The Project Gutenberg EBook of Der Traum ein Leben, by Franz Grillparzer
#3 in our series by Franz Grillparzer

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Title: Der Traum ein Leben

Author: Franz Grillparzer

Release Date: April, 2005 [EBook #7996]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on June 10, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: iso-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRAUM EIN LEBEN ***




Delphine Lettau and Mike Pullen




This Etext is in German.

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Der Traum ein Leben

Franz Grillparzer

Dramatisches Mrchen in vier Aufzgen


Personen:

Massud, ein reicher Landmann
Mirza, seine Tochter
Rustan, sein Neffe
Zanga, Negersklave
Der Knig von Samarkand
Glnare, seine Tochter
Der alte Kaleb

(stumm)

Karkhan
Der Mann vom Felsen
Ein altes Weib
Ein Kniglicher Kmmerer
Ein Hauptmann
Erster und Zweiter Anfhrer
Eine Dienerin Glnarens
Gefolge und Kmmerlinge des Knigs
Frauen und Dienerinnen Glnarens
Zwei Verwandte Karkhans
Zwei Knaben.  Diener.  Krieger.  Volk (beiderlei Geschlechts)





Erster Aufzug

(Lndliche Gegend mit Felsen und Bumen.  Links im Vorgrunde eine
Htte.  Neben der Tr eine Bank.  Sommerabend.
Hrnertne erschallen aus der Ferne.)

Mirza (kommt aus der Htte).
Horch!  War das nicht Hrnerschall?
Ja, er ist's!  Er kommt!  Er naht!  Doch so spt erst!--Warte,
Wilder,
Du sollst mir's frwahr entgelten!
Unerbittlich will ich sein,
Schmollen will ich, zrnen, schelten,
Und nur spt--erst spt verzeihn.  Ja, verzeihn!  Das ist es eben,
Darin liegt das Ma des Unglcks.
Oh, man sollte grollen knnen,
Grollen, so wie andre fehlen,
Lang und unabnderlich,
Da Verzeihung Preis der Berung
Und nicht Lohn des Fehlers schiene.
Denn es ist frwahr nicht billig,
Da die Strafe der Beleid'gung
Nicht einmal so lange whre,
Ach, als der Beleid'gung Schmerz.
Knnt' ich trotzig sein, wie er,
Oh, ich wei, er wre milder.  Doch wo bleibt er?  Dort herber
Schien des Hornes Ton zu kommen.

(Zurcktretend und nach allen Seiten blickend.)

Dort vom Hgel steigt ein Mann
Mit des Weidwerks Raub beladen.
Ob er's ist?--Die Sonne blendet.
Scheidend an der Berge Saum,
Schttet sie, in Glut versunken
Ihres Brandes letzte Funken
Durch die abendliche Flur
Auf des spten Wandrers Spur.  Jetzo wendet er das Antlitz!
Rustan!?--Armes, oft getuschtes Herz!
Wohl ein Jger schreitet her,
Rasch beflgelnd seine Schritte,
In der lauten Doggen Mitte,
Wohl ein Jger, doch nicht er.  Trage, wunder Busen, trage,
Bist des Tragens ja gewohnt!

(Setzt sich.)

(Abend) ist's, die Schpfung (feiert),
Und die Vgel aus den Zweigen,
Wie beschwingte Silberglckchen,
Luten aus den Feier(abend),
Schon bereit, ihr s Gebot,
Ruhend, selber zu erfllen.
Alles folgt dem leisen Rufe,
Alle Augen fallen zu;
Zu den Hrden zieht die Herde,
Und die Blume senkt in Ruh'
Schlummerschwer das Haupt zur Erde.  Ferneher vom dstern Osten
Steigt empor die stille Nacht;
Ausgelscht des Tages Kerzen,
Breitet sie den dunkeln Vorhang
Um die Hupter ihrer Lieben
Und summt suselnd sie in Schlaf.  Alles ruht, nur er allein
Streift noch durch den stillen Hain,
Um in Berges dunkeln Schlnden,
Was er hier vermit zu finden.
Und mich martert hier die Sorge,
Und mich ttet hier die Angst.  Jener Jger, Kaleb ist's,
Sieh, sein Weib eilt ihm entgegen
Mit dem Kleinen an der Brust.
Wie er eilt sie zu erreichen!
Und der Knabe streckt die Hnde
Jauchzend nach dem Vater aus.  Ihr seid glcklich!--Ja, ihr seid's!

(Sie versinkt in Nachdenken.)
(Massud kommt aus der Htte.)

Massud.
Mirza!

Mirza.
Rustan!

Massud.
Ich bin's, Mirza!
Mdchen, lssest du den Vater
In der Dmmrung so allein?

Mirza.
Ach, verzeiht, ich wollte sehen--

Massud.
Ob er komme?

Mirza.
Ach, ja wohl.

Massud.
Nun, und--?

Mirza.
Keine Spur.

Massud.
's ist spt.

Mirza.
Nacht beinahe.  Alle Jger
Ringsum aus der ganzen Gegend
Sind zurck schon von den Bergen.
Glaubt mir, denn ich kenne alle,
Die in jenen Bergen jagen,
Mu ich sie nicht tglich zhlen,
Wenn den letzten ich erwarte?
Alle Jger sind zurck,
Er allein streift noch im Dunkeln.

Massud.
Ja, frwahr, ein wilder Geist
Wohnt in seinem dstern Busen,
Herrscht in seinem ganzen Tun
Und lt nimmerdar ihn ruhn.
Nur von Kmpfen und von Schlachten,
Nur von Kronen und Triumphen,
Von des Kriegs, der Herrschaft Zeichen
Hrt man sein Gesprch ertnen;
Ja, des Nachts, entschlummert kaum,
Spricht von Kmpfen selbst sein Traum.
Whrend wir des Feldes Mhn
Und des Hauses Sorge teilen,
Sieht man ihn bei Morgens Glhn
Schon nach jenen Bergen eilen.
Dort, nur dort im dstern Wald
Ist des Rauhen Aufenthalt,
Du bist, alles ist vergessen,
Und es scheint ihm hohe Lust,
Mal die Wildheit seiner Brust
An des Waldes Wild zu messen.
Das ist ein unselig Treiben!
Ich beklage dich, mein Kind.

Mirza.
Scheltet drum ihn nicht, mein Vater!
War er doch nicht immer so.
Oh, ich wei wohl eine Zeit,
Wo er sanft war, fromm und mild,
Wo er stundenlange sa
Auf dem Grund zu meinen Fen,
Bald des Hauses Arbeit teilend,
Bald ein Mrchen mir erzhlend,
Bald--o glaubt mir, lieber Vater,
Er war damals sanft und gut.
Hat er seither sich verndert,
Ei, er kann sich wieder ndern
Und er wird's, gewi, er wird's.

Massud.
Whnst du mich zu berzeugen,
Und kannst es dich selber nicht?

Mirza.
Glaubt, mein Vater, dieser Sklave,
Zanga, er trgt alle Schuld.
Seit er trat in unsre Htte,
Seit erklang sein Schmeichelwort,
Floh die Ruh' aus unsrer Mitte
Und aus Rustans Busen fort.
Rustan, wahr ist's, schon als Knabe
Horcht' er gerne groen Taten,
bt' er gerne Ungewohntes,
Wollt' er gerne was er kann,
Wr' das schlimm?  Er ist ein Mann.
Stets doch hielt er die Gedanken
In des Hauses frommen Schranken
Und gebot dem raschen Mut.
Zanga kam.  Sein Hauch, verstohlen,
Blies die Asche von den Kohlen
Und entflammte hoch die Glut.  Oh, ich habe sie belauscht!
Oft, wenn Rustan mir versprochen,
Nicht zu gehen nach den Bergen,
Und er still und ruhig sa;
Da trat Zanga vor ihn hin,
Und von Schlachten hrt' ich's tnen,
Und von Kmpfen und von Siegen.
Hoch empor und immer hher
Stieg die Glut in Rustans Wangen,
Jede seiner Fibern zuckte,
Und die Hnde ballten sich;
Aus den tiefgezognen Brauen,
Schossen Blitze wilden Feuers,
Und zuletzt--
da sprang er auf,
Langte von der Wand den Bogen,
Warf den Kcher um den Nacken,
Und hinaus--hinaus zum Walde!

Massud.
Armes Kind!  und achtet nicht,
Hart und sorglos, der Verkehrte!
Deines Kummers, deiner Angst.

Mirza.
Angst?  Warum denn Angst, mein Vater?
Oh, ich wei, der starke Rustan
Kennt nicht Furcht und nicht Gefahr.
Dann ist Zanga ja mit ihm.

Massud.
(Doch) nur zwei.

Mirza.
Er zhlt fr viele.

Massud.
In der Nacht--

Mirza.
Er kennt den Pfad.

Massud.
Wie so leicht ein wildes Tier--

Mirza.
Oh, es (flieht) das Wild den Jger!

Massud.
Oder gar--

Mirza.
Was, Vater, was?
Sprecht es aus und ttet mich!

Massud.
Armes Kind, das ist dein Los,
Wenn dich, wie ich sonst wohl dachte,
Einst an ihn ein festres Band--

Mirza.
Vater, es wird khl, wir wollen
In die Htte doch zurck.
Eh' wir's denken, kommt auch er.

Massud.
Nun, so sei's denn, wie es ist!
Die dort oben mgen walten.
Was ihn heut zurckehlt,
Denk ich wohl beinah zu wissen.

Mirza.
Wie?  Ihr wit?  O sprecht!

Massud.
Dein Derwisch,
Der besorgte fromme Mann,
Der dort haust in jenem Walde,
Sandte kaum nur schnelle Botschaft,
Mir zu melden, da man sage,
Rustan habe Streit erhoben
Auf der Jagd mit einem Weidmann.

Mirza.
Streit?  Mit wem?

Massud.
Mit Osmin, heit es,
Unsers Emirs ltstem Sohn,
Der am Hof zu Samarkand
In des Knigs Kammer dienet,
Und, mit Urlaub bei dem Vater,
Sich den Jgern beigesellt.
Rustan schlug nach ihm und--

Mirza.
Mehr noch?

Massud.
Und sie griffen zu den Waffen.

Mirza.
Waffen?

Massud.
Doch man schied sie schnell,
Und der Streit ward ausgetragen.

Mirza.
Doch vielleicht--

Massud.
Sei ruhig, Kind!
Osmin ist schon heimgekehrt
Und nichts weiter zu besorgen.
Aber Rustan ahnet wohl,
Da mir Kunde seiner Raschheit,
Und er scheut, mir zu begegnen.
Kaum wird's vollends Nacht, so schleicht er,
Seines Oheims Blick vermeidend,
Leise wohl in sein Gemach.
Darum, Mirza, la uns gehn;
Unsre Gegenwart, bednkt mich,
Hielt ihn wohl so lange fern.

Mirza.
Und Ihr zrnt ihm?

Massud.
Sollt' ich nicht?
Siehst du mich schon flehend an?
Oh, ich wei wohl, jedes Wort,
Tadelnd, rauh zu ihm gesprochen,
Wie ein Pfeil aus schwachen Hnden,
Prallt von seinem starren Busen
Und dringt in dein weiches Herz.
Komm nur, komm!  Ich will nicht schelten.

(Beide in die Htte ab.)
(Pause.  Dann schleicht Zanga, nach allen Seiten umhersphend,
herein.)

Zanga.
Kommt nur, Herr!  die Luft ist rein!

(Rustan tritt auf mit Bogen und Kcher.)

Zanga.
Munter, Herr!  was soll das heien?
Warum dster und beklommen?
Was ist Arges denn geschehn?
Da Ihr einem platten Jungen,
Der recht unverstndig prahlte,
Euch zu hhnen sich erfrechte,
Etwas unsanft mitgespielt,
Das ist alles.  Und was weiter?
Euer Oheim wird wohl schelten;
Sei es drum!  Gnnt ihm die Lust.

Rustan.
Glaubst du, da ich seine Worte,
Seines Tadels Ausbruch scheue?
Nimmer brauch ich zu errten,
Was ich tat, kann ich vertreten;
Knnt' ich's nicht, ich wr' nicht hier.
Nicht der Schmerz, den mir sein Zrnen,
Der, den es ihm selber kostet,
Macht mich seinen Anblick fliehn.
Knnt' er all doch seine Sorge,
Seine Angst um mich, mit einem,
Einem Feuergusse strmen
Auf dies unverwahrte Herz,
Und dann kalt und ruhig bleiben
Bei des Wilden Tun und Treiben,
Hier!  er khle seinen Schmerz.
Aber, da ich sehen mu,
Wie der Nahverwandten Wnsche,
Gleich entzgelt wilden Pferden,
Nord- und sdenwrts gespannt,
An dem Leichnam unsers Friedens,
Raschgespornt, zerfleischend reien;
Da ich sehe, wie wir beide,
Brgern gleich aus fremden Zonen,
Bang uns gegenberstehn,
Sprechen und uns nicht begreifen,
Einer mit dem andern zrnend,
Ob gleich Lieb' in beider Herzen,
Weil, was Brot in einer Sprache,
Gift heit in des andern Zunge,
Und der Gru der frommen Lippe
Fluch scheint in dem fremden Ohr:
Das ruft diesen Schmerz empor.

Zanga.
Nun, so lernt denn seine Sprache,
Er wird Eure nimmer lernen!
Und wer wei?  An Lektionen
Lt's der alte Herr nicht fehlen.
Bleibt im Land und nhrt Euch redlich!
Auch die Ruhe hat ihr Schnes.

Rustan.
Spotte nicht!  Denk an Osmin!
Gleicher Lohn harrt gleicher Frechheit.
Ha, bei Gott!  Es soll kein Prahler
Trotzig vor mich hin sich stellen
Und mich mit den Augen messen,
Den verschmten, keuschen Degen
Wiegend auf den glatten Schenkeln.
Er soll's nicht, wenn nicht sein Kopf
Hrter ist als Osmins Schdel,
Tcht'ger ist als diese Faust.
Bin ich nichts, ich kann noch werden,
Rasch und hoch ist Heldenbrauch;
Was ein andrer kann auf Erden,
Ei, bei Gott!  das kann ich auch.

Zanga.
Herr, Ihr sprecht nach meinem Herzen.

Rustan.
Wie so schal dnkt mich dies Leben,
Wie so schal und jmmerlich!
Stets das Heute nur des Gestern
Und des Morgen flaches Bild.
Freude, die mich nicht erfreuet,
Leiden, das mich nicht betrbt,
Und der Tag, der stets erneuet,
Nichts doch als sich selber gibt.
Oh, wie anders dacht' ich's mir
In entschwundnen, schnern Tagen!

Zanga.
's ist auch anders, mu ich sagen.
Nur Geduld!  es wird schon kommen.
Zeit tut alles, Zeit und Mut.
Jener Frst von Samarkand,
Den Osmin als Herrn genannt,
War, wie Ihr, des Dorfes Sohn,
Jetzt von Macht und Glanz umgldet;
Ihr seid aus demselben Ton,
Aus dem Glck die Mnner bildet
Fr den Purpur, fr den Thron.

Rustan.
Oh, es mag wohl herrlich sein,
So zu stehen in der Welt
Voll erhellter, lichter Hgel,
Voll umgrnter Lorbeerhaine,
Schaurig schn, aus deren Zweigen,
Wie Gesang von Wundervgeln,
Alte Heldenlieder tnen,
Und vor sich die weite Ebne,
Lichtbestrahlt und reich geschmckt,
Die zu winken scheint, zu rufen:
Starker, nimm dich an der Schwachen!
Khner, wage!  Wagen siegt!
Was du nimmst, ist dir gegeben!
Sich hinabzustrzen dann
In das rege, wirre Leben,
An die volle Brust es drcken,
An sich und doch unter sich:
Wie ein Gott, an leisen Fden
Trotzende Gewalten lenken,
Rings zu sammeln alle Quellen,
Die, vergessen, einsam murmeln,
Und in stolzer Einigung,
Bald beglckend, bald zerstrend,
Brausend durch die Fluren wlzen.
Neidenswertes Glck der Gre!
Welle kommt und Welle geht,
Doch der Strom allein besteht.

Zanga.
Recht!  Der Strom allein besteht.

Rustan.
Schon mein Vater war ein Krieger,
Meines Vaters Vater auch,
Und so fort durch alle Grade.
Ihr Blut pocht in diesen Adern,
Ihre Kraft sthlt diese Faust,
Und ich soll hier mig trumen,
Schauen, wie sich jedermann
Lorbeern pflckt vom Feld der Ehre,
Frchte bricht vom Lebensbaum,
Und mich selbst zur Ruh' verdammen?

Zanga.
Ihr sollt nicht!  beim Himmel, nicht!
Wenn Ihr wollt, ei, Herr, so handelt!
Ja, wenn die da drin nicht wren!
Dieser Oheim, diese Muhme
Hngen Euch wie schwere Fesseln--

Rustan.
La uns von was anderm sprechen!
Von was anderm, Zanga.

Zanga.
Seht Ihr?
Da kommt Euer weiches Herz,
Und der Vorsatz ist zum Henker.
Oh, da ich Euch drauen htte,
Drauen aus dem dumpfen Tale,
Auf den Hhen, auf den Gipfeln,
In der unermenen Welt!
Herr, Ihr solltet anders sprechen!
Seht nur erst ein Schlachtgefild',
Hrt nur erst Trompeten klingen,
Und es soll Euch Kraft durchdringen,
Wie sie diese Adern fllt.
Herr, ich war mal auch so whlig,
Als ich, freilich jung genug,
Meine ersten Waffen trug.
Ging im Kopf mir hin und her,
War das Herz mir zentnerschwer;
Als es hie: dem Feind entgegen!
Schlug's da drin mit harten Schlgen,
Und die Nacht
Vor der Schlacht
Ward gar bange zugebracht.
Doch beim ersten Sonnenstrahl
Ward mir's klar mit einem Mal.
Ha!  da standen beide Heere,
Zahllos, wie der Sand am Meere,
Still und stumm
Weit hinum,
Dster, wie das Nebelgrauen,
Das noch lag auf Feld und Auen.
Durch den Duftqualm sah man's blitzen
Von dem Strahl der Eisenspitzen,
Und als jetzt der Nebel wich,
Zeigte Ro und Reiter sich,
Da fhlt' ich mein Herz sich wandeln,
Jeder Zweifel war besiegt,
Klar ward's, da im Tun und Handeln,
Nicht im Grbeln 's Leben liegt.
Und als nun erschallt das Zeichen,
Beide Heere sich erreichen,
Brust an Brust,
Gtterlust!
Herber, hinber,
Jetzt Feinde, jetzt Brder
Streckt der Mordstahl nieder.
Empfangen und geben,
Der Tod und das Leben
Im wechselnden Tausch,
Wild taumelnd im Rausch.
Die Lfte erschttert,
Die Erde zittert
Von Pferdegestampf,
Laut toset der Kampf.
Die Gegner, sie wanken,
Die Gegner, sie weichen,
Wir, mutig und jach
Den Fliehenden nach,
ber Freundes und Feindes Leichen.  Jetzt auf weitem Feld
Der Wrger hlt,
berschaut die gefallenen hren,
Doch kann er der Freude nicht wehren.
Sieg, rufet es, Sieg!
Herr, das heit leben!  Es lebe der Krieg!

Rustan.
Oh, halt ein!  Du ttest mich!

Zanga.
Wenn so ein Gefangener,
Ein Verkaufter spricht, ein Sklave,
Was mu erst--doch still!  Genug!

(Er zieht sich zurck.)
(Mirza kommt aus der Htte.)

Mirza.
Rustan!

Rustan.
Ha, man kmmt!

Mirza.
Du bist es!
Konntest du so lange weilen?
Oh, wir zitterten um dich.

Rustan.
Ist es denn so ungewhnlich?

Mirza.
Ungewhnlich?  Das wohl nicht,
Aber schmerzlich drum nicht minder.
Sag ich mir gleich jeden Morgen:
Spt erst wird er wiederkehren,
Hoff ich dich doch immer frh;
Und der Wunsch und die Erwartung
Sind gar reich an Mglichkeiten.
Weil du ruhig bist und sorglos,
Glaubst du denn, wir wren's auch?
Immer flieen meine Trnen,
Was auch die Erfahrung spricht;
Fr den Mut gibt's ein Gewhnen,
Aber fr die Sorge nicht.
Warum wendest du dich ab?

Rustan.
Horch!  Mich dnkt, dein Vater ruft.

Mirza.
Ich soll gehn?  Oh, komm du mit!
Du bist hei, die Nachtluft khl,
Und der mde Fu will Ruhe.

Rustan.
La nur!  Hier--

Mirza.
Nicht doch!  Du sollst!
In der Htte ruht sich's besser
Und das Abendessen wartet.
Komm!  Der Vater zrnt nicht mehr,
Alles ist vergessen.--Komm!

(Mit Rustan in die Htte ab.)

Zanga.
Deut mir eins der Liebe Werke,
Ob Verlust sie, ob Gewinn?
Gibt dem Weibe Mnnerstrke
Und dem Manne--Weibersinn!  Sei's!  Man mu nicht gleich
verzweifeln!

(Er folgt ihnen.)

(Das Innere der Htte.
Im Mittelgrunde ein Tisch mit den Resten einer Abendmahlzeit und
Licht, an dessen einem Ende Massud nachdenklich sitzt.  Rechts im
Hintergrunde ein Ruhebett.
Mirza fhrt Rustan herein; bald nach ihnen Zanga.)

Mirza.
Hier ist Rustan, lieber Vater,
Seht, er hatte sich verirrt.
Wo?--Ei gleichviel!  Er ist hier.
Ja, die Wege dort im Walde
Sind verworren und verschlungen;
Bricht der Abend noch herein,
Braucht es Glck, den Pfad zu finden.
Nun, er fand ihn, Dank dem Himmel!
Knftig eilt er wohl ein wenig,
Sieht er sich die Sonne neigen.  Setze dich!

(Da Rustan neben dem Alten niedersetzen will, sich zwischen beide
drngend.)

Nicht hier!  Nein dorthin!
Ich mu bei dem Vater sitzen.
Seht doch!  's ist mein Ehrenplatz.

(Rustan setzt sich an das andere Ende des Tisches.)

Massud (sanft, doch ernst).
Rustan!

Mirza (rasch einfallend).
Vater, knnt Ihr's glauben?
Racha, unsre Magd will wissen--

Massud.
Liebe Tochter!

Mirza.
Wollt Ihr Wein?

Massud.
Gnne mir ein Wort mit ihm!
Nur ein Tor verhehlt den Brand;
Wir, mein Kind, wir wollen lschen.

Mirza.
Ihr verspracht mir--

Massud.
Frchte nichts!
Doch es mu einmal zur Sprache.  Sohn, seit lange schon bemerk ich,
Da du unsern Anblick meidest.
Die Bewohner dieses Hauses
Und ihr stilles Tun und Treiben
Scheint dir nicht mehr zu gefallen.
Auf den Bergen ist dein Lager,
In den Wldern deine Wohnung,
Und das Heulen wilder Tiere,
Sturmbewegter Bume Drhnen
Scheint dir lieblicher zu tnen,
Als der Nahverwandten Wort.
Rauh und dster ist dein Wesen,
Zank und Hader dein Geschft.
Heute nur, ich hab's vernommen,
Da du mit Osmin im Walde
Streit erregt.

Zanga (der sich um den Tisch beschftigt hat, einfallend).
Erregt?  Mit Gunst,
Das kann ich Euch besser sagen.

Massud.
Du?

Zanga.
Ich hab's mit angesehn.

Massud.
Hte dich!

Zanga.
Ei, wahr ist wahr!
Und erlaubt Ihr, so erzhl ich's.

Mirza.
Hrt ihn Vater, mir zulieb!

Zanga.
Mittag war es, und die Jger,
Von der Arbeit Last zu ruhn,
Kamen alle, wie sie pflegen,
Auf dem Wiesengrund zusammen,
Um am Rand der klaren Quelle
Mit des Weidsacks kargem Vorrat
Und Gesprch sich zu erlaben.
Unter ihnen war Osmin,
Ein verwhnter trotz'ger Junge,
Der von l und Salben duftet,
Wie 'nes Blumenhndlers Laden.
Der tat denn gar breit und vornehm,
Sprach von seinen Heldentaten,
Seinem Glcke bei den Weibern,
Wie des Knigs Tochter selber
Bei der Tafel nach ihm schiele,
Und was denn des Zeugs noch mehr.  Meinem Herrn dort stieg die Rte
Ungeduldig ins Gesicht,
Doch, ob kochend, dennoch schwieg er.
Aber als Osmin nun fortfuhr,
Da der Frst von Samarkand,
Hart bedrngt von Feindeshand,
Seine Tochter und ihr Erbe,
Seines weiten Reiches Krone
Gerne gnnte dem zum Lohne,
Der ihn rette aus der Not,
Und mein Herr, von Glut ergriffen,
Angeregt von dem Gedanken,
Solcher Tat und solchen Lohns,
Aufsprang und voll Eifer fragte:
Wo der Weg nach Samarkand?
Da schlug Osmin auf ein Lachen,
Und vor Rustan hin sich stellend,
Rief er aus: "Ei, welch ein Helfer!
Heil dir, Frst von Samarkand!
Guter Freund, bleibt fein zu Hause,
Hinterm Pfluge zeigt die Kraft!"
Da--

Rustan (aufspringend).
Bei Gott!  ich mag's nicht denken,
Da er lebt, der das gesagt!

Massud.
Sohn, nur ruhig!

Rustan.
Ruhig?  Ich?
Und frwahr, hat er nicht recht?
Was hab ich getan noch, um mich
Solchen Werks zu unterwinden?
Er hat recht, hat heute recht,
Morgen nicht mehr, leb ich noch.
Oheim, gebt mir Urlaub!

Massud.
Wie?

Rustan.
Seht, mich duldet's hier nicht lnger.
Diese Ruhe, diese Stille,
Lastend drckt sie meine Brust.
Ich mu fort, ich mu hinaus,
Mu die Flammen, die hier toben,
Strmen in den freien ther,
Drcken diesen heien Busen
An des Feindes heie Brust,
Da er in gewalt'gem Ansto
Breche, oder sich entlade;
Mu der auf geregten Kraft
Einen wrd'gen Gegner suchen,
Eh' sie gen sich selber kehrt
Und den eignen Herrn verzehrt.
Seht Ihr mich verwundert an?
"Nur ein Tor verhehlt den Brand",
Spracht Ihr selber, lat mich lschen.
Gebt mir Urlaub und entlat mich.

Massud.
Wie, du wolltest--?

Rustan.
Was ich mu.

Massud.
Und denkst nicht--?

Rustan.
's ist bedacht.

Massud.
So vergiltst du unsre Liebe?

Rustan.
Nimmer sie hinfr mibrauchen,
Das ist alles, was ich kann.

Massud.
Rauh und dornicht ist der Pfad.

Rustan.
Sei es!  Fhrt er nur zum Ziele.

Massud.
Und das Ziel, es ist verderblich.

Rustan.
Also sagt man.  Ich will's kennen.
Was man wei, befriedigt nur.

Massud.
Diese, mich willst du verlassen?

Rustan.
Lange nicht, kehr ich zurck
In der Teuern liebe Mitte,
Teile wieder eure Htte,
Oder ihr mit mir mein Glck.

Mirza.
Rustan!

Rustan.
Mirza!  Ich verstehe.
Doch wir sehen uns ja wieder,
Doppelt glcklich, doppelt froh.

Massud.
Magst du ihre Trnen schauen
Und dich kalt--

Rustan.
Ich kann nicht anders.

Massud.
Wisse denn nun auch das Letzte:
Diese hier, sie liebt dich.

Rustan.
Mirza!
Hier auch--doch es ist beschlossen!
Niemals, oder deiner wert!

Mirza.
Rustan!

Massud.
Halt!  So meint' ich's nicht!
Kann er deiner, Kind, entraten,
Massuds Tochter bettelt nicht.
Zieh denn hin, Verblendeter,
Ziehe hin!  und mgest du
Nie der jetz'gen Stunde fluchen.

Rustan.
Heute noch?

Massud(sich abwendend).
Sobald du willst.

Rustan.
Zanga, nach den Pferden!

Zanga.
Gern!

Massud.
Wozu diese hast'ge Eile?
Halt!  Es ist jetzt dunkle Nacht.
Ungebahnet sind die Pfade
Und gefahrvoll jeder Schritt.
Davor wahr ich dich zum mindsten.
Schlaf noch einmal hier im Hause,
Denk noch einmal, was du willst,
Trifft der Tag dich gleichen Sinnes,
Nun, wohlan, so ziehe hin!
Mirza, komm!  wir lassen ihn.

Mirza.
Vater!  nur dies einz'ge Wort.
Rustan, jener alte Derwisch,
Der dort wohnt in nahen Bergen
Und den du, ich wei, nicht liebst,
Ja, kaum einmal wolltest sehen,
Whrend er besorgt um dich:
Er versprach mir, heut zu kommen,
Und nur erst glaubt' ich zu hren
Seines Saitenspieles Ton,
Das er fhrt auf allen Wegen.
Oh, versprich mir, eh' du scheidest,
Ihn zu hren, ihn zu sprechen;
Erst, wenn fruchtlos, zieh mit Gott.

Rustan.
Und wozu?

Mirza.
Die letzte Bitte!

Rustan.
Kommt er morgen frh genug,
Mag er wie die andern sprechen.

Massud.
Nun zur Ruh'!  La ihn sich selbst.
Jedem Sprecher fehlt die Sprache,
Fehlt dem Hrenden das Ohr.
Gute Nacht denn!

(Er geht mit Mirza.)

Mirza.
Rustan!

Rustan.
Zanga!
Morgen frh die Pferde!

Zanga.
Wohl!

(Er folgt den beiden.  Alle drei ab.)

Rustan.
Sie sind fort!--Es pocht doch ngstlich!
Sie ist gar zu lieb und gut.--
Ob auch!--Fort!--Ich bin erhrt,
Und was lang als Wunsch geschlummert,
Tritt nun wachend vor mich hin.
Seid gegrt, ihr holden Bilder,
Seid mit Jubel mir gegrt!
Ich bin md, die Stirne drckt,
Mattigkeit beschleicht die Glieder.

(Nach dem Lager blickend.)

Nun, wohlan!  Noch einmal ruhn
In dem dumpfen Raum der Htte,
Krfte sammeln knft'gen Taten,
Dann befreit auf immerdar.

(Er sitzt auf dem Ruhebette, Harfenklnge erklingen von auen.)

Horch!  Was ist das?  Harfentne?
Wohl der alte Klimprer nah?

(In halb liegender Stellung, mit dem Oberleibe aufgerichtet.  Er
spricht die Worte des Gesanges nach, die sich jetzt mit den
Harfentnen verbinden.)

"Schatten sind des Lebens Gter,
Schatten seiner Freuden Schar,
Schatten Worte, Wnsche, Taten;
Die Gedanken nur sind wahr.  Und die Liebe, die du fhlest,
Und das Gute, das du tust,
Und kein Wachen als im Schlafe,
Wenn du einst im Grabe ruhst." Possen!  Possen!  Andre Bilder
Werden hier im Innern wach.

(Er sinkt zurck.  Die Harfentne whren fort.)

Knig!  Zanga!  Waffen!  Waffen!
(Mehrstimmige leise Musik greift in die Harfentne ein.  Zu des
Bettes Hupten und Fen tauchen zwei Knaben auf.  Der eine,
buntgekleidet, mit verlschter Fackel, der zweite in braunem
Gewande mit brennender.  ber Rustans Bette hin nhern sie einander
die Fackeln.  Die des Buntgekleideten entzndet sich, der Dunkle
verlscht die seine gegen die Erde.)
(Da ffnet sich die Wand des Hintergrundes.  Wolken verhllen die
Aussicht.  Sie heben sich.  Die Gegend, in der der zweite Akt
spielt, wird sichtbar, von Schleiern bedeckt.  Auch diese schwinden.
Ein erster, ein zweiter.  Die Gegend liegt offen da.  Neben dem
im Vorgrunde stehenden Palmbaum hebt sich in weiten Ringen eine
groe goldglnzende Schlange, bis zu seinen untersten Blttern
hinanstrebend nach und nach empor.  Rustan macht eine Bewegung im
Schlafe.)

(Der Vorhang fllt.)






Zweiter Aufzug

(Waldgegend.  Im Hintergrunde Felsen, die ein Bergstrom trennt und
eine Brcke verbindet.  Rechts im Vorgrunde ein vereinzelt
stehender Fels, an dessen nach vorn gekehrter Seite ein Springquell
und daneben eine Moosbank.  Gegenber links eine einzelne Palme.)
(Rustan und Zanga kommen.)

Rustan.
Freiheit!  Ha, mit langen Zgen
Schlrf ich deinen ther ein.
In des Morgens Purpurschein
Seh ich deine Banner fliegen,
Die auf Hhn, am Himmelszelt
Weit umher du aufgestellt;
Allen Lebenden ein Zeichen
In der Schpfung weiten Reichen.
Freiheit!  Atem der Natur,
Zeiger an der Weltenuhr,
Alles Groen Wieg' und Thron,
Nimm ihn auf, den neuen Sohn;
La mein Stammeln dir gefallen,
Die du Mutter bist von allen!

Zanga.
Herr, und jetzt genug geschwrmt.
Nun lat uns von Nt'germ sprechen.

Rustan.
Ntig?  Nt'germ?  Oh, nicht denken,
La mich fhlen jetzo noch!
Nicht mehr in dem Qualm der Htte,
Eingeengt durch Wort und Sorge,
Durch Gebote, durch Verbote;
Frei, mein eigner Herr und Knig.
Wie der Vogel aus dem Neste,
Nun zum erstenmal versuchend
Die noch ungeprften Flgel.
Schaudernd steht er ob dem Abgrund,
Der ihn anghnt.  Wagt er's?  Soll er?
Er versucht's, er schlgt die Schwingen--
Und es trgt ihn, und es hebt ihn.
Weich schwimmt er in lauen Lften,
Steigt empor, erhebt die Stimme,
Hrt sich selbst mit eignen Ohren,
Und ist nun erst, nun geboren.
Also fhl ich mich im Raume;
Mcht auf alle Berge steigen,
Mcht aus allen Quellen trinken,
Laub und Bume mcht ich gren,
Bin ein Mensch erst und ein Mann.

Zanga.
Sprecht nur zu, 's hat keine Eile,
Ich erfrische mich derweile.

(Er setzt sich.)

Rustan.
Zanga, nein!  Nicht ruhn, nicht rasten,
Bis begonnen unser Werk.

Zanga.
Unser Werk?  So wollt Ihr also
Handeln, prfen, denken, trachten?

(Er steht auf.)

Nun, da bin ich Euch zu Dienst.

Rustan.
Fort, und auf nach Samarkand!
Oben nur von jenen Hgeln
Sah in seiner Trme Brand
Ich die Sonne strahlend spiegeln,
Wir sind dort, eh' sie entschwand.

Zanga.
Nur so zu, und auf gut Glck?
Herr, um selig einst zu sterben,
Denkt bei allem mir ans Ende;
Doch wollt Ihr, ein Tcht'ger, leben,
So erwgt und prft den Anfang,
Denn das Ende kommt von selber.
Tretet ein bei Unbekannten,
Herr, und strauchelt auf der Schwelle,
Bleibt Ihr Meister Ungeschickt,
Sprcht Ihr, wie die sieben Weisen;
Freunde, die's beim Becher wurden,
Lachen auf aus voller Kehle,
Sehn sie sich nach Jahren wieder;
Und die Braut, gefreit in Trnen,
Folgt mit Seufzern Euch durchs Leben.
Unsre Neigungen, Gedanken,
Scheinen gleich sie ohne Schranken,
Gehn doch, wie die Rinderherde,
Eines in des andern Tritt.
Drum, bei allem, was Ihr macht,
Sei der Anfang reif bedacht.  Ihr geht nun nach Samarkand;
Da ist denn vor allem ntig,
Da Ihr gleich als der erscheinet,
Der Ihr spter denkt zu werden.
Euern Vater, lobesam,
Adeln wir nur gleich im Grabe,
Machen ihn zum Khan, zum Emir
Aus--Grusinien,--aus dem Monde.
So was hilft beim ersten Eintritt,
Und erreicht Ihr Eure Wnsche,
Deckt das andre der Erfolg.

Rustan.
Gut!

Zanga.
Ei, gut?  Nu, das geht besser,
Als ich glaubte, als ich hoffte.
Euer Oheim, seine Htte--

Rustan.
Arme Mirza!

Zanga.
Ja, weil arm,
Hindert sie ein reiches Wollen.
Ahmt mir nur nicht jene nach,
Die das nahe Gut verschmhen,
Aber unerhrt, getrennt,--
Lichterloh, wie Wolle brennt,--
Hei in Liebesglut vergehen.
Lat das jetzt, und seid ein Mann!  Jener Frst aus Samarkand
Ist gedrngt von seinem Feinde,
Von dem mchtgen Khan aus Tiflis,
Der um seine Tochter freite:
Ein verwhntes, einz'ges Kind,
Das gar stolz und hochgesinnt,
Selbst den Gatten whlen mchte.
Ein geziertes, ff'ges Wesen,
Tat so was in Dichtern lesen.
Ich war erst in wirren Zweifeln,
Ob dem Strkern, ob dem Schwachen
Zu vertrauen unsre Sachen;
Doch der Starke g'ngt sich selbst,
Und das Unglck macht erkenntlich.
Darum geht nach Samarkand,
Suchet Dienst in seinem Heere,
Und wenn an Entscheidungstagen
Ich Euch sage: losgeschlagen!
Strzt dann in den Feind mit Macht,
Tief ins Herz der wilden Schlacht;
Augen zu, und links und rechts
Kreuzt die Blitze des Gefechts.
Fallt Ihr, war's Euch so bestimmt;
Siegt Ihr, sprechen wir vom Lohne.
Mancher fand so eine Krone.

Rustan.
Also sei es, und so komm!

Zanga.
Herr, nur noch ein kleines Weilchen!
Auch der Krper will sein Recht.
Hier in meines Rnzels Weite
Fhr ich Kost fr m'ge Leute,
Erst getafelt, eins gezecht,
Dann hervor die besten Kleider,
Euch als Junker angetan!
So was hilft und frdert leider!
Drauf als wackrer Edelmann
Hin zur Stadt, dem Glcke nach;
Komme dann, was kommen mag!

Eine Stimme (hinter der Bhne).
Hilfe!  Hilfe!

Zanga.
Horch, welch Rufen?

Stimme.
Hilfe!  Hilfe!

Zanga.
Nher kommt's.
Das beginnt mit Weh und Ach.
Abenteuer, seid ihr wach?

(Ein reichgekleideter Mann erscheint im Hintergrunde auf der Brcke.
Er wird von einer nur je und dann auf Augenblicke sichtbaren
Schlange verfolgt.)

Knig.
Keine Rettung!  Hilft denn niemand?

(Er flieht ber die Brcke und verschwindet auf Der linken Seite
des Hintergrundes.)

Zanga.
Herr, den Speer nun angefat!
Rasch zum Wurf mit kluger Hast.

Der Knig (tritt fliehend vom Hintergrunde her links auf.  Er eilt
nach vorn, whrend Rustan rechts, Zanga links im Mittelgrunde sich
gestellt haben).
Gtter!  Gtter!  Kein Erbarmen?

(Er sinkt besinnungslos am Felsensitze nieder.)

Zanga.
Werft und trefft!

Rustan (wirft den Speer nach dem noch nicht sichtbar gewordenen Untier).

Zanga.
Verfehlt!  Nun, Herr,
Braucht die Beine, nehmt Euch Raum,
Ich erklettr' indes den Baum.

(Im Begriffe, die auf der linken Seite stehende Palme zu erklettern.)
(Whrend die Schlange links im Hintergrunde zum Teil sichtbar wird
und Rustan nach dem Vorgrunde rechts flieht, erscheint auf dem
daselbst vorspringenden Felsen ein Mann in einen braunen Mantel
gehllt mit gehobenem Wurfspie.)

Der Mann auf dem Felsen.
Schlechte Schtzen!

(Er wirft und heftet, durchbohrend, die Schlange an den Boden.)

Topp!

(Herablachend.)

Ha, ha!
Schlechte Schtzen!  lernt erst treffen!

(Verschwindet von der Hhe.)

Zanga (vom Baum herabsteigend).
Was war das?--He, liegt die Schlange?

Rustan.
Nicht durch mich.

Zanga.
Nu, desto schlimmer!
Und doch gut, da sie nur liegt.

(Zu dem Hingesunkenen tretend.)

Herr, das ist ein reicher Mann!
Wohl ein Frst, vielleicht ein Knig.
Zieltet besser Ihr ein wenig,
Zahlten Ehren Euch und Gold.

Rustan.
Wirst du, Glck, mir nimmer hold?

Zanga.
Seht die Perlen, das Geschmeide!--
Herr, und seid Ihr sicher auch,
Da nicht Ihr, da jener andre
Hingestreckt das grimme Tier?
Eure Lanze traf.

Rustan.
Nicht meine.

Zanga.
Und wo ist er, dieser andre?
Warum steigt er nicht hernieder,
Pflckt die Frchte seiner Tat?

(Gegen den Felsen emporrufend.)

Mann vom Felsen, Mann vom Berge,
Komm herunter, sprich mit uns!  Seht, er kommt nicht, war wohl nie.
Wo auch sollt' er sein und weilen?
Ringsherum auf viele Meilen
Kein Lebendiger als wir.

(Bei dem am Boden Liegenden.)

Hu, am Turban, seht, die Krone!
Ich verwette Hals und Hand,
's ist der Frst von Samarkand.  Tuschung, Augentrug das Ganze,
Herr, ich sah es, Eure Lanze
Streckte jenes Tier in Sand.

Rustan.
Der war's, der am Felsen stand.

Zanga.
Nun, zum Henker!  Noch einmal:
Mann vom Berge, komm herunter!
Zeige dich zu dieser Frist;
Sonst negier ich frisch und munter,
Leugne, da du warst und bist.
Seht, er kommt nicht, seht, er war nie.
Schaut umher doch in der Runde,
Niemand kann sich da verbergen;
Rings der Felsen abgeschnitten,
Auf dem Felsen selber niemand.

Rustan.
Doch ich sah ihn.

Zanga.
Saht und seht!
Herr, Ihr hattet Furcht, gesteht!
Und der Schrecken, wild und wilder,
Zeigt gar sonderbare Bilder.
Hier ein Mann im Frstenschmuck,
Leichenbla in Sand gebettet,
Und Ihr seid's, der ihn gerettet.
Nehmt die Gabe des Geschickes,
Und glaubt nur, der heut'ge Tag
Ist der Anfang unsers Glckes.

(Hrnerklang in der Ferne.)

Hrt Ihr fernen Hrnerklang?
Zweifelt nur nicht ewig lang!
Ihr erlegtet jenes Tier;
Scho ein andrer, schot auch Ihr.
Wir sind zwei hier gegen einen;
Wag er nur, es zu verneinen!

Der Gerettete (sich emporrichtend).
Hrnerschall!--Ha, und wo bin ich?

Zanga (zu Rustan).
Ha, nun gilt's!

(Zum Fremden.)

Herr, unter Freunden.
Edler Frst!  vielleicht wohl mehr noch?
Hochgeehrt nach Rang und Stande.

Der Fremde (der aufgestanden ist).
Ich bin Knig dieser Lande.

Zanga (kniend).
Herr, dein Knecht--


(Rustan lt sich in einiger Entfernung aufs Knie nieder.)



Knig.
Und jenes Tier?
Blutig, tot, liegt's dort am Boden.
Meine Retter!

(Zu Zanga.)

Du?

(Auf Rustan zugehend.)

Nein, du!

Zanga.
Herr, Ihr habt es gut erraten!

(Auf Rustan zeigend.)

Jener war's.  Ein tcht'ger Wurf,
Stracks hinein durch Herz und Lungen,
Und es hatte ausgerungen.

Rustan.
Herr, verzeiht--

Zanga.
's ist wohl verziehn!

Rustan.
Wenn noch Zweifel--

Zanga.
Ob wir leben?
Ob dort jenes tot genug?

(Leise.)

Nun, zum Henker, seid doch klug!

(Wiederholter Hrnerschall.)

Knig.
Ha, sie rufen, meine Lieben,
Suchend, wo ihr Hort geblieben.
Hier, Getreue!  hier der Ort!

(Er geht in die Mitte der Bhne zurck, wo er, antwortend, in ein
an seiner Hfte hngendes Jagdhorn stt.)

Rustan.
Zanga, komm, und la uns fort!

Zanga.
Nach dem allen, Herr, und fliehn?
Jetzt, da unsre Bohnen blhn?

Rustan.
Nimmer sollst du mich bercken,
Mich mit fremder Tat zu schmcken.
Und doch knnt' ich's auch nicht sehn,
Erst gepriesen, erst gehuldigt,
Zager Feigheit dann beschuldigt,
Einem andern nachzustehn.

(Nach wiederholtem Hrnerruf kommt nun das Gefolge des Frsten.
Glnare, seine Tochter, an der Spitze.)

Glnare.
Vater!  Vater!

Knig.
Oh, mein Kind!

(Sie strzen sich in die Arme.)

Zanga (zu Rustan).
Schaut nur, schaut!  Seht halb Euch blind!
Gold und Spangen, Perlen, Kleider,
Seht der Hoheit Vollgewalt.

Rustan.
Zanga, jene Lichtgestalt,
Sich um seinen Nacken schmiegend,
Weich in Vaterarmen liegend.
Wie sie atmet, wie sie glht,
Jede Fiber wogt und blht.
Nun weist her auf mich sein Blick,
Danket mir der Rettung Glck.
Zanga, nun nicht mehr zurck!
Wr's am Rand mit meinen Tagen;
(Ich) hab jenes Tier erschlagen.

Knig.
Ja, mein Kind, ein Raub des Todes,
Wenn nicht dieser Jngling war;
Sieh, so nahe die Gefahr.

(Auf das erlegte Tier weisend.)

Glnare (mit der Hand die Augen bedeckend).
Ah!

Knig.
Entfernt dies Schreckbild!

Glnare.
Nein!
Stark, entschlossen will ich sein.

(Nach vorn kommend.)

Glaub nur nicht, mein edler Fremdling,
Da, ein schwach erbrmlich Weib,
Hinter dir so fern ich bleib!
Oft hat man mich wohl gesehen,
Mnnlich die Gefahr bestehen,
Eine Gleiche stand ich ihr.
Doch das Widrige, den Grauen
So verwirklicht anzuschauen,
Nimmt entfremdend mich von mir.
Und doch, schafft's nicht fort, es bleibe;
Selbst bezwingen will ich mich.  Nun zu dir, mein edler Retter,
Der mit seines Armes Walten
Alles, alles mir erhalten,
Was der Schwachen brigblieb.
Rings von Feindesmacht umgeben,
Von verschmhter Liebe Trutz,
War mir dieses Greises Leben
Einz'ge Sttze, all mein Schutz.
Und der Drache bleckt' die Zhne,
Und es war um ihn geschehn;
Da--o lohn es diese Trne!--
Hebt sich eines Armes Sehne,
Und das Untier mu vergehn.
Vater, schau, so sehen Helden!
Vater, schau, so blickt ein Mann!
Was uns alte Lieder melden,
Schau es hier verwirklicht an!

Rustan (leise).
Kohlen, Zanga, glhnde Kohlen!

Zanga (ebenso).
Lat die Furcht den Henker holen!

Glnare.
Doch du sprichst nicht?  Doch du schweigest?

Rustan (auf die Knie strzend).
Herrin, oh, ich bin vernichtet!

Knig (entschuldigend zu Glnare).
Wohl das Neue unsers Anblicks--

Glnare.
La ihn, Vater!  Es erquickt mich,
Einen Mann beschmt zu sehn!
Oh, ich sah sie brstend gehn,
Mit gedunsnen Worten prahlend,
Mit Versprechen Taten zahlend,
Doch kam der Erfllung Zeit,
Wie war Held und Tat so weit!
Dieser kommt uns, als von oben,
In der Stunde der Gefahr,
Tut, was seiner wrdig war,
Und verstummt, wenn wir ihn loben.
Vater, sag es selbst!  frwahr,
Stellt er nicht die Zeit dir dar,
Nicht die Zeit, die einst gewesen,
Und von der wir staunend lesen,
Wo noch Helden hhern Stammes,
Wo ein Rustan weltbekannt
In der Parsen Fabelland--

Zanga.
Rustan ist auch er genannt.

Glnare.
Rustan!  Hrst du, Vater?  Rustan!
Oh, die Zeiten sind noch immer,
Wo, wenn Menschenkrfte enden,
Gtter ihre Hilfe senden.
Er kommt uns von ihrer Hand.

(Zu ihrem Vater.)

Und so wird gefat dich finden,
Was soeben Boten knden:
Jener blut'ge Khan von Tiflis,
Mein Bewerber und mein Feind,
Hat in mcht'gen Heeres Mitten
Unsre Grenzen berschritten,
Hundert Vlker stolz vereint,
Weil er hilflos uns vermeint.


(Auf Rustan zeigend.)

Hier die Hilfe!  Hier der Hort!
Stell ihn an der Treuen Spitze,
La ihn tragen deine Blitze,
Mut sein Atem, Tat sein Wort;
Und die Deinen, neu ermutet,
Sehn mit Neid, wenn einer blutet,
Und sein Beispiel reit sie fort.

(Zu Rustan.)

Sei mein Schtzer, sei mein Retter,
Banne diese dunkeln Wetter,

(Nach und nach langsamer sprechend.)

Und der glnzend neue Tag
Bringt dir dar, was er vermag.

Knig (halblaut).
Sprichst du doch, als httest du
Sie vernommen, die Gelbde,
Die ich tat in der Gefahr.
Dem Erretter, kme Rettung,
Schwur ich, nichts, ich nichts zu weigern,
Und wenn es das Hchste war.
Du errtest, du verstehst mich.

Glnare.
Vater, komm und la uns gehn.

Knig.
Nun so karg, und erst so warm!
Warst du hier an meiner Stelle,
Dnkte jeder Lohn dir arm.

Glnare (nach rckwrts gewendet, wie ablenkend).
Und wo ist, wo ist die Stelle,
Die so vieles mir gedroht?

Knig.
Dort kam ich, und floh den Tod,
Jene Schlange mein Gefolg',
Keine Wehr als meinen Dolch.

Zanga.
Seht, hier liegt er noch am Boden,
Reich besetzt mit edlen Steinen.


(Er hebt den Dolch auf und gibt ihn seinem Herrn, der ihn dem
Knige berreicht.)

Knig (mit ablehnender Gebrde).
Zhl, was mein ist, zu dem Deinen.
Zahlt' ich mit so armen Steinen
So beglckenden Erfolg?
Dort kam ich, und dort die Schlange;
Dieser Mann--

(Auf Rustan zeigend.)

Zanga (am Boden den Platz bezeichnend).
Hier stand er, hier.

Knig.
Nein, du irrst, er stand dort oben,
Eingehllt in braunen Mantel.

Rustan.
Zanga!  Zanga!

Zanga.
Heier Tag!

Knig (auf Zanga).
Erst warfst du, allein du fehltest,
Dann scho er, die Schlange lag.
In der Sinnenkraft Vergehen
Hab wie trumend ich's gesehen.
Du standst hier, und er stand dort,
Und war bleich und schien viel kleiner,
Wohl gebckt zum Wurf sich neigend.
Wo auch blieb der braune Mantel?

Zanga.
Irgend dort wohl in den Struchen.

Rustan (leise).
Zanga, Zanga!

Zanga.
Mut, nur Mut!

Knig.
Nun genug, und damit gut!
Dort auf jener Klippe Zinnen
Soll ein Tempelbau beginnen
Dem, der waltend niederblickt,
In der Not den Retter schickt.
Tochter, komm!

Glnare (zu Rustan).
Du folg uns bald!

(Gehend und vor der getteten Schlange zurckschaudernd.)

Oh, des Anblicks Nachtgewalt
bt von neuem seine Rechte.
Oh, verzeih es dem Geschlechte,
Das der Seele Kraft bezwingt,
Kindisch solche Schauer bringt.

Knig.
Reich den Arm ihr, gib die Rechte.

Glnare.
Vor dem Toten schtze mich,
Lebt' es noch, ich zagte nicht.

(Sie sttzt sich auf Rustans Arm.  Alle bis auf Zanga ab.)

Zanga (ihnen nachschauend).
Das geht gut, bei meiner Treu!
Das Prinzechen hat gefangen.
Tat zwar noch ein bichen scheu,
Kmpft noch Stolz mit dem Verlangen.
Wie sie fest an ihm sich hlt.
Nun ein Graben--Hupp!  gesprungen!
Ha, sie gleitet, strauchelt--fllt?
Nein, er hat sie rasch umschlungen.
Nichts so kstlich in der Welt,
Als wenn eins das andre hlt.

Rustan (zurckkommend).
Zanga, Zanga!  Ich bin selig!

Zanga.
Ei, es geht?  nicht wahr?  es geht!

Rustan.
Und nun komm!  Dort deinen Bndel,
Wirf ihn in den nchsten Flu.
Nichts la unsern Stand verraten,
Wir sind Kinder unsrer Taten,
Und nach aufwrts strebt der Fu.
Komm nur, komm!

Zanga.
Doch frher, Herr,
Lat die Gegend uns durchspren,
Ob nicht jener Mann vom Felsen--

Rustan.
Zanga, ich hab's berdacht;
Jener Mann war kein Lebend'ger!
Bote einer hhern Macht,
Kam er in des Schreckens Nten,
Um zu treffen, um zu tten,
Und entschwand, da er's vollbracht.

Zanga.
Nun, der Dank wr' abgemacht!

Rustan.
La ihn Mensch auch sein, wie wir,
Kommen, und sich stellen mir;
Will mit Gold ihn berhufen,
Flle auf ihn niedertrufen,
Gro ihn machen, gro und reich,
Wenn auch nicht dem Geber gleich,
Stellen auf des Glckes Zinne,
Und wer wirft mir Unrecht vor?
Zanga, denn, was ich gewinne,
Ist nicht das, was er verlor.
La ihn tun sie, jene Tat,
Bittend dann nach Lohn sich wenden,
Man gibt Gold mit sprden Hnden,
Und er geht, wie er genaht.
Doch bei mir, mit mir war's anders:
Unerklrt, ein dunkles Etwas,
Zog des Vaters, zog der Tochter--
Oh, des Weibs voll hehrem Sinn!
Beider Blicke nach mir hin.
Gleich gilt nicht von gleichem Scheine,
Und ich nehme nur das Meine.
Komm und fort, dem Glcke nach!
Heut ums Jahr ist auch ein Tag.

Zanga.
Herr, ach Herr!

Rustan.
Was ist?

Zanga.
O schaut!

(Der Mann, dessen Wurf die Schlange gettet, ist hinter dem Felsen
hervor und in den Vorgrund rechts getreten.  Er hat den ihn
umhllenden braunen Mantel auf die Moosbank gelegt, und steht nun
in kurzem schwarzem Leibrocke, nackten Armen und Beinen, mit
schwarzem Bart und Haar, das Antlitz leichenbla, da.)

Rustan.
Ha!  wie mir's im tiefsten graut!

Zanga.
's ist derselbe, dessen Speer
Jenes Tier, vom Felsen her--

Rustan.
Unheil!  nie dein Kcher leer?

Der Mann vom Felsen
(ist einige Zeit, unbeweglich vor sich hinschauend, auf der
Moosbank gesessen, jetzt neigt er sich zur Quelle und trinkt).

Zanga.
Herr, er lebt!  ist leibhaft, trinkt!

Rustan.
Meines Traums Gebude sinkt.
Zanga!

Zanga.
Herr?

Rustan (die Hand am Dolche).
Ist's nicht Osmin?
Der Verweichlichte, Verwhnte,
Der mich jngst beim Jagen hhnte?

Zanga.
Seht doch nur den Bart, das Haar.

Rustan.
Du hast recht, und es ist wahr.
Aber erst nur glich er ihm.
Jeder Blick, mit neuer Lge,
Zeigt mir anders seine Zge.
Was je greulich und verhat,
All in sich sein Anschaun fat.

Der Mann (richtet sich empor, legt den zusammengefalteten Mantel ber den
Arm, und macht sich gefat, quer nach dem Hintergrunde zu,
fortzugehen).

Zanga.
Schaut, er geht.

Rustan.
Nicht so!  Und halt!
Steht mir Rede!  Wohin geht Ihr?

Der Mann vom Felsen (mit klangloser Stimme).
Hin nach Hofe, vor den Thron.

Rustan.
Was dort suchend?

Der Mann vom Felsen.
Meinen Lohn.

Rustan.
Lohn?  Wofr?

Der Mann vom Felsen (auf das erlegte Tier zeigend).
Fr meine Tat.

Rustan.
Deine?--Meine!--Unsre Tat!

Der Mann vom Felsen.
Arme Schtzen!  Ha, ha, ha!
Lernt erst treffen!  Arme Schtzen!

(Zum Fortgehen gewendet.)

Rustan.
Halt, noch einmal!  Er, der Knig,
Dankbar dir fr dein Bemhn,

(Den Dolch des Knigs aus dem Grtel ziehend.)

Sendet dir dies edle Kleinod,
Diesen reich besetzten Dolch,
Wo des Demants klares Scheinen--

Der Mann vom Felsen.
Zahlt Ihr mit so armen Steinen
So beglckenden Erfolg?

Rustan.
Nun, der Dolch hat eine Spitze,
(Sie) auch zahlt.

Der Mann vom Felsen.
Ei ja!  Ja doch!

Rustan.
Scheusal!  Teufel!  Greulich Untier!
Zieh nicht deine grimmen Fratzen,
Denn der Dolch in meinen Hnden
Zuckt und mahnt mich, rasch zu enden.
Zanga!

Zanga.
Herr?

Rustan.
Sieh hin!  Nur hin!
Gleicht er wieder nicht Osmin?
Wenn er grinset, wenn er lacht.

Zanga.
Fassung, Herr!  Und khl bedacht!

Rustan.
Nun, es sei!  Ich will mich fassen.
Mensch, was willst du?  was begehrst du?
Geizest du nach Reichtum, Schtzen?
Will dich in ein Goldmeer setzen,
Gieen aus ob deinem Haupt,
Was die Welt das Hchste glaubt.
All dein Wnschen, dein Verlangen,
Eh's zu keimen angefangen,
Soll's verwirklicht vor dir stehn,
Sollst du's reif in Garben sehn.

Der Mann vom Felsen.
Langes Rinnen trbt die Welle--
Ich trink gerne aus der Quelle.

Rustan (vor ihm niederstrzend).
Sieh mich denn zu deinen Fen,
Sieh ein flehendes Geschpf.
Heut zu allen knft'gen Tagen
Hat des Glckes Stund' geschlagen;
Geh und schreite ber mich,
Tritt ein Dasein unter dich!

Der Mann vom Felsen.
Willst mit andrer Taten prahlen,
Willst mit fremdem Golde zahlen?
Glck und Unrecht?  Luft'ger Wahn!
Rhm dich des, was du getan!


(Er geht nach dem Hintergrunde, indem er den Mantel wieder um die
Schultern wirft.)

Rustan (nach vorn kommend).
Er hat recht, und ich will fort.
Zanga, komm!  Wir kehren heim.
In der Nahverwandten Mitte
Sei das Glck der ersten Schritte,
Sei die Schmach--Und dennoch!  Nein!
Nein, es darf, es soll nicht sein!

Der Unbekannte (ist den Steig, der zur Brcke fhrt, hinaufgeschritten).

Rustan (folgt ihm).
Unmensch!  halt!  Nicht von der Stelle!
Diese Brcke wlbet sich
Als des Glcks, der Hoheit Schwelle,
Sei es dir, sei es fr mich.
Unmensch, halt!

(Er hat den Mantel des vor ihm Hinschreitenden angefat.)

Der Mann.
's ist nur mein Kleid.

Rustan.
Nun, der Herr ist auch nicht weit.
Halt!  Ich, oder du!

(Er fat ihn an.)

Der Mann.
Nicht ich!

(Sie ringen auf der Brcke.)



Rustan.
Sein Berhren ist Entmannen.
Zanga, Zanga, rette mich!

(Der Fremde drngt Rustan bis hart an den Rand der Brcke, im
Begriff, ihn hinabzustrzen.)

Rustan.
Ich erliege!

Zanga.
Braucht den Dolch!
Braucht den Dolch!  Ihr seid bewaffnet.

Der Fremde.
Ganz nun mein!

Rustan.
Noch nicht!  Noch nicht!

(Er hat den Dolch gezogen und stt ihn nun dem Fremden in die
Brust.)

Der Fremde (auf der Brcke niedersinkend).
Blutig!  Blutig!  Schwarzer Tag!

Rustan (von der Hhe herankommend).
Zanga!  Zanga!  Lebt er?  Bin ich?

Zanga.
Herr, Ihr seid!  Und seht, er blutet.

Rustan.
Oh, da ich's getan!  Entsetzen!

Der Fremde (halb emporgerichtet).
Kinderjahre!  Kinderjahre!
Folgt der Unschuld Leichenbahre!

(Zurcksinkend.)

Rustan!  Rustan!  Mirza, Rustan!

Rustan.
Zanga, schnell!  Sieh, ob noch Rettung,
Ob noch Hilfe mglich.  Eile!

Der Fremde (der sich im Todeskampfe auf der Brcke gewlzt, strzt
jetzt in die Flut).

Zanga.
Herr, zu spt!  Ihn hat die Flut.

(Zu Rustan, der, die Hnde vors Gesicht geschlagen, dasteht.)

Schlimm genug, und dennoch gut.
Wenn nicht er, wart Ihr verloren.

Rustan.
Oh, und wr' ich nie geboren!

(Hrnerschall.)

Zanga.
Herr, nur Fassung!  Fassung!  Mut!
Fall der Notwehr.--Hrt, man ruft uns.
Seht, man kommt.  Nun ausgehalten!

Ein Kmmerer (kommt von der linken Seite).
Herr, des Knigs hohe Gnaden
Lassen Euch zur Heimkehr laden,
Und zum Heereszug demnchst.
Dort sie selbst.

(Der Knig und Glnare erscheinen im Hintergrunde auf der Anhhe,
rechts der Brcke.)

Knig.
Nun, Rustan, folgt ihr?

Rustan.
Hoher Herr, ich bin bereit.

(Zu Zanga.)

Nun gilt's fallen, oder siegen!
Ausgedauert und--geschwiegen!

(Indem er sich zum Gehen wendet und die Hrner von neuem ertnen,
fllt der Vorhang.)






Dritter Aufzug

(Offener Platz in Samarkand.  Die ersten Kulissen des Vorgrundes
bilden eine zeltartige Estrade, deren hintere Vorhnge offen sind.
Rechts ist ein Sofa von Kissen angebracht, nach oben mit einem
Baldachin, nach rckwrts mit einer herabhngenden Draperie geziert.
Daneben ein Tischchen.  Gegenber auf der linken Seite ein
grerer Tisch, dunkelrotbehangen.
Der Platz von auen ist mit Volk beiderlei Geschlechts besetzt.
Jubelruf, kriegerische Musik, Truppenaufzge.)

Volk.
Heil dem Sieger!--Heil dem Knig!
Rustan!  Rustan!--Hoch Glnare!

(Der Knig kommt, zu beiden Seiten Rustan und Glnare an der Hand
fhrend.  Reichgekleidete Groe hinter ihm.  Sie gehen in dem Raume
auer dem Zelte quer ber die Bhne und auf der linken Seite ab.)

Zanga (durch das Volk kommend, zu denen, die am Eingange des Zeltes
stehen).
Platz da!  Platz!  Ich bin vom Hause!

(Er kommt nach vorn.)

Nun, bei Gott!  Das geht vortrefflich!
Unser Rustan wirkte Wunder!
Tritt hervor aus jenem Wald,
Und der Ruf der Tat durchschallt
Rings das Land nach allen Seiten.
Nieder von den Bergen schreiten
Hirten, jetzt zum erstenmal,
Vlker ohne Ma und Zahl,
Die sich sammeln, die sich scharen
Um den Retter in Gefahren.
Und der Feind, er steht verblfft;
Ihm, der kam zu leichtem Krieg,
Dnkt der Rckzug jetzt schon Sieg.
Rasch wir nach, und weit und weiter!
Schon sind handgemein die Streiter.
Da sieht Rustan jenen Khan,
Der so berstolz getan,
Sprengt auf ihn,--zwar, wie mich dnkt,
Ist das just der Punkt, der hinkt--
Rustan strzt.  Allein, was tut's!
Unsre Vlker, hohen Muts,
Sehen bange Zweifel schweben
Ob des Fhrers teurem Leben,
Dringen nach, und--sahst du's nicht!
Bald kein Feind mehr im Gesicht.
Also sich's begeben hat;
Ich bin selbst das Zeitungsblatt,
Schwarz gekommen schon zur Erden,
Darf's nicht erst durch Lgen werden.  Da kommt Rustan mit dem
Knig,
Tut schon vornehm, blickt schon stolz.
Ei, umgldet's nur ein wenig,
Dnkt sich Edelstein das Holz.

(Der Knig und Rustan kommen.)

Knig.
Hrtest du?  vernahmst du?  sahst du?
Ihres Mundes freundlich Lcheln,
Ihrer Rede Sommerfcheln,
Fhltest du den Druck der Hand?
Ja, Glnare, meine Tochter,
Sinnt nicht lnger Widerstand.
Freude, Wonne, sondergleichen!
Ihre Hand will sie dir reichen;
Und was an des Todes Toren
Ich mir selber zugeschworen,
Und was Nacht bisher verhllt,
Glnzend, herrlich wird's erfllt.
Du, an meiner Tochter Seite,
Sitzest auf der Vter Thron,
Breitest aus in alle Weite
Mit der Kriegsdrommete Ton
(Dieses Landes) Macht und Ruhm,
Noch vor wenig kurzen Tagen
Stolzer Nachbarn Eigentum.
Und sie zittern und sie beben
Vor dem Drun der starken Hand,
Und des Ruhmes Sulen heben
Hoch den Thron von Samarkand.
Sieh dies Land, es ist das deine,
Sieh mein Selbst, es folgt dem Land;
Oh, des sel'gen Abends Scheine,
Da ich dich, den Retter fand!

(Er setzt sich.)

Ich bin md, bringt mir zu trinken,
Selbst die Freude schwcht die Kraft.
Alles scheint mir zuzuwinken:
Tu, was neu das Alte schafft.  Gebt mir Wein, die Zunge lechzet,
Und verschliet des Zeltes Hllen.
Freuden, wie sie mich erfllen,
Hegt man gern bei sich allein.

(Zanga gibt den Auftrag.  Man geht um Wein.  Die Vorhnge des
Zeltes fallen herab.)

Rustan.
Wenn auch das, was ich getan,
Voll und wirklich Lohn erheischet,
Doch so berm'ge Gunst--

Knig (aufstehend).
La du ber dem Geschick,
Auszugleichen Wert und Glck!
Wr's Verdienst denn, wenn der Regen
Niedertruft auf unsre Flur?
Ist Verdienst es, wenn der Leu,
Reichbegabt und stark und frei
Hineilt auf des Wildes Spur;
Wenn die kreisende Natur
Aus der Gaben Reichtum spendet,
Achtlos, wer ihn zu sich wendet?
Auch der Zufall will sein Spiel.
Nimm, was dein; und scheint's zuviel,
Dieses als zuviel Erkennen
Macht dich wert, es dein zu nennen.  Eins nur ist noch zu
bericht'gen:
Rustan, alle, die ich fragte
Nach den Eltern, die du nanntest,
Nach den Deinen, deiner Abkunft,
Niemand will die Namen kennen,
Und den Stamm, das Volk, den Ort.

Zanga.
Ist's doch auch ein kleines Vlkchen,
Seiner Herden Zucht ergeben,
Und da sie nomadisch leben,
Kommt's heut an, zieht morgen fort.

Rustan.
Dann, o Herr, wenn erst das Was
Des Geschehnen klar und deutlich,
Forscht man viel noch hinterher
Um das Wie und um das Wer?

Knig.
Du hast recht!  und wer auch immer,
Bist du immer doch derselbe,
Der mein Land, mein Volk befreit;
Der an jenem grausen Morgen
Meiner Tage Rest geborgen,
Dessen Mute, dessen Schlag
Jenes Untiers Grimm erlag.
Bist derselbe, und bist's nicht;
Und wenn nicht, mir so viel teurer,
Als mir teuer dies dein Selbst.  Wenn ich dich so vor mir sehe,
Hochgewachsen, stark und khn,
Mit der hellen, klaren Stimme,
Freu ich doppelt mich und dreifach,
Da du anders, als ich damals
In der Sinne wirrem Wanken,
Mehr ein Wahnbild der Gedanken,
Meines Retters Bild gesehn.
Du schienst damals klein und bleich,
Eingehllt in braunen Mantel,
Und die Stimme scharf und schneidend--

(Man hrt aus der Ferne Gemurmel von Stimmen, dazwischen klagend
ausgestoene Laute.)

Knig.
Welch Gerusch?--Seht zu, was ist.

(Es geht jemand.)

Widerlich strt's meine Rede,
Und dazwischen Klagetne,
Fast wie jene--

(Zu Rustan.)

Warst du damals
Auch mit diesem ganz allein?

(Auf Zanga weisend.)


War kein dritter, war kein andrer
Neben dir?

Rustan.
Nur er und ich.

Knig.
Eine Stimme, dumpf und schaurig,
Die ich frher schon gehrt,
Sonst im Leben schon vernommen,
Schien da in mein Ohr zu kommen,
Wie ich lag von Angst betrt.
Du standst damals--

Rustan.
Herr, am Felsen.

Zanga.
Oben, oben, auf dem Felsen.

Knig.
Oben, recht!  Je mehr ich sinne,
Um so widerlicher wird's.
Auf dem Felsen, klein und bleich,
Eingehllt in braunen Mantel,
Und die Stimme--

(Die vorigen Klagelaute wiederholen sich.)

Knig.
Pfui des Lauts!
Schafft sie fort, die ekle Stimme,
Die Erinnerung mit ihr.

(Zanga geht ab.)
(Ein Diener hat Wein gebracht.)

Knig.
Hier ist Wein.  Komm, la uns trinken!
Weg es waschen dieses Bild!
Was ich damals dumpf getrumt,
Lieblich hat's den Platz gerumt
Dem Erfreulichen, dem Wahren.
Wo sich Gtter offenbaren,
Kndigt sie ein Schauder an,
Da, wenn ein die Mcht'gen fahren,
Schon die Pforten aufgetan.
Hier ist Wein.  Komm, la uns trinken!
Und noch diesen Abend sollen
Laute Zimbeln und Trommeten
Hoch von dieser Feste Trmen
Es in alle Lfte strmen,
Da du Erbe mir und Sohn.
Ja, du Edler, ja, du Guter,
Schutzgeist, Lebensretter du,
Sieh dein Vater trinkt dir's zu!

(Indem er den Becher emporhebt und Rustan sich vor ihm auf ein Knie
niederlt, kommt Zanga eilig zurck; hart hinter ihm ein
Kmmerling.)

Knig (einhaltend).
Was begab sich?

Zanga (zu Rustan leise).
Herr, nur Mut!

Knig.
Soll ich lnger noch erwarten--?

Kmmerling.
Herr, die Stadt beinah in Aufruhr.

Knig (den Becher abgebend).
Aufruhr?  Torheit!  Und warum?

Kmmerling.
Herr, die Wellen des Tschihun,
Die an unsern Mauern nagen,
Haben auf den flachen Sand
Eines Mannes Leib getragen,
Der durch Mord sein Ende fand.

Knig.
Lat sie das dem Richter klagen!

Kmmerling.
Und der Mann, er ward erkannt
Als derselbige mit jenem,
Den, aus deiner Kmmrer Scharen,
Nie hat man den Grund erfahren,
Du vorlngst vom Hof verbannt.

Knig.
Wohl, ich wei.--Doch diese Laute?
Schaurig, widrig, wirren Klanges--?

Kmmerling.
Herr, es ist sein alter Vater,
Den du kennst, der stumme Mann;
Eine Schrift in seinen Hnden,
Fleht er um Gericht dich an.

Knig.
Wohl, es sei ihm, doch er schweige!
Rustan!

Rustan.
Herr!

Knig.
Du kanntest nie
Jenen Mann, der nun gettet?

Rustan.
Herr, so meinst du--?

Knig.
Nun, nur Gutes.
Doch die Stimme, deren Klang
Damals mir zu Ohren drang,
Als du mich befreit beim Jagen,
Schien des Manns, der nun erschlagen.
Es kommt nher, wchst im Raum,
Wie ein halbvergener Traum.

Und wen klagt man an als Tter?

Kmmerling.
Herr--

Knig.
Du zgerst?

Kmmerling.
Wag ich's?

Knig.
Sprich!
Wen zeiht man des Mordes?

Kmmerling.
Dich!

Knig.
Mich?  Ha Torheit und Verrat!
Nicht nur ein Sinn fehlt dem Alten,
Alle fehlen in der Tat.

(Die Vorhnge auseinanderschlagend.)

Komm herein, du Mann der Torheit,
Stumm an Zunge, an Verstand,
Und beweise deine Klagen,
Oder stirb von meiner Hand!

(Der alte Kaleb, grau gekleidet, mit schwarzem berwurf, weiem
Bart und Haar, tritt, von Karkhan geleitet, eine Schrift
emporhaltend, ein und wirft sich vor dem Knige nieder, wobei er,
nach Art der Stummen, unartikulierte Laute ausstt.)

Knig.
Nicht berhre meine Kleider,
Bis du Widerruf getan.

Zanga (leise).
Herr, was dnkt euch?

Rustan.
Harr und schweig!

Zanga.
Diesen Mann sah ich schon frher.
Gleicht er nicht--?

Rustan.
Ob auch!  Wem immer!
La uns hren, was er bringt.

Knig (dem der Alte eine Schrift emporgereicht hat).
Was soll ich mit diesen Zeilen?
Zorn quillt mir im Auge hei.

(Zu dem Fhrer des Greisen.)

Bist du einer, der da wei?

Karkhan.
Seinem Hause nah verwandt.

Knig.
Nun, so sprich, was dir bekannt.

Karkhan.
Was man sagt, nicht was ich meine.
Jenen Toten, dir bewut,
Fanden wir im Abendscheine,
Einen Dolch in seiner Brust.
Und der Dolch--er war der deine.

Knig.
Mein Dolch?  Wie?

(Seinen Dolch halb ziehend.)

Hier ist mein Dolch.

Karkhan.
Jenen Dolch, den du beim Jagen
Pflegtest in dem Gurt zu tragen,
Und auch trugst zu jener Zeit,
Da ein Wunder dich befreit.

Knig (zu Rustan tretend, halblaut).
Rustan, dir gab ich den Dolch,
Der im Wahnwitz der Gefahr
Meiner Hand entfallen war.
Bring ihn her!  Gib mir ihn wieder!
Du entfrbst dich?--Rustan!  Rustan!
Jener Mann, den sie beschrieben,
Ward durch mich vom Hof vertrieben,
Weil sein Trachten, frech gesinnt,
Sich erhob zu meinem Kind.
Also denn dein Nebenbuhler!
Rustan!  Rustan!  Und die Stimme,
Die von jenem Felsen sprach,
Und nun auftaucht, hell und wach,
Sie glich jenes Mannes Stimme,
Der nur jetzt des Mrders Grimme,
Unbekanntem Tod erlag.
Rustan, gib den Stahl mir wieder.

(Laut.)

War's ein Dolch mit grnen Steinen?

Karkhan.
Mit Smaragden reich besetzt;
Tief im Busen eingetrieben,
Wo er gra zusammenhielt
Den durchnten braunen Mantel.

Knig.
Braunen Mantel?--Stand am Felsen
Bleich und hager--du standst seitwrts.
Oben er, und scho--Wer traf?
Rustan, Rustan!--Sprich nicht jetzt!
Nicht ein Wort, das dich gereuet.
Ich will hin, den Toten sehn,
Du magst nach dem Dolche gehn.  Alter, folg!  und folget ihr!

(Zu Rustan tretend.)

Auf!  zerstreue diese Wolke!
Denn Rechtfert'gung schulden wir,
Ich, der Frst, dem ganzen Volke,
Du, der Sohn und Brger, mir.

(Er geht, von Kaleb und seinem Gefolge begleitet ab.)

Zanga.
Herr, was nun?

Rustan.
Das fragst du mich?
Du, der sonst so berreichlich
Mittel wute, Kniffe, Rnke,
Der mich bis hierher geleitet;
Losgerissen von der Heimat,
Mich die Wrfel hie ergreifen
Zu des Glckes falschem Spiel?
Dessen Zunge Schmeichellaut
Ich, ein Trichter, vertraut;
Der mit Lgen und mit Leugnen
Mich verlockt, mir anzueignen,
Was ein anderer getan;
Abgelockt mich von der Bahn,
Von der ebenen, geraden,
Von des Ruhmes goldnen Pfaden.

Zanga.
Ebnen Pfaden?  Schner Wahn!
Ach, verzeiht zu hohen Gnaden,
Fast kommt mir ein Lachen an:
Wackre Faust und schlichter Geist
Frdern auch und bringen weiter,
Etwa zu 'ner Fahne Reiter,
Einer Hauptmannsstell' zumeist,
Lt mit halbzerschonen Knochen
Magre Gnadensuppen kochen.
Aber wen es hher treibt,
Auf zu Glckes reichern Spenden,
Wenn auch der im Fuweg bleibt,
Mag er nur die Schritte wenden.
Ich stellt' Euch mit einem Ruck,
Sei's im Guten, sei's im Schlimmen,
Auf des Berges hchsten Hang,
Dessen Mitte zu erklimmen
Ihr gebraucht ein Leben lang.

Rustan.
Und nun ghnt der Untergang!

Zanga.
Pah!  und was ist auch verloren?
Wenn Ihr nicht die Schlange schlugt,
Habt Ihr doch den Feind geschlagen,
Allen ihren knft'gen Tagen
Heil gebracht und Sicherheit.
Habt Ihr nicht das Heer fr Euch?
Flchtet Euch in ihre Reihen,
Die Euch khn gefolgt im Streit;
Mag dann dieser Knig druen,
Und wer wei, wer noch gebeut.
Herr, nur Mut!  Dort seh ich zwei
Von den Fhrern unsers Heeres.
Wie sie lauern!  wie sie sphn!
Bleibt nur hier und harrt der Dinge,
Ich will mal sie prfen gehn.

(Er geht nach dem Hintergrunde auf den Halbkreis von Menschen zu,
die dort zurckgeblieben sind.)

Rustan.
Folg ich ihm?  bentz ich eilend
Die Gelegenheit der Flucht?
Schndlich!  Niedrig!  Greulich!  Greulich,!  Nicht da ich den
Mann erschlug.
Hab ich ihm den Tod gegeben,
War's, verteidigend mein Leben,
War's, weil jener Brcke Pfad,
Schmal und gleitend wohl genug,
Einen nur von beiden trug.
War's, weil er mit gift'gem Hohn
Lauernd seine Tat versteckte,
Und die Hand erst nach dem Lohn,
Dem bereits gegebnen, streckte.
War es, weil--mu ich's denn sagen
Er und ich zwei Hupter tragen,
Und dies Land nur eine Kron'.
Es geschah.  Allein, wenn nicht,
Stnd', genber seiner Tcke,
Jetzt ich auf der Schauerbrcke,
Es geschhe jetzt, wie da.
Doch, da nach durchfochtnem Krieg,
Da mein Stern zum Scheitel stieg,
Ich, verklagt, soll Antwort geben
ber ein so niedrig Leben,
Dafr trstet mich kein Sieg.  Oh, htt' ich, o htt' ich nimmer
Dich verlassen, heimisch Dach,
Und den Taumelpfad betreten,
Dem sich Sorgen winden nach.
Htt' ich nie des uern Schimmer
Mit des Innern Wert bezahlt,
Und das Gaukelbild der Hoffnung
Fern auf Nebelgrund gemalt.
Wr' ich heimisch dort geblieben,
Wo ein Richter noch das Herz,
Wo kein Trachten ohne Lieben,
Kein Versagen ohne Schmerz!  Ha, und doch!  zurck es lassen,
Was mir anbeut das Geschick?
Diese Stadt mit lauten Gassen,
Eines Reiches frstlich Glck?
Wornach hei mein Wunsch getrachtet,
Leibhaft, wirklich, schau ich's an
Und beim Griff der Hand umnachtet
Mich ein gaukelhafter Wahn?
Standen nicht der Vorzeit Helden
Oft auf gleicher Zweifelbahn?
Tu's!  lie Geist und Mut sich hren;
Tu's nicht!  rief das Herz sie an;
Und sie lieen sich betren,
Um den Zaudrer war's getan;
Oder taten's, und wir schwren
Nun bei dem, was sie getan.  Ich will harren, ich will bleiben,
Ghnte weit des Todes Schlund;
Und wer's wagt, mich zu vertreiben,
Stehe fest auf seinem Grund.

(In einer ffnung des Halbkreises, den die in der Ferne stehenden
Menschen bilden, wird Zanga sichtbar.)

Rustan.
Zanga!  Zanga!

Zanga (kommt nach vorn, von einem graugekleideten alten Weibe gefolgt,
das einen Becher trgt).
Fort, du Hexe!

Die Alte.
Zanga, komm!  gib's deinem Herrn!

Zanga.
La mich!  La mich!

Die Alte.
Bser Diener!
Sorgst du nicht um deinen Herrn?

Rustan.
Was ist das?

Zanga.
Wei ich es selber?
Sie verfolgt mich mit dem Becher,
Nennt's ein Mittel, nennt's Arznei.

Die Alte.
Wohl Arznei!  Du bser Diener!
Nimm es nur, gib's deinem Herrn!

Zanga.
La mich, la!

Rustan.
Wer sendet sie?

Die Alte.
Ich mich selbst, mein schner Herr!
Du bist krank; sieh, das erfuhr ich--

Rustan.
Krank?

Die Alte.
Ei, Sohn!  Bedenklich krank!
Wie glimmt wild dein dunkles Auge,
Wie zuckt gichterisch der Mund!
Gib die Hand mir, reich den Arm,
Und ich deute dir dein Fieber.

Rustan.
La!

Die Alte.
Wohl krank!  (ansteckend) krank!
Einer starb schon, der dir nahte,
Drauen liegt er auf dem Sand.
Und der Knig frchtet auch wohl,
Da dein bel ihn ergreife,
Darum harrt er, weilt mit Vorsatz,
Will dir Zeit, mein Shnlein, geben,
Zu entweichen, zu entfliehn.

Rustan.
Zanga!

Die Alte.
Nun!  Nur nicht verzagt!
Sieh, mein Sohn, hier ist ein Mittel,
Sieh den glimmernd schum'gen Saft.
Kaum benetzt er deine Lippen,
Sinkt die Brandung ebbend nieder,
Lsen sich die mden Glieder,
Schweigt der Schmerz, erlischt der Tag,
Zrne dann, wer zrnen mag!

Rustan.
Greulich!  Greulich!

Die Alte.
Ei, ich seh wohl,
Dich erschreckt des Trankes Anblick,
Weil er gar so brausend zischt.
Ei, das gibt sich, ei, das legt sich,
Wie Begeisterung der Jugend.
Auch, mein Sohn, in Wein gegossen,
Wirkt ein Tropfen wie das Ganze.
Hier steht Wein.  Ha, und der Becher,
Sieh!  wie gleicht er hier dem meinen.
Nun, ich mische dir den Trank.

(Sie nhert sich dem Tischchen neben dem Ruhebette, auf dem des
Knigs Becher steht.)

Rustan (sie anfassend).
Halt!--Und Zanga!--La den Vorhang
La des Zeltes Vorhang nieder!

(Zanga zieht den Vorhang, er schliet sich.)

Die Alte.
Hi, hi, hi!  Warum den Vorhang?
Warum Decken denn und Hllen,
Wenn wir Rechtes nur erfllen?
Ei, du mchtest wohl den Trank,
Aber auch, da man dich zwnge!
Ei, ich zwinge niemand, Sohn!
Bietend reich ich meine Gaben,
Wer sie nimmt, der mag sie haben.
Und so stell ich hin den Becher,
Der dich reizt, und der dich schreckt.
Wird dein bel, Shnlein, schlimmer,
Weit du, was dir Heilung weckt.
Doch nicht blo an dich gebunden,
Andern auch hilft dieser Trank,
Macht die Kranken schnell gesunden,
Die Gesunden freilich krank.

(Sie hat den Becher auf den links stehenden Tisch gestellt.)

Nun, mein Shnlein, Gott befohlen!
Ohne Abschied, ohne Dank!

Rustan

(der mit gesenktem Haupte sinnend im Vorgrunde gestanden, fhrt
jetzt empor und fat die) Alte an).
Halt!  und nimm zurck den Becher,
Nimm zurck ihn, deinen Trank!

(Er ergreift den auf dem Tischchen rechts stehenden Becher und
drckt ihn der Alten in die Hand.)

Die Alte.
Hi, hi, hi!  Hast dich vergriffen!
Dort steht er, der edle Trank.
Das hier ist ja Saft der Trauben.

(Sie trinkt.)

Wie das labt--wie das erquickt!

(Den Becher umwendend.)

Leer und aus!--Nu, dir zum Heile!
Und den Becher mir zum Lohn.

(Sie steckt den Becher in ihr Gewand.)

Wohlgemut, mein teurer Sohn.
Nicht die Hand vors Aug' geschlagen!
Was dir kommt, das mut du tragen,
Eine Leiche, auf dem Thron.
Bist nun deines Schicksals Meister,
Sprichst ein Wort im Rat der Geister,
Trgst dein eigen Los davon.  Horch!  man kommt.  Nun, ich will
gehen.
Unbesorgt!  Sie sehn mich nicht.
Ob gleich alle zu mir flehen,
Scheut doch jeder mein Gesicht.
Sieh dort offen eine Spalte
In des Zeltes dnner Wand,
Raums genug fr eine Alte.
Nun, mein Sohn, die Zukunft walte!
Glck, Entschlossenheit, Verstand!

(Sie hinkt nach der rechten Seite des Zeltes und zieht sich hinter
die Umhnge des dort stehenden Ruhebettes zurck, blickt noch
einmal, die Vorhnge aufhebend, hervor und wird dann nicht mehr
gesehen.)

Rustan.
Sieh!  wo kam sie hin, die Alte?

Zanga.
Herr, ich wei nicht.  Sie entschwand.
War's dort durch des Umhangs Spalte,
War's--mir bleibt es unerkannt.

Rustan.
Schweig, und gib das Tuch.

(Auf ein dunkelrotes Tuch zeigend, das Zanga lose um den Hals
geschlungen trgt.)

Zanga.
Das Tuch?

Rustan.
Wohl, das Tuch--so!--und nun stille!

(Er hat das dunkelrote Tuch ber den gleichbehangenen Tisch links
und den darauf stehenden Becher gebreitet und steht in banger
Erwartung.)
(Die Vorhnge des Zeltes tun sich auf.  Der Knig tritt ein, hinter
ihm Kaleb, Karkhan und zwei Begleiter.)

Knig.
Du noch hier?

Rustan.
Wo sonst, mein Knig?

Knig.
Nun, ich dachte dich entfernt.
Geht, ihr andern.

(Zu Kaleb.)

Du nur bleib!

(Das Gefolge entfernt sich, die Vorhnge des Zeltes werden
geschlossen.)

Knig (der einem der Abgehenden den braunen Mantel und den Dolch
abgenommen hat, die dieser trug, den Mantel auf den Boden
hinwerfend).
Rustan!  kennst du diesen Mantel?
Diesen Mantel, diesen Dolch?

Rustan.
Schlecht versteh ich mich auf Kleider;
Doch auf Waffen gut, du weit's.

Knig.
Nun denn: kennst du diese Waffe?

Rustan.
Wohl; es ist derselbe Dolch,
Den du einst verlorst beim Jagen.

Knig.
Ich verlor?  Den ich dir gab.

Rustan.
Ja, nachdem du ihn verloren,
Und ich ihn gefunden, Herr;
Wie ihn wohl ein andrer fand,
Als ich selbst ihn drauf verloren.

Knig.
Du verlorst ihn?

Rustan.
Wohl.

Knig.
Ein andrer
Fand ihn?

Rustan.
Also scheint's.

Knig.
Und tat
Jener andre das Verbrechen,
Das laut aufmahnt, es zu rchen?

Rustan.
La mich Herr, von dem nur sprechen,
Was ich selber tat und wei.

Knig.
Und der Mantel?

Rustan.
Herr, ich sagt' es:
Schlecht versteh ich mich auf Kleider.

Knig.
Doch die Zge jenes Toten,
Sie sind auch des Mannes Zge,
Der mich auf der Jagd befreit.

Rustan.
Du warst damals kaum bei Sinnen,
Erst nur hast du's selbst bekannt.

Knig (die Schrift emporhaltend, die ihm Der alte Kaleb gab).
Und die Schrift hier sagt so vieles,
Zeigt, wie dem so gra Verblichnen
Hohes Unrecht ich getan.

Rustan.
Tatst du dem Verblichnen unrecht,
Tu nicht Gleiches dem Lebend'gen.
Was soll mir die tote Schrift?
La dir meine Taten sprechen!
Wer schlug jene blut'ge Schlacht,
Die dir Heil und Sieg gebracht?
Wer befestigte die Krone,
Halb von einem Feind geraubt,
Wieder dir auf deinem Haupt?
Dankst du's nicht, wenn du noch drust,
Dem Bedrohten, mir, zumeist?
Ha, ich find es wohl bequem,
Dadurch sich den Dank zu sparen,
Da dem Retter, da wir dem,
Durch den Heil uns widerfahren,
Hufen auf des Vorwurfs Last;
Den Berechtigten, mit Lachen,
Zum Verpflichteten uns machen.
Knig, mir gib erst mein Recht!
Was geschehn an jenem Knecht,
La uns knftig sehn und rchen.
Jetzt erst halte dein Versprechen,
Gib, was du mir zugesagt!

Knig.
Halt!  Was damals ich versprach,
Zogen andre Grnde nach!
Wer mein Hchstes sein will sehn,
Mu, ein Reiner, vor mir stehn.
Reine dich vor meiner Macht!
Noch hat niemand es erfahren,
Was dich drcket fr Verdacht;
Zeit geb ich dir diese Nacht
Mit dir selbst zu Rat zu sitzen,
Was dir frommen mag und ntzen.
Aber bricht der Morgen an,
Ohne da du's dargetan,
Samml' ich einen andern Rat
Aus den Besten meines Heeres;
Der soll sitzen und entscheiden,
Wer im Recht ist von uns beiden.

(Er wendet sich von ihm; zu Kaleb.)

Alter, komm!  Ich will nun lesen
Deine Schrift, so weit sie geht.
Was dein armer Sohn gewesen,
Zeigt sie deutlich--nur zu spt.

(Am Sofa rechts stehend.)

Doch erst geh nach Licht und Wein.
Es wird dunkel, und mich drstet.
Hier lie ich, da erst ich ging,
Stehen einen vollen Becher,
Einen Becher Freudenwein.
Sog ihn denn der Boden ein?
Zwar, die Freude ist vergangen,
Und verging denn auch der Wein?

(Rustan hat ergrimmt das ber dem Becher auf dem Tische links
ausgebreitete Tuch hinweggerissen.)

Knig.
Doch, dort steht er.  Wie er blinkt,
Freundlich mir entgegenwinkt!
Ach, was ist seitdem vergangen,
Seit mein Mund an dir gehangen!
Zanga, geh nach Licht!

(Zanga geht ab.)

Du, Alter,
Bring mir her dort jenen Becher,
Jenen frohen, holden Wein!
Ach, vielleicht, da von dem Glck,
Das in mir, als ich getrunken,
In den Kelch ein Hauch gesunken,
Und er gibt ihn nun zurck.
Bring den Becher, bring den Wein!

(Er hat sich auf das Sofa gestreckt.  Der alte Kaleb geht nach dem
Becher auf dem Tisch links.  Da er ihn bereits ergriffen, fllt ihm
Rustan in den Arm.)

Rustan.
Knig, trink nicht!

Knig.
Und warum?

Rustan.
Nicht aus dieses Mannes Hand,
Der durch schlau erdachte Lgen
Ab mir deine Gunst gewandt,
Und der tten kann, wie lgen;
Nicht aus dieses Mannes Hand!

Knig.
Ruhig sei du nur zur Stund'!
Was er sprach,

(Die Schrift in seiner Hand haltend.)

was hier geschrieben,
Ist dem Wahren treu geblieben,
Wahrheit sprach sein stummer Mund.
Und so nehm ich mit Vertrauen
Das Gef aus seiner Hand.
Wer wird allen denn mitrauen,
Weil ein einz'ger nicht bestand?

Rustan.
Wohl denn!  sei's zum Glck gewandt!

(Er lt den Alten los, der den Becher dem Knige bringt.)

Knig.
Rustan, sieh hier diesen Becher,
Den ich erst dir zugetrunken,
Erst als Erben und als Sohn,
Sieh, ich halt ihn jetzt noch immer
Mit vershnlichem Gemt.
Dnkt es gut dir, aufzuklren,
Was geschehn, was du getan;--
Zwar nicht mehr als Sohn und Erbe,
Da reicht Hhres nur hinan;--
Doch mit Zeichen meiner Gnade,
Mit Geschenken reich geschmckt,
Sollst du ziehen deine Pfade,
Wie kein Sterblicher beglckt.
La den Frieden uns erneuen!

(Den Becher emporhebend.)

Rustan!  Allen, die bereuen!

Rustan (vor sich hin).
Prosit!--Wen's zuerst gereut!

(Er wendet sich ab.)
(Da der Knig im Begriffe ist zu trinken, ffnen sich die Vorhnge
des Zeltes und Zaziga tritt ein; hinter ihm Diener mit Lichtern und
Wein.)

Knig.
Setzt die Lichter auf den Tisch,
Und geht hin zu meiner Tochter;
Ich will hier des Abends Khle
Noch ein Stndchen mir genieen.
Erst zu Nacht erwartet mich!
Aber fort mit den Gefen!
Hier ja steht mein Freudenwein.

(Er trinkt.)

Nie ja trank ich so gewrzten,
Feurig-starken, schum'gen, dunkeln;
Jugendhnlich gleitet er
Durch die abgespannten Fibern
Und die Luft im Raum erzittert
Von dem sprhend geist'gen Duft.
Kstlich!  labend!

(Er trinkt.)

Zanga.
Herr, o sieh!

Rustan.
Schweig!

Zanga.
Die Fhrer auch des Heeres
Sind gewonnen, Euch zu Dienste.
ber Undank murren sie,
Harren Eurer.

Rustan.
Nun, ich komme.

Knig.
Geht ihr andern!  Kaleb, bleib!

(Die Diener gehen.)

La uns sehen diese Schrift,
Die zerstreuten einzlen Bltter,
Die dein Sohn aus der Verbannung,
Nebst der Schutzschrift, die wir lasen,
Schrieb dem tiefgekrnkten Vater.
Hier stehn Namen, die ich kenne.
Horch!  und--schweig!  sagt' ich beinah,
Doch du schweigst ja jetzt und immer.

(Rustan ist, den brigen folgend, bis zu des Zeltes Ausgang
gekommen, dort bleibt er stehen und tut, lauschend, einige Schritte
zurck.  Der Knig liegt lesend auf dem Sofa, an dessen Seite der
alte Kaleb, auf den Knien niedergekauert, zuhrt.  Die Lichter auf
dem Tische erhellen die Gruppe.  Der brige Teil der Bhne ist
dunkel.)

Der Knig (liest).
"An den Quellen des Wahia
Leb ich einsam, ein Verbannter,
Nah des alten Massud Hause."
Also schreibt dein armer Sohn
In dem ersten seiner Bltter.  "Sah dort Mirza, seine Tochter,
Sie, die einz'ge, die vergleichbar,
Nahe mindstens kommt Glnaren,
Meines Herrn erlauchter Tochter."
Wohl erlaucht!  Httst du's bedacht,
Dein Geschick wr' leicht und milde.

(Weiterlesend.)

"Rustan, Rustan, wilder Jger!
Warum qulst du deine Liebe,
Suchst auf unbetretnen Pfaden
Ein noch zweifelhaft Geschick?"

(Die hintern Vorhnge werden durchsichtig und zeigen in heller
Beleuchtung Mirza mit in dem Schoe liegenden Hnden vor der Htte
ihres Vaters sitzend.  Vor ihr steht ein Greis, in Gestalt und
Kleidung ganz dem alten Kaleb hnlich.  Er hlt eine kleine Harfe
im Arm.  Rustan, der zusammenfahrend einige Schritte zurckgewichen
ist, macht, mit beiden Hnden auf die beiden Greise zeigend, ihre
hnlichkeit bemerkbar.)

Knig (lesend).
"Schau, sie kommt dir ja entgegen,
Sorgt um dich mit frommen Blick,

(Mirzas Gestalt erhebt sich.)

Kehr zurck auf deinen Wegen,
Wenn nicht hier, wo ist das Glck?"

Rustan.
Mirza!  Mirza!

(Die Erscheinung verschwindet.)

Knig.
Wer ist hier?

Rustan (vortretend).
Ich, mein Frst.

Knig.
Und was fhrt her dich?

Rustan.
Nennen hrt' ich meinen Namen,
Und ich glaubte, Herr, du riefst.

Knig.
Nicht nach dir; doch rief ich Rustan;
War's ein andrer gleich, der fern wohnt
An den Quellen des Wahia.
Doch, da hier, magst du nur bleiben.
Manches steht wohl hier geschrieben,
Das du deuten kannst und sollst.

(Rustan zieht sich zurck.)

Der Knig (liest weiter).
"Rustan, Rustan!  wilder Jger"--

(Einhaltend.)

Wird's mir dunkel doch und wirre!
Alter, rck die Leuchte nher,
Schlummer, scheint's, trbt meinen Blick.
Noch ein Schluck.

(Er trinkt.)

Nun, so scheint's besser.

(Er liest.)

"Rustan, Rustan, wilder Jger,
Kehr zurck auf deinen Pfaden!
Was ist Ruhm, der Gre Glck?
Sieh auf mich!  Weil ich getrachtet
Nach zu Hohem, nach Verbotnem,
Irr ich hier in dieser Wste,
Freigestellt das nackte Leben
Jedes Meuchelmrders Dolch."

(Die Wand des Zeltes wird von neuen durchscheinend.  Es zeigt sich,
hell beleuchtet, der Mann vom Felsen.  Der braune Mantel hngt
nachschleppend ber die rechte Schulter.  An der linken entbltem
Brust nagt eine Natter, die er in der Hand hlt.)

Knig (liest).
"Und wenn ich ihn auch zermalme,
Wie der Hirt die Schlange tritt,
Bin ich minder tot?"

(Der Mann vom Felsen macht eine Bewegung mit der Hand, als wollte
er die Schlange nach Rustan schleudern.)

Rustan (niederstrzend).
Entsetzen!

(Die Erscheinung verschwindet.)

Knig.
Was ist hier?

(Die Umhnge des Ruhebettes zurckschlagend.)

Rustan am Boden?
Was geschah?  Sieh, Alter, hin!

(Der alte Kaleb nhert sich dem Hingesunkenen.)

Rustan (sich emporrichtend).
Ist er fort?  Ha, Zauberknste!
Und doch nur der Sinne Traum.

(Nach rckwrts gewendet.)

Kommst du immer, wenn's zu spt?
Immer, wenn's bereits geschehen?
Sieh den Becher halb geleert,
Ganz erfllt schon mein Geschick.

Knig.
Mir wird schwl, mein Innres brennt.
Aufwrts bumen sieh die Fluten,
Alle Tropfen meines Blutes.
Bser Trank.--Was war im Becher?
Rustan!  Rustan!  Was im Becher?

Rustan (bebend).
Herr, wei ich's?

Knig.
Und das Gef!
Was nur trbte meine Augen?
Das ist nicht derselbe Becher!
Fremde Zeichen stehen drauf,
Sinnlos wilde, wirre Zeichen.
Wo mein Becher?  Rustan, Rustan!

Rustan (in die Knie sinkend).
Herr, wei ich's?

Die Alte (kommt hinter den Umhngen des Ruhebettes hervor.  Sie rollt
den mitgenommenen Becher mit dem Fue vor sich her, dem Vorgrunde zu).
Hi, hi, hi!
Lauf mein Rdchen,
Spinn dein Fdchen!
Nun und nie!
Hi, hi!

(Sie verschwindet hinter den Vorhngen.)
(Rustan hat sich bemht den rollenden Becher aufzuhalten und unter
dem am Boden liegenden Mantel zu verbergen.)

Knig.
Welch Gerusch?--Das ist mein Becher;
Dieser hier ein unterschobner.

(Er ist vom Bette aufgestanden.)

Rustan, Rustan!  Heil'ge Gtter!
Ist denn niemand hier?  Kein Helfer?
Alter, komm, sei du mir Sttze!

(Zu Rustan, der noch immer mit dem Becher beschftigt ist.)

Ha, umsonst verhllst du es!
Ewig sichtbar dein Verbrechen!  Alter, hilf!  Ach, ich vergehe!
Hrt denn niemand?  Eilt nach rzten!
Rettung!  Beistand!  Rache!  Hilfe!

(Er sinkt am Eingange des Zeltes den dort Entgegenkommenden in die
Arme.  Die Vorhnge schlieen sich ber der Gruppe.)

Rustan (nachdem er einige Male nach dem vor ihm liegenden Becher
gegriffen hat, ihn endlich fassend).
Endlich!  Endlich!--Ha, und dort!


(Er hebt auch den zweiten neben dem Ruhebette liegenden Becher auf,
die Becher in beiden Hnden wechselweise betrachtend.)

Eins und eins!

(Mit den Augen am Boden suchend.)

Wo ist der zweite?
Eins und eins!  Der zweite, wo?
Wo der andre, andre Becher?

(Er sinkt erschpft mit dem Haupt gegen das Ruhebette.)

Zanga (kommt).
Herr!  ach, alles ist verloren!

Rustan (fhrt empor).

Zanga.
In den Armen drau der Seinen
Liegt der alte Frst vergehend.
Seine Lippen stammeln Worte,
Er enthllt wohl, was geschehn,
Was hier vorging, spricht er aus.

Rustan (den Tisch neben dem Sofa von der Stelle rckend).
Fort den Tisch hier und das Bette!
Dort hinaus entkam die Alte;
Da hinaus entflieh auch ich.

Zanga.
Fruchtlos, denn hier grenzt die Halle
An des Schlosses innre Rume;
Hier im Wege feste Mauern,
Dort verwehrt's ein tobend Volk.

Rustan.
Hier hinaus!  Mit meinen Zhnen
Will ich an der Mauer brechen,
Hier mit diesen meinen Armen
Einen Rettungsweg zur Flucht.

Zanga.
All umsonst!  Denn horch!  man kommt.

Rustan.
Nun, so halt bereit dein Messer,
Und wenn sie mich greifen, Zanga,
Sto von rckwrts mir's in Leib.
Hrst du wohl?  von rckwrts, Zanga,
Und wenn alles erst verloren.

(Er steht, auf Zanga gesttzt, mit vorhngendem Haupte.)
(Die Vorhnge des Zeltes teilen sich nach beiden Seiten.  Die Stadt
ist vom Monde hell beleuchtet.  Volk erfllt den uern Raum.)

Glnare (von ihren Frauen gefolgt, kommt von der linken Seite und eilt nach
dem Vorgrunde).
Hier ist der, den ich genannt!

Rustan.
Zanga!  Deinen Dolch!  Gib Waffen!

Glnare.
Herr, zu dir gehn meine Schritte.
Tot im Staube liegt mein Vater,
Und die wutentbrannten Mrder--

Rustan.
Wer?  Wer sah's?  Wer wei?  Wei ich's?

Glnare (fortfahrend).
Jener greise, stumme Mann,
Der, den Tod des Sohnes rchend,
Ausgestreckt die frevle Hand
Nach des edlen Frsten Leben,
Seine Helfer und Genossen
Ruhen nicht, bis sie dem Vater
Mich, die Tochter, nachgesandt.
Zwar, der Frevler ist gefangen,
Aber mchtig sind die Seinen,
Man befreit ihn, er kehrt wieder,
Und vollendet sein Geschft.

Rustan.
Zanga!  Zanga!  Spricht sie?  Hr ich?

Glnare (kniend).
Herr, o sto mich nicht zurck!
Deinen Namen auf den Lippen,
Starb der gute, alte Vater,
Gleich, als wollt' er seine Liebe,
Sein Vertraun auf deinen Beistand
Noch im Abschied von dem Leben
Mir als letzte Erbschaft geben.
"Rustan", sprach er, und verschied.
Und so fleh ich denn im Staube:
Nimm die Einsame, Verlane,
Einst bestimmt zu nhern Banden,
Nimm sie auf in deinen Schutz!

(Trompeten.)

Glnare (aufstehend).
Hrst du?  Auch das Heer in Aufruhr.
Es rckt an auf diese Mauern.
Deinen Namen nennen sie,
Ihren Fhrer, dich, als Herrn.
Und das Volk schart sich zu ihnen,
Alle gegen mich gerichtet,
Ohne deinen, deinen Schutz.

(Von der linken Seite, auer den Vorhngen, bringen einige
Gewaffnete den alten Kaleb.)

Glnare.
Siehst du dort den grauen Mrder?
Wie er funkelt, wie er glht!
Weh!

Zanga (die Hand an den Sbel gelegt).
Auf ihn!  Haut ihn in Stcke!

(Von der rechten Seite, aus dem Hintergrunde, ziehen in Reihen
bewaffnete Krieger und schwenken sich gegen die Mitte zu halb auf.)

Glnare.
Dort das Heer!  Ich bin verloren!

Rustan (gegen Zanga und die Bewaffneten, die den alten Kaleb bedrohen).
Halt!

(Gegen die Reihen der Krieger.)

Und ihr!

(Auf Kaleb.)

Was er verbrochen,
Ob er schuldig, ob er's nicht,
bergebt ihn meiner Obhut
Und bestellet ein Gericht.

(Gegen das Heer.)

Und ihr andern, wackre Krieger,
Aber schuldig jetzt--gleich mir!

(Er wirft sich vor Glnaren nieder.)

Werft, gleich mir, euch hin im Staube.
Eure Herrscherin steht hier!

(Die vordersten des Heeres knien, die brigen senken die Lanzen.)

Glnare.
Habe Dank!--Euch sei verziehen!
Allzu glcklich, als Emprer,
Da, was ihr mit Trotz begehrt,
Eure Frstin frei gewhrt.

(Man hat den Turban des Knigs gebracht und die Krone davon
abgelst.)

Dieses Landes Herrscherschmuck,
Er bleibt mein, ich geb ihn niemand,
Sollte Tod mich bereilen,
Niemand, keinem, auch nicht dir!
Geben nie--wohl aber teilen!

(Sie hebt die Krone in der Rechten hoch empor, whrend Rustan mit
den Zeichen wilder Verzweiflung die Stirne gegen den Boden drckt.)

Das Volk.
Hoch Glnare, unsre Frstin!
Hoch Glnare, Rustan!  Rustan!

(Der Vorhang fllt.)






Vierter Aufzug

(Saal im Kniglichen Schlosse, links und rechts Seitentren.  Im
Hintergrunde links der Haupteingang, daneben ein alkovenartiger
Raum, durch einen Vorhang bedeckt.  Rechts im Vorgrunde ein Tisch
und Stuhl.
Rustan, kostbar gekleidet, einen goldenen Reif im Haar, kommt
hastig durch den Haupteingang.  In demselben Augenblicke tritt
Zanga durch die Seitentre links ein.  Rustan bedeutet ihm mit auf
den Mund gelegtem Finger, umzukehren.  Zanga zieht sich durch die
Tr zurck.  Rustan selbst tritt in den durch den Vorhang
abgeschlossenen Raum.  Karkhan und zwei seiner Verwandten kommen
durch den Haupteingang.)

Karkhan.
Hierher kommt, und folgt mir, Freunde!
Was ich lngst bei mir beschlossen,
Jetzt und jetzo fhr ich's aus.
Knnt ihr lnger es mit ansehn,
Wie der eingedrungne Fremde
Eurer und der Euren spottet?
Jeden Tag an Khnheit wachsend,
Jede Stunde an Gewalt?
Schwinden tglich nicht die Besten,
Denen seine Furcht mitrauet,
Unbemerkt aus unsrer Mitte?
Wie?  Wohin?  Wer kann es wissen?
Und sein Helfer, jener Schwarze,
Den der Abgrund ausgespien,
Stachelt tckisch seine Khnheit
Bis zu selbstvergener Wut.
Wo ist Recht noch und Gericht?
Schmachtet nicht mein alter Ohm,
Er, der sprachlos Unglcksel'ge,
Schwarzer Frevel falsch beschuldigt,
Ungehrt und unvernommen,
Rechtlos hinter schwarzen Mauern,
berwiesen, weil verklagt?
Oh, da ein gerechter Richter
Mit den Augen, statt den Ohren,
Hrte seine stumme Sprache,
Die er spricht, der Unglcksel'ge,
Statt mit Lippen, mit der Hand;
Manche Zweifel wrden schwinden,
Manche Rtsel wrden klar;
Die jetzt, richtend, andre binden,
Stellten selbst sich schuldig dar.  Ha, ihr schweigt?  Blickt auf
den Boden?
Seid ihr Mnner, wagt's zu sein!
Folgt mir!  Hier der Frstin Zimmer,
Wir zu drei, wir treten ein,
Klagen ihr des Landes Nten,
Klagen ihr die eigne Not,
Zeigen ihrem Schamerrten,
Wie so machtlos ihr Gebot.
Oh, ich wei, sie seufzet selber
Unter jener Ketten Last,
Die der Fremde um sie herschlingt
Wie um eine Sklavin fast.
Lat uns auf die Hohe richten,
Meinem Oheim werde Recht;
Frei und laut vor allem Volke
Tue sich Verborgnes kund,
Und wer schuldig, und wer schuldlos,
Richte weiser Richter Mund.
Einen Schritt schon tat ich selber,
Einen schon hab ich gewagt--
Doch ein Tor, der frher sagt,
Was getan erst ntzt und frommt.
Kommt und folget mir zur Frstin,
Dort allein ist Schutz und Halt;
Dieser Tag, er sei der letzte
Eingedrungner Machtgewalt.

(Sie gehen auf die Seitentre rechts zu.)

Rustan (der whrend der letzten Worte hinter dem Vorhange
hervorgetreten ist, verstellt ihnen den Weg).
Halt noch erst!  Gebt euch gefangen!

Karkhan.
Welchen Rechtes?

Rustan.
Hochverrter!
Zanga!  Wachen!  Wachen!  Zanga!

(Die drei ziehen die Dolche.)

Rustan.
Zieht nur aus die feigen Waffen,
Nicht ein Heer von euresgleichen
Frcht ich, einzeln, wie ich bin.

(Aus der Seitentre links kommt Zanga, durch die Mitteltre ein
Hauptmann mit Soldaten.)

Rustan.
Schafft sie fort, die Hochverrter!

Karkhan.
Hochverrter?  Wir?

Rustan.
Ihr leugnet's?
Blinkt nicht noch in euren Hnden
Der Emprung frecher Stahl?
Oh, ich kenne euer Treiben!
In dem Innern eurer Huser
Lauern meine wachen Spher,
Was ihr noch so leis gesprochen,
Reicht von fern bis an mein Ohr.
Fort mit ihnen, ohne Zaudern!  Ich will dieses Land durchflammen
Wie ein reinigend Gewitter,
Niederschmettern seine Stmme,
Aus dem Grund die Wurzeln haun
Und dem Boden, wenn gereutet,
Neuen Samen anvertraun!
Fort mit ihnen!

(Der Hauptmann hat sich Karkhan genhert, der mit einer bittenden,
stummen Gebrde, auf die Tr der Knigin zeigend, ihn einzuhalten
bittet.)

Rustan (zu Zanga im Vorgrunde, leise).
Aber du
Geh zum Kerker jenes Alten,
Den ich selbst dem Licht erhalten,
Die Notwendigkeit gebeut:
Schaff ihn fort!

Zanga.
Wohl, Herr, doch wie?

Ein Kmmerer (kommt aus der Seitentr rechts).
Herr, die Knigin lt fragen,
Welch Gerusch in ihren Zimmern--?

Rustan.
Frh genug soll sie's erfahren,
Wenn getan, was not zu tun.

(Der Kmmerer geht wieder ab.)

Rustan (zu Zanga leise).
Schaff ihn fort aus diesen Mauern!
La mit vorgehaltnem Dolch
Ihn geloben teure Eide;
Aber, von Gefahr bedrngt,
Besser er, als--merk--wir beide!

(Zanga zieht sich zurck, whrend des Folgenden geht er leise fort.)

Rustan (die Gefangenen erblickend).
Ihr noch hier?  Fort mit den Frevlern!

Hauptmann.
Herr, die Knigin naht selber.

(Er zieht sich zurck.)

(Zwei Kmmerlinge haben die Seitentre geffnet.  Glnare tritt
heraus mit Begleitung.)

Glnare.
Man verweigert die Erklrung
Dem von mir gesandten Diener.
Hier bin ich, mein eigner Bote,
Um zu fragen, was geschah.

Rustan (auf Karkhan zeigend).
Fhrt sie fort!

Glnare.
Wer sind die Leute?

Rustan.
Hochverrter.

Karkhan.
Unterdrckte,
Die zu deinen Fen flehn.

(Die drei knien.)

Glnare.
Lat sie sprechen.

Rustan.
Einverstanden
Mit dem alten grauen Frevler,
Der nur allzu leicht gebt--

Karkhan.
Einverstanden, wenn er schuldlos,
Doch sein Feind, wenn er der deine.
Nicht Verzeihung und nicht Schonung,
Nur Gehr bitt ich fr ihn;
Was Verbrechern selbst zuteil wird,
Eines Richters Aug' und Ohr.

Glnare.
Billig scheint, was sie begehren.

Rustan.
Wr' es so, wrd' ich's gewhren.

Glnare.
Und wenn ich's nun selber wnsche?

Rustan.
Wnsche!  Wnsche!

Glnare.
Und befehle.

Rustan.
Liee gleich sich mancherlei
Noch entgegnen diesem Spruche,
Der ein Wunsch und ein Befehl;
Doch, gefllig gegen Damen,
Fg ich gern mich unbedingt.
Und schon sandt' ich meinen Diener,
Der den vielbesprochnen Alten
Hin vor seinen Richter bringt.

Karkhan.
Trifft ihn der, ist er verloren.
Sende selbst nach seinem Kerker,
Leih ihm selbst ein gndig Ohr.

Glnare (zum Kmmerer).
Geh denn hin, und fhr ihn vor.

Rustan.
Halt!

(Dem Kmmerer den Weg vertretend.)

Glnare.
Ich sprach!

(Der Kmmerer geht ab.)

Rustan.
Nun wohl, ich sehe,
Was ein Bund mir schien der Kleinen,
Und ein Anschlag in geheim,
Ist ein offenkundig Bndnis
Zwischen Hohen, zwischen Niedern,
Gift von Schlangen und Insekten
Auf des Leuen Untergang.
Und auf nichts Geringres zielt man,
Als den berlst'gen Vormund,
Der mit seines Armes Walten
Weiberhafter Launen Willkr
Fern von diesem Reich gehalten,
Einzuschchtern, wenn nicht mehr.

Glnare.
Was es sei, es wird sich zeigen,
Bringt man erst den Alten her.

Rustan.
Eines nur hast du vergessen:
Da des weiten Landes Beste
Meinem Arm ihr Heil vertraun.
Meinem Rufe folgt dein Krieger,
Und dein Hfling meinem Wort;
Zutraunsvoll der stille Brger
Sieht nach mir, als seinem Hort.
Ja, der Diener, den du sandtest,
Jenen Alten zu befrein,
Kehrt erfolglos von der Pforte,
Lt nicht mein Gehei ihn ein.
Denn des festen Turmes Wache
Steht in meiner Fahnen Eid,
Mit dem Kopf bezahlt der Schwache,
Der ihn ohne mich befreit.
Lngst schon dieses Tags gewrtig,
Sah ich so mich weise vor:
Wer von Gnade lebt, ist zaghaft,
Wer auf Dank zhlt, ist ein Tor.

Glnare.
Wie nur allzu schnell enthllst du,
Was die Ahnung lngst befrchtet.
Vater, Vater!  Welchem Schtzer
Gabst dein Liebstes du in Haft!

Rustan.
Er wohl wute, wem zu trauen:
Nicht der blden Scheu, der Kraft.

Karkhan.
Frstin, sei du nicht beklommen,
Noch ist alles nicht verloren,
Mancher Helfer bleibt dir noch.
Meine Freunde stehn in Waffen,
Und was lange still beschlossen,
Frei und offen knd ich's nun.
Whrend hier zu dir ich spreche,
Sprechen sie zu deinem Volke,
Schtteln ab das feige Joch.
Und schon, dnkt mich, hat's begonnen,
Denn der Helfer seiner Taten,
Sieh, verschchtert, stumm, beklommen,
Wie nach schlecht vollbrachtem Auftrag,
Kehrt er wieder, ist er da.

Zanga (ist mit allen Zeichen der Verwirrung eingetreten und hat
sich in Rustans Nhe gestellt).

Karkhan.
Und herauf die weiten Stiegen
Dringt ein bunt verworrnes Rauschen,
Wie von Tritten, wie von Stimmen.
Ja, dein Volk fhrt deine Sache,
Und es kam der Tag der Rache.
Siehst du dort?  Mein Ohm ist frei!

(Der alte Kaleb erscheint an der Tre.  Bewaffnetes Geleite hinter
ihm.)

Rustan (zu Zanga).
Tor und Schurke!

Zanga.
Herr, gar alt
Ist der Spruch: vor Recht Gewalt.

(Der alte Kaleb ist eingetreten.  Da er Rustan erblickt, will er
wieder zurck.)

Glnare.
Bleib du nur und frchte nichts.
Ich bin hier zu deinem Beistand.
Ja, man braucht dein einfach Zeugnis
ber einen wicht'gen Punkt,
Den noch Nebel dicht umwallen,
Und nur dir bekannt von allen:
Deut uns deines Knigs Tod.

Rustan.
Er ihn deuten?  Raserei!
Er, der selbst der Tat verdchtig,
berwiesen wohl sogar,
Der in jener grausen Stunde
Schuldig hie in jedem Munde,
Stellt sich jetzt, ein Klger, dar?

Glnare.
Der Verdacht der ersten Stunde
Ist darum nicht immer wahr.
Wohl hab ich seitdem vernommen,
Da der Knig, als er hinging
In den letzten, tiefen Schlaf,
Diesen hier als Freund umfangen,
Ihm vertraut die letzten Worte;
Und er wute, wer ihn traf.

(Der alte Kaleb ist auf die Knie gesunken, und streckt flehend die
Hnde empor.)

Rustan.
Ha, vortrefflich ausgesonnen,
Nur nicht auch so leicht vollbracht.
Du vergit, da hier dein Zeuge,
Da er lautlos wie die Nacht,
Und mit Blicken und mit Mienen,
Die ihr schlau ihm beigebracht,
Kann vor Kindern er bestehen,
Nicht vor der Gesetze Macht.

Glnare.
Und du selber hast vergessen,
Da der Mensch in seiner Weisheit
Lngst ein Mittel ausgedacht,
Zu verkrpern seine Laute,
Festzuhalten, was gedacht.
Dort ein Tisch, Papier und Feder,
Mit zwei Zgen ist's vollbracht,
Und ein rmlich Blatt erhellet
Des Geschehnen dunkle Nacht.
Setzt ihn hin und lat ihn schreiben,
Ihn beschtzet meine Macht.

(Der Alte ist von seinen Verwandten an das Tischchen rechts im
Vorgrunde gesetzt worden.  Man hat ihm Schreibgerte gegeben.)

Rustan.
Mag er schreiben, mag er lgen,
Gleichviel wen, ob mich es trifft.

(Den Sbel in der Scheide emporhaltend.)

Meine Feder birgt die Scheide,
Blut'ge Wunden meine Schrift.
Geifre Wurm!  ich geh, zu ordnen,
Was unschdlich macht dein Gift.

(Er geht nach dem Hintergrunde zu, bleibt aber in der Mitte, halb
gegen den Alten gewendet, erwartend stehen.)

Karkhan (zu dem Alten).
Zittre nicht, sei nicht beklommen,
Ist es doch schon halb vollbracht!
Silben bilden sich und Worte.

(Lesend.)

"Eures Knigs Mrder--"

Rustan (mit heftiger Bewegung, den Sbel halb aus der Scheide gezogen).
Halt!

(Der Alte fhrt erschreckt empor und hlt sich zitternd am Tische
fest, die Feder entsinkt seiner Hand und fllt auf der rechten
Seite des Tisches zur Erde.)



Rustan.
Ich verbiete, da er schreibe!

Glnare.
Ich befehle, da er's soll!

Rustan.
Stellt ihn mir!  Mir fest ins Auge
Mag er schauen und vergehn!
Oder ihr, die ihr so eifrig
Seine Meuterknste frdert.
Ist hier Landes denn nicht Sitte,
Da in Fllen dunklen Rechts,
Wo's an Licht fehlt und Beweisen,
Beide Teile sich zum Zweikampf
Stellen mit geschrften Eisen?
Auf!  Wer ficht fr diesen Alten?
Ich will Gegenpart ihm halten.

Glnare.
Nicht wer strker, wer im Recht,
Zeige Einsicht, statt Gefecht!
Schreib du nur!  Wo ist die Feder?
Er verlor sie, bringt ihm neue.

Zanga (der whrend des Vorigen, in Abstzen sich von seinem Herrn
entfernend, von rckwrts auf die rechte Seite des Vorgrundes
gekommen ist).
Neu ist gut, doch alt ist besser.

(Er hebt die am Boden liegende Feder auf.)

Hier die Feder!

(Rasch nach dem Eingange blickend.)

Doch wer naht?

(Die Blicke der Nchststehenden folgen den seinigen und wenden sich
nach der Tre.)

Zanga.
Alter, hier!

(Er reicht ihm die Feder mit der linken Hand.  Whrend der Alte
zgernd darnach greift, fhrt Zanga mit der Rechten, in der er den
Dolch verborgen hlt, ihm entgegen und verwundet ihn.)

Doch sieh dich vor!
(Der Alte sinkt mit einem unartikulierten Schmerzenslaut in den
Stuhl zurck, die verwundete Rechte mit der Linken, spter mit
einem Tuche bedeckend.)

Glnare (nach dem Alten blickend).
Ha, was ist?  Du bist verwundet?


(Zanga hat die Hand, in der er den Dolch hlt, rasch auf den Rcken
gelegt, und sucht den Hintergrund und die Seite zu gewinnen, wo
sein Herr steht.)

Glnare.
Wo der Tter?  Schliet die Tren!

Karkhan.
Dieser war's!  Seht ihr das Blut?
Seht den Dolch in seinen Hnden!
Greift ihn!

Zanga.
Herr, errett, beschtze!

Glnare.
Schtz ihn, ja, und hab's nicht Hehl!
War die Tat doch dein Befehl!

Rustan.
Mein Befehl?  Der ich vor allen
Wnschen mu, da dieser Mann,
Der allein den gift'gen Argwohn
Mir vom Haupt entfernen kann,
Da er lebe, da er fhig--
Mit der Hand, wenn stumm sein Mund
Auszusagen, was ihm kund;
Und ich sollt' ihn selbst verletzen,
Selbst Unmglichkeit mir setzen,
Mich zu reinen hier zur Stund'?
Hat ihn dieser hier verwundet,
Steh dafr er selber ein;
Wer des Zeugen Worte scheuet,
Fhlt am mindesten sich rein.
War denn er nicht auch zugegen,
Als der alte Frst erblich?
Warum einen nur beschuld'gen,
Teilt der Schein in viele sich?
Hat sein Arm es nicht vollzogen,
Tat's vielleicht sein Wort, sein Rat;
Oh, es gibt der Arten viele,
Zu begehen eine Tat!
Und so kehr ich ihm den Rcken,
Wende ab von ihm den Blick;
Ist er schuldlos, sei's zum Glcke,
Schuldig, hab ihn sein Geschick.

Zanga.
Herr!

Rustan.
Umsonst!  Der Alte zeugte.

Zanga.
Das mein Dank?

Rustan.
Verrter, Dank?
Warst nicht du's, der mich verleitet,
Aus der Heimat mich gerissen,
Mich umgarnt, umsponnen mich?

Zanga.
Wohl!  Nur eins dient dir zu wissen:
Stumm der Alte, doch nicht ich!
Sammelt euch!  Ich will verknden,
Wie man Reich und Krone finden,
Heben kann vom Staube sich.

Rustan.
Zanga!

Zanga.
Nun?

Rustan.
Du wolltest--?

Zanga.
Will!

Rustan.
Du hast recht!  und wir sind tricht,
Uns dem dunkeln Werk der Lgen,
Unsrer Feinde Trug zu fgen,
Nun, da ihre List zerstrt.
Jener Zeuge, dem sie trauten,
All ihr Treiben auf ihn bauten,
Ihres Hoffens einzig Pfand,
Stumm an Zunge, tot die Hand.
Bleib bei mir, ich will dich schtzen,
Ewig sei der Treue Band!  Frstin, ist dir sonst ein Mittel,
Mu zum letztenmal ich fragen,
Zu beweisen deine Klagen?
Noch ein Zeuge?  Bring ihn her!

Glnare.
Niemand, nein, als Gott und er.

Rustan.
Gott ist endlich ber allen;
Aber nicht nur, (was) begangen,
Sieht das (Wie) auch, das (Warum.)
Nein, dein Zeuge hier vor Menschen
Zeuge jetzt zum letzten Male,
Schweige dann auf immerdar!

(Er ist zum Tische getreten und hat den darauf liegenden Zettel
ergriffen, sich damit vor den Alten hinstellend.)

"Eures Knigs Mrder"--Wer?
Warst du's selbst?  Du wirst's nicht sagen.
War es jener dort, dein Neffe?
Er, ein Heuchler, und mein Feind?
War's des Knigs eigner Mundschenk?
Oder sie, des Frsten Tochter,
Die, nach Reich und Krone lstern,
Vorgriff seinem trgen Ende?  Nicht mit Winken und Gebrden,
Deutlich zeug vor dem Gesetz!

(Mit steigender Schnelligkeit.)

War's mein Diener, den ich selber
Angeklagt im Taumelwahn?
War's ein Zufall?  war's natrlich?
Waren's Krieger, waren's Brger?

(Einzelne mit dem Finger bezeichnend.)

Jener?  Der dort?  Dieser?

Der Alte (der sich whrend des Vorigen emporgerichtet und mit blitzenden
Augen und hocharbeitender Brust dagestanden hat, stammelt jetzt in
hchster Anstrengung, nach einigen unartikulierten Lauten).
D-U!

Glnare.
Spricht er?

Rustan.
Torheit!  Aberwitz!
Abgebrochne Schmerzenslaute,
Formt ihr euch zu Sinn und Worten?
Kannst du zeugen, wohl, so zeuge!
Breche dann der Himmel ein.
Gib den Namen und vollende!

(Den Zettel hinhaltend.)

"Eures Knigs Mrder"--

Der Alte (nach einigen heftigen Bewegungen pltzlich die verwundete
rechte Hand aus der sie haltenden Linken loslassend und mit
gebrochenen Gliedern in die Arme der Umstehenden sinkend, leise aber
schnell).
Rustan!

Karkhan.
Gott, er stirbt!

Glnare.
O ew'ge Vorsicht!

(Alle um den Alten beschftigt.  Pause.)

Rustan.
Zanga!

Zanga.
Herr!

Rustan.
Hast du vernommen?

Zanga.
Wohl!

Rustan.
Es ist nichts Wirklichs, sag ich.
Truggestalten, Nachtgebilde;
Krankenwahnwitz, willst du lieber,
Und wir sehen's, weil im Fieber.

(Es schlgt die Uhr.)

Horch, es schlgt!--Drei Uhr vor Tage.
Kurze Zeit, so ist's vorber!
Und ich dehne mich und schttle,
Morgenluft weht um die Stirne.
Kommt der Tag, ist alles klar,
Und ich bin dann kein Verbrecher,
Nein, bin wieder, der ich war.

(Eine Dienerin der Knigin, die sich frher entfernt, kommt mit
einem Flschchen zum Beistande des Verwundeten zurck.)

Rustan.
Sieh, ist das nicht Muhme Mirza?
Auch ein Nachtgebild', wie jene,
Die dort um den Alten stehn!
Sieh, ich hauche, sie vergehn.  Wie?  sie bleiben?  nahen?  druen?
Eingetaucht denn nur von neuen,
La uns nach dem Weitern sehn.

Glnare (sich von dem Alten emporrichtend).
All umsonst!  die Pulse stocken;
Nur zu sicher, er verging.

(Rustan erblickend.)

Du noch hier?  noch immer trotzend?

Rustan.
Frstin, halt!  und ohne Hast!
Was hier wirklich, was geschehen,
Wieviel mir dran fllt zur Last,
La uns rechnen, la uns abziehn,
Mir, was mein, dir, was du hast.
Manchen Dienst bist du mir schuldig,
Manches Gute dies dein Land,
Und doch schenk ich dir's zur Stunde,
Lasse los all was dich band.
Whle von den reichsten Schtzen,
Nimm die kstlichsten Provinzen,
Kleinod, Perlen, Edelstein;
Mir la eine leere Wste,
Wo Verlangen buhlt mit Armut,
Wo kein Gold als Sonnenschein.
Doch die Herrschaft, sie sei mein.

Glnare.
Dir die Herrschaft?  Herrsch in Ketten!
Nehmt gefangen ihn!

Rustan.
Bedenkt

(Der Hintergrund hat sich nach und nach mit Soldaten gefllt.)

Nur ein Wort, und diese Krieger,
Deren Abgott ich in Schlachten--

Glnare.
Fr mich, doch nicht gegen mich!
Schau, sie fliehen deine Reihen!
Kommt zu mir her, meine Treuen!

(Die Krieger, die auf Rustans Seite gestanden haben, schlieen sich
einer nach dem andern, samt den Anfhrern, der gegenberstehenden
Reihe an.)

Rustan (ihnen zurufend).
Halt!

Glnare.
Verlat ihn, der mein Feind!

(Alle, bis auf einige wenige, sind bergetreten.)

Rustan (den Sbel ziehend).
Nun, wohlan, so gilt's zu fechten!
Hier mein Sbel, Zanga, bind ihn,
Bind ihn fest mit ehrnen Ketten.
Will den Kampfplatz denn betreten,
Erst im Tod la ich den Stahl.

Zanga (vor sich hin).
Hier wird's hei nun allzumal.

(Er entfernt sich hinter Rustans Rcken durch die Seitentre links,
die offenstehen bleibt.)

Rustan (in Fechterstellung).
Kommt nur an!  Ihr alle, alle!

Glnare (ihm entgegentretend).
Diese nicht, sie sind nur Diener;
Triff mich selber, hast du Mut!

Rustan (zurckweichend).
Alle, nur nicht dich!

Glnare.
Ei, Khner!
Trafst den Vater; scheust du Blut?

Rustan (sich vor ihr zurckziehend).
Zanga!  Zanga!

Glnare.
Nun mag's gelten!
Nun an euch!  Nun nehmt ihn fest!


(Sie tritt nach der rechten Seite des Vorgrundes.  Die dort
Aufgestellten, Karkhan an ihrer Spitze, wenden sich nach dem
Hintergrunde.  Gefecht.)

Rustans Stimme.
Zanga!  Zanga!  Meine Pferde!

Karkhan.
Frstin, schau dort durch die Zimmer,
Wo der Schwarze kaum entwich,
Sieh, mit hellentflammter Fackel
Ihn das weite Schlo durcheilen,
Und ich sorg, er steckt's in Brand.

Glnare.
Mag das Schlo, ich selbst vergehen,
Fllt nur er von ihrer Hand!

(Sie eilt mit ihren Dienerinnen durch die Seitentre rechts ab.
Der Alte ist schon frher weggebracht worden.  Das Gefecht hat sich
zur Tre des Hintergrundes hinausgedrngt.  Waffenlrm.  Kurze
Pause.  Dann ertnen aus der Tre links Rustans Stimme, die
wiederholt "Zanga!" ruft.  Die Szene schliet.)

(Kurzes lndliches Zimmer mit einer Tre im Hintergrunde und einer
Seitentre rechts.  Dichtes Dunkel.)

Mirza (tritt mit einer Lampe, vom Hintergrunde her, auf).
Horch!  war das nicht seine Stimme?
brall, dnkt mich, hr ich ihn,
Hilfeflehend, Beistand rufend,
Wie in tdlicher Gefahr.

(An der Tre links horchend.)

Und ich bin allein, und niemand
Hrt mich an und trstet mich,
Schilt mich tricht, nennt ihn sicher,
Wahrhaft nichts als meinen Schmerz.  Nein, ich kann es nicht
ertragen!
Mu ein nahes Wesen suchen,
Auszuschtten meinen Kummer,
Zu erleichtern dieses Herz!

(An der Tre rechts.)

Vater, kannst du ruhig schlafen,
Denkst nicht mein und meiner Angst?

Massuds Stimme (aus der Seitentre rechts).
Mirza, du?

Mirza.
Ich bin's, bin's selber.
Wachst du, so wie ich in Kummer?
Bist besorgt um ihn, gleich mir?

Massud (von innen).
Ist's schon spt?

Mirza.
Drei Uhr vor Tage.

Massud.
Tritt nur ein.

Mirza.
Zu dir?

Massud.
Jawohl!
Gehn zusammen dann hinber.

Mirza.
Wirklich?--O mein guter Vater!
Sieh, ich komme!--Und ihr Gtter,
Euch sei er indes vertraut!
Whrend ich auf andres denke,
Whrend ich von anderm spreche,
Schtzet ihr den teuren Mann!
Nicht vor Leiden nur und Nten,
Auch vor Wnschen und Gedanken,
Da kein Unheil mir ihn anficht,
Bis mein Innres wieder bei ihm,
Und ich wieder beten kann.

Massuds Stimme.
Kommst du nicht?

Mirza.
Sie nur, hier bin ich.

(Die Tre ffnend.)

Schon vom Lager?  Schon gekleidet?
Oh, mein Vater!  Oh, wie gut!

(Sie geht hinein.)

(Waldgegend.  Rechts im Vorgrunde der hereinspringende Fels, im
Hintergrunde die Brcke, wie zu Anfang des zweiten Aufzuges.
Dunkel.
Ferner Schlachtlrm, der sich allmhlich verliert.
Dann kommt Rustan, verwundet, auf Zanga gesttzt.)

Rustan.
Zanga, schau, wie steht das Treffen?

Zanga.
Treffen?  Sag vielmehr: die Flucht!
Rings verlassen dich die Deinen,
Und der Rest, er liegt erschlagen
Unter Feindesschwerter Wucht.

Rustan.
Dahin kam es?  Das das Ende?

Zanga.
Ei, verklage deine Hnde!
Wie man schlgt, so fliegt der Ball.
Httest du, so wie ich wollte,
Als der Feind uns hart bedrngte
In der buntverworrnen Stadt,
Wenn du damals mir vergnntest,
Feuerbrnde einzuschleudern
In die schreckgeleerten Gassen,
In der Huserreihe Zahl,
Htten uns wohl ziehen lassen,
Stnde besser allzumal.

Rustan.
Ungeheuer!  So viel Leben!--
Und wer wei, ob es gelang?

Zanga.
Ob's gelang?  Da sitzt der Knoten!
Nicht, weil's Frevel, weil's gefhrlich,
Macht's der frommen Seele bang.
Und mit also schwankem Gang,
Mit so rmlich halbem Mute
Wolltest du der Herrschaft Sprossen,
Du den steilen Weg zum Groen,
Du erklimmen Macht und Rang?
Bunt gemengt aus manchen Stoffen
Ist das Roherz der Gewalt,
Kaum der Brand von zehen Reichen
Gngt, die Mischung auszugleichen,
Die im Tiegel kocht und wallt;
Doch ein Skul erst im Nacken,
Dem Vergangnen ist man hold,
Feuer reint Metall von Schlacken,
Und der Knig glnzt wie Gold.
Doch du konntest's nicht ertragen,
Eng der Sinn, das Aug' nur weit,
Willst du siegen, mut du wagen;
Kehre denn zur Niedrigkeit!

Rustan.
Das zu hren von dem Diener,
Von der Frevel Stifter, Helfer!

Zanga.
Helfer?  Stifter?  Das vielleicht!
Aber Diener?  La mich lachen!
Wessen Diener?  wo der Herr?
Bist du nicht herabgestiegen,
Nicht gefallen von der Hhe,
Die mein Finger dir gewiesen,
Weil dem mcht'gen Willensriesen
Fehlte Mut zur khnen Tat?
Gleich umfngt uns Schuld und Strafe,
Gleich an Anspruch, Rang und Macht;
Und wie gleich im Mutterschoe,
Schaut als Gleiche uns die Nacht.

Rustan.
Nun, wohlan, so rett uns beide!
Sinn auf Mittel, steh bei mir!
Denn welch Ausweg bliebe dir,
Der gewut um solche Taten?

Zanga.
Welcher Ausweg?  Dich verraten!
Oder glaubst du, kleinen Sold
Zahlt man dem, der aus dich liefert?
Ei, dein Kopf ist eitel Gold!

Rustan (einen Hieb nach ihm fhrend).
Teufel!  Ungeheuer!

Zanga (mit dem Schwert, das er entblt unter dem Mantel getragen, den
Streich auffangend und ihm den Sbel aus der Hand schlagend).
Halt!
Darauf war ich vorbereitet.
Vorsicht bt man mit euch Herrn,
Die Verzweiflung schlgt gar gern!
Und was hlt mich nun noch ab,
Dir den langgedehnten Stahl
Gradaus in die Brust zu stoen,
bend so die eigne Rache,
Des zertretnen Landes Sache
Eines Streichs mit einem Mal?
Und doch nein; schrick nicht zurck!
Warst du gleich ein schwacher Schler,
Warst mein Schler immer doch,
Das Gebilde meiner Hnde
Ehr ich selbst zerschlagen noch.
Fliehe du, ich bleibe hier;
Sammle deines Glckes Trmmer,
Sonne mich in neuem Schimmer,
Du giltst tot.  der Lohn wird mir.

(Nach dem Hintergrunde zeigend.)

Dort dein Weg!  Nach dorthin flieh!

Rustan.
Zanga, noch zum letzten Male!
Geh mit mir!  Denk, was ich war;
Wie die Menschen mir gehuldigt;
Denk der Gnaden, die ich hufte
Auch auf dich, ob deinem Haupt.

Zanga.
Als du mich des Mords beschuldigt,
Weil du hilflos mich geglaubt?

Rustan.
Eins und alles sei vergessen!
Bin verwundet, steh mir bei!
Nicht des Pfads, der Gegend kundig.

Zanga.
Nicht der Gegend?  Ha, ha, ha!
Sieh um dich, es ist dieselbe,
Wo den Knig du gerettet,
Du und einer noch zumal;
Wo du jenen andern trafst.
Siehst du dort die dunkle Brcke?
Sie, der erste Weg zum Glcke,
Sei nun auch des Unheils Pfad.

Rustan.
Weh mir, weh!

Zanga (auf die Brcke zeigend).
Nach dorthin flieh!

Rustan.
Nimmermehr betret ich sie!
Dort hinaus!

(Nach der rechten Seite gewendet.)

Zanga.
Ei ja!  ei ja!
Doch bemerk nur erst die Flmmchen,
Die die Gegend rings durchziehn.
Sind nicht Geister der Erschlagnen,
Krieger sind's, die Fackeln tragen,
Suchend dich!

Rustan (nach links gekehrt).
Nun denn, zurck!
Rck den Weg, auf dem wir kamen.

(Entfernte Trompetenklnge von der linken Seite.)

Zanga.
Horch!  Was dnkt dir von dem Klang?
Die Verfolger auch im Rcken,
Eingeengt bist du, umgarnt,
Traust du noch nicht dem, der warnt?
Dort dein Weg!

Rustan (der den emporsteigenden Weg betreten hat, der zur Brcke
hinanfhrt, stehenbleibend).
Ich kann nicht, kann nicht!
Da ich jemals dir getraut!

Zanga.
Fhlst du's jetzt erst, da's zu spt?

Rustan.
O mir schwindelt, o mir graut!
Fahles Licht zuckt durch die Gegend,
Fieber rasen im Gehirne,
Und die schwankenden Gestalten,
Nicht zu fassen, nicht zu halten,
Drehen sich im Wirbeltanz.
Feind!  Versucher!  Bser Engel!
Wohin schwandst du?  Bist so dunkel!

Zanga (der Mantel und Kopfbedeckung weggeworfen hat und in ganz schwarzer
Kleidung dasteht).
Mir ist warm, und ich bin schwarz.

Rustan.
Schlangen scheinen deine Haare!

Zanga (zwei flatternde Streifen, die sein Haupt umschlingen, aus den
Haaren ziehend).
Bnder, Bnder!  nichts als Bnder!

Rustan.
Und das Kleid auf deinem Rcken
Dehnt sich aus zu schwarzen Flgeln.

Zanga.
Bse Falten, und doch gut auch.
So trgt man's bei uns zulande.

Rustan.
Und zu deinen Mrderfen
Leuchtet's fahl mit dsterm Glanz.

Zanga (einen gestiegen kolbenartigen Krper aufhebend, der schon frher
am Boden lag, aber erst jetzt zu leuchten anfngt).
Faules Holz und Moderschwamm!
Doch zu brauchen, dient als Leuchte.

(Den Krper emporhaltend, der ein strkeres Licht gibt.)

Leuchtet dir hinab zum Abgrund.
Dort hinauf!  dort nur ist Rettung.
Bist umsponnen, siehst du?  Feinde!

(Auf der rechten Seite des Vorgrundes treten Gewaffnete auf.)

Anfhrer.
Ja, er ist's!  Gib dich gefangen!

Rustan.
Weh!

Zanga.
Hinauf!

(Auf der linken Seite, hinter Zangas Rcken, erscheinen Krieger.)

Anfhrer.
Hier ist der Frevler.

Zanga.
Nur hinauf!

Rustan (eilt den Weg zur Brcke hinauf).

Anfhrer (der auf der linken Seite stehenden Krieger).
Verrennt den Weg ihm!

(Einige folgen ihm.)

Rustan (erscheint neben der Brcke).
Zanga!

Zanga.
Nur die Brcke frei noch!

(Rustan hat die Brcke betreten.)
(Auf der rechten Seite der Anhhe erscheint Glnare mit Gefolge und
Fackeln.)

Glnare.
Halt!  du Blut'ger!

Zanga.
Willst du fallen
Von des Henkers Hand, ein Feiger?
Nun stehst du am rechten Platze!
Strz hinab dich in die Fluten,
Stirb als Krieger, fall als Held!

Glnare.
Gib dich!  gib dich!

(Von allen Seiten sind Krieger mit Fackeln aufgetreten.  Die
Gewaffneten dringen nher.)

Zanga.
Mir!  Verloren!
(Eine Rustan hnliche Gestalt strzt sich in den Strom.  In
demselben Augenblicke bricht der Fels rechts im Vorgrunde zusammen.
Rustan auf seinem Bett liegend wird sichtbar, die beiden Knaben,
wie am Schlusse des ersten Aufzuges, ihm zur Seite.  Ein Schleier
zieht sich ber die Gegend, ein zweiter, ein dritter.  Die
Gestalten werden undeutlich.  Zanga versinkt, Wolken bedecken das
Ganze.)

Rustan (sich im Schlafe bewegend).
Weh mir, weh!  ich bin verloren!

(Der zu Fen des Bettes stehende, dunkelgekleidete Knabe zndet
seine Fackel an der brennenden des zu Hupten stehenden
buntgekleideten an, der dafr die seine gegen den Boden auslscht.
Rustan erwacht.  Die Knaben versinken.  Die Wolken rckwrts
verziehen sich.  Das Innere der Htte erscheint, wie im ersten
Aufzuge.)

Rustan (emporfahrend und seine Arme befhlend).
Leb ich noch?  Bin ich gefangen?
So verschlang mich nicht der Strom?
Zanga!  Zanga!  O mein Elend!

Zanga (in seiner Haustracht, wie im ersten Aufzuge, tritt ein mit einer
Lampe, die er hinsetzt).
Endlich wach!  Der Morgen graut,
Und die Pferde stehn bereitet.

Rustan.
Unhold!  Mrder!  Schlange!  Teufel!
Kommst du her, um mein zu spotten?
Sind gleich Vipern deine Haare,
Flammen deiner Augen Sterne,
Und ein Blitz in deiner Hand,
Doch, ein Sterblicher, Verlockter,
Will ich khlen meine Rache,
Und der Dolch hier soll versuchen,
Ob dein Leib von gleichem Erz,
Als die Stirn, der Grimm, das Herz.

(Er hat den Dolch ergriffen, der neben seinem Bette hngt, im
Begriff ihn zu schleudern.)

Zanga.
Hilfe!  Weh, er ist von Sinnen!
Mirza!  Massud!  Hrt denn niemand?

(Er entflieht.)

Rustan.
Er entfloh!  Ich bin nicht machtlos,
Seine Macht nicht unbezwinglich!
Und nun fort aus diesen Rumen,
Rings umstellt mit Todesgrauen!  Nur noch erst verlscht das Licht
Das mich kund gibt meinen Feinden.

(Er blst die Lampe aus.  Durch das breite Bogenfenster, das die
grere Hlfte des Hintergrundes einnimmt, sieht man den Horizont
mit den ersten Zeichen des anbrechenden Tages besumt.)

Wo die Tre?  Ist kein Ausgang
Aus den Schrecken dieser Orte?
Mu ich hier denn untergehn?
Horch!  man kommt!  So will ich teuer
Nur verkaufen dies mein Leben;
Tod empfangen, doch erst geben.

(Er ergreift den neben seinem Bett stehenden Sbel.)

(Massud und Mirza kommen.  Letztere trgt eine hellbrennende
Leuchte in der Hand.)

Rustan.
Ha, der Knig?  und Glnare?
Nicht der Knig!--Wr' es mglich?
Du scheinst Massud.--Mirza!  Mirza!
Seid ihr tot, und bin ich's auch?
Wie kam ich in eure Mitte?
Sehe wieder diese Htte?  Oh, verschwende nicht dein Anschaun,
Diese liebevollen Blicke,
An den Dunkeln, den Gefallnen!
Denn was mir die Liebe gibt,
Zahl ich rck mit blut'gem Hasse.--
Und doch nein, dich ha ich nicht!
Nein, ich fhl's, dich nicht.--Und dich nicht.--
Ha?--Oh, mit welch warmen Regen
Kommt mein Innres mir entgegen?
Hasse euch nicht!  Hasse niemand!
Mchte aller Welt vergeben,
Und mit Trnen, so wie ehmals
In der Unschuld frommen Tagen,
Fhl ich neu mein Aug' sich tragen.

Mirza.
Rustan!

Rustan.
Nein, bleib fern von mir!
Wtest all du, was geschehn,
Seit wir uns zuletzt gesehn.

Mirza.
Uns gesehn?

Rustan.
Den Tagen, Wochen--

Mirza.
Wochen?  Tagen?

Rustan.
Wei ich's?  Wei ich's?
Furchtbar ist der Zeiten Macht.

Mirza.
War's denn mehr als eine Nacht?

Zanga (in der Tre erscheinend).
Herr, befiehlst du nun die Pferde?

Mirza.
Ach, erinnre dich doch nur!
Gestern abends--Sag ihm's, Vater,
Mir wird gar zu schwer dabei.

Massud.
Gestern abends, weit du nicht?
Wolltest du von uns dich trennen,
Du befahlst fr heut die Pferde.
Es ist Tag, und sie sind hier.

Rustan.
Gestern abends?

Massud.
Wann nur sonst?

Rustan.
Gestern abends?  Und das alles,
Was gesehen ich, erlebt,
All die Gre, all die Greuel,
Blut und Tod, und Sieg und Schlacht--

Massud.
War vielleicht die dunkle Warnung
Einer unbekannten Macht,
Der die Stunden sind wie Jahre
Und das Jahr wie eine Nacht,
Wollend, da sich offenbare,
Drohend sei, was du gedacht,
Und die nun, enthllt das Wahre,
Nimmt die Drohung samt der Nacht.
Brauch den Rat, den Gtter geben,
Zweimal hilfreich sind sie kaum.

Rustan.
Eine Nacht?  und war ein Leben.

Massud.
Eine Nacht.  Es war ein Traum.
Schau, die Sonne, sie, dieselbe,
lter nur um einen Tag,
Die beim Scheiden deinem Trotze,
Deiner Hrte Zeugnis gab,
Schau in ihren ew'gen Gleisen
Steigt sie dort den Berg hinan,
Scheint erstaunt auf dich zu weisen,
Der so trg in neuer Bahn;
Und mein Sohn auch, willst du reisen,
Es ist Zeit, schick nur dich an!

(Die durch das Fenster sichtbare Gegend, die schon frher alle
Stufen des kommenden Tages gezeigt hat, strahlt jetzt im vollen
Glanze des Sonnenaufganges.)

Rustan (auf die Knie strzend).
Sei gegrt, du heil'ge Frhe,
Ew'ge Sonne, sel'ges Heut!
Wie dein Strahl das ncht'ge Dunkel
Und der Nebel Schar zerstreut,
Dringt er auch in diesen Busen,
Siegend ob der Dunkelheit.
Was verworren war, wird helle,
Was geheim, ist's frder nicht.
Die Erleuchtung wird zur Wrme,
Und die Wrme, sie ist Licht.  Dank dir, Dank!  da jene Schrecken,
Die die Hand mit Blut besumt,
Da sie Warnung nur, nicht Wahrheit,
Nicht geschehen, nur getrumt;
Da dein Strahl in seiner Klarheit,
Du Erleuchterin der Welt,
Nicht auf mich, den blut'gen Frevler,
Nein, auf mich, den Reinen fllt.  Breit es aus mit deinen Strahlen,
Senk es tief in jede Brust:
Eines nur ist Glck hienieden,
Eins, des Innern stiller Frieden,
Und die schuldbefreite Brust.
Und die Gre ist gefhrlich,
Und der Ruhm ein leeres Spiel;
Was er gibt, sind nicht'ge Schatten,
Was er nimmt, es ist so viel.  So denn sag ich mich auf immer
Los von seiner Schmeichelei,
Und von dir, noch auf den Knien,
Fleh ich, Ohm, der Gaben drei.

Mirza.
Rustan!  Vater!

Rustan.
Erst verzeih!
Nimm, geneigt der heien Bitte,
Wieder auf in deine Htte
Den Verirrten, seine Reu'!

Mirza.
Hrst du, Vater?

Massud.
Oh, wie gerne!

Rustan.
Dann gib dem Versucher dort,
Ihm, vor dem gewarnt die Sterne,
Gib die Freiheit ihm, gib Gold,
La ihn ziehn in alle Ferne!

Zanga.
Herr!

Rustan (zu Zanga).
Ich will's!--Ich bitte, Vater!

Massud.
Du begegnest meinen Wnschen.

(Zu Zanga.)

Ziehe hin, denn du bist frei!
Nimm dir eins der beiden Pferde.
Was des Sckels Inhalt fat,
Den ich gab als Reisezehrung,
Es sei dein, nur aber scheide!

Zanga.
Wirklich frei?

Massud.
Du bist's!

Zanga (gegen Rustan).
Was sag ich?

Rustan.
Zeig den Dank, indem du gehst.

Zanga.
Ich bentz die erste Freude.
Lebt denn wohl, ihr Guten beide!
Schne Jungfrau, seid bedankt.
Und nun fort, durch Busch und Heide!

(Mit einem Sprung zur Tre hinaus.)

Rustan (der aufgestanden ist).
Nun zur letzten meiner Bitten!
Gestern abend, noch beim Scheiden,
Lieest du mich hoffen, glauben,
Da hier diese, deine Tochter--

Massud.
Davon schweig, und sprich nicht weiter!
Dies mein Haus und jede Gabe
Teil ich mit dem Reu'gen gern,
Doch was mehr als Haus und Habe,
Meines Lebens tiefsten Kern,
Damit la fr jetzt mich sparen,
Bis die Zeiten offenbaren,
Ob, was floh, auf immer fern.

Rustan.
Oheim, wie?  und du kannst zweifeln?

Massud.
Nicht, da jetzo du so fhlst,
Doch vergi es nicht, die Trume,
Sie erschaffen nicht die Wnsche,
Die vorhandnen wecken sie;
Und was jetzt verscheucht der Morgen,
Lag als Keim in dir verborgen,
Hte dich, so will auch ich.

Rustan.
Oheim, hre!

Mirza.
Hr ihn, Vater!

Massud.
Du auch trittst auf seine Seite?

Mirza.
Ist er doch so mild und gut.

(Leise Klnge lassen sich hren.)

Massud.
Horch!

Mirza.
Mein Vater!

Massud.
Leise Tne!

Mirza.
Sprich ein Wort!

Massud.
Sie kommen nher.

(Zanga und der alte Derwisch gehen auen am Fenster vorber.  Der
Alte spielt die Harfe, Zanga blst auf der Flte dazu.  Es ist die
am Ende des ersten Aufzuges gehrte Melodie.)

Massud.
Ist das Zanga nicht, der Schwarze?
Und der Greis an seiner Seite--

Rustan.
Weh!  Entsetzen!

Mirza.
Und warum?
Ist es doch der gt'ge Derwisch,
Er, der wundertt'ge Mann,
Der mit Raten und mit Lehren
Vatergleich an mir getan.

Rustan.
Nun hinab, ihr dunkeln Trume!
Vater, sprich ein gtig Wort!

Massud.
Schau, sie nahen, schau, sie kommen!
Neigen nun sich vor der Sonnen.

Mirza.
Vater!  sprichst du nicht?

Massud (leise).
Ei spter!
La uns horchen jetzt.  Nur leis!

Rustan (ebenso).
Aber dann--?

Mirza (ebenso).
Versprich es!

Massud.
Stille!

Rustan (und) Mirza (sich umfassend).
Vater!  Oheim!

Massud (noch immer nach auen hinhorchend, mit der linken Hand das
Zeichen der Einwilligung gebend, leise).
Ja doch; sei's!

(Die beiden sinken, ihn und sich umfassend, auf die Knie.  Die Tne
klingen noch immer fort.)

(Der Vorhang fllt.)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Traum ein Leben, von
Franz Grillparzer.






End of Project Gutenberg's Der Traum ein Leben, by Franz Grillparzer

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRAUM EIN LEBEN ***

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Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8trlb11.txt
VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8trlb10a.txt

Delphine Lettau and Mike Pullen

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
unless a copyright notice is included.  Thus, we usually do not
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

We are now trying to release all our eBooks one year in advance
of the official release dates, leaving time for better editing.
Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
even years after the official publication date.

Please note neither this listing nor its contents are final til
midnight of the last day of the month of any such announcement.
The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
Midnight, Central Time, of the last day of the stated month.  A
preliminary version may often be posted for suggestion, comment
and editing by those who wish to do so.

Most people start at our Web sites at:
http://gutenberg.net or
http://promo.net/pg

These Web sites include award-winning information about Project
Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).


Those of you who want to download any eBook before announcement
can get to them as follows, and just download by date.  This is
also a good way to get them instantly upon announcement, as the
indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03

Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90

Just search by the first five letters of the filename you want,
as it appears in our Newsletters.


Information about Project Gutenberg (one page)

We produce about two million dollars for each hour we work.  The
time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
searched and analyzed, the copyright letters written, etc.   Our
projected audience is one hundred million readers.  If the value
per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
files per month:  1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
If they reach just 1-2% of the world's population then the total
will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.

The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
which is only about 4% of the present number of computer users.

Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

    1  1971 July
   10  1991 January
  100  1994 January
 1000  1997 August
 1500  1998 October
 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
Among other things, this means that no one owns a United States copyright
on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
distribute it in the United States without permission and
without paying copyright royalties. Special rules, set forth
below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.

Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
any commercial products without permission.

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efforts to identify, transcribe and proofread public domain
works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
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things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged
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disk, book or any other medium if you either delete this
"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
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[1]  Only give exact copies of it.  Among other things, this
     requires that you do not remove, alter or modify the
     eBook or this "small print!" statement.  You may however,
     if you wish, distribute this eBook in machine readable
     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
          eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
          or other equivalent proprietary form).

[2]  Honor the eBook refund and replacement provisions of this
     "Small Print!" statement.

[3]  Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
     gross profits you derive calculated using the method you
     already use to calculate your applicable taxes.  If you
     don't derive profits, no royalty is due.  Royalties are
     payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
     the 60 days following each date you prepare (or were
     legally required to prepare) your annual (or equivalent
     periodic) tax return.  Please contact us beforehand to
     let us know your plans and to work out the details.

WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form.

The Project gratefully accepts contributions of money, time,
public domain materials, or royalty free copyright licenses.
Money should be paid to the:
"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

If you are interested in contributing scanning equipment or
software or other items, please contact Michael Hart at:
hart@pobox.com

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when distributed free of all fees.  Copyright (C) 2001, 2002 by
Michael S. Hart.  Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
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they hardware or software or any other related product without
express permission.]

*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

