Hilfe nahn.
Nun siehst du selbst, wie jene sich vergingen,
Von denen ich, sie hart anklagend, sprach,
Die ber euch all euer bel bringen.
Der trachtet selbst dem Reicheszeichen nach,
Der will es durch die Lilien berwinden,
Und schwer zu sagen ist, wer mehr verbrach.
Der Ghibellin mg andres Zeichen finden,
Denn schlechte Folger sind dem heilgen Aar,
Die standhaft nicht das Recht und ihn verbinden.
Der neue Karl mit seiner Guelfenschar,
Nicht trotz er ihm, der wohl schon strkerm Leuen
Das Vlies abzog mit seinem Klauenpaar.
Oft mu der Sohn des Vaters Fehl bereuen.
Nicht glaub er seine Lilien Gott so lieb,
Um ihrethalb sein Zeichen zu erneuen--
Der kleine Stern, der fern und dmmernd blieb,
Ist Wohnsitz derer, die zum ttgen Leben
Der Durst allein nach Ruf und Ehre trieb.
Und wenn so falsch gelenkt die Wnsche streben,
So mu sich wohl der wahren Liebe Licht
Mit minderm Glanz zum rechten Ziel erheben.
Doch wgen wir dann des Verdiensts Gewicht
Mit dem des Lohns, so wird uns Wonn und Frieden,
Weil eins dem andern so genau entspricht.
Dann stellt uns die Gerechtigkeit zufrieden
Und sichert uns vor jedem sndgen Hang,
Denn glcklich macht uns das, was uns beschieden.
Verschiedne Tn erzeugen sen Klang;
So bilden hier die Harmonie der Sphren
Die lichten Kreise von verschiednem Rang.
Du siehst in dieser Perle sich verklren
Romeos Licht, mut auch sein schnes Tun
Auf Erden des verdienten Lohns entbehren.
Allein die Pprovenzalen lachen nun
Nicht ihres Grolls, denn solche nahn dem Falle,
Die sich in andrer Guttat Schaden tun.
Vier Tchter hatt, und Kniginnen alle,
Graf Raimund, und Romeo tat ihm dies,
Der niedre Fremd in stolzer Frstenhalle.
Und jener folgt, als ihm die Scheelsucht hie,
Dem Biedermanne Rechnung anzusinnen,
Der acht und vier fr zehn ihm berwies.
Arm und veraltet ging er dann von hinnen;
Und wute man, mit welchem Herzen er
fortzog, sein Brot als Bettler zu gewinnen,
Man preist ihn hoch und pries ihn dann noch mehr.


Siebenter Gesang

Hosianna dir, du Gott der Macht und Wahrheit,
Dir, der du hier der selgen Flammen Glanz
Reich berstrmst mit Flle deiner Klarheit!"
So schien, zurckgewandt zu ihrem Tanz,
Die Seel im Lied den hchsten Herrn zu feiern,
Umringt ihr Licht von neuem Strahlenkranz.
Den Reigen sah ich alle nun erneuern,
Und Funken gleich, die durch die Lfte fliehn,
Von pltzlicher Entfernung sie verschleiern.
Ich zweifelte. "Sprich, sprich, zur Herrin," schien
Mein Herz zu sprechen bei des Mundes Schweigen,
"Die stets dir Lab in sem Tau verliehn."
Allein die Ehrfurcht, der ich immer eigen
Als Sklav war, wo nur be nd ice klang,
Lie, gleich dem Schlfrigen, das Haupt mich neigen.
Sie aber duldete mich so nicht lang;
In Lcheln strahlte mir das hohe Wesen,
Das Feuerpein umschf in Wonnedrang.
Sie sprach: "Ich hab in deiner Brust gelesen,
Wie ist--dies ists, was dir im Haupte kreist--
Gerechter Rache Zchtgung Recht gewesen.
Doch bald entwirren will ich deinen Geist,
Damit du, wenn dein Sinn sich mir erschlossen,
Um eine groe Wahrheit reicher seist.
Der Mensch, der nicht geboren ward, verdrossen,
Zu dulden, sich zum Heil, des Willens Zaum,
Verdammte sich und mit sich seine Sprossen;
Drob das Geschlecht in Wahn und falschem Traum
Viel hundert Jahre krank lag, matt und trbe,
Bis sich das Wort geneigt zum niedern Raum,
Wos der Natur, die sich im irren Triebe
Vom Schpfer abgekehrt, sich ganz verband,
Blo durch das Walten seiner ewgen Liebe.
Scharf sei dein Blick jetzt auf mein Wort gespannt.
Diese Natur, dem Schpfer hingegeben
Und ihm vereint, war rein, wie sie entstand.
Doch durch sie selbst war sie fr falsches Streben
Vom Paradies verbannt, weil sie die Bahn
Verlassen, wo nur Wahrheit ist und Leben.
Drum ward die Strafe, durch das Kreuz empfahn,
Mit grerm Recht, als jemals irgendeine,
Der angenommenen Natur getan.
So war die Straf auch ungerecht wie keine,
In Hinsicht des, der sie erlitten hat,
Mit der Natur, der irdschen, im Vereine.
Verschieden war die Wirkung einer Tat.
Gott und den Juden mut ein Tod gefallen,
Drob Erd erbebt und Himmel auf sich tat.
Schwer wird dirs nicht mehr zu begreifen fallen,
Wenn man von dem gerechten Richter spricht,
Des Rach auf rechte Rache schwer gefallen.
Doch deinen Geist, gleich einem Netz, umflicht
Gedank itzt und Gedank in engem Kreise,
Aus dem er sehnlich Lsung sich verspricht.
Der Rache Recht war klar in dem Beweise,
Denkst du; doch weshalb whlt in seiner Macht
Gott zur Erlsung ebendiese Weise?
Der Schlu, mein Bruder, birgt sich dem in Nacht,
Dem nicht, wenn hell der Liebe Flammen brennen,
Die Glut den Geist zur Mndigkeit gebracht.
Vernimm deshalb, weil wenig zu erkennen,
Wo viel der Blick umsonst sich sphend mht,
Warum die Art die wrdigste zu nennen.
Die ewge Gut, in sich nie zornentglht,
Zeigt, wenn im All sich ihre Schnheit spiegelt,
Wie sie die Funken eigner Glut versprht.
Was ihr unmittelbar entstrmt--verriegelt
Ist dem des Todes Tr, und fest und treu
Ist das Geprge, wenn sie selber siegelt.
Was ihr unmittelbar entstrmt, ist frei,
Ist vllig frei, und deshalb wohnt dem Neuen
Die Kraft nicht, es zu unterjochen, bei.
Je mehrs ihr gleicht, je mehr mu sies erfreuen,
Drum will die heilge Glut, das Licht der Welt,
Aufs hnlichste den hellsten Schimmer streuen.
In allem dem ist hoch der Mensch gestellt,
Der aber, wenn nur eins ihm fehlt, entweihet,
Mit Schmach herab von seinem Adel fllt.
Die Snd allein ist das, was ihn entfreiet.
Unhnlich macht sie ihn dem hchsten Gut,
Das wenig drum von seinem Glanz ihm leihet.
Nie kehrt zurck ihm seine Wrde, tut
Er dem nicht Gnge durch gerechte Leiden,
Was er gefehlt in sndger Lste Glut.
Eure Natur, die in den ersten beiden
Ganz sndigte, ward, wie der Wrd entsetzt,
So auch verdammt, das Paradies zu meiden.
Und Mglichkeit, dahin zurckversetzt
Dereinst zu sein, gabs nur auf zweien Pfaden,
Wenn scharf dein Geist der Dinge Wesen schtzt:
Entweder Gott verzieh allein aus Gnaden,
Oder es mute sich, der ihn gekrnkt,
Der Mensch, gnugtuend, selbst der Schuld entladen.
Dein Blick sei in den Abgrund jetzt versenkt
Des ewgen Rates, und mit ernstem Schweigen
Sei ganz dein Geist nach meinem Wort gelenkt.
Gnugtuung konnte nie der Mensch erzeigen,
Und, eng beschrnkt, so tief nicht niedergehn,
Gehorchend, nicht sich so in Demut neigen,
Als, ungehorsam, er sich wollt erhhn;
Drum knnt er nie sich von der Schuld befreien,
Genugtuung nicht durch ihn selbst geschehn.
Drum whlt, ihn neu zum Leben einzuweihen,
Gott, so gerecht wie gndig, seinen Pfad
Und fhrt auf diesem ihn, vielmehr auf zweien.
Doch weil so werter ist des Tters Tat,
Je heller strahlt die Gut in dem Gemte,
In dem die Handlung ihre sQuelle hat,
Hat, die die Welt gestaltet, Gottes Gte,
Auf jedem Wege, der ihr offen lag,
Euch neu erhht zu eurer ersten Blte.
Und zwischen letzter Nacht und erstem Tag
Ist nie so Hohes, Herrliches gediehen
Fr sie und euch, was er auch schaffen mag.
Freigebger wars, da Gott sich selbst verliehen,
Drob zu erstehn der Mensch gengend ward,
Als htt er ihm nur aus sich selbst verziehen,
Karg war erfllt in jeder andern Art
Das Recht, wenn Gottes Sohn um euretwillen
Nicht demutsvoll dem Fleische sich gepaart.
Jetzt, um noch besser deinen Wunsch zu stillen,
Und da du sehst, gleich mir, das volle Licht,
Will ich noch eins dir deutlicher enthllen.
Ich sehe Feuer, sehe Luft--so spricht
Dein Zweifel--Wasser, Erd, in mannigfachen
Vermischungen, und alle dauern nicht.
Geschpfe sind ja alle diese Sachen;
Und sollte dies, wenn ich dich recht verstand,
Sie nicht vor der Verderbnis sicher machen?
Die Engel, Bruder, und dies reine Land,
Sie drfen wohl sich fr erschaffen halten,
Weil, wie sie sind, ihr volles Sein entstand.
Doch alles, was die Element entfalten,
Die Elemente selbst, sie lt allein
Der Hchste durch geschaffne Kraft gestalten.
Geschaffen ward ihr Stoff, ihr erstes Sein,
Geschaffen ward die Bildungskraft dem Tanze
Der Sterne, die um eure Welt sich reihn.
Die Seele jedes Tiers und jeder Pflanze
Zielet nach verschiedner Bildungsfhigkeit
Regung und Licht aus ihrem heilgen Glanze.
Allein der hchsten Gte Hauch verleiht
Unmittelbar uns selber unser Leben
Und Liebe, die dann ihr sich sehnend weiht.
Wie aus der Gruft die Leiber sich erheben,
Erkennst du, wenn du denkest, wessen Ruf
Dem Menschenleib sein erstes Sein gegeben,
Als er die beiden ersten Eltern schuf.


Achter Gesang

Die Welt glaubt einst, unselgen Irrtum hegend,
Da Cypris toller Liebe Glut entflammt,
Im dritten Epizyklus sich bewegend.
Drob nicht zu ihr allein mit Opferamt
Und Weiherufen sich anbetend kehrte
Das alte Volk, im alten Wahn verdammt;
Nein, auch Dionen und Cupiden ehrte,
Als ihre Mutter sie, ihn als das Kind,
Dem Dido ihren Scho zum Sitz gewhrte.
So ward nach ihr, von der mein Sang beginnt,
Der Stern benannt, der, bald der Sonn im Rcken,
Bald ihr im Angesicht liebugelnd minnt.
Nicht fhlt ich mich in diesen Stern entrcken,
Doch da ich wirklich drinnen sei, entschied
Der Herrin hhres, schneres Entzcken.
Und wie man Funken in der Flamme sieht,
Und wie wir Stimmen in der Stimm erkennen,
Die aushlt, wenn die andre kommt und flieht;
So sah ich Lichter hier im Lichte brennen,
Und, nach dem Ma des innern Schauns erregt,
So schiens, im Kreis mehr oder minder rennen.
Kein Wind, unsichtbar oder sichtbar, pflegt
So schnell aus kalter Wolk herabzugleiten,
Da er nicht langsam schien und schwer bewegt
Dem, der die Lichter uns entgegenschreiten
Im Flug gesehn, aus jenem Kreis hervor,
Den hohe Seraphim bewegend leiten.
Und hinter diesen ersten klangs im Chor:
Hosianna! Und seit ich den Ton vernommen,
Sehnt stets nach ihm sich brnstig Herz und Ohr.
Und einen sah ich dann uns nher kommen,
Und er begann allein mit frohem Klang:
"Willfhrig sind wir alle, dir zu frommen.
Wir wandeln hin, ein Kreis, ein Schwung, ein Drang,
Uns nie vom Pfad der Himmelsfrsten trennend,
Zu welchem du gejagt in deinem Sang:
Die ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend;
Fr dich wird uns nicht schwer ein Stillestand,
Fr dich in so inbrnstger Liebe brennend."
Als ich zu ihr voll Ehrfurcht mich gewandt,
Und so der Herrin Blick sich ausgesprochen,
Da ich mich sicher und befriedigt fand,
Schaut ich zum Licht, das mir in sich versprochen
So vieles hatt, und sprach: "Wer bist du, sprich!"
Den Ton vor groer Inbrunst fast gebrochen.
O wie vermehrte, wie verschnte sich
Der frohe Glanz in Mienen und Gebrden
Bei meinem Wort!--Dann sprach er freudiglich:
"Nur kurze Zeit verweilt ich auf der Erden,
Verweilt ich mehr, dann wren viele nicht
Der bel, die dich noch betreffen werden.
Nur meine Freude birgt dir mein Gesicht,
Nur sie verhllt mich rings im Strahlenrunde,
So wie den Seidenwurm die Seid umflicht.
Du liebtest mich, und wohl aus gutem Grunde;
Denn lebt ich noch, gewi dir keimten jetzt
Nicht Bltter nur aus unserm Liebesbunde.
Der linke Strand, den Rhodanus benetzt,
Nachdem er mit der Sargue sich verbndet,
Sah einst im Geist durch mich den Thron besetzt;
So auch Ausoniens Horn, wo, festbegrndet,
Bari, Gata und Crotona drohn,
Von wo im Meere Verd und Tronto mndet.
Auch schmckte mich des Landes Krone schon,
Das lngs durchstreift der Donau Wogenflle,
Nachdem sie aus Germaniens Gaun entflobn.
Trinacria--bedeckt von schwarzer Hlle
Zwischen Pachino und Pelor, am Schlund
Des Meers, das schumt bei Eurus Wutgebrlle,
Durch Typhus nicht, nein, durch den Schwefelgrund
Der Frsten harrt es noch, der edeln Sprossen
Rudolfs und Karls aus meinem Ehebund,
Wenn schlechte Herrschaft, welche stets verdrossen
Der Unterworfne trgt, zum Mordgeschrei
Nicht in Palermo jeden Mund erschlossen.
Ging Ahnung dessen meinem Bruder bei,
So wrd er Kataloniens Bettler jagen,
Damit ihr Geiz kein Sporn zum Aufruhr sei.
Nottuts frwahr, da ihm die Freund es sagen,
Wenn ers nicht sieht: da volle Ladung schon
Sein Nachen hat, und nichts kann weiter tragen.
Er, des freigebgen Vaters karger Sohn,
Braucht Diener, die nicht Gold nur zu gewinnen
Begierig sind, nicht blo erpicht auf Lohn."--
"Herr, weil ich glaube, da die Lust hierinnen,
Die deine Rede strmt in meine Brust,
Du, wo die Gter enden und beginnen,
So deutlich schauest, wie sie mir bewut,
Wird sie mir werter--da du beim Betrachten
Des Herrn sie schauest, gibt mir neue Lust.
Mach itzt, wie froh mich deine Worte machten,
Mich klar und schaffe noch dem Zweifel Ruh:
Wie se Saaten bittre Frchte brachten?"
So ich--und er: "Die Wahrheit fasse du,
Und dem. was du gefragt, kehrst du zufrieden,
Wie jetzt den Rcken, dann das Antlitz zu.
Das Gut, das ihren Lauf und ihren Frieden
Den Himmeln gab, hat jedem Stern den Schein
Und eine Kraft, als Vorsehung, beschieden.
Nicht nur der Wesen vorbestimmtes Sein
Hat der durch sich vollkommne Geist erwogen,
Er schliet in sich auch ihre Wohlfahrt ein.
Drum, was nur immer fliegt von diesem Bogen,
Kommt, gleich dem Pfeil, auf vorbestimmtem Gang
Gewi herab zu seinem Ziel geflogen.
War dieses nicht, dann wrd im wirren Drang,
Was diese Himmel irgend wirkend schaffen,
Kein Kunstwerk sein, nein, Graus und Untergang.
Dies kann nicht sein, wenn jene nicht erschlaffen,
Die Geister, lenkend diese Sternenschar,
Der Urgeist auch, der dann sie schlecht erschaffen.
Ist diese Wahrheit nun dir vllig klar?"
Und ich: "Gewi, ich sehs, Natur bleibt immer
In dem, was ntig ist, unwandelbar;"
Drum er: "Nun sprich, wrs fr den Menschen schlimmer,
Wenn er nicht Brger ward und einsam blieb?"
Ich: "Ja, und weitern Grund begehr ich nimmer!"
"Und wr ein Staat, wenn in verschiednem Trieb
Die Menschen nicht verschieden sind erwiesen?
Nein, wenn die Wahrheit euer Meister schrieb!"
So folgert ich bis jetzt, um hier zu schlieen:
"Drum also mu der Menschen Tun hervor
Verschieden aus verschiedner Wurzel Sprieen.
Und Solon sprot und Xerres so empor,
Also Melchisedek, und der Erfinder,
Der bei dem luftgen Flug den Sohn verlor.
Natur, im Kreislauf, so die Menschenkinder
Wie Wachs ausprgt, bt ihre Kunst und sieht
Auf dies und jenes Haus nicht mehr noch minder.
Dies ists, was Esaus Keim von Jakobs schied,
Drob auch Quirin entspro so niedrer Lende,
Da man als Vater ihm den Mars beschied.
Und stets auf der Erzeuger Wegen fnde
Man die, so sie erzeugten, nur, wenn nicht
Die Vorsehung des Hchsten berwnde.
Was hinter dir war, sieh jetzt im Gesicht;
Doch wie ich dein mich freue, geb ich Kunde
Und dir durch einen Zusatz beres Licht.
Ist die Natur nicht mit dem Glck im Bunde,
Dann kommt sie bel fort, wie jede Saat,
Die man gest auf fremdem, falschem Grunde.
Und folgte der Natur des Menschen Pfad,
Suchtet auf ihrem Grund ihr nach dem Rechten,
Dann gab es gute Leut und wackre Tat.
Doch solche, die geboren sind, zu fechten,
Macht ihr zu Priestern wider die Natur
Und macht zu Frsten die, so predgen mchten,
Und deshalb schweift ihr von der rechten Spur.


Neunter Gesang

Noch sprach dein Karl, als er mich aufgeklrt,
Schne Clemenza, von den Rnkevollen,
Durch welche schnden Trug sein Sam erfhrt.
Doch sagt er: "Schweig und la die Jahre rollen!"
Drum sag ich nur, da eurem Schaden bald
Gerechte Straf und Klage folgen sollen.
Schon war das Leben jener Lichtgestalt
Zur Sonn, in deren Strahl es ganz genesen,
Zum Gut, das allem gngt, zurckgewallt.
Betrogne Seelen, gottvergene Wesen!
Was wendet ihr das Herz von solchem Gut
Und habt nur Eitelkeit zum Ziel erlesen!
Und sieh, ein andres jener Lichter lud
Mich, nahend, ein und zeigte seinen Willen,
Mich zu befriedigen, in hellrer Glut.
Beatrix, die den Blick, den heilgen, stillen,
Auf mich gewandt, wie erst, erlaubte mir,
Durch teure Zustimmung, den Wunsch zu stillen.
Ich sprach: "O gnge meiner Wibegier,
Bewhr, o Geist, den Fried und Lust durchdringen,
Da, was ich denke, widerstrahl in dir."
Das Licht, das ich aus seinem Innern singen
Vorher gehrt, sprach, mir noch unbekannt,
Wie der, dens freut, das Gute zu vollbringen:
"Doch im verkehrten schnden welschen Land
Zwischen der Brenta und der Piave Quelle
Und des Rialto meerumflonem Strand,
Dort hat ein niedrer Hgel seine Stelle;
Von ihm herab strzt eine Fackel sich
Und macht in grausem Brand die Gegend helle.
Aus einer Wurzel sproten sie und ich.
Ich, einst Cunizza, glnz in diesem Sterne,
Denn seines Schimmers Reiz besiegte mich.
Und meines Schicksals Grund verzeih ich gerne
Mir selber hier, das mir nicht bitter dnkt,
So schwer eur Pbel dies auch fassen lerne.
Sieh diesen Glanz, der mir am nchsten blinkt
In unserm Kreis, den leuchtenden, den teuern!
Gro blieb sein Ruhm, und, eh er ganz versinkt,
Wird fnfmal das Jahrhundert sich erneuern.
Sieh, wenn das erste Sein ein zweites schenkt,
Soll dies zur Trefflichkeit euch nicht befeuern?
Doch dies ists nicht, woran die Rotte denkt,
Die Tagliamento hier, dort Etsch umflieen,
Die selbst das Unglck nicht zur Reue lenkt.
Doch frbend wird sich Paduas Blut ergieen
Zum Sumpfe, der Vicenzas Mauer wahrt,
Weil die Verstockten sich der Pflicht verschlieen.
Und dort, wo sich Tagnan mit Sile paart,
Herrscht einer, hoch die stolze Stirne tragend,
Zu dessen Fang das Netz schon fertig ward.
Schon seh ich Feltre, den Verrat beklagend
Des Hirten, der dort herrscht, an Schndlichkeit,
Was je gefhrt nach Malta, berragend.
Kein Pa auf Erden ist so hohl und weit,
Um alles Ferrareser Blut zu fassen,
Das zum Geschenk der wackre Pfaff verleiht,
Um als Parteiglied recht sich sehn zu lassen;
Und solcherlei Geschenk wird wohl zum Geist
Und zu des Landes Art und Leben passen.
Von hohen Spiegeln, die ihr Throne heit,
Glnzt Gott, der Richtende, zu uns hernieder,
Worin als wahr sich, was ich sprach, erweist."
Sie sprachs, von mir gekehrt, und wandte wieder
Sich hin zu ihrem Kreis, wo sie verschwand,
So wie sie kam, beim Klang der Himmelslieder.
Die andre Wonne, mir bereits bekannt,
Ward leuchtender in Mienen und Gebrden,
Wie in der Sonne Blitz der Diamant.
Dort gibt die Wonne Glanz, wie sie auf Erden
Das Lcheln zeugt, indes bei innrer Pein
Die uern Schatten unten dunkler werden.
"Alles sieht Gott--du siehst in seinen Schein,"
Sprach ich, "und kann in ihn dein Auge dringen,
So mu dir klar sein ganzer Wille fein.
Drum deine Stimme, die im frommen Singen
Den Himmel mit dem Sang der Feuer letzt.
Die sich bekleiden mit sechsfachen Schwingen,
Warum nicht gngt sie meinen Wnschen jetzt?
Auch ungefragt harrt ich so lang nicht sumend,
War ich in dich, wie du in mich versetzt."--
"Das grte Tal, worin das Wasser schumend
Sich ausgedehnt," begann des Selgen Wort,
"Auer dem Meere, rings die Erd umsumend,
Geht zwischen Feindesufern westlich fort,
So weit, da hier, an seinem letzten Strande,
Gesichtskreis ist, was Mittagsbogen dort.
Ich lebt an dieses groen Tales Rande
Zwischen Ebro und Magra, die, nicht lang,
Trennt Genuas Gebiet vom Tuskerlande.
Fast einen Aufgang hat und Niedergang
Bugga und die Stadt, der ich entsprossen,
Sie, deren Blut einst warm den Port durchdrang.
Mich hieen Folco meine Zeitgenossen
Und diesen Stern schmckt meine Freudigkeit,
Wie dort sein Licht sich in mein Herz ergossen.
Nicht zu Sichus und Creusas Leid
Fhlt in sich Dido solche Flammen wogen,
Wie ich einst fhlt in meiner Jugendzeit;
Nicht Phyllis, von Demophoon betrogen;
Und nicht Alcid, nachdem in seine Brust
Eurytos Tochter siegend eingezogen.
Doch fhlt man hier nicht Reue drob, nein Lust,
Ganz die Erinnerung der Schuld verlierend,
Und nur des ewgen Ordners sich bewut.
Und jene Kunst, die Welten herrlich zierend,
Sehn wir, und sehn zu gutem Zwecke nun
Die obre Welt die untere regierend.
Doch um dem Wunsche ganz genugzutun,
Der dich durchdrungen hat in dieser Sphre,
Darf ich noch nicht in meiner Rede ruhn.
Du mchtest wissen, wer der Schimmer wre,
Der nahe hier so strahlt, als ob die Glut
Der Sonn in reinem Wasser sich verklre.
So wisse, da darinnen Rahab ruht,
Die hier, in unsern Orden aufgenommen,
Sich kund im hchsten Glanz des Sternes tut.
Vor jedem andern Geist der Hll entrommen,
Ist sie zum Stern, wo sich vom Erdenrund
Der Schatten spitzt, durch Christi Sieg gekommen.
Der Sieg, den er, an beiden Hnden wund,
Errungen hat, wird hier von ihr verkndet;
Den Himmeln tut sie, als Troph, ihn kund,
Weil sie des Josua ersten Ruhm begrndet
Durch ihre Hilf in jenem heilgen Land,
Das jetzt der Papst kaum wert der Sorge findet.
Und deine Stadt, die einst durch den entstand,
Des Neid euch alles Migeschick bereitet,
Und der zuerst von Gott sich abgewandt,
Sie ists, die das verfluchte Geld verbreitet,
Das einzig, weils zum Wolf den Hirten macht,
Vom rechten Wege Schaf und Lmmer leitet.
Drum wird nicht an die Bibel mehr gedacht,
Doch hat man sehr genau--wars zu verhehlen,
So zeigts der Rand--der Dekretalen Acht.
Drin wird studiert von Papst und Kardinlen
Und Nazareth, wo Gabriel das Wort
Verkndigt hat, wird fremd den geizgen Seelen.
Doch Vatikan, samt jedem heilgen Ort
In Rom, wo Petri Folger einst gepredigt,
Der Mrtyrer geweihte Grber dort,
Bald werden sie des Ehebruchs entledigt.


Zehnter Gesang

Urkraft, der Liebe voll den Sohn beschauend,
Die ihr und ihm allewiglich entweht,
Die Unaussprechliche, das All erbauend,
Schuf, was ihr nur mit Geist und Aug erseht
So ordnungsvoll, da sie mit Wonneregung
Den ganz durchdringt, der ihre Werk erspht.
Erheb, o Leser, Blick und berlegung
Miit mir zum Himmel jetzt, gerad dahin,
Wo sich durchkreuzt die doppelte Bewegung.
Von dort an letz am Kunstwerk deinen Sinn,
Denn selbst der Meister sieht es mit Vergngen
Und spiegelt liebend seinen Blick darin.
Von dort verteilt sich zu verschiednen Zgen
Der schiefe Kreis, der die Planeten trgt,
Um denen, die sie rufen, zu gengen.
Und war ihr Lauf von dort nicht schief bewegt,
So wre viele Himmelskraft verschwendet,
Und nichts beinah auf Erden angeregt.
Und war er mehr und minder abgewendet
Vom graden Weg, so blieb auf Erden dort,
Wie hier, die Weltenordnung unvollendet.
Jetzt bleib, o Leser, still auf deinem Ort,
Um dem, was du gekostet, nachzudenken,
Und eh du matt wirst, reit dich Wonne fort.
Ich gab dir Wein--du magst dich selber trnken,
Denn alle meine Sorgen mu ich nur
Auf jenen Stoff, den ich beschreibe, lenken.
Die Dienerin, die grte, der Natur,
Die sich die Himmelskraft zum Spiegel machte,
Die leuchtend zeigt der Zeiten Ma und Spur.
Vereint dem Orte, dessen ich gedachte,
Sah man in schraubenfrmgem Kreis sich drehn,
In dem sie schneller hier die Tage brachte.
Ich war in ihr--allein wie dies geschehn,
Das sprt ich nur, wie wir Gedanken spren,
Bevor sie noch in unserm Geist entstehn.
Beatrix, die so schnell uns wei zu fhren,
Vom Guten uns zum Bessern einzuweihn,
Da sich indessen nicht die Stunden rhren,
Wie leuchtend mute sie von selber sein!
Und was ich drinnen in der Sonne schaute,
Durch Farbe nicht, durch hellen Glanz allein,
Ob ich auf Geist und Kunst und bung baute,
Nie stellt es doch mein Wort euch deutlich vor,
Drum sehne sich, zu schaun, wer mir vertraute.
Nicht staunt, wenn Phantasie die Kraft verlor,
Da sie zu solchen Hhn sich schwach erweise;
Kein Blick fliegt ber diesen Stern empor.
So war ich nun im vierten Kinderkreise
Des Vaters, der, ihm zeigend, wie er weht,
Und wie er zeugt, ihn nhrt mit ewger Speise.
Beatrix sprach: "Dank, Dank sei dein Gebet.
Zur Engelsonne la ihn sich erheben,
Die dich zu dieser sichtbaren erhht."
Kein Menschenherz war je mit allem Streben
Zur Andacht noch so freudig hingewandt,
Keins noch so ganz und innig Gott ergeben,
Als ich bei diesem Worte meins empfand,
Das so zu ihm hin all sein Lieben wandte,
Da in Vergessenheit Beatrix schwand.
Sie zrnte nicht; ihr lchelnd Aug entbrannte
Drob so in Glanz, da nun mein Geist, der nicht
An andres dacht, itzt andres doch erkannte.
Und sieh, viel siegendes lebendges Licht
Macht uns zum Mittelpunkt und sich zur Krone
Ser im Sang, als leuchtend im Gesicht.
So schmckt ein Kranz die Tochter der Latone,
Wenn dunstgeschwngert sie die Luft umzieht,
Die widerstrahlt den Streif der lichten Zone.
Am Himmelshof, von dem ich wieder schied,
Gibts viele Schne, kstliche Juwelen,
Nicht auszufhren aus des Reichs Gebiet.
Dergleichen eins war der Gesang der Seelen;
Doch wer nicht selbst zu jenen Hhn sich schwang.
Der lasse von den Stummen sichs erzhlen.
Nachdem dreimal die Sonnen mit Gesang,
Gleich Nachbarsternen, die den Pol umkreisen,
Uns rings umtanzt in Glut und Wonnedrang,
Da schienen sie wie Fraun sich zu erweisen,
Die horchend stehn, noch nicht gelst vom Tanz,
Bis sie gefat das Ma der neuen Weisen.
"Wenn, wahre Lieb entzndend, dir der Glanz
Der Gnade lacht, der sich durch Liebe mehret,"
So sprach ein Licht aus jenem Strahlenkranz,
"Wenn er in dir vervielfacht sich verklret,
So, da er dich empor die Stiege lenkt,
Die niemand absteigt, der nicht aufwrts kehret,
So wird der, welcher deinen Durst nicht trnkt
Mit seinem Wein, so wenig Freiheit zeigen,
Als Wasser, das sich nicht zum Meere senkt.
Erfahren mchtest du, von welchen Zweigen
Des Kranzes Blumen sind, der feiernd sich
Um sie schlingt, die dich strkt, emporzusteigen.
Von Dominiks geweihter Schar war ich,
Der solche Wege leitet seine Herden,
Wo wohl gedeiht, wer nicht dem Wahne wich.
Man hie mich Thomas von Aquin auf Erden,
Und meines Meisters, meines Bruders Schein,
Albrechts von Kln, sieh rechts hier heller werden
Und willst du aller andern sicher sein,
So folge mit den Augen meinen Worten
Auf diese Blumen, die zum Kranz sich reihn.
Den Gratian sieh wonneflammend dorten;
Dem doppelten Gerichtshof dienend, fand
Er frohen Einla an des Himmels Pforten.
Auch jenen Petrus sieh von Lust entbrannt;
Als Scherflein bot er, nach der Witwe Weise,
Der Kirche seinen Schatz mit treuer Hand.
Der fnfte Glanz, der schnste hier im Kreise,
Haucht solche Liebe, da die ganze Welt
Nach Kunde gierig ist von seinem Preise.
So tiefes Wasser ists, das er enthlt,
Da, ist das Wahre wahr, ihm nie ein zweiter
Als Weiser sich und Seher gleichgestellt.
Sieh neben ihm den leuchtenden Begleiter.
Niemand war je auf Erden noch im Amt
Und der Natur der Engel eingeweihter.
Das kleinre Licht, das dorten lchelnd flammt,
Des Glaubens Anwalt ists, aus des Lateine
In Augustini Schriften manches stammt.
Verfolgend nun mein Lob von Schein zu Scheine
Mit geistgem Blick, ersphst du drstend jetzt,
Wer in dem achten Lichte dir erscheine.
Jedwedes Gut in sich zu schaun, ergetzt
Die heilge Seele, die den Trug danieden
Dem offen kund tut, der sie hrt und schtzt.
Der Leib, von dem sie durch Gewalt geschieden
Liegt in Cieldor, und sie kam aus Gefahr
Und Bann und Mrtyrtum zu diesem Frieden.
Bedo und Isidor sieh hell und klar,
Sieh Richard dann die Liebesstrahlen spenden,
Der mehr als Mensch einst im Betrachten war.
Das Licht, von dem zurck zu mir sich wenden
Dein Auge wird, rief, bei der Erde Gram
Tiefsinnig ernst, den Tod, um ihn zu enden.
Sigieri ists, der zu der Toren Scham
Einst im Strohgchen las und, streng und trbe,
Durch Folgerung auf bittre Wahrheit kam."--
Dann wie, uns rufend, frh der Uhr Getriebe,
Wenn Gottes Braut aufsteht, das Morgenlied
Singend dem Brutigam, da er sie liebe,
Hierhin und dorthin kreisend drngt und zieht
Tini tin! verklingend in so sem Tone,
Da frische Lieb in frommen Herzen blht;
So regte sich die edle Strahlenkrone,
Mit Sigkeit im himmlischen Gesang,
Die nur begreift, wer dort am Sternenthrone
Die ewig ungetrbte Lust errang.


Elfter Gesang

O menschliche Begier voll Wahn und Trug,
Wie mangelhaft sind doch die Syllogismen,
Die dir herabziehn des Gefieders Flug!
Der ging dem Jus nach, der den Aphorismen;
Der sucht als Priester Ehren und Gewinn;
Der herrschte durch Gewalt, der durch Sophismen;
Der stahl, der hatt ein Staatsamt nur im Sinn;
Der mhte sich, in Fleischeslust befangen,
Und jener gab dem Miggang sich hin;
Indes ich, allem diesem Tand entgangen,
Im Himmel oben mit Beatrix war,
So herrlich und so ruhmvoll dort empfangen.
Still stand nun jeder von der selgen Schar
Im Kreis zurckgekehrt zur ersten Stelle,
Und stellte sich, wie Licht auf Leuchtern, dar.
Da schien es mir, aus jenem Schimmer quelle,
Der mich zuerst gesprochen, neuer Laut,
Und lchelnd sprach er dann in reinrer Helle:
"Wie, wenn ins ewge Licht mein Auge schaut,
Mich dieses ganz mit seinem Strahl entzndet,
So ist mir deines Denkens Grund vertraut.
Du zweifelst noch und hrtest gern verkndet
In offnen Worten und verstndlich breit,
So, da sie deine Fassungskraft ergrndet,
Was wohl mein obges Wort: Wo wohl gedeiht--
Und dann: Kein zweiter kam ihm gleich--bedeutet.
Und hier ist ntig scharfer Unterscheid.
Die ewge Vorsicht, die das Weltall leitet,
Mit jener Weisheit, die in Tiefen ruht,
Zu welchen kein erschaffnes Auge gleitet,
Damit sich dem Geliebten ihre Glut,
Die Glut der Braut, die er mit lautem Schreie
Sich anvermhlt hat durch sein heilges Blut,
Sichrer in sich und ihm getreuer, weihe,
Hat, ihr zur Gunst, zwei Frsten ihr bestallt.
Und hier und dorten fhren sie die zweie.
Der eine war von Seraphsglut umwallt,
Der andre zeigt im Glanz der Cherubinen
Die Weisheit dort im irdschen Aufenthalt.
Von einem sprech ich, weil, wen man von ihnen
Auch preisen mag, man nie vom andern schweigt,
Da beide wirkten, einem Zweck zu dienen.
Beim Bach, der von Ubaldos Hgel steigt,
Und dem Tupino, hebt sich, zwischen beiden,
Ein Berg, des Abhang fruchtbar grn sich neigt.
Von ihm mu Hitz und Frost Perugia leiden,
Und hinter diesem Berg liegt Gualdo dicht,
Und fhlt mit Nocera des Joches Leiden.
Dort, wo sich seines Abhangs jhe bricht,
Dort sah man einer Sonne Glanz entbrennen,
Gleich der am Ganges klar im hellsten Licht.
Nicht mge man den Ort Ascesi nennen,
Denn wenig sagt, wer also ihn benannt;
Nein, was er war, gibt Orient zu erkennen.
Schon als der Glanz nicht fern dem Aufgang stand,
Begann er solche Kraft zu offenbaren,
Da sich dadurch erquickt die Erde fand.
Denn mit dem Vater stritt er, jung an Jahren,
Fr eine Frau, vor der der Freuden Tor
Die Menschen fest, wie vor dem Tod, verwahren,
Bis vor dem geistlichen Gericht und vor
Dem Vater sie zur Gattin er sich whlte
Und tglich lieber hielt, was er beschwor.
Sie, des beraubt, der sich ihr erst vermhlte,
Blieb ganz verschmht mehr als elfhundert Jahr,
Da, bis zu diesem, ihr der Freier fehlte,
Obgleich durch sie Amicias in Gefahr
So sicher ruht, als dessen Stimm erklungen,
Des Mchtgen, der der Erd ein Schrecken war;
Obgleich sie standhaft, khn und unbezwungen,
Als selbst Maria unten blieb, sich dort,
An Christi Kreuz, zu ihm emporgeschwungen.
Allein nicht mehr in Rtseln red ich fort;
Franziskus und die Armut sieh in ihnen,
Die dir geschildert hat mein breites Wort.
Der Gatten Eintracht, ihre frohen Mienen
Und Lieb und Wunder und der se Blick
Erweckten heilgen Sinn, wo sie erschienen.
Und solchem Frieden eilte, solchem Glck
Barfu erst Bernhard nach, der Ehrenwerte,
Und glaubte doch, er bliebe trg zurck.
O neuer Reichtum! Gut von echtem Werte!
Egid, Silvester folgten bald dem Mann
Barfu, weil hoher Reiz die Frau verklrte.
Der Vater und der Meister ging sodann
Nach Rom mit deiner Frau und mit den Seinen,
Die schon des niedern Strickes Band umspann.
Nicht feig sich beugend sah man ihn erscheinen,
Als Peter Bernardones niedrer Sohn,
Mocht er auch rmlich und verchtlich scheinen,
Nein, kund tat er vor Innocenzens Thron
Den strengen Plan mit kniglicher Wrde,
Und der besiegelte die Stiftung schon.
Dann, als die Schar der Armen in der Hrde
Des Hirten wuchs, des Wunderleben hier,
Im Himmelsglanz, man besser singen wrde,
Verlieh der frommen heiligen Begier,
Auf Gottes Eingebung, zum Eigentume
Honorius der zweiten Krone Zier.
Dann predigend, aus Durst nach Mrtyrtume,
Khn in des stolzen Sultans Gegenwart,
Von Christi und von seiner Folger Ruhme,
Fand zur Bekehrung er das Volk zu hart,
Drob, da ihm hier sein edles Werk nicht glckte,
Von ihm bebaut Italiens Garten ward.
Und auf Alvernas Felsenbhen drckte
Das letzte Siegel noch ihm Christus ein,
Das dann zwei Jahre seine Glieder schmckte.
Als der, der ihn berufen, aus der Pein
Zur Wonn ihn rief, den Lohn hier zu erwerben,
Da er sein Knecht war, niedrig, arm und klein,
Empfahl er noch, als seinen rechten Erben,
Den Brdern seine Frau, ihm lieb und wert,
Zu treuer Lieb im Leben und im Sterben.
Eh ihrem Scho die Seele, schon verklrt,
Entfloh, heimkehrend zu des Vaters Reiche,
Ward nur die Erd als Sarg von ihm begehrt.
Jetzt denke selbst, wer dem an Wrde gleiche,
Der, sein Geno, durchs Meer fhrt Petri Kahn,
Da er auf gradem Weg das Ziel erreiche.
Dies Amt hatt unser Patriarch empfahn,
Und gute Ware trgt auf deiner Reise,
Wer treu ihm folgt auf der befohlnen Bahn.
Doch deine Herd ist jetzt nach neuer Speise
So lstern, da sie ppig hpft und springt
Und sich zerstreut und irrt vom rechten Gleise.
Je weiter hin der Schflein Herde dringt,
Dem Hirten fern sich irrend zu zerstreuen,
Je minder Milch zum Stalle jedes bringt.
Wohl gibts noch welche, die den Schaden scheuen.
Die folgen, angedrngt dem Hirten, nach,
Doch wenig Tuch gibt Kutten diesen Treuen.
Jetzt aber, war mein Wort nicht trb und schwach,
Verblieb dein Ohr, aufmerksam meinen Lehren,
Rufst du zurck dem Geiste, was ich sprach,
Dann wirds Befriedgung deinem Wunsch gewhren,
Dann zeigt der Baum, von dem ich pflckte, sich,
Und meines Tadels Grund wird sich erklren:
Wo wohl gedeiht, wer nicht dem Wahne wich."


Zwlfter Gesang

Sobald mir nur das letzte Wort erschollen,
Das aus der selgen Himmelsflamme drang,
Begann die heilge Mhl im Kreis zu rollen.
Doch eh sie rundherum sich vllig schwang,
War sie umringt von einem zweiten Kranze,
Eingreifend Tanz in Tanz und Sang in Sang;
Sang, hold verhaucht bei diesem Strahlentanze,
Dem unsrer Musen und Sirenen Lied
So weicht, wie Widerschein dem ersten Glanze.
Wie auf Gewlk, das leicht das Blau umsieht,
Man zwei gleichfarbge, gleichgespannte Bogen,
Wenn Juno ihrer Magd befiehlt, ersieht,
Erzeugt vom innern der, der ihm umzogen--
Der Rede jener gleich, die Liebesglut,
Wie Sonnenglut die Dnste, weggesogen--
Die Bogen, die nach allgemeiner Flut
Der Herr dem Noah zeigte, zum Beweise
Des Bunds, durch den die Erde sicher ruht;--
So drehte jetzt um uns sich gleicherweise
Der ewgen Rosen schner Doppelkranz,
So glich der uere dem innern Kreise.
Und als zuletzt der festlich frohe Tanz,
Die Lust des Sangs, der lichten Flammen schweben,
Das Spiegeln einer in der andern Glanz,
Still ward in einem Nu, mit gleichem Streben,
Wie sich die Augen, wenn es dem gefllt,
Der sie bewegt, verschlieen und erheben;
Klang aus dem Kreis, von neuem Licht erhellt,
Ein Laut, nach dem ich mich so eilig kehrte,
Wie der Magnet nach seinem Sterne schnellt.
Er sprach: Die Liebe, die mich schn verklrte,
Ists, die vom zweiten Hort mich sprechen heit,
Durch den man hier so hoch den meinen ehrte.
Vom andern spreche, wer den einen preist,
Zusammen glnzt ihr Ruhm, so wie sie stritten
Fr einen Zweck und mit gleich tapferm Geist.
Des Heilands Heer, fr welches schwer gelitten,
Ders neu bewehrt, zog zweifelnd und voll Leid
Der Fahne nach, schwach und mit trgen Schritten,
Als er, der herrscht in Zeit und Ewigkeit,
Den Kriegern half, die hart gefhrdet waren,
Aus Gnad und nicht ob ihrer Wrdigkeit;
Und, wie gesagt, um seine Braut zu wahren.
Zwei Kmpfer rief, durch deren Wort und Tat
Gesammelt wurden die zerstreuten Scharen.
Woher der Zephir haucht, um am Gestad
In Tal und Au die Knospen froh zu schwellen,
Wenn sich der Lenz im Schmuck Europen naht,
Dort, nah dem Strand, wo hochgetrmte Wellen
Weit hergewlzt, von Sturmeswut bekriegt,
Dem Sonnenstrahl sich oft entgegenstellen,
Dort ist der Platz, wo Callaroga liegt,
Beschtzt und wohlgedeckt vom groen Schilde,
Auf dem der Leu obsiegt und unterliegt.
Dort ward erzeugt im glcklichen Gefilde
Der Glaubenstreue Buhle, der Athlet,
Dem Feind ein Graus, den Seinigen voll Milde. 
Dem Geist, erschaffen kaum, ward zugeweht
Vom hchsten Geiste Kraft und hohe Gabe,
Und ungeboren war er schon Propbet.
Als mit der Glaubenstreue drauf der Knabe
Verlbnis hielt, vom heilgen Quell benetzt,
Wo gegenseitges Heil die Morgengabe,
Da ward die Zeugin, die Sein Ja! ersetzt,
Schon von der Wunderfrucht, die ihm entspriee,
Und seiner Schul, im Traumgesicht ergetzt.
Und da sich, was er war, erkennen liee,
Gebot ein Geist, vom Himmel hergesandt,
Da man nach ihm, der ihn besa, ihn hiee.
Dominikus ward er darum benannt,
Der Grtner, welchen als Gehilfen Christus
Fr seinen Garten whlt und sich verband.
Wohl schien er Bot und treuer Knecht von Christus,
Wie das, was er zuerst geliebt, bezeugt,
Denn er vollzog den ersten Rat von Christus.
Wohl fand ihn fters die, so ihn gesugt,
Am Boden liegend, wach, in tiefem Schweigen,
Als sprch er aus: Hierzu bin ich gezeugt.
O du, sein Vater, Felix wahr und eigen!
O Mutter, wahrhaft als Johann erblht,
Wenn wir bis zu des Namens Wurzel steigen!
Nicht fr die Welt, fr die man jetzt sich mht,
Nach des von Ostia, des Thaddus Lehren,
Nein, frs wahrhafte Manna nur entglht,
Sollt er als Lehrer bald sich gro bewhren,
Den Weinberg pflegend, der bald Unkraut trgt,
Wenn nicht des Winzers Hand ihm emsig wehren.
Vom Stuhl, der einst die Armen mild gehegt--
Einst, nicht durch Schuld des Stuhls--durch dessen Snden
Der sitzt, und aus der Art der Vter schlgt,
Erbat er Zehnten nicht, noch fette Pfrnden,
Erlaubnis nicht, Abla und Heil fr Geld,
Um drei und vier fr zehen, zu verknden;
Nein die, zu kmpfen mit der irren Welt,
Durch jenen Samen, dem die Bum entspringen,
Die, zweimal zwlf, sich um dich her gestellt,
Die Pflichten des Apostels zu vollbringen,
Strebt auf sein Will und seine Wissenschaft,
Gleich Strmen, die aus tiefer Ader Springen.
Und ihre Wellen strzten grausenhaft
Auf ketzerisch Gestrpp, es auszubrechen,
Und mit dem Widerstand wuchs ihre Kraft.
Er gab darauf den Ursprung manchen Bchen,
Die hinziehn durch der Kirche Gartenland,
Drob ihre Bume schnre Frucht versprechen--
Wenn so ein Rad des Kriegeswagens stand,
Auf dem den Kampf die heilge Kirche wagte,
Als sie die innern Meutrer berwand,
So mu dir jetzt, wie hoch das andre ragte
An Trefflichkeit, vollkommen deutlich sein,
Und was von ihm dir Thomas Gutes sagte.
Allein das Gleis hlt jetzo niemand ein,
Das in den Grund der Schwung des Rades prgte,
Und Essig wird, was vormals ser Wein.
Die Schar, die seiner Spur zu folgen pflegte,
Hat jetzt der Fe Stellung ganz gewandt
Und geht zurck, wo er sich vorbewegte.
Wie schlecht die Saat ist, wird euch bald bekannt,
Denn bei der Ernte wird das Korn erlesen
Und eingescheuert, doch der Lolch verbrannt.
Zwar, will man Blatt fr Blatt das Buch durchlesen,
Das unsre Namen zeigt, so sagt ein Blatt
Noch hier und dort: Ich bin, was ich gewesen.
Doch nicht Casal, noch Aquasparta hat
Dergleichen Glieder unsrer Schar gegeben,
Da der zu streng ist, der zu schlaff und matt.
Jetzt wiss, ich bin Buonaventuras Leben,
Von Bagnoregio, und gering erschien
Beim groen Amt mir jedes andre Streben.
Hier sind Jlluminat und Augustin,
Zwei von den ersten barfuarmen Scharen,
Die durch den Strick in Gottes Huld gediehn.
Hier sind der von Sankt Viktor zu gewahren,
Und Mangiador, der Spanier Peter dann,
Des Ruhm der Welt zwlf Bcher offenbaren.
Nathan der Seher, Erzbischof Johann,
Anselm, Donat, der sich dem Werke weihte,
Des sich die erste Kunst berhren kann.
Ruban ist hier; und solchen Brdern reihte
Sich dieser an, begabt mit Sehergeist
Abt Joachim, helleuchtend mir zur Seite.
Wenn solchen Kmpfer meine Rede preist,
So ists des Thomas liebentflammte Weise,
Die mit sich fort auch meine Rede reit,
Und mit mir fortzieht all in diesem Kreise.


Dreizehnter Gesang

Wer wohl verstehn will, was ich nun gesehen,
Bild itzt sich ein und lass im Geist das Bild,
Indes ich spreche, fest, wie Felsen, stehen,
Fnfzehen Sterne, die man am Gefild
Des Himmels in verschiedner Gegend findet,
So glanzvoll, da ihr Licht durch Nebel quillt;
Den Wagen, der um unsern Pol sich windet,
Und sein Gewlb bei Tag und Nacht durchreist,
Drob er beim Deichselwenden nicht verschwindet;
Bild ein sich, was der Mund des Hornes weist,
Das anfngt an der Himmelsachse Grenzen,
Um die das erste Rad nie rastend kreist;
Die Sterne denk er sich in zweien Krnzen,
Die, dem gleich, der sich zur Erinnrung flicht
An Ariadnens Tod, am Himmel glnzen,
Umringt den einen von des andern Licht,
Und beid im Kreis gedreht in solcher Weise,
Da dem, der vorgeht, der, so folgt, entspricht;
Dann glaub er, da sich ihm ein Schatten weise
Des wahren Sternbilds, welches, zweigereiht,
Den Punkt, auf dem ich stand, umtanzt im Kreise.
Denn was wir kennen, steht ihm nach, so weit,
Als nur der Chiana trger Lauf dem Rollen
Des fernsten Himmels weicht an Schnelligkeit.
Dort sang man nicht von Bacchus, von Apollen,
Nein, drei in einem--Gott und Mensch nur eins,
Die Lieder warens, welche dort erschollen.
Als Sang und Tanz des heiligen Vereins
Vollbracht war, wandt er sich zu uns, von Streben
Zu Streben, ewig froh des selgen Seins.
Und jenes Licht hrt ich die Stimm erheben
Im eintrachtsvollen Kreis, das mir vorher
Erzhlt des heilgen Armen Wunderleben.
Es sprach zu mir: Das eine Stroh ist leer
Und wohlverwahrt die Saat, allein entglommen
Von ser Liebe, dresch ich dir noch mehr.
Du glaubst: Der Brust, aus der die Ripp entnommen
Zum Stoff des Weibes, deren Gaum hernach
Der ganzen Welt so hoch zu stehn gekommen,
Und jener, die, als sie der Speer durchstach,
So nach wie vor so groe Gnge brachte,
Da sie die Macht jedweder Snde brach,
Sei alles Licht, das je dem Menschen lachte,
Und des er fhig ist, voll eingehaucht
Von jener Kraft, die jen und diese machte;
Und staunst, da ich vorhin das Wort gebraucht:
Der fnfte Glanz sei bis zum tiefsten Grunde
Der Weisheit, wie kein zweiter mehr, getaucht.
Erschlie itzt wohl die Augen meiner Kunde;
Mein Wort und deinen Glauben siehst du dann
Im Wahren, wie den Mittelpunkt im Runde.
Das, was nicht stirbt, und das, was sterben kann,
Ist nur als Glanz von der Idee erschienen,
Die, liebreich zeugend, unser Heer ersann.
Denn jenes Licht des Lebens, das entschienen
Dem ewgen Lichtquell, ewig mit ihm eins,
Und mit der Lieb, als dritter, eins in ihnen,
Eint gndiglich die Strahlen seines Scheins
Sie, wie in Spiegeln, in neun Himmeln zeigend,
Im ewigen Verein des einen Seins.
Von dort sich zu den letzten Krften neigend,
Wird schwcher dann der Glanz von Grad zu Grad,
Zuletzt nur Dinge kurzer Dauer zeugend.
Die Dinge, die mein Wort bezeichnet hat,
Sind die Erschaffnen, welche die Bewegung
Des Himmels zeugt, so mit wie ohne Saat.
Ihr Wachs ist ungleich, und die Kraft der Prgung
Und von des Urgedankens Glanz gewahrt
Man drum hier schwchere, dort strkre Regung;
Daher denn auch von Bumen gleicher Art
Bald bessere, bald schlechtre Frchte kommen,
Und euch verschiedne Kraft des Geistes ward--
War irgendwo das Wachs rein und vollkommen,
Und ausgeprgt mit hchster Himmelskraft,
Rein wrde das Geprg dann wahrgenommen.
Doch die Natur gibts immer mangelhaft
Und wirkt dem Knstler gleich, der wohl vertrauen
Der bung kann, doch dessen Hand erschlafft.
Drum, bildet heie Lieb und klares Schauen
Der ersten Kraft, dann wird sie, rein und gro,
Vollkommenes erschaffen und erbauen.
So ward gewrdiget der Erdenklo,
Die tierische Vollkommenheit zu zeigen,
Und so geschwngert ward der Jungfrau Scho.
Darum ist deine Meinung mir auch eigen:
Da menschliche Natur in jenen zwein
Am hchsten stieg und nie wird hher steigen.
Hielt ich mit meinen Lehren jetzo ein,
So wrdest du die Frage nicht verschieben:
Wie knnt ein dritter ohnegleichen sein?
Doch, da erscheine, was versteckt geblieben,
So denke, wer er war, und was zum Flehn,
Als ihm gesagt ward: "Bitt!" ihn angetrieben.
Aus meiner Rede konntest du ersehn:
Als Knig fleht er um Verstand, beflissen,
Damit dem Reiche gngend vorzustehn,
Nicht um der Himmelslenker Zahl zu wissen,
Nicht, ob Notwendges und Zuflligkeit
Notwendiges als Schlu ergeben mssen;
Nicht, was zuerst bewegt, Bewegung leiht;
Nicht, ob ein Dreieck in dem halben Kreise
Noch anderen, als rechten Winkel, beut--
Was ich gemeint, erhellt aus dem Beweise.
Du siehst: eine Seher sondergleichen war
Durch Knigsklugheit jener hohe Weise,
Auch ist mein Wort: dem nie ein zweiter, klar;
Von Kngen sprach ich nur an jenem Orte,
Die selten gute sind, ob viele zwar.
Mit diesem Unterschied nimm meine Worte,
Da nicht im Streit damit dein Glaube sei
Vom ersten Vater und von unserm Horte.
Und dieses leg an deine Fe Blei
Und mache schwer dich, gleich dem Mden, gehen
Zum Ja! und Nein! wo nicht dein Auge frei,
Weil die selbst unter Toren niedrig stehen,
Die sich zum Ja und Nein, ohn Unterschied,
Gar schnell entschlieen, eh sie deutlich sehen;
Drob sich die Meinung, wie es oft geschieht,
Zum Irrtum neigt, und dann im Drang des Lebens
Die Leidenschaft das Urteil mit sich zieht--
Wer nach der Wahrheit fischt und, irren Strebens,
Die Kunst nicht kennt, der kehrt nicht, wie er geht,
Und schifft vom Strand drum schlimmer als vergebens,
Wie ihr dies an Melissus deutlich seht
Und an Parmenides und andern vielen,
Die gingen, eh sie nach dem Ziel gespht;
Drob Arius und Sabell in Torheit fielen.
Gleich Schwertern waren sie dem heilgen Wort
Und machten die geraden Blicke schielen.
Nicht reiߒ euch Wahn zum schnellen Urteil fort,
Gleich denen, die das Korn zu schtzen wagen,
Das eh es reift, vielleicht im Feld verdorrt.
Denn fters sah ich erst in Wintertagen
Den Dornenbusch gar rauh und stachlicht stehn.
Und auf dem Gipfel dann die Rose tragen.
Und manches Schiff hab ich im Meer gesehn,
Gerad und flink auf allen seinen Wegen,
Und doch zuletzt am Hafen untergehn.
Nicht glauben mge Hinz und Kunz deswegen,
Weil dieser stiehlt und der als frommer Mann
Der Kirche schenkt, mit Gott schon Rat zu pflegen.
Da der erstehn und jener fallen kann.


Vierzehnter Gesang

Vom Rand zur Mitte sieht man Wasser rinnen
Im runden Napf, vom Mittelpunkt zum Rand,
Je wie mans treibt nach auen oder innen.
Dies wars, was jetzt vor meiner Seele stand,
Als stille schwieg des Thomas heilges Leben
Und s verhallend seine Stimme schwand,
Ob jener hnlichkeit, die sich ergeben,
Da er erst sprach, dann Beatricens Mund,
Ders jetzt gefiel, die Stimme zu erheben:
"Ihm tut es not, obwohl ers euch nicht kund
In Worten gibt, noch lt im Innern lesen,
Zu sphn nach einer andern Wahrheit Grund.
Sagt ihm, ob dieses Licht, das euer Wesen
So schn umblht, euch ewig bleiben wird
Im selben Glanze, wies bis jetzt gewesen.
Und, bleibts. So sagt, damit er nimmer irrt,
Wie, wenn ihr werdet wieder sichtbar werden,
Es euren Blick nicht blendet und verwirrt."
Wie mit verstrkter Lust oft hier auf Erden
Die Tanzenden im heitern Ringeltanz
Die Stimm erhhn und froher sich gebrden;
So zeigte neue Lust der Doppelkranz,
Als sie ihn bat, so rasch, doch fromm-bescheiden,
In freudgem Drehn und Wundersang und Glanz--
Wer klagt, da wir den Tod auf Erden leiden,
Um dort zu leben, oh, der fhlt und denkt
Nicht, wie wir dort am ewgen Tau uns weiden.
Da drei und zwei und eins, das alles lenkt
Und ewig lebt in einein, zwein und dreien,
Und, ewig unumschrnkt, das All umschrnkt,
Gesungen wards in solchen Melodeien
Dreimal im Chor, um vollen Lohn der Pflicht
Und jeglichem Verdienste zu verleihen.
Und eine Stimm entklang dem hellem Licht
Des kleinern Kreises dann und wich an Milde
Wohl der des Engels der Verkndung nicht.
"Solang die Lust im himmlischen Gefilde,
So lange whrt auch unsre Lieb und tut
Sich kund um uns in diesem Glanzgebilde.
Und seine Klarheit, sie entspricht der Glut,
Die Glut dem Schaun, und dies wird mehr uns frommen,
Je mehr auf uns die freie Gnade ruht.
Wenn wir den heilgen Leib neu angenommen,
Wird unser Sein in hhern Gnaden stehn,
Je mehr es wieder ganz ist und vollkommen.
Drum wird sich das freiwillge Licht erhhn,
Das wir vom hchsten Gut aus Huld empfangen,
Licht, welches uns befhigt, ihn zu sehn,
Und hher wird zum Schaun der Blick gelangen,
Hher die Glut sein, die dem Schaun entglht,
Hher der Strahl, der von ihr ausgegangen.
Doch, wie die Kohle, der die Flamm entsprht,
Sie an lebendgem Schimmer berwindet
Und wohl sich zeigt, wie hell auch jene glht;
So wird der Glanz, der jetzt schon uns umwindet,
Dereinst besiegt von unsres Fleisches Schein,
Wenn Gott es seiner Grabeshaft entbindet.
Nicht wird uns dann so heller Glanz zur Pein;
Denn stark, um alle Wonnen zu genieen,
Wird jedes Werkzeug unsers Krpers sein."--
Und Amen riefen beide Chr und lieen
Durch Einklang wohl den Wunsch ersehn, den Drang,
Sich ihren Leibern wieder anzuschlieen.
Und wohl fr sich nicht nur, nein, zum Empfang
Der Vter, Mtter und der andern Teuern,
Die sie geliebt, eh sie die Flamm umschlang.
Und sieh, zum Glanz von diesen ewgen Feuern
Kam gleiche Klarheit rings, wie wenn das Licht
Des Tags der Sonne goldne Pfeil erneuern.
Wie, wenn allmhlich an der Abend bricht,
Am Himmel Punkte, klein und bleich, erglnzen,
So da die Sach als wahr erscheint und nicht;
So glaubt ich jetzt in neuen Ringeltnzen
Noch zweifelnd, neue Wesen zu ersphn,
Weit auerhalb von jenen beiden Krnzen.
O wahrer Schimmer, angefacht vom Wehn
Des Heilgen Geists so pltzlich hell!--Geblendet
Knnt ihm mein Auge jetzt nicht widerstehn.
Doch als ich zu Beatrix mich gewendet,
War sie so lachend schn, so hochbeglckt,
Da solches Bild kein irdisch Wort vollendet.
Da ward von neuer Kraft mein Aug entzckt;
Ich schlug es auf und sah mich schon nach oben
Mit ihr allein zu hherm Heil entrckt.
Wohl nahm ich wahr, ich sei emporgehoben.
Denn glhend lchelte der neue Stern
Und schien von ungewohntem Rot umwoben.
Von Herzen, in der Sprache, welche fern
Und nah gemeinsam ist den Vlker Scharen,
Bracht ich Dankopfer dar dem hchsten Herrn.
Und lustentzndet knnt ich schon gewahren,
Eh ich die ganze Glut ihm dargebracht,
Da angenehm dem Herrn die Opfer waren.
Denn Lichter, in des Glanzes hchster Macht,
Sah ich aus zweien Schimmerstreifen scheinen,
Und rief: O Gott, du Schpfer solcher Pracht!--
So tut, best mit Sternen, groߒ und kleinen, 
Galassia zwischen Pol und Pol sich kund,
Von welcher dies und das die Weisen meinen,
Wie diese Streifen, bildend auf dem Grund
Des roten Mars das hochgeehrte Zeichen,
Gleich vier Quadranten, wohlgefgt im Rund.
Wohl mu die Kunst hier dem Gedchtnis weichen,
Denn von dem Kreuz hernieder blitzte Christus;
Wo gbs ein Bild, ihm wrdig zu vergleichen?
Doch wer sein Kreuz nimmt, folgend seinem Christus,
Von ihm wird das, was ich verschwieg, verziehn,
Denn blitzen sieht auch er im Glanze Christus.
Von Arm zu Arm, vom Fu zur Hh erschien
Bewegtes Licht, hier hell in Glanz entbrennend,
Weil sichs verband, dort beim Vorberziehn.
So sieht man wohl, hier trg bewegt, dort rennend,
Atome, hier grad, dort krummgeschweift,
Und lang und kurz, sich einend und sich trennend,
Wirbelnd im Strahl, der durch den Schatten streift,
Nach dem, wenn hei die Sonnengluten flirren,
Der Mensch mit Witz und Kunst begierig greift.--
Und wie harmonisch Laut und Harfe schwirren,
Sind nur die vielen Saiten rein gespannt,
Ob auch im Ohr die Tne sich verwirren;
So hrt ich jetzt den Sang vom Kreuz und stand,
Als ob in Lust die Sinne sich verlren,
Obwohl ich von der Hymne nichts verstand.
Doch hohen Preis vernahm ich in den Chren,
Denn: Du erstehst und siegst!--erklangs, und ich
Glich denen, welche nicht verstehn, doch hren.
Und so durchdrang hier se Liebe mich,
Da, welche holde Band auch mich umfingen,
Doch keins bis dahin diesem Bande glich.
Vielleicht scheint sich zu khn mein Wort zu schwingen,
Nachsetzend selbst der schnen Augen paar,
Die jeden Wunsch in mir zur Ruhe bringen.
Doch nimmt man die lebendgen Stempel wahr,
Die, hher, immer schneres gestalten,
Und denkt, da ich gewandt von jenen war,
So wird man drob mich fr entschuldigt halten
Und sehn, da ich vom Wahren nicht geirrt;
Doch drft auch hier die heilge Wonne walten,
Die, wie man aufsteigt, immer reiner wird.


Fnfzehnter Gesang

Gewogner Will, in welchem immer dir
Sich offen wird die echte Liebe zeigen,
Wie bser Wille kund wird durch Begier,
Gebot der sen Leier Stilleschweigen
Und hielt im Schwung der heilgen Saiten ein,
Die Gottes Rechte sinken macht und steigen.
Wie werden taub gerechter Bitte sein
Sie, die einhellig den Gesang itzt meiden,
Um Mut zur Bitte selbst mir zu verleihn.
Oh, wohl verdienen ewiglich zu leiden
Die, weil die Lieb in ihrer Brust erwacht
Fr Irdisches, sich jener Lieb entkleiden.
Wie durch die Heiterkeit der stillen Nacht
Oft Feuer luft, vom Augenblick geboren,
Und des Beschauers Augen zcken macht,
Gleich einem Stern, der andern Platz erkoren,
Nur, da an jenem Ort, wo er entbrannt,
Sich nichts verliert und er sich schnell verloren;
So sah ich aus dem Arm zur rechten Hand
Jetzt einen Stern zum Fu des Kreuzes wallen,
Aus jenem Sternbild, das dort glnzend stand.
Die Perl war nicht aus ihrem Band gefallen;
Sie lief am lichten Streif dahin und war
Wie Feuer hinter glnzenden Kristallen.
So, redet unsre grte Muse wahr,
Stellt in Elysiums Hainen seinem Sprossen
Anchises sich mit frommer Liebe dar.
"O du, mein Blut, auf welches sich ergossen
Die Gnade hat, wem hat der hchste Hort
Zweimal, wie dir, des Himmels Tr erschlossen?"
Mir zog den Geist zum Lichte dieses Wort;
Drauf, als ich mich zu meiner Herrin wandte,
Ward mir Entzckung, Staunen, hier wie dort,
Weil ihr im Auge solch ein Lcheln brannte,
Da, wie ich glaubte, meins den Grund darin
Von meinem Himmel, meiner Gnad erkannte.
Der Geist dann fgte Dinge zum Beginn,
Er, angenehm zu hren und zu sehen,
Die ich nicht fate vor zu tiefem Sinn.
Doch wollt er nicht, ich soll ihn nicht verstehen;
Es mute sein, weil Reden solcher Art
Weit bers Ziel der Menschenfassung gehen.
Doch als der Schwung, in dem sich offenbart
Der Liebe Glut, insoweit nachgelassen,
Da jenes Ziel nicht berflogen ward,
Sprach er, was ich nun fhig war, zu fassen:
"Preis dir, Dreieiner, der du auf mein Blut
So reich an Gnade dich herabgelassen."
Und dann: "Der Sehnsucht lange, se Glut.
Entflammt, da ich im groen Buch gelesen,
Das kund unwandelbar die Wahrheit tut,
Stillst du, mein Sohn, im Licht, aus dem mein Wesen
Jetzt freudig zu dir spricht; Dank ihr, die dich
Zum Flug beschwingt und dein Geleit gewesen!
Du glaubst, da alles, was du denkst, in mich
Vom Urgedanken strmt; denn es entfalten
Die fnf und sechs ja aus der Einheit sich;
Drum fragst du nicht nach mir und meinem Walten,
Und weshalb hher meine Freude scheint
Als die der andern dieser Lichtgestalten.
Dein Glaub ist wahr, weil gro und klein vereint
In diesem Reich, nach jenem Spiegel blicken,
Wo, eh du denkest, der Gedank erscheint,
Doch, um die Lieb, in die mit wachen Blicken
Ich ewig schau, und die die Sigkeit
Der Sehnsucht zeugt, vollkommner zu erquicken,
Erklinge sicher, khn, voll Freudigkeit
Die Stimm in deinem Willen, deinem Sehnen,
Und die Entgegnung drauf ist schon bereit."
Ich sah auf sie, die, eh die Wort ertnen,
Mich schon versteht, und lchelnd im Gesicht,
Hie sie mich frei des Willens Flgel dehnen.
Ich sprach: "Die Neigung und des Geistes Licht
Sind, seit die erste Gleichheit ihr ergrndet,
Bei jeglichem von euch im Gleichgewicht,
Weil euch die Sonne, die euch hellt und zndet
Mit Licht und Glut, damit sogleich durchdringt,
Da man, was sonst sich gleicht, hier ungleich findet.
Doch Will und Witz, wie sie der Mensch erringt,
Sie sind aus dem euch offenbaren Grunde
Mit sehr verschiedner Kraft zum Flug beschwingt.
Dies fhl ich Sterblicher in dieser Stunde,
Und danke deine Vaterliebe dir
Drum mit dem Herzen nur, nicht mit dem Munde.
O du lebendiger Topas, du Zier
Des edlen Kleinods, hell in Glanz entglommen,
Still itzt, dich nennend, meine Wibegier!"
"Mein Spro, lngst froh erwartet, jetzt willkommen,
In mir sieh deine Wurzel!" So der Geist,
Und setzt hinzu, nachdem ich dies vernommen:
"Und er, nach welchem dein Geschlecht sich heit,
Der hundert Jahr und mehr fr stolzes Wesen
Des Berges ersten Vorsprung schon umkreist,
Er ist mein Sohn, dein Urgroahn, gewesen,
Und dir geziemts, von solcher langen Pein
Durch gute Werk ihn schneller zu erlsen.
Florenz, im alten Umkreis, eng und klein,
Woher man jetzt noch Terzen hrt und Nonen,
War damals friedlich, nchtern, keusch und rein.
Nicht Kettchen hatt es damals noch, nicht Kronen,
Nicht reichgeputzte Fraun--kein Grtelband,
Das sehenswerter war als die Personen.
Bei der Geburt des Tchterleins empfand
Kein Vater Furcht, weil man zur Mitgift immer,
So wie zur Zeit, die rechten Mae fand.
Und de, leere Huser gabs da nimmer;
Nicht zeigte dort noch ein Sardanapal,
Was man vermag in ppigkeit der Zimmer.
Nicht bertroffen ward der Montemal
Von dem Uccellatojo noch im Prangen,
Und wie im Steigen, also einst im Fall.
Ich sah vom schlichten Ledergurt umfangen
Bellincion Berti noch und sah sein Weib
Vom Spiegel gehn mit ungeschminkten Wangen.
Ich sah ein unverbrmtes Wams am Leib
Des Nerli und des Vecchio--und den Frauen
War Spill und Rocken froher Zeitvertreib.
Glckselge Fraun! In eurer Heimat Auen
War euch ein Grab gewi--durch Frankreichs Schuld
War keiner noch das de Bett zum Grauen.
Die, wach und emsig an der Wiege, lullt
In jener Sprach ihr Kindlein ein, die jeden
Der Vater ist, entzckt in Sߒ und Huld.
Die, ziehend aus dem Rocken glatte Fden,
Letzt ihrer Kinder Kreis von Rmertat,
Von Troja, Fiesole mit klugen Reden.
Was ihr an einer Cianghella saht,
An Salterell, solch Wunder htts gegeben,
Als itzt Cornelia gab und Cincinnat.
So ruhigem, so schnem Brgerleben,
So treuer Brgerschaft, so teurem Land,
Gab mich Maria, die mit Angst und Beben
Die Mutter anrief, als sie Wehn empfand,
Und dort, in unserm Taufgebu, dem alten,
Ward ich ein Christ und Cacciaguid genannt.
Zwei Brder hatt ich, und zu treuem Walten
Im Haufe kam die Gattin mir vom Po,
Von der den zweiten Namen du erhalten.
Den Kaiser Konrad folgt und dient ich, so,
Da er mich weihte zu des Ritters Ehren,
Und immer blieb ich seiner Gnade froh.
Mit ihm wollt ich des Greuels Reich zerstren,
Des Volk, durch eurer Hirten Fehler, sich
Der Lnder anmat, die euch angehren.
Und dort, von jenem schnden Volk, ward ich
Vom Trug der Welt entkettet und geschieden,
Der viele Herzen jeder Zeit beschlich,
Und kam vom Mrtyrtum zu diesem Frieden.


Sechzehnter Gesang

O du geringer Adel unsers Bluts,
Kannst du hienieden uns zum Stolz verfhren,
Wo wir noch fern vom Schaun des wahren Guts.
So werd ich nimmer drob Verwundrung spren;
Denn dort, wo falsche Lust uns nicht erreicht,
Fhlt ich darob in mir den Stolz sich rhren.
Du bist ein Mantel, der, sich krzend, weicht,
Setzt man nicht Neues zu von Tag zu Tagen,
Weil rings die Zeit mit ihrer Schere schleicht--
Mit jenem ihr, das Rom zuerst ertragen,
Das jetzt die Rmer minder brauchen, trat
Ich nher hin, beginnend neue prgen.
Beatrix drum, zur Seite stehend, tat,
Lchelnd, gleich jener, die beim ersten Fehle
Ginevrens, wie man schreibt, gehustet hat.
"Ihr seid mein Vater; Ihr erhebt die Seele,
Da ich mehr bin als ich; Ihr gebt mir Mut
Mit Euch zu sprechen frei und sonder Hehle.
Mir strmt zur Brust vielfacher Wonne Flut,
Doch sie ertrgt es, ohne zu zerspringen,
Weil s das Herz in eigner Freude ruht.
Drum sprecht, mein Urahn, welche Vordern gingen
Euch noch voraus, und wie bezeichnet man
Die Jahre, die Euch hier itzt Frchte bringen?
Vom Schafstall sprecht des heiligen Johann;
Wie gro war er? Wer ist, den, hochzustehen
In jenem Volk, man wrdig preisen kann?"
Gleichwie, belebt von frischen Windeswehen,
Die Kohl in Flammen glht, so war das Licht
Bei meinem Liebeswort in Glanz zu sehen.
Und so verschont er jetzt sich dem Gesicht,
Wie seine Sprache sich dem Ohr verschnte;
Doch wars nicht jene, die man jetzo spricht.
Er sprach: "Seitdem des Engels Ave tnte,
Bis meine Mutter, heilig itzt, in Qual
Sich meiner Last entledigend, ersthnte,
Kam allbereits fnfhundertachtzigmal
Dies Feuer zu den Fen seines Leuen,
Dort zu erneuern seinen Flammenstrahl.
Des ersten Lichts sollt ich am Ort mich freuen,
Den Vtern gleich, wo man das Sechsteil fand.
In dem sich eure Jahresluf erneuen.
Und dies sei von den Ahnen dir bekannt;
Wer sie gewesen, und woher entsprossen,
Wird schicklicher verschwiegen als benannt.
Was da, von Mars und Tufer eingeschlossen,
Befhigt war, sich zum Gefecht zu reihn,
Ein Fnfteil wars der jetzigen Genossen.
Allein die Brgerschaft, jetzt gro zum Schein,
Vermischt mit Campis und Certaldos Scharen,
War noch im letzten Handwerksmanne rein.
Wohl besser wren, die einst Nachbarn waren,
Es jetzo noch--wohl besser wars, Galluzz
Und Trespian als Grenzen zu bewahren,
Als innerhalb der Bauern Stank und Schmutz
Von Aguglion und Signa zu ertragen,
Die listig schachern allem Recht zum Trutz.
Wenn sich, der gnzlich aus der Art geschlagen,
Am Kaiser nicht stiefvterlich verging,
Statt ihn am Herzen vterlich zu tragen,
War mancher Schachrer, den Florenz empfing,
Bereits zurckgekehrt nach Simifonte,
Wo sein Grovater schmhlich betteln ging.
Wie Montemurlo Grafschaft bleiben konnte,
So wren noch die Cerchi in Acon,
Vielleicht in Valdigriev die Buondelmonte.
In Volksvermischung fand man immer schon
Den ersten Keim zu einer Stadt Verfalle,
Wie Speis auf Speisen unsern Leib bedrohn.
Ein blinder Stier strzt hin in jherm Falle
Als blindes Lamm, und fters ist ein Schwert
Mehr wert als fnf und schneidet mehr als alle.
Sieh Luni, Urbifaglia schon verheert,
Sieh Chiusi in derselben Not sich winden,
Die Sinigaglia, jenen gleich, erfhrt;
Dann wirst dus nicht mehr neu und schrecklich finden,
Hllt Nacht des Todes die Geschlechter ein,
Da Stdte selbst vom festen Grund verschwinden.
Was euer ist, das trgt, wie euer Sein,
Den Tod in sich; doch, was sich minder wandelt,
Verbirgt ihn euch, denn eure Zeit ist klein.
Und wie des Mondes Lauf den Strand verwandelt
Und ihn in Ebb und Flut entblt und deckt,--
So ists, wie das Geschick Florenz behandelt.
Drum werde dir kein Staunen mehr erweckt,
Sprech ich von Edeln deiner Stadt, von ihnen,
Die in Vergessenheit die Zeit versteckt.
Die Ughi hob ich und die Catellinen
Der Greci und Ormanni Stamm gesehn,
Die selbst im Fall erhabne Brger schienen.
Mocht alt, wie hoch, der von Sanella stehn,
Er mute mit Soldanier, den von Arke
Und den Bostichi klglich untergehn.
Am Tor, das jetzt an Hochverrat so starke
Belastung hat, da in den Wogen bald
Versinken wird die berladne Barke,
Dort war der Ravignani Aufenthalt,
Das Stammhaus derer, so den Namen fhren
Des Bellincion, der edel ist und alt.
Wohl wute, wie sichs zieme, zu regieren,
Der della Pressa--Galigajo nahm
Das Schwert, das goldnes Blatt und Knauf verzieren.
Gro war die graue Sul und wundersam,
Gro waren die Sachetti, die Barucci
Und die ein Scheffel jetzt durchglht mit Scham.
Gro war vordem der Urstamm der Calfucci;
Zu jeglichem erhabnen Platz im Staat
Rief man die Sizii, die Arrigucci.
Wie gro wart ihr! Allein des Stolzes Saat
Trug Untergang--wie blht auf allen sten
So edler Stmme Mut und groe Tat!
So waren deren Vter, die in Festen,
Wenn man den Sitz des Bischofs ledig sieht,
Im Konsistorium sich behaglich msten.
Das prahlende Geschlecht, das dem, der flieht,
Zum Drachen wird, doch sanft wird, gleich dem Lamme,
Wenn man die Zahne weist, den Beutel zieht
Kam schon empor, allein aus niederm Stamme,
Drum zrnt Ubert dem Bellincion, da er
Zu solcherlei Verwandtschaft ihn verdamme.
Von Fiesole kam Caponsacco her
Auf euren Markt und trieb in jenen Tagen,
Wie Infangato brgerlich Verkehr.
Unglaubliches, doch Wahres werd ich sagen:
Ein Tor des Stdtchens lie man ungescheut
Den Namen des Geschlechts der Pera tragen.
Wen nur des schnen Wappens Schmuck erfreut,
Des groen Freiherrn, dessen Preis und Ehren
Alljhrlich noch das Thomasfest erneut.
Lie Ritterwrden sich von ihm gewhren,
Mag der auch, ders mit goldner Zier umwand,
Jetzt im Vereine mit dem Volk verkehren.
Da hoch der Stamm der Gualterotti stand,
So wrd in Kriegsnot Borgo minder beben,
Wenn er sich mit den Nachbarn nicht verband.
Das Haus, das euch zum Weinen Grund gegeben,
Das in gerechtem Grimm euch Tod gebracht
Und ganz beendigt euer heitres Leben,
Stand mit den Seinen fest in Ehr und Macht.
Buondelmont, was hattest du Verlangen
Nach andrer Braut? Was fremden Antriebs acht?
Wohl viele wrden froh sein, die jetzt bangen,
Wenn Gott der Ema dich vermhlt, als du
Zum ersten Male nach der Stadt gegangen.
Doch wohl stand dieser Stadt das Opfer zu,
Das sie der Brckenwacht, dem wsten Steine,
Mit Blut gebracht in ihrer letzten Ruh.
Mit diesen und mit andern im Vereine
Sah ich Florenz des sen Friedens wert,
Indems nie Ursach fand, weshalb es weine.
Mit diesem sah ich hoch sein Volk geehrt,
Gerecht und treu, in ruhig stiller Haltung,
Und nie am Speer die Lilie umgekehrt
Und nimmer rotgefrbt durch innre Spaltung.


Siebzehnter Gesang

Wie der, der Vter karg gemacht den Shnen,
An Climene um Kunde sich gewandt
Von dem, was man gejagt, ihn zu verhhnen;
So war ich jetzt in mir, und so empfand
Beatrix mich und er, des Liebesregung
Vom Flammenkreuz ihn zu mir hergebannt.
Drum sie: "Folg itzt der inneren Bewegung
Und la den Wunsch hervor, nur sei er rein
Bezeichnet durch des innern Stempels Prgung.
Er soll nicht grre Kenntnis uns verleihn,
Doch mutig sollst du deinen Durst bekennen,
Als ob ein Mensch ihn stillen sollt in Wein."
"O teurer Ahn, hochragend im Erkennen,
Gleich wie der Mensch sieht, da im Dreieck nicht
Zwei stumpfe Winkel sich gestalten knnen,
So siehst du, was da sein wird, das Gesicht
Dem Spiegel zugewandt, der alle Zeiten
Als Gegenwart dir zeigt im klaren Licht.
Als noch Virgil bestimmt war, mich zu leiten,
Um auf den Berg, der unsre Seelen heilt,
Und zu der toten Welt hinabzuschreiten,
Ward von der Zukunft Kunde mir erteilt,
Die hart ist, mag ich auch als Turm mich fhlen,
Der trotzend steht, wenn ihn der Sturm umheult.
Drum wt ich gern, um meinen Wunsch zu khlen,
Welch ein Geschick mir naht. Vorausgeschaut,
Scheint minder tief ein Pfeil sich einzuwhlen."
Ich sprachs zum Licht, das mir mit sem Laut
Gesprochen hatt, und hatt ihm nun vollkommen,
Nach meiner Herrin Wink, den Wunsch vertraut.
In Rtseln nicht, wie man sie einst vernommen,
Bestimmt, ein Netz fr Torenwahn zu sein,
Eh Gottes Lamm die Snd auf sich genommen,
In klarem Wort und bndigem Latein,
Antwortete mir jene Vaterliebe
Verschlossen in der eignen Wonne Schein:
"Der Zufall, Werk allein der Erdentriebe,
Malt sich im ewgen Blick, wie vorbestimmt,
Und keiner ist, der ihm verborgen bliebe,
Obwohl er euch die Freiheit nicht benimmt
So wenig, als das Aug ein Schifflein leitet,
Das drin sich spiegelt, wenns stromunter schwimmt.
Wie Orgelharmonie zum Ohre gleitet,
So kann mein Aug im ewgen Blicke sehn,
Welch ein Geschick die Zukunft dir bereitet.
Wie Hippolyt, vertrieben aus Athen
Von der Stiefmutter treulos argen Rnken,
So mut du aus dem Vaterlande gehn.
Dies wollen sie, dies ists, worauf sie denken;
Und wo man Christum frech zu Markte trgt,
Dort wird zur Tat, was nottut, dich zu krnken.
Und dem verletzten Teil folgt, wie er pflegt,
Der Ruf der Schuld--allein die Wahrheit knden
Wird Gottes Rache, die den Argen schlgt.
Du wirst dich allem, was du liebst, entwinden
Und wirst, wenn dies dir bittern Schmerz erweckt,
Darin den ersten Pfeil des Banns empfinden.
Wie fremdes Brot gar scharf versalzen schmeckt,
Wie hart es ist, zu steigen fremde Stiegen,
Wird dann durch die Erfahrung dir entdeckt.
Doch wird so schwer nichts seinen Rcken biegen,
Als die Gesellschaft jener schlechten Schar,
Mit welcher du dem Bann wirst unterliegen.
Ganz toll und ganz verrucht und undankbar
Bekmpft sie dich; doch zeiget bald, zerschlagen,
Ihr Kopf, nicht deiner, wer im Rechte war.
Wie dumm sie ist, das wird ihr Tun besagen;
Und da du fr dich selbst Partei gemacht,
Wird dir erwnschte, schne Frchte tragen.
Die erste Zuflucht in der harten Acht
Wird dir der herrliche Lombard gewhren,
Den heilger Aar und Leiter kenntlich macht.
Zwischen euch wird von Geben und Begehren
Das, was sonst spter kommt, das erste sein,
So sorgsam wird auf dich sein Blick sich kehren.
Dort siehst du ihn, dem dieses Sternes Schein
Bei der Geburt im hellsten Licht entglommen,
Ihm das Geprg zu hoher Tat zu leihn.
Und hat die Welt noch nichts davon vernommen,
So ists, weil eben erst zum neuntenmal
Die Sonn um ihm den Zirkellauf genommen.
Doch glnzt er, ungerhrt durch Gold und Qul,
Bevor sich des Gascogners Tcken zeigen
Bei Heinrichs Zug, in heller Tugend Strahl.
Hochherrlich wird sein Ruhm zum Himmel steigen;
Der Feind selbst kann, obwohl voll Ungeduld
Bei seiner Taten Lob, es nicht verschweigen.
Gewrtig sei denn sein und seiner Huld;
Aus Armen macht er Reich und Arm aus Reichen,
Hebt arme Tugend, strzt die reiche Schuld.
La nicht dies Wort aus dem Gedchtnis weichen,
Doch sage nichts!" Dann sagt er Dinge mir,
Die dem selbst, der sie sah, noch Wundern gleichen.
"Sohn," also sprach er weiter, "siehe hier,
Zu dem, was dir verkndet ward, die Glossen.
Schon droht man aus dem Hinterhalte dir.
Doch nicht beneide deine Landsgenossen,
Denn lang, bevor du sinkst ins dunkle Grab,
Ist dem Verrat gerechte Rach entsprossen."
Hier brach die heilge Seel ihr Reden ab
Und hatte das Gewebe ganz vollendet,
Wozu ich fragend ihr den Aufzug gab.
Und wie man zweifelnd sich an jemand wendet,
Der innig liebt und Rechtes will und sieht,
Nach gutem Rat--so ich, als er geendet:
"Ich sehs, wie rasch heran die Stunde zieht,
Um gegen mich den scharfen Pfeil zu kehren,
Der schwerer trifft, wen die Besinnung flieht.
Drum mu ich wohl mit Vorsicht mich bewehren,
Um fern dem Ort, der, was ich lieb, enthlt,
Nicht durch mein Lied der Zuflucht zu entbehren.
Denn reifend durch die endlos bittre Welt,
Dann auf die Hh, wo mich vom Angesichte
Der Herrin Licht zum hhern Flug erhellt,
Dann durch den Himmel selbst von Licht zu Lichte,
Erfuhr ich, was wohl manchen brennt und beit
Durch tzenden Geschmack, wenn ichs berichte.
Und zagt, der Wahrheit feiger Freund, mein Geist,
Dann, frcht ich, bin ich tot bei jenen allen,
Bei welchen diese Zeit die alte heit."
Und neuen Glanz sah ich dem Licht entwallen,
Das Strahlen, wie ein goldner Spiegel, warf,
Auf den der Sonne Feuerblicke fallen.
"Wer rein nicht sein Gewissen nennen darf,"
Sprach er, "wen eigne Schmach, wen fremde drcket,
Dem schmeckt wohl deine Rede streng und scharf.
Dennoch verknde ganz und unzerstcket
Was du gesehn, von jeder Lge frei
Und la nur den sich kratzen, den es jcket.
Ob schwer dein Werk beim ersten Kosten sei,
Doch Nahrung hinterlts zu krftgerm Leben,
Ist des Gerichts Verdauung erst vorbei.
Dein Laut wird sich, dem Sturme gleich, erheben,
Der hohe Gipfel strker schttelnd fat,
Und dies wird Grund zu grrer Ehre geben.
Drum sind berhmte Seelen alle fast,
Die du im dunkeln, wehevollen Schlunde
Und auf dem Berg und hier gesehen hast.
Denn niemand traut beruhigt einer Kunde,
Verbirgt das Bild, das sie vor Augen stellt,
Die Wurzel tief im unbekannten Grunde,
Und nur was schimmert berzeugt die Welt."


Achtzehnter Gesang

Schon freute sich der selge Geist alleine
An seinem Wort. und ich, mit Sigkeit
Das Bittre migend, geno das meine.
Und jene Frau, zum Hchsten mein Geleit,
Sprach: "Wechsle die Gedanken--denk, ich wohne
Dem nah, der mildert unverdientes Leid."
Ich, hingewandt zum sen Liebestone,
Konnt in den heilgen Augen Liebe schaun,
Die ich nicht sing in dieser niedern Zone.
Denn nicht der Sprache nur mu ich mitraun;
Selbst das Gedchtnis kehrt nicht, ungetragen
Vom Flug der Gnade, zu den selgen Aun.
Ich kann von jenem Augenblick nur sagen:
Ich fhlte jeden Wunsch der Brust entfliehn,
Als ich den Blick zur Herrin aufgeschlagen,
Bis, die nun selbst aus ihrem Auge schien,
Die ewge Luft, vom schnen Angesichte
Im zweiten Anblick Gnge mir verliehn,
Besiegend mich mit eines Lchelns Lichte.
"Nicht mir im Aug allein ist Paradies."
Sie sprachs. "Horch auf! Dorthin die Augen richte!"
Wie Lieb auf Erden wohl sich mir erwies,
Die lchelnd glnzt auf eines Freundes Zgen,
Der seine Seele ganz ihr berlie,
So zeigt in Glanz und wonnigem Vergngen
Des Urahns Geist die liebende Begier,
Mir noch durch einge Reden zu gengen:
"In dieses Baumes fnfter Stufe hier,
Der von dem Gipfel Nahrung zieht und Leben,
Stets reich an Frucht und frischer Bltter Zier,
Sind Selge, die, eh sie emporzuschweben
Der Himmel rief, in eurem Erdental
Durch Ruhm der Muse reichen Stoff gegeben.
Sieh auf die Arme hin am Kreuzesmal,
Und zeigen wird sich jeder, den ich nannte,
Wie in der Wolk ihr schneller Feuerstrahl.
Und sieh, ein Licht, gleich schnellem Blitz, entbrannte,
Beim Namen Josua--so da ich Wort
Und Tat in einem Augenblick erkannte.
Den Makkabus nannt er dann, und dort
War kreisend Feuer glnzend vorgedrungen,
Und Freude trieb den heilgen Kreisel fort.
Als Karl der Groߒ und Roland dann erklungen,
Folgt ich so aufmerksam dem Glanz, als man
Dem Falken folgt, der sich emporgeschwungen.
Wilhelm zog meinen Blick zum Kreuz hinan,
Und Rinoard, bei ihres Namens Klange.
Auch Herzog Gottfried, Robert Guiscard dann.
Drauf mischte sich dem schimmernden Gedrange
Die Seele, die erst sprach, als Meisterin
Sich zeigend in dem himmlischen Gesange.
Ich kehrte mich zur rechten Seite hin,
Um in Beatrix; meine Pflicht zu lesen,
In Wink und Wort der heilgen Fhrerin,
Und sah so rein ihr Aug, ihr ganzes Wesen
So hold, da, was ich hab an Himmelsluft,
Sie bertraf, ja, was sie je gewesen.
Und, wie des guten Wirkens sich bewut,
In grrer Wonne man von Tag zu Tagen
Der Tugend Wachstum merkt in eigner Brust;
So merkt ich jetzt, vom Himmel fortgetragen
In seinem Schwung, gewachsen sei der Kreis,
Sobald ich sah dies schnre Wunder tagen.
Und wie das Rot der Scham, die glhend hei
Gefrbet hat der zarten Jungfrau Wangen,
Bald wieder schwindet vor dem lautern Wei;
So, nach dem roten Licht, das mich umfangen,
Sah ich mich in den Silberglanz entrckt
Des sechsten Sterns, der mich in sich empfangen.
Und in dem Stern des Zeus, den Freude schmckt,
War frohes Liebesfunkeln zu gewahren,
Durch unsrer Sprache Zeichen ausgedrckt.
Wie Vgel, die empor vom Strande fahren,
Gemeinsam neuer Weide froh, sich bald
In runden, bald in langen Haufen scharen;
So flatterten, von Himmelslicht umwallt,
In Sngen Selge hin, im Fluge zeigend
Des D und dann des I und L Gestalt,
Im Sang, erst bald gesenkt, bald wieder steigend,
Und war die Ordnung diesen Zeichen gleich,
Einhaltend in des Fluges Schwung und schweigend.
Kalliope, die du die Geister reich
An Ruhme machst, sie ewig zu erhalten,
Die du erhltst mit ihnen Stadt und Reich,
Erleuchte mich, damit ich die Gestalten
Getreu beschreibe, jetzt mit deinem Strahl;
La deine Kraft in kurzen Reimen walten!--
Vokal und Konsonanten--siebenmal
Fnf warens, die mein Auge dort ergtzten,
Auch merkt ich wohl die Ordnung dieser Zahl.
Diligite iustitiam--So setzten
Erst Haupt und Zeitwort sich; dann sieh sofort:
Qui iudicatis terram--als die letzten.
Und alles blieb beim M im fnften Wort
Geordnet stehn, hiermit das Werk vollbringend.
So stand die Schrift wie Gold in Silber dort.
Ich sah viel andres Licht, sich niederschwingend
Zum Haupt des M, dort still und unbewegt,
Vom Gut, so schien es, das sie anzieht, singend.
Dann, wie wenn man mit Feuerbrnden schlgt,
Draus unzhlbare Funken sprhend flammen,
Woraus die Torheit wahrzusagen pflegt;
So hoben dort sich mehr als tausend Flammen,
Und die stieg mehr, und minder die empor,
Wie sie die Sonne trieb, aus der sie stammen.
Als jed an ihrer Stelle war, verlor
Sich das Gewhl--da trat in Flammenzgen
Der Kopf und Hals von einem Adler vor.
Der dorten malt, wei selbst sich zu gengen;
Er, ungeleitet, lenkt des Knstlers Hand,
Damit der Form sich die Gebilde fgen.
Die selge Schar, die dort zufrieden stand,
Das M bekrnend mit dem Lilienkranze,
Vollendete das Bild jetzt, leicht gewandt.
So sah ich, schner Stern, der Himmel pflanze
In uns die Keime der Gerechtigkeit,
Der Himmel, den du schmckst mit deinem Glanze.
Zum Geist, der Kraft dir und Bewegung leiht,
Fleh ich, nach jenem Rauche hinzuschauen,
Der deinen Strahl verdunkelt und entweiht.
Sein Zorn mach einmal noch dem Volke Grauen,
Das in dem Tempel schachert und verkehrt,
Den er aus Wundern lie und Martern bauen.
Himmelskriegerschar, dort hellverklrt,
Bitte fr die, so noch der Leib umschlossen,
Die schlechtes Beispiel falsche Wege lehrt.
Einst kriegte man mit Schwertern und Geschossen,
Doch jetzt, das Brot wegnehmend dort und hie,
Das unser frommer Vater nie verschlossen.
Du, der du schreibst, um auszustreichen, sie:
Fr jenen Weinberg, welchen du verdorben,
Starb Paul und Petrus, doch noch leben sie.
Du aber denkst: Hab ich nur den erworben,
Der in die Einsamkeit der Wst entrann,
Und der zum Lohn fr einen Tanz gestorben,
Was kmmern Paulus mich und Petrus dann?


Neunzehnter Gesang

Vor mir erschien mit offnem Flgelpaar
Das schne Bild, wo, selig im Vereine,
Der Geister lichter Kranz verflochten war.
Jedweder war wie ein Rubin, vom Scheine
Der Sonne so in Licht und Glut entbrannt,
Als ob sie selbst mir in die Augen Scheine.
Der Schilderung, zu der ich mich gewandt,
Wie kann die Sprache sie, die Feder wagen,
Da Phantasie dergleichen nie erkannt?--
Ich sah den Aar und hrt ihn Worte sagen,
Und in der Stimm erklangen Ich und Mein,
Als Wir und Unser ihm im Sinne lagen:
Er sprach: "Fr frommes und gerechtes Sein
Sollt ich zu dieser Glorie mich erheben,
Die jeden Wunsch uns zeigt als arm und klein.
Und solch Gedchtnis lie ich dort im Leben,
Da es fr rhmlich selbst den Bsen gilt,
Die nicht auf meiner Spur zu wandeln streben."
Wie vielen Kohlen eine Glut entquillt,
So tnte jetzt von vielen Liebesgluten
Ein einzger Ton mir zu aus jenem Bild.
"Ihr ewge Blten des endlosen Guten,"
Begann ich, "die ihr mir als einen jetzt
Lat eure Wohlgerch entgegenfluten,
Ich bitt euch nun, mit eurem Hauch ergetzt
Mich Hungrigen und reicht mir jene Speise,
Mit welcher mich die Erde nie geletzt.
Wohl wei ich, spiegelt sich in anderm Kreise
Des Himmels ab des Herrn Gerechtigkeit,
Da sie sich euch nicht unterm Schleier weise.
Ihr wit, zum Hren bin ich schon bereit,
Auch wit ihr, welch ein Zweifel mich befangen,
Der unbefriedigt ist seit langer Zeit."
Gleichwie ein edler Falk, der Kapp entgangen,
Das Haupt bewegt, sich schn und freudig macht,
Stolz mit den Flgeln schlgt und zeigt Verlangen,
So machte sich des hohen Zeichens pracht,
Das Gottes Gnade laut dem All verkndet,
Mit Sang, wie der nur hrt, der dort erwacht.
Und es begann: "Er, der die Welt gerundet
Und sie begrenzt, hat viel Geheimes drin
Und Offenbares viel darin begrndet;
Doch hat er seine Kraft vom Anbeginn
Nicht vllig ausgeprgt im Weltenaue,
Denn endlos berragts sein hoher Sinn.
Der erste Stolze, welcher hhr als alle
Geschpfe stand, sank drum im frevlen Zwist,
Des Lichts nicht harrend, frh in jhem Falle.
Denn jegliches der kleinern Wesen ist
Zu eng, um jenes Gut darein zu bringen,
Das, endlos, sich nur mit sich selber mit,
Drum kann so weit der Menschenblick nicht dringen,
Er, nur ein Strahl von jenes Geistes Schein,
Der Urstoff ist und Grund von allen Dingen,
Kann nie durch eigne Kraft so mchtig sein,
Um Seinen Ursprung deutlich zu ersehen,
Denn Nebel hllt fr ihn so Tiefes ein;
Drob zu der Urgerechtigkeit das Sphen
Des Menschenblicks sich nur so weit erstreckt,
Als in den Grund des Meers die Augen gelten.
Leicht wird der Grund am Strand vom Aug entdeckt,
Doch nie im Meer, wie sehr sichs mh und be;
Grund ist dort, doch zu tief und drum versteckt.
Nur aus der Heiterkeit, die nimmer trbe,
Kommt Licht--all andres ist nur Dunkelheit,
Ist Schatten oder Gift der Fleischestriebe.
Sieh das Versteck, das die Gerechtigkeit
Dir lang verhehlt, jetzt offen dem Verstande,
Und ruhn wird nun in dir der Zweifel Streit.
Erzeugt wird jemand an des Indus Strande,
So sprachst du, doch wer spricht von Jesus Christ,
Wer liest und schreibt von ihm in jenem Lande?
Wenn er, soweit es die Vernunft ermit,
In Tat und Willen rein und unverdorben
Und ohne Snd in Wort und Leben ist
Und er unglubig, ungetauft gestorben,
Wo ist dann wohl ein Recht, dem er verfllt?
Wo Schuld, da er den Glauben nicht erworben?--
Und wer bist du, der sich so hoch gestellt,
Um, richtend, tausend Meilen weit zu springen,
Da eine Spanne kaum dein Blick enthlt?
Gewi, da die mir nach im Forschen ringen,
War ber euch nicht Gottes heilges Wort,
Zum Zweifel und Erstaunen Grund empfingen.
O Tier aus Erd! Ihrr groben Geister dort!
Der erste Wille, gut von selber, gehet
Nie aus sich selbst, dem hchsten Gute, fort.
Gerecht ist, was mit ihm in Einklang stehet.
Ihn kann nicht anziehn ein erschaffnes Gut,
Das nur aus seiner Strahlenfll entstehet."--
Wie ber ihrem Nest die Strchin tut,
Wenn sie die Brut gespeist, im Kreise schwebend,
Und wie nach ihr hinschaut die satte Brut;
So tat--und so auch ich, das Aug erhebend--
Das heilge Bild, das seine Flgel Schwang,
Den Willen kund der freudgen Scharen gebend,
Indems, im Kreis sich schwingend, also sang:
"So wie du nicht verstehst, was ich verkndet,
So kennt ihr nicht des ewgen Urteils Gang."
Dann, noch im Zeichen, das den Ruhm begrndet
Der Rmer hat, stand still die selge Schar,
Von lichter Glut des Heilgen Geists entzndet.
"In dieses Reich", begann aufs neu der Aar,
"Stieg keiner je, der nicht geglaubt an Christus,
Vor oder nach, als er gekreuzigt war.
Doch siehe, viele rufen: Christus! Christus!
Und stehn ihm ferner einst beim Weltgericht
Als jene, welche nichts gewut von Christus.
Das Strafurteil fr solche Christen Spricht
Der Heid einst aus, wenn sich die Scharen trennen,
Die zu der ewgen Nacht und die zum Licht.
Wie wird ein Perser eure Frsten nennen,
Zeigt ihm sich aufgeschlagen jenes Buch,
In dem er ihre Schmach wird lesen knnen?
Die Tat des Albrecht wird mit hartem Spruch
Er in dem Buch dann eingetragen sehen,
Ob der ihn trifft, des Bhmerreiches Fluch.
Auch Frankreichs Schmerz wird aufgezeichnet stehen,
In den es durch den Mnzverflscher fllt,
Der durch des Ebers Sto wird untergehen.
Dort steht der Stolz, der Durst nach Land und Geld,
Drob Schott und Engellnder tun gleich Tollen,
Und keiner sich in seiner Grenze hlt.
Dort wird die ppigkeit sich zeigen sollen
Des Spaniers und des Bhmen, welcher nie
Die Trefflichkeit gekannt, noch kennen wollen.
Dort, Lahmer von Jerusalem, dort sieh
Mit einem M bezeichnet deine Snden,
Und deine Tugenden mit einem I.
Dort wird sich auch der niedre Geiz verknden
Des, der dort herrschet, wo Anchises ruht
Nach langer Fahrt, bei tnas Feuerschlnden.
Und wie gering er ist an Kraft und Mut,
Das wird die abgekrzte Schrift bezeugen,
Die vieles kund auf engem Raums tut.
Auch wird das schmutzge Tun des Ohms sich zeigen,
Und das des Bruders kund sein berall,
Die mit dem edlen Stamm zwei Kronen beugen.
Auch den von Norweg, den von Portugal
Und den von Rascia wird man unterscheiden,
Der Schuld ist an Venedigs Mnzverfall.
Mg Ungarn fernerhin nicht Unbill leiden!
Navarra, es verteidige getrost
Die Bergesreihn, die es von Frankreich scheiden!
Und Nicosia ist und Famagost,
Vorlufig und als Angeld, sehr mit Fuge,
Wie jeder zugibt, auf ihr Vieh erbost,
Das mit dem andern geht in gleichem Zuge."


Zwanzigster Gesang

Wenn sie, die hell die ganze Welt verklrt,
Von unsrer Hemisphr herabgeschwommen
Und rings der Tag ersterbend sich verzeiht,
Dann zeigt der Himmel, erst von ihr entglommen,
Von ihr allein, viel Sterne rings im Rund,
Die all ihr Licht von einem Licht entnommen.
Dies wars, was jetzt vor meiner Seele stund,
Als unsrer Welt und ihrer Herrscher Zeichen
Stillschweigen lie den benedeiten Mund.
Denn alle Lichter, jene wonnereichen,
Erglnzten mehr im Sang, an dessen Macht
Nicht irdischer Erinnrung Schwingen reichen.
O Lieb, umkleidet mit des Lchelns Pracht,
Wie sah ich Glanz dich in die Funken gieen,
Die heilger Sinn allein dort angefacht!
Dann, als die Edelsteine, die mit sen
Lichtstrahlen hold das sechste Licht erhhn,
Die Engelsglocken wieder schweigen lieen,
Schien mirs, es zeig in murmelndem Getn
Ein Flu, von Fels zu Felsen niederfallend,
Wie reich sein Quell entstand auf Bergeshhn.
Und wie ein Ton, aus reiner Laute schallend,
An ihrem Hals sich formt und wie der Wind
Durchs Mundloch eindringt, die Schalmei durchhallend;
So hatte jener Murmelton geschwind
Sich bis zum Hals des Adlers aufgeschwungen
Und drang, wie aus der Kehle, s und lind
Und ward zur Stimm, und, dort hervorgedrungen,
Ward er gebildet zum erwnschten Wort,
Und wohl behlt mein Herz, was mir erklungen.
"Den Teil in mir, der bei den Adlern dort
Die Sonne sieht und trgt, schau an!" so hoben
Die Wort itzt an und fuhren weiter fort:
"Denn von den Feuern, die mein Bild gewoben,
Stehn, die hier glnzen an des Auges Statt,
In allen Wrden vor den andern oben.
Der, so den Platz des Augenapfels hat,
Des Heilgen Geistes Snger wars und brachte
Die Bundeslade fort von Stadt zu Stadt.
Wie der, der ihn begeistert, seiner achte
Und seines Sangs, das kann er jetzo sehn,
Da er dem Wert gleich die Belohnung machte.
Von fnf, die um mein Aug als Braue stehn,
Sieh nchst dem Schnabel den, der ehmals Weile
Dem Heer gebot auf einer Witwe Flehn.
Wie, wer nicht Christo folgt zu seinem Heile,
Dies teuer bt, das hat er nun erkannt
In dieser Wonn und in dem Gegenteile.
Der Nchst im Kreise, der mein Aug umspannt,
Ist jener, der den Tod auf fnfzehn Jahre
Durch wahre Reue von sich abgewandt.
Jetzt sieht er ein, der Herr, der ewig Wahre,
Bleib ewig wahr, obwohl sein Urteil sich
Auf wrdges Flehn von heut auf morgen spare.
Der nachfolgt, fhrte das Gesetz und mich,
Durch guten Sinn zu schlimmem Tun bewogen,
Nach Griechenland, weil er dem Hirten wich.
Jetzt sieht er, da, vom Guten abgezogen,
Das bel, das in Trmmern euch begrbt,
Ihm dennoch nichts von seiner Wonn entzogen.
Sieh Wilhelm, wo der Bogen abwrts strebt,
Ob dessen Tod des Landes Brger weinen,
Das weint, weil Karl und Friederich gelebt.
Jetzt sieht er, Gott liebt zrtlich, als die Seinen,
Gerechte Frsten, und, in Glanz erhellt,
Lt er dies hier in frohem Blitz erscheinen.
Wer glaubt es in der wahnbefangnen Welt,
Da Ripheus, den Trojaner, hier im Runde
Des fnften Lichtes heilger Glanz enthlt?
Jetzt hat er wohl von Gottes Gnade Kunde
Und siehet mehr, als eurer Welt sich zeigt,
Dringt auch sein Blick nicht bis zum tiefsten Grunde."
Wie in die Luft die kleine Lerche steigt,
Erst singend flattert, aber dann, zufrieden,
Vom letzten sen Ton gesttigt, schweigt;
So schien mir jenes Bild, durch das hienieden
Des Hchsten ewger Wille zu uns spricht,
Der jedem Ding das, was es ist, beschieden.
Und barg ich auch den Zweifel minder dicht,
Als Glas die Farbe, litt er doch mein Schweigen,
Und lngres Harren auf Verkndung nicht.
Er zwang dies Wort, dem Munde zu entsteigen:
"Was sah ich dort!" durch seines Dranges Macht,
Denn Freudenfunkeln sah ich dort sich zeigen.
Im Auge hellre Gluten angefacht,
Sprach drauf der Adler, um mich aufzuregen,
Den Staunen fesselte bei solcher Pracht:
"Ich sah, du glaubest dies, doch nur deswegen,
Weil ichs gesagt, und siehest nicht das Wie?
Wie wir Verborgenes zu glauben pflegen,
Wie man der Sache Namen lernt, doch sie
Nicht kann nach ihrem Wesen unterscheiden,
Wenn nicht ein anderer uns Licht verlieh.
Das Reich der Himmel mu Gewalt erleiden,
Wenn Kraft der Lieb und Hoffnung es bekriegt,
Denn Gottes Wille wird besiegt von beiden;
Nicht wie ein Mensch dem Strkern unterliegt;
Nein, er siegt, denn er will sich ja ergeben.
Drob er, besiegt durch seine Gte, siegt.
Du staunst beim ersten und beim fnften Leben
In meiner Brau und nennst es wunderbar,
Da beide hier in hellem Glanze schweben.
Als Christen, nicht als Heiden, starb dies Paar.
Der glaubt ans Leiden, das schon eingetroffen,
Der zweit an das, das noch zu dulden war.
Der ist vom Hllenschlund, der nimmer offen
Zur Rckkehr war, zum Leib zurckgekehrt,
Und dies verdankt er nur lebendgem Hoffen;
Lebendgem Hoffen, das von Gott begehrt,
Ihn zu befreien aus des Todes Banden,
Damit er lebe, wie das Wort gelehrt.
Und die ruhmwrdge Seele kehrt erstanden
Auf kurze Zeit zum Leib und glaubt an ihn,
Des Allmacht auf ihr Flehn ihr beigestanden.
Und fhlte, glaubend, sich so hell erglhn
In wahrer Liebe, da sie dieser Wonnen
Bei ihrem zweiten Tode wert erschien.
Der zweit, aus Gnade, die so tiefem Bronnen
Entquollen ist, da nie die Kreatur
Die Quell ersphen kann, wo er begonnen,
Weiht all sein Lieben einst dem Rechte nur,
Drum hob ihn Gott empor zu Gnad und Gnaden
Und zeigt ihm knftiger Erlsung Spur.
Er glaubt an sie und schalt sodann, entladen
Des Heidentums, von seinem Stanke frei,
Die, so noch wandelten auf falschen Pfaden.
Anstatt der Taufe standen ihm die drei,
Die du am rechten Rad im Tanz gesehen,
Wohl tausend Jahre vor der Taufe bei.
O Gnadenwahl, wie tief verborgen stehen
Doch deine Wurzeln jenem Blick, der nicht
Vermag den Urgrund vllig zu ersphen!
Kurz sei dein Urteil, Mensch, wie dein Gesicht,
Da wir nicht all die Auserwhlten wissen,
Wir, die wir schaun in Gottes ewges Licht.
Und s ist uns auch das, was wir vermissen,
Da daraus uns das hchste Heil entquillt,
Da dessen, was Gott will, auch wir beflissen."
So reichte jenes gottgeliebte Bild,
Der schwachen Sehkraft Strkung zu bereiten,
Mir Arzeneien, wunders und mild.
Und wie mit lieblichem Geschwirr der Saiten
Die guten Lautner guter Snger Lied
Zu grrer Sigkeit des Sangs begleiten;
So regt, indes der Adler mich beschied,
Der benedeiten Lichter Paar, zusammen,
Wie man die Augen blicken sieht,
Bei seinem Wort die hellen Wonneflammen.


Einundzwanzigster Gesang

Schon heftet ich die Augen aufs Gesicht
Der Herrin wieder, Augen und Gemte,
Und dachte drum an alles andre nicht.
Sie lchelte mir nicht, doch sprach voll Gte:
"Dafern ich lachte, wrde dir geschehn
Wie Semelen, als sie in Staub verglhte.
Wenn meine Schnheit, die, wie du gesehn,
Beim Steigen in dem ewigen Palaste
Sich mehr entflammt, je mehr wir uns erhhn,
Sich deinem Blick nicht migte, sie fate
Dich wie ein Blitz--du wrst von ihr erdrckt,
Zerschmettert, gleich dem blitzgetroffnen Aste.
Wir sind zum Glanz, dem siebenten, entrckt,
Der vom Gebild des Himmelsleun umgeben,
Aus seiner Glut den Strahl herniederzckt.
La itzt den Geist, dem Blicke nach, sich heben;
Und deinen Blick--mach itzt zum Spiegel ihn
Frs Bild, das kund wird dieser Spiegel geben."
Wer wte, wie ihr Blick so selig schien,
Wie er dem meinen ward zur sen Weide,
Als sie gebot, ihn wieder abzuzielen,
Oh, der erkennt auch wohl, mit welcher Freude
Ich dem gehorcht, was sie mir auferlegt,
Denn Wonne hielt das Gleichgewicht dem Leide.
In dem Kristall, das, um die Welt bewegt,
Vom teuren Fhrer, unter dem entweichen
Die Bosheit mute, noch den Namen trgt,
Erblickt ich einer Leiter schimmernd Zeichen,
An Farbe gleich dem Gold, durchglnzt vom Strahl,
Hoch, da zur Hh nicht Menschenblicke reichen.
Und auf den Sprossen stieg in solcher Zahl
Die Schar der selgen Himmelslichter nieder,
Als strm hier alles Licht mit einemmal.
Und wie, nach ihrer Art, die Krhn, wenn wieder
Der Tag beginnt, sich rasch bewegend ziehn.
Um zu erwrmen ihr erstarrt Gefieder,
Und die von dannen ohne Rckkehr fliehn,
Die rckwrts fliegen, andre dann, im Bogen
Dieselbe Stell umkreisend, dort verziehn;
So sah ichs jetzt in jenem Glanze wogen,
Der sich als Strom ergo. Sobald die Flut
Bis zu gewissen Stufen hergezogen.
Und einer glnzte, der, uns nah, geruht,
Drum wollte schon dies Wort der Lipp entsteigen:
"Ich seh es wohl, du zeigst mir Liebesglut."
Doch sie, die mir zum Sprechen und zum Schweigen
Das Wie und Wann bestimmt, sie schwieg, und ich
Tat wohl, nicht fragend meinen Wunsch zu zeigen.
Doch sie erklrte wohl mein Schweigen sich,
In ihm, der alles sieht, mich klar erschauend,
Und sprach: "Still itzt den heien Wunsch und sprichl"
Und ich begann: "Nicht dem Verdienste trauend,
Halt ich von dir mich einer Antwort wert;
Ich frag, auf sie, die mirs gestattet, bauend,
O selges Leben, das du schn verklrt
Dich in der Freude birgst, aus welchem Grunde
Hast du zu mir dich liebevoll gekehrt?
Und sage mir, weswegen diesem Runde
Die Paradiessymphonie gebricht,
Die tiefer dort erklang im frommen Bunde?"
Und er:"Dein Ohr ist schwach, wie dein Gesicht,
Weshalb Beatrix nicht gelacht, deswegen
Ertnt der Sang in diesem Kreise nicht.
Ich kam von heilger Leiter dir entgegen,
Um mit der Red und mit dem Licht, das mir
Zum Kleide dient, dich freudig aufzuregen.
Und nicht aus grrer Liebe bin ich hier;
Nein, mehr und gleiche Liebe glht in ihnen,
Die dorten sind, und Schimmer zeigt sie dir.
Doch hchste Liebe, die uns treibt, zu dienen
Dem ewgen Rat, braucht, wen sie whlt, dabei,
Wie dir in dem, was du gesehn erschienen."
"Ich sehe," sprach ich, "da die Liebe, frei,
An diesem Hof den Schlssen nachzugehen
Der ewgen Vorsehung, gengend sei.
Doch bleibt mir eins noch schwierig zu verstehen:
Warum bist du von allen jenen dort
Schon im voraus zu diesem Amt ersehen?"
Noch war ich nicht gelangt zum letzten Wort,
Da drehte sich, sich um sich selber schwingend,
Das Licht im Kreis gleich einer Mhle fort.
"Da jenes Licht, dem Urquell selbst entspringend,"
Antwortete die Liebe drin, "mir scheint,
Das, welches mich in sich verschliet, durchdringend,
Hebt seine Kraft, mit meinem Schaun vereint,
Mich ber mich, so da in seinem Schimmer
Das Ursein, das ihn ausstrmt, mir erscheint.
Und daher kommt mein freudiges Geflimmer,
Denn wie des Blickes Klarheit sich vermehrt,
Vermehrt sich auch der Flammen Klarheit immer.
Doch der, der sich im reinsten Licht verklrt,
Der Seraph selbst, der Gott am hellsten siebet,
Gengt dir nicht in dem, was du begehrt.
Denn in dem Abgrund ewgen Rats umziehet
Das, was du fragtest, Nacht, die, nie erhellt,
Es jeglichem geschaffnen Blick entziehet.
Verknde dies, zurckgekehrt, der Welt
Und warne sie vor jenem stolzen Streben,
Das so Erhabnes sich zum Ziele stellt.
Der Geist, von Licht hier, dort von Rauch umgeben,
Sucht, wie er kann, zum hchsten Ziel hinauf,
Das er nicht sehn kann, dort den Blick zu heben."
Dies trug das Wort des Seligen mir auf,
Drum lie ich demutsvoll von diesen Fragen
Und fragte nur nach seinem Lebenslauf.
"Zwischen Italiens beiden Ksten ragen
Gebirge, Tuscien nah, so hoch empor,
Da unter ihren Hhn die Wolken jagen.
In ihnen springt ein Bergeshcker vor,
Catria genannt, und drunter liegt die de,
Die Gott zu seinem echten Dienst erkor."
Also begann er seine dritte Rede
Und fuhr dann fort: "Dort strkt ich meine Kraft
Im Dienste so, da ich der Speisen jede
Mit nichts mir wrzt als mit Olivensaft;
Dort hat Beschauung mir in vielen Jahren
Bei Hitz und Frost Zufriedenheit verschafft.
Fruchtbare Felder fr den Himmel waren
Im Klosterbann--jetzt wuchert Unkraut dort,
Und wohl geziemt sichs, dies zu offenbaren.
Pier Damian war ich an jenem Ort.
(Petrus Peccator lebt in Unsrer Lieben
Fraun heilgem Kloster an Ravennas Bord.)
Nur wenig Leben war mir noch geblieben,
Da rief, ja zog man mich zu jenem Hut,
Der jetzt zu Schlimmen reizt und schlimmem Trieben.
Petrus war mager einst und unbeschuht,
Paulus ging so einher in jenen Tagen
Und fand die Kost in jeder Htte gut.
Die neuen Hirten, feist, voll Wohlbehagen,
Sieht man gesttzt, gefhrt und schwerbewegt,
Und hinten lt man gar die Schleppe tragen.
Wenn bers Prachtro sich ihr Mantel schlgt,
Sind zwei Stck Vieh in einer Haut beisammen.
O gttliche Geduld, die viel ertrgt!"--
Hier stiegen von der Leiter viele Flammen
Und kreisten dort, so da sie mehr und mehr
Bei jedem Kreis in schnem Lichte schwammen.
Sie stellten sich um jenen Schimmer her,
Mit einem Rufe von so lautem Schalle,
Da nichts auf Erden tnt so laut und schwer.
Doch nichts verstand ich in dem Donnerhalle.


Zweiundzwanzigster Gesang

Ich kehrte mich, vom Staunen berwunden,
Zu meiner Fhrerin, gleich einem Kind,
Das Hilfe sucht, wos immer sie gefunden.
Sie sprach, der Mutter gleich, die sich geschwind
Zum Knaben kehrt, der atemlos, beklommen
In ihrer Stimme frischen Mut gewinnt:
"Bedenks, dich hat der Himmel aufgenommen,
Wo alles heilig ist, wo heiem Drang
Gerechten Eifers, was geschieht. entglommen.
Wie dich mein Lcheln, wie dich der Gesang
Verwandelt htten, wirst du jetzt verstehen,
Da jener Ruf dich so mit Graus durchdrang.
Verstndest du das drin enthaltne Flehen,
So wre dir die Rache schon erklrt,
Die du noch wirst vor deinem Tode sehen.
Von droben fllt zu frhe nicht das Schwert,
Und nicht zu spt, wies dem scheint, der mit Grauen
Es harrend frchtet oder es begehrt.
Jetzt blicke nur auf andres mit Vertrauen,
Sieh dortenhin; du wirst in groer Zahl
Dort hochberhmte selge Geister chauen."
Ich sah, den Blick gewandt, wie sie befahl,
Wohl hundert Kreise, welche Funken Sprhten,
Verschnert von dem gegenseitgen Strahl.
Wie auch in mir der Sehnsucht Stacheln glhten,
Doch wagt ich keine Frag und hie sie ruhn,
Um vor zu groer Khnheit mich zu hten.
Die grte, hellste Perle nahte nun,
Um jenem Wunsch, den sie in mir ergrndet,
Mit sem Liebeswort genugzutun.
"Wenn du die Liebe shst, die uns entzndet,"
So sprach die Stimme jetzt aus jenem Licht,
"Du httest, was du denkst, mir frei verkndet.
Doch horch, auf da du, harrend, spter nicht
Zum hohen Ziel gelangest, und ich deute
Dir, was zu fragen dir der Mut gebricht.
Des Berges Hh, an dessen Abhang heute
Cassino liegt, war einst Versammlungsort
Fr viel Betrger und betrogne Leute.
Der erste, nannt ich dessen Namen dort,
Der jene Wahrheit, die uns hoch erhoben,
Der Erde bracht in seinem heilgen Wort.
Und solche Gnade glnzt auf mich von oben,
Da ich das Land umher vom Dienst befreit,
Der mit verruchtem Trug die Welt umwoben.
Wer hier glnzt, lebt einst in Beschaulichkeit,
Und keiner lie in sich die Flamm erkalten,
Die Blten treibt und heilge Frucht verleiht.
Sieh des Maccar, des Romuald Lichtgestalten,
Sieh meine Brder, die im Klosterbann
Den Fu gehemmt und fest das Herz gehalten."
"Dein liebevolles Wort", so hob ich an,
"Und diese Freundlichkeit, die es begleitet,
Die ich an jedem Glanz bemerken kann,
Sie haben also mein Vertraun erweitet,
Wie Sonnenschein die Rose, welche sich,
Soweit sie kann, erschlieet und verbreitet.
Und, so vertrauend, Vater, bitt ich dich,
Dich meinen Blicken unverhllt zu zeigen,
Ist solche Gnade nicht zu gro fr mich."
"Wenn so hoch", sprach er, "deine Wnsche steigen,
Beut dir der letzte Kreis Erfllung dar.
Durch sie wird jeder Wunsch, auch meiner, schweigen.
Dort wird vollkommen, reif und ganz und wahr,
Was nur das Herz ersehnt--und dort nur findet
Sich jeder Teil da, wo er ewig war,
Weil jener Kreis sich nicht im Raum befindet;
Doch unsrer Leiter Hh erreichet ihn,
Daher sie also deinem Blicke schwindet.
Als sie dem Jakob einst im Traum erschien,
Sah er die Spitze bis zum Himmel streben
Und drauf die Engel auf und nieder ziehn.
Jetzt mag man nicht den Fu vom Boden heben,
Um sie zu steigen, und bei Schreiberein
Bleibt an der Erde trg mein Orden kleben.
Denn Ruberhhlen sind, was einst Abtein,
Und ihrer Mnche weie Kutten pflegen
Nur Scke, voll von dumpfgem Mehl, zu sein.
Kein Wucher ist so sehr dem Herrn entgegen
Als jene Frucht, auf die die Mnch erpicht,
Drob sie im Herzen solche Torheit hegen.
Das, was die Kirche wahrt, gehrt nach Pflicht
Den Armen nur zur Lindrung der Beschwerden,
Nicht Vettern, noch auch schlechterem Gezcht.
Schwach ist des Menschen Fleisch, so, da auf Erden
Ein guter Urspung nicht gengen kann,
Bis Eichensprossen Eichenbume werden.
Petrus fing ohne Gold und Silber an,
Und ich begann mit Fasten und mit Flehen,
Franz seinen Orden als ein niedrer Mann.
Willst du nach eines jeden Ursprung sphen,
Dann sehn, wie ihn verfhrt der bermut,
So wirst du Schwarzes statt des Weien sehen.
Traun! da sich aufgetrmt des Jordans Flut
Auf Gottes Wink, ist wunderbar zu finden,
Mehr als die Hilfe, die euch ntig tut."
Sprachs, um mit seiner Schar sich zu verbinden;
Zusammen drngte sich die Schar und fuhr
Vereint empor, gleich schnellen Wirbelwinden.
Und ihnen nach, mit einem Winke nur,
Trieb mich die Herrin aufwrts jene Stiegen;
So zwang jetzt ihre Kraft mir die Natur.
Hienieden, wo bald sinkt, was erst gestiegen,
Gibt die Natur nie solche Schnelligkeit,
Da sie vergleichbar ist mit meinem Fliegen.
So wahr ich, Leser, zu der Herrlichkeit
Einst kehren will, fr die ich oft in Zhren
Den Busen Schlag in Reu und tiefem Leid;
Du kannst ins Feur den Finger tun und kehren
So schnell nicht, als ich war im Sterngebild,
Das nach dem Stier durchrollt die Himmelssphren.
O edle Sterne, kraftgeschwngert Bild,
Dem das, was ich an Geist und Witz empfangen,
Seis wenig oder sei es viel, entquillt,
In euch ist auf-, in euch ist untergangen
Die Mutter dessen, was auf Erden lebt,
Als mich zuerst Toskanas Luft umfangen.
Als ich zum hohen Kreis, in dem ihr schwebt,
Gefhrt von reicher Gnad, emporgeflogen,
Da ward zuteil mir, da ich euch erstrebt.
Fromm seufz ich jetzt zu euch, seid mir gewogen!
Wollt Kraft zum schweren Pfade mir verleihn,
Der meine Seele ganz an sich gezogen,
"Zum letzten Heile fhr ich bald dich ein,"
Sie sprachs, die mich zu diesen Hhen brachte,
"Und scharf und klar mu itzt dein Auge sein.
Darum, bevor du tiefer dringst, betrachte
Was unten liegt, und sieh, wie viele Welt
Ich unter deinem Fu schon liegen machte.
Damit dein Herz, soviel es kann, erhellt,
Bereit sei, vor den Siegern zu erscheinen,
Die frhlich sich in diesem Kreis gesellt."
Durch alle sieben Sphren warf ich meinen
Blick nun zurck und sah dies Erdenrund,
So da ich lchelt ob des niedern, kleinen.
Und jener Rat beruht auf gutem Grund,
Denn die dies Rund verschmhn in hherm Streben,
Nur ihnen wird die echte Weisheit kund.
Ich sah in Glut Latonas Tochter schweben,
Von jenem Schatten frei, der mir zum Wahn
Vom Dnnen und vom Dichten Grund gegeben.
Dich, strahlenreicher Sohn Hvperions, sahn
Jetzt meine Blicke fest und ungeblendet,
Und um dich Majas und Diones Bahn.
Dich sah ich, Zeus, der mߒgen Schimmer spendet,
Zwischen Saturn und Mars, auch ward mir klar,
Wie seinen Wechsellauf ein jeder wendet.
Wie gro die sieben sind, ward offenbar,
Wie schnell sie sind, den Weltenraum durchreisend,
Auch stellte mir sich ihre Ferne dar.
Und mit dem ewgen Zwillingspaare kreisend,
Sah ich die Scheibe, die so stolz uns macht,
Mir Land und Meer und Berg und Tler weisend.
Dann kehrt ich mich zu ihrer Augen Pracht.


Dreiundzwanzigster Gesang

Gleichwie der Vogel, der, vom Laub geborgen,
Im Nest bei seinen Jungen s geruht,
Indes die Nacht die Dinge rings verborgen,
Um zu erschauen die geliebte Brut
Und ihr zu bringen die willkommne Speise,
Um die bemht, er selbst sich gtlich tut,
Noch vor der Zeit, sobald am Himmelskreise
Aurora nur erschien, in Lieb entbrannt,
Der Sonn entgegenschaut vom offnen Reife;
So, aufmerksam, das Haupt erhebend, stand
Die Herrin, nach dem Teil der Himmelsauen,
Wo minder eilig Sol sich zeigt, gewandt.
Ich konnte harrend sie und sehnend schauen,
Und war gleich dem, der anderes begehrt,
Doch freudig ist in Hoffnung und Vertrauen.
Und bald ward Schaun fr Hoffen mir gewhrt,
Denn fort und fort sah ich den Glanz sich mehren
Und sah den Himmel mehr und mehr verklrt.
Beatrix sprach: "Sieh in den selgen Heeren
Christi Triumph und sieh geerntet hier
Die ganze Frucht des Rollens dieser Sphren!"
Als reine Glut erschien ihr Antlitz mir,
Als reine Wonn ihr Blick--und nimmer brchten
Die Wort hervor ein wrdig Bild von ihr.
Wie in des Vollmonds ungetrbten Nchten
Luna inmitten ewger Nymphen lacht,
Die das Gewlb des Himmels rings durchflechten;
So ber tausend Leuchten stand in Pracht
Die Sonne, so die Gluten all erzeugte,
Wie unsre mit den Himmelsaugen macht.
Und, glnzend durch lebendgen Schimmer, zeigte
Der Lichtstoff sich, in solcher Herrlichkeit
Mir im Gesicht, da es, besiegt, sich neigte.
O Herrin! teures, himmlisches Geleit!--
Sie sprach zu mir: "Was hier dich berwunden,
Ist Kraft, vor der nichts Hilf und Schutz verleiht.
Hier ists, wo Weisheit sich und Macht verbunden;
Sie machten zwischen Erd und Himmel Bahn,
Nach welcher Sehnsucht lngst die Welt empfunden."
Wie wenn der Wolken Scho sich aufgetan,
Die Feuer sich, sie sprengend, niedersenken
Und gegen ihren Trieb der Erde nahn;
So rang mein Geist, von diesen Himmelstrnken
Gestrkt, vergrert, aus sich selber sich,
Doch, wie ihm ward, wie knnt er des gedenken?
"Sieh auf, und wie ich bin, erschaue mich!
Durch das Erschaute hast du Kraft empfangen,
Und nicht vernichtet mehr mein Lcheln dich."
Ich war, wie einer, dem sein Traum entgangen,"
Und der, vom dunklen Umri nur betrt,
Umsonst sich mht, die Bilder zu erlangen,
Als ich dies Wort, so wert des Danks, gehrt,
Da in dem Buch, das den vergangnen Dingen
Gewidmet ist, es keine Zeit zerstrt.
Und mchten mit mir alle Zungen singen,
Die von der hohen Pierinnen Schar
Die reinste Milch zum Labetrunk empfingen,
Doch stellt ichs nicht zum Tausendteile dar,
Wie hold ihr heilges Lcheln, wie entzndet
In lauterm Glanz ishr heilges Wesen war.
Und so, das Paradieses Lust verkndet,
Mu jetzo springen mein geweiht Gedicht,
Gleich dem, der seinen Weg durchschnitten findet.
Doch wer bedenkt des Gegenstands Gewicht,
Und da es schwache Menschenschultern tragen,
Der schilt mich, wenn ich drunter zittre, nicht.
Durch Wogen, die mein khnes Fahrzeug schlagen,
Darf sich kein Schiffer, scheu vor Not und Mhn,
Darf sich kein kleiner schwanker Nachen wagen.
"Was macht mein Blick dich so in Lieb entglhn,
Um nicht zum schnen Garten hinzusehen,
Wo unter Christi Strahlen Blumen blhn.
Die Rose siehe dort, in ders geschehen,
Da Fleisch das Wort ward--sieh die Lilien dort,
Bei deren Duft wir gute Wege gehen."
Beatrix sprachs,--ich aber, ihrem Wort
Gehorsam stets, erneute, mit den matten
Besiegten Augen doch den Kampf sofort.
Wie ich besonnt oft sah beblmte Matten,
Besonnt vom Strahl aus einer Wolke Spalt,
Indes bedeckt mein Auge war von Schatten;
So sah ich Scharen dort, von Glanz umwallt,
Der, Blitzen gleich, auf sie von oben sprhte,
Doch sah ich nicht den Quell, dem er entwallt.
Du, die du ihn verstrmst, o Kraft voll Gte,
Du bargst dich in den Hhn, so da mein Sinn
Ertragen konnte, was dort strahlend blhte.
Der Name klang der Blumenknigin,
Zu der ich ruf in allen Erdenleiden,
Und zog mich ganz zum grten Feuer hin.
Kaum malte sich in meinen Augen beiden
Die Grߒ und Glut des Sterns, den Strahl und Glanz
Siegreich, wie hier einst, so itzt dort umkleiden,
Da kam, gleich einer Kron, ein Feuerkranz
Vom Himmel her, die Blume zu bekrnen,
Umwand sie auch mit Strahlenkreisen ganz.
Was auch hienieden klingt von sen Tnen,
Von Harmonie, die hold das Herz erweicht,
Scheint wie zerriner Wolke Donnerdrhnen,
Wenn mans mit jener Leier Ton vergleicht,
Der Leier, den Saphir als Krn umgebend,
Der zu des klarsten Himmels Schmuck gereicht.
"Ich bin die Engelslieb, im Kreise schwebend,
Und von der Lust, die uns der Leib gebracht,
Der unser Sehnen aufnahm, Kunde gebend.
Und kreisen werd ich, wenn in hhrer Pracht,
Weil, Herrin, du dem Sohn dich nachgeschwungen,
Bei deinem Nahn die hchste Sphre lacht."
Hier war des Kreises Melodie verklungen.
Maria! tnt es aus dem andern Licht
Mit einem Klang, doch wie von tausend Zungen.
Der Knigsmantel, der die Stern umflicht,
Entglht in lebensvollerm Strahlenbrande
In Gottes Hauch und Strahlenangesicht,
War ber uns mit seinem innern Rande
So weit entfernt, da er noch nicht erschien,
Noch nicht erkennbar war von meinem Stande.
Drum war dem Auge nicht die Kraft verliehn,
Um, als sie sich erhob zu ihrem Sprossen,
Der Flamme, der bekrnten, nachzuziehn.
Und wie das Kindlein, wenns die Milch genossen,
Zur Brust, aus der es trank, die Arme reckt,
Von Liebesglut auch auen bergossen;
So sah ich hier, die Flamm emporgestreckt,
Jedweden Glanz; so ward sein innig Lieben
Zur hohen Jungfrau-Mutter mir entdeckt.
Worauf sie noch mir im Gesichte blieben,
Als ihr Regina coeli!--mir erscholl
Im Sang, des Lust mir keine Zeit vertrieben.
O wie sind dorten doch die Scheuern voll
Von reicher Frucht, die jeder, der hienieden
Gut ausgest, in Lust genieen soll.
Dort lebt bei solchem Schatz in selgem Frieden,
Der weinend ihn erlangt in Babylon
Und sich im Bann vom Erdengut geschieden;
Dort triumphieret unterm hohen Sohn
Der Jungfrau und des Herrn, und mit dem Alten
Und Neuen Bund, so nah dem ewgen Thron,
Er, der die Schlssel solchen Reichs erhalten.


Vierundzwanzigster Gesang

"O auserwhlte Tischgenossenschaft
Beim groen Mahl des Lamms, da solcherweise
Euch speiset, da euchs voll Gnge schafft,
Wenn er, durch Gottes Huld sich an der Speise,
Die eurem Tisch entfllt, vorkostend stillt,
Eh ihn der Tod beschwingt zur letzten Reise
So denkt, wie seine Brust vor Sehnen schwillt;
Netzt ihn mit eurem Tau--auch letzt die Quelle,
Der alles, was er sinnt und denkt, entquillt."
Beatrix sprachs--wie um des Poles Stelle
Sich Sphren drehn, so jene Selgen nun,
Flammend, Kometen gleich, in Glut und Helle.
Wie, wohlgefgt, der Uhren Rder tun--
In voller Eil zu fliegen scheint das letzte,
Das erste scheint, wenn mans beschaut, zu ruhn
Also verschieden in Bewegung setzte
Sich jeder Kreis, drob, wie er sich erwies,
Schnell oder trag, ich seinen Reichtum schtzte.
Und aus dem Kreis, den ich den schnsten pries,
Sah ich ein so beseligt Feuer schweben,
Da es nichts Klareres drin hinterlie.
Um Beatricen Schwang dies heilge Leben
Sich erst dreimal, und Sang entquoll dem Licht,
Den keine Phantasie kann wiedergeben.
Drum springt die Feder hier und schreibt es nicht,
Weil, wo der Phantasie die Kraft benommen,
Sie noch weit mehr dem armen Wort gebricht.
"O heilge Schwester, die du in so frommen
Gebeten flehst, durch deine Liebesglut
Bin ich aus schnerm Kreis herabgekommen!"
Nachdem das heilge Feur im Tanz geruht,
Wandt es den Hauch zur Herrin mit den Worten,
Die mein Gedicht euch kund hier oben tut.
"O ewges Licht des groen Manns, dem dorten"
--Sie sprachs--"der Herr die Schlssel lie, die er
Getragen, zu des Wunderreiches Pforten,
Prf ihn mit eingen Fragen, leicht und schwer,
Wie dirs gefllt, ob jener Glaub ihm eigen,
Durch welchen du gegangen auf dem Meer.
Ob er gut liebt, gut hofft und glaubt--verschweigen
Kann er dirs nicht, denn dort ist dein Gesicht,
Wo abgemalt sich alle Dinge zeigen.
Doch weil man hier durch wahren Glaubens Licht
Zum Brger wird, so wird es Frchte tragen,
Wenn er mit dir zu seinem Preise spricht."
Gleichwie der Bakkalaur, des Meisters Fragen
Erwartend, stillschweigt, denn er rstet sich,
Entscheidung nicht, doch den Beweis zu wagen;
So rstet ich mit jedem Grunde mich,
Indes sie sprach, um schnell und wohlerfahren
Zu reden, wenn der Meister sprche: Sprich!
"Sprich, guter Christ, um dich zu offenbaren:
Was ist der Glaub?"--Ich hob die Stirne schnell
Zum Lichte, dem entweht die Worte waren.
Zur Herrin blickt ich dann, die, froh und hell,
Mir Mut verlieh, die Flut hervorzulassen,
Wie sie entstrmte meinem innern Quell.
"Hat Gnade", fing ich an, "mich zugelassen
Zur Beichte bei der Streiter hohem Hort,
So lasse sie mich klar die Antwort fassen.
Die Wahrheit, Vater," also fuhr ich fort,
"Hab ich in deines Bruders Buch getroffen,
Der Rom bekehrt hat durch sein heilig Wort.
Glaub ist der Stoff des, was wir frhlich hoffen,
Ist der Beweis von dem, was wir nicht sehn.
Und hierin zeigt sich mir sein Wesen offen."
"Wohl richtig denkst du," hrt ichs jetzo wehn,
"Wenn du den Grund erkennst. Darum verknde:
Was mocht er bei Beweis und Stoff verstehn?"
Drauf ich: "Die Dinge, die ich hier ergrnde,
Die ihres Anblicks Wonne mir verleihn,
Sind so versteckt dem Blick im Land der Snde,
Da dorten nur im Glauben ist ihr Sein,
Auf welchen wir die hohe Hoffnung bauen,
Und deshalb ist er auch ihr Stoff allein.
Auch mu dann, ohn auf anderes zu schauen,
Vom Glauben aus nur folgern der Verstand;
Drum mu man ihm auch als Beweise trauen."
Ich hrte drauf: "Wrd alles so erkannt,
Was dort auf Erden die Gelehrten lehren,
So wre der Sophisten Witz verbannt."
Den Hauch lie jene Liebesglut mich hren
Und fuhr dann fort: "Frwahr, ich sehe dich
Die Mnz als echt in Schrot und Korn bewhren.
Allein hast du sie auch im Beutel? Sprich!"
Und ich drauf: "Ja, so hell und so gerundet,
Da beim Geprg nie Zweifel mich beschlich."
Da sprach es aus dem Licht, dort hellentzndet:
"Wie ward dies teure Kleinod dein, dies Gut,
Auf welches sich jedwede Tugend grndet?"
Und ich: "Des Heilgen Geistes Regenflut,
Die sich so reich aufs Pergament ergossen,
Das kund den Alten Bund und Neuen tut,
Sie ist der Grund, aus dem ich es geschlossen
So scharf, da anderer Beweis und Grund
Mir stumpf erscheint wie Tand und leere Possen." .
Ich hrte drauf: "Der Alt und Neue Bund,
Durch den dein Geist, so folgernd, dieses dachte.
Wie wurden sie als Gottes Wort dir kund?"
Und ich: "Das, was mir klar die Wahrheit machte,
Die Werke sinds, von der Art, da Natur
Sie nie hervor in ihrer Werkstatt brachte."
Drauf klangs: "Wo aber ist die klare Spur,
Da sie geschehn? Dies wre zu bewhren,
Das niemand dir bezeugt mit sicherm schmt."--
"Da ohne Wunder sich zu Christi Lehren
Die Welt bekehrt--dies Wunder schon bezeugt
Die Wahrheit sichrer, als wenns hundert waren.
Denn du betratest arm und tiefgebeugt
Das Feld, den guten Samen dreinzubringen,
Der einst die Reb und jetzt den Dorn erzeugt."
Ich sprachs und hrte durch die Sphren klingen
Der Selgen Lied: Herr Gott, dich loben wir!
In Melodien, wie sie nur jene singen.
Und jener Herr, der Zweig um Zweig mit mir
Emporklomm und mich prfend also fhrte,
Da ich erreicht des Gipfels Hhe schier,
Sprach weiter: "Wie dein Herz die Gnade rhrte,
Erschlo sie dir den Mund auch wundersam,
Drum ffnet er sich jetzt, wie sichs gebhrte;
Drum billigt ich, was ich aus ihm vernahm.
Doch was du glaubst, das sollst du jetzt bekunden,
Und auch woher dir dieser Glaube kam."--
"O Heilger," sprach ich, "der du hier gefunden,
Was du so fest geglaubt, da du den Fu
Des Jngern einst am Grabmal berwunden,
In meinem Wort soll, dies ist dein Beschlu,
Auch meines Glaubens Form dir klar erscheinen,
So auch, warum ich also glauben mu.
So hr: Ich glaub an Gott, den Ewgen, Einen,
Der, unbewegt, des Himmels All bewegt,
Durch Lieb und Trieb zu ihm, dem Ewigreinen.
Und nicht Vernunft nur und Natur erregt
Den Glauben mir und gibt mir die Beweise;
Die Offenbarung auch, so dargelegt
Moses, Propheten, Davids Sangesweise,
Das Evangelium, und was ihr, vom Schein
Des Geists erleuchtet, schriebt zu Gottes Preise.
Ich glaub an drei Personen, eins in drein,
Dreifach in einem Wesen, einem Leben,
Und Ist und Sind gestattet ihr Verein.
Von dieser Gotteseigenschaft, die eben
Mein Wort berhrt, hat meinem innern Sinn
Das Evangelium das Geprg gegeben,
Dies ist der Funke, dies der Glut Beginn,
Die dann lebendig in mir aufgestiegen,
Der Stern, von welchem ich erleuchtet bin."
So wie der Herr, erst horchend mit Vergngen,
pur gute Nachricht in der Freude Drang,
Zuletzt den Knecht umarmt, wenn er geschwiegen;
Also das Licht, das dreimal mich umschlang,
Als ich geendet, was es mir befohlen,
Mich segnend mit dem himmlischen Gesang--
So hatte, was ich sprach, mich ihm empfohlen.


Fnfundzwanzigster Gesang

Zwng einst dies heilge Lied, zu dem die Erde,
Zu dem der Himmel mir den Stoff gereicht,
Durch das auf lang ich bla und mager werde,
Die Grausamkeit, die mich von dort verscheucht,
Wo ich, ein Lamm, geruht in schner Hrde,
Jedwedem Wolfe feind, der sie umschleicht,
Mit anderm Ton und Haar, als Dichter, wrde
Ich kehren und am Taufquell dort empfahn
Im Lorbeerkranz des Dichters hchste Wrde.
Denn dort betrat ich jenes Glaubens Bahn,
Durch welchen Gott bekannt die Seelen werden,
Fr den mit Petri Licht die Stirn umfahn.
Da naht ein Licht aus der der selgen Herden,
Aus der der Erste derer vorgewallt,
Die Christ als Stellvertreter lie auf Erden.
Beatrix sprach, umstrahlt die Lichtgestalt
Von neuer Lust: "Sieh ihn, sich zu uns neigend,
Den Herrn, fr den man nach Galizien wallt."
Wie wenn die Taub, aus hohen Lften steigend,
Zur Taube fliegt, wie sich das Paar umkreist,
Und frhlich girrt, die heie Liebe zeigend;
So wars, wie jetzo der und jener Geist
Der hohen Frsten freudig sich empfingen,
Lobend die Kost, die man dort oben speist.
Dann standen nach dem Freudentanz und Singen
Die beiden Lichter schweigend vor mir dort,
So feurig, da die Augen mir vergingen.
Und selig lchelnd fuhr Beatrix fort:
"Der du geschrieben hast, erlauchtes Leben,
Was gut sei, komm allein von diesem Ort,
O la dein Wort die Hoffnung hier erheben;
Du stellst ja, wie du weit, so oft sie vor,
Als Jesus sich den dreien kundgegeben."--
"Du, fasse Mut--das Antlitz heb emprt
An unserm Strahl mu reisen der Beglckte,
Der von der Erde kommt zum selgen Chor."
Als so das zweite Feuer mich erquickte,
Hob ich die Augen zu den Bergen auf,
Vor deren Last ich erst das Antlitz bckte.
"Lt unsers Kaisers Gnade deinen Lauf,
Bevor du stirbst, zu seinem Hofe gehen,
Fhrt er zu seinen Grafen dich herauf,
Um, wenn du das Geheimste hier gesehen,
Die Hoffnung, die euch dort im Herzen blht
In dir und andern heller anzuwehen,
So sage, was sie ist? Ob im Gemt
Sie dir entkeimt? Woher du sie entnommen?"
Das zweite Feuer sprachs, in Licht entglht.
Und sie, durch die in mir die Kraft entglommen
Zum hohen Flug, war mit der Antwort schon
In diesen Worten mir zuvorgekommen:
"Die Kirche, die da kmpft, hat keinen Sohn
Von strkrer Hoffnung--also zeigts geschrieben
Die Sonn auf unsres Freudenreiches Thron.
Drum aus gypten, nach des Herrn Belieben,
Kommt er nach Zion, wo das Licht ihm tagt,
Eh ihn des Kampfes Ende vorgeschrieben.
Zwei andre Punkt, um die du ihn befragt,
Nicht um zu wissen, nein, damit er sage,
Wie diese Tugend hier noch dir behagt,
Lass ich ihm selbst; denn nicht, wie jene Frage,
Sind sie ihm schwer, nicht Reiz zur Prahlerei;
Und helf ihm Gott, da er sie wrdig trage."
Dem Schler gleich, der seinem Meister frei
Entgegenkommt und freudig und besonnen,
Da, was er wei, kund in der Antwort sei,
Sprach ich: "Die Hoffnung ist der knftgen Wonnen
Erwartung und gewisse Zuversicht,
Durch Gnad und frheres Verdienst gewonnen.
Von vielen Sternen kam mir dieses Licht;
Der hchste Snger macht es mir entbrennen,
Der im Gesang vom hchsten Horte spricht.
Oh alle die, so deinen Namen nennen,
Hoffen auf dich--so sang der Gottesmann--
Und wer, der glaubt, wie ich, sollt ihn nicht kennen.
Du trufeltest mir feine Tropfen dann
Ins Herz durch deinen Brief, mit solchem Segen,
Da ich die Flut auf andre gieen kann."
Indem ich sprach, sah ichs im Licht sich regen,
Und, wie ein Blitz, schnell und von Glanz umsprht,
Mit zitterndem Gefunkel sich bewegen.
"Die Liebe," weht es, "die mich noch durchglht
Fr jene Tugend, welche mir durchs Grauen
Des Kampfs gefolgt, bis mir die Palm erblht,
Heit mich durch sie dich letzen und erbauen,
Und gern vernehm ich dieses noch von dir:
Auf was heit deine Hoffnung dich vertrauen?"--
"Die alt und neuen Schriften zeigen mir",
Sprach ich, "das Ziel, das denen Gott bescheidet,
Die er geliebt, und dieses seh ich hier.
Jesajas zeigt vom Doppelkleid bekleidet,
Sie all in ihrem Land--und dieses Land,
Das se Leben ists, das hier euch weidet.
In denen, so, die Palmen in der Hand,
In weien Kleidern vor dem Lamme stehen,
Machts klarer noch dein Bruder mir bekannt."--
Als ich geendet, tnt es aus den Hhen:
Ihr Hoffen sei auf dich!--und aus dem Tanz
Der Selgen hrt ich die Erwidrung wehen.
Dann zwischen beiden drin entglht ein Glanz,
So hell, da, wr dem Krebs ein solcher eigen,
Es wrd ein Wintermond zum Tage ganz.
Wie froh aufsteht und geht und in den Reigen
Die Jungfrau tritt, aus eitelm Triebe nicht,
Nur dem Verlobten Ehre zu erzeigen;
So schwebte zu den zwein das neue Licht,
Die ich so eilig in lebendgem Kreise
Sich schwingen sah, wies heier Lieb entspricht.
Einstimmt es zu dem Lied und zu der Weise;
Und, gleich der Braut, sah sie die Herrin an,
Stillschweigend, unbewegt bei solchem Preise.
"Er ruht am Busen unsers Pelikan;
Ihn hat der Herr zur groen Pflicht erlesen,
Als er den Martertod am Kreuz empfahn."
Sie sprachs; ihr Blick war, wie er erst gewesen;
Nicht mehr Aufmerksamkeit war jetzt darin
Als erst, bevor sie dies gesagt, zu lesen.
Wie der, der nach dem Sonnenrande hin,
Der sich verfinstern soll, die Blicke sendet
Und, um zu sehn, verliert des Auges Sinn;
So stand ich, zu dem letzten Glanz gewendet.
Da klang es: "Was nicht ist an diesem Ort,
Was suchst dus hier und stehst drum hier geblendet?
Mein Leib ist jetzt noch Erd auf Erden dort,
Und bleibts mit andern, bis die selgen Scharen
Die Zahl erreicht, gesetzt vom ewgen Wort.
Zum Himmel sind zwei Lichter nur gefahren,
Bekleidet mit dem doppelten Gewand:
Und dieses la einst deine Welt erfahren."
Als dieses Wort gesprochen war, da stand
Der Kreis der Flammen still, samt dem Gesange,
Zu welchem sich dreifaches Wehn verband,
Gleichwie nach Mhn und schwerem Wogendrange,
Die Ruder, so die Flut durchwhlt, zugleich
Allsmtlich ruhn bei einer Pfeife Klange,
Ach, wie ward ich vor Angst und Sorge bleich,
Als ich mich nun zu Beatricen kehrte,
Und, zwar ihr nah und im beglckten Reich,
Doch sie nicht sah, die ich zu sehn begehrte.


Sechsundzwanzigster Gesang

Ob des erloschnen Augenlichts voll Gram,
Hrt ich ein Wehn aus jener Flamme kommen,
Die mirs verlscht, und horcht ihm aufmerksam.
Es sagte: "Bis das Licht, das dir verglommen
In meinem Schimmer ist, dir wiederkehrt,
Wird sprechen zum Ersatz des Schauens frommen.
Drum sprich: Was ist es, das dein Herz begehrt?
Und mge deinen Mut der Trost erheben:
Dein Aug ist nur verwirrt und nicht zerstrt.
Denn sie, die dich gefhrt ins hhre Leben,
Hat jene Kraft im Blicke, die der Hand
Des Ananias unser Herr gegeben."--
"Sie helfe dann, wann sies fr gut erkannt,"
Sprach ich, "den Augen, die ihr Pforten waren,
Als sie, einziehend, ewig mich entbrannt.
Das Gut, das froh macht dieses Reiches Scharen,
Das A und O der Schriften ists, die hier
Mir Lieb andeuten, dort sie offenbaren."
Dieselbe Stimm erklang--wie sich an ihr
Mein Mut, als ich mich blind fand, aufgerichtet,
Gebot sie jetzo weitres Sprechen mir.
"Durch engres Sieb sei, was du meinst, gesichtet,
Und klarer sei von dir noch dargelegt,
Was dein Gescho auf solches Ziel gerichtet?"--
"Durch das, was Weltweisheit zu lehren pflegt,"
Versetzt ich, "und durch Himmelsoffenbarung
Ward solche Liebe mir ins Herz geprgt.
Je mehr ein Gut, soweit es die Erfahrung
Uns kennen lehrt, der Gt in sich enthlt,
Je strker gibts der Liebesflamme Nahrung.
Das Wesen drum. So gut, da, was der Welt
Sich auer ihm noch als ein Gut verkndet,
Ein Strahl nur ist, der seinem Licht entfllt,
Dies ist es, das die hchste Lieb entzndet.
Und wohl erkennt es liebend jeder Geist,
Der jene Wahrheit kennt, die dies begrndet;
Und jener ists, ders der Vernunft beweist,
Der die fr alle Gttlichen entglhte
Erhabne Liebesbrunst die erste heit.
Er selbst erweckte sie mir im Gemte,
Der einst zu Moses sprach, der wahre Hort:
Dein Angesicht schau alle meine Gte.
Du prgst sie ein, dein hohes Heroldswort
Beginnend vom Geheimnis dieser Sphren.
Lauter als andres tnts auf Erden fort:"
Da sprachs: "Nach menschlichen Verstandes Lehren
Und hherm Wort, das beistimmt dem Verstand,
Mu sich zu Gott dein hchstes Lieben kehren.
Doch fhlst du nicht noch manches andre Band
Zu ihm dich ziehn? Du sollst mir jedes nennen,
Mit welchem diese Liebe dich umwand."
Nicht war der heilge Wille zu verkennen
Des Adlers Christi, ja, ich sah, wohin
Er mich gelenkt zum weiteren Bekennen.
Und wieder sprach ich: "Was nur Herz und Sinn
Hinlenkt zu Gott, erzeugt hats im Vereine
Die Lieb, in welcher ich entzndet bin.
Denn durch des Weltalls Dasein und das meine
Und durch den Tod des, der mich leben macht,
Durch das, was hofft die glubige Gemeine,
Und die Erkenntnis, deren ich gedacht,
Bin ich dem Meer der falschen Lieb entgangen
Und an der echten Liebe Strand gebracht.
Die Bltter, die im ganzen Garten prangen
Des ewgen Grtners, lieb ich auch, je mehr
Des Guten sie aus seiner Hand empfangen."
Ich schwieg--und durch die Himmel, s und hehr,
Hrt ich der Herrin sang und aller klingen,
Erschallend: Heilig, heilig, heilig er!--
Und, wie wir uns dem schweren Schlaf entringen
Beim scharfen Licht, das unsre Sehkraft weckt,
Wenn uns von Haut zu Haut die Strahlen dringen,
Und, was er sieht, den jh Erwachten schreckt,
Der sich noch nicht besinnt, vom Schlafe trunken,
Bis der Verstand die Wahrheit ihm entdeckt;
So war die Decke meinem Aug entsunken
Vor Beatricens Strahlenangesicht,
Auf tausend Meilen streuend Glanzesfunken.
Drum sah ich klar, wie vorhin nimmer nicht,
Und fragte staunend noch und kaum besonnen,
Nach einem vierten uns gesellten Licht.
"Aus diesen Strahlen schaut in Liebeswonnen",
Sprach sie, "zum Schpfer hin der erste Geist,
Des Dasein durch die erste Kraft begonnen."
Gleichwie der Baum, an dem der Sturmwind reit,
Den Gipfel beugt, dann, wenn der Sturm vergangen,
Sich wieder hebt, wie innre Kraft ihn heit;
So tat jetzt ich, der, als sie sprach, befangen,
Erstaunt, gebckt, jetzt in die Hhe fuhr,
Denn mich erhob nun Sprechlust und Verlangen.
Ich sprach: "O Frucht, die als die einzge nur
Schon reif entstand, o alter Vater, sage
Du dem, was Weib heit, Tochter ist und Schnur,
Sag an, was ich dich fromm zu bitten wage.
Du siehst ja, welch ein Sehnen mich bewegt,
Und schneller hr ich, wenn ich dich nicht frage."
Wie ein bedecktes Tier sich rckt und regt
Und so die Neigung zeigt, dem nachzurennen,
Der um dasselbe die Verhllung legt;
So lie durch ihre Hlle jetzt erkennen
Die erste Seele, wie so froh sie war,
Mir das, was ich gebeten, tun zu knnen.
"Dein Sehnen", weht es, "nehm ich besser wahr,
Magst dus auch nicht bekennen und gestehen,
Als du, was noch so sicher ist und klar.
Im wahren Spiegel kann ich es ersphen,
Der jedes Dinges Bildnis in sich fat,
Doch seines lt in keinem Dinge sehen.
Du fragst: Wieviel der Zeitraum wohl umfat,
Seit Gott mich in den hohen Garten setzte,
Aus dem du dich mit ihr erhoben hast?
Wie lange mir sein Reiz die Augen letzte?
Was eigentlich den groen Zorn erweckt?
Und welche Sprach ich mir zusammensetzte?
Mein Sohn, nicht da ich jene Frucht geschmeckt,
War Grund des Zorns an sich--da ich entronnen
Den Schranken war, die mir der Herr gesteckt.
Mich hat viertausend und dreihundert Sonnen
Und zwei, im Hllenvorhof sonder Qual
Sehnsucht erfllt nach diesen Himmelswonnen.
Auch sah ich, da neunhundertdreiigmal
Zu jedem Sterngebild die Sonne kehrte,
Indes ich lebt in eurem Erdental.
Die Sprache, die ich einst gesprochen, hrte
Schon vor dem Bau auf, der, wie schwach die Kraft
Des Menschen sei, das Volk des Nimrod lehrte.
Denn was nur irgend die Vernunft erschafft,
Ist, weil die Neigung nach der Sterne Walten
Zu wechseln pflegt, nur wenig dauerhaft.
Die Sprache habt ihr von Natur erhalten,
Allein so oder so--euch lt hierin
Sodann Natur nach Gutbednken schalten.
Eh ich zur Hlle sank, im Anbeginn
Hie El das hchste Gut, an dem entglommen
Der Glanz, mit welchem ich umkleidet bin.
Den Namen Eli hat man drauf vernommen,
Weil Menschenbrauch sich gleich den Blttern zeigt,
Von welchen jene gehn, wenn diese kommen.
Auf jenem Berge, der am hchsten steigt,
Hab ich, rein und befleckt, mich sieben Stunden
Von frh, bis wieder sich die Sonne neigt,
Wenn sie im zweiten Vierteil steht, befunden."


Siebenundzwanzigster Gesang

Dem Vater, Sohn und Heilgen Geiste fang
Das ganze Paradies; ihm jubelt alles,
So da ich trunken ward vom sen Klang.
Ein Lcheln schien zu sein des Weltenalles,
Das, was ich sah, drum zog die Trunkenheit
Durch Aug und Ohr im Reiz des Blicks und Schalles.
O Lust! O unnennbare Seligkeit!
O friedenreiches, lieberflltes Leben!
O sichrer Reichtum sonder Wunsch und Neid!
Ich sah vor mir die Feuer glhend Schweben,
Und das der vier, das erst gekommen war,
Sah ich in hherm Glanze sich beleben.
Und also stellt es sich den Blicken dar,
Wie Jupiter, nahm man an seinen Gluten
Das hohe Rot des Marsgestirnes wahr.
Und jetzt gebot der Wink des ewig Guten,
Des Vorsicht dort verteilet Pflicht und Amt,
Da aller Selgen Wonnechre ruhten.
Da hrt ich: "Siehst du hher mich entflammt,
So staune nicht--bei meinen Worten werden
Sich diese hier entflammen allesamt.
Der meines Stuhls sich anmat dort auf Erden,
Des Stuhls, des Stuhls, auf dem kein Hirt itzt wacht,
Vor Christi Blick, zum Schutze seiner Herden,
Hat meine Grabstatt zur Kloak gemacht
Von Blut und Stank, drob der zu ewgen Qualen
Einst von hier oben fiel, dort unten lacht."
Wie frh und abends sich die Wolken malen,
Die grad der Sonne gegenberstehn,
So sah ich jetzt den ganzen Himmel stralhlen.
Wie wir ein ehrbar Weib sich wandeln sehn,
Das, sicher seiner selbst, nichts zu verschulden,
Nur hrend, schchtern wird durch fremd Vergehn;
So meiner Herrin Angesicht voll Hulden;
Und so verfinstert, glaub ich, wie sie dort,
War einst der Himmel bei der Allmacht Dulden.
Er aber fuhr in seiner Rede fort,
Und wie verwandelt erst der heitre Schimmer,
So war verwandelt jetzt das heilge Wort.
"Die Braut des Herrn hat zu dem Zwecke nimmer
Mein Blut, des Lin und Cletus Blut, genhrt,
Da man durch sie erwerbe Gold und Flimmer,
Nein, dieses frohe Sein, das ewig whrt;
Dem hat des Sirt und Pius Blut gegolten,
Dies hat Calixt, dies hat Urban begehrt.
Das wars nicht, was wir von den Folgern wollten,
Da sie um sich das Christenvolk getrennt
Zur Rechten und zur Linken setzen sollten.
Nicht sollten jene Schlssel, mir vergnnt,
Als Kriegeszeichen in den Fahnen stehen,
Woran man der Getauften Feind erkennt.
Nicht sollte man mein Bild auf Siegeln sehen,
Erkauftem Lgenfreibrief beigedrckt,
Drob ich errt und glh in diesen Hhen.
Jetzt sieht man, mit dem Hirtenkleid geschmckt,
Raubgierge Wlfe dort die Herden hten.
O Gott, was ruht dein Schwert noch ungezckt!
Und Caorsiner und Gascogner brten
Schon Tcken aus, voll Gier nach meinem Blut.
Schnde, schlechte Frucht von schnen Blten!
Allein die Vorsicht, die durch Scipios Mut
Den Ruhm der Welt beschtzt in Romas Siegen,
Bald hilft sie, wie mir kund mein Spiegel tut.
Du, Sohn, wenn du zur Erd hinabgestiegen,
Erschleu den Mund und sprich, wie sichs gebhrt,
Und nicht verschweige, was ich nicht verschwiegen."
Wie, wenn der Wolken feuchter Dunst gefriert,
Durch unsre Luft die Flocken niederfallen,
Zur Zeit, da Sol des Steinbocks Horn berhrt;
So, aufwrts, sah ich an des thers Hallen
Mit jenem Licht, das eben zu mir sprach,
Der andern Schar, wie Schimmerflocken, wallen.
Mein Auge folgte diesem Anblick nach,
Bis sie so weit im Raum emporgeflogen,
Da er den Pfad des Blickes unterbrach.
Da sprach die Herrin, die mich abgezogen
Von oben sah: "Jetzt schau hinab--hab acht,
Wie weit du fortzogst mit des Himmels Bogen."
Vom ersten Rckblick an, des ich gedacht,
Hatt ich den Weg der Hlft im halben Kreise
Von seiner Mitte bis zum Rand gemacht.
Von Kadix jenseits lag das Furt zur Reise
Uly, des Toren--diesseits nah der Strand,
Dem Zeus entrann, beschwert mit sem Preise.
Noch mehr von unserm Ball htt ich erkannt,
Doch unten war die Sonne vorgegangen,
Der fern um mehr noch als ein Zeichen stand.
Mein liebend Herz, das immer mit Verlangen
Der Herrin schlug, war mehr als je entglht,
Ihr wieder mit den Augen anzuhangen.
Was jemals der Natur und Kunst entblht
An Leib und Bild, dem Aug als Reiz zu dienen
Und durch den Blick zu fesseln das Gemt,
Vereint war alles dies als nichts erschienen
Bei jener Gtterlust, die mich beglckt,
Als ich hinschaut ins Lcheln ihrer Mienen.
Und durch die Kraft, die aus dem Blicke zckt,
Hatt ich dem Nest der Leda mich entrungen
Und war zum schnellsten Himmelskreis entrckt.
Ich wei, da er von Lebensglanz durchdrungen
Gleichfrmig war, nicht, wo mit mir in ihn,
Nach ihrer Wahl, die Herrin eingedrungen.
Doch sie, der klar mein Herzenswunsch erschien,
Begann jetzt lchelnd in so selgen Wonnen,
Da Gott in ihrem Blick zu lcheln schien:
"Sieh hier des Zirkellaufs Natur begonnen,
Durch die der Mittelpunkt in Ruhe weilt,
Und alles rings umher den Flug gewonnen.
In diesem Himmel, der am schnellsten eilt,
Wohnt Gottes Geist nur, der die Lieb entzndet,
Die ihn bewegt--die Kraft, die er verteilt.
Ein Kreis von Licht und Liebesglut umwindet
Ihn, wie die andern er; allein verstehn
Kann diesen Kreis nur er, der ihn gerundet.
Nichts lt das Ma von seinem Lauf uns sehn;
Nach ihm nur mit sich der der andern Sphren,
Wie man nach Hlft und Fnfteil mit die Zehn.
Wie sich in diesem Kreis die Wurzeln nhren
Der Zeit, wie ihr Gezweig zu ndern strebt,
Das kannst du jetzt dir selber leicht erklren.
Gier, die tief die Sterblichen begrbt
In ihrem Schlund, so kraftlos fortgerissen,
Da sich kein Blick aus deinem Wirbel hebt!
Wohl blht des Menschen Will, allein in Gssen
Strmt Regen drauf, der unaufhrlich rinnt,
Drob echte Pflaumen Butten werden mssen.
Unschuld und Treue trifft man nur im Kind,
Doch sie entweichen von den Kindern allen,
Bevor mit Flaum bedeckt die Wangen sind.
Die fasten noch beim ersten Kinderlallen,
Die, mit gelsten Zungen, gierig dann
In jedem Mond auf jede Speise fallen.
Der liebt die Mutter noch und hrt sie an,
Solang er lallt, der ihren Tod im Herzen
Bei voller Sprache kaum erwarten kann.
Drum mu, erst wei, das Angesicht sich schwrzen
Der schnen Tochter des, der, kommend, bringt
Und, gehend, mit sich nimmt des Tages Kerzen.
Du denke, wenn dich dies zum Staunen zwingt,
Da dort kein Herrscher ist, um euch zu leiten,
Drob das Geschlecht, verirrt, mit Jammer ringt,
Doch eh der Jnner fllt in Frhlingszeiten
Durch das von euch vergene Hundertteil,
Wird dieser Kreise Lauf Gebrll verbreiten,
Da das Geschick, erharrt zu eurem Heil,
Damits auf graden Lauf die Flotte richte,
Den Spiegel dreht, wo jetzt das Vorderteil,
Und auf die Blten folgen echte Frchte."


Achtundzwanzigster Gesang

Nachdem sie tadelnd mir das jetzge Leben
Der armen Menschen wahrhaft kundgemacht,
Sie, welche mir das Paradies gegeben,
Da, dem gleich, der im Spiegelglas bei Nacht
Der Fackel Schein sieht hinter sich entglommen,
Bevor er sie gesehn und dran gedacht,
Und rckblickt, ob das, was er wahrgenommen,
Auch wirklich sei, und sieht, da Glas und Tat
So berein, wie Ton und Tonma, kommen;
War ich, und seinem Tun gleich, was ich tat,
Als ich ins Auge sah, woraus die Schlingen,
Um mich zu sahn, die Lieb entnommen hat.
Ich sah itzt das mir in die Augen dringen,
Als ich die Blicke suchend rckwrts warf,
Was die ersphn, die diesen Kreis erringen.
Mir strahlt ein Punkt, so glanzentglht und scharf,
Da nie ein Auge, das er mit dem hellen
Glutschein bestrahlt, ihm offen trotzen darf.
Lie sich zu ihm das kleinste Sternlein stellen,
Ein Mond erschien es, knnt es seinem Licht
So nah wie Stern dem Stern sich beigesellen.
So weit, als Sonn und Mond ein Hof umflicht,
Vom eignen Glanz der beiden Stern entsprungen,
Wenn sich in dichtem Dunst ihr Schimmer bricht,
War um den Punkt ein Kreis, so schnell geschwungen
In reger Glut, da er auch berwand
Den schnellsten Kreis, der rings die Welt umschlungen.
Und dieser war vom zweiten rings umspannt,
Um den der dritte dann, der vierte wallten,
Die dann der fnfte, dann der sechst umwand.
Drauf sah man sich den siebenten gestalten,
So weit, da Iris halber Kreis, auch ganz,
Doch viel zu enge war, ihn zu enthalten.
Dann wand der achte sich, der neunte Kranz,
Je trger jeder Kreis im Schwung, je weiter
Er ferne stand von jenem einen Glanz.
Mehr ist des Kreises Flamme rein und heiter,
Je minder fern er ist von seiner Spur,
Und in der reinen Glut je eingeweihter.
Sie, die, mich sehend, meinen Wunsch erfuhr,
Sprach ungefragt: "Von diesem Punkte hangen
Die Himmel ab, die smtliche Natur.
Sieh jenen Kreis, der ihn zunchst umfangen;
Das, was ihn treibt, da er so eilig fliegt,
Es ist der heilgen Liebe Glutverlangen."
Und ich zu ihr: "Wre die Welt gefgt
Nach dem Gesetz, das herrscht in diesen Kreisen,
So htte vllig mir dein Wort gengt.
Doch in der Welt, der fhlbaren, beweisen
Die Schwingungen je grre Gttlichkeit,
Je ferner sie vom Mittelpunkte kreisen.
Drum soll in diesem Bau voll Herrlichkeit,
Im Tempel, den nur Lieb und Licht umschrnken,
Ich ruhig sein, von jedem Wunsch befreit,
So sprich: Wie-kommts--ich kann mirs nicht erdenken
Da Abbild sich und Urbild nicht entspricht.
Und andere Gesetze beide lenken?"
"Gengt dein Finger solchem Knoten nicht,
So ists kein Wunder--weil ihn zu entstricken
Niemand versuchte, ward er fest und dicht."
Sie sprachs, und dann: "Nimm, um dich zu erquicken,
Das, was ich dir verknden werd; allein
Betracht es ganz genau mit scharfen Blicken.
Ein Krperkreis mu weiter, enger sein,
Je wie die Kraft, die sich durch seine Teile
Gleichmig ausdehnt, gro ist oder klein.
Die grre Gte wirkt in grerm Heile,
Und grres Heil fllt greres Gebiet,
Ward jeder Gegend gleiche Kraft zuteile.
Der Kreis drum, der das Weltall mit sich zieht
In seinem Schwung, entspricht in seiner Weise
Dem, der am meisten liebt, am tiefsten sieht.
Darum, wenn du dein Ma dem Innern preise,
Und nicht dem uern Umfang angelegt
Von dem, was dort erscheint, wie runde Kreise,
So wirst du, zur Bewunderung erregt,
Das Mehr und Minder sich entsprechen sehen
In jedem Kreis und dem, was ihn bewegt."
Wie rein das Blau erglnzt aus thers Hhen,
Wenn Boreas Luft aus jener Backe stt,
Aus der gelinder seine Hauche wehen,
So, da vom Dunst gereinigt und gelst,
Der ihn getrbt, in seinen weiten Auen
Der Himmel lchelnd jeden Reiz entblt;
So ward mir jetzt beim Worte meiner Frauen,
Denn dieses lie die Wahrheit mich so klar,
Wie einen Stern am reinen Himmel schauen.
Und als ihr heilges Wort beendet war,
Da stellten anders nicht als siedend Eisen
Sich jene Kreise, funkensprhend, dar.
Die Funken folgten den entflammten Kreisen
In grrer Meng, als durch Verdoppelung
Schachfelder sich vertausendfacht erweisen.
Dem festen Punkt, der sie ohn nderung
Dort, wo er sie erhlt, auch wird erhalten,
Scholl Lobgesang aus dieser Kreise Schwung.
"Zwei Kreise sieh dem Punkt zunchst sich halten,"
Sie sprachs, stets wissend, was mein Geist ersinnt,
"Und Seraphim und Cherubim drin walten.
Sie folgen ihren Fesseln so geschwind,
Um, wie sie knnen, ihm sich anzuschlieen,
Und knnen, wie sie hoch im Schauen sind.
Die Gluten drauf, die diese rings umflieen,
Die Throne sinds von Gottes Angesicht,
Benannt, weil sie die erste Dreizahl schlieen.
So gro ist aller Wonn, als ihr Gesicht
Tief in die ewge Wahrheit eingedrungen,
Die alle Geister stillt mit ihrem Licht.
Durch Schaun wird also Seligkeit errungen,
Nicht durch die Liebe; denn sie folgt erst dann,
Wenn sie dem Schaun, wie ihrem Quell, entsprungen.
Und das Verdienst, das durch die Gnade man
Und Willensgt erwirbt, ist Ma dem Schauen.
So steiget man von Grad zu Grad hinan.
Die andre Dreizahl, die in diesen Auen
Des ewgen Lenzes blht, und welcher nie
Das Laub entfllt bei nchtgen Widders Grauen,
Singt ewig in dreifacher Melodie
Hosiannagesang in dreien selgen Scharen,
Und also eins aus dreien bilden sie.
Herrschaften sinds, die erst sich offenbaren,
Die Tugenden sind dann im zweiten Kranz,
Im dritten sind die Mchte zu gewahren.
Die Frstentmer sieh zunchst im Tanz,
Dann die Erzengel ihre Lieb erproben;
Den letzten Kreis fllt Engelsfeier ganz.
Die Ordnungen schaun allesamt nach oben;
Nach unten wirken sie, was lebt, mit sich
Zu Gott erhebend und zu ihm erhoben.
Und Dionysius rang so brnstiglich,
Damit sein Blick die Ordnungen betrachte,
Da er sie nannt und unterschied wie ich.
Wahr ist es, da Gregorius anders dachte,
Doch er belchelte dann seinen Wahn.
Sobald er erst in diesem Reich erwachte.
Hat solch Geheimnis kund ein Mensch getan,
So staune nicht; von ihm, der alles schaute,
Hatt er davon auf Erden Kund empfahn,
Der sonst auch viel vom Himmel ihm vertraute."


Neunundzwanzigster Gesang

So lang, wenn beide Kinder der Latone
Bedeckt von Wag und Widder stehn, am Rand
Des Horizonts, vereint in einer Zone,
Die Wage des Zenit in gleichem Stand
Sie beide zeigt, bis dann vom Gleichgewichte,
Den Halbkreis tauschend, sie sich abgewandt:
So lang, des Lchelns Glut im Angesichte,
Sah schweigend fest den Punkt Beatrix an,
Der meinen Blick besiegt mit seinem Lichte.
"Ich red und frage nicht," so sprach sie dann,
"Da, was du hren willst, ich dort erkenne
Im Punkt, wo anhebt jedes Wo und Wann.
Nicht da er--was nicht sein kann--selbst gewnne,
Nein, da der Glanz von seiner Herrlichkeit
Im Widerglanz ich bin verknden knne,
Hat er, der Ewge, auerhalb der Zeit
Und des Begriffs, wies ihm gefiel, die Gluten
Erschaffner Lieb an ewiger geweiht.
Nicht da, wie starr, erst seine Krfte ruhten;
Denn frher nicht und spter nicht ergo
Der Geist des Herrn sich, schwebend ob den Fluten.
Auch Form und Stoff, vermischt und rein, entspro
Zugleich, vortretend herrlich und vollkommen,
Drei Pfeile von dreisehnigem Gescho.
Und wie im Widerschein des Strahls, vom Kommen
Zum vollen sein, kein Zwischenraum zu sehn,
Wenn rein Kristall im Sonnenglanz entglommen;
So lie der Herr hervor drei Strahlen gehn,
All im vollkommnen Glanz zugleich gesendet,
Und sonder Unterscheidung im Entstehn.
Der Wesen Ordnung ward zugleich vollendet,
Und hoch am Gipfel wurden die gereiht,
Welchen er reine Ttigkeit gespendet.
Die Tiefe ward reiner Empfnglichkeit,
Empfnglichkeit und Tatkraft ist mittinnen,
Verknpft und nie von diesem Band befreit.
Zwar Hieronymus lt vom Beginnen
Die Engel bis von dem der andern Welt
Den Zeitraum von Jahrhunderten entrinnen;
Doch lt die Wahrheit, die ich dargestellt,
Sich vielfach aus der Heilgen Schrift bewhren,
Wies dir auch, wenn du wohl bemerkst, erhellt.
Auch die Vernunft kann dies beinah erklren;
Nicht konnten ja so lang, so folgert sie,
Die Lenker des, was lenkbar ist, entbehren.
Der Liebesschpfung Wo und Wann und Wie
Erkennst du--nun, so da in dem Gehrten
Dir schon dreifache Labung angedieh.
Allein bevor man zwanzig zhlt emprten
Die Engel sich zum Teil, so da sie nun
Im Fall der Elemente trgstes strten.
Die Bleibenden begannen drauf das Tun,
Das du erkennst, so selig in Entzcken,
Da sie in ihrem Kreislauf nimmer ruhn.
Grund war des Falls, da jener sich bercken
Von frevlem Hochmut lie, der dir erschien,
Dort, wo auf ihn des Weltalls Brden drcken--
Die du bei Gott hier siehest, sahn auf ihn
Bescheiden und mit Dank fr seine Gaben,
Da er nur Kraft zu solchem Schaun verliehn.
Drum wurden sie zum Schauen so erhaben
Durch Gnadenlicht und ihr Verdienst gestellt,
Da sie vollkommen festen Willen haben.
Und zweifelfrei verknd es einst der Welt:
Verdienstlich ists, die Gnade zu empfangen,
Je wie sich offen ihr die Lieb erhlt.
Jetzt, wenn ins Herz dir meine Lehren drangen,
Errennst du ganz den englischen Verein
Und brauchst nicht andre Hilfe zu verlangen.
Doch weil den Engeln jene, die ihr Sein
Auf Erden dort in Schulen euch erklren,
Verstand, Erinnerung und Willen leihn,
So zeig ich, um dich vllig zu belehren,
Dir noch die Wahrheit rein und unbefleckt,
Die jene dort verwirren und verkehren.
Die Wesen, die des Anschauns Lust geschmeckt,
Verwenden nie den Blick vom ewgen Schimmer
Des Angesichts, in dem sich nichts versteckt.
Drum unterbricht das Neu ihr Schauen nimmer,
Drum brauchen sie auch die Erinnrung nicht,
Denn ungeteilt bleibt ja ihr Denken immer.
So trumt ihr unten wach beim Tageslicht;
Ihr glaubt und glaubt auch nicht, was ihr verbreitet,
Doch rger krnkt dies Letzte Recht und Pflicht.
Der eine Weg ists nicht, auf dem ihr schreitet
Bei eurem Forschen; drob ihr irregeht,
Von Lust am Schein und Eitelkeit verleitet.
Doch, wer dies tut, wird minder hier verschmht,
Als wer die Heilgen Schriften leeren Possen
Hintansetzt und sie freventlich verdreht.
Nicht denkt man, wieviel teures Blut geflossen,
Sie auszushn; nicht, wie Gott dem geneigt,
Der demutsvoll an sie sich angeschlossen.
Zu glnzen strebt ein jeder itzt und zeigt
Sich in Erfindungen, die der verkehrte
Pfaff predigt, der vom Evangelium schweigt.
Der sagt, da rckwrts Lunas Lauf sich kehrte
Bei Christi Leiden und sich zwischenschob
Und drum der Sonn herabzuscheinen wehrte.
Der, da von selbst das Licht erlosch und drob
Den Spanier, den Juden und den Inder
Zu gleicher Zeit die Finsternis umwob.
Lapi und Bindi hat Florenz weit minder,
Als Fabeln, die man von den Kanzeln schreit
Das Jahr hindurch, des Aberwitzes Kinder,
So da die Schflein, blind zu ihrem Leid,
Wind schlucken, wo sie sich zu weiden meinen.
Und nicht entschuldigt sie Unwissenheit.
Nicht sprach der Herr zur Ersten der Gemeinen:
Geht hin und tut der Erde Possen kund!--
Nein, wahre Lehre spendet er den Seinen.
Von ihr ertnt im Kampf des Jngers Mund,
Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken,
Mit Schild und Speer des Evangeliums stund.
Jetzt predigt man von Possen und von Schwnken,
Und die Kapuze schwillt, wenn alles lacht,
Und, der sie trgt, braucht sonst an nichts zu denken.
Drin hat solch Vgelein sein Nest gemacht,
Da, sh mans, es den Wert dem Abla raubte,
Den man beim Volk so hoch in Preis gebracht.
Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte,
Da, mcht ein Priesterwort das tollste sein,
Man ohne Prfung und Beweise glaubte.
Und damit mstet Sankt Anton das Schwein,
Und andre, die noch rger sind denn Sauen,
Falschmnzer, reich an trgerischem Schein.
Doch seitwrts fhrt ich dich von diesen Auen;
Drum, da zugleich sich krze Zeit und Pfad,
Mut du jetzt wieder grade vorwrts schauen--
So sehr vervielfacht sind von Grad zu Grad
Der unzhlbaren selgen Engel Scharen,
Da ihrer Zahl nicht Sinn noch Sprache naht.
Und Daniel will, dies kannst du wohl gewahren,
Wenn er zehntausendmal zehntausend spricht,
Uns nicht bestimmte Zahlen offenbaren.
Das ihnen allen strahlt, das erste Licht,
So vielfach wirds von ihnen aufgenommen,
Als Engel schaun in Gottes Angesicht.
Drum, da vom Schaun der Liebe Gluten kommen,
Ist auch verschieden ihre Sigkeit
Hier lauer, dorten glhender entglommen.
Sieh jetzt die Hoheit, die Unendlichkeit
Der ewgen Kraft, die, teilend ihren Schimmer,
So unzhlbaren Spiegeln ihn verleiht,
Und ein in sich bleibt ewiglich und immer."


Dreiigster Gesang

Uns fern, etwa sechstausend Meilen, steiget
Der Mittag auf, indes schon diese Welt
Den Schatten fast zum ebnen Bette neiget,
Wenn nach und nach sich uns der Ost erhellt;
Dann wird der Glanz erst manchem Stern benommen,
Des Strahl nicht mehr bis zu uns niederfllt,
Und wie Aurora mehr emporgeklommen,
Verschliet der Himmel sich von Glanz zu Glanz,
Bis auch des schnsten Sternes Licht verglommen.
So der Triumph, der ewiglich im Tanz
Den Punkt umkreist, der alles hlt umschlungen,
Was scheinbar ihn umschlingt als lichter Kranz.
Er schwand allmhlich, meinem Aug entschwungen,
Drum kehrt ich zu der Herrin das Gesicht,
Von Nichtschaun und von Liebesdrang gezwungen.
War alles, was bis jetzo mein Gedicht
Von ihr gelobt, in ein Lob einzuschlieen,
Doch gngend wrs fr diesen Anblick nicht.
Denn Reize, wie sie hier sich sehen lieen,
Weit berschreiten sie der Menschen Art;
Ihr Schpfer nur kann ihrer ganz genieen.
Ich bin besiegt von dem, was ich gewahrt,
Mehr als ein Komiker von seinen Stoffen,
Als ein Tragd je berwunden ward.
Gleichwie ein Blick, den Sonnenstrahlen offen,
Vergeht vor ihren- Blitzen, so geschieht
Dem Geist, von dieses Lchelns Reiz getroffen.
Vom ersten sag, da mir der Herr beschied,
Ihr Angesicht zu schaun in diesem Leben,
Folgt ihr bis hin zu diesem Blick mein Lied.
Doch mu ich jetzt des Folgens mich begeben,
Ein Knstler, der sein hchstes Ziel errang,
Und hoher nicht vermag emporzustreben.
Und so, wie ich sie lasse vollerm Klang,
Als meiner Tuba, die ich also richte,
Wie sie beenden kann den schweren Sang,
Sprach sie, mit Ton, Gebrd und Angesichte
Eifrigen Fhrers froh zu mir: "Du bist
Gelangt zum Himmel nun von reinem Lichte,
Von geistgem Licht, das nur ein Lieben ist,
Ein Lieben jenes Guts, des ewig wahren,
Von Luft, mit der kein Erdenglck sich mit.
Du siehst hier beide Himmelskriegerscharen
Und siehst die ein in dem Gewande heut,
Wie du sie wirst beim Weltgericht gewahren."
Wie jher Blitz des Auges Kraft zerstreut,
So da er jeden Gegenstand umdunkelt,
Den strksten Selbst, der sich dem Blicke beut;
So ward ich von lebendgem Licht umfunkelt,
Des Glanz mir tat, wie uns ein Schleier tut,
Denn alles auer ihm war mir verdunkelt.
"Die Lieb, in welcher dieser Himmel ruht
Pflegt so in sich zum Heile zu empfangen
Und macht die Kerz empfnglich ihrer Glut."
Wie mir die kurzen Wort ins Innre drangen,
Da fhlt ich, da sich Geist mir und Gemt
Weit ber die gewohnten Krfte schwangen.
Und neue Sehkraft war in mir entglht,
So, da mein Auge, stark und ohne Qualen,
Dem Licht sich auftat, das am reinsten blht.
Ich sah das Licht als einen Flu von Strahlen
Glanzwogend zwischen zweien Ufern ziehn,
Und einen Wunderlenz sie beide malen
Und aus dem Strom lebendge Funken sprhn;
Und in die Blumen senkten sich die Funken,
Gleichwie in goldne Fassung der Rubin.
Dann tauchten sie, wie von den Dften trunken,
Sich wieder in die Wunderfluten ein,
Und der erhob sich neu, wenn der versunken.
"Dein heier Wunsch, in dem dich einzuweihn,
Was deine Blicke hier auf sich gezogen,
Mu mir, je mehr er drngt, je lieber sein.
Doch trinken mut du erst aus diesen Wogen,
Eh solch ein Durst in dir sich stillen kann."
So sprach die Sonn, aus der ich Licht gesogen.
"Der Flu und diese Funken", sprach sie dann,
"Und dieser Pflanzen heitre Pracht, sie zeigen
Die Wahrheit dir voraus, wie Schatten, an.
An sich ist ihnen zwar nichts Schweres eigen,
Sie zu erkennen, fehlt nur dir die Macht,
Weil noch so stolz nicht deine Blicke steigen."
Kein Kind, das durstig langer Schlaf gemacht,
Kann sein Gesicht zur Brust so eilig kehren,
Wenns ber die Gewohnheit spt erwacht,
Als, um der Augen Spiegel mehr zu klren,
Ich mein Gesicht zu jenem Flusse bog,
Dort strmend, um der Seele Kraft zu mehren.
Und wie der Rand der Augenlider sog
Von seiner Flut, da war zum Kreis gewunden,
Was sich zuvor in langen Streifen zog.
Dann, Leuten gleich, die sich verlarvt befunden,
Verndert erst, wenn sie ausziehn das Kleid,
Worin sie unter fremdem Schein verschwunden;
Verwandelten zu grrer Herrlichkeit
Sich Blumen mir und Funken, und ich schaute
Die Himmelsscharen beide dort gereiht.
O Gottes Glanz, o du, durch den ich schaute
Des ewig wahren Reichs Triumphespracht,
Gib jetzt mir Kraft, zu sagen, wie ich schaute.
Licht ist dort, das den Schpfer sichtbar macht,
Damit er ganz sich dem Geschpf verklre,
Dem nur in seinem Schaun der Friede tacht.
Es dehnt sich weithin aus in Form der Sphre
Und schliet so viel in seinem Umkreis ein,
Da es zu weit als Sonnengrtel wre.
Und einem Strahl entquillt sein ganzer Schein,
Rckscheinend von des schnellsten Kreises Rande,
Um Sein und Wirkung diesem zu verleihn.
Und wie ein Hgel, an der Wogen Strande,
Sich spiegelt, wie um sich geschmckt zu sehn
Im bltenreichen, grnenden Gewande;
Also sich spiegelnd, sah ich in den Hhn
In tausend Stufen die das Licht umringen,
Die von der Erd in jene Heimat gehn.
Und kann der tiefste Grad solch Licht umschlingen,
Zu welcher Weite mu der letzte Kranz
Der Bltter dieser Himmelsrose dringen?
Mein Aug erma die Weit und Hhe ganz
Und unverwirrt, und konnte sich erheben
Zum Was und Wie von diesem Wonneglanz.
Nicht Fern noch Nah kann nehmen dort noch geben,
Denn da, wo Gott regiert, unmittelbar,
Tritt frder kein Naturgesetz ins Leben.
Ins Gelb der Rose, die sich immerdar
Ausdehnt, abstuft und Duft des Preises sendet
Zur Sonne, die stets heiter ist und klar,
Zog, wie wer schweigt, doch sich zum Sprechen wendet,
Beatrix mich und sprach: "Sieh hier verschnt
In weiem Kleid, die dorten wohl geendet.
Sieh, wie so weithin unsre Stadt sich dehnt,
Sieh, so gefllt die Bnk in unserm Saale,
Da man jetzt hier nach wenigen sich sehnt.
Auf jenem groen Stuhl, wo du dem Strahle
Der Krone, die dort glnzt, dein Auge leihst,
Dort, eh du kommst zu diesem Hochzeitsmahle,
Wird sitzen des erhabnen Heinrichs Geist,
Des Csars, der Italien zu gestalten
Kommt, eh es sich dazu geneigt beweist.
Die blinde Gier ists, die mit Zauberwalten
Euch gleich dem Kind macht, das die Brust verschmht,
Die Nahrung hat, sein Leben zu erhalten.
Dem gttlichen Gerichtshof aber steht
Solch Obrer vor dann, da er im Geheimen
Und offen nie mit ihm zusammengeht.
Doch strzt des Himmels Rch ihn ohne Sumen
Vom Heilgen Stuhl zur qualenvollen Welt,
Wo Simon Magus sthnt in dunkeln Rumen,
Drob tiefer noch der von Alagna fllt."


Einunddreiigster Gesang

So sah ich denn, geformt als weie Rose,
Die heilge Kriegsschar, die als Christi Braut
Durch Christi Blut sich freut in seinem Schoe.
Allein die andre, welche, fliegend, schaut
Und singt des Ruhm, der sie in Lieb entzndet,
Die Huld, die hehre Kraft ihr anvertraut,
Sie senkt, ein Bienenschwarm, der jetzt ergrndet
Der Blten Kelch, jetzt wieder dorthin eilt,
Wo wrzger Honigseim sein Tun verkndet,
Sich in die Blum, im reichen Kelch verteilt,
Und flog dann aufwrts aus dem schnen Zeichen,
Dorthin, wo ihre Lieb all-ewig weilt;
Lebendger Flamm, ihr Antlitz zu vergleichen,
Die Flgel Gold, das andre wei und rein,
So da nicht Reif noch Schnee den Glanz erreichen.
Und in die Rose zog von Reihn zu Reihn
Frieden und Glut, von ihnen eingesogen
Im Flug zur Hohe, stets mit ihnen ein.
Und, ob sie zwischen Blum und Hhe flogen,
Doch ward durch die beschwingte Menge nicht
Des Hchsten Blick und Glanz der Ros entzogen.
Denn so durchdringend ist das hchste Licht,
Das seinen Schimmer nach Verdienste spendet,
Da nichts im Weltenall es unterbricht.
Dies Freudenreich, gesichert und vollendet,
Bevlkert von Bewohnern, neu und alt,
Hielt Lieb und Blick ganz auf ein Ziel gewendet.
O dreifach Licht, du, einem Stern entwallt,
Dort, wo man dich schaut, selgen Frieden hegend,
Schau her auf uns, die wilder Sturm umbaut.--
Wenn die Barbaren, kommend aus der Gegend,
Die stets die Brin deckt, in gleicher Bahn
Sich mit dem lieben Sohn im Kreis bewegend,
Zu jenen Zeiten, als der Lateran
Die Welt beherrscht, von Staunen berwunden,
Rom und der Rmer groe Werke sahn;
Wie ich, der ich, dem Menschlichen entwunden,
Zum Hchsten kam, von Zeit zur Ewigkeit,
Von Florenz zu Gerechten und Gesunden,
Wie mut ich staunen solcher Herrlichkeit?
Lust fhlt ich, nicht zu sprechen, nichts zu hren,
Geteilt in Staunen und in Freudigkeit.
Gleichwie ein Pilgrim, der sein lang Begehren
Im Tempel des Gelbdes, schauend, letzt,
Und hofft von ihm einst andre zu belehren;
So war ich, zum lebendgen Licht versetzt,
Den Blick, lustwandelnd, durch die Stufen fhrend,
Jetzt auf, jetzt nieder und im Kreise jetzt.
Gesichter sah ich hier, zur Liebe rhrend,
In fremdem Licht und eignem Lcheln schn,
Gebrden, sich mit jeder Tugend zierend.
Im allgemeinen knnt ich schon ersehn,
Wie sich des Paradieses Form gestalte,
Doch blieb mein Blick noch nicht beim einzlen stehn;
Und da mir neuer Wunsch im Herzen wallte,
So kehrt ich, um zu fragen, mich nach ihr,
Wie das, was ich nicht einsah, sich verhalte.
Sie fragt ich, und ein andrer sprach zu mir.
Sie suchend, fand ich mich bei einem Greise,
Gekleidet in der andern Selgen Zier.
Auf Aug und Wang ergo sich gleicherweise
So Gut als Freude--fromm war Art und Tun,
Wies Vtern ziemt, in lieber Kinder Kreise.
"Und wo ist sie?" so sprach ich eilig nun.
Drum er: "Beatrix hat mich hergesendet
Von meinem Platz, um dir genugzutun.
Du wirst, den Blick zum dritten Sitz gewendet
Des hchsten Grads, sie auf dem Throne schaun,
Der ihren Lohn fr ihr Verdienst vollendet."
Ohn Antwort hob ich rasch die Augenbraun--
Sah sie--sah ewge Strahlen ihr entwallen
Im Widerschein und ihr die Krone baun.
Vom Raum, aus dem die hchsten Donner hauen,
War nimmer noch ein Menschenblick so weit,
Und war er auch ins tiefste Meer gefallen,
Als ich von meiner Herrin Herrlichkeit,
Doch sah ich klar ihr Bildnis niederschweben
Rein, unvermischt, in lichter Deutlichkeit.
"O Herrliche, du, meiner Hoffnung Leben,
Du, ders zu meinem Heile nicht gegraut,
Dich in den Schlund der Hlle zu begeben,
Dir dank ich alles, was ich dort geschaut,
Wohin du mich durch Macht und Gte brachtest,
Und deine Gnad und Tugend preis ich laut.
Die du zum Freien mich, den Sklaven, machtest,
Mir halfst auf jedem Weg, in jeder Art,
Die du zu diesem Zweck geeignet dachtest,
Hilf, da, was du geschenkt, mein Herz bewahrt,
Damit sich dir die Seele dort geselle,
Die Seele, die gesund durch dich nur ward."
So fleht ich hei--und sie, von ferner Stelle,
Sie lchelte, wies schien, und sah mich an,
Dann schaute sie zurck zur ewgen Quelle.
"Damit du ganz vollendest deine Bahn,"
Begann der Greis, "auf der dich fortzuleiten
Ich Auftrag von der heilgen Lieb empfahn,
La deinen Blick durch diesen Garten gleiten,
Denn strken wird dir dies des Auges Sinn,
Und ihn auf Gottes Strahlen vorbereiten.
Und sie, die mich entflammt, die Knigin
Des Himmels, lt uns ihre Gnade frommen,
Weil ich ihr vielgetreuer Bernhard bin."
Wie der, der von Kroatien hergekommen,
Um unser Schweituch zu betrachten, nicht
Satt wird, zu sehn, wovon er lngst vernommen,
Und, wenn mans zeigt, zu sich im Innern spricht:
Herr Jesus Christus, wahrer Gott, hienieden
War wirklich so geformt dein Angesicht?
So ich, als mir der Anblick ward beschieden
Der Liebe dessen, der in dieser Welt,
Betrachtend, schon gekostet jenen Frieden.
Er sprach: "Was Schnes dieses Reich enthlt,
Wird, Sohn der Gnade, sich dir nimmer zeigen,
Wenn sich dein Blick nur tief am Grunde hlt.
Doch la den Blick von Kreis zu Kreise steigen,
Bis da er sich zur Knigin erhht,
Vor der sich fromm des Himmels Brger neigen."
Aufschaut ich, und, wie, wenn die Frh ersteht,
Der Ost den Himmelsteil mit goldnen Strahlen
Besiegt, in dem die Sonne niedergeht,
So, steigend mit dem Blick, wie wir aus Taten
Die Berg ersteigen, sah ich einen Ort
Im hchsten Rand all andres berstrahlen.
Und als ob frh der Ost, da, wo sofort
Die Sonne steigen soll, sich mehr entflamme,
Wenn sich das Licht vermindert hier und dort;
So sah ich jene Friedens-Oriflamme
Inmitten mehr erglhn, und bleicher ward
Bei ihrem Glanz der andern Lichter Flamme.
Ich sah viel tausend Engel, dort geschart,
Sie feiernd, mit verbreitetem Gefieder,
Verschieden jeglichen an Glanz und Art.
Und Schnheit lachte bei dem Klang der Lieder
Und bei dem Spiel und strahlt in Seligkeit
Aus aller andern Selgen Augen wieder.
Und reichte meiner Sprache Kraft so weit,
Als meine Phantasie, doch nie beschriebe
Ich nur den kleinsten Teil der Herrlichkeit.
Bernhard, bemerkend, da mit heilgem Triebe
An seiner glhnden Glut mein Auge hing,
Erhob auch seins zu ihr mit solcher Liebe,
Da meins zum Schauen neue Glut empfing.


Zweiunddreiigster Gesang

Indes sein Blick nach seiner Wonne flammte,
Tat er mit heilgem Wort mir dieses kund,
Sich unterziehend freiem Lehreramte:
"Sie zu Mariens Fu, die euch gesund
Und heil gemacht, die Erste dort der Frauen,
Die Schnste, die euch krank gemacht und wund.
Im Range, den die dritten Sitze bauen,
Wirst du sodann die Rahel unter ihr,
Mit Beatricen, deiner Herrin, schauen.
Sara, Rebekka, Judith zeigen dir
Sich mit des Ahnfrau, der im Bugesange
Voll Reu ausrief: Herr, schenk Erbarmen mir!
Absteigend stufenweis von Rang zu Range,
Gereiht, wie Kunde dir mein Wort verlieh,
Von Blatt zu Blatt mit ihrer Namen Klange.
Hebrerfraun, vom siebten Kreis ab, wie
Bis hin zu ihm, ward dieser Sitz zuteile,
Und dieser Blume Locken scheiden sie,
Weil sie, wie glubig sich der Blick zum Heile,
Das Christus gab, gewandt, als Mauer stehn,
Da sich durch sie die heilge Stiege teile.
Hier, wo die Blume reich und voll und schn
Entfaltet ist, hier sitzen die Verklrten,
Die glubig auf den knftgen Christ gesehn.
Dort, wo noch leerer Raum fr viel Gefhrten
Im Halbkreis ist, dort sitzen die gereiht,
Die ihren Blick auf den Gekommnen kehrten.
Wie hier der Frstin Stuhl in Herrlichkeit
Und unter ihr die ndern zu gewahren,
Und wie sie bilden solchen Unterscheid;
So dort der Stuhl des Tufers, der erfahren,
Der immer Heilge, Wst und Mrtyrpein
Und dann der Hlle Nacht in zweien Jahren.
Franz, Benedikt und Augustin--sie reihn
Sich unter ihm, die Scheidewand zu bauen,
Mit andern unterhalb von Reihn zu Reihn.
Hier magst du Gottes hohe Vorsicht schauen,
Denn Glaube, welcher vor- und rckwrts sieht,
Erfllt gleich zahlreich diese Gartenauen.
Und von der Stieg abwrts, die dies Gebiet
In zwei geschieden, sitzen solche Seelen,
Die eigenes Verdienst nicht herbeschied,
Nein, fremdes--nur darf der Beding nicht fehlen--
Denn hier sind alle, die dem Leib entflohn,
Bevor sie noch vermochten, selbst zu whlen.
Dies merkst du an den Angesichtern schon
Und an den Stimmen, die noch kindlich klingen,
Wenn du wohl sphst und horchst auf ihren Ton.
Noch seh ich schweigend dich mit Zweifeln ringen,
Doch lsen werd ich dir das feste Band,
Mit welchem dich die Grbelein umschlingen.
Aus unsers ewgen Knigs weitem Land
Ist auch des kleinsten Zufalls blindes Walten,
Wie Hunger, Durst und Traurigkeit, verbannt.
Nach ewigem Gesetz mu sich gestalten
Was du hier siehst, und mu sich, wie der Ring
Zum Finger pat, so unter sich verhalten.
Daher auch, wer dem Truge frh entging
Und zu der Wahrheit kam, nicht ohne Grnde
Mehr oder minder Herrlichkeit empfing.
Der Frst, durch den dies Reich, entrckt der Snde,
In solcher Lieb und solcher Wonne ruht,
Da keiner ist, des Wille hher stnde,
Verteilt den Seelen, seiner heitern Glut
Entstammt, nach eigner Willkr seine Gaben;
Und gnge hier, was kund die Wirkung tut.
Und hiervon legt in jenen Zwillingsknaben
Die Heilge Schrift ein deutlich Beispiel dar,
Die sich bekmpft im Leib der Mutter haben.
Und also krnt der Gnade Schein ihr Haar,
Und also scheint das hchste Licht in ihnen
Nach ihrem Werte mehr und minder klar.
Verschieden, nicht nach dem, was sie verdienen,
Sind sie von Grad zu Grade hier gestellt,
Nur wie auf sie des Schpfers Huld geschienen.
So gngt es in der Jugendzeit der Welt
Unschuldgen, um zum Heile zu gelangen,
Da Glaubenslicht der Eltern Geist erhellt.
Dann mute, wie die erste Zeit vergangen,
Was mnnlich war, zuvor zur Seligkeit
Durch die Beschneidung noch die Kraft empfangen.
Doch, als gekommen war der Gnade Zeit,
Blieb ohne die vollkommne Taufe Christi
Die Unschuld in der ewgen Dunkelheit.
Jetzt schau ins Antlitz, das dem Antlitz Christi
Am meisten gleicht, und deine Kraft erhohn
Wird seine Klarheit zu dem Anschaun Christi."
Lust strahlt aus dem Gesicht, so klar und schn,
Die er zu ihr durch jene Heilgen schickte,
Erschaffen, zu durchfliegen jene Hhn,
Da nichts, was ich noch je zuvor erblickte,
Mich also mit Bewunderung durchdrang,
Nichts mich so sehr durch Gottes Bild erquickte.
Die Liebe, die zuerst sich niederschwang,
Verbreitete vor ihr jetzt das Gefieder,
Indem sie--Sei begrt, Maria! sang.
Und alsogleich antworteten die Lieder
Der Selgen Geister diesem Himmelslied,--
Und heitrer strahlten rings die Wonnen wider.
"O Heilger, du, den Lieb herniederzieht,
Der du fr mich dem sen Ort entronnen,
Wo ewge Vorsicht dir den Sitz beschied;
Wer ist der Engel, der mit solchen Wonnen
Im Blick Marias mit dem seinen ruht
Und scheint an ihr in Liebe sich zu sonnen?"
So wandt ich mich zu ihm mit heiterm Mut
Und sah ihn in Marias Glanz entbrennen,
Gleichwie den Morgenstern in Sonnenglut.
Und er: "Was Seel und Engel haben knnen
Von Zuversicht und Schnheit, er bekam
Es ganz von Gott, wie wirs ihm alle gnnen,
Weil er zu ihr einst mit der Palme kam,
Als Gottes Sohn die Lasten, die euch drcken,
Nach seinem heilgen Willen bernahm.
Doch folge meinem Wort mit deinen Blicken,
Und von dem frommen und gerechten Reich
Wirst du den hohen Adel jetzt erblicken.
Die zwei dort, an der hchsten Wonne reich,
Weil sie die Nchsten sind der Benedeiten,
Sind zweien Wurzeln dieser Rose gleich.
Der Vater sitzt zu, ihrer linken Seiten,
Des khner Gaum der Menschheit fort und fort
Zu kosten gibt so herbe Bitterkeiten.
Sieh rechts der heilgen Kirche Vater dort,
Dem dieser Blume Schlssel bergeben
Auf Erden hat der Heiland, unser Hort.
Und jener, welcher noch im Erdenleben
Das Migeschick der schnen Braut erblickt,
Die Wundenmal erwarben, sitzt daneben.
Neben dem andern sitzt, in Ruh beglckt,
Des Volkes Fhrer, das der Herr mit Manna
Trotz Undanks, Tck und Wankelmuts erquickt
Dort sitzt, dem Petrus gegenber, Anna
Und blickt die Tochter so zufrieden an,
Da sie den Blick nicht abkehrt beim Hosianna.
Und gegenber sitzt dem ersten Ahn
Lucia, die die Herrin dir gesendet,
Als du den Blick gesenkt zur schlimmen Bahn.
Doch bald ist nun dein hoher Traum beendet,
Drum tun wir, wie der gute Schneider tut,
Der, soviel Zeug er hat, ins Kleid verwendet.
Die Augen richten wir aufs hchste Gut
Und dringen so, indem wir nach ihm sehen,
So tief als mglich in die reine Glut.
Gewi, und nicht vielleicht, mu rckwrts gehen,
Wer vorwrts hier die khnen Flgel schwingt,
Denn Gnad erlangt man hier allein durch Flehen;
Gnade von jener, die dir Hilfe bringt,
Und folgen wirst du mir, wenn deine Liebe
Zu ihr empor mit meinem Worte dringt."
Und also betet er mit brnstgem Triebe:


Dreiunddreiigster Gesang

"O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohns,
Demtger, hher, als was je gewesen,
Ziel, ausersehn vom Herrn des ewgen Throns,
Geadelt hast du so des Menschen Wesen,
Da, ders erschaffen hat, das hchste Gut,
Um sein Geschpf zu sein, dich auserlesen.
In deinem Leib entglomm der Liebe Glut,
An der die Blume hier u ewgen Wonnen
Entsprossen ist, in ewgem Frieden ruht.
Die Lieb entflammst du, gleich der Mittagssonnen,
In diesem Reich; dort, in der Sterblichkeit,
Bist du der frommen Hoffnung Lebensbronnen.
Du giltst so viel, ragst so in Herrlichkeit,
Da Gnade Suchen und zu dir nicht flehen,
Wie Flug dem Unbeflgelten gedeiht.
Du pflegst dem Armen huldreich beizustehen,
Der zu dir fleht, ja fters pflegt von dir
Die Gabe frei dem Flehn vorauszugehen.
In dir ist Huld, Erbarmen ist in dir,
In dir der Gaben Flle--ja, verbunden.
Was Gutes das Geschpf hat, ist in dir.
Er, der vom tiefsten Schlund sich eingefunden
Des Weltalls hat, der Geister Art und Sein,
Von Reich zu Reich zu sehn und zu erkunden,
Er fleht zu dir, ihm Krfte zu verleihn,
Da er die Augen hher heben knne,
Und seinen Blick frs hchste Heil zu weihn.
Und ich, der ich mehr fr sein Schauen brenne,
Als fr mein eignes je, wie dir bewut,
Ich fleh, und das, was ich gefleht, vergnne!
Nimm ihm der Erde Nacht von Aug und Brust
Und flehe du fr ihn, da sich entfalten
Vor seinen Augen mag die hchste Lust.
Noch bitt ich, Knigin, dich, die du walten
Kannst, wie du willst, in ihm und solchem Sehn,
Gesund des Herzens Neigung zu erhalten.
La ihn der irdschen Regung widerstehn;
Sieh Beatricen, sieh so viel Verklrte
Mit mir zugleich, die Hnde faltend, flehn!"
Die Augen, die Gott liebt und wert halt, kehrte
Sie fest dem Redner zu und zeigte drin,
Ihr sei das fromme Flehn von hohem Werte.
Dann blickten sie zum ewgen Lichte hin;
Und einen Blick so klar dorthin zu senden
Wie sie, vermag nicht des Geschpfes Sinn.
Dem Ziel, zu dem sich alle Wnsche wenden,
Mich nhernd, fhlt in meinem Innern ich
So, wie ich mute, jede Sehnsucht enden.
Und lchelnd winkte Bernhard mir, da sich
Mein Auge nun empor zum Hchsten richte;
Doch, wie er wollte, war ich schon durch mich.
Denn stets wards klarer mir vorm Angesichte,
Und mehr und mehr drang durch den Glanz hinan
Mein Blick zum hohen, in sich wahren Lichte.
Und tiefer, grer war mein Schaun fortan,
Da solchen Blick die Sprache nicht bekunden,
Nicht die Erinnerung ihn fassen kann.
Wie der, dem nach dem Traum, was er empfunden,
Tief eingeprgt, das Herz noch lang erfllt,
Wenn das, was er getrumt, ihm schon entschwunden;
So bin ich, dem beinah sein Traumgebild
Entschwunden ist, und dem die Lust, geboren
Aus jenem Traum, noch stets im Herzen quillt.
So schmilzt der Schnee, wenn aus des Ostens Toren
Die Sonn erwrmend steigt; so war beim Wind
In leichtem Staub Sibyllas Spruch verloren.--
O hchstes Licht, das, was der Mensch ersinnt,
So weit zurcklt, leih itzt meiner Seele
Ein wenig nur von dem, was ihr verrinnt.
Mach itzt, da Kraft die Zunge mir beseele,
Damit ein Funke deiner Glorie nur
Der Nachwelt bleib in dem, was ich erzhle.
Wenn deine Huld von dem, was ich erfuhr,
Nur schwachen Nachhall diesem Liede spendet,
Dann sieht man klarer deiner Siege Spur.
Mich htte, glaub ich, ganz der Blitz geblendet,
Den ich von dem lebendgen Strahl empfand,
Htt ich von ihm die Augen abgewendet.
Und ich erinnre mich: mein Mut erstand
Durch ihn, die Blitze khner zu ertragen,
Bis sich mein Blick der ewgen Kraft verband.
O berreiche Gnad! Ich drft es wagen,
Fest zu durchschaun des ewgen Lichtes Schein
Und ins Unendliche den Blick zu tragen.
Er drang bis zu den tiefsten Tiefen ein;
Die Dinge, die im Weltall sich entfalten,
Sah ich durch Lieb im innigsten Verein.
Wesen und Zufall, ihre Weis, ihr Walten,
Dies alles war in eines Lichtes Glanz,
In eines unvermischten Lichts, enthalten.
Die Form, die allgemeine, dieses Bands,
Ich sah sie, glaub ich; denn den Schatten gleichen
Die Bilder nur, und Wonne fllt mich ganz.
Mehr macht mein Bild ein Augenblick erbleichen,
Als drittehalb Jahrtausende die Fahrt
Der Argo nach Neptunus fernsten Reichen.
Scharf, unbeweglich schaut in solcher Art
Die Seele nach dem gttlichen Gesichte,
Drob sie stets mehr im Schaun entzndet ward.
Und also wird man dort bei jenem Lichte,
Da es nicht sein kann, da man, abgewandt
Von ihm, je anderwrts die Augen richte,
Weil es das Gut, des Wollens Gegenstand,
Ganz in sich fat und rmlich und voll Schwchen
All andres zeigt, was man vollkommen fand.
Kurz werd ich nun von dem Geschauten sprechen,
Und sprechend stell ich mich als Kindlein dar,
Dem noch Erinnerung und Wort gebrechen.
Nicht weil ein andrer jetzt, als einfach klar,
Der Schimmer ward, zu dem mein Blick sich kehrte;
Denn jener bleibt so, wie er immer war,
Nur weil im Schaun sich meine Sehkraft mehrte,
Schiens, da verwandelt jener eine Schein,
Sich mir, der selbst verwandelt war, verklrte.
Zum tiefen, klaren Lichtstoff drang ich ein,
Da schienen mir drei Kreise, dort zu sehen,
Dreifarbig und an Umfang gleich zu sein.
Wie Iris in der Iris glnzt, so zween
Im Widerschein--der dritte, Glut und Licht,
Schien gleich von hier aus und von dort zu wehen.
Wie kurz, wie rauh mein Wort fr solch Gesicht!
Und dem, was zu erschaun mir ward beschieden,
Gengen wenig schwache Worte nicht.
O ewges Licht, allein in dir in Frieden,
Allein dich kennend und von dir erkannt,
Dir selber lchelnd und mit dir zufrieden,
Als ich zur Kreisform, die in dir entstand,
Wie widerscheinend Licht, die Augen wandte,
Und sie verfolgend mit den Blicken stand,
Da schiens, gemalt in seiner Mitt erkannte,
Mit eigner Farb, ich unser Ebenbild,
Drob ich nach ihm die Blicke gierig spannte.
Wie eifrig strebend, aber nie gestillt,
Der Geometer forscht, den Kreis zu messen,
Und nie den Grundsatz findet, welcher gilt;
So ich beim neuen Schaun--ich wollt ermessen,
Wie sich das Bild zum Kreis verhielt, und wie
Die Zge mit dem Licht zufammenflssen.
Doch dies erflog der eigne Fittich nie,
Ward nicht mein Geist von einem Blitz durchdrungen,
Der, was die Seel ersehnt hatt, ihr verlieh.
Hier war die Macht der Phantasie bezwungen,
Doch Wunsch und Will, in Kraft aus ewger Ferne,
Ward, wie ein Rad, gleichmig umgeschwungen,
Durch Liebe, die beweget Sonn und Sterne.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Gttliche Komdie,
von Dante Alighieri.





End of Project Gutenberg's Die Goettliche Komoedie, by Dante Alighieri

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