Project Gutenberg's Ein treuer Diener seines Herrn, by Franz Grillparzer

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Title: Ein treuer Diener seines Herrn

Author: Franz Grillparzer

Release Date: October, 2005 [EBook #9058]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on December 14, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN TREUER DIENER SEINES HERRN ***




Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.




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EIN TREUER DIENER SEINES HERRN

von

FRANZ GRILLPARZER


Trauerspiel in fnf Aufzgen


Personen:
Knig Andreas von Ungarn
Gertrude, seine Gemahlin
Bela, beider Kind
Herzog Otto von Meran, der Knigin Bruder
Bancbanus
Erny, seine Frau
Graf Simon, Bruder des Bancbanus
Graf Peter, Ernys Bruder
Der Hauptmann des kniglichen Schlosses
Zwei Edelleute von Herzog Ottos Gefolge
Mehrere Hauptleute
Ein kniglicher Kmmerer
Ein Arzt
Eine Kammerfrau der Knigin
Ernys Kammerfrau
Zwei Diener des Bancbanus
Zwei Diener der Knigin
Ein Soldat




Erster Aufzug


Saal in Bancbanus' Hause. Hohe Bogenfenster, altertmliches,
unscheinbares Gerte schicklich verteilt. Lichter auf dem Tische.
Vor Tagesanbruch.

Bancbanus im Vorgrunde am Tische stehend. Zwei Diener sind beschftigt
ihn anzukleiden. Der eine hlt den Kalpak, der andere kniet, die Sporne
befestigend.

Von der Strae herauf (tnt unter Geschrei, Gelchter und Hndeklatschen).


Bancbanus! Ho, Bancbanus!

Bancbanus.
Der Sporn da drckt!

Erster Diener.
Ach Herr!

Bancbanus.
Bei toll und unklug!
Du ziehst ja fester an! La nach! la nach!

Erster Diener.
Man wei kaum, was man tut!

Bancbanus.
So schlimmer denn!

Erster Diener.
Der Lrm--

Bancbanus.
Was nur?

Erster Diener.
Dort unten auf der Strae--

Bancbanus.
Was kmmert dich die Strae? Sieh du hier!
Ein jeder treibe, was ihm selber obliegt,
Die andern mgen nur ein Gleiches tun.

Gesang (zur Zitherbegleitung auf der Strae).
Alter Mann
Der jungen Frau,
Ist er klug,
Nimmt's nicht genau!

Viele Stimmen (unter Lrm und Gelchter).
Bancbanus! Ho Bancbanus!

Erster Diener (die Faust vor die Stirn gedrckt).
Da Gift und Pest!

Bancbanus (der mittlerweile den Grtel umgebunden hat).
Den Sbel nun!

Erster Diener.
Ach Herr!
Ihr wolltet?

Bancbanus.
Was?

Erster Diener (den Sbel halb ausgezogen).
Den Sbel aus der Scheide,
Das Tor geffnet, wir da hinter Euch,
Hineingesprengt ins hhnende Gelichter,
Und--hui!--wo waren sie?

Bancbanus.
Bist du so kriegrisch?
Ich will dir einen Platz im Heere suchen!
Hier wohnt der Frieden; ich bin nur sein Mietsmann,
Sein Lehensmann, sein Gast.
Verhte Gott, da er mich lrmend finde,
Und Miet' und Wohnung mir auf Unzeit knde!
Die Narrenteidung la, und gib den Sbel.
(Er grtet ihn um.)
Der Ungar trgt im Frieden auch den Stahl,
Zckt er ihn gleich nicht ohne herbe Wahl;
Wie denn der Ehemann den Reifen, den er trgt,
Auch in der Fremde nicht vom Finger legt.
Der Sbel an der Hfte soll nur kunden,
Da Ungar und Gefahr wie Mann und Frau verbunden.
Nu, nu, la nur und geh!

Erster Diener.
Ach Herr, mein Herr!
Sie werfen Sand und Steine nach dem Fenster!

Bancbanus.
So mach es auf; die Scheiben kosten Geld;
Sind sie geffnet, schaden keine Wrfe.
Den Kalpak reiche du, ich mu aufs Schlo.
Der Knig will mit Tagesanbruch fort.
Was ist die Glocke?

Zweiter Diener.
Vier Uhr!

Bancbanus.
Hohe Zeit.
Sieh du nach meiner Frau.

Erster Diener (am Fenster).
Dort stehen sie!

Bancbanus.
La stehn! la stehn!

Erster Diener.
Der Prinz inmitten drin.

Bancbanus.
Was Prinz?

Erster Diener.
Ich hab's gesehn!

Bancbanus (mit halb gezcktem Sbel).
Gesehen, Schuft?
Htt' ich's gesehn mit diesen meinen Augen,
Weit eher glaubt' ich, da ich wachend trume,
Als bles von dem Schwager meines Herrn!
Geh fort!--Mu ich hier toben wie ein Fant,
Scheltwort' ausstoen--und--bei toll und unklug!--
Ein Rat des Knigs!--Nu, ein feiner Rat!
Ei wollt' ich doch, du wrst auf Farkahegy.
Zwlf Steine ber dir!--Ei, dies und das!
Geh sag ich, geh! Ich will nicht weiter sprechen.

(Dienerin kommt mit einem Becher.)

Was bringst nun du?

Dienerin.
Den Frhtrunk, gnd'ger Herr!

Bancbanus.
Setz immer hin!--Ist meine Frau schon wach?

Dienerin.
Ja wohl!

Bancbanus.
Jawohl?--Warum denn kommt sie nicht?
Ja wohl ist zweimal ja; wenn zweimal wach denn,
So sollte sie doch mindstens einmal kommen!
Ja wohl! Gott segne mir die Redensarten!
Ein andermal sprich. Ja! Nun also denn!
Warum nur kommt sie nicht?

Dienerin.
Ich sollte fragen,
Ob Ihr erlaubt?

Bancbanus.
Ich gebe mich gefangen!
Die Torheit, merk ich, steckt, wie Fieber, an.
Ob ich erlaube, frgt sie? Guter Gott!
Soll ich erlauben, und hab nie verwehrt!
(Erny erscheint an der Tre.)
Ei, Erny, gr dich Gott! Was ficht dich an?
Lt du durch Kmmrer mich um Einla bitten?
Ich bin ein Feind von Neuerungen, Kind!
Mach mir nichts Neues, bitt ich dich gar sehr!

Erny (nach vorn kommend).
So zrnt Ihr nicht?

Bancbanus.
Warum denn?--Ja, dort unten?
Die Strae, Kind, ist jedermanns Gemeingut.
Wir haben sie nicht herbestellt, wir knnen,
Genaugenommen, ihnen's auch nicht wehren.
Ob's gleich nicht artig ist, so frh am Tage
Die Schlfer schon zu stren durch Gesang.

Erny.
Doch wit Ihr denn auch, wer?--

Bancbanus.
Ich mag's nicht wissen.

Erny.
Gertrude sagt,--der Prinz--

Bancbanus.
Nu, sei's darum!
Der gute Herr hat Mue, la ihn schwrmen!

Gesang (auf der Strae).
Schn Erny, lieb und gut,
Verschlfst dein junges Blut,
Vermhlest ohne Scheu
Dem Winter deinen Mai.

Viele Stimmen.
Bancbanus! Ho Bancbanus!

Bancbanus (der whrend des Gesanges den Becher ergriffen und
getrunken hat).
Der Mittlere singt falsch, und hlt nicht Takt.
Da Gott! Ein schlechtes Lied verdirbt die reinste Kehle!

Erny.
Ha, Scham und Schmach!

Bancbanus.
Fr wen? Mein liebes Kind!
Nur eine Schmach wei ich auf dieser Erde,
Und die heit: unrecht tun!

Erny.
Allein, die Worte!
Des argen Liedes Worte, die sie sangen.

Bancbanus.
Ich achtete nicht drauf und rate dir ein Gleiches.
Der Vorzug ist's der Worte vor den Taten,
Sie schd'gen nur, wenn man sich ihnen leiht.
Nun la von anderm uns, von Nt'germ sprechen.
Der Knig zieht nach Halisch mit dem Heer,
Des Reiches alte Rechte zu bewahren;
Mit Tagesanbruch will er heute fort,
Ich bin beschieden, samt den andern Rten,
Zu hren noch sein kniglich Gebot.
Ich geh aufs Schlo.

Erny.
Wie? jetzt?

Bancbanus.
Warum denn nicht?

Erny.
Jetzt, da das Haus von jenen tollen Haufen
Umlagert steht?

Bancbanus.
Mein Kind, gib dich zufrieden!
Die lauten Klffer scheu ich nicht zumeist!
Ich geh in meines Knigs Dienst und Auftrag;
Und dann: htt' ich dies Haupt an sechzig Jahre
Aufrecht getragen unter Sturm und Sonne,
Damit ein junger Fant sich mutig fhlte,
Zu mehr, als drau zu lrmen vor der Tr?
(Auf die Brust schlagend.)
Sei ruhig, Kind, mein Wchter geht mit mir.
Ich also will nach Hofe. Du indes,
Wenn's anders dir gefllt, zieh dich zurck
Ins Innere des Hauses, hrst du wohl?
Verlischt das Licht hier, und ermangelt Antwort,
So wird der Poltrer seines Polterns satt
Und geht zuletzt von selbst. Willst du, mein Kind?

Erny.
Wie gern!

Bancbanus.
Nun denn, leb wohl! Noch einen Ku!
Doch nein! So aufgeregt, das hiee rauben,
Komm ich zurck, so gibst du ihn wohl selbst!

Erny (in seine Arme eilend).
Mein Gatte!

Geschrei (auf der Gasse).
Bancbanus! Ho Bancbanus!

Bancbanus.
Lrmet, lrmt nur zu!
(Die Hand auf Ernys Herz legend.)
Wenn's ruhig hier,
(auf seine eigne Brust)
ist hier auch alles Ruh'.

(Geht ab. Die Diener folgen.)

Erny (bleibt in horchender Stellung, nach der Tre gekehrt, stehen).
Er geht.--Nun sind sie still! Horch!--Es war nichts!

Kammerfrau (die ein Licht ergriffen hat).
Beliebt's Euch, gnd'ge Frau?

Erny.
Ja so!--ich komme!
(Zum Gehen gewendet.)
Sonst war der Prinz doch artig, scheu vielmehr.
Was sah er wohl an mir, das ihm zu solchem
Tolldreistem, frevlem Treiben gab den Mut?
Komm, komm, wir wollen noch ein Stndchen schlafen!

(Geht ab, die Kammerfrau mit dem Lichte voran.)


       *       *       *       *       *


Strae vor Bancbanus' Hause.

Otto von Meran, und Edelleute von seinem Gefolge. Sie halten zum
Teile musikalische Instrumente.

Erster Begleiter.
Das Licht verschwindet oben in der Kammer.

Otto.
Beachtet man so wenig unser Tun?
Schlag einer an das Tor, und jubelt laut!
Ich will ihn reizen, will! und glt's das rgste!

Erster Begleiter (am Tore horchend).
Der Riegel klirrt, man dreht den Schlssel, Herr!
Der Feind tut einen Ausfall, wie es scheint.

Otto.
Zieht euch zurck, und harret, was geschieht.

(Sie ziehen sich zurck.--Das Tor wird geffnet. Bancbanus tritt
heraus, vor ihm ein Diener mit einer Fackel.)

Bancbanus (zum Pfrtner).
Verschlie das Tor genau und ffne niemand,
Bis ich zurckgekehrt. Hrst du?--Nun gut!

(Das Tor wird geschlossen.)

Erster Begleiter (leise).
Es ist Bancbanus selbst!

Zweiter Begleiter.
Er geht nach Hofe.

Otto.
Gebt ihm noch einen rger auf den Weg!

Erster Begleiter (laut).
Der Dachs fhrt aus dem Bau!

Otto.
Windhunde vor!

Erster Begleiter.
Melamp!

Zweiter Begleiter.
Garzaun!

Erster Begleiter.
Baff, baff!

Zweiter Begleiter.
Bau, bau!

Diener.
Seht Ihr?
Im Finstern stehen sie!

Bancbanus.
Was kmmert's dich?
Geh mit dem Licht voran, und leuchte! Fort!

(Quer ber die Bhne gehend, ab.)

Otto (nach vorn kommend).
Er ist nicht aufzubringen, nicht zu rgern,
Was ich beginn, er spottet meiner Wut!
Ich will ihm nach, ich will ihn stehen heien,
Ihm lachen in sein glotzend Angesicht;
Ihr werdet sehn, die hochgekniffnen Brauen,
Sie senken sich um keines Haares Breite;
Die Falten alle seiner Lederhaut,
Sie bleiben, wie sie Zeit und Stumpfheit bogen.
Ich zupf ihn an dem Bart, er merkt es nicht!
Ich ras und tob, er aber fragt: Was nun?
Setzt mich nach Frankreich, bringt nach Welschland mich!
Der Mann, der Bruder, der mein Liebchen htet,
Er mische Gift, er sende Mrder aus!
Den Todesdolch in der durchstonen Brust,
Will sterbend ich ihm sagen: wohlgetan!
Doch dieser Gleichmut foltert, martert mich!
Bringt Licht! ich will mein Toben sehn!

Erster Begleiter.
Allein
Bedenkt, erlauchter Herr!

Otto.
Bedenken? was?

Erster Begleiter.
Die Nachbarschaft!

Otto.
Ich lache dieser Trpfe!
Ist meine Schwester Knigin im Land,
Da ich viel fragen soll nach Brauch und Sitte?
Ich wollt' ihn rgern; seht, das war der Punkt!
Ihn, der die Jagd mir hemmt, die Lust verdirbt.
Was kmmert mich sein Weib mit ihrem blonden Haar?
Nicht einmal blond, aus Gelb und Fahl gemischt;
Mit ihrem Antlitz, wei und wei und wei,
Kaum auf den Wangen rtlich berstrahlt.
Schn ist sie wohl!--Wenn dieses blaue Auge,
So ernst und schroff, und doch so feurig auch,
Wenn's je--Ich sage dir, ich hab's gesehn,
Wie sie im vollen Kreis des ganzen Hofes
Die teilnahmsvollen Augen, blau und gro,
Nach mir hin richtete, minutenlang,
In starrer, wohlgeflliger Betrachtung.
Von mir ertappt, von meinem Blick begegnet,
Zog sie den ihren nicht verstohlen ab;
Nein noch verweilend, wie ein khner Feind,
Der nicht den Rcken kehrt, und langsam weicht,
Ertrug sie die Begegnung, und erst spt,
Willkrlich, nicht gezwungen, kehrte sie
Von mir den frost'gen Strahl. Es war nicht Liebe,
Ich geb es zu; doch Wohlgefallen war's.
Allein, was kmmert's mich? Was frag ich viel
Nach ihr und ihrem Blick? Noch andre Weiber,
Und schnre Weiber gibt's, und minder sprde,
Mich reizt es nicht, zu schmelzen diesen Schnee,
Zu Eis gedmmt in ihres Mannes Gletschern;
Den Mann zu rgern gilt's, der meiner Werbung
Durch seine Sicherheit zu spotten scheint.
Was sonst sich gibt, als Zutat nehm ich's hin;
Reicht mir die Zither! Noch den letzten Sturm.

(Der Hauptmann des kniglichen Schlosses tritt auf, von einem Diener
begleitet.)

Hauptmann (zum Herzog).
Wo weilt der Herzog Otto von Meran?
Ist er zugegen?

Otto.
Nein!

Hauptmann (zum Gefolge gewendet).
Man sagte doch--

(Ottos Begleiter weisen schweigend auf ihren Herrn.)

Hauptmann (zu Otto zurckkehrend).
Verzeiht, ich kannt Euch nicht, die Schatten trgen!

Otto.
Ich mu doch selber wissen, wo ich bin!
Der Herzog ist nicht hier; er will nicht hier sein!

Hauptmann.
Doch sendet mich die Kn'gin, Eure Schwester.

Otto.
O Schwesterliebe, lstig schon als Liebe!
Was will sie denn, die Schwester, stets besorgt?

Hauptmann (halb leise).
Sie lt Euch bitten, eilig heimzukehren.
Der Knig will zur Stunde fort. Sie hofft
Ihn noch ein Weilchen aufzuhalten, und
Das uerste, das Letzte zu versuchen,
Um ihren Wunsch, sich Euch, solang er fern,
Beizugesellen in des Reichs Geschften,
Beim Abschied zu erlangen. Zwar sie zweifelt.
Doch sollt Ihr heim, damit, wenn's doch gelnge,
Ihr Euch beflissen zeigt, durch kluge Worte
Befestiget den Eindruck, den sie hofft.

Otto.
Nun denn, es sei! Es ist ihr Lieblingswunsch;
Sie fgt sich gerne sonst auch meinen Wnschen.
Obgleich mich selbst erborgte Herrschaft,
Geteilte Herrschaft nimmermehr erfreut.
Kommt! die Belagerung ist aufgehoben!
Der Feind erhole sich, und trum indessen
Von seinem, der zuletzt wohl unser Sieg.

(Alle ab.)


       *       *       *       *       *


Saal in der kniglichen Burg.

Knig Andreas, vllig gerstet, tritt aus der Seitentre links.
Die Knigin, im Nachtkleide, folgt, ihn zurckhaltend. Ein Kmmerer,
der des Knigs Helm trgt, ffnet die Tre.

Gertrude.
Ich bitt Euch, weilt noch lnger, mein Gemahl!

Knig.
Geliebtes Weib, du weit, es drngt die Pflicht.

Gertrude.
Doch drngt auch Liebe, jeden, der sie fhlt.

Knig.
Schon eine Stunde gab dir der Gemahl,
Der Knig darf dir keine zweite geben.
Der Tag bricht an, das Heer erwartet mich.
(Zum Kmmerer.)
Ruft meine Rte, ruft den ganzen Hof,
Da sie vernehmen ihres Knigs Willen.

Gertrude (zum Knig).
Halt noch!--Verzeiht! Es ist die Gattin nicht,
Es ist das Reich, das noch zwei Worte fordert.
(Zum Kmmerer.)
Verweilt im Vorgemach, bis man Euch ruft.

(Der Knig winkt gewhrend. Der Kmmerer geht ab.)

Gertrude.
Ich wei, Ihr ruft den Hofhalt und die Rte,
Um fr die Zeit, da Ihr vom Lande fern,
Zu ordnen die Regierung, das Geschft.
Den ersten Platz im Staate nun, ich wei es,
Weil Eure Lieb' ich kenn, und ihr's verspracht,
Bestimmt Ihr mir, der Mutter Eurer Kinder,
Der treusten Hterin von ihrem Erbe.
Insoweit dank ich Euch und bin zufrieden.
Doch ist noch eins, das mich mit Sorg' erfllt.

Knig.
Und was, Gertrude, sprich!

Gertrude.
Ihr habt erklrt,
Ob nun mit Recht, mit Unrecht, stell ich hin,
Da manches sich ergibt im Kreis des Herrschers,
Das rasch persnliches, selbsteignes Walten,
Zutun und Fassen fordert und bedingt
Und eines Mnnerarms bedarf.

Knig.
So ist's.

Gertrude.
Den Mann nun, der vollziehe, was beschlossen,
Erbrigt noch zu nennen, zu bestimmen.

Knig.
Auch dafr ist gesorgt!

Gertrude.
O stille! still!
Sprecht keinen Namen aus, der, ausgesprochen,
Zu Schlssen stempelt prfende Gedanken,
Und Euch zu halten ntigt das Gesagte;
Nicht weil es gut, nein, weil Ihr es gesagt.
Wenn Ihr mich liebt, wenn ich Euch jemals wert,
So gebt den Herzog, meinen Bruder, mir
Als Mitgeno des frstlichen Geschfts.
Ich seh es, Eure Stirne runzelt sich.
Ihr liebt ihn nicht! Schon oft hab ich's bemerkt,
Mit Schmerz, mit tiefem Kummer es bemerkt,
Ihr liebt ihn nicht!

Knig.
Ich liebe, was ich achte.

Gertrude.
So achtet Ihr ihn nicht? Wer darf das sagen?
O glaubt nicht, was der Neid von ihm berichtet,
Die Scheelsucht, die nur lobt, was klein wie sie.
Der Schwester glaubt, die ich ihn kenn und liebe;
Die ich ihn liebe, ja! denn wahrlich, Herr,
Die Liebe nur erkennt und ist gerecht.
Ihr gebt ihm Fehler. Sei's! doch schaut um Euch,
Wo lebt der Mann hier Landes, ihm vergleichbar?
Sprech ich zuerst von seines uern Gaben?
Wie sie so herrlich sind, unbertroffen,
Und alle dienstbar seinem khnen Geist.
Sein blitzend Aug', es blitzt auch auf die Feinde,
Der frische Mund macht berredung s,
Die Heldenbrust, der Glieder krft'ger Bau
Verkndet ihn als Herrn und als Gebieter.
Glaubt Ihr, ein Meuter wagte zu bestehn,
Mit dem Gefhl der Schuld in seiner Brust,
Vor eines solchen Blick?--Frwahr, frwahr!
Des Geistes hohe Gaben acht ich alle,
Doch erst, wenn so des uern Trefflichkeiten,
Herolden gleich, vor ihnen her trommeten,
Dann ziehn sie ein als Knige der Welt.

Knig.
Du bist begeistert!

Gertrude.
Ja, ich bin's, und weh mir,
Wenn ich's nicht wre, wo es Wrd'ges gilt.
Sagt selbst, ist nicht mein Bruder tapfer, klug,
Entschlossen und verschwiegen, listig, khn,
Kein Zaudrer?

Knig.
Ja.

Gertrude.
Was fehlt ihm also?

Knig.
Sitte!

Gertrude.
Nun, er ist jung, viel geht der Jugend hin,
Und viel erreicht sie selbst durch ihre Fehler.
Er ist geschftlos, gebt ihm ein Geschft!
Und dann was tut er auch? Er schwrmt, er liebt.
In Frankreich achtet man den Jngling wenig,
Der nicht bei Weibern gilt, im Zwist der Minne
Den Geist vorbend schrft fr ernstern Zwist.

Knig.
So b' er sich in Frankreich, wo man's duldet,
Und abgeklrt, sei er willkommen mir.
Von andern Vlkern borgt das Schlimme nicht,
Wer wei, ob euch erreichbar ist ihr Gutes?
Der Franke mag durch manche hohe Gaben
Den Leichtsinn adeln, dem er gern sich gibt;
Mein Land bewohnt ein einfach stilles Volk,
Zu jeder Art des Guten rasch und tchtig,
Doch Sitte hlt ihr unverrckbar Ma
Streng zwischen allzuwenig, und zuviel,
Und bannt den sprden, berscharfen Sinn.
So ist, so mu es sein, so soll es bleiben!

(Geht gegen die Mitteltre zu.)

Gertrude.
Hrt nur noch eins.--Ihr nanntet oft mich stolz,
Ein khnes Weib, vergleichbar einem Mann.
Ich war's, ich bin's! Und doch--seht mich hier knien.
(Sie kniet.)
Gebt meinen Bruder mir als Reichsgehilfen!
Gnnt ihm den Namen nur! Ich will ihn hten,
Er soll nichts tun, um was ich nicht gewut.
Wie einem Vogel man die Flgel schneidet,
Nun hpft er frei, und dnkt sich frei, und ist's nicht.
So will ich halten ihn, mit Liebe fttern,
Und er soll Dank mir zwitschern, und gedeihn.
Gnnt ihm den Namen nur, da er sich fhle,
Zufrieden sei, zum erstenmal zufrieden.

(Der Knig hat sie aufgehoben.)

Ihr seht mich schwach; ich schme mich, und doch
Kann ich nur wiederholen: Tut's, o tut's!

Knig.
Macht mich der Bruder eiferschtig nicht?

Gertrude.
Nicht so! Ich liebe dich, wei Gott, wie innig!
Doch war die Zeit, da ich dich noch nicht kannte.
Erst nach durchlebter Jugend fand ich dich,
Und seitdem wandelt auch mein Geist mit dir.
Doch er, an seiner Wiege stand ich schon,
Er war die Puppe, die ich tndelnd schmckte;
Mein Vaterland, der Eltern stilles Haus,
Mein erst Gefhl, die Kindheit lebt in ihm.
Ich grollte stets, da ich ein Mdchen war,
Ein Knabe wnscht' ich mir zu sein, wie Otto.
Er wuchs heran, in ihm war ich ein Jngling,
In ihm ging ich zur Jagd, bestieg das Ro,
In ihm lockt' ich des Burgwarts blde Tchter.--
Ihr wit, wie ich die Zucht als Weib gehalten,
Doch tat mir's wohl, in seinem kecken Tun
Traumweis zu berfliegen jene Schranken,
In die ein enger Kreis die Weiber bannt.
Er ist mein Ich, er ist der Mann Gertrude,
Ich bitt Euch, trennt mich nicht von meinem Selbst!
Soll er mein Helfer sein, wir wollen leben
Wie drei Geschwister, Euer Volk das dritte!
Soll er?

Knig.
Was machst du, Weib, aus mir?

Gertrude.
Soll er?

Knig.
Nun wohl, ich will ihn sprechen.

Gertrude.
Dank, o Dank!

Knig.
Du dankst zu frh! Nur einen Teil der Macht,
Das Heer vielleicht, soll er indes verwalten,
Und unter Aufsicht.

Gertrude.
Unter mir! das Ganze.

Knig (mit dem Fue stampfend).
Hollah!

(Der Kmmerer tritt ein.)

Ruft meinen Schwager, Herzog Otto!
Ihr zgert?--

Kmmerer.
Herr!

Gertrude (gegen den Kmmerer, der indes Gebrden gemacht hat).
Mein Bruder ist nicht wohl.

Knig (zum Kmmerer).
Bei deinem Kopf! Wo ist der Herzog Otto?

Kmmerer.
Herr, nicht daheim!

Knig.
Seit wann?

Kmmerer.
Die ganze Nacht.

Knig (zu Gertruden).
Ihr seht, der Reichsverweser hat Geschfte,
Wir wollen sie nicht lstig noch vermehren.
(Er ffnet selbst die Mitteltre.)
Herein, wer noch im Vorsaal! Herrn und Rte!
Lat uns besorgen, was noch weiter obliegt.

Kmmerer (zur Knigin).
Erlauchte Frau--

Gertrude.
Da du verdammt wrst!
(Sie zerreit ihr Schnupftuch.)

(Die Groen und Rte sind indes mit Verbeugungen eingetreten. Darunter
Bancbanus, die Grafen Simon und Peter. Sie ordnen sich im Mittelgrunde.
Der Knig steht vorn am Tische rechts. Die Knigin ihm gegenber auf der
linken Seite.)

Knig.
Edle Herrn!
Die Pflicht ruft mich aus eurer Mitte fort.
Galizien, das Ungarns altes Anrecht,
Durch Erb' und Unterwerfung uns zu Dienst,
Man sucht durch Trug und schlaugelegte Rnke
Es abzuziehn von der beschwornen Pflicht.
Mein Heer erwartet mich, da wir versuchen,
Was die Gewalt vermag im Dienst des Rechts.
Ich scheide, lebet wohl. Damit indes--

(Herzog Otto kommt, sich durch die Versammlung durchdrngend, die er mit
den Augen mustert.)

Otto.
Wie? Keine Frauen hier? Nur Brte, Brte?
Ah, Schwester!

Gertrude.
Sieh, Unsel'ger! Dort der Knig!

Otto.
Nun schn! Ich dacht', Ihr wrt schon abgereist!
(Geht auf ihn zu.)

Knig.
Beliebt's Euch, tretet dorthin, Herr! Wir haben
Noch ein'ge Kleinigkeiten abzutun.
Nicht hier! Ich bitt Euch, dort! Wir werden eilen!

(Otto geht quer ber die Bhne und stellt sich in die Nhe der Knigin.)

Nun denn. Solang ich fort, vom Lande fern,
Wird meine Frau hier, eure Knigin,
Vertreten meine Statt. Ihr gebt die Ehren,
Sonst mir gezollt. Sie wird im Rate sitzen,
Vollziehn mit Unterfert'gung das Geschft.
Sie teilt Belohnung, leiht im Lehenhof;
Was Gnade gibt, empfngt man nur durch sie.
In Sachen blo des Rechts, und was noch sonst
Des khlern Blicks bedarf, und dies Papier benennt,
Stell ich an ihre Seite zum Genossen,
Der auch im Rate sitzt, und ohne den
Nichts von dem brigen auch wird verhandelt;
Der stets den Vortrag fhrt, und mir berichtet,
Wo sich in Wichtigem die Meinung teilt
(Pause, in der er die Rte fixiert.)

Gertrude (zu Otto).
Unglcklicher, warum kamst du so spt?

Knig.
Zu alledem zum Reichsgehilf ernenn ich--
Tritt vor Bancbanus! Hier!--Ernenn ich dich!
Sei du ihr Aug' und Ohr, sei Hand und Arm,
Sie wird der Geist sein, der durch dich gebietet.
Stets warst du treuer Diener deines Herrn,
Du wirst's auch hierin sein.

Bancbanus.
Ach Herr, bedenkt!

Knig.
Es ist bedacht!

Bancbanus.
Ich bin ein schwacher Mann!

Knig.
So minder wohl verlockt dich die Gewalt!

Bancbanus.
Bin alt!

Knig.
Ist Herrschen denn ein Knabenspielwerk?
Ich hab's gesagt, und reif erwogen auch;
Dein Weigern zeigt mir, da ich recht gewhlt.
Wo ist mein Sohn? bringt meinen Sohn zum Abschied!
Hier, dies Papier bezeichnet deinen Kreis;
Wie vorwrts nicht, so rckwrts nicht gefut!
Denn, was du darfst, ist dem gleich, was du mut.
Kannst du den Herzog hier im Heere brauchen,
So tu's; wenn nicht, ich stell es dir anheim.
Geh hin, und k die Hand der Knigin,
Sei ihr zu Dienst, und bitt um ihre Gnade.
Wo ist mein Sohn?

Bancbanus (sich der Knigin nhernd).
Erlauchte Frau, erlaubt!

Gertrude (ihre Hand heftig zurckziehend).
Tolldreist und Tor!

Knig.
Was ist? Gertrude, wie?
Verweigerst du die Hand dem Manne, dem--
Gott und Gericht! Ist das der volle Dank?
Beginnt der Unfried, eh' ich noch geschieden?
Gib deine Schrift! Bancbanus, gib die Vollmacht!
Vor weiterm will ich wohl mein Land bewahren!
Die Kniginnen saen sonst am Kunkel,
Solang ihr Mann im Feld. Bancbanus, gib!
Ich will Euch Grenzen setzen, da Ihr's wahrnehmt,
Und wrt Ihr blind vor Hochmut und vor Grimm!

Gertrude.
Hier meine Hand! Ich werd Euch gndig sein,
Wenn Ihr's verdient.

Knig.
Geh hin, Bancban, geh hin!
Was? Seh ich recht? Wohl eine Trne gar?

Bancbanus.
Ich sagt Euch's, Herr! Ich tauge nicht dafr!

Knig.
Du taugst, mein Freund, nur du! K ihre Hand.
Ob heftig zwar, ist sie gerecht und klug.

(Man hat den kleinen Bela gebracht. Bancbanus kt die Hand der Knigin.)

Und nun, lebt wohl! Gertrude, teures Weib!
Bela, mein Sohn! Mein gutes, liebes Kind!
Lebt wohl, ihr alle! alle meine Freunde!
(Zu Bancbanus.)
Vor andern aber wend ich mich zu dir,
Dem ich mein Haus vertraue, Weib und Kind.
Als ich dich whlte, dacht' ich Ruhe mir,
In Feld und Stadt, in Schlo und Htten Ruhe.
Die fordr' ich nun von dir. Kehr ich zurck,
Und finde sie gestrt, die fromme Ruhe;--
Nicht strafen werd ich dich, nur dich vermeiden,
Und stirbst du, setzen auf dein ruhmlos Grab:
Er war ein Greis, und konnte sich nicht zgeln;
Er war ein Ungar, und verga der Treu;
Er war ein Mann, und hat nicht Wort gehalten!
Doch wird's nicht kommen so, ich wei, ich wei!
Lebt alle wohl, und Gott sei ber euch!
(Er geht.)

Alle (drngen sich um ihn, indem sie rufen):
Heil auf den Weg!
Glck zu!
Kehrt siegreich wieder!




Zweiter Aufzug

Saal im kniglichen Schlosse. Im Hintergrunde fhrt eine groe, zu Anfang
geschlossene Pforte nach den uern Galerien. Rechts, im Vorgrunde, ein
erhhter Lehnsessel, im Halbkreise herum mehrere Sthle. Seitentren.
Zunchst der Tre rechts ein bedeckter Tisch.

Die Knigin sitzt, von den Rten umgeben, Bancbanus, Schriften in der Hand,
steht, und trgt vor.


Bancbanus.
Obgleich die Kinder zweiter Ehe nun
Dagegen Einspruch tun, so sagt ein Blatt,
Vollzogen vom Testator eigenhndig,
Ein rechtsbestndig, krftig Kodizill--
Wo steckt es nur?
(Seinen Nachbar anblickend.)
Ihr Schwager? Seid so freundlich,
Und haltet mir die Schriften, da ich suche.
(Er gibt Graf Petern einen Teil seiner Schriften und sucht in den brigen.
--Herzog Otto tritt zur Tre linker Hand ein.)

Otto.
Noch nicht geendigt?

Knigin.
Eben.--
(Zu den Rten.)
Gut fr heute!
Die Sitzung, edle Herrn, ist aufgehoben!

(Die Rte stehen auf, die Knigin tritt zu ihrem Bruder.)

Bancbanus (noch immer suchend).
Mein Schreiber hat's verschoben. Da dich doch!

Knigin.
Wie er mich langweilt nur, der alte Tor!
Glck auf, Ihr Herrn! wir sehen uns demnchst.

Sie entlt mit einer Kopfneigung die Rte, diese gehen.--Knigin zu Otto.)

Ich merke festlich Treiben hier im Schlo,
Was schafft man?

Bancbanus.
Seht! Da hab ich's doch gefunden.
Kraft dieses Dokuments--Wo sind die Rte?

Knigin.
Sie gingen, so geduldig nicht, als ich,
Im Schlohof wohl nach Eurer Schrift zu suchen!

(Otto lacht laut auf.)

Bancbanus (die Schrift emporhaltend).
Hier ist die Schrift!--Nu, nu, im nchsten Rat
Erwgt man--

Knigin.
Sprach ich denn nicht schon: gewhrt?

Bancbanus.
Gewhrt! gewhrt! Lag diese Schrift nicht vor,
So war nichts zu gewhren!
(Er steckt die Schrift wieder unter die Papiere.)
Liege du!
Zu seiner Zeit kommt noch das Wort an dich.

Knigin.
Was also sind die Festlichkeiten, die--?

Otto.
Kommst du mit mir, so sollst du selber sehn!

(Knigin gibt ihm den Arm.)

Bancbanus.
Vorerst nur eines noch!

Knigin.
Das nenn ich lstig!

Bancbanus.
Der Fall ist lstig, ja, und dringend auch.
Landfahrer haben, hchst verdchtig Volk,
Bei Bihar sich gezeigt. Es wird nun ntig,
Zweihundert--

Otto.
Scke!

Bancbanus.
Wie?--Es wird nun ntig,
Zweihundert--

Otto.
Scke!

Bancbanus.
Reiter, gnd'ger Herr,
Dahin zu senden. Wenn Eu'r Gnaden Bruder,
Der Herzog, nun nach Ttigkeit verlangt,
So knnte man der Reiter Fhrung ihm--

Otto.
Sehr gndig, in der Tat!

Knigin.
Das ist zuviel!
Ihr schmeichelt, wie das Tierchen in der Fabel.
Mein Bruder soll zweihundert Reiter fhren?
Schickt Euren Schwager--Euren--was wei ich?!

Bancbanus.
Wie Ihr befehlt.--

Knigin.
Und schweigt fr jetzt, ich bitte!
Wem also gelten jene Festlichkeiten,
Die man bereitet, seh ich, rings im Schlo?

Otto.
Ich wollte frher schon dir alles melden,
Doch diese Herrn--(Zu Bancbanus.) Beliebt's Euch, Platz zu nehmen?
Wie, oder dnkt Euch ein Spaziergang besser
In freier Luft? Wir haben schnes Wetter.

Bancbanus.
Ich bleibe noch, ich bin noch nicht zu Ende.

Knigin.
Wie also? sprich!

Otto.
Du weit, wir feiern heute
Das Wiegenfest des Kleinen, deines Sohns.
Die Herren sind, die Fraun bei ihm versammelt
Und binden ihn mit kleinen Gaben an.
Da hab ich denn gewagt, in deinen Zimmern
Dem Feste zu bereiten noch ein Fest.
Die Meinung war, dich erst zu berraschen,
Doch liebst du, wei ich, berraschung nicht.
Drum sieh, ach, und verzeih!

(Er hat die Seitentre rechts geffnet, die Knigin sieht hinein.)

Knigin.
Du guter Bruder!

Otto.
Nun hier noch.

(Er klatscht in die Hnde, die Seitentre links ffnet sich. Der kleine
Bela luft herein, mit kindischen Gaben schimmernd behangen. Hinter ihm
Herren und Damen, darunter Erny.)

Bela.
Mutter! Mutter!

Knigin (zu ihm niedergekauert und ihn kssend).
O mein Kind!
(Ihrem Bruder die Hand drckend.)
Was soll ich sagen? (Zum Kinde.) Und so reich beschenkt!
Habt Dank, Ihr Herrn! Ihr edlen Frauen, Dank!
Fr alles, was Ihr unserm Sohne gnnt.
Wir stnden tiefer noch in Eurer Schuld,
Wenn unser Bruder, Herzog Otto hier,
Nicht der Vergeltung Pflicht auf sich genommen.
Nehmt teil denn an dem Feste, an den Freuden,
Die er fr uns, die er fr Euch ersann.
Es ist zwar noch am Tag, allein wir wollen
Mit Lust den freud'gen Abend fhren ein.
Graf Iwan, Dank!--Ei, Grfin Erny, gnnt Ihr
Uns auch einmal die schne Gegenwart?
Wir rauben stndlich Euren Gatten Euch,
Und nicht zu seiner Freude, frcht ich fast;
Er findet uns zu schlerhaft, zu leicht.
(Zu Otto halblaut.)
Du arger Schalk! das Fest galt also mir?
Ich denk du gabst dir's selbst und deinen Wnschen!

Otto.
Ihr zrnt doch nicht?

Knigin.
Was Scherz ist, tadl' ich nicht.
Nun auf! ein jedes whle den Gefhrten,
Dem es bei Tanz und Tisch die Rechte gnnt.--
Nicht so!--Nein, das Verbundne lat uns trennen!
Des Gatten, des Geliebten Recht erlischt
Beim frohen Fest, das Fremdes soll verbinden.
Ich selbst, da es der Knigin nicht ziemt,
Im Scherz auch einen Mann als Freund zu gren,
(Zu Erny.)
Erwhle, Grfin, Euch mir zum Gefhrten,
Wenn nicht vielmehr zum Manne mich fr Euch.
Gebt mir die Hand! die Rechte!
(Ernys Hand in ihre beide lassend.)
Glaubt, ich lieb Euch!
Mein schnes Kind, ich lieb Euch, wei es Gott!
Wir tanzen nicht, wir wandeln durch die Gste,
Und wenn der Hausfrau rings besorgte Pflicht
Mich von Euch ruft, so soll mein teurer Bruder
Vertreten meine Statt. Dann tanzt Ihr wohl
Ein Schrittchen, oder zwei. Seid Ihr's zufrieden?
Mein frommes Kind, ich lieb Euch wahrlich sehr!
Nun fort!

(Die Gste, die sich paarweise in Ordnung gestellt haben, setzen sich
in Bewegung. Knigin zu Bancbanus, der noch immer im Vorgrunde rechts
steht.)

Was aber machen wir mit Euch?

(Whrend des Vorigen ist die Tre der Galerie geffnet worden. Diese
ist mit Leuten aller Art angefllt, die zum Teil Bittschriften halten.)

Wer sind die Leute da?

Bancbanus.
Eu'r hoher Gatte
Empfing um diese Stunde die Suppliken,
Bittschriften aller Art.

Knigin.
Tut's denn statt mir!
Ihr liebt die Feste nicht. Wei Gott, ich frchte,
Ihr tadelt mir den Tanz, das Mahl, die Gste.
Bleibt hier, und hrt, was jene dort begehren.
Hier ist ein Tisch, Papier und Feder hier.
Fr eines jeden Unterhaltung sorg ich.
Eu'r Weibchen soll indes Euch nicht vermissen,
So viel traut mir nur zu! Beliebt's, Ihr Herrn?

(Sie geht mit Erny an der Reihe der Gste vorber in die Seitentre
rechts ab, die Gste folgen.)

Bancbanus (zu einigen Dienern, die zurckgeblieben sind).
Rckt mir den Tisch ein wenig seitwrts! So!
Du lt die Leute vor! Du bernimmst
Die Schriften, die sie reichen, legst sie hierher!
Die Feder ist wohl stumpf?
(Hlt sie vors Auge.)
Nu, nu, sie geht!
Nur Ordnung sag ich euch!
(Zum ersten Supplikanten.)
Was also willst du?
(Er entfaltet die Bittschrift.)
Jan Farkas. Ei mit deiner alten Bitte?
Hat dich der Knig nicht schon abgewiesen?
Nun glaubst du wohl, weil er vom Lande fern?
Der Knig ist noch da, hier, siehst du, steht er,
Und drinnen--
(Auf das Zimmer der Knigin zeigend, vor sich hin.)
Nu, wei Gott, drin hpft und tanzt er.
(Laut.)
Nichts da! Geh fort! La Bessern deine Stelle!
(Ein Zweiter tritt vor.)
Die Erbschaftssache! Nu, wir wollen sehn.
Im heut'gen Rat kam's noch nicht zur Entscheidung,
Im nchsten wird's geschehn. Glck auf, mein Freund!

(Hofleute gehen vorber in die Zimmer der Knigin. Sie zeigen mit
dem Finger auf Bancbanus, und flstern sich in die Ohren.--Bancbanus
zu einem Dritten.)

Entschd'gung, weil der Prinz auf letzter Jagd
Die Saat verwstet.--Er? Der Prinz allein?
Die ganze Saat? Wohl nur des Prinzen Jger?
Weshalb denn schreibst du: Er? Wo bleibt die Achtung,
Verwnschtes Volk, fr eurer Frstin Bruder?
Man wird den Schaden schtzen und vergten.
Ich bin ermdet; bringt mir einen Stuhl!

(Ein Stuhl wird gebracht. Er setzt sich.--Ein Edelmann vom Gefolge
des Prinzen, eine Dame fhrend, aus dem Seitenzimmer links: ein
Kmmerer ffnet.)

Edelmann (zur Dame).
Ihr mt zum Fest, die Knigin nimmt's bel.
Sei's auch, da Ihr nicht wohl, so tanzt denn nicht,
Doch kommen mt Ihr; es geht glnzend her.
Was ist denn hier? Gehrt das mit zum Fest?

(Der Kmmerer spricht leise zu ihm, wobei er lachend auf Bancbanus
weist.)

Bancbanus (zu andern Bittwerbern).
Was kniet ihr? Auf! Der Knig duldet's nicht,
Und ich soll knieen sehn von meines Gleichen?
Ich bin ein Untertan, wie andre. Auf!

Edelmann (lachend).
Nu, das ist lustig! Lat uns denn hinein!
(Zu Bancbanus im Vorbeigehn.)
Seid Ihr der Pfrtner, Herr, des heut'gen Fests?
Was zahlt man Eintritt?

Bancbanus.
Klugheit nicht;
Ihr bliebt sonst hauen wohl!

(Edelmann und Dame ab.)

Verwnschtes Volk!
(Die Bittschrift in der Hand.)
Ich sehe wohl, warum ihr erst gekniet.
Die Bitt' ist unstatthaft. Seht doch! Zehn Goldstck
Fr jede Lieferung! Nicht acht, nicht fnf!

Ein Diener (reit die Seitentre rechts auf und schreit).
He, Wasser und Zitronen!

Zweiter Diener (zur entgegengesetzten Seite hereinkommend,
schreit ebenso).
Hier!

Bancbanus.
Nu, nu!
Ein wenig sacht!

Erster Diener.
Hier sitzt er. Blitz! Derweile
Setzt Herzog Otto seinem Weibchen zu.
La ihn uns schrauben!--Edler Herr, befehlt Ihr
Ein wenig Wasser zu hchstnt'ger Khlung?

Bancbanus.
Ja, ja, mein Sohn, gib her!

(Er nimmt das Glas. Die beiden Diener platzen in Lachen aus und
laufen davon.)

Was soll denn das?

(Die Grafen Simon und Peter strzen erhitzt aus den Zimmern der
Knigin.)

Peter.
Es ist zuviel!

Simon.
Bancbanus, du noch hier?

Bancbanus.
Wo anders sonst?

Simon.
Fhlst du denn nicht? O sag ihm's,
Sag ihm's, ich bitte dich! Mich wrgt der Zorn.

Peter.
Fhlt Ihr denn nicht, da Ihr der Spott des Hofes?

Bancbanus.
Der Spott? Warum?

Peter.
Da drauen vor der Tr--

Bancbanus.
Ich be, was mein Amt. Ei spottet nur!
(Nach rckwrts gekehrt.)
Die Fordrung ist zu hoch, mein guter Freund!
Acht Taler sind genug. Das, Schreiber, schreibe!

Simon.
Bancban, auf Tod und Leben, hre mich!
Hei diese Leute gehn!
(Auf die Bittwerber zeigend.)

Bancbanus.
Du scherzest wohl?

Simon.
Nun denn, auf die Gefahr, da sie uns alle hren!
(Halblaut.)
Indes du hier den Pfrtner spielst des Festes--
So nannten sie dich drin und lachten! lachten!--
Umschwrmt der Prinz dein Weib.

Bancbanus.
Ich kann's nicht ndern!
Kann ihn nicht ndern, wollt' ich's noch so gern.

Peter.
Er tanzt mit ihr.

Bancbanus.
Zum Tanz ward sie geladen.

Peter.
Drckt ihr die Hand.

Bancbanus.
Er kriegt den Druck nicht wieder,
Dafr bin ich dir gut.

Simon.
Bist du so zahm?
Hab Mitleid mindestens mit deinem Weibe.
Sie fhlt die Schmach, der Scheelsucht Sptterblicke,
Kaum hlt des Hofes Brauch sie noch beim Feste;
Doch Unwill' glht in ihrem Angesicht.

Bancbanus.
Doch Unwill' glht in ihrem Angesicht.
Das sagst du selbst, und willst: ich soll sie hten?
Tanz zu! tanz, Erny, zu! Du wahrst dein selbst!
(Er kehrt zu den Bittschriften zurck.)

Simon.
Nun denn, so dulde, was du dulden willst.
Ich kehre heim.

Peter.
Und ich zum Tanz zurck.
Und wagt er's, seiner Frechheit Raum zu geben
Durch leiseste Berhrung nur der Hand,
So straf ich auf der Tat sein ruchlos Werben
Und Blut soll ihres Tanzes Estrich frben.

(Die Hand am Sbel, durch die Seitentre rechts ab. Graf Simon geht
auf der entgegengesetzten Seite.--Herzog Otto aus der Seitentre
links mit einem Begleiter.)

Otto (im Auftreten zu Graf Simon).
Ist Grfin Erny hier?

Simon.
Seht selbst! und seht Euch vor! (Ab.)

Otto.
Unhflich Tier! Wo aber ist sie hin?
Ihr Gatte hier? Mit eins war sie verschwunden.
(Zu seinem Begleiter.)
Sagt' ich dir nicht, du sollst auf jeden Schritt?--
Komm und vollfhre! was ich sonst gebot.
(Im Vorbergehen.)
Bancban, ist Eure Gattin schon nach Hause?

Bancbanus.
Ich wei es nicht.

Otto.
Nu, nu, es soll sich weisen.
(In den Tanzsaal ab.)

Bancbanus.
Hier ist es allzulaut. Kommt, folget mir,
Im Vorsaal drauen, auf den innern Gngen
Macht leichter das und ruhiger sich ab.
Die Knigin verzeiht wohl solchen Wechsel.

(Er fat die auf dem Tische liegenden Papiere zusammen. Erny,
erhitzt und schwer atmend, kommt, sich unter den Supplikanten
wegdrngend, durch die Mittelpforte.)

Erny.
Hier, endlich hier! Nun, Gott sei tausend Dank!

Bancbanus.
Je, Kind, was kommt dir an? Vom Tanz erhitzt.
Du gingst wohl durch den Schlohof? Herr und Gott,
Es kann dein Tod sein, schneidend weht die Luft.
Du bses Kind, was machst du mir fr Sorge!

Erny.
Nun ist es gut! Weil nur bei dir! O gut!
(Sie setzt sich in den Stuhl.)

Bancbanus.
Zu luftig ist es hier. Zurck zum Tanz!
Ein Reihen oder zwei erwrmt dich wieder.

Erny (aufspringend).
Zum Tanz? Ich weiche nicht von deiner Seite!
So drck ich mich in deine Nhe, so.
Trotz sei geboten, wer von hier mich trennt!

Bancbanus.
Und dennoch mu es sein. Sieh hier, Geschfte.

Erny.
Ich geh mit dir, ich falte dir die Bltter,
Ich streue Sand, wie ich wohl oft getan;
Doch nicht in jenen Saal mehr. Nein! frwahr!

Bancbanus.
Was war denn?

Erny.
Nichts. Doch geh ich nicht von dir.

Bancbanus.
Bancbanus' Weib steht gut in seiner Nhe,
Des Reichsverwesers Frau gehrt zum Fest.

Erny.
Gib sie zurck denn, dieses Amtes Brde,
Sei Ernys Gatte blo, mit ihr beglckt.

Bancbanus.
Was fllt dir ein? Weil du nicht gern beim Fest,
Soll ich von Hof, Unfrieden herrschen lassen,
Verwirrung rings im Land? Ich hab's versprochen,
Dem Knig angelobt bei seinem Scheiden,
Den Frieden zu bewahren hier, die Ruh',
Und werd es halten, trifft was immer zu.
Dem Dienste folg ich, folg dem Feste du!

(Die Stiegen herauf tnt Gerusch von Stimmen und Schwertergeklirre.)

Was ist? Horch!--Schwerterklang!?
(Zu einem Diener, der hereinstrzt.)
Mein Freund, was gibt's?

Diener.
Herr, Eures Bruders Diener, und des Prinzen,
Sie streiten, sie sind handgemein, man ficht.

Bancbanus.
Die Diener meines Bruders? Wer gab Anla?

Diener.
Des Prinzen Leute reizten sie durch Spott.

Bancbanus.
Gleichviel! Wo ist mein Schwert?

Erny.
Ich will mit Euch,
Ihr wagt Euch sonst.

Bancbanus.
Bist du nicht klug? Bleib hier.

(Ein Kmmerer kommt aus dem Zimmer der Knigin.)

Kmmerer (zu Erny).
Die Knigin verlangt nach Euer Gnaden.

Bancbanus.
Hrst du? Geh hin! Ich schlicht indes die Fehde.
(Zu den Supplikanten.)
Ihr harret auf der Treppe, bis die Ruh',
Neu hergestellt, uns Mue gibt zur Rede.

(Er geht, die brigen folgen.)

Erny.
Er geht.--Wo ist der Kmmrer, der mich rief
Zur Knigin?--Gleichviel! Ich will nur hin!
Was kann der Prinz auch tun? Ich war wohl tricht!
Zurck zum Fest und ihm ins Aug' geblickt!
Du aber Gott, du gib mir Mut und Kraft,
Der Unbill zu begegnen mit Verachtung!
Gib, da kein Wort, kein Wink, kein Laut
Bestt'ge was er meint und was er hofft!--
Doch erst das Haar geordnet und die Kleider,
Verraten mchten sie mein kindisch Zagen,
Des wr' er froh, allein da harre du!
(Im Vorgrunde stehend, und die Locken an den Fingern aufwickelnd.)
Sie glauben, weil ich selten sprech und wenig,
Ich knne mich nicht wahren, nicht verteid'gen.
Mein Vater sprach wohl oft: sie hat's im Nacken!
Ich hab es auch. Ihr sollt noch wahrlich sehn!
(Sie betrachtet noch ihre Schuhe.)
Nun ist es gut. Der Schuh sitzt fein genug!
Nun ist es gut! nun will ich nur hinein!

(Otto, der, whrend der letzten Worte, durch die Seitentre rechts,
leise eingetreten ist, nhert sich jetzt von hinten, ihre beiden
Arme mit dem uersten der Finger berhrend.)

Otto.
Verstrkt Ihr noch die Macht so vieler Reize?
O schmckt Euch nicht! wir sind schon wund genug!

Erny (links nach dem Vordergrunde zurckweichend).
O Gott! Er selbst!

Otto.
Ich bin's, und hochbeglckt,
Da die Gelegenheit, so oft gesucht,
Und nie gefunden, gnstig dar sich beut.

Erny.
So glaubt Ihr? Lat mich! Ich will fort!

Otto.
O bleibt!

Erny.
Der Knigin Befehl--

Otto (vorkommend).
Er ist erdichtet,
Von mir erdichtet. So wie jener Streit,
Der Euren Gatten in dem Schlohof hlt,
Auf mein Gehei sich, auf mein Wort entspann.
Ich wollt' Euch sprechen, und ich tu's, beim Himmel!
Es komme was da will! Der Ort ist gnstig:
Das Fest hat aus der Nhe sich gezogen,
In fernen Zimmern dampft das frohe Mahl.
Wir sind allein, und doch, die Tren offen,
(Auf die offene Pforte des Hintergrundes zeigend.)
Der kleinste Ruf fhrt Zofen her und Diener,
Ihr seid so sicher gegen jede Khnheit,
Als nur am eignen Herd.

Erny.
Und dennoch fort!

Otto.
Auch das! Hier ist mein Arm! Kommt mit zum Fest!
Doch glaubt Ihr, mir dadurch Euch zu entziehn,
So irrt Ihr, Grfin, sehr. Ihr kennt mich nicht.
Doch wer mich kennt, der wei, in Hofes Mitte,
Am offnen Markt, hei ich Euch Rede stehn,
Und leg Euch vor dieselben Fragen, die--
Nichts mehr, als dies,--ich hier Euch stellen wollte.
Doch ist's Euch nicht genehm, gut, wir verschieben's!

Erny.
O berma des strflichsten Erkhnens!

Otto.
Ihr seid was eitel, merk ich, gute Grfin.
Ihr glaubt mich wohl verliebt? Mag sein! Vielleicht!
Vielleicht auch nicht! Ich bin nicht so erregbar.
Ein Menschenkenner bin ich, Menschenforscher,
Zumal auf Fraun geht meine Wibegier.
Die tausend Formen zu ersphn, die Krmmen,
In denen sich das eins und eine birgt,
Das eine: Heuchelei. Pfui, feige Schwche!
Bin ich nicht gut, so wollt' ich's auch nicht scheinen!
Ihr aber scheinet Tauben, fromme Tauben,
Und seid's in einem nur, in ew'ger Glut.

Erny.
Das anzuhren ziemt mir nicht.

Otto (aus dem Wege weichend).
O ja;
Die eine lt sich trauen einem Greise,
Mit grauem Bart und Haar, ein schlottrig Scheusal,
Voll Launen, abgeschmackt, zum Tollhaus reif;
Doch ehrt und liebt sie ihn.

Erny.
Sie ehrt und liebt ihn!

Otto.
Wenn je und dann sie schielt nach hbschen Jungen,
Minutenlang mit ihrem Blick verweilt,
Je, Neugier! Ei, zum Sehn ward uns das Auge!
Wie? Oder auch schon Menschenforscherin,
Auflauernd der Entwicklung des Geschlechts,
Und vom Gefhl gewendet zum Erkennen?

Erny.
Ich wei, Ihr wollt beleid'gen und erniedern;
Was sonst Ihr meint, wei und versteh ich nicht.

Otto.
Ihr blicktet nie nach andern, ei, ich wei!
Ihr wart auch jene nicht, wie, oder doch?
Die, als man ihr beim Tanz die Hand--

Erny.
Ihr lgt!

Otto.
Verteidigt nicht, bevor man noch beschuldigt!
Die, als man ihr beim Tanz die Hand gedrckt,
Den Druck zurckegab. Ich fhlt' es, ja!

Erny.
So mgen diese Finger denn verdorren,
Und Feuer sie bestrafen, lohe Glut,
Wenn absichtslos sie und dem Willen fremd
Euch andres kndeten, als Ha und Abscheu!

Otto.
Als Ha und Abscheu. Gut! (Mit starker Stimme.) So gebt zurck denn
Die Haare, die Ihr stahlt von meinen Haaren!
Ich war nicht lang an diesen Hof gekommen,
Da sandt' ich zum Geschenk sie meiner Schwester,
In Kleinod sie zu fassen und Geschmeid.
Ihr aber glaubtet Euch allein und stahlt
Vom Putztisch Euch ein Prbchen. War's nicht so?

Erny.
O Gott! Mein Gott!

Otto.
Das also wirkte!
O Heuchelei, du abscheuwrd'ges Laster,
Und doch in Euch so schn, wie all das Eure!
Lat mich Euch danken fr die schne Snde.
O alle Tugend gleicht ihr nicht an Reiz.
(Er kniet.)

Erny.
Mein Prinz!--O glaubt!--Doch steht vom Boden auf!
Da jene Locke, kaum in meiner Hand--
Steht auf, ich bitt Euch!--da ich sie verbrannt;
Da ich--o Gott! mein Gott!--Steht auf!--Man kommt!
Soll ich mit Trnen Euch im Auge bitten?
(Mit dem Fue auftretend.)
Ich will nicht, sag ich Euch. Ich duld es nicht!

Otto.
Ich soll Euch hren, und Ihr selbst verweigert's?

Erny.
Ich will Euch hren, nur steht auf vom Boden!

Otto (aufstehend).
Es sei! Doch auf Bedingung! Seht, Ihr schuldet
Mir die Geschichte jener Locke; ich
Hab eine Frage noch an Euch zu stellen.
Gnnt zu geheimer Unterredung mir
Ein Viertelstndchen, wo und wann Ihr wollt.

Erny.
Geheimes ich und Ihr?

Otto.
Geheim um Euretwillen!
Bringt Zof' und Diener mit, mir gilt das gleich!
Verwahrt Euch, wie Ihr wollt. Nur lat mich fragen!
Mir ist's um meine Zweifel nur zu tun.
Seht Ihr denn brall Liebe, eitles Volk?
Doch sprechen mu ich Euch, mu Antwort haben!
Und wollt Ihr anders nicht, so sei es hier.
Noch einmal knieend bitt ich Euch darum.
(Er beugt das Knie.)

Erny.
Halt ein! Ich will!

Otto.
Ihr gnnt mir ein Gesprch
Und wo? und wann?

Erny.
O nirgends, ach, und nie!

Otto.
Ich seh, es macht Euch Mh', davon zu sprechen.
Hier ist Papier und Feder, ich will gehn.
Zwei Zeilen, die Ihr schreibt, mit Zeit und Ort,
Gengen mir. Wenn heim die Gste kehren,
Nah im Getmmel ich mich Euch des Aufbruchs,
Und lese, was Ihr schriebt; mein Heil, mein Glck.
Bis dahin lebet wohl! O meine Wnsche!
(In die Seitentre rechts ab.)

Erny.
Weh mir! Was ist geschehn? Gerechter Gott!
Wenn in den ersten Tagen, da er kam,
Er fromm mir schien und gut--O pfui, pfui, pfui!
Erbrmliches Gefhl, du bleibst mir fremd!
Und sagen will ich's ihm!
Doch hier, und jetzt
Dem Rasenden, in Mitte seines Hofs?
Und sprech ich nicht, so kehrt er tobend wieder,
Kniet, droht, beschimpft. Ich will ihm schreiben, ja!
Er hat's begehrt, und ich, ich will es tun,
Will schreiben ihm, ihn sprechen ohne Zeugen,
Und hren soll er ein verzweifelnd Herz!
(Sie eilt zum Tische.)
Und doch, es ist nicht gut, es ist nicht recht!
Woher sonst dieses Zittern, diese Angst?
Ist niemand hier? Mir kommt ein Schwindel an
Horch!--Stimmen--Menschen--Wo verberg ich mich?

(Sie hat das vor ihr liegende Blatt rasch gefaltet in den Busen
gesteckt, und steht zitternd, zwischen Tisch und Mauer gedrngt,
da.--Bancbanus kommt.)

Bancbanus.
Der Streit ist abgetan. So schnell geschlichtet,
Als er begann. Fast scheint mir's angelegt,
Absichtlich angelegt, die Ruh' zu stren.
(Auf ein Gerusch wendet er sich um.)
Doch wer ist dort?--Ha, Erny, du? Und bleich
Und zitternd? Kind, was war? Was ist geschehn?
(Er will sie anfassen, sie weicht zurck.)
Fliehst du vor mir? Ha, du bist krank. Nur Hilfe!
Ist niemand hier?

Erny.
O still! Ich bin nicht krank!

Bancbanus.
Nicht krank? Und Todesblsse deckt die Wangen,
Aufzuckend fiebert eisig jedes Glied?
La uns nach Hause, komm!

(Er greift nach ihrer Hand; sie eilt an ihm vorber, dem Vorgrunde zu.)

Erny.
Ich kann's nicht tragen! Glhend brennt das Blatt,
Das frevle Blatt auf meinem schuld'gen Busen.
(Sie wirft das Blatt von sich.)
Nur fort! Nur fort!
(Zu Bancban, der es aufgehoben hat.)
Vernicht, zerrei, vertilg es!
Und niemand ahne, niemand, was es birgt!

Bancbanus (es entfaltend).
Was birgt es denn? Sieh, es ist leer?

Erny.
Ha, leer?
Der Hlle Zge sind drauf eingegraben.

Bancbanus.
Mag sein!
Doch lesbar nur fr Gott, und fr die Brust,
Die es gedacht, obgleich sie's nicht geschrieben!
Hier ist dein Blatt! Nimm es zurck!

Erny.
Ich nicht!
Bancban, auf diesem Blatt wollt' ich dem Prinzen schreiben!

Bancbanus.
Verht es Gott!

Erny.
Und kamst du nicht, ich tat's!

Bancbanus.
Die Knigin mag wohl in Sorgen sein
Ob jenes Streits; den Ausgang meld ich ihr.

Erny.
Und lssest du mich so allein? Bancbanus,
Willst du dein Weib nicht strafen und nicht hten?

Bancbanus.
Bestrafen? Hten? Ei, sag du nur selbst,
Wie fang ich's an? Fhr ich dich tobend heim?
Versperre dich ins innerste Gemach
Mit Schlo und Riegel, unter Tor und Gitter,
Verschreib ich Stumme mir aus Mohrenland,
Verschnittne, die mein Weib allsehend hten.
Und nachts, die Diebslaterne in der Hand,
Schleich ich mich hin, und forsche, ob's noch schliet?
Die Ehre einer Frau ist eine ehrne Mauer,
Wer sie durchgrbt, der spaltet Quadern auch.

Erny.
O hart, zu hart, Bancban, mein Gatte!

Bancbanus.
Ich bin wohl alt genug, und du bist jung,
Ich lebensmd und ernst, du heiter blhend,
Was gibt ein Recht mir, also dich zu qulen?
Weil du's versprachst? Ei, was verspricht der Mensch!
Weil's so die Sitte will? Wer frgt nach Sitte.
Wenn nicht in deiner Brust ein still Behagen,
Das Flstern einer Stimme lebt, die spricht:
Der Mann ist gut, auf Rechttun steht sein Sinn,
Er liebt, wie keiner mich, und wie zu keinem
Fhl ich zu ihm Vertraun. Wenn's so nicht spricht,
Dann Gott mit dir, und mit uns allen, Erny,
Dann schreib dem Prinzen nur!

Erny.
Mann! Gatte! Vater!

Bancbanus.
Ich wei wohl, was sie sagen: Seht den Alten,
Er freit' ein junges Weib. Er tuscht, man zwingt sie.
Sag, Erny, selbst, wardst du getuscht, gezwungen?
Von wem? und wann? Als Nemaret, dein Vater,
Im Tod zusammenfgte unsre Hnde,
Der blhnden Tochter und des Jugendfreundes,
Dem Schutz dich anvertrauend eines Gatten,
Wer zgerte, dein rasches Wort zu nehmen?
Wer schob die Heirat auf? Wer bat, beschwor dich,
Dein Alter zu bedenken, und das seine?
Allein du wolltest, und er fgte sich,
Wei Gott, wie gern. Wenn's nun dich reut--

Erny.
Bancban!
So lag der Prinz vor mir auf seinen Knien,
So werf ich mich vor dich hin, ach, und schwre.

Bancbanus.
Was fllt dir ein? Du knien vor mir, und schwren?
Dein Wort sei ja! und nein! weit du dich schuldlos,
Tritt hin vor mich und sag: Ich bin's! Hrst du?
Ich bin's, bin schuldlos!--und sieh mir ins Auge!
Nichts da! Den Blick nicht auf den Boden! Hier,
Auf mich dein Aug'!--Ja so, es schwimmt in Trnen?!
--Mihandeln, Kind, mihandeln wollt' ich nicht!
Senk nur die Stirne, leg sie an dies Herz,
Und was du weit, das flstre leis ihm zu,
Es wird dich hren, wie es dir verzeiht.

Erny.
Verzeihn? O bittres Wort!

Bancbanus.
Nu Kind, wer wei,
Vielleicht dich bitten selbst, da du verzeihst,
Was Trichtes ich sprach.--Es ist mein Fehler,
Mein alter Fehler: stets der Mund voran!

Erny (aufgerichtet).
Bancban! Vor allem wisse! Kein Gedanke
Von Unrecht kam in meinen armen Sinn,
Nur da, o Gott! mein Gott!

Bancbanus.
Schmst du dich, Kind?
Das ist dir ntz! Schm dich an meiner Brust!
So recht, den Kopf im Winkel eingeduckt,
Die Augen zu, recht wie der Vogel Strau.
Und so la sprechen uns.--Du guter Gott!
Ich mchte singen, jubeln, jauchzen, schrein,
Da sie mir blieb, da ich sie nicht verlor.
Nun also denn: Der Prinz war hier?

Erny.
Ach ja!

Bancbanus.
War ungestm?

Erny (aufgerichtet).
O wenn du wtest--!

Bancbanus.
Zurck, in dein Versteck!--Ihm zu entgehn,
Versprachst du ihm ein Briefchen, oder so--
Ich knnte sagen: sei's! Warum denn nicht?
Was schadet nur ein Brief? Doch tu ich's nicht:
Die Knste sind's des hllischen Versuchers.
Wer einen Fu gesetzt, zieht nach den zweiten,
Und alles Bsen Mutter ist Geheimnis.
Drum schreibe nicht!

Erny.
Gewi!

Bancbanus.
Und weich ihm aus.

Erny.
Ausweichen ihm? Ihm stehn, ihn sehn, vernichten!

Bancbanus.
Kind, allzuviel geht gleich mit allzuwenig.
La ihn uns reizen nicht, er ist wie Flamme.
Und seine Schwester hngt, wie sehr, an ihm.
Nicht ich, es soll mein Weib nicht Unfried' stiften.
Ertrag, und bersieh ihn. Kurze Frist,
So send ich dich hinaus auf eins der Schlsser,
Dann bist du seiner quitt. Bis dahin: klug!
Man kommt. La niemand ahnen, was geschah;
Unbill, die man ertrgt, war gar nicht da.

(Zwei Kmmerer ffnen die Seitentre rechts. Die Knigin tritt heraus,
hinter ihr Herzog Otto, und der ganze Hof.)

Knigin.
Hier also meine schne Tnzerin?
Sehr frh verliet Ihr mich.

Bancbanus.
Sie ist nicht wohl.
Mit Eurem Urlaub fhr ich sie nach Hause.

Knigin.
Nach Hause geht nun alles, edler Rat,
Auch Eure Frau sonach. Glck auf, ihr Herrn!
Wir danken Euch, und hoffen's zu vergelten.

Otto (hat sich indes Ernyn genhert, die links im Vorgrunde steht.
Leise).
Nun Grfin, meinen Brief.

Erny (laut).
Geht, ich veracht Euch.
(Wendet sich zu ihrem Gatten.)

Otto.
Verachten mich?--Auf Tod und Leben, halt!
(Er dringt durch die Gste und ergreift Ernys Hand.)
Warum verachtet Ihr mich? Ihr! Warum?

Knigin (indem sie zwischen beide tretend, sie trennt).
Unsinniger!--Folgt, Grfin, Eurem Gatten!

Otto.
Nicht la ich sie!

Knigin.
Du wirst, denn ich befehl es.--
Glck auf den Weg, Ihr Herrn! Nur zu. Lebt wohl!

(Die Gste ab.--Knigin zurckkommend.)

Unsinniger! Wie weit geht deine Tollheit?

Otto.
Und bin ich toll, so wahrt euch vor dem Tollen.
Du hast's gesagt, und so berhr mich nicht!
Hin auf den Boden werf ich meinen Leib,
(Er wirft sich zur Erde.)
Und mit den Hnden greif ich in den Grund.
Nicht hren und nicht reden! Rase, stirb!




Dritter Aufzug

Vorzimmer der Knigin. Rechts eine Seitentre, zu ihrem Gemach fhrend.
Im Hintergrunde der Haupteingang, an dem mehrere Hofleute stehen. Unter
ihnen Graf Peter. Der Arzt wartend im Vorgrunde.

Die Knigin tritt aus ihrem Zimmer.


Knigin.
Wo ist der Arzt?

Arzt.
Hier bin ich, gnd'ge Frau!

Knigin.
Mein Bruder gilt fr krank, und Ihr besttigt's.
Kommt Ihr von dort? Wie also steht's mit ihm?

Arzt.
Nicht gut, mu ich bekennen, doch zugleich,
Da noch die Form, der eigentliche Sitz
Des belseins sich nicht bestimmen lt.

Knigin.
Ein feines Prbchen Eurer Kunst!

Arzt.
Verzeiht!
Es lt gar leicht sich Grund und Ursach' nennen,
Die Frag' ist nur, ob's auch zum Falle pat.
Wir rzte sind Nachtreter der Natur
Und unsre Herrin geht auf dunkeln Pfaden.

Knigin.
Ei gut! Ei schn!
(Zu Graf Peter.)
Man sagt ja, Eure Schwester
Sie geh aufs Land?--In dieser Jahreszeit?
Ohn' Urlaub und Begehr? Scheint's doch, sie lernt
Von ihrem Gatten Hofesbrauch und Sitte.--

Peter.
Verzeiht, sie harrt im Vorgemache drauen,
Ob Ihr erlaubt--

Knigin.
Warum ward's nicht gemeldet?
Lat sie herein.

(Es geht jemand.)

Nun, weiser dipus,
Fahr fort, und ls uns deine eignen Rtsel.

Arzt.
Des Herzogs Zustand lt sich Fieber nennen.
Er liegt und starrt und schweigt. Die Pulse fliegen,
Die Stirne hei, die Elust fort.

Knigin.
Wieso?

Arzt.
Er schlug die Diener, die ihm Nahrung brachten,
Weist ab so Speis' als Trank.

Knigin.
Seit wann?

Arzt (achselzuckend).
Wer wei?

(Knigin stampft mit dem Fue.)

Und wenn man nicht--

(Erny kommt.)

Knigin.
Ei, sieh da, schne Grfin!
Ihr reist aufs Land, dem Wonnemond entgegen?
Ihr werdet sein noch etwas warten mssen,
Wir sind im Mrz. Was treibt zu so viel Eile?

Erny.
Geschfte, gnd'ge Frau.

Knigin.
Ei, ich begreife!
Die erste Grasung gibt die beste Milch.
Da helft Ihr denn wohl selbst mit eignen Hnden?
Doch ernsthaft nun! (Halblaut.) Ich hoffe doch, der Vorfall
Von neulich abends, er hat keinen Anteil
An dieser Reise; hat er, Grfin? Sprecht!
Nehmt das nicht hher, als die Meinung war.
Mein Bruder liebt zu scherzen.

Erny.
Scherzen? gnd'ge Frau.

Knigin (verchtlich).
So glaubt Ihr denn? Wie, oder Grfin, doch?
Wr's etwa Ernst geworden? Ernst bei Euch?
Was sagt dies arme Herz?

Erny.
Wohl arm! Es schweigt.

Knigin.
Und vllig ruhig denn?

Erny.
Vollkommen ruhig.

Knigin (sich von ihr abwendend).
So reist mit Gott, und grt mir Laub und Gras!
Einfltig Volk! Nur stumpf, nicht tugendhaft.
Harrt drauen, ob noch etwas zu befehlen.
(Erny mit einer Verbeugung ab.--Knigin zum Arzte.)
Eu'r Kranker, Herr, ist toll, und gegen Tollheit
Gibt es ein einzig Mittel nur: Vernunft.
Er mag sich selber heilen, sagt ihm das.
Wie auch, da er nicht hoffe, mich zu sehn,
Bis er zu mir kommt, selbst, als ein Genesner.

Arzt.
Doch wollet mich auch fr entschuldigt halten,
Wenn endlich doch Gefahr.

Knigin
Gefahr! Gefahr!
Es ist nicht not, da gar so viele leben,
Die Erde trgt unntze Last genug.
Wer sich Notwendigem nicht fgen kann,
Mag sterben, wr's mein Bruder, wr' ich's selbst.

Arzt.
Ich gehe denn.

Knigin.
Bleibt noch!
(Zu den Hofleuten.)
Ist sonst noch jemand
Im Vorsaal, der mein harrt?
(Zum Arzte.)
Bei Eurem Kopf!
So glaubt Ihr wirklich denn, da Grund zur Sorge?
Gesteh ich's Euch, ich dacht', ein leeres Wahnbild,
Ein ungestillter Wunsch, ein Hirngespinst
Sei dieses bels Grund.

Arzt.
Vielleicht! Wohl mglich!
Streitscht'ge Nachbarsherrn sind Geist und Krper,
Die Grenzen wechseln und verwirren sie;
Man wei oft nicht, auf wessen Grund man steht.
Doch, was es sei, die Wirkung bleibt dieselbe,
Zumal, wenn er die Nahrung von sich weist.
Ein ganz Gesunder stirbt, entbehrt er diese.

(Ein Diener kommt eilig.)

Diener.
O Herr, mein Herr!

Arzt.
Wer ruft?

Diener.
Der Prinz--

Knigin.
Was ist?

Diener.
Der Prinz--Ihr wart kaum fort, da kam der Wrter
Mit Arzenein, die wies der Prinz zurck,
Gebot jedoch dem Mann, die Ader ihm
Am dargereichten Arm zu ffnen. Jener
Verweigert's. Da ergreift der Herr den Dolch,
Und schleudert ihn. Am Haupte hart vorbei
Flog hin das Messer, daumtief in die Wand.

Knigin.
Es ist genug! Das Rasen hab ein Ende!
Zu Eurem Kranken kommt: aus meinen Zimmern
Fhrt ein geheimer Gang uns nach den seinen.
Ob Wahrheit, oder Wahn, ob Kraft, ob Ohnmacht,
Es sei im klaren, und es sei geheilt.
Was von Geschften hier, soll meiner harren.
Auch Grfin Erny, heit herein sie treten,
Und mich erwarten. Bald kehr ich zurck.

(Mit dem Arzte durch die Seitentre ab.)


       *       *       *       *       *


Zimmer des Prinzen. Der Mittelgrund ist durch einen breiten Mauerbogen,
und daran herabhngenden Vorhang geschlossen, der in ein inneres,
alkovenartiges Gemach fhrt. In der, nach vorn gekehrten, Verkleidung
des Bogens, auf der linken Seite, eine Tapetentre. Im Vorgrunde rechts,
eine Seitentre, in deren Getfel ein blanker Dolch steckt. Gegenber
ein Tisch und Stuhl.

Zwei Diener kommen durch die Seitentre.

Erster Diener.
Ich zieh den Vorhang auf, der Arzt will Licht.

Zweiter Diener.
Der Prinz will Dunkelheit.

Erster Diener.
Allein der Arzt--

Zweiter Diener.
Du meinst, es heile doch der Arzt die Beulen,
Die Ungehorsam bei dem Prinzen eintrgt.

Erster Diener.
Ich tu's! Horch! pocht man nicht?

Zweiter Diener.
Geh hin, und ffne!

(Erster Diener ffnet die Tapetentre in der Bogenwand des Mittelgrundes.
--Die Knigin und der Arzt treten ein.)

Knigin.
Warum sieht man nicht nach? Die Tre lt
Von innen kaum, selbst mit Gewalt, sich ffnen.
Wo ist mein Bruder? Zieht den Vorhang auf!

Erster Diener.
Der Prinz verbot--

Knigin.
Ich aber will's, gehorche!

(Der Vorhang wird aufgezogen. Herzog Otto liegt nach vorne gekehrt,
den Kopf in die Hand gesttzt, auf einem querber stehenden Ruhebette.)

Mein Bruder! Ha! und wie entstellt und bleich!
Wenn's dennoch wre, wenn--verht es Gott!
Geht hin, und fhlt den Puls!

Arzt (sich dem Ruhebette nhernd).
Erlauchter Herr!

(Otto richtet sich mit halbem Leibe drohend empor. Arzt zieht
sich zurck.)

Knigin.
Was mu ich sehn, mein Bruder? Weigerst du
Der Hilfe dich, der heilbeflinen Sorge?
Nun glaub ich erst, was kurz vor man berichtet!
Der Dolch in jener Wand bekundet deutlich,
Wie du dich nimmst, wie sehr du dein vergit.
Du warfst ihn nach dem kundig wackern Mann,
Er sollte haften dort zur Straf' und Warnung.
Doch schon ich dein, und finde selbst bedenklich
Solch Werkzeug in des Rasenden Bereich.
Macht los den Dolch, ich nehm ihn selbst zu mir,
Erst dem Genesnen geh ich seine Waffen.

(Der Dolch wird gebracht, sie legt ihn auf den Tisch.)

Er schweigt, kehrt nicht einmal den Blick nach mir,
Nun Krankheit, oder Starrsinn, fort mit beiden!
(Nher tretend.)
Wie geht's Euch, Herzog?

Otto.
Gut!

Knigin.
So steht denn auf!
Wollt Ihr nicht essen?

Otto.
Nein!

Knigin.
Warum nicht?

Otto.
Ich habe schon gegessen.

Knigin.
Ha, Ihr lgt!

Otto.
Nun denn, ich mag, ich kann, ich will nicht.
Nicht essen und nicht atmen, leben nicht.
(Er wirft sich herum, so, da er mit aufwrtsgekehrtem Gesichte auf
dem Rcken liegt.)

Knigin.
Unsinniger! Sein selbst vergener Tor!
Geht ihr hinaus, ich werde nach euch rufen.
(Arzt und Diener ab.)
Kannst also du der Gottheit Abglanz schnden?
Nicht Krankheit ist's, ich wei, ich kenne dich!
Der Leidenschaft und ihrer Raserei
Wirfst du die Gaben vor des gottgegebnen Geistes;
Sie glht als Fieber durch dein kochend Blut,
Und wirft die Blasen, die sie Krankheit nennen.
Der Leidenschaft! Und wr' es Liebe noch,
Wenn auch verkehrt', verbrecherische Liebe--
War doch in alter und in neuer Zeit
Entschuld'gung sie fr manches Schlimm' und Schiefe
Doch ist es Liebe nicht, ist Tobsucht nur,
Des ungezhmten Geistes trotzig Walten,
Der Eigensinn, der will, weil er gewollt.
Ich aber denk es nimmermehr zu dulden,
Am mindsten, wo ich Frau und Knigin.
Mir kommt die Lust an, Wunder zu versuchen!
Steh auf und sei gesund! sprech ich zu dir.
Steh auf, und zwar zur Stelle! Jetzt! Ich will's!

(Sie hat seine Schulter mit ihrer Hand berhrt, Otto richtet sich
empor, und sitzt mit aufgesttzter Hand und vorhngendem Haupte da.)

O Jammerbild der selbstgeschaffnen Schwche!
Wie schm ich mich, da du von meinem Blut!
Wo gehst du hin? Was willst du?

Otto (der aufgestanden ist und einige Schritte gemacht hat, die
Stirne reibend).
Wut ich's doch!
Ei ja!

Knigin.
Wo willst du hin? Bleib, Otto, bleib!
Du willst doch nicht ins Freie? Otto, sprich!

Otto.
Ich will!

Knigin.
Die Luft ist rauh, der Abend khl,
Du selber bist erhitzt.
(Sie hat seine Hand gefat.)
O Gott, wie hei!
Ach, du bist krank, wahrhaftig krank! Mein Bruder!--
O bleib doch, bleib! Was willst, was kannst du wollen?

Otto.
So ruf denn selbst, und la die Pferde holen.

Knigin.
Wie?

Otto.
Meine Pferde, meine Diener auch!

Knigin.
Wo willst du hin?

Otto (aufrecht hinschreitend und Wams und Grtel ordnend).
Will heim! Zu meinem Vater,
Zu meinen Brdern, meinen Schwestern allen,
Die mein begehren, mir mit Liebe folgen;
Zurck in meiner Heimat Alpental.
Was soll ich hier? Wo jedermann mich hat,
Wo jedes Wort rckprallt vom stumpfen Hrer;
Wo meine Schwester selbst das Beispiel gibt,
Mich zu erniedern.

Knigin.
Ich?

Otto.
Ja du, nur du!
Wer bin ich hier, und was an deinem Hof?
Beschimpft nicht jedermann mich ungescheut?
Tratst du dazwischen nicht am selben Abend,
Wo ich die Trin, die mir Hohn gesprochen,
Antrat zu Widerruf und zu Erklrung?
Tratst du dazwischen nicht? Als sie es aussprach,
Es aussprach, da sie mich verachte!--Teufel!
Verachtung?!--Grimm und Tod!--Verachten?--Mich?

Knigin (ihn anfassend).
Zu Hilfe! rzte! Diener! Hrt denn niemand?

(Der Arzt ffnet die Tr.)

Otto.
La! Ich bin stark wie der nemische Leu,
Der Grimm sthlt meine Sehnen, statt Gesundheit.

(Der Arzt zieht sich zurck.)

Ja, ich will fort. Du aber, danke Gott!
Denn blieb' ich hier, in Mitte meiner Schar
Durchzg' ich dies, dein Land, bis ich sie fnde,
Die Trin fnde, die mir Schmach getan.
Aus ihres Hauses Flammen ri ich sie,
Aus ihrer Wchter Mitte, vom Gebet,
Und stellte sie vor mich hin. Da! Nun sprich,
Wenn du es wagst: Warum du mich verachtest?

Knigin.
Mein Bruder, hre!--O wie schm ich mich!
Du hast wohl Fraun von hhrer Art gekannt,
Ich selber darf mich zhlen unter solche.
Hast Geist gekannt und Witz, des Umgangs Reize.
Wie kann nun Leidenschaft fr dieses Wesen,
Kaum schn, von schwachem Geist und drft'gen Gaben,
Halb tricht und halb stumpf, dich nach sich ziehn?
Und unerhrt; denn sieh, ich wei, mein Bruder:
Sie denkt dein nicht.

Otto.
Wer spricht davon? Und doch!
Weil sie nicht will, und weil sie's nicht verdient
Will ich sie lieben, will mit jedem Reiz
Erfinderisch sie schmcken, mir zur Qual;
Will wissen, ich, warum sie mich verschmht;
Den Zauber kennen, den der ekle Tor
Ausbt, ihr Gatte, ber sie; die Kruter,
Die Sprche, die ihm ihre Liebe bannen.
Dann komme was da mag! Wer frgt nach ihr?
La, ich will fort!

Knigin.
Mein Bruder, hre!
Geh nicht von mir, du meines Lebens Glck!
La mich allein nicht hier in dieser Wste,
Wo du der einz'ge bist, der einz'ge, der da lebt!
Mein Ich, mein Selbst, mir teurer, als mein Selbst.
Begehre, was du willst, nur bleib bei mir.

Otto.
Ich kann nicht bleiben, so beschimpft, entehrt.

Knigin.
Man soll genug dir tun. Verweis, Erklrung.
Ich banne sie vom Hof!

Otto.
Was fllt dir ein?
Glaubst du, mein Zrnen brauche fremder Hilfe?
Doch eins! la mich sie sprechen!

Knigin.
Sprechen?

Otto.
Ja!
Die Grfin, sie. In deinem Zimmer. Hier.

Knigin.
Euch zu erheben, wollt Ihr mich erniedern?
Vermittlerin ich zwischen Euch und ihr?

Otto.
Ich sagte dir: Von Lieb' ist nicht die Rede,
Ob ich sie liebe, das ein andermal,
Doch sprechen mu ich sie, und weigerst du's,
So woll' auch nicht, was sonst unmglich ist.

Knigin.
Mein Otto!

Otto.
Und du kannst es; wie so leicht!
Du rufst sie her, und hinter jener Tr
(Auf die Tapetentre zeigend.)
Bist du ein Zeuge dessen, was geschieht.
Nur Zeuge, Hrer nicht; drei Schritte fern,
Harrst du, bereit zu schneller Unterbrechung,
Sobald der Zweisprach Wendung dir mifllt,
Sobald ein heftig Wort, ein Laut, ein Ruf,
Dir anzuzeigen scheint, da Trennung not.
Du willst? Du tust's? (Zur Tre hinausrufend.) Hollah!

Knigin.
Vorerst nur noch--

(Ein Diener kommt.)

Otto.
Nicht ich. Die Knigin verlangt nach dir.

Knigin (nach einer kleinen Pause).
Ruft Grfin Erny her in dieses Zimmer.

Otto.
Noch eins!

(Er spricht, mit dem Diener zur Tre gehend, leise ihm ins Ohr.
Diener ab.)

Knigin.
Was ist?

Otto.
Ein Auftrag meinen Leuten,
Da wir nicht reisen, da wir bleiben noch.

Knigin.
Nun aber hr! Ich wei, was ich verletze,
Wie sehr zu tadeln, da ich mich gefgt.
Verdammlich ist die Liebe, meine Liebe,
Die du mibrauchst, und doch so teuer mir.
Nun aber zeige, da du ihrer wert,
Erspare einen Teil mir der Beschmung,
Indem du so dich nimmst, wie ich gehofft,
Als ich mich fgte deinen raschen Wnschen.
Gib mir dein Wort!

Otto.
Man kommt!

Knigin
O Gott!
Auf dir ruht nun mein Dasein, fahre mild!
(Durch die Tapetentre ab.)

Otto.
Auch ich will nur hinein in mein Versteck.
Der Feind erkenn' erst spter die Gefahr.
(Er tritt hinter den Vorhang, der sich schliet.)

Erny (kommt durch die Seitentre).
Es ward gesagt, die Knigin sei hier.
Wo ist sie denn? Das Zimmer ist ja leer;
Kein andrer Ausgang auch, als wo ich kam.
Horch! Hinter jenem Vorhang tnt ein Rauschen,
Vielleicht, da dort!

(Sie blickt hinter den Vorhang, ihn in der Mitte ffnend. Whrenddem
tritt Herzog Otto leise von der rechten Seite hervor und bleibt an
der Tre stehen.)

Auch hier kein lebend Wesen.
Wer wohnt nur hier? Die Wnde reich verziert;
Ein Schlafgemach. Vielleicht wohl gar. O Gott!

(Sie erblickt den Herzog und lt die Vorhnge fallen.)

Otto.
Erschreckt nicht, schne Frau!

Erny.
Erschrak ich denn?
Ich bin erstaunt, emprt, doch nicht erschrocken.
Zur Knigin berief man mich hierher.

Otto.
Es ist ihr Wunsch, da Ihr sie hier erwartet.

Erny.
Da gilt kein Wunsch und selber kein Befehl!
(Zum Gehen gewendet.)

Otto.
So hrt denn mich, mein Bitten, meinen Schmerz.
Ich wei, ich hab Euch schwer und tief beleidigt,
Vor allem lat Verzeihung mir erflehn.

Erny.
Wer alles sich erlaubt, und selbst verzeiht,
Braucht der Verzeihung andrer und Erlaubnis?

Otto.
Der sen Nhe Reiz berckte mich.
Der Locken Gold, der Wangen Rosenlicht,
Die Stirn aus Elfenbein, der Augen blaue Himmel,
Die ganze, lichthell glnzende Gestalt--
Allein, was sprach ich, und was wollt' ich sprechen?
Ich bin verwirrt, ich bitt Euch, seht mir nach!

Erny.
Als kleines Mdchen nannten sie mich eitel;
Ich bin's nicht mehr.

Otto.
So viel der Himmelsgaben;
Dazu noch der Gedanke, da--ich wei nun,
Wie sehr ich irrte, damals aber glaubt' ich's--
Da Euer Auge mit Zufriedenheit,
Mit Wohlgefallen auf mir hafte. Jener
Unsel'ge Druck der Hand, den ich beim Tanze
Zu fhlen glaubte; Haare, meine Haare,
Die Ihr so gtig waret zu bemerken,
Zu Euch zu nehmen.--

Erny.
Auf dies eine hrt,
Was ich zur Deutung--

Otto.
O nicht doch! o schweigt!
Lat uns nicht mehr von diesen Trumen sprechen,
Ich wei zu gut, wie sehr ich mich getuscht.
Dies alles nun, und ber alles andre,
Das Euer Gatte--Grfin, Ihr verzeiht!
Bancbanus ist, ich wei, ein Ehrenmann,
Wohlredenheit strmt ber seine Lippen,
Ist geistreich, witzig, schnellgewandt im Rat.
Sein Bart ist grau, allein in Ehren grau;
Sein Sbel schlgt die Fersen, wie ein andrer,
Ein Ehrenmann, frwahr! Doch etwas--unschn,
Beinahe mcht' ich's lieber grlich nennen,
Allein, ich seh, Ihr seid nicht meiner Meinung!
Wohlan, ich geb es zu! Der erste Eindruck
Tut wohl das Schlimmste, und der Mann gewinnt,
Zumal in einiger Entfernung. Aber
Wenn auch nicht grau, und wenn nicht widrig auch;
Was wr' er gegen diesen holden Umfang
Von allem, was der Himmel reizend schuf?
Als ich mit ihm zum erstenmal Euch sah,
Da rief's in mir: verkehrt ist die Natur!
Entspriet dem Eis die Knigin der Blumen?
Gezwungen ist sie, oder ist betrogen;
Des Ritters Pflicht, Gefangne zu befrein.

Erny.
Spart Eure Ritterpflicht auf grre Not!
Mit freier Wahl erkor ich meinen Gatten.
Und wenn nicht jung und wenn nicht blhend auch,
Weit hher acht ich ihn, als--

Otto.
Sprecht nicht weiter!
Antwortet mehr nicht als man Euch gefragt.
Beleidigen ist leicht, doch schwer vershnen.

Erny.
Wir sind zu Ende, scheint's, und ich kann gehn.

Otto.
Noch nicht! Das Letzte fehlt, ist noch zu sagen.
Dies Land, wo meine Schwester lebt und herrscht,
Wo alles mich umringt mit Lust und Freuden,
Durch die Ereignisse der letzten Zeit
Ist's mir zum Greul geworden und zur Hlle.
Nach Deutschland kehr ich heim.--Ich seh, es freut Euch!
Nun, um so lieber reis ich, macht's Euch Freude.
Beim Scheiden nun gnnt mir als letzten Trost--
Ihr knnt es leicht, denn bin ich fern, wie kann ich
Je Vorteil ziehn aus Eurer Huld und Meinung.--
Gnnt mir den Trost, da Ihr Euch mein erinnert.

Erny.
Erinnern Eurer? Nie!

Otto.
Da ich Euch vllig
Gleichgltig nicht.

Erny.
Gleichgltig ganz und vllig.

Otto.
Ihr lgt!--Ihr tuscht Euch, frcht ich!--O ich wei,
Was Euch so strenge macht, so herb und kalt.
Ihr haltet mich fr schlimm. Ich bin's, ich war's!
Geboren auf der unglcksel'gen Hhe,
Wo man nicht Menschen kennt, nur Schmeichler, Sklaven;
Emporgetragen von des Haufens Gunst,
Aus Hand in Hand, ein Spielball fremder Neigung;
Begabt mit manchem, was sonst Frauen lockt,
Strzt' ich mich in des Lebens bunt Gewhl.
War ich nicht gut, ich konnte schlimmer sein;
Gab bses Beispiel ich, wer gab mir gutes?
O wret damals Ihr in Himmelsklarheit
Hinabgestiegen in die Schauerhhle,
Wo ich, mit Molch und Natter spielend, lag;
Ich htt's erkannt an Eurem reinen Licht,
Wr' Euch gefolgt, wr' glcklich nun und selig.

Erny.
Setzt Ihr's voraus, weil's nun unmglich ist?

Otto.
O nicht unmglich, jetzt noch mglich, jetzt noch!
Wenn Ihr nur wollt, wenn Ihr Euch nicht entzieht.
Ich fordre ja nicht Liebe, Liebe nicht!
Gnnt mir nur Anteil, Neigung, Euer Aug' nur,
Da ich es fragen darf mit meinen Augen:
War's also recht? wenn ich nicht schlimm getan.
Ihr willigt ein? Ihr stot mich nicht zurck?

Erny.
Habt Ihr vergessen, da Ihr reisen wolltet?
Der Meister hat den Schler gern um sich,
Ich aber wnsch Euch fern.

Otto.
Verkennt Ihr denn
Der Tugend schnstes, weltbeglckend Vorrecht,
Wo sie geblht, auch Samen auszustreun?
Gengt es denn der Sonne, da sie Licht,
Geht sie nicht auf, uns alle zu erleuchten?
Wenn ihr dereinst am groen Tage steht,
Umgeben von den Engeln Eurer Taten
Wollt Ihr dann nicht den Blick zurckesenden
Und sagen: dieser Mann ist auch mein Werk?

Erny.
Es hrt sich gut, doch handelt Ihr nicht so.
Wer drft' Euch trauen, wenn er wollte selbst?

Otto.
Ihr drft. Ihr sollt! O dieser Augenblick
Ist fruchtbar an Entwrfen und an Taten!
Gesteh ich's Euch! Als man Euch herbeschied
War finster meine Brust, und Grliches,
Das uerste bewegte sich in mir.
Doch Euer Anblick bannte jene Schatten.
Lernt mich erst kennen, achten wohl zuletzt!
Des Leuchtturms Flamme seid dem irren Schiffer.
Er sieht das Ufer nicht, von Nacht umfangen,
Doch steuert er getrost dem Schimmer zu,
Er wei, dort wo das Licht, ist Land und Rettung.
Ihr wollt? Ihr tut's? Gebt mir die Hand darauf.
Die Hand, um die ich bitte--Eure Hand!

Erny.
Ha, was war das? Enthllst du selber dich?
Tilg erst den Schimmer dort aus deinem Auge,
Der lauernd sich gelungner Plane freut.
Wirbst du nach Tugend, und gehrst der Snde?

Otto.
Der Snde nicht! Noch nicht! Noch ist es Zeit!
Gib mir ein mildes Wort, und rette dich,
Errette dich und mich.

Erny.
Ich, Milde dir?
Ich hasse, ich verabscheue ich ver--

Otto.
--- achte!
Verachtung, war's nicht so?--Merkt Euch das Wort!
Ihr spracht es einmal schon, an jenem Abend,
Merkt Euch das Wort! Ihr steht dafr mir Rede!
Fahr aus, du guter Geist, der mich beschlich,
Als ich sie bat, der fast mich bermannt,
Rum deinen Platz dem Finstersten der Hlle!
Schwachsinnig Weib mit der erlognen Tugend,
Die heilig mchte heien, weil sie kalt,
Du liebst mich nicht? Was frag ich um dein Lieben!
Du hassest mich? Was kmmert mich dein Ha!
Doch weit du, Trin, was Verachtung heit?
Verachtest du mich, Weib? Das bitt mir ab,
Auf diesen deinen Knieen bitt es ab,
Sonst frchte meinen Zorn!

Erny.
O Gott! mein Gott!
Wer rettet mich?

Otto.
Du selbst! wenn du dich fgst.
Allein, wenn nicht, dann Unglcksel'ge! wisse:
Verschwinden sollst du vom Gesicht der Erde,
Da sich die Leute fragen: ist sie tot?
Indes du lebst in dunklen Schauerklften,
Umgeben von des Ortes Einsamkeiten,
Wo nur Erinnerung und du.
Dort sollst du jammern, sollst die Hnde ringen,
Wie einen Festtag zhlen jeden Tag,
Wo mich mein Fu in deine Zelle trgt.
Umsonst dein Flehn, umsonst selbst deine Liebe
(Nher tretend.)
Wenn du mir Liebe btest selbst.

Erny.
Ich dir?
Ha, mein Gefhl, ich hab es dir genannt.

Otto.
Du hast, es sei!
(Er tritt hinter den Vorhang.)

Erny.
O Gott! Was wird?
Er sinnt Gefhrliches. Nur fort! Entfliehn!
(Sie eilt zur Tre, und versucht es, sie zu ffnen.)
Die Tr verschlossen.--Gott, wer schlo die Tr?
Wer rettet mich? Sie kommen! Groer Gott!

(Der Vorhang fliegt auseinander. Herzog Otto tritt vor. Hinter ihm
zwei Gewappnete, deren einer die Schnur des Vorhanges gezogen hat.
Im Hintergrunde zeigt ein, aus seinem Rahmen geschobenes, groes Bild
den Eingang, durch den sie gekommen sind.)

Otto.
Ergreift dies Weib! Bringt sie nach Forchenstein,
Auf den geheimen Pfaden, die ihr kennt.

Erny (die wieder nach der linken Seite des Vorgrundes geflohen ist).
Mein Prinz!

Otto.
Es ist zu spt!

(An der Tapetentre wird gepocht.)

Ha Schwester, du?
Es ist zu spt, sag ich nun auch zu dir!
(Er dreht den Schlssel an der Tapetentre.)
Die Wrfel liegen, und kein Schritt zurck.
Ergreift sie, sag ich euch!

Erny.
Ich aber: Weicht!
(Sie hat den Dolch ergriffen, der auf dem Tische lag.)
Du hilfreich Werkzeug, dich hat Gott gesendet!
Glaubst du dich meiner Herr, und jauchzest drob?
Wer mich berhrt, den trifft dies scharfe Eisen.
Ein zrnend Weib und eine Ungarin,
Wer wagt's, und naht?

(Sie tut einige Schritte ihnen entgegen, die Gewappneten halten ein.)

Otto.
Ha Feige! zittert ihr?
Und habt doch Harnisch an?

(Die Gewappneten gehen auf sie los.)

Erny.
Erbarmen!--Ha,
Sie nahn, sie fassen mich!

(Einer der Gewappneten hat sie ergriffen, sie reit sich los.)

Hier ist kein Harnisch!
(Sie stt sich den Dolch in die Brust.)
O weh!--Es schmerzt!--Mu ich so frh schon sterben?--
Mein Blut!--Es schmerzt!--

(Sie sinkt zu Boden.--Herzog Otto entflieht nach dem Innern des
Gemaches zu. Sobald gepocht wird, bleibt er erstarrt stehen, noch
immer in der Stellung eines Fliehenden, den Rcken gegen die
Zuschauer gekehrt.)

Knigin (von innen an die Tapetentre pochend).
Macht auf! bei eurem Leben, ffnet!

(Einer der Gewappneten ffnet die Tapetentr. Knigin tritt heraus.)

Was ging hier vor? Um aller Heil'gen willen?
Verruchter! Das mein Lohn und dein Versprechen?
Sucht Hilfe, eilt!

(Um die Tote beschftigt. An der Seitentre rechts wird heftig
geschlagen, verworrne Stimmen lassen sich hren.)

Mein Gott! Was ist nun das?

Peter (von auen).
Sie ging hinein, wir haben sie gesehn!

Simon (ebenso).
Sprengt auf die Tre, ffnen sie nicht willig.

Knigin (ihren Bruder an der Hand ergreifend und vorfhrend).
Unseliger, stell dich an meine Seite,
Die Rasenden ergreifen, tten dich.

(Die Tre wird eingesprengt. Bancbanus. Die Grafen Simon und Peter
mit Dienern und Gewaffneten strzen herein.)

Simon.
Bancbanus, sieh! dort liegt dein Weib ermordet!

Bancbanus.
O Erny, o mein Kind, mein gutes, frommes Kind!
(Kniet an der Leiche.)

Peter.
Ist keine Hilfe? Sendet Diener aus!

Simon.
Umsonst! getroffen ist der Sitz des Lebens,
Kein Arzt, kein Gott gibt wieder sie zurck.
Nichts mehr fr sie zu tun, als sie zu rchen!
Dort ist der Mrder! Dieser hat's getan.
(Auf Otto zeigend.)
Heraus mein Schwert und freu dich auf ein Fest!

Peter.
Du grimmer Wolf, was tat dir dies mein Lamm?
(Er zieht ebenfalls.)

Simon.
Auf ihn! Haut ihn in Stcke! Stot ihn nieder!

Knigin.
Zurck! Wer klagt hier an, und wer beweist?

Peter.
Liegt nicht das Opfer tot in seinem Blut?

Simon.
Steht nicht der Henker dort? Wer anders konnt' es?

Knigin.
Wer anders? Ich! ich selber hab's getan.
Sie hatte hchlich sich an mir vergangen,
Und also straft' ich sie. Wenn mein Gemahl
Zurckekehrt, steh ich dem Knig Rede.
Bis dahin--(Zu Otto.) Komm!--Und Ihr kennt Eure Pflicht!

(Mit ihrem Bruder zum Abgehen gewendet. Die brigen stehen um die Leiche.)




Vierter Aufzug

Platz vor Bancbanus' Hause.

Die Grafen Simon und Peter kommen mit Begleitung. Alle bewaffnet. Sie
bleiben im Vorgrunde rechts stehen.


Simon.
Bancbanus nicht zu Hause?--Aber seht,
Dort nahen sie, sie kommen vom Begrbnis.
Was fllt ihm ein? Begrbt er seine Frau?--
Ein Bahrrecht soll uns werden. Blut'ges Bahrrecht!
Er wird schon alt und kindisch, hchste Not,
Da andre denken, handeln drum fr ihn.
(Zu Peter.)
Sei ruhig, Bruder, dir soll Rache sein!
(Zu einem Begleiter.)
Du aber kehre zu den Unsern. Sag,
Sie sollen jeden Ausgang streng bewachen,
Der aus dem Schlo ins Freie fhrt. Man will
Den Mrder unserm Grimm entziehn, ihn heimlich
Nach Deutschland senden; doch das soll, das darf nicht!
Ich will dich zerren, blut'ger Wolf!--Geh nur!
Und komm ich selbst, und haben wir nicht Antwort,
So strmen wir das Schlo!

(Begleiter geht ab.--Im Hintergrunde kommt Bancbanus auf zwei Diener
gesttzt. Verwandte und Freunde hinter ihm, alle in Trauer. Sie gehen
quer ber die Bhne auf das Haus zu.)

Er kommt.

Peter.
Und sieh wie bleich!

Simon (ruft).
Bancbanus!

Bancbanus (anhaltend).
Halt, wer ruft? Ah, du, mein Bruder?
(Nach vorne kommend.)
Wir haben dein entbehrt bei dem Geleit.
Ich sandte zu dir, doch, du warst nicht heim.

Simon.
Nicht heim? Nicht heim?
(Gegen seine Begleiter gewendet.)
Wo war ich denn derweile?

Bancbanus (zu den Leichengsten).
Euch andern Dank fr diesen letzten Dienst,
Den ihr erwiesen mir und meinem Weib.
Zur sichern Ruhstatt brachten wir sie hin,
Wo Gott sie hat, und hat sie ach! so lieb,
Da er sie nimmer lt. O nimmer! Nie!
(Mit erstickter Stimme.)
Nun denn: dein Will' gescheh'!--Kehrt nun nach Haus,
Und haltet ruhig euch und still. Denkt drum nicht schlimmer
Von mir und von den Meinen. Wenn mein Weib sich
Auch eines Fehltritts, wie es heit, verma,
Fr den man sie so hart, ach, gar so hart bestraft,
Geschah's gewi aus bereilung nur,
Denn sie war ruschlich--o mein Weib! mein Weib! mein Weib!--

Was sie versehn, und wie sie sich vergangen,
Ob man zu streng, zu hart an ihr getan,
Es wird sich weisen, kehrt der Knig wieder.
Und das soll bald, gemeldet ward's ihm schon.
Der nun wird sitzen mit dem Schwert des Rechts,
Wer rein, wer schuldig, wird sein Wort entscheiden.
Bis dahin haltet euch als ruh'ge Brger,
Und meines Danks versichert, lebet wohl!

Simon.
Halt noch! und du! Seid Ihr so zahm, so feig,
Da Ihr mit Trnen ehrt nur ihren Tod?
Sie htte eines Fehltritts sich vermessen?
Gettet hat man sie, hat sie ermordet,
Weil sie sich nicht gefgt verbotner Lust.

Bancbanus.
Bist du der Richter hier in diesem Land?
Der Alleswissende du ob den Sternen?
Da du so khn dein Urteil gibst fr Recht?

Simon.
Ein Ungar bin ich, rufend um Gericht.

Bancbanus.
Es soll dir werden, kehrt der Richter heim.

Simon.
Dann ist der Schuld'ge fern, sie retten ihn.

Bancbanus.
Das soll man nicht!

Simon.
Sie wollen's und sie tun's!

Bancbanus.
So sehr denn lechzest du nach seinem Blut?

Simon.
Ich, ja!

Bancbanus.
Auch ich, gb's wieder mir mein Weib!

Simon.
So tret ich denn als ihr Verwandter auf,
Und fordre Bahrrecht, Blutrach', und zur Stund'!

Bancbanus.
Ich bin der Nchste, dem man sie geraubt,
Dem man sein Heil, dem man sein Glck gettet,
Mein Kind, mein Weib, mein alles auf der Welt.
Wenn nun nicht ich, wer ist so khn und redet?
Hier steht noch einer, sieh, ihr Bruder hier,
Allein er schweigt und starret auf den Grund.
Komm, Peter komm! Wir wollen in mein Haus!
Es ist um Zwielicht schon, wir setzen uns
Dort, wo sie sa und sprach, und sagen uns,
Wie lieb sie war und gut;--komm, Peter komm!
Und weinen uns recht satt.

Simon (Peter am Arme haltend).
Nicht von der Stelle!
(Zu Bancbanus.)
So wisse denn, die Burg ist schon umringt.
Auslieferung des Mrders fordern wir,
Nicht ihn zu tten, nur zu sichrer Haft.
Wird nicht Gewhrung uns zu dieser Stunde,
So strmen wir das Schlo. Bist du ein Mann,
So nimm dein Schwert, und geh an unsrer Spitze.

Bancbanus.
Aufrhrer! ich mit euch? Ich bin der Mann des Friedens,
Der Hter ich der Ruh'.--Mich hat mein Knig
Geordnet seinen Frieden hier zu wahren;
Ich in den Brgerkrieg mit euch?
Fluch, Brgerkrieg! Fluch dir vor allen Flchen!
Aufrhrer, sieh, und so verhaft ich dich.
Im Namen meines Knigs, deines Herrn!

Simon (ihn mit vorgestreckter Hand abhaltend).
Schwachsinniger! Bewahrst du andrer Rechte,
Und kannst die eignen nicht bewahren dir?
So bleib denn, bleib! Das Ziel sei der Verachtung,
Ein Spott fr jeden, dem die Ehre lieb!
Kein Tapfrer setze sich an deinen Tisch,
Der Bettler weise dir zurck die Gabe,
Unheilig sei die Sttte deines Grabs.
Bewein dein Weib, ich aber will sie rchen!
Ihr in der Trauer friedlichem Geprnge,
Nehmt Schild und Schwert, zeigt mnnlich euer Leid!

Bancbanus.
Verwandte! Freunde! Haltet! Hrt mich erst!

Simon.
Wer denkt wie ich, der trete her zu mir!

(Die Leidtragenden treten zu ihm ber und nehmen Waffen.)

Bancbanus.
Bin ich allein fr meines Knigs Sache?
Unglckliche, vernehmt--

Simon.
Schlagt Schild und Schwert zusammen,
Hrt nicht, was er in seinem Wahnwitz spricht!

(Sie schlagen unter lautem Ausruf ihre Waffen aneinander, indes
Bancbanus fruchtlose Versuche zu sprechen macht.)

Bancbanus.
Ihr wollt nicht hren? Krieg denn wollt ihr? Habt ihn!
Doch gegen euch mit meinem letzten Odem.
Gebt mir mein Schwert! Mein Schwert!--Mein Schwert!
(Er wendet sich wankend gegen seine Diener und sinkt endlich in
ihren Armen zur Erde.)

Simon.
Lat ihn, und berlat ihn seiner Schwche!
Die Zeit verrinnt. Folgt mir! Kommt mit aufs Schlo!
Der Rache sei ihr Recht, dem Recht sei Rache!

(Mit seinen Begleitern ab.--Pause.--Es wird allmhlich, dunkler.)

Bancbanus (richtet sich mit Hilfe seiner Diener vom Boden auf).
Wo sind sie hin? Bringt mich ins Haus zurck!
Hol einen Mantel du. Du kannst ja rudern?
Auch eine Blendlaterne bringe mir.
Es wird schon dunkel. Fhrt mich in mein Haus.

(Sie bringen ihn ins Haus.)



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Zimmer der Knigin, mit einer Mittel-und zwei Seitentren, von
denen jene rechts nach dem Vorgrunde zu, die zur linken Seite aber
gegen den Hintergrund angebracht ist. Rechts im Vorgrunde ein Tisch
mit Lichtern, dabei ein Lehnstuhl.

Hinter der Szene ertnt ein Schrei. Dann strzt die Knigin aus der
Seitentre rechts. Herzog Otto hinter ihr, das Schwert in beiden
Hnden gerade vor sich hinhaltend wie einer, der sich anschickt,
zum zweiten Male auszuholen.

Knigin.
Um Gottes willen! Bruder, was beginnst du?

Otto.
Ah, Schwester! so bist du's? Ich dachte, sie wr's,
Die blasse Grfin, sie.--Nun, so ist's gut. (Will zurck.)

Knigin.
Ich bitt dich, bleib!

Otto.
Warum?

Knigin
Ich bitte dich!

Otto.
Wart noch!
(Er geht in das Zimmer zurck.)

Knigin.
Auch dieser Trost noch sollte fehlen!

Otto (kommt zurck, einen Gewappneten fhrend).
Hier stell dich an die Tr, und siehst du? so
Halt deinen Spie. Wer irgend nun hereintritt,
Und wei das Merkwort nicht, den stt du nieder.
Triff zweimal, oder dreimal, bis er tot.
(Vorkommend.)
Ich selber halte dies mein gutes Schwert,
Ich hab's geschliffen--
(Es seiner Schwester hinhaltend.)
Fhl!
(Er versucht selbst die Schneide.)
Hui! Scharf, wie Gift!
Das in der Hand, den Rcken so gesichert--
(Er schiebt den Tisch nach rckwrts.)
Der Tisch ist fr den ersten Anfall gut.
So will ich sitzen, und will wachsam sein.
(Setzt sich.)

Knigin.
Vergit du denn?

Otto.
Nach Deutschland kehr ich heim.
Sorgt ihr fr euch! Was kmmert's mich?

Knigin.
Nach Deutschland?
Und jeder Ausgang ist verwehrt, bewacht.

Otto (seine Beine betrachtend).
Ich will mir Schienen fert'gen lassen, dreifach Eisen,
Und Panzerhosen von geprobtem Stahl.
Der Stiefel schtzt nicht g'nug.
(Mit dem Schwert an den Fu klopfend.)
Es schmerzt wohl gar!
(Er greift mit der Hand nach der getroffnen Stelle.)

Knigin.
Mann! wenn du es noch bist--zum mindsten Mensch denn!
Wahnsinnig mach mich nicht mit solchen Reden!
Weit du auch, wo du bist? Was dich umgibt?
Von Pbelhaufen sind wir rings umlagert,
Nach dir begehren sie, dich heischt ihr Grimm.
Das Schlo ist schlecht verwahrt, der Unsern wenig;
Geh du hinab, stell dich an ihre Spitze,
Wend ab, was droht.

Otto (aufspringend).
Da sie mich fangen? tten?
Pfui ber allen Tod! Durch Schwert, durch Feuer,
Durch Gift, durch Strick, durch Beil, pfui allem Tod!
Ei, ich will leben, ich!
(Er setzt sich wieder.)

Knigin.
So lebe denn,
Bis uns das Unheil allesamt verschlingt!

Otto.
Wo ist dein Sohn? Das ist ein wackrer Schtz,
Mit seiner kleinen Armbrust. Ruf ihn her!
Er war zu Nacht bei meines Bettes Hupten,
Dort hielt er Wacht; und wenn die Grfin kam,
Da spannt' er seinen Bogen, wie Cupido,
Und scho nach ihr den Pfeil. Sie duckte sich,
Jetzt hier, jetzt dort! so war sie nicht mehr da.
Wo ist dein Sohn? Mich drngt es, ihn zu sehn.

(Der Schlohauptmann.)

Knigin.
Euch sendet Gott vom Himmel! Nun, mein Freund,
Habt Ihr die Meuter angeredet? Geben
Sie besserm Rat, sie ihrer Pflicht Gehr?

(Schlohauptmann zuckt die Schultern.)

So bleiben sie bei ihrer alten Fordrung?

Schlohauptmann.
Sie haben einen hergesandt als Boten,
Um Euer Gnaden ihr Begehr zu knden.
Er harrt im Vorgemach. Doch bleibt's wohl fruchtlos,
Denn sie bestehn--

Knigin.
Lat ihn doch immer ein!
Ein lebend Wort gilt hundert tote Zeilen,
Und Hunderte von Grnden samt Erweis.

(Schlohauptmann geht ab.)

Nun, Bruder, aber geh auf dein Gemach,
Sie sollen dich nicht sehn!

Otto.
Was fllt dir ein?
Ich mu hier Wache halten! Wache! Wache!

(Graf Peter kommt, vom Schlohauptmann begleitet.)

Knigin.
Nun Graf, als Kmmrer bt Ihr Euer Amt,
Allein, nicht ffnend, Ihr verschliet die Tren.

Peter.
Der Grund, warum wir Euch in Waffen nahn--

Knigin.
Ich wei den Grund--vielmehr nur: ich errat ihn;
Denn wissen, hiee doch zugleich erklren,
Da er erkennbar aus Vernunft und Recht.

Peter.
Ein ungeheurer Frevel ist geschehn.

Knigin.
Ein Unglck, sprecht vielmehr!

Peter (auf Otto zeigend).
Der Tter hier.

Knigin.
Wer sagt's Euch?

Peter.
Es ist klar! Er sei bestraft!
Auslieferung des Schuld'gen wird begehrt.

Knigin.
Ausliefern ihn? Da Ihr in seinem Blut--

Peter.
Nicht ihn zu tten, nur in sichre Haft.

Otto.
Der ist nicht klug! Nach Deutschland geh ich.

(Er neigt den Kopf in die Lehne des Sessels zurck.)

Peter.
Hrt Ihr?

Knigin.
Wir werden uns verstnd'gen, seh ich wohl.
Seid Ihr zufrieden, wenn ich Euch gelobe,
Ihn selbst zu halten hier, ihn nicht zu lassen,
Bis Euer Herr zurckkehrt, und der meine?

Peter.
Verzeiht, wir traun Euch nicht!

Knigin.
Verwegne, wagt Ihr's?
Und wenn zurck ich das Begehren weise?

Peter.
So strmen wir--so strmen sie das Schlo.

Knigin.
Ich seh in Euren Augen, Graf, ein Etwas,
Das eine mildre Meinung mir verbrgt.

Peter.
Hier ist von meiner Meinung nicht die Rede,
Von meinem Auftrag nur.

Knigin.
Nun denn, so wit:
Eh' ich den Bruder seinen Mrdern liefre,
Begrab ich mich in dieses Schlosses Trmmern,
Mich, Eures Knigs Weib, mit mir sein Kind,
Den Erben seines Throns. Wagt Ihr's und strmt?
Der Knig wird so teure Pfnder rchen.

Peter.
Mit Recht. Doch nicht an uns, da Ihr sie ttet.

Knigin.
Ist dies Eu'r letztes Wort?

Peter.
Das meine, ja;
Doch nicht auch Euer letztes, hoff ich.

Knigin.
Geht!

(Graf Peter ab. Knigin zum Schlohauptmann.)

Sagt ihm, wenn man--Begehrt zwei Stunden Aufschub,
Bis dahin berlegt man--

(Schlohauptmann ab. Knigin steht erwartend an der Tre.
Schlohauptmann kommt zurck.)

Nun?

Schlohauptmann.
Er will nicht.

Knigin.
Sei's denn! Geht in den Schlohof. Rstet Euch,
Heit alle wachsam sein. Versprecht Belohnung.
Vor allen braucht die Leute meines Bruders.
Wenn's angeht, kommt er, selbst.

(Schlohauptmann ab. Knigin rasch zu Otto tretend.)

Nun, Bruder, auf!
Schlfst du? Und wr' dein Schlummer Seligkeit,
Ich kann dir's nicht ersparen. Auf!
Die Waffen in die Hand!
(Die Hand auf sein Haupt gelegt.)

Otto (emporfahrend).
Wer fat mich an?
(Mit abstreifenden Bewegungen ber Arm und Krper.)
Sie fangen, tten mich! Ha! Ketten, Bande, Stricke!--
Wer da?--Ha, Schwester du?--Und doch, und doch--
Dort regt sich's--dort, im Winkel--Meine Schwester?
Bringt Lichter!--Dort im Winkel!--Gott! nur Licht!
Licht, sag ich: Licht! Licht! Licht!

(Kammerfrau aus der Seitentre rechts, mit Licht.)

Knigin.
Nur Fassung, Bruder!
(Zur Kammerfrau.)
Bleibt dort, dort an der Tre mit dem Licht!
(Zu Otto.)
Sieh, es ist nichts.

Otto (matt).
O Schwester, meine Schwester!
Nicht wahr, die Grfin war ein bses Weib?

Knigin.
Vielleicht!

Otto.
Sie hat's verdient!

Knigin.
Wohl mglich!

Otto.
Ach!
Und ich hab's nicht getan, sie tat es selbst?

Knigin.
Sei ruhig! Was geschehn, ist nicht zu ndern!
Drum sammle dich, und la uns weitersehn.

Otto (von seiner Schwester untersttzt).
Mein Innres ist betrbt, bis in den Tod!
Schick fort nach deinem Sohn! Das Kind ist gut.
Es hat mich diese Nacht bewacht, es soll's
Auch jetzt. Geh, bitt dich, deinen Sohn!

Knigin (zur Kammerfrau).
Bring ihm das Kind!

(Kammerfrau geht in die Seitentre rechts ab.)

Du aber setz dich dort auf jenen Stuhl.
Sei erst du selbst, das andre findet sich.

(Entfernte Trompeten und Geschrei. Ein starker Schlag erschttert
das Schlo.)

Ha, was ist das?

(Kammerfrau kommt mit dem Kinde zurck.)

Kammerfrau.
Ach, gnd'ge Frau! Sie bringen
Sturmbcke, Mauerbrecher an das Schlo.

Knigin.
Kein Aufschub denn?

Kammerfrau.
Ich sah's beim Schein des Mondes,
Sie stehn in Haufen. Hrtet Ihr den Schlag?

(hnliches Getse, wie oben.)

Schon wieder! Gott und Herr, in deinen Schutz--

Otto.
Die Mauern sind zu schwach, sie halten nicht.
Ein Dutzend Ste, und sie strzen nieder.

Kammerfrau.
Erbarm dich unser, Herr!

Otto.
Am Tore rechts,
Da steht ein Erker, vor ins Freie springend.
Wenn den mit Schtzen man besetzt und Schleudrern,
So fassen sie des Feindes Seite, drngen
Und treiben ihn zurck.

Knigin.
Wenn du's erkennst,
Hinab, und ordn' es so!

Otto.
Was fllt dir ein?
Ich geh nicht hin, ich bleibe hier bei euch!
Habt ihr zu essen nicht? Mich hungert.

Knigin.
Von aller Welt verlassen, und auch dies noch!
In ihm vernichtet, der mein alles war!

(Erneuerter Anprall und Kriegeslrm.)

Otto.
Knie nieder, Knabe! falte deine Hnde!
(Zur Kammerfrau.)
Du auch!--Ich hinter euch, mit meinem Schwert,
Will stehn und wachen, ob euch Gott erhrt.

Knigin.
Horch! Was dort fr Gerusch?

Kammerfrau (die aufgestanden).
Es kam von seitwrts,
Aus jenem Zimmer!
(Auf die Seitentre links zeigend.)

Knigin.
Ist Verrat im Werk?

(Man hrt Fenster klirren.)

Kammerfrau.
Sie berfallen uns.

Knigin.
Wer da?--Man schweigt.

Otto.
Kniet nieder ihr, dies ist der letzte Tag!

Knigin (zu Otto).
Gib mir dein Schwert! Ich will nur selber sehn.
Wer dort? Freund oder Feind?

Bancbanus (in einen braunen Mantel gehllt, eine Blendlaterne in
der Hand, kommt aus der Seitentre links).
Nicht Feind, nicht Freund!
Ich bin's!

Knigin.
Bancban!

Otto (zum Knaben).
Stell dich vor mich hin, Knabe!
Sie wollen mir zu Leib!

Bancbanus (auf die Kammerfrau zeigend).
Heit diese gehn!

Knigin.
Fhrt Ihr Verbotnes nicht im Sinn?

Bancbanus.
Ei ja!

Knigin.
Margrete, geh!

(Kammerfrau geht ab.)

Wie nun?

Bancbanus.
Mir ist gelungen,
Zu tuschen Eurer Feinde Wachsamkeit,
Auf kleinem Kahn den Graben zu durchsetzen,
Der dort das Schlo umgibt. Wollt Ihr mir folgen?
Ins Freie bring ich Euch auf gleichem Weg!

Knigin.
Bancbanus, sprecht Ihr Wahrheit?

Bancbanus.
Zweifelt Ihr?

Knigin.
Nach allem, was geschehn?--Mann! Ihr vergat?

Bancbanus.
Nicht, da mein Herr Euch meinem Schutz vertraut.
Nehmt Euer Kind, und folgt!

Knigin.
Mein Kind! und dieser? (Auf Otto zeigend.)

Bancbanus.
Dankt Gott, da, als ich kam, ich seiner nicht gedacht!
Nehmt Euer Kind und folgt!

Knigin.
Bancbanus, hre!
Du rettest alle drei uns, oder keines.
Mit ihm den Tod, mit ihm auch nur befreit.

Bancbanus.
Ich will nicht sehn, wer Euren Schritten folgt.
Doch ht' er sich, wenn drauen wir im Freien.

Knigin.
Komm, Bruder! komm!

Otto (zum Kinde).
Und du! Und hier mein Schwert!

(Er fhrt den Knaben. Alle gehen durch die Seitentre links ab.
Bancbanus schliet.)

Kammerfrau (strzt herein).
Um Gottes willen, gnd'ge Frau! O Rettung!
Das Tor ist offen, Feinde berall!
Wo sind sie? Gott! Wo flieh ich rmste hin?

(In die Seitentre rechts ab.)



Dunkles Gewlbe. Im Hintergrunde ein offner Mauerbogen als Eingang.
An der Seitenwand links ein hnlicher kleinerer, zu einem schmalen
Gange fhrend. Gegenber rechts, ein verschlossenes Pfrtchen.

Bancbanus kommt mit einer Blendlaterne. Hinter ihm die Knigin, dann
Otto, den Knaben fhrend, unter dem Arme einen zusammengefalteten
weien Mantel, in der Hand das bloe Schwert.

Bancbanus (am Ausgange auf der linken Seite stehenbleibend).
Hier ist die Tr. Sie fhrt durch einen Gang
Nach auen, bis zum Graben hin der Burg.
Dort harrt sein Nachen--

Otto (zum Kinde herabgebeugt).
Ich will rudern, schau!

Bancbanus (zur Knigin fortfahrend).
Ein Fhrmann lenkt den Kahn, der also klein,
Da er nur zwei auf einmal bergen kann:
Den Fhrmann selbst, und Eines je von Euch.
Gefllt's Euch, geht zuerst. Zurckgekehrt,
Nimmt Euer Kind der leichtgefgte Nachen;
Und lt der Feind uns Zeit zur dritten Fahrt,
So mag sich retten, wem's noch ferner ntig.

Knigin.
Nicht so, Bancban! Soll ich dein Schiff besteigen,
So rett es diesen erst. (Auf Otto zeigend.)

Otto.
Ja, mich zuerst!

Bancbanus.
Nicht eh' noch Euer Kind?

Knigin.
Dies Kind beschtzt
Schuldlosigkeit mit lilienblankem Schwert,
Doch diesen suchen sie, und er ist schuldig.
Drum rett erst ihn, zum zweiten dieses Kind,
Die dritte Fahrt der Schwester und der Mutter.
Nimm, Otto, meinen Sohn! Folgt diesem Mann!
Ich selber bleibe hier. Die dumpfe Luft,
Der enge Raum benimmt, hemmt mir den Atem.
Wenn mich die Reihe trifft zur ncht'gen Fahrt,
So gebt ein Zeichen mir. Leb wohl, mein Sohn!
Mein Bruder, lebe wohl! Nun fort, nur schnell!

(Bancbanus mit der Laterne voraus in den Gang. Otto, der Mantel und Schwert
weggeworfen, und den Knaben auf den Arm genommen hat, folgt. Knigin,
nachdem sie ihnen einen Augenblick nachgesehen hat, rasch nach hinten
gewendet.)

Ich hrte Stimmen, und sie kommen, frcht ich.
Das Schlo ist ber, wenn nicht alles tuscht.
Nur so viel Frist, o Gott! bis sie gerettet,
Die Lieben beide! Komme dann, was will!
(Am Mitteleingange stehend.)
Ich hrte recht. Die Stimmen nahen. Helle,
Wie Fackelschein, wchst gleitend durch die Gnge.
Der Futritt naht. Stell ich den Meutern mich
Als Knigin entgegen und als Frau?
Sie spotten mein, und tun ihr blut'ges Werk.
Ergreif ich dieses Schwert, den Mantel hier,
(Sie rafft beides vom Boden auf.)
Und kmpf als Mann um meine se Beute?
Zu schwach! O Gott! Kein einzelner gengt!
Drum dort hinein! Zu warnen, anzutreiben,
Beschleun'gen ihre Flucht--O Gott, man kommt!

(Sie wirft Schwert und Mantel wieder hin, und eilt fliehend in den Gang.
In demselben Augenblicke treten die Grafen Simon und Peter, vom
Hintergrunde her, auf; erst spter hinter ihnen Gewaffnete mit Fackeln.)

Simon.
Der Herzog war's! Dort liegt sein Schwert und Mantel.
Wirf deinen Dolch!

Peter (wirft seinen Dolch in der Richtung des Ganges. Ein gedmpfter
Schrei wird gehrt).
Gerechter Gott!--Mein Bruder!
Das war des Herzogs Stimme nicht.

Simon (vorkommend).
Nur nach!
Es soll sich zeigen bald, wer es gewesen!
Dringt in den Gang, und folgt der Flcht'gen Spur!

(Einige gehen in den Gang.)

Sie knnen nicht entrinnen, auch von auen,
Vom Graben her, ist bald der Gang besetzt.
Mein reisig Volk verlegt den Ausgang dort.

(Von denen, die in den Gang gedrungen sind, kommen einige zurck mit
Zeichen des Entsetzens.)

Was ist?

Ein Gewaffneter.
Sie stirbt. Es ist die Knigin!

Simon.
Willst du mein spotten?

Peter.
Seht! Bringt Hilfe! Schnell!

(Knigin erscheint blutend am Eingange. Sie macht eine abhaltende Bewegung,
und sinkt dann tot nieder.)

O all ihr Engel, die ihr Bses abwehrt,
Steht bei! Ich hab die Knigin erschlagen!

(Er eilt zur Leiche.)

Simon.
Hast du's gewollt? Und dann, weil's doch geschehn
Weil uns der Teufel gaukelnd hier genarrt,
Um desto heier nach dem Doppelmrder!
Ihm nach, der sie auch ttete, auch sie!
La jetzt die Klage, Bruder! Rch dich erst!
Hier ist sein Weg. Ich schlacht ihn allen beiden.

(Indem er sich anschickt, den Gang zu betreten, springt die Seitenpforte
rechts auf, und Herzog Ottos Gefolge dringt bewaffnet herein.)

Erster Edelmann (von Ottos Gefolge).
Schtzt euren Herrn! Fallt an die frechen Meuter!

Simon (umkehrend).
Du Herrenknecht! Nachtreter seiner Laster!
Geh diesesmal voran, zeig ihm den Weg!

(Er fllt ihn an. Gefecht.)

Zweiter Edelmann.
Drngt weh sie von der Pforte, ab vom Gang!

Simon (fechtend).
Rasch, Peter! Zieh dein Schwert, mach reine Bahn!

Erster Edelmann.
Dich sucht' ich, dich!

Simon.
Hier bin ich.

Erster Edelmann.
Stirb!

Simon.
Erst du!

(Ein ungarischer Anfhrer erscheint am Eingange des Hintergrundes. Die
Kmpfenden teilen sich nach beiden Seiten. Das Gefecht ruht.)

Ungarischer Anfhrer.
Steckt ein die Schwerter! Nutzlos euer Streit!
Der Herzog ist entkommen; war am Ufer,
Bevor die Unsern noch den Platz erreicht.
Nun dringen Krieger herwrts durch die Wlbung;
Allein, zu spt, der Herzog ist entwischt.

Simon.
Ist er entwischt? Nu du entkommst mir nicht.
(Zum ersten Edelmann.)
Zahl deines Herren Zeche, Sndenknecht!

(Die Kmpfer mischen sich wieder. Erneutes Gefecht.)

Erster Edelmann.
Zieht euch zurck!

Simon.
Zur Hlle, ja!

Erster Edelmann.
Weh mir!

(Er fllt. Die Anhnger des Prinzen werden nach dem Hintergrund gedrngt.
--Bancbanus kommt, den Knaben an der Hand, fliehend aus dem Gange. Bald
hinter ihm dringen ungarische Krieger, auf demselben Wege, heraus, und
mischen sich unter die im Hintergrund Kmpfenden.)

Bancbanus (im Vorgrunde links).
Der Ausgang ist besetzt, und kein Entrinnen.
Man kmpft, man ficht. Wo berg ich meinen Schatz?
Ei ja! duck dich, mein Herrlein! duck dich, Kind!
Der Mantel da hat Raum fr unser beide.
Und rhr dich nicht, und halt den Atem an.

(Er legt sich zu dem Knaben am Boden hin, und zieht seinen dunkeln Mantel
ber ihn und sich.--Das Gefecht, wieder nach vorn kommend, dauert fort.)




Fnfter Aufzug

Freie Gegend. Im Hintergrunde Hgel mit Aufgngen von beiden Seiten.

Bancbanus kommt auf einen Stab gesttzt, den kleinen Bela an der Hand
fhrend, von der rechten Seite. Herzog Otto mit bloen Fen, unbedecktem
Haupte, und zerrinen Kleidern folgt ihm in einiger Entfernung.


Bancbanus.
Verfolgst du mich auf jedem meiner Schritte?
Stie ich nicht ein-und zweimal dich zurck?
Wie kamst du in das Laub, in meinen Weinberg?
Wo triebst du dich herum in diesen Tagen?
Ich dachte lngst, sie htten dich gefunden,
Geschlachtet, abgetan, wie du's verdienst.
Rhr mich nicht an, sonst brauch ich meinen Stock!
Du Wolf, du Hund, du blut'ger Mrder du!
(Zum Kinde.)
Was weinst du Herrlein!--ja, dein Flein blutet!
Setz dich dorthin, und ruh ein wenig aus;
Nur kurze Frist, so heit es weitergehn,
Die bsen Menschen sind uns auf der Ferse.

(Er hat das Kind auf einen Stein gesetzt. Otto wirft sich vor dem
Kleinen auf die Knie, dessen Fe streichelnd und an seine Brust
drckend.)

Was aber nun beginnen? Groer Gott!
(Zu Otto.)
Berhrst du mir das Kind?--Ja so--Nu Herzog,
Nehmt hier das Tuch, und trocknet ihm den Fu,
Und wo's geritzt, da drckt mir fein gelinde!
Du blut'ger Mrder, wr' ich alt und schwach nicht,
Du solltest mir den Knaben nicht berhren!
Und dennoch, Mann des Unheils, schickt dich Gott!
Lat, Herzog, jetzt, und hrt mich sorglich an.

(Otto, noch immer vor dem Knaben auf den Knien, wendet, auf die
Fersen zurckgesetzt, das Gesicht horchend nach Bancbanus.)

Es gilt, das Kind den Meutern zu entziehn,
Die nach ihm suchen. Ich nun selbst vermag's nicht,
Denn mhsam nur schleppt sich der alte Fu.
Auch ruft die Pflicht mich nach der Stadt zurck.
Dort will ich noch zum letztenmal versuchen,
Was Treue kann im Streit mit blinder Wut.
Nimm du das Kind, und flieh! Wenn sie dich fangen,
So bist du tot. Dir zwar geschh' dein Recht;
Doch meines Herren Shnlein mu ich hten.
Sorg also, da du jenen Wald erreichst,
Der quer sich hinzieht zu den weitsten Fernen.
Dort harr, im Dickicht lauernd, meiner Botschaft.
Und wenn sie dir nicht wird in dreien Tagen,
So halte mich fr tot, und rette dich;
Vielmehr den Knaben rette, blut'ger Mrder!
Sonst klag ich dich vor jenem Richter an,
Wo schwarz du ohnehin bist, schwarz wie Kohle.

(Otto ist aufgestanden und hat den Knaben angefat.)

Bleib noch, du Mann des Bluts! Hrt dies noch, Herzog!
Rennt nicht in einem Lauf bis hin zum Walde.
Der Raum ist gro, und leicht gewahrt man Euch.
Sieh an den Rebenhgeln hier und dort
Die Haufen Reisig, nahbei wilde Rosen,
Dort duck dich unter, bette dich in Dornen,
Mach deinen Leib zum Pfhl fr dieses Kind.
Erst, wenn du rings gelauscht, ob alles ruhig,
Dann komm hervor, und flieh von Busch zu Busch,
Bis euch der Wald umfngt. Verstehst du, Mrder?
Nun, Herzog, nehmt das Kind, und seht Euch vor.

(Otto trgt das Kind auf den Armen. Bancbanus im Gehen.)

Ich dacht' Euch mir schon viele Meilen weit!
Dankt immer Gott, der Euch vergnnt ein Trpflein
Von Gut zu tun in Euer Meer von Bsem.
(Stehenbleibend.)
Der Knabe trgt in seinen Taschen Brot,
Das rhrt nicht an. Das soll fr ihn. Ihr selber
Sucht Beeren Euch, und fehlen die, so hungert.
Es ist Euch ntz, wenn Ihr den Leib kasteit.
Dort, Herzog, dort!
(Er weist ihn auf den Hgel, der links in die Szene fhrt.)
Und seid Ihr auf der Hhe,
So lauft, was Ihr vermgt. Man kommt!--Macht fort!

(Ein Soldat tritt rechts im Vorgrunde auf, seinen Bogen spannend.)

Soldat.
Wer da? Halt!

(Otto entflieht.)

Bancbanus (am Fue des Hgels, mit gehobenem Stocke drohend).
Du, schie nicht! Dein bichen Leben
Wr' viel zu arm als Preis fr solchen Schu!
(Nher zu ihm tretend.)
Wer bist du? und wer hat dich hergestellt?

Soldat.
Die Vorwacht halt ich und--gebt Euch gefangen!

Bancbanus.
Gefangen, ich? Gib du dich selbst gefangen!
Du Schelm! Die Vorwacht hltst du? Und fr wen?
Fr jene Meuter, Friedensstrer?--Ruber,
Mein guter Schurke, stellen Kundschaft aus,
Nicht Vorwacht, so wie ehrlich wackre Krieger.
Vorwacht!--Wie heit denn Euer Losungswort?
Wirst du nicht reden? Schurke, kennst du mich?
Ich bin Bancban, der Diener deines Herrn.
Wie heit die Losung?--Kehrt mein Knig heim,
So la ich dich in hundert Stcke schneiden.
Wie heit das Losungswort?

Soldat.
Ungarn und Ruhm!

Bancbanus.
Ungarn und Ruhm. Ein altes, wackres Paar!
Ihr trenntet sie, doch nicht auf lange, hoff ich.
Geh wieder nur auf deinen Platz und schweig!
Vielleicht, da diese Stunde dir noch frommt.

(Er wendet sich nach dem Mittelgrunde rechts, um fortzugehen. Ein
Hauptmann mit Soldaten tritt heraus.)

Hauptmann.
Wer da?

Bancbanus (vor sich hin).
Ei frag den Henker du!

Hauptmann.
Wer da?

Bancbanus.
Ungarn und Ruhm. Wenn's nur denn sein doch mu!

Hauptmann.
Bancbanus!--Herr, ich wei nicht, darf ich Euch
Einlassen nach der Stadt?

Bancbanus.
Indes Ihr zweifelt,
Geh ich nur meines Wegs!

(Graf Peter erscheint im Hintergrunde rechts, auf der Anhhe mit
Begleitung.)

Peter.
Bancban!

Bancbanus.
Noch einer?
Das ist wohl gar eines Verrters Stimme.
(Hinaufblickend.)
Lauf, Peter, lauf! Du kommst wohl noch ans Ziel.
Pfui, ber alle Schelmen! (Er geht.)

Hauptmann.
Soll ich, Herr!
Zurck ihn halten?

Peter (der herabgekommen ist).
La ihn! Da er recht hat!
Da ich mir's selbst in meinem Innern sage!
Ein Schurk' und ein Verrter! Groer Gott!
Ein Mrder noch dazu.--O meine Hnde!

Hauptmann.
Allein, der Herzog, lat ihn uns verfolgen!
Des Knigs Sohn ist uns ein teures Pfand,
Als Geisel wichtig, kehrt der Vater wieder.

Peter.
Tut, was Ihr wollt, nur lat mich.

Hauptmann.
Seht, dort drben,
Dort luft ein Mann, er trgt, so scheint's, ein Kind.
Der Herzog ist's. Man folgt ihm.--Jetzt und jetzt!
Sie haben ihn! Noch nicht!--Eilt ihr hinauf,
Verrennt ihm hier den Weg!--Nun aber--halt!
Er springt.--Er sprang vom Felsen.--Walt' es Gott!

Peter.
Schnell hin, und seht und sorgt. Mein bestes Habe
Dem, der mir sagt, sie blieben unverletzt.

(Graf Simon kommt von der linken Seite.)

Peter (ihm entgegen).
Hast du gesehn?

Simon.
Du auch?

Peter.
Der Herzog strzte.

Simon.
La strzen! Anderes gibt's nun zu schauen.
Der Knig kommt.

Peter.
Der Knig?

Simon.
Samt dem Heer!
Ich sah im Tal schon ihre Speere blitzen.
Bancbanus ist bei ihm.

Peter.
Bancban?

Simon.
So heit's.

Peter.
Er ging nur eben nach der Stadt.

Simon.
Und du,
Du lieest ihn?

Peter.
Warum?

Simon.
Da uns sein Wort
Die furchtsamen, die wankenden Gemter
Abwendet vllig, da der Knig nah?
(Zum Hauptmann.)
Eilt Ihr zur Stadt, und trefft Ihr meinen Bruder,
Bringt ihn zurck, mit Gte, mit Gewalt.

(Der Hauptmann geht ab.)

Der Knig also naht.

Peter.
Wir sind verloren.

Simon.
Bist du verloren? Ich, ich bin's noch nicht.
Noch bleibt uns diese Stadt, im Lande mancher,
Den gleiche Schuld auf gleichen Bahnen hlt.
Der Knig mag Verzeihung erst gewhren,
Dann ffnen wir die Pforten, eher nicht,
Und Krieg mag wten, Krieg--

(Trompetensto von der linken Seite.)

Peter.
Horch!

Simon.
Seine Boten,
Des Knigs Boten. Bruder, Fassung nun!

(Ein Befehlshaber des Knigs tritt links auf. Vor ihm ein Trompeter.)

Befehlshaber (zu einigen Kriegern, die auf der Seite seines Auftrittes
stehen).
Unglckliche! Verblendete! Verlockte!

Simon.
Zu jenen nicht, zu mir mit Euren Worten!
Sie folgen, wie zum Streit, mir zum Vergleich.

Befehlshaber.
Doch seh ich Reue hier, bei dir nur Trotz.

Simon.
Ich liebe, da man vor der Tat erwge,
Nachher ertrage, was die Folge beut.
Wen reut, was er getan, fehlt zweimal:
Weil er's getan, und dann, weil's ihn gereut.
Doch will ich wohl mich auf Bedingung geben,
Ein neuer Umstand ndert den Verhalt.
Ich zog das Schwert, weil man mir Recht verweigert,
Spricht uns der Knig Recht, so steck ich's ein.
Frs erste also: Strafe jener Tat,
Die blutig lebt in jedes Manns Gedenken.

Befehlshaber.
Habt Ihr mit Blute Blut nicht aufgewogen?
Und dann: heit Euer Knig der Gerechte
Und hast du doch gezittert um dein Recht?

Simon.
Demnchst Verzeihung, unbedingt und vllig,
Fr jeden, der das Schwert in unsrer Sache zog.

Befehlshaber.
Der Knig aber fordert Unterwerfung,
So unbedingt und vllig als das Wort.
Wem zu verzeihn, wird seine Huld entscheiden.

Simon.
So wisse denn: Eh' feig wir uns ergeben,
Und anders, denn auf billigen Vergleich,
Eh' soll mein Haupt, wie dieser schlechte Filz
(Er wirft seine Mtze auf den Boden.)
Hinkollern auf den Boden, so gestoen;
Eh' soll mein Schwert, (er zieht es) von meinem Blute na,
Zur Scheide haben dies mein Eingeweide,
Einstrzen jene Stadt mit ihren Zinnen,
Vom Brande schwarz, von Hunger menschenleer
Auf unser Haupt und auf der Unsern Hupter;--
Eh' soll--

(Der Bancbanus nachgesendete Hauptmann ist zurckgekehrt, und tritt
jetzt zu Simon hin.)

Hauptmann.
Ach Herr, mein Herr!

Simon.
Wer strt mich? Willst du sterben?

Hauptmann.
Ach, Wichtiges--

Simon.
Was ist nun wichtig sonst?

Hauptmann.
Im Innern Eurer Stadt--

Simon.
Sprich leise!

Hauptmann.
Brtet Grung.
Des Knigs Ankunft, furchtsam Gerchte.

Simon.
Wo ist Bancban?

Hauptmann.
Die Euren haben ihn.
Sie fingen ihn am Markt. Allein das Volk,
Zu dem er rief, wogt tobend um ihn her,
Und wehrt Ihr nicht, sie machen ihn noch frei.

Simon.
Er oder ich. Es gilt das uerste.
(Zu Peter.)
Geh du mit diesem. La von ihm dir sagen.
Bald folg ich selbst. Und eh' Bancban du losgibst,
Hab ihn das Grab, dich, mich, uns alle!

(Graf Peter geht mit dem Hauptmann ab. Simon zum Abgesandten.)

Man meldet mir--und doch, wozu der Lge?
Was auch geschehn, und was der Pbel meint,
Der Entschlu bleibt der grern, bessern Menge,
Und der heit Krieg, heit Widerstand, wenn ihr
Verzeihung nicht gewhrt, vollglt'ge Gnade.

Befehlshaber.
Dir Gnade mit dem Schwert.

Simon.
Nun denn, so habt's!
(Zu den Seinen.)
Zieht euch zurck, und keiner trete vor,
Und keiner spreche hier mit diesem Mann.
Zurck! Wer vorgeht, fhlt mein scharfes Eisen.
Ich will die Nachhut halten, und mein Sbel
(zum Abgesandten)
Soll dir den Abstand zeigen, der sich ziemt
Fr einen Boten, der du bist, der Schande.
Nur fort, mit raschem Schritt.--Du bleib zurck.

(Die Aufrhrer ziehen sich nach der rechten Seite hin zurck, Graf
Simon der letzte, mit vorgehaltenem Sbel die Annherung des
kniglichen Befehlshabers abhaltend. Alle ab. Knig Andreas tritt
von der linken Seite auf mit Gefolge.)

Knig.
O schmerzenvoller Anblick! Meine Kinder,
Sie fliehn vor mir, sie fliehn vor ihrem Vater.

(Im Hintergrunde schickt sich ein Haufe an, die Feinde zu verfolgen.)

Halt ein! Zu viel! Schont eurer Brder Blut!
Bis alles erst versucht, das Letzte fruchtlos.
Bin ich in meinem Land? Ist dies mein Volk?
Wenn sonst ich heim aus fernen Kriegen kam,
Wie drngte sich der Schwarm in meinen Weg,
Mit Jubelruf, mit Dank--mit Freudentrnen;
Und wessen Aug' des Knigs Auge traf,
Der war ein Glcklicher, der Neid der andern.
Nun schlieen sie das Tor, und von den Zinnen
Blinkt Speer an Speer mir seinen trotz'gen Gru.
Hier war der Ort, da kam sie mir entgegen,
Mit ihrem Sohn, mein Weib, mein teures Weib!
Nun ist sie tot, und ungewisses Bangen
Wird mir als Antwort, frag ich um den Sohn.
Bancban, Bancban, wie hast du mich getuscht
Um mein Vertraun, das ich auf dich gewendet!
Und haben sie das rgste dir getan;
Ich dachte dich, den Mann, zu stehn dem rgsten.

(Er starrt vor sich hin.--Der Befehlshaber, der den Aufrhrern
gefolgt ist, kommt zurck. Die Umstehenden bedeuten ihn, auf den
Knig zeigend, sich stille zu halten.)

Wer kommt? Was ist?--Hast den Rebellen du
Mein Wort verkndet?

Befehlshaber.
Ja, o Herr!

Knig.
Wie nun?

Befehlshaber.
Sie weigern sich. Verzeihung fordern sie.

Knig.
Verzeihung? Mit den Waffen in der Hand?
Wer sie nicht ablegt, ist ein Mann des Todes.
Ergebung fordr' ich, voll und unbedingt.
Dann soll, wie Gottes Stimme in dem Garten,
Die Gnade wandeln durch gebckte Reihn,
Nur zgernd strafen, und, wie gern, verzeihn.
Sie wollen nicht? Nun denn, so lat sie mssen!
Stellt die Ballisten auf, das Sturmzeug ordnet!
Mit wiederholtem Sto bedrngt die Stadt,
Bis ihre Steine chzen, Trme nicken,
Und die Erweichung allgemach und endlich
Sich fortpflanzt bis in ein Emprerherz.
Wenn morgen hoch die Sonn' im Mittag steht,
Will ausruhn ich im Innern jener Mauern.--
Was habt Ihr sonst erforscht?

Befehlshaber.
Es war nicht mglich
Mehr zu erkunden, denn man stand nicht Rede.
Doch heit es, da im Innern ihrer Stadt
Entzweiung herrsche. Auch, den Mauern nah
Vernahm ich Lrm von Stimmen, welche stritten,
Ja, selbst Geklirr von Waffen.

Knig.
Und Bancbanus,
Wo weilet er?

Befehlshaber.
Verschieden geht die Rede.
Die einen nennen ihn gefangen, tot;
Die andern lassen ihn, als Haupt des Aufruhrs,
Sich stellen selbst an der Emprer Spitze,
Und glaublich scheint es fast, wenn man bedenkt--

Knig.
Ich aber sage: Nein! und zweimal: Nein!
Bancbanus ein Verrter? Schlimm genug,
Wenn er nicht wehrte, wo die andern taten;
Doch er Verrter? Nun, dann bin ich's auch,
Dann sind wir's alle. Nein, Bancbanus nicht!

Befehlshaber.
Befehlt Ihr sonst--?

Knig.
Bereitet euch zum Angriff!
Ist sonst noch jemand?--Wer sind diese hier?

Zweiter Anfhrer.
Zwei Ritter vom Gefolge Herzog Ottos,
Eu'r Gnaden Schwager, suchend ihren Herrn.

Knig.
O heit sie gehn, die fert'gen Schuldgenossen
Von seiner lasterhaften Jugend. Fort!
Wie grbt Erinnerung mit blut'gen Zgen,
Und zeigt, was ich versehn, wie ich gefehlt.
Unsittlichkeit! Du allgefr'ger Krebs,
Du Wurm an alles Wohlseins tiefsten Wurzeln,
Du Raupe an des Staates Lebensmark!
Warum lie ich beim Scheiden dich zurck?
Warum zertrat ich nicht, verwies dich?
Wie schlecht verwahrtes Feuer gingst du auf
Und fraest all mein Haus, mein Heil, mein Glck!
Ich will nicht strafen, heit sie kehren heim,
Nie mehr dies Land entweihn mit ihrem Fu.

Zweiter Anfhrer (der auf einen Hgel gestiegen ist).
Ach Herr, mein Herr! Der Feind tut einen Ausfall.

Knig.
Bist du nicht klug?

Anfhrer.
Ich seh das Tor geffnet,
Und Mann an Mann, mit Lanzen, Fackeln, Herr!
Es gilt dem Sturmgert. Seht Ihr nicht vor,
So stecken sie's in Brand.

Knig.
Nun denn, es sei!
Fhrt sie ihr Unsinn selber ins Verderben.

Anfhrer.
Noch immer fort. Ein endlos dichter Haufen.
Die Vordersten verbirgt der Hohlweg schon;
Doch stets erneut, strmt's aus den offnen Pforten.

Knig.
Bleibt Ihr zurck! Mir widert's, die Verworrnen
Dahinzuschlachten, ihrer Torheit Opfer.
Ich will mich ihnen stellen, ich, ihr Knig,
Und wer es wagt, der mag mein Gegner sein!
Bleibt Ihr zurck, ich will's.
(Er geht gegen den Hintergrund.)
Doch ha! steht ihnen
Die Hlle bei mit ihren dunkeln Geistern?

(Er kommt wieder nach vorne. Rechts, im Hintergrunde, tritt, von
einigen Gewaffneten geleitet, ein Zug schwarzgekleideter Frauen auf.)

Das sind die Weiber meiner hingeschiednen Frau.
Ihr Toren, stachelt ihr noch auf die Rache?

(Ein gleicher Zug schwarzgekleideter Personen kommt und geht,
gleich den vorigen im Hintergrunde vorber.)

Noch mehr der Trauer? Wer sind diese da?

Anfhrer.
Bancbanus' Farben trgt man ihnen vor.
Auch seine Frau ward--Sie ist auch gestorben.

Knig.
Ich wei, ich wei!--O himmlischer Vergelter!
Kann ich nicht zrnen? und bin so verletzt!

(Von einem zahlreichen Haufen Volks, jeden Geschlechts und Alters
gefolgt, kommt Bancbanus. Zu seinen beiden Seiten, etwas nach
rckwrts, gehen die Grafen Simon und Peter, ohne Waffen, Ketten
an den Hnden. Graf Peter und alles Volk kniet.)

Bancbanus.
Knie nieder, Simon!--Simon, beug dein Knie!
Es ist dein Herr, du kannst es ohne Schande.

(Simon kniet nieder.)

Mein kniglicher Herr, und mein Gebieter!
Wir nahen dir, die Brger einer Stadt,
Die ihrer Pflicht verga zu diesen Stunden,
Doch schnell zur Reu', und rasch zurckgekehrt,
Die Pforten ffnet, in den Staub sich beugt.
Zu deiner Gnad' und Ungnad' sich ergebend.
Aus liefert auch die Hupter der Emprung,
Hier, Grafen Simon, der mein Bruder war--
Nein, ist, noch immer ist, mein teurer Bruder,
Und Grafen Peter, meiner armen Erny--
Den Bruder meines frh verblichnen Weibs.
Dich bittend auch--
(Nher tretend.)
Wir haben viel gelitten,
Seit du nicht bei uns warst, mein Herr und Knig.
Dahingegangen sind der Lieben viele;
Und eh' ich weiterrede, so erlaub,
Da ich, das Aug' gedrckt an deine Knie,
In Trnen derer denke, die gewesen.

(Er fllt vor ihm nieder und umfat seine Knie.)

Knig (nach einer Pause, zurcktretend).
Bancban, Bancban! Du ungetreuer Knecht!
Wie hast du deines Herren Haus verwaltet?

Bancbanus (der aufgestanden ist).
Herr, gut und schlimm, wie's eben mglich war.

Knig.
Ich gab mein Land dir ruhig und in Frieden.

Bancbanus.
Nu, Herr! Beruhigt geb ich's Euch zurck.

Knig.
Wo ist mein Weib?

Bancbanus.
Da Gott! die kehrte heim.
Sie wollte sehn, wie's meinem Weib erging!

Knig (ihm nher tretend und die Hand auf seine Schulter legend).
So stehen wir als Witwer beide denn!
Doch noch ein Punkt furchtbarer hnlichkeit!
Du hattest nie ein Kind. Wo ist das meine?
Bancban, wo ist mein Sohn?

Bancbanus.
Ich glaube, Herr
Das Knblein ist gerettet.

Knig.
Ha, du glaubst? du glaubst?
Bancban, ich glaub, du bist ein Ehrenmann,
Ich glaube, da du treu an deinem Knig hltst,
Ist's darum wahr?

Bancbanus.
Ich gab ihn, Herr, dem Mann,
Der ihn nchst Gott am treuesten beschtzt,
Dem er das letzte Band an dieses Leben,
Schutz vor Verzweiflung ist und Selbstverwerfung.
Es hat ihn Euer Schwager von Meran,
Der Mrder meines Weibs und Eures Weibes.
Schon sandt' ich Boten und sie finden ihn
An jenen Hgeln dort am Saum des Waldes.

(Auf den Wink des Knigs gehen einige.)

Sei sicher, da dein teures Knblein lebt.
Doch bis sie wiederkehren, im Gefhl
Noch des Verlusts, die Vaterangst im Herzen,
Wend ich dein Aug' nach jenen beiden hin.
Sie haben auch das Teuerste verloren;
Mit hnlichem Gefhl in ihrer Brust
Umstanden sie die Leiche ihrer Schwester.
Den ungestraften Trotz des Mrders sahn sie,
Da wich der gute Geist von ihnen, und--
Sie taten, was nicht recht. Sei mild, o Herr!

Knig.
Den Mrdern meines Weibs?

Bancbanus.
Sie waren's nicht;
Der Zufall tat's, des hchsten Gottes Bote.

Knig.
Aufrhrer!

Bancbanus.
Nun, sieh hin, o Herr! Sie knien.

Knig.
Und jetzt, da noch der blut'ge Zweifel schwebt!
Ob nicht mein Weib nur, ob mir auch den Sohn
Ihr Frevel stahl--

Bancbanus.
Ach, jetzt, und eben jetzt!
Sei ganz wie Gott, o Knig! Straf den Willen,
Und nicht die Tat, den launischen Erfolg.
Nur kurze Frist, so hast du deinen Sohn,
Schon sind gesendet jene, die ihn suchen.
O raube nicht der Huld den schnsten Schmuck!
Jetzt, mit der Vaterangst in deinem Herzen,
Sei mild und gtig, da auch Gott dir's sei.
La in Verbannung sie ihr Leben enden;
Befleck dich nicht mit Blut!

Knig.
Du forderst viel; doch sei's!
Und auf zu Gnaden nehm ich eure Stadt.
Doch nun--

(Freudengeschrei in der Ferne.)

Bancbanus.
Hrst du der Engel Chor! Beglckter Vater,
Sie bringen jubelnd dir den Sohn zurck.
Nie bringt ein Engel mir mein Weib.
Beglckter Vater, siehst du deinen Sohn?

(Herzog Otto strzt herein, in der rechten Hand ein zerbrochenes
Schwert, auf dem linken Arm den kleinen Bela tragend. Hinter ihm
jubelnd Krieger und Landleute.)

Otto.
Bancban, sie rauben mir dein Kind!

(In die Mitte der Bhne gekommen, erblickt er den Knig. Er steht
einen Augenblick still, dann fllt er, das Kind in den Armen, auf
die Knie. Der Kleine luft zu seinem Vater. Herzog Otto liegt auf
dem Angesicht am Boden.)

Knig.
Mein Sohn!
Mein wieder mir geborner, teurer Sohn!

(Er hlt ihn in den Armen.)

Bancbanus (auf der andern Seite).
Nu, herzt euch satt, und ich mu trocken stehn.
Kann nicht einmal den Mund an seinen legen.

Knig (den Knaben emporhaltend).
Hier, euer Frst! Hier euer knft'ger Knig!
Verzeihung jedem, was er auch gefehlt;
Des Frevels Huptern selbst, doch fern vom Lande.
Sh' uns mein Weib aus weit entlegnen Fernen,
Sie winkte: Ja! nachtnend: Ich verzeih!
(Zum Gehen gewendet.)

Bancbanus (auf Otto zeigend).
Hier ist noch einer, der gar bitter harrt.

Knig.
Steht, Herzog, auf! Steht auf vom Boden!
(Otto steht auf.)
Ihr habt ein kleines Gutes hier getan,
Zu schwach, um zu vergelten so viel Bses.
Doch streck ich nicht die Hand als Richter aus,
Wo Snde selber straft, braucht's da noch Strafe?
Fr meinen Teil entla ich Euch der Schuld.
Doch hier ist einer, dem Ihr mehr getan.
Geht hin, und fragt ihn, was ihn mag vershnen?

(Otto zu Bancbanus gewendet.)

Bancbanus.
Du guter Mrder, gib mir deine Hand!
Und doch--war sie es nicht, die meiner Erny--
Fort, Mrder, fort! und la mich dich nicht schaun!

Knig.
Er wendet sich von Euch. Lat ab!

Simon (vortretend).
Und doch! Noch eins!
Mein Knig, und mein hoher Herr! Verzeiht,
Wenn Euch ein Mann, der selbst dem Recht verfallen,
Und kaum begnadigt, angeht um sein Recht;
Doch ist's der Lohn fr dieses Mannes Treue,
Und unsers Hauses Ehre fordert's laut.
Befehlt, da Euer Schwager von Meran,
Vor Euch, des Landes Herrn und hchstem Richter,
Mir Rede steh, antwortend, wenn befragt.

Knig.
Ihr hrt, was man begehrt. Gebt Antwort denn!

Simon (zu den Versammelten).
Ihr aber lauscht, und zeugt vor allem Land!
(Zu Otto, auf Graf Peter und Bancbanus zeigend.)
Hat dieses Mannes Schwester, seine Frau,
Euch Anla je gegeben, Grund und Ursach',
Sie zu verfolgen mit verbotner Werbung?

Otto.
Sie tat es nie.

Simon.
Hat sie sich sonst vergangen
An Euch und Eurer Schwester, sonst und wie?
So, da ihr Tod die Strafe des Vergehens?

Otto.
Niemals.

Bancbanus.
O hrt Ihr's? Niemals! Nie!
Ihr Innres wei, so wei als ihre Hand.

Simon.
Und wer vollbrachte jene Tat des Bluts! Wart Ihr's?

Otto.
Sie tat es selbst.

Simon.
Dir zu entgehn?

Otto.
So war's!

Bancbanus.
Mein Kind! Mein Kind! Lat mich, ich will nach Hause!

Knig.
Bancbanus, bleib!--Euch, Herzog, halt ich nicht!
Kehrt heim, und merkt, wie man in diesem Land,
Das Ihr verachtet einst, Beleid'gung rcht.
Glimmt noch ein Funke einer bessern Glut
In Eurer Brust, so facht ihn sorglich an,
Und tilgt durch Reue, mildert Eure Schuld.
Zieht hin, mit Gott! Kein Fluch sei ber Euch!

(Otto macht einen Schritt gegen den Knig. Dieser zieht sich zurck.
Da beugt sich Otto tief, und geht, in der Mitte zweier Begleiter,
die whrend des Vorigen vorgetreten sind, und ihm von rckwrts einen
dunkeln Mantel umgeworfen haben, ab.)

Man geb' ihm das Geleit bis an die Grenze,
Und sorge, da kein Unfall ihn verletzt.
(Zu Bancbanus.)
Wie aber soll ich dir die Treue lohnen,
Zum Teile nur vergelten, was du tatst,
Was du erlittst im Dienste deines Herrn?
Der Erste sei nach mir in meinem Reich,
Dein Wort dem Worte deines Knigs gleich,
Und so ernenn ich dich--

Bancbanus.
Halt ein, o Herr!
Ich bin ein alter Mann, dem Tode reif;
La ruhig sein mich harren!--Mich belohnen?
Darf ich doch frei den Kummer wieder tragen,
Die Trauer um mein Weib. Darf jeden ansehn,
Die Antwort lesen, ach! in jedes Auge:
Unschuldig war sie und gerecht. Ei Lohns genug!
Der Glanz, womit du deinen Diener schmcktest,
Er hat als unheilvoll sich mir bewhrt.
Gebeut nicht, da aufs neu ich Gott versuche!
Mein Arm wird schwach, dies Haupt neigt sich zur Ruh'.
Und so entkleid ich denn, mit deinem Urlaub,
Mich all der Wrden, mter und Gewalt,
Die deine Huld an deinen Knecht verschwendet;
Dich bittend, da du gndig mir vergnnst,
Auf meiner Vter Schlo, bei meinem Weib
Bei meines Weibes Leiche still zu harren,
Bis zwei der Leichen liegen in der Gruft.
Wenn des dir Botschaft wird, und eine Trne,
Wie jetzt, o Herr, in deinem Auge schimmert,
Dann hat dein Diener fruchtlos nicht gelebt,
Braucht andre Grabschrift nicht, noch gldne Zeichen.
Und wenn du ja in deinem hohen Sinn,
Belohnung jetzt schon rtlich glaubst und gut,
Ach so erlaub, da jenes edle Kind,
Fr dessen Heil ich auch mein Schrflein bot,
Da ich sein Hndlein drck an meinen Mund,
Mich berzeugend, da es lebt und atmet.
(Kniet vor dem Kinde.)
Glck auf! Glck auf! Du hohes Frstenkind,
Bestimmt, dereinst zu herrschen hier im Lande!
Ein alter Mann, der lang dann nicht mehr ist,
Wenn du als Frst gebeutst in diesem Lande,
Er heit willkommen dich, und ruft dir zu:
Sei mild, du Frstenkind, und sei gerecht!
Auf dem Gerechten ruht des Herren Segen.
Bezhm dich selbst, nur wer sich selbst bezhmt,
Mag des Gesetzes scharfe Zgel lenken.
La dir den Menschen Mensch sein, und den Diener
Acht als ein Spargut fr die Zeit der Not.
Gedenk als Mann der Zeit, da du ein Kind,
Und hilflos lagst in eines Mrders Armen.
Wie da der Aufruhr an die Pforten pochte
Und jeder Rat und jede Hilfe fern;
Da tat ein alter Mann, was er vermochte.
I nu! Ein treuer Diener seines Herrn!
(Er neigt sein Haupt auf die Hand des Knaben.)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ein treuer Diener seines Herrn,
von Franz Grillparzer.







End of the Project Gutenberg EBook of Ein treuer Diener seines Herrn
by Franz Grillparzer

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