The Project Gutenberg EBook of Grosse und Kleine Welt, by Honore De Balzac

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Title: Grosse und Kleine Welt

Author: Honore De Balzac

Release Date: September, 2005 [EBook #8803]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on August 10, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GROSSE UND KLEINE WELT ***




Produced by Charles Aldorondo, Tiffany Vergon, Charlie Kirschner and
the Online Distributed Proofreading Team.




HONOR DE BALZAC


GROSSE UND KLEINE WELT


MIT HOLZSCHNITTEN VON DAUMIER UND GAVARNI




PIERRE GRASSOU



Wer als ernsthafter Betrachter die Kunstausstellungen, die nach der
Revolution von 1830 stattfanden, besucht hat, wird sich beim Anschauen
der endlosen, berhuften Galerien kaum eines Gefhls des Unbehagens
und der Langeweile, vielleicht sogar der Trauer haben erwehren knnen.
Seit 1830 gibt es keinen "Salon" mehr. Der Louvre ist ein zweites Mal
erstrmt worden durch die Knstler; und sie haben es verstanden, sich
dort zu behaupten. Die Zulassung zum "Salon" bedeutete ehemals fr den
kleinen Kreis, der in Frage kam, bereits eine hohe Auszeichnung, und
ber die bedeutendsten der etwa zweihundert Bilder, die ausgewhlt
worden, entspann sich beim Publikum und bei der Kritik ein
leidenschaftlicher Widerstreit der Meinungen. Die berflle der
Gemlde, vor die sich heute der Besucher gestellt sieht, erschpft
seine Aufmerksamkeit, und die Ausstellung wird geschlossen, bevor er
aus der Menge das wenige Gute ausfindig gemacht hat. Statt eines
Ritterspiels haben wir einen Volksjahrmarkt, statt eines knstlerischen
Ereignisses ein lautes Warenhaus, statt sorgfltiger Auslese--alles.
Was ist die Folge? In der Menge verliert sich das Genie. Der Katalog
ist zu einem dicken Buch angewachsen, in dem mancher Name auch dadurch
nicht bekannter wird, da zehn oder zwlf ausgestellte Bilder dahinter
aufgefhrt sind. Unter allen aber am unbekanntesten ist vielleicht
derjenige des Malers Pierre Grassou aus Fougres, den man in der
Knstlerwelt einfach Fougres nennt.

Fougres wohnte 1832 im vierten Stockwerk eines jener hohen, schmalen
Huser der Rue de Navarin, die aussehen wie der Obelisk von Luxor. Sie
besitzen einen Hausflur, eine enge, dstere, halsbrecherische
Wendeltreppe, in jedem Stock nicht mehr als drei Fenster und einen Hof,
der nicht mehr als ein viereckiger Schacht ist.

ber den drei oder vier Rumen, die Grassou von Fougres bewohnte, lag
ein Atelier, dessen Fenster auf Montmartre hinausgingen. Die Wnde
waren rot gestrichen, der Boden braun gewchst, auf jedem Stuhl lag ein
gesticktes Deckchen, das altmodische Sofa war sauber wie das im
Schlafzimmer einer Krmerin. Alles lie auf das wohlgeordnete Dasein
eines gesetzten Brgers von engem Horizont schlieen. Das Atelier
enthielt auerdem eine Kommode zum Aufbewahren der Malgerte, einen
Frhstckstisch, einen Schreibtisch und einen groen Ofen, ferner die
zum Malen erforderlichen Gegenstnde. Alles dies war sauber und in
guter Ordnung.

Eines Tages zu Anfang Dezember, dieses fr den Portrtisten besonders
gnstigen Monats, war Pierre Grassou frhzeitig aufgestanden, hatte den
Ofen angezndet, die Palette hergerichtet, und wartete nun, da die
Scheiben des Atelierfensters auftauen wrden, um das Tageslicht
ungehindert einzulassen. Unterdessen verzehrte er gedankenlos sein
Frhstck, ein in Milch getunktes Hrnchen.

Da klang von der Treppe her ein wohlbekannter Schritt. Als der Maler
eben mit der Arbeit beginnen wollte, berraschte ihn Elias Magus,
Bilderhndler und Leinwandwucherer.

"Wie gehts, alter Halunke?" begrte ihn Grassou. Elias nahm ihm seine
Gemlde ab, das Stck fr zweibis dreihundert Francs. Sie liebten es,
im Verkehr mit einander sich des sogenannten Knstlertons zu bedienen.

"Schlechte Geschfte," sagte Elias. "Ihr Knstler stellt unverschmte
Forderungen. Wenn Ihr fr sechs Sous Farbe auf die Leinwand klext,
verlangt Ihr gleich zweihundert Francs dafr. Aber Sie, Fougres, sind
ein anstndiger Kerl. Darum lasse ich Ihnen auch etwas Gutes zukommen."

"Timeo Danaos et dona ferentes," sagte Fougres; "verstehen Sie
lateinisch?"

"Nein."

"Nun, das heit soviel, als da die Griechen den Trojanern nichts
anboten, ohne selbst einen Profit dabei zu haben. Und so wirds wohl
auch heute noch sein, Herr Odysseus-Magus!" Diese Worte waren eine
Musterwendung des unter den Malern gebruchlichen Atelierstils, den
Fougres, wie man sieht, vollkommen beherrschte.

"Ich verlange doch nicht, da Sie mir Ihre Bilder umsonst geben sollen!
Sie sind ein ehrenwerter Knstler."

"Nun--und?"

"Also kurzum: Ich bringe Ihnen einen Vater, eine Mutter und eine
Tochter."

"Alle drei auf einen Schlag?"

"Meiner Treu, ja! Sie wollen sich portrtieren lassen. Diese
Spiebrger, die sich fr Kunst begeistern, haben es noch nie gewagt,
ein Atelier zu betreten. brigens hat die Tochter eine Mitgift von
hunderttausend Francs zu erwarten. Malen Sie die Leute nur ruhig.
Vielleicht werden es einmal Ihre Familienbilder." Dieser alte Klotz von
Mensch, Elias Magus genannt, unterbrach sich hier mit einem so heiseren
Lachen, da der Maler erschrak. Es war ihm, als htte der Teufel selbst
diese Worte vom Heiraten gesprochen. "Fnfhundert Francs sind fr jedes
Portrt gezahlt. Sie knnen also drei Bilder machen."

"Natrlich, mit Freuden!" rief Fougres.

"Und sollten Sie die Tochter heiraten, so erinnern Sie sich hoffentlich
meiner."

"Ich heiraten!?" rief Pierre Grassou. "Wo ich gewohnt bin, ganz allein
schlafen zu gehen und mit der Morgensonne aufzustehen? Ich, der sein
Leben geregelt hat...."

"Hunderttausend Francs," sagte Magus, "und ein entzckendes Mdchen,
mit Goldton wie ein echter Tizian."

"Was fr Leute sind es?"

"Der Alte war Kaufmann. Jetzt ist er Kunstliebhaber und Besitzer eines
Landhauses in Ville d'Avray mit zehn--bis zwlftausend Pfund Rente."

"Und worin bestand sein Handel?"

"In Flaschen."

"Beim Himmel, hren Sie auf! Mir ist, als hrte ich schon Pfropfen
knallen...."

"Darf ich die Leute herbringen?"

"Drei Portrts.... Ich werde sie in den 'Salon' schicken.... Ich werde
ins Fach des Portrtisten bergehen. Nun denn, in Gottes Namen!"

Der alte Elias entfernte sich, um die Familie Vervelle zu verstndigen.
Werfen wir inzwischen einen Blick auf die Vergangenheit Pierre Grassous
de Fougres, um ermessen zu knnen, von welcher Bedeutung ein solcher
Auftrag fr ihn sein konnte und welchen Eindruck das Ehepaar Vervelle
mit seiner einzigen Tochter auf ihn machen mute.

Bei Servin, der in der Knstlerwelt den Ruf als Meister des Stiftes
geno, hatte Fougres zeichnen gelernt und war dann als Schler zu
Schinner gegangen, um von ihm in das Geheimnis seiner wunderbaren
Farben eingeweiht zu werden. Aber der Meister gab seinem Schler nichts
von diesem Geheimnis preis--Pierre entlockte ihm nichts. Hierauf
besuchte er das Atelier Sommervieux, um die Gesetze der Komposition zu
studieren, aber sie blieben ihm ein versiegeltes Buch. Er ging zu
Granet und Drolling, um ihnen die Technik ihrer effektvollen Interieurs
abzusehen, doch vergebens, auch ihnen war nichts zu entreissen. Endlich
beschlo Fougres seine Studienzeit bei Duval-Lecamus. Sein stilles,
gemssigtes Wesen wurde in den Ateliers zur Zielscheibe des Spottes,
doch entwaffnete seine Bescheidenheit und rhrende Geduld bald die
Kameraden. Bei den Lehrern fand er wenig Sympathie; sie bevorzugten das
exzentrische, bermtige, sprhende Temperament, oder aber den ernsten,
grblerischen Charakter, der das Zeichen des Genies ist; bei Fougres
fanden sie nichts als Mittelmigkeit.

Sein ueres entsprach seinem Namen, er war fett und plump, mittelgro
von Gestalt und von blasser Gesichtsfarbe. Er hatte schwarze Haare,
braune Augen, lange Ohren, eine aufwrts gebogene Nase und einen
breiten Mund. Keinem dieser Merkmale seines gesunden aber
ausdruckslosen Gesichtes verlieh sein mildes, leidendes, resigniertes
Wesen irgendwie eine besondere Bedeutung. Ihn beunruhigte weder das
leidenschaftliche Drngen des Blutes, noch die bermacht der Gedanken,
noch die mchtige Begeisterung, die das Zeichen der genialen Knstler
sind.

Geboren, ein ehrenwerter Brger zu sein, war dieser junge Mann nach
Paris gekommen, um hier bei einem Farbenhndler Gehilfe zu werden; aber
in seiner bretonischen Hartnckigkeit hatte er es sich in den Kopf
gesetzt, Maler zu werden, Gott mag wissen, was er aushielt, wie er es
zuwege brachte, sich durch seine Studienjahre durchzudarben. Er
durchlitt die Entbehrungen der Groen, die das Unglck verfolgt und die
wie wilde Tiere von der Meute der Mittelmigkeit und der Neider
verfolgt werden. Kaum meinte er auf eigenen Fen stehen zu knnen, so
nahm er ein Atelier in der Rue des Martyrs und fing an, zu arbeiten. Im
Jahre 1819 trat er mit seinem ersten Werk an die ffentlichkeit. Das
der Jury zur Ausstellung im Louvre eingereichte Gemlde stellte eine
Bauernhochzeit dar und war eine wohlgelungene Nachahmung des bekannten
Bildes von Greuze. Es wurde zurckgewiesen. Fougres, als er diese
enttuschende Mitteilung erhielt, tobte nicht, wie es die Groen tun,
verfiel auch nicht einer jener epileptischen Anwandlungen, die so
hufig mit einer Herausforderung des Direktors oder des Sekretrs der
Ausstellung oder mit blutdrstigen Drohungen enden. Nichts von alledem
geschah, sondern Fougres nahm seelenruhig seine Leinwand zurck,
bedeckte sie mit seinem Taschentuch und trug sie wieder in sein Atelier
zurck. Aber er schwur es sich zu, ein groer Knstler zu werden. Das
Bild stellte er auf eine Staffelei und begab sich zu seinem frheren
Lehrer Schinner, einem Maler von auerordentlichem Talent, einem
weichen und geduldigen Menschen, dem die letzte Ausstellung des
"Salons" seinen Erfolg garantiert hatte. Grassou bat ihn, er mge das
zurckgewiesene Werk seiner Kritik unterziehen. Der groe Maler kam
sofort von seiner Arbeit weg. Kaum hatte er das Bild mit einem Blick
gestreift, drckte er dem armen Fougres die Hand: "Guter Junge, du
hast ein Herz von Gold, man darf dich nicht hintergehen. Also hre: du
hast alles gehalten, was du als Schler versprachst. Mein lieber
Fougres, statt da man etwas Derartiges zusammenpinselt, tut man
besser, den andern nicht Farbe und Leinwand zu stehlen. Sattle um,
solange es noch Zeit ist! Zieh dir eine Schlafmtze ber und kriech um
neun Uhr ins Bett. Morgen aber, gegen zehn, gehst du zu irgend einem
Bureau und suchst dir einen Posten. Von der Kunst aber la die Finger!"

"Mein Freund," sagte Fougres, "mein Werk ist bereits verurteilt
worden, und ich bat dich nicht, es zu tadeln, sondern mir die Grnde
fr seine Ablehnung auseinanderzusetzen."

"Nun also: du hast keine Farbe, du malst alles grau und tot, du siehst
die Natur durch einen Schleier. In der Zeichnung bist du grob und
ungeschickt, in der Komposition kopierst du Greuze, den zu verbessern
du nicht berufen bist." Als Schinner die Fehler des Bildes aufzhlte,
bemerkte er in den Zgen des jungen Malers den Ausdruck einer so tiefen
Traurigkeit, da er ihn zum Mittagessen einlud und ihn zu trsten
suchte.

Am nchsten Tage sa Fougres schon um sieben in der Frhe vor der
Staffelei und pinselte an seinem verworfenen Bilde herum. Er vertiefte
die Farben, beseitigte die von Schinner gergten Mngel und arbeitete
die Kpfe besser heraus. Als ihn die Korrekturarbeit anwiderte, trug er
das Bild zu Elias Magus. Dieser Herr Magus war ein hollndisch-
belgischer Flame, und in dieser Mischung lag wohl die dreifache
Vorbedingung fr das, was er geworden war: geizig und reich. Von
Bordeaux nach Paris gekommen, erffnete er auf dem Boulevard Bonne-
Nouvelle eine Gemldehandlung. Das erste Bild, das Pierre ihm brachte,
betrachtete er sehr genau; dann zahlte er ihm fnfzehn Francs dafr.

Fougres, der von der Palette leben mute, und, wie es die Jahreszeit
brachte, Brot und Nsse oder Brot und Milch oder Brot und Kirschen oder
Brot und Kse verzehrte, lchelte und meinte: "Fnfzehn Francs
verdienen und tausend Francs verbrauchen, damit kann man es weit
bringen."

Elias Magus zuckte die Achseln. Er nagte an den Fingerngeln und
dachte, da er das Bild auch schon fr hundert Sous htte erhandeln
knnen.

Jeden Morgen spazierte Fougres nun von der Rue des Martyrs nach dem
Boulevard Bonnes-Nouvelle hinab und mischte sich der Gemldehandlung
gegenber unter die Passanten. Seine Augen hingen an dem Bilde, das
aber selten einmal die Aufmerksamkeit eines Vorbergehenden auf sich
lenkte. Aber eines Morgens, gegen Ende der Woche, war das Bild
verschwunden. Fougres schlenderte die Strae zurck, ging auf die
andere Seite hinber und schritt gerade auf den Laden zu, indem er tat,
als fhre ein Zufall ihn des Weges. Der Hndler stand auf der Schwelle.

"Nun, haben Sie mein Bild verkauft?"

"Nein," sagte Magus, "ich lasse einen Rahmen darum machen, damit ich es
einem anbieten kann, der glaubt, er verstehe etwas von Bildern."

Fougres wagte nicht mehr, sich auf dem Boulevard zu zeigen. Er
arbeitete an einem neuen Gemlde. Mit der Unermdlichkeit eines Mannes
plagte er sich zwei Monate lang wie ein Galeerensklave. Eines Tages
ging er, fast ohne es zu wollen, wieder zum Laden des Magus. Das Bild
war nicht mehr da.

"Ich habe Ihr Bild verkauft," sagte der Hndler.

"Zu welchem Preise?"

"Ich habe meine Unkosten eingebracht und noch eine Kleinigkeit daran
verdient. Malen Sie mir flmische Interieurs, eine Anatomiestudie, eine
Landschaft. Ich werde sie Ihnen abkaufen," sagte Magus.

Fougres wre dem Alten am liebsten um den Hals gefallen. Er blickte zu
ihm wie zu einem Vater auf. Freude im Herzen, kehrte er heim. Also
hatte der groe Schinner sich doch in ihm getuscht. Noch gab es in
dieser Riesenstadt Herzen, die in gleichem Takt mit seinem eigenen
schlugen. Man erkannte und schtzte seine Begabung. Dieser arme Bursche
von siebenundzwanzig Jahren besa die Einfalt eines sechzehnjhrigen
Jnglings. Jedem andern wrde die diabolische Miene des Elias Magus
aufgefallen sein. Das Beben der Bartspitzen, die Haltung des Kopfes
wren ihm nicht entgangen.

Wie ein Schler, der eine Dame begleiten darf, stolzierte Fougres mit
freudestrahlendem Gesicht durch die Straen. Er begegnete seinem
ehemaligen Mitschler Josef Bridau, einem vom Unglck verfolgten,
vielversprechenden Talente. Da Bridau, wie er erklrte, noch ein paar
Sous in der Tasche hatte, nahm er Fougres mit in die Oper. Aber
Fougres sah nichts von dem Ballet, hrte nichts von der Musik; er
entwarf Bilder, er malte. Noch whrend der Vorstellung verabschiedete
er sich von seinem Freunde und eilte nach Hause. Er fing an, beim
Schein der Lampe zu skizzieren, erfand dreiig Bilder voll von
Reminiszenzen und hielt sich fr ein Genie.

Gleich am andern Morgen kaufte er Farben und Leinwand in allen Gren.
Brot und Kse stellte er auf den Tisch, fllte den Krug mit frischem
Wasser und hufte Brennholz auf. Dann ging er an die Arbeit. Er hatte
einige Modelle, und Magus lieh ihm ein paar Gewnder. Nach zwei Monaten
vollkommener Zurckgezogenheit hatte der Bretone vier Gemlde
vollendet. Wieder bat er Schinner um sein Urteil und lud auch Josef
Bridau dazu ein. Die beiden Maler bezeichneten die Bilder als treue
Kopien der Hollndischen Landschaften und der Interieurs von Metsu,
whrend das vierte eine miratene Nachbildung von Rembrandts Anatomie
sei.

"Nichts als Nachahmungen," sagte Schinner; "Fougres wird es schwerlich
dazu bringen, etwas Eigenes zu geben."

"Du solltest etwas anderes tun als Bilder malen," sagte Bridau.

"Was denn?" fragte Fougres.

"Wirf Dich auf die Literatur," sagte Bridau.

Fougres lie den Kopf hngen wie ein Schaf im Regen. Dennoch lie er
sich einige technische Winke geben und arbeitete danach noch an seinen
Bildern, bevor er sie zu Elias brachte. Dieser zahlte ihm
fnfundzwanzig Francs fr das Stck. Fougres verdiente dabei nichts,
verlor aber auch nichts, denn er lebte sehr anspruchslos.

Wieder nahm er nun seine Spaziergnge auf, um das Schicksal seiner
Bilder zu verfolgen. Da hatte er eine merkwrdige Halluzination: seine
so klar und genau gemalten Bilder, die von der Haltbarkeit des
Eisenblechs und glnzend wie Porzellan waren, schienen wie von einem
grauen Nebel berzogen; sie glichen alten Gemlden. Elias war
ausgegangen, und so konnte sich Fougres keine Erklrung dieses
Phnomens einholen. Er dachte, es msse eine Tuschung sein. Er kehrte
heim und fing von neuem an, alte Bilder zu malen.

Nach sieben Jahren unermdlicher, eifriger Arbeit brachte Fougres es
so weit, da er ertrgliche Bilder komponieren und ausfhren konnte. Er
leistete etwas Mittelmiges, wie viele andere Maler auch. Elias kaufte
und verkaufte alle diese Bilder des armen Bretonen, der jhrlich mhsam
hundert Louis verdiente, whrend er kaum zwlfhundert Francs
verbrauchte. Bei der Ausstellung des Jahres 1829 wurden Leon de Lora,
Schinner und Bridau, die von groem Einflu waren und an der Spitze der
knstlerischen Bewegung standen, so ergriffen von der Beharrlichkeit
und der Armut ihres einstigen Kameraden, da sie eines seiner Bilder
zum groen Salon der Ausstellung zulieen. Dies Gemlde zeigte einen
jungen Strfling, dem die Haare geschoren wurden. Er sa zwischen einem
Priester und einem jungen und einem alten Weibe, die weinten, whrend
ein Schreiber ein gestempeltes Schriftstck las. Unberhrt standen auf
einem schmutzigen Tische Speisen; zwischen den Gitterstben eines
hochgelegenen Fensters fiel das erste Tageslicht herein. Ein Etwas in
diesem Bilde mute die Brger erschauern lassen--und sie erschauerten.
Unverkennbar war Fougres von Grard Dous bekanntem Meisterwerk
beeinflut worden; er hatte die Gruppe im Gemlde "Die wasserschtige
Frau" zum Fenster gedreht, statt sie von vorne zu zeigen und die
Sterbende durch den Verurteilten ersetzt; es war dasselbe fahle
Gesicht, derselbe Blick, derselbe Aufschrei zu Gott. Statt des
flmischen Arztes hatte er den schwarzgekleideten Schreiber mit seiner
kalten Amtsmiene hingemalt, und dem Mdchen auf dem Bilde Grard Dous
ein greises Weib zugesellt. Beherrscht wurde die Gruppe von dem brutal
gleichgltigen Gesicht des Henkers. Das Plagiat war raffiniert
ausgefhrt, und niemand erkannte es als solches. Der Katalog vermerkte:
"No. 510. Grassou de Fougres, Pierre, 2 Rue de Navarin. Toilette eines
im Jahre 1809 zum Tode verurteilten Verbrechers".

Trotz seiner Talentlosigkeit wurde dem Bilde ein beispielloser Erfolg
zuteil; erinnerte es doch an den Fall der Heizer von Mortagne. Das
Publikum sammelte sich. Tag fr Tag vor dem Bilde, das die Sensation
von Paris bildete. Auch Karl X. blieb davor stehen. Madame, der man von
dem kmmerlichen Dasein des Bretonen erzhlt hatte, begeisterte sich
fr ihn. Der Herzog von Orleans bemhte sich um das Gemlde. Von
Prlaten hrte Madame la Dauphine, da das Bild eine gute Moral
enthalte, und es war in der Tat von sympathischen religisen Gedanken
erfllt. Monseigneur le Dauphin bewunderte, wie der Staub auf den
Mauersteinen gemalt sei, worin er brigens irrte, denn Fougres hatte
durch grnliche Reflexe die schimmlige Feuchtigkeit der Wnde andeuten
wollen. Madame erwarb das Bild fr tausend Francs, und der Dauphin
erteilte dem Knstler den Auftrag auf ein zweites, hnliches. Fougres,
dessen Vater 1799 fr die Sache des Knigs gefochten hatte, wurde von
Karl X. durch Verleihung des Ehrenkreuzes ausgezeichnet, whrend Josef
Bridau, der groe Knstler, leer ausging. Der Minister des Innern
bertrug Fougres die Ausfhrung zweier Kirchengemlde. Somit bedeutete
diese Ausstellung des Salon fr Pierre Grassou Reichtum, Ruhm und
Zukunft. Schpfer sein, heit am langsamen Feuer schmoren; nachahmen,
das heit leben!

Eine Goldquelle hatte sich Grassou erffnet. In seinem skrupellosen
Mibrauch der Kunst war er wieder einmal ein Beispiel dafr, da die
berwltigende Mehrheit der Unfhigen in unseren Tagen berall das
Aufkommen der wahrhaft Begabten erschwert und einen erbarmungslosen
Kampf gegen das wirkliche Talent fhrt. Fougres wunderte sich selbst
ber seinen Erfolg, und seine Bescheidenheit und Schlichtheit lieen
Neid und Migunst verstummen. Auerdem hatte er alle Grassous, die
schon ihr Glck gemacht hatten, auf seiner Seite, mehr aber noch jene,
die darauf hofften. Einige waren von der Willenskraft dieses Mannes,
den nichts hatte niederwerfen knnen, begeistert und sagten: "Man mu
seinen Willen zur Kunst anerkennen! Grassou hat sein Glck nicht
gestohlen; der arme Kerl hat sich zehn Jahre lang hart darum
geschunden!" Alle Glckwnsche, die dem Maler dargebracht wurden,
klangen aus in diesem Ausruf: "Der arme Kerl!" Vom Mitleid wird ja
ebensoviel Mittelmigkeit erhoben, als vom Neid Gre und Bedeutung
gestrzt. Die Zeitungen hatten in ihren Kritiken nicht mit bitterer
Schrfe gespart, aber Fougres schluckte sie, ebenso wie die
verbessernden Ratschlge seiner Kameraden, mit Engelsgeduld hinunter.

Nachdem er sich nun im Besitz von fnfzehntausend Francs sah, die sauer
genug verdient worden waren, richtete er sich in der Rue de Navarin
seine Wohnung und sein Atelier ein und gab sich an das vom Dauphin in
Auftrag gegebene Gemlde. Auch die vom Ministerium bestellten beiden
Kirchenbilder lieferte er so genau am festgesetzten Termin ab, da der
Minister ebenso wie seine Kasse von der unerwarteten Pnktlichkeit des
Knstlers aufs hchste berrascht und in Verlegenheit gebracht wurde.
Allein den ordnungsliebenden Leuten ist das Glck wohlgesonnen. Htte
Grassou mit der Ablieferung gesumt, so wre er wohl infolge der
Julirevolution niemals bezahlt worden. Mit siebenunddreiig Jahren
hatte Fougres fr Elias Magus nahezu zweihundert Bilder fabriziert.
Sie blieben zwar gnzlich unbekannt, aber er war zufrieden damit, und
diese Arbeit hatte sein Schaffen so zum Handwerk gemacht, da die
Knstler die Achseln zuckten. Die Brger liebten ihn. Die Freunde
schtzten Fougres wegen seines biederen und mitfhlenden Wesens, wegen
seiner Freundlichkeit und Anhnglichkeit. Whrend sie seine Palette
miachteten, achteten sie doch den Mann, der sie hielt. "Ein Jammer,
da Fougres dem Laster des Malens verfallen ist," sagten die Freunde
untereinander.

Trotz seiner Talentlosigkeit war Grassou ein schtzenswerter Berater,
wie es auch in der Literatur Leute gibt, die selbst kein brauchbares
Buch zustandebringen, aber einen guten Blick fr die Fehler anderer
Werke haben. Dennoch war zwischen dieser Art literarischer Kritik und
der Fougres ein Unterschied; Grassou war im hchsten Grade empfnglich
fr das Schne, er war dankbar dafr, und so kamen seine Ratschlge aus
einem aufrichtigen Empfinden, dem man wirklich vertrauen durfte.

Seit der Julirevolution schickte Fougres zu jeder Ausstellung ein
Dutzend Bilder, von denen vier oder fnf durch die Jury zugelassen
wurden. Der Maler lebte uerst bescheiden und hielt sich zur Bedienung
nur eine Haushlterin. Seine einzige Unterhaltung fand er in Besuchen
bei seinen Freunden, im Anschauen von Kunstsammlungen und hin und
wieder in einer kleinen Reise, die ihn aber nie ber die Grenzen
Frankreichs hinausfhrte. Er beabsichtigte aber, sich demnchst in der
Schweiz neue Anregung zu holen. Unser Knstler war ein durchaus
einwandfreier Staatsbrger, der seiner Wehrpflicht gengte, sich zu den
Musterungen einstellte und seine Steuern ebenso wie seine Miete mit
peinlicher Pnktlichkeit entrichtete.

Da sein Leben in Arbeit und Sorgen aufgegangen war, hatte er keine Zeit
gefunden, an die Liebe zu denken. Dem armen Junggesellen kam es auch
garnicht in den Sinn, sein einsames Leben aufzugeben, und da er nicht
wute, wie er sein Geld nutzbringend anlegen knne, brachte er jeweils
die Ersparnisse des Quartals zu seinem Notar Cardot. Als die Summe auf
tausend Taler angewachsen war, legte dieser sie als erste Hypothek an.
Der Maler wartete auf den glcklichen Augenblick, wo seine Papiere die
imposante Summe von zweitausend Francs Rente abwerfen wrden, um sich
das otium cum dignitate des Knstlers zu geben und Bilder zu malen, oh,
wirkliche, vollendete Kunstwerke. Seine Zukunft, seinen Traum von
Glck, seiner Hoffnungen Superlativ--wollt ihr ihn hren? Mitglied des
Instituts werden und die Rosette der Offiziere der Ehrenlegion
erwerben. Seite an Seite mit Schinner und Leon de Lora sitzen, frher
als Bridau. Eine Rosette im Knopfloch tragen! Welcher Traum!--Welch
kleiner Geist, der nur an diese Dinge denkt!...

Als Fougres Schritte aus der Treppe vernahm, fuhr er sich durch das
Haar, knpfte seine flaschengrne Sammetweste zu und war nicht wenig
entsetzt, als er gleich darauf ein Gesicht vor sich sah, das man in der
Sprache der Ateliers treffend "Melone" nennt. Diese Frucht sa auf
einem mit blauem Tuch bekleideten und mit einem Gehnge klingender
Berlocks geschmckten Krbis, dem zwei Steckrben, die man nur
irrtmlicherweise als Beine bezeichnen konnte, zum Gehen dienten. Die
Melone schnaufte wie ein Walro. Ein echter Knstler htte den hiermit
charakterisierten kleinen Flaschenhndler unverzglich vor die Tr
gesetzt, mit dem Bedauern, da er leider kein Gemse male. Fougres
aber sah sich seine Kundschaft erst, ohne eine Miene zu verziehen, an,
denn im Vorhemd des Herrn Vervelle prangte ein Diamant von tausend
Talern Wert. Der Blick, den hierauf Fougres dem Magus zuwarf,
bedeutete etwa: "Ein feister Brocken!", whrend Herr Vervelle die Stirn
runzelte. Der Ehrenmann fhrte noch zwei andere Gemsesorten in Gestalt
seiner Frau und seiner Tochter mit sich. Die Gattin glich mit ihrem
mahagonifarbenen Gesicht einer auf unfrmlichen Fen stehenden
Kokosnu, die nur mit einem Kopf gekrnt und von einem Grtel
eingeschnrt war. Sie trug ein gelbes Kleid mit schwarzen Streifen.
Ihre geschwollenen Hnde staken kokett in unvorstellbaren
Fausthandschuhen, die einem Korporal htten gehren knnen. Ihren
riesigen Hut berfluteten mchtige Strauenfedern, und ihre runden
massigen Schultern waren mit Spitzen geschmckt. Dergestalt war die
elfenhafte Erscheinung der Kokosnu. Die Fe, die man treffender als
Wurzelkltze bezeichnen wrde, quollen in sechs Wlsten ber die
Lackschuhe hervor. Wie waren sie nur in die Schuhe hineingekommen?! Man
wei es nicht.

Ihr folgte ein junger, grn-gelber Spargel, dessen kleinen Kopf eine
von Schleifchen gehaltene, rben-rote Lockenfrisur zierte. Sie hatte
spindeldrre Arme, einen leidlich weien Teint, der mit Sommersproen
berst war, groe Unschuldsaugen mit fahlen Wimpern, fast gar keine
Augenbrauen, einen Florentiner Strohhut, den zchtig zwei von weien
Satinlitzen eingefate Rosetten garnierten, die roten Hnde der Tugend
und die Fe der Mutter.

Aus der beglckten Miene, mit der diese drei Wesen in dem Atelier des
Malers Umschau hielten, verriet sich ihre ehrfrchtige Begeisterung fr
die Kunst.

"Sie also werden uns malen, mein Herr?" fragte der wrdige Vater.

"Ja, mein Herr!" anwortete Grassou.

"Vervelle, er hat das Ehrenkreuz!" flsterte die Frau ihrem Manne zu,
als der Maler ihnen den Rcken zuwandte.

"Glaubst du, ich wrde unsere Bilder von einem Maler ohne Auszeichnung
malen lassen?" sagte der gewesene Flaschenhndler.

Elias Magus verabschiedete sich von der Familie Vervelle und ging.
Grassou begleitete ihn zur Treppe.

"Das war auch nur Ihnen mglich, solche Kugeln aufzufangen," sagte er.

"Hunderttausend Francs Mitgift!" sagte Magus.

"Ja, aber was fr eine Familie!"

"Dreihunderttausend Francs spteres Erbteil, ein Haus in der Rue
Boucherat und ein Landhaus in Ville d'Avray. Sie wren fr Lebenszeit
versorgt," sagte Elias.

Dieser Gedanke durchzuckte Grassous Gehirn wie die Morgensonne seine
Mansarde.

Whrend er dem Vater des jungen Mdchens behilflich war, die richtige
Stellung zum Portrtieren einzunehmen, erfreute er sich an dem
gutmtigen Ausdruck dieses Mannes und bewunderte die violetten Farbtne
dieses Gesichts. Mutter und Tochter flatterten um den Maler herum und
beobachteten voller Entzcken seine Vorbereitungen; er erschien ihnen
wie ein Gott. Fougres gefiel sich in dieser Bewunderung. Das goldne
Kalb strahlte sein phantastisches Licht ber diese Familie.

"Sie mssen unheimliche Summen verdienen, nicht wahr?" sagte die
Mutter. "Aber Sie geben das Geld wahrscheinlich ebenso schnell, wie Sie
es verdienen, wieder aus."

"Nein, gndige Frau," erwiderte der Maler, "ich gebe es nicht aus, denn
ich wte nicht, wozu. Mein Notar arbeitet mit dem Gelde und fhrt Buch
darber; und sobald ich es ihm gegeben habe, denke ich nicht mehr
daran."

"Ich habe mir sagen lassen," rief Papa Vervelle, "Ihr Knstler wret
wie die Siebe."

"Wer ist Ihr Notar, wenn es erlaubt ist?" fragte Frau Vervelle.

"Oh, ein guter Kerl, der runde Cardot."

"Aber nein, wie komisch!" lachte Vervelle. "Cardot ist auch unser
Notar."

"Sie drfen sich nicht bewegen," sagte der Maler.

"Aber so bleibe doch ruhig," rief die Gattin. "Du wirst schuld sein,
wenn der Herr einen Fehler macht. Du solltest ihn nur bei der Arbeit
sehen, so wrdest Du verstehen...." "Ach Gott! Warum habt Ihr mich
nicht im Malen unterrichten lassen!" sagte Frulein Vervelle zu den
Eltern.

"Virginie," rief die Mutter, "es gibt gewisse Dinge, die ein junges
Mdchen nicht kennen darf. Bist Du erst einmal verheiratet--gut! Aber
bis dahin gib Dich zufrieden."

Diese erste Sitzung gengte, um den ehrenwerten Knstler mit der
Familie Vervelle schon recht befreundet werden zu lassen. In zwei Tagen
sollten die Vervelles wiederkommen. Vater und Mutter lieen Virginie
auf dem Heimweg ein wenig vorausgehen, aber trotz der Entfernung
erlauschte sie folgende Worte, die ihre Neugier erweckten: "Ein
dekorierter Mann ... siebenunddreiig Jahre ... ein Knstler mit
Auftrgen, dessen Geld von unserm Notar verwaltet wird ... wie wre es,
wenn wir Cardot zu Rate zgen? Ha! Madame de Fougres wre nicht
bel!... Er sieht nicht aus wie ein bler Mensch.... Du meinst, besser
ein Grohndler? Aber bei einem Kaufmann kannst Du, wenn er sich nicht
bereits vom Geschft zurckgezogen hat, nie wissen, wie es Deiner
Tochter ergehen wird. Ein sparsamer Knstler dagegen ... auerdem
lieben wir die Kunst ... kurz und gut...."

Whrend die Familie Vervelle ihre Eindrcke ber den Maler austauschte,
bildete sich auch Fougres seinerseits sein Urteil ber die drei. Aber
das Atelier war ihm zu eng und still dazu. Er begab sich auf die Strae
und musterte die rothaarigen Frauen unter den Vorbergehenden, wobei er
die seltsamsten Schlufolgerungen zog: Gold sei das schnste der
Metalle, und die gelbe Farbe kennzeichne das Gold, die Rmer liebten
Frauen mit goldrotem Haar und er fhle wie ein Rmer ... und
dergleichen mehr. Welcher Mann kmmert sich, nach zwei Jahren der Ehe
noch um die Haarfarbe seiner Frau? Schnheit vergeht, aber die
Hlichkeit besteht. Geld ist der halbe Weg zum Glck.

Als der Maler abends zur Ruhe ging, fand er Virginie Vervelle bereits
entzckend.

Als die drei Vervelles zur zweiten Sitzung das Atelier betraten,
empfing der Maler sie mit einem liebenswrdigen Lcheln. Der Schelm
hatte heute seinem Bart besondere Aufmerksamkeit gewidmet; seine Wsche
war bltenwei; anmutig hatte er sein Haar geordnet, und er trug eine
sehr kleidsame Hose und puterrote Hausschuhe. Sein Gru wurde von der
Familie ebenfalls mit einem gewinnenden Lcheln beantwortet. Virginie,
die so rot wurde wie ihr Haar, senkte die Augen und wandte den Kopf ab,
als versenke sie sich in die Studien. Pierre Grassou war von diesen
kleinen Zierereien entzckt; er fand Virginie grazis und
glcklicherweise weder ihrem Vater noch ihrer Mutter hnlich.

Whrend der Sitzung entspann sich eine angeregte Unterhaltung zwischen
der Familie und dem Maler, der so khn war, den Vater Vervelle
geistvoll zu finden. Die Vervelles nahmen mit ihren Schmeichelworten
das Herz des Knstlers im Sturm. Er schenkte Virginie eine seiner
Skizzen und der Mutter eine Studie. "Umsonst?" fragten sie. Pierre
Grassou mute lachen. "Sie drfen Ihre Bilder nicht so wegschenken,"
sagte Vervelle, "das ist doch so gut wie bares Geld."--

Bei der dritten Sitzung erzhlte Papa Vervelle von einer schnen


Gemldegalerie, die er sich in seinem Landhaus in Ville d'Avray
zugelegt habe. Sie enthalte Werke von Rubens, Grard Dou, Mieris,
Terborch, Rembrandt, Paul Potter, einen Tizian und anderes. "Herr
Vervelle hat sich eine Torheit geleistet," sagte Frau Vervelle sehr
wichtig, "er besitzt fr hunderttausend Francs Bilder."--"Ich bin eben
Kunstliebhaber," sagte der ehemalige Flaschenhndler.

Als der Maler das Portrt der Frau Vervelle begann, nachdem das ihres
Gatten nahezu vollendet war, fand die Bewunderung der Familie kein
Ende. Der Notar hatte von dem Maler eine geradezu glnzende Schilderung
gegeben: Pierre Grassou war in seinen Augen der ehrenwerteste Mann der
Welt, einer der bestsituierten Knstler, der sich bis jetzt
sechsunddreiigtausend Francs zusammengespart habe; die Tage des Elends
seien fr ihn vorbei, er habe eine Jahreseinnahme von zehntausend
Francs; alles in allem, es sei ausgeschlossen, da er eine Frau
unglcklich machen werde. Diese Schlubemerkung fiel entscheidend in
die Wagschale. Die Vervelles unterhielten ihre Freunde nur noch mit
Gesprchen ber den berhmten Fougres. An dem Tage, da Fougres das
Bild Virginiens in Angriff nahm, galt er schon als der zuknftige
Schwiegersohn der Familie. Die drei Vervelles blhten und gediehen in
der Atmosphre dieses Ateliers, das sie nun schon als eine ihrer
Residenzen ansahen. Eine unerklrliche Anziehungskraft ging von diesem
sauberen, freundlich geordneten Raum auf sie aus. Abyssus, abyssum--der
Brger zieht den Brger an.

Als die Sitzung zu Ende ging, erzitterte die Treppe unter
heraufstrmenden schweren Schritten. Die Tre wurde aufgerissen und
Josef Bridau trat ein. Er war erhitzt und aufgeregt, seine Haare
wehten, sein dicker Schdel glhte. Wie Blitze flogen seine Blicke
umher und er wirbelte alles im Atelier durcheinander, um sich dann
pltzlich an Grassou zu wenden, whrend er versuchte, den ber den
Bauch zusammengezogenen Rock zuzuknpfen, was nicht gelang, da von dem
betreffenden Knopf nur noch der leere Stoffberzug vorhanden war. "Das
Holz ist teuer," sagte er zu Grassou.

"Ah!"

"Die Glubiger sind hinter mir her.... Aber sag, malst Du dies Zeug
da?"

"So schweig doch!"

"Ach so! Ja!"

Familie Vervelle fhlte sich durch das ungewhnliche Auftreten dieses
Menschen im tiefsten verletzt. Ihre natrliche Rte steigerte sich ins
Kirschfarbene und endlich zu flammendem Purpur.

"Allerdings, so etwas bringt was ein!" begann Bridau wieder. "Hast Du
Geld?"

"Brauchst Du viel?"

"Fnfhundert.... Ich bin einem Bluthund von Wucherer in die Finger
gefallen. Wenn so eine Bestie einmal zugepackt hat, so lt sie nicht
locker, bis sie den Bissen geschluckt hat. Welche Rasse!"

"Ich werde Dir ein paar Zeilen an meinen Notar mitgeben...."

"Was, Du hast einen Notar?"

"Ja!"

"Nun, dann wei ich doch wenigstens, warum Du die Wangen mit Rosentnen
malst, die einen Parfmeur begeistern wrden."

Grassou konnte es nicht verhindern, da er errtete. Virginie verzog
das Gesicht.

"Warum hltst Du Dich nicht an die Natur?" fuhr der groe Maler fort.
"Das Frulein ist rot--nun also, ist denn das so schlimm? In der Kunst
ist alles schn. Tu Zinnober auf Deine Palette und belebe die Wangen
damit. Pinsele getrost die kleinen braunen Tpfelchen hin und gib dem
Ganzen etwas mehr Fettglanz. Willst Du mehr Geist haben als die Natur?"

"Hier...." sagte Fougres, "Du kannst mich ja solange vertreten,
whrend ich schreibe."

Vervelle schob seinen Kugelkrper leise an den Tisch heran und beugte
sich zum Ohr des Malers herab. "Dieser Brausekopf wird aber doch alles
verderben!" flsterte der besorgte Kaufmann.

"Wenn er das Bild Ihrer Virginie malte," erwiderte Fougres entrstet,
"so wrde es tausendmal besser als meine Arbeit."

Auf diese Auskunft hin zog Vervelle sich vorsichtig wieder zurck und
begab sich an die Seite seiner Frau, die ber diesen Berserker einfach
sprachlos war und sich nur hchst beunruhigt darber zeigte, da er an
dem Portrt ihrer Tochter herumwerkelte.

"So--halte Dich an diese Angaben," sagte Bridau, als er die Palette
gegen das Schreiben eintauschte. "Ich danke Dir nicht weiter! Nun kann
ich doch nach Chateau d'Arthey zurckkehren, wo ich einen Speisesaal
auszufhren habe; Leon de Lora macht die Trfllungen. Wahre
Meisterwerke! Du solltest uns einmal besuchen!" Er ging ohne Gru; er
hatte von dem Anblick Virginies genug bekommen.

"Wer ist denn dieser Mensch?" fragte Madame Vervelle.--"Ein groer
Knstler," antwortete Grassou. Nach einer Minute des Schweigens fragte
Virginie: "Sind Sie auch sicher, da er an meinem Bilde nichts
verdorben hat? Er hat mich erschreckt!"

"Er hat es verbessert," antwortete Grassou.--"Wenn dieser ein groer
Knstler ist," sagte Madame Vervelle, "so mu ich doch sagen, da ich
die groen Knstler Ihrer Art vorziehe."--"Aber Mama, Herr Grassou ist
doch ein viel grerer Maler; er malt mich in ganzer Figur," plapperte
Virginie. Diese braven Leute fhlten sich durch die Allren des Genies
vor den Kopf gestoen.--

Es war im Sptsommer, als Vervelle sich ein Herz fate und den Maler
zum nchsten Sonntag auf sein Landhaus einlud. "Ich wei ja," sagte er
bescheiden, "da wir Brgersleute einem Knstler nicht viel Anziehendes
bieten knnen. Die Knstler brauchen Anregung, Schaugeprnge und eine
Umgebung geistvoller Personen. Bei mir werden Sie nichts finden als
einen guten Wein; ich hoffe aber auch, da meine Gemldegalerie Ihnen
hilft, die Langeweile zu verscheuchen, die einen Knstler wie Sie unter
so einfachen Leuten befallen knnte."

Es entzckte den armen Pierre Grassou, der so wenig an Lobeserhebungen
gewhnt war, sich so gefeiert zu sehen. Dieser gtige Mensch, dieser
kaum mittelmige Knstler, dies goldene Herz, diese treue Seele,
dieser miserable Zeichner und brave Junge, den der knigliche Orden der
Ehrenlegion zierte, warf sich in Gala, um die letzten schnen Tage des
Jahres in Ville d'Avray zu genieen. Er fuhr bescheiden im Omnibus. Das
Schlchen des ehemaligen Flaschenhndlers, das auf der Hhe von Ville
d'Avray, dem schnsten Punkt der Ortschaft, mitten in einem fnf Morgen
groen Park lag, erregte Grassous hchste Bewunderung. Virginie
heiraten, hie also, eines Tages Besitzer dieser schnen Villa werden!

Von den Vervelles wurde er mit so begeisterter Freude, Liebenswrdigkeit
und ungeschickter Herzlichkeit aufgenommen, da er sich beschmt fhlte.
Es war ein Tag des Triumphes fr ihn. In den zu Ehren des hohen Besuches
sorgfltig geharkten Wegen fhrte man seine Zukunftsplne spazieren.

Sogar die Bume sahen aus, als ob sie gekmmt worden wren. Die
Rasenpltze waren frisch gemht. Durch die reine Landluft schwebten
verheiungsvoll wunderbare Kchengerche herber. Alles im Hause schien
sich zuzuflstern: "Wir haben einen groen Knstler zu Gast!" Papa
Vervelle kugelte wie ein Apfel durch seinen Park, die Tochter
schlngelte sich wie ein Aal daher, und die Mutter folgte mit
wichtigtuerischer Miene hinterdrein.

Unermdlich beschftigten die drei Leute sich ohne Unterbrechung sieben
Stunden lang um ihren Gast. Auf das Diner, das sich in seiner
kstlichen Reichhaltigkeit sehr in die Lnge zog, folgte der groe Coup
des Tages, die Besichtigung der Galerie. Drei Nachbarn, ehemalige
Kaufleute, ein Erbonkel, den man zu Ehren des groen Knstlers
eingeladen hatte, ein altes Frulein Vervelle und die Gastgeber selbst
folgten dem Maler in die Galerie. Sie waren alle begierig, sein Urteil
ber die berhmte Sammlung des kleinen Papa Vervelle zu hren und ber
den fabelhaften Wert der Bilder Gewiheit zu erlangen. Es schien, da
der Flaschenhndler mit Knig Louis Philipp und den Galerien von
Versailles hatte wetteifern wollen. An den kostbaren Rahmen waren
kleine Tfelchen angebracht, die auf goldenem Grund schwarze
Aufschriften trugen. Sie lauteten: "Rubens, Tanz der Faune und
Nymphen."--"Rembrandt, Inneres eines Anatomiesaales.--Dr. Tromp mit
seinen Schlern." Die Galerie wurde durch Lampen erhellt, die besondere
Beleuchtungseffekte erzielen sollten. Sie enthielt hundertfnfzig alte,
verstaubte Gemlde. Vor einigen hingen grne Vorhnge, die man in
Gegenwart der jungen Leute geschlossen lie. Der Knstler stand da, die
Arme verschrnkt und mit offenem Munde; er war sprachlos: in dieser
Galerie fand er die Hlfte seiner eigenen Bilder wieder. Rubens, Paul
Potter, Mieris, Gerard Dou,--zwanzig der grten Meister waren Werke
seiner Hand.

"Mein Gott! Was fehlt Ihnen? Wie bleich Sie geworden sind! Schnell ein
Glas Wasser, Kind!" rief Mutter Vervelle. Der Maler zog Papa Vervelle
am Rockknopf in einen Winkel der Galerie, unter dem Vorwand, einen
Murillo betrachten zu wollen; die Bilder der Spanier waren damals in
Mode. "Sagen Sie, haben Sie diese Gemlde bei Elias Magus erstanden?"
--"Ja, lauter Originale!"

"Unter uns gesagt, zu welchem Preise hat er Ihnen diejenigen verkauft,
die ich Ihnen jetzt bezeichnen werde?" Sie machten nebeneinander einen
Rundgang durch den Raum. Die Gste waren entzckt davon, mit welchem
Ernst der Knstler sich an der Seite seines Gastgebers dem Studium der
Meisterwerke hingab. "Dreitausend Francs!" sagte Vervelle mit
flsternder Stimme, als sie vor dem letzten Bilde angelangt waren,
"aber ich gab ihm viertausend dafr."--"Einen Tizian fr viertausend
Francs?" sagte der Maler mit erhobener Stimme; "aber das wre ja
geschenkt!"--"Wie ich Ihnen sagte. Ich besitze hier fr zusammen
hunderttausend Taler Bilder!" rief Vervelle.

"Alle diese Bilder habe ich gemalt," sagte Pierre Grassou ihm ins Ohr,
"und ich habe fr alle zusammen nicht mehr als zehntausend Francs
bekommen." "Beweisen Sie mir das," sagte der Flaschenhndler, "und ich
werde die Mitgift meiner Tochter verdoppeln, denn dann sind Sie ja
Rubens, Rembrandt, Terborch, Tizian in einer Person!"

"Und unser Magus ist ein hchst talentierter Bilderhndler!" meinte der
Maler, der nun endlich begriff, warum seine Bilder im Laden des Elias
ein so merkwrdiges Aussehen bekamen und weshalb der Alte immer so
sonderbare Motive von ihm verlangt hatte.

Wollte man nun annehmen, da Herr von Fougres--auf diesen Namen
bestand seine Familie--bei seinen Bewunderern an Hochachtung eingebt
htte, so irrte man darin. Sein Ansehen stieg ber alles Ma. Die
Portrts der Familie Vervelle fhrte der Glckliche aber nun
unentgeltlich aus und brachte sie seinem Schwiegervater, seiner
Schwiegermutter und seiner jungen Gattin als Geschenk dar.... Pierre
Grassou, der heute bei keiner Ausstellung fehlt, gilt in der Welt der
Kleinbrger als ein guter Portrtmaler. Er hat ein Einkommen von
zwlfhundert Francs im Jahre und bekleckst fr fnfhundert Francs
Leinwand. Seine Frau hat eine jhrliche Rente von sechstausend Francs
als Mitgift bekommen und die Eheleute wohnen im Hause der Schwieger-
eltern. Die Vervelles und die Grassous verstehen sich ganz ausgezeichnet
miteinander; sie halten sich eine gemeinsame Equipage und sind die
glcklichsten Menschen von der Welt. Wo Pierre Grassou in brgerlicher
Sphre eine Gesellschaft besucht, wird er als der grte Knstler seiner
Zeit gefeiert. Von der Barrire du Trne bis zur Rue du Temple wird kein
Familienbild in Auftrag gegeben, das nicht dieser groe Maler ausfhrt
und sich mit mindestens fnfhundert Francs bezahlen lt. Fragt man die
Brger, warum sie gerade ihm den Vorzug geben, so antworten sie: "Man
mag sagen, was man will, er ist ein Mann, der im Jahre seine zwanzig-
tausend Francs zum Notar bringt!"

Da Grassou sich bei den Aufstnden am 12 Mai trefflich gehalten hatte,
wurde er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Er ist Bataillonschef
der Nationalgarde. Es blieb nicht aus, da das Museum von Versailles
einem so ausgezeichneten Staatsbrger ein Schlachtengemlde in Auftrag
gab. Fougres trug seine Freude vor ganz Paris zur Schau und erzhlte
seinen ehemaligen Kameraden, die ihm begegneten, mit gleichgltiger
Miene: "Der Knig hat ein Schlachtengemlde bei mir bestellt."

Frau von Fougres, die ihren Gatten mit zwei Kindern beschenkt hat,
betet ihn an. Ein ausgezeichneter Gatte und guter Vater ist dieser
Maler, aber er kann nicht den schmerzlichen Gedanken verwinden, da die
Knstler sich ber ihn lustig machen, sein Name in den Ateliers nur als
abschreckendes Beispiel genannt wird, die Presse sich nicht mit seinen
Werken beschftigt. Doch er arbeitet unentwegt weiter und hegt die
Hoffnung, da man ihn in die Akademie aufnehmen werde. Und, ein Akt
herzerfreuender Rache, den berhmten Malern kauft er, wenn sie in
Geldverlegenheit sind, ihre Bilder ab. Auf diese Weise tauscht er die
elenden Schinken der Galerie in Ville d'Avray aus gegen wirkliche
Meisterwerke, die nicht von ihm stammen.




DIE BRSE


Es gibt eine kstliche Stunde fr Herzen, die sich leicht ffnen, fr
frische Herzen, die stets jung und zrtlich bleiben, und diese Stunde,
die unbestimmteste und vernderlichste von allen, aus denen ein Tag
besteht, beginnt in dem Augenblick, wo es noch nicht Nacht und nicht
mehr Tag ist. Die Abenddmmerung wirft ihre matten Frbungen und
wunderlichen Beleuchtungen auf alle Gegenstnde, und se Trumereien
entstehen dann, whrend Licht und Dunkelheit miteinander kmpfen. Das
Schweigen, das fast stets whrend dieses an Inspirationen reichen
Augenblickes herrscht, macht ihn besonders den Dichtern, Malern und
Bildhauern teuer. Sie sammeln sich, treten ein wenig von ihren Werken
zurck, und da sie nicht mehr daran arbeiten knnen, so beurteilen sie
sie und berauschen sich mit Wonne an ihren Schpfungen, deren ganze
Schnheit sich vor dem inneren Auge ihres Genius entfaltet.

Derjenige, der noch nie whrend dieses Augenblicks in poetische
Trumereien versunken neben einem Freunde sa, wird nur schwer die
unnennbaren Wohltaten desselben begreifen. Infolge des Halbdunkels
verschwindet der materielle Trug, den die Kunst anwendet, um an die
Wirklichkeit des Lebens glauben zu machen. Der Schatten wird dann
Schatten, Licht ist Licht, das Fleisch wird lebendig, die Augen
leuchten, Blut fliet durch die Adern und die Gewnder der gemalten
Figuren scheinen zu rauschen. Die Einbildungskraft kommt auf wundersame
Weise zu Hilfe, um an die Natrlichkeit der Einzelheiten glauben zu
machen; man sieht nur noch die Schnheit des Werks, und wenn es sich um
ein Gemlde handelt, so scheint es uns, als ob die dargestellten
Personen redeten und sich bewegten.

Despotisch herrscht in dieser Stunde die Illusion; sie erhebt sich mit
der Nacht. Und ist sie fr den Verstand nicht eine Art von Nacht, an
die wir so gern glauben? Die Illusion hat dann Schwingen, sie fhrt den
Geist in die Welt der Phantasien, in eine Welt, die fruchtbar an
wollstigen Launen ist, und in welcher der Knstler ganz und gar die
wirkliche Welt vergit, die Vergangenheit, die Zukunft, sogar sein
Elend.

In dieser magischen Stunde war es, als ein junger Maler, ein
talentvoller Mann, der in der Kunst nur die Kunst selbst erblickte, die
Doppelleiter bestiegen hatte, deren er sich bediente, um ein groes und
hohes Gemlde zu entwerfen, das bereits zu einem groen Teile vollendet
war. Er beurteilte sich jetzt selbst, bewunderte sich aufrichtig,
berlie sich dem Strome seiner Gedanken und versank in eine jener
Ueberlegungen, die das Herz entzcken und erheben, die ihm schmeicheln
und es trsten. Seine Trumerei dauerte ohne Zweifel lange Zeit; die
Nacht erschien, und sei es nun, da er von seiner Leiter herabsteigen
wollte, sei es, da er eine unvorsichtige Bewegung machte, indem er
sich auf ebener Erde glaubte, denn das Ereignis erlaubte ihm nicht,
sich genau an die Ursachen seines Unglcks zu erinnern.... Er fiel.

Sein Kopf schlug gegen einen Sessel, so da er das Bewutsein verlor
und eine Zeit lang regungslos liegen blieb. Wie lange er in diesem
bewutlosen Zustande verblieb, konnte er selbst nicht angeben. Eine
sanfte Stimme erweckte ihn aus der Betubung, in die er versunken war.
Als er die Augen aufschlug, drang ein so lebhaftes Licht durch die
Lider, da er sie sogleich wieder schlieen mute. Nun vernahm er durch
den Schleier hindurch, der seine Sinne gewissermaen umhllte, das
Gesprch zweier weiblichen Personen, und fhlte jugendliche schchterne
Hnde sein Haupt betasten. Als er dann sein Bewutsein vollkommen
wiedergewonnen, vermochte er beim Schein einer altmodischen Lampe das
wonnigste Kpfchen eines jungen Mdchens zu unterscheiden, das er je
gesehen hatte, einen von jenen Kpfen, die man oft fr eine Laune des
Pinsels halten mchte, der aber fr ihn sein schnes Ideal pltzlich
verwirklichte, denn jeder Knstler hat ein Ideal, und daher eben
entspringt sein Talent.

Das Antlitz der Unbekannten gehrte gewissermaen zu dem feinen und
zarten Typus der Schule von Prudhon und besa berdies jene
phantastische Poesie, mit der Girodet seine Gestalten bekleidet hat.
Die Frische der Schlfen, die Regelmigkeit der Brauen, die Reinheit
der Linien, die in allen Zgen dieser Physiognomie krftig ausgeprgte
Jungfrulichkeit machten gewissermaen eine vollendete Schpfung aus
dem jungen Mdchen. Es hatte einen schlanken und geschmeidigen Wuchs,
hatte zarte Formen. Die einfache und saubere Kleidung deutete weder auf
Reichtum noch auf Armut.

Als der junge Maler die Besinnung wiedererlangt hatte, drckte er seine
Bewunderung durch einen Blick der berraschung aus und stotterte
verlegene Worte des Dankes. Er fand seine Stirn mit einem Taschentuch
umwunden und erkannte trotz des Geruchs, der den Malerwerksttten eigen
ist, den starken Duft des thers, der ohne Zweifel angewandt war, um
ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken. Dann bemerkte er endlich auch noch
eine alte Dame, die den Marquisen des Ancien Regime glich, die eine
Lampe hielt und der jungen Dame Ratschlge gab.

"Mein Herr," antwortete das junge Mdchen auf eine der Fragen, die der
Maler an sie richtete, whrend seine Gedanken noch von dem Falle
verwirrt waren, "meine Mutter und ich, wir hrten den dumpfen Fall
eines Krpers in Ihrem Zimmer und glaubten darauf, ein Seufzen zu
unterscheiden; die schreckliche Stille, die darauf folgte, veranlate
uns, zu Ihnen herauf zu eilen. Wir fanden den Schlssel in der Tr und
erlaubten uns, einzutreten, worauf wir Sie bewegungslos auf der Erde
liegen sahen. Im ersten Augenblick frchteten wir fr ihr Leben. Meine
Mutter holte sogleich alles, was fr eine Kompresse und zu Ihrer
Wiederbelebung ntig war. Sie sind an der Stirn verletzt ... hier ...
fhlen Sie's?"

"Ja ... jetzt ..." sagte er.

"O! es hat nichts zu sagen ..." versetzte die alte Mutter. "Ihr Kopf
ist zum Glck auf die Gliederpuppe gefallen."

"Ich fhle mich schon wieder besser," antwortete der Maler, "und bedarf
nur eines Wagens, um nach meiner Wohnung zurckzukehren. Die
Trschlieerin wird mir einen besorgen...."

Er wollte seinen Dank gegen die beiden Unbekannten wiederholen, wurde
aber bei jedem Worte von der alten Dame unterbrochen, die zu ihm sagte:
"Mein Herr, vergessen Sie nicht, morgen Blutegel anzusetzen oder sich
schrpfen zu lassen.... Trinken Sie einige Tassen Arnikatee...."

Das junge Mdchen schwieg. Es betrachtete auf verstohlene Weise den
Maler und die Gemlde der Werksttte; in seiner Haltung und seinen
Blicken lag eine vollkommene Schicklichkeit. Seine Neugierde glich nur
der Zerstreuung, und seine Augen schienen jenen Anteil auszudrcken,
den das weibliche Geschlecht an jedem Unglcklichen nimmt. Die beiden
Unbekannten schienen die Werke des Malers zu vergessen, whrend sie in
Gegenwart des leidenden Malers waren, und als er sie hinsichtlich
seiner Lage ermutigt hatte, gingen sie, indem sie sich nach manchem
noch mit einer sanften Besorgnis erkundigten, die jedoch fern von jeder
Vertraulichkeit blieb. Sie richteten keine unbescheidenen Fragen an ihn
und suchten nicht, in ihm den Wunsch zu erwecken, seine Retterinnen
kennen zu lernen. In allen ihren Handlungen lag eine seltene
Natrlichkeit, ein guter Geschmack, und wenn auch ihr edles und
einfaches Benehmen fr den Augenblick wenig Wirkung auf den Maler
hervorbrachte, so berraschte es ihn doch lebhaft, als er sich
hinterher die Einzelheiten dieses Auftritts in sein Gedchtnis
zurckrief.

Als die alte Dame in das Stockwerk hinabgestiegen war, das sich unter
der Werksttte des Malers befand, sagte sie mit sanfter Stimme:
"Adelaide, Du hast die Tr offen gelassen."

"Um mir zu Hilfe zu kommen!" antwortete der Maler mit einem Lcheln des
Danks.

"Meine Mutter! Sie sind zuletzt unten gewesen!..." entgegnete das junge
Mdchen errtend.

"Sollen wir Sie hinunter begleiten?..." fragte die Mutter den Maler,
"die Treppe ist sehr dunkel!"

"Ich danke Ihnen, meine Damen ... ich fhle mich vollkommen besser."

"Halten Sie sich ja an dem Gelnder fest!"

Die beiden Damen blieben auf dem Absatz der Treppe stehen, leuchteten
dem jungen Manne und lauschten auf das Gerusch seiner Schritte.

Um zu begreifen, wie berraschend und unerwartet dieser ganze Auftritt
fr den Maler sein mute, drfen wir nur bemerken, da er erst seit
wenigen Tagen seine Werkstatt in einen Dachraum dieses Hauses verlegt
hatte, das in dem dunkelsten, engsten und kotigsten Teile der Rue de
Sursne lag, unweit der Magdalenenkirche, und ebenfalls unfern seiner
Wohnung, die sich in der Rue des Champs-Elyses befand.

Die Berhmtheit, die ihm sein Talent erworben und aus ihm einen der
beliebtesten Knstler gemacht hatte, lie ihn seine frhere Armut
vergessen und so kannte er die Not allmhlich nicht mehr. Statt daher
fern in einer jener entlegenen Werksttten in der Nhe der Barriren zu
arbeiten, deren mige Miete vordem im Verhltnis zu der Migkeit
seines Verdienstes stand, hatte er einem Wunsche gengt, der mit jedem
Tage bei ihm wach geworden war, und die nher gelegene Werkstatt
gemietet, die ihm weitere Wege ersparte und somit einen Verlust der
Zeit, die fr ihn jetzt kostbarer geworden war als je. Niemand in der
Welt wrde mehr Teilnahme eingeflt haben, als Hippolyt Schinner, wenn
er sich dazu htte verstehen knnen, sich zu erkennen zu geben; allein
er offenbarte nicht gern die Geheimnisse seines Lebens.

Er war der Abgott einer armen Mutter, die sich selbst die hrtesten
Entbehrungen aufgelegt hatte, um ihn erziehen zu knnen. Jungfer
Schinner, die Tochter eines Bauern im Elsa, war nie verheiratet
gewesen. Ihr empfindsames Herz war grausam geknickt durch einen reichen
Mann, der in der Liebe nicht sehr zartfhlend war. Der Tag, an dem sie
als junges Mdchen und in dem ganzen Glanze ihrer Schnheit auf Kosten
ihres Herzens und ihrer schnsten Illusion jene Entzauberung erlitt,
die uns so langsam erreicht und doch auch so schnell, da wir stets erst
so spt als mglich an das Bse glauben wollen, wie uns das Bse immer
noch zu schnell zu kommen scheint, jener Tag war demnach fr sie ein
ganzes Jahrhundert des Nachdenkens, sowie zugleich der Tag der frommen
Gedanken und der Entsagung. Sie verschmhte die Almosen dessen, der sie
betrogen hatte, entsagte der Welt und machte sich einen Ruhm aus ihrem
Fehltritt. Sie widmete sich ganz und gar nur der mtterlichen Liebe und
verlangte von dieser, whrend sie allen weltlichen Genssen entsagte,
die geheimen Wonnen eines ruhigen und ungekannten Lebens. Sie lebte von
ihrer Arbeit und hufte sich einen Schatz auf in ihrem Sohne. Ein Tag,
eine Stunde vergalt ihr daher spter die langen und langsamen Opfer
ihrer Armut. Bei der letzten Ausstellung hatte ihr Sohn, Hippolyt
Schinner, das Kreuz der Ehrenlegion erhalten, und die Zeitungen, die
einmtig das unbekannte Talent feierten, ergingen sich noch immer in
aufrichtigen Lobsprchen. Die Knstler selbst erkannten in Schinner
einen Meister, und seine Gemlde wurden mit Gold aufgewogen. In seinem
fnfundzwanzigsten Jahre hatte Hippolyt Schinner, dem seine Mutter eine
weibliche Seele, eine groe Zartheit der Organe und unendliche
Reichtmer des Herzens vererbt hatte, besser denn je seine Stellung in
der Welt erkannt. Er wollte seiner Mutter alle die Freuden erstatten,
deren sie so lange Zeit entbehrte, lebte daher nur fr sie und hoffte,
durch seinen Ruhm und seinen Reichtum auch sie glcklich, reich und
angesehen zu machen.

Schinner hatte seine Freunde unter den achtenswertesten und
ausgezeichnetsten Mnnern gewhlt; er war peinlich in der Wahl seiner
Bekannten und wollte durch diese seine Stellung noch mehr erhhen, die
ohnedies schon durch sein Talent eine hohe war. Die hartnckige Arbeit,
der er sich von seiner Jugend an weihte, hatte ihm den schnen Glauben
erhalten, der die ersten Tage des Lebens schmckt, indem sie ihn zwang,
in der Einsamkeit zu bleiben, bei dieser Mutter der groen Gedanken.
Sein reifender Geist verkannte das tausendfltige Schamgefhl nicht,
das aus einem junge Manne ein besonderes Wesen macht, dessen Herz reich
ist an Glckseligkeiten, an Poesien und jungfrulichen Hoffnungen, ein
Wesen, das schwach erscheint in den Augen stumpfsinniger Menschen, aber
tief ist, weil es einfach ist. Er besa jenes sanfte und hfliche
Benehmen, das die Herzen gewinnt und selbst die bezaubert, von denen es
nicht begriffen wird. Er war schn gewachsen und seine Stimme hatte
einen silberreinen Ton. Sah man ihn, so fhlte man sich zu ihm
hingezogen durch eine jener moralischen Anziehungskrfte, die unsere
allwissenden Psychologen glcklicherweise noch nicht zu erklren
verstehen; sie htten in derselben vielleicht eine Erscheinung des
Galvanismus erkannt oder das Spiel irgend eines Fluidums; denn wir
mchten ja jetzt selbst unsere Gefhle durch elektrische oder
magnetische Strmungen erklren. Diese Einzelheiten machen vielleicht
den Mnnern von khnem Charakter mit wohlbestellten Halsbinden
begreiflich, warum Hippolyt Schinner nicht eine Frage inbezug auf die
beiden Damen, deren gutes Herz er kennen gelernt hatte, an die
Trsteherin richtete, whrend der Mann derselben nach dem Ende der Rue
de la Madelaine geeilt war, um einen Wagen zu holen. Obgleich er nur
mit Ja und Nein auf die bei einer solchen Gelegenheit natrlichen
Fragen antwortete, die die Trsteherin im Hinblick auf seinen Unfall
und auf die Hilfeleistung der Mieterinnen im vierten Stock an ihn
richtete, so konnte er dieselbe doch nicht verhindern, dem Instinkt der
Trsteher zu folgen, und sie erzhlte ihm nun nach ihrer Weise, was sie
von den beiden Unbekannten wute.

"Ach!" sagte sie, "das ist ohne Zweifel Frulein Leseigneur mit ihrer
Mutter gewesen! Sie wohnen hier seit vier Jahren und wir wissen immer
noch nicht, was sie treiben. Nur des Morgens, bis Mittag etwa,
erscheint eine alte Aufwrterin, die halb taub ist und stumm wie eine
Wand, um sie zu bedienen; abends kommen dann zwei oder drei alte
Herren, die ebenfalls Orden tragen, wie Sie, mein Herr. Der eine hat
eine Kutsche, Bediente und gegen fnfzigtausend Livres Rente. Oft
bleiben die alten Herren bis spt in die Nacht. brigens sind sie recht
ruhige Mietleute, wie Sie, mein Herr; aber sparsam; o, ich sage Ihnen,
sie leben gleichsam von Nichts!... Wenn ein Brief kommt, so bezahlen
sie ihn auf der Stelle. Wunderlich ist es, mein Herr, da die Mutter
anders heit als die Tochter.... Ach! wenn sie in die Tuilerien gehen,
so berstrahlt das Frulein alle andern jungen Damen, die jungen Herren
laufen ihr bis vor das Haus nach, sie aber schlgt ihnen die Tr vor
der Nase zu. Na, der Hauseigentmer wrde aber auch nicht dulden...."

Der Wagen war jetzt angekommen; Hippolyt hrte nicht weiter auf die
alte Schwtzerin, sondern fuhr sogleich nach Hause. Seine Mutter, der
er seinen Unglcksfall erzhlte, verband nochmals die Wunde an der
Stirn und erlaubte ihm am folgenden Tage nicht, in seine Werkstatt zu
gehen. Sie rief einen Arzt herbei; verschiedene Vorschriften wurden von
demselben gegeben und Hippolyt blieb zwei Tage zu Hause. Whrenddessen
rief ihm seine unbeschftigte Einbildungskraft die Einzelheiten des
Auftrittes ins Gedchtnis zurck, der sich nach seiner Ohnmacht vor
seinen Augen zugetragen hatte. Die Zge des jungen Mdchens schwebten
dabei hufig an seinen Blicken vorber und dann sah er das gewelkte
Antlitz der Mutter, oder fhlte noch Adelaidens sanfte Hnde. Manchmal
erinnerte er sich an eine Bewegung oder einen Blick des Mdchens, das
er anfangs unbeachtet gelassen hatte, deren Erinnerung ihm aber jetzt
eine seltene Anmut enthllte; ein andermal erinnerte er sich an eine
Stellung oder an den Klang ihrer melodischen Stimme; die Erinnerung
verschnerte die geringsten Zuflligkeiten aus diesem Abschnitt seines
Lebens. Als er am dritten Tage frhzeitig nach seiner Werkstatt eilte,
waren nicht seine begonnenen Gemlde, sondern der Besuch, den er bei
seinen Nachbarinnen abstatten mute, der wahre Grund seiner Eile. In
dem Augenblicke, in dem sich eine Liebe aus ihrem Keime entwickelt,
werden wir von unerklrlichen Wonnen ergriffen. Das wissen alle, die je
geliebt haben. Mancher Leser wird daher begreifen, weshalb der Maler so
langsam die Stufen zum vierten Stock hinanstieg, weshalb sein Herz so
schnell und heftig schlug, als er die braune Tr der bescheidenen
Wohnung erblickte, in der er Frulein Leseigneur wute. Dieses Mdchen,
das den Namen seiner Mutter nicht fhrte, hatte tausend Sympathien in
dem Herzen des jungen Malers erweckt. Er glaubte, eine hnlichkeit
zwischen ihrer Lage und der seinigen zu finden, und stattete sie mit
allen Leiden seins eigenen Ursprungs aus. Er arbeitet und berlie sich
dabei wonnigen Gedanken der Liebe, machte in einer Absicht, die er sich
selbst nicht besonders zu erklren wute, viel Gerusch, gleichsam als
wolle er die beiden Damen dadurch zwingen, ebenso an ihn zu denken, wie
er an sie dachte. Er blieb sehr lange in seiner Werkstatt, speiste dort
und begab sich dann gegen sieben Uhr zu seinen Nachbarinnen.

Selten haben uns die Sittenschilderer durch ihre Erzhlungen oder
Schriften in das wahrhaft merkwrdige Innere eines gewissen Pariser
Daseins eingeweiht, in das Geheimnis jener Wohnungen nmlich, aus denen
so elegante Toiletten, so strahlende Damen hervorgehen, die, reich nach
auen, zuhause allenthalben die Zeichen eines zweifelhaften Vermgens
erblicken lassen. Wenn wir hier das Gemlde einer solchen Huslichkeit
mit raschen Pinselstrichen entwerfen, so beschuldige man die Erzhlung
nicht etwa der Breite; denn diese Beschreibung bildet gewissermaen ein
wichtiges Glied der Erzhlung. Der Anblick der Wohnung, die die beiden
Damen innehatten, erzeugte einen bedeutenden Einflu auf Hippolyt
Schinners Gefhle und Hoffnungen. Zunchst zwingt uns die
geschichtliche Wahrheit zu dem Bekenntnis, da der Besitzer des Hauses
zu jenen Leuten gehrte, die einen tiefen Abscheu gegen alle
Ausbesserungen und Verschnerungen hegen, zu jenen Mnnern, die ihre
Stellung als Pariser Hauseigentmer gleichsam als einen Stand
betrachten, der in der groen Kette der moralischen Spezies zwischen
den Geizhlsen und Wucherern die gerechte Mitte einnimmt. Optimisten
durch Berechnung, sind sie smtlich dem System des Status quo des Herrn
von Metternich treu. Spricht man davon, eine Tr, irgend eine
Bekleidung sei zu verndern oder auch nur die notwendigste Ausbesserung
vorzunehmen, so beginnen ihre Augen sich zu trben, ihre Galle kommt in
Aufregung und sie bumen sich, gleich erschreckten Pferden. Hat der
Wind einige Ziegeln von ihren Dchern herabgeworfen, so werden sie
krank und vermeiden fr einige Zeit den Besuch des Theaters oder
Bierhauses, um das wieder zu ersparen, was die Ausbesserung kostet.

Hippolyt hatte bei Gelegenheit einiger Ausbesserungen und
Verschnerungen, die in seiner Werkstatt vorzunehmen waren, die
Gratisvorstellung einer komischen Szene von seinem Hauswirte bekommen
und wunderte sich daher nicht ber die schwarzen und fetten Tne, ber
die ligen Frbungen, ber die Flecken und das andere widerwrtige
Zubehr, das sich an dem Holzwerk der Wohnung zeigte. Diese Merkmale
der Armut sind in den Augen eines Knstlers nicht ohne Poesie. Frulein
Leseigneur ffnete selbst die Tr. Als sie den jungen Maler sah,
begrte sie ihn, wandte sich aber mit jener Pariser Gewandtheit und
jener durch den Stolz verliebenen Geistesgegenwart um, die Glastre
eines Verschlages zu schlieen, durch die Hippolyt zum Trocknen
aufgehngte Wsche htte sehen knnen, sowie auch ein altes Gurtenbett,
ein Kohlenbecken, Kohlen, Pltteisen und all jenes Gert, das in
kleinen Wirtschaften stets zur Hand ist. Vorhnge von Musselin, die vor
den Glasscheiben der Tr angebracht waren, verhinderten nun jeden
Einblick in dieses "Kapernaum", wie man jetzt in der Sprache von Paris
solche Arten von Wirtschafts und Vorratskammern nennt; diese hier wurde
durch kleine Fenster erhellt, die auf einen benachbarten Hof fhrten.
Mit jenem grausamen und schnellen Beobachtungsblick, der den Knstlern
eigen ist, erkannte Hippolyt die Bestimmung, die Mbel und den Zustand
dieses ersten Raumes, der in zwei Abteilungen geschieden war. Der
bessere Teil, der zu gleicher Zeit als Vorzimmer und Speisesaal diente,
war mit einer alten, rosenfarbenen Papiertapete beklebt, deren Flecken
und Lcher ziemlich sorgfltig unter Bildern versteckt waren, von deren
Rahmen das Gold lngst geschwunden. In der Mitte dieses Zimmers stand
ein Tisch von altertmlicher Form und mit abgenutzten Rndern. Die
Sthle zeigten einige Spuren verschwundenen Glanzes; allein der rote
Maroquin des Sitzes und die vergoldeten Ngel hatten ebensoviele
Wunden, wie die alten Sergeanten des Kaiserreiches. berdies befanden
sich in diesem Zimmer noch manche Gegenstnde, die man nur in solchen
Wirtschaften antrifft, die man mit Amphibien vergleichen knnte, indem
sie halb an den Glanz und halb an das Elend grenzen. So erblickte
Hippolyt zum Beispiel ein sehr schnes Perspektiv, das ber dem kleinen
grnlichen Spiegel hing, der den Kamin zierte. Um dieses wunderliche
Mobiliar vollstndig zu machen, stand zwischen dem Kamin und dem
Verschlag noch ein schlechtes Buffet, das nach Acajou-art angestrichen
war, obgleich das Acajou von allen Hlzern dasjenige ist, dessen
Nachahmung am wenigsten gelingt. Der rote und glatte Fuboden, die
schlechten kleinen Teppiche, die vor den Sthlen lagen, die Sauberkeit
der Mbel, das alles zeugte jedoch von jener Aufmerksamkeit, die den
Altertmern einen falschen Glanz verleiht, und deren Gebrechlichkeit,
Alter und Abgenutztheit nur noch mehr hervorhebt. Es herrschte in
diesem Zimmer ein unbeschreiblicher Geruch, der notwendig von den
Ausdnstungen des "Kapernaum" in Verbindung mit den Gerchen des
Speisezimmers und der Treppe entstehen mute, abschon ein Fenster halb
geffnet war. Die Luft von der Strae bewegte die Vorhnge von Perkal,
die mit einer solchen Sorgfalt vorgesteckt waren, da sie die
Fensterbekleidung den Blicken entzogen, denn an dieser hatten alle
frheren Bewohner des Zimmers durch verschiedene Inkrustationen,
gewissermaen husliche Freskogemlde, Beweise ihres Daseins
zurckgelassen.

Adelaide ffnete rasch die Tr des anderen Zimmers und fhrte den Maler
mit einer gewissen Freude hinein. Hippolyt hatte einst bei seiner
Mutter dieselben Zeichen der Armut kennen gelernt, und als er sie jetzt
mit jener eigentmlichen Lebhaftigkeit, die die ersten Eindrcke
unseres Gedchtnisses charakterisiert, wahrnahm, erschlossen sich ihm
weit mehr als jedem andern die Einzelheiten dieses Lebens. Er erkannte
hier die Dinge seiner Kindheit wieder und empfand weder Verachtung
gegen diese versteckte Armut, noch Stolz auf den Luxus, mit dem er
neuerdings seine Mutter umgeben hatte.--"Nun, mein Herr, ich hoffe, da
Sie die Folgen Ihres Sturzes berwunden haben!..." sagte die alte
Mutter zu ihm, whrend sie sich aus einem altertmlichen Armsessel
erhob, der neben dem Kamin stand, und ihm einen Stuhl herbeizog.
"Vollkommen, meine Dame, und ich komme, Ihnen fr die Sorgfalt, die Sie
mir bewiesen haben, meinen Dank zu sagen, besonders dem Frulein, das
meinen Fall gehrt hat...."

Hippolyt sprach diese Worte mit jener anmutigen Befangenheit aus, die
durch die erste Verwirrung der wahren Liebe hervorgerufen wird, und
blickte zugleich das junge Mdchen an; Adelaide zndete eben eine
Schirmlampe an, um einen groen kupfernen Leuchter entfernen zu knnen,
der bisher gebrannt hatte. Sie verneigte sich leicht und trug dann den
kupfernen Leuchter in das Vorzimmer, stellte die Schirmlampe auf den
Kamin und nahm darauf neben ihrer Mutter, etwas hinter dem Maler,
Platz, um ihn nach Gefallen betrachten zu knnen.

ber dem Kamine befand sich ein groer Spiegel, und da Hippolyt fast
fortwhrend seine Augen nach demselben richtete, um Adelaide darin
ansehen zu knnen, so diente jene kleine Mdchenlist nur dazu, beide
abwechselnd in Verlegenheit zu bringen. Whrend Hippolyt mit Frau
Leseigneur sprach, denn er erteilte auch ihr diesen Namen, prfte er
den Salon, aber auf dezente und verstohlene Weise. Der Herd das Kamins
war voll Asche, und auf den Eisenstben lagen zwei Feuerbrnde, die
kaum noch glimmten. Glcklicherweise lag ein alter und vielfach
geflickter Teppich, der abgenutzt war wie der Rock eines Invaliden, auf
dem Fuboden und machte gegen dessen Klte unempfindlich. Die Wnde
waren mit einer Tapete bekleidet, die gelbe Zeichnungen auf rtlichem
Grunde auswies. In der Mitte der Wand, den Fenstern gegenber, bemerkte
Hippolyt die Spalten einer Tapetentr, die wahrscheinlich nach einem
Alkoven fhrte, in dem Frau Leseigneur schlief. Ein Kanapee war vor
diese geheime Tr gestellt, verhehlte sie aber nur unvollkommen. Dem
Kamine gegenber sah man eine sehr schne Komode von Acajou, deren
Verzierung es weder an Reichtum noch an gutem Geschmack fehlte. Darber
hing ein Bild, das einen hheren Offizier darstellte, doch vermochte
der Maler bei der geringen Beleuchtung die Waffengattung nicht zu
unterscheiden, der jener angehrte. brigens war es auch eine
schreckliche Kleckserei, die mehr chinesischen als Pariser Ursprungs zu
sein schien. Die Vorhnge der Fenster waren von roter Seide, aber
verblichen, wie die berzge der Sthle. Auf dem Marmor der Kommode
stand ein kostbares Tablett von grnem Malachit, das ein Dutzend
bemalter Kaffeetassen trug, und auf dem Kamine eine Pendeluhr, darauf
ein Krieger ein Viergespann fhrte. Die Kerzen der Leuchter, die zu
beiden Seiten der Uhr standen, waren durch den Rauch vergilbt. Die
beiden Ecken des Kaminsimses trugen eine Vase von Porzellan mit einem
Strau knstlicher Blumen, die mit Moos geschmckt und voll Staub
waren. In der Mitte des Zimmers bemerkte Hippolyt einen aufgeklappten
Spieltisch mit neuen Karten.

Fr den Beobachter lag etwas Trostloses in dem Anblick dieses Elends,
das sich hinter einem gewissen Glanz zu verstecken suchte, wie eine
alte Frau hinter den Spitzen der Haube und der Flle falscher Locken
die Runzeln ihres Antlitzes zu verbergen bemht ist. Jeder verstndige
Mann htte sich bei diesem Anblick in einem Dilema befunden: entweder
sind diese beiden Frauen die Rechtschaffenheit selbst, oder sie leben
von Intrigen und vom Spiel. Wenn aber ein junger und unschuldiger Mann,
wie Hippolyt, Adelaide sah, so mute er an die vollkommenste Unschuld
glauben und den Mngeln des Mobiliars die ehrenvollsten Ursachen
unterlegen.

"Meine Tochter," sagte die alte Dame zu dem jungen Mdchen, "mich
friert, heize ein wenig ein und gib mir meinen Schal."

Adelaide ging in eine Kammer, die an das Wohnzimmer stie, und in der
sie ohne Zweifel schlief. Als sie zurckkehrte, bergab sie ihrer
Mutter einen Schal von Kaschmir, der, als er noch neu war, fr eine
Knigin nicht zu schlecht gewesen sein mochte. Hippolyt erinnerte sich
nicht, je so reiche Farben, ein so vollendetes Muster gesehen zu haben,
wie in diesem schnen Gewebe, allein der Schal war nun alt, hatte seine
Frische verloren, war voll geschickt eingesetzter Flicken und
harmonierte vollkommen mit dem brigen Gert. Frau Leseigneur hllte
sich kunstvoll hinein und in einer Art, die bewies, da sie wirklich
friere. Das junge Mdchen eilte darauf schnell in das "Kapernaum" und
kehrte mit einer Hand voll Spne zurck, die sie in den Kamin warf, um
die erloschenen Brnde wieder anzufachen.

Es wrde eine schwierige Aufgabe sein, die Unterhaltung wiederzugeben,
die zwischen den drei Personen stattfand. Geleitet durch jenen Takt,
den man fast stets durch Leiden erlangt, unter denen man von Kindheit
an geseufzt hat, erlaubte sich Hippolyt nicht die geringste Bemerkung
bezglich der Lage seiner beiden Nachbarinnen, whrend er allenthalben
die Kennzeichen einer groen und schlecht verhehlten Drftigkeit
erblickte. Auch die einfachste Frage wrde unbescheiden gewesen sein
und htte nur einem alten Freunde verziehen werden knnen. Dennoch
wurde der Maler sehr von diesem verborgenen Elend gerhrt, sein
edelmtiges Herz litt darunter; aber er wute, da auch das
freundschaftlichste Mitleid beleidigend sein kann, und fand sich daher
durch den Miklang beengt, der zwischen seinen Gedanken und seinen
Worten bestand. Die beiden Damen errieten gar leicht die geheime
Verlegenheit, die durch einen ersten Besuch veranlat wird, vielleicht,
weil sie dieselbe mitfhlen und die Natur ihres Geistes ihnen tausend
Hilfsquellen gewhrt, um jene Verlegenheit aufzuheben. Adelaide und
ihre Mutter fragten den jungen Mann nach dem materiellen Verfahren
seiner Kunst und nach seinen Studien, indem sie ihn allmhlich zum
Sprechen aufzumuntern suchten. Die Nichtigkeit ihrer von Wohlwollen
beseelten Unterhaltung fhrte ohne Zwang dahin, da er Bemerkungen und
Reflexionen machte, die die Beschaffenheit seiner Sitten und seiner
Seele verrieten.

Die alte Dame mochte einmal schn gewesen sein, allein ein geheimer
Kummer hatte ihr Antlitz vor der Zeit welken lassen, so da ihr nur
noch die hervorspringenden Zge, die Umrisse, kurz, das Skelett einer
Physiognomie brig geblieben war, deren Gesamtheit auf eine groe
Feinheit deutete, whrend besonders das Spiel der Augen viel Anmut und
jenen Ausdruck zeigte, der den Damen des alten franzsischen Hofes
eigentmlich ist, und den man durch Worte nicht zu beschreiben vermag.
Allein die Gesamtheit dieser feinen und hervortretenden Zge konnte
ebensogut schlechte Gesinnung verraten, weibliche List und Schlauheit,
selbst einen hohen Grad der Verdorbenheit vermuten lassen, als die
Zartheit einer schnen Seele offenbaren. Der gewhnliche Beobachter
gert vor weiblichen Gesichtern oft in Verlegenheit und wei die
Offenheit von der Verstellung, das Talent der Intrige von der
Herzlichkeit nicht zu unterscheiden. Man mu die fast unmerklichen
Nuancen zu erraten wissen. Es ist bald eine mehr oder weniger gekrmmte
Linie, bald ein mehr oder weniger ausgehhltes Grbchen, eine mehr oder
weniger gewlbte oder hervorspringende Biegung, die man zu wrdigen
suchen mu; die Augen allein knnen uns das entdecken lassen, was ein
jeder zu verstecken sucht, und die Wissenschaft des Beobachters liegt
in der schnellen Wahrnehmungskraft seines Blickes. Es ging demnach mit
dem Antlitz der alten Dame wie mit der Wohnung, die sie innehatte; es
schien ebenso schwierig zu durchblikken, ob dieses Elend Laster berge
oder eine hohe Rechtschaffenheit, sowie es schwierig war, zu erkennen,
ob Adelaidens Mutter eine alte Kokette sei, gewhnt, alles zu erwgen,
alles zu berechnen, alles zu verkaufen, oder ein liebendes und
schwaches Weib, voll Anmut und Zartgefhl. In jenem Alter, in dem
Hippolyt Schinner stand, glaubt man aber am liebsten an das Gute, und
er glaubte daher gewissermaen den angenehmen und bescheidenen Duft der
Tugend einzuatmen, indem er Adelaides Stirn sah und in ihre Augen
blickte, die voll Herz und Geist waren. Whrend der Unterhaltung
ergriff er die Gelegenheit, von den Portrts im allgemeinen zu
sprechen, um dann zu dem schrecklichen Pastellgemlde bergehen zu
knnen, von dem die Farben grtenteils abgefallen waren.

"Sie lieben diese Malerei wohl wegen der hnlichkeit, meine Damen, denn
die Zeichnung selbst ist schauderhaft ..." sagte er mit einem Blick auf
Adelaide.

"Es ist in Kalkutta gemalt, und zwar in groer Eile!" antwortete die
Mutter mit bewegter Stimme. Dann betrachtete sie die formlose Skizze
mit jener tiefen Versunkenheit, die die pltzliche Erinnerung an ein
Glck verrt, das wohltuend fr das Herz gewesen ist, wie der Tau des
Morgens fr die Blumen des Sommers. Zugleich lagen aber in dem
Ausdruck, den die Zge der alten Dame zeigten, die Spuren einer tiefen
Trauer; wenigstens glaubte sich der Maler die Haltung und das Aussehen
seiner Nachbarin so erklren zu mssen. Er setzte sich neben sie und
sagte mit freundschaftlicher Stimme: "Meine Dame, noch kurze Zeit, und
die Farben dieses Pastellbildes werden verschwunden sein. Das Portrt
wird bald nur noch in Ihrer Erinnerung bestehen, und wo Sie geliebte
Zge erblickten, werden andere nichts mehr wahrnehmen knnen. Wollen
Sie mir erlauben, dieses Bild auf die Leinwand zu bertragen? So wird
es dauerhafter sein, als auf Papier.... Gewhren Sie mir, als ihrem
Nachbar, die Gunst, Ihnen diesen Dienst zu leisten. Es gibt Stunden,
whrend deren ein Knstler sich gern von seinen groen Kompositionen
erholt und dagegen eine einfachere Arbeit vornimmt. Es wird eine
Zerstreuung fr mich sein, dieses Bild zu malen."

Die alte Dame wurde lebhaft bewegt durch diese Worte, und Adelaide warf
dem Maler einen jener verstohlenen Blicke zu, in denen sich das ganze
Herz widerzuspiegeln scheint.

Hippolyt wollte auf irgendeine Weise mit seinen beiden Nachbarinnen in
Verbindung treten und das Recht erlangen, an ihrem Leben teilzunehmen.
Das einzige aber, was er tun konnte, war jenes Anerbieten; es
befriedigte seinen Knstlerstolz und hatte nichts Verletzendes fr die
beiden Damen.--Frau Leseigneur nahm das Anerbieten an.

"Es scheint mir," sagte Hippolyt, "als ob die Uniform auf einen
Marineoffizier deutete?"

"Ja," antwortete sie, "es ist die Uniform der Schiffskapitne. Herr von
Rouville, mein Mann, starb in Batavia an den Folgen einer Wunde, die er
in einem Gefecht mit einem englischen Schiffe erhielt, dem er an Asiens
Ksten begegnete. Er befehligte eine Fregatte von sechzig Kanonen,
whrend die Revenge ein Schiff mit sechsundneunzig Kanonen war. Der
Kampf war demnach sehr ungleich, aber Herr von Rouville verteidigte
sich so mutig, da er sich bis zum Eintritt der Nacht halten konnte,
worauf er seinem Feind durch die Flucht entging. Als ich nach
Frankreich zurckkehrte, war Bonaparte nicht mehr im Besitz der Macht,
und man verweigerte mir eine Pension. Als ich abermals um eine solche
nachsuchte, entgegnete mir der Minister mit Hrte, da der Baron von
Rouville noch leben und ohne Zweifel Kontreadmiral sein wrde, wenn er
emigriert wre. Ich htte jene demtigenden Schritte gar nicht getan,
htte ich nicht um meiner armen Adelaide willen sie zu tun mssen
geglaubt, und wre ich nicht von meinen Freunden dazu veranlat worden.
Was mich betrifft, so widerstrebte es mir stets, meine Hand
auszustrecken und mich dabei auf einen Schmerz zu berufen, der einer
Gattin weder Kraft noch Worte lassen kann. Ich hasse diesen Geldlohn
fr untadelhaft vergossenes Blut...."

"Meine Mutter, diese Erinnerung erschttert Dich...." Nach dieser
Bemerkung ihrer Tochter neigte die Baronin von Rouville ihr Haupt und
schwieg.

"Mein Herr," sagte das junge Mdchen zu Hippolyt, "ich glaubte, die
Arbeiten der Maler seien im allgemeinen wenig geruschvoll.... Sie
scheinen aber...."

Schinner errtete bei diesen Worten und lchelte; Adelaide endete aber
ihre Bemerkung nicht und ersparte ihm eine Lge, indem sie sich bei dem
Rollen einer Kutsche, die vor der Tre anhielt, rasch erhob. Sie ging
in ihre Kammer und kehrte sogleich mit zwei vergoldeten Leuchtern
zurck, deren Kerzen sie schnell anzndete. Die Lampe stellte sie
darauf in das Vorzimmer und ffnete sofort die Tr, ohne erst zu
warten, da die Klingel gezogen werde. Hippolyt hrte darauf einen Ku
empfangen und erwidern, und empfand einen peinlichen Schmerz. Der junge
Mann erwartete mit Ungeduld den zu erblicken, der Adelaide so
vertraulich behandelte; allein die Angekommenen unterhielten sich erst
leise mit dem jungen Mdchen. Das Gesprch kam ihm zu lang vor. Endlich
erschien sie wieder, und ihr folgten zwei Manner, deren Anzug,
Physiognomie und Aussehen eine ganze Geschichte enthielten.

Der erstere mochte etwa sechzig Jahre alt sein und trug eines jener
Kleider, die unter der Regierung Ludwig XVIII. erfunden wurden, und in
denen der Schneider, der die Unsterblichkeit verdiente, das
schwierigste Kleidungsproblem gelst hatte. Dieser Meister verstand
sich gewi auf die Kunst der bergnge, da jene so politisch bewegte
Zeit berhaupt eine Zeit der bergnge war. Jedesmal aber mssen wir
demjenigen ein seltenes Verdienst zuerkennen, der seine Zeit zu
beurteilen versteht. Jenes Gewand, an dessen Schnitt sich noch mancher
in unserer Zeit erinnert, war weder brgerlich noch militrisch, konnte
aber nach dem Bedrfnis abwechselnd fr brgerlich und fr militrisch
gelten. Lilien waren auf die Umschlge der beiden Sche gestickt, die
vergoldeten Knpfe waren gleichfalls mit Lilien geschmckt, und auf den
Schultern erblickte man Knpfe, um die Epauletten zu befestigen. Hose
und Rock des Greises waren von knigsblauem Tuche, und in dem Knopfloch
erblickte man ein Ludwigskreuz. Das entblte Haupt des Greises war
gepudert, und in der Hand trug er einen dreieckigen Hut. brigens
schien er noch so rstig wie ein Fnfziger und sich einer krftigen
Gesundheit zu erfreuen. Seine Zge deuteten gleichzeitig auf den
gesetzten und offenen Charakter der alten Emigranten und auf die freien
und leichten Sitten, auf die heitern und sorglosen Leidenschaften jener
Musketiere, die vordem in den Jahrbchern der Galanterie so berhmt
waren. Seine Bewegungen, sein Benehmen deuteten darauf, da er den
Ansprchen seiner Jugend noch nicht entsagt habe und entschlossen sei,
weder von seinem Royalismus abzulassen, noch von seiner Religion und
seiner Neigung zu Liebeshndeln.

Ihm folgte eine ganz phantastische Gestalt, die man in den Vordergrund
des Gemldes heben mte, um sie richtig zu schildern, die jedoch nur
eine Nebenrolle spielt. Man denke sich eine trockene und hagere Person,
ebenso gekleidet wie ersterer, aber gewissermaen nur als dessen
Widerschein, oder, wenn man lieber will, als dessen Schatten
auftretend. Der Rock, der bei jenem neu war, erschien bei diesem
abgenutzt, der Puder in den Haaren weniger wei, die goldenen Lilien
weniger glnzend, der Verstand schwcher, das Leben dem Endziel nher
gerckt. Kurz, er verwirklichte auf bewundernswrdige Weise Rivarols
witzigen Ausspruch in Bezug auf Champcenetz: "Er ist mein Mondschein!"
Er war nur Doppelgnger des andern, aber bla und arm, und zwischen
beiden war ein Unterschied, wie zwischen dem ersten und dem letzten
Abzuge einer Lithographie. Dieser stumme Greis war ein Geheimnis fr
den Maler und blieb auch ein solches, denn er sprach nicht und niemand
sprach von ihm. War er ein Freund, ein armer Verwandter, ein Mann, der
bei dem alten Stutzer blieb, wie ein Gesellschaftsfrulein bei einer
alten Dame? War er ein Mittelding zwischen Hund, Papagei und Freund?
Hatte er das Vermgen oder auch nur das Leben seines Wohltters
gerettet? War er der Trim eines neuen Kapitn Toby? An anderen Orten,
als bei der Baronin von Rouville erregte er stets Neugierde, ohne sie
je zu befriedigen.

Der Mann, der von den beiden Ruinen am besten erhalten war, ging
hflich auf die Baronin von Rouville zu, kte ihre Hand und setzte
sich an ihre Seite; der andere begrte dieselbe und setzte sich dann
neben sein Vorbild. Adelaide sttzte ihre Ellenbogen auf die
Rckenlehne des Stuhles, den der alte Edelmann eingenommen hatte, und
ahmte so, ohne es zu wissen, die Stellung nach, die Gurin auf seinem
berhmten Gemlde der Schwester Dido's gegeben hat. Die Vertraulichkeit
des Edelmanns war die eines Bruders, und er nahm sich gewisse
Freiheiten gegen Adelaide heraus, die dem jungen Mdchen fr den
Augenblick zu mifallen schienen.

"Nun, Du schmollst wohl mit mir?" fragte er.

Dann warf er whrend seines weiteren Gesprchs auf Hippolyt Schinner
jene schlauen und feinen Seitenblicke, die echt diplomatische Blicke
sind, und deren Ausdruck stets eine kluge Besorgnis verrt.

"Sie sehen hier unsern Nachbarn," sagte die alte Dame, indem sie auf
Hippolyt Schinner deutete. "Der Herr ist ein bekannter Maler, dessen
Namen Ihnen trotz Ihrer Gleichgltigkeit gegen die Knste bekannt sein
mu."

Der Edelmann erkannte die Bosheit seiner alten Freundin darin, da sie
den Namen verschwieg, und begrte den jungen Mann.

"Gewi!" sagte er, "ich habe schon viel von Ihren Gemlden sprechen
gehrt.... Das Talent hat schne Vorrechte, mein Herr," fuhr er dann
fort, whrend er auf Hippolyts rotes Band blickte, "und diese
Auszeichnung, die wir durch unser Blut und lange Dienstzeit erwerben
mssen, erlangen Sie schon in der Jugend.... Allein die Arten des Ruhms
sind Schwestern." Der Edelmann fate dabei an sein Kreuz des heiligen
Ludwig.

Hippolyt stotterte einige Worte des Danks und schwieg dann wieder,
indem er sich begngte, mit einer stets wachsenden Begeisterung den
schnen jungfrulichen Kopf zu betrachten, der ihn entzckte. Bald
versenkte er sich ganz und gar in diese Betrachtung und verga das
tiefe Elend, das durch die Wohnung angedeutet wurde, denn fr ihn war
Adelaides Antlitz von einer leuchtenden Atmosphre umgeben. Er
antwortete kurz auf die Fragen, die an ihn gerichtet wurden und die er
glcklicherweise hrte, denn es ist eine eigentmliche Fhigkeit
unseres Geistes, da er sich bisweilen gewissermaen verdoppeln kann.
Wem ist es nicht schon vorgekommen, da er in ein angenehmes oder
trauriges Nachdenken versunken, die Stimme seines Innern hrte und doch
zu gleicher Zeit an einer Unterhaltung teilnahm oder ein Buch las? Es
ist das ein wundersamer Dualismus, der oft dazu beitrgt, da wir die
Langweiligen mit mehr Geduld ertragen. Seine Hoffnung erfllte ihn mit
tausend Gedanken an das Glck, und er wollte nichts beobachten, was ihn
umgab, denn er hatte noch ein kindliches und vertrauensvolles Herz.

Nach Verlauf einiger Zeit bemerkte er, da die alte Dame und ihre
Tochter mit dem alten Edelmann spielten. Der Trabant des Letzteren
blieb seinem Stande als Schatten treu, stand hinter seinem Freunde,
betrachtete dessen Spiel und antwortete auf die stummen Fragen, die der
Spieler an ihn richtete, durch billigende Winke, die nur eine
Wiederholung der fragenden Bewegung seiner doppelgngerischen
Verkrperung waren.

"Ich verliere immer...!" sagte der Edelmann.

"Sie werfen falsch ab...!" anwortete die Baronin von Rouville.

"Seit drei Monaten habe ich Ihnen nicht eine einzige Partie abgewinnen
knnen..." sagte er.

"Haben Sie die A?" fragte die alte Dame.

"Ja," antwortete er.

"Soll ich Ihnen einen Rat geben?" fragte Adelaide.

"Nein, nein...! Bleib mir gegenber! Palsambleu! Ich verlre zu viel,
wenn ich dich nicht mehr vor mir she."

Endlich war das Spiel beendet, der Edelmann zog seine Brse und warf
zwei Louisdor auf den Tisch, whrend er nicht ohne einigen Unwillen
sagte: "Vierzig Franken! Gerade zwei Louis...! Ha! Teufel! Es ist elf
Uhr...!" "Es ist elf Uhr...!" wiederholte die stumme Person mit einem
Blick auf Hippolyt Schinner.

Der junge Mann hrte diese Worte etwas deutlicher als alle brigen und
dachte, da es Zeit sei, sich zu entfernen. Er kehrte nun in die Welt
der gewhnlichen Ideen zurck und fand einige Gemeinpltze, um wieder
das Wort nehmen zu knnen, begrte die Baronin, ihre Tochter, die
beiden Unbekannten und ging, whrend er nur an das erste Glck der
wahren Liebe dachte, ohne da er sich die kleinen Ereignisse zu
erklren suchte, die whrend dieses Abends unter seinen Augen
vorgegangen waren. Am folgenden Tage fhlte der junge Maler die
heieste Sehnsucht, Adelaide wiederzusehen, und wre er seiner
Leidenschaft gefolgt, so htte er schon um 6 Uhr morgens, als er nach
seiner Werkstatt eilte, seine Nachbarinnen besucht. Er besa indes noch
Vernunft genug, um den Nachmittag zu erwarten; sobald er aber glaubte,
bei Frau von Rouville eintreten zu drfen, eilte er die Treppe hinab,
klingelte unter lautem Herzpochen und bat Frulein Leseigneur, die ihm
die Tr ffnete, schchtern um das Bild des Barons von Rouville,
whrend er errtete, wie ein junges Mdchen.

"Treten Sie doch ein!..." sagte Adelaide zu ihm, die ohne Zweifel
Hippolyt bereits die Treppe von seiner Werkstatt herabkommen gehrt und
ihm entgegengeeilt war. Der Maler folgte ihr, beschmt, auer Fassung,
ohne zu wissen, was er sagen sollte, vollkommen verwirrt durch das
Glck, Adelaide zu sehen, das Rauschen ihres Gewandes zu hren, nachdem
er den ganzen Morgen gewnscht hatte, in ihrer Nhe zu sein, nachdem er
sich hundertmal erhoben hatte, um hinabzueilen.... Das Herz besitzt die
wunderbare Macht, auch den unbedeutendsten Dingen einen auerordentlichen
Wert zu verleihen. Welche Freude ist es nicht fr einen Reisenden, ein
Kraut, ein unbekanntes Blatt zu finden, nachdem er sein ganzes Leben an
eine solche Nachforschung gewagt hat! Ebenso verhlt es sich mit den
Nichtigkeiten in der Liebe!

Die alte Dame war nicht in dem Salon. Als das junge Mdchen mit dem
Maler allein war, brachte es einen Stuhl, um das Bild herabzunehmen;
als es aber bemerkte, da es auf die Kommode treten msse, um das Bild
von dem Nagel abzuhngen, wandte es sich an Hippolyt und sagte
errtend:

"Ich bin nicht gro genug.... Htten Sie vielleicht die Gte?"

Ein Gefhl der Scham, das sich im Ausdruck der Zge und im Ton der
Stimme Adelaidens verriet, war der wahre Grund ihrer Bitte; Hippolyt
begriff sie und warf ihr einen jener verstndigen Blicke zu, die die
seste Sprache der Liebe sind. Adelaide sah, da sie von dem Maler
verstanden sei und schlug daher ihre Augen mit einer Bewegung des
Stolzes nieder, dessen Geheimnis allein die jungen Mdchen besitzen.

Der Maler fand kein Wort zu sagen, war fast eingeschchtert und nahm
das Gemlde herab, um es mit ernsten Blicken am Fenster zu betrachten.
Dann ging er, ohne etwas anderes zu Frulein Leseigneur zu sagen, als:
"Ich werde es Ihnen bald wiederbringen." Beide hatten whrend dieses
flchtigen Augenblicks eine von jenen lebhaften Herzensregungen
gefhlt, deren Wirkung auf den Geist mit jener Bewegung verglichen
werden kann, die ein Stein hervorbringt, den man in einen See wirft,
die sesten Gedanken entstehen und folgen einander, endlos, vielfach,
ohne Ziel, und das Herz, ebenso erregt wie jene kreisfrmigen Wellen,
die sich noch lange auf der Oberflche des Wassers zeigen und smtlich
von dem Punkte ausgehen, wo der Stein hineingeworfen ist.

Hippolyt Schinner kehrte mit dem Bilde in seine Werkstatt zurck. Da
eine Leinwand bereits auf der Staffelei lag, da die Palette bereits
mit Farben bedeckt war, da er die Pinsel gereinigt, zurechtgelegt, und
das richtige Tageslicht gewhlt hatte, brauchen wir wohl nicht erst zu
sagen. Bis zur Essenszeit arbeitete er an dem Bilde mit jenem Eifer,
den die Knstler bei allen ihren Launen beweisen. Abends besuchte er
wieder die Baronin von Rouville und blieb von neun bis elf Uhr; auer
eine Abwechslung in den Gegenstnden der Unterhaltung, glich dieser
Abend in allem dem vorhergehenden. Die beiden alten Herren erschienen
wieder zu derselben Stunde; es wurde abermals Pikett gespielt,
dieselben Redensarten wurden von den Spielern ausgesprochen; selbst die
verlorene Summe war die nmliche; nur war Hippolyt etwas khner und
wagte mit dem jungen Mdchen zu plaudern.

So vergingen acht Tage, whrend deren die Gefhle des Malers und
Adelaidens jene wonnigen und sen Umbildungen erfuhren, durch die die
Herzen zu einem vollkommenen Verstndnis gefhrt werden. Der Blick, mit
dem Adelaide den Maler empfing, wurde von Tag zu Tag inniger,
vertrauensvoller, heiterer und offenherziger, ihre Stimme, ihr Benehmen
nahm etwas Vertrauliches und Inniges an. Beide lachten, plauderten,
teilten sich ihre Gedanken mit und sprachen ber sich selbst mit der
Unschuld zweier Kinder, die in einem Tage mit ihrer Bekanntschaft
soweit gediehen, als htten sie einander seit drei Jahren gekannt.
Hippolyt spielte Pikett, aber wie der Greis verlor auch er fast alle
Partien. Ohne sich noch ihre Liebe gestanden zu haben, wuten die
beiden Liebenden schon, da sie einander angehrten. Hippolyt hatte mit
Glck eine gewisse Macht ber seine schchterne Freundin erlangt und
manche Zugestndnisse waren ihm durch Adelaide gemacht, die furchtsam
und ergeben war, und durch jenes falsche Schmollen getuscht wurde,
dessen Geheimnis auch der am wenigsten gewandte Liebhaber, die
kindlichste Jungfrau besitzt und fortwhrend anwendet, gleich wie
verhtschelte Kinder die Macht mibrauchen, die ihnen die Liebe ihrer
Mtter verleiht. Jene Vertraulichkeit zwischen dem Edelmanne und
Adelaide hrte infolgedessen auf. Das junge Mdchen hatte
natrlicherweise die Traurigkeit des Malers erraten und alle die
Gedanken, die in den Falten seiner Stirn verborgen waren oder sich
verrieten durch den kurzen Ton der wenigen Worte, die er sprach, wenn
der Greis ohne Umstnde Adelaidens Hnde oder Hals kte. Frulein
Leseigneur verlangte auch ihrerseits von ihrem Liebhaber eine strenge
Rechenschaft ber seine geringsten Handlungen. Sie war so unglcklich,
so besorgt, wenn Hippolyt nicht kam; sie verstand so allerliebst zu
zanken, da der Maler seine Freunde nicht mehr besuchte und alle
anderen Gesellschaften vermied. Adelaide lie die dem weiblichen
Geschlecht angeborene Eifersucht durchblicken, als sie erfuhr, da
Hippolyt, wenn er sich um elf Uhr von Frau von Rouville entfernte,
bisweilen noch in den glnzendsten Salons von Paris Besuche abstattete.
Anfangs gab sie vor, da diese Lebensart fr die Gesundheit nachteilig
sei; dann fand sie Gelegenheit, ihm mit jener tiefen berzeugung, der
der Ton, das Benehmen und der Blick einer geliebten Person soviel
Gewalt verleihen, zu sagen, "da ein Mann, der verpflichtet sei,
zwischen so vielen Frauen seine Zeit und die Anmut seines Geistes zu
zersplittern, keiner wahrhaft innigen Zuneigung fhig sei". Nun wurde
Hippolyt sowohl durch den Despotismus der Leidenschaft, wie durch die
Anforderungen des liebenden jungen Mdchens veranlat, nur in dieser
kleinen Wohnung zu leben, in der ihm alles gefiel. Kurz, nie gab es
eine reinere und zugleich heiere Liebe. Von beiden Seiten wurde
dasselbe Zutrauen, dasselbe Zartgefhl gezeigt, so da diese
jungfruliche Leidenschaft ohne jene Opfer sich entwickelte, durch die
sich viele Leute ihre Liebe zu beweisen suchen. Es bestand zwischen
ihnen ein bestndiger Austausch ser Gefhle, und sie wuten nicht,
wer dabei mehr gab oder empfing; eine unwillkrliche Neigung verband
ihre Herzen immer enger. Die Fortschritte dieses wahren Gefhls
geschahen so schnell, da schon zwanzig Tage nach dem Zufall, durch den
Hippolyt seine junge Nachbarin kennen gelernt hatte, ihr beiderseitiges
Leben ein einziges geworden war. Vom frhen Morgen an, wenn das junge
Mdchen die Schritte des Malers hrte, konnte es sagen: "Er ist in
meiner Nhe!" Wenn Hippolyt um die Zeit des Mittagessens zu seiner
Mutter zurckkehrte, so verfehlte er nie, seine Nachbarinnen zu
begren, und des Abends erschien er zu der gewhnlichen Stunde mit
einer Pnktlichkeit, wie sie nur ein Liebhaber zeigen kann. Ein
Mdchen, das die hchsten Anforderungen in der Liebe stellt, htte dem
jungen Maler nicht den geringsten Vorwurf machen knnen. Adelaide geno
daher ein Glck ohne Trbung und ohne Grenzen, als sie das Ideal
verwirklicht sah, das sich jedes junge Mdchen in ihrem Alter trumt.

Der alte Edelmann erschien jetzt weniger oft, und Hippolyt, der nicht
mehr eiferschtig auf ihn war, ersetzte ihn beim Spiel, aber auch mit
stets gleichem Unglck.

Inmitten seines Glcks dachte er jedoch an die unangenehme Lage der
Frau von Rouville, denn er hatte mehr als einen Beweis ihrer Armut
erlangt, und vermochte daher einen unangenehmen Gedanken nicht zu
verbannen; schon fter hatte er beim Gehen gedacht: "Wie! Alle Abend
zwanzig Franken!?..." Er wagte indes nicht, sich einen so hlichen
Verdacht einzugestehen.

Hippolyt verwandte einen ganzen Monat auf die Vollendung des Bildes.
Als es beendet, gefirnit und eingerahmt war, betrachtete er es als
eines seiner besten Werke. Die Baronin von Rouville hatte nicht wieder
mit ihm darber gesprochen. War es Sorglosigkeit oder Stolz? Der Maler
wollte sich dieses Schweigen nicht erklren.

Er kam mit Adelaide dahin berein, da er das Bild whrend der
Abwesenheit der Frau von Rouville an seine Stelle hngen wolle. Es
wurde dazu der achte Juli gewhlt, und whrend eines Spazierganges, den
die Mutter tglich nach den Tuilerien unternahm, begab sich Adelaide
allein und zum ersten Male in Hippolyts Werkstatt, unter dem Vorwand,
das Bild in der gnstigen Beleuchtung zu sehen, in der es vollendet
war. Sie blieb stumm und unbeweglich stehen und versank in eine wonnige
Betrachtung, whrend der alle ihre weiblichen Gefhle in ein einziges
verschmolzen, in die gerechte Bewunderung des geliebten Mannes. Als
sich der Maler, beunruhigt durch dieses Schweigen, vorneigte, um dem
jungen Mdchen ins Gesicht zu schauen, reichte sie ihm die Hand, ohne
ein Wort sagen zu knnen; zwei Trnen rannen aus ihren Augen. Hippolyt
ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Kssen. Einen Augenblick lang
betrachteten sie sich schweigend, wollten sich ihre Liebe gestehen und
wagten es dennoch nicht. Der Maler hatte Adelaidens Hand in der
seinigen behalten und erkannte aus der Gleichheit der Wrme und des
Pulsschlages, da ihre beiden Herzen gleich stark fr einander
schlugen. Das junge Mdchen entfernte sich sanft von Hippolyt und sagte
mit einem kindlichen Blick: "Sie werden meine Mutter sehr glcklich
machen!..."

"Wie? Nur Ihre Mutter?" fragte er.

"Oh!... Ich ... ich bin es schon...."

Der Maler senkte seine Blicke und schwieg, erschreckt durch die
Heftigkeit der Gefhle, die diese Worte in seinem Herzen erweckt
hatten. Beide begriffen die Gefahr dieses Augenblicks und begaben sich
daher hinunter, um das Bild an seinen Platz zu hngen.

Hippolyt speiste zum ersten Mal mit der Baronin und ihrer Tochter. Frau
von Rouville war so gerhrt, da sie dem Maler htte um den Hals fallen
knnen. Abends erschien der alte Emigrierte, der ehemalige Kamerad des
Barons von Rouville, der mit ihm auf brderlichem Fue gelebt hatte,
und meldete seinen beiden Freundinnen, da er zum Kontreadmiral ernannt
sei, da man ihm seine Landfahrten durch Deutschland und Ruland als
ebensoviele im Seedienst verlebte Jahre angerechnet habe. Als er das
Bild sah, drckte er mit Herzlichkeit die Hand des Malers und sagte:
"Meiner Treu! Obgleich mein alter Leichnam nicht der Mhe wert ist, fr
die Nachwelt aufbewahrt zu werden, so wrde ich doch fnfhundert
Louisdor geben, wenn ich mich ebenso getreu dargestellt sehen knnte,
wie mein alter Rouville!"

Bei diesem Vorschlag blickte die Baronin ihren Freund an, lchelte und
lie auf ihrem Antlitz den Ausdruck eines Dankgefhls erscheinen.
Hippolyt glaubte zu erraten, da ihm der alte Admiral den Wert fr
beide Bilder geben wolle, indem er das seinige bezahlte, und
antwortete, weil sich sein Knstlerstolz, sowie auch vielleicht seine
Eifersucht bei diesem Gedanken emprte: "Mein Herr, wenn ich berhaupt
Portrts malte, so wrde ich dieses nicht gemacht haben...."

Der Admiral bi sich auf die Lippen und setzte sich an den Spieltisch.
Hippolyt blieb der Adelaide, die ihm ebenfalls eine Partie vorschlug,
was er auch annahm. Der Maler bemerkte bei Frau von Rouville einen
Eifer fr das Spiel, der ihn berraschte. Nie hatte sie so sehr den
Wunsch gezeigt, zu gewinnen, und sie gewann. Whrend dieses Abends
beunruhigte ein bser Verdacht den Maler, strte sein Glck und flte
ihm Mitrauen ein. Frau von Rouville lebte also vom Spiel. Spielte sie
nicht in diesem Augenblick, um irgend eine Schuld abzutragen oder durch
irgend eine Notwendigkeit gedrngt? Vielleicht hatte sie ihre Miete
noch nicht bezahlt? Der Greis schien brigens schlau genug zu sein, um
sich nicht um nichts und wieder nichts sein Geld abnehmen zu lassen!
Welches Interesse konnte den reichen Mann in dieses arme Haus fhren?
Warum war er ehedem so vertraulich gegen Adelaide, und warum hatte er
so pltzlich den Vertraulichkeiten entsagt, die man sich vielfach von
ihm gefallen lassen mute?--Diese Gedanken kamen ihm unwillkrlich in
den Sinn und veranlaten ihn, mit neuer Aufmerksamkeit den Greis und
die Baronin zu beobachten. Ihre Blicke des Einverstndnisses, die sie
von der Seite auf Adelaide und ihn warfen, mifielen ihm. "Sollte man
mich hintergehen?" dachte Hippolyt, und es war das fr ihn ein
schrecklicher, ein verletzender Gedanke, den er trotzdem nicht
verscheuchen konnte. Um vielleicht eine Gewiheit zu erlangen, blieb er
bis zuletzt. Er hatte hundert Sous verloren und seine Brse gezogen, um
Adelaide zu bezahlen. Doch von seinen peinigenden Gedanken berwltigt,
legte er seine Brse auf den Tisch. Als er aus seinem Nachdenken wieder
erwachte, schmte er sich ber sein Schweigen, dachte aber nicht mehr
an seine Brse, sondern erhob sich, antwortete auf eine gleichgltige
Frage, die Frau von Rouville an ihn richtete, und trat ihr nher, um
beim Sprechen ihre alten Zge besser prfen zu knnen. Von einer
peinigenden Ungewiheit ergriffen, entfernte er sich, doch war er kaum
einige Stufen der Treppe hinabgeeilt, als er sich erinnerte, seine
Brse auf dem Tisch liegen gelassen zu haben, und er kehrte zurck.

"Ich habe meine Brse bei Ihnen vergessen," sagte er zu Adelaide.
--"Nein ..." anwortete sie errtend.

"Ich glaubte sie hier zu finden!" Er zeigte bei diesen Worten auf den
Spieltisch, schmte sich aber im Herzen des jungen Mdchens und der
Baronin, als er seine Brse nicht erblickte, und sah die beiden Frauen
auf eine so verlegene Weise an, da diese lachten. Dann erbleichte er
und sagte: "Ach, nein, ich habe mich getuscht!... Ich habe die Brse."
Er empfahl sich und ging. In einem Abteil der Brse befanden sich
dreihundert Franken in Gold und in dem anderen einige kleine Mnzen.
Der Diebstahl war so klar, auf eine so kecke Weise geleugnet, da
Hippolyt keinen Zweifel ber die Moralitt seiner Nachbarinnen mehr
hegen konnte. Er blieb auf der Treppe stehen, stieg mit Mhe hinab,
seine Beine zitterten, Schwindel ergriff ihn, kalter Schwei trat ihm
auf die Stirn, und er fhlte sich auerstande, zu gehen und die heftige
Aufregung zu ertragen, die der Zusammenbruch aller seiner Hoffnungen in
ihm hervorgerufen hatte.

Er erinnerte sich jetzt einer Menge von Beobachtungen, die anscheinend
geringfgig waren, aber dennoch den schrecklichen Verdacht bestrkten,
der ihn ergriffen hatte, und ihm die Augen inbezug auf den Charakter
und das Leben der beiden Frauen ffnete. Sie hatten also gewartet, bis
das Bild beendet und bergeben war, ehe sie ihm die Brse raubten!?...

Der Diebstahl erschien noch hlicher, indem er sich als ein
berechneter herausstellte. Der Maler erinnerte sich zu seinem Kummer,
da Adelaide schon seit zwei oder drei Abenden mit mdchenhafter
Neugierde die kunstreiche Filetarbeit der abgenutzten seidenen Brse
betrachtet habe; allein wahrscheinlich nur, um sich zu berzeugen,
wieviel Geld in dem Beutel enthalten sei. Die anscheinend unschuldigen
Scherze, die sie dabei machte, bezweckten wahrscheinlich nur, den
Augenblick zu ersphen, wo die Summe gro genug sein wrde, um eines
Diebstahls wert zu sein.--"Der alte Admiral hat vielleicht seine guten
Grnde, Adelaide nicht zu heiraten, und die Baronin wird daher versucht
haben, mich...." Er wollte eine Vermutung aussprechen, unterbrach sich
aber und vollendete seinen Gedanken nicht, da derselbe zudem durch eine
ganz richtige Betrachtung widerlegt wurde. "Wenn die Baronin," dachte
er nmlich, "mich mit ihrer Tochter htte verheiraten wollen, so wrde
man mich nicht bestohlen haben...." Um nicht ganz aus seinen Illusionen
gerissen zu werden, versuchte dann seine Liebe, die bereits so tief
eingewurzelt war, in einem Zufall irgend eine Rechtfertigung zu finden.
"Meine Brse kann auf die Erde gefallen sein," dachte er, "sie kann
vielleicht auf meinem Stuhle liegen geblieben sein. Ich habe sie
vielleicht in meiner Zerstreuung in die Tasche gestickt...." Und er
durchsuchte hastig alle seine Taschen, fand aber nirgends die
verwnschte Brse. Sein grausames Gedchtnis besttigte ihm nur die
betrbende Wahrheit. Er sah deutlich seine Brse auf dem Tische liegen,
zweifelte nicht mehr an dem Diebstahl, entschuldigte aber dennoch
Adelaide, indem er dachte, da man Unglckliche nicht zu schnell
richten drfe, da ohne Zweifel irgend ein Geheimnis dieser dem
Anschein nach ehrlosen Handlung zugrunde liege. Es wollte ihm nicht in
den Sinn, da ein so edles und stolzes Antlitz Lge sein knne. Dennoch
erschien ihm jetzt die armselige Wohnung als vollkommen entblt von
der Poesie der Liebe, die alles verschnert; er sah sie jetzt
schmutzig, verwohnt, und betrachtete sie als die Darstellung eines
Lebens ohne Adel, ohne edle Handlungen, denn unsere Gefhle sind
gewissermaen den Dingen aufgeprgt, die uns umgeben.

Am folgenden Morgen erhob er sich, ohne geschlafen zu haben. Der
Schmerz seines Herzens, diese schwere moralische Krankheit, hatte
furchtbare Fortschritte bei ihm gemacht. Ein getrumtes Glck zu
verlieren, einer ganzen Zukunft zu entsagen, dies ist ein Leiden,
bitterer als jedes andere, das durch den Untergang eines genossenen
Glcks veranlat wird, wie vollkommen dasselbe auch sein mochte. Die
Gedanken, denen sich dann pltzlich unser Geist berlt, gleichen
einem Meer ohne Ufer, in dem unsere Liebe sich zwar einen Augenblick
schwimmend erhalten kann, aber dennoch endlich untergehen und ertrinken
mu. Das ist ein schrecklicher Tod: sind nicht die Gefhle der
glnzendste Teil unseres Lebens? Aus diesem teilweisen Tode entspringen
bei gewissen zarten oder starken Konstitutionen die groen
Verheerungen, die durch die Entzauberung durch getuschte Hoffnungen
und Leidenschaften hervorgebracht werden.

So ging es Hippolyt. Am frhen Morgen ging er aus und wandelte in dem
khlen Schatten der Tuilerien, whrend er in seine Gedanken versank und
alles in der Welt verga. Ein Zufall, der gar nichts Ungewhnliches
hatte, lie ihn einen seiner vertrautesten Freunde treffen, der auf dem
Kollegium und in der Malschule sein Kamerad gewesen war, mit dem er
vertrauter gelebt hatte, als man mit einem Bruder zu leben pflegt. "Was
fehlt Dir?" fragte Daniel Vallier, ein junger Bildhauer, der krzlich
den ersten Preis erlangt hatte und nchstens nach Italien reisen
sollte. "Ich bin sehr unglcklich ..." antwortete Hippolyt ernst.

"Nur eine Herzensangelegenheit kann Dich so sehr bekmmern, denn an
Geld, Ruhm und Ansehen fehlt es Dir nicht." Allmhlich entspann sich
ein vertrautes Gesprch, und der Maler gestand seine Liebe. Als
Hippolyt von der Rue de Sursne und von einem jungen Mdchen erzhlte,
das in einem vierten Stock wohnte, da rief Daniel mit ungewhnlicher
Heiterkeit aus: "Halt! das ist das junge Mdchen, das ich jeden Morgen
in der Assomption sehe und dem ich den Hof mache. Aber, mein Lieber,
die kennen wir alle! Ihre Mutter ist eine Baronin! Glaubst Du denn an
Baroninnen, die im vierten Stock wohnen?... Brr!... Du bist ein guter
Junge, der noch im goldenen Zeitalter lebt!... Wir sehen die alte
Mutter alle Tage in dieser Allee; allein sie hat ein Antlitz und eine
Haltung, die alles erraten lassen.... Wie! hast Du an der Art, wie sie
ihren Strickbeutel hlt, nicht schon erkannt, was sie ist?"

Die beiden Freunde lustwandelten lange Zeit, und mehrere junge Mnner,
die entweder Daniel oder Hippolyt kannten, gesellten sich zu ihnen. Der
Bildhauer erzhlte ihnen das Abenteuer des Malers, weil er es fr sehr
unwichtig hielt. Nun wurden Bemerkungen vorgebracht, Sptteleien wurden
unschuldig und mit der ganzen Heiterkeit, die Knstlern eigen ist, zum
besten gegeben. Hippolyt litt furchtbar darunter. Er schmte sich, als
er das Geheimnis seines Herzens so leichtsinnig behandelt, seine Liebe
in Fetzen zerrissen sah, als er hrte, da man ein junges unbekanntes
Mdchen, dessen Leben ihm so bescheiden geschienen hatte, den
rcksichtslosesten Beurteilungen unterwarf, mochten dieselben richtig
sein oder falsch. Aus einem Gefhl des Widerspruchs verlangte er
ernstlich von einem jeden Beweis fr seine Behauptungen; doch gab dies
nur Anla zu neuen Spttereien.

"Aber, mein lieber, hast Du den Shawl der Baronin gesehen?" fragte
einer.

"Hast Du die Kleine gesehen, wenn sie des Morgens nach der Assomption
geht?" fragte ein anderer.

"Die Mutter besitzt unter anderen Tugenden auch ein gewisses graues
Kleid, das ich als einen Typus betrachte."

"Hre, Hippolyt ..." sagte ein Kupferstecher, "komm um vier Uhr hierher
und beobachte ein wenig den Gang der Mutter und der Tochter.... Wenn Du
dann noch Zweifel hast ... nun, dann wird im Leben nichts aus Dir....
Du wrest fhig, die Tochter Deiner Trsteherin zu heiraten."

Hippolyt wurde von den widerstreitendsten Gefhlen ergriffen und
verlie seine Freunde. Adelaide erschien ihm ber alle Anklagen
erhaben, und er empfand im Innersten seines Herzens eine gewisse Reue,
da er an der Reinheit eines so schnen und einfachen jungen Mdchens
gezweifelt habe. Er kehrte nach seiner Werkstatt zurck, ging an der
Tr vor Adelaides Wohnung vorber und fhlte einen inneren Schmerz,
hinsichtlich dessen sich kein Mann tuscht. Er liebte Frulein von
Rouville leidenschaftlich und betete sie selbst jetzt noch an,
ungeachtet des Diebstahls seiner Brse. Seine Liebe war wie die des
Chevaliers Desgrieux, der seine Geliebte selbst auf dem Karren, der die
verlorenen Weiber in das Gefngnis fhrt, noch bewunderte und fr rein
hielt. "Warum sollte sie nicht durch meine Liebe das reinste von allen
weiblichen Wesen werden!... Warum sollte ich sie dem Unglck und dem
Laster berlassen, ohne ihr eine freundschaftliche Hand zu
reichen!?..." Diese Aufgabe gefiel ihm, denn die Liebe wei alles zu
benutzen, und nichts lockt einen jungen Mann mehr, als die Aussicht,
bei einem jungen Mdchen die Rolle eines guten Engels spielen zu
knnen. Es liegt etwas Romantisches in diesem Unternehmen, das
empfindsamen Seelen so sehr gefllt. Es ist Aufopferung in ihrer
erhabensten und anmutigsten Form; es liegt soviel geistige Gre darin,
sich bewut zu sein, da man hinreichend liebt, um selbst da noch zu
lieben, wo bei anderen die Liebe erlischt und stirbt!

Hippolyt begab sich in seine Werksttte und betrachtete seine Gemlde,
ohne daran zu arbeiten; er erblickte die Gestalten nur durch die
Trnen, die ihm in die Augen traten, hielt fortwhrend seinen Pinsel in
der Hand und nherte sich der Leinwand, berhrte sie aber nicht. Die
Nacht berraschte ihn in seinen Trumereien; er eilte die Treppe hinab,
begegnete dem alten Admiral, warf ihm einen finsteren Blick zu, whrend
er ihn begrte, und eilte hinweg. Es war seine Absicht gewesen, bei
seinen Nachbarinnen einzutreten, aber der Anblick von Adelaides Gnner
lie ihm das Herz erstarren und ihn seinen Entschlu aufgeben. Er
fragte sich zum hundertsten Male, was den alten reichen Mann, der
fnfzigtausend Livres Renten hatte, so unwiderstehlich in jenen vierten
Stock ziehe, wo er alle Abende zehn bis zwanzig Franken verlor, und er
erriet seinen Zweck.

An den folgenden Tagen widmete sich Hippolyt mit allem Eifer seinen
Arbeiten, um durch diese und durch die Ablenkung seiner Phantasie auf
einen anderen Gegenstand seine Leidenschaft zu bekmpfen. Seine Absicht
gelang ihm zur Hlfte; die Arbeiten trsteten ihn, vermochten aber die
Erinnerung an so viele glckliche Stunden, die er neben Adelaide
verlebt hatte, nicht zu verbannen. Als er an einem der nchsten Abende
seine Werkstatt verlie, fand er die Tr zu der Wohnung der beiden
Damen halb geffnet.

Eine weibliche Gestalt stand in der Brstung des Fensters, und er
konnte nicht vorbergehen, ohne von Adelaide gesehen zu werden. Er
begrte sie kalt und warf ihr einen gleichgltigen Blick zu, schlo
dann aber von seinem Kummer auf den des jungen Mdchens und fhlte eine
heftige Rhrung, als er die ganze Bitterkeit erwog, die sein Blick und
seine Klte in einem liebenden Herzen hervorbringen muten.

Eine Wonne, wie die beiden sie genossen, durch so tiefe Vernachlssigung,
durch so tiefe Verachtung zu krnen, das war in der Tat ein schreckliches
Ende!

Vielleicht hatten sie die Brse wiedergefunden, vielleicht hatte
Adelaide an jenem Abend ihren Freund erwartet! Dieser Gedanke, der so
einfach und natrlich war, erweckte bei Hippolyt eine neue Reue, und er
fragte sich, ob die Beweise von Zartgefhl und Anhnglichkeit, die ihm
das Mdchen gegeben hatte, ob die reizenden und liebevollen Plaudereien,
die ihn entzckt hatten, nicht wenigstens eine Frage, eine Rechtfertigung
verdienten. Er schmte sich, eine ganze Woche lang den Wnschen seines
Herzens widerstanden zu haben, betrachtete sich fast als den schuldigen
Teil und begab sich noch an demselben Abend zu Frau von Rouville. Sein
ganzer Verdacht, alle seine bsen Gedanken entschwanden bei dem Anblick
des jungen Mdchens, das bleich und abgehrmt erschien.

"Was fehlt Ihnen?" fragte er, nachdem er die Baronin begrt hatte.
Adelaide antwortete ihm nicht, sondern richtete nur einen
schwermutsvollen, traurigen und entmutigten Blick auf ihn, der ihm wehe
tat.

"Sie haben ohne Zweifel viel gearbeitet?" fragte die alte Dame; "Sie
haben sich sehr verndert, und wir sind gewi die Ursache, weshalb Sie
sich jetzt so bestndig in Ihrer Werksttte einschlieen. Das fr uns
gemalte Bild hat wahrscheinlich einige Arbeiten verzgert, die fr
Ihren Ruf von Wichtigkeit sind."

Hippolyt freute sich, eine so schne Entschuldigung seiner
Unhflichkeit zu finden. "Ja," antwortete er, "ich bin sehr fleiig
gewesen, aber ich habe auch viel gelitten...." Bei diesen Worten erhob
Adelaide den Kopf und blickte Hippolyt an; ihre Augen drckten nur noch
Sorge aus, aber keinen Vorwurf mehr.

"Haben Sie denn gedacht, wir wren so gleichgltig gegen Ihr Glck oder
Ihr Unglck?" fragte die alte Dame.

"Ich habe Unrecht gehabt!" versetzte Hippolyt; "aber dennoch gibt es
Leiden, die man nicht mitzuteilen wagt, selbst dann nicht, wenn die
Freundschaft bereits lter ist als die unsrige."

"Aufrichtigkeit und Strke der Freundschaft drfen nicht nach der Dauer
der Zeit gemessen werden. Es gibt alte Freunde, von denen der eine
nicht einmal eine Trne fr das Unglck des andern hat," sagte die
Baronin.

"Aber was fehlt Ihnen?" wandte sich Hippolyt an Adelaide.

"Oh, gar nichts," antwortete die Mutter. "Sie hat einige Nchte bei
einer weiblichen Arbeit gesessen und nicht auf mich hren wollen,
obgleich ich ihr sagte, da es auf einen Tag mehr oder weniger nicht
ankomme."

Hippolyt verlor sich abermals in wunderlichen Gedanken. Wenn er diese
edlen und ruhigen Zge betrachtete, so mute er ber seinen Verdacht
errten und den Verlust seiner Brse irgend einem unbekannten Zufall
zuschreiben.

Dieser Abend war ein kstlicher fr ihn, und vielleicht auch fr
Adelaide. Es gibt Geheimnisse, die jugendliche Herzen so leicht
erraten; das junge Mdchen erriet jedenfalls die Gedanken des Malers.
Der Maler dagegen erriet die Gedanken des Mdchens, kehrte liebevoller
und freundlicher zu seiner Geliebten zurck und suchte sich eine
stillschweigende Verzeihung zu erwerben. Adelaide geno dagegen so
vollkommene, so se Freuden, da es ihr schien, als habe sie dieselben
nicht zu teuer durch das Unglck erkauft, das ihre Liebe so grausam
verletzt hatte. Dieser so aufrichtige Einklang ihrer Herzen, dieses
zauberische gegenseitige Verstndnis wurde dennoch durch eine Bemerkung
der Baronin von Rouville gestrt.

"Lassen Sie uns ein Spielchen machen," sagte sie zu Hippolyt.

Diese Worte erweckten alle Befrchtungen des jungen Mannes von neuem.
Er errtete, whrend er Adelaidens Mutter anblickte, bemerkte aber auf
ihrem Antlitz nur den Ausdruck einer untrgerischen Herzensgte. Er
setzte sich an den Spieltisch, und Adelaide wollte mit ihm in
Gemeinschaft spielen, indem sie vorgab, da er das Pikett nicht
verstehe und daher eines Partners bedrfe. Frau von Rouville und ihre
Tochter gaben sich whrend des Spieles Zeichen des Einverstndnisses,
die Hippolyt umsomehr beunruhigten, da er der gewinnende Teil war;
zuletzt aber wurden die beiden Liebenden Schuldner der Baronin, und der
Maler hob seine Hand empor, um Geld aus seiner Tasche zu nehmen. Da sah
er pltzlich eine Brse vor sich, die Adelaide dort hingelegt hatte,
ohne da er es bemerkte; sie aber hielt seine alte Brse in der Hand
und nahm Geld daraus, um ihre Mutter zu bezahlen. Hippolyt fhlte, wie
ihm alles Blut zum Herzen strmte und er nahe daran war, das Bewutsein
zu verlieren. Die neue Brse, die ihm anstatt der alten gegeben war,
enthielt sein Geld; sie war mit Goldperlen durchwirkt, und alles an
derselben war ein Beweis von Adelaidens gutem Geschmack. Es war dies
ein entzckender Dank des jungen Mdchens. Es war unmglich, auf eine
zartere Weise zu erkennen zu geben, da das Geschenk des Malers nur
durch ein Pfand der Zrtlichkeit belohnt werden knne. Als Hippolyt im
berma seines Glckes seine Augen auf Adelaide und die Baronin
richtete, sah er beide vor Freude zittern und befriedigt, da ihnen ihr
Betrug so schn gelungen war. Nun fand er sich selbst kleinlich,
verchtlich, albern und htte sich strafen mgen; aber ein paar Trnen
traten ihm in die Augen, unwiderstehlich zwang ihn sein Herz, sich zu
erheben, Adelaide in seine Arme zu nehmen, an seine Brust zu drcken,
ihr einen Ku zu rauben und dann mit der Aufrichtigkeit eines Knstlers
zu der Baronin zu sagen: "Ich erbitte sie mir zur Gattin".

Adelaide warf dem Maler einen halb zrnenden Blick zu, und Frau von
Rouville suchte in ihrer Bestrzung nach einer Antwort, als diese Szene
durch ein pltzliches Klingeln unterbrochen wurde. Der alte Admiral
erschien, gefolgt von seinem Schatten und von Frau Schinner.

Hippolyts Mutter hatte den Grund des Kummers erraten, den ihr Sohn ihr
vergebens zu verbergen suchte, und bei einigen ihrer Freunde
Erkundigungen ber das junge Mdchen, das er liebte, eingezogen. Als
sie dann in gerechte Besorgnisse durch die Verleumdungen ber Adelaide
versetzt war, hatte sie dieselben auch dem alten Emigrierten
mitgeteilt, der in seinem Zorne sagte, da er "den Neidhammeln die
Ohren abschneiden werde". In seinem Zorneseifer verriet er Frau
Schinner dann auch noch, da er absichtlich beim Spiel verliere, weil
der Stolz der Baronin es ihm nicht erlaube, sie auf andere Weise zu
untersttzen.

Als Frau Schinner Frau von Rouville begrt hatte, blickte diese den
Kontreadmiral, Adelaide und Hippolyt an und sagte mit unaussprechlicher
Herzensgte: "Nun sind wir also heute abend im Familienkreise."




EHELICHER FRIEDEN


Unsere Erzhlung spielt in der Zeit, in der Napoleons vergngliche
Herrschaft den hchsten Gipfel ihres Glanzes und ihrer Macht erreicht
hatte. Es war gegen Ende des Monats November 1809. Der Kanonendonner
und das Trompetengeschmetter der berhmten Schlacht bei Wagram hallte
noch im Herzen der sterreichischen Monarchie wieder. Der Friede war
zwischen Frankreich und den Mchten des Festlandes unterzeichnet,
Knige und Frsten demtigten sich vor Napoleon, der sich die Freude
machte, ganz Europa in seinem Gefolge zu sehen und eine prachtvolle
Vorfeier der Macht zu veranstalten, die er spter in Dresden entfalten
sollte.

Die Zeitgenossen behaupten, da Paris nie schnere Feste gesehen habe,
als jene, die der Vermhlung Napoleons mit einer Erzherzogin von
sterreich vorangingen und ihr folgten. Nie hatten sich in den
schnsten Tagen der lteren Monarchie so viele gekrnte Hupter an den
Ufern der Seine gedrngt, nie war die franzsische Aristokratie reicher
und glnzender erschienen als damals. Diamanten waren mit einer solchen
Verschwendung in Schmuckstcken zur Schau getragen, Gold und Silber
strahlte von so vielen Uniformen wieder, da es schien, als wren alle
Reichtmer des Erdballs in den Salons von Paris angehuft worden.

Eine allgemeine Trunkenheit hatte sich gewissermaen des ganzen Reiches
bemchtigt, und alle Soldaten, den Herrn nicht ausgenommen, erfreuten
sich als Emporkmmlinge der Schtze, die eine Million von Kriegern im
Auslande zusammengerafft hatte.

Einige Damen aus den hheren Sphren der Gesellschaft trugen damals
jene leichten Sitten und jene Lockerung der Moral zur Schau, die
ehemals der Regierungszeit Ludwigs XV. den Stempel der Schande
aufgedrckt hatten. Wollten sie den alten Ton der gesunkenen Monarchie
nachahmen oder wollten sie das Beispiel befolgen, das gewisse
Mitglieder der kaiserlichen Familie gegeben hatten, wie einige Hupter
der Vorstadt Saint-Germain behaupteten, so viel ist gewi, da sich
alle, Mnner und Frauen, mit einer Unerschrockenheit in den Strudel der
Gensse strzten, die an das Ende der Welt htte glauben lassen knnen.
Allein es gab damals einen besonderen Grund fr diese Freisinnigkeit.
Die Vorliebe des weiblichen Geschlechts fr die Krieger war zu einer
Art von Wahnsinn geworden. Diese Begeisterung, die den Wnschen
Napoleons zusagte, wurde durch keine Zgel gehemmt. Der Kaiser lie
seinen Armeen selten Ruhe und die vorgeblichen Leidenschaften jener
Zeit entwickelten sich daher mit einer ziemlich erklrlichen
Schnelligkeit; die Ehen wurden auf eine so rasche Weise eingegangen,
wie das oberste Haupt der Kolbacs, der Dolmans und der Epauletten, von
denen die Frauen so sehr entzckt waren, selbst rasch in seinen
Entscheidungen war. Die Herzen waren damals nomadisch, wie die Armeen.
Die hufigen Friedensbrche, die alle zwischen Europa und Frankreich
abgeschlossenen Bndnisse nur als Waffenstillstand erscheinen lieen,
fhrten ebenso hufige Trennungen zwischen den Kriegern und ihren
Gattinnen herbei. In der Zeit von einem ersten bis zu einem fnften
Bulletin der groen Armee sah sich daher manches Weib als Braut,
Gattin, Mutter und Witwe.

War es die Aussicht auf eine nahe Witwenschaft, die Aussicht auf
Mitgift, oder die Hoffnung, den Glanz eines historischen Namens zu
teilen, durch welche die Krieger so verfhrerische Reize fr das
weibliche Geschlecht erlangten? Wurde das schne Geschlecht durch die
Gewiheit, da die Toten das Geheimnis der Leidenschaften nicht
ausplaudern knnen, zu den Kriegern hingezogen? Oder mu man die
Ursache fr jenen sen Fanatismus in dem edlen Reize suchen, den der
Mut fr das weibliche Geschlecht besitzt?

Vielleicht waren es diese Grnde zusammengenommen, die der knftige
Geschichtsschreiber der Sitten des Kaiserreichs ohne Zweifel erwgen
mu, vielleicht trugen alle jene Grnde zu dem Leichtsinn bei, mit dem
sich die Damen der Liebe und der Ehe berlieferten. Wie dem auch sein
mochte, es mag hinreichen, da wir hier bemerken, wie durch den Ruhm
und die Lorbeeren so manche Fehler geweckt wurden, wie das weibliche
Geschlecht mit Eifer jene khnen Abenteurer aufsuchte, die ihm damals
als wahre Quellen der Ehre, der Reichtmer und der Freuden erschienen,
und wie damals eine Epaulette in den Augen eines jungen Mdchens einer
Hieroglyphe glich, die Glck und Freiheit bedeutete. Ein Zug, der jene
Epoche charakterisiert, war eine gewisse zgellose Leidenschaft fr
alles Glnzende. Nie wurden so viele Feuerwerke veranstaltet; zu keiner
Zeit hatten die Diamanten einen so hohen Wert erreicht. Die Mnner
waren ebenso begierig nach jenen klaren Kieseln wie die Frauen und
schmckten sich mit ihnen, gleich diesen. Vielleicht hatte der Wunsch,
die gemachte Beute in der leichtesten Gestalt mit sich fhren zu
knnen, die Juwelen bei der Armee in ein so hohes Ansehen gebracht. Der
Mann erschien damals nicht so lcherlich, wie das jetzt der Fall sein
wrde, wenn die Krause seines Hemdes oder die Finger den Blicken
schwere Diamanten darboten, und Murat, dieser echte Sdlnder, hatte
den Soldaten das Beispiel eines abgeschmackten Luxus gegeben.

Der Graf von Gondreville, einer der Luculle jenes erhaltenden Senats,
der nichts erhielt, hatte nur darum so lange gezgert, ein Fest zu
Ehren des Friedens zu veranstalten, um desto glnzender Napoleon den
Hof zu machen und alle die Schmeichler zu berstrahlen, die ihm
zuvorgekommen waren. Die Gesandten aller mit Frankreich befreundeten
Mchte, die wichtigsten Persnlichkeiten des Kaiserreichs, selbst
einige Frsten waren in dem prachtvollen Hotel des reichen Senators
versammelt. Wenn der Tanz noch nicht in Schwung kommen wollte, so
rhrte das daher, weil man auf den Kaiser wartete; denn dieser hatte
versprochen, da er erscheinen werde, und htte gewi sein Wort
gehalten, wre nicht an demselben Abende zwischen ihm und Josephine ein
Auf tritt vorgefallen, der die Scheidung des gekrnten Gattenpaares
voraussehen lie. Die Nachricht von jenem unangenehmen Auftritt war
noch nicht bis zu den Ohren der Hofleute gelangt, und auf die
Heiterkeit des Festes, das der Graf von Gondreville gab, hatte daher
nur der eine Umstand Einflu, da Napoleon nicht erschien. Die
schnsten Frauen von Paris hatten sich in den geschmckten Salons
eingefunden, um durch die ppigkeit ihres Schmuckes und ihrer Schnheit
vor den Augen des Kaisers zu glnzen.

Die auf ihre Reichtmer stolze Finanzwelt berstrahlte die glnzenden
Generle und hohen Offiziere des Kaiserreichs, die mit Kreuzen der
Ehrenlegion und Titeln berhuft waren; denn solche Feierlichkeiten
waren stets Gelegenheit, die von den reichen Familien ergriffen wurden,
um ihre Erbinnen den Augen der napoleonischen Prtorianer vorzufhren,
in der Hoffnung, da diese ihre Titel mit der prachtvollen Ausstattung
der Erbinnen verbinden wrden. Diejenigen Damen, die sich nur
hinsichtlich ihrer Schnheit stark wuten, erschienen ebenfalls, um die
Macht ihrer Reize zu versuchen. Es war dort, wie fast berall, die
Freude nur eine Maske. Die heiteren und lachenden Gesichter, die
ruhigen Stirnen verdeckten gehssige Berechnungen. Die Freundschafts-
bezeigungen logen, und mehr als einer mitraute seinen Feinden weniger
als seinen Freunden.

Diese kurzen Bemerkungen sind bestimmt, nicht nur die kleinen
Verwicklungen des Auftritts, der sich vor unseren Augen entfalten wird,
zu verraten, sondern auch das Fest einigermaen kennen zu lernen, bei
dem sie sich ereigneten. Zugleich wollten wir den Ton schildern, der
damals in den Salons von Paris herrschte, und das bisherige darf daher
gewissermaen nur als eine Vorrede oder als ein geschichtlicher Prolog
betrachtet werden, den die andersgestalteten heutigen Sitten
erforderten.

       *       *       *       *       *

"Schauen Sie einmal nach jener gebrochenen Sule, die einen Kandelaber
trgt! Sehen Sie die junge Dame, deren Haar nach chinesischer Art
geflochten ist? Dort, links in der Ecke! Sie hat blaue Glockenblumen in
dem Busche kastanienbrauner Haare, die in Garben ber ihren Kopf
herabfallen. Sehen Sie sie nicht? Sie ist so bleich, da man glauben
sollte, sie sei krank. Sie ist eine allerliebste Kleine. Jetzt richtet
sie die Augen gerade auf uns. Ihre blauen Augen, die mandelartig
gespalten sind und s zum Entzcken, scheinen ganz besonders zum
Weinen geschaffen. Aber sehen Sie doch! Jetzt beugt sie sich, um Madame
Vaudremont durch die Masse von Kpfen hindurch zu erblicken, die in
bestndiger Bewegung sind und ihr die Aussicht abschneiden...."

"Ja, jetzt habe ich sie, mein Lieber!... Du httest sie mir nur als die
bleichste von allen hier versammelten Damen bezeichnen sollen, so wrde
ich sie schon erkannt haben, denn ich habe sie bereits bemerkt. Sie hat
den schnsten Teint, den ich je bewundert habe. Von hier aus drftest
Du wohl die weie Haut ihres Halses nicht genau sehen knnen und die
Perlen nicht, die die Saphire ihres Halsschmuckes unterbrechen. Aber
von hier aus scheint es, als she man Trkise auf Schnee gest. Sie
besitzt feine Sitten, oder ist sehr kokett. Welche Schultern! Welche
Lilienweie!..."

"Wer ist es denn?" fragte jener, der zuerst gesprochen hatte. "Ich wei
es nicht."

"Aristokrat! Sie wollen wohl alle fr sich behalten...."

"Das pat zu Dir, mich zu verspotten!" versetzte der Soldat lchelnd.
"Glaubst Du das Recht zu haben, einen armen Oberst, wie ich bin, zu
verspotten, weil Du als glcklicher Nebenbuhler des armen Soulanges
nicht eine einzige Pirouette machen kannst, ohne da zugleich das Herz
der Frau von Vaudremont tanzt? Oder deswegen, weil ich erst seit
Monaten in dieses gelobte Land gekommen bin?... Ihr seid ein
unverschmtes Volk, ihr Verwaltungsbeamten, die Ihr auf euren Sthlen
sitzen bleibt, whrend wir Kommibrot essen mssen! Wohlan, Herr
Requtenmeister, lassen Sie uns einmal das Feld rekognoszieren, in dem
Ihr nicht eher wieder ruhig herrschen sollt, bis wir abgezogen sind!
Was Teufel! Jedermann mu leben." "Oberst, da Sie mit Ihrer ganzen
Aufmerksamkeit die schne Unbekannte beehrt haben, die ich hier zum
ersten Male bemerke, so haben Sie doch die Gte, mir zu sagen, ob Sie
sie bereits tanzen sahen." "Ei! mein lieber Martial, was fllt Dir ein?
Wenn man Dich als Gesandten abschickte, so mchtest Du wohl schlechte
Geschfte machen. Siehst Du nicht drei Reihen der unerschrockensten
Koketten von Paris zwischen meiner hbschen Dame und dem glnzenden
Schwarm von Tnzern, der unter dem Kronleuchter summt? Hast Du Dich
nicht der Hilfe Deines Lorgnons bedienen mssen, um sie in dem Winkel
jener Sule zu entdecken, wo sie in ein tiefes Dunkel vergraben
scheint? Trotz der fnfzig Kerzen, die um ihr blondes Haupt
herumflackern, denn es ist zwischen ihr und uns eine solche Menge von
Diamanten und funkelnden Blicken, von schwankenden Federn, Spitzen und
Blumen, da es ein wahres Wunder wre, wenn irgendein Tnzer sie
inmitten dieser blendenden Gestirne bemerken wrde! wie, Martial, hast
Du nicht erraten, da sie die Gattin irgendeines Unterprfekten aus
einem entlegenen Departement ist, die hier in Paris versuchen will,
ihren Mann zum Prfekten zu machen?..."

"O! er soll es werden!" rief lebhaft der Requtenmeister aus.

"Ich bezweifle," sagte der Oberst lachend, "denn sie scheint mir in der
Intrige ebenso unbewandert, wie Du in der Diplomatie. Ich wette,
Martial, da Du nicht weit, wie sie an ihre Stelle gekommen ist."

Der Requtenmeister blickte den Oberst auf seine Weise an, die
ebensoviel Verachtung als Neugierde verriet.

"Nun," fuhr der Oberst fort, "das arme Kind wird ohne Zweifel pnktlich
neun Uhr gekommen sein. Vielleicht ist sie die Erste gewesen ...
Wahrscheinlich wird sie die Grfin von Gondreville in groe
Verlegenheit versetzt haben, da diese nicht zwei Gedanken
zusammenreimen kann; verstoen von der Hausfrau, wird sie dann durch
jede Neuangekommene von Stuhl zu Stuhl weiter gedrngt worden sein, bis
in das helle Dunkel jenes kleinen Winkels, wo sie nun als Opfer ihrer
Demut eingeschlossen ist, und als Opfer der Eifersucht jener Damen,
deren eifrigstes Bestreben es gewesen ist, eine so gefhrliche und
reizende Gestalt in den Hintergrund zu versetzen. Sie wird keinen
Freund gehabt haben, der sie ermutigt htte, den Platz zu verteidigen,
den sie dem ersten Plane gem eingenommen haben mu, und jede von
diesen treulosen Tnzerinnen hat gewi unter Androhung der
schrecklichsten Strafe allen ihren Anhngern verboten, unsere schne
Freundin aufzufordern. Sieh nur, mein Lieber, diese zrtlichen und
offenen Augen haben gewi eine allgemeine Verschwrung gegen die
Unbekannte veranlat!... Diese Verschwrung wird zustande gekommen
sein, ohne da eine einzige dieser Damen ein Wrtchen gesagt htte,
als: 'Meine Liebe, kennen Sie diese kleine blaue Dame?'--Hre, Martial,
willst Du binnen einer Viertelstunde von mehr schmeichelhaften Blicken
beglckt werden, als Du vielleicht in Deinem ganzen Leben einernten
kannst, so tue, als wolltest Du den dreifachen Wall durchdringen, der
unsere Andromeda umschliet.... Du wirst sehen, wie auch die Dmmste
von diesen schnen Gttinnen sofort eine List erfindet, die fhig wre,
den Mann einzuhalten, der sich am entschiedensten zeigte, um die
klagende Unbekannte in das Licht zu ziehen, denn Du wirst gestehen, da
sie ganz aussieht wie eine Elegie."

"Sie glauben also, Oberst, da es eine verheiratete Frau ist?"

"Nun, vielleicht ist sie Witwe."

"Dann wre sie nicht so traurig!" sagte der Requtenmeister lachend.

"Vielleicht ist sie Witwe, obgleich ihr Mann noch lebt!" versetzte der
Oberst.

"In der Tat gibt es unter den Damen viele solcher Witwen seit dem
Frieden ..." antwortete Martial. "Aber, Oberst, wir tuschen uns beide.
Es liegt zu viel Unschuld in diesen Augen, als da es eine Frau sein
sollte. Es liegt noch zu viel Jugend und Frische auf der Stirn und auf
den Schlfen! Welch krftige Tne des Fleisches! Nichts ist an Lippen
und Kinn verwelkt. Alles ist noch frisch wie die Knospe einer weien
Rose, aber auch alles durch Wolken der Trauer verhllt. Die Dame
weint...."

"Wie?..." sagte der Oberst.

"Es kommt mir wenigstens so vor; aber sie weint nicht deshalb, weil sie
ohne zu tanzen da sitzt," versetzte Martial, "Ihr Kummer rhrt nicht
von heute her, und man sieht, da sie sich absichtlich so schn gemacht
hat. Ich mchte wetten, da sie schon liebt." "Bah! Sie ist vielleicht
die Tochter irgendeines kleinen Frsten aus Deutschland!" sagte der
Oberst.

"Ach! wie unglcklich ist doch ein armes Mdchen, das allein und
vergessen dasteht!" versetzte Martial. "Kann man eine grere Anmut
entfalten, als unsere kleine Unbekannte? Sie ist reizend!... Und nicht
eine von den hfischen und hlichen Megren, die sie umgeben, und die
so empfindsam scheinen mchten, richtet ein Wrtchen an sie!... Sprche
sie, so wrden wir wenigstens ihre Zhne sehen!..."

"O! Du wirst sauer, wie die Milch bei der geringsten
Temperaturvernderung," sagte der Oberst sanft, aber doch etwas
gergert, einen Nebenbuhler in seinem Freunde zu erkennen.

"Wie!" sagte der Requtenmeister, ohne die Bemerkung des Obersten zu
hren und richtete sein Lorgnon auf alle Personen, die in seiner Nhe
standen; "wie, ist denn niemand hier, der uns diese liebliche Blume
nennen knnte, die erst jetzt ganz neu in diesen Garten verpflanzt
ist?..."

"Nun, es ist vielleicht ein Gesellschaftsfrulein...!" sagte der
Oberst.

"Herrlich! Ein Gesellschaftsfrulein mit Saphiren, deren sich eine
Knigin nicht zu schmen brauchte!... Das machen Sie andern weis, Sie
werden wohl nicht strker in der Diplomatie sein als ich, wenn Sie eine
deutsche Prinzessin fr ein Gesellschaftsfrulein halten."

Der Oberst, der weniger gesprchig, dafr aber neugieriger war, ergriff
einen kleinen rundlichen Mann beim Arm, dessen graue Haare und
geistreiche Augen man in jedem Augenblicke in einem anderen Teile des
Salons erblickte. Dieses wundersam behende Mnnchen mischte sich in
alle Gruppen und wurde berall mit einer gewissen Achtung aufgenommen.

"Gondreville, mein lieber Freund," sagte der Soldat zu ihm, "wer ist
das allerliebste kleine Weibchen dort hinter Deinem gewaltigen
vergoldeten Kandelaber?"

"Der Kandelaber?... Er ist von Ravrio, mein Lieber, und Isabey hat die
Zeichnung dazu geliefert...."

"O, ich habe Deinen Geschmack schon anerkannt, und mich an dem
prachtvollen Kandelaber erfreut; ich meine aber die Dame, die Dame...."

"Ach so, die kenne ich nicht!... Es ist ohne Zweifel eine Freundin
meiner Frau."

"Oder Deine Geliebte, alter Spitzbube!..."

"Nein, auf Ehre nicht. Allein nur die Grfin von Gondreville kann Leute
einladen, die niemand kennt."

Der kleine dicke Mann sprach diese Bemerkung mit einiger Bitterkeit aus
und entfernte sich dann; aber auf seinen Lippen schwebte doch ein
Lcheln innerer Zufriedenheit, die durch die Vermutung des Obersten
hervorgerufen war. Dieser trat nun wieder zu dem Requtenmeister, der
sich indes einer benachbarten Gruppe angeschlossen hatte, um
Erkundigungen ber die Unbekannte einzuziehen. Der Oberst nahm den
Requtenmeister beim Arm und flsterte ihm ins Ohr: "Mein lieber
Martial, nimm Dich in acht. Frau von Vaudremont blickt Dich seit
einigen Minuten mit einer verzweifelten Aufmerksamkeit an. Sie ist
fhig, schon an der Bewegung Deiner Lippen zu erkennen, was Du mir
sagst. Unsere Blicke sind berdies bereits zu bezeichnend gewesen. Sie
hat dieselben bemerkt und ist ihrer Richtung gefolgt. Wenn ich nicht
irre, so zerbricht sie sich in diesem Augenblick den Kopf mehr ber
unsere Dame, als wir selbst es tun."

"Das ist eine alte Kriegslist! Was kmmert mich das brigens. Ich mache
es wie der Kaiser: wenn ich Eroberungen mache, so behaupte ich
dieselben auch." "Martial, Deine Eitelkeit verdient eine Lehre. Wie,
Schurke, Du hast das Glck, mit Frau von Vaudremont verlobt zu sein,
mit einer Witwe von zweiundzwanzig Jahren, die jhrlich zweitausend
doppelte Napoleons zu verzehren und Dir Diamanten von dreitausend Taler
Wert an die Finger gesteckt hat ... und Du willst dennoch den Lovelac
spielen, als wrst Du ein Oberst, der nchstens die Garnison
vertauschen wird?... Pfui!... Bedenke doch wenigstens, was Du verlieren
kannst!..."

"Dann werde ich wenigstens meine Freiheit nicht verlieren," versetzte
Martial mit einem erzwungenen Lcheln. Er warf einen leidenschaftlichen
Blick auf Frau von Vaudremont, die nur mit einem unruhigen Lcheln
antwortete, denn sie hatte gesehen, wie der Oberst die Hand des
Requtenmeisters ergriff, um den kostbaren Ring zu betrachten, den sie
diesem geschenkt hatte.

"Hre, Martial!" versetzte der Oberst. "Wenn Du noch lnger um meine
junge Unbekannte herumflatterst, so unternehme ich die Eroberung der
Frau von Vaudremont."

"Das ist Ihnen erlaubt, reizender Krassier, allein Sie werden den
Platz nicht einnehmen."

"Bedenke, da ich Junggeselle bin," sagte der Oberst, "da mein Degen
mein einziges Vermgen ist und Du mich durch eine solche Antwort
durchaus herausfordern mut."

"Brrr." Diese scherzhafte Hufung von Konsonanten war die einzige
Antwort auf die Drohung des Obersten, den sein Freund vom Kopf bis zu
den Fen ma, bevor er ihn verlie. Der Oberst war ein Mann von etwa
fnfunddreiig Jahren und trug nach der Mode jener Zeit kurze
Beinkleider von weiem Kaschmir und seidene Strmpfe, die die seltene
Vollendung seiner Formen verrieten. Er hatte jenen hohen Wuchs, der die
Krassiere der kaiserlichen Garde auszeichnete. Seine Uniform erhhte
noch die Anmut seines Krpers, der durch den Dienst zu Pferde nicht
entstellt war, sondern vielmehr die ntige Flle erlangt hatte, die fr
seine krperlichen Verhltnisse pate. Ein schwarzer Schnauzbart
vollendete den aufrichtigen Ausdruck seines nicht militrischen
Antlitzes, dessen Stirn breit und offen war. Unter der Adlernase
zeigten sich die purpurroten Lippen seines Mundes. In dem Benehmen des
Obersten lag ein gewisser Adel, den er der Gewohnheit des Befehlens
verdankte, und der sehr wohl einer Frau gefallen konnte, die keinen
Sklaven aus ihrem Manne zu machen wnschte. Der Oberst lchelte, indem
er dem Requtenmeister, der einer seiner besten Freunde vom Kollegium
her war, nachblickte und sah, wie wenig gut dieser gewachsen war.

Der Baron Martial de la Roche-Hugon war ein junger Provenale von etwa
dreiig Jahren, den Napoleon damals mit auerordentlichen Gunstbeweisen
auszeichnete. Martial schien zu irgendeinem wichtigen Gesandtschafts-
posten bestimmt. Er besa in hohem Grade den Geist der Intrige, jene
Beredsamkeit des Salons und jene Gewandtheit des Benehmens, die so
leicht die weniger glnzenden Eigenschften eines soliden Mannes
ersetzten. Die lebhaften Zge seines Gesichts, dessen Hautfarbe unter
den dichten Locken eines Waldes von schwarzen Haaren noch weier erschien,
als sie wirklich war, verrieten viel Geist und Anmut.--Die beiden Freunde
waren gezwungen, sich zu trennen, indem sie sich herzlich die Hnde
drckten, denn die Tne des Orchesters gaben den Damen das Zeichen, da
die Quadrillen des vierten Contretanzes gebildet werden sollten, und alle
Mnner muten sich daher aus dem weiten Raume entfernen, den sie bisher
in der Mitte des Salons
eingenommen hatten.

Die flchtige Unterhaltung der Freunde war whrend der Ruhepause
gefhrt worden, die stets die Contretnze trennt, und zwar vor einem
Kamin von weiem Marmor, einer prachtvollen Zierde des grten der drei
Salons im Hotel Gondreville. Die meisten Fragen und Antworten dieser
Plauderei hatten die beiden Sprechenden einander ins Ohr geflstert.
Allein die Girandolen und Leuchter, mit denen der Kamin
verschwenderisch geschmckt war, ergossen so reichliche Strme von
Licht ber den Oberst und den Requtenmeister, da ihre zu lebhaft
erleuchteten Gesichter trotz einer diplomatischen Selbstbeherrschung
den Ausdruck der Gefhle den schlauen Augen der Frau von Vaudremont und
den aufrichtigen Blicken der jungen Unbekannten nicht zu verhehlen
vermochten. Bei Leuten, die gern die Gefhle anderer entdecken, bildet
es eines der grten Vergngen, beim Besuch von Gesellschaften die
Gedanken auszukundschaften, und sie gelangen dadurch oft zu kstlichen
Genssen, whrend andere sich langweilen, ohne da sie es wagen, ihre
Langeweile zu gestehen. Um das geheime Interesse zu begreifen, das in
der Unterhaltung liegt, mit der diese Erzhlung beginnt, mssen wir
notwendig ein Ereignis kennen lernen, das ein fast unbedeutendes
scheinen knnte, das aber dennoch durch unsichtbare Bande die Personen
dieses kleinen Dramas vereinigte, obgleich sie in den Salons zerstreut
waren, die von dem Gerusch des glnzenden Festes widerhallten.

Dieses Ereignis hatte sich einige Minuten frher zugetragen, als der
Oberst und Baron Martial miteinander sprachen. Etwa um elf Uhr abends,
als die Tnzerinnen ihre Pltze einnahmen, sah die glnzende
Versammlung im Hotel Gondreville die schnste Frau von Paris
erscheinen, die Knigin der Mode, die einzige, die noch bei der
Versammlung gefehlt hatte. Sie hatte es sich zum Gesetz gemacht, nie
eher zu erscheinen, als in dem Augenblick, wo sich die Salons in
festlicher Erregung befanden, in jenem anmutigen Tumult, whrenddessen
es den Damen nicht mglich ist, ihre Aufmerksamkeit lange auf die
Frische der verschiedenen Gesichter oder auf die Schnheit der
Toiletten zu richten. Dieser flchtige Augenblick ist gleichsam der
Frhling eines Balles, eine Stunde spter ist die Freude vergangen, die
Ermattung tritt ein, und alles welkt. Frau von Vaudremont verfiel daher
niemals in den groen Fehler, so lange auf einem Ball zu bleiben, bis
die Blumen sich neigten, die Locken schlaff wurden, der Spitzenbesatz
zerknittert war und das Antlitz jenen Ausdruck annahm, der die Folge
einer durchschwrmten Nacht ist und nie verborgen bleibt. Sie htete
sich wohl, den Fehler ihrer Nebenbuhlerinnen zu begehen und das
Ablassen ihrer Schnheit bemerken zu lassen. Sie wute dagegen
geschickt ihren Ruf als die koketteste Dame zu behaupten, indem sie
sich stets ebenso glnzend von einem Ball zurckzog, als sie dort
erschienen war. Die Damen flsterten einander mit einem gewissen Neide
zu, da sie ebenso oft ihren Schmuck wechsle, als sie einen neuen Ball
besuche. Diesmal stand es aber der Frau von Vaudremont nicht frei, sich
nach ihrem Belieben von dem Ball wieder zu entfernen, auf dem sie als
Siegesgttin erschienen war. Einen Augenblick blieb sie an der Schwelle
der Tr stehen, um beobachtende, aber flchtige Blicke auf die ganze
Damenwelt zu werfen, die Kostme zu mustern und sich zu berzeugen, da
sie durch ihren Schmuck alle brigen verdunkeln wrde. Die berhmte und
hbsche Kokette hatte sich dann der Bewunderung aller Anwesenden
dargestellt, indem sie von einem der tapferen Obersten der groen Armee
gefhrt wurde, der damals Liebling des Kaisers und berdies jung und
schn war. Er hie Graf von Soulanges. Die zufllige und vorbergehende
Vereinigung dieser beiden Personen bot ohne Zweifel etwas Rtselhaftes
dar; denn als der Diener an der Tr Herrn von Soulanges und Grfin von
Vaudremont anmeldete, erhoben sich einige Damen, die etwas zu weit
abseits saen, um neugierige Blicke auf die Eintretenden zu werfen.
Auch einige Herren eilten aus den anstoenden Salons vorbei und
drngten sich an die Tren des Hauptsaales. Einer von jenen Witzbolden,
an denen es bei so groen Gesellschaften nie fehlt, bemerkte, als er
die Grfin mit ihrem Kavalier eintreten sah, da die Damen mit ebenso
groer Neugierde auf einen seiner Geliebten ergebenen Mann schauten,
wie die Mnner ein schwer zu fesselndes hbsches Weib betrachteten.

Graf von Soulanges war ein junger Mann von etwa zweiunddreiig Jahren;
er schien haltlos, war aber nervig. Seine hageren Formen und sein
blasser Teint nahmen wenig zu seinen Gunsten ein. Obgleich seine
schwarzen Augen eine sehr groe Lebhaftigkeit besaen, war er doch
schweigsam. Indes galt er fr einen sehr verfhrerischen Mann, und man
gestand ihm groe Beredsamkeit in Verbindung mit vielen Fhigkeiten zu.

Die Grfin von Vaudremont war eine ziemlich groe Erscheinung von
angenehmer Krperflle, blendend weier Haut, trug ihr kleines
anmutiges Kpfchen sehr schn und besa den gewaltigen Vorteil, durch
die Anmut ihres Benehmens Liebe einflen zu knnen. Man empfand stets
eine neue Freude, wenn man sie anblicken oder mit ihr sprechen konnte.
Sie war eine von jenen Frauen, die alle Verheiungen erfllen, welche
ihre Schnheit gewhrt.

Dieses rtselhafte und glnzende Paar, das fr einige Augenblicke
Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war, erlaubte der
Neugierde nicht lange, sich mit ihm zu beschftigen, denn der Oberst
und die Dame schienen vollkommen zu begreifen, da der Zufall sie in
eine schwierige Lage gebracht habe. Als der Baron Martial die Grfin
und ihren Kavalier miteinander vorwrts schreiten sah, mischte er sich
in eine Gruppe von Mnnern, die den Kamin umstanden, und beobachtete
zwischen den Kpfen hindurch, die gleichsam einen Wall um ihn bildeten,
Frau von Vaudremont mit der ganzen eiferschtigen Aufmerksamkeit, die
das erste Feuer der Leidenschaft erregt. Eine innere Stimme schien ihm
zu sagen, da der Erfolg, auf den er stolz gewesen sei, noch immer
nicht als ein ganz gewisser betrachtet werden knne. Allein das Lcheln
kalter Hflichkeit, mit dem die Grfin Herrn von Soulanges dankte, und
die Verneigung, mit der sie ihn verabschiedete, als sie sich zu Frau
von Gondreville setzte, entspannte die Muskeln wieder, die die
Eifersucht auf dem jugendlichen Antlitz des Requtenmeisters krampfhaft
zusammengezogen hatte.

Als indes der eiferschtige Provenale bemerkte, da Herr von Soulanges
zwei Schritte von dem Sofa stehen blieb, in dem Frau von Vaudremont
Platz genommen hatte, ohne auf den Blick zu achten, durch den die junge
Kokette ihrem getuschten Liebhaber zu sagen schien, da sie beide eine
lcherliche Rolle spielten, da zog er von neuem die schwarzen Brauen
zusammen, die seine blauen Augen beschatteten, fuhr, um sich Haltung zu
geben, mit den Fingern durch die Locken seiner braunen Haare und
beobachtete das Benehmen der Grfin und des Herrn von Soulanges, ohne
die Aufregung zu verraten, die sein Herz heftiger schlagen lie. Der
Requtenmeister schien mit seinen Nachbarn zu plaudern, aber das Feuer
einer heftigen Leidenschaft entflammte sein unruhiges Auge. Nun trat
der Oberst zu ihm und reichte ihm die Hand, um seine Bekanntschaft zu
erneuern, worauf er die kriegerische Odyssee seines Freundes anhrte,
ohne sie zu hren, denn er blickte stets nur auf Herrn von Soulanges.

Dieser berschaute mit ruhigen Blicken die vierfache Reihe von Damen,
die den gewaltigen Salon des Senators einrahmte. Er schien jene
Einfassung von Diamanten, von Rubinen, von goldenen hren und reizenden
Kpfen zu bewundern, deren Glanz fast die Helligkeit der Kerzen, das
Kristall der Kronleuchter, die silberne Stickerei der Tapeten und die
Vergoldung der Bronzen berstrahlte. Die sorglose Ruhe seines
Nebenbuhlers brachte den Requtenmeister auer Fassung, und unfhig,
lnger die aufwallende und geheime Ungeduld zu beherrschen, die sich
seiner bemchtigte, trat er auf Frau von Vaudremont zu, um sie zu
begren. Als der Provenale erschien, richtete Herr von Soulanges
einen finsteren Blick auf ihn und wandte dann ungeduldig den Kopf.

Ein ernstes Schweigen herrschte in dem Salon. Die Neugierde war auf den
hchsten Gipfel gestiegen. Die emporgereckten Kpfe zeigten die
wunderlichsten Mienen, und jeder befrchtete oder erwartete einen von
jenen Auftritten, vor denen sich jedoch wohlerzogene Leute stets zu
hten wissen. Pltzlich wurde das bleiche Antlitz des Grafen so rot,
wie der Scharlach seiner Aufschlge, und seine Blicke senkten sich auf
den Fuboden, damit sie den Gegenstand seiner Unruhe nicht erraten
lieen. Gleichsam durch einen Zufall hatte er die Unbekannte erblickt,
die bescheiden am Fue des Kandelabers sa. Ein finsterer Gedanke
bemchtigte sich seiner, und er ging mit trauriger Miene an dem
Requtenmeister vorber, um sich in einen der Spielsalons zu flchten.
Der Baron Martial sowie die brigen Versammelten glaubten, da
Soulanges ihm das Feld rume, um die Lcherlichkeit zu vermeiden, die
sich entthronte Liebhaber stets zuziehen; nun erhob er stolz das Haupt,
blickte ebenfalls nach dem kstlichen Kandelaber und bemerkte die
Unbekannte. Er setzte sich mit geflligem Anstnde neben Frau von
Vaudremont, hrte aber so zerstreut auf die Worte, die die Kokette
hinter dem Fcher ihm zuflsterte, da er sie fast gar nicht verstand.

"Martial, Sie werden mir die Freude machen, den Diamant heute abend
nicht zu tragen, den ich Ihnen geschenkt habe. Ich habe meine Grnde
und werde sie Ihnen erklren, wenn wir uns entfernen; denn Sie werden
mir bald den Arm reichen, um mich zur Frstin von Wagram zu begleiten."

"Warum hatten Sie den Arm jenes hlichen Obersten angenommen?" fragte
der Baron.

"Ich bin ihm in der Vorhalle begegnet ..." anwortete sie; "aber nun
verlassen Sie mich, man sieht zu uns herber...."

"Ich bin stolz darauf!..." sagte Martial, erhob sich aber dennoch und
ging. Nun trat er zu dem Krassier-Oberst, und jetzt wurde die kleine
blaue Dame das gemeinschaftliche Band der Unruhe, die sich zu gleicher
Zeit, aber auf andere Art, der Gedanken des schnen Krassier-Obersten
bemchtigt hatte, wie auch des betrbten Herzens des Grafen von
Soulanges und des flatterhaften Sinnes des Barons Martial und der
Grfin von Vaudremont.

Als sich die beiden Freunde nach den herausfordernden Schluworten
ihrer langen Unterhaltung trennten, trat der junge Requtenmeister auf
die schne Frau von Vaudremont zu und wute ihr einen Platz in der
Mitte der glnzendsten Quadrille zu verschaffen. Begnstigt durch jene
Art von Rausch, in die eine Frau fast immer versetzt wird, und durch
das Schauspiel eines Balles, bei dem die Mnner wenigstens ebenso
geschmckt sind wie die Damen, glaubte Martial ungestraft dem Anreiz
nachgeben zu knnen, der seine Blicke stets wieder zu jenem Winkel
hinzog, in dem die Unbekannte gleichsam wie eine Gefangene sa. Es
gelang ihm, der lebhaften Grfin den ersten und den zweiten Blick zu
entziehen, den er auf die blaue Dame warf, endlich aber wurde er auf
der Tat ertappt. Er wollte sich mit Zerstreuung entschuldigen,
rechtfertigte aber dadurch das ungeziemende Schweigen nicht, mit dem er
auf die meistverfhrerische aller Fragen antwortete, die eine Frau
aussprechen kann. Je nachdenkender er wurde, desto gereizter zeigte
sich die Grfin.

Whrend Martial nur widerwillig tanzte, ging der Oberst bei den Gruppen
der Zuschauer umher, um Erkundigungen ber die junge Unbekannte
einzuziehen. Nachdem er die Geflligkeit aller Anwesenden, selbst der
Gleichgltigen, gemibraucht hatte, wollte er einen Augenblick
bentzen, in dem die Grfin von Gondreville frei schien, um sie selbst
nach dem Namen der rtselhaften Dame zu fragen, als er eine leichte
Lcke zwischen der Sule des Kandelabers und den Divans, die zu beiden
Seiten standen, bemerkte.

Der unerschrockene Krassier benutzte den Augenblick, whrenddessen der
Contretanz einen groen Teil der Sthle leer lie, die eine dreifache
Festungslinie bildeten, welche jetzt nur noch von Mttern und Frauen
eines gewissen Alters verteidigt wurde, und er wagte durch diese mit
farbigen Schals und gestickten Taschentchern bedeckten Palisaden
durchzudringen.

Er begrte einige Witwen, und von Dame zu Dame, von Hflichkeit zu
Hflichkeit, gelangte er endlich zu dem Platz der Unbekannten, den er
erspht hatte. Auf die Gefahr hin, an den Klauen und Chimren des
gewaltigen Leuchters hngen zu bleiben, errang er sich eine Stelle
unter den Flammen der Wachskerzen, whrend ihn Martial mit groer
Unzufriedenheit anblickte. Der Oberst war zu gewandt, als da er ohne
weiteres die kleine blaue Dame htte anreden sollen, die zu seiner
Rechten sa; dagegen wandte er sich zunchst an eine ziemlich hliche,
links von ihm sitzende Dame und sagte zu ihr: "Das ist ein herrlicher
Ball, meine Dame! Welche Pracht, welches Leben! Auf Ehre, es sind hier
nur schne Damen versammelt. Warum tanzen Sie aber nicht?... Sie haben
gewi recht boshafte Krbe ausgeteilt."

Die geschmacklose Unterhaltung, in die sich der Oberst einlie, hatte
nur den Zweck, seine Nachbarin zur Rechten in ein Gesprch, zu ziehen.
Sie blieb aber stumm und in Gedanken versunken und schenkte ihm nicht
die geringste Aufmerksamkeit. Der Offizier wurde von einem sonderbaren
Staunen ergriffen, als er die Unbekannte wie in einer vollkommenen
Erstarrung sah. Er bemerkte sogar Trnen in dem blauen Kristall ihrer
Augen, und sein Staunen kannte keine Grenzen mehr, als er bemerkte, da
die Aufmerksamkeit der betrbten jungen Dame nur durch Frau von
Vaudremont gefesselt wurde.

"Madame ist ohne Zweifel verheiratet?" fragte er endlich.

"Ja, mein Herr."

"Ihr Herr Gemahl ist ohne Zweifel ebenfalls hier anwesend?"

"Ja, mein Herr."

"Und warum bleiben Sie so an Ihrem Platz? Etwa aus Koketterie?..."

Die Unbekannte lchelte traurig.

"Geben Sie mir die Ehre, bei dem nchsten Contretanz meine Tnzerin zu
sein! Ich werde Sie gewi nicht an diesen Platz zurckfhren; ich sehe
neben dem Kamin eine leere Gondole, und dort sollen Sie fr den Rest
des Abends ihren Sitz haben. Whrend so viele Damen hier zu glnzen
suchen und die Narrheit des Tages ihre Krnung feiert, begreife ich Sie
nicht, warum Sie sich weigern wollten, die Knigin des Balles zu
werden, wozu Ihnen Ihre Schnheit die gerechtesten Ansprche bietet."

"Mein Herr, ich werde nie tanzen." Die sanfte, aber kurze Betonung der
lakonischen Antworten, die die Unbekannte gab, war so entmutigend, da
sich der Oberst gezwungen sah, den Platz zu verlassen. Martial hatte
whrend des Tanzens nicht nur die letzte Bitte des Obersten erraten,
sondern auch die abschlgige Antwort, die er erhielt, weshalb er
lchelte und sein Kinn streichelte, indem er dabei den Diamant an
seinem Finger erglnzen lie.

"Worber lachen Sie?" fragte ihn die Grfin.

"ber den Mierfolg des armen Obersten. Er hat einen Holzweg
betreten...."

"Ich hatte Sie gebeten, den Diamant abzunehmen," bemerkte darauf die
Grfin.

"Ich habe es nicht gehrt."

"Sie hren aber heute abend auch gar nichts, Herr Baron!..." antwortete
Frau von Vaudremont sehr gereizt.

"Sehen Sie den jungen Mann dort, der einen sehr schnen Diamanten am
Finger trgt," sagte in diesem Augenblicke die Unbekannte zu dem
Obersten, der sich eben entfernen wollte. "Es ist ein prachtvoller
Diamant," antwortete dieser. "Der junge Mann ist der Baron Martial de
la Roche-Hugon, einer meiner vertrautesten Freunde."

"Ich danke Ihnen, da Sie mir diesen Namen genannt haben," versetzte
die Unbekannte. "Er scheint mir sehr liebenswrdig!..." fuhr sie fort.

"Ja, allein er ist ein wenig leichtsinnig."

"Man knnte glauben, da er mit der Grfin von Vaudremont sehr vertraut
sei!..." versetzte die junge Dame und sah den Obersten fragend an.

"Er wird sich mit ihr verheiraten." Die Unbekannte erbleichte. "Zum
Teufel!" dachte der Krieger, "sie liebt diesen verdammten Martial!"

"Ich glaubte, Frau von Vaudremont stehe seit lngerer Zeit in einem
Verhltnis mit Herrn von Soulanges?..." versetzte die junge Dame, indem
sie sich von einem inneren Leiden erholte, das fr einen Augenblick den
bernatrlichen Glanz ihres Antlitzes aufgehoben hatte.

"Seit acht Tagen tuscht ihn die Grfin," antwortete der Oberst. "Sie
mssen aber den armen Soulanges gesehen haben, als er eintrat.... Er
versucht noch, den Glauben an sein Unglck von sich fernzuhalten...."

"Ich habe ihn gesehen," sagte die Dame in einem vielsagenden Tone. Dann
fuhr sie fort: "Mein Herr, ich danke Ihnen fr Ihre Mitteilung!" Die
Betonung dieser Worte galt einer Verabschiedung gleich.--In diesem
Augenblick ging der Contretanz seinem Ende entgegen, und der aus dem
Felde geschlagene Oberst hatte kaum noch Zeit, sich aus den
Festungslinien der Damen zurckzuziehen, indem er sich gewissermaen
zum Trost sagte: "Sie ist verheiratet!..."

"Nun, mutiger Krassier!" sagte der Baron, indem er den Obersten mit
sich in eine Fensternische zog, um die reine Luft des Gartens
einzuatmen. "Wie weit sind Sie gekommen?"

"Sie ist verheiratet, mein Lieber."

"Was schadet das?"

"Ha, der Teufel, ich halte auf die guten Sitten!..." antwortete der
Oberst. "Ich will mich nur noch an solche Damen wenden, die ich
heiraten kann.... berdies, Martial, hat sie mir deutlich erklrt, da
sie nicht tanzen wolle."

"Oberst, verwetten Sie Ihren Apfelschimmel gegen hundert Napoleons, da
sie heute abend noch mit mir tanzt?"

"Abgemacht ..." sagte der Oberst und reichte dem Gecken die Hand.
"Unterdes werde ich zu Soulanges gehen, der vielleicht diese Dame
kennt.... Es schien mir, als wre sie hinsichtlich mancher Dinge unter
richtet."

"Mein Tapferer, Sie haben verloren!" sagte Martial lachend; "meine
Augen sind eben mit den ihrigen zusammengetroffen und--ich verstehe
mich darauf.... Aber, Oberst, Sie werden doch nicht bse werden, wenn
sie mit mir tanzt, nachdem Sie einen Korb empfangen haben?"

"Nein, nein; der lacht am besten, der am lngsten lacht!... brigens,
Martial, bin ich ein guter Spieler und ein guter Feind, weshalb ich
Dich darauf aufmerksam mache, da sie Diamanten liebt."

Nach diesem Gesprch trennten sich die beiden Freunde abermals. Der
Oberst begab sich zum Spielsalon und bemerkte den Grafen von Soulanges
an einem Bouillottetische.

Obgleich zwischen den beiden Obersten nur jene Freundschaft des
uerlichen Umgangs bestand, wie sie durch die Gefahren des Krieges und
die Pflichten eines gleichen Dienstes herbeigefhrt wird, schmerzte es
den Krassier-Oberst dennoch, den Grafen von Soulanges, den er als
einen klugen jungen Mann kannte, bei einem Spiel zu finden, das ihn
zugrunde richten konnte. Die Haufen von Gold und Banknoten, die auf dem
unglckseligen grnen Tisch lagen, bezeugten die Wut des Spiels. Ein
Kreis schweigender Mnner umstand die ernsten Spieler, die beim
Bouillotte saen. Einige Worte wurden hier und da laut, wenn man aber
die unbeweglichen Spieler sah, so htte man glauben sollen, da sie nur
mit den Augen sich unterhielten. Als der Oberst, der durch die
bleifarbene Blsse des Herrn von Soulanges erschreckt wurde, sich
diesem nherte, war der Graf eben gewinnender Teil. Der sterreichische
Gesandte und ein berhmter Bankier erhoben sich, nachdem sie bedeutende
Summen verloren hatten. Der Graf von Soulanges wurde noch finsterer,
als er es vorher gewesen war, whrend er eine ungeheuere Menge Gold und
Banknoten einstrich. Er zhlte seinen Gewinn nicht einmal. Ein bitterer
Spott zeigte sich auf seinen Lippen. Er schien das Glck und das Leben
zu bedrohen, anstatt ihnen zu danken, wie so viele andere getan haben
wrden.

"Mut," sagte der Oberst zu ihm; "Mut, Soulanges!" Dann glaubte er ihm
einen wahren Dienst zu leisten, indem er ihn vom Spiel wegfhrte und
sagte: "Kommen Sie, ich habe Ihnen eine angenehme Neuigkeit
mitzuteilen, aber nur unter einer Bedingung."

"Und die ist?" fragte Soulanges.

"Da Sie mir auf die Frage antworten, die ich an Sie richten werde."

Der Graf von Soulanges erhob sich rasch. Er schob seinen ganzen Gewinn
hchst sorglos in sein Taschentuch, das er auf krampfhafte Weise
zusammenzog. Sein Gesicht zeigte einen so verzweifelten Ausdruck, da
keiner seiner Mitspieler eine uerung der Mibilligung ber die
abgebrochene Partie zu tun wagte, und die Zge der brigen schienen
sich sogar noch zu erheitern, als seine finsteren und unwilligen Blicke
aus dem Kreis verschwanden, den eine Bouillote-Lampe um den Tisch
beschrieb. Ein Diplomat, der bisher unter den Zuschauenden gestanden
hatte, sagte indes, als er den Platz einnahm, den der Oberst verlassen
hatte: "Diese verteufelten Soldaten verstehen sich doch untereinander,
wie die Weikufer auf einem Jahrmarkt!" Ein einziges bleiches und
verlebtes Gesicht wandte sich gegen den neuen Teilnehmer am Spiel,
indem es ihm einen Blick zuwarf, der erglnzte und erlosch, wie das
Feuer eines Diamanten, den man spielen lt. Dieses Gesicht war das des
Frsten von Bnvent.

"Mein Lieber!" sagte der Oberst zu Soulanges, den er mit sich in eine
Ecke gezogen hatte, "heute Morgen hat der Kaiser mit groem Lobe von
Ihnen gesprochen, und Ihre Befrderung in der Garde ist nicht mehr
zweifelhaft. Der Herrscher hat ausgesprochen, da diejenigen, die
whrend des Feldzuges in Paris zurckgeblieben wren, nicht als in
Ungnade gefallen angesehen werden drften.... Nun...?"

Der Graf von Soulanges schien nichts von diesen Worten verstanden zu
haben.

"Nun hoffe ich," versetzte der Oberst, "da Sie mir sagen werden, ob
Sie die kleine allerliebste Person kennen, die am Fue des Kandelabers
sitzt."

Bei diesen Worten leuchtete aus den Augen des Grafen ein ungewhnliches
Feuer. Er ergriff mit auerordentlicher Heftigkeit die Hand des
Obersten und sagte mit einer offenbar erregten Stimme zu ihm: "Mein
tapferer Kamerad, wenn Sie es nicht wren ... wenn ein Anderer diese
Frage an mich richtete ... so wrde ich ihm mit diesem Haufen Goldes
den Schdel zerschmettern.... Verlassen Sie mich, ich bitte Sie
darum.... Ich mchte mir lieber heute Abend eine Kugel durch das Hirn
jagen, als.... Ich hasse alles, was ich sehe ... daher will ich auch
sogleich fort; denn diese Freude, diese Musik, diese lachenden
Schafgesichter sind mir grauenhaft."

"Mein armer Freund..." sagte der Oberst mit sanfter Stimme und drckte
freundschaftlich die Hand des Grafen, "Sie sind so aufgeregt... Was
wrden Sie sagen, wenn ich Ihnen mitteilte, da Martial jetzt noch so
wenig an Frau von Vaudremont denkt, da er sich vielmehr in jene kleine
Dame verliebt hat?"

"Wenn er mit ihr spricht," sagte Soulanges, indem er vor Wut seine
Worte stotternd vorbrachte, "so werde ich ihn zusammenklappen wie eine
Brieftasche, und verkrche er sich unter dem Rock des Kaisers...."

Bei diesen Worten sank der Graf halb ohnmchtig in den Armstuhl, zu dem
ihn der Oberst gefhrt hatte. Dieser zog sich langsam zurck, nachdem
er bemerkt hatte, da Herr von Soulanges von einem zu heftigen Zorn
ergriffen sei, als da ihn die Scherze oder die Sorgfalt einer
oberflchlichen Freundschaft zu beruhigen vermchten. Als sich der
schne Krassier in den groen Tanzsaal begab, war Frau von Vaudremont
die erste, auf die seine Blicke fielen. Er gewahrte in ihren gewhnlich
so ruhigen Zgen einige Spuren einer schlecht verhehlten Aufregung. Der
Oberst bemerkte einen leeren Stuhl neben ihr und eilte zu ihr hin.

"Ich mchte wetten, da Sie sehr aufgeregt sind," sagte er.

"O, es ist eine Kleinigkeit, Oberst. Ich wollte mich eigentlich schon
von hier entfernt haben, denn ich habe versprochen, auf dem Ball der
Groherzogin von Berg zu erscheinen, und vorher mu ich noch einen
Besuch bei der Frstin von Wagram machen. Herr de la Roche-Hugon wei
es, aber er belustigt sich damit, noch immer mit den alten Witwen von
frheren Zeiten zu schwatzen."

"Das ist nicht die Ursache Ihrer Unruhe.... Ich wette hundert
Louisdors, da Sie hier bleiben."

"Sie Unverschmter!..."

"Also habe ich die Wahrheit gesagt."

"Bsewicht!" versetzte die schne Grfin und schlug mit ihrem Fcher
auf die Finger des Oberst.

"Nun, woran dachte ich denn?... Ich bin fhig, Sie zu belohnen, wenn
Sie die Wahrheit erraten."

"Ich kann die Wette nicht eingehen, denn ich habe zu viele Vorteile."

"Anmaender!..."

"Sie befrchten, Martial zu den Fen einer Dame zu sehen...."

"Welcher Dame?" fragte die Grfin, indem sie sich berrascht stellte.

"Der Dame, die neben dem Kandelaber sitzt ..." antwortete der Oberst
und deutete nach der Ecke, in der die schne Unbekannte sa, die keinen
Blick von der Grfin wandte.

"Ja, Sie haben es erraten!" antwortete die Kokette und verbarg ihr
Antlitz hinter ihrem Fcher, indem sie sich stellte, als spiele sie mit
demselben. "Die alte Frau von Marigny, die, wie Sie wissen, boshaft ist
wie ein alter Affe," fuhr sie fort, nachdem sie einen Augenblick
geschwiegen hatte, "hat mir eben gesagt, da Herr de la Roche-Hugon
einige Gefahr laufen wrde, wenn er der Unbekannten den Hof machen
wollte, die sich, wie ein Strenfried, auf diesem Balle gezeigt hat.
Ich mchte lieber den Tod sehen, als dieses Antlitz, das so grausam
schn und zugleich so bleich, so unbeweglich ist, wie eine
Geistererscheinung. Frau von Marigny," fuhr sie dann fort, "die auf den
Bllen erscheint, um alles zu sehen, whrend sie zu schlafen scheint,
hat mich ungemein beunruhigt. Gewi, Martial soll mir den Possen, den
er mir gespielt, teuer bezahlen. Ersuchen Sie ihn indes, Oberst, da er
Ihr Freund ist, mir keinen Kummer zu machen."

"Ich habe eben mit einem Manne gesprochen, der an nichts weniger denkt,
als ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er mit der kleinen
Dame spricht. Und jener Mann, meine Dame, hlt sein Wort. Indes kenne
ich Martial. Gefahren ermutigen ihn nur. berdies haben wir eine Wette
miteinander gemacht...." Diese Worte sprach der Oberst mit leiser
Stimme.

"Sollte es wahr sein?..." antwortete Frau von Vaudremont, whrend sie
einen gefallschtigen Blick auf ihn richtete. "Wrden Sie mir die Ehre
erweisen, bei dem nchsten Contretanz mit mir anzutreten?..."

"Nicht bei dem ersten, aber bei dem zweiten; jetzt will ich erst sehen,
was aus dieser Intrige werden kann, und will wissen, wer die kleine
blaue Dame ist. Sie sieht sehr geistreich aus."

Der Oberst erriet, da Frau von Vaudremont jetzt allein sein wollte,
und entfernte sich, zufrieden, den beabsichtigten Angriff auf
geschickte Weise begonnen zu haben.

Es gibt bei allen Bllen Damen, die, hnlich der Frau von Marigny, das
Amt alter Seemnner bernehmen, die am Ufer des Meeres den Strmen
zuschauen, mit denen sich junge Matrosen herumschlagen. Frau von
Marigny, die an den Personen dieses Auftritts Teil zu nehmen schien,
vermochte nun in diesem Augenblick sehr leicht den grausamen Kampf zu
erraten, der in dem Herzen der Grfin vor sich ging. Vergebens fcherte
sich die junge Kokette auf die anmutigste Art Khlung zu, vergebens
lchelte sie den jungen Leuten entgegen, von denen sie begrt wurde,
und wandte alle weibliche List an, um ihre Aufregung zu verbergen, die
alte Witwe, eine der klgsten Herzoginnen am Hofe Ludwigs XV., schien
die Geheimnisse zu durchblicken, die sich hinter den Zgen der Grfin
bargen. Die alte Dame schien fast jene unmerklichen Bewegungen des
Augensterns wahrzunehmen, die die Wallungen des Herzens verraten. Die
leichtesten Falten, die die weie und reine Stirn runzelten, das
unmerkliche Zittern der Zge, das Spiel der anklgerischen Augenbrauen,
die fast unsichtbare Bewegung der Lippen, dies alles wute die alte
Herzogin so gut zu lesen, wie die geschriebenen Worte eines Buches. Die
Kokette auer Dienst sa in einem Armstuhl, den sie vollkommen
ausfllte, und plauderte mit einem Diplomaten, der sie aufgesucht
hatte, weil sie in unvergleichlicher Weise Anekdoten vom alten Hofe
erzhlen konnte, aber sie beobachtete dabei mit ununterbrochener
Aufmerksamkeit die junge Kokette, die ihr wie eine neue Auflage ihres
eigenen Ichs vorkam. Sie fand sie ganz nach ihrem Geschmack, als sie
sah, da sie so gut ihren Kummer verberge und die Schmerzen ihres
Herzens zu verhehlen wisse.

Frau von Vaudremont fhlte sich in der Tat ebenso schmerzlich
ergriffen, als sie sich heiter stellte. Sie hatte geglaubt, in Martial
einen Mann von Talent anzutreffen, der ihr Leben durch die Gensse des
Hofes, nach denen sie sich sehnte, verschnern sollte. Sie erkannte in
diesem Augenblick einen Irrtum, der ebenso grausam fr ihren Ruf, wie
fr ihre Eigenliebe war. Es ging ihr, wie den brigen Frauen jener
Epoche, indem die pltzliche Regung der Leidenschaften die
Lebhaftigkeit der Gefhle nur vermehren konnte. Die Herzen, die viel
und schnell leben, dulden nicht weniger, als die, die sich in einer
einzigen Leidenschaft verzehren. Mehr als ein Fcher verbarg damals
kurze, aber schreckliche Qualen. Die Vorliebe der Grfin fr Martial
war allerdings erst Tags zuvor entstanden, allein auch der
unerfahrenste Chirurg wei, da die Abtrennung eines lebenden Gliedes
weit schmerzhafter ist, als die eines abgestorbenen. Bei Frau von
Vaudremonts Neigung zu Martial kamen die Aussichten auf die Zukunft
hinzu, whrend ihre frhere Leidenschaft ohne Hoffnung war und durch
die Gewissensbisse des Grafen von Soulanges vergiftet wurde.

Die alte Herzogin wute alles zu erraten und beeilte sich nun, den
Gesandten zu entlassen, von dem sie belagert wurde, denn in Gegenwart
entzweiter Geliebten und Liebhaber erbleicht jedes andere Interesse,
selbst bei einer alten Frau. Frau von Marigny richtete daher, um den
Kampf anzufachen, einen sardonischen Blick auf Frau von Vaudremont.
Dieser schreckliche Blick lie die junge Kokette befrchten, ihr Los
mge in die Hnde der Witwe geraten. Es gibt in der Tat Blicke, die ein
Weib dem andern zuwirft, die gleichsam tragische Fackeln sind, welche
den nchtlichen Ausgang eines Dramas beleuchten. Man mte die
Exherzogin genauer kennen, um den ganzen Schrecken zu wrdigen, den das
Spiel ihrer Physiognomie der Grfin einflte. Frau von Marigny war
hoch gewachsen, und wenn man sie sah, so mute man sagen: "Die Frau ist
gewi hbsch gewesen!" Sie verbarg die Runzeln ihrer Wangen durch eine
so starke Auflage von Rot, da sie fast gar nicht sichtbar wurden,
allein ihre Augen empfingen keinen knstlichen Glanz durch dieses satte
Karmin, sondern wurden dadurch nur noch dsterer. Sie trug eine Menge
von Diamanten und kleidete sich mit hinreichendem Geschmack, um nicht
lcherlich zu erscheinen. Ihr Mund war durch ein knstliches Gebi
verschnt und daher keineswegs eingefallen, sondern zeigte nur einen
ironischen Zug, der ihr eine hnlichkeit mit Voltaire gab. Ihre spitze
Nase deutete auf scharfen Witz, aber dennoch milderte die ausgesuchte
Feinheit ihres Benehmens den Spott ihrer Einflle so sehr, da man sie
nicht der Bosheit beschuldigen konnte.

Ein triumphierender Blick belebte die beiden grauen Augen der alten
Dame und schien den Salon zu durchfliegen, um das Rot der Hoffnung auf
die bleichen Wangen der kleinen Dame zu ergieen, die zu den Fen des
Kandelabers seufzte. Diesen durchdringenden Blick begleitete ein
Lcheln, das zu sagen schien: "Das hatte ich Ihnen bereits verheien!"

Diese unvorsichtige Enthllung einer Verbindung, die zwischen Frau von
Marigny und der Unbekannten bestand, vermochte dem gebten Auge der
Grfin von Voudremont nicht zu entgehen. Sie erblickte ein Geheimnis
und wollte es durchdringen. Die Neugierde verringerte ihren
vorbergehenden Schmerz.

In diesem Augenblick hatte der Baron de la Roche-Hugon die ganze Reihe
der alten Witwen durchgemacht, um den Namen der blauen Dame zu
erfahren, aber gleich vielen Altertmlern hatte er sein ganzes Latein
bei diesen unglcklichen Nachforschungen verloren. In seiner
Verzweiflung hatte er sich sogar an die Grfin von Gondreville gewandt;
aber auch von ihr nur wenig befriedigende Antwort erhalten: "Es ist
eine Dame, die mir von der ehemaligen Herzogin von Marigny vorgestellt
wurde...."

Nun wandte sich der Requtenmeister schnell zu dem Armstuhle, den die
alte Dame einnahm, und berraschte sie bei jenem Blick des
Einverstndnisses, der mit der Unbekannten gewechselt wurde. Die
Frbung, die sich ber die Wangen der einsamen Dame ergo, verlieh ihr
einen solchen Glanz, da der Requtenmeister, bewegt durch den Anblick
einer so mchtigen Schnheit, zu Frau von Marigny zu treten beschlo,
obgleich er seit einiger Zeit ziemlich schlecht mit ihr gestanden
hatte. Als die Herzogin den Baron um ihren Armstuhl herumschweifen sah,
lchelte sie mit sardonischer Bosheit und blickte mit einer so
triumphierenden Miene auf Frau von Voudremont, da der Oberst darber
lchelte. "Sie nimmt eine freundliche Miene an, die alte Zigeunerin,"
dachte er, "sie wird mir ohne Zweifel einen bsen Streich spielen
wollen." "Meine Dame," sagte er, "wie man mir gesagt hat, sind Sie
beauftragt, ber einen kstlichen Schatz zu wachen."

"Sehen Sie mich fr einen schwarzen Hund mit glhenden Augen an?"
fragte die alte Dame und ergtzte sich fr einen Augenblick an der
Verlegenheit des jungen Mannes. "Aber von welchem Schatze sprechen
Sie?" fuhr sie dann mit einer sen Stimme fort, durch die Martial neue
Hoffnung erhielt.

"Von der kleinen unbekannten Dame, die durch den Neid der koketten
Damen in jene Ecke verdrngt ist ... Sie sind ohne Zweifel mit ihr
bekannt?...."

"Ja," sagte die Herzogin und lchelte wieder boshaft. "Warum tanzt sie
nicht? Sie ist so schn! Wollen Sie, da wir Friede miteinander
schlieen? Wenn Sie mich ber das belehren wollen, was ich gern
erfahren mchte, so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort darauf, da Ihr
Gesuch um Zurckgabe der Waldungen von Marigny bei dem Kaiser krftig
untersttzt werden soll."

"Herr Baron," antwortete die alte Dame mit einem trgerischen Ernst,
"fuhren Sie mir die Grfin von Vaudremont zu. Ich verspreche Ihnen, da
ich ihr das ganze Geheimnis enthllen will, das unsere Unbekannte so
anziehend macht. Alle Mnner, die auf dem Ball anwesend sind, scheinen
ebenso neugierig geworden zu sein, wie Sie. Aller Augen richten sich
unwillkrlich nach jenem Kandelaber, neben dem das arme Kind so
bescheiden sitzt. Sie erntet alle Huldigungen, die man ihr hat
entreien wollen. Der mu glcklich sein, der mit ihr tanzen wird!..."
Bei diesen Worten unterbrach sie sich, indem sie einen Blick auf die
Grfin von Vaudremont richtete, der deutlich sagte: "Wir sprechen von
Ihnen." Dann fuhr sie fort: "Ich denke, da Sie den Namen der
Unbekannten lieber aus dem Munde der schnen Grfin hren werden, als
aus dem meinigen." Die Haltung der Herzogin war so herausfordernd, da
Frau von Vaudremont sich erhob, zu ihr kam, sich auf den Stuhl setzte,
den ihr Martial anbot, und dann, ohne auf ihn zu achten, lachend sagte:
"Ich errate, meine Dame, da Sie von mir sprechen, aber ich mu meine
Schwche anerkennen und gestehen, da ich nicht erkenne, ob Sie Gutes
oder Bses von mir reden."

Frau von Marigny drckte mit ihrer trockenen und verschrumpften Hand
die hbsche Hand der jungen Dame und antwortete mit leiser Stimme und
im Tone des Mitleids: "Arme Kleine!"

Die beiden Frauen blickten einander an. Frau von Vaudremont begriff,
da der Baron von Martial berflssig sei und verabschiedete ihn mit
einem gebieterischen Blick, der ihm sagte: "Verlassen Sie uns
augenblicklich!"

Den Requtenmeister freute es wenig, die Grfin von den Knsten der
gefhrlichen Sybille gefesselt zu sehen und richtete einen jener
mnnlichen Blicke auf sie, die so viel Macht ber ein liebendes Herz
besitzen, aber auch einer Frau so lcherlich erscheinen, wenn sie kalt
gegen den geworden sind, in den sie verliebt war.

"Wollen Sie vielleicht dem Kaiser nachffen?..." sagte Frau von
Vaudremont und wandte ihren Kopf, um den Requtenmeister spttisch
anzusehen.

Er kannte die Welt zu gut, besa zu viel Feinheit und guten Geschmack,
als da er sich einem Bruch mit der hbschen Kokette htte aussetzen
wollen; berdies rechnete er auf die Eifersucht, die er bei ihr
erwecken wollte, als auf das beste Mittel, das Geheimnis ihrer
pltzlichen Klte zu entdecken. Er entfernte sich umso williger, als in
diesem Augenblick ein neuer Contretanz alle Tnzerinnen in Bewegung
setzte. Die heiteren Tne des Orchesters erklangen und man htte die
durcheinander wogende Menge mit einer Wolke tausendfarbiger
Schmetterlinge vergleichen knnen, die sich bei dem harmonischen
Konzert der Vgel eines Gebschs ber einer Waldwiese erheben.

Der Baron schien den antretenden Quadrillen zu weichen und sttzte sich
auf den Marmor einer Konsole. Er kreuzte die Arme ber der Brust und
blieb einige Schritte vor den beiden Damen stehen, die sich heimlich
miteinander unterhielten. Von Zeit zu Zeit folgte er den Blicken, die
beide wiederholt auf die Unbekannte richteten, und der Baron befand
sich in einer schrecklichen Unentschlossenheit, whrend er die Grfin
mit jener neuen Schnheit verglich, die noch mehr gehoben wurde durch
das Geheimnis, das sie umgab. Er schwankte, ob er ein reicher Mann
werden oder eine Laune befriedigen solle.

Der Glanz der Lichter lie so krftig das schwermtige und dstere
Antlitz unter seinen schwarzen Haaren hervorstechen, da man ihn mit
einem bsen Geist htte vergleichen knnen, und mehr als ein
fernstehender Beobachter mochte sich wohl sagen, "Der arme Teufel
scheint auch nicht zu seiner Freude hier zu sein!"

Die rechte Schulter leicht an die vergoldete Einfassung der Tr
zwischen dem Spielzimmer und dem Tanzsaale gesttzt, konnte der Oberst
unbemerkt lachen. Er freute sich ber den berauschenden Lrm des
Balles. Er sah hundert hbsche Kpfe, die je nach den Launen des Tanzes
hin und her schwebten. Er las in manchen Zgen, ebenso wie in denen der
Grfin und seines Freundes Martial, die Geheimnisse der Seelen. Dann
wandte er sein Gesicht und verglich das dstere Aussehen des Grafen
Soulanges, der noch immer in dem Armstuhle sa, wo er ihn verlassen
hatte, mit den sanften und klagenden Zgen der unbekannten Dame, auf
deren Antlitz abwechselnd die Freuden der Hoffnung und die Angst eines
unwillkrliehen Schreckens erschienen. Der glckliche Krassier hatte
soviele Geheimnisse zu erraten, Reichtum von einer keimenden Liebe zu
hoffen, die Lehren zu merken, die der gekrnkte Ehrgeiz gibt, das
Schauspiel einer heftigen Leidenschaft zu beobachten und das Lcheln
von hundert hbschen Damen ber Soulanges, Martial, die Grfin oder die
Unbekannte mit seinen Blicken zu erfassen, und er war daher so heiter,
als sei er der Knig des Festes. Das lebhafte Bild gab ihm ein
vollkommenes Gleichnis der Welt und des Lebens; aber er lachte, ohne
da er hinter das Wesen dieser Dinge zu kommen versucht htte. Es war
etwa Mitternacht, und die Unterhaltungen, das Spiel, der Tanz, die
Selbstsucht, die Bosheit und die verschiedenartigsten Plne, alles war
auf jenem Siedepunkt angelangt, wo sich einem jungen Manne der Ruf
entringt: "Es ist doch eine hbsche Sache um einen Ball!..."

"Mein kleiner Engel," sagte Frau von Marigny zu der Grfin, "ich bin
weit lter, als ich scheine, denn ich zhle fnfundsechzig Jahre; ich
habe fast ein Jahrhundert gelebt. Sie, meine Liebe, stehen jetzt in
einem Alter, in dem ich tausend Fehler begangen habe, und da ich Sie
jetzt bittere Qualen erdulden sah, so fiel es mir ein, Ihnen einige
liebevolle Winke zu geben. Wer Fehler im zweiundzwanzigsten Jahre
begeht, verdirbt sich dadurch seine Zukunft, zerreit das Kleid, das er
erst anziehen soll. Ach, meine Liebe, wir lernen erst zu spt uns des
Gewandes zu bedienen, ohne es zu zerknittern.... Fahren Sie fort, mein
schnes Kind, sich redliche Feinde zu machen und diejenigen als Freunde
zu erwerben, die den Geist der Welt nicht besitzen, und Sie sollen
sehen, was fr ein angenehmes Leben Sie fhren werden!"...

"Ach, Herzogin, es macht uns recht viel Mhe, glcklich zu werden!
Nicht wahr?" rief die Grfin kindlich aus.

"Meine Kleine, man mu es nur verstehen, in Ihrem Alter zwischen dem
Vergngen und dem Glck die Wahl treffen zu knnen. Hren Sie mich an!
Sie wollen Martial heiraten. Er ist aber auf der einen Seite nicht dumm
genug, um ein Ehemann zu werden, und auf der anderen Seite nicht gut
genug, um sie glcklich zu machen. Er hat Schulden, meine Liebe!... Er
ist ganz der Mann, der Ihr Vermgen verzehren knnte. Er ist ein
Rnkeschmied, der sich ausgezeichnet in die Geschfte einleben kann, er
wei angenehm zu plaudern, aber er besitzt zu viele Vorteile, als da
er ein wahres Verdienst haben wollte. Er wird nicht weit gehen.
berdies, sehen Sie ihn nur an!... Werfen Sie nur einen Blick auf
ihn!... Liest man es nicht auf seiner Stirn, da er in diesem
Augenblick keineswegs das hbsche junge Weib sieht, sondern nur die
Besitzerin von zwei Millionen?... Er liebt Sie nicht, meine Liebe; er
berechnet Sie, als ob es sich um eine Multiplikation handelte. Wenn Sie
sich verheiraten wollen, so nehmen Sie einen bejahrten Mann, der
zugleich Ansehen geniet. Eine Witwe darf ihre Wiederverheiratung nicht
zu einem Geschft der Liebe machen. Fngt man je eine Maus zweimal in
derselben Falle? Jetzt mu ein neuer Kontrakt eine Spekulation sein,
und wenn Sie sich wieder verheiraten, so mssen Sie dabei wenigstens
die Hoffnung haben, sich dereinst Frau Marschallin nennen zu hren!" In
diesem Augenblick richteten sich die Augen der beiden Damen natrlich
auf das hbsche Antlitz des Obersten. "Wollen Sie die schwierige Rolle
einer Kokette spielen und sich nicht wieder verheiraten ..." fuhr die
Herzogin gutmtig fort; "ach, meine arme Kleine, dann verstehen Sie
besser als jede andere, die Wolken eines Ungewitters zu hufen und auch
wieder zu zerstreuen.... Allein ich beschwre Sie, machen Sie sich nie
eine Freude daraus, den ehelichen Frieden zu stren, die Eintracht der
Familien und das Glck der glcklichen Frauen zu vernichten. Ich habe
diese gefhrliche Rolle gespielt, meine Liebe ... und etwas zu spt
habe ich erkennen gelernt, da, wie jener Diplomat gesagt hat, ein
Lachs besser ist als tausend Frsche! Ja, meine Liebe, um einen Triumph
der Eigenliebe zu feiern, meuchelt man oft arme tugendhafte Geschpfe;
denn es gibt wirklich tugendhafte Frauen, meine Liebe. Lernen Sie
einsehen, da eine wabrhafte Liebe tausendmal mehr Gensse gewhrt, als
die vergnglichen Leidenschaften, die man erregt. Gewi, ich bin
hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten.... Ja, Sie, mein
guter kleiner Engel, sind die Ursache, weshalb ich in diesem Salon
erschienen bin, der nach Pbel stinkt. Sieht man hier nicht sogar
Schauspieler?... Man empfing diese Leute auch sonst, meine Liebe, aber
in seinem Boudoir; in einem Salon jedoch, pfui!... Ja, ja, sehen Sie
mich nicht so erstaunt an.--Hren Sie mich an! Wollen Sie ber die
Mnner lachen," fuhr die alte Dame fort, "so begeistern Sie nur die
Herzen derer, die keine feste Bestimmung haben, die keine Pflichten zu
erfllen haben.... Das ist eine Lehre, die ich meiner alten Erfahrung
verdanke; nutzen Sie dieselbe. Dieser arme Soulanges zum Beispiel, dem
Sie den Kopf verdreht haben, den Sie seit fnfzehn Monaten, Gott wei
wie, berauscht haben ... ihn haben Sie fr sein ganzes Leben
unglcklich gemacht. Er ist verheiratet. Er wird von einem kleinen
Weibe angebetet, das er auch liebte, aber getuscht hat. Soulanges
leidet zuweilen an Gewissensbissen, die grausamer sind, als seine
Freuden s waren, und Sie, kleiner Schlaukopf, haben ihn getuscht!
Kommen Sie nun und sehen Sie Ihr Werk!" Die alte Herzogin fate die
Hand der Frau von Vaudremont, und beide erhoben sich.

"Sehen Sie!" sagte Frau von Marigny zu ihr, indem sie mit den Augen auf
die bleiche und zitternde Unbekannte zeigte. "Das ist meine Nichte, die
Grfin Soulanges!... Sie hat heute endlich meinen Bitten nachgegeben
und ihr Schmerzenszimmer verlassen, in dem ihr der Anblick ihres Kindes
nur einen sehr schwachen Trost gewhrt.... Sehen Sie sie an.... Sie
erscheint Ihnen reizend. Beurteilen Sie nun, was sie damals war, als
Glck und Liebe noch ihren Glanz ber dieses jetzt gewelkte Antlitz
verbreiteten!"

Die Grfin wandte schweigend das Haupt und schien in ernstes Nachdenken
versunken. Die Herzogin fhrte sie allmhlich bis an die Tr des
Spielzimmers, blickte hinein, als suche sie jemand, und sagte dann mit
einer fast geisterhaften Stimme zu der jungen Kokette: "Und dort sehen
Sie Soulanges!..."

Die junge und glnzende Grfin schauderte zusammen als sie in der am
wenigsten erhellten Ecke des Spielzimmers ein bleiches und verzerrtes
Antlitz erblickte. Herr von Soulanges hatte sich in den, Armstuhl
zurckgelehnt. Die Erschlaffung seiner Glieder und die Bewegungslosigkeit
seiner Stirn deuteten auf einen hohen Grad des Schmerzes. Er war allein.
Die Spieler kamen und gingen an ihm vorber, ohne ihm mehr Aufmerksamkeit
zu widmen, als einem leblosen Wesen. Er war in der Tat mehr ein Schatten,
als ein Mensch.

Der Anblick der trauernden Gattin und des dstern und finstern Gatten,
die inmitten dieses Festes von einander getrennt waren, wie die beiden
Hlften eines durch den Blitz getroffenen Baumes, erfllte die Grfin
mit groem Schrecken und bser Vorahnung. Sie frchtete ein Bild dessen
zu sehen, was die eigene Zukunft fr sie aufbewahrte. Ihr Herz war noch
nicht so weit verhrtet, da ihm Empfindsamkeit, und Nachsicht gnzlich
fremd geworden, und sie prete die Hand der Herzogin, whrend sie ihr
mit einem freundlichen Lcheln dankte, in dem eine gewisse kindliche
Anmut lag.

"Mein Kind," sagte ihr jetzt die alte Frau ins Ohr, "bedenken Sie
fortan, da wir es ebenso gut verstehen mssen, die Huldigungen der
Mnner von uns zu weisen, als sie zu erlangen...."--

"Sie gehrt Ihnen, wenn Sie kein Dummkopf sind!" Diese Worte flsterte
Frau von Marigny dem Obersten ins Ohr, whrend sich die schne Grfin
ganz dem Mitleid hingab, das der Anblick des Herrn von Soulanges ihr
einflte. Sie liebte ihn noch aufrichtig genug, um ihn seinem Glcke
wiedergeben zu wollen, und im Herzen versprach sie sich, die
unwiderstehliche Macht anzuwenden, die ihre Verfhrungsknste noch auf
ihn ausbten, um ihn in die Arme seiner Frau zurckzufhren. "O! die
Strafreden, die ich ihm halten werde!..." sagte sie zu Frau von
Marigny. "Sie werden das nicht tun, meine Schne, wie ich hoffe!" sagte
die Herzogin, whrend sie sich zu ihrem Armstuhl zurckbegab. "Whlen
Sie sich dagegen einen braven Ehemann und verschlieen Sie meinem
Neffen die Tr. Vermeiden Sie, ihm in Gesellschaften zu begegnen, und
wenn er von seiner Krankheit geheilt ist, so bieten Sie ihm Ihre
Freundschaft.... Glauben Sie mir, mein Engel, eine Frau empfngt nie
von einer anderen Frau das Herz ihres Mannes. Sie wird hundertmal
glcklicher sein, wenn sie glauben kann, es durch sich selbst
wiedererlangt zu haben, und ich glaube, meiner Nichte ein herrliches
Mittel gewhrt zu haben, durch das sie die Freundschaft ihres Mannes
wiedererlangen kann, indem ich sie hierherfhrte.--Ich verlange keine
andere Mithilfe von Ihnen, als da Sie unsern schnen Krassier-Oberst
mit Neckereien der Liebe berhufen." Bei diesen Worten zeigte sie auf
den Freund des Requtenmeisters, und die Grfin lachte.

"Nun, meine Dame, wissen Sie endlich den Namen der Unbekannten?" fragte
der Baron auf etwas gereizte Art die Grfin, als diese wieder allein
war.

"Ja," anwortete Frau von Vaudremont. Es lag dabei in ihren Zgen
ebensoviel Schlauheit als Heiterkeit. Das Lcheln, das ber ihre Lippen
und ihre Wangen Leben verbreitete, der feuchte Glanz ihrer Augen war
mit jenen Irrlichtern zu vergleichen, die den verspteten Wanderer
tuschen. Martial glaubte sich noch immer geliebt; er nahm jene kokette
Haltung an, in der sich ein Mann so selbstgefllig in der Nhe der von
ihm Geliebten wiegt, und sagte mit Geckenhaftigkeit: "Werden Sie mir
nicht bse werden, wenn es scheint, als legte ich groen Wert darauf,
den Namen der Unbekannten zu erfahren...."

"Und werden Sie mir nicht bse werden," versetzte Frau von Vaudremont,
"wenn ich Ihnen infolge einer letzten Spur von Liebe den Namen nicht
sage und Ihnen zugleich verbiete, die geringste Annherung an jene
junge Dame zu wagen? Sie knnten vielleicht Ihr Leben aufs Spiel
setzen."

"Meine Dame, Ihre Liebe zu verlieren ist schmerzlicher, als das Leben
zu verlieren...."

"Martial!..." sagte die Grfin ernst, "es ist Frau von Soulanges! Und
ihr Mann wrde Ihnen eine Kugel durch das Hirn jagen, wenn Sie ein
solches haben, sobald Sie...."

"Ach!" fiel ihr der Geck lachend in die Rede, "der Oberst lt den in
Frieden leben, der ihm Ihr Herz entrissen hat, und er sollte sich fr
seine Frau schlagen?... Welche Umkehrung der Grundstze!... Ich bitte
Sie, lassen Sie mich mit der kleinen Dame tanzen. Sie werden auf diese
Weise am schnellsten den Beweis erhalten, wie wenig Liebe das eiskalte
Herz besitzt, das Sie verabschiedet haben, denn wird der Oberst bse
darber, da ich seine Gattin zum Tanzen veranlasse...."

"Sie liebt aber ihren Mann...."

"Das ist wieder ein Einwurf, der...."

"Sie ist aber verheiratet...."

"Kstliche Einwnde in Ihrem Munde!"

"Ach!" sagte die Grfin mit einem bitteren Lcheln, "Ihr bestraft uns
bitter fr unsere Fehltritte und unsere Reue! Dann beklagt Ihr Euch
noch ber unsern Leichtsinn! So wirft der Herr seinen Sklaven die
Sklaverei vor. Welche Ungerechtigkeit!" "Betrben Sie sich nicht!"
sagte Martial lebhaft. "Oh, ich bitte Sie darum, verzeihen Sie mir!
Hren Sie! Ich denke nicht mehr an Frau von Soulanges."

"Sie verdienten, da ich Sie zu ihr schickte!"

"Ich gehe schon...." sagte der Baron lachend; "allein ich werde
verliebter in Sie zurckkehren, als ich es je gewesen bin, und Sie
werden sehen, da sich auch das hbscheste Weib von der Welt eines
Herzens nicht bemchtigen kann, das Ihnen gehrt."

"Das heit, Sie wollen das Pferd des Obersten gewinnen?"

"Ha, der Verrter!" antwortete er lachend und drohte seinem lchelnden
Freunde mit dem Finger.

Nun nherte sich der Oberst, und der Baron trat ihm seinen Platz neben
der Grfin ab, zu der er noch spttisch sagte: "Meine Dame, dieser Herr
hat sich gerhmt da er an einem Abend Ihre Liebe erwerben knne!"

Er entfernte sich, whrend er sich freute, die Eigenliebe der Grfin
erweckt und dem Obersten ein Bein gestellt zu haben; ungeachtet seiner
gewhnlichen Schlauheit, hatte er doch nicht den ganzen Spott erraten,
der in den Reden der Frau von Vaudremont lag; er hatte nicht einmal
bemerkt, da sie ebensoviele Schritte seinem Freunde entgegengetan
habe, als dieser ihr entgegengegangen war.

Als sich Martial dem glnzenden Kandelaber nherte, hinter dem die
Grfin von Soulanges sa, trat deren Gemahl mit wilden Blicken in die
Tr des Salons und zeigte zwei Augen, in denen das Feuer der
Leidenschaft flammte. Die alte Herzogin, die auf alles aufmerksam war,
nherte sich ihrem Neffen mit der Lebendigkeit einer jungen Frau und
bat ihn um seinen Arm und um seine Kutsche, um sich entfernen zu
knnen, indem sie eine schreckliche Langeweile vorschtzte und sich
schmeichelte, auf solche Weise ein peinliches Aufsehen zu vermeiden.
Bevor sie ging, gab sie noch ihrer Nichte ein Zeichen des
Einverstndnisses, indem sie zugleich auf den khnen Kavalier deutete,
der sich bereit machte, sie anzureden. Ihr strahlender Blick schien zu
sagen: "Da ist er, rche Dich!"

Frau von Vaudremont fing den Blick der Tante und den der Nichte auf.
Ein pltzliches Licht fiel in ihr Herz, und die junge Kokette
befrchtete, von der alten, in Rnken so erfahrenen Dame genarrt worden
zu sein.

"Diese treulose Herzogin," dachte sie, "wird es vielleicht ergtzlich
gefunden haben, mir eine moralische Vorlesung zu halten und zugleich
einen schlechten Streich nach ihrer Weise zu spielen." Bei diesem
Gedanken wurde die Eigenliebe der Frau von Vaudremont vielleicht noch
lebhafter ins Spiel gezogen, als ihre Neugierde, den Knuel dieser
Intrigen entwirrt zu sehen. Der innere Sturm, von dem sie ergriffen
wurde, raubte ihr die Selbstbeherrschung. Der Oberst erklrte sich nun
zu seinem Vorteil die Verlegenheit, die sich in den Reden und in der
Haltung der Grfin zeigte, und wurde deshalb noch glhender und
drngender.

Neue Geheimnisse, gleich anziehend wie die frheren, belebten nun diese
bewegte Szene. Die Leidenschaften der beiden Paare, deren Abenteuer
diese Erzhlung wiedergibt, sprangen auf alle Teilnehmer des glnzenden
Balles ber und veranlaten die verschiedensten Frbungen der
Teilnahme.

Die alten abgestumpften Diplomaten, denen es so viel Freude machte, das
Spiel der Mienen zu beobachten und die angesponnenen Rnke zu erraten
und zu verfolgen, hatten noch nie eine so reiche Ernte der Unterhaltung
gefunden, dennoch lie das Schauspiel so vieler, lebhafter
Leidenschaften, lieen die Znkereien der Liebe, diese sen uerungen
der Rache, diese grausamen Gunstbeweise, diese entflammten Blicke, lie
das ganze glhende Leben, das rund um sie her ergossen war, sie nur
umso lebhafter ihre Ohnmacht erraten.

Endlich war es dem Baron gelungen, in der Nhe der Grfin von Soulanges
einen Sitz zu finden. Seine Augen schweiften verstohlen ber einen
Hals, der frisch war wie der Tau, wohlduftend wie ein Blumenbeet. Er
bewunderte in der Nhe die Schnheiten, die ihn schon aus der Ferne
berrascht hatten, er konnte einen kleinen, schnbekleideten Fu sehen,
und eine geschmeidige anmutige Taille mit den Augen messen. Damals
knpften die Frauen die Grtel ihrer Kleider dicht unter dem Busen, wie
man es bei den griechischen Statuen erblickt! Diese Mode war grausam
fr jene Frauen, deren Wuchs irgendeinen Fehler hatte. Martial warf
flchtige Blicke auf den Busen und wurde entzckt durch die Vollendung
der himmlischen Formen der Grfin. Er war trunken vor Liebe und
Hoffnung. "Sie haben heute abend noch nicht ein einziges Mal getanzt?"
fragte er mit sanfter und schmeichelnder Stimme; "hoffentlich ist dies
nicht die Schuld der Herren."--"Es ist nun bald zwei Jahre, da ich
mich nirgends gezeigt habe, und ich bin unbekannt in der Welt ..."
antwortete Frau von Soulanges; denn sie hatte den Blick nicht
begriffen, durch den ihre Tante sie aufforderte, sich gefllig gegen
den Baron zu zeigen. Dieser lie aus Gewohnheit den schnen Diamant
spielen, der den Ringfinger seiner linken Hand schmckte. Das Feuer,
das die geschliffenen Flchen des Steines ausstrahlten, schien ein
pltzliches Licht in das Herz der jungen Grfin zu werfen. Sie errtete
und blickte den Baron mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an.

"Tanzen Sie gern?" fragte der Provenale, um es zu versuchen, die
Unterhaltung wieder anzuknpfen.

"Sehr gern, mein Herr."

Bei dieser Antwort trafen ihre Blicke einander; denn der junge Mann
wurde von dem sen und zum Herzen sprechenden Tone berrascht, der
eine unbestimmte Hoffnung bei ihm erweckte, und hatte daher schnell die
Augen der Grfin geprft.

"Wrden Sie es nicht als eine Verwegenheit von meiner Seite betrachten,
wenn ich Sie bte, bei dem nchsten Contretanz mit mir anzutreten?"

Eine kindliche Verlegenheit rtete die bleichen Wangen der Grfin, wie
einige Tropfen eines roten Weines sich allmhlich in einem Glase klaren
Wassers verbreiten und dasselbe rten.

"Aber, mein Herr ... ich habe bereits einem Tnzer eine abschlgige
Antwort gegeben, einem Oberst...."

"Vielleicht dem langen Kavallerie-Oberst dort?"

"Ganz recht."

"Der ist mein Freund, befrchten Sie nichts. Ich hoffe, Sie werden mir
meine Bitte gewhren."

"Ja, mein Herr...."

Der zitternde Klang ihrer wohltnenden Stimme deutete auf eine so neue
und tiefe Bewegung, da selbst das abgestumpfte Herz Martials dadurch
schwankend gemacht wurde. Er fhlte sich von der Bldigkeit eines
Schulknaben ergriffen. Er verlor seine Sicherheit, und sein
sdlndisches Blut geriet in Flammen. Er wollte sprechen, allein seine
Ausdrcke erschienen ihm im Vergleich zu den geistreichen und feinen
Antworten der Frau von Soulanges ohne Anmut. Es war ein Glck fr ihn,
da der Contretanz begann, denn als er neben seiner schnen Tnzerin
stand, fhlte er sich wieder erleichert. Es gibt viele Mnner, fr die
der Tanz eine Art weltmnnischer Gewandtheit ist, und die, indem sie
die Anmut ihres Krpers zu entfalten suchen, strker auf das Herz der
weiblichen Welt einzuwirken glauben, als durch ihren Geist. Der
Provenale wollte ohne Zweifel in diesem Augenblick alle seine
Verfhrungsknste entfalten, wenn man dies aus der Sorgfalt schlieen
darf, die er auf alle seine Bewegungen verwandte. Aus Eitelkeit hatte
er seine Eroberung zu der Quadrille gefhrt, zu der sich die
glnzendsten Damen des Salons aufgestellt hatten, whrend sie eine
besondere Wichtigkeit darauf legten, schner zu tanzen, als die
Tnzerinnen aller anderen Quadrillen.

Whrend das Orchester das Vorspiel der ersten Figur beendete, empfand
der Baron eine unglaubliche Befriedigung des Stolzes, als er bemerkte,
da Frau von Soulanges die schnste Tnzerin unter allen sei, die sich
auf den Linien dieses glnzenden Vierecks aufgestellt hatten. Ihre
Toilette berstrahlte selbst die der Frau von Vaudremont, die sich
infolge eines vielleicht absichtlich gesuchten Zufalles mit dem
Obersten dem Baron und der blauen Dame gegenber gestellt hatte. Die
Blicke aller Mnner hafteten fr einen Augenblick auf Frau von
Soulanges, und ein schmeichelhaftes Gemurmel deutete darauf, da alle
Tnzer mit ihren Damen gegenwrtig von ihr sprachen. Blicke des Neides
und der Bewunderung wurden mit einer solchen Lebhaftigkeit gegen die
junge Dame abgeschossen, da diese gleichsam beschmt wurde durch einen
Triumph, dem sie sich gern entzogen htte, bescheiden ihre Augen
senkte, errtete und dadurch noch reizender wurde. Wenn sie ihre weien
Augenlieder aufschlug, so geschah es nur, um ihren Tnzer anzublicken,
als htte sie den Ruhm dieser Huldigungen auf ihn zurckzufhren und
ihm sagen wollen, da sie die seinigen allen anderen vorzge. Sie legte
Unschuld in ihre Koketterie oder schien sich vielmehr einem neuen
Gefhl, einer kindlichen Bewunderung mit jener Aufrichtigkeit zu
berlassen, die man nur in jugendlichen Herzen antrifft. Wenn sie
tanzte, so konnten die Zuschauer leicht glauben, da die
Verschlingungen der launenhaften Pas, die sie auf eine reizende Weise
ausfhrte, nur fr Martial vollbracht wren, denn die luftige Sylphide
wute gleich der verstndigen Kokette ihre Augen zu rechter Zeit gegen
ihn zu erheben oder auch mit verstellter Bescheidenheit wieder zu
senken.

Als eine Bewegung des Tanzes Martial dem Obersten entgegenfhrte, sagte
er lachend zu ihm: "Ich habe Dein Pferd gewinnen...."

"Ja, aber Du hast achtzigtausend Livres Rente verloren," entgegnete ihm
der Oberst und zeigte auf die strengen Blicke der Frau von Vaudremont.

"Was kmmert mich das," antwortete Martial mit leichtem Trotz. "Frau
von Soulanges ist Millionen wert!"

Nach Schlu des Contretanzes wurde mehr als eine Bemerkung von den
Zuschauern und Mittnzern den Nachbarn und Bekannten ins Ohr
geflstert. Die weniger hbschen Damen sprachen mit ihren Tnzern ber
die Moral und spielten dabei auf die keimende Zuneigung des Barons und
der Grfin von Soulanges an. Selbst die Schnsten wunderten sich ber
den Leichtsinn, mit dem dies Bndnis abgeschlossen war. Die Mnner
begriffen umsoweniger das Glck des kleinen Requtenmeisters, da er gar
nichts Verfhrerisches an sich zu haben schien. Einige nachsichtigere
Damen sagten, da man nicht so voreilig urteilen drfe, und die Jugend
sei sehr zu beklagen, wenn ein ausdrucksvoller Blick und ein anmutiger
Tanz hinreichten, um so ernste Anklagen darauf zu sttzen.

Nur Martial kannte den Umfang seines Glckes. In der letzten Figur
hatten die Damen der Quadrille die Windmhle zu bilden. Seine Finger
drckten die der Grfin, und er glaubte durch die feinen parfmierten
Handschuhe hindurch zu fhlen, da die Finger des jungen Weibes seinem
verliebten Druck antworteten.

"Meine Dame," sagte er in dem Augenblicke zu ihr, als der Contretanz
endete, "kehren Sie nicht in jene abscheuliche Ecke zurck, in der Sie
bis jetzt Ihre Schnheit und Ihren Schmuck verborgen haben. Die
Bewunderung ist der einzige Zoll den Sie durch Ihre Diamanten erreichen
knnen, die Ihren weien Hals und Ihre so schn geflochtenen Haare
schmcken. Machen Sie mit mir eine kleine Runde durch die Salons und
genieen Sie einen Anblick des ganzen Festes."

Frau von Soulanges folgte dem geschickten Verfhrer, der dachte, da
sie ihm umso sicherer angehren wrde, wenn es ihm gelnge, sie vor der
Welt blozustellen. Sie machten nun eine angenehme Wanderung zwischen
den Gruppen hindurch, die die prachtvollen Salons des Hotels erfllten.
Die Grfin von Soulanges blieb furchtsam einen Augenblick an der Tr
eines jeden Salons stehen und trat nicht eher ein, bis sie einen
durchdringenden Blick nach allen Mnnern geworfen hatte. Diese
Besorgnis erfllte den Requtenmeister mit noch grerer Freude, denn
er sah, da sie sich nicht eher beruhigte, bis er gesagt hatte:
"Ermutigen Sie sich, er ist nicht da."

So gelangten sie bis in eine Gemldegalerie von ungemeinem Umfange, die
in einem Flgel des Hotels lag, und wo man sich zum Voraus des
groartigsten Anblicks eines Imbies erfreute, der fr dreihundert
Personen aufgetragen war. Der Requtenmeister erriet, da das Mahl bald
beginnen werde, und zog daher die Grfin mit sich nach einem Boudoir,
das er ausfindig gemacht hatte. Es war ein lnglich-rundes Zimmer, das
nach dem Garten ging. Die seltensten Blumen und Strucher bildeten
gewissermaen ein Dickicht, durch dessen Bltter hindurch das Auge die
glnzenden Tapeten erblickte. Das Gerusch des Festes erstarb hier wie
das Gerusch der Welt in der Nhe eines heiligen Asyls. Die Grfin
zitterte beim Eintreten und weigerte sich hartnckig, dem jungen Manne
zu folgen; nachdem sie aber einen Blick in einen Spiegel geworfen und
in demselben ohne Zweifel Verteidiger erblickt hatte, lie sie sich
anmutig auf eine wollstige Ottomane nieder.

"Was fr ein kstliches Gemach," sagte sie und bewunderte eine
himmelblaue Tapete, die durch Perlen gehoben wurde.

"Hier atmet alles Liebe und Wollust ..." sagte Martial. Dann
betrachtete er bei dem geheimnisvollen Halbdunkel, das in dieser sen
Einsamkeit herrschte, die Grfin, und bemerkte in ihren stark erregten
Zgen einen Ausdruck der Verwirrung, der Scham und der Sehnsucht, durch
den er bezaubert wurde. Sie lchelte, und dieses Lcheln schien dem
Kampfe aller Gefhle, die in ihrem Herzen miteinander rangen, ein Ende
zu machen; der Baron war entzckt. Auf die verfhrerischste Weise der
Welt ergriff sie die linke Hand ihres Anbeters und zog den Ring von
seinem Finger, auf den sie bereits so feurige Blicke der Sehnsucht
geworfen hatte.

"Das ist ein recht schner Diamant!..." sagte sie sanft und mit dem
unschuldigen Ausdruck eines jungen Mdchens, das die ganze Macht seiner
ersten Lockung fhlen lt. Martial war durch die unwillkrliche, aber
berauschende Berhrung, die ihm von den Fingern der Grfin beim
Abziehen des Ringes zuteil geworden war, erregt und betrachtete ihn mit
Blicken, die ebensosehr funkelten wie der Ring.

"Behalten Sie ihn als Erinnerung an diese himmlische Stunde und aus
Liebe fr..."

Er vermochte seine Worte nicht auszusprechen, denn der Ausdruck der
Begeisterung, der in ihren Zgen lag, erregte ihn zu lebhaft. Er kte
ihre Hand.

"Sie schenken ihn mir?..." fragte sie mit erstaunten Blicken.

"Ich mchte Ihnen die ganze Welt darbringen knnen...."

"Scherzen Sie nicht vielleicht?..." fragte sie dann abermals, und man
erkannte in dem Ausdruck dieser Worte ihre lebhafte Freude.

"Nehmen Sie meinen Diamanten nur an!"

"Und Sie werden ihn nie von mir wieder verlangen?" fragte die Grfin.

"Nie!"

Sie steckte den Ring an ihren Finger. Martial glaubte, da nun nichts
mehr an seinem Glck fehle und machte eine khne Bewegung; allein die
Grfin erhob sich pltzlich und sagte mit einer hellen Stimme, die
durchaus keine Erregung verriet: "Mein Herr, ich nehme diesen Diamanten
mit umsoweniger Bedenken an, da er mir gehrt."

Der Requtenmeister wute nicht, was er sagen sollte, und blieb
unbeweglich, mit weitgeffnetem Munde sitzen.

"Herr von Soulanges hat ihn vor sechs Monaten aus meinem Schmuckkasten
genommen und dann vorgegeben, da er ihn verloren habe."

"Sie irren sich, meine Dame," sagte Martial in gereiztem Tone; "denn
ich habe den Ring von Frau von Vaudremont."

"Ganz recht!" erwiderte sie lchelnd, "mein Mann hat den Ring entfhrt,
hat ihn ihr gegeben, und sie hat ihn wieder verschenkt. Gewi, mein
Herr, ich wrde nie gewagt haben, ihn um denselben Preis
wiederzuerwerben, um den ihn die Grfin erworben hat, wenn er nicht mir
gehrte.... Aber, sehen Sie hier," fuhr sie dann fort und lie eine
kleine Feder aufspringen, die unter dem Steine verborgen war, "hier
befinden sich noch die Haare des Herrn von Soulanges."

Sie brach in ein lautes und spttisches Gelchter aus und eilte dann
mit einer solchen Schnelligkeit in den Garten, da jeder Versuch, sie
wieder einzuholen, berflssig erscheinen mute. berdies war Martial
so niedergeschlagen, da er keine Lust hatte, das Abenteuer
fortzusetzen. In der Tat hatte das Lachen der Frau von Soulanges ein
Echo in dem Boudoir gefunden, und der junge Geck bemerkte zwischen zwei
Orangenbumen den Obersten und Frau von Vaudremont, die ebenfalls
herzlich lachten.

"Willst Du mein Pferd haben, um dieser boshaften Person nachzusetzen?"
fragte der Oberst.

Der Baron stimmte in dies Lachen ein, denn es war offenbar das Klgste,
was er tun konnte. Er erkaufte das vollkommene Schweigen der beiden
Zeugen dieses Auftritts durch die Demut, mit der er die Scherze der
knftigen Gattin des Obersten und des Obersten selbst ertrug, nachdem
dieser an dem heutigen Abend sein Kampfro gegen eine junge, reiche und
hbsche Frau eingetauscht hatte.

       *       *       *       *       *

Die Grfin von Soulanges erreichte es mit einiger Mhe, da ihr Wagen
vorfuhr, und kehrte nun, gegen zwei Uhr morgens, nach Hause zurck.
Whrend sie von der Chausse d'Antin nach der Vorstadt Saint-Germain
fuhr, in der sie wohnte, wurde sie von einer lebhaften Unruhe
ergriffen.

Bevor sie das Hotel de Gondreville verlie, hatte sie nochmals die
Salons durchsucht, ohne ihre Tante oder ihren Mann anzutreffen, deren
Abfahrt ihr unbekannt geblieben war. Schreckliche Ahnungen qulten ihr
edles Herz. Sie hatte die Leiden erkannt, die ihr Mann seit dem Tage
fhlte, an dem ihn Frau von Voudremont an ihren Triumphwagen spannte,
und hoffte vertrauensvoll, da ihr die Reue bald ihren Mann wieder
zufhren wrde. Mit einem unglaublichen Widerstreben hatte sie daher in
den Plan eingewilligt, den ihre Tante, Frau von Marigny, entworfen, und
befrchtete jetzt, einen Fehler begangen zu haben.

Der Besuch des Balles hatte ihr aufrichtiges Herz betrbt. Erst war sie
durch das leidende und finstere Aussehen des Grafen von Soulanges
erschreckt worden, dann aber noch mehr durch die Schnheit ihrer
Nebenbuhlerin. Zuletzt hatte noch die Verderbnis der Welt ihr Herz
beengt. Whrend sie ber den Pont-Royal fuhr, warf sie die entweihten
Haare, die unter dem Diamant lagen und ihr ehedem als ein Unterpfand
reiner Liebe waren dargebracht worden, weg. Sie weinte, indem sie sich
der lebhaften Leiden entsann, deren Beute sie seit langer Zeit gewesen,
und mehr als einmal seufzte sie, wenn sie daran dachte, da Frauen, die
den ehelichen Frieden erlangen wollen, ohne Klagen im Innersten ihres
Herzens Qualen verschlieen muten, die so grausam waren wie die
ihrigen.

"Ach!" dachte sie, "wie mgen es die Frauen haben, die nicht lieben?
Worin beruht die Quelle ihrer Gleichgltigkeit? Ich mchte meiner Tante
nicht glauben, da die Vernunft hinreicht, um sie bei einer solchen
Ergebenheit zu erhalten." Sie seufzte nochmals, als ihr Jger den
eleganten Tritt niederschlug, von dem sie unter das Vordach ihres
Hotels sprang. Hastig eilte sie die Treppe hinauf und trat in ihr
Zimmer, zuckte aber vor Schrecken zusammen, als sie ihren Mann auf
einem Stuhl neben dem Kamin sitzen sah. Er zeigte ihr ein erzrntes
Antlitz. "Seit wann besuchen Sie die Blle ohne mich, meine Liebe?...
Ohne mich davon zu benachrichtigen?..." fragte er mit erregter Stimme.
"Wissen Sie, da eine Frau nie den gebhrenden Platz findet, wenn sie
ohne ihren Mann irgendwo erscheint?... Sie wurden auerordentlich
zurckgesetzt, indem man Sie in jenen dunklen Winkel drngte!..."

"O mein guter Leon," sagte sie in einem schmeichelnden Ton. "Ich
vermochte dem Glck nicht zu widerstehen, Dich zu sehen, ohne da Du
mich shest. Meine Tante hat mich auf den Ball gefhrt und ich war dort
sehr glcklich!"

Diese Worte verbannten pltzlich aus den Blicken des Grafen die
erzwungene Strenge. Es war leicht zu erraten, da er sich selbst die
lebhaftesten Vorwrfe mache, da er die Rckkehr seiner Frau gefrchtet
habe und berzeugt sei, sie habe auf dem Balle sich von einer Untreue
berzeugt, die er ihr hoffte verbergen zu knnen. Er folgte daher dem
Gebrauch solcher Liebenden, die ihre Schuld erkennen, und versuchte den
gerechten Zorn der Grfin zu vermeiden, indem er sich erzrnt gegen sie
stellte. berrascht blickte er nun schweigend seine Gattin an. Sie
schien ihm schner als je, in dem glnzenden Schmuck, der in diesem
Augenblick ihre Reize hob.

Was dagegen die Grfin betraf, so freute sie sich, ihren Mann lcheln
zu sehen und ihn zu dieser nchtlichen Stunde in einem Zimmer zu
finden, das er seit einiger Zeit weniger hufig besucht hatte. Sie
errtete und richtete verstohlene Blicke auf ihn, in denen aber ein
Reichtum der Liebe und Hoffnung lag. Soulanges wurde umso trunkener
durch sein Glck und seine Liebe, da dieser Auftritt auf die Qualen
folgte, die er whrend des Balles erlitten hatte, und ergriff die Hand
seiner Frau, um sie dankbar zu kssen.

"Hortense, was trgst Du denn an Deinem Finger, das mich so hart an die
Lippen drckt?" fragte er lachend.

"Es ist mein Diamant, den Du verloren zu haben glaubtest. Ich habe ihn
heute Abend in einem Schubfach meiner Toilette wiedergefunden."

Der Graf bewunderte eine so groe Nachsicht, und am folgenden Morgen
konnte Frau von Soulanges unter den wiedergefundenen Diamanten neue
Haare legen, die nicht wieder weggeworfen wurden, wie die frheren.




DER ARM


In einer Gesellschaft erzhlte einer der Anwesenden folgende
Geschichte:

Einige Zeit nach seinem Einzug in Madrid lud der Groherzog von Berg
die vornehmsten Familien dieser Stadt zu einem Balle ein, den die
franzsische Armee der neuerworbenen Hauptstadt gab. Ungeachtet des
Galaglanzes waren die Spanier sehr ernst, ihre Frauen tanzten wenig,
und der grte Teil der Geladenen setzte sich an die Spieltische. Die
Grten des Palastes waren glnzend genug erleuchtet, da sich die Damen
mit derselben Sicherheit in ihnen ergehen konnten, als wre es heller
Tag gewesen. Das Fest war kaiserlich schn. Nichts wurde aber auch
gespart, um den Spaniern einen hohen Begriff von dem Kaiser zu geben,
wenn es ihnen beliebte, von seinen Offizieren auf ihn zu urteilen. In
einem Boskett nahe dem Palaste unterhielten sich zwischen ein und zwei
Uhr morgens mehrere franzsische Krieger von den Wechselfllen des
Krieges und von der Zukunft, die wenig erbaulich sein konnte, wenn man
aus der Haltung der bei diesem Feste anwesenden Spanier einen Schlu
ziehen durfte.

"Meiner Treu," sagte der Ober-Chirurg des Armeekorps, bei dem ich
Generalzahlmeister war, "gestern habe ich den Frsten Murat frmlich um
meine Zurckberufung gebeten. Ohne gerade zu frchten, da ich meine
Gebeine auf der Halbinsel zurcklassen msse, ziehe ich es doch vor,
die Wunden zu verbinden, die unsere guten deutschen Nachbarn geschlagen
haben; ihre Sbel dringen nicht so tief in den Leib, wie die
kastilianischen Dolche. Dazu kommt noch, da die Furcht vor Spanien bei
mir gleichsam zu einem Aberglauben geworden ist. Seit meiner Kindheit
habe ich spanische Bcher gelesen, einen Haufen dsterer
Nachtgeschichten und tausend Erzhlungen von diesem Lande, die mich
lebhaft gegen seine Sitten eingenommen haben. Und was meint Ihr wohl!
Schon in der kurzen Zeit unseres Hierseins bin ich, wenn nicht der
Held, doch wenigstens der Mitschuldige einer gefhrlichen Intrige
geworden, die so schwarz und finster ist, wie nur ein Roman der Lady
Redcliffe sein kann. Ich folge gern meinen Vorgefhlen, und schon
morgen mache ich mich aus dem Staube. Murat wird mir gewi meinen
Abschied nicht verweigern, denn Dank den Diensten, die wir leisten,
haben wir immer wirksame Frsprecher."

"Da Du Dich sobald davon machst, erzhle uns doch Dein Abenteuer,"
forderte ihn ein Obrist auf, ein alter Republikaner, der sich um die
schne Sprache und Hflichkeiten der Kaiserzeit wenig kmmerte.

Der Chirurg blickte sorgfltig um sich, als wolle er jeden prfen, der
in seiner Nhe stnde, und erst, als er sicher war, kein Spanier sei in
seiner Nachbarschaft, begann er: "Gern, Obrist Hulot, denn wir sind
hier nur Franzosen. Es sind nun sechs Tage her, da ich gegen elf Uhr
abends vom General Montcornet kam und mich nach meiner Wohnung
zurckbegab, die nur wenige Schritte von der Wohnung des Generals
entfernt ist. Da warfen sich pltzlich an der Ecke einer kleinen Strae
zwei Unbekannte oder vielmehr zwei Teufel ber mich her und hllten mir
Kopf und Arme mit einem groen Mantel ein. Ihr knnt es mir glauben,
da ich schrie wie ein getretener Hund; aber das Tuch erstickte meine
Stimme, und ich wurde mit einer auerordentlichen Gewandtheit in einen
Wagen gehoben. Als mich meine Gefhrten von dem Mantel wieder
befreiten, richtete eine weibliche Stimme folgende Worte in schlechtem
Franzsisch an mich:

'Wenn Ihr um Hilfe ruft oder Miene macht, zu entfliehen, wenn Ihr Euch
nur die geringste zweideutige Bewegung erlaubt, so ist der Herr, der
Euch gegenbersitzt, imstande, Euch ohne Bedenken niederzustoen.
Haltet Euch also ruhig. Die Ursache Eurer Entfhrung sollt Ihr jetzt
erfahren. Wollt Ihr Euch die Mhe geben, Eure Hnde gegen mich
auszustrekken, so werdet Ihr finden, da Eure chirurgischen Instrumente
zwischen uns beiden liegen, denn wir haben sie aus Eurer Wohnung holen
lassen; sie werden Euch notwendig sein, denn wir fhren Euch in ein
Haus, wo Ihr die Ehre einer Dame retten sollt, die eben im Begriff ist,
ein Kind zu gebren, das sie, ohne da ihr Gemahl es wei, diesem Euch
gegenbersitzenden Edelmanne schenkt. Obgleich mein Herr seine Frau
selten verlt, da er noch immer leidenschaftlich in sie verliebt ist
und sie mit der Aufmerksamkeit spanischer Eifersucht bewacht, so hat
sie ihm dennoch ihre Schwangerschaft zu verbergen gewut, und er hlt
sie fr krank. Ihr sollt sie jetzt entbinden. Die Gefahren des
Unternehmens gehen Euch nichts an, nur habt Ihr uns zu gehorchen, sonst
wrde der Geliebte, der, wie schon bemerkt, Euch gegenber im Wagen
sitzt und kein Wort Franzsisch versteht, Euch bei der geringsten
Unbedachtsamkeit erdolchen.'

'Und wer seid Ihr?' fragte ich, und suchte die Hand der Sprecherin,
deren Arm in den rmel eines Mantels gehllt war.

'Ich bin die Kammerfrau meiner Herrin, ihre Vertraute, und bereit, Euch
durch mich selbst zu belohnen, wenn Ihr uns in unserer milichen Lage
untersttzen wollt.'

'Gern,' antwortete ich, als ich mich mit Gewalt in ein gefhrliches
Abenteuer hineingezogen sah. Unter dem Schutze der Dunkelheit
berzeugte ich mich, ob Gesicht und Umrisse dieses Mdchens im
Einklange stnden mit der Vorstellung, die ihre Stimme bei mir gebildet
hatte. Dieses gute Geschpf hatte sich ohne Zweifel gleich im voraus
allen Zuflligkeiten dieser sonderbaren Entfhrung geopfert, denn sie
beobachtete das geflligste Schweigen, und der Wagen war kaum zehn
Minuten durch die Straen von Madrid gerollt, als sie schon einen Ku
von mir erhielt und mir denselben freundlich wiedergab. Der Liebhaber,
der mir gegenber sa, schien sich nichts daraus zu machen, da ich ihn
gegen meinen Willen mit einigen Futritten bedachte. Ich glaube, er
beachtete sie nicht, weil er kein Franzsisch verstand.

'Nur unter einer Bedingung kann ich Eure Geliebte sein,' antwortete mir
die Kammerfrau auf die Dummheiten, mit denen ich sie in der Hitze
meiner improvisierten und auf Hindernisse aller Art stoenden
Leidenschaft unterhielt.

'Und welches ist die Bedingung?'

'Ihr drft nie zu erfahren suchen, wem ich angehre. Wenn ich zu Euch
komme, so wird das Nachts geschehen, und Ihr werdet mich ohne Licht
empfangen.'

'Gut,' erwiderte ich.

Unsere Unterhaltung war bis zu diesem Punkt gediehen, als der Wagen an
der Mauer eines Gartens hielt.

'Jetzt werde ich Euch die Augen verbinden,' sagte die Kammerfrau zu
mir, 'und dann sttzt Euch auf meinen Arm, damit ich Euch fhren kann.'

Sie schlang ein Taschentuch um meine Augen und band es fest an meinem
Hinterhaupte zu. Ich hrte das Gerusch eines Schlssels, der mit
Vorsicht von dem schweigenden Geliebten, der mir gegenber gesessen
hatte, in das Schlo einer kleinen Pforte gesteckt wurde. Gleich darauf
fhrte mich die Kammerfrau mit gebeugtem Krper durch die sandigen
Gnge eines groen Gartens, bis zu einem gewissen Platz, wo sie stehen
blieb. An dem Widerhall unserer Schritte bemerkte ich, da wir vor
einem Hause standen.

'Jetzt still,' sagte sie mir ins Ohr, 'und wacht wohl ber Euch selbst.
Lat kein einziges meiner Zeichen Euch entgehen; ich kann ohne Gefahr
fr uns beide nicht mehr zu Euch sprechen, und es handelt sich in
diesem Augenblicke darum, Euer eigenes Leben zu retten.' Dann fuhr sie
mit lauter Stimme fort: 'Meine Frau ist in einem Zimmer im Erdgescho;
um in dieses zu gelangen, mssen wir durch das Zimmer ihres Gatten und
an seinem Bette vorber; hustet nicht, geht leise und folgt genau
meinen Schritten, damit Ihr nirgends anstot, noch mit dem Fue von dem
Teppich tretet, den ich auf den Boden gelegt habe.' Der Liebhaber
murrte, wie ein Mann, der unwillig ber zu langes Zgern ist. Die
Kammerfrau schwieg, ich hrte eine Tr ffnen und fhlte die warme Luft
eines Zimmers; wir schlichen mit Wolfsschritten, wie Diebe bei einem
Einbruch. Endlich nahm mir die sanfte Hand des Mdchens meine Binde ab.
Ich befand mich in einem groen und hohen Zimmer, das von einer
dampfenden Lampe schlecht erleuchtet wurde. Das Fenster war offen, aber
durch den eiferschtigen Edelmann mit starken Eisenstben versehen. Ich
stak in diesem Zimmer wie in einem Sacke. Auf der Erde, auf einer
Decke, lag eine Frau, deren Haupt mit einem Schleier von Musselin
bedeckt war; aber durch diesen Schleier leuchteten mit dem Glanze
zweier Sterne ihre trnenvollen Augen, vor den Mund drckte sie mit
Kraft ein Taschentuch und bi so fest darauf, da ihre Zhne
hineindrangen; nie hatte ich einen so schnen Krper gesehen, aber
dieser Krper krmmte sich unter den Schmerzen, wie eine ins Feuer
geworfene Harfensaite. Die Unglckliche hatte zwei Bogen aus ihren
Beinen gemacht und sttzte sich gegen eine Art Kommode, mit ihren
Hnden hielt sie sich an zwei Stuhlbeinen, und alle Adern ihrer Arme
waren schrecklich angeschwollen. So glich sie einem Verbrecher, der auf
einer Folterbank gemartert wird. brigens lie sie keinen Schrei hren,
und das dumpfe Krachen ihrer Knochen war das einzige Gerusch, das die
Stille unterbrach. Wir drei standen stumm und unbeweglich. Das
Schnarchen des Ehemannes verhallte in trstender Regelmigkeit. Ich
wollte die Kammerfrau anblicken, aber sie hatte die Maske wieder
vorgelegt, die sie ohne Zweifel auf dem Wege abgenommen gehabt hatte,
und sah weiter nichts als zwei schwarze Augen und liebliche Umrisse.
Der Liebhaber warf sogleich Tcher ber die Beine seiner Geliebten und
legte den Schleier, der ihre Zge verhllte, doppelt zusammen. Als ich
die Frau sorgfltig beobachtet hatte, erkannte ich an gewissen Zeichen,
die ich erst unlngst bei einem der traurigsten Ereignisse meines
Lebens bemerkt hatte, da das Kind tot war. Ich neigte mich gegen die
Kammerfrau, um ihr meine Bemerkung mitzuteilen. In diesem Augenblick
zog der mitrauische Unbekannte seinen Dolch, allein ich hatte noch
Zeit, der Kammerfrau alles zu sagen, die ihm darauf zwei Worte mit
leiser Stimme zuflsterte. Als der Liebhaber die Ursache meines
Zauderns erkannt hatte, durchfuhr ihn ein leichter Schauder von den
Fen bis zum Kopfe, und ich glaubte durch die Maske von schwarzem
Sammt hindurch zu erkennen, wie sein Antlitz bleich wurde. Die
Kammerfrau benutzte einen Augenblick, wo der verzweifelte Mann die
schon blau werdende Sterbende betrachtete, um mich mit einem warnenden
Zeichen auf mehrere Glser Limonade aufmerksam zu machen, die fertig
zubereitet auf einem Tische standen. Ich begriff, da ich, ungeachtet
der schrecklichen Hitze, die meine Kehle austrocknete, nicht trinken
drfte. Der Liebhaber hatte Durst; er nahm ein leeres Glas, fllte es
mit Limonade und trank. In diesem Augenblick bekam die Dame
schreckliche Krmpfe, die mir den gnstigen Augenblick zur Operation
andeuteten; ich ergriff meine Lanzette und lie sie schnell und mit
Geschick am rechten Arm zur Ader. Die Kammerfrau fing das reichlich
hervorspringende Blut mit Tchern auf, und die Unbekannte fiel dann in
eine willkommene Ohnmacht. Ich waffnete mich mit Mut und konnte,
nachdem ich eine Stunde gearbeitet hatte, das Kind in Stcken
herausziehen. Als der Spanier begriff, da ich seine Geliebte gerettet
hatte, dachte er nicht mehr daran, mich zu vergiften. Dicke Trnen
fielen in Zwischenrumen auf seinen Mantel. Die Frau stie nicht einen
Laut aus, aber sie zitterte wie ein wildes Tier, das in einer Schlinge
gefangen ist, und der Schwei rann in starken Tropfen von ihr. In einem
furchtbar kritischen Augenblicke machte sie ein Zeichen, um uns auf das
Zimmer ihres Gatten aufmerksam zu machen. Dieser hatte sich eben in
seinem Bette gewlzt. Von uns vieren hatte sie allein das Gerusch der
Decke oder des Vorhangs gehrt. Wir lauschten, und durch die Oeffnungen
ihrer Masken hindurch warfen sich die Kammerfrau und der Liebhaber
Flammenblicke zu, die zu fragen schienen: 'Sollen wir ihn tten?' Dann
streckte ich meine Hand aus, als wollte ich ein Glas der Limonade
nehmen, die der Unbekannte vergiftet hatte. Der Spanier glaubte, da
ich eins der vollen Glser trinken wollte; leicht wie eine Katze sprang
er hinzu, legte seinen langen Dolch ber die beiden vergifteten Glser
und lie mir das seinige, indem er mir andeutete, den Rest aus
demselben zu trinken. In diesem Zeichen und in seiner lebhaften
Bewegung lagen so viele Gedanken, so viel Gefhl, da ich ihm verzieh,
wenn er auf meinen Tod gesonnen hat, um so jede Erinnerung an dieses
Ereignis zu begraben. Als ich getrunken hatte, drckte er mir die Hand
und hllte selbst die Trmmer seines Kindes sorgfltig ein. Nach zwei
Stunden voll Sorge und Furcht brachten wir, die Kammerfrau und ich, die
Unbekannte wieder in ihr Bett. Der Liebhaber hatte bei einer so
abenteuerlichen Unternehmung alle Hilfsmittel zu einer Flucht bedacht
und seine Diamanten daher auf ein Papier gelegt; jetzt steckte er sie,
ohne da ich es wute, in meine Tasche. Nebenbei mu ich bemerken, da
ich das wertvolle Geschenk des Spaniers garnicht kannte und mein
Bedienter am folgenden Tage den Schatz raubte, um mit diesem groen
Vermgen zu entfliehen. Ich sprach mit der Kammerfrau noch ber die
Vorsichtsmaregeln, die sie zu treffen htte, und wollte gehen. Die
Kammerfrau blieb bei ihrer Herrin, allerdings ein Umstand, der mich
nicht sehr ermutigte; ich beschlo indes auf meiner Hut zu sein. Der
Liebhaber packte das tote Kind und die Wsche, mit der die Kammerfrau
das Blut ihrer Herrin aufgefangen hatte, in ein Bndel zusammen. Er
band es fest zusammen, nahm es unter seinen Mantel, fuhr mit der Hand
ber meine Augen, als wollte er mir sagen, da ich sie schlieen
sollte, und ging dann voraus, mich durch ein Zeichen auffordernd, den
Zipfel seines Rockes zu ergreifen; ich gehorchte ihm, warf aber noch
einen letzten Blick auf meine so zufllig erlangte Geliebte. Die
Kammerfrau ri ihre Maske ab, als sie den Spanier drauen sah, und
zeigte mir das lieblichste Gesicht von der Welt. Als ich mich wieder im
Garten befand und die freie Luft einatmete, da, ich gestehe es, war
mir, als fiele ein ungeheures Gewicht von meiner Brust. Ich ging in
achtungsvoller Entfernung hinter meinem Fhrer her und beobachtete die
geringste seiner Bewegungen mit der grten Aufmerksamkeit. Als wir an
der kleinen Pforte wieder angekommen waren, fate er meine Hand und
drckte mir das Petschaft eines Ringes, den ich an einem Finger seiner
linken Hand gesehen hatte, auf den Mund, ich aber gab ihm zu verstehen,
da ich dieses beredte Zeichen begriffe. Auf der Strae warteten unsere
zwei Pferde; jeder von uns bestieg eins; mein Spanier bemchtigte sich
meines Zgels, und nahm den seinigen zwischen die Zhne, denn in seiner
Rechten hatte er das blutige Paket. Mit der Schnelligkeit des Blitzes
ritten wir davon. Es war mir unmglich, auch nur den geringsten
Gegenstand zu merken, an dem ich spter den Weg wieder htte erkennen
knnen, den wir gekommen waren. Mit Tagesanbruch befand ich mich vor
meiner Tr und der Spanier entfloh nach dem Tore von Atocha hin."

"Und Du konntest gar nichts entdecken, woran man spter jene Frau htte
wiedererkennen knnen?" fragte der Obrist den Chirurgen.

"Nur ein einziges Mal," antwortete dieser.

"Als ich die Unbekannte zur Ader lie, bemerkte ich an ihrem Arm, ein
wenig ber der Mitte desselben, ein kleines Mal, etwa wie eine Linse
gro und von braunen Haaren umgeben."

In diesem Augenblicke erbleichte der Chirurg, der die gelobte
Verschwiegenheit verletzt hatte; aller Augen hefteten sich auf die
seinigen und folgten dann der Richtung seines Blickes. Die Franzosen
sahen einen Spanier, der in einen Mantel gehllt war, und dessen Augen
durch ein Gebsch von Orangen blitzten. Kaum hatten indes die Offiziere
ihre Blicke auf diesen Mann gerichtet, als er mit der Leichtigkeit
einer Sylphe entfloh. Ein Hauptmann verfolgte ihn schnell. "Teufel,
meine Freunde!" rief der Chirurg aus, "dieses Basiliskenauge hat mich
zu Eis erstarrt. Ist es mir doch, als hrte ich Totenglocken luten!
Empfangt mein Lebewohl, Ihr werdet mich hier begraben!"

"Bist Du dumm," meinte der Obrist Hulot. "Falcon verfolgt den Spanier
und wird uns schon Rechenschaft zu geben wissen."

"Da kommt er!" riefen die Offiziere aus, als sie den Hauptmann atemlos
zurckkehren sahen.

"Zum Teufel!" versetzte Falcon, "der ist, glaube ich, ber die Mauer
gesprungen. Ein Hexenmeister kann er nicht sein, also mu er hier ins
Haus gehren! Der kennt hier alle Wege und Schliche, deswegen ist er
mir so leicht entgangen."

"Ich bin verloren!" versetzte der Chirurg mit trber Stimme.

"Beruhige Dich," antwortete ich, "wir werden der Reihe nach bis zu
Deiner Abreise bei Dir wachen. Heute Abend begleiten wir Dich!"

In der Tat fhrten drei junge Offiziere, die ihr Geld beim Spiel
verloren hatten, den Chirurg in seine Wohnung zurck, und einer von
ihnen erbot sich, bei ihm zu bleiben. Am zweiten Tage darauf hatte der
Chirurg seine Versetzung zu einem in Frankreich stehenden Heere erlangt
und traf alle Vorbereitungen, um in Gesellschaft einer Dame abzureisen,
die von Murat eine starke Bedeckung erhielt. Zuletzt speiste er noch
einmal in Gesellschaft seiner Freunde, als ihn sein Bedienter
benachrichtigte, da eine junge Dame mit ihm sprechen wolle. Der
Chirurg ging sogleich mit drei Offizieren hinaus, da er irgend eine
Falle befrchtete, und die Unbekannte konnte ihrem Geliebten nur noch
zurufen: "Nimm Dich in acht!" und strzte tot nieder. Es war die
Kammerfrau, die, als sie sich vergiftet fhlte, noch zur rechten Zeit
anzukommen gehofft hatte, um den Chirurg zu warnen.

"Teufel, Teufel!" rief der Hauptmann Falcon aus, "das heit lieben.
Aber auch nur eine Spanierin kann noch zu ihrem Geliebten laufen, wenn
ihr der Tod schon auf der Zunge sitzt."

Der Chirurg versank in tiefes Nachdenken. Um die unheilvollen
Vorgefhle, die ihn qulten, zu ersticken, setzte er sich wieder an den
Tisch und trank unmig, wie auch seine Gste taten. Als alle halb
berauscht waren, begaben sie sich frhzeitig zur Ruhe. Mitten in der
Nacht wurde der Chirurg durch ein schrillendes Gerusch erweckt, das
von den Ringen seiner Bettvorhnge herrhrte, die heftig an den Stben
zurckgerissen wurden. Er richtete sich von seinem Lager auf und war
eine Beute jenes mechanischen Zitterns, das uns bei einem solchen
Erwachen zu ergreifen pflegt. Da sah er vor sich einen Spanier, der in
einen Mantel gehllt war und ihm denselben Flammenblick zuwarf, der am
Abend des Balles durch das Orangengebsch geleuchtet hatte. Der Chirurg
schrie auf: "Zu Hilfe, zu Hilfe! Zu mir, meine Freunde!" Der Spanier
antwortete auf dieses Angstgeschrei nur mit einem bittern Lcheln.

"Das Opium wchst fr jedermann!" versetzte er dann. Als er diese Worte
gesagt hatte, zeigte er auf die drei in festem Schlaf liegenden Freunde
und zog dann unter seinem Mantel einen frisch abgeschnittenen Frauenarm
hervor, den er mit einer lebhaften Bewegung dem Chirurg zeigte, um ihn
auf ein Mal aufmerksam zu machen, welches jenem hnlich war, das dieser
so unklugerweise beschrieben hatte.

"Ist es derselbe?" fragte er.

Beim Scheine einer Laterne, die neben das Bett gestellt war, erkannte
der Chirurg den Arm wieder und antwortete durch sein Staunen. Ohne
weitere Errterungen senkte der Gatte der Unbekannten seinen Dolch in
das Herz des Chirurgen."--

"Ihre Erzhlung ist furchtbar schwer zu glauben," sagte ein Zuhrer zu
dem Erzhler. "Knnen Sie mir wohl erklren, wer sie Ihnen erzhlt hat,
ob der Tote oder der Spanier?"

"Mein Herr," antwortete der Erzhler, "ich habe den armen Mann
gepflegt, da er erst fnf Tage spter unter schrecklichen Leiden starb.
Zur Zeit des Feldzuges, der unternommen wurde, um Ferdinand VII. wieder
einzusetzen, wurde ich zu einem Posten in Spanien ernannt, kam aber
glcklicherweise nicht weiter, als nach Tours, denn man machte mir
Hoffnung auf die Einnehmerstelle von Sancerre. Am Abend vor meiner
Abreise war ich auf einem Ball bei Frau von Listomre, wo sich auch
mehrere angesehene Spanier eingefunden hatten. Als ich den Spieltisch
verlie, bemerkte ich einen spanischen Grande, einen Afrancesado im
Exil, der seit fnfzehn Tagen in der Touraine angekommen war. Erst sehr
spt war er zu diesem Ball gekommen. Er erschien zum ersten Male vor
Leuten und besuchte die Salons in Begleitung seiner Frau, deren Arm
durchaus unbeweglich war. Wir wichen schweigend auseinander, um dieses
Paar hindurchgehen zu lassen, das wir nicht ohne tiefe Bewegung sahen.
Denkt Euch, ein lebendiges Gemlde von Murillo. Unter gewlbten und
schwarzen Brauen zeigte der Mann ein starres Flammenauge; sein Antlitz
war eingefallen, und sein kahler Scheitel zeigte glhende Tinten; sein
Krper war so leidend, da man ihn nur mit Beben ansehen konnte. Und
diese Frau! Man kann sie sich gar nicht vorstellen, ohne sie gesehen zu
haben. Sie hatte jenen bewunderungswrdigen Wuchs, fr den die
spanische Sprache ein besonderes Wort geschaffen hat; obgleich bleich,
war sie noch immer schn; ihre Gesichtsfarbe war blendend, infolge
eines fr eine Spanierin sonst unerhrten Privilegiums; aber aus ihren
Blicken strahlte die ganze Sonne Spaniens, und sie trafen den, der sie
ansah, wie geschmolzenes Blei.

"Meine Dame," fragte ich die Dame gegen Ende der Soire, "durch welchen
Zufall haben Sie Ihren Arm verloren?"

"Im Unabhngigkeitskriege," antwortete sie mir.




NACHWORT


Die Holzschnitte von Honor Daumier und Paul Gavarni, welche die
vorliegende Ausgabe schmcken, sind nicht ursprnglich zu diesen
Novellen Balzacs geschaffen worden. Sie wurden vom Herausgeber aus dem
reichen Werk der beiden bedeutendsten Graphiker ihrer Zeit ausgewhlt,
weil sie sich einerseits zwanglos dem Text anpassen und ihn trefflich
illustrieren, anderseits ihren Wert als selbstndige Kunstwerke
behaupten. Wie Balzac als Romandichter aus engem Verbundensein mit
seiner Zeit heraus die groen Menschheitskomdien und tragdien
gestaltete, so schuf mit gleicher Genialitt der Zeichner Daumier sein
Werk und gab dem Gesicht der brgerlichen Welt die letzte, gltige
Prgung. Balzac war in seinem Werk der miterlebende und dennoch khl
betrachtende Geschichtsschreiber der Gesellschaft und der Chronist der
von allen Leidenschaften erschtterten Seele; Daumier enthllt in
seinen Physigonomien mit unbekmmerter Knstler-objektivitt das
Innenleben des Brgers und entlarvt ihn mit genialem Federzug bis zur
Karikatur. Zu diesen groen Beiden gesellt sich Gavarni, leichteren
Blutes und von beweglicherem, spielerischem Geiste, als graziser,
spttischer Sittenschilderer. Balzac selbst gehrte zu den Bewunderern
Daumiers, und von ihm soll die uerung herrhren: "Dieser Kerl hat
Michelangelo im Leibe!" Und Baudelaire schreibt in seinen Aufstzen
ber Maler und Malerei: "Der wahre Ruhm und die wirkliche Sendung
Gavarnis und Daumiers bestand darin, Balzac zu ergnzen, der dies
brigens bald erkannte und Bundesgenossen und Dolmetscher in ihnen
erblickte und sie als solche ehrte."


CURT MORECK




 INHALTSVERZEICHNIS

 Pierre Grassou
 Die Brse
 Ehelicher Frieden
 Der Arm


Balzacs Novellen wurden im Auftrag von G. Hirth's Verlag, Mnchen, ins
Deutsche bertragen und herausgegeben von Gurt Moreck. Gedruckt und
gebunden in der Offizin Knorr & Hirth in Mnchen.





End of Project Gutenberg's Grosse und Kleine Welt, by Honore De Balzac

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