The Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm

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Title: Aquis Submersus

Author: Theodor Storm

Release Date: September, 2005  [EBook #8889]
[This file was first posted on August 21, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS ***




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Aquis submersus

Theodor Storm

Novelle (1876)


In unserem zu dem frher herzoglichen Schlosse gehrigen, seit
Menschengedenken aber ganz vernachlssigten "Schlogarten" waren
schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzsischen Stile
angelegten Hagebuchenhecken zu dnnen, gespenstischen Alleen
ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Bltter tragen,
so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bume nicht verwhnt, sie
gleichwohl auch in dieser Form zu schtzen; und zumal von uns
nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu
treffen sein.  Wir pflegen dann unter dem drftigen Schatten nach
dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhhe in der
nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette
eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im
Wege steht.

Die meisten mgen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten
Grn der Marschen und darberhin an der Silberflut des Meeres zu
ergtzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel
schwimmt; meine Augen wenden unwillkrlich sich nach Norden, wo,
kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem hher
belegenen, aber den Kstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine
von den Sttten meiner Jugend.

Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die
"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzhlige Male sind wir am
Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am
Sonntagabend oder montags frh zu unserem Nepos oder spter zu
unserem Cicero nach der Stadt zurckzukehren.  Es war damals auf
der Mitte des Weges noch ein gut Stck ungebrochener Heide brig,
wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach
der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte.  Hier summten
auf den Blten des duftenden Heidekrauts die Immen und weigrauen
Hummeln und rannte unter den drren Stengeln desselben der schne
goldgrne Laufkfer; hier in den Duftwolken der Eriken und des
harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends
sonst zu finden waren.  Mein ungeduldig dem Elternhause
zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen trumerischen
Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen;
hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch
um desto munterer vorwrts, und bald, wenn wir nur erst den
langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon ber dem
dunkeln Grn einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses,
aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden
Fensterscheiben auf die bekannten Gste hinabgrte.

Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten
wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fnf Quartier auf der
Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung.  Nur
die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende
Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stck oberhalb des
bemoosten Strohdaches rauschen lie, war gleich dem Apfelbaum des
Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns
erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und
wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.

Der Hauptschauplatz unserer Taten war die groe "Priesterkoppel",
zu der ein Pfrtchen aus dem Garten fhrte.  Hier wuten wir mit
dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der
Grauammern aufzuspren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche
abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden
die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer
tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel
gefhrlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstmpfen dicht
umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Kfer, die wir
"Wasserfranzosen" nannten, oder lieen wir ein andermal unsere
auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus
Walnuschalen und Schachteldeckeln schwimmen.  Im Sptsommer
geschah es dann auch wohl, da wir aus unserer Koppel einen
Raubzug nach des Ksters Garten machten, welcher gegenber dem
des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn
wir hatten dort von zwei verkrppelten Apfelbumen unseren
Zehnten einzuheimsen, wofr uns freilich gelegentlich eine
freundschaftliche Drohung von dem gutmtigen alten Manne zuteil
wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel,
in deren drrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur
den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis
auf allen Wllen standen, spre ich noch heute in der Erinnerung,
wenn jene Zeiten mir lebendig werden.

Doch alles dieses beschftigte uns nur vorbergehend; meine
dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in
der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit
nicht etwa die Rhrenbauten der Lehmwespen, die berall aus den
Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war,
in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen
Tierchen zu beobachten; ich meine den viel greren Bau der alten
und ungewhnlich stattlichen Dorfkirche.  Bis an das Schindeldach
des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut
und beherrschte, auf dem hchsten Punkt des Dorfes sich erhebend,
die weite Schau ber Heide, Strand und Marschen.--Die meiste
Anziehungskraft fr mich hatte indes das Innere der Kirche; schon
der ungeheure Schlssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu
stammen schien, erregte meine Phantasie.  Und in der Tat erschlo
er auch, wenn wir ihn glcklich dem alten Kster abgewonnen hatten,
die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine lngst
vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen
Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden
aufblickte.  Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich
bermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes
Antlitz mit Blute berrieselt waren; dem zur Seite an einem
Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel,
an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und
Teufelsfratzen sich hervorzudrngen schienen.  Besondere Anziehung
aber bte der groe geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche,
auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi
dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas
oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um
des Gekreuzigten Mantel wrfelten, bekam man drauen im
Alltagsleben nicht zu sehen; trstlich damit kontrastierte nur das
holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie htte
leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken
knnen, wenn nicht ein anderes mit noch strkerem Reize des
Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen htte.

Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing
im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes,
eines schnen, etwa fnfjhrigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen
besetzten Kissen ruhend, eine weie Wasserlilie in seiner kleinen
bleichen Hand hielt.  Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem
Grauen des Todes, wie hlfeflehend, noch eine letzte holde Spur des
Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor
diesem Bilde stand.

Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem
Holzrahmen ein finsterer, schwarzbrtiger Mann in Priesterkragen
und Sammar.  Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schnen
Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in
der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben.
Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange
her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein
phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben
des Kindes eine nhere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten;
selbst aus dem dsteren Antlitz des Vaters, das trotz des
Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks
gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen.

--Nach solchen Studien in dem Dmmerlicht der alten Kirche erschien
dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher.
Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines
Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau;
da aber die Ksterei an derselben Altersschwche litt, so wurde
weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren
trotzdem die Rume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube
rechts, im Sommer die grere links vom Hausflur, wo die
aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in
Mahagonirhmchen an der weigetnchten Wand hingen, wo man aus dem
westlichen Fenster nur eine ferne Windmhle, auerdem aber den
ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem
Schein verklrte und dann das ganze Zimmer berglnzte!  Die lieben
Pastorsleute, die Lehnsthle mit den roten Plschkissen, das alte
tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende
Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart.  Nur eines
Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke,
welch eine Vergangenheit an diesen Rumen hafte, ob nicht
gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig
umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmtig
holden Sage den dsteren Kirchenraum erfllte.

Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, da ich am
Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche
besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit
roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis
jetzt entgangen waren.

"Sie lauten C.  P.  A.  S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes;
"aber wir knnen sie nicht entrtseln."

"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und
nimmt man das Gercht zu Hlfe, so mchten die beiden letzten
Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder
wrtlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem
vorangehenden C.  P.  wre man dann noch immer in Verlegenheit!
Der junge Adjunktus unseres Ksters, der einmal die Quarta passiert
ist, meint zwar, es knne Casu periculoso--'Durch gefhrlichen
Zufall'--heien; aber die alten Herren jener Zeit dachten logischer;
wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur blo
gefhrlich."

Ich hatte begierig zugehrt.  "Casu" sagte ich; "es knnte auch
wohl 'Culpa' heien?"

"Culpa?" wiederholte der Pastor.  "Durch Schuld?--aber durch wessen
Schuld?"

Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele,
und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?"

Der gute Pastor war fast erschrocken.  "Ei, ei, mein junger Freund",
sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich.  "Durch Schuld
des Vaters?--So wollen wir trotz seines dsteren Ansehens meinen
seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen.  Auch wrde er
dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen."

Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten;
und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor
ein Geheimnis der Vergangenheit.

Da brigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich
vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche
gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden;
da aber Sachverstndige in dem Maler einen tchtigen Schler
althollndischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich
jetzt erst durch den Vater meines Freundes.  Wie jedoch ein solcher
in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und
wie er geheien habe, darber wute auch er mir nichts zu sagen.
Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein
Malerzeichen.

Die Jahre gingen hin.  Whrend wir die Universitt besuchten, starb
der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte spter
ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle;
ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da,
als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es,
da ich fr den Sohn eines Verwandten ein Schlerquartier bei
guten Brgersleuten zu besorgen hatte.  Der eigenen Jugendzeit
gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die
Straen, als mir an der Ecke des Marktes ber der Tr eines alten
hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen
fiel, die verhochdeutscht etwa lauten wrde:

Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,
Also sind auch die Menschenkind.

Die Worte mochten fr jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein;
denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit
mir einen Heiewecken bei dem dort wohnenden Bcker geholt hatte.
Fast unwillkrlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand
sich hier ein Unterkommen fr den jungen Vetter.  Die Stube ihrer
alten "Mddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche
Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt htten, habe seit
Jahren leer gestanden; schon lange htten sie sich einen jungen
Gast dafr gewnscht.

Ich wurde eine Treppe hinaufgefhrt, und wir betraten dann ein
ziemlich niedriges, altertmlich ausgestattetes Zimmer, dessen
beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den gerumigen
Marktplatz hinausgingen.  Frher, erzhlte der Meister, seien zwei
uralte Linden vor der Tr gewesen; aber er habe sie schlagen lassen,
da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schne
Aussicht ganz verdeckt htten.

ber die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; whrend
wir dann aber noch ber die jetzt zu treffende Einrichtung des
Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines
Schrankes hngendes lgemlde gefallen, das pltzlich meine ganze
Aufmerksamkeit hinwegnahm.  Es war noch wohlerhalten und stellte
einen lteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer
dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie
diejenigen aus den vornehmeren Stnden zu tragen pflegten, welche
sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem
Kriegshandwerke beschftigten.

Der Kopf des alten Herrn, so schn und anziehend und so trefflich
gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in
mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben
in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhngenden
Hand eine weie Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja
lngst.  Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen
zugedrckt hatte.

"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir pltzlich
bewut wurde, da der vor mir stehende Meister mit seiner
Auseinandersetzung innegehalten hatte.

Er sah mich verwundert an.  "Das alte Bild?  Das ist von unserer
Mddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgroonkel, der ein
Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat.  Es
sind noch andre Siebensachen von ihm da."

Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz,
auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich
eingeschnitten waren.

Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel
der Deckel zurck, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark
vergilbte Papierbltter mit sehr alten Schriftzgen.

"Darf ich die Bltter lesen?" frug ich.

"Wenn's Ihnen Plsier macht", erwiderte der Meister, "so mgen Sie
die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften;
Wert steckt nicht darin."

Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen
Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu drfen; und whrend ich
mich dem alten Bilde gegenber in einen mchtigen Ohrenlehnstuhl
setzte, verlie der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt,
doch gleichwohl die freundliche Verheiung zurcklassend, da seine
Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde.

Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.


So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage
Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgerth und sonstiges Gepcke
hatte ich in der Stadt zurckgelassen und wanderte nun frhlich
frba, die Strae durch den maiengrnen Buchenwald, der von der
See ins Land hinaufsteigt.  Vor mir her flogen ab und zu ein paar
Waldvglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den
tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen ber
Nacht und noch gar frh am Vormittage, so da die Sonne den
Waldesschatten noch nicht berstiegen hatte.

Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand
seinen Widerhall in meinem Herzen.  Durch die Bestellungen, so mein
theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer
Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden;
einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch
itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar
fiel auf mein Mntelchen mit feinem Grauwerk, und der Ltticher
Degen fehlte nicht an meiner Hfte.

Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn
Gerhardus, meinen edlen grognstigen Protector, wie er von der
Schwelle seines Zimmers mir die Hnde wrd' entgegenstrecken, mit
seinem milden Grue: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!"

Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu frh in die ewige
Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war
auch nachmals den Knsten und Wissenschaften mit Fleie obgelegen,
so da er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen,
wiewohl wegen der Kriegslufte vergeblichen Bestreben um Errichtung
einer Landesuniversitt ein einsichtiger und eifriger Berather
gewesen.  Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater
doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen
seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu
verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel
aufgebessert, sondern auch durch seine frnehme Bekanntschaft unter
dem Hollndischen Adel es dahin gebracht, da mein theuerer Meister
van der Helst mich zu seinem Schler angenommen.

Meinte ich doch zu wissen, da der verehrte Mann unversehrt auf
seinem Herrenhofe sitze, wofr dem Allmchtigen nicht genug zu
danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen,
war daheim die Kriegsgreuel ber das Land gekommen; so zwar, da
die Truppen, die gegen den kriegswthigen Schweden dem Knige zum
Beistand hergezogen, fast rger als die Feinde selbst gehauset, ja
selbst der Diener Gottes mehrere in jmmerlichen Tod gebracht.
Durch den pltzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun
zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen berall;
manch Bauern- oder Kthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem
Trunke ser Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung
niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in dem
Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine grnen Spitzen
trieb.

Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur
Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen
mchte, da er Gab und Gunst an keinen Unwrdigen verschwendet habe;
dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom
Kriege her noch in den Wldern Umtrieb halten sollte.  Wohl aber
tckete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker
Wulf.  Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein
edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber
angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie fters nach meines lieben
Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er
mir die schnen Tage vergllet und versalzen.  Ob er anitzt in
seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur
vernommen, da er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und
Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit
rechter Holstentreue nicht zu reimen ist.

Indem ich die bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den
Richtsteig durch das Tannenhlzchen geschritten, das schon dem Hofe
nahe liegt.  Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Wrzeduft
des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen
Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbschen
eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den
zwo Reihen gewaltiger Eichbume, die zum Herrensitz hinauffhren.

Ich wei nicht, was fr ein bang Gefhl mich pltzlich berkam, ohn
alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein
umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd
Lerchensingen.  Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann
seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und
flsterte mit seinen jungen Blttern in der blauen Luft.

"Gr dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des
Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschpfes, in dem, wie es
sich nachmals fgen mute, all Glck und Leid und auch all nagende
Bue meines Lebens beschlossen sein sollte, fr jetzt und alle Zeit.
Das war des edlen Herrn Gerhardus Tchterlein, des Junkers Wulfen
einzig Geschwister.

Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum
ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein
neunjhrig Dirnlein, die ihre braunen Zpfe lustig fliegen lie;
ich zhlte um ein paar Jahre weiter.  So trat ich eines Morgens
aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der
Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein
Schlafkmmerlein eingerumt war, hatte mir einen Eschenbogen
zugerichtet, mir auch die Bolzen von tchtigem Blei dazu gegossen,
und ich wollte nun auf die Raubvgel, deren genug bei dem
Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen.

"Weit du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort
in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwnzchen, die darfst du
ja nicht schieen!"

Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem
Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jhlings stille
stehn.  "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schttelte wie
entsetzt ihre beiden Hndlein in der Luft.

Es war aber ein groer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen
Baumes sa und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vgelein
erhaschen mge.  "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder.
"Schie, Johannes, schie!"--Der Kauz aber, den die Fregier taub
gemacht, sa noch immer und stierete in die Hhlung.  Da spannte
ich meinen Eschenbogen und scho, da das Raubthier zappelnd auf
dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd
Vglein in die Luft.

Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit
einander; in Wald und Garten, wo das Mgdlein war, da war auch ich.
Darob aber mute mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt
von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen
Hofe sa.  In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr
Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch;
und da er jnger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und
Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune
Herrentchterlein ihm zu gefallen.  Doch war das schier umsonst;
sie lachte nur ber seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast
allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei
merklich runden Augen sa.  Ja, wenn sie seiner nur von fern
gewahrte, so reckte sie wohl ihr Kpfchen vor und rief.  "Johannes,
der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen
oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich
in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern
des Gartens hinanzieht.

Darob, als der von der Risch de inne wurde, kam es oftmals
zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn
stark war, der Vortheil meist in meinen Hnden blieb.

Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner
Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier
verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes
Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn
sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier
beklommen machte.  Auch war ein alt gebrechlich Frulein ihr zur
Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie lie
das Kind nicht aus den Augen und ging berall mit einer langen
Tricotage neben ihr.

Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken
mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell,
mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet,
den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein
alter Widersacher.  Ich merkte allsogleich, da er noch immer bei
seiner schnen Nachbarin zu Hofe ging; auch da insonders dem alten
Frulein solches zu gefallen schien.  Das war ein "Herr Baron" auf
alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie hchst obligeant mit einer
widrig feinen Stimme und hob die Nase unmig in die Luft; mich
aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er"
oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden
Augen einkniff und im Gegentheile that, als she er auf mich herab,
obschon ich ihn um halben Kopfes Lnge berragte.

Ich blickte auf Katharinen; die aber kmmerte sich nicht um mich,
sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und
Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein
spttisch stolzes Lcheln, so da ich dachte: 'Getrste dich,
Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!'
Trotzig blieb ich zurck und lie die andern dreie vor mir
gehen.  Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor
noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darber brtend, wie
ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tchtig
Haarraufen beginnen mchte, kam pltzlich Katharina wieder
zurckgelaufen, ri neben mir eine Aster von den Beeten und
flsterte mir zu: "Johannes, weit du was?  Der Buhz sieht einem
jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie
wieder, eh ich mich's versah.  Mir aber war auf einmal all Trotz
und Zorn wie weggeblasen.  Was kmmerte mich itzund der Herr Baron!
Ich lachte hell und frhlich in den gldnen Tag hinaus; denn bei
den bermthigen Worten war wieder jenes se Augenspiel gewesen.
Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet.

Bald danach lie mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er
zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise
nach Amsterdam zu machen habe, bergab mir Briefe an seine Freunde
dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen
Vaters Freund.  Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu
gehen, von wo ein Brger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg
nehmen wollte.

Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied.  Unten im Zimmer sa
Katharina an einem Stickrahmen; ich mute der Griechischen Helena
gedenken, wie ich sie jngst in einem Kupferwerk gesehen; so schn
erschien mir der junge Nacken, den das Mdchen eben ber ihre
Arbeit neigte.  Aber sie war nicht allein; ihr gegenber sa Bas'
Ursel und las laut aus einem franzsischen Geschichtenbuche.  Da
ich nher trat, hob sie die Nase nach mir zu.  "Nun, Johannes",
sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen?  So kann Er auch dem
Frulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina
von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte,
traten die Junker Wulf und Kurt mit groem Gerusch ins Zimmer; und
sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort.


Im Thorhaus drckte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und
Ranzen schon fr mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den
Eichbumen auf die Waldstrae zu.  Aber mir war dabei, als knne
ich nicht recht fort, als htt ich einen Abschied noch zu Gute, und
stand oft still und schaute hinter mich.  Ich war auch nicht den
Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel
weiteren auf der groen Fahrstrae hingewandert.  Aber schon kam
vor mir das Abendroth berm Wald herauf, und ich mute eilen, wenn
mich die Nacht nicht berfallen sollte.  "Ade, Katharina, ade!"
sagte ich leise und setzte rstig meinen Wanderstab in Gang.

Da, an der Stelle, wo der Fusteig in die Strae mndet--in
strmender Freude stund das Herz mir still--, pltzlich aus dem
Tannendunkel war sie selber da; mit glhenden Wangen kam sie
hergelaufen, sie sprang ber den trocknen Weggraben, da die Fluth
des seidenbraunen Haars dem gldnen Netz entstrzete; und so fing
ich sie in meinen Armen auf.  Mit glnzenden Augen, noch mit dem
Odem ringend, schaute sie mich an.  "Ich--ich bin ihnen
fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Pckchen in
meine Hand drckend, fgte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes!  Und
du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr
Gesichtchen trbe; der kleine schwellende Mund wollte noch was
reden, aber da brach ein Thrnenquell aus ihren Augen, und
wehmthig ihr Kpfchen schttelnd, ri sie sich hastig los.  Ich
sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der
Ferne hrte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein.
Es war so still, die Bltter konnte man fallen hren.  Als ich
das Pckchen aus einander faltete, da war's ihr gldner
Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei,
das las ich nun beim Schein des Abendrothes.  "Damit du nicht in
Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine
Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal
rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender
Nacht erreichte ich die Stadt.

--Seitdem waren fast fnf Jahre dahingegangen.--Wie wrd ich heute
alles wiederfinden?

Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten
Linden, hinter deren lichtgrnem Laub die beiden Zackengiebel des
Herrenhauses itzt verborgen lagen.  Als ich aber durch den Thorweg
gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeier mit
Stachelhalsbndern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein
erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete
seine weien Zhne dicht vor meinem Antlitz.  Solch einen
Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen.  Da, zu meinem
Glck, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar
traute Stimme.  "Hallo!" rief sie; "Tartar, Trk!" Die Hunde lieen
von mir ab, ich hrte es die Stiege herabkommen, und aus der Thr,
so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich.

Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, da ich lang in der Fremde
gewesen sei; denn sein Haar war schlohwei geworden, und seine
sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betrbsam auf mich
hin.  "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine
beiden Hnde.

"Gr Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich.  "Aber seit wann haltet
Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gste anfallen gleich den
Wlfen?"

"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker
hergebracht."

"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte.

"Nun", sagte ich, "die Hunde mgen schon vonnthen sein; vom Krieg
her ist noch viel verlaufen Volk zurckgeblieben."

"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle
er mich nicht zum Hof hinauf lassen.  "Ihr seid in schlimmer Zeit
gekommen!"

Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher
Fensterhhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab
dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der
gute Herr im Schlo wird helfen, seine Hand ist offen."

Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder
anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in
den Weg.  "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, hret
mich an!  Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Kniglichen Post
von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden
knnen."

"Dieterich!" schrie ich.  "Dieterich!"

"--Ja, ja, Herr Johannes!  Hier ist die gute Zeit vorbei; denn
unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen,
und die Gueridons brennen an seinem Sarge.  Es wird nun anders
werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein hriger Mann, mir ziemet
Schweigen."

Ich wollte fragen: "Ist das Frulein, ist Katharina noch im Hause!"
Aber das Wort wollte nicht ber meine Zunge.

Drben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine
kleine Kapelle, die aber, wie ich wute, seit lange nicht benutzt
war.  Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen.

Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er
es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich ber
den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmcke Singen kam
oben aus den Lindenwipfeln.

Die Thr zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen
trat ich ein.  Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der
Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten
Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, da er
itzt eines andern Lands Genosse sei.  Indem ich aber neben dem
Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich ber den Rand des
Sarges mir gegenber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen
Schleiern fast erschrocken auf mich schaute.

Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen
herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf.  "O
Johannes, seid Ihr's denn?  Ach, Ihr seid zu spt gekommen!" Und
ber dem Sarge hatten unsere Hnde sich zum Gru gefat; denn es
war Katharina, und sie war so schn geworden, da hier im Angesicht
des Todes ein heier Puls des Lebens mich durchfuhr.  Zwar, das
spielende Licht der Augen lag itzt zurckgeschrecket in der Tiefe;
aber aus dem schwarzen Hubchen drngten sich die braunen Lcklein,
und der schwellende Mund war um so rther in dem blassen Antlitz.

Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam
ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst
zu danken, ihm manche Stunde genber zu sitzen und sein mild und
lehrreich Wort zu hren.  Lat mich denn nun die bald vergehenden
Zge festzuhalten suchen."

Und als sie unter Thrnen, die ber ihre Wangen strmten, stumm zu
mir hinbernickte, setzte ich mich in ein Gesthlte und begann auf
einem von den Blttchen, die ich bei mir fhrte, des Todten Antlitz
nachzubilden.  Aber meine Hand zitterte; ich wei nicht, ob alleine
vor der Majestt des Todes.

Whrend dem vernahm ich drauen vom Hofe her eine Stimme, die ich
fr die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie
nach einem Futritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und
einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt
deuchte.

Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten
Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte
gingen vorber.  Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu,
wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund.  Nicht lange,
so kam drauen ein einzelner Schritt zurck; in demselben
Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich
fhlte, wie ihr junger Krper bebte.

Sogleich auch wurde die Kapellenthr aufgerissen; und ich erkannte
den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth
und aufgedunsen schien.

"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester.
"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu
bezeigen; du httest ihm wohl den Trunk kredenzen mgen!"

Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen
kleinen Augen an.  "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu
ihm trat; "es ist Johannes, Wulf"

Der Junker fand nicht vonnthen, mir die Hand zu reichen; er
musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du trgst da
einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren
mssen!"

"Nennt mich, wie's Euch gefllt!" sagte ich, indem wir auf den Hof
hinaustreten.  "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr'
vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wit wohl, Eueres Vaters Sohn
hat groes Recht an mir."

Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so
magst du zeigen, was du fr meines Vaters Gold erlernet hast; und
soll dazu der Lohn fr deine Arbeit dir nicht verhalten sein."

Ich meinete, was den Lohn anginge, den htte ich lngst
vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten,
wie sich's fr einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was fr
Arbeit er mir aufzutragen htte.

"Du weit doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf
seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus
verlt, so mu ihr Bild darin zurckbleiben."

Ich fhlte, da bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite
ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich
entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr
denn, Junker Wulf?"

"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte,
"da du das Bildni der Tochter dieses Hauses malen sollst!"

Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; wei nicht, ob mehr ber
den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem
Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit.

Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick
mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir
vergnnen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines
Meisters Lehre keine Schande anzuthun.  Rumet mir nur wieder mein
Kmmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll
geschehen, was Ihr wnschet."

Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie
mge einen Imbi fr mich richten lassen.

Ich wollte ber den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber
ich verstummte wieder, denn ber den empfangenen Auftrag war
pltzlich eine Entzckung in mir aufgestiegen, da ich frchtete,
sie knne mit jedem Wort hervorbrechen.  So war ich auch der zwo
grimmen Kter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den
heien Steinen sonnten.  Da wir aber nher kamen, sprangen sie auf
und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, da Katharina einen
Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie
heulend ihm zu Fen krochen.  "Beim Hllenelemente", rief er
lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder
Flandrisch Tuch!"

"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--,
"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so mget
Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!"

Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und ri sich ein paar
Mal in seinen Zwickelbart.  "Das ist nur so ihr Willkommensgru,
Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bckte, um die
Bestien zu streicheln.  "Damit jedweder wisse, da ein ander
Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den
hetz ich in des Teufels Rachen!"

Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoen, hatte er sich
hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt ber den
Hof dem Thore zu.

Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen,
die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die
Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen
wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir
in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles,
wie ich es vordem gesehen; die goldgeblmten Ledertapeten, die
Karten an der Wand, die saubern Pergamentbnde auf den Regalen,
ber dem Arbeitstische der schne Waldgrund von dem lteren
Ruisdael--und dann davor der leere Sessel.  Meine Blicke blieben
daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des
Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und,
obschon vom Walde drauen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete,
doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfllet.

Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen.  Da
ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer,
und ich sah, wie unter den kleinen Hnden, die sie daraufgepret
hielt, ihre Brust in ungestmer Arbeit ging.  "Nicht wahr", sagte
sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und
seine grimmen Hunde?"

"Katharina!" rief ich; "was ist Euch?  Was ist das hier in Eueres
Vaters Haus?"

"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden
Hnde, und ihre jungen Augen sprhten wie in Zorn und Schmerz.
"Nein, nein; la erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen!
Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang
hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen,
hilf mir!"

Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel
ich vor der Schnen, Sen nieder und schwur ihr mich und alle
meine Krfte zu.  Da lsete sich ein sanfter Thrnenquell aus ihren
Augen, und wir saen neben einander und sprachen lange zu des
Entschlafenen Gedchtni.

Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch
dem alten Frulein nach.

"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel!  Wollt Ihr sie begren?  Ja,
die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die
Treppen sind ihr schon lngsthin zu beschwerlich."

Wir traten also in ein Stbchen, das gegen den Garten lag, wo auf
den Beeten vor den grnen Heckenwnden soeben die Tulpen aus der
Erde brachen.  Bas' Ursel sa, in der schwarzen Tracht und
Krepphaube nur wie ein schwindend Hufchen anzuschauen, in einem
hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie
nachmals mir erzhlte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben
war er solches itzund wirklich--ihr aus Lbeck zur Verehrung
mitgebracht.

"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, inde sie
behutsam die helfenbeinern Pflcklein um einander steckte, "ist Er
wieder da, Johannes?  Nein, es geht nicht aus!  O, c'est un jeu
trs-compliqu!"

Dann warf sie die Pflcklein ber einander und schauete mich an.
"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber wei Er denn
nicht, da Er in ein Trauerhaus getreten ist?"

"Ich wei es, Frulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor
trat, wute ich es nicht."

"Nun", sagte sie und nickte gar begtigend; "so eigentlich gehret
Er ja auch nicht zur Dienerschaft."

ber Katharinens blasses Antlitz flog ein Lcheln, wodurch ich mich
jeder Antwort wohl enthoben halten mochte.  Vielmehr rhmte ich der
alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von
dem Thrmchen, das drauen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach
dem Fenster hingesponnen und wiegete seine grnen Ranken vor den
Scheiben.

Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wren,
die itzt schon wieder anhben mit ihrer Nachtunruhe; sie knne
ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu
abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im
Garten drauen aber passire eben nichts, als etwan, wann der
Grtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze.

--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte,
es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemden Leib zu strken.

Ich war nun in meinem Kmmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem
alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saen wir
auf seiner Tragkist, und lie ich mir, gleich wie in der Knabenzeit,
von ihm erzhlen.  Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche
Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und
holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die
fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden
mssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frlen
Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden knnen,
brach er gleichwohl pltzlich ab und schauete mich an.

"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, da
Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drben!"

Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit
seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr
Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir mssen freilich
bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet."

Wei nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen,
fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund fr ein Mann
geworden.

Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen
Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wchse.  "Wollet
Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann.  "Er gehret zu denen
muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Brgersleuten die
Knpfe von den Husern schieen; Ihr mget glauben, er hat
treffliche Pistolen!  Auf der Geigen wei er nicht so gut zu
spielen; da er aber ein lustig Stcklein liebt, so hat er letzthin
den Rathsmusikanten, der berm Holstenthore wohnt, um Mitternacht
mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich
Wams und Hosen anzuthun.  Statt der Sonnen stand aber der Mond am
Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat
also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im
blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen mssen!--Wollet Ihr
mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die
Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Tchtern gesegnet; und
dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker,
Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt."

Ich wute freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon
mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein hriger Mann", seiner
Rede Schlu gemacht.

--Mit meinem Malgerth war auch meine Kleidung aus der Stadt
gekommen, wo ich im Goldenen Lwen alles abgeleget, so da ich
anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging.  Die
Tagesstunden aber wandte ich zunchst in meinen Nutzen.  Nmlich,
es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach
ein Saal, rumlich und hoch, dessen Wnde fast vllig von
lebensgroen Bildern verhnget waren, so da nur noch neben dem
Kamin ein Platz zu zweien offen stund.  Es waren das die Voreltern
des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Mnner und
Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er
selbsten in krftigem Mannesalter und Katharinens frh verstorbene
Mutter machten dann den Schlu.  Die, beiden letzten Bilder waren
gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens,
in seiner krftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem
Pinsel die Zge meines edlen Beschtzers nachzuschaffen; zwar in
verengtem Mastabe und nur mir selber zum Gengen; doch hat es
spter zu einem greren Bildni mir gedienet, das noch itzt hier
in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters
ist.  Das Bildni seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.

Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den
schnen Bildern.  Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden
Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen;
wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker
Wulf?--Das mute tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein!
Langsam ging ich die Reih der lteren Bildnisse entlang, bis ber
hundert Jahre weit hinab.  Und siehe, da hing im schwarzen, von den
Wrmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon
als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war.  Es stellete
eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen
sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hlfte
zwischen dem Weien Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar
wurde. Ein leiser Schauer berfuhr mich vor der so lang schon
heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese
ist's!  Wie rthselhafte Wege gehet die Natur!  Ein saeculum und
drber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der
Geschlechter fort; dann, lngst vergessen, taucht es pltzlich
wieder auf, den Lebenden zum Unheil.  Nicht vor dem Sohn des edlen
Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprling
soll ich Katharinen schtzen.' Und wieder trat ich vor die
beiden jngsten Bilder, an denen mein Gemthe sich erquickte.

So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die
Sonnenstublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen.

Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Frulein und
den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren
hohen Tnen redete, so war es stets ein stumm und betrbsam Mahl,
so da mir oft der Bissen im Munde quoll.  Nicht die Trauer um den
Abgeschiedenen war de Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und
Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen.
Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berhrt, entfernte
sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grend; der Junker
aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke
festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus
wollte ber mein gestecktes Ma, berdem wider allerart Flosculn zu
wehren, welche gegen mich gespitzet wurden.

Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen,
geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche
des Dorfes, allwo das Erbbegrbni ist und wo itzt seine Gebeine
bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Hchste ihnen
dereinst eine frhliche Urstnd wolle bescheren!

Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute
aus der Stadt und den umliegenden Gtern gekommen, von Angehrigen
aber fast wenige und auch diese nur entfernte, maen der Junker
Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl
nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, da in
der Krze alle wieder abgezogen sind.

Der Junker drngte nun selbst, da ich mein aufgetragen Werk
begnne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu
belegenen Fenster mir schon den Platz erwhlet hatte.  Zwar kam
Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte,
und meinete, es mge am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran
geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber,
solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen
Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden
ihr nicht ntzen.  Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei,
die Nebenfenster des Saales zu verhngen und die hohe Staffelei zu
stellen, so ich mit Hlfe Dieterichs mir selber in den letzten
Tagen angefertigt.


Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt,
ffnete sich die Thr aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina
trat herein.  Aus was fr Ursach, wre schwer zu sagen; aber ich
empfand, da wir uns diemal fast erschrocken gegenber standen;
aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das
junge Antlitz in gar ser Verwirrung zu mir auf.

"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildni malen;
duldet Ihr's auch gern?"

Da zog ein Schleier ber ihre braunen Augensterne, und sie sagte
leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?"

Wie ein Thau des Glckes sank es in mein Herz.  "Nein, nein,
Katharina!  Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet
Euch, damit wir nicht so mig berrascht werden, und dann sprecht!
Oder vielmehr, ich wei es schon.  Ihr braucht mir's nicht zu
sagen!"

Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran.  "Denket Ihr
noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen
niederschosset?  Das thut diemal nicht noth, obschon er wieder ob
dem Neste lauert; denn ich bin kein Vglein, das sich von ihm
zerreien lt.  Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf
mir wider den!"

"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!"

--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich
zum Weibe geben!  Whrend unseres Vaters langem Siechbett habe ich
den schndlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg
hab ich's ihm abgetrotzt, da ich in Ruhe um den Vater trauern mag;
aber ich wei, auch das wird er nicht halten."

Ich gedachte eines Stiftsfruleins zu Preetz, Herrn Gerhardus'
einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und
Zuflucht anzugehen sei.

Katharina nickte.  "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?--
Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hnde kam die Antwort,
und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth
meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfllet htte,
wenn es noch offen gewesen wre fr den Schall der Welt; aber der
gndige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten
Erdenschlummer zugedecket."

Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genber gesetzet,
und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen.  So kamen
wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter
vorgeschritten, nach Hamburg mute, um bei dem Holzschnitzer einen
Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, da ich alsdann den
Umweg ber Preetz nhme und also meine Botschaft ausrichtete.
Zunchst jedoch sei emsig an dem Werk zu frdern.

Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen.  Der
Junker mute es schon wissen, da ich zu seiner Schwester stand;
gleichwohl--hie nun sein Stolz ihn, mich gering zu schtzen, oder
glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was
ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie
an den andern Tagen von ihm ungestret.  Einmal zwar trat er ein
und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber
dann die Thr hinter sich, und wir hrten ihn bald auf dem Hofe ein
Reiterstcklein pfeifen.  Ein ander Mal noch hatte er den von der
Risch an seiner Seite.  Da Katharina eine heftige Bewegung machte,
bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter.
Seit dem Begrbnitage, wo ich einen fremden Gru mit ihm
getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt;
nun trat er nher und beschauete das Bild und redete gar schne
Worte, meinete aber auch, weshalb das Frulein sich so sehr
vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf
den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engellndischer Poet so
trefflich ausgedrcket, "rckwrts den Winden leichte Ksse werfend."
Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus'
Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, da das mein Vater
war!"

Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich;
meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwrtig oder doch nur
gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand
malete.  Von letzterem begann er ber meinen Kopf hin die und
jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so
nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil
wnschend.

Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen
Blick gleich einer Messerspitze nach mir zcken.

--Wir hatten nun weitere Strni nicht zu leiden, und mit der
Jahreszeit rckte auch die Arbeit vor.  Schon stand auf den
Waldkoppeln drauen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im
Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut
wohl niederschreiben--, wir htten itzund die Zeit gern stille
stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem
Wrtlein, weder sie noch ich zu rhren.  Was wir gesprochen, wte
ich kaum zu sagen; nur da ich von meinem Leben in der Fremde ihr
erzhlte und wie ich immer heim gedacht; auch da ihr gldner
Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem
Kinderherzen es damals frgesorget, und wie ich spter dann
gestrebt und mich gengstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus
mir zurckgewonnen hatte.  Dann lchelte sie glcklich; und dabei
blhete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer ser das holde
Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.--
Mitunter war's, als schaue mich etwas hei aus ihren Augen an; doch
wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurck; und dennoch
flo es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so da mir
selber kaum bewut ein sinnberckend Bild entstand, wie nie zuvor
und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und
endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen
sollte ich meine Reise antreten.

Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehndigt, sa sie noch
einmal mir gegenber.  Es wurde heute mit Worten nicht gespielet;
wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich
noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die
schweigende Gesellschaft an den Wnden werfend, deren ich in
Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte.

Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte
Frauenbildni, das mir zur Seite hing und aus den weien
Schleiertchern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt.
Mich frstelte, ich htte nahezu den Stuhl verrcket.

Aber Katharinens se Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja
fast erbleichet; was flog Euch bers Herz, Johannes?"

Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild.  "Kennet Ihr die,
Katharina?  Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen."

"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und
gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen.  Es ist die
Gemahlin eines frheren Gerhardus; vor weit ber hundert Jahren hat
sie hier gehauset."

"Sie gleicht nicht Euerer schnen Mutter", entgegnete ich; "dies
Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen."

Katharina sah gar ernst zu mir herber.  "So heit's auch", sagte
sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen
aber hat man das blasse Frulein aus einem Gartenteich gezogen, der
nachmals zugedmmet ist.  Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es
gewesen sein."

"Ich wei, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen
aus dem Boden."

"Wisset Ihr denn auch, Johannes, da eine unseres Geschlechtes sich
noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht?  Man sieht
sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann drauen in dem
Gartensumpf verschwinden."

Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen
des Bildes.  "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?"

"Weshalb?"--Katharina zgerte ein Weilchen und blickte mich fast
verwirret an mit allem ihrem Liebreiz.  "Ich glaub, sie wollte den
Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl."

--"War es denn ein gar so bler Mann?"

Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herber, und tiefes
Rosenroth bedeckte ihr Antlitz.  "Ich wei nicht", sagte sie
beklommen; und leiser, da ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie
hinzu: "Es heit, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht
ihres Standes."

Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie sa vor mir mit
gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem
Schoe auf ihr Herz geleget, so wre sie selber wie ein leblos Bild
gewesen.

So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht
malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?"

Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da
war kein Hehlens mehr; hei und offen ging der Strahl zu meinem
Herzen.  "Katharina!" Ich war aufgesprungen.  "Htte jene Frau auch
dich verflucht?"

Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an
meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der
Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete.

Aber Katharina zog mich leise fort.  "La uns nicht trotzen, mein
Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hrte ich im Treppenhause ein
Gerusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich
mhselig die Stiegen heraufarbeitete.  Als Katharina und ich uns
deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette
zur Hand genommen hatte, ffnete sich die Thr, und Bas' Ursel, die
wir wohl zuletzt erwartet htten, kam an ihrem Stock hereingehustet.
"Ich hre", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu
besorgen; da mu ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!"

Es ist wohl mnniglich bekannt, da alte Jungfrauen in Liebessachen
die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft
Bedrang und Trbsal bringen.  Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild,
das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte,
zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug
mich allsogleich: "Hat denn das Frulein Ihn so angesehen, als wie
sie da im Bilde sitzet?"

Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht
blo die Abschrift des Gesichts zu geben.  Aber schon mute an
unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn
ihre Blicke gingen sphend hin und wider.  "Die Arbeit ist wohl
bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer hchsten Stimme.  "Deine
Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir
nicht wohl gedienet."

Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei
noch hie und da zu schaffen.

"Nun, da braucht Er wohl des Fruleins Gegenwart nicht mehr dazu!--
Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!"

Und so mut ich von der drren Alten meines Herzens holdselig
Kleinod mir entfhren sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte;
kaum da die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden
konnten.

Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an.
Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der
Frhe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer
von des Junkers Hunden herfr und fuhr meinem Thiere nach den
Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der
oben im Sattel sa, schien ihnen allzeit noch verdchtig.  Kamen
gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten
abends bei guter Zeit in Hamburg an.

Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen
Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, da man sie nur
zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun
brauchte.  Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir
das alles wohl verpacket nachzusenden.

Nun war zwar in der berhmten Stadt vor einen Neubegierigen gar
vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seerubers
Strtebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der
Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem
Buche heier, niemand sagen drfe, da er in Hamburg sei gewesen;
sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und
Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und
den die Hamburger, wie ich nachmalen hrete, auf einen Seesieg
wider die trkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter
Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war
doch mein Gemthe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu
sehr beschweret.  Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch
meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit
getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und
hatte allsobald allen Lrmen des groen Hamburg hinter mir.

Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im
Stifte bei der hochwrdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen.
Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die
Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich
an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Zge des
Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders.  Ich hatte,
selbst nachdem ich Katharinens Schreiben berreichet, ein lang und
hart Examen zu bestehen; dann aber verhie sie ihren Beistand und
setzete sich zu ihrem Schreibgerthe, inde die Magd mich in ein
ander Zimmer fhren mute, allwo man mich gar wohl bewirthete.

Es war schon spt am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch
rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns
bereits versprete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich
anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir fr Katharinen
mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertschlein unterm
Wamse auf der Brust.  So ritt ich frba in die aufsteigende
Dmmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und
immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend.

Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub
sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das
Geiblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine
Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule
an die Nstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren
Himmelsglocke ber mir strahlte im Sdost das Sternenbild des
Schwanes in seiner unberhrten Herrlichkeit.

Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war,
resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinberzureiten,
welches seitwrts von der Fahrstraen hinterm Wald belegen ist.
Denn ich gedachte, da der Krger Hans Ottsen einen palichen
Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt
schicken, um die Hamburger Kiste fr mich abzuholen; ich aber
wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu
bestellen.

Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den
grnlichen Johannisfnkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern
mich hier umflogen.  Und schon ragete gro und finster die Kirche
vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte;
ich hrte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von
der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter.  'Aber
sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten
in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf
dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Dchern, die
dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter.  Als
ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug
gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf
den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir
entgegen.

Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu
und brachte meinen Gaul im Stalle unter.  Als ich danach auf die
Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Mnnern und Weibern,
und ein Geschrei und wst Getreibe, wie ich solches, auch
beim Tanz, in frheren Jahren nicht vermerket.  Der Schein der
Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz
schwebten, hob manch brtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel,
dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wre.--Aber nicht nur
Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergngen; bei den
Musikanten, die drben vor der Dns auf ihren Tonnen saen, stund
der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel ber dem einen Arm,
an dem andern hing ihm eine derbe Dirne.  Aber das Stcklein
schien ihm nicht zu gefallen; denn er ri dem Fiedler seine Geigen
aus den Hnden, warf eine Handvoll Mnzen auf seine Tonne und
verlangte, da sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen
sollten.  Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie
toll die neue Weise klingen lieen, schrie er nach Platz und
schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten
drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor
dem Geier.

Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem
Wirth zu reden.  Da sa der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte
den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Spen in
Bedrngni brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und
schttelte sich vor Lachen, wenn der gengstete Mann gar jmmerlich
um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, lie
er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug
nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnget;
ich aber antwortete nur, ich kme eben von dort zurck, und werde
der Rahmen in Krze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn
mit seinem Handwglein leichtlich mge holen lassen.

Inde ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von
der Risch hereingestrmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen
khlen Trunk zu schaffen.  Der Junker Wulf aber, dem bereits die
Zunge schwer im Munde whlete, fate ihn am Arm und ri ihn auf den
leeren Stuhl hernieder.

"Nun, Kurt!" rief er.  "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen!
Was soll die Katharina dazu sagen?  Komm, machen wir alamode ein
ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm
Wams hervorgezogen.  "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!"

Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden;
nur wnschend, da die Nacht vergehen und der Morgen kommen mchte.--
Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nchternen bermann; dem
von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl.

"Trste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, inde er schmunzelnd
die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:

"Glck in der Lieb
Und Glck im Spiel,
Bedenk, fr einen
Ist's zu viel!

"La den Maler dir hier von deiner schnen Braut erzhlen!  Der wei
sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen."

Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel
von Liebesglck bewut sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch
und sah gar grimmig auf mich her.

"Ei, du bist eiferschtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnglich,
als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber
getrste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein
Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg."

Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem
Sprhund bei der Witterung.  "Von Hamburg heut?--So mu er Fausti
Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu
Mittag noch in Preetz!  Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch
gewesen."

Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Tschlein
mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers
Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als she er damit
mein ganz Geheimni offen vor sich liegen.  Es whrete auch nicht
lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch.  "Oho!"
schrie er.  "Im Stift, bei meiner Base!  Du treibst wohl gar
doppelt Handwerk, Bursch!  Wer hat dich auf den Botengang
geschickt?"

"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das mu Euch genug
sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da;
fiel mir auch bei nun, da ich ihn an den Sattelknopf gehnget, da
ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte.

Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jngeren Kumpan: "Rei
ihm das Wams auf, Kurt!  Es gilt den blanken Haufen hier; du
findest eine saubere Briefschaft, die du ungern mchtst bestellet
sehen!"

Im selbigen Augenblick fhlte ich auch schon die Hnde des von der
Risch an meinem Leibe, und ein wthend Ringen zwischen uns begann.
Ich fhlte wohl, da ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht
mehr ber wrde; da aber fgete es sich zu meinem Glcke, da ich
ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir
stund.  Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen;
als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wute jeder wohl,
da er's mit seinem Todfeind vor sich habe.

Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von
seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hlfe kommen;
mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf
seinen Platz zurck.  Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es
noch vermochte: "He, Tartar!  Trk!  Wo steckt ihr!  Tartar, Trk!"
Und ich wute nun, da die zwo grimmen Kter, so ich vorhin auf der
Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle
springen sollten.  Schon hrete ich sie durch das Getmmel der
Tanzenden daherschnaufen, da ri ich mit einem Rucke jhlings
meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthr aus dem
Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das
Freie.

Und um mich her war pltzlich wieder die stille Nacht und Mond- und
Sternenschimmer.  In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst
zu gehen, sondern sprang flugs ber einen Wall und lief ber das
Feld dem Walde zu.  Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die
Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die
Holzung bis hart zur Gartenmauer.  Zwar war die Helle der
Himmelslichter hier durch das Laub der Bume ausgeschlossen, aber
meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das
Tschlein sicher unter meinem Wamse fhlte, so tappte ich rstig
vorwrts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in
meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu
berathen, was allfort geschehen solle; maen ich wohl sahe, da
meines Bleibens hier nicht frder sei.

Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem
Abgang wohl die Thr ins Schlo geworfen und so einen guten
Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut
vernehmbar.  Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom
Mond erhellete Lichtung trat, hrete ich nicht gar fern die
Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hrte, dahin
richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewut, sie hatten
hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester;
erkannte nun auch, wo ich mich befand, und da ich bis zum Hofe
nicht gar weit mehr hatte.

Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir
aus dem Dunkel drang.  Da pltzlich schlug was anderes an mein Ohr,
das jhlings nher kam und mir das Blut erstarren machte.  Nicht
zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie
hielten fest auf meiner Spur, und schon hrete ich deutlich hinter
mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Stze in dem drren Laub des
Waldbodens.  Aber Gott gab mir seinen gndigen Schutz; aus dem
Schatten der Bume strzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines
Fliederbaums Geste schwang ich mich hinber.  Da sangen hier im
Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe
Schatten.  In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt
in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt.  "Sieh dir's noch
einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es knnt
geschehen, da du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr
fndest, und da alsdann ein Willkomm nicht fr dich am Thor
geschrieben stnde;--ich aber mcht nicht, da du diese Sttte hier
vergest."

Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mute bitter lachen;
denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hrete ich
die Hunde des Junker Wulf gar grimmig drauen an der Gartenmauer
rennen.  Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht
berall so hoch, da nicht das wthige Gethier hinber konnte; und
rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und
drben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn.  Da, als
eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der
Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum,
der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann
die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten,
war ich schon hoch genug, da sie mit ihrem Anspringen mich nicht
mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter
geglitten, hatten sie mit ihren Zhnen mir herabgerissen.

Ich aber, also angeklammert und frchtend, es werde das nach oben
schwchere Geste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte
suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen mchte;
aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheubltter um mich
her.--Da, in solcher Noth, hrete ich ober mir ein Fenster ffnen,
und eine Stimme scholl zu mir herab--mchte ich sie wieder hren,
wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen lt aus diesem Erdenthal!--
"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hrete ich meinen Namen,
und ich kletterte hher an dem immer schwcheren Gezweige, inde
die schlafenden Vgel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein
Geheul heraufstieen.--"Katharina!  Bist du es wirklich, Katharina?"

Aber schon kam ein zitternd Hndlein zu mir herab und zog mich
gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll
Entsetzen in die Tiefe starrten.

"Komm!" sagte sie.  "Sie werden dich zerreien." Da schwang ich
mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, lie mich das
Hndlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster
stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen.  Die dicken Flechten
ihres Haares lagen ber dem weien Nachtgewand bis in den Scho
hinab; der Mond, der drauen die Gartenhecken berstiegen hatte,
schien voll herein und zeigete mir alles.  Ich stund wie fest
gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen
schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der
Schnheit.  Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu
ihr: "Katharina, liebe Katharina, trumet Ihr denn?"

Da flog ein schmerzlich Lcheln ber ihr Gesicht: "Ich glaub wohl
fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist s!"

Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam,
fuhr sie erschreckt empor.  "Die Hunde, Johannes!" rief sie.  "Was
ist das mit den Hunden?"

"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich,
es mu bald geschehen; denn es fehlt viel, da ich noch einmal
durch die Thr in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den
Brief aus meinem Tschlein hervorgezogen und erzhlete auch, wie
ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen.

Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann
schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir
uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina
sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen
Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei.

"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer
Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenma oder so dergleichen, damit
ich der beiden Thiere drunten mich erwehren knne?"

Sie aber schrak jh wie aus einem Traum empor.  "Was sprichst du,
Johannes!" rief sie; und ihre Hnde, so bislang in ihrem Scho
geruhet, griffen nach den meinen.  "Nein, nicht fort, nicht fort!
Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!"

Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und
wir umfingen uns in groer Herzensnoth.  "Ach, Kthe", sprach ich,
"was vermag die arme Liebe denn!  Wenn auch dein Bruder Wulf nicht
wre; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben."

Sehr s und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie
Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich dchte,
du seiest auch das!  Aber--ach nein!  Dein Vater war nur der Freund
des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!"

"Nein, Kthe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich
und umfate fester ihren jungfrulichen Leib; "aber drben in
Holland, dort gilt ein tchtiger Maler wohl einen deutschen
Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam
ist wohl dem Hchsten ehrenvoll zu berschreiten.  Man hat mich
drben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre!  Wenn
ich dorthin zurckginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen
dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wsten
Junker!"

Katharinens weie Hnde strichen ber meine Locken; sie herzete
mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so
werd ich doch dein Weib auch werden mssen."

--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine
Adern go, darin ohnedies das Blut in heien Pulsen ging.--Von
dreien furchtbaren Dmonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein
verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes
Scho.

Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jhlings
stille, und da es noch einmal gellte, hrete ich sie wie toll und
wild davon rennen.

Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, da uns der
Athem stille stund.  Bald aber wurde dorten eine Thr erst auf-,
dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben.  "Das ist Wulf",
sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall
gesperrt."--Bald hrten wir auch unter uns die Thr des Hausflurs
gehen, den Schlssel drehen und danach Schritte in dem untern
Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte.
Dann wurde alles still.

Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern
war es mit einem Male schier zu Ende.  Katharina hatte den Kopf
zurckgelehnt; nur unser beider Herzen hrete ich klopfen.--"Soll
ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich.

Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich
ging nicht.

Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der
Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wsserleins, das hinten
um die Hecken fliet.--


Wenn, wie es in den Liedern heit, mitunter noch in Nchten die
schne heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen
Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht.
Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwler Ruch von
Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten berm Walde spielete
die Nacht in stummen Blitzen.--O Hter, Hter, war dein Ruf so fern?

--Wohl wei ich noch, da vom Hofe her pltzlich scharf die Hhne
krhten, und da ich ein bla und weinend Weib in meinen Armen
hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, da berm Garten
der Morgen dmmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf.  Dann
aber, da sie de inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst
geschreckt, mich fort.

Noch einen Ku, noch hundert; ein flchtig Wort noch: wann fr das
Gesind zu Mittage gelutet wrde, dann wollten wir im Tannenwald
uns treffen; und dann--ich wute selber kaum, wie mir's geschehen--
stund ich im Garten, unten in der khlen Morgenluft.

Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel
aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Hndlein mir zum
Abschied winken.  Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen
bei einem Rckblick aus dem Gartensteig von ungefhr die unteren
Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als she hinter
einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach
mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knchern
gleich der Hand des Todes.  Doch war's nur wie im Husch, da
solches ber meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Mrleins
von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien
nur meine eigenen aufgestrten Sinne, die solch Spiel mir
vorgegaukelt htten.

So, de nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten,
merkete aber bald, da in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen;
sank auch der eine Fu bis bers nkel ein, gleichsam, als ob
ihn was hinunterziehen wollte.  'Ei', dachte ich, 'fat das
Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang ber
die Mauer in den Wald hinab.

Die Finsterni der dichten Bume sagte meinem trumenden Gemthe zu;
hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine
Sinne sich nicht lsen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom
Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich vllig wach.
Ein Huflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und ber
mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche.  Da schttelte ich
all mig Trumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber
auch wie heie Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun,
Johannes?  Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, da
dein Leben nichts gilt als nur das ihre!'

Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn
Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, da ich dann
zurck nach Holland ginge, mich dort der Freundeshlf versicherte
und allsobald zurckkm, um sie nachzuholen.  Vielleicht, da sie
gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es
mute auch gehen ohne das!

Schon sahe ich uns auf einem frhlichen Barkschiff die Wellen des
grnen Zuidersees befahren, schon hrete ich das Glockenspiel vom
Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem
Gewhl hervorbrechen und mich und meine schne Frau mit hellem
Zuruf gren und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim
geleiten.  Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und krftiger
und rascher schritt ich aus, als knnte ich blder so das Glck
erreichen.

--Es ist doch anders kommen.

In meinen Gedanken war ich allmhlich in das Dorf hinabgelanget und
trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jhlings
hatte flchten mssen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf
der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren
gestrengen Junkern?  Ich war just drauen bei dem Ausschank; aber
da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und
auch die Hunde raseten an der Thr, die Ihr hinter Euch ins Schlo
geworfen hattet."

Da ich aus solchen Worten abnahm, da der Alte den Handel nicht
wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von
der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal
gezauset; da mut's denn gestern noch so einen Nachschmack geben."

"Ich wei, ich wei!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut
auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hten, Herr Johannes; mit
solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen."

Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern lie mir Brot
und Frhtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen
Degen holete, auch Stift und Skizzenbchlein aus dem Ranzen nahm.

Aber es war noch lange bis zum Mittagluten.  Also bat ich Hans
Ottsen, da er den Gaul mit seinem Jungen mg zum Hofe bringen
lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus
zum Wald.  Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhgel, von
wo man die beiden Giebel des Herrenhauses ber die Gartenhecken
ragen sieht, wie ich solches schon fr den Hintergrund zu
Katharinens Bildni ausgewhlet hatte.  Nun gedachte ich, da, wann
in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das
Vaterhaus nicht mehr betreten wrde, sie seines Anblicks doch nicht
ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfr und begann zu
zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht
gehaftet haben.  Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam
gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen gre, wann ich sie
dort in unsre Kammer fhren wrde.

Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig.  Ich lie noch wie
zum Gru ein zwitschernd Vgelein darber fliegen; dann suchte ich
die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich
nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, da
die Zeit vergehe.

Ich mute gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte
von einem fernen Schall und wurd de inne, da es das Mittagluten
von dem Hofe sei.  Die Sonne glhte schon hei hernieder und
verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung berdeckt
war.  Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei
unseren Waldgngen se Wegzehrung geholet hatten; und nun begann
ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drben zwischen den
Struchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich
anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst
gesehen, wie ich sie nun gleich, im nchsten Augenblicke, schon
leibhaftig an mein klopfend Herze schlieen wrde.

Da pltzlich berfiel mich's wie ein Schrecken.  Wo blieb sie denn?
Es war schon lang, da es gelutet hatte.  Ich war aufgesprungen,
ich ging umher, ich stund und sphete scharf nach aller Richtung
durch die Bume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam
nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den
Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind.

Bser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach
dem Hofe zu.  Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam,
begegnete mir Dieterich.  "Herr Johannes", sagte er und trat hastig
auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen;
sein Junge brachte mir Euren Gaul zurck;--was habet Ihr mit
unsern Junkern vorgehabt?"

"Warum fragst du, Dieterich?"

--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhten
mcht."

"Was soll das heien, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war
beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.

"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der
Alte.  "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor
einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der
im Garten an den Hecken putzte.  Da ich an den Thurm kam, wo droben
unser Frulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel
mit unserem Junker dicht beisammen stehen.  Er hatte die Arme
unterschlagen und sprach kein einzig Wrtlein; die Alte aber redete
einen um so greren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer
feinen Stimme.  Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald
hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwchst.--Verstanden, Herr
Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket
wohl auf, hielt sie mit ihrer knchern Hand, als ob sie damit
drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich nher hinsah, war's
ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget."

"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf
meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.

"Es ist nicht viel mehr brig", erwiderte er; "denn der Junker
wandte sich jhlings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen
wret.  Ihr mget mir es glauben, wre er in Wirklichkeit ein Wolf
gewesen, die Augen htten blutiger nicht funkeln knnen."

Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?"

--"Im Haus?  Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?"

"Ich sinne, Dieterich, da ich allsogleich mit ihm zu reden habe."

Aber Dieterich hatte bei beiden Hnden mich ergriffen.  "Gehet
nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzhlet mir zum wenigsten,
was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath
gewut!"

"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich.  Und also mit diesen
Worten ri ich meine Hnde aus den seinen.

Der Alte schttelte den Kopf.  "Hernach, Johannes", sagte er, "das
wei nur unser Herrgott!"

Ich aber schritt nun ber den Hof dem Hause zu.  Der Junker sei
eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum
befragte.

Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst
betreten.  Statt wie bei seinem Vater sel.  Bcher und Karten, war
hier vielerlei Gewaffen, Handrhre und Arkebusen, auch allerart
Jagdgerthe an den Wnden angebracht; sonst war es ohne Zier und
zeigete an ihm selber, da niemand auf die Dauer und mit seinen
ganzen Sinnen hier verweile.

Fast wr ich an der Schwelle noch zurckgewichen, da ich auf des
Junkers "Herein" die Thr geffnet; denn als er sich vom Fenster zu
mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren
Radschlo er hantirete.  Er schauete mich an, als ob ich von den
Tollen kme.  "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes,
wenn's nicht schon sein Gespenste ist!"

"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich nher zu ihm
trat, "es mcht der Straen noch andre fr mich geben, als die in
Euere Kammer fahren!"

--"So dachte ich, Sieur Johannes!  Wie Ihr gut rathen knnt!  Doch
immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!"

In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem
Sprunge lag, so da die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr.
Jedennoch sprach ich: "Hrer mich und gnnet mir ein ruhig Wort,
Herr Junker!"

Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich
erstlich auszuhren!  Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst
langsam waren, wurden allmhlich gleichwie ein Gebrll--, "vor ein
paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei
und reuete mich gleich einem Narren, da ich im Rausch die wilden
Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir
den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,--
beim Hllenelement!  mich reut's nur noch, da mir die Bestien
solch Stck Arbeit nachgelassen!"

Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker
schwieg, so dachte ich, da er auch hren wrde.  "Junker Wulf",
sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin
kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch
einmal den Greren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich,
gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--"

Da stockte mir das Wort im Munde.  Aus seinem bleichen Antlitz
starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen
schlug mir in das Ohr, ein Schu--dann brach ich zusammen und
hrete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast
gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel.

Es war manche Woche danach, da ich in dem schon bleicheren
Sonnenschein auf einem Bnkchen vor dem letzten Haus des Dorfes sa,
mit matten Blicken nach dem Wald hinberschauend, an dessen
jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war.  Meine thrichten
Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir
vorstellete, Katharinens Kmmerlein von drben auf die schon
herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich
keine Kunde.

Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des
Junkers Waldhter bewohnt wurde; und auer diesem Mann und seinem
Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war whrend meines langen
Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schu in meine
Brust erhalten, darber hat mich niemand befragt, und ich habe
niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn
Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir
zu Sinnen kommen.  Er mochte sich dessen auch wohl getrsten; noch
glaubhafter jedoch, da er allen diesen Dingen trotzete.

Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des
Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten berbracht als
Lohn fr Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in
Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein
Weib wohl spter nicht zu viel empfahen wrde.  Zu einem traulichen
Gesprch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir
nicht gerathen wollen, maen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes
allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund,
da der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von
niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte
ich noch den Alten bitten, da er dem Frulein, wenn sich's treffen
mchte, meine Gre sage, und da ich bald nach Holland zu reisen,
aber blder noch zurckzukommen dchte, was alles in Treuen
auszurichten er mir dann gelobete.

berfiel mich aber danach die allergreste Ungeduld, so da ich,
gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drben noch die
letzten Bltter von den Bumen fielen, meine Reise ins Werk setzete;
langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der
hollndischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar
liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein
glcklich Zeichen wohl erkennen, da zwo Bilder, so ich dort
zurckgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren
Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet
waren.  Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon frher
wohl gewogener Kaufherr lie mir sagen, er habe nur auf mich
gewartet, da ich fr sein nach dem Haag verheirathetes Tchterlein
sein Bildni malen mge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn
dafr versprochen.  Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete,
da dann genug des helfenden Metalles in meinen Hnden wre, um
auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen
einzufahren.

Machte mich also, da mein freundlicher Gnner desselbigen Sinnes
war, mit allem Eifer an die Arbeit, so da ich bald den Tag meiner
Abreise gar frhlich nah und nher rcken sahe, unachtend, mit was
vor blen Anstnden ich drben noch zu kmpfen htte.

Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.--
Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen
willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort.  Ich hatte
in der Arbeit meiner Schwche nicht geachtet, die schlecht geheilte
Wunde warf mich wiederum danieder.  Eben wurden zum Weihnachtsfeste
auf allen Straenpltzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann
mein Siechthum und hielt mich lnger als das erste Mal gefesselt.
Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein
Mangel, aber in ngsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine
Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen.

Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine
grnen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber
statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an
Bord.  Doch ging die Reise rasch und gut von Statten.

Von Hamburg aus fuhr ich mit der kniglichen Post; dann, wie vor
nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fue durch den Wald,
an dem noch kaum die ersten Spitzen grneten.  Zwar probten schon
die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kmmerten sie
mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut;
sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwrts ab und
schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu.  Da stund ich bald in
Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenber.

Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht
munter.  "Nur", fgte er bei, "mit den Schiebchsen msset Ihr
nicht wieder spielen; die machen rgere Flecken als so ein
Malerpinsel."

Ich lie ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete,
hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach
dem alten Dieterich.

Da mute ich vernehmen, da er noch vor dem ersten Winterschnee,
wie es so starken Leuten wohl passiret, eines pltzlichen, wenn
auch gelinden Todes verfahren sei.  "Der freuet sich", sagte Hans
Ottsen, "da er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist fr
ihn auch besser so."

"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!"

Inde aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft
von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg,
und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von
der Risch?"

"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die
ihn schon zu Richte setzen wird."

Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich,
da er nicht so von Katharinen reden wrde; und da er dann den
Namen nannte, so war's ein ltlich, aber reiches Frulein aus der
Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drben in Herrn
Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Frulein und der Junker
mit einander hauseten.

Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu.  "Ihr meinet
wohl", sagte er, "da alte Thrm' und Mauern nicht auch plaudern
knnten!"

"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer
aufs Herz.

"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in
die Augen, "wo das Frulein hinkommen, das werdet doch Ihr am
besten wissen!  Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten
hier gewesen; nur wundert's mich, da Ihr noch einmal wiederkommen;
denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bsen
Spiel gemachet haben."

Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig
worden; dann aber kam mir pltzlich ein Gedanke.  "Unglcksmann!"
schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Frulein Katharina
sei mein Eheweib geworden?"

"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich
schttelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an!  Es geht
die Rede so!  Auf alle Fll'; seit Neujahr ist das Frulein im
Schlo nicht mehr gesehen worden."

Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich
wisse nichts von alledem.

Ob er's geglaubet, wei ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund,
es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in
groer Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas'
Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der
Mgde eine, so durch die Thrspalt gelauschet, wolle auch mich ber
den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann spter htten sie
deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hren, und seien seit
jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schlo
gewesen.

--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um
Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll
nicht hier verzeichnet werden.  Im Dorf war nur das thrichte
Geschwtz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum
machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester;
aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im brigen
mir auch berichtet, da keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr
gesehen worden.  Da reisete ich wieder zurck und demthigte mich
also, da ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein
Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat.  Der sagte hhnisch,
es mge wohl der Buhz das Vglein sich geholet haben; er habe dem
nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen
von Herrn Gerhardus' Hofe.

Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, lie nach
Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstnde, auch zu ihm zu
dringen, er wrde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.--
Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am
Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide blo geworden;
wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein
Degen in die Bsche flog.  Aber er sahe mich nur mit seinen bsen
Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu lngerem
Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit
grerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte.

Es ist alles doch umsonst gewesen.


Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen.  Denn vor mir
liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Tchterlein,
meiner Schwester sel.  Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf
meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof
belegen ist.  Aber das alles gehrt ja der Vergangenheit.

Hier schliet das erste Heft der Handschrift.  Hoffen wir, da der
Schreiber ein frhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner
Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe.

Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenber; ich konnte
nicht zweifeln, der schne ernste Mann war Herr Gerhardus.  Wer
aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft
in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und
zugleich letzte Heft, dessen Schriftzge um ein weniges unsicherer
erschienen.  Es lautete wie folgt:

Geliek as Rook un Stoof verswindt,
Also sind ock de Minschenkind.

Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, sa ob dem
Thrsims eines alten Hauses.  Wenn ich daran vorbeiging, mute ich
allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen
Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter
blieben.  Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe
ich aus den Trmmern diesen Stein erstanden, und ist er heute
gleicherweise ob der Thre meines Hauses eingemauert worden, wo er
nach mir noch manchen, der vorbergeht, an die Nichtigkeit des
Irdischen erinnern mge.  Mir aber soll er eine Mahnung sein,
ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der
Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren.  Denn du, meiner lieben
Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mgest mit
meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so
ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet,
dir nicht habe anvertrauen mgen.

Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der
Nordsee; maen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der
Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie
zum schuldigen und freundlichen Gedchtni ihres Seligen, der
hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es
denn auch noch heute ber dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu
schauen ist.  Daneben wnschte auch der Brgermeister, Herr Titus
Axen, so frher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war,
sein Conterfey von mir gemalet, so da ich fr eine lange Zeit
allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem
einzigen und lteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat
der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte,
war hoch und rumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo
Linden an der Ecken von Markt und Krmerstrae, worin ich, nachdem
es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt
als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den
vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre.

Meine Werksttte hatte ich mir in dem groen Pesel der Witwe
eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und
bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte.
Nur da die gute Frau selber gar zu gegenwrtig war; denn
allaugenblicklich kam sie drauen von ihrem Schanktisch zu mir
hergetrottet mit ihren Blechgemen in der Hand; drngte mit ihrer
Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum;
gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus
untermalet hatte, verlangte sie mit viel berflssigen Worten, der
auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen,
obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von
meinem Bruder auch vernommen hatte, da selbiger, wie es die
Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe
Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben
mag, dem unvernnftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten
mssen.  Als dann von der Auendiele her wieder neue Kundschaft
nach ihr gerufen und mit den Gemen auf den Schank geklopfet, und
sie endlich von mir lassen mssen, da sank mir die Hand mit dem
Pinsel in den Scho, und ich mute pltzlich des Tages gedenken, da
ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet,
und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.--
Und also rckwrts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an;
als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, mute ich
zu eigener Verwunderung gewahren, da ich die Zge des edlen Herrn
Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte.  Aus seinem
Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen
mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit
entgegentreten!

Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich
auf meine Kammer ober der Hausthr, allwo ich mich ans Fenster
setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbume auf den Markt
hinabsah.  Es gab aber gro Gewhl dort, und war bis drben an die
Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und
Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, da Gast
mit Gaste handeln durfte, also da der Stadtknecht mit dem Griper
mig auf unseres Nachbaren Beischlag sa, maen es vor der Hand
keine Brchen zu erhaschen gab.  Die Ostenfelder Weiber mit ihren
rothen Jacken, die Mdchen von den Inseln mit ihren Kopftchern und
feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethrmeten Getreidewagen
und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte
wohl ein Bild fr eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie
ich, bei den Hollndern in die Schule gegangen war; aber die
Schwere meines Gemthes machte das bunte Bild mir trbe.  Doch war
es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend
Leid kam immer gewaltiger ber mich; es zerfleischete mich mit
wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an.
Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen
Augen aber dmmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein
paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus
Trumen schlugen leis und fern die Nachtigallen.  O du mein Gott
und mein Erlser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in
dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?--


Da hrete ich drauen unter dem Fenster von einer harten Stimme
meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen
groen hageren Mann in der blichen Tracht eines Predigers, obschon
sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und
dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann
angestanden wre.  Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne
von buerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen
Strmpfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer
Hausthr zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewhle von
dannen schritt.

Da ich dann gleich darauf die Thrglocke schellen hrte, ging ich
hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle,
darauf ich ihn genthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete.

Also war selbiger der Kster aus dem Dorfe norden der Stadt, und
erfuhr ich bald, da man dort einen Maler brauche, da man des
Pastors Bildni in die Kirche stiften wolle.  Ich forschete ein
wenig, was fr Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben htte,
da sie solche Ehr ihm anzuthun gedchten, da er doch seines Alters
halben noch nicht gar lang im Amte stehen knne; der Kster aber
meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stck Ackergrundes
einmal einen Proce gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er
eben nicht, was Sondres knne vorgefallen sein; allein es hingen
allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er
sagen msse, vernommen htten, ich verstnde das Ding gar wohl zu
machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte
Pastor mit hinein; dieser selber freilich kmmere sich nicht eben
viel darum.

Ich hrete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten
auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildni des Herrn Titus Axen
aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen
konnte, so hub ich an, dem Auftrage nher nachzufragen.

Was mir an Preis fr solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar
gering, so da ich erstlich dachte: sie nehmen dich fr einen
Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten
fr ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich
pltzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen
Herbstessonne ber die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur
eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist.  Sagete also zu, nur
mit dem Beding, da die Malerei drauen auf dem Dorfe vor sich
ginge, da hier in meines Bruders Hause paliche Gelegenheit nicht
befindlich sei.

De schien der Kster gar vergngt, meinend, das sei alles hiebevor
schon frgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls
ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Ksterei
erwhlet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am
Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden,
so da also auch der Pastor leicht hinbertreten knne.  Die Kinder,
die im Sommer doch nichts lernten, wrden dann nach Haus
geschicket.

Also schttelten wir uns die Hnde, und da der Kster auch die Mae
des Bildes frsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgerth,
de ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr
hinausbefrdert werden.

Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spt am Nachmittage; denn
ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrngni von einer
Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen
wollten--, meinete er, ich bekme da einen Kopf zu malen, wie er
nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und mchte mich mit
Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzhlete mir auch, es sei der
Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land
gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben
haben solle; sei brigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn,
der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete
mein Bruder an, da bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend
adelige Frsprach eingewirket haben solle, wie es heie, von drben
aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der
Klosterrechnung ein Wrtlein davon fallen lassen.  War jedoch
Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden.


So sahe mich denn die Morgensonne des nchsten Tages rstig ber
die Heide schreiten, und war mir nur leid, da letztere allbereits
ihr rothes Kleid und ihren Wrzeduft verbrauchet und also diese
Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von
grnen Bumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze
Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen
mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer hher vor
mir in den dunkelblauen Octoberhimmel.  Zwischen den schwarzen
Strohdchern, die an seinem Fue lagen, krppelte nur niedrig Busch-
und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See
heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben.

Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Ksterei
gefunden hatte, strzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze
Schul entgegen; der Kster aber hie an seiner Hausthr mich
willkommen.  "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!"
sagte er.  "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen
sehen."

In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich
denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte.  Aber auf
seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet;
das war ein schner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich
fhrete; das Kind mochte etwan vier Jahre zhlen und sahe fast
winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt.

Da ich die Bildnisse der frheren Prediger zu sehen wnschte, so
gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist,
da man nach den anderen Seiten ber Marschen und Heide, nach
Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen
kann.  Es mute eben Fluth sein; denn die Watten waren berstrmet,
und das Meer stund wie ein lichtes Silber.  Da ich anmerkete, wie
oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern
Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der
Kster auf die Wasserflche, so dazwischen liegt.  "Dort", sagte er,
"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der
groen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern;
auf der einen Hlfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen,
auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus."

Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch
ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.'

Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt
dessen Nacken mit beiden rmchen fest umschlungen und drckte die
zarte Wange an das schwarze brtige Gesicht des Mannes, als finde
er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort
vor unseren Augen ausgebreitet lag.

Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich
mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl
eines guten Pinsels werth gewesen wre; jedennoch war es alles eben
Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schler van der Helsts hier
in gar sondere Gesellschaft kommen.

Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte
Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, da der
Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber
ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mgen; nur, Meister,
machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch fr meine Zeit."

Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl
fr meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemhung zugesaget,
fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem
Bruder mir war gerhmet worden.

Ein fast verachtend Lcheln ging ber des Predigers Angesicht.  "Da
kommet ihr zu spt", sagte er, "es ging in Trmmer, da ich's aus
der Kirche schaffen lie."

Ich sah ihn fast erschrocken an.  "Und wolltet Ihr des Heilands
Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?"

"Die Zge von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht
berliefert worden."

--"Aber wollet Ihr's der Kunst mignnen, sie in frommem Sinn zu
suchen?"

Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu
den Kleinen nicht zu zhlen, so berragte er mich doch um eines
halben Kopfes Hhe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der Knig
die hollndischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen;
nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Hchsten Strafgericht
zu trotzen?  Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drben
in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gesthlte schnitzen
lassen?  Betet und wachet!  Denn auch hier geht Satan noch von Haus
zu Haus!  Diese Marienbilder sind nichts als Sugammen der
Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt
gebuhlt!"

Ein dunkles Feuer glhte in seinen Augen, aber seine Hand lag
liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie
schmiegte.

Ich verga darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber
danach, da wir in die Ksterei zurckgingen, wo ich alsdann meine
edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub.


Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern ber die Heide
nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend
antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto
rascheren Fortgang.  Gemeiniglich sa der Kster neben uns und
schnitzete allerlei Gerthe gar suberlich aus Eichenholz,
dergleichen als eine Hauskunst hier berall betrieben wird; auch
habe ich das Kstlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm
erstanden und darin vor Jahren die ersten Bltter dieser
Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese
letzten darin sollen beschlossen sein.--

In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige
auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Ksterei; er
stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der
Ecke des Zimmers.  Da ich selbigen einmal fragte, wie er heie,
antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heie
ich ja auch!"--Er sah mich gro an, sagte aber weiter nichts.

Weshalb rhreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar
berraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den
Pinsel mig auf der Leinewand ruhen lie.  Es war etwas in dieses
Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte;
aber es war kein froher Zug.  So, dachte ich, sieht ein Kind, das
unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen.  Ich htte oft die
Arme nach ihm breiten mgen; aber ich scheuete mich vor dem harten
Manne, der es gleich einem Kleinod zu behten schien.  Wohl
dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter
sein?'--

Des Ksters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau
befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt
man nicht; in die Bauernhuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier
und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr.
Aus dem Garten der Ksterei, welcher in eine dichte Gruppe von
Fliederbschen ausluft, sahe ich sie einmal langsam ber die
Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den
Rcken zugewendet, so da ich nur ihre schlanke, jugendliche
Gestalt gewahren konnte, und auerdem ein paar gekruselte Lckchen,
in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden
und die der Wind von ihren Schlfen wehte.  Das Bild ihres
finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es
passe dieses Paar nicht wohl zusammen.

--An den Tagen, wo ich nicht da drauen war, hatte ich auch die
Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so da nach einiger
Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren.

So sa ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem
Bruder unten in unserem Wohngemache.  Auf dem Tisch am Ofen war die
Kerze fast herabgebrannt, und die hollndische Schlaguhr hatte
schon auf Eilf gewarnt; wir aber saen am Fenster und hatten der
Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir
mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres
einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten
Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter
einer frhlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die
Lden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel,
so drauen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das
Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.

Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem
dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit
Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren
Hhen, fiel es mir jhlings in die Brust: Die Augen des schnen
blassen Knaben, es waren ja ihre Augen!  Wo hatte ich meine Sinne
denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon
gesehen?--Welch schreckbare Gedanken strmten auf mich ein!

Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter,
mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen
aber itzt ein heller Schein zu uns herberschwankte.  "Sieh nur!"
sagte er.  "Wie gut, da wir das Pflaster mit Sand und Heide
ausgestopfet haben!  Die kommen von des Glockengieers Hochzeit;
aber an ihren Stockleuchten sieht man, da sie gleichwohl hin und
wider stolpern."

Mein Bruder hatte recht.  Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich
von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe,
da die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als
eines Glasers Meisterstck erstanden waren, in ihren satten Farben
wie in Feuer glhten.  Als aber dann die Gesellschaft an unserem
Hause laut redend in die Krmerstrae einbog, hrete ich einen
unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret!
Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in
der Flammen singen zu hren!"

Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und drauen die
Stadt lag wieder still und dunkel.

"O weh!" sprach mein Bruder; "den trbet, was mich trstet."

Da fiel es mir erst wieder bei, da am nchsten Morgen die Stadt
ein grausam Spectacul vor sich habe.  Zwar war die junge Person, so
wegen einbekannten Bndnisses mit dem Satan zu Aschen sollte
verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker
aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mute gleichwohl sein
peinlich Recht geschehen.

Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen.
Hatte doch auch die Buchfhrer-Witwe Liebernickel, so unter dem
Thurm der Kirche den grnen Bcherschranken hat, mir am Mittage, da
ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget,
da nun das Lied, so sie im voraus darber habe anfertigen und
drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge.
Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine
eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, da unser
Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch
so gndiglich in seinen Scho genommen hatte.

Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der
Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drben von
der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den
todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der
Justification selber zu assistiren.  "Es schneidet mir schon itzund
in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem
Karren die Strae herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben
und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt",
fgete er bei, "der du ein freier Vogel bist, wrde ich aufs Dorf
hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter
malen!"

Nun war zwar festgesetzet worden, da ich am nchstfolgenden Tage
erst wieder hinauskme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend,
wie er die Ungeduld in meinem Herzen schrete; und so geschah es,
da alles sich erfllen mute, was ich getreulich in diesen
Blttern niederschreiben werde.

Am andern Morgen, als drben vor meinem Kammerfenster nur kaum der
Kirchthurmhahn in rothem Frhlicht blinkte, war ich schon von
meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich ber den Markt,
allwo die Bcker, vieler Kufer harrend, ihre Brotschragen schon
geffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der
Wachtmeister und die Fuknechte in Bewegung waren, und hatte Einer
bereits einen schwarzen Teppich ber das Gelnder der groen Treppe
aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem
Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus.

Als ich hinter dem Schlogarten auf dem Steige war, sahe ich drben
bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen
mchtigen Holzsto aufgeschichtet.  Ein paar Leute hantirten noch
daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die
leichten Brennstoff zwischen die Hlzer thaten; von der Stadt her
aber kamen schon die ersten Buben ber die Felder ihnen zugelaufen.
Ich achtete de nicht weiter, sondern wanderte rstig frba, und
da ich hinter den Bumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das
Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten ber die Heide
emporstieg.  Da mute ich meine Hnde falten:

O Herr, mein Gott und Christ,
Sei gndig mit uns allen,
Die wir in Snd gefallen,
Der du die Liebe bist!--

Als ich drauen war, wo die breite Landstrae durch die Heide
fhrte, begegneten mir viele Zge von Bauern; sie hatten ihre
kleinen Jungen und Dirnen an den Hnden und zogen sie mit sich fort.

"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen;
"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt."

Nun, wie ich's wohl zum voraus wute, sie wollten die Hexe, das
junge Satansmensch, verbrennen sehen.

--"Aber die Hexe ist ja todt!"

"Freilich, das ist ein Verdru", meineten sie; "aber es ist unserer
Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da
knnen wir nicht auen bleiben und mssen mit dem Reste schon
frlieb nehmen."--

--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch
schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit
Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits ber die Heide,
obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemth
verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den
Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen.
Als ich auf dem Hnenhgel stund, der hier inmitten der Heide liegt,
berfiel es mich, als msse auch ich zur Stadt zurckkehren oder
etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen
Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der
Luft schwebete etwas wie ein Glck, wie eine rasende Hoffnung, und
es schttelte mein Gebein, und meine Zhne schlugen an einander.
'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen
Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fhlte mein
Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die
Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der
Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich
seinem Dorfe zu.

Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thr des
Ksterhauses.  Sie war verschlossen.  Eine Weile stund ich
unschlssig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an.  Drinnen
blieb alles ruhig; als ich aber strker klopfte, kam des Ksters
alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause.

"Wo ist der Kster?" fragte ich.

--"Der Kster?  Mit dem Priester in die Stadt gefahren."

Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich
dahin geschlagen.

"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie.

Ich schttelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine
Schule, Trienke?"

--"Bewahre!  Die Hexe wird ja verbrannt!"

Ich lie mir von der Alten das Haus aufschlieen, holte mein
Malergerthe und das fast vollendete Bildni aus des Ksters
Schlafkammer und richtete, wie gewhnlich, meine Staffelei in dem
leeren Schulzimmer.  Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich
suchte damit nur mich selber zu belgen; ich hatte keinen Sinn zum
Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.

Die Alte kam hereingelaufen, sthnte ber die arge Zeit und redete
ber Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber
drngete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen,
ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein
ich brachte das Wort nicht ber meine Zungen.  Dagegen begann die
Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im
Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet
sei; erzhlete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten
Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken ber des Pastors Hausdach
habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus,
und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei
aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwchliche
Kreatur.

Ich mochte solch Geschwtz nicht frder hren; ging daher aus dem
Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte
gegen die Dorfstrae liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine
Augen nach den weien Fenstern, konnte aber hinter den blinden
Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie
berall zu sehen sind.--Ich htte nun wohl umkehren mgen; aber ich
ging dennoch weiter.  Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der
Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenluten an mein Ohr; ich
aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das
Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinflo, und war doch ein
tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Hchsten Hand
viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte.  Was krmmete denn
ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege
fhren!

Ich wei nicht mehr, wohin mich damals meine Fe noch getragen
haben; ich wei nur, da ich in einem Kreis gegangen bin; denn da
die Sonne fast zur Mittagshhe war, langete ich wieder bei der
Ksterei an.  Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine
Staffelei, sondern durch das Hinterpfrtlein wieder zum Hause
hinaus.--


Das rmliche Grtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage
meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses
von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die
Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe
dichter Weidenbsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube
dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer
wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen.

Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemthe erfllet von nicht zu
zwingender Unrast, an des Ksters abgeheimseten Bohnenbeeten
hinging, hrete ich von der Koppel drauen eine Frauenstimme von
gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach.

Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst
der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach
sich gezogen haben.  Schon war ich am jenseitigen Rande des
Holundergebsches, das hier ohne Verzunung in die Koppel ausluft,
da sahe ich den kleinen Johannes mit einem rmchen voll Moos, wie
es hier in dem kmmerlichen Grase wchst, gegenber hinter die
Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Grtchen
angeleget haben.  Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun
heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen!  Ja, ja; ich such
derweil noch mehr; dort am Holunder wchst genug!"

Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja
lngst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend,
schritt sie zu mir her, so da ich ungestret sie betrachten
durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde
wieder, das sie einst gewesen war, fr das ich den "Buhz" einst von
dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute
war bleich und weder Glck noch Muth darin zu lesen.

So war sie mhlich nher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann
kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Bschen
hinlief; doch ihre Hnde pflckten nicht davon; sie lie das Haupt
auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor
dem Kinde in ihrem Leide ausruhen.

Da rief ich leise: "Katharina!"

Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich
einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Bsche.  Doch als
ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mchtig
vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer
fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes!  Ich
wute wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, da
du heute kommen wrdest."

Ich hrete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du
des Predigers Eheweib?"

Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an.  "Er hat
das Amt dafr bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen
Namen."

--"Mein Kind, Katharina?"

"Und fhltest du das nicht?  Er hat ja doch auf deinem Scho
gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzhlet."

--Mge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du,
du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!"

Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gnzlich
todtenbleich.

"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde
Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn.

Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem khlen Blatte sich auf
meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen
Antlitz sahen mich flehend an.  "Du, Johannes", sagte sie, "du
wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will."

--"Und kannst denn du so leben, Katharina?"

"Leben?--Es ist ja doch ein Glck dabei; er liebt das Kind;--was
ist denn mehr noch zu verlangen?"

--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, wei er davon?"

"Nein, nein!" rief sie heftig.  "Er nahm die Snderin zum Weibe:
mehr nicht.  O Gott, ist's denn nicht genug, da jeder neue Tag ihm
angehrt!"

In diesem Augenblicke tnete ein zarter Gesang zu uns herber.--
"Das Kind", sagte sie.  "Ich mu zu dem Kinde; es knnte ihm ein
Leids geschehen!"

Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten.
"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja frhlich dort mit seinem
Moose."

Sie war an den Rand des Gebsches getreten und horchete hinaus.
Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter
Hauch kam von der See herauf Da hrten wir von jenseits durch die
Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen:

Zwei Englein, die mich decken,
Zwei Englein, die mich strecken,
Und zweie, so mich weisen
In das himmlische Paradeisen.

Katharina war zurckgetreten, und ihre Augen sahen gro und
geisterhaft mich an.  "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie
leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!"

Ich wollte sie an mich reien; ich streckte beide Arme nach ihr aus;
doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen
Mannes Weib; vergi das nicht."

Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen.
"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe
bevor du sein geworden?"

Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hnde vor
ihr Angesicht und rief.  "Weh mir!  O wehe, mein entweihter armer
Leib!"

Da wurd ich meiner schier unmchtig; ich ri sie jh an meine Brust,
ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich
wieder!  Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen
Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrnstiglich; ich
htte sie tdten mgen, wenn wir also mit einander htten sterben
knnen.  Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz
weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Kssen: "Es ist
ein langes, banges Leben!  O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!"

--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes,
aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hrte.  Der
Ruf kam von drben aus dem Predigergarten, und noch einmal und
hrter rief es: "Katharina!"

Da war das Glck vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie
mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort.

--Als ich in die Ksterei trat, war auch schon der Kster wieder da.
Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich
einzureden.  "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst
wret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar
die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben."

Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei
durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.

"Was war das, Kster?" rief ich.

Der Mann ri ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah
nichts weiter.  "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so
geschrien hat; und drben von der Priesterkoppel kam's."

Indem war auch die alte Trienke in die Thr gekommen.  "Nun, Herr?"
rief sie mir zu.  "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach
gefallen!"

--"Was soll das heien, Trienke?"

"Das soll heien, da sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus
dem Wasser ziehen."

Ich strzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die
Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle
Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich
bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, da ich durch das
weie Pfrtchen in des Pastors Garten ging.  Da ich eben ins Haus
wollte, trat er selber mir entgegen.

Der groe knochige Mann sah gar wste aus; seine Augen waren
gerthet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht.  "Was
wollt Ihr?" sagte er.

Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort.  Ja, was wollte ich
denn eigentlich?

"Ich kenne Euch!" fuhr er fort.  "Das Weib hat endlich alles
ausgeredet."

Das machte mir die Zunge frei.  "Wo ist mein Kind!" rief ich.

Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen."

--"So lat mich zu meinem todten Kinde!"

Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drngete er
mich zurck.  "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und
schreit zu Gott aus ihren Snden.  Ihr sollt nicht hin, um ihrer
armen Seelen Seligkeit!"

Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber
des Predigers Worte gruben sich in mein Gedchtni.  "Hret mich!"
sprach er.  "So von Herzen ich Euch hasse, wofr dereinst mich Gott
in seiner Gnade wolle ben lassen, und Ihr vermuthendlich auch
mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet
eine Tafel oder Leinewand!  Mit solcher kommet morgen in der Frhe
wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz.  Nicht mir oder
meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben
ausgelebet, mget Ihr das Bildni stiften.  Mg es dort die
Menschen mahnen, da vor der knchern Hand des Todes alles Staub
ist!"

Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein
Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, da alles so
geschehen mge.

--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens
Schuld und Bue gleich einem Blitze jhlings aus dem Dunkel hob, so
da ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe.

Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen
Spectacul, dem er heute assistiren mssen, hart ergriffen war,
hatte sein Bette aufgesucht.  Da ich zu ihm eintrat, richtete er
sich auf "Ich mu noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein
Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses!
Da wirst du sehen, da Herrn Gerhardus' Hof in fremde Hnde kommen,
maen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Bi
gar jmmerlichen Todes verfahren ist."

Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber
es fehlte nicht viel, da ich getaumelt wre.  Mir war's bei dieser
Schreckenspost, als sprngen des Paradieses Pforten vor mir auf;
aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte
stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hter, Hter, war
dein Ruf so fern!--Dieser Tod htte uns das Leben werden knnen;
nun war's nur ein Entsetzen zu den andern.

Ich sa oben auf meiner Kammer.  Es wurde Dmmerung, es wurde Nacht;
ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich
mein Lager.  Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu
Theil.  In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als
sei der Kirchthurm drben meinem Fenster nah gerckt; ich fhlte
die Glockenschlge durch das Holz der Bettstatt drhnen, und ich
zhlete sie alle die ganze Nacht entlang.  Doch endlich dmmerte
der Morgen.  Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten ber
mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den
Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Rcken.

Aber so frhe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf
der Schwelle seines Hauses stehen.  Er geleitete mich auf den Flur
und sagte, da die Holztafel richtig angelanget, auch meine
Staffelei und sonstiges Malergerth aus dem Ksterhause
herbergeschaffet sei.  Dann legte er seine Hand auf die Klinke
einer Stubenthr.

Ich jedoch hielt ihn zurck und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer
ist, so wollet mir vergnnen, bei meinem schweren Werke allein zu
sein!"

"Es wird Euch niemand stren", entgegnete er und zog die Hand
zurck.  "Was Ihr zur Strkung Eueres Leibes bedrfet, werdet Ihr
drben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thr an der
anderen Seite des Flures; dann verlie er mich.

Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke.  Es
war todtenstill im Hause; eine Weile mute ich mich sammeln, bevor
ich ffnete.


Es war ein groes, fast leeres Gemach, wohl fr den
Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weigetnchten Wnden;
die Fenster sahen ber de Felder nach dem fernen Strand hinaus.
Inmitten des Zimmers aber stund ein weies Lager aufgebahret.  Auf
dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die
kleinen Zhne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.

Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brnstiglich
Gebet.  Dann rstete ich alles, wie es zu der Arbeit nthig war;
und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen mu, die nicht
zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen.  Mitunter wurd ich wie von
der andauernden groen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne
hielt und horchte, so wute ich bald, es sei nichts da gewesen.
Einmal auch war es, als drngen leise Odemzge an mein Ohr.--Ich
trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen
Mndlein niederbeugete, berhrte nur die Todesklte meine Wangen.

Ich sahe um mich; es war noch eine Thr im Zimmer; sie mochte zu
einer Schlafkammer fhren, vielleicht da es von dort gekommen war!
Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine
eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben.

So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam
und malete weiter; und da ich die leeren Hndchen ansahe, wie
sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk
doch mut du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem
Bildni ihm eine weie Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend
damit eingeschlafen.  Solcher Art Blumen gab es selten in der
Gegend hier, und mocht es also ein erwnschet Angebinde sein.

Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermdeter
Leib verlangte Strkung.  Legete sonach den Pinsel und die Palette
fort und ging ber den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir
angewiesen hatte.  Indem ich aber eintrat, wre ich vor
berraschung bald zurckgewichen; denn Katharina stund mir
gegenber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem
Zauberschein, so Glck und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken
mgen.

Ach, ich wute es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr
Bildni, das ich selber einst gemalet.  Auch fr dieses war also
nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie
selber denn?  Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch
hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildni an; die alte
Zeit stieg auf und qulete mein Herz.  Endlich, da ich mute, brach
ich einen Bissen Brot und strzete ein paar Glser Wein hinab; dann
ging ich zurck zu unserem todten Kinde.

Als ich drben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte,
zeigete es sich, da in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein
weniges sich gehoben hatten.  Da bckete ich mich hinab, im Wahne,
ich mchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die
kalten Augensterne vor mir lagen, berlief mich Grausen; mir war,
als she ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie
noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz knden: "Mein Fluch hat
doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich htte es um alle
Welt nicht lassen knnen--umfing ich mit beiden Armen den kleinen
blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter
bitteren Thrnen zum ersten Male mein geliebtes Kind.  "Nein, nein,
mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe
zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut,
ist alleine noch der Tod.  Nicht aus der Tiefe schreckbarer
Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als
deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth
hinabgerissen."

Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drckte
ihm sanft die beiden Augen zu.  Dann tauchete ich meinen Pinsel in
ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die
Buchstaben: C.  P.  A.  S.  Das sollte heien: Culpa Patris Aquis
Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit
dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend
Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende.

Whrend meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause
fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die
Thr, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein
leises Gerusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen
bei meinem schweren Werk mir nah zu sein?  Ich konnte es nicht
entrthseln.

Es war schon spt.  Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum
Gehen wenden; aber mir war, als msse ich noch einen Abschied
nehmen, ohne den ich nicht von hinnen knne.

So stand ich zgernd und schaute durch das Fenster auf die den
Felder drauen, wo schon die Dmmerung begunnte sich zu breiten; da
ffnete sich vom Flure her die Thr und der Prediger trat zu mir
herein.

Er grte schweigend; dann mit gefalteten Hnden blieb er stehen
und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des
kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte.
Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes
fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Hnde auf, und ich sahe,
wie seinen Augen jhlings ein reicher Thrnenquell entstrzete.

Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief berlaut:
"Leb wohl, mein Kind!  O mein Johannes, lebe wohl!"

Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der
Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Hnden an der Thr; ich
hrte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten
Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thre
nieder, und das Gerusch vom Falle eines Krpers wurde hrbar.

"Katharina!" rief ich.  Und schon war ich hinzugesprungen und
rttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thr; da legte die
Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte
er.  "Gehet itzo!  Aber gehet in Frieden; und mge Gott uns allen
gndig sein!"

--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff,
wanderte ich schon drauen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.

Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurck,
das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte.  Dort lag mein
todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir
in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich
wurde pltzlich mir bewut, da ich vom fernen Strand die Brandung
tsen hrete.  Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm
ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres tnete es mir
immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus
aquis submersus!


Hier endete die Handschrift.

Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefhl seiner Kraft
vermessen, da er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Greren
gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft
gesprochen.

Sein Name gehrt nicht zu denen, die genannt werden; kaum drfte er
in einem Knstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner
engeren Heimat wei niemand von einem Maler seines Namens.  Des
groen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt
Erwhnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts
nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen
Kunstschtzen derselben verschleudert und verschwunden.
Aquis submersus


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm.






*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS ***

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