The Project Gutenberg EBook of Der Weinhueter, by Paul Heyse

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Title: Der Weinhueter

Author: Paul Heyse

Release Date: October, 2005  [EBook #9099]
[This file was first posted on September 6, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER WEINHUETER ***




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Der Weinhter

Paul Heyse

(1862-63)






Im September eines Jahres, dessen Stadt- und Dorfgeschichten aus
Menschengedenken schon entschwunden sind, sa um die schwle
Mittagszeit ein junger Bursch mitten in dem wuchernden Rebenwald, der,
dicht an die Stadt Meran herantretend, die Sdabhnge des Kchelberges
bedeckt.  Die bermannshohen Laubengnge, in denen hier der Wein
gezogen wird, waren mit dem Segen dieses Jahres so beladen, da ein
dunkelgrnes Zwielicht durch die langen lautlosen Gassen schwebte,
zugleich eine trge stockende Glut, in der kein Luftzug Wellen schlug.
Kaum wo die kleinen Felstreppen zwischen den einzelnen Weingtern
schroff bergan laufen, sprte man, da man ins Freie auftauchte.  Denn
das Meer von Siedeglut, das in dem weiten Talkessel wogte, schlug hier
doppelt schwer ber dem unbeschtzten Haupte zusammen.  Auch sah man
selten einen Menschen des Weges wandern.  Nur zahllose Eidechsen
liefen feuerfest treppauf treppab und raschelten durch das zhe
Efeugestrpp, das die Grundmauern der Rebencker reichlich umrankt.
Die dunkelblauen Trauben mit den groen dickschaligen Beeren hingen
dichtgedrngt oben an der Wlbung der Laubengitter, und ein seltsam
perlender Ton ward in der tiefen Mittagsstille dann und wann hrbar,
als kreise vernehmlich der Saft und koche am Sonnenfeuer in dem edlen
Gewchs.

Der Bursch aber, der in halber Hhe des Berges einsam unter den Reben
sa, schien fr diese geheimnisvolle Naturstimmung taub und ganz
seinen eignen dstern Gedanken hingegeben.  Er trug die uralte
abenteuerliche Tracht der Weinhter oder "Saltner", die lederne Joppe,
rmellos, mit breiten Achselklappen, an denen ber den Hemdsrmeln die
ledernen Manschetten durch schmale Riemen oder silberne Kettchen
festgehalten werden, Kniehosen und Hosentrger ebenfalls von Leder und
mit dem breiten, daumdicken Gurt umgrtet, auf dem in weier Stickerei
der Namenszug des Eigners steht, die weien Stutzenstrmpfe mit
durchbrochenem Muster, um den Hals allerlei Zierat von Kettchen, Eber-
und Murmeltierzhnen.  Aber die Hauptstcke seiner Amtstracht lagen
neben ihm im Grase: der hohe dreieckige Trutzhut, ber und ber mit
Hahnen- und Pfauenfedern, Fuchs- und Eichhornschwnzen verbrmt, keine
kleine Last zur Zeit der Traubenreife, und die lange wuchtige
Hellebarde, mit der die Saltner ihrer drohenden Erscheinung Nachdruck
zu verleihen wissen, wenn ein unbefugter Eindringling in ihr Gebiet
nicht gutwillig das Pfandgeld erlegen will.

Tag und Nacht, ohne Ablsung, ohne Sonntagsruhe und Kirchgang, um
einen migen Lohn durchstreifen diese "lebendigen Vogelscheuchen"
jeder das ihm zugewiesene Revier, von der Mitte des Juli, wo die
ersten Beeren s werden, bis die letzte Traube in die Kelter
gewandert ist.  Ihr saurer Dienst in Hitze und Nsse, obdachlos bis
auf den kmmerlichen Schutz ihres Maisstrohschuppens, ist dennoch ein
Ehrenamt, zu dem nur die rechtschaffensten Burschen ausersehen werden.
Auch haben die gelinden sternklaren Nchte in der freien Hhe,
whrend in den Husern die Tagesschwle kaum je verdampft, ihren Reiz,
und die Besitzer der Weingter lassen sich's angelegen sein, die
Wchter mit Wein und Speisen reichlich zu versorgen, um sie bei
Krften und guter Laune zu erhalten.

Es schien jedoch dieses Mittel bei dem finstern Burschen, dem wir uns
genhert haben, nicht anzuschlagen.  Er hatte den Krug mit rotem Wein,
das Brot und die groen Schnitte gerucherten Fleisches, die ihm eben
erst zur Mittagskost ein kleiner Knabe heraufgeschleppt hatte,
unberhrt neben sich stehen auf dem platten Stein, der seinen Tisch
vorstellte.  Eine sehr kleine geschnitzte Pfeife mit silbernem
Kettchen war ihm schon lange ausgegangen, und trbsinnig verbi er die
Zhne in das weiche Holz.  Er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre alt
sein, der Bart krauste sich leicht um Kinn und Wangen, die scharfen
Zge des Gesichts deuteten auf frhe Leidenschaften; die Stirn aber
war, nach der Landessitte, von den Haaren verhngt, die, frh schon
dicht ber den Augenbrauen abgeschnitten, sich in einzelne Locken
gewhnt hatten und um Schlfe und Nacken ebenfalls gelockt herabhingen.
Das gab dem Kopf alle Jugendfrische zurck, die ihm die Schatten
unter den dunklen Augen zu nehmen drohten.

Ein langsamer Schritt, der sich unten auf dem Fusteige nherte,
machte, da er pltzlich aufstarrte, den Hut aufsetzte und die
Hellebarde ergriff.  Man konnte jetzt sehen, da sein Wuchs hinter dem
landblichen etwas zurckgeblieben war, immer noch stattlich genug und
durch das schnste Ebenma der gewlbten Brust und der straffen
Schenkel auffallend auf den ersten Blick.  Nur der Kopf schien fast zu
klein geraten und Hnde und Fe gar mit einem Weibe ausgetauscht.
Geruschlos glitt die schmiegsame Gestalt unter den Gewlbgittern
entlang, ohne auch nur eine Traube zu streifen, und sphte vom
nchsten Felsenvorsprung hinunter auf den Weg.

Eine schmale, schwarzrckige Figur mit hohem, sehr abgetragenem
Filzhut kam die breite Gasse zwischen Weinberg und Wiese
dahergewandelt, im Schatten der Weidenbume, ein offnes Buch in den
gefalteten Hnden, ber das hinaus der Blick zufrieden und
unbegehrlich nach den schnen Trauben schweifte.  Auch ohne den langen
Rock, der fast zu den Kncheln der schwarzen Strmpfe herabreichte,
htte jeder in dem bedchtigen Spaziergnger alsbald die geistliche
Person erkannt, und zwar an einigen der liebenswrdigsten Zge, die
der groen und mannigfaltigen Gattung unter gewissen Himmelsstrichen
eigen sind.  Damals war der heftige Parteienhader zu Gunsten der
Glaubenseinheit in dem gelobten Lande Tirol, wo die Milch des Glaubens
und der Honig des Aberglaubens so lauter flieen, noch eine unerhrte
Sache, und selbst die Hauptstadt des alten Burggrafenamts Meran, in
der vorzeiten mancherlei Regungen eines neuen Geistes unliebsam die
Ruhe gestrt hatten, war wieder in tiefen Frieden zurckgesunken.
Also hatten die Diener der Kirche keine Ursach, ihren Hirtenstab als
Waffe zu schwingen, und konnten mit aller Gemtsruhe die idyllischen
Tugenden ihres Standes pflegen.  Damals begegnete man nicht selten
jenen bescheidenen geistlichen Gesichtern, auf denen eine gewisse
Verlegenheit ber ihre eigene Wrde deutlich zu lesen war, eine stete
Sorge, der Majestt des lieben Gottes, dessen Kleid sie trugen, nichts
zu vergeben, und doch ihren ungeweihten Mitgeschpfen nicht allzu
unnahbar feierlich gegenberzustehn.

Der freundliche kleine Herr im schbigen Hut war nun auch freilich
keines der hohen Kirchenlichter, sondern nur ein Hilfspriester an der
Pfarrkirche von Meran, der tglich um zehn Uhr eine Messe zu lesen
hatte und dafr, auer einem Stbchen in der Laubengasse und einigen
andern Emolumenten, einen Gulden tglicher Einknfte besa.  Das Volk,
das ihn seines milden Gemtes wegen sehr in Ehren hielt und nchst den
Kapuzinern ihm das grte Vertrauen zuwendete, nannte ihn nicht anders
als den "Zehnuhrmesser" und bewies ihm auf mannigfache Art seine Gunst.
Es war kein Haus weit und breit, wo, wenn er ansprach, nicht der
Weinkrug und irgend ein Imbi auf den Tisch gestellt wurde, so da es
dem wackeren Mann gelungen war, im Laufe der Zeit zwar nicht die
natrliche Hagerkeit seines Wuchses zu verbessern, aber wenigstens der
Wrde seiner Erscheinung durch ein schchternes Buchlein aufzuhelfen.
Dasselbe nahm sich, da es sich mit dem brigen Zuschnitt der Figur
nur um Gotteswillen vertrug, fr ein profaneres Auge spahaft aus, wie
es schief und ngstlich unter dem dnnen Rocke festgeknpft sa.  Aber
zu dem bescheidenen Ausdruck des Gesichts stimmte die verlegentliche
Brde ganz wohl, und es fiel keinem seiner Beichtkinder ein, diesen
Sptling der Natur zu belcheln.  Auch wute niemand dem Herrn
Zehnuhrmesser eine Unmigkeit nachzusagen, es sei denn etwa im
Almosenspenden.  Denn da man allerorten sich beeilte, ihn mit dem
Besten aus dem eigenen Weinberg zu bewirten, lag zum Teil an dem Rufe,
dessen er geno, als sei viele Stunden weit keine weltliche oder
geistliche Zunge besser imstande, die Gte des Weins zu schtzen,
seine Dauerhaftigkeit zu bestimmen, und in Fllen, wo ihm durch ein
kleines Mittelchen aufzuhelfen war, das richtige anzugeben.  "Eine
Weinzunge haben wie der Zehnuhrmesser", war noch geraume Zeit das
Ehrenvollste, was man von einem Kenner zu rhmen wute.

Unter den mancherlei Gaben und Tugenden unseres Ehrenmannes war aber
der Mut nicht eben die strkste.  Seine Nerven, obwohl er aus einer
Bauernfamilie im Passeier stammte, die zu Hofers Kriegen manchen
tapfern Schtzen geliefert hatte, lieen seine leicht erschtterte
Seele bei jeder unversehenen Probe im Stich, auer wo es eine fremde
Seele zu retten oder sonst eine hohe Gewissenspflicht zu erfllen galt.
Auch dann zog er es vor, seiner moralischen Kraft erst mit einer
physischen Strkung nachzuhelfen, und sorgte dafr, da ein miges
Fchen voll weiem Terlaner, dem er am meisten begeisternde Wirkungen
zuschrieb, im Keller seines Hauses niemals ganz versiegte.  Heute nun,
da er von einem Krankenbesuch im Dorf Algund ohne Labung zurckkehren
mute, war er keiner starken Prfung gewachsen und erschrak aufs
heftigste, als pltzlich dicht neben ihm eine dunkle Gestalt hoch von
der Weinbergsmauer herabsprang und auf ihn zustrzend seine Hand
ergriff.

Gelobt sei Jesus Christus! sagte er, am ganzen Leibe zitternd.

In Ewigkeit! antwortete der Bursch.

Du bist's, Andree, mein Sohn?  Hab' ich doch gemeint, der bse Feind
komme mir mit Macht ber den Hals, der ja im Weinberge des Herrn
herumschleicht, zu sehen, wen er verschlinge.  Nun, nun, wenn man so
in Gedanken und Meditationen schwebt, kann's einem schon begegnen, da
euer Hut einem wie das Hrnerhaupt des Leibhaftigen vorkommt.  Bist
also hier, Andree?  Das ist ja wohl dein eigener Grund und Boden, den
du htest, ich meine, deiner Mutter?

Des Burschen Augen wurden finsterer, und das Blut stieg ihm ins
Gesicht.  Da sei Gott vor, sagte er, da ich den Fu setzte in die
Gter meiner Mutter.  Seit sie mir zu Lichtme den Schlag ins Gesicht
gegeben hat, weil sie meint', ich htte Feuer im Stadel angelegt, bin
ich nimmer ihr Sohn und betrete ihre Schwelle weder bei Tag noch bei
Nacht.

Der geistliche Herr besann sich jetzt erst, da er einen wunden Fleck
berhrt hatte.  Er schttelte ernsthaft und mitleidig den Kopf und
sagte: Ei, Andree, du sprichst, wie es keinem guten Christen geziemt.
Hat nicht unser Herr am Kreuz seinen blutigen Feinden verziehen, und
ein Sohn sollt' es seiner Mutter nachtragen, wenn sie ihn auch
ungerecht gezchtigt hat?  Ich wei wohl, da es dir hart ankommen mag,
und da jenes Mal, wo die Mutter sich vergessen hat, nicht das erste
Mal war.  Aber sieben mal siebenzigmal sollen wir verzeihen, Andree.
Hast du das schon vergessen seit der Kinderlehre?

Nein, Hochwrden, erwiderte der Jngling fest.  Ich hab' mir's auch
angelobt, an jenen Tag nimmer zu denken und kann's ber mich bringen,
solang ich vom Hause fernbleibe.  Aber wenn ich zurckkme, wrde mich
die Mutter selbst daran mahnen, weil sie mich hat und nur darauf
sinnt, wie sie mich plagen und tratzen mag.  Sie wird mir auch mein
Erbe entziehen im Testament, selbiges wei ich gewi, und frage nicht
viel danach.  Ich werd' auch ohne das nicht verkommen, und gnn' es
wohl meiner Schwester.  Aber geschieden sind wir, und da kann keiner
was dazu tun.  Ich hab' mich beim Steirer verdungen, drben in Gratsch,
als Groknecht, und heuer mach' ich den Saltner und hab' mein
Auskommen, ohne einen Kreuzer von Haus.  Aber die Mutter knnte mir
sieben Boten schicken und mich mit vier Rossen zurckholen wollen, ich
ginge nicht.  Es hat alles einmal ein End'.

Der kleine Priester sah nachdenklich vor sich hin und schien der
Meinung, da es geratener sei, die Dinge gehen zu lassen, anstatt noch
weiter mit geistlicher Mahnung einzugreifen.  Er betrachtete jetzt mit
kundigen Augen die Reben oben ber der Mauer und sagte:

Der Steirer hat wohlgetan, statt der Bratreben, die sonst hier standen,
die Hertlinger anzupflanzen.  Sie sind noch jung, aber im nchsten
Jahr werden sie das Doppelte tragen.

Die stehen nur hier am Rande, erwiderte der Bursch.  Droben ist meist
roter Farnatsch und einiges von Geiaugen dazwischen.  Was er drben
hat, unterhalb Dorf Tirol, sind rote Ferseilen, aber er wird sie heuer
ausnehmen und Setzlinge pflanzen, denn sie haben sich schier zu Tod
getragen.

Auf wieviel Uhren rechnet ihr beilufig?

Einhundertundvierzig bis--siebenzig immerhin.

Wie steht dir das Saltnern an, Andree?  Es mag hart werden auf die,
Lnge.

Ha, es passiert, Hochwrden.  Noch spr' ich's nicht in den Gliedern.

Hast auch bei Nacht fein die Augen offen?

Die meinigen wohl.  Aber sind nur zwei, und ich mt' ein Dutzend
haben, um allerorten zugleich nachzuschauen.  Die Weircke fangen
wieder an, bei Nacht herumzufuragieren; die Weinbeeren sind ihnen grad
saftig genug, um ihr Kommibrot anzufeuchten.  Und es kommen ihrer
immer viele auf einmal, aber einzeln, und wenn wir einen fassen, haben
indes die andern das Feld frei, und es hilft uns nichts, vorm
Hauptmann ist doch kein Recht zu erlangen.

Die Stadt sollte sich beklagen.

Ja die Stadt!  Da mten wir Zeugen und Beweise schaffen.  Aber wer
will's beschwren, wenn wir am Morgen ganze Strecken lang die besten
Trauben gestohlen und links und rechts die Reben wie ein Unkraut mit
dem Sbel zerhauen finden aus Wstheit und Schadenfreude, da das nur
die Soldaten getan haben knnen?  Fassen wir einen am Kragen, so wei
er so wenig von Weinbeeren wie's Kind im Mutterleib.  Da bleibt nichts,
als ihn auf eigene Faust Spieruten laufen zu lassen, da er's
Wiederkommen vergit.  Den nchsten aber, den hngen wir, mein Eid! an
den Beinen auf, da mag er bis an den lichten Morgen in der Luft
exerzieren.

Es sind arme Teufel, Andree, und die Versuchung ist gro.  Ihr
solltet's menschlich mit ihnen machen.

Machen sie's denn nicht wie die Bestien?  Da seht, Hochwrden--und er
wies auf eine Rebe, die glatt mitten durchgeschnitten war, da das
Laub schon welk und gelb an den Ranken hing--das Herz blutet einem, so
ein gesundes, friedliches Gewchs, das nur auf der Welt ist, um seinem
Herrn das Fa zu fllen, von den Hundsfttern verheert zu sehen, aus
purer Niedertracht, uns zum Possen.  Find' ich einen einmal beim Werk,
so gnad' ihm Gott!

Er schttelte, in der Richtung nach der Stadt, drohend die Hellebarde
und bohrte sie darin heftig in den Sand.

Der geistliche Herr schrak leicht zusammen, verga aber seiner Wrde
nicht und sagte: Ich will mit dem Hauptmann sprechen, heute noch, da
er strenger drauf sieht, nach dem Zapfenstreich keinen Mann aus der
Kaserne zu lassen.  Du aber bezhme deine Hitze, mein Sohn, und
bedenke, da du hier im Dienste der Obrigkeit stehest und das Gericht
ihr berlassen sollst.  Beht dich Gott, Andree.  Ich gehe heute wohl
auf Goyen hinauf, zum Hirzer.  Hast mir was aufzutragen an den Franz
oder die Rosina?  Einen Gru etwa?

Nein, Hochwrden. 's ist immer noch beim alten zwischen dem Bauern und
mir.  Er will nichts von uns wissen, so frag' ich ihm nichts nach.
Die andern sind ganz rechtschaffen, mcht' ihnen beim Vater keinen
Verdru machen, indem ich sie gren lie'.  Aber wenn Ihr etwa meiner
Schwester begegnet--nein, auch der sagt nichts, es war nur ein Einfall.

Rasch, wie um seine Verwirrung zu verbergen, bckte er sich nach der
Hand des Priesters, kte sie ehrerbietig und schwang sich an dem
langen Hellebardenschaft auf die Mauer zurck, wo er sogleich hinter
dichtem Rebenlaub verschwand.

Kopfschttelnd setzte der Zehnuhrmesser seinen Weg fort, und das
Gesprch mit dem Jngling beschftigte sein menschenfreundliches Gemt
noch eine geraume Zeit.  Aber die lange, tgliche bung einer
ausgebreiteten Seelsorge und die geistliche Pflicht, das l der Geduld
in eigene und fremde Strme zu trufeln, hatten den schrfsten Stachel
des Mitgefhls bereits abgestumpft.  Es ahnte ihm nicht von fern, wie
es jetzt im Innern des Burschen aussah, der oben bei seiner Maishtte
lag, das Gesicht gegen den Felsboden gedrckt, als wollte er sich bei
lebendigem Leibe in den Scho der Mutter Erde vergraben, um vor einem
bergroen Kummer Zuflucht zu finden,

Eine volle Stunde mochte er so gelegen haben, zuletzt durch einen
mitleidigen Halbschlaf von seinen hilflosen Gedanken erlst, als ein
helles Lachen, das unten am Weg erscholl, ihn jhlings erweckte.
Einen Augenblick lag er still, sich zu besinnen, ob er's nicht etwa
getrumt habe.  Aber eine helle Stimme drang zu ihm herauf und
dasselbe unschuldig trillernde und girrende Mdchenlachen, das sich
von fern fast wie der Gesang eines Vogels ausnahm.  Im Nu war der
Jngling aufgesprungen und an ein Lugloch gestrzt, das den Blick
hinunter freilie.  Auf dem nmlichen Weg unter den Weiden, den der
geistliche Herr vorhin gewandelt war, kam, diesmal aber von der
Stadtseite, ein Mdchen, das nicht ber siebzehn Jahr sein konnte,
blond, eher klein als gro, in der dunklen, schwerflligen
Landestracht.  Aber die Bewegungen der zierlichen Gestalt, so langsam
und behaglich sie einherschritt, waren so leicht und anmutig, da
jedes Auge ihr unwillkrlich folgen mute.  Sie hatte die Hnde ruhig
ineinandergelegt, wie es die Art der Mdchen hier zu Lande ist, wenn
sie nichts zu tragen haben.  Der runde Kopf aber blieb keinen
Augenblick still auf dem schlanken Nacken, sondern wendete sich wie
bei einem Vogel rastlos nach allen Seiten, am hufigsten freilich zu
ihrem Begleiter, ber dessen scherzhafte Reden sie bestndig in ein
neues Lachen ausbrach.  Das war ein gewandter, rhriger Gesell, dem
die leinene Soldatenjacke, die enganschlieenden blauen Hosen und die
schiefe blaue Kappe ohne Schirm nicht bel standen.  Sein dunkles
Gesicht und die schwarzen Augen verrieten das welsche Blut.  Auch
hatte er groe Mhe, sich dem Mdchen in seinem gebrochenen Deutsch
verstndlich zu machen.  Aber schon der Klang seiner verstmmelten und
verwelschten Worte schien sie hchlich zu belustigen.  Mehrmals warf
er forschende Blicke in der Gegend umher.  Einen Bauern, der ein Kalb
mit Hilfe seines Hundes nach dem nchsten Dorfe trieb, lie er mit
absichtlichem Zgern vorankommen, und jetzt, da derselbe um die Ecke
des Weges verschwunden war, rstete er sich offenbar, mit dem Mdchen
etwas handgreiflicher anzubinden, als sein sphendes Auge pltzlich
die drohende Gestalt des Weinhters entdeckte, der aus der ffnung des
Weinganges herausgetreten war und mit erhobener Waffe, noch sprachlos,
hinunterwinkte.

Der Welsche stand unschlssig still.  Auch das Mdchen hermmte den
gleichmtigen Schritt und sah hinauf.  Guten Nachmittag, Andree! rief
sie ohne jede Verlegenheit.  Es ist mein Bruder, setzte sie, zu dem
Soldaten gewendet, hinzu.  Macht, da Ihr fortkommt; er versteht
keinen Spa.

Der Soldat schien den wohlgemeinten Rat vollkommen zu wrdigen, aber
durch die Entfernung seines Feindes sich einstweilen noch sicher zu
fhlen.  Nix Furcht, Fralla, sagte er; ihm geben Kreizer a comprar
tabacco; dann still sein, gut Freund.-Er griff in die Tasche und holte
eben seine geringe Barschaft heraus, als er die donnernde Stimme des
Burschen droben vernahm: Zurck, Soldat, oder der Spie fliegt dir an
den Kopf, da du bei Nacht und Tag das Wiederkommen vergit.

Der Welsche stand wie angewurzelt und ma den Weinhter mit einem
wtenden Blick.

Deutsche Br! murmelte er zwischen den Zhnen.  Maledetto!--Aber noch
konnte er sich nicht entschlieen, umzukehren und sich vor den Augen
seiner Schnen in so nachteiligem Licht zu zeigen.  Diese stand,
offenbar durch seine heftigen und ohnmchtigen Gebrden ergtzt,
gelassen neben ihm und lachte ohne jede Schonung.  Aber dem Burschen
oben erschien der Auftritt nichts weniger als lustig.  In raschen
Stzen sprang er, durch schmale ffnungen der Lauben sich windend, den
Abhang hinab, und ehe der Welsche sich besinnen konnte, sahen zwei
funkelnde Augen unter dem wehenden Trutzhut ihm in das entfrbte
Gesicht.

Hast du Ohren, Kamerad? herrschte der Zornglhende ihn an.  Weit
nicht, da der Weg hier fr deinesgleichen verboten ist?  Soll ich dir
die Jacke vom Leibe reien, um ein Pfand zu behalten, welscher Fuchs?
Hast wohl Weinbeeren vergessen zu Nacht, und kommst nun zur Marend,
sie zu holen?  Den Augenblick scher dich heim, oder-Die Hand weg!
knirschte der Welsche, da er sich ungestm gepackt und geschttelt
flhlte.  Htt' ich mein' sdgena-Wurm! rief der Jngling.  Bring nur
deinen Degen mit das nchste Mal, und dein Gewehr dazu; es wr' doch
ein Pfand, das der Mh' verlohnte.  Aber nun beim Kreuz! fort mit dir,
oder ich spiee dich auf wie einen Frosch, und werfe dich in deinen
Kasernenhof zurck, da du das letzte Stogebet nimmer zu Ende beten
sollst.

Damit schleuderte er den langen Gesellen einige Schritte weit fort,
da er, ber einen Stein strauchelnd, in die Knie fiel.  Im Augenblick
war er wieder auf den Fen, und mit beiden Fusten wie ein Weib gegen
den Feind drohend und eine Flut von welschen Flchen hervorsprudelnd,
wich er der Gewalt und trollte hinkend und oft zurckblickend im
Schutz der Weiden dem nahen Stadttor zu.

Du hast's ihm aber arg gemacht, Andree, sagte die Blonde, indem sie
dem geschlagenen Galan ganz kaltbltig nachblickte.  Er hat so
g'spaiges Zeug geredt, da ich immer hab' lachen mssen.  Warum bist
du gleich so wild worden?

Der Bruder gab keine Antwort, seine Gedanken waren noch bei seinem
Zorn. 's ist noch nicht aus zwischen uns! sagte er vor sich hin.  Er
kommt mir schon wieder; meinetwegen! so heb' ich's ihm auf.--Moidi,
fuhr er fort, pltzlich zu dem Mdchen gewendet, und du, immer noch
das alte Lied?  Wer mir aufspielt, dem tanz' ich?  Schmst du dich
nicht, so einem tckischen Teufel das Wort zu gnnen und neben ihm her
zu gehen?  Wenn dir jeder recht ist, der dich lachen macht, so bleib
weg von mir.  Denn du weit wohl, das Lachen ist rar bei mir, wie der
Schnee zu Pfingsten.

Das Mdchen war still geworden und sah mit zerstreutem Blick vor sich
hin.  Sie strich sich mit beiden flachen Hnden ber das Haar, das von
allen Seiten glatt ber den Kopf zurckgekmmt und im Nacken mit einem
groen runden Kamm festgesteckt war, und ihr sehr zartgefrbtes
Gesicht rtete sich vor Verlegenheit.  Andree, sagte sie endlich, ohne
ihn anzusehen, soll ich wieder gehn?

Nein, bleib! erwiderte er kurz.  Bist du meinethalben gekommen?

Freilich, sagte sie eifrig, und wagte es jetzt erst, seinem Blick zu
begegnen.  Es ist ja schon eine Woche her, da ich nicht habe abkommen
knnen.  Du lt dich ja nimmer sehen.  Die Mutter war eingeschlafen,
es war so hei in der Kche, da hab' ich gedacht, ich will einen
Sprung hinaus tun, zu schauen, wie dir's geht.  Und da, einen halben
Weck hab' ich dir mitgebracht; der Hirzerfranz hat ihn mir gekauft, am
Sonntag gestern, nach der Kirch'.  Ich mag ihn nimmer, er ist soviel
s.

Der Hirzerfranz?  Was hat der dir zu schenken?  Wenn's sein Vater
wte, es gbe einen Teufelslrm.  Hat er dich etwa auch zu lachen
gemacht?

Der?  Dem lacht's nur in der Tasche, wenn er mit seinen Gulden
klappert.  Auch war meine Mutter dabei, weit wohl; wen die anschaut,
dem vergeht der Spa, wie den Musen, wenn sie die Katze spren.  Mich
wundert's selbst, da ich noch lustig sein kann.  Aber ich wr' lngst
gestorben ohne das Lachen, so grauslich ist mir's manches Mal, mit ihr
allein droben in der Htte.

Sie schwiegen eine Weile.--Magst du den Wecken nicht? sagte das
Mdchen.  So leg' ich ihn da auf die Bank, er kommt schon nicht um.
Aber da sind noch ein paar Feigen, von unserm Baum droben, die
reifsten.  Ich hab' sie fr dich abgebrochen.  Da! sie sind gut in der
Hitze!

Ich dank' dir, Moidi, erwiderte er.  Komm, wir wollen sie zusammen
essen, droben im Schatten.

Er schritt voran die Weinbergsstufen hinauf, und sie folgte ihm,
allerlei plaudernd, worauf er die Antwort schuldig blieb.  Auf seinem
alten Platz unter dem Rebendach warf er sich nieder, und sie setzte
sich neben ihn auf den breiten Stein und ntigte ihn, die Feigen zu
kosten.  Mit der Zeit, da keine neue Strung kam, schien ihm wohl zu
werden.  Ein leichter Wind machte sich auf und trug den Schall einer
fernen Mhle an der Etsch und das Gerusch der Passer bis zu ihnen
herauf, dann und wann auch einen Knall von den Schtzen, die im
Schiestande drben nach der Scheibe schossen.  Die Zeit wurde ihnen
nicht lang.  Er ntigte sie, von seinem Wein zu trinken, was sie bald
wieder in die alte lustige Laune brachte.  Auch die Heimlichkeit des
schattigen Verstecks reizte ihren Mutwillen, und er, der einsilbig,
aber nicht mehr unmutig, sie gewhren lie, verwandte kein Auge von
ihr.  Endlich setzte sie sich gar den schweren Saltnerhut auf, nahm
den Spie in die Hand und ging mit groen Schritten die Laubengasse
hinauf und hinunter, mit der Linken die beiden Fuchsschwnze unter dem
Kinn zusammenhaltend, da ihr Gesicht ganz davon eingerahmt war.
Andree, sagte sie, mich sollten sie schon frchten, mein' ich, und
wenn die Mutter nicht wr', km' ich alle Nacht zu dir und machte den
Saltner, whrend du dich hinlegtest, ein paar Stunden zu schlafen.
Ich wollt' die Spitzbuben, die Soldaten, schon in Respekt halten, gelt?

Der Jngling lachte zum erstenmal.  Als sie sah, da sie das Eis
seines Trbsinns gebrochen hatte, kam sie rasch zu ihm, setzte Hut und
Hellebarde beiseit und sagte, dicht neben ihm im Grase kauernd: Nun
schau, Andree, tausendmal hbscher bist du, wenn du auch einmal lachst
wie andre Buben, als so alleweil Falten in die Stirn ziehst und
dreinschaust wie unser Herr Christus am Kreuz.  Bist du nicht ein
junger, lebfrischer Bub und brauchst dich von niemand in den Sack
stecken zu lassen?  Mit der Mutter--ja, das ist freilich eine leide
Geschicht', aber du hast doch keine Schuld daran, das wissen alle
Leut', und um mich brauchst du dich auch nicht zu grmen, ich komm' zu
dir, sooft ich kann, und vor mir darf die Mutter kein bs Wort auf
dich sagen, wenn sie mich nicht zur Tr hinaustreiben will, das wei
sie wohl.  Was hast also, da du alleweil den Kopf hngst und mir
selber so finstre Augen machst, als wr' ich nicht deine liebe
Schwester, sondern eine Feindin?  Und wenn gar ein andrer Bub mir ein
Wrtel sagt, so ist gleich Feuer im Dach.  Sag, mchtest du eine Nonne
aus mir machen, oder da ich bei der Mutter ihr Lebtag die Hennendirn
abgeben und eine steinalte Jungfer werden soll?

Sie war ihm whrend dieser Worte zutraulich nahe gerckt und hatte den
Arm leicht um seinen Nacken gelegt.  Aber wie wenn ein Gespenst ihn
angefat htte, fuhr er auf und schttelte ihre Liebkosung ab.  Seine
Brust arbeitete schwer.  La mich, keuchte er heftig hervor, rhr mich
nicht an, frag mich nichts, geh fort von mir, so weit du kannst, und
komm nie wieder!

Er war aufgesprungen, als wollte er fliehen, aber er konnte sich nicht
von der Stelle rhren.  Er mute sie ansehen, wie sie, versteinert, im
Grase kniete, die Hnde im Scho gefaltet, mit einem Blick, der ihm
ins Herz schnitt.  Die Augen schienen grer geworden, der
halbgeffnete Mund in einem schmerzlichen Aufschrei erstarrt, die
feinen Nasenflgel bebten.  Es war nicht das erste Mal, da dieses
Gesicht ihn an dem Kinde entsetzte.  Ja zuweilen mitten in ihrem
Lachen, das berhaupt oft kindisch klang, ward sie von pltzlichem
Schrecken berfallen und fr eine Zeitlang wie von einem verstrenden
Krampf entgeistert, der sich dann mehr oder minder heftig zu lsen
pflegte.  Er selbst hatte sich bisher nicht vorzuwerfen, einen solchen
Auftritt verursacht zu haben.  Vielmehr rief man ihn, um den bsen
Geist zu bannen, und es pflegte ihm ohne Mhe zu gelingen.  Als er sie
aber jetzt in dieser atemlosen Ohnmacht knien sah, durch seine Schuld,
war ihm einen Augenblick selbst die Besinnung gelhmt.

Er schlug sich vor die Stirn und sthnte tief auf.  Dann bckte er
sich zu ihr herab, fate ihre Hnde, die eiskalt geworden waren, und
sah ihr dicht in die Augen.  Ich bin's, Maria, sagte er instndig; der
Andree ist's; sieh mich an, hre mich, verzeih mir, ich bin ein
Rasender, aber es ist vorbei; la auch du es gut sein und verzeih
mir's, du weit nicht, wie mir ist, sonst httest du Mitleiden.

Mit seinen heien Hnden drckte er die ihrigen, und ebenfalls
niedergekniet, dicht ihr gegenber, wartete er mit leidenschaftlicher
Angst, da das Leben in ihren Zgen wieder aufglimmen mchte.  Aber
noch blieb die Starrheit mchtig ber ihr, keine Wimper zuckte, kaum
fhlte er einen Hauch aus ihrem Munde gehen, und die weit offenen
Augen schienen ihn durch und durch zu blicken wie leere Luft.  Da
setzten mit tiefem Klang die Glocken der Pfarrkirche ein zum
Vespergelut und lsten den Bann, langsam, aber wohlttig.  Sie
seufzte schwer aus der Brust, die Augenlider schlossen sich erst, dann,
als sie sich wieder ffneten und die erwachende Seele sich der Welt
und ihrer selbst besann, quollen groe Trnen hervor, und an seine
Schulter gelehnt weinte sie, ohne ein Wort hervorzubringen, die
Erschtterung aus.

Er hielt sie ebenfalls stumm, mit aufatmendem Herzen an sich gedrckt
und horchte auf den wogenden Ton des Geluts, verworrene Gebete bei
sich selbst hersagend.  Als die Glocken ausgeklungen hatten, griff er
nach dem Krug und reichte ihn ihr.  Sie nherte ihm die Lippen, wie
eine Kranke, die das Gef nicht selbst zu halten sich getraut, und
trank einen langen Zug.  Dann schlo sie die Augen, ohne sie zu
trocknen, und schlief neben ihm ein, immer noch auf den Knien und die
Hnde unbeweglich gefaltet.

Als er sie nach einer Weile ruhig atmen hrte, hob er sie auf und
legte sie bequem auf den abhngigen Boden nieder, seine Jacke unter
ihren Kopf schiebend, ohne da sie erwacht wre.  Er selbst, nach
einem raschen Umblick in seinem Revier, lagerte sich neben ihr, den
Kopf in die Hand gesttzt, und starrte ihr in das schlafende Gesicht,
das nun ganz friedlich wie aus heiteren Trumen lchelte.  Wenn ein
Blatt sich bewegte und dann das Licht flchtig auf ihrer Stirn spielte,
seufzte sie wohl noch leise nach.  Aber ihr war wohl, whrend es in
ihm von dunklen Schmerzen und schweren Entschlssen gewaltsam grte
und jeder Blick in diese friedlichen Zge ihm neue Nahrung fr seine
Qualen eintrug.

Welch ein rtselvolles Schicksal umgab diese Geschwister?--Wir mssen,
um es aufzuhellen, um viele Jahre zurck, in eine Zeit, da die Mutter,
die mit so seltsamer Feindschaft zwischen ihnen stand, nicht viel
lter war als das blonde Kind, das dort oben unter den Reben schlft,
freilich in allem brigen ihr volles Widerspiel.  Die Groeltern der
blonden Moidi besaen droben auf dem Kchelberg ein schlichtes
Bauernhaus, das aber schn nach allen Seiten in die Tler hinuntersah,
links ins Passeier, rechts ins Vintschgau hinein, geradeaus ber die
Stadt Meran weg in die breite Niederung der Etsch bis zu den Bozener
Bergen.  Der alte Ingram hatte das Anwesen schon von Vorvtern ererbt,
und die liebliche Lage war ihm freilich als Zugabe wert, mehr aber die
ausgedehnten Weingter, die sich nach allen Seiten daranschlossen und
ihm wohl zustatten kamen, seine vielen Kinder zu ernhren.  Von denen
war die jngste, Maria, oder nach dem Landesausdruck "Moidi", ein
wahres Sorgenkind, whrend von den brigen im Guten oder Schlimmen
nichts Sonderliches zu berichten wre.  Diese jngste jedoch, nicht
allein, da sie die Hlichste war, und eher einer Alraune als einem
Meraner Landkinde hnlich, die meist sauber und wohlgebildet
heranwachsen, betrug sich zudem von klein auf so ungehrig, da sie
viel Schlge und wenig gute Worte von der Mutter erlebte, und auch der
Vater, der ein miger und am Hergebrachten hngender Mann war, sich
mehr und mehr dieser jngsten zu schmen begann.  Mit der Zeit hrten
die Schlge auf, da es deutlich war, da sie das bel nur mehrten, und
es sich nicht obenein verkennen lie, selbst fr ein Bauernauge, es
sei nicht alles in Ordnung in diesem armseligen Kopf.  Der Pfarrer
hatte sie zwar genau befragt und ihre Verkehrtheiten nur aus den
verwilderten Trieben eines eitlen und schwachen Herzens herleiten
wollen; und wirklich lie sich ihrem Verstand, wenn man nicht
sorgfltiger zusah, kein Sprung oder Sparren nachweisen; denn sie
verstand, sobald man sie katechisierte, sich klug zusammenzunehmen und
selbst ihre offenbaren Narrheiten halb und halb zu beschnigen.  Von
diesen nun war die rgste eine ganz unzweckmige und mitleidswrdige
Putzsucht, mit der sie, wo sie ging und stand, recht geflissentlich
aller Augen auf ihre ohnehin schon auffallende Hlichkeit lenkte.
Das trug ihr eine Menge der bsesten Spottnamen ein, und die es am
besten mit ihr meinten, nannten sie den "schwarzen Pfau", oder die
"wste Moidi" schlechtweg, ihre eigenen Brder aber nur "die Schwarze";
denn sie war nicht nur von sehr dunkler Gesichtsfarbe und dichten,
buschigen Augenbrauen, sondern auch ihr Haar krauste sich durch ein
merkwrdiges Naturspiel wie das der Negerinnen und strubte sich
beharrlich gegen Kamm und Flechtenbnder.  Ob der Knig aus Mohrenland
unter den heiligen Dreien auf einem Bilde, das die Mutter einmal in
Bozen gesehen, diese befremdliche Spielart auf dem Gewissen habe, wie
einige behaupteten, lassen wir dahingestellt.  Tatsache war, da die
"wste Moidi", anstatt ihr Schicksal mit leidlicher Miene zu ertragen,
auf die lcherlichsten Mittel verfiel, ihm abzuhelfen und durch
allerlei Putz und Tand, mit dem sie sich, ganz gegen den Brauch,
behngte, ihre Person ansehnlicher und liebenswrdiger zu machen.  Was
sie irgend an Geld zusammenbringen konnte, nicht immer auf die
redlichste Weise, verwandte sie eilig dazu, sich bunte Bnder oder
gemachte Blumen zu verschaffen, mit denen sie ihr wolliges Haar
durchflocht und so, zum groen rgernis der Alten und Gesptt der
jungen, zuweilen selbst am Sonntag in der Kirche erschien, ungeachtet
ihr die Mutter, sooft sie ihr so begegnete, den Putz zornig abri und
sie mit Hunger und Schlgen dafr ben lie.

Ein wenig besserte sich dieser traurige Hang, als sie in die reiferen
Jahre kam und sich das Gefhl fr den Spott der jungen Burschen in ihr
schrfte.  Zum Unglck aber lste eine noch unheilvollere Torheit jene
erste kindische ab, und sie lie ihr, freilich mit besserer
Entschuldigung, noch haltloser den Zgel schieen.  Sie warf nmlich
ihre Augen unter den vielen Burschen, die mit ihren Brdern verkehrten,
gerade auf den schnsten, der sie von frh an mit der unverhohlensten
Abneigung behandelt hatte.  Das war an Leib und Seele ein Bursch vom
guten alten Meraner Schlag, ein etwas trges Gemt in einem starken,
herrlich gebildeten Krper, ein eifriger Kirchgnger, kundiger
Weinbauer, der wenig Worte machte und Gedanken nur fr den Hausbedarf
spann, am wenigsten aber mit unntzen Liebschaften Zeit und Geld
vertat, da es berhaupt in diesen romantischen Tlern im Punkte der
Liebe und Ehe meist kaltbltiger und geschftsmiger zugeht, als
flchtige Reisende sich trumen lassen.  Damals, als die schwarze
Moidi sich in ihn vergaffte, lebte sein Vater noch, der Aloys Hirzer,
der eines der alten Herrenschlsser unterm lfinger, auf einer Hhe
ber der Stadt frei gelegen, von dem verschuldeten letzten Stammherrn
gekauft hatte, um dort seine Weinbauernwirtschaft mitten unter den
feudalen Trmmern in groem Stile zu errichten.  Auer dem Sohne,
Joseph, hatte er noch eine Tochter, die in Innsbruck bei einem Paten
feinere Erziehung geno und sich zur Lehrerin auszubilden dachte, als
der Vater pltzlich das Zeitliche segnete, und der Bruder sie nun
heimkommen lie, um ihm die neue Einrichtung zu erleichtern.  Es war
ein sanftes, blasses, schnugiges Mdchen, lter als der Joseph, ihr
Bruder.  Dessen Kameraden, von denen wohl mancher ein Gelsten trug,
sich ein Stck Burgland anzuheiraten, wagten sich an die Anna nicht
heran, die ihnen zu fein und leise war und bald fast im Geruch der
Heiligkeit stand, denn sie war in allen Kirchen und allen Htten der
Kranken und Drftigen zu finden und ging an keinem Kinde vorbei, ohne
es auf den Arm zu nehmen, ihm ein Bildchen zu schenken oder seine
Gebetlein hersagen zu lassen.  Der Bruder war sehr wohl mit ihr
zufrieden, da sie sein Haus, die Gemcher nmlich, die noch in
wohnbarem Stande waren, geruschlos in Ordnung hielt.  Er hatte sich
von jeher aufs beste mit ihr vertragen.  Da er ein guter und durch
Herzenswallungen nicht leicht zu verwirrender Rechner war, schien es
ihm zweckmig, da seine Schwester ledig blieb.  Wenn er auf dem
Balkon stand, der wie ein Schwalbennest an der grauen Burgmauer klebte,
und in seiner Bauerntracht, der rotaufgeschlagenen Lodenjoppe, den
breiten schwarzen Hut mit roter Schnur auf dem Kopf, die gebrunten
Hnde unter die geschlitzten Hosentrger gesteckt, hinaussah ins weite
Land, verwellte sein Blick mit Befriedigung auf den kleinen
Klostertrmen, die hie und da ihr Kreuz aus dem Duft erhoben, und er
gedachte gern daran, da die frheren, adligen Burgherren dort ihre
unversorgten Shne und Tchter untergebracht hatten.  Es wre ihm
nicht ungelegen gewesen, wenn seine Schwester ebenfalls vor den
Gefahren und Anfechtungen der Welt eine beschauliche Zuflucht gesucht
htte.  Da sie aber hiezu keine Lust bezeigte, auch frs erste noch im
Hause vllig ntig war, nahm er einstweilen mit dem Abglanz ihres
Heiligenscheins, der auch auf ihn herberstrahlte, vorlieb und war
nicht wenig stolz, wenn geistliche Herren, der Schwester wegen,
fleiig auf Goyen vorsprachen und bei einem Glase roten Weins ber die
Angelegenheiten der Kirche erbauliche Reden fhrten.

An seine eigene eheliche Zukunft dachte er nur gelegentlich, wenn von
einer reichen Erbtochter einmal die Rede war, auch darin ohne hitzige
und hliche Habsucht, mit einem stillen Pflichtgefhl, da es ihm
wohl zukomme, das vterliche Gut durch einen schnen runden Zuwachs zu
mehren.  Da er, wie gesagt, einer der schmucksten Burschen der Gegend
war, trug er die ruhige Zuversicht mit sich herum, da es ihm gar
nicht fehlen knne, wenn er berhaupt Ernst mache.  Auch nahm er
anfangs die unverhohlenen Gunstbeweise der schwarzen Moidi nur mit
einer wrdevollen Geringschtzung hin.  Auf die Lnge aber, als das
Gerede lauter und stachliger wurde, als er sich an keinem Markt,
Kirchtag oder bei sonst einer ffentlichen Gelegenheit sehen lassen
konnte, ohne mit seiner Eroberung gehnselt zu werden, stieg ihm der
rger ernstlich zu Kopf, und er hielt es fr passend, durch die
verchtlichsten Scherze sich die zudringliche Liebeswerbung vom Halse
zu schaffen.

Manchem andern wre dieselbe vielleicht mitleidswrdig erschienen;
denn sie uerte sich nur in der rhrenden Hartnckigkeit, mit der die
Augen des Mdchens, sobald der Bursch ihr begegnete, wie durch eine
Naturgewalt bezwungen an seinem regelmigen, rot und weien Gesichte
hingen und ihm berallhin folgten, unbekmmert um den Zorn, der statt
jedes Zeichens von Gegenliebe seine Zge verfinsterte.  Selbst in der
Kirche, wenn er hinter ihr stand, wute sie's einzurichten, da sie
wenigstens das halbe Gesicht nach ihm umkehrte, und sie war dann so
sehr in ihre bewundernde Andacht versunken, da sie alles andere
darber verga.  Wer die einfachen und khlen Sitten des Volkes und
die ehrbare Gleichgltigkeit, mit der die Geschlechter sich hier
begegnen, bedenkt, wird das groe rgernis begreifen, das ein solches
Betragen erweckt.  Auch waren die meisten ganz berzeugt, die Moidi
sei nur halb bei ihren Sinnen, und man msse sie gewhren lassen, da
man sie doch nicht fglich vom Kirchgang zurckhalten knne, ohne den
bsen Geistern noch grere Macht ber sie einzurumen.  Die jungen
Burschen aber dachten minder christlich und hieen sie einfach
mannstoll, und da sich auch die Mdchen von ihr zurckzogen, war die
schon von der Natur Gezeichnete desto auffallender, wenn sie einsam
und ohne Gesellin den Kchelberg herab in die Messe ging, mit den
durchdringenden Augen weit voraus unter den versammelten Mnnern am
Kirchplatz nach ihrem Erkorenen suchend.  Dann geschah es wohl,
besonders nach der Vesper, wo schon der Wein in den Kpfen den Ton
angab, da einer der Hartherzigsten die schne Passeirer
Altjungfernklage zu singen anfing:

Was mu ich armes Madl anheben,
Da ich grad' einmal bekomm' ein'n Mann?
Die Buben, die tun kein' Achtung mehr geben,
Vor mir lauft ein jeder darvon.
Jetzt ist mir nimmer wohl,
Wei nit, was ich tun soll,
Da ich halt nur grad' einen erlang'!


Und wenn der Refrain des Gelchters ein wenig verschollen war, die
zweite Strophe:

Fnfundzwanzigmal bin ich schon kirchfahrtengangen,
Nchtern, und han mir nicht z' essen getraut.
Han gemeint bei Gott die Gnad' zu erlangen,
Da ich dies Jahr mcht' werden a Braut.
Jetzt--und ist alles nichts;
Die Fastnacht ist auch schon fr--
Ach, ich arme verlassene Haut!

Der Joseph, wenn er sich auch zu vornehm hielt, um mit einzustimmen,
hrte doch mit sichtbarer Befriedigung zu und hoffte, dieses singende
Gassenlaufen wrde der armen Tollen die verliebten Grillen austreiben.
Sie aber schien, sobald sie ihn nur sah, so vllig taub zu sein, da
sie das Schimpflied weder hrte, noch sich zu Gemte zog.  Auch fr
die erbitterten Scheltreden ihrer Brder war sie ganz unempfindlich,
erwiderte kein Wort, nderte aber um kein Haar ihr Betragen, und
selbst das scharfe Vermahnen des Pfarrers, dem etwas davon zu Ohren
gekommen, vermochte so wenig ber diesen seltsamen Zustand, wie beim
Eisen das Abraten hilft, wenn der Magnet ihm nahe kommt.

Da bernahm es endlich eine mitleidige unter den Mdchen, der Moidi
den Kopf zurechtzusetzen.  Sie hinterbrachte ihr--wahr oder zweckmig
erfunden, wissen wir nicht--, da der Hirzersepp gesagt habe: Wenn's
ihm drum zu tun wre, schwarze Pudel in die Wiege zu bekommen, wrde
er die Moidi heiraten.--Die Predigt ber diesen kurzen und bndigen
Text scheint eindringlich genug gewesen zu sein.  Denn seit dem Tage
war "die Schwarze" wie verwandelt, lie sich nirgend sehen, stahl sich
vor Tagesgrauen in die Frhmesse, wo sie im hintersten Winkel der
Kirche kniete, und wenn droben auf dem Berg ein Bursch ihr begegnete,
wandte sie das Gesicht ab und schwieg auf alle Anrede.  Die Putzsucht
war vollends verschwunden.  Das Schlechteste und Grbste trug sie am
liebsten, und ihre krausen Haare flogen, wochenlang ohne Pflege, ihr
um die Schlfen, da sie fast unheimlich anzuschauen war und niemand
mit ihr zu tun haben mochte.

Im brigen tat sie ihre harte Arbeit ohne Murren, und so waren die
Eltern wohl mit ihr zufrieden und lieen sie in allem gewhren.  Der
Winter ging so hin.  Als im Frhling die Wiesen zu grnen anfingen,
kam sie eines Tages zum Vater und bat um seine Erlaubnis, auf eine
Alpe ziehen zu drfen, die hchste und einsamste im Passeier.  Der
Vater, der von allen noch die klarste Ahnung ihres unseligen
Gemtszustandes hatte, willigte unbedenklich ein, und so war einen
Sommer lang die schwarze Moidi vllig verschollen.

Desto heftiger erstaunte alle Welt, als im Herbst die Herden von den
Bergen heimkamen und das Gercht mit ihnen ging: des alten Ingram
Tochter habe einen Buben mitgebracht, ein so sauberes, blhweies und
rosenfarbenes Kind, als nur jemals sich ohne Vater beholfen habe, mit
schwarzen, aber gar nicht mohrenhaften Hrlein, ein wahrer Staatsbub.
Auch sei die Moidi, trotz der Schande, ganz wohlvergngt, habe die
Schlge, mit denen die Mutter sie empfangen, ohne Klage hingenommen,
dem Vater aber auf das hrteste Verhr nicht beichten wollen, wer der
Schuldige sei.  In dem Schuppen, wohin die Mutter sie verstoen, damit
sie den Schimpf nicht vor Augen htte, habe die Tochter sich darauf,
so gut es ging, einen warmen Winkel fr ihr Kind zurechtgemacht und
sei Tag und Nacht nicht von ihm wegzubringen.

Wem dies alles, zumal die gerhmte Schnheit des Knaben, unglaublich
schien, der hatte am nchsten Sonntag Gelegenheit, sich von der
Wahrheit des Gerchts zu berzeugen.  Denn am hellen Tage kam die
Vielgeschmhte vom Kchelberg herab, das Kind wie im Triumph in den
Armen in ihre besten Linnen und Tcher gewickelt, und trug es mit
herausforderndem Mutterstolz zur Taufe.  Wenn einer sich ihr nherte
und neugierig nach dem kleinen Weltwunder schielte, stand sie sogleich
still, schlug den alten Flor zurck, der das schlafende Gesichtlein
bedeckte, und sagte fast spttisch: Gelt, mchst den schwarzen Pudel
anschauen?  Da, es ist nix Rares daran.  Wo sollt's auch
herkommen?--und dann lachte sie mit groer Selbstgeflligkeit in sich
hinein, wenn der Beschauer, von der Zierlichkeit des Kindes berrascht,
nichts zu sagen wute, und setzte noch hinzu: 's ist halt nur ein
schwarzer Pudel; man sollt' ihn in die Passer werfen, das wre das
gescheitest'!--und lachte wieder auf eine so wunderliche Art, da es
schien, als habe der Muttersegen ihren armen Verstand nicht eben
verbessert.

Selten wohl ist eine Taufe in Meran unter so groem Zulauf vonstatten
gegangen.  Als aber der Pfarrer nach den Taufpaten fragte, fand es
sich, da die Moidi diesen wichtigen Punkt gnzlich bersehen hatte.
Niemand meldete sich auf die Frage, wer etwa in der versammelten
Gemeinde dem Kinde diesen Liebesdienst erweisen wolle; denn es drngte
sich keiner zu einem nheren Verhltnis mit der Mutter, und die
Groeltern, der Schande auszuweichen, waren ein paar Stunden weit weg
nach Lana zur Kirche gegangen.  Da erhob sich endlich die zu allen
Opfern der Nchstenliebe Bereite, die Tochter des alten Hirzer, die im
vordersten Kirchstuhl kniete, trat an den Taufstein heran und nahm der
Moidi das Kind aus den Armen.  Diese Lsung des bedenklichen Knotens
erschien allen als die einfachste, da die Hirzers-Ann mit dem
berflieenden Gnadenschatz ihres frommen Wandels der armen Snderin
am fglichsten zu Hilfe kommen konnte.  Und so wurde der Knabe, weil
der Mesner, ebenfalls aushelfend, seinen Namen hergab, Andree getauft
und mit groem Gefolge von der glckstrahlenden Mutter wieder durch
die Stadt getragen, hinauf in den elenden Schuppen, wo er in der
Nachbarschaft der Haustiere seine ersten Blicke in die Welt tun sollte.

Es dauerte nicht lange, so sprach kein Mensch mehr von diesen immerhin
denkwrdigen Ereignissen, zumal da die Moidi sich nirgend sehen lie,
nur fr das Kind lebte und all ihre frheren Narrheiten in die eine
Leidenschaft der zrtlichsten Affenliebe versammelt zu haben schien.
Denn wie frher ihre eigene Person, so putzte und behing sie jetzt den
kleinen Andree mit allem, was ihr irgend dazu dienlich schien.  Man
konnte sie droben auf einem schattigen Fleck stundenlang sitzen sehen,
Krnze windend fr das Kind und aus alten bunten Seidentchern
seltsame Kleider fr ihn zurechtstoppelnd, mit denen sie ihn wie eine
Puppe aufschmckte und stolz jedem Vorbergehenden zeigte.  Da dies
Treiben zwar auffallend, aber doch unschuldig war, lie man sie
gewhren.  Nur der Joseph Hirzer legte den grten Abscheu gegen sie
an den Tag und verbot der Anna aufs strengste, mit ihrem Patenkinde
irgendwelchen Verkehr zu pflegen.

Die Moidi schien wenig danach zu fragen.  Als ein Jahr darauf ihr
einst so schmerzlich Geliebter sich mit einer steinreichen
Bauerntochter aus Algund verheiratete, blieb sie ganz kalt und gab
nicht das geringste Zeichen von Herzweh.  Die ganze Vergangenheit bis
zur Stunde, wo der Knabe auf die Welt kam, war aus ihrem Gedchnis wie
weggewischt, und auch von dem geheimnisvollen namenlosen Vater sprach
sie nie, schien auch keinen Versuch zu machen, ihm Kunde von sich und
dem Kinde zu geben.

Da geschah es, da erst ihre Eltern und dann die Brder, einer nach
dem andern, im Lauf eines Jahres hingerafft wurden von einer Seuche,
die viele Opfer in diesen Tlern forderte.  Nun war auf einen Schlag
das Schicksal der schwarzen Moidi verwandelt.  Denn wenn sie bei
Lebzeiten der Geschwister zwar immerhin keine Armut zu frchten hatte,
so war sie jetzt durch den Alleinbesitz des Hauses und der
ansehnlichen Weingter zu einer reichen Partie geworden; schade nur,
da die Mitgift ihrer dunklen Haut und der noch dunkleren ersten
Liebschaft manchen Whlerischen abschrecken mute.

Aber der praktische Trieb, der hier im Volke mchtig ist, kam ihr
dennoch zu Hilfe; ja sie hatte nicht einmal ntig, bei dem Freier, der
sich ihr antrug, auch ihrerseits ein Auge zuzudrcken.  Es war ein
ganz schmucker Bauernsohn aus dem Dorfe Tirol, das unfern der
berhmten Feste gleichen Namens am Ende des Kchelberges liegt wo die
Wand der Muttspitze steil in die Hhe steigt.  Sein Vater hatte ihm
zugeredet, und obwohl der Sohn nicht von den schnellsten Begriffen war,
so war doch die ganze wichtige Sache mit wenigen Worten ins reine
gebracht.

So auch bei der Moidi.  Sie schien es ganz in der Ordnung zu finden,
da auch sie jetzt, trotz allem Vorangegangenen, an die Reihe kam.
Sie scherzte whrend der Werbung mit dem kleinen Andree, der schon im
vierten Jahre war und den fremden Burschen mit scheuen und trotzigen
Augen betrachtete.  Als aber dieser, wie ihm seine Mutter geraten
hatte, eine groe Tte mit Zuckerwerk aus der Tasche zog und dem Kinde
reichte, war das letzte Bedenken der Moidi besiegt.  Zwar bei einem
Vergleich mit dem Hirzerjoseph mute des Wolfharts Franz den krzeren
ziehen.  Sein flaches, rundes, behagliches Gesicht, mit weiblonden
Haaren eingerahmt, erinnerte stark an die Madonnenbilder, die, wie
durch die Schablone gemalt, an Husern, Torwegen und vollends in den
Kirchen zahlreich uns begegnen.  Aber die Moidi besa Schwarz genug,
um in seine bermige Helle Schatten zu werfen, und schien nicht zum
wenigsten gerade durch die Werbung des Blonden sich geehrt zu fhlen.
Nach dem raschen, durchaus geschftsmigen Gang, den diese Dinge hier
nehmen, zog der Franz schon vier Wochen spter als junger Ehemann in
das Haus seiner Neuvermhlten auf dem Kchelberg, und damit war zum
zweitenmal das wiedererwachte Gerede ber die Schicksale der schwarzen
Moidi verstummt und verschallt.

Nicht fr allzu lange Zeit.  ber Jahr und Tag entspro dieser Ehe
ein Mdchen, das nicht minder als damals der kleine Andree den
teilnehmenden Nachbarn zu reden gab.  Es war das leibhaftige Ebenbild
des Vaters, schn wei und rot, mit schlichtem blondem Haar, der
Mutter in keinem Zuge hnlich, als da sich frh Anwandlungen einer
phantastischen Gemtsart, einer leicht beweglichen Einbildungskraft
und weiblicher Eitelkeit an ihr zeigten, nur weniger ausschweifend als
bei der Mutter und durch die groe Anmut ihrer kleinen Person ins
Liebenswrdige gemildert, aber immerhin gefhrlich, da es dem Kinde an
einer festen Hand fehlte, die seinen Leichtsinn gezgelt und die
schnen Wucherblumen aus der jungen Seele sorgsam ausgereutet htte.

Denn kaum konnte die kleine Maria die ersten kindischen
Schmeichelknste spielen lassen, so stahl sie der Mutter das Herz so
vollstndig, da sie dem lteren Bruder selbst das Pflichtteil der
Barmherzigkeit mit entwendete.  Er, der frher der Abgott seiner
Mutter gewesen, war nun auf einmal nicht allein ihrer Gleichgltigkeit,
sondern einer entschiedenen Abneigung, die sich mit den Jahren zu
offenem Hasse steigerte, wehrlos preisgegeben.  Es half nicht viel,
da der gutmtige Pflegevater sich des Knaben annahm.  Ja selbst, als
die kleine Schwester heranwuchs und sich mit strmischer Zrtlichkeit
an den Bruder anschlo, vermochte sie, die sonst alles durchsetzte,
den Widergeist der Mutter nicht zu bezhmen.  Vielmehr schien gerade
ihre Frsprache den unnatrlichen Ha zu schren, da sich nun eine Art
von Eifersucht hinzugesellte, eine harte und bse Migunst auf die
liebliche Vertraulichkeit, mit der die Kleine dem pltzlich
Verstoenen begegnete.

So viel freilich war durch das Dazwischenstehen der kleinen Maria dem
armen Knaben gewonnen, da er vor leiblicher Mihandlung geschtzt
wurde.  Denn das erste Mal, wo sich die entartete Mutter an ihrem
einstigen Liebling ttlich vergriff, war auch das letzte.  Damals
zuerst wurde die Kleine von jenem seltsamen Nervenkrampf befallen, von
dem wir im Beginn unserer Erzhlung ein Beispiel erlebt haben.  Zum
Glck war der Vater zu Hause, um die widersinnigen Heilversuche zu
hindern, mit denen die erschrockene Mutter auf das Kind einstrmte.
Es gelang dem Bruder, durch sanftes Streichen mit seinen zitternden
Hnden die Starrheit zu bezwingen, bis ihm das Kind schluchzend um den
Hals fiel und endlich schlafend von ihm in die Bettkammer getragen
werden konnte.

Seit diesem Vorfall, dem bei anderen jhen Anlssen hnliche folgten,
erhob die alte Moidi bis zu jenem verhngnisvollen Tage der Trennung
nicht wieder die Hand gegen den Sohn.  Ihre Abneigung wurde aber nur
finsterer und gewaltsamer, weil sie nicht mehr in heftigen Szenen sich
Luft zu machen wagte.  Sie schien das Dasein des Knaben vllig
verleugnen zu wollen, um sich einzig dem Mdchen zu widmen.  Fr diese
war sie unermdlich, rzte und Kruterwelber zu Rat zu ziehen,
Wallfahrten zu machen, Messen lesen zu lassen und durch die
schrankenlose Nachgiebigkeit ihr womglich jeden Ansto aus dem Wege
zu rumen.  Der schwache und weichmtige Vater lie alles geschehen.
Es war ihm nicht wohl in seinem Hause.  Aber die Stadt lag ja so nahe
zu seinen Fen, da er die grnen Bsche vor den Schenktren bis
herauf winken sah.  So heiligte er gewissenhaft die zahlreichen
Bauernfeiertage, von denen der tirolische Kalender ber und ber rot
wird, und erzhlte jedem, der es hren wollte, mit ahnenstolzer
Gemtsruhe, da drei aus seiner Familie in den letzten fnfzig Jahren
am Delirium gestorben seien, was nicht die schlimmste Todesart sei.

Seinem Weibe war er lngst gleichgltig.  Sie liebte niemand auf der
Welt als das blonde Kind.  Auch wurde sie dem Verkehr mit Nachbarn und
Verwandten mehr und mehr entfremdet, da ihre unnatrlichen Schrullen
den Leuten vollends ein Grauen erweckten.  Das Haus lag einsam auf dem
nackten Felsgrunde, ganz abseits von der Strae, die sich um den
Kchelberg hinauf nach Dorf Tirol windet.  Niemand sprach sie im
Vorbergehen an; zu niemand ging sie; in der Kirche, die sie vor Tage
besuchte, blieb der Platz neben ihr leer.

Es war unter solchen Umstnden nicht zu verwundern, da der Joseph
Hirzer jede Annherung an die Moidi und ihr Haus von Jahr zu Jahr
standhafter vermied, seiner Schwester unerbittlich den Weg abschnitt,
wenn ihr Gewissen sie antrieb, sich nach ihrem Taufpaten umzusehen,
und seinen eigenen Kindern, die mit Andree und der blonden Moidi in
der Schule zusammentrafen, aufs strengste verbot, zu Hause von ihnen
zu erzhlen.  Er selbst war in allen Stcken mchtig emporgekommen,
galt fr einen der wackersten Haushlter, eifrigsten Weinzchter und
rechtschaffensten Ehrenmnner, whrend seine Schwester in gleicher
Weise zunahm an Gnade bei Gott und den Menschen, zumal sie ihr ganzes
Vermgen im Testament an Kirchen und Klster vermacht hatte, wofr die
Priester ihr verhieen, da sie unfehlbar "von Mund auf in den Himmel
kommen wrde".  Ihr Bruder hatte da wohl nicht einreden drfen.  Sein
Sohn und die drei stattlichen Tchter waren auch ohne jede Erbschaft
von der Tante hinlnglich versorgt durch die blhenden weiten Gter
beider Eltern.  Und als ihre Mutter, die Erbin von Algund, noch in
guten Jahren starb, trat die Tante Anna an ihre Stelle und sorgte
durch liebevolle Pflege dafr, da ihres Bruders Kinder auch ohne
jedes klingende Vermchtnis sie in gutem Andenken behalten muten.

Die Kinder aber, obwohl sie den Vater frchteten, konnten ihm doch
nicht so blindlings gehorchen, da sie auch in der Schule zu Meran dem
Andree und seiner Schwester ausgewichen wren.  Moidi, mit ihrem
leichten, lachlustigen Sinn, kam ihnen, wie allen, die sich ihr
freundlich zeigten, ganz ungebunden entgegen; Andree duldete sie
wenigstens, da er von der Tante Anna, seiner Pate, wute, da sie so
heilig sei und nur der Mutter wegen sich nicht um ihn bekmmern drfe.
Im brigen war er ein schweigsamer, sinnender, leicht aufbrausender
Knabe, der am liebsten sein Wesen fr sich hatte und frh eine ganz
befremdliche Eifersucht auf die Schwester an den Tag legte.  Es war
ihm am wohlsten an Feiertagen, wenn sie droben in der luftigen
Einsamkeit ohne fremde Kinder den ganzen Tag beisammen blieben und die
Kleine sich fr niemand putzte als fr ihn allein.  Sie hatten unter
einem berhangenden Felsstck, wo wilde Beeren in Flle wuchsen und
die rauhe Wand dicht mit Efeu verkleidet war, ihre Einsiedelei
errichtet, mit vielen wichtig behteten und nur von den Eidechsen
ausgesprten Verstecken fr ihre kindischen Siebensachen. lm
Hochsommer, wenn das Rebenlaub bis an den Fu ihres Schlupfwinkeis
wucherte, saen sie da halbe Tage lang, und die Kleine reihte
unermdlich mit spitzer Nadel die blanken gelben Maiskrner auf lange
Fden, woraus ein lustiges Geschmeide entstand.  Waren die.  Ketten
fertig, so kniete der Bruder vor Moidi hin und schlang ihr den Schmuck
in knstlichen Ringen um Stirne, Hals und Arme.  Dabei hatten sie
allerlei konfuse, andchtige Vorstellungen, und die Geschmckte fhlte
eine dunkle Wonne, sich angeschaut und bewundert zu wissen, wohl gar
etwas vom Heiligenschein um ihren trichten Kindskopf zu tragen.  Der
Bub war noch feierlicher, und wehe dem, der in solchem Augenblick dazu
gekommen wre und seine Huldigung gestrt htte.  Der Schwester selbst
nahm er es jedesmal bel, wenn sie pltzlich zu lachen anfing und aus
bermut und Langeweile die gelben Kettchen zerri, da die Krner
eilfertig den Berg hinabrollten, und sie sich nach einem andern Spiel
umsehen muten.

Die ersten Jahre lie sie die Mutter bei all ihren Heimlichkeiten und
vertrauten Schleich- und Schlupfwegen ungestrt.  Als aber der Andree
grer wurde und mit seinem scharfen Auge und seinen fragenden Mienen
immer verwundener und vorwurfsvoller ihrem Ha gegenberstand, suchte
sie ihn der Kleinen durch allerlei bse Reden und schwarze
Verdchtigungen zu verleiden und ergriff jede Gelegenheit, die Kinder
zu trennen, mit gehssiger Schadenfreude.  Sie lag ihrem Manne sogar
an, den unntzen Buben, der doch keine Lust am Arbeiten habe, zu dem
Zehnuhrmesscr zu tun, da der ihm Unterricht gebe und einen
Geistlichen aus ihm mache.  Da der Knabe einen aufgeweckten Verstand
und groen lerneifer in der Schule gezeigt hatte, leuchtete der Plan
beiden Mnnern ein, und Andree zog in die Stadt hinunter zu dem
geistlichen Herrn.  Er war sehr still und traurig beim Abschiede von
der Kleinen, die aber lachte und von der Trennung nichts begriff.--Der
Hilfspriester wohnte unten in der langen Laubengasse Merans, die ihren
Namen hat von den zwei Reihen steinerner Arkaden, in welche die Sonne
keinen Zugang findet.  Die schmalen Huser mit winkligen engen Hfen
und dsteren Treppenfluren, meist uralt und die wenigsten sauber
gehalten, haben eine betrchtliche Tiefe, und an die Hintergebude
stoen nach Norden zu weite Weingrten, bis an den Fu des
Kchelberges, nach Sden ffnen sie sich gegen die Stadtmauer.  Hier
sind hellere Rume, und man blickt aus den Fenstern auf die
Wassermauer und ber den Flu hinweg ins breite Etschtal hinaus.  Auch
das bescheidene Quartier des Hilfspriesters geno diesen Vorzug.  Aber
der Knabe, an die freie Luft oben auf der Hhe gewhnt, schien sich
dennoch ein Gefangener.  Ja, er htte wohl gern seine sonnige
Dachkammer mit einem finsteren Nordfensterchen vertauscht, von dem aus
er den Berg und die kleine Felshhle oben ber den letzten Reben, den
Ort seiner Kinderspiele, htte sehen knnen.  Er verstummte noch mehr
als sonst, trotz alles Zuredens seines freundlichen Lehrmeisters.  Das
Lernen war ihm pltzlich verleidet; er a wenig und schlief schlecht,
so da er in vier Wochen bla und hohlugig wurde.  Und eines Tags kam
er zu seinem Lehrer und erklrte ihm, er werde sterben, wenn man ihn
lnger in der Stadt halte.  Den Namen seiner Schwester hatte er nie
genannt.  Aber es war dem mitleidigen Seelsorger klar, da ihn ein
brennendes Heimweh nach ihr nage, und bestrzt bernahm er es, der
Mutter die Notwendigkeit der Rckkehr vorzustellen.  Die Alte wtete
und schalt und wollte nichts davon hren.  Am Abend desselben Tages
aber klopfte der Knabe drohen in der Htte wieder an, und nach einem
leidenschaftlichen Auftritt, der wieder mit einem Krampfanfall der
kleinen Marie endigte, ergab sich die Mutter in das Unabnderliche,
unter der Bedingung, da der entlaufene Student dem Vater
Knechtsdienste tun und sein Lager in einem Winkel des Schuppens hinter
dem Hause aufschlagen mute.

Die Kleine war sehr glcklich, ihn wieder zu haben, und er selbst
schien um diesen Preis keine Entbehrung und Zurcksetzung zu hart zu
finden.  Er war nun anstellig zu allem, was ihm der Pflegevater
auftrug, arbeitete in den Weinbergen, lie sich willig ber Land
schicken und sah die Mutter nur bei den Mahlzeiten, wo zwischen beiden
nie ein Wort gewechselt wurde.  Da er kein Geld erhielt und an
Kleidern nur das Notdrftigste, blieb er von den anderen Burschen
seines Alters, von den Schenken und Kegelbahnen ein fr allemal weg
und schien nichts daran zu entbehren.  Denn an den Feiertagen pflegte
er mit der Schwester nach wie vor lange Stunden hindurch
zusammenzusitzen, und obwohl beide heranwuchsen, er ein krftiger
Jngling wurde und sie lngst den Burschen ein Ziel mancher
zaghafteren oder dreisteren Werbung, war ihr Verkehr doch noch ein
kindischer, ihr Gesprch ein trichtes Geplauder.  Sie tat, was sie
nur wute und konnte, sein hartes Leben zu erleichtern, brachte ihm
von allem, was sie etwa an guten Bissen von der Mutter erhielt oder,
da sie nschig war, sich in der Stadt kaufte, seinen brderlichen
Anteil, und wenn er jenes verschmhte, nahm er doch ihre eigenen Gaben
mit sichtbarer Freude.  Oft nach einem schweren Arbeitstag, besonders
in der Zeit der Lese, wenn die Sonntagssonne in seinem fensterlosen
Schuppen ihn nicht zu wecken vermochte, schlich sie zu ihm hinein und
sa im Dunkeln neben seiner Streu, die nur durch ein schlechtes Laken
und eine Pferdedecke zu einem Bette wurde.  Sie hatte ihren Spa, wenn
er im Dunkeln nicht begriff, da sie bei ihm war, und ihre Hand, die
ihm in den Haaren zauste, schlaftrunken abzuwehren suchte, als komme
ihm etwa eine Feldmaus zu nahe.  Wachte er dann auf, so hrte er ihr
helles Lachen neben sich und lag nun wohl noch eine Weile in
verstelltem Schlaf, um ihre Neckereien. lnger zu erleiden.  Sie tat
es nicht anders, als da er sie zur Kirche begleiten mute, wo er dann
von den Burschen, die sich ihr nherten und die sie zu verscheuchen
gar keine Lust bezeigte, manchen eiferschtigen Stich ins Herz empfing.
Hier begegnete er auch oft seiner Patin, der Tante Anna, und htte
sich ihr, da sie ihn stets mit einem stillen und freundlichen Auge
grte, gern genhert.  Aber der Joseph Hirzer, der dann Wache hielt,
lie durch sein starres Anblicken deutlich erkennen, da er sich jede
Annherung des vaterlosen Burschen verbitte.  Und so blieb es auch
zwischen den Kindern bei einem gelegentlichen Gru, obwohl die Moidi
fters dem Bruder mit Lachen erzhlte, da die Rosina, des Hirzers
jngste Tochter, die nach der Verheiratung ihrer beiden Schwestern
noch allein im Hause blieb, wieder einen so langen Blick nach ihm
getan habe und sicherlich in ihn verliebt sei.

Jedesmal, wenn hiervon die Rede zwischen ihnen kam, oder eine Hochzeit
das Tagesgesprch war, wurde der Jngling doppelt nachdenklich und
brach eilig ab.  Ihm selbst schienen alle Mdchen eher unbequem und
alle Liebesscherzreden ein Abscheu zu sein.  Ob er darber nachdachte,
jemals ein eigenes Hauswesen zu grnden, war nicht zu entrtseln.
Aber mit einem seltsamen Ausdruck tiefer Angst sah er der Schwester
ins Gesicht, sooft deren leichtsinnige Gedanken bei ihrer Zukunft
verweilten und eine Trennung von ihm ihr als eine Mglichkeit erschien,
die doch wohl zu verwinden wre.  Du bist ein Kind, sagte er dann.
Wer darf dich heiraten?  Die Mnner sind alle schlecht und Ehstand ist
Wehstand.  Du sollst bei mir bleiben, ich will schon fr dich schaffen
und dir ein gutes Leben machen.  Was schwatzest du von anderen?  Eh'
mir einer gut genug ist fr dich, mu die Passer den Ifinger
hinanflieen.

Sie lachte zu solchen Reden und lie sie sich gefallen, weil sie ihr
schmeichelten.  Auch schien keine ernste Neigung in ihrem leichten
Sinn wurzeln zu knnen.  Die Mutter tat das ihrige, Freier, die sich
von ferne blicken lieen, zurckzuschrecken.  Und so blieb durch viele
Jahre droben auf dem Kchelberg die wunderliche Gesellschaft beisammen,
und keine nderung war abzusehen.

Da erlag eines Tages der Mann dem Einflusse jenes Sterns, der schon
seinen wrdigen Vorfahren zu Grabe geleuchtet hatte.  Er starb im
Suferwahnsinn.  Von dem Tage an war das eifrigste Bestreben der Witwe
darauf gerichtet, den Sohn aus dem Hause zu schaffen.  Eine nhere
Schilderung jenes bsen wilden Auftrittes, der ihr zum Ziele verhalf,
wird uns gern erlassen werden.  Die Geschwister trennten sich; die
blonde Moidi hatte keinen Mut, dem Bruder zuzureden, sich einer
zweiten Mihandlung auszusetzen.  Geh nur, sagte sie.  Es ist besser
so.  Ich verlass' dich schon nicht.  Du weit ja, ich mach' mit ihr,
was ich will, und wenn sie mir das Trl versperrt, spring' ich zum
Fenster hinaus und lauf zu dir.

Auch hielt sie Wort.  Aber was half's ihm, da keine Woche verging, wo
sie ihn nicht aufsuchte, ungerechnet ihr Wiedersehen an den Sonntagen?
Tglich, stndlich war er ihre Nhe gewohnt gewesen.  Jenes kindische
Heimweh, das ihn vom Zehnuhrmesser fortgetrieben hatte, wuchs ihm oft
genug, wenn er nach heier Arbeit unter den Kastanienzweigen sa, so
unbezwinglich ber den Kopf, da er den schroffen Abhang des Berges
dicht ber dem Dorfe Gratsch hinanstrmte, um nur vor Schlafengehen
noch das Dach des Huschens zu sehen, oder gar etwas, das dem Mdchen
selber glich.  Auch geschah es mehr als einmal, zumal an Feiertagen,
wenn sie an den verabredeten Ort nicht kam, da er in fiebernder
Eifersucht die Wege nach ihrem Hause bewachte, ob etwa ein Besuch sie
zurckhalte.  Er lag dann frmlich im Hinterhalt.  Kam ein Bursch
vorbei, bergab schreitend, so stellte er sich schlafend, um seine
Mienen auszukundschaften.  Ihm war unselig dabei zu Mut.  Eine Ahnung
dmmerte in ihm auf, dies alles sei nicht recht und lblich.  Warum
gnnte er der Schwester nicht, was allen Mdchen zukam, Freiheit in
Wnschen und Neigungen?  Mit heier Angst jagte er diese Gedanken von
dannen, die immer zudringlicher zurckkamen.  Freilich ihr Vater war
nicht der seine.  Aber waren sie darum weniger Geschwister?

Oft genug kam es ihm auch, da er fort msse, da es ihm drauen
leichter ums Herz werden wrde.  Was stand ihm auch im Wege?  Was
hielt ihn?  Hier nicht besser als in der weiten Welt mute er sich
hart durchs Leben schlagen.  Und wer wei, er konnte wohl seinen Vater
drauen antreffen; es war in aller Weise das ratsamste, die Luft zu
verndern.  Wenn er nur zum ersten Schritt die Kraft erschwungen htte!

Von neuem wlzte er diese Gedanken, als er heut unter den Reben bei
der Schlafenden sa und das Spiel des Sonnenstrahls auf ihrer Stirn
bewachte.  Die Erschtterung, von der sie nun erquicklich und
erinnerungslos ausruhte, zitterte ihm noch durch alle Adern, und der
Anblick ihrer unschuldigen Ruhe mehrte nur seine Verwirrung.  Er
suchte in sich nach dem Mut, jetzt ein feierliches Gelbde zu tun, das
ihn forttriebe von hier, wo die natrlichsten Bande sich so unheilvoll
verstrickt hatten.  Neben ihr begriff er nur zu gut, wie ntig es sei,
zu fliehen.  Aber wenn er darin wieder allein war, fhlte er, da es
unmglich sei.

Er rhrte die Schlafende nicht an, er hatte seit seinen Kinderjahren
nicht mehr gewagt, ihren roten lachlustigen Mund zu kssen.  Aber die
Scheu, mit der er sie betrachtete, war mit einer dumpfen,
leidenschaftlichen Qual gemischt, und ihr leichter Atem, der sein
Gesicht streifte, trieb ihm das Blut heftig zum Herzen.

Es ward schon abendlicher drauen, denn der Marlinger Berg im Westen
verbirgt die Sonne frh.  Die Schlferin erinnerte sich jetzt,
richtete sich im Grase auf und sah mit groen Augen umher.  Als sie
den Bruder neben sich erblickte, lachte sie ihn freundlich an.  Wie
lange hab' ich geschlafen? sagte sie verwundert.  Wie kam es denn, da
ich mich hier niedergelegt hab'?

Es war hei, sagte er.  Nun aber geh nach Haus, Moidi.  Ich mu drben
nachschauen, ob alles in Ordnung ist.

Sie stand auf und gab ihm die Hand.  Gute Nacht, Andree, sagte sie
hastig, denn eine Erinnerung an das Vorgefallene stieg dunkel in ihr
auf.  bermorgen ist Sonntag.  Du kommst doch in die Kirche?

Nein, Moidi.  Du weit ja, da ich auf dem Posten bleiben mu, solang'
ich den Saltner mache.

Es ist wahr, erwiderte sie nachdenklich.  Ich komm' aber schon wieder
zu dir.  Gute Nacht!

Er kmpfte mit sich, ob er sie bitten solle, nicht mehr zu kommen.
Aber ehe er sich entschlieen konnte, war sie schon auf und davon.  Am
Ausgang der Laube stand er und sah ihr nach, wie sie behende das
steile Treppchen hinanstieg. Der lange hundertfaltige Rock bewegte
sich zierlich um ihre Knchel, bei jedem Schritt wie ein Fcher die
Falten ffnend und wieder zusammenschlagend.  Von oben winkte sie noch
einmal zurck mit der Hand.  Er grte nicht hinauf; das Gelnder
zitterte, an dem er angelehnt stand, und ein Seufzer, den er lange
verhalten hatte, befreite ihm doch nicht seine beklommene Brust.

In diesem Augenblick hrte er einen raschen Mnnerschritt von unten
heraufkommen und erkannte einen seiner Kameraden, einen langbrtigen
starken Burschen, ebenfalls mit dem Trutzhut ausgerstet, statt der
Hellebarde eine groe Fichtenkeule in der rauhen Faust, deren
wuchtiges Ende er lustig winkend schwang.  Andree! sagte er, als er
ihm nahe genug war, wie ist's auf die Nacht?  Soll ich mit dir wachen?
Du hast mit dem Welschen zu tun gehabt, hab's wohl gemerkt.  Und sei
gewi, er schenkt dir's nicht und bringt auch wohl Verstrkung mit.
Schau, da hab' ich was, um den Hunden den Spa zu versalzen!--und er
zog aus der Brusttasche seiner Lederjoppe eine kleine Pistole und lie
den Hahn knacken.

Ich dank', Kbele, erwiderte Andree.  Der Welsche ist feige wie die
Snde.  Allein kommt er einmal nicht, und wenn's ein ganzer Haufen ist,
sind wir zwei doch zu schwach gegen sie.  Ich gebe dann das Zeichen,
und du magst's den andern sagen, da sie fein aufpassen.  Das Ding
da--er wies auf die Taschenpistole--la aber in Frieden.  Bei der
Dunkelheit hat's keinen Schick, und du verpuffst blo das Kraut.
Fassen wir einen, so taugt ihm die Jacke voll Schlge besser als so
ein Loch in der Haut, das er nachher vorweisen kann gegen uns.

Wie du meinst, gab der Bursch zur Antwort.  Es ist halt nur auf alle
Flle.  Ich wollt' aber, sie kmen.  Sie haben eine schne Rechnung
bei mir auf der Kerbe, und der Hans ist auch ganz fuchtig auf die
Halunken.  Einmal mssen wir's ihnen eintrnken.

Andree schwieg, und der Brtige stieg mit einem kurzen Gru wieder
hinab.  Man war schon gewohnt, den Verschlossenen gewhren zu lassen
und sich ihm nicht aufzudrngen.

Nun war die Sonne hinter den Berg gegangen, aber noch Stunden whrte
es, bis die Nacht die Herrschaft gewann.  Denn zur Rechten hoch aus
dem Vintschgau zustrmend und drben bis an den Grtel des Ifinger
hinab waltete noch die Tageshelle, und ein blulicher Duft wlkte sich
ber dem Flusse hin, hie und da von einem Sonnenstreifen durchschossen,
der hinter der Bergwand sich in die Tler hereinstahl.  Die Hirten
trieben unten in den Wiesen ihre Herden zusammen, und alle Wege zu den
Drfern hinauf belebten sich mit schnen falben Khen, die ber Tag an
den Bchen unten geweidet hatten.  Im Sden aber die Trientiner Berge
und die schne, khn hereinblickende Mendelspitz verschleierten sich
unter den feuchten Dnsten, die der Schirokko ins Tal heraufwehte.

Spt erst kam ein schmales Stck des Mondes hervor, warf einen
unsicheren Blick in die stille Tiefe und verschwand alsbald hinter der
schweren Feuchte, die sich trge an den Bergen hintrieb.  Das letzte
Gerusch in der Stadt, wo der Feierabend frhzeitig eintritt, das
letzte Gelut von den Trmen hben und drben verklang.  Nur die
raschen Bergwsser rauschten, und von ferne summte der Sdwind daher,
trieb den Staub am Wege in leichten Wirbeln auf und raschelte durch
die Bltter des vergangenen Herbstes.  Auch das ward still, als es
gegen elf Uhr ging, und nun hing die regungslose schwarze Nacht, ohne
Sterne, ohne einen Hauch, feucht und warm ber der Erde und go ihren
Schlaftau auf die tausend Augen.

Die Weinhter schliefen nicht, und sie wuten warum.  Es war nicht die
erste mondlose Nacht, in der freche Diebe Einbruch in die Rebengnge
versucht und schweren Schaden verbt hatten.  Oben bei seiner
Maisstrohhtte sa Andree, rauchte aus der kleinen Pfeife und griff im
Dunkeln fters nach dem Kruge, den sein Herr ihm auf die Nacht frisch
hatte fllen lassen.  Die schweren Regentropfen, die einzeln durch das
Bltterdach auf ihn eindrangen, fhlte er kaum in seinen dichten
Haaren.  Er horchte aber unverwandt nach der Stadt hin, und als es elf
geschlagen, hob er sich leise empor und schlich an eine Stelle dicht
ber der Strae, wo die Laube durch grobe Krbisbltter und ein
vortretendes Muerchen zu einem Sphewinkel ausgebaut war.  Hier
duckte er sich hinter die Steine, die Hellebarde bequem zur Hand, und
zndete eine neue Pfeife an.  Sein Blut war viel ruhiger als ber Tag.
Es tat ihm wohl, da er zu tun bekam, da er seine heie Unruhe an
einer Gefahr austoben konnte.  Denn da der Welsche die Nacht nicht
vorberlassen wrde, ohne Rache zu versuchen, stand ihm fest.

Aber der Feind lie sich Zeit; er schien die Wchter sicher machen zu
wollen.  Man hrte die Mitternacht vorn Turm schlagen, und noch regte
sich nichts.  Einer der Saltner, der das Nachbargut htete, strich bei
seiner Runde an Andree vorbei.  Heut kommen sie nicht, sagte er.  Ich
geh' hinauf in die Htten.  Passiert was, so brauchst nur pfeifen.
Gute Nacht! murmelte Andree.  Es war ihm lieb, da der Kamerad zu
schlafen vorzog.  Er htte am liebsten ganz allein Mann an Mann mit
dem Welschen zu tun gehabt.

Wieder eine halbe Stunde verging, da horchte pltzlich der Einsame
hoch auf.  Unfern von ihm, wo ein Bauernhof zwischen den Weingtern
sich an den Berg lehnte, erscholl ein gewaltiges Brllen, und gleich
darauf strmte unter heftigem Krachen zersplitternder Gelnderstbe
eine dunkle Masse heran, die nichts Menschlichem glich.  Der
Lauschende sprang auf seine Fe, das Herz klopfte ihm, unwillkrlich
schlug er ein Kreuz.  Stufen und Mauerwerk trennten ihn von der Laube
drben, im Nu stand er auf dem Rande der Brustwehr und sphte, auf die
Hellebarde gesttzt, atemlos in das nachbarliche Revier, aus dem der
Lrm erscholl.  Es kam nher und nher, ein Geheul wie von einem
angeschossenen Tier in der Wildnis, das wtend den Jger sucht.  Und
jetzt donnerte es drben dumpf gegen die Mauer, die Steine wichen aus
den Fugen, strzten prasselnd die Stufen hinab, und nach strzte durch
die Bresche, sich berschlagend im Fall, das rtselhafte Ungetm mit
solcher Gewalt in den Treppenhohlweg hinunter, da die Mauer, auf der
Andree stand, wie von einem Erdbeben erschwankte.

Sofort wurde alles still, nur ein schwaches Gesthn drang zu den Ohren
des Lauschenden aus der Tiefe herauf, wo die schwere Masse
zusammengestrzt war.  Der Bursch war nicht mehr im Zweifel darber,
da es eine von den Khen des Nachbarn sei, deren Stall an den
Rebengarten grenzte.  Ein grimmiger Verdacht loderte in ihm auf.  Er
pfiff zweimal gellend auf den Fingern, sprang dann hinab und schwang
sich ber die Mauer auf die Strae.

Das gestrzte Tier lag am Rande des Weges halb zwischen den Steinen
eingeklemmt und schlug mit den Beinen um sich, die Hrner in den Boden
einwhlend.  Doch schien es von der Qual befreit, die es vorhin durch
die Lauben gehetzt hatte; es stie nur dann und wann ein dumpfes
Brllen aus, als wollte es Hilfe herbeilocken, und war zahm und
geduldig, als Andree herantrat.

Drei oder vier von den anderen Burschen kamen jetzt von verschiedenen
Seiten herbei, sie wechselten heftige halblaute Reden, ehe sie
Anstalten machten, dem Tier wieder auf die Beine zu helfen.  Andree
schwieg und sphte am Boden umher.  Pltzlich hob er mit dem Eisen
seiner Waffe etwas Glimmendes vom Boden auf.  Es ist richtig! sagte er,
ich dachte mir's gleich und roch es, wie ich herunterkam. 's ist eins
ihrer Bubenstcke.  Da seht!

Er hielt ihnen ein Stck Zunder hin, das trotz der Feuchte immer noch
fortbrannte.  Schandvolk! brauste er auf.  Sie haben's der
unschuldigen Kreatur ins Ohr gesteckt, um sie rasend zu machen.  Wre
sie nicht zu Fall gekommen, so htt' sich's durchgebrannt, bis ins
Hirn, und sie wr' jetzt fr den Schindanger reif.  So hat sich's
herausgeschttelt, und der Bauer kann von Glck sagen.  Htt' ich den
Buben, heiliges Kreuz--!

Der Kbele knackte am Hahn seiner Pistole.  Willst du mit mir kommen,
Andree?

Nein.  La das Ding da in Ruh, gab der Bursch finster zur Antwort.
Macht, da ihr die Kuh wieder zum Stehen bringt und schafft, sie heim.
Ich will allein gehen.

Er sprang mit groen Stzen geruschlos durch die Weiden gegenber und
ber das Wiesen- und Sumpfland; eine wilde Kampflust glhte in ihm,
die alle seine Sinne schrfte.  Der Regen fiel jetzt gleichmig und
mit starkem Rauschen herab, und der Wind sauste strker.  Dennoch
hrte Andree, als er dem Stadttor nher kam, ferne Schritte unter den
Weiden und sah jetzt auch, weit voraus, zwei fliehende Gestalten und
erkannte mit kaum verhaltenem Jauchzen die weien Jacken der verhaten
Feinde.  Kaum hundert Schritte noch, so hatten sie das Tor erreicht.
Aber sie kamen langsam von der Stelle.  Der eine--er war jetzt nahe
genug, es deutlich zu unterscheiden--hinkte mhsam am Arme seines
Kameraden hin.  Das Tier mochte sich mit seinen scharfen Hrnern zur
Wehr gesetzt haben.  Sie sprachen im Gehen von ihrer Untat, der
Hinkende lachte eben mit einer Stimme, die dem Rcher vom Morgen her
nur zu gut bekannt war.  Aber das Lachen ward jhlings zu einem Schrei
des Entsetzens.  Denn von einem wtenden Schlag der Hellebarde
getroffen, strzte der Elende in die Knie und winselte um Pardon.  Ein
neuer Sto streckte ihn stumm zu Boden.  Sein Geselle, der ihm
beispringen wollte, wurde von zwei sthlernen Fusten gepackt, ein
wildes Ringen begann in der Finsternis, keiner sprach ein Wort, nur
die Zhne der erbitterten Gegner knirschten, und sie starrten einander
dicht ins Weie der Augen.  Da sah der Soldat seinen Vorteil und
drngte den Feind dicht an den Rand des Grabens, da ihm der Fu auf
dem schlpfrigen Boden ausglitt und er rcklings niedertaumelte.  Ehe
er sich wieder aufgerafft hatte, war der Weirock entsprungen, und
Andree stand einsam neben dem regungslos daliegenden Welschen, der auf
alles Rufen und Rtteln kein Lebenszeichen mehr von sich gab.

Er ist hin! sagte der Bursch laut fr sich, da ihm die leblose Masse
wieder aus den Armen glitt.  Bei dem Ton seiner eigenen Worte
schauderte er unwillkrlich zusammen.  Sein ganzes elendes Leben stand
ihm pltzlich vor der Seele.

Nicht der Totschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel.
Sie waren als ruchlose Ruber bei nchtlicher Weile eingebrochen, und
was sie traf, war gerechte Rache fr ihre Heimtcke.  Wenn der andere
Weirock, der entflohene, der ihm vllig fremd war, so vor ihm
dagelegen htte mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache
seines eigenen Blutes gedrckt, wr' es dem trotzigen Burschen wohl
schwerlich nahegegangen.  Aber da es dieser sein mute, den er gehat
hatte, gehat, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war--seine
Schwester--!--Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es
jetzt zum erstenmal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah,
sein fluchwrdiges Schicksal.  Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am
Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht.  Was war ihm der
Frevel an den Rebstcken und dem unschuldigen Tier?  Einen ganz
anderen Frevel hatte er zu rchen: da dieser verwegene Gesell mit dem
Mdchen schn getan, da das Mdchen ber seine Reden gelacht, da sie
ihn gegen den Zorn des Bruders jetzt so verteidigt hatte.  Darum hatte
er ben mssen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der
vor ihm stand, war kein Hter des Gesetzes, sondern ein Mrder,
gechtet von seinem eigenen Gewissen.

Der Kbele kam jetzt heran, und sein Schritt schreckte den
hoffnungslos Brtenden auf.  Er sprach kein Wort auf alles, was der
andere redete und rannte.  Er bedeutete ihm mit stummen Gebrden, da
sie den Toten aufheben und in das Kapuzinerkloster tragen wollten, das
hart am Tor von Meran ber die Mauer blickt.  Erst dort an der
Klosterpforte, als sie ihre Last auf der Schwelle abluden, sagte er
dumpf: Zieh an der Glocke, Kbele, und wart, bis sie aufmachen.
Kannst ihnen sagen, da ich's getan hab'.  Und beht dich Gott; mich
wirst nimmer wiedersehen.--Damit wandte er sich kurz ab und verschwand
in der dunklen Strae.

Es war ihm eilig mit dem, was er vorhatte, doch konnte er nur langsam
seine Glieder weiterschleppen, so schwer lhmten ihn seine Gedanken.
Als er die finstern Bogengnge der "langen Lauben" betrat, wo er vor
dem Regen geschtzt war, setzte er sich auf einen der Steinsitze und
lehnte das schwere Haupt gegen den Pfeiler.  Hier sa ber Tag das
alte Mtterchen, das auf seinem Kohlenofen Kastanien briet.  Die Erde
war noch mit Schalen bestreut, die unter Andrees schweren Ngelschuhen
krachten.  Wie oft hatte er hier seinen Hunger gestillt, wenn er zu
stolz gewesen war, die eigene Mutter um Essen zu bitten!  Und dort,
wenige Huser aufwrts, war der Laden des Zuckerbckers, dem die Moidi
ihre Sparkreuzer hinzutragen pflegte.  Er sah noch deutlich das groe
Herz von Biskuit, das erste Naschwerk, das sie sich selber gekauft.
Sie hatte es mit ihm teilen wollen und, da er's ausschlug, in die
Passer geworfen, obwohl sie es sehr gern gegessen htte; denn sie
weinte, als sie es getan hatte.  Noch jetzt, da er an diese kindischen
Trnen zurckdachte, fhlte er eine triumphierende Freude, da er so
viel Gewalt ber ihr leichtsinniges, trotziges Herzchen gehabt hatte,
und in demselben Augenblicke erschrak er ber diese seine Freude.  Er
sprang verstrt wieder auf und tappte sich vorwrts in dem den
Hallengang, bis er an das Haus kam, wo der Zehnuhrmesser wohnte.  Die
Haustr war unverschlossen, der Flur mit der morschen winkligen Treppe
so dunkel, da jeder fremde Eindringling Gefahr lief, den Hals zu
brechen.  Andree stieg auf den Zehen hinauf, er kannte jede Stufe.
Die Fledermuse schwirrten auf, als er oben unters Dach trat, wo der
geistliche Herr sein Quartier hatte.  Da stand er eine Weile an der
Tr und horchte, ob er ihn drinnen im Schlaf atmen hrte.  Darin
entschlo er sich einzutreten.

Das Zimmer aber war leer; auch in der anstoenden Kammer, wo er selbst
als Knabe gehaust hatte, fand er ihn nicht.  Und als ob er sich jetzt
erst recht von Gott und Menschen verlassen fhlte, setzte er sich auf
das unberhrte Bett und dachte von neuem an all die Jahre zurck und
brtete ber finsteren Entschlssen.

Die groe Katze, die Haushlterin des Zehnuhrmessers, schlich sacht
heran, denn sie hatte ihn wohl erkannt, und knurrte schmeichelnd um
ihn herum.  Jetzt sprang sie ihm auf den Scho und rieb ihren weichen
Rcken gegen seine Brust.  Da strzten ihm die Trnen mit Gewalt aus
den Augen, und er begrub das Gesicht in das seidene Fell des alten
Lieblings.  Als er sich so erleichtert hatte, hob er das Tier sanft
von den Knien herab, richtete sich auf und tastete die schwanke Stiege
wieder hinunter.  Denn drauen schlug es ein Uhr, und er durfte nicht
zaudern, wenn er sein Vorhaben ungehindert ins Werk setzen wollte.

Er schlug den Weg ein, den sein geistlicher Freund am Morgen hatte
gehen wollen, nach dem Schlo hinauf, wo der Hirzer wohnte.  Der
Zehnuhrmesser war dort besonders gern gesehen; er mochte sich droben
in geistlichen Gesprchen mit der Tante Anna oder bei einer Weinprobe
versptet haben und ber Nacht geblieben sein.  Wenigstens wrden sie
dort wissen, wohin er sich gewendet habe.  So durchschritt der
Flchtling mit freierem Fue die Laubengasse und das Passeirer Tor und
betrat den steinernen Steg ber die wilde Passer.  Der Regen rieselte
jetzt weicher herab, das Gewlk wurde luftiger, und der Wind kam
lebhaft aus Nordost und klrte schon ein Stck des Himmels, da
schwache Mondstrahlen in die schumenden Wellen der Felsschlucht
fielen.  Da zur Linken den Berg hinauf, eine Viertelstunde Wegs, und
er htte in das Fenster sphen knnen, hinter dem seine Schwester
schlief.  Und hier ber die steinerne Brustwehr hinab--ein letztes
Gebet und ein rascher Sprung--und er wre aller irdischen Qual
entrckt gewesen.  Aber als ob ihm vor beiden Versuchungen gleich sehr
graute, schritt er nun hastiger ber die hallenden Steinplatten der
Brcke und trocknete sich den Schwei von der Stirn, als er drben die
Abhnge von Obermais betrat.

Die Saltner riefen ihn an, als er durch Gassen und Fupfade
hinaufstieg. Er wechselte das Zeichen mit ihnen, stand aber nicht Rede
auf weitere Fragen.  Immer ungeduldiger sah er zu der Hhe auf, von
der die alte Burg herniederwinkte, ein schwarzer, unfrmlicher
Steinhaufen, um den die Kastanienwipfel rauschten und ringsum durch
die Weingrten die Bche zu Tale flossen.  Dieses Weges war Andree
nicht mehr gegangen seit seinem siebenten Jahr, wo er einmal die
Kinder des Hirzers droben aufgesucht hatte, im stillen danach
verlangend, seine sanfte, blasse, schnugige Pate zu sehen, die Tante
Anna.  Damals hatte ihn der Bauer mit unholden Worten vom Hofe
weggescholten und ihm verboten, sich je wieder blicken zu lassen.
Knirschend war er gegangen, und nichts htte ihn vermocht, die
Schwelle wieder zu betreten.  Aber die Not, in der er war, lie ihn
all den alten Hader vergessen.

Erst wie er droben war, nach mhseligen Irrwegen ber die Felsen, fiel
es ihm aufs Herz, da er in dem Gewinkel des alten Baues nicht
Bescheid wute, und er stand einen Augenblick ratlos unter dem
Bogentor, das in den untern Hof einfhrt.  Er sah wohl die schmale
Holzstiege, die unter freiem Himmel an der verfallenen Mauer klebte
und die man hinaufstieg, um in die noch wohnlich erhaltenen Gemcher
zu gelangen.  Wenn er die feindseligen Mnner umsonst weckte und den
geistlichen Herrn nicht fand, in welchem Lichte mute er dastehen, und
was sollte er ihnen sagen, den nchtlichen Besuch zu entschuldigen?
Sein Kopf war so wst und leer, da er Mhe hatte, sich alles
zurechtzulegen.  Und fast wre er wieder umgekehrt, wenn nicht das
Geheul des Haushundes, der droben auf der Stiege in einem Loch der
Mauer geschlafen hatte, ihn aus aller Verlegenheit gezogen htte.

Denn kaum hatte der alte Wchter, der mit den Jahren zu trge geworden
war, sich von der Stelle zu rhren, aber in seinem leisen Schlaf jeden
fremden Schritt im Hofe vernahm, ein paar Minuten lang verdrossen vor
sich hin gebellt, so ffnete sich dicht neben seinem Lager die kleine
Tr, und eine weibliche Gestalt erschien oben auf der Treppe.  Andree
hrte, wie sie mit dem Hunde sprach und ihm seine unruhigen Trume
verwies und den Lrm, der die Tante Anna nicht schlafen lasse.  Rosine!
rief er hinauf.  Das Mdchen erschrak und trat in die Tr zurck.
Einen Augenblick horchte sie, auch der Hund schwieg. Als zum
zweitenmal ihr Name gerufen wurde, trat sie sphend an das
Stiegengelnder vor.  Wer ist drunten? rief sie mit zitternder Stimme.
Bist du's, Andree?

Ich bin's, gab der Jngling zur Antwort.  Ist der Zehnuhrmesser droben
im Haus?

Sie schien die Frage berhrt zu haben.  Im Nu war sie in das Haus
zurckgesprungen und lie ihn in zorniger Ungeduld drunten harren.
Rosine! rief er berlaut, da die Trmmerwlbungen widerhallten.  Da
trat sie schon wieder heraus, ein Tuch bergeworfen, und huschte an
dem Hunde vorbei, die steile Treppe hinab.  Andree!  Ist's mglich?
flsterte sie, hastig auf ihn zueilend.  Was suchst du hier zu dieser
Zeit?  Ist was passiert, mit der Moidi, oder-Den Zehnuhrmesser such'
ich, unterbrach er sie.  Sag, ob er oben ist, oder wo ich ihn finden
kann.

Er ist droben, antwortete sie rasch.  Komm hinauf.  Ich bring' dich zu
ihm, der Vater schlft fest, niemand soll's wissen als die Tante.

Auch die nicht, herrschte der Bursch.  Ich habe keine Zeit brig.  Gut,
da du bei der Hand warst.  Ich war drauf und dran umzukehren.

Sie stiegen die Treppen hinauf, der Hund winselte unwirsch, aber lie
sie unangefochten eintreten.

Ich hab' von dir getrumt, grad' eh' du kamst, sagte das Mdchen,
whrend sie in der Kche, dicht neben dem Hausgang, ein Lmpchen
anzndete.  Es war schrecklich.  Du lagst tot auf der Wassermauer; sie
hatten dich aus der Passer gezogen und wollten dich wieder zum Leben
bringen, und ich stand dabei und sagte immerfort: Lat ihn doch, es
hilft ja alles nichts!  Und dabei wurde ich selber eiskalt bern
ganzen Leib und erschrak vor meiner eigenen Stimme, aber ich mute
immer wieder sagen: Es hilft alles nichts, er ist tot--und da bellte
der Hund, und nun stehst du lebendig neben mir, Andree, Gott sei
gelobt!

Traum kann Wahrheit werden, murmelte er zwischen den Zhnen, aber er
wollte sie nicht noch mehr ngstigen und setzte laut hinzu: Ich lebe
noch, Rosine, aber ich mu fort von hier, du wirst bald genug hren,
warum.  Und diese Nacht noch mu ich gehn, sobald ich den hochwrdigen
Herrn gesprochen habe.

Das Mdchen lie die Lampe aus der Hand gleiten, da das l auf den
Herd flo.  Ihr feines blasses Gesicht rtete sich heftig, und die
schnen braunen Augen blickten verstrt auf, als htten sie ein
Gespenst gesehn.  Fort willst du? sagte sie.  Ist es mglich, Andree?
Die Moidi willst du verlassen und uns alle, und wann wirst du
wiederkommen?  Was ist denn geschehen?  Hat die Mutter wieder-Schweig
von der Mutter, fiel er ihr hastig ins Wort.  Frag nicht weiter, es
kommt alles an den Tag.  Und jetzt sag, wo der geistliche Herr schlft.
Ich habe keine Minute brig.

Sie nahm das Lmpchen mit demtigem Stillschweigen vom Herd und ging
ihm voran, durch den reinlichen Flur, von dessen weigetnchten Wnden
ein paar uralte braune Heiligenfiguren, die der Tncher geschont hatte,
aus traurigen langgeschlitzten Augen auf sie herabsahen.  Eine enge
Steintreppe lief hinauf zu den oberen Rumen; alles war durchduftet
von dem Geruch schner reifer pfel, die droben im Winkel
aufgeschichtet lagen.  Eine alte Wanduhr tickte mit hartem
Pendelschlag, und die Muse liefen, durch die nahenden Schritte
aufgeschreckt, kollernd und rappelnd in ihre Schlupflcher zurck.

Hier! sagte das Mdchen, auf eine groe altertmliche Tr zeigend.
Sie gab dem Jngling die Lampe in die Hand und blieb drauen im
Hausgang stehn, bis er eingetreten war.  Einen Augenblick fhlte sie
sich versucht, das Ohr ans Schlsselloch zu legen.  Darin schttelte
sie traurig den Kopf und schlich die Stufen wieder hinab in die de
Kche, zu warten, bis er wiederkme.

Er aber stand droben eine ganze Weile in dem ungeheuren, rings mit
dunklem Holz ausgetfelten Saal, wo in einer Nische dem geistlichen
Herrn ein Bett bereitet war, und konnte sich nicht entschlieen, den
friedlich Schlafenden zu wecken.  Zum erstenmal fhlte er es dunkel,
da sein teurer Lehrer und Seelsorger nicht die Macht hatte, Strme zu
beschwichtigen, wie sie in seinem Gemte tobten.  Eine dunkle Angst,
mit seinem beladenen Gewissen an eine sichere Stelle zu flchten,
hatte ihn hierher getrieben.  Aber der Frieden, der auf diesem ruhig
atmenden, leicht gerteten Gesichte lag, war nicht fr ihn.  Wozu
sollte er seine Notklagen, da niemand ihm helfen konnte.

Er zog schon den Fu zurck, um die Halle sacht, wie er gekommen war,
wieder zu verlassen, als der Schlafende, von der Flamme des Lmpchens
beunruhigt, eine Bewegung machte und mit noch geschlossenen Augen vor
sich hin sagte: Der heurige wird gut, aber der ferndige war besser.
Schau nur fleiig zu, Andree; der rote Farnatsch-Hochwrdiger Herr,
sagte der Bursch mit erhobener Stimme; ich bin hier und bitt' um
Entschuldigung, wenn ich Ihre Nachtruh' stre.  Aber ich mcht' doch
nicht weggehen, ohne Abschied von Ihnen zu nehmen.

Erschrocken fuhr der Trumende in die Hhe und starrte mit weit
aufgerissenen Augen den nchtlichen Besucher an.  Himmlische
Barmherzigkeit! rief er, was ist geschehen?  Andree--bist du's
wirklich, hier oben auf Schlo Goyen, bei nachtschlafender Zeit, und
mit einem Gesicht, mehr tot als lebendig?

's ist mir auch danach zu Mut, Hochwrden, erwiderte der Jngling.
Ich mu mich fortmachen, wie Kain, ich habe einen Menschen erschlagen
und keine Ruhe mehr auf Erden.

Andree! rief der entsetzte Hrer.  Du hast--Das Wort erstarb ihm auf
der Zunge; mit entgeistertem Gesicht sa er im Bette da und faltete
mechanisch die Hnde ber der rotgewrfelten Decke.  Der Jngling
erzhlte mit scharfer Krze, wie sich alles zugetragen.  Von der
Schwester sagte er kein Wort.

Er schlo damit, da er nun zunchst in einem Kloster Zuflucht suchen
wolle und den hochwrdigen Herrn bitte, ihm eine Empfehlung mitzugeben,
da man ihn nicht abwiese, wenn er ohne allen Ausweis anklopfte.
Dann schwieg er und wartete mit Ungeduld, was sein Seelsorger dazu
sagen wrde.

Der aber starrte in tiefen Gedanken vor sich hin.  Das geht nicht an,
mein Sohn, sagte er endlich mit bekmmerter Miene.  Die Gerichte
werden deine Auslieferung verlangen, und da du noch keine Weihen
erhalten hast, wirst du wieder zurckgebracht werden.  Und was knnen
sie dir auch so Schlimmes antun?  Du warst nicht der Angreifer und
hast im Finstern zugeschlagen, und die arme Seele des schndlichen
Rubers kann dich nicht verklagen vor Gottes Thron.  Also mein' ich,
du gehst ruhig aufs Amt und machst Anzeige und wartest ab, was das
Gericht dazu sagt.  Denk, wenn du landflchtig wrdest, was sollt'
deine Schwester anfangen, die keine Sttze hat als dich, wenn die
Mutter die Augen schliet.

Die Glut scho dem Jngling ins Gesicht, und er wandte sich ab.  Es
ist einmal nicht zu ndern, sagte er dumpf.  Hier bleiben, Rede stehen,
bestraft und bedauert werden?  Lieber gleich in die Hlle fahren,
--Gott verzeih' mir die Snde!  Wenn Sie mir nicht beistehen wollen,
Hochwrden, so sag' ich beht' Gott! und geh' meiner Wege. 's ist
was--fuhr er zgernder fort--, was ich Ihnen nicht sagen kann, das
stt mich fort von hier, da mir ist, als mt' ich grad' ersticken,
wenn ich zwischen diesen Bergen noch lnger Odem holen sollt'.  Und
wenn auch alles glatt abginge beim Amt, ich bliebe doch nicht, ich
ginge ins Kloster sowieso, da's unser Herrgott verboten hat, sich
selbst aus der Welt zu helfen, was ich freilich am liebsten tt'.
Aber irgendwo mu ich hin, wo ich fr alle und jedermann wie tot und
begraben bin und auch ganz vergesse, da noch Menschen auf der Welt
sind.  Dann kann ich's vielleicht aushalten, sonst nicht, so wahr ich
hier vor Ihnen stehe.

Der Priester zog die dnnen Augenbrauen mit einem lauschenden Ausdruck
von Wichtigkeit in die Hhe und wiegte den Kopf hin und her.  Was sind
das fr secreta mysteria? sagte er mibilligend.  Auch deinem
Beichtvater willst du's nicht sagen?

Dem wohl, erwiderte der Jngling ausweichend und immer tiefer errtend.
Aber erst wenn ich im Kloster bin.  Und darum bitt' ich instndig,
Hochwrden, da Sie mir zur Ruhe verhelfen und mich nicht ohne
Empfehlung gehen lassen.

Mag's drum sein, armer Sohn, sagte der kleine Priester mitleidig.  Du
hast frher einen guten Anfang gemacht in den geistlichen Studien, und
ich meine, vom Latein wird dir noch einiges hngengeblieben sein.  Ich
will dich an den Pater Benediktus empfehlen--und er nannte ihm den
Namen eines hoch im Vintschgau gelegenen Kapuzinerklosters, das wegen
seiner rauhen Luft wenig besucht ward--dem sage einen Gru von mir,
und morgen will ich einen Brief nachschicken, der ihm deine Lage
auseinandersetzt.  Und so befehle ich dich einstweilen in den heiligen
Schutz unsers Herrn Jesus und seiner gnadenreichen Mutter, und wenn
dir's ums Herz ist, Andree, deine heimlichen Nte auszuschtten, so
weit du, da du mir schreiben kannst und jederzeit eine willige
Frsorge und Teilnahme bei mir finden wirst.  Gott sei mit dir, mein
Sohn!

Er gab ihm in sichtbarer Bewegung die Hand, die der Jngling statt
aller Antwort ehrfurchtsvoll an seine Lippen drckte.  Dann ging er
mit erleichtertem Herzen hinweg und zog die schwere Tr sacht hinter
sich zu.

Aber so leise er den gewlbten Gang hinunterschritt--denn er scheute
sich, obwohl er sonst keine Menschenfurcht kannte, dem alten Bauern zu
begegnen--, unten horchten doch zwei klopfende Herzen auf seinen Tritt,
eine schmale, blasse Hand ffnete die Tr einer Kammer, die neben der
Kche lag, und ein zartes, frhgealtertes Gesicht sphte dem
Lichtschein entgegen, der ber die enge Steintreppe herunterfiel.  Die
Tante Anna war aufgewacht, da sie das Mdchen am Herde hantieren hrte,
und hatte sie zu sich hereingerufen.  Er will niemand sehen als den
hochwrdigen Herrn, hatte die Rosine gesagt.--Mich wird er schon sehen
mssen, war die leise, aber nachdrckliche Antwort gewesen.  Und dann
hatte sich die Tante mit Hilfe der Nichte in Eile angekleidet und,
ohne weiter ein Wort zu sprechen, auf dem Lehnstuhl am Bett gewartet,
bis der spte Gast die Stufen herabkme.  Sie hatten kein Licht in dem
engen Gemach als den schwachen Schein des Mondes, der durch die
kleinen Scheiben hereindrang.  Das Kruzifix ber dem Bett, der
Betschemel in der Ecke, das saubere Gert, das an den Wnden
herumstand, alles hatte eine wehmtige Heimlichkeit, wie sie eine alte
Jungfer um ihr Tun und Wesen zu verbreiten pflegt, wenn sie mit allen
Lebenshoffnungen abgeschlossen hat.  Diese Kammer hatte manche Trne
fallen sehen und manches heie Gebet flstern hren.  Und die Rosine
sah auch jetzt, da sich die stillen Lippen der Tante bewegten, und
wagte nicht, ihre andchtigen Gedanken zu stren.

Da erklang droben der Schritt; die Betende stand auf und trat in die
Tr.  Andree! rief sie leise in den Flur hinaus.

Der Jngling blieb unschlssig an der Treppe stehen.  Es trieb ihn,
ohne Aufenthalt seine nchtliche Wanderung anzutreten, und doch konnte
er nicht mit einem flchtigen Gru vorbereilen, zumal da er diese
stillen, liebevollen Augen nie im Leben wiederzusehen dachte.  Ihr
seid wach, Pate, sagte er endlich.  Ich bat die Rosine doch-Ich bin
voll selbst aufgewacht, antwortete sie.  Aber komm herein, Andree--und
sie zog ihn in die Kammer?  Und jetzt sage mir, was du vorhast, und
was geschehen ist, da du zu dieser Stunde hier heraufkommst.  Bist du
nicht auch Saltner unten am Kchelberg, und wie kommt's, da du deinen
Posten verlassen hast?

Sie hatte seine Hand gefat und diese Worte hastig an ihn
hingesprochen, als wollte sie eine innere Angst zur Ruhe sprechen.  Er
sah trbsinnig zu Boden und berlegte, wie viel er ihr vertrauen
sollte.  Seit Jahren hatte er nicht mehr ein Wort mit ihr gewechselt,
aber viel an sie gedacht und sehnlich gewnscht, sie einmal allein zu
treffen und ihr recht von Herzen zu sagen, wie er an ihr hnge, und
wie es ihm bitter sei, sie vermeiden zu sollen.  Und jetzt fhlte er,
wenn er sein heimliches Leiden irgend einem Menschen vertrauen knnte,
so wre es niemand als sie.  Aber die Rosine stand am Fenster, und die
Zeit drngte, und berdies--was sollte es helfen?  Auch diese Heilige
hatte keine Macht, ihm den Frieden wiederzugeben.

Pate, sagte er, der hochwrdige Herr wird Euch morgen alles erzhlen,
um was ich ans der Gegend fort mu.  Ich war ein elender Mensch von
Geburt an, ohne Vater und Mutter, ohne Glck und Stern.  Es ist das
beste, da ich der Welt absterbe, ehe ich auch ein schlechter Mensch
geworden bin.  Und darum will ich in ein Kloster gehen, und es ist mir
lieb, da ich Euch noch vorher gesehen habe; denn ich habe allezeit
eine groe Liebe und Verehrung zu Euch gefhlt, und der Himmel wei,
es stnde wohl besser um mich, wenn ich Euch fter htte sehen und
sprechen drfen.  Denn bei Euch ist mir allein auf der ganzen Welt
friedfertig und stille zu Mut gewesen, und ich dank' Euch, Pate, da
Ihr mich damals, da ich ein hilfloses Kind war, aus der heiligen Taufe
gehoben habt, und bitte, da Ihr fr mich beten wollt auch in Zukunft,
damit sich der Herrgott meiner erbarme.  Denn wahrlich, ich habe es
ntig.

Damit drckte er ihre Hnde und wollte mit einem Beht' Euch Gott! aus
der Kammer.  Aber die Alte hielt ihn zurck und sagte: Ins Kloster?
Und ich soll dich nimmer wiedersehen?  Ich mu alles wissen, Andree.
Geh hinaus, Rosine; hol ihm auch ein Glas Wein, er ist ganz bla und
kalt wie der Tod.  Heilige Mutter Gottes, was ist geschehen?

Schickt die Rosine nicht weg, Pate, erwiderte er ngstlich, denn er
fhlte, wenn er mit der Alten allein bliebe, wrde sie ihm das
innerste Herz auf die Zunge locken, so viel vermochte ber ihn die
sanfte Stimme und das groe schmerzliche Auge.  Seid mir nicht bse,
fuhr er fort, aber Ihr knnt nichts ndern, und wenn ich denken mte,
da ich auch Euch das Herz schwer gemacht htte mit meiner Trbsal,
wrde ich noch elender sein.  Aber wenn Ihr mir was Liebes tun wollt,
legt mir die Hand aufs Haupt und gebt mir Euren Segen mit, weil es ein
Abschied ist fr die Ewigkeit.

Er warf sich vor ihr auf die Knie, und sie tat, um was er sie gebeten
hatte.  Dann hob sie ihn auf, und wie sie ihm mit Trnen in das blasse
Gesicht sah, hielt sie sich nicht zurck, zog ihn fest in ihre Arme
und kte ihn lange und hei auf Mund und Augen, da auch er wie ein
Kind in Schluchzen ausbrach.  Sie standen eine geraumie Weile in
dieser inbrnstigen Trauer, und ber der Wohltat, sich so zu halten
und zu haben, verga die Alte ganz, was kommen sollte, und der
Jngling, was hinter ihm lag.

Pate, sagte er endlich, ich werd's nie vergessen, wie gut Ihr zu mir
gewesen.  Verget auch Ihr mich nicht, und so sei's genug.  Die Hhne
krhen bald.  Ich darf nicht weilen.

Andree, mein armes Kind! hauchte die Alte und sank in den Sessel
zurck, als er ber die Schwelle schritt.  Pltzlich fuhr sie auf, ein
Gedanke scho ihr durch den Sinn, sie rief seinen Namen, als htte sie
ihm noch etwas mit auf den Weg zu geben; dann fiel ihr Blick auf das
Kruzifix ber dem Bett, sie stand still, wie pltzlich vor einer
drohenden Gefahr zurckbebend, schttelte traurig den Kopf und ging
mit mden Schritten ans Fenster, um durch die Nacht zu sphen, ob sie
seinen Weg verfolgen knnte.  Ins Kloster! sprach sie vor sich hin.
Barmherziger Gott, dein Wille geschehe!

Drauen unter der Haustr im Dunkeln stand die Rosine, die vorhin aus
der Kammer geschlichen war.  Andree, sagte sie, als der Bursch sich
ihr nherte, du bist ja ohne Hut und in der Saltnerjacke.  Ich habe
dir ein Gewand von meinem Bruder geholt und einen alten Hut von ihm.
Er ist in Innsbruck und braucht's nimmer.

Der Jngling griff hastig nach der Lodenjoppe und vertauschte sein
Lederwams dagegen.  Ich dank' dir, Rosel, sagte er.  Auch du bist gut,
du bist wie die Tante.  Denk fein an mich, wenn ich fort bin.  Die
Sachen da schick' ich bald einmal zurck.

Das Mdchen schwieg, bis sie ihre ausbrechenden Trnen wieder
bezwungen hatte.  Wei es die Moidi? sagte sie endlich.

Nein.  Du kannst es ihr sagen, Rosel.  Gr sie noch ein letztes Mal
und dann--gute Nacht fr immer, Rosel!

Und er schritt, ihre zitternde Hand flchtig berhrend, die Freitreppe
an der Mauer hinunter, eilte ber den dsteren Hof und verschwand in
der lautlosen Nacht, die nun klar und abgekhlt ber Bergen und
Schluchten stand und einen heiteren Morgen ankndigte.

In aller Frhe sah man den Zehnuhrmesser eilfertig von Schlo Goyen
heruntersteigen, die Rosine mit ihm, die der Tante Anna ber das
blutige Abenteuer der Nacht nhere Nachrichten und der Moidi den
letzten Gru des Entflohenen bringen sollte.  Sie fanden unten in
Meran keine geringe Aufregung, das Landvolk stand auf der Strae
beisammen und wechselte feindselige Reden gegen die Soldaten, und
Andrees Name war auf aller Lippen.  Wo sich eine Uniform blicken lie,
wurde das Gesprch leiser, aber die Blicke wilder und die Fuste
drohend geballt.

Der kleine Mann des Friedens setzte seinen Weg mit wachsender
Bekmmernis fort.  Aber sein Gesicht heiterte sich wieder auf, als er
bei den Kapuzinern hrte, da der Welsche nicht tot sei, vielmehr nach
stundenlanger Ohnmacht Augen und Lippen wieder geffnet habe, und da
der Arzt alle Hoffnung gebe, ihn nchstens wieder marschfertig auf die
Beine zu stellen.  Auch der Bescheid, den er auf der Kommandantur
erhielt, war befriedigend.  Man war dort sehr geneigt, die Sache
niederzuschlagen, falls der Flchtling sich einstweilen im Kloster
still verhalten oder gar Profe tun wrde.  Eine schrfere Mannszucht
sollte die Wiederkehr hnlicher bser Hndel verhten.  Der
Spiegesell des Welschen sa im Arrest; der Bauer, dem das Weingut
verwstet war, sollte entschdigt werden.  Und so lie sich alles
trstlich und vershnlich an, und der sorgenvolle Menschenfreund
konnte der Tante Anna gute Zeitung schicken und zwei schne und
erbauliche Briefe ins Vintschgau hinauf entsenden, den einen an seinen
Freund, den Prior, den andern an sein Beichtkind, dem er ernstlich ins
Gewissen sprach, falls er sich mit schwerer Snde belastet fhle,
nicht zu sumen, sondern dem geistlichen Freunde seiner Jugend in
einem umgehenden Schreiben offene Beichte abzulegen.

Ein solches Schreiben aber blieb nicht nur in nchster Zeit, sondern
alle Wochen und Monate hindurch beharrlich aus.  Vom Prior freilich
lief bald darauf eine freundschaftliche Antwort ein, des Inhalts, da
der Andree Ingram richtig eingetroffen, auch bereits in die Laienkutte
gesteckt sei, da er seinen Entschlu, im Kloster zu leben und zu
sterben, auf die dringendste Art wiederholt ausgesprochen habe.  Ein
spterer Brief, erst um Weihnachten geschrieben, erwhnte nur kurz,
da sich der Noviz Andreas zu aller Zufriedenheit auffhrte,
schweigsam und bescheiden seinen Dienst tue und in den Stunden der
Mue in den Klosterbchern studiere, zu einem Schreiben an die
Seinigen aber nicht zu bewegen sei.  Von einem gebeichteten Geheimnis
stand natrlich in dem geistlichen Briefe nichts zu lesen.

ber diese Zeitung schttelte der kleine Hilfspriester nachdenklich
den Kopf, die Tante Anna schlo sich einen ganzen Tag in ihre Kammer
ein, um ungestrt unter Fasten und Gebet das Seelenheil ihres
Patenkindes dem Himmel zu empfehlen, Rosine ging mit gerteten Augen
und abwesenden Gedanken im Hause herum, selbst die Mutter, die
schwarze Moidi, verriet, da sie eine menschliche Regung fhlte und
sich im stillen ber ihre Hrte und Bosheit gegen den armen
Ausgestoenen anklagte.  Nur die Schwester selbst, die doch am meisten
an ihm verlor, schien am wenigsten um sein Schicksal bekmmert zu sein.
Sie behauptete, es sei ihr zum Totlachen, wenn sie sich den Andree
in der Kutte mit geschorener Platte vorstellen solle.  Auch knne
sie's nicht glauben, da er wirklich im Kloster hause.  Er habe gar
keine geistliche Gemtsart, und das alles sei nur ausgedacht, um dem
Militrgericht Sand in die Augen zu streuen.  Er werde drohen im
Vintschgau sitzen, Gemsen schieen und neuen Wein trinken, und eines
schnen Tages wieder zum Vorschein kommen, ohne langen Kapuzinerbart
und so weltlich, als er gegangen sei.

Der Weihnachtsbrief des Priors machte sie zuerst stutzig.  Drei Tage
lang ging sie herum, ohne zu lachen, und setzte sich endlich hin, dem
Bruder einen Brief zu schreiben, der voller Possen war, aber zum
Schlu die ernsthafte Mahnung enthielt, bald wiederzukommen, da sie es
"sehr notwendig nach ihm habe".  Sie zeigte den Brief der Rosine, mit
der sie jetzt fter zusammenkam; denn seit der Andree ins Kloster
gegangen, hatte der Bauer auf Goyen nichts mehr einzuwenden gegen den
Verkehr seiner Kinder mit dem einsamen Mdchen, das ihm ganz
gleichgltig war.  Rosine las den Brief stillschweigend und legte ihn
wieder hin.  Er war ihr lange nicht herzlich genug.  Wenn er darauf
nicht kommt, sagte die Moidi, so mu er einen Schatz haben, droben in
den Vintschgerbergen.--Wo denkst du hin? erwiderte die andere.  Der
Bote von Algund hat ihn selbst in der Kutte gesehen.--Moidi wurde bla.
Wenn's wirklich wre, ich grmte mich halbtot, sagte sie.  Dann wre
niemand dran schuld als--die Mutter, wollte sie sagen; aber sie
schwieg. Denn sie hrte die Alte im Nebenzimmer husten und sthnen, da
sie von einem jhen Fall auf dem Glatteis schwer daniederlag.  Es
waren bse Tage, und jede Nacht kam das Fieber und lockte wilde,
wunderliche Reden aus ihr heraus, ber denen ihr Kind glcklicherweise
einzuschlafen pflegte.  Der Zehnuhrmesser sprach fleiig vor, auch die
Tante Anna stieg, da es sich auf das Frhjahr verschlimmerte, einige
Male den Kchelberg hinauf.  Dann ging ihr Neffe, der Hirzerfranz, der
wieder von Innsbruck zurckgekehrt war, bis an die Tr des kleinen
Hauses mit, und whrend sich die Alten drinnen besprachen, fhrte er
in der blichen Weise ansehnlicher junger Burschen einen nachlssigen
Diskurs mit der blonden Moidi, die viel dabei zu lachen fand, obwohl
alles von seiner Seite ganz ernstlich gemeint war.  Moidi, sagte die
Rosine eines Tages zu ihr, ist's wahr, da du mit dem Franz im reinen
bist?  Er sagt's, und ich wrde es ja gewi wnschen, aber ich wei
nicht, ich kann es nicht glauben.--Warum nicht? sagte die Moidi
trutzig und strich sich mit gleichgltiger Miene die Haare hinters Ohr.
Einen mu ich doch einmal nehmen, und der Franz ist so gut wie ein
anderer.  Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, und du weit,
Rosel, ich kann nicht fort von der Mutter.  Mir eilt's auch gar nicht,
's ist nur so langweilig auf der Welt, seit der Andree fort ist, und
wenn der Franz kommt und mir was Neues erzhlt, oder auch nur da auf
die Bank hinsitzt und mich verliebt anschaut und sich dabei die
Nasenspitze fast verbrennt mit dem Pfeifel, hab' ich doch dabei was zu
lachen.

Die andere hrte das still mit an.  Sie begriff nicht, wie einem die
Liebe so lustig vorkommen knne.

Darber ward es Frhling, die Wiesen waren lngst wieder grn, die
Kastanienbume trugen frische Sprossen, und die Passer rauschte mit so
hohen Schneewassern unten am Damm vorbei, da man den Lrm bis oben in
dem kleinen Hause auf dem Kchelberge donnern hrte und die letzten
Nchte der schwarzen Moidi auch fr ihre arme Tochter schlaflos
vergingen.  Sie hatte dem Bruder nicht gemeldet, da es mit der Mutter
trbselig stehe.  Sie wute, er werde doch nicht kommen, und auch die
Mutter bezeigte kein Verlangen, ihn vor ihrem Ende noch einmal zu
sehen, obwohl sie seinen Namen in ihren Fiebertrumen oft genug nannte.
Ja, er war fast das letzte Wort, das von ihren Lippen kam, als sie
in einer strmischen Aprilnacht nach schwerem Kampfe verschied.

Ihrem Kinde graute, mit der Toten die einsame Wohnung zu teilen.  Sie
drckte ihr die Augen zu, betete ein paar Vaterunser und den
englischen Gru und schlich dann hinaus mit klopfendem Herzen in die
gewitternde Frhlingsnacht.  Da stand sie droben und sah in das weite
Etschtal hinaus, wo ber den hochgehenden Strmen das wetterleuchtende
Nachtgewlk hinjagte, und fhlte sich so armselig und allein, da sie
in bitterliches Weinen ausbrach.  Ein heftiger Zorn auf Andree berkam
sie.  Er konnte jetzt wohlgeborgen in seiner Klosterzelle sitzen und
die hilflose Schwester, die niemand in der Welt lieber hatte als ihn,
unter allen Schrecken und Nten ihres jungen Lebens allein lassen!
--Der Regen rauschte strker herab, und der Wind strich kalt um die
freien Berglehnen.  Zitternd tappte das verwaiste Mdchen an den
Wnden entlang bis in, den Schuppen, wo Andree als Knabe sein Lager
gehabt hatte.  Da in der Finsternis legte sie sich auf dieselbe Stelle,
und wie sie daran dachte, mute sie heftiger weinen und schlief
endlich schluchzend, hungrig und in aberglubischem Grauen vor der
Nhe der toten Mutter auf dem Maisstrohlager ein.

Aber sie verschlief mit dem Leichtsinn ihrer achtzehn Jahre alles, was
sie qulte, und als sie spt am andern Morgen aufwachte, mute sie
sich erst besinnen, da die Mutter wirklich gestorben war.  Auch
konnte sie, so gern sie es gewollt htte, keine rechte Trauer
erschwingen, nur ein unheimliches Gefhl hielt sie lange zurck, die
Tr zu ffnen und das Haus wieder zu betreten.  Sie fand aber drinnen
den Zehnuhrmesser und ihre Freundin, die Rosine, und war froh, da ihr
alle weitere Sorge abgenommen wurde.  Am Tage nach dem Begrbnis
sonnte sie sich schon wieder auf der Bank vor dem Hause und lachte
hell auf ber ihre jungen Katzen, die sich mit einem Maiskolben auf
dem Boden herumtummelten.  Vierzehn Tage spter sa sie im leichten
Wgelchen neben der Rosel; der Franz auf dem Bock kutschierte; sie
fuhren die Vintschgauerstrae hinauf, und wer ihnen begegnete, stand
still, um dem schnen blonden Mdchen nachzusehen, das in
Trauerkleidern dahinfuhr, aber die lustigsten Augen von der Welt in
der grnen Frhlingslandschaft herumschweifen lie.

Erst als sie das alte Kloster droben am Berg liegen sah, auf einem
kahlen, dunklen Granitkegel, ringsum nur sprlicher Baumwuchs, und die
Schlucht dahinter schon am frhen Nachmittag schwarz und schauerlich
wie ein Tor der Hlle, wurde sie still und ernsthaft und sprach kein
Wort mehr mit der Rosine, die nicht minder schweigsam zu dem
schwalbenumflogenen Glockenturm emporsah.  Ein armes Dorf lag unten am
Fu des Abhangs, nicht mehr mit edlen Kastanien, Weingrten und
Feigenbumen so lustig umwachsen wie die Drfer um Meran.  Auch das
fiel der Moidi aufs Herz.  Sie war nie eine Tagereise weit von Hause
entfernt gewesen und hatte sich die Welt je weiter weg, je herrlicher
vorgestellt.  Ganz blde und traurig stieg sie vom Wagen herab, als
sie vor der Tr der unsuberlichen Dorfschenke hielten.  Sie mochte
nicht erst hinein, sondern trieb die Rosine, sogleich mit ihr den
Bergweg hinaufzugehen, um den Bruder noch vor der Nacht zu sprechen.
Franz blieb bei den Pferden zurck.  Er war dem Andree schon frher
lieber aus dem Wege gegangen, als da er ihn gesucht htte.

So gingen die Mdchen allein, ihren gleichen, bequemen Bauernschritt,
sich an der Hand fassend, aber beide den Kopf gesenkt und ohne ein
Wort zu wechseln.  Nur als sie dem grauen alten Kloster so nahe
gekommen waren, da sie das Gras sehen konnten, das auf dem Dache
wuchs, stand die Moidi pltzlich still, blickte wie ein furchtsames
Kind die kahlen Mauern an und sagte tief atmend: Mchtest du da hausen,
Rosel?--Ihre Freundin schttelte nur den Kopf.--Das Herz wrde mir's
abdrcken, fuhr die andere fort; nichts Grnes herum, keine Weinrebe,
kein Kornfeld.  Du wirst sehen, es ist nicht wahr, da er den Winter
ber hier gewesen ist.  Wir finden ihn gar nicht.  Wer wei, wo er
steckt in der weiten Welt!

Auch darauf erwiderte die Rosine nichts.  Sie wute nur zu gut, da
sie ihn finden wrden, und frchtete sich davor, ohne recht zu wissen,
warum.  Als sie oben am Klostertor die Glocke luteten und den Bruder
Pfrtner nach dem Andreas Ingram fragten, nickte der Alte und sah die
hbschen Kinder forschend an.  Er soll herauskommen, warf die Moidi
rasch hin.  Es sei ein Bote da von Meran.  Aber sagt ihm nicht, wer.

Sie setzten sich auf eine steinerne Bank neben der Pforte und warteten.
Es ist richtig, Rosel, er ist doch hier; wie er's nur berstanden
hat! sagte die Schwester.  Sie strich sich mit den Hnden ber die
Stirn, die ihr glhte, und machte sich an ihrem Anzug zu schaffen, um
ihre Unruhe zu verbergen.  Die Rosine sa still an die Mauer gelehnt,
beide Hnde im Scho, die Augen zugedrckt, als blende sie das
Abendrot drben an den Berggipfeln.

Da klang die Pforte wieder, und mit einem Schrei: Andree, gr dich
Gott, ich bin's! strzte die Moidi dem Heraustretenden an den Hals.
In demselben Augenblick fuhr sie aber erschrocken zurck.  Er war es
und war es doch nicht mehr; der eine Winter schien ihn um zehn Jahre
gealtert zu haben.  Auch blieb er sprachlos vor ihr stehen und sah sie
unverwandt mit finstern, angstvollen Augen an, als warte er, da sie
in den Boden versinken mchte wie ein Spukbild, oder er selber aus
einem Traume erwachen.  Sie hatte sich's wohl spahaft gedacht, ihn zu
necken, wenn sie ihn wirklich in der Kutte she.  Jetzt war ihr das
Weinen nher als das Lachen.

Andree, sagte sie endlich, du schaust mich so wild an.  Hab' ich's
ungeschickt gemacht, da ich selber gekommen bin?  Da ist auch die
Rosel; sagst du ihr nicht einmal "gr Gott"?  Der Franz hat uns
gefahren; morgen wollen wir wieder heim, es ist so wst und traurig
hier herum, wie hast du's nur ausgehalten?  Freilich, man sieht dir's
auch an, ganz hager und bla bist du worden, als httst du schon
einmal unterm Rasen gelegen.  Aber es wird schon wieder werden, die
Luft ist hier so herb, du mut nun wieder nach Meran kommen, der
Zehnuhrmesser will's auch dein Herrn Prior schreiben, das Jahr ist ja
noch lang nicht um, und dann wohnst du in unserm Husel droben, denn
du weit noch nicht, Andree, die Mutter ist tot.

Whrend sie sprach, hatte sich ihre Beklommenheit wieder gelst und
ihre Zge erheitert, da es wunderlich war, wie sie das letzte, die
Todesnachricht, fast mit lachendem Munde vorbrachte.  Er schien sich
ebenfalls gesammelt zu haben und sagte jetzt mit seinem alten Ton: Ich
danke dir, Moidi, da du selbst gekommen bist, und dir auch, Rosine.
Aber da die Mutter tot ist, ndert die Sache nicht, und heimkommen
und wieder in Meran leben, daran ist kein Gedanke, eher da ich noch
weiter wegkomme, in ein Kloster drben in Italien, oder gar nach
Frankreich hinein.  Denn du hast freilich recht, die Luft hier taugt
mir nicht.

Er sah dster und scheu vor sich hin auf den grauen Felsboden.

Andree, fing sie wieder an, du darfst nicht so sprechen, wenn du mich
nicht ganz traurig machen willst und bse dazu.  Ich hab' gar keine
Freud' gehabt ohne dich den ganzen Winter, und jetzt, sobald ich
gekonnt hab', hab' ich alles im Stich gelassen und bin zu dir gereist,
und nun sprichst du von Weggehen nach fremden Lndern, als wenn ich
dich gar nichts anging'.  Wenn ich so Reden von dir hr', knnt' ich
fast denken, die Mutter htt' recht gehabt, als sie im Fieber immer
vor sich hin redete, du seist gar nicht ihr Kind, sie htt' dich ja
nur einer andern abgenommen, um mit einem sauberen Buben Staat zu
machen, da sie selber so wst war.  Ja denk, davon konnte sie halbe
Stunden lang reden, und wenn ich sehen mu, wie wenig du auf mich
hltst, fang' ich wahrhaftig an zu frchten, du wrst gar mein Bruder
nicht, weil du so hartherzig zu mir sein kannst.

Er war unwillkrlich einen Schritt zurckgetreten und starrte sie mit
weit aufgerissenen Augen an.  Moidi! stammelte er mit schwerer Zunge,
ist das wahr?  Kannst du's beschwren, da das wahrhaftig der Mutter
Reden gewesen sind?

Sie suchte seine Hand zu ergreifen und wurde von neuem traurig, als er
sie ihr hastig entzog.  Er warf einen scheuen Blick auf Rosine, die
vor dem Bnkchen stehen geblieben war, um die beiden erst allein sich
unterreden zu lassen.  Dann sah er wieder die Moidi mit einem Blicke
an, der sie zittern machte.  Rosel, sagte er jetzt, ich hab' mit der
Moidi was zu sprechen, wir sind gleich wieder zurck.--Damit winkte er
der Schwester, da sie mit ihm gehen solle, schritt eilig um die Ecke
der hohen Klostermauer und trat durch eine andere Tr in einen
Krautgarten, wo nur drben unter den Apfelbumen ein dienender Bruder
grub und pflanzte.  Sein Wesen war pltzlich verwandelt, sein Gesicht
glhte ber und ber, er schien wieder um zehn Jahre verjngt und
schritt rstig aus, wie damals, als er unter den Weinlauben die Wacht
hatte.

Jetzt, da sie allein in dein Grtchen standen, wandte er sich zu ihr
um.  Moidi, sagte er mit zitternder Stimme, sag das alles noch einmal,
was du von der Mutter gehrt hast, alles, und so lieb dir deine
Seligkeit ist, tu nichts davon, noch dazu; Tod und Leben hngen daran.

Er hatte jetzt ihre Hand ergriffen und drckte sie fieberhaft.  Ich
wei nicht, wie wunderlich du redest, sagte sie gelassen.  Was ist es
denn, wenn sie es auch gesagt hat?  Und gesagt hat sie's freilich,
Wort fr Wort und mehr als einmal.  Aber du weit ja, da sie einen
Ha auf dich hatte.  Vielleicht hat sie's nur gesagt, damit du keinen
Teil an der Erbschaft bekmst, weil sie mir alles allein gnnte.
Vielleicht war's auch nur so ein Geschwtz, weil sie Reue hatte ber
das Bse, das sie dir ihr Lebtag angetan.  Sie hat sich selber
einreden wollen, du wrst ein fremdes Kind gewesen, weil sie dich
nicht wie ihr eigenes gehalten hat.  Was liegt aber daran?

Besinne dich, drngte er; hat sie nicht gesagt, wer ihr das Kind
bergeben hat?  Ist kein andrer dabei gewesen, als sie's gesagt hat?
War's immer im Fieber, oder auch wenn sie nachts aufgewacht ist und
geglaubt hat, du schliefest, und sie sprach dann mit sich selbst, wie
sie ja auch sonst getan hat, als der Vater noch lebte?

Wer dich zu ihr gebracht hat?  Nein, davon hat sie nie geredet,
erwiderte das Mdchen und suchte sich ernsthaft auf alles
zurckzubesinnen.  Aber wart, es fllt mir ein, da der Zehnuhrmesser
einmal an ihrem Bette gesessen ist, als sie grad' wieder so irre
sprach, und da ist sie aufgefahren und hat ihre Kleider begehrt, sie
wollte zum Herrn Dekan hinunter, zum Gericht, bis an den Kaiser wollte
sie gehen, da es berall ausgerufen wrde, du seiest nicht ihr Sohn.
Ich kam aus der Kche hereingelaufen, da sah ich, wie der hochwrdige
Herr ganz erschrocken bei ihr stand und sie zurckhielt, und als er
mich eintreten sah, hat er sich zu ihr niedergebeugt und ihr lange was
ins Ohr gesagt, was ich nicht hab' verstehen knnen; darauf ist sie
still geworden.  Ob es im Fieber gewesen war oder sonst so in der
Einbildung, was kann es dich kmmern, Andree?  Und wenn's wirklich so
wre, mut du mich darum nimmer liebhaben?  Sind wir nicht doch wie
Bruder und Schwester gewesen, seit wir denken knnen, und nun wr's
auf einmal aus mit uns beiden?  Schau, Andree, ich knnt' mich nit so
ndern.  Und wenn's der Kaiser selbst ausrufen liee, wie's die Mutter
gewollt hat, du bliebst doch allezeit mein Bruder, und das Husel wr'
dein und der Weinberg und alles.  Zudem, ich werde doch nicht da
wohnen bleiben.  Denn du mut nur wissen, ich hab' mich mit dem
Hirzerfranz versprochen, und auf den Herbst halten wir Hochzeit, und
ich wohne dann droben auf Goyen.  Du bist doch nicht bs darber, da
ich dich nicht erst gefragt hab'.

Sie wagte ihn nicht anzusehn, als sie das sagte, sie wute selbst
nicht warum, aber es schien ihr in diesem Augenblick wie eine schwere
Snde, da sie dem Franz ihr Wort gegeben, und sie htt' es gern
ungeschehen gemacht; denn sie wute ja, da er mit ihrem Bruder nicht
gut Freund war.  Sie stand zitternd und demtig wie ein Kind, das
gescholten zu werden erwartet.  Doch als er immer noch schwieg, wurde
es ihr nur banger und trauriger ums Herz.  Sie htte lieber gescholten
sein wollen, und sich dann verteidigen und ihn endlich wieder gut
machen.  Aber die tdliche Stille zwischen ihnen war ihr schauerlich,
und endlich traten ihr die groen Tropfen in die Augen und rollten
ber das junge Gesicht.  Da brach er das Schweigen.

Moidi, sagte er, hast du's gern getan, oder haben sie dir so lange
zugeredet, ihn zu nehmen, bis du endlich ja gesagt hast?

Sie sah schchtern und immer noch weinend zu ihm auf Ach Andree, sagte
sie, verzeih mir's nur.  Ich wei selber nicht, wie es gekommen ist.
Sie haben mich nach Goyen hinaufgeholt, als die Mutter tot war, und da
hab' ich bei der Rosel geschlafen und war wie 's Kind im Haus.  Und
die Tante Anna hat auch gesagt, der Franz wr' ein braver Bursch, und
wenn ich ihn nhm', wr's fr alle das beste, zumal da er so unsinnig
vernarrt tut, und du warst ja nicht da, da ich dich htte fragen
knnen.

Und wenn ich nein gesagt htte, wrdst du dich daruin gegrmt haben?
fragte er hastig.

Sie legte ihre Arme um seinen Hals und sah ihn mit rhrender
Heiterkeit und Liebe an.  Ich hab'ihn ja nicht so lieb wie dich, sagte
sie, und tu' lieber, was du mir sagst, als was er von mir bittet.  Nun
ist es ein mal so gekommen, Andree, und es gb' eine neue
Todfeindschaft, wenn ich jetzt km' und sagte: Ich mag ihn nicht.  Sei
nur wieder gut und komm selber herber, die Tante Anna lt dich so
vielmals schn gren und es verlangte sie sehr, da du kmst, sie
htt' dir viel zu sagen, und ich mein', so heilig sie ist, wr' sie
doch gar froh, wenn du die garstige Kutte wieder auszgst, in der du
gar nimmer wie der schmucke Andree ausschaust, der du ehemals gewesen
bist.  Tu mir's zulieb', ich hab' doch keine Freud', wenn ich denken
mu, du lebst hier so traurig, und wenn dir was zustt, Krankheit
oder so, bin ich nicht da, fr dich zu sorgen.  Versprich mir's,
Andree, da du wenigstens zur Hochzeit hinunterkommen willst und alles
mit der Tante bereden.

Sie streichelte ihm bei diesen Worten zutraulich das Gesicht, und er
duldete es mit eingedrckten Augen, whrend ein leises Zittern seines
Mundes den inneren Kampf verriet.  Kein Wort mehr jetzt! brach er
endlich schweratmend heraus.  Ich komme morgen frh ins Wirtshaus
hinunter, dich noch einmal zu sehn.  Dann sag' ich dir, was werden
soll.  Tu deine Hnde weg von meinem Gesicht.  Sei guten Muts, Moidi.
Es wird alles werden, wie Gott will.  Hab gute Nacht!

Er sah sie nicht mehr an, sondern entzog sich ihr rasch, ging durch
den kleinen Garten den Klostergebuden zu und verschwand in der Tr,
ohne nur nach ihr umzublicken.  Sie aber sah ihm nach in schweren
Gedanken und dachte an die wenigen Worte, die er zu ihr gesagt, ob sie
nicht erraten knne, wie er es meine, und was er vorhabe.
Kopfschttelnd und in groer Betrbnis verlie sie endlich den Garten
und suchte die Rosel wieder auf, die in ngstlichem Kummer drauen
gewartet hatte.  Da die Moidi allein kam, der Andree nicht einmal
daran dachte, ihr eine gute Nacht mitzugeben, schnitt ihr durchs Herz.

Ich wei nicht, was er hat, sagte die Blonde.  Ich hab's wohl gewut,
ihm ist's nicht halb recht, da ich den Franz nehme.  Aber was soll
ich machen?  Morgen in der Frh will er hinunterkommen und mir
Bescheid sagen.  Er hat mich kaum angeschaut, und von Heimkehren will
er nichts wissen.  Wenn ich nur wt', warum ich mir's so annehmen
mu?  Ich knnt' ihn ja machen lassen und auch tun, was ich will, ohne
ihn zu fragen.  Aber ich bin's so gewohnt gewesen, solange ich denken
kann, und er war immer gut zu mir.  Ach, warum hat alles so kommen
mssen!

In solchen fruchtlosen Reden stiegen sie miteinander den Berg hinab,
und der Rest des Tages verging beklommen und einsilbig.

Der Franz war nie ein groer Redner gewesen, und was mit dem Andree
geschehen wrde, kmmerte ihn nicht im geringsten.  Er rauchte und
trank noch wohlgemut mit den wenigen Bauern in der Schenkstube, als
die Mdchen schon lange in ihren Betten lagen.

Freilich schlief nur die eine, die Moidi.  Rosine tat die ganze Nacht
kein Auge zu.

Als der Tag noch lange nicht graute, hrte sie einen Schritt drauen
ber den Hof kommen und sich dem niedern Fenster ihrer Schlafkammer
nhern.  Die Hunde schlugen an, wurden aber sogleich beschwichtigt.
Ihr klopfte das Herz, und sie sprang eilig aus dem Bett in banger
Ahnung.  Die Moidi schlief ruhig fort.

Die Schritte hielten richtig am Fenster still, und eine Hand pochte
leise an die Scheiben.  Moidi! rief die wohlbekannte Stimme.

Ich bin wach, Andree, erwiderte das Mdchen verstohlen; die Moidi
schlft noch.  Soll ich sie wecken?

Tu's, Rosel.  Sie soll sich fertig anziehen und geschwind machen; ich
hab' ihr noch viel zu sagen, eh' ihr heimfahrt.

Eine Viertelstunde verging, dann ffnete sich leise die hintere Tr
der Schenke, und die Moidi trat heraus, das Gesicht zwischen
Verschlafenheit, Neugier und Furcht gegen den Bruder gewendet.  Guten
Tag, sagte sie.  Du kommst aber frh.  Wenn du nur Gutes bringst,
Andree, wird's mich schon munter machen.

Tu deinen Mantel um, sagte er statt aller Antwort.  Es ist frisch, und
du bist die Luft hier nicht gewohnt.  Wir wollen ein paar Schritte
weit gehen.

Sie gehorchte willig und trat lachend in der winterlichen Vermummung
wieder zu ihm hinaus.  Das Schweigen ringsum, der fremde Ort, die
nchtliche de ber den Bergen, der Bruder ihr gegenber in der
Kapuzinerkutte, alles kam ihr abenteuerlich vor und weckte ihre alte
Lachlust.  Sie zog einen Zipfel des faltigen Mantels ber den Kopf.
Jetzt bin ich deine Kapuzinerin, sagte sie und nickte ihm mutwillig zu.
Er fate ihre Hand und ging schweigend mit ihr durch den Hof.

Die Pferde im Stalle rhrten sich, das Federvieh strubte die Flgel,
ein junger Hahn krhte voreilig den Morgen an.  Die Menschen aber in
den niedrigen Htten schliefen noch, bis auf eine arme junge Seele,
die in Schmerzen durch das trbe Fenster in den Hof starrte und sich
mit schweren Seufzern, glhend und frstelnd wieder zu Bett legte, um
den Tag heranzuwachen.

Die Sonne stand aber schon hoch, und noch waren die Geschwister nicht
zurck.  Der Hirzerfranz sa mit gerunzelter Stirn im Schenkzimmer
hinter der Flasche, lief alle Augenblicke auf die Strae hinaus, ob
von seiner Braut noch immer nichts zu ersphen sei, und schirrte
endlich die Pferde wieder ab, mit drohenden Flchen gegen den Andree.
Die Rosel sprach kein Wort, es war ihr zum Sterben traurig ums Herz;
es mochte nun geschehen, was da wollte, fr sie war es mit aller
Freude und Hoffnung vorbei.

Endlich gegen zehn Uhr brachte einer der Klosterbrder einen Brief,
den Andree schon in der Nacht an die Rosel geschrieben, drin stand,
da er einen Bugang zu einem Gnadenbilde gelobt habe, fr die Seele
seiner Mutter zu beten.  Er denke wohl, die Moidi werde ihn begleiten,
sie sollten daher ihre Zurckkunft nicht abwarten, sondern nach Haus
fahren.  Seinerzeit werde sie schon wieder in Meran eintreffen.

Als der Franz den Brief gelesen hatte, schlug er mit der Faust auf den
Tisch, da die Glser klirrten, und wollte im ersten Jhzorn auf und
davon und dem Andree nachsetzen.  Da aber die Kirche, zu der sich der
Ber verlobt, nicht in dem Brief angezeigt war, auch der Kapuziner
nichts anderes wute, als da der Prior dem Bruder Andreas Urlaub
gegeben habe, mute der Grimm und Ha des Burschen sich auf eine
sptere Gelegenheit vertrsten und einstweilen an den Rckzug denken.

Es war eine harte Reise fr die arme Rosine, neben dem zornmtigen
Bruder, der immer von neuem gegen den heimtckischen Verfhrer
loswtete und sich hoch verschwor, wenn die Moidi erst seine Frau sei,
dem Andree die Tr zu verschlieen, wie es auch sein Vater all die
Jahre her gehalten habe.  Er habe gleich Einspruch getan gegen die
dumme Reise zu dem nichtsnutzigen Findling, da er ja nicht einmal sein
rechter Schwager werden wrde.  Aber die Weiber htten sich's in den
Kopf gesetzt, die Tante Anna an der Spitze.  Ein Narr sei er gewesen,
da er nachgegeben habe.  Aber die Moidi wrde es noch zu hren
bekommen, und der Tante schenk' er es auch nicht.  Vor allem aber sei
sie, die Rosine, daran schuld; sie htte schon am Morgen nicht leiden
drfen, da er mit der Moidi abzog--und dann eine Flut von
brderlichen Scheltreden, die freilich der Schwester nicht tief gingen.
Denn ein viel hrterer Kummer hatte ihre Seele gepanzert.

Der Sommer kam, die Reben am Kchelberg hatten lngst abgeblht, und
die Weinbeeren schwollen und rteten sich, die erste Feigenernte war
vorber, und noch immer blieben die beiden Wallfahrer aus.  Als auch
die Weinlese verging und keine Spur der Entflohenen irgendwo zu Tage
kam, gab es wenige, die noch geglaubt htten, sie wrden berhaupt
jemals wieder auftauchen.  Da niemand so recht sich vorstellen konnte,
was den Andree in die Welt hinausgelockt habe, auch die meisten an
seinem Tun und Lassen nur geringen Anteil genommen hatten, war bald
von dem Schicksal der Geschwister nicht mehr die Rede.  Anfangs
freilich hatte man viel darber hin und her gertselt.  Denn das
befremdlichste war nicht die vorgespiegelte Wallfahrt, da die Tiroler
ein buwanderungslustiges Vlkchen sind, sondern da eine Stunde ber
das Kloster hinaus jede Spur der beiden jungen Leute wie weggeblasen
war.  Der Ziegenhirt des Dorfes hatte sie noch gesehen, wie sie
langsam und in eifrigem Gesprch einen Saumpfad die Hhen hinangingen.
Das Paar war auffallend genug, der blasse junge Novize mit dem
ernsthaften Gesicht und das schne blonde Mdchen im Bauernmantel an
seiner Seite.  Und doch als nach einigen Wochen auf des Zehnuhrmessers
Andringen in den nchsten Gebirgsdrfern nachgeforscht wurde, wohin
die zwei ihre Schritte gelenkt htten, entsann sich kein Schankwirt
und kein Bauer, da ein solches Paar an seine Tr geklopft habe.  Die
Hilfe der Landpolizei wurde in Anspruch genommen, mit nicht besserem
Erfolg.  Die Geschwister blieben verschwunden, als htte sich der Berg
gespalten, um sie fr immer in seinen geheimen Kammern dem Blick der
Menschen zu entziehen.

Als diese wundersamen Nachrichten von dem kleinen Hilfspriester auf
Schlo Goyen hinaufgetragen wurden, erregten sie einen Aufruhr der
verschiedensten Leidenschaften.  Nur der alte Hirzer trank ruhig
seinen Wein aus und sagte, es sei ihm lieb, da er nun hoffentlich von
der ganzen Ingrams-Sippschaft sein Lebtag kein Wort mehr hren werde.
Wenn das leichtsinnige Ding, die Moidi, sich je unterstnde, wieder
ber seine Schwelle zu treten, so solle sie ihn kennenlernen--und ein
Fluch dazu, mit dem er sonst in der Nhe des Zehnuhrmessers sich nicht
gern versndigte.  Dem Sohn befahl er gleich morgenden Tags sich
aufzumachen und um eine reiche junge Witwe in der Nachbarschaft zu
freien, deren Gter ihm gerade bequem lagen.  Franz nahm die Sache
nicht so kaltbltig auf Die Moidi hatte es ihm wirklich angetan; sie
war der einzige Gedanke, der seine trge Natur jemals in Flammen
gebracht hatte. Also lie er den Befehl des Vaters einstweilen auf
sich beruhen und lftete seinen Grimm auf alle erdenkliche Art, so da
die Seinigen viel Not mit ihm hatten.  Die Tante Anna verschwand auf
mehrere Tage in ihrer Kammer, legte Trauerkleider an, denn es stand
ihr fest, da die beiden verunglckt seien, wo sie nicht gar Hand an
sich selbst gelegt htten, und so weinte sie Tag und Nacht und wollte
niemand sehen als den hochwrdigen Herrn und die Rosine.  Mit dieser
stillen Dulderin sa sie schlaflose Nchte hindurch am Herde, einen
Rosenkranz zwischen den blassen Fingern, halb im Gebet, halb im
Gesprch die Stunden hinbringend.  Das Mdchen allein blieb steif und
fest dabei, da die beiden noch am Leben seien, und suchte es der
Tante immer wieder glaubhaft zu machen.  Da sie freilich je
wiederkommen wrden, hatte sie seit dem Abschied im Vintschgau keinen
Augenblick mehr geglaubt.

Am gelassensten blieb trotz seiner alten seelsorgenden Freundschaft
der kleine geistliche Herr.  Ja, es schien frmlich, als wre ihm
durch diese Selbstverbannung seines Zglings eine Last vom Herzen
genommen.  Er sprach noch immer fleiig vor auf Goyen, hrte jeden
nach seiner verschiedenen Gemtsart mit Wohlwollen an, sprach berall
zum Guten und wute das Gesprch bald auf die heurige Lese und die
Hoffnungen auf einen ausgesucht edlen Jahrgang zu lenken, ein
Gegenstand, den er mit tiefster Wissenschaft ergrndet hatte und
selbst den theologischen Errterungen mit der Tante Anna entschieden
vorzog.

Und so war es hoher November geworden, das leere Haus oben auf dem
Kchelberg stand winterlich zwischen den kahlen Rebengrten, unten in
der Stadt Meran wogte das geschftige Treiben eines der jhrlichen
Schlacht- und Viehmrkte durch die engen Gassen, das Samstagsgelut
war verhallt, und der Zehnuhrmesser, der den Abend nicht mehr
auszugehen dachte, hatte seine alte Geige von der Wand genommen, um in
der Dmmerung noch ein Stck vor sich hin zu phantasieren, ehe die
Magd mit dem Nachtessen ihm das Licht heraufbrachte.  Der Kater lag
behaglich schnurrend im Lehnstuhl, ein erstes Feuerchen knisterte im
Ofen, da die Nacht khl zu werden versprach, vom Fenster her, wo ein
paar schne Geraniumtpfe standen, kam ein ser Duft, den die feine
Nase des geistlichen Herrn behaglich einsog, und whrend er in den
glcklichsten Flageolettnen alle Waldvgel auf seiner Geige berbot
und taktmig zwischen seinen niedrigen vier Wnden auf und ab schritt,
hatte er so seine gottwohlgeflligen Gedanken, wie ihm doch
eigentlich zur vollkommenen Glckseligkeit nichts Wesentliches mangle,
zumal da ihm einer seiner Amtsbrder drunten in Sankt Valentin eine
Probe des kostbaren Roten heraufgeschickt hatte, den die frommen
Brder in ihrem sonnigen Tal am Fu des Ifinger ziehen, und der heute
abend sein bescheidenes Mahl verherrlichen sollte.

Da klopfte es an seiner Tr, und in der Meinung, es sei eben nur die
Magd mit dem Gast von Sankt Valentin, rief er "Herein!", ohne sein
Spiel zu unterbrechen.  Aber der Bogen fiel ihm fast aus der Hand, als
die Tr aufging und wie ein Schatten aus einer andern Welt die Gestalt
des verschollenen Andree vor ihm stand.

Erschrecken Sie nicht, Hochwrden, ich bin's, sagte der Jngling,
indem er vollends hereintrat.  Da sehen Sie, der Kater kennt mich
wieder, der wrde wohl das Fell struben, wenn ich nur ein Spuk wre.
Ich htte mich angemeldet, aber von wo wir kommen, gibt's halt keine
Briefpost.

Er beugte sich zu dem schmeichelnden Tier herab, um seine Bewegung zu
verbergen.  Es war eine Weichheit und Sanftmut in seinem Wesen, die
ihn ganz verwandelt erscheinen lieen.

Der geistliche Herr war mitten im Zimmer stehen geblieben; es berlief
ihn kalt und hei.  Alles, was er in der ersten Bestrzung sagen
konnte, war: Und die Moidi?

Sie ist auch hier, Sie sollen alles wissen, denn ich habe niemand als
Sie, und wenn Sie mir nicht raten knnen, bin ich ein elender Mensch
in dieser und in jener Welt.

Indem hrten sie die Schritte der Magd auf der Treppe, und whrend die
Alte, die den Andree mit nicht geringerem Schrecken, aber freudiger,
wiedererkannte, den Tisch zum Nachtmahl rstete, die Kerze hinstellte
und ihrer berraschung in wunderlichen Ausrufungen Luft machte, hatten
die beiden Mnner Zeit, sich zu sammeln und auf das Gesprch, das nun
folgen sollte, im stillen vorzubereiten.  Die Magd ging zgernd wieder
hinaus.  Sie htte gern auf hundert Fragen Bescheid gehabt.  Indessen
frchtete sie sich vor der ungewhnlich feierlichen Miene ihres
hochwrdigen Herrn, der hinter dem Tische Platz genommen hatte, sich
fters die Stirn mit dem bunten Taschentuch trocknete und stumm das
erste Glas des roten Valentiners einschenkte, aber ohne es mit dem
gewohnten Kennerzug an die Lippen zu fhren.  Denn seine Zunge war
bitter von dem Vorgeschmack vieler unliebsamer Worte, die nun in der
nchsten Zeit gesprochen werden muten.

Andree aber brach das Schweigen und sagte: Sie verzeihen wohl,
hochwrdiger Herr, wenn ich mich setzen mu.  Aber wir sind heut
vierzehn Stunden ber die Berge gewandert, und dazu die Angst und Not
mit dem armen Weib, und Hunger und Kummer,--die Knie wollen mich
nimmer tragen.  Wenn Sie wten, Hochwrden, was wir ausgestanden
haben, so shen Sie wohl nicht so strenge von nur weg, denn Sie sind
allezeit ein barmherziger Herr gewesen und haben keinen reuigen Snder
ohne Trost und Strkung von sich gelassen.

Der kleine Seelsorger schien von diesen demtigen Worten getroffen zu
werden.  Er hob das Glas, lie es erst gegen die Kerze in seiner roten
Glut spielen, trank einen bedchtigen Schluck, und reichte es dann
seinem Zgling, dem er jetzt zum erstenmal gerade ins Gesicht zu sehen
wagte.  Trink einmal, Andree, sagte er; du wirst's brauchen knnen. 's
ist Valentiner aus den besten Lagen, kaum vier Wochen von der Kelter
weg, ich hab' ihn heut erst bekommen.

Andree nahm das Glas, trank es mit einer ehrerbietigen Verbeugung
gegen den geistlichen Herrn auf einen Zug aus und sagte, indem er es
wieder ber den Tisch reichte: Ich dank' Ihnen, Hochwrden.  Aber was
ich fragen wollte, und worauf Sie mir vor Gottes Angesicht antworten
mssen: Bin ich der Maria Ingram--Gott hab' sie selig!--ihr Sohn, oder
bin ich's nicht?

Damit war er wieder aufgestanden, trotz seiner Erschpfung litt es ihn
nicht in der Ruhe, er stemmte die geballten Fuste beide auf einen
Teller, der vor ihm stand, und heftete den traurigen Blick gespannt
auf das Gesicht seines geistlichen Freundes, der in nicht geringer
Unruhe auf seinem Armsessel hin und her rckte.

Mein Sohn, sagte er jetzt, wenn du mir versprechen willst, keine
weiteren Fragen zu tun, will ich die eine dir beantworten: Deine
Mutter hat nur ein Kind zur Welt gebracht, die Moidi.  Nun du das
weit, gib dich ber alles andere zufrieden; denn mehr zu sagen,
verbietet mir mein kirchlicher Gehorsam, und wrde dir auch zu nichts
frommen.

Die Spannung auf dem Gesicht des jungen Mannes lie pltzlich nach,
und die Zge wurden nur kummervoll und hoffnungslos.  Ich dank' Ihnen,
sagte er, aber es hilft mir nicht viel, denn das hab' ich schon gewut.
Auch wenn mir's niemand gesagt htt', meine Mutter knnt's nicht
gewesen sein.  Und ich wrde mich auch damit zufriedengeben, denn am
Ende, wenn meine Eltern ohne mich fertig werden knnen, mu ich mich
wohl auch ohne sie behelfen lernen, und hab's schon lange genug getan.
Aber das arme Weib, Hochwrden, das Tag und Nacht keine Ruh' hat,
weil sie meint, es wr' alles nur gelogen von der Mutter, weil sie
mich zu sehr gehat hat, und von mir, weil ich meine Schwester zu lieb
gehabt htte--nein, Hochwrden, da hilft nichts als Brief und Siegel,
sonst frcht' ich, sie macht's nimmer lang, denn es ist gar erbrmlich,
wie sie sich's zu Gemte gezogen, und Sie wissen wohl, sie hat eine
schwache Stelle irgendwo in ihrem Kopf, mit der nichts anzufangen ist.

Er setzte sich wieder mit dem Ausdruck tiefer Ermdung.  Der
Hilfspriester a und trank mechanisch, mehr um seine Verwirrung zu
verbergen, als weil ihn die Speisen gelockt htten, von denen er
keinen Bissen schmeckte.  Erzhl erst, sagte er, wie's so weit
gekommen ist.  Hernach wollen wir dann schauen, was sich noch
gutmachen lt.  Wo hast du die Monate her gesteckt, da kein Hahn
nach dir krhen konnte?

Nicht in der Kutte, hochwrdiger Herr, sagte der Bursch, und seine
Zge heiterten sich in der Erinnerung an gefhrliche und listige
Abenteuer ein wenig auf.  Sehen Sie, fuhr er fort, als mir die Moidi
zuerst sagte, ihre Mutter habe mich als einen Findling oder Gott wei
woher von der Alm mit heruntergebracht, da war mir's, als kme ich
pltzlich aus glhenden Ketten und Banden los, die ich allezeit mit
mir geschleppt hatte, und die auch im Kloster droben nicht von mir
abfallen wollten.  Denn nicht einmal in der heiligen Beicht' hat mir's
ber die Zunge gewollt, was ich die letzten Jahre her von wegen der
Moidi ausgestanden hab', und da ich's nicht berleben wrde, wenn ein
anderer sie heimfhrte.  Und das wut' ich ja wohl, da es eine
Todsnde war, wenn ich wirklich der Sohn ihrer Mutter gewesen wre;
und doch konnt' ich's nicht von mir abtun, denn es war strker als
mein bichen Verstand und Religion und alles, was ich von Ihnen
gelernt und in den heiligen Bchern gelesen hatte.  Als ich's aber mit
Hnden greifen konnte, da ich mich die langen Jahre unntz abgehrmt
hatte und gar nichts Sndhaftes dabei sei, wenn ich das Mdchen lieber
als mein Leben htte, da bin ich pltzlich ganz lustig in mir geworden
und hab' mir sogleich vorgesetzt, mein mt sie werden, und wenn der
Kaiser selbst uns wollt' auseinanderreien lassen.  Denselben Abend
aber hab' ich mir noch nichts merken lassen, nur wie ich in meiner
Zellen gesessen bin, da htt' ich singen und jauchzen mgen so laut,
da man's bis nach Meran hinunter htte hren sollen.  Ich hab' aber
allerhand Sachen herzurichten gehabt, auch den Brief geschrieben an
die Rosine, und so ist die Nacht auch endlich herumgegangen.  Und dann,
da es noch kaum dmmerig war, stand ich schon unten und holte das
arme Ding ab, das keine Ahnung hatte, was werden sollte.  Ich tat auch
zu Anfang ganz vernnftig, bis wir ein paar Stunden weit weg waren,
redete immer von der Wallfahrt, und sie war nicht bse drber, da ich
sie mit mir nahm.  Denn sie htte gern noch ein Stck weiter in die
Welt hineingeschaut.  Als wir aber hoch oben zwischen den Bergen waren
und sie immer neugieriger fragte, wo's denn hinginge, lie ich sie ein
wenig niedersitzen ins Moos, trat hinter einen Felsen und kam gleich
darauf wieder hervor, aber nicht mehr als Kapuziner, sondern in der
Jacke und Hosen und allem, wie ich's getragen hatte in der Nacht, als
ich von Goyen wegfloh; denn die Sachen, die dem Franz gehrten, hatte
ich noch immer nicht wieder zurckgeschickt.  Da lachte sie erst ber
die Maen und sagte, ich gefiele ihr viel besser so als in dem langen
Klosterrock, und wir aen zusammen auf, was ich heimlich mitgenommen
hatte.  Dann aber wurde sie auf einmal still, und ich mute ihr wohl
ganz besonders vorkommen, denn sie nahm mich scharf ins Gebet, und als
ich endlich in meiner Herzensfreude damit herausplatzte, ich wrde
nimmermehr in die Kutte zurckkriechen, auch gar nicht wallfahrten
gehen, sondern sie als mein Weib in die weite Welt entfhren, erschrak
sie gewaltig und fing heftig an zu weinen.  Ich aber gab ihr die
besten Worte und blieb ganz ruhig, damit sie nur nicht wieder einen
Anfall bekme von ihren alten Krmpfen; und so, whrend ihr die Trnen
immer langsamer flossen, setzte ich ihr auseinander, da es gar nicht
anginge, erst wieder nach Meran zu gehen und bei Pontius und Pilatus
anzufragen, ob sie auch nichts dagegen htten.  Das gbe einen noch
viel greren Lrm, als wenn wir gar nicht wiederkmen, und wenn wir
endlich doch einmal Heimweh nach unserm Husel erleiden sollten und
kmen in Meran wieder zum Vorschein als Mann und Frau, so mten's
eben alle hinnehmen, wie's wre.  Sie sollt' nur einmal an den alten
Hirzer denken und den Franz, wie die aufbegehren wrden, wenn ich
pltzlich vor sie hintrte und sagte: Die Moidi ist mein, und ich geb'
sie nimmer heraus.  Und die Tante Anna und der Herr Dekan und die
ganze Stadt, die uns so lang' als Bruder und Schwester gekannt hatten,
und das Geschrei und Geschreibe beim Amt und allen Teufeln!  Und
zuletzt spielt' ich den besten Trumpf aus und sagte: Wenn ihr freilich
der Franz lieber wre als ich, so mcht' sie's nur dreist sagen, es
wr' noch nicht zu spt, umzukehren und dann Abschied zu nehmen auf
Nimmerwiedersehen.

Da hielt sie's nicht lnger aus und fiel mir uni den Hals und rief
unter Lachen und Weinen, da sie keinen andern Willen htte als den
meinigen, und hernach half sie mir selbst groe Steine ber die Kutte
wlzen, da niemand sie finden und unsern Weg darnach aufspren sollte.
Und denselben Tag sind wir noch viele Stunden weit gewandert,
seelenvergngt und immer in der Einsamkeit, und haben manchmal
zurckgeschaut nach der Gegend, wo Meran liegen mute, und ber den
Franz unsere Schadenfreude gehabt, der nun ohne Braut nach Hause
fahren und den Spott aller Leute erdulden mute.  Ich hab' auch wohl
an Sie gedacht, Hochwrden, da Sie mir's belnehmen knnten, und an
meine Pate und die Rosel, die es immer gut mit mir gemeint haben.
Aber das hielt nicht lange vor.  Denn wenn ich die Moidi neben mir
ansah, die ich nun herzen und kssen durfte, soviel ich wollte, und
die geduldig dazu stillhielt--nun, Sie knnen das freilich nicht
wissen, Hochwrden, wie's einem ist, wenn er mit seinem Schatz so
mutterseelenallein unter freiem Himmel hinwandert; aber wenn Sie es
auch einmal so gut gehabt htten, zumal nach so langer Not, wrden Sie
uns beiden die Snde nicht so schwer anrechnen, sondern uns das
bichen Glck wohl gnnen, das so nicht lange gedauert hat.-Er
verstummte wieder und sah traurig vor sich hin.  Der Hilfspriester
schob den Teller zurck, seufzte einmal recht von Herzen auf und
schenkte das Glas wieder voll, um es seinem Beichtkind hinzureichen.
Der Bursch trank, seufzte dann ebenfalls und fuhr in seiner stillen,
eintnigen Weise fort:

Die erste Nacht haben wir auf einer Alm geschlafen, wo uns der Senner
zu essen gab, auch nicht weiter fragte, wer wir wren; denn wie es
zwischen uns stand, mochte er leicht erraten.  Er hat uns auch am
andern Morgen versprochen, keiner Menschenseele zu sagen, da er uns
in seiner Htte beherbergt habe, und so gingen wir guten Muts weiter
im Hochgebirg und waren noch glckseliger und verliebter als den Tag
vorher.  Die Gegend war mir ganz fremd, ich wute aber, wenn wir immer
gegen Westen zu wanderten, kmen wir zuletzt in die Schweiz, und weil
sie da Freiheit haben, zu leben, wie sie wollen, und keine Polizei,
dacht' ich einstweilen da zu bleiben, hatte auch keine Furcht, da sie
uns an der Grenze um unsern Pa fragen wrden; denn wo wir gingen,
hoch unter der Schneide der Berge hin, von Sennhtte zu Sennhtte,
ist's den Herren Landjgern zu abschssig, und wir sind auch kein
einzig Mal angehalten worden.  Nun mu ich aber noch sagen, da wir an
jenem zweiten Tag an eine Stelle kamen, wo ein steiler Grat mitten aus
den Wiesen aufsteigt, weit hher als die Muttspitz oder der Ifinger.
Da redete ich der Moidi zu, hinaufzuklettern und von da oben in die
Welt hinauszuschauen.  Ich hatte aber eine Absicht dabei; denn um die
Ferner und Schneefelder war mir's gar nicht zu tun.  Auf der Spitze
nmlich stand ein Kreuz, und hing auch der Herr Christus daran, ein
grobes Schnitzwerk, wie's einmal ein Senner mit dem Brotmesser
zustande gebracht haben mochte.  Mir aber war's gut genug.  Denn als
wir droben waren und die Moidi still und zufrieden um sich schaute,
nehm' ich sie sacht bei der Hand und knie mit ihr vor dem Kreuz hin.
Zuerst beten wir miteinander, hernach wollte sie aufstehen.  Ich aber
sag': Bleib noch knien, Moidi; 's ist noch nicht zu Ende.  Und da
fang' ich an und sage auf Lateinisch alles her, was notwendig ist, um
eine richtige Ehe zu schlieen, und hernach zieh' ich ihren silbernen
Ring vom Finger und geb' ihr den meinigen dafr und lege meine Hand
auf ihren Kopf und ihre auf meinen, whrend ich den Segen spreche; ich
dacht' eben, man mu sich zu helfen wissen, und wie's eine Nottaufe
gibt, mag's ja auch einmal eine Nottrauung geben, nichts fr ungut,
Hochwrden, und spterhin knnt's immer noch ordentlich und richtig
gemacht werden.  Sie mochte das auch bei sich denken, denn sie lie
mich machen, was ich wollte, und kniete andchtig vor dem Kreuz.  Wie
ich nun mit meinem Latein zu Ende war, kte ich sie von Herzen und
sagte: Nun bin ich dein Mann und du bist mein Weib, und nur der Tod
soll uns scheiden!--Sie nickte, und das Herz lachte ihr aus den Augen,
und darauf standen wir von den Knien auf und blieben noch eine Weile
droben stehen, und es war uns wundervoll zu Mut in der groen Stille
und Heimlichkeit, wie wir da mitsammen an die hundert Meilen weit auf
Lnder, Stdte und Flsse hinuntersahen, und niemand war bei uns als
unser Herrgott, vor dessen Angesicht wir uns eben Treue bis in den Tod
gelobt hatten.

Sie kennen ja die Moidi, Hochwrden, und da sie lieber lacht als
weint, auch fr ihr Alter noch immer zu viel Kinderpossen im Kopf
hatte.  Aber an unserm ganzen Hochzeitstag haben wir gar nicht gelacht,
auch nicht viel geredt miteinander, sondern sind so feierlich, als
wenn das ganze Gebirg nur eine groe Kirche wre, in der schnen Sonne
hingewandert, nur da die Moidi im Gehen Blumen pflckte und mir einen
hochzeitlichen Strau an die Jacke steckte, sich selbst aber ein
Krnzel band und an den Arm hing.  Geld hatten wir auch noch und
konnten in der nchsten Htte uns auftragen lassen, was der Senner nur
hergeben wollte.  So war's eine ganz lustige Hochzeit, und weder sie
noch ich dachten mehr daran, was dahinter lag und was noch kommen
sollte.

Das fiel uns alles zuerst wieder ein, als unser Geld auf die Neige
gegangen war; es mocht' eine Woche inzwischen verstrichen sein, und
von der Schweiz waren wir noch weit, da wir keine Strae einhielten,
sondern gingen, wo es uns lustig schien.  Am ersten Abend, als wir uns
mit leeren Taschen nach einem Nachtlager umsahen und wollten eben in
einen Heustadel kriechen, fiel mir ein groer Eindhof in die Augen,
und ich dacht': Da versuchst noch einmal dein Heil.  Wir fanden da
auch richtig ein Unterkommen, aber aus der einen Nacht wurde ein
halbes Jahr.  Denn der Hof gehrte einer Witfrau zu, die dort mit ein
paar Knechten und Mgden hauste, und den Oberknecht hatte sie eben
heiraten wollen, da hatte er sich beim Holzmachen verfallen, und die
Buerin trauerte um ihn wie um ihren ersten Mann.  Als ich ihr nun
erzhlte, ich htte flchtig gehen mssen, weil ich einen Welschen
erschlagen, und meine Schwester da--denn dafr gab ich sie aus, weil
die Buerin sich mit Eheleuten wohl nicht beladen htte--die Moidi
also htte mich nicht allein ziehen lassen wollen, und nun seien wir
ohne einen Kreuzer, da bot sie mir an, bei ihr in.  Dienst zu treten,
und fr meine Schwester gebe es auch Arbeit.  Das waren wir natrlich
zufrieden, und nur die Moidi machte mir hernach Vorwrfe, da ich sie
nicht fr mein Weib anerkannt' htt', und ich hatte Mhe, sie wieder
zu vershnen.  Also blieben wir, und der Sommer verging, und wir
hatten ber nichts zu klagen.  Denn da die Buerin ein Auge auf mich
geworfen hatte, wie ich nach und nach merkte, und mich zum Oberknecht
machte, um mich hernach wohl auch noch weiter zu befrdern, konnte ich
mir ja ruhig gefallen lassen und zur rechten Zeit noch immer nein
sagen.  Aber auf einmal wurde es mit der Moidi so traurig, da ich Tag
und Nacht keine Ruhe mehr hatte.  Es war vor etwa einer Woche, da
mhte ich auf der obersten Wiese und sehe pltzlich mein Weib
heraufkommen, mit einem ganz verwilderten Gesicht.  Und wie sie droben
ist, fllt sie vor mir nieder und beschwrt mich mit aufgehobenen
Hnden, ich sollt' sie umbringen aus Gnad' und Barmherzigkeit, sie
knne nicht leben mit der Snde auf dem Gewissen, sie trage ein Kind
unterm Herzen, und diese Nacht sei ihre Mutter ihr im Traum erschienen
und habe ihr zugeraunt: Der Andree ist doch mein Sohn, und dein und
sein Kind wird verflucht sein in alle Ewigkeit.

Sie knnen sich nun denken, Hochwrden, wie ich erschrocken bin; denn
da sie steif und fest dabei blieb, ist mir's selber zuletzt ganz angst
und bange worden, weil ich keine rechten und klaren Beweise hatte, es
sei alles doch so, wie wir's bisher geglaubt, und der Traum nur eine
Einbildung gewesen.  Herrgott, dacht' ich, wenn's dennoch wahr wre!
Und es berlief mich eiskalt, und ich dachte wahrhaftig einen
Augenblick, wie ich das arme hnderingende Weib vor mir auf der Erde
liegen sah: Das beste wr', du gingest mit ihr auf und davon, und wo's
recht jh in einen Abgrund hinunterschiet, drcktet ihr die Augen ein
und sprnget geradewegs in die Hlle.  Hernach wurde ich freilich fr
meinen Part wieder ruhig; ich berlegte alles noch einmal und blieb
zuletzt dabei: Es kann nicht sein!  Aber das arme Weib war nicht damit
zu getrsten.  Sie verlangte nicht mehr zu sterben, da's eine doppelte
Snde wr' wegen des Kindes, aber nach Meran zurck, und hier msse
sich's entscheiden.  Mir selbst war's ein saurer Gedanke; ich wute
wohl, da es ohne Lrm hier zu Hause nicht abgehen wrde.  Aber da die
Moidi immer verwirrter aus den Augen schaute, zudem auch die Buerin
was Unrechts witterte und mir antrug, die Schwester wegzuschicken,
mich aber zu behalten, da war schon nichts anderes zu machen, als
unser Bndel zu schnren und den harten Buweg anzutreten.

Ich will Sie nicht damit langweilen, Hochwrden, wie jmmerlich uns
unterwegs zu Mut war, wenn wir an so manche Stelle kamen, die uns vor
sechs Monaten angelacht hatte, und wo nun das arme Weib in jedem Wind
Stimmen zu hren glaubte, die sie anklagten und verdammten.  Wenn wir
Snde getan hatten, da wir ohne jemand zu fragen und ohne den Segen
der Kirche als Mann und Frau in die Welt gegangen waren, so haben
wir's auf dem Heimweg hundertfach abgebt, zumal ich selber, da ich's
fr sie mitzutragen hatte.  Und denken Sie nur, als wir wieder an die
Bergspitze kamen, wo ich uns im Frhling zusammengegeben hatte, war
das Kreuz verschwunden.  Wahrscheinlich haben's die Strme
hinuntergerissen.  Aber der Moidi fiel es aufs Herz, wie wenn das
damals nur ein Blendwerk des Teufels gewesen wre, der uns in die
sndhafte Ehe htte verlocken wollen, und sie fiel mir ohnmchtig in
die Arme, und eine Stunde lang hatt' ich zu tun, sie wieder zu sich zu
bringen.-Er schwieg, und es berschauerte ihn sichtbar wie ein
Fieberfrost, in der Erinnerung an alle berstandenen Drangsale.  Der
geistliche Herr war lngst aufgestanden und hatte hin und her wandelnd
die Beichte mit angehrt, whrend er in immer krzeren Pausen aus
seinem Dschen von Birkenrinde schnupfte.  Die letzte Prise hielt er
lange zwischen Daumen und Zeigefinger und stand dabei still vor einem
groen Kupferstich, die Magdalene in der Wste darstellend, dem
einzigen Schmuck seiner kahlen vier Wnde.  Er getraute sich nicht,
dem Rat- und Hilfesuchenden das Gesicht zuzuwenden, denn der Fall war
so schwierig, da er wenig Hoffnung hatte, alles glcklich
hinauszufhren.

Wo ist sie jetzt? fragte er endlich kleinlaut.

Droben in unserm Husel auf dem Kchelberg, versetzte der Bursch.  Wir
sind vor ein paar Stunden angekommen, ber Dorf Tirol, und die Leute
haben uns wiedererkannt und mit Fingern auf uns gezeigt, und wie ich
allein unten durch die Lauben kam, mochten sie's schon wissen, denn
sie sind mir ausgewichen, als htte ich eine Seuche und Pestilenz an
mir.  Droben aber sitzt das arme Weib und wartet, da ich Sie mit
heraufbringe, und wenn Sie keinen Trost fr sie haben, steh' ich fr
nichts.  Denn es ist ein verzweifelter Geist, der ihr aus den Augen
sieht, und ihr armer Verstand hngt an einem dnnen Faden.  Noch ein
Ri, so fllt er ins Bodenlose; darauf verlassen Sie sich, Hochwrden.
Drei Wochen knnen's weit bringen mit so einem armen Weib.

Er stand nun auch auf, als wollte er dadurch den schweigsamen
geistlichen Herrn zu einem Entschlusse treiben.  Der aber blieb noch
eine ganze Zeitlang vor dem Kupferstich, obwohl er kaum einen Strich
davon an der dunklen Wand unterscheiden konnte.  Erst die achte Stunde,
die es vom Turm schlug, schien ihn zu mahnen, da Gefahr im Verzuge
sei.  Er kehrte sich von der Wand ab, machte dem Andree ein Zeichen,
da er sogleich wiederkommen wrde, und stieg, das einzige Licht vom
Tisch mitnehmend, die Treppe hinab, immer tiefer und tiefer, bis der
letzte Schimmer verschwand.

Aber kein Vaterunser lang whrte es, so tauchte der Lichtschein wieder
auf, und der wrdige Herr erschien mit eilfertigem Keuchen und trug
eine Maflasche, mit einem zartgelben Wein gefllt, wie einen Sugling
im Arm, die Magd hinter ihm mit reinen Glsern.  Siehe, sagte er zu
Andree, der zerstreut und ungeduldig dareinschaute, dieses ist der
wahre Seelentrost und Mitstreiter, und ehe wir andere trsten, geziemt
es, unser eigenes Gemt zu krftigen.  Trink, armer Sohn; du wirst ihn
noch wiederkennen.  Er ist herber geworden seit den zehn Jahren, aber
reifer und gesetzter; da schau, er wirft keine Blschen mehr.

Und mit heiterem Gesicht hielt er das reine Gold gegen das Licht, ehe
er trank, und stie mit seinem bekmmerten Pflegling herzlich an.  Ich
hoff', es soll noch gut werden, sagte er, denn schon bte die Nhe des
edlen Trunkes ihre ermutigende Wirkung.  Gaudete in Domino semper,
stehet geschrieben, und darum trink, mein Sohn, und hernach wollen wir
auch der armen Berin ein Flschlein fllen, denn sie wird es
brauchen knnen.

Nun sprachen sie kein Wort mehr zusammen, sondern der Zehnuhrmesser
ging immer auf und ab, wie ein General in seinem Zelt, der ber den
Schlachtplan nachdenkt, und trank dazwischen in groen Zgen und
setzte das Glas jedesmal mit einem herzhafteren Ruck wieder auf den
Tisch.  Als die groe Flasche halb leer war, nahm er mit einem raschen
Griff die Geige von der Wand und fing an, immer auf und ab wandelnd,
eine schne alte italienische Kantate zu streichen, mit vielen krausen
Fiorituren verbrmt, ein Stck, das er immer an wichtigen und
bedeutsamen Tagen zu spielen pflegte, auch des Katers Leibstck, der
mit freudigem Schnurren auf den Tisch sprang, um das Licht
herumwandelte und mit den groen grnen Augen den Andree ansah, als
wollte er ihn auffordern, ebenfalls guter Dinge zu sein.  Dem aber
brannte vor Ungeduld der Boden unter den Fen, und nur seine
Ehrfurcht und das eigene Schuldbewutsein hielten ihn ab, den
geistlichen Herrn in seinem Konzert zu unterbrechen und daran zu
erinnern, da die Moidi die Minuten zhle, bis er ihr Trost brchte.

Endlich aber legte der geistliche Herr die Geige weg, trocknete sich
mit dem rmel seines Hauskleides die Stirn und fuhr dann rasch in sein
schwarzes Gewand.  Die Magd kam, go den Rest des Terlaners in ein
Flschchen, das Andree einstecken mute, brachte dem Herrn seinen Hut
und leuchtete ihnen die Treppe hinunter.  In der Laubengasse war es
indessen stiller geworden, nur aus den Schenken hrte man das Singen
und Lachen der welschen Maurer und Tagelhner und hie und da Streit
und heftige Reden, und die Wchter saen bei den offenen Buden und
rsteten sich auf die Nacht, die kalt zu werden versprach.  Als sie
auf den Platz kamen, wo die Kirche steht, blieb der Zehnuhrmesser
stehen und sagte: Geh jetzt voraus, mein Sohn; ich hab' erst noch beim
Herrn Dekan ein Geschft, zu dem ich dich nicht mitnehmen kann.  In
einer halben Stunde komm' ich nach; und sag einstweilen der Moidi, da
ich gesagt htt', es wird noch alles gut.

Er reichte dem Andree die Hand, die dieser ehrerbietig kte, und
stand dann noch eine Weile unten am Pfarrhaus, ehe er sich
entschlieen konnte, hinaufzugehen.  Aber der Terlaner half ihm, und
nur mit einigem Herzklopfen, wegen der steilen Steintreppe, langte er
droben in der Pfarrwohnung an.

Was er dort an jenem Abend gesprochen, und was ihm geantwortet worden,
hat er niemand verraten wollen.  Als er aber eine Viertelstunde spter
wieder hinunterstieg, war sein Wesen sehr verwandelt, der Geist des
Terlaners von ihm gewichen und eine tiefe Niedergeschlagenheit dafr
eingetreten.  Er seufzte oft, whrend er die rauhe Strae zum
Kchelberg hinanstieg, und als er endlich droben das Huschen liegen
sah, ans dessen kleinen Fenstern ein schwacher Lichtschein dmmerte,
seufzte er noch strker und wre am liebsten wieder umgekehrt.  Aber
wenn er nicht helfen konnte, wollte er die Armen wenigstens nicht
allein lassen in ihrem Unglck, und so ffnete er ohne anzuklopfen die
niedrige Tr und trat ber die wohlbekannte Schwelle.

Er fand das junge Paar in der Kche, wo die Mutter gestorben war; der
Andree stand am Herd und blies eben das Feuer an, um eine Polenta zu
kochen, die Moidi sa still und teilnahmslos auf dem Bett drben an
der Wand, den Mantel noch umgeschlagen, in welchem sie die weite
Wanderung gemacht hatte, als sei sie noch nicht zu Hause und werde
auch nirgends wieder eine Heimat finden.  Als der geistliche Herr an
sie herantrat und ihr guten Abend sagte, fuhr sie zusammen, machte ein
Bewegung, als wollte sie aufstehn, sank aber wieder auf das Bett
zurck und sa in sich geschmiegt, die Hnde vors Gesicht gedrckt,
ohne einen Laut von sich zu geben.

Moidi, sagte der kleine Herr, kennst du mich nicht mehr?

Sie nickte hastig vor sich hin.

Willst du mir nicht einmal ins Gesicht sehen, und hast kein Vertrauen
zu mir?

Sie antwortete nicht, aber er sah, wie ihr ganzer Leib zitterte.  Er
schttelte traurig den Kopf.  Andree, sagte er, geh einstweilen in die
Kammer, ich habe mit der Moidi allein zu reden.

Der Bursch gehorchte ohne Verzug, trat aber nicht in die Kammer,
sondern ging ins Freie; es war ihm zu eng und schwl in dem Hause, wo
er so viel Leids erfahren hatte.

Nun, meine Tochter, fing der Zehnuhrmesser wieder an, nun fasse ein
Herz zu mir und hre, was ich dir sage.  Ihr habt freilich Snde getan,
und wenn es euch hart ergangen ist, so habt ihr's als eine gerechte
Zucht und Bue vom Herrn hinzunehmen.  Aber so schwer ist eure Snde
nicht, da ihr sie nicht wieder gutmachen knnt, und was dich am
meisten ngstigt und dein Gewissen beschwert, kann ich--dem Himmel sei
Dank--von dir nehmen, indem ich sage und bezeuge: Andree ist nicht
deiner Mutter Sohn, und der Segen der Kirche darf und wird euch zu
christlichen Eheleuten machen.  Also sei getrost und erhebe dein
Angesicht und betrbe mich und den Andree nicht mit deinen
Einbildungen, die das bel nur rger machen und dem bsen Feind
entstammen, der die Seelen verderben will.

Er erwartete, da sie auf diese Worte ruhiger werden und endlich ein
Wort sprechen wrde.  Aber sie blieb unbeweglich sitzen, als glte
alles, was er sagte, nicht ihr.  Er trat noch nher zu ihr heran und
nahm ihr mit sanfter Gewalt die Hnde, die kalt und feucht waren, vom
Gesicht.  Da sah er, da ihre weichen, kindlichen Zge in den kurzen
Monden schmerzlich verwandelt waren.  Sie hielt die Augen fest
geschlossen, die Augenbrauen waren gespannt, wie von einem heftigen
Seelenkampf, die Lippen halb offen, und die blassen Wangen, deren
Umrisse feiner und schrfer erschienen, bergo pltzlich eine tiefe
Rte, als der geistliche Herr ihr die Hnde wegzog.

Er betrachtete sie mit tiefem Mitleiden.  Sprich ein Wort, Moidi,
sagte er mit Nachdruck.  Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht
wei, wo es dir fehlt.  Ist es dir nicht genug, da ich dir beteure,
der Andree ist nicht dein Bruder?

Da schttelte sie heftig den Kopf und ffnete die Augen mit einem
starren, wilden Wesen, das ihn erschreckte.  Ich wei es besser, sagte
sie dumpf vor sich hin.  Die Mutter hat mir's gesagt, ich soll mich
nicht irremachen lassen, sie htte alle betrogen, die geistlichen
Herren und das Amt und alle.  Aber den Herrgott betrgt niemand.  Wie
sollt's auch anders sein?  Wo ist denn seine Mutter, und warum hilft
sie ihm nicht, jetzt da er elend ist?  Ich wei es besser, uns hilft
niemand, niemand wird uns zusammengeben als der Tod, und nun geht und
lat mich allein, was sucht Ihr hier?  Ich mu nur erst das Kind-Da
stockte sie, und es schttelte sie wieder ber den ganzen Leib, und
sie schlo die Augen von neuem.  Pltzlich wurde sie wieder stiller,
als sinne sie ber etwas nach.  Ist es wahr, sagte sie mit furchtsamem
Ton, in die Kirche soll ich mit ihm, und Ihr wollt den Segen ber uns
sprechen?  Ja, wenn das anginge, das wre wohl schn.  Aber ich wei
es besser, ihr seid alle betrogen; wenn Ihr's tun wolltet und es km'
die Stelle, ob jemand Einspruch zu tun htte, da der Andree und die
Moidi ein Paar werden sollen, da wrdet Ihr's erleben, da wrde
pltzlich die Mutter am Hochaltar stehn und lachen, da sie Euch
betrogen hat, und Ihr knntet den Segen nicht sprechen.  So wird es
kommen; ich wei es besser!

Moidi, sagte der geistliche Herr mit fester Stimme, du bist ein
unwissendes Ding, und was du da schwatzest, ist alles eine
Vorspiegelung des bsen Feindes, um dich in noch grere Snde zu
verstricken.  Ist es dir nicht genug, wenn ich dir sage, ich wei, wer
des Andree Mutter und Vater sind, und ich darf's nur nicht sagen, weil
es mir von denen verboten ist, denen ich Gehorsam schuldig bin?

Sie sah pltzlich gro auf zu ihm, ohne ein Wort ber die Lippen zu
bringen.  Aber in ihrem Gesicht lag ein so angstvolles Flehen, da er
tief davon erschttert wurde und sich abwenden mute, um sich wieder
zu fassen.  Da hrte er, wie sie leise hhnisch vor sich hinlachte.
Seht Ihr wohl, sagte sie, Ihr knnt mir nicht dabei ins Gesicht sehn,
es ist alles erlogen, nur damit ich wieder froh werden soll; der
Andree wird Euch darum gebeten haben, es geht ihm so zu Herzen, aber
wer kann uns helfen?  Wenn Ihr wtet, wer seine Eltern sind, wrdet
Ihr wohl zu ihnen gehn und ihnen davon sagen, da man mit Fingern auf
die Moidi und den Andree zeigt, weil die Leute sagen, sie seien Bruder
und Schwester und htten doch ein Kind.  Aber Ihr knnt die Eltern
nicht rufen, denn wo sind sie?  Die Mutter kenne ich wohl, sie hat
mir's im Traum gesagt, mich macht niemand irre, ich wei es besser!-Da
widerstand er nicht lnger.  Hre mich an, sagte er und trat dicht an
ihr Bette.  Ich kann deine armseligen Reden nicht mehr hren und will
dir sagen, was ich wei, und was so wahr ist, wie da ein barmherziger
Gott im Himmel wohnt.  Aber gelobe nur erst bei deiner armen Seele,
da du nie einem Menschen, am wenigsten dem Andree, das wiedersagen
willst, was ich dir gegen meine Pflicht und kirchlichen Gehorsam
vertrauen werde, weil dein Geist schwer verstrt ist und es noch
schlimmer werden mchte, wofern ich schwiege.  Willst du mir auf das
heilige Sakrament versprechen, es fr dich zu behalten?

Sie nickte dreimal mit aufmerksamer Miene, in der ein schwacher
Schimmer von Hoffnung aufdmmerte.  Siehe, fuhr er fort, der Andree
bedarf's nicht; er hat keine Zweifel und Gewissensqual und wird dich
ohne Furcht in die Kirche fhren.  Und ich denke wohl auch, da dann
seine Mutter mit unter den anderen sitzen und im stillen den Segen
mitbeten wird, aber nicht der abgeschiedene Geist der Maria Ingram,
deiner armen Mutter, sondern--und er neigte seinen Mund dicht an ihr
Ohr--die Tante der Rosine, die Anna Hirzer, die ihn aus der Taufe
gehoben, die wird mitbeten und wahrlich keinen Einspruch tun.

Er hatte die Worte mit hastigem Flstern herausgestoen und fuhr, wie
von seiner eigenen Rede erschreckt, in die Hhe, ob kein dritter sie
gehrt habe.  Das junge Weib sa still und starr; es war, als htte
die Enthllung dieses Geheimnisses keinen Eindruck auf ihre verstrte
Seele gemacht.

Nun du so viel weit, meine Tochter, fing der kleine Priester nach
einer Pause wieder an, sollst du auch wissen, wie das alles gekommen
ist, denn sonst dchtest du, auch das sei nur eine Vorspiegelung.  Du
weit aber wohl, da deine Mutter den kleinen Andree damals von der
Alm mit heruntergebracht hat.  Auf selbiger Alm hat ihn die Anna
Hirzer geboren.  Ein Jahr zuvor nmlich ist ein fremder Herr aus
Deutschland nach Innsbruck gekommen, ein Offizier, der hatte einen
Feldzug gegen den Napoleon mitgemacht, und wie seine Wunden geheilt
waren, schickten ihn die rzte ins Tirol hinein, weil die Luft droben,
wo er zu Hause war, ihm nicht guttat.  Nun, da hat er die Anna Hirzer
auf der Strae gesehen, und es ist bald richtig zwischen ihnen
geworden, denn er war ein rascher und ritterlicher Herr, und was er
sich in den Kopf gesetzt hatte, das mute geschehen, grad wie der
Andree es von klein auf gemacht hat.  Aber die Sache hatte noch einen
schlimmen Haken, denn der Offizier--du hrst doch, was ich sage, Moidi?

Sie nickte rasch mit dem Kopf und hob beide Hnde auf, als wollte sie
ihn bitten, sich nicht ber ihr starres Wesen zu verwundern, sondern
ruhig fortzuerzhlen.

Ja siehe, Kind, sagte er, der Herr war sonst ein wackrer Herr, von
Adel und reich, und gedachte die Anna auch zu heiraten.  Aber er war
ein Lutheraner und wollte von unserer heiligen Kirche nichts wissen,
und die Anna weinte Tage und Nchte, da sie ihn in der Verdammnis
wissen und ihm nicht helfen sollte.  Und als sie merkte, da ihr
Bitten und Beten nichts ber ihn vermochte, ist sie zu ihrem
Beichtvater gegangen, der hat ihr geraten, ihr Herz Gott zum Opfer zu
bringen und vor dem Versucher zu fliehen.  Und weil sie ein frommes
und heiliges Gemt hatte, ist sie auch wirklich von Innsbruck weg,
ganz heimlich, da es ihr Brutigam erst erfuhr, als sie schon wieder
auf Goyen angekommen war, bei ihrem Bruder.  Der hat sie sehr gelobt,
da sie lieber geflohen war, als das schwere rgernis zu geben; denn
du weit, da die Hirzers allezeit eifrig gewesen sind fr unsern
katholischen Glauben, und der Joseph pflegte zu sagen, lieber den
rechten Arm wollt' er missen, als ein Glied seiner Familie
verlorengeben an die Ketzer und Widerchristen.  Die Anna aber hatte
sich doch zuviel zugetraut, denn schon nach ein paar Tagen glich sie
sich selber nicht mehr und ging wie ein Schatten herum, nahm auch kaum
einen Mund voll Speise, da ich dachte, sie wird ausgehn wie eine
Lampe, der man kein l nachschttet.  Sie hing schon allzusehr an dem
Fremden, und Gott wei, was ich drum gegeben htte, wenn sich die
armen Leutchen htten ehelich verbinden knnen.  Ich hab' auch mit dem
Herrn Dekan damals viel verhandelt, aber zuletzt zerschlug sich's
immer wieder, weil die Kinder nicht auch verdammt sein sollten, das
htte auch die Anna nicht bers Herz gebracht.  Und so vergingen sechs
oder sieben Tage; da kommt der Joseph eines Morgens zu mir, feuerrot
vor Wut und rger, und erzhlt mir, der Ketzer, der Brutigam, sei ihr
nun wirklich nachgereist und wohne auf Schlo Trautmannsdorf, weil er
mit dem Grafen bekannt sei.  Was nun werden solle?--Ich wieder zum
Dekan, und wieder der alte Bescheid; und dann zur Anna hinauf und von
der zu dem Fremden--an die Tage will ich denken, so alt ich werden mag,
die haben mich nicht wenig Schwei und Herzblut gekostet.  Aber
whrend wir noch alle mit Sorgen und Reden und Raten zu schaffen
hatten und ich fast glaubte, wir wrden an dem Fremden, der ein sehr
ehrerbietiges Benehmen gegen mich hatte, der Kirche einen verlornen
Sohn zufhren, wute sich der trotzige und wagehalsige Mann heimlich
des Nachts auf Schlo Goyen zu schleichen und trotz der Wachsamkeit
des Joseph seine Liebste wiederzusehen.  Wohl vier Wochen lang dauerte
die Heimlichkeit.  Eines Morgens aber, noch lang vor der ersten Messe,
als er in der grauen Dmmerung eben wieder fortwollte und zwar wie
immer zum Fenster hinaus, wo neben der rauhen Burgmauer die Fichte so
dicht stand, da er sich wie an einer Leiter hinunterschwingen konnte,
da war der Joseph Hirzer frher als sonst aufgewacht und sah die
Gestalt herabklimmen und wute alles.  Da gab es einen wilden Kampf in
der stillen Schlucht droben, wo's nach der Naif zu steil abfllt, und
die Anna mute aus ihrem Fenster mit ansehn, wie der Bruder den
Brutigam zuletzt niederrang und ihn mit den Fen trat.  Der Fremde
war aber gegen einen Felsen gefallen und hatte sich so schwer verletzt,
da er sich nur mhselig, eh' es Tag wurde, bis nach Trautmannsdorf
schleppen konnte und dort elendiglich darniederlag.  Er verlangte
gleich, sobald er zur Besinnung kam, fort, und so lie ihn der Graf in
seinem eigenen Wagen nach Venedig bringen, und kaum drei Wochen war er
dort, so kam die Nachricht, da er gestorben sei.

Der kleine Priester schwieg ein wenig, nahm bedchtig eine Prise aus
dem Rindendschen und sagte dann, vor sich hin blickend: Friede sei
seiner Seele!  Er war ein feiner und edelmtiger Kavalier und
stattlich von Gesicht und Statur.  Der Andree ist sein wahres Ebenbild,
nur da er kleiner ist und die Augen von der Mutter hat.  Niemals ist
mir's so nah gegangen wie damals, zu denken, warum doch der
verschiedene Glaube unter den Menschen bestehen mu und der eine
verdammen, der andere selig machen.  Aber Gott hat es so eingesetzt,
und wir kurzsichtigen Menschen mssen es hinnehmen.  Ich war es selbst,
der aus Venedig die Nachricht der Anna bringen mute.  Das war auch
ein saurer Gang, meine Tochter!  Es ist aber hernach wieder friedlich
droben zugegangen, der Joseph und die Anna haben sich kein bses Wort
drber sagen drfen, sie hatten sich beide was zu vergeben.  Und wie
der Sommer kam, ist die Anna zum Schein nach Bozen abgereist, heimlich
aber ging sie auf die Alm zu deiner Mutter, denn auer uns fnfen hat
nie eine lebendige Seele erfahren, was in jener Nacht geschehen.
Nicht einmal auf Trautmannsdorf wuten sie, zu wem der fremde Herr bei
Nacht auf Besuch ging.  Und als alles vorbei war und deine Mutter den
Knaben von der Alm mit nach Hause gebracht hatte, da lie die Anna ihr
Testament aufsetzen und verschrieb ihr halbes Vermgen der Kirche von
Meran und die andere Hlfte der Kirche in Innsbruck, wo sie ihren
Brutigam zum erstenmal gesprochen hatte, und stiftete jhrlich eine
Anzahl heiliger Messen fr die Seele des Toten, ob der Herrgott sich
seiner erbarmen mchte.  Das ist nun alles so gekommen und nicht mehr
zu ndern, und ist besser, das alte rgernis, das nunmehr
eingeschlafen ist, nicht aufzuwecken.  Auch wrde es dem Andree bel
anstehn, das Testament anzufechten und die Seele seines Vaters der
kirchlichen Gnaden zu berauben.  Also ist es auch fr ihn heilsamer,
er erfhrt sein Lebtag nichts von Vater und Mutter, zumal er ja auch
kein Verlangen danach trgt.  Du aber, meine Tochter, wirst dessen
eingedenk sein, was du mir gelobt hast, und dann wird die heilige
Mutter Gottes Frbitte tun, da eure Snden euch vergeben werden und
ihr ein friedliches und Gott wohlgeflliges Leben miteinander fhren
knnt nach so mancherlei Prfung.  Amen!

Er hatte die letzten Worte in feierlich ermahnendem Ton mit erhobener
Stimme gesagt und wartete jetzt, ob sie noch eine Frage zu tun oder
einen Einwand vorzubringen hatte.  Sie aber sa mit geschlossenen
Augen ganz still auf dem Bette, den Kopf an die Wand zurckgelehnt,
die Hnde im Scho gefaltet.  Die ngstliche Wildheit war aus ihrem
Gesicht gewichen, die Stirn unter dem wirren blonden Haar geglttet
und heiter, ihre Brust atmete friedlich.  Nach einer kleinen Weile
neigte sich das Haupt auf die Schulter, und die verschlungenen Hnde
lsten sich.  Die Erzhlung des kleinen Seelsorgers hatte sie wie ein
Wiegenlied eingelullt, und sie war nach den Mhen und Beschwerden der
letzten Zeit zum erstenmal wieder in einen tiefen, traumlosen Schlaf
gesunken.

Der Hilfspriester stand auf, mit zweifelhafter Miene; eine solche
Wirkung seiner Seelsorge hatte er nicht erwartet.  Es fiel ihm jetzt
erst wieder aufs Gewissen, da er einem armen gestrten Wesen, das
schwerlich ganz zurechnungsfhig sei, das bedenkliche Geheimnis in die
Hand geliefert habe.  Und sie hatte nicht einmal ihr Gelbde, zu
schweigen, selber abgelegt und nur zu allem genickt mit zerstreutem
Blick und vielleicht tauben Ohren.  Aber was geschehen, war nicht zu
ndern, und so viel wenigstens gewonnen, da sie schlief und also fr
diese Nacht kein Unheil stiften konnte.  Morgen lie sich dann weiter
sorgen.

Leise trat er von dem Bette zurck und ging aus der Tr.  Andree sa
noch drauen auf der Bank, stand aber nicht auf, als der geistliche
Freund herauskam.  Auch er, da er sein armes Weib in treuer Flut wute,
hatte die berwachten Sinne nach so langer Anspannung endlich wieder
sich selbst berlassen, und so war der Schlaf ber ihn gekommen, der
beste Seelsorger der Jugend.

Zu derselben Stunde dachte droben auf Schlo Goyen niemand an Schlaf.
Am spten Abend war ein Bursch aus Dorf Tirol, der auch vorzeiten der
Moidi nachgegangen war, zum Franz gekommen und hatte ihm die Neuigkeit
von der Heimkehr der beiden Verschollenen und wie es um die Moidi
stehe, hinterbracht.  Es sei ein groer Zorn unter allen Leuten und
ein allgemeines Gerede, das drfe, nicht geduldet werden, die
Geistlichkeit msse einschreiten und solchen Greuel mit Bann und Feuer
von der Erde tilgen, zum furchtbaren Exempel fr alle Zeiten.

Den Franz traf diese Nachricht gerade in der belsten Laune.  Er war
frischweg von einem Brutigamszwist mit der jungen Witwe nach Haus
gekommen, und da man ihm droben in solchen Stimmungen sorgfltig aus
dem Wege ging, griff er begierig nach dem neuen Anla, seine Galle zu
erleichtern.  Er konnte sich's nicht versagen, in das Zimmer zu treten,
wo der Vater hinter der Flasche und einem alten Zeitungsblatt, die
Tante und die Rosine an ihren Spinnrdern saen, um hier im derbsten
Stil die saubere Historie von den beiden Landfahrern zum besten zu
geben.  Niemand erwiderte ihm ein Wort, es war ihm aber schon eine
Genugtuung zu sehen, da die Tante totenbla wurde und der Rosel in
die Arme sank.  Sie hatte immer dem Andree das Wort geredet; nun
mochte sie's erleben, da er auf die elendste Art zu Grunde ging.  Mit
einem hhnischen Gute Nacht! ging er aus der Tr und strich mit seinem
Gesellen die steilen Pfade hinab durch die laublosen Kastanienwlder
der Stadt zu, um dort die Nacht zu verzechen und finstere Plne zu
schmieden.

Die drei, die auf Goyen zurckblieben, saen wohl eine Viertelstunde
schweigend beisammen, die Tante, die sich rasch wieder erholt hatte,
schien zu beten, Rosel sah, keines eigenen Gedankens fhig, auf den
Vater, der unverndert auf das Zeitungsblatt starrte und heftig
rauchte.  Endlich stand er auf, klopfte die kleine Holzpfeife
bedchtig aus und befahl der Tochter, zu Bett zu gehen.

Als er mit der Anna allein war, trat er dicht vor sie hin und sagte:
La einmal das Beten!  Man betet nichts weg, was einem der Teufel auf
den Weg gelegt hat.  Du hast gehrt, da der Landstreicher--ich mag
ihn nicht nennen--wieder einpassiert ist.  Kann wohl sein, da er Wind
davon hat, wie er auf die Welt gekommen ist, und Lrm machen will, um
sich aus der Klemme zu helfen.  Ich sag' dir aber, ber meine Schwelle
darf er mir nicht, weder er noch seine Dirne.  Unsere Familie soll
nicht an die vierzig Jahre in Ehren bestanden haben, um ber Nacht den
Schimpf zu erfahren, da solch ein lutherischer Findling sich bei uns
eingedrngt und des Joseph Hirzer eigene Schwester auf ihre alten Tage
in der Leute Muler bringt.  Wenn all dein Beten und Heiligsein zu
weiter nichts gut gewesen wr', als dich nach zwanzig Jahren zum
Kinderspott zu machen, so wollt' ich, du--Er schluckte die Fluchrede
hinunter, die er schon auf der Zunge hatte, denn sie sah ihm geradeaus
und mit ernsthaftem stolzen Blick in die Augen.--Es ist schon gut,
fuhr er in etwas gelinderem Tone fort, wir brauchen darber nicht viel
Redens zu machen, du weit so gut wie ich, was alles kommen wird, wenn
du nicht Vernunft behltst.  Ich lasse morgen frh anspannen und fahre
mit dir nach Lana, erst in die Messe, hernach zu unserm Vetter, wo du
so lange bleiben kannst, bis hier wieder reine Luft ist.  Denn ich
denke, es soll nicht lange hergehen.  Ich will die Hand in die Tasche
stecken und ihm ein Abstandsgeld anbieten lassen, wenn er sich
verpflichtet, das Weite zu suchen und nimmer heimzukommen.  Allenfalls
knnte man ihm das Haus samt den Gtern abkaufen und die Dirne in den
Kauf geben, so wre man ihn los und htte sich nichts gegen ihn
vorzuwerfen.  Ich will das noch berlegen, 's ist Zeit genug morgen
auf der Fahrt, und zu Mittag komm' ich dann heim und kann mit dem
Zehnuhrmesser den Handel abkarten, der vermag noch das meiste ber den
Tollkopf und wird selber einsehen, da alles Aufsehen vermieden werden
mu.  Handelst du aber meinem Willen zuwider, Schwester, so la dir's
gesagt sein: Ich treib's, soweit ich kann, damit ich dir nicht einen
Kreuzer herauszuzahlen brauch', und mt' ich mich unter die Erde
prozessieren.  Nun weit du's, und nun sei gescheit und rede mir
nichts drein und such keine Finten und Umwege.  Denn es wre umsonst;
darauf magst du das Sakrament nehmen.

Er ging aus dem Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten, und sie hrte,
wie er noch einmal in den Keller hinabstieg, um sich einen Schlaftrunk
zu holen, den er trotz seiner festen und zuversichtlichen Rede wohl
brauchen mochte.  Die Rosine schlich wieder herein und sah die Tante
mit scheuen, verweinten Augen an.  Komm, sagte die Alte, wir wollen in
meine Kammer gehen; ich habe dir was zu sagen.

Sie stand ruhig auf von ihrem Spinnrad, und ihre Hand, die das Licht
ergriff, um es ber den Flur an ihr Bett zu tragen, zitterte nicht.
Whrend der Bruder ihr seinen harten Willen erffnet hatte, war auch
in ihr ein unerschtterlicher Wille erstarkt.  Sie war auch eine
Hirzerin, und der Bruder wute es wohl.  Und darum brauchte er den
Schlaftrunk, denn trotz seiner drohenden Sicherheit ahnte ihm nichts
Gutes.  So hatte ihn die Anna nur einmal im Leben angeblickt: als er
ihr zum erstenmal nach jenem nchtlichen Kampf wieder unter die Augen
zu treten wagte.

Der Schlaftrunk aber tat seine Schuldigkeit.  Als unten in Meran die
Glocken zur Frhmesse gelutet wurden, lag der Herr von Schlo Goyen
noch im tiefen Schlaf und berhrte es auch, da der alte Hofhund
freudig aufbellte und mit der Kette rasselte.  Auch der Franz konnte
es nicht hren, er hatte die Nacht in Meran zugebracht.  So stiegen
die beiden weiblichen Gestalten in ihren dunklen Sonntagsgewndern
unbemerkt die Holzstufen an der Mauer herab und traten ihren Weg durch
die neblige Winterfrhe schweigend und eilfertig an.

Sie hatten beide die Nacht durchwacht und den Morgen herbeigesehnt.
Denn die Alte hatte der Jungen alles erzhlt, was diese bisher nur
dunkel ahnte und aus einzelnen aufgefangenen Worten des Vaters, wenn
er im Rausch war, sich zusammenreimen konnte.  Das geheimste Fach
ihres groen Wandschrankes war aufgeschlossen worden, und alte Briefe,
ein kleines Bildnis des Toten und die verblichenen Geschenke, die sie
von ihm bewahrte, kamen zum erstenmal vor andere Augen als die beiden,
die nicht mde wurden, ber sie zu weinen.  Nur in dieser Nacht
vergossen sie keine Trne; sie leuchteten vielmehr von einem schnen
Heldenmut, der das ganze Gesicht wunderbar verjngte, die Wangen
rtete und auch jetzt, da sie durch den Morgen hinschritt, ihren Gang
jugendlich beflgelte, da die Junge der Alten nur mit Mhe zur Seite
bleiben konnte.

Es lag aber ein Nebel ber den Tlern der Naif und Passer, da sie wie
in einer Wolke wandelten und drben den Kchelberg und die Trmmer der
alten Zenoburg nur mit den obersten Zinnen ber den Dunst heraufragen
sahen.  Noch immer klang das Gelut und dazwischen das Tosen der
Passer, und auf den vielen Fupfaden links und rechts hrten sie
Kirchgnger, die ihnen im Nebelduft unsichtbar blieben, eifrig
miteinander reden und dann und wann die beiden Namen nennen, die ihnen
das Herz klopfen machten.  Unten am steinernen Steg war es bereits
lebhaft von Mnnern und Weibern, die ehrfurchtsvoll grten, als die
Anna Hirzer, die Heilige, in ungewohnter Hast durch sie
hindurchschritt.  Auch standen alle still und steckten die Kpfe
zusammen.  Denn die Alte wandelte nicht wie sonst mit dem Strome der
brigen links durch das graue Stadttor der Kirche zu, sondern man sah
sie in die steile Strae zur Rechten einbiegen, die auf den Kchelberg
fhrt.  Viele gingen ihr nach, zumal die Strae ungewhnlich belebt
war, als seien droben wundersame Dinge zu schauen.  Stieg doch die
Anna Hirzer hinauf, die Heilige, des Andree Pate.  Was wird sie dem
verirrten Paar, das in Schmach und Snde wieder heimgekommen ist, zu
sagen haben?  Will sie mit ihrer Heiligkeit die armen Snder gegen
geistliches und weltliches Gericht beschtzen, oder selbst das Wort
der Verdammnis ber sie aussprechen?

So raunten die Bauern und ihre Weiber untereinander.  Die Anna aber
sah nicht rechts noch links, erwiderte auch die Gre kaum mit einem
leisen Kopfnicken, sondern ging die steinige Fahrstrae hinan, als
wre sie schon ein abgeschiedener Geist, der weder irdische Beschwerde
fhlen, noch Menschenrede achten knne.  Dicht hinter ihr schritt die
Rosine mit de in stillen Gesicht, das alle gewohnt waren.  Nur war es
heute so bleich, da mitleidige Weiber es sich mit Achselzucken und
Kopfschtteln zeigten, whrend das Gesicht der Alten von einem
frischen Rot angehaucht war.  Sie nahm sich auch nicht die Zeit, auf
der halben Hhe auszurasten, wo eine Bank am Felsen stand.  Es war,
als triebe sie die Ahnung vorwrts, da sie keine Minute zu verlieren
habe.

Und freilich hatte die Nacht Unheil gebraut und gegen Morgen ein
drohendes Gewitter um das kleine Haus auf dem Kchelberg
zusammengezogen.  Bald nach Mitternacht war der Schlfer vor der Tr
aufgewacht, von der Klte geschttelt.  Er hatte sich sacht in den
Flur geschlichen, und als er sein armes Weib sanft eingeschlafen fand,
vor den Herd gestreckt, um noch ein paar Stunden auszuruhen.  Als er
von seinen bangen Trumen im Zwielicht des weien Morgennebels
erwachte, hrte er Stimmen vor dem Fenster und sah Gestalten durch die
Scheiben hereinsphen, die dann wieder verschwanden, um anderen Platz
zu machen.  Er horchte durch die Haustr, die er zum Glck in der
Nacht verriegelt hatte, und vernahm abgerissene Worte, die ihn nicht
zweifelhaft lieen, was drauen umgehe.  Aber wenn er erst durch den
Nebel htte blicken und die Straen und Grten berschauen knnen,
wre ihm vollends das Herz gesunken und das Haar zu Berg gestanden.

Denn drauen hatte sich die halbe Bevlkerung der Drfer Tirol,
Gratsch und Algund, durch welche sie tags zuvor in ihrem elenden
Aufzug gewandert waren, in dichten Massen angesammelt, und keinem kam
es darauf an, die erste Messe zu versumen.  Was sie hier suchten und
weshalb sie das Haus umstanden, wute so eigentlich niemand.  Bei
allen regte sich nur das dunkle Gefhl, da sich etwas Unerhrtes mit
zwei Menschen ereignen msse, die so unerhrt sich versndigt, die
Neugier, wie sich die Obrigkeit dem Greuel gegenber benehmen wrde,
bei sehr wenigen das Mitleiden.  Denn was die blonde Moidi etwa an
Teilnahme der Nachbarn geno, wurde durch die geringe Gunst, die sich
der wortkarge Andree erworben, ja durch die Feindseligkeit, zu der
sein herrisches Wesen die jungen Burschen gereizt hatte, vllig wieder
aufgewogen.

Und so hrte man unter den Haufen der Neugierigen nur finstere Reden
und sah nur strenge Gesichter.  Von Meran herauf gesellten sich nicht
wenige hinzu, auch ein stattlicher Trupp von den Weijacken, die des
Andree Abenteuer mit ihrem welschen Kameraden noch nicht vergessen
hatten, und je lnger das Gelut zur Kirche anhielt, desto zahlreicher
strmte drben aus den Passeirer Drfern das Landvolk die steilen
Bergpfade herauf Denn seitdem man Reben am Kchelberg gezogen und Wein
gekeltert hatte, war manche wilde und blutige Tat und mancher
emprende Frevel geschehen, aber einer Todsnde, die so frei und frank
sich vor das Auge der Menschen gewagt htte, konnte sich niemand
entsinnen.

Whrend nun das Summen und Murren der Volksmenge immer noch anwuchs
und doch keiner wute, was werden sollte, hrte man pltzlich, da
gerade die Glocken eben verhallten, eine rauhe Stimme berlaut rufen:
Schlagt die Tr ein!  Mit den Fusten will ich ihn herausschleppen,
den Lump, den elenden, in Stcke will ich ihn zerfetzen, hin mu er
werden, 's ist ihm geschworen, so wahr ich der Hirzerfranz bin, mit
vier Rossen soll er zerrissen werden und Glied vor Glied in die Passer
geschmissen, so gehrt sich's dem Hllenhund, und wer was dawider hat,
der soll's mit mir zu tun kriegen.

Eine lautlose Stille hatte sich auf einen Schlag ber die Kopf an Kopf
gedrngte Menge gelagert.  Die tausend neugierigen Augen richteten
sich auf die Strae, auf der der Hirzerfranz daherschwankte, rechts
und links von einem seiner Zechkumpane gefhrt, mit denen er die Nacht
drunten in der Schenke zusammengesessen hatte.  Er war ohne Hut, das
Gesicht stark gertet, aber sein Gang und Wesen nicht wie eines
Trunkenen.  Der Ha und das Bewutsein, der Wortfhrer der groen
Menge zu sein und eine preiswrdige Rachetat zu vollziehen, hatten ihn
nach kurzem Schlaf vllig wieder ernchtert.

Der Gefangene im Hause drinnen hrte die wtenden Worte deutlich und
gleich darauf das orkanartige Brausen der tausend Zurufe, die von
allen Seiten losbrachen und den Vollstrecker des Strafgerichts
ermunterten.  Er hrte, wie das Gewhl nher heranschwoll, und es
berlief ihn todeskalt.  Sein eigenes Leben htte er immerhin
darangegeben; die Welt war ihm feindlich gewesen von Jugend auf.  Aber
das arme junge Geschpf, das drinnen so ahnungslos von der
wochenlangen Mhsal ausruhte, wie konnte er es retten, wie ertragen,
da es um seinetwillen ein furchtbares Martyrium erlitt?  Sollte er
hinaustreten, um sich zu opfern und alle Schuld auf sich allein zu
nehmen?  Aber wer wrde ihn anhren, wer ihm glauben, selbst wenn er
sich auf das Zeugnis seines geistlichen Freundes berief?  Und doch
mute es versucht werden, auf alle Gefahr, denn das Getmmel drauen
erhitzte sich mit jeder Minute.  Er hrte jetzt auch, wie sein alter
Geselle, der Kbele, sich ins Mittel zu legen und den Franz
wegzudrngen versuchte.  Sie sollten warten, was das Amt beschlieen
wrde, der Herr Dekan solle gerufen werden oder der Zehnuhrmesser, der
der Beichtvater der schwarzen Moidi gewesen sei, es sei nicht richtig
mit dem Handel, die Gerichte wrden's schon ausweisen.  Und dann
wieder die berlaute Fluch- und Greuelrede des Franz, und dazwischen
Geschrei welscher Soldaten, das Ruheheischen einiger alter Mnner,
Zeter und Wehklage der Weiber und bis zu den fernsten Gruppen hinber
der dumpfe Widerhall einer emprten Menschenmenge, die von blinden
Leidenschaften hin und her gerissen wurde.

Der Gefangene gab sich verloren.  Schon bedachte er, ob er nicht die
Moidi wecken und dann seinen Stutzen von der Wand nehmen und sie und
sich erschieen sollte, um sie vor rgerem zu bewahren; da wurde es
drauen auf einmal stiller, und er hrte ein vielfaches Beschwichtigen
und Ruhegebieten, dem nur der Franz nicht gehorchte.  Aber auch dessen
Stimme verstummte pltzlich, und statt ihrer vernahm der Lauscher
drinnen im Flur die sanfte, aber feste Stimme der Tante Anna, die
jetzt nur noch wenige Schritte von dem Hause entfernt sein konnte.

Du solltest dich schmen, Franz, hrte er sie sagen, hier am heiligen
Sonntag zu toben und zu fluchen und die anderen Leute aufzuhetzen, die
alle nicht wissen, was sie hier tun.  Geh heim, auf der Stelle, und
zieh dein Feiertagsgewand an, und dann komm wieder herab zur Kirche
und bete zu unserm Heiland auf den Knien, da er dir deine Snden
nicht schwerer anrechne als dem Andree und der Moidi da drinnen, die
du armseliger Mensch zu Gericht ziehen willst, als wrest du der
Richter, und bist selbst nur ein unwissender, sndiger Mensch, wie wir
alle sind.  Steh mir hier nicht lnger im Weg, fuhr sie mit erhobener
Stimme fort, und ihr andern geht auch eurer Wege; nur ich habe ein
Recht, an diese Tr zu klopfen, denn da ihr es nur wit, da drinnen
wohnt mein Sohn, den ich mit Schmerzen geboren und lange Jahre
verleugnet habe, weil ich ein schwaches Weib gewesen bin und die
Schande vor der Welt gefrchtet habe.  Jetzt aber sage und bezeuge ich
vor dem Angesicht Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen
Geistes und vor den Ohren aller, die hier versammelt sind: Mein ist er,
und wer ihn anklagen oder schmhen will, der klage mich an, denn ich
habe es verschuldet, da er in Schuld und Elend gefallen ist, weil ich
ihn nicht an meiner Hand gehalten habe, wie eine Mutter ihr Kind
halten soll, sondern habe ihn einer Fremden berlassen, die ihn nicht
lieben konnte.  Nun wisset ihr's, und nun gehet in die Kirche hinunter
und betet fr eine groe Snderin, die ihr fr fromm und gerecht
gehalten und geehrt habt, und die von allen Frauen die letzte und
verachtetste sein mu, wenn Gott sich ihrer Reu' und Leiden nicht in
Gnaden erbarmen will.

Als sie das gesprochen hatte, blieb alles stumm, und niemand regte
sich von der Stelle, auer dem Franz, der verstrt zurckwich und
jetzt unter der Menge verschwand.  Die Anna aber pochte an die Tr des
Hauses, die sich alsbald ffnete.  Auf der Schwelle stand der Andree
wie ein Trumender.  Da sah er die Augen der Mutter auf ihn gerichtet
und sah, wie sie berflossen und wie ihr die Knie wankten, als sie
einen Schritt ihm entgegen tat, und sie wre vor ihm niedergefallen,
wenn er nicht beide Arme fest um sie geschlungen und sie wieder
aufgerichtet htte, da sie an seiner Brust sicher ruhen und sich
ausweinen konnte.  Jetzt erst kam wieder Leben unter die Volkshaufen;
aber sie lsten sich geruschlos auf, untereinander flsternd, die
Weiber drckten ihre Tcher gegen die Augen, die Mnner gingen
schweigsam hinweg. Viele blieben zurck und starrten in die offene
Tre, in der die Mutter mit ihrem Sohn verschwunden war.

Es whrte auch nicht lange, so traten sie wieder heraus, die Mutter in
der Mitte, der Andree zu ihrer Rechten, die Moidi zur Linken, alle
drei Hand in Hand.  Sie sprachen nicht miteinander, sie blickten mit
stillen Gesichtern wie verklrt vor sich hin.  Und als die Moidi
drauen der Rosel ansichtig wurde, lie sie auf einen Augenblick die
Hand der Mutter los und fiel der Getreuen mit weinenden Augen um den
Hals.  Dann zog sie die Freundin mit sich fort, und die vier wundersam
verbundenen Menschen gingen durch die stillen Haufen des Volks die
Strae hin, die nach der Stadt hinunterfhrt.  Ein lautloser Strom
Andchtiger schlo sich ihnen an.

Unten aber, wo der Marktplatz von Menschen wimmelte, ffnete sich
ihnen eine breite Gasse.  Das Gercht war ihnen vorausgeeilt, an allen
Haustren und Fenstern standen die Brger und Bauern, um die Anna
Hirzer zu sehen, die Heilige, die ihren Sohn einherfhrte, um ihn der
ganzen Stadt zu zeigen und Zeugnis abzulegen, da sie groe Snde
getan und der Barmherzigkeit ihres Gottes bedrftiger sei als mancher,
der sie heilig gesprochen.

Und eine Stunde spter, als die Zehnuhrmesse eingelutet wurde, kniete
die Mutter mit ihren beiden Kindern ganz vorn zwischen den Sthlen auf
dem kalten Stein.  Der Geistliche am Altar sah sie wohl.  Seine Stimme
zitterte, als er die ersten Worte sprach.  Dann tnte sie immer voller
und freudiger durch den hohen Raum, und als die Orgel zum Schlu
einfiel, sah er mit einem Blick nach oben, als wolle er allen Segen
des Himmels auf das gebeugte graue Haupt und die beiden jugendlichen
ihm zur Seite herabflehen.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Weinhter, von Paul Heyse.




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We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

 PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION
 809 North 1500 West
 Salt Lake City, UT 84116

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

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is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
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     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
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*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

